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Zwangsarbeit

in
Frankfurt (Oder)
1940–1945

Frankfurt (Oder) 2009

1
Herausgeber:
Inhalt
Arbeitsstelle für evangelische Kinder- und Jugendarbeit
im Kirchenkreis An Oder und Spree
Vorwort 5
Arbeitsgruppe Zwangsarbeit
Das System der faschistischen Zwangsarbeit 7
im Rahmen des Lokalen Aktionsplanes der Stadt Frankfurt
(Oder), der aus Mitteln des vom Bundesministerium für Zwangsarbeit in Frankfurt (Oder) 21
Familie, Senioren, Frauen und Jugend aufgelegten Bundes-
programms Das Arbeitserziehungslager „Oderblick“ 39

„VIELFALT TUT GUT. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“ Das Krankensammellager Güldendorf 53

gefördert wird. Briefe von Zwangsarbeiterinnen 67

Die Reise 109

Nachwort 127

Impressum:
c./o. Arbeitsstelle für evangelische Kinder- und Jugendarbeit im Kirchenkreis An
Oder und Spree, Steingasse 1 a, 15230 Frankfurt (Oder)
Auflage: 500 Exemplare
Umschlag: Gerhard Hoffmann, Frankfurt (Oder) ©
Collage: Burkhard Koller, Frankfurt (Oder) ©
Fotos: Sammlung Bernhard Klemm, Frankfurt (Oder) (1), Privat (28)
Repros: Burkhard Koller
Satz: Satzstudio Schneider, 15537 Erkner, Tel./Fax (0 33 62) 2 31 45
Druck: Buch- u. Offsetdruckerei Häuser KG, 50829 Köln, Tel. (02 21) 95 65 03-0

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Vorwort

„Das Geheimnis der Versöhnung ist die Erinnerung.“


Als am 27. Januar 2009, am Internationalen Gedenktag für die
Opfer des Nationalsozialismus, eine Junge-Gemeinde-Theater-
gruppe mit Mitgliedern des Seniorentheaters „Spätlese“ Briefe
ehemaliger Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine in Szene setzte,
ging dieser Moment uns Frankfurtern unter die Haut.

Auch 65 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft darf dieses


schreckliche Kapitel unserer Geschichte nicht im Dunkel der
Vergangenheit versinken.
Diese Frauen konnten noch vor ihrem Lebensende vom erlitte-
nen Unrecht und von Demütigungen während ihrer Zwangsar-
beitszeit in Frankfurt (Oder) erzählen. Sie stehen für Millionen
Opfer eines menschenverachtenden Systems, dessen Gräueltaten
wir nie vergessen dürfen.

Mit den in dieser Broschüre veröffentlichten Briefen bekommt


das Grauen ein Gesicht. Es geschah hier in unserer Stadt. Die
Orte des Geschehens können wir betreten, aber die Spuren des
Unrechts sind für uns nicht mehr erkennbar. Sie dauerhaft sicht-
bar zu machen bedarf einer engagierten Erinnerungsarbeit.

Für wen sollten wir das überhaupt tun? Ich denke besonders an
junge Leute, die ohne Kenntnisse der Geschichte, ohne emoti-
onales Begreifen menschlichen Leidens sehr leicht die Gruppe
derer vergrößern können, die aus Blindheit und Gleichgültigkeit
heraus die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen im Stande
sind. Dazu dürfen wir es nicht kommen lassen.

Ich unterstütze jedes Bemühen, das auf Versöhnung zielend sich


der Erinnerungsarbeit widmet. Für das hohe Engagement der
Recherchegruppe über die Zwangsarbeit in Frankfurt (Oder),

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angesiedelt bei der Arbeitsstelle für evangelische Kinder- und Ju- Gerhard Hoffmann
gendarbeit, möchte ich danken. Ein Ergebnis ihrer Projektarbeit
ist diese Broschüre, die dazu beitragen möge, dass die Erinne-
rung an das Geschehene für immer wach bleibt.
Das System der faschistischen Zwangsarbeit
Ich wünsche mir, dass besonders junge Menschen diesen Teil un-
serer lokalen Geschichte als Impuls verstehen, ihr Bemühen um Das System der Zwangsarbeit war für den faschistischen deut-
Versöhnung, Anerkennung und Verständnis zwischen Menschen schen Staat ein bedeutsames Mittel für die politische und wirt-
und Völkern durch eigenes Engagement zu verstärken. schaftliche Herrschaftssicherung.
Insbesondere während des Krieges sollte mit der Zwangsarbeit
Peter Fritsch fehlende Arbeitskraft kompensiert werden. Diesem Ziel dienend,
Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung Frankfurt (Oder) arbeiteten staatliche Apparate und entwickelten vielfältige For-
men der Zwangsarbeit.
Der Arbeitszwang für exakt definierte soziale oder rassische
Gruppen in der Gesellschaft gehörte dazu.
Und der Arbeitsdienst für Menschen in den von der Wehrmacht
besetzten Ländern war ebenso Bestandteil des Systems wie der
Einsatz von Häftlingen der Konzentrationslager in der deut-
schen Industrie.

Bereits vor Beginn des Krieges erfolgte durch die Nazis eine
staatliche Regulierung auf dem Arbeitsmarkt. So war geplant,
dass „alle Personen, die sich dem Arbeitsleben der Nation“ nicht
anpassten, zwangsweise für die Aufrüstung beschäftigt werden.
So genannte „Arbeitsscheue“, Landstreicher und mehrfach Vor-
bestrafte, wurden gejagt, oft denunziert, von den Nazis in groß
angelegten Razzien festgenommen. Man brachte sie in die Kon-
zentrationslager und stigmatisierte sie als so genannte „Asoziale“.
Zu dieser Häftlingsgruppe gehörten nicht selten Sinti und Roma,
die keinen festen Wohnsitz hatten.
Zum Ende des Jahres 1938 begann der von den deutschen Ar-
beitsämtern organisierte „geschlossene Arbeitseinsatz“ zunächst

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für Juden, die Sozialunterstützung erhielten, später für alle Ju- vielfach unter unsäglichen Bedingungen vegetierenden Arbeits-
den.1 sklaven unterlagen dem Polensonderstrafrecht, mit dem absolu-
ter Gehorsam erzwungen werden sollte.
Nach Kriegsbeginn und dem Überfall auf Polen ordnete die deut- Jede Widersetzlichkeit, wozu zum Beispiel auch eine als deutsch-
sche Besatzungsmacht bereits im Oktober 1939 Zwangsarbeit für feindlich verstandene Äußerung gehören konnte, zog erhebliche
alle polnischen Juden an. Bei der Durchsetzung der drakoni- Bestrafung nach sich.4
schen Maßnahmen, die teilweise in Gewaltexzesse ausarteten,
spielten Wehrmachts- und SS-Einheiten eine wesentliche Rolle. In allen okkupierten Ländern wurden aufwändige Kampagnen
Anfang 1941 gab es in Polen und im Großdeutschen Reich ca. durchgeführt, die zur Gewinnung von Arbeitskräften für den
800000 jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. In al- „Reichseinsatz“ führen sollten. Schließlich konnte jede(r) Ar-
len von den Deutschen okkupierten Ländern und Gebieten war beitsfähige aus den besetzten Ländern in die Zwangsarbeit ge-
für Juden Zwangsarbeit verfügt. Das betraf sogar das so genannte presst werden.
Wehrmachtsgebiet Tunesien.2
Ab 1942 begannen die Einsatzstäbe der deutschen Wehrmacht
In das System der Zwangsarbeit waren auch die von den Nazis so systematisch mit der zwangsweisen Rekrutierung von Millionen
bezeichneten Fremdarbeiter integriert. Zivilisten aus der Sowjetunion.
Anfänglich handelte es sich um den freiwilligen Arbeitseinsatz Zuvor hatten deutsche „Herrenmenschen“ die meisten sowjeti-
„arischer“ Österreicher. Zum Teil kamen Freiwillige aus westeu- schen Kriegsgefangenen in Kriegsgefangenen- und Konzentrati-
ropäischen Ländern zum Arbeitseinsatz nach Deutschland. onslagern unter Bruch international verbindlichen Rechts durch
Schrittweise folgten dann die „Verschickung“ österreichischer Unterernährung und brutale Misshandlungen für einen Arbeits-
Juden, die Verpflichtung von Tschechen zur Zwangsarbeit, einsatz unbrauchbar gemacht.
schließlich auch der Arbeitseinsatz polnischer Kriegsgefangener, Ersatz sollte durch Zivilpersonen geschaffen werden.5
was einen eklatanten Bruch international anerkannten Rechts
darstellte.3 In einer Verordnung Hitlers erhielt am 21. März 1942 die Rüs-
Nach dem Überfall auf Polen wurden zunächst Arbeitskräfte tungswirtschaft
für den Einsatz in Deutschland angeworben. Die Ergebnisse
entsprachen nicht den Vorstellungen, sodass später Einheiten „[…] den unbedingten Vorrang beim Arbeitskräfteeinsatz und
der deutschen Wehrmacht und der SS groß angelegte Aktionen bei der Verteilung von Rohstoffen und Erzeugnissen […] Gau-
durchführten, um Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter mit leiter Fritz Sauckel erhält als Generalbevollmächtigter für den
Gewalt zu rekrutieren und nach Deutschland zu verbringen. Arbeitseinsatz weitgehende Vollmachten, um Fremdarbeiter aus
Im Sommer 1940 waren bereits über eine Million Polen als den besetzten Gebieten auch zwangsweise nach Deutschland
Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Deutschland. Diese bringen zu können.“ 6

1 Vgl. Wolf Gruner, Zwangsarbeit. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml, Her- 4 Vgl. Ebenda
mann Weiß (Hrg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 1997, S. 5 Vgl. Peter Widmann: Fremdarbeiter. In: Benz, Grammel, Weiß a. a. O.,
813 f S. 470 f.
2 Vgl. Ebenda 6 Martin Broszat / Norbert Frei (Hrg.): Das Dritte Reich im Überblick. Mün-
3 Vgl. Ebenda chen 1989. S. 270 f.

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Die polnischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bilde- In der Richtlinie des Reichsführers – SS und Chef der Deutschen
ten gemeinsam mit den aus der Sowjetunion nach Deutschland Polizei im Reichsministerium des Innern vom 20. Februar 1942
gezwungenen „Ostarbeitern“ und den Juden das untere Ende der wurde zur Kennzeichnung der „Ostarbeiter“ festgelegt:
menschenverachtenden rassischen Hierarchie.7
„3. Kennzeichnung
Polnische und sowjetische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsar- Die Kennzeichen sind von mir zentral in Auftrag gegeben. Der
beiter waren zumeist in Lagern untergebracht und so von Kon- zzt. bestehende Bedarf – für jeden Arbeiter sind fünf Abzeichen
takten zu Deutschen nahezu isoliert. Gleichwohl sah die deut- vorgesehen – ist sofort durch die Kreispolizeibehörden zu ermit-
sche Bevölkerung die bejammernswerten Gestalten, wenn sie zur teln und von diesen der Fa. ‚Berliner Fahnenfabrik Geistel und
oder von der Arbeit geführt wurden. Co., Berlin C 2, Wallstraße 16, unmittelbar aufzugeben. Die
Firma übersendet die bestellten Mengen sofort aus den vorhan-
Polnische Zwangsarbeitskräfte mussten an ihre Kleidung eine denen Lagerbeständen durch die Post, portofrei und ohne Berech-
spezielle, weithin erkennbare Kennzeichnung, ein großes P, tra- nung der Verpackung. Die Kennzeichen sind durch die Ortspoli-
gen. Dieses Kennzeichen hatten sie von ihren erbärmlichen Ein- zeibehörde in Streifen zu fünf Stück zum Preis von RM –,10 je
künften selbst zu bezahlen. Streifen – gegebenenfalls unter Hinzuziehung der Bewachungs-
mannschaften – an die Arbeitskräfte auszugeben […] Für die
Die aus der Sowjetunion Kommenden waren durch das überdi- Anbringung der Kennzeichen ist neben dem Arbeiter auch der
mensionierte Kennzeichen „OST“ stigmatisiert. Arbeitgeber verantwortlich […]“ 8

Ostarbeiter waren besonderer Ausbeutung, Drangsal und Ernied-


rigung unterworfen. Die Versorgung mit Lebensnotwendigstem
hatte die deutsche Bürokratie auf ein Minimum reduziert, sodass
vielfach nicht einmal die Arbeitskraft erhalten werden konnte.
Allein der Begriff Ostarbeiter, angewendet für die zwangsde-
portierten Sowjetbürgerinnen und Sowjetbürger, ist Ausdruck
von Geringschätzung. Durch diese Wortwahl erfolgte gezielt die
Beseitigung jeglicher Individualität und somit die Charakterisie-
rung dieser Menschen als dumpfe Masse, deren höchster Wert
die Arbeitskraft ist.

Der nazistische Reichspropagandaminister Joseph Goebbels


führte auf einer Ministerkonferenz im Juli 1942 aus:

8 Zitiert nach: Helmut Fritsch: Zwangsarbeit in Hennigsdorf 1940 bis 1945.


7 Vgl. Ebenda Hennigsdorf 2001. S. 35.

10 11
„Es gibt Lebewesen, die deshalb so widerstandsfähig sind, weil Im Verlauf des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsver-
sie so minderwertig sind. Ein Straßenköter ist auch widerstands- brecher ermittelten die Alliierten die Zahl von 12 bis 14 Milli-
fähiger als ein hochgezüchteter Schäferhund. Deshalb ist aber der onen Menschen, die bis Kriegsende Fronarbeit leisten mussten.
Straßenköter nicht wertvoller. Eine Ratte ist auch widerstands- Spätere Untersuchungen nennen die Zahl von mehr als 20 000
fähiger als ein Haustier, weil sie unter so schlechten sozialen und Zivil- und Arbeitslagern, in denen 10 bis 12 Millionen Arbeits-
wirtschaftlichen Verhältnissen lebt, dass sie sich schon eine gesun- sklaven unter unsäglichen Bedingungen vegetieren mussten, um
de Widerstandkraft aneignen muss, um überleben zu können. für die deutsche Kriegswirtschaft zu schuften.10
Auch der Bolschewist ist widerstandsfähig.“ 9
Diese Menschen waren in ihren Heimatländern oft brutal zu-
Derartige menschenverachtende Gedankengänge eines führen- sammengetrieben worden. Züge der Deutschen Reichsbahn
den Nazis fanden natürlich Aufmerksamkeit bei Verantwor- brachten sie in großen Transporten nicht selten auf den längsten
tungsträgern, wurden in den Gliederungen der Nazipartei re- Strecken „ins Reich“, wie es hieß.
flektiert und bestimmten in der Konsequenz Verhaltensweisen Ausgehungert, Durst leidend, verdreckt, nach entwürdigender
vieler Menschen. Behandlung verstört und verunsichert, unkundig der alles beherr-
schenden deutsche Sprache, eingeschüchtert durch die bewaffne-
Für die Organisation der Zwangsarbeit waren die Arbeitsverwal- te Bewachung und zerfressen von Heimweh und Zukunftsangst,
tungen verantwortlich. Polizei, Wehrmacht, SS und zivile Besat- gerieten sie in das unmenschliche System der Zwangsarbeit, von
zungsbehörden waren in das System integriert. der „Herrenrasse“ erdacht und ohne Skrupel durchgesetzt.
Alles, was Freude am Leben ausmacht, war den zumeist jungen
Den Nutzen aus der Zwangsarbeit zog in erster Linie der faschis- Frauen und Männern unter Androhung schärfster Strafen unter-
tische Staat. Besonders profitierten Rüstungskonzerne und an- sagt. Vielen von ihnen war durchaus bewusst, dass sie mit ihrer
dere Großbetriebe vom massenhaften Einsatz billigster Arbeits- Arbeit dazu beitrugen, den Krieg gegen ihre Heimatländer zu
kräfte. Gleichermaßen hohen materiellen Nutzen zogen private ermöglichen und zu verlängern.
und öffentliche Unternehmen aller Bereiche, zum Beispiel auch So, wie die Kriegsfurie immer neue Länder schluckte, kamen
die Kirche. Oftmals war es der Handwerksmeister oder der Bau- neue Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer, sofern sie nur als
er, aber auch die Offizierswitwe, die sich, wie es hieß, „ihren ausbeutungsfähig angesehen wurden, nach Deutschland zur
Iwan“ oder „ihre Mascha“ hielten. Zwangsarbeit. Für die oft schwersten und fast unzumutbaren
Arbeiten bekamen sie ein Entgelt, das eher Symbolwert hatte.
Insofern war der Einspruch berechtigt, der 1999 erfolgte, als in Eine Entlohnung erhielten sie nicht.
den Medien eine seit den frühen 1950er Jahren bekannte Liste
mit Namen von 2 498 Unternehmen veröffentlicht wurde, die in Wer sich an diesen beklagenswerten Menschen irgendwie berei-
der Nazizeit Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ausgebeu- chern konnte, tat es.
tet hatten. Diese Liste konnte nicht vollständig sein. In Einzelfällen gab es Zuwendung von Deutschen. Das war un-
bedingt die Ausnahme.
9 Zitiert nach: http://www.zwangsarbeit.rlp.geschichte.unimainz.de/Zwangsar-
beiterinnen_MZ-WI... Willi A. Boelcke (Hrg.): „Wollt Ihr den totalen Krieg?“
Die geheimen Goebbels-Konferenzen 1939-1943. Stuttgart 1967. 10 Vgl. Helmut Fritsch: a. a .O. S. 3.

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Jegliches Unrechtsbewusstsein war getilgt, die ideologische Be- VI. Es sind bei der Staatspolizeistelle […] zu melden
einflussung wirkte massiv auf die Menschen. 1.) Flüchtige Ostarbeiter […] Vermerk, ob Rückführung er-
Dort, wo in irgendeiner Weise Beziehungen zwischen Deutschen wünscht ist.
und Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern entstanden, lie- 2.) Aufgegriffene Ostarbeiter. Bericht. – Zuführung an das
fen die Beteiligten Gefahr, nachhaltig bestraft zu werden. Arbeitsamt oder sonstiger Arbeitseinsatz sind unzulässig.
In einem Dokument der Geheimen Staatspolizei heißt es: 3.) Ermittlungsvorgänge zu Straftaten. – Sie sind keinesfalls
den Justizbehörden vorzulegen.
III. Es ist verboten: 4.) Fälle von Geschlechtsverkehr mit Reichsdeutschen. […] 11
1.) Verlassen des Ortspolizeibezirks […]
2.) Beurlaubung während der Nacht. Ausgang muss spätestens Wer gegen solche Festlegungen verstieß, wurde hart bestraft.
bis 21.00 Uhr beendigt sein. Prügelstrafe, Arbeitserziehungslager, Konzentrationslager, Hin-
3.) Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel über den Ortspolizei- richtungen gehörten zu den Strafen. Der Verweis darauf, Er-
bezirk hinaus. mittlungsvorgänge keinesfalls den Justizbehörden zukommen
4.) Teilnahme an deutschen Veranstaltungen. zu lassen, ist durch das Sonderstrafrecht, das das Standrecht ein-
5.) Besuch von Theater und Kino, wenn Reichsdeutsche daran schloss, zu rechtfertigen gewesen.
teilnehmen.
6.) Besuch von Gaststätten […] Es ist inzwischen unbestrittene Tatsache, dass die deutsche
7.) Besuch deutscher Kirchen, auch der bestehenden orthodo- Kriegswirtschaft auch durch die skrupellose Ausbeutung der Ar-
xen. beitssklaven höchste Gewinne erzielte.
8.) Besitz und Benutzung von Fahrrädern.
9.) Besitz und Benutzung von Fotoapparaten. Für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurde erst der 8.
10.) Besitz von Führerscheinen. […] Mai 1945 zum Tag ihrer Befreiung.
11.) Bedienung eines Rundfunkgerätes.
12.) Besuch von Friseurgeschäften. Nach zähen Debatten kam es in der Bundesrepublik Deutsch-
land fünfundfünfzig Jahre nach der Befreiung, im Jahre 2000,
IV. Grundsätzlich ausgeschlossen sind: zur Bildung einer Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung
1.) Eheschließungen zwischen Reichsdeutschen und Ostar- und Zukunft“. Durch diese Einrichtung sollten Leistungen an
beitern. – Eheschließungen von Ostarbeitern mit anderen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bereitgestellt werden.
Ausländern sind unerwünscht. […] Eine Auszahlung der Leistungen war davon abhängig, ob Doku-
2.) Schulbesuch von Ostarbeiterkindern und Berufsschule für mente oder andere Beweise dafür erbracht werden konnten, die
Jugendliche. belegten, dass tatsächlich Zwangsarbeit geleistet wurde. Vielfach
konnten von den alten, oft kranken und hinfälligen Menschen
V. Nicht zulässig sind diese Beweise nicht erbracht werden, sodass sie keine Leistungen
1.) Urlaub-und Familienheimfahrten. erhielten. Kriegsgefangene, die Zwangsarbeit leisten mussten,
2.) Verkauf von Mangelware an Ostarbeiter […]
3.) Erweisung des „Deutschen Grußes“ durch Ostarbeiter […] 11 Zitiert nach: Helmut Fritsch, a. a. O. S.4 ff.; BLHA, Rep. 2, Reg. Potsdam,
Abt. I, Nr. 2894, Blatt 8/9.

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blieben von den Leistungen ausgeschlossen. Für die Leistungen
wurde der Begriff „Zwangsarbeiterentschädigung“ angewendet.
Eine Entschädigung für zugefügtes Leid, für ertragene Schmach,
für unmenschliche Behandlung, Erniedrigung und gewissenlose
Ausbeutung kann es nicht geben.

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Zwangsarbeit in Frankfurt (Oder)

Wendet man sich dem Thema Zwangsarbeit in Frankfurt (Oder)


zu, offenbart sich eine eigenartige Zurückhaltung. Die Jahre
1940 bis 1945, in denen ausländische Arbeitskräfte nachweisbar
an verschiedenen Stellen der Stadt arbeiten mussten und unter-
gebracht waren, erscheinen im Hinblick auf dieses Thema unter­
belichtet.

Wenn überhaupt, fand die Problematik in ihrer Breite in den Jah-


ren 1945 bis 1990 nur selten Erwähnung. Den Schwerpunkt his-
torischer Betrachtungen bildeten die Geschichte der deutschen
Arbeiterbewegung, der antifaschistische Widerstandskampf und
die Aufbauleistungen der Deutschen Demokratischen Republik.
Da in der Sowjetunion die Zwangsarbeit in Deutschland eher ein
Tabu war, weil stets mit Verdächtigungen verbunden, die sowje-
tischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter könnten mit
den Deutschen kollaboriert haben, wandte man sich in der DDR
dem Thema nicht oder nicht öffentlichkeitswirksam zu.
Überdies verstand sich die DDR als Erbe des antifaschistischen
Widerstands und somit als Sieger der Geschichte.
Materiell schien durch die erheblichen Reparationsleistungen, die
von der DDR für ganz Deutschland an die Sowjetunion zu ent-
richten waren, auch Unrecht, das an Menschen begangen worden
war, abgegolten. Aus diesem Verständnis wurde keine Veranlas-
sung gesehen, sich der Zwangsarbeit intensiv zuzuwenden.
Die dadurch entstandenen Zeit- und Informationsverluste sind
nicht mehr zu kompensieren.
Die Aktenlage ist spärlich, Zeitzeugen sind kaum noch zu befra-
gen, Sachzeugnisse und authentische Orte sind fast nicht mehr
zu finden.

Nach 1990 entstandene beachtenswerte Publikationen zur Lo-


kalgeschichte der Stadt Frankfurt (Oder) tangieren Zwangsarbeit
nicht. Das erstaunt insofern, als durchaus eine Sensibilisierung

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der Öffentlichkeit stattgefunden hatte – nicht zuletzt durch die staurationen wie „Sanssouci“, dort, wo die Markendorfer Straße
politische Thematisierung und das würdelose Feilschen um ma- auf die Hindenburgstraße (heute August-Bebel-Straße) traf , fan-
terielle Entschädigungsleistungen für Zwangsarbeit in Deutsch- den in dem großen Saal noch Tanzveranstaltungen statt, ebenso
land. im „Tivoli“ in der Kliestower Straße 4112 und an anderen Orten.

Dennoch: Auch für Frankfurt (Oder) ist zu belegen, dass hier


durch nach Deutschland Verschleppte Zwangsarbeit geleistet
werden musste.
Verschiedene Anlässe boten in den letzten Jahren Möglichkei-
ten, Schicksale von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern
der Öffentlichkeit nahe zu bringen.
Weitere Spurensuche darf nicht mehr unterlassen werden, sich
ihr zuzuwenden, ist dringlich geboten.
Frankfurt (Oder) – eine beschauliche Stadt am Fluss, hatte ihren
Lebensrhythmus nach dem Kriegsbeginn 1939 kaum zu verän-
dern brauchen. In den Ämtern und Verwaltungen, in den Ka-
sernen, bei der Deutschen Reichsbahn mag es Veränderungen
gegeben haben. Für die Bevölkerung muss das nicht unbedingt
wahrnehmbar gewesen sein.

