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Dr.

Stefan Harrendorf
Universität Göttingen
Juristische Fakultät
Institut für Kriminalwissenschaften

Ferienhausarbeit im Strafrecht für Fortgeschrittene in den Sommerferien 2010


anrechenbar auf die Übungen Sommersemester 2010 bzw. Wintersemester 2010/2011
(bitte Hinweise am Ende des Sachverhalts beachten!)

1. E verdient sich seinen Lebensunterhalt im Wesentlichen durch Einbrüche, die er gemeinsam mit
seinen Freunden F und G in wechselnder Beteiligung begeht. Eines Tages ist E in der Stadt unter-
wegs, um Tatgelegenheiten auszukundschaften. In einer besseren Wohngegend steht er vor der
Haustür eines Mehrfamilienhauses und klingelt bei mehreren Mietern. Als er durch die Gegen-
sprechanlage gefragt wird, wer er sei, sagt er „Werbung!“, worauf ihm geöffnet wird. Durch den
Hausflur geht er in den Hinterhof des Hauses und sieht sich von dort aus um. Auf einem Balkon im
ersten Stock, der zu der Wohnung des W gehört, sieht er ein wertvolles (ca. 4.000,- €) Fahrrad
stehen. Er beschließt, später erneut wiederzukommen und verabredet sich telefonisch mit F. Bei
herbstlichem Regenwetter in der Dunkelheit des Abends kommen beide erneut zum Haus. Sie
warten, bis ein Bewohner das Haus betritt, um dann im letzten Moment unerkannt durch die
Haustür in den Hausflur zu gelangen und von dort in den Hof. So geschieht es. An einem Stützpfei-
ler des Balkons erklettert der geschickte E diesen, während F darauf achtet, dass niemand den
Hausflur oder Hof betritt oder aus dem Fenster schaut.

E und F hatten verabredet, dass E, sobald er den Balkon erklommen habe, ein in seinem Rucksack
mitgebrachtes Seil heraushole, an dem Fahrradrahmen befestige, das Rad dann langsam zu F
herunterlasse und sodann selbst über die Balkonbrüstung klettere, sich bis zum Balkonrand her-
ablasse, dort hängend den Rest der Strecke zum Boden springend zurücklege und dann mit F
schnell fliehe. Allerdings kommt es nicht dazu, da in dem Moment, in dem E das Seil an dem Fahr-
rad festmachen will, der Wohnungsmieter W die Balkontür öffnet und heraustritt. Mit einem ge-
zielten Schlag bringt E den verdutzten W zu Fall und benutzt das Seil dazu, den W zu fesseln. Als
ihm danach auffällt, dass dadurch der bisherige Plan undurchführbar geworden ist, beschließt er,
die Gelegenheit zu nutzen und durchsucht W, der bei Bewusstsein ist, aber vor Angst sich nicht zu
schreien traut, sondern alles geschehen lässt. In Ws Portemonnaie findet E 50 € und in dessen
Hosentasche außerdem die Autoschlüssel zu einem Auto einer Marke, die insbesondere Wagen
der Mittel- und Oberklasse herstellt. E steckt beides ein. Danach gibt er dem W solange links und
rechts Ohrfeigen, bis dieser ihm erzählt, wo der Wagen geparkt ist und welches Kennzeichen die-
ser hat. Da E keine Zeit mehr verlieren möchte, flieht er danach über die Balkonbrüstung in der
vorgesehenen Weise und lässt das Fahrrad auf dem Balkon stehen sowie den W gefesselt liegen.
Die alternative Möglichkeit, das Fahrrad über die offene Balkontür in die Wohnung zu tragen und
von dort in das Treppenhaus zu gelangen, hatte er erkannt, aber als zu riskant verworfen. Mit
dem F, der von alldem nichts mitbekommen hat und angesichts des anscheinend beutelos flie-
henden E annimmt, der Diebstahl sei wohl insgesamt schiefgegangen, rennt er weg, raus auf die
Straße und zu dem Auto. Erst als E das recht wertvolle Auto (ca. 50.000 €) aufschließt, beginnt F
zu verstehen. Er springt auf den Beifahrersitz und freut sich über den gelungenen Coup.

W, der nach der Flucht von E und F laut um Hilfe zu rufen beginnt, wird bald befreit.

Strafbarkeit von E und F?


Evtl. erforderliche Strafanträge sind gestellt.

2. I ist beruflich als gewerblicher Inkassounternehmer tätig. Er will im Auftrag eines Gläubigers
eine Forderung bei dem Schuldner S eintreiben. Unter seiner Firma „Inkasso I“ richtet er am 16.
März 2010 ein Schreiben mit im Wesentlichen folgendem Wortlaut an S:
„Herr S!
Auch dieses Schreiben wird Ihnen vermutlich am Arsch vorbeigehen. Zu Klarstellung: Sie
brauchen sich nicht wieder hilfesuchend an Ihren Rechtsverdreher R zu wenden. Was es zu regeln
gibt, werden wir unter Männern klären. 2.650,95 € stehen zur Zahlung an. Kooperation oder Krieg;
wählen Sie die Waffen!
Ich erwarte Ihre Zahlung binnen Wochenfrist. […]“

Der im Brief benannte R ist dabei als Rechtsanwalt der Prozessbevollmächtigte des S, die genann-
te Forderung in der bezeichneten Höhe zutreffend, fällig und unstreitig; das Schreiben geht nur S
zu, wird von ihm aber an R weitergeleitet.

Strafbarkeit des I?
Evtl. erforderliche Strafanträge sind gestellt.

3. E, F und G werden verhaftet und wegen einer Vielzahl verschiedener Vermögensstraftaten


(nicht nur, aber auch diejenigen, die Gegenstand der Fallerzählung 1 waren) angeklagt. Da sich
alle drei in Untersuchungshaft befinden, wird jedem von ihnen ein Pflichtverteidiger ihrer Wahl
zugeordnet. E wählt den R aus Fallerzählung 2 als Pflichtverteidiger, F und G die Verteidiger X und
Y. Die Hauptverhandlung soll am 19. April 2010 beginnen. Mit am 8. April bei den Verteidigern
eingegangenem Schreiben teilt die Kammer ihre Besetzung mit. Dabei stellt R fest, dass der I aus
Fallerzählung 2 als einer der Schöffen in dem Verfahren vorgesehen ist. R empfindet die Beteili-
gung des I als Skandal und befürchtet aufgrund der ihm bekannten Vorgeschichte, dass dieser
nicht objektiv über E urteilen werde. Dies teilt er E mit, der seine Bedenken teilt.

a) Wie sollte R prozessual auf der Basis seiner Annahmen nun vorgehen?
b) Wie wird das Gericht aufgrund der dementsprechend für E erhobenen Rüge bzw. dem erhobe-
nen Einwand entscheiden? Nehmen Sie an, dass R den I bisher wegen der Taten in Fallerzählung 2
noch nicht angezeigt hat und das I in der Folge des prozessualen Vorgehens des R dienstlich (nur)
erklären wird: „Ich kann Inkassotätigkeit und Schöffenamt trennen.“
c) Was sollten X und Y für F und G tun?

Formalitäten:
1. Der Umfang der Arbeit soll 25 Seiten nicht überschreiten. Dabei sind folgende Formatierungs-
vorgaben einzuhalten: 1/3 Seitenrand, Zeilenabstand 1,5-zeilig, Times New Roman oder Calibri,
Schriftgröße 12 im Text und 10 in den Fußnoten. Veränderungen der Laufweite der Schrift (enger
stellen) sind unzulässig.
2. Die Bearbeitungsfrist endet am 27.10.2010 und die Arbeit ist spätestens an diesem Tag abzu-
geben. Möglich ist eine Abgabe in der Übung am 27.10., außerdem innerhalb der Öffnungszeiten
jederzeit vorher an der Abteilung Kriminologie, Goßlerstr. 15a, oder per Post. Bei postalischer
Zusendung (an: Dr. Stefan Harrendorf, Juristisches Seminar, Platz der Göttinger Sieben 6, 37073
Göttingen) werden nur Arbeiten mit Poststempel bis zum 27.10.2010 berücksichtigt.
3. Teilnehmer, die der Zwischenprüfungsordnung unterliegen bzw. unterlagen, haben sich zu den
einzelnen Prüfungsbestandteilen jeweils über das GAIUS-System anzumelden. Die Anmeldefrist
für die Ferienhausarbeit endet am letzten Tag der Bearbeitungsfrist um 24.00 Uhr.
4. Diese Hausarbeit kann bei Vorliegen der weiteren Anforderungen (Mitschreiben von zwei der
angebotenen Klausuren und Bestehen von einer) entweder auf die Übung für Fortgeschrittene im
Strafrecht im Sommersemester 2010 oder auf die Übung für Fortgeschrittene im Strafrecht im
Wintersemester 2010 / 2011 angerechnet werden.
5. Insgesamt müssen nur zwei Hausarbeiten in den drei Fortgeschrittenenübungen (ZivilR, ÖffR,
StR) geschrieben und bestanden werden. Eine Hausarbeit für Fortgeschrittene im Strafrecht muss
dabei nur dann zwingend geschrieben werden, wenn für die Zwischenprüfung keine Strafrechts-
hausarbeit verfasst und bestanden wurde.

Viel Erfolg!