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TABU-THEMA | MOBILFUNKSTRAHLUNG

Funkstille über
Wer als Journalist über Gesundheitsschäden durch Mobilfunk
berichten will, erlebt merkwürdige Dinge. Von umgeschriebenen
Artikeln, Sendetermin-Problemen und gekippten Enthüllungsstorys.

VON UWE KRÜGER

D
er Stein des Anstoßes war eine etwas Seine erste Station war RTL Explosiv, dort arbeite-
esoterisch anmutende Zeitschrift namens te eine gute Bekante. Die sagte: »Super Thema – aber
Raum und Zeit. Marc Lutz, Werbefilm- überleg mal, wer bei uns die Werbespots schaltet.«
Student an der Filmakademie Ludwigsburg, Er klopfte beim Südwestrundfunk an, dort arbeitete
war zu Besuch bei einer Freundin, die von Beruf ein Freund. Der fand das Thema spannend, wurde
Heilpraktikerin ist. Bei ihr lag immer viel eigenartige aber von seiner Redaktion bald ausgebremst. Beim
Literatur herum, und nun zeigte sie dem 24-Jährigen Bayrischen Rundfunk wenig später dasselbe. »Es
einen Artikel über Mobilfunkstrahlung. Skeptisch hieß immer, das Thema haben wir ständig in kleinen
begann er zu lesen. Ein Physiker kritisierte eine Beiträgen«, erzählt Lutz, »aber diese Beiträge ende-
Broschüre des bayrischen Umweltministeriums, die ten ja immer dort, wo es richtig brisant wird – beim
Sendemasten völlige Unbedenklichkeit bescheinigte. Hintergrund der Grenzwerte.«
Lutzens Skepsis schwand, als der Physiker ein Irgendwann wollte Lutz sein Material nur noch
Argument nach dem anderen sezierte und widerlegte. einem anderen Journalisten übergeben, der es mög-
Ein Funkmast lichst öffentlichkeitswirksam herausbringt. Er rief bei
Die Bekannte bei RTL Explosiv arbeite nur mit der dpa an. »Der für Mobilfunk zuständige Redakteur
der lächerli- fragte gleich, woher ich das alles habe. Er schien das
sagte: »Super Thema – aber chen Leistung alles schon zu wissen und wollte nur meine Quellen
überleg mal, wer bei uns die von 2 oder 3 erfahren«, so Marc Lutz. Danach wandte er sich an
Watt, beruhigte den Stern. Auch dort reagierte der Redakteur zurück-
Werbespots schaltet.« die Broschüre. haltend, vertröstete ihn auf nach seinem Urlaub, und
Falsch, sagte der der Kontakt verlief im Sande.
Physiker: Unten gehen zwar nur wenige Watt hinein,
oben kommen aber 80.000 Watt heraus. Marc Lutz Im Volk brodelt es
war elektrisiert und begann, neben seinem Studium Für die Redaktionen ist das Thema Mobilfunkstrahlung
und den Werbefilm-Dreharbeiten zu recherchieren offenbar wenig sexy. Doch sie scheinen in einer anderen
– über ein Problem, das offiziell nicht existiert. Welt zu leben als der Rest der Bevölkerung, wo gewaltige
»Ich fand heraus, dass viele Menschen schon krank Unruhe herrscht, seitdem das Netz der UMTS-Masten
geworden sind, dass Deutschland einen der höchs- rasant ausgebaut wird. Zahllose Bürgerinitiativen kämp-
ten Grenzwerte für Mobilfunkstrahlung weltweit hat fen gegen Sender in der Nachbarschaft, im Internet wim-
und dass dieser Grenzwert auf einen industrienahen melt es von Webseiten wie »Informationszentrum gegen
Wissenschaftler-Verein in München zurückgeht«, Mobilfunk«, »Bürgerwelle« oder »Elektrosmog-News«.
erzählt der heute 31-Jährige, »es war ein Skandal ers- Mobilfunkkritische Ärzte gründen Initiativen wie den
ten Ranges.« Er schrieb ein Exposé für einen Film, »Freiburger Appell« oder den »Bamberger Appell« und
fand in seinem Bekanntenkreis eine Kamerafrau dokumentieren Krankheiten, von Kopfschmerzen bis
und zwei Produzenten und ging auf die Suche nach Brustkrebs, die nach der Aufstellung von Funkmasten
Geldgebern. gehäuft auftraten.

