Leben heißt handeln

2.95 € · ISSN 1437-7543 · Nr. 93/2.2007

magazin
ARTENSCHWUND UND KLIMAWANDEL

DER WERT DER VIELFALT

SCHWERPUNKT: Energie TATORTE: Zurück in die Stein(kohle)zeit VERKEHR: Autoindustrie statt Klimaschutz SATIRE: Unter Klon-Schafen

inhalt
Seite 6

tatorte
6 6 7 7 7 Berlin, Bremen, Mannheim: Große Kohle macht Klima kaputt Hamburg: AKW Brunsbüttel sofort stilllegen! Berlin: Bahn für alle Frankfurt: Papier-Konsum killt Wälder Hamburg: Ausstellung Papierwende

Seite 8

tatort-hintergrund
Tempo wird schwedisch 8

Seite 10

titel
10 Der Wert der Vielfalt 16 Artenvielfalt und Klimawandel 18 Lachse: Kein guter Fischzug

kleinholz
42 GEO - Tag der Artenvielfalt: Natur auf der Spur

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inhalt

satire
22 Unter Klon-Schafen

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schwerpunkt
Neue Kohlekraftwerke heizen das Klima weiter auf Lacoma: Ein Dorf kämpft gegen den Braunkohletagebau Asse: Ein Atommülllager säuft ab Uranmüll nach Russland Nebel über Olkiluoto Biokraftwerke verbrennen Regenwald 24 28 32 34 35 36

S. 10

perspektiven
Dinah Epperlein: Wenn viele Menschen viele kleine Schritte tun … 38

Seite 40

verkehr
40 41 41 41 Autoindustrie statt Klimaschutz Bahn unterm Hammer Mobil ohne Auto Tour de Natur

bücher
43 43 44 44 Vor uns die Sintflut Ölwechsel Die Einkaufsrevolution Die Joghurt-Lüge

internes
45 Neuer ROBIN WOOD-Vorstand 2007 47 ROBIN WOOD- Treffpunkte 46 post 46 impressum

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editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
das ROBIN WOOD-Magazin erscheint im neuen Gewand und ist als Premiere in einer kleinen Auflage am Kiosk erhältlich. Inhaltlich sind wir uns treu geblieben und berichten über aktuelle Entwicklungen in den Bereichen Umweltschutz und Ökologie und über spektakuläre Aktionen der ROBIN WOOD-Aktiven, die sich für den Schutz der natürlichen Ressourcen einsetzen. Wir sind weiter unbequem, nennen die Mißstände und die Verantwortlichen beim Namen und zeigen konsequente Wege aus der Umweltkrise auf. Wenn Ihnen unser neues Magazin gefällt, unterstützen Sie ROBIN WOOD bei seinem Engagement für Natur und Umwelt und werben Sie für unsere gemeinsame Sache in Ihrem Freundesund Bekanntenkreis. Denn wir müssen mehr werden, um das Klima wirksam zu schützen und für die Vielfalt unserer Tierund Pflanzenwelt einzutreten. Die biologische Vielfalt ist in Gefahr. Während weltweit nur ein Bruchteil der geschätzten 10 bis 200 Millionen Arten entdeckt wurden, werden täglich zwischen 70 und 100 Tier- und Pflanzenarten unwiederbringlich ausgerottet. Im Titel dieser Ausgabe berichten wir über den Wert der Vielfalt für Mensch und Umwelt und warum sie in Gefahr ist. Und Sie erfahren, warum hierzulande der Kuckuck und die Frösche zu den ersten Opfern der Klimaerwärmung gehören werden. Und dennoch heizen die Menschen das Klima weiter an. So sollen in Deutschland in den nächsten Jahren mindestens 28 neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Anstatt in erneuerbare Energien zu investieren, setzen Politik und Industrie auf den Klimakiller Kohle. Auch die Atomenergie als Retter fürs Klima zu inszenieren, ist ein Irrweg. Das Endlager Asse zeigt einmal mehr, dass wir die Risiken dieser gefährlichen Technologie nicht beherrschen. So droht das ehemalige Salzbergwerk, in das jahrelang Atommüll verklappt wurde, mit Wasser vollzulaufen. Die Verantwortlichen sind ratlos und versuchen abzuwiegeln und zu vertuschen. Dabei ist, wenn Asse absäuft, die Katastrophe vorprogrammiert - Radioaktivität wird über das Grundwasser unkontrolliert in die Umwelt gelangen. Die betroffenen Menschen in der Region fordern, dass sie vor den Gefahren für Leben und Gesundheit geschützt werden und dass sie endlich an den Planungen, was mit dem Atommüll in Asse zu geschehen hat, beteiligt werden. Mehr dazu im Schwerpunkt dieser Ausgabe. Die Temperaturen steigen und der Klimawandel ist längst Realität geworden. Aber noch ist es nicht zu spät - wenn jetzt Politik, Wirtschaft und VerbraucherInnen entschlossen handeln und bis 2015 weniger Treibhausgase in die Atmospäre schicken. Bis 2050 müssten die CO2-Emissionen um 50 bis 85 Prozent reduziert werden, damit die Erderwärmung auf beherrschbare 2 Grad begrenzt wird, so der Weltklimarat IPCC in seinem Bericht 2007. Welche Schritte zu tun sind, weiß die Menschheit spätestens seit dem Welt-Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992. Und sie weiß auch, dass es Klimaschutz zum Nulltarif nicht geben wird. Bleibt nur die Frage, ob wir jetzt bereit sind, diese notwendigen Schritte auch zu unternehmen? Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Ihre Schwedt/Berliner Redaktion

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Mannheim, 27. Februar 2007: Energie aus Sonne, nicht aus Kohle!

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Klimakiller Kohle
Die Energiekonzerne wollen in Deutschland 28 neue Kohlekraftwerke bauen - eine Katastrophe für das Klima! Mannheim, 27.02.07: Die Großkraftwerk Mannheim AG plant den Bau eines neuen Steinkohlekraftwerks. Dort gibt es bereits ein großes Kohlekraftwerk, das Strom und Fernwärme liefert. Ein Bündnis aus acht lokalen Umweltgruppen, darunter ROBIN WOOD Rhein-Neckar startete eine Kampagne für eine regenerative Energieversorgung der Region ohne neues Kohlekraftwerk. Auftakt war eine gemeinsame Aktion während einer Gemeinderatssitzung vor dem Mannheimer Stadthaus.

Berlin

Berlin, 18.01.07: „Vattenfall - Als Klimakiller top, im Umweltschutz ein Flop“, ROBIN WOOD protestiert dagegen, Vattenfall Chef Lars Josefsson, den Repräsentanten eines der klimaschädlichsten Unternehmen weltweit, zum Klimaschutzberater der Bundesregierung zu machen.

Mannheim

Bremen

Bremen, 23.02.07: Beim einem Go in drangen 50 mit Kohlestaub geschminkte UmweltaktivistInnen in die Zentrale des Bremer Energieversorgers swb ein, um gegen den geplanten Neubau eines riesigen Kohlekraftwerks in der Region zu protestieren. Auf Initiative von ROBIN WOOD gründete sich nach der Aktion das Bremer Bündnis für Erneuerbare Energien und gegen Kohlekraft an der Weser.

AKW Brunsbüttel sofort stilllegen!
Hamburg, 06.03.07: ROBIN WOOD-AktivistInnen stiegen Vattenfall aufs Dach, um gegen den Antrag des Energiekonzerns zu protestieren, den maroden Atommeiler Brunsbüttel länger als im Atomgesetz vorgesehen am Netz zu lassen. Der längst überfällige Atomausstieg würde damit in noch weitere Ferne rücken. Für die KundInnen von Vattenfall verteilten die Aktiven Flyer, in denen für den einfachen Umstieg auf einen Ökostromanbieter geworben wird.

Hamburg

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Fotos: Anne-Laure Fo

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Bahn für alle
Berlin, 29.03.07: Das Bündnis „Bahn für alle“ hat die Bahnbilanz von Bahnchef Hartmut Mehdorn scharf kritisiert und eine Gegenbilanz aufgemacht. Diese belegt, dass die Gewinne auf Kosten der SteuerzahlerInnen, Bahn-Beschäftigten und des Klimaschutzes eingefahren wurden. In Vorbereitung auf den Gang an die Börse sind Strecken stillgelegt, das Schienennetz vernachlässigt, Arbeitsplätze abgebaut und Schulden angehäuft worden. Aus Protest gegen den Privatisierungskurs der Bahn demonstrierten AktivistInnen von Attac, Verdi und ROBIN WOOD am Potsdamer Platz, wo Mehdorn seine Bilanz der Presse präsentierte.

Berlin

Papier-Konsum killt Wälder
Frankfurt, 24.01.07: Bei der internationalen Messe Paperworld warnte ROBIN WOOD vor den Folgen des viel zu hohen Papierkonsums in den Industrieländern. Weltweit werden 338 Milliarden Tonnen Papier jährlich verbraucht, jeder zweite von der Holzindustrie eingeschlagene Baum landet in der Papierproduktion. Vor der Messe spannten die AktivistInnen ein großes Tranparent auf: „We have a dream: Paperworld 100% recycled.“ ROBIN WOOD fordert einen sparsamen Umgang mit Papier und den konsequenten Umstieg auf Recyclingpapier

Frankfurt/Main

Ausstellung Papierwende

Hamburg
Foto: ROBIN WOOD/R. Fenner

Hamburg, 02.04.07: Was hat unser Papierverbrauch mit der Umwelt zu tun? Wie viel Holz braucht man, um einen Klassensatz Schulhefte herzustellen? Diese und viele weitere Fragen wurden bei der Wanderausstellung „Papierwende“ von ARA e.V. beantwortet, die ROBIN WOOD vom 2. bis 20. April in Hamburg für SchülerInnen präsentierte. Dort konnten sie Schulhefte gegen Holz aufwiegen, Papierfasern unter dem Mikroskop betrachten und sich rund um das Thema Holz und Papier gründlich informieren.

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Tempo wird schwedisch
Am Morgen des 12. März 2007 war es die Topmeldung der Wirtschaftsticker: Der US Konsumgüterriese Procter&Gamble (P&G) verkauft sein Hygienepapier- und Taschentuchgeschäft an den schwedischen SCA-Konzern (Svenska Cellulosa Aktiebolaget). SCA erwirbt mit diesem Deal vor allem die Taschentuchmarke Tempo aber auch fünf Produktionsstätten von P&G, darunter das Tempo-Werk in Neuss. Zum Kaufpaket gehören außerdem die europäischen Lizenzrechte für die Marken Charmin-Toilettenpapier und Bounty-Küchenrollen. Erste Signale aus der Konzernführung deuten darauf hin, dass SCA nach Übernahme des Tempo-Werks im Laufe dieses Jahres auf Zellstoff des SkandalUnternehmens Aracruz-Celulose aus Brasilien für die Tempo-Produktion verzichten wird. Dies wäre aus Sicht von ROBIN WOOD ein notwendiger Schritt, damit der Konzern seine eigenen Umweltstandards erfüllt.
OBIN WOOD hat seit 2005 mit zahlreichen Aktionen, Briefen und Gesprächen Druck auf P&G ausgeübt, den Zellstoff für die Tempo-Taschentücher

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nicht mehr bei Aracruz-Celulose zu kaufen. Zur P&G-Hauptversammlung ist das Tempowerk in Neuss deshalb zwei Tage belagert worden. Hintergrund der Proteste von ROBIN WODD ist, dass Aracruz sich in den siebziger Jahren während der brasilianischen Militärdiktatur widerrechtlich Indianerland angeeignet und Zehntausende Hektar Regenwald zerstört hatte, um dort riesige Eukalyptus-Monokulturen anzupflanzen. Bis heute verweigert Aracruz die Rückgabe von 11.000 Hektar Land an die Tupinikim- und Guarani-Indianer. Auch die afrikanischstämmigen Quilombolos beschuldigen Aracruz des Landraubs und wollen ihr Territorium zurück haben.

anderem heißt es dort, dass SCA keinen Rohstoff aus Gebieten bezieht, in denen es Landkonflikte mit Ureinwohnern gibt. Das kann nur zur Folge haben, dass Aracruz als Zellstofflieferant nach der Übernahme nicht mehr in Frage kommt. Gegenüber ROBIN WOOD hat sich SCA vage geäußert. Sein Statement lässt aber die Vermutung zu, dass Tempo bald ohne Zellstoff von Aracruz auf den Markt kommen wird.

SCA muss Taten folgen lassen
Das alles soll jetzt mit dem neuen Eigentümer besser werden. Der schwedische Konzern versucht sich als besonders verantwortungsvoller Papierproduzent zu platzieren. Zum einen unterhält er eine Kooperation mit der Umweltschutzorganisation WWF bei der Recyclingmarke „Danke“. Darüber hinaus finden sich auf der SCA-Website gleich mehrere Hinweise, dass ökologische und soziale Kriterien eine zentrale Rolle bei der Rohstoffbeschaffung spielen. Unter

Ende 2006 besetzten die Indegenen den Hafen von Portocell, von wo der EukalpytusZellstoff verschifft wird: Der Protest gegen Aracruz wird weitergehen

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“SCA will apply the fresh fibre sourcing policy once we have control of the P&G units in September. It will take some time go through their current suppliers and if needed phase out the ones that do not comply with the policy. SCA Tissue Europe is not sourcing from Aracruz. We do not disclose the reasons why we source or do not source from a certain supplier as a matter of commercial discretion.” Dadurch werden Tempos noch lange keine Ökoprodukte, aber es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Darüber hinaus hat SCA noch jede Menge Hausaufgaben zu bewältigen. Es bleibt unklar aus welchen Quellen SCA seine Produktion versorgt. Ebenso wie P&G setzt SCA bei der Herstellung seiner Hygienepapiere Eukalyptus-Zellstoff ein, um die Produkte besonders flauschig zu machen. So ergaben von ROBIN WOOD in Auftrag gegebene Faseruntersuchungen, dass in der Premium-Marke „Zewa Softies“ 55 bis 60 Prozent Eukalyptusfasern stecken. Auch wenn dieser Zellstoff nicht von Aracruz stammt, stellt sich die Frage, aus welcher Art von Plantagenwirtschaft der Eukalyptus stammt. Mit der Übernahme von Tempo und Co. avanciert SCA in Bereich Hygienepapieren zum Marktführer. Daraus ergibt sich eine hohe Verantwortung. ROBIN WOOD erwartet, dass SCA seinen Rohstoffbezug transparent macht und noch wichtiger wieder Taschentücher aus Recyclingpapier anbietet. Das Unternehmen hatte die Produktion seiner Recycling-Taschentücher der Marke „Danke“ im Sommer 2004 eingestellt. Mit dem Verkauf seiner europäischen Hygienepapiersparte hat sich P&G dem Druck von ROBIN WOOD und anderer europäischer Umweltschutzorganisationen entzogen. Gleichwohl bleibt P&G ein wichtiger Kunde von Aracruz und damit im Zentrum der Kritik. Es ist nicht nachvollziehbar, warum P&G Geschäftsbeziehungen mit Aracruz aufrechterhält.

Der US-amerikanische Konzern Protcer & Gamble wird das Tempo-Werk in Neuss an den schwedischen Papierkonzern SCA verkaufen: Ein Gewinn für die Menschen und die Umwelt?
das Land, das Aracruz ihnen genommen hat. Aracruz weigert sich weiterhin, die bereits von der Indianerbehörde FUNAI als indigenes Territorium identifizierten 11.000 Hektar an die Indianer zurückzugeben. Der brasilianische Justizminister, der die Rückgabe veranlassen könnte, drückt sich vor einer klaren Entscheidung und hat am 1. März dieses Jahres den Vorgang an FUNAI zurückgegeben. Im Dezember 2006 besetzten die Indigenen Portocell, den Hafen von Aracruz, von wo aus der Eukalyptuszellstoff nach Europa verschifft wird. Die Quilombolos, die ebenfalls Land von Aracruz zurückfordern, blockierten im Norden des brasilianischen Bundesstaates Esprito Santo vier Tage lang die Erntemaschinen von Aracruz: Aracruz habe ihre Flüsse trockengelegt oder vergiftet und Tausende Hektar Regenwald zerstört. Außerdem wehren die Quilombolos sich gegen das Verbot, die Erntereste der Eukalyptusproduktion zu Holzkohle verarbeiten zu dürfen. Für sie war das die einzige Möglichkeit Geld zum Überleben zu verdienen, da sie von Eukalyptusplantagen umgeben und isoliert sind. Die Quilombolos werden auch in Zukunft für ihre Landrechte auf die Strasse gehen. Tupinikim-Indianer Paulo Vicente de Oliveira gibt sich weiter sehr entschlossen: „Die Kampagne von ROBIN WOOD hat uns bisher sehr unterstützt. Internationale Solidarität ist enorm wichtig bei unserem Kampf gegen Aracruz. Das Land gehört uns.“ Peter Gerhardt, Hamburg, tropenwald@robinwood.de www.robinwood.de/tempo

Kampf gegen Aracruz geht weiter
Die Tupinikim und die Guarani Indianer kämpfen nach wie vor verzweifelt um

Paulo Vicente de Oliveira

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Fotos: Jens Wieting

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Der Wert der Vielfalt
Hat Natur einen Wert? Und wenn ja, wie kann man ihn messen und wer zieht einen Nutzen aus ihm? Ist ein borealer Nadelwald mit seinen wenigen Pflanzen- und Tierarten weniger wert als ein tropischer Regenwald mit seiner überbordenden Vielfalt? Warum ist der Erhalt biologischer Vielfalt ein vorrangiges Ziel internationaler Naturschutzpolitik? Der Mensch als Hüter von Biodiversität – kann das gelingen?
ie Schreckensmeldungen über das Sterben der Arten reißen nicht ab. Die Ausrottung hat ein erdgeschichtlich einmaliges Ausmaß erreicht. Die meisten Arten werden vernichtet, ohne je entdeckt worden zu sein. Nur etwa 1,8 Millionen der geschätzten 10 bis 200 Millionen Arten auf der Erde sind wissenschaftlich beschrieben. Die Erfassung des großen Rests gleicht einem Kampf gegen Windmühlenflügel. Experten gehen davon aus, dass täglich zwischen 70 und 100 Tier- und Pflanzenarten ausgerottet werden. Um diese hohe Ausrottungsrate zu verstehen, ist es wichtig, den Begriff der ökologischen Nische zu kennen. Ein Ökosystem beherbergt maximal so viele Arten, wie es Nischen in ihm gibt. Dabei darf man sich die Nische nicht als einen physischen Ort vorstellen, an dem eine Art lebt, sondern vielmehr als das Zusammenspiel aller Faktoren, die sie zum Leben benötigt. Es sind die Ökosysteme mit besonders vielen ökologischen Nischen, mit besonders vielen spezialisierten Arten, in denen das Artensterben so horrend ist. In diesen empfindlichen Lebensräumen reicht schon eine kleine Störung, die Zerstörung eines kleinen Gebiets, um die Lebensgrundlagen mehrerer Arten zu vernichten. Beispiel Regenwald: Die meisten tropischen Wälder sind extrem reich an biologischen Nischen. Die hohe Lebensraum-Vielfalt ist dadurch entstanden, dass die Ökosysteme schon sehr alt sind und viel Zeit zur Ausdifferenzierung zur Verfügung stand. Das Muttergestein ist vielerorts so tief verwittert, dass die Böden sehr nährstoffarm sind. Dies führte tropischen Insektenarten zum Beispiel auf eine einzige Baumart spezialisiert. Als der amerikanische Forscher Terry Erwin in den 1980er Jahren das Kronendach des tropischen Regenwaldes untersuchte, fand er 163 Käferarten, die auf eine einzige Baumart spezialisiert waren. Wenn jede der 50.000 tropischen Baumarten ebenso viele Käferarten beherbergen würde - so begann er zu rechnen - wären dies bereits acht Millionen Käferarten allein im Kronendach der Regenwälder. Die Gesamtzahl in den Tropen lebender Insektenarten schätzte er deshalb auf 30 Millionen. Hält man sich den Einfluss der Zahl der Pflanzenarten auf die Zahl der Tierarten vor Augen, wird klar, warum schon die Rodung nur weniger Hektar Regenwald einen hundertfachen Artentod zur Folge haben kann. Eine weitere Ursache ist die Zerschneidung von Biotopen: Bleiben durch Zersiedelung, Infrastruktur, Landwirtschaft oder Bergbau nur noch Inseln von Wald zurück, kommt es zum Zusammenbruch vieler Tier- und Pflanzenpopulationen, weil diese nun nicht mehr wie gewohnt innerhalb ihres Verbreitungsgebietes wandern und sich fortpflanzen können. Außerdem setzen Stressfaktoren wie erhöhte Sonneneinstrahlung, Hitze, Sturm, Wassererosion die Arten weiter unter Druck.

