Paul Watzlawick

Wie wirklich ist die Wirklichkeit
Wahn – Täuschung – Verstehen

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Paul Watzlawick klärt auf unkonventionelle und amüsante Weise darüber auf, was die sogenannte Wirklichkeit tatsächlich ist. Denn sie is t keineswegs das, was wir naiv „Wirklichkeit“ zu nennen pflegen, sie ist vielmehr das Ergebnis zwischenmenschlicher Kommunikation, was Watzlawick mit vielen verblüffenden Beispielen belegt.
ISBN 3-492-04515-4 Piper Verlag GmbH, München 1976 Sonderausgabe 2003 Umschlaggestaltung: Büro Jörge Schmidt, München Umschlagabbildung: Rene Magritte, »Die durchbohrte Zeit«

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

Autor
Paul Watzlawick, geboren 1921 in Villach (Kärnten), studierte Philosophie und Sprachen, promovierte 1949 und erhielt nach einer Ausbildung am C.-G.-Jung-Institut in Zürich 1954 sein Analytikerdiplom. Von 1957 bis 1960 war er Professor für Psychotherapie in El Salvador; seit 1960 ist er Forschungsbeauftragter am Mental Research Institute in Palo Alto (Kalifornien). Er lehrte zudem viele Jahre an der Stanford University. Von seinen zahlreichen Veröffentlichungen sind im Piper Verlag erschienen: »Gebrauchsanweisung für Amerika«, »Die erfundene Wirklichkeit« (Hg.), »Die Unsicherheit unserer Wirklichkeit« (mit Franz Kreuzer), »Anleitung zum Unglücklichsein«, »Vom Schlechten des Guten oder Hekates Lösungen«, »Vom Unsinn des Sinns oder vom Sinn des Unsinns«, »Kurzzeittherapie und Wirklichkeit« (Hg. mit Giorgio Nardone).

Inhalt
Vorwort .................................................................................... 6 Teil I Konfusion.................................................................... 11 Traduttore, traditore ........................................................... 13 Paradoxien.......................................................................... 27 Die Vorteile der Konfusion................................................ 44 Der Kluge Hans .................................................................. 48 Das Kluge-Hans-Trauma .................................................... 52 Subtile Beeinflussungen..................................................... 56 »Außersinnliche Wahrnehmungen« ................................... 61 Teil II Desinformation.......................................................... 65 Nichtkontingenz – oder: Die Entstehung von Wirklichkeitsauffassungen................................................. 67 Das neurotische Pferd......................................................... 68 Die abergläubische Ratte.................................................... 69 Warum einfach, wenn’s kompliziert auch geht? ................ 71 Der vielarmige Bandit ........................................................ 75 Von Zufall und Ordnung.................................................... 80 »Psychische Kräfte« ........................................................... 84 Interpunktion – oder: Die Ratte und der Versuchsleiter .... 87 Semantische Interpunktion................................................. 92 Wo alles wahr ist, auch das Gegenteil................................ 94 Der metaphysische Versuchsleiter ................................... 101 Die zerkratzten Windschutzscheiben............................... 104 Das Gerücht von Orleans ................................................. 106

Experimentell erzeugte Desinformation........................... 114 Die Macht der Gruppe ...................................................... 116 Herrn Slossenn Boschens Lied......................................... 121 Candid Camera ................................................................. 123 Die Ausbildung von Regeln ............................................. 125 Interdependenz ................................................................. 129 Das Gefangenendilemma ................................................. 130 Was ich denke, daß er denkt, daß ich denke… ................ 137 Drohungen........................................................................ 141 Die Glaubhaftigkeit einer Drohung.................................. 144 Die Drohung, die ihr Ziel nicht erreichen kann ............... 147 Die unbefolgbare Drohung............................................... 152 Geheimdienstliche Desinformation.................................. 157 Unternehmen Mincemeat ................................................. 167 Unternehmen Neptun ....................................................... 177 Die zwei Wirklichkeiten................................................... 182 Teil III Kommunikation...................................................... 185 Der Schimpanse................................................................ 188 Zeichensprache ................................................................. 192 Projekt Sarah.................................................................... 199 Der Delphin ...................................................................... 203 Außerirdische Kommunikation........................................ 219 Wie kann außerirdische Kommunikation hergestellt werden? ............................................................................ 223 Antikryptographie – oder: Das »Was« von Weltraumkommunikation................................................. 228 Projekt Ozma .................................................................... 235 Vorschläge für einen kosmischen Code ........................... 237

Radioglyphen und Lincos................................................. 245 Eine Nachricht aus dem Jahre 11.000 v. Chr.? ................ 248 Pionier 10 ......................................................................... 254 Unvorstellbare Wirklichkeiten......................................... 257 Imaginäre Kommunikation .............................................. 261 Newcombs Paradoxie ....................................................... 263 Flachland .......................................................................... 274 Reisen in die Zeit.............................................................. 280 Die ewige Gegenwart....................................................... 299 Bibliographie ....................................................................... 303

Vorwort
Dieses Buch handelt davon, daß die sogenannte Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation ist. Diese These scheint den Wagen vor das Pferd zu spannen, denn die Wirklichkeit ist doch offensichtlich das, was wirklich der Fall ist, und Kommunikation nur die Art und Weise, sie zu beschreiben und mitzuteilen. Es soll gezeigt werden, daß dies nicht so ist; daß das wacklige Gerüst unserer Alltagsauffassungen der Wirklichkeit im eigentlichen Sinne wahnhaft ist, und daß wir fortwährend mit seinem Flicken und Abstützen beschäftigt sind – selbst auf die erhebliche Gefahr hin, Tatsachen verdrehen zu müssen, damit sie unserer Wirklichkeitsauffassung nicht widersprechen, statt umgekehrt unsere Weltschau den unleugbaren Gegebenheiten anzupassen. Es soll ferner gezeigt werden, daß der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit, die gefährlichste all dieser Selbsttäuschungen ist; daß es vielmehr zahllose Wirklichkeitsauffassungen gibt, die sehr widersprüchlich sein können, die alle das Ergebnis von Kommunikation und nicht der Widerschein ewiger, objektiver Wahrheiten sind. Die enge Beziehung zwischen Wirklichkeit und Kommunikation ist erst in letzter Zeit Gegenstand eingehenderer Untersuchungen geworden. Aus diesem Grunde hätte dieses Buch noch vor dreißig Jahren nicht geschrieben werden können. Und doch enthält es nichts, das sich nicht seit längster Zeit hätte denken, erforschen und anwenden lassen. Oder anders ausgedrückt: Die hier beschriebenen Sachverhalte waren unserem Denken nicht nur schon vor Jahrzehnten, sondern in ihren Ansätzen bereits der Antike zugänglich; was aber fehlte, war die Bereitschaft oder auch nur der Anlaß, sich mit dem Wesen und den Wirkungen der Kommunikation als
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was wir naiv und unbesehen die Wirklichkeit zu nennen pflegen? Es ist die unverblümte Absicht dieses Buchs. die ungewö hnlich. das heißt der Art und Weise. Aber das Studium der sogenannten Pragmatik der menschlichen Kommunikation. 1 Die andere Methode besteht im Vorlegen einer großen Zahl von 1 Ein ausgezeichnetes Beispiel für diese Form der Darstellung derselben Thematik ist Peter L. dieses Studium ist ein verhältnismäßig neuer Zweig der Forschung. wohl hatte die Linguistik unser Wissen vom Ursprung und Aufbau der Sprachen auf wissenschaftliche Grundlagen gestellt. Die eine beginnt mit der Formulierung einer Theorie und führt dann den Nachweis ihrer Gültigkeit für das Verständnis von Erfahrungstatsachen. doch sollte er sich vor Augen halten. Weltanschauungen und Wahnvorstellungen entstehen können. -7- . ist: Wie wirklich ist. in der sich Menschen durch Kommunikation gegenseitig beeinflussen. die dieses Buch zu beantworten versucht. wie dabei ganz verschiedene »Wirklichkeiten«. theoretische Abhandlung zur Wissenssoziologie«.eigenständigem Phänomen auseinanderzusetzen. trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) aber unmittelbar an der Entstehung und Ausbildung von Wirklichkeitsauffassungen beteiligt sind. Freilich hatten Physiker und Fernmeldetechniker die Probleme der Nachrichtenübermittlung bereits weitgehend gelöst. Die Frage. Dem Pedanten mag diese Form der Darstellung oberflächlich und unwissenschaftlich erscheinen. 1970). Bergers und Thomas Luckmanns Buch »Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit« (S. merkwürdig und vielleicht sogar unglaublich sind. mit den Worten der Autoren »eine systematische. und hatte die Semantik schon längst die Bedeutung von Zeichen und Symbolen zu untersuchen begonnen. daß es zwei grundsätzlich verschiedene Formen wissenschaftlicher Erklärung gibt. Fischer Verlag. unterhaltend zu sein und dem Leser in anekdotischer Form gewisse willkürlich ausgewählte Gebiete der Kommunikationsforschung vorzulegen.

sollen ihm die Literaturhinweise den Zugang zu den Quellen erleichtern. dieses Buch möge auch einen anderen Zweck erfüllen.Beispielen aus verschiedensten Gebieten und versucht. die nicht im strengen Sinne des Wortes wissenschaftlich zu sein brauchen. is t der -8- . Bei den beiden Methoden fällt dem Gebrauch von Beispielen also sehr verschiedene Bedeutung zu. Dieses Vorgehen erlaubt daher den Gebrauch von Exemplifikationen. Im Gegenteil. je nach Lust und Laune. Dieses Buch beruht auf der zweiten Methode. an die komplexen Probleme der Wirklichkeitsauffassung und -anpassung sozusagen durch die Hintertür heranzukommen. das Maxwell mit der Postulierung seines Dämons schon vor vielen Jahren respektabel gemacht hat. und ich hoffe. In der zweiten ist ihre Rolle die vo n Analogien. Wie bereits angedeutet. welche Struktur diesen scheinbar ganz verschiedenen Beispielen gemeinsam ist und welche Schlußfolgerungen sich daraus ziehen lassen. von Anekdoten und Witzen und schließlich sogar den Gebrauch rein imaginärer Denkmodelle – ein Vorgehen. das Buch will erzählen und erzählend Wissen vermitteln. doch nicht notwendigerweise auch beweisen. wie etwa die Verwendung von Zitaten aus Dichtung und Romanen. auf diese praktische Weise aufzuzeigen. in leichter verständliche Sprache übersetzen. In ähnlicher Weise dürfte der Student der Sozialoder der Verhaltenswissenschaften in diesen Seiten Anregungen für eigene Forschungsprojekte oder für Dissertationsthemen finden. dort zu lesen beginnen oder weiterblättern können. Metaphern und Veranschaulichungen – sie sollen beschreiben. Der Leser soll es irgendwo aufschlagen und. Die hier folgenden Ausführungen setzen weder ein Verständnis von Formeln noch von abstrakter Theorie voraus. In der ersten müssen die Beispiele Beweiskraft haben. Es ist ferner meine Hoffnung. es dem Leser dadurch zu ermöglichen. Wo aber sein Interesse geweckt wird und er sich über das betreffende Thema näher zu informieren wünscht.

Glaube. während schließlich mein Wissen von anderen rein theoretisch und indirekt ist.und Ausbildungsinstituten in Nordamerika. die Welt dementsprechend aufklären und ordnen zu müssen – gleichgültig. wird immer häufiger zum ›thinkcrime‹ in Orwells Sinne abgestempelt. -9- . daß die eigene Sicht der Wirklichkeit die Wirklichkeit schlechthin bedeute. eine gefährliche Wahnidee. die ›Anmaßung‹. Es versteht sich aber von selbst. Sie wird dann aber noch gefährlicher. Andere Teile dieses Buchs leiten sich aus meiner Tätigkeit als Assistenzprofessor für Psychiatrie an der Stanford-Universität und als Konsulent und Gastvorlesender an anderen Universitäten und psychiatrischen Forschungs. Europa und Lateinamerika ab. sich einer bestimmten Definition der Wirklichkeit (zum Beispiel einer Ideologie) zu verschreiben. von denen ich die letzten fünfzehn Jahre als Forschungsbeauftragter am Mental Research Institute in Palo Alto hauptsächlich mit dem Studium klinischer Aspekte der menschlichen Kommunikation verbracht habe. wenn sie sich mit der messianischen Berufung verbindet. Mit einigen der hier erwähnten Themen und Untersuchungen habe ich nur oberflächliche Berührung gehabt. Das hier zusammengetragene Material beruht teils auf meiner ursprünglichen Ausbildung in Sprachen und Philosophie und teils auf den fünfundzwanzig Jahren meiner Arbeit als Psychotherapeut. den Blick für bestimmte Formen psychologischer Violenz zu schärfen und so den modernen Gehirnwäschern und selbsternannten Weltbeglückern die Ausübung ihres üblen Handwerks zu erschweren. Vielleicht kann dieses Buch einen bescheidenen Beitrag dazu leisten. die Welt in eigener Sicht zu sehen und auf eigene Fason selig zu werden. Die Weigerung. daß ich mich für die Form meiner Ausführungen und alle Irrtümer und Fehler ausschließlich selbst verantwortlich betrachte. ob die Welt diese Ordnung wünscht oder nicht. je mehr wir uns dem Jahre 1984 nähern.

die Bewohner anderer Planeten oder rein imaginäre Wesen sind. wo noch keine besteht – also den Fragen.Wie der Untertitel nahelegt. Teil II untersucht den etwas exotischen Begriff der Desinformation. die sich auf das Zustandebringen einer allen Partnern zugänglichen Wirklichkeit beziehen. Teil I handelt von Konfusion. -10- . umfaßt das Buch drei Teile. womit jene Komplikationen und Störungen der zwischenmenschlichen Wirklichkeit gemeint sind. das heißt von Kommunikationsstörungen und den daraus folgenden Verzerrungen des Wirklichkeitserlebnisses. ob diese Partner nun Tiere. Teil III ist den faszinierenden Problemen der Anbahnung von Kommunikation dort gewidmet. die sich bei der aktiven Suche nach Information oder der absichtlichen Verschleierung oder Verweigerung von Informationen ergeben können.

Genesis 11. Diese Störung der Wirklichkeitsanpassung kann von Zuständen leichter Verwirrung bis zu akuter Angst reichen. da wir Menschen. so ist Konfusion die Folge gescheiterter Kommunikation und hinterläßt den Empfänger in einem Zustand der Ungewißheit oder eines Mißverständnisses. daß keiner des anderen Sprache verstehe.7 Man kann einen Zustand der Konfusion als das Spiegelbild der Kommunikation auffassen. Um hier Horas oft zitierten Aphorismus zu wiederholen: »Um sich selbst zu verstehen. wie alle anderen Lebewesen. Dies trifft vor allem auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen zu. Mit dieser sehr allgemeinen Definition sei einfach dies gemeint: Wenn ein sogenannter erfolgreicher Kommunikationsvorga ng in der korrekten Übermittlung von Information besteht und damit die beabsichtigte Wirkung auf den Empfänger hat. muß man den andern -11- . auf Gedeih und Verderb von unserer Umwelt abhängen und sich diese Abhängigkeit nicht nur auf die Erfordernisse des Stoffwechsels. muß man von einem anderen verstanden werden. lasset uns herniederfahren und ihre Sprache daselbst verwirren. wo ein Höchstmaß an Verstehen und ein Mindestmaß an Konfusion für erträgliches Zusammenleben besonders wichtig ist. sondern auch auf hinlänglichen Informationsaustausch bezieht.Teil I Konfusion Wohlan. Um vom andern verstanden zu werden.

« [73] 2 Obgleich (oder vielleicht gerade weil) Konfusion ein recht alltägliches Ereignis ist. war sie bisher kaum je der Gegenstand ernsthafter Untersuchung. Sie ist unerwünscht und daher zu vermeiden. Aber gerade weil sie das Spiegelbild ›guter‹ Kommunikation ist. daß sie auch gewisse wünschenswerte Wirkungen hat. 2 Die in eckigen Klammern angeführten Zahlen verweisen auf die Bibliographie S. 239-246.verstehen. In den folgenden Seiten wollen wir daher ihre wichtigsten Eigenschaften prüfen und werden dabei feststellen können. kann sie uns einiges über dieses Thema lehren. -12- . vor allem nicht auf dem Gebiet der Kommunikationsforschung.

Burro ist das italienische Wort für Butter. die sich aus der unterschiedlichen Bedeutung gleicher oder ähnlicher Worte ergeben. Die Konfusion dieser beiden Worte liefert die Pointe anspruchsloser Witze über beschränkte Ausländer. sond ern »schließlich. Etwas weniger ha rmlos ist die erstaunlich häufige Fehlübersetzung des englischen Eigenschaftsworts actual mit aktuell im Deutschen (beziehungsweise dem spanischen actual.Traduttore. dem italienischen attuale oder dem französischen actuel). In diesen Ländern ist die -13- . Reine Übersetzungsfehler und ganz einfach minderwertige Übersetzungen sollen uns hier nicht interessieren. in Großbritannien und den meisten anderen europäischen Ländern aber eine Million Millionen (1012 ). chiavare (mit der Betonung auf dem zweiten a) ist ein nicht sehr gesellschaftsfähiges italienisches Zeitwort. neuzeitlich« bedeutet. wo Sinn und Bedeutung von einer Sprache (im weitesten Sinne) in eine andere übertragen werden muß. das eben nicht eventuell (bzw. deren italienische Aussprache zu wünschen übrig läßt. eventualmente oder eventuellement) bedeutet. Chiavari (mit der Betonung auf dem ersten a) ist ein Kurort an der italienischen Riviera di Levante. endlich«. Das englische actual bedeutet »wirklich. das sich auf die Ausübung von Geschlechtsverkehr bezieht. Ähnlich geht es mit der Übersetzung von eventually. die selbst erfahrenen Übersetzern mit dem Zahlwort billion unterlaufen. das in den USA und in Frankreich tausend Millionen (109 ) bezeichnet. während aktuell bekanntlich »im gegenwärtigen Zeitpunkt wichtig oder gültig. traditore Die Gefahr der Konfusion besteht überall dort. tatsächlich. Etwas bedeutsamer sind die Formen sprachlicher Konfusion. eigentlich«. Wesentlich ernster sind aber die Irrtümer. auf spanisch aber bedeutet es Esel – und diese scheinbare Identität liefert die Pointe für mehrere hispanoitalienische Witze.

darauf zu verweisen. Diese kurzen Hinweise sollen lediglich zur Einführung der weniger bekannten Tatsache dienen. einer flachen. und wie auch in anderen Bienentänzen bezieht sich die Geschwindigkeit des Tanzes auf die Qualität des Nektars. wenn sich dieser Fehler zum Beispiel in ein Lehrbuch der Kernphysik einschleicht. so führt die Biene einen sogenannten Schwänzeltanz aus. Wenn der gefundene Nektar in unmittelbarer Nähe des Stocks ist. der in abwechselnden Vollkreisen rechts. daß sie sich einige Zentimeter in Richtung auf die Fundstelle hin bewegt. daß Bienen eine sehr komplexe Körpersprache verwenden. Während des geraden Vorrückens bewegt sie ihren Unterleib auffällig hin und her. der darin besteht.und linksherum besteht. sondern auch die Lage und die Qualität neuer Futterplätze mitzuteilen. sichelartig verbogenen Acht gleicht. Die Öffnung der Sichel zeigt in die Richtung der Nahrungsquelle. 3. der. daß – im Widerspruch zum Buch Genesis – babylonische Sprachverwirrungen sich nicht auf menschliche Kommunikation beschränken. 2. im Halbkreis nach rechts oder links zum Ausgangspunkt zurückkehrt und vo n dort aus die Bewegung wiederholt. führt die Biene einen sogenannten Rundtanz aus. (Siehe Abb.). Ist das Futter noch weiter vom Stock entfernt. Im allgemeinen verwenden sie dafür drei verschiedene »Tänze«: 1. wohl aber die Verwechslung von 109 und 1012 .richtige Übersetzung der amerikanischen beziehungsweise französischen billion daher Milliarde (beziehungsweise miliardo etc. Futter in mittlerer Entfernung vom Stock wird durch den sogenannten Sicheltanz angezeigt. 1) Vor einigen Jahren machte von Frisch die zusätzliche -14- . Die bahnbrechenden Untersuchungen des Nobelpreisträgers Karl von Frisch zeigen. daß die Folgen einer Konfusion zwischen Butter und Esel kaum schwerwiegend sein dürften. Es erübrigt sich. von oben gesehen. um ihren Artgenossen nicht nur die Entdeckung.

ist. wenn sie sich auf österreichische Information verläßt. daß die eben erwähnten Entfernungsangaben für sie verschiedene Bedeutungen haben [46]. nämlich die österreichische und die italienische Biene (Apis mellifera carnica und Apis mellifera ligustica) zwar sich kreuzen und friedlich zusammenleben und arbeiten können. Eine österreichische Biene. Die italienische Biene verwendet den Schwänzeltanz zur Angabe von Entfernungen über 40 Meter. sie »sprachen italienisch«.Entdeckung.von 49mal den Rundtanz. die wir aus diesem Beispiel ziehen können. Von Frisch konnte österreichisch-italienische Kreuzungen züchten. wenn sie dieselbe Entfernung meinten. daß die verschiedenen Bedeutungen richtig von der einen in die andere Sprache (im weitesten Sinne dieses Ausdrucks) übersetzt werden. die sich mit der von einer italienischen Kollegin gegebenen Information auf den Flug zum Nektar macht. wenn diese Zuschreibung nicht von allen Zeichenbenutzern anerkannt wird – es sei denn. italienischen Elternteils hatten. daß zwei Bienenarten. daß sie aber verschiedene »Dialekte« sprechen. Die offensichtliche Lehre. -15- . während für die österreichische dasselbe Signal eine Entfernung von mindestens 90 Metern bedeutet. wird ihn also vergeblich. daß die Zuschreibung einer bestimmten Bedeutung an ein bestimmtes Zeichen dann zur Konfusion führen muß. daß 16 seiner Kreuzungen zwar die typische Körperzeichnung ihres. 15 dieser Kreuzungen dagegen sahen wie ihr österreichischer Elternteil aus. das heißt. 65.von 66mal aber den Sicheltanz zur Kommunikation mittlerer Entfernungen vom Stock verwendeten. da viel zu weit vom Stock entfernt. verwendeten aber 47. Die Sprache der Bienen ist angeboren. Umgekehrt wird eine italienische Biene nicht weit genug fliegen. Mit anderen Worten. suchen. deren Kommunikationsverhalten zu babylonischen Verwirrungen Anlaß gab: Er fand.

gibt. Diese Verhaltensweisen sind das Resultat des Aufwachsens und der Sozialisierung in einer bestimmten Kulturform. Stehens. sondern auch Körpersprache verwenden. und werden dadurch sozusagen in uns hineinprogrammiert. wieviel Raum für Konfusion und Konflikt allein schon im Bereich der Körpersprachen. daß alles Verhalten in Gegenwart eines anderen Mitteilungscharakter hat. daß es in verschiedenen Kulturen buchstäblich Hunderte von Formen der Begrüßung. des Sitzens. daß wir für unsere Kommunikation nicht nur Laut-.Abbildung 1 Weniger offensichtlich ist die Tatsache. Gehens. geschweige denn in dem der -16- . sind viel archaischer und daher viel bewußtseinsferner als unsere menschlichen Lautsprachen. des Ausdrucks von Freude oder Trauer. für dieselben Probleme anfällig sind wie die eben erwähnten Bienen. die wir von unseren tierischen Vorfahren ererbt und in typisch menschlicher Weise weiterentwickelt haben. Die Ethnologen verweisen bekanntlich darauf. Es gibt unzählige Verhaltensformen. daß auch wir Menschen dadurch. Wenn wir uns vor Augen halten. Die averbalen Ausdrucksformen der Körpersprache. Lachens usw. so sehen wir leicht ein. die allen Mitgliedern einer bestimmten Kultur zur Vermittlung averbaler Kommunikation dienen. Familientradition usw.

-17- .Lautsprachen besteht. In Westeuropa und in Nordamerika ist dieser Abstand die sprichwörtliche Armeslänge. der darin besteht. wird sich unweigerlich ein typischer Verhaltensablauf ergeben: Der Südamerikaner wird den für ihn als richtig empfundenen Abstand einnehmen. daß das Korrektur verhalten des einen Partners vom anderen als das Verhalten gesehen wird. Im Mittelmeerraum und in Lateinamerika ist dieser Abstand wesentlich anders: zwei aufeinander zugehende Personen bleiben auf viel kürzerer Distanz voneinander stehen. und beide werden versuchen. daß etwas nicht stimmt. Wie Hunderte anderer. da sie sich gegenseitig die Schuld an ihrem Konflikt zuschieben werden. Und da ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach kein Ethnologe zu Hilfe kommen und die Verschiedenheit ihrer Körpersprachen und der durch sie ausgedrückten kulturellen Normen erklären wird. Damit aber erzeugen sie einen typisch menschlichen Konflikt. der Nordamerikaner dagegen wird die Situation undeutlich als unangenehm empfinden und durch Zurücktreten die für ihn »richtige« Distanz herstellen. kann zwischen diesen kein Konflikt entstehen. die Situation zu korrigieren. den man einem Fremden gegenüber en face einzunehmen hat. Auf jeden Fall werden beide das undeutliche Gefühl haben. daß sich der andere falsch benimmt. ähnlicher Regeln für »richtiges« Verhalten in einem bestimmten Wirklichkeitsrahmen sind auch diese Abstände rein außerbewußt. Nun ist die Reihe am Südamerikaner. – bis der Nordamerikaner schließlich mit dem Rücken gegen eine Wand stoßen (und eventuell in eine homosexuelle Panik geraten) wird. das der Korrektur bedarf [183]. das vage Gefühl zu haben. sind sie in einer mißlicheren Lage als die erfolglos suchenden Bienen. und solange sie von allen Kommunikationsteilnehmern befolgt werden. Wenn sich nun aber ein Nordamerikaner und ein Südamerikaner in dieser Situation befinden. und er wird aufrücken usw. Hierzu zwei Beispiele: In jeder Kultur gibt es eine Regel über den »richtigen« Abstand.

Die beiden saßen in einer Hotelbar. Schwester. der übrigen Welt den Rücken zu kehren und sich gegenseitig näherzukommen. Sie fühlte sich dadurch in eine peinliche gesellschaftliche Lage versetzt. Zu ihrer Enttäuschung und ihrem Ärger weigerte sich ihr Mann. der zum Wohle der Menschheit ohnehin behördlich verboten werden sollte) hatten. daß die beiden ganz verschiedene Interpretationen vom Zweck und der Bedeutung der Flitterwochen (eines Brauchs. so sagte sie. ihnen unbekannten Ehepaar am nächsten Tisch an. stellt es sich heraus. Ein in Ehetherapie stehendes. bis dahin. an dieser Konversation teilzunehmen. der den »Übersetzungsfehler« der beiden hätte entdecken und ihnen klarmachen können. in der sie sich gegenseitig der Rücksichtslosigkeit beschuldigten. und nach Rückkehr auf ihr Zimmer kam es zu einer bitteren Auseinandersetzung. daß es bereits am zweiten Tage seiner Flitterwochen den ersten Ehezwist hatte. und die Frau knüpfte ein Gespräch mit einem anderen. Nun. eine einmalige Gelegenheit. daß ihr seine Gesellschaft nicht genügte und er ihre Bedürfnisse nicht befriedigen konnte. Ihr Gespräch mit dem anderen Ehepaar bedeutete für ihn daher. Für die Frau waren die Flitterwochen die erste Gelegenheit. seit acht Jahren verheiratetes Paar berichtet. Seiner Auffassung nach waren die Flitterwochen aber eine Zeit ausschließlichen Zusammenseins. ihre neue gesellschaftliche Rolle auszuüben. Und auch hier fehlte natürlich der »Übersetzer«. 3 3 Konflikte der durch die letzten beiden Beispiele skizzierten Art sind von -18- . Freundin und Verlobte gewesen. und legte ein auffällig feindseliges und abweisendes Benehmen an den Tag. acht Jahre später.Das zweite Beispiel ist dem Buch »Interpersonelle Wahrnehmung« [81] von Laing und seinen Mitarbeitern entnommen. hatte sie nie ein Gespräch als Ehefrau mit einer anderen Ehefrau gehabt – sie war bisher nur Tochter.

daß auch ein schlechter Übersetzer immer noch Besseres leistet als eine Übersetzungsmaschine. und dies bringt es einerseits mit sich. Was diesen Ausdruck so interessant macht. die ihr Wesen ausmachen: ihre Schönheit und Bilderwelt. kann diese fragwürdige Form der Therapie den Mythus der Verrücktheit oder Heimtücke eines der Partner verewigen. Geliebte! -19- . traditore. würde die (sprachlich richtige) Übersetzung »der Übersetzer ist ein weittragender psychiatrischer Bedeutung. Statt zu »übersetzen« und damit die überpersönliche und nicht individuell reduzierbare Natur des Konflikts zu deuten. originalgetreu zu übersetzen. Ein besonderes Beispiel sind die ersten vier Zeilen von Leopardis Gedicht »La sera del di di festa« (Der Abend nach dem Fest). ihre Tradition. vielleicht nicht so sehr einen Verlust an objektiver Information. spielt aber unvermeidlich das künstlerische Können des Übersetzers selbst herein. daß er selbst ein Beispiel dieser Schwierigkeit ist. ihren Rhythmus und die vielen anderen Eigenarten. Wie der Sprachwissenschaftler Roman Jacobson einmal bemerkte. sei festgestellt. Andererseits aber bedingt auch die beste Übersetzung einen Verlust. als auch. Übersetzen ist eine Kunst. daß eine Übersetzung nicht selbst ein Kunstwerk sein kann. und in der Ferne zeigen sich unverhüllt die Berge. ist. und zwar besonders dann. für die es keine unmittelbare Übersetzung gibt. wenn die Psychiatrie selbst den traditionellen Fehler begeht. es weht kein Wind. deren Schönheit auch in der deutschen Übersetzung fortlebt: Die Nacht ist mild und klar. daß auch ein Übersetzer im eigentlichen Sinne des Wortes weit mehr als nur Sprachen kennen muß. daß er sowohl die Schwierigkeit ausdrückt.Um aber von fast gänzlich außerbewußten Sachverhalten zur weitgehend bewußten Verwendung von Lautsprachen zurückzukehren. aber zweifellos an jenen schwer zu erfassenden Merkmalen einer Sprache. die Ursache des Konflikts der »Pathologie« des einen oder des anderen Partners zuschreiben zu wollen. Oh. 4 Die Italiener haben ein Sprichwort: Traduttore. 4 Dies bedeutet natürlich nicht. Wo dies der Fall ist. und auf den Dächern und im Grün der Gärten ruht still der Mond.

hoffnungslos verloren ist. Von zusätzlicher Wichtigkeit für unsere Überlegungen ist die Tatsache. Das heißt. übersetzt sie in die Zielsprache und spricht die Übersetzung ins Mikrofon. 6 Seine Arbeit ist noch anspruchsvoller als die des Übersetzers. es sind verschiedene Ansichten derselben. was das Original ausdrückt. Der Simultandolmetscher hört die Originalsprache im Kopfhörer. Eine Volksdemokratie ist bekanntlich nicht ganz dasselbe wie eine Demokratie. die der durchschnittlich Gebildete nicht einmal in einer einzigen Sprache kennt. da sie von ihm oft Entscheidungen in Bruchteilen von Sekunden fordert und für ihn die Möglichkeit des Nachschlagens in Wörterbüchern und dergleichen nicht besteht. wo es zum Zusammenprall von Ideologien kommt und der Übersetzer oder Dolmetscher. Die Sprachgewandtheit und der Umfang des Vokabulars eines guten Dolmetschers sind denn auch phänomenal: Er mag heute bei einer Konferenz über Binnenschiffahrt und nächste Woche bei einem Symposium über Krebsforschung arbeiten und dabei Hunderte von Ausdrücken verwenden. So unwahrscheinlich es klingen mag. daß sie gleichzeitig aus reiner Langweile eine -20- . daß eine Sprache nicht nur Information übermittelt. detente hat im sowjetischen Wörterbuch eine andere Bedeutung als in dem der NATO. kann diese Tätigkeit so mechanisch werden. Besonders die sogenannte Simultanübersetzung ist eine für den Laien fast unglaubliche Leistung. umgekehrt aber kann ein und dasselbe Ereignis von einer Seite Befreiung und von der anderen Unterdrückung genannt werden. der nur eigentliche Sprachen.Verräter« diesen Ausdruck seines paronomastischen5 Wertes entkleiden. Diese Eigenschaft aller Sprachen fällt besonders in internationalen Konferenzen ins Gewicht. nicht aber auch die Sprachen von Ideologien kennt. die Übersetzung wäre zwar korrekt. Wie schon Wilhelm von Humboldt feststellte. die auf Gleichklang oder Ähnlichkeit von Worten beruht. sondern auch Ausdruck einer ganz bestimmten Wirklichkeitsauffassung ist. daß es Spezialisten auf diesem Gebiete gibt. sind verschiedene Sprachen nicht ebenso viele Bezeichnungen einer Sache. aber trotzdem nicht im entferntesten das. die behaupten. Die Schlüsselstellung des Übersetzers (und noch mehr die des Dolmetschers6 ) kann es 5 Paronomasie: eine Redewendung.

Tschou ließ sich die gute Gelegenheit nicht entgehen und beschuldigte Spaak. Dazu kommt noch. in der Meinung. wenn sie ihr Unwesen in internationalen Konferenzen treibt. Spaak war der Ansicht. Diese Konfusion kann überaus ernste Folgen besonders dann haben. berichtet über einen besonders eklatanten Zwischenfall dieser Art: In der Schlußsitzung der Genfer Korea-Konferenz im Sommer 1954 nahm Paul Henri Spaak als Sprecher der Vereinten Nationen Stellung gegen die Unversöhnlichkeit Nordkoreas. daß es die Vollständigkeit und die Offenheit des Vorschlags der Vereinten Nationen überflüssig machte. daß »l’autre« vage war und eines genaueren Bezugs bedurfte. der Vorschlag der Volksrepublik China eben nicht in das Zeitung lesen. daß scheinbar unbedeutende Fehler rasch zu weitreichender Verwirrung führen.mit sich bringen. der ich mit meinem anderen Ohr zuhörte. -21- . und er schloß mit dem Satze: »Cette déclaration est contenue dans notre texte. sondern in der wohlgemeinten Absicht. Prof. Er betonte. Ekvall. im Interesse größerer Klarheit von sich aus eine Erklärung oder einen Zusatz beizusteuern. lautete: »Diese Erklärung ist im Text des Waffenstillstandsabkommens enthalten. Von diesem Augenblick an begannen sich die Dinge zu überstürzen. hatte der Dolmetscher »dans l’autre texte« statt »dans notre texte« verstanden und hatte. was Spaak eben behauptet hatte. irgendwelche anderen Vorschläge in Betracht zu ziehen. der durch Tschou Enlai vertretenen Volksrepublik China und der Sowjetunion.« Wie sich später herausstellte.« Die englische Simultanversion. daß derartige Konfusionen manchmal nicht durch krasse Übersetzungsfehler oder Fahrlässigkeiten der Dolmetscher entstehen. ein Fachmann für orientalische Sprachen. den Zusatz »des Waffenstillstandsabkommens« eingeschoben. deren Beschlüsse unter Umständen das Schicksal von Millionen von Menschen beeinflussen. eine unzutreffende Feststellung gemacht zu haben. der viele Jahre lang als Dolmetscher an den wichtigsten Konferenzen im Fernen Osten teilnahm. daß im Widerspruch dazu.

fanden auch sie Tschous Reaktion befremdend. warum soll es dann den in dieser Genfer Konferenz versammelten 19 Staaten nicht möglich sein. wenn auc h in bagatellisierender Weise. seine Delegation und die Nordkoreaner). zornig durch Handzeichen und Rufe das Wort zu fordern. rückte er gutmütig seine Kopfhörer zurecht. Das nächste Glied in dieser Kette der Verwirrungen war ein weiterer Übersetzungsfehler. ihrerseits Spaaks Entrüstung für unangebracht hielten. zu ergründen. »trotz einiger gewisser Unterschiede«. daß er den fatalen Zusatz »des Waffenstillstandsabkommens« nie gemacht hatte. aber nicht übertriebenem Interesse und offensichtlicher Verwunderung über dessen Aufregung. Vielleicht in der Annahme. diesen gemeinsamen Wunsch in einem gemeinsamen Abkommen auszudrücken? Der springende Punkt waren natürlich die Worte. die nur über die »angereicherte« Übersetzung verfügten (Tschou. überboten sich nun sowohl er wie auc h sein noch vor einer Minute feindseliger Partner in Beteuerungen gegenseitigen Verständnisses und versicherten sich des aufrichtigen Wunsches. das Malheur ein für allemal aus der Welt zu schaffen. die die scheinbare Konzilianz Tschous. glaubhaft zu machen. Da viele Konferenzteilnehmer Spaaks Erklärung auf französisch angehört hatten.Waffenstillstandsabkommen aufgenommen worden war. Und wie es sich so häufig nach peinlichen Mißverständnissen ergibt. Als ihr Sinn ihm aber schließlich auf dem Umwege vom Chinesischen über Englisch und Französisch klar wurde. daß diese schrillen chinesischen Silben eine merkwürdige Antwort auf die nuancierte Eleganz dessen waren. Tschou stellte dann folgende Frage: Wenn die Erklärung der 16 UNO-Staaten und der letzte Vorschlag der Delegation der Volksrepublik China trotz einiger gewisser Unterschiede auf einem gemeinsamen Wunsch beruht und nicht nur auf der einseitigen Stellungnahme der Sechzehn. -22- . Paul Henri Spaak beguckte sich Tschou Enlai mit einer Mischung von wohlwollendem. einschränkten. Es war Spaak schließlich gelungen. was er so treffend auf französisch ausgedrückt hatte. war die Reihe an ihm. und jedenfalls willens. während diejenigen. was diese unbekannten Laute bedeuteten.

versuchte zweierlei: zu Wort zu kommen und gleichzeitig die südkoreanische Delegation. möchte ich feststellen. und auch er schien so der allgemeinen Verwirrung zum Opfer zu fallen. das Wort erteilt zu bekommen. hatte – um Ekvall nochmals zu zitieren – die vor Beginn der Schlußsitzung so sorgfältig hergestellte Einstimmigkeit und Einheit gebrochen und war zum Feinde übergegangen. der allseits geachtete Führer der westlichen Mächte.« -23- . Möglicherweise klang es in seinen Ohren sogar wie ein verspätetes chinesisches Einlenken auf den Standpunkt. Auch war es ihm nicht klar. klares Denken im Stich gelassen. hat besonderes Gewicht für unser Thema: Da er alle Konferenzsprachen kannte. daß auch er einlenken konnte. erklärte er ohne Vorbehalt: »En ce que me concerne et pour éviter toute doute. die plötzlich Verrat witterte und sich anschickte. In der Hitze ihres Mißverständnisses hatte ihn sein kühles. Premierminister Casey von Australien. Ein Sturm der Entrüstung brach im Konferenzsaal aus und tobte eine Dreiviertelstunde lang.« 7 Die Folgen waren sensationell.In der Nervosität über das eben erst mühsam bereinigte Mißgeschick seines Kollegen unterlief Tschous Dolmetscher der Fehler. physisch am Aufstehen zu hindern. Was darauf geschah. Sir Anthony Eden wußte in der Konfusion der sich überstürzenden Ereignisse offensichtlich nicht. daß ich den Vorschlag des Vertreters der chinesischen Republik annehme. je suis prét à affirmer que j’accepte la proposition du délégué de la république chinoise. [38] Was Ekvall hier nur andeutet. den er so eloquent vertreten hatte. Tschou endlich zur Vernunft gebracht zu haben. er es erteilen sollte. ob Spaak plötzlich nachgegeben oder den Chinesen eine unerwartete Konzession abgerungen hatte. und um nun zu zeigen. der philippinische Vizepräsident Garcia und die Führer anderer Delegationen überboten einander. den Saal zu verlassen. hatte scheinbar seine eigene Seite betrogen. war ein weitgehender Appell für ein auf dem gemeinsamen Wunsch nach Verständigung beruhendes Übereinkommen. war er 7 »Was mich betrifft. beschreibt Ekvall wie folgt: Was Spaak schließlich auf französisch hörte. Spaak. General Bedell Smith. der Leiter der USA-Delegation. die sich zu Worte meldeten. wem von den vielen. Vielleicht glaubte er. und zur Vermeidung jedes Zweifels. diese Worte auszulassen.

die in die Zeiten der österreichisch-ungarischen Monarchie zurückgeht (und wahrscheinlich von Roda Roda. einem der bekanntesten 8 Ein historisches Beispiel dieser besonderen Machtform liefern die Parsen. -24- . die seit ihrer Vertreibung durch den Islam aus ihrem iranischen Heimatland als isolierte Minderheit hauptsächlich im Gebiete des heutigen Groß-Bombay zwischen der maharat i. erfaßten sie instinktiv ihre Chancen als Vermittler zwischen den britischen Kolonialherren und der Bevölkerung. daß die Versuchung gelegentlich groß ist. denn wie jeder Vermittler hat er ein großes Maß an geheimer Macht. und weder die eine noch die andere Partei hat daher Macht über ihn. Mit der Ankunft der East India Company und unter der britischen Verwaltung. nicht aber aktiv in den Lauf der Ereignisse eingreifen. und erwarben auf diese Weise sagenhafte Vermögen und großen indirekten Einfluß. Alle anderen Anwesenden hatten nur einen Teil der Gesamtinformation. Was den Inhalt der Verhandlungen als solche betrifft. er darf nur vermitteln. Verrat und Unaufrichtigkeit zu wittern. Gerade aber dies versetzt den Dolmetscher in eine Machtstellung. und dieses Teilwissen führte sie typischerweise dazu. besonders als Makler und Zwischenhändler. als sprächen die Verhandlungspartner dieselbe Sprache. die diese später ablöste.und gujaratisprechenden Bevölkerung leben. denn er ist ihre einzige Verständigungsmöglichkeit. Der Fluß der Kommunikationen sollte idealerweise so fehlerfrei und wahrheitsgetreu sein. Es versteht sich von selbst. sich dieser Macht zu bedienen und ein nicht ganz wahrheitsgetreues Echo zu sein. ist diese Beschränkung natürlich absolut notwendig. ohne jemals den Status einer scheinbar unbedeutenden Minderheit aufzugeben.vermutlich der einzige Teilnehmer an dieser hochwichtigen Generalversammlung der Genfer Korea-Konferenz. die Ekvall besaß. 8 Beide Seiten sind auf ihn angewiesen. der volle Kenntnis vom Ursprung dieser Konfusion und von ihrer lawinenartigen Entwicklung hatte. Die Rolle des Dolmetschers beschränkt sich aber notwendigerweise auf die eines getreuen Echos (wie Ekvall sie bescheiden definiert). Hiervon berichtet eine Geschichte. die sogar die des Konferenzvorsitzenden übertrifft.

von Manipulation und absichtlich erzeugter Konfusion. gewissen österreichischen Forderungen voll nachzukommen. dort die Andeutung eines Versprechens ein. daß der österreichische Offizier keinen Grund für Repressalien mehr sieht. Und da ist kaum ein einziger Satz in dem ganzen langen Palaver.Chronisten dieser Epoche. es handle sich um freiwillige Wiedergutmachungen. Armee gesprochen werden. doch kann die Intervention des Dolmetschers durchaus therapeutisch genannt werden. während die Dorfbewohner ihn nicht gehen lassen. und k. Die entscheidende Frage ist aber: Welche Situation war konfuser und daher pathologischer – die vor oder nach der Intervention des Dolmetschers? Die Antwort hängt -25- . bis er gewisse Abschiedsgeschenke annimmt. bis schließlich beide Seiten die andere so vernünftig und fair finden. Dies mag freilich nicht dem entsprechen. was sie von der anderen hören will oder anzunehmen bereit ist. was der Leser unter diesem Begriff versteht. berichtet wurde): Der Kommandant einer österreichischen Abteilung hat Befehl. mit Einsicht und menschlicher Reife? Die Geschichte handelt vielmehr von einem Netz von Lügen. Denn was hat all das mit der Erforschung des Unbewuß ten zu tun. reich an jenem praktischen Verständnis der menschlichen Natur. war die Psychotherapie ein noch unbekannter Begriff. falls sich die Dorfbewohner nicht verpflichten. Endlich findet sich ein Dolmetscher – ein Mann. Glücklicherweise spricht keiner der Soldaten Albanisch. das die Bewohner jener fernen. schiebt hier eine kleine Drohung. von denen er wiederum glaubt. den er wahrheitsgetreu übersetzt. Zur Zeit. Repressalien gegen ein albanisches Dorf durchzuführen. in der diese Geschichte angeblich spielt. noch verstehen die Bewohner des Dorfes auch nur eine der vielen Sprachen. fabelhaften Länder östlich und südlich von Wien (dem Maghrebinien Gregor von Rezzoris) so besonders auszeichnet. Vielmehr erzählt er jeder der beiden Seiten nur das. die im ethnischen Mischmasch der k.

wenn diese Ehrlichkeit im Dienste der Unmenschlichkeit steht. zwingt es uns auch. die bisherigen Lösungsversuche kritisch zu überprüfen. wenn wir uns mit jenen merkwürdigen Kommunikationskontexten befassen werden. Vorläufig sei nur festgehalten: Da das vertiefte Verständnis von Kommunikation uns menschliche Probleme in neuem Licht zeigt. -26- . »in denen alles wahr ist. Doch wäre es verfrüht. welchen Preis wir für Ehrlichkeit verantworten können. Wir werden uns dieser Frage und ihren fragwürdigen Beantwortungen wieder zuwenden müssen.davon ab. auch das Gegenteil«. eine Antwort auch nur zu versuchen.

Einer alten Geschichte zufolge. Wir haben gesehen. Was damit gemeint ist. hat Er es nicht fertiggebracht.Paradoxien Wenn ich denke. daß eine Mitteilung (wiederum im weitesten Sinne) für Sender und Empfänger sehr verschiedenen Sinn und Bedeutung hat. erklärte ein -27- . Mit dem bisher Gesagten ist das weite Feld der Konfusion auch nicht annähernd umrissen. daß ich nicht mehr an dich denke. So will ich denn versuchen. 2. daß er Ihn aufforderte. Wie vereinbart sich das mit Gottes Allmächtigkeit? Solange Er den Felsen aufheben kann. wo von einer Sprache (im weitesten Sinne) in eine andere übersetzt werden muß. warum Mona Lisa wohl lächelt. ihn groß genug zu schaffen. denke ich immer noch an dich. in denen die Konfusion nicht als Folge einer Störung des Übertragungsvorgangs auftritt. daß sie überall dort auftreten kann. einen Felsen zu schaffen. daß ich nicht mehr an dich denke. daß nicht einmal Gott selbst ihn aufheben konnte. der so riesengroß war. läßt sich wiederum am besten anhand von Be ispielen erläutern: 1. deren Schlußfolgerung Theologen wie Philosophen gleichermaßen aus dem Konzept brachte. stellte der Teufel die Allmacht des lieben Gottes eines Tages dadurch in Frage. und es sich dabei aus verschiedenen Gründen ergeben kann. so ist Er aus diesem Grunde nicht allmächtig. sondern in der Struktur der Mitteilung selbst enthalten ist. kann Er ihn aber nicht heben. Zen-Ausspruch. nicht zu denken. Auf die Frage. Als nächstes wollen wir einige typische Situationen näher prüfen.

daß ich bei Erhalt der Karte dieses Rechteck noch leer vorfinden werde. Wie läßt sich die (von Witzbolden angebrachte) Aufschrift in Abbildung 2 befolgen? 9 4. ein englisches Kindermädchen. muß man das Schild aber zuerst lesen. R. Mary Poppins. -28- . und ich hasse das Zeug!« (Anonymus) 5. Im bekannten Kinderbuch »Mary Poppins« von Pamela Travers kommt sie noch besser zum Ausdruck. Bitte senden Sie mir diese Karte wieder zurück. dann würde ich ihn essen. Popper Falls diese Beispiele im Kopf des Lesers ein gewisses Gefühl der Lähmung erzeugt haben.Achtjähriger: »Eines Abends kam Herr Lisa von der Arbeit nach Haus und fragte sie: ›Nun. Damit aber verletzt man die Anweisung der Nichtbeachtung. Frau Corrys 9 »Ignore this sign« bedeutet: Dieses Zeichen nicht beachten! Um diese Aufforderung zu befolgen. Der Philosoph Karl Popper will einem Kollegen einmal folgende Postkarte geschickt haben [134]: Lieber M. so hat er damit bereits die erste praktische Erfahrung mit einer weiteren Gattung der Konfusion gemacht.‹« 3. wenn Sie Grund zur Annahme haben. G. tragen Sie aber vorher »ja« oder irgendein beliebiges anderes Zeichen in das leere Rechteck links von meiner Unterschrift ein. was hast du heute getan?‹ Und Mona Lisa lächelte und sagte: ›Stell dir vor. Jane und Michael. Leonardo ist gekommen und hat mich gemalt. Ihr ergebener K. denn schmeckte er mir. besucht mit ihren beiden Schützlingen. daß ich Spinat nicht leiden kann. »Wie froh bin ich.

Sie sagte leise. »Wir waren dabei. die eine alte Bekannte zu sein schien –. Frau Corry. Jane schüttelte den Kopf. »ihr seid wegen Pfefferkuchen gekommen?« »Erraten. Mutter –« flüsterte Miß Annie verschüchtert. kommt sie heraus: »Ich nehme an. Aber ich wäre dir dankbar. denn so winzig Missis Corry war. Mutter«. darf ich fragen. Mutter.Lebkuchenladen. schrecklichen Stimme. verhutzelte. aber sie wagten nichts zu sagen. während sie selbst sich meist in einem Stübchen hinter dem Ladenraum aufhält. so hoch sie konnte. Ich dachte nur –« »Du dachtest nur. »Nein. gackerndes Gelächter aus. Zwei schüchterne Stimmen kamen hinter dem Ladentisch hervor. [172]. aber verärgert und höhnisch: »Eben dabei? Wirklich? Das ist ja höchst interessant. hat zwei riesenhafte. Und ich hab’ sie auch nicht fortgegeben. »Schaut sie an! Schaut sie nur an! Angsthase! Heulsuse!« kreischte sie und zeigte mit ihrem knotigen Finger auf die Tochter. meine Liebe –« sie wandte sich an Mary Poppins. hexenhafte Alte. Jane und Michael drehten sich um und sahen. wenn du es bleiben ließest. und betrachtete ihre riesigen Töchter voll Zorn. eine kleine. gab dir die Erlaubnis. »Sehr gut! Haben euch Fannie und Annie noch keine gegeben?« Bei dieser Frage sah sie Jane und Michael an. Missis Corry richtete sich auf. wie eine große Träne über Miss Annies trauriges Gesicht kollerte. Annie. antwortete Mary Poppins sehr höflich. sie fühlten sich vor ihr verlegen und eingeschüchtert. sagte Miß Fannie betreten. freudlose Töchter namens Fannie und Annie. Das ist sehr gütig von dir. Was es hier zu denken gibt. Als sie Mary Poppins und die Kinder hört. meine Pfefferkuchen fortzugeben?« »Niemand. Und wer. -29- . Missis Corry«. die als Ladenmädche n arbeiten. Dann brach sie in ein grelles. besorge ich!« erklärte Missis Corry mit ihrer leisen.

die arme Annie in allen drei Bereichen menschlichen Lebens -30- .Photo: Baron Wolman »Dieses Zeichen nicht beachten« Abbildung 2 In weniger als einer halben Minute gelingt es Frau Corry also.

sondern nur zu tun beabsichtigt habe – offensichtlich in der immerhin vernünftigen Annahme. Was dieser Begriff und die oben angeführten Beispiele gemeinsam haben. Das eben beschriebene Kommunikationsmuster findet sich nämlich in klinisch gestörten Familien nur zu häufig. Annie versucht daraufhin. denn Frau Corry läßt sie prompt wissen. die der der Paradoxien (der Antinomien) in der Formallogik entspricht. sich damit zu verteidigen. Durch die Form ihrer ersten Frage deutet sie an. 166. ist ihre Struktur. nämlich in ihrem Handeln. 80. aber wir können es uns nicht leisten. in der die Mutter ihr Mißfallen zum Ausdruck bringt. 180. sondern daß sie sich von ihren Töchtern Reue erwartet. Denken und Fühlen. 168. und es existiert darüber eine ausgedehnte Literatur [zum Beispiel 13. den Kindern Lebkuchen zu geben. daß sie es ja nicht wirklich getan. verhöhnt sie als nächstes die Gefühle ihrer Tochter. warum Frau Corry so mit ihren Töchtern umgeht. 185]. Wir wissen nicht. daß die Angelegenheit keine Kleinigkeit ist. Und ganz ähnlich wie bei Frau Corrys Tochter lassen sich dabei drei Variationen des Grundthemas unterscheiden: -31- . 82. die Geschichte einfach als fiktiv abzutun. dies noch nicht getan zu haben. Während die Paradoxien der Logik für den Nichtfachmann aber höchstens amüsante Erinnerungen an seine Schulzeit sind. daß sie es von ihren Töchtern als selbstverständlich erwartet. Sobald sich ihre Töchter aber dafür entschuldigen. spricht sie ihnen plötzlich das Recht zum selbständigen Handeln ab. 167. Man spricht von ihm als einer Doppelbindung. derlei oder überhaupt zu denken. 174. ist ihr Auftreten im Gebiet der menschlichen Kommunikation von überragender Bedeutung. daß ihre Mutter bei ihr zumindest selbständiges Denken voraussetzt. Doch auch dies trägt ihr kein mütterliches Lob ein. daß sie kein Recht hat. Kaum hat sie Annie damit in Tränen versetzt. läßt schließlich keinen Zweifel darüber.und Erlebens zu blockieren. Und die Art und Weise.