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Strahlungsschäden

Doch deren Gutachten und Schreiben an George Carlo, ist einer der ärgsten Feinde der »Der Handykrieg«: Die Doku
Gesundheitsämter, Ministerien und das Bundesamt Mobilfunkindustrie. Dabei leitete er in den 90er wurde gekürzt im MDR-
für Strahlenschutz stoßen auf Desinteresse. Dabei Jahren im Auftrag der US-Mobilfunkindustrie eine 28 Vormittagsprogramm gesendet.
warnt das Bundesamt für Strahlenschutz selbst Millionen Dollar teure Studie über Gesundheitsfolgen
schon seit einigen Jahren vor zu viel Handykonsum der Handystrahlung. Seine Ergebnisse gefielen
vor allem bei Kindern, und führenden deutschen den Geldgebern jedoch nicht: DNA-Schäden und
Versicherungsfirmen ist die Sache ebenfalls nicht Hirntumore bei Vieltelefonierern. Als Carlo sie öffent-
geheuer: Sie haben in ihren Policen für Handyhersteller lich machte, fiel er in Ungnade, wurde verleum-
und Mobilfunk-Netzbetreiber die Versicherung der det, und – mysteriös – sein Haus brannte nieder.
Risiken von Elektrosmog wegen der »nicht einschätz- Heute hilft er Handy-Geschädigten als Gutachter in
baren Gesundheitsgefahren« ausgeschlossen (SZ Schadenersatzprozessen vor US-Gerichten.
28.1.2004). Filmemacher Scheidsteger, der das Thema entdeck-
In den Medien kommt von alledem wenig an. te, nachdem Freunde von ihm erkrankt waren, konn-
Dabei mangelt es nicht einmal an Journalisten, die zum te den MDR zur Mitfinanzierung der Dokumentation
Thema recherchieren – nur mit dem Veröffentlichen bewegen. Im Dezember 2005 gab er eine 45-Minuten-
ist es nicht so einfach. Zwei Jahre lang hat zum Fassung ab. Der MDR überwies das Geld, ließ den
Beispiel der Filmemacher Klaus Scheidsteger für sei- Film aber erst einmal in der Schublade verstauben.
nen Film »Der Handykrieg« in den USA recherchiert. Nach einem Jahr fand er sich endlich im Programm:
Dessen Protagonist, der Washingtoner Epidemiologe 10.35 Uhr morgens lief am 7. Dezember 2006 eine

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um 15 Minuten gekürzte Version; noch dazu so kurz- öffentlich-rechtlicher Sender France 2. Der hatte den
fristig anberaumt, dass die Programmzeitschriften für Film im Mai 2006 im späten Abendprogramm aus-
diesen Sendeplatz die Wiederholung einer anderen gestrahlt, in voller Länge. Das Argument des fehlen-
Reportage ankündigten. Scheidsteger war aufge- den Lokalbezugs klingt dagegen absurd: Genau jene
bracht: Die Änderungen seien nicht mit ihm abge- Szenen, die in Wiener Labors gedreht wurden und die
stimmt gewesen, und das heiße Thema solle mit beunruhigenden Ergebnisse einer EU-Studie zeigten,
diesem Sendeplatz offensichtlich »unter dem Radar« fehlten in der MDR-Version.
laufen.
