© Uwe Fengler

Die verschwundene Datei Ich glaube es einfach nicht, dass ist der absolute Wahnsinn und das Schrecklichste was einem Menschen, der sich auch nur ein bisschen mit Schreiben beschäftigt, passieren kann. Wie leicht ist es mir gefallen in der letzten Nacht eine Geschichte zu erzählen. Die Finger flogen nur so über die Tastatur. Fünf Seiten waren im nu fertig und das gute daran war, der Text hat sogar mir selber gefallen. Das ist keinesfalls immer so; oft muss ich eine Geschichte oder einen anderen Text den ich schreibe noch wochenlang oder manchmal auch Monate lesen, bis ich mich ein wenig mit ihm anfreunden kann. Oftmals ist er auch schon veröffentlicht, und ich schaue in der Nacht nach dem Upload nach den Besucherzahlen und denke dann so bei

mir, das kann doch gar nicht sein, dass in den paar Stunden, die ich geschlafen habe so viele Menschen diesen blöden Text zumindest angelesen haben. Manchmal sind es 35, gelegentlich auch über 100 Menschen, die praktisch über Nacht eine neue Geschichte angeklickt haben. Und diese letzte Geschichte, hat sogar mir auf Anhieb gefallen. So gut, das ich sie gleich mehrmals hintereinander gelesen habe. Irgendwann habe ich aber keine Lust mehr, fahre den PC runter und gehe ins Bett. Als ich am nächsten Mittag die Augen aufschlage, denke ich sofort an meine neue Geschichte, und das verheißt plötzlich nichts Gutes. Sofort ist der Gedanke in mir: Du hast sie ja gar nicht abgespeichert. Ich stehe auf und begebe mich an meinen Computer, und tatsächlich, da ist wirklich nichts mehr. Da hatte ich mich voll und ganz auf die automatische Zwischenspeicherung meines Schreibprogrammes verlassen, und da ist einfach nichts. Ich erinnere mich daran, dass mir irgend

etwas Ähnliches vor einiger Zeit schon einmal passiert ist. Damals gelang es mir in wenigen Augenblicken die Datei wiederherzustellen. Aber heute ist da einfach nichts. Ich kann nicht mehr sagen, wie viele Stunden ich damit verbracht habe, die Datei wieder aufzuspüren, nur soviel weiß ich noch: Es gelang mir diesmal nicht. Sie mögen jetzt vielleicht denken, dass ich in der Zeit, in der ich den Text gesucht habe, ihn doch nur hätte neu schreiben brauchen. Aber so einfach ist das gar nicht. Ich glaube die Geschichte über meine Tante Martha war mir so gut gelungen, so bekomme ich sie einfach nicht wieder hin. Und in dieser Nacht möchte ich es darum auch nicht noch einmal versuchen. So kommt es also wie es kommen muss: die Geschichte von meiner Tante Martha werden sie jetzt nicht lesen können. Stattdessen haben Sie sich, wie ich auch, mit meiner verschwundenen Datei beschäftigt. Ich kann noch nicht sagen, wann ich mich

wieder mit meiner inzwischen verstorbenen Tante Martha beschäftigen werde, vielleicht sogar nie, und eine meiner besten Geschichten bleibt Ihnen für immer vorenthalten. Darf man sich in so einem Moment nach der alten Schreibmaschine zurück sehnen, die ihr sorgfältig eingespanntes Blatt nie verschluckt hat?
© Uwe Fengler

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