Früher oder später wird damit auch unterstellt. sich doch mehr anzustrengen und die Dinge »richtig« zu sehen. dafür verantwortlich gemacht wird. und er wird in seiner Konfusion dazu neigen. wird sich schließlich dafür schuldig fühlen. die das Recht des Kindes auf sogenannte negative Gefühle bestreitet. Meist verteidigen sie sich darauf mit einer Gegenklage. Wer für seine Wirklichkeitswahrnehmungen oder für die Art und Weise. ein richtig erzogenes Kind müsse ein fröhliches Kind sein. wie er sich selbst sieht. er habe unrecht.« Auf diese Weise -32- . daß er verrückt sein muß. seinen Sinnen zu mißtrauen. Am häufigsten ergibt sich dieses Dilemma dann. daß sie selbst in der unbedeutendsten Verstimmung ihres Kindes eine stumme Anklage elterlichen Versagens sehen. Die damit verbundene Unsicherhe it wird die anderen zur Aufforderung veranlassen. Dieses Schuldgefühl kann dann selbst der Liste jener hinzugefügt werden. die den anderen anscheinend so klar sind. nicht die »richtigen« Gefühle in sich erwecken zu können. Wer von anderen.1. von für ihn lebenswichtigen anderen Menschen getadelt wird (zum Beispiel ein Kind von seinen Eltern). auf immer abwegigere und verschrobenere Weise nach jenen Sinnzusammenhängen und jener Ordnung der Wirklichkeit zu suchen. ihm aber nicht. 2. was wir für dich getan haben. wenn Eltern sich so fest der landläufigen Annahme verschrieben haben. anders zu fühlen. die er nicht haben sollte. wird schließlich dazu neigen. als er fühlen sollte. Unter Außerachtlassung der eben beschriebenen Interaktion mit den Personen seiner Umwelt wird sein so in künstlicher Isolierung gesehenes Verhalten dem klinischen Bild der Schizophrenie entsprechen. sich in der Welt und besonders in zwischenmenschlichen Situationen zurechtzufinden. etwa: »Nach allem. die für ihn lebenswichtig sind. Da ihm auf diese Weise immer wieder nahegelegt wird. solltest du froh und zufrieden sein. wird es ihm noch schwerer fallen. wenn er solche merkwürdigen Ansichten hat.

was ich möchte. In ähnlicher Weise mag eine Mutter ihre Tochter bereits in sehr frühem Alter vor der Häßlichkeit und den Gefahren alles Sexuellen zu warnen beginnen. wird dadurch in eine paradoxe Situation versetzt. die allein schon deswegen die häufigste sein dürfte. Das sich aus diesem Widerspruch ergebende Verhalten entspricht häufig der sozialen Definition der Haltlosigkeit. was ich sage. das heißt wiederum ohne Berücksichtigung des zwischenmenschlichen Kontextes. Es handelt sich dabei um die merkwürdige. entspricht das sich daraus ergebende Verhalten des Kindes dem klinischen Bild der Depression. wenn ein Partner vom anderen ein ganz bestimmtes spontanes Verhalten fordert. sehr irritierende Zwangslage. In künstlicher Isolierung. weil sich ihr Auftreten nicht auf klinisch gestörte Kommunikationssituationen beschränkt.kann auch die kleinste vorübergehende Traurigkeit oder Verzagtheit des Kindes zu Undankbarkeit und Böswilligkeit abgestempelt werden und in ihm endlose Gewissensqualen erzeugen. Verhaltensanweisungen erhält. [180] Nun gibt es aber noch eine vierte Variante dieses Grundthemas. die für ihn lebenswichtig sind. wo Eltern von ihrem Jungen erwarten.« Sie liegt zum Beispiel dort vor. Je -33- . die immer dann entsteht. Andere Eltern legen so großen Wert auf Gewinnen. weil es gefordert wurde. Wer von Personen. 3. das sich aber deswegen eben nicht spontan ergeben kann. daß er sowohl Respekt für Gesetz und Ordnung habe als auch ein rechter Draufgänger sei. daß man als Frau sich von Männern umschwärmen und begehren lassen soll. ihr gleichzeitig aber keinen Zweifel darüber lassen. Die Grundformel dieser Paradoxie ist: »Tu. daß für sie einerseits jedes Mittel diesen Zweck zu heiligen scheint. die bestimmte Handlungen sowohl erfordern als auch verbieten. in der er nur durch Ungehorsam gehorchen kann. und nicht. sie aber andererseits bei ihrem Kind auf Fairneß und Ehrlichkeit in allen Lebenslagen pochen.

so wird sie dennoch unzufrieden sein. da er ihrem Wunsch nach festerem Auftreten nicht gehorcht). ihr doch gelegentlich Blumen mitzubringen. Geforderte Spontaneität führt vielmehr unweigerlich in die paradoxe Situation. daß sie sich damit nun die Erfüllung ihrer Sehnsucht endgültig verbaut hat: Wenn er nämlich ihren Wunsch ignoriert. oder sein Verhalten ändert sich in der gewünschten Weise. wenn auch die Schuld daran erfahrungsgemäß jeweils dem oder den anderen zugeschrieben wird. doch werden sie in diesem Falle trotzdem unzufrieden sein. In solchen zwischenmenschlichen Zwickmühlen sind alle Partner gleichermaßen gefangen. die ihren Sohn für zu weich und nachgiebig halten und ihm daher irgendeine Variation des Themas »Sei nicht so nachgiebig!« einzubläuen versuchen. wird sie sich noch weniger geliebt fühlen. von sich aus. wenn eine Ehefrau es ihrem Mann nahelegt. ist ihr Wunsch menschlich durchaus verständlich.nach der Stärke des ihnen zugrunde liegenden Bedürfnisses können sich diese sogenannten »Sei spontan!«-Paradoxien von harmlosen Reibungen bis zu tragischen Verwicklungen erstrecken. Dieses Kommunikationsmuster liegt zum Beispiel dann vor. Doch auch hier sind nur zwei Ergebnisse möglich. -34- . Ganz ähnlich kann es Eltern ergehen. Weniger offensichtlich dagegen ist die Tatsache. weil sie sie verlangte. weil er sich aus dem falschen Grunde (nämlich eben doch wieder aus Nachgiebigkeit ihnen gegenüber) richtig verhält. einen anderen Menschen zur spontanen Erfüllung eines Wunsches oder eines Bedürfnisses zu veranlassen. denn er bringt ihr die Blumen ja nicht spontan. in der die Forderung ihre eigene Erfüllung unmöglich macht. Da sie sich vermutlich seit langem nach diesem kleinen Liebesbeweis gesehnt hat. sondern nur. kommt er ihm aber nach. und beide sind unannehmbar. Entweder der Junge bleibt passiv (in welchem Falle die Eltern unzufrieden sein werden. Es ist eine der vielen Merkwürdigkeiten menschlicher Kommunikation. daß es unmöglich ist.

sondern vor allem die Tatsache. daß dieser als Massenartikel hergestellte Blechknopf. bei allzu genauem Durchdenken in Paradoxien zu münden. wie ein Zitat aus Peter Schmids Studie über die Beziehungen zwischen den USA und Japan in der Mitte der sechziger Jahre veranschaulicht. Vertrauen. die Macht. wenn es individuell und spontan geboten wird. Paradoxien sind universal. Für Schmid war das damals im Schatten Amerikas dahinlebende Japan ein Hamlet. daß Sie unser Gast sind) widerspricht dem Sinn dieser Aufschrift durch die Art und Weise. Dem widerspricht aber nicht nur der Gesichtsausdruck der kaffeeservierenden Kellnerin. Macht erzeugt ihre eigenen Paradoxien und Doppelbindungen. Besehen wir uns den letzteren. in der dieser Sinn kommuniziert wird. Bei diesem Beispiel liegt die Paradoxie also nicht in einer Forderung nach spontanem Verhalten. und sie können ihr Unwesen in allen möglichen Gebieten menschlicher Beziehungen treiben. und es besteht guter Grund zur Annahme. Der von der Kellnerin getragene Blechknopf mit der kitschigen. genauer genommen. persönlich willkommen zu sein. der zwischen den sich gegenseitig ausschließenden Idealen von Sicherheit und Verzicht auf Macht schwankte: -35- . Gerechtigkeit.Abbildung 3 stellt eine besondere Varia nte einer »Sei spontan!«-Paradoxie oder. Normalität. Beweisbarkeit. ihr Spiegelbild dar. Macht und viele andere haben die fatale Neigung. Begriffe wie Spontaneität. den vermutlich jeder Angestellte des Hotels als Teil seiner Uniform trägt. im Gast schwerlich den Eindruck aufkommen läßt. Folgerichtigkeit. aber schwer übersetzbaren Aufschrift »We’re glad you’re here« (etwa: Wir freuen uns. Ein herzlich gemeintes Willkommen dieser Art hat nur dann wirkliche Bedeutung. daß sie unsere Wirklichkeitsauffassung nachhaltig beeinflussen können. sondern umgekehrt im unterschiedslosen BlankoAngebot pseudospontaner Gastfreundschaft.

daß sie unsere Wirklichkeitsauffassung nachhaltig beeinflussen können. Vertrauen. und sie können ihr Unwesen in allen möglichen Gebieten menschlicher Beziehungen treiben. Folgerichtigkeit. und es besteht guter Grund zur Annahme. Gerechtigkeit.„We’re glad you’re here“ (Wir freuen uns. Macht erzeugt ihre eigenen Paradoxien und Doppelbindungen. Normalität. Beweisbarkeit. Begriffe wie Spontaneität. daß Sie unser Gast sind) Abbildung 3 Paradoxien sind universal. die Macht. wie ein Zitat aus Peter Schmids Studie über -36- . bei allzu genauem Durchdenken in Paradoxien zu münden. Macht und viele andere haben die fatale Neigung. Besehen wir uns den letzteren.

falle auch ich. Rousseaus These vom guten. und zittere doch.die Beziehungen zwischen den USA und Japan in der Mitte der sechziger Jahre veranschaulicht. da übel. weil ich gut sein möchte… darum hat mein böser Freund Macht über mich. aber so weit wie möglich. Er ist mächtig… und darum böse… ich verachte. beginnt Lord Actons berühmter Aphorismus 10 . und die sich daraus ergebenden Pathologien der Macht sind von besonders eindrucksvoller und subtiler Unmenschlichkeit. hasse ihn deswegen… und doch muß ich ihm die Hand geben. er könnte straucheln. der zwischen den sich gegenseitig ausschließenden Idealen von Sicherheit und Verzicht auf Macht schwankte: Macht. Denn wenn mein Beschützer strauchelt. die für Unterdrückung. ist böse.und zwangsfreien Gesellschaftsform fröhliche Urstände. and absolute power corrupts absolutely. so lautet das Argument. -37- . diese Wahrheit einzusehen. was er als Mächtiger tut. den Mächtigen zu verderben. wie es Bösen geziemt. für Geisteskrankheiten und Selbstmord. Alkoholismus und Kriminalität verantwortlich ist. Dagegen machte Karl Popper in seinem Werk »Die offene Gesellschaft und ihre Feinde« schon 1945 die heute fast prophetisch 10 Power tends to corrupt. der Gute… [159] Macht neigt dazu. Ich bin ohnmächtig. Gerade heutzutage feiert die utopische Idee einer völlig macht. wieso die Gesamtheit aller natürlichen. noch nie gedachte Weisheit herumgeboten. vermieden werden muß. darum verzichte ich auf sie. natürlichen Menschen und der ihn verderbenden Gesellschaft wird wieder einmal aus der philosophischen Mottenkiste gezogen und als jungfräuliche. Für Schmid war das damals im Schatten Amerikas dahinlebende Japan ein Hamlet. Ein Freund schätzt mich. Weniger offensichtlich aber sind die merkwürdigen. Wie schon zu Rousseaus Zeiten bleibt es dabei ungeklärt. und es fällt kaum schwer. guten Menschen zu dieser finsteren. üblen Macht ausartet. Ich verurteile. nicht ganz. paradoxen Folgen der sich aus dieser Einsicht scheinbar zwanglos anbietenden Schlußfolgerung: nämlich daß Macht. Scheidungen.

als daß er sich spontan richtig verhalten muß – solange er das nicht tut. Das bedeutet aber nicht mehr und nicht weniger. Wie immer man den Begriff der psychischen Normalität medizinisch. Die wichtigste dieser vielen Normen ist. das im Einklang mit ganz bestimmten und grundsätzlichen Normen steht. von sich aus zu -38- . was wirklich ist…) versteht man meist Verhalten. nebenbei bemerkt. die vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. niemals existierte) für alle jene verloren ist. daß sie alle spontan befo lgt werden sollen und nicht etwa nur deshalb. Pflegepersonal und Patienten jeden Anschein von Macht möglichst zu vermeiden.« [135] Besehen wir uns dieselbe Paradoxie in einem konkreteren Rahmen. daß das Paradies der glücklichen. Da ihm aber diese Hilfe nicht aufgezwungen werden darf. Unter diesem scheinbar so klaren Begriff (jedermann weiß doch. daß der Patient noch nicht imstande ist.erscheinende Bemerkung. bleiben nur paradoxe Beeinflussungen offen. in den Beziehungen zwischen Ärzten. denn sonst wäre er ja nicht in einer Anstalt. weil dem Patienten keine andere Wahl gelassen wird. »Je mehr wir zum heroischen Zeitalter der Stammesgenossenschaft zurückzukehren versuchen. kann dabei Übereifer zu merkwürdigen Resultaten führen. So wünschenswert und menschlich dies ist. ist er eben ein Patient und braucht weitere Hilfe. bezieht er sich rein praktisch auf den Grad der Wirklichkeitsanpassung des Patienten. Ziel der Anstaltsbehandlung ist die bestmögliche Wiederherstellung der Normalität des Patienten – ein Ziel. primitiven Gesellschaft (das. niemanden zur Teilnahme an Gruppentherapiesitzungen zu zwingen. Geheimpolizei und einem romantisierten Gangstertum. das er offensichtlich aus eigener Kraft nicht erreichen kann. In der modernen psychiatrischen Anstaltspraxis werden große Bemühungen unternommen. So ist es zum Beispiel grundsätzlich richtig. psychologisch oder philosophisch untermauern will. Nichtteilnahme an den Sitzungen »beweist« aber. desto sicherer landen wir bei Inquisition.

und ihn dann eingehend darüber befragt. da alle Hilfe eine Machtstruktur zwischen Helfer und Geholfenem bedingt. Steaks auf dem Holzkohlenrost zu braten. in einer theoretisch völlig permissiven Umwelt und im Zusammenleben mit idealistischen. Pfleger und Patienten). sie zu braten – eine moderne Variante des Mottos ›Fiat justitia. daß der Patient der Ansicht gewesen war. In der Praxis können aber auch sie nicht ohne zum Teil sogar sehr starre Regeln auskommen. daß kein Zwang zur Teilnahme an der Gruppe besteht. dem Schlaraffenland der völlig guten. die schon allein deswegen absurd ist. Im psychologischen post mortem des Vorfalls stellte sich heraus. wenigstens theoretisch. Damit kommen diese Heime. aufopfernden Helfern die Nachtmeerfahrt ihrer Psychose zu absolvieren. während unter den Augen beider die Steaks langsam verbrannten. Der weitreichendste Versuch zur Herstellung eines völlig zwangsfreien und unstrukturierten Behandlungsmilieus wird in den sogenannten Blowout Centers unternommen. der Arzt könne sich genauso gut wie er um das Fleisch kümmern. Einer der Ärzte gesellte sich zu ihm und begann eine leutselige Unterhaltung. daß er den Patienten noch für unfähig hielt.begreifen. weil dies bewiesen hätte. pereat mundus‹. führte unlängst zu folgender amüsanter Konsequenz: Anläßlich eines Anstaltspicknicks war ein Patient dabei. wenn schon wirklich alle gleichen Status hatten. was für ihn gut ist. Der Arzt dagegen nahm an. – Die Devise von der Gleichheit aller (Ärzte. warum er nicht aus eigenem Antrieb zu den Sitzungen kommt. worunter kleine Wohnheime zu verstehen sind. die Steaks deswegen nicht retten zu dürfen. und die dementsprechende Entscheidung (Teilnahme an den Sitzungen) zu treffen. zwangsfreien Gesellschaft scheinbar recht nahe. ihm erneut versichert. wie etwa dem Verbot körperlicher -39- . daß man ihn freundlich beiseite nimmt. Sie muß also irgendwie für ihn getroffen werden. in denen es schwer gestörten Geisteskranken ermöglicht wird. was in der Praxis meis t so gehandhabt wird.

praktisch aber unhaltbare Lage nicht nur retten. dessen Macht sich über ein -40- . Geschichtliche Beweise dafür ließen sich in Fülle zusammentragen. il se passe des choses très vilaines. und sie spielen daher in Lehrbüchern der Geschichte. deren übler Einfluß angeblich allein an seinem Zustand schuld ist. daß sie vernünftig und logisch sein muß. offener sexueller Betätigung. Eine solche Situation bestand zum Beispiel unter Karl V. daß zum Beispiel der Heiminsasse. schließlich zum Verlassen des Heims gezwungen und damit wiederum der Gesellschaft überantwortet wird. fast schizophrenen Leugnungen gewisser Wirklichkeitsaspekte. Dazu kommt noch. wenn es sich nicht im Kontext angeblich völliger Freiheit von Macht und Nötigung abspielte. der Diplomatie oder (neuerdings) der Konfliktforschung bestenfalls die Rolle von Kuriosa. die unter allen Umständen aufrechterhalten werden muß. und die Therapie kann damit zu ihrer eigenen Pathologie werden. Aber eben diese These der Machtfreiheit. einem spontanen Drange folgend. daß der Teufel der Paradoxie am besten mit dem Beelzebub der Gegenparadoxie ausgetrieben werden kann.« Leider ist auch im Falle der Paradoxien der Macht die Diagnose leichter als die Therapie. die eine theoretisch vernünftige. Und doch sind es oft diese scheinbaren Absurditäten. Die wissenschaftliche Erforschung der verhaltensmäßigen Wirkungen vo n Paradoxien. sondern sogar zum bestmöglichen Erfolg führen können. ein relativ junger Zweig der menschlichen Verhaltensforschung.Tätlichkeiten. Gegen all dies wäre nicht das geringste einzuwenden. besonders wenn von der Therapie erwartet wird. alle Fenster einzuschlagen pflegt. Drogenmißbrauch und natürlich der Verhinderung von Selbstmordversuchen. der in kalten Winternächten. als er einmal bemerkte: »Quand la morale triomphe. – Remy de Gourmont dürfte eine ähnliche Paradoxie im Sinne gehabt haben. »Zufälligen« oder »Unwissenschaftlichen« an. legt es jedoch nahe. doch haftet ihnen immer das Odium des »Unvernünftigen«. erfordert die merkwürdigsten.

würdig einer Nation. Der Maria-TheresienOrden blieb bis zum Ende des Ersten Weltkriegs (und in Ungarn sogar bis in den Zweiten Weltkrieg hinein) die höchste militärische Tapferkeitsauszeichnung. die aus eigener Entscheidung und unter Mißachtung erhaltener Befehle den Verlauf einer Schlacht zum Sieg lenkten. allerdings fiktiven militärischen Situation. pero no se cumple« (man gehorcht. Eine ihrer Struktur nach ähnliche. deren Einstellung zur Übermacht der anderen (oder des Schicksals) immer schon vom Motto geprägt war: Die Lage ist hoffnungslos. Der Orden war damit das bewundernswerte Beispiel einer offiziellen Gegenparadoxie. Ging ihre Eigenmächtigkeit aber schief. und es dürfte kein Zweifel bestehen. In Zentralamerika führte dieses Dilemma zu einer heute noch praktizierten Lösung. aber man führt [die Weisung] nicht aus). sondern trotz der kaiserlichen Machtsprüche blühten. Die Beamten der Krone in den überseeischen Besitzungen waren dank der rudimentären Nachrichtenverbindungen in einem scheinbar unlösbaren Dilemma gefangen: Einerseits mußten sie die Befehle Madrids befolgen. nämlich in Joseph Hellers Roman -41- . Mit erfrischender Absurdität war er jenen Offizieren vorbehalten. nämlich der paradoxen Maxime: »Se obedece. andererseits konnten sie sie nicht befolgen. so blühte ihnen selbstverständlich ein Kriegsgerichtsverfahren wegen Ungehorsams. aber nicht ernst. aber noch viel unhaltbarere Paradoxie besteht in einer anderen. Zwei Jahrhunderte später wurde dieser Behelfslösung von Kaiserin Maria Theresia durch die Einführung des nach ihr benannten Ordens offizielle Anerkennung verliehen. in dem die Sonne nicht unterging. daß dank dieser Lösung die mittelamerikanischen Besitzungen nicht wegen.Reich ausgedehnt hatte. weil diese Weisungen meist in krasser Unkenntnis der örtlichen Gegebenheiten erteilt wurden und in jedem Falle die Befehlsempfänger erst Wochen oder sogar Monate nach ihrem Erlaß erreichten und bis dahin längst durch die Weiterentwicklung der Lage überholt waren.

als ein entsprechendes Gesuch zu machen.« »Warum bittet er dich denn nicht darum?« »Weil er verrückt ist«. sich vom Fronteinsatz zu drücken. um fluguntauglich geschrieben zu werden?« »Nein. Orr war verrückt und konnte fluguntauglich geschrieben werden. Dann kann ich es nicht mehr. der als Pilot bei einem amerikanischen Bombergeschwader im Mittelmeerraum dient. wenn er noch weitere Einsätze flöge. Selbstverständlich kann ich Orr fluguntauglich schreiben. »Kannst du ihn fluguntauglich schreiben?« »Klar kann ich das. vor. daß die Sache einen Haken hat?« »Klar hat sie einen Haken«.« »Heißt das. Wer den Wunsch hat. »Den IKS-Haken. Er brauchte nichts weiter zu tun. Er muß aber erst darum bitten. tat er dies aber.« Da war also ein Haken. obgleich er oft genug knapp mit dem Leben davongekommen ist. So verlangt es die Vorschrift. eben der besagte Catch-22. dessen Bedeutung in Hellers eigenen Worten darin bestand. so galt er nicht länger mehr als verrückt und würde weitere Einsätze fliegen müssen. macht aber vorsichtshalber nicht sich selbst. »Nein. Yossarian. »Er muß einfach verrückt sein. hält die seelische Belastung der täglichen Frontflüge nicht mehr aus und sucht verzweifelt nach einem Ausweg. Er braucht mich nur zu bitten. Er muß mich aber erst darum bitten. sagte Doc Daneeka. und -42- . Daneeka.« »Und dann kannst du ihn fluguntauglich schreiben?« fragte Yossarian. sonst würde er nicht immer wieder Einsätze fliegen.« »Mehr braucht er nicht zu tun. sagte Doc Daneeka. Er fühlt in dieser Angelegenheit beim Chefarzt. unmittelbarer Gefahr als Beweis für fehlerloses Funktionieren des Gehirns zu werten sei. Außer dem Heldentod steht ihm aber nur die Möglichkeit offen. Orr wäre verrückt. daß die Sorge um die eigene Sicherheit angesichts realer. erwiderte Doc Daneeka. sondern einen anderen Piloten namens Orr zum Gegenstand seiner Erkundigung: »Ist Orr verrückt?« »Klar ist er verrückt«. sich aus psychiatrischen Gründen für dienstunfähig erklären zu lassen.»Catch-22«. kann nicht verrückt sein. mehr nicht. Dr.

und die Umnachtung der Konfusion befällt Opfer wie Henker. dieser IKS-Haken«. auf totalitärer Gewalt beruhende Wirklichkeit ist von einem Wahnwitz. Es handelt sich um eine Art Karikatur militärischer Logik. doch wenn er bei Verstand war. und in dieser Wirklichkeit wird Normalität zum Ausdruck von Wahn oder Heimtücke umgedeutet. mußte er eben fliegen. so war er verrückt und brauchte nicht zu fliegen. wenn er das ablehnte. [66] Zugegeben. Dabei ist es gleichgültig. »Einen besseren findest du nicht«. -43- . stimmte Doc Daneeka zu. so mußte er für geistig gesund gelten und war daher verpflichtet zu fliegen. Die unübertreffliche Schlichtheit dieser Klausel der IKS beeindruckte Yossarian zutiefst. das Beispiel ist fiktiv. Flog er diese Einsätze. bemerkte er. »Das ist schon so ein Haken. und er stieß einen bewundernden Pfiff aus. dem sich niemand entziehen kann. und es gibt den Catch-22 in der amerikanischen Luftwaffe nicht. doch wie bei jeder guten Karikatur wird der Kern der Sache getroffen: Die Wirklichkeit des Kriegs oder jede andere. der die reaktionärste oder revolutionärste Justiz übt – menschliche Werte und die Gesetze der Kommunikation werden auf den Kopf gestellt. weigerte er sich aber zu fliegen. ob die Wirklichkeit die der Kanzel eines Bombenflugzeugs oder eines »Volksgerichtshofs« ist.bei Verstand.

oder indem ich eine Erklärung für ihr Verhalten verlange. ob ich Rußflecken im Gesicht habe. aber nicht unmittelbar damit zusammenhängenden Ereignis verknüpfen kann und daß dies dann zu merkwürdigen sexuellen Fixierungen und Ritualen führt. Vergegenwärtigen wir uns folgende Situation: Ich betrete ein Zimmer. nach Anhaltspunkten für ihr Lachen zu suchen – entweder indem ich mich umdrehe. Dieser ungewöhnliche Zusammenhang -44- . 11 Untersuche n wir zuerst die 11 Möglicherweise hat dies etwas mit der in der klassischen Sexliteratur häufig angeführten Beobachtung zu tun. wenn ihn seine Partnerin nicht beim Ohr zog. um zu sehen. oder sie sind im Besitze von mir unbekannten Informationen.Die Vorteile der Konfusion Das bisher Gesagte scheint wenig Gutes am Phänomen der Konfusion zu lassen. wenn erfolglos. Zweitens neigt man in einem Zustand von Konfusion ganz besonders dazu. die man durch den Nebel der Konfusion zu erkennen glaubt. Meine sofortige Reaktion wird darin bestehen. Erstens wird diese Suche. Nach einer ursprünglichen Lähmung löst also jeder Zustand der Konfusion eine sofortige Suche nach Anhaltspunkten aus. eine Erektion zu haben. Daraus folgt zweierlei. daß der gänzlich unvertraute und daher überaus verwirrende Zustand der ersten sexuellen Erregung sich fast untrennbar mit irgendeinem anderen gleichzeitigen. denn entweder sehen sie die Situation völlig anders. So soll zum Beispiel ein Mann unfähig gewesen sein. sich an die erste konkrete Erklärung zu klammern. Für mich ist das sehr verwirrend. Dem ist aber nicht ganz so. ob hinter mir jemand Faxen macht. oder im Spiegel prüfe. die zur Klärung der Ungewißheit und dem damit verbundenen Unbehagen dienen können. auf alle möglichen und unmöglichen Bezüge ausgedehnt und wird unter Umständ en die unbedeutendsten und abwegigsten Zusammenhänge einbeziehen. und die dort Anwesenden brechen in lautes Lachen aus.

Milton Erickson hat sie zu einer überaus wirkungsvollen therapeutischen Intervention. auf die er eines Tages fast rein zufällig kam: An einem stürmischen Tag. wenn die Situation entweder sehr gefährlich ist oder ihm nur ganz wenig Zeit läßt. Unglücklicherweise aber führt ihn sein Schicksal immer wieder in todsichere Situationen mit den schönsten Frauen. als hätte er sich nach der Zeit erkundigt. wie die Italiener in einem solchen Falle zu sagen pflegen. daß kam angeblich dadurch zustande. die noch dazu unbeschränkt Zeit für ihn haben. daß ihn sein Lehrer beim ersten Masturbationsakt unter seinem Pult ertappte und am Ohr hochzog. im Film »Casanova 70« karikiert Márcello Mastroianni eben diesen Mechanismus. das heißt dem erstbesten konkreten Anhaltspunkt. [39] In einer derart verwirrenden Situation neigt jedermann dazu. entwickelt. Es ist offensichtlich. obwohl es fast vier Uhr war. […] als ich an einer Straßenecke gegen den Wind ankämpfte. und sagte höflich: »Es ist genau zehn Minuten vor zwei«. der Konfusionstechnik. offenbar noch immer verwirrt und befremdet über meine Bemerkung. Er spielt die Rolle eines Schürzenjägers. um das téte-àtéte mit Gefahren anzureichern oder unter Zeitdruck zu bringen. zu greifen und diesem daher ein Übermaß an Wichtigkeit und Gültigkeit zuzuschreiben – selbst wenn der betreffende Anhaltspunkt entweder völlig unzutreffend oder zumindest bedeutungslos ist. und der arme Held ist daher entweder impotent oder muß die komischsten Verwicklungen erzeugen. sah ich umständlich auf meine Uhr.zweite Folge. daß man unter diesen Umständen besonders leicht irgendwelchen. daß er mir immer noch nachblickte. der aber nur dann leistungsfähig ist. nach dem nächsten. Der berühmte Hypnotherapeut Dr. Apropos. und ging weiter. ist es immerhin gut erfunden. in diesem kritischen Augenblick gegebenen Suggestionen zum Opfer fallen kann. è ben trovato – wenn’s nicht wahr ist. Se non è vero. scheinbar rettenden Strohhalm. Bevor er sich von seinem Schreck erholt hatte und etwas sagen konnte. kam ein Mann rasch um die Ecke gebogen und stieß in seiner Eile hart mit mir zusammen. Eine ganz ähnliche Szene findet sich in Woody Allens Film ›Was Sie schon immer über Sex wissen wollten‹. -45- . Mehrere Häuser weiter drehte ich mich um und sah. Kein Wunder.

und dies ist meist dann der Fall. oben erwähnte Folge von Konfusionen. können wir komplizierte. oder die Regel. routinehafte Situation eher unaufmerksam und zerstreut herangehen. -46- . die vollkommen aus dem Rahmen unseres Alltagsverhaltens fallen können. daß man vergessen muß. Wem ist es nicht schon zugestoßen. was man erreichen will – wie Herrigel das in seinem kleinen Buch über Zen und das Bogenschießen [67] so 12 Wie die Massenpsychologie lehrt. mißlingt es natürlich. Der taoistische Begriff des wuwei. lebensrettende Entscheidungen treffen und durchführen. der absichtlichen Absichtslosigkeit. den Erfolg unmöglich macht. der den Drahtziehern von Tumulten nur zu gut bekannt ist. und wir haben den undeutlichen Eindruck. kritischen Punkt an durch eine dann ausgegebene Losung oder auch nur durch einen Zuruf auf praktisch jede. ist von wesentlich größerem Interesse für unser Thema. nämlich die Tatsache. ein Wörterbuch genau an der gewünschten Stelle aufzuschlagen oder von einem Stapel von Formularen genau die benötigten 25 Exemplare abzuheben – als wäre es das einfachste Ding der Welt. kann die dumpfe Unentschlossenheit einer erregten Menschenmasse von einem bestimmten. auch die unsinnigste Handlung hin elektrisiert werden – ein Umstand. daß sie unsere Wahrnehmung für unter Umständen kleinste Einzelheiten schärft.solche Suggestionen aber nicht nur negative 12 (wahnbildende oder kritiklose). Über dieses Thema gibt es vor allem in den fernöstlichen Philosophien eine weite Literatur. sind wir unvermutet gewisser Reaktionen fähig. es zu wiederholen. wenn wir an eine alltägliche. In ungewöhnlichen Lagen. Die andere. sondern auch positive (zum Beispiel therapeutische) Folgen für die Wirklichkeitsanpassung des Betreffenden haben können. Im Bruchteil einer Sekunde und ohne auch nur zu überlegen. gehört hierher. daß unsere Absicht. Ähnliches kann aber auch unter weniger außergewöhnlichen Umständen eintreten. Wenn wir in unserem Erstaunen das kleine Kunststück dann zu wiederholen versuchen. zum Beispiel in großer Gefahr.

Aus diesem Grunde sind diese Phänomene von großem Interesse für die Kommunikationsforschung und in weiterem Sinne für unsere Untersuchungen der merkwürdigen Natur dessen. was wir die Wirklichkeit nennen. -47- . Die Frage. die in zwischenmenschlichen Situationen13 oder solchen zwischen Mensch und Tier von besonders ausschlaggebender Bedeutung sein können. daß ein gewisses Maß an absichtlicher Unaufmerksamkeit unsere Sensibilität gerade für die besonders kleinen. 13 Die Psychoanalyse verwendet dafür bekanntlich Begriffe wie den der freiflottierenden Aufmerksamkeit oder des Zuhörens mit dem »dritten Ohr«. Es dürfte aber kein Zweifel bestehen. Wenden wir uns also einigen dieser Situationen zu.schön beschreibt. averbalen Kommunikationen erhöht. muß der Antwort des Lesers überlassen bleiben. ob an all dem »höhere« seelische Fähigkeiten beteiligt sind.

was sie dort beobachtet und den strengsten wissenschaftlichen Prüfungen unterworfen hatten. doch verließen anscheinend alle jenen kleinen Hof geradezu ehrfürchtig und ohne jeden Zweifel darüber. die die phantastischen Berichte über die Leistungen des Pferdes nahelegten.Der Kluge Hans Im Jahre 1904 erfaßte eine Welle der Begeisterung die wissenschaftlichen Kreise Europas: Einer der ältesten Wunschträume der Menschheit war in Erfüllung gegangen. gepflasterten Hinterhof zw ischen schäbigen Zinshäusern im Norden Berlins. Ärzte. der achtjährige Hengst des pensionierten Schullehrers von Osten. höchst geduldig und höchst jähzornig. Psychologen.169] zufolge. ganze Expertenkommissionen und eigens aus diesem Anlaß geschaffene akademische Komitees unternahmen wahre Wallfahrten nach jenem prosaischen. zeitgenössischen Autoren [zum Beispiel 32. Neuropsychiater. Veterinärmediziner. dem Leser auch nur ein ungefähres Bild jener Euphorie zu vermitteln. Raummangel und der eigentliche Zweck dieses Buches verbieten es mir. das allgemeine Publikum genauso wie die geachtetsten und nüchternsten Wissenschaftler jener Zeit ergriffen hatte. liberal in der Überlassung des Pferdes -48- . nämlich die Verständigung zwischen Mensch und Tier. Zoologen. Viele dieser Besucher begaben sich dorthin mit all der Skepsis. Jenes Tier war Hans. die. wo der Kluge Hans seinen Stall hatte und seine erstaunlichen Fähigkeiten unter Beweis stellte. In offensichtlich grenzenlosem Glauben an seinen Lehrerberuf hatte der pensionierte von Osten14 seine 14 In seiner Einleitung zu Pfungsts Buch über den Klugen Hans [124] beschreibt Stumpf von Osten wie folgt: »Ehemaliger Mathematiklehrer am Gymnasium und dabei zugleich passionierter Jäger und Reiter. Physiologen.

gelangte ein zweites während tagelanger Abwesenheit und wieder tyrannisch in der Aufdrängung törichter Bedingungen. Der Kluge Hans aber bestand alle diese Prüfungen sozusagen mit fliegenden Fahnen. daß ihre Aufzählung hier unmöglich ist und der interessierte Leser sich Pfungsts klassische Abhandlung [124] vornehmen muß. auch nur die entfernteste Möglichkeit einer Täuschung durch geheimes Signalisieren seitens seines Herrn auszuschalten. Aber kaum drei Monate später. die ihm vorgestellt worden waren. scharfsinnig in der Unterrichtsmethode und doch wieder ohne Verständnis für die elementarsten Formen wissenschaftlicher Untersuchung – das alles und noch viel mehr geht in seiner Seele zusammen. September 1904 veröffentlichte eine Sachverständigenkommission. besonders da seine Leistungen in von Ostens Abwesenheit fast ebenso gut waren wie in dessen Gegenwart. wissenschaftlichen Prüfungen unterzogen. und so viele andere unglaubliche Leistungen mehr. das Pferd könne innerlich sprechen. Die Ergebnisse nichtnumerischer Aufgaben buchstabierte er. für b zweimal usw.pädagogischen Talente von kleinen Lausbuben auf sein schönes Pferd umgelenkt und ihm nicht nur Arithmetik beigebracht.« [126] -49- . ein Sonderling. Fotos von Leuten zu erkennen. Am 12. wurden seine Fähigkeiten äußerst sorgfältigen. deren Zweck es war. sondern auch die Fähigkeit. Wie bereits erwähnt. Er ist ein Fanatiker seiner Überzeugung. Der Kluge Hans klopfte das Ergebnis mathematischer Aufgaben mit seinem Huf. das sowohl jegliche absichtliche Täuschung wie auch unwillkürliche Zeichengebung ausschloß und dem Falle dieses ungewöhnlichen Pferdes die höchste wissenschaftliche Bedeutung zusprach. ein Gutachten. und zu diesem Zwecke hatte er das Alphabet auswendig gelernt und klopfte (nach Art der spiritistischen Medien) für a einmal. Dezember 1904. die Uhr zu lesen. von der Galischen Phrenologie angefangen bis zu der Behauptung. am 9. die sich aus dreizehn hervorragenden Wissenschaftlern und Fachleuten (darunter Mitglieder der Preußischen Akademie der Wissenschaften und Professoren der Universität Berlin) zusammensetzte. vollgestopft mit Theorien.

wie sie selbst routinierten Beobachtern entgehen konnten. vornehmlich dem Fragesteller. Oskar Pfungst. eines der Mitglieder der Septemberkommission. ist es aber gelungen. [127] Das Gutachten führt dann weiter aus: Diesen Tatsachen entspricht. unsichtbar bleiben. lesen und rechnen. Es versagt ferner. Diese unerwartete Art von selbständiger Bestätigung und die so erlangte Sicherheit in der Wahrnehmung kleinster Bewegungen blieben erstaunlich. phil. wenn es durch genügend große Scheuklappen verhindert wird. Carl Stumpf. Das Pferd muß im Laufe des langen Rechenunterrichts gelernt haben. Es kann also nicht zählen. zu sehen. Er kann nun die sämtlichen -50- . und endlich diese seine unabsichtlichen in absichtliche Bewegungen zu verwandeln. Es bedarf also optischer Hilfen.Gutachten an die Öffentlichkeit. wenn die Lösung der gestellten Aufgabe keinem der Anwesenden bekannt ist. darauf sein eigenes. daß es sich begreift. an Herrn von Osten direkt die verschiedenen Bewegungsarten zu erkennen. Stumpf hatte in der Zwischenzeit seine Arbeiten mit dem merkwürdigen Pferd weitergeführt und in ihrem Verlaufe hatte einer seiner Mitarbeiter. Doch Pfungst war nur ein cand. bis dahin unbewußtes Verhalten zu dem Pferde zu kontrollieren. daß sie den Anwesenden. daß das Pferd versagt. dessen Beobachtungsfähigkeit durch Laboratoriumsversuche über kürzeste Gesichtseindrücke geschärft ist. soviel ich sehe. die das Tier zu seinen Reaktionen veranlassen. der spätere Autor des bereits erwähnten Buchs. zu beachten und als Schlußzeichen zu benutzen. Herrn Pfungst. denen die Lösung der Aufgabe bekannt ist. vornehmlich den Fragesteller. Die Bewegungen. während seines Tretens immer genauer die kleinen Veränderungen der Körperhaltung. beispielsweise wenn ihm geschriebene Ziffern oder zu zählende Gegenstände so dargeboten werden. die den einzelnen Leistungen des Pferdes zugrunde liegen. Die Triebfeder für diese Richtung und Anstrengung seiner Aufmerksamkeit war der regelmäßige Lohn in Gestalt von Mohrrüben und Brot. et med. die Personen. sind bei Herrn von Osten so minimal. Diese Hilfen brauchen aber – und hierin besteht das Eigentümliche und Interessante des Falles – nicht absichtlich gegeben zu werden. Dr. nur folgende Vorstellung von der Sache. Sein Autor war Prof. mit denen der Lehrer unbewußt die Ergebnisse seines eigenen Denkens begleitet. und in guter akademischer Tradition fiel die Autorschaft Stumpf zu. eine entscheidende Entdeckung gemacht. Wie das Gutachten feststellte. hatte Pfungst entdeckt.

ohne überhaupt die bezügliche Frage oder den Befehl auszusprechen. -51- . Derselbe Erfolg tritt aber auch ein. statt umgekehrt sein Weltbild den unleugbaren Tatsachen anzupassen – ein Thema. das uns im 2. die Bewegungen zu machen. Teil dieses Buches eingehender beschäftigen wird. Wie Pfungst beschreibt. daß von Osten (dessen Ehrlichkeit niemals in Frage stand) über dieses Gutachten höchst aufgebracht war. In typischer Weise zog er damit jene Wirklichkeitsauffassung vor. weil eben die erforderliche Bewegung bei ihm dann von selbst auftritt. die im Einklang mit seiner Überzeugung stand.Äußerungsformen des Pferdes auch willkürlich durch entsprechende Bewegungen zur Erscheinung bringen. doch bald gewann er das Vertrauen in sein Pferd zurück und gestattete keine weiteren Untersuchungen. wenn Herr Pfungst sich nicht vornimmt. richteten sich sein Zorn und seine Enttäuschung in geradezu tragikomischer Weise zunächst gegen den Klugen Hans. [128] Es läßt sich leicht denken. sondern nur die gewollte Zahl so intensiv wie möglich sich vorstellt.

daß es zu jener Zeit nicht nur die Kommunikationsforschung als Fachrichtung überhaupt nicht gab. Hediger. In dieser Perspektive konnte die ganze Angelegenheit nur als peinliche Entgleisung gesehen werden. wenn wir uns – wie schon im Vorwort erwähnt – vor Augen halten. die phantastisch komplizierte Rechenaufgaben zu lösen gelernt hatten und in ihrer Freizeit außerdem noch ihre menschlichen Interviewer mit witzigen und philosophischen Bemerkungen verblüfften. über das die Ethologie (die moderne Bezeichnung für die Tierpsychologie) bis heute nicht ganz hinweggekommen ist. hochinteressante Entdeckungen zu würdigen und weiterzuverfolgen. hatte man auch in Elberfeld Pferde entdeckt. und sie wurden damit zu einem Trauma. sondern selbst der Anlaß und Zweck solcher Untersuchungen dem damaligen wissenschaftlichen Denken fernlag. Ferner gab es sprechende (bellende) Hunde in Mannheim und verschiedene andere Tiere. da Stumpfs Gutachten veröffentlicht wurde. Auf diese Blüten fiel der Reif der Pfungstschen Forschungsergebnisse. die ebenso klug oder sogar noch begabter waren als ihr Berliner Kollege. daß aus dieser ganzen Bewegung um die klopfsprechenden Tiere. dieses Trauma mit folgenden Worten: Es ist evident. Statt diese aber als eigenständige.Das Kluge-Hans-Trauma Ungefähr zur selben Zeit. sah man in ihnen nur eine wissenschaftliche Blamage 15 . daß aus diesem gigantischen Lapsus bis auf den heutigen Tag immer nur die negative Konsequenz gezogen worden ist: Vermeidung des Klugen-Hans-Fehlers 15 Dies ist um so begreiflicher. eine weltweite Kontroverse und eine riesige Literatur erzeugt hat. die immerhin ein gutes Vierteljahrhundert gedauert. der frühere Direktor des Züricher Zoos. -52- . darunter auch Schweine. In einem ausgezeichneten Referat beschreibt Prof.

Bevor du weißt. bestehen diese Kommunikationsmöglichkeiten und sind der Gegenstand vieler reizender und erstaunlicher Berichte über Interaktionen zwischen Tieren beziehungsweise zwischen Tier und Mensch. mußt du eine Vielzahl von Entscheidungen treffen.durch absolute Ausschaltung unwillkürlicher Zeichengebung – und das heißt praktisch: durch strikte Elimination jeglichen Tier-Mensch-Kontaktes im tierpsychologischen Experiment. »für das Tier oft in einer für uns unangenehmen Weise durchsichtig. vor allem der Mimik. so führt Hediger weiter aus. Nicht nur wird so die phantastische Fähigkeit der Tiere ignoriert. um einen Felsen herum und stehst plötzlich vor einem anderen Tier. sondern auch die Tatsache. »Wir sind«. schreibt Hediger. deren wir uns unbewußt sind und über die wir daher keinen Einfluß haben. Ist es ein Affe oder ein Nicht-Affe? Wenn es ein Nicht-Affe ist: ist es ein Pro-Affe oder ein Anti-Affe? Wenn es -53- . ob du es angreifen. wird aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. wahrzunehmen und richtig zu deuten. »du bist ein Affe und läufst einen Pfad entlang. Der Primatologe Ray Carpenter erklärte dem Anthropologen Robert Ardrey diese Notwendigkeit einmal wie folgt: »Stell dir vor«. dürfte kaum überraschen. daß wir Menschen fortwährend Signale aussenden.und Verständigungsmöglichkeiten gewesen.« [65] Obwohl also offiziell ignoriert. vor allem auf freier Wildbahn. Diese in gewissem Sinne peinliche Erkenntnis ist in der Tierpsychologie bisher merkwürdigerweise immer nur ein Gegenstand der Verdrängung und nie ein Ausgangspunkt positiver Untersuchungen im Sinne intensiverer Verstehens. sagte er. [64] Mit diesem peinlichen. Daß Tiere auf Gedeih und Verderb auf die richtige Wahrnehmung und Auslegung kleinster Anhaltspunkte angewiesen sind. kleinste Muskelbewegungen. die für ihr Überleben die richtige Einschätzung der Situation und die richtige Entscheidung in Bruchteilen von Sekunden erfordern. ängstlichen Vermeiden jedes persönlichen Kontakts mit dem Tier. In ihrem täglichen Leben. ignorieren oder ob du fliehen sollst. sind sie dauernd Situationen ausgesetzt.

der zum Abendessen kam [87]. Leslie.« [8] Jedermann. Der Bär schien dies sehr begrüßenswert zu finden und kam immer näher. der langsam immer näher kam. der sich allein in der Wildnis Nordwest-Kanadas befand. wenn es sich um affektgeladene Situationen handelt. hatte er guten Grund. ohne dazu abgerichtet worden zu sein. ist er weiblich oder männlich? Wenn es ein Weibchen ist. dem Bären eine Forelle nach der anderen zu füttern. daß der Bär darauf seinerseits ein lebensrettendes Maß von Sympathie an den Tag legen würde. weiß. der eine enge Beziehung zu einem Tier (besonders Katze. in der Hoffnung.ein Affe ist. andernfalls kannst du angegriffen werden. Hediger erwähnt als Beispiel einen von Gillespie beschriebenen Vorfall: Im letzten Krieg hob der Maskottbär eines Artillerieregiments. ist es in Hitze? Wenn es ein Männchen ist. In diesem geradezu klassischen Beispiel einer schöpferischen Konfusion. In solchen Situationen geben wir Menschen vorübergehend einige unserer intellektuellen Haltungen auf und werden damit dem Tier viel verständlicher. als er einen riesigen Schwarzbären bemerkte. Fische für sein Nachtmahl zu angeln. wie erstaunlich genau die Wahrnehmungen und das Verständnis seines Freundes besonders dann zu sein scheinen. zu deren Lösung weder Vernunft noch Erfahrung irgendetwas beisteuern können. wahre Geschichte ist Leslies Bericht vom Bären. ist es ranghöher oder rangtiefer? Es bleibt dir ungefähr ein Fünftel Sekunde. um alle diese Entscheidungen zu treffen. begann Leslie. den Bären möglichst unmißverständlich von seinen guten Absichten zu überzeugen. ist es erwachsen oder jung? Wenn es erwachsen ist. Hund oder Pferd) unterhält. war damit beschäftigt. in der der Intellekt sozusagen Bankrott erklärt. Eine andere reizende. Da Leslie unbewaffnet war. Wie aber knüpft man freundliche Beziehungen zu einem wilden Bären an? Es handelte sich hier ganz offensichtlich um eine Zwangslage. gehört es zu meiner oder zu einer anderen Gruppe? Gehört es zu me iner Gruppe. in einer Gefechtssituation ein 15cm-Geschoß auf und reihte sich in die Kette der Munitionsträger ein [57]. bis er -54- .

Hediger. und im Laufe der nächsten Tage entwickelte sich auf diese Weise eine enge symbiotische Beziehung. die darin bestand. daß Leslie in zunehmender Weise Bedürfnisse (zum Beispiel die Entfernung von Zecken) und Launen (zum Beispiel den Spieltrieb) des Bären befriedigte.schließlich halb an Leslie gelehnt dem Angeln aufmerksamst zusah. ist überzeugt. dies um so mehr. als es eine ganze Reihe verbürgter Berichte über ähnliche Spontankontakte wilder Bären mit Menschen gibt. der mit Leslie einen ausführlichen Briefwechsel über alle Einzelheiten dieses ungewöhnlichen Erlebnisses hatte. daß es sich um eine wahre Geschichte handelt. -55- . während dieser immer mehr Vertrauen in die freundlichen Absichten des Menschen bewies. Er folgte Leslie dann am Abend zu dessen Lager.

die zwar den Zweck des Experimentes -56- . Die Aufnahmen stammten aus Illustrierten und hatten in einer großen Anzahl von Voruntersuchungen (sogenannten Kalibriertests) einen neutralen Durchschnittswert von Null (also weder besonders erfolglos noch besonders erfolgreich) ergeben. den beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg dieser Menschen auf einer Skala von minus 10 (»sehr erfolglos«) bis plus 10 (»sehr erfolgreich«) angeben. Er zeigte ihnen zum Beispiel eine Serie von Fotos Unbekannter und ließ sie. Aufgabe jedes Versuchsleiters war es nun. die dem Klugen-Hans-Trauma nicht nur nicht zum Opfer fielen.Subtile Beeinflussungen Einer der wenigen Forscher. aber indirekter Beeinflussung von Versuchspersonen. und die Filme wurden dann einer größeren Zahl von Beobachtern gezeigt. seine Versuchspersonen indirekt zur Wahl des ihm zugewiesenen Wertes zu beeinflussen. rein auf Grund des allgemeinen Eindrucks. Diese Experimente wurden gleichzeitig gefilmt. ist Robert Rosenthal. in welcher fast unglaublichen Weise die Annahmen und Vorurteile eines Versuchsleiters das Verhalten und die Leistungen von Laborratten selbst dann beeinflussen. die bewiesen. wenn er überzeugt ist. Die eigentlichen Tests wurden von mehreren Versuchsleitern vorgenommen. sich völlig von ihnen freizuhalten [145]. Sein Name ist aber vor allem mit jenen psychologischen Experimenten an der Harvard-Universität verknüpft. den ihnen diese Bilder gaben. von denen jeder einen ganz bestimmten Wert auf der Skala von minus 10 bis plus 10 zugewiesen erhielt. sondern seine überragende Bedeutung für das Studium der Kommunikation erkannten. der Herausgeber des Klugen-Hans-Buchs auf englisch [125]. Rosenthal untersuchte auch die Wirkungen absichtlicher.

und die. die uns nicht bewußt sind und zu denen wir daher auch keine bewußte Stellung ergreifen können. Diese Sparte der Kommunikationsforschung stellt uns also vor philosophische und ethische Probleme der Verantwortlichkeit. legt zum Beispiel die Mutter des Jugendkriminellen oft zwei sehr widersprüchliche Haltungen an den Tag: eine »offizielle«. sie zu vermeiden. daß wir die Urheber von Einflüssen sein können. Nicht nur Tiere. daß wir fortwährend unsere Mitmenschen in verschiedenster Weise beeinflussen. Noch bedenklicher aber ist. daß die Schätzungen der Filmbeobachter sehr genau waren. zu dem die Versuchsleiter ihre Versuchspersonen zu beeinflussen trachteten. In den weiter vorne erwähnten typischen Formen von Doppelbindunge n in Familien ist eine Hälfte der paradoxen Mitteilung oft rein averbal und indirekt. auf Grund ihrer Eindrücke aus den Filmen den jeweiligen Wert zu erraten. Klinische Erfahrung lehrt. ohne uns dessen gewahr zu sein. Rosenthal fand. nicht aber den bestimmten Erfolgsgrad. von denen wir nichts wissen. Wie erwähnt. sondern auch Sender solcher außerbewußter Beinflussungen sind. wie sehr wir uns auch bemühen mögen. auf dessen Wahl hin jeder Versuchsleiter seine Versuchspersonen zu beeinflussen trachtete. uns unter Umständen völlig unannehmbar wären. daß dieser Mechanismus besonders häufig in Familien auftritt. die unseren Vorfahren praktisch noch unbekannt waren. und es war die Aufgabe der Beobachter. sondern auch wir Menschen unterliegen also B eeinflussungen. daß wir selbst natürlich nicht nur Empfänger. Sie zeigt uns nämlich. was im Hinblick auf die besonders engen Beziehungen von Familienmitgliedern nicht erstaunlich ist. -57- . Es handelte sich also um einen Test über den ersten (gefilmten) Test. wenn wir von ihnen wüßten. daß diese Wirkungen von großer Bedeutung sind.wußten. Selbst auf Grund dieser sehr gekürzten Beschreibung des Experiments und der ihm zugrunde liegenden Wirkungen indirekter und averbaler Kommunikation läßt sich ermessen.

wenn diese ihn hoffnungslos stimmen oder abstoßen. Hess an der Universität Chicago wenigstens einige Teilantworten. das heißt rügende und verwerfende. und eine ganz andere. ist jedoch das Leuchten ihrer Augen und ihr kaum verhüllter Stolz bei der kritischen Aufzählung des Sündenregisters ihres Sprößlings unverkennbar. In ganz ähnlicher Weise kann ein Psychotherapeut unwissentlich zu den Problemen seines Patienten beitragen. indirekte und provozierende. wie diese subtilen und gleichzeitig sehr nachhaltigen Beeinflussungen praktisch übermittelt werden. Jemanden mittelbar und ohne sein Wissen zu einer so konkreten Entscheidung wie einer ganz bestimmten Schätzung auf einer 20-Punkte-Skala zu bringen. Ausgangspunkt der Hess’schen Arbeiten war ein -58- . nämlich daß die Verwendung von Hypnose dann gefährliche Folgen haben kann. In diesem Zusammenhang ist auch eine der Grundregeln der Hypnotherapie zu erwähnen. In diese Kontroverse über die Kommunikationsmodalitäten solcher averbaler. nämlich averbale. Die Arbeiten Rosenthals und anderer Forscher auf diesem Gebiet führten bald zu Meinungsverschiedenheiten darüber. geht weit über die uns geläufigen. alltäglichen Beeinflussungen hinaus. die wortreich gutes Benehmen und Respekt für gesellschaftliche Normen verlangt. Typischerweise wird er sich dann positiv und optimistisch auszudrücken versuchen. Es handelt sich hier ja um viel mehr als die uns allen bekannten. Dem Außenstehenden. recht allgemeinen Einflüsse auf Meinungen oder Haltungen anderer. deren sie sich selbst in Tat und Wahrheit unbewußt ist. und noch viel mehr ihrem Sohn. daß die Verwendung von Hypnose gefährliche Folgen haben kann.kritische. wenn der Therapeut glaubt. mittelbarer Einflüsse brachten die Ergebnisse der interessanten und bahnbrechenden Forschung von Eckhard H. unbewußt und indirekt aber seinen Patienten und damit den Verlauf der Behandlung negativ beeinflussen.

an welchem Schmuckstück ein Kunde besonders interessiert und daher einen hohen Preis zu zahlen bereit ist. so vergrößern sich meist ihre Pupillen. [68] Aufgrund dieses Zwische nfalls begann Hess sich experimentell mit diesem Problem zu beschäftigen und fand. Chinesische Jadehändler stellen angeblich auf ähnliche Weise. und ich sagte ihr das auch. ohne uns dessen bewußt zu sein. daß Zauberkünstler und Taschenspieler plötzliche Veränderungen der Pupillengröße genau beachten und daraus ihre Schlußfolgerungen ziehen. Es blieb aber Hess vorbehalten. außer daß in einer der beiden die Pupillen -59- . daß es sich hier um mehr als nur poetische Bildersprache handelt. Mir schien. wissenschaftlich nachzuweisen. daß das Licht zu schwach sein müsse – meine Pupillen seien ungewöhnlich groß. (Und damit sind wir um einen weiteren Teil unseres Glaubens an die Unerforschlichkeit der orientalischen Seele ärmer…) In einem anderen Experiment zeigte Hess seinen Versuchspersonen zwei Porträtaufnahmen einer attraktiven jungen Dame. Meine Frau sah zufällig herüber und erwähnte. Wird zum Beispiel jene Karte aufgeschlagen. solche minimalen Zeichen aussenden beziehungsweise von ihnen beeinflußt werden. Den Dichtern freilich war dies schon längst bekannt: Umschreibungen wie »kalte. fest. daß meine Pupillen erweitert waren. Die Bilder stammten vom selben Negativ und waren daher identisch. daß die Nachttischlampe durchaus hell genug war. So konnte er im Laufe seiner Untersuchungen unter anderem feststellen. haßerfüllte Blicke« oder »ihre Augen flossen über vor Liebe« beziehen sich ganz offensichtlich auf die Tatsache.rein zufälliges Ereignis: Vor etwa fünf Jahren blätterte ich eines Abends im Bett in einem Buch mit auffallend schönen Tieraufnahmen. sie aber bestand darauf. das heißt durch Beobachtung etwaiger Pupillenerweiterungen. daß wir alle. sondern weitgehend auch von gefühlsmäßigen Faktoren. die sich die Versuchsperson merkte. daß die Pupillengröße keineswegs nur von der Stärke des einfallenden Lichtes abhängt (wie man als Laie annehmen würde).

daß das eine Bild größere Pupillen hatte als das andere.durch Retuschieren vergrößert worden waren. Keine der Versuchspersonen entdeckte. doch scheint die Reaktion darauf – zumindest bei unseren Versuchspersonen – auf averbaler Stufe stattzufinden. in dessen Gegenwart sie sich befindet! [69] Die Erforschung dieser überaus subtilen Formen menschlicher Kommunikation hat bisher nur die Oberfläche eines zweifellos sehr fruchtbaren Gebiets berührt. daß die eine Aufnahme »fraulicher«. daß die beiden Bilder identisch waren. in der dem Experiment folgenden Besprechung gaben die meisten Versuchspersonen aber an. doch wissen wir heute bereits. schreibt Hess. der Unterschied mußte ihnen gezeigt werden. »hübscher« oder »weicher« war. -60- . Große Pupillen wirken offenbar anziehend auf Männer. Man darf wohl vermuten. die die zwischenmenschliche Wirklichkeit alltäglich und nachhaltig beeinflussen. daß große Pupillen bei einer Frau deshalb reizvoll sind. daß Pupillenreaktionen nur eine von vielen averbalen und außerbewußten Verhaltensweisen sind. Einige bemerkten allerdings. Die war mehr als doppelt so stark wie die auf die Aufnahme mit den kleineren Pupillen. durchschnittliche Reaktion auf dieses Bild. Schon im Mittelalter erweiterten Frauen sich ihre Pupillen mit Belladonna (was auf italienisch »schöne Frau« bedeutet). weil sie ein ungewöhnliches I nteresse an dem Mann ausdrücken.

das Symbol der Karte zu erraten. ob sie richtig oder falsch geraten hat. in der wir – vermutlich aus reiner Verzweiflung oder faute de mieux – zu unseren subtilsten Wahrnehmungen Zuflucht nehme n. daß wir alle viel mehr wahrnehmen und von unseren Wahrnehmungen viel mehr beeinflußt werden. oder auf irgendeiner anderen. als wir wissen – in anderen Worten. in dessen Verlauf praktisch jede Versuchsperson zu einem Fachmann in scheinbar außersinnlicher Wahrnehmung gemacht werden kann. in denen die scheinbare Unmöglichkeit der Aufgabe jene schöpferische Konfusion erzeugt. Fünfeck oder Wellenlinie) haben. inzwischen ist die Literatur über dieses Gebiet enorm angewachsen. über die wir uns nicht bewußt Rechenschaft geben. und der Versuchsleiter teilt ihr sofort mit. Aufgabe der Versuchsperson ist es. Wenn der Versuchsleiter nun beim Besehen eines bestimmten Symbols jeweils dasselbe minimale Anzeichen gibt (zum Beispiel eine bestimmte winzige Kopfbewegung oder einen etwas hörbareren Atemzug) oder -61- . Es handelt sich hier also wiederum um eine jener Situationen. Kreis. die unser Verhalten aber weitgehend bestimmen. Der Versuch beruht auf dem von Rhine an der Duke-Universität verwendeten Satz von 25 Karten. Die Versuchsperson rät einmal pro Karte. Der an diesen Sachverhalten interessierte Leser kann aber unschwer ein einfaches Experiment selbst durchführen. Quadrat. daß wir in einem dauernden Austausch von Kommunikationen begriffen sind.»Außersinnliche Wahrnehmungen« Das bisher Gesagte läßt wenig Zweifel darüber. ähnlichen Serie von Symbolen. von denen je fünf dasselbe Symbol (Kreuz. Die über das Thema dieser außerbewußten Wahrnehmungen bis 1957 vorliegenden Arbeiten wurden zum größten Teil von Adams [5] resümiert. die der Versuchsleiter außer Sicht der Versuchsperson jeweils abhebt und ansieht.

Wie konnten Sie wissen. Der Erzähler dieser Kriminalgeschichte und sein Freund Dupin. »die Methode – wenn von einer Methode hier die Rede sein kann – die es Ihnen ermöglicht hat. und würde sich besser für das Théátre des Varietes eignen. »Warum zögern Sie? Sie dachten gerade daran.face-Situationen auf eben dieser menschlichen Wahrnehmungs. so steigt die Erfolgskurve der Versuchsperson rasch an und nähert sich hundert Prozent – vorausgesetzt natürlich. schlendern schweigend durch Paris. »dies übersteigt mein Begriffsvermögen. das ist richtig. ich dachte gerade an…« Hier hielt ich inne. Denis. daß ich bestürzt bin und meinen Sinnen kaum trauen kann.wenn im betreffenden Augenblick jeweils dasselbe leichte Geräusch im Nebenzimmer zu hören ist. Das Interessante daran ist. die Rolle des Xerxes in Crébillons gleichnamiger Tragödie zu spielen versucht und war dafür weidlich pasquiniert worden. rief ich aus. daß sein kleiner Wuchs ihn für Tragödien untauglich machte. Wie sich der Leser leicht vorstellen kann. tatsächlich »außersinnliche« Fähigkeiten in sich entdeckt zu haben. Chantilly. -62- . um Himmels willen«. »Dupin«. läßt sich auf diese Weise sehr viel Hokuspokus erzeugen. um auch meinen letzten Zweifel zu zerstreuen. Lange bevor sich Verhaltenswissenschaftler mit diesen Kommunikationsweisen zu befassen begannen. hatte sie das Genie Edgar Allan Poes bereits zum Kernstück seiner Erzählung »Die Morde in der Rue Morgue« gemacht. Ich zögere nicht zu sagen. Aller Wahrscheinlichkeit nach beruht ein Großteil angeblichen Gedankenlesens und Hellsehens in Face-en. »… an Chantilly«. von Theaterleidenschaft ergriffen. daß immer dasselbe Minimalzeichen für dasselbe Symbol gegeben wird. ob er wirklich wußte. »Erklären Sie mir. hatte. sagte er. Auf einmal bemerkt Dupin leichthin: »Er ist sehr klein. ein ehemaliger Schuster aus der Rue St.« Eben dies war der Inhalt meiner Überlegungen gewesen. daß die Versuchsperson den wahren Grund ihres Erfolgs nicht kennt und fest annimmt. der uns als ungewöhnlich scharfer Beobachter selbst der unbedeutendsten Tatsachen und Ereignisse vorgestellt wird. sagt er schließlich.« Der andere ist sprachlos.und Deutungsfähigkeit minimaler Anzeichen. an wen ich dachte.

welche freien Assoziationen die »richtigen« sind und welche keine Billigung finden – bis das Eintreten eines ganz bestimmten. rhythmischen Atmens den Patienten überzeugt. das fast unhörbare Streichen seines Barts. schleicht sich durch die Hintertür wieder ein. die ihm. so daß sich dieser Teil seiner phantasievollen Erzählung wie eine moderne verhaltenswissenschaftliche Abhandlung liest. das Kratzen der Feder des Doktors. Dupin. Der Analytiker sitzt hinter ihm. dem Patienten den freien Fluß seiner Assoziationen. Der wohlgemeinte Zweck dieses etwas ungewöhnlichen Kommunikationsarrangements ist es. so daß ihn der Patient nicht sehen kann. Poe verwendet dazu eine Reihe von zu seiner Zeit praktisch unbekannten Begriffen. Teils dieses Buc hs noch ein kurzer Hinweis auf den einzig lustigen Aspekt einer sonst so tierisch ernsten Angelegenheit wie der Psychoanalyse: Bekanntlich liegt der Analysand auf einer Couch und muß sich einer besonderen Form geistiger Konfusion. dem freien Assoziieren. das Quietschen seines Sessels. daß -63- . was immer ihm durch den Kopf geht. besonders aber die Erwähnung peinlicherer Themen. In Wirklichkeit aber tritt genau das Umgekehrte ein.« Und durch den Mund seines Helden Dupin gibt Poe nun eine wissenschaftlich durchaus überzeugende Analyse all jener Ereignisse und der minimalen Reaktionen seines Freundes in den letzten 15 Minuten. Zum Abschluß des 1. averbale Kommunikation und andere Verhaltensanalysen. hingeben – das heißt all das wahllos ausdrücken. all dies und vieles andere wird zu Signalen dafür. Um eine psychoanalytische Analogie zu verwenden: Was durch die Vordertür hinausgeworfen wird. entwickelt der Patient ein besonders scharfes Ohr für die minimalsten Geräusche. Statt die Gegenwart des Analytikers zu vergessen.meine Seele in diesem Zusammenhang zu erforschen. diese erstaunliche Rekonstruktion der Gedankengänge des anderen ermöglichten. wie freie Assoziationen. daß er sich der Anwesenheit des Analytikers so weniger bewußt ist. dadurch zu erleichtern.

sein Analytiker eingeschlafen ist… -64- .

Alexander Pope Die Theorie bestimmt. In beiden Fällen führte dies zu Konfusion. deren Zweck es ist. in denen eine Mitteilung ihren Empfänger in der vom Sender beabsichtigten Form entweder deswegen nicht erreichte. wie diese Form von Unwirklichkeit nicht durch Versagen oder durch unbeabsichtigte Paradoxien. sondern durch bestimmte Experimente herbeigeführt werden kann. Wir sahen ferner. das Verhalten von Organismen in ihrer Suche nach Ordnung zu untersuchen. -65- . wenn diese Ordnung schwer zu erfassen ist oder überhaupt nicht besteht.Teil II Desinformation Ordnung ist des Himmels oberstes Gesetz. weil ein Hindernis in der Übermittlung oder Übersetzung dies unmöglich machte oder weil die Mitteilung selbst so geartet war. daß sehr merkwürdige Störungen der Wirklichkeitsauffassung dann auftreten können. daß die durch Konfusion erzeugte Unwirklichkeit eine sofortige Suche nach Ordnung auslöst. Dabei wird sich zeigen. daß sie ihrer eigenen Bedeutung widersprach (also sich selbst entwertete) und damit eine Paradoxie schuf. was wir beobachten können. In diesem zweiten Teil des Buches soll nun untersucht werden. Albert Einstein Wir haben uns bisher mit Situationen befaßt.

Von diesen Experimenten werden wir uns dann tatsächlichen Lebenssituationen zuwenden. in denen Kommunikation einerseits praktisch unmöglich ist. andererseits aber eine gemeinsame Entscheidung getroffen werden muß. Schicksal oder Gott nennen könnte. -66- . die der Leser. Seine nähere Bedeutung wird sich im Folgenden klarer abzeichnen. einen ersten Hinweis darauf zu geben. Die eingangs angeführten Zitate Popes und Einsteins haben den Zweck. Schließlich werden einige Probleme zur Sprache kommen. Diese Betrachtungen werden dann zu ganz bestimmten Kontexten überleiten. sondern als vager Begriff einer übergeordneten Macht empfunden wird. wie grundverschieden die Ergebnisse dieser Suche je nach der Weltanschauung des Suchenden sein können. wie dies vor allem in der Gegenspionage und beim Gebrauch von Doppelagenten der Fall ist. Wie verhalten sich Menschen in einer solchen Zwangslage? Teil dieser Untersuchung wird ein Exkurs in das Wesen der Drohung sein. die mit der bewußten und absichtlichen Geheimhaltung von Information oder der vorsätzlichen Zuspielung falscher Information zusammenhängen. je nach seiner metaphysischen Orientierung. in denen der »Versuchsleiter« nicht mehr eine Person ist. Alle die eben erwähnten Kommunikationsmuster werden hier unter dem sicherheitsdienstlichen Ausdruck der Desinformation zusammengefaßt. Natur. Wirklichkeit.