Beim MDR gibt man andere Gründe an: man- Regionales und Kurioses
gelnde Qualität. »Der Film entsprach handwerklich Das Thema Handy-Smog wird nicht gänzlich unter
und inhaltlich nicht unseren Standards«, sagt Claudia den Teppich gekehrt, findet aber in aller Regel
Schreiner, Programmchefin Kultur und Wissenschaft, nur im Regionalen statt. So berichtete das MDR-
»was Spannungsbogen, Handlungsstränge, logische Magazin exakt im März 2006 über die thüringische
Abfolge der Argumente und Kameraarbeit angeht.« Kleinstadt Steinbach-Hallenberg, in der 17 Menschen
Im Vertrag mit Scheidsteger sei deshalb ausdrücklich innerhalb weniger Jahre an Krebs erkrankt sind
die Bearbeitung und Kürzung eingeschlossen gewe- – alle wohnen im Hauptstrahl eines Funkmastes.
sen. »Außerdem fehlte der Deutschland-Bezug«, Der Bayerische Rundfunk brachte einen Vierminüter
so Schreiner weiter, »was schade ist, denn es ist ja über Oberammergau, wo der Bürgermeister den T-
ein Thema, das auch hierzulande Bedeutung hat.« Mobile-Masten den Strom abdrehen wollte, nach-
Was die Qualität angeht, so hat der MDR offenbar dem eine Neujustierung der Masten bei Anwohnern
deutlich strengere Maßstäbe als Frankreichs größter Beschwerden hervorgerufen hatte (22.11.2006);

DER HINTERGRUND DER MOBILFUNK-GRENZWERTE

E
s ist immer dieselbe Antwort, die Gesundheitsämter und Ministerien 1989 bis 1998 im Bundesamt für Strahlenschutz als Abteilungsleiter für
auf Briefe von Ärzten geben, die auf Leiden ihrer Patienten »Medizinische Strahlenhygiene und Nichtionisierende Strahlung«, und
im Zusammenhang mit Funkstrahlen aufmerksam machen: »Bei er saß ebenfalls in der Strahlenschutzkommission, als Vorsitzender des
Einhaltung der Grenzwerte der 26. Verordnung zur Durchführung des Ausschusses »Nichtionisierende Strahlen« (von 1987 bis 1989 und von
Bundesimmissionsschutzgesetzes ist der Schutz der Gesundheit sicherge- 1999 bis 2002). In einer anderen Funktion hat er also die Grenzwerte, die
stellt.« Ein Blick auf diese Grenzwerte lohnt sich. er selbst vorgeschlagen hat, abgesegnet.
Deutschland hat einen der höchsten weltweit: 10 Millionen Einen interessanten Einblick in Bernhardts Denken gibt ein
Mikrowatt pro Quadratmeter. Zum Vergleich: Russland, das schon viel Fernsehinterview vom 29.1.1997 auf 3sat (»Risiko Elektrosmog«). Darin
länger zum Strahlen-Thema forscht, lässt nur 20.000 Mikrowatt zu, die räumte er ein, dass es »Hinweise auf krebsfördernde Wirkungen und
Wissenschaftsdirektion STOA des EU-Parlamentes empfiehlt höchstens Störungen an der Zellmembran« gebe, aber: »Wenn man die Grenzwerte
100 Mikrowatt. Der deutsche Grenzwert, 1997 verabschiedet, ist von der reduziert, dann macht man die Wirtschaft kaputt, dann wird der
WHO empfohlen und hat zwei Kontrollinstanzen passiert: das Bundesamt Standort Deutschland gefährdet.« Da macht er sich die gleichen Sorgen
für Strahlenschutz (BfS) und die Strahlenschutzkommission (SSK). Das wie Ex-Kanzler Schröder, der im November 2001 einen Vorstoß seines
klingt vertrauenerweckend – bis man in die personellen Details eintaucht. Umweltministers Trittin zur Grenzwertsenkung blockierte, »um Unruhe
Denn die WHO hat ihre Empfehlung übernommen von der in der Wirtschaft zu vermeiden« (Berliner Zeitung, 10.11.2001).