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zwangsläufig zu einem großen Anpassungsdruck der Tier- und Pflanzenarten, die nur überleben konnten, wenn sie sich stark spezialisierten. Hinzu kommt, dass der Regenwald durch Klimaveränderungen innerhalb der Erdgeschichte mehrmals auf wenige Waldinseln zurückgedrängt wurde und sich von dort erneut ausbreitete.

Viele Pflanzenarten – noch mehr Tierarten
Die Gesamtzahl der Arten ist im Regenwald sehr hoch, die Anzahl der Individuen einer Art oder innerhalb einer Populationen aber sehr gering. Bei vielen Baumarten findet man deshalb nur alle paar Hektar ein Individuum einer Art, wodurch die räumliche Ausbreitung der Population stark begrenzt ist. So verändern sich weit entfernt liegende Teilpopulationen von Generation zu Generation genetisch so weit, dass schließlich eine neue Art entstanden ist. Die so genannte Gendrift (d.h. die Geschwindigkeit der genetischen Veränderung) ist im Regenwald besonders hoch. Dies ist einer der Gründe für seine schier unglaubliche biologische Vielfalt – aber auch für seine Verwundbarkeit! Auf nur zehn Hektar unberührtem Regenwald auf der Insel Borneo zählte der Botaniker Peter Ashton 700 Baumarten – mehr als in ganz Europa vorkommen. Im Vergleich zur große Vielfalt der Pflanzenwelt ist die Vielfalt im Tierreich fast unvorstellbar. So sind die meisten

Ideeller Wert oder Geldwert?
Vergleicht man einen tropischen Regenwald und einen mitteleuropäischen Buchenwald aus dem Blickwinkel eines

Hohe Artenvielfalt im Tropenwald: Allein die Zahl der Insektenarten wird auf 30 Millionen geschätzt

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Adlers, wirkt der Regenwald biologisch reich und der Buchenwald arm. Schaut man aber mit den Augen einer Ameise, wird einem schnell bewusst, dass biologischer Reichtum sehr relativ ist. So unterschiedlich die beiden Lebensräume auch sind, sie haben eines gemeinsam: Beide können nur fortbestehen, wenn die in ihnen lebenden Arten perfekt zusammenspielen, wenn also die Biodiversität mit all ihren Wechselwirkungen erhalten bleibt. Keine Art ist überflüssig, jede ausgerottete Art bedeutet ein verändertes Gleichgewicht im Ökosystem. Diese ökologische Betrachtungsweise macht deutlich, dass es sich beim Wert der Vielfalt kaum um eine quantitativ messbare Größe handelt – er ist vielmehr von ideeller Natur. Für die Tenharim am Amazonas bildet der artenreiche Regenwald das Habitat, von dem sie abhängen. Die Saami in Lappland nehmen in den artenärmeren Wäldern und Strauchvegetationen von Taiga und Tundra ihre biologische Nische ein. Beide Völker haben es gelernt, über Jahrtausende in „ihrem“ Ökosystem zu überleben. Für beide Völker ist die biologische Vielfalt der Schlüssel zum Überleben – sie hat den gleichen qualitativen Wert. Auf der anderen Seite kann der Biodiversität über die Nutzung der vielfältigen Naturprodukte durchaus ein volkswirtschaftlicher Wert zugeordnet werden: Natürliche Schätze wie Patchouli, Sandelholz, Rattan, Pflanzenharze, Gummi, Kapok, Schellack und Gewürze haben auf dem Weltmarkt einen hohen Geldwert, der sich bei schonender Gewinnung ständig erneuert … ganz zu schweigen vom unermesslichen medizinischen Potential der „Natur-Apotheken“ auf der ganzen Welt. sichern. Diese Völker sind sich weitgehend einig: Sie geißeln ein Patent auf Leben sowie auf geistiges Eigentum als „Bio-Piraterie“. Denn sie werden nur selten am Gewinn beteiligt, und ist das traditionelle Arzneipflanzen-Wissen erst einmal patentiert, lassen sich die vor Ort gewonnenen traditionellen Medizinprodukte im Land selbst nur noch unter Strafe vermarkten. Die kommerzielle Ausbeutung der Natur geht auf der anderen Seite schon deshalb zu Lasten der Menschen in den Ursprungsländern, weil sich an vielen Krankheiten und Patienten kaum etwas verdienen lässt. Etwa 60 Prozent der Weltbevölkerung sind vorwiegend auf traditionelle Arzneimittel angewiesen, weil ihnen das Geld für teure Medikamente fehlt. Die Forschung der großen Pharmafirmen konzentriert sich indes auf Medikamente für die zahlungskräftige Kundschaft in den Industrieländern, die sich mehr mit

Markt in Kolumbien: Biologische Vielfalt ist weltweit der Schlüssel zum Überleben

Bio-Piraterie
Gerade auf dem Feld der Medizinalpflanzen und ihrer Wirkstoffe ist allerdings ein industrielles Wettrennen um Patente im Gange, das verheerende Auswirkungen auf die Einkommensmöglichkeiten der lokalen Bevölkerungen hat. Einige der wirksamsten Medikamente wurden nicht von Pharmaunternehmen, sondern von indigenen Völkern entwickelt, denen sie seit Jahrtausenden das Überleben

Foto: Jens Wieting

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Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen als mit Darminfekten plagen muss. Das Nachsehen haben die Menschen in den Entwicklungsländern, vor allem in den Tropen; seit 1975 sind über 1.500 neue medizinische Wirkstoffe auf den Markt gekommen - aber nur ein gutes Dutzend von ihnen hilft gegen Krankheiten wie Malaria, Dengue-Fieber oder Wurminfektionen. Art an veränderte Umweltbedingungen anpassen kann, weil immer genügend widerstandsfähige Individuen vorhanden sind. „Macht euch die Erde untertan.“ Wer das gesagt hat, muss den Nutzen dieser Empfehlung wohl studiert haben: Überleben durch Urbarmachung und Nutzung der belebten und der unbelebten Natur. Zu dem „natürlichen“ System der biologischen Vielfalt gesellt sich demnach die „künstliche“ Vielfalt der Nutztiere und –pflanzen, deren Erhalt die Zukunft der bestehenden Lebensweise sichert. Der Mensch ist jedoch dabei, durch Genmanipulation und Klonen die Vielfalt der Nutzpflanzen und bald vielleicht auch der Nutztiere (siehe auch „Unter Klon-Schafen“ auf Seite 40) so stark zu reduzieren, dass ausgerechnet die alten Kulturformen verdrängt werden, von denen seine traditionelle Lebensweise abhing. Ein Beispiel: Der Apfel. Wie viele verschiedene Apfelsorten existieren in Deutschland – was würden Sie schätzen? Zwanzig? Fünfzig? Vielleicht hundert? Weit gefehlt: es sind nämlich gut 2500! Im Handel befinden sich aber nur ganze dreißig von ihnen. Eine fatale Entwicklung, denn nur eine breite genetische Ausstattung bietet einer Art eine weite Reaktions-Bandbreite gegenüber rasch wechselnden Umwelteinflüssen (z.B. Wetterextremen), wie sie im Zuge des Klimawandels immer häufiger auftreten. Ist eine Kultursorte erst einmal vernichtet, braucht es Jahrhunderte, um sie wieder zu erschaffen. Verliert die Landwirtschaft aber gleich Hunderte an Variationen, sind die meisten unwiederbringlich verloren. Wie arm unsere Landnutzung schon geworden ist, zeigt die Tatsache, dass zwei Drittel der Welternährung durch ganze zwölf Pflanzenund fünf Tierarten sicher gestellt wird. Davon haben die drei Pflanzenarten Weizen, Mais und Reis den mit Abstand größten Anteil. Schon der Verlust nur einer dieser Arten durch eine Epedemie hätte verheerende Folgen für die Ernährungssicherheit.
Foto: obs/Südtiroler Apfelkonsortium

Gewinn aus Bionik
Warum Piraterie an der Natur üben, wenn die bloße Anschauung reicht? Die Vielfalt der spezialisierten Formen und Prinzipien der Natur, ihre „Erfindungen“, scheinen schließlich für den Menschen von unschätzbarem Wert zu sein. Viele natürliche Funktionsprinzipien dienen schon heute der Technik als Vorbild: Ein weiterer wichtiger qualitativer Wert von Biodiversität. Ob Haifischhaut zur Verringerung des Wasser- und Luftwiderstands, Lotusblüten-Struktur als selbstreinigende Oberfläche, Eisbärfell und Termitenbau-Lüftung für Niedrigenergiehäuser oder photosynthetische Farbstoffe zur Energiegewinnung – im Bauplan der Natur schlummern enorme Potenziale zur Lösung von Zukunftsproblemen. Die Forschung hat dies erkannt und dem intelligenten und organischen Designen nach natürlichem Vorbild einen künstlichen Namen gegeben: Bionik, zusammengesetzt aus Biologie und Technik. So wie wir von dem jahrtausendealten Wissen der Naturvölker lernen können, ohne es gleich zu patentieren, können wir auch vom jahrmillionenalten, in der Evolution gespeicherten Wissen profitieren, indem wir die Lebensformen genau analysieren, ohne sie dabei zu zerstören.

Einfalt statt Vielfalt: Allein in Deutschland sind von den 2500 Apfelsorten nur 30 im Handel zu finden

Was kostet das Leben?
Warum überleben wir in Deutschland, obwohl wir die ursprüngliche Natur, die uns einst umgab, vor langer Zeit bereits vernichtet haben? So provokativ wie die Frage ist auch die Antwort: Weil wir auf Kosten intakter Natur in anderen Regionen der Welt leben. Vier Beispiele machen dies deutlich.

Künstliche Vielfalt – genetische Armut
Zur biologischen Vielfalt gehört auch die Vielfalt der Gene, die Vielfalt der Eigenschaften innerhalb der Populationen einer Art. Die meisten Arten weisen Unterarten, Teilpopulationen oder Rassen auf, die sich häufig in Größe, Gestalt, Farbe, Stoffwechsel und ökologischen Eigenschaften unterscheiden. Eine hohe genetische Vielfalt innerhalb der Populationen ist ein Garant dafür, dass sich eine

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Die meisten Waschmittel, Kosmetika, Margarinen und Bratfette, die wir in Deutschland verwenden, enthalten Palmöl aus Ölpalmen, die meist auf Kosten Hunderttausender Hektar PrimärRegenwald in Plantagen, vor allem in Südostasien, angepflanzt werden. Seit einigen Jahren kommt noch der Boom der so genannten Biokraftstoffe hinzu, der zu einer weiteren massiven Ausweitung der Ölpalm-Plantagen führt. Schon eine Million Tonnen Palmöl werden in europäischen Blockheizkraftwerken jährlich verbrannt und 270.000 Tonnen

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Palmöl werden zur Zeit pro Jahr zu Biodiesel raffiniert. Für die Anlage der Plantagen werden in den Wäldern zunächst die wertvollsten Hölzer geschlagen und verkauft und der verbliebene Wald entweder angezündet oder in Papier- und Zellstoff-Fabriken verarbeitet. Die Firmen sind meist miteinander verbunden und verdienen auf allen Ebenen am Geschäft mit der Vernichtung der biologischen Vielfalt. Bis heute gibt es kein Zertifikat für Palmöl aus ökologisch und sozial vertretbarem Anbau. Auch für die Palmölprodukte in Bio-Lebensmitteln mussten meist Regenwälder weichen. Viele Papierprodukte aus frischen Zellulosefasern, die wir im Laden erstehen, werden zum Teil oder ganz aus Holz gewonnen, das – legal oder illegal – in Natur- bzw. Urwäldern geschlagen wurde. Erst der Holzeinschlag öffnet den Wald für die weitere Vernichtung. 2005 verschwanden die letzten Tiefland-Regenwälder der indonesischen Insel Sumatra für den riesigen Bedarf der Zellstoff- und Papierfabriken, die zum Teil mit deutschen Steuergeldern finanziert wurden. Damit wurden nicht nur die letzten Wälder, sondern auch der Lebensraum von Orang-Utan, Nashorn und Tiger für immer vernichtet. Hinzu kommt, dass Produkte aus Frischfasern bei ihrer Herstellung im Vergleich zu Recyclingpapieren ein Vielfaches an Energie, Wasser und Chemie verbrauchen und dadurch die biologische Vielfalt wesentlich stärker beeinträchtigen. Nur das Umweltzeichen „Blauer Engel“ des Umweltbundesamtes garantiert bislang, dass das einhundertprozentig recycelte Papier höchste Ansprüche an Beschreibbarkeit, Maschinen-Lauffähigkeit und Altersbeständigkeit erfüllt. Ein Großteil der in Deutschland erhältlichen Tropenhölzer stammt aus Raubbau in Naturwäldern oder aus Plantagen, für die Urwald weichen musste. Fast die Hälfte des Holzes stammt aus illegalen Quellen in Schutzgebieten oder Waldgebieten außerhalb von Konzessionen. Dabei könnte mit dem Verkauf von Nicht-Holz-Produkten wie Früchten, Blättern, Ästen, Rinde und Gummi auf schonende Weise ein wesentlich höherer und vor allem dauerhafter wirtschaftlicher Ertrag erzielt und die Menschen vor Ort ernährt werden. Bislang gibt es in Deutschland kein politisches Instrument gegen illegalen Holzhandel bzw. gegen die Fälschung von Nachhaltigkeits-Zertifikaten. Die letzte rot-grüne Bundesregierung hatte zwar einen Entwurf eines UrwaldschutzGesetzes eingebracht, dieser wurde jedoch nun von Schwarz-Rot mit dem Hinweis auf eine wesentlich schwächere und nur schleppend in Gang kommende EU-Richtlinie namens FLEGT (Forest Law Enforcement, Governance and Trade) abgelehnt. Die Verantwortung für den Erhalt der Urwälder und ihrer Tausenden Tier- und Pflanzenarten liegt bis heute ganz klar bei den VerbraucherInnen. Nur das FSC-Siegel (Forest Stewardship Council) auf Holz garantiert bislang einigermaßen ökologisch und sozial verträgliche Holzgewinnung. Und für Holz mit diesem Zeichen muss der Kunde meist deutlich mehr bezahlen als für Raubbau-Holz.

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Wir essen gerne einmal pro Woche Fisch – am liebsten den lecker panierten „Seelachs“. Weil beim Fang von Meeresfischen aber weder auf den Erhalt der Lebensräume und Brutstätten, noch auf die Schonung geschützter Arten wie Delfine, Wale und Albatrosse geachtet wird, die Nachfrage nach Fisch, Fischmehl und Fischöl immer noch rasant steigt und die industriellen Fangschiffe und Fischereiflotten immer größer, effizienter und zerstörerischer werden, sind die Meere schon fast leergefischt. Das Ökosystem Meer ist so gut wie zerstört.

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Foto: obs/Deutsche See

Lachs mit MSCSiegel

Nur das so genannte MSC-Siegel (Marine Stewardship Council) auf Fischverpackungen garantiert bisher einigermaßen

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bestandsschonenden Fang. Und für Fisch mit diesem Zeichen muss der Kunde meist deutlich mehr berappen als für herkömmlichen Fisch. seit vier Stunden. Vor einer Stunde hat er die Landwirtschaft entdeckt, die industrielle Revolution begann erst vor einer Minute. In dieser einen Minute hat der Mensch sich auf das Zehnfache vermehrt, Paradiese geplündert, hunderttausendfach Arten vernichtet und große Teile der Erde für viele Lebewesen unbewohnbar gemacht. Wie viele Sekunden bleiben uns noch, um zu entscheiden, ob wir unsere Lebensgrundlage, die biologische Vielfalt, erhalten wollen und ob wir dieser Entscheidung auch Taten folgen lassen? Christian Offer ist Waldökologe. Er ist freiberuflich im Umweltbereich als Fachautor, Seminarleiter und Pädagoge tätig und ehrenamtlich für ROBIN WOOD, Watch Indonesia! und die Arbeitsgemeinschaft Regenwald und Artenschutz (ARA) aktiv. ecodevelop@gmx.org
Foto: argus/Janke

Hast‘ nen Taler, gehst zum Markt, kaufst ’ne Kuh…
Natürlich ist unsere luxuriöse Lebensweise nur ein Teil der Antwort darauf, warum die Menschen in den „entwickelten“ Ländern bislang auch ohne ihre ursprüngliche biologische Umwelt überleben. Ein anderer Punkt ist, dass sich der Mensch mit künstlich geschaffenen Agro-Ökosystemen am Leben erhält. Auch die landwirtschaftliche Biodiversität hängt jedoch von der natürlichen Biosphäre ab: von intakten Böden, einer sauberen Atmosphäre sowie der Verfügbarkeit von Futterpflanzen und Trinkwasser. Und dies ist ein weiterer wichtiger Aspekt für den Wert der Vielfalt: Ob landwirtschaftliches oder natürliches Ökosystem – der Erhalt der Biodiversität an einem Ort der Erde ist auf lange Sicht vom Schutz der Natur an anderer Stelle abhängig. Es genügt also nicht, den Kaufpreis einer Parzelle Land zu demjenigen einer Kuh zu addieren, um den Preis des Überlebens zu ermitteln - man muss auch die ökologischen Verbindung zwischen der Kuh und der Welt betrachten. 1996 ließ der Schweizer Regenwaldschützer Bruno Manser die LeserInnen seines Artikels ein Gedankenexperiment vollziehen, das sinngemäß lautete: Vergleichen wir die Entwicklung unseres 4,6 Milliarden Jahre alten Planeten mit der eines heute 46 Jahre alten Menschen. Im Alter von sieben Jahren bilden sich die ersten Felsen. Drei Jahre später sind in dem sich auf ihnen sammelnden Wasser die ersten einzelligen Lebewesen zu finden. Erst im Alter von 30 Jahren entstehen höher entwickelte Lebensformen wie Quallen und Weichtiere. Nach 42 Jahren blühen die ersten Pflanzen. Vor einem Jahr erschienen die Dinosaurier – und verschwanden nur wenige Monate später. Vor acht Monaten tauchten die ersten Säugetiere auf. Vor wenigen Tagen begann die erste Eiszeit. Der moderne Mensch existiert erst

UN-Konvention über die Biologische Vielfalt
Auf der Konferenz zu Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen im Jahr 1992 in Rio de Janeiro haben über 150 Staaten die Konvention über die biologische Vielfalt verabschiedet, die Ende 1993 in Kraft getreten ist und schon von 168 Ländern in nationales Recht umgesetzt wurde. Seitdem sind Pflanzen- und Tierarten mit ihren Erbinformationen souveränes Eigentum der Staaten, in denen sie vorkommen. Die Unterzeichner verpflichten sich zum Schutz der Biodiversität, dem ein ebenso großer Wert für das Leben auf der Erde beigemessen wird wie der Schutz des Klimas. Die Konvention beinhaltet ausdrücklich den nachhaltigen Nutzen der biologischen Vielfalt und den so genannten Vorteilsausgleich zwischen dem, der die biologische Vielfalt nutzt (z.B. einem Pharmaunternehmen) und dem, der die biologische Vielfalt für diese Nutzung erhält (z.B. einer indigenen Volksgruppe). Alle zwei Jahre finden Vertragsstaatenkonferenzen zur Umsetzung der Konvention statt. Die nächste wird 2008 in Deutschland sein. Die Vertragsstaaten haben sich außerdem verpflichtet, regelmäßige Nationalberichte über den Stand ihrer biologischen Vielfalt zu verfassen. In diesen Berichten können sich auch Naturschutz- und andere Nichtregierungsorganisationen zur Sache äußern. Vor einigen Jahren wurde der ClearingHouse Mechanismus (CHM) als zentrales Informations-, Kommunikations- und Kooperationssystem der Biodiversitätskonvention eingeführt. Mit dem CHM wollen die Vertragsstaaten die wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit zwischen allen Ländern fördern und den Austausch sowie den Zugriff auf Informationen und Daten rund um die Umsetzung der Konvention unterstützen.