So, wie das Leben nach dem Boykott jüdischer Geschäfte und Tanzsaal „Sanssouci“
Praxen am 1. April 1933 weiterging, ohne dass es, bis auf wenige
Ausnahmen, Einhalt gebietende Reaktionen gegeben hätte, war In der Dammvorstadt, dem am östlichen Ufer der Oder gelege-
die brennende Synagoge am 9. November 1938 hingenommen nen Stadtteil mit seinem Ostmarkstadion und dem Gesellschafts-
worden. Neugierige konnten sehen, dass die Feuerwehrleute Dä- haus, pulsierte das Leben. Das „modernste Tonfilmtheater am
cher nebenstehender Häuser nässten, die Synagoge aber brennen Platze“ – Skala – in der Richtstraße zeigte Filme, auch die Wo-
ließ. Dass laut Fragen gestellt worden wären, ist nicht überliefert. chenschauen mit den Kriegserfolgen. Die Kirchenglocken riefen
Schülerinnen und Schüler wunderten sich, dass jüdische Klas- die Gemeindeglieder zu den Gottesdiensten. Normalität überall.
senkameraden plötzlich nicht mehr solche sein durften und
eines Tages wegblieben. Wo sie geblieben waren, schien nicht Überall?
besonderes Interesse hervorgerufen zu haben. Von den Beamten in der Reichsbahndirektion „Osten“ in der
Litzmannstraße (heute Logenstraße) muss doch wahrgenommen
Das Leben verlief in den normalen Bahnen. Die Badeanstalten, worden sein, dass aus dem von der Wehrmacht besetzten Polen
das Damen-, Herren-, das Familienbad und die Badeanstalt auf Güterzüge mit Menschen nach Deutschland rollten. Es ist nicht
dem Ziegenwerder luden zu Sport und Spaß ein, in der Großen
Scharrnstraße und in der großen Oderstraße ließ es sich trefflich 12 Kliestower Straße ab 1941 Küstriner Straße, heute wieder Kliestower Straße,
flanieren, die Cafés und Restaurants hatten Gäste. Größere Re- Verlängerung der Herbert-Jensch-Straße

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auszuschließen, dass hier gewissenhaft geplant wurde, wie viele Obwohl den „Fremdarbeitern“, zumeist aus Frankreich, Belgi-
Waggons welcher Art, wie viele Lokomotiven, welches Personal en, Italien, der Tschechoslowakei einige wenige Freizügigkeiten
zu welchem Zeitpunkt bereitzuhalten waren, um die Transport- zugestanden wurden, waren sie keine Freien. Die meisten von
leistung erbringen zu können. Einiges spricht dafür, dass „nor- ihnen lernten schnell, dass sie, als Arbeitssklaven missbraucht,
male Geschäftsvorgänge“ abgewickelt, dass wie gewöhnlich „auf dazu beitragen mussten, dass der Krieg gegen ihre Heimatländer
Weisung von oben“ gearbeitet und verwaltet wurde. weitergeführt werden konnte.
Lokomotivführer, Heizer, Zugbegleitpersonal aus der Siedlung Dass sich französische Kriegsgefangene als „Fremdarbeiter“ in
Paulinenhof oder aus den Häusern in der Hindenburgstraße Güldendorf Frösche fingen und sich Froschschenkel als Natio-
[s.o.] gingen sicher wie gewöhnlich ihrer Arbeit und ihren Frei- nalgericht bereiteten, ist als Episode überliefert und wird als Indiz
zeitbeschäftigungen nach. Warum sollte der Lokführer nach der dafür genannt, dass es ihnen so schlecht doch gar nicht ging.14
Fracht fragen, wenn es gut rollte? Obwohl Krieg war, schien es
keinen Grund zur Beunruhigung zu geben. Von „Liebschaften“ mit Deutschen ist gelegentlich die Rede.
Dass bei Bekanntwerden das Konzentrationslager oder gar die
In den Verwaltungen, in den Arbeitsämtern trafen die Beamten Todesstrafe drohten, findet seltener Erwähnung.
Entscheidungen und der Begriff „Fremdarbeiter“ gehörte nach
Kriegsbeginn zu den geläufigen. Den „Fremdarbeitern“ sei es gut gegangen, sie seien gut behan-
Das Bauamt prüfte Anträge zur Errichtung von Barackenlagern delt worden. Musste das hervorgehoben werden, weil die Be-
und genehmigte sie für Gelände an der Markendorfer Chaussee, handlung in Gänze miserabel war?
für Güldendorf, Booßen. Erweiterungsbauten zur Unterbrin- Sie wären frei gewesen, hieß es. So frei, schamlos ausgebeutet zu
gung von „Fremdarbeitern“ genehmigten sie. Die Bauten wurden werden, in Baracken unter menschenunwürdigen Bedingungen
ausgeführt, die Baracken errichtet. hausen zu müssen und sich unter Androhung drakonischer Stra-
fen einem extra für sie festgelegten Reglement zu unterwerfen.
Der „Fremdarbeiter“, so der Eindruck, kam durchaus willig nach
Deutschland, um zu arbeiten. Sicher, es kamen welche freiwillig. Nicht selten wird erwähnt, „die“ hätten beim Essen gleichberech-
Die waren deutschen Werbern gefolgt. tigt mit am Tisch gesessen. Das wird in Einzelfällen so gewesen
Der ab 1942 eingesetzte „Generalbevollmächtigte für den Ar- sein. Hervorhebenswert scheint es zu sein, weil es Ausnahmen
beitseinsatz in Deutschland“, Fritz Sauckel, erklärte, dass waren. Schließlich gab es ein striktes Verbot, derartige Kontakte
zu pflegen.
„von den fünf Millionen ausländischen Arbeitskräften, die nach
Deutschland gekommen (sic!) sind, keine 200 000 freiwillig“ „Fremdarbeit“ war in den Rang des Selbstverständlichen erho-
ben, nichts Bemerkenswertes war daran. Deutschland hatte ei-
da waren.13 nen Krieg entfesselt und brauchte dazu massenhaft Soldaten. Die
wurden dem Produktionsprozess entzogen, der wiederum kriegs-

13 Zitiert nach: http://www.mdr.de/geschichte/2009/sauckel/6471436.html, 30.


11. 2009. Diese Quelle gibt als Zeitpunkt für die Äußerung eine Konferenz aus 14 Vgl. Festschrift anlässlich der 775-Jahrfeier Tzschetzschnow seit 1937 Gülden-
dem März 1942 an. Andere Quellen ordnen diese dem 1. März 1944 zu, was dorf. Heimatverein Tzschetzschnow-Güldendorf e. V. (Hrsg.), 2005, S. 47,
wahrscheinlicher ist. Fußnote 12.

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notwendig aufrechterhalten werden musste. Mit Arbeitskräften • Rücktransport von Arbeitsunfähigen, Kindern unter 15 Jahren
aus den besetzten Gebieten ließen sich die fehlenden ersetzen. und Schwangeren
• Verbot der Freizügigkeit und des Verlassens des Lagers außer zur
Die scheinbare Normalität erfuhr einen Bruch mit den so ge- Arbeit,
nannten „Polenerlassen“ vom März 1940, wodurch ein Sonderar- • Freizeitbetreuung durch die DAF
beitsrecht entstand. In den Betrieben kam es zu verstärkten Kon- • Ausflüge mit deutschem Begleitpersonal als Belohnung möglich
trollen, die Lebensführung der polnischen Zwangsarbeiterinnen • Arbeit in möglichst geschlossenen Gruppen
und Zwangsarbeiter wurde erheblich eingegrenzt. • Verhinderung jeglichen Solidaritätsgefühls zwischen Deutschen
und Russen
Ab Februar 1942 waren für alle Zwangsarbeiterinnen und • Bewachung durch Werkschutz, Bewachungsgewerbe und Hilfs-
Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion der werkschutzmänner
„Ostarbeitererlass“ mit seinen vielen Richtlinien verbindlich. • Führung der Lager durch vom politischen Abwehrbeauftragten
des Betriebes ernannte Lagerleiter
Allein die Verwendung des Begriffs „Ostarbeiter“ für die zur Ar- • Striktes Kennzeichnungsgebot („Ost“)
beit in Deutschland gezwungenen Menschen aus der Sowjetuni- • Einsatz von russischen V-Männern und Lagerältesten
on macht die Geringschätzung gegenüber diesen deutlich. Schon • Zweimal monatlich Möglichkeit zum Postverkehr
mit Wortwahl wurden durch die Propagandisten der Zwangs- • Verbot der seelsorgerischen Betreuung
arbeit eine Entindividualisierung vorgenommen und die Men- • Rücksichtsloses Durchgreifen – auch Waffengebrauch – bei Un-
schen klassifiziert als dumpfe, nicht zu unterscheidende Masse, gehorsam
deren höchster Wert die Arbeitskraft ist. • Eigenes Strafsystem (Ordnungsstrafen wie Stubendienst, Zutei-
lung zu Straftrupps, Entziehung der warmen Tagesverpflegung
Ab 1942 kamen auch nach Frankfurt (Oder) immer mehr Frauen bis zu drei Tagen, Arrest bis zu drei Tagen
aus den von der deutschen Wehrmacht besetzten Teilen der So- • Züchtigungserlaubnis für Lagerleiter, alle anderen Strafen nur
wjetunion. Sie waren in groß angelegten „Fangaktionen“ zusam- durch Gestapo
mengetrieben worden. Umfangreiche Transporte sowjetischer • Einweisung in ein Arbeitserziehungslager oder Konzentrations-
Frauen und Mädchen durchliefen so genannte Quarantänelager, lager bei Arbeitsflucht.
wo sie unter entwürdigenden Bedingungen „entlaust“ und „des- • Todesstrafe bei Kapitalverbrechen, politischen Delikten und Ge-
infiziert“ wurden, um dann in die entsprechenden Einsatzgebie- schlechtsverkehr mit Deutschen
te aufgeteilt zu werden.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass über die Insgesamt sind die ‚Ostarbeitererlasse‘ als nahezu vollständige
Hälfte der sowjetischen Zwangsarbeiter Frauen waren, deren Umsetzung des rassistischen Prinzips der Unterteilung in ‚Her-
Durchschnittsalter unter zwanzig Jahre lag. Für alle war der renmenschen‘ und ‚Untermenschen‘ in die Praxis des Arbeitsein-
„Ostarbeitererlass“ verbindlich, der folgendes festlegte: satzes anzusehen.“15

• „Unterbringung in geschlossenen Wohnlagern, umzäunt, nach


15 Zitiert nach: Ulrich Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland.
Geschlechtern getrennt. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. München 2001,
• Gemeinsame Unterbringung von Ostarbeiterfamilien S.139.

26 27
In den „Allgemeinen Bestimmungen“ der „Ostarbeitererlasse“ zwei Abortanlagen mit sechs Sitzen. Für die Wasserversorgung
heißt es: musste eine Pumpe in der Nähe der Unterkunft genutzt werden.17

„Für die gesamte Behandlung dieser Arbeitskräfte ist ausschlag- Barackenlager befanden sich südlich von Booßen und in Gül-
gebend, daß sie jahrzehntelang unter bolschewistischer Herr- dendorf. Für Notunterkünfte waren Erweiterungsbauten geplant,
schaft gestanden und systematisch zu Feinden des nationalsozi- was darauf weist, dass einerseits die Unterkunftsbedingungen
alistischen Deutschlands und der europäischen Kultur erzogen nicht ausreichten und andererseits mit der weiteren Zuführung
worden sind.“ 16 von Zwangsarbeiterinnen gerechnet wurde.18

Mit diesen Erlassen war die Grundlage dafür geschaffen, die „Ost- Vom Besitzer der Gastsstätte „Reichsgarten“ in der Großen Müll-
arbeiter“ wie Sklaven, wie minderwertiges Material zu behandeln. roser Straße 1 wurden Anfang April 1943 Baupläne eingereicht,
um Umbaumaßnahmen zur Schaffung von „Schlafraum für aus-
Untergebracht, zunächst in Notunterkünften, später in Sammel- ländische Arbeiter“ zu beantragen.19
unterkünften, zwangen Deutsche die aus ihrer Heimat Zwangs- Es ist davon auszugehen, dass ohne Aussicht auf ein profitables
verschleppten bei völlig unzureichender Ernährung und unsäg- Geschäft Investitionen für umfangreichere Baumaßnahmen un-
lichen hygienischen Bedingungen zu leichten Hilfsarbeiten bis ter den Bedingungen des Krieges nicht getätigt worden wären.
zu schwerster körperlicher und oft unzumutbarer Arbeit. Wie sie
behandelt wurden, hing von dem jeweiligen Arbeitgeber ebenso
ab wie von Vorgesetzten, Lagerführern und nicht unwesentlich
von den deutschen Kollegen.

Für Frankfurt (Oder) ist nachweisbar, dass Frauen in Sälen der


genannten Gaststätten „Sanssouci“ und „Tivoli“ untergebracht
waren.

Im Saal des „Lagers ‚Tivoli‘“, wie es jetzt genannt wurde, standen


zweiundvierzig Betten und ein Kinderbett. Zu jedem Bett gehör-
ten ein Stroh- bzw. Holzwollesack und zwei Decken. Bettwäsche
gab es nur in Ausnahmefällen. Neben dem Saal befanden sich

16 Erlass des Reichsführers SS und Chefs der Deutschen Polizei vom 20. Februar
1942, Allgemeine Bestimmungen über Anwerbung und Einsatz von Arbeits-
kräften aus dem Osten; dazugehöriger Runderlass an die höheren Verwal-
tungsbehörden und an die Stapo(leit)stellen. Zitiert nach: Ulrich Herbert, 17 BLHA Rep3B/Med 1033
Fremdarbeiter – Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegs- 18 BLHA Rep3B/Hb 575/1
wirtschaft des Dritten Reiches, Berlin/Bonn 1985, S. 400. 19 BLHA Rep3B/Hb 575/1

28 29
Ein zweites Lager war als „Entlausungsstation“ bekannt. Dieses
Lager war offiziell ein Krankensammellager für „Ostarbeiter“.21

Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, so erinnert eine Zeit-


zeugin, waren in der Ziegelstraße untergebracht und in einer gro-
ßen Unterkunft am Beginn der damaligen Küstriner Straße, in
unmittelbarer Nachbarschaft der Firma Paetsch.22

Die Aufzählung der Unterkünfte erhebt keinesfalls einen An-


spruch auf Vollständigkeit. Sie macht deutlich, dass im Stadtbild
von Frankfurt (Oder) Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter
nicht unbemerkt bleiben konnten.

Darüber hinaus waren viele von ihnen bei Bauern individuell


Für ein Territorium an der Müllroser Landstraße war im Oktober untergebracht, wenn sie Bauernwirtschaften zur Arbeit zugeteilt
1943 ein „Lager Frankfurt (Oder)“ geplant worden. Dort sollten waren.
Unterkünfte für
Wie überall in Deutschland sollte auch in Frankfurt (Oder)
„1000 Polen, die z. Zt. in Privatquartieren untergebracht sind mit den Ergebnissen der Arbeit von Zwangsarbeiterinnen und
[… geschaffen werden] Hiervon finden 260 Mann in Holz- und Zwangsarbeitern möglichst noch einträglicher Profit erzielt wer-
740 Mann in Steinbaracken Aufnahme.“ 20 den. Demzufolge gab es überall Bedarf an diesen Arbeitskräf-
ten, die schonungslos geschunden werden konnten, ohne dass
Für beim Autobahnbau Beschäftigte geschaffene Barackenla- sie größere Kosten verursachten. Unterbringung in primitiven
ger wurden nach Einstellung des Autobahnbaus als Lager für Massenunterkünften in fremder Umgebung und weitestgehende
Zwangsarbeiter genutzt. Isolierung, fehlende Sprachkenntnisse, erbärmlichste, einfachste
So entstand in unmittelbarer Nähe des Dorfes Schwetig ein so Bekleidung, unzureichende und einseitige Ernährung, Unterbin-
genanntes Arbeitserziehungslager der Gestapo. dung jeder kultureller Teilhabe und, wenn überhaupt, eine Ent-
lohnung, die zumeist nur symbolischen Wert hatte, waren allein
In Güldendorf existierte ein Lager mit sechs Holzbaracken, das darauf gerichtet, die Arbeitskraft möglichst zu erhalten. Ohne
als ehemaliges Lager für den Autobahnbau nach Kriegsbeginn Arbeitskraft waren Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im
für die Unterbringung von Kriegsgefangenen sowie polnischen Verständnis der Nazis eine nutzlose Masse.
und sowjetischen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen ge-
nutzt wurde.

21 Vgl. zu Güldendorf: Festschrift anlässlich der 775-Jahrfeier Tzschetzschnow


seit 1937 Güldendorf, a. a. O. S.48
22 Vgl. Erika Klatt-Marquardt, Gesprächsprotokoll vom 8. Dezember 2009, beim
20 BLHA Rep3B/Hb 601 Autor.

30 31
Charakteristisch für die Grundeinstellung ist die Aussage des • Dreiring Werke, Werk Frankfurt (Oder)
Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz, Sauckel, auf • Küstriner Straße 10
einer Tagung der Arbeitsstäbe für den Arbeitseinsatz am 6. Ja- • H. Jungclaussen
nuar 1943: • Baumschulen, Samen-Kulturen und Stauden
• Jungclaussenstraße 5
„Freilich, vor Maschinen stelle ich, solange ich sie von Ihnen be- • Gemeinschaftsküche der Regierung
komme, Russinnen. Was da drüben in Sowjetrussland lebt, ist • Fernverpflegung Frankfurter Betriebe
gesund. Ich werde diese Russinnen zu Hunderten und Tausenden • Regierungsgebäude
ansetzen. Sie werden für uns arbeiten. Sie halten zehn stunden • Rittergut Kliestow�
durch und machen jede Männerarbeit. Die Russinnen brauchen
keine besondere Freizeit, um ihren Haushalt in Ordnung zu hal- Ebenso wie die von Unterkunftsorten für Zwangsarbeiterinnen
ten; sie brauchen keinen Waschtag […]“ 23 und Zwangsarbeiter ist die Aufzählung von Betrieben und Ein-
richtungen, in denen sie arbeiten mussten, unvollständig. Es
Als Arbeitseinsatzorte in Frankfurt (Oder) sind solche Betriebe kann aber davon ausgegangen werden, dass der Arbeitseinsatz
zu nennen wie in erster Linie im produzierenden Bereich erfolgte, wobei die
Produktion kriegswichtiger Erzeugnisse den Vorrang hatte.
• Friedrich Heine & Co. KG
• Konserven, Marmeladen- und Malzkaffeefabrik Befördert von ständiger ideologischer Einflussnahme, gesteu-
• Georg-Richter-Straße 5 ert von Ämtern und Verwaltungen, ließen sich die unwürdigen
• Stärke – Zuckerfabrik A. G. vormals C. A. Koehlmann & Co. Unterkunfts- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiterinnen
• Küstriner Straße 104 (Sitz der Geschäftsleitung) und Zwangsarbeiter so wie ihre nahezu uneingeschränkte Aus-
• Märkische Maschinenbauanstalt „Teutonia“ GmbH beutung bei der deutschen Bevölkerung in den Rang des Nor-
• Beeskower Straße 11-12 malen erheben.
• Karl Schierbaum Dass „Minderwertige“ für die „Herrenrasse“ schufteten, war im
• Herstellung und Instandsetzung von Elektromotoren und Ma- Verständnis der Nazis und dem übergroßen Teil der Deutschen
schinen, Bosch-Dienst nichts Ehrenrühriges.
• Bahnhofstraße 22
• Steingutfabrik Th. Paetsch Das Menschenverachtende der Zwangsarbeit in Rechnung stel-
• Küstriner Straße 1–4 lend ist hervorzuheben, dass die so Erniedrigten ihre Menschen-
• Textilwerke Winkler würde bewahrten. Entgegen der behaupteten Minderwertigkeit
• Goepelstraße mühten sie sich, ihre Kultur zu pflegen. Berichtet wird, dass so
genannte Ostarbeiterinnen peinlichst auf Sauberkeit bei sich und
23 Bernhild Vögel: „Wir haben keinen angezeigt“. Sowjetische Zwangsarbei-
in ihren Unterkünften achteten. Unter den herrschenden unzu-
terinnen in Nazi-Deutschland. In: Lust und Last. Sowjetische Frauen von länglichen hygienischen Bedingungen war das eine Vorausset-
Alexandra Kolontai bis heute. Hrsg. Kristine von Soden, Berlin 1990, S. 66. zung zur Verhinderung von Krankheiten, zum anderen diente
Zitiert nach: http://www.zwangsarbeit.rlp.geschichte.unimainz.de/Zwangsar-
beiterinnen_MZ-WI, Lehrerhandreichung zum Thema „Zwangsarbeiterinnen das der Selbstbehauptung.
im Raum Mainz-Wiesbaden in der Zeit des Zweiten Weltkrieges“.

32 33
Ihre spärlichen, bescheidenen eigenen Bekleidungsstücke pfleg-
ten sie und trugen diese zumeist aus Anlass selbst geschaffener
besonderer Höhepunkte. Frauen fanden erfindungsreich Mög-
lichkeiten sich zu schminken. Zu Feiertagen schmückten sie mit
primitivsten Mitteln ihre Behausungen. Sie sangen ihre Lieder,
rezitierten ihre Gedichte – oft schwermütig, aber auch lebensbe-
jahend und froh. Sie tanzten ihre Tänze und schufen sich Au-
genblicke der Unbeschwertheit.
Von dem äußerst geringen Entgelt, das sie für geleistete Arbeit
erhielten, gelang es, den Fotografen zu bezahlen, der von ihnen
Fotos machte, die sie Freundschaftsfotos nannten. Und sie lä-
chelten in die Kamera. Auf die Rückseite des Fotos schrieben sie
ermunternde Erinnerungstexte. Dass die außerordentlich schwie-
rigen Bedingungen zur Herausbildung solidarischen Verhaltens
und starken Zusammengehörigkeitsgefühls führten, belegen
teilweise heute noch vorhandene Fotos. Aufbewahrt von den
Menschen, die, obwohl nach dem Krieg wieder in der Heimat,
zumeist unter sehr schwierigen Bedingungen leben mussten.

Gruppenfoto von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus der


Sowjetunion

Freundschaftsfoto Antonia Porutschnik, 1944.24

24 Zum Andenken schenke ich es meiner Schwester von Antonina Porutschnik


während des Aufenthaltes in Deutschland. Stempel: Handwerkliches Licht-
bild – Walter Fricke – Photographenmeister, Frankfurt (O.), Bahnhofstr.16,
19. 03. 1944 Rückseite des Fotos mit Datum 24. 11. 1943

34 35
Freundschaftsfoto Nata-
scha Danai, 1943.
Rückseitentext: Zum
Andenken für Shenja
Suchezka von Natascha
Danai. Meine liebe
Freundin! Ich bitte Dich,
falls unsere Wege aus-
einander gehen sollten,
vergiss mich nicht, wie
ich Dich nicht vergesse,
solange ich am Leben bin. Ich schenke es für das liebste Töchterchen am Nadja Galja Matwitschuk Maria
13. 11. 43. Frankfurt (Oder), Konservenfabrik

links: Natascha

rechts: Name nicht


bekannt
Galja

links:
Maria Tschech

rechts:
Natascha
Sawtschuk Galja Olga Michajlo Wamez

36 37
Das Arbeitserziehungslager „Oderblick“

Arbeitserziehungslager wurden ab 1940 eingerichtet. Sie waren


direkt den jeweiligen Gestapo-Leitstellen angegliedert.
Dieses Unterstellungsverhältnis ist eine wesentliche Ursache für
fehlende schriftliche Dokumente, da auf lokaler Ebene von der
Gestapo zu Kriegsende gründlich die Beseitigung von Spuren
der vielfältigen Verbrechen betrieben wurde.25
Name nicht bekannt
In die Arbeitserziehungslager wurden ausländische Arbeitskräf-
te eingewiesen, die nach deutschem Verständnis ihre Arbeits-
pflichten verletzt hatten. Das heißt ausländische Zwangsarbeiter
konnten wegen geringfügigster Vergehen belangt werden, dar-
unter fielen z. B. Bummelei, Verweigerung, Unwilligkeit, alles,
was sich als „Arbeitsvertragsbruch“ interpretieren ließ. In den
Arbeitserziehungslagern sollte ihnen „deutsches Verhalten“ bei-
gebracht werden.

Die Einrichtung der Arbeitserziehungslager ging auf Erfah-


Katja rungen mit so genannten Sonderlagern zurück, die bei wirt-
Foto: Schulz schaftlichen oder militärischen Schwerpunktobjekten (wie z. B.
Frankfurt (Oder) Autobahnbau, Schwerindustrie, Westwall) zur Disziplinierung
widersetzlicher Arbeiter geschaffen worden waren.
Die in Sonderlager Eingewiesenen waren weder Justizgefangene,
noch Schutzhäftlinge, sondern Polizeigefangene, denen die Haft
nicht als Vorstrafe eingetragen wurde.
Mit den Sonderlagern hatten die Nazis ein Instrument geschaf-
fen, den Widerstandswillen des Gefangenen zu brechen und zu-
gleich andere Arbeiter von widerständigem Handeln abzuhalten.