International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection (ICNIRP). Übrigens: Bei der WHO zuständig für das Thema Elektromagnetische
Dieses Gremium ist kein Teil der WHO, sondern ein Verein, der beim Felder war bis vor wenigen Monaten der australische Wissenschaftler
Amtsgericht München eingetragen ist. Er besteht aus 14 Wissenschaftlern Michael Repacholi. Von 1992 bis 1996 war er Vorsitzender der ICNIRP,
aus verschiedenen Ländern, die teilweise auch für die Industrie arbei- seitdem ist er einfaches Mitglied. UK
ten. Vorsitzender der ICNIRP war von 1996 bis 2000 der Physiker (Quelle: Thomas Grasberger/Franz Kotteder: Mobilfunk – Ein
und Biophysiker Jürgen Bernhardt. Bernhardt arbeitete in den Jahren Freilandversuch am Menschen. Kunstmann-Verlag, München 2003)

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auch die Zeit berichtete (14.12.) Immerhin, unter der ten. Und so fand ein Mitschnitt des Ereignisses den
Rubrik »Kurioses« schaffen es Mobilfunkgeschädigte, Weg zu einem mobilfunkkritischen Internetforum,
ins Fernsehen zu kommen, so der ehemalige obwohl es Herbert Tillmann ausdrücklich als »interne
Funktechniker Ulrich Weiner. Der Mann ist mit- Veranstaltung« bezeichnet hatte.
tlerweile schwer elektrosensibel und fährt in einem Es ist aufschlussreich, die Tätigkeit des einladenden
Schutzanzug von Funkloch zu Funkloch, auf der Suche Tillmann näher zu beleuchten. Der ist nämlich nicht
nach einem ruhigen Plätzchen (MDR 19.11.2004). nur Technischer Direktor des BR und damit verantwort-
Hintergrundstücke sind indes äußerst selten. Eine lich für die Vermietung der BR-Immobilien an die Netz-
Ausnahme schien die 45-Minuten-Dokumentation betreiber. Er ist auch Vorsitzender der Produktions- und
»Bei Anruf Smog? – (Glaubens)Krieg ums Handy« Technikkommission von ARD und ZDF und treibende
(ARD 7.8.2003) zu sein. Für sie waren die Reporter Kraft bei der
bis nach Hawaii auf eine Wissenschaftlerkonferenz Entwicklung Mehr und mehr beschlich die Re-
geflogen. Sie schien den Programmverantwortlichen des öffentlich-
aber dann doch weniger wichtig und wurde kurzfristig rechtlichen dakteure des Bayerischen Rund-
verschoben, zugunsten einer bunten Geschichte über H a n d y - T V. funks das Gefühl, dass sie »auf
die Rekordhitze in Deutschland. Darüber hin-
Der Handyfilm lief statt Mittwoch 21.45 Uhr am aus sitzt er im Linie« gebracht werden sollten.
Folgetag auf dem deutlich schlechteren (und weniger Vorstand der
Leuten bekannten) 23-Uhr-Platz. Sofort sprühten die Forschungsgemeinschaft Funk (FGF), eines eingetra-
Spekulationen in den Mobilfunkkritiker-Foren: Reicht genen Vereins, der Forschung zum Thema »Wirkung
der lange Arm der Industrie bis in die Schaltkonferenz elektromagnetischer Felder« finanziert – mit Geld der
der ARD-Chefredakteure? Mobilfunkindustrie. Die Schlagseite der FGF ist nicht
nur in ihren Newslettern zu besichtigen, sondern
Industrie-Infos für Redakteure schon in der Liste der Vorstandsmitglieder: Tillmanns
Anhaltspunkte gibt es. Da fand zum Beispiel im Oktober Kollegen in der FGF arbeiten hauptberuflich bei
2002 eine merkwürdige Informationsver-anstaltung für Motorola, Bosch, Nokia, Vodafone, T-Mobile, E-Plus
Redakteure des Bayerischen Rundfunks statt. Zu ihr und im Bundeswirtschaftsministerium.