Mehr Infos: Arbeitsgemeinschaft Regenwald und Artenschutz (Hg.), 2002, Der Wert der Vielfalt, ARA konkret 5, 59 Seiten, € 4,50, Bezug über: nolle@ araonline.de ARA (Hg.), 1995, Leben und Leben lassen, Biodiversität – Ökonomie, Natur- und Kulturschutz im Widerstreit, ökozid Jahrbuch Nr. 10, Sonderpreis € 5,-; Bezug über: nolle@araonline.de www.biologischevielfalt.de www.forumue.de www.panda.org/ stopoverfishing. www.bukoagrar.de/ 94.0.html. www.geo.de/artenvielfalt

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Artenvielfalt und Klimawandel
WissenschaftlerInnen halten bundesweit einen Verlust bis zu 30 Prozent aller Pflanzen- und Tierarten in den nächsten Jahren für wahrscheinlich. Schließlich reißen die Meldungen der klimatischen Superlative nicht ab: „grüne Weihnacht bei 18 Grad“, „Sommer im April“ - die steigenden Temperaturen lassen die Vielfalt unserer heimischen Tier- und Pflanzenwelt schrumpfen.

nde 2006 veröffentlichte das Umweltbundesamt eine neue Studie zum Umweltbewusstsein: Darin fordern 67 Prozent der Befragten, dass Deutschland eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz übernehmen müsse. Das sind deutlich mehr Menschen als in den Vorjahren. 95 Prozent sehen im Verlust der biologischen Vielfalt ein großes Problem und fordern vom Staat, dass er dringend handeln müsse! Allerdings sind die Anstrengungen zum Artenschutz weltweit bei der UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt im brasilianischen Curitiba im März 2006 erneut gescheitert. So hatten die Delegierten 2004 in Malaysia beschlossen, dem weltweiten Artenschwund mit einem globalen Netzwerk aus Schutzgebieten zu begegnen. Bei dieser Absichtserklärung ist es geblieben, die USA haben jetzt sogar angekündigt ihre Gelder für den UN-Klima- und Artenschutzfonds zu halbieren. Auch notorische Skeptiker räumen jetzt ein, dass der Mensch die Erdatmosphäre aufheizt. So ist die durchschnittliche bodennahe Lufttemperatur im letzten Jahrhundert weltweit um 0,7 Grad Celsius und in Europa sogar um 0,95 Grad angestiegen. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) rechnet damit, dass sich die bisherigen Temperaturzonen um mehr als 100 Kilometer nach Norden verschieben werden. Gleichzeitig sind die Niederschlagsmengen in Nordeuropa von 1900 bis 2000 um 10 bis 40 Prozent gestiegen, während sie in Südeuropa um bis zu 20 Prozent abgenommen haben. ExpertInnen des UN-Weltklimarats IPCC schätzen die Klimaveränderungen der

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letzten Jahrzehnte im Vergleich zu denen, die in den nächsten hundert Jahren auf die Menschen zu kommen, noch als gering ein. Trotzdem sind schon heute die Wirkungen des Klimawandels auf die Natur deutlich nachzuweisen. Das BfN hält einen Verlust von fünf bis

30 Prozent aller Pflanzen- und Tierarten in den nächsten Jahren in der Bundesrepublik für wahrscheinlich. Es erwartet, dass neue Arten einwandern werden – mit noch unbekannten Auswirkungen

Der Kuckuck kommt zu spät

Foto: okapia/B. Roth

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auf die bestehenden Ökosysteme. Wissenschaftler der Uni Göttingen haben die Literatur der vergangenen hundert Jahre durchforstet und kommen zu dem Schluss, dass schon heute bei uns die Pflanzen früher blühen und fruchten, einige Zugvögel im Winter nicht mehr fortziehen und die Bewohner der Meere ihr Wanderungsverhalten verändert haben. So entfalten die Bäume ihre Blätter europaweit, gemessen zwischen 1969 und 1980, um acht Tage früher. Und auch die ersten Schmetterlinge werden rund 28 Tage früher im Jahr gesichtet. Nicht weniger dramatisch ändern die Zugvögel ihr Verhalten: Immer mehr Mönchsgrasmücken geben ihre Winterquartiere am Mittelmeer auf und ziehen stattdessen Richtung Nordwesten auf die Britischen Inseln – der Weg ist für diese kleine Singvogelart kürzer. Für Vogelarten existieren oft jahrhundertelange Aufzeichnungen, die zum Beispiel belegen, dass sich der Bienenfresser in wärmeren Zeiten ausbreitet. 1638 kam er in Sachsen-Anhalt vor und verschwand in der folgenden „kleinen Kaltzeit“ wieder. Seit 1990 ist er dort wieder mit ungefähr 100 Brutpaaren heimisch. Der kühlebedürftige Wasserpieper dagegen rückt im Schwarzwald in immer höhere, kühlere Regionen auf. Frösche, Kröten und Salamander viel zu früh aus dem Winterschlaf. Kommt es dann zu Kälteeinbrüchen, sterben die erwachsenen Tiere und die bereits abgelegten Eier können sich nicht entwickeln. Ohnehin sind die Amphibien durch den Klimawandel besonders bedroht: Im Sommer führen lange Trockenperioden zum Austrocknen von Kleinstgewässer, die diese Arten zum Überleben brauchen. Derzeit verzeichnen Experten in Europa so etwas wie eine Völkerwanderung der Schmetterlinge. Wie das HelmholtzZentrum für Umweltforschung im März meldete, ermöglicht der warme Winter vor allem wärmeliebende Arten, ihr Areal nach Norden auszudehnen. So ist der Große Fuchs, vor 10 Jahren auf einige Reststandorte zurückgedrängt, wieder in vielen Teilen Süddeutschlands zu finden. Was für eine Reihe von Arten gut zu sein scheint, ist schlecht für andere. Vor allem Schmetterlingsarten die kühlere klimatische Bedingungen vorziehen und beispielsweise in Mooren und Gebirgen vorkommen, geraten immer mehr in Schwierigkeiten. Eine andere Entwicklung zeigt der Admiral, der ein klassischer Wanderfalter ist und jedes Jahr aus dem Mittelmeerraum neu bei uns einwandert. Inzwischen sind die Winter bei uns so mild, dass die Falter seit 10 bis 20 Jahren auch bei uns überwintern. Ein weiterer Effekt mit großer Wirkung: Der Klimawandel lässt neue Arten einwandern. Das kann im Fall von pflanzenfressenden Insekten oder Krankheitsüberträgern beträchtliche negative Folgen für den Menschen haben. So begünstigen die milden Winter die Ausbreitung der Zecken in Richtung Norden, die im Gepäck den Überträger der Hirnhautentzündung FSME haben. In Brandenburg ist in den letzten beiden Jahren die Zahl der FSME-Erkrankungen stark angestiegen.

Foto: www.pixelio.de

Amphibien: erste Opfer der Klimaerwärmung
bei der Verschiebung von Klimazonen neue und für sie geeignete Lebensräume finden können. Allerdings geht heute die Reise noch in eine andere Richtung – täglich werden neue Flächen bebaut und versiegelt, Naturräume durch den ungebremsten Straßenbau zerschnitten und Bäche und Flüsse verbaut. Der Trend natürliche Ökosysteme zu zerstören ist weltweit ungebrochen: Wälder werden gerodet oder in intensiv genutzte Forsten und Plantagen umgewandelt, die letzten Moore werden trockengelegt und natürliche Grasländer für die Landwirtschaft umgepflügt. Der Schutz der letzten verbliebenen naturnahen Lebensräume wäre kostengünstig und eine sehr wirksame Maßnahme um unser Klima zu retten. 2008 wird Deutschland Gastgeber der UN-Konferenz zum Schutz der biologischen Vielfalt sein. Machen wir Druck, dass sich die Politik bewegt und Ernst macht mit dem Schutz des Klimas und der Artenvielfalt weltweit.
– Horst Korn und Cordula Epple: Biologische Vielfalt – Gefahren, Chancen, Handlungsoptionen. BfN-Skript 148, 2006 – BfN (2004): Klimawandel und Biologische Vielfalt. In: Daten zur Natur 2004. Landwirtschaftsverlag, Münster – IPCC 2002: Climate change and Biodiversity www.ufz.de www.euronatur.de

Kuckuck und Frosch wird es zu heiß
Der Kuckuck macht deutlich, wie komplex sich der Klimawandel auf das Zusammenspiel der Arten auswirken kann. Seine Wirte kehren mittlerweile immer früher aus ihren Winterquartieren zurück. Da der Kuckuck seine Ankunftszeit jedoch nicht angepasst hat, kommt er häufig zu spät, um seine Eier in fremde Nester zu legen. Auch er weicht zunehmend in kühlere, höhere Lagen aus – bis es ihm auch dort zu heiß werden wird. Die Umweltorganisation Euronatur hatte bereits Anfang Februar die ersten Molche in Tümpeln vor allem in Süddeutschland gesichtet und hält die heimischen Amphibien für die ersten Opfer der Klimaveränderung. Die hohen Temperaturen im Januar wecken Molche,

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er Präsident des BfN, Hartmut Vogtmann, fordert daher einen wirksamen Klimaschutz und den Ausbau erneuerbarer Energien, „um unsere Tier- und Pflanzenwelt nicht einem Experiment mit ungewissem Ausgang zu unterziehen.“ Er fordert eine Vernetzung von Lebensräumen, damit die Arten

Christiane Weitzel, Schwedt

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Kein guter Fischzug
An der kanadischen Westküste kehren Zehntausende Lachse aus dem Pazifik in ihre Laichgründe zurück. Sie spielen eine zentrale Rolle für die Ökosysteme Ozean und Regenwald, doch die Überlebenschancen für ihren Nachwuchs sind ungewiss.
nter von Moos überwucherten Urwaldbäumen pflügen Hunderte dunkle Fischleiber durch das Bachbett im Goldstream Provincial Park nahe Victoria, der Hauptstadt der Provinz British Columbia. Es ist November auf Vancouver Island und die Lachse sind aus dem Meer zurückgekehrt, um ihren Laich im Kies der klaren Waldbäche abzulegen und ihren Lebenszyklus zu beenden. So schnell wie sie sterben, beginnt das Festmahl für Möwen, Krähen und zahlreiche andere Tierarten, die auf die Lachse gewartet haben. Schon nach der Wanderung stromaufwärts über Felsen und Treibgut sehen einzelne Fische halb zerfetzt aus. Es ist ein atemberaubendes Schauspiel von Leben und Tod, buchstäblich getragen von Biomasse, die seit Jahrtausenden ihren eingeschriebenen Bahnen folgt. Doch das Phänomen Lachszug ist gestört und gefährdet. „2006 spielte verrückt, das Jahr davor war katastrophal,“ sagt Darren Copley, Biologe und Mitarbeiter der Parkverwaltung. Er beobachtet seit 15 Jahren den Lachszug im Goldstream Park und ist besorgt. Drei Arten kommen im Goldstream Park vor: Hundslachse, Königslachse und Silberlachse. 2003 und 2004 kehrten noch über 20.000 Hundslachse und mehrere Hundert Königs- und Silberlachse nach Goldstream zurück. 2005 waren es nur gut 5.000 Hundslachse und nur ein Bruchteil der Silberlachse früherer Jahre. Im Herbst 2006 sind 15.000 Hundslachse, aber nur 40 Königs- und Silberlachse zurückgekehrt! „Eigentlich sollten im Herbst etwa 60.000 Lachse durch diesen Park ziehen,“ schätzt Copley. Fischfang, Abholzung und Erosion in den Tälern sowie die Schadstoffbelastung der Gewässer bedrohen den Lachs an Kanadas Westküste. Ein genaues Verständnis der Ursachen für den Rückgang der Lachse

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ist nicht einfach, denn ihr Lebenszyklus ist ein komplexes Geschehen zwischen Ozean, Fluss und Wald. Zwischen dem Aufbruch der Fischbrut und der Rückkehr in die Ursprungsgewässer legen die Lachse je nach Art im Laufe mehrerer Jahre bis zu 4.000 Kilometer zurück. Königslachse werden auf ihrer Wanderung rund 13 Kilogramm schwer, einzelne Exemplare erreichen aber auch über 50 Kilogramm Gewicht.

Höhere Temperaturen und zu wenig Regen bringen Lachse in Not
Copley sieht einen Zusammenhang zwischen der Zahl der zurückkehrenden Lachse und den höheren Durchschnittstemperaturen der letzten Jahre. 2003 etwa war ein ungewöhnlich warmes Jahr in Nordamerika und anderen Erdteilen. Auch die Meerestemperaturen vor der Westküste Kanadas waren höher als gewöhnlich mit direkten Auswirkungen auf die Nahrungskette im Meer. „Warme Wasserschichten an der Meeresoberfläche blockieren aufsteigende nährstoffreiche Strömungen, die für das Wachstum von Plankton sorgen“, erklärt Copley. Diese Kleinstlebewesen sind für die Ernährung der Lachse unabdingbar. Gleichzeitig sind die höheren Temperaturen günstig für Raubfische, die es auf die kleinen Lachse abgesehen haben. Die Meerestemperaturen 2003 könnten also erklären, warum 2005 nur ein Bruchteil der Lachse in den Goldstream Park und andere Gewässer zurückgekehrt ist. 2006 haben sich die Lachszahlen im Goldstream Park wieder normalisiert, doch hat der Lachszug extrem spät

Die Lachse tragen zum Wachstum der Urwaldriesen im Goldstream Park bei

Fotos: Jens Wieting

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begonnen. „Vor 15 Jahren kamen die Lachse im Schnitt zwei Wochen früher zurück“, erklärt Copley. Ein seit Jahren im Park verkehrender Schwarzbär hatte sich wie gewöhnlich Ende Oktober eingestellt, um sich an den Lachsen gütlich zu tun. Stattdessen habe er die alten Apfelbäume am Naturhaus geplündert, so der Biologe. Genauso haben Weißkopfseeadler und Möwen tagelang vergeblich auf ihr Festmahl gewartet. Bis in den Oktober dauerte die regenarme Zeit auf Vancouver Island und viele Bäche führten Ende des Monates kaum noch Wasser. Die Lachse im Ozean warten mit ihrer Herbstwanderung aber auf die Zunahme der Abflussmenge in den Mündungsgebieten der Fließgewässer nach dem Einsetzen stärkerer Niederschläge. Die Lachse erkennen anhand des Abflusses der Flüsse nicht nur den richtigen Zeitpunkt für die Rückwanderung – sie können mit ihrer Nase auch die jeweilige Wassermischung ihres Heimatgewässers erkennen und den richtigen Weg „riechen“.

Ans Ufer gespülter Lachsleich

Hundslachs

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Wenn der Klimawandel die Meere weiter aufheizt, ist der Zug der Lachse in Gefahr

Offenbar wird die Lachsbrut auf ihrem Weg in das Meer mit der jeweiligen unverkennbaren Geschmacks- und Geruchsnote der Gewässer geprägt, in denen sie aus den Eiern geschlüpft sind. Nur ein kleiner Prozentsatz der Fische landet in fremden Gewässern. Sie tragen zur genetischen Variation und zur Neubesiedlung von Lebensräumen etwa nach Erdrutschen bei. Die Orientierungsleistung der Lachsnase fällt jedoch aus, wenn die Schadstoffbelastung der Flüsse steigt und die Riechorgane der Lachse Schaden nehmen. „Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass Umweltgifte die Verhaltensmuster und das Immunsystem der Lachse beeinträchtigen“, erklärt Peter Ross, Toxikologe am Institut für Ozeanwissenschaften in Sidney, 20 Kilometer nördlich von Victoria. Sein Fachgebiet sind die Folgen der Schadstoffbelastung in Meerestieren, insbesondere von Schwertwalen und anderen Säugetieren, die sich wiederum in erheblichem Maße von Lachs ernähren. „Seit 1996 erstmals der Herbstzug der Rotlachse im Fraser River eingebrochen ist, wissen wir, dass wir es mit einer ausgewachsenen Krise zu tun haben,“ so der Toxikologe. Mehrfach sind seitdem über 90 Prozent der Lachse auf ihrer Wanderung in den größten Fluss von British Columbia eingegangen, ohne für Nachkommen zu sorgen. Die Fische machen sich zu früh auf die Reise, sind noch nicht geschlechtsreif und werden

von Parasiten befallen, die nur im Sommer verbreitet sind. Der 1.400 Kilometer lange Fraser mündet bei Vancouver ins Meer und ist belastet durch Abwässer von Städten, Industrie und Landwirtschaft. „Es ist ein Desaster, das wir noch nicht verstehen. Aber wir wissen, dass Schadstoffe das Wanderverhalten der Lachse durcheinander bringen,“ sagt Ross.

Umweltgifte machen die Lachse krank
Die Forschungsergebnisse des Toxikologen zeigen, wie sich langlebige Schadstoffe in der Nahrungskette im Meer und an der Küste anreichern. So gehören die Schwertwale an der Westküste Kanadas zu den Säugetieren, die weltweit am stärksten mit Polychlorierten Biphenylen (PCBs) belastet sind, giftigen Chlorverbindungen, die Krebs auslösen können. Ein Schwertwal frisst bis zu 200 Lachse am Tag. Bei Grizzlybären, ebenfalls Lachsliebhaber, geht 90 Prozent der PCB-Belastung auf den Lachs zurück, weiß Ross. Gleichzeitig ist Ross besorgt, dass die Nahrungspyramide, in welcher der Lachs eine so unübersehbar dominante Rolle spielt und an deren Spitze u.a. Wale und Bären stehen, in sich zusammenbricht, wenn die Fischbestände durch Umweltgifte und andere Ursachen ausfallen würden. Der Toxikologie befürchtet, dass der Klimawandel in Kombination mit der Schadstoffbelastung diese Gefahr noch verschärft. Dr. Tom Reimchen, Biologe an der Universität Victoria, hält es für ver-

früht, Aussagen über den Einfluss des Klimawandels auf den Lachs zu machen. Er macht sich schon wesentlich länger Sorgen um den Lachs als der Klimawandel debattiert wird. „An der Küste von British Columbia sind die Lachsbestände durch Eingriffe des Menschen seit 1880 zwischen 30 und 90 Prozent zurückgegangen,“ erklärt der wettergegerbte Biologe. „Die wichtigsten Ursachen sind die Zerstörung von Laichgründen durch Abholzung sowie Fischerei.“ An der Westküste der südlich an British Columbia grenzenden US-Bundesstaaten Washington und Oregon seien die Bestände sogar um 90 – 97 Prozent eingebrochen, weil außerdem zahlreiche Lebensräume durch Staudämme und Verbauung zerstört wurden. Reimchen kennt sich aus mit dem Auf und Ab der Lachsbestände. Er hat durch seine Arbeit nachgewiesen, dass die Lachse einen entscheidenden Einfluss auf Biomasse und Artenvielfalt im Ökosystem des Küstenregenwaldes nehmen. In seinem Arbeitszimmer bewahrt er Hunderte von fingerdicken, etwa einen Meter langen Rundholzstäben auf. Es sind Bohrkerne aus Urwaldriesen, und Reimchen hat festgestellt, dass sich an den Jahresringen der Bäume ablesen lässt, wie viele Lachse jährlich durch das Tal gezogen sind. Reimchen will in über einhundert Tälern der Westküste die Bestandsdynamik der Pazifischen Lachse in den letzten 500 Jahren rekonstruieren. Dem Biologen war aufgefallen, dass viele der größten Regenwaldbäume in Tälern der Westküste wachsen, in denen die Lachse ihre Laichgründe haben. Im