Mit Bildung der Arbeitserziehungslager schufen die Nazis neben


Sonderlagern und betrieblichen Erziehungslagern eine weitere

25 Vgl. Gabriele Lotfi: KZ der Gestapo. Arbeitserziehungslager im Dritten Reich.


Stuttgart/ München, 2000

38 39
Form, um jetzt ausländische Arbeitskräfte einzuschüchtern und Geführt wurde das Lager von SS-Angehörigen. Lagerkomman-
zu disziplinieren. dant war SS-Obersturmführer Schneider, stellvertretender Lager-
kommandant SS-Stabsscharführer Willi Dietrich.
Deutlichster Unterschied zu den Konzentrationslagern war die Zur Struktur gehörten der Leiter der politischen Abteilung, La-
begrenzte Haftdauer von etwa sechs bis acht Wochen in den Ar- gerarzt, Sanitäter, Dolmetscher (beide Dolmetscher hatten kei-
beitserziehungslagern. Danach mussten die erschöpften, ausge- nen SS-Dienstgrad), Arbeitsdienst- und Rapportführer, Führer
mergelten, misshandelten und oft völlig verängstigten Häftlinge vom Dienst, Verwaltungsführer (5), Blockführer (4) sowie wei-
an ihre früheren Arbeitsstellen zurückkehren. tere SS-Leute.

Ab 1942 wurden in die Arbeitserziehungslager immer häufiger so Der Standort Schwetig erwies sich insofern als günstig, als er sich
genannte Ostarbeiter, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in unmittelbarer Nähe von Frankfurt (Oder) befand und schnell
aus Polen und aus der Sowjetunion eingewiesen. von der Gestapo-Leitstelle zu erreichen war.
Viele der Lager entwickelten sich zu Todeslagern, weil Hunger
und Fleckfieber die Sterblichkeit in die Höhe schnellen ließen. Einer Ausarbeitung des polnischen Historikers Dr. Wiktor Le-
Überdies mordete die Gestapo in diesen Lagern ohne jede Hem- miesz zufolge, wurden die Häftlinge vielfach unter Polizeibewa-
mung. chung mit der Deutschen Reichsbahn zum Frankfurter Bahnhof
gebracht. Von dort fuhren sie mit der Straßenbahnlinie 2 zum
Ab Juli 1944, nach dem Attentat auf Hitler in der Wolfsschanze, Wilhelmsplatz und dann weiter über die Oderbrücke zum Ost-
bis zum Kriegsende wurden in die Arbeitserziehungslager auch markstadion. Bis zum Lager mussten noch ca. drei Kilometer
Deutsche eingewiesen. Dazu hatte man die Arbeitserziehungsla- marschiert werden Die Gefangenen betraten das Lager durch ein
ger zu „Erweiterten Polizeigefängnissen“ erklärt. Somit war die Tor mit der zynischen Aufschrift „Arbeit macht frei“. 26
Möglichkeit geschaffen, Einweisungen aus politischen Gründen
vorzunehmen. Andere Häftlinge wurden zunächst in das Gestapo-Gefängnis
Im Rahmen der Aktion „Gitter“ (auch „Gewitter“) erfolgte die am Oderbollwerk (heutige Musikschule) eingeliefert, dort ver-
Inhaftierung potentieller Verantwortungsträger für ein Nach- hört und misshandelt und dann nach Schwetig gebracht.27
kriegsdeutschland.
In der Kriegsendphase führte die Gestapo in den Arbeitserzie- Auf dem Lagergelände befanden sich mehrere Häftlingsba-
hungslagern Vernichtungsaktionen durch. racken, Baracken für Büro, Wache, Magazine, die Küche, ein
„Baderaum“, eine Lazarettbaracke, eine Werkstattbaracke und
Das Arbeitserziehungslager „Oderblick“ in Schwetig entstand im
Oktober 1940. 26 Vgl. Wiktor Lemiesz: „Oderblick“ – zynischer Name für eine Stätte des Grau-
Bei Einrichtung des Lagers war an die Unterbringung von ca. ens. In Märkische Oderzeitung, 25./26. Januar 1997. Wochenendjournal.
Eine maschinegeschriebene Ausarbeitung von Lemiesz trägt den Vermerk „nur
vierhundert Häftlingen gedacht. für den persönlichen Gebrauch“. Sie wurde dem Autor von Horst Joachim
Unterstellt war es, wie alle anderen Arbeitserziehungslager den übergeben. Die Ausarbeitung ist im Wesentlichen identisch mit dem Zeitungs-
örtlichen Organen, also der Gestapo-Leistelle Frankfurt (Oder). artikel. Vermutlich handelt es sich um das Manuskript.
27 Vgl. Ra lf Dahrendorf: Über Grenzen. Lebenserinnerungen. München 2002
Eingerichtet hatte man es auf dem Gelände eines nicht mehr Und Nikolai Liwkowski: Aussagen bei einer Konferenz über das Lager Schwe-
genutzten Arbeiterwohnlagers für den Reichsautobahnbau. tig. Collegium Polonicum, Słubice, 19. Februar 2000.

40 41
die Latrinen. Das Lagergelände war mit Stacheldraht umzäunt Unterbringung, völlig unzureichender Ernährung, Bekleidung,
und wurde von mehreren Wachtürmen aus von bewaffneten SS- Hygiene ebenso wie von Schwerstarbeit, ständiger Schikane und
Leuten bewacht. Misshandlungen, die an Menschenverachtung kaum übertrof-
Unterkunft fanden die Häftlinge in den leeren Barackenräumen. fen werden können. Im Arbeitserziehungslager Schwetig wurden
Dort schliefen sie auf dem Barackenboden, Strohschütte oder Menschen ermordet.
Strohsäcke gab es nicht. Mit einem Gegenstand, der einer Decke Wenn es am Lagertor tatsächlich die Inschrift „Arbeit macht
ähnelte, konnten sie sich zudecken. In den Räumen gab es Öfen, frei“ gegeben hat, wäre das ebenso nazistischem Zynismus zuzu-
für die die Häftlinge jedoch nur spärlich Heizmaterial zugeteilt ordnen, wie der Name des Lagers „Oderblick“ oder der Begriff
bekamen. Die Baracken waren nachts verschlossen. Die Notdurft „Arbeitserziehungslager“.
musste in den Baracken verrichtet werden, die Holzkübel wur- Hier wurde keineswegs erzogen, hier wurden Menschen ernied-
den morgens in die Latrine entleert. rigt, gequält, geschunden, getötet, hier offenbarte sich die Perver-
sion des gewöhnlichen Faschismus.
Im Lager befand sich eine nicht besonders abgeteilte Frauenab- Wozu hätten Hunger und Tod erziehen sollen? Menschen, die
teilung, in der hauptsächlich deutsche Frauen gefangen waren, hier waren, wollten nichts als frei sein und ihre Arbeitsleistung
die verbotenen Umgang mit Ausländern gehabt hatten. Sie wa- hätte Freiheit mehrfach gerechtfertigt.
ren Häftlinge des Erweiterten Polizeigefängnisses, ihr Status un-
terschied sich von dem der Häftlinge im Arbeitserziehungslager. In der Anfangsphase des Arbeitserziehungslagers wurden haupt-
sächlich polnische Zwangsarbeiter hier gefangen gehalten. Sie
Harte Arbeit hatten die Häftlinge beim Straßenbau, in der Kies- hatten sich unterschiedlichst ihren deutschen Dienstherren oder
grube, bei der Melioration, in der Marmeladenfabrik und bei der Arbeitgebern gegenüber verdächtig gemacht. Verdachtsgründe
Firma Trowitzsch zu verrichten. Nicht auszuschließen ist, dass wie Aufsässigkeit, Arbeitsunwilligkeit, Unpünktlichkeit, unan-
man sie zu Fertigstellungsarbeiten beim Autobahnbau heranzog. ständiges Benehmen, Widersetzlichkeit wurden bei der Gestapo
gemeldet und oft wurde mit der Anzeige die „Arbeitserziehung“
In jedem Fall war schwere körperliche Arbeit zu leisten, denn es verlangt. Es reichte, wenn „Herrenmenschen“ einen Verdacht
sollte durch Arbeit „erzogen“ werden, was im Verständnis der äußerten. Ohne jede Rechtgrundlage erfolgte die Einweisung in
SS-Leute bedeutete, die Menschen zu demütigen, zu quälen und ein Lager. Und ohne jedes Recht vollzog sich der Lageralltag für
bis aufs Blut auszubeuten. die gefangenen Sklaven.

Nach der Arbeit ordneten die Bewacher zumeist „Leibesübungen“ Mit Ausweitung des Krieges erweiterte sich der Häftlingskreis.
an, um die letzten Kraftreserven der Häftlinge auszuschöpfen. Zu den polnischen Zwangsarbeitern kamen Franzosen, Belgier,
Holländer, Italiener und nach Kriegsbeginn gegen die Sowjet-
Diesem gewaltigen, kräftezehrenden Arbeitsdruck stand äußerst union immer mehr Zwangsarbeiter von dort. Juden sollen im
spärliche Ernährung gegenüber. Zu essen gab es wenig und das Arbeiterziehungslager gewesen sein.28
wenige war so schlecht zubereitet, dass es oft ungenießbar war.

Von Beginn der Existenz des Lagers „Oderblick“ bis zu seinem


Ende am 31. Januar 1945 ist stets die Rede von verheerender 28 Wiktor Lemiesz, a.a.O

42 43
Immer häufiger kamen Menschen in das Lager, die versucht hat- geworfen und nach kurzer Ansprache in deutscher und polni-
ten, den schlimmen Verhältnissen der Zwangsarbeit zu entkom- scher Sprache wurde der gefesselte Kaminski von den SS-Leuten
men. Wenn sie hier gequält, erniedrigt, misshandelt worden wa- erhängt.29
ren, mussten sie an die ursprünglichen Arbeitsorte zurück und
sich wieder der Sklavenarbeit zur Verfügung stellen. „Die Mehrzahl der ins Lager ‚Oderblick‘ eingewiesen Menschen
erfuhr bereits vorher eine brutale Misshandlung im Dienstge-
War das Lager in Schwetig anfangs für ca. vierhundert Häft- bäude der Geheimen Staatspolizei in Frankfurt (Oder). Hier
linge ausgelegt, wurde die Zahl in der Folgezeit ständig erhöht, fällte man in der Regel das Urteil, den Delinquenten in diese
schließlich wurden ca. achthundert gefangen gehalten. Je mehr Lager bringen zu lassen. In ‚Oderblick‘ machte man den neuen
Gefangene ins Lager kamen, desto drakonischer wurden die so Häftling mit abscheulichem Prügeln gefügig, wobei er gleichzei-
genannten Erziehungsmaßnahmen. tig zu forcierten Leibesübungen gezwungen wurde. Die Abfol-
ge dieser Phase war bisweilen achttägig, sie konnte aber auch
Der Bauer B. in Lichtenberg hatte 1942 mehrere polnische vierzehntägig sein, was als ‚Quarantäne‘ bezeichnet wurde. Die
Zwangsarbeiter auf seinem Hof, darunter den achtzehnjährigen Zeit dieser schweren Schikanen schloss seinen Zugang zum Ar-
Eugeniusz Kaminski. An einem Sommerabend hatten die Bau- beitskommando solange aus, bis die Strafe durch die erwähnten
ersleute den Hof verlassen. Als sie in ihr Haus zurückkehrten, Leibesübungen erfüllt war. In dieser ganzen Zeit wurde weiter
stürzte ihnen, von der Bodentreppe springend, der junge Mann geprügelt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit und ohne ersicht-
entgegen und verließ fluchtartig das Haus. In einem Zimmer auf lichen Anlass …“ 30
dem Dachboden war ein deutsches Mädel einquartiert, das sein
Pflichtjahr bei dem Bauern B. absolvierte. Arbeit, Folter, völlig unzureichende Ernährung, fehlende Hygie-
Am nächsten Morgen zu Arbeitsbeginn fehlte der junge Pole. ne, permanenter physischer und psychischer Druck, verweigerte
Entsprechend der Kriegsgesetzgebung meldete die Bauersfrau das medizinische Grundversorgung führten zu hoher Sterblichkeit
Fehlen dem Amtsvorsteher. in Schwetig. Viele Häftlinge fanden schon nach kurzem Lager-
Vor dem Wecken am nächsten Morgen verrichtete Kaminski aufenthalt den Tod.
wieder seine Arbeit auf dem Hof. Da er normal und fleißig ar-
beitete, benachrichtigte die Bäuerin den Amtsvorsteher, dass der Ende 1941 brach im Arbeiterziehungslager Schwetig eine Fleck-
Pole wieder da sei und sie die Meldung zurückziehe. typhusepidemie aus. Ab dem 3. November 1941 musste das ge-
Als die Arbeiter am Abend vom Feld kamen, wurde Kaminski samte Lager isoliert werden, es durfte niemand das Lager betre-
von Polizisten erwartet, festgenommen und abgeführt. ten oder verlassen. Die totale Isolierung wurde erst am
Nach sechs Wochen, es hatte keine Nachricht über den Verbleib 7. Mai 1942 wieder aufgehoben.31
Kaminskis gegeben oder eine Vernehmung des Mädels, wurden
alle, die Zwangsarbeiter beschäftigten, angewiesen, denen am Wincent Janowski, der für vier Wochen im Lager war, berichtete:
Abend ab 17.00 Uhr frei zu geben. Von bekannt gegebenen Sam-
melplätzen wurden alle zu einem Feld bei Markendorf gebracht,
29 Horst Joachim, Historiker Frankfurt (Oder), ohne Quellenangabe, sinnge-
es sollen etwa dreitausend gewesen sein. Schließlich kam ein mäße Wiedergabe G. H.
geschlossener Lastwagen mit SS-Wachmannschaften aus dem 30 Wiktor Lemiesz, a. a. O. (Manuskript)
Lager Schwetig. Ein Strick wurde über den Ast eines Baumes 31 Vgl. Wiktor Lemiesz, a. a. O (Manuskript)

44 45
„Man empfing mich so wie alle anderen Neuzugänge. Der lager brachte. Er wurde hier von SS-Leuten erschossen. Um eine
Kommandant führte uns in einen Raum, an dessen Wänden Selbsttötung vorzutäuschen, befahlen sie eine Suchaktion. Die
eine ganze Sammlung von Ochsenziemern aufgehängt war. Die- Leiche wurde aus der Latrine geborgen, der Kopf war durch-
se schweren Peitschen waren aus unterschiedlichem Material und schossen.34
von unterschiedlicher Form und Länge. Der Häftling hatte sich
selbst den Ochsenziemer auszusuchen, mit dem er ausgepeitscht Im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944
werden sollte. Ich erhielt fünfundzwanzig Schläge, bei jedem erfolgten umfangreiche Verhaftungen von Angehörigen jener
Schlag hatte ich laut mitzuzählen. Schon beim ersten Schlag Personen, die in irgendeiner Beziehung zum Attentat standen.
lief das Blut. Beim dritten oder vierten Schlag verlor ich das Gleichzeitig verhaftete die Gestapo im Rahmen der Aktion „Git-
Bewusstsein. Man bespritzte mich mit kaltem Wasser und ich ter“ (auch „Gewitter“) potentielle Verantwortungsträger für ein
wurde weiter geschlagen. Nachkriegsdeutschland.
Die Wachmannschaften machten sich ein Vergnügen daraus, Nach Schwetig kamen im Rahmen dieser Aktion Ende Septem-
mehrere Häftlinge in einem kleinen Kreis herumlaufen zu las- ber 1944 sechsundzwanzig Sozialdemokraten und Kommunis-
sen. In jeder Ecke stand ein Posten mit einem Kabelende in der ten aus dem Raum Cottbus und Frankfurt (Oder). Unter ihnen
Hand, der uns durch Schläge weitertrieb, dabei führten sie oft befand sich der bekannte Frankfurter Sozialdemokrat Oskar
noch eine Unterhaltung. Viele verloren bei einem solchen Lauf Wegener, ehemaliger Landtagsabgeordneter.
die Besinnung. Bei mir wurde durch einen derartigen ‚Wettlauf ‘ Diese Häftlinge hatten insofern einen Sonderstatus, als sie
die linke Niere losgeschlagen.“ 32 Häftlinge des Erweiterten Polizeigefängnisses und so genannte
„vorbeugende Schutzhäftlinge“ waren. Sie waren dem Lagerkom-
Jan Gzelka kam im August 1943 ins Lager „Oderblick“. Die An- mandanten direkt unterstellt, wurden gesondert untergebracht
schuldigung lautete: „Ein aufsässiger Pole“. Zu Beginn seiner La- und durften Besuche empfangen, Post- und Paketempfang war
gerhaft erhielt er fünfundsiebzig Peitschenhiebe. Bewegungsun- gestattet.
fähig musste er in die Krankenbaracke gebracht werden. Bereits Diese Häftlingsgruppe formierte sich schnell, wählte einen Häft-
nach zwei Tagen meldete er sich zur Arbeit, weil ein längerer lingsvertreter (Stubenältester), der mit dem Kommandanten ver-
Aufenthalt im Revier den sicheren Tod bedeutet hätte.33 handeln durfte. Infolge der guten Organisiertheit in der Gruppe
gelang es, auf die Verhältnisse im Lager Einfluss zu nehmen. Sie
Der Rechtsanwalt und Notar Hermann Hammerschmidt aus konnten erwirken, dass vier alte und kranke Mithäftlinge aus
Cottbus war bis Dezember 1944 noch als jüdischer Konsulent ihrer Gruppe wegen Haftunfähigkeit aus dem Lager entlassen
tätig. Eine so genannte Mischehe hatte ihn bis dahin vor dem wurden. Einfluss nahmen sie auf die Versorgung. Durch per-
KZ bewahrt. Bis auf einen Bruder, dem die Flucht ins Ausland sönlichen Einsatz ließ sich die Qualität des Essens verbessern.
gelungen war, befanden sich alle seine Verwandten bereits in Es gelang Oskar Wegener zeitweilig das Lager zu verlassen, Ver-
Konzentrationslagern. Hammerschmidt wurde von der Gesta- bindung nach Frankfurt (Oder) herzustellen und Informationen
po anhaltend drangsaliert, bis man ihn am 11. Dezember 1944
zur Gestapo bestellte und nach Schwetig ins Arbeitserziehungs- 34 Vgl.: Alfred Donath: Bericht über das Konzentrationslager Schwetig bei
Frankfurt (Oder) …, Cottbus 31. Dezember 1958, Museum Viadrina Frank-
furt (Oder) VI 4/66.
32 Zitiert nach Wiktor Lemiesz, a. a. O. (Manuskript) Hammerschmidt, Elisabeth: Brief an Horst Joachim, Cottbus, 9. November
33 Vgl. Wiktor Lemiesz, a. a. O. (Manuskript) 1958. Museum Viadrina Frankfurt (Oder) VI-4/68

46 47
über den Verlauf des Krieges ins Lager zu bringen. Umsichtig erschossen worden oder an Entkräftung verstorben. In den Stra-
hatte man sich einen Nachschlüssel für die Waffenkammer des ßengräben waren sie liegen gelassen worden oder in Kiesgruben
Lagers beschafft. verscharrt.36
Von dieser Gruppe gingen wichtige Aktivitäten aus, als Mitte
Dezember 1944 Schüler aus Buckow/Märkische Schweiz ins La- Ein letztes Massaker richteten die Nazis in Schwetig am 31. Janu-
ger gebracht wurden. Einzelhaft, Hunger, sinnlose Arbeit sollten ar 1945 an. Im Krankenrevier des Lagers befanden sich ca. sieb-
sie zermürben. Zu ihnen gehörte der heute weltbekannte Sozio- zig Häftlinge, die auf Grund ihres Gesundheitszustands nicht
loge Lord Ralf Dahrendorf. auf den Todesmarsch geschickt wurden. SS-Leute verschlossen
Durch die den Jugendlichen entgegengebrachte Häftlingssolida- die Baracke und setzten sie in Brand. Die Menschen verbrann-
rität wurde ihnen das Überleben ermöglicht.35 ten, wer zu entkommen versuchte, wurde erschossen.
Um von den Verbrechen kein Zeugnis zu hinterlassen, soll auch
Im Januar 1945 mehrten sich im Lager „Oderblick“ die Anzei- der Aktenbestand des Lagers in dieser Baracke mit verbrannt
chen für das Näherrücken der Front. Die Nervosität der SS und worden sein.37
Wachmannschaften nahm in den Tagen Ende Januar 1945 spür-
bar zu. Ständig wurden Hinrichtungen durchgeführt.
Zu den Häftlingen des Arbeitserziehungslagers kamen weitere
ca. siebenhundert Häftlinge aus einem Arbeitslager in Bratz bei
Benschen.

Am 30. Januar 1945 begann die SS mit der Liquidierung des


Lagers, indem ca. eintausendsechshundert Häftlinge auf „Trans-
port“ geschickt wurden, wie die SS den Todesmarsch nannte.
Den ohnehin geschwächten Häftlingen wurde ohne witterungs-
gemäße Bekleidung, ohne angemessene Verpflegung der Fuß-
marsch mit dem Ziel Konzentrationslager Sachsenhausen be-
fohlen.
Über Frankfurt (Oder) marschierten die Kolonnen nach Treplin,
wo eine erste Rast eingelegt wurde. So ging es weiter, zwanzig bis
dreißig Kilometer am Tag, vorbei an Müncheberg, durch Straus-
berg, nach Sachsenhausen bei Berlin.
Im KZ Sachsenhausen wurden die Gruppen neu formiert und
der Marsch ging nach einer Nacht Aufenthalt in Sachsenhausen
weiter nach Buchenwald bei Weimar. Wie viele in Buchenwald
ankamen, ist nicht sicher. Ungezählte waren auf dem Marsch
36 Vgl. Josef Thomas, Bericht. Cottbus, 27. Oktober 1958. Museum Viadrina
35 Vgl.: Alfred Donath, a. a. O. und Ralf Dahrendorf, Über Grenzen, Lebens- Frankfurt (Oder) VI/4/69.
erinnerungen, München 2002. 37 Vgl. Alfred Donath und Wiktor Lemiesz, a. a. O.

48 49
Interview38
mit Herrn Nikolai Liwkowski,
wohnhaft in Staroszyn bei
Rzepin, Häftling im Arbeits­
erziehungs­lager Schwetig von
Juni bis N
­ ovember 1942

Herr Liwkowski (1924) wurde


von der deutschen Besatzung als
„Fremdarbeiter“ nach Deutschland
verschleppt und arbeitete in einer
Gerberei in Berlin Wittenau.

Projekt: Wie kamen Sie nach Schwetig?


Liwkowski: Wegen schlechter Verpflegung bin ich aus dem Berli-
ner Betrieb geflohen und wollte nach Hause. An der Oder wurde
ich gefangen und in das Gestapo-Gefängnis Frankfurt (Oder)
gesperrt.

Projekt: Trafen Sie dort auf weitere Landsleute?


Liwkowski: Nein, während des einwöchigen Aufenthaltes ( Juli
1942) sah ich dort nur etwa zwanzig russische Kriegsgefangene,
die tagelang in einer großen Zelle im Wasser stehen mussten.

Projekt: Wie war es im Lager Schwetig?