hatte der Technische Direktor des BR, Herbert Tillmann, Bis vor kurzem saß auch ein Siemens-Vertreter
geladen. Gleich in seiner Begrüßungsansprache wies er namens Dr. Uwe Kullnick an diesem Tisch – und der
auf den »schmaler werdenden Geldbeutel« hin und ver- war als Moderator und Referent der Tillmannschen
kündete den staunenden Zuhörern, »dass der Bayrische Informationsveranstaltung zu Gast im Haus des
Rundfunk den Mobilfunkbetreibern die Mitbenutzung BR. Nur wurde Kullnick den Redakteuren nicht als
seiner Senderstandorte gestattet«. Siemens-Mann vorgestellt, das wäre wohl etwas zu
Dieses Nebengeschäft ist übliche Praxis auch bei plump gewesen. Der Biologe trat als Vertreter des
den anderen ARD-Anstalten, wobei beteuert wird, Verbandes BITKOM auf, wo er den Arbeitskreis
dass die Einnahmen gerade mal die Kosten decken. »Mobilfunktechnik und Gesundheit« leitet. Das war
Der BR gibt dazu die Auskunft, dass er damit etwa allerdings schlecht kaschierte Befangenheit: BITKOM
4 Millionen Euro jährlich einnimmt; bei einem ist laut Internet-Selbstauskunft »das Sprachrohr der
Gesamtbudget um die 800 Millionen sei dies zu ver- IT-, Telekommunikations- und Neue-Medien-Branche«
nachlässigen. und »vertritt mehr als 1.000 Unternehmen«, die in
Trotzdem: Auf der vierstündigen Veranstaltung Deutschland jährlich »120 Milliarden Euro Umsatz«
bekamen die BR-Redakteure ausschließlich die Sicht erwirtschaften.
der Netzbetreiber zu hören. Die Schädlichkeit der
Strahlung sei nicht bewiesen, mithin handele es Kooperationen und Geschäfte
sich nur um ein »Kommunikationsproblem«. Die Geschäftliche Nähe zur Mobilfunkindustrie findet sich
Redakteure – so die Einschätzung einer Teilnehmerin auch bei anderen Medien. Das ZDF unterhielt von
– reagierten ob der Einseitigkeit der Information 2001 bis 2004 zusammen mit der Telekom-Tochter T-
sichtlich genervt. Mehr und mehr beschlich sie das Online das Nachrichtenportal heute.t-online.de – und
Gefühl, dass sie »auf Linie« gebracht werden soll- bekam dafür vom Partner laut einem Bericht der SZ

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(8.7.2004) mehr als 3 Millionen Euro pro Jahr für die schädlicher als Strahlung«, 13.11.2003). Besonders
Nutzungsrechte der ZDF-Nachrichten und der Marke plump: Als das Bundesamt für Strahlenschutz über
»heute« im Internet. Mit der Bild-Zeitung kooperiert eine Umfrage informierte, die ergab, dass 40 Prozent
die Telekom bis heute, das Internetportal der größten der Deutschen Angst vor Handystrahlung hätten,
deutschen Zeitung heißt Bild.T-Online.de. setzte die Redaktion das Wörtchen »lediglich« vor die
Deutschlands einflussreichste Nachrichtenagentur beachtlichen 40 Prozent, obwohl dies bei der zugrunde
dpa, von der sich die meisten Regionalzeitungen liegenden Pressemitteilung gefehlt hatte. Stolz ausge-
ernähren, macht selbst Geschäfte im Zusammenhang stellt sind alle diese dpa-Meldungen auf der Webseite
mit Mobilfunk und dürfte also am Erfolg der des Informationszentrums Mobilfunk, einer Lobby-
Technologie interessiert sein. 1996 gebar die Agentur Organisation der deutschen Mobilfunknetzbetreiber,
ihre 100-prozentige Tochter dpa-infocom GmbH, die die auch Lehrer und Ärzte fortbildet und kostenloses
Zeitungsverlagen Unterrichtsmaterial an Schulen liefert.