Solche Lagen können experimentell herbeigeführt werden. da diese Situationen neuartig sind und zu ihrer Lösung keine (oder nur unzureichende) frühere Erfahrungen zur Verfügung stehen. führt bei allen Lebewesen zu jener sofortigen Suche nach Ordnung und Erklärung. daß in ihnen keine ursächliche Beziehung zwischen dem Verhalten des Versuchstiers (oder der Versuchsperson) und der Belohnung (oder Bestrafung) für dieses Verhalten besteht. die von großem philosophischem und psychiatrischem Interesse sind. worum es sich hier handelt: -67- . während diese nicht besteht. für deren Bewältigung man auf seine eigene Umsicht und Findigkeit angewiesen ist. so wird sein Suchen nach Sinnbezügen zu Wirklichkeitsauffassungen und Verhaltensformen führen. das Wesen der Situatio n auf Anhieb zu erfassen (also dieser Zustand von Desinformation).Nichtkontingenz – oder: Die Entstehung von Wirklichkeitsauffassungen Es gibt eine Unzahl von Lebenslagen. daß sie keinerlei innere Ordnung hat. dieser Umstand dem Betreffenden aber unbekannt ist. In anderen Worten. und der gemeinsame Nenner all dieser Experimente ist. Wenn nun eine solche Situation so geartet ist. daher die Bezeichnung nichtkontingente Experimente. es bestehe eine unmittelbare und erfaßbare Beziehung (eine sogenannte Kontingenz) zwischen seinem Verhalten und den sich daraus ergebenden Folgen. Dieser Mangel an direkt anwendbarer Erfahrung und die sich daraus ergebende Unfähigkeit. Einige Beispiele von zunehmender Komplexität sollen veranschaulichen. der betreffende Organismus glaubt. mit der wir uns bereits im ersten Teil des Buchs auseinandersetzten.

in anderen Worten: es ist gerade dieses vermeintlich richtige Verhalten. das Heben des Hufs sei das »richtige« Verhalten. wenn es den Huf hebt und ›daher‹ keinen Schock erhält. das es dem Pferd nun unmöglich macht. die für sein Leben wichtige Entdeckung zu machen. da das Pferd unweigerlich jeweils seinen Huf vom Boden abheben wird. sondern hat universelle Gültigkeit auch für den Menschen. Diese Form der Problementstehung beschränkt sich keineswegs auf Tiere. kann man den Schockapparat abmontieren. sobald die Glocke ertönt.Das neurotische Pferd Wenn man einem Pferd über eine Metallplatte im Boden seiner Box einen leichten elektrischen Schock in einen seiner Hufe erteilt und wenige Sekunden vorher jeweils eine Glocke läutet. in der Annahme bestärkt wird. Dies führt zu dem interessanten Resultat. Seine Lösung ist also zu einem Problem geworden. Wenn dieser sogenannte konditionierte Reflex einmal hergestellt ist. wird das Pferd sehr rasch eine Kausalbeziehung zwischen dem Glockensignal und dem Schock »vermuten« und daher beim Glockenzeichen den betreffenden Huf vom Boden abheben. das vor einem unangenehmen Erlebnis schützt. um auf diese nun bewährte und verläßliche Weise den Schock zu vermeiden. nur daß man bei ihm dann von einem neurotischen oder psychotischen Symptom spricht. daß die Bedrohung durch den Schock nicht mehr besteht. Damit aber wird dieses Fehlverhalten selbstbestärkend oder. daß das Tier jedesmal. [181] -68- .

Einfluß über die kapriziöse Unberechenbarkeit der Welt und des Lebens zu gewinnen. widerspricht. Unter diesen Umständen gewinnen diese Sekunden für sie eine pseudokausale Bedeut ung. Die Versuchsanordnung ist sehr einfach. die ihrem natürlichen Impuls. Zehn Sekunden nach Öffnen des Käfigs fällt Futter in den Napf. direkt zum Futter zu laufen. daß jedes – auch das zufälligste – Verhalten der Ratte in diesen Extrasekunden selbstbestätigend und selbstbestärkend und damit zu jener Handlung werden kann.165]) experimentell herbeigeführt werden. Kommt sie in weniger als zehn Sekunden dort an. ist. Die Ratte wird von ihrem Käfig in einen etwa drei Meter langen und einen halben Meter breiten Raum gelassen. von der sie »annimmt«. an dessen anderem Ende ein Futternapf steht. zum Beispiel Tauben [115. -69- . Merkwürdigerweise aber kann Aberglauben auch in einem so unphilosophischen Lebewesen wie der Laborratte (und vielen anderen Tieren. muß sie die restlichen acht Sekunden in einer Weise vergehen lassen.und Irrtumsverfahren) erfaßt die für praktische Sinnzusammenhänge sehr aufgeschlossene Ratte die offensichtliche Beziehung zwischen dem Erscheinen (beziehungsweise Nichterscheinen) von Futter und dem damit verbundenen Zeitelement. sie sei notwendig. vorausgesetzt. Nach einigem blinden Ausprobieren (dem sogenannten Versuchs. Und da sie normalerweise nur etwa zwei Sekunden für das Zurücklegen der Entfernung zwischen ihrer Käfigtür und dem Futternapf brauchen würde. so bleibt der Napf leer.Die abergläubische Ratte Aberglauben gilt allgemein als eine typisch menschliche Schwäche oder als magischer Versuch. um dafür durch das Auftauchen von Futter von weiß Gott woher belohnt zu werden – und dies ist das Wesen dessen. Und was pseudokausal in diesem Zusammenhang bedeutet. daß die Ratte erst zehn Sekunden nach Öffnen des Käfigs zum Napf kommt.

Denn jedesmal. es sei durch ihr »richtiges« Verhalten erzeugt worden. zum Beispiel eine Art Echternacher Sprungprozession auf den Napf zu oder eine bestimmte Zahl von Pirouetten nach rechts oder links oder irgendwelche andere Bewegungen. da für sie ihr Erfolg mit dem Futter ausschließlich davon abhängt. Es versteht sich von selbst. wenn sie beim Ankommen am Napf Fressen vorfindet. bestärkt dies die »Annahme«. Es läßt sich aber die frappierende Ähnlichkeit mit gewissen menschlichen Zwangshandlungen nicht übersehen. die auf dem Aberglauben beruhen.was wir im menschlichen Bereich einen Aberglauben nennen. -70- . Es ließe sich natürlich einwenden. daß mit dieser Erklärung der Ratte eine Art menschlicher Weltanschauung zugeschrieben wird und daß dies reine Phantasie ist. nun aber sorgfältig wiederholt. die die Ratte zuerst eben rein zufällig ausführte. sie seien zur Beschwichtigung oder Günstigstimmung einer höheren Macht notwendig. daß dieses Zufallsverhalten für jedes Tier verschiedene und höchst kapriziöse Formen annehmen kann.

Der Versuchsleiter projiziert nun eine Reihe von Mikrodiapositiven von Gewebezellen. A und B. das Aufleuchten des betreffenden Signals teilt ihm mit. so daß sie sich gegenseitig nicht sehen können. worauf sofort das Lämpchen »richtig« oder »falsch« aufleuchtet. und es ist die Aufgabe der Versuchspersonen. nicht miteinander zu sprechen. In einem dieser Experimente sitzen zwei Versuchspersonen. unter Leitung von Professor Bavelas an der Stanford-Universität ausgeführte Versuche beweisen. Für ihn besteht das Experiment also im verhältnismäßig einfachen Erlernen einer ihm bisher unbekannten Unterscheidung durch Versuch und Irrtum. -71- . wie mehrere. vor einem Projektionsschirm. gesunde von kranken Zellen mit einer Verläßlichkeit von etwa 80 % zu unterscheiden. durch Versuch und Irrtum die gesunden von den kranken Zellen unterscheiden zu lernen. ob er das betreffende Diapositiv richtig oder falsch diagnostizierte. zu jedem Bild durch Drücken des betreffenden Knopfs ihre (individuelle) Diagnose bekanntzugeben. wenn’s kompliziert auch geht? Die eben beschriebenen Wirkungen der Nichtkontingenz sind im menschlichen Bereich natürlich viel ausgeprägter und können unsere Wirklichkeitsauffassung nachhaltig beeinflussen. Zwischen ihnen ist eine Trennwand. und im Verlauf des Versuchs erlernen die meisten APersonen bald. das heißt. und es wird ihnen außerdem zur Auflage gemacht.Warum einfach. Beide haben vor sich je zwei Drucktasten mit der Bezeichnung »gesund« und »krank« sowie zwei Signallämpchen mit der Aufschrift »richtig« beziehungsweise »falsch«. Diese scheinbar sehr einfache Versuchsanordnung hat aber ihre geheimen Tücken: A erhält jedesmal die zutreffende Antwort auf seine Diagnose. Sie werden aufgefordert.

indem er Vermutungen anstellt und dann jeweils erfährt. weil die »Sphinx« ja nicht zu ihm. A’s Erklärungen sind meist einfach und konkret. In anderen Worten. nichtkontingent sind (das heißt. ist. daß die Antworten. Er erhält die Antwort »richtig«. und ihm daher nichts über die Richtigkeit seiner Diagnosen vermitteln. gemeinsam zu besprechen. ihm aber nicht zugänglich ist. als daß B’s Ideen für A um so überzeugender -72- . und A kommt daher zur Ansicht. von der er annimmt. wenn A dagegen sich irrte. die ihm die »Sphinx« auf seine Vermutungen gibt. es besteht für ihn keinerlei Möglichkeit. ungeachtet der Diagnose. sondern auf denen A’s. wie er ein bestimmtes Diapositiv einschätzt. erhält auch B die Antwort »falsch«. Die Antworten.B’s Situation dagegen ist eine ganz andere. welche Grundsätze für die Unterscheidung zwischen gesunden und kranken Zellen sie entdeckt haben. die er selbst stellte. Das bedeutet aber nicht mehr und nicht weniger. daß die Antworten. Es ist daher völlig gleichgültig. Beide wissen nicht. B’s Annahmen dagegen sind subtil und komplex – schließlich gelangte er zu ihnen ja auf Grund sehr dürftiger und widersprüchlicher Mutmaßungen. nichts mit diesen zu tun haben. daß sie buchstäblich über zwei verschiedene Wirklichkeiten sprechen. daß sie eine bestimmte Ordnung hat und daß er diese Ordnung entdecken muß. Das Erstaunliche ist nun. A und B werden nun ersucht. sondern von ihrer detaillierten Brillanz beeindruckt ist. Er sucht also nach einer Ordnung. Was er aber nicht weiß. die zwar besteht. er lebt daher in einer »Welt«. daß A die Erklärungen B’s nicht einfach als unnötig kompliziert oder geradezu absurd ablehnt. nichts mit seinen Mutmaßungen zu tun haben). daß die banale Einfachheit seiner Erklärungsprinzipien der Subtilität von B’s Diagnosen unterlegen ist. die er erhält. wenn A den Gesundheitszustand der betreffenden Zelle richtig erriet. ob diese richtig oder falsch waren. die er erhält. beruhen nicht auf seinen eigenen Diagnosen. sondern nur zu A spricht. B weiß das aber nicht. herauszufinden.

daß Krankheiten durch Gebet geheilt werden können. und wir werden uns weiter unten mit einigen besonders krassen Beispielen zu befassen haben. (Diese ansteckende Wirkung von Täuschungen und Wirklichkeitsverzerrungen ist auch außerhalb der Laboratorien der Kommunikationsforscher nur zu gut bekannt. anzugeben. die sich aus B’s Dilemma in diesem Versuch ziehen läßt. daß es B sein wird. werden beide ersucht. Damit aber wird die Erklärung »selbstabdichtend«. der Autor habe »die Phobie in einer Weise -73- . daß sein Glaube zu wünschen übrigließ. Besteht die Annahme zum Beispiel darin. die nicht falsifiziert werden kann. aber widersprüchliche Information nicht zu Korrekturen.klingen. identischen Test unterziehen. führt zusätzliche. ob A oder B bei diesem Test besser abschneiden wird als bei seinem ersten. – Mit ganz ähnlicher Logik erklärte Stalin-Preisträger Sergej Michalkov in einem kürzlichen Interview schlicht: »Ein überzeugter Kommunist kann kein Antikommunist werden. sie wird zu einer Annahme. und dies wiederum »beweist« die Richtigkeit der Annahme von der Macht des Gebets. Ein Kommunist war Solschenizyn nie« [101]. sondern zu weiteren Ausarbeitungen und Verfeinerungen der Erklärung. so »beweist« der Tod des Patienten. das heißt. geht weit über ihre experimentalpsychologische Bedeutung hinaus. deren Unerschütterlichkeit nur von ihrer Merkwürdigkeit übertroffen wird. [18] Die Lehre. kritisierte der Vertreter der psychoanalytischen Seite ein verhaltenstherapeutisches Buch über dieses Thema mit dem Hinweis. Dies ist tatsächlich der Fall. je absurder sie sind. 16 Wie jedoch 16 Mit Hilfe solcher unwiderlegbarer Beweisführungen kommt man schließlich zu Überzeugungen.) Bevor sich A und B einem zweiten. Sobald einmal das Unbehagen eines Desinformationszustands durch eine wenn auch nur beiläufige Erklärung gemildert ist. da A nun zumindest einige von B’s abstrusen Ideen übernommen hat und seine Vermutungen daher absurder und dementsprechend unrichtiger sind als beim ersten Mal. Alle B’s und die meisten A’s vermuten. daß die Verhaltenstherapie eine rasche und verläßliche Behandlung von Phobien ermöglicht. – Und in einer Debatte über die Behauptung.

Die Schlußfolgerung ist unausweichlich: Eine Phobie. sondern einen anderen Zustand angewandt werden« [152]. monströse Welterklärungen für die schlimmsten Greuel (wie etwa die Inquisition. die nur den Konditionierungs-Theoretikern akzeptabel ist und nicht die Voraussetzungen der psychiatrischen Definition dieser Störung erfüllt. Ein Blick auf die Weltgeschichte zeigt. Erklärungen von der Art. Rassentheorien. abergläubisch und letzten Endes psychotisch. ist aus diesem Grunde keine Phobie. Wann wird sich der wissenschaftstheoretisch geschulte Exorzist finden. Die Hartnäckigkeit. Seine Feststellungen sollten daher nicht auf die Phobie. der mit der Wortmagie der Psychiatrie aufräumt? -74- . daß ähnlich »unwiderlegbare«. kommt in einem anderen Experiment gut zum Ausdruck: definiert.der Philosoph Karl Popper bereits nachwies. wie wir sie hier untersuchen. mit der wir uns an einmal gefaßte Pseudo-Erklärungen dessen klammern. ist die Falsifizierbarkeit (das heißt die Möglichkeit einer Widerlegung) die conditio sine qua non jeder wissenschaftlichen Theorie. sind also pseudowissenschaftlich. totalitäre Ideologien) verantwortlich waren und sind. die verhaltenstherapeutisch behandelt werden kann. was wir für wirklich erklärt haben.

unbestimmbare »Verhalten« des Spielautomaten. wenn (wie es viel wahrscheinlicher ist) sie dies nicht tun. was ein einarmiger Bandit ist: ein Spielautomat. abergläubische Ideen über das Innenleben des einarmigen Banditen. gewinnt der Spieler. Man versucht also sein Glück gegen das kapriziöse.Der vielarmige Bandit Der Leser weiß vermutlich. in dem drei oder vier Scheiben durch das Herunterziehen eines Hebels (des »Arms«) in rasche Drehung versetzt werden. Wenn zwei oder mehrere Scheiben schließlich in derselben Stellung stehen bleiben. Verrenkungen. wie es die komischen Verrenkungen des Keglers nach Loslassen der Kugel sind. den Lauf der Kugel auf die Kegel hinzusteuern. schluckt die Maschine die Münze. und nicht selten entwickelt man dabei kleine. (Es handelt sich dabei um ungefähr ebenso harmlose Schrullen. die anscheinend den Zweck haben. durch deren Einwurf der Spieler den Arm entriegelte.) Der vielarmige Bandit Abbildung 4 -75- .

-76- . das heißt. Sie werden pro Tastendruck nie mehr als einen Punkt gewinnen und keine bereits gewonnenen Punkte wieder verlieren. Das Experiment besteht aus einer ununterbrochenen Reihe von 325 Versuchen (Knopfdrücken). um herauszufinden. Beginnen Sie. werden Sie beim Drücken der Kontrolltaste den Summer hören. Langsam aber wird sich Ihre Leistung verbessern. und Sie müssen sich zunächst also auf blindes Ausprobieren verlassen. die kreisförmig auf einem Schaltbrett angeordnet sind. es besteht kein Zusammenhang zwischen den von ihr gedrückten Tasten und dem Ertönen des Summers. daß Sie eine Höchstzahl von Punkten hier im Zählwerk erzielen. der ihr mitteilt.Eine etwas ähnliche. indem Sie einen Knopf des Kreises einmal drücken. wie Sie das erreichen können. Sie wissen jetzt natürlich noch nicht. Wenn Sie den richtigen Knopf oder einen aus einer Reihe von richtigen Knöpfen drücken. Drücken Sie dann den Kontrollknopf in der Mitte. Im Mittelpunkt des Kreises ist ein siebzehnter Druckknopf und über den Knöpfen ein dreistelliges Zählwerk angebracht (siehe Abbildung 4). daß die »Belohnung« (der Summerton. daß sie den »richtigen« Knopf gedrückt hat) nichtkontingent ist. und das Zählwerk wird einen Punkt mehr anzeigen. ob Sie damit einen Punkt gewonnen haben. werden Sie einen Summerton hören. aber kompliziertere Maschine wurde von Wright an der Stanford-Universität gebaut und »vielarmiger Bandit« genannt. Die Versuchsperson nimmt vor dem Schaltbrett Platz und erhält folgende Anweisung: »Ihre Aufgabe ist es. Drücken Sie dann wieder einen Knopf am Kreis (entweder einen anderen oder denselben) und prüfen Sie Ihre Leistung dann wiederum durch das Drücken des Kontrollknopfs. sondern sechzehn identische und unbezeichnete Klingelknöpfe. die in 13 Gruppen von je 17 Sowohl diese Anweisungen als auch die Beschreibung des Versuchs sind hier in stark gekürzter Form aus [189] und [190] wiedergegeben.« 17 Was die Versuchsperson nicht weiß. Wenn das der Fall ist. ist. Nach jedem Drücken eines Knopfs am Kreis müssen Sie also den Kontrollknopf drücken. Sie hat allerdings keine Arme. diese Knöpfe so zu drücken.

Alles scheint umsonst. muß man nun das eben richtig Gemachte irgendwie zu wiederholen versuchen. daß sie die Wahrheit zunächst nicht glauben können. Im Verlauf von Gruppe elf und zwölf (das heißt während der nächsten 50 Versuche) erhält die Versuchsperson keinen einzigen Summerton. Diese Versuche schlagen aber hartnäckig fehl.25 Versuchen eingeteilt sind. Im Verlauf der ersten zehn Gruppen (den ersten 250 Versuchen) erhält die Versuchsperson eine gewisse Anzahl von Bestätigungen (Summertönen). daß der Versuchsleiter derjenige ist. und von diesem Augenblick an (Gruppe 13) ist der Erfolg hundertprozentig: man hat die Lösung gefunden. wird den Versuchspersonen die Wahrheit über die Versuchsanordnung mitgeteilt. Langsam aber bilden sich einige scheinbar verläßliche Annahmen heraus. Gerade dann aber geht irgend etwas schief (Versuchsgruppen 11 und 12). Man versetze sich nun in die durch das Experiment herbeigeführte Lage: Nach dem erfolglosen Drücken einiger Knöpfe ertönt der Summer zum ersten Mal. so daß sie der Versuchsperson nur höchst ungefähre Annahmen über die (nichtbestehenden) Regeln gestattet. daß man keine Notizen machen darf. in der letzten Gruppe (den letzten 25 Versuchen) ertönt der Summer nach jedem Tastendruck. bis der Summer auf einmal wieder ertönt. Die Situation scheint vorläufig weder Hand noch Fuß zu haben. oder daß sie eine bisher unentdeckte Regelmäßigkeit in der angeblichen Regellosigkeit des sogenannten Randomisators im Apparat (des -77- . der einer Täuschung zum Opfer fiel. denn auch nicht ein einziger Versuch erweist sich als richtig. Einige nehmen sogar an. doch glücklicherweise macht man nun die entscheidende Entdeckung. die aber wahllos gegeben werden. Ihr Vertrauen in die Richtigkeit der eben erst mühsamst erarbeiteten Lösung ist aber so unerschütterlich. Da es aber eine weitere Bedingung des Experiments ist. die sie entdecken zu müssen glaubt. das alles bisher Erarbeitete in Frage stellt. An diesem Punkte angelangt.

Versuchspersonen. Auch die Parallele zwischen diesem Aspekt des Experiments und wirklichen Lebenssituationen ist offensichtlich – und 18 Der Anthropologe Gregory Bateson fragte sich einmal. daß die sechzehn Schaltknöpfe an nichts angeschlossen sind. Anderen muß die Rückseite des vielarmigen Banditen gezeigt und damit bewiesen werden. entwickelten verhältnismäßig einfache Erklärungen. kann unser darin investierter emotionaler Einsatz so groß sein. der bei Drücken des Kontrollknopfs den Summer entweder ertönen läßt oder nicht) gefunden haben. deren Versuche öfter als 50% mit dem Summerton »belohnt« wurden. daß er das Wesen eines universalen menschlichen Problems klar herausstreicht: Wenn wir nach langem Suchen und peinlicher Ungewißheit uns endlich einen bestimmten Sachverhalt erklären zu können glauben. Schlußfolgerungen ein sogenannter Schizophrener in dieser Lage würde.Zufallsmechanismus. unleugbare Tatsachen. für unwahr oder unwirklich zu erklären. versteht sich von selbst. wann immer es ihm einfällt. daß die absurdesten Erklärungen von jenen Versuchspersonen zusammengebastelt wurden. Was die Hartnäckigkeit und Komplexität dieser Pseudolösungen betrifft. statt unsere Erklärung diesen Tatsachen anzupassen. deren Versuche mit weit unter 50% liegender Häufigkeit für richtig erklärt wurden. fanden das Problem häufig unlösbar und gaben auf. andere. bevor sie sich von der Nichtkontingenz des Experiments überzeugen. Daß derartige Retuschen der Wirklichkeit bedenkliche Folgen für unsere Wirklichkeitsanpassung haben können. deren Tastendrücke während der Versuchsgruppen eins bis zehn zur Hälfte für richtig erklärt wurden.« [17] -78- welche ziehen »Diese andern . und hielt folgende Vermutung für die wahrscheinlichste: Knöpfe haben überhaupt keine Bedeutung – da sitzt jemand im Zimmer und läutet den Summer. konnte Wright nachweisen. daß wir es vorziehen. die unserer Erklärung widersprechen. 18 Das Elegante an diesem Versuch ist.

-79- .beunruhigend.

bis es uns endlich dämmert. davor warnt. wenn es den Anschein hat. daß diese Ordnung genauso wahrscheinlich ist wie jede andere. daß wir aus Gründen. werden wir ihn zunächst vermutlich nicht verstehen. die nichts mit Wahrscheinlichkeit zu tun haben. daß diese Folge keine Schlüsse darüber zuläßt. Mischten wir aber ein Pack Spielkarten und fänden sie dann fein säuberlich in die vier Farben und von As bis König geordnet. Wenn uns ein Statistiker dann belehrt. daß noch Merkwürdigeres bevorsteht. In dieser sehr willkürlichen Sicht erweist sich Wahllosigkeit also als die Regel und Ordnung als die unwahrscheinliche Ausnahme – und dies allein schon ist ein merkwürdiger Widerspruch. sondern nur mit unserer Definition von Ordnung. daß tatsächlich jede durch das Mischen der Karten erzielte Ordnung (oder Unordnung) genauso wahrscheinlich oder unwahrscheinlich ist wie jede beliebige andere.Von Zufall und Ordnung »Natura abhorret vacuum«. Man könnte auch sagen. daß es der Natur an einer gewissen Ordnung der Dinge gelegen sein sollte. daß in ihr keine einzelne Zahl oder Zahlengruppe mit größerer oder geringerer Häufigkeit auftritt als alle anderen. ist lediglich der. gewissermaßen einleitend. findet es immerhin plausibel. weshalb uns die ersterwähnte Ordnung so ungewöhnlich erscheint. und wer nicht gerade ein Wissenschaftsphilosoph ist und deshalb seine Zweifel an diesem Ausspruch hat. Im allgemeinen nennt man eine Folge von Zahlen dann wahllos oder zufällig (auf englisch random). der uns.und ordnungslos in einen Topf geworfen haben. welche Zahl (oder Zahlengruppe) den schon -80- . sagte schon Spinoza. um glaubhaft zu sein. diesem einen Resultat ausschließliche Bedeutung. so würde uns dies etwas zu ordentlich erscheinen. Wichtigkeit und Prominenz zugeschrieben und alle anderen als wahl. Der einzige Grund.

sie sei wahllos. 5. Wenn man umgekehrt aber die Folge 2. geben wir vielleicht zu. sie hat vielmehr eine strenge innere Ordnung. daß durch eine Rechenmaschine den schon vorliegenden Zahlen immer neue hinzugefügt werden. uns zu beweisen. ist. Die irrige Annahme. Besehen wir uns nun die Folge 4. Einem Mathematiker fällt es aber nicht schwer. 1. Der Grund dafür ist interessant: Nehmen wir an. Von hier ab werden die Dinge für uns Laien etwas unglaublich. und zwar ihre zweite bis zehnte Dezimalstelle. und was wir in diesem Zusammenhang mit »wirklich« meinen. 3. einen sogenannten Randomisator. das heißt frei von jeder inneren Ordnung. daß die nächste Zahl 14 sein wird. läßt sich vernünftigerweise erwarten. daß jede Zahl um drei größer als die ihr vorhergehende ist. 9. daß es solche Reihen nicht gibt und nicht geben kann. es muß aber trotzdem wirkliche Zufallsreihen geben. 8. Gut. wie haben eine Vorrichtung zur Herstellung von Zufallsreihen19 . beruhte also auf unserer Unkenntnis der ihr zugrunde liegenden Ordnung. 2.vorliegenden als nächste folgen dürfte. 11… prüft. daß diese Folge ein Teil der Ludolfschen Kreiszahl ist. ist. 5. da dieser Folge die Regel innezuwohnen scheint. 6… Soweit wir feststellen können. denn die meisten Mathematiker stimmen nun überein. daß diese Zahlenserie alles andere als wahllos ist. 6. können wir die nächste Zahl jeweils nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:10 voraussagen. die jedes weitere Element der Folge mit buchstäblich mathematischer Sicherheit voraussagbar macht. Es erweist sich also. der 19 Eine kurze Beschreibung solcher Vorrichtungen findet sich n Martin i Gardners Artikel ›On the meaning of randomness and some ways to achieve -81- . und angenommen. hat sie keine innere Ordnung. daß eine solche Folge absolut wahllos.

beliebig lange Folgen der zehn Ziffern unseres Zahlens ystems herstellt. wir können höchstens sagen. nach denen man suchen könnte. wann immer zwei Beobachter nach verschiedenen Formen der Ordnung forschen. es mit einer Eigenschaft der objektiven Wirklichkeit zu tun zu haben. daß – im Widerspruch zu tiefverwurzelten. so müssen sie darüber geteilter Meinung sein. der uns schon mit den Spielkarten unterlief: die Reihe 0123456789 ist genauso geordnet oder zufällig wie jede andere Kombination der Ziffern unseres Dezimalsystems. Unser erster Eindruck wird der sein. daß die Abwesenheit einer bestimmten Ordnung das Auftreten einer anderen Form von Ordnung logisch bedingt. da diese Folge »offensichtlich« hundertprozentig geordnet und deshalb nicht zufällig ist. da der Leser sich zu fragen begann. lediglich unsere willkürliche Entscheidung darüber. zu sagen. sozusagen durch die Hintertür. daß wir irgendwo in einer langen. ist. das Feld der menschlichen Kommunikation vermutlich gerade zum Zeitpunkt wieder betreten. wurde bisher im Fehlen von Ordnung (pattern) gesehen. was all dies mit der Thematik dieses Buchs zu tun hat. welche Folge zufällig zu nennen ist. Das Wesen der Zufälligkeit. Es ist ein mathematischer Widerspruch. sondern wie so viele andere Wirklichkeitsaspekte von der Perspektive des Beobachters it‹ [52]. landläufigen Ansichten – Ordnung und Chaos nicht objektive Wahrheiten sind. Wenn wir nämlich einmal akzeptiert haben. scheinbar ungeordneten Zahlenreihe plötzlich auf die Folge 0123456789 stoßen. daß sie keine all jener Gesetzmäßigkeiten aufweist. schreibt George Spencer Brown in seinem Buch über die Wahrscheinlichkeit. Damit aber begehen wir denselben Fehler. und wir glauben. und nehmen wir ferner an. was als Ordnung (beziehungsweise als Unordnung) zu gelten habe. läßt sie uns voll geordnet erscheinen – nur ist uns dies nicht notwendigerweise bewußt. Der Begriff der Zufälligkeit hat nur in Beziehung zum Beobachter Sinn. Worüber man sich aber nicht Rechenschaft ablegte. daß hier der Randomisator irgendwie versagte. daß eine Folge keine Ordnung hat. [23] Und damit haben wir. -82- .

eine Theorie nur auf beobachtbaren Größen aufzubauen. 20 Wir müssen dann allerdings damit rechnen. das besondere Bedeutung für unser Thema hat. scheint ein kurzer Abstecher in ein Gebiet angebracht. so wird es uns damit möglich. daß diese neue Perspektive in scharfem Widerspruch zu gewissen althergebrachten psychologischen.« -83- . der auf diese Tatsache verwies. 20 Selbstverständlich war Brown nicht der erste. zu versuchen. Einstein. da sie den Glauben an die Folgerichtigkeit und Ordnung unseres Weltbildes erschüttert.abhängen. war bereits über sie hinausgegangen und soll geantwortet haben: »Es ist durchaus falsch. philosophischen und sogar theologischen Ansichten stehen wird. was wir beobachten können. der früher selbst diese Ansicht vertreten hatte. sie bleibt aber für die meisten von uns eine bittere Pille. Die Theorie bestimmt. die Phänomene der Kommunikation und ihre Störungen in neuem Licht zu sehen. In einem Gespräch mit Einstein im Jahre 1926 vertrat selbst ein Genie wie Heisenberg noch die Meinung. daß nur beobachtbare Daten zur Bildung einer Theorie herangezogen werden dürften. In Wirklichkeit tritt gerade das Gegenteil ein. Bevor wir uns aber diesen zuwenden.

Wie bereits erwähnt. die je eines von fünf Symbolen (Kreis. Seine Diagnose sollte uns nicht überraschen. um die durchschnittliche Häufigkeit der Zwei auf die der anderen Zahlen zu drücken. so wäre die Reihe nicht hinlänglich wahllos und zufällig. denn er wird uns beweisen. -84- . die den Zufallscharakter der Reihe in Frage stellen und die wir daher nicht vollkommen außer acht lassen können. Tritt zum Beispiel die Zwei häufiger auf als die anderen neun Zahlen unseres Dezimalsystems. periodische Gesetzmäßigkeit enthält: Gewisse Häufigkeiten verdichten sich zu Werten weit über Zufälligkeit und fallen dann wieder zu statistischer Bedeutungslosigkeit ab. à corriger la fortune.und Regellosigkeit liegt. Wir fahren also fort. konstruieren auf diese Art eine lange Reihe und übergeben sie dann einem Statistiker zur Prüfung ihrer Zufälligkeit. sondern sozusagen unwahrscheinlich wahrscheinlich.»Psychische Kräfte« Kehren wir nochmals zum Thema der Zufallsreihen und dem zu ihrer Herstellung verwendeten Randomisator zurück. Weitgehend dieselbe Sachlage besteht in sogenannten außersinnlichen Wahrnehmungsexperimenten. Er bezieht sich damit offensichtlich auf unsere Korrekturen des unwahrscheinlich Wahrscheinlichen. nur daß in ihnen das Ziel im Finden von Ordnung in scheinbarer Wahl. Täten wir das nicht. Wie wir bereits sahen. sobald wir uns dessen bewußt wurden. das heißt das Zufällige noch zufälliger zu machen. befassen sich diese Versuche unter anderem mit dem richtigen Erraten von Karten. daß die Reihe eine merkwürdige. treten mit zunehmender Länge der Reihe gewisse Regelmäßigkeiten auf. so müssen wir einige dieser Zweien aus der Reihe entfernen. im bisher Besprochenen aber in der Ausschaltung von Gesetzmäßigkeiten.

der im obenerwähnten Buch als erster auf die bemerkenswerte Ähnlichkeit zwischen Zufallsreihen und außersinnlichen Wahrnehmungsexperimenten aufmerksam machte. Da Browns Hypothese etwas kompliziert ist. der ihm Anhaltspunkte für ungewöhnliche Forschungsprojekte vermitteln kann. Dies ergab sich so häufig. daß wir es hier mit einer besonderen Art von Trend zu tun haben. die weit über der zu erwartenden statistischen Häufigkeit von 1:5 liegen. deren Verständnis den Forschern sehr zu schaffen macht: Die Richtigkeit der Antworten nimmt oft fast so rasch wieder ab. Wesentlich eindrucksvoller ist aber die Signifikanz. Diese Fähigkeit ist aber von einer kapriziös unverläßlichen Art. [24] In einem Anhang zu seinem Buch stellt Brown schließlich die interessante Behauptung auf. daß eifrige psychische Forscher […] Vorkehrungen zur Vermeidung dieses Vorkommnisses in die Planung ihrer Experimente einzubauen versucht haben. Jedenfalls ist die Tatsache. sei der interessierte Leser an den Anhang verwiesen [25]. niemals vor Ende des Experiments zu prüfen. worauf sie verschwindet. Von diesen Resultaten wird meist darauf geschlossen. der zuerst zu hoher Signifikanz anwächst und dann langsam abnimmt. Pentagramm oder Wellenlinie) tragen. als sie zunächst anstieg. Die Vorkehrungen bestehen hauptsächlich darin. von denen die psychische Forschung berichtet. Er verwies auf die Möglichkeit. daß sich außersinnliche Wahrnehmungsversuche auch mit sogenannten Zufallszahlentafe ln statt mit Versuchspersonen durchführen lassen und dieselben Resultate ergeben. daß die Versuchsperson zu außersinnlicher Wahrnehmung fähig ist. Dies läßt sich in der psychischen Forschung häufig feststellen.Quadrat. ob in ihm etwas Ungewöhnliches eintritt. In dieser Interaktion zwischen Versuchsleiter und Versuchsperson erreichen die Leistungen mancher Menschen Werte. die sich über einen gewissen Zeitraum hinweg ausbildet und dann vom Versuchsleiter plötzlich bemerkt wird. Meines Wissens war es Brown. das ihm der -85- . daß der gesamte Sinn eines Ereignisablaufs von dem Ordnungsprinzip abhängt. Kreuz.

von wesentlicher Bedeutung für unsere Wirklichkeitswahrnehmung und leitet auf das nächste Thema über. -86- .Beobachter sozusagen aufstülpt.

diese sogenannte Interpunktion von Ereignisabläufen an anderem Orte [176] ausführlich behandelt habe. ist ihr Hebeldruck ein Reiz. möchte ich mich hier auf einige weniger theoretische Veranschaulichungen beschränken. das heißt der Wirklichkeit eine bestimmte Ordnung zuzuweisen. wenn ich diesen Hebel drücke. und möchte nur die offensichtliche Tatsache herausstreichen: nämlich daß ohne diese Ordnung unsere Welt uns regellos. zu interpunktieren. den sie dem Versuchsleiter erteilt. chaotisch.« Damit beweist die Ratte. Schon in den frühen zwanziger Jahren haben die Gestaltpsychologen diese Tendenz zum unablässigen Ordnen der Umwelt von der Neurophysiologie einfachster Organismen bis in die -87- . schreiben sie ihnen zwei sehr verschiedene Bedeutungen zu und erleben sie daher buchstäblich als zwei verschiedene Wirklichkeiten. worauf er mit dem Geben von Futter als erlernter Reaktion antwortet usw.Interpunktion – oder: Die Ratte und der Versuchsleiter Wohl alle Psychologiestudenten kennen den alten Witz von der Laborratte. wie aber die Ratte die Wirklichkeit sieht. warum es unerläßlich ist. Ich werde daher der Frage ausweichen. völlig unvorhersehbar und daher äußerst bedrohlich erscheinen würde. die einer anderen Ratte das Verhalten des Versuchsleiters mit den Worten erklärt: »Ich habe diesen Mann so trainiert. Obwohl beide also dieselben Tatsachen sehen. Da ich dieses Phänomen des Einteilens oder Gruppierens. daß er mir jedesmal Futter gibt. daß sie in derselben Reiz-Reaktionsfolge eine andere Gesetzmäßigkeit sieht als der Versuchsleiter: Für ihn ist der Hebeldruck der Ratte eine von ihr erlernte Reaktion auf einen von ihm unmittelbar vorher gegebenen Reiz.

empört sie sich. mit ihm in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. »Gleichgültig.21 Wir sehen also. Ein Ehemann hat den begründeten oder irrtümlichen Eindruck – für unsere Überlegungen ist das von ganz untergeordneter Bedeutung –. Der Mann aber ist weit davon entfernt. Zum Beispiel: Ein Mann kommt in den Himmel und trifft dort einen alten Freund. »ich bin ihre Strafe. auf dem Weg zu einer Vorstellung. zwischen ihnen zu vermitteln. So mag eine Mutter sich zum Beispiel als die einzige Brücke zwischen ihrem Mann und ihren Kindern sehen – ohne ihre dauernde Anstrengung. Dies läßt sich besonders klar in bestimmten Formen menschlicher Konflikte erkennen.differenziertesten menschlichen Funktionen hinauf verfolgt. du bliebst immer einige Schritte hinter mir. ging sie (laut ihm) hinter ihm her. »wie sehr ich mich auch 21 Unvereinbare Interpunktionen sind die Basis vieler Witze und nicht nur jenes von der Ratte. auf dessen Schoß ein dralles. etwas verspätet. Sie waren. könnte er zu ihnen eine viel engere und herzlichere Beziehung haben. Für ihn ist sie ein dauerndes Hindernis zwischen ihm und den Kindern – wenn sie sich nur nicht ewig einmischen würde. wie langsam ich auch ging.« -88- . sagt der alte Mann traurig. ihre Sicht des Problems zu teilen.« »Das ist nicht wahr«. süßes Mädchen strampelt. und als sie vom Parkplatz auf das Theater zueilten. Ein Zwischenfall liefert ihm einen weiteren »Beweis« für die Richtigkeit seines Verdachts. »Wie himmlisch«. daß das verschiedene Ordnen (Interpunktieren) von Ereignisabläufen im eigentlichen Sinne des Wortes verschiedene Wirklichkeiten erzeugt. die innere Ordnung ihres Ablaufs – und dies führt dann zu so widersprüchlichen Perspektiven wie »Brücke« oder »Hindernis«. »ist sie deine Belohnung?« »Nein«. sondern die Bedeutung. Genau wie die Ratte und der Versuchsleiter sehen auch sie nicht die einzelnen Ereignisse als solche anders. bestünde zwischen ihm und den Kindern überhaupt keine Bindung. sagt der Neuangekommene. daß es seiner Frau peinlich ist.

daß der Partner verrückt oder böswillig sein muß. Oder um -89- . du hieltst dich absichtlich immer mehrere Schritte vor mir. ob das Ei oder die Henne zuerst kam. daß es nur eine Wirklichkeit und daher auch nur eine richtige Wirklichkeitsauffassung (nämlich die eigene) gib t. ergeht es einem nicht besser als den Scholastikern. Eben darin aber liegt der Fehler.« Zu diesem Beispiel ließe sich einwenden. daß es eher ein umgekehrtes Interpunktionsproblem veranschaulicht. die unter Verwendung von zwei verschiedenen Sprachen vergeblich um Verständigung ringen. jede Wirkung ihrerseits zu einer Ursache wird und damit auf ihre eigene Ursache zurückwirkt [177]. wenn er die Dinge ganz anders sieht. daß sie ihre zwischenpersönliche Wirklichkeit widersprüchlich geordnet haben und nun blind annehmen. Zwei in diesem Irrtum gefangene Beziehungspartner sind wie zwei Menschen. In menschlichen Beziehungen ist aber die Theorie (also die Interpunktion) selbst das Ergebnis von Interpunktion. den die Partner in einem Beziehungskonflikt meist begehen. Wenn man aus puristischen Gründen versucht. Es besteht aber guter Grund zur Annahme. von denen der eine Tarock-. nämlich in dem Sinne. wie jede Ursache eine Wirkung bedingt. verschieden interpunktierten. zu entscheiden.beeilte. Daraus folgt zwangsläufig. jeder für sich. was wir beobachten können«. sondern daß sie bereits eine widersprüchliche Auffassung von ihrer Beziehung hatten und daher. oder zwei Spieler. der andere Skatkarten in der Hand hält und deren gegenseitige Erbitterung über das unsinnige Spielverhalten des anderen rasch wächst. Dies stünde durchaus im Einklang mit Einsteins Bemerkung »Die Theorie bestimmt. was zuerst kam – der Konflikt oder die Interpunktion –. nämlich zu übersehen. daß die Kausalität von Beziehungen zwischen Organismen (vom Menschen bis hinunter zum Einzeller) kreisförmig ist und daß genauso. daß der Konflikt nicht durch die widersprüchlichen individuellen Interpunktionen der beiden Partner verursacht wurde. die sich darüber stritten.

Dies bot die einmalige Gelegenheit. gilt es in England für sehr erotisch und nimmt daher einen viel späteren Platz im Verhaltensablauf (etwa Stufe 25) ein. Während in den USA zum Beispiel Küssen relativ früh (etwa auf Stufe 5) kommt und recht harmlos ist. Wenn also der Amerikaner annahm. ob sie die Beziehung an diesem Punkte abbrechen oder sich -90- . praktisches Beispiel zu veranschaulichen: Während der letzten Phasen des Zweiten Weltkriegs und in den unmittelbaren Nachkriegsjahren hielten sich Millionen amerikanischer Soldaten auf ihrem Weg zum europäischen Festland vorübergehend in Großbritannien auf. Sie fühlte sich daher nicht nur in undeutlicher Weise (diese kulturell bedingten Verhaltensregeln sind natürlich fast völlig außerbewußt) um einen großen Teil des »richtigen« Paarungsverhaltens betrogen.dasselbe Kommunikationsmuster durch ein oft zitiertes. sondern ein sehr unverschämtes Benehmen. daß sowohl die amerikanischen Soldaten als auch die englischen Mädchen sich gegenseitig des Mangels an sexuellem Taktgefühl und Zurückhaltung bezichtigten. Einer der Aspekte dieser Studie war ein Vergleich des Paarungsverhaltens in den beiden Kulturen. es sei Zeit für einen unschuldigen Kuß. durchläuft sowohl in England als auch in den USA ungefähr dieselben 30 Verhaltensstufen. sondern hatte sich zu entscheiden. die Reihenfolge dieser Verhaltensweisen ist aber in den beiden Kulturen verschieden. war dieser Kuß für die Engländerin durchaus kein unschuldiges. vom ursprünglichen Kennenlernen bis zum Geschlechtsverkehr. für moderne Zeiten ungewöhnlichen Massendurchdringung zweier Kulturformen unmittelbar zu studieren. Dies schien zunächst sehr merkwürdig. denn wie konnten beide Seiten dasselbe von der anderen behaupten? Nähere Untersuchungen brachten ein typisches Interpunktionsproblem ans Licht: Das kulturspezifische Paarungsverhalten. die Wirkungen einer solchen. Dabei ergab es sich. das für sie keineswegs in dieses Frühstadium der Beziehung paßte.

glaube ich zu wissen. 22 Bereits Wittgenstein bemerkte: »Was wir nicht denken können. wir können also nicht sagen. eine Art psychiatrischer Diagnose zu stellen: Bricht sie die Beziehung nach dem ersten Kuß überstürzt ab und ergreift die Flucht. Es kann kaum ausdrücklich genug betont werden. beginnt sie dagegen. sich auszuziehen. daß ich weiß. so scheint dies nymphomanisch. das können wir nicht denken. Und Laing definiert diese Form der Desinformation wie folgt: »Wenn ich nicht weiß. die nicht auf einen der beiden Partner reduziert werden können und dürfen. so könnte dies hysterisch genannt w erden. so wird es uns nicht schwerfallen. 22 Dieses Beispiel ist gleichzeitig auch die Illustration eines typischen ›Übersetzungsfehlers‹ und hätte daher auch in Teil I dieses Buches gepaßt. daß es sich hier und in allen ähnlichen Fällen um Konflikte handelt. sondern die ausschließlich im Wesen der Beziehung liegen. glaube ich nicht zu wissen« [83]. Wenn ich nicht weiß. daß ich nicht weiß.ihrem Freunde sexuell hingeben sollte. das Verhalten des Mädchens in künstlicher Isolierung zu beurteilen. da ihnen die zwischenpersönliche Natur des Konflikts verborgen bleibt und sie daher in einem Zustand der Desinformation leben. was wir nicht denken können« [187]. das Verhalten seiner Freundin auf Grund seiner außerbewußten Verhaltensregeln als nicht in das Frühstadium der Beziehung passend und daher schamlos zu finden. -91- . Wenn wir nun den typischen Fehler begehen. daß die Partner sie meist nicht von sich aus lösen können. Es ist typisch für solche Probleme. In diesem letzteren Falle war die Reihe nun am amerikanischen Soldaten.

fünfundzwanzig an Händen und Füßen (dessen korrekte Interpunktion natürlich ist: Zehn Finger hab ich. Cherry [31] zum Beispiel stellt fest.). waren sie bereits in der Literatur. Ein anderes Beispiel ist der bekannte Kinderwitz: Zehn Finger hab ich an jeder Hand. Hier. Unterstreichungen. Seufzen. Gesichtsausdruck. und zwanzig an Händen und Füßen). Lange bevor die Kommunikationsforschung sich mit diesen Interpunktionsproblemen zu beschäftigen begann. werden Satzzeichen zur Vermeidung von Ambiguität verwendet. bleibt ihr Sinn unverständlich oder mehrdeutig. Pausen. Die tragische. daß das genügt?« hat einen anderen Sinn als »Glauben Sie. schicksalhafte Unausweichlichkeit der durch sie erzeugten Konflikte. Anführungszeichen und dergleichen dienen demselben Zweck. obwohl es sich um dieselben fünf Worte in derselben Reihenfolge handelt. die sogenannten Lautgesten usw.Semantische Interpunktion Interpunktion spielt eine entscheidende Rolle auch in der sprachlichen Übermittlung von Sinn und B edeutung und reicht daher weit in das Gebiet der Semantik hinein. wie auch anderswo in geschriebener Sprache. »Glauben Sie. jeder aber jeden beschuldigt. die Zuschreibung von Verrücktheit oder Heimtücke. je nachdem. besonders im Drama bekannt. daß die Frage: »Glauben Sie. wie eine bestimmte Folge von Worten interpunktiert werden muß. Kursivdruck. daß das genügt?«. Ohne unmißverständliche Hinweise darauf. daß das genügt?«. Lautstärke. an denen keiner der Beteiligten Schuld hat. die Unvereinbarkeit widersprüchlicher -92- . doch sind diese Formen semantischer Interpunktion viel schwerfälliger und begrenzter als die reichhaltigen paralinguistischen Nuancen der gesprochenen Sprache (Tonfall. welches Wort betont wird. verschiedene Bedeutung haben kann. Lachen. an jeder Hand fünf.

an dem er nicht mehr entscheiden kann. Schicksal und Transzendenz. hat Dichter und Schriftsteller schon immer fasziniert. 24 Eine ausführliche Studie dieses Phänomens in der Weltliteratur. worin verschiedene Rezensenten das Wesen von »Rashomon« zu sehen glaubten. welche Wirklichkeit »wirklich« ist. sondern viermal individuell durch die Augen jeder dieser Personen gesehen. mit allen sich daraus ergebenden Sinndeutungen von Wahrheit. -93- . 24 23 Und liefert nicht einfach den überflüssigen Beweis.Wirklichkeitsauffassungen und die damit verbundene Unmöglichkeit. zu entscheiden. daß Augenzeugenberichte notorisch unzuverlässig sind. deren Verfilmung »Rashomon« durch Kurosawa dem Leser vielleicht bekannt ist. wäre zweifellos ein interessantes und ungewöhnliches Dissertationsthema. der ihnen im Walde auflauert und dessen Untat von einem Holzfäller beobachtet wird – jedoch nicht in Form einer »objektiven« Schilderung des Vorgangs. welche dieser vier Wirklichkeiten die wirkliche ist. Ein modernes Beispiel ist Akutagawas Erzählung »Im Walde«. Sie handelt von der Vergewaltigung einer Frau und der Ermordung ihres Mannes durch eine n Banditen. In seinem meisterhaften Stil läßt Akutagawa auf diese Weise vier verschiedene Wirklichkeiten zutage treten23 und führt so den Leser selbst fast unmerklich zu dem Punkt.

Wo alles wahr ist, auch das Gegenteil
In seinen »Gedanken zu Dostojewskis ›Idiot‹« bemerkt Hermann Hesse, daß diese Zersetzung der Wirklichkeit (in dem Sinne, in dem wir uns die Wirklichkeit naiverweise meist vorstellen) sich im Werke Dostojewskis besonders weit vorgefressen hat. Für Hesse verkörpert vor allem Fürst Myschkin, der Held des Romans »Der Idiot«, diese moderne Tendenz zum Chaos. »Der Idiot«, schreibt Hesse, »zerbricht die Gesetzestafeln nicht, er dreht sie nur um und zeigt, daß auf der Rückseite das Gegenteil geschrieben steht« [70]. Ein noch eindrucksvolleres Beispiel dafür findet sich aber in Dostojewskis Roman »Die Brüder Karamasoff«, und zwar im Poem vom Großinquisitor [36], das in seiner Tiefe und Zweideutigkeit wohl nur in Kafkas Parabel vom Türhüter seinesgleichen hat. Wir wollen uns daher diese beiden Dokumente der Weltliteratur ins Gedächtnis rufen: Iwan Karamasoff, ein überzeugter Atheist, und sein tief religiöser, jüngerer Bruder Aljoscha führen eine metaphysische Debatte. Iwan kann sich nicht mit der Tatsache des Leidens in der Welt abfinden, und zählt seinem Bruder eine erdrückende Anzahl von Beispielen auf – vor allem von den Leiden kleiner, unschuldiger Kinder. Er hat sich daher zum Entschluß durchgerungen, daß selbst dann, wenn all dies Übermaß an Leiden eine notwendige Vorbedingung für schließliche ewige Harmonie wäre, er diese Harmonie aus Liebe zur Menschheit nicht annehmen könnte, »… ist doch diese Harmonie gar zu teuer eingeschätzt! Wenigstens erlaubt es mein Beutel nicht, so viel für den Eintritt zu zahlen. Darum beeile ich mich, mein Eintrittsbillett zurückzustellen. Und wenn ich ein anständiger Mensch bin, so ist es meine Pflicht, dies sobald als möglich zu tun. Das tue ich denn auch. Nicht Gott ist es, den ich ablehne,
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Aljoscha, ich gebe ihm nur die Eintrittskarte ergebenst zurück.« Für Aljoscha aber gibt es ein Wesen, das das Recht hat, alles Leiden der Menschheit zu vergeben – Christus. Doch Iwan hat diesen Einwand erwartet und erzählt Aljoscha nun als Antwort sein Poem vom Großinquisitor. Die Handlung spielt im Sevilla des 16. Jahrhunderts, zur schrecklichsten Zeit der Inquisition, am Tage nachdem auf Befehl des greisen Kardinal-Inquisitors in einem prächtigen Autodafé fast hundert Ketzer ad majorem gloriam Dei bei lebendigem Leib verbrannt worden sind – lehrt die unwiderlegbare Doktrin der Inquisition doch, daß körperliches Leiden dem Seelenheil nicht nur nicht abträglich, sondern geradezu förderlich ist. An diesem Tage steigt Er nochmals herab und wird sofort von seinem leidenden Volke erkannt und verehrt. Der Kardinal aber läßt Ihn verhaften, und so groß ist seine Macht, daß alle zitternd und wortlos vor den Wachen zurückweichen. Die Nacht bricht herein, atemlos und schwül von Lorbeer- und Orangenduft; die Tür des Verlieses öffnet sich und herein tritt der greise Kardinal. Er ist allein. Einige Minuten lang herrscht Schweigen. Dann erhebt der Großinquisitor die schwerste und schrecklichste Anklage, die je gegen das Christentum vorgebracht wurde: Jesus hat die Menschheit betrogen, da Er wissentlich und absichtlich die einzige Möglichkeit verwarf, die Menschen glücklich zu machen. Dieses einzige, unwiderbringliche Ereignis trat ein, als der furchtbare und kluge Geist, der Geist der Selbstvernichtung und des Nichtseins, Ihn in der Wüste v ersuchte, indem er Ihm drei Fragen stellte, die »in drei Worten, nur in drei menschlichen Sätzen, die ganze künftige Geschichte der Menschheit und der Welt ausdrücken«. – »Was, meinst du wohl«, fragt der Großinquisitor, »könnte die ganze Weisheit der Erde zusammengenommen und vereint ersinnen, das an Kraft, Macht und Tiefe jenen drei Fragen […] auch nur annähernd ähnlich wäre?« Als erstes, so führt der Kardinal aus, versuchte Ihn der
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Geist, die Steine der Wüste in Brot zu verwandeln. Er aber verschmähte die s, denn er wollte den Menschen nicht der Freiheit berauben, und was wäre die Freiheit, wenn sie mit Brot erkauft wäre? Damit aber beraubte er den Menschen seiner tiefsten Sehnsucht: jemanden zu finden, den alle gemeinsam verehren können, der ihnen die furchtbare Last der Freiheit abnimmt. Anstatt sich die menschliche Freiheit zu unterwerfen, vergrößerte Er sie noch; anstatt fester Grundlagen zur Beruhigung des menschlichen Gewissens, wählte Er alles, was es Ungewöhnliches, Rätselhaftes und Unbestimmtes gibt, was über die Kräfte der Menschen geht, und handelte daher, als ob Er sie überhaupt nicht geliebt hätte. – Und als Er die zweite Versuchung abwies – sich von der Zinne des Tempels zu stürzen, denn es steht geschrieben, »daß Engel Ihn auffangen und tragen werden« –, da verschmähte Er die Macht des Wunders, weil Er nach freier und nicht nach durch Wunder erzwungener Liebe verlangte. Doch ist der Mensch dieser Liebe fähig? Nein, der Mensch ist schwächer und niedriger, als Er von ihm glaubte. »Da du ihn so hoch einschätztest, handeltest du, als ob du kein Mitleid mit ihm gehabt hättest…« Und dann kommt der Großinquisitor zur letzten Versuchung, zur dritten Gabe, die Er ausschlug: die Welt zu beherrschen und die Menschheit zu einem einzigen, einstimmigen Ameisenhaufen zu vereinigen, denn das Bedürfnis nach allgemeiner und weltumfassender Vereinigung ist die dritte und letzte Sehnsucht der Menschen. »Wir«, sagt der Kardinal, »verwarfen dich und folgten ihm. Oh, es werden noch Jahrhunderte des Unfugs ihres freien Verstandes, ihrer Wissenschaft und der Menschenfresserei vergehen… Wir haben deine Tat verbessert und sie auf dem Wunder, dem Geheimnis und der Autorität aufgebaut. Und die Menschen freuen sich, daß sie wieder wie eine Herde geführt werden und daß von ihren Herzen endlich das ihnen so furchtbare Geschenk, das ihnen soviel Qual gebracht hatte, genommen wurde. […] Und alle werden glücklich sein, alle
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Millionen Wesen, außer den Hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die wir das Geheimnis hüten, nur wir werden unglücklich sein. Still werden sie sterben, still werden sie verlöschen in deinem Namen und hinter dem Grab nur den Tod finden.« Und am Ende seiner schrecklichen Anklage teilt der Großinquisitor Ihm mit, daß es Ihm nicht gestattet sein werde, die Menschheit ein zweites Mal in solches Unglück zu stürzen: Morgen werde Er selbst auf dem Scheiterhaufen verbrennen! All dem hat der Gefangene schweigend zugehört. Nun nähert er sich dem Greis und küßt ihn leise auf seine blutleeren, asketischen Lippen. Der Kardinal erzittert, geht zum Tor und öffnet es: »Geh und komme nie wieder… komme überhaupt nicht mehr… niemals, niemals!« Und der Gefangene geht hinaus in die Nacht. »Aber… das ist doch absurd!« stößt Aljoscha hervor und errötet. »Dein Poem ist ein Lob Jesu, aber keine Schmähung… wie du es gewollt hast…« [37] Seit der Veröffentlichung der »Brüder Karamasoff« läßt sich das Echo von Aljoschas Ausruf immer wieder vernehmen. Was ist der »wirkliche« Sinn dieser Geschichte, deren Autor ein tief religiöser Mensch war (dessen Augen sich mit Tränen füllten, wenn der Name Christi in seiner Gegenwart eitel genannt wurde); dieser Geschichte aus dem Munde einer Romanfigur, deren Atheismus, wie Dostojewski uns erklärt, so vollkommen ist, daß ihn »nur noch ein einziger Schritt vom vollkommenen Glauben trennt«; dieser Geschichte, die prophetisch vorwegnimmt, was vierzig Jahre später im Vaterland des Autors historische Wirklichkeit wurde – was ist ihr Sinn? Die Geschichte ist fiktiv, aber ihre Implikationen sind es keineswegs. Sowohl Christus wie der Großinquisitor haben sich dem Wohle der Menschheit verschrieben, und dennoch trennt sie eine unüberbrückbare Kluft: die Paradoxie des Helfens und das mit ihr untrennbar verbundene Problem der Macht. Wir sind
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diesem Problem bereits in der trivialen Geschichte vom albanischen Dolmetscher begegnet, hier nun erhebt es sich in seiner ganzen metaphysischen Bedeutung. Jesus, so lautet die Anklage des Großinquisitors, wünscht spontanen Gehorsam und schafft damit eine Paradoxie, deren Lösung dem Menschen unmöglich ist. Für den Kardinal besteht die wahre Erlösung des Menschen darin, ihm die schreckliche Last der Freiheit abzunehmen; ihn unfrei, aber glücklich zu machen. Für Jesus dagegen ist das Ziel die Freiheit, nicht das Glück. Iwan Karamasoffs Poem bedeutet Grundverschiedenes, je nachdem, ob wir die Welt im Sinne Jesu oder des Großinquisitors sehen. Wem aber beide Anschauungen zugänglich sind, der verliert den sicheren Boden vermeintlicher Wirklichkeit unter den Füßen und verfängt sich in einem Universum, in dem alles wahr ist, auch das Gegenteil. »Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.« – So beginnt Kafkas rätselhafter Roman »Der Prozeß«. Doch der Prozeß findet niemals statt; K. ist weder frei noch eingekerkert; das Gericht teilt ihm niemals mit, wessen er angeklagt ist; er sollte es von sich aus wissen, und seine Unwissenheit ist ein weiterer Beweis seiner Schuld; wenn er sich bemüht, dem Gericht eine klare Stellungnahme abzuringen, wird er der Ungeduld und der Aufsässigkeit bezichtigt; wenn er aber versucht, die Autorität des Gerichts zu ignorieren oder seine nächste Amtshandlung einfach abzuwarten, wird ihm dies als Beweis der Gleichgültigkeit und Verstocktheit angelastet. In einer der letzten Szenen spricht K. im Dom mit dem Gerichtskaplan, und als er, wie schon so oft, erneut versucht, Klarheit über sein Schicksal zu erhalten, unternimmt es der Geistliche, ihm seine Lage mit folgender Parabel zu »erklären«:
Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. »Es ist möglich«, sagt der
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Türhüter, »jetzt aber nicht.« Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehen. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: »Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meinem Verbot hineinzugehen. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehen aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr vertragen.«

Der Mann erhält einen Schemel und darf sich neben der Tür hinsetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Immer wieder versucht er, eingelassen zu werden oder wenigstens eine endgültige Antwort zu erhalten, erfährt aber stets nur, daß er noch nicht eintreten könne.
Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn die Größenunterschiede haben sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. »Was willst du denn jetzt noch wissen?« fragt der Türhüter, »du bist unersättlich.« »Alle streben doch nach dem Gesetz«, sagt der Mann, »wie kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?« Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon am Ende ist, und um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: »Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.«

»Der Türhüter hat also den Mann getäuscht«, sagte K. sofort, von der Geschichte sehr stark angezogen. Doch nun beweist der Geistliche ihm s orgfältig und überzeugend, daß den Türhüter keine Schuld trifft, ja, daß er weit über seine Pflicht hinausging, dem Manne zu helfen. K. ist verblüfft, kann sich aber der Stichhaltigkeit der Deutung nicht entziehen. »Du kennst die Geschichte genauer als ich und längere Zeit«, räumt er dem Geistlichen ein. »Du glaubst also, der Mann wurde nicht getäuscht?« »Mißverstehe mich nicht«, sagt der Geistliche und beweist K. nun, daß es eine zweite Deutung gibt, nach welcher gerade der Türhüter der Getäuschte ist. Und so überzeugend ist auch diese
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hast du ja selbst ausführlich begründet. in einer Welt. kopfschüttelnd. »denn wenn man sich ihr anschließt. Und doch lassen die letzten Worte des Geistlichen jene andere Sinnordnung durchblicken: »Das Gericht will nichts von dir. »die Lüge wird zur Weltordnung gemacht«. wird ihm bewiesen. für wahr halten. was der Türhüter sagt. sagt der Geistliche. »man muß nicht alles für wahr halten. sagt K. hieße am Gesetz selbst zu zweifeln. am Ende wiederum zugeben muß: »Das ist gut begründet. daß der Türhüter getäuscht ist. sagt K.« »Trübselige Meinung«. und deshalb erschöpft sich ihr Gespräch in derselben Zweideutigkeit.« Wie Dostojewskis Fürst Myschkin lebt Kafkas K. und es entläßt dich.zweite Exegese. muß man alles. und K. wird schließlich von zwei Abgesandten des Gerichts getötet. Doch hinter Myschkin schließen sich die Tore einer Irrenanstalt für immer. und ich glaube nun auch. Es nimmt dich auf. Sinn und Ordnung in den ihn umgebenden und seine »rechte« Entscheidung fordernden Geschehnissen entdeckt zu haben. daß K. Wenn immer er glaubt. wenn du kommst. »Mit dieser Meinung stimme ich nicht überein«. in der die Gesetzestafeln umgedreht werden können und zeigen. wenn du gehst. und der Geistliche sprechen tatsächlich von zwei verschiedenen Weltordnungen. -100- . daß auf ihrer Rückseite das Gegenteil geschrieben steht. die allem Streben K’s nach Gewißheit zugrunde liegt. daß dieser Sinn nicht der richtige Sinn ist.« Doch sofort findet der Geistliche wieder etwas an K’s Einverständnis zu rügen: An der Laut erkeit des Türhüters zu zweifeln. K. Daß das aber nicht wahr ist.« »Nein«. man muß es nur für notwendig halten.