Liwkowski: Ich lebte mit ca. fünfundzwanzig Männern in einem
Barackenraum. Es waren Polen und Russen. Am Tag arbeiteten
wir entweder auf dem Flugplatz bei Kunersdorf oder beim Bau-

Skizze vom Arbeitserziehungslager Schwetig aus der Erinnerung 38 Das Interview wurde im vorliegenden Wortlaut anlässlich einer Geschichts-
konferenz in Słubice am 19. Februar 2000 verteilt.
Foto: Nikolai Liwkowski, 19. Februar 2000 anlässlich einer Geschichtskonfe-
renz in Słubice (Gerhard Hoffmann)

50 51
ern in Kliestow. Wegen Missverständnissen oder Fluchtversu-
chen wurden wir den ganzen Abend bis in die Nacht hinein
Das Krankensammellager Güldendorf
schikaniert und geschlagen. Die Verpflegung war schlecht. Für
sieben Männer gab es täglich ein kg Brot, eine Tasse Milchkaf-
fee und abends einen Teller Kohlsuppe, ohne Fleisch natürlich. Krankensammellager unterstanden den Gauarbeitsämtern.
Am Schlimmsten war ein kleiner deutscher Wachmann. Wenn Sie wurden eingerichtet für Zwangsarbeiterinnen und Zwangs­
er abends bei jemandem einen Zigarettenstummel fand, gab es arbeiter.
fünfundzwanzig Schläge. Ließ sich die Arbeitskraft nicht mehr in vollem Umfang einset-
zen, weil Schwäche, Krankheit, Verletzung oder andere Ursachen
Projekt: Welches Leben führten Sie nach der Entlassung? das verhinderten, hatte das zumeist furchtbare Folgen. War die
Liwkowski: Im November 1942 wurde ich entlassen. Eine Bauers- Arbeitskraft innerhalb kürzester Zeit nicht wieder herzustellen,
frau holte mich als zukünftige Chefin ab. Dokumente erhielt ich galten die Betroffenen als auf Dauer nicht mehr „arbeitseins-
keine. Ich arbeitete am Rande der Stadt Frankfurt (Oder). Mein atzfähig“. Somit wurden sie für wertlos gehalten und beiseite
Vater starb an den Kriegsfolgen, zwei Brüder waren als polnische geschafft.
Soldaten in der russischen Armee gefallen, einer lebt heute noch In den Anfangsjahren des Zwangsarbeitereinsatzes erfolgte viel-
in der Ukraine. Meine Mutter starb vor zwanzig Jahren im Alter fach in solchen Fällen noch die Rückführung in die Heimatlän-
von neunzig Jahren. Nach dem Kriege bekam ich einen leer ste- der. Mit der Eskalation des Krieges ließen sich für derartige Maß-
henden Hof ohne Vieh und Inventar hier in Staroszyn zugewie- nahmen keine Transportkapazitäten mehr binden und für eine
sen (acht ha Acker). Bis 1990 arbeitete ich hier als Einzelbauer, Rückführung gab es keinen organisatorischen Aufwand mehr.
ich hatte vier Kinder und habe drei Enkel. Mein Die Menschen wurden in die Krankensammellager abgeschoben,
deutscher Schwiegersohn arbeitet im Sägewerk Rzepin. deren Bezeichnung als Sterbelager eher gerechtfertigt erscheint.
Zu den nicht Arbeitseinsatzfähigen gehörten Kinder von
Projekt: Wie geht es Ihnen heute? Zwangsarbeitern ebenso wie Schwangere.
Liwkowski: Aus gesundheitlichen Gründen konnte ich den Hof Vielfach kamen Schwangere zur Entbindung in die Lager. Da
nicht weiter führen. Ich übergab ihn 1990 dem Staat und erhalte zu erwarten war, dass Mütter über absehbar längere Zeit nicht
dafür eine monatliche Rente von vierhundert Złoty (zweihun- voll einsatzfähig sein würden, unterblieb eine angemessene Ver-
dert DM). Wie Sie sehen, bin ich sehr krank. sorgung von Mutter und Kind zumeist, sodass die Sterblichkeit
sehr hoch war.39
Das Gespräch führten Herr W. Przybylski und Herr H. Racz-
kowski als Dolmetscher am 6. März 1998 in der Wohnung von Auch in diesen Krankensammellagern litten Menschen unter
Herrn Liwkowski. schlimmsten und menschenunwürdigen Bedingungen. Völlig
unzureichende medizinische Versorgung, das Fehlen jeglicher
Fürsorge, ungenügende Ernährung, unzumutbare hygienische

39 Vgl.: Bernhild Vögel: „Entbindungsheim für Ostarbeiterinnen“ Braunschweig,


Broitzemer Straße 200. PDF-Ausgabe 2005, S. 4. www.birdstage.net/images/
entbindungsheim.pdf, 4. Januar 2010

52 53
Bedingungen erhöhten zwangsläufig die Leiden der bereits Hin- die Ostarbeiterinnen jetzt in der Rüstungsproduktion arbeiten.
fälligen. Sich um die Zahl zukünftiger Ostarbeiter und -arbeiterinnen
Die Ernährung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter Gedanken zu machen, besteht angesichts der bevölkerungspoliti-
war darauf gerichtet, mit minimalstem Einsatz von zumeist min- schen Lage nicht die mindeste Veranlassung […]“ 42
derwertigen Nahrungsmitteln die Arbeitskraft zu erhalten. Dem-
zufolge konnte die Versorgung der Lager, in denen sich nicht Das Zitat unterstreicht die grundsätzliche Auffassung, dass
Arbeitsfähige befanden, nur völlig unzureichend sein. Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ausschließlich zum
Arbeiten, zum maximalen Ausbeuten ins Land geholt worden,
Ein in Güldendorf befindliches, ursprünglich für den Autobahn- rechtlos und nicht gemäß der Normen menschlichen Zusam-
bau eingerichtetes Lager wurde zu einem Krankensammellager menlebens zu behandeln waren.
für den Gau Mark Brandenburg.
Es befand sich zwischen Pferdegasse und dem Müllerberg (ober- Was sich tatsächlich im Krankensammellager Güldendorf ab-
halb des jetzigen Sportplatzes).40 spielte, blieb bis heute verborgen.
Hinweise auf die Belegungsstärke des Krankensammellagers
Die Zustände im Krankensammellager Güldendorf unterschie- Güldendorf sind bisher nicht gefunden worden, ebenso fehlen
den sich nicht im Geringsten von den verheerenden in anderen Hinweise zum Ende des Lagers.
vergleichbaren Lagern. Untersuchungen des Historikers Horst Joachim aus dem Jahr
1973 lassen den Schluss zu, dass hier Hunderte so genannte Ost-
Im Oktober 1944 wurde für das Güldendorfer Lager angegeben, arbeiter umkamen, darunter Kinder. Die Opferzahlen sind nicht
dass sich dort fünfundzwanzig Kinder befinden würden. Anga- genau belegbar, es wird davon ausgegangen, dass zwischen 360
ben zum Alter der Kinder, ihrem körperlichen und gesundheit- und 400 Tote zu beklagen sind, darunter Kinder. Eintragungen
lichen Zustand wurden nicht bekannt.41 im Sterberegister weisen darauf, dass sich im Lager viele Frauen
mit Säuglingen, befanden, Kinder und Jugendliche ebenso wie
Dass prinzipiell kein Interesse daran bestand, das Leben der Kin- an Tuberkulose Erkrankte und alte Menschen.43
dern von Zwangsarbeiterinnen zu beschützen und zu erhalten,
wird in einem Schreiben des Reichsgesundheitsführers Conti Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde an den Insassen des Kran-
vom 26. Februar 1944 deutlich, in dem es heißt: kensammellagers Güldendorf zum Ende des Krieges ein weiteres
Verbrechen begangen.
„Im Hinblick auf die Schwangerschaftsunterbrechungen bei Ost-
arbeiterinnen taucht immer wieder die Ansicht auf, dass ein In-
teresse an dem Geborenwerden zukünftiger Ostarbeiterhilfskräfte
bestehe. Hierzu muss betont werden, dass diese Ansicht völlig
42 Zitiert nach: Bernhild Vögel: Entbindungsheim a. a. O. S.50. In: http://www.
abwegig ist. Es besteht ein dringendes Kriegsinteresse daran, dass zwangsarbeit.rlp.geschichte.uni-mainz.de/Zwangsarbeiterinnen_MZ-WI…,
Lehrerhandreichung zum Thema „Zwangsarbeiterinnen im Raum Mainz-
Wiesbaden in der Zeit des Zweiten Weltkrieges“. 4. Januar 2010
40 Vgl.: Festschrift anlässlich der 775-Jahrfeier Tzschetzschnow seit 1937 Gülden- 43 Vgl.: Brief von Horst Joachim an der Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt
dorf, Heimatverein Tzschetzschnow-Güldendorf e. V. (Hrsg.), 2005, S. 47, (Oder), Fritz Krause, 26. Januar 1974, Kopie, Archiv der VvN-BdA Frankfurt
41 Vgl.: www.kriegskinder.de/cgi-bin/search.cgi?v=36847, 4. Januar 2010 (oder) e. V.

54 55
Frankfurt (Oder) war durch Hitler zur Festung erklärt worden, seit 3 Jahren in deutschen Diensten gestanden und ihre Arbeit gut
was zur Folge hatte, dass die Einwohner der Stadt diese verlassen verrichtet. Sie sind während ihres Aufenthaltes in Deutschland
mussten. Sie wurden mit Zügen in westliche Richtung gebracht. erkrankt und befanden sich zuletzt in ihrem Krankenlager unter
Beschuss. Ich bitte, sie in weitere Befürsorgung zu nehmen.
Ein Dokument vom 5. Februar 1945 besagt, dass der „Präsident gez. Unterschrift
des Gauarbeitsamts […] Mark Brandenburg“ vom „Oberpräsi- Oberfeldarzt u. Festungsarzt“ 45
denten der Provinz Mark Brandenburg“ verlangte, dass dieser das
Krankensammellager Güldendorf entgegen seinem Widerspruch Auf dem Oder-Spree-Kanal schwamm demzufolge im kalten
in seine Verantwortung zu übernehmen hätte.44 Frühjahr 1945 ein Lastkahn mit 187 Personen, vorwiegend Kran-
Das Schicksal der Insassen des Lagers war demzufolge im Ge- ken, in Richtung Potsdam.
spräch und es wird deutlich, dass zum Ende des Krieges keiner Der Festungskommandant Oberst Biehler hatte
die Verantwortung für die Kranken zu übernehmen gedachte.
Da in Richtung Güldendorf ein Angriff der Roten Armee erwar- „die Abschiebung dieser Leute unter allen Umständen verlangt
tet wurde, wäre die Existenz des Lagers für Kampfhandlungen […] widrigenfalls sie auf anderem Wege beseitigt werden müss-
erheblich hinderlich gewesen. ten“ 46
Unabhängig davon, wer letzten Endes die Verantwortung für
das Krankensammellager trug, erteilte der Festungskommandant Nachdem der Kahn bereits einen Tag unterwegs gewesen war,
der Festung Frankfurt (Oder), Oberst Biehler, den Befehl einen gelangte dem Landesmedizinalrat Dr. Baumann der Sachverhalt
Krankentransport zusammenzustellen und in Marsch zu setzen. zur Kenntnis. Er erfuhr, dass der Kahn zwar in Richtung Pots-
Der Leitende Sanitätsoffizier der Festung Frankfurt (Oder) teilte dam schwimme, dort aber niemand bereit sei, die Kranken auf-
am 28. März 1945 dem Landesrat des Gaufürsorgeamtes in Pots- zunehmen. Der Potsdamer Bürgermeister erklärte, dass er den
dam mit, Lastkahn in Potsdam nicht landen lassen würde.
Andere zentrale Stellen sahen sich außer Stande, den Transport
„dass am 28. 3. 1945 ein Krankentransport von Ostarbeitern aufzunehmen.
(Russen, Ukrainer und einzelne Polen) mit Lastkahn von Müll- Das für die Kranken in Frage kommende Lager in Potsdam Reh-
rose abgegangen ist, der auf Befehl des Festungskommandanten brücke erwies sich als vom Stab des Generalbevollmächtigten für
der Festung Frankfurt /Oder nach Rücksprache mit 2 Vertretern den Arbeitseinsatz, Saukel, besetzt.
des Reichsministeriums […] in Marsch gesetzt wurde. Marsch- Der Landesmedizinalrat sah sich einer nicht lösbaren, kompli-
ziel ist Potsdam. zierten Situation gegenüber.
Der Transport besteht aus 187 Personen (darunter 3 russ.[ische]
Ärzte, 12 Heilgehilfen und Schwestern, 1 Schwangere, 10 Säug- Inzwischen war in den Abendstunden des 29. März 1945 der
lingen mit ihren Müttern, 7 Kleinstkinder bis zu 3 Jahren, eine Lastkahn in Potsdam gelandet und in der Nähe der Langen Brü-
Anzahl Kinder bis zu 10 Jahren, 30 Tuberkulöse sowie Greise).
Bis auf das Pflegepersonal sind alle nicht einsatzfähig. Sie haben 45 Zitiert nach: BLHA Rep 55IX/1655, Abschrift, Schreiben leitender Sanitätsof-
fizier der Festung Frankfurt/Oder, 28. März 1945, Betr.: Ostarbeiter-Abtrans-
port.
44 Vgl.: BLHA, Rep 55IX/ 1655, Schreiben an den Oberpräsidenten der Provinz 46 Zitiert nach: BLHA Rep 55IX/1655, Abschrift, Vermerk Landesmedizinalrat
Mark Brandenburg, Berlin, 5. Februar 1945. Dr. Baumann, 29. März 1945.

56 57
cke festgemacht. Die Kranken konnten an der Landungsstelle Die übrigen rd. [rund] 140 des an der Langen Brück in Pots-
nicht an Land gehen. Möglichkeiten die Notdurft zu verrichten dam liegenden Kahns mit zugeteiltem Pflegepersonal (transport-
gab es nicht. Ebenso war ausgeschlossen, eine wärmende Mahl- unfähige alte Leute, Mütter mit Säuglingen und Kindern) kön-
zeit zuzubereiten. Es war nur Kaltverpflegung an Bord gegeben nen von mir nicht untergebracht werden […]
worden. Die Stadt Potsdam […] lehnt ebenfalls die Übernahme in die
eigene Fürsorge ab und hat sich mühsam dazu verstanden, vor-
Der Schlepper, der den Kahn gezogen hatte, war nach dessen läufig Verpflegung zu liefern. Die Angelegenheit droht zu einem
Festmachen sofort weitergefahren. Damit war weiterer Transport öffentlichen Skandal zu werden, da jede Gelegenheit zu einer
bis zur Bereitstellung eines neuen Schleppers ausgeschlossen. geregelten Verpflegung und vor allen Dingen die einfachsten sa-
So ergab sich die hoffnungslose Situation, dass der Lastkahn in nitären Anlagen völlig fehlen […]“ 47
Potsdam festlag, ohne dass ein Ziel erreicht war.
Da dieses Schreiben gefertigt wurde, vegetierten die Kranken
Auch unter diesen Bedingungen lehnten Oberbürgermeister und und Kinder bereits drei Wochen auf dem Lastkahn.
Bürgermeister von Potsdam es ab, irgendetwas für die beklagens- Als am 14. April 1945 Bomben auf Potsdam fielen und die Stadt
werten Menschen zu tun. Weder der Amtsarzt noch der Vertreter zerstört wurde, lag auf der Havel, festgemacht nahe der Langen
des Polizeipräsidenten sahen sich veranlasst, Hilfe zu leisten. Brücke, ein Lastkahn mit 140 schutzlos ausgelieferten Menschen.
Der Präsident des Landesarbeitsamtes – jener Institution, die
für den Zwangsarbeitereinsatz verantwortlich war – erklärte am Auch das gehört zu den Verbrechen der Nazis.
30. März 1945, er habe mit der Angelegenheit nichts zu tun, sie
kümmere ihn nicht. Es ist nicht eindeutig zu belegen, dass der Transport aus dem
Krankensammellager Güldendorf kam. Indizien sprechen da-
Während Zuständigkeiten diskutiert, geleugnet, abgelehnt wur- für. Die spärliche Aktenlage lässt eine endgültige Aussage bisher
den, blieb der Lastkahn an der Langen Brücke in Potsdam liegen. nicht zu.
Jene Menschen, die noch dazu in der Lage waren, versuchten bei Über das Schicksal der Menschen auf dem Lastkahn sind bis
Regen und Kälte auf kleinen provisorischen Kochstellen Wär- heute keine schlüssigen Aussagen bekannt.
mendes zu schaffen.
Unabhängig davon, ob ein direkter Bezug zum Krankensammel-
Am 20. April 1945 [!] schrieb der Landesmedizinalrat und teilte lager Güldendorf besteht oder nicht, belegen die aufgefundenen
dem Reichsinnenminister mit, Dokumente einmal mehr die verbreitete menschenfeindliche
Grundeinstellung zu Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern.
„dass es mir nach erheblichen Auseinandersetzungen mit militä-
rischen Dienststellen gelungen ist, 81 Tuberkulöse mit Arzt und
Pflegepersonal in der Brandenburgischen Pflegeanstalt Rotes
Luch bei Dahmsdorf-Müncheberg unterzubringen – übrigens
ein Ort, wo es ihnen bei weiterem Zurückweichen der Front so
gehen kann, wie es ihnen in Frankfurt /O. auch nur gegangen 47 Zitiert nach: BLHA Rep 55IX/1655, Schreiben an den Reichminister des In-
wäre […] nern, 20. April 1945

58 59
Kopie: Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Rep
55IX/1655

Kopie: BLHA, Rep 55IX/1655

60 61
Kopie: BLHA, Rep 55IX/1655

Kopie: BLHA Rep 55IX/1655

62 63
Kopie: BLHA, Rep 55IX/1655

Kopie: BLHA, Rep 55IX/1655

64 65
Briefe von Zwangsarbeiterinnen

Im Folgenden werden Briefe veröffentlicht, die von ehemaligen


Zwangsarbeiterinnen die geschrieben und nach Frankfurt (oder)
geschickt wurden.
Diesen Briefen waren Kontaktaufnahmen über den Ukraini-
schen Fonds „Gegenseitiges Verständnis und Versöhnung“ vo-
rausgegangen.
Die Briefe sind handschriftlich von sehr alten Menschen in Uk-
rainisch oder Russisch geschrieben. Das komplizierte manchmal
den ohnehin schwierigen Prozess der Übersetzung. Wo diese
Probleme nicht lösbar erschienen, sind eckige Klammern gesetzt
worden.
An den übersetzten Briefen sind keine inhaltlichen Korrekturen
vorgenommen worden.
Mit eckigen Klammern sind notwendige sachliche Ergänzungen
und Auslassungen gekennzeichnet, die Persönlichkeitsrechte be-
treffen.
Großer Wert wurde darauf gelegt, so nahe wie möglich am Origi-
nal zu bleiben, um auch die Ursprünglichkeit der Sprache wirken
zu lassen. Aus diesem Grund sind bei Zweitbriefen Wiederholun-
gen nicht ausgespart geblieben.
Anredeformeln sind mit eckigen Klammern ersetzt.
Aufgenommen in den Briefteil ein Brief, den die Tochter einer
Verstorbenen schrieb sowie eines Mannes, der an Stelle der ihm
gut bekannten, aber verstorbenen Nachbarin schrieb.

66 67
Tekla Owsiewna Adaminska Heute bin ich allein und lebe von meiner Rente in einem alten
Haus mit schlechten Bedingungen.

Ich, Adaminska, Tekla Owsiewna, bin am 18. 8. 1918 in dem Damals wurde zusammen mit mir noch Tscheredko, Christina
Dorf Jakiwzi in einer Bauernfamilie geboren. Mikolaewna aus unserem Dorf nach Deutschland gebracht, sie
Die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen, deshalb musste ich ist bereits verstorben.
seit meiner Jugend in anderen Familien arbeiten.

1942 wurde ich im Alter von 23 Jahren nach Deutschland depor-


tiert. Wir wurden nach Frankfurt gebracht und mussten dort in
einer Konservenfabrik arbeiten. Während dieser Arbeit ist eine
Hand unheilbar verletzt worden.
Wir haben in Baracken gelebt. Wir wurden geschlagen, Mitleid
gab es nicht.
Wir wurden im Konvoi zu den Feldern gebracht und mussten
dort Spinat und Spargel ernten und verarbeiten. Außerdem
mussten wir Bunker graben.
Im ersten Jahr haben wir ganz schlechtes Essen bekommen, tro-
ckene Kartoffeln und Karotten, die in Fässern aufbewahrt wur-
den und schon verdorben waren. Viele Leute sind von diesem
Essen gestorben.
Eine von uns konnte Deutsch, sie hat einen Brief an Hitler ge-
schrieben und dann wurde der Konvoi und das schlechte Essen
abgeschafft.

Als der Krieg dorthin gekommen ist, wurden wir nach Berlin
gebracht. Dort wurden wir bombardiert, und ich wurde verschüt-
tet. Als man mich ausgegraben hatte, hatte ich mein Gehör ver-
loren und kann bis heute nur sehr schlecht hören.
Dann wurden wir zu einem Sammelpunkt nach Schwiebus ge-
bracht. Dort haben wir Getreide und Kartoffeln geerntet und
wurden dafür bis heute nicht bezahlt.

Im Frühjahr 1946, vor Ostern, kehrte ich nach Hause zurück.


Nach der Rückkehr war ich 2 Jahre lang sehr stark erkrankt. Da-
nach bin ich zur örtlichen Kolchose gegangen und habe dort bis
zu meiner Rente gearbeitet.

68 69
Motrja Jakiwna Jarowna gab überwiegend Steckrüben zu Essen. Wir waren sechs Mäd-
chen im Zimmer, man ließ uns nirgends hin, wir arbeiteten für
5 Mark im Monat und dort gab es nichts zu kaufen. Aber in
Ich Nimerytsch, Motrja Jakowna, wurde am 15. 6. 1926 geboren. Magdeburg war es nur halb so schlimm.
Bis zum Krieg wohnte ich bei meinen Eltern, ich hatte noch 2
Schwestern und einen Bruder, ich war die Jüngste und half im 1944 kamen wir nach Frankfurt (Oder) und hier lernten wir das
Haus. Als der Krieg 1941 begann war ich 15 Jahre alt. Leid kennen. Hier sagten uns schlechte Leute, was wir tun sollen.
1942 nahmen sie meine Schwester Marina mit, sie lebt jetzt noch. Man gab uns zweimal am Tag zu essen.
Sie kam zu einem Bauern, der sehr gut zu ihr war. Er gab ihr Solche Menschen, wie mich, die klein von Wuchs waren, stellte
Marken, damit sie Brot bekam und sie unterstützte mich damit. man zu sechst an eine Karre und die wurde von einem Kran
Jetzt wohnt sie in der Stadt Belaja Zerkow, im Kiewer Gebiet, beladen. Wir fuhren die Karre in den Wald. Mit uns kam ein
Strastowskaja 62a Wohnung 1, Nimerytsch M. J. (Wusinnja). Deutscher, der uns zeigte, wo wir ausladen sollten. Nach jeder
Fahrt fuhren wir Motoren von zerstörten Flugzeugen und Ma-
Im Juni 1943 holten sie mich und noch ein paar Mädchen aus schinen. Als die Amerikaner anfingen zu bombardieren, brachte
meinem Dorf gewaltsam nach Deutschland. Aus unserem Dorf man uns in Bunker.
waren dort 12 Mädchen. Man setzte uns auf Fuhrwerke und ne-
ben jedem Fuhrwerk war Polizei, man brachte uns nach Koreun- Am 9. Oktober 1945 kam ich nach Hause, dort war mein kranker
Schewschenkowsk. Vater und die Mutter war auch krank, das Haus zerstört. Was
Dort hat man uns durchnummeriert und setzte uns dann in Gü- konnten wir tun, Pässe gab man uns nicht, auch keine Papiere,
terwagen und brachte uns nach Kiew. Von dort fuhren wir nach damit wir wegfahren könnten. Wir arbeiteten in der Kolchose.
Peremeschel. Von dort brachte man uns nach Deutschland, in Ich arbeitete dort 20 Jahre, dann, 1960, wurde eine Nachrichten-
jedem Waggon fuhr ein Deutscher mit. abteilung gegründet und der Vorsitzende schickte mich in die
Schule und ich arbeitete dann in diesem Bereich 21 Jahre.
Wir kamen nach Erfurt zu einer Sammelstelle. Dort waren sehr 1960 heiratete ich Jarow, Nikolai Ignatowitsch und 1967 wurde
viele Menschen von unserem Volk. Hierher kamen die Deut- unser Sohn Borja geboren.
schen und kauften uns für 5 Mark das Stück. 1991 schickte man meinen Mann junge Pferde einzureiten und
er wurde erschlagen. Mein Sohn hat eine eigene Familie und 2
Dann kam man uns mit einem Auto abzuholen und fuhr uns Kinder, er wohnt im Zentrum des Gebietes. Ich kann dort nicht
nach Magdeburg und mich und die Mädchen aus meinem Dorf hinfahren.
brachte man zum Arbeiten auf einen Flugplatz. Dort säuberten 1995 gab man uns ein Zertifikat auf ein Stück Land und ich ging
wir Flugzeugteile mit Benzin. zum neuen Vorsitzenden und ich zeigte das Papier, damit ich
Es gab dort die verschiedensten Menschen, einige waren gut und nach Kam-Brodsk gehen kann.
gaben uns zu essen und andere waren wieder sehr streng. Sie behielten aber das Papier und ich blieb. Ich erhalte 620 Gri-
Am Arbeitsplatz waren die Deutschen gut, Paul, Marta, Elli und ben Rente. Jetzt legt man eine Gasleitung in mein Dorf und ich
Barbara und der Belgier Remi. spare, damit ich das bezahlen kann. Das ist mein Leben.
Wir gingen alle in eine Kantine, aber uns gab man das schlech-
teste Essen. Man gab uns einen Laib Brot in der Woche, aber es

70 71
Ich kenne eine Frau, die in Watuschino lebt, Schukjaka, Anna Maria Maximowna Kalasch
Dabudowna.
Ich weiß, wir hatten es schwer, aber wir waren jung, wir haben Geborene Tschernoruk
alles überlebt. Aber jetzt brauche ich Unterstützung, wir alten Charkow
sind niemandem nötig. Ich bitte um Entschuldigung für meine
Fehler, ich bin schon 82 und vergesse schon viel.
Guten Tag allen!
Motrja Jakiwna Jarowna
Ich erhielt den Brief aus Deutschland und möchte nun antwor-
ten.

Ich, Maria Maximowna Tschernoruk (heute Kalasch), wurde im


Dorf Wolochow Jar im heutigen Tschugujewsker Kreis im Char-
kower Gebiet am 18. Januar 1926 geboren.

Bis zum Krieg beendete ich die 7. Klasse und lernte auf einer
medizinischen Fachschule. 1942 erkrankte ich an Typhus und
am Ende des Jahres, als ich noch nicht einmal 17 Jahre alt und
nach der Krankheit noch nicht wieder zu Kräften gekommen
war, brachte man mich nach Charkow zu einem Sammelpunkt
zum Abtransport nach Deutschland.
Dort behielt man uns so lange, bis wieder ein Transport von
Menschen „voll“ war.
Gesunde Mädchen konnten entkommen, aber mich ließ man
mit etwas Essen zurück. Ich konnte nicht weglaufen, war noch
zu schwach.