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Oktober 1993 beobachtete er in Bag Harbour auf den Queen Charlotte-Inseln sechs Wochen lang eine Gruppe von Schwarzbären beim Lachsfang. In diesem Zeitraum fingen die sechs Bären mehr als 3.000 Lachse und damit etwa zwei Drittel aller Fische, die durch den Bach zogen. Fast alle gefangenen Fische hatten bereits abgelaicht, so dass der Beutezug der Bären keine Gefahr für die Zukunft des Lachsbestandes darstellte. Seine Hochrechnung ergab, dass die pelzigen Fischräuber bis zu vier Tonnen Fisch in einen Hektar Wald tragen. Reimchen war bekannt, dass für die Vegetation verfügbarer Stickstoff im Wald Mangelware ist – die Körper der Lachse, die ihre Reise im Wald beenden, bestehen aber zu drei Prozent aus Stickstoff. Außerdem wusste er, dass der aus dem Ozean stammende Stickstoff sich von den auf dem Land verbreiteten Stickstoffverbindungen unterscheidet. In der Nahrungskette im Meer reichert sich das schwerere Stickstoff-Isotop 15N an, das ein Neutron mehr aufweist als das weiter verbreitete, leichte 14N. Reimchen schickte Vegetationsproben in ein kalifornisches Labor. Das Ergebnis war eindeutig. In Tälern, die mit Lachsen „gedüngt“ werden, war 15N auffällig konzentriert in der Vegetation nachweisbar. Lachse und Bären versorgen den Regenwald wie ein gut eingespieltes Team mit Stickstoff. Die Bären schleppen die erbeuteten Fische in den Wald, fressen aber nur etwa die Hälfte der Fischkörper. Da sie mit dem Lachs vor allem ihre Fettreserven für den Winter aufbauen, werden auch die verzehrten Stickstoffverbindungen wieder ausgeschieden und so ebenfalls im Gelände verteilt. Inzwischen weiß Reimchen, dass in einem intakten Lachs- und Bärenlebensraum auf diese Weise 120 Kilogramm Stickstoffverbindungen dem Regenwald zugute kommen und dass rund die Hälfte des von den Bäumen genutzten Stickstoffs von den Lachsen stammt. Neben den Grizzly- und Schwarzbären sind auch Marder, Weißkopfseeadler, Möwen, Krähen und Raben am Verzehr der Lachse und der anschließenden Verteilung der Nährstoffe im Wald beteiligt. Außerdem ernähren sich Fliegenlarven von den Fischkadavern, die im Frühjahr für die nötige Insektenvielfalt sorgen und damit den Nachwuchs der Singvögel garantieren. „Lachse sorgen für Artenvielfalt im Küstenregenwald,“ erklärt Reimchen. „Täler, in denen Lachse ziehen, weisen die doppelte Anzahl an Insekten- und Vogelarten auf.“ Doch das System Lachs-Wald ist keine Einbahnstraße. Die in der Vegetation gespeicherten Nährstoffe werden wieder frei, wenn Bäume absterben und umfallen. Die so in die Gewässer gelangenden Stickstoffverbindungen versorgen Pflanzen und Insekten, welche die Nahrungsgrundlage für die Lachsbrut darstellen. Die Lachse brauchen den Wald ebenso wie der Wald den Lachs. Im Goldstream Provincial Park auf Vancouver Island sind im Herbst 2006 mit Verspätung ausreichend Lachse zurückgekehrt, damit der Schwarzbär sich eine Fettschicht für den Winter anfressen kann. Wenn die Lachse eines Tages nicht mehr zurückkommen würden, wäre das mit verheerenden Folgen für das Ökosystem Regenwald an Kanadas Westküste verbunden.

Jens Wieting lebt in Victoria, Kanada und arbeitet als WaldCampaigner für den Sierra Club, Kontakt: jens@sierraclub.bc.ca

Die First Nations, die kanadischen Ureinwohner, fischen auf traditionelle Weise im Goldstream Park

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Unter Klon-Schafen
In einem Sommer in naher Zukunft: Ein Schaf steht auf einer großen Weide an einem modernen Zaun und kaut vor sich hin. Ein zweites Schaf tritt von außen hinzu.
Schaf außen: Hallo Artgenosse! Wie geht´s? Schaf innen: Danke, es geht. Ganz so wie ein Artgenosse siehst du aber nicht aus. Schaf außen: Ich gehöre einer anderen Rasse an und komme vom Biohof nebenan. Schaf innen: Gehört habe ich von euch. Aber noch nie eines gesehen. Schaf außen: Du kommst wohl nicht viel herum? Schaf innen: Nein, meistens stehe ich in unserem modernen, vollautomatischen Stall. Schaf außen: Dieses ganze moderne Zeugs macht unserem Bauern Sorgen… Schaf innen: Was ist ein Bauer? Schaf außen: Na, der Mensch, der uns pflegt, Futter bringt, melkt, schert, schlachtet… (ein leichtes Magengrummeln ist zu hören) Schaf innen: Ein Mensch…?! Ich kenne nur vollautomatische Futteranlagen, Melkmaschinen, Kotrechen… Schaf außen: Das ist ein Tier auf zwei Beinen. Schaf innen: Ach, das meinst du! Bei mir kommt so eins ab und zu im weißen Kittel mit Gummihandschuhen und Maske und piekst mich mit Spritzen, um Laborproben zu nehmen oder mich mit irgendetwas vollzupumpen… Schaf außen: Wozu denn der ganze Aufwand? Schaf innen: Ich bin ein Hochleistungsturboüberschallhastdunichtgesehensuperschaf! Ich gebe die meiste Milch, meine Wolle spinnt sich fast von allein, und mein Fleischertrag hat beinahe den eines Rindes eingeholt … Schaf außen: (ein Speichelfaden rinnt aus seinem Maul) Wow, da bin ich aber platt! Aber wie geht denn das? Schaf innen: Ich bin ein Klonschaf. Mein Name ist Dolly 2. Schaf außen: Du bist die berühmte Dolly?! Dolly 2: Das könnte man so sagen, denn ich bin ein Klon meiner Mutter Dolly, also bin ich sie. Und alle meine Schwestern bin ich auch! Schaf außen: (verwirrt): Äh… wie…? Dolly 2: Das ist der Vorteil des Klonens. Kein Vater nötig und kein aufwändiges Züchten mit langwieriger Selektion. Einfach ein Schaf nehmen, das so ist, wie man es braucht, eine Zelle entnehmen, den Zellkern daraus in eine entkernte Eizelle einpflanzen und ab in eine Leihmutter – fertig ist das Schaf für die modernen Agrarfabriken! Mit exakt dem Erbgut der Mutter und allen gewünschten Eigenschaften. Nur Eier können wir noch nicht legen, aber daran wird bereits gearbeitet. Schaf außen: Ich fall um! Aber was ist, wenn sich die Zeiten ändern? Wenn man neue Eigenschaften braucht? Wo soll man die Gene dann hernehmen? Dolly 2: Keine Ahnung. Pech gehabt. Vielleicht von euch Bioschafen? Schaf außen: Das hast du dir so gedacht! Damit wir auch irgendwann so enden wie du?! Der wirtschaftliche Druck der Agrarindustrie ist gewaltig genug. Dolly 2: Genau dieser Druck hat mich hervorgebracht. Mein Hochleistungsertrag soll die Preise drücken. Wenn ich allerdings nicht meine genaue Menge Wasser und Cerealien, Vitamine und Mineralien, Antibiotika und Chemikalien zu mir nehme, kippt mein Stoffwechsel um und ich funktioniere nicht mehr rentabel genug. Deswegen stehe ich auch nur heute draußen. Zufällig befindet sich das Wetter innerhalb zulässiger Parameter. Der Klimawandel macht´s möglich. Schaf außen: Ja, ja, es kann ganz schön warm werden unter so einem dicken Pelz, äh…, ich meine natürlich Fell! (lässt die Zunge heraus hängen und fängt ein wenig an zu hecheln) Bei uns stehen die Schafe fast das ganze Jahr hindurch auf der Weide.

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Dolly 2: Bei Tag und Nacht, Sonne und Regen, Sommer wie Winter?! Wie haltet ihr das bloß aus?! Schaf außen: Wir sind das gewohnt. Unsere Rasse ist an die hiesigen Bedingungen angepasst. Allerdings sind wir nicht so groß, leistungsfähig und - saftig wie du… (mjamjamjammm!) Dolly 2: Und was ist mit den ganzen Parasiten, Bakterien und Viren?! Ich bin dagegen immun gemacht worden. Aber ihr müsst euch ständig mit irgendwas abplagen, oder? Schaf außen: Im Gegenteil. Das Leben draußen stärkt die Abwehrkräfte. Unsere genetische Vielfalt sorgt dafür, dass die Plagegeister immer nur einzelnen Tieren zu schaffen machen, aber nicht gleich die ganze Herde dahinrafft. Aber sag’ mal, wenn du so ein Superschaf bist, warum hält man Dich dann so isoliert, fast völlig steril? Dolly 2: Meine Feinde schlafen nicht. Sie rüsten auf, indem sie sich anpassen. Und im Zuge der Globalisierung und des Klimawandels können plötzlich neue Schädlinge auftauchen. So können überwunden geglaubte Probleme stärker denn je zurückkehren. Davor will man uns schützen; meine Erschaffung hat

schon ein Vermögen verschlungen, meine Aufzucht und Pflege kosten auch viel Geld. Außerdem käme ich mit dem wechselnden Futterangebot nicht zurecht. Jede Schwankung führt zu Unvorhergesehenem, und das erhöht unseren Preis…und du weißt ja: Geiz ist geil! Schaf außen: Genau diesen Weg gehen viele nicht mehr mit! Biologisch reichhaltige Nutzflächen werden so zu Agrarwüsten gemacht und Bauern werden in den Ruin getrieben. Eine echte Alternative war da die biologische Landwirtschaft. Und was ist jetzt? Wind und Bienen übertragen die Gene von gentechnisch veränderten Pflanzen auf traditionelle Sorten und auf Wildpflanzen. So kann die Reinheit der Bioprodukte nicht mehr garantiert werden und niemand kann vorhersehen was das langfristig in der Natur auslöst. Es ist besser, die Gentechnik vorsorglich ganz aus der Landwirtschaft heraushalten…damit ein ehrbarer Wolf auch in Zukunft noch leckere Schafe reißen kann! Dolly 2: Was ist denn das – ein Wolf? Schaf außen (fies grinsend): ICH bin ein Wolf… Dolly 2: Ach, das ist ja interessant! Ich kenne nur Woll-Schafe…aber von einem Wolf-Schaf habe ich noch nie etwas gehört. Was ist denn bei Dir anders? Wolf im Schafspelz: (gierig) Na, DAS zeige ich Dir gern! Komm nur näher heran, damit du es besser sehen kannst! Ich muss nur noch schnell aus diesem Fell raus… Dolly 2: Gleich! Ich rufe nur noch schnell meine Schwestern heran, damit sie es auch sehen können. Dolliiiiiiies! (Über hundert Dolly-Klone tauchen hinter dem Laborstall auf und kommen auf die beiden Tiere zu. Einige humpeln, andere keuchen laut vor Anstrengung.) Wolf im Schafspelz (schockiert): Was ist denn mit denen los?! Dolly 2: Das ist der Preis des Klonens. Wir erben das Alter unserer Mutter. Alterungsbedingte Verschleißerscheinungen treten bei uns viel früher auf. Wolf: (entsetzt aufheulend) Ouuuuuuuuh! (zieht sich beleidigt das Schaffell vom Leib) Igittigitt! Nur zähe Tattergreise! Ekelhaft! Da vergeht einem

ja einfach alles! (trottet mit hängendem Kopf zurück Richtung Wald) Ich glaube, ich lass´ mich für den Zoo einfangen! Kein Ärger mehr mit Beutefang! Oder ich werde gleich Vegetarier! Alles besser als diese geklonten Omas hier! (heulend) Dolly 2: (zu den anderen Klonen) Was war denn das für ein komisches Viech? Ich hab’s ja gewusst: Alle da draußen sind vollkommen durchgeknallt und wissen überhaupt nicht, was sie wollen! Da lobe ich mir doch das planbare Leben im schönen warmen Genlabor! Was meint ihr? Dollies: (im Chor zustimmend) MMMMMMMMMMMMMMUUUUUUUUUUUUUUH!!! Ralf Golz (rgolz@gmx.net) und Christian Offer (ecodevelop@gmx.de) studierten in den 1990er Jahren zusammen Biologie in Berlin. Heute ist Ralf Golz im Gartenbau tätig. In seiner Freizeit schreibt er satirische Texte und tritt in Lesungen und an Comedian-Abenden auf.

Foto: Naturfoto/Willner

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Foto: argus/Dott

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Foto: argus/Janke

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Neue Kohlekraftwerke heizen das Klima weiter auf
Während der Klimawandel die Titelseiten der Zeitungen füllt und PolitikerInnen jeder Coleur Maßnahmen zum Schutz des Klimas und zur Reduktion des CO2-Ausstoßes fordern, setzen die Energieversorger in Deutschland weiter auf fossile Brennstoffe und planen zahlreiche neue Kohlekraftwerke. Mittlerweile sind konkrete Planungen für 28 Stein- und Braunkohlekraftwerke bekannt, vermutlich werden noch weitere hinzukommen.

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is 2020 müssen in der Bundesrepublik Deutschland Kraftwerke mit einer installierten Leistung von insgesamt ca. 40.000 Megawatt (MW) aus Altersgründen vom Netz gehen. Das entspricht etwa 36 Prozent der derzeit in Deutschland insgesamt installierten Kraftwerksleistung. Da die Energieerzeugung in Deutschland mit etwa 43 Prozent den größten Anteil am CO2-Ausstoß hat, könnte ein Ersatz der Altkraftwerke durch einen Ausbau der erneuerbaren Energien sowie durch moderne Gaskraftwerke mit GuDTechnik (Gas- und Dampfkraftwerke) die CO2-Emissionen in Deutschland deutlich reduzieren und damit den dringend notwendigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Die Energieversorger jedoch, sowohl die vier großen Konzerne EnBW, e.on, RWE und Vattenfall als auch zahlreiche Stadtwerke, setzen weiter auf fossile Brennstoffe und planen in den nächsten Jahren zahlreiche neue Kohlekraftwerke. Mindestens 25 Steinkohlekraftwerke und drei Braunkohlekraftwerke sollen bis 2014 entstehen. Die Energieversorger wollen mindestens 31 Milliarden Euro investieren, um Kohlekraftwerke mit insgesamt

28. 000 MW neu zu errichten – einem Viertel der in Deutschland installierten Leistung. Diese Kraftwerke könnten pro Jahr über 200 Milliarden kWh Strom produzieren – das entspricht 38 Prozent der derzeitigen Stromerzeugung - und bis zu 160 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr ausstoßen. Die Bundesnetzagentur spricht sogar von über 40 geplanten Kohlekraftwerken mit einer Gesamtleistung von 43.000 MW und einem CO2-Ausstoß von über 240 Millionen Tonnen CO2.

Kohle statt Klima?
Aufgrund der hohen Investitionskosten sind Kohlekraftwerke auf eine Nutzungsdauer von über 40 Jahren ausgelegt. Eine Umsetzung der Planungen würde also die Energieerzeugung in Deutschland für die nächsten Jahrzehnte festschreiben und die notwendige massive Reduktion der CO2-Emissionen blockieren. Kohlekraftwerke sind aufgrund der hohen CO2-Emissionen besonders problematisch für das Klima. Moderne Steinkohlekraftwerke emittieren 750 g CO2 pro kWh, Braunkohlekraftwerke sogar 950 g. Bei Berücksichtigung des Energieverbrauchs durch Abbau und Transport der Kohle würden diese Werte noch

Die Enerigekonzerne wollen 28 neue Kohlekraftwerke in Deutschland bauen...

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deutlich höher liegen. Moderne Gaskraftwerke erzeugen dagegen „nur“ etwa 350 g CO2 pro kWh. Sie sind mit bis zu 58 Prozent Wirkungsgrad bei reiner Stromerzeugung und bis zu 85 Prozent bei einem Betrieb als KraftWärme-Kopplungsanlage wesentlich effizienter als Kohlekraftwerke, die einen elektrischen Wirkungsgrad von maximal 45 Prozent (Steinkohle) bzw. 43 Prozent (Braunkohle) erreichen. Nur bei acht der geplanten Kohlekraftwerke soll gleichzeitig Fernwärme produziert werden, überwiegend in geringem Umfang. Das liegt vor allem an der geplanten Größe der Anlagen, die zwischen 500 MW (Düsseldorf, Steinkohle) und 2.100 MW (Neurath, Braunkohle) liegen soll. Bei so großen Kraftwerken ist eine nennenswerte Fernwärmeerzeugung einerseits nicht effizient, andererseits fehlen im näheren Umkreis die Abnehmer. Gaskraftwerke werden dagegen meist als kleinere Anlagen geplant und können aufgrund der geringeren Emissionen eher siedlungsnah errichtet werden als Kohlekraftwerke.

Kohlestrom im Emissionshandel begünstigt
Die Energieversorger argumentieren, Gaskraftwerke seien trotz der geringeren Investitionskosten keine Alternative zu Kohlekraftwerken, da Gas als Brennstoff viel zu teuer sei. Dabei ist klar, dass auch der Kohlepreis in Zukunft steigen wird. Und auch über die künftigen Preise der Zertifikate kann nur spekuliert werden.

... Diese Klimakiller würden zusammen pro Jahr mehr als 160 Milionen Tonnen Kohlendioxid ausstoßen!

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Zur Zeit sind Kohlekraftwerke vor allem attraktiv, weil sie bei der Ausgabe der Emissionszertifikate im Nationalen Allokationsplan (NAP) bevorzugt behandelt werden. Das bedeutet, dass die geplanten Kohlekraftwerke Zertifikate für 750 g CO2 pro kWh erhalten sollen, Gaskraftwerke für 365 g CO2. Dabei werden 7.500 Volllaststunden im Jahr zugrunde gelegt. Das entspricht einem dauerhaften Betrieb im Grundlastbereich. Für moderne Steinkohle- und Gaskraftwerke sollen also so viele Zertifikate vergeben werden, wie CO2 emittiert wird. Eine „Lenkung“ hin zu einer klimafreundlicheren Energieversorgung sähe anders aus. Sind die Kraftwerke weniger als 7.500 Volllaststunden pro Jahr (weil z.B. weniger Strom benötigt wird) in Betrieb, können die Betreiber sogar Zertifikate verkaufen. Braunkohlekraftwerke, die größten CO2-Emittenten überhaupt, erhalten zwar etwas weniger Verschmutzungsrechte als real emittiert wird, gegen diese angebliche „Ungleichbehandlung“ der Braunkohle gab es heftige Proteste der Braunkohlelobby. Nach einem „Kompromiss“ sollen Braunkohlekraftwerke nun als „Ausgleich“ Zertifikate für 8250 Volllaststunden erhalten. Eine energiepolitische Fehlentscheidung, die fatale Folgen für das Klima haben wird. Wenn – wie von ROBIN WOOD und anderen Umweltorganisationen gefordert – auch Kohlekraftwerke Zertifikate für maximal 365 g CO2 pro kWh erhalten, würde sich der Preis für Kohlestrom aufgrund des notwendigen Zukaufs von Emissionszertifikaten deutlich verteuern. Aber: Ein Anreiz in klimaschonendere Techniken zu setzen, wäre getan. Denn mehrere Energieversorger haben betont, dass die endgültige Entscheidung für oder gegen ein geplantes Kohlekraftwerk auch von der Zuteilungsregelung für die Emissionszertifikate abhängt. Wenn es die Politik mit ihren Bekenntnissen zum Klimaschutz ernst nimmt, muss sie die Zuteilungsregelung entsprechend ändern. Anfang 2007 wurde mit dem Bau von zwei geplanten Kraftwerken in Duisburg-Walsum (Steinkohle) und Neurath (Braunkohle) begonnen, ein weiteres bei Datteln (Steinkohle) ist genehmigt. In Boxberg wurde Ende April mit dem ersten Spatenstich der Baubeginn eingeleitet. Bei den meisten anderen Kraftwerken werden in diesem Jahr wichtige Entscheidungen fallen – bei einigen werden die Investitionsentscheidungen erwartet, bei anderen soll dieses Jahr das Genehmigungsverfahren durchgeführt werden. 2007 wird also ein entscheidendes Jahr, um möglichst viele der geplanten Kraftwerke doch noch zu verhindern.