Die Autorität selbst enthüllt sich ihm nie. wenn auch oft ganz unbewußten Suche nach dem Sinn der uns umgebenden Geschehnisse. so erspart uns das eine Menge Arbeit. vergeblich zu den Behörden des Schlosses vorzudringen versucht.eines metaphysischen Versuchsleiters.Der metaphysische Versuchsleiter K. und dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – ist K’s Leben. Ihr Verstand legt ihnen zwar nahe. der Landvermesser. der es ihm ermöglicht. er trifft nur ihre Boten. jeder von uns auf seine Weise. dringt niemals bis zu seinen Richtern vor. Derselbe Sachverhalt besteht auch in Kafkas anderem Roman »Das Schloß«. daß die Ampeln entweder in starr und unveränderlich eingestelltem Rhythmus von Grün auf Rot übergehen oder daß der Wechsel durch die Fahrzeuge selbst über Fühler in der Straßendecke -101- . ihn aber im Dorf drunten halten und ihre rätselhaften Mitteilungen ihm durch Beamte zukommen lassen. zu sehen. das unsinnige Gedicht des Weißen Kaninchens mit der philosophischen Bemerkung abzutun: »Wenn kein Sinn darin ist. die eine private Mythologie über Verkehrsampeln haben. Beamten und Henker. denn dann brauchen wir auch keinen zu suchen. und wir alle neigen dazu. die ihn angeworben haben. in dem K. jeder Tag und jede seiner Handlungen. sozusagen . die den Gleichmut des Königs in »Alice im Wunderland« besitzen. befinden uns auf einer unablässigen. von ihrer unsichtbaren Allgegenwart durchdrungen.« Zum Beispiel: Es gibt wahrscheinlich eine recht große Zahl von Personen. Wir alle. Die Situation ist archetypisch und reicht weit in den menschlichen Alltag herein. selbst hinter den verhältnismäßig unbedeutenden Vorfällen unseres täglichen Lebens das Wirken einer höheren Macht. deren Rang ebenso niedrig ist wie der des Türhüters. Es gibt wohl nicht viele Menschen.

nach einer Ordnung im Ablauf der Geschehnisse zu suchen. wenn sie dahergefahren kommen. selektive Aufmerksamkeit zu schenken beginnt. zu seiner nicht geringen Bestürzung bei seiner nächsten Autofahrt aber bemerken. Jedes Mal. 25 25 Nicht weniger beunruhigend ist die Tatsache. daß die Ampeln gegen sie eingestellt sind und unweigerlich auf Gelb und Rot übergehen. und sobald wir eine solche Ordnung (Interpunktion) in sie hineingelesen haben. Auf einer anderen Stufe ihrer Wirklichkeitswahrnehmung aber sind sie überzeugt. daß diese Prämissen buchstäblich ansteckend sein können. doch ist ihre Wirkung immerhin stark genug. Im Grunde handelt es sich hierbei um denselben Mechanismus. Und obwohl diese persönliche Schrulle trivial ist. ergibt sich der Rest der blühenden Wahnvorstellung fast zwanglos aus anscheinend durchaus logischen Schlußfolgerungen von dieser einen absurden Prämisse. das ärgerliche Gefühl zu erzeugen. während eine auf Grün stehende Ampel diese kumulative Wirkung nicht hat und von ihnen praktisch unbemerkt bleibt. der ihr zugrunde liegende Mechanismus ist es nicht: Wie wir bereits in den oben beschriebenen Experimenten sahen. wird diese Weltschau durch selektive Aufmerksamkeit selbstbestätigend. daß er nun selbst den Ampeln diese absurde. wenn bei ihrer Annäherung eine Verkehrsampel auf Gelb und dann Rot schaltet. Wer zum ersten Mal vom Problem mit den Verkehrsampeln hört. mag diese Geschichte sehr komisch finden. neigen wir Menschen nun einmal dazu. es addiert sich sozusagen zu allen bereits »erlittenen« Rotlichtern. -102- .ausgelöst wird. Man könnte das als eine harmlose Minipsychose bezeichnen. daß das Leben oder das Schicksal. die Natur oder irgendeine Art geheimer Versuchsleiter ihnen feindlich gesinnt sind. sind sie sich dieses Zufallsereignisses akut bewußt. auf dem auch Wirklichkeitsverzerrungen psychotischen Ausmaßes beruhen: Wenn sich einmal eine grundlegende Prämisse ausgebildet und gefestigt hat.

Diese Überlegungen bringen uns als nächstes zu den weitreichenden Kommunikationsphänomenen, auf denen sich Gerüchte und Massenpsychosen aufbauen. Auch über diesen Aspekt der menschlichen Kommunikation ist die Literatur heute praktisch unübersehbar, und ich muß mich deshalb für meine Zwecke darauf beschränken, nur zwei Ereignisse neueren Datums zu erwähnen.

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Die zerkratzten Windschutzscheiben
Gegen Ende der fünfziger Jahre brach in der Stadt Seattle eine merkwürdige Epidemie aus: Immer mehr Autobesitzer mußten feststellen, daß ihre Windschutzscheiben von kleinen pockenoder kraterähnlichen Kratzern übersät waren. Das Phänomen nahm so rasch überhand, daß Präsident Eisenhower auf Wunsch Rosollinis, des Gouverneurs des Staates Washington, eine Gruppe von Sachverständigen des Bundeseichamtes zur Aufklärung des Rätsels nach Seattle entsandte. Laut Jackson, der den Verlauf der Untersuc hung später zusammenfaßte, fand diese Kommission sehr bald, daß unter den Einwohnern der Stadt
zwei Theorien über die Windschutzscheiben im Umlauf waren. Auf Grund der einen, der sogenannten ›Fallout-Theorie‹, hatten kürzlich abgehaltene russische Atomtests die Atmosphäre verseucht, und der dadurch erzeugte radioaktive Niederschlag hatte sich in Seattles feuchtem Klima in einen glasätzenden Tau verwandelt. Die ›Asphalttheoretiker‹ dagegen waren überzeugt, daß die langen Strecken frischasphaltierter Autobahnen, die Gouverneur Rosollinis ehrgeiziges Straßenbauprogramm hervorgebracht hatte, wiederum unter dem Einfluß der sehr feuchten Atmosphäre Seattles, Säuretröpfchen gegen die bisher unversehrten Windschutzscheiben spritzten. Statt diese beiden Theorien zu untersuchen, konzentrierten sich die Männer des Eichamts auf einen viel greifbareren Sachverhalt und fanden, daß in ganz Seattle keinerlei Zunahme an zerkratzten Autoscheiben festzustellen war. [75]

In Wahrheit war es vielmehr zu einem Massenphänomen gekommen: Als sich die Berichte über pockennarbige Windschutzscheiben häuften, untersuchten immer mehr Autofahrer ihre Wagen. Die meisten taten dies, indem sie sich von außen über die Scheiben beugten und sie auf kürzeste Entfernung prüften, statt wie bisher vo n innen und unter dem normalen Winkel durch die Scheiben durchzusehen. In diesem ungewöhnlichen Blickwinkel hoben sich die Kratzer klar ab, die
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normalerweise und auf jeden Fall bei einem im Gebrauch stehenden Wagen vorhanden sind. Was sich also in Seattle ergeben hatte, war keine Epidemie beschädigter, sondern angestarrter Windschutzscheiben. Diese einfache Erklärung aber war so ernüchternd, daß die ganze Episode den typischen Verlauf vieler aufsehenerregender Berichte nahm, die die Massenmedien zuerst als Sensation auftischen, deren unsensationelle Erklärung aber totgeschwiegen wird, was so zur Verewigung eines Zustands der Desinformation führt. Der Fall lehrt uns, daß sich eine völlig alltägliche, unbedeutende Tatsache (so unbedeutend, daß ihr vorher niemand Aufmerksamkeit schenkte) mit affektgeladenen Themen verquicken kann und daß von diesem Augenblick an eine Entwicklung ihren Lauf nimmt, die keiner weiteren Beweise bedarf, sondern rein aus sich heraus, selbstbestätigend und selbstverstärkend, immer weit ere Personenkreise in ihren Bann schlägt.

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Das Gerücht von Orleans
Im Mai 1969 durchlebte Frankreich eine Periode politischer Unsicherheit, deren Ursache de Gaulles Niederlage in einem politisch entscheidenden (nebenbei bemerkt, faktisch nebensächlichen) Referendum und sein Rückzug aus dem öffentlichen Leben nach Colombeyles-Deux-Eglises war. Für den 1. Juni waren Neuwahlen ausgeschrieben. In diesen Tagen politischer Spannung begann in Orleans ein aufsehenerregendes Gerücht zu zirkulieren, das seinen Ausga ng in den Mädchengymnasien nahm, bald aber die ganze Stadt ergriff: Damenmodengeschäfte und Boutiquen in dieser modernen, wenn auch provinziellen Stadt von 100.000 Einwohnern waren in Mädchenhandel verwickelt. Kundinnen dieser Geschäfte wurden in den Ankle ideräumen26 überwältigt und betäubt, in Kellern bis zum Einbruch der Nacht gefangengehalten, dann durch unterirdische Gänge ans Ufer der Loire gebracht und von dort auf einem Unterseeboot 27 nach Übersee entführt und einem Schicksal »schlimmer als dem Tod« überantwortet. Bereits am 20. Mai kursierten zusätzliche, detaillierte Informationen. Demnach vermißte man bereits 28 junge Frauen; ein Schuhgeschäft verwendete zur Betäubung der Opfer in Schuhen versteckte Injektionsvorrichtungen, da die in den Modeboutique n verwendeten Injektionsspritzen in einem Schuhladen begreiflicherweise nicht angewandt werden
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»Man findet die Idee des Ankleideraums als einer Falle, als eines Vorzimmers von Geheimnis und Gefahr, auf dem niedrigsten Niveau der Massenkultur; die Welt der Schundliteratur und der Massenjournalismus liefern Beispiele dafür«, [siehe 110]. 27 Wie Morin [111] berichtet, versicherte Levy, der Präsident der jüdischen Kultusgemeinde von Orleans, daß er selbst das Unterseebootgerücht als Witz in Umlauf gebracht hatte, daß es ihm aber schon am nächsten Tage als todernste Tatsache hinterbracht wurde.
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konnten, und so manches mehr. Die Kaufleute selbst wußten anscheinend nichts von diesem Gerücht, bis sich am 31. Mai, dem Vortag der Wahlen, feindselige Menschengruppen in den Geschäftsstraßen zusammenzurotten begannen. In den vorangegangenen Tagen hatten sie aber merkwürdige Anrufe erhalten – in einem Falle erkundigte sich jemand nach der Adresse eines Bordells in Tanger, in einem anderen bestellte der unbekannte Anrufer »frisches Fleisch«. Als das Gerücht sich ausbreitete und immer spezifischer wurde, kamen zwei bemerkenswerte Einzelheiten ans Licht: Erstens verkauften die betreffenden Modeläden die neuen Miniröcke und standen damit für die provinzielle Mentalität im Zwielicht einer besonderen Erotik; zweitens nahm das Gerücht einen ausgesprochen antisemitischen Charakter an. Das uralte Thema des Ritualmords tauchte auf and begann die Runde zu machen. Am 30. Mai hatte die Besorgnis der jüdischen Gemeinde über die Entwicklung der Dinge einen Grad erreicht, der sie veranlaßte, die Behörden um Schutzvorkehrungen zu ersuchen. Der Polizei war die bedrohliche Entwicklung natürlich bereits bekannt, doch hatte sie sich bis zu diesem Zeitpunkt mit der Sachlage nur von einem rein faktischen, sicherheitspolizeilichen Standpunkt befaßt und keinerlei konkrete Anhaltspunkte gefunden. So stand zum Beispiel fest, daß nicht eine einzige Frau, geschweige denn 28 in Orleans vermißt wurden. In dieser Beschränkung auf die reinen Tatsachen übersahen die Behörden aber, daß das Problem im Bestehen des Gerüchts und nicht in seinem Wahrheitsgehalt lag. Es handelte sich hier vielmehr um eine jener typisch menschlichen Situationen, in denen »Wahrheit Glaubenssache ist« [146]. Die Gefahr eines Pogroms war unleugbar. Am nächsten Tage jedoch brachte das Wahlergebnis eine erste Entspannung mit sich, und sehr bald gewann die Vernunft die Oberhand. Man ging dem Gerücht nach und fand es unbegründet. Die Lokalpresse, Privatpersonen und öffentliche
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Vereinigungen verurteilten diesen plötzlichen Ausbruch von Antisemitismus auf das schärfste, und das Gerücht erlosch fast noch rascher, als es aufgeflammt war. Es wäre vermutlich vollkommen in Vergessenheit geraten, wäre der Ablauf der Ereignisse nicht sorgfältig von einem Soziologenteam unter der Leitung Edgar Morins rekonstruiert worden, dessen Buch [109] die hier erwähnten Einzelheiten entnommen sind. Dieses Beispiel geht in seiner Bedeutung weit über die vorher erwähnten hinaus. In ihnen hatte die grundlegende Annahme wenigstens noch eine wenn auch recht fragwürdige Beziehung zu gewissen Tatsachen. Verkehrsampeln schalten nun einmal gelegentlich auf Rot um, wenn wir daherkommen, und Windschutzscheiben haben ganz sicherlich viele kleine Kratzer. Das Gerücht vo n Orleans aber beweist einmal mehr, daß zur Ausbildung einer bestimmten Wirklichkeitsauffassung nicht einmal derartig nebensächliche Tatsachen nötig sind – ein tiefsitzender Aberglaube kann seine eigenen »Wirklichkeitsbeweise« erschaffen, besonders wenn er von vielen Menschen geteilt wird. Und selbst wenn, wie im Falle von Orleans, ein Gerücht sich später als haltlos erweist, findet sich meist ein goldenes Wort oder eine landläufige Weisheit, die es den auf das Gerücht Hereingefallenen gestattet, ihr Gesicht zu wahren. 28 »Wo Rauch ist, muß auch Feuer sein«, lautet bekanntlich eine solche Perle der Weisheit; aber »… ein frischer Mist tut’s auch«, pflegte der Humorist Roda Roda hinzuzufügen. Ein besonders krasses Beispiel dafür verdient es, wenigstens kurz erwähnt zu werden. Einer der Ladenhüter des Antisemitismus ist ein berüchtigtes Werk mit dem Titel »Die Protokolle der Weisen von Zion«. In diesem Buch entwirft der anonyme Verfasser in allen Einzelheiten den Plan für eine
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Tatsächlich erwähnten einige junge Orléanais dem Morin-Team gegenüber: »Wenn eine ganze Stadt dasselbe sagt, dann muß etwas daran sein.« [113]
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Diese Hoffnung erwies sich als nur zu gerechtfertigt. Es vertritt die Ansicht. denn auch der französischen Geheimpolizei blieb das wahre Anliegen des Buchs keineswegs verborgen. Mit Hilfe dieser Tarnung. sich seine Entscheidungen von einer ihm blind ergebenen Volksversammlung legalisieren lassen. unternahm die Londoner Times eine Untersuchung über die Herkunft des Buchs und veröffentlichte das Ergebnis in ihren Ausgaben vom 16. in Form eines imaginären Gesprächs anzuprangern.jüdische Weltherrschaft und läßt keine Zweifel darüber. dem Leser sein wahres Anliegen klarzumachen. jedoch rasch vor der Brillanz Machiavellis zynischer Verteidigung des Despotismus kapitulieren muß. Wie Joly später in seiner Autobiographie erklärte. die für meine Ausführungen belanglos sind. und 18. Bis zu diesem Punkt hatte die ganze Angelegenheit nichts mit den Juden zu tun. August 1921. durch die Lobpreisung dessen. beschlagnahmte die nach Frankreich geschmuggelten Exemplare und verha ftete Joly. deren Ziel angeblich die Vernichtung des Vaterlandes ist. hoffte Joly. daß dies das Endziel des internationalen Judentums sei. in dem Montesquieu den Liberalismus vertritt. das heißt. Es stellte sich heraus. der zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. -109- . und die eventuellen Gewissensbisse seiner Untertanen durch glänzende militärische Siege über äußere Feinde beschwichtigen. was er angreifen wollte. 17. sie erkannte seinen subversiven Inhalt. gegen jede innere Opposition mit der Geheimpolizei vorgehen. daß die Quelle der Protokolle ein unter dem Titel »Dialogue aux Enfers entre Montesquieu et Machiavel« (Zwiegespräch in der Hölle zwischen Montesquieu und Machiavelli) veröffentlichtes Buch des französischen Advokaten Maurice Joly war. die despotische Herrschaft Napoleons III. war der Dialogue ein Versuch. Aus Gründen. ein moderner Herrscher sollte lediglich den Schein der Legalität wahren. Das Buch hätte vielmehr als Quelle der Inspiration für einen jungen Hitler dienen können.

offensichtlich auf Passagen in Jolys Buch. ein wichtiges Beweismittel des Antisemitismus zu sein. und in einem (Protokoll VII) fast der ganze Text. in der der Paranoide die Beziehungen zu seinen Mitmenschen interpunktiert: Er »weiß«. und wenn sie daher versuchen. nämlich dort. ganz als hätte der Plagiator Seite um Seite mechanisch vom Dialogue unmittelbar in seine »Protokolle« übertragen. [34] Seit ihrer Veröffentlichung haben die Protokolle nicht aufgehört. wo die Prophezeiung des messianischen Zeitalters in den Vordergrund tritt. das heißt einer Annahme. erlaubte sich der Plagiator wirkliche Unabhängigkeit vom Original. führten anscheinend dazu. ihre Authentizität in Frage zu stellen? Wir haben es hier also mit einem geradezu klassischen Beispiel einer sich selbst bestätigenden Prämisse zu tun. die sowohl durch Beweis wie durch Gegenbeweis bestärkt wird. geheimen Körperschaft. in neun Kapiteln ist mehr als die Hälfte gestohlen. Nur gegen Ende. in diesen Bemühungen nur einen weiteren Beweis für ihre Echtheit sahen – denn wären sie wirklich reine Erfindung. Selbst die Reihenfolge der Kapitel ist weitgehend dieselbe – den 24 Kapiteln der Protokolle entsprechen die 25 Kapitel des Dialogue. dar. ihn von ihrer Freundlichkeit zu überzeugen? Auf seinem Höhepunkt führte -110- . ihn von ihren freundlichen Absichten zu überzeugen. Mit weniger als einem Dutzend Ausnahmen ist außerdem die Reihenfolge der gestohlenen Textstellen dieselbe wie bei Joly. Hierzu bemerkt der britische Historiker Cohn in seinem Buch über die Protokolle: Alles in allem beruhen 160 Stellen der Protokolle. daß sie Übles im Schilde führen – denn warum würden sie sonst so hartnäckig versuchen. so »beweist« ihm das. in anderen drei Viertel. daß diejenigen. Dies ist auch die Art und Weise.Der nie identifizierte Verfasser der Protokolle machte sich all dies zueigen und stellte es als das weltumfassende Programm einer mächtigen. zwei Fünftel des gesamten Texts. Aber viele der Versuche. das heißt. ihren betrügerischen Ursprung ein für allemal bloßzulegen. die an ihre Echtheit glaubten. daß sie Böses gegen ihn vorhaben. warum würden die Weisen von Zion dann solche Anstrengungen unternehmen. eben der Weisen von Zion.

die sich aus dem Bavelasexperiment ziehen lassen. desto eher scheinen die Leute sie zu glauben« [114]. gleichgültig wie absurd sie ist. das Wirken einer Art »metaphysischen Versuchsleiters« hinter dem Lauf der Dinge zu vermuten oder – wenn uns psychologische Hypothesen mehr überzeugen als transzendentale – ein Gesetz der menschlichen Seele. das heißt der Annahme einer der Natur innewohnenden Zweckmäßigkeit und Zielgerichtetheit. je abstruser und objektiv unwahrscheinlicher sie sind. daß die Polizei selbst in die Entführungen mitverwickelt sein mußte. sondern zu weiterer Verfeinerung. Doch bereits Schopenhauer sagte im Hinblick auf die Teleologie. nicht zu ihrer Korrektur. »Es wurde behauptet«. haben also volle Gültigkeit auch für praktische Lebenssituationen. daß an der ganzen Affäre weder Hand noch Fuß war und nicht ein einziges Mädchen vermißt wurde. Erstens führt hier wie dort das Bekanntwerden von Tatsachen. die der mühevoll zusammengebastelten Erklärung widersprechen. den meisten von uns nur schwer annehmbar. daß sich »Wirklichkeiten« sozusagen aus den Fingern saugen lassen. Zweitens scheinen diese Pseudoerklärungen um so überzeugender. Je übertriebener und extravaganter eine Geschichte ist. wie man in Österreich zu fragen pflegt. eine zwingende und zentrale Bedeutung an. und. Als zum Beispiel die Polizei bekanntgab. Trotz dieser Einsicht aber ist die Idee. »bewies« dies. daß sie -111- .das Gerücht von Orleans zu grundsätzlich demselben Zirkelschluß. Oder. Wir neigen viel eher dazu. folgen alle weiteren Schlußfolgerungen oft mit streng logischer Konsequenz. wenn’s kompliziert auch geht? In einem Kontext von Desinformation nimmt diese primäre Prämisse. diese ein für allemal gefaßte (und oft rein zufällig zustande gekommene) Meinung. warum einfach. erklärte der Leiter der Kriminalerhebungsabteilung später einem Reporter der Aurore. Die beiden Schlußfolgerungen. »daß ich mir auf diese Weise zehn Millionen Francs verdient hatte.

Ihr Wirkungsfeld ist ein 29 Die Wahrheit. -112- . dann wird er mechanisch getreu verdoppelt und übersetzt. wird nicht von uns entdeckt. Die Interaktion von Zufall und Notwendigkeit wird heute von einer Reihe von Biologen als der Ausgangspunkt des Lebens betrachtet. Der Herrschaft des bloßen Zufalls entzogen. deren Ziffern addiert 9 betragen. der demnach ein Wunder anstaunt. […] So mancher ausgezeichnete Geist scheint auch heute noch nicht akzeptieren oder auch nur begreifen zu können. sondern erschaffen.erst vom Verstande in die Natur gebracht w ird. daß alle Multiplikationsprodukte der 9 durch Addition ihrer einzelnen Ziffern wieder 9 geben oder eine Zahl. durch elementare Ereignis se mikroskopischer Art eröffnet. daß die Wirklichkeit und die ihr zugrunde liegende Ordnung herzlich wenig mit Metaphysik oder Psychologie zu tun hat. nämlich einer. 29 Es mag vielmehr notwendig sein. die zufällig und ohne jede Beziehung zu den Auswirkungen sind. obschon er selbst im Dezimalsystem das Wunder sich vorbereitet hat. sagte Saint-Exupéry einmal. die das Produkt zweier grundlegender Prinzipien ist: Zufall und Notwendigkeit. vor allem von Nobelpreisträger Jacques Monod. Mit dieser Auffassung wären wir in sehr respektabler. er wird zugleich vervielfältigt und auf Millionen oder Milliarden Exemplare übertragen. wie wenn er darüber erstaunt. Die Selektion arbeitet nämlich an den Produkten des Zufalls. da sie sich aus keiner anderen Quelle speisen kann. unsere grandiosen Annahmen zurückzustecken und uns mit einer viel einfacheren Wirklichkeitsauffassung zu bescheiden. [160] Es ist also recht wahrscheinlich. der unerschütterlichen Gewißheit. diesen äußerst konservativen Systemen. das er erst selbst geschaffen hat. tritt er unter die Herrschaft der Notwendigkeit. Ist der einzelne und als solcher unvorhersehbare Vorfall aber einmal in die DNS-Struktur eingetragen. Es geht ihm (wenn ich eine so hohe Sache durch ein triviales Gleichnis erläutern darf) so. daß allein die Selektion aus störenden Geräuschen das ganze Konzert der belebten Natur hervorgebracht haben könnte. wenn auch nicht allgemein respektierter Gesellschaft. die sie in der teleonomischen Funktionsweise auslösen können. dessen nachstehende Definition mutatis mutandis voll auf mein Thema anwendbar ist: Der Weg der Evolution wird den Lebewesen.

aus dem jeder Zufall verbannt ist. ihre sukzessiven Eroberungen und die geordnete Entfaltung. Ihre meist aufsteigende Richtung. [103] -113- .Bereich strenger Erfordernisse. die sie widerzuspiegeln scheint. hat die Selektion jenen Erfordernissen und nicht dem Zufall abgewonnen.

den Psychiater Don D. einen klinischen Psychologen. Für die Zwecke unseres Experiments hätte die Situation kaum perfekter sein können: Dank ihres Zustands von Desinformation verhielten sich beide zwar individuell durchaus richtig und »wirklichkeitsangepaßt« – bloß daß eben dieses richtige und wirklichkeitsangepaßte Verhalten in der Sicht des anderen ein Beweis von Geistesstörung war. die »Wahnvorstellung« des anderen zu behandeln. der glaubte. ihn bei einem Erstinterview mit einem paranoiden Patienten zu filmen. ob er es uns erlauben würde. und unser nächster Schritt war. Im Rahmen eines vor Jahren im Mental Research Institute durchgeführten derartigen Experiments fragten wir den Gründer und ersten Direktor unseres Instituts. Dr. der in gegenseitige Anwürfe mündete. ein klinischer Psychologe zu sein. in der beide Doktoren promp t darangingen. ob er willens sei. zu fragen. Jackson. Daraus ergab sich ein Konflikt. Das erwähnte Ehepaar war an die Situation »Flitterwochen« mit zwei sehr widersprüchlichen Ideen über den Sinn und Zweck dieses gemeinsamen Erlebnisses herangegangen und hatte es daher semantisch ganz verschieden interpunktiert. Wir brachten die beiden dann in einer Art Supertherapiesitzung zusammen. Jackson war einverstanden. Oder anders ausgedrückt: Je -114- . ein Psychiater zu sein. der ein international bekannter Fachmann auf dem Gebiet der Psychotherapie der Schizophrenien war. Auch er sagte zu. der sich ebenfalls mit der Psychotherapie von Psychosen befaßte.Experimentell erzeugte Desinformation Zustände von Desinformation können künstlich herbeigeführt werden und ermöglichen das Studium typischer Verhaltensweisen in solchen Zwangslagen und Konflikten. sich in einem Erstinterview mit einem paranoiden Patienten filmen zu lassen. dessen Wahnvorstellung hauptsächlich darin bestand.

daß es in Palo Alto tatsächlich einen Psychiater namens Jackson gab. da sich der Psychologe plötzlich daran erinnerte. seine beruflichen Probleme gratis mit einem wirklichen Fachmann zu erörtern. daß es sich um einen zwar voll remittierten Patienten. Jackson wiederum in der Annahme bestärkte. – (Leider ging der Versuch nach wenigen Minuten schief. aber eben doch einen Patienten handeln mußte. und er verwendete daher die günstige Gelegenheit.normaler sich beide verhielten. desto verrückter schienen sie in den Augen des Partners. was Dr.) -115- .

die im Widerspruch zur Wahl der anderen Versuchspersonen steht. ja sogar ungläubig über diese Meinungsverschiedenheit. auf den Tafeln Nr. Beim nächsten Durchgang ist er wiederum anderer Meinung. Er scheint erstaunt. Ein Teilnehmer wählt eine Linie. der Gruppen von sieben bis neun Studenten Sätze von jeweils zwei Tafeln zeigte. die ebenso lang wie die eine Linie auf Tafel Nr. diejenige Linie auf Tafel Nr.Die Macht der Gruppe Abbildung 5 Viel erfolgreicher als unser Versuch waren die berühmten Experimente des Psychologen Asch. Asch beschreibt den typischen Verlauf des Versuchs wie folgt: Das Experiment beginnt ganz normal. 1 sei. Die Versuchspersonen geben ihre Antworten in der Reihenfolge der ihnen zugewiesenen Plätze. und wiederum ist die Antwort der Gruppe einstimmig. Auf jeder Tafel Nr. Die Teilnehmer scheinen sich mit der Aussicht auf weitere langweilige Experimente abgefunden zu haben. 1 war immer eine einzige vertikale Linie. daß es sich um ein Experiment in visueller Diskrimination handele und daß es ihre Aufgabe sei. Asch erklärte seinen Versuchspersonen. Ein zweites Tafelpaar wird exponiert. 2 waren jeweils drei senkrechte Linien verschiedener Länge (siehe Abbildung 5 oben). 2 zu identifizieren. und in der ersten Runde geben alle dieselbe Linie an. während die Wahl der anderen einstimmig -116- . Beim dritten Versuch kommt es zu einer unerwarteten Störung.

Wenn es sich nur um ein Mitglied der Gruppe handelte. das heißt die Zahl der Personen.8% der Versuchspersonen dieser zweiten Alternative und unterwarfen sich dem ihnen selbst so offensichtlich falschen Urteil der Gruppe. Unter diesen Umständen sanken -117- . Er ist somit die einzige wirkliche Versuchsperson und befindet sich in einer höchst ungewöhnlichen und beunruhigenden Lage: Entweder muß er der nonchalant und einstimmig abgegebenen Meinung der anderen widersprechen und ihnen daher in seiner Wirklichkeitsauffassung merkwürdig gestört vorkommen. Bei drei Opponenten erreichte die Fehlerkurve der Versuchsperson 31. bevor er seine Antwort gibt. [9] Was er nämlich nicht weiß.8% zu erreichen. von ausschlaggebender Bedeut ung ist. war die Wirkung fast Null. [11] Asch führte dann gewisse Modifikationen in den Verlauf des Versuchs ein und konnte nachweisen. die den Antworten der Versuchsperson widersprechen. Sobald die Opposition auf zwei Personen erhöht wurde. da sich die Meinungsverschiedenheit auch in den folgenden Versuchen fortsetzt. verfielen 36. als wirksame Hilfe gegen den Druck der Gruppenmeinung und für die Aufrechterhaltung der eigenen Urteilsfähigkeit. stieg die Unterwerfung der Versuchsperson unter die falschen Antworten auf 13. spricht mit leiser Stimme oder zwingt sich zu einem peinlichen Lächeln. daß das Ausmaß der Opposition.bleibt. Wie unglaublich es auch scheinen mag. Der Dissident ist immer bestürzter und unschlüssiger. daß Asch alle übrigen Studenten vor dem Experiment sorgfältig instruierte. um schließlich das obengenannte Höchstmaß von 36. der dieselbe (richtige) Meinung vertrat. er zögert. und die Versuchsperson hatte kaum Schwierigkeiten. ihre unabhängige Urteilsfähigkeit zu bewahren.8% und flachte dann ab. oder er muß der Evidenz seiner eigenen Wahrnehmungen mißtrauen. Umgekehrt erwies sich die Gegenwart eines Partners. von einem bestimmten Punkt an einstimmig dieselbe falsche Antwort zu geben.6% an. ist.

daß die nach Abschluß des Versuchs gegebene Erklärung selbst Teil des Experiments und daher ihr nicht zu trauen war. daß ich nicht recht haben kann. Eine typische Bemerkung während des Versuchs war: »Ich glaube. sich die Wirkung eines Erlebnisses vorzustellen. ob sie nicht doch vielleicht Unrecht hatten. taten dies fast ohne Ausnahme mit nagenden Zweifeln darüber. aber mein Verstand sagt mir. daß so viele andere sich irren können und ich allein recht habe« – eine offensichtliche Parallele zum Gerücht von Orleans. die die ganze Skala von mäßiger Angst bis zu ausgesprochenen Depersonalisationserlebnissen umfaßten. denn ich kann nicht glauben.die unrichtigen Antworten der Versuchsperson auf ein Viertel des obenerwähnten Wertes. So verschoben manche Versuchspersonen ihre Angst auf die Möglichkeit einer körperlichen Ursache (»Ich befürchtete. während andere schließlich mit einem Übermaß an Mißtrauen reagierten und zum Beispiel annahmen. die sich nicht der Gruppenmeinung unterwarfen. daß etwas mit meinen Augen nicht in Ordnung war. berichteten über Gefühlsreaktionen. Die Versuchspersonen. die nach dem Experiment alle über seine wahre Natur aufgeklärt wurden. eine Methode zu finden. Ein Student faßte das Erlebnis der meisten erfolgreichen Versuchspersonen wie folgt zusammen: »Ich habe etwas derartiges noch nie erlebt – das werde ich mein Leben lang nicht vergessen!« [10] – Wie wichtig wäre es. um einer Höchstzahl -118- . wegzurationalisieren pflegen.«) oder vermuteten besondere Umstände (etwa eine optische Täuschung). recht zu haben. das man selbst noch nie gehabt hat und für das einem daher jede Vergleichsmöglichkeit fehlt – wie etwa ein Erdbeben. Im seltsamen Mikrokosmos des Versuchs verfielen andere Versuchspersonen auf typische Annahmen. mit denen wir alle in wirklichen Lebenssituationen einen Zustand der Desinformation. der das Vertrauen in unsere Wirklichkeitsauffassung bedroht. Es ist bekanntlich sehr schwierig. Selbst jene. Darin liegt auch die Wirkung des Asch-Experiments.

und zwar fast so. zu denen man keine näheren Bindungen hat. ist das offensichtlich tiefsitzende Bedürfnis. sich unterzuordnen. würden seine -119- . die Demagogen und Diktatoren zur Macht bringt. Die Bereitschaft. in Harmonie zur Gruppe zu stehen. daß einer von ihnen geisteskrank ist. Darüber hinaus gibt es zwei weitere Schlußfolgerungen. diesem Druck erfolgreich zu widerstehen und den Familienmythus bloßzulegen. Die vielleicht beunruhigendste Schlußfolgerung. Es wäre für ihn eine fast übermenschliche Leistung.von jungen Leuten diese lebenslange Immunisierung gegen alle Formen von Propaganda und Gehirnwäsche zu geben. die meines Wissens von Asch nicht gezogen wurden. außer über die bedauerliche Tatsache. ist jene menschliche Schwäche. wie im Asch-Experiment (allerdings bewußt und absichtlich) die Gruppe und nicht die eigentliche Versuchsperson im Unrecht ist. Erstens gleicht der durch das Experiment erzeugte Zustand von Desinformation in praktisch allen wesentlichen Punkten dem eines sogenannten Schizophrenen im Rahmen seiner Familie – außer daß es einem offensichtlich noch schwerer fällt. deren Verschrobenheit ihm dauernd als normal hingestellt wird. wie der Großinquisitor diese Sehnsucht beschreibt. die Rolle einer dissidenten Minderheit im Kreise seiner engsten Verwandten zu spielen als in einer Gruppe von Studenten. daß sie keinerlei Probleme haben und niemand über etwas unglücklich ist. Und selbst wenn ihm das gelänge. die aus dem Versuch gezogen werden muß. Fast unweigerlich besteht in diesen Familien der Mythus. Doch schon ein kurzes Gespräch mit der ganze n Familie kann krasse Ungereimtheiten in der Wirklichkeitsauffassung der Familie als ganzes (und nicht nur einzelner Angehöriger) ans Licht bringen. ganz ähnlich. lebt auf diese Weise in einer Welt. die individuelle Urteilsfreiheit und die damit verbundene Verantwortlichkeit für das Linsengericht der konfliktbefreienden Kollektivität zu verschachern. Der Patient. nicht selten das sensibelste und klarsehendste Familienmitglied.

30 30 Die Literatur über dieses Thema ist bereits unübersehbar. das der Behandlung bedarf. Die zweite Schlußfolgerung ist die: Wenn man. Wie die Versuchsperson im Asch-Experiment ist auch er im Dilemma gefangen. gemacht werden. die aus der Perspektive des medizinischen Krankheitsmodells. ist vielmehr die Grundlage vieler psychiatrischer Diagnosen. Und der Leser glaube nicht. und die Behandlung wird damit zu einer Wirklichkeitsverzerrung sui generis. -120- . die er im Leben zu haben glaubt. wie bereits bei der Besprechung interkultureller Probleme erwähnt. Das Außerachtlassen des zwischenpersönlichen Kontextes. 40. 80. sondern er würde damit auch riskieren. Als Einführung können die in den Hinweisen 13. In dieser monadischen Sicht wird Geistesgestörtheit oder Böswilligkeit zu Eigenschaften eines Individuums. daß diese Überlegungen intellektuelle Spielerei seien.Angehörigen darin nicht nur einen weiteren Beweis seiner Verrücktheit sehen. das heißt der Annahme einer Organstörung (des Gehirns oder der Seele). entweder diese Verwerfung auf sich zu nehmen oder den Glauben an die Verläßlichkeit seiner Sinneswahrnehmungen zu opfern – und noch viel wahrscheinlicher als die Versuchsperson wird er die zweite Alternative wählen und »geistesgestört« bleiben. in dem sich ein sogenannter psychiatrischer Zustand manifestiert. der zwischenpersönlichen Natur des Experiments keine Aufmerksamkeit schenkte und das Benehmen der Versuchsperson in künstlicher Isolierung beobachtete. von ihnen verworfen zu werden und die einzige Sicherheit zu verlieren. ihre »unbegründete« Angst und krasse Wahrnehmungsstörung zu stellen. eine psychiatrische Diagnose für ihre Nervosität. 84 und 174 genannten Werke dienen. so würde es nicht schwerfallen.

In seinem Buch »Drei Mann in einem Boot (vom Hunde ganz zu schweigen)« beschreibt er. als Herr Slossenn Boschen es einmal vor dem deutschen Kaiser sang. Herr Slossenn Boschen kommt. Wenn sie kicherten. Gäste einer größeren Abendgesellschaft. daß. und die Ereignisse nehmen ihren Lauf: Ich verstehe kein Deutsch. Vor seiner Ankunft haben sie den anderen Gästen bereits erklärt. daß andere Leute. […] Trotzdem wollte ich aber nicht. und das mache die Sache natürlich noch viel lustiger. kicherte ich auch. und hier und da warf ich von selbst ein kleines Kichern ein. Sie sagten. und die beiden jungen Leute stellen sich unauffällig hinter seinem Rücken auf. es sei so zum Lachen. brüllte ich auch. in der nicht nur eine Person. Er beginnt zu singen. wenn sie vor Lachen brüllten. Es sei sein ernstes. er (der deutsche Kaiser) ins Bett getragen werden mußte. wie zwei Studenten. als hätte ich etwas Humorvolles entdeckt. niemand könne es so wie Herr Slossenn Boschen singen. fast pathetisches Gehabe. ein besonders komisches Lied zu singen. Sie sagten. daß die anderen Gäste meine Ignoranz bemerkten. Diese anderen Leute -121- . Im Verlauf des Lieds bemerkte ich. genau wie ich. Jerome eine ähnliche zwischenpersönliche Situation ausgedacht. die beiden jungen Männer im Auge zu halten schienen. und so kam mir eine Idee. sondern auch die Gruppe Opfer eines absichtlich hergestellten Desinformationszustands sind. Dies hielt ich für besonders geschickt. daß er etwas Lustiges sang – denn das würde den Spaß verderben. einen deutschen Professor namens Slossenn Boschen dazu überreden. das den andern entgangen war. daß man glauben würde. er rezitiere eine Tragödie. setzt sich ans Klavier. daß es mit diesem Lied eine ganz eigene Bewandnis hat: Sie sagten.Herrn Slossenn Boschens Lied Lange vor Asch hatte sich der englische Humorist Jerome K. das das Ganze so unwiderstehlich amüsant mache. er bliebe die ganze Zeit so todernst. die mir recht gut schien. Ich hielt die beiden jungen Studenten im Auge und folgte ihnen. daß er auch nicht ein einziges Mal durch seinen Ton oder sein Gebaren erkennen ließ.

kicherten ebenfalls. (Vermutlich reisten sie nach Albanien ab. Die Gäste sehen sich nach den beiden Studenten um. das im Harz lebte und das sein Leben für die Seele seines Geliebten geopfert hatte. Herr Boschen sagte. Zuerst gibt er sich über das Gelächter überrascht. und in der letzten Strophe überbietet er sich selbst mit einem Ausdruck solchen Ingrimms. daß die Zuhörer sehr nervös geworden wären. Dann aber stand Herr Slossenn Boschen auf und legte los. und er starb und traf ihren Geist in den Lüften. Doch der Professor scheint unzufrieden zu sein. daß das Lied gar kein komisches Lied war. die die ganze Affäre einbrockten. Er (Herr Boschen) sagte. ließ er ihren Geist sitzen und machte sich mit einem anderen Geist davon – mir sind die Einzelheiten nicht ganz klar. dann beginnt er. aber ich weiß. und brüllten vor Lachen. hätten die beiden Studenten sie nicht vorher darauf vorbereitet. es war sehr traurig. und er (der deutsche Kaiser) habe geschluchzt wie ein Kind. daß dies das Besondere an seinem komischen Lied war. in der letzten Strophe. Er verfluchte uns auf deutsch (das mir eine dafür besonders geeignete Sprache zu sein scheint). wenn die jungen Männer kicherten. um sich von jenem Dolmetscher einige weitere gute Ideen geben zu lassen…) -122- . das er wußte. und er tanzte und fuchtelte mit seinen Fäusten und nannte uns das ganze Englisch. und da die beiden jungen Männer fast während des ganzen Liedes kicherten und brüllten und sich fast totlachten. Es stellte sich heraus. wütend um sich zu blicken. daß er Zeit seines Lebens noch nicht so beleidigt worden war. es gelte allgemein für eines der tragischsten und pathetischsten Lieder in deutscher Sprache. daß er es einmal vor dem deutschen Kaiser gesungen habe. ging alles bestens. und dann. Und so endet der Professor unter dem wiehernden Gelächter der Gäste. Es handelte von einem jungen Mädchen. Er sagte. wenn die jungen Männer brüllten. diese aber scheinen sich gleich nach Ende des Lieds unauffällig empfohlen zu haben.

besonders wenn jemand nicht Funts Umsicht und seinen Sinn für Humor hat. und fragt ihn nach einem bestimmten Büro. einen Hut. die nur Schuhe. Der Film zeigt diese Szene mehrmals mit verschiedenen nichtsahnenden Männern. stellt eine nichts Böses ahnende Dame ihren Wagen korrekt auf einem Parkplatz ab.Candid Camera Ähnliche Situationen liefern das Material für Allan Funts Fernsehserie »Candid Camera« und seine Filme. indem er trocken bemerkt: »Wirklich ein hübsches Kleid.« Doch selbst hier ist die Trennungslinie zwischen Witz und Schrecken sehr fein. ein Mann ist entsetzt und versucht besorgt. der von zwei Tragsäulen des Parkhauses flankiert ist. wobei sich die komischsten Reaktionen ergeben: Nach Bewältigung der ersten Überraschung benehmen sich einige Leute. Sobald sie außer Sicht ist. der gerade auf den Aufzug wartet. das Sie da tragen. und nur einer bezieht sich direkt auf die nackten Tatsachen. seinen Regenmantel um sie zu wickeln. als ob alles sonst in bester Ordnung wäre. in der »Candid Camera« nachgeahmt wird. Sie alle beruhen auf raffiniert herbeigeführten. die ohne Wissen der Betreffenden gefilmt werden. Als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. kommt das Aufnahmeteam mit -123- . als handle es sich um Hans Christian Andersens Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern. ungewöhnlichen gesellschaftlichen Situationen und unwahrscheinlichen Ereignissen. In Funts Film »What do you say to a naked lady?« kommt zum Beispiel eine Szene vor. In einer europäischen Fernsehserie. und beantworten höflich ihre Frage. in der sich eine Lifttür öffnet und eine junge Dame herauskommt. eine strategisch plazierte Handtasche und auf ihren Lippen ein Lächeln trägt. wendet sie sich an den Mann. so daß ihre Reaktionen völlig spontan sind.

dreht den Wagen um 90 Grad herum und stellt ihn so zwischen die beiden Säulen hin. da ja alles in bester Ordnung zu sein scheint. Sie rennt um Hilfe. und bevor sie mit dem skeptischen Parkwächter zurückkehrt. sondern sich auch peinlichst blamiert fühlen. kommt der Gabelheber wieder und dreht den Wagen in seine ursprüngliche Stellung zurück.einem Gabelheber. -124- . Die Dame muß nun nicht nur an ihrem Geisteszustand zweifeln. daß vorne und hinten nur wenige Zentimeter Raum bleiben (Abbildung 6). sondern die unvorstellbare Unmöglichkeit der Situation jagt ihr sichtlich Schrecken ein. Die Dame kommt zurück und kann ihren Augen nicht glauben – sie kann nicht nur nicht wegfahren.

eine Situation. zusammen mit dem Glauben. beweist. sie deswegen zu kritisieren. Beginnen wir mit einem einfachen Beispiel: Ein Junge hat sein erstes Rendezvous mit einem Mädchen. oder – was letzten Endes auf dasselbe hinausläuft – eine Ordnung in die Ereignisse einzuführen. wenn er sich über ihre Verspätung beschwert hätte. und sie verspätet sich um zwanzig Minuten.Die Ausbildung von Regeln Die schwere Angst. ihn in jeder ihrer Verhaltensweisen ein Gesetz des Himmels vermuten läßt und er daher ihre Verspätung mit keinem Wort erwähnt. Es erhebt sich nun die Frage. daß Frauen nie pünktlich sind oder irgendeine andere Annahme. für die nicht bereits ein Interpunktionsschema vorliegt. so könnte sie die berechtigte Frage stellen: »Wieso beschwerst du dich heute plötzlich darüber?« 31 Selbstverständlich hätte sich eine Regel auch herausgebildet. daß Mädchen engelhafte Wesen sind. mit der selbst verhältnismäßig unbedeutende Desinformationssituationen besetzt sein können. -125- . daß frühere Erfahrung keinen Schlüssel zu ihrer Bewältigung bietet. daß sie die Höflichkeit der Könige ist. Täte er dies. Mit dieser Nichterwähnung aber bildet sich die erste Regel ihrer Beziehung heraus. wie notwendig es ist. die für sie so ungewöhnlich und neuartig ist. eine Ordnung im Laufe der Dinge zu sehen. 31 Sie hat nun sozusagen das Recht. das heißt zu interpunktieren. Stellen wir uns vielmehr vor. und er hat »kein Recht«. daß die Neuartigkeit der Situation. in anderen Worten. auch zu den künftigen Rendezvous zu spät zu kommen. daß er bereits eine Regel über Pünktlichkeit in seinem Kopf herumträgt – etwa. Lassen wir die (sehr plausible) Möglichkeit unberücksichtigt. wie Menschen sich in einer Situation verhalten.

die bloße Tatsache seines Eintretens einen Präzedenzfall schafft und damit eine Regel herbeiführt. -126- . geschweige denn vom Partner ausdrücklich gutgeheißen wird. Das eben Gesagte gilt 32 Daher die Absurdität der modernen. daß selbst dann. und besonders in zwischenmenschlichen Beziehungen verringert jeder Austausch von Verhalten die Zahl der bis dahin offenen Möglichkeiten. obwohl die Regel als solche unter Umständen beiden Partnern ganz außerbewußt sein mag. Dies bedeutet. unabhängig vom andern eigene Wege zu gehen. sogenannten »freien« Ehen. einen Ereignisablauf nicht zu interpunktieren wie eine vollkommen regellose Zahlenreihe herzustellen. Das Brechen solcher schweigender Regeln gilt als unannehmbares oder zumindest unrichtiges Verhalten. in denen beide Partner theoretisch und angeblich frei sind. 32 In der Forschung spricht man hier von der einschränkenden Wirkung aller Kommunikation [178]. wenn ein bestimmtes Verhalten nicht ausdrücklich erwähnt. In beiden Fällen tauchen Regeln und Gesetzmäßigkeiten auf. ist.Abbildung 6 Was dieses triviale Beispiel veranschaulichen soll. daß es genauso unmöglich ist.

Handels-. und es hat sich eingebürgert.übrigens für die Festlegung von Revieren in der Tierwelt genau wie für internationale Beziehungen. sie mit diplomatischer Diskretion als Militär-. die nicht unter diese stillschweigende Vereinbarung fallen und die im Falle ihrer Entdeckung ohne Furcht vor Vergeltung recht herzlos behandelt werden können. in der die Frage der Hoheitsgrenzen ein diplomatischer Zankapfel ist? Eine Reihe von Zwischenfällen in den Tagen des Kalten Krieges legt die Vermutung nahe. (Die Aufbringung des -127- . Presseoder Kulturattaches zu tarnen. deren Existenz und Aktivitäten weder von ihrem eigenen Lande zugegeben noch vom »Gastlande« offiziell gebilligt werden. um eine stillschweigende Regel aufzustellen. so hängte das Ursprungsland dieses Flugzeugs den Zwischenfall nicht an die große Glocke. Ganz ähnlich verhält es sich mit der gegenseitigen elektronischen Überwachung der Supermächte. Wurde zum Beispiel ein Überwachungsflugzeug bei seinem ersten Anflug auf ein bestimmtes Gebiet abgeschossen. desto besser werden die Ergebnisse der Überwachung und Aufklärung sein. Wie nahe ist aber zu nahe – besondern in einer Welt. Und getreu dem Grundsatz »Haust du meinen Spion. Erfolgte der Abschuß aber beim zweiten Flug über das gleiche Gebiet. Seit langem aber hat sich im Spionagewesen eine merkwürdige Praxis herausgebildet: Beide Länder dulden stillschweigend die Anwesenheit einer bestimmten Zahl sozusagen »offizieller« Agenten auf ihrem Staatsgebiet. Je näher die für diesen Zweck ausgerüsteten Schiffe und Flugzeuge an das Staatsgebiet der anderen Nation herankommen können. so konnte dies zu einer sehr ernsten diplomatischen Krise führen. Zusätzlich zu diesen Agenten gibt es aber meist eine große Zahl anderer. hau ich deinen Spion« pflegen Länder jede gegen einen ihrer offiziellen Spione ergriffene Maßnahme sofort mit einer ähnlichen Maßnahme zu vergelten. »inoffizieller«. Ein gutes Beispiel liefern Spione. daß auch hier ein Ereignis genügte.

anscheinend gibt es gewisse Grenzlinien. [158] (Kursiv vom Verf. herrscht meist Ruhe – und sei es auch nur die Ruhe. daß diese Grenzlinien so gewählt werden. Grenzen. ist die Lage meist gefährlich unstabil und explosiv. die die Russen vermutlich als solche erkannt haben und deren eventuelles Überfliegen sie vermutlich bis zu einem gewissen Grade überwachen können. […] Es ist zu bezweifeln. die bekanntlich darin besteht.nordamerikanischen Spionageschiffs Pueblo dürfte ein Zwischenfall dieser Art gewesen sein. beschreibt dieses Interaktionsmuster aus der Zeit des Kalten Krieges wie folgt: Wir scheinen ein Einverständnis über eine Art Verkehrsordnung für Bomberpatrouillen zu besitzen. vollendete Tatsache an vollendete Tatsache zu reihen. Soweit mir bekannt ist. zum Äußersten zu schreiten.) Wo Einflußsphären hinlänglich klar umrissen und ihre Grenzen daher anerkannt sind.) Thomas Schelling. Wo das noch nicht der Fall ist. die wir nicht überfliegen. jedoch immer dafür zu sorgen. wofür Südostasien und der Mittlere Osten Beispiele sind. Es handelt sich hier zweifellos um eine Zurückhaltung. daß dieses stillschweigende Übereinkommen durch ein schriftliches Abkommen wesentlich bindender gemacht werden könnte. daß ihre Bedeutung erkennbar ist. -128- . Professor an der Harvard-Universität. daß der Gegner ihretwegen bereit wäre. möglicherweise auch dadurch. die durch politische Unterdrückung auf einer Seite der Grenze gewährleistet wird. daß keine einzelne dieser Maßnahmen für sich genommen so schwerwiegend ist. die wir uns einseitig im Interesse der Vermeidung von Mißverständnissen und Alarmen auferlegt haben. sondern vielmehr durch damit im Einklang (vielleicht sogar auffällig damit im Einklang) stehendes Verhalten. In solchen Gebieten verwenden die Kontrahenten me ist die von Hitler als Salamitaktik bezeichnete Methode. werden diese Verkehrsregeln nicht offen kommuniziert.

Warum belügst du mich. du gehest nach Fez. du gehest nach Fez. zweite Ding im selben Maße vom ersten abhängt.Interdependenz Du sagst. -129- . daß du wirklich nach Fez gehst. daß du nicht hingehst. so bedeutet das. wenn ein Ding von einem anderen abhängt. Dieses Muster liegt den vorangegangenen Beispielen zugrunde: das Verhalten jedes Partners bedingt das des anderen und ist seinerseits von dem des anderen bedingt. so nennt man diese Beziehungsform interdependent. so daß also beide sich gegenseitig beeinflussen. Wenn aber dieses andere. was es bedeutet. Wenn du aber sagst. Ich weiß aber. deinen Freund? Marokkanisches Sprichwort Die im vorhergehenden Abschnitt angeführten Beispiele leiten zu einem weiteren wichtigen Element menschlicher Interaktion über: dem Begriff der Interdependenz. Jedermann weiß.

so werde er dafür sorgen. Er läßt sich die beiden Gefangenen vorführen und teilt ihnen unverblümt mit. Wenn aber nur einer ein Geständnis ablegt. erhalten würde. Doch kaum sind sie in der Einsamkeit ihrer Zellen zu dieser Einsicht gekommen. Ferner erklärt er ihnen. bekommen. Ohne ihnen die Möglichkeit einer Aussprache zu geben. Gestehen beide aber die Tat ein. wenn beide den Raubüberfall leugnen. Die gegen die beiden vorliegenden Indizien reichen aber nicht aus. -130- . nämlich zwanzig Jahre. wenn sie die Tat leugnen. schneiden beide am besten ab. stellt sich bereits der erste Zweifel 33 Der Name wurde ihm von Mathematikprofessor Albert W. nur wegen illegalen Waffenbesitzes zur Anklage bringen kann und daß sie dafür schlimmstenfalls zu je sechs Monaten Gefängnis verurteilt werden könnten. würde der Geständige damit zum Kronzeugen und ginge frei aus. schickt er die Gefangenen in getrennte Zellen zurück und macht damit jede Kommunikation zwischen ihnen unmöglich.Das Gefangenendilemma Das Wesen der Interdependenz läßt sich vielleicht am besten anhand des spieltheoretischen Modells des 33 Gefangenendilemmas einführen. daß sie nur das Mindestmaß für Raub. daß er sie dann. der andere aber weiterhin die Tat leugnet. nämlich zwei Jahre Gefängnis. Tucker in Princeton gegeben. während der andere das Höchststrafmaß. geschweige denn zwanzig Jahren vorzuziehen ist. um den Fall vor Gericht zu bringen. Was können die beiden unter diesen ungewöhnlichen Umständen tun? Die Antwort scheint einfach: Da ein halbes Jahr Gefängnis bei weitem zwei. die des Raubs verdächtigt sind. und das Gefangenendilemma selbst in seiner ursprünglichen Form. daß er zu ihrer Anklage ein Geständnis brauche. Demnach hält ein Staatsanwalt zwei Männer in Untersuchungshaft.

sondern zwanzig Jahre bekomme. daß ich. die Situation ausnützt und die Tat gesteht? Er wird dann freigelassen – und das ist letzthin für ihn entscheidend –. daß ich zu diesem Entschluß gekommen bin. daß die Vertrauenswürdigkeit ihres Komplizen weitgehend davon abhängt. Und bei längerem Nachdenken werden beide begreifen.« Doch auch diese Überlegung ist von kurzer Dauer. daß ich vertrauenswürdig genug bin. bin ich derjenige. denn wenn er nicht gesteht. sich im entscheidenden Moment der Gerichtsverhandlung an diese Vereinbarung zu halten. doch das wichtigste Werk dürfte immer noch Rapoport und -131- . und eine neue Einsicht drängt sich auf: »Wenn ich aber gestehe. wenn wir beide leugneten. Über dieses merkwürdige Interaktionsmuster gibt es bereits eine umfangreiche Literatur. beginnt der oben erwähnte Teufelskreis ihrer Überlegungen an diesem Punkte von neuem. wie vertrauenswürdig sie selbst dem anderen erscheinen. irgendwie miteinander zu kommunizieren und eine gemeinsame Entscheidung zu vereinbaren. und es hat keine Lösung. Denn selbst wenn die Gefangenen es fertigbrächten. und dies wiederum hängt davon ab. wenn ich gestehe. der freigelassen wird.ein: »Was aber. der sich unschwer vorstellen kann.« Dies ist ihr Dilemma. um die für uns beide vorteilhafteste Entscheidung zu treffen (nämlich nicht zu gestehen und daher mit sechs Monaten davonzukommen). zu zwei Jahren verurteilt werde. Es hat also keinen Sinn. die wir bekämen. wieviel Vertrauen jeder seinerseits dem andern zu schenken bereit ist – und so fort in unendlichem Regreß. während ich nicht sechs Monate. ob sie es ihrem Komplizen zutraue n können. was viel schlimmer wäre als die sechs Monate. so enttäusche ich nicht nur sein Vertrauen. wenn er genauso egoistisch und unzuverlässig ist wie ich selbst und daher aus derselben Überlegung heraus gesteht. zu leugnen. sondern ich laufe Gefahr. Da sie dies aber auf keinen Fall mit Sicherheit annehmen können. ich bin besser dran. würde ihr Schicksal trotzdem von der Frage abhängen. wenn der andere.

verlieren beide je drei Punkte. A und B. wovon sich der Leser leicht dadurch überzeugen kann. Ebenfalls von Rapoport stammt eine ausgezeichnete. In seiner einfachsten Form läßt sich das Gefangenendilemma als vierzellige Matrix darstellen. die auf der Annahme beruht. Wenn B aber b2 wählt und A bei Alternative a1 bleibt. je zwei Alternativen haben. sehr präzise Übersicht über das Wesen des Gefangenendilemmas. Abbildung 7 stellt eine solche Matrix dar und bedeutet einfach folgendes: Wenn A a1 und B b1 wählt. da ihnen die Möglichkeit direkter Kommunikation (und damit der Vereinbarung des bestmöglichen Vorgehens) fehlt. Wie erwähnt sind dafür in der Urfassung des Gefangenendilemmas zwei Gründe verantwortlich: Mangel an gegenseitigem Vertrauen und die physische Unmöglichkeit. seine Bedeutung für die in Entscheidungsverfahren schwer zu fassenden Begriffe von Vertrauen und Solidarität und über seine Bedeutung für das moderne mathematische Weltbild [140]. spiegelt dieses einfache mathematische Modell das Wesen und die Auswegslosigkeit des Gefangenendilemmas wider. so gewinnen beide je fünf Punkte. Sie treten überall dort auf. wo Menschen sich in einem Zustand der Desinformation befinden. als man annehmen möchte. nämlich a1 und a2 für A. Wenn ihre Entscheidung dagegen a2 /b2 ist. und b1 und b2 für B. Menschliche Situationen. sie andererseits aber nicht treffen können. daß zwei Partner. zu -132- . verliert A fünf Punkte und B gewinnt acht. daß er es mit einer anderen Person – vorzugsweise aber nicht mit einem Freund – spielt. Da aber auch sie ihre Wahl gleichzeitig und ohne die Möglichkeit einer Absprache treffen müssen. Das Umgekehrte ist der Fall. sind häufiger. wenn sie a2 und b1 wählen. A Study in Conflict and Cooperation« sein [139]. weil sie eine gemeinsame Entscheidung treffen müssen. Wie in der Geschichte vom Staatsanwalt und den beiden Räubern sind diese Resultate beiden Spielern bekannt.Chammahs Buch »Prisoner’s Dilemma. die die Struktur des Gefangenendilemmas haben.

ist die rationalste. -133- . daß die beste Wahl a /b1 wäre. In wirklichen Lebenslagen kann bereits das Fehlen eines dieser Faktoren das Dilemma herbeiführen. sind die rein praktischen Voraussetzungen von Kommunikation meist gegeben. Hierzu einige Beispiele: Abbildung 7 In menschlichen Beziehungen. die zwar für sie beide die günstigste wäre. Eben aber diese Entscheidung kann nur auf der Basis gegenseitigen Vertrauens erreicht werden. wenn sie es nicht über sich bringen. wenn dieses Vertrauen fehlt. Im Sinne der Matrix in Abbildung 7 ist es ihnen zwar klar. zum Beispiel in Ehen. Dennoch aber können die Partner in einem chronischen Gefangenendilemma leben. dem anderen genügend zu vertrauen. sie aber der Gefahr eines Vertrauensbruchs des Partners hilflos ausliefert. um die Entscheidung zu treffen. da sie den 1 größten gemeinsamen Gewinn garantiert.kommunizieren.

wenn nicht vollkommene Abrüstung vorschwebt und insofern also Einstimmigkeit herrscht. den ihr auf Grund des Lenkwaffenabkommens vom Jahre 1972 -134- . Ein großer Teil dieser endlosen Verhandlungen wird also im Versuch vergeudet. die beide zu chronischen Verlierern macht. es läßt sich nicht absichtlich herbeiführen. und es läßt sich auch nicht im Text eines Abkommens so konkret ausdrücken. kranken an demselben Problem. Werden Nationen jemals den wenigstens beschränkten Grad des Vertrauens aufbringen. nur daß die Entwicklung der Kernwaffen das Dilemma noch viel akuter gemacht hat. den Be griff des Vertrauens in eine Sprache zu übersetzen. und die einzige Alternative (die gemeinsame Entscheidung a1 /b1 in unserer Matrix) ist aus mangelndem Vertrauen unmöglich. vielleicht nicht mehr als ein Anzeichen dafür. Doch Vertrauen ist etwas schwer Faßbares. der Hybris reiner Rationalität zu entkommen? Wer weiß – doch es besteht ein Hoffnungsschimmer. zu dem Individuen in ähnlichen Lagen gelegentlich fähig sind und der es ihnen ermöglicht. von den Tagen des Völkerbunds bis in die jüngste Gegenwart. was potentiell erreichbar wäre: Im Verlauf der Nixon-Breschnew-Gespräche im Juni 1974 teilte die amerikanische Regierung mit. vor allem nicht mit Drohungen. Wenn man diese mastodontischen Verhandlungen mitverfolgt. daß sie nicht beabsichtige. In der Zwischenzeit aber lebt die Menschheit unter der Gefahr nuklearer Ausrottung. die keine Ausdrucksmöglichkeit dafür hat. Auf diese Weise drehen sich die Abrüstungsverhandlungen müde im Teufelskreis der restlichen drei Möglichkeiten des Gefangenendilemmas. erweist es sich. daß dieses Ziel aber nur auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens erreicht werden kann. daß allen daran beteiligten Staaten als wünschenswertes Ergebnis weitgehende. Abrüstungskonferenzen. wie man zum Beispiel die Zahl von atomangetriebenen Unterseebooten festlegen oder die technischen Einzelheiten eines ballistischen Abwehrsystems definieren kann.»sicherste« Entscheidung a2 /b2 .

der es ihnen ermöglichte. nachdem eine Seite die Sprache der reinen Rationalität aufgegeben und sich an eine Metalösung gewagt hatte. Der Mathematiker und Spieltheoretiker Nigel Howard hat bereits vor zehn Jahren eine sogenannte Theorie der Metaspiele entwickelt und mit ihrer Hilfe nachgewiesen. in dem die inkommensurablen Größen. Die Komplexität seines Beweises würde den Rahmen dieses Buchs überschreiten. Achilles und die Schildkröte. ihrerseits ebenfalls auf den Bau ihres zweiten Abwehrrings zu verzichten – ein Ergebnis. zu. die Vertrauen mit sich bringt und es daher so »unvernünftig« macht. und ich muß mich daher auf die Angabe der Quelle [74] und den Hinweis beschränken. und die Barbiere. daß es eine Lösung des Dilemmas auf höherer (Meta-)Ebene gibt. das heißt der vierzelligen Matrix. Er wurde aber erst möglich. die auf Vertrauen beruhte und all die Gefahren in Kauf nahm. muß die formale [Howards] Lösung des Gefangenendilemmas in einen gesellschaftlichen Kontext eingekleidet werden. so trifft dies. an keine Gegenleistung der anderen Seite geknüpfte – und daher »irrationale« – Entscheidung schien den Sowjets ein Vertrauensbeweis zu sein.zustehenden zweiten ballistischen Abwehrring zu bauen. In seinem bereits erwähnten Referat umreißt Rapoport ihre Bedeutung wie folgt: Um intuitiv verständlich und annehmbar zu sein. In diesem Zusammenhang ist abschließend noch ein wichtiger Beitrag zur Problematik des Gefangenendilemmas zu erwähnen. nur für die Situation zwischen dem Staatsanwalt und seinen beiden Gefangenen. Diese einseitige. Wenn ich im vorhergehenden darauf verwies. strenggenommen. das von der Weltpresse nicht zu Unrecht ein historischer Wendepunkt in den Beziehungen der beiden Mächte genannt wurde. daß seine Paradoxie keine Lösung hat. -135- . daß ihre Bedeutung für die mathematische Logik und für das Verständnis menschlicher Probleme kaum überschätzt werden kann. Wenn dies gelingt. da sie der Einführung einer übergeordneten Wirklichkeit gleichkommt. wird das Gefangenendilemma einen Platz im Museum der berühmten ex -Paradoxien verdienen.