Das ZDF kooperierte jahrelang die Entwicklung
und Verbreitung Machtfaktor Anzeigen
mit T-Online, und dpa verfolgt von Multimedia- Beeindruckend für alle Medien dürfte die Marktmacht
selbst geschäftliche Interessen in Angeboten offe- der Mobilfunkindustrie sein. Und das Anzeigenvolumen,
riert. Seit Anfang das sie zu verteilen hat. Zwischen 582 und 820
Zusammenhang mit Mobilfunk. 2005 geht es Millionen Euro gab die Telekommunika-tionsbranche
auch um »lokale laut Nielsen-Werbeforschung in jedem der letzten fünf
Schlagzeilen und Sportergebnisse, Abstimmungen Jahre aus. Die Netzbetreiber T-Online, Vodafone, O2
und Gewinnspiele per SMS oder die Einsendung von und E-Plus gehören alle zu den Top 50 der größten
Mini-Leserbriefen direkt vom Handy« (ots-Meldung werbenden Firmen; die Telekom war im Jahr 2000
vom 3. März 2005), Partner beim Vertrieb sind unter sogar die Firma mit dem größten Werbebudget im
Expertise nicht gefragt: anderem T-Mobile, E-Plus und Vodafone. Land. Dass die ganze Branche wegen einer mögli-
Während SZ-Autoren aufwändig Die Zusammenarbeit funktioniert offenbar auch im chen erneuten Grenzwertdebatte in die Knie geht,
recherchierte Mobilfunkkritik Bereich der Berichterstattung gut. Die Agentur verbreitet können deshalb nicht nur die um Arbeitsplätze und
in Buchform veröffentlichen, regelmäßig Jubelmeldungen über die Vorteile von UMTS Steuereinnahmen besorgten Regierenden, sondern
werden in der SZ Elektrosensible (»Das Handy als Brandmelder – mobile Kommunikation auch die Medienkonzerne nicht wollen.
als Spinner hingestellt (links: wird vielseitiger«, 6.10.2004) und die Unschädlichkeit Mit zusammengerechnet 26 Zeitungsseiten
21./22.1.2006, rechts: 5.3.2004). der Strahlung (»Experte: Angst vor Handyantennen Anzeigen von Firmen wie Telekom, Nokia, Siemens
und E-Plus war zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung
im März 2001 gesegnet, als dort ein Redakteur kün-
digte, weil ihm ein Artikel über Mobilfunkgeschädigte
umgeschrieben worden war. Kurioserweise hatte
der SZ-Hauskarikaturist Pepsch Gottscheber das
Thema aufgebracht; er kämpfte in seiner Münchener
Dachgeschosswohnung mit Kopfschmerzen, seitdem
ein UMTS-Mast vom gegenüberliegenden Dach funk-
te. Lokalredakteur Thomas Grasberger sprach mit
dem Zeichner, den ebenfalls betroffenen Nachbarn
und mobilfunkkritischen Ärzten.
Als Grasberger seinen Artikel »Hilferuf aus dem
Antennenwald« am 27.3.2001 in der Zeitung sah, war
er schockiert: Der Beitrag war drastisch gekürzt, Sätze
waren umgeschrieben und abgeschwächt worden und
neue eingefügt, die die Glaubwürdigkeit eines kritischen
Gutachters in Zweifel zogen. Das Wissenschaftsressort
hatte dazwischengefunkt. »Und vor allem, ohne vorher
mit mir zu reden«, sagt Grasberger.

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Er kündigte – und machte weiter. Zusammen mit rellieren mit Industriegeld. Das Prinzip wäre nicht
Franz Kotteder, in der SZ-Redaktion für Münchener neu: Tabakkonzerne wie Philipp Morris und British
Kultur zuständig, recherchierte er das Thema aus und American Tobacco vernebelten mit gekauften
veröffentlichte 2003 ein ganzes Buch: »Mobilfunk – Wissenschaftlern jahrzehntelang den Zusammenhang
Ein Freilandversuch am Menschen«. Darin ist nicht nur zwischen Rauchen und Lungenkrebs; Ölmulti
der Forschungsstand aufgearbeitet, sondern sind auch Exxon Mobile schaffte künstlichen Streit darüber, ob
Verquickungen von Industrie, Politik und Wissenschaft Kohlendioxid tatsächlich für die Erderwärmung ver-
dargelegt. Die Autoren berichten, wie Studien manipu- antwortlich ist (SZ 27.9.2006).
liert wurden und Wissenschaftler Publikationsverbot
für unliebsame Ergebnisse erhielten, etwa der Lübecker Spiegel ohne Neugier
Uniklinik-Arzt Lebrecht von Klitzing. Immerhin gibt selbst das Bundesamt für Strahlenschutz
Nach dieser Arbeit war Franz Kotteder wohl der an, dass sechs Prozent der Deutschen elektrosen-
am besten informierte Mann in der SZ-Redaktion, was sibel seien; in Schweden, wo Elektrosensibilität als
den Forschungsstand zur Mobilfunkstrahlung anging. Krankheit anerkannt ist, geht man von 30 Prozent
Aber seine Expertise war nicht gefragt. Stattdessen gab der Bevölkerung aus.
