Die Rückkehr Von Andreas Engel Mit einem lauten Krachen, einer Explosion gleich, endete am 27.

Februar 1943 die Nacht für die Familie Hollaender. Zuerst hatte Alfred Hollaender noch gedacht, er träume, dass mit einem Rammbock die Pforte zu seiner Burg hoch droben auf dem Trifels von feindlichen Horden gesprengt würde. Der Albtraum, der an diesem Morgen um 5.15 Uhr begann, sollte ein ganzes Leben andauern. Wenn er heutzutage an den Überfall denkt, fallen ihm die glänzend polierten Schaftstiefel ein, mit denen er zu Boden gedrückt wurde, während die Polizisten Frieda und Rosa aus ihren Betten zerrten. Von allem anderen ist ihm kein Bild übrig geblieben. Das Gebrüll des Kommandos weckte das ganze Mietshaus auf. Die Leute schauten schlaftrunken und erschrocken aus den spaltbreit geöffneten Türen und drückten sie schnell wieder zu, als jemand durch das Treppenhaus brüllt, dass jeder, der noch länger seine neugierige Nase herausstrecke, sie auf der Stelle eingeschlagen bekomme, „ist das klar!!“ Ein Beamter packte die kleine Frieda grob am Arm und schleifte das Kind aus der Tür. Sie weinte und schluchzte. Hollaender sah die Verhaftung auf dem Boden liegend mit einem schwarzen Schaftstiefel auf dem Hals. Einer aus dem Kommando, Hollaender, aus einem Auge blinzelnd, glaubte ihn als früheren Nachbar zu erkennen, trat nach dem Kind, das sich zur Mutter flüchtete. Auf der Straße wartete mit laufendem Motor ein Lastwagen, auf dem sich schon viele Menschen befanden. Frieda und Rosa wurden auf die Pritsche gestoßen, zwei Frauen halfen Mutter und Kind hinauf zu ziehen. Sie wurden zu einer Sammelstelle gefahren. Hollaender sah seine Familie nie wieder.

Er deckte den Tisch immer auch für Ilse. Das tat er zu der Zeit, als er noch in Ungewissheit über ihr Schicksal lebte, und er tat es auch viel 1

später, als ihn der Brief von Ignatz Grün, einem Mann, der sein Ohr an allen Schienen hatte, erreichte. Manchmal sprach er sogar mit ihr, leise, flüsternd, so als dürfe niemand erfahren, dass er mit ihr redet. Tage, Wochen, Monate und Jahre gingen dahin, zerrannen ihm durch die Finger wie staubtrockener Sand. Er lebte in einem festen Rhythmus, wie an einer Richtschnur. Schnell waren die Nächte vorbei, er stand auf, deckte den Tisch, auch für Ilse. Ein kleines Frühstück, die Zeitung. Dann tappte er ins Bad, rasierte sich, zog sich an und bestäubte sich mit Kölnisch Wasser. Mit einem Seufzer räumte er den Tisch ab, auch das Geschirr, das er für Ilse hingestellt hatte. Er wanderte in seiner Wohnung auf und ab bis schließlich die Zeit gekommen war, seine Besorgungen zu machen. Er ging zum Bäcker und überlegte sich auf dem Weg dorthin schon, was er sich zum Mittagessen kochen sollte. Einmal in der Woche kaufte er frische Schnittblumen - für Ilse. Am Nachmittag legte er sich auf sein dunkelrotes Chaiselongue und schlief regelmäßig mit der Zeitung oder einem Buch auf dem Bauch ein. Die Abende verbrachte er meist im Restaurant Rosen ganz in seiner Nähe.

Er wohnte in der dritten Etage. Jeden Tag kam er zu der Feststellung, dass eine Wohnung, die man nur über einhundertzwanzig Stufen erreichen kann, nicht das Richtige für einen alten Mann sei. Langsam ließ er seinen Haustürschlüssel in die Tasche rutschen, umfasste das Bund, um sicher zu sein, dass es auch wirklich dort ruht. Er sah sich noch einmal um, spähte durch die kleinen Scheiben, vergewisserte sich, dass das Licht bestimmt gelöscht war und ging schließlich

2

zur Treppe. Sind die Lichter wirklich aus, fragte er sich?
Ausgeruht, freilich unruhig, machte er sich auf den Weg zum Essen ins Restaurant. Es regnete. Es war der übliche Herbstregen. Dauerhaft und ergiebig, nasser als im Frühling. Hollaender spannte seinen Schirm auf und fädelte sich in den Strom der eilenden Menschen ein. Weit hatte er es nicht. Das Restaurant, das er seit einigen Jahren besuchte, erfreute ihn mit gediegener Behaglichkeit. Hier saß er mit Menschen zusammen, die einsam waren wie er, oder nicht, die vielleicht nur weg wollten von zuhause, die Streit hatten daheim, oder die sich nach ihrem Tagwerk entspannen wollten, bei einem Bier oder einem Schnaps. In Hollaender jedoch arbeitete die Beunruhigung, die der Angst, wie der Wind dem Regenschauer, vorausgeht. Es war eine Art mittelbarer Angst. Jene Sorte Angst, die er längst besiegt oder unter Kontrolle gebracht zu haben glaubte, die er aber nie los wurde. Er fürchtete sich, dass die Angst wiederkehrt. Die Angst, die ihm den Schlaf raubte, die Erinnerungen weckte, die ihn quälten, den Kummer wach hielten. Er flüchtete vor der Langeweile und vor der Angst vor der Angst. Der Verdruss über die Beschwerlichkeiten, die das Alter mit sich bringt, der zäh werdende Strom des Lebens, und der bittere Fluch der Einsamkeit begleiteten ihn wie ein treuer, ungeliebter Kamerad. Ein paar Blocks entfernt von seiner aufgeräumten Wohnung im dritten Stock fand er einen Platz seine Traurigkeit beim Zuschauen des Lebens anderer Leute zu vergessen. Hollaender betrank sich nicht. Nie! Zwei Gläser Wein; ein würziger Roter soll gut sein für die Gesundheit und das Herz kräftigen. Er hatte einen Stammplatz. Es war ihm gleichgültig, dass die anderen Gäste ihn quasi als Mobiliar betrachteten. Wenn er einmal nicht um sechs Uhr abends an seinem Platz saß, tuschelten sie: „Ach, der alte Hollaender ist nicht da. Seht, sein Platz ist leer. Ist er tot?“ In der kalten Jahreszeit schützte ein dicker Filzvorhang die Gäste vor den kalten Luftzügen. Hollaender schob den nach dem Rauch der 3

Jahrhunderte stinkenden Vorhang beiseite. Berliner Winter, dachte er. Er kannte die Berliner Winter seit langer Zeit. Heute fühlen sie sich anders an als früher, dachte er. Die eisigen kontinentalen Ströme aus dem Osten, aus der Tiefe des russischen Reiches, deren Ausläufer die deutsche Hauptstadt anhauchten und in all ihrem Drang nach goldener, weltumspannender Größe erstarren ließen, blieben nach dem Kriege aus. Heute ist alles milder, glaubte Hollaender. Er betrat das Lokal, hängte Hut, Mantel und Schirm an die Garderobe, stets so, dass er seine Utensilien im Blick hatte. Manchmal wählte er einen Platz an der Theke. Aber viel lieber wartete Hollaender, bis der kleine, quadratische Tisch am Durchgang zum Speisesaal frei wurde, an dem er immer Platz nahm. Während vorne in der Gaststätte die Gäste eher vereinzelt saßen, tranken, und in flüchtigen Gruppen Gespräche führten, versammelten sich im Saal die Menschen in fröhlicher Geselligkeit. Im Saal ging es zuweilen hoch her. Je mehr Zeit verstrich, desto lauter schwoll das Stimmengewirr. Das Gezwitscher, das er wahrnahm, drehte sich um Politisches, Sportliches, Gesellschaftliches, um alles eben. Jeder hatte eine Meinung, die er mit lauter Stimme zu verkünden suchte. Die saturierten Bürger schimpften über den Bezirksbürgermeister ebenso wie über die Leistungen ihrer Fußballmannschaft, die mal wieder, wie sie sagten, verloren habe. Ach ja, der Schiedsrichter, der war an allem Schuld und die schlechten Leistungen der faulen Spieler. Im Kino werden Tabus gebrochen, so was gab es früher nicht, die jungen Leute grüßen nicht mehr auf der Straße, die Kinder toben zu laut im Hof und ihre Frauen fallen ihnen auf den Wecker. „Ich habe mir einen neuen Wagen angeschafft, der hat über 100 PS...“, Wenn er den Unterhaltungen der Männer lauschte, fühlte er sich geborgen. Es war wie früher, dachte er oft. Früher, vor dem Krieg, als das goldene Zeitalter Berlin noch mit seinem Zauber erleuchtete, als Berlin noch zu den Welthauptstädten zählte. Er konnte jeden eintretenden Gast, beobachten und er hatte seinen Hut, den Mantel und den Schirm im Blickfeld. Schaute er geradeaus, sah er den Tresen und maß ihn aus, schätzte die Proportionen und 4

wunderte sich ein ums andere Mal über die merkwürdigen Intarsien. Sie stellten verschlungene, eher handwerklich missglückte Holzverzierung dar, als kunstvolle Arabesken oder das Auge betörenden Zierrat. Die Trinker erinnerten ihn an das Federvieh, das auf der Stange sitzt und sich gütlich tut am Futter. Ja, wie im Winter, dachte Hollaender. Wenn sich die hungrigen Vögel um die aufgestellten Futterhäuser scharen und um die Körner balgen und regelmäßig die Köpfe senken, um mit den Schnäbeln an Wasser und Futter zu gelangen. Die Trinker an der Theke saßen mit ihren dicken Hintern auf den Hockern. Die Bäuche wölbten sich über die Gürtel. Sie blickten meist stumm geradeaus, hoben wie nach festgelegten Takten ihr Glas, nahmen einen Schluck, oft synchron, stellten es behutsam auf den Filz zurück und richteten die Zigarettenpäckchen und die Zündhölzer im Rechten Winkel aus. Glotzen, saufen, rauchen, dachte Hollaender. Er sah alles sehr genau und war doch versunken; fern von dem Leben dieser Menschen mit ihren Zigaretten und Sorgen. Sie bildeten den Rahmen für das Leben, das er sich für seinen Ruhestand vorgestellt hatte. ‚Ich bleibe auf ewig der Wanderjude, dessen Zuhause die Menschen sind, und nur die Menschen, nicht das Land’ dachte Hollaender. „Guten Abend Herr Hollaender. Wie immer?“, hörte er eine Kellnerin aus der Ferne sagen, die er noch nie gesehen hatte. Oder war sie ihm noch nicht aufgefallen? ‚Ist sie etwa neu angestellt im Restaurant? Nein, kann nicht sein, oder etwa doch? Früher wäre mir das nicht passiert. Früher, als ich noch ein junger Mann war, ja, da ist mir jede aufgefallen, ich habe nichts anbrennen lassen, war gierig auf jeden Hintern, habe mir alle gemerkt die Formen und Umfänge und sie den jeweiligen Frauen zuzuordnen gewusst’, dachte er vor sich hin und sah durch die Kellnerin hindurch, weit in die Vergangenheit. Er blickte auf und nickte freundlich. „Ja, wie immer. Ein Glas Bordeaux“. Er hatte den Wirt dazu überredet, einige Flaschen Bordeaux zu kaufen, der nur an ihn ausgeschenkt wird. Die anderen 5

Leute mochten den schweren Wein nicht. Sie soffen lieber das wässrige Berliner Bier, dessen Schaumkrone mit einem eigens dazu erfundenen Schaber über den Glasrand gestrichen wird. Die Leidenschaft für exquisite Tropfen hatte Hollaender ausgerechnet mit aus Amerika gebracht. Amerika zählt nicht gerade zu den Ländern, in denen die Gourmets zuhause sind. Aber in seinem Geschäft drüben, früher, überm großen Teich, im letzten Leben, hielten ihm über einige Jahre hinweg ein paar Feinschmecker aus der Nachbarschaft die Treue. Er versorgte sie hauptsächlich mit Weinen aus Frankreich, aber auch spanische und italienische Tropfen ließ er liefern. Danach galt Hollaenders Geschäft schnell als gute Adresse für Genießer aus dem Viertel. Er besorgte sich eine Illustrierte und las einen Artikel, dessen Autor die Auffassung vertrat, dass schon bald, er schätzte in fünfzig Jahren, die Menschen im Weltraum, auf einer in großer Geschwindigkeit die Erde umkreisenden Raumstation, Ferien machen könnten. Was sie dort sollten, war Hollaender allerdings nicht ganz klar. Oder aber sie werden zum Mond oder Mars fliegen. Wenn er den Leuten nicht mehr zuschauen und zuhören mochte, las er immer. Lesen war ihm wichtig. Aber aus purer Unterhaltung oder gar Zeitvertreib hat er nicht gelesen. Das kam für ihn nicht in Frage. Er sprach stets von Wissensansammlung. Wissen hatte für Hollaender quantitativen Charakter, je mehr, desto besser, und das war nur durch stetiges Lesen zu erreichen.

Nach der Volksschulzeit wusste Alfred Hollaender zunächst nicht genau, welchen Weg er einschlagen solle. Schneider werden wie der Vater, das wollte er nicht. Ratlos und in ein neues Leben geworfen, stand er vor dem Schultor, sah den Menschen nach, die vorbei eilten und die alle eine Arbeitsstelle hatten. Jetzt also soll er erwachsen sein? Die Lehrer predigten den Schülern immer wieder. „Wartet nur ab, wenn ihr das warme Klassenzimmer verlassen haben werdet, dann 6

ist’s vorbei mit der Gemütlichkeit, dann folgt der Ernst des Lebens, und glaubt ja nicht, dass die Meister euch die Flausen durchgehen lassen werden“! Einige Wochen lungerte der junge Alfred Hollaender in der Stadt herum. Seine Mutter hatte sich nach dem Tod des Vaters als robuste und resolute Person erwiesen. Ohne viel Federlesens, oder gar Widerspruch von irgendwo, hatte sie die Rolle des Familienoberhauptes nach der Art strenger Offiziere eingenommen, die auch ohne Worte, nur mit stummen Gesten, zwingende Autorität auszuüben vermochten. Die Mutter besah sich eine Weile das Treiben ihres Alfreds milde. Dann beendete sie abrupt das Lotterleben des Sohnes. Sie hatte von einer Bekannten aus der Nachbarschaft von einem großen Verlag gehört, der Lehrlinge auszubilden bereit war. Im September 1930 trat der fünfzehn Jahre alte Alfred Hollaender seine Lehrstelle als Drucker bei Ullstein an. Es war schon recht kalt an diesem frühen Morgen des ersten Arbeitstages. Den Kragen seines Anzuges von abgetragenem Glanz, der einem Schneidersohn so gar nicht würdig war, stellte er hoch, um sich vor dem pfeifenden Wind zu schützen. Er lief durch die Straßen und überlegte sich vor seinem ersten Arbeitstag in der Welt der Erwachsenen, was ihn nun erwarten würde. Er war weder aufgeregt noch gespannt. Ihm war beigebracht worden, dass er, gewissermaßen einem Naturgesetz folgend, nach der Schulzeit in ein anderes Leben zu treten habe. Basta! Das war vollkommen normal, Aufregung schien nicht angebracht, nein sie störte gar. So ist das Leben. Die alten Gesellen schonten ihre Lehrbuben nicht, sie wurden angetrieben zu Genauigkeit und Schnelligkeit. Hollaender wuchs heran, wurde vom Lehrbuben zum jungen Mann, der sich sehr geschickt anstellte und sich das Lob seiner Meister verdiente. Auch die Abschlussprüfung schaffe er ohne Mühe. Er arbeitete gerne, und er gab der Mutter ohne Murren von seinem Lohn das Kostgeld. Er arbeitete vor sich hin, so, als ob es nie wieder etwas anderes geben würde. Die Tage vergingen. Nach seinem Dienst schlenderte er oft durch die Kaufhäuser, betrachtete mit Freunde die mondänen Damen 7

mit ihren schief sitzenden Hütchen, die auf hohen Absätzen balancierend, in den Auslagen stöberten, und nach dem Bummel die Kaffeehäuser über alles Wichtige schnatternd, bevölkerten. Dort spreizten sie wie Adlige den kleinen Finger beim Anheben der Kaffeetasse oder des Cognacglases. Die kräftigen Waden hatten es ihm angetan. ‚Das Stöckeln in den hohen Schuhen haben sie trainiert’, dachte er. Gegenwart bedeutete für ihn, den Überblick zu bewahren. Er genoss die Aussicht über die Welt, seine Welt. Er schwebte über Berlin, seinem Berlin, dessen Luft er schon als Neugeborener eingesogen hatte, die er liebte, durchtränkt von Maschinenöl und Motorfett, von Dieselqualm und Pferdemist; all das vermischte sich zu einem weltstädtischen Brei, und Hollaender war stolz ein Teil dieses Brodelns, der Giftküche großstädtischer Weitläufigkeit zu sein. Sie war sein Leben, nichts anderes interessierte ihn. Nirgends entdeckte er einen blinden Fleck, einen Zweifel. Er suchte nicht, warum auch. Er genoss das Leben mit seinen Freunden und nach dem Tagwerk labte er sich an den Freuden, die das schöne Geschlecht ihm schenkte. Das Amüsement war sein Treibstoff in diesen unbeschwerten Tagen, die niemals aufhören sollten. An einem dieser unbekümmerten Tage traf er den Redakteur Justus Pinkau, der als stellvertretender Nachrichtenleiter beim Spandauer Illustrirten Blatt arbeitete. Pinkau, ein junger, ehrgeiziger Mann, nicht einmal zehn Jahre älter als Hollaender, erzählte ihm, dass in seiner Redaktion bald die Stelle eines Hilfsredakteurs frei werden würde. „Was ist die Aufgabe eines Hilfsredakteurs“?, wollte Hollaender wissen. „Nun“, begann Pinkau mit einem Anflug des Prahlens eines jungen Mannes, der stolz ist auf seinen Vorsprung und auf seine Position, „er muss Botengänge erledigen, Kaffee für die Redakteure besorgen, Griffel spitzen, Papierbogen aus dem Lager holen, aber auch kleinere Texte verfassen. Die Arbeit wird zwar ziemlich schlecht bezahlt, aber du musst deine Finger nicht mehr in Druckerschwärze tauchen“. „Hört sich nicht schlecht an“ entgegnete Hollaender. Um die Anstellung anzutreten, musste er nicht einmal das Verlagshaus 8

wechseln, nur die Abteilung, denn das Spandauer Illustrirte Blatt erschien im Ullstein Verlag, dort, wo er seit vier Jahren arbeitete. Hollaender zeigte sich als flinker Schreiber. Zwar formulierte er am Anfang sehr gestelzt und hölzern, aber er lernte schnell und es gelang ihm, seinen Stil zum gewünschten Jargon zu glätten. „Wir schreiben hier keine Literatur“, brummte ihn sein Redakteur an. Er durfte immer mehr schreiben, was ihm zu großer Befriedigung verhalf. Als kleiner Drucker oder Hilfsredakteur wollte er längst nicht mehr angesprochen werden; er selbst bezeichnete sich als Journalist. Ferdinand Spender war ein dicker, bequemer Mann Anfang Fünfzig mit gelben Fingernägeln und Mundgeruch. Sein Haar klebte auf dem glänzenden Schädel und er schwitzte, so dass ihm die runde Hornbrille ständig von der Nase glitt und er sie mit einer schnellen Handbewegung wieder zurecht rücken musste. Er leitete das Ressort Unterhaltung und Freizeit und hatte sein Büro im dritten Stock. Dort thronte er hinter einem riesigen Schreibtisch, der mit Stapeln Zeitungen und Nachschlagewerken bepackt war. Selbst ihm, dem Schläfrigen, wie er genannt wurde, blieb der aufstrebende Fleiß des jungen Hollaender nicht verborgen. Er ließ den jungen Mann zu sich kommen. „Was interessiert sie denn so?“. wollte Spender wissen. Auf diese Frage war Hollaender nicht gefasst. Was sollte er antworten, überlegte er sich. „Nun“, begann er bedacht und vorsichtig, um etwas Zeit zu schinden, „ich war, nein, ich liebe Theater und Kino...“. „Gut, sehr gut“, unterbrach ihn Spender, dem es offensichtlich doch gleichgültig schien, für was sich der Neuling begeisterte. „Sie kümmern sich um die Rubrik Kreuzworträtsel“, bestimmte er knapp. „Das Kreuzworträtsel ist eine noch recht neue Form der Zerstreuung, die eine gewisse Bildung der Leser erfordert, verstehen sie? Das Rätsel erfragt ein ganz bestimmtes Wissen, dessen einziger

9

Nutzen nur darin besteht, eben Kreuzworträtsel zu lösen“, dozierte Spender, und Hollaender nickte eifrig. „Daneben erledigen sie mir Botengänge, das Gehen fällt mir schwer, meine Knie quälen mich, und meinen letzten Assistenten haben sie versetzt, als wäre mein Ressort weniger wert, als die Wirtschaft oder der Sport“, jammerte er. „Sie werden mich gut entlasten“, sagte er zum Abschied, und seine Stimme klang breit und blechern wie eine Trompete. Der junge Hollaender machte sich eifrig ans Werk. Mit Stolz blickte er zurück zu seiner Familie. Ihm, so berichtete er aufschneiderisch, sei es gelungen, der miefigen Armut, dem wässrigen Kohl der elterlichen Küche, den abgewetzten Tischen und Stühlen, den tausendmal geflickten Kleidern zu entkommen. Sein Glück sei ein Wort mit fünf Buchstaben, senkrecht, und seine Sehnsucht liege waagerecht mit zehn Buchstaben in der Mitte, amüsierte er seine Freunde an den Wochenenden, wenn sie in Clärchens Ballhaus die Puppen tanzen ließen und die Abenteuer der Woche zum Besten gaben. Wenn diese Aufschneiderei sein Mutter gehört hätte?

Lange Zeit danach, gleich nach seiner Rückkehr nach Berlin, bemühte sich Hollaender um eine Anstellung. Zuerst schien es ihm gleichgültig, was für eine Anstellung er antreten würde. Ihm wurde eine Stelle als Verkäufer angeboten, da er im Gespräch mit dem Sachbearbeiter auf dem Arbeitsamt von seinen Erfahrungen in Amerika berichtet hatte. Er solle eine Handelsvertretung für Schleifscheiben übernehmen. ‚Mit dem Wagen durch die Lande rauschen und Schleifscheiben verkaufen, wo ich doch viel lieber in Berlin bin’, grübelte er skeptisch. ‚Nein das ist nichts für mich’, entschied er. Eines Tages stieß er bei der Zeitungslektüre auf eine Stellenausschreibung, die ihm interessant erschien, zumindest so interessant, dass die Mühe lohne, ein Bewerbungsschreiben aufzusetzen. „Redakteur mit sehr guten Kenntnissen in der englischen Sprache gesucht. 10

Ihre Aufgabe wird darin bestehen, englische Begleittexte und Bedienungsanleitungen zu übersetzen und zu lektorieren. Bewerbungen mit Lebenslauf, Referenzen und Arbeitsproben richten sie bitte an den Fachverlag Bloch & Sohn in Berlin, Konstanzer Straße. Schon eine Woche, nachdem er den Brief in den Postkasten geworfen hatte, wurde er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Edgar Zacher, der Verlagsleiter, war ein freundlicher Mann. Sie unterhielten sich lange. Aufmerksam hörte er sich Hollaenders Lebenslauf an. „Drucker, Redakteur, Lebensmittelhändler in Amerika, und nun, wieder Redakteur, beeindruckend...ich gratuliere Ihnen, sie haben die Stelle“. „Mein Vater war ein armer Schneider mit zerstochenen, Arbeit und der gichtkrummen Fingern. Meine Mutter war grau und krank geworden von den vielen Kindern, der nimmer endenden andauernden Sorge nicht genug Nahrung besorgen zu können. Auf der Anrichte in der Küche stand das Buch unserer Familie, gehalten von Einmachgläsern mit gekochtem Obst, die Bibel. Ich weiß, wo ich her komme, sie werden ihre Entscheidung nicht bereuen“, bedankte er sich mit mächtigem Überschwang, der der Situation nicht angemessen war. Eine Art Befreiung, Bestätigung, ja tiefer Dankbarkeit überkam Hollaender. Beide Männer schüttelten sich kräftig die Hände. Auf seinem Nachhauseweg mischte sich in seine Freude der bittere Geschmack, den unangemessenes Verhalten hinterlässt, wenn man es sich eingesteht. Er bekannte, dass er zu demütig war, zu dankbar. ‚Für was dankbar?’, fragte er sich ärgerlich. Missmutig setzte er seinen Weg fort.

Der Vorhang bewegte sich, ein kalter Windzug blies ins Lokal. Die Trinker an der Theke drehten sich gewohnheitsmäßig, wenn die Tür knarrend aufgedrückt wurde und ein Luftzug einen neuen Gast 11

ankündigte. Sie drehten die Köpfe, unterbrachen ihre Unterhaltung und das stumpfe Glotzen irgendwo hin, ins Regal, der Kellnerin auf den Hintern, dem Wirt ins Gesicht, auf den Fußboden. Die Neugier befahl ihnen, den Kopf zu drehen und zu schauen, wer da eingetreten war. Danach kümmerten sie sich wieder um ihr Bierglas oder ihre Zigaretten, hörten dem Nebenmann zu, der sich beklagte über alles mögliche, manchmal schallend lachte, dann wieder auf irgendwelche Behörden schimpfte und ebenso plötzlich wie sein Redeschwall begann, verebbte er wieder, die Worte waren weg, der Brunnen trocken. Die Gäste Glotzen. ‚Der Schrank hinter der Theke ist abgenutzt alleine vom Glotzen, dachte Hollaender’. Er entdeckte den jungen Mann, dessen nasses Haar in Strähnen auf der Stirn klebte, und der gerade eingetreten war. Der Junge machte den Eindruck, als wolle er sich schütteln, wie es nasse Hunde tun. Er sah zum ersten Mal den jungen Herrn. Junger Herr, so nannte ihn Hollaender im Stillen, in seiner Gedankenwelt. Ein paar Augenblicke verweilten seine Augen auf dem neuen Gast. ‚Vielleicht setzt er sich an meinen Tisch? Ein wenig Unterhaltung kann nicht schaden.’ Schließlich war Hollaender wieder ganz bei sich selbst. Was kümmerte ihn der neue Gast, was die Trinker, die schmatzenden Esser, die Kellnerin, oder der Wirt. Hollaender umgab eine abwesende, weltfremde Freundlichkeit. Eigentlich müsste er sich zuhause fühlen, unter den Menschen, den Berlinern, von denen er auch einer war. Das üppige Trinkgeld, das er stets auf dem Tisch liegen ließ, war Ausdruck dieser fernen Freundlichkeit, die nichts mit einer guten oder weniger guten Bedienung zu tun hatte. Manchmal fühlte er sich, als hätte er die Stadt nie verlassen, als wäre er immer hier geblieben. Dann malte er sich aus, wie es wohl gewesen, wie das 12 stierten mitten in den Gläserschrank, dessen Holzmaserung sie kannten bis ins kleinste Detail, vom täglichen

Leben verlaufen wäre, wenn seine Frau Rosa, die kleine Tochter Frieda und er, wie andere Leute auch, die Nachbarn und die Freunde, überall auf der Welt, eine Familie hätten bleiben können. ‚Was wäre aus Ilse geworden, ach Ilse’, seufzte Hollaender. ‚Liebe Ilse, was haben sie dir nur angetan. Du bist in Amerika geblieben für immer, und ohne Grabstein, genau wie Rosa und die süße, kleine Frieda, meine Frieda’. Derart versunken saß er da an seinem Tisch, tagein, tagaus. Über ihm verharrte der Tabakqualm wie eine Gewitterwolke, färbte unmerklich die Wände, Decken und Gegenstände im Restaurant gelb; ein ins Braune tendierendes Gelb. Hollaender stellte sich vor, wie es im Restaurant Rosen nach hundert Jahren aussähe, wenn der Tabakqualm von Millionen Zigaretten, Zigarren und Pfeifen in flachen Fladen von den Wänden zu schälen wäre. Archäologen würden mit dem Spachtel anrücken und Schicht um Schicht abkratzen. Sie würden ihre Funde in neuartige Mikroskope, welche die Geschichte entschlüsseln könnten, einspannen und die Begebenheiten lesen können, die sich im Raum abspielten. Hollaender überlegte sich, dass spätere Forschergenerationen auf diese Weise aus dem konservierten Qualm eines Jahrhunderts weise Schlüsse ziehen könnten. Auch sein Leben würden sie dereinst entschlüsseln und in ihre Bücher schreiben: „Alfred Hollaender, der unbescholtene Hilfsredakteur, dem man Frau und Kind genommen hat, der Mord und Totschlag, Flucht und Vertreibung, Folter und Grauen erlebt hat, bis er schließlich selbst zum Mörder wurde auf einem elenden Hof .“

Der junge Mann war den ganzen Tag mit seinem Notizblock in der Stadt unterwegs. Er schrieb alles auf. Wie Regenwasser in einem Krater sammelten sich seine Einrücke. Seiner Freundin daheim sagte er, er wolle den Atem der Großstadt einsaugen, ihn mit Akribie beschreiben und zu Texten falten. So sagte er es nicht. Er wollte es sagen, zog es aber vor zu schweigen. Wenn er ehrlich ist, vor dem

13

Spiegel und im Dunkel seiner großen Stadt, die ihm alles verzieh, da war es ihm klar, er wollte sich entziehen, fliehen, nur fort. Nichts schien ihm beim Sammeln und Recherchieren zu unbedeutend. Sätze, einzelne Worte, Bilder, Reklametafeln für alles mögliche, Fahnen und Banner mit fremden Sprachen, Ankündigungen, Gekritzel auf grauem Beton und das Unbedeutendste, das es gibt, „bitte nicht Einsteigen“, unterzog er einer strengen Prüfung, ob eine Spur an verwertbarem Gehalt dort wohne. Die flotten Sprüche, Überschriften aus den Feuilletons, all das Zeugs, das die Spalten der Magazine füllte, gab er zusammen in einen Tiegel und formte neue Sprachräume. Es entstanden hohe Gewölbe mit gotischen Spitzbögen, die zum Lichte strebend über Grüften und Gräben thronten. Aber es bröckelte an allen Ecken und Enden des Tempels aus der Feder des jungen Mannes, er hatte den Mörtel vergessen. Nichts wollte sich wirklich zusammenfügen. „Substantive haften so schlecht“, tadelte ihn einst ein Professor an der Universität. Die Kritik verrauchte schnell; „hättest mal lieber zugehört, anstatt geträumt“, sagte sein Vater oft. Am meisten Freude bereitete es dem jungen Mann, sich Gesprächsfetzen vorbei eilender Leute zu merken oder das Allerlei der Unterhaltungen auf dem Markt und in den Geschäften in seine Kladde zu übernehmen. In den wenigen Pausen, die ihm sein immerwährendes Fortstreben und der Zwang des Unterwegsseins erlaubten, schrieb er alles auf. Häufig krakelte er sogar während des Gehens, wenn er Angst hatte, irgendwas vergessen zu können. Manchmal musste er richtig lachen, wenn er die Satzteile, die den Leuten oft so unachtsam aus dem Mund purzelten, wieder zusammensetzte. „Es ist ein Sprachpuzzle entstanden“, erzählte er. Einmal zum Beispiel belauschte er zwei junge Studentinnen, die sich über hundeköpfige Männer unterhielten bis die Fußgängerampel auf Grün sprang und sich ihre Stimmen im Straßenlärm verloren samt den Hundeköpfen, die sie zwischen den Zähnen mit zerrten. Das war mal wieder ein beutereicher Tag, freute sich der junge Mann über seine Tagesleistung. 14

‚Ja, setz dich nur’, dachte Hollaender. Der junge Mann blickte sich um im Lokal. „Ist bei ihnen noch ein Platz frei?“, fragte er den alten Herrn, den er beinahe angerempelt hätte. „Setzen sie sich nur“, sagte Hollaender, „setzen sie sich“. Wippend eilte die kecke Kellnerin herbei. „Ein Kaffee, bitte“. „Ein Kaffee?“ „Ja, ein Kaffee“. „Sie trinken Kaffee? So spät am Abend?“, fragte Hollaender. „Spät?“ „Ja, spät. Ich könnte das nicht. So spät am Abend, Kaffee? Kein Auge bekäme ich zu. Nein. Wo ich doch sowieso so schlecht schlafe.“ Die beiden Männer tauschten kurz die Blicke. Der junge suchte sich eine Zeitung herbei, trank, und Hollaender beobachtete ihn als er trank, die Tasse ansetzte, und er sah einen kleinen braunen Kaffeetropfen den Rand hinunter rinnen. Er winkte die Kellnerin herbei:“ Ach bitte, bringen sie mir einen kleinen“, er hielt kurz inne, „Cognac, ja, genau, ich möchte einen Cognac“. „Gerne“. Henry legte die Zeitung zur Seite machte sich ein paar Notizen. „Sind sie Schriftsteller oder Journalist?, erkundigte sich Hollaender. Er freute sich über ein Gespräch. Er suchte Ablenkung. „Ja und nein“, antwortete Henry. „Ich fühle, dass ich schreiben muss, aber Schriftsteller bin ich nicht. Ich wünschte, ich wäre es. Ich schreibe für eine Programmzeitschrift, für eines dieser Stadtmagazine. Man schickte mich los, eine Geschichte über die Menschen in der Stadt zu schreiben. Ziemlich unscharfer Auftrag, dachte ich noch“. „Sie kommen doch aus Köln“, sagte sein Redakteur. „Dann schreiben sie mal auf, wie sich ein Kölner in Berlin fühlt. Und unterscheiden sie mir die Menschen!“, gab er Henry mit auf den Weg.

15

„Mir fällt immer nur meine eigene ein. Das reicht aber nicht“, sagte er zu seinem Tischnachbarn mit seltsamer Einsicht einem Fremden gegenüber. „Wenn sie gestatten, werde ich ihnen Geschichten liefern, die keiner außer mir kennt, und die ich noch niemandem erzählt habe“, bot Hollaender an. Er folgte einer inneren Stimme, die ihm zusprach, der Junge sei der Richtige, wenn nicht ihm, wem sonst wolle er seine Geschichte erzählen. Hatte er es Rosa und Frieda und Gertz und Ilse nicht versprochen, alles zu erzählen? Wie lange er denn noch warten wolle und worauf, fragte die Stimme. Der ersten Geschichte sollten noch viele folgen. Aus Hollaenders Mund hörten sich die Geschehnisse so an, als hätte er sie gelesen, als wären sie nicht Teil seines Lebens, sondern schreckliche Zeugnisse aus dem fernen Mittelalter. So erzählte Hollaender dem Jungen neben ihm am Tisch die Geschichte von Kleiner.

Sorgfalt war Hollaender wichtig. Er faltete sein Hemd und seine Hose, aus der er das Taschentuch entfernt hatte, damit es keine Beulen verursachen konnte. Die Jacke und den Mantel hängte er in die Garderobe in seinem schmalen Flur. Die Straßenbahn quietschte unter seinem Fenster und zog lange Lichtbögen. Die Haltestelle war nicht weit. Lärmend gingen junge Leute unter seinem Fenster vorbei. Hollaender schloss das Fenster. Mit offenen Augen, den Blick an die Zimmerdecke geheftet, lag er im Bett. Die Menschen der Stadt entfernten sich allmählich und nahmen ihre Geräusche mit. Er dämmerte dahin. An den jungen Mann dachte er nicht. Sein Leben verging Blatt um Blatt, wie der kleine Abreißkalender mit den lehrreichen Lebensweisheiten auf der Rückseite, langsam, mitten in Berlin. Er schlief schlecht, weil in seinem Herzen etwas kämpfte, das 16

Gute gegen das Böse, das Hohe gegen das Tiefe, das Weite gegen das Nahe. Eine fremde Gier und eine unaussprechliche Sehnsucht schufen seltsame Traumbilder. Hollaender erreichte nie die Gewissheit, was in seinem Innern rang. Zuguterletzt betrachtete er es als eine Art Gnade, oder Glück, dass es keinen Sieger gab bei diesem Kampf.

„Raus, raus, raus. Verdammtes Pack. Saubande, Dreckbande, ihr Abschaum“. Hollaender sah seinen eigenen Atem und den Atem der anderen, wie er in kleinen Wölkchen den Lippen entwich. Die Eiseskälte zehrte und fraß, kroch durch bis auf die Knochen, sie fraß weiter, bis nichts mehr übrig war. Aus leeren Augen starrten alle die Wachmänner an, keine Sekunde lang, und sie senkten wieder die Blicke. Dann stand die Gruppe vor der Baracke, stramm war befohlen. Aber seltsam verbogen und verdreht, der eine nach vorn gebeugt, der andere nach hinten, standen die Männer da in ihren Lumpen im Dreck und sie sahen aus in ihrer Strammheit wie ein zerzauster Lattenzaun nach dem Sturm. Alle schief, jeder mit einer anderen Neigung. Mit voller Wucht krachte der Gewehrkolben eines Aufsehers auf den Schädel einer schief stehenden Latte. Der Schädel platzte auf. Es hörte sich an, als würde Holz gespalten. Mit weit auf gerissenen Augen sackte der Häftling zusammen. „Schafft den Haufen weg!“, brüllte der Wachmann. Das Gehirn sickerte aus der klaffenden Schädelwunde, die im ersten Augenblick einer saftigen, reifen Südfrucht glich, an deren Namen sich Hollaender nicht mehr erinnern konnte. Das Gehirn, der grau-gelbe Eiweißklumpen, durchsetzt von Blutströmen, pochte und zuckte und lag frei zugänglich für jedermann vor der Baracke auf dem gestampften Lehmboden. Hollaender dachte, dass er nun vielleicht die Gedanken des Kameraden sehen könne. „Wer war es überhaupt, wen hat es diesmal erwischt“, fragte er sich.

17

Der Kopf mit den aufgerissenen, sterbenden Augen sprang ihn an. Das Blut rann als langsamer, dunkler Fluss aus dem Riss, den der Hieb des Wachmannes verursacht hatte. Und da, ganz plötzlich, sah Hollaender die Gedanken. Eine Windböe trieb sie vor sich her wie ein Blatt Papier. Er sah sie fliehen, die Gedanken. Sie wollten der Seele folgen auf ihrem langen Weg zu Gott, der die Menschen verlassen hatte, der sie liegen ließ mit schmatzenden Wunden in Blutströmen und übel geschundenen Körpern, denen die Hoffnung ausgeprügelt worden war. Und alles stank nach Scheiße. Hollaender erkannte Kleiner, zu dem das Gehirn und die flüchtenden Gedanken gehörten. Karl Kleiner, der Bildchenmaler und Schöpfer von holprigen Gedichten. Hollaender erkannte ganz deutlich in den fremden Gedanken die Badende, von der der verrückte Kleiner einst erzählt hatte. Ihre Brüste waren ganz weiß, geschützt vor der Sonne vom Oberteil des Badeanzuges. Der übrige Körper war kaffeebraun und dehnte und streckte sich geschmeidig in der seichten Brandung. Sie, die braune Schönheit, stemmte sich gegen den anlandigen Wind. Hollaender sah nur den Körper. Wasser und Himmel zerflossen zu einem Fest von Blau. Das Mädchen, so kam es Hollaender vor, war Teil des Wassers und des Himmels zugleich. Er starrte auf die Leiche des Kameraden und sah doch das süße Mädchen. Das waren die Gedanken des Erschlagenen, dachte der Sträfling Alfred Hollaender, und er sieht Kleiner, Karl Kleiner der Bildchenmaler und Reimerzwinger. Wie ein Fresco trat das Gesicht des Kameraden aus einer verschütteten Erinnerung heraus. Da dachte Hollaender wieder, als er die größer werdende rote Lache beobachtete, dass nun, genau in diesem Augenblick, die Gedanken um ihre Freiheit rangen, um schließlich doch elend zu ersaufen. Hier, so wusste es, gab es keine Freiheit, nicht einmal für die Gedanken. Das Mädchen mit den weißen Brüsten indes steht in der Brandung seit Anbeginn der Zeit unter dem Himmel in dem Ozean...vergeblich.

18

Das Blau der Dämmerung zog in das Schlafzimmer von Hollaender ein. Es war früh an diesem Morgen, der die Woche teilte, eine der 3848 Wochen im Leben des Alfred Hollaender. Was bleibt einem alten Mann denn schon, als dem Vorbeigehen der Tage, der Menschen und der Ereignisse zuzuschauen und dabei zu denken, dass einen der Tod womöglich vergessen hatte, sagte er zu sich. Der Schweiß, der Nachlass des Traumes und der Nacht, klebte noch an seinem Körper.

Der junge Mann schob sich aus der U-Bahn aus dem Gewühl der Menschen, die alle Wichtiges zu tun haben. Er war wieder den ganzen Tag unterwegs. Meist zu Fuß. Nur wenn ihn die Kräfte oder die Lust verlassen hatten, setzte er sich in den Bus, oder in die U-Bahn mit den Gerüchen und Geräuschen aus der Unterwelt, dem Gedärm der Großstadt. Zeugs schrieb er wieder in seine Kladde. Werbeschriften, Gesprächsfetzen, Brocken vom Boulevard. Mit seinem Mantel blieb er in der automatischen Tür der Bahn hängen, fluchte, riss sich los, lachte kurz über sein Missgeschick, fluchte wieder und stieg die Treppe hinauf. Er sah die Menschen, fühlte die muffige Wärme der Station, die allmählich dem nasskalten Straßenwind wich und erreichte den Ausgang. Mit einiger Mühe zündete er sich eine Zigarette an. Immer wieder blies ihm der Wind das Zündholz aus. Er sah zwei lumpige Bettler, in Kleiderreste gehüllt. Sie wollten Geld. Er griff in die Tasche, kramte nach Kleingeld und gab es ihnen ohne wirklich eine Wohltat erbringen zu wollen. Die Hunde der Bettler bellten vergnügt, pissten und verloren sich mit dem verlausten Gesindel irgendwo im trüben Tag. Der junge Mann betrat ein Gasthaus mit dem schönen Namen „An einem Sommer im August“. Nach zwei Glas Bier hatte der junge Mann genug. Er schlenderte die Straße hinab. Der Regen hatte nachgelassen. Während seines Aufenthaltes in dem Gasthaus mit dem schönen Namen hatte er 19

abwechselnd geschrieben, geträumt und aus dem Fenster auf die Straße geschaut. „Guten Abend, junger Mann“. Hollaender hatte den jungen Kerl sofort wieder erkannt, während der Junge noch vor sich hin träumte. „Hallo“, erwiderte er. „Darf ich sie zu einem Glas einladen?“, fragte der Alte . Er wirkte sehr ausgeruht und gepflegt. Hatte sein graues, schütteres Haar nach hinten gelegt, und sein Gesicht glänzte rasiert. Er roch nach Kölnisch Wasser. Es war früher Abend und der junge Mann, aus dem die Augen wie glasige Murmeln schauten nach einem lustigen Trinkgelage, lächelte und nickte. Schweigend gingen sie ein paar Schritte, als der Alte plötzlich sagte: „Heute würde ihnen gerne von meinem Bekannten Gebirtig erzählen!“ Er sagte dies einfach so, der Satz sprang aus ihm heraus. Die Worte klangen heiter, als wohnte ein Versprechen in ihnen. Beide betraten das Lokal, in dem sie am Abend zuvor bereits kurz zusammen gesessen hatten. Der Alte hielt zuvorkommend seinem jungen Gast, in der galanten Gastgeberrolle gefiel er sich, den Vorhang zur Seite. Die Mäntel fanden Platz an der Garderobe. Die Männer setzten sich. Hollaender betrachtete seinen Tischnachbarn, über sein dickes Brillengestell, das sich allmählich in seine Schläfen schnürte. Verlegen griff sich der Junge in seine dichtes Haar, streifte es nach hinten. Das mit Kleiner hatte bei ihm große Beklemmung verursacht. Kleiner, Kleiner, Kleiner pochte es in seinem Kopf. „Wissen sie, dass ich von Kleiner geträumt habe. Ich weiß es genau. Kleiner hieß der Mann in meinem Traum“. Und er erzählte dem Alten eine wirre Geschichte von der Reise, dem Traum, dem Glauben und Unglauben, von Zwergen und Elefanten und all dem Zeugs, das in den schlafenden Hirnen Verwirrung und Angst hervorbringt. Diesen Traum sollte er noch einmal haben, später, am Ende seines Lebens.

20

Er sei Agnostiker, eigentlich, aber nach seinem Ausflug in dieses Inferno, diese Welt der Gefolterten und Toten, in die ihn der alte Hollaender mitreisen ließ, sei er sich nicht mehr so sicher. Jetzt tendiere er eher zu den Atheisten. Der Alte nickte. Die Kellnerin, es war eine andere als am Vorabend, brachte zwei Glas Bier. „Waren sie schon einmal in Amerika“, wollte Hollaender wissen. „Ja, vor drei Jahren besuchte ich meinen Cousin in New York. Er arbeitete damals in einem Restaurant, war mit einem Touristenvisum eingereist. Man zahlte ihm einen Hungerlohn für das Abkratzen der Essensreste von Tellern und aus den Töpfen. Mein Cousin war ein Tellerwäscher. Millionär ist er nicht geworden. Während er in der stickigen Spülküche den Dreck von dem Geschirr schabte, beobachtete ich das Wachsen von Wolkenkratzern. Bei schlechtem Wetter oder Nebel sieht man die oberen Geschosse nicht mehr. Sie verschwinden einfach ins Nichts. Noch nie zuvor hatte ich solche Bauwerke gesehen. Und andauernd wird weiter gebaut, unglaublich“. Allmählich kroch Müdigkeit in Hollaenders verbrauchten Körper. Was sollte er über diesen Jungen denken. Er verlangte die Rechnung und entschuldigte sich. Er hob sich vom Stuhl, warf dem Wirt und der Kellnerin einen Gruß zu, kroch in seinen Mantel und machte sich auf, das Lokal mit einem lässig hingeworfenen: „Bis bald, mein Freund“ zu verlassen. Er legte ihm noch zum Abschied flüchtig die Hand auf die Schulter. Es war Kleiners Zärtlichkeit, die die Jahrzehnte überdauert hatte. ‚Dieser junge Kerl’, dachte Hollaender auf dem Heimweg, ‚er ist jung, aber seltsam schwach auf der Brust, auch scheint mir, dass er wenig von Körperpflege hält. Er ist eine Art mit Leben gefüllter Tank, aber er hat keine Ahnung vom woher und wohin’. ‚Ich bin ein leerer Tank’, brummte er vor sich hin. ‚Ich habe zwei Frauen und ein Kind verloren, aber eine Rente, die mir das Warten in Würde gestattet. Ja, ja, die Würde, die habe ich wieder’. 21

Seinen Kopf gesenkt auf den Gehweg trottete er weiter. Nacheinander tauchten die Gesichter seiner Angehörigen und Ahnen auf und zerplatzten gleich wieder wie Seifenblasen. ‚Nun ja, Gott hat es so gewollt’, beruhigte sich Hollaender. ‚Vater hat immer gesagt, Junge, sei aufrichtig, immer frei raus, sag, was dich bekümmert, aber schone die Leute, täusche sie nicht, irritiere sie nicht, schwimm mit. Ja, das sagte der Vater’. Mein Gott, der Vater, und die gute Mutter. Der Vater bekam schöne Orden. Er war tapfer im Krieg, ein Held. Er kämpfte für sein Vaterland. Wo war das noch gleich. In Flandern, fiel es Hollaender wieder ein. Ja, in Flandern. Das ist doch in Belgien. Dort tummelte sich der Vater mit seinen Kameraden für den Kaiser. Freute sich wie alle anderen, in den Krieg für das Vaterland zu ziehen. Flandern! Auf seinem Nachtisch brannte eine kleine Lampe. Sie erhellte das Zimmer gemütlich mit gelbem Licht. Er wollte noch in seinem Buch lesen. Er fühlte sich ruhig, vielleicht verwechselte er die Ruhe mit Erschöpfung. Er wusste aber nicht, warum er erschöpft sein könnte. „Doch“ , entfuhr es ihm in die Stille seiner Wohnung. Es war dieser verrückte Junge. Er stopfte das Kopfkissen unter seinen Rücken, saß fast aufrecht im Bett und hatte sein Buch auf dem Schoß. Berlin Alexanderplatz, von Alfred Döblin, hatte er sich ausgeliehen. Bücher kaufen erschien ihm unnütz. Und außerdem freute er sich auf die freundliche Dame in der Bücherei, die bei der Ausgabe und Rücknahme so sorgsam den Datumsstempel auf die Karteikärtchen im Buchdeckel drückte und ihn dabei anlächelte.

„Eh, du Drecksau. Kennst du das Bündel, das dort liegt“, schrie jemand. Und Hollaender wusste zunächst gar nicht, dass er gemeint war. „Mein Friedchen“, presste er heraus. Er näherte sich der lumpigen, verlausten Menschenmenge, die ein blutiges, verkrustetes Bündel umstand. „Mein Kind“, vernahm er sich stöhnen. „Es ist mein 22

Kind“. Er stieß die Herumstehenden beiseite, fiel kraftlos auf die Knie und berührte den vor ihm liegenden Haufen. Sein Blick streifte die Umstehenden, er sah die Baracken, die untergehende Sonne, die unschuldig war, die lange fröhliche Strahlen warf und die Schuldigen und die Unschuldigen gleichermaßen gnädig mit ihrem goldenen Licht überstrahlte, da traf ihn der Pfeil wie Gewissheit: mein Kind, dort liegt mein Kind. „Ungewöhnlich für diesen Ort“, sagte einer der dürren Zeugen. „Was meinst du?“, fragte sein Nachbar. „Gewöhnlich werden die Leute zertreten, erschlagen, manchmal erschossen, aber so gut wie nie erstochen. „Die da“, und er zeigte mit seinem Finger auf den Leichnam, „ist geschlitzt worden. Man hat ihr ein Messer in den Bauch gerammt, und die im Leib steckende Waffe kreisen lassen, so dass wir nun diese Schweinerei hier haben“. Der Junge schüttelte gleichförmig den Kopf und vergrub sein Gesicht in den Händen, dann schaute er kurz auf, sah Hollaender in die Augen und fragte: “War es ihre Tochter?“ „Weiß ich nicht“, antwortete der Alte.

Es war drei Uhr in der Früh, als Hollaender hoch schreckte und nicht wusste, wo er war. Er benötigte eine Zeit lang, um sich darüber im Klaren zu sein, dass er in Sicherheit war. Er hob sich aus seinem Bett, ging ins Bad und pisste. Mein Gott, wie lange ist es her, dass ich meinen Schwanz zu was anderem als zum Pissen benutzte, durchfuhr es ihn.

Überall in Deutschland flammten im Frühjahr 1919 Kämpfe auf. Freikorps-Truppen zogen johlend und Parolen grölend durch die Städte. Den Krieg wollten alle so schnell wie möglich vergessen. Die einfachen Leute, diejenigen, die Befehle entgegen nahmen und gehorchten, näherten sich dem Frieden wie einem fremden Wesen. 23

„Was ist heute schon normal“, fragte Mutter Hollaender immer wieder. „Heute ist normal, dass der Vater das Essen würgt und wie ein Schaf ausschaut, nicht mehr arbeiten kann. Das ist normal“. „Das ist bei Käthe Welter nicht anders. Ihrem Mann hat man beide Beine abgeschossen. Schrappnells zerfetzten nicht nur das Blätterwerk, damals im Kriegssommer 1916, sondern auch seine Beine. Der rollt jetzt auf seinem Brett durch die Schönhauser und sammelt Mitleid ein. Das ist heute normal“. Hollaenders Vater kehrte schwer verwundet aus dem Feld zurück. Eine Kugel durchbohrte seine Lunge. Eine andere zerschmetterte das Knie und die Granaten nahmen ihm das Gehör. Immer wieder schreckte er nachts auf, erinnerte sich der junge Hollaender, schrie, wimmerte, heulte, um kurz danach wie ein kleines Kind, das barmherzig vom Schlaf umschlungen wird, weiter zu schlafen, als wenn nichts geschehen wäre. Die Traurigkeit jedoch, dieser elende Kummer, von dem Vater Hollaender verzehrt wurde, der seit seiner Heimkehr an ihm klebte, die ihm beim schmalen Frühstück die Kehle zuschnürte, ihn zuweilen beim Mittagstisch Tränen in die Augen leitete, verließ ihn nie mehr. Obwohl er nach seiner Rückkehr aus dem Krieg erst achtundzwanzig Jahre alt war, sah er aus wie ein Greis. Die stumpfe, graue Haut umspannte seinen mageren Körper, die Haare waren ihm fast vollständig ausgefallen. Einige Büschel verteilten sich auf seinem Schädel. An die Arbeit in seiner Werkstatt war nicht mehr zu denken. Noch bevor der junge Hollaender sich an seinem Vater durch aufsässigen Widerspruch, wie es Adoleszenten immer tun, messen konnte, starb der Vater ohne je wieder gelacht zu haben im Winter 1928. Im Kondukt zogen neben der Witwe, die von ihren Ältesten Söhnen Stefan und Albert gestützt werden musste, die anderen Kinder Hermann, Grete und Alfred, von denen Alfred der zweitjüngste war. Die ersten Schneeflocken des Winters wirbelten. Viele Nachbarn und Freunde aus der Gemeinde schlossen sich an, duckten sich unter ihre Hüte und hochgeschlagenen Kragen. Seine ewige Ruhe fand der 24

unglückliche Vater auf dem Friedhof Weißensee. Aber man weiß es nicht, sagte Alfred Hollaender in späteren Jahren immer wieder zu Rosa und Frieda, ob er wirklich Frieden finden konnte.

„Ich bitte sie, sich vorzustellen, in einem Aufzug nach unten zu fahren“, sagte Alfred Hollaender eines Tages zu dem jungen Mann. Beide hatten etwas getrunken an diesem Abend. „Dieser, wie soll ich sagen, Ausnahmezustand, der im Lager das Dasein fest im Griff hatte, führte bei uns dazu, ein Menschenleben, oder zwei, oder auch viele nicht mehr so wichtig zu nehmen, wie man dies in friedvollen Zeiten tut. Wir waren wie von einer Lederhaut überzogen. Erst viele Jahre später gelangte mir der schmerzliche Verlust meiner Familie richtig zu Bewusstsein. Ich begriff, was geschehen war. Von diesem Zeitpunkt an hatte ich mit meinem ganzen Herzen begriffen, dass sie nicht mehr sind, meine kleine Tochter und meine gute Frau. Beide gingen sie verloren und versanken schließlich im Morast eines großen Verbrechens“, seufzte Hollaender. Sein Gegenüber blieb stumm. Er schaute aus seinen vom Zigarettenrauch geröteten Augen abwechselnd auf seine Hände, auf den erzählenden Mund seines alten Tischnachbarn, auf die Gäste, auf ein Bild eines unbekannten Malers an der Wand und nestelte an seinem Block und dem Bleistift herum, so, als würde er in jeder Sekunde den rettenden Einfall ergreifen können. „Ich war am selben Ort und habe doch nichts gesehen. Ich habe nur gesehen, dass der Himmel rot war“, berichtete Hollaender. „Ich wusste nichts. Ich weiß bis heute nichts“.

Die Sonne verschwendete an jenem Sommerabend ihre Farbe an Himmel und Horizont. Hollaender sah die vergeudete Farbe, aber nicht seine Familie, die unter dem mit vergeudeter Farbe bestrichenen 25

Himmel unterging. Auf dem schimmernden Boden, der aus spiegelglatten Basaltquadern zusammengefügt war, und aussah wie Straßenpflaster, scheuerten sich die Fersen in soldatischer Disziplin und schnarrender Gehorsamkeit. Er sah nicht, wie die Schergen sein Kind ergriffen und es in den Haufen der Elenden schleuderten, auf dass es unterging und ersticke und alleine seine Frau, die Mutter seines Kindes, die in diesem Augenblick die Mutter aller Kinder war, bemerkte es. Sie spürte das Unfassbare, sah Himmel und Hölle sich in grauenvollem, perversen Inzest umschlingen, um dieses Entsetzen den Menschen antun zu können. Sie strebte in den letzten Sekunden ihres Lebens nach Vergebung für die eigene Schuld und hoffnungslose Hilflosigkeit im Haufen der nach Leben Strebenden. Die Arme und Beine der Menschen waren verknotet und gebrochen. Manche Köpfe baumelten aus dem Haufen. Friedas Mutter erinnerte sich der kleinen Schuhe, die ihre Tochter sich zum achten Geburtstag gewünscht hatte, die mit den rosafarbenen Schleifchen. Sie suchte ihr Kind im Menschenknäuel, wie unzählige andere Mütter auch. Wo war Alfred? Warum hat er mich verlassen, Frieda und mich? Sie schrie aus Leibeskräften ihre Schmerzen und die Todesangst heraus, die alle Würde abschnürte. Sie waren begraben unter den anderen Menschen, die sich verzweifelt der Rettung entgegen stemmten, die sie in der Höhe, im oberen Teil des Raumes glaubten. Alle schrieen und weinten. Oben vermuteten sie die Rettung, oben. Aber von oben kam der Tod in den kahlen Raum über die nackten Menschen. Hollaenders Frau, die als eine der letzten in die Halle der Offenbarung gestoßen worden war, hat ihre Tochter nie mehr sehen können. Sie befand sich am Eingang zur Hölle, als irgend etwas in die vollgestopfte Kammer geworfen wurde. Sie erkannte ihre Tochter nicht. Sie empfand Mitleid, wie sie es fremden Menschen entgegen brachte. Sie dachte an ihre Frieda, an die Schuhe, die Kleidchen und an die Kinderkritzeleien aus den Zeiten vor dem Unglück. Sie konnte dem Kind keinen Trost spenden in den letzten Augenblicken seines kurzen Lebens. Ihr kleines Mädchen, das früher, 26

und dieses „früher“ maß ein Menschenalter, seine bevorzugten Kleidchen mit stolzer Sicherheit aus dem großen Sortiment des Kaufhauses gefischt hatte, das seine Kleidergröße wusste wie viele seiner Altersgenossen nicht, war erschlagen, erstickt, zertrümmert, zertreten worden wie Ungeziefer. Diese unnützen Gedanken durchschossen ihren Kopf, sie schämte sich. Die Luft, die sie benötigt hätte, atmeten die anderen Todgeweihten. Sie bemerkte neben sich noch einen Mann, der aus der Nase blutete und sich dann über sie erbrach. Sie schloss die Augen. Mitten unter den Verzweifelten, die Gott vergessen hatte, und die sich nichts um das Schicksal der Tochter der Hollaenders scherten, erstarb die Zukunft eines Mädchens und einer Generation unerkannt, unbeachtet, unberührt. Bis zum Ende hoffte Rosa Hollaender auf die letzte Gnade, eng umschlungen, gemeinsam mit dem Kind, den Tod zu erwarten. Sie sehnte sich danach, das Kind noch einmal in den Arm zu nehmen, es zu berühren. Ihrer Tochter wollte sie noch einmal Mutter sein wie in den aller ersten Stunden, als die kleine Frieda noch nicht entbunden war, auf dem geblähten Mutterbauch lag und schrie aus Leibeskräften dem Leben entgegen. Ihre Gedanken rasten hitzig hinter den geschlossenen Augenlidern. Rosa Hollaender dachte an die vielen Abende, als sie die Kleine vor dem Schlafengehen, noch zudeckte, bevor sie selbst zu Alfred ins Bett schlüpfte. Das Gift verteilte sich schnell in dem großen Raum, in dem 1000 Menschen so dicht standen, dass sie keine Bewegung tun konnten und die Geschlechtsteile, Nasen, Ohren und Haare fremder Menschen auf ihrer Haut spüren mussten. Rosas Gedanken verschwammen. Von Ferne betrachtete sie das Gesichtchen der Kleinen und war erfüllt mit der Freude an eine glückliche Zukunft des sanft schlafenden Kindes. Im Kessel der Toten blitzten die Tage auf, als sie ihre Frieda morgens zur Schule weckte, ihr eine Stulle schmierte und die Kleider richtete. Schön sollte sie aussehen, das gute liebe Kind. Frieda soll ein guter Mensch werden. Die Kraft der Mutter schwand und mit ihr das Leben. Sie wurde eins mit dem Haufen Leiber.

27

Nachdem der junge Mann wieder auf der Straße stand, wollte er zuerst nachhause gehen. Unschlüssig stand er noch einige Augenblicke auf der Schwelle des Lokales. Er ging ein paar Schritte, erspähte die UBahnstation, glitt am Geländer entlang hinab in die weiß gekachelte Tiefe. Einige Menschen warteten schon auf dem Perron. Einen kräftigen unterirdischen Sturm vor sich herschiebend, rauschte die Bahn heran. In der Schlesischen Straße kehrte der junge Mann in einer Bar ein, in der sich die Gäste merkwürdig benahmen. Wie in Trance, psychedelisch berauscht, voller in lächelnde Gesichter gezeichnete Freundlichkeit und mit positiver Energie geladen, bewegten sich die Leute halb tanzend, halb schwebend. Ein heiseres Kichern zwang sich ihm auf, als er die glücklichen Menschen wahrnahm. Am Nachbartisch unterhielten sich zwei junge Frauen: “Lass uns um die Häuser ziehen, schonungslos und ohne Hintersinn, willenlos und immer mittendrin an den letzten Tagen in Berlin“, singt die eine der anderen leise ins Ohr.

Den nächsten Tag begann der junge Mann mit Voltaire. Der Zweifel ist keine angenehme Voraussetzung; die Gewissheit ist eine absurde. Ihm gingen die Schilderungen von Hollaender nicht aus dem Sinn, der so seltsam wechselnd zwischen Andeutungen und Erklärungen sprach, vom Tod seiner Familie, vom Krieg, von Deutschland, von Amerika. Dabei war der Alte stets freundlich, ja er lächelte. Er strich an diesem Tag wie eine Katze durch die Straßen. Besuchte hier und dort in ein Café, trank, las, schrieb. Wollte ins Kino gehen, verwarf die Idee wieder. Er ertappte sich dabei, wie er den 28

Abend mit Hollaender herbei sehnte. Am frühen Abend, zeitiger als die Tage zuvor, betrat er das Restaurant Rosen, in dem er Hollaender zum ersten Mal traf. Er bestellte sich ein Bier und zündete sich eine Zigarette an. Las wieder und wartete. Hollaender kam nicht. Er kam nicht am nächsten Tag und auch an den folgenden Tagen blieb sein Platz verwaist. Andere Leute setzten sich. Der Junge empfand es als ungehörig, dass sie den Platz seines Freundes beanspruchten. Der Alte blieb verschwunden. Der Junge fragte den Gastwirt nach Hollaender. „Also“, sagte der Wirt, „ganz früher wohnte der in der Schönhauser, hat er mal erzählt. Aber das liegt bestimmt schon fünfzig Jahre zurück. Mehr weiß ich auch nicht“. Der Wirt wandte sich wieder den anderen Gästen zu, scherzte und lachte.