-136- . aufbewahrt sind. zu entscheiden.die zu entscheiden versuchen. ob der oben erwähnte Fortschritt im Lenkwaffenabkommen nicht vielleicht die erste Übersetzung von Howards Lösung in einen gesellschaftlichen Kontext darstellt. [140] Es muß den Spieltheoretikern überlassen bleiben. ob sie sich selbst rasieren sollen.

beruhen auf diesem theoretisch unendlichen Regreß dessen. Andererseits aber muß eine gemeinsame Entscheidung getroffen werden – was also ist zu tun? Die Antwort ist nicht einfach. daß dieser Treffpunkt für beide augenfällig ist. daß ich denke… Das zweitwichtigste Merkmal jedes Gefangenendilemmas ist. denn der andere wird dorthin gehen. über die bestmögliche gemeinsame Entscheidung zu kommunizieren. daß der andere sicher ist. was ich aus rein persönlichen Gründen vorziehe und daher für die beste Lösung halte. wohin der andere gehen wird. daß beide sicher sind. in denen offene und freie Kommunikation aus irgendwelchen Gründen unmöglich ist. trotzdem gut. sich wiederzufinden. daß ich denke… usw. die physische Unmöglichkeit. daß er denkt.Was ich denke. der dieses interessante Interaktionsmuster sehr eingehend behandelt hat. wovon er sich vorstellt. der so augenfällig ist. Ich muß meine Entscheidung vielmehr auf der Basis meiner bestmöglichen Annahme darüber treffen. was ich denke. sind ihre Chancen. Also nicht »Was würde ich an ihrer Stelle tun?«. was der andere für die beste Lösung hält. Man stellt sich nicht einfach vor. Alle interdependenten Entscheidungen. Und wie im Falle der beiden Gefangenen wird auch seine Entscheidung weitgehend davon bestimmt sein. und so ad infinitum. daß man selbst hingehen wird. was er glaubt. sondern »Was -137- . und wie so oft bei der Lösung schwieliger Probleme ist es besser. wie erwähnt. daß ich für die beste Entscheidung halte. die Frage umzudrehen: Was darf nicht getan werden? Offensichtlich darf mein Beitrag zu einer interdependenten Entscheidung nicht darauf beruhen. daß er denkt. gibt folgendes Beispiel: Wenn ein Mann seine Frau in einem Kaufhaus aus den Augen verliert und die beiden keine vorgängige Vereinbarung darüber haben. wo sie in diesem Fall aufeinander warten werden. Schelling. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden beide an einen Treffpunkt denken.

einer gemeinsamen Annahme über die Situation oder auf etwas.) der logischste Zeitpunkt. daß die beiden rein aus Spaß zum Fundbüro gehen könnten. die sich auffällig von allen anderen abheben: 12 Uhr mittags und 12 Uhr nachts. die einem selbst aus irgendwelchen persönlichen Gründen plausibel erscheint – es sei denn. wenn sie an meiner Stelle wäre und sich fragen würde. daß auch der Treffpunkt nicht vorausbestimmt und beiden bekannt ist. ausschließliche Eigenschaft alle anderen möglichen Anhaltspunkte der betreffenden Situation übertrifft.und zwecklos. daß eine interdependente Entscheidung (in Abwesenheit direkter Kommunikation) nur dann Aussicht auf Erfolg hat. erschwert sich das Treffen der Agenten sehr. Es wäre vollkommen sinn. was sie tun würde. Angenommen. Wenn wir außerdem annehmen. wissen aber aus irgendwelchen Gründen nur den Platz. wie können sie sich trotzdem treffen? Beide werden sich fragen müssen: »Was ist seines Erachtens meines Erachtens seines Erachtens (…usw. Ein anderes Beispiel wäre folgendes: Zwei mit einer wichtigen Aufgabe betraute Geheimagenten müssen sich treffen. sich während der nächsten vierundzwanzig Stunden dauernd an jenem Ort aufzuhalten. doch werden sie sich dort schwerlich wiederfinden. daß es für sie viel zu auffällig wäre. Im Laufe von vierundzwanzig Stunden gibt es nur zwei Zeitpunkte. der andere würde zu irgendeiner anderen Stunde daherkommen. wenn ich an ihrer Stelle wäre und mich fragen würde. Schelling erwähnt die Möglichkeit. der andere wüßte von dieser persönlichen Präferenz und zöge sie daher in Betracht. das durch seine Augenfälligkeit. ihn zu treffen?« In diesem Fall ist die Antwort verhältnismäßig einfach. ist aber dennoch nicht unmöglich. was ich an ihrer Stelle tun würde…?« [155] Dieses Beispiel zeigt bereits. anzunehmen. nicht aber die Zeit ihres Treffens. wenn nicht beide denselben Sinn für Humor haben. seine physische oder bedeutungsmäßige Prominenz oder irgendeine andere. wenn sie auf der Basis einer von beiden Partnern geteilten Wirklichkeitsauffassung beruht. -138- .würde ich tun.

wie das folgende. Welche also ist die »wirklich« prominente? Viele Leser werden es wahrscheinlich bestreiten. ob diese Bedeutung positiv oder negativ ist). 261. also individuell. Offensichtlichkeit. sich ohne Absprache. Dieses für eine erfolgreiche interdependente Entscheidung ausschlaggebende Element der Prominenz ist oft nicht leicht zu identifizieren. 555 zu entscheiden. Größe oder sonstigen Prominenz als buchstäblich hervorstechendster Treffpunkt anbieten: der Hauptbahnhof. das höchste Gebäude. 100. sind sie nicht nur unmaßgeblich. der Hauptplatz wären solche Treffp unkte. 99. besonders aber in einer kleinen oder auf offenem Lande gibt es immer g ewisse Punkte. idiosynkratischen Gründen als der beste vorkommt. der ihnen aus persönlichen. die sich auf Grund ihrer Wichtigkeit. Auch hier dürfen die Agenten nicht der naiven Versuchung anheimfallen. für eine der sechs Zahlen 7. 13. aber von den sechs erwähnten -139- . so gewinnen sie alle eine größere Geldsumme. Welche dieser Zahlen zeichnet sich gegenüber den anderen fünf genügend aus und ist daher die logische Wahl für die notwendige einstimmige Entscheidung? Es sollte allen Teilnehmern von vornherein klar sein (ist es aber meist nicht). eine wichtige Brücke. andere Versuchspersonen dagegen finden 555 symmetrischer und daher »angenehmer« als 100 – und dies sind nur einige der vielen möglichen Pseudogründe für die Wahl einer bestimmten Zahl.Selbst in einer Großstadt. Wenn solche persönlichen Gründe und Präferenzen dem Partner nicht bekannt sind. an einem Platz zu warten. Für manche Menschen haben 7 und 13 abergläubische Bedeutung (doch besteht nicht einmal Einstimmigkeit darüber. sondern verunmöglichen das Treffen. von Schelling [156] erwähnte Experiment beweist: Einer Gruppe von Versuchspersonen wird die Aufgabe gestellt. Die Zahl 100 scheint sich den Intellektuelleren als das Quadrat von 10 anzubieten. daß irgendeine persönliche Bedeutung dieser Zahlen unmöglich die Grundlage der gemeinsamen Entscheidung sein kann. Wählen alle dieselbe Zahl.

keine landläufige Symbolbedeutung oder Rationalisierung knüpft. sie ist Teil der Adresse oder Telefonnummer einer Versuchsperson. 34 Es sei denn. und eben dieses Fehlen von Bedeutung verleiht ihr ihre Prominenz. ein Umstand. daß interdependente Entscheidungen sehr schwierig sein können und scharfes Denken über Denken voraussetzen. an die sich kein Aberglauben. -140- . wird er zugeben. sie ist die einzige »bedeutungslose« der sechs Zahlen34 . Wenn der Leser dieser Erklärung zustimmen kann. Diese Zahl ist die einzige.Zahlen ist nur eine unleugbar prominent – allerdings negativ prominent – nämlich 261. der ihr aber schwerlich allgemeine Bedeutung verleihen würde.

vorausgesetzt daß A ein rationaler Spieler und daher auf seinen bestmöglichen Gewinn bedacht ist. Wir haben es hier mit dem Wesen des zwischenpersönlichen. wird er sicherlich a1 wählen (a2 gäbe ihm ja Null). nämlich einen für B zwingend erscheinenden Grund. sobald wir annehmen. Gelingt es A. -141- . Er gewinnt jetzt zweimal soviel. weshalb er (A) die etwas selbstmörderische Entscheidung a2 treffen würde. daß die Spieler nun miteinander kommunizieren können und ihre Entscheidungen nicht gleichzeitig treffen brauchen. und wir können sie als die Forderung nach einem bestimmten Verhalten 35 Zitat aus Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. so fällt das Resultat (a1 /b1 ) zugunsten A’s aus. Die Lage ändert sich aber drastisch. seinen Partner dazu zu veranlassen. interdependenten Phänomens einer Drohung zu tun.Drohungen Im Namen der Toleranz sollten wir daher das Recht beanspruchen. die Intoleranz nicht zu tolerieren. denn. wenn B ihm nicht nachgibt. Karl Popper35 Besehen wir uns als nächstes folgende spieltheoretische Matrix (Abbildung 8 auf der folgenden Seite): Wenn die Spieler wie bisher ihre Entscheidungen gleichzeitig und ohne die Möglichkeit einer Vereinbarung treffen müssen. wird A zusätzlich zu seiner Forderung noch etwas anderes kommunizieren müssen. B aber nur halb soviel (5) als bei a1 /b1 . daß er a2 wählen werde. Um dies zu erreichen. wenn jener nicht b2 wählt. A kann B nämlich nun mitteilen. hat B mit der Wahl von b1 ein leichtes Spiel.

die mit der Ankündigung bestimmter Folgen im Falle der Nichtausführung verbunden ist. und der Leser ist wiederum auf Schellings klassisches Werk ›The Strategy of Conflict‹ [154] verwiesen. Sie muß glaubhaft. -142- . Abbildung 8 Um erfolgreich zu sein. Es ließen sich natürlich umfassendere Definitionen geben. deren Verständnis für die Planung von Gegenmaßnahmen unerläßlich ist. um ernstgenommen zu werden. das heißt hinlänglich überzeugend sein. muß eine Drohung folgende drei Voraussetzungen erfüllen: 1. Ich selbst werde mich auf jene Aspekte jeder Drohung beschränken. das die überraschend komplexe Natur dieses scheinbar so einfachen.betrachten. alltäglichen Interaktionsmusters beschreibt.

Der Bedrohte muß imstande sein. Sie muß ihr Ziel. also den zu Bedrohenden. der Drohung nachzukommen. Wenn auch nur eine dieser Voraussetzungen nicht gegeben ist oder verunmöglicht werden kann. -143- . 3.2. ist die Drohung wirkungslos. erreichen.

Daneben gibt es viele andere Möglichkeiten. hat die zweite Drohung hinlängliche Glaubhaftigkeit. Vielleicht zu handeln bedeutet.Die Glaubhaftigkeit einer Drohung Wenn jemand mich anzuzeigen droht. wenn ihr Urheber eine Situation herbeiführen kann. daß auch das kleinste Einlenken einem Gesichtsverlust gleichkäme – ein Argument. die angedrohten Folgen aufzuhalten oder rückgängig zu machen – obwohl er sie ursprünglich selbst einleitete. bestimmt und nicht vielleicht zu handeln. In beiden Fällen bezieht sich die Drohung auf eine Lappalie. über die man selbst keinen Einfluß hat (etwa eine vorgesetzte Behörde. [157] Eine Drohung ist daher am wirkungsvollsten. deren Befehle nicht geändert oder beeinflußt werden können. daß man vielleicht nicht handeln wird – daß man sich nicht festgelegt hat. und wenn er dafür bekannt ist. doch während sie im ersten Beispiel absurd und daher leer ist. weil ich einen Zigarettenstummel vor seinem Haus wegwarf. -144- . eine Drohung überzeugend zu machen. in der es schließlich nicht mehr in seiner Macht liegt. daß man sich derart auf ein bestimmtes Vorgehen festlegt. wird von Schelling wie folgt umrissen: In der Regel muß man damit drohen. wenn der Forderung nicht stattgegeben wird. werde ich ihm wahrscheinlich mein Dessert überlassen. der Mafiahäuptling oder die vagen hierarchischen Mächte in Kafkas »Prozeß« und »Schloß«). Dies läßt sich zum Beispiel dadurch erreichen. wenn ich ihm nicht mein Stück Kuchen gebe. eine Drohung als unabänderlich hinzustellen. das allerdings in verschiedenen Kulturen sehr verschiedenes Gewicht hat. werde ich seine Drohung höchstwahrscheinlich ignorieren. sich zu erschießen. ihn vergleichbaren Situationen sehr abnormal reagiert zu haben. Ein Beispiel wäre die Anrufung von Mächten. Die Notwendigkeit. Wenn aber jemand droht.

die er vielleicht durch die Ignorierung des Leidens des Betreffenden auslösen könnte. da sonst das gesamte europäische Wirtschaftswesen in Chaos geraten könnte. Klinische Beobachtungen. erhöhte Aufmerksamkeit seitens dieser anderen. was in der Psychodynamik merkwürdigerweise als sekundärer Krankheitsgewinn bezeichnet wird).Und schließlich kann sogar die eigene Schwäche für diesen Zweck erfolgreich verwendet werden – man denke bloß an die katastrophale Finanzlage Italiens und Großbritanniens. und auf diese Weise führt die »Lösung« zu einem »mehr desselben« Problems. da kaum jemand die Schuld für eine menschliche Katastrophe auf sich nehmen will. Damit scheint das Element der Absichtlichkeit zu fehlen. Seine Unfähigkeit. doch ändert das nichts an der Tatsache der Erpressung. verringerte eigene Verantwortlichkeit usw. – kurz all das. vor allem die -145- . daß es dem Patienten nicht möglich ist. Depressionen und vergleichbaren Zustände ist. seine Gemütsverfassung aus eigener Kraft zu ändern. entspricht der seiner Verwandten. die die anderen europäischen Länder schon mehrfach dazu gezwungen hat. In diesen Fällen verbirgt sich die Drohung hinter dem schwer zu bestreitenden Umstand. die die Nichtbeachtung des Zustands des Patienten nach sich ziehen würde. die der zwischenmenschlichen Dynamik Aufmerksamkeit schenken. ihnen mit massiven Anleihen zu Hilfe zu kommen. der überaus wirkungsvollen Beeinflussung anderer unter Hinweis auf die Folgen. daß eine ähnliche Form der Erpressung durch Hilflosigkeit ein wesentlicher Bestandteil der meisten Selbstmorddrohungen. Sie schließen nämlich den Teufelskreis von Drohung und Erfolg der Drohung (das heißt Macht über andere. die ihrerseits nur zur Verschärfung des Problems beitragen. dies als Drohung zu sehen. Bekannten und oft sogar seiner Therapeuten. [182] Doch all dies kann auch gegen die Drohung. denen der »gesunde Menschenverstand« Formen der Ermunterung und des Optimismus nahelegt. zeigen.

daß ihre Strategie ausschließlich auf dem unwiderruflichen Plan beruhte. durch Wort und Tat glaubhaft zu machen. Da aber grade die Öffnung dieser Nord-Süd-Verbindungen der Hauptzweck eines Einmarsches in die Schweiz gewesen wäre und da die Schweizer seine Zwecklosigkeit unmißverständlich klarmachen konnten.bewußte. Ein Beispiel aus der neueren Geschichte ist der Versuch Hitlers. die Schweiz durch die Androhung militärischer Maßnahmen zur Übergabe der strategisch wichtigen Verkehrsverbindungen durch die Alpen zu zwingen. Ihre Anwesenheit läuft also praktisch auf eine unwiderrufliche Verpflichtung der USA hinaus. um eine ernsthafte Bedrohung des Ostens darzustellen. und hierin liegen wichtige Möglichkeiten für Gegenmaßnahmen. von wo aus sie die strategischen Pässe und Bahnlinien auf Jahre blockieren konnten. daß diese Truppen viel zu schwach sind. deren häufigste natürlich eine Gegendrohung von ähnlicher oder sogar größerer Glaubwürdigkeit und Schwere ist. Industrien und alles damit zusammenhängende) zu opfern und ihre Truppen in das schwerbefestigte Alpenreduit zurückzuziehen. was für den anderen (und nicht für einen selbst) ein zwingender Grund ist. fand die Invasion nicht statt. – Eine ähnliche Philosophie liegt der Anwesenheit der amerikanischen Truppen in Westeuropa zugrunde. daß die Warschaupaktmächte wissen. einer eventuellen militärischen Drohung aus dem Osten nicht nachzugeben. Die Vereinigten Staaten wissen. absichtliche Drohung angewandt werden. Auch hier hängt der Erfolg von der richtigen Einschätzung dessen ab. -146- . Es gelang den Schweizern. daß die Vereinigten Staaten wissen. im Falle eines deutschen Einmarsches das gesamte Alpenvorland (ihre Städte.

wofür ein älteres Tier von den Rangälteren sofort angegriffen würde. durch das Schalterfenster -147- . da sie sie nicht begreifen (oder dies zumindest glaubhaft vorschützen). recht alltäglichen Beispiele zeigen bereits.Die Drohung. Selbstverständlich muß es glaubhaft sein. Schwachsinnige oder Kinder mögen für Drohungen unzugänglich sein. Geistesgegenwärtigen Bankbeamten gelingt es manchmal. was jener (und nicht nur man selbst) für plausibel und überzeugend hält. usw. in denen der Räuber ihnen schweigend einen Zettel mit der Aufforderung. aus welchen Gründen auch immer. daß eine Drohung. die Behauptung. Ausländer zu sein und die Landessprache nicht zu verstehen. denen bis zu einem bestimmten Alter vieles erlaubt ist. die Vermeidung eines warnenden Blickes durch Wegsehen. jene typischen Raubversuche zu vereiteln. Betrunkenheit. daß man die Drohung nicht begreift. vom Bedrohten nicht verstanden wird. ihm einen Briefumschlag mit Geld zu füllen. Dies läßt sich auf verschiedene Weise bewerkstelligen. daß eine wirkungsvolle Maßnahme gegen eine Drohung darin besteht. die ihr Ziel nicht erreichen kann Es dürfte einleuchten. ihren Erhalt unmöglich zu machen. Geistesgestörte. die entweder nicht an ihrem Ziel ankommt oder die. Sie müssen das Wesen einer Drohung erst langsam erlernen. Daraus folgt. Unaufmerksamkeit. scheitern muß. daß jede Drohung interdependente Merkmale hat: ihr Urheber wie der Bedrohte müssen versuchen. In unmittelbaren Interaktionen reicht fast jede tatsächliche oder vorgebliche Verstehensbehinderung aus: Zerstreutheit. Dies trifft auch für Jungtiere zu. Taubheit. den anderen im richtigen Erraten dessen zu übertreffen. Fanatiker. und selbst die eben erwähnten.

Bei der Planung des Überfalls hat er versucht.reicht. -148- . auf das die Spielregeln des Räubers nicht anwendbar sind. Abbildung 9 »Tut mir leid – aber unsere Bank ging heute vormittag pleite« Der amerikanische Feuilletonist Herb Caen sammelte einmal eine Liste solcher Entgegnungen.) In dieser Situation kann fast jede Weigerung erfolgreich sein. Der Schalterbeamte spielt sozusagen ein anderes Spiel. in Betracht zu ziehen. (Die Drohung wird dabei meist durch die Hand in der Manteltasche angedeutet. die die Lage von Grund auf umdeutet36 und auf die der Räuber daher nicht vorbereitet ist. Nun ist er plötzlich mit einer anderen Wirklichkeit konfrontiert. alle nur möglichen Aspekte der Wirklichkeit. hier sind einige seiner Perlen 36 Für eine Definition und Veranschaulichung des wichtigen Begriffs des Umdeutens siehe [186]. in der er zu handeln hat.

das Kabinenpersonal hätte ihnen überzeugend nachweisen können. da es Dutzende von -149- . Das Elegante an dieser Lösung hätte darin bestanden. ich muß rasch einen holen. die Luftpiraten am Flugplatz am Besteigen des Flugzeugs zu hindern beziehungsweise das Mitnehmen von Waffen unmöglich zu machen. was sie auch drohten. Damit ist heute die Luftpiraterie weitgehend eliminiert. Passagiere unter diesen Umständen zu befördern.« Abbildung 9 veranschaulicht eine ähnliche Situation. Die erste. wurde in den sechziger Jahren ernsthaft als Maßnahme gegen die häufigen Flugzeugentführungen erwogen. daß auch sie selbst nicht mit dem Piloten in Fühlung treten könnten und daß daher die Maschine unbeeinflußbar auf ihr Ziel weiterflöge. daß man sie nicht am Ziel ankommen läßt. Die Methode. Gleichgültig. was für eine merkwürdige Idee!« »Ich habe jetzt Mittagspause. die Pilotenkanzel durch eine Stahltüre abzuschließen und jegliche Kommunikation zwischen Passagierkabine und Kanzel technisch unmöglich zu machen. bitte gehen Sie zum nächsten Schalter.« »Ich habe keinen Umschlag hier. die schließlich eingeführt wurde. Leider hat sie aber den entscheidenden Nachteil. eine Drohung dadurch zu vereiteln. sondern umgekehrt der Öffentlichkeit in jeder nur möglichen Weise zur Kenntnis gebracht worden wäre. bis der Schalterbeamte zurückkommt. besteht bekanntlich darin.« »Ich bin noch in Ausbildung und darf daher keine Auszahlungen machen – bitte gedulden Sie sich. daß sie nicht nur nicht geheimgehalten zu werden brauchte. allerdings zum Preis kostspieliger und komplizierter Sicherungsund Überwachungssysteme. daß keine Fluglinie bereit wäre. Durch diese einfache Maßnahme hätten die Forderungen und Drohungen der Entführer den Kapitän nicht erreichen können. Grundsätzlich boten sich zwei sehr verschiedene Möglichkeiten an. Die andere Methode hätte darin bestanden.[30]: »Nein.

Durch die Verwendung derselben Kommunikationskanäle wäre es recht einfach gewesen. Die Erpressung der Familie Hearst in Kalifornien im Jahre 1974 durch die aufsehenerregende Entführung ihrer Tochter Patricia ist ein Beispiel verpaßter Möglichkeiten in der Behandlung von Drohungen. und dem Leser. falls die Familie ihnen nicht nachkam. der sich eine geschickte Ausnützung der interdependenten Situation zwischen Entführern und Flugpersonal einfallen läßt. In kürzester Zeit hätte sich auf diese Weise eine Situation schaffen lassen. den Massenmedien falsche Mitteilungen zuzuspielen. die die sofortige Verständigung des Flugkapitäns erfordern – von Feuer im Papierkorb einer Toilette bis zum Herzanfall eines Passagiers. die ebenfalls Patricia Hearsts Leben bedrohten. als wären sie das Wort Gottes. in der keine Mitteilung mehr glaubhaft gewesen wäre. auch das Äußerste aus einer Sensation herauszuholen. Bekanntlich teilten die Entführer der Familie ihre Bedingungen durch Briefe und Tonbänder mit. die sie den Massenmedien zugehen ließen. Doch ist das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen. indem sie etwa wiederholten. hätte sich ihre Wirkung durch die Anwendung einiger einfacher und altbewährter Gegenspionagemethoden weitgehend ausschalten lassen.Zwischenfällen gibt. dürfte seine Idee von den Luftfahrtbehörden und den Fluglinien vermutlich gut honoriert werden. jede hätte sich durch eine andere. usw. und behandelten diese Mitteilungen. So übernahmen sie zum Beispiel auch in ihren eigenen Kommentaren den bombastischen Stil der Bande. das Mädchen befände sich in einem ›Volksgefängnis‹. Obwohl es dank dieser Schützenhilfe unmöglich war. -150- . das Ankommen der Drohungen und Forderungen an ihrem Ziel (der Familie) zu verhindern. und bezogen sich auf den Bandenführer ganz ernsthaft und ohne die Verwendung von Anführungszeichen mit seinem selbstverliehenen Dienstgrad »Generalfeldmarschall«. Letztere erwiesen sich ihrer Tradition würdig.

hätten sowohl die Behörden wie die Familie glaubhaft erklären können. daß in unserem Zeitalter furchterregender elektronischer Fortschritte die Herstellung durchaus echt klingender Tonbänder mit der Stimme Patricia Hearsts kein Problem gewesen wäre. Sobald einmal diese Konfusion herbeigeführt war. die angeblich von den »wirklichen« Entführern kam und schwerste Folgen androhe.widersprüchliche verwirren oder aufheben lassen können. sie ist aber auch eine nichtklinische Anwendung von Ericksons Konfusionstechnik. da für sie jede Unterscheidung zwischen den wahren und den falschen Drohungen und Forderungen unmöglich war. Wie erwähnt. wenn nicht sie. daß sie keiner dieser Mitteilungen Folge leisten konnten. ist die Anwendung absichtlicher Konfusion eine in der Spionage häufig angewandte Taktik. Es braucht wohl nicht eigens betont zu werden. -151- . sondern die Forderung der »anderen Gruppe« befolgt würde. In gut revolutionärem Jargon hätte diese Gruppe sich als ein Häufchen von Verrätern am revolutionären Ideal hinstellen lassen können. deren Liquidierung durch die Armee der Getreuen unmittelbar bevorstand.

seiner Drohung nachzukommen. während ich gerade in Harbin war. wird die Drohung verpuffen. wie sie entkommen sei. Wie Daniele Varè berichtet. daß ich diese Summe nicht besitze und auch nicht aufbringen kann. zu beweisen. März 1973 zusammen mit zwei amerikanischen Diplomaten getötet wurde. sollte es demjenigen theoretisch verhältnismäßig leicht fallen. Zum Beispiel: Wenn jemand von mir unter Todesdrohung eine Million Mark fordert. da die Mörder ihn für einen Amerikaner hielten und seinen Beteuerungen keinen Glauben schenkten. wird es mir nicht zu schwer fallen. daß jenes Land seine Entführung ignorieren wird. Wir fragten sie. er sei Bürger eines einflußreichen Landes. und sie erwiderte: -152- . wenn eine Drohung g laubhaft ist und ihr Ziel erreicht hat.Die unbefolgbare Drohung Selbst dann. beweist das tragische Schicksal des in Ägypten geborenen Charge d’Affaires der belgischen Botschaft in Khartum. Viel weniger tragisch erging es der Frau eines in der Vorkriegszeit in Peking akkreditierten französischen Diplomaten. ihm zu beweisen. wurde sie in der Mandschurei von Banditen gefangengenommen. der von AlFatah-Terroristen während ihres Überfalls auf die amerikanische Botschaft am 1. daß es mir unmöglich ist. Guy Eid. ist meine Lage viel gefährlicher. Nach wenigen Tagen tauchte sie wieder auf. ohne daß ihr etwas geschehen wäre. obwohl meine Knie wahrscheinlich zittern. Wenn ich meinen Bedroher überzeugen kann. Verlangt er dagegen hundert oder selbst zehntausend Mark. und ich kann ihm heimlich eine lange Nase drehen. Entführen Terroristen jemanden unter der irrigen Annahme. das sie politisch erpressen wollen. Daß dies leider nicht notwendigerweise so ist. ist noch nicht alles verloren.

werden sich vielleicht über die Bedeutung eines unschuldig klingenden Zusatzes den Kopf zerbrechen: »Bitte nehmen Sie auch zur Kenntnis. sondern auch den Urheber der Drohung außer Gefecht. daß die Schwanztüre unserer Boeing 727 während des Fluges nicht mehr geöffnet werden kann. Manchmal kann die unmittelbare Wirkung einer Drohung selbst eine Situation herbeiführen. Eine Ohnmacht. daß manchmal eine sehr kleine Änderung der für den Erfolg der Drohung notwendigen physischen Gegebenheiten sie ihrer Wirksamkeit beraubt. oder daß er an einer unheilbaren Krankheit leidet und sich bereits mit dem Tode abgefunden hat.‹ Der Mann sah das ein und ließ mich laufen. die der Vorführung der Sauerstoffmasken und anderer Sicherheitsvorrichtungen Aufmerksamkeit schenken. geschweige denn 50.»Ich ging zum Führer der Räuber und erkundigte mich. ob tatsächlich oder nur geschickt vorgetäuscht. in deren Verlauf die Luftpiraten samt dem Lösegeld mit Fallschirmen durch die Hecktüre absprangen.« [173] Die Macht der Machtlosigkeit hat zweifellos ihre eigenen Vorteile. daß er für mich ein Lösegeld von 50. daß nach einer Reihe von Flugzeugentführungen. das Öffnen der Tür in der Luft durch eine einfache technische Änderung unmöglich gemacht und damit dieser sportlichen Technik ein sofortiges Ende gesetzt wurde.000. wenn der Bedrohte eiserne Nerven hat und überzeugend glaubhaft machen kann. setzt nicht nur das Opfer.000 Taels verlangt habe. Jetzt bin ich alt und zahnlos. Und zumindest theoretisch dürfte eine Todesdrohung dann verpuffen. Mein Gatte würde keine 5 Taels zahlen. um mich zurückzubekommen. Er bejahte.« Der Grund für diese etwa kryptische Durchsage ist. ob es stimme. daß er ohnehin im Begriff war. -153- . So sagte ich ihm: ›Sehen Sie mich an. Ich war niemals schön. Natürlich kann man einen Bewußtlosen mit Erschießen bedrohen. Das Beispiel beweist. Selbstmord zu begehen. falls er einer Forderung nicht nachkommt. die ihre Erfüllung unmöglich macht. Flugpassagiere. ein Herzanfall oder eine epileptische Krise. aber es wird wenig nützen.

Und da sie so wirkungslos wird. daß er der Drohung gehorchte. Und was ihm damit genommen wird. Es wird ihm die Möglichkeit entzogen. sondern die obligatorische Geheimhaltung. [154] -154- . daß keine Repressalie auf seine tatsächliche Stimmabgabe angewandt werden kann. Schelling verweist auf die ganz ähnliche Bedeutung der gesetzlich vorgeschriebenen geheimen Stimmabgabe bei Wahlen in Demokratien. er wird der Macht entkleidet. wäre grenzenlos. wenn ihm das Verschachern seiner Stimme freistünde.Doch solche Gegenmaßnahmen beschränken sich nicht nur auf die physischen Umstände. entzieht dem Staatsbürger die Möglichkeit. schreibt er. die er verkaufen könnte. zum Beispiel die Geiseln. Es ist nicht nur die Geheimhaltung als solche. mit der er bedroht werden könnte. als man gemeinhin annehmen würde. seine moralische Verantwortung abzulegen. Wenn der Wähler aber keine Möglichkeit hat. sondern muß seinen Stimmzettel geheim abgeben. die ihm seine Macht nimmt. ist. daß es im größeren Rahmen und auf die Dauer Drohungen verhindert und daher viele Menschenleben schützen kann. wenn das demokratische System seinen Zweck erfüllen soll. Es muß ihm jede Möglichkeit verweigert werden. verpufft die Drohung. Unmenschlich. wie dieses Vorgehen für die jeweils direkt Bedrohten. mit der sonderbaren Klausel »Niemand kann sich seiner Freiheit entäußern oder sich in ihrem Gebrauch in einem das Recht oder die Sittlichkeit verletzenden Grade beschränken«. Drohungen nachzukommen. Die Gewalt. Erpressungen nachzukommen. kann denselben Erfolg haben. Eine öffentlich angekündigte und konsequent beibehaltene Weigerung. Schutzvorkehrungen gegen Drohungen und Erpressungen durch Verhinderung ihrer Befolgung liegen unseren Gesetzen und Institutionen häufiger zugrunde. beweisen zu können. sich einschüchtern zu lassen. und macht aus ihm daher ein viel weniger leichtes Opfer von Drohung und Zwang. ist nicht nur die Freiheit seiner Wahl. besteht doch kein Zweifel. zu beweisen. Paragraph 27 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches zum Beispiel. wenn die Schwere der Drohung ihn willfährig machte. da die angedrohte Gewalt ohnehin nicht angewandt zu werden brauchte. wissen sowohl er wie seine Bedroher. wem er seine Stimme gab. Er darf nicht nur.

in schöner Einhelligkeit dieses archaische Überbleibsel aus demokratischen Zeiten entrüstet abzulehnen und seine Stimme offen abzugeben. daß sie sein Verschwinden noch vor Erhalt der ersten Mitteilung seitens der Erpresser bereits der Polizei gemeldet hätten und nun außerstande seien. komplizierten Verhandlungen. Obwohl eine Anzahl juridischer und praktischer Gründe dagegen sprechen. Erpressungen und Geiselnahmen besonders ausgebildet sind. Viele Sicherheitsbehörden haben bereits Abteilungen. die Ausnützung der psychologischen Zwangslage. Gegenvorschlägen. die absichtliche Verwendung von Mißverstehen. ob es notwendig werden könnte. sicheres Ende des von ihnen selbst herbeigeführten Alptraums). Die zunehmende Zahl von Entführungen zum Zwecke von Erpressungen wirft ernsthaft die Frage auf. Zweideutigkeiten usw. ist die Idee grundsätzlich bestechend: Die Verwandten des Entführten könnten beweisen. die zum Einsatz gegen Entführungen. daß damit der Schein geheimer. Und schließlich bietet sich auch hier die absichtliche Schaffung von Konfusion als Gegenmaßnahme an. Dies bringt uns zum Ende dieser sehr skizzenhaften und rein -155- . eventuelle Dissidenten es sich aber eher zweimal überlegen werden. die gesamte Familie sofort in Schutzhaft zu nehmen und damit jeden Kontakt mit den Erpressern und die Befolgung ihrer Drohungen zu unterbinden.Bekanntlich werden auch in Diktaturen dem Wähler Kabinen zur geheimen Abgabe seiner Stimme geboten. der geschickten Herbeiführung unzähliger praktischer Schwierigkeiten. Lösegeldzahlungen gesetzlich zu verbieten. freier Wahlen gewahrt wird. Ein noch drastischerer Schritt der Behörden bestünde darin. Ihr Vorgehen beruht unter anderem auf Ablenkungsmanövern. Der Vorteil ist. doch ist es Brauch. unter der die Verbrecher selbst stehen (die ja nichts mehr wünschen als ein rasches. den Forderungen nachzukommen. die die rasche Befolgung der Forderungen verunmöglichen. durch Gebrauch der Kabine sofortigen Verdacht zu erwecken.

nämlich die negativen Vorzeichen einer Drohung durch positive zu ersetzen und damit zum theoretischen und praktischen Verständnis eines weiteren Aspekts der Interdependenz zu kommen. was ich deswegen tun werde. weil er sich überlegt. weil ich mir überlegt habe… usw.pragmatischen Überlegungen über das jeder Drohung zugrunde liegende Kommunikationsmuster. das heißt auf meiner richtigen Überlegung. -156- . Drohungen sind ebenso Phänomene der Interdependenz. und zwar des Versprechens als dem kommunikationstheoretischen Spiegelbild der Drohung. was er deswegen tun wird. Der Erfolg einer Drohung oder einer Gegenmaßnahme beruht fast ausschließlich auf der korrekten Einschätzung der Wirklichkeitsauffassung des anderen. wie es die auf dem Gefangenendilemma beruhenden Kommunikationsmuster sind. Zum Abschluß sei dem Leser eine Hausaufgabe vorgeschlagen.

37 Daneben besteht aber eine dritte. ihm eine falsche Wirklichkeit zuzuspielen und dafür zu sorgen. -157- . weil sie das Studium von Kontexten ermöglichen. daß ich denke.Geheimdienstliche Desinformation Der Laie kennt meist nur zwei Hauptaufgaben der Geheimdienste: Informationen über den Gegner zu sammeln (Spionage) und ihn umgekehrt am Erwerb von Information zu hindern (Gegenspionage).? – außer daß hier der Endzweck darin besteht. der Leiter von Amt VI im Reichssicherheitshauptamt. bis es zu spät ist. wurde die Verwendung von Desinformation im Zweiten Weltkrieg vom deutschen und vom britischen Geheimdienst zu hoher Blüte entwickelt. Ein anderer großer deutscher Erfolg 37 Natürlich gibt es noch andere geheime Aufgaben. Für den Kommunikationsforscher sind diese Situationen deswegen so interessant. daß zu einem Zeitpunkt nicht weniger als vierundsechzig festgenommene sowjetische Funkagenten »umgedreht« waren und Moskau mit irreführenden Nachrichten versorgten. meist viel ungemütlicherer Art. daß er sich ihrer nicht gewahr wird. ihn zu Fehlschlüssen zu bringen. sind hier den labyrinthischen Verschachtelungen der Interdependenz kaum Grenzen gesetzt. daß er denkt… usw. Schellenberg [153]. wie Sabotage und ähnliches. Hier handelt es sich also um Täuschungen. in denen die Regeln normaler Kommunikation auf den Kopf gestellt werden und das Endziel in Desinformation besteht. Obwohl uralt. nämlich das Zuspielen falscher Information über die eigenen Pläne. doch wollen wir uns hier rein auf Information und Desinformation beschränken. weniger bekannte Sparte. Irreführungen und geplante Desinformation. und wie man sich leicht vorstellen kann. Deutscherseits wurden entscheidende Erfolge mit den sogenannten Funkspielen erzielt. berichtet. Die praktische Grundformel bleibt aber: Was denkt er.

erfolgreichste britische Doppelagent. der für das gesamte Doppelagentenwesen angewendet wurde. findet sich meines Wissens die beste und vollständigste Beschreibung in Mastermans Bericht [96] über seine Erfahrungen als Mitglied des sogenannten XX-Komitees. beschreibt die haarsträubenden Schwierigkeiten. und der in seiner Sturheit nicht einsehen -158- . die Agenten umzudrehen. Der britische Geheimdienst hatte diese Spiele zu solcher Meisterschaft entwickelt. der unter dem Decknamen Tricycle arbeitende. In beiden Fällen wurde von deutscher Seite angenommen. der nicht unter britischer Kontrolle stand. praktischer und wirksamer. die er mit dem FBI (dem amerikanischen Bundeskriminalamt) im allgemeinen und seinem Leiter. Was die britischen Täuschungsspiele betrifft.war ein Unternehmen mit dem Decknamen Nordpol (das Englandspiel) [161]. daß diese Agenten entweder festgenommen und »umgedreht« worden waren oder daß es sich um Personen handelte. Damit soll gesagt sein. Feindagenten zu verhaften. Aus Tarnungsgründen sprach man auch vom »Zwanziger-Komitee«. auf das ich noch zurückkommen werde. 38 der gerade wegen seiner fast wissenschaftlichen Nüchternheit und typisch britischen Zurückhaltung besonders lesenswert ist. Statt alle Feindagenten festzunehmen und den Gegner auf diese Weise zum Ersatz seiner Verluste und zum Aufbau neuer Spionagenetze zu zwingen. daß es in Großbritannien während des ganzen Krieges nicht einen einzigen deutschen Spion gab. ist es billiger. In diesem eigenartigen Spiel der Täuschungen hat die Verwendung von Doppelagenten laut Masterman folgende Funktionen: 1. die sich von der deutschen Abwehr als Vertrauensmänner hatten anwerben lassen. 39 38 »XX« steht für den Ausdruck »double cross« (Doppeltäuschung). 39 Popov. J. in Wirklichkeit aber im Dienste der Briten standen. Edgar Hoover. dem es nur darum ging. daß diese Agenten für sie und gegen die Alliierten arbeiteten. im besonderen hatte.

welche »Tatsache« zu welcher seiner beiden Wirklichkeiten gehört. die dann ihrerseits wieder mühsam ausgeforscht werden mußten. schreibt Masterman. einschließlich seiner Chiffrierverfahren. weil er im wahrsten Sinne des Wortes ein Doppelleben führt und auch nicht für einen Augenblick vergessen darf. der freiwillige. Es ermöglicht wichtige Einblicke in den modus operandi des Gegners. seiner Schlüssel usw. 5. Die Aufträge. da diese meist Anweisung haben. daß deutsche Agenten nicht mehr mit der Erkundung britischer Küstenbefestigungen beauftragt wurden. mit einem bereits überwachten oder festgenommenen Spion Fühlung aufzunehmen. 6.2. 4. 3. können seine Pläne in der für die eigenen Absichten vorteilhaftesten Weise beeinflußt werden. daß die Achsenmächte jeweils alles dransetzten. Als es sich zum Beispiel herausstellte. erlauben Rückschlüsse auf seine Absichten. lag der Schluß nahe. daß der Agent beim Gegner für zuverlässig gilt und daß zur Glaubhaftmachung der Lüge meist ein langer Zeitraum wahrheitsgetreuer Berichterstattung erforderlich ist. den Gegner zu täuschen. aber glaubwürdiger Information zugespielt wird. Indem dem Gegner eine bestimmte Art falscher. [131] -159- . der konnte. wie Popov [131]. diese Agenten durch neue zu ersetzen. die die Agenten vom Feinde erhalten. Der Doppelagent zeichnet sich durch einen ganz besonders hohen Grad von Unwirklichkeit aus. [98] In den vorhergehenden Kapiteln haben wir uns bereits einige Gedanken über die Wirkungen paradoxer Kommunikationen auf das Wirklichkeitsgefühl ihres Empfängers gemacht. daß die Invasion abgeblasen worden war. Freilich ist es dazu notwendig. Die vielleicht wichtigste Funktion des Doppelagenten besteht in der Möglichkeit. Dies erleichtert die Ausforschung neuankommender Agenten.

[132] Da die Gefahr bestand. »wirklich« aber ein aktiver. ist es nebensächlich. daß die Meldungen von ihm kommen. den Rest in Form von Kunstgegenständen. die der Intelligence Service der Abwehr gab. erfolgreicher Spion im Dienste seiner eigenen Seite. lebt« [97l]. Der britische Geheimdienst sandte keinen geringeren als seinen Meisterspion Kim Philby (der durch sein Überlaufen zu den Sowjets im Jahre 1963 Weltberühmtheit erlangte) nach Lissabon. kann dieses Spiel nicht nur unbegrenzt weitergehen. 40 40 Gegen Ende 1943 wuchs beim Intelligence Service der Verdacht. die er mit hohem Gewinn weiterverkaufte. was man in der Fachsprache als imaginäre Agenten bezeichnet. in Mastermans Worten. Ihre Decknamen waren Ostro 1. auf Informationen aus der Tagespresse und vor allem auf seine fruchtbare Phantasie. Ostro 1. daß der deutschen Seite mehrmals Informationen zugespielt wurden. deren Wahrheit sie nachprüfen konnte. 2 und 3 waren reine Erfindungen. sondern wird schließlich wirklicher als der Agent selbst: Wenn die Gegenseite überzeugt ist. daß die Abwehr von Lissabon aus einen Spionagering leitete. ob er oder seine Führungsoffiziere sie senden. Die ersten beiden schienen in Großbritannien. die richtigen Annahmen über die Annahmen der anderen Seite zu machen. Fidrmuc operierte allein. der dritte in den Vereinigten Staaten zu arbeiten. Ostro 2 und Ostro 3.umgedrehte Agent deswegen. Sie waren. Er mag bereits hingerichtet worden sein. der sich mindestens aus drei noch nicht identifizierten Agenten zusammensetzte. die aber im Widerspruch zu Fidrmucs Meldungen -160- . der sich als ehemaliger österreichischer Kavallerieoffizier mit dem sonderbaren Decknamen Fidrmuc entpuppte: Ostro war ein fabelhafter Schwindel. daß Fidrmucs Erfindungen eines Tages rein zufällig den Tatsachen zu nahe kommen oder den Nachrichten widersprechen könnten. wurde er dadurch sanft eliminiert. Und dafür schröpfte er die Abwehr königlich und genial und akzeptierte nur einen Teil seines Honorars in Bargeld. der. Und solange es seinen Fängern gelingt. »nur in der Vorstellung seiner Erfinder und jener. weil er wirklich ein Gefangener des Feindes ist. die man an seine Existenz glauben läßt. Er stützte seine Meldungen auf Gerüchte. für seine Auftraggeber aber immer noch existieren. Außerdem spionierte nicht einmal Fidrmuc selbst. und bald wußten die Briten mehr als die Abwehr über die Ostro-Agenten und ihren Chef. Die vollendetste Finesse ist der imaginäre Agent.

daß es den Versuchspersonen sehr schwerfallen kann. das heißt gezwungen werden. »in denen Tatsächlichkeit Glaubenssache ist« [146]. Sie haben daher meist den Auftrag. Kommunikationstheoretisch ist es von Interesse. und den der Fachmann ebenso erkennen kann. daß hier also eine bestimmte Mitteilung durch die Abwesenheit eines Signals übermittelt wird. -161- . weshalb gefangene Funkagenten »umgedreht«. glaubt meinen Meldungen nicht mehr. Bei Funkspielen liegt eine gewisse Sicherheit in der Tatsache. fast eine Art »Fingerabdruck«. den ein anderer kaum nachzuahmen vermag.« Eine eigenartige menschliche Schwäche kann aber diese und ähnliche Sicherheitsvorkehrungen zunichte machen. wie das Spiel eines bestimmten Virtuosen auf seinem Instrument. daß zwischen ihrem Versuchsverhalten und den Belohnungen keinerlei Kausalbeziehung besteht. Den Geheimdiensten scheint es standen und ihn damit unglaubwürdig machten. Dort zeigte es sich. obwohl ihnen klipp und klar bewiesen wird. und die Bedeutung dieses negativen Signals ist natürlich: »Ich bin gefangen. falls sie festgenommen und umgekehrt werden. Wir begegneten ihr bereits. sich auf jede nur erdenkliche Weise gegen solche Täuschungen zu schützen. Dies ist der Hauptgrund. ihre mühsam erarbeitete Deutung der Wirklichkeit fahren zu lassen. als wir die Starrheit der durch nichtkontingente Experimente hervorgerufenen Wirklichkeitsverzerrungen untersuchten. Selbstverständlich versuchen Geheimdienste. daß jeder Funker seinen eigenen Stil in der Bedienung der Funktaste entwickelt. eine bestimmte Buchstabengruppe zu Beginn des Funkspruchs (den sogenannten security check) wegzulassen. die falschen Funksprüche selbst zu senden.Das Wesen und die Wirkung des imaginären Agenten ist ein Musterbeispiel für die zahlreichen Kommunikationskontexte.

die Ausarbeitung seines besonderen Auftrags und schließlich sein Einschleusen in Feindesland erfordern soviel Denken und Planen. ja fast unmöglich. weil die Deutschen den Agenten auch weiterhin für verläßlich hielten! [99] Wie aber das Englandspiel [161] zeigte. 41 Erst nach ungefähr 41 Insgesamt warfen die Briten entgegenkommenderweise 579 Container und -162- . aber das Ziel wurde trotzdem nicht erreicht. ihnen einen falschen Eindruck von unseren Methoden der Führung eines solchen Agenten zu vermitteln und sie so davon zu überzeugen. einer nach dem anderen. Die Theorie war richtig. war auch der britische Geheimdienst selbst keineswegs immun gegen dieses Wunschdenken. Dreiundfünfzig seiner Agenten wurden.gelegentlich ähnlich zu ergehen. war es außerordentlich schwierig. was seine britischen Auftraggeber von seiner Verhaftung hätte warnen sollen. Das Englandspiel begann damit. seine Ausbildung. Das Ausklügeln einer hieb. Einmal wurde ein Agent absichtlich so geführt. daß ein gut eingeführter Agent »aufflog«. daß die Deutschen merken sollten. weil man dort über den »Erfolg« des Unternehmens allzu begeistert war. Wie Masterman dazu erwähnt. London brachte es irgendwie fertig. was sie nicht sehen wollen. und die begangenen Schnitzer waren himmelschreiend. der Zweck war. er werde von uns kontrolliert. daß sich selbst die angeblich nüchternen und unsentimentalen Leiter von Spionageunternehmen so in die von ihnen selbst geschaffene Unwirklichkeit verwickeln. Dieser fast unglaubliche Leichtsinn konnte deutscherseits voll ausgenutzt werden und führte zur Entsendung (und sofortigen Verhaftung) immer neuer Agenten und dem Abwurf großer Mengen von Waffen und Material. den fehlenden security check zu übersehen – wahrscheinlich. sofort nach ihrer Ankunft im besetzten Holland festgenommen und umgekehrt. daß die anderen Agenten ›echt‹ waren.und stichfesten fiktiven Identität eines Agenten (seiner »Legende«). daß der erste dieser Agenten nach seiner Festnahme in den vom deutschen Abwehrdienst aufge setzten Funksprüchen vereinbarungsgemäß den security check ausließ. kosten so viele schlaflose Nächte und Zweifel. daß sie schließlich nicht mehr sehen können.

3000 Maschinenpistolen.000 Gulden enthielten. und seine eigene Seite weiß natürlich.achtzehn Monaten begann man in London Verdacht zu schöpfen. Der letzte deutsche Funkspruch nach London lautete: Wir sind uns dessen bewußt. In den meisten Fällen bringen sie wichtige Informationen über ihren eigenen Dienst. der je nach Menge und Qualität dieser Information das Ausheben ganzer Spio nageringe ermöglichen kann. 5000 Pistolen. daß Sie bereits seit einiger Zeit ohne unsere Hilfe in Holland Geschäfte machen. in der alle Vorzeichen normaler Kommunikation umgedreht sind. Der Überläufer kennt Identität und Aufenthaltsorte zumindest jener Agenten. Wenn diese also nicht sofort verstummen. Doch schließt dies nicht aus. [163] Die geheimdienstliche Katastrophe des Englandspiels war nach dem Kriege Gegenstand parlamentarischer Untersuchungen in Holland und Großbritannien. Deshalb stellt die Ankunft eines solchen Deserteurs normalerweise einen geheimdienstlichen Haupttreffer dar. finden wir dies recht unbillig. daß er diese Agenten kennt. Eine andere interessante Komplikation entsteht im Doppelagentenwesen durch das Überlaufen feindlicher Geheimdienstbeamter. [162] -163- . seine Pläne und Arbeitsweise sozusagen als Morgengabe mit. Da wir während langer Zeit Ihre einzigen Vertreter gewesen sind. uns einen Besuch in größerem Ausmaß zu machen. daß möchten Sie je beschließen. kann eine solche Desertion eine wahre Katastrophe sein.200 kg Sprengstoff. das Spiel weiterzuführen. ist es um 150 Pakete ab. und als schließlich drei der gefangenen Agenten entkamen und die britische Zentrale warnten. Ihnen derselbe gastfreie Empfang zuteil werden soll wie Ihren Agenten. mit denen er zu tun hatte. sondern munter weitermelden. Doch in der sonderbaren Welt der Doppelagenten. bestand keine Möglichkeit mehr. als sei alles in Ordnung. die unter anderem 15. eine halbe Million Patronen und 500.

Masterman beschreibt den fast komischen Verlauf dieses höchst geheimen Unternehmens: In diesem Falle mußte ein hoher Beamter des Ernährungsministeriums von uns ins Vertrauen gezogen werden. Es muß also irgendeine Zwischenlösung gefunden werden. das aber doch nicht so groß war. Die beiden Männer der Brandwache im Nahrungsmittellager konnten nur mit Schwierigkeit aus ihrem Schlummer geweckt und von jenem Teil des Gebäudes fortgelockt werden. und es war überaus schwierig. Ein übereifriger Polizeibeamter brachte es beinahe fertig. doch kann man andererseits nicht gut eigene Brücken sprengen und Fabriken anzünden. Das Fehlen solcher Meldungen in den vom Gegner sorgfältig ausgewerteten Zeitungen würde sofort Verdacht erwecken.ihre Glaubwürdigkeit geschehen. dem Doppelagenten unbekannte Agenten mit der Nachprüfung des Unternehmens und seiner Wirksamkeit beauftragt werden. die als Doppelagenten arbeiten. wo die Brandbombe gelegt worden war. ein so heftiges Feuer durch die Explosion entstehen zu lassen. ehe die Operation erfolgreich beendet war. bevor die Feuerwehr seiner Herr wurde. Meldungen über größere Explosionen und dergleichen in der Tagespresse zu unterbinden. da aller Wahrscheinlichkeit nach andere. nun nutzlos. Ein anderes ungewöhnliches Problem stellen Doppelagenten dar. wenn der Saboteur seine Glaubwürdigkeit und Verläßlichkeit in der Sicht des Feindes beibehalten soll. Irgendetwas aber muß geschehen. was nicht gerade einfach ist. Ein solches Unternehmen wurde vom britischen Geheimdienst im Jahre 1941 durchgeführt und bestand in der Auslösung einer kleineren Explosion in einem Lebensmittellager bei London. unsere Offiziere festzunehmen. Auch ist es selbst in Kriegszeiten sehr schwierig. daß zwar der Bezirk in Aufregung versetzt würde. daß ernster Schaden entstanden wäre. Sie können ihm nicht einfach die Ausführung nichtausgeführter Sabotageaufträge melden. nur um in den Augen des Gegners einen guten Eindruck zu machen. die angeblich für den Gegner als Saboteure arbeiten. Damit aber sind diejenigen dieser Agenten. ebenso wie der Direktor von Scotland Yard: Dennoch gab es viele heikle Momente. [100] Grundsätzlich ist es eine der Freuden des Gebrauchs von -164- .

erleichterte diese Transaktionen. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg kursierte in Europa das hartnäckige Gerücht. verübte angeblich Selbstmord. Wenn nämlich kein Geld ankommt. die neuesten Tricks seiner Fälschungstechnik. vorausgesetzt. Im Falle der Doppelagenten eröffnet dies die Möglichkeit. daß im Zweiten Weltkrieg einige Länder neutral und unbesetzt blieben. So kann man ihm zum Beispiel falsche Information über die Entwicklung neuer Waffensysteme zuspielen und damit seine eigene Rüstung und Kampftaktik nachhaltig beeinflussen. können sie nicht glaubha ft weiterarbeiten. So erhielten zum Beispiel einige britische Doppelagenten regelmäßige Überweisungen aus Deutschland. Die Tatsache. und manchmal kommt das Geld nicht.Doppelagenten. den Feind zur kostenlosen Lieferung aller nur erdenklichen Spionagemittel zu bringen: Codes und neue Chiffriermethoden. Während die Fahrer mit dem Kopf unter der -165- . Funkgeräte. Noch wichtiger aber ist die Notwendigkeit. die eigenen Agenten mit dem für ihre Aufträge notwendigen Material zu versorgen. Ein echter deutscher Agent. doch kann dies auch zu Komplikationen führen.und Gegenspionageunternehmen von größter Wichtigkeit ist. daß diese Täuschung gerade genügend Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit enthält. weil weitere Zahlungen an ihn nicht ankamen und er keinen Ausweg wußte. Überwachungsgeräte und vieles andere. Sabotagematerial. Im sonderbaren Kommunikationskontext des Doppelagentenwesens ist es möglich. der über England mit dem Fallschirm abgesetzt wurde. um ihm glaubhaft zu erscheinen. dem Gegner fast jede beliebige »Wirklichkeit« vorzutäuschen. das für die erfolgreiche Planung der eigenen Spionage. daß in der Nähe eines deutschen Truppenübungsplatzes alle Kraftfahrzeuge gelegentlich stehenblieben. daß sie vom Feind bezahlt werden. die die Abwehr an spanische Obstexporteure aushändigte und die von den Importeuren in England den Agenten (in Wahrheit natürlich dem Intelligence Service) ausgezahlt wurden.

daß große Dinge sich anbahnten. Zwischen März und Juni 1942 versuchte die Abwehr fünfmal. doch dürfte das Gerücht seinen Zweck erfüllt haben. -166- .Motorhaube nach der Ursache der Panne suchten. sich nicht zwecklos zu bemühen: in einer halben Stunde werde der Wagen wieder anspringen. in dem mit Hilfe einer neuentwickelten Methode die Lufttemperatur zu jähem Absinken und ein ganzer See im Hochsommer zum Zufrieren gebracht wurde. Die Alliierten hatten keine Ahnung. was damit gemeint war. sondern zu noch größerer Paranoia und Rüstungseskalation veranlassen. entweder aufgrund eines Mißverständnisses oder der allzu lebhaften Phantasie eines Nachrichtenlieferanten. genau zur vorhergesagten Zeit funktionierten alle Fahrzeuge wieder klaglos. Näheres über einen von ihr als »crusher tank« bezeichneten Panzer in Erfahrung zu bringen. – Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges schoben die Sowjets den westlichen Nachrichtendiensten angebliche Augenzeugenberichte über ein gigantisches und furchterregendes Experiment zu. 42 42 Absichtlich lancierte Gerüchte dieser Art können sich dann als üble Bumerangs erweisen. und wird dann zum Gegenstand hartnäckiger Spionageanstrengungen. war keine solche Geheimwaffe in Entwicklung. nämlich den Eindruck zu erwecken. »Und tatsächlich«. – Manchmal entsteht ein Gerücht unabsichtlich. wenn sie die andere Seite nicht nur alarmieren. Wie wir heute wissen. kam unweigerlich ein SS-Mann daher und riet ihnen.

Die Spanier zögerten die Sache gerade lange genug hinaus. März 1907. daß es sich um einen aus London zum Stab der 18. die Briefe aus ihren Umschlägen zu ziehen. Sohn des John -167- . war es ihnen sofort klar. Armee in Tunis entsandten Kurier handelte. Briefe und andere in seinen Taschen befindliche Gegenstände ließen keinen Zweifel darüber. den Oberkommandierenden der alliierten Seestreitkräfte im Mittelmeer. Ein anderer persönlich gehaltener Brief von Admiral Mountbatten an Admiral Cunningham. daß es sich um Dokumente von höchster militärischer Bedeutung handelte. dessen Flugzeug ins Meer gestürzt war. dem Stellvertreter General Eisenhowers in Nordafrika. um es dem deutschen Agenten in Huelva zu ermöglichen. worauf sie die Briefe wiederum in ihre unversehrten Umschläge einschoben und dem britischen Ersuchen nachkamen. Geboren am 29. dann aber immer dringenderen Forderung nach Übergabe der Leiche und aller Dokumente vorstellig. April 1943 wurde die Leiche eines britischen Majors der Royal Marines auf der Höhe des spanischen Hafens Huelva aus dem Atlantik geborgen. Gestorben am 24. Er behandelte verschiedene die Kriegführung im Mittelmeer betreffende Fragen und machte eine eher durchsichtige Anspielung auf Griechenland als eines zweier möglicher Invasionsziele. Eines dieser Dokumente war ein Brief des Vizechefs des britischen Generalstabs an General Alexander. April 1943. enthielt einen ähnlichen Hinweis.Unternehmen Mincemeat Am 30. Fast sofort nach der Bergung der Leiche wurden sowohl der britische Vizekonsul in Huelva als auch der Marineattache in Madrid mit der zuerst recht diskreten. Als es den mit dem Fall betrauten spanischen Behörden gelang. ohne deren Siegel zu brechen. Dokumente. diesen phantastischen Glücksfa ll bis zum letzten Detail auszunutzen. Seither gibt es auf dem Friedhof von Huelva ein Grab mit der Aufschrift: William Martin.