es den Feuilleton-Aufmacher »Strahlung als Metapher« So bleibt unklar, mit welcher Selbstsicherheit auch
(5.3.2004), der Mobilfunkgeschädigte als modernefeind- der Spiegel Mobilfunkkritiker abqualifiziert. In einem
liche Ideologiekritiker mit eingebildetem Leiden hin- Interview mit einem Epidemiologen (9.4.2001) war
stellte, und den Artikel »Irre Energie« (21./22.1.2006) man sich beim Thema Elektrosmog einig, dass man
von Wissen-Ressortchef Patrick Illinger. darüber gar
Der Autor plädiert dort für mehr Gelassenheit nicht diskutie- Sechs Wochen hat ein Wirtschafts-
und schreibt über die von der EU finanzierte Reflex- ren muss. So
Studie, die eine genverändernde Wirkung elektroma- »fragten« die redakteur des Spiegel an einer
gnetischer Strahlen festgestellt hatte: »Initiator der zwei Spiegel- Titelgeschichte zum Thema recher-
Reflex-Studie ist eine Stiftung, die der ‚Verband der Leute ihr Ge-
Cigarettenindustrie’ finanziert hat. Ist es unseriös, die genüber: »Das chiert. Erschienen ist nichts.
Frage zu stellen, ob Zigarettenhersteller womöglich Phänomen
einen Vorteil davon haben, wenn sich die Bevölkerung wird gegenwärtig mit Millionenaufwand erforscht.
vor Handys mehr fürchtet als vor Tabak?« Bisherige Studien finden aber keinen Zusammenhang
Die Frage nach dem Einfluss der Geldgeber auf die zwischen Handy-Strahlen und Krebs.« Und weiter:
Ergebnisse ist nicht unseriös. Aber Illinger ist inkon- »’Die Elektrosmog-Gläubigen geben nie auf’, schreibt
sequent: Er erwähnt nicht, dass der Löwenanteil aller das British Medical Journal. Dabei sei es ganz egal,
Mobilfunkstudien von der Mobilfunkindustrie finan- zu welchen Ergebnissen eine Studie kommt.« Der
ziert wird – 80 Prozent, wie Professor Franz Adlkofer, Experte durfte dann alles bestätigen – besonders neu-
der Koordinator der Reflex-Studie, schätzt. gierig klangen die Interviewer nicht.
Neugieriger war offenbar ein anderer Spiegel-Mann,
Strategische Desinformation der sich Anfang 2001 für eine geplante Titelgeschichte
Die unübersichtliche Forschungssituation mit mit- bei Mobilfunkkritikern umgehört hatte. Er ließ sogar
tlerweile tausenden von Studien ist sicher auch ein bei der »Bürgerwelle«, einem Dachverband von
Grund, warum Redakteure das Thema so vorsichtig Bürgerinitiativen gegen Funkmasten, zwei Fotografen
behandeln: Unter Zeitdruck kann man sich bei der Bilder machen, wie dessen Vorsitzender berichtet.
Fülle an Material kaum eine Meinung bilden. Aber Der Wirtschaftsredakteur Klaus-Peter Kerbusk, der
was, wenn der Dissens in der Wissenschaft künstlich sich unter anderem mit der Telekommunikationsbra
hergestellt wurde, indem immer neue Gutachten in nche befasst, bestätigt die Recherche, die ihn sechs
Umlauf gebracht werden? Der Verdacht liegt nahe, Wochen gekostet und bis nach Schweden geführt hat.
wie das angesehene New Yorker Journal Microwave Veröffentlicht hat er am Ende nichts. Warum? »Es gab
News im Juni 2006 festgestellt hat. Sie verglich in der Redaktion«, sagt Kerbusk, »sehr unterschied- Uwe Krüger ist
Geldgeber und Ergebnisse von 85 einschlägigen liche Auffassungen über die möglichen Risiken und Mitglied der
Studien und stellte fest: Beruhigende Resultate kor- Gefahren durch die Handystrahlung.« ■ Message-Redaktion.

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