Direkt Anfang 1943, nach der Ankunft in Deutschland, kam


ich am 21. Tag in ein Quarantänelager, wo man uns auf einem
gefrorenen Platz mit eisigem Wasser übergoss. Wer sich nicht auf
den Beinen halten konnte, wurde weggebracht und von uns nie
mehr gesehen. Es gab auch andere Schikanen.

Später brachte man uns nach Frankfurt (Oder) in eine Fabrik, in


der wir Fallschirme nähten.
Wir waren in einem Wohnheim untergebracht. Dort wurden
wir sehr schlecht versorgt: zwei kleine Kartoffeln, 100 g Brot,

72 73
schwarzer Kaffee ohne Zucker und ein kleiner Teller Suppe aus Danach wurde ich nach Petersdorf zu Paul Nitschke gebracht.
Kohlrüben oder Möhren zum Mittag – das war die Tagesration. Hier musste ich von morgens um 5 Uhr die Kühe melken, da-
Wir hungerten schrecklich, obwohl man uns Geld für die Arbeit nach ging es zur Arbeit aufs Feld, dann wieder Kühe melken und
gab. Aber außer einer Art Zitronenlimonade durfte man keine danach erneut aufs Feld, so bis 10 Uhr abends. Bei Paul lebten
weiteren Nahrungsmittel kaufen. seine Frau und seine alte Mutter. Beiden Frauen versuchten mich
Mit der örtlichen Bevölkerung lebten wir friedlich zusammen. zu schonen, wo immer sie konnten. Die Ehefrau wollte mich vor
Einige Deutsche verkauften uns heimlich 3–4 Kartoffeln, aber allzu schwerer Arbeit bewahren. Einige Male schickte sie mich
das konnte uns auch nicht retten. auf den Dachboden, um immer wieder ein- und dieselbe Wäsche
zu bügeln, nur um mich vor den Augen ihres Mannes zu verste-
Im Frühling kamen die Bauern und suchten diejenigen aus, die cken. Er war so hart und grausam, dass er nicht einmal seiner
kräftig genug für landwirtschaftliche Arbeiten waren. Ich kam alten Mutter ein Glas Milch am Tag gönnte. Die Großmutter gab
nach Heinersdorf zu Otto Krienke. mir ein Halblitergefäß und heimlich, beim Melken der Kühe,
Nach der Zeit des Hungerns in der Fabrik gab mir der alte Bauer goss ich etwas Milch hinein und brachte sie ihr. So lebten wir
drei Tage keine feste Nahrung, damit ich nicht sterbe, weil der friedlich zusammen. Sie brachte mir auch Deutsch bei.
Magen das Essen nicht verarbeitet hätte. Die Verpflegung hier
war gut, aber ich arbeitete für drei Männer auf einmal. Der Bauer hatte mir ebenfalls vorgeschlagen, die Schwanger-
Es war so schwer, dass ich mich sogar erhängen wollte. schaft abzubrechen, aber ich tat es nicht. So zwang er mich zu
Hier lernte ich meinen späteren Mann Iwan Iwanowitsch Ka- körperlich sehr schwerer Arbeit; schwere Säcke mit Getreide und
lasch kennen, der auch dort arbeitete. Mit ihm zusammen arbei- anderen Dingen zu schleppen. Aber ich war von Natur aus kräf-
tete Nikolai Kowaltschuk aus der Ostukraine (mein Mann kam tig und gesund, weshalb ich das überlebte. Noch im neunten
aus der Westukraine). Kowaltschuk war auf eigenen Wunsch Monat meiner Schwangerschaft ließ er mich den ganzen Tag
nach Deutschland gefahren, nicht zur Zwangsarbeit. Mist auf das Fuhrwerk stapeln.
Der Bauer, bei dem mein Mann war, war sehr brutal. Nikolai Ko- In der Nacht bekam ich Blutungen. Als die Bäuerin am Morgen
waltschuk durfte nicht auf die Straße gehen, weil er keine langen zu mir kam und fragte, warum ich nicht arbeiten würde, zog ich
Hosen hatte. Ich gab ihm meine (die meines Vaters). die Bettdecke weg und zeigte ihr, was mit mir los war. Sie rannte
Als ich schwanger wurde und der Bauer davon erfuhr, wollte er wie ein Blitz aus dem Zimmer und nach fünf Minuten kamen
mich zu einer Abtreibung überreden, doch ich stimmte nicht schon die Ärzte. Sie gaben mir eine Spritze und beschimpften
zu. Dann wollten sie Iwan zwingen, dass er mich dazu bringen den Bauern ziemlich heftig. Mich und das Baby konnten sie ret-
sollte, es zu tun, aber auch er weigerte sich. Und eine gesetzliche ten.
Ehe zu schließen war uns nicht möglich, weil ich die Aufschrift
„OST“ an der Kleidung trug. Doch schon am nächsten Tag ließ mich Paul Nitschke wieder
Die Bauern brachten mich heimlich zum Arbeitsamt. Als Iwan arbeiten. Mein Töchterchen wurde von der Großmutter betreut.
davon erfuhr, suchte er mich ohne Erlaubnis. Dafür wurde er Einige Zeit später wollte der Bauer mir das Baby erneut nehmen.
bestraft und musste für 24 Stunden in den „Steinsack“. Aber er Es kam eine Frau in Begleitung von Polizisten und einem Notar
hatte mich gefunden. und erklärte, dass sie das Mädchen adoptieren möchte, weil sie
keine eigenen Kinder habe. Der Mann wäre an der Front gestor-
ben und sie wäre bereits 40 Jahre alt. Die Frau glaubte, dass ich

74 75
das Baby nicht haben wollte. (Das könnte ihr der Bauer so gesagt geworden ist. Die Kinder waren etwa 10 oder 12 Jahre alt, eins
haben). Als ich laut zu weinen anfing und um Hilfe rief, sagte ein bisschen älter als das andere.
sie, dass sie das Baby mir nicht gewaltsam nehmen werde. Die
Großmutter weinte und kümmerte sich um das Baby. Vor etwa 20 Jahren kam im Dorf Wolochow ein Päckchen, ge-
Als meine Tochter drei Wochen alt war, wollte mich Paul Nitsch- richtet an meinen Mädchennamen, an. Doch dort wohnte nur
ke erneut von meiner Tochter trennen. Nachdem ich die Kühe noch meine Tante, denn ich war bereits ins Dorf Michailowka
gemolken hatte, ging es aufs Feld. Sonst sind wir immer nur mit gezogen, wo ich auch heute noch lebe. Man erzählte mir von
den Pferden gefahren, doch dieses Mal nahm er das Motorrad dem Päckchen, den Inhalt haben wir geteilt, aber die Tante hatte
und ich das Pferdegespann. In der Mittagspause setzte er sich keinen Absender. Ich würde gern erfahren, wer uns dieses Päck-
aufs Motorrad und fuhr davon. Irgendwie merkte ich, dass etwas chen geschickt hat.
nicht stimmte. Ich spannte die Pferde an und fuhr ihm hinterher.
Er glaubte, ich könnte die Pferde nicht einspannen, doch da ich Das Schicksal in Deutschland war mir auch in der danach fol-
auf dem Dorf aufgewachsen bin, habe ich es dort gelernt. Als ich genden Zeit nicht gerade fröhlich gesonnen.
direkt nach dem Bauern ankam, lief ich zur Großmutter. Die- Bevor die Bombardierungen begannen, wurden alle Gefangenen
se weinte bitterlich und sagte, dass ihr Sohn der Kleinen gleich in ein Lager gebracht. Dort waren auch Kriegsgefangene, weil
Gift verabreichen wird. Ich fing auch an zu weinen, ergriff das irgendwo daneben eine Munitionsfabrik war.
Baby und fuhr nach dem Mittag nicht wieder zur Arbeit. Die Es waren dort Menschen verschiedener Nationalitäten. Polnische
Großmutter riet mir wegzulaufen und sagte mir auch, wie ich es Frauen hatten hysterische Angst vor den Bombenangriffen und
machen könnte. alle schrieen “Mutter Gottes“. Einem Polen und zwei Russen ge-
lang es, aus der Stadt herauszukommen und Hilfe zu holen, um
Am Morgen melkte ich die Kühe und erzählte alles dem Fahrer, alle zu befreien.
der jeden Morgen die Milch holte. Der Fahrer, so hatte auch die Dann kamen die russischen Panzer und befreiten uns. Nach
Großmutter gesagt, sei ein guter Mensch. Er war entrüstet über Hause zu gelangen war sehr schwierig: Wir waren hungrig und
das Verhalten von Paul und brachte mich mit dem Kind zum es war kalt. Ich sah viele Tote, Soldaten Zivilisten. Ein grausames
Arbeitsamt. Erlebnis.

Von dort aus kam ich nach Burschen und dort arbeitete ich bis An der Grenze zu Noworod Wolensk kontrollierte alle der KGB:
zu der Zeit als die Russen kamen. Hier war das Verhalten mir Wer ist wie und unter welchen Umständen nach Deutschland
gegenüber menschlich. Ich musste nicht hungern und brauchte verschlagen worden. Am Ende des Krieges, am 18. März, kehrte
keine schwere Arbeit zu verrichten. Die Leute waren wohlha- ich mit meiner Tochter Nadeshda nach Hause zurück.
bend und trotzdem arbeitete die Ehefrau die ganze Zeit. Sie ging Und nach dem Krieg haben mein Mann und ich gesetzlich ge-
über den Hof, beobachtete die Arbeitenden und dann strickte heiratet. Uns wurden noch fünf Kinder geboren. Sie sind alle
sie, fast ununterbrochen. Mir hat sie Wollsocken gestrickt, damit bereits Rentner.
meine Füße nicht frieren und auch eine Strickjacke aus Wolle
hat sie mir geschenkt. Sie hatte zwei Kinder, einen Jungen und Meine Hände sind gekrümmt, die Beine wollen nicht mehr ge-
ein Mädchen. Ich wüsste gern, wo sie sind und was aus ihnen hen. Das Alter macht sich bemerkbar. Das Schreiben fällt mir
schwer, daher schreibt meine Tochter, die in Deutschland gebo-

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ren wurde. Sie ist Invalidenrentnerin. Die Renten sind bei uns alles brannte. Drei Tage brannte es und wir blieben zurück, in
nicht hoch (mild ausgedrückt). Sie wohnt in Charkow. dem was wir anhatten, aber alle überlebten.

P. S. Mama ist sehr schwach und krank. Aber damit war es nicht zu Ende. Ich erkrankte an Typhus und
lag 40 Tage ohne Essen, trank nur Wasser, aber ich überlebte und
Auf Wiedersehen. der Vorsitzende bestimmte mich nach Deutschland zu fahren,
ich war nur Haut und Knochen und die Haare fielen aus. Man
fuhr uns in Transportwaggons.
In Polen zog man uns nackt aus, wir standen im Schnee und
Maria Maximowna Kalasch man begoss uns aus breiten Schläuchen mit einer Lösung, die
Augen schlossen wir um nicht blind zu werden und dann stan-
den wir und warteten, dass unsere Kleidung aus der Desinfekti-
Ein Gruß aus der Siedlung Schkalowska […] on wiederkam. 21 Tage Quarantäne und dann nach Frankfurt
Ich wünsche Ihnen Glück, Gesundheit und einen friedlichen, (Oder) in die Fabrik.
lichten Himmel auf Erden. Sie gaben uns schlechtes Essen für die Arbeit, gaben Geld (Mark),
Entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihnen so spät antworte. Ich doch wir konnten nichts dafür kaufen, nur Selters.
erkrankte und meine Tochter hat mich zu sich geholt. Meine Als die Arbeit in der Fabrik zu Ende war, verteilte man uns an
Adresse hat sich geändert und deshalb erhielt ich Ihren Brief erst Bauern in die Dörfer. Ich kam nach Heinersdorf zu Otto Krinke
kürzlich. und seiner Frau, sie waren schon älter.
Am Dorfrand war die Post, der Name des Leiters war Sommer,
Ich kann Ihnen auch nichts Neues berichten, denn wir hatten er war Invalide und mein Iwan arbeitete bei ihm, er trug die Post
nicht das Recht irgendwohin zu gehen und zu lesen. Zur Fabrik aus. Der Chef sortierte die Post und Iwan trug sie zu den Adres-
wurden wir im Konvoi geführt, vorn und hinten gingen Polizis- sen, er verstand deutsch.
ten. In der Fabrik nähten wir Fallschirme, aber in welcher Straße Dort lernten wir uns kennen und trafen uns, unseren Chefs ge-
sie sich befand, weiß ich nicht. fiel das nicht und man trennte uns.
Man schickte mich nach Petersdorf zu Paul Nitschke und dort
Ich wurde im Dorf Wolochow im Jahr 1926 geboren, dort ging gebar ich eine Tochter. Ich habe Iwan einen Brief geschrieben,
ich auch zur Schule, beendete 7 Klassen und begann 1940 am erhielt aber keine Antwort. Sommer hat meine Briefe Iwan nicht
medizinischen Technikum zu lernen, aber der Krieg 1941 been- gegeben.
dete mein Studium und ich besuchte einen Kurs für Traktoristen Iwan fuhr nach […] zum Arbeitsamt um zu erfahren, wo ich
und Kombinefahrer. bin und dort erhielt er meine Adresse, dafür steckte man ihn in
einen Ziegelraum, ich habe diesen Raum gesehen, dort konnte
Alle Männer zog man zum Krieg ein und im November kamen man nicht sitzen oder liegen, nur stehen.
die Deutschen. Paul Nitschke wollte mein Baby einer kinderlosen Deutschen
Es fand ein Kampf statt und unser Haus brannte, es war lang geben und es kamen zwei Polizisten und die Deutsche um die
und alle waren unter einem Dach, alles brannte und die Kühe, Papiere auszustellen. Ich lief dem Baby nach und den Polizisten,
Schweine, Hühner, das Lager mit den Produkten und Getreide, sie sagten, ich solle nicht schreien, Nitschke aber sagte, dass ich

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das Baby nicht brauche, aber wenn du so weinst und leidest, brachte man die Gefangenen in (Oswentien?), so sagten die Po-
wirst du eine gute Mutter und sie gingen. len.
Einen Monat später brachten wir die Pferde weit hinaus aufs Feld Den anderen Teil der Gefangenen überflutete man, zusammen
zum Arbeiten und nahmen zur Fahrt ein Motorrad. Mittags mit den Deutschen, an dem Platz mit Wasser an dem sie arbei-
nahm der Chef das Motorrad und fuhr fort, er sagte mir, dass ich teten.
nach den Pferden sehen soll und er mir das Essen bringen wird. Die Fabrik wurde geheim gehalten.
Meine Tochter war doch erst einen Monat alt und die Milch floss Uns Arbeiter brachte man in ein Lager zu den Gefangenen und
mir aus der Brust. Ich ging zu den Pferden, sattelte auf und ins bereitete unseren Abtransport vor, doch es gelang einigen mu-
Dorf fuhr der Chef auf dem Motorrad und ich ritt. tigen Männer einen Durchgang unter den Zaun zu graben und
Nitschke schimpfte auf Deutsch: Donnerwetter, und ich antwor- sie gelangten vor dem Abtransport zu den Russen. Die Panzer
tete auf Russisch. Ich ging in mein Zimmer und dort weinten die kamen sofort nach Burschen.
Mutter von Nitschke und der Großvater und ich fragte, warum Wir Ukrainer nahmen Pferd und Wagen und fuhren nach Osten.
sie weinten und sie sagten, dass Paul Nadja, meine Tochter, Gift Ich trug das kleine Baby an der Brust, damit es warm war und so
zu trinken geben will. Ich erschrak und begann zu weinen und erreichten wir Tomaschew.
fragte die Großmutter, was ich tun kann. Sie antwortete: „Lauf Die Pferde nahmen uns die Soldaten weg und man brachte uns
weg!“ „ Es ist Krieg, wo soll ich hin laufen?“ Sie sagt: „Wickle nach Wladimirowolynsk.
das Kind sehr früh. Es kommt der Fahrer die Milch von den Kü- Dort überstand ich die Folter, drei Mal brachte man mich zum
hen holen, er ist ein sehr guter Mensch. Bitte ihn um Hilfe, du Verhör, fragte, mit wem ich war, was ich gemacht habe. Sie
kennst die deutschen Worte und er bringt dich zum Arbeitsamt. nahmen mir mein Arbeitsbuch weg, mit dem man mich nach
Auf dem Arbeitsamt wirst du Leute finden, die dich und das Deutschland gebracht hatte und das andere nach einem Jahr
Kind nehmen.“ beim Abtransport.
Gottes Segen für die Großmutter und Frau Nitschke, sie war sehr Ich hatte eine Fotografie, war nur Haut und Knochen, die Haare
gut. Kann sein, ihre Kinder leben noch, ein Junge und ein Mäd- kurz geschoren, die nach dem Typhus ausgefallen waren und die
chen, Gott gebe ihnen Gesundheit. neuen Haare waren wie bei einem jungen Lamm. Und jetzt war
das Gesicht weiß und sauber und ich war rund, ich war gerade
Mich schickte man nach Burschen zu Willi Sauer. Die Arbeit 18 Jahre alt.
war schwer, aber niemand hat mich gekränkt und Kartoffeln Immer wieder die Fragen, wo ich war und was ich gemacht habe.
konnte ich essen, so viel ich wollte. Frau Sauer (ihren Vornamen Ich antwortete, in Frankfurt (Oder) in der Fabrik, an der Nähma-
kenne ich nicht, sie hat ihn mir nicht gesagt und ich habe nicht schine und dann beim Bauern in Heinersdorf bei Krinke und in
gefragt) hat mir geholfen bei der Pflege des Kindes. Sie hatte Petersdorf und in Burschen.
auch zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Und das drei Mal und sie fragten, warum ich lüge.
Als die russischen Soldaten näher kamen, gingen sie fort, wohin Warum ich damals dünn und geschoren war und heute rund und
weiß ich nicht. Im Dorf blieben nur zwei Alte, ein Dorf ohne lockig. Aus der Ukraine brachte man mich nach dem Typhus
Menschen. Hier gab es ein Kriegsgefangenenlager für Russen, nach Deutschland in die Fabrik und in Heinersdorf hungerte
viele, ich weiß nicht wie viel. Man teilte sie in zwei Gruppen, ich nicht, ich aß Brot und trank Milch, wenn die Hausherren
vielleicht 100 oder 200 und trieb sie zur Arbeit, sie arbeiteten es nicht sahen. Bei Nitschke in Petersdorf hungerten wir, wir
an Loren in irgendeiner unterirdischen Fabrik. Am letzten Tag stahlen bei den Schweinen die Kartoffeln und aßen sie. In Bur-

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schen aß ich Kartoffeln, so viel ich brauchte. Das ist die ganze Larissa Borisowna Kornejewa
Geschichte.
Charkow
Auf die Anfrage nach Hause kam, dass ich wirklich 1926 geboren
bin, an Typhus erkrankte und das Haus brannte und man ließ […] Ich möchte Ihnen auf Ihren Brief antworten. Zu meinem
mich nach Hause. Ich kam am 18. März in dem mir Fremden größten Bedauern starb O. A. Kornejewa im Januar 2006 im Al-
an, es gab nichts. Mama hat das abgerupfte Gras gegessen, es war ter von 83,5 Jahren.
sehr schwer, aber wir haben überlebt.
Ich bin die Tochter Larissa Borisowna Kornejewa.
Aber jetzt gibt es in unserer unabhängigen Ukraine sehr viele
Millionäre und Milliardäre und noch mehr Arbeitslose und Ha- Mama hat sich ihr ganzes Leben lang mit allen Einzelheiten an
benichtse, man muss ans Überleben denken. ihren Aufenthalt in Deutschland erinnert; ihren Alltag, ihre Ar-
Meine 6 Kinder sind alle Rentner, sie zahlen das Gas, das Was- beit in der Stadt Frankfurt (Oder) und darüber erzählt.
ser, die Heizung, das Telefon, die kommunalen Dienste und Meine Mutter erlernte vor dem Krieg der Beruf Fräser.
dann bleibt nicht sehr viel zum Leben. Je länger es dauert, umso Ihr Mädchenname war Korschowa, geboren wurde sie 1922.
schlechter wird es, es wird alles teurer.
Im Mai 1942 wurde sie von Charkow nach Deutschland abtrans-
Entschuldigt, dass ich schlecht schreibe. Meine Hände können portiert. Zusammen mit ihr wurde auch ihre jüngere Schwester
den Füller schlecht halten und ich sehe auch schlecht und ich Nadjeschda Aleksandrowa Korschowa (1924 geboren) abtrans-
mache viele Fehler. Ich wohne bei der Tochter. Ich weiß nicht, portiert.
ob ihr jemanden findet, der meinen Brief lesen kann. Wenn sie Sie kamen in das Arbeitslager Frankfurt (Oder). Sie arbeiteten in
die Möglichkeit haben zu kommen, wir wohnen sehr arm. Die der Fabrik „Teutonia“ unter Direktor Deine [Dähne].
neue Adresse schicke ich ihnen. Im Mai 1945 wurden sie befreit.

Mama hat erzählt, dass sie in Baracken lebten. Es waren dort


auch sehr viele Leute aus Charkow, eine Menge […]
Zur Arbeit wurden sie in Kolonnen unter Bewachung mit Hun-
den geführt, ungefähr 3–4 km. Wer zurückblieb, wurde mit Stö-
cken geschlagen.
Mit solchen Holzpantinen zu gehen, wie sie diese Holzschuh-
sohlen mit einem Stück Stoff (Pantoffeln) nannten, war sehr
schwierig. Besonders schwierig war es im Winter.
Die Bekleidung war spärlich – leichte, graue Kleider.
Hunger hatten sie immer, es gab wenig zu essen. Winzige Stück-
chen Brot, Margarine und – für ihr gesamtes verbleibendes Le-
ben in Erinnerung geblieben – Suppe aus Mehl, Wasser, Steckrü-
ben und darin schwimmenden Würmern.

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[… Übersetzungsproblem] Gott hat es wohl so gut gefunden.
Mama arbeitete an einer Drehbank. Sie schleppte schwere, me- Die Listen für die Abfahrt hängten sie jeden Tag aus. Es kam der
tallische Teile. Ich kann nicht sagen, dass sie gute Erinnerungen Oktober 1945. Mama war beunruhigt, was tun und fuhr in die
an diese Zeit hatte. Ukraine ohne Papiere.
Jedoch arbeiteten in der Fabrik auch deutsche Arbeiter. Und ob- Zu Hause in Charkow wurde sie von ihren Eltern empfangen.
wohl es aufs strengste verboten war mit den Unseren zu reden, Am 28. November 1945 wurde ich in Charkow geboren. Der
hat ein Deutscher mittleren Alters – er hatte gesehen wie Mama Vater schrieb der Mutter aus Deutschland. Er wusste es und er-
arbeitete und wie schwer es ihr fiel – eine Entdeckung riskierend, innerte sich, dass er nun eine Tochter hat.
manchmal von weitem Zeichen gegeben, wo er einen Teil seines Nach der Entlassung erblickte er mich das erste Mal 1948. Die
Frühstücks für sie liegen ließ. Eltern heirateten und Mama und ich wurden Kornejews.
Direktor Otto Deine war immer mit allem unzufrieden; war bös-
artig, unbarmherzig. 1950 erkrankte der Vater an der offenen Form der Tuberkulose.
Er starb 1999 an […]
In der Freizeit war Mama froh, sich erholen zu können und hat Mama wurde mit 40 Jahren eine Niere entfernt und lebte nur
gelesen. Im Lager hat sie den Charkower Boris Sergejewitsch noch Dank der Medizin. Ich half, soweit es mir möglich war,
Kornejew (1923 geb.) kennengelernt. Er war ein guter Arbeiter, den Eltern.
sprach deutsch. Deutsch lernte er noch in der Schule und im
Technikum. Sie hatten eine freundschaftliche Beziehung, die Mit Hochachtung
ganzen 3 Jahre ihres Aufenthalts im Lager. Kornejewa, Larissa Borisowna
Jung, abgemagert, hungrig, aber das Leben ging weiter … 22. 06. 2008

1945 begannen die Bombenabwürfe. Das Lager hielt sich bis


März, April, das System zerfiel natürlich, aber die Menschen
lebten nach wie vor in den Baracken.
Wie viele Male hat Mama erzählt, dass der Vater sie nach der
Bombardierung ausgrub, wie schrecklich es war und dass die
Flugzeuge sehr niedrig flogen und die Bomben fast nebenan nie-
derfielen.
Einheimische gab es nur noch wenige, alles ringsum stand leer,
alles zerstört.

Am 9. Mai 1945 war Mama noch im Lager und den Vater zogen
sie zur Armee ein. Sie wussten bereits, dass sie ein Baby bekom-
men würden – mich. Der Vater diente bis 1947 in Deutschland,
in Berlin. Mutter wartete auf die Abfahrt nach Hause. Sie arbei-
tete für Essen, dort, wo man sie hinschickte.