Für die Alliierten erhob sich die Frage: Welches Invasionsziel ist in deutscher Sicht dasjenige.und Ostküste Siziliens und die Verlegung des Gros ihrer verfügbaren Streitkräfte auf die Insel das strategisch richtige Vorgehen – es sei denn. daß dafür Griechenland. veröffentlicht wurde. aber besonders eine von solcher Tragweite. ist sozusagen ein umgekehrtes interdependentes Entscheidungsverfahren. die schließlich zur Invasion Siziliens im Juli 1943 führten. ist das Ziel in diesen Fällen Täuschung und Konfusion. der niemals war. Wales. daß sie in den Besitz glaubhafter Information kämen. R. Sizilien und Sardinien in Betracht kamen und daß Sizilien das geographisch nächste und strategisch wichtigste der drei Ziele war. Für das Oberkommando der Achsenmächte war daher die Befestigung der Süd. Die Geschichte des imaginären Offiziers ist die des wahrscheinlich erfolgreichsten Desinformationsunternehmens des letzten Krieges. die aber unmittelbare Bedeutung für das Thema der »Herstellung« von Wirklichkeiten haben. wonach gerade auf Grund der logischen Offensichtlichkeit eines Angriffs auf Sizilien die -168- .I. Jede militärische Operation. Lieutenant Commander Ewen Montagu [104]. Da eine ausführliche Schilderung dieses ungewöhnlichen Geheimdiensterfolgs von seinem Urheber. während normalerweise das Resultat der Entscheidung Übereinstimmung und Koordination sein sollte. Dulce et decorum est pro patria mori. Diesen Major Martin hat es nie gegeben. der Leser kennt es vielleicht unter dem Titel Der Mann. Sein Deckname war Operation Mincemeat. das in unserer Sicht das offensichtlichste ist? Ein Blick auf die Karte zeigt. kann ich mich hier auf die Erwähnung einiger scheinbar unwichtiger Kommunikationsaspekte des Unternehmens beschränken. das heißt. Nach der Besetzung Nordafrikas durch die Alliierten im Jahre 1943 begannen die Vorbereitungen zur Landung an der europäischen Mittelmeerküste.Glyndwyr Martin und der verstorbenen Antonia Martin von Cardiff.P.

immer in Sicht der Achsenmächte. müssen als unwahrscheinlich eingestuft werden. Für die Planung von Unternehmen Mincemeat bedeutete dies folgendes: 1. nicht aber notwendigerweise auch in alliierter Perspektive zutreffen. was wahr war. Dasselbe gilt für Informationen. um ein neuerliches Beispiel einer Situation. »in der Tatsächlichkeit Glaubenssache ist« [146]. deren Glaubwürdigkeit unbekannt ist. anders ausgedrückt. In anderen Worten.) -169- . Ferner war zu 43 Entscheidungsverfahren unter solchen und ähnlichen Umständen nehmen sehr leicht den Charakter sogenannter paradoxer Voraussagen an: Je wahrscheinlicher eine bestimmte Handlung des Gegners ist. daß die Alliierten dachten. Informationen. die entweder von einer notorisch unzuverlässigen Quelle stammen. die schwerlich oder unmöglich Zugang zu der von ihr übermittelten Information haben kann. Die den Achsenmächten zugespielte Information mußte in ihre Sicht der Lage und in den Zusammenhang der ihnen zugänglichen Information passen. sondern was die Gegenseite für wahr hielt – oder. glaubhafte Information in diesem Zusammenhang darstellen? Nicht nur im geheimdienstlichen Bereich. da von dieser Quelle noch keine Nachrichten erhalten wurden. (Mehr über diese Kommunikationsparadoxie findet sich in [179]. wie in jeder interdependenten Entscheidung hing auch hier der Erfolg vom richtigen Ermessen dessen ab. Es handelte sich hier also nicht darum.aliierte Landung für Griechenland oder Sardinien geplant war. von einer. was ihnen (und nicht den Alliierten) plausibel schien und was sie dachten. desto weniger wahrscheinlich wird er sie ausführen. die bekannten Tatsachen widersprechen.43 Damit war aber auch bereits die nächste Frage gegeben: Was würde. desto wahrscheinlicher wird sie wiederum. sondern ganz allgemein hängt die Glaubwürdigkeit einer Information von zwei Faktoren ab: von der Wahrscheinlichkeit der Information selbst und von der Glaubwürdigkeit ihrer Quelle. oder von einer Quelle. je unwahrscheinlicher sie aber dadurch wird.

In anderen Worten. wenn aber die Schlauheit des individuellen Verbrechers von ihrer eigenen abweicht. um ihn zu überzeugen. Was wurde zum Beispiel im Falle D. in Montagus Worten. und man muß sich dazu in seine Lage versetzen« [106]. Insofern haben sie allerdings recht – daß nämlich ihre eigene Findigkeit ein getreues Abbild jener der Masse ist. […] weil sie nur ihre eigenen Ideen von Findigkeit in Betracht ziehen. Dies ist immer dann der Fall. Der Präfekt weiß ganz genau. und wenn sie nach etwas Verstecktem suchen. daß ein Deutscher nicht wie ein Engländer denkt und reagiert. um das Prinzip des Vorgehens zu ändern. und dies bedingte. In seiner Geschichte »Der gestohlene Brief« gelingt es seinem Helden Dupin einen für den Präfekten höchst wichtigen Brief wiederzufinden. mit der sich Montagu herumzuschlagen hatte. In seiner Erklärung. doch bringt ihn auch die minuziöseste Haussuchung seiner sehr versierten Agenten nicht ans Licht. daß die Alliierten sich überlegen mußten. verweist Dupin auf dieselbe Mentalität.berücksichtigen. so dehnen sie ihre alten Verfahrensweisen aus oder übertreiben sie. wenn irgendein ungewöhnlicher Notstand sie zwingt – oder ihnen irgendwie ungewöhnliche Belohnung winkt –. erklärt Dupin. ›versagen eben darum so häufig. 44 44 Vor über hundert Jahren beschrieb Edgar Allan Poe bereits eine ähnliche Situation.s getan. dieses Einteilen der Wände in registrierte -170- . ohne sie grundsätzlich zu ändern. sticht er sie natürlich aus. ihre eigenen Vorgesetzten zu dieser Einsicht zu bringen. ziehen sie nur die Art und Weise in Betracht. nach der sie es versteckt hätten. als die Deutschen irrezuführen. welche Ermittlungen man selbst machen würde) und welche Antworten man ihm daher geben muß. »welche Ermittlungen er [der Gegner] anstellen wird (und nicht. diesen Brief irgendwo in seiner Wohnung gut versteckt hält. und sehr oft auch. Interessanterweise war es für Montagu und seine Mitarbeiter schwieriger. Sie haben keine Variationen in den Grundsätzen ihrer Erhebungen. Die Agenten des Präfekten. Was soll all dies Bohren und Prüfen und Abklopfen und mikroskopische Absuchen. wenn sie der ihren unterlegen ist. wie er den Brief schließlich fand. wenn seine Schlauheit der ihren überlegen. daß die Achsenmächte nach Erhalt von Geheiminformation von strategischer Tragweite zunächst mißtrauisch sein und nach zusätzlichen Beweisen oder Gegenbeweisen suchen würden. ein gewisser D. daß sein Feind. man muß berücksichtigen.

wenn schon nicht in einem in einen Stuhl gebohrten Loch – so aber doch wenigstens in einem ganz abwegigen Loch oder Winkelchen. was D. 45 Es gelang dem britischen Geheimdienst. den Brief an einem sehr ungeheimen Ort zu entdecken. -171- . war es klar. die ihrerseits auf der einen Auffassung von Findigkeit beruhen. daß er es als gegeben voraussetzt. 45 Auch hier gibt es freilich gelegentliche Ausnahmen. Wieviel Sachkenntnis konnte deutscherseits über die Quadratzoll – was ist dies anderes als eine Übertreibung der Anwendung des einen Prinzips oder der einen Gruppe von Prinzipien einer Haussuchung. Die üblichen Quellen der Feindaufklärung – Agenten. diesen beiden Vorbedingungen in folgender Weise gerecht zu werden: 1. nämlich »auf einem schäbigen Filigrangestell aus Pappe. Kriegsgefangene oder Überläufer – kamen hier nicht in Frage. daß die Agenten des Präfekten dachten. dachte. einen Brief im Bohrloch eines Stuhls zu verstecken?‹ Auf der Basis Dupins richtiger Erfassung dessen. Was die Glaubwürdigkeit der Quelle betraf. die sich der Präfekt im Laufe seiner langen Dienstroutine angeeignet hat? Sehen Sie nicht.2. alle versteckten einen Brief – nun. deren bedauerlicher Nachteil es war. daß sie gefälscht waren. hat er keine Schwierigkeit. die ihn auf den Gedanken brächte. da sie unmöglich in den Besitz von Geheiminformation dieser Art kommen konnten. Nur eine scheinbar aus den höchsten Rängen des alliierten Oberkommandos durchgesickerte Information konnte überzeugend wirken. das an einem schmutzigen blauen Band von einem kleinen Messingknopf just in der Mitte unter dem Kaminsims hing«. Eine solche war Elyesa Bazna. bediente er sich einfach des Schlüssels zum Botschaftstresor und belieferte die Abwehr mit den geheimsten und detailliertesten Nachrichten einschließlich den Protokollen der TeheranKonferenz. der unter seinem Decknamen Cicero Weltberühmtheit erlangte. das ebenfalls der Mentalität eines Mannes entspricht. Während sein Herr schlief. Bazna war der Kammerdiener des britischen Botschafters in Ankara. daß in Anbetracht der strategischen Wichtigkeit und des Umfangs des Unternehmens die Täuschung unmöglich von einer nebensächlichen Quelle ausgehen konnte. Für diese Dienste wurde er königlich mit dem Gegenwert von zwei Millionen Mark in Pfundnoten honoriert.

Um aber die Irreführung noch glaubhafter zu machen und den wahren Plan (die Landung in Sizilien) noch zusätzlich abzusichern.komplexen logistischen Probleme der amphibischen Landung einer Riesenarmee und großer Mengen schwerer Waffen und Materials von Nordafrika nach Sizilien vorausgesetzt werden? Aller Wahrscheinlichkeit nach wußten die deutschen Stäbe sehr wenig darüber und waren daher kaum in der Lage. daß die Huelva-Dokumente authentisch waren. die diese nur mit Hilfe des Weihnachtsmanns hätten zuwege bringen können. Falls also die Abwehr irgendwie auf den Namen »Husky« stieß. daß der tatsächliche Deckname für die Landung in Sizilien. in der dem Gegner mittels der Leiche Major Martins zugespielten »Geheiminformation« zu erwähnen. wie viele Landungsfahrzeuge und sonstiger Schiffsraum den Alliierten zur Verfügung standen. die deutsche Seite in die Annahme zu manövrieren. in »Wirklichkeit« der Deckname für die (angebliche) Landung an der griechischen Küste sei. -172- . Die Eleganz dieser zusätzlichen Finte bestand darin. daß im Falle eines tatsächlichen Durchsickerns von Informationen über den wirklichen Invasionsplan (was in Anbetracht der Größe des Unternehmens fast unvermeidlich war) diese Informationen den Anschein absichtlicher Irreführungen annehmen und den Feind daher noch mehr in der Annahme bestärken würden. Sizilien als das wahre Ziel der Landungen hinzus tellen. verfielen die Planer des Unternehmen Mincemeat auf die fabelhafte Idee. daß man zur Verschleierung der »wirklichen« Pläne versuchen werde. sich verläßliche Informationen über die ausschlaggebende Frage zu beschaffen. Dichtung und Wahrheit auseinanderzuhalten. Es schien daher nicht zu riskant. daß die beiden in Nordafrika stehenden alliierten Armeen je eine Landung in Südgriechenland und in Sardinien planten eine strategische Großleistung. Um diese Annahme noch glaubhafter zu machen. Husky. wurde in diesen Dokumenten außerdem erwähnt. überdies machte es die alliierte Luftüberlegenheit über dem Mittelmeer ihnen fast unmöglich.

Über den tatsächlichen Erfo lg des Unternehmens gibt es 46 In mehr als einer Hinsicht ist diese Situation das Spiegelbild der »Psychotherapiesitzung« zwischen Dr. daß Griechenland tatsächlich eines der beiden Invasionsziele war. sondern sie wunschgemäß und ohne verdächtige Verzögerung zusammen mit der Leiche dem britischen Marineattache aushändigten. daß für sie kein ersichtlicher Grund zur Annahme bestand. desto glaubwürdiger wurde die Täuschung. daß die spanischen Behörden die Briefe nicht geöffnet und ausgewertet hatten. Dort erschienen beide Partner einander um so verrückter. Hier war das Umgekehrte der Fall: Je mehr die Wahrheit als Täuschung hingestellt wurde. 46 2. von dem er annehmen mußte. sie führten die ihnen in diesem Desinformationsunternehmen zugedachte Rolle prompt aus und wurden gerade darin getäuscht. Der spanische und der deutsche Geheimdienst machte dies erfreulicherweise gerade dadurch möglich. daß sie alles taten. -173- . daß er dem Feinde bereits bekannt war.mußte sie dies in der Annahme bestärken. daß das Material in die richtigen Hände kam. Aus diesem Grunde mußte die Information der deutschen Seite in einer Weise zugänglich gemacht werden. worin ihre vermeintliche Täuschung bestand. die ihrerseits dafür bürgte. um die zweite Voraussetzung verläßlicher Information zu erfüllen? Invasionspläne werden bekanntlich unter den strengsten Sicherheitsmaßnahmen aufbewahrt. daß die Information dem Feind bekanntgeworden war – denn ganz offensichtlich würde kein Stratege einen auf Überraschung beruhenden Plan ausführen. andererseits aber von den Alliierten so verloren und wiedererlangt wurde. In anderen Worten. je mehr Normalität sie in die Situation zu bringen trachteten. Jackson und dem klinischen Psychologen. um bei den Alliierten den Eindruck zu erwecken. und nur eine höchst ungewöhnliche Verkettung von Umständen kann sie in die Hände von Unbefugten bringen. Wie konnte diese glaubwürdige Information auch glaubwürdig in die Hände des deutschen Oberkommandos geleitet werden.

und es scheint. Montagu stellt fest. die sich im Laufe seiner Durchführung ergaben – nicht weil sie wesentlich zu meinem Thema beitragen. ob sie uns absichtlich in die Hände gespielt sind – wofür nur geringe Wahrscheinlichkeit besteht –. Die Echtheit der erbeuteten Dokumente steht außer Zweifel. 42 Jahre später. Ich kann aber der Versuchung nicht widerstehen. sondern weil sie ihren eigenen makabren Charme haben: -174- . Fest steht dagegen. Laut ihm löste Mincemeat deutscherseits ungeheure. die die Verteidigung Siziliens entscheidend schwächten und die Invasion wesentlich erleichterten [108]. sehr widersprüchliche Meinungen. ob dem Feind die Erbeutung der Dokumente durch uns oder nur ihr einfacher Verlust über See bekannt geworden ist.heute. Die Prüfung. daß der Gegner von der Erbeutung der Dokumente keine Kenntnis hat. Auch im westlichen Mittelmeer wurden ähnliche Kräfteverschiebungen des deutschen Verteidigungspotentials nach Korsika und Sardinien angeordnet. daß sie ihre Bestimmung nicht erreichten. wie ein nach Kriegsende bekanntgewordener und von Dönitz abgezeichneter Bericht mit dem Titel »Feindliches Beutedokument über geplante Mittelmeerunternehmen« vom 14. ergab folgendes: 1. sowie der Frage. All dies wurde in den letzten Jahren von deutscher Seite bestritten. daß sein Erfolg die Erwartungen des britischen Geheimdienstes überstieg. daß es ihm bekannt ist. in dem unter anderem zu lesen ist: Eingehende Prüfung bei 3. hier noch einige der nebensächlicheren Probleme zu erwähnen. Mai 1943 beweist. dürfte sein Desinformationserfolg unbestritten sein. wird weiter verfolgt. Skl. aber natürlich völlig vergeudete Anstrengungen zur Befestigung der griechischen Küste und die Zusammenziehung von Truppen aus. Es ist möglich. Damit wäre Unternehmen Mincemeat in seiner Bedeutung für die Thematik dieses Buchs umrissen. daß die Militärhistoriker die endgültige Antwort noch nicht gefunden haben. die anderweitig dringend benötigt wurden und zu deren Oberbefehlshaber Hitler keinen geringeren als Rommel ernannte. Was aber Unternehmen Mincemeat selbst betrifft.

Eine private Spende löste schließlich das Problem. War es nicht wahrscheinlich. ob der Zustand der Leiche einer genauen pathologischen Untersuchung standhalten w ürde. Um zu entdecken. wäre ein Pathologe mit meiner Erfahrung nötig – und einen solchen gibt’s in Spanien nicht. daß ihr Allgemeinzustand. bereitete das Finden der Unterwäsche größte Schwierigkeiten.Vor allem mußte eine Leiche beschafft werden. wurde Major Martins Tod ordnungsgemäß in der Ausgabe von Times vom 4. mehrere Tage nach Auftauen und Schwimmen in verhältnismäßig warmem Wasser. eine gefrorene Leiche anzuziehen? Montagu und sein Assistent fanden dies möglich – bis auf die Stiefel. Sir Bernard Spillsbury. Hierfür waren Bekleidungscoupons notwendig. sie über Füße zu bringen. für Erfolg oder Mißerfolg entscheidendes Problem war die Frage. wurde ins Vertrauen gezogen und erklärte ohne falsche Bescheidenheit: »Sie brauchen keine Angst vor einem spanischen Obduktionsbefund zu haben. Es blieb nichts übrig. Ein anderes. als das Risiko des Auftauens auf sich zu nehmen und die Füße dann sofort wieder einzufrieren. Juni 1943 gemeldet. Während es sehr einfach war. Eine solche wurde bereits im Januar 1943 gefunden und mußte bis zu ihrer Aussetzung durch ein britisches Unterseebot vor Huelva im April auf Eis gehalten werden. damit die Abwehr (die dafür -175- . Es ist unmöglich. deren Zustand und Todesursache zumindest nicht in flagrantem Widerspruch zu den Folgen eines Flugzeugabsturzes ins Meer stand. die komplette Uniformierung der Leiche zu beschaffen.« [105] Um die Glaubwürdigkeit der Desinformation zu erhöhen. daß der Tod schon vor Monaten eingetreten war? Ein eminenter Londoner Pathologe. daß der junge Mann nicht bei einem Flugzeugabsturz im Meer starb. die starr im rechten Winkel zu den Beinen stehen. Die wahre Identität des Verstorbenen wurde niemals bekanntgegeben. Hat jemand einmal versucht. doch konnten die Rationierungsämter unmöglich in das Geheimnis eingeweiht werden. keinen Zweifel darüber lassen würde.

sich zugleich auch weitgehende Blindheit für die Gegenbeweise einstellt. ob er im Einsatz gefallen. und es erwies sich einmal mehr. daß die Aktion trotz ihrer sorgfältigen Planung sehr leicht gewissen deutschen Irrtümern zum Opfer hätte fallen können! Bei der Übersetzung der fotografierten Dokumente ins Deutsche wurden einige Daten falsch kopiert. -176- . um diese bürokratischen Geister zu beschwichtigen. damit er statistisch erfaßt werden konnte. über. sozusagen für den Hausgebrauch. sobald eine Täuschung für wahr gehalten wird. englische Zeitungen sofort nach ihrer Ankunft in Lissabon und Madrid sorgfältigst auszuwerten) weitere »Beweise« für seine Echtheit fand. Diese Finte aber verursachte unerwartete Komplikationen: Die zuständigen Stellen der Marine wollten wissen. Es bedurfte mehrerer zusätzlicher Irreführungen. Verletzungen erlegen war oder welches sonst die Umstände seines Todes waren. wenn ja. ob er ein Testament hinterlassen hatte und. und der mit unendlicher Sorgfalt konstruierte und belegte zeitliche Abla uf der zum Tode von Major Martin führenden Ereignisse dadurch völlig über den Haufen geworfen. wo es war.bekannt war. Und dies führt zu meinem nächsten Thema. Unternehmen Neptun. Ferner wurde Auskunft darüber angefordert. daß. [107] Die Auswertung deutscher Geheimdokumente nach dem Krieg bewies schließlich. Deutscherseits aber bemerkte man diese krassen Widersprüche nicht.

Die Unruhen in Panama im Jahre 1964 waren ein gutes Beispiel: Angeblich waren sie ein spontaner Ausbruch jugendlichen. Die erste entspricht der westlichen Definition des Begriffs. Geräten. gestohlenen Kunstwerken. Ladislav Bittman [20]. von denen angenommen werden konnte. die Bedeutung von Propaganda bedarf wohl keiner Erklärung. lateinamerikanischen Nationalismus gegen den Imperialismus der USA. während es sich bei Beeinflussungsoperationen um Geheimaktionen handelt. zweitens sollte es als Grundlage für die Veröffentlichung weiterer Naziverbrechen dienen. Bekanntlich waren seit Kriegsende viele größere und kleinere Funde von Dokumenten. die normalerweise in Mexiko operierten. Waffen usw. sondern vielmehr das. einen dreifachen Zweck: Erstens sollte dadurch die öffentliche Meinung Europas gegen das bevorstehende Ablaufen der Verjährungsfrist für Kriegsverbrechen in Deutschland wachgerüttelt werden. [20] -177- . Propaganda und Beeinflussungsoperationen. die entweder bestimmte politische oder soziale Strömungen oder ahnungslose prominente Persönlichkeiten (sogenannte nützliche Idioten) des betreffenden Landes für spezifische Zwecke ausnutzen. während die wahren Drahtzieher aber tschechoslowakische Agenten gewesen sein sollen. daß sie in die Dienste der Bundesrepublik übernommen worden waren. und drittens sollte es die Arbeit der westdeutschen Geheimdienste durch die Veröffentlichung von Namen früherer Kollaborateure erschweren. 47 Es wurde im Frühjahr 1964 in der Tschechoslowakei durchgeführt und hatte.Unternehmen Neptun Strenggenommen war dieses Unternehmen kein Desinformationsmanöver im eben beschriebenen Sinne. was in der Terminologie der östlichen Geheimdienste eine Beeinflussungsoperation genannt wird. in den Worten eines seiner Urheber. gemacht worden. die von deutschen Dienststellen 47 Im Gegensatz zu den westlichen Geheimdiensten unterscheidet der Sowjetblock drei verschiedene Formen von Täuschungsunternehmen: Desinformation.

August 1943 wirklich weitreichende Pläne für die Geheimaufbewahrung der Archive des Dritten Reichs gemacht worden waren. Auch machten in den Nachkriegsjahren viele Gerüchte über ehemalige deutsche Soldaten die Runde. fest steht aber. So wurden zum Beispiel aus dem Toplitzsee bei Bad Aus see von den österreichischen Sicherheitsbehörden einige anscheinend im Entwicklungsstadium stehende Geräte der ehemaligen Kriegsmarine sowie mehrere Kisten geborgen. offensichtlich um die Dokumente in bessere Zeiten hinüberzuretten. Ob es zutrifft. das »zufällig« im See Unterwasseraufnahmen durchführte. beschreibt. Ladislav Bittman. Es war daher nicht erstaunlich. in Schächten und in den unterirdischen Gewölben alter Burgen versteckt waren. die in Eigenregie erzeugte Pfundnoten (von der zur Bezahlung Ciceros verwendeten Art) enthielten. nachdem dort ein deutscher »Tourist« beim Tauchen ertrunken war. Wie im Falle des Gerüchts von Orleans trug auch hier der Lokalkolorit zur Erhöhung des Geheimnisses und der Faszination bei. der bereits erwähnte Organisator dieses Unternehmens [20]. wonach im Grenzgebiet zwischen Oberösterreich. die versuchten. an solche Verstecke heranzukommen. als die tschechoslowakischen Behörden im Mai 1964 die Bergung von vier großen. Bayern und Südböhmen wichtige Dokumente und märchenhafte Schätze auf dem Grunde von Gewässern. daß einige solcher Verstecke tatsächlich hergestellt und raffiniert getarnt wurden.versteckt worden waren. Diese Entdeckung war jedenfalls Wasser auf die Mühlen der hartnäckigen Gerüchte. daß die Weltöffentlichkeit elektrisiert war. ist nicht sicher. wie diese Kisten vom tschechoslowakischen Geheimdienst im See versenkt und einige Wochen später von einem Fernsehteam entdeckt wurden. Unter besonders auffälligen -178- . asphaltüberzogenen Kisten aus dem Schwarzsee bei Schüttenhofen in Südböhmen bekanntgaben. daß in einer Geheimkonferenz in Straßburg am 10.

Die tschechoslowakischen Archive enthielten nur wenig Material. daß tatsächlich eine Indiskretion stattgefunden hatte. das den Historikern nicht schon bekannt war. daß es sich auch noch um ein buntes Potpourrie ohne ersichtlichen inhaltlichen Zusammenhang handelte. hinzu kam. wurden die Kisten nach Prag gebracht und der Inhalt sowie der Film ihrer Entdeckung schließlich in einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgeführ t. Moskau aber hatte versprochen. Nicht nur. die Kisten waren »entdeckt«.Sicherheitsmaßnahmen. Da waren unter anderem Berichte über die Gründe des Fehlschlagens des österreichischen -179- . mit noch unveröffentlichten Beutedokumenten zu Hilfe zu kommen. deren Zweck die Erweckung größtmöglichen Aufsehens war. Es kam nämlich das Gerücht auf. eine Woche vor der nicht länger zu verschiebenden Pressekonferenz. daß einige von ihnen deutlich erkennbare Anmerkungen in kyrillischer Schrift trugen. Nachforschungen ergaben. daß unbekannte Personen (die aber irgendwie als Beamte des Innenministeriums erkannt wurden) beim Hineinwerfen von Kisten in den See beobachtet worden waren. Ungleich der minuziösen Sorgfalt. Wochen nach dem Auffischen der Kisten hatte man sich noch immer nicht darüber geeinigt. Schließlich. kamen die Dokumente an. welche Dokumente in ihnen angeblich gefunden worden waren. Bald darauf ergab sich ein zweites. erwiesen sich aber als peinliche Enttäuschung. und Unternehmen Neptun entging nur um Haaresbreite einer Blamage. Die Zeit verstrich. müssen ihre tschechoslowakischen Kollegen recht leichtsinnig gewesen sein. aber Moskau hatte noch immer nichts von sich gegeben. und hinter den Kulissen gratulierte man sich herzlich. Unternehmen Neptun wurde als großer Erfolg betrachtet. noch gefährlicheres Problem. mit der die Erfinder von Major Martin zu Werke gegangen waren. Laut Bittman war das Ganze aber eine recht mittelmäßige Affäre und stand von Anfang an unter einem üblen Stern.

welche Einheit das Zeug mit sich herumgeführt und schließlich sorgfältig für die Nachwelt aufbewahrt hatte. haben wohl auch nur wenige entrüstete Amerikaner die recht unsensationellen Pentagon Papers studiert. Der zweite Grund für die Erwähnung von Operation Neptun ist. solange ihr Empfänger sie deswegen zu glauben bereit ist. was die Betreffenden für wirklich halten. Die Antwort auf die Frage. die die Protokolle der Weisen von Zion für bare Münze nehmen. die sich auf die Entsendung deutscher Agenten nach Südamerika auf Frachtschiffen bezogen. blieb anscheinend jedermanns Phantasie überlassen. leidenschaftlich und lauthals Stellung zu nehmen – und ob diese Stellungnahme für oder wider ist. Sie zeigt wiederum. hängt ausschließlich davon ab.Naziputsches im Juli 1934. der Kriegsgeschichtlichen Forschungsabteilung der Waffen-SS und anderen Stellen stammte – überhaupt zusammengetragen worden war. daß sie trotz des von ihr erregten Aufsehens keine praktische oder nachhaltige Wirkung hatte. sondern die geistigen Väter des Unternehmens scheinen -180- . sie auch gelesen haben dürften. daß der Inhalt von Kommunikationen eine nebensächliche Bedeutung hat. weil sie allgemein in seine Weltanschauung passen und daher die Richtigkeit seiner Anschauungen zu beweisen scheinen. weshalb diese sonderbare Sammlung – die aus so verschiedenen Quellen wie Heeresarchiven. Meldungen von rein örtlicher Bedeutung über Unternehmen der Feindaufklärung nach der Landung in der Normandie. Kriegstagebücher einiger an der Ostfront eingesetzter deutscher Einheiten und ähnliches Material. einige italienische Dokumente. Genau wie nur wenige Menschen. Dies aber hindert weder die einen noch die anderen. Nicht nur enthüllten die Dokumente nichts wesentlich Neues. Trotz dieser krassen Ungereimtheiten wurde die offizielle Erklärung von der Öffentlichkeit ohne Murren und peinliche Fragen hingenommen – und das ist der Hauptgrund meiner Erwähnung dieser Geschichte. dem Reichssicherheitshauptamt.

ihrer eigenen Propaganda zum Opfer gefallen zu sein. -181- . die auf einer irrtümlichen Beurteilung des »Was ich denke. die grundsätzlich die Bundesrepublik mit Nazideutschland identifiziert. daß ich denke…«-Prinzips der Interdependenz beruht. Neptun ist in dieser Hinsicht das Beispiel einer Entscheidung. daß er denkt.

Begriffe wie »wirklich«. Der zweite beruht ausschließlich auf der Zuschreibung von Sinn und Wert an diese Dinge und daher auf Kommunikation. daß es auch mir nicht möglich war. vermischen wir meist zwei sehr verschiedene Begriffe der Wirklichkeit. um das Gewicht des Raumfahrzeugs zu tragen. »tatsächlich« und so weiter zu vermeiden. Der Leser dürfte bemerkt haben. Daraus entsteht ein scheinbarer Widerspruch zur Grundthese des Buches. wonach es keine absolute Wirklichkeit gibt. aber vor allem in der Psychiatrie. ohne uns dessen genügend Rechenschaft zu geben. eine Zusammenfassung der bisher erwähnten. Ein viel einfacheres Beispiel wäre eine Unstimmigkeit darüber. recht heterogenen Beispiele zu versuchen und ihren gemeinsamen Nenner herauszuarbeiten. Zum Beispiel: Vor der Landung der ersten Sonde auf dem Mond waren sich die Astronomen darüber uneinig. Wir wissen heute. zum Teil völlig widersprüchliche Wirklichkeitsauffassungen.Die zwei Wirklichkeiten Damit sind wir am Ende des zweiten Teils. Ganz allgemein. Der erste bezieht sich auf die rein physischen und daher weitgehend objektiv feststellbaren Eigenschaften von Dingen und damit entweder auf Fragen des sogenannten gesunden Menschenverstands oder des objektiven wissenschaftlichen Vorgehens. und es scheint angebracht. daß ersteres wirklich der Fall ist und daß daher einige Gelehrte objektiv recht und andere unrecht hatten. oder ob es vielleicht in einer tiefen Staubschicht versinken würde. von denen naiv angenommen wird. ob der Wal ein Fisch oder ein -182- . daß sie der »wirklichen« Wirklichkeit entsprechen. sondern nur subjektive. ob die Mondoberfläche fest genug wäre. in der die Frage der Wirklichkeitsauffassung als Gradmesser der Normalität eine besondere Rolle spielt.

was »wirklich« wirklich ist. Diese Regeln sind also subjektiv. die sich auf den Konsensus der Wahrnehmung und vor allem auf experimentelle. Wir wollen also jene Wirklichkeitsaspekte. was diese Tatsachen bedeuten oder welchen Wert (im weitesten Sinne des Wortes) sie haben. ist vollkommen bekannt und jederzeit verifizierbar. hat mit seinen physischen Eigenschaften sehr wenig. welcher der beiden Begriffsdefinitionen der Wal zuzuordnen ist. Ganz offensichtlich gibt es keinen objektiv ›richtigen‹ Abstand zwischen zwei Personen. arbiträr und keineswegs der Ausdruck ewiger. zweite Wirklichkeit des Goldes aber ist es. im Frühstadium oder erst gegen Ende des Paarungsverhaltens für »richtig« gelten. je nach den Normen einer Kultur. die sich aus der Verschiedenheit kultureller Normen ergeben. daß ihm zweimal täglich in einem Büro der Londoner City ein bestimmter Wert (also ein ganz spezifischer Wirklichkeitsaspekt) zugeschrieben wird und daß diese Wertzuschreibung viele andere Aspekte unserer Wirklichkeit weitgehend bestimmt. das heißt seine physischen Eigenschaften. der Wirklichkeit erster Ordnung zuteilen. Die Bedeutung. Die obenerwähnten zwischenmenschlichen Konflikte. platonischer Wahrheiten. objektiv beantworten. die das Gold aber seit Urzeiten im menschlichen Leben spielt. die einen zum Krösus oder Bankrotteur machen kann. vor allem die Tatsache. darüber zu streiten. Diese andere. Im Bereich dieser Wirklichkeit ist aber nichts darüber ausgesagt. Auch hier läßt sich die Frage.Säugetier ist. wiederholbare und daher verifizierbare Nachweise beziehen. Im Bereich dieser Wirklichkeit zweiter Ordnung ist es also absurd. wenn überhaupt etwas zu tun. Wie gesagt. verlieren wir diesen Unterschied nur zu leicht aus den Augen oder sind uns des Bestehens dieser zwei -183- . machen diesen Unterschied noch klarer. und ebenso offensichtlich kann Küssen. Zum Beispiel: Die Wirklichkeit erster Ordnung des Goldes.

sondern nur subjektive Deutungen. – Daß ich ins Wasser sprang und einen Ertrinkenden rettete. Effekthascherei oder deswegen tat. dafür gibt es keine objektiven Beweise. -184- . wie wir sie sehen. und jeder. müsse böswillig oder verrückt sein. die Wirklichkeit sei natürlich so. daß es eine »wirkliche« Wirklichkeit zweiter Ordnung gibt und daß »Normale« sich in ihr besser auskennen als »Geistesgestörte«. der sie anders sieht. läßt sich objektiv feststellen. Der eigentliche Wahn liegt in der Annahme. ob ich es aus Nächstenliebe. Wir leben dann unter der naiven Annahme.verschiedenen Wirklichkeiten überhaupt nicht bewußt. weil er ein Millionär ist.

und diese Gegenparadoxien beruhen auf derselben allgemeinen Logik wie die Paradoxien selbst.Teil III Kommunikation In diesem dritten Teil wollen wir uns den Problemen der Anbahnung von Kommunikation dort zuwenden. Der Kluge Hans orientierte sich an minimalen Ausdrucksbewegungen. steht freier Kommunikation nichts mehr im Wege. wo noch keine Verständigungsmöglichkeiten bestehen. daß darin die Grundvoraussetzungen von Kommunikation gegeben sind. Die Problematik besteht im Auftreten bestimmter Hindernisse. und besonders auch deshalb. Obwohl die in Teil I und II behandelten Phänomene den verschiedensten Lebensbereichen entstammen. ist ihnen gemeinsam. offensichtlich waren. Zwei in einem Gefangenendilemma verstrickte Personen -185- . Wo Paradoxien ihr Unwesen in menschlichen Beziehungen treiben. weil sie beide von praktisch identischen Lebewesen unter weitgehend gleichen Umweltbedingungen für denselben Zweck – Verständigung – verwendet werden. Sobald aber das jeweilige Hindernis behoben oder umgangen ist. die für ihn. wenn auch nicht für die sie aussendenden menschlichen Partner. So kann ein Dolmetscher die Brücke zwischen zwei Sprachen schlagen und Verständigung herstellen. können – wie wir gesehen haben – Gegenparadoxien einen Ausweg bieten. die den Austausch von Kommunikation erschweren oder verunmöglichen und dadurch die Kommunikanten zur Zuschreibung widersprüchlicher Bedeutungen oder Werte an die gemeinsam erlebte Situation führen. weil die beiden Sprachen bereits existieren und ineinander übersetzt werden können.

Zuerst wollen wir uns mit einem der ältesten Wunschträume der Menschheit befassen: der Verständigung mit Tieren und außerirdischen Wesen. eröffnet sich beiden Seiten der Blick in die bis dahin unbekannte und vielleicht unvorstellbare Wirklichkeit zweiter Ordnung der anderen. fast zeitloser Art sind und sich wiederum darauf gründen. Was die Tiere betrifft. Und schließlich soll ein Gebiet erwähnt werden. dem manche -186- . die ihrerseits weitgehend von jenen der eigenen Seite bedingt sind. sobald einmal die rein technischen Voraussetzungen gelöst sind. ist die Frage. die jener die Entschlüsselung des Sinnes ermöglicht. daß seit den Tagen des Klugen-Hans-Traumas hochinteressante Fortschritte auf die Entwicklung von Sprachen hin gemacht worden sind. sondern erst gefunden oder erfunden und dann der anderen Seite in einer Form angeboten werden muß. Erwartungen. was letzten Endes wirklich genannt wird. ist grundsätzlich verschieden. daß diese Probleme von sehr grundlegender. Was für meine Thematik im Vordergrund steht. die Mensch und Tier teilen können.können zwar nicht direkt kommunizieren. der Erpresser und sein Opfer sprechen dieselbe Sprache. Es wird sich dabei erweisen. Dasselbe gilt grundsätzlich für außerirdische Lebewesen. wird sich erweisen. in denen die Basis gegenseitiger Kommunikation noch nicht besteht. Es handelt von Situationen. und der Erfo lg geheimdienstlicher Desinformation hängt von der sorgfältigen Analyse der Annahmen. in welcher Form Kommunikation mit diesen Wesen angebahnt werden kann. Lagebeurteilungen (kurz: der Wirklichkeit zweiter Ordnung) des Gegners ab. Was nun folgt. Selbstverständlich können die damit zusammenhängenden technischen Fragen im Rahmen dieses Buchs (und meiner Kompetenz) nur in sehr beschränktem Umfang behandelt werden. sind sich aber der »Spielregeln« voll bewußt. Dank der schwindelerregenden Fortschritte der Technik könnte Kommunikation mit ihnen noch zu Lebzeiten meiner jüngeren Leser möglich werden. Wenn dies gelingt.

die sich aus der Interaktion mit rein imaginären Wesen in rein imaginären Situationen ableiten lassen. -187- . Natürlich werde ich besonders über dieses Thema nur einige Hinweise geben können und mich auf wenige Beispiele der faszinierenden Probleme beschränken müssen. deren Bedeutung in dem Maße wächst. als unser wissenschaftliches Weltbild zunehmend an direkter Anschaulichkeit verliert. das aber meiner Ansicht nach mit gewissen Kommunikationsprozessen zusammenhängt.Leser vielleicht jeden Bezug zur Kommunikation absprechen werden.

Diese Hoffnung scheint um so gerechtfertigter. ihnen eine menschliche Sprache beizubringen. zum Teil langfristigen Versuchen. sondern gelegentlich auch den Forscher zum Trugschluß. als sie tatsächlich imstande sind. also in dauerndem menschlichem Kontakt in einem menschlichen Familienmilieu. daß diesen charmanten Lebewesen nur die Sprache fehlt und daß sie. sondern auch ihr soziales Verhalten zeigt auffallende Übereinstimmungen mit dem unseren. daß er der Grammatik fähig ist. 102 a 20 -188- . In den meisten dieser Experimente wurde ein Jungtier wie ein Kind.Der Schimpanse Es ist eine Eigentümlichkeit des Menschen. Aristoteles48 Von allen unseren tierischen Verwandten stehen uns die Schimpansen am nächsten. 48 Aristoteles: Topik I 5. Die Geschichte der Beziehungen zwischen Menschen und Schimpansen ist daher nicht arm an durchaus ernstgemeinten. Ihre Bewegungen und Gefühlsäußerungen. wenn sie ihnen gelehrt werden könnte. praktisch unseresgleichen wären. Nicht nur i t ihre Physiologie der s unseren sehr ähnlich. der fast menschliche Ausdruck ihrer Gesichter und selbstverständlich die Menschenähnlichkeit ihrer Körper verleiten nicht nur den Zoobesucher. einfache menschliche Äußerungen zu verstehen – das aber können schließlich auch Hunde und viele andere höhere Tiere. aufgezogen. doch verleiten diese Ähnlichkeiten leicht zu Fehlschlüssen und täuschen über ebenfalls bestehenden grundsätzlichen Unterschiede.

»Hier. Ich wagte nicht. Catherine Hayes’ Schimpansin Viki spielte manchmal mit Hunden und Katzen. ihr in die Augen zu blicken. das imaginäre Spielzeug habe sich hinter einem Rohr verheddert. die sie auszusprechen gelernt hatte): Plötzlich machte mir die Unwirklichkeit der Situation Angst. nahm ich ihr die Schnur aus der Hand und löste sie mit vielem Ziehen und Hantieren vom Rohr. Viki beugte sich hinunter und blickte der Katze ins Gesicht. bis ich ihr die Schnur hinhielt. das eine Fundgrube reizender Anekdoten und viele r Photos ist. sich in unsere Wirklichkeit – im zweiten Beispiel sogar in eine fiktive Wirklichkeit – hineinzuleben. Dann sah ich den Ausdruck ihres Gesichts. Dann küßte sie sie und ging leise wieder weg. Eines Tages war eine ihr bekannte Katze krank und sonnte sich auf der Hintertreppe des Nachbarhauses. sagte ich. Und ihr Gesicht spiegelte den Ausdruck eines -189- . 63]. Ich sagte lächelnd: »Komm. Im Falle eines stummen Menschen hätte man ihn einen Blick reinster Verehrung und Dankbarkeit für erwiesenes Verständnis nennen können. Sie blickte Mrs. zwei Forscher am YerkesLaboratorium für Primatologie in Florida. Ein populärer Bericht über ihre Arbeit ist Catherine Hayes’ Buch ›The Ape in Our House‹ [59]. Kleine«. aber ich fand. Mama!« (eines der wenigen Worte. daß ich unserer künftigen Harmonie wegen mitmachen mußte. »Viki sah gelegentlich hin und ging schließlich zu ihr hinüber. in ihrem eigenen Heim durchführten [62. Hayes an und rief laut: »Mama. Außerdem hatte sie ein leichtes Lächeln auf ihren Lippen.Der bekannteste und bestdokumentierte Versuch dieser Art ist der. den Keith und Catherine Hayes. dem Leser einen Begriff der Freundlichkeit des domestizierten Schimpansen und seiner Fähigkeit zu vermitteln.« [61] Eines Tages erfand Viki ein neues Spiel.« Und indem ich eine umständliche Pantomime in Szene setzte. die wir beide (glaube ich) nicht sehen konnten. da sie besonders geeignet sind. Schließlich gab sie ganz offensichtlich vor. zwei in diesem Buch beschriebene Vorfälle hier zu erwähnen. Die Katze rührte sich nicht. laß dir helfen. Sie benahm sich. als zöge sie ein an einer Schnur befestigtes Spielzeug im Badezimmer herum. Es sei mir gestattet.

Kindes wider. Wie Yerkes und Learned 49 Die meisten der in diesem Kapitel erwähnten. wonach nur Menschen sogenannte digitale Sprachen entwickeln und lernen können. cup und up 49 Doch selbst die Aussprache dieser vier Wörter war für sie schwierig. bestand diese Ansicht seit den Tagen Aristoteles’. Ich lasse sie daher im englischen Original. Viki lebte sechs Jahre mit ihnen. Moderne Forschungsergebnisse aber beweisen. nämlich Papa. sehr begrenzt ist. das heißt Sprachen. die über den bloßen Lautausdruck von Emotionen. und obwohl sie menschlicher Sprache im selben Grade ausgesetzt war wie ein Kind gleichen Alters und obwohl sie viele Anweisungen verstand. Es fehlt ihnen ein für diesen Zweck geeignetes Sprachorgan. daß die Fähigkeit des Schimpansen. -190- . mehrdeutig oder phonetisch sehr verschieden sind. erlernte sie nur den Gebrauch von vier Wörtern. von Schimp ansen in der einen oder anderen Form verwendeten Wörter können nicht direkt übersetzt werden. daß sie ihren Sinn nicht verstand. und überdies verwendete sie sie oft wahllos und in Zusammenhängen. das über das willige Mittun eines Erwachsenen in einem Phantasiespiel erstaunt ist. Warnungen und dergleichen hinausgehen und auf viel komplexeren Grundeigenschaften beruhen. Mama. [60] Wie verschiedene andere Forscher fanden auch die Hayes. daß zumindest im Falle der Schimpansen die Unfähigkeit zur Entwicklung einer Lautsprache im menschlichen Sinne hauptsächlich anatomisch bedingt ist. Wie das am Beginn dieses Kapitels stehende Zitat zeigt. weil sie auf Deutsch entweder länger. wie etwa auf dem Gebrauch von Symbolen und von willkürlich gewählten Zeichen zur Benennung von Objekten und Begriffen und ihrer Verbindung zu Sätzen unter Beobachtung komplizierter Kombinationsregeln. Dieses Versagen scheint die traditionelle Ansicht zu bestätigen. eine menschliche Sprache zu erlernen und anzuwenden. die bewiesen.

und selbst diese Aspekte können hier nur recht summarisch behandelt werden. daß sie sowohl vom Menschen wie auch vom Schimpansen (und natürlich auch den anderen Menschenaffen) gemeinsam verwendet werden können.schon vor fünfzig Jahren erwähnten. Diese Sprachen haben den großen Vorteil. In den letzten Jahren konzentrierten sich daher die Bemühungen verschiedener Forscher auf die Entwicklung von Sprachen. Dagegen aber sind ihre Hände ungewöhnlich fein entwickelt. Umarmungen. doch erstreckt sich diese Fähigkeit nicht auf die Hervorbringung von La uten: »Ich habe sie niemals einen Laut imitieren und nur selten einen typisch eigenen Laut in Antwort auf meine Laute von sich geben hören« [191]. drängt sich bereits der Eindruck auf. wo ihre Hände zur Erreichung eines praktischen Zwecks nicht ausreichen. und sie besitzen daher ein hohes Maß manueller Geschicklichkeit. and wir wissen. daß hier König Salomons Ring tatsächlich gefunden wurde oder daß – etwas weniger überschwenglich ausgedrückt – das Kluge-Hans-Trauma überwunden worden ist. die eine direkte Beziehung zur uns interessierenden Frage des Erfassens anderer Wirklichkeiten haben. Küssen. daß sie viele Ausdrucksbewegungen (Grußformen.) haben. Spielverhalten usw. Selbstverständlich kann ich im Folgenden nur jene Aspekte dieser Studien erwähnen. Über das Verhalten der Schimpansen liegt heute reichhaltiges und wohldokumentiertes Material vor. und daß sie außerdem sehr geschickt im Gebrauch beziehungsweise der Erfindung von Werkzeugen in Situationen sind. die verblüffend menschlich wirken. -191- . woran ein Zoobesuch oder Jane van LawickGoodalls reizendes Buch [86] mit seinen Photos keinen Zweifel läßt. Obwohl diese Forschungsprojekte erst in ihren Anfängen stehe n. Betteln. Besänftigungsgesten. sind sie zwar Meister der Nachahmung. zu deren Ausdruck der Schimpanse seine Hände und andere Körperteile verwenden kann.

Das ASL-Zeichen für Schuhe zum Beispiel besteht darin.Zeichen aber ist eine Mischung von bildhaften und willkürlichen Elementen. um eine zwischen den Fingerspitzen ge haltene Blüte an die Nase zu führen und an ihr zuerst mit dem einen. die zu jenem Zeitpunkt ungefähr ein Jahr alt war und die sie – nach dem Reno durchquerenden Fluß – Washoe nannten. das Ehepaar Allen und Beatrice Gardner. Washoe den Gebrauch der amerikanischen Taubstummensprache (American Sign Language. Viele dieser Zeic hen sind unmittelbar repräsentativ und bildhaft (ikonisch).56] Wie die meisten anderen Zeichensprachen hat auch ASL einen Wortschatz von ungefähr fünf. Der Zweck ihres Forschungsprojekts war der Versuch. die hauptsächlich durch Hand-. Die Mehrzahl der ASL. daß die Daumenseiten der geballten Fäuste mehrmals zusammengeschlagen werden. und wie in den meisten Zeichen.bis sechstausend Zeichen. So ist zum Beispiel das Zeichen für Blume die Geste. ASL) zu lehren und zu untersuchen. [47.Zeichensprache Im Juni 1966 begannen zwei Psychologen an der Universität von Nevada in Reno. so daß viele von ihnen höchst stereotyp werden. dann mit dem anderen Nasenloch zu schnuppern.und Bildersprachen tritt auch hier ein gewisser Grad der Verwischung durch den wiederholten und raschen Gebrauch der Zeichen ein. die betreffende Bewegung hat einen direkten Bezug zu ihrer Bedeutung. ob und bis zu welchem Grad sich diese Sprache als Kommunikationsmittel zwischen Menschen und Menschenaffen verwenden läßt. die man ausführen würde. Arm. mit einer in freier Wildbahn geborenen Schimpansin zu arbeiten. -192- .und Kopfbewegungen ausgedrückt werden. Andere Zeichen sind willkürlich und haben keine offensichtliche Beziehung zu ihrem Sinn. das heißt.

Wir lachten während der von ihr begonnenen Interaktionen und leiteten das Spiel unsererseits dann ein. dann wieder sie. indem das Zeichen »zuerst spontan und zufällig auftrat und sich daher als einfaches Imitationsspiel anbot – Washoe signalisierte zuerst funny. zu dessem Ausdruck sie ein kurzes Schnauben und das Pressen des Zeigefingers gegen ihre Nase einführte.Interessanterweise können in einer solchen Sprache nicht nur konkrete Gegenstände und Handlungen ausgedrückt werden. Sie führte zum Beispiel für hurry! (»rasch!«) das kräftige Schütteln der geöffneten Hand vom Handgelenk aus ein. dann taten wir dasselbe. Als Washoe im Oktober 1970 für weitere Studien von Reno ins Primatologische Institut der Universität von Oklahoma in Norman überführt wurde. Viel interessanter aber war Washoes häufig bewiesene Fähigkeit. Schließlich begann Washoe das Zeichen für ›lustig‹ in ungefähr sinngemäßen Situationen zu -193- . wenn etwas Lustiges passierte. besaß sie bereits ein Vokabular von 136 Zeichen. Dieser Erfolg ist in Anbetracht der bekannten Imitationsfähigkeit des Schimpansen nicht überrasche nd. ASL ist daher nicht nur eine Sprache. Die Gardners lehrten Washoe viele dieser Zeichen durch geduldige Wiederholung in zutreffenden Situationen. usw. Wie die Gardners beschrieben. die schon vollausgebildet zur Verfügung steht. neue Zeichen zu erfinden und von jenem Augenblick an den Gebrauch dieser Zeichen durch ihre menschlichen Partner anzuerkennen. Ein anderes Beispiel ist funny (»lustig«). Dieses Zeichen wurde dann durch Wiederholungen im sinngemäßen Kontext zum von ihr und ihren Pflegeeltern verwendeten Ausdruck für funny. sondern für ihren Gebrauch durch die ohnehin mit Gestik kommunizierenden Menschenaffen geradezu prädestiniert erscheint. ergab sich dies. die sie wiederholt zu insgesamt 245 sinnvollen Kombinationen (»Sätzen«) vo n drei oder mehreren Zeichen zusammengefaßt hatte. sondern auch abstrakte Begriffe und Denkvorgänge.

Der letztgenannte Fehler ( ssen statt E Fleisch) ist besonders interessant. Mißfallensäußerungen usw. die aber. Zeichen zu primitiven Sätzen zu verbinden. von zwei anderen Forschern (dem Ehepaar Premack) bei Schimpansen nachgewiesen wurde. Es wurden ihr Bilder von Tieren. oder Essen für Fleisch. Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen gezeigt. (Zur Vermeidung des Klugen-HansPhänomens wurden sorgfältige Vorkehrungen gegen jede unbeabsichtigte Zeichengebung durch die Versuchsleiter getroffen. weil er zu beweisen scheint. Die Bedeutung dieser Fehler liegt natürlich darin. Spielzeughunde usw. diese zu benennen. Bürste für Kamm. daß Washoe in Begriffen von Objektmengen (das heißt von logisch identischen Elementen) denken kann – eine andere Fähigkeit. wie wir weiter unten sehen werden. begann Washoe bald.) sowie Pfeifen. niemals aber für das betreffende Tier selbst oder sein Bild.) Washoe verwendete zum Beispiel das ASL-Zeichen Hund für das Bild einer Katze. Wie erwähnt. und sie wurde aufgefordert. -194- . Händeklatschen und dergleichen ohne Einschränkungen verwendet.verwenden« [56]. sondern auf dem richtigen Gruppieren von Begriffen beruhen. daß sie nicht wahllos sind. 50 Die von Washoe begangenen Fehler waren fast ebenso bedeutsam und bezeichnend wie ihre Erfolge. und schritt damit vom bloßen Benennen von Dingen (der archaischsten Form des Ordnens der Wirklichkeit) zur Kommunikation mit ihrer Umwelt und über sie. In ähnlicher Weise verwendete Washoe lange Zeit das Zeichen Baby unterschiedlos für Spielzeugkatzen. zum 50 Die Gardners und ihre Assistenten verwendeten ausschließlich ASL mit Washoe und in Washoes Gegenwart. die lange für eine ausschließlich menschliche galt. Ihre ersten Sätze waren Aufforderungen oder Bitten. Dagegen wurden nichtsprachliche Vokalisierungen (Lachen.

daß sie fähig ist. und mit ihm die des abstrakten Begriffes »etwas öffnen. indem sie Washoes Hände auseinanderzogen und die Handflächen nach oben drehten. Und auch hier begann sie bald. key open. daß Washoe die Zeichen recht wahllos aneinanderreihte. von Kästen. Dies beweist. please. zu Zeichenkombinationen überzugehen. richtig zwischen der Bedeutung von you tickle me (»du mich kitzeln«) und me tickle you (»ich dich kitzeln«) zu 51 Gimme ist die in Kindersprache und Slang verwendete Zusammenziehung von give me und wird in dieser Form in ASL als ein Zeichen beibehalten. gimme key more. Bald wurden diese Zusammensetzungen komplexer und schlossen zum Beispiel den Namen der Person ein. Ein Beispiel dafür ist you me go out hurry (»du [und] ich rasch hinausgehen«). open more.Beispiel gimme sweet 51 (»gib mir Süßigkeit«) oder come open (»komm aufmachen«). Da diese Bewegung aber auch der Beginn des ASL-Zeichens für Öffnen ist. lehrten die Gardners sie die Fortsetzung des Zeichens. an die die Aufforderung gerichtet war: Roger you tickle (»Roger. key in. sie in jeweils richtiger Reihenfolge zu geben. open gimme key. Aktentaschen und Glasbehältern mit Schraubdeckeln. more key. Die Einführung des aufmachen ist in diesem Zusammenhang von Interesse. die Gardners berichten aber. Noch eindrucksvoller ist ihre Fähigkeit. more open. sondern offensichtlich die Bedeutung des Zeichens als solches erfaßt hatte. und schließlich auch auf Wasserhähne. -195- . daß sie nicht bloß einen Trick erlernt. Laden. Schachteln. du [mich] kitzeln«). open key. Washoe übertrug den Gebrauch des Zeichens dann sehr rasch auf andere sinngemäße Situationen – auf das Öffnen des Kühlschranks. in open help. indem sie mit den Handflächen oder den Knöcheln dagegen trommelte. das verschlossen ist«. Wie ein Kleinkind verlangte Washoe zunächst das Öffnen einer Tür. Bei verschiedenen Gelegenheiten verwendete sie die folgenden »Sätze« vor einer verschlossenen Tür: gimme key. Diese Beispiele mögen den Eindruck erwecken. help key in und open key help hurry [48].

daß sie eines Tages -196- . die man denotativ (das heißt Mitteilungen über die Objekte ihrer Wahrnehmung und deren Sinn) nennen und daher der Wirklichkeit zweiter Ordnung zuordnen darf. »Sei Mutter zu mir« statt »Ich bin hungrig«. daß ihre Mitteilungen schließlich über die bloßen Forderungen und Bitten hinausgingen. die Zeichen listen dog (»Horch Hund«) zu verwenden.) Auch ist sie zu Interaktionen fähig. Der Forschungsleiter. Als Washoe aber begann. (Kitzeln und gekitzelt werden ist für alle Schimpansen eine Wonne und daher eine wichtige soziale Betätigung. berichtet. schritt sie über das bloße Benennen von Gegenstanden und das Stellen von Forderungen hinaus zum Gebrauch von Mitteilungen. das Teil eines spezifischen Beziehungsmusters ist. oder listen eat (»Horch essen«) beim Ertönen der die Fütterungszeit anzeigenden Glocke. Seit ihrer Ankunft in Norman hat sie weitere Fortschritte gemacht. zum Beispiel: Washoe: Out. wie derselbe Sinn in menschlicher Sprache ausgedrückt würde. Das betreffende Tier signalisiert durch typisches Jungtierverhalten.unterscheiden [50]. Fouts. Die Struktur dieser Gruppen beruht auf der Hierarchie ihrer Beziehungen. Ein weiterer wichtiger Erfolg bestand darin. hinaus!«) Trainer: Who out? (»Wer hinaus?«) Washoe: You (»Du«) Trainer: Who more? (»Wer mehr?«. das heißt »wer sonst noch?«) Washoe: Me (»Ich«) [49] Und manchmal »spricht« sie sogar zu sich selbst: Die Gardners beobachteten sie beim Gebrauch des Zeichens hurry! (»schnell«). Dr. out! (»Hinaus. 15] feststellte. und wie Bateson wiederholt [z. wenn sie das Bellen eines Hundes auf der Straße hörte. als sie eiligst zu ihrem Töpfchen unterwegs war. die in jeder Hinsicht als Dialoge gelten dürfen. B. wird in der Beziehungssprache die Bitte um Nahrung zum Beispiel durch Verhalten kommuniziert. die für in sozial geordneten Gruppen lebende Tiere gang und gäbe sind.

zu sagen. aber anscheinend unrichtige Zeichenkombination. So ist zum Beispiel die obere Grenze des einem Schimpansen -197- . Besänftigen und gelegentlich auch dann der Fall. ist die Zahl der durch sie selbst aufgeworfenen Fragen größer als die ihrer Antworten. deren Schale bekanntlich sehr hart ist. tatsächlichem Schmutz verwendet. Da die Kommunikationsforschung mit den Menschenaffen erst in ihren Anfängen steht. als sie zum ersten Mal ein Radieschen kostete. Aber die bei weitem komischste Bemerkung stammt. daß Washoe damit eine Brasilnuß meinte. es ausspuckte und cry hurt food (also etwa »Weinen wehweh Essen«) nannte. daß sie zweisprachig sind. die im Ausland aufwachsen und sowohl ihre Muttersprache als auch die Fremdsprache gebrauchen. Lucy.gimme rock berry (»Gib mir Stein Beere«) signalisierte. [43] Von großem Interesse ist auch. Wie Fouts und seine Mitarbeiter beobachten konnten. wenn sie miteinander spielen oder gemeinsam etwas unternehmen. daß sie sowohl semantisch richtiger Sinnübertragungen fähig ist als auch der für die Wirklichkeit zweiter Ordnung grundlegenden Zuschreibung von Sinn und Wert. Bis zu jenem Zeitpunkt hatte sie nämlich das Zeichen dirty nur zur Bezeichnung von Exkrementen und anderem. Es stellte sich aber heraus. die ihre Forderungen nicht befolgen. Da sie gleichzeitig aber auch ihre natürlichen Ausdrucks. wie Fouts berichtet. ist es nicht übertrieben. Dies war eine neue. Seither gebraucht sie es regelmäßig als Adjektiv zur Bezeichnung von Personen. die nach einer Rauferei mit einem Rhesusaffen diesen einen dirty monkey (»schmutzigen Affen«) nannte und damit bewies. ebenfalls eine von Fouts Schimpansinnen. etwa wie Kinder. ASL sogar unter sich selbst zu verwenden. von Washoe. daß die OklahomaSchimpansen dazu übergegangen sind.und Mitteilungsgesten verwenden. ist das hauptsächlich bei gegenseitigem Kitzeln. brachte eine ähnlich schöpferische Leistung zuwege.

nämlich Fragen und Verneinungen. Fouts Schimpansin Lucy spielt mit ihrer Stoffkatze und fragt sie die Namen von Gegenständen [44]. wie sie es selbst gefragt wird. Das andere Beispiel ist eine indirektere Verneinung: Koko vergnügte sich auf ihrer Schaukel. und Fräulein Patterson signalisierte ihr: time eat (»Essenszeit«). Neueste Forschungsergebnisse scheinen aber anzudeuten. worauf Koko weiterschaukelte und nonchalant erwiderte time swing (»Schaukelzeit«). aber nicht produzieren kann. cand. phil. das an der Stanford-Universität ASL »studiert«. nicht nur in Kommunikation mit Menschen. daß ihnen beide Begriffe zugänglich sind. daß es sich dabei um eine einfache Imitation des Verhaltens ihrer eigenen Trainer handeln kann.möglichen ASL-Vokabulars noch unbekannt. und man weiß nur sehr wenig über seine Fähigkeit. wenn sie auf ihrem Töpfchen sitzt. Penny Patterson. Dagegen ließe sich natürlich einwenden. sind mir zwei Beispiele in den Kommunikationen eines dreijährigen Gorillaweibchens namens Koko bekannt. Ihre Lehrerin. zwei besonders wichtige Sprachelemente. [122] -198- . daß sie mit ihrem Spielzeug »Versuchsleiter« spielt und ebenso »was ist dies? – was ist das?« fragt. daß Koko cannot (»kann nicht«) signalisiert. das heißt. beobachtete. sondern mit seinen Artgenossen selbst zu verwenden. Was Verneinungen betrifft.