2007: Kohlekraftwerke verhindern!
In Berlin, Bremen, Hamburg, Mainz und Mannheim beschäftigen sich die ROBIN WOOD Regionalgruppen mit den vor Ort geplanten Kraftwerken. In Bremen und Mannheim fanden bereits erste Aktionen statt, weitere werden folgen und darauf hinweisen, dass es Alternativen zum Kohlestrom gibt. Jede und jeder kann mit einem Wechsel zu einem Ökostromanbieter schon jetzt den Energiekonzernen die Rote Karte für ihre rückwärtsgewandte Energiepolitik zeigen. Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss weiter gefördert werden. Aber auch Energieeinsparprogramme sind nötig – solange der Stromverbrauch weiter steigt, kann der Umstieg auf eine Energieerzeugung mit 100 Prozent erneuerbarer Energie nicht so bald gelingen.

Ulrike Bielefeld, Biologin, lebt in Oldenburg und ist bei ROBIN WOOD im Bereich Energie aktiv. Kontakt: ulrike.bielefeld@ uni-oldenburg.de

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Foto: Michael Dieke

Lacoma

Die Lacomaer Teichlandschaft: So viel Natur für so wenig Kohle!

Ein Dorf kämpft gegen den Braunkohletagebau
Bereits zu DDR-Zeiten sollte das Dorf Lacoma und die ökologisch wertvolle Teichlandschaft dem Braunkohletagebau geopfert werden. Seit fast 25 Jahren kämpfen die Dorfbewohner, engagierte Brandenburger BürgerInnen und zahlreiche Naturschutzorganisationen wie ROBIN WOOD um den Erhalt des Dorfes und der Natur. Bisher konnte die Abbaggerung auch gegen die Interessen des Energiekonzerns Vattenfall verhindert werden, doch der Kampf für die Natur ist noch nicht gewonnen.
as Dorf Lacoma und die benachbarte Teichlandschaft befinden sich zirka sechs Kilometer nordöstlich von Cottbus im Südosten des Landes Brandenburg. Im März 1983 wurde den 150 BewohnerInnen des 670 Jahre alten Ortes bekannt gegeben, dass das Dorf dem Braunkohletagebau Cottbus-Nord weichen soll. So verließ die Mehrzahl der BewohnerInnen das Dorf schon in den Jahren 1987 bis 1990. Ein Teil

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der Höfe wurde während dieser Zeit abgerissen. Doch bereits zu DDRZeiten regte sich erster Widerstand gegen die Abbaggerung des Ortes und der wertvollen Landschaft. In dem Gebiet „Lacomaer Teiche und Hammergraben“ leben mehr als 170 vom Aussterben bedrohte Arten, u.a. Fischotter, Rohrdommel, Rotbauchunke und der europaweit prioritär geschützte Eremitenkäfer.

Das Gebiet ist zirka 300 Hektar groß und umfasst 60 Hektar Teiche, die zur Karpfenzucht genutzt werden. Das Land Brandenburg hat die Lacomaer Teiche 2003 als besonders schützenswertes Fauna-FloraHabitat-(FFH) Gebiet nach Brüssel gemeldet. Unter den Lacomaer Teichen werden 42 Millionen Tonnen Braunkohle vermutet, die im nahe gelegenen Kraft-

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werk Jänschwalde des Energiekonzerns Vattenfall verstromt werden sollen. Das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde ist der zweitgrößte Kohlendioxid-Emittent in Deutschland und das fünft dreckigste Kraftwerk in Europa. ter des Landes Brandenburg, Matthias Platzeck, noch 1993 auf einem Dorffest in Lacoma, dass der Ort und die Landschaft dem Braunkohletagebau nicht weichen müssten. Als Ministerpräsident hielt er sich später allerdings nicht an sein Versprechen. So versuchte die Brandenburger Landesregierung unter Platzecks Federführung lange Zeit, die Meldung des Gebietes als europäisches FFH-Schutzgebiet zu verhindern. Erst ein durch die Umweltverbände NABU, GRÜNE LIGA und BUND initiiertes EUVertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland zwang das Land, das Gebiet als ökologisch besonders wertvoll anzuerkennen und der EU als Beitrag zum Natura-2000-Netzwerk zu melden. Vattenfall AB ist ein schwedischer Staatskonzern und mittlerweile der fünftgrößte Stromkonzern in Europa. Der Konzern wirbt damit, führend im europäischen Umweltschutz zu sein. Doch statt Umweltschutz betreibt Vattenfall Umweltzerstörung in großem Stil. Vattenfall übernimmt die LauBAG Im Jahr 2000 übernahmen die im Besitz von Vattenfall AB befindliche HEW die Lausitzer Braunkohle AG (LauBAG). Das Unternehmen wurde 2002 in „Vattenfall Mining AG“ umbenannt. Bei den NaturschützerInnen und in der Bevölkerung der Lausitz keimte Hoffnung auf, haben die Schweden doch einen guten Ruf,

Die Geschichte des Dorfes Lacoma
Das sorbisch/wendische Dorf und seine „Alte Poststraße“ wurden im Jahr 1337 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Kulturhistorisch bedeutsam ist der um 1450 erbaute Hammergraben, der die Festung Peitz, das dortige Hammerwerk und die Lacomaer Teiche mit Wasser versorgte. Bei einer Volkszählung Ende des 30jährigen Krieges wurden bereits drei Familien genannt, deren Nachfahren bis in die heutige Zeit im Dorf Lacoma ansässig waren. Um den Hammergraben und die Teiche entwickelte sich über die Jahrhunderte ein Gebiet, in dem sich eine seltene und wertvolle Flora und Fauna ansiedelte, so dass das Gebiet bereits 1968 zum Landschaftsschutzgebiet erklärt wurde. 1989 gingen nach der Wende der Strombedarf und die Kohleförderung in der Lausitz massiv zurück, so dass sich der vorgesehene Überbaggerungstermin um mehr als 15 Jahre verschob. In der Lausitz wuchs die Hoffnung, dass der „Spuk“, der mit der Braunkohleverstromung verbunden war, ein für alle mal vorbei sei. Der Tagebau und die damit einhergehende Zerstörung der Dörfer und Landschaften waren für viele Menschen in der Region Anlass gewesen, an den Montagsdemonstrationen teilzunehmen. In der Hoffnung auf einen Neuanfang besetzen 1992 vor allem AbiturientInnen aus der Stadt Cottbus die leer stehenden Gehöfte des Dorfes Lacoma und brachten wieder Leben in das Dorf. Was als Besetzung begann, wurde zwei Jahre darauf durch befristete Nutzungsverträge durch die Stadt Cottbus legalisiert. Die artenreiche Teichlandschaft von Lacoma spielte in der Diskussion der 90er Jahre eine große Rolle. Und so verkündete der damalige Umweltminis-

Foto: Steph Grella

Protest gegen die Zerstörung von Lacoma
was den Umweltschutz angeht. Diese Hoffnung wurde aber bitter enttäuscht, denn die Bergbaupläne der DDR werden von dem schwedischen Staatskonzern weiter vorangetrieben und noch schlimmer: Vattenfall will der Braunkohle zu einer neuen Renaissance verhelfen, neue Braunkohlekraftwerke bauen und weitere Tagebaue erschließen. Viele der Nutzungsverträge der letzten Häuser im Dorf Lacoma wurden bereits zum Herbst 2003 gekündigt oder liefen aus. Darunter fiel auch die Kulturscheune, die über Jahre Zentrum und Symbol des Dorflebens war. Im

Der schwedische Konzern Vattenfall will der Braunkohle zur Renaissance verhelfen

Foto: Michael Dieke

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Sommer des Jahres 2003 organisierte sich ein gewaltfreier Widerstand gegen den Abriss, der ab dem 01. Oktober zu einer Besetzung des Gebäudes durch zeitweise bis zu 200 AktivistInnen führte und durch ROBIN WOOD unterstützt wurde. „Kultur statt Kohle - Lacoma statt Vattenfall“ stand am 7. Oktober auf dem Transparent, das ROBIN WOODAktivistInnen nahe der Ortschaft über die Bundesstraße spannten. Nach mehreren erfolglosen Verhandlungen mit dem Energieriesen Vattenfall wurde die Besetzung der Kulturscheune am 16. Oktober durch die Polizei gewaltsam beendet und die AktivistInnen der „Freunde von Lacoma“ von den Dächern geholt. Die Kulturscheune wurde sofort abgerissen. „So viel Natur für so wenig Kohle? - Rettet Lacoma! Energiewende jetzt!“ forderten ROBIN WOOD-AktivistInnen vor der Berliner Vattenfall-Zentrale. Der Protest gegen die Abbaggerung der Teichlandschaft wurde zusammen mit den „Freunden von Lacoma“ nicht zum ersten Mal aus der Lausitz in die Bundeshauptstadt getragen. Und nicht nur in Berlin, auch in Cottbus und Stockholm am Hauptsitz des Konzerns Vattenfall protestierte ROBIN WOOD. Als Vattenfall eine Genehmigung zur Querung des Hammergrabens - mit damit verbundenen Baumfällungen - erhielt, besetzen AktivistInnen von ROBIN WOOD im Oktober 2005 Bäume an eben dieser Stelle. Die Baumbesetzung fand ein großes Medienecho und das Vorhaben Vattenfalls, die Teiche dem Braunkohletagebau zu opfern, stieß erstmals auch öffentlich auf die Ablehnung einzelner Parlamentsmitglieder in der Landes- und Bundespolitik. Vattenfall zeigte sich in keiner Weise gesprächsbereit und die Baumbesetzung wurde nach 13 Tagen durch die Brandenburger Polizei und die Werksfeuerwehr von Vattenfall geräumt. Die Baumfällungen am Hammergraben waren – nach Auffassung von Vattenfall – notwendig geworden, um eine Brücke über den Hammergraben zu bauen, über die Rohre und Pumpen in der Teichlandschaft eingebracht werden können. Um die Braunkohle im immer näher rückenden Tagebau Cottbus-Nord abbauen zu können, muss der Grundwasserspiegel um insgesamt 60 Meter gesenkt werden. Durch die Rohre, die seit Oktober 2005 überall in der Teichlandschaft verlegt werden und nicht zu übersehen sind, pumpt Vattenfall pro Minute zwischen 700 und 850 Liter Wasser aus dem gesamten Gebiet und entlang des Hammergrabens ab. 200 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr werden in die Spree geleitet. Das sind unvorstellbare Mengen, wenn bedacht wird, dass ganz Brandenburg an Wasserknappheit leidet!

2006 und 2007: Die Jahre der Entscheidung
Um den Druck auf Schwedens Regierung zu erhöhen, protestierten ROBIN WOODAktivistInnen im April 2006 nochmals in Stockholm bei der Vattenfall-Hauptversammlung. Und: Bundestagsabgeordnete aller Parteien unterstützen den Erhalt der Lacomaer Teichlandschaft und gehören zu den 3.000 Personen, die eine gemeinsame Resolution der Umweltorganisationen BUND, GRÜNE LIGA, NABU und ROBIN WOOD unterschrieben haben. Am 18. Dezember 2006 verfasste das brandenburgische Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe jedoch den Planfeststellungsbeschluss zur Beseitigung der Lacomaer Teiche für den Braunkohletagebau. Gegen diesen Bescheid hat die Naturschutzorganisation GRÜNE LIGA Klage beim Verwaltungsgericht Cottbus Klage eingereicht. Sie wird dabei von ROBIN WOOD, NABU, und dem BUND unterstützt. Die klagenden Verbände stützen sich u.a. auf die aktuelle Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes, nach der die Zerstörung von FFHGebieten vor ihrer Eintragung in die europaweite Schutzgebietsliste nicht zulässig ist. Denn: Das Schutzgebiet

Allen Protesten zum Trotz: Das Dorf Lacoma wird abgerissen

Foto: Michael Dieke

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wurde zwar bereits 2003 gemeldet, ist aber noch nicht auf der Liste der europäischen Schutzgebiete eingetragen. Vattenfall hatte vor Weihnachten gegenüber dem Gericht zugesagt, bis Mitte Januar keine Maßnahmen zur Beeinträchtigung des Schutzgebietes durchzuführen - und tat es dennoch: Am 4. Januar 2007 begann Vattenfall vor Ort Tatsachen zu schaffen, ungeachtet der noch ausstehenden gerichtlichen Entscheidung. Obwohl Vattenfall bekannt ist, dass die Bereiche um den Hammergraben Überwinterungshabitate geschützter Amphibien sind, beauftragten sie eine Waldarbeitsfirma mit der Abholzung eben dieser Flächen. Dabei wurden über eine Strecke von 800 Metern Bäume entlang des Hammergrabens gefällt. Wie sich bei Untersuchungen später herausstellte, war darunter auch ein Baum, der von Eremitenkäfern bewohnt wurde. Das Verwaltungsgericht Cottbus stoppte die Arbeiten auf Antrag der UmweltschützerInnen noch am gleichen Tag. Hinzu kam, dass Vattenfall versucht hatte, das Wasser im alten Hammergraben abzulassen, um die Lacomaer Teiche von der Wasserzufuhr abzuschneiden. Auch hier haben die Naturschutzverbände im Kampf um die Lacomaer Teichlandschaft einen ersten wichtigen Teilerfolg errungen. Die bereits geplante Stilllegung eines Teils des Hammergraben-Altlaufs musste Vattenfall nach Aufforderung des Gerichts stoppen und verbindlich zusichern, bis zum eigentlichen Gerichtsentscheid keine Maßnahmen zu dessen Trockenlegung durchzuführen. Am 28. Februar entschied das Verwaltungsgericht Cottbus in einem Eilverfahren, dass Vattenfall bis zum Hauptsacheverfahren keine weiteren irreversiblen Arbeiten in der Teichlandschaft vornehmen darf. Der Planfeststellungsbeschluss ist nach Aussage des Gerichts zum gegenwärtigen Zeitpunkt rechtswidrig, da dieser mit den zwingenden Vorgaben des Landschaftsschutzgebietes nicht zu vereinbaren ist. Das Landesbergamt wurde durch den Gerichtsbeschluss zu einem ergänzenden Verfahren verpflichtet, in dem über die Ausgliederung der Teichgruppe aus dem Landschaftsschutzgebiet entschieden werden muss.

Der Hammergraben vor ...

... und nach der Fällung von 800 Bäumen durch Vattenfall

Fotos: Steph Grella

Vattenfall hält daran fest, das europäische Schutzgebiet wegen 42 Millionen Tonnen Kohle zu zerstören. Die klagenden Umweltorganisationen werden ihre Argumente vor dem Verwaltungsgericht Cottbus vortragen und sich auch außerhalb des Gerichtssaals für den Erhalt der Teiche einsetzen. Steph Grella, littlemoon@gmx.de, Daniel Häfner, 0179/6719016, Daniel_haefner@yahoo.de, Bettina Dannheim, b.dannheim@nwn.de

Unterstützen Sie die Aktionen der ROBIN WOOD-AktivistInnen und die Klage der Umweltorganisationen zum Erhalt der Lacomaer Teiche! Spendenkonto: Stichwort: Lacoma retten, Kto.8455500, BLZ 25120510 oder www.robinwood.de/spenden. Kontakt und weitere Informationen: ROBIN WOOD-Pressestelle Nernstweg 32 22765 Hamburg Tel. 040 /380 892 0 energie@robinwood.de

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Ein Atommülllager säuft ab
Was derzeit im Atommülllager ASSE II geschieht ist der GAU, der Größte anzunehmende Unfall, der in einem Atommülllager unter Tage passieren kann: Wasser dringt ein und wird mit dem strahlenden Müll in Verbindung kommen. Radioaktivität wird aus dem Lager austreten. Selbst der Betreiber spricht nicht mehr davon, die Radioaktivität zurückhalten zu können, sondern nur noch davon, ihren Zutritt zu verlangsamen und über „Strömungsbarrieren“ zu lenken.

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ie Asse ist ein kleiner, beschaulicher Höhenzug in Niedersachsen im Landkreis Wolfenbüttel. Darunter befindet sich ein Salzstock, aus dem seit Ende des vorletzten Jahrhunderts Salz gewonnen wurde. Die Schächte ASSE I und ASSE III sowie der Schacht Hedwigsburg, die zur Salzgewinnung in den Berg getrieben worden waren, sind alle unkontrolliert durch Wassereinbrüche abgesoffen.

sich die Kraftwerksbetreiber und die Atomforschungseinrichtungen mehr als ein Jahrzehnt lang billig ihres radioaktiven Abfalls entledigen konnten. Mit der Atomgesetznovelle von 1978, die erstmals ein atomrechtliches Planfeststellungsverfahren für ein Atommüllendlager vorschrieb, wurde das Aus für ASSE II eingeläutet. Den Anforderungen eines solchen Verfahrens hätte ASSE II nie standgehalten. Sie wurde jedoch nicht geschlossen, sondern als Forschungsbergwerk bis in die 90er Jahre weiter geführt, betrieben für die Grundlagenforschung für eine geplante spätere Einlagerung von hochaktivem Müll in Gorleben. Seit 1988 tritt kontinuierlich Lauge zu, rund 12 Kubikmeter pro Tag. Dabei wandert die Zutrittsstelle in immer tiefere Schichten. War sie anfangs auf der 565Meter-Sohle, ist sie dort im März 1992 versiegt und hat sich auf die 616-MeterSohle verlagert. Inzwischen ist sie auf der 658-Meter-Sohle angekommen. Wie gefährlich ein weiteres Absinken der Laugen-Zutrittsstelle wäre, erläuterte Dr. Gerd Hensel von der GSF auf einer öffentlichen Veranstaltung am 25. Mai 2005 im Dorfgemeinschaftshaus Remlingen: „Selbst wenn der Salzlösungszutritt über die gesamte Zeit der Rückholung konstant bliebe, kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich die Zutrittsstelle weiter nach unten verlagert, so wie es bisher beobachtet wurde. Sinkt die Zutrittsstelle bis unter das Niveau der 658-Meter-Sohle könnte die Salzlösung ungehindert in die Einlagerungskammern eindringen, Radionuklide freisetzen und in das übrige Grubengebäude

laufen. Großflächige Kontaminationen im Grubengebäude wären die Folge und könnten die Umsetzung der Schließungsmaßnahmen stark behindern oder gar unmöglich machen.“

Plötzliches Absaufen jederzeit möglich
War es über Jahrzehnte die Politik der GSF alle Probleme zu ignorieren und zu verharmlosen, so geht sie inzwischen in die Offensive. Auf einer Reihe öffentlicher Veranstaltungen werden offene Worte gesprochen: „Der Salzlösungszutritt stellt ein nicht kalkulierbares Risiko für die Sicherheit der Schachtanlage Asse dar. Niemand kann mit Sicherheit prognostizieren, wie sich der seit 1988 beobachtete Salzlösungszutritt in Zukunft entwickeln wird. Beispiele in unserer Nähe – wie Vienenburg, Hedwigsburg und ASSE I – haben in der Vergangenheit leider immer wieder gezeigt, dass ein Salzlösungszutritt unberechenbar ist und in wenigen Tagen zum Ersaufen eines Gewinnungsbergwerkes führen kann, wie es bei ASSE I 100 Jahre zuvor tatsächlich geschehen ist.“ Angesichts der dramatischen Situation stellt sich zwingend die Frage nach der Rückholung des Atommülls. Die Botschaft der Betreiber lautet: Eine Rückholung ist technisch möglich, allerdings dauere sie zu lange und die Gefahr wäre zu groß, dass die ASSE II vorher völlig abgesoffen sei. Die Menschen vor Ort wollen diese Herangehensweise nicht hinnehmen. Gerade weil die Situation in der ASSE II so dramatisch ist, kann man nicht, wie die GSF es plant, das Lager fluten,

Ein altes Bergwerk voll mit radioaktivem Müll
Die Abtäufarbeiten im Schacht ASSE II begannen 1906. Von 1909 bis 1964 wurde Salz abgebaut. 1965 kaufte die Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF) das Salzbergwerk im Auftrag des Bundes als Forschungsbergwerk für die Lagerung von Atommüll. Nicht nur in den Bergwerken ASSE I und ASSE III, auch in ASSE II gab es immer Probleme mit Wasser. In einem Protokoll der 61. Sitzung des Bundestagsausschusses für Atomkernenergie und Wasserwirtschaft vom 13. Mai 1965 ist zu lesen: „Ein schwieriges Problem sei, dass der Schacht ASSE II in 300 Metern Tiefe einen Riss habe, durch den schon seit vielen Jahren Süßwasser einsickere. Diesem Punkt gelte ganz besondere Aufmerksamkeit. Sollte sich dieses Problem nicht lösen lassen, müsse ASSE II wieder abgegeben werden.“ ASSE II wurde jedoch nicht abgegeben. Im Gegenteil, von 1967 bis 1978 wurden ca. 125.000 Gebinde mit schwach- und zirka 1300 Gebinde mit mittelradioaktivem Abfall in der ASSE II eingelagert. Der Großversuch der „nicht-rückholbaren Endlagerung“ führte dazu, dass

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Strömungsbarrieren einbauen, das Lager schließen und sich anschließend aus dem Staub machen. Einen „heilen Zustand“ ASSE wird es nie mehr geben. Die Radioaktivität ist da und sie wird in die Umgebung austreten. Deshalb muss untersucht werden wie mit dem strahlenden Müll zu verfahren ist, um die radioaktive Belastung so gering wie möglich zu halten. Bis zum Ergebnis der Prüfung ist auf jeden Fall sicher zu stellen, dass keine Baumaßnahmen vorgenommen werden, die eine Rückholung faktisch unmöglich machen. Und es sind die notwendigen Stabilisierungsmaßnahmen im Bergwerk vorzunehmen. Bund und Land stehen auf dem juristischen Standpunkt, die ASSE II sei eine Forschungseinrichtung, deshalb müsse es für ihre Schließung kein atomrechtliches Planfeststellungsverfahren geben. Sie wollen das allein nach Bergrecht regeln. Diese Position verteidigen sie seit vielen Jahren vehement, egal welche Parteien die jeweiligen Regierungen bildeten. Im Bergrecht ist jedoch keine Öffentlichkeitsbeteiligung vorgesehen. Eine Überführung des Atommülllagers ASSE II in das Atomrecht würde zumindest ein Verfahren unter Beteiligung der Öffentlichkeit notwendig machen. Die Übertragung ins Atomrecht hätte darüber hinaus auch zur Folge, dass die Kosten für Rückholung und sichere Endlagerung von den Verursachern getragen werden müssten. 2003 hat der Gesetzgebungs- und Beratungsdienst des Niedersächsischen Landtages in einem Gutachten die Auffassung vertreten, dass es zur Schließung der ASSE II sehr wohl eines atomrechtlichen Planfeststellungsverfahrens bedürfe. Daraufhin erklärte sich die Tischlermeisterin Irmela Wrede aus Mönchevahlberg bereit, den Rechtsweg zu beschreiten. Innerhalb kürzester Zeit wurde ein Rechtshilfefonds gegründet, um das Verfahren, dessen Kosten auf 40.000 Euro geschätzt werden, finanziell abzusichern. Die GSF hat die Unterlagen zur Genehmigung ihres Stilllegungskonzeptes Ende 2006 nach Bergrecht beim Bergamt eingereicht. Übrigens nach
Foto: Bilderberg/Georg Fischer

jahrlanger Verzögerung auf Grund von Problemen beim Sicherheitsnachweis. Das Bergamt hat die Unterlagen bereits als unzureichend zurückgewiesen und Nachlieferungen verlangt.

zu Schacht Konrad basieren auf Modellen, die 25 Jahre alt und nicht mehr dem Stand von Wissenschaft und Technik entsprechen. So dramatisch die Situation in ASSE II ist, so muss sie als Warnung für die anderen Projekte aufgefasst werden. Die Forderungen des Arbeitskreises Endlager aus dem Jahr 2002, ein wissenschaftliches Gremium, das aus Atomenergiebefürwortern und –gegnern zusammengesetzt ist, müssen endlich umgesetzt und mittels objektiver, wissenschaftlicher Kriterien nach dem bestmöglichen Umgang mit dem Atommüll gesucht werden. Die Bevölkerung ist auf eine ehrliche Weise mit einzubeziehen. Und eine weitere Lehre muss gezogen werden: Angesichts der riesigen Probleme mit dem Atommüll darf kein neuer produziert werden!

Asse II als Warnung: Endlager Schacht KONRAD und Gorleben aufgeben!
Noch vor einigen Jahren haben die Betreiber der ASSE II behauptet, das Lager sei sicher und bedauert, dass die Arbeiten zur Einlagerung von Atommüll zu Forschungszwecken in der ASSE eingestellt worden seien. Warnungen, die es bereits in den 70er Jahren wegen mangelnder Standsicherheit gab, wurden konsequent ignoriert. Nun zeigt sich, dass die angebliche Langzeitsicherheit nicht einmal für 20 Jahre ausreicht. Was bedeutet dies aber für die Endlagerprojekte Schacht KONRAD und Gorleben? Auch dort heißt es von Betreiberseite, die Langzeitsicherheit sei gegeben. Doch welche Halbwertszeit haben diese Aussagen? Die Sicherheitsberechnungen

Ursula Schönberger ist im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Schacht KONRAD e.V., ursula.schoenberger@gmx.net

4. April 2007: Protest vor den Toren der Schachtanlage ASSE II, in der radioaktiver Müll lagert. In das Salzbergwerk tritt seit langem Wasser ein. Die UmweltschützerInnen fordern einen öffentlichen Prozess, der klärt, was mit dem radioaktive Müll geschehen soll

Foto: Thomas Erbe

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Proteste gegen deutschen Atommüll in Russland

Uranmüll nach Russland
Die bundesweit einzige Urananreicherungsanlage (UAA) steht in Gronau. Der dabei anfallende strahlende Abfall wird nach Russland transportiert, wo er größtenteils unter freiem Himmel lagert. Eine billige Lösung für die Betreiber der UAA, eine tödliche Bedrohung für die Menschen vor Ort. Russische Umweltschützer haben deshalb Anzeige erstattet.
ie Anlage wird von der multinationalen Firma Urenco Ltd. betrieben. Die deutschen Energiekonzerne RWE und E.on besitzen gemeinsam 33,3 Prozent der Anteile dieser Firma. Statt den Uranmüll an den eigenen Standorten zu verwerten oder endzulagern, hat die Urenco in den letzten zehn Jahren aus Gronau mehr als 20.000 Tonnen abgereichertes Uran nach Russland verschickt, wo es in geheimen Atomanlagen des Militärs für wenig Geld gerne entgegengenommen wird. Die geschlossenen Atomstädte Russlands sind ein Erbe der Sowjetunion. Sie haben 10.000 bis 300.000 Einwohner und sind komplett mit Stacheldrahtzäunen abgesperrt. Von außen kann sie niemand ohne besondere Erlaubnis des KGBNachfolgers FSB oder des russischen Atomministeriums betreten. In vier dieser Orte am Ural und in Sibirien, die über eigene Urananreicherungsanlagen verfügen, schickt die deutsche Urenco Urenco verfünffachen, wenn sie ihren Atommüll in Deutschland lagern müsste. So bleibt Urenco auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig, während in Russland die strahlenden Müllberge wachsen. Mittlerweile wehren sich die Menschen in Russland gegen das Geschäft mit dem Uranmüll. Zum 20. Jahrestag von Tschernobyl fanden im April 2006 in 12 russischen Großstädten Proteste gegen den Import von Atommüll statt. Im November 2006 haben russische Umweltschützer aus Moskau, Ekaterinburg, Tomsk und Irkutsk bei der Staatsanwaltschaft Münster Strafanzeige gegen die Urenco gestellt, wegen des Verdachts auf illegalen Müllexport nach Russland. „Nach russischen Gesetz ist es verboten, Atommüll ins Land zu bringen“, erklärt Vladimir Slivyak von der Umweltorganisation Ecodefense. „Trotzdem nutzt die Urenco die poststalinistsichen Strukturen in den Atomstädten, um weiter ihr dreckiges Geschäft zu betreiben.“ Heffa Schücking, urgewald Aus dem aktuellen Dossier von urgewald über die Energiepolitik von RWE mit dem Titel „Ineffizienz und Wahnwitz“. www.urgewald.de

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ihren radioaktiven Abfall zur Endlagerung: in Novouralsk, Angarsk, Seversk und Zelenogorsk. Offiziell finden die Transporte unter dem Deckmantel der Wiederanreicherung statt, doch in Wirklichkeit bleiben mehr als 90 Prozent des gelieferten Urans als Abfall auf der offenen Wiese der Atomkombinate liegen. Greenpeace Russland schätzt, dass sogar 98 Prozent des gelieferten Urans in Russland verbleiben. Und da der Urenco-Müll beim Überschreiten der Grenze in russisches Eigentum übergeht, besteht keine Rücknahmeverpflichtung seitens des Konzerns. Während der Gewinn aus diesem Geschäft an die Urenco und wahrscheinlich auch an hochrangige Mitarbeiter von Rosatom, der staatlichen Atomenergieaufsichtsbehörde geht, gefährdet der hochgiftige und radioaktive Müll die Bevölkerung. Nach unabhängigen Schätzungen würden sich die Produktionskosten der

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Nebel über Olkiluoto
Erstmals seit zehn Jahren wird in Westeuropa wieder ein Atomkraftwerk gebaut. Der Reaktor Olkiluoto 3 an der finnischen Westküste wird als billiger Ersatz für Erdgas- und Kohlestrom gepriesen und ist Hoffnungsträger für die ausstiegsgebeutelte Atomindustrie. ROBIN WOOD hat vor Ort etwas genauer nachgesehen.
elsinki, fünf Uhr morgens. Etwa 1500 Kilometer Wasserweg seit Rostock liegen hinter uns, noch etwa 350 Kilometer Fahrt mit dem Bus nach Rauma, zur Westküste kommen auf uns zu. An uns ziehen verschneite Landschaften vorbei, kleine rote Holzhütten stehen inmitten großer Forstgebiete. Der Wald ist der wichtigste Rohstoff in Finnland. Neben Wasserkraft und Atomenergie ist Biomasse aus Holz und Torf ein bedeutender Strom- und Wärmelieferant und zugleich Rohstoff für die Papierindustrie. In Rauma steigen wir ins Taxi, denn auf den letzten Kilometern zu den - ebenfalls rot gestrichenen - Atomreaktoren fahren keine öffentlichen Verkehrsmittel. Als wir aussteigen, können wir die beiden würfelförmigen Reaktorgebäude im Nebel erkennen. Olkiluoto wird derzeit zu einem atomaren Abenteuerspielplatz ausgebaut: Hier soll es in naher Zukunft neben den zwei Siedewasserreaktoren westlicher Bauart, die bereits in Betrieb sind, einen Druckwasserreaktor vom Typ EPR und ein Endlager für hochradioaktive Abfälle geben. Mit zum Kraftwerk gehören noch das Kohlekraftwerk Mari-Pori und ein Windrad. Die Betreiber geben sich selbstbewusst. Es gibt ein Besucherzentrum mit interaktiver Ausstellung und Blick auf die Atomanlagen. Eine Führung zur Baustelle des EPR oder des zukünftigen Endlagers fällt aus - kein weiterer Kommentar. Der Vortrag im Besucherzentrum erklärt uns, wie der finnische Strommarkt funktioniert. Möglichst billig soll der Strom sein, denn billiger Atomstrom steht bei Finnlands energieintensiver Holz-, Papierund Elektronikindustrie hoch im Kurs. Finnland, so sagt man uns im Atomkraftwerk, wolle weg von der Abhängigkeit von Strom- und Rohstoffimporten - vor

Die beiden anderen finnischen Atommeiler in Loviisa sind sowjetischer Bauart und produzieren etwa zehn Prozent des Strombedarfs.

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allem das russische Erdgas soll durch Atomstrom ersetzt werden. Atomenergie sei die klimafreundliche Alternative zu fossilen Brennstoffen, nachhaltige Formen der Energiegewinnung wie Windenergie seien zu unberechenbar, passende Standorte nicht zu finden und vor allem zu teuer. Dass der EPR-Reaktor allein im Bau 3,2 Milliarden kostet und der Hersteller dabei noch Verluste einfährt, wird nicht erwähnt. Ebenso wenig, dass der Reaktor, der 2009 ans Netz gehen sollte, jetzt schon anderthalb Jahre hinter seinem Zeitplan ist und sich die Finnen und Franzosen darüber streiten, wer für die Kosten der Verspätung aufkommen soll. Es ist eine politische Entscheidung, die dem Bau des Atomreaktors zu Grunde liegt. Und weil die Stimmung in der Regierung so positiv ist, hat die Industrie im April sogar angekündigt, einen sechsten Reaktor bauen zu wollen. Zwei Reaktoren vom Typ Forsmark verrichten in Olkiluoto seit fast 40 Jahren ihren Dienst. Mit einer Gesamtleistung von etwa 1700 Megawattstunden werden hier etwa 15 Prozent des gesamten in Finnland verbrauchten Stroms erzeugt.

er European Pressurized Water Reactor (EPR) ist ein neuer Reaktortyp, der von Avera (ehemals Framatome) und Siemens angeboten wird, Olkiluoto ist der erste Standort, an dem er tatsächlich gebaut wird. Dieser Bau ist für Siemens und Avera nicht wirtschaftlich - 2003 sollte die deutsche Bundesregierung eine Hermesbürgschaft für den Bau übernehmen, was aufgrund des politischen Drucks scheiterte. Die französische Regierung hat Avera ohne zu zögern eine Bürgschaft über 610 Millionen Euro gewährt, um das Projekt zu ermöglichen. Siemens und Avera werden mit dem Projekt keinen Gewinn machen, viel wahrscheinlicher sind ein paar hundert Millionen Euro Verlust. Bei diesem AKWBau geht es aber nicht um Gewinne: Es handelt sich um den Versuch, mit dem Bau einer neuen Anlage endlich wieder einen Fuß in die Tür zu bekommen, nachdem seit über zehn Jahren in Westeuropa kein AKW mehr gebaut wurde. Es ist der Kampf um die Existenzberechtigung der Atomindustrie. Sebastian Vollnhals, ROBIN WOODAktivist, und Frank Schapitz, Ökolöwe Leipzig, haben im Februar 2007 die Baustelle des finnischen Atomkraftwerks in Olkiluoto besucht.

www.olkiluoto.info www.luontoliitto.fi

Sebastian Vollnhals und Frank Schapitz in Olkiluoto

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schwerpunkt

Biokraftwerke verbrennen Regenwald
Ein gutes Gewissen hatte bisher, wer Strom aus Kraftwerken bezog, die Pflanzenöl nutzen. Mehrere Elektrizitätswerke in Deutschland betreiben solche Blockheizkraftwerke und preisen deren Klimafreundlichkeit. Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen entlarven diese Form des „grünen“ Stroms als Selbstbetrug.
efürworter von Strom aus Pflanzenöl begründen ihre Meinung damit, dass ausschließlich der Kohlenstoff wieder in die Atmosphäre entlassen werde, der zuvor von den Pflanzen gebunden wurde. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Vergessen wird, dass der Anbau, der Transport und die Raffinerie beispielsweise von Raps viel Energie und viele Ressourcen kostet, was einen weiteren Ausstoß von Treibhausgasen bewirkt. Den größten Effekt hat aber der Ausstoß von Lachgas (N2O). Ausgerechnet von Rapsfeldern steigt dieses Gas auf, das aus Prozessen in der Pflanze und im Boden stammt, die durch die Düngung verstärkt werden. Lachgas ist aber um das ca. 320fache treibhausaktiver als CO2. Die Bilanz, so rechneten Forscher des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie schon 1995 vor, ist ernüchternd: Strom aus Raps ist demnach nur um ein Prozent klimafreundlicher als Strom aus Kohle. Aber es kommt noch viel schlimmer.

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Werden Blockheizkraftwerke mit Palmöl aus den Tropen betrieben, werden sie zum echten Klimakiller. Besonders in Indonesien und Malaysia, den weltweit mit Abstand größten Produzenten von Palmöl, wurden in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Millionen Hektar Regenwald vernichtet, um Ölpalm-Plantagen anzulegen. In den meisten Fällen werden zunächst die wertvollsten Hölzer im Wald geschlagen und verkauft. Der verbliebene Wald verschwindet häufig in den gigantischen Papierfabriken, die teilweise von deutschen Banken finanziert und von deutschen Steuergeldern rückversichert werden. Die zerstörten Naturflächen werden anschließend einfach in Brand gesteckt, was für die Firmen, die nicht selten auf allen Stufen an der Ausbeutung verdienen, den Vorteil hat, dass die Feuer auf noch intakte Waldgebiete übergreifen. Geschädigter Wald aber darf in Plantagen umgewandelt werden. Besonders verheerend ist das Zündeln in den Tiefland-Regenwäldern, zum Beispiel in Kalimantan, dem indonesischen

Teil der Insel Borneo. Diese Wälder stehen im Sumpf auf meterdicken Torfschichten, die, einmal trockengelegt und angezündet, nicht verbrennen, sondern verkohlen, da nur wenig Sauerstoff in sie eindringt. Einige Torfböden in Indonesien brennen seit fast einhundert Jahren. Die Glut frisst sich unterirdisch fort und tritt irgendwo erneut zu Tage.

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ita Sastrawan von der indonesischen Naturschutzorganisation Borneo Orangutan Survival Foundation (BOS) berichtet von ihrer Reise durch Zentral-Kalimantan: „Auf meiner Fahrt auf dem Fluss Kapuas war die Waldzerstörung immer präsent. Ständig waren Sägewerke am Ufer zu sehen, und der beißende dicke Rauch ätzte in unseren Augen und Lungen. Manchmal konnten wir nicht weiter als 15 Meter sehen! Die Feuer diktieren hier das Leben der Menschen. Sie scheinen unbesiegbar. Mit

Um Platz für Ölpalm-Plantagen zu schaffen, wird der Tropenwald in Brand gesetzt

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schwerpunkt
Macheten und schwerem Gerät bahnen sich die Brandbekämpfer den Weg durch den noch verbliebenen Wald.“ Auf dem Satellitenfilm von Borneo waren 2006 über 300 große Brandherde zu erkennen – weit über zwei Millionen Hektar Regenwald fielen den Flammen zum Opfer. Die Rauchwolken nahmen ein ebenso großes Ausmaß an wie in der bisher schlimmsten Brandsaison 1997/98. Über den Indischen Ozean zog sich ein dichter Rauchteppich, der bis an die afrikanische Küste reichte. Am schlimmsten trifft es inzwischen fast jedes Jahr Malaysia: In den Straßen der großen Städte ist die Luft zum Schneiden dick und so gesundheitsschädlich, dass die Behörden Ausgangssperren verhängen. Aber vor allem den Menschen auf dem Land bleibt zum Überleben keine andere Wahl, als ihre Felder inmitten des Qualms zu bestellen. Ganze 15 Prozent der weltweiten Klimagas-Emissionen gehen inzwischen auf das Konto der indonesischen Waldbrände! Das ist ungefähr so viel, wie alle EU-Staaten gemeinsam im Jahr ausstoßen. Im Fernsehmagazin Report vom 12. März 2007 äußerte sich der Klimaforscher Florian Siegert von der Uni München über die Untersuchungen seiner Arbeitsgruppe: „Wir konnten nachweisen, dass durch das Anlegen von Plantagen, durch das Abbrennen der Regenwälder und der Torfgebiete ein Viel-Tausendfaches an CO2 freigesetzt wird, als wir bei uns durch die Verbrennung von Palmöl zur Energiegewinnung einsparen können. Damit ist die Klimabilanz desaströs.“ Als wären die Umweltschäden durch die Waldzerstörung nicht schon genug, werden vor allem in Indonesien täglich Menschenrechte verletzt, die in Zusammenhang mit der Naturvernichtung stehen. Die Holz-, Papier- und Plantagenfirmen sind meist mit Lokalpolitikern und dem Militär verbandelt. Einschüchterungen, Bedrohungen, Vertreibungen der lokalen Bevölkerung und von Umweltschützern und Menschenrechtlern sind an der Tagesordnung. In Fällen, in denen Kleinbauern sich freiwillig für den Anbau von Ölpalmen entschließen, fehlt ihnen später das Land für die Selbstversorgung.

Foto: Jens Wieting

Der Anbau von Ölpamen geht häufig mit Menschenrechtsverletzungen einher

Im Jahr 2006 wurden in der Europäischen Union über eine Million Tonnen Palmöl zur Energiegewinnung verheizt. Nach einer unveröffentlichten Studie des Leipziger Instituts für Energetik und Umwelt werden allein die deutschen Blockheizkraftwerke im laufenden Jahr 2007 zusammen ca. 1,3 Mrd. Kilowattstunden Strom aus Palmöl produzieren – etwa die Menge, die hierzulande pro Jahr aus Sonnenenergie erzeugt wird. Der Klimaschaden, den die Kraftwerksbetreiber dabei in Kauf nehmen, wird über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vom deutschen Stromverbraucher mit zur Zeit etwa 200 Millionen Euro jährlich gefördert. Denn Ölpalmen gelten nach dem EEG, genau wie Raps, als „nachwachsende Pflanzen aus landwirtschaftlichen Betrieben“. Bundesumweltminister Siegmar Gabriel sieht durch den Palmöl-Boom die Wende zu erneuerbarer Energie in Gefahr: „Es ist besorgniserregend: Wer das EEG nutzt, denkt, er tut etwas Gutes. Aber wenn er dies zum Teil durch die Zerstörung von Regenwald getan hat, sind wir dabei, den Sinn des EEG in der Öffentlichkeit zu diskreditieren.“

werke Schwäbisch Hall, die von ihrem ursprünglichen Plan, Palmöl aus einer Plantage in Malaysia zu beziehen, nach persönlicher Visite der angeblich ökologisch nachhaltigen Anbauflächen wieder abgerückt sind und nun eine eigene ökologisch und sozial verträgliche Plantage aufbauen wollen. Sie hatten sich von den vollmundigen Aussagen des so genannten Runden Tisches für nachhaltiges Palmöl (RSPO) täuschen lassen, deren Mitglied der Plantagenbetreiber in Malaysia ist. Axel Friedrich, Experte für nachwachsende Rohstoffe beim Umweltbundesamt (UBA), stellt unmissverständlich klar: „Es gibt kein Zertifizierungssystem für Palmöl. Wer das Gegenteil behauptet, sagt bewusst oder unbewusst die Unwahrheit.“ Ob aus offiziell nachhaltigen Plantagen oder nicht: ROBIN WOOD und Umweltund Menschenrechtsorganisationen wie BOS, Rettet den Regenwald oder Watch Indonesia sprechen sich gegen jegliche Nutzung von Palmöl in europäischen Kraftwerken aus, da sie die weltweite Nachfrage nach dem zerstörerischen Rohstoff stützt. Axel Friedrich vom UBA sieht das ähnlich: „Wer behauptet, er bezöge ‚nur’ Palmöl aus lang bestehenden Plantagen, zieht Palmöl aus dem Gesamtsystem heraus und erhöht damit den Druck, neue Palmölplantagen zu Lasten des Urwalds anzulegen.“ Christian Offer, Berlin

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ie meisten Kraftwerksbetreiber in Deutschland sind mittlerweile von Rapsöl auf billigeres Palmöl als Brennstoff umgestiegen. Nicht alle nehmen dabei ihre Verantwortung für die Umwelt so ernst wie die Stadt-

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titel

Fotos: Enrico Verworner

Dinah Epperlein

Wenn viele Menschen viele kleine Schritte tun ...
Das Motto kann nicht sein: Ich habe hier viel Holz und jetzt geht’s los. Sondern erst mal fragen, wie viel ich eigentlich brauche, meint Dinah Epperlein vom Energiewende- Komitee. Bürgerkraftwerke sind Schritte in die richtige Richtung. Energieeffiziente Produkte und Energiesparen sind noch besser. ? Frau Epperlein, Sie beschäftigen
sich schon lange mit erneuerbaren Energien. Warum?

? Gab es damals schon die Fachausrichtung „erneuerbare Energien“?

tung und bin darüber zur Beratung gekommen.

! Nein, aber wir hatten in München ! Ich hatte das Gefühl, im Bereich
Erneuerbare endlich mal meine Kenntnisse als Physikerin praktisch anwenden zu können und dabei noch etwas Sinnvolles zu tun. Die Atomphysik erschien mir schon früh als der falsche Weg. Aber was war die Alternative? Ich wollte dazu beitragen, Alternativen zu finden, umzusetzen, weiterzuentwickeln. Das gab meinem Studium eigentlich überhaupt erst den Sinn. ein Seminar, das sich mit alternativen Energiekonzepten beschäftigte. Eher eine Arbeitsgruppe, geleitet vom heute sehr bekannten Prof. Hans-Peter Dürr. Ich war von Anfang an dabei. Das Ganze war eine unheimlich produktive und kreative AG. Diese AG hat sicher meinen Weg geprägt. Ich absolvierte später an der TU Berlin ein Weiterbildungsstudium Energiemanagement/Energiebera-

? In Göttingen waren Sie später
Mitbegründerin des Energiewende Komitees. Was hat es damit auf sich?

! Das Göttinger Energiewende
Komitee ist direkt nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl gegründet worden. Es setzte sich damals aus ganz vielen verschiedenen ehrenamtlichen Gruppen zusammen, und wir entwickelten für unsere Stadt

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perspektiven
ein kleines alternatives Energiekonzept. Das Energiewende Komitee lebt heute noch, macht Aufklärungsaktionen und ist politisch aktiv. ben, wie viel Energie ein Gerät verbrauchen darf, sofern das technisch möglich ist. Heute weiß man, dass ein Kühlschrank die Hälfte verbrauchen könnte. Aber er verbraucht immer noch viel. Durch ein paar bessere Komponenten kann jeder Hersteller die Energieeffizient steigern, und die Mehrkosten wären marginal.

? Was wünschen Sie sich von den Medien in Bezug auf Erneuerbare?

grüne berufe

! Ich wünsche mir, die Medien stellten
das Energieproblem und den Klimawandel weniger als Sachfrage dar, sondern mehr als eine Frage: Worin liegt der Sinn, ständig Wirtschaftswachstum zu haben? Die Medien behaupten, es mache Sinn, aber keiner weiß es wirklich, hinterfragt es öffentlich. Es geht um die Frage: Wie wollen wir in Zukunft leben, wie soll die Welt aussehen? Das verlässt schnell den Bereich Technik und wird komplexer. Ich glaube, nur durch komplexe Fragen und ehrliche Antworten können wir unser komplexes Leben meistern.

? Was bedeutet Energiewende für Sie?
Nur noch bei Kerzenschein lesen?

! Nein, gar nicht. Aber wir müssen uns einfach mehr Gedanken machen. Als erstes muss ich überlegen, wie viel Energie ich als Einzelner, aber auch als Gesellschaft überhaupt brauche. Ist der Aufwand nötig, oder kann man das vielleicht auch anders organisieren? Der zweite Punkt ist: Wie kann ich die benötigte Energie so effizient wie möglich erzeugen? Das geht in Richtung Blockheizkraftwerke, Energiesparlampe, effiziente Kühl- oder Haushaltsgeräte. Und wenn ich die notwendigen Geräte dann alle habe, muss ich mir überlegen, wie ich den Strom oder die Wärme erzeuge, um sie zu betreiben. Was ist mein Brennstoff oder meine Energiequelle?

? Beim Projekt „Solarzwilling“ kommen
die Verbraucher aber wieder zum Zuge...

! Ja, stimmt. Im Grunde ist der Solarzwilling ein Bürgerkraftwerk, eine Solarstromanlage, in die jeder Bürger oder Bürgerin kleines Geld investieren kann. Zwilling heißt es deshalb, weil alle Erträge darauf genutzt werden, um Solarstromprojekte der Landlosenbewegung in Brasilien zu unterstützen. Dies ist ein ideelles Projekt. Ich glaube an die Kraft der vielen Kleinen. Wenn Menschen selber zu Energieerzeugern werden z. B. mit einer Fotovoltaikanlage oder einem kleinen Blockheizkraftwerk, dann haben sie plötzlich eine ganz andere Sicht auf die Dinge, ganz andere Interessen, und merken, wie wertvoll Energie ist.

? Das alles sollen sich die Verbraucher
und Verbraucherinnen jeden Tag aufs Neue überlegen?

Interview Dr. Corinna Hölzer, GreenMediaNet. Aus dem Lesekalender zu den erneuerbaren Energien „Frauenansichten 2007“, Redaktion Andrea Meyer, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Referat KI III 1, www.bmu.de.

! Nein, das sollen sich vor allem die Produzenten überlegen. Natürlich kann man es nicht dem Verbraucher überlassen, sich neben seinem Job und seiner Familie um alles zu kümmern. Ich denke, der Verbraucher wird da wirklich überfordert. Es müssen alle ran. Vor allem müssen die industriellen Produkte endlich energieeffizienter werden! Dann kann sich der Verbraucher immer noch zwischen dem absoluten Premium und dem Guten entscheiden. Das reicht ihm oder ihr dann schon.

? Also ist das Verhalten der Menschen
doch nicht so wichtig?

! Das kann man so nicht sagen. Sicherlich ist ein umweltfreundliches Verhalten wichtig. Aber ich kann trotzdem nicht verstehen, warum es zulässig ist, schlechte Geräte zu bauen. Es gibt für die meisten Geräte enorme Sicherheitsvorkehrungen und Vorschriften, damit sie uns nicht schädigen. Ich finde, wir sollten auch vorschrei-

Der eine solare Zwilling im Göttinger Freibad erzeugt als Bürgerkraftwerk Strom aus Sonnenenergie. Der andere solare Zwilling erzeugt in Brasilien auf einem ökologischen Modellhaus Strom aus der Sonne. Dieses Haus steht auf dem Gelände eines Müllrecycling-Projekts der Caritas und der Landlosenbewegung. www.solarzwilling.de

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verkehr

Autoindustrie statt Klimaschutz
2008 wird wieder einmal ein Industrieverband an seiner Selbstverpflichtung scheitern. Auf durchschnittlich 140 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer versprachen die europäischen Autobauer, die Treibhausgas-Emissionen ihrer Neuwagen-Flotten zu senken. Das entspricht einem Verbrauch von etwas mehr als sechs Litern Sprit auf 100 Kilometern. Doch nicht einmal die Hälfte des Reduktionsziels haben sie bisher erreicht. Die deutschen Marken Porsche, BMW, Mercedes-Benz und VW-Tochter Audi reißen das europäische Klassenziel in den Keller.
ler. Der „Verheugen-Rabatt“ von zehn Gramm soll durch effizientere Klimaanlagen, Reifentechnik, aber auch durch Beimischung von Pflanzentreibstoff erreicht werden. Das weicht den seit Mitte der 90er Jahre von der EU angestrebten und immer wieder verschobenen Grenzwert auf. Die deutschen Autohersteller gehen als Helden der Lobby-Arbeit aus dem Streit hervor. Einen konkreten Gesetzesvorschlag will die Kommission möglichst noch in diesem Jahr Ministerrat und Parlament vorlegen. Im Streit um die Ausgestaltung müssen KlimaschützerInnen nun Druck gegen die Spritfresserfraktion machen. Und jenseits vom Ordnungsrecht bleibt es am wirksamsten, das Auto stehen zu lassen. Welches Auto? Einen von den rund 450 Millionen PKW in den Industrieländern oder von den 600 Millionen Autos weltweit, die nur zehn Prozent aller Menschen gehören, aber für hundert Prozent aller Menschen Treibhausgase ausdünsten. Monika Lege, 040/38089212, verkehr@robinwood.de

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o kommt die Neuwagenflotte von BMW 2005 auf stolze 192 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer. War da was mit Klimaschutzversprechen? Zwölf Prozent der gesamten europäischen Kohlendioxid-Emissionen verursachen Pkw und während in anderen Bereichen die Werte sinken, steigen sie bei Autos weiter an und machen Erfolge im Klimaschutz zunichte. Der Verband der europäischen Autobauer, ACEA, ging 1998 eine Selbstverpflichtung ein, um verbindliche EU-Grenzwerte zu verhindern. Schon damals stand das Ziel der EU fest die CO2-Emissionen von Neuwagen bis 2012 auf 120 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer zu reduzieren. Das entspricht einem Verbrauch von 4,5 Litern Diesel oder fünf Litern Benzin auf 100 Kilometern. Bei einem Scheitern der Selbstverpflichtung sollen 2008 Grenzwerte eingeführt werden.

Genau das passiert nun. Doch die Wellen schlugen hoch, als EU-Umweltkommissar Stavros Dimas ankündigte, diese fast zehn Jahre alte Vorgabe umzusetzen. EU-Ratspräsidentin Angela Merkel, angetreten mit dem Vorsatz sich als Klimaschützerin zu profilieren, verriss das Lenkrad und kündigte an „mit aller Härte“ gegen den seit 1998 auf Wiedervorlage gelegten Grenzwert vorzugehen. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking sah gar den Sozialismus Urstände feiern. Der deutsche EU-Kommissar Günter Verheugen gerierte sich erfolgreich als Interessenvertreter der heimischen Autoindustrie und handelte einen Rabatt von zehn Gramm aus. Die Kommission sieht nun vor, dass die Motoren von Neuwagen bis 2012 soweit verbessert sind, dass sie maximal 130 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer emittieren. Dieser Wert ist ein Durchschnittswert für alle Flotten aller Herstel-

Klimasünder ausgebremst

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240 km/h Spitze und 180 Gramm CO2 pro Kilometer: Audi rast dem Klimaschutz davon

er Oberste Gerichtshof der USA hat entschieden, dass Treibhausgase als Luftverschmutzung gelten. Das ist ein Durchbruch in der nordamerikanischen Klimapolitik, hinter dem wesentlich der Druck von NichtRegierungs-Organisationen steht. Diese hatten Klage eingereicht, weil die US-Umweltbehörde sich weigerte, Grenzwerte für die Treibhausgas-Emissionen von Autos und LKW festzulegen. Dazu ist sie nun verpflichtet. Hinfällig ist damit auch die Klage der deutschen Autohersteller BMW, DaimlerChrysler, Porsche und Volkswagen, die die Einführung von Grenzwerten für Neuwagen in Kalifornien und anderen Bundesstaaten verhindern wollten. ROBIN WOOD hatte im Frühjahr 2005 an der internationalen Kampagne von 53 Umweltorganisationen aus 14 Ländern mitgewirkt und die deutschen Autobauer aufgefordert, ihre Klage zurück zu ziehen.

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Bahn unterm Hammer
as Bündnis „Bahn für Alle“ veranstaltete in Berlin vom 17. bis 18. März 2007 eine große Tagung zum geplanten Börsengang der Bahn. Die Veranstaltung fand enormen Anklang mit über 160 TeilnehmerInnen aus ganz Deutschland und sogar aus dem Ausland. Am Abend stand die Filmpremiere von „Bahn unterm Hammer“ auf dem Programm. Alle 460 Plätze des Babylon-Kinos waren besetzt. Doch dann die Nachricht: Es habe Probleme mit dem Schnittprogramm gegeben und es sei nicht klar, ob die Filmmacher rechtzeitig mit der Kopie aus Hamburg eintreffen würden. Schließlich ein Aufatmen: Völlig übernächtigt, aber mit dem Film im Gepäck trafen sie ein – mit der Bahn. Der Film wurde ausschließlich mit Spenden engagierter BürgerInnen finanziert. Auch das ist ein Zeichen dafür, wie wichtig die anstehende politische Entscheidung genommen wird. Doch große Entscheidungen werfen lange Schatten, wie im Film deutlich wurde. Durch Mehdorns auf den Börsengang ausgerichtete Konzernpolitik haben bei der Bahn Beschäftigte und Kunden schon seit Jahren zu leiden: Arbeitsplatzabbau, Verspätungen und Streckenstilllegungen sind nur einige Beispiele, die dem Publikum gezeigt wurde. An den zwei Tagen der Tagung wurde den TeilnehmerInnen viel geboten, und es lag Aufbruchstimmung in der Luft. Neben den vielen fundierten Informationen wurde ein deutliches Zeichen gesetzt, das von der Politik nicht übersehen werden kann. Die Fakten und die Mehrheit der Bevölkerung sprechen gegen den Börsengang. Dies muss sich auch in der Entscheidung im Bundestag wieder finden. Mehr zur Tagung: http://www.bahn-ist-keine-ware.de/ Mehr zur Kampagne: http://www.deinebahn.de Mehr zum Film: http://www.bahn-unterm-hammer.de/

Mobil ohne Auto

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ei der aktuellen Klimadebatte steht auch der Autoverkehr auf der Tagesordnung. Gestritten wird über die Frage, wie viel Kohlendioxid pro 100 km Autos ausstoßen dürfen, und ob es hierzu eine gesetzliche Regelung geben soll. ROBIN WOOD geht das nicht weit genug, deshalb haben wir uns mit vielen anderen Verbänden zum Bündnis Mobil ohne Auto (MoA) zusammen geschlossen. Wir fordern, nach Möglichkeit auf das Auto zu verzichten und sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß oder mit dem Fahrrad fortzubewegen. Um der Forderung nach einer umweltfreundlichen und sozialen Mobilität Nachdruck zu verleihen, findet seit Anfang der achtziger Jahre einmal im Jahr der Aktionstag Mobil ohne Auto statt. Dieses Jahr wird am 3. Sonntag im Juni, dem 17.6., landauf - landab mit den unterschiedlichsten Aktionen und Veranstaltungen für eine menschen- und umweltverträgliche Verkehrspolitik demonstriert: www.mobilohneauto.de

Zur MoA-Fahrrad-Sternfahrt 2006 in Hamburg kamen über 10.000 Radfahrerinnen und Radfahrer. Dieses Jahr sollen es noch mehr werden: www.fahrradsternfahrt.info, Tel.: 040/23994265

Tour de Natur

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ie Tour de Natur, eine 14-tägige umwelt- und verkehrspolitische Fahrradtour, setzt sich in diesem Jahr besonders für den Klimaschutz ein. Etwa 150 Radfahrerinnen und Radfahrer zwischen 5 und 85 Jahren fahren vom 29. Juli bis 11. August 2007 von Nürnberg über Schweinfurt, Würzburg und Darmstadt nach Offenbach, vorwiegend über Bundes- und Landesstraßen, abgesichert von der Polizei. „Klimafreundlich mobil ... das können wir uns leisten!“ lautet das Motto der 17. Tour de Natur. Die TeilnehmerInnen engagieren sich für eine sozialverträgliche Verkehrs- und Umweltpolitik und treten den Beweis an, dass sich Politik, Kultur und gemeinsame sportliche Betätigung in einer anderen Lebensweise verbinden lassen. Und ganz nebenbei ist die Tour de Natur eine wunderbare, erholsame Möglichkeit Urlaub zu machen, neue Menschen kennen zulernen oder mit der ganzen Familie entspannt in die Pedale zu treten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer organisieren die Tour selbst, organisatorischer Träger ist die Grüne Liga Dresden/Oberes Elbtal. Mehr Infos: Organisationsbüro 0351/494 33 53 und unter www.tourdenatur.net, werner.raithel@vcd-bayern.de, Tel: 0931/571794, christian.loos@vcd-bayern.de

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jugendseite

Natur auf der Spur
Zum 9. Mal ruft GEO zum Schülerwettbewerb „Tag der Artenvielfalt“ auf. SchülerInnen jeden Alters können einen Tag lang Forscher sein und ein „Stück Natur“ vor der Haustür genauer untersuchen. Die Ergebnisse sollen anschließend dokumentiert werden. Ob Textmappe, Installation von Fundstücken, Bilder, Fotos, Videos und Internet-Präsentation - der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.
ie alljährliche Natur-Inventur wurde 1999 ins Leben gerufen. Seit dem organisiert GEO jedes Jahr zusammen mit einem Partner den Tag der Artenvielfalt. Dieses Jahr findet sie am 9. Juni 2007 unterstützt von der Deutschen Wildtier Stiftung statt. Parallel dazu richten Universitäten, Museen, Umweltämter, Naturschutzverbände und Gruppen naturbegeisterter Laien ihre eigenen Artenvielfalt-Tage aus. Das Ziel dabei ist es innerhalb von 24 Stunden so viele Tier- und Pflanzenarten wie möglich aufzuspüren, um dabei authentische Informationen über den Zustand der Natur in Biotopen ganz unterschiedlicher Art zu gewinnen. Von Anfang an waren auch Schülerinnen

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und Schüler beteiligt. Bei ihnen geht es aber nicht um Rekorde beim Erfassen der gefundenen Arten, sondern um die Vielfalt der Ideen, mit deren Hilfe sich Natur untersuchen lässt. Am diesjährigen Wettbewerb können Gruppen von SchülerInnen jeden Alters teilnehmen: Klassen, Bio-AG’s, Leistungskurse oder kleinere und größere Schülergruppen. Sie sollten bei ihrer Arbeit von Lehrern oder Experten unterstützt werden. Die Jury aus Vertretern der Deutschen Wildtier Stiftung, des Ernst Klett Verlags und von GEO wird die ideenreichsten und sorgfältigsten Arbeiten (Planung, Durchführung, Auswertung des Projekts) prämieren und die Sieger im Herbst 2007 vorstellen.

Der GEO- Tag der Artenvielfalt findet am 9. Juni 2007 statt. Die Aktionen der Schulen können an diesem Tag oder an einem beliebigen Datum in der Woche davor oder danach ausgerichtet werden. Attraktive Preise wie eine Klassenfahrt, ein Jahresabo GEOlino oder Buchpakete winken den Siegern der Schulaktionen. GEO vergibt aber ebenso einen Expertenpreis für kleinere Gruppen von zwei bis fünf SchülerInnen, die außerhalb ihrer Schulklasse ein eigenes Projekt durchführen. Sie können sich intensiv mit Tieren und Pflanzen beschäftigen, Forschern über die Schulter schauen und beim „Gipfeltreffen der Experten“ dabei sein - denn die Gewinner werden zur Teilnahme an der Hauptversammlung am 14. Juni 2008 eingeladen. Alle Teilnehmer des Schülerwettbewerbs müssen ihr Projekt unter http://www. geo.de/GEO/natur/oekologie/tag_der_artenvielfalt/ anmelden und bis zum 12. Juni 2007 an die Redaktion GEO senden.

Foto: GEO

Joanna Buryn-Weitzel ist 14 Jahre alt und die Vielfalt der Arten bei ihr zu Hause wird von Stab- und Gespenstheuschrecken, einer Schildkröte und einem Hund bereichert.

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bücher
Vor uns die Sintflut
Tauendes Polareis, Landstriche, die im Wasser versinken, Naturkatastrophen von ungeahnten Ausmaßen: Erderwärmung und Klimawandel sind schon lange keine graue Theorie mehr. Für viele Menschen wurden sie bereits bittere Realität. Die amerikanische Journalistin Elizabeth Kolbert bereiste Orte, an denen die konkreten Auswirkungen des Klimawandels schon heute zu spüren sind – in Grönland, Alaska und England. Inuit in Alaska, die umgesiedelt werden, weil das Eis ihre Häuser nicht mehr trägt, Schmetterlingsforscher in England, Gletscherbeobachter in Island, zahlreiche Klimaexperten und politische Entscheidungsträger schildern ihre Sicht der Dinge. So entstand eine Sammlung eindrucksvoller Reportagen, in denen die Autorin verständlich und klar die historischen, wissenschaftlichen und politischen Zusammenhänge des Klimawandels beschreibt. Im zweiten Teil des Buches bewertet Elizabeth Kolbert sachlich kritisch die Reaktionen von Wirtschaft und politischen Entscheidungsträgern. Deutlich zeigt sie dabei den Egoismus, mit dem Verantwortliche in den USA, Hauptverursacher von Treibhausgasen, die im Kioto-Prozess festgeschriebenen Gegenmaßnahmen torpedieren. Ihre Betroffenheit zeigt sie durch die Auswahl der vorgestellten Wissenschaftler und Themen. So berichtet sie über ein niederländisches Unternehmen, das schwimmende Häuser herstellt – für die befürchteten großen Überflutungen. Nachdenklich macht ein Gespräch mit dem Klimaforscher Robert Socolow: Während Laien bei wissenschaftlichen Themen stets zur Dramatisierung neigten, sei es beim Klimawandel genau umgekehrt. Fast alle Experten würden warnen – und die Laien verharmlosen. Sonderaktion: Das Buch kann für 4 Euro bei der Bundeszentrale für politische Bildung, www.bpb.de/publikationen/WFWTLU.html befristet bestellt werden.

Elizabeth Kolbert Vor uns die Sintflut Depesche von der Klimafront Übersetzung Thorsten Schmidt Berlin Verlag, 2006 222 Seiten, 19,90 Euro ISBN 978-3827006431

Das Ende vom Öl
Wie entsteht Erdöl und wo wird es gefördert? Neben diesen Fragen diskutieren die Autoren Förderstatistiken und Prognosen zur zukünftigen Erdölförderung und kommen zu dem Schluss, dass das Maximum der Förderung unmittelbar bevorsteht. Spannend wird es bei der Analyse der verschiedenen Akteure im Erdölsektor und ihrer Interessen. Detailliert wird die Argumentationsweise und Desinformationspolitik der Erdölfirmen entlarvt und den Fakten gegenübergestellt. Die Stärke des Buchs liegt vor allem darin, dass es nicht bei der Analyse der Gegenwart stehen bleibt, sondern ein Szenario der zukünftigen Wirtschafts- und Energiepolitik entwirft. Dabei werden einerseits grundlegende Änderungen wie beispielsweise die Neudefinition von Wirtschaftswachstum bei begrenzten Ressourcen gefordert. Andererseits werden die Regenerativen Energieträger und ihre Entwicklung in letzter Zeit kurz beschrieben. Einige der verwendeten Grafiken sind unvollständig und damit wenig hilfreich. Alles in allem liefert das Buch viele aktuelle Fakten und verbale Munition für das Engagement für eine Energiewende. Alexander Schweyer, Regensburg

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Campbell,C.J., F. Liesenborghs, J. Schindler, W. Zittel Ölwechsel: Das Ende des Erdölzeitalters und die Weichenstellung für die Zukunft Übersetzt von Helga Roth dtv Verlag, 2007 272 Seiten, 12 Euro ISBN 978-3-423-34389-3

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bücher
Politisch handeln in der Shoppingmall
Tanja Busse glaubt fest an die Wirksamkeit kleiner Schritte und an die Macht der Konsumenten. Und mit dieser Überzeugung gelingt es ihr, die Fakten eines globalisierten Konsums schonungslos darzulegen und gleichzeitig die LeserInnen zu einem bewussten Einkaufsverhalten zu motivieren. Ob wir nun unseren morgendlichen Kaffee trinken, uns ein neues, cooles T-Shirt gönnen, ein Planschbecken zum Vergnügen unserer Kinder kaufen oder einfach nur etwas essen wollen, wir stillen damit nicht nur unsere Bedürfnisse sondern bestimmen entscheidend die Lebensbedingungen anderer Menschen – und die sind häufig nicht menschenwürdig. In Brasilien verkaufen Indigene ihr Land für einen Spottpreis an Futtermittelfirmen, in Indien schuften Kinder in Steinbrüchen für Pflaster- und Grabsteine, in Asien nähen Frauen Kleidung für knapp 4 Euro am Tag. In Tanja Busses Buch kommen Wissenschaftler ebenso zu Wort wie Experten von Organisationen wie Greenpeace, Oxfam, Evangelischer Entwicklungsdienst, Kampagne für saubere Kleidung und vor allem die Menschen, die unsere geliebten Produkte herstellen. Außerdem hat die Autorin auch bei Firmen wie KarstadtQuelle, Adidas, Nestlé etc, recherchiert und hartnäckig nachgefragt. Trotz der ausführlichen Fakten ist das Buch sehr verständlich geschrieben. Abgerundet wird das Buch durch Kapitel, die sich mit der Geschichte der Konsumkritik befassen und mit politischem Konsum als Thema in Wissenschaft und Medien. Überzeugend ist auch der Anhang, der Informationsquellen auflistet (Verbraucher-, Umweltschutz- und Entwicklungshilfe-Organisationen, Bezugsquellen für faire und ökologische Produkte) und eine ausführliche Literaturliste sowie ein Personen- und Sachregister enthält – ein Buch, mit dem sich arbeiten lässt. Annette Littmeier, Berlin

Tanja Busse Die Einkaufsrevolution Konsumenten entdecken ihre Macht Karl Blessing Verlag, 2006 320 Seiten, 14,95 Euro ISBN 978-3-89667-312-1

Unappetitlichen Geschäfte der Lebensmittelindustrie
Dass man Käse am Rand etwa 5 Millimeter abschneiden sollte, dass dank eines geschickten Deals probiotischer Joghurt in Frankreich auf Rezept verkauft wird, dass zuckerfreie Light-Produkte uns nicht wirklich schlanker werden lassen und 1000 weitere nützliche Informationen rund um künstliche Zusatz-, Konservierungs-, Farbund Süßstoffe in Lebensmitteln erfährt man in dem Buch die „Joghurt-Lüge“, das eigentlich jede und jeder vorm Einkauf gelesen haben müsste. Obwohl es auf den ersten Blick so wirkt, wir haben es hier nicht mit dem recht oberflächlichem skandalheischen ähnlicher Bücher zu tun, sondern mit einer ernsthaften Auseinandersetzung um die Gefahren des „Geiz ist Geil“-Konsums. Kein Blatt vor den Mund genommen wird bei der berechtigten Kritik an der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung), die so offensichtlich ihre Neutralität verkauft, wenn es um Marken und den Absatz geht. Tierversuchsstudien als Grundlage für menschliche Ernährung werden erfreulicherweise kritisiert, auch die Relativität objektiver, wissenschaftlicher Studien wird angesprochen. Allerdings fehlt dem Buch das Zeug zum Kassenschlager – aus einem einfachen Grund: Es ist keine leichte Kost, die hier vorgelegt wird. Das umfangreiche Zahlenmaterial und der Fremdwortgebrauch machen das Lesen an vielen Stellen schwer. Wunderbar recherchiert, größtenteils gut erklärt – das Buch ist eine Goldgrube für Menschen, die zum Thema recherchieren wollen. Hier wurde das nämlich schon messerscharf getan. Franziska Brunn, Berlin

Marita Vollborn, Vlad D. Georgescu Die Joghurt-Lüge Campus Verlag, 2006 300 Seiten, 19,90 Euro ISBN 978-3-593-37958-6

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internes

Neuer ROBIN WOODVorstand 2007
Ich bin Sara-Ann Lampmann, 24, aus Hamburg. Ich studiere Psychologie in Dresden. Seit 2003 bin ich in den Fachgruppen Energie und Tropenwald aktiv und habe einige Aktionen und Floßtouren mitgemacht. Nun freue ich mich auf die Arbeit im Vorstand! Sara-Ann Lampmann Ich bin Felix Kupferschmidt, 39, und wohne in München. Ich habe eine 10jährige Tochter und bin Administrator in einer Werbeagentur. Zu ROBIN WOOD kam ich 1989 in Mainz, das ich 1996 in Richtung Oberbayern verließ. Die Themen Mobilität und Klima bringen mich zu ROBIN WOOD in die Verkehrsfachgruppe. Im Vorstand war ich schon einmal für zwei Jahre. Das ist eine schöne und konstruktive Arbeit im Verein.

Felix Kleinschmidt

Ich bin Juli(ane) Niklas, 29, und Juliane Niklas arbeite als Pädagogin im Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch. Nach vielen Jahren als Aktivistin in der Regionalgruppe Rhein-Main sowie als Mitglied der Energieund Verkehrsfachgruppe freue ich mich jetzt, das Vereinsleben von einer anderen Seite erleben zu dürfen.

Sylvie Grischkat

Ich bin Sylvie Grischkat, 31, aus Hessen. Seit 11 Jahren lebe ich in Lüneburg und bin an der Universität tätig. Über ein Praktikum 2000 kam ich zu ROBIN WOOD. Ich engagiere mich in der Verkehrsgruppe, denn mein Herz hängt an einer nachhaltigen Verkehrsentwicklung. Von 2003 bis 2005 war ich bereits im Vorstand aktiv.

Ich bin Hanna Poddig, 21, und wohne in Berlin. Seit 2003 engagiere mich in den Fachgruppen Energie und Verkehr. Während meines freiwilligen ökologischen Jahres in der ROBIN WOOD-Pressestelle hat sich bei mir eine große Verbundenheit zum Verein entwickelt. Ansonsten verbringe ich meine Hanna Poddig Zeit gerne mit Jonglage.

Janina Welsch

Andreas Kleinhans Ich bin Markus Küffner aus Darmstadt, 33 Jahre alt und arbeite in der ambulanten Jugendhilfe. Seit 1993 bin ich bei ROBIN WOOD aktiv und klettere leidenschaftlich gerne. Meine Schwerpunktthemen sind Verkehr und die aktuelle Tempokampagne. Markus Küffner Ich bin Janina Welsch und 34 Jahre alt. Die schöne Bodensee-Region habe ich wegen des Studiums in Lüneburg verlassen. Jetzt arbeite ich in Dortmund in einem EU-Projekt zum Mobilitätsmanagement. Zu ROBIN WOOD bin ich über ein Praktikum in der Pressestelle gekommen. Ich engagiere mich in der Verkehrsgruppe und bin seit 2006 im Vorstand von ROBIN WOOD. Ich bin Andreas Kleinhans aus Mainz, 32 Jahre alt, und dort seit vielen Jahren als FahrradEinzelhändler selbstständig. Seit 1993 bin ich bei ROBIN WOOD aktiv und war schon in der Vergangenheit im Vorstand. Eines meiner Schwerpunkt-Themen ist der Bereich Verkehr.

Nr. 93/2.07

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Feinstaub durch Bremsen
92/1.07, Verkehr: Augenwischerei um Feinstaub“

impressum
Nummer 93/2.07 Magazin
Zeitschrift für Umweltschutz und Ökologie

S

owohl in der öffentlichen Diskussion, als auch in Ihrem Artikel wird die Feinstaubemission des Autos auf den Motor und dessen Abgase reduziert. Ein Auto erzeugt aber noch an ganz anderen Stellen erhebliche Mengen von Feinstaub. So wird bei jedem Bremsvorgang durch den Abrieb der Bremsbeläge an der Bremsscheibe Feinstaub produziert, der Abrieb der Kupplung zwischen Motor und Getriebe erzeugt Feinstaub und nicht zuletzt der Abrieb der Reifen auf der Fahrbahn. Gibt es eigentlich Untersuchungen wie hoch der Anteil dieser Komponenten an der Gesamtfeinstaubbelastung ist? Wenn ein Porsche Cayenne, ein BMW, ein Mercedes oder ein vergleichbares Fahrzeug von 250 km/h schlagartig auf 0 km/h abbremst, so produziert es durch den Bremsvorgang mehr Feinstaub als ein Kleinwagen ohne Katalysator in einem ganzen Jahr. Der Abrieb von Bremsen, Kupplung und Reifen findet ja nicht nur auf der Autobahn sondern auch in den neu geschaffenen Umweltzonen statt. Porsche und Co haben eine grüne Umweltplakette und dürfen auch weiterhin innerhalb und außerhalb der Umweltzonen Feinstaub machen. Heinz B. Zeller, Heidelberg

Erscheinungsweise vierteljährlich Redaktion Annette Littmeier, Dr. Christiane Weitzel (V.i.S.d.P.), Christian Offer, Sabine Genz, Angelika Krumm, Regine Richter (o. Bild)

Verantwortlich für Layout, Satz, Fotos und Anzeigen ist die Redaktion. Verlag ROBIN WOOD-Magazin Lindenallee 32, 16303 Schwedt Postfach 100403, 16294 Schwedt Tel.: 03332/2520-10, Fax: -11 magazin@robinwood.de Jahresabonnement 12,- Euro inkl. Versand zu beziehen über: ROBIN WOOD e.V., Geschäftsstelle Postfach 10 21 22, 28021 Bremen Tel.: 0421/59828-8, Fax: -72 info@robinwood.de www.robinwood.de Der Bezug des ROBIN WOOD-Magazins ist im Mitgliedsbeitrag enthalten. Gesamtherstellung Druckhaus Bayreuth, www.druckhaus-bayreuth.de Rollenoffsetdruck, Auflage: 11000 Das ROBIN WOOD-Magazin erscheint auf 100% Altpapier, das mit dem Blauen Engel ausgezeichnet ist. Titelbild: gettyimages/Art Wolfe Spendenkonto ROBIN WOOD e.V., Postbank Hamburg BLZ: 20010020, Konto: 1573-208

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Nr. 93/2.07

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Treffpunkte
Hier erfahren Sie, wann und wo die Aktiven von ROBIN WOOD sich treffen. Schauen Sie doch mal bei uns vorbei!
Freiburg Bei uns können sich alle Interessierten aus Baden-Württemberg melden: 0761/61290450 oder 0172/7413995, freiburg@robinwood.de Rhein-Main Mainz, Hintere Bleiche 3 Termine erfragen bei: Andreas Kleinhans: 06131/584683 (privat), mainz@robinwood.de Rhein-Neckar Treffen jeden 2. und 4. Dienstag um 19 Uhr im ASV, Beilstraße 12, MannheimJungbusch Juliane Boß: 06221/589251 rhein-neckar@robinwood.de München „Im Werkhaus“, Leonrodstr. 19 jeden 2. und 4. Mittwoch, 20 Uhr Tel.: 089/168117 muenchen@robinwood.de

Protest gegen neues Kohlekraftwerk in Mannheim in luftiger Höhe ....

Greifswald Kontakt: Birger Buhl, Tel.: 03834/ 513138, greifswald@robinwood.de Hamburg-Lüneburg jeden 2. und 4. Mittwoch, 18.30 Uhr in der Pressestelle, Nernstweg 32, 22765 Hamburg-Altona AnsprechpartnerInnen: Jürgen Mumme: 040/38089212 Kathrin Scherer: 04131/206160 hamburg@robinwood.de, lueneburg@robinwood.de Kassel jeden 1. Donnerstag im Monat, 17 bis 19 Uhr im Umwelthaus Kassel, Infos bei Klaus Schotte: 0561/878384 kassel@robinwood.de Köln Montag, 20.30 Uhr Alte Feuerwache, Melchiorstr. 3 koeln@robinwood.de

Bayreuth Kontakt: bayreuth@robinwood.de Berlin Donnerstags um 20 Uhr (14-tägig) im „Verwaltungsgebäude“ des RAWTempels, Revaler Str. 99, 10245 BerlinFriedrichshain, Tel.: 030/20687813 (AB), Bürozeiten: donnerstags von 12.30 bis 15.30 Uhr, berlin@robinwood.de Braunschweig Donnerstag, 20 Uhr Ort bitte erfragen bei: Thomas Erbe: 0531/2505865 braunschweig@robinwood.de Bremen Geschäftsstelle Dienstag, 19 Uhr Tel.: 0421/598288 bremen@robinwood.de

... und am Boden
Ich möchte ROBIN WOOD-Mitglied werden 30 Euro für SchülerInnen, 60 Euro für StudentInnen, Arbeitslose Berufstätige Ich möchte ROBIN WOOD mit einer regelmäßigen Spende unterstützen: Euro jährlich Ort E-Mail Ich möchte das ROBIN WOOD-Magazin für 12 Euro jährlich abonnieren. Damit der Verwaltungsaufwand gering bleibt, bin ich damit einverstanden, dass der Betrag von erstmalig zum 1. 2007 von meinem Konto abgebucht wird Bank: BLZ: Konto-Nr.: Ich kann die Einzugsgenehmigung/meine Mitgliedschaft oder mein Abo jederzeit kündigen. Eine kurze Nachricht genügt. Datum:
Nr. Unterschrift: 93/2.07

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Ja, ich möchte wissen, wie ich meinen Stromanbieter einfach und unkompliziert wechseln und in Zukunft Ökostrom beziehen kann. Name:

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Coupon bitte an: ROBIN WOOD-Geschäftsstelle, Postfach 102122, 28021 Bremen Tel.: 0421/59828-8, Fax: -72, info@robinwood.de www.robinwood.de

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