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Paraskowija Musejewna Kutowa Tscherkassi. Es waren da noch Frauen aus Poltawa und der west-
lichen Ukraine.
Schurawka Es waren in der Fabrik ungefähr 180 Menschen. Wir arbeiteten
in der Konservenfabrik, schnitten und trockneten Kartoffeln
Guten Tag […]! und andere Früchte und Gemüse.
Mit Achtung und sehr vielen guten Wünschen für Sie schreibt Aber essen durften wir nicht. Wenn wir uns etwas in den Mund
eine alte Ukrainerin Kutowaja, Praskowaja Musejewna. steckten, hat man uns sehr geschlagen.

Ihr Brief hat mich natürlich sehr erstaunt. Sofort waren bei uns die Meister, ein Mann und seine Frau, sehr
böse und widerwärtig. Dafür ist er erblindet und ihr haben sie
Ich bin geboren am 10. 11. 1925 im Dorf Schurawka, Olschanski die Hand gelähmt.
Gebiet, jetzt Gorodschuenskij, Gebiet Tscherkassi.
Aber unter Euren Leuten waren auch gute. Wir hatten Pantoffeln
Mein Leben bis zum Krieg war schlecht, arm, wir waren 5 Kin- aus Holz, feucht und modrig. Es kam vor, dass uns Deutsche
der. Unsere Mama war sehr krank – Trauma der Wirbelsäule und Strümpfe mitbrachten.
der Rippen. Das bedeutete damals in einer armen Familie den
Tod. Vater war Schmied. Wir lebten in Baracken. Man gab uns Steckrüben und Mohrrü-
Mit 10 Jahren weißte ich die Stube, wusch die Wäsche, habe ben und ein Stück Brot am Tag.
gesponnen, die Kuh getränkt. Die Schule habe ich nach zwei In der Freizeit waren wir in den Baracken – am Sonntag, sonst
Klassen beendet. haben wir von früh bis spät gearbeitet. Wer bei Wirtsleuten war,
konnte sich frei bewegen, aber wir wurden im Konvoi zur Arbeit
Man hat mich überall versteckt, in Kisten, auf dem Boden, unter und zurück geführt. Jede Nacht gab es Alarm und man hat uns
dem Bett, sogar im Schornstein, damit sie mich nicht mit nach hinausgetrieben in Bunker.
Deutschland nehmen. Für mich nahmen sie meinen jüngeren
Bruder mit. Als die sowjetische Armee näher kam und die Bomben fielen,
Aber im Frühling 1943 nahmen sie mich auch mit. Die älte- hat man uns fortgebracht.
ren Brüder gingen zur Armee. Zu Hause blieb nur der Jüngste. Wir blieben alle zusammen, aber eine von uns wurde getötet.
Mama hat das alles nicht ertragen und starb mit 45 Jahren. Eine Frau aus Ruischaniwko wurde dort auf dem Friedhof begra-
ben. Sie hatte Tuberkulose. Jetzt sind wir noch zu zweit. Ich und
Wir wurden nach Deutschland im Güterwagen transportiert, alle meine Cousine Laskawa Romanenko Ewdokija Kindrotowna
zusammen, Frauen und Männer. Dort mussten wir auch unsere und aus Ruischaniwko noch eine.
Notdurft verrichten – in einer Ecke des Waggons machten sie Die Kleinsten und Dümmsten blieben übrig.
ein Loch. Wir erinnern uns oft an unser Leben in Deutschland. Als die
Bomben fielen, hat man uns nach Landsberg, Brandenburg, Küst-
Wir wurden nach Frankfurt an der Oder gebracht. Aus unserem rin, gebracht. Dort wurden wir befreit. Aber ich arbeitete noch
Dorf waren wir 7 Frauen und aus dem Nachbarort Ruischaniw- ein Jahr zusammen mit einer anderen von unseren Mädchen (sie
ka, Gebiet Swenigorodskaj 5 Frauen. Die waren aus dem Gebiet ist bereits gestorben), die anderen schickte man nach Hause.

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Nach Hause kam ich im Herbst 1946. Aber welches Schicksal hat Maria Nikonowna Ljubarskaja
schon eine arme Waise? Ich heiratete, gebar ein Mädchen, das
nach einem halben Jahr starb. Dann bekam ich Zwillinge. Der Tschernowni
Mann ging zur Armee, hat mich verlassen, fand die Tochter des
Kommandanten. Ich zog die Mädchen selbst groß. Mit 6 Jahren Guten Tag, […]
starb eine an Herzleiden. Dann heiratete ich erneut, bekam noch es wendet sich an Sie die ehemalige Zwangsarbeiterin in Frank-
eine Tochter. Mit diesem Mann lebte ich 30 Jahre. Mein ganzes furt (Oder) Ljubarskaja, Maria Nikowna.
Leben arbeitete ich im Kolchos, erntete Rüben, bereitete sie in
der Küche zu, auf dem Boden. Ich erhielt Ihren Brief mit der Bitte, meine Erinnerungen an die
Zwangsarbeit in Deutschland in den Jahren des 2. Weltkrieges
Jetzt bin ich nicht mehr gesund, Mikro-Infarkt. Bewege mich mit Ihnen zu teilen. Riesigen Dank Ihnen für diese Arbeit, die
nur an Krücken. sie mit dem Ziel begonnen haben, die Gerechtigkeit wiederher-
Ich lebe halt. Lebe neben meiner Tochter; von den Zwillingen, zustellen, die Wahrheit zu berichten über die Sklavenarbeit in
habe 6 Enkel, 4 Urenkel und das 5. unterwegs. den Jahren des Krieges.
Erhalte 544 Griben Rente, bei Euch sind das nicht einmal 100
Dollar. Ich, Ljubarskaja, Maria Nikonowna, wurde am 28. 4. [19]25 im
Dorf Bagwa, im Bezirk Bugski, Kiewer Gebiet, in der Ukraine
Lehrt Eure Jugend, dass sie nicht länger Krieg machen soll. Da- geboren. In diesem Dorf lebte ich zusammen mit den Eltern und
mit das Schicksal sie nicht durch die ganze Welt treibt, wie uns, einer jüngeren Schwester. Im Juli 1941 wurde das Gebiet durch
ja und jetzt unsere Enkel, auf der Suche nach einem besseren deutsche Soldaten eingenommen.
Leben und Erleben. Im Sommer 1942 kamen Polizisten in das Haus und wiesen an,
sich auf der Straße zu sammeln und die dringendsten persönli-
So raffen unsere Herren jetzt alles für sich, sie können nicht ge- chen Sachen sowie Lebensmittel mitzunehmen. Wir lebten in
nug kriegen. Damals hat die Diktatur Stalins alles gedrückt, ins Armut und ich nahm auf den Weg nur ein Stück Brot mit. Vor
Gefängnis gesperrt, verbannt. dem Dorfrat versammelten sich ungefähr 30 junge Leute. Man
In den restlichen Jahren zwischen den 70ern und 90ern begann verlud uns auf einen Lastwagen und brachte uns zur Station Po-
man zu leben, zu bauen, auch Krankenhäuser und das Studium tasch. Hier war schon viel Jugend aus den umliegenden Gebieten
war umsonst. versammelt.
Und jetzt, wenn du krank wirst und kein Geld hast, dann stirb! Man packte uns in Güterwagen und fuhr uns in eine nicht be-
kannte Richtung. Wie sich später herausstellte nach Deutsch-
Kann sein – es ist nicht so, dann entschuldigt bitte. land. In jedem Waggon waren 40 Menschen. Wir wurden be-
Auf Wiedersehen wacht, es gab nichts zu essen, aus den Waggons wurden wir nicht
herausgelassen (es war sommerliche Hitze), wir schliefen auf dem
Kutowa Boden auf Stroh, wie Vieh.
Ungefähr 4 Tage fuhren wir nach Frankfurt (Oder).
Ihren Brief erhielt ich am 22. 6. 2008
24. 6. 2008

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Nach der Ankunft auf der Station hat die Polizei 50 junge, kräf- des Lagers „Balandu“ – eine Suppe aus getrocknetem Kohl, 50  g
tige Mädchen für die Arbeit in der Fabrik ausgewählt, zu denen Brot, sie gaben auch geriebene Steckrüben, gekochten Rettich,
gehörte auch ich. Uns brachte man zur Arbeit in eine Fabrik, wo Spinat, zum Abendbrot – 2 gekochte Pellkartoffeln. Sehr oft
kriegswichtige Teile für Kriegstechnik hergestellt wurde[n]. Die schwammen in der „Ballandu“-Suppe Würmer. Einige weiger-
Fabrik lag außerhalb der Stadt. Es war ein zweistöckiges Ziegel- ten sich das zu essen. In diesem Fall brachten sie das Essen weg
haus mit einem großen Hof, in dem sich Lager befanden. und die Menschen blieben hungrig. Einmal hat ein Mädchen auf
In der Fabrik arbeiteten – neben Ukrainern – Russen, Polen, dem Hof eine Steckrübe genommen und versteckt. Dafür wurde
Griechen und Italiener. Das Verhältnis zu ihnen war aber besser. sie von der Polizei die ganze Nacht festgehalten, sie musste mit
Nach den Reden der Leute, die zur Arbeit kamen, war bekannt, erhobenen Händen knien.
dass der Besitzer der Fabrik ein „harter“ Mensch war und die
Bedingungen der „Ostarbeiter“ (aus den ehemaligen Sowjetre- Kleidung bekamen wir nicht. Wir nähten sie selbst aus Lappen,
publiken) die schlechtesten waren. Der Besitzer schrie ständig die in der Fabrik zu Produktionszwecken ausgeteilt wurden. Wir
„Schwein“. bekamen Pantoffeln mit Holzsohlen („Schutschi“). Wenn sie
Ich musste an einer Drehmaschine arbeiten. Nach einer Zeich- uns zur oder von der Arbeit führten, ertönte ein lautes Pochen
nung, die mir der Meister (wir nannten ihn „Chef “) zeigte, schliff in der ganzen Umgebung.
ich metallische Rohlinge. In der Halle standen Schleif- und Fräs- Die Deutschen sahen aus dem Fenster auf uns und schrieen
maschinen. Hier wurden die Teile aus Metall zum fertigen Pro- „Russen“.
dukt verarbeitet. Ich habe mich angestrengt, um nicht bestraft Auf dem Weg lagen zerschlagene Steine verstreut und oft haben
zu werden, aber es war eine schwere Arbeit für junge Mädchen. sich die Steinchen an der offenen Seite in die Schuhsohlen und
Der metallische Staub kam in die Augen, die oft schmerzten. Beine gebohrt.

Die Zwangsarbeiter lebten im Arbeitslager. In der Fabrik hatte der Hausherr eine Badestube, unser Badetag
Das war ein 2-stöckiges, langes Gebäude. In einem Raum schlie- war der Sonnabend. Man gewährte uns auch medizinische Hilfe.
fen 100 Menschen. Wir schliefen in 3-Etagenbetten auf Stroh- Einmal hatte ich die Hand verletzt und im Sanitätspunkt machte
matratzen. Um das Lager war ein Stacheldrahtzaun. Die Polizei man mir einen Verband für eine Woche. In dieser Zeit brauchte
bewachte uns. Wir wurden für das geringste Vergehen bestraft. ich nicht in der Fabrik arbeiten.
Nach der schweren Arbeit in der Fabrik wurden wir auch zur
Reinigung der Toiletten eingeteilt. In der Fabrik, in unserer Halle arbeiteten 2 deutsche Meister (wir
nannten sie „Chef “). Sie lebten in nahegelegenen Dörfern und
Um 5.30 Uhr standen wir auf, wir arbeiteten 12 Stunden in 2 kamen mit Fahrrädern zur Arbeit. Sie wurden nicht zur Front
Schichten: 1. Schicht von 6.00 bis 18.00, 2. Schicht von 18.00 eingezogen, da sie krank waren. Einen nannten sie „Spetchek“
bis 6.00 Uhr früh. Zur Arbeit wurden wir unter Bewachung in und der andere war ein Feldscher von Beruf.
Kolonnen geführt. Einmal erkrankten meine Augen, sie tränten so sehr, dass ich
nichts mehr sehen konnte. Der Meister kam und schmierte ir-
Das Essen war dürftig. Ich weiß nicht, wie wir überlebt haben. gendein Gemisch in die Augen, am nächsten Tag war die Krank-
Wegen der schweren Arbeit wollte man ständig essen. Früh gab heit weg.
es 50 g Brot mit Margarine. Mittags brachten sie aus der Kantine

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Sie waren nicht schlecht zu uns, teilten ihr Essen mit uns und gebiet geschafft. Von dort gelangten wir mit den Autos, die auf
brachten Pakete mit Kleidung. Ich habe von ihnen Strümpfe, ein dem Weg waren, nach Hause.
Kleid, einen Arbeitskittel und Unterwäsche bekommen. Damit
ich mit ihnen reden konnte, lernte ich etwas deutsch. Ich kam im August [19]45 nach Haus. Die Eltern waren froh,
Für die Arbeit erhielten wir wenig Geld, konnten uns dafür aber mich lebend zu sehen. Das Verhalten im Dorf von Seiten des
nichts kaufen. Alle Waren und Dienste verkaufte man auf Mar- Vorsitzenden des Dorfrates war jedoch schlecht zu mir. Man
ken, die man uns nicht gab. So habe ich dieses Geld unbenutzt nannte mich „Feind des Volkes“, „deutsche Unterlage“. Ich konn-
behalten. Ich nahm es mit nach Hause und habe es, weil ich es te dort keine Arbeit finden. Man gab mir keinen Ausweis. Ich
nicht brauchte, weggeworfen. schrieb mich in Tschernowni am „Ernährungstechnikum“ ein
und erhielt eine Zulassung zum Studium, sodass man gezwun-
An den Sonntagen hat man uns der Reihe nach zu 3-5 Leuten für gen war, mir einen Ausweis zu geben. So bin ich aus dem Dorf
einige Stunden in die Stadt gelassen, man musste aber rechtzeitig weggefahren.
zurück sein. Auf dem Weg zur Fabrik, hinter der Stadt, waren Nach Abschluss der Fachschule arbeitete ich als Laborantin in
Gärten. Nach der Ernte gingen wir dort hin, um verdorbene Äp- einer Getränkefabrik (Bier) und im Werk für nichtalkoholische
fel zu sammeln, die auf der Erde lagen. Getränke in Tschernowni.
An den Sonntagen kamen zu uns ins Lager Deutsche, die uns
einluden, in ihrem Haus einmalige Arbeiten zu machen (Kar- Zurzeit erhalte ich eine kleine Rente, bin krank.
toffeln ausgraben, im Haus saubermachen, die Löcher von Bom-
benabwürfen zuschütten). Wir waren einverstanden, da man uns Mit Hochachtung
ein Abendbrot gab – Kartoffeln und Quark. Ljubarskaja, M.N.
Ich liebte es zur Arbeit beim „Großvater“ zu gehen. Er lebte 30 20. 6. 2008
Min[uten] Fußweg vom Lager entfernt, hatte ein großes Haus, Tschernowni
unten war eine Bäckerei und ein Brotladen.
Wenn wir Marken hatten, gab er uns für diese Marken statt 200 g
Brot ein ganzes Brötchen. Weil wir immer essen wollten, gingen
wir, wenn wir vom Lager weg konnten, in die Stadt um Almosen
bitten („Bittescheen“) und erhielten einige Marken. Manchmal,
sehr selten, erlaubten wir uns in den Park zu gehen; Eis essen und
Karussell fahren.

Als das Kriegsende sich näherte, häuften sich die Bombenangrif-


fe auf die Stadt und wir versteckten uns jedes Mal in unterirdi-
schen Einrichtungen.
[…] 1945 […] wurden [wir] freigelassen. Der Krieg war aber
nicht zu Ende, man musste überleben. Wir gingen auf die umlie-
genden Dörfer und machten jede Arbeit für Essen. […] Mit dem
Eintreffen der russischen Soldaten wurden wir in das Kampf-

92 93
Antonia Michailowna Maistruk Man gab uns nicht sehr reichlich zu essen, 300g Brot am Tag,
Suppe, Kartoffeln, Brei. Wir aßen in der Fabrik; wer das essen
Wopejenska mochte.

Guten Tag, […] Drei Jahre Arbeit, ohne Bezahlung, Sklaven, zweitklassige Men-
Es schreibt Ihnen die ehemals in Frankfurt arbeitende Antonia schen.
Michailowna Maistruk, geboren am 20. Dezember 1924 im Dorf Die Einheimischen haben wir fast gar nicht gesehen, weil wir uns
Ljubtsche, im Gebiet Roschitscheiskis, Wolinskai Bezirk. nicht vom Lager entfernen durften.
Unsere Fabrik blieb unversehrt während der Bombenabwürfe, es
Den Vater holten sie zur Front. war irgendwie alles ruhig.
Mein Bruder Pawel und ich und noch ungefähr 20 Menschen
wurden gezwungen, das Elternhaus zu verlassen und in Deutsch- Im Sommer 1945, nach Beendigung des Krieges, kehrte ich nach
land zu arbeiten. Zu Hause bei der Mutter blieben noch 4 Kin- Haus zurück. Einige Zeit traf ich mich noch mit den Mädchen,
der. die mit mir in Deutschland waren. Jetzt lebt keine mehr von
Natürlich schmerzt es immer noch, sich an diese Zeit zu erin- ihnen. Ich bin allein übrig geblieben, bin schon 83 Jahre alt.
nern.
Mein Schicksal: Ich heiratete, zog in einen anderen Ort im glei-
Im Frühling 1942 hat man uns nach Frankfurt geschickt, wir chen Bezirk. Ich habe 3 Kinder (1 Tochter, 2 Söhne) erzogen.
arbeiteten in einer Konservenfabrik. Wir trockneten Kartoffeln, Alle haben bereits ihre eigene Familie. Ich lebe allein. Nicht weit
Zwiebeln, wir kochten Konfitüre. Wir arbeiteten 20 Stunden am von mir lebt meine Tochter; sie ist oft krank, kann mir nicht hel-
Tag in 3 Schichten. Der Meister, ein älterer Mann namens Wal- fen. Ich erhalte eine Rente von 615 Rubeln. Alles ist teuer. Einen
ter, hat uns menschlich behandelt. großen Teil des Geldes gebe ich für Medizin aus. So lebe ich.

Wir lebten in einer großen Kaserne. In einem großen Zimmer Ich danke Ihnen […], dass sie uns, die ehemaligen Zwangsarbei-
schliefen mehr als 50 Mädchen in Doppelstockbetten. Wir heiz- ter, nicht vergessen haben.
ten einen Ofen und froren deshalb nicht. Man hat uns in Ko- Sie möchten der Jugend die Wahrheit erzählen über das Leid, das
lonnen zur Arbeit geführt, wir arbeiteten 8 Stunden und gingen die Faschisten uns gebracht haben, uns 3 Jahre unserer Jugend
dann zur Kaserne zurück. gestohlen haben und unsere Gesundheit.
Man zahlte uns sehr wenig. Es reichte gerade, um Selters zu kau-
fen. Gebe Gott Ihnen Gesundheit und Glück. Möge Frieden sein,
Man ließ uns in der Freizeit zu fünft in den Laden gehen, um niemals mehr sollen unsere und Eure Leute den Krieg erleben
billige, von Deutschen bereits getragene Kleidung zu kaufen. Mit müssen.
einem Wort: Sklaven.
Nur Arbeit und Briefwechsel mit den Daheimgebliebenen. Wir Mit den besten Wünschen Ihnen
sehnten uns nach Haus. Antonia Michailowna

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Antonia Michailowna Maistruk Nach der Befreiung gab man uns keinerlei Dokumente.
Damals waren wir noch jung, hofften auf Besserung. Aber jetzt
Wopejenska gibt uns das Alter die Möglichkeit zu erkennen. Die linke Hand
bewegt sich nicht, die Knochen schmerzen und der Rücken. Die
Guten Tag, verehrte Mitglieder der Gruppe zur Untersuchung Rente ist klein und im Land ist auch noch eine Krise, ein großer
der Schicksale von ehemaligen Zwangsarbeitern in Frankfurt Teil der Rente wird für Krankenhaus und Medikamente verwen-
(Oder). det.
Es schreibt Ihnen die Teilnehmerin an der Widerstandsbewe- Entschuldigen Sie, wenn ich irgendetwas nicht richtig schrieb,
gung Maistruk, Antonina Michailowna. Entschuldigen Sie bitte, es sind viele Jahre vergangen, aber so etwas kann man niemals
dass ich so spät geantwortet habe, ich bin hingefallen und habe vergessen. Danke, dass sie die junge Generation an die Ereignisse
mir die Hand gebrochen und bin auch schon 84 Jahre alt. erinnern.
Ja, wirklich, unsere Jugend verging mit Leid und Angst, der Fa- Hochachtungsvoll
milie entrissen und von zu Hause weit entfernt. Uns 10 Mäd- Antonina Michailowna
chen und 6 Jungs hat man aus dem Dorf in Güterwagen nach
Deutschland gebracht.
Ich schicke ihnen eine Fotografie von mir aus dieser Zeit und ein
Foto meines Bruders Pawel, der auch in Deutschland war.
Wir hatten zweimal im Monat Kontakt; er arbeitete in einem
Dorf, sah nach den Tieren, der Bruder hat mich manchmal be-
sucht. Leider hat niemand von denen, die mit mir zusammen
dort gearbeitet haben überlebt, auch nicht mein Bruder. Ich schi-
cke noch eine Fotografie von russischen Soldaten, die wir im
Krankenhaus pflegten.
Wir lebten im Lager „Sanssouci“ in der Hindenburgstraße, nicht
weit entfernt von der Konservenfabrik. In der Fabrik arbeiteten
alte deutsche Männer und Frauen, wir redeten nur mit dem alten
Meister Walter.
Wir arbeiteten in drei Schichten zu acht Stunden. Das Essen war
nicht nahrhaft, aber wir hungerten nicht. 130 Mädchen lebten in
einem Saal, schliefen in Doppelstockbetten. Wir sangen ukraini-
sche Lieder, weinten, halfen einander die Seelen zu stärken, wir
konnten uns nicht damit abfinden, dass wir Menschen zweiter
Klasse waren. Wir wollten lieben, wollten geliebt werden, doch
es gab nur Arbeit und Schlafen.
Von zu Hause bekamen wir Briefe, das waren glückliche Minu-
ten. Die vergossenen Tränen wandelten sich in Freude - Nach-
richten von der Heimat.

96 97
Galina Fjodorowna Matwiischina Wir fuhren 3 Tage. Wir kamen in der deutschen Stadt Frankfurt
(Oder) an. Man schickte uns zum Arbeitsamt, wohin auch deut-
Wischenki sche Arbeitsgeber kamen.

Guten Tag, […]! Mich nahmen sie, um in der Konservenfabrik zu arbeiten. Mein
Es wendet sich an Sie die Bürgerin der Ukraine, Rentnerin, Chef war Friedrich Heine. Ich arbeitete dort 3 Jahre. Wir lebten
ehemalige Ostarbeiterin, Invalidin des Großen Vaterländischen im Lager „Sansusi“ [Sanssouci]. Insgesamt arbeiteten dort un-
Krieges – Matwiischina, Galina Fjodorowna. gefähr 300 Mädchen, jeder gab man ein Holztäfelchen mit der
persönlichen Nummer. Meine Nummer war 272.
Ich erhielt Ihren Brief durch Vermittlung des Ukrainischen Die Tafeln wurden mit einem Faden um den Hals gehängt. Mit
Fonds „Gegenseitiges Verständnis und Versöhnung“ und ich bin der Nummer wurde kontrolliert, ob die Arbeiter im Werk waren,
Ihnen sehr dankbar dafür. Es ist sehr gut zu wissen, dass man wurde das Essen und Bettwäsche ausgegeben, ja und man wurde
mich und andere ältere Menschen nicht vergisst und dass sich nicht mit Namen, sondern mit der Nummer gerufen.
die Jugend für uns interessiert und etwas über die Vergangenheit,
über ihre Geschichte wissen möchte. Später, als alle Mädchen ihre Nummern kannten, wurde uns
So habe ich beschlossen auf Ihren Brief zu antworten. allen auf die Kleidung ein Aufnäher „Ost“ gegeben. Im Werk
arbeiteten auch deutsche Frauen. Wir erhielten 3-mal am Tag
Jetzt beginne ich die Erzählung mit meiner Biografie. Essen, aber es reichte nicht, oft blieben wir hungrig. Zum Früh-
Ich wurde in der Westukraine im Dorf Wischenki geboren, Be- stück gab es Brot und Tee, mittags Suppe, Abendbrot - Milch-
zirk Roschischtschenskij, Woluinskij Gebiet. Ich wurde am 6. brei. Das Essen bereiteten unsere Mädchen.
Januar 1925 geboren. Der Mädchenname war Pruimak, Galina Vom Lager bis zum Werk war es eine Strecke von rund 2 km und
Fjodorowna. Meine Eltern waren Bauern. Außer mir waren noch wir gingen immer im Konvoi mit bewaffneten Soldaten.
3 Brüder und 2 Schwestern in der Familie. Ich war die Älteste. Im Werk stellten wir Produkte her – Konserven, wir trockneten
Ich beendete die polnische Schule mit der 4. Klasse (unser Ge- Kartoffeln, Rüben für deutsche Soldaten. Wir hatten einen Auf-
biet gehörte damals zu Polen). Nach Schulende beschäftigte ich seher, der die Qualität der Arbeit kontrollierte.
mich im Haushalt, arbeitete auf dem Feld und half den Eltern. Wir bemühten uns gut zu arbeiten, weil wir Angst vor ihnen hat-
ten. Wenn die Mädchen sich Früchte oder Beeren in den Mund
1942 besetzten deutsche Soldaten unser Gebiet. Der Vorsitzende steckten, schlugen die Aufseher sie.
des Dorfrates kam zu uns ins Haus und sagte, dass die Deutschen
alle jungen Mädchen und Burschen zur Zwangsarbeit sammeln. Das Verhältnis der Deutschen zu uns, den ukrainischen Mäd-
Natürlich wollte ich nicht dorthin, die Eltern weinten, weil sie chen, war nicht ganz schlecht. Wenn wir gut arbeiteten und
verstanden, dass ich vielleicht nicht zurückkomme. nicht stahlen, hat uns niemand geschlagen. Mit uns arbeiteten
Aber ich hatte keine Wahl. Ich musste fahren, weil die Deut- auch deutsche Frauen unter den gleichen Bedingungen wie wir
schen drohten, meine Verwandten umzubringen. Am 13 Mai und wir verstanden das, es war Krieg und allen ging es schlecht.
1942 schickte man uns mit dem Zug von der Station Roschitsche
nach Deutschland. Freizeit hatten wir nicht. Wir arbeiteten an allen Tagen in der
Woche, auch am Sonntag.

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In den Läden konnten wir nichts kaufen, denn es war Krieg und uns in ein Dorf, wo leere Häuser standen, man gab uns Essen
alles wurde auf Marken an Deutsche verkauft. und wir lebten dort ungefähr 2 Wochen.
Dann setzte man uns in Booten über den Fluss an das andere
1944–45 begannen bereits die Bombardierungen. Die sowjeti- Ufer, setzte uns in einen LKW und fuhr uns in ein anderes Dorf.
schen Kämpfer näherten sich Deutschland. Am 18. 4. 1945 ar- In diesem Dorf arbeiteten die Mädchen auf dem Feld. Ich konnte
beiteten wir im Werk, wie immer befahl man uns ins Lager zu nicht arbeiten, die linke Hand blieb verkrüppelt. Deshalb half
gehen, die Sachen zu packen und nach Haus zu gehen. ich, wie ich konnte, in der Küche. Wir blieben dort ungefähr
Aber wir verstanden, dass der Krieg noch nicht zu Ende war und einen Monat, dann kamen LKW’s. Wir stiegen ein und fuhren
man uns an einen anderen Ort bringen wollte, weil die Bomben wirklich nach Hause.
zu fallen begannen und Alarm war.
Im Lager gab man uns ein Verpflegungspaket für 3 Tage und Unsere Freude kannte wirklich keine Grenzen. Wir wurden nach
Sachen. Polen in die Stadt Poznan gebracht. Dort setzte man uns in den
Auf der Straße sahen wir, dass aus der Stadt alle Ausländer eva- Zug, der in die Ukraine fuhr.
kuiert wurden. Wir wurden alle in Reihen zu 3 Menschen auf-
gestellt und man führte uns in Kolonnen offensichtlich nach Als ich nach Hause kam, erkannte ich mein Heimatdorf nicht.
Westen. Alles war von den Deutschen verbrannt, alle Häuser, sogar die
Wir sahen, dass weit von unserer Kolonne entfernt Bomben fie- Kirche. Meine Familie fand ich weit weg vom Dorf, in einem
len und explodierten. Als es auf der Straße dunkel wurde, hielten fremden Haus, das ganz geblieben war. Alle waren am Leben,
wir im Dorf Pilgram. nur ein Bruder war gefallen. Es war schwer, alles war zerstört, alle
Für die Nacht wurden wir zu einem Bauern in eine große Scheu- arbeiteten hart, um alles wieder aufzubauen.
ne geschickt. Als wir uns hinlegten, begann man uns zu bombar-
dieren. Neben uns fielen 2 Bomben, die das Gebäude zerstörten. Nach wenigen Jahren heiratete ich und bekam 3 Söhne.
Viele starben, viele wurden verwundet. Jetzt bin ich 83 Jahre alt. Ich bekomme Rente, bin Kriegsinva-
Bis jetzt steht vor meinen Augen das schreckliche Bild: 2 tiefe, lide. 1998 bekam ich Geld als Entschädigung aus Deutschland,
große Gruben, in denen tote, blutbedeckte Körper liegen und später auch einen zweiten Teil. Ich erhalte Vergünstigungen auf
Verwundete ohne Hände oder ohne Beine flehen um Hilfe. kommunale Dienste. Menschen in meinem Alter gibt es kaum
Ich wurde an der linken Hand verletzt. Am nächsten Tag kam noch in meinem Dorf und ehemalige Ostarbeiter gar nicht mehr,
ein Lastwagen und man fuhr die Verwundeten in die Stadt Fürs- alle meine Bekannten sind schon gestorben.
tenwalde.
Im Krankenhaus entfernte man einen Splitter, machte einen Ver- Das ist alles, das Leben ist gelebt und die Erinnerungen blei-
band und schiente die Hand. Am nächsten Tag fuhr man mich ben. Alles, an was ich mich erinnere, habe ich Euch geschrieben.
dann mit dem LKW zum Zug. Alle Dokumente und auch die Kann sein, dass etwas aus dem Gedächtnis verschwunden ist,
Kleidung blieben im Krankenhaus. doch verzeihen Sie, so ist nun mal mein Alter.
Ich bat, mir alles herauszugeben, aber die Bomber näherten sich, Ich beende jetzt meinen Brief. Ich danke Ihnen nochmals dafür,
alle beeilten sich und niemand hörte mir zu. dass Sie sich für mein Schicksal und mein Leben interessieren.
Sie fuhren mich und die anderen Verwundeten, sogar deutsche Auf Wiedersehen. Ihnen alles Gute.
Soldaten, mit dem Zug nach Westen über die Elbe. Man brachte

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Matwiischina, Galina Fjodorowna terwegs. Im jeder Stadt haben wir Essen bekommen, aber nichts
zum Mitnehmen.
Mykola Drohul Drei Leute die aus Poltava waren, wurden in Lviv erschossen.
Nicht darum erschossen, weil sie aus Poltava waren, sondern
[…] Ihren Brief habe ich gelesen. Und es hat mich sehr lange weil aus ihrem Wagon neunzehn Menschen abgehauen waren.
bewegt. Dann habe ich mich entschieden, Ihnen zu schreiben. So wurde uns allen Angst eingejagt. Der Zug ist sehr langsam
Ihr Brief ist bei meiner Nachbarin angekommen. Die ist aber gefahren, alle haben aber gesehen was passiert war, und hatten
schon lange tot. Angst zu fliehen.
Ihre Tochter hat mir den Brief zu lesen gegeben. Wir kamen in der Stadt Lansburg in die Leinfabrik. Zum Früh-
stück wurden uns 200 g Brot, ein Löffel Marmelade, ein Löffel
In Frankfurt (Oder) war ich nicht, aber in Deutschland. Wir ha- Zucker und 200 g Margarine gegeben. Tee konnte man ohne
ben uns mit meiner Nachbarin sehr oft über Deutschland unter- Beschränkung trinken, Kartoffel und Suppe – zwei Mal am Tag.
halten. Sie hat in einer Fabrik gearbeitet, die Kartoffeln und an- Die deutschen Mitarbeiter hatten ihr Frühstück von zu Hause
deres Obst und Gemüse getrocknet hat. Sie hat das alles erzählt. mitgebracht.
Ich überlege wie ich es schreiben soll, damit ich „mein Vater Der Arbeitstag betrug 10 Stunden, Sonntag war frei. Wir haben
nicht verachte und fremde Väter nicht lobe“. Es gibt auch sehr uns mit den Deutschen unterhalten, konnten uns aber nicht ver-
viel zu schreiben. ständlich machen.
Ich versuche wenigstens etwas zu schreiben: Sie wussten wir waren Ausländer, aber nicht Usbeken und Neger,
Als die Deutschen in mein Dorf gekommen waren, hatten sie sondern wie sie – blond und braun.
gute Technik dabei und sprachen untereinander deutsch. Wir Später, als die Deutschen auf dem Ruckzug waren, wurden wir
haben nichts verstanden. Es waren die Fremden. zu einem Bauernhof im Dorf Tunow, Bezirk Koslin gebracht.
Am dritten Tag hatten sie einen Mann getötet, der zwei Kinder Es war Bauernhofarbeit. Das Essen war, wie in der Fabrik, nur
hatte. Nicht darum getötet, weil er zwei Kinder hatte, sondern Kartoffeln konnte man kochen, so viel man wollte. Gearbeitet
weil der ein Pferdehalfter und im anderem Dorf ein Pferd geklaut haben wir 10 Stunden, die Arbeit war aber schwer und dann
hat. Das Böse hatte keine Humanität, der Mann hatte keine Pfer- noch der Krieg.
dehalfter und wusste wahrscheinlich nicht, dass im Krieg „guckt Später wurden wir nach Funkenhagen im gleichen Bezirk ge-
man nicht in das Maul“. bracht.
Da hat die Bauernfrau erzählt, der Hitler kam auf eine Bühne
Im Jahr ’43 war ich nach Deutschland eingezogen. Ich weiß nicht und sagte, dass eine neue Politik vollzogen würde, und diese
ob ich freiwillig oder gezwungener Maßen dahin gekommen war. Politik würde er machen. Wer reich war, der bleibt reich und wer
In einer Liste habe ich unterschrieben, dass ich abgehauen war. arm war der bleibt arm. Die Diebe waren da, so werden sie auch
Hätte ich es nicht getan, wäre meine Mutter getötet und das weiter da sein und die Gefängnisse waren da, so werden sie auch
Haus in Brand gesteckt worden. Vater hatte ich keinen. Ich war weiter da sein. Die Prostitution war da, so wird sie auch weiter
nirgendwo und habe nichts gesehen. Im Dorf waren nur Staub da sein. Die Armee ist für den Krieg bestimmt, so werden auch
und einfache Häuser. Kriege geführt. Und so hat er es auch gemacht.
Als ich nach Kiew gebracht wurde, fuhren da Straßenbahnen
und war alles sauber, trotzdem Krieg war. Wir waren 10 Tage un-

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Als ich frei gelassen wurde, wurde ich zur Bewährung in die sow- im Garten, und sammelt die Noten. Das Leben was die Kurkuli
jetische Armee einberufen. Für die war ich ein Betrüger. hatten, werden auch die Armen haben.“
Zuerst musste ich an dem Fluss Wisla eine Brücke bauen. Später Die Kurkulis waren fleißige Bauernleute, und Stalin mit seinen
an der Oder, der Fluss musste forciert werden. Damals war die Kommunisten hatte es nicht gepasst. Sie wollten Leibeigenschaft
Oder doppelt [breit]. Und als die Deutschen auf dem Rückzug schaffen, aber die Leute wollten es nicht. Dann haben sie die
gewesen waren, mussten wir im Fluss die Brücke bauen. Leute beklaut und haben den Hunger geschafft.
Es war kein Platz zum Trocknen da, keine Arbeitszeit wurde uns Ich weiß nicht, wie ich überlebt habe. In meiner Familie sind
genannt und kein freier Tag gegeben. Später musste ich nach 4  Brüder, 2 Schwestern und der Vater vor Hunger gestorben.
Leningrad. Überlebt haben nur mein älterer Bruder und ich.
Mein älterer Bruder war auch in Deutschland. Jetzt ist er schon
Im Jahr ’47 durfte ich nach Hause, aber nicht fahren sondern zu tot.
Fuß gehen, weil die Bahnstrecke von uns 50 km entfernt war.
Aber hier war nicht Deutschland, sondern die Heimat. In der Wissen Sie, ich weiß nicht, warum manche Leute die Deutschen
Kolchose arbeitete ich vom Sonnenaufgang bis Sonnenunter- schlecht machen.
gang, ohne Frei zu haben. Und auch ohne Essen. „Fast die Eiche Als wir im Zug nach Deutschland waren, hatten die Ärzte uns
abgeschnitten.“ Es ist ein Sprichwort: Wenn bei uns ein Mensch untersucht, wir konnten uns waschen, damit wir keine Läuse
stirbt, wird aus einer Eiche ein Kreuz rausgeschnitten. Aber ich kriegen. Am Sonntag durften wir spazieren, in die Stadt fahren
habe ausgehalten. und Fußball spielen. Wer es nicht versteht, der sollte nachden-
ken, wie viel junge Leute waren im Krieg gerettet. Kein Mensch
Im Jahr ’32–’33 haben mich die Hühner gerettet. Ich bin im Un- von uns ist durch Bombardierungen ums Leben gekommen. Die
kraut neben meinem Haus vor Hunger eingeschlafen. Die Hüh- Deutschen haben uns gezwungen in die Lüftschutzräume zu ge-
ner haben mich entdeckt und haben angefangen zu schreien. Die hen, weil unsere Leute stur sind.
Nachbarstochter hat mich gesehen, und Ihre Mutter gerufen: „ Die Deutschen haben uns die Kompensierung gegeben, für was?
Mykola ist tot!“. Die Nachbarin hat mir Milch in den Mund Aber die Deutschen haben so viel Anstand und Verstand, dass
laufen lassen. Dann habe ich die Augen aufgemacht. Sie hatten sie sich das leisten konnten. Und was ist mit unserem Vater Staat?
eine Kuh. Dann hat sie mir So viel Schlimmes hat das Regime uns angetan - und keine Kom-
Borschtsch mit Sahne zu essen gegeben. Dann bin ich weiter pensierung, nicht einmal ein gutes Wort.
gegangen.
Ein Alter hat damals Volksgedichte gesungen, ich kenne bis heu- Diesen Brief können Sie allen vorlesen, besonders dem jungen
te noch einige: Volk. Weil ich in meinen 83 Jahren keinen Menschen getroffen
„Stalin läuft in den Garten und sammelt die Birnen, die Leute habe, der mir erklären konnte, was Krieg ist. Der Krieg ist durch
hat er in die Kolchose getrieben und zieht die letzte Seele raus.“ Gott zugelassen worden, und zu beurteilen wer ist der
Ein Milizionär hat das Lied gehört, den Alten verhaftet und Schlechte und wer ist der Gute, ist nicht erlaubt. Denken Sie
wollte ihn in den Knast bringen. Und der Alte sang: „Was ist selber nach, Gott schickt uns Gewitter, die Schiffe auf dem Meer
denn das für eine Zeit, dass die Milizen die Alten verfolgen.“ Der versinken, die Flugzeuge stürzen ab, und Stalin und Hitler sind
Milizionär hat den Alten losgelassen und ihm befohlen still zu schon lange nicht mehr auf dieser Welt, aber die Kriege werden
sein, aber der Alte nach einiger Entfernung wieder: „Lenin läuft weiter geführt. Und wenn nicht die Kriege, denn wird Boxkampf

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getrieben. Die Leute sagen, das ist eine Sportart, und zahlen 27. Juli 2008.
noch Geld um zu sehen, wie einer dem anderem das Gesicht
zerschlägt, und lachen noch dazu. Sie haben mich gebeten auf Russisch zu schreiben, aber ich kann
kein Russisch. So wie Sie kein Ukrainisch. Schreiben Sie mir
Jetzt beschreibe ich ein bisschen mein Privatleben. Ich lebe so, aber nicht auf Deutsch, weil ich hier keinen Übersetzer habe und
wie im Himmel. Das kommunistische Gewitter ist vorbei. Gott Deutsch kann ich auch nicht, obwohl ich drei Jahre in Deutsch-
sein Dank. In unserem Dorf gibt es drei Geschäfte, das vierte land war. Ich konnte ein paar Wörter, aber jetzt habe ich die
ist ein Lebensmittelgeschäft auf Rädern. Geld habe ich auch. schon vergessen.
Ich bekomme eine Rente. Die Blaubeeren im Wald wachsen, die Oksana Nikolaychyk bestellt Ihnen schöne Grüße. Sie sollen
Leute sammeln sie und verdienen so bis zu 200 Hrywnja pro ganz leicht aufstoßen.
Tag.
Ich habe zwei Töchter, die in Kiew wohnen. Mein Sohn wohnt in
meinem Dorf, nicht weit von mir. Meine Frau ist gestorben, ich
wohne allein im Haus. Auf meinem Bauerhof habe ich nur ein
Pferd, weiter nichts. Aber das Pferd ist so klug, dass ich manch-
mal denke, es hat mehr im Kopf als ich. Das war ein Scherz.

So […], besuchen Sie mich! Besuchen Sie mich in allen Jahres-


zeiten. Im Winter ist es aber besser. Ich mache den Ofen an,
und im Haus wird es so warm wie in der Banja. Ich habe gehört,
bei Euch spart man alles. Bei uns spart man nichts, wir haben
alles, den Wald, das Gas und besonders viele Penner. Aber auf
die Penner guckt bei uns keiner. Weil diese Leute faul sind, und
Alkoholiker.

Die Leute, die arbeiten, haben Autos, Traktoren, und leben gut.
Zu meinen Zeiten wurde gesagt, dass ein Auto ein besonderer
Reichtum ist, heute sagt man, dass das Auto ein notwendiges
Transportmittel ist.

Wenn Sie im Dorf fragen, wo wohnt der Drohul Mykola, dann


würde Sie jeder im Dorf zu meinem Haus führen. Weil jeder
mich kennt und meinen Sohn.
[…] ich warte auf Ihre Antwort. Wenn ich etwas Unbrauchbares
aufgeschrieben habe, denn streichen es weg.
Ich bin ein Mann ohne Arbeit, aber irgendetwas muss ich doch
machen.

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Die Reise

Im Laufe des Jahres 2009 ergaben sich Möglichkeiten, eine Kurz-


reise in die Ukraine durchzuführen. Von der Arbeitsgruppe reis-
ten Matthias Dörr und Burkhard Koller, um Frau Salucha und
Frau Meschtschenko zu besuchen, mit ihnen Gespräche zu füh-
ren und damit Vorhandenes zu verdichten.

Über die Reise wurde ein Kurzbericht geschrieben, da die Aus-


wertung der Reise bis zum Redaktionsschluss dieser Publikation
nicht endgültig erfolgen konnte.

Wir veröffentlichen hier in einem besonderen Teil die Briefe


dieser Frauen, von ihnen zur Verfügung gestellte Fotos und den
kurzen Reisebericht, um auf die weitere umfassende Auswertung
einzustimmen.

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Jewgenija Fjodorowna Salucha trieb man uns aus den Waggons auf die Straße. Viele der An-
kommenden wurden von Einwohnern für die Feldarbeit mitge-
Ljuboml nommen.

Guten Tag. Rund 200 Menschen, darunter auch ich, wurden nach Frankfurt
(Oder) geschickt, um in der Konservenfabrik zu arbeiten.
Ich, Salucha, Jewgenija Fede- Man brachte uns in ein Gebiet, das von einem zwei Meter hohen
rowna (bis zur Heirat Suchetz- Zaun umgeben war und auf dem Zaun war noch Stacheldraht.
ka) wurde am 10. 4. 1924 im Wir lebten in Baracken, schliefen in Doppelstockbetten.
Dorf Bereschtzui, Bezirk Lju- Die 2 Kilometer zur Arbeit und von dort zurück wurden wir im
bomlskoi, Wolainskij Gebiet Konvoi geführt. Wir arbeiteten in 3 Schichten. Jeder trug auf der
geboren. Brust ein Schild mit seiner Nummer und Nationalität – meine
Nummer war 275.
Im Zusammenhang mit dem
Näherkommen der Front 1940 Wir hungerten bis zur Bewusstlosigkeit, fielen vor Erschöpfung
wurden die Einwohner in das am Arbeitsplatz um. In unserer Freizeit erinnerten wir uns oft an
Dorf Nasatschewaitschi im die heimatliche Ukraine, die Familien; wir erinnerten uns, dass
Bezirk Roschitschankij umge- man zu Haus Kartoffeln nur für die Schweine kochte, während
siedelt. man sie uns hier zu großen Feiertagen gab.

Im Mai 1942, früh um 4 Uhr, Unsere Verwalterin war die Schwester des Hausherrn. Sie gab uns
begann die Razzia. Man erklär- unsere tägliche Essensration: 100 g Brot früh und 200 g abends.
te nichts und Bewaffnete sam- Außerdem gab man uns noch gekochte Steckrüben und die wa-
melten die arbeitsfähige Jugend ren immer mit Würmern. Ich erinnere mich, wie die Gefange-
im Alter von 18 bis 30 ein. nen vor Leid und Hunger weinten und sich dabei so laut an die
In Roschitsche trieb man uns Daheimgebliebenen erinnerten, dass die Aufseher die örtliche
in bereitstehende Güterwagen Polizei riefen, die mit Stöcken die Ruhe wiederherstellte.
und fuhr uns, wie sich später
herausstellte, nach Deutsch- Als die Front näher kam, schickte man uns nach Berlin. Auf
land. der Fahrt erlaubte man uns nicht, ein Streichholz anzuzünden.
Während der Fahrt aßen wir, Trotzdem wurden wir von Flugzeugen angegriffen und die Hälf-
was uns von zu Haus mitzu- te der Menschen starb. Die Überlebenden hoben eine große Gru-
nehmen gelungen war. Die be aus, in der alle Toten begraben wurden.
Fahrt dauerte ungefähr 2 Tage. Die Front näherte sich schneller, als wir uns bewegten. Kurz vor
In Deutschland – ich erinnere Berlin verließen uns die Deutschen.
mich nicht an den Namen der Wir sollten uns in einem Bunker verstecken, bis unsere Soldaten
Stadt, in die man uns brachte –­ kämen. Da wir nicht wussten wohin, saßen wir dort 2 Tage. Bei

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Hunger und Kälte beteten wir Tag und Nacht, dass man uns Zum Spaziergang in die Stadt ließ man uns zu viert, oder fünft,
schnell finde. in Begleitung einer Aufsichtsperson, das war am Anfang, später
Dann entdeckten uns unsere Soldaten, brachten uns in irgend- gingen wir auch allein.
eine Stadt, in der wir noch ein halbes Jahr blieben, bis man uns Sie fragen in Ihrem Brief, wie sich die einheimische Bevölkerung
nach Hause schickte. zu uns verhielt, ich kann dazu nichts Schlechtes sagen, sie schau-
Im April 1945 kehrte ich nach Haus zurück. ten einfach, wie man auf Menschen schaut.
Auf den Spaziergängen lernten wir auch Menschen aus den ande-
Nach der Rückkehr arbeitete ich 36 Jahre in der Stadt Ljuboml ren Lagern kennen, darunter sogar Franzosen. Wir verständigten
in einer Wurstfabrik. uns mit ihnen auf Russisch, wenn wir einander nicht verstehen
konnten, erklärten wir uns mit Hilfe der Hände. An den freien
Ich möchte sehr gern, dass Sie […] in die Ukraine kommen. Ich Tagen machten wir Konzerte, auf denen wir sangen und tanzten.
würde mehr über die Sie interessierenden Jahre erzählen und
Fotos davon zeigen. Während der Zeit meines Aufenthalts in Deutschland wurde mir
auf chirurgischem Weg der Blinddarm entfernt. Das war eine
Mit Hochachtung Erholung für mich. Vielen Dank den Doktoren und Schwestern,
Jewgenija Fjodorowna dass sie mir das Leben retteten. Und noch einmal vielen Dank
für die gute Betreuung und das gute Verhältnis während der Zeit
der Genesung.

Jewgenija Fjodorowna Salucha Sie müssen unbedingt zu uns in die Ukraine kommen. Ich werde
Ljuboml immer glücklich sein, Sie zu sehen und helfe Ihnen so, wie ich
kann.

Guten Tag, sehr geehrte, gute Menschen. Ich gratuliere Ihnen Ich schicke Ihnen die Fotos meiner Freundinnen.
zum Neuen Jahr und den Weihnachtsfeiertagen, ich wünsche Auf der ersten Seite, von links nach rechts: Ich, Ewgenija Fjo-
Ihnen Frieden und Gesundheit. dorowna […], Katja - Roschuitschanskij Gebiet, Maria Tschech
- Charkow, Natascha Danai, Antonina Porutschnik, Galja, Galja,
Es ist sehr angenehm, dass es noch jemanden in unserer Zeit Natascha Sawtschuk.
gibt, der sich für die ferne Vergangenheit interessiert. Danke für Zweite Seite: Nadja, Galja Matwitschuk, Natascha, Maria, Olga
die Fotos, die sie schickten.
Mit Verehrung
Es ist sehr viel Zeit vergangen, ich kann mich nicht an die Stra- Ewgenija Fjodorowna
ßennamen erinnern. Dort, wo sich unser Lager befand, ging
dreißig Meter entfernt von uns eine Eisenbahnlinie entlang.
Der Weg ging über eine Brücke.

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Uljana Weremejewna Meschtschenko wickelt). Dann wurde das Leben etwas leichter, aber es begann
der Krieg.
Ruischanowka
Als der Krieg begann, beendete ich gerade die 8. Klasse. Ich lern-
Guten Tag, […] te gut – am meisten liebte ich Mathematik und Geographie.
Ich, Meschtschenko, Uljana Weremejewna, bin sehr froh über Im Sommer 1941 kamen die Deutschen in unser Dorf und 1943
ihren Brief, und darüber noch am Leben zu sein und antworten verschleppte man mich nach Deutschland, man erzählte mir,
zu können. wie gut ich dort leben werde, dass ich Schuhe und Kleidung
bekomme.
Ich wollte nicht fahren, aber man schleppte mich mit Gewalt ins
Gefängnis (das war der Ort, wo man die Menschen aus dem ge-
samten Gebiet sammelte). Zum Gefängnis ritten wir auf Pferden
unter Bewachung von Deutschen und Polizei mit Maschinen-
pistolen.
Nach 2 Wochen gab man uns ein Brot und ließ uns in 2 Rei-
hen in Kolonnen im Hof des Gefängnisses aufstellen. Vor dem
Gefängnis standen unsere Eltern, Brüder und Schwestern. Als
sich die Tore des Gefängnisses öffneten, stürmten alle Verwand-
ten auf uns zu, aber die Deutschen und die Polizei schossen in
die Luft. Die Familien gingen zurück und wir begannen laut zu
schreien, zu weinen. Auch unsere Verwandten weinten.

Uns trieb man wie Vieh zur Bahnstation, 30 km entfernt, ohne


Pause, man hörte nur „schnell, schnell“.
An der Station wurden wir in Güterwagen verladen, die Türen
verschloss man und der Zug begann sich zu bewegen. Am Tag
waren die Türen einen Spalt geöffnet, in der Nacht wurden sie
Frau Meschtschenko (links), September 2009 verschlossen. Wir wurden in jedem Waggon von 2 Deutschen
mit Maschinenpistolen bewacht.
Ich bin am 14. 10. 1925 in der Familie eines Kolchosbauern ge- Auf dem Weg wurden wir bombardiert. Nachdem die Schienen
boren. Als ich 2 Jahre alt war, starb meine Mutter. Von 1932 bis repariert waren, setzte sich der Zug erneut in Bewegung.
1933 war eine Hungerszeit. Ich erinnere mich sehr gut, dass wir
Gras, Lindenblätter, Akazienblüten aßen und im Kindergarten Wir kamen in Deutschland an, man holte uns aus dem Waggon
gab man uns Bohnenbrühe, aber es reichte nicht und ich war und wir erblickten viele Menschen in bürgerlicher Kleidung.
aufgedunsen vor Hunger. Dann begannen diese Leute (es waren Deutsche) auszuwählen
1933 kam ich in die Schule. Das waren schwere Jahre (es gab – einer Mädchen, einer Jungen. Für die Arbeit in der Landwirt-
weder Kleidung noch Schuhe, die Füße wurden mit Lappen um- schaft suchte man kräftige junge Menschen. Dann kam das

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Kommando, wenn es Verwandte gibt, sollte man sich zu zweit Ich erinnere mich, dass es einmal Aprikosen gab, die wir entstei-
aufstellen. nen mussten. Als der Meister wegsah, steckte ich eine Aprikosen-
Aus unserem Dorf kamen 6 Mädchen, wir stellten uns zu zweit hälfte in den Mund, aber ich konnte sie nicht runterschlucken.
auf. Aus dem Gebiet kamen 12 Mädchen, sie standen auch zu Der Meister kam zu mir und schlug mir dermaßen ins Gesicht,
zweit. Uns 18 Mädchen nahm eine Frau mit. dass das Stück aus meinem Mund flog.
Man setzte uns auf einen Lastwagen und fuhr zum Lager nach Weihnachten und Ostern gab man uns 3 Kartoffeln, 3 Löffel
Frankfurt (Oder). Blaukraut (Rotkraut), ein kleines Stück Brot – für den ganzen
Im Lager trafen wir auf Mädchen, die dort bereits ein ganzes Jahr Tag. Die Meister in der Fabrik waren unterschiedlich, gut oder
arbeiteten. Wir umarmten uns und weinten. Sie fragten uns, wie böse. Eine 50-jährige Frau war sehr gut, half und verteidigte uns.
es unserer Ukraine geht. In 2 Jahren gab man uns weder Kleidung noch Schuhe. Man
Wir waren sehr hungrig und glaubten, dass man uns nun zu gab uns Holzpantoffeln, mit ihnen gingen wir in Kolonnen zur
essen gibt, aber man gab uns nur 2 kleine Stückchen Brot und Fabrik in Begleitung von Polizei. Für 30 Tage Arbeit gab man
Steckrüben. Wir wussten nicht, dass dieses Essen (Steckrüben) uns 30 Franken [Mark]. Für dieses Geld konnten wir Ketten,
so scheußlich schmeckt. Die Mädchen, die dort schon ein Jahr Ansichtskarten und Bildchen kaufen.
waren, sagten: „Gewöhnt euch daran!“ Im Laden gab man uns keine Lebensmittel, weil wir auf der
Man gab uns Betten, Decken und Laken. In der ersten Nacht Kleidung eine Markierung hatten: „OST“. Ohne das durften
bissen uns die Wanzen. In den Unterkünften gab es eine Dusche, wir nicht in die Stadt. Wir hatten keinen freien Tag. Wenn wir
Waschraum und Toilette. Nachtschicht hatten, durften wir am Sonntag tagsüber für 2
Stunden in die Stadt spazieren.
Man gab uns eine Nummer und Wir standen um 5 Uhr auf, um 6 Uhr begann die Arbeit, wir
rief uns nicht beim Namen. Mei- arbeiteten bis 6 Uhr abends. Die zweite Schicht war von 6 Uhr
ne Nummer war 201. Das Haus, abends bis 6 Uhr früh.
in das man uns brachte, hatte Die Kranken wurden nicht behandelt. Wenn man krank wurde,
nur eine Etage, war entweder ein wurden man aus der Stadt in eine bestimmte Baracke gebracht
Theater oder ein Kino. Im In- und starb dort. Meine Freundin bekam Tuberkulose. Sie hat man
nern war ein großer Saal und ein in diese Baracke gebracht, wo solche Kranken waren. Man gab
Bühne. Hier lebten ungefähr 300 ihr Hirsebrot und Wasser, heilte sie nicht und meine Freundin
Mädchen. starb dort.

Ich arbeitete in der Fabrik, in der Anfang April 1945 trieb man uns zum Gräben ausheben. Wir
Marmelade hergestellt wurde. gingen in Kolonnen, wir wurden bombardiert, viele starben und
Wir trockneten Kartoffeln, Zwie- viele wurden verwundet. Nach 4 Tagen liefen 18 Mädchen in
beln, Möhren. In die Konserven den Wald, darunter war auch ich. Um den Wald waren Gräben
packten wir grüne Erbsen, Spi- und in ihnen saßen wir 4 Tage. Nebenan auf dem Feld standen
nat, Blumenkohl. Wir arbeiteten 12 Stunden. Die Zeiten unserer Kühe, die wir gemolken haben. Von dieser Milch haben wir uns
Ankunft und Beendigung der Arbeit vermerkte man auf Karten ernährt. Ein Mädchen schlich sich als Kundschafter ins Dorf.
mit unserer Nummer. Uns wurde das Essen nicht gestattet.

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Abends kehrte sie zurück und übermittelte uns die frohe Neuig- Ich habe viele Erinnerungen. Wenn wir uns treffen würden,
keit, dass die Rote Armee im Dorf war. könnte ich viel erzählen.
Die Soldaten gaben ihr zu essen und gaben uns Nahrungsmittel
mit (Brot, Pfefferkuchen). Wir warteten bis es dunkel wurde und Nehmt meine herzlichen Grüße an, auch von allen, die im Dorf
gingen dann ins Dorf, wo wir von den Soldaten freudig begrüßt Ruischonowka leben, Bezirk Swenigorodskaja, Gebiet Tscherassi,
wurden. Wir waren sehr froh, befreit worden zu sein und bald in Ukraine.
die Heimat zurückkehren zu dürfen.
Wir wuschen uns, zogen uns um, dann gingen wir auf einen Ich bin sehr froh, meine Erinnerungen mit Euch teilen zu kön-
Lastwagen und fuhren nach Landsberg zur Sammelstelle. Dann nen. Ich hoffe, dass Eure Jugend meine Erinnerungen hört und
schickte man uns die Fabrik abzubauen. eigene Schlussfolgerungen zieht.

Am 24. 9. 1945 kehrte ich nach Hause in das Dorf Ruischanow- Mit Hochachtung Meschtschenko
ka zurück. Ich arbeitete in der Kolchose, überlebte den Hunger Uljana Weremejewna
1947. 1950 heiratete ich. 27. 7. 2008
Mein Mann war Invalide der 1. Gruppe des Großen Vaterlän- Ukraina
dischen Krieges. 1950 habe ich einen Sohn geboren, der 1952
starb. Am 26. 4. 1953 wurde der zweite Sohn geboren. 1959 starb
mein Mann. Handschriftlich:
Mein Sohn heiratete 1977. Ich habe 2 Enkel – Wladimir und Ich möchte noch hinzufügen, dass aus unserem Dorf 6 Mädchen
Viktor – und die Urenkelin Olja – 5 Jahre. in Eurer Stadt in der Marmeladenfabrik waren, alle sind schon
gestorben. Ich bin allein übrig geblieben. Aus dem Nachbarbe-
Jetzt trage ich ein großes Leid. Am 22. 5. 2006 fuhr mein Sohn, zirk unseres Gebietes kamen 12 Mädchen. 10 sind gestorben,
er war 55 Jahre alt, ins Krankenhaus und kam nicht zurück. Er zwei sind übrig geblieben und sehr krank.
verschwand auf dem Weg ins Krankenhaus. Ich ging zur Miliz Die Enkel leben 500 km entfernt von mir, sie kommen einmal
und habe mich auch an die Sendung „Warte auf mich“ gewandt. im Jahr. Mir fällt es sehr schwer allein zu leben. Die Enkel kön-
Aber ohne Ergebnis. nen mich nicht mitnehmen, sie haben keine Wohnung, sie be-
Ich lebe allein. Die Rente ist klein (563 Griben) – ich kann damit wohnen nur Zimmer.
nur die Medikamente und die Dienstleistungen bezahlen. Ich Diesen Brief habe ich 3 Mal umgeschrieben. Zuerst schrieb ich
bin sehr krank. Ich habe Hypertonie, einen Infarkt überstanden, auf ukrainisch. Dann habe ich eine Lehrerin gebeten, sie hat
[… Übersetzungsproblem] kranke Leber, Nieren. ihn ins Russische übersetzt. Ich habe ihn erneut umgeschrieben.
Ich weine Tag und Nacht, weil mein einziger Sohn verschwun- Dann bat ich ein Mädchen aus der Buchhaltung und sie hat ihn
den ist. Ich bin schon 83 Jahre. Wenn mein Sohn mich erwarten gedruckt. Dann habe ich Ihnen diesen Brief geschickt und ich
würde, könnte ich ruhig sterben. wünsche sehr, dass er sie erreicht.

Ich habe alles kurz aufgeschrieben, wenn ich alles aufschreiben Mit Hochachtung U. Meschtschenko
würde, würde das Papier nicht in den Umschlag passen. Meine
rechte Hand schmerzt und ich kann nicht lange schreiben.

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Uljana Weremejewna Meschtschenko Als man uns aus Frankfurt(Oder) hinauswarf und nach Berlin
trieb, Schützengräben zu graben, hatten wir in unseren Taschen
kleine Ikonen, Karten und Ketten.
[…] Ich erhielt Ihren Brief am 7. Januar 2009. Die erste Nacht übernachteten wir in irgendeinem Dorf in gro-
Ich bin sehr dankbar für Ihren Brief, denn ich erhielt zwei: einen ßen Scheunen, in dem Traktoren und Combines standen, das
von Ihnen und einen von Ihren Freunden. Ich danke für die Inventar lagerte und Getreide. In dieser Nacht wurde das Dorf
Fotografien Ihrer Frau und der Kinder und die Fotos von der stark bombardiert und eine Bombe fiel auf den Platz, wo wir
Fabrik und von Ihnen. Mir erzählt mein Herz, dass Sie ein sehr übernachteten, ich erinnere mich, dass alles hell wurde und an
guter Mensch sind. Explosionen.
Wir liefen alle hinaus zum Feld, in einen dunklen Wald.
Ich befinde mich jetzt sehr weit von meinem Haus entfernt, Als sie aufhörten uns zu bombardieren, sammelten wir uns alle
mein Enkel hat mich zu sich geholt, weil ich sehr krank bin und an einem Platz und erblickten ein tragisches Bild, viele unserer
ich im Winter nicht allein bleiben kann in meinem Haus. Mädchen sind getötet worden, Lena lag mit einer abgerissenen
In unserem Dorf gibt es kein Gas, deshalb heizen wir mit Holz, Hand. Anja war ein sehr fröhliches Mädchen, sie hatte von zu
das Wasser muss man tragen und aus dem Brunnen holen, und Hause eine Harmonika mitgebracht und spielte im Lager darauf,
das fällt mir schon schwer. die Mädchen tanzten und sangen fröhliche Lieder und Anja ver-
lor beide Beine. Ich weiß nicht, ob sie überlebt hat. Lena hat mir
Meinen Sohn habe ich bisher nicht gefunden. Ich habe schon später Briefe geschrieben, über das Schicksal von Anja wusste sie
drei Briefe nach Kiew an die Sendung „Warte auf mich“ geschrie- auch nichts. Lena kehrte nach Hause zurück und hat als Postbo-
ben und einen nach Moskau, aber bis jetzt ohne Erfolg. Ich habe tin gearbeitet.
schon meine ganze Gesundheit hinaus geweint. Deshalb blieben alle unsere Sachen in diesem Dorf.
Die zweite Nacht schliefen wir im Wald und wurden wieder
Vielen Dank für die Karte zum Geburtstag. Sie haben geschrie- bombardiert, wir lagen die ganze Nacht auf den Knien und be-
ben, dass sie Ende Februar, Anfang März kommen wollen, beei- teten zu Gott, damit die Bomben nicht in unseren Unterstand
len Sie sich nicht, weil es noch sehr kalt sein wird und zweitens fielen und wir hatten Glück, wir blieben am Leben, und dann
ist es bei uns Anfang März sehr dreckig, im Dorf sind die Stra- hat man uns weiter nach Berlin gejagt und wieder bombardiert,
ßen nicht asphaltiert, nur die Hauptstraße. alle liefen in den Wald, als wir dort in den Unterständen über-
Ich schlage vor, sie kommen in der zweiten Hälfte des März oder nachteten, sahen wir auf dem Feld Kühe.
Anfang April. Ich werde Ihnen viel erzählen über Deutschland, Die Kühe hörten uns Menschen und kamen zu uns, sie hatten
was ich in den 2 ½ Jahren dort erlebte. pralle Euter und wir begannen sie in die Hände zu melken, weil
Ihre Freunde fragten, ob nicht irgendwelche Fotografien oder wir nichts hatten in das wir melken konnten, wir waren schmut-
andere Sachen geblieben sind, ob ich mich an Straßennamen zig, barfuß und zerlumpt.
erinnere, Ortsnamen.
Auf diese Fragen antworte ich: Ich habe keine Fotografien, die
Straßen kannten wir nicht, weil uns niemand gesagt hat, wie die
Straßen heißen durch die wir in Kolonnen geführt wurden, zu
beiden Seiten Polizei, Sachen habe ich auch nicht behalten.

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Uljana Weremejewna Meschtschenko Eine Reise in die Ukraine

Ich möchte noch über das Dorf schreiben, in dem unsere Sol-
daten waren. Wie wir zu diesem Dorf kamen, wo unsere Armee Zu dritt fuhren wir aus Frankfurt (Oder) im September 2009,
war, hatte ich schon geschrieben, nun schreibe ich die Hauptsa- eingeladen von Frau Salucha und Frau Meschtschenko, in die
che, in dem Dorf gab es keine Deutschen, es blieb allein ein alter Ukraine. Beide stehen als Zeitzeuginnen stellvertretend für viele
Mann, er wollte sein Haus nicht verlassen, alle anderen waren Menschen, die während der Zeit des Faschismus in unsere Stadt
evakuiert, durch das Dorf liefen nur Kühe, Schweine, Hühner, verschleppt worden waren, um hier unter unwürdigsten Bedin-
sogar Schafe. Unsere Soldaten waren in jedem Alter, Junge und gungen Zwangsarbeit zu leisten.
Alte, sogar bis 55, wir waren wohl sehr schrecklich, denn man
sagte uns, dass wir in die Häuser gehen sollen, uns waschen, Mit dem Zug fuhren wir vom polnischen Rzepin an die polnisch
kämmen und umziehen, denn im Dorf war niemand und in den - ukrainische Grenze, nach Ljuboml zu Frau Salucha. Herzlich
Schränken lagen Sachen. Sie sagten, wir sollen in die Häuser ge- war die Begrüßung durch Frau Salucha und ihre Familie. Wir
hen und uns aus den Schränken nehmen. Es gab dort vor allem spürten große menschliche Wärme und offenherzige Gast-
Wäsche, Bett- und Kissenbezüge. Ich nahm mir sechs davon. In freundschaft, die unter anderem in großzügiger und einfallsrei-
diesem Dorf übernachteten wir und am zweiten Tag sagte uns cher Bewirtung zum Ausdruck gebracht wurde.
der Oberst, dass hier die Frontlinie ist und wir nicht bleiben
können, weil am frühen Morgen der Angriff sein wird. Man gab
uns einen Lastwagen und brachte uns in die Stadt Landsberg
zum Sammelpunkt. Diese Bett- und Kissenbezüge bewahrten
meine Eltern auf, weil
sie drei Töchter hatten und dachten, dass wenn sie heiraten jede
2 Bettbezüge und 2 Kissen bekommt. Nach dem Krieg waren
alle barfuß und hungrig, aus den Soldatenmänteln nähte man
sich Röcke. 1947 war ein Hungerjahr und ich brachte die Bezüge
in die Westukraine und tauschte sie in 32 kg Getreide, ich bin
damals beinahe gestorben, wir fuhren in Kohlewagen bei –25
Grad und warme Kleidung gab
es nicht, wir wärmten uns gegenseitig, Menschen gab es viele. Ich
erkältete mich sehr.

Wenn wir uns treffen, erzähle ich sehr viel.


Mit Verehrung für Sie und Ihre Familie
Uljana Meschtschenko

Frau Salucha (4. v. l.) September 2009

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Ljuboml ist eine kleine dörflich geprägte Stadt mit ungefähr
8 000 Einwohnern. Diese lebten bis zur Erklärung der Unabhän-
gigkeit der Ukraine hauptsächlich von der Landwirtschaft. Wir
erfuhren, dass in Ljuboml viele Menschen arbeitslos sind. Nach
der „Orangen Revolution“ wurden durch Gesetze des Präsiden-
ten die Kolchosen und Betriebe aufgelöst und privatisiert. Heute
liegt sehr viel Ackerland brach.
Wegen geringer Einkommen sind die Menschen zumeist auf
Selbstversorgung angewiesen und versuchen auf unterschied-
lichsten Wegen, das für den Lebensunterhalt Notwendige zu
schaffen. In der Familie Salucha leben die Menschen von 110 €
im Monat.
Trotz unseres kurzen Aufenthaltes fielen uns mehrere wunder-
schön sanierte Kirchen in der Stadt auf, vorrangig handelte es
sich um Orthodoxe Kirchen. Es soll so sein, dass die Kirchen in
Gänze in den letzten Jahren viel Zuspruch erfuhren.

Am nächsten Tag wurde die lange Reise von der Westukraine


in die Zentralukraine bewältigt. Nach zehnstündiger Zugfahrt
trafen wir erschöpft auf dem Zentralbahnhof von Kiew ein. Hier Frau Meschtschenko, 3. v. r., September 2009
holte uns unser Gastgeber ab. In einer zweistündigen Fahrt ging
es nach Smila, einer Stadt, in der ungefähr 80000 Einwohner Bereits am nächsten Morgen fuhren wir nach Kiew zurück, wo
leben. wir Gelegenheit fanden, ein bisschen von der herrlichen Stadt
Am Tag darauf reisten wir abenteuerlich über einhundert Ki- am Dnepr kennen zu lernen.
lometer mit einem Auto zu Frau Meschtschenko. Das Zusam-
mentreffen mit ihr beeindruckte wieder wegen der Herzlichkeit, Wir hatten Momenteindrücke von einem großen Land erhalten,
Freude und Gastfreundschaft, die uns entgegen gebracht wur- waren Menschen persönlich begegnet, die uns tief beeindruck-
den. Nach volkstümlicher Sitte begrüßte uns die alte Frau fein ten. Sie haben nichts vergessen von dem, was ihnen angetan
herausgeputzt mit Brot und Salz. Dieser Empfang stand in be- wurde, aber wir waren ihnen Freunde und als solche willkom-
sonders starkem Kontrast zu dem, was sie uns in ihrer ukraini- men. Sie begegneten uns mit Aufmerksamkeit und Achtung und
schen Muttersprache über ihre Erlebnisse berichtete, die sie als das ist das große Geschenk, das wir mit nach Frankfurt (Oder)
Zwangsarbeiterin in Frankfurt (Oder) hatte. brachten.
Leider war die Zeit, sich dieser Frau zuzuwenden, viel zu kurz.
Nein, ich übertreibe nicht: Wir sind uns ans Herz gewachsen.
Und das legt uns die Verpflichtung auf weiterzumachen, das
Schicksal von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern zu er-
forschen und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu tragen

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Was bleibt? Es war für mich wie ein Ruf Gottes, dass ich mich
auf den Weg machen sollte, den Frauen, die ich noch treffen
Nachwort
kann, die Hand zu reichen. Als jemand, der jünger ist; als Deut-
scher, als jemand, dessen Vater als Wehrmachtsoldat im zweiten
Weltkrieg gegen ihr Land Krieg führte. Die Evangelische Jugend als Verband formulierte in ihrem Leit-
Für diese Begegnung bin ich Gott sehr dankbar. Ohne seine bild:
Kraft hätte ich es nicht geschafft. „Wir stellen uns der Vergangenheit und übernehmen Verantwor-
Darüber hinaus konnten diese Begegnungen nur durch die Hilfe tung für die Zukunft. Wir ergreifen Partei für die Armen und
von ganz vielen gelingen. Schwachen, für die Benachteiligten und Unterdrückten. Wir
setzen Gemeinschaft, Respekt für das Gegenüber und soziales
Ich danke allen Engagement gegen Leistungs- und Konkurrenzdenken …“
Matthias Dörr Mit diesem Hintergrund, der auf dem christlichen Glauben ba-
siert, haben wir auf die Anfrage von Matthias Dörr, eines En-
gagierten, der das bisher in Frankfurt (Oder ) vernachlässigte
Thema der Zwangsarbeit in der Zeit der Naziherrschaft ans Licht
bringen will, positiv geantwortet und unsere Mitarbeit und Trä-
gerschaft zugesagt. Es entstand ein Arbeitskreis, eine Recherche-
gruppe, zu der sich der Dramaturg Burkhard Koller und Gerhard
Hoffmann aus der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes
– des Bundes der Antifaschistinnen und Antifaschisten gesellten.

Mit dem Beginn der Recherchearbeit mussten wir erkennen, dass


die Fülle der erforderlichen Arbeit sich mit jedem neuen Detail
potentiell vermehrt und uns letztendlich überfordert. So bleibt
unsere Arbeit Stückwerk.
Sie ist bestenfalls ein Anfang, verbunden mit der Erwartung,
dass andere diese Spuren der leidvollen Geschichte aufnehmen
und zur weiteren Aufklärung beitragen.
Die über eine ukrainische Organisation hergestellten Kontakte
zu ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern tragen
Früchte. Davon zeugen die Briefe in dieser Broschüre, die uns an
die Orte des bitteren Leids ukrainischer Frauen führen.
Hier in unserer Stadt wird durch ihre Erzählungen Geschichte
lebendig. Sie wurde so lebendig, dass die Jugendlichen, die eine
Szenische Lesung aus diesen Briefen gestalteten und miterleben
konnten, ihre Anrührung spüren ließen.

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Das ermutigt uns, diese Briefe in die Hand derer zu empfeh-
len, die zunehmend ohne Zeitzeugen auskommen müssen und
dennoch Geschichte transparent wahrnehmen und vermitteln
wollen.
Wir denken an den schulischen, kirchlichen und kommunalen
Bereich, überall dort, wo sich Menschen der Vergangenheit stel-
len und für die Zukunft Verantwortung übernehmen wollen.

Bedanken möchten wir uns vor allem bei den ehemaligen


Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die die Korrespon-
denz mit uns aufnahmen.
Wir danken den Übersetzerinnen und Übersetzern, den Frank-
furterinnen und Frankfurtern, die unsere Arbeit mit Zeitzeugen-
berichten unterstützten und allen, die wohlwollend die Erarbei-
tung der Publikation begleiteten.

Im Namen der Recherchegruppe

Reinhard Schülzke
Kreisjugendwart

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