Weder die Form noch die Farbe dieser Zeichen steht in irgendeiner unmittelbaren Beziehung zu dem mit dem Wort bezeichneten Gegenstand oder Begriff. Projekt Sarah handelt von Wörtern.Projekt Sarah Ein vom linguistischen Standpunkt besonders interessantes Forschungsprojekt auf dem Gebiet der Kommunikation zwischen Menschen und nichtmenschlichen Primaten wird zur Zeit von zwei Psychologen. Die PremackStudie hat nicht nur bereits neues Licht auf die allgemeinen Probleme des Erlernens von Sprachen geworfen. ein und mehrere. Sarah kommuniziert nun mit Hilfe von Plastikzeichen (Symbolen). Zeitwörtern. Die Premacks stellten bei Sarah zunächst eine Assoziation zwischen einem bestimmten Plastikzeichen und einem Wort her. sondern scheint außerdem dazu prädestiniert zu sein. an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara durchgeführt. Fragen. Mengenbegriffen (zum Beispie l Farbe. Es handelt sich also um -199- . mit unserer chauvinistischen Annahme aufzuräumen. deren Rückseite magnetisch ist und die sich daher leicht auf einer vertikalen Metalltafel anordnen lassen. Sätzen. Dem interessierten Leser steht ein ausfü hrlicher Bericht in der Zeitschrift Science [136] zur Verfügung. und schließlich der wichtigen Kausalbeziehung wenndann (die bekanntlich die Grundlage alles Denkens in Begriffen von Ursache und Wirkung ist). Verneinungen. Ihre in freier Wildbahn geborene Schimpansin Sarah war zu Beginn des Projekts sechs Jahre alt. daß der Erwerb und der Gebrauch komplexer Sprachen eine rein menschliche Fähigkeit ist. Form. kein. dem Ehepaar David und Ann Premack. den Quantifikatoren alle. Größe). metalinguistischen Problemen (das heißt der Verwendung von Sprachen für das Lehren von Sprachen).

ebenso willkürliche Sinnbezüge wie im Falle der meisten Wörter einer Sprache. Auf diese Weise lernte Sarah die Verwendung von Zeitwörtern und war schließlich imstande. Dann legten sie ihr dieselbe Fruc ht zusammen mit dem für sie gewählten Zeichen hin und schließlich nur das Zeichen. die bisher für ausschließlich menschlich galten: Sie verwendet die sogenannten »W-Wörter« (wer. wenn ihr ein Stück Schokolade zum Tausch für ihren Apfel angeboten wurde. warum. verschiedene Verneinungen.). Es versteht sich von selbst. Indem die Premacks auf diese geduldige und methodische Weise Sarahs Sprachrepertoire aufbauten.) Um den Sinnbezug zwischen dem Objekt und dem dafür gewählten Zeichen herzustellen. »hat die Zahl 5 nichts besonders Fünfartiges an sich und das Wort ›Tisch‹ nichts besonders Tischähnliches« [14]. wo. daß Sarah intellektueller Leistungen fähig ist. (Wie Bateson und Jackson einmal bemerkten. usw. sondern bewiesen damit auch. wie etwa in der Frage ›banana‹ name -200- . was. Sie brachten es Sarah dann bei. die ja auch keine unmittelbare Ähnlichkeit mit ihrer Bedeutung haben. legten die Premacks Sarah zuerst eine Frucht hin und gestatteten ihr. die Vergleichsbegriffe dasselbe und verschieden. das Zeichen vom Tisch auf die Metalltafel zu übertragen. die nicht nur Namen von Objekten sind. auf die Namen der Trainer und schließlich auch auf Begriffe. während sie die Frucht in Sarahs Sichtweite. daß diese einfache Herstellung einer Assoziation zwischen einem bestimmten Zeichen und einer Frucht sich auf andere Früchte und Zeichen ausdehnen läßt. die metalinguistischen Begriffe Benennung für und nicht Benennung für. sie zu essen. vermittelten sie ihr nicht nur einen ausgedehnten Sprachschatz. All dies lernte sie fast sofort. aber nicht auf dem Tisch beließen. Sätze wie Sarah give apple Mary (»Sarah gibt Apfel [an] Mary«) durch Verwendung der richtigen Zeichen in der ric htigen Reihenfolge auf der Tafel zusammenzustellen.

jemals von dieser Möglichkeit träumten. ob Logiker und Philosophen. Die natürliche Umwelt der Menschenaffen erfordert niemals die Verwendung – und führt -201- . Das überraschendste Ergebnis dieser Untersuchungen ist aber die Fähigkeit der Schimpansin. Dies aber bedeutet nicht mehr und nicht weniger. oder der Menge der runden Gegenstände. unser menschlicher Chauvinismus heute bereits einen schweren Schlag dadurch erhalten hat. So ist Sarah zum Beispiel imstande. ihre Welt in logischen Mengen (im Sinne der Mengenlehre) zusammenzufassen.of apple (»Ist das Zeichen für ›Banane‹ der Name des Gegenstands ›Apfel‹?«) oder name of dish (»Was ist der Name dieser Speise?«). daß meine Ausführungen über die Kommunikationsmöglichkeiten und formen zwischen Mensch und Menschenaffen höchst skizzenhaft sind und keineswegs alle derzeitigen Studien auch nur oberflächlich erwähnen. durch die Verwendung des ja. Und schließlich führen diese Untersuchungen auch noch zu einer anderen wichtigen Überlegung. sondern die Menschenaffen als erste die Sprache einer anderen Gattung erlernten und damit den menschlichen Wirklichkeitsbereich betraten. wie die Frage an sie gestellt wird. gezeigt zu haben. wie zum Beispiel Rumboughs. Es drängt sich hier die Frage auf. wie wir bereits oben sahen. Abschließend möchte ich nochmals betonen. daß. Ich hoffe aber. wo immer die endgültigen Grenzen der Verständigung liegen mögen. verwirrende Paradoxien erzeugen können. und sie ist fähig. eine Wassermelone dem Mengenbegriff der Früchte zuzuordnen oder dem der Nahrung. Gills und von Glaserfelds computertrainierte Schimpansin Lana [147] und mehrere andere Projekte. von den alten Griechen bis herauf zu Whitehead und Russell. je nachdem. auch im Wirklichkeitserleben der Menschenaffen auftreten müssen. als daß alle paradoxen Vermischungen zwischen einer Menge und den sie zusammensetzenden Elementen. daß nicht wir Menschen.oder nein-Zeichens die Frage richtig zu beantworten. die.

daher nicht zur spontanen Ausbildung – der erstaunlichen intellektuellen Fähigkeiten. sie voll zu entwickeln? -202- . ihr geistiges Potential ist viel größer. Oder anders ausgedrückt. daß sie sie besitzen. Dies scheint in noch größerem Maße für den Delphin zuzutreffen. als es ihr Leben in freier Wildbahn erfordert. dem ich mich im nächsten Kapitel zuwenden möchte. und es wirft vor allem die Frage nach unserem eigenen Potential auf: Bis zu welchem Grade verwenden wir Menschen die uns innewohnenden Fähigkeiten und welche außerirdischen Versuchsleiter könnten uns helfen. von denen wir nun wissen. es kann aber im völlig »unnatürlichen« Umgang mit uns geweckt und ausgebildet werden.

Der Delphin
In Afrika gibt es eine Kolonie Hippo, dicht am Meere gelegen. In der Nähe befindet sich eine schiffbare Lagune; aus ihr führt ein Kanal wie eine Art Fluß ins Meer, der abwechselnd, je nachdem Flut oder Ebbe ist, bald sich ins Meer ergießt, bald zur Lagune zurückströmt. L eute jeden Alters vergnügen sich hier mit Fischen, Kahnfahren und auch Schwimmen, besonders die Jugend, die ihre Freizeit und ihr Spieltrieb dazu reizt. Ihr gilt es als Heldentat, soweit wie möglich hinauszuschwimmen; Sieger ist, wer das Ufer und zugleich seine Mitschwimmer am weitesten hinter sich läßt. Bei diesem Wettkampf wagte sich ein Knabe, der dreister als seine Kameraden war, besonders weit hinaus. Da begegnet ihm ein Delphin, schwimmt vor ihm her, folgt ihm, umkreist ihn, nimmt ihn schließlich auf den Rücken, wirft ihn wieder ab, nimmt ihn noch einmal auf den Rücken, trägt den Verängstigten auf die hohe See hinaus, kehrt dann um und bringt ihn wieder ans Land und zu seinen Kameraden. Die Geschichte macht in der Kolonie die Runde, alles strömt zusammen, bestaunt den Knaben wie ein Wundertier, fragt ihn aus, hört ihn an, erzählt es weiter. [130]

Dieser Brief des jungen Plinius an seinen Dichterfreund Caninius drückt die Faszination aus, die diese legendenumwitterten Bewohner der weiten Meere seit Jahrtausenden auf uns ausüben. Diese Faszination ist nicht leicht zu definieren. Da ist etwas im Wesen des Delphins, das uns stärker und anders berührt als der Charme aller anderen Tiere. Plinius’ Bemerkung, daß man den Knaben wie ein Wundertier bestaunte, ist wahrscheinlich nicht übertrieben. Fast alle Menschen, die Gelegenheit hatten, Delphine zu beobachten oder mit ihnen sogar in nähere Berührung zu kommen, sind sich über ihren ungewöhnlichen Einfluß auf die Gefühle und die Vorstellungswelt des Menschen einig. Ein Beispiel, das Anthony Alpers in seinem reizenden Buch über die Delphine [6] erwähnt, kann stellvertretend für viele ähnliche Geschichten stehen. Im Jahre 1955 bemerkten die Einwohner der kleinen Stadt Opononi auf der Nordinsel Neuseelands, daß ein junger
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Delphin fast täglich in ihren Hafen kam und Booten und Schwimmern folgte. Im besonderen schien er ein dreizehnjähriges Mädchen ins Herz geschlossen zu haben, von der er sich berühren ließ und die er gelegentlich auf seinem Rücken trug. Und wie siebzehn Jahrhunderte früher in Hippo verbreitete sich auch hier die Geschichte von diesem Delphin mit Windeseile, und die Leute kamen von nah und fern, um ihn zu sehen. Um die Neujahrszeit waren es bereits Tausende, die das Städtchen füllten, die Küstenstraße mit ihren Fahrzeugen verstopften und am Strande kampierten. Der Delphin, den sie Opo nannten, schien ihre Anwesenheit zu lieben, und er kam jeden Tag ganz nahe an die Küste heran. Was die Geschichte aber so bemerkenswert macht und der Thematik dieses Buches nahebringt, umreißt Alpers mit den Worten: »Auf diese Masse sonnenverbrannter, drängelnder Menschen hatte der sanfte Delphin eine segensreiche Wirkung.« Im Gegensatz zu anderen Jahren kam es zu keinem einzigen Falle von Trunkenheit, Streiten oder Tätlichkeiten. »Manche Leute waren vom Anblick Opos so hingerissen«, schrieb ein Bewohner von Opononi, »daß sie voll angezogen ins Wasser liefen, um ihn zu berühren«, fast als ob das Berühren dieses Besuchers von einer anderen, fernen Wirklichkeit ihnen eine Art Erlösung verlieh:
Abends, wenn Opo sich entfernt hatte und wenn es kühl geworden war, drehten sich alle Gespräche um den Delphin. In den Zelten, die wie blaßgrüne Lampen unter den Pinien standen, tauschten die Menschen mit gedämpften Stimmen Erfahrungen aus, und die Kinder träumten mit hochroten Wangen von ihrem Freund. Völlig fremde Menschen besuchten einander in den Zelten, und das gemeinsame Erlebnis überbrückte alle Gegensätze und brachte die Menschen einander näher. Im Speisesaal des Hotels unterhielt sich jeder mit jedem. So überraschend und ungewöhnlich war dieses Verhalten, daß man zuweilen den Eindruck hatte, alle diese Menschen fühlten sich schuldig, ohne es sich eingestehen zu wollen – vielleicht wegen der Gleichgültigkeit und Unfreundlichkeit, die sie so oft anderen Tieren, die ihren Weg kreuzten, entgegengebracht haben mochten. Von Opo, der nie nach der Hand schnappte, die ihn zu berühren versuchte, schien die Vergebung auszugehen, die sie suchten. [7]

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Doch auch im Lichte nüchterner, wissenschaftlicher Tatsachen ist der Delphin bemerkenswert. Da ist vor allem sein riesiges Gehirn zu erwähnen, über das viel mehr zu sagen wäre, als es im Rahmen dieser Darlegungen möglich ist. Ich muß mich also auf einige wenige, grundsätzliche Angaben beschränken, die für das Verständnis des Nachfolgenden unerläßlich sind: Die Hirngröße eines Organismus hat sowohl absolute wie relative Bedeutung. Je größer und daher komplexer ein Gehirn ist, desto komplexer und reichhaltiger sind natürlich auch seine Funktionsmöglichkeiten. Diese Zunahme an Komplexität ist aber nicht stetig und geradlinig; neue und höhere Funktionen treten vielmehr diskontinuierlich auf. So liegt zum Beispiel eine kritische Grenze bei einem Gewicht von ungefähr 1000 Gramm. Überhalb dieser Grenze ermöglicht der Reichtum der Gehirnorganisation (die Interkonnektivität) die spontane Verwendung von Symbolen und damit die Entwicklung von Sprachen im eigentlichen Sinne. 52 Das Gehirn des erwachsenen Menschen wiegt durchschnittlich 1450 Gramm, das Gehirn der Großwale ist sechsmal, das der Elefanten viermal so schwer. Jedoch ist sowohl im Falle des Wals wie des Elefanten das relative Hirngewicht (das Verhältnis zwischen Hirnund Körpergewicht) wesentlich unter dem des Menschen. Das Hirn des Delphins übertrifft mit seinen etwa 1700 Gramm nicht nur absolut, sondern auch relativ das des Menschen, da die Länge und das Gewicht des Delphinkörpers ungefähr dem unseren
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Wie die allgemeine Systemtheorie lehrt, ist diese stufenweise, diskontinuierliche Zunahme der Funktionen eine grundlegende Eigenschaft komplexer Systeme; sie läßt sich beim derzeitigen Stande unseres Wissens über das Verhalten großer Systeme weder quantitativ noch qualitativ vorausbestimmen. Wir werden dieser Eigenschaft bei der Besprechung der Komplexität des Wachstums außerirdischer Zivilisationen nochmals kurz begegnen.

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entspricht. Selbst wenn wir in Betracht ziehen, daß der Delphin vor Jahrmillionen ins Meer zurückging, nachdem er sich an die Lebensbedingungen des Festlandes angepaßt hatte, erklärt dies noch nicht, weshalb er über ein so überragend ausgebildetes Gehirn verfügt. Wenngleich es reine Spekulation ist, scheint es doch nicht allzu absurd, anzunehmen, daß er sich auf dem Lande vielleicht zu einer uns überlegenen Gattung entwickelt hätte. Er kehrte aber zu seinem Ursprung, der See, zurück, und beraubte sich damit gewisser Entwicklungsmöglichkeiten, die für die Ausbildung höherer Zivilisationen unerläßlich sind. Seine Hände wurden zu Schwimmflossen (deren Skelett noch dem einer Hand entspricht); das Fehlen von Händen aber schließt für ihn die Erfindung und den Gebrauch von Werkzeugen aus, ohne sie kann es keine Schrift und daher auch keine objektive Speicherung und Überlieferung von Information geben. All dies ist für die Delphine in ihrem Lebenselement natürlich bedeutungslos; sie leben in einem Zustand der Schwerelosigkeit; es besteht für sie keine Notwendigkeit, sich zu kleiden oder ein Obdach zu bauen; Nahrung ist m eist reichlich vorhanden, und dies macht ihren Anbau sowie das Anlegen von Vorräten unnötig. Wenn wir vom Menschen absehen, sind ihre natürlichen Feinde nur der Hai und der Schwertwal, und sie können sich des ersteren recht gut erwehren und letzterem meist entkommen. Es fragt sich also: Wozu haben sie diese Supergehirne? Wie gesagt, stellt das Überleben im Ozean keine großen Anforderungen an die Intelligenz eines Meeresbewohners. Der Walhai zum Beispiel, der in jeder Hinsicht die Lebensbedingungen des Delphins teilt, kommt seit Jahrmillionen mit einem relativ winzigen Hirn in einem Körper von bis zu vierzig Tonnen Gewicht aus. Kein Wunder also, daß der Delphin der Gegenstand größten wissenschaftlichen Interesses ist. Ganz offensichtlich hat ihn die Natur mit seiner überragenden Intelligenz für bessere Zwecke ausgebildet als zum Springen über die Bugwellen von Schiffen,
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zur Ausführung würdeloser Kunststückchen in Vergnügungsparks oder zum Auffinden von Übungstorpedos auf dem Meeresgrund. Ein weiterer Grund für seine große wissenschaftliche Bedeutung besteht darin, daß er von allen Tieren mit hochentwickelten Gehirnen das einzige ist, mit dem sich praktische Forschung treiben läßt – wie man sich unschwer vorstellen kann, bringen Großwale und Elefanten als Versuc hstiere praktisch unüberwindliche technische Probleme mit sich. Besehen wir uns einige der wichtigeren, aber vielleicht weniger bekannten Forschungsergebnisse mit Delphinen: Da sie Lungenatmer sind, müssen sie zum Atmen an die Wasseroberfläche kommen und können, wenn daran gehindert, wie ein Mensch ertrinken. (Jährlich sterben etwa hunderttausend Delphine dadurch, daß sie sich in Fischernetzen verfangen, denen gegenüber ihr noch zu erwähnendes Echolotsystem versagt.) Diese stets drohende Gefahr führte zur Ausbildung ungewöhnlicher und rührender Formen von Hilfsbereitschaft sowohl untereinander als auch ertrinkenden Menschen gegenüber. Wie schon Aristoteles, Plutarch und Plinius erwähnten und wie auch moderne Augenzeugenberichte beweisen, tun sie dies, indem sie unter den Ertrinkenden schwimmen und ihn an die Oberfläche heben. Sowohl auf offener See wie auch in Forschungsinstituten wurde festgestellt, daß sie bewußtlose oder aus anderen Gründen schwimmunfähige Artgenossen auf diese Weise stundenlang unterstützen, wobei sie sich fortwährend in ihren Bemühungen ablösen. Mit Unterwassermikrophonen (sogenannten Hydrophonen) konnte ermittelt werden, daß in Lebensgefahr schwebende Delphine einen spezifischen Hilferuf ausstoßen, sozusagen ihr Äquivalent eines internationalen Notsignals, das alle in der Nähe befindlichen Artgenossen zu sofortiger Hilfeleistung herbeischwimmen läßt. Dieses Signal53 kann vom
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Lilly beschreibt es als einen kurzen, scharfen Pfiff, dessen Tonhöhe rasch ansteigt und dann ebenso rasch abfällt. [88]
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Menschen nachgeahmt werden, und ich kenne einen jungen Zoologiestudenten, der dies ausprobierte, indem er zum Boden des Laboratoriumstanks hinuntertauchte und den Notruf ausstieß. Die beiden im Tank befindlichen Delphine kamen sofort zu seiner Hilfe und hoben ihn an die Oberfläche. Was dann geschah, ist sowohl für den Kommunikationsforscher als auch für den Sozialwissenschaftler von großem Interesse: Sie bemerkten, daß ihm nichts fehlte und er daher das Notsignal mißbraucht hatte, worauf sie ihm mit ihren harten Schnauzen und heftigen Schwanzschlägen das Delphinäquivalent einer Tracht Prügel verabreichten. Wie sehr sich ihre Welt auch sonst von der unseren unterscheiden mag, hier ging es um eine Regel, die in beiden Wirklichkeiten gilt: Der Mißbrauch eines lebenswichtigen Signals ist eine Übertretung, die im Interesse aller auf keinen Fall geduldet werden kann. Der Vorfall ist um so interessanter, als die Freundlichkeit und Geduld des Delphins dem Menschen gegenüber in jeder anderen Situation, ja selbst unter schwerer Provokation, geradezu sprichwörtlich ist. Nicht weniger erstaunlich sind die Schlüsse, die gefangene Delphine über das Verhalten des Menschen und seine Beschränkungen zu ziehen imstande sind und die weitere Beweise für ihre Intelligenz liefern. Sie scheinen zum Beispiel keine Schwierigkeit zu haben, gute von schlechten Schwimmern zu unterscheiden, obwohl die menschlichen Schwimmbewegungen von ihren natürlich grundverschieden sind. In mehreren Fällen wurde beobachtet, daß sie Menschen an den Rand ihres Bassins drängten und sie ganz aus dem Wasser zu heben versuchten. Sie schienen der Ansicht zu sein, daß es in Anbetracht der Schwimmkünste des Betreffenden zu gefährlich war, ihn im tiefen Tank zu belassen. Selbstverständlich ist dies reine Spekulation, und es ist genauso möglich, daß sie ihn aus anderen Gründen nicht in ihrem Tank duldeten. (Mir selbst widerfuhr die Auszeichnung, von zwei für dieses Verhalten

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als ich darauf einging. wenn sie sich uns hörbar machen wollen. sondern als Gast im Tank akzeptiert zu werden. Wie viele andere Lebewesen ist auch der Delphin. diese ihnen prompt zurückwarfen und bereit waren. denen sie ihre Gummiringe zuwarfen. und waren sichtlich befriedigt. mit Regeln und Regeln für die Änderung dieser Regeln.bekannten Delphinen nicht nur nicht gerettet. das Spiel so lange fortzusetzen. und sehr komplexe Spielverhalten. besonders in seiner Jugend. Dies leitet auf einen anderen Eindruck über. verspielt. Es handelt sich hier also um ein typisches Interpunktionsphänomen: In klassischem. nämlich der Welt in menschlicher Sicht. Möglicherweise überzeugten sie meine Tauchkünste. mir eine Art Fangenspiel vorzuschlagen. setzt jedoch bei ihnen ein weitgehendes Verständnis einer für sie zunächst gänzlich fremden Wirklichkeit. All dies mag auf den ersten Blick nicht sehr bemerkenswert erscheinen. jedenfalls begannen sie sehr bald. als es dem Delphin Spaß machte [188]. dem Delphin ein Kunststück gelehrt zu haben. und heben daher ihre Blaslöcher aus dem Wasser heraus. daß sie uns Tricks lehren können. Ich erwähnte bereits Spiele. daß Menschen. Laut Forrest Wood von den Marine Studios in Florida erfaßten die jüngeren Delphine im dortigen Versuchstank sehr rasch. daß wir sie unter Wasser nicht hören können. während die Delphine sich in derselben Interaktion offensichtlich – und wohl mit Recht – als die Initiatoren des Spiels und daher die Beeinflusser des menschlichen Verhaltens betrachten. Was aber ihre Spiele mit Menschen betrifft.) Die Vokalisierungen der Delphine gehen weit über die vom Menschen wahrnehmbaren Frequenzen. sind unter ihnen keine Seltenheit. scheinen sie entdeckt zu haben. menschlichem Chauvinismus dürften die Besucher des Instituts annehmen. dessen man sich -209- . Erstaunlicherweise erkennen sie dies sehr rasch und bringen ihre an uns gerichteten Signale auf menschliche Frequenzen herunter. Auch scheinen sie zu wissen. voraus.

ihm menschliche Absichten. nämlich zu zoomorphisieren und unsere Wirklichkeit in Begriffen der ihren zu sehen. Es bestehen sogar berechtigte Zweifel. Vielleicht wäre es richtiger. eine Gefahr. daß ihn das Nichtgelingen sichtlich ungeduldig stimmt oder verärgert.nur schwer erwehren kann. doch läuft die eine wie die andere Formulierung Gefahr. sich ihnen gegenüber in wildes Anthropomorphisieren54 hineinzusteigern. den Kommunikationscode der Delphine zu entschlüsseln. Welche Aussichten bestehen. Trotz eingehender Bemühungen ist es noch nicht gelungen. Der Delphin ist ein solcher Partner par excellence. daß sie untereinander höchst komplexe Mitteilungen austauschen. Gefühle und Reaktionen zuzuschreiben. denn – um das bisher Gesagte zusammenzufassen – seine Intelligenz ist der unseren quantitativ wahrscheinlich ebenbürtig (oder sogar überlegen). -210- . Und dies bringt uns zurück zu unserem eigentlichen Thema – der Anbahnung von Kommunikation mit außermenschlichen Partnern. Und es ist nicht nur die Versuchung. Es scheint. ob es eine Delphinsprache und daher einen Code überhaupt gibt. daß der Delphin aktiv Kommunikation mit uns wünscht und sucht und daß ihn jeder Erfolg dieser Bemühungen offensichtlich befriedigt. er lebt in einer völlig andersgearteten Umwelt und ist anscheinend ebenso an uns interessiert wie wir an ihm. 54 anthropomorphisieren: das Übertragen menschlicher Eigenschaften und Verhaltensweisen auf Außermenschliches. mit ihm in Kommunikation zu treten? Die Antwort auf diese Frage ist leider enttäuschend. Ob und wie sich dieser Widerspruch klären wird. zu sagen. obwohl es paradoxerweise feststeht. die in Anbetracht ihrer Schönheit und ihres Charmes besonders groß ist. daß die Delphine ihrerseits denselben Fehler begehen. sondern die beiden Welten – ihre und unsere – können noch zusätzlich dadurch verquickt werden.

Dies würde allerdings die Entwicklung einer Kunstsprache nicht ausschließen. 55 Eine andere Möglichkeit wäre eine auf den Vokalisierungen des Delphins beruhende Sprache. Theoretisch könnte dies eine menschliche Lautsprache sein. worauf einer der Delpine Laute von sich gab. »It’s six o’clock«. Lilly selbst neigt dazu.Thomas [91]. daß es sich um eine Imitation dieser Äußerung handelte. von denen mehrere Anwesende überzeugt waren. sie zum Beispiel für den Satz »I swear. John Lillys. [88] -211- . die Mensch und Delphin teilen könnten. nachdem ihn der Versuchsleiter geäußert hatte.läßt sich schwer voraussagen. sind seine 55 Lilly ist sich dieser Fehlerquelle bewußt. daß das ihr Sinn sei. Nachahmung menschlicher Laute durch Delphine werden nicht selten festgestellt. die den Satz auf Tonband hörten. quietschenden Laute so undeutlich. Wie erwähnt. des ehemaligen Direktors des Kommunikationsforschungs-Laboratoriums in der Nazarethbucht auf der Jungferninsel St. sie für den Satz »This is a trick« zu halten. Abgesehen davon. Er wäre aber genauso bereit. also buchstäblich einer anderen Wirklichkeit angehört. daß auch ein Papagei dies fertigbrächte. den Schimpansen Englisch zu lehren. wenn ihm gesagt würde. wenn ihm ihr angeblicher Wortlaut zuerst mitgeteilt wird. it’s cold« zu halten. Ein auf Tonband aufgenommener Vortrag Dr. und mehrere seiner Kollegen. daß eines abends jemand im Laboratorium sehr laut sagte. daß der Zuhörer sie nur dann zu verstehen glaubt. praktisch würde dies aber auf eine Wiederholung der gescheiterten Bemühungen hinauslaufen. let’s go!« durch einen der im Tank befindlichen Delphine. waren ebenfalls seiner Meinung. daß sie vom menschlichen Standpunkt aus keine Sprache zu haben scheinen. Es wäre zum Beispiel durchaus möglich. weil ihre Kommunikation vielleicht auf uns vorläufig unerfaßbaren Modalitäten beruht. sind die vom Delphin hervorgebrachten. In einer früheren Veröffentlichung erwähnt er bereits. enthält die angebliche Imitation des Satzes »All right.

Wasser. der Delphin verwendet Frequenzen zwischen 3. verlassen wir Menschen uns auf das passive Empfangen von Sinneseindrücken aus der Umwelt. das heißt. auf Hochfrequenzpfiffen beruhendes Echosystem. und gelegentlich wurden Frequenzen von bis zu 120. das ihnen die Wahrnehmung und Vermeidung von Hindernissen im Dunkeln ermöglicht. und 56 Menschliche Lautäußerungen liegen zwischen 100 und 5. den gesamten Verhaltensablauf zu filmen und den Film dann ebenfalls auf ein Achtel zu verlangsamen. die den Zusammenhang zwischen Signalen und Verhalten untersucht. daß ein großer Teil der akustischen Signale des Delphins nicht Kommunikationen in dem Sinne sind.000 Schwingungen pro Sekunde. wie wir diesen Begriff bisher verwendet haben. Dies bedeutet. schon nach zwei Sekunden hoffnungslos im Hintertreffen ist. Wie die Fledermaus ist der Delphin dagegen Sender und Empfänger der eigenen Signale – sie sind sozusagen gleichzeitig Frage und Antwort. um Korrelationen zwischen den Signalen und den jeweiligen Reaktionen auf sie feststellen zu können. Abgesehen von seiner verhältnismäßig rudimentären Verwendung durch den Blinden. Es wäre notwendig. die als Antwort der Umwelt zu ihne n zurückkehren. Die für Navigation und Radioastronomie verwendeten Sonarbeziehungsweise Radarsysteme beruhen auf demselben Prinzip. was sich technisch nur zum Preise ihrer Verlangsamung auf ein Achtel ihrer natürlichen Geschwindigkeit erreichen läßt. ist bekanntlich ein ausgezeichneter Schalleiter. ihre Wirklichkeitswahrnehmung beruht auf ihren an die Umwelt gestellten Fragen. daß jede Direktbeobachtung. das Lebenselement des Delphins. sondern vor allem die Grundlage seines hochdifferenzierten Echolotsystems.000 c/sec festgestellt.000 Schwingungen. Fledermäuse verwenden bekanntlich ein ähnliches.akustischen Signale komplex und liegen hoch über den uns wahrnehmbaren Frequenzen. -212- . 56 Seine Signale müßten daher auf das menschliche Niveau heruntergebracht werden.000 bis 20. Ferner muß in Betracht gezogen werden.

Delphinmütter können zum Beispiel kolikartige Zustände in ihren Jungen feststellen. und schließlich scheint er ein enormes Maß an Information über die Bedeutung der spezifischen Veränderungen des reflektierten Signals zu besitzen. das Echolotsystem des Delphins nachzubauen und damit die strahlungsgefährliche Röntgendiagnostik durch absolut sichere Hochfrequenzschallgeräte zu ersetzen. da er offensichtlich weiß. Es scheint sogar. 3. sondern auch Fischarten zu erkennen. im Dunkeln oder in trübem Wasser zu fischen. In anderen Worten. Mit ungleich höherer Präzision als wir Menschen ortet er ein Objekt auf Grund des minimalen Unterschieds in der Ankunft des Echos in seinem rechten und linken Ohr. 2. ihr bekannter Weise verändert.die von ihm ausgesandten und von der Umwelt reflektierten Hochfrequenzsignale orientieren ihn über 1. wie sie dann die 57 Verschiedene Forschungsinstitute versuchen zur Zeit. vermutlich weil die Blähung das Sonarecho des Kindes in typischer. Dicke und viele andere physische Eigenschaften) des Objekts zu ziehen und es so voll zu identifizieren. die es ihm ermöglicht. Dies ermöglicht es ihm nicht nur. seine Entfernung. die Zeitspanne zwischen Senden und Empfangen eines Signals gibt ihm die Entfernung. das heißt Information über die Innenbeschaffenheit von Objekten vermittelt. und bereits mit Erfolg. daß sein Echolotsystem ihm akustische Röntgenbilder 57 . mit Hilfe dieser Hochfrequenzechos (den »Antworten«) auf die von ihm ausgesandten Signale (seine »Fragen«) verfügt der Delphin jederzeit über ein auf den letzten Stand gebrachtes akustisches Bild seiner Umwelt. -213- . Mütter wurden beobachtet. wie ein bestimmter Fisch akustisch »aussieht«. die Position und daher auch über die Geschwindigkeit und Richtung etwaiger Bewegungen eines Objekts. Oberfläche. Rückschlüsse über die Beschaffenheit (zum Beispiel die Härte. seine Größe. Form und Beschaffenheit.

und dies erschwert die Herstellung von für beide Welten begreiflichen Wirklichkeitsauffassungen. die unter den Fischen im Bereich der Boote aufräumten. daß ihre Mitteilungen weit über die bloßen Warn. nicht aber. Demnach wurde eine Flottille von Fischerbooten in der Antarktis an ihrer Arbeit durch die Invasion von Tausenden von Schwertwalen behindert. Dazu kommt noch die bereits erwähnte Unklarheit darüber. der zwar nicht den Delphin. nämlich umgebauten Kriegskorvetten. Unsere Welten sind daher grundverschieden. -214- . über die fast alle höheren Tiere verfügen. den Wal. Der Delphin lebt also in einer überwiegend akustischen Welt. ob und wie sie untereinander kommunizieren – für gesichert kann nur unser Wissen über ihre Echolotung gelten. Beide Flotten bestanden aus demselben Bootstyp. Ein Walboot feuerte einen einzigen Schuß aus seiner Harpunenkanone ab und tötete einen Wal. die Fischerboote zu belästigen. verläßlichen Beweise dafür kaum übersehen. während sie fortfuhren. sondern seinen Verwandten. betrifft und der dem Leser vielleicht nach Seemannsgarn klingen wird. ganz wie dies Menschenmütter mit ihren Händen tun. In weniger als einer halben Stunde verschwanden die Wale aus einem Gebiet von etwa fünfzig Quadratmeilen um die Walflotte herum. Eines der eindrucksvollsten Beispiele ist meines Wissens ein von Robinson in seinem Buch »On Whales and Men« [144] erwähnter Vorfall.und Notrufe sowie alle anderen reinen Affektäußerungen hinausgehen. während unser Bild der Wirklichkeit hauptsächlich auf visuellen Wahrnehmungen beruht.Bäuche ihrer Jungen sanft mit ihren Schnauzen beklopften. Andererseits lassen sich die vielen. und aus der Perspektive der Wale waren die Boote daher weder ihrer Form noch dem Motorengeräusch nach unterscheidbar. Die Fischer funkten um Hilfe durch eine in der Nähe operierende Walflotte. ob und wie diese auch im Dienste der Kommunikation unter ihnen selbst steht.

das im Wesentlichen der menschlichen Sprache gleichkommt. Die Übermittlung einer so spezifischen Mitteilung wie die Beschreibung eines Objekts und seiner Wirkung. Es ist durchaus möglich. Das einzige Unterscheidungsmerkmal zwischen den beiden Bootsarten war die am Bug der Walboote sichtbar vorstehende Harpunenkanone. die weit über das Wesen der allgemein bekannten tierischen Warnsignale hinausgeht. ließe sich die Annahme kaum von der Hand weisen. sich auf Tatsachen beziehende und daher denotative Information enthalten haben. Daß Tiere einen Gefühlszustand wie zum Beispiel Angst ausdrücken und damit die anderen Tiere einer Gruppe in allgemeiner und unspezifischer Weise alarmieren können. daß der sterbende Wal den anderen die entscheidende Information über die Kanone mitgeteilt haben muß. findet dagegen auf einem ganz anderen Kommunikationsniveau statt als irgendein gattungsspezifisches Lautgeben. muß die Mitteilung des Wals detaillierte. Dies aber setzt eine Kommunikation voraus. unspezifischere Kommunikation als der Ausruf »Du trittst mir auf den Zehen herum!« Wenn der von Robinson erwähnte Vorfall sich tatsächlich so abspielte. aber weiterhin die Fischerboote umschwärmten. Oder etwas einfacher ausgedrückt: Der Aufschrei »Autsch«! ist eine viel primitivere. Um seine Artgenossen in der beschriebenen Weise zu beeinflussen. dürfte schon dem Steinzeitmenschen bekannt gewesen sein. es muß sich dabei um ein Kommunikationssystem handeln. wozu sie diese außergewöhnlichen Fähigkeiten verwenden. daß die endgültige Antwort -215- . Da die Wale sich aus der Nähe der Walboote zurückzogen. daß Wale und daher sicherlich auch Delphine tatsächlich eine überragende Intelligenz und außerdem denotative Sprachen besitzen. drängt sich der Schluß auf. und wie schon erwähnt. Damit aber stehen wir wieder vor der Frage. gilt dies für eine ausschließlich menschliche Kommunikationsform.Die aus diesem Vorfall zu ziehenden Schlußfolgerungen sind weitreichend.

Wissenschaftler auf der ganzen Welt. Es wird angenommen. -216- . Wenn dies der Fall wäre. was wir im Namen der Wissenschaft dieser gütigen Kreatur aus der Weite des Ozeans angetan haben. ihm Kunststückchen beizubringen. Mit Hilfe von Unterwasserphotos konnte auch nachgewiesen werden. daß er Höchstgeschwindigkeiten von 25 Knoten entwickelt und dies fast zehnmal so viel ist. daß zur Erreichung der für den lebenden Delphin durchaus nicht ungewöhnlichen Geschwindigkeit von 15 Stundenkilometern 1. Was wir nämlich. und dieses Prinzip wird vielleicht einmal auf den Antrieb von Schiffen Anwendung finden. hat sich der Delphin als williges Objekt und Schüler erwiesen. hä tten wir freilich allen Grund. uns zu fragen. bisher mit ihm getan haben. daß am Körper des Delphins beim Beschleunigen und bei sehr raschem Schwimmen an beiden Seiten gewisse Rillen entstehen. Adelaide und Moskau. von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen. Ob in einem Forschungsinstitut oder einem Vergnügungspark. sind mit seinem Studium beschäftigt – zum Teil leider auch für sehr unheilvolle Zwecke. Die erstaunliche Tatsache zum Beispiel. während ihm nur etwa ein Siebtel dieser Energie zur Verfügung steht. auf ein Minimum senkt.sich als Enttäuschung erweisen wird und daß sich das Verhalten des Delphins in Gefangenschaft bestenfalls mit den kryptischen. daß die Glätte der Außenhaut des Delphins irgendwie den Oberflächenwiderstand. der für den Großteil der Reibung von Wasserfahrzeugen verantwortlich ist. aber leeren Andeutungen und dem humorlosen Clownverhalten des menschlichen Hebephrenen vergleichen läßt. Bern. als er auf Grund der ihm zur Verfügung stehenden Muskelkraft zuwege bringen »sollte«. Berlin. 58 Es verlautet aber – und aus begreiflichen Gründen sind Beweise für diese Gerüchte 58 An toten Delphinen vorgenommene Schleppversuche haben ergeben. ist für den Physiker von durchaus legitimem Interesse. so zum Beispiel an den Universitäten von Cambridge. ist.25 Kilowatt notwendig sind. Hawaii. Die Leistung seiner Schwanzbewegungen übertrifft jene der Schiffsschraube bei weitem. die wahrscheinlich zu seiner mühelosen Geschwindigkeit beitragen.

zitiere ich hier aus einem seiner Bücher: -217- . ihn mit unserer menschlichen Wirklichkeit und unseren Leistungen vertraut zu machen. Erfreulicherweise wächst auf der ganzen Welt die Forderung nach dem Schutz der Wale und Delphine. Lilly berichtet. besonders da verschiedene Wale bereits von Ausrottung bedroht sind. daß Marinekreise mit Delphinen und Walen weniger harmlose Experimente ausführen als die Bergung abgeschossener Übungstorpedos vom Meeresgrund. Es sind da hartnäckige Gerüchte im Umlauf. Seiner Ansicht nach legt uns der hohe Grad ihrer Entwicklung die ethische Verpflichtung auf. [90] Lilly selbst ist ein unermüdlicher Verfechter der Notwendigkeit des Schutzes der Cetacea (der Waltiere. denen man das Töten beigebracht hatte. könnten wir Menschen den traurigen Ruhm in Anspruch nehmen. Ein bestimmter Hafen in Südvietnam soll erfolgreich gegen feindliche Froschmänner von Delphinen verteidigt worden sein. daß wir in bezug auf den Spermwal mit seinem enormen Gehirn äußerste Anstrengungen machen sollten. denen die Delphine angehören). Um eine Kostprobe von Lillys manchmal überbordenden Ideen zu geben. Er schlägt zum Beispiel vor.nicht erhältlich –. sie als uns ebenbürtig zu betrachten und dementsprechend zu behandeln. ähnliche Verbote in ihren eigenen Ländern zu erwirken. Wenn dies der Fall wäre. Hilfsbereitschaft und Geduld der Delphine ein Ende gesetzt und sie zu Mördern gemacht zu haben. der seit 3000 Jahren beschriebenen Freundlichkeit. Mehrere Mitglieder der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften haben an ihre Kollegen auf der ganzen Welt appelliert. daß im Falle der Delphine die Sowjetunion den Anfang gemacht hat: Im März 1966 erließ das sowjetische Fischereiministerium ein zehnjähriges Verbot des gewerblichen Fangs von Delphinen im Schwarzen und im Asowschen Meer. wonach sie zur Verfolgung von Unterseebooten und zur Anbringung von Haftladungen an Schiffen oder militärischen Unterwasserinstallationen abgerichtet werden.

das verschiedene Melodien und deren komplizierte Variationen spielt. einen Spermwal davon zu überzeugen. die vermutlich wenig über Delphine und Wale wußten. sie in der Weite des Alls. deren Intelligenz der unseren entspricht oder sie vielleicht übertrifft. könnte ihn mindestens zwei oder drei Stunden lang interessieren. Sie war der Ausdruck des esprit de corps einer kleinen Gruppe von Gelehrten. Doch fiel es ihnen nicht schwer. daß sie sich zum Orden der Delphine zusammenschlossen. Es überraschte Lilly vielleicht. Ein Symphonieorchester. die es je gab. -218- . die an den Problemen der Herstellung von Kommunikation mit außerirdischen Zivilisationen interessiert waren. das eine Symphonie spielt. Lilly forschte nach ihr im Ozean. als er im Jahre 1961 eine Einladung zu einem von der amerikanischen Akademie der Wissenschaften einberufenen Treffen einer Gruppe hervorragender Wissenschaftler erhie lt. Und dies führt zu meinem nächsten Thema über. daß einige von uns möglicherweise besser sind als die zusammenspielenden Walmörder.Möglicherweise ist das. Es handelte sich dabei ohne Zweifel um die vernünftigste wissenschaftliche Organisation. [89] Ob dieser Versuch möglich ist oder nicht – die Möglichkeit. die sich demselben Ziel verschrieben hatten: der Herstellung von Kommunikation mit außermenschlicher Intelligenz. Und so tiefen Eindruck machte ihnen Lillys Referat. was sie wohl wissen mögen und in welcher Wirklichkeit sie leben. ein ganzes Symphonieorchester. was bei einem Spermwal den meisten Respekt vor der menschlichen Spezies auslösen würde. Es handelte sich um Astronomen und Astrophysiker. daß es auf unserem Planeten Wesen gibt. hob keine Mitgliedsbeiträge ein und hielt keine Sitzungen ab. wirft immer wieder die faszinierende Frage auf. die Bedeutung von Lillys Arbeit für ihre eigene Forschungsrichtung zu erfassen. Mit seinem Riesencomputer könnte der Spermwal vielleicht die ganze Symphonie speichern und sie in Mußestunden für sich selbst in seinem Geist wieder ablaufen lassen. Zumindest würde das ein ausgezeichneter Anfang im Bestreben sein. denn sie hatte keine Verfassung und keine Satzungen.

stand bereits vor Beginn der Raumflüge fest. Wenn wir die Fragestellung über unser eigenes Sonnensystem hinaus ausdehnen. müssen wir die Frage in den rechten Bezugsrahmen setzen. pflegt Nobelpreisträger George Wald seinen Studenten zu sagen. vielleicht Flechten) handeln. sehen werden. die sich in brodelnder Lava wohlfühlen oder in der eisigen Luftleere irgendeines entfernten Verwandten unseres Mondes leben könnten. aber nichts. daß die Antwort ein entschiedenes Nein war. Wasserstoff. und Sie können Ihre Prüfungen auf dem Stern Arkturus ablegen. das auch nur im entferntesten an jene grünen Männchen in ihren fliegenden Untertassen herankommen wird. daß eventuell in unserem Milchstraßensystem existierende intelligente Lebewesen uns physisch vermutlich ähnlich sein würden. Es steht nämlich mit Sicherheit fest. Stickstoff und Sauerstoff aufbaut. wird es sich sicherlich nur um niedrige Formen (Aminosäuren. die 99% unserer irdischen Materie ausmachen. Bakterien. daß sich unser gesamtes Sternsystem (die Milchstraße) auf denselben vier Grundelementen Kohlenstoff.Außerirdische Kommunikation Gibt es intelligentes Leben auf anderen Pla neten? Was unser Sonnensystems betrifft. wie wir bald. Selbst wenn im Laufe künftiger Explorationen auf einem unserer Planeten organisches Leben gefunden werden sollte. Dieses Bonmot hat sehr wichtige Implikationen für unser Thema. Lernen Sie Ihre Biochemie hier auf der Erde. Dies macht die Entwicklung völlig andersgearteter Organismen auf anderen Planeten höchst unwahrscheinlich – etwa Lebewesen. Um dies zu verstehen. -219- . ist die Antwort ein fast sicheres Ja. und dieser ist wahrhaft kosmisch: Vor allem müssen wir astrophysikalischen Laien uns mit der Tatsache vertraut machen.

auf denen die Vorbedingungen für das Bestehen organischen Lebens gegeben sind. Entfernung von ihrer eigenen Sonne und andere allgemeine physische Gegebenheiten (wie eine Atmosphäre. daß diese Planeten tatsächlich Leben oder sogar organisierte Zivilisationen beherbergen. deren Alter. nämlich: Wie viele Planeten gibt es in der Milchstraße.Unsere Frage läßt sich nun enger fassen. Und nun haben wir unsere Antwort: Eine Milliarde von Planeten in der Milchstraße können Leben beherbergen. All dies soll natürlich nicht heißen. daß auf ihnen die Voraussetzungen dafür gegeben sind. deren Stichhaltigkeit wir als erwiesen betrachten wollen. Die Biologen wissen viel zu wenig über die Entwicklung von Leben auf unserer Erde. sondern wissenschaftlich durchaus gerechtfertigt und sinnvoll. Der Wunsch. gefolgt von elf Nullen – eine unvorstellbare Größe. -220- . sondern nur. deren Zusammensetzung und Temperatur innerhalb der lebensermöglichenden Werte liegt) denen der Erde entsprechen und daher die physischen Voraussetzungen für die Ausbildung und Entwicklung organischen Lebens erfüllen? Obwohl die Schätzungen der Astronomen hier zum Teil weit auseinandergehen. Es ist ebensogut 59 Zehn zur elften Potenz ist bekanntlich die Zahl 1. ist daher keine Bieridee. 59 Auf Grund wissenschaftlicher Ableitungen. mit diesen Lebewesen in Kommunikation zu treten. daß ein bis fünf Prozent dieser Sterne (Sonnen) von einem oder mehreren Planeten umkreist werden. das dem irdischen entspricht oder sich weit darüber hinaus entwickelt hat. kann angenommen werden. scheint Sir Arthur Eddingtons Faustregel doch die Grundlage einer realistischen Schätzung darzustellen: 1011 Sterne bilden ein Sternsystem (eine Galaxie) und 1011 Sternsysteme bilden das gesamte Universum. um daraus verläßliche Schlüsse über das Auftreten und die Ausbildung von Lebensformen im Weltall ziehen zu können.

Genaugenommen handelt es sich um zwei Fragen. daß es innerhalb unseres Milchstraßensystems und auch darüber hinaus intelligentes Leben geben muß. wie dies auf der Erde der Fall gewesen zu sein scheint. das heißt der komplexen Probleme. Eng damit verbunden ist die zweite Frage. die Frage nach dem Was. die die Form und den Inhalt der Kommunikation betreffen. daß es sich dabei um eine selbstverständliche. Die erste bezieht sich auf die rein technischen Schwierigkeiten der Anbahnung von Kontakten über diese astronomischen Entfernungen – also auf das Wie der Kommunikation. Ohne diese Vereinbarungen -221- . Dies ist nur möglich. »die Abwesenheit eines Beweises ist nicht der Beweis von Abwesenheit«. aus dem aber dann die Manifestationen des Lebens und die Ausbildung von Zivilisationen ebenso notwendigerweise hervorgehen. die ihnen verständlich wären? Um den Unterschied zwischen dem Wie und dem Was noch schärfer herauszuarbeiten: Man stelle sich vor. Ausdrucksweisen und Interpunktionen ihrer Wirklichkeit zweiter Ordnung Informationen über uns selbst anbieten. von denen jeder einen Radiosender und -empfänger hat. Sendezeiten usw.möglich. Code. wenn sie vorher bereits gewisse grundlegende technische Übereinkommen getroffen haben. wie Frequenz. und die einzig richtige wissenschaftliche Haltung angesichts dieser Ungewißheit ist daher die Annahme. Wenn wir dies akzeptieren können. Rufsignale. Wie aber der Kosmologe Professor Rees einmal in einem anderen Zusammenhange sagte. erhebt sich als nächstes die Frage nach der Herstellung von Kommunikation mit diesen Lebewesen. Wie können wir jenen völlig unbekannten Lebewesen mit ihren uns höchstwahrscheinlich gänzlich unbekannten Denkprozessen. daß zwei Personen. sich millionenmal wiederholende Entwicklung handelt oder – ganz in Monods Sinne – um ein unwahrscheinliches Zufallsergebnis. miteinander in Funkverkehr treten wollen.

-222- . in denen die Funksprüche abgefaßt werden. praktisch Null. Im Falle außerirdischer Kommunikation muß sowohl das Wie als auch das Was gefunden und vereinbart werden. und da sie beide Menschen sind.(dem Wie ihres Funkverkehrs) wären ihre Chancen. können sie eine Unmenge von Informationen über die von ihnen beiden geteilte Wirklichkeit beim anderen voraussetzen. miteinander in Kommunikation zu treten. ohne erst mühsam zum Begreifen der Wirklichkeit des anderen vorstoßen zu müssen. und damit ist ein ganz ungewöhnliches Kommunikationsproblem gegeben. Das Was aber ist hier kein Problem und braucht nicht vorher vereinbart zu werden: Die Sprache. ist beiden geläufig (notfalls mit Hilfe eines Übersetzers).

die bis in die entferntesten Winkel des Weltalls vordringen. sondern daß in einem System.Wie kann außerirdische Kommunikation hergestellt werden? Diese Frage fällt in die Kompetenz des Astrophysikers und des Technikers. befände sich der nächste Stern in Peking. daß auch die Zeit keine absolute Größe ist. dessen Geschwindigkeit so nahe wie möglich an die absolute Höchstgeschwindigkeit. Natürlich bestünde keine Garantie. Wenn unser Sonnensystem in einem einzigen Zimmer eines Hauses in München untergebracht wäre. so wird es nicht mittels Raumschiffen sein. daß dieser Stern in seinem eigenen Planetensystem einen bewohnten Planeten aufwiese. 60 Und schließlich 60 Das ist keineswegs Phantasie. nämlich der des Lichts. auf einen jener vielleicht bewohnten Planeten zu stoßen. daß Lebewesen unter diesen ungewöhnlichen Umständen viel langsamer altern würden. eine Verlangsamung der Zeit eintreten muß. Um eine statistisch auch nur halbwegs verläßliche Chance zu haben. Angenommen. in der in ihrer Abwesenheit alle viel älter geworden wären als sie selbst. Dies bedeutet. herankäme. sondern eine streng logische Schlußfolgerung aus den Postulaten der speziellen Relativitätslehre. ein Raumschiff zu bauen. daß mit einer solchen Geschwindigkeit reisende Astronauten schließlich als tatsächliche Rip van Winkles in die irdische Wirklichkeit zurückkehren würden. In Zukunftsromane n wird sie meist elegant durch die Verwendung mächtiger Raumschiffe gelöst. so könnte dennoch kein Mensch Zeit seines Lebens zu diesem Planeten und wieder zurück reisen – obwohl Grund zur Annahme besteht. Von Hoerner berechnete den -223- . Eine ihrer besonders unvorstellbaren Ableitungen ist nämlich. wir wären technisch in der Lage. dessen Geschwindigkeit sich der des Lichtes nähert. Im Gegensatz dazu steht eines fest: Wenn wir je Kontakt mit Zivilisationen auf anderen Planeten aufnehmen. müßten wir etwa zweihundertmal tiefer ins All vordringen.

besonders da die moderne Technik einen Stand weit über dem bescheidenen Zehn-Worte-Telegramm erreicht hat.müßte. 61 Unterschied zwischen der Zeit auf Erden und der von den Insassen eines hypothetischen Raumschiffes erlebten und fand. Radiokommunikation dagegen bietet ganz andere Möglichkeiten. Man kann – um wiederum Professor Drake zu zitieren – zum Preis von 25 Pfennig ein Telegramm von zehn Worten hundert Lichtjahre weit ins All senden. daß dieser Unterschied steil (das heißt exponential) zunehmen würde. von denen hier die Rede ist. die speziell für die Tiefenerforschung des Alls gebaut sind und sich daher für eben jene Zwecke eignen. Eine Verdoppelung der Flugjahre auf 60 würde schließlich 50 Millionen Jahre auf unserem Planeten bedeuten. wie Professor Drake kürzlich in einem Vortrag feststellte. Die Astronomen verfügen heute über Radioteleskope. daß es die Signale eines identischen Instruments überall in unserem Milchstraßensystem entdecken könnte. je länger die Reise dauerte. Dies stellt ganz offensichtlich die praktischste Kommunikationsmodalität dar. Zwei Jahre für die Besatzung wären nur ein wenig mehr auf Erden. [71] 61 Die amerikanische National Science Foundation baut zur Zeit ein noch größeres Radioteleskop im Bette eines ausgetrockneten Sees in Neu-Mexiko. wenn irgendwo auch im entferntesten Bereich unserer Milchstraße eine Zivilisation den von uns erreichten Grad des technischen Fortschritts besäße. Seine Reichweite ist so enorm. Es soll 1981 betriebsfertig sein und wird aus 27 Parabolantennen von je 30 Meter Durchmesser bestehen. zehn Besatzungsjahre dagegen wären 24 Erdjahre. -224- . In anderen Worten. wäre die Kommunikation mit ihr mittels der heute bereits vorhandenen Geräte möglich. Eines der mächtigsten Instrumente dieser Art ist das der CornellUniversität bei Arecibo auf der Insel Puerto Rico. und 30 Jahre für die Astronauten entsprächen bereits 3100 Erdjahren. diese bemerkenswerte Rakete das Gewicht von tausend Schlachtschiffen haben und würde beim Start die Hälfte der Erdatmosphäre verbrennen.

ungeplante und unbeabsichtigte Möglichkeit. aber sie könnten aufgefangen und amplifiziert werden. das 1400 riesige. die nun bereits über dreißig Lichtjahre weit in allen Richtungen ins All vorgedrungen ist. 62 Dreißig Lichtjahre sind selbst für Doch selbst dieses Gerät wäre winzig. wie andere Zivilisationen auf unsere Existenz aufmerksam werden könnten. die ein kre isförmiges Gebiet mit einem Durchmesser von 16 Kilometern bedecken würden. Dies ist peinlich. falls Projekt Zyklop je verwirklicht würde [137]. Der Preis dieser Installation würde sich auf etwa 5 Milliarden Dollar belaufen. Wesentlich ist. -225- . verweist darauf. lange bevor wir in der Lage wären. Wir müssen uns die Erde als das Zentrum einer mit Lichtgeschwindigkeit wachsenden Kugel von Radioemissionen vorstellen. von uns durch Radio. Zu diesem elektronischen »Müll« gesellt sich in letzter Zeit auch noch der zunehmende Telefonfunkverkehr über Nachrichtensatelliten. deren Stand der Technik ihnen den Empfang dieser Signale ermöglichte.Damit aber ist der derzeitige Stand der Dinge auch nicht annähernd umrissen. ihnen das weiszumachen. Es handelt sich dabei um ein Projekt. das heißt weit über die Milchstraße hinaus in andere Sternsysteme. Viele dieser Signale sind freilich sehr schwach. 62 Professor Schklowski. daß die Erde seit der Erfindung des Fernsehens in unserem Sonnensystem nur von der Sonne selbst an elektromagnetischen Emissionen übertroffen wird. synchron gesteuerte Parabolantennen vorsieht. denn in Anbetracht der Qualität unserer Fernsehprogramme könnten außerirdische Zivilisationen ein nur zu realistisches Bild menschlicher Kultur gewinnen. ihre Reichweite wäre intergalaktisch. Es besteht zum Beispiel eine andere. daß außerirdische Wesen. Seit ungefähr dreißig Jahren ist unser Planet Erde die Quelle immer größerer. keine Schwierigkeit hätten. was wir über uns selbst für intergalaktischen Konsum geeignet erachten. Mitglied der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften. diese Sendungen von den natürlichen Strahlungsemissionen im Weltall zu unterscheiden und als künstliche zu erkennen.und Fernsehwellen verursachter elektromagnetischer Verseuchung des Weltalls.

oder Fernsehsendungen irgendwo im All). Sowohl die Empfangs. Die Frage der richtigen Zeit ist dabei die unwichtigste. Die Wahl der Frequenz dagegen ist ein viel -226- . wird unsere Existenz über hundert Lichtjahre weit feststellbar sein. von denen jedes einzelne einen oder mehrere bewohnte Planeten haben könnte. das heißt das Entdecken ihrer Signale durch uns oder umgekehrt. Wie die beiden obenerwähnten Funker besäßen wir zwar die zur Herstellung der Funkverbindung nötigen Geräte (die Radioteleskope). Ob sich der Kontakt mit außerirdischen Zivilisationen eines Tages aktiv ergeben wird (das heißt durch Aussenden oder Empfangen von diesem Zwecke dienenden Signalen) oder rein zufällig (durch das Auffangen unserer Radio. wenn wir aber in den nächsten hundert Jahren Fernsehsendungen wie bisher ausstrahlen (statt zum Beispiel zur Kabelübermittlung überzugehen). Wir wissen ja nicht einmal. nämlich ein Einverständnis über Frequenz (Wellenlänge) und Sendezeiten. der springende Punkt wird in beiden Fällen die sogenannte Acquisition sein. ob dort draußen überhaupt jemand mithört. Zugegebenermaßen haben die Astronomen gute Gründe. trotzdem aber sind die Chancen. praktisch aber wäre die Acquisition dennoch ein unglaublicher Zufall. Rein mathematisch läßt sich das Problem ohne weiteres erfassen. bestimmte Bereiche der Milchstraße anderen für diesen Zweck vorzuziehen. auf der richtigen Wellenlänge und zur richtigen Zeit auf Empfang stehen oder senden. wo.wie die Sendeperioden könnten sich über lange Zeiträume erstrecken und auf diese Weise die Wahrscheinlichkeit der Acquisition erhöhen. daß unsere Radioteleskope ausgerechnet in der richtigen Richtung. und in dieser Entfernung liegen nicht weniger als ungefähr tausend Sternsysteme. im Gegensatz zu ihnen aber fehlte uns die wesentlichste Voraussetzung für einen erfolgreichen Funkverkehr.unsere Milchs traße eine recht bescheidene Entfernung. überaus gering. und wenn ja.

wenn wir kommunizieren können. doch ist Kommunikation gerade das. was die Grundlage oder die Sprache unserer Verständigung mit diesen fremden Lebewesen sein kann. Die Situation ist paradox. was wir mit Hilfe der richtigen Frequenz erreichen wollen. um aber kommunizieren zu können. auf welcher Frequenz sollen wir senden oder horchen? An diesem Punkte betreten wir wiederum das Gebiet der interdependenten Entscheidungen und damit auch der Frage.komplizierteres und kommunikationstheoretisch viel interessanteres Problem. Und da wir mit den anderen (noch) nicht kommunizieren könne n. brauchen wir eine den anderen bekannte Frequenz. Der Hund jagt also seinen Schwanz. -227- . und wir hängen an einer Art Catch-22 gefangen: Die Festlegung einer gemeinsam zu verwendenden Frequenz ist kein Problem. Ein Einverständnis über die zu wählende Frequenz würde Kommunikation mit unseren außerirdischen Partnern voraussetzen.

wenn sie auf einer stillschweigenden Übereinkunft beruht oder aber auf einem Anhaltspunkt. daß die Idee einer Verständigung mit außerplanetarischen Lebewesen von einer zukunftsromantischen Phantasie zu einer wissenschaftlichen Möglichkeit wurde. seine physische Prominenz oder eine andere Eigenschaft hoch genug über alle anderen Möglichkeiten (im vorliegenden Falle alle anderen möglichen Frequenzen) hinausragt. bei 1240 mc/sek (Lambda = 21 cm) liegende Spektrallinie des neutralen Wasserstoffs. Auffälligkeit. Welche Frequenz sollen wir dafür verwenden? fragten sie und beantworteten ihre Frage wie folgt: Das Absuchen des gesamten Spektrums nach einem schwachen Signal von unbekannter Frequenz ist schwierig. Es mußte Cocconi und Morrison daher von Anfang an klar gewesen sein. der jedem Beobachter im Universum bekannt sein muß: die auffällige. ein kurzes Referat mit dem Titel »Searching for Interstellar Communications« (Auf der Suche nach interstellarer Kommunikation) [33] veröffentlichten. der durch seine Offensichtlichkeit. Aber gerade im vorteilhaftesten Radiogebiet gibt es einen eindeutigen. objektiven Frequenzstandard. daß die zu wählende Frequenz »jedem Beobachter im -228- . Wie bereits erwähnt. als im Jahre 1959 Cocconi und Morrison. Der von mir kursiv wiedergegebene Teil des Zitats ist von großer Bedeutung für unser Thema. zwei Astrophysiker an der Cornell.Antikryptographie – oder: Das »Was« von Weltraumkommunikation Die Fachleute sind sich darüber einig. ist eine interdependente Entscheidung in Abwesenheit von Kommunikation nur dann möglich.Universität.

um Beobachtern auch auf den entferntesten Planeten unseres Sonnensystems sichtbar zu sein. daß er weiß. Gauß begründete seinen Vorschlag erstens mit der Tatsache. wie sie damals auf der Erde bereits existierten. Zweitens war Gauß überzeugt. auch die Grundid ee aller Versuche zur Anbahnung außerplanetarischer Kommunikation. Ihre Überlegungen sind ein Beispiel für die richtige Anwendung des »Was ich weiß. sondern waren dem menschlichen Denken schon seit längster Zeit zugänglich. Da damals für astronomische Beobachtungen lediglich optische Teleskope zur Verfügung standen. Seine erste Annahme mag richtig gewesen sein. schlug Gauß vor. sofern sie Fernrohre derselben Stärke besäßen. waren Versuche zur Anbahnung von Verständigung mit anderen Himmelskörpern nur auf der Grundlage visueller Signale denkbar.Universum bekannt sein muß«. In den Sommermonaten würde das Gelb des Weizens sich klar vom Dunkelgrün des Forstes abheben. im Winter ergäbe sich der notwendige Kontrast zwischen dem Weiß des Schnees und dem Dunkel der Bäume. die Fläche des Dreiecks und die auf seinen Seiten errichteten Quadrate durch Weizenfelder. hängen diese Ideen nicht vom Fortschritt der Wissenschaft oder Technik ab. Um die Bewohner anderer Planeten auf die Existenz intelligenten Lebens auf der Erde aufmerksam zu machen. Wie im Vorwort erwähnt. daß diese Überlegungen nicht schon lange vor Cocconi und Morrisons Referat angestellt worden waren. Damit soll freilich nicht gesagt sein. wie wir gleich sehen werden. ein riesiges pythagoräisches Dreieck in den Wäldern Sibiriens anzulegen. daß die Bedeutung des pythagoräischen Dreiecks jenen fernen Astronomen und Mathematikern ebenso klar sein mußte wie uns selbst. daß ich weiß…«-Prinzips und damit. Die Seiten des Dreiecks sollten durch zehn Meilen breite Forststreifen dargestellt werden. daß dieses Dreieck groß genug wäre. doch ist es -229- . Ein berühmtes historisches Beispiel ist ein von Gauß im Jahre 1820 gemachter Vorschlag.

keineswegs sicher. Die genaue Quellenangabe seines und des weiter unten erwähnten Plans des Astronomen von Littrow sind anscheinend in zwei sowjetischen Publikationen [123 und 148] enthalten. Ich erwähne sie daher hier in der Form.800 Quadratkilometer Weizenfe lder bedecken würde. beschrieb in einem Brief an die französische Akademie der Wissenschaften das Prinzip des Phonographen. 64 Er war der Autor eines Buches mit dem Titel »Etude sur les moyens de la communication avec les planètes« (Studie der Kommunikationsmöglichkeiten mit den Planeten). noch bevor Edison ihn erfand. daß »die Übersetzung des Quadrats einer Zahl in physische Dimensionseinheiten ein physisches Quadrat ergibt. -230- . machten ihn zu einer Art Jean Cocteau des 19. die ihm zum Vorläufer des Surrealismus machten. aber ohne genaue Quellenhinweise in der Literatur über außerirdische Kommunikation beschrieben werden. die Frage verblaßt an Bedeutung gegenüber der phantastischen Riesenhaftigkeit des Projekts. Ob dies der Fall ist oder nicht. möglicherweise erwähnte er es nur in einem seiner Briefe. Diesem Einwand begegnet der Astronom Macvey mit dem recht überzeugenden Argument. und seine Genialität. ob unsere Darstellung eines mathematischen Quadrats durch ein physisches den außerirdischen Gelehrten notwendigerweise verständlich sein würde. das dafür notwendige Gebiet zu berechnen. dem berühmten französischen Dichter und Wissenschaftler. im Verein mit seinen Talenten und Interessen verschiedenster Art. die Beschreibung dieses Projekts in Gauß’ Werken zu finden. Der eine stammte von Charles Cros. in dem er 63 Es ist mir nicht gelungen. die mir nicht zugänglich sind. sofern die Seiten zueinander im rechten Winkel stehen. Der Astronom Cade [28] nahm sich die Mühe. in der sie wiederholt.612 Quadratkilometer Wälder und 51. und fand. Jahrhunderts. daß das Diagramm 17. 64 Cros lebte von 1842 bis 1888. Abgesehen von seinen dichterischen Leistungen war er der Erfinder der Farbphotographie. Diese grundlegende Wahrheit muß zweifellos überall und auf jedem Planeten zutreffen« [95]. und schuf Kunstformen. 63 Noch phantastischer und unmöglicher waren zwei andere Vorschläge.

daß das auf diese Weise auf den Mars gespiegelte Licht unter allen Umständen schwächer als das dort unmittelbar einfallende Sonnenlicht wäre. Und nun erscheint auf dem dunklen Teil seiner Scheibe ein kleiner Lichtpunkt. wir haben euch verstanden. und wenn er sich diesen Erfolg vorstellt. Das ist die Antwort! Durch sein intermittierendes Aufblitzen. den Sand schmelzen und so gigantische Inschriften auf die Marsoberfläche tätowieren wollte. das die irdischen Signale wiederholt. für die er wiederholt staatliche Finanzierung suchte. daß diese irdischen Signale schließlich von anderen Planeten beantwortet würden. Eine andere seiner Ideen. Dreiecke usw. Seine Theorien waren allerdings besser als seine praktischen Kenntnisse. zum Beispiel wollte er elektrische Scheinwerfer für die Übermittlung von Lichtsignalen zu anderen Planeten verwenden. der bereits ruhelos die Erde durchschweifte wie ein Tiger seinen allzu engen Käfig. Joseph Johann von Littrow. scheint dieser Lichtpunkt zu sagen: »Wir haben euch gesehen. mit dem er gebündeltes Sonnenlicht auf den Planeten Mars projizieren.« Es wird ein Augenblick der Freude und des Stolzes für die Menschheit sein. Durch das Ändern des Kreises in Quadrate. Demnach sollte in der Sahara ein kreisförmiger Graben mit einem Durchmesser von etwa zwanzig Meilen ausgehoben und mit Wasser gefüllt werden. Die ewige Trennung der Sphären ist überwunden. [35] Der andere Vorschlag wurde ganz ernsthaft im Jahre 1840 vom damaligen Direktor der Wiener Sternwarte.einen rudimentären Code interplanetarer Verständigung ausarbeitete. Auf das Wasser sollte Petroleum gegossen. Es war ihm offensichtlich unmöglich. gemacht. ihm zu beweisen –. zu begreifen und seinen Kollegen anscheinend ebenso unmöglich. war der Bau eines riesigen Hohlspiegels. wird sein Stil fast lyrisch: Die mit den stärksten Instrumenten ausgerüsteten Beobachter lassen den angepeilten Stern nicht aus den Augen. Es gibt keine Grenze für den menschlichen Wissensdrang mehr. nachts angezündet und mehrere Stunden lang brennen gelassen werden. Seine größte Hoffnung bestand darin. in den folgenden Nächten hätte man den Beobachtern auf anderen Planeten den -231- .

was immer wir unseren Partnern im Weltall zur Anbahnung von Verständigung anbieten. daß. was sie für wirklich halten? Gauß hatte zweifellos recht. um Cade [28] nochmals zu zitieren. Wie aber können wir wissen. das heißt so zu interpunktieren. -232- . Die Kryptographie. daß das Ausheben dieser Gräben ungefähr dem Bau der Cheopspyramide gleichgekommen wäre. sich auf Hunderttausende von Tonnen pro Nacht belaufen hätte. wenn er annahm. den Sinn der Mitteilung rekonstruieren kann. Sonderbar und unmöglich wie diese Vorschläge waren. Es schien von Littrow nicht zu stören. die des Baus von Fernrohren fähig waren.unmißverständlichen Beweis vom Bestehen intelligenten Lebens auf der Erde geliefert. die Kryptographie ist die Kunst. daß außerirdische Lebewesen. was ein Code normalerweise ist. also ein Mittel zur bestmöglichen Verschleierung und Geheimhaltung der verschlüsselten Mitteilung. beruhen sie doch alle auf der grundlegenden und daher heute genauso gültigen Überlegung. die Wissenschaft des Chiffrierens und Entzifferns von Nachrichten. Optik. eine Mitteilung so zu verschlüsseln. dem das Interpunktionsschema (der Schlüssel oder Code) bekannt ist. daß nur derjenige. Die Frage ist und bleibt: Welchen Code müssen wir zur Herbeiführung des ersten Verständnisses zwischen ihnen und uns verwenden? Rein theoretisch scheint die Antwort nicht zu schwierig: Er muß das genaue Gegenteil dessen sein. eben deshalb den pythagoräischen Lehrsatz entdeckt haben mußten. daß Wasser in der Sahara recht knapp ist und daß die erforderliche Menge von Petroleum. Mechanik und daher auch der Mathematik bauen können? Die Gaußsche Überlegung ist bis heute die Basis aller zusätzlichen Verfeinerungen und Modernisierungen jedes auf die Herstellung interplanetarischer Kommunikation abzielenden Plans geblieben. Wie hätten sie ein so kompliziertes Gerät wie ihr Fernrohr ohne weitreichende Kenntnisse der Physik. bemüht sich. In anderen Worten. genauso ein Teil ihrer Wirklichkeit wie auch der unseren sein muß.

die Art und Weise zu erforschen. muß die Mitteilung auf jenen Aspekten unserer irdischen Wirklichkeit erster Ordnung beruhen. scheinbar zu randomisieren und so den Sinn einer Mitteilung zu verschleiern. die aller Wahrscheinlichkeit nach auch Teil der Wirklichkeit jener fremden Lebewesen sind. und legen so die Basis für Kommunikation. daß auch sie versuchen werden. teilen wir mit ihnen doch viele Aspekte dessen. eine Mitteilung so einfach und durchsichtig zu verschlüsseln. die Gesetze der Logik und der Mathematik (etwa die Eigenschaften der Primzahlen und zahllose andere mathematische Grundtatsachen). wie sie ihre -233- . entwickelt haben. Fremd. und diese Aspekte werden sich als erste Brücke zu gegenseitigem Verständnis verwenden lassen. die auf einem Mindestmaß an Zuschreibung von Sinn und Wert beruhen. wie zum Beispiel die physikalischen und chemischen Grundlagen unseres Universums. ihre Mitteilungen so verständlich und klar wie nur möglich zu machen. und besonders der Umstand. wie uns diese Lebewesen und ihre Wirklichkeit zweiter Ordnung in jeder anderen Hinsicht sein dürften. astronomische Gegebenheiten.Desinformation zu schaffen. womit offensichtlich die Kunst gemeint ist. können wir beginnen. worauf unsere Wirklichkeit erster Ordnung beruht. Wie bereits betont. daß sowohl sie wie wir ein identisches (oder weitgehend ähnliches) Instrument. Diese Tatsache führt zum zwingenden Schluß. (Eine ausführliche Behandlung dieser faszinierenden Materie findet der Leser in Kahns Buch »The Codebreakers« [77]. Wir beginnen also mit Mitteilungen.) Die Herstellung des für interstellare Kommunikation am besten geeigneten Codes wird daher zutreffend auch Antikryptographie genannt. das Radioteleskop. Das Brechen eines Codes beruht daher auf der Suche nach Ordnung in scheinbarer Unordnung. Erst wenn wir zu diesem Grad des Kommunizierens vorgedrungen sind. daß ihre Entschlüsselung möglichst einfach und irrtumsfrei ist.

was in dieser Hinsicht bereits vorgeschlagen und zum Teil sogar versucht worden ist. die für uns a priori unvorstellbar ist.Wirklichkeit zweiter Ordnung interpunktieren. -234- . Besehen wir uns als nächstes.

Sein Leiter war der bereits erwähnte Astronom Frank Drake vom staatlichen Radioastronomie-Observatorium bei Green Banks im Staate West Virginia. bis Juli 1960. Nach jenem fernen Zauberland von Oz und seiner wunderschönen Königin Ozma führte dieser Versuch die passende Bezeichnung Projekt Ozma. wurden diese beiden Fixsterne abwechselnd radioteleskopisch angepeilt und abgehorcht. zwei besonders geeignet erscheinende Kandidaten. doch außer einigen sehr aufregenden. mit außerirdischen Lebewesen in Verbindung zu treten. deren Erklärung uns hier nicht zu beschäftigen braucht. Drake war von der Stichhaltigkeit der Gründe. Von den vielen für sein Experiment in Frage kommenden Sternen wählten er und seine Kollegen aus bestimmten technischen Gründen. Ähnliche Versuche mit stärkeren Radioteleskopen und anderen Sternen -235- . voll überzeugt. nämlich Ypsilon Eridani und Tau Ceti (beide ungefähr elf Lichtjahre von der Erde entfernt) als ihre Ziele. Der Leser dürfte die Geschichte des Projekts Ozma enttäuschend finden. ohne es zu wissen. Er sollte sich aber vor Augen halten. in ein neues Zeitalter ein. April 1960. Drei Monate lang. die Cocconi und Morrison zugunsten der 21cm-Frequenz der Wasserstoffemission angeführt hatten. um ungefähr 4 Uhr morgens. Ozma leitete ein neues Zeitalter der wissenschaftlichen Erforschung des Weltalls ein. aber falschen Alarmen konnten keinerlei künstlich erzeugte Signale aufgeno mmen werden. daß seine Einmaligkeit allein schon darin liegt.« Mit diesen Worten beschreibt Macvey [94] einen wahrhaft historischen Augenblick: unseren ersten Versuch.Projekt Ozma »Am 8. daß es überhaupt unternommen wurde und daß seine Erfolgsaussichten eben astronomisch waren. trat unsere Welt.

es wurde dabei nur versucht. -236- . Signale aufzufangen. das heißt.wurden später sowohl in Green Banks als auch in der Sowjetunion durchgeführt. Auch sie führten zu keinen Ergebnissen. Alle diese Versuche waren passiv. nicht aber auszusenden.

wie diese Wirklichkeitsaspekte ausgedrückt werden können. Seit undenklichen Zeiten ist das Bild die einfachste Mitteilung von Sinn und Bedeutung in Abwesenheit einer allen Partnern verständlichen Sprache. Wie erwähnt. es ist seine Analogie. Durch die Fähigkeit. die der menschlichen wie der außerirdischen Wirklichkeit zugrunde liegen. Wir sind dieser Tatsache schon bei der Besprechung der zwischen Mensch und Schimpansen möglichen Zeichensprachen begegnet. hat die andere Hälfte alle Eigenschaften eines interdependenten Entscheidungsverfahrens in Abwesenheit direkter Kommunikation und ist zusätzlich dadurch kompliziert. also durch das Wie interstellarer Kommunikation. Es gibt aber eine ausgezeichnete Lösung. was zu tun sein wird. daß es eine sehr große Anzahl von Wirklichkeitsaspekten erster Ordnung gibt. daß das gewünschte Resultat direkte Kommunikation selbst ist. Ferner haben wir uns bereits Rechenschaft darüber abgelegt. Auf den ersten Blick scheint die Verwendung von Bildern unser Problem zu komplizieren. denn es ist offensichtlich einfacher. Die Frage ist nun. Das Bild steht stellvertretend für das auszudrückende Ding. ist ja nur die erste Hälfte des Problems gelöst. das heißt. Die einzige »Sprache«.Vorschläge für einen kosmischen Code Unabhängig von diesen Experimenten wurden bereits viele eingehende Überlegungen darüber angestellt. wenn einmal die Suche nach Signalen aus dem Weltall erfolgreich sein sollte. Mitteilungen ins All zu senden und sie von dort zu empfangen. ein aus Punkten und Strichen bestehendes Telegramm ins All zu senden als ein Bild. welche Form der Verschlüsselung sich als die für ihre Übermittlung brauchbarste anbietet. die die Vorteile beider Methoden verbindet. in der ein Radioteleskop senden oder empfangen -237- .

65 und sie bestehen aus langen Reihen von Einsen und Nullen. also die Abwesenheit (0) oder die Anwesenheit (l) eines elektrischen Impulses verfügt. Wie würde ein irdischer Kryptograph vorgehen. Eine ausführliche Beschreibung des Binärsystems und seiner Arithmetik findet man in jedem modernen Lehrbuch der Mathematik. der Nullen oder gewisser Kombinationen der beiden suchen. wie dies beim Radioteleskop der Fall ist. ist die von elektrischen Impulsen. vermutlich mit Hilfe eines Computers. Und ähnlich wie ein Fernsehbild aus den vom Sender ausgesandten Impulsen auf dem Fernsehschirm rekonstruiert wird. dem diese soeben aus dem Weltall empfangene Nachricht zur Entschlüsselung vorgelegt würde? Als erstes würde er. -238- . Es ist das einfachste Zahlensystem und hat den großen Vorteil. man nennt sie daher binär. daß die Meldung sich nicht aus 65 Im Gegensatz zu unserem zehnteiligen (Dezimal-)System hat das Binärsystem nur die zwei Zahlen 0 und 1. die nur über zwei Alternativen. Dies würde ihm nahelegen. Im März 1962 legte Dr. sich für jede Form der Nachrichtenübermittlung zu eignen. Die Signale müssen also aus Impulsen und Pausen von Impulsen bestehen. aber kürzere Mitteilung von 551 Einheiten an die Mitglieder des Ordens des Delphins verschickt. mit typischem Yankee-Enthusiasmus wurde es in die Zeitkapsel aufgenommen. 66 Dieses Weltalltelegramm ist ein konkreter Beweis für die Möglichkeiten außerirdischer Kommunikation. 66 Drake hatte bereits im Jahre 1961 eine ähnliche.kann. Diese oder irgendwelche anderen. Bernard Oliver [119] dem Institute of Radio Engineers die in Abbildung 10 wiedergegebene Reihe von 1271 Einheiten (1005 Nullen und 266 Einsen) vor. nach Regelmäßigkeiten im Auftreten der Einsen. die in die Fundamente der New Yorker Weltausstellung 1965 versenkt wurde und erst in 5000 Jahren wieder geöffnet werden soll. kann ein Bild verschlüsselt und mittels Radiowellen ausgesandt werden. zur Entschlüsselung von Nachrichten allgemein verwendeten Frequenzanalysen würden ihn im Falle der vorliegenden Nachricht aber zu keinem Resultat führen.

Es bestünde für ihn ja kaum Grund zur Annahme. kennt er natürlich einen grundlegenden arithmetischen Lehrsatz. Da er in Zahlentheorie ausgebildet ist. 67 Und wie Gauß guten 67 Zum Beispiel: 105 ist das Produkt (das Multiplikationsergebnis) der -239- . sie möglichst leicht entschlüsselbar und allgemeinverständlich abzufassen. daß die Meldung sich aus 1271 Binärzeichen (in der Sprache der Informatik bits. und er würde sich weiter fragen. den der Mathematiker Ernst Zermelo 1912 nachwies. Abbildung 10 1271 Nullen und Einsen – was bedeuten sie? Früher oder später würde unser Kryptograph dann mit Sicherheit feststellen.Worten zusammensetzt. ob ihn diese Tatsache irgendwie weiterbringt. wonach jede positive ganze Zahl sich eindeutig als das Produkt zweier oder mehrerer Primzahlen definieren läßt. denn wie wir uns bereits überlegt haben. nach dem englischen Ausdruck binary digits genannt) zusammensetzt. daß sein Fehlschlag auf die vollkommen unbekannte Struktur der verwendeten Sprache zurückzuführen sei. würden die Verfasser einer solchen Nachricht jede nur erdenkliche Vorkehrung getroffen haben.

die ganze Nachricht in Zeilen von je 41 Zeichen aufzuteilen. hat diese Zeile einen Punkt (eine Eins) an ihrem Beginn und ihrem Ende und dazwischen aber nur Nullen (Leerstellen).Grund zur Anna hme hatte. daß jene Wesen auf anderen Planeten den pythagoräischen Lehrsatz kennen mußten. und erhält ein offensichtlich sinnloses Zufallsmuster. 68 Die Beschreibung dieser Entschlüsselung klingt vielleicht sehr kompliziert. Dr. Dies scheint fast eine Aufforderung zu sein. [120] -240- . die mehr einer Kinderzeichnung ähnelt als einer Nachricht von kosmischer Bedeutung. Er wendet es auf 1271 an und findet diese Zahl eindeutig durch die Primzahlen 31 und 41 definiert. Oliver brauchte nur eine Stunde. und kaum hat er die erste Zeile ausgezählt und eingezeichnet. ist es aber für den Fachmann keineswegs. Er tut dies und erhält dadurch das in Abbildung 11 wiedergegebene Bild. 68 In astrophysikalischer Sicht enthalten diese 1271 bits eine Primzahlen 3. 105 ist daher eindeutig durch diese drei Primzahlen definiert. die 1271 Einheiten in ein Rechteck von 31 mal 41 Elementen zu arrangieren. Damit ist seine Aufgabe beendet. Er versucht dann die zweite Möglichkeit. um die ihm von Drake zur E ntzifferung zugesandte Nachricht von 551 bits zu entschlüsseln. und er wird diese sonderbare Nachricht. kann unser Kryptograph sicher sein. diesmal auf der rechten Spur zu sein – denn wie der Leser durch Prüfung von Abbildung 11 selbst feststellen kann. nämlich ein Rechteck von 31 horizontalen Zeilen von je 41 Einheiten. Er versucht es zuerst mit 41 waagrechten Zeilen von je 31 Elementen. daß die Sender der Nachricht Arithmetik entwickelt (wie hätten sie sonst ihr Radioteleskop bauen können?) und von sich aus jene universale Wahrheit entdeckt hatten. Dies wird ihm sicherlich die Idee nahelegen. hat er den Eindruck. dem Astrophysiker übergeben. indem er die Einsen als Punkte und die Nullen als Leerstellen darstellt. die wir das Zermelotheorem nennen. 5 und 7 und keiner anderen.

Die Lebewesen scheinen also zu wissen. anzunehmen. die sich sexuell fortpflanzen. Doch elfmal welche Einheit ist damit gemeint? Da die einzige vorläufig sowohl ihnen wie uns bekannte Einheit die 21cm-Länge der Funkfrequenz ist. daß sie von rechts nach links zu lesen sind und alle mit einem »Schlußpunkt« enden. mit der Binärzahl 11 ungefähr in ihrer Mitte. wobei die Sonne selbst durch die Art Kreis oben links dargestellt ist. Der rechte Arm des Mannes deutet an den an vierter Stelle von ihrer Sonne stehenden Planeten und bezeichnet ihn damit vermutlich als seinen Heimatplaneten. unmittelbar darüber. daß diese Reihe von Binärzahlen sich anscheinend auf die Planeten in jenem Sonnensystem bezieht. Kohlenstoff. Wahrscheinlich soll uns das ihre Körpergröße anzeigen. daß er von Wasser bedeckt und von Organismen belebt ist. Die linke Hand der weiblichen Figur zeigt auf die Binärzahl 6. Dies soll uns vermutlich informieren. Der Grund hierfür i t für unsere kurze s Beschreibung unwichtig. Links von der männlichen Figur finden wir eine Reihe von Symbolen.erstaunliche Fülle von Bedeutung. -241- . die horizontal über das ganze Bild hinwegläuft. die unseren irdischen Fischen ähnlich sehen.und Sauerstoffatomen erkennen und deuten darauf hin. die jeder Mathematiker als die Darstellung der Binärzahlen 1 bis 8 erkennt und von denen er unschwer begreift. von Bedeutung ist dagegen. daß sie sechs Finger haben und ihr Zahlensystem daher zwölfstellig (duodezimal) ist. ist es sinnvoll. im Gegensatz zum Zehnersystem. ist der Ausgangspunkt einer Wellenlinie. Auf der rechten Bildseite finden wir eine Art vertikaler Klammer. das wir mit unseren beiden fünffingrigen Händen entwickelt haben. Der dritte Planet. Die Symbole auf dem obersten Teil des Bilds (rechts von der Sonne) lassen sich unschwer als schematische Darstellungen von Wasserstoff-. Die Nachricht kommt von einem Planeten. der von uns sehr ähnlichen. daß das Leben auf jenem Planeten auf einem Kohlenhydratstoffwechsel beruht. aufrechtgehenden Zweifüßlern bewohnt ist.

sondern kommunizierte auch über Kommunikation selbst. Man denke an das bekannte Bonmot von acht Worten: »Herren ziehen Blondinen vor. also 2. daß sie die eben erwähnten weitreichenden Schlußfolgerungen69 über die Wirklichkeit ihrer Welt gestattet. die so geschickt kombiniert ist. die sowohl wir wie auch sie von nun an verwenden und weiterentwickeln können. die Nachricht kommunizierte nicht nur Information. aber sie heiraten Brünette. gestattet den Schluß. 70 Näheres über den wichtigen Begriff der Metakommunikation und seine Beziehung zur Kommunikation findet sich in Hinweisen [16] und [175]. Dies wiederum legt den Schluß nahe. daß sie ihn besucht und daher Raumfahrt entwickelt haben. Das heißt. Lebensweise. Der Stand ihrer Wissenschaft und Technik dürfte also dem unseren ungefähr entsprechen. Humor. wären viele Seiten ausführlicher Erklärungen nötig. Sie hat daher metakommunikative Bedeutung70 und schuf eine Wirklichkeit zweiter Ordnung. daß die Schwerkraft auf ihrem Planeten (und folglich seine Masse) etwas geringer als die irdische sein muß und daher einen größeren Körperbau ermöglicht. daß sie die Oberflächenbeschaffenheit des ihnen nächsten Planeten (des dritten von ihrer Sonne) gut zu kennen scheinen. Kommunikationsregeln haben sich 69 Ihr Informationsgehalt ist aber trotzdem dürftig im Vergleich zur Masse von explizierter und implizierter Information. Ferner gibt uns der Erhalt und die Entzifferung dieser einen Nachricht auch die Grundlage für weitere Kommunikationen. Der Umstand.21 Meter groß sind. in der wir nun weitere Kommunikation pflegen können. die sich durch natürliche Sprachen vermitteln läßt. Moral.« Um seine Bedeutung einem mit unserer Kultur. Wir haben einen kosmischen Rosettastein entziffert und besitzen nun einen gemeinsamen Code. Diese verhältnismäßig einfache Nachricht von 1271 bits enthält somit eine erstaunliche Menge von Information. In anderen Worten. -242- . kurz: unserer Wirklichkeit zweiter Ordnung nicht Vertrautem schriftlich klarzumachen.daß sie durchschnittlich elfmal 21 Zentimeter.

sondern sogar recht einfach. Abbildung 11 Alles dies klingt nicht nur technisch möglich. Wir dürfen aber nicht übersehen. in künftigen Informationsaustauschen mehr und besser zu kommunizieren. daß hier ein Faktor mitspielt. sind hier diese Einschränkungen der zunächst unendlich vielen Möglichkeiten ein sehr wünschens wertes Resultat – eines. sind die Möglichkeiten einer kosmischen Nachrichtenverbindung überaus beschränkt. das es uns ermöglicht. den wir zwar eingangs erwähnten.nun in ganz ähnlicher Weise ausgebildet. einengenden Wirkung beschäftigten. dann aber nicht weiter in Betracht zogen: die riesigen Entfernungen im All. Wenn es sich um -243- . wie dies weiter vorne beschrieben wurde. Obwohl Radiowellen sich mit Lichtgeschwindigkeit fortpflanzen. Doch während wir uns dort nur mit der Einschränkung der Kommunikationsmöglichkeiten durch jeden Informationsaustausch und ihrer negativen.

in Beantwortung der Anfrage Ihres Urururgroßvaters…« [29] Dies ist selbstverständlich nicht der einzige Einwand. der sich gegen außerplanetarische Radiokontakte erheben ließe. wollen wir uns einigen anderen Methoden zuwenden. dennoch aber ist unser Entwicklungsstand dem seinen weit überlegen. Darüber hinaus mögen ihre und unsere Wirklichkeiten so auseinanderklaffen. aber nie ernsthaft in Erwägung ziehen. 71 Hierzu eine irdische Analogie: Der Neandertaler konnte vermutlich genau wie wir an Lungenentzündung sterben. die hundert oder mehr Lichtjahre entfernt sind. und auch die Planeten von Tau Ceti und Ypsilon Centauri könnten nur zweimal befragt werden. Bei Planeten. schreibt Cade. wird die Situation geradezu lächerlich. daß die Durchschnittsdauer des Berufslebens eines Astronomen vierzig Jahre beträgt.interstellare Entfernungen handelt. 71 Bevor wir uns aber auch nur ungefähr vorzustellen versuchen. daß sie sich nur auf die konkretesten physikalischen Wirklichkeitsaspekte (erster Ordnung) beziehen. mit ihnen folgende Korrespondenz zu pflegen: »Sehr geehrter Herr. die zur Anbahnung interstellarer Kommunikation vorgeschlagen wurden. ist jede Form persönlichen Kontakts ganz unmöglich. wie diese außerirdischen Wirklichkeiten beschaffen sein mögen. kann er seinem P artner auf einem zwanzig Lichtjahre entfernten Planeten nur eine Frage stellen. Wenn wir annehmen. man kann sich vielleicht ausmalen. -244- . daß gegenseitiges Verständnis praktisch unmöglich ist. Vor allem ist zu bedenken.

Auch sie eignet sich zum Aussenden durch Radioimpulse und geht von der Übermittlung von Zahlen aus. aber durch seine Klarheit und Folgerichtigkeit beeindruckt. daß die Zahl der universalste Begriff ist. Hogbens Überlegungen erstrecken sich von der Wahl der allerersten und einfachsten Kommunikation bis zur Übermittlung des philosophischen Begriffs des Selbst und damit weit in die Wirklichkeit zweiter Ordnung. Wir dagegen müssen erst eine Technik des Hinweisens auf Dinge erfinden. die den außerirdischen Lebewesen ebenso bekannt sind wie uns. das jene damit verbinden. denen »+«. alle dasselbe hinduarabische Zahlsystem gebrauchen. ausgearbeitet und Lincos (lingua cosmica) genannt [45]. Eine noch komplexere Sprache für interplanetarische Kommunikation wurde 1960 von Professor Freudenthal. Dies ist für ihn der entscheidende Schritt. daß Menschen. beweist uns. sind wir in einer schwierigeren Lage als der Schiffbrüchige auf einer exotischen Insel. die die verschiedensten Schriften und Sprachen verwenden. »=« und andere algebraische -245- . und diese »Dinge« werden vorzugsweise astronomische Tatsachen sein. direkte Kommunikation mit den Inselbewohnern dadurch herzustellen. dem es möglich ist. Grundlage und Ausgangspunkt seiner auf »Radioglyphen« beruhenden kosmischen Syntax ist der Zahlbegriff: Der Umstand. »-«. einem Mathematiker an der Universität Utrecht.Radioglyphen und Lincos Ein sehr differenziertes System für das Senden von Nachrichten ins Weltall wurde bereits 1952 vom britischen Gelehrten Lancelot Hogben in einem Artikel vorgeschlagen. daß er auf Gegenstände weist und das Lautsymbol (Wort) lernt. dessen Lektüre zwar nicht einfach ist. um ihn zu tun. [72] Auf den Zahlen baut sich dann in Hogbens System die Astronomie auf.

was durch den Gebrauch der richtigen Frequenz hergestellt werden soll (nämlich Kommunikation). daß unsere irdische Lebensweise und Wirklichkeitsauffassung außerirdischen Lebewesen ebenso mitgeteilt werden kann. Damit aber ist ein paradoxer Zirkelschluß gegeben. von Interrogativpronomina und besonders von abstrakten Verben wie »wissen«. deren Bedeutung durch einfache Zahlenbeispiele ausgedrückt wird. Dieser muß auch dann eintreten. ihre eigene Erklärung kommunizieren muß. Am Schluß dieses Kapitels ist Lincos bereits imstande. wie sie zu verstehen ist. logischen Vorgehen. wenn eine Mitteilung von sich selbst auszusagen versucht. möchte ich sie hier kurz erwähnen: Es bestehen gute Gründe für die Annahme.Zeichen folgen. das sein ganzes Buch auszeichnet (welches allerdings viele Seiten symbolischer Logik enthält. Bewegung und Masse. Denn seit Gödel sein Unentscheidbarkeitstheorem [58] -246- . sich in den sattsam bekannten Problemen der Selbstrückbezüglichkeit verfangen und Paradoxien der Russellschen Art erzeugen dürfte. daß jede Kommunikation. Wir begegneten diesem Problem bereits im Zusammenhang mit der für interstellare Radiokommunikation zu verwendenden Wellenlänge. Das zweite Kapitel seines Kurses in Lincos handelt vom irdischen Begriff der Zeit. Aus diesen Grundelementen entwickelt Freudenthal die Arithmetik und die symbolische Logik. und zwar in dem Sinne. die. In demselben klaren. entwickelt er dann die Bedeutung von Wörtern. um verstanden zu werden. Da sie für den in mathematischer Logik bewanderten Leser von Interesse sein dürften. die Paradoxie des Lügners (des Mannes. die nur dem Logiker oder dem mathematischen Linguisten verständlich sind). »wahrnehmen«. 72 72 Auf der im September 1971 von der Armenischen Akademie der Wissenschaften im astrophysikalischen Observatorium von Byurakan abgehaltenen Konferenz über Kommunikation mit außerirdischer Intelligenz wurden Zweifel an dieser Annahme vorgebracht. »denken« usw. daß die Mitteilung der zu verwendenden Frequenz eben das voraussetzt (nämlich Kommunikation). Das vierte Kapitel handelt von Raum. der von sich selbst sagt: »Ich lüge«) auszudrücken. die sich auf Verhalten beziehen. wie wir sie unseren eigenen Kindern lehren. Freudenthal ist davon überzeugt. »verstehen«.

Um zu dieser heillosen Unvollständigkeit noch weiter beizutragen. daß sich ein System tatsächlich selbst transzendieren. sondern für die es sozusagen Anleihen bei einem umfassenderen Erklärungs. Seine These läuft darauf hinaus. In seinem Buch ›Laws of form‹ [26] behauptet G.veröffentlichte. und so setzt sich die Reihe über Erklärung. das Verständnis seines Buches erfordere »vom Leser nicht mehr als die Kenntnis der englischen Sprache. das heißt sich selbst sozusagen von außen her beweisen und mit diesem Beweis dann in seine eigene Domäne wiedereintreten kann. die in sich vollständig ist – eine Notwendigkeit. die seine Lektüre nicht schon auf Seite 2 entmutigt aufgaben – und dies trotz Browns bescheidenem Hinweis im Vorwort. Spencer Brown den Nachweis erbracht zu haben. ich habe jedoch bis heute wenige Leute gefunden. in der Zahlen gewöhnlich dargestellt werden« [27]. es ist selbst in seiner eigenen Domäne unentscheidbar. wissen wir. die auf der Byurakan-Konferenz besonders die sowjetischen Akademiker Idlis und Panovkin betonten [151]. -247- .und Beweissystem machen und damit auf seine eigene Geschlossenheit und Beweisbarkeit verzichten muß. ohne dazu Begriffe heranziehen zu müssen. die es nicht aus sich selbst abzuleiten imstande ist. Erklärung der Erklärung usw. Dem umfassenderen System ergeht es aber genauso mit seiner Konsistenz und Beweisbarkeit. wie allgemein angenommen wird. des Zählens und der Weise. daß Gödels Beweis keineswegs so endgültig und unerschütterlich ist. Für unsere Zwecke brauchen wir aber eine Form der Mitteilung. daß sich kein System selbst voll erklären oder beweisen kann. ad infinitum fort. sei eine zusätzliche Komplikation auf diesem Spezialgebiet der Logik erwähnt. ›Laws of Form‹ ist sicher das Werk eines Genies.

daß sie in dem betreffenden System in der für organisches Leben optimalen Entfernung von der Sonne auf Umlauf gingen und etwaige. uns heimlich zu bespitzeln.000 v. daß unser Sonnensystem zu jenen zählt. Chr. sie diese Sendungen passiv speichern zu lassen und sie schließlich zur Auswertung wieder nach Hause zu beordern. -248- . daß sich eine solche Sonde vielleicht schon seit längerer Zeit in der Nähe unserer Erde aufhält und in mehr als einer Hinsicht dieselben Funktionen wie unsere irdischen elektronischen Spionageschiffe und -flugzeuge ausübt. Die Sonden würden nach Sonnensystemen entsandt.? Seit Jahren ist das Entsenden von unbemannten Nachrichtenund Spionagesatelliten in Erdumlauf zur Routineangelegenheit geworden. Nach Ansicht von Professor Bracewell vom Radiowissenschaftlichen Institut der StanfordUniversität hätte diese Möglichkeit der Kommunikationsanbahnung beträchtliche Vorteile gegenüber den bisher erwähnten Methoden. auf denen die Bedingungen für die Existenz höheren Lebens vorliegen.Eine Nachricht aus dem Jahre 11. Sehr zum Unterschied zu diesen wäre ihr Zweck aber nicht. Eine andere Möglichkeit wäre. Vom rein technischen Standpunkt ist es daher ohne weiteres denkbar. hält Bracewell es für keineswegs absurd. von den Planeten in dieser Zone kommenden künstlichen Radioemissionen auffangen und an ihren Heimatplaneten weiterleiten würden. daß höherentwickelte Zivilisationen auf fernen Planeten ähnliche Weltraumsonden in unser Sonnensystem schicken könnten. daß auf einem oder mehreren ihrer Planeten die Voraussetzungen für die Entwicklung intelligenten Lebens bestehen. Da es jenen fernen Zivilisationen klar sein dürfte. von denen angenommen werden kann. Sie wären vermutlich so programmiert.

daß die Sonde aufgefangene Funksprüche automatisch auf derselben Wellenlänge wiederholte. würden wir es nochmals zurücksenden.sondern sich uns bemerkbar zu machen. Eben dies aber ereignete sich im Jahre 1927. daß wir es [das von ihr wiederholte Signal] empfangen haben. Nach Bracewell könnte dies in einfachster und auffälligster Art dadurch erreicht werden. sind faszinierend. um sicher zu sein. da es für dieses sonderbare Echo keine wissenschaftliche Erklärung gäbe. sondern auch ihr Echo empfangen. Wäre es überraschend. denen drei Sekunden später Signale folgten. sobald der Kontakt mit der Sonde einmal hergestellt ist. die Sonde unsere Sprache zu lehren (durch Senden eines Bilderwörterbuchs?). Der Versuch wurde von Dr. Wenn auf diese Weise ein erster Kontakt mit uns hergestellt wäre. die sich mit Sicherheit als ihre Wiederholung erwiesen. bereiten aber keine Schwierigkeiten. könnten laut Bracewell folgende Schritte gemacht werden: Um der Sonde mitzuteilen. berichtete darüber in einem Brief an die Zeitschrift Nature [170]. und wiederum wurden nicht nur sie. Oktober 1928 gelang die experimentelle Wiederholung des sonderbaren Phänomens: PCJJ sandte besonders starke Signale aus. wenn der Beginn der Nachricht in der Übermittlung des Fernsehbildes einer Konstellation bestünde? Diese Einzelheiten und die Notwendigkeit. Nach einigen Routinevorkehrungen gegen Irrtümer und Prüfung unserer Sensibilität und Bandweite würde sie dann ihre Nachricht mit gelegentlichen Unterbrechungen zu senden beginnen. Der Physiker Carl Störmer. -249- . und am 11. [21] Vor der Entdeckung der Sonde wäre für uns die Wiederholung unserer Radiosignale überaus rätselhaft. Ähnliche Echos wurden in den folgenden Jahren auch von anderen Stationen aufgefangen. Dieser ist das Hauptproblem. Man untersuchte diesen merkwürdigen Sachverhalt. der den Versuch leitete. daß sie mit uns in Kontakt steht. Sie wüßte dann. van der Pol von der Philips-Radiogesellschaft in Eindhoven und von Beamten der norwegischen Telegraphenverwaltung in Oslo überwacht. als ein Funker in Oslo die Signale der holländischen Kurzwellenstation PCJJ in Eindhoven empfing. daß sie nicht unter den Erdhorizont gesunken ist.

Das durch die unerklärlichen Radioechos verursachte Rätsel schuf eine derartige Situation. muß das echoerzeugende Objekt sich ungefähr in Mondentfernung von der Erde aufhalten.8. und dieses Phänomen setzte sich über ein Jahr lang bis zu den Experimenten im Oktober 1928 fort. Diese Serie erinnert uns sofort an ein ähnliches. die nicht in unsere Deutung der Wirklichkeit passen – also das Eintreten eines Zustands der Desinformation –. so hätte das von ihr gesandte Echo uns mitgeteilt. Es sei mir gestattet.8.13. Lunan [92] von der Universität Glasgow dem Eindhovener Experiment gab: Die ersten in Oslo empfangenen Echos folgten dem eigentlichen Signal stets mit einer Verzögerung von drei Sekunden. daß sie sich ungefähr auf derselben Umlaufbahn wie der Mond -250- . Was hatte man an jenem 11. löst das Eintreten von Ereignissen. die Duncan A.Wie wir schon sahen. Wenn wir nun annehmen. eine sofortige Suche nach Integrierung der in ihrer Widersprüchlichkeit störenden Tatsachen in das bisherige Weltbild aus.13.11.8. eine Reihe von Zwischenstadien zu überspringen und unmittelbar zur Deutung zu kommen.12. Oktober 1928 in Eindhoven und Oslo festgestellt? Van der Pol in Eindhoven sandte das verabredete. im Kapitel über Zufall und Ordnung behandeltes Problem. ob sie zufällig ist oder eine innere Ordnung besitzt.8.8. daß Bracewells Voraussage eingetreten war und eine Raumsonde unsere Erde umkreiste. Sowohl er wie auch Stornier in Oslo empfingen darauf auf derselben Wellenlänge eine Reihe von Echos mit den folgenden Verzögerungen in Sekunden: 8.15. in denen die obenerwähnten Schwank ungen in den Verzögerungen der Echos aufzutreten begannen.8. gefolgt jeweils von einer Pause von dreißig Sekunden. aus drei Punkten bestehende Signal. nämlich einer Zahlenreihe und der Frage. Damit ein Signal als Echo in drei Sekunden zur Erde zurückkehren kann.3.15.

interstellare Kommunikation gewisse Vorteile. Schließlich trug er sie (in Sekunden) auf der horizontalen (der X-)Achse und die Echos selbst auf der Y-Achse ein und machte eine bemerkenswerte Entdeckung. Was aber ist ihr Sinn? Lunan stellte folgende Vermutung an: Es mag absurd scheinen. und die auf verschiedenen Verzögerungen beruhende Meldung läuft auch weniger leicht Gefahr. hat dieses System für indirekte. das einzige mit einer Verzögerungszeit von nur drei Sekunden. Sie formen das Abbild der Konstellation Bootes. An seiner Stelle steht das sechste Echo der Serie. doch wenn man es sich näher überlegt. Bilder zu senden als zum Beispiel Serien von Punkten und Strichen.befand. Ypsilon Bootis. das nur das Wort »stop« in verschiedenen Zeitabständen enthält –. 73 Wenn dies aber alles gewesen wäre. aber fehlt. doch auch ein Blick auf das Diagramm (Abbildung 12) läßt die Eleganz seiner Deutung erfassen. wozu dann die plötzlichen Unterschiede der Echos – besonders wenn sie alle denselben Ursprung hatten? Es liegt vielmehr nahe. -251- . in denen jeder Punkt oder jeder Strich ein Feld auf einem Raster darstellt. [93] Er wiederholte dann die schon 1928 angestellten. daß die Eindhovener Station in jenen Jahren eine der stärksten auf dem europäischen Festland war und daher eine sehr wahrscheinliche Wahl für eine eventuell nach Signalen forschende Sonde darstellte. was ihr Echo uns mitteilen sollte. verstümmelt zu werden. In die rechte Hälfte fallen die Verzögerungen. muß man Lunans Bericht lesen. daß die verzögerten Echos die zweite Phase der Kommunikationsanbahnung darstellten. die Verzögerungszeiten auf der Y-Achse (der Vertikalen) eines Koordinatensystems aufzutragen. des Ochsentreibers. trug sie daher direkt auf der Y-Achse ein und teilte damit das Diagramm senkrecht in zwei Hälften. Es ist eine bessere Methode. deren zentraler Stern. das daher in die 73 Daß diese Annahme plausibel ist. Lunan nahm die achtsekundigen Verzögerungen als den Mittelwert. ein Signal aus Verzögerungen zusammenzusetzen – wie ein Telegramm. die länger als acht Sekunden sind. fruchtlosen Versuche. Um ihre verblüffende Einfachheit voll zu würdigen. wird durch die Tatsache bestärkt.

die notwendige Korrektur der Position von Ypsilon Bootis vorzunehmen. Abbildung 12 Falls Lunans Überlegungen nicht auf einem noch nicht entdeckten Irrtum beruhen. Um die Abbildung des Sternbilds Bootes zu vervollständigen. die korrigierte Nachricht an die Sonde zurückzusenden und auf diese Weise -252- . fordert uns auf. und er fällt damit in die Position des fehlenden Sternes Ypsilon Bootis.linke Hälfte des Diagramms fällt. führen sie zur zwingenden Schlußfolgerung: Die Nachricht der Sonde stellt die Abbildung von Bootes dar. braucht man diesen Punkt nur um 180 Grad um die Vertikalachse auf die rechte Seite des Diagramms zu rotieren.

-253- . muß man doch zugeben. sondern dort.mitzuteilen. von deren Komplexität ich hier nur eine höchst skizzenhafte Schilderung geben kann. für die die Bewohner eines der Planeten von Ypsilon Bootis (dem Sonnensystem. wurde sie aktiv und begann. wo er auf Grund seiner relativ hohen Eigengeschwindigkeit (Fixsterne sind ja nicht wirklich »fix«) vor dreizehntausend Jahren stand! Für Lunan bedeutet dies. daß die Sonde elf Jahrtausende vor Christi Geburt in unserem Sonnensystem ankam und unseren Planeten bis zur Erfindung des Radios und dem Bau von Sendestationen schweigend umkreiste. wie sie von der Erde gesehen aussieht) aufnehmen würde. also so. auf das die Nachricht besonders zu verweisen scheint) sie gebaut und zu uns geschickt hatten. Seine Deutung gilt vielmehr für so stichhaltig. daß zu viele Einzelheiten sich hier zu einem sinnvollen Ganzen fügen. daß wir unsere zweite Lektion in Weltraumkommunikation erlernt haben. deren Zweck das Finden von Beweisen oder Gegenbeweisen für diese Hypothese ist. daß zur Zeit Experimente im Gange sind. Das Erstaunlichste an Lunans Deutung ist aber. Alpha Bootis (auch Arkturus genannt). daß eine solche Sonde die Kommunikation mit uns auf der Basis des Bildes einer Konstellation (selbstverständlich einer Konstellation in irdischer Perspektive. die Aufgabe zu erfüllen. im Diagramm nicht in seiner heutigen Position aufscheint. als daß sich Lunans Hypothese als reine Spekulation verwerfen ließe. Dies scheint Bracewells Annahme [21] voll zu bestätigen. daß Bootes größter Stern. Obwohl diese Deutung phantastisch scheinen mag. Als dann eben in den zwanziger Jahren genügend starke Radiosignale von der Erde auszugehen begannen.

wie sie von katastrophischen Sternexplosionen erzeugt werden […]. hätte die Tafel den Zweck. die selbst nach astronomischen Begriffen als leer gilt. vergoldetes Aluminiumschild 74 (Abbildung 13). Wenn er aber dennoch auf seinem schweigenden Flug durch die Leere des Alls in unermeßlich ferner Zukunft von einem Raumschiff einer hochentwickelten Zivilisation entdeckt und geborgen würde. daß eine wissenschaftlich hochentwickelte Zivilisation keine Schwierigkeit hätte. der im Dezember 1973 an Jupiter vorbeiflog und nun dabei ist. -254- . sehr gering. Der wichtigste Teil des Schilds ist das Strahlenmuster in der linken Bildhälfte und die schematische Darstellung unseres Sonnensystems auf dem unteren Bildrand. unser Sonnensystem zu verlassen. jemals aufgefunden zu werden. Wir glauben. Pionier 10. aus dem die Sonde kam. stellen die Radiallinien mit ihren binären Unterteilungen die charakteristischen Strahlungsmuster der Pulsare dar: Pulsare sind rasch kreisende Neutronensterne. sind seine Chancen. Wie Professor Sagan. 74 Ein identisches Schild wurde mit Pionier 11 ein Jahr später in den Weltraum gesandt. jenen Lebewesen Aufschluß über unsere Erde zu geben – wenigstens über ihren Zustand vor Millionen oder sogar Milliarden von Erdjahren. Da sein Kurs ihn in eine Gegend des Alls führt. erklärt. das Strahlenmuster als Darstellung der Positionen und P erioden von vierzehn Pulsaren relativ zum Sonnensystem zu erkennen. März 1972 wurde mit dem Abschuß der interplanetarischen Sonde Pionier 10 ein weiterer Versuch zur Herstellung interstellarer Kommunikation verbunden. der Autor dieser Bildnachricht.Pionier 10 Am 3. trägt auf seiner Verschalung ein 15x23 cm großes.

Pulsare sind aber kosmische Uhren, und das Maß ihrer Verlangsamung im Laufe der Zeit ist recht genau bekannt. Die Empfänger der Nachricht werden sich also nicht nur fragen, wo es jemals möglich war, vierzehn Pulsare in dieser relativen Position zu sehen, sondern auch wann. Die Antwort lautet: nur von einem sehr kleinen Bereich der Milchstraße aus und einem einzigen Jahr im Bestehen der Galaxie. Innerhalb dieses kleinen Bereichs gibt es vielleicht tausend Sterne; nur von einem von ihnen kann angenommen werden, daß er ein Planetensystem mit den am unteren Bildrand dargestellten relativen Abständen hat. Die ungefähren Größen der Planeten und die Saturnringe sind dort ebenfalls schematisch angegeben. Auch schematisch eingezeichnet ist die anfängliche Bahn der von der Erde aus abgesandten Raumsonde und ihr Vorbeiflug an Jupiter. Das Schild identifiziert daher einen Stern unter ungefähr 250 Milliarden und ein Jahr (1970) in ungefähr zehn Milliarden. [149]

Die Stichhaltigkeit und Logik dieser Überlegungen ist unbestreitbar. Zu bedauern ist nur, daß die Wahrscheinlichkeit des Ankommens dieser Nachricht bei einer außerirdischen Zivilisation viel geringer ist als die Chancen eines schiffbrüchigen Matrosen, der eine Flaschenpost den Meeresströmungen anvertraut. Die rechte Bildseite dagegen verursachte höchst komische und unerwartete Reaktionen hier auf Erden. Bekanntlich hatten Zeitungen und Zeitschriften die Abbildung des Schildes veröffentlicht, und Sagan (dessen Frau übrigens das Bild entwarf) erhielt zahllose Briefe aus der ganzen Welt. Einige der vernünftigeren Zuschriften bezweifelten die Verständlichkeit der beiden menschlichen Figuren, vor allem die des erhobenen Arms des Mannes. Hat diese Geste wirklich die universale Bedeutung eines Grußes, ist sie eine Drohung oder soll damit gesagt sein, daß der männliche Arm permanent rechtwinklig abgebogen ist? Es wäre ferner möglich, daß die perspektivische Verkürzung der Füße und anderer Körperteile der beiden Figuren, die für uns selbstverständlich ist, andere Lebewesen deswegen zu den sonderbarsten Annahmen über unseren Körperbau veranlassen könnte, weil ihre Art der räumlichen Darstellung von der unseren vollkommen verschieden sein dürfte. Dann nahmen sich die Frauenrechtlerinnen der Sache an und beschwerten sich darüber,
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daß die weibliche Figur viel zu passiv dargestellt ist, und schließlich wurde die Nacktheit beider Figuren zum Gegenstand moralischer Entrüstung. Dies ist um so komischer, als das Bild die weibliche Figur als geschlechtslos darstellt, offensichtlich um puritanischen Einwänden vorzubeugen und in der übervorsichtigen Absicht, das »Schlimmste« zu vermeiden. Daß es nicht vermieden wurde, beweist ein Leserbrief an die Times von Los Angeles:
Ich muß sagen, daß mich die schamlose Darstellung männlicher und weiblicher Geschlechtsorgane auf der Titelseite der Times schockierte. Diese Art sexueller Indiskretion ist unter dem Niveau, das die Allgemeinheit von der Times zu erwarten gewohnt ist. Ist es nicht genug, daß wir ein Bombardement von Pornographie durch Filme und obszöne Magazine erdulden müssen? Ist es nicht traurig, daß die Beamten unserer Weltraumbehörde es notwendig fanden, diesen Schmutz über die Grenzen unseres Sonnensystems zu verbreiten? [150]

Abbildung 13

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Unvorstellbare Wirklichkeiten
Im allgemeinen aber haben die Probleme der Kontaktaufnahme mit außerirdischer Intelligenz kaum viel Spaßiges an sich. Was die Auswirkungen solcher Kontakte auf die Menschheit sein werden, läßt sich auch nicht annähernd ermessen. Der Hauptgrund dafür ist, daß die Entwicklung intelligenten Lebens bestimmt kein linearer Vorgang ist. Schon bei den Schimpansen und Delphinen sahen wir, daß es in natürlichen Entwicklungsprozessen gewisse Grenzen der Komplexität, zum Beispiel der Gehirnorganisation, gibt, bei deren Erreichen sich plötzlich und sprunghaft neue Fähigkeiten und Möglichkeiten ausbilden. Diese Neubildungen können nicht direkt und geradlinig aus den ihnen unmittelbar vorausgehenden Entwicklungsstadien abgeleitet werden; sie sind vielmehr diskontinuierlich und unvorhersehbar. Dasselbe dürfte für die im fernen All bestehenden Wirklichkeiten zweiter Ordnung zutreffen. Wir besitzen ja nicht einmal jenes Mindestmaß an Einsicht in die psychologischen, kulturellen und sozialen Faktoren, das uns einigermaßen verläßliche Schlüsse über unsere eigene Entwicklung hier auf Erden gestatten würde. Die Menschheit besteht noch nicht lange genug, um uns die Ableitung allgemeiner Gesetze kultureller Evolution zu ermöglichen (sofern es solche überhaupt gibt) 75 , und andere
75

Dies erhellt unter anderem aus den Prognosen des Clubs von Rom (einer Gruppe internationaler Fachleute) über die sozioökonomische Entwicklung der Menschheit. Trotz überaus komplexer, mit Hilfe von komplizierten mathematischen Modellen erarbeiteter Voraussagen scheint es fast unmöglich, wesentlich über das Jahr 2000 hinauszugehen, und 2100 scheint die Grenze selbst ungefährster Voraussagen zu sein. Es verdient jedoch Erwähnung, daß trotz dieser Schwierigkeiten sehr viel nüchterne und vorsichtige Grundlagenforschung von sowjetischen Wissenschaftlern betrieben wird. Ihre bisherigen Ergebnisse sind dem Leser
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Vergleichsmöglichkeiten bestehen für uns nicht. Wenn die Entwicklungsgeschichte des Lebens auf unserem Planeten, von seiner Entstehung bis heute, als 24-Stunden-Tag dargestellt würde, fiele das Auftauchen intelligenten Lebens in die letzten Sekunden vor Mitternacht. In dem Maße, in dem es uns gelingt, immer tiefer in unsere Vergangenheit einzudringen, in jene langen Stunden vor den wenigen Sekunden bisheriger menschlicher Existenz, bereichert sich unser Wissen über die Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung organischen Lebens unter den physikalischen Bedingungen, die allgemein für unser Milchstraßensystem zutreffen. Aus dieser Perspektive lassen sich wenigstens einige Schlüsse über die möglichen Erscheinungsformen höheren Lebens auf anderen Planeten ziehen. Die Planer des Projekts Zyklop äußern sich zu diesem Thema wie folgt:
Ungeachtet der Morphologie anderer intelligenter Lebewesen müssen ihre Mikroskope, Teleskope, Kommunikationssysteme und Kraftwerke zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Geschichte von den unseren fast ununterscheidbar gewesen sein. Sicherlich wird es Unterschiede in der Reihenfolge der Erfindungen und der Anwendung von Verfahren und Maschinen gegeben haben, doch werden technische Systeme mehr durch die physikalischen Gesetze der Optik, Thermodynamik, Elektrodynamik oder der Atomreaktionen geprägt als durch die Eigenart der sie entwerfenden Lebewesen. Die Folge davon ist, daß wir uns über die Probleme des Informationsaustausches zwischen biologischen Formen verschiedenen Ursprungs keine Sorgen zu machen brauchen. Mit welcher Form von Intelligenz wir auch Kontakt aufnehmen mögen, teilen wir mit ihr eine breite Grundlage von Technologie, wissenschaftlichen Erkenntnissen und Mathematik, die zum Aufbau einer Sprache für die Vermittlung subtilerer Begriffe verwendet werden kann. [137]

In dieser Sicht ist es durchaus sinnvoll, anzunehmen, daß dieser (vermutlich sehr einseitige) Informationsaustausch unserem eigenen Fortschritt überaus förderlich sein müßte, und es wird gelegentlich sogar die zukunftsselige Meinung vertreten,
in Kaplans »Extraterrestrial Civilizations« [78], besonders in Kapitel V und VI, zugänglich.
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daß es uns dadurch möglich werden wird, außerirdische Lösungen dringender Probleme, wie kontrollierter Kernspaltung oder der Bevölkerungsexplosion, zu übernehmen. Die Folgen eines interplanetarischen Informationsaustausches könnten aber ebensogut gänzlich anderer Art sein. 76 Und damit sind wir am Kern der Sache angelangt. Vor allem ist wie Bracewell feststellt – die Sterblichkeitsziffer hochentwickelter Zivilisationen vielleicht so groß, daß es jeweils nur sehr wenige in einem Sternsystem gibt [21]. Das könnte bedeuten, daß die obenerwähnten metaphorischen Sekunden tatsächlich unsere letzten sind. Überbevölkerung, Umweltverseuchung, vielleicht eine nukleare Katastrophe, auf jeden Fall aber zunehmender moralischer Schwachsinn sind vielleicht die Todessymptome jeder (und nicht nur unserer) Zivilisation. Vielleicht sind wir tatsächlich auf dem Aussterbeetat stehende Dinosaurier. 77 Doch
76

In Fairneß zu den Autoren des Projekts Zyklop muß festgehalten werden, daß sie sich keine großen Illusionen über die Voraussagbarkeit dieses Informationsaustausches machen: Was sich über diese Prophezeiungen mit einiger Sicherheit sagen läßt, ist, daß sie, wie interessant sie auch sein mögen, fast bestimmt alle falsch sind. Um dies zu verstehen, brauchen wir uns nur zu überlegen, wie unvorhersehbar unser eigener Fortschritt der letzten zweitausend Jahre war. Welcher antike Grieche oder Alexandriner hätte das dunkle Mittelalter, die Entdeckung der Neuen Welt oder das Atomzeitalter vorausgesehen? Wer von den Alten – weise, wie sie in vieler Hinsicht waren – hätte das Automobil, das Fernsehen, die Antibiotika oder den modernen Computer vorausgesagt? Für Aristoteles war der Umstand, daß Menschen addieren können, der Beweis dafür, daß sie Seelen haben. Und hier sitzen wir und versuchen, Voraussagen über Welten nicht in zweitausend, sondern Hunderttausenden oder sogar Millionen von Jahren zu machen, und noch dazu über Welten, die ganz unabhängigen Ursprungs sind! [138]
77

Im obenerwähnten Artikel spekuliert Bracewell, daß »solche Gemeinwesen [hochentwickelte Zivilisationen] vielleicht im Verhältnis von zwei pro Jahr (103 in 500 Jahren) zugrunde gehen…«

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selbst wenn dies nicht der Fall wäre, fällt es doch schwer, die große Euphorie über die zu erwartenden wunderbaren Wirkungen von Kontakten mit außerirdischer Intelligenz zu teilen. Das Wunschdenken hinter diesem Optimismus übersieht einige nackte psychologische Tatsachen. Die utopische Idee der Invasion unseres Planeten durch feindliche Wesen aus dem Weltall läßt sich mit ziemlicher Sicherheit ignorieren, die Frage unserer psychologischen und gesellschaftlichen Beeinflussung durch das Wissen anderer, höherentwickelter Zivilisationen aber nicht. Die einzige, schwache Analogie, die uns auf Erden zur Verfügung steht, ist der katastrophale Effekt unserer Zivilisation auf »primitive« Kulturen, wie die Eskimos, die australischen Buschmänner und die südamerikanischen Indios. Unsere wissenschaftlichen und technischen Fortschritte haben unsere moralische Entwicklung weit hinter sich gelassen. Die plötzliche Verfügbarkeit noch viel weiter fortgeschrittenen Wissens, das unser eigenes Denken unvermittelt Tausende von Jahren und ohne die Möglichkeit einer zusammenhängenden, schrittweisen Integration nach vorne katapultieren würde, hätte wahrhaft unvorstellbare Konsequenzen. Klinische Erfahrung beweist, daß die plötzliche Konfrontierung mit Information überwältigenden Ausmaßes zwei Folgen haben kann: Entweder f hrt sie dazu, ü daß wir uns den neuen Tatsachen gegenüber verschließen und zu leben versuchen, als bestünden sie nicht, oder wir verlieren den Kontakt mit der Wirklichkeit. Beides aber liegt im Wesen des Wahnsinns.

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dessen Aufgabe. Der Dämon öffnet beziehungsweise schließt die Verbindungstür so. Es handelt sich dabei um eine winzige Kreatur. indem er von der Idee einer Statue ausging. die mit demselben Gas gefüllt sind. wobei es als Mathematiker nicht seine Sorge zu sein braucht. Condillac zum Beispiel verwendete es zur Ableitung seiner Assoziationspsychologie. während er in -261- .Imaginäre Kommunikation In diesem letzten Kapitel des Buchs möchte ich einige Beispiele von Kommunikationskontexten vorlegen. »Lehrsätze von postulierten Annahmