spektrumdirekt Ausgabe vom 22.

Juni 2005
SEXUALFORSCHUNG

Beim weiblichen Orgasmus schaltet das Gehirn ab
[ www.wissenschaft-online.de/abo/ticker/781962 ]

Bei einem Orgasmus werden weite Hirnbereiche von Frauen vollständig inaktiv, darunter auch solche, die für Emotionen zuständig sind - oder anders ausgedrückt: Während des Höhepunkts fühlen Frauen schlicht nichts, erklärt Gert Holstege von Universität Groningen. Anders dagegen bei einem vorgetäuschtem Orgasmus: Hier melden sich insbesondere Areale, die für kontrollierte Bewegungen verantwortlich sind. Außerdem blieben die anderen Hirnregionen aktiv. Die Forscher um Holstege hatten 13 heterosexuelle Frauen mit Positronenemissionstomografie beobachtet, während sie einfach ruhten, von ihren Partnern stimuliert wurden, einen Orgasmus vortäuschten oder einen wirklichen erlebten. Während der Stimulation stieg die Aktivität im primären somatosensorischen Kortex, ging aber gleichzeitig in der Amygdala und dem Hippocampus zurück - Regionen, die unter anderem eine zentrale Rolle bei Wachsamkeit und Angstgefühlen spielen. Beim folgenden Orgasmus schwiegen dann noch etliche weitere Bereiche. Offenbar, so spekuliert Holstege, werden die warnenden Emotionen ausgeschaltet, weil die Möglichkeit zur Nachwuchsproduktion in diesem Moment wichtiger sei als das Überlebensrisiko der Betroffenen. Einzig im Cerebellum, dem Kleinhirn, zeigte sich eine verstärkte Aktivität während des Orgasmus. Warum, bleibt allerdings unklar: Das Kleinhirn beteiligt sich normalerweise an der Bewegungskoordination, doch zeichnet sich in neueren Forschungsarbeiten ab, dass es auch in die Regulierung von Gefühlen eingreift, erklären die Wissenschaftler. In einer früheren Studie hatten Holstege und seine Mitarbeiter auch bei Männern eine ähnliche Stilllegung des Gehirns beobachtet, allerdings bei weitem nicht im selben Ausmaß. Die Forscher geben aber zu bedenken, dass die Versuche wohl wiederholt werden müssten, weil es ein methodisches Problem gebe: Die Positronenemissionstomografie ermöglicht nur eine zeitliche Auflösung im Minutenbereich - bei Männern ist aber bekanntermaßen schon nach wenigen Sekunden alles vorbei.

QUELLEN:

21st Annual Meeting of the European Society of Human Reproduction and Embryology, Copenhagen (19.-22.6.2005) © spektrumdirekt

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