Hollaender lag seit Tagen im Bett. Irgendetwas klang in seinem Ohr. ‚Nein’, dachte er. Kein Klang. Ein Ereignis. Von Ferne schlichen sich Bach’sche Kantaten herbei. Er liebte Bach und Grieg, in deren Klangwelten und Sinfonien er umher wanderte wie in einem Wald, in dem Eichelhäher, Baumpieper und Dohlen ihre Konzerte geben. In seinem Fieber hatte er von einer alten Frau im Krankenhaus geträumt, sie war wohl achtzig Jahre alt. Die Alte war seine Tochter. Frieda, die als achtjähriges Mädchen starb, deren Mutter, ihr nicht helfen konnte. Niemand konnte ihr helfen. Der Patientin ging es schlecht. Man hatte wenig Hoffnung. Die Ärzte umstanden mit betroffenen Mienen ihr Krankenlager. Ihr Luftholen ähnelte mehr schweren, tieftraurigen Abschiedsseufzern als Atemzügen. Sie würde bald 29

sterben. Niemand wollte die alte Frau mehr sehen. Besuch kam fast nie. Einmal kam ein Neffe, oder Cousin, wer weiß das schon genau, mit dem kleinen Blumenstrauß des schlechten Gewissens und süßem Konfekt unterm Arm. Der Neffe. Oder Cousin war erschrocken über den Zustand der Patientin, der Tochter von Alfred und Rosa Hollaender. Im Krankenhaus hatte man beschlossen, das Zimmer der Alten zu räumen. Die Ärzte konnten nichts mehr für sie tun und wollten sie aus den Augen haben. Wenn sie mit ihrer Kunst am Ende sind, verschließen sie gerne die Augen. Am Ende des Flures gab es eine Abstellkammer. Oft wurde der Wagen mit Verbandsmaterial dort geparkt. In den Schränken stapelten sich Reservepackungen von Arzneimitteln und allerlei medizinisches Zeug. Der Boden bestand aus ausgetretenem Linoleum, das in den Krankenzimmern längst entfernt worden war. Die Alte verdrehte die Augen, als sie mit ihrem Bett über den Flur gerollt wurde. Ungläubig blickte sie erst zur Decke, dann zum Pfleger, der sie schob. Nach drei Tagen in der Kammer starb sie. „Ist sie weg?“, fragte am nächsten Tag der Arzt. „Ja, für immer“, entgegnete ihm eine Krankenschwester. Zum ersten mal nach langer Zeit weinte Hollaender. Er lag in seinem Bett und beweinte bitterlich den Tod seiner Tochter Frieda. Wäre sie doch damals nur weggelaufen, von mir aus auf die Straße zu den Straßenkindern, die ohne Eltern waren. In der Obhut von Jizchak Schwerzenz hätte sie leben können. Der Lehrer gründete damals in Berlin die versteckte Gruppe. Hollaender kannte Schwerzenz noch aus der Zeit vor dem Krieg. Der Samariter umsorgte die Waisen und gab ihnen später ein Versteck und Essen. Er sang für sie die alten Lieder. Das hätte sich Hollaender auch für seine Frieda gewünscht. Nun lag er in seinem Bett als alter, kränklicher 30

Mann, so alt wie seine Tochter, die als Alte Frau im Kämmerchen eines Hospitals starb. „Gott ist grausam. Mir lässt er das Kind gleich zwei Mal sterben“, schluchzte Hollaender, als er erwachte.

Endlich war er wieder genesen und bei Kräften. An diesem Freitag stand er bereits früh auf, wusch sich rasch in dem kleinen Badezimmer, zog Anzug und Krawatte an und verließ seine Wohnung. Nach den Tagen einsamer Bettruhe schlenderte er durch sein Viertel, kaufte ein, las Kinoplakate, traf Nachbarn, die ihn freundlich grüßten, besorgte sich eine Zeitung und setzte sich schließlich in ein Eckcafé. „Ich habe Sie vermisst“, sprach ihn plötzlich sein junger Freund an. „Ich dachte, ihnen sei etwas zugestoßen“. Hollaender blickte überrascht auf. Auf Ansprache war er nicht gefasst. „Ich war krank, fühlte mich nicht wohl. Aber bitte, setzen Sie sich doch“, entgegnete Hollaender freundlich. „Wie ist es Ihnen ergangen in den letzten Tagen“, fragte er. „Die Stadt hatte mich verschluckt. Die Leute konnten mich kaum erfreuen. Ich musste immer wieder an ihre Frau und ihr Kind denken. Wie hießen sie noch gleich? Und ich dachte dann an meine Freundin; ein Kind haben wir ja nicht“, erwiderte der Junge schnell. „Rosa, die Mutter. Frieda, meine Tochter“, antwortete Hollaender bürokratisch. „Aber sie haben meine Frage noch nicht beantwortet“. Der junge Mann zündete sich eine Zigarette an und bestellte eine Tasse Kaffee und einen Cognac. 31

„Gestern machte ich mich von meiner Pension aus auf den Weg zu einem Spaziergang. Sie müssen wissen, ich wohne sehr preisgünstig. 40 Mark kostet das Zimmer in dieser“, der junge Mann zögerte einen Moment, „Absteige“, sagte er dann. Ein schmales Bett, ein Nachttisch mit Lampe, die nicht funktioniert, ein windschiefer Schrank und ein Gardine, die so viele schmutzige Gäste gesehen hat, dass man mit ihr das Zimmerchen verdunkeln kann. Ach ja. An einer Wand langweilt sich ein Aquarell hinter einem fleckigen Glasrahmen“. Er beschrieb das Bild. „Das Bild zeigt einen Indianer oder Asiaten mit einer turbanähnlichen Kopfbedeckung, aus der an den Seiten braune Zöpfe herauswachsen. Die Figur scheint eine Schale zu bewegen, wie beim Auswaschen von Gold. Vielleicht wäscht der Mann auf dem Bild auch Gold. Die Schale ist gefüllt mit gekritzelten Kügelchen, die sich in der Mitte so verteilt haben, dass ein Gesicht, oder der Schein eines Gesichtes zu erkennen ist. Jeden Abend schaut mich dieses Bild von den Wand an“. „Am Vormittag“, fuhr der Junge mit seinem Bericht fort,“ es war schon fast Mittag, beobachtete ich am Bahnhof Friedrichstraße eine Frau, elegant, aber betont jugendlich gekleidet, die mir aufgefallen war, weil sie weit weg von den übrigen Fahrgästen an der Bahnsteigkante stand. Ihre Haare hatten genau die gleiche Farbe wie ihr Mantel, dunkelblond, ins Braune fließend. Der Mantel endete etwas oberhalb der Kniehöhe, so dass ich die breite Laufmasche in ihrer Strumpfhose erkennen konnte, die eine Wade teilte. Plötzlich übergibt sich die Frau. Die Haare flatterten ihr ins Gesicht. Wie aus heiterem Himmel schoss ein kräftiger Strahl aus ihr heraus auf die Gleise. Die Aktenmappe, die sie bei sich trug, hatte sie nicht weggelegt. Die

32

Szene machte auf mich den Eindruck, als sei es das Natürlichste auf der Welt, dass man mit einer Aktenmappe unterm Arm auf die Gleise kotzt“. „Was dachten sie, als sie die Frau so genau betrachteten?, wollte Hollaender wissen. „Wissen sie, ich schaue mir alles immer genau an, auch Frauen. Und diese Frau hatte mir gefallen. Fast wäre ich auf sie zugegangen, um sie anzusprechen. Vielleicht hätte ich sie sogar zu einem Kaffee eingeladen. Denn sie sah nett aus, schlank, ovales Gesicht und sehr gepflegt, bis auf die Laufmasche, wenn man es streng betrachtet. Sonst dachte ich gar nichts. Sie gefiel mir einfach. Da kam auch schon mein Zug“. „Das haben sie also in den letzten Tagen erlebt“, stellte Hollaender erstaunt fest. „Sind sie zum ersten mal in einer Stadt, ich meine in einer Großstadt?“, forschte Hollaender . „Nein. Ich liebe Städte, aber ich fürchte mich auch, ich bleibe fremd. Manchmal passe ich meine Schritte denen anderer Menschen an. Ich empfinde plötzlich eine Eile und Getriebenheit, die der Eile und Geschäftigkeit der Menschen ähnelt, die ich beobachte. Jedoch weiß ich, dass ich nichts Geschäftliches zu erledigen habe und auch nicht wichtig bin. Ich spiele Geschäftigkeit und Wichtigkeit. Eigentlich bin nur ein leichtes Herbstblatt, dass vom Wind geweht wird. Wohin, das weiß ich nicht“.

Hollaender und der junge Mann kannten sich nun schon einige Tage, als Hollaender entschied, es sei nun an der Zeit einander vorzustellen. „Ich kann ja nicht immer Kerl oder junger Mann oder so was sagen,“ sagte er. „Ich bin Alfred Hollaender, und wie heißen sie?“ 33

„Lantz. Henry Lantz“. Es war eine sehr ungleiche Beziehung, die zufällig, ja zunächst eher beiläufig begonnen hatte. Hollaender trieb Henry vor sich her, so wie der Tiefdruck unter schwarzen Gewitterwolken die Schwalben. Nun, da sich die beiden Männer öfters trafen, veränderte ihr Verhältnis seine Farbe, wechselte vom hellen Grau der leichtlebig, manchmal flach daher kommenden Gesprächigkeit zu einer Art bunter, angenehmer und fast inniger Vertrautheit. Wenn die Männer zusammen saßen, nahmen sie das zuweilen ansteigende und wieder abschwellende Stimmengewirr nicht wahr. Die Männer stiegen hinauf in eine eigene Sphäre. Ihre Treffen wurden zu Verabredungen, zu einer festen Instanz in den Tagen ihrer Bekanntschaft. Sie trafen sich tagsüber in einem der Lokale im Viertel oder am Abend im Restaurant Rosen. Als Henry einmal an sich und den Alten dachte, fielen ihm Fischerboote ein, die er einmal an der französischen Atlantikküste beobachtet hatte. Die Boote tanzten auf den Wellen des unendlichen Ozeans, die Strömung trieb sie zueinander. Die Fischer verbanden die Boote, um so sicher in den nächsten Hafen zu gelangen. Aber was erwartete sie in dem fremden Hafen und in der fremden Stadt hinter dem Hafen?

Henry legte eine Rast ein und setzte sich auf eine Bank am Paul-LinckeUfer, die einen wunderbaren Blick über die Kanallandschaft ermöglichte. Er sah die Ausflugsboote auf dem Landwehrkanal. Nur wenige Touristen waren im Herbst an Bord. Dick vermummt nutzten Liebespaare die Abgeschiedenheit, um Zärtlichkeiten auszutauschen und Liebesschwüre zu flüstern, während in der Ferne die Stadt wie im Film träge vorbei zog. Der Lärm drang wie durch einen Wattebausch zu ihnen. Sie waren eingehüllt in 34

Zweisamkeit; unverbrüchlich und versöhnt mit der Welt. Allmählich warf die Abenddämmerung ihr Tuch über die Stadt. Übrig blieb ein funkelndes, flaches und sich bis zum Horizont ausdehnendes Lichtermeer. Die Schiffe mit ihren gleichförmig brummenden Dieselmotoren entfernten sich. Henry sah die kleinen, wirbeligen Wellen am Heck bald nicht mehr. Die Boote und ihre Passagiere lösten sich auf in einem dunklen Grundrauschen. Irgendwo gingen die Liebespaare von Bord, Hand in Hand oder eng umschlungen. Henry machte sich auf den Heimweg. In Augenblicken wie vorhin am Kanalufer dachte er an Helen. Seine Erinnerung an sie wurde allmählich genauso schwach wie seine Sehnsucht. Ihre Gesichtszüge begannen sich von ihm zu entfernen, ihr Bild verschwand aus seinem Gedächtnis wie ein Schatten, den das Sonnenlicht vertreibt. Er entschloss sich, mit dem Bus zu fahren. An der Haltestelle streiften ihn die Scheinwerfer der Autos und übergossen ihn für Augenblicke mit grellem Licht. Im Bus fiel sein Blick auf ein Paar undefinierbaren Alters. Henry schätzte sie auf Mitte fünfzig. „Dir fällt immer nur dasselbe ein“, hörte er die Frau sagen. „Du bist immer nur am meckern“, murrte ihr Mann. Die ganze Fahrt hinweg stritten sich die beiden. Sie benehmen sich sehr dezent. Wenn sie nicht streiten, blicken sie bei in die selbe Richtung aus dem Busfenster in die schwarze Stadt. Es geht um nichts und um alles, dachte Henry. Es kam ihm so vor, als sei das Paar geübt im Bombardement der Vorhaltungen. Routiniert meckerten sie sich an, um kurz zu inne zu halten, die Argumente nachzuladen gewissermaßen, um dann den gegenseitigen Beschuss fortzusetzen.

35

Als Henry sich von Helen vor ein paar Wochen verabschiedete, stritten sie auch. Aber dieses kultivierte Streiten, wie er es bei dem Ehepaar im Bus beobachten konnte, wollte beim ihm und bei Helen nicht gelingen. Das ältere Paar stritt in einem seit Jahren zu Stein gewordenem Ritual, entworfen vom Gott des kultivierten Ehestreites, dachte Henry. Helen und er dagegen stritten wild, heftig, unkontrolliert und verletzend. „Du denkst immer nur an die Befriedigung deiner Bedürfnisse und verkleidest deinen Egoismus mit Melancholie, so dass man ihn nicht erkennen soll, ha, Melancholie. Was du Melancholie nennst, ist nichts anderes als Flucht und Untreue. Jetzt fährst du wieder. Ich weiß nicht für wie lange. Ich weiß noch nicht einmal genau wohin, du Schuft“, schmetterte sie ihm am Vorabend des Abschieds an den Kopf. Sie lagen im Bett. Stürmisch drehte sie sich von ihm weg. Er wollte sie küssen oder wenigstens in die Arme nehmen, aber sie wehrte sich wütend. Aus ihren Augen sickerten Tränen der Wut und der Verzweifelung. Sie begleitete ihn am anderen Morgen nicht zum Bahnhof. Im Zugabteil dachte Henry, dass sie nicht aus Wut weinte. Sie ist hübsch, intelligent, von vielen Männern umschwirrt, aber hysterisch.

„Herr Hollaender, sie haben mich einmal gefragt, ob schon einmal in Amerika gewesen bin. Warum?“ „Ich lebte mehr als zwanzig Jahre in den Staaten“, entgegnete Hollaender. „Ich wollte nur erfahren, ob sie Land und Leute kennen“.

36

In Lynchburg, Virginia, traf Hollaender 1956 oder 1957 einen Mann, der sich John Born nannte, der oft betrunken in den Bars herumlungerte und in diesem Zustand der Besinnungslosigkeit den Umstehenden seine

Geschichten aufzwang, Geschichten, die niemanden interessierten und die im Übrigen kein Mensch in Lynchburg verstehen konnte. Es waren einfache Leute aus der Vorstadt. Sie ergründeten die Geschehnisse nicht, die tief in seinem Innersten glühten. Sie hielten ihn für verrückt. Wenn John im Zustand größter Aufregung und zudem besoffen seine Erlebnisse erzählte, folgten ihm seine mageren, nur auf einfache Konversation eingeübten Englischkenntnisse nicht in dem Maße, wie sich die Worte lösten, einem Husten gleich. Es war ein babylonisches Sprachen- und Wortdurcheinander, das er wie grüne Galle in der Umgebung verspritzte. Deutsch, Jiddisch und Englisch wurde bei John zu einem Brei. Mehr als einmal musste der Wirt mäßigend eingreifen und John und die Leute besänftigen. John regte sich auf, die Leute regten sich auf, es herrschte gespannte Stimmung, und heilloses Durcheinander, wenn John loslegte. Die Burschen in der schäbigen Vorstadtbar litten an einem niedrigen Siedepunkt und hatten schon aus viel weniger schlimmen Gründen die Fäuste sprechen lassen. Trotz der großen Emphase, die John Born bei seinen Schilderungen an den Tag legte, konnte ihn der Wirt meist beruhigen, „ok John, ist schon ok, hier nimm einen Schluck und dann ist Ruhe“, sagte der Wirt. Die Burschen kühlten ihr Mütchen schließlich auch wieder an Bier und Schnaps. Eigentlich hieß Born Gebirtig, Mordechaj Gebirtig und stammte aus Iasi in der Region Moldau. Er hatte sich der Einfachheit halber einen anderen Namen zugelegt, weil die Amerikaner Mordechaj Gebirtig nur sehr schwer

37

aussprechen konnten. Wenn es einer doch versuchte, Mordechaj zu sagen, verstand John „Murder“. Die Ausgewanderten, die Verjagten und Heimatlosen erkannten sich stets sehr schnell. Lange bevor die Sprache sie entlarvte, die auch nach Jahrzehnten noch nicht der der Einheimischen entsprach, waren sie sich gewiss, gaben sie sich dennoch nur zögerlich als Emigranten zu erkennen, tasteten sich schüchtern näher, wie es Jünglinge tun, die dem Mädchen ihres Herzens alles geben wollen, es aber um keinen Preis vor ihnen ausbreiten möchten. Kam es zu einem Zusammentreffen zweier Versprengter, ließen sie ihre Worte tanzen in der fremden Emigrantensprache, erfanden unehrliche Reigen, trauten selbst in den fernsten Ländern nicht demjenigen, der womöglich dasselbe Schicksal erdulden musste, logen von geschäftlichen Notwendigkeiten, die sie hier hin oder dort hin verschlagen hätten, aber deckten vor dem fremden Kameraden ihr Innerstes mit der bleiernen

Schweigsamkeit eines gemeinsamen Schicksals zu. Sie waren eine Sorte Geheimbündler, die von einem fernen Planeten kamen, mit Namen „Lager“. Als Hollaender John toben sah und im Rausch schwadronieren hörte, ahnte er sogleich, was geschehen war. Er erkannte Mordechaj oder John als Bruder. Er sah die Schrecken der Unterwelt, des Weltenendes, das ganz nahe gewesen war, und die vergangene Zeit lag vor ihm ausgebreitet, nackt. Die Welt war zu klein für die Ausgewanderten, um ausreichend Distanz zwischen sich und ihr früheres Leben zu bringen. Und während John noch Unverständliches Gebrummel von sich gab und an seinem Schnapsglas sog, fragte ihn Hollaender, den nun die Neugier auf Erkundung geschickt hatte: „Wo warst du?“ 38

„Ich war auf der Arbeit. Ich bin ein verdammter Mechaniker. Ich flicke den Bauern ihre Traktoren zusammen. Wo soll ich sonst gewesen sein, als in dieser öligen Werkstatt?“ „Ich meine, wo du früher warst, im Krieg“. Darauf war John nicht gefasst. Plötzlich war er nicht mehr John, sondern wieder Mordechaj Gebirtig. Er fühlte wieder den selben Namen, den sein Vater trug, seine Brüder und seine Mutter. Er schmeckte sein früheres Leben. Sämtliche zerrissenen Netzverbindungen in seinem Hirn verknüpften sich schlagartig. „Monowitz“, spuckte er aus. „Ich war in Monowitz. Er ließ keinen Zweifel zu. „Monowice, Oberschlesien“, fügte er seinem Geständnis hinzu. „Kam aber dann nach Birkenau. War im Sonderkommando. Ich bin einer der wenigen, die es überlebt haben, das Sonderkommando. Fast alle meiner Kameraden mussten denjenigen folgen, deren Zeugs sie weg räumen mussten und die sie später, danach, aus dem Bunker wieder heraus zogen. 1948 gelangte ich über Lissabon zuerst nach Palästina. Die Engländer hassten uns. Du kennst doch die Geschichte von der „Exodus“? Ich wollte mich nicht von den Briten verjagen lassen. Ich schiffte mich ein nach Amerika. Soll es doch auch untergehen, das verdammte Schiff, hab’ ich gesagt, bis man mir gesagt hat, ich soll’s Maul halten“.

Das Wort Sonderkommando klang wie ein gewaltiger Glockenschlag in Hollaenders Kopf nach. Er wusste sofort, was Sonderkommando bedeutete. Er fragte sich, ob John etwa seine Rosa und seine Frieda zuletzt vielleicht noch gesehen haben könnte. ‚Vielleicht hat er meine Frau oder mein Kind auf ihrem letzten Weg beruhigt. Vielleicht hat er gesehen, wie Rosa ihr 39

Kind, die geliebte Frieda, an sich drückte, bevor sie schrecklich erstickten, Rosa und Frieda und alle anderen. Womöglich war John einer von denen, denen man satt zu essen gab, damit sie derart gemästet die Kräfte aufbringen konnten, die Toten aus der Kammer zu ziehen’. ‚Nein, unmöglich’, verwarf er seinen Gedanken, das konnte bei allen Zufällen nicht sein. „Nach was roch es?“, fragte er John. John, dessen Schnapsrausch sich plötzlich verzogen zu haben schien, hatte auf alle Fragen eine Antwort. Zu oft malte er sich aus, was wäre, wenn er einen anderen träfe. Er musste nicht überlegen. Ihm war, als stünde er vor seinem eigenen Gewissen, als müsse er sich vor sich selbst rechtfertigen. Das Unglaubliche erklären, das war es, vor dem er sich immer fürchtete. „Nach Mensch, einfach nach Mensch. Es roch nach Haut, nach Haaren, nach Schweiß. Einfach nach Schweiß, wie es in unserer Werkstatt manchmal riecht. In dem Augenblick, als mir klar wurde, dass es nach Mensch riecht, nach Haaren, Haut und Schweiß, in der Entkleidungskammer, waren die Leute auch schon unterwegs als zuckende, wimmernde Prozession in den Tod. Die SS-Männer trieben sie an mit heiserem Gebrüll, die Stimmen überschlugen sich, Kinder schrieen, Frauen und Männer, manchmal fielen sie übereinander nach den Fußtritten mit den glänzenden Stiefeln, den Stockhieben, den Faustschlägen und dem Gebell der Köter. Manchmal dachte ich an die Köter, die so wenig dafür konnten, wie das Gemäuer, in dem der Schrecken stattfand. Als ich zurück war in der Kammer mit den Kleidern, die überall herum lagen, erdrückte mich fast der Geruch der Menschen, die nun nicht mehr waren. In den Kleidern der Leute steckte noch ein Rest von Leben, glaubte ich. Und so sorgsam wie es nur ging, bündelte ich die Reste ihres Lebens und wir trugen sie auf Lastwagen, 40

die vor dem Krematorium warteten. Der Geruch der Menschen klebt bis heute noch und für alle Zeit auf meiner Haut. So oft ich auch die Kleider wechsele und mir neue Sachen kaufe, immer hab’ ich diesen Menschengeruch an mir und in mir. Er frisst mich auf, von innen, verstehst du“. Mordechaj blickte stumm in sein Glas. Er wagte nicht aufzusehen. Hollaender tat es ihm gleich. Die Männer schwiegen lange. Die Sätze, die er ohne zu stocken Hollaender entgegen warf, die von seiner Zunge rollten, die wie Gefangene waren, die jahrelang eingekerkert waren, hingen über ihnen wie Gewitterwolken. „Und was treibt dich hierher?, fragte Mordechaj, um die Stille zu überspannen, die sich wie eine Schlucht zwischen die Männer gedrängt hatte. Hollaender erzählte seine Geschichte, die neue Geschichte, die Geschichte seines zweiten Lebens. “ Zuhause, in St.Louis, führen Ilse und ich ein ordentliches Leben. Ein Jahr ist wie das andere und von geduldiger, regelmäßiger Pflichterfüllung bestimmt. Ich bin jetzt unterwegs, weil wir unser Sortiment erweitern wollen. Mir berichtete ein Freund, dass es hier bei euch in der Gegend günstige Arbeitskleidung zu kaufen gibt. Nun, wie du siehst, unser Leben steht auf stabilem Fundament“. Seine Zukunft und sein Lebensglück waren ein umbauter Raum, umsichtig geplant und kalkuliert, wie es ein Kaufmann macht. Amerika verwandelte den Auswanderer Hollaender in einen Kaufmann.

Am Abend in seinem Hotel stieg in Hollaender die Einsicht wieder hoch, das er Rosa und Frieda nie würde vergessen können. Kein Ozean, kein 41

Kontinent konnte sie voneinander trennen. Mit eisernen Ketten banden sie ihn an die Vergangenheit, von der er sich sehnlichst wünschte, sie möge sich lösen und ihn in Frieden lassen. Er war besinnungslos vor Wut und er hasste diesen John Born, oder Mordechaj Gebirtig, der irgendeinem Kaff in Osteuropa entsprungen war, den es verschlagen hatte in die triste Vorstadt von Lynchburg, Virginia, der als Landmaschinenmechaniker arbeitete und der seine Frau und seine Tochter, bestimmt aber die Töchter und Frauen anderer Männer aus dem Haufen von klebrigen Toten zog und sie denen heranschleppte, welche die Leiber verbrannten.

Henry hatte die Geschichte von Mordechaj aufmerksam gehört. Fast kam er sich so ein wenig vor, wie der unglückliche Mordechaj, der sich ertappt und entdeckt gefühlt haben musste. Ihm war nicht wohl. „Was ist mit ihm geschehen?“, wollte Henry wissen. „Wir tranken noch eine Zeitlang zusammen, erzählten uns Geschichten über die alte Heimat, seine in diesem Kaff, dessen Namen ich vergessen habe, und ich über meine Heimat, Berlin, die John nie gesehen hatte. Schließlich wollte ich gehen. Beim Abschied tauschten wir, vielleicht war es aus Höflichkeit, Adressen aus. Ich nahm an, dass dies nur aus Höflichkeit geschehen sein konnte, denn John mochte mich bestimmt so wenig wie ich ihn. Eine förmliche Galanterie, die dem leichten Anheben des Hutes beim Grüßen auf der Straße glich“, erzählte Hollaender.

Hollaender hatte John schnell wieder vergessen. Er gedachte ihm nie wieder zu begegnen. Die Welt ist groß und weit. Alle Verbrechen und Verbrecher 42

finden Platz. Ein kleiner Tümpel ist sie jedoch für diejenigen, die fliehen mussten. Wie die Strömung auch wirkt, sie treiben immer aufeinander zu, ob sie wollen oder nicht. Als würden sie sich finden ohne zu suchen, so treffen sie im letzten Winkel der zivilisieren Welt aufeinander. In diesen Tagen des Jahres 1956 oder 1957, es lässt sich nicht mehr exakt datieren, rückte John mit einer Geschichte heraus, die Hollaender sehr bedrückte. Trotz seiner Beredsamkeit hütete er diese Geschichte wie einen Schatz. Scham und Schuldgefühl verboten ihm bis dahin, etwas davon zu berichten. Zu Hollaender hegte er Vertrauen. Für ihn hob er das Ereignis aus dem tiefen Brunnen, in das er es gekippt hatte.

An einem Tag im November 1944 vernahm Mordechaj Rufe. „Gebirtig, Gebirtig...Gebirtig,“ drang eine heisere, erstickende Stimme zu ihm hindurch. Die Stimme bahnte sich einen Weg durch den fabrikmäßigen Lärm. Das metallene Kreischen der Ofentüren, die dauernd geöffnet und wieder geschlossen wurden, das klacken der Räder auf dem Steinboden, das Zischen des Feuers und laute Schüren der Öfen mit Kohle und Koks vermischten sich. Die Männer schoben die quietschenden Bahren, die bepackt waren mit Toten, in die Öfen. Die Arbeiter bewegten sich im geduldigen Rhythmus von Eseln, die tagein, tagaus, das Joch im Nacken, sich mühsam ins Geschirr stemmend, Wasser aus Tiefbrunnen fördern. Von weitem konnte man die sich überschlagenden Stimmen der Wärter mit ihren Kommandos hören; ihr Gebrüll durchschnitt jeden Lärm mit deutschem Knall. Selbst wenn die Welt zusammenbräche, dachte Mordechaj, ihre Stimmen könnte, ja müsste man hören. Der Raum war erfüllt von den 43

verschiedenartigsten

Lärmarten

und

Geräuschschnipseln,

die

sich

vermengten zu einem phonstarken Teppich, der die Apathie der Arbeiter noch verstärkte. Metall traf klingend auf Metall, stumpf auf Holz, Wagenräder quietschten, es zischte ohrenbetäubend, als kochendheißer Dampf aus einem geborstenen Ventil entwich. Geräusche aus einer Fabrik. Als Mordechaj jene flehende Stimme im Halbdunkel seines Arbeitsplatzes ausmachte, entdeckte er, dass sie Marcel Stern gehörte. Er kannte Stern, es war ein Nachbarsjunge. Als Stern am frühen Morgen beim Appell vergessen hatte, seine Mütze auf den Kopf zu setzen, und sie stattdessen in Händen hielt, zog dieses Vergehen schlimme Folgen nach sich. Er wurde von Helfern aus der Reihe gezerrt und schwere Schläge und Tritte verwandelten ihn in einen blutigen Klumpen. Zwei Häftlinge hoben ihn auf, und waren ihn auf eine Karre. Später wurde er zur Backsteinhaus gefahren. Stern war so sehr verletzt, dass er mit zerschlagenen Gliedern in einer Ecke lehnte, nicht saß, nicht lag, er klemmte schief zwischen einer Metallkiste und einem Fass, sich krampfhaft mit den Armen abstützend und wimmerte. Mit schmerzverzerrten Gesicht hielt er sein Bein. Mordechaj schaute sich um, auf dass kein Aufseher ihn bemerkte, und näherte sich mit wenigen Schritten Stern. In diesem Augenblick marschierte ein Aufseher herbei. „Was ist hier los“, schrie er. Stern wollte dem Wächter gerade berichten, was passiert war. Er hatte seinen Satz noch nicht beendet, das stieß ihm der Wärter den Gewehrkolben mit großer Wucht auf den Brustkorb, der in lautem Krachen zerbrach. Der Kolben hatte ein flache Delle verursacht, an deren tiefster Stelle ein gewehrkolbengroßes Loch klaffte. Stern verdrehte die Augen, schluckte das hochquellende Blut, ließ es wieder zwischen seinen Lippen hervorquellen und pumpte nach Atemluft. Er hatte alle 44

Kontrolle verloren. Er zuckte und er lebte. Er kippte leicht zur Seite, da traf ihn ein zweiter Schlag an den Kopf, aber er lebte immer noch. „Schaff das weg“, befahl der Wärter Mordechaj. Er zerrte den leblosen Körper zur Seite und erhielt einen Tritt. „Dort hinein“, schrie der Wärter und deutete auf einen Ofen, der gerade geöffnet war. Er tat wie ihm befohlen. Er packte den zerschmetterten Stern, der noch lebte, mit Hilfe eines Kameraden. Zusammen legten sie ihn auf die eben leer gewordene Bahre und schoben den noch lebendigen Marcel Stern in die Flammen. Mordechaj vernahm ein leises Zischen, wie Stroh, wenn es verbrennt, als Sterns Haare von kleinen, bläulichen Flammen gefressen wurden und sah, bevor die Ofentüre geschlossen wurde, wie seine Haut in der Höllenhitze Blasen bildete. Der Wärter war bereits gegangen, nachdem er seine Waffe wieder geschultert hatte. Mordechaj würgte. Es dauerte nicht lange, bis er den Fraß erbrach, den er am Mittag gegessen hatte. Ein Kamerad goss einen Wassereimer über die saure Suppe aus Mordechajs Magen, wischte kurz mit einem Schrubber darüber und beide gingen wieder an ihren Arbeitsplatz. Unterdessen verwandelte sich der Marcel Sterns Körper zu Asche. Spät in der Nacht war die Schicht für Mordechaj und seine Kameraden zuende. Sie stapften müde die Treppen hinauf zu ihrer Unterkunft. Es gab zu dieser Zeit vier Anlagen. Mordechaj und seine Gruppe arbeiteten in Nummer. IV. Ihre Wohnräume befanden sich über den Öfen. So lag er nun auf seinem Strohsack. Er döste. Mitten in dem schwarzen Schrecken des allgegenwärtigen Todes verirrte sich Mordechaj Gebirtig auf eine Wiese voller bunter Sommerblumen. Er dachte mit großer Wehmut daran, dass er sich kaum noch an die Farben der Blumen und der Wiese und an den saftigen Geruch der Wiese erinnern kann. In seinem Wachtraum lag er auf 45

der Wiese, wie jetzt auf dem Strohsack, und blickte zu einem blauen Himmel empor. Weiße Quellwolken zogen vorüber. Sein Himmel war vernagelt mit braunen Brettern. Der Blick stieß an die braunen Bretter. Es gab niemanden, dem er das hätte erzählen können. Sein Herz zog sich zusammen. Er versuchte zu beten, aber er war ungeübt und das wenige, das er wusste, hatte er beinahe vergessen. Niemand erhörte die Gebete, ob sie nun von tiefgläubigen Menschen kamen oder von einem wie Mordechaj. Sein Beten glich eher einem Fluchen. Wie oft flehte und fluchte er, wo, wenn nicht hier und jetzt, müssen Wunder geschehen. Es geschah kein Wunder. In der Schule lernte Mordechaj einmal, dass das Wesen der Fortpflanzung das Leben kennzeichnet, dass die bunten Blüten alleine zum Zwecke der Fortpflanzung so schön und wohlriechend von der Schöpfung ausgebildet waren. Alles dient der Erhaltung der Art und somit dem Leben. Unter ihm, nur ein Stockwerk tiefer, zwanzig Zentimeter Beton trennten ihn von dem zu Staub gewordenen Marcel Stern.

Der Bahlui ist ein kleiner Fluss. Am Unterlauf des Flusses liegt inmitten einer von sanften Hügeln umgebenen Landschaft die Stadt Jaßenmarkt (Iasi). Die Häuser, Kirchen und Fabrikgebäude schmiegen in das Knie, das der Bahlui bildet. Stern und Gebirtig lebten dort ein unbeschwertes Kinderleben. Die beiden Jungen kannten sich von der Schule. Die Straße war damals voller Kinder, sie spielten ausgelassen und rauften, stritten und vertrugen sich. Die Wege von Mordechaj und Marcel trennten sich früh, als der begabtere der beiden, Marcel, die Oberschule besuchte, und Mordechaj ein Handwerk erlernte. Nachdem deutsche und rumänische Truppen 46 1941 Transnistrien

eingenommen hatten, kam es zu entsetzlichen Pogromen. Im Sommer beobachtete Marcel Stern den Mord an vier jungen Männern aus seiner Nachbarschaft. Er lag den ganzen Nachmittag über mit seinem Schmetterlingsnetz auf Lauer nach seltenen Faltern. In der

sonnendurchfluteten Lichtung, umstanden von mächtigen Erlen, Buchen und Eichen, vergaß er die Zeit und träumte in den Tag hinein. Als er plötzlich laute Geräusche vernahm, versteckte er sich im Dickicht. Starr vor Angst beobachtete er Soldaten in Uniformen, die den vier Gefangenen befahlen eine Grube zu Graben. Die Soldaten lachten. Es kam Marcel so vor, dass sie betrunken seien. Immer wieder stießen sie die armen Kerle an und befahlen ihnen schneller zu arbeiten. Später rannte er wie von Sinnen nach Hause. Dort berichtete Marcel zuerst seinen Freunden von seiner schrecklichen Beobachtung. Niemand glaubte dem Jungen, so grauenhaft waren seine Schilderungen; die Freunde nicht, und auch nicht die frommen Alten. Ihre Phantasie reichte nicht aus, sich eine solche Tat vorstellen können, sie schüttelten die Köpfe und tuschelten, dass Marcel, der Sohn von Abraham Stern, verrückt geworden sei. Marcel war aber nicht verrückt geworden. Er schrieb in einer kleinen Kladde, die er fortan immer am Leib trug, das auf, was er mit eigenen Augen gesehen hatte. Auch in den folgenden Tagen ließ er nicht nach, seinen Leuten von der Begebenheit im Wald zu erzählen. Die Umtriebigkeit und die Aufregung, die der Junge mit seinem Kindergeschwätz verbreitete, blieb auch den patrouillierenden Soldaten nicht verborgen. Einige Tage nach dem Mord an den vier Männern drangen sie polternd in das Haus der Familie Stern ein und nahmen den Jungen mit. Das Flehen um Gnade für ihren Sohn quittierten die Männer mit Schüssen in die Zimmerdecke. „Das nächste mal treffen die Kugeln euch“, brüllte der 47

Anführer. Marcels Büchlein fanden sie nicht. Auf der Polizeiwache schlugen sie ihm die Zähne aus und die Augen blau. Sie fragten ihn gar nicht, ob und was er gesehen habe. Marcel befand, dass trotz der Bildung, die sie in ihrer Jugend genossen hatten, bei den Offizieren eine äußerst grobe Verwilderung eingetreten war.

Hollaender dachte damals, dass John sich wohl zu Tode gesoffen haben würde. Was die Deutschen nicht geschafft haben, werden wohl seine amerikanischen Kumpels erledigt haben. Sie werden ihm das Maul gestopft haben, dachte Hollaender kalt. Er aber, Alfred Hollaender, blieb John Born oder Mordechaj Gebirtig in Erinnerung. Er war für ihn wie ein Fenster mit Blick zurück in das Vaterland, auf die Felder, Wiesen und geschwungenen Hügel, die zusammen mit dem Flüsschen Bahlui das Paradies bildeten, immer von neuem, immer klarer. „Zu meiner großen Überraschung, ich hatte Gebirtig wirklich schon vergessen, erreichte mich viele Monate später ein Päckchen mit einem Begleitschreiben von ihm. So erfuhr ich etwas über sein weiteres Schicksal und das Geheimnis von Marcel Stern“, sagte Hollaender zu Henry.

Einige Wochen, nachdem sich Hollaender und Gebirtig in der Bar voneinander verabschiedet Hollaender sich hatten, war es soweit. Es trat das ein, was hatte, was er gewissermaßen hatte. Auf als dem

ausgemalt oder

Zwangsläufigkeit

Naturgesetz

prophezeit

Nachhauseweg bemerkte John, oder Gebirtig, trotz seines schnapsbedingt stark eingeschränkten Wahrnehmungsvermögens, dass ihn drei Burschen 48

verfolgten. Sein in der Lagerzeit gestählter Selbsterhaltungstrieb, der dem eines verwundeten Wildes glich, schaltete sich unweigerlich ein. Er

beschleunigte seine Schritte, er torkelte nicht mehr. Er versuchte zu entkommen, bog in eine mit alten Platanen bestandene Nebenstraße ein und wollte sich hinter einem der Bäume verstecken. Die Schläger holten ihn ein, zerrten ihn hinter seinem Versteck hervor und verpassten ihm ohne zu zögern heftige Schläge. Gebirtig ging zu Boden. Er konnte noch verhindern auf den Kopf zu fallen. Es gelang ihm aber nicht die schweren Tritte und Schläge, die auf seinem ganzen Körper nieder gingen, abzuwehren. Nach endlos scheinender Zeit, in Wirklichkeit dauerte der Angriff nur drei oder vier Minuten, war alles vorbei. Die Burschen rannten weg. Gebirtig blieb noch geraume Zeit auf dem Gehweg halb auf der Seite liegen. Seine Wange spürte das kühle Straßenpflaster. Die Wunden brannten, als hätte jemand Salz in sie eingerieben. Nach einer Weile, ihm kam es so vor, als hätte er eine ganze Nacht auf der Straße gelegen, kam ein versprengter Zecher herbei, der ihm wieder auf die Beine half und ihn in das Bezirkskrankenhaus begleitete. „Sollen wir nicht doch besser zur Polizei gehen“, fragte der Mann am Eingang des Krankenhauses. Der aus vielen Wunden blutende Gebirtig wollte nicht. Er wehrte ab, bedankte sich und schleppte sich ins Hospital. Der Arzt in der Notaufnahme diagnostizierte mehrere Rippenbrüche, Hämatome und ein geplatztes Trommelfell. Nach drei Tagen im Krankenhaus schlich John oder Mordechaj heimlich davon. „Wer in der Hölle war, dem machen Rippenbrüche, Hämatome und geplatzte Trommelfelle nichts mehr aus“, schrieb er lakonisch in seinem Brief an Hollaender. 49

John hatte beschlossen, Lynchburg zu verlassen. Er kündigte sein Zimmerchen, das er bei einem Lehrer gemietet hatte, der darüber sehr traurig war. Der Lehrer hatte sich in Johns von Muskelsträngen durchzogenen, ledernen und allen Angriffen trotzenden Körper verliebt. Immer wieder näherte sich der Lehrer schüchtern und sehr höflich dem Handwerker aus Osteuropa, der aber seine Avancen schroff zurück wies. Gebirtig wollte nach Süden. Ein Ziel hatte er nicht. Der Süden sollte es sein, der immer warme Süden Amerikas. Da er sehr bescheiden lebte, hatte er Geld zurücklegen können. Es war ihm klar, dass sein Grabstein nicht in Lynchburg stehen würde. Diese Stadt bedeutete ihm nichts, sie war eine Station auf seiner Reise, die ihn irgendwo hin führen würde. Um nicht schon alleine für die Fahrt durch den Kontinent seine gesamte Barschaft an Geld zu verschwenden, schloss er sich einer Gruppe Landstreicher an, die in jenen Jahren Güterzüge kaperten, und illegal und immer in größter Furcht vor den brutalen Bahnpolizisten durchs Land fuhren. Im Frühjahr 1960 erreichte John Born, oder Mordechaj Gebirtig den südlichsten Punkt der Vereinigten Staaten von Amerika. Aber auch dort war ihm kein Glück beschieden, schrieb er Hollaender. Er fand für kurze Zeit eine Arbeit im Hafen, soff und prügelte sich durch die Spelunken, bis ihm eines Tages jemand von Unruhen auf Kuba erzählte. Er hörte öfters die Worte Revolution und Aufstand. Ohne auch nur einen Gedanken an Zweifel zu verschwenden, entschloss er sich, auf die Insel zu überzusetzen. Er fühlte sich stark, hatte noch einige Dollar in der Tasche, ein kleines Vermögen. In Kuba wollte er ein neues Leben beginnen. Über eine holprige Piste führte Gebirtigs Weg durch die ausgedehnte Savanne weiter Richtung Westen. Er hatte Havanna nach einigen Tagen 50

verlassen, nachdem ihm ein alter Barkeeper den Tipp mit Matanzas gab. Dort, so erzählte er ihm, könne er viel billiger als in Havanna einen Wagen kaufen. Er bestieg einen fensterlosen Überlandbus, der unter der Last der reisenden und ihres Gepäcks auseinander zu brechen drohte.

Die rote Tonerde des Landes speichert das Regenwasser, so dass auch in der heißesten Jahreszeit die Pflanzen saftig grün leuchten und nicht verdorren. Gebirtig strahlte beim Anblick des Paradieses. Vereinzelt duckten sich Bohios in Palmenhaine, eingebettet in Reis-und Tabakfelder. Er lehnte sich zufrieden auf der hölzernen Sitzbank des Busses zurück, paffte genüsslich eine Zigarre, die es überall zu kaufen gab, an jeder Straßenecke. Es kam ihm vor, als besäße jeder Kubaner eine Tabakplantage. Campesinos kehrten von der Feldarbeit zurück und winken den Reisenden. Später passierte der Bus verrottete Ölfelder. Es stank nach Schwefel wie in der Hölle, die Luft klebte, sie war schwer und lastete auf den Lungen. Alte Pumpen und Verladerampen verrosten in dem scharfen Wind, der vom Meer herwehte, zu skurrilen Skeletten. „Gleich sind wir da, meine Herrschaften“, brüllte der Busfahrer nach hinten und hat Mühe, den Motorenlärm zu übertönen. Einige Minuten später hielt der Bus. „Aussteigen, Endstation, Matanzas“, der Fahrer würgte den Motor ab, sprang mit einem Satz aus dem Bus und half beim Entladen des Gepäcks. Noch steif vom langen Sitzen schaute sich Gebirtig um, und sah sich mitten in einer karibischen Industrielandschaft, gesäumt mit Schuppen,

Bohrstellen, Fabrikhallen und kreuz und quer verlaufenden Bahngleisen. Die Stadt erschien ihm voller absurder Widersprüche. Gebirtig wunderte sich über den bunten Zauber und die kolonialen Häuser, die aneinander 51

gelehnt wie besoffene Seeleute aus dem heißen Sand ragten. Er hielt sich nicht lange mit Staunen auf, immerhin hatte er ein Verabredung. Orlando nannte sich der Mann. Er gab vor aus der Armee Batistas desertiert zu sein. Nun sei er glühender Anhänger der Revolution. „Es lebe die Revolution, Sozialismus oder Tod“, rief er plötzlich. Gebirtig verstand ihn nicht. Er zeigte Gebirtig ein kleines, mit Wellblech gedecktes Geschäft, das von drei Seiten offen war. Hinter der Theke lungerte eine junge Schwarze, deren Haar steif im Wind stand. „Warten sie dort“, befahl Orlando. Stunde um Stunde wartete Gebirtig und als er sich schon damit abgefunden hatte, der Kerl hätte in einfach stehen lassen, vergessen, rollte hupend ein riesiger amerikanischer Wagen heran. Orlando winkte ihn herbei:“ Das ist ihr Taxi. Das haben sie gekauft“. In den Wirren des Umsturzes, gelang es ihm ein Taxi zu kaufen. Er kutschierte als Taxichauffeur durch das neu entstandene Havanna. Nun, da er sich sicher und am Ziel fühlte, an einem Ziel, das er gleichwohl nie angestrebt hatte, sah er die Zeit gekommen, eine Familie zu gründen. Er heiratete eine Mulattin mit Haut wie Ebenholz und zeugte zwei Kinder. „Ich habe es geschafft, mein lieber Kamerad“, berichtete Mordechaj Gebirtig Alfred Hollaender. Der Stolz über seine Lebensleistung, sein Sieg über Schicksal und Irrwitz sickerte förmlich aus den Zeilen, die er Hollaender schrieb. Im Irrwitz wohnt nur insofern ein Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet, dachte Hollaender bei der Lektüre. Mordechaj schien das gelungen, was ihm verwehrt blieb.

52

Henry hatte das Gefühl, als beobachtete ihn der Alte. Der aber schien ganz der freundliche Herr, als der er sich bisher immer gezeigt hatte. ‚Hatte er mich nun beobachtet, oder nicht? Ist es überhaupt wichtig zu wissen, ob er mich beobachtet?’ Er versuchte sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen, dessen Gedanken nach zu spüren. Aber den Alten umgab eine Festung, die nichts durchschimmern ließ. Gutmütig schaute er drein und berichtete dabei von den schlimmsten Begebenheiten, so dass Henry sich manchmal beklommen umdrehte, es könnte ihnen ja jemand zugehört haben. Er hegte einen

Verdacht, den er jedoch nicht belegen konnte. Denn oft dachte er, der Alte wolle ihn fertig machen, ihn zerstören, nicht ruhen, bis er endlich am Boden lag, triumphieren über den Jungen, den er im Innersten eifersüchtig um seine Unschuld und Jugend beneidete. Er benutzte die Geschichten wie

Stockhiebe. Henry fühlte sich schwach und anfällig. Seine Abwehr war durchlöchert. Alle möglichen Viren hätten in ihn eindringen können, warum nicht auch die Rachegelüste und die Eifersucht des Alten. Er hatte keine Ahnung, von wo die plötzliche Schwäche angekrochen kam. Henry schaute den Alten an, öffnete einen zweiten Knopf am Kragen, ihm war, als läge ein Band Stacheldraht um seinem Hals.

Tatsächlich umspielte ein Lächeln Hollaenders Lippen. Sie saßen sich gegenüber und Henry sah, dass sein Freund (er ließ sich nicht davon abbringen, Hollaender als seinen Freund zu bezeichnen) abwesend in der Vergangenheit umher wanderte. Henry verschloss für die Dauer eines kurzen Atemzuges seine Augen. Plötzlich löste sich der Alte in seine Bestandteile auf. Millionen und 53

Abermillionen einzellige Hollaenders zerstoben wie nach einer Explosion auseinander. Henrys Gedanken begannen zu rotieren; er wurde auf einmal zu einem kleinen Jungen auf dem Jahrmarkt. Gedanken und Gefühle purzelten munter durcheinander. Das Öffnen der Augen war wie der Sprung vom Karussell. Er wähnte sich in Sicherheit mit festem Boden unter den Füßen. Ihm war, als widersprächen sich Hollaenders Augen und Mund. Während der Mund stets ein feines Lächeln aufwies, absichtsfrei, undefinierbar, wie gezeichnet, stumm, gefroren, und in seiner Festigkeit eher einer hübsch geschwungenen, frischfarbigen Blüte ähnlich, verschwanden seine Augen unter buschigen Augenbraun. Seine Augen waren zwei dunkle Tunnel, die nichts freigaben, als ein kleines Feuer am Ende tiefer Höhlen, die in seinen Kopf gegraben waren. Diese Feuer strahlten vor glühendem Eifer. Es war ein Feuer, das ohne Holz, Kohle und Sauerstoff loderte. Es war das Feuer der Öfen und das Feuer immerwährenden, ewigen Hasses.

Hollaender entschied, dass der richtige Zeitpunkt gekommen sei, ihm von Marcel Stern zu erzählen. Er hatte sich diese Geschichte aufgespart.

Marcel Stern, der ein so fürchterliches Ende gefunden hatte, entpuppte sich im Nachhinein als findiger Kerl; gerettet hat ihn das jedoch nicht. Er hatte allen Ernstes geplant, seine Kladde aus Faustpfand zu nutzen. Hollaender hatte sich vorgestellt, wie der schmächtige Marcel Stern mit seinem

Büchlein, das er fest umklammert in seinen Händen barg, vor den schwarz gekleideten Rittern der Hölle steht und ihnen seine Freiheit und die Freiheit

54

seines Volkes abpressen würde. Daran dachte er, als er anhob, Henry die Geschichte zu erzählen.

Stern lag bereits auf der Bahre, obenauf, als einziger lebendig, da hob er zum Schrecken von Gebirtig mit letzter Anstrengung den Kopf und flüsterte mit tonloser, krächzender Stimme:“ Ich habe etwas Wichtiges

aufgeschrieben, du musste es an dich nehmen und hüten wie einen Schatz. Mir hat es nicht geholfen, dir wird es vielleicht helfen. Es ist ein kleines Buch, das ich in unserer Baracke vergraben habe, unter meinem Platz...“, weiter kam er nicht mehr, denn sein Mund füllte sich mit Blut. Das Verbrechen, dessen Zeuge er wurde, und das er notierte, wurde ihm zum Verhängnis. Aber das Buch hatte noch keiner gefunden. Stern erfand einen Vorwand, dass ihn die anderen von der mittleren Pritsche nach unten umziehen ließen. So hatte er freien Zugriff auf den gestampften Boden. Seit seiner Verhaftung beabsichtigte er, dieses Buch vor Zugriff und Vernichtung zu bewahren. Es sollte sein Schlüssel in die Freiheit werden, wenn er den Inhalt an richtiger Stelle vortrug und die Bestialität der Besatzer anzeigte. Diese würden schließlich angeklagt, der ganze Spuk hätte ein Ende. Unter seinem neuen Lager grub er eine Mulde, in die das Büchlein genau hinein passte. Die anderen beobachteten ihn, wie er schrieb und malte. „Mir gefror das Blut in den Adern, als ich von dem Verbrechen las, das Stern beobachtet hatte“, sagte Hollaender. „Nachdem die vier Gefangenen ihr Grab geschaufelt hatten“, fuhr er fort, „verbanden ihnen die Soldaten die Augen, fesselten ihre Arme auf dem Rücken und ließen sie vor dem Loch knien. Mit einem Kanister in der Hand stieß ein weiterer Soldat zu der Stelle 55

in der Lichtung dazu. Er übergoss die Gefangenen mit Benzin, die Männer schüttelten sich. Der Anführer des Trupps schnippte seine Zigarette auf die Gefangenen, die danach brannten wie Fackeln. Mit Fußtritten beförderten die Männer die lichterloh Brennenden in das Loch, sie fielen übereinander und wanden sich unter den Flammen. Eine Zeit lang betrachteten die

Soldaten die Gequälten, bis schließlich der Befehl erging, ihnen den Gnadenschuss zu geben“. Henry zitterte vor Erregung. Er konnte nicht begreifen, was Hollaender berichtete. Niemals zuvor hatte er von derartigen Grausamkeiten erfahren.

Henry Lantz gefiel es schon lange nicht mehr in seiner Absteige. Die pissenden Freier im Hof, die ihre Abscheu den Dirnen gegenüber nicht selten dadurch zum Ausdruck brachten, dass sie, anstatt die Toiletten im Haus, die es sehr wohl auch in dem schäbigen Puff gab, zu benutzen, in den Hof urinierten. Das Plätschern gesellte sich zu dem brüllenden Lachen und schallte hoch hinauf zu den Nutten und zeigte ihnen, was sie ihren Freiern wert waren. Henry hörte oft das Gesindel im Hof. Sie grölten unflätige Worte in das enge Hofgeviert. Das Hinterhofecho schickte den Auswurf und die Demütigungen von Wand zu Wand. Henry hasste es. Die Niedertracht, die das Spektakel allabendlich entfesselte, war ihm zuwider. Er hatte es hassen gelernt, so wie er die nackte Glühbirne über seinem Bett, die

zuwenig Licht zum Lesen spendete, hasste. Sie bot als gelbliche Funzel und elektrisches Fackelchen bestenfalls Orientierung im Dunkel. Diese verdammte Birne, so dachte er oft, verhindert nur, dass man sich statt neben 56

das Bett hinein legt. Er verabscheute auch das Etagenbad, diese dreckige, notdürftig gekachelte Zelle kalter Gastfeindlichkeit. Ungestört duschen war nicht möglich, denn immer wieder verrichtete irgend jemand seine Notdurft im Klo nebenan. Überhaupt: die Klos. Sie waren entweder verstopft oder verpestet, meistens waren sie beides. Es traf sich also ganz gut, dass Henry eines Tages seinem alten Schulfreund Arno von Reith begegnete. Arnos Wiege stand wie die von Henry in Köln. Er war der Sohn einer wohlhabenden Familie. Sein Vater arbeitete als angesehener Rechtsanwalt, der sich auf Ehescheidungen spezialisiert hatte. Der junge von Reith konnte sich an einem von materiellen Schwierigkeiten vollkommen gelösten Leben erfreuen. Wohlbehütet wurde er von frühester Kindheit an das kleinadlige Großbürgertum gewöhnt. Er war groß, hatte leicht gewelltes blondes Haar, das er immer mit einer ruckartigen Kopfbewegung zurück warf, die Mädchen standen auf ihn. Sie mochten sein lautes Lachen, seine Unbekümmertheit und das Geld, mit dem er um sich warf. Selten, vielleicht einmal im Jahr, besuchten ihn seine Eltern, wollten sehen, wie ihr stolzer Nachkomme lebte, was er alles schon erreicht habe. Sie wollten erfahren, dass es dem angehenden Advokaten an nichts mangelt, wie das Leben ihn verwöhnte in der großen Stadt mit Theater und Varieté und ob er sein Herz vielleicht schon an eine hübsche junge Frau aus gutem Hause verloren habe. Kurzum: Sie mochten am Erfolg ihres Sohnes, den sie, und nur sie, möglich gemacht haben, teilhaben. „Vater wartet auf dich in der Kanzlei“, pflegte Arnos Mutter immer zu sagen, und hatte dabei ganz präzise Vorstellungen. Arno sollte seinem Vater später in der Kanzlei nachfolgen, um ihn nachher ganz zu beerben.

57

Lange im Voraus kündigten seine Eltern ihre Besuche an, so dass Arno ausreichend Zeit hatte, die Spuren seines ganz und gar nicht standesgemäß studentischen Lebens zu beseitigen. Denn er führte das Leben eine Bohemiens, ohne ein Bohemien zu sein. Ihm war weder an bildender Kunst, noch an Musik ernsthaft gelegen. Er pflegte viel lieber regen Kontakt zu Nutten und deren Entourage. Nicht die Nächstenliebe trieb den Studenten der Jurisprudenz in die Nähe der Menschen, die die Kälte des Asphalts kennen. Es war die reine Gier nach Körperlichkeit und das Streben, über diese Menschen triumphieren zu können. Für Arno von Reith bestand ein Mensch oder genauer ausgedrückt, eine Frau, überwiegend aus

Geschlechtsmerkmalen. Je größer, desto besser. Er suhlte sich in dem Gefühl die Mädchen zu greifen, wann immer er Lust dazu verspürte. Macht über andere Menschenerlangen, das war es, was er wollte. Große Brüste sah er als sein Eigentum, wenn er sie umfasste mit seinen weichen Händen, dann gehörten sie ihm. Nicht selten verursachte er mit Absicht Schmerzen. Die Geschlechtsteile waren ihm Schleusen, die ihn in die Welt gefühlloser Wollust abließen, in der er ohne Reue wüten konnte. Die Nutten nutzten ihn, und er nutzte die Nutten. So war es. Der blonde, schöne, talentierte Arno von Reith war im Begriff, in ein Schattenwesen zu transzendieren. Es trieb den jungen Studenten in seichte, dennoch gefährliche Gewässer. Die Nutten hingegen waren erfreut, in seiner Wohnung, die groß und geschmackvoll eingerichtet im feinen Charlottenburg lag, den Hauch bürgerlicher Behaglichkeit atmen zu können. Die Zeit rückte näher, dass er alles satt hatte Er zögerte keine Sekunde eine Entscheidung zu treffen, als er feststellte, dass das Leben, das er sich wünschte, in seinem selbst gezimmerten Irrenhaus nie würde einziehen 58

können. Die Entscheidung lautete: Die ganze Mischpoke fliegt raus! Ihm war klar geworden, dass er sich zu weit von den glänzenden Fassaden seines bürgerlichen Lebens entfernt hatte. Er hatte eine Grenze verletzt; in seinen Kreisen kam das gar nicht gut an. Nun gut, dachte er bei sich, „ich hätte auch in die schlagende Verbindung Germania eintreten, um mich halb oder ganz zu Tode zu saufen und mir von Paukanten einen Schmiss schlagen lassen können“. In seiner Wohnung hatte sich nach recht kurzer Zeit eine kunterbunte, moralfreie Gaunergesellschaft versammelt, die er nicht mehr mochte, weil sie ihn langweilte. Er befand sich mit den Gästen aus der Unterwelt moralisch auf einer Stufe, war ebenso frei von Skrupeln, aber sein Geist bestach durch analytische Schärfe, was man von dem ungeschlachten Gesindel nicht behaupten konnte. Die Lüsternheit, mit er sich in all den Monaten besudelte, erdrückte ihn nicht, förderte keine Scham hervor, aber sie erlosch. Die Langeweile war ein schales, fauliges Gewässer, das die feurige Wollust ersäufte. Er sorgte dafür, dass der Hinweis eines Anonymus die Polizei alarmierte, die für den feinen Arno von Reith die Wohnung vom Abschaum reinigte. Die meisten hatten etwas auf dem Kerbholz, manche wurden sogar mit Haftbefehl gesucht. Er, Arno von Reith hatte sich noch nicht einmal die Hände schmutzig gemacht.

„Wir haben uns aber schon lange nicht mehr gesehen. Ich glaube seit den Tagen unserer Abiturprüfung nicht mehr“, begrüßte Arno beschwingt Henry Lantz.

59

„Ja“, sagte Henry. „Und ich wusste gar nicht, dass du in Berlin lebst“. Sie umarmten herzlich sich und klopften sich gegenseitig auf den Rücken. „Ich lade dich ein zu einem Kaffee, hast du Zeit?“, fragte Arno. „Gerne“, lachte Henry, der sofort, als er den Schulfreund sah, an mögliche Unterstützung dachte. Er erzählte seinem Freund von seinen Problemen. Er reihte eine Übertreibung an die andere, um seiner Schilderung den nötigen Nachdruck zu verleihen. Charmant lud Arno seinen Freund ein, bei ihm zu wohnen. Arnos Großzügigkeit war nicht seiner bourgeoisen Herkunft geschuldet. Er hatte schon früh gelernt, dass eine kleine Gabe hier und eine Spende dort nützliche Bekanntschaften festigen und sie über die tiefen Gräben, die die Zeit wie ein Fluss ins Gestein schleift, hinüber retten kann. „Ich habe meine Wohnung renovieren lassen. Der alte Dreck ist fort geschafft. Die Wände sind geweißt und für dich, lieber Henry, steht immer ein Zimmerchen bereit“, sprach er mit wichtiger Stimme. Er verschwieg geflissentlich, was er mit „Dreck“ meinte. „Was treibst du hier in der Stadt“, fragte Arno den Freund aus Jugendtagen. „Eigentlich habe ich mich in Biologie immatrikuliert“, begann Henry zögernd. „Was bedeutet eigentlich“, unterbrach ihn Arno mit ärgerlichem Unterton. „Ich hasse das Wort ‚eigentlich’. Es bedeutet eigentlich gar nichts, außer, wenn man ‚eigentlich’ sagt, man eigentlich etwas ganz anderes will, oder? ‚Eigentlich’ ist das Synonym für ‚ich weiß es nicht, ich kann es nicht, ich habe keine Ahnung’. Was ist also los mit dir?“ „Ja, du hast Recht. Ich weiß es wirklich nicht. Eigentlich will ich schreiben....“. Aus beiden Männern brach ein lautes Lachen hervor. „Eigentlich, ha, ha, ha.“ 60

„Nun aber im Ernst“, fasste sich Henry. „Ich schreibe. Was es wird, weiß ich noch nicht. Ich arbeite an einen Band mit Erzählungen, die das Leben in der Stadt schildern. Ich habe eine kleine Erbschaft gemacht, davon lebe ich, meine Eltern denken immer noch, dass ich studiere“. „Das glauben meine Vorfahren auch“, entgegnete Arno verächtlich.

Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen. Die beiden jungen Männer fanden ein Restaurant, um etwas zu essen. Sie redeten von früher, von den Zeiten in der Schule, von den glanzvollen Taten ihrer Primanerzeit. Die Erinnerungen strahlten aus der Vergangenheit herüber. „Die Vergangenheit ist das andere Ufer“, hatte Hollaender einmal zu Henry gesagt. Die Freunde lachten und scherzten den ganzen Abend bis in die Nacht. Henrys Stimme überschlug sich, sie war schrill und heiser geworden, als er von Helen erzählte und dass er nun die Trennung beschlossen hatte. Sie tranken und schwatzen die ganze Nacht hindurch bis ins Morgengrauen. Henry war so gelöst wie lange nicht mehr. Ihm war plötzlich so, als könnte nichts sein Gemüt beschweren. Je mehr er trank, desto heller wurde seine Stimmung. Er wollte Arno umarmen, und die Rothaarige am Nebentisch mit dem ausladenden Hintern, die in einem tiefen Sessel eingesunken vor sich hin dämmerte, die ganze Welt und auch Hollaender. Er nahm sich vor, schon am Morgen sein altes Zimmer zu kündigen und am Nachmittag zu Arno zu ziehen. Sein Herz hüpfte vor Freude. Henry träumte davon, endlich wieder arbeiten zu können. Schreiben wollte er, unbeschwert, Hollaender ausfragen, dokumentieren, wirbeln, eine Reportage schreiben, die ihm die Zeitungen aus den Händen reißen würden, ja, stöhnte und schwärmte er, dies alles kann ich jetzt schaffen. Noch ohne sein neues Zimmer gesehen zu 61

haben, hatte er es bereits eingerichtet. Am Fenster sollte der Schreibtisch stehen, nicht weit daneben, das Bücherregal, eine kleine Sitzgruppe für die Gäste, genau, das erschien ihm angebracht.

Alfred Hollaender lag lange wach in seinem Bett. Mehrmalig nahm ein schwerer Schlaf ihm die Besinnung und drückte seinen Greisenkörper auf die Matratze. Dann erwachte er wieder. Unter seinem Fenster hatte jemand gegen eine leere Büchse getreten. Die Stromabnehmer der Straßenbahn quietschten auf der Oberleitung und warfen bizarre, kurzlebige

Lichtgemälde an die Zimmerdecke. Nun war er 3851 Wochen alt, dachte er. Er hatte sich angewöhnt seine Lebenswochen zu zählen. Er folgte der Vorstellung, dass das Leben in kleinen Zeiteinteilungen berechnet, länger dauere. Irgendwann, wenn er älter geworden sein wird, wollte er dazu übergehen, die Tage zu zählen, dann die Stunden, schließlich Minuten und Sekunden. Einen beschreibbaren Grund länger zu leben erkannte er nicht mehr, das wusste er. Er machte sich nichts vor. Aber so einfach aufhören nach allen Geschehnissen wollte er auch wieder nicht. Jeder Tag bedeutete einen neuen Triumph über seine Peiniger und einen Sieg über die Gebrechlichkeiten des Alters. „Zwei mal Genugtuung jeden Tag, na, wenn das nichts ist“. Er kicherte verstohlen ins Dunkel. „Was bin ich doch ein verwegener Kerl“. Langsam erhob er sich aus seinen Kissen, ertastete seine Brille auf dem Nachttisch, schlüpfte in die Hausschuhe und stand auf. Vor dem Fenster sah er die unruhig schlafende Stadt mit den sonderbaren Klängen, die nur bei Dunkelheit wahrnehmbar sind. Gelblich schimmerten die Laternen und hier 62

und da huschte eine dunkle Menschengestalt über die Straße. Vielleicht war es der Bäcker, der zur Arbeit in die warme Backstube eilt. Vielleicht ein junger Freier, der nach dem Schäferstündchen das Weite suchte. Oder ein Betrunkener, ein Obdachloser. Sein Atem beschlug die Fensterscheibe. Stirn und Nase presste er an die Fensterscheibe. Die Schweißperlen wanderten von seinem Gesicht auf die Scheibe. Eine riesige, blau-schwarze Wolke schob sich vor den fast vollen Mond. Auf dem Erdbegleiter entdeckte er dunklen Stellen, die Täler und Berge markieren. Elf Kilometer hoch soll die höchste Erhebung auf dem Trabanten sein. Auf der Rückseite des Mondes herrscht eine Temperatur von Minus 153 Grad Celsius. Es war, als ob eine große Macht die Wolke zog. Sie glitt gleichförmig, wie auf Schienen, langsam vor den hellen Mond, dessen silbernes Strahlen mehr und mehr verblasste und matt, wie hinter einer Milchglasscheibe schwächer wurde. Hollaender warf seinen Kopf noch weiter ins Genick, um möglichst den ganzen Himmel zu sehen mit den funkelnden Sternen, Lichtjahre weg von dem Schmerz, der Wut , dem Hunger und der Trauer und Kälte auf der Erde. Alfred Hollaender wollte erfrieren. Er dachte, jetzt einfach stehen bleiben, in den Himmel schauen und warten, bis die Kälte von unten herauf den ganzen Körper auffrisst. Versunken stand er da, die anderen trotteten an ihm vorüber als er plötzlich einen kräftigen Tritt in seinen Hintern spürte. Der Tritt war so heftig, dass seine Wirbelsäule bis hoch in den Nacken gestaucht wurde und seine schmutzige Kappe ihm von seinem knöchernen, kahlen Kopf ins Gesicht rutschte. Erschrocken schob er mit der linken Hand die Mütze aus den Augen und mit der anderen hielt er sich sein schmerzendes Hinterteil. Da traf ihn auch schon der zweite Schlag; noch viel heftiger. Dieser erwischte ihn auf der Nase, die laut krachend zersplitterte. Der 63

Schlag hatte ihm nicht nur die Nase demoliert, aus einer länglichen Platzwunde, die der Lauf des Gewehres verursacht hatte, rann das Blut in seinen Mund. Mit weit aufgerissenen Augen drehte er sich um und blickte in die gleichgültigen Augen des Wärters, der einfach weiter ging neben den torkelnden Gestalten, die eher tot als lebendig waren. Er bewachte die Halbtoten, er arbeitete. Seine Arbeit war das Zerschlagen von Menschen. Hollaender hatte seinen Kameraden verloren durch die Träumerei, das Gedränge und die Verwirrung nach den Schlägen. Er taumelte. Nur nicht stürzen, dachte er. Nun aber träumte er nicht mehr vom Erfrieren, vom Mond, den funkelnden Sternen und einer imaginären Flucht in Gottes gütigen Schoß. Das Feuer des Hasses brannte wieder und wütete in seinem Körper wie in seinem Geist. Sein Hass war so glühend, so ewig. Nüchtern betrachtet, die äußeren Gegebenheiten kalkuliert, hatte er sich ausgeruht. Einige Augenblicke lang dehnte sich für ihn die Zeit und er konnte aus dem unendlichen Meer der Ruhe schöpfen. Der Wärter hatte ihm zwar das Gesicht zerschlagen, ihn jedoch am Leben gelassen. Er nutzte geschickt die, man ist verführt zu sagen, sekundenlange Rekonvaleszenz, um seine Gedanken zu ordnen. Nichts wäre verheerender, ja sogar tödlich, gewesen, sich dem stumpfen Trott des Zuges zu überlassen. Im gleichförmigen Trott erfieren zuerst die Füße. Der eisige Tod ergreift die Beine, bis er schließlich das Herz zum Stillstand zwingt. In der Karawane der Verlorenen sprach niemand. Unter den Füßen war nur das Knirschen des verharschten Schnees zu hören. Die Menschen stöhnten unter der Last ihres erbärmlichen Lebens. Jeder Schritt im Wind war ein Peitschenhieb. Sie nahmen kaum mehr wahr, wie sich allmählich die Landschaft veränderte, wie die endlosen, weiten Tiefebenen immer mehr parzelliert wurden durch 64

Weiler und versprengten Siedlungen mit niedrigen Gehöften, Feldern, Ställen und Heuschobern, kleinen Alleen und Rinnsale und größere Bäche. In den letzten Stunden wurden wieder mehr Leute erschossen, dachte Hollaender. Sie fielen einfach um. Aus den Gewehrläufen zuckten kleine Blitze, ihnen folgten die tödlichen Kugeln. Die dahinter Gehenden strauchelten und konnten sich nur unter größten Qualen auf den Beinen halten. Die Überlebenden, die noch nicht Erschossenen, versuchten sich mit großen Kräften die Toten vom Leibe zu schaffen, schoben sie von sich und vollendeten die Arbeit der Mörder, indem sie die Unglücklichen aus der Marschkolonne in den Graben warfen. Ob sie nun wirklich schon gestorben waren oder nicht, man war tot, wenn man als tot angesehen wurde. Diejenigen, die in der Mitte der Todeskarawane gingen, waren von den Waffen der Aufseher weniger bedroht. Wurde die Schwäche zu gewaltig, so dass die Knie einknickten, halfen die Menschen links und rechts daneben dem Ärmsten manchmal wieder auf die Beine. Diejenigen aber, die am Rande gingen und vor Hunger und Müdigkeit aus der Reihe kippten, wurden sofort erschossen, erschlagen. In der sternenklaren, vom Mond gespenstisch erhellten Nacht, lagen die geschundenen Leiber in endloser Reihe und gebahrt im Straßengraben. Sie waren zu schwarzen, mahnenden Skulpturen geworden. Eine lange Kette merkwürdig verdrehter, schwarzer Körper säumte den Wegesrand und markierte die Spur für die Befreier. Der Mond beschien unerbittlich die Leidenden und die Pappeln am Wegesrand, die lange Schatten auf den Schnee projizierten. Lange, lähmende hölzernen Brücken über

Geisterschatten auf dem Schnee unter schwarzem Himmel. Weder Mond, noch die Sterne, noch die Kleinbauern in ihren Katen, noch die Pappeln oder 65

Gott hatten Mitleid mit den Unglücklichen. Diese Leute hat man weggeworfen, hätte Hollaender gedacht, wenn er noch hätte denken können. In diesem Elendszug im Februar 1945 dachte keiner mehr. Das Knäuel zerlumpter, dreckiger und Halbtoter torkelte einem unbekannten Ziel entgegen. Das Leben der Menschen war geschrumpft zu hechelndem Atmen, zu Stochern mit den erfrorenen Füßen im Schnee, zu hohläugigem Starren auf den schlotternden Vordermann, zu dem Kratzen am Kopf und am Hintern, dort, wo die Kacke angefroren war und in den wunden Stellen schon Parasiten wohnten.

Hollaender und sein Kamerad Paul Gertz, der vor Jahrhunderten ebenso wie Hollaender in Berlin wohnte, hatten sich ein System Kraftschonung überlegt. Beide Männer ließen sich immer langsamer werdend bis ans Ende des hinter den Horizont reichenden Zuges zurückfallen. Sie fassten sich an den Händen, um sich nicht zu verlieren und die Körperwärme des einen auf den anderen zu leiten. Es war ein kleiner Kreislauf von mickriger Wärme aber ein großer von Menschlichkeit. Die Psychologie der Horrors, des Undenkbaren hatte sie zu Liebenden gemacht. Ja, sie liebten sich, Alfred und Paul. Sie wanderten langsam rückwärts, stießen an andere Gefangene und manchmal murrte einer und stieß krächzend schreckliche Flüche aus. Langsam und langsam fielen beide immer weiter zurück, durchbrachen die Fünferreihen ein ums andere Mal, um schließlich ganz ans Ende zu geraten. Das Ende der Marschkolonne wurde von drei Aufsehern bewacht. Paul und Alfred mussten höllisch aufpassen, ihnen nicht in die Hände zu fallen. Wenige Meter vor den Bewaffneten erhöhten sie ihre Geschwindigkeit

66

wieder. Sie hatten einigermaßen Kräfte gesammelt und machten sich wieder zurück auf den Weg die Spitze der Kolonne zu erreichen. Dieses langsame Zurückfallen- lassen und wieder Nachvorngelangen unternahmen sie seit einigen Tagen. Sie schonten also nicht nur ihre Kräfte, sondern sie

bekämpften auch den tödlichen Stumpfsinn des Marschierens. Immer entlang der schnurgeraden Straßen, an Kreuzungen vorbei und

Schienenwege überquerend, von denen Hollaender glaubte, sie bereits zwei Jahre zuvor schon einmal in einem Waggon befahren zu haben. Der Einförmigkeit der Schritte, das immer gleiche Knirschen des harten Schnees, dem Keuchen der Elenden um sie herum, dem Jammern der Frauen im Zug, der bitteren Verzweifelung der Männer, der Selbstverständlichkeit des Mordens am Straßenrand wollten die jungen Freunde mit ihrer Prozession von vorn nach hinten und wieder nach vorn widerstehen. Vom Winterwind schief gedrückte Strommasten, die von den Stromleitungen gehalten schienen, die aussahen wie schwarze, dicke Fäden, die in weiten Bögen geschwungene Kurven zeichneten und kleine, in die weiten polnischen Ebenen geschobene, flache Gehöfte am Wegesrand erinnerten Paul und Alfred an das normale Leben und an ihren Hass. Krumme Zäune sollten die Häuser schützen. Aber sie verhinderten bloß, dass das Federvieh davon flatterte. Die Zäune schützten vor nichts, nicht vor dem Krieg, nicht vor der Vertreibung, Vergewaltigung, Brandschatzung und nicht vor Mord. Manchmal glaubten Paul und Alfred hinter den matt gelb erleuchteten

Fenstern Menschen zusehen. Frauen in Schürzen, Männer mit schief sitzenden Mützen auf dem Kopf und Kinder mit Spielzeug und dämlichen Grinsen. „Ja, Menschen, Menschen wie du und ich“, sagte Alfred. „Menschen, die in der warmen Stube am Ofen sitzen, sich mit Brot und 67

Wurst die Bäuche füllen, um satt und zufrieden ins Federbett zu sinken. Da, sieh nur, sie glotzen uns an“. Alfred Hollaender betrachtete seinen Freund sehr genau. Paul war zäh und stark geblieben. Das sollte was heißen, in einer Zeit, als ein Menschenleben nicht mehr wog als das einer Ratte. Paul hatte das Zeug zum Überleben, in ihm loderte ein Wille, der bis über die nächste Straßenbiegung hinaus reichte. Die Dämmerung färbte die kein Ende nehmende Straße und tauchte sie in purpurn schimmerndes Licht, so schön, dass man das Elend vergessen konnte. Eine neuer Tag, dachte Hollaender. In all den Monaten in Gefangenschaft und der Entbehrungen hütete er sich ein Fünkchen Hoffnung und ein Fünkchen Hass in seinem Herzen, welches ihn befähigte, dem neuen Tag mit einem schmalen Strich Tatkraft entgegen zu sehen. An ungezählten Tagen stand er früh morgens beim Appell stramm und

blinzelte zwischen den Mützen der Sträflinge hindurch Richtung Osten und beobachtete den herannahenden Tag. Aber was bedeutete in diesen Tagen schon Hoffnung. Ist die Hoffnung nicht einfach nur ein Zustand hilflosen Treibens in einem uferlosen Meer? Hollaender hoffte immer nur von einer Stunde zu nächsten; von einer Sekunde zur nächsten. Er hoffte nicht geschlagen zu werden, nicht getötet zu werden. Er hoffte, Nahrung zu bekommen, an einem Ort, an dem es keine Nahrung gab. Hollaender war versunken in seinen trüben Gedanken, als er neben sich einen ganz allmählich kleiner werdenden Schatten wahr nahm. Wie immer hatte er sich etwa in der Mitte des Zuges aufgehalten. Nur dem Zufall oder vielleicht einer Eingebung war es gedankt, dass er ohne Grund seinen Blick aus den Gedanken hob und nach links schaute, noch nicht einmal den Kopf

68

drehend, nur die Augen rollte er ein wenig, und diesen Schatten sah. Es war die graue Silhouette eines Mannes in der Nacht, der aus dem Zug der Elenden heraus trieb, wie ein Brett im Strom von Treibholz, das von einer kleinen Welle erfasst, sanft, unmerklich fast, wie selbstverständlich den Kurs wechselt und von den anderen Hölzern Abstand gewinnt, Zentimeterweise aber stetig. Hollaenders Herz begann heftig zuschlagen. Seine Besinnungslosigkeit war verflogen, wie ein lautes Klatschen einen Schwarm von Sperlingen aufscheucht. Er drängte sich nach außen und er meinte seinen Freund Paul Gertz im Schnee zu erkennen. Angst um den Freund und Freude an dessen Mut vermischten sich, sein Blut wallte. Immer noch wankte er, rang mit sich: sollte er es dem Freunde gleich tun. Er sah um sich mit gerecktem Halse, niemand hatte den Fliehenden bemerkt. Nicht das in lumpen gehüllte Menschenpack, noch die Gauner, Mörder und Verbrecher, die sie bewachten. Er fasste seinen letzten Mut, als er im Lichte erwachender Gedanken kühl bemaß, dass dort, wohin der Zug getrieben wird, nichts anderes wartete als der sichere Tod. Die Flucht, dem Freunde nach, jedoch dem schwachen Silberstreif der Vorsehung gleicht. Mit wenigen hastigen Schritten entfernte sich Alfred Hollaender vom Zug. Er blickte nicht zurück. Die Angst wich mit den Schritten, die er zwischen sich und dem kleiner werdenden, schwarzen Zug brachte. Schon war er euphorisch, wollte den Freund anrufen, ihn anflehen zu warten, ließ es aber sein. Er schwitzte. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn, rann seine Achseln hinab. Bald sollte er Gertz eingeholt haben. Der Zug entfernte sich, und Hollaender schien es, als würde er immer schneller. Die Häftlinge verschmolzen in der Ferne mit der Nacht. Ein Traum. Nichts war geschehen, außer, dass zwei Männer in Schmutz und Lumpen verpackt, 69

vom Zug des Todes abgesprungen waren. Die Angst vor den Schüssen ihrer Häscher wich und machte der kriechenden Kälte Platz. Sie erwarteten den Tod. Sie wussten nicht, was die neue Freiheit und das Leben, das nun sich anschickte von neuem zu beginnen, für sie bereit hielt. Sie waren verloren trotz der gewonnenen Freiheit in einem endlosen Birkenwald in tiefem Schnee und frostiger Kälte. Sie kämpften sich Meter und Meter voran, in welcher Richtung, das wussten sie nicht. Vielleicht liefen sie seit Stunden im Kreise und stießen bald wieder auf die Marschkolonne und ihre Jägern, die sie dann einfach nur noch abzuknallen brauchten, das dachte Hollaender. So stolperten sie weiter über Steinbrocken und Äste, fielen ein ums andere mal in den Schnee, knickten ein in die Unebenheiten des Waldbodens, der durchzogen war von kleineren Gräben und zugefrorenen Rinnsalen. Ein Reh erschreckte sie fast zu Tode, als es ein Ästlein knackend zerbrach. Das Echo hallte im kahlen Winterwald, bis sich das Tier wieder im Wald verlor. Ein Vogel stieg, laut mit den Flügeln schlagend, von den Baumwipfeln auf und zeichnete weite Bahnen in den dunklen Himmel. Gertz und Hollaender hatten seit Stunden nichts miteinander gesprochen. Sie waren zu erschöpft und was sollten sie auch sagen. Sie lauschten gegenseitig ihren hechelnden Atemgeräuschen und hingen ihren Gedanken nach, die Müdigkeit und Hunger umkreisten. Nach vielen Stunden erreichten sie eine Lichtung. Die Wolkendecke riss auf und der fahle Schimmer des Mondes überschüttete die hellen Birken. Es war, als hätte Gott ein Einsehen mit seinen durchfrorenen, hungrigen Geschöpfen, die der Mut der Verzweifelung und die unauslöschlichen Hoffnung in die Ungewissheit der Freiheit geschleudert hatte. Dieser herkulische Mut gebiert zuweilen das Eingeständnis von Sinnlosigkeit, so dass die beiden 70

Flüchtenden auch von Zweifeln geplagt wurden, die an ihnen nagten wie die Biber an Bäumen. Mit gesenkten Köpfen stolperten sie über Baumwurzeln und stießen leises Jammern aus. Der Hunger peinigte sie immer mehr. In den letzten Tagen waren alleine gefrorene Rübschalen, Buchnüsse und bittere Wurzeln, die sie aus der Erde gegraben hatten, ihre Nahrung gewesen. Nun wussten sie nicht, was schlimmer war: Hunger oder der Frost. In den Monaten der Gefangenschaft waren die Menschen zu Wölfen geworden, die einzig dem Trieb gehorchten. Dem Trieb nicht zu sterben. Dem Trieb, den Hass am Leben zu erhalten, um sich an all jenen zu rächen, die das Inferno entzündet hatten. Dem Trieb, endlich wieder was in den Magen zu bekommen. Gertz und Hollaender erlaubten sich eine Pause und ließen sich einfach in den Schnee fallen. „Jetzt einfach liegen bleiben und ruhig zu schlafen“, stöhnte Hollaender, der vollkommenen Erschöpfung nahe. Sein Freund fand schneller wieder zu Verstand und schrie: “ Nein. Nein!! Wenn wir hier liegen bleiben, erleben wir den Tag nicht mehr. Wir haben es bald geschafft, das spüre ich, ich weiß es“. Sie rafften sich mühsam wieder auf ihre schwachen Beine, sie erstrahlten beim Anblick des unschuldigen Scheins des Morgens. Der Nebel trat aus tausend Quellen, waberte mal hoch bis fast in die Baumkronen, mal tief bei den Gräsern, suchte seinen Weg zu einem Bachlauf in der Schlucht, die die Männer eben überquert hatten, bis ihn die fröhliche Sonne ungnädig vertrieb. Auch die hohen Wolken verzogen sich allmählich und gaben den Blick frei auf das glückliche Violett des jungen Tages, das sich am Himmel breit 71

machte und dem Morgen den Weg ebnete. Hollaender und Gertz fühlten sich in der Gegenwart angekommen. Die Gegenwart hatte jedoch nichts als beißende Kälte und Hunger für sie. Auf den lauen Hauch der Hoffnung folgte eisige Verzweifelung. Sie taumelten im Schnee, sie stützten sich gegenseitig. Sie hatten keinen Wunsch außer dem, nicht doch noch eine Kugel in den Leib zu bekommen. Der Schnee blieb weiß. Kein Blut färbte ihn. Sie gingen und gingen und die glückliche Gewissheit wuchs trotz aller hartnäckigen Zweifel, den Weise entsprungen zu sein. Es war etwa Sieben Uhr in der Früh, als die Fliehenden den Waldrand erreichten und eine frische Spur im Schnee entdeckten. Sie ließ auf einen Weg schließen, der unter der Schneedecke verborgen war und den nur die Einheimischen kannten. Fußspuren, die gekreuzt wurden von denen eines Tieres, vielleicht eines Hundes, versprachen den Männern eine Richtung. Sie stapften hinterher. Die Sonne stand niedrig am Horizont und goss ihr mehlwarmes Licht über die schneebedeckte Landschaft. Die diffuse Helligkeit drang durch das dürre Geäst bis tief in den Wald. Hollaender und Gertz folgten der Schneespur wie der Neigung eines leicht abschüssigen Pfades und hingen ihren Gedanken nach, die durcheinander geworfenen Mosaiksteinchen glichen und kein deutliches Bild ergaben, weder von dem, was geschehen war, noch von dem, was sein wird. Sie zogen flüchtig und leise vorüber wie die Schleierwolken, die das Blau des Himmels filterten. „In Auschwitz sangen keine Vögel, und hier an dieser gottvergessenden Stelle auch nicht“, fiel es aus Gertz heraus wie Erbrochenes. Hollaender schaute sich erstaunt um, sah in das ausgemergelte Gesicht seine Kameraden, erschrak, dachte daran, dass er genauso aussah wie der Freund 72 Mördern doch auf so unerklärlich einfache

und sagte schließlich lakonisch: „Im Winter gibt es keine Singvögel. Im Übrigen habe ich Hunger“. Sie trotteten weiter, das Wetter verschlechterte sich, Nebel zog auf, der sich in dicken Matten herab senkte. Die Sonne klebte faul am Himmel, sie war nur zu erahnen. Das Ende des Waldes war erreicht. Eine zeitlang wanderten die Freunde am Waldrand entlang, als sie in der Ferne, schwach vom Tageslicht erleuchtet, ein flaches Gebäude aus dem Nebel ragen sahen. Aus einem gemauerten Schornstein stieg in dünnen, hellbraunen Fahnen Rauch empor, der sich mit dem Nebel mischte. Ihre Freude war so groß, dass sie sich innig umarmten und im Schnee tanzten, den Pfad schnell verließen und ungestüm quer über das Feld zu dem Häuschen liefen. Gertz, der schneller war als Hollaender, brach in einen zugefroren Bachlauf ein. Hollaender eilte herbei, half seinem Kameraden aus der misslichen Lage, beide purzelten in den Schnee und lachten wie Kinder. Aus etwa hundert Metern Entfernung bemerkten sie, dass es sich bei dem Häuschen um einen Teil eines Gehöftes handelte. Rechts neben dem Wohnhaus lehnte ein stabiler Schuppen, fest gemauert und mit Dachziegeln gedeckt. Gegenüber befand sich ein drittes Gebäude mit flach geneigtem Dach. Alle Häuser zusammen bildeten ein Geviert, dessen Mitte ein Brunnen markierte. Sie bewegten sich vorsichtig auf eines der Häuser zu. Die erste Euphorie wich der Unschlüssigkeit, die sich unversehens einstellte, was sollten sie tun? Stinkend und verdreckt wie sie waren, machten sie es ihren möglichen Gastgebern nicht gerade leicht. Wer wollte schon zwei entflohene Sträflinge aufnehmen, die aussehen, als hätten sie Wochen in der Gosse verbracht?! So schlichen sie zunächst geduckt zu einem Fenster, kratzen Eis und Schnee beiseite und lugten ins Innere. Es war eine Werkstatt, in der allerdings, das war offensichtlich, schon lange 73

niemand mehr gearbeitet hatte. Staub und dichte Spinnennetze überzogen Werkzeug und Einrichtung, Gerümpel lag herum. Sie machten kehrt und schritten schnurstracks zum Wohnhaus. „Was soll uns schon passieren“, sagte Gertz halblaut. „Schlimmstenfalls jagen sie uns davon“, entgegnete Hollaender. „So ist es“. Sie waren gerade im Begriff an die Türe zu klopfen, als eine Frau öffnete. Misstrauisch öffnete ein Frau, die auf den ersten Blick weder jung noch alt aussah, vorsichtig die Tür. Sie beäugte die beiden Kerle von oben bis unten mit abschätzendem Blick. Gertz setzte ein Lächeln auf, das eher einem Grinsen glich. Hollaender ergriff die Initiative. Da er sich mit seinem Kameraden immer noch auf polnischem Territorium wähnte, grüßte er die Frau auf polisch, so freundlich er konnte. Diese Freundlichkeit hätte er sich gar nicht mehr zugetraut, gestand er ein. Nicht ohne Stolz wand er sich kurz zu Gertz mit der Absicht, Zuversicht auszustrahlen. Er zwinkerte ihm zu. Während er seinen Monolog wieder aufnahm, wrang er mit zwei Händen sein schmutziges Häftlingskappe so heftig, dass der spröde gewordene, billige Stoff fast zerriss. Natürlich konnte Hollaender kein Polnisch, nur zur freundlichen Anrede hatte es gereicht, so dass er Deutsch sprach, aber immer wieder einen Brocken Polnisch einstreute. Was seinen verkrusteten Lippen letztlich verließ, war nichts als unverständliches Gestammel. Der Ton macht die Musik, überlegte er sich, das ist auch in Polen nicht anders, und so unterlegte er seine Stimme mit fast zärtlichen Beiklang. Gertz schüttelte verständnislos den Kopf. Die Frau schien nichts verstanden zu haben, nicht einmal Hollaenders Friedensangebot, das untermalt war mit schmeichelnder Stimme. Plötzlich hob die Frau zu einer wüsten Tirade an. 74

Ihre Stimme überschlug sich, sie fuchtelte mit den Armen und bedeutete den Eindringlingen zu verschwinden. Ihr Geschrei zerriss die

nachmittägliche Ruhe. Weit reichte der Schrei nicht, denn der Schnee schluckte den Schall und schüttete ihn in seinen dicken Teppich. Nun riss Gertz der Geduldsfaden, er hatte genug von dem Palaver. Er sprang nach vorn, stieß dabei Hollaender beiseite, packte die Frau und drückte sie in die Stube. Hollaender griff nicht ein. Eine Weile verharrte er, warf dann die Türe hinter sich ins Schloss. „Halt dein Maul“, brüllte Gertz in deutschem Befehlston, dabei drohte er ihr mit der Faust. Sie las in seinem Gesicht, dass mit ihm nicht zu spaßen sei. Nachdem sich die Frau allmählich beruhigte, ließ Gertz von ihr ab und wies auf einen Hocker neben dem heißen Ofen, in dem ein knisterndes Feuerchen loderte. Die Bäuerin gehorchte, ließ sich auf den Schemel plumpsen und blickte still vor sich auf den Boden. „Verstehen sie deutsch?;“ wollte er wissen. Die Frau schüttelte den Kopf. “Ha, ein wenig sicher doch, nicht wahr“, freute sich Gertz. „Wir“, er zeigte mit dem Finger auf sich und seinen Freund, „haben Hunger und wollen uns nur ein wenig aufwärmen und ausruhen, verstehen sie“, dabei rieb er mit der flachen Hand seinen Bauch: „Hunger, kalt, capito?“ Die Bauersfrau, die den Männern so merkwürdig ohne Alter vorkam erhob sich, ging gar nicht plump wie eine Bauersfrau, sondern federnd, zum Tisch und lupfte den Deckel eines Topfes, der auf einer grob gezimmerten Anrichte stand. Der Raum füllte sich sogleich an mit dem Wohlgeruch von gekochtem Weißkohl, Kartoffeln und Zwiebeln. Vollendet empfanden die Männer den Essensdunst, als sie von einem Hauch Majoran und Kümmel in

75

der Nase umschmeichelt wurden. Hollaender verdrehte verzückt die Augen zur Zimmerdecke und leckte sich vor Vorfreude die Lippen. „Da haben wir aber ins Schwarze getroffen mein lieber Paul“, rief er zu seinem Freund hinüber. Er nahm der Frau den Deckel aus der Hand und warf einen gierigen Blick in den Topf. Als wäre nichts geschehen, als hätte sie an diesem Tag auf die beiden Flüchtlinge mit dem Essen gewartet, so ging sie nun zu einem Wandschrank, entnahm zwei Teller und hölzerne Löffel und arrangierte das Geschirr auf dem Tisch. Paul ermahnte seinen Freund, sich nicht vom nagenden Hunger verleiten zu lassen. „Sonst ist das deine Henkersmahlzeit, glaub mir. Wir sind das Essen seit langem nicht mehr gewöhnt. Wenn du zu schnell und zu viel schlingst, zerreißt’s dir das Gedärm, dann galoppiert die Trommelsucht, und nicht einmal ein Pfund Glaubersalz wird dir dann helfen können“. Die Frau plapperte Unverständliches. „Ja, hol uns was zu trinken“, unterbrach Gertz sie ungerührt. Hollaender stopfte indes, ohne auf den freundschaftlichen Rat zu hören, eine große Portion Eintopf in sich hinein und hielt nur kurz inne, als ihm die Bäuerin ein Glas mit klarer Flüssigkeit hinstellte. Noch mit vollem Mund blickte er zu ihr auf, roch kurz an dem Glas, nickte Gertz zu, „Schnaps“, sagte er strahlend. Er trank das Glas in zwei Zügen leer, verlangte noch eins und schüttete auch dies mit kräftigen Schlucken in sich. Er leerte seinen Teller und leckte die Rest auf. Eine bleischwere Müdigkeit überfiel die beiden Kameraden nach dem Mahl. Sie ließen sich noch einmal die Gläser füllen, prosteten sich satt, beschwipst und glücklich zu und kippten auch diese Portion in ihre Mägen auf den sauren Kohl, der schon beträchtlich zu rumoren begonnen hatte.

76

Wenn vor wenigen Stunden die bewaffneten Schergen ihr einziger Feind gewesen waren, so gesellte sich jetzt der Schlaf hinzu. Der Schlaf lieferte sie aus. Wie konnten sie wissen, was die Bauersfrau vorhatte. Vielleicht rückte bald der Bauer an mit einem Trupp bewaffneter Verstärkung an. Darüber hatten sie in keiner Minute des Schlemmens nachgedacht. Oder die Bäuerin. Sie könnte sie im Schlaf erstechen, mit einem der langen Messer, die in einem Holzklotz griffbereit steckten. Der Schlaf ließ sich nicht überlisten, auch nicht durch Angst und Vorsicht. Eskortiert von heftigen Darmwinden, die der Kohl in ihren Mägen entfacht hatte, schliefen sie ein. Gertz als erster. Er fiel vorn über, und sein Kopf senkte sich in den leeren Teller. Hollaender bedankte sich etwas umständlich bei der Bäuerin, sie antwortete mit einem gequälten Lächeln, er stotterte eine Entschuldigung hervor, dass der Kamerad im Teller schlief, schleppte sich auf die kleine Bank neben dem Ofen und schloss ebenso schnell die Augen wie sein Freund, der im Traum von den Häschern gefasst wurde. Hollaender träumte nicht.

Henry Lantz hatte sich bei seinem Freund recht gut eingelebt. Wenngleich ein bitterer Beigeschmack verblieb. Er kam aus der Rolle des Gastes, also desjenigen, der sich zu bedanken hatte, nicht heraus. Die Großzügigkeit und einnehmende Jovialität seines Freundes belasteten ihn. Er schrieb vor, was zu geschehen hatte und was nicht. Er bestimmte die Freunde, die gerne gesehen waren, und sortierte die aus, die er aus den Augen haben wollte. Seine perfide Methode den Freund gewissermaßen als armen Verwandten zu behandeln, durchschaute Henry nicht. Henry sah von allen Zügen, die unter der Fuchtel Arnos abfuhren, stets nur die drei großen roten 77

Schlussleuchten. Arno war unernst und leichtlebig geblieben auch nach seinem Wandel zum fleißigen Studenten der Jurisprudenz. Er folgte nur einer Richtung: seiner eigenen. Nun, tröstete sich Henry, die Richtung alleine besitze keinen Wert. Erst in Verknüpfung mit einem Ziel gewinnt sie Bedeutung. Arnos Vater, dieser kleinadlige Advokat, an dessen Dünkel er mit unangenehmen Erinnerungen zurückdachte, wird seinem Filius die Ziele beizeiten eingebläut haben. In bitterer Stimmung saß Henry an seinem Schreibtisch. Draußen lebte ein jubelheller Nachmittag, wie geschaffen zum Aufbruch. „Was Hollaender jetzt wohl macht?“, überlegte er. Hollaender band sich eine Krawatte um, zog den Knoten fest, zupfte ihn zurecht, strich sich mit einem Kamm durch sein graues Haar und nickte sich zufrieden im Spiegel zu.

„Herr Hollaender, sie unterbrachen sich, als sie mit ihrem Freund Gertz bei der Bäuerin eingeschlafen sind“. „Ja“, sagte Hollaender, „wir waren eingeschlafen. Ich war betrunken und hundemüde“. „Darf ich sie heute einladen?“, fragte Henry zuvorkommend. „Ja, machen sie nur. Ich nehme die Einladung an“.. „Was denken sie über den Tod, junger Mann?“ Henry überlegte längere Zeit an einer Antwort und fragte sich gleichzeitig, was Hollaender mit dieser Frage beabsichtigte. „Ich habe keine Ahnung davon“, antwortete er schließlich. Dabei schwang Beklommenheit in seiner Stimme. „Der Tod ist so weit weg, ich fühle nichts, keine Berührung. Ich denke darüber nach. Rational betrachtet wird 78

der Tod das Ende sein. Staub zu Staub. Zwischen dem ersten Schrei und der unendlichen Stille am Ende hebt und senkt sich der Vorhang des Welttheaters, Applaus im Publikum, auf der Bühne Zufriedenheit. Alles, was vorher geschieht und danach, in der großen Stille, ist Geschichte für die Überlebenden, die sich gerade zwischen erstem Schrei und großer Stille befinden, auf der Bühne wie im Publikum. Wissen sie Herr Hollaender, wie ich mir seit frühester Kindheit die Unendlichkeit vorgestellt habe?“ Hollaender schüttelte den Kopf. Er hatte dem jungen derlei Geistesgut eigentlich gar nicht zugetraut. „Nun denn, Junge, erzählen sie mal,“ forderte er ihn auf. „Mein Vater nahm mich früher manchmal an Sonntagen mit ins Museum, die Kunst des 16. Jahrhunderts hatte es ihm angetan. Und als ich also die Werke von Brueghel, Riemenschneider und Cranach sah, fragte ich den Vater, wie alt diese Kunst sei. Denn sie machte auf mich so einen frischen, jungen und unverbrauchten Eindruck. Da antwortete mir der Vater: „Fast 500 Jahre, mein Sohn, eine halbe Ewigkeit“. Als ich wenig später in der Schule lernte, dass die Ewigkeit unteilbar ist, hatte ich für mich die Definition von Unendlichkeit und Ewigkeit gefunden.“

„Mit ihrer Einschätzung sind sie recht weit vorgedrungen, wenngleich sie ausgesprochen theoretisch klingt. Es ist ganz so wie sie sagten, sie waren niemals in der Nähe des Todes,“ beschied ihm der Alte. „Zwei Glas Wein bitte“, rief Henry der Kellnerin zu, die sich ihrem Tisch näherte. Sie lächelte: „Von Herrn Hollaenders Bordeaux?“ Henry stellte sich die Kellnerin nackt vor, lächelte zurück und nickte.

79

„Was es über den Tod zu sagen gibt, ist ganz einfach“, begann Hollaender. „Wenn ein Mensch gestorben ist, entfernt sich sein Licht mit Lichtgeschwindigkeit von der Erde in den Weltraum zu einer

unerreichbaren Galaxie. Dort überlebt das Licht, unermesslich schwach. Das größte Problem mit dem Tod haben die Hinterbliebenen. Wenn das Licht vergeht, marschiert die Trauer ein. Aber nicht alles Licht vergeht, ein Rest verbleibt auf einem fernen Planeten. Trotzdem ist die Trauer gewaltig, weil die Menschen das ferne Licht nicht erkennen. Die Trauer würgt die Menschen, sie werden schwarzfarbig. Zuerst verlieren sie den Wunsch zu reden, bis sie schließlich die Worte vergessen haben. Glücklicherweise schreitet die Zeit immerfort, unaufhaltsam. Auf ihrem Weg trocknen die Tränen der Hinterbliebenen, die salzige Kruste bröckelt, und Kränze werden regelmäßig auf dem Grab abgelegt. Schon bald, nach wenigen Wochen oder Monaten kehrt das erste Lächeln wieder zurück. Die Lippen wachsen vom schmalen Strich zu roter Schwellung, die Augen sehen wieder klar, nachdem der Schleier vergangen ist und blicken in das normale Leben. Das Leben, das niemals aufhört, verdünnt die schwarze Milch der Trauer. Die Erinnerungen an den Verstorbenen wechseln aus der monochromen Kälte des Todes und seinem dicken Umhang, der Trauer, in die bunte Welt der aufklarender Wahrnehmung. Es gibt wieder Blumenwiesen unter blauem Himmel und gelben Sonnenschein“.

Henry hatte dem Alten zugehört ohne ihn zu unterbrechen. Der Alte leierte seine Küchenphilosophie herunter ohne Punkt und Komma, als hätte er sie auswendig gelernt oder schon hundertmal erzählt, dachte Henry abfällig. Aber sogleich, als würde er wach gerüttelt, schämte er 80 sich seiner

Engherzigkeit, als ihm die Familie des Alten einfiel und er die Gründe zu verstehen glaubte, die den Alten leiteten, solch einen offensichtlichen Unfug zu erzählen. Henry ließ ab. Er dachte nicht mehr daran, Hollaender zu widersprechen. Der Alte zwang den jungen Henry auf seinen Weg, und der fühlte sich eingekerkert, noch nicht einmal zu Unrecht.

Als Gertz und Hollaender erwachten, dämmerte es bereits. Der erste Tag in Freiheit verabschiedete sich. Hollaender sah sich im Zimmer um, das Feuer im Ofen war fast erloschen, nur ein kleiner Gluthaufen war übrig. Von draußen schlich die Kälte ins Haus. Während Hollaender Reisig in den Ofen schob, fragte er Gertz: „Wo ist die Frau?“ „Ich weiß es nicht. Ich bin selbst eben erst aufgewacht. Wie spät mag es wohl sein?“ „Vier oder fünf Uhr vielleicht.“ Sie reckten ihre steifen Glieder, starke Kopfschmerzen hämmerten hinter den Schläfen. „Was das wohl für ein Gesöff war“, fragte Gertz gequält. Sie riefen in die Wohnung, gingen von Zimmer zu Zimmer. Es blieb still. Das Zuhause der Bauern war sehr aufgeräumt und sauber. Das Ehebett ordentlich gemacht, Laken und Kissen straff gezogen, einladend. Gertz und Hollaender nickten sich angetan zu. Die Stube war ungeheizt. Ein Tisch, vier Stühle mit Kissen, ein zertretener Teppich, ein Regal mit Püppchen, der Familienbibel, einem Nachschlagewerk und einem Bilderalbum, dem Kreuz an der Wand, das war alles. Die Leute lebten in der Küche, die über eine niedrige Stufe ohne Diele in den gepflasterten Hof führte. Trotz der Bescheidenheit der kleinen Kate, die sich den Männern bot, verströmte die 81

Wohnung eine gemütliche Behaglichkeit, wie sie nur Frauen einzurichten in der Lage sind. Hier ein gehäkeltes Deckchen, dort eine schlanke Vase, die im Winter den Sommer versprach. Die Männer suchten weiter und stöberten in jede Kammer und Nische. In einer Pappschachtel entdeckte Hollaender ein paar vertrocknete Zigaretten. „Da schau mal Paul“, rief er aufgeregt : Zigaretten, stell dir vor Zi-ga-re-tt-en“. „Zeig her! Tatsächlich“. Sie ließen sich nieder, dachten einige Minuten lang nicht mehr an die drohende Gefahr, vergaßen sie, stattdessen rauchten sie. Solange sie rauchten und genussvoll Kringel in die Luft bliesen, fühlten sie sich sicher. Wie früher, dachte Hollaeneder. Die Frau indes blieb verschwunden. Ratlos standen die Männer da. ‚Sollte die Frau wirklich...war das schon das Ende? Ist die polnische Katholikin ausgezogen, uns zu verraten?’ Ihre Gedanken rasten wild. „Was ist, wenn...?“, beide begannen den Satz gleichzeitig, ...“die

verdammte Bäuerin die Polizei alarmiert, sich eine Belohnung verdienen möchte, indem sie zwei halbverhungerte, verlauste Flüchtlinge ausliefert? Vielleicht sitzt sie jetzt in diesem Augenblick auf dem Schoß des Polizeioffiziers und weint sich aus und beschreibt mit vielen Worten das Ungemach, das ihr die flüchtigen Verbrecher bereiteten“. Hollaender ging zum Fenster und kratze die Eisblumen vom Glas. So entdeckte er vor Gertz die Wagenspuren, die sich tief in den Schnee gegraben hatten und vom Hof in die weiße Weite führten. „Sieh nur“, rief er seinem Kamerad zu, „sie hat sich tatsächlich aus dem Staub gemacht, das verfluchte, durchtriebene Weib“.

82

„Wir müssen jetzt klaren Kopf behalten“, befahl Gertz. „Wir benötigen neue Kleidung, Schuhe, Mantel, all das“. Hollaender fühlte sich plötzlich vollkommen niedergeschlagen. Wo sollen wir hin? Es ist aus, aus’, wankte er in Verzweifelung. Ohne Gertz hätte er womöglich sein Schicksal in Gestalt eines polnischen Polizeibeamten klag- und widerstandslos erwartet. Er wollte aufgeben. Gertz trieb ihn an, sich auf keinen Fall aufzugeben. „Überleg doch“, schrie er , „wir haben es längst nicht geschafft. Das war doch klar. Nur ein Kindskopf wie du kann annehmen, dass unsere Flucht mit dem Verlassen des Zuges ein Ende haben würde. Unser Kampf ist noch lange nicht zuende. Erst wenn wir wieder am Herd der Mutter in Berlin stehen, sind wir in Sicherheit“. Hollaender fügte sich. In einer Truhe, die sich in der Schlafkammer befand, fanden sie zusammen geknüllte Sträflingskleider: zwei gestreifte Jacken und zwei lapprige Hosen. „Kennst du das?“, fragte Gertz. „Wir sind offenbar nicht die ersten, die diesem Weibsbild einen Besuch abstatten“, stellte er ungerührt fest. Als sie den Schrank öffneten, kam ihnen der strenge Geruch von Mottenpulver entgegen. Die Ausdünstung akkurater Ehrsamkeit erinnerte sie an ihr früheres Leben, das sich so weit von ihnen abgewendet hatte, dass es nicht mehr zu ihnen gehörte. Ihr altes Leben verpuffte in diesem Geruch von Mottenpulver. Dieses Leben schien für immer ausgelöscht. Sie waren zu elenden Flüchtlingen geworden, die in jedem Menschen einen Todfeind erblickten. Im Schrank wurden sie fündig. Ordentlich über Bügel straff gezogen warteten Jacken und Hosen, eine Auswahl Krawatten mit

Vorkriegsmustern, geplättete Kragen und gesteifte Hemden auf ihre neuen 83

Besitzer. In einem Seitenfach standen Schuhe, die in ihrer rustikalen Derbheit den übrigen fast elegant erscheinenden Kleidungsstücken auf merkwürdige Weise widersprachen. Die Kleider waren offenbar lange nicht getragen worden, denn die menschlichen Gerüche, die Kleidungsstücken normalerweise anhaften, hatten sich verflüchtigt. Zurück im Schrank blieben Klamotten, die nach nichts, außer nach Mottenkugeln rochen. Nachdem sich die Männer den gröbsten Schmutz vom Leib geschrubbt hatten, sprangen sie in die neuen Kleider und verwandelten sich sogleich in zivilisierte Menschen. Fast sahen sie so aus wie früher, wenn sie nicht gar so kläglich abgemagert daher kämen, die Haut über den Wangen gespannt und mit stumpfem Blick aus tiefdunkel geränderten Augen. Wie kleine Jungen posierten sie vor dem Spiegel; sie konnten kaum fassen, was sie dort sahen. Nachdem sie fertig waren, stiegen sie die steile Treppe wieder hinab in die Küche. Sie waren noch nicht unten angelangt, fuhr ihnen ein gewaltiger Schreck in die Glieder. Die Bäuerin war zurückgekehrt. Damit hätten sie nie gerechnet. Und sie kam alleine. Die Frau betrachtete sich die neu eingekleideten Männer genau, während Paul und Alfred wie ertappte Diebe beschämt zu Boden schauten. Sie klopfte sich den Schnee, den sie von draußen mitgeschleppt hatte, vom Mantel und gab sich gelassen, so als sei es das Normalste auf der Welt, dass fremde Männer in ein Haus eindringen, sich die Bäuche mit fettem Eintopf voll schlugen und die Kleider des verschollenen Hausherrn auftrugen. Sie sagte nichts, lächelte stumm in sich hinein, wie eine Mutter, die sich insgeheim über die Scherze ihrer kleinen Jungen amüsiert, obwohl sie eigentlich schimpfen müsste. Sie hatten einen schweren Korb mit ins Haus gebracht, der gefüllt war mit Besorgungen aus dem Dorf. Sie bedeutete den beiden, ihr gefälligst zu 84

helfen. Der Wagen war noch nicht abgespannt. Die Gäule warteten mit gesenkten Köpfen und schnaubenden Nüstern, die weißen Dampf hervor stießen, auf ihre Kutscherin. Als die Bäuerin eben damit beschäftigt war, umständlich den dicken Mantel abzustreifen, sprang Gertz sie ohne Vorwarnung mit einem katzenartigen Satz an und riss sie zu Boden. Er verkrallte sich in ihren Haaren und wie trunken von Gier und Hass riss er ihr die Kleider vom Leib, seine Hände zitterten und Speichel sammelte sich in seinen Mundwinkeln und auf den Lippen, die dadurch weiß wurden. Hollaender erschrak im Angesicht dieses Ausbruches, den er sich nicht erklären konnte. ‚Der Kamerad hat Schaum vorm Maul’, dachte er. Die Frau lag unter Gertz, mit seinen Knien hatte er sie fixiert; sie schrie, er schrie, die Stimmen überschlugen sich, es herrschte ein schauderhaftes Geschrei. Sie quietschte wie ein Ferkel, das vom Schlachter abgeholt wird. Gertz sah ihren Körper, den er ruppig aus den Kleidern schälte, wie er himmlische Anmut und Liebreiz strahlte. Wild wühlte er sich in ihren Körper, Hollaender griff nicht ein, er stand nur teilnahmslos herum und wusste nicht so recht, was er in diesem jetzt tun sollte. Da tat er lieber nichts. Gertz drang in die Bäuerin ein, sie schrie und strampelte wild mit den Beinen und trat mit den Füßen, die noch in den Stiefeln steckten, ins Leere. Danach ließ Gertz von der Bäuerin ab, rollte von ihr und blieb neben der geschändeten Frau auf dem Rücken liegen und starrte an die Zimmerdecke aus ungehobelten Bohlen, als gäbe es dort etwas zu entdecken. Sie wand sich rasch und in voller Geistesgegenwart von ihm ab. Ihre hochgezogenen, beiseite gezerrten und zerrissenen Kleider hingen von ihr herunter, sie wand sich wie ein Wild im Todeskampf. Sie kam schneller als es Gertz lieb sein konnte auf die Beine. 85

Vor seinen Augen zuckte plötzlich ein sonnenheller Blitz , dann folgte ein dumpfer, gewaltiger Hieb, der ihm alle Kraft raubte. Ein pochender Schmerz begrub seine Gedanken, Blut floss aus einer klaffenden Wunde am Kopf. Zuerst tropfte es auf den gestohlenen Anzug, dann quoll es in dicken Strömen, bis sein Körper leer gepumpt war und bleich auf dem Boden lag. Er zuckte heftig, verdrehte die Augen nach dem Freund, sah ihn nicht, war geblendet nach dem Schlag. Danach erstarb sein Wille. Er hatte alles überlebt, nicht aber die Bauersfrau, die ihm mit der Axt den Schädel zertrümmerte. Als er sich beim Anblick der Frau, der ersten richtigen Frau seit Jahren, seiner Manneskraft und seinem brutalen Trieb überlassen hatte, war es um ihn geschehen. Er hatte überlebt, weil er klug gedacht und gehandelt hatte, bist auf das eine Mal in der Kate. Die Frau nutzte den einen Augenblick, in dem sich Hollaender schamhaft von dem Paar abgewendet hatte, um die Axt zu ergreifen, um sich an dem Vergewaltiger in wilder Wut zu rächen. Hollaender konnte seinem Kamerad nicht mehr helfen. Das Leben von Paul Gertz endete mit 31 Jahren, halb verhungert, nach seinem letzten Samenerguss auf dem staubigen Fußboden eines Bauernhauses. Mit demselben Mordwerkzeug, durch das sein Freund vom Leben zum Tod gebracht wurde, beendete Hollaender, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, das Leben der Bäuerin. Wieselflink hatte er ihr die Axt entwunden und ihr mit einem Hieb den Schädel gespalten. Er wunderte sich darüber, wie das Werkzeug den Kopf so leicht spleißte, wie Holz, das gespaltet wird. In zwei Hälften klappte das Gesicht auseinander. ‚Sollte sie einen Ehemann gehabt haben, er würde sie jetzt nicht wieder erkennen’. 86

Nass geschwitzt und unter großer Anstrengung schleppte er die beiden Leichname zum Hinterausgang. Dort draußen, unter einem Misthaufen, versteckte er die Körper. Nach kluger Überlegung bedeckte er die Leichen mit stinkendem Mist in der Hoffnung, dass der Verwesungsgestank nicht in die Nasen seiner Verfolger dringen möge und ihm ausreichend Vorsprung verschaffte. Erschöpft kehrte er zurück in die Stube und ließ sich auf einen Schemel neben dem Spülstein sinken. Die Arbeit hatte seine Kräfte überstiegen. ‚Was um Gottes Willen ist geschehen? Was soll ich jetzt tun?’, hämmerte es in seinem Kopf. Er wünschte sich in diesem Moment die Entschlossenheit und das strategische Vermögen seines Freundes, das Richtige zu tun. Leer, mit grauem Gesicht, verzweifelt und blutverschmiert saß er eine ganze Weile mit gesenktem Kopf auf dem Dreibein. Irgendwann beschloss er, einfach sitzen zu bleiben, regungslos, bis jemand käme und das tue, zu was er nicht fähig war: seiner erbärmlichen Existenz ein gnädiges Ende zu bereiten. Als er so da saß in tiefster Bedrückung und voller Selbstmitleid, pochte es laut an die Türe. Ein Mann mit einem dichten Schnurrbart und einer lächerlich wirkenden Uniformmütze, die nicht richtig auf seinen Kopf passte, zu groß war für seinen Schädel, schaute neugierig durch das Fenster. Es war Pjotr, der einfältige Dorfpolizist, vielleicht war er auch gar kein richtiger Polizist. Auf seiner täglichen Runde hielt er stets Einkehr bei der Bäuerin, um nach dem Rechten zu sehen. Er besuchte die fidele Bäuerin gerne, sie gefiel ihm, er wusste, dass sie alleine wohnte mit der ganzen Arbeit auf dem Hof, seit der Bauer nicht mehr da war. Mit einem Gläschen pflegte sie ihn zu empfangen, um ihn alsbald, nach einer Plauderei, zu verabschieden. 87

Als er keine Regung aus dem Hause vernahm, klopfte er an die Scheibe. Nichts. Der Mann verschwand kurz, um wenig später mit einem lauten Krachen mitten in der Stube zu stehen. Mit einem festen Tritt hatte er die Türe geöffnet. Sofort sah er die frische Blutlache auf dem Boden und Hollaender zusammengesunken auf dem Schemel neben dem Spülstein. Hollaenders Herz sprang so heftig in seinem Brustkorb auf und nieder, dass er fürchtete, der Gendarm, als eine würdige Amtsperson glaubte er den Mann erkannt zu haben, könne seine Furcht erkennen und ihn einer schlimmen Tat verdächtigen. Der Mützenmann machte gar nicht den Versuch deutsch zu reden. Das, was er zu sagen hatte, wäre in jeder Sprache zu verstehen gewesen.

Hollaender und Gertz waren, wie sie vor dem Kleiderschrank

richtig

erkannt hatten, nicht die ersten Besucher der Bäuerin. Gerade einmal drei Wochen vor ihnen gelangten zwei Entflohene in die Gegend und erbaten von der Bäuerin Hilfe. Sie gab ihnen Obdach und zu Essen, bis sie gestärkt wieder in die Wälder verschwanden.

Nun stand der Polizist mitten in der Stube, das Feuer im Ofen war fast erloschen. Hollaender saß auf dem dreibeinigen Schemel, ängstlich wie ein kleiner Junge, auf den bald eine ordentliche Tracht Prügel niedergehen wird. Der Polizist brüllte mit Leibeskräften durch den Raum: „Was ist hier los?“. Er befürchtete, der Bäuerin könne etwas zugestoßen sein, und dieser Kerl hätte etwas damit zu tun. ‚Was hat der Fremde hier zu suchen?’

88

Wie durch Watte drangen die Worte zu Hollaender auf dem Schemel. Zögernd erhob er sich. Jetzt, so überlegte er, würde sich das Schicksal erfüllen, der Kreis sich schließen. Aber es kam anders. Plötzlich kehrte sein Wille und die unbändige Kraft Leben zu wollen zurück, und verliehen ihm unbändige Kräfte. Kräfte, er wusste nicht woher, die auslöschen wollten. So wenig wie die bedauernswerte Frau, Witwe eines ständig betrunkenen Bauern, der sie schlug, gegen Hollaenders todbringende Wut bestehen konnte, so wenig rechnete der Gendarm mit dem pfeilschnellen Angriff des zu allem entschlossenen Flüchtlings Alfred Hollaender, 32 Jahre alt, aus Berlin stammend, verwitwet und von Einsamkeit umschlossen. Um keinen Preis mochte er jetzt mehr aufgeben, nicht jetzt, nicht nach dem Verbrechen, das er begangen hatte, nicht nach all den Tantalusqualen, die er erduldete mit breitem Kreuz, auf dem noch die Peitschenhiebe brannten. Hollaender ergriff eine hinter ihm auf dem Tisch stehende Flasche, die mit irgendetwas gefüllt war und schleuderte sie ohne zu zielen auf den Gendarmen. Die halbvolle Flasche traf den armen Mann mitten auf die Stirn. Er torkelte, und fiel so langsam um, wie eine gefällte Fichte. Ein rundes Loch sprang auf und trat Blut hervor, das dem getroffenen in einem breiten Strom übers Gesicht rann.. In einem tranceähnlichen Zustand hatte ihn der Flüchtling Hollaender, der zum Mörder geworden war, niedergestreckt. Er stand auf, betrachtete sein Opfer ungläubig, wollte nicht glauben, dass er es war, der den Gendarmen erledigt hatte. Er geriet in Panik. Was tun, wenn der Mann gar nicht tot war? Seine Gedanken überschlugen sich. Eine endgültige Entscheidung musste getroffen werden, entschied er. Er ging zum Schrank, öffnete eine Schublade nach der anderen bis er ein Messer gefunden hatte. Er nahm die Waffe, mit der die Bäuerin 89

am Vortag das Essen bereitet hatte und stieß es dem Ohnmächtigen in die Brust. Drei, vier, fünf mal rammte er das Messer dem Unglücklichen tief ins Herz. Es war ein fürchterliches Gemetzel, das in der Bauernkate im Winter 1945 stattfand. Das Blut spritzte in alle Richtungen und der Gendarm stöhnte und seufzte bei seinen letzten Atemzügen. Hollaender ließ sich zu Boden fallen. Er konnte nicht mehr denken, alles strebte von ihm weg, zuerst die Freiheit, schließlich die Hoffnung und, ‚verdammt’, fluchte er in sich hinein, ‚das Leben’. Das hatte er nicht beabsichtigt. „Nein, nein, nein“, schrie er. „Wir wollten doch nur etwas zu essen und schlafen, eine kurze Zeit innehalten auf der Flucht“, winselte er. Niemand hörte sein Klagen. Er tanzte mit drei Toten. Er war ein Doppelmörder geworden, im Krieg. Nach einiger Zeit nahm sein Verstand die Arbeit wieder auf. Zuerst, dem Fluchtreflex folgend, wollte er in den Wald verschwinden. Abhauen, irgendwo hin, in einen Fuchsbau, in eine Höhle, klein sollte es sein, ganz klein, so klein und niedrig er sich fühlte, einfach nur verkriechen. Als er aber den Pferdewagen der Bäuerin sah, sprang er kurzentschlossen auf den Kutschbock. Noch nie hatte er ein Fuhrwerk gesteuert. Jetzt ließ er die Zügel knallen, löste die Bremse und raste vom Hof. Viel zu schnell fuhr der klapprige Wagen und die Pferde, obwohl noch müde von der Fahrt mit ihrer Herrin aus dem Dorf zum Hof, stürmten voraus, gehorchten ihm nicht. Er stemmte sich ins Geschirr. Sie galoppierten so schnell, als wollten sie vor dem Wagen mit Hollaender auf dem Bock fliehen. An der Einbiegung der langen, holprigen Zufahrt zur Landstraße kippte der Wagen und Hollaender flog in hohem Bogen in eine Schneewehe. Benommen blieb er liegen. Die Tiere zerrten in zügelloser Flucht den auf die Seite gefallenen Karren hinter 90

sich her, dabei brach eine Achse, ein Rad löste sich und rollte davon. Hollaender steckte im tiefen Schnee und hatte Mühe das Weiß des Schnees von der Helligkeit des Tages zu unterscheiden. Wieder überkam ihn das Gefühl, einfach das Unabänderliche geschehen zu lassen. Aber er kam wieder zur Besinnung, kroch er aus dem Schnee, wunderte sich, dass er noch lebte und lief wieder zurück zum Hof. Er mochte den Gendarm nicht einfach liegen lassen und entschloss sich, ihn zu den beiden anderen zu schaffen. Unablässig murmelte er wirres Zeug vor sich hin. „Niemand kann mir etwas nachweisen, weder den Tod an der Bäuerin noch des Tod des Gendarmen. Ich bin das Opfer! Jawohl!! Warum tut Gott uns das an, warum tut er mir das an? Weißt du, Rosa, ich konnte ja gar nicht anders, als die Frau und den Gendarmen zu töten. Ich hab’ es für dich getan, für dich und Frieda, ja, genau so war es. Ich werde leben, damit ihr lebt. Ach, die Krähen und das andre Federvieh...ich muss die Schweine füttern. Ob der Winter je vergeht, der Schnee schmilzt, die Bäume, Sträucher und Wiesen wieder blühen? Es wird ewig Nacht bleiben, und Winter, kalt und still für immer. Kein Feuer wird mich noch einmal wärmen können.“ Er wartete die Nacht ab. Schauder beschlich ihn. Er schritt zum Ofen und entfachte das Feuer. Es knisterte und im Raum verbreitete sich schnell wohlige Wärme. Sobald er die Augen schloss, sah er Paul, die Bäuerin und Gendarmen umher tanzen und sich ihren Verletzungen zeigen. Dabei lachten sie und verhöhnten den Überlebenden. Warten, das war seine einzige Möglichkeit. Er fand ein Glas und auch eine Flasche Selbstgebrannten. Es war die Flasche, aus der er mit seinem Kamerad auf ihre Flucht angestoßen hatte. Er prostete sich selber zu. Mit 91

einem Zug leerte er das Glas und dann noch eins. Seine Taten ließen ihn nicht ruhen, er wanderte unablässig umher. Im Hof, unter einer Remise, liefen einige Hühner umher, zum Eierlegen war es ihnen zu kalt. Sie scharrten gackernd im Dreck. Hollaender zählte sie. Es waren sieben. Krähen senkten sich sanft auf die Erde, in der Hoffung ein Körnchen Nahrung zu finden, flatterten auf, landeten wieder, schlugen kraftvoll mit den Flügeln, bis sie hungrig auf den blattlosen Pappeln an dem kleinen Bachlauf rasteten. Er trank den Rest aus der Flasche. Ihm wurde übel, alles begann sich zu drehen. Durchsichtig wie Geister liefen die Ermordeten im Zimmer umher. Der Schnaps erlöste den Mörder Hollaender nicht. Die Toten lachten über ihre Verletzungen, die beiden hatten sich miteinander angefreundet. Hollaender sah, wie Gertz der Bäuerin seine Wunde zeigte. Sie besprachen sich. Mit medizinischem Sachverstand diskutierten sie mögliche Behandlungsmethoden. Hollaender sah zu wie sich die blutüberströmten Geister innig liebkosten und ihre Verletzungen aneinander rieben bis das Blut sich zu einem breiten Strom röter Brühe vermischte. Der Schwanz des toten Gertz, der vor kurzer Zeit kläglich versagte, drang jetzt mit kräftigen Stößen in die tote Bäuerin ein. Die Wirklichkeit marschierte mit lauten Tritten in seinen Traum und vertrieb ihn. Verstört erwachte Hollaender. „Wie spät es wohl war?“. Er hatte keine Uhr. Die Sonne stand noch über einem anderen Kontinent, weit entfernt war ihre Helligkeit und ihr Trost. Bis sie ihr dämmriges Gold dem unglücklichen Mörder schenkte, vergingen noch einige Stunden. Noch bevor ein Sonnenstrahl das erste Licht des Tages ins Zimmer warf, machte sich Hollaender auf den Weg. Eigentlich wollte er nach der missglückten Flucht mit dem Wagen den Tag abwarten, aber er trat in die bittere 92

Morgenkälte und verschloss die Türe, als ob das irgend jemanden interessierte. Jetzt fand er sich wieder dort, woher er gekommen war: nirgends und ohne Ziel. ‚Den Leidensgenossen in der Marschkolonne der Todgeweihten war es vielleicht besser ergangen’, barmte er mit seinem Schicksal. Er fühlte sich von Gott schmählich verlassen. Ihn begleiteten nur Eiseskälte, dürre Bäume, die ihr Geäst drohend reckten, armselige Gräser, die aus der Schneedecke neugierig nach dem Frühling suchten, auf seinem Weg ins Ungewisse. Hollaender stapfte im knietiefen Schnee voran. Er wusste nicht wie lange er gegangen war, als die Sonne endlich aufging. Sie milderte den Frost ein wenig und gab ihre friedlichen Strahlen frei, die den Himmel röteten, wie an jedem Tag von Anbeginn der Zeit, immer wieder von Neuem. Als weiche Kugel stieg das Gestirn aus dem nebligen Dunst und malte ihr neues Gemälde aus vielfältig gebrochenem Licht an den Himmel. Die Sonne wies ihm die Richtung. ‚Wenn ich jetzt meinen Schatten sehen kann, bin ich auf dem richtigen Weg. Westen. Die Saatkrähen und ein paar Raubvögel, riefen in die Stille. Sie kreisten hoch über ihm, er sah ihnen nach, träumte sich auf ihre Flügel, ‚ach, wie tröstlich’. Mit ihnen erwachte das karge, winterliche Leben. Immer wieder umschwirrten die Vogellaute den vorwärts Strauchelnden. ‚Ich verstehe ihre Sprache nicht’, dachte er vor sich hin und sah ihnen sehnsuchtsvoll nach. Von Ferne knallte plötzlich ein Schuss. Gepolstert durch den dicken Schnee hörte er sich an wie ein Peitschenknall in Moll. Hollaender hatte keine Furcht. Unverdrossen zog er weiter, geführt von den milden, rotgoldenen Strahlen, sein Ziel vor Augen, das ihm der Stern wies. 93

In diesen Tagen, als er einsam durch die ausgestorbene westpolnische Landschaft wanderte, dachte er oft an Paul, seinen Freund. Alles hatte er ausgehalten, sämtliche Folter und Hunger und Verzweifelung. Trotzdem fand er noch ein Versteck für seine Würde, die ihm kein Mensch rauben konnte. Aber dem Anblick einer Frau konnte er nicht widerstehen. Und nun war er tot, lag unter dem stinkenden Misthaufen samt der Frau und dem Gendarmen. Tagelang war Hollaender unterwegs. Als Schlafplatz suchte er sich verlassene Schuppen. Manchmal fand er Zuflucht in einem leeren Hof, dessen Besitzer geflohen waren oder ermordet. Dort wagte er auch Feuer zu machen. Er ernährte sich von vertrockneten Beeren und den spärlichen Essensresten, die er in den Vorratskammern der verlassenen Häuser aufstöberte. Als er noch mit seinem Freund zusammen unterwegs gewesen war, erzählte dieser ihm oft von seiner Schwester Ilse, die, das sagte Paul, Berlin nie verlassen hatte. Eines Nachts, als sie ohne Hoffnung aneinander gelehnt irgendwo saßen und den Tag frierend erwarteten, bat ihn Paul:“ Mein lieber Freund, ich vertraue dir. Sollte ich, was man in unserer Lage kalkulieren muss, nicht überleben, geh’ zu Ilse und kümmere dich um sie. Grüße sie von mir“. Das sagte er im Ton einer merkwürdigen Feierlichkeit, der etwas Prophetisches inne wohnte. „Erzähle ihr unsere Geschichte; erzähle allen Leuten, denen du begegnest, unsere Geschichte“. Paul sprach gerne von seiner Schwester Ilse, von ihrem Leben, ihren Freuden, ihrem Liebreiz und Schönheit, ganz so, als wollte er Hollaender auf eine künftige, überaus wichtige Aufgabe vorbereiten. 94

„Ja, Paul, ich werde deine Schwester finden und mich um sie kümmern. Ich will das für sie sein, was sie von mir wünscht“, antwortete Hollaender. „Du bist mehr als ein Freund für mich“, sagte Paul. „Wenn ich es überlebe und in die Freiheit komme, wem soll ich Grüße ausrichten“, fragte Paul nach längere Stille, in der nur das trockene Knarren des Frostes zu vernehmen war. „Du kannst niemandem Grüße von mir überbringen. Frau und Kind sind durch den Kamin. Brüder und Schwestern auch, oder verschollen, wer weiß das schon. Sie wandeln zusammen mit Vater und Mutter auf den Wolken, sehen zu uns herab und weinen, wenn sie unser Schicksal sehen“.

Daran dachte Hollaender in den Tagen, als er alleine auf der Flucht war. Ilse Gertz war zu seiner Freundin geworden, ein leuchtendes Ziel. Für sie sollte sich die Qual lohnen. Die unbekannte Ilse bedeutete ihm alles. Sie war zu seiner Begleiterin geworden am Tag wie in der Nacht und keine Macht der Erde konnte sie ihm entreißen. Nie im Leben hatte er sie gesehen, meinte aber, sie so gut zu kennen wie eine alte Freundin, mit der man eine fröhliche Vergangenheit teilt. Er malte sich aus, wie es wohl sein würde, wenn er sie endlich gefunden haben wird, er wünschte sich ihr strahlendes Lächeln, das aus funkelnden Augen frohlockt und nur ihm gilt.

Mit dem Adagio eines kaltblütiges Pferd näherte sich der Frühling. Es war März geworden. Äcker, Wiesen, Astwerk und Büsche befreiten sich langsam von der gläsernen Kälte. Überall tropfte das Wasser und ließ allmählich Rinnsale entstehen, die Bäche und Flüsse mit dem flüssig werdenden Winter anschwellen ließen. Eilig flossen die Gewässer über glatt 95

polierte Kieselsteine. Der harte Frostboden verwandelte sich allmählich in Morast, so dass das Fortkommen zur Mühsal wurde. Bis über die Knöchel sank Hollaender in den Schlamm. Das Tauwetter ließ sein Herz vor Freude hüpfen. „Ja, ja Ilse. So nah war ich dir noch nie“, sagte er beschwingt zu einem Wildschwein, das sich neugierig umschaute, und sich dann ins Unterholz verdrückte. Die Gegend, so meinte er, hatte sich verändert. Sie schien bewohnter und belebter. Immer häufiger stieß er auf Gebäude. Die Häuser, Ställe und Schober verdichteten sich zu Weilern und weiter zu Dörfern. So kam es, dass er an ein Haustürchen pochte, um etwas zu essen zu erbetteln. Mit gleichgültigem Blick kippte die Hausfrau ihm gerade das vor die Füße, was sie in den Händen trug. Da sie war auf dem Weg zum Schweinestall war, kam Hollaender in den Genuss von hartem Brot und Kartoffelschalen. Das, was die Tiere bekommen sollten, warf man ihm gnädig zu. Als die Tür wieder ins Schloss gefallen war, überwand er seinen Stolz und raffte die Schalen und das Brot rasch zusammen. Einmal schenkte ihm ein Bauer einen Selbstgebrannten in einem großen, trüben Glas. Er lachte derb, schlug dem Flüchtling auf die Schulter und wünschte ihm Glück. „Glück?!“, Hollaender erschrak. Hatte er „Glück“ gesagt? „Glück“ auf deutsch. Er hielt seine Hände tief in die Manteltaschen vergraben und die Schultern hochgezogen, dankte dem Mann und entfernte sich langsam rückwärts gehend in der kniefälligen Ergebenheit, die ihm damals half, das Lager zu überleben, und die er sehr gut beherrschte. „Eine Frage noch“, beeilte er sich zu sagen, „wo sind wir hier eigentlich?“

96

„Du bist in Tauchritz“, rief ihm der Mann laut zu, der offenbar nicht verstehen konnte, dass jemand nicht weiß, wo er sich befindet. ‚Ausgesprochen nett, der Mann’, dachte Hollaender so vor sich hin. Selten, ganz selten auf seiner Wanderschaft empfing man ihn mit etwas, was im Entferntesten an Gastfreundschaft erinnerte. Meist verjagte man ihn, den verlassenen Rumtreiber, und beschimpfte ihn als Verbrecher. Nun, wenn er sich genau anschaute, hatten die Leute Recht, so, wie er aussah. Die Kleider, die er aus dem Schrank der Bäuerin gestohlen hatte, waren zu fleckigen Lumpen geworden und er stank. Er kam daher wie ein Landstreicher, der sich mit den Schweinen gesuhlt hatte.

Als er so in sich versunken, keine Gefahr mehr vermutend, seines Weges ging, erreichten ihn plötzlich laute Stimmen, dazwischen ein kehliges Lachen, dann wieder ein kurz ausgestoßener Befehl, schließlich

Motorengeräusch. Er machte sich in die Büsche, die den Wegesrand säumten. Die Dornen zerkratzten sein Gesicht und die Hände. Vor Angst wagte er nicht zu atmen. Der Konvoi hielt unmittelbar neben der Hecke, in der er sich verbarg. Die schweren Dieselmotoren brummten im Leerlauf, aber nichts geschah. Bis plötzlich ein Milizionär von der Pritsche sprang, das Sturmgewehr im Anschlag, und direkt auf sein Versteck zusteuerte. Wie die Soldaten ihn aufspüren konnten, blieb Hollaender ein Rätsel. Vielleicht hatten sie ihn bereits vorher erspäht, er wusste es nicht. Der Soldat legte an. „Das ist mein Ende“, dachte Hollaender. Er schlang seine Arme um den Kopf und gab sich verloren. In seiner Todesangst stimmte er ein Gejammer an, das von seiner Vogelfreiheit handelte. „ Soldat, hören sie, bitte, nicht schießen. Schläge, Tritte, Hunger, alles habe ich zur Genüge 97

erlitten, nun soll ich meinen letzten Seufzer machen? Ich habe so viele Strafen auf mich genommen, dass ich einen Handel damit beginnen könnte, bitte Soldat...“. Hollaender schwatzte um sein Leben, aber der Soldat verstand kein einziges Wort. Hilfe suchend drehte er sich zum Lastwagen um, als sich vom Beifahrersitz des zweiten Fahrzeuges ein junger Offizier erhob und langsamen Schrittes näher trat. Hollaender sah den Mann zuerst nicht, da er auf die Knie gefallen war und sich halb in seinen Mantel verkrochen hatte. „Steh’ auf“, befahl der Offizier erst auf russisch, dann wechselte er ins Deutsche. „Steh’ auf“, wiederholte er mit fester, lauter Stimme. Hollaender hob den Kopf und stemmte sich auf die Beine. Er musste einen solch elenden Eindruck auf den Offizier gemacht haben, denn in dessen Ausdruck mischte sich so etwas wie Mitleid. Hollaender scheute sich, dem Offizier in die Augen zu schauen, lieber starrte er auf seine Stiefelspitzen. Mit ausgestreckter Hand hob der junge Offizier das Kinn des Flüchtlings, der jetzt erst in das Antlitz des Gegenübers sah. Der Jüngling befehligte einen kleineren Trupp mit drei Dutzend Soldaten. Es waren wilde Gesellen mit großen Händen und kleinen Gehirnen. Die Männer patrouillierten in der Gegend und hielten Ausschau nach versprengten Landsern, flüchtigen Mördern. Wenn sie keinem habhaft wurden und sie genug Schnaps intus hatten, konnten sie leicht zu rauflustigen Schlägern werden. In diesem Falle war es den Leuten in den Dörfern anempfohlen, ihre Frauen und Mädchen zu verstecken, auf dass die Horde sie nicht entehre. Das ist die einfache Moral im Krieg. Von alledem wusste Hollaender nichts. Er wusste nicht einmal, dass hier in der Gegend die Schlachten geschlagen waren. Er kannte auch nicht den neuen 98

Grenzverlauf, den die Sieger gezogen hatten und mit ihren Panzern bewachten. Hollaender hatte nur Todesangst, er fürchtete von der marodierenden Soldateska umgebracht zu werden. Kräftiger Regen setzte ein. Überall plätscherte das Wasser in die Pfützen, die sich als kleine Maare auf dem Weg verteilten. Das Gesicht des Offiziers passte zu seiner Stimme, stellte Hollaender fest. Er war ein junger Mann von nicht einmal dreißig Jahren, groß und schlank, ein richtiger Herr mit fein gezeichneten Gesichtszügen. Die Burschen, die er befehligte, stellten einen nahezu surrealen Gegensatz dar. Sie entsprachen eher dem groben, halbfertigen Entwurf eines Bildhauers, der Menschen aus Stein oder Holz formen wollte. Der Offizier hatte nichts Derbes oder Zerstörerisches an sich. Seine schmalen Hände steckten in ledernen Handschuhen. Wieder griff er nach dem Kinn des Flüchtlings und hob es an, so dass er sein Gesicht sehen konnte. Hollaender glaubte einen Schimmer vornehm geschnitzter Ironie in dem Mann zu erkennen. Ein Lächeln zuckte in den Mundwinkeln. Die Soldaten umkreisten den vor Angst und Kälte schlotternden Flüchtling, sie erwarteten den Befehl zur Exekution. „Woher kommst du?“, fragte der Offizier und schob dabei seine breite Schirmmütze in den Nacken. Hollaender antwortete nicht. Er war müde und völlig entkräftet. Er hatte aufgegeben, sein Leben war gelebt, sah den Tod vor Augen, ‚es war beschissen’, dachte er in diesem Augenblick. Ilse und ihr Bruder kamen ihm in den Sinn, auch Frieda und Rosa. Niemals wieder wird er sie auf seinen Knien reiten lassen können, niemals wieder in den Schlaf singen, niemals wieder trösten können, wenn der kindliche Kummer überkommt. 99

Er hatte die Frage des Offiziers nicht verstanden, denn er sprach kein Russisch. Es bestätigte sich, was er vermutet hatte: sowjetische Soldaten, mit denen war nicht zu spaßen. In seinem Kopf tobten Kämpfe. Opfer und Täter war er geworden. Hätten ihn Deutsche Polizisten erwischt, wäre er womöglich schon tot. Aber jetzt die Russen. Waren sie Retter, Befreier? Hollaender hatte keine Ahnung. Er war ein einmal ein Deutscher, dem man die Staatsangehörigkeit aberkannt hatte, aber an seiner Sprache und seiner Heimat konnte das nicht rühren. Jetzt richteten die Russen ihre Waffen auf ihn.. Die wilden Soldaten sahen nicht aus, als ob sie ihn retten wollten. Hollaender war sich sicher: Das sind Feinde. In trotziger Verzweifelung hob er an zu schreien: “Ihr verdammten Arschlöcher, seht her, wenn eure Augen nicht zugeschwollen sind, glaubt ihr, mir kann noch irgend ein Mensch auf dieser verfluchten Erde Schlimmeres antun, als das, was ich erlebt habe?!“ Das wollte er sagen, nur gut, dass er es unterließ. Anstelle dessen streifte er wortlos den linken Ärmel seiner Jacke hoch und zeigte eine Nummer, die mit blauer Tinte eingeritzt war: 267689. Der Offizier schob die Soldaten zur Seite kam einen Schritt näher, ergriff den Arm und betrachtete die Tätowierung, die in krakeligen, ungelenken Strichen in die Haut geritzt war. „Was ist das?“, wollte er wissen. „Bist du ein Dieb, ein Sträfling?“ „Jawohl“, antwortete Hollaender mit dem Ton, mit dem er Uniformierten immer geantwortet hatte. Das „Jawohl“ hatte einen Nachklang, der besagte, „ich tue alles, was du willst, aber, bitte, lass mich am Leben“. „Was bist du jetzt? Dieb oder Sträfling, oder beides? Was sagt mir die Nummer auf deinem Arm?, forschte der Offizier weiter. Hollaender wunderte sich, dass der Mann so gut deutsch sprechen konnte, fast ohne Akzent, alleine das gutturale „R“, das in der Kehle rollte, verriet ihn. 100

‚Vielleicht war der Mann ein Agent? Aber dann müsste er die Bedeutung der Nummer kennen’. Der Offizier beriet sich kurz mit einem seiner Leute, wandte sich wieder um zu Hollaender und befahl: „Zeig mir deinen Schwanz“! Hollaender wich zögernd zurück und kratzte sich verlegen am Kopf. ‚Warum will er meinen Schwanz sehen’, fragte er sich. ‚Was wird hier gespielt?’ „Mach schon, lass die Hose fallen ich will mich davon überzeugen, ob dein Schwanz noch vollständig ist“. Es gab kein Entrinnen. Er erkannte, dass er dem Befehl nicht ausweichen konnte. Nun, „mir ist schon weit schlimmeres widerfahren“, sprach er sich Mut zu. „Wenn’s sonst nix ist, na gut, lasse ich die Hose fallen“, antwortete er dem Soldat. Er fingerte an seiner Hose herum, öffnete die Knöpfe und kramte nach seinem Penis. Die umstehenden Soldaten hielten sich die Bäuche vor Lachen und zeigten mit Fingern auf Hollaender, der mit herunter gelassener Hose auf der Straße stand. „So sieht das also aus“, grinste der Offizier. Er schnappte sich einen der Umstehenden verlausten Milizionäre an der Jacke, zog ihn zu sich, und bedeutete ihm mit einer schroffen Handbewegung, auch die Hose runter zu lassen. Mit einer weit ausladenden Geste wies er die anderen an, auch sie sollten ihre Hosen fallen lassen. Am Ende öffnete der junge Offizier seinen Hosenstall und ergriff sein beträchtliches Gemächt. Da hingen sie nun an der frischen Luft, die Schwänze der stolzen Soldaten der glorreichen Sowjetunion. Hollaender wusste nicht, was tun, aufschauen, mitlachen? Das

101

Gelächter der verlausten Männer drang schallend und boshaft zu ihm, in seinen Ohren rauschte ein aufgewühlter Ozean. „Siehst du“, sagte gravitätisch der Offizier, „wir sind alle Juden. Die Juden sind auf der ganzen Welt zerstreut, jeder kann sagen er sei ein Jude, so auch du. Ich glaube, dass du ein flüchtiger Verbrecher bist. Ich weiß zwar nicht, was du angestellt hast, ob du gestohlen hast oder gar gemordet. In dieser Zeit morden viele Leute. Vielleicht bist du ja sogar ein Jude und ein Verbrecher, so etwas soll es auch geben, verstehst du. Ich gebe dir nun noch eine letzte Gelegenheit mir zu beweisen, dass du der bist, der vorgibst zu sein. Bete wie es dich deine Väter gelehrt haben!“ Während sich die umstehenden Soldaten die Hosen wieder hochgezogen, begann Hollaender, der seit dem Tod seiner Vaters nicht mehr gebetet hatte, das Schma Israel zu sprechen. „Höre Israel. Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und ganzem Vermögen. Die Worte, die ich dir jetzt befehle....“ So stand Alfred Hollaender nun mit herunter gelassener Hose und bebender Stimme vor den Kerlen, der Schwanz hing ihm heraus, und betete. Seine Augen füllten sich mit dem Wasser der Wut und des Unglücks. Er betete und betete. Er betete um sein Leben und versank in den heiligen Versen wie in einem tiefen Teich. „Gut mein Freund“, erbarmte sich der Offizier, „zieh die Hose wieder hoch!“ Hollaender blickte sich schamhaft um und sah in die weit aufgerissenen Mäuler der Milizionäre, sah ihre brüchigen Zähne und die schmutzigen Gesichter, die ihn verhöhnten. Die Gesichter verschmolzen vor seinen 102

Augen zu einer einzigen großen Grimasse, zu einer Fratze, deren Lachen sich in ein schiefes Galgengrinsen verwandelte. Er meinte in die Visage des Teufels zu sehen. Aber ihm gegenüber wartete nicht der Teufel, sondern nur der junge, gepflegte und milde drein schauende Offizier. Er spürte wie die Schamesröte in seinem Gesicht empor kam. Niemals zuvor war er so gedemütigt worden. Er war sich sicher, dass für ihn das Gesetz der Menschlichkeit keine Geltung habe. Er bewegte sich außerhalb des Einflussbereiches dieses Gesetzes, er war vogelfrei, jeder konnte mit ihm machen, was er wollte, ihn erniedrigen, ihn schlagen, ihn töten. Das Lager war kein ferner Alptraum, nein es existierte fortwährend als Realität und wurde immer wieder von neuem erfunden. Der Offizier mahnte seine Männer zur Eile und befahl ihnen, in die Fahrzeuge zu steigen. Während dessen wandte er sich zu Hollaender und sagte: “ Der Sohn weint um seine Mutter, der Jude um seinen Bruder und der Christ zerbricht unter der Last seiner Schuld. Denke an die Worte des toten Christus, die er vom Weltengebäude herab sprach, dass es keinen Gott gäbe, denn ein Gott hätte das alles nicht geschehen lassen. Gott hätte seine Armeen mit Blitzen und Feuerschwertern zur Erde geschickt, um ihnen Einhalt zu gebieten und zu befehlen, die schwarzen Heere in die Hölle zu jagen“. Nach einer kleinen Pause sagte er: “ Geh deiner Wege, du bist frei“.

Die Fahrzeugkolonne setzte sich schwerfällig in Bewegung, die Motoren heulten auf. Aus den Auspuffrohren quoll schwarzer Dieselqualm. Kleiner und kleiner wurden die dicht hintereinander rollenden Militärwagen, die aus der Ferne aussahen wie eine satte Schlange, die sich behäbig davon 103

schlängelt. Hollaender sah ihnen nach bis sie schließlich hinter einer lang gestreckten Kurve verschwunden waren. Ihn überkam ein hysterische Lachen, das eher einem Husten und Krächzen glich, das in ein Schluchzen überging. So lachte und weinte er zugleich. Sein lautes Klagen wurde vom Lachen verschluckt, das Lachen von seinen Tränen erstickt. Er schrie das verdammte Elend seines Lebens heraus. Erschöpft sank er auf einen Baustamm, bettete sein Gesicht in die knochigen, harten Hände und betete das Schma Israel leise vor sich hin summend zuende.

„Was ist los Herr Hollaender, ist ihnen nicht gut?“, trieben die fremd und zugleich besorgt klingenden Worte von Henry Lantz an ihn heran. Er benötigte einige Augenblicke bis er wieder in der Gegenwart angekommen war, und bei Sinnen, so sehr hatte er sich für Augenblicke vertieft und ergötzt an der Vergangenheit und an seinem Leid. Natürlich erzählte Hollaender dem jungen Henry, seinem Halbfreund, Halbfeind nicht die ganze Wahrheit. Hierfür war er viel zu eitel. Zu keiner Zeit würde er jemandem davon Zeugnis ablegen, dass er mit heraushängendem Schwanz das Schma Israel vor lachenden sowjetischen Soldaten hatte beten müssen. Ausgeschlossen war auch, dass er, außer vor sich selbst, eingestehen würde, zwei Menschen getötet zu haben. Henry plapperte noch viele andere milde Worte, die dazu geeignet waren, jedem zu Herzen gehen, außer Hollaender. Er verachtete mehr und mehr die Anteilnahme und das Verstehen wollen des jungen Mannes. „Entschuldigen sie“, sagte er so dahin, „ich glaube ich verabschiede mich jetzt. Der Tag war anstrengend. Ein alter Mann braucht seine Ruhe. Er

104

lächelte beinah, aber es gelang ihm nicht und in seiner Stimme lag kein Ton. „Sie übernehmen heute die Rechnung“, stieß er schroff hervor. „Ich habe ihnen heute eine Menge Stoff geliefert, den sie wohl aufschreiben werden, um daraus eine Reportage oder was weiß ich zu fabrizieren. Das Leben von uns Alten ist wie ein Steinbruch, nicht wahr junger Mann. Sie übernehmen ab sofort alle Rechnungen. Das ist der Preis für meine Geschichten. Sie sind doch nicht zu teuer, oder?“

Wenn Hollaender zum Friedhof ging, dann nicht, um ein bestimmtes Grab zu besuchen. Wen sollte er dort auch suchen. Seine Trauer hatte dort keinen Ankerplatz. Frieda und Rosa sind zu weißer Asche geworden, ohne Grabstelle und Stein und friedvoller Stätte angenehmen Gedenkens. Das Grab des Vaters wurde in den Wirren des Krieges Teil des riesigen Berliner Schutthaufens. Das Grab der Mutter? Wo ist es? Er wusste es nicht. Im Frühling beobachtete er die fröhlich zwitschernden und Vögel, die zwischen frischem Blattgrün flatterten und balzten. Im Sommer flirrte die Hitze über den Grabplatten und feiner Staub legte sich auf die gemeißelten Namen all derer, die sich in Ewigkeit an Gottes Gnade erwärmen. Der Herbst erfreute ihn am meisten. Diese sonderbare Jahreszeit verstärkte die Wirkung des Alltages, Kälte und Nässe vertrieben die Farben von den Dingen und die spielenden Kinder von der Straße ins Haus, dachte er immer wieder. Dann setzte er sich auf eine Bank und sah den im Wind

zappelnden Blättern zu, die nach kurzem Widerstand zu Boden sanken. Eine wohlige Melancholie bemächtigte sich seiner und das milde, diffuse Licht, das die Wolken gleichmäßig abstrahlten, stimmte Hollaender 105

friedlich. Die Kälte des Winters versteinerte seine Gesichtszüge und ließ ihn bald aussehen wie eine der vielen Heiligenfiguren auf dem Friedhof. So saß der alte Mann an vielen Tagen auf einer Bank auf dem Friedhof und schaute dem zu, was der Tod zurückgelassen hatte. Oft verweilte er nur eine Stunde oder ein wenig mehr, aber diese Zeit reichte ihm, um seine Gedanken von Mensch zu Mensch, von Grab zu Grab schweifen zu lassen. Er trug stets ein kleines, faltbares, und überaus praktisches Kissen bei sich, das er sich unterschob. Während er auf der Bank saß beobachtete er die alten Leute, die freundlich grüßend an ihm vorbei gingen. Sie kamen ihm vor wie bunte Schatten. Er sagte es laut vor sich hin: “Bunte Schatten“, und freute sich über das Wortbild, das ihm eingefallen war und so treffend schien. Eine ältere Dame kam des Wegs und erbat sich den freien Platz neben Hollaender. „Aber gerne, bitte schön“, sagte Hollaender sofort, stand ehrerbietig auf und hob seinen Hut. Die Dame war auf einen mittäglichen Plausch aus, das erkannte Hollaender sofort. „Haben sie schon mal bunte Schatten gesehen?“, fragte er die Dame. „Was meinen sie damit?“, fragte sie retour. Hollaender lachte. „Nein, entschuldigen sie, dieser Gedanke ist mir nur eben durch den Kopf geschossen. Wenn ich so alleine auf der Bank sitze, kommen mir manchmal die lustigsten Gedanken“, sagte er zu der Dame, die sich ihm mit freundlichem Gesicht zugewendet hatte. „Wissen sie, was mir vorgestern hier auf der Bank aufgefallen ist?“ „Nein, erzählen sie!“, bat Hollaender. „Wissen sie, ich finde, dass die Leute hier auf dem Friedhof umherschleichen wie Gespenster, die ihren Körpern entkommen sind“. 106

„Ja, doch, wenn sie meinen, das kann man schon so sehen“, stammelte Hollaender. Ihm war aufgefallen, dass sie die meisten ihrer Sätze mit, ‚wissen sie’ verzierte. Er hörte immer nur ‚wissen sie, wissen sie... „Wissen sie, Altsein ist nicht sonderlich schön. Jeden Tag schmerzt eine andere Stelle im Körper. Erst gestern, wissen sie, ist es mir so schlecht ergangen, dass ich das Haus nicht verlassen konnte. Ich habe den Leib voll Rheuma. Wissen sie! Dieses verfluchte Rheuma fließt mir mit ziehenden Schmerzen durch den ganzen Körper“. Die Dame trug einen wunderschönen, rot schimmernden Fuchspelz, den sie als Kragen ihres braunen Wintermantels um ihren Hals geschlungen trug. Sie hatte eine spitze Nase und ihre Augen waren von Runzeln und Falten eng umfurcht. Die leuchtend rote Lippenstiftfarbe gab ihrem Mund den Anschein einer frischen Orchideenblüte. Das Rot des Lippenstiftes fand sich auch auf ihren langen, bräunlichen Zähnen, die schief aus dem Kiefer ragten. Sie wirkten wie schlecht angestrichen. Hollaender hatte bei älteren Damen schon öfters beobachtet, dass ich die Farbe des Lippenstiftes auf die vorderen Zahnreihen übertrug. „Glauben sie, dass die Gespenster mit dem Leben abgeschlossen haben? Ich weiß, was sie glauben, jahaha. Sie bilden sich ein, die alte Schachtel habe nicht mehr alle Tassen im Schrank. Jahahah, genau das Denken sie, nicht wahr?“. „Aber nein, wo denken sie hin,“ beruhigte Hollaender belustigt der Dame neben ihm. „Wann beginnt man damit, ich meine, wann beginnt man damit, mit dem Leben abzuschließen, also eine Art Bilanz aufzustellen. Ich stelle mir vor, 107

wissen sie, dass man das Gute gegen das Böse aufrechnet, und, vielleicht, das Getane mit dem nicht Getanen.“ „Ja, so könnte das sein“, bestätigte Hollaender wissend. „Ich erlaube mir die Beantwortung der Frage nach dem Zeitpunkt der Bilanzstellung zu präzisieren, gnädige Frau“, sagte Hollaender. „Aber ich bitte sie, natürlich. Ich bin richtig gespannt auf ihre Antwort. Sie sind sicherlich ein Mann, der in seinem Leben schon viel nachgedacht hat“, schmeichelte die Dame vom Friedhof. Er ignorierte ihre Freundlichkeit und sagte: „Man beginnt sehr spät damit. Spätestens, wenn die Besuche auf dem Friedhof die Regelmäßigkeit der Verrichtung der Notdurft erlangen, dann ist es soweit. Dann zieht man Bilanz. Wenn alte Leute die Toten auf dem Friedhof besuchen, sich an die Grabsteine klammern, dann ist es soweit. Sie gelangen an den Punkt, an dem sie sich den Toten näher wähnen als den Lebenden, nicht wahr, gnädige Frau?“. Er glaubte die Dame verwirrt zu haben, denn sie schaute ratlos über ihre auf den Knien ruhende Handtasche hinaus auf die Gräberfelder. Ihr Kopf wackelte leicht. Dann sagte sie plötzlich, sehr zu Hollaenders Verblüffung, “nichts auf der Erde geht verloren, wissen sie. Der Körper des Verstorbenen zersetzt sich mit Hilfe von Bakterien in seine atomaren Bestandteile, die sich in anderer Form zu einer anderen Zeit von neuem zusammensetzten. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag und vielen Dank für die nette Unterhaltung“, bedankte sich die Dame und verließ Hollaender.

108

Henry hatte den letzten Nachtbus verpasst. Nun saß er verdrossen an der Haltestelle. Wie er so in die Nacht hinaus schaute, dachte er an seinen Schulfreund Arno, den fleißig gewordenen Studenten. Seit er bei ihm wohnte, hatte sich sein Leben ordentlich verändert. Arno war in den Schoß der bürgerlichen Behaglichkeit zurück gekehrt, die seine Eltern für ihn arrangiert hatten. Er war für ein Semester in London. Sein Vater hielt einen Studienaufenthalt im Ausland für in höchstem Maße notwendig. Er Selbst, so betonte Dr. von Reith in Gesellschaft gerne, habe mehrere Jahre in England und den Vereinigten Staaten verbracht, um das dortige Rechtssystem zu studieren. Dr. von Reith hielt sich für fortschrittlich, wenn er behauptete, dass ein Advokat keinen Schmiss brauche, aber etwas von angelsächsischem Recht verstehen müsse. Den Einwand seiner Frau, dass das eine das andere ja nicht zwingend ausschließe, ignorierte er geflissentlich. Henry hatte also die ganze Wohnung für sich alleine, nutzte jedoch nur sein Zimmer, denn er hatte kein Interesse am Genuss der großen Wohnung. Hollaender hatte ihn auf einen Gedanken gebracht, der ihm seit ihrem letzten, zugegeben etwas merkwürdigen Zusammentreffen, nicht mehr verlassen wollte. „Natürlich“, sprach er laut vor sich hin, „warum bin ich nicht selbst darauf gekommen?! Was soll ich Reportagen schreiben, Geschichten mit fünftausend vielleicht sechstausend Anschlägen, die es bestenfalls auf den Schreibtisch der Sekretärin des zuständigen Redakteurs schaffen. Dieser Redakteur beantwortet schließlich die Frage, was mit dem Manuskript geschehen solle, mit einem abwesenden Nicken, das als Aufforderung zu verstehen ist, das Manuskript in den Papierkorb werfen, weil kein Rückporto beigelegt war. Ich schreibe ein Buch!“, sagte er zu 109

sich. Ein Mann mittleren Alters, der wie Henry auf den Bus wartete, blickte mürrisch zu Henry und schüttelte verständnislos den Kopf. In Gedanken versunken saß Henry an der Haltestelle. Als er sich gerade erheben wollte, um sich ein wenig die Beine zu vertreten, sprach ihn eine Frau an, die ihn um Feuer für ihre Zigarette bat. Sie war attraktiv, nicht mehr sehr jung, und verströmte den angenehmen Duft von Frauen, deren Reife sich im Wohlgeruch ausgewählter Duftwasser ausdrückte. Im schaukelnden Schein der Laterne über der Straße erhellte sich ihr Gesicht nur kurz, um wieder ins Dunkel abzutauchen. Schemenhaft fügte sich ihr Gesicht Abschnitt um Abschnitt zu einem Ganzen zusammen. Sie war auffallend kräftig geschminkt. Im Halbdunkel erschienen ihre Lippen schwarz. Er entzündete das Streichholz und reichte die zittrige Flamme zu ihr herüber. Sie schützte die Flamme vor dem Wind mit ihren beiden Händen. Henry wunderte sich kurz über die kräftigen Finger. Sie sog den Rauch in die Lungen und blies ihm die Wölkchen aufreizend ins Gesicht. Er wandte sich ab und wollte schon zurück auf seinen Platz gehen, als die Frau ihn fragte, ob sie nicht zusammen noch einen Kaffee oder Cognac trinken sollen. Er verharrte unentschlossen eine Weile ohne etwas zu antworten, und noch bevor er zustimmen oder ablehnen konnte, hatte sie sich bei ihm untergehakt. Sofort plapperte sie drauflos. Der Mann an der Haltestelle sah den beiden nach wie sie, leicht schwankend, den Kottbusser Damm hinunter in Richtung Skalitzer Straße trotteten. Henry fand Gefallen an dem Ausflug ins Ungewisse. Die Straße war menschenleer, die Fenster dunkel und unbehaust, Taxis rasten vorüber und von Weitem näherte sich der Nachtbus, mit er eigentlich nachhause fahren wollte.

110

„Ich heiße Dora“, stellte sie sich Henry vor. Sie versprühte ein Hohes Maß an Eleganz, wenngleich durchwebt mit einem dünnen Faden Vulgarität. „Sie sind eine elegante Frau“, unterbrach Henry ihren ungebremsten Redefluss. Gleichzeitig dachte er, dass Eleganz erst durch Harmonie vollendet wird. Aber Dora fehlte es an Harmonie, etwas passte nicht zusammen. „Die Frau, die Dora heißt, imitiert Eleganz, ja so ist es“, dachte Henry. „Sie schaut sich Eleganz in Frauenmagazinen ab, wie sie bei Frisören ausliegen“. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Dora eine Spur zu theatralisch und gestelzt daher kam, so aufgeregt wie sie erzählte und jede Pointe mit einer weitgreifenden Geste unterstrich. Alles war von großer Wichtigkeit, das wollte schließlich betont sein. Zur Aura einer salonfähigen Dame gehört auch eine Stimme, die trotz angedeuteter vornehmer Zurückhaltung eine Unterhaltung führen kann. Das konnte sie. Sie entblätterte sich förmlich vor Henry. Sie blies ihm ihr Leben ins Gesicht, wie man den Staub von einem alten Folianten bläst. Die Staubkörnchen ihres Lebens verteilten sich über ihn. Henry verstand nichts von dem, was sie ihm in Halbsätzen und Andeutungen, vermischt mit Lachen, erzählte. Für ihn war es nichts als Belangloses Zeug, wie es angetrunkenen Schauspielern entweicht. Er amüsierte sich. Sie jauchzte überhitzt und übermütig vom Abend, wackelte mit ihrem straffen Hinterteil, das ein viel zu kurzer, violetter Rock gerade eben zu bedecken vermochte. Ihre Füße steckten in schreiend gelben, schmalen Schuhen mit sehr hohen Absätzen. Er fühlte sich etwas zerstreut und die wachsende Müdigkeit verstärkte diese Fahrigkeit. Die Details ihrer Kleidung weckten mehr Interesse als ihre Schilderungen von...irgendetwas.

111

Dort, wo der Kottbusser Damm in schrägem Winkel auf die Skalitzer Straße trifft, hielt das ungleiche Paar kurz. Es schien, als verhandelten sie etwas. Dann bogen sie in eine Toreinfahrt ein, die schummrig beleuchtet war durch eine nackte Glühbirne, die vom Nachtwind leicht bewegt wurde und hin und her pendelte. Über der Eingangstür, vor der sie warteten, las Henry: Club Paradies; in kleinen Buchstaben darunter stand: Nur für Mitglieder. Dora klingelte erneut und nach wenigen Augenblicken öffnete sich ein kleines Fensterchen, aus dem ein bleiches Gesicht mit zusammen gekniffenen Augen blinzelte. „Hallo Dora!“, rief das Gesicht. „Wen hast du uns denn da mitgebracht. Kommt rein Kinder, in die jute Stube“. Henry stand etwas verloren in einer Art Diele herum. Seine Müdigkeit war verflogen und einer Neugier gewichen. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Dunkel. Es gelang ihm nicht die Ausmaße des Raumes zu schätzen. Das Dutzend Tische im Club tauchte allmählich aus der rauchgeschwängerten Dämmerung auf, die dort herrschte, wie Schiffe aus Nebelbänken. Die übrigen Gäste, die er nur als Schemen wahrnahm, waren intensiv miteinander beschäftigt. Beine schwangen über Beinen, Hände liebkosten sich auf den Tischdeckchen, Gekichere, mal ein schriller, wollüstiger Schrei, Köpfe berührten sich zärtlich, selige Blicke für eine Nacht des Glücks. Die Kerzen warfen einen beruhigenden Schein auf die Gesichter der Menschen und vor Henrys Augen öffnete sich die Gewissheit, dass es Männer waren, die Männer liebkosten, und Frauen, die Frauen liebkosten. Es war früher Morgen, vor der Dämmerung, und Berlin bereitete sich gerade auf einen neuen, ereignisreichen Tag vor. Zu dieser Stunde befand sich die Stadt bei der Morgentoilette, dachte Henry, als er mit Dora auf die Getränke wartete. 112

Dora nippte kurz an ihrem Martini und fiel Henry durch ihre unvermutete Schweigsamkeit auf. Sie erinnerte ihn an eine Vase, deren Inhalt plötzlich ausgegossen war, hübsch und leer. Er beobachtete sie. An ihr schienen die glibberigen Geschichten von Nachtmenschen mit den besonderen Passionen zu kleben, Nichtigkeiten vergangener Partys, schlüpfrige Witzen, fröhliche Erzählungen eines Causeurs. Und nun war nur Schweigen mit einem tieftraurigen Blick. Aus der Musikbox an der Stirnseite des Clubs erschallten Schlager mit süßlichen Refrains, sie ermüdeten mehr, als sie Henry beschwingten. Die mit dicken Stoffen bespannten Wände dämpften die Unterhaltungen zu Gemurmel, die Schlager sickerten in die Ohren und hinterließen ein wohliges Nichts. Dicker Zigarrenqualm waberte in zähen Wolken, getragen durch den zittrigen Schein der Kerzen, durch den niedrigen Raum. Henry erblickte einen Kellner, der seinen Kopf in eine Hand gebettet hielt und vor sich hin döste. Dora stieß einen tiefen Seufzer aus, so als lasteten schwere Gewichte auf ihr. Sie sehnte sich nach Henrys Arm und Schulter. Gefühllos stellte er fest, dass sie leise weinte. Er küsste sie ohne Leidenschaft auf den Mund. Fast war es so, als sträubte sich etwas in ihm gegen diese Zärtlichkeit, und er wusste nicht warum. Trotzdem legte er seine Hand auf ihr Knie, es war kalt. Sie nagte an seinem Ohr, es kitzelte, und er fühlte eine Träne an seinem Hals. Langsam erwachte bei Henry, automatisch, männliches Leben. Er fand den Mut ihre Brüste zu berühren, über den flachen, seltsam muskulösen Bauch, zu streicheln, bis seine Hand tiefer rutschte. Doras Rock gab leicht die Stelle frei, die die Männer in Verzückung versetzt. Immer weiter tastete er sich vor, bis er schließlich die Schambehaarung erreichte. Er keuchte sanft. Doch auf einmal traf es ihn wie ein Blitz, taghell 113

wurde es um ihn. Etwas, das er nie vermutet hätte, ließ ihn erstarren. Er hatte ein Stück Fleisch in der Hand. Er wich entsetzt zurück, hatte er doch einen lebendigen Männerschwanz berührt. Seinen Lippen entsprang ein Schrei. Die anderen Gäste blickten erschrocken auf, kümmerten sich aber nach der Schrecksekunde wieder um sich selbst. „Du bist ja gar keine Frau“, stotterte er. „Sie ist keine Frau!“, wiederholte er, als spräche er mit einem dritten Gast am Tisch.

Mit dem ersten Bus, den er erreichen konnte, und dessen Ziel ihm gleichgültig war, entfernte er sich. Lösgelöst von seiner Umgebung saß er im Bus mit den ersten Berufstätigen an diesem Donnerstag. Das Dröhnen des Motors und das Husten der Fahrgäste erreichte ihn nicht. Er schaute stumm aus dem beschlagenen Busfenster hinaus auf die Straße. Verloren. Etwas war in ihm zerbrochen, er spürte es ganz deutlich. ‚Die Frau, die keine ist, Arno, der Lump, Helen, ja, was ist mit Helen, Hollaender, der Exkulpator, und ich, was ist mit mir? Wer bin ich, und was tue ich? Was geschieht mit mir?’ Hilflos saß er auf seinem Platz und beobachtete wie die Leute ihr Tagwerk begannen. Er sah sich davon treiben und wie ein Ertrinkender wild mit den Armen rudern. Nichts hatte mehr etwas mit ihm zu tun. Niemand warf ihm einen Rettungsring zu, an dem er sich hätte festklammern können. Und als er nachhause kam war es bereits hell; die Morgensonne begrüßte freundlich und frisch die Stadt und durchstach die bläuliche Decke des Morgennebels. Das letzte, was Henry an diesem Morgen vor dem Einschlafen sah, war der in der Ferne glühende Funkturm im Osten der Stadt. Er träumte von Dora, die in seinem Traum 114

Stefan hieß, und als Transsexuelle in ein gefürchtetes Männergefängnis eingeliefert worden war, weil sie gestohlen und gelogen hatte und Menschen verführt. Dort quälten sie Stefan mit glühenden Eisen, zerstachen ihm die Fußsohlen und peitschten ihn blutig.

Alfred Hollaender lag mit im Nacken verschränkten Armen auf seinem Sofa, starrte zur Decke und dachte nach. Er haderte mit seiner getroffenen Entscheidung, Henry seine Geschichten zu erzählen. Er erinnerte sich an das Versprechen, das er vor Paul abgelegt hatte. ‚Wohin führt das, wenn ich weiter mein Leben von hinten aufrolle vor diesem jungen Mann?’, fragte er sich. ‚Wie konnte es geschehen? Ich werde es zuende bringen, es ist meine Geschichte, mein Leben, das ich diesem Tunichtgut offenbare, was auch immer mich dazu verleitet hat. ‚Ich habe keine Zukunft, das wird es sein. Der Weg der vor mir liegt, ist deutlich kürzer, als die Strecke, die ich hinter mich gebracht habe’. Er erhob sich vom Sofa, kochte sich eine Tasse Tee, blätterte ohne wirklich am Geschehen in der Welt interessiert zu sein, in der Zeitung. Dann verließ er seine Wohnung und stöhnte wieder über die einhundertzwanzig Stufen bis auf die Straße hinaus. Am Abend betrat er, nachdem er seine Erledigungen verricht hatte und auch beim Arzt vorgesprochen hatte, das Restaurant Rosen. Wie gewöhnlich grüßte er mit einem Lächeln und einer Verbeugung den Wirt und die täglichen Gäste, bestellte seinen Lieblingswein und das Tagesmenü. Er war einige Tage nicht hier gewesen und glaubte nun, den jungen Henry zu treffen, um ihre gemeinsame Angelegenheit zum Ende zu führen. Hollaenders Beschreibungen, die sich in langen Monologen ergossen, 115

warfen rätselhafte Schatten und machten die Vergangenheit lebendiger, als ihm lieb war. Die Vergangenheit war eine langsam wirkende Krankheit, die Hollaenders und Henrys Seele vergiftete. Je tiefer Hollaender in den Abgründen seines Lebens wühlte und grauenvolles zutage förderte, um es Henry zu servieren, desto gewaltiger bahnte sich sein Hass den Weg zurück in sein Leben, das er eigentlich für befriedet glaubte. Vorwelt in den Sarg, Deckel und Erde drauf, und erledigt war die Sache, so lebte er. Und so erzählte er weiter und saß auf dem Floß auf dem Strom der Vergangenheit, und hoffte, irgendwann und irgendwo in einem friedlichen Hafen anzulegen.

An dem Nebentisch entdeckte er eine junge Frau, die Rosa, seiner Rosa, auf frappierende Weise glich. Er drehte mit Daumen und Zeigefinger am Stiel seines Glases, so dass sich kleine, sich kräuselnde Wellen bildeten. Versonnen schaute er auf die Wellen, aus denen sich das Antlitz Rosas formte. Ein ovales, fein und zart geschnittenes Gesicht mit vollen Lippen, die er heftig begehrt hatte. Leicht nach vorn gebeugt stellte er das Glas wieder vor sich, die Hände trugen seinen Kopf, er blickte unbeweglich ins Glas, der Wein hatte sich beruhigt und schimmerte glatt. Vor seinen Augen erstand die alte Welt, Stein für Stein, und zerfiel wieder zu Staub und aus den Strukturen des Staubes erhoben sich Frau und Kind. Hollaender hatte Henry in seiner Versonnenheit nicht bemerkt. Der hatte ihn aber schon eine Zeitlang im Auge, getraute sich jedoch nicht an den Tisch zu treten, aus Angst, den Alten womöglich zu verärgern. Dann näherte er sich Hollaenders Platz mit einer Mischung aus Demut und Zurückhaltung. Er fragte sogar, ob er störe. 116

„Es ist fast wie am ersten Abend“, sagte Hollaender zur Begrüßung. „Setzen sie sich“. In den vergangenen Wochen saßen die beiden oft zusammen. Heute jedoch schien alles anders. Henrys frühere Unbefangenheit war verflogen, verscheucht von Hollaenders grimmiger Kälte, die jetzt hervortrat und den jungen Mann erschaudern ließ. „Sehen sie die junge Frau dort drüben?“, fragte Hollaender und wies mit einem Kopfnicken in ihre Richtung. „Diese Frau gleicht meiner ersten Frau Frieda in so schamloser Art, dass ich wütend bin“, fuhr er fort. „Sagen sie nichts, junger Mann. Ich möchte nicht mehr von Rosa reden, und auch nicht mehr von Frieda, nie mehr. Aber ich will unsere Angelegenheit zum Schluss bringen. Wie käme ich dazu, nur die Hälfte meines Lebens zu erzählen. Ich werde nun ...“ „Einen Augenblick bitte“, unterbrach Henry. „Was meinen sie mit Angelegenheit?“ Und kleinlaut fügte er hinzu, dass er zu keinem Zeitpunkt um privaten Geschichtsunterricht gebeten hatte. Er habe auch niemals verlangt, dass ihm ein fremdes Herz ausgeschüttet werde. Hollaender wischte den Einwand barsch zur Seite und sprach ungerührt weiter. „Wo waren wir stehen geblieben?“, fragte er mit junger,

unternehmungslustiger Stimme. Er wartete die Antwort auf seine Frage nicht ab, sondern begann mit einer kurzen Zusammenfassung dessen, wovon er glaubte bereits berichtet zu haben. Er konnte sich nur unscharf erinnern, was er erzählt hatte. 117

„Von Tauritz an der Grenze fuhr ich zunächst mit einem Fuhrwerk und später mit einem klapprigen Lastwagen, sie können sich gar nicht vorstellen, mit welchen Fahrzeugen die Leute damals überall unterwegs waren, bis nach Bautzen. Dort übernachtete ich in einer Scheune, bis mich der Bauer unter wüsten Beschimpfungen davon jagte. Nach Senftenberg marschierte ich zu Fuß. Über Lübben erreichte ich endlich Schönefeld und roch die Heimat schon, obzwar sie nach verbrannter Erde stank und nichts Heimatliches hatte. Seltsamerweise blieb die Freude oder gar Glücksgefühl aus. Heimat, was bedeutet schon Heimat? Wie viel Heimat passt in einen Menschen?, dachte ich mir, als ich Berlin immer näher kam. Beklemmung erfasst mich, anstelle Freude. Die Vorfreude dauert von alle Freuden am kürzesten, nicht wahr junger Mann? Ich fühlte mich abgestoßen und anzogen gleichermaßen, zwei Kräfte rissen an mir. Die Heimat glänzt im Schimmer der Einzigartigkeit, ist aber auch eine matte Vorahnung sich bald einstellenden Überdrusses. So marschierte ich mit Kopfschmerzen und wunden Füßen in meine Heimatstadt ein, nach mehr als drei Jahren. Früher, vor dem Krieg, wenn ich nach einer Reise wieder nach Hause kam, überkam mich stets ein wohliger, heimeliger Schauer, den ich im Bauch und auf dem Rücken spürte. Nun aber war nichts, außer Trümmer, Schutt, verzweifelte Menschen, Kinder so alt wie ihre Eltern.....“ Beim Erzählen ließ Hollaender seinen Zuhörer nicht aus den Augen. In Henrys Gesicht erkannte er Ratlosigkeit. Das erfüllte ihn mit teuflischer Freude. Wilder Zorn, der von dem lammfrommen Jüngling stets von 118

Neuem entfacht wurde, rauchte zwischen seinen Sätzen. Die Kraft und Entschlossenheit, die der Alte plötzlich an den Tag legte, entzog er dem Jungen. Henry ahnte das Verderben, das in Hollaender lauerte, und versuchte zu entfliehen oder wenigstens einen Schutzwall zwischen sich und dem Alten zu errichten. Hollaender sprengte den Wall ein ums andere Mal in Stücke. Henry verlor sich in einem Labyrinth an Zweifel, Unglauben und Schuld: Ja, der Alte hatte ihn schuldig gesprochen. Aus Verlegenheit wurde Angst, aus Zweifel Schuld, alles lastete auf seinen Schultern dabei er hatte gar nichts getan, außer jung und unbeteiligt zu sein.

Paul Gertz konnte seine Schwester Ilse kurz vor seiner Verhaftung nach Kladow in Sicherheit bringen. Aber nach 1941 wurde die Lage immer unübersichtlicher und gefährlicher. Die Meldungen von den Fronten widersprachen sich. Die Freunde, bei denen sie untergekommen war, entschlossen sich schon wenig später aus Angst vor den Russen nach dem Westen zu ziehen. Dort, im Ruhrgebiet, hätten sie Verwandte, einen Vetter, hieß es. Ilse mussten sie zurück lassen. Auf Vermittlung des Pfarrers kam sie bei einer Kossattenfamilie unter, die eine billige Magd gut gebrauchen konnte. Man gab ihr in den ersten Tagen ein Lager im Stall, bis sie schließlich in eine Kammer im Haus umziehen konnte. Sie hatte den Kohlgarten zu pflegen, Schweine und Hühner zu füttern und der Bäuerin zur Hand zu gehen. Am Abend las sie den beiden Kindern Märchen vor, bis sie neben ihr eingeschlafen waren. Das Hofgelände durfte sie nicht verlassen. Die Gefahr war zu groß, dass man sie entdeckt und denunziert hätte. So lebte sie in einer Art beschützender Leibeigenschaft. Sie hatte zu essen, eine Kammer mit gemütlicher Schlafstelle und im Winter glühten die 119

beiden Öfen im Haus, so dass es warm war wie im Mutterschoß. Tagein, tagaus mühte sie sich ab und erreichte eine Sonderform des Glückes. Sie dankte täglich dem Schöpfer für ihre Rettung und ihr Überleben, nach dem Gebet freilich schluchzte sie vor Verzweifelung das Kopfkissen nass. In dieser Zeit schlugen in Ilses Brust drei Herzen: das Bauernherz, das Flüchtlingsherz und das Künstlerherz. Ilse war zur Bäuerin geworden, ihre beiden anderen Herzen hatten eins nach dem anderen aufgehört zu schlagen. Manchmal betrachtete sie sich ihre Hände und staunte, wie sie sich verändert hatten. Früher arbeitete sie als Sekretärin beim Arbeiterfürsorgeamt einer jüdischen Organisation, schrieb in ihrer Freizeit Gedichte, besuchte Konzerte mit ihren Freundinnen. Sie spielte sogar mit großer Hingabe und Begabung Klavier. Sie lebte das beneidenswerte Leben eines Berliner Mädchens. Sie war glücklich, ohne Neigung zu Überschwänglichkeit. Sie liebte ihre eigene Bescheidenheit und Zurückhaltung, was ihren Bruder Paul zuweilen zum Reißen derber Scherze verleitete: “ Du bekommst nie einen Kavalier ab, so dass ich mich bis zu unserm Ende um dich kümmern muss“. Der Krieg hatte Pauls scherzhaften Worten eine traurige Wirklichkeit beschert. Sie hatte sich mit ihrem Leben abgefunden, ihre Bescheidenheit half ihr dabei und sie haderte nicht mit ihrem Schicksal. Die Unendlichkeit des Krieges, also auch die nicht endende Existenz als Bauernmagd stand für sie fest. Ilse war so fest davon überzeugt, dass ihr niemals in den Sinn gekommen wäre, ihr Dasein könnte von einem glücklichern abgelöst werden. Und jetzt? Die waren Hände schwielig geworden, die Füße spröde und rau, sie steckten in schlechtem Schuhwerk. Ihr Gesicht blieb auch in den Sommern grau und glanzlos, als hätte die Sonne das jüdische Mädchen 120

im Stall vergessen. Die gute Bäuerin sprach mit ihr. Oft nahm sie ihre Magd an die Hand und wollte sie aufheitern, wenn sie annahm, dass das Mädchen eines Trostes bedürfe. Ilse jedoch, in aller Bescheidenheit, glaubte fest daran, dass ihre Wehmut als Undank verstanden würde. Sie setzte ein bitteres Lächeln auf. Gutmütig, aber ohne Verständnis schüttelte die Bäuerin den Kopf, stand auf, zuckte mit den Schultern und scheuchte mit ihren kurzen, tüchtigen Armen die Hühner in den Stall.

Alfred Hollaender hatte sich einen Besitz bewahrt: ein ledernes Mäppchen, in dem die Adresse von Ilse steckte. Paul hatte sie ihm im Hause der polnischen Bauersfrau gegeben. Er machte sich auf nach Kladow, das er von früher noch kannte. Halb Berlin tummelte sich im Sommer an den Strandbädern und in den Ausflugslokalen. Kleine Segelboote kreuzten die Routen der Fähren, die zwischen Kladow und Wannsee pendelten. Unter der angegebenen Adresse fand er das Haus, in dem Paul seine Schwester versteckt hatte. Es befand sich in der Ortsmitte. Hollaender klopfte sich den Schmutz von Jacke und Hose, strich sich durchs Haar und pochte an die Tür. Es öffnete ihm ein Mann mit freundlichem Gesicht, vielleicht 40 Jahre alt. Seine Hände zitterten und sein Gesicht wurde durch heftiges Zucken entstellt. „Ich suche eine junge Frau mit Namen Ilse Gertz. Sie ist im Krieg hier eingezogen“, sagte Hollaender. „Davon weiß ich nichts“, erwiderte der Mann, dessen Kopf von den Zuckungen ständig herum gerissen wurde, „denn meine Frau und ich leben erst seit wenigen Monaten hier. Das Haus hat man uns zugewiesen, wir wurden ausgebombt“. 121

Aus dem Hausflur hörte Hollaender eine Frauenstimme plärren: “Was ist da vorne los, Helmut?“ Der Mann drehte sich um: “Nichts, gar nichts, mach’ weiter!“ „Von den Nachbarn haben wir jedoch mal gehört, dass die Leute, die vorher hier gelebt hatten, in den Westen gezogen sind. Von einer jungen Frau war nicht die Rede. Versuchen sie es mal dort drüben in dem Gasthaus, die wissen Bescheid“, sein Kopf wackelte noch einmal, er versuchte zum Abschied zu lächeln, dann schloss er die Tür hinter sich. Hollaender dankte, zog seinen Hut und wechselte schräg über die Straße.

An der im äußersten Südwesten der Hauptstadt gelegenen Ortschaft Kladow marschierte der Krieg vorbei. Zwei Bomben fielen, erzählte die Wirtin. „Im bitterkalten Januar 1944 starben in einem Haus zwei Ehepaare“, Edwin und Magda Schwarz und Pauline und Oskar Fischer wurden von ihren eigenen vier Wänden erschlagen. Stellen sie sich das mal vor. Von den eigenen Wänden!“, wiederholte sie. „Direkt hinter unserem Garten liegt der Friedhof, dort haben wir sie beigesetzt“. Die Wirtin schien in Trauer zu sein, denn sie trug einen schwarzen Rock, eine schwarze Bluse und darüber eine mit verschieden großen Quadraten gemusterte, blau-graue Schürze. Nachdem sie am Anfang so munter drauf los geplaudert hatte, wie es Wirtsleute eben so tun, verfiel sie jetzt in ein Schweigen, das Hollaender nicht verstand. „Ist ihnen nicht gut, erkundigte er sich höflich?“ „Es ist alles in Ordnung, danke der Nachfrage. Aber immer, wenn ich an unser Toten denke...“. An dieser Stelle brach sie ab. 122

„Magda und Pauline waren meine Schwestern. Wir mussten ihre zerschmetterten Körper aus den Trümmern bergen. Ich bin ...“. Wieder hielt sie inne. Sie eilte in die Küche und kam bald danach wieder heraus. „Bei uns ist nicht viel los. Da bin ich froh, wenn mal einer kommt, mit dem ich mich unterhalten kann, aber immer wieder, gleich was ich erzähle, komme ich auf das schlimme Unglück vom Januar 1944 zu sprechen. Der Krieg forderte für mich zwei Tote, verstehen sie. Um alle anderen kann ich nicht trauern, zwei Tote, das reicht, das ist genug Kummer. Das reicht für ein Leben“. Dann lief sie wieder in die Küche und förderte aus ihrer Schürzentasche zwei zerknitterte Fotografien, die sie Hollaender zeigte. Während er die Personen auf den Bildern begutachtete, redete die Wirtin weiter. „Für wenige Tage waren die Russen bei uns“, fuhr sie fort, „dann nisteten sich die Engländer ein. Die hatten es auf den Flugplatz Gatow abgesehen...aber das wollten sie ja alles gar nicht wissen, nicht wahr. Nach welcher Person hatten sie mich noch mal gefragt?“ „Ich erkundigte mich nach einem jungen Mädchen, Ilse Gertz, die irgendwann im Jahre 1941 hier gekommen ist“, sagte Hollaender. „Ja, richtig, die Ilse kenne ich“. Sie zapfte ihm ein Bier. Hollaender lehnte verlegen ab. „Ich hab’ leider kein Geld“. „Ach, stellen sie sich nicht so an, trinken sie, das geht auf’s Haus“. Sie schwatzte weiter und so erfuhr Hollaender, ohne noch weitere Fragen zu stellen, dass Ilse im Dorf nur als unsichtbare Neubürgerin bekannt war. Anfänglich redeten die Leute noch über sie, bis schließlich das Interesse an ihrer Existenz nachließ.

123

„Das junge Mädchen lebte nach seiner Ankunft in dem Haus dort drüben“, die Wirtin wies mit dem Finger aus dem Fenster, „dann ging sie zur Bauernfamilie Fechtner, aber wie das zustande gekommen ist, das dürfen sie mich nicht fragen. Auf jeden Fall, das kann ich schwören, sind die Fechtners brave und fleißige Leute, die ihren Hof anständig bewirtschaften. Aber sagen sie, was wollen sie denn von den Leuten? Möchten sie noch ein Glas?“, fragte die Wirtin.. „Oh, nein, ich bin den Alkohol nicht mehr gewöhnt“, sagte Hollaender. „Ja, ich sehe schon, sie waren in der Gefangenschaft. Man hat sie früh entlassen, nicht wahr.“ Hollaender überging diese Bemerkung. „Das ist schnell erzählt“, begann er seine Absicht zu erklären. „Die Ilse ist die jüngere Schwester eines Freundes und ich habe ihm, sozusagen auf dem Totenbett, versprochen, mich um seine Schwester zu kümmern“. „Das ist ein feiner Zug, in diesen schlimmen Zeiten, wo jeder nur an sich denkt“, lobte die Wirtin. Hollaender nickte. „Ach, bitteschön, gnädige Frau, ich habe ganz vergessen zu fragen, wo ich die Familie Fechtner finden kann“. „Ach ja, natürlich“. Sie erklärte ihm sehr wortreich den Weg. Hollaender bedankte sich und verließ den Gasthof.

Die Frau schob die Gardine zurück und sah ihren Gast um die Ecke biegen. Hollaender entfernte sich mit großen Schritten und ging auf der langen, geraden Dorfstraße, die bis nach Potsdam führte. ’Irgendwann sollte ein Abzweig kommen’, zeichnete er die beschriebene Strecke gedanklich nach. Knorrige Linden wuchsen in ungleichen Abständen am Straßenrand und 124

trennten die Straße von den umliegenden Feldern. Hollaender hatte seinen schäbigen Hut ins Genick geschoben, die zu langen Hosenbeine umgeschlagen, das Jackett flatterte um seinen dünnen Leib wie um seinen Besenstiel; er sah aus wie eine Vogelscheuche. Viele Vogelscheuchen schlichen zu jener Zeit durch die Städte und Dörfer. Hätte man alle nach ihrem Schicksal befragt, jedes Mal hätte man Zerberus getroffen. Am Ende der eintönigen Straße bog er in den beschriebenen Feldweg ein und nach einigen hundert Metern erreichte er das Bauernhaus, das sich in eine Mulde duckte und mit niedrigen, zerzausten Buchenhecken umwachsen war. Das mit roten Ziegeln gedeckte Dach grüßte ihn von weitem. Es war mit rostigen Blechen und Ölpappe ausgebessert und sah aus der Nähe aus wie ein Flickenteppich. Der Hofhund kündigte ihn mit seinem Bellen an. Hollaender freute sich über einen frischen Strauß Feldblumen, der in einer Vase auf dem niedrigen Fensterbrett steckte. Daneben lag eine kalte Pfeife mit zerbissenem Mundstück. Eine Katze streifte zutraulich um seine Beine. Der Hund hatte das Bellen eingestellt, irgendwo hinter den Hecken lachten Kinder. Er fragte sich auf dem Weg zu dieser Kate, zu Ilse, immer wieder, wie er ihr begegnen solle. Variantenreich hatte er sich Begrüßungsformeln laut aufgesagt, wie Gedichte rezitiert. Manche hatte er als angemessen empfunden, andere als zu vertraulich oder zu gewöhnlich wieder verworfen, so zum Beispiel : “Hallo Ilse, wie geht’s?“. Er spielte verschiedene Prononcierungen und Stimmlagen durch, bis er unzufrieden aufgab. Da seine Trockenübungen nichts erbrachten, entschloss er sich, sich der

Intuition hinzugeben in der Hoffnung, dass ihm schon das Passende einfallen werde. Die Aufgabe, vor der er stand, war nicht einfach. Er musste 125

ihr den Tod des geliebten Bruders berichten und sich zugleich als dessen Vertreter und künftiger Beschützer präsentieren. Daher war es notwenig, von Anfang an die richtigen Worte zu finden. Wie sollte er einer Frau, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte, deren Bild sich ausschließlich aus den vagen Beschreibungen seines Fluchtkameraden zusammensetzte, begegnen? Besteht nicht die Gefahr mit dem ersten falschen Wort oder einer falschen Geste alles zu zerstören? Zu welchem Zeitpunkt sollte er ihr vom Schicksal ihres Bruders berichten? Sollte er sich der durchaus verwerflichen Hoffnung hingeben, dass sie ihm, in Tränen aufgelöst, in die Arme sinken würde, um schluchzend Trost an seiner Brust zu finden? Sollte er gar Pauls Tod verschweigen? Wie sollte er alsdann erklären, sie gefunden zu haben? Warum sollte er sie dann überhaupt gesucht haben? Während er unschlüssig herumstand und die Fragen in seinem Gehirn hämmerten, hatte sich die Katze mit erhobenem Schwanz davon gemacht. Er kramte hervor, was von Pauls Beschreibungen seiner Schwester noch übrig geblieben war. Es entstand die ungenaue Skizze eines Mädchens mit dunkelblonden Haaren (oder waren sie braun?), schlankem bis zierlichem Körperbau, etwa so groß. Er hielt seine Hand in Schulterhöhe, um sich die Größe zu verdeutlichen. ‚Nein’, entschied er, so gab es kein Fortkommen. ‚Ich sollte einfach an die Türe klopfen und abwarten, was dann passiert’, sagte er zornig zu sich. Er klopfte. Das Herz schlug wild in seiner Brust. Die Tür öffnete sich und Hollaender sah in das Geicht einer Frau, deren Alter er nicht einschätzen konnte. Für einen Atemzug erschrak er, weil er sich bereits Ilse gegenüber wähnte, und setzte seinen Schritt zurück. Die Frau trug ein im Nacken geknotetes Kopftuch, ein farbloses Kleid und eine Schürze, sie war barfuss. 126

„Guten Tag, entschuldigen sie, ich bin auf der Suche nach einer jungen Frau mit Namen Ilse Gertz. Die Wirtin im Dorf sagte mir, dass sich sie hier finden könne“. „Sie steht vor ihnen“, erwiderte sie knapp. „Ich bin Ilse Gertz, wir kaufen nichts, und wir geben auch nichts, denn wir haben nichts“, fuhr sie nüchtern fort. „Nein, nein. Ich will nichts verkaufen. Sieht so jemand aus, der etwas zu verkaufen hat?“, sagte Hollaender und zeigte mit dem Daumen auf sich. „Sie sehen aus, als wollten sie betteln“, gab Ilse zurück. „Nein, auch das nicht. Es ist so...“, begann er stotternd, „ich habe Nachrichten von ihrem Bruder Paul...“, Hollaender wusste nicht mehr weiter. Alles, was er sich zuvor zurecht formuliert hatte, kehrte sich von ihm ab. Er fühlte sich so nackt wie vor dem sowjetischen Offizier. Dann merkte er, dass er vergessen hatte, seinen verbeulten, staubigen Hut vom Kopf zu nehmen. Schnell schnappte er ihn sich. „Nun sagen sie schon, was sie wollen“. Ilse wurde ungeduldig. „Also“, startete er einen neuen Versuch intelligenter Kontaktaufnahme, „ihr Bruder, der Paul, und ich, wir sind, äh, wir waren Kameraden auf der Flucht. Wir entkamen während der Evakuierung des Lagers mit den letzten Insassen. Man sagte, wir sollten in einem anderen Lager zur Arbeit eingesetzt werden. Das glaubten wir aber nicht, das glaubte kein Mensch. Wir schlugen uns bei Eis und Schnee durch bis zu einem Bauernhaus, dieses verfluchte Bauernhaus, ich weiß nicht genau, wo es sich befand, in Polen, bestimmt in Polen, dann hat uns die Bäuerin verraten, aber womöglich bildeten wir uns das alles nur ein, weil wir ja vollkommen ausgehungert und durcheinander und halb erfroren waren, es kann sein, 127

dass die Bäuerin es überhaupt nicht böse mit uns gemeint hatte, vielleicht wollte sie nur Hilfe holen, wir verstanden zu wenig von der Sprache, Missverständnisse, plötzlich kam der Polizist, wir gerieten in fürchterliche Panik...“. Hollaender eilte wie von einer Hundemeute gehetzt durch die Erinnerungen an die Flucht. „Paul ist tot“, stellte Ilse fest, ohne eine Regung zu verraten. „Und sie waren sein Freund, sagen sie?“ „Ja, er war alles, was ich damals hatte, verstehen sie, wir waren Bruder, Freund und Geheimbündler in einer Person. Wir gehörten zur geheimen Brudergemeinschaft der Überlebenden. Gott mag weise sein, aber er ist ohne Gnade, in diesem Glauben haben wir uns verschworen“. „Kommen sie herein. Der Bauer und die Bäuerin sind im Dorf, ich beaufsichtige die Kinder, den Ernst und den Hans. Es sind liebe Kinder, ich habe nicht viel Arbeit mit ihnen. Die Wohnung war einfach, aber sauber und praktisch eingerichtet. In der Mitte stand ein runder Ofen, dessen Rohr quer durch das Zimmer in den Kamin führte. In einer Ecke befand sich eine mächtige Truhe, daneben eine lange Bank, auf der Kissen ordentlich drapiert lagen. Um den Tisch vor dem Fenster waren sechs Stühle gerückt, darauf eine Schale mit Früchten aus dem Garten. Kreuz und quer durch den Raum spannte sich die Wäscheleine, an der wenige feuchte Lappen zum trocknen hingen. Hollaender vermutete, dass die Sauberkeit und freundliche Ordnung aller Dinge, die er wahrnahm, dem opferbereiten Fleiß von Ilse zu verdanken war. Selbst die Fliegen, die unerbittlichen Begleiter aller Bauern, unterwarfen sich der Ordnung und störten ihn nicht. 128

‚In dieser blitzblanken Stube werden die summenden Viecher nichts zum Futtern finden’, dachte er. Ilse machte sich an der Anrichte zu schaffen. Sie hatte Hollaender den Rücken zu gekehrt. „Sie haben bestimmt Hunger“, sagte sie ohne sich umzudrehen. Ich kann ihnen frische Milch, sie ist noch lauwarm, Brot, Kartoffelsuppe und Speck anbieten“. „Machen sie sich doch bitte keine Mühe. Ich gehe später wieder zurück ins Dorf, dort kann ich im Wirtshaus essen“, log er. „So wie sie aussehen“, sagte sie mitleidig, „haben sie großen Kohldampf und keinen Pfennig in der Tasche“. Hollaender schämte sich. Er aß mit der Gier eines Mannes, der sehr lange Zeit kein Obdach, geschweige denn Komfort genossen hatte. Ilse setzte sich zu ihm an den Tisch und schaute ihm zu. Nachdem er alle Teller und Schalen geleert hatte, brachte sie ihm wortlos noch einen Nachschlag. Er verzehrte das Essen wie ein hungriger Wolf, der in seiner Wildheit alles frisst, was ihm hinhält. Er spürte wie die Nahrung in ihn eindrang, wie die Milch, das Brot, die Suppe und der Speck ihn anfüllte, ja zu verstopfen drohte. „Einmal in der Woche machen sich die Fechtners auf den Weg ins Dorf“, unterbrach Ilse sein Schmatzen. „Wenn sie zurück sind, werde ich sie ihnen vorstellen“. „Ja, ist gut“, sagte er ohne aufzuschauen. Hollaender wunderte sich, dass Ilse die Nachricht vom Tode ihres Bruders augenscheinlich gefühllos aufgenommen hatte. Er maß dem jedoch keine allzu große Bedeutung bei. Bauer Fechtner war ein wortkarger, strenger 129

Mann. Die buschigen Augenbrauen unter seiner flachen Stirn verschatteten seine tief liegenden Augen. Hin und wieder blitzten sie auf. Wenn er sich ärgerte, wütend war oder sich freute funkelten sie wie Diamanten. Ansonsten verrieten die Augen keine Regung. Seine Hände ruhten gefaltet auf der Tischplatte, wie Werkzeuge, die an Feiertagen akkurat auf der Werkbank ausgerichtet auf ihren Arbeiter warteten. Seine Frau redete, erfolgte ihr schweigend. Ilse hatte die Bauern und Hollaender miteinander bekannt gemacht und erzählte nun seine Geschichte. Jedoch verheimlichte sie seine Lagerhaft. Hollaender ließ sie gewähren, nickte ab und zu und verfolgte die Schilderung, als sei es nicht die seiner Vergangenheit. Ilse befürchtete, dass die Bauern den Eindruck schöpfen könnten, Hollaender sei ein Verbrecher, und aus diesem Grund ins Lager gesteckt worden. Sie improvisierte und wirkte so sicher und wortgewandt, als erzähle sie ihre eigene Geschichte. Hollaender intervenierte auch nicht, als sie ihm ein heldenhaftes Soldatenleben andichtete. Es gefiel ihm sogar, manchmal schmunzelte er unmerklich. Frau Fechtner, deren Gemüt so unschuldig und rosa wie ihre Gesichtsfarbe war, die beim Hühnerschlachten nicht zusehen konnte und die fürsorglich ihre Familie umsorgte und liebte, ging zur Tür und schaute nach den Kindern, die auf den Kastanienbaum geklettert waren. Als sie zurück am Tisch war, sah Hollaender, dass ihre Augen in Tränen schwammen. Mit dem Schürzenzipfel wischte sie sie weg. „Ach Mutter“, sagte der Bauer mit brummiger Stimme, „du kannst doch nicht um jeden Soldaten weinen“. An die beiden jungen Leute gewandt teilte er mit, und er hörte sich so an, als hätte er lange mit der Entscheidung gerungen, nun aber um so fester in der Überzeugung war:“ Wenn ihr wollt, könnt ihr bei uns wohnen. Es gibt 130

viel zu tun auf einem Hof. Der Schuppen muss in Ordnung gebracht werden, es regnet hinein. Der junge Soldat kann mit mir aufs Feld hinaus fahren und mir helfen, dass ich mich nicht immer alleine plagen muss wie ein Ackergaul. Ilse hat ja ihre Arbeit, nicht wahr Mutter“.

Es war Sonntag. In den kräftigen Strahlen der Sonne, die das Fenster durchdrangen, tanzten die Staubkörner. Dicht gebündelt erhellten ihre goldenen Arme das Zimmer und streichelten Inges Rücken. In dürrer Nacktheit räkelte sie sich vor Hollaender, ihr Nachthemd war ihr über die Schulter gerutscht; der Morgen hatte sie noch nicht geweckt. Vom Dorf her wehte gedämpft das sonntägliche Glockengeläut und der hoher Klang erinnerte an das Lachen von Kindern beim Spielen. Die Glocken riefen die Gläubigen zum Gottesdienst. Hollaender erzählte den Bauersleuten, dass er zu jenen Menschen gehöre, die den Glauben nie gelernt hätten. „Wissen sie“, sagte er ungeniert, „mein Glaube war der Führer und Deutschland“.

Ilse lebte die Jahre bei Fechtners als eifrige Christin, empfing die heiligen Sakramente und nahm mit ihrer neuen Familie am gemeindlichen, evangelischen Leben teil. Sie war den Bauern wie eine Tochter geworden.

Während die Familie im Sonntagsstaat zusammen mit Ilse zur Kirche ging, lag er auf seinem Bett und blickte hinaus in den verführerisch schönen Morgen. Zum ersten Mal, seit das Schicksal ihm als finstere,

unbarmherzige Macht begegnete, streifte ihn der Saum des Glücks. Er lächelte vor sich hin und war voller Zuversicht. Das Leben hatte ihn wieder aufgenommen. 131

Die Monate verstrichen. Sommer und Herbst gingen über das Land und Hollaender arbeitete hart, oft bis zur Erschöpfung. Er stellte sich nicht immer geschickt an, so dass der Bauer zuweilen murrte und schimpfte und dabei die Augenbrauen hochzog, als deutliches Zeichen seiner

Verstimmung, aber er lobte auch den Fleiß und die Beharrlichkeit seines Knechtes. Der unbeugsame Wille, den er im Lager entwickelte, half ihm auch jetzt. Er feilte unablässig an seinen Fertigkeiten und wurde bald zu einem wertvollen Arbeiter. Die Abende verbrachte die Familie beim gemeinsamen Essen, man sprach über die Arbeit des Tages, und wenn die Kinder im Bett waren, tranken der Bauer und Hollaender zusammen Bier und rauchten.

Die Bäuerin hatte von Anfang an darauf bestanden, dass in der Kammer der jungen Leute ein Vorhang das Zimmer teilen müsste. Der Einfall stammte eigentlich von Hollaender, der sich damit die Zufriedenheit aller im Hause erschleichen wollte. Die Aussicht im Stall zu schlafen war ihm nämlich ein Graus. Ein eigenes Zimmer für ihn stand nicht zur Verfügung, so dass er eine Schlafstelle in Ilses Zimmer erwog, sehr zum Verdruss der Bäuerin. Nach ihrem Willen sollte dieses Antependium zumindest den Schein von Wohlanständigkeit bewahren. Sie war eine fromme Protestantin, der Schmucklosigkeit als Zier galt. In ihr wohnte kindliches Misstrauen und der Glaube an die vom Teufel gesandte Sünde, die mit unerbitterlicher Strenge unterbunden werden musste. Aber Ilse gelang es mit geschickten Worten die Gedanken der Bäuerin an die Sünde zu zerstreuen, denn sie beschrieb Hollaender als brüderlichen Freund ihres Bruders Paul. Der Vorhang 132

baumelte alsdann an der Decke, so wurde der Moral im Hause Fechtner Tribut gezollt. Dieser dünne Schleier sollte aber kein Hindernis darstellen. Er verband mehr als er trennte, ganz so, wie aufreizend gekleidete Damen mehr Reize fördern als das nackte Fleisch. So schürte der Vorhang

Hollaenders Verlangen eher, als er es unterband. In seinen Lenden wühlte die Unruhe. Ilse öffnete ihr Herz nicht, also wusste Hollaender nicht, wie sie empfand. Sie hatte ihre Zweifel an seiner Aufrichtigkeit noch nicht begraben. Wie eine Schwester lächelte sie ihn an. Freilich, hinter ihrem Lachen herrschte Dunkelheit. Was sie auch tat, es durchdrang Hollaenders Seele und düngte seinen Wunsch nach einer Frau an seiner Seite; Ilse sollte es sein. Ihr mädchenhafter Charme, der immer öfters hinter der Schale rustikaler Barschheit durch schimmerte hatte ihn bis in den hintersten Winkel getroffen. Sie leuchtete ihn hinein, wie eine Lampe, so dass

allmählich aus der Knospe seiner Zuversicht wahres Glück in ihm anwuchs. Ilse war ein zerbrechliches und zugleich erhärtetes Wesen von betörender Anmut. Bei der Arbeit auf dem Hof suchte er immer ihre Nähe. Er freute sich, ihr die gefüllten Milchkannen zu tragen, ihr mit allerlei kleinen

Handreichungen seine Gunst zu beweisen. Sie freute sich, bis sie bald auf ihn wartete. Nicht lange danach hob sich zum ersten Mal der Vorhang zwischen ihren Betten. Ilse war es, welche die Grenze überschritten hatte, die in kühler Nacht seine Wärme suchte. Seine Überraschung war so groß wie die Freude. Er umschlang sie mit seinen harten Armen und sie küssten sich mit flammender Leidenschaft. Ihre Leiber verschmolzen zu inniger Sehnsucht, bis sie sich erfüllte.

133

Hollaender trat aus der Türe, die knarrend wieder ins Schloss fiel. Ilse blieb im Bett. Sie vergrub sich in seiner verbliebenen Wärme. Es war Sonntag. Die Kühe waren gemolken, die Schweine und Hühner gefüttert, der Stall gesäubert und die Bauersleute waren mit ihren Kindern in der Kirche. Ilse hatte sich schon am Vorabend mit einer Unpässlichkeit vom Gottesdienst entschuldigt. Frau Fechtner murrte vernehmlich. Die Klärapfel lagen im feuchten Gras. Der sanfte Herbstnebel hüllte die Gebäude ein. Oktober 1946. Mehr als ein Jahr arbeitete Hollaender nun schon auf dem Hof, hatte ein nettes Mädchen an seiner und den Freund vergessen, dem er nicht nur sein Leben verdankte, sondern auch das Mädchen. Er hatte sich durch Fleiß und Eifer unentbehrlich gemacht. Er könnte zufrieden sein. Diese Zufriedenheit war einzig der Dankbarkeit geschuldet. Er blieb fremd auf dem Hof, so dass der Wunsch nach Wandel stärker wurde. Ihm war, als seine Zeit auf dem Fechtner – Hof in Kladow abgelaufen. Mit einem Apfel zielte er auf eine Weide, traf sie und er entschloss sich, mit Ilse den Hof, Kladow, Berlin und Deutschland zu verlassen.

Lange Zeit hatte Alfred Hollaender monologisiert. Ein paar Schlucke aus dem Weinglas lockerten seine Zunge. Er verhedderte sich im Geäst seiner Erinnerungen. Der Junge war ihm gleichgültig geworden. Henry war ein äußerst stiller Zuhörer geworden. Er wagte nicht den Alten zu unterbrechen, der da vor sich hin erzählte. Hollaenders Berichte sprudelten nicht wie aus einer klaren Waldquelle, sie quollen wie Lava aus einem Vulkan, der jeden Augenblick explodieren konnte. Hassgefühle und Rachegelüste h bewahrten die Hitze. Hollaender legte eine Pause ein. Die Männer 134

schwiegen. Henry kratzte mit ein paar Geldmünzen auf dem Tisch und sah seinen Fingern zu, wie sie daraus Figuren legten. „Was tun sie da?“, entfuhr es Hollaender. Henrys Blick heftete sich an den Krawattenknoten, in die Augen sah er dem Alten nicht. „Ich denke nach. Ihre Geschichte....“. „Was, sie nennen das Geschichten“, knurrte er. „Nein, das ist ein Missverständnis. Ich meine, das, was sie mir erzählen wuchert auf merkwürdige Weise in mir. Es scheint fast so zu sein, als hätten sie mich mit einer Krankheit infiziert. Mit einer düsteren Verstimmung, die mich an tief hängende Gewitter erinnern. Ihr Leben lastet auf mir wie eine Grabplatte“. „So, so. Mein Leben ist also eine Grabplatte“, höhnte Hollaender. „Mit ihrem Vergleich liegen sie ja vielleicht gar nicht so falsch“. Den Anflug von Milde schob Hollaender beiseite und er fragte, ob Henry noch Interesse am Fortgang seines Lebens habe. Immerhin sei er, Henry, es gewesen, der, wenn auch nicht dezidiert ausgesprochen, dennoch

unmissverständlich, die Lebensgeschichte des Alten hören wollte, zu welchem Zwecke auch immer. „Sie erzählen mir von Menschen, Orten und grauenvollen Geschehnissen aus der Vergangenheit und schließlich, ich mag es kaum glauben, von großer Liebe. Wie können sie mir die Impertinenz unterstellen, sie ausbeuten zu wollen, wie sie es immer unterstellen?“ Hollaender blieb die Antwort schuldig. Henry fand sich gefangen im Netz des ehemaligen Häftlings, das er fein gesponnen ausgelegt hatte. Er war blass, seine Augen dunkel gerändert. Er rauchte viel. 135

Henry kam erschöpft nachhause. Er wollte nur noch schlafen, aber es gelang ihm nicht. Arno behandelte ihn schon längere Zeit nicht mehr als alten Kumpel, mit dem durch die Straßen zieht. Er gab sich ausgesprochen wenig Mühe, seinen Verdruss an Henrys Anwesenheit zu verbergen. Er fühlte sich belästigt. Manchmal dachte er darüber nach, wie er seinen Untermieter möglichst geräuschlos wieder loswerden könnte. Unterdessen zog sich Henry in sein Schneckenhaus zurück. „Niemand weiß wirklich, mit was er sich beschäftigt, ob er sich überhaupt mit etwas beschäftigt und nur seinem läppischen Müßiggang nachhängt“, belauschte Henry seinen Freund einmal im Treppenhaus, als dieser gerade eine Freundin verabschiedete. Er verließ die Wohnung meist spät am Vormittag. Er streifte durch die Stadt und versuchte den Faden seiner Kladdentexte wieder aufzunehmen. Er stöberte , wie es seine Art war, in den Feuilletons, Stadtmagazinen,

Obdachlosenzeitungen oder Filmtexten nach Inspiration. Er füllte Seite und Seite, beschrieb alle Zettel, derer er habhaft werden konnte, wenn er seinen Block vergessen hatte, und er vergaß ihn oft. Am Abend, wenn er hundemüde und oft genug betrunken in seinem Zimmer strandete, schüttelte er seine Zettel aus den Taschen ohne sich der Mühe des Ordnens zu verpflichten. So dass er täglich von neuem mit seiner Suche begann. Er wurde auf gewisse Weise jeden Tag wieder geboren, seine Kraft bröckelte jedoch. Ein Neugeborenes steht am Beginn seines Lebens; der alltäglich neugeborene Henry schleppte sich dem Ende zu.

136

„Heute werde ich ihnen erzählen, wie es uns ergangen ist, nach dem Entschluss, die Fechtners zu verlassen.....“, empfing Hollaender den vollständig durchnässten Henry. Er sah aus, als wäre er in den Teltowkanal gefallen. Den Alten störte das nicht. „Ich bestelle ihnen einen Grog“, sagte er trocken.

Alfred und Ilse verließen die Familie Die Kinder weinten, verstanden sie doch nicht, warum ihre liebe Freundin sie verlassen wollte. Sie war ihnen ans Herz gewachsen. Auch die Bäuerin tat sich schwer. Sie fragte laut und mit Vorwurf:“ Ist dies nun der Dank für alles? Musst du wirklich gehen? Wir hatten es doch so schön“, flehte sie, bis sie plötzlich verstummte und Ilse mit ihren dicken Armen fast erdrückte. Der Bauer zog an seiner Pfeife, der Tabakqualm kräuselte sich in seine Haare. Er blieb stumm. Was sollte er auch sagen, seine Frau hatte alles gesagt. Er entfernte sich ein paar Meter von den andern und winkte Hollaender zu sich Gruppe. Mit einem festen Händedruck verabschiedete er seinen Arbeiter und steckte ihm ein Bündel Geldscheine in die Tasche. Ilse klopfte er ungelenk auf die Schulter und täschelte ihr Gesicht, wie man es bei kleinen Kindern zu tun pflegt. „Viel Glück und vergesst uns nicht“, rief er und verschwand mit den Kindern, die sich mit verheulten Gesichtern noch einmal umdrehten, ins Haus. Seine Frau winkte den beiden jungen Leuten nach, länger als sie sie sehen konnte.

Von den Engländern, die den Russen in Kladow als alliierte Siegermächte nachfolgten, erhielten Alfred Hollaender und Ilse Gertz ihre

Registrierungskarten mit vielstelligen Nummern. 137

„Wieder eine Nummer“, brummte Hollaender. Als er aber seinen Namen auf der Karte gelesen hatte, erfüllte ich tiefe Genugtuung. Er hatte, ganz offiziell, wieder seinen Namen zurück, in einem amtlichen Dokument mit Stempel und unleserlicher Signatur, das ihm von Beamten mit wichtig drein schauenden Mienen ausgehändigt worden war. Er fühlte sich wieder als Mensch. Das ganze Elend hatte ein Ende genommen. Die Schufterei auf dem Hof hatte Hollaender nicht im geringsten als Strafe empfunden, aber frei hatte er sich nicht gefühlt. Wenn Ilse nicht gewesen wäre, dachte er, keine Woche hätte er durchhalten wollen. Ilse gab ihm als erster Mensch wieder das Gefühl, ein Geschöpf Gottes zu sein, und die Bauernfamilie hatte ihn in die menschliche Gesellschaft aufgenommen.

Sie machten sich zunächst auf den Weg zurück in die Stadt, in Richtung Osten. Sie kamen an zerstörten Gebäuden vorbei, die aufgegeben worden waren, an Ruinen von Fabriken aber auch an langsam entstehenden Neubauten. Von den Gerüsten herab winkten die Handwerker. In der Stadt, so hofften sie, werde sich das Rote Kreuz und jüdische Hilfsorganisationen um sie kümmern. Einige Tage verbrachten sie bei Privatpersonen, denen sie von den Behörden zugeteilt wurden. Sie erhielten Unterkunft und Verpflegung. An einem schwülen Sommertag, es war so heiß, dass selbst die Vögle auf ihre Konzerte verzichteten, trafen die beiden Franz Spelcher, ein früherer Nachbar der Familie Hollaender in der Schönhauser Allee. Spelcher hatte sich in den dunklen Jahren als Hausmeister verhasst gemacht. Nicht wenige wünschten ihm die Pest an den Hals. Spelcher, Veteran aus dem Ersten Weltkrieg wie der alte Hollaender, war schon vor dem Krieg ein alter Mann, so alt, dass er am Ende nicht einmal für den 138

Volkssturm taugte. Er erkannte Alfred Hollaender sofort. Mit jammervoller Stimme berichtete er von seinen beiden Söhnen, von denen noch keiner aus dem Feld zurückgekehrt sei, von seiner Frau, die nach den britischen Bombenflügen verbrannte und dass er wohl der letzte Überlebende seiner Familie sei. „Bitte, Alfred, ich kenn dich noch als Kind, hilf mir!“, flehte er. Voller Verachtung und mit den Insignien des gerechten Opfers ausgestattet sagte Hollaender:“ Deine Söhne werden schon wieder kommen, wenn sie Glück haben. Wenn sie auch nur einen Bruchteil meines Glückes haben, werden sie wieder kommen“. Mit dem Ärmel seines Hemdes verwischte der alte Spelcher Staub, Schweiß und Tränen über sei Gesicht, schüttelte verzweifelt den Kopf über sein Unglück und packte Hollaenders Hand. Er drückte die Hand an seine Stirn, Hollaender zog sie angeekelt zurück. „Tut mir leid, ich kann ihnen nicht helfen. Selbst wenn ich wollte, was sollte ich für sie tun“. „Du bist jung und stark und ein guter Junge, du hast das Leben noch vor dir. Ich habe alles verloren, was mir etwas bedeutete und hause jetzt in einem Kellerverlies mit Ratten und anderem Ungeziefer zusammen, die mir nachts an den Ohren knabbern. Keiner von den anderen Leuten spricht mit mir. Alle schweigen den ganzen Tag und schwitzen im Keller, im Winter erfrieren sie. Der Winter kommt bald und auch ich werde erfrieren. Gib mir etwas Geld, was zu essen“, stammelte der Mann. „Ich habe auch alles verloren. Alles, meine Familie, meine Frau, mein Kind. Wen kümmert das, sagen sie, wen kümmert das?“, rief Hollaender voller Zorn.

139

Ilse versuchte Hollaender zu besänftigen. Sie sah, wie die Wut seine Adern anschwellen ließ. Sie zog ihn zur Seite und sagte:“ Hör mal, frag ihn, ob er etwas weiß von deinen Geschwistern oder anderen aus deiner Familie, dann wissen wir mehr und sehen weiter“. Hollaender griff den Alten am Kragen, zog ihn zu sich und schob ihm einen Geldschein hin. „Die Frau Kalinke, die kennst du doch noch. Das ist die, die immer als erste die Fähnchen aus dem Fenster gehängt hat. Sie hat mir erzählt, dass, nachdem deine Mutter und die anderen abgeholt worden wurden, ein Bruder von dir, ich weiß nicht mehr genau wer es gewesen war, ihr wart ja so viele Kinder, sich versteckte hatte und später nach Belgien abgehauen ist. Wie er das geschafft hat...., keine Ahnung?“ „Nach Belgien?“, forschte Hollaender ungläubig. „Ja, ich bin mir sicher, das hat die Kalinke so gesagt. „Um Himmels Willen, was will er denn in Belgien?“ Ilse strich im zärtlich über die struppigen Haare. „Na gut, dann eben Belgien“, sagte Hollaender. „Lassen sie sich’s gut gehen, Spelcher“, schob er voller Häme nach. „Halt, halt, so geht’s nicht. Die Information ist aber mehr wert als dieses kleine Scheinchen“, beschwerte sich der Alte. „Hau ab, sonst schlag ich dir die Fresse ein“. Er hob den Arm zum Gruß und sah, wie sich der Alte laut fluchend davon machte.

Ganz in der Nähe, dort, wo früher die Kaiser-Wilhelm Gedächtnis Kirche die Berliner an ihre Kaisertreue mahnte, und wo jetzt aus einem riesigen 140

Trümmerberg etwas hervorschaute, das an einen ausgehöhlten, faulen Zahn erinnerte, hatten die amerikanischen Behörden einige Bretterbuden errichtet, in denen wichtige Listen ausgelegt waren. Auf diesen Listen standen in langen Kolonnen Namen von Personen, mal mit genaueren Mitteilungen über Geburtstag, letzte Adresse oder Zielort, oder nur Namen. Hinter manchen Namen waren sogar Fotos geklebt. Hollaender und Ilse blätterten in den Karteien herum, Alfred suchte unter dem Buchstaben „H“ nach seinen Angehörigen, als eine gut genährte Frau, die ihre braunen Haare zu einem Dutt in die Höhe toupiert hatte, ihn ansprach und fragte, ob sie helfen könne. Hollaender berichtete, wonach er forschte. Die Frau, die ein wienerisch gefärbten Deutsch sprach, schickte Alfred Hollaender und Ilse Gertz zu einem Offizier im Nebenzimmer. „Herein“, sagte eine Stimme. Das junge Paar trat ein und Hollaender, einem angstvollen Reflex folgend, nahm sogleich Haltung an, als er vor einem Mann in Uniform vorstellig wurde. Er nahm seinen zerknitterten Hut vom Kopf, hielt den Blick gesenkt und wartete, bis der Offizier sie ansprach. Ilse ging hinter seinem Rücken in Deckung. Die einsamen Jahre auf dem Hof hatten sie menschenscheu werden lassen und Uniformierte flößten ihr große Angst ein. Als sich Hollaender allmählich aus der Starre löste, wagte er den Blick zu heben und er sah in ein offenes, liebenswürdiges Gesicht, aus dem dunkle Augen hervor stachen. „Alfred“, sagte das Gesicht, „mein Gott Alfred Hollaender, was machst du denn hier? Wie geht es dir? Du siehst gut aus. Ist das deine Frau? Stell sie mir vor!“. Er lief um seine Schreibtisch herum und nahm Hollaender in den Arm.

141

„Ja kennst du mich denn nicht mehr? Ich bin’s, Hermann, Hermann Sonnenfeld“. Der Offizier lockerte seine Umarmung, so dass sich die Männer direkt in die Augen schauen konnten. Der Amerikaner lachte schallend und es klang in Hollaenders Ohren, als würde er ihn auslachen. Beschämt schaute er an sich herab und wischte Straßenschmutz von seiner Hose, an der jedoch gar kein Straßenschmutz haftete, zumindest nicht an dieser Stelle. Verdutzt stand er für eine kleine Ewigkeit vor dem Offizier, dessen zudringliches Gehabe ihm langsam auf die Nerven ging. Es war nie Hollaenders Sache, Gefühlsregungen, gleich welcher Art, für seine Umgebung zugänglich zu machen. Und für das laute Getöse des Offiziers brachte er ebenfalls wenig Verständnis auf. ‚Die Leute sollen sich zusammen reißen’, das war sein Credo, der Vater hatte das immer gepredigt, aber nicht vorgelebt. Für ihn war es immer von tragender Bedeutung, niemandem in sein Herz Einblick zu gewähren. „Selbst wenn ich ihnen alle meine Sünden beichte, so öffnet dies nicht den kleinsten Spalt zu meinem Herzen“, sagte er zu Henry. Hollaender erkannte Hermann Sonnefeld. Etwas förmlich und distanziert stellte er Ilse vor. „Das ist Ilse Gertz, die Schwester meines Freundes Paul und meine Verlobte. Kaum hatten die Worte seinen Mund verlassen, trat Ilse aus seinem Schatten und betrachtete ihn mit großen Augen. Ihr Gesicht fror zu einer bangen Frage, aber sie brachte kein Ton heraus. Er nahm sie in den Arm und manifestierte mit einem Kuss auf die Wange seinen Besitzanspruch.

142

Hermann Sonnenfeld war der älteste Sohn des Augenarztes Dr. Chaim Sonnenfeld. Mit Hermann drückte er die Schulbank, bis dieser auf das Gymnasium wechselte. Die Familie war schon 1937 nach Amerika ausgewandert. In New York eröffnete Dr.Sonnenfeld eine Praxis, die vor allem von Emigranten Vermögen, aufgesucht wurde. Er das seiner Familie erwirtschaftete Zugang in ein

erkleckliches

höhere

gesellschaftliche Kreise verschaffte. Seine ganze Liebe gehörte der Literatur und eines Tages saß auf seinem Behandlungsstuhl Wieland Herzfelde. Die Männer freundeten sich an und Dr.Sonnenfeld besuchte so oft er es einrichten konnte Herzfelde in den Räumen des Malik-Verlages. Sohn Hermann, im selben Jahr wie Hollaender in Berlin geboren, absolvierte eine erstklassige juristische Ausbildung. Als Freiwilliger gelangte er gegen Ende des Krieges in seine Heimatstadt Berlin. Er sollte ein Registrierungssystem für die Vertriebenen und Heimatlosen aufbauen. Im Jargon der alliierten Behörden nannte man diese Unglücklichen „displaced persons“. „Das sind Menschen wie sie, mein lieber Herr Lantz“, scherzte Hollaender

Seine Aufgabe sah Leutnant Sonnefeld nicht primär darin, fuhr er fort, Verbrecher des untergegangenen Regimes aus dem Flüchtlingsstrom

herauszufiltern und einzukerkern, er unterstellte sich ganz und gar den Bedürfnissen der früheren Verfolgten. Die benötigten zu allererst Papiere, Geld und Unterkunft, als ersten Schritt in eine geordnete Freiheit. Als glänzender Jurist von klarem Verstand erfüllte er seine Mission. Seine Vorgesetzten ließen ihn gewähren, sie kannten seinen Fleiß, lobten seine Kühnheit und benötigten seine Sprachkenntnisse. 143

Sonnenfeld ließ Kaffee bringen und dazu stellte er trockenen Kuchen. Sie nahmen um den Tisch Platz, der mit Listen ausgelegt war, an denen Sonnenfeld gerade arbeitete. Sie tauschten Erinnerungen und Lebenswege aus, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Ilse hörte zu. Nur einmal hob sie die Stimme, als Sonnenfeld sich auch an ihren Vater erinnerte. Ihre Väter trafen sich im Gemeindehaus, manchmal war der kleine Hermann dabei. Sie saßen mehr als eine Stunde zusammen, als sie sich verabschiedeten. Nachdem, was Sonnenfeld von Hollaender erfahren hatte, wollte er nach draußen in die Stadt stürmen, um Verbrecher zu fangen. Aber weit und breit konnte er keinen erkennen. Die Verbrecher hatten sich zurück in Bürger verwandelt. Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch rauchte eine Zigarette, stand wieder auf und sein Blick streifte die erkalteten Ruinen der Stadt, über die die Sonne ihr purpurnes Abendlicht gegossen hatte.

Sonnenfeld hatte Alfred Hollaender und Ilse Gertz mit allen notwenigen Papieren, etwas Geld und zwei Bahnfahrkarten nach Antwerpen ausgestattet. Er überreichte ihnen auch die Adresse und eine

Telefonnummer seines Cousins in New York, „zur Sicherheit“, wie er sagte. In beruhigendem Ton hatte er versprochen, dass sie sich auf den Vetter verlassen könnten. „An ihn könnt ihr euch immer wenden. Ich werde ihm gleich heute einen Brief schreiben und ihm mitteilen, dass er euch am Schiff abholen möge, sobald ihr ihm eure Ankunft avisiert haben werdet. Das ist eine Option“, fügte er mit gespielter Strenge hinzu. „Ihr könnt selbstverständlich in Europa euer Glück versuchen“. Dann ging er zurück

144

zu seinem Schreibtisch, und entnahm der Schublade ein Couvert, in das er zwei kleiner Zettel steckte. „Das sind zwei Berechtigungsscheine, die für eine Passage von Bremerhafen nach New York gedacht sind. Sie sind von unbegrenzter Gültigkeit“, bemerkte er, und übergab Hollaender das Couvert. „Pass gut auf!“.

Hollaender und Ilse erfuhren von Sonnefeld auch, dass Alfreds ältester Bruder Stefan dort wohnte. Eine Hilfsorganisation, mit der Sonnenfeld kooperierte, sollte das Paar in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft in Belgien beherbergen. Wohlgemut machten sich die beiden auf den Weg zum Bahnhof Zoo, von dem aus die ersten Züge wieder fuhren. Zwei Tage dauerte die Reise, die sie über Köln an die belgische Grenze führte. Sonnenfelds Freundlichkeit nistete noch in ihren Gedanken und so erschraken sie um so heftiger, als ihnen die belgischen Zollbeamten sehr deutlich machten, dass sie als Deutsche im Königreich nicht erwünscht seien. Sie durften einreisen, ihre Papiere waren korrekt, die Beamten mussten ihnen sogar die Aufenthaltserlaubnis erteilen. Die Feindseligkeit der Belgier traf Ilse stärker als Hollaender. Sie war, fast ihrer Angst enteilt, gerade wieder dabei das Mädchen von früher zu werden, das in Berlin Kaffeehäuser, Theater und Kinos besuchte, und nun tauchten die alten Alpträume in Gestalt von zwei schrecklichen Zollbeamten wieder auf. Hollaender bemerkte in ihren Augen den gleichen seelenlosen Ausdruck, der ihm damals bereits aufgefallen war, als sie ihm zum ersten Mal die Haustüre des Fechtner-Hofes in Kladow öffnete.

145

Sie waren dem Zug in Antwerpen entstiegen, rastlose Menschen schubsten sie zum Ausgang, er küsste sie. Er wollte sie zu seiner Frau machen. Rosa war tot, Frieda war tot, aber Ilse lebte. Er schwärmte von einer glücklichen Zukunft, die sie sich redlich verdient hätten und ergriff ihre Hand in dem Bemühen, die ungezwungene Fröhlichkeit schlendernder Liebespaare nachzuahmen, die an Sonntagen die Parks bevölkerten. Aber sie waren nicht unbeschwert und ihre Zukunft leuchtete nicht glücklich, sie waren zutiefst verletzt, keine ihrer Wunden war verheilt. Hollaenders Frohsinn verflog rasch.

Sie spazierten ohne Eile am Scheldeufer entlang und beobachteten die zäh vorbeifließenden Fluten des grauen Flusses. Schwer beladen schoben sich Kutter und Frachtschiffe durch die kräuselnden Wellen in Richtung Nordsee. Auf einer Wiese, die mit schiefen Pappeln umstanden war, spielten ein paar kleine Jungen. Die Adresse von Stefan, die ihnen Sonnenfeld ermittelt hatte, lag in einer kleinen Seitengasse, die von der Magistrale wegführte, in Hoboken, im Süden der Hafenstadt. Vor ihnen erhob sich ein mächtiges, etwas herunter gekommenes Gebäude, fünf Stockwerke hoch. Hollaender versuchte das Haus einer Stilrichtung zuzuordnen. Jugendstil, dachte er, das könnte sein. An den Gittern der Balkone schlängelten sich mäandernd eiserne Schlingpflanzen empor. In Sandstein gemeißelte Jungfrauen in wallenden Gewändern bewachten das Eingangsportal. In jeder Ecke blinzelte eine steinerne Blüte, „was für eine Verschwendung, welch unnütze Zier“, sagte Hollaender zu Ilse.

146

Sie betraten das Gebäude. Zu ihrer Linken öffnete sich eine quadratische Klappe, die in ein mit Informationsschriften beklebtes Fenster eingearbeitet war. Eine auffällig geschminkte, hässliche Empfangsdame mit einer Zigarettenspitze im Mundwinkel hielt die beiden auf. „Zu wem wollen sie“, schnarrte sie. „Wir suchen Stefan Hollaender. Unserer Kenntnis nach wohnt er hier in diesem Haus“. „Hier wohnt niemand, hier liegen sie alle“, antwortete sie. „Sind sie Verwandte“, wollte die Frau wissen und blätterte bereits in einem dicken Journal. „Ja, Stefan Hollaender ist mein Bruder und die Dame hier ist meine Frau. Ich würde ihn gerne sehen“. „Können sie sich ausweisen?“ Hollaender legte die Papiere vor. „Gut“, bescheinigte die Empfangsdame und trug ihre Namen in die Besucherliste ein. „Die Ausweise bekommen sie wieder, wenn sie das Haus verlassen“. „Warten sie“, befahl sie. Sie telefonierte. Hollaender und Ilse sahen sich um. Hollaender beschlich die Ahnung, dass in diesem Haus der Tod wohnte. Das Leben befand sich in diesem Haus auf dem Rückzug. Durch matte Fensterscheiben drang fahler Lichtschein. Ein warmer Luftzug wehte durch die Gänge, es roch nach Essen. Hollaender konnte sich keine Speise vorstellen, die so roch. „Riechst du das“, fragte er Ilse. „Ja, es riecht komisch“.

147

„Fisch vielleicht, Aal. Was isst man in diesem Land eigentlich, Ilse, weißt du das?“ „Ach, wie lange gab’s keinen Fisch mehr, stöhnte sie mit schwacher Sehnsucht. Aber weißt du, Alfred, Fisch mochte ich noch nie besonders gerne“. „Ich auch nicht“, bestätigte er. In ihre Plauderei über Fisch mischten sich die im langen Flur hallenden Schritte einer Schwester, die sich ihnen näherte. Die großen, glatt polierten Steinplatten reflektierten das grünliche Neonlicht, das von langen Röhren von der Decke sickerte. Es verlieh dem Flur eine gespenstische, menschenfeindliche Ausstrahlung. „Hier möchte ich nicht leben“, flüsterte Hollaender Ilse ins Ohr. Sie kicherte. Beide hatten keine Ahnung, wo sie sich befanden. Die Schwester nahm sie in Empfang und begrüßte sie freundlich mit der Aufforderung, ihr zu folgen. Wie ein Feldwebel marschierte sie voran. Die beiden konnten kaum mithalten. Auch die Bewegungen ihrer Arme hatten etwas Militärisches. Vor der letzten Tür des schier endlosen Ganges blieb die Feldwebel-Schwester in strammer Haltung stehen. Sie öffnete mit ernstem Blick die breite Tür, an der ein Schild mit der Aufschrift: Stefan Hollaender angeheftet war. Hollaender und Ilse folgten der Handbewegung der Schwester und betraten das Zimmer. Die Vorhänge waren zugezogen. Es herrschte Dauerdämmerung. Das schwache, mehrfach gesiebte Licht, das den Weg durch den Vorhang schaffte, beleuchtete alle Gegenstände des Zimmer gleich. Das Bettgestell, der Nachtschrank, der Kleiderschrank, die Wände und das Waschbecken, alles hatte die gleiche Tonung: gelb-grün. In

148

diesem Augenblick wusste Hollaender, wo sie sich befanden. ‚Der Tod ist nicht schwarz, er ist gelb-grün’. Ihr Blick fiel auf einen ausgedörrten Mann, dessen Alter man leicht auf fünfundfünfzig oder sechzig Jahre schätzen konnte, dabei war er vierzig Jahre. Die Wangen waren tief eingefallen und bildeten fleckige Krater, über die sich papierne Haut spannte. Die Wangenknochen stachen spitz hervor wie Zelte. Die Augen ruhten tief in den Höhlen. Damit der Mund nicht aufklappte, bevor die Starre eingetreten war, hatten die Schwestern es mit einem Verband fixiert. Auf der Bettdecke, die schon ein halbes Menschenleben nicht mehr weiß war, aber sauber und gestärkt wirkte, schauten aus dem Totenhemd die Hände von Stefan Hollaender hervor. Fremde Hände hatte sie gefaltet, damit er betend und voller Demut vor seinen Herrn treten konnte. Ein grauer Bart umwilderter den Totenschädel. Der Zustand des ausgedorrten Leichnams, der nach den Bekundungen der Feldwebel-Krankenschwester Hollaenders Bruder sein soll, ließ ihn vor Entsetzen taumeln. Er konnte und wollte seinen Bruder nicht erkennen. Ilse legte fassungslos ihre Hände vor den Mund. Hollaender stürmte in wilder Verzweifelung aus dem Zimmer. „Was ist hier los? Wer ist der Mann? Sie können doch nicht wirklich annehmen, dass ich diesen Leichnam als meinen Bruder identifiziere“, schrie er die Schwester an, die teilnahmslos aus dem Fenster im Flur schaute, das auf den Innenhof wies. Der Lärm lockte weitere Bedienstete an, die neugierig in den Flur blickten, sich gleich darauf jedoch wieder zurück zogen. Sie waren derlei Theater offenbar gewöhnt. „Herr Hollaender ist heute Morgen verstorben, wir konnten nichts mehr für ihn tun, mein herzliches Beileid“, sagte sie. 149

„Welches Beileid? Von wem Beileid? Wer sind sie überhaupt?“, brüllte er zurück. Ilse eilte herbei und versuchte Hollaender zu beruhigen. Schwindelgefühl setzte bei ihm ein, die fürchterliche Gewissheit, die Aufregung und sein aufgestauter Kummer sammelten sich. Die grünen Neonleuchten begannen sich wie Propeller an der Decke zu drehen. Jedes einzelne Organ in ihm rotierte in rasender Fahrt. Ihm wurde übel. Er ließ sich auf einen Stuhl neben der Türe fallen, Ilse hielt seine Hand. Er sprang wieder auf und tanzte im Korridor wie im Wahn. Leise hörte er die Schwester sagen, dass man nicht genau wisse,, was geschehen war. „Wir konnten keinen äußeren Verletzungen feststellen. Er wurde uns gestern von der Rettung gebracht, die ihn bewusstlos im Rinnstein gefunden hatte. Vielleicht war es ein Unfall, oder Überfall, wer weiß das schon?“ „Was erzählen sie mir?!“, schrie Hollaender, „Der Mann dort ist verhungert. Sie haben ihn getötet, der belgische Staat, der König, die Polizei, was weiß ich, sie alle haben ihn auf dem Gewissen“. Ilse fing Hollaender auf, der plötzlich zusammensank. Die Schwester rückte den Stuhl herbei und besorgte ein Glas Wasser. So hatte Ilse den Alfred noch nicht erlebt. Er war wie ein aufgewühltes Meer, über das ein Orkan hergezogen war, schwarzblaue Wolken umkreisten seine Stirn, die Augen blickten nach innen. Nach einigen Minuten der Aufregung fand Hollaender wieder zu sich und bedauerte, dass er die offenbar die Kontrolle verloren hatte. Im wesentlichen unbeeindruckt, aber vorsichtig, abgehärtet von vielen Ereignissen dieser Art, erklärte die Schwester, dass Stefan in den vergangenen Monaten zu einer Art Stammpatient geworden war. 150

„Er hatte keinen Wohnsitz, zumindest hat er uns keine Adresse angegeben. Ich glaube, erlebte auf der Straße und bettelte. Er wurde uns oft in volltrunkenem Zustand gebracht, mit blutender Nase von einem Sturz. Wir ließen ihn übernachten und gaben ihm zu essen. Einmal musste er eine Woche bleiben, als er sich das Bein gebrochen hatte. Und gestern brachte ihn die Rettung wieder, er war bewusstlos. Ich vermute, dass seine Kraft zuende war. Seine Augen, ich erinnere mich ganz genau, starrten leer und fest...“. Hollaender und Ilse schwiegen. Er hielt ihren Arm fest. Dann sagte die Schwester:“ Ich nehme an, dass sie sich nicht um seine Beisetzung kümmern können“. Sie erwartete keine Antwort. „Ich bin autorisiert, ihn auf unserem Friedhof begraben zu lassen. Neben unserem Krankenhaus befindet sich ein Gräberfeld, das wir für Verstorbene ohne Angehörige reserviert halten. Dort findet er seine letzte Ruhe. Unsere Gärtner haben Erfahrung, die werden das schon erledigen“, versicherte sich in trostvollem Ton. Hollaender war der Frau aufmerksam gefolgt. Sein wahnvoller Rausch, den der Tod des Bruders bewirkt hatte, schlug um in berechnende Nüchternheit. „Hatte mein Bruder irgendwelche Papiere oder persönliche Gegenstände bei sich?“, wollte er wissen. Ilse streichelte weiter seinen Arm. Die Schwester entnahm der Krankenakte einen Pass: Stefan Hollaender, geboren am 14. Dezember 1910 in Berlin. Tausend Kilometer trennten Hollaender von der Heimat, und es war nicht genug. Das wusste er.

151

„Haben sie die genauen Umstände des Todes ihres Bruders nie erfahren?“, erlaubte sich Henry zu fragen. „Er ist verreckt. Im Rinnstein wie ein gottverdammter Penner, der er geworden war, zu dem man ihn hat werden lassen, wie ein Köter, den niemand mehr haben wollte. Genau so, wie es uns allen zugedacht war, mein Lieber“, antwortete Hollaender. „Aber der Krieg war doch, als sie nach Belgien kamen, längste zuende!?; wand Henry ein. „Der Krieg ist nie vorbei. Für uns wird er kein Ende haben, solange wir leben, das ist gewiss. Gott mag weise sein, gnädig ist er nicht“. Die Antwort erschütterte Henry. Nicht alleine die Antwort machte im Angst, es war die Emphase und die unterschwellige Drohung, die in ihr klang. Er wollte sich gerade eine Zigarette anzünden, als Hollaender ihn hart am Unterarm packte und sagte:“ Schauen sie mich mal an!“ Henry gehorchte und ließ Zündholz und Zigarette auf den Tisch sinken. „Was sehen sie, was sagt ihnen dieses Gesicht?“ Er sah das Gesicht eines alten Mannes, länglich mit braunen Augen, die von buschigen Augenbrauen behütet wurden. Tiefe Furchen, links und rechts des Mundes, gruben sich von der Nase bis fast zum Kinn. Die Ohren stand auffallend vom Kopf ab. Die Nase dominierte seine Physiognomie. Je länger er Hollaender betrachtete, desto mehr kam es ihm wie eine Maske vor, hinter der sich ein Geheimnis verbarg.

Im Frühjahr des Jahres 1951 kamen Hollaender und Ilse mit der Eisenbahn in Bremerhaven an. In der selben Stunde begaben sie sich zum Hafen. Die Sonne schien, die Nordsee begnügte sich damit, in grünweißen flachen 152

Wellen an die Kaimauer zu schwappen. Das Gepäck der beiden passte in zwei Koffer. Hollaender umarmte Ilse und küsste sie auf den Mund. Sie erwiderte seine Zuneigung mit Akkuratesse, indem sie seine Hand zu ihrem Mund führte und ihr eine Zärtlichkeit anvertraute. Mehr als seine Begleiterin empfand Hollaender ein großes Gefühl, das er ihr mit blumigen Worten beschrieb. Dieses Gefühl nannte er Freiheit und umarmte dabei den Ozean. „Weiß du Ilse, was Freiheit bedeutet? Freiheit bedeutet dorthin zu gehen, wohin es einen zieht, eine Arbeit zu tun, die einem Freude macht und das Einkommen sichert, an Stränden zu liegen, den Vögeln beim Spiel zuzusehen, sich dem Rauschen der Bäume hinzugeben, die Füße in einen eiskalten Bach zu halten, das, und noch viel mehr ist Freiheit“. Als er das sagte, tastete er behutsam nach dem Couvert mit den Schiffstickets und dem Bündel Dollarnoten; er liebkoste beides als sein Startkapital in die Freiheit. „Du bist ja ein wahrer Poet“, entfuhr es ihr. „Meinst du?, fragte er geschmeichelt. Möwen zogen sich über ihnen zusammen, Hollaender freute sich auf seine Freiheit und Ilse tat es ihm gleich.

Am Pier strömte nach und nach aus vielen Richtungen eine große Menschenmenge zusammen. Aus Vorfreude aufgeregt schnatternde Reisende, Zurückbleibende, die wehmutig dreinschauten, neugierige Flaneure, Taschendiebe, Fliegende Händler, die mit lautem Geschrei ihre Waren verscherbeln wollten: unnützes Zeug, Schals, Schuhe, Messe, ja sogar Seile, Seifen, Parfüm, Werkzeuge und Hüte. Hollaender staunte über die Hüte. Manch ein Reisender ergatterte einen Stetson, ganz so als wären 153

die Passagiere nach Amerika Pioniere, die ihren Kopf vor gleißender Sonne bei der Entdeckung und Urbarmachung der neuen Heimat schützen müssten. Das beste Geschäft machten die seriösen Verkäufer mit ihren mobilen Ständen, die Proviant feil boten. Fahrende Bäckergesellen und Fleischer kamen nur mit Mühe dazu Nachschub herbeizutragen. Sie schrieen aus vollem Halse nach ihren Frauen und Lehrlingen. „Alfred, da schau. Diese schöne Bluse!“, rief Ilse. Mit wenigen, raumgreifenden Schritten, die Hollaender seiner Ilse nicht zugetraut hätte, stand sie am Stand eines Händlers, dessen Tisch sich unter der Auslegeware bog. ‚Sie freut sich wie ein kleines Mädchen, so unbefangen und hübsch, schaut sie aus’, lächelte Hollaender. Sie hielt sich die Bluse vor den Bauch und juchzte“: Die möcht’ ich haben! Steht sie mir? Sag Alfred!“ „Hübsch, sehr anziehend, und sie betont die Figur. Sie passt ausgezeichnet zu dir. Wir kaufen sie“. Ilse fiel Alfred dankbar um den Hals, als hätte er ihr ein mit Brillianten gespicktes Collier verehrt. Aus der Menge schälte sich behände und nahezu unbemerkt ein Fotograf heraus, richtete seine Camera auf eine junge Familie mit drei Kindern, die wie die Orgelpfeifen ausgerichtet waren und sich verloren umschaute, drückte den Auslöser, verschwand wieder, um plötzlich vor Hollaender und Ilse zu stehen. „Darf ich ein Foto machen?“, fragte er höflich. „Oh ja, gerne!“ rief Ilse. Sie lächelten in die Linse. „Jetzt haben wir unser erstes Foto“, sagte Hollaender.

Matrosen ließen an langen Seilen die Passagier-Laufgänge am Bug, Mittelschiff und eines am Heck herab. Das Aufsichtspersonal der Linie trennte die Reisenden von Publikum und Händlern mit lauten Rufen. Eine 154

Kette wurde gespannt, und je nach Klasse verteilten sich die Passagier vor den Gangways. Das Durcheinander bekam Struktur; drei Blöcke mit zum Einstieg bereiten Menschen, dahinter im rechten Winkel die Absperrkette, dahinter die Zuschauer. ‚Zeit zum Abschied nehmen’ dachte Hollaender. Wie ein weites Feld öffnete sich die Erinnerung an sein altes Leben. Er winkte den Gräbern, die leer blieben, und er winkte seiner Familie, die keine letzte Ruhestätte fand. Er winkte der Asche, die die Böden der Lager bestaubt hatte und die freundliche Winde bis hierher gewehten, wo Weser und Nordsee ineinander fließen und die Freiheit rief. Hollaender und Ilse waren Teil des Gedränges, das sich die steilen Gänge hinauf auf Deck der „Bremen“ schubste. Nicht wenige Passagiere strauchelten oder bleiben mit Kleidern oder Gepäck im Seilgeflecht des Geländers hängen. Oben an Deck waren wiederum Beamte postiert, die Reisepapiere mit strengen Blicken kontrollierten. Ein Blick auf den Pass, ein Blick ins Gesicht, Kopfnicken, fertig. Eintausenddreihundertzwölf Mal. Als Hollaender und Ilse endlich nach ewiger Zeit an Deck anlangten, füllten sich ihre Herzen mit Genugtuung und Freude auf ein neues Leben im dem freiesten Land auf Erden. Der schier endlose Strom von Menschen versiegte langsam. Einige Nachzügler stolperten herbei. Die „Bremen“ schien unter ihrer Last zu ächzen. Von hoch oben blickte der Kapitän auf seine Ladung. Er schien dem Offizier, der neben ihm auf dem Posten stand, etwas Lustiges gesagt zu haben, denn beide Männer lachten plötzlich. Man konnte das Lachen nicht hören. Hollaender beobachtete eine Familie mit zwei kleinen Mädchen, die die letzten Schritte hinauf auf Deck mit letzter Kraft geschafft hatten. Die Kinder weinten. Die Haare der Mutter tanzten im 155

Wind und standen zu Berge. Der Vater, bleich vor Anstrengung seine Familie und die Habseligkeiten beisammen zu halten, zerriss sich an einer heraus stehenden Schraube den Mantel und fluchte wild. Völlig erschöpft sank er auf einen Koffer und hielt seine Hände vors Gesicht. Eine alte Dame suchte ihren Mann, bis ein Stewart sie beruhigte:“ Unsere „Bremen“ verliert niemanden“. Hollaender und Ilse bahnten sich einen Weg durch die überall müde lagernden Menschen bis zur Bugspitze. Sie wollten jetzt, noch in Bremerhafen, Amerika ganz nahe sein. Die blecherne Stimme, die aus unzähligen kleinen Lautsprechern auf dem gesamten Schiff verteilt wurde, forderte die Passagiere auf, die Kabinen zu beziehen. Der Befehlston missfiel Hollaender. „Ich will nie wieder das Wort ‚schnell’ hören“, flüsterte er Ilse ins Ohr. Sie sah ihn an, während der Wind auffrischte und mit ihren Haaren spielte. Sie hatte die Zöpfe gelöst und schüttelte den Kopf, damit der Wind in ihre Haare fahre. Sie lächelte undurchdringlich, unwiderstehlich. Hollaender verschlug es den Atem, er wollte sie an den Schultern fassen, sie entwand sich ihm. „Komm, wir gehen in die Kabine“. Es war noch ein weiter Weg, und mehrmals verliefen sie sich auf dem labyrinthischen Schiff, in seinem Gedärm aus Korridoren, Decks, Zwischendecks und Treppen, bis sie endlich ihre Kabine fanden. Sie maß etwa drei Meter in der Breite und fünf Meter in der Tiefe. „Es riecht modrig“, befand Ilse, von deren Leben auf dem Bauernhof ein äußerst aufmerksamer Geruchssinn geblieben war. Platt und klamm lagen kratzige Decken auf den vier schmalen Betten, die in zwei Etagenbetten jeweils links und rechts neben der Kabinentür verschraubt waren.

156

„Hier ist aber kein Platz für lustige Zweisamkeit“, beschwerte sich Hollaender. Ilse störte das nicht, sie verschwieg es jedoch. Die Kissen waren so klein, wie die in einem Puppenwagen. „Wir müssen aufpassen, dass der Kopf nicht herunter rollt“, sagte Hollaender, der sehr wohl wusste, dass Sonnenfeld ihnen eine vergleichsweise komfortable Passage gebucht hatte. Die meisten übrigen Passagiere mussten in Unterkünften so groß wie Hallen zu Hunderten dicht an dich gedrängt wie Heringe, die zweiwöchige Fahrt verbringen. Beim Betreten der Kabine fiel der Blick sogleich auf zwei nebeneinander gelehnte Regalgestelle, in die jeweils ein winziges Waschbecken eingefasst war. Die Regale reichten vom Boden bis zur Decke und schienen die genietete Zellenkonstruktion mit zu tragen. In ihnen waren Bretter und schmale Schränke eingelassen, die die persönlichen Gegenstände und Kleider der Reisenden aufnehmen sollten. Hollaender schritt die Kabine ab wie ein Gutsbesitzer seine Latifundien. So, wie er nun in der Kabine stand, mit tief in die Taschen gestopften Hände, dem hoch ragenden Kinn und dem Blick in die Ferne, hätte man annehmen können, ihm, dem Redakteur, Häftling, Flüchtling, Mörder und ehemaligen Knecht gehöre das Schiff, und es dauere nur noch wenige Augenblicke, bis sich im gelobten Land der Vereinigten Staaten von Amerika Ströme von Milch und Honig um ihn schlossen und das Glück ihn forttragen würde bis zum Ende seiner Tage. Aber im Augenblick herrschte er mit seiner Ilse nicht einmal über die erbärmliche Wabe tief unten im Bauch der „Bremen“, die so groß war wie eine Stadt. Jeden Augenblick mussten Hollaender und

157

Ilse mit zwei weiteren Passagieren rechnen, die sich anstellten, ihr kleines Reich zu halbieren. „Stell dir vor, Ilse, dieses Schiff ist so groß, dass mehr Menschen Platz finden, als Kladow Einwohner hat“, sagte er plötzlich einfach so dahin. Ilse lachte:“ Du bist albern. Ganz Kladow auf unserm Schiff, womöglich noch mit den Fechtners“: „Zu was Menschen alles imstande sind“, träumte er weiter, „sie bauen Schiff so groß wie Städte. Bald fliegen sie auf den Mond“. „Du spinnst, Alfred“. „Ja, vielleicht“: Behutsam umfasste er ihre Taille, die sich weich geschwungen nach innen wölbte, und begehrte ihre warme Weiblichkeit. Sie wehrte ihn große Kraft ab. „Hör auf, Alfred, jeden Augenblick können Mitreisende kommen, lass das!“ Mit lautem Knall flog plötzlich die Kabinentüre auf, Hollaender hielt Ilse noch im Arm. Die Uniformierten ersparten sich die Begrüßung oder andere Errungenschaften zivilisierter Wohlerzogenheit. „Eure Papiere“, befahl der ältere der beiden Männer. In der Gewissheit einwandfreie Ausweise vorzeigen zu können, kramten Hollaender und Ilse das Wichtigste hervor, was sie besaßen. „Nach unserem Reiseziel brauchen sie sich nicht zu erkundigen, nicht wahr“, stieß Hollaender töricht hervor. Seine sinnlose Aufsässigkeit erboste die Beamten. Ilse sprang vor ihn:“ Entschuldigen sie bitte, mein Verlobter hat etwas zuviel getrunken, das Reisefieber und die Aufregung, verstehen sie was ich meine“. 158

„In Ordnung“, brummte der ältere. Sie gaben die Papiere zurück. Sie erkannten keinen Grund zur Aufregung. Was Hollaender sagte, interessierte sie so wenig wie die Möwen, das Wetter oder die aufkommende Dämmerung sie beeindruckten. Grußlos wie sie gekommen waren, verließen sie auch wieder die Kabine. Es waren Männer, die in Uniformen steckten und ihre Pflicht taten. „Warum bringst du uns in Gefahr? Was soll das?“, insistierte Ilse. Hollaender sah wieder aus wie ein Knecht, nicht wie ein Gutbesitzer. Trotzig entgegneter er:“ Ich mache nun das, was du den Typen eben gesagt hast. Ich suche eine Bar, in der man mir etwas gibt gegen Reisefieber und die Aufregung“. Er ließ sich durch die unendlichen Korridore treiben, die die „Bremen“ durchzogen wie Kanäle. Die nächste Treppe nahm er nach oben. Siege um Stiege erklomm er die Treppe, bis er endlich auf einem der unteren Decks angekommen war. Die Matrosen waren gerade dabei die Leinen zu lösen und die Maschinen Der des Boden riesigen Liners unter stampften seinen in kräftigen Der

Kolbenstößen.

vibrierte

Sohlen.

langanhaltende, tiefe Ton der Schiffshupe gab das Signal zum Ablegen. Dicht gedrängt lehnten die Menschen an der Reling und winkten in die Tiefe. Hollaender schaute interessiert zu. Eine brennende Wehmut befiel ihn wie ein Virus und zersetzte seine noch vor wenigen Stunden gefeierte Zuversicht. Er beobachtete Leute und forschte vergeblich nach Glück versprechenden Eindrücken. Er taumelte und war kurz in Gefahr ins Wasser zu springen. Hastig rauchte er eine Zigarette. Die Bugwelle zeichnete große, wellige Dreiecke in das ruhige Hafenwasser.

159

Auf seinem Erkundungsgang nach einer Bar erreichte ihn der Klang eines Klaviers. Er folgte der Musik und nach wenigen Metern öffnete sich vor ihm eine ausgedehnte Lounge. Wie Inseln ruhten schwere mit rotbraunen Stoffen bezogene Sessel in dem behaglichen Raum, gruppiert um niedrige Tische. Überall erleuchteten Kerzen in reich verzierten Kandelabern den nahenden Abend. Klavierspieler sind doch Sonderlinge, dachte Hollaender. Entweder sie sitzen am Bühnenrand und werden übertönt von den anderen Instrumenten, oder sie sitzen an Hotelbars und vereinsamen. Irgendwie, so summte er vor sich hin, verwehre man den Klavierspielern den Respekt. Uninspiriert spielte der Schiffspianist eine Melodie, die Hollaender an eine schwedische Weise erinnerte. Aber bei genauerem Hinhören erkannte er Edvard Grieg, den er verehrte. Die kühle Distanz, mit der Grieg die rauen Weiten der nordischen Landschaften beschrieb, fesselte Hollaender. In Griegs Musik wogen die Birkenwälder an einsamen Seen, in die die Mitsommersonne in feierliches Licht eintauchte. Hollaender störte sich etwas an dem mäßigen Talent des müden Musikers, der unpräzise den Rhythmus anschlug und nach seiner Auffassung einfach zu übereilt spielte, ganz so, als wolle er seine Fingerübungen flott zuende bringen. Dabei fiel ihm sein unglücklicher Vater ein, er wusste nicht wieso, der es mit der ihm eigenen Version von Präzision ebenfalls nie so genau nahm. Den Takt gab eindeutig die Mutter vor. Mit den Tugenden, auf die er in seiner preußischen Militärzeit gedrillt worden war, und mit denen auch die Lager später betrieben wurden, mühte sich der Vater ab, aus den Kindern anständige Menschen zu formen. Aber selten standen seine Worte im Einklang mit seinen Taten, ja, meist lagen sie in Konkurrenz. Der alte

160

Hollaender war ein kränklicher Kauz, der sich in seiner winzigen Schneiderwerkstatt verkroch.

Ein Rezeptionist steuerte auf Hollaender zu, der in Gedanken noch ganz bei Grieg und seinem Vater weilte. Der Mann in weißer Jacke mit goldenen Knöpfen bedeutete Hollaender schroff, dass Passagiere der unteren Decks hier oben keinen Zutritt hätten. Und so, wie er aussehe, könne er sich nicht vorstellen, das er Passagier der Ersten Klasse sei. Hollaender hob an zu einer Empörung, musste jedoch schnell einsehen, dass Widerstand zwecklos ist. Der Rezeptionist wies mit dem Finger zum Ausgang, Hollaender murrte einen Fluch und gehorchte. So wurde also der stolze Besitzer der „Bremen“ und Eroberer des Glücks in Amerika von einem Subalternen verscheucht. Seine Wut hatte freilich auch etwas Gutes: Die brennende Wehmut auf der Reling war vergangen. Durch die Türe wurde er gewahr, wie der Rezeptionist eine überaus ansehnliche junge Dame in galanter Abendgarderobe umschwirrte. Sie war ein Traum von adliger Geschmeidigkeit und distinguierter Allüre. Ihr offenes Gesicht und der bacchantisch geschwungene Mund versprachen eine für Hollaender unerreichbare Wonne. Ihre Lippen formten Worte, die sie an den Bediensteten richtete, die Hollaender nicht verstehen konnte. ‚Diese Frau ist zu ewigem Lächeln verdammt’, dachte Hollaender in einer Mischung aus Häme und Begierde.

Der weitere Reiseverlauf glich der Ruhe auf dem Atlantik. ‚Nur gut, dass wir nicht segeln brauchen’, dachte Hollaender, als er auf seinen ausgedehnten Spaziergängen an der Reling gelehnt, Richtung Amerika 161

spähte, aber nichts sah als die das Schiff begleitenden Möwen und den grauen Atlantik, der die ganze Erde zu bedecken schien. Er hatte sich mit den Klassengesetzen an Bord nicht anfreunden können, er grämte sich noch immer. Allerdings hat er in seiner Vergangenheit weitaus Schlimmeres erdulden müssen, als den Rauswurf aus einer Schiffsbar. Es gab Zeiten, die lagen noch nicht lange zurück, da hätte er sich eine derartig, verhältnismäßig schwache Demütigung gewünscht, ja bedankt hätte er sich dafür.

In der Kabine hatte es sich ein älteres Ehepaar gemütlich gemacht. Beseelt von liebenswürdiger Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit hatten sie sich eingerichtet, prüften die Matratzen, wie Urlaubsreisende in einem Hotel, befanden sie als erträglich, wenn auch nicht als luxuriös. Das Ehepaar entschuldigte sich bei Hollaender und Ilse für die Störung des jungen Glückes, wie sie es empfanden. Ilse half dem Paar zuvorkommend beim Auspacken, man einigte sich schnell und unkompliziert über die Handhabung der Waschgelegenheiten. Ilse freundete sich mit den neuen Leuten in ihrer Kabine an. Sie empfand überhaupt keine Störung, im Gegenteil, ihre Neugier war größer als die Einschränkung, die zu erwarten war. Hollaender beobachtete etwas abseits das geschäftige Treiben und stellte fest, dass sich Ilse überraschend schnell wieder zu dem magdähnlichen Wesen zurück verwandelte, dessen Bestimmung es schien, zu helfen und auf jeden Fall nützlich zu sein. Die Hilfsbereitschaft ersetzt in vielen Fällen das Nachdenken. Er empfand Zorn, wusste diesen Zorn aber weder zu lenken noch verfolgte er ein Ziel. Er zog sich unter Vorspielung fadenscheiniger Gründe zurück und streunte auf dem Schiff umher, 162

während Ilse und die neuen Kabinengäste sich angeregt unterhielten. Ilse erfuhr, dass der ältere Herr früher in Dresden als Gymnasiallehrer unterrichtet hatte, bis er aus dem Dienst entfernt worden war. Es gefiel nicht, dass er es seinen Primanern freigestellt hatte, den deutschen Gruß zu verwenden. Ihm reichte ein gesittetes ‚guten Morgen Herr Oberstudienrat’. Das war das einzige Verbrechen, dessen er sich schuldig gemacht hatte, betonte er. In seinen Worten schwangen weder Stolz noch Würde. Er verstand nicht, was um ihn herum vorging. Die Veränderungen waren nicht Teil seiner Wahrnehmung. Man warf ihm vor, etwas ganz Ungeheuerliches zugelassen zu haben. In seiner Klasse herrschte ein Geist, den er als Lehrer nicht bestimmte, sondern den die große, nationale Bewegung vorgegeben hatte. „Ich bin ganz und gar unpolitisch, ja unpatriotisch, bis zum heutigen Tag“, sagte er entschuldigend zu Ilse. Seine Frau stimmte ihm zu. „Meine Profession war es, den Schülern das Universum der Antike mit ihren Sprachen und Gedankenwelt beizubringen. Wir haben Cicero diskutiert“. Der Lehrer trieb in seinen Erinnerungen ab und erzählte, wie Cicero das Grab des Archimedes entdeckte, und der wiederum das Quadrat der Parabel errechnete, die Hebelgesetze formulierte und bei seinen hydrostatischen Experimenten die Wirkung der verbundenen Gefäße entdeckte..... „Ich lese keine Zeitung“, fuhr er fort. „Nichtwahr, wir haben nie Zeitungen gelesen“, wandte er sich zu seiner Frau. „Zeitungen haben eine äußerst kurze Halbwertzeit. Sie sind von widerwärtiger Vergänglichkeit. In die Zeitung von heute wickelt man 163

morgen den stinkenden Fisch von gestern ein. Nun ja, so entging mir in jener Zeit, als man mit deutschem Gruß zu salutieren hatte, die Einsicht mich zu sortieren. Sie müssen wissen, ich war ein preußischer Beamter. Mir lag natürlich nichts an Subversion. Deutsche Beamte reagieren gewöhnlich allergisch auf Subversion. Ich scheine womöglich eine Sonderform des preußischen Beamtentums gewesen zu sein, denn ich erkannte nicht einmal, dass Subversion eine Gefahr darstellte, geschweige denn, dass ich mich eines sträflichen, antideutschen Verhaltens schuldig gemacht hätte. Latein. Griechisch und Philosophie, verstehen sie junge Frau, das war meine Dreifaltigkeit“. Ilse hörte dem traurigen Lehrer aus Dresden aufmerksam zu und fand, während der Lehrer weiter redete über die Bücher Gustav Schwabs und über das katholische Weltbild, die Bürgerrechte im alten Rom und die Verse des Sophokles, wie fern ihr die Menschen waren. Die Jahre ihrer Verbannung, ihrer Schutzhaft auf dem Bauernhof, waren dahin, vergangen, aber doch nicht vergeudet. Hollaenders Verheißungen, Glück und Wohlstand in Amerika zu finden, klangen hohl. Sie reichten ihr nicht, aber sie konnte nicht genau sagen, warum. Die Ungewissheit dräute am Ende des Weges. Sie litt daran. Der Lehrer rezitierte aus der Thebanischen Trilogie, seine Frau hantierte mit der Wäsche. Ilse erkannte, dass sie auf sonderbare Weise Hollaender liebte. Der Lehrer redete weiter. Ilse liebte Hollaender wie der Zierfisch im Aquarium die Hand liebt, die die Scheiben von den Algen reinigt, wie der Tank den Tankwart liebt, der Aschenbecher, den die Kippe plagt und das erlegte Reh die Hand des Metzgers, der ansetzt, es zu zerteilen.

164

‚Wo führt mich Alfred hin?’, sann sie in finsterer Ahnung. Sie hasste sich für ihre Gedanken, die so schwer an Besorgnissen erkrankt waren. Das Ehepaar aus Dresden und Ilse saßen auf den Betten in der fensterlosen Kabine, die Beleuchtung flackerte, Ilse blickte zur Decke, eine winzige Träne löste sich, sie bremste sie mit dem Zeigefinger. „Ist ihnen nicht gut?“, fragte besorgt die Frau des Philologen, erhob sich und brachte Ilse ein Glas Wasser.

Hollaenders irrlichternder Zorn verrauchte rasch. An seine Stelle traten schwermütige Gedanken an Frieda und Rosa. Er schaute auf das Meer hinunter, das die „Bremen“ unermüdlich durchpflügte, da fasste er einen Entschluss. Er sah sich in New York einen prächtigen Strauß roter Rosen kaufen. Dieser Strauß sollte ein eindrucksvoller Heiratsantrag sein. Tief in seinem Innern suchte er das Glück zu erneuern, das ihm einst mit Frieda und Rosa geschenkt worden war. Ilse sollte aufblühen, schwor er sich. Alles Glück und Wohlstand wollte er ihr zu Füßen legen. Noch im Hafen wollte er auf die Knie fallen und sie um ihre Hand bitten.

„In jener Zeit schwankte ich sehr zwischen hochfahrendem Glück und tiefer Niedergeschlagenheit. Es war ein andauerndes Auf und Ab, meine Seele fand nicht zur Ruhe“, bekannte Hollaender. Henry verzog das Gesicht, als wollte er Hollaenders Zweifel nicht glauben. Schroff fuhr er seinen jungen Zuhörer an und sprach von Frechheit und Undank. „Was sehen sie mich so an? Aus ihnen ruft mal wieder die Skepsis!“

165

Der arme Junge konnte tatsächlich nichts machen. Jedes Wort und jede Regung provozierte den Alten. Dessen Augen waren zu schwarzen Steinen geworden, in denen Henry Verbitterung und Abscheu funkeln sah. Sein wachsender Eindruck, dass Hollaender ihn für irgendetwas schuldig gesprochen habe, versteinerte sich zur Gewissheit.

Sonnenfelds Cousin, der Hollaender und Ilse in New York am Pier abholte, hieß Ignaz Grün. Er war ein kleiner, unfreundlich drei blickender Mann, dessen Körperfülle den Anzug prall ausfüllte und dessen Hemdskragen ihn fast erdrosselte. Er machte aus seinem Widerwillen keinen Hehl und gab den beiden Reisenden schon früh zu verstehen, dass er seinem Vetter Sonnenfeld nur einen Gefallen schuldete und seine Anwesenheit hier im Hafen mit dem lächerlichen Täfelchen in der Hand, auf dem die Namen von Hollaender und Ilse gekritzelt waren, nicht mit Nächstenliebe verwechselt werden dürften. Die anstrengenden Einreiseformalitäten und die Schikanen der

amerikanischen Beamten hatten vor allem Ilse bedrückt. Das unwürdige Warten in langen Schlangen, das Durcheinander und die Aufregung der Menschen, die drängelnden Passagiere, von denen jeder als erstes vom Schiff wollte, hatten an ihren Kräften gezehrt. Die lauten Rufe und

schneidenden Kommandos, die über die Köpfe zischten, dirigierten die Leute wie Schafe in Absperrungen, die von Polizisten bewacht wurden. Das erste, was Ilse in der Neuen Welt tat, war weinen. Der dicke Grün sah die heulende Ilse und den bleichen, ungewaschenen Kerl in einem abgewetzten Anzug neben ihr, der sich zerrieb zwischen der Sorge um Ilses Wohlergehen, Glücksgefühl über die Ankunft und der Angst vor der 166

Unzugänglichkeit des Molochs New York. Hollaender kam es vor, als wären die Wolkenkratzer nur errichtet worden, um Neuankömmlinge zu erschrecken. ‚Und dann noch dieser miese Empfang’, dachte er. Am liebsten hätte er dem Dicken eins aufs Maul gegeben. Aus verheulten Augen sah Ilse, wie die Wut in Hollaender empor kroch. „Lass das! Denk nicht mal dran!“, befahl sie und fand wieder zu Contenance. Grün führte sie durch verschlungene Gassen, die sich auftaten wie lotrechte Schluchten, Überführungen, durch kurze Tunnel, die nach Pisse stanken, hinein in das schwirrende Down Town Manhattan. Hollaender hatte noch lebendige Erinnerung an den Verkehr in Berlin vor dem Krieg. Aber das, was sich ihm jetzt darbot, übertraf alle seine Erwartungen. Er fühlte sich winzig, wie ein nicht benötigtes Ersatzschräubchen in einer gigantischem Maschine, die sich in stürmischem Tempo um sich selber drehte. Personenwagen, so groß wie die Fischerboote auf dem Wannsee, schoben sich in nicht endender Reihe an ihnen vorbei, hupten, bremsten quietschend, hielten kurz an, spukten Menschen aus, um gleich darauf wieder anzufahren. In großen Schüben eilten die Menschen an ihnen vorbei, umspülten sie mit Atem, Zigarettenrauch und fremder Sprache. Hollaender und Ilse trieben wie kleine Boote aus Papier auf einem tosenden Strom, der sie hin und her warf. Aber Grün hatte das Steuer in der Hand und lotste sie durch das Gewühl. Ilse klammerte sich an Hollaenders Hand. Sie durften Grün in dem Gewimmel nicht verlieren, sie mussten mit ihm Schritt halten. ‚Ohne diesen Grün wären wir jetzt hoffnungslos verloren’, dachte er. Und im Stillen dankte er seiner Ilse, dass sie ihn vor einer Riesendummheit 167

bewahrt hatte. Grün marschierte mit schnellen kurzen Schritten weiter voran. Zuweilen drehte er sich um, um sich zu vergewissern, dass die beiden Deutschen noch hinter ihm waren. Er grinste.

„Ich weiß nicht mehr, wie viele Häuserblocks wir in Richtung Norden hinter uns ließen. Irgendwann kreuzten wir den Broadway und erreichten die 42. Straße. Ein schlimmes Viertel, kann ich ihnen sagen“, gestand Hollaender Henry in seltener Milde. „Ich wusste damals noch nicht einmal, in welcher Richtung wir uns bewegten. Diese Stadt ist ein Dschungel aus Steinen, Stahl und Dreck, so erlebten wir das“. „Nehmen sie noch einen Bordeaux?, fragte die freundliche Kellnerin, als sie sah, dass Hollaender sein leeres Glas mit Daumen und Zeigefinger drehte. „Nein vielen Dank. Ich bevorzuge jetzt ein ordinäres Bier, wie mein Gegenüber hier“, gab er zurück und deutete mit dem Kinn auf Henry. „Sie trinken doch auch noch eins, nicht wahr?“ Henry nickte.

Am frühen Nachmittag erreichten Hollaender und Ilse, immer noch angeführt von Grün, ein kleines, recht ordentlich wirkendes Hotel. Der Eingang lag geschützt unter einem Baldachin aus blauem Zeltstoff, der auf dünnen Stützen ruhte, und der bald bis zur Mitte des Bürgersteiges hervorstand. „Für sie ist hier ein Zimmer reserviert“, schnarrte Grün. „In ein oder zwei Tagen wird ein verrückter, älterer Typ vorbei kommen, Mayer oder so ähnlich heißt er. Mein Cousin verfügt über viel Einfluss und kennt viele Leute, wissen sie. Sein Arm reicht bis tief in dieses Land“. Er 168

legte eine Pause ein, zündete sich eine Zigarette an und sagte etwas, was Hollaender nicht gleich verstand. „Ob wir uns jetzt mögen oder nicht, wir müssen doch allezeit zusammen stehen, was meinen sie?“ „Oh ja“, bestätigte Hollaender, „das müssen wir“. Grün beendete seinen Auftrag mit einem breiten Lachen. Er verabschiedete sich, stieg die Treppe hinab, Hollaender hörte seine Schritte durch die dünne Holztür. Sie schauten ihm vom Fenster aus nach, als sich der Menschenfluss ihn einverleibte und er davon schwamm.

„Das Hotel ist doch o.k.?“, fragte Herb Mayer noch bevor er sich den beiden Deutschen vorstellte. Mit der flachen Hand drückte er auf die Matratze des noch von der Nacht zerwühlten Bettes, um ihre Qualität zu prüfen. Er murmelte etwas, das sich anhörte wie „zufrieden, in Ordnung“. „Gutes Bett, gutes Hotel“, sagte er mit einer Stimme, die das ganze noch mit morgendlicher Schwüle angefüllte Zimmer durchdrang. Schließlich stellte er sich den von morgendlicher Somnolenz wechselnden Einwanderern vor. Er schüttelte zuerst Ilse die Hand. „Mayer, Herb Mayer“, verkündete er, als müsse halb New York stolz sein auf solch einen Kerl wie ihn. Herb Mayers Deutsch war kräftig gefärbt mit gutturalem Jiddisch, jener Weltsprache, die nach dem Krieg nur noch von ein paar Tausend Menschen beherrscht wurde. Herb Mayer rollte das „R“, blähte das „J“ und stauchte das „E“, jonglierte mit den Buchstaben, kaute jedes Wort und ließ es auf der Zunge tanzen, schluckte es halb, drückte es wieder hoch zum Gaumengewölbe, zu einem Erstaunen

169

bevor er es ausspie mit feuchter Prononcierung. Hollaender mochte diesen Typ sofort, Ilse auch, sie stand daneben und lächelte.

Die beiden Männer saßen sich in einer Bar in der Nähe der U-Bahnstation Eberswalder Straße gegenüber. Ein quadratischer Tisch trennte sie. Hollaender bat den Wirt, die Musik leiser zu stellen. Ein alter Mensch könne den, er bat um Entschuldigung für den Ausdruck, Krach, nicht gut vertragen. Der Wirt kam der Bitte etwas unwillig nach. „Das tut wohl“, freute sich der Alte, als er sich wieder zu Henry setzte. „Stille ist selten geworden, finden sich nicht auch?“ „Ist irgendwo in einem Zimmer ein Loch in der Wand, wird sogleich ein Lautsprecher hingestellt. Lautsprecher, da sagt doch schon alles. Laut und sprechen, welch ein Unsinn. Lassen sie uns ein paar Minuten einfach schweigen und dem Treiben draußen auf der Straße zuschauen“. Henry stimmte zu, warum, wusste er nicht, wohl aus Angst Hollaender zu widersprechen. Er drehte sich eine Zigarette und suchte Streichhölzer. „Bitte unterlassen sie in Zukunft das Rauchen in meiner Gegenwart“, unterbrach Hollaender die Stille am Tisch. „Ich mag keinen Lärm und keinen Qualm, nicht mehr. Ist es ihnen möglich, das zu akzeptieren? Viele Tage werde ich nicht mehr benötigen, dann ist unsere Geschichte zu Ende“. „Unsere Geschichte...?“ „Ja, inzwischen koitierten meine Geschichte und das, was sie als Geschichte von mir hören wollten“, entgegnete Hollaender, nahm einen Schluck Kaffee, und fügte hinzu: „ Ich wundere mich ein wenig, dass sie das nicht bemerkt haben. Nolens volens sind wir eine Art symbiotische Beziehung eingegangen. Aber im 170

Unterschied zur biologischen Definition, nach der die in Symbiose existierenden Lebewesen voneinander profitieren zum Nutzen beider Organismen, sind wir beiden zusammen gekommen, um uns zu schaden“. „Sie meinen also, ich will ihnen schaden“, fragte Henry ungläubig. „Nun, vielleicht nicht bewusst. Aber es ist ihnen gelungen, alte Wunden aufzureißen. Mein Leben hat sich damit sehr verändert. Dagegen kann ich mich jetzt nicht mehr wehren. Die Wunden klaffen, so ist das. Ich ermögliche ihnen einen Blick in die Hölle, damit schade ich ihnen. Jeder Blick in den Abgrund, dort, wo das Grauen wütet, hinterlässt Spuren. Gleichzeitig werden sie Schuld empfinden, die ihnen aber nie zugesprochen habe. Soweit die graue Theorie, junger Mann“.

Herb Mayer heiß eigentlich Herbert Mayerbeer. Er entstammte einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie in Plotzk in Weißrussland in der Nähe von Witebsk. Die Eltern waren wohlhabend und nicht ohne Einfluss, denn der Vater war ein geschickter Kaufmann. Die drei Kinder lernten an modernen Schule das humanistische Weltbild. Aber dann fesselte eine schwere Krankheit den Vater für lange Zeit ans Bett. Er konnte den Geschäften nicht mehr nachgehen und seine Kunden, deren Treue er früher in hohen Tönen lobte, suchten sich einen anderen Lieferanten. Am Anfang besuchten sie ihn noch am Krankenbett, aber schon bald wandten sie sich von ihm ab. Die Mutter versuchte den Handel weiterzuführen, aber sie hatte kein Glück. Ihr gelang es nicht, das Netz an Freundschaften, deren einziger Sinn daraus bestand, gegenseitigen Nutzen zu mehren, zu erhalten. Sie beglückte die falschen Leute mit Nachgiebigkeit, zollte den Beamten nicht 171

genügend Respekt und schalt ihre ungeduldige Kundschaft. Dazu spuckte in jener Zeit die zaristische Obrigkeit den Juden kräftig in die Suppe. Zar Alexander und sein Sohn Nikolaus, der dem Vater nach dessen hinterlistiger Ermordung auf dem Thron folgte, verboten den Juden die Ansiedlung außerhalb bestimmter, streng reglementierter Gebiete in den Städten. Per Ukas wurde ein Ansiedlungsrayon katastriert, der den Handel schließlich zum Erliegen zwang. Die einst wohlhabende Familie Mayerbeer mit den Kindern auf der guten Schule verlor nach und nach ihren Geltung, dann ihr Vermögen und versank allmählich in Armut. Die früher

unterwürfig grüßenden Nachbarn lachten vor Schadenfreude. Ein Unglück blieb, das andere verging. Vater Mayerbeer gesundete, gelangte wieder zu alter Tatkraft, aber er Stand vor den Trümmern seines Handels. Eines Tages sagte er zu seiner Frau und seinem ältesten Sohn Herbert:“ Meine Lieben, mir ist kein Geld zur Bestechung der Beamten des Zaren geblieben, keine für die Schulausbildung, keines für Kleidung und nur noch wenig für Nahrung. Ich will mich dem Zug der Auswanderer nach Amerika anschließen und ihr werdet mir in einigen Monaten folgen, sobald ich das Geld für eure Reise zusammen habe. Bis dahin bist du, mein lieber Sohn, das Oberhaupt der Familie. Pass mir gut auf deine Mutter und die Schwestern auf.“ Am 3. April 1901 verließ der alte Mayerbeer seine Familie in Plotzk und schiffte sich auf ein rußendes, fauchendes Dampfschiff nach Amerika ein. Die Mutter und die Schwestern weinten ihm nach, auch Herbert war zum Weinen zu Mute, aber sein Stolz, nun das Oberhaupt der Familie zu sein, war größer.

172

Auf der Überfahrt sah der Vater viele Menschen sterben. Und er sah viele Geburten in den stickigen Decks tief unten im Schiffsrumpf. Dorthin gelangte kein Tageslicht und keine Frischluft. Die Kleider faulten den Menschen vom Leib, es roch nach Exkrementen und Erbrochenem. Die Luft änderte ihren Aggregatzustand zu einer stickigen, klebrigen Masse, die fast zu ertasten war in den elenden Quartieren: Man hörte nur das Stöhnen und das Gejammer. Kaum waren die Leute drei, vier Tage an Bord, war ihnen alle Hoffnung vergangen. Die apathischen Mütter wussten nichts mehr mit ihren Kindern anzufangen, die ihnen um die Beine krochen, und denen die Bäuche aufgasten vor Hunger. Die Männer lungerten, von sinnvoller Tätigkeit ausgeschlossen, herum, und nicht selten entlud sich ihre Verzweifelung in wilden Schlägereien um ein Stück trockenes Brot, Seife oder ein paar Krümel Tabak. Endlich am Ziel mussten die Auswanderer für eine Ewigkeit in Quarantäne. Akribisch prüften beamtete Ärzte die Gesundheit der Menschenladung. Vater Mayerbeer bestand die Prüfung in einem dieser Viertel in New York, die vor Menschen überquollen, die ihrer versinkenden Heimat entflohen waren.

Die Mutter, die Schwestern und Herbert erlebten in den Monaten vor ihrer Abreise den Feuersturm, den marodierende Banden entfachten, die Dörfer und Städte verheerten und sich alles raubten, was ihnen von Wert schien. Die Juden, die sie nicht töteten, wurden verjagt. Sie schändeten Frauen und Mädchen und unterschieden dabei nicht sehr genau. Auch die Schwestern und die Mutter von Herbert kamen ihnen in die Fänge. Sie besudelten sie und hinterließen für alle Zeit ein Stigma auf den Frauen. Für Mutter 173

Mayerbeer, eine verblühte Schönheit von 43 Jahren, hatte sich der Anführer der Horde etwas ausgedacht, was sogar die Vorstellungskraft seiner rauen Kumpane übertraf. Er warf sie auf den Boden, riss ihr den weiten Rock hoch und versuchte ihr den Schaft seines Gewehres in den Leib zu bohren. Als sein Vorhaben zunächst nicht gelang, drehte er die Waffe um, und steckte der sich unter reißenden Qualen windenden Frau die Mündung in den Leib. Danach zog er die Waffe mit einem heftigen Ruck wieder heraus, drehte sie und schob ihr unter Aufbringung von großer Kraft den hölzernen Griff in die Scheide. Blut schoss aus ihrem Schoß und rötete das Unterkleid, den Fußboden und rann den Oberschenkeln entlang bis zu den Knöcheln. Vor ihrer Ohnmacht, die ihr die Vergewaltigungen nicht ersparte, rollte sie ihre Augäpfel, so dass nur noch weiß zu sehen war. Die Umstehenden, die eine derartige Marter noch nicht gesehen hatten, fanden allmählich Gefallen an dem perversen Treiben ihres Anführers und sie lachten, zunächst nur ihr untertäniges Lachen, das sich alsbald steigerte in einen Rausch. Sie rissen die Schwestern auseinander und einer nach dem anderen machte sich über die Mädchen her. Diejenigen, die gerade nicht an der Reihe waren, würgten sie und hielten ihnen die Arme fest an den Boden gedrückt. Die Burschen stießen ihre Schwänze ruckartig in die Mädchen, die das Geschrei eingestellt hatten und nur noch wimmerten wie Katzenjunge vor dem Ertränken. Die Schmerzen, die ihnen die Horde zufügte, ließen alle Gedanken absterben, brachten sie um den Verstand. Vor Qualen und Scham wünschten sie sich den raschen Tod herbei. Aber der Tod ereilte sie nicht. Nach einer Weile, die ein ganzes Zeitalter dauerte, ließen die Folterer von ihren Opfern ab. Polternd und grölend wie sie in das Haus der Familie Mayerbeer eingerungen waren, zogen sie wieder ab. In 174

mörderischer Gründlichkeit verwüsteten sie die Wohnung, zerstörten das Mobilar und zerschlugen Geschirr. Es war ihnen gleichgültig, ob die Frau und die Mädchen gestorben waren; sie ließen sie in ihrem Blut und in den Trümmern liegen. Die Pogrome breiteten sich in flammenden Schüben aus, die immer wieder angefacht von der zaristischen Obrigkeit, ihren Beamten und

Speichelleckern, den Mob anstachelte. Wenn die Schänder eine Ansiedlung verlassen hatten, lag beklemmende Ruhe über den Häusern, Schuppen und Ställen, Äckern und Wiesen. Der Wind fuhr mit einem Rauschen in die Pappeln. Aus den Siedlungen wurde das Leben hinaus gepeitscht auf die Straße, wo es im Morast versank. Die Hühner liefen ziellos hin und her und schauten so aufgeregt, als hätten sie begriffen, was passiert war. Irgendwo brüllte eine Kuh, deren Milch in den Eutern versauerte. Während dessen prahlten die Täter bei Schnaps und Bier in den Wirtshäusern oder streichelten zuhause am Küchentisch ihren Kindern übers Haar.

Das Geld des Vaters kam. Mit letzter Kraft, und mit dem Geld des Vaters machte sich die Familie auf den Weg nach St.Petersburg. Kurz darauf bestiegen sie ein Schiff, das sie nach Amerika brachte. „Ich höre meine Mutter heute noch über die Zaristen und ihre Soldateska fluchen, die alle feige Speichellecker, Schänder, Mörder und Gauner waren. Und die ungewaschenen Bauernsöhne standen uns auch nicht bei. Sie hatten nur Stroh im Kopf“, erzählte Herb Mayer Hollaender. „Die Seelen der Mutter und der Schwestern waren schwer versehrt. Ich merkte das erst viel später, aber da gab es keine Rettung mehr. Die Hurensöhne haben alles durcheinandergebracht“. 175

Henrys Vater war bei einer Versicherungsgesellschaft durch fleißiges Dienen zu einigem Ansehen, zu erklecklichem Einkommen und auf eine Position gekommen, die es ihm abverlangte, mit Autorität eine Truppe von Agenten zu führen. Er trug immer einen dunkelgrauen Anzug aus weich fließendem Material, der seine Autorität und seinen Rang unterstrich. Mit der Zeit hat er sich ein schmuckes Reihenhaus mit Satteldach erarbeitet. Vor dem Haus parkte der schnittige Dienstwagen. In Henrys Vater glühte nicht eben ein großer Geist. Praktisch veranlagt, galt seine Aufmerksamkeit dem Wohle seiner Familie. Nur sein Sohn bereitete ihm Sorgen. Er konnte ihm schon nicht mehr folgen, als dieser vierzehn, fünfzehn Jahre alt geworden war. Der Junge träumte, las merkwürdige Romane eines Menschen der sich „Don Juan“ nannte und schrieb selbst Gedichte. Sie handelten wie üblich in diesem Menschenalter von der alles bestimmenden, alles überragenden und alleine selig machenden ersten Liebe. In der Schule galt Henry als begabt, wenngleich seine Lehrer nicht recht wussten, in welche Richtung seine Eignung tendiere. In diese Zeit fiel auch ein Ereignis, das Henry bis zum heutigen Tag nicht vergessen konnte. Der Vater warf einen ganzen Stapel Blätter in den Müll. Der Vater glaubte, seinen Sohn vor sich selbst schützen zu müssen und ihn anzuspornen, etwas Vernünftiges aus seinem Leben machen. Alles, was sich nicht sofort in Mark und Pfennig umrechnen ließ, galt dem Vater als unnützes Zeug. Henrys Mutter hingegen versuchte mit ihren Mitteln den Sohn zu schützen und zu verstehen. Aber alles, was sie zustande brachte, war ein zähflüssiger, honigsüßer, lavaartiger Strom Mutterliebe, mit dem sie ihn bedeckte. 176

Der jungen Magda Lantz, geborene Stummbaum, prophezeite man eine glänzende Zukunft, denn das Mädchen bewegte sich in der Malerei ebenso exzellent, wie in der Musik. Ihr Herz gehörte Ludwig van Beethoven und Felix Mendelssohn-Bartholdy, den sie besonders verehrte, ja liebte. Die zum Kränkeln neigende Magda brachte jedoch nicht die Kraft auf, ihre hervorstechenden Neigungen zum Beruf auszubilden. Sie verschwendete Beethoven und Mendelssohn-Bartholdy als Lehrerin an einem Gymnasium, dem Rat ihrer Mutter folgend. Nach der Niederkunft mit Heiner, auf diesen Namen wurde Henry getauft, ließ sie ihre Lehrtätigkeit ruhen und nahm sie auch Jahre später nicht mehr auf. Heiner hatte als Gymnasiast den Spitznamen „Henry“, mit dem ihn die Mitschüler riefen, zu seinem Künstlernamen geadelt. Heiner klang ihm zu spießig. Das wiederum ärgerte seinen Vater. Henry entwickelte sich prächtig, benötigte aber viel Zuwendung, die ihm die Mutter mit großer Hingabe schenkte. Sie verglich bei Familienfesten gerne die Liebe zu ihrem Sohn mit ihrer Verehrung von Beethoven und Mendelssohn-Bartholdy, was regelmäßig mit einigem Befremden beantwortet wurde und dem Sohn Schamröte ins Gesicht schrieb. Im Laufe der Jahre, eins glich dem anderen, trübte sich das Gemüt von Henrys Mutter. Sie war der festen Überzeugung, dass die Jahre nicht einfach nur vergingen, sondern, kaum dass sie vergangen waren, zusammenfielen. Wenn sie also auf ihr Leben zurückblickte, sah sie nichts als ein Trümmerfeld. Und später, ihre Melancholie war fortgeschritten, lag nicht nur ein Trümmerfeld hinter ihr, sondern auch die Aussicht in die Zukunft verhieß nichts als Trümmer, so weit sie blickte. Der Trübsinn der 177

Mutter schritt unaufhaltsam voran und die Gedichte des Sohnes wanderten von der Liebe zum Tod. Die Depression verschlechterte ihren Zustand so sehr, dass sie Trümmerlandschaften nicht mehr in Gänze wahr nahm, sondern nur einzelne Brocken, die ihr vor die Füße rollten. Sie dämmerte schattenstill vor sich hin. Ein ums andere Mal marschierte die schmerzhafte Migräne wie ein Heer todbringender Soldaten herbei. Am Ende bewegte sie auf dem Höllenpfad zwischen Melancholie und Migräne, wie zwischen Tisch und Bett.

„Schön, dass sich mein Sohn auch mal wieder zeigt“, begrüßte Manfred Lantz seinen Sohn gallig. „Wie geht es der Mutter“, erkundigte sich der Sohn. „Interessiert dich das wirklich, wie es deiner armen Mutter geht, oder belastet dich dein Gewissen? Willst du höflich sein, gut erzogener Sohn spielen?, die Fragen prasselten auf ihn nieder wie Hagel. „Vater, bitte entschuldige, ich möchte keinen Streit. Ich möchte wissen, wie es der Mutter und dir geht. Gerade zu ihr zieht es mich, wo es sie doch so schwer getroffen hat...“ „Woran du eine große Schuld trägst, mein Sohn. Du hast deiner Mutter sehr viel Kummer gemacht. Sie wollte, dass du hier bleibst, du gingst fort. Gerade, als es ihr schlecht ging, hast du das Gegenteil dessen getan, was sie, oder auch wir, wollten. Dein Egoismus hat sie krank gemacht. Mich übrigens auch“. „Das ist nicht wahr, und das weißt du ganz genau. Ich habe keine Lust, mit dir immer und immer wieder dasselbe Thema zu diskutieren. Du hast sie krank gemacht mit deinem Reihenhaus, deinen Versicherungen, deinem 178

Rasenmähen, den Grillabenden mit den unglaublich langweiligen Menschen und mit deinem Desinteresse an den Dingen, die ihr wichtig waren!“, rief Henry voller Wut. Vorsichtig schlich er sich in das Zimmer, in dem seine Mutter mit vor Migräneschmerzen hämmerndem Kopf lag. Sie schlief. Henry mochte sie nicht aufwecken. Er betrachtete ihr bewegungsloses Gesicht, die grauen Haare, die es umgaben, die schlaff am Körper anliegenden Arme und ihren Brustkorb, der sich hob und senkte. Er strich ihr zärtlich über die Wange und küsste sie auf die Stirn. Der Vater hatte den Sohn im Türrahmen lehnend beobachtet. Als sich Henry an seinem Vater vorbei drücken wollte, nahm er ihn in den Arm, und sein ganzes Leben floss dahin. Die Frau todkrank, der Sohn im Streit aus dem Haus. „Es ist noch früh am Abend, lass uns noch etwas essen gehen. Hier in der Nähe hat ein neues....“. „Danke“, unterbrach ihn Henry, „mir ist nicht danach, verzeih, ich möchte alleine sein“. Der alte Lantz machte es seinem Sohn nicht leicht. Er zählte zu den Menschen, gegen die sich leicht aufbegehren lässt. Er bestand aus Gehorsam und treuer Pflichterfüllung. Auch bei strenger Betrachtung, gab keinen wirklichen Grund, der dazu taugte, ihn zu kritisieren. Er war ein aufrechter, fleißiger Mann, der zu seiner Verantwortung stand, der versuchte die Familie zusammen zu halten und ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu sein. Das reichte ihm als Lebensinhalt. Henry strebte fort. Am nächsten Morgen warf er einen Blick in die Lokalzeitung, die er hasste, weil sie seine Gedichte nicht abgedruckt hatten. 179

Jetzt brauchte er sie nicht mehr. Jetzt war er in Berlin, suchte dort die Anerkennung, die er sich beimaß. Der Abschied vom Vater war herzlich, so als ahnten beide, dass sie sich nicht so bald wiedersehen würden. Noch einmal besuchte er die Mutter in ihrer Gruft, sie lag wach, und antwortete ihm mit einem Lächeln.

Auf der Reise zurück nach Berlin umkreisten seine Gedanken Hollaender. Der Schnellzug fraß sich durch die deutschen Landschaften. Wälder, klein Ortschaften, weite Felder, menschenleere Bahnhöfe, Bahnhöfe mit Reisenden, Viehherden und Autobahnen begleiteten den Zug. Zwei Tage hatte Henry am Schreibtisch verbracht. Nur einmal sah er Arno, der gerade mit einer hübschen jungen Dame nach Hause kam. Am Abend des dritten Tages machte er sich auf den Weg, den alten Hollaender zu treffen. Unterwegs schüttelte er über sich selbst den Kopf: ‚Warum tue ich mir das alles an, warum?’ Wie immer saß Hollaender alleine an seinem Tisch im Restaurant Rosen. Ein benutzter Teller mit Essensresten stand vor ihm, das Besteck ordentlich ausgerichtet, die Serviette darüber. Er hatte gut gespeist und war offenbar guter Laune, zumindest konnte Henry keine anderen Schlüsse ziehen. „Ich grüße sie, Henry. Nehmen sie Platz. Ich habe gut gegessen. Wie geht es ihnen? Haben sie Hunger? Wo waren sie, ich habe sie schon vermisst?“ „Mir geht’s gut, danke, dass sie fragen. Ich besuchte in Köln meine Eltern. War nicht sehr angenehm. Meine Mutter ist sehr krank und mit Vater verstehe ich leidlich. Wir leben auf zwei weit entfernten Planeten“. Er erstattete Hollaender ausführlich Bericht. Es klang wie das Protokoll eines Abgesanges auf seine Kindheit, Jugend und Familie. Hollaender lauschte 180

andächtig und nickte ab und zu. Henry klagte über das Unverständnis seines Vaters, das Leid der Mutter, das Reihenhaus mit Satteldach, die Langeweile der vorstädtischen Provinz mit den Rasenflächen, aus denen Rhododendron sprießt und blasse Hortensien, die immer aussehen als seien sie verblüht, das Auge beleidigen. Er klagte über die Geranien, die von den Balkonen herab ihr rotes Gift kotzen...! „Hören sie auf“, befahl Hollaender. „Was erzählen sie mir von einem grotesken Theater. Ich will ihre boshaften Arien nicht hören. Sie bis oben voll mit Undank. Wie können sie so über ihre Eltern reden?! Eines will ich ihnen sagen, es betrifft ihre Mutter. Sie ist die einzige, die begriffen hat, dass die Welt ein Grab ist. Nur eines hat sie in ihrem Leben nicht erfahren dürfen, wie es scheint, dass der Künstler der Grabwächter ist. Wenn sie diese Konsequenz gefolgert hätte, würde sie sich frohgemut aus dem Krankenlager erheben, ihrem Vater und ihnen in den Hintern treten, sich an das Klavier setzen und Mendelssohn-Bartholdy spielen“.

Alfred Hollaender und Ilse saßen mit Herb Mayer im Auto und waren unterwegs nach St.Louis. In drei Tagen wollte Herb die 1000 Meilen lange Strecke geschafft haben. Aber er hatte die Rechnung ohne seinen alten Ford gemacht. Der Wagen bereitete ihnen immer wieder Probleme. Mal war es die Benzinleitung die leckte, dann drohte das Kühlwasser zu kochen und zwei Mal mussten sie unter Einsatz großer Kräfte Reifen wechseln. Aber nach den vielen Pannen entschloss sich der betagte Ford zu funktionieren und es ging flott voran. „Und außerdem“, betonte Herb beruhigend, „läuft uns das Geschäft nicht weg“. Dann lachte er laut. 181

Etwa 50 Meilen vor Indianapolis, in einem staubigen Nest mit Namen Madison, stoppte Herb den Wagen vor einem unscheinbaren Gebäude, das von einem nach allen Seiten offenen Turm gekrönt war. Unter dem spitzen Dach langweilte sich ein Glöckchen. Manchmal schlug es wie von Geisterhand, dann verstummt es für Tage – niemand wusste genau, wann das Glöckchen schlägt und für wen, wer es antreibt und warum es innehält. „Haben wir wieder eine Panne?“, erkundigte sich Hollaender besorgt. „Nein, nein“, antwortete Herb. „Den Priester in dieser kleinen Kirche kenne ich, es ist zwar nur ein Christ, aber was soll’s, vor Gott gelten alle Hochzeiten“. Er lachte wieder. „Ich erinnere mich, dass du mir erzählt hast, Ilse heiraten zu wollen. Jetzt ist die Gelegenheit?“ Hollaender fühlte sich ertappt. Sein Gesichte rötete sich. Tatsächlich hatte er Herb in New York von seinen Absichten erzählt. Es stimmte auch, dass er sich auf dem Schiff geschworen hatte, Ilse mit einem Rosenstrauß, ganz offiziell und feierlich, einen Heiratsantrag zu machen. Jetzt stahl ihm Herb die Schau und Ilse saß auf dem Rücksitz, lächelte verlegen und tat so, als ginge sie das alles nichts an. Hollaender fasste sich ein Herz, ergriff Ilses Hand, küsste sie lange und fragte sie schließlich:“ Willst du meine Frau werden. Willst du Frau Hollaender werden?“ Er hatte seine Frage mit etwas zu viel Pathos verschnörkelt. Er klang gezwungen, das zu tun, was er ohnehin vorhatte, aber nicht zu dem von ihm geplanten Zeitpunkt. Die erste Gelegenheit hatte er am Pier verstreichen lassen. Er fand keine Rosen, und vertagte sein Vorhaben. Auch im Hotelzimmer wäre Zeit für den Heiratsantrag gewesen, aber da fehlte ihm die Entschlossenheit. Jetzt hatte ihn Herb vor die Entscheidung gestellt. Ein Zurück gab es nicht mehr.

182

Ilse, die seit ihrer Flucht nach Kladow nie mehr etwas zu bestimmen hatte, nicht gefragt worden war, ob sie lieber dies wolle oder jenes, die sich in ihr Schicksal fügte und gehorchte, fand sich unvorbereitet vor der Alternative, Hollaender zu heiraten, oder eben nicht, mit Folgen, die sie nicht einzuschätzen vermochte. Eine wirkliche Wahl hatte sie nicht. Sie saß Wagen, schaute abwesend aus dem Fenster und der Film ihres kurzen Lebens lief ab. Endlos dauerte das Schweigen. Das Abendlicht zauberte eine Milde in ihr Gesicht, die das Tageslicht nicht zuließ und die das Mondlicht verschleierte. Nichts bewegte sich in ihrem Gesicht, nicht das kleinste Zucken, kein Muskel, kein Härchen, kein Blinzeln oder Wimpernschlag regte sich. „Im Talmud steht, dass der Mensch erst dann vollkommen ist, wenn er einen Ehepartner hat“, sagte Herb über die Rückenlehne im Wagen gebeugt. Er verbreitete die unbeschwerte Fröhlichkeit desjenigen, der sich über seinen guten Einfall freut. „Gefastet habt ihr auch, oder? Solltet ihr Bedenken haben, so kann ich sie entkräften. Hört zu! Da die Eheschließung überall stattfinden kann, muss sie folglich auch von einem Priester in einer Kirche vollzogen werden können. Zwei Zeugen stehen zur Verfügung, George der Priester, und seine Haushälterin. Die macht mit, ich bin sicher. Na ja, und als Chuppa nehmen wir einfach...“, er überlegte kurz, „ja, natürlich“, rief er, „das Dächlein oben auf der Kirche. Ringe hast du auch, Alfred, also, ihr beiden, worauf wartet ihr noch?“ Ilse willigte ein. Ein Rest schwachen Missgefühls, das Hollaender nach Herbs Vorstoß in sein Privatleben auslöste, und sein Groll über das eigene Unvermögen wichen trotziger Entschlossenheit. Er nahm Ilse in den Arm, 183

flüsterte ihr etwas ins Ohr, sie kicherte wie ein kleines Mädchen, dann küsste er sie innig und anhaltend, bis Herb sie unterbrach:“ Halt, halt, dafür ist später noch Zeit genug“. Wenig feierlich, nur eine Formalität, war ihre Hochzeit. Der gelangweilte Priester George spulte sein Programm ab, wie er es täglich bei vielen Paaren machte. Nur eines war nicht wie immer: dass seine Haushälterin als Zeugin her halten musste. Sie erledigte die Pflicht, zu der sie ihr Priester aufgefordert hatte mit einigem Argwohn. Sie entledigte sich ihrer Schürze, legte sie über eine der Kirchenbänke und wohnte mit gleichgültiger Miene der Zeremonie bei. Danach verließ sie ohne Gruß die Kirche. Herb hatte ihnen auf der langen Reise durch wundervolle Landschaften in ihrem Traumland, an denen sie sich nicht satt sehen konnten, viel von seinem Geschäft in St.Louis erzählt. Trotzdem mischte sich Wehmut in ihr Glück. Sie sahen grandiose Landschaften sandgelber Berge, die sich in Schichten zu grotesken

Gebilden aus einer Fabelwelt auftürmten und weite Ebenen, die am Horizont mit dem Himmel zusammenflossen. In die Eindrücke hinein, als nähme sie die Geschenke Gottes nicht wahr, sagte Ilse: „Was war das für eine Vermählung, ohne Familie und Verwandte“. „Ich bin eure Familie, ab sofort und so lange ich lebe“, antwortete mit lauter Stimme der fröhliche Herb zu seinen Fahrgästen im Fond. „Ich bin Vater, Mutter und Geschwister, Tanten, Onkel und Cousins“. Je länger die Reise dauerte, um so mehr übertrug sich seine Stimmung auf das Brautpaar. Bald waren sie eine kleine lustige Reisegesellschaft auf dem Weg durch die Weiten des amerikanischen Westen.

184

Nach dem Tod seines Vaters hatte Herb das Geschäft übernommen. Aus weitem Umkreis kamen die Kunden herbei. Zu der Zeit, als der alte Mayerbeer den Laden eröffnete, waren viele der jetzt die Straße säumenden Häuser noch nicht errichtet. Einige niedrige Steinhäuser, ein paar windschiefe Schuppen und ein Markt, das war alles, was er vorfand. Ein paar Büsche wurden vom ewig wehenden Südwind zerzaust, Sperlingsfamilien stritten um Krumen und Körner, die Sonne schien, sie schien ewig, und in Weltraumnähe standen die weißen Wolken so stabil, als hätte sie jemand angeklebt. „Mein Vater führte den ersten Supermarkt in dieser Gegend, als sich noch kein Mensch hier vorstellen konnte, dass alle Waren des täglichen Bedarfs in einem einzigen Geschäft zu erhalten waren“, berichtete Herb. Dabei verbarg er nicht den Stolz, den er bei der Erinnerung an seinen Vater hegte. Obst und Gemüse, Konserven, Getränke, Haushaltsgeräte, Kurzwaren, Gewürze und Tabak wurden feil geboten. Etwas abgetrennt, in einem Nebenraum, hatte Herb später das Geschäft um eine Apotheke erweitert. Vitaminpräparate, Seifen, Parfüm, schönheitsfördernde Mittelchen für die Damen und geheimnisvolle Pillen, die die Leute immer dann nachfragten, wenn sie vom Trübsal geplagt wurden, wenn sie Brummschädel oder Rücken quälte, die Fingernägel eingewachsen waren, das

Nachtschattengewächs des Gemahls nicht mehr wollte wie es sollte, die Regel der Gattin ausblieb oder die Kinder ausdauernd schrieen. Herb Mayer war mit seinen Geschäften sehr zufrieden. Es gelang ihm ein erkleckliches Auskommen zu sichern und sogar Rücklagen zu bilden. Die gewisse Begabung aus einem Dollar zwei, aus zwei vier zu machen hatte ihm Vater Mayerbeer vererbt. Wenngleich sein Wesen nicht von der feingliedrigen 185

Noblesse durchzogen war wie das seines Vaters, dessen Erscheinung von vornehmer, ja fürstlicher Herkunft erzählte. Herb war ein einfacher und guter Mann. Es war ihm aber nicht gelungen, eine Frau zu finden, die ihm Kinder hätte schenken wollen. „Ich habe viele gesehen, die zu mir gepasst hätten, die sogar ganz ansehnlich waren, aber letztlich entschwanden sie alle wieder. Die Frauen kamen und gingen. Ich wurde älter, so alt, bis mir schließlich gar keine mehr folgen wollte, bis auf die, die für ein paar Dollar zu allem bereit gewesen wären. Danach aber stand mir nicht der Sinn“.

Mayers Mutter und die beiden Schwestern hatten Vater und Bruder schon vor vielen Jahren verlassen. „Es gab immer Streit“, erzählte Mayer. „Unsere Familie, auf die wir einmal so stolz gewesen waren, zerbrach in zwei Hälften. Was sollten wir tun. Die Frauen zeterten, wollten und konnten nicht ablassen, der Vater wohl auch nicht. Du darfst eines nicht vergessen, seine Frau und seine Kinder wurden auf das Grauenhafteste gepeinigt, man hat dem Vater damit auch die Ehre genommen, man hat ihn zerbrochen...“. Herb Mayer hielt kurz inne, als suchte er nach den richtigen Worten. „Unsere Mutter erklärte die Männer, verstehst du, alle Männer, nach den Schändungen zu Feinden und nahm Vater und mich von diesem Fluch nicht aus. Die Schwestern, der Mutter in der gemeinsamen Erinnerung an die Verbrechen zutiefst zugetan, wie mit einer neu gewachsenen Nabelschnur mit ihr verbunden, schalten uns als Lumpen und als genauso verachtenswert, wie die Schufte, die ihnen das Schlimmste angetan hatten. Zornig und verbittert rief sie dem Vater zu, die beiden Töchter an der 186

Hand:“ Du hast in Amerika gehockt, schön gemütlich, hast dich aus dem Staub gemacht, und dann dieser Laden....und dein Sohn hat uns auch nicht geholfen!“ „Ja, sie war sehr ungerecht, die Mutter“, seufzte Herb Mayer. „Wir haben nie wieder etwas von ihnen gehört, das hat dem Vater das Herz gebrochen“.

Hollaender und Ilse bezogen eine kleine Wohnung über dem Geschäft. Das Appartement bestand aus zwei Kammern, die durch die Küche zu erreichen waren. Die Küche, zentral gelegen, trennte Wohn- und Schlafraum. Hollaender zog rasch die hässlichen Vorhänge zu Seite, die den Blick zur Straße versperrten. Die Zimmer lagen hell in der Nachmittagssonne. Der erste, etwas triste Endruck verschwand. Im Schlafzimmer dominierte das große Bett, Ilse kicherte. Links und rechts standen Nachttische, auf denen je ein Lämpchen in der Nacht funzeliges Leselicht spendete. Der Schrank hatte keine Türen. Hollaender untersuchte das Möbelstück, konnte freilich nicht erkennen, ob jemals eine Türe den Schrank verschlossen hatte. Ilse freute sich über die Küche. „Schau Alfred, hier, ein Kühlschrank, ein elektrischer. Zuhause, ich meine bei Fechtners, hatten wir nur einen hölzernen Eisschrank“. Zwischen dem klobigen Kühlschrank und dem Gasherd war eine breite Ablage an die Wand geschraubt. In der Mitte, unter eine nackten Glühbirne, wartete Geselligkeit versprechend der Tisch mit vier Stühlen. Alles sah abgenutzt aus. Ordentlich zwar und sauber, aber die Wohnung hätte bestimmt einiges zu erzählen gehabt. „Wer wohl hier wohnte?“, fragte Ilse ohne eine Antwort zu erwarten. 187

„Mit etwas Farbe werden wir unser Reich verschönern“, sagte Alfred. Kaum hatten sie ihre wenigen Habseligkeiten verstaut, rief auch schon Herb mit lauter Stimme ins Treppenhaus, dass Kundschaft bedient werden müsste. Hollaender und Ilse schauten sich erstaunt an. „Was meint er damit? Sollen wir jetzt schon, also an unserem ersten Tag hinunter ins Geschäft?, sorgte sich Ilse. „Lass nur, Liebes, ich gehe, ich mach’ das schon. Warum sollen wir aufschieben, was nicht aufschiebbar ist. Die Wohnung UND das Geschäft werden unser Zuhause sein und unsere Aufgabe“, sagte Hollaender zu seiner Frau und begab sich zu Tür. Sein Englisch hörte sich noch sehr bemüht an, auch fehlten ihm viele Vokabeln. Auf der langen Überfahrt lernte er ein paar Redewendungen und Worte, die er sich sorgsam notierte und immer wieder las. Seine erste Kundin in St.Louis, in Mayer’s Super Market, war eine alte farbige Frau, die zwei Flaschen Coca Cola und Kornettbeef in der Dose kaufte. Herb Mayer hielt sich im Hintergrund, sprang nur dann ein, wenn Hollaender gar nicht mehr weiter wusste.

Hollaender und Ilse machten große Fortschritte, teilten sich die Arbeit klug auf, sehr zur Freude des Inhabers. Nach und nach übertrug ihnen Herb Mayer mehr Aufgaben. Mit Freude beobachtete er das Ehepaar und war sogar stolz und zufrieden, dass nun nicht mehr alle Verantwortung auf seinen Schultern lastete. Jeden Morgen in der Früh brach Hollaender mit dem Lieferwagen auf, um im Großmarkt am anderen Ende der Stadt frische Ware zu besorgen. Derweil stand Ilse im Geschäft. Herb Mayer ließ sie

188

immer öfter alleine und irgendwann trat er sogar seine erste Urlaubsreise an. Vier Tage war er verschwunden. Die Jahre vergingen im Flug, Zeit zum Nachdenken blieb kaum. Das

Ehepaar Hollaender verschwendete sich an die Arbeit. Ihre Unterhaltungen, Sorgen, ihre Freude und ihr Glück umkreisten heliozentrisch das Geschäft. Herb Mayer begnügte sich inzwischen damit, erst am späten Vormittag aus seiner Wohnung, die ein Stockwerk über der der Hollaenders lag, herunter zu kommen, um im Laden an dem runden Stehtisch in einer Ecke seinen Kaffee zu schlürfen. Hier versammelten sich zu dieser Zeit die Alten aus der Nachbarschaft, um dem Treiben im Laden beizuwohnen, dabei zu schwatzen und Geschichten von früher auszutauschen. Zuweilen lästerte Herb Mayer über das deutsch eingefärbte Englisch von Herb zu lästern, alle am Tisch lachten. Hollaender lachte zurück und rief über die Ladentheke, dass das Englisch vieler am Tisch nur älter klang, nicht aber besser. Eines Tages, in einer ruhigen Nachmittagsstunde, stapfte Hollaender die Treppen hoch hinauf zu Herb. ‚Seltsam’, dachte er, als er vor der Wohnungstüre wartete, bis sein Klopfen beantwortet wurde, ‚mir scheint, der gute alte Herb wird alt.’ Es dauerte einige Zeit, bis die Türe geöffnet wurde. Herb wirkte verschlafen oder verwirtt. Seine Haare standen wirr vom Kopf. „Verzeih’ die Störung. Ich wollte mit dir etwas besprechen“. „Ja, klar, komm rein.“ „Die Ilse und ich haben überlegt, dass es an der Zeit sei, einen Verkäufer einzustellen. Die Arbeit wird ja gottseidank nicht weniger. Nur, weißt du...“, „Ja ich weiß“, unterbrach ihn freundlich der alte Kaufmann. 189

„Ich weiß, ihr arbeitet mit unerbittlichem Fleiß, deutschem Fleiß könnte man bald sagen. Wenn du dir das gut überlegt hast, habe ich natürlich nichts gegen einen Verkäufer einzuwenden“. Hollaender legte seine Berechnungen vor, denen Herb Mayer leicht entnehmen konnte, dass mit einem tüchtigen Verkäufer mehr zu verdienen war. Er schaute flüchtig auf die Aufzeichnungen und nickte. Kirk, ein junger Kerl, 26 Jahre alt, trat die Stelle in Mayer’s Super Market an. Er wohnte nur ein paar Blocks weiter, seine Mutter war eine treue Kundin, die schon bei Herb’s Vater einkaufte. Kirk entlastete vor allem Ilse, die neben der Arbeit im Geschäft, für die Männer kochte und den Haushalt führte. Sie zog sich zurück, saß manchmal alleine am Tisch oben in der Wohnung, hörte Schlager aus dem Radio und ihre Gedanken schweiften weit ab vom täglichen Einerlei. Sie entließ sie aus dem Fenster, sie strömten die Straße hinab, die in gerader Linie aus der Stadt führte und sie stießen tief in das weite amerikanische Land. ‚Ihr Land?’, dachte Ilse. Sie träumte von San Franzisko, dorthin flogen ihre Gedanken. Von San Franzisko hatte sie in einem Magazin gelesen. Von den Twin Peaks, die sie auf einer Fotografie bestaunte, von den cable cars, dem Pazifik, der Golden Gate Bridge aber auch von Alcatraz. Ilse trat zwei Schritte vom Fenster, ging in der Wohnung rastlos umher. Jetzt, mit sich, dem Radio, dem Tisch und der schönen Wohnung alleine, schämte sich, auch bei größter Anstrengung kein Glück fühlen zu können. Sie überlegte, ob ihr Kinder fehlten, eine richtige Familie. Dann wieder empfand sie Dankbarkeit. ‚Hatte Alfred sie nicht vom Hof geholt, sie nach Amerika geführt, und zu einer angesehenen Frau gemacht?’ 190

‚Golden Gate’, murmelte sie vor sich hin. Dankbar war sie den Freunden, einige stammten aus ihrer alten Heimat, Emigranten wie sie, obschon seit langem Amerikaner, aber dennoch mit dem Herzen manchmal noch in Deutschland. Oder vielleicht wieder?

Ilse kochte Herb Mayer das Mittagessen, wie jeden Tag, immer zur gleichen Zeit. „Herb“, hallte es durch das Treppenhaus. Kurz darauf schlurfte Herb herein. Er fühlte sich so müde in letzter Zeit. Nach dem Essen ruhte er. Am Nachmittag half er Hollaender im Geschäft, sprach mit den Leuten, wanderte durch die Korridore, die die Regale mit den Waren bildeten, rückte Preisschilder zurecht, bis später die alten Freunde kamen, so verlief das Leben. Abends, sie verschlossen das Geschäft um acht, saßen sie manchmal zusammen, manchmal stellte sich Besuch ein. Ilse hatte aus der schäbigen Wohnung ein gemütliches Nest gebaut. Bunte Tapeten und neue Möbel legten Zeugnis ab von ihrem bescheidenen Wohlstand. Sogar ein TV-Gerät hatten sie sich angeschafft und ein Telefon. Wenn Ilse vor dem Gerät saß und Strümpfe stopfte oder Rätsel löste und darüber in gesunde Müdigkeit verfiel, stand Hollaender oft lange am Fenster. Er sah dem Verkehr zu, der sich vom Jefferson Boulevard in die 22. Straße, ihre Straße, einschob und kurz vor dem Backsteinhaus mit Mayer’s Super Market an einer Ampel stoppte. Im Winter tanzten die Schneeflocken im Lichtkegel der über der Straße pendelten Lampen und die Autoreifen frästen schwarze Spuren in den Neuschnee. Im Sommer verwandelte sich ihr Viertel in ein Metropolis

191

schwitzender Menschen, an Autos und Mauern gelehnt, so als erwarteten sie etwas.

An einem Morgen im Sommer des Jahres 1962, die Nacht hatte kaum Abkühlung gebracht, wunderten sich Hollaender und Ilse über die ungewöhnliche Ruhe im Haus. Er hatte seine Großmarkteinkäufe in den Regalen, Vitrinen und Kühlschränken sicher verstaut, als er zu Ilse sagte:“ Was meinst du, sollen wir nicht nach Herb schauen, da stimmt was nicht. Um diese Zeit ist er doch üblicherweise längst unten zum Kaffee gewesen?“ „Du hast Recht, das sollten wir tun“, entgegnete sie ihm. Beide beschlich ein mulmiges Gefühl, als sie hoch zu ihrem alten Freund stiegen. Ihr Klopfen blieb unbeantwortet. Die Tür war unverschlossen, sie traten ein in eine kühle Dunkelheit. Der alte Herb Mayer, Herbert Mayerbeer aus Plotzk in Weißrussland, der freundliche Kaufmann, der Jude, lag in seinem Bett und Gott hatte ihm die Hände gefaltet. Er war in der Nacht gestorben, hatte die Welt verlassen, Hollaender und Ilse verlassen, sein Geschäft verlassen, das sein Vater als Heimstatt für die Familie gegründet hatte. Er saß an der Seite seines Vaters und schaute zu mit liebevollen Blick auf Hollaender und Ilse, die zu seinen Kindern geworden waren. Ein ungeheures Gefühl der Traurigkeit und Leere übermannte Hollaender. Er begann zu schluchzen wie ein junges Mädchen nach dem ersten Liebeskummer, er weinte, streichelte dem Freund übers Haar und fiel auf die Knie. Er Hollaender, der tränenlos geworden war, weinte in Amerika. Er weinte um Frieda, Rosa, Paul, um alles, was man ihm genommen hatte. Er vergoss die Tränen, die ihm früher nicht aus den Augen kommen 192

wollten. Er weinte um ein ganzes Volk, ein Ozean voll Tränen. Herbs friedlicher Tod belebte auf grausame Weise die Vergangenheit. Ihm wurde klar, dass der Fluch seines Lebens nie vergehen würde. Er war nicht zu vertreiben mit Arbeit, nicht mit Mühsal und auch nicht mit Liebe. Von dem Fluch waren immer die langen Schatten verborgenen Hasses erhalten geblieben. Der Hass hatte nie aufgehört in ihm zu kochen. Sein Hass war wie Magma, die ewig glühende Schmelze, die tief in der Erde in ihren Kammern auf die Eruption wartet.

Die Kundschaft in Mayer’s Super Market hatte sich verändert, genauso wie sich die Nachbarschaft veränderte. Immer mehr Schwarze besiedelten das Viertel. Sie grüßten nicht beim Betreten des Ladens, beachteten Hollaender nicht, behandelten ihn wie ein Regal, das eben so herumsteht, mit irgend etwas gefüllt, wovon man sich bedienen kann. Oft schimpften sie, Hollaender verstand nicht. Den runden Stehtisch hatte Hollaender gegen einen modernen Getränkekühlschrank ausgetauscht. Obst und Gemüse wurde kaum noch verlangt. Zigaretten, Schnaps und Bier verlangten die Leute. Zwei Häuser neben Mayer’s Super Market befand sich bis vor einigen Monaten noch ein Hutgeschäft. Der Besitzer war Jakob Armreich. Ihn lernten Hollaender und Ilse schon kurz nach ihrer Ankunft im Kulturverein kennen; sie wurden Freunde. Armreich stänkerte immer über die Neger, die sich im Viertel ausbreiten würden, kein Geld in der Tasche hätten und immer nur bevor den Geschäften lungerten ohne zu arbeiten. „Von morgens bis abends hängen die Leute herum und vertreiben uns noch die letzten Kunden“, beschwerte er sich. „Niemand tut etwas dagegen“. Es dauerte nicht lange, da schloss er seinen Laden für immer. 193

Niemand im Viertel vermochte genau zu festzustellen, wann alles anfing. Wann die Veränderung einsetzte, heranschlich auf Turnschuhen, immer mit den Hüften schwingend im Takt wilder Musik. „Hollaender beschwichtigte die Freunde im Kulturverein:“ In Berlin sind auch immer Leute weggezogen und neue kamen hinzu“. Einmal sagte ihm Armreich mit einem sarkastischen Grienen im Gesicht: „1933 zogen verdammt viele neue Leute nach Deutschland, sonst wärst du ja heute nicht hier“. Hollaender wurde sehr wütend und noch Tage später sprachen die Männer nicht miteinander. „Den Armreich traf es schneller, denn Hüte verkaufen sich eben nicht wie Lebensmittel. Wer trägt den heutzutage noch einen Hut. Die Leute wollen andere Sachen und ein guter Kaufmann muss sich anpassen. Wenn keiner mehr Hüte kauft, dann muss ich was anderes verkaufen. So einfach ist das“, sagte Hollaender zu seiner Frau, als sie in lauer Nacht am Fenster lagen und dem Treiben auf der Straße zuschauten. Immer noch hegte er Groll gegen Armreich. Die Sirenen, die sie früher nur aus der Ferne, vom Fluss her vernommen hatten, rückten näher und endeten bald täglich in der 22. Straße, ihrer Straße. Es brannten Autos, Männer wurden gejagt und verprügelt und sogar Schüsse fielen. Sie knallten wie Donnerschläge. Lange war es her, dass Hollaender und Ilse durch Schüsse in der Nacht jäh aufgeweckt wurden. Eines Abends, Hollaender zählte gerade die Tageseinnahmen, und heftete die Zettel mit den Geldbeträgen zusammen, die er wieder einmal hat stunden müssen, als die Türklingel des Geschäftes läutete. Kirk war heute früher nachhause gegangen. Sonst schloss er meistens das Geschäft und schob das neue Gitter vor das Schaufenster und die Eingangstür. Hollaender 194

hatte diese Vorsichtsmaßnahme aber versäumt. Er hatte kaum aufgeblickt, da fühlte er die kalte Mündung einer Pistole an seinem Kopf. Durch den Haupteingang war ein Gangster hinter den Regalen geduckt, bis zu Hollaender an seinem Stehpult vorgedrungen. Zwei Komplizen kamen durch den Hintereingang. Niemand hatte sich die Mühe angetan, das Gesicht zu vermummen. Weiße Zähne bleckten ihn an. Mit schnellem, hartem Griff entriss einer der Ganoven Hollaender das Geld und stopfte es in seine Tasche, während der zweite sich seelenruhig eine Flasche Bier öffnete und sie in einem Zug leerte. Er stieß einen lauten Rülpser aus, die Kumpane lachten. Danach pisste er in die Auslage, in der noch ein paar Äpfel lagen, die Hollaender mit in die Wohnung nach oben mitnehmen wollte. Angst und Zorn mischten sich, als er tatenlos zusehen musste, wie sein Geschäft von den Verbrechern verdreckt wurde. Beim Verlassen brüllten die Kerle, dass sie Weiße verabscheuten und weiße Juden noch viel mehr. Der Polizeioffizier, der einige Zeit später mit einem Kollegen am Tatort eintraf, schürzte seine Lippen, als er den Schilderungen Hollaenders aufmerksam, stets den Kopf hin und her wiegend, lauschte, schob die Dienstkappe zurück und sagte zu Hollaender:“ Wissen sie, lieber Mister Hollaender, die Zeiten haben sich geändert. Was sollen wir tun. Was um alles in der Welt sollen ein paar Polizisten tun, wenn es überall brennt? Die Armee müsste hier aufkreuzen und das Gesindel verjagen, dorthin, woher sie kommen. Gestern haben sie uns mit Steinen beworfen, heute schießen sie. So ist das. Ich gebe ihnen einen kostenlosen Rat, machen sie’s wie ihre Nachbarn“, er deutete mit seinem Arm auf die gegenüberliegende Straßenseite. „Sehen sie genau hin, was die 195

machen. Die packen ihre sieben Sachen und verschwinden. Die Stadt ist groß. Es gibt hier auch Platz für euch Juden. Hauen sie ab“, riet er in schroffem Ton Hollaender. Er hatte Ilse schützend in den Arm genommen, ‚was nutzt das’, dachte er finster. Die Polizisten schrieben noch etwas in ihren Block, stellten Hollaender ein paar Fragen, dann verließen sie das Geschäft. „Bis bald“, glaubte Hollaender von einem der Beamten im Rausgehen noch gehört zu haben. Während er sich die Unordnung im Geschäft missmutig betrachtete, ruhte sein Arm noch auf Ilse, die seltsam unbeteiligt aussah. Blitzartig kam ihm der Gedanke, sich selbst zu bewaffnen. „Wer beschützt uns?“, sagte er zu Ilse. „Wir müssen uns selbst schützen. Die Gangster haben Waffen, nun, dann müssen wir uns auch welche beschaffen“. Ilse hatte sich aus seiner Umarmung gelöst und begann mit den Aufräumarbeiten. Da ergriff sie einen der bepissten Äpfel und schleuderte ihn in seine Richtung. Mit von Ekel und Wut verzerrtem Gesicht schrie sie:“ Ja, tu es, knall sie ab. Während. Alfred Hollaender war bereit den Kampf aufzunehmen. „Wogegen willst du kämpfen? Gegen die Schwarzen Rassisten, oder gegen die weißen Rassisten? Vielleicht gegen die ganze Welt? Nein Alfred, mein Kampf ist vorbei. Ich kämpfe seit Jahren...“. Sie sank auf den Boden, schlug sich die Hände vors Gesicht und schluchzte. Hollaender verweilte unentschlossen hinter dem Pult. Liebe, Mitleid, Sorge alles stieg auf einmal in ihm hoch. Er kratzte sich an der nackten Brust, die behaart aus dem Hemd schaute, und schritt langsam auf sie zu. Sie spürte seinen Atem näher kommen, er ergriff ihre Hände. Aus verheulten Augen, die Schminke 196

verwischt, blickte ihm das nackte Entsetzen entgegen. Er beugte sich und küsste sie. Er trug Kampfbereitschaft in seinem Herzen, während Ilse in der absoluten Gewissheit der Ausweglosigkeit verloren schien. Sie erkannte vor ihm, dass sie ihre Zukunft hinter sich hatten. Die Zukunft des Geschäftes und die gemeinsame Zukunft des Ehepaares Hollaender. In ihm wühlte die Bereitschaft zum Aufbegehren. Ilse jedoch Ilse hatte vorher Signale ausgesandt, die er geflissentlich übersah. Erst Herbs Tod und die Übergriffe, die jetzt kulminiert waren, ließen ihn aufwachen. In einem freien Land wurden sie bedroht. Ob Ilse ihn geliebt hatte? Ob sie ihn jemals geliebt hatte? Das Schicksal führte sie zusammen. Sie fühlte sich Hollaender zugehörig, sich in Sprache, Abkunft und Heimat mit ihm verbunden. Er hatte sie aus ihrem Dasein als Magd befreit und sie überführt in ein Dasein als treusorgende Ehefrau. In den Nächten, wenn das Getöse auf der Straße nachließ, die Schlaflosigkeit jedoch blieb, bittere Wachträume heran schlichen, wuchs in ihr die Entscheidung heran, alles hinter sich zu lassen. Oft, und darüber erschrak sie, sehnte sie sich in die Obhut der Familie Fechtner zurück. Sie dachte an den kleinen Hof, die Dorfwirtschaft, in die sie der Bauer gelegentlich losschickte, einen Krug Bier zu holen, an die Tiere, den märkischen Wind, der in die zittrigen Blätter der Pappeln stieß und an die große, Geborgenheit spendende Brust der Bäuerin.

An einem Morgen im Frühsommer des Jahres 1970 wartete Ilse Hollaender, geborene Gertz, mit einem Koffer an der Bushaltestelle. Sie umklammerte das one way Ticket, das ihr die Reise nach San Franzisko sicherte. Was sie dort wollte, und warum sie sich gerade für diese Stadt entschieden hatte, 197

blieb im Dunkeln. Sie hatte für ihren Mann kein Wort des Abschieds gefunden; vielleicht aus Scham, oder der Befürchtung, er würde sie zurück gehalten haben. Jetzt saß sie an einer Busstation draußen am Stadtrand. Ein warmer Wind wirbelte Staub und Papierfetzen durcheinander, der Schmutz vermählte sich mit Blättern und kleinen Ästen, sie band ihr Haar zu einem Zopf zusammen. Wann der nächste Bus kommen würde, wusste sie nicht, es schien sie nicht zu interessieren. Sie hockte einfach versunken mit übergeschlagenen Beinen auf ihrem Koffer, sah den Vermählten zu, blinzelte in den grellen Himmel, schloss die Augen, sie fühlte nichts. Wer sie so sitzen sah, spürte ihre anrührende Verletzlichkeit. Mit den von der Arbeit schwielig gewordenen Fingern strich sie Haarsträhnen aus dem Gesicht, die ihr den Wind immer wieder auf die Augen legte. Autos fuhren an ihr vorüber, manch ein Fahrer winkte ihr zu. Lastwagen, beladen mit Bretten, Kisten oder Stahlträgern ratterten mit lautem Motorgeräusch vorbei, der Sturm, den sie vor sich herschoben, warf Ilse fast von ihrem Koffer. In der Nähe hörte sie Kinderstimmen, die sich um Spielzeug stritten. Schließlich stand sie, verspannt vom verkrampften Sitzen, ging ein paar Schritte, bis sie aus der Ferne den Greyhoundbus herannahen sah. Eine Staubwolke vor sich herschiebend hielt der Bus neben ihr. Freundlich nickend entwertete der Fahrer den Fahrschein. Aus dem kleinen Kofferradio, das ihn mit Unterhaltung begleitete, tönte ein Schlager. Eine helle Frauenstimme besang die Liebe zu ihrem Freund. Dieses Liedchen löste einen Stein aus dem Trümmerhaufen, den sie in ihrem Herzen schleppte. Die Überreste erzählten von einem Leben, als sie fröhlich und begabt eine glückliche Zukunft erwartete.

198

Auf einer Bank schräg gegenüber von Ilses Sitzplatz döste ein Mann vor sich hin, den Hut tief übers Gesicht geschoben.

Henry hatte es längst aufgegeben, Hollaender mit Zwischenfragen und Anmerkungen inspirieren zu wollen, ihm dieses oder jenes Detail zu entlocken, das er hernach verwenden könne. Brannte in ihm je ein

journalistisches oder literarisches Interesse am Leben des Alfred Hollaender, so hatte es Hollaender gelöscht. Er ließ die Worte und Sätze, Ausschmückungen, Verwünschungen, Zitate, Flüche und Bekenntnisse wie Regen über sich ergehen. Hollaender grub in seiner Vergangenheit wie nach einem Schatz. Er duldete kaum eine Regung und schon gar keinen Widerspruch. Oft legte er seine Stirn in Falten und ließ seinen Blick über Henrys Miene wandern. Er sezierte ihn und freute sich über seine Funde. Er ahnte nicht, wie grob er Henry verletzte, dass seine monistische Haltung und unnachgiebige Strenge den asthenischen Jungen zerstörten. ‚Er ist unwürdig’, beschied Hollaender, ‚kein Mensch ist frei von Schuld. Niemandem wollte er mehr seine unverdiente Gunst gewähren. Was als Vertrautheit im Restaurant Rosen begonnen hatte, spaltete sich auf in Befehl und Gehorsam. Die Männer beschritten einen Weg, auf dem es kein Zurück gab.

Ilse schaute lange auf ihren Nachbarn, der eine seltsame Anziehungskraft auf sie ausübte. Lässig zurückgelehnt lag er im Sitz, die blonden Locken quollen unter seinem Hut hervor. Gleichmäßig hob und senkte der Atem seinen Brustkorb. Seine weichen Gesichtszüge, die sich unter dem Hut abzeichneten, die feingliedrigen Hände und die dünne, aristokratische Nase 199

gefielen ihr. Ein Lächeln überzog sie. Sie lächelte mit dem ganzen Körper. Er glich Hermaphroditos, sie der Nymphe Salmakis, die, ihn mit Amor verwechselnd, ihm so sehr verfiel, dass sie Gott um Verschmelzung mit dem vermeintlichen Geliebten anflehte. Sie bemühte sich immer Alfred Hollaender zu lieben, der vorgab, sie befreit zu haben, gerettet vor dem Misthaufen in Kladow und der Mühsal auf dem Bauernhof, wie er immer betonte. Sie horchte vergeblich nach dem inneren Ruf. Hingabe und Sehnsucht stellten sich nicht ein. In dem Greyhoundbus ließ sie zu, dass ihr laute Sätze aus dem Mund entwichen. Der Mann mit dem Hut erwachte und hörte Ilse, wie sie ihm mit aufreizender Höflichkeit einen Schluck aus ihrer Limonadenflasche anbot. Mit einer freundlichen Geste lehnt er ab. Er bevorzuge sein eigenes Getränk, sagte er, und lachte. Die Weite des Kontinentes flog an ihnen vorbei. Der Bus leerte sich, füllte sich wieder mit Reisenden, die schwitzend ihr Gepäck verstauten, die Fahrer wechselten, Ilse und ihr Nachbar waren immer noch an Bord. Ihr Ziel war die Endstation. Sie parlierten unbeschwert, machten sich über die Fahrgäste lustig, um schließlich wieder von der Landschaft zu schwärmen. Endlosen Steppen folgten Bergformationen. Flache Motels und Tankstellen kündigten Ortschaften an, die der Bus in wenigen Augenblicken durchfahren hatte. Ilse war keine junge Frau mehr, eine verschleierte Eleganz war ihr jedoch geblieben. Sie war schlank, ihr luftiges Sommerkleid deutete

begehrenswerte Formen an. In Begleitung ihres neuen Bekannten benahm sie sich wie ein junges Mädchen. Sie lachte unbeschwert, als wäre sie ohne

200

Vergangenheit, als hätte sie eben die High School abgeschlossen, und jauchzte über die Reise zu einer Freundin. Mit stoischer Ruhe lenkte der Fahrer den Bus, er schwitzte stark. Wenn sich er sich einer Stadt näherte, kündigte er diese mit blumigen Worten wie ein Reiseführer an. Hin und wieder warf er einen Blick in den Spiegel. Er hatte schon viele Buslieben entstehen sehen. Aber oft taten sich die Menschen nur aus Langeweile zusammen, sprachen miteinander, bald wie enge Freunde, verabschiedeten sich, und sahen sich nie wieder. Auf diese Weise wurden viele Geheimnisse ausgetauscht, Intimitäten, die man sonst für sich behalten hätte. „So ein Bus ist eine eigene Welt. Durch die Fenster sieht man eine ganz andere, vergängliche. Hier drinnen bleiben die Menschen und die Zeit steht still“, sagte Ilse. Der Mitreisende schwieg, sah sie lange mit leerem Blick an. Unterdessen ertastete er sich Ilses Hand und hauchte einen Kuss darauf. Sie ließ es geschehen. Sie war sehr weit von St.Louis entfernt. „Weißt du schon, wo du wohnen wirst?“, fragte er. „Nein“, antwortete Ilse. Ich hab’ mal was über San Franzisko in einer Illustrierten gelesen. Das könnte mir gefallen. Es ist dort warm und die Leute werden als freundlich beschrieben. Ich kenne aber niemanden“. Sie hatte ihm im Verlauf der Reise viel von Hollaender erzählt, von ihrem Geschäft in St.Louis, von den Überfällen. Sie sparte dabei auch nicht ihre überstürzte, gleichwohl wohl überlegte Abreise aus. „Du kannst bei uns wohnen. Ich lebe zusammen mit meiner Halbschwester in einem Haus, von dem aus man die Bay sehr gut sehen kann. Eine

201

wundervolle Aussicht. Oft sitze ich stundenlang auf einem Felsvorsprung ganz in der Nähe unseres Hauses...“ „O.k.“, unterbrach ihn Ilse, „ich schaue es mir an. Von dort aus kann ich losziehen, um mir eine Arbeitsstelle in der Stadt zu suchen“.

Frank Elroy, der Bekannte aus dem Bus, war ein Veteran. Schon sein Vater war Veteran. Zwei Kriege auf dem fernen Kontinent legten tiefe Gräben in die Familie. In seinen Träumen wurde Frank Nacht für Nacht von Bord eines der Landungsboote in der Normandie geworfen, taumelte im Hagel der feindlichen Granaten in der Brandung. Jede Nacht. Keine Nacht verging, dass er nicht schweißnass von der Schreien der zerfetzten Kameraden geweckt, aus dem Schlaf hochschreckt. Jede Nacht besuchte ihn der Soldat, dem eine Granate ein großes Loch in den Leib gerissen hatte, aus dem die Gedärme flossen. Mit vor ungläubigem Entsetzen aufgerissenen Augen versuchte der Soldat seine Därme zurück in den Körper zu stopfen und flehte, vor Franks Bett kniend, ihm zu helfen. Er riss seinen Mund auf, ein stummer Schrei beendete die Nacht, jede verdammte Nacht des Frank Elroy. Frank hatte keine Arbeit, eine kleine Soldatenrente sicherte sein Auskommen. Linderung suchte er im Alkohol. Seine Schwester, grau vom Kummer über den Bruder, legte stets ihre Hoffnung in die Frauen, die Frank mit nachhause brachte. So sollte auch Ilse Frank zuerst vom Schnaps, dann vom Krieg heilen. Franks Seele war jedoch so zerschossen, wie der Körper des Kameraden, der ihn nachts besuchte. Die Schwester hatte einen Mund wie ein Fischmaul und immer, wenn sie mit weicher Stimme sprach, bewegten sich ihre schwülstigen Lippen auf 202

und zu, als schnappte sie nach Luft. Sie erzählte mit dem Fischmund, wie Frank stundenlang auf einem Felsen sitze, aufs Wasser stiere und Flasche um Flasche leere. Dann komme er nachhause, stinke aus allen Poren und kotze, jeden Tag. Manchmal verreise er für einige Tage. Er nenne das Urlaub. Einmal, nachdem Frank Ilse im Rausch die Nase blutig geschlagen hatte, packte sie ihren Koffer. Er bemerkte es nicht. Wieder war ein Stück ihrer Hoffnung zerbröckelt. Die Vergangenheit lag hinter ihr, und keine Zukunft vor ihr. Die Schwester schaute ihr nach, bis sich Ilse im Flimmern der Hitze verlor.

Henry verbrachte den Tag in einem Museum. Weniger das Interesse an der klassischen Moderne leitete ihn, als der einsetzende Regen, vor dem er Schutz suchte. Viele Menschen, meist Touristen, wie er annahm, taten es ihm gleich und wanderten ziellos mit auf dem Rücken verschränkten Armen und dem Blick des Connaisseurs an den Gemälden vorbei. Die Mauern durchdringenden Stimmen der Museumsführerinnen belästigten Henry noch im hintersten Winkel der Ausstellung. Es gelang ihm nicht, ihnen zu entfliehen. Egal wohin er sich bewegte, der schneidende Klang der allwissenden Stimmen war schon da. Trotzdem gelang es ihm mit einem letzten Rest an Konzentration zu erkennen, dass es diesem Maler, wie kaum einem anderen gelungen war, mit wenigen, kühn aufgetragenen Pinselstrichen eine geradezu erdrückende Dichte und Intensität

herzustellen. Gedankenverloren verweilte Henry vor dem Portrait der Sylvette David, als die blecherne Stimme, die zu einer dicken Frau gehörte, eine Horde Kunstfreunde vor sich hertreibend, den Raum vollständig 203

ausfüllte und Henry wieder hinaus in den Regen trieben. ‚Lieber Regen als diese Stimme’, dachte er. Sylvette erinnerte ihn an Helen. Ein dicker Tropfen löschte seine Zigarette. Er wartete, nur halb vor dem Regen geschützt, in einem Unterstand, als die Zukunft und etwas Zeitloses in ihm aufeinander zurasten. ‚Sylvette David, also Helen, hängt wohl behütet unter Glas, im Trockenen. Der Maler zerlegte ihr Bildnis in geometrische Formen, versah sie mit unterschiedlichen Schraffuren, so dass die hübsche Sylvette, also Helen, zerfällt, und die Bruchstücke ihres Antlitzes sich zu einem neuen Mädchen zusammensetzen’.

Hollaender hatte beschlossen, Ilse zu suchen. Er trug Kirk auf, ihn im Geschäft für einige Tage zu vertreten. Er fuhr mit dem Wagen in der Gegend um her, und wo er auch fragte, ein Foto zeigte, begegnete ihm Kopfschütteln. Er recherchierte in

Krankenhäusern und fragte, das Foto in der Hand, nach seiner Frau. Kein Ergebnis. Er erstattete Vermisstenanzeige auf der Polizeistation. Von dem brusthohen Tresen beugte sich der Beamte herab, und beschied ihm nachhause zu gehen. Wenn man etwas in Erfahrung bringe, werde man ihn schon davon in Kenntnis setzen. Sein Weg mit dem Lieferauto führte ihn in abgelegene Gegenden der Stadt, die er zuvor noch nicht gesehen hatte. Gelegentlich bremste er abrupt, wenn erglaubte, Ilse erkannt zu haben. Er vermutete sie hinter jeder Laterne, wartend an roten Ampeln, im Restaurant mit einem fremden Mann sitzend. Eifersucht mischte sich plötzlich in seine Sorge um ihr Wohlergehen und verdünnte sie. Er kehrte nachhause zurück. Die Stille, das Abwesenheit des Topfgeklappers, die Frage, ob er etwas essen möchte, bedeckte ihn. Er saß verzweifelt am Tisch. Am Morgen 204

zwang er sich zur Arbeit. Nach Ilse hatte ihn nun auch Kirk verlassen, der eine neue Stelle gefunden hatte. „Hier gibt’s nichts mehr zu holen, Al“, rief er seinem Chef zum Abschied zu. Die Sorge um Ilse ließ nicht nach. Er schaute aus dem Fenster, sah die Schwarzen mit hämischem Grinsen an seinem Geschäft vorbei ziehen. Wen er seine Augen schloss, tauchten schwarze Gestalten vor ihm auf, traf ihn wie ein Blitz glühende

Feindseligkeit. Öffnete er sie wieder, standen sie vor seiner Ladentheke. Nachts träumte er von ihnen, am Tage überfielen sie das Geschäft. Die alten Kunden blieben aus, es gab sie nicht mehr. Hollaenders Gesichtszüge begannen vor Angst und die unvergänglicher Sorge um Ilse zu verwittern. Ilse hatte sich im Flimmern pazifischer Hitze aufgelöst. In seine Einsamkeit traten Frieda und Rosa ihm zur Seite...’Habe ich mein Schicksal herausgefordert? Das Glück strapaziert? Werde ich den nächsten Überfall überleben? Wie kann ich verhindern, dass einen nächsten gibt?’ Viele Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Er schritt zum Schaufenster, das er vor einiger Zeit zusammen mit seinem Freund Sam durch Gitter gesichert hatte. Es war gefertigt aus fingerdicken Eisenstäben, die durch Scharniere scherenartig beweglich, aber nur mit einiger Mühe und quietschend auseinander zu ziehen waren. Eine kleine Stelle im Fenster war nicht mit Zetteln für Sonderangebote und Werbung beklebt. Dieses Fleckchen gab den Blick frei auf die Straße. Hollaender sah, was er immer sah. Jeder Laternenmast war umwickelt mit finsteren Gestalten, jedes Auto umlagert. Im Viertel sammelte sich der Abfall. Die Stadtverwaltung hatte nach der sich häufenden Zahl von Übergriffen auf ihre Müllmänner den Abtransport eingestellt. Kein Mensch fegte die Straße. Autos zerfielen zu rostigen Wracks und anstelle der Fenster klafften nun gähnende Löcher, die das 205

zerstörte Innere der Wagen freigaben. Die Fensterhöhlen der verlassenen Häuser stöhnten ihre traurigen Geschichten, die die Mauern vorher gefangen hielten, hinaus auf die Straße. Die Löcher riefen Hollaender zu, dass er, der Jude, der Deutsche, der Weiße, nicht in diese Gegend gehöre. Er solle endlich verschwinden. „Verpiss dich“, malten sie mit Kreide auf den Gehweg. Hollaender schüttelte nachdenklich den Kopf. Er war gerade im Begriff zurück zu seinem Pult zu gehen, Lieferscheine und Rechnungen mussten sortiert werden, als ein lautes Scheppern, gefolgt von einem Klirren den Vormittag zerschnitt. Ein Ziegelstein landete mit dumpfem Knall auf dem Fußboden. Erschrocken drehte er sich um und sah, wie die Schaufenster in sich zusammenfiel und sich auflöste in Millionen Scherben. Er hielt sich die Ohren zu und verkroch sich unter einen Tisch, weil er mit einem zweiten und dritten Stein rechnete. Zitternd wartete er unter dem Tisch. Als er annahm, der Angriff sei nun vorbei, kam er aus seinem Versteck hervor und taxierte das Ausmaß der Zerstörung. Voller Rage rannte er zur Türe hinaus auf die Straße, vielleicht war noch ein Täter zu erwischen. Gleichsam nackt stand er mitten in seinem Geschäft. Einige Werbeplakate bogen sich schief ohne den Halt der Scheibe. Draußen lachten einige Leute, andere gingen rasch vorüber. Mit so etwas wollten sie nichts zu tun haben. Eine alte Frau steckte ihren schrumpeligen Kopf neugierig herein, bis Hollaender sie verscheuchte. „Wenn du nichts kaufen willst, verschwinde. Hier gibt’s nichts zu glotzen!“ ‚Wo bleibt denn die Polizei’, dachte er. Die helle Sonne brach in sein Geschäft und mischte sich mit dem grünlichen Neonlicht. 206

‚So hell war es noch nie’, dachte er voller Sarkasmus. ‚Sollte ich jemals neue Scheiben anbringen lassen, werde ich sie nicht mehr bekleben.

Nichts als das Gitter trennte ihn von dem Leben auf der Straße und von dem umher streichenden Lumpengesindel, das immer nur grinste und die weißen Zähne bleckte. Der Schweiß glänzte bronzen auf ihren muskelbepackten Körpern. Die Polizei rückte nicht an. Die Glasscherben waren schnell zusammen gekehrt, gelegentlich unterbrach er seine Arbeit, warf einen Blick auf die Straße, stadteinwärts, stadtauswärts, nichts, keine Spur. Hollaender war nicht fähig, die Stimmungslage zu beschreiben, in der er sich befand. Auch Sam und die anderen wenigen Freunde, die im Viertel geblieben waren, fanden keine Lösung. „Sollte sich das alles wiederholen?“, fragte Hollaender in die Runde. „Das hatten wir alles schon einmal“, bestätigte Sam, „aber nicht hier in Amerika. Man stelle sich das einmal vor: Eine verfluchte Kette der Ereignisse. Der weiße Mob schlägt auf den schwarzen Mob und der schwarze Mob prügelt auf uns ein. Die Schaufensterscheibe wurde durch eine dicke Holzplatte ersetzt, um Plünderungen zu verhindern. Mayers Super Market wäre nicht das erste gewesen. „Wegen Krankheit und Überfall geschlossen“ hatte er trotzig auf die Platte geschrieben. Die verderblichen Lebensmittel, die er nicht selbst verbrauchen konnte, schenkte er an die Freunde. Ihm blieb viel Zeit nachzudenken. Sein Entschluss stand fest: Er wollte weg. Er telefonierte mit einigen Maklern, die, als sie hörten in welchem Stadtbezirk das Haus 207

sich befand, schnell das Interesse verloren. Andere wären durchaus bereit gewesen zu kaufen, jedoch zu einem unakzeptablen Preis. Nach einer Woche, sein Geschäft war immer noch geschlossen, zog er seinen besten Anzug an und begab sich zu seiner Bank. In einer bequemen Sitzgruppe, die ihm die Empfangsdame zugewiesen hatte, wartete Hollaender. Über ihm prangte in goldenen Buchstaben: Southern National Bank. Die

Holzvertäfelungen und der Teppichboden dämpften alle Geräusche. Unten auf der Straße fuhren die Wagen, man konnte sie nicht hören. Kein Laut drang von draußen herein. „Kaffee?“ „Ja gerne, dauert es noch lange?“ „Nein, nein. Nur ein paar Minuten“, sagte die Dame beiläufig, und stakste auf hohen Schuhen mit schwungvollem Hintern in ihr Büro. Nach einer halben Ewigkeit, Hollaender hatte alle Zeitungen

durchgeblättert, vernahm er eine Stimme:“ Die Herren lassen bitten“. Er legte gleich los. In blumigen Worten berichtete er von einem florierenden Supermarkt mit dem schönen Namen „Mayers Super Market“. Er schwärmte nachgerade von seinem Erfolgsmodell, den hohen Renditen, der großartigen Lage an einer so wichtigen Straße wie der bedeutendsten aller Nebenstraße des Jefferson Boulevards, der 22. Straße. Leichtfüßig tänzelte er um den Konferenztisch und skizzierte gestikulierend die Zukunftsperspektiven des Marktes, den er von dem bekannten Kaufmann Herb Mayer ererbt hatte, und den er später zu großer Blüte geführt hatte. Auf Diagrammen, die er in nächtlicher Anstrengung aufgezeichnet hatte, ragten alle Graphen steil in die Höhe. Im Dunst seiner eigenen Worte glaubte er bald den ganzen Unsinn, den er den Bankbeamten unterschieben 208

wollte. Geduldig, in dezenter Höflichkeit lauschten ihm die Herren in ihren dunkelblauen Anzügen und Dienstkrawatten. Aber je länger Hollaenders Referat über das in St.Louis einzigartige Geschäft dauerte, desto mehr wich die Höflichkeit der Ungeduld. Als Hollaender gerade wieder zu seinen schönen Diagrammen mit den steilen Graphen gehen wollte, unterbrach ihn einer der Zuhörer. Es war der jüngere der Herren und offenbar oblag ihm das Heft des Handelns. „Lieber Mister Hollaender, ersparen sie sich und uns das jüdische Geschwätz. Wir wissen ganz genau, warum sie verkaufen wollen. Wir wissen auch, wie es in ihrem verdammten Viertel inzwischen aussieht, oder glauben sie, wie werden in unserer Bank von Nachrichten abgeschirmt? Wir verschanzen uns nicht hinter dem Geld von unseren Kunden. Und wissen sie, was uns am meisten ärgert....?“ Hollaender vernahm nur „jüdisches Geschwätz, jüdisches Geschwätz, jüdisches Geschwätz....“ jüdisches Geschwätz tropfte in sein Gehirn. „Nein“, antwortete er kleinlaut, wie ein junger Volksschüler, der etwas ausgefressen hat. „Ich weiß es wirklich nicht.“ „Wenn uns nicht das Vertrauen entgegen gebracht wird, das wir verdienen durch den ehrlichen Handel und die Verwaltung der Besitztümer unserer Kunden. Und wir lieben es nicht, wenn man uns zu verarschen versucht“, sagte der Beamte mit Bestimmtheit und sein Jackett hob sich vor Stolz. Auf der Heimfahrt kam ihm Ilse wieder in den Sinn. Er seufzte schwer. ‚Was sie wohl jetzt, in diesem Augenblick tut? Lebt sie noch? Wie gerne hätte ich ihr mitgeteilt, dass ihr heimlich gehegter Wunsch nach Rückkehr nach Deutschland, oder sollte ich besser sagen Abkehr vom Unglück hier in 209

Amerika, wohl bald in Erfüllung geht? Ich weiß es nicht.’ Die Fahrt im dichten Verkehr der Großstadt zog sich hin. Er saß in seinem leeren Lieferwagen, die Autos vor ihm hielten, er betrachtete die Menschen rechts und links auf den Trottoirs, die Geschäfte, Hochhäuser, und bemerkte dabei, dass er sich verabschiedete.

An den Verlust, der ihm das Geschäft mit der Southern National Bank eingebrockt hatte, mochte Hollaender nicht mehr denken. Angewidert schob er die Schmach beiseite. Er prahlte nicht vor seinen Freunden mit dem Verkauf, wie er es sonst gerne tat, sondern teilte ihnen nüchtern mit, dass er nach Deutschland, nach Berlin zurückkehren werde. Er ertappte sich dabei, dass er Verkauf des Geschäftes und die geplante Rückkehr nach Berlin als Niederlage, als Kapitulation verstanden werden könnte. Er gönnte sich ein Glas Wein, setzte sich an den Tisch, es war immer noch der erste Tisch, und zündete sich eine Zigarette an. ‚Hätte ich etwas verhindern können? Ilses Flucht, wenn auch nicht das Geschäft, so doch wenigstens ihre Flucht. Jüdisches Geschwätz, dass ich nicht lache. Was ist an mir jüdisch, mein Geschwätz etwa? Oder gar, dass ich den besten Preis für Mayers Super Market herausschlagen wollte? Ist das ein Verbrechen? Habe ich mich des Verbrechens schuldig gemacht, dass ich jüdisches Geschwätz verbreitete und mit jüdischem Geschwätz mein Geschäft verkaufen wollte? Was habe ich den Schwarzen dort unten getan?’

Die Southern National Bank überwies das Geld pünktlich. „Nun wird es ernst“, sagte er am Abend zu Sam. 210

Wenige Tage blieben ihm noch vor der Abreise. Er plante ein Abschiedsessen mit den Freunden. Wehmut stellte sich ein, als er daran dachte, dass er nie wieder an diesen Ort zurückkehren würde. Mit der Zeit würden sich die schönen Stunden mit den schrecklichen zu einer einzigen, großen, amerikanischen Erinnerung verbünden. In den Tiefen des Atlantiks würde er den Groll ersaufen, davon war Hollaender fest überzeugt. Seine Freunde aber, das war gewiss, wollte er in seinem Herzen behalten. Früher, als die Ilse noch da war, hatte er ihr gerne die Hausarbeit und das Kochen überlassen. Sie war eine vorzügliche Köchin, sie konnte in kurzer Zeit ein Festessen bereiten. Einen ganzen Tag verwendete er darauf einzukaufen, den Tisch zu decken und die Wohnung für seine Gäste mit Blumengebinden zu schmücken, so wie es Ilse immer getan hatte. Es gelang ihm unter Aufwendung großer Mühe, ein bezauberndes Mahl auszurichten, den Tisch festlich zu decken und am Ende, zur eigenen Belohnung, ein großes Glas Weißwein zu trinken bevor die Gäste kamen. Die Brüder Ronald und Donald Frischmut waren die ersten, die sich einstellten. Es folgte Samuel Kreutzfeld, genant Sam, an dessen Gesellschaft und Freundschaft Hollaender besonders viel gelegen war. Sam erreichte vor einem halben Menschenleben zusammen mit Herb nach Amerika. Oft saßen sie zusammen an diesem Tisch, Herb, Ilse, Sam und Hollaender. Ilse liebte den Tisch wegen seiner feinen Maserung, es war bei Strafe verboten, sie mit einer Tischdecke zu verbergen. Herb vererbte Hollaender nach seinem Tode nicht nur Haus und Grund, sondern auch die herzliche Freundschaft zu Sam. Er war ein sehr frommer und belesener Mann, der zu jedem Thema eine passende Stelle im Talmud zitieren konnte.

211

Karl und Hedda Pollak kamen zusammen mit ihrer Tochter Edith, die obschon über dreißig Jahre alt, immer noch bei ihren Eltern lebte. Hollaender und Ilse hatten die Familie, die aus einer Provinzstadt an der deutsch-französischen Grenze stammten, gleich nach ihrer Ankunft in St.Louis getroffen. In dem damals noch jungen Kulturverein wurden sie gute Freunde. Karoline und Herschel Bleiberg hatten sich entschuldigt, sie wollten später eintreffen, eine Verpflichtung hindere sie am pünktlichen Kommen. Hollaender strahlte vor Glück, zum Abschied alle seine Freunde versammelt in seiner Wohnung bewirten zu können. Die Frauen, als sie bemerkten, dass die Gastgeberrolle bei allem Eifer nicht zu seinen Stärken gehörte, sprangen hilfreich zur Seite. Man plauderte und trank, die Zeit verging im Flug. Wieder und wieder ließen sie die alten Zeiten hoch leben, die Zeiten, als alles noch seinen friedlichen Gang nahm. Vieles von der Einrichtung hatte Hollaender bereits verkauft oder verschenkt, so dass die Gesellschaft in einer fast geräumten Wohnung saß, aber niemand störte sich daran. Alle waren betroffen von den Ereignissen, die Hollaender am heftigsten trafen. „Die Geschäfte locken doch als leichte Beute die Gangster an. Es ist leicht, ja eine Verführung ein stets offenes Haus zu betreten, eine Waffe zu zücken, wenn es gut läuft setzt es nur Schläge für den Kaufmann, wenn es schlechter läuft fallen Schüsse oder Messer kommen zum Einsatz. Was sollte uns in dieser Situation deine bald leer geräumte Wohnung kümmern“, antwortete Herschel Bleiberg, als sich Hollaender bei den Freunden entschuldigte.

212

Die Überfälle, die Demütigungen und der vollständige Rückzug der gediegenen Bürgerlichkeit, lasteten auf allen. Hollaender war der erste, der seine Konsequenzen zog. Aber, dass er nach Deutschland, ausgerechnet nach Deutschland wollte, konnte niemand am Tisch verstehen. Es ging hoch her an diesem letzten Abend. Man diskutierte, wie es so weit hat kommen können, dass die Anarchie in ihrem Viertel obsiegte. Karl meinte, dass es an der ignoranten Stadtverwaltung liege, die lieber breite Straßen in vornehmen Stadtteilen baue. Armreich dagegen machte die Regierung in Washington verantwortlich, die den Rassismus nicht bekämpfe. „Die lassen die Neger im Dreck verkommen“, ereiferte er sich. Die meisten seiner Freunde waren einst freiwillig nach Amerika ausgewandert, lange bevor über Europa die Finsternis hereingebrochen war. Hollaender erlebte als Einziger die Schrecken, und dennoch fand er in der Nachsicht mit dem Volk der Täter sein Heil. Er war alleine. In ihm lebte die Heimat noch, er zehrte von den schönen Tagen, die anderen hatten ihre Erinnerung längst aufgezehrt. Sie waren Teil des neuen Landes geworden. Sie verschmolzen mit der Stadt, der Straße und dem Viertel, das sie mit aufgebaut hatten. Sie fühlten sich als Pioniere und schufen mit ihren starken Händen und Fleiß ihr neues Schtetl. Hier naschten sie von der gewonnenen Freiheit. „Ich glaube an den Allmächtigen und an den amerikanischen Staat, der uns beschützen wird“, warf Sam ein. „Das ist doch Unsinn, Samuel. Mir ist schon lange keine Streifenwagen mehr begegnet“, widersprach Karl. „Ich kann Alfred verstehen. Er trägt die Verfolgungsangst wie eine Krankheit in sich. In Deutschland haben ihn die Polizeibeamten gejagt, obwohl er unschuldig war, nur weil er Jude ist. Hier 213

darf man zwar Jude sein, hier darf jeder alles sein, aber es gibt keinen Schutz vor denen, die uns hassen, weil wir Juden sind“. „Ich sehe die Angriffe nicht als tiefen Hass, sondern als Ausdruck von gröblicher Unvernunft und Verzweifelung. Gebt den Schwarzen Arbeit, Brot und Schulen, so dass sie lernen können, was Glaube bedeutet, so werden sie erwachsen und zu zufriedenen Bürgern“, sagte Samuel. „Was ist mit der Armenküche. Habt ihr vergessen, wie wir den alten Schuppen neben dem Park umgebaut haben? Habt ihr vergessen, wie er brannte...?“ „Nein, Alfred, das haben wir nicht. Die Schuldigen wurden nie gefunden...“ „Weil sie nie gesucht wurden!“, sagte Karl lakonisch. Samuel beharrte darauf, dass es die Kapuzenmänner gewesen seien. So uneins die Freunde bei der Befassung mit politischen Fragen blieben, so einig waren sie in ihrer Freundschaft. Das kleine Fest neigte sich dem Ende zu. Es war spät geworden. Einer nach dem anderen verabschiedete sich. Mit jedem, der ihn verließ, brach ein Stück aus seinem Leben. Sam blieb noch eine Weile. Nach dem Tod seiner Frau wartete nichts als ein kaltes Bett auf ihn. Hollaender bewegte die Lampe, die in geringem Abstand über dem Tisch hing. Ihr Lichtschein traf die leeren Gläser, die die Gäste zurück gelassen hatten, und die vollen Aschenbecher. Er öffnete das Fenster als hoffte er, die frische Morgenluft würde seine traurigen Gedanken vertreiben. Von draußen drang das Brummen des erwachenden Verkehrs hinauf in die Wohnung. Einige Gesprächsfetzen schafften es bis zu den Männern an den Tisch. ‚Die Ruhe, dieser trügerische Frieden’, dachte Hollaender, ‚will mich von meinem Vorhaben abbringen’. Er 214

taumelte im Gefängnis der absoluten Gewissheit seines Verlorenseins, das vergitterte Fenster vor Augen. Es gab kein Zurück, seine Niederlage war besiegelt. Zum zweiten Mal in seinem Leben wurde er zu einem Vertriebenen. „Warum gibt es Menschen“, fragte er Samuel, „die nirgends willkommen scheinen, die überall auf der zu Flüchtlingen werden, und denen der Hass an den Fersen klebt?“ „Einst beklagte sich das Volk Israel“, begann Samuel bedächtig, „dass kein Regen fällt. Sie beteten und schworen alle Eide bis endlich der Regen tröpfelte. Er wurde stärker und stärker, bis er schließlich mit solcher Heftigkeit fiel, dass die Tropfen so groß waren wie die Öffnung eines Fasses. Da jammerte das Volk Israel erneut und betete und schwor, dass der Regen aufhören solle. Herr der Welt, das Volk Israel, das du aus Ägypten geführt hast, kann weder im Übermaß des Guten noch im Übermaß der Bestrafung bestehen. Zürnst du über sie, können sie nicht bestehen; schüttest du Gutes über sie, können sie auch nicht bestehen“. Hollaender starrte auf das Weinglas vor sich auf dem Tisch wie auf einen Eiszapfen im Sommer, nahm einen Schluck und sagte: „Du meinst also, dass das Verstehen nichts nützt, wenn es nichts zu verstehen gibt, und du hältst mich für undankbar, ist es nicht so?“ Dann erzählte er Samuel die Geschichte von Mordechaj Gebirtig, der Marcel Stein bei lebendigem Leib hat verbrennen müssen und er fügte die Geschichte ihrer Flucht an. Er beschrieb die lebendigen Toten auf ihren Beinen wie Stöcken, ohne Schuhe, ohne Kleidung, die leichengrau mit erstorbenen Augen in schwarzen Höhlen umher torkelten wie Besoffene, die jedoch weder gesoffen noch gefressen hatten, bis sie schließlich von 215

einem Knüppel oder Gewehrkolben mit einem Schlag ins Jenseits befördert wurden. Und er erzählte von der jungen Mutter, die wie eine Löwin um ihr Kind kämpfte, was man ihr entreißen wollte, um es auf einen Berg mit brennenden Leichen zu werfen. „Man hat ihr einfach die Augen ausgestochen, alle haben es sehen können“, schloss er. „Und da ist auch noch Ilse“ fuhr er fort. „Wir haben uns Schritt für Schritt durch einen langen Gang getastet, bis hier her, in diese Wohnung, aber am Ende habe ich sie verloren. Jetzt erst erkenne ich ihre Schwierigkeiten. Eigentlich hätten wir nie zueinander finden dürfen. Aber in stürmischen Zeiten treffen Menschen aufeinander, die bei Windstille an ein anderes Ufer gerudert wären. Ohne Ilse lebe ich in Finsternis. Und aus der Dunkelheit dringt keine Antwort zu uns. Die Antwort ist mit Licht geschrieben und dieses Licht leuchtet mir aus meiner alten Heimat. Die Heimat ist unschuldig, nur die Menschen damals waren Gott misslungen“.

Der Morgen dämmerte bereits in purpurnem Schein. Schnaps und Wein hatte die Zungen der beiden Männer träge werden lassen, ihr Geist dagegen blieb wach. „Gott mag weise sein, aber offenbar ohne Gnade“, entgegnete Samuel nachdenklich.

Fett und feist stand Ignatz Grün vor Hollaender und blies ihm den Rauch seiner Zigarette ins Gesicht. Er hatte den selben, festen Händedruck wie bei ihrem ersten Zusammentreffen vor vielen Jahren am Pier. Sein aplombes Auftreten passte zu jeder Faser seines straff sitzenden Anzuges. Über seinen 216

rosigen Wangen funkelte ein grünes Augenpaar, das in jeder Sekunde Wachsamkeit aussendete. Sein kleiner Hut saß schief auf dem rundlichen Kopf. „Ihre Frau Gemahlin reist nicht mit“?, erkundigte er sich mit unverhohlener Süffisanz. Inseln seines vergangenen Lebens mit ihr tauchten in Hollaenders Erinnerung auf. Er atmete tief durch bevor er den Kopf schüttelte:“ Nein, sie bleibt hier“. Die alte Abneigung gegen den dicken Grün schmeckte bitter. Grün lächelte. Er wusste, was Hollaender dachte, tat aber nichts, um dieser Ablehnung zu begegnen.. „Nun haben sie sich nicht so“, sagte er beschwichtigend. „Sie wollten mich dringend treffen, ließ mir mein Vetter ausrichten. Was kann ich für sie tun? Dieses Mal helfe ich Ihnen auch ohne meinem Vetter etwas schuldig zu sein. Warten sie, lassen sie mich raten. Ich denke, ihre Frau ist ihnen davongelaufen, und sie wollen auf keinen Fall alleine in das Land zurück, aus dem sie vor langer Zeit mit ihr zusammen emigriert waren. Sie mussten aber nicht fortgehen. Der Krieg war vorüber, ihre Peiniger saßen im Gefängnis oder hatten sich in Luft aufgelöst. Niemand verfolgte sie mehr. Aber lassen wir das. Es steht mir nicht zu, ihr Leben zu kommentieren. Verzeihen sie“. Die beiden Männer hatten in der hinteren Ecke eines der

Flughafenrestaurants Platz genommen. Das zugige Restaurant war kein Ort, in dem sich schnell Gemütlichkeit einstellt. Es war aufgeschlagen in einem endlos langen, breiten Gang, Hollaender kam sich vor wie auf einem Campingplatz. Die Reisenden hasteten vorbei, zogen, schoben und schleppten ihr Gepäck, schwitzten, fluchten, lachten, die Unruhe des Aufbruchs trieb sie. Dazwischen saßen Hollaender und Grün, bestellten 217

Kaffee. Eine dunkelhäutige Kellnerin brachte ihn in Pappbechern, in denen ein Plastikstäbchen zum umrühren steckte. Grün schüttete sich eine unglaublich große Menge Zucker in den Becher. „Nun schießen sie schon los. Habe ich Recht mit dem, was ich eben sagte?“, wollte er ungeduldig wissen. Dabei schaute zu der Kellnerin herüber, die am Nebentisch umständlich das Geschirr abräumte. „Wenn man so aussieht ist es nicht sonderlich schlimm, wenn man nichts kann, stimmt’s mein Freund? Ich gebe ihnen jetzt noch eine Minute“, sagte er kurz und schaute auf seine Armbanduhr, eine teure, europäische Uhr. Hollaender war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er diesem Kerl den Auftrag erteilen sollte, nach Ilses Schicksal zu forschen. Schon ertappte er sich dabei, den Vorschuss in seiner Brieftasche ruhen zu lassen, jene tausend Dollar, die er für Grün vorgesehen hatte. Er zweifelte inzwischen überhaupt daran, ob es sinnvoll sei, nach Ilse suchen zu lassen. Er scheute vor der bösen Wahrheit zurück, die Grün, einmal in Gang gesetzt, ins Licht zerren würde. Eine unbestimmte, unheilvolle Ahnung verfolgte ihn schon seit Wochen. Nun könnte aus Ahnung Gewissheit werden und die Hoffnung wäre dahin. Seine Hoffnung, sie tauche irgendwo plötzlich wieder auf, klopfte an seine Tür, oder schriebe ihm eine Karte... „Die Angelegenheit ist nicht leicht für mich“, mühte er sich, den ungeduldigen Grün zu beschwichtigen. In dem Satz klang eine traurige Melodie. Er fror, als hätte Gott mit eisigem Atem zu ihm gesprochen, der sich wie Raureif über ihn legte. „Sie können mir vertrauen“, sagte Grün. „Aber meine Zeit lasse ich mir von ihnen nicht stehlen. Sie müssen sich entscheiden.“ 218

Nach einigem Zögern griff Hollaender endlich in die Innentasche seiner Jacke, umfasste den Umschlag und schob ihn Grün über den Tisch. Er hob ihn an, ließ die Banknoten über den Daumen blättern und bedankte sich. Allerdings schränkte er ein:“ Ich kann ihnen nicht garantieren, ob tausend Dollar für meine Recherchen reichen werden“.

Grün wollte alles über Ilse wissen. Bereitwillig schilderte Hollaender die letzten Tage vor ihrem Verschwinden. Grün insistierte und unterbrach ihn immer wieder, fragte nach Details, nach Kleidung, Vorlieben, Abneigungen und schließlich nach einer Fotografie.

Hollaenders Flug wurde aufgerufen. Grün fasste ihn am Ärmel und sagte:“ Keine Frau läuft ihrem Mann ohne Grund weg. Denken sie mal darüber nach“. Er nahm das Foto, das Hollaender in seinem Portemonnaie bei sich getragen hatte, besah es sich und sagte: „Das ist aber nicht mehr neu!“ „Das ist nicht weiter schlimm. Sie hat sich kaum verändert. Sie ist sehr attraktiv, heute noch. Sie werden sie mit Hilfe der Fotografie identifizieren können, wenn sie sie gefunden haben werden“. Bei den Worten, die er einfach so hingesagt hatte, erschrak er. ‚Was habe ich gerade gesagt?: Identifizieren. Mein Gott, jetzt denke ich bereist selbst an ihren Tod.’ Ihm wurde schlecht. Die Männer verabschiedeten sich. Grün rief Hollaender auf deutsch zu:“ Viel Glück in ihrem neuen Leben. Ich mag sie, aber sie haben mich nie besonders gemocht, stimmt’s?“

219

Er verschwand in dem Strom der eilenden Menschen, die sich in den bunten, lauten Katakomben vorbei schoben.

Hollaender wurde von einer großen Welle erfasst. Schwindel befiel ihn, er fühlte sich wie benommen, als hätte eine geheimnisvolle Droge seine Sinne geschluckt. Die lauten Geräusche des Flughafens erreichten ihn nicht mehr, das brausende Stimmengewirr erstarb, es wurde still um ihn herum, die Menschen bewegten sich in Zeitlupe, er selbst stapfte in Watte. Die

Flughafenbediensteten schoben ihn durch die Passkontrolle, er ließ wie ein Lamm, das zur Schlachtbank betrieben wird, alles über sich ergehen. Plötzlich dachte er an Ilse, so heftig wie nie zuvor, von Sorge gequält, Grün tauchte wieder auch, alles drehte sich. Mayers Super Market rotierte so schnell, dass die Konservendosen, die Flaschen, das Obst, all der Krempel, den er jahrelang verkaufte, im Laden umher rollte. Karl Kleiber lachte ihn mit verkohlter Fratze an, Gebirtig schlugen sie wieder und wieder den Schädel zu Brei, der alte Welter fuhr ihn auf seinem Rollbrett an, hatte weder Zähne noch Nase noch Augen, ein Farbiger hielt ihm die Pistole an die Schläfe und drückte ab. Hollaender sackte zusammen, grünweiß wie die Neonbeleuchtung.

Die Boing der Lufthansa hatte bereits ihre Reiseflughöhe erreicht, als Hollaender die Augen aufschlug und in das strahlend schöne Gesicht der Stewardess blickte. Besorgt fragte sie ihn nach seinem Befinden, ob es ihm wieder besser gehe, ob sie etwas für ihn tun könne. „Sie sind ohnmächtig zusammengebrochen, aber die Sanitäter meinten, sie seien soweit wieder in Ordnung, dass wir sie mitnehmen können, ein 220

Schwächeanfall, vielleicht wegen der Aufregung, aber alles nur halb so schlimm“, sagte die Stewardess. „Fast hätte der Pilot sie nicht mitgenommen. Ich habe ihnen etwas zu trinken gebracht, das hilft“. Hollaender versuchte zu lächeln. Die umstehenden Passagiere belästigten ihn mit ihren mitleidigen Blicken. Er dankte für die Hilfe, er sei froh, dass sie ihn trotz seiner Schwäche haben mit fliegen lassen. „Noch acht Stunden im Flieger, dann sind sie zuhause“. ‚Zuhause ?, dachte er. „Eine kleine Verspätung hat uns der Vorfall schon gekostet“, schalt sie ihn scherzhaft mit dem Zeigefinger. Hollaender entschuldigte sich: „Das war wohl alles ein bisschen zuviel für mich“. Später war ihm aufgefallen, und ein wenig hatte er sich gewundert, dass alle im Flugzeug deutsch gesprochen hatten.

Dicht gedrängt, ihr Anblick erinnerte an militärische Formationen, wartete eine schier unübersehbare Menschenmenge auf dem Flugfeld. Man hatte ihnen erlaubt, bis zur Maschine vorzurücken. Hollaender trat aus der Tür der Maschine und winkte den Menschen zu. Tausende Blick hefteten sich an ihn, verfolgten jede seiner Bewegung. Mit Genugtuung und Freude nahm er den Empfang zur Kenntnis, der töricht und befreiend zugleich daher kam. Eine Kapelle kämpfte gegen den Fluglärm des Verkehrs und gegen die jubilierenden Menschen an. Hollaender bestaunte die Szenerie, und stand immer noch oben auf der Treppe, wollte sich nicht lösen von dem Augenblick der Befriedigung. Er konnte die Klänge der Musik nicht hören. Stumm pusteten die Bläser ihre Backen auf, der Schlagzeuger drosch heftig 221

auf die Trommel, das Glockenspiel, sonst hell und schrill, blieb unhörbar. Die übrigen Passagiere drängten sich an ihm vorbei und bahnten sich unbemerkt einen Weg durch die Menschenmenge. Er hingegen verweilte noch für Minuten hoch droben über den Köpfen. Mit würdevollen Schritten näherte sich ein groß gewachsener, älterer Herr mit graumelierten Haaren, die im Wind grotesk zu Berge standen. Er trug eine Schärpe quer über den Oberkörper gespannt. „Sehr verehrter Herr Hollaender“, sprach er mit feierlicher Stimme, „ganz Frankfurt, Deutschland und die Welt sind vor Freude bewegt, ja ergriffen, dass sie uns die Ehre erweisen, und wieder deutschen Boden betreten. Es ist unserer Wissenschaft gelungen, das Herz eines Farbigen zu nehmen, es in die Brust eines weißen Juden einzupflanzen und es mit Serum zu behandeln, das in Deutschland hergestellt worden ist“. Die Stimme des Herrn mit der Schärpe verwandelte sich zu einem brummeligen, langgezogenen Grunzen und wie von weit her geweht hörte Hollaender ihn sagen: „Willkommen“. Dann erstarb seine Stimme, verstummte wie die Kapelle und die jubelnden Menschen. „Er lebe hoch, er lebe hoch...“, tönte es aus vielen Tausend Kehlen, aber kein einziger Hochruf drang zu Hollaender. Als er zum Dank und in Freundschaft die Hand des Herrn ergreifen wollte, der mit tiefer Verbeugung vor ihm stand, zerfiel er zu heißem Staub. Auch die erregten Massen zerstoben und auf den noch glimmenden Staubhügelchen, die ihren Körpern entstammten, schwammen wie Eigelb in der Pfanne ewig lächelnde Gesichter, die in wundersamer Verzückung erstarrt, gen Himmel blickten.

222

Das Flugzeug landete sachte, wie es moderne Maschinen immer zu tun pflegen, und Hollaender erwachte nur durch den Ruck des aufsetzenden Flugzeuges und das Quietschen der Reifen des bremsenden Fahrwerks. Ermattet von dem langen Flug, reckten die Passagiere ihre Glieder, Hollaender tat es ihnen gleich. Er fühlte sich wieder gesund, ja frisch und ausgesprochen wohl. Noch einmal besuchte ihn die hübsche Stewardess und fragte nach seinem Befinden, erdankte höflich und verabschiedete sich. Hunger überkam ihn, denn er hatte den ganz Flug über nicht gegessen. Er fürchtete sich zu übergeben, deshalb hatte er auf Essen verzichtet. In der Nähe des Bahnhofs, den er in der Zwischenzeit erreicht hatte, suchte er sich ein Café, aß mit großem Appetit eine Kleinigkeit und bestieg den Zug nach Berlin. Er dachte an Ilse und Paul, dem er so nah zu sein glaubte wie nie zuvor. Keinen Schritt bewegt hatte er sich bewegt, seit der Zeit, als er Paul in der Blutlache hat liegen sehen. Wie damals breitete sich ein Gefühl der Verlorenheit und Leere in ihm aus. Er sah das Leben seiner Familie und seiner Freunde langsam erlöschen, es schmerzte ihn sehr. Er vertiefte sich in sein Buch, ein Stadtführer über Berlin, und entfloh auf diese Weise seinen traurigen Gedanken. Während der Zug in schneller Fahrt die Landschaft zerteilte, meinte er auf der Stelle zu verharren. Er legte den Stadtführer beiseite und las eine Zeitung, die er sich am Kiosk gekauft hatte. Es war die erste deutsche Zeitung, seit langer Zeit, die er in Händen hielt. Ereignisse und Persönlichkeiten, von denen er noch nie zuvor etwas erfahren hatte, kamen ihm nahe. ‚Ist dies Anfang oder Ende’, fragte er sich. Wälder, Höhenzüge, kleine Dörfer mit verlassenen Bahnhöfen, Felder, die nach der Ernte braun und

223

nutzlos sich ausbreiteten, von Hecken umsäumt, dem Wind trotzend, flogen an ihm vorbei. ‚Deutschland im Herbst, auf der Fahrt von West nach Ost’, dachte Hollaender im Stillen, während der Zug in langsamer werdender Fahrt sich dem Grenzübergang Gerstungen näherte. Von weitem vernahm er Unruhe und Schritte auf dem Gang. Die Mitreisenden in seinem Abteil indes lasen weiter, schauten aus dem Fenster oder dösten vor sich hin. Zwei Zollbeamte mit merkwürdigen Uniformen, die Hollaender an Trachten von Jägern erinnerten, schoben die Türe zum Abteil auf, grüßten förmlich mit an die Mütze salutierender Hand und verlangten die Pässe. Sie sprachen nichts, beäugten sehr aufmerksam die Papiere, bis sie schließlich mit hoheitlicher Geste Stempel in die Pässe drückten. Hollaender fühlte sich unwohl in Anwesenheit der Zöllner, so, als hätte er etwas zu befürchten. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Einige Minuten hatte der Zug Aufenthalt in dem kleinen Bahnhof in Gerstungen. Hollaender besah sich seinen Pass und las in dem Stempeloval den Namen „Gerstungen“. Später, er achtete nicht darauf wie viel Zeit verstrichen war, passierte der Zug die Grenze, die Deutschland hüben und Deutschland drüben, trennte. In der Ferne machte er Wachtürme aus, die in weiten Abschnitten, aber in Sichtweite untereinander entlang der Grenze errichtet waren. Sie erinnerten ihn in erschütternder Weise an die Wachtürme im Lager. ‚Zuhause in St.Louis’, erinnerte er sich, als er die furchterregenden, vorbei wandernden Bauwerke betrachtete, ‚hatten wir fast nichts erfahren über die Geschehnisse in Deutschland. Nur selten drangen Informationen, meist durch einen Zufall, irgend jemand hatte etwas gelesen oder gehört, wen 224

interessierte das damals schon wirklich’, zu ihnen heran. Der Alltag in Mayers Super Market ließ auch wenig Zeit für die Betrachtung der politischen Bewegungen in Europa. Er empfand die Wachtürme mit ihren schmalen Fensterbändern knapp unter der Dachlinie als obszön. Hollaender widmete sich wieder seiner Zeitung. Ein großer Artikel erörterte die Auswirkungen des ersten deutschen Gipfelgespräches, wie es in der Zeitung hieß, zwischen Bundeskanzler Willy Brandt und Willi Stoph, dem Ministerpräsident der Deutschen Demokratischen Republik. „Der Kalte Krieg und die Nachkriegszeit in Deutschland sind nun endlich vorbei?“, frohlockte der Korrespondent im Überschwang seiner patriotischen Gefühle. Eine Spalte daneben las Hollaender einen langen Nachruf auf den früheren Reichskanzler Heinrich Brüning, der im hohen Alter verstarb. Er hatte bei Ullstein gerade seine erste Arbeitsstelle angetreten, als Heinrich Brüning Reichskanzler wurde, erinnerte er sich. Wie alte, verblichene Fotografien tauchten in Bruchstücken Bilder aus seiner unbeschwerten Jugend auf. Hollaender starrte so lange auf die Seite bis die Buchstaben sich in kleine Tierchen verwandelten und davon krabbelten, weiß und schwarz, wie Tag und Nacht. Er dachte an Frieda, Rosa und Ilse und nahm einen Schluck Kaffee, den er mit einem Cognac verstärkt hatte. Tränen sammelten sich in seinen Augen, heiß rannen der Kaffee und der Cognac die Kehle hinab, sein Blick verlor sich in der Weite, die von dem Abteilfenster gerahmt wurde.

225

Helen kam sofort, als sie Arnos Brief erhalten hatte. Er schrieb ihr in schlagender Deutlichkeit und ohne, etwa einer Freundschaft geschuldeten Rücksichtnahme, dass Henry nicht mehr bei ihm bleiben könne. „Ich habe ihn mit offenen Armen und der Großzügigkeit, zu der ich mich als alter Freund verpflichtet fühlte, bei mir aufgenommen“, teilte er Helen mit. Seine Sätze wirkten auf sie wie auf Stelzen gesetzt, einer Sekretärin diktiert, geschäftsmäßig. Von Arno hatte sie nicht anderes erwartet, sie mochte ihn nicht. Sie erinnerte sich an ihre Verwunderung, als sie erfahren hatte, auf Umwegen, dass Henry bei Arno eingezogen war. Sie begegnete Arnos Begrüßung sehr kühl, distanziert, ohne ihre Abneigung mit sentimentalem Lametta zu verschleiern. „Gib dir bitte keine Mühe!“. Sie wolle sofort sein Zimmer sehen, entschied sie und machte Anstalten, den Raum gleich selbst zu suchen. Der Mann, der sie begleitete, etwa Mitte dreißig, hatte kurze, blonde Haare, war offenbar sehr modebewusst. Der beige Anzug vormochte es nur mühsam seine sportive Erscheinung zu verbergen. Er sagte nicht, schob Helen aber mit sanftem Druck an Arno vorbei. Arno drehte sich um und deutete an, dass Henrys Zimmer auf der gegenüberliegenden Seite des Flures liege. Sie drängte vor und pochte mit der Faust an die Türe. Ohne auf Antwort oder Regung zu warten drückte der sportive Schatten an ihrer Seite die Klinke herunter, er verspürte keine Lust, seine Ungeduld zu zähmen. Er tat seiner Freundin Helen nur einen Gefallen, ihn interessierte das alles nicht. „Er schließt sich immer ein“, sagte Arno beiläufig. Der blonde Schatten trat vor, klopfte kräftig an die Türe. Das forsches Auftreten verfehlte seine Wirkung nicht. Sein verächtlicher Seitenblick zu Helen sagte: “Siehst du, so macht man das“. 226

„Still, es regt sich was“, bemerkte sie mit vor Aufregung bebendem Gesicht. Ihre Züge wechselten von verlegenen Versuchen zu lächeln hin zu nervös flackerndem Ernst. Die Tür wurde von innen einen Spalt breit aufgezogen. Arno, Helen und der muskelbepackte Schatten erschraken, als sich Henry, einem Gespenst gleich, aus der Dämmerung seines Zimmers schälte. Ein zerzauster, staubiger Kopf, aus dem ein rot entzündetes Augenpaar hervor blinzelte, streckte sich ihnen entgegen. Kurz darauf trat Henry ganz aus der Türe, verwirrt, alterslos. Er saugte das Gift seiner Zigarette ein, es drang in ihn wie eine Infusion. „Henry, was ist mit dir?!“. Helen konnte kaum glauben, dass diese erbarmungswürdige Gestalt, die leicht gebeugt vor ihr stand und den Blick zu Boden gerichtet hatte, ihr früherer Geliebter war. Seine mit Flecken übersäte Hose schlackerte um die dünnen Beine, ein weiter Pullover hing schlaff über den Schultern. Da stand der Jammer. Helens Augen schwammen in Tränen wie in einem Teich, dessen Damm gebrochen war, und das Make Up schmierte über ihr Gesicht. Gnadenlos war das Leben des Alfred Hollaender in den letzten Monaten wie ein Zug über Henry gerauscht. Mitleid und Schuldgefühle überkamen sie. Aus dem Zimmer stieg der kalte Dunst einer Gruft. Zigarettenqualm und die schwere Luft, die aus leeren und halbvollen Flaschen diffundierte, verpestete das Zimmer und durchzog nun die ganze Wohnung. Wie ein aufgeschlagenes Buch lagen die Reste von Henrys Leben vor den Eindringlingen. Es beichtete Sünden, die er nicht begangen hatte. Er war ein Häftling geworden in einem Gefängnis aus zu betrunkener Schuld gewordener Unschuld.

227

Zettel, Zeitschriften, Bücher, Socken, Unterwäsche und Hemden lagen weit verstreut im Raum. Drei Kerzen, die mickrig flackerndes Licht spendeten, boten Orientierung. Sie verbargen den Schmutz und den Unrat mehr als sie ihn ausleuchteten. „Schließ die Tür“, befahl Arno vor Ekel. Helen gehorchte nicht. Sie hatten die Tür zur Kammer eines Mannes aufgestoßen, der ausgezogen war, um Worte zu finden. Der Zufall führte ihn in einen reich bestückten Steinbruch, der ihm ein fremdes, unheimliches Leben offenbarte. Die Steine aber waren stärker und schwerer als die Kraft von Henry. Sie deckten ihn Schicht um Schicht zu, bis er vollständig verschüttet war. Ohne einen Sinn zu ergeben lagen die geborgenen Steine vor ihm ausgebreitet. Sätze waren ihm zu Feinden geworden, so dass die Erlebnisse, von denen sich Hollaender befreite, sich nicht mehr zu Berichten zusammenfügten. Sie durchfurchten seinen Geist, bis sie ihn schließlich umnachteten. So trat er hervor, ein Bild des Jammers, mit schmutziger Hose vor fremden Menschen und war nicht einmal mehr im Stande, sich zu schämen. Helen und ihr Schatten betraten das Zimmer und wateten betroffen durch den Unrat auf dem Fußboden. Vor ihnen öffnete sich ein Kosmos an Papierschnitzeln, die alle mit kleiner Schrift beschrieben waren. Manche waren schwarz vor Schrift, der Wahnwitz unlesbar. Auf anderen wiederum stand nur ein einziges Wort vermerkt. Mit spitzen Fingern hob Helen einen auf, „Hollaender und ich sind Mörder“, konnte sie entziffern. In der Zwischenzeit hatte sich Henry wieder auf seine Matratze zurück gezogen und kauerte mit angezogenen Beinen teilnahmslos. „Hochverehrtes Publikum, jetzt kein Verdruss, wir wissen wohl, dies ist kein rechter Schluss. Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen den 228

Vorhang zu und alle Fragen offen“, platzte es plötzlich aus Arno. Er lachte schallend, bis ihm Helen Einhalt gebot: “Du Arschloch!“ „Ich möchte, dass alle auf der Stelle mein Zimmer verlassen“, murmelte Henry. Diese zehn Worte schnitt er sich regelrecht heraus. Mit wirrem Blick spähte er über seinen Knie, die Katzenaugen blinzelten in die tief stehende Sonne, die durch die offene Türe ins Dämmerlicht des Zimmers fiel. Ein fetter Sonnenstrahl bahnte sich eine Schneise in das Reich aus Zetteln und Abfall, als wolle er alles verbrennen. „Mein lieber Henry“, begann Arno, „du verkennst eindeutig die Situation. Nicht du hast das recht, jemanden rauszuschmeißen, ich werde dich auf der Stelle vor die Türe setzen...“Er sprach nicht zuende. Die drei verließen das Zimmer, was sollten sie noch dort. Ratlos trafen sich ihre Blicke, aber Arno lächelte immer noch ein wenig über sein Bonmot. Helen lehnte aschfahl in der Küche, sie nippte an einem Glas Wasser, ihr Schatten tröstete sie mit seinen starken Armen. Arno wanderte unentschlossen im Wohnzimmer auf und ab. Ein Taubenpaar turtelte auf dem Balkon, ihre Schnäbel berührten sich, sie schlugen aufgeregt mit den Flügeln. Arno hasste Tauben. Wütend über sich, Henry und die Besucher, riss er die Balkontüre auf, die Vögel flatterten unbekümmert davon in den milden Berliner Abend. Unten auf der Straße schob sich der Verkehr zusammen, die Menschen machten Erledigungen, kauften ein, trafen sich zu einem Plausch, das Leben ging seinen Gang, wie immer. Nur oben, in seiner Wohnung, da verrottete ein Mensch, dachte Arno finster. ‚Hilft nichts’, sagte er zu sich. Er kehrte zurück zu den anderen und bot sich an, Kaffee zu kochen, „oder lieber Tee, meine liebe Helen?“. 229

Hellen und ihr Schatten lehnten brüsk ab. „Nein danke, wir möchten lieber gehen...“ „Einen Augenblick bitte“, unterbrach Arno, der zurück gefunden hatte zu seiner juristischen Prägnanz. Er fühlte sich zu Unrecht in die Rolle des Schuldigen, oder zumindest Mitschuldigen an der Misere gedrängt. „Ich bat dich hierher zu kommen“, sagte er mit drohendem Unterton, „dass wir gemeinsam eine Lösung für das Problem finden, das wir eben dort drüben besichtigen konnten. Jetzt kommst du hierher, bist empört, erschrocken oder was weiß ich, leidest gerade so viel, dass ich es bemerke, und das soll es gewesen sein? Nein meine Liebe, so geht das nicht. Soweit mir bekannt ist, seid ihr, also Henry und du, immer noch ein Paar“. Der Schatten zog Helen fest an sich heran, so dass kein Zweifel mehr bestand, wer mit wem ein Paar bildete. Helen wehrte sich nicht. „Du hast ein Problem mit deinem Untermieter. Er hat mich verlassen, und er ist zu dir gezogen“, antwortete sie mit zornig funkelnden Augen. Dabei betonte sie das „dir“ mit fester Stimme. „Ich pflege keinen Umgang mit Männern dieser Sorte. Und zu dieser Sorte zählst auch du“, beschied sie. Henry schaute aus seinem Zimmer, und beobachtete den Streit. Helens Blässe war einer munteren Gesichtsfarbe gewichen. Ein

unmerkliches Nicken zu ihrem Schatten beendete den Besuch. „Du hast recht, lass uns gehen“, sagte der Schatten. Die Haustüre fiel ins Schloss. Die Tauben hatten zu ihrem angestammten Platz auf dem Balkongeländer zurückgefunden. Zornig schleuderte Arno ihnen eine Tasse entgegen, die laut scherbend unten im Hof aufschlug.

230

Auf der Straße fasste der Schatten Helen zärtlich am Nacken, griff mit seinen Fingern wie ein Kamm in ihr wehendes Haar und wollte sie küssen, ihr den Stempel seines Sieges auf die Lippen drücken. „Lass das“, wehrte sie ab. „Ich bin nicht in Stimmung“. Henrys Lethargie, die Lähmung lockerte sich. Er bewegte sich zum Fenster, entfernte die Verdunkelung, riss das Fenster auf und schrie wie von Sinnen heraus:“ Ihr rührt mit euren manikürten Händen an Dingen, die euch nichts angehen, die ihr nicht versteht“. Die Passanten hoben kurz die Köpfe in Richtung des Geschreis und gingen weiter ihrer Wege. Der Schatten richtete seine Krawatte, ein dünner Lederstreifen. Helen schaute zu Henry hinauf, der immer noch aus dem Fenster hing und lange in den beginnenden Abend schwätzte. Es sah komisch aus, wie sie ihren Hals verdrehte, um ihn zu sehen, während sie, eingehängt in den Arm ihres Schattens, in ihr Leben gezogen wurde.

Alfred Hollaender erinnerte sich noch genau an den Tag, als er den Brief eines gewissen Ignaz Grün aus New York in Händen hielt. Und er konnte auch exakt das Datum abrufen, an dem er dem jungen Henry, der ihm mit Angelusaugen gegenüber saß, von diesem Brief erzählte. Ignaz Grün, diesen zwielichtigen Agenten hatte er fast vergessen, genau wie den Auftrag, den er ihm erteilte.

Lieber Al, ich hoffe, es geht Ihnen gut. Sind Sie gut in Deutschland angekommen? Sie haben mir nie geschrieben. Ich wünsche es sehr, denn die Nachricht, die ich

231

Ihnen mit diesem Brief überbringen muss, ist leider, und glauben sie mir, ich hätte lieber bessere Nachrichten für sie, sehr, sehr traurig.

Hollaender las den Brief langsam, seine Hände zitterten, so dass er das Papier vor sich auf den Tisch legen musste. Er konnte die schnell geschriebenen Zeilen nur schwer entziffern. Es war auch lange her, dass er englisch lesen musste, so dass ihm so manche Vokabel nicht mehr einfallen wollte. Gespannt und aufmerksam folgte er dem Bericht des Agenten aus der fernen Welt, die vor einem halben Menschenleben einmal seine Heimat werden sollte, aber es nie wurde. Amerika war ihm entfremdet, die Erinnerung verdünnte sich von Tag zu Tag. Ilse hingegen war in seinem Herzen lebendig geblieben, wenngleich ihr Abbild verblasste. Ignaz Grün schilderte ihm in schnörkelloser, nüchterner Eigentümlichkeit, so, wie er sprach, in beinahe grobem Ausdruck, das Schicksal seiner Ilse. Hin und wieder gestattete sich der Lesende eine Erholung und schaute vom Blatt auf, dann sog er tief Luft ein, als benötige er einen langen Atem, den Brief durch zu stehen. Ein Gedanke durchkreuzte ihn: ‚Will ich das wissen, was mir Grün schreibt. Will ich das heute, nach so langer Zeit noch wissen? Muss ich mir das antun, jetzt, wo ich ein alter Mann geworden bin, jetzt, wo nichts mehr zu ändern ist, wo das Vorhersehbare eingetreten zu sein scheint?’ Die Straße unter seinem Fenster kam ihm vor, wie ein weit verzweigter, von fiebrigen Adern durchzogener Teil eines Organismus, in dem die roten und weißen Lichter an den Autos als weiße und rote Blutkörperchen wirkten und sich in langem, trägem Strom vorwärts schoben.

232

„Nachdem Ilse den geisteskranken Veteran verlassen hatte, reiste sie weiter in Richtung Süden. Sie suchte vermutlich Sonnenwärme oder Zuneigung oder beides, wer weiß das schon. Im Sommer 1975 erreichte sie nach längerer Odyssee kreuz und quer durch die südlichen Staaten ein verschlafenes Nest namens Little Rock. Dort, das ergaben meine Nachforschungen, fand sie Arbeit in einem Restaurant mit Tankstelle. Wie man mir mitteilte, gehörte auch ein Motel dazu. Ihre kleine Barschaft, die sie wohl aus Ihrer Kasse entwendete hatte, Herr Hollaender, war schnell aufgebraucht. Der Besitzer des Restaurants, ein, wie man mir zugetragen hat, schmieriger Typ mit Namen Oskar Deibel, vermutlich ein Einwanderer, aber das spielt an dieser Stelle wirklich keine Rolle, hatte gerade eine seiner Kellnerinnen rausgeschmissen. Ihre Frau kam ihm gerade recht. So, wie damals dort auftauchte, sah sie nicht mehr besonders gut aus. Nach tagelangem, oder wochenlangem Vagabundenleben roch sie auch nicht mehr so gut. Deibel sagte mir, dass sie gestunken hätte. Klebriges Haar, hing strähnig von ihrem Kopf. Kurzum, ein jammervoller Anblick. Sie entsprach überhaupt nicht den Vorstellungen von Deibel, der normalerweise lecker aussehende, junge Mädchen bevorzugte, zu deren hervorstechenden Eigenschaften funkenbildender Intellekt nicht gehören musste. Ihre Frau war ja auch schon ein wenig angejahrt. Wie dem auch sei, der Not gehorchend und irgendwie milde gestimmt, stellte er Ilse ein. (Sie erlauben mir doch hoffentlich, dass ich Ihre Frau der Einfachheit halber in dem Brief mit Vornamen nenne?!) Fleißig und zuvorkommend und mit dem geschliffenen Charme einer reifen Frau ausgestattet, eroberte sie schnell den Respekt der Gäste. Gestatten Sie mir an dieser Stelle eine kleine, gewissermaßen persönliche Bemerkung. Ilse war mir, wie sie ja wissen, 233

keine Unbekannte. Mir fiel bei Ihrer beider Ankunft in New York ihre vornehme Erscheinung. Ich schätzte damals, dass sie aus guten Hause stammen müsse. Aber mehr wusste ich zu dieser Zeit noch nicht. Und, mit Verlaub, es interessierte auch nicht besonders. Aber je mehr ich mich in den Fall vertiefte, desto deutlicher trat der erste Eindruck wieder hervor. Ich rekonstruierte Ilse, ich ließ sie wieder auferstehen, um ihr besser nachspüren zu können. Ich musste mich in sie hinein versetzen. Es ist mir, wie ich meine, gelungen. Nicht zuletzt aufgrund dieser Erkenntnisse, Ilse wurde mir immer vertrauter, empfinde ich die Geschehnisse um so bedauerlicher. Warum?, fragte ich mich immer wieder. Nun, ihrem Chef Oskar Deibel, kann man keinen Vorwurf machen, ein einfältiger Typ eben. Das entscheidende blieb ihm nicht verborgen. Ilse galt zwar nicht mehr unbedingt als Quelle männlicher, mithin umsatzfördernder Begehrlichkeiten, jedoch mit routiniertem, fast mütterlichem Einsatz wurde sie schnell zur Seele des Betriebes, wie man so sagt. Aber sie hatte auch einen ganz speziellen Sex. Er bot ihr im Motel ein Zimmer an, das sie gerne annahm. Sie richtete sich ein, kaufte dies und das für ihr neues Heim an, wer konnte schon wissen, wie lange sie blieb. Deibel berichtete mir, dass sie ihm häufig traurig und verschlossen vorkam. Zuweilen, wenn sie etwas getrunken hatte, löste sich ihre Zunge und aus dem verschlossenen Wesen drang die melancholische Sehnsucht nach einem früheren Leben. Freilich hatte sie nie Zweifel an ihrer Entscheidung zugelassen, Sie, verehrter Herr Hollaender, zu verlassen. Meinen Notizen entnehme ich, dass die Augenblicke ihres bescheidenen Glückes immer seltener wurden. Es fand sich das Tagebuch, dem sie sich anvertraute. Es war durchtränkt von Seufzern, ja Klagen, was Gott ihr 234

abverlange, wo sie doch einfach nur leben wollte. Mir fällt ein Ausdruck ein, der mir zutreffend scheint: Erhaben. Ich glaube, dass sie erhaben war. Sie überragte ihr Elend, konnte ihm jedoch letztlich nicht entrinnen, sie steckte bis zum Hals in dieser Suppe. Ich entdeckte aber auch Einträge, die dem widersprechen, was sich mir an anderer Stelle aufdrängte. Sie war sehr wankelmütig zu jener Zeit. Ich bin kein Psychologe, deshalb lassen Sie mich jetzt fortfahren. An meinen privaten, theoretischen Bemerkungen liegt Ihnen vermutlich nicht viel. Trotz ihres Alters (sie war ja kein junges Ding mehr) wurde sie beschrieben als eine Frau, die sich eine gewisse jugendliche Unbeschwertheit bewahrt hatte. Dieser Umstand wurde wohl durch die anregende Konkurrenz zu den anderen Frauen hervorgerufen, die bei Deibel verkehrten. Der leidlich unbefleckte Glanz der jungen, kichernden Frauen ließ Ilse wieder glühen. Sie soll vor dem Spiegel posiert, sich aufreizend benommen haben. Sie wurde übermütig, gab Deibel zu Protokoll. Sie kaufte sich Kleider, die zu Frauen ihres Alters nicht mehr so recht passen wollen. Die Röcke zu kurz, der Ausschnitt zu tief, sie verstehen. Die Frauen schüttelten die Köpfe über sie, einige Männer dagegen waren entzückt. Eine Gruppe junger Kerle um einen Typen, den alle nur Stan nannten, traf sich häufig bei Deibel. Sie tranken Bier, lärmten, lachten viel, nichts Ernstes, wie Deibel später aussagte. Was gab es schon in Little Rock an Unterhaltung für junge Leute. Während die Jungs um die Mädchen buhlten, hatten sie für die verblühte Ilse nur Spott übrig. Sie ließ sich von zweideutigen Avancen und von verlogenen, lüsternen Komplimenten täuschen, die bei Lichte betrachtet, Beleidigungen waren. Das Licht war nicht dort, wo Ilse sich aufhielt und so kam es, dass sie zweifelhafte 235

Einladungen annahm. Ihrem Tagebuch vertraute sie an (ich habe es Ihnen beigelegt), dass sich mit Ihrer Person nur leidvolle Erinnerungen verbinden. Die Reise ins Ungewisse, ich schätze, sie meint damit die Abkehr von der Heimat, Mayer’s Super Market, die hasserfüllten Angriffe und die Langeweile setzten ihr sehr zu. Sie, Herr Hollaender, hätten das Leben bestimmt. Von fremden Kleidern sprach sie, die man ihr übergezogen hätte. Sie sei die perfekte Hausfrau gewesen, voll Demut und Zurückhaltung. Es sei aber nicht ihr Leben gewesen. Als Ehefrau habe sie die Schenkel nicht aus Liebe geöffnet, sondern aus Pflichtbewusstsein. In den Jahren mit Ihnen welkte sie zu einer trockenen Rose“.

Eines Abends, die Nacht brachte kaum Abkühlung, wollte Ilse gerade das Restaurant verlassen, ihre Tasche hatte sie schon über die Schulter gehängt, als ein Wagen neben ihr hielt. Auf seiner gemächlichen Kontrollfahrt durch die Hauptstraße schaute der Sheriff bei ihr vorbei. Sie bot ihm einen lauwarmen Kaffee an. Sie sprachen kurz miteinander, schließlich drehte der Sheriff weiter seine Runde. Es war noch nicht sehr spät. Der Sheriff gab später zu Protokoll, dass es etwa gegen 23 Uhr gewesen sein musste. Ilse schickte sich an, die milde, warme Nacht noch etwas zu genießen, einen Spaziergang zu unternehmen, die funkelnden Sterne zu beobachten. Beim Schlendern stellte sie fest, dass das Licht der Straßenlaterne den gleichen Farbton angenommen hatte, wie der gelbe Wüstensand, der den Ort umgab. Sie streichelte den Hund der Stewarts, der in der Gegend streunte. Sie erkannte das Tier an seinem blauen Halstuch. Auf der anderen Straßenseite winkte jemand, sie winkte zurück, wusste nicht wer ihr gewunken hatte, 236

ging weiter, schaute den Autos nach, die vorbeifuhren und lange Lichtkegel vor sich her schoben, Staub aufwirbelten, bis sie sich in der Wüste verloren. Die Lichter tanzten noch eine Zeit lang in der Schwärze des Nichts, das sich in der Ferne auftat, bis sie sich in Sand verwandelten.

„Ja Herr Hollaender, die Wüste verspricht und droht zugleich. Wenn ich nun den weiteren Gang der Ereignisse dieses Abend rekonstruiere, ergibt sich folgendes Bild: Ihre Frau bemerkte die Männer nicht, die hinter ihr her schlichen. Niemand wusste, ob es drei oder vier waren. Mit unbarmherziger Gewalt sind die Männer, gleichsam wie räudige Köter, über Ilse hergefallen, nachdem sie sie zu Boden gerissen hatten. In wilder Gier zerrten sie ihr die Kleider vom Leib. Plötzlich blitzte die Klinge eines Messers. Ilse schrie nicht mehr, als die Waffe mit voller Wucht bis zum Schaft in ihren Körper drang.“

Mit starren Augen, so fand man sie, schaute sie ein letztes Mal zum Himmel, die Sterne funkelten wie wenige Minuten zuvor, und wie früher, als sie als kleines Mädchen versuchte die Sterne zu zählen und Sternbilder zusammen zu setzen. Der Schmerz der Welt mischte sich mit den Bildern ihres Lebens, ihres Vagabundenlebens. Nach dem Gemetzel bestanden alle Bilder nur noch aus Konturen, die sich langsam auflösten und zu einem ewigem, grauen Rauschen wurden. Sie war schon lange gestorben, als die johlende, keuchende Meute von ihr abgelassen hatte und der letzte ihrer Peiniger seinen Schanz aus ihr heraus zog.

237

Grün schrieb weiter: „Die Schändungen hatte sie entsetzlich entstellt. Die Lokalzeitung schrieb in ihrem Bericht über die Tat, dass es in Little Rock niemals zuvor ein derart verabscheuungswürdiges Verbrechen gegeben habe. Der Sheriff, der Zeuge und Ermittler war, sagte, „ich selbst habe ihr die Augen zugedrückt, schrecklich“. Er sagte aber auch, dass Mrs Hollaender allzu offen mit dem, was von ihrer Jugend geblieben war, kokettiert habe. Er ging nicht so weit zu sagen, dass sie die Tat provoziert habe. Später erzählte er von der fleißigen Jugend im Ort, als wären es seine eigenen Kinder, die ihrer Arbeit nachgingen und freundlich grüßten. Nach wenigen Wochen wurden die Ermittlungen in der Mordsache zum Schaden der Mrs Ilse Hollaender eingestellt, hieß es nüchtern. Das Interesse an diesem Fall hatte schnell nachgelassen. Einmal, es mögen sechs Wochen vergangen gewesen sein, bohrte ein Reporter einer Radiostation nach. Er stieß auf eine Wand des Schweigens. Mit Glück gelang es ihm, Little Rock unbeschadet zu verlassen. Alfred Hollaender legte den Brief beiseite. Im Schrank wartete noch eine Flasche Whiskey. Sie war ein Geschenk, von wem, wusste er nicht mehr. Hollaender trank die ganze Nacht hindurch und stieß immer wieder auf Ilse an. Er war sehr betrunken in dieser Nacht, nach dem Brief, der seine letzten Hoffnungen zerstörte. Er saß an seinem Tisch, schaute auf das Bild von Ilse, das er nach einer Fotografie hatte in Öl malen lassen, darunter hing das Foto von Rosa und Frieda. Einen Augenblick lang wünschte er Ilses Grabstätte zu sehen, Blumen und Kerzen wollte er dort abstellen. Er wollte Ilse um Verzeihung bitten mit einer tiefen Verbeugung. ‚Aber wahrscheinlich gibt es gar kein Grab’, dachte er. ‚ In einem Armengrab oder einem Erdloch wird man sie beigesetzt haben, die Wüstensand fegt 238

darüber hinweg. Wie viele Jahre habe ich sie nicht mehr gesehen? Gnädiger Gott, Paul, Ilse...’ . Sein Kopf fiel in tiefem Rausch auf den Tisch. Der Schlaf war traumlos und ohne Erholung. Dies war die Nacht der Nächte, die Nacht, in der ein Gebäude entstand, ein Tempel gewissermaßen, gestützt durch Säulen aus Zorn, wilder Wut und Hass, Verzweifelung und Not. Hollaender trug Abscheu in seinem Herzen und die absolute Gewissheit des Verlorenseins, der Ausweglosigkeit und des Todes.

Nur noch selten, an ganz wenigen Tagen, immer dann, wenn die anderen Menschen in ihren gemütlichen Wohnungen saßen, und er sich unerkannt und unbeobachtet wähnte, verließ Henry seine Höhle. Dann trieb er mit bewölktem Gemüt ziellos durch die Straßen, wie ein Blatt. Er schluckte alles, was seine quälende Trübsal aufzuhellen vermochte. Er tappte halb torkelnd zu einem Kiosk und versorgte sich mit Zigaretten und Schnaps. Dort trafen sich die vom Leben vergessenen. Sie lärmten, schwatzten und tranken, ihre Hunde kläfften. Henry gesellte sich kurz zu ihnen, er rauchte und trank. Die Sehnsucht, welche, das wusste er nicht mehr, trieb ihn weiter in die Dunkelheit und er erreichte einen Zustand, nicht Tag, nicht Nacht, nicht hell, nicht dunkel. Er spürte ewige Dämmerung. Henry fror vor Kälte und Einsamkeit. Nach einiger Zeit, er bemerkte nicht die mitleidigen Blicke der Passanten, die ihm nachschauten, erreichte er den Bahnhof Neukölln. Stunden musste er unterwegs gewesen sein, denn er fühlte sich sterbensmüde. Unter Stöhnen bestieg er eine steile Böschung, die zu den Schienensträngen führte. Er kam ins Straucheln, 239

rutschte ein paar Meter hinab, raffte sich laut fluchend wieder auf. Endlich, nach mehrmaligen Versuchen, kam er oben an. Er legte eine Rast ein und leerte dabei das Fläschchen Likör, das er sich zwischen den Kiffern und Trinkern am Kiosk gekauft hatte, in einem Zug. Der Schnaps erwärmte ihn für einen Moment und auch ein Gefühl großen Glücks stellte sich ein. Er schwebte über den Dingen. Wie in einem Heißluftballon stieg er empor, drunten blieb Hollaender zurück, und Arno, und sein Leben, alles schrumpfte auf Zwergesformat. Er sah in die Tiefe, Schwindel befiel ihn und ein aufgewühltes Meer tobte in seinem Kopf. Die Wellen waren stärker als die Trägheit des Alkoholrausches. Sie trugen ihn fort. Von weiten hallte Helens Stimme zu ihm und verlor sich wieder wie ein Echo. Dazu gesellte sich Hollaenders Befehl. Laut wies er ihn an zu gehen, immer weiter. Henry fiel auf den Rücken. Einem angeschossenen Solden ähnlich erhob er sich mühsam und wankte auf die Schienen zu. Ein lautes Pfeifen traf seine Ohren. Henry wich erschrocken zurück. Der Zug rauschte in schneller Fahrt an ihm vorbei. Er wankte im Sturm, der den Zug begleitete. Die Zwerge aus seinen Träumen marschierten mit kleinen Schritten auf ihn zu. Sie trieben Henry vor sich her und verfluchten ihn mit grimmigen Mienen, bis er über die Schwellen stolperte und auf die Gleise fiel. Unter Siegesgeschrei machten sich die kleinen Kerle über ihn her, wie die Liliputaner über Gulliver, und banden ihn so fest, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Jedes Haar knoteten sie an Pflöcke. Tausende von kleinen Fäden hielten ihn fest am Boden. Zwei weit aufgerissene Augen, weißgelb wie die des Teufels, rasten mit lauten Gebrüll auf ihn zu. Immer näher kamen die 240

blendenden Lichter des Zuges. Die Zwerge hüpften mit flachen Sprüngen in die Büsche. Der Lokführer erkannte das Hindernis, erkannte einen Menschen, der mit weit ausgebreiteten Gliedern vor ihm auf den Gleisen lag. Er stemmte sich mit aller Kraft gegen sein Steuerpult, als könne er die Bremswirkung damit verstärken.

Vor Henry indes tat sich ein unendliches Plastikmeer auf. In dem Meer kopulierten Fische aus Plastik, am Ufer umarmten sich ein Mann und eine Frau. Ihre Lippen berührten einander. Das Plastikmeer dehnte sich immer mehr aus. Es erstreckte sich jetzt bereits bis zum Horizont und noch viel weiter. Kleiner fragte sich, warum sie in polnischer Sprache sprechen, obwohl das Deutsche doch ihre Muttersprache sei. Ein Balken wurde über die Köpfe anderer Menschen hinweg von einem Handwerker an den anderen gereicht. Ein Handwerker trug Bart und hielt in seiner Linken ein kleines, gekrümmtes Stück Rohr. Die Menschen sind unentwegt beschäftigt, dachte Kleiner in seiner friedlichen Koje. Er aber, ging umher und schaute und stellte fest, dass kein Weg zu weit ist zur Erkenntnis. Plötzlich sagte jemand in deutscher Sprache, dass die Zeit ausgeschöpft sei. Ausgeschöpft. Aus-ge-schöpft. Mit welchem Werkzeug schöpft man Zeit?, fragte sich Kleiner, der Bildchenmaler und Dichter. Und genau in diesem Augenblick dachte er an den Urgroßvater aus dem kleinen Städtchen im fernen, untergegangenen Land, dort wo das Plastikmeer endet, am Anfang der Zeit, die ausgeschöpft wurde mit dem unbekannten Werkzeug, geleert. Und der Urgroßvater ist schon vor bald 70 Jahren gestorben, nach der 241

Großmutter, seiner Tochter, die einen Sohn gebar: Kleiners Vater, der noch lebt mit seiner Frau, die neue Kleiners gebar, die wiederum in späteren Zeiten von Gott aufgefordert worden waren Kleiners das Leben zu schenken. Unterdessen dehnte sich das Plastikmeer weiter aus. An einer Stelle fanden Elefanten eine Furt, die ihnen ermöglichte, durch den Morast und den sehr feuchten Sumpf zum süßen Wasser des Meeres zu gelangen, ohne mit den Säulenbeinen im Schlamm zu versinken. Fröhlich trompeteten die Elefanten, tauchten ihre Rüssel in das Meer aus Süßwasser mit den kopulierenden Fischen, sogen beides, Plastikwasser und Plastikfische ein, ohne sich der Tragweite ihrer Missetat im Klaren zu sein, denn sie töteten die Plastikfische. Nicht alle, aber eine Anzahl von ihnen und mit dem gerade entstehenden, schuppigen Nachwuchs, der noch in Eiern schlummerte. Die Elefanten spuckten Wasser und Fische und den ungeborenen Nachwuchs aus, duschten und kühlten ihre Leiber mit den Fischen und dem Wasser aus dem Meer und merkten nichts. Kleiner, wie immer unterwegs, beobachtete alles genau. Er war der Einzige, der es sah, der den Schrecken in der lieblichen Szene entdeckte, weil seine Zeit nicht ausgeschöpft war und er unterwegs war. Das Plastikmeer war sein Reservoir. So sah er das, so wollte er das erkennen und erklären. Später, lange nach der Entdeckung des Plastikmeeres, also in der Neuzeit, wusste Kleiner auch um die Bedeutung der hängenden Zwerge, die ihm immer wieder begegneten. Diese Zwerge waren aufgehängt am Wegesrand an ihren Zwergenhälsen an einem unendlich über das Meer gespannten Baldachin. Die Zwerge baumelten an Seilen, die um ihre Hälse 242 geschlungen waren, im

Abendrot. Sie boten ein gespenstisches Bild, wie sie so hingen, leicht schwingend, als wären sie von ihren Richtern eben erst vom Schafott gestoßen worden. Sie pendelten. Sie waren Zwerge. Aus welchem Grund wurde ihre Zeit ausgeschöpft. Das fragte sich Kleiner. Entleert, buchstabierte er langsam vor sich hin. Die Zwerge konnte niemand mehr retten. Die Fische auch nicht. Wer entleerte die Zeit der Zwerge? Die Fische waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber die Zwerge?

Ratternd, im rhythmischen Wiederkehren der Schwellen, überrollten alle Waggons Henry. Er hörte es.

Kleiners Bekannte, die Badende vor dem schmelzenden Himmel und Meer, hatte helle Brüste. Er konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor derart gebleichte Brüste gesehen zu haben. Sein Verstand war frei und klar. So klar und rein und unberührt und unschuldig wie der Bergsee, den er vor kurzer Zeit umwandert hatte. Er erinnerte sich, dass in diesem See keine Fische lebten. Die Evolution schien das Gewässer hoch droben in den Bergen vergessen zu haben. Henry blickte plötzlich von seinem Papier auf, er blickte aus seinen Träumen heraus, ganz neugierig, wie ein Fisch, der seinen Kopf knapp aus dem Wasser streckt, und nach Luft schnappt. Ebenso blickte Kleiner vom Himmel herab auf die Welt und auf das Papier des jungen Herrn. Er erwachte grob. Er spürte nicht mehr die wohlige Erholsamkeit nach der Nacht wie früher, als er Kind war.

243

Henry träumte von einer Frau. Was es Helen? Die Frau war blond, ein dunkles, rauchiges blond. Wie die Badende. Der Kopf ihres Freundes, der neben ihr saß, war beklebt mit schwarzen Haaren. Der dritte hatte keine Haare. Die Badende und die Blonde hatten Verletzungen jeweils an der linken Hand. Sie beschmierten die Wände mit Blut. Der Saal war erhellt von vielarmigen Leuchtern, die ihr Licht mit der Farbe des Blutes an den Wänden mischten. Die Szene mahnte Kleiner an das Plastikmeer, an die Fische und die unglücklichen Zwerge. Über ihre Hände hatten die Mädchen Plastikhandschuhe gestülpt. Aus den Handschuhen der Mädchen quoll das Blut ihrer Verwundungen. Kleiner glaubte seinen Augen nicht. Es war das erste Mal, dass er seinen Augen nicht traute. Er bemühte sich, die blutrote Zipfelmütze des polnisch sprechenden Menschen nicht zu sehen. Er sah sie auch nicht. Aber die Zipfelmütze war real. Sie existierte wie die Fische, das Meer und die Elefanten. Das war Kleiner zu diesem Zeitpunkt nicht klar. Erst später, in einem anderen Traum. Zwischenzeitlich träumte er, dass seine Frau gestorben wäre, zum selben Zeitpunkt, als auch die Frau des Kameramannes verstorben war, eines berühmten Künstlers aus den UFA-Studios. Und plötzlich übermannte Kleiner diese schwere Traurigkeit, im Traum. Dieser Urtraum überlagerte alle anderen und Kleiner, aber auch Henry, erkannten die Wahrheit, oder den Weg dorthin. Dieser Weg schlängelte sich von dem von Gott vergessenen Bergsee hinab und mündete in dem Plastikmeer. Die Elefanten hatten den Strand des Meeres vollständig zertrampelt. Sie zerstörten im Übermut der Freude und des Glückes den einzigen, schmalen Pfad zum Wasser. Nachgeborene Elefanten erreichten das 244

Plastikmeer

nie

mehr.

Es

war

endgültig

vorbei

mit

der

Süßwasserdusche und dem Mord an den Fischen. Der Bestand der Fische erholte sich nachfolgend rasch. Kleiner berichtete davon seiner Bekannten, der wunderschönen Frau mit den gebleichten Brüsten. Wenn er sich freute, hüpfte sein Herz in seinem karierten Hemd. Seiner Bekannten war es möglich, ihre Brüste unabhängig voneinander zu bewegen. So drückte sie für alle sichtbar ihre Freude aus, unter dem blauen Himmel im Wasser, das sich mit dem Gevatter Himmel traf in so großer Entfernung, dass der junge Herr glaubte : niemals auf diesem Planeten. Lange nach seinem Tod machte sich Kleiners Urgroßvater auf den Weg in die Träume. Dort erlöste er seine geliebte Tochter, die Großmutter geworden war, aus ihrem Grab. In seine beiden Hände bettete er die zarte, weiche, lebendige Hand seiner Tochter, die viele Jahre vor dem Heimgang ihres Vaters in Gottes Schoß angekommen war. Hand in Hand schritten Vater und Tochter aus dem Schtetl die Front der Verwüstungen ab, die Zwergenmörder angerichtet hatten. Sie gingen vorbei an den Elefantenkadavern, den kleinen

Fischgerippen, vorbei an Galgen, Kerkern, Schlammlöchern, Asche, Staub, verkohlten Herzen und ungeborenem Leben. Sie sahen das versandete Plastikmeer, Folien unter denen Früchte wachsen, erstorbene Partys, Terroristen und Toilettenfrauen. Sie sahen aber auch fröhliche Menschen, die mit ihrem eigenen Blut Wände bemalten. Nichts hatte sich verändert. Urgroßvater und Großmutter sahen auch die Zwerge, deren Leichname längst zur ewigen Ruhe in gesegneter Erde gebettet waren. Während dessen verspürte Kleiner 245

einen merkwürdigen Tod. Er fühlte den schweren Hieb mit dem Kolben, der seinen Schädel mit dem Fleisch und er Haut und dem Blut seines Gesichtes vermählte. So tot wie das trockne Meer, so tot wie das geronnene Blut an den Wänden, das den schweren Verwundungen junger Frauen entstammte. Immer, wenn Kleiner seinen Urgroßvater und die Großmutter greifen wollte, ihnen erklären wollte, was geschehen war in der Zeit danach, nach ihrem Leben, lösten sich die Vorfahren auf. Sie waren Staub und wurden Staub, oder Luft oder Nichts. Verzweifelt schrie Kleiner in den Staub, in die Luft, ins Nichts. Er wollte niemals aufhören zu erklären. Die vielarmigen Leuchten schütteten mal gelbes, mal rotes Licht über Henry. Der Platz neben ihm war leer geworden. Die Bekannte mit den gebleichten Brüsten war gegangen, grußlos und stumm in die Nacht. Ihre Zeit an seiner Seite war ausgeschöpft, dachte er. War er erwacht? Die Reise zuende? Welche Reise? Hatte er sich jemals entfernt von den Orten, die ihm vertraut, ja lieb geworden waren? Er wusste es nicht. Die Deckenleuchte vergoss ihr mildes Licht wie Tränen auf die polnisch sprechenden Menschen, die nichts ahnten von den Wanderungen Henrys zwischen Bergsee und Plastikmeer; zwischen Traum und der Erinnerung an erhängte Zwerge und Elefanten, die aus reiner Lebensfreude, oder sollte man es, Doppelglück nennen, Fische getötet hatten. Urgroßvater und Großmutter kamen wieder herbei, berührten den Enkel und Urenkel, betten seine Hände in ihre Hände, ein Händeknäul. Er aber, Henry, spürte den sanften, ungleichen, liebreizenden Druck ihrer Hände nicht. Es wehte nur ein leichter Atem auf seinen Händen, ein flüchtiger Hauch von unsterblicher 246

Liebe, zärtlich geweht, aber unerkannt und unerwidert. Er fühlte sich schuldig am Tod der Zwerge. Aber: So deutlich, wie der Unbekannte von sicherem Ort aus das bunte flackernde Lichtermeer des Nachtlebens aufnahm, so zweifellos war seine Schuld. Die Lippen der liebenden Menschen berühren sich nicht mehr. Die Zärtlichkeit wurde von festem Drang vertrieben. Urgroßvater und Großmutter sind in ihren Gräbern versunken und entließen ihre Nachkommen in die Welt voll Licht und Finsternis. Eine Welt, in der Elefanten Plastikfische zum Spaß töten, Zwerge aufgeknüpft werden, Löwen Gnus reißen und zerfleischen und den Inhalt von Zuckerdosen in ihren wilden Schlund schütten. Die Vorfahren müssen ihre Nachfahren zurücklassen. Das ist das Gesetz. Gottes Gesetz. In der Erinnerung saßen die Kinder, die Mädchen mit geflochtenem Haar und die Jungen mit gescheiteltem Haar und lustigen Kinderschlipsen, brav auf den Knien der Vorfahren. Sie sahen auf in Gottes Antlitz und waren geblendet von seinen gütigen Augen, als er auf sie blickte mit dem Gleichmut des Vaters, der ein mildes, verständnisvolles Nicken losschickt, das die Sinnlosigkeit ihres Tuns begleitet. Gottes Schoß entspringen vor Hunger wütende Löwen, Insekten und schlaue Nagetiere, Zwerge und Riesen, freie und verfolgte Menschen, gedemütigte und geachtete, geliebte, gefolterte, mächtige und machtlose. Stolz hatte Gott einst die Zwerge gemacht, stolz und bärenstark, aber vor ihren Scharfrichtern konnten sie nicht bestehen. Das Elend der unglücklichen Zwerge müsse dem ungezügelten Treiben der Elefanten in ferner Vergangenheit entgegengestellt werden, und schrieb Henry in seine Kladde. Dabei hatte er die eigene 247

Unschuld im Blick. Nach dem kurzen Zwischenspiel, dem leisen Auftauchen aus dem still stehenden Reich der für immer Ausgelöschten erschienen Urgroßvater und Großmutter für wenige Augenblicke in den Träumen der Lebenden. Wieder fühlte Henry den zarten Schimmer der Liebe auf seinen Händen, wieder pochte sein Herz. Waren die Ahnen vergeblich zurück gekehrt? Ein heftiges Erwachen warf ihn in die Welt zurück. Er vernahm den infernalischen Maschinenlärm der Lebendigen, das Getöse aus der Wirklichkeit, die quietschenden, kreischenden Eisenräder des Zuges.. Henry mühte sich den feuchten, modrigen Grabeshöhlen zu entsteigen, aber es gelang ihm nicht. Er musste auf der tiefen, kalten Sohle verharren. Alleine sein Bild fand den Weg zurück ins Licht. Was bis zuletzt in seiner Wahrnehmung geblieben war, waren die mexikanischen Trompetenklänge, Rhythmen des Lebens, rote Tische, Zuckerstreuer, erlöschende Kerzen, vorbeihuschende

Menschenschatten aus dem Nichts der Nacht ins Nichts der anderen Nacht, in eine Leere. Die Autos schoben weiße Lichter auf der Straße vor sich her, Henry dachte daran. Bildern. Er glaubte nicht, dass er noch am Leben ist. Er glaubte diesem Leben nicht. Er misstraute dem wunderbaren Schein hedonistischer Fülle der großen Stadt. In ihm glühte das Brannteisen des Unglaubens. Noch im Tod trug schwer an dem zu Stein gewordenen Unernst. Im Gleichnis des großen Welterlebnisses, das so erhaben ist wie die Menschen selbst, die es denken, tanzten Zuckerstreuer, mordeten Elefanten, hingen Zwerge mit Stricken um den Hals, wild fauchende Löwen liefen umher mit den Resten ihrer Beute in der Mähne. Mädchen mit blutenden Malen 248

wuschen sich im Plastikmeer, vielarmige Leuchter, die harte Schattenlinien auf Tische werfen, bildeten das ab, was Henry tief unter seiner Haut fühlt, riecht, schmeckt, liebt und verabscheut: Sein Leben. Aber er war auch der Held, Retter von Fischen, Elefanten, Zwergen und der geliebte Nachfahre seiner Ahnen. Sie sahen ihn saufen von dem Plastikwasser. Er trank das Wasser, in dem die Elefanten töteten. Er hat vom Wasser der Erkenntnis getrunken und den Tod der Zwerge in Kauf genommen. Er hat nicht das süße Blut aus dem Löwenmaul geleckt. Die Richter der Richter, die mit großer Güte urteilten und die Welt bewegten, verurteilen Karl Kleiner zu dem grausamen Tod. Ratten sollen ihn zerteilen, ihn zerlegen in seine atomaren Bestandteile, auf dass seine sterblichen Reste im gesegneten Boden vergeudet werden.

Das letzte, was Henry Lantz in seinem Leben vernahm, war das Pfeifen und Donnern der eisernen Räder des zweiten Zuges. Die Reifen bremsten und spuckten Feuerkaskaden in hohem Bogen ins Dunkel. Die Wucht des Aufpralls hatte seinen Körper weit von den Gleisen weggeschleudert, zerschmettert lag er im Dreck neben den Gleisen. Blut, Haut- und Fleischfetzen und der Abfall am Rande der Schienen rührten einen schmutzigen Brei. Sei Gesicht blieb, engelsgleich, unversehrt. Das Entsetzen über das Schicksal von Kleiber und Gebirtig, von Ilse und Paul, lag schockgefroren über seinen toten Zügen. Henry sah aus, als hätte er noch ein letztes Mal schreien wollen. Er war kein Soldat gewesen. 249

Hollaenders Blick fiel auf eine Urkunde, die gerahmt vom braungelb des Nikotins, an der Wand hing. Er wunderte sich, dass er diesen kleinen Rahmen, auf den das brüchige Papier gepresst war, zuvor noch nicht bemerkt hatte. So lange wie ein Atemzug dauert, wurde das Stimmengewirr im Restaurant Rosen zu Kriegsgeschrei, orgelndes Heulen von Tieffliegern setzte ein, kurz schallte das erbärmliche Gemurmel und Gewimmer aus der Baracke, das abrupt erstarb, als die Kellnerin sich über ihn beugte und ihn mit einem törichten Ausblick in ihr Dekolletee erlöste. „Der Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe verleiht Hans Müller das Abzeichen für Flugzeugführer“. Nachdem er der Kellnerin aufgetragen hatte, ihm seinen Wein zu bringen, betrachtete er sich noch einmal genau diesen in ihm Abscheu und Ekel auslösenden, eingerahmten Zettel. Ein martialisch stilisierter Adler, verbandelt mit einem Hakenkreuz, emergiert aus dem Unheil bringenden Zacken und schwebt über dem Text der feierlich daher kommenden Verleihungsurkunde. „Heil Hitler“, darunter eine schiefe Unterschrift. Hollaender schüttelte den Kopf, ‚wie kann das sein’, sprach er vor sich hin. Einem ersten Reflex folgend wollte er das Restaurant verlassen und es nie wieder betreten. ‚Womöglich hängen noch Tausende dieser Urkunden

überall in Wohnstuben und sonst wo herum, zeugen von der bronzenen Ehre der glorreichen Helden’, dachte sich Hollaender. Er fühlte sich zu müde, um gegen die Allgegenwart der Vergangenheit anzukämpfen. So ließ er sich gerne zerstreuen von der ungestümen 250

Weiblichkeit der Kellnerin und ergab sich, trank seinen Wein und dämmerte vor sich hin.

Wort für Wort, Satz für Satz, ohne auch nur eine einzige Meldung auszulassen, las er die Zeitung. Der Polizeibericht erweckte an diesem Morgen sein Interesse ganz besonders. Er las den Bericht immer, heute jedoch war es etwas anderes. In dem langen Artikel, der in einer Spalte aller Ereignisse zusammenfasste, hieß es an einer Stelle:“ Unbekannter Toter am Bahndamm in Neukölln aufgefunden. In der Nacht zum Freitag wurde die Leiche eines jungen Mannes entdeckt, dessen Alter die Polizei auf unter dreißig schätzt. Der Zugführer der S-Bahnlinie 297 hatte einen Unfall gemeldet. Er erlitt einen schweren Schock. Mit was seine Bahn kollidiert sei, darüber konnte der Mann keine weitere Auskunft geben. Die sofort ausgelöste Suchaktion blieb in der Dunkelheit ergebnislos. Erst am frühen Morgen wurde der Leichnam des Mannes aufspürt. Die Polizeidienststelle bitte um Zweckdienliche Hinweise. Wem ist in der Nacht eine Person in der Nähe des Bahndamms aufgefallen? Wer kann zweckdienliche Hinweise zur Identifizierung des Toten geben? Wer kann etwas zur Aufklärung des Unglücks beitragen?“

Auf der Polizeiwache legte man Hollaender das Polaroidfoto vor, welches das Gesicht des Toten zeigte. Es war gereinigt vom Blut. Die Verletzungen am Hinterkopf der Leiche bekam Hollaender nicht zu Gesicht. Der Leichnam war so aufgebahrt, dass die Fotografie nur das unversehrte Gesicht zeigte. Am unteren Teil des Bildes war ein Zipfel 251

des grünen Tuches zu erkennen, das den zerstückelten Körper bedeckte. Hollaender stellte sich vor, wie das Blut aus den großen Wunden den Stoff durchdrang und ihn schwarz färbte. Augen, Ohren, Nase und Mund, alles unverletzt, bildeten das Antlitz des jungen Mannes ab, den er gekannt hatte. Hollaender legte das Foto auf den Tisch und sagte dem Beamten:“ Dieses Bild zeigt Henry Lantz. Ich mir sicher. Wir lernten uns durch Zufall vor ein paar Monaten

kennen. Später trafen wir uns öfters und unterhielten uns; mal über dies, mal über das. Wie das so ist bei flüchtigen Bekanntschaften“. Er hielt inne, die Brille zwischen zwei Fingern, dann sprach er weiter, ohne Aufforderung:“ Aber schon vor einiger Zeit, ich weiß nicht mehr genau wann das war, tut wahrscheinlich nichts zur Sache, zog er sich zurück. Auf jeden Fall sahen wir uns nicht mehr. Ich maß dieser Angelegenheit keine Bedeutung zu. Wissen sie, junge Leute und alte leben in verschiedenen Welten, ich konnte, als ich jung gewesen war, nicht so recht glauben. Es gibt es keine, wie soll ich mich ausdrücken, ja, Schnittmengen, verstehen sie?“ „Und das kam ganz plötzlich, dass sie sich nicht mehr trafen?“, setzte der Polizist nach. „Nein, das war nicht plötzlich, man könnte es eher mit einem Prozess vergleichen. Ich habe ihm etwas aus meinem Leben erzählt, das war eigentlich alles. Später ist uns dann der Gesprächsstoff ausgegangen, und wir trafen uns nicht mehr. Ich glaube, dass der junge Mann das Interesse an mir, an einem alten Mann, verloren hat, so was soll es ja geben, nicht wahr?“

252

Der Polizist bat ihn das Protokoll zu unterschreiben, bedankte sich, „auf wiedersehen, Herr Hollaender“. „Jung und alt passen eben nicht zusammen, so ist das“, sagte Hollaender beim Verlassen des Wachzimmers und zuckte dabei die Achseln.

Vor seinem Wohnzimmerfenster, drunten auf dem breiten Trottoir, spielten ein paar Kinder. Sie winkten ihm fröhlich zu, er lächelte. Hollaender hatte an allem das Interesse verloren. Alleine die Kinder erfreuten ihn. Sie waren zu seinen Freunden geworden. Es waren jedoch weniger die Kinder, mehr noch die Gegenstände, die sie zu ihm brachten, ihm anvertrauten, die ihn freuten. Er vertrieb sich die Zeit damit, ihre Puppen und das Spielzeug zu reparieren. Er stopfte die Löcher in Teddybären, nähte neue Knopfaugen an. An einer Puppe fehlte ein Ärmchen, oder das mechanische Lid klemmte. Er machte es heil. Mit ganz bedächtigen Bewegungen widmete er sich jeder

Reparatur, sie verrieten seine Hochachtung. Er beugte sich über die Spielsachen, strich zärtlich darüber, nahm Nadel und Faden und war zum Puppendoktor geworden. Er dachte nach, ohne zu Klagen. In seinem Leben gab es von allem Schlechten zu viel: zuviel Aufregung, zuviel Enttäuschung, zuviel Verzweifelung, zuviel Entsagung und über allem schwebte der Tod. Jetzt widmete er sich nur noch den Gegenständen, den Gegenständen, die die Kinder aus der

Nachbarschaft ihm brachten.

253

Hollaender hatte sich vorgenommen, den schönen Tag mit einem Spaziergang und einem Besuch auf dem Friedhof zu beenden. Der Herbst war in diesem Jahr früh unterwegs, überlegt er. Er sehnte sich nach der Sommerwärme, die sich einem wohlig auf die Schultern legt. In seinen Gedanken war er weit weg. Er dachte, die Seele eines Menschen sei die Ursache aller Vorstellungskraft. Alles, was man sieht und fühlt, sei der Wirkung der Kraft Gottes geschuldet. ‚Alles ruht in Gott’, murmelte er vor sich hin. ‚Die Erde dreht sich um die brennende Sonne, sie spendet Leben, Gott stiftete die Seele dazu’. Die Zugvögel, die sich versammelten, verstummten plötzlich. Kein Straßenlärm, keine Kinder, kein Rufen war mehr zu vernehmen. Hollaender verspürte eine stechende Qual, bis sein langsam verlöschendes Leben nicht mehr schmerzte.

Ein kühler, höchst angenehmer Windstoß, der den Sommer vor sich her trieb, entzückte ihn noch einmal. Gelb und weiß regneten die Blüten der einzigen Robinie herab. Der Wind trieb sie über den unebenen Boden bis an den Pfeiler, an dem Hollaender lag.

ENDE

254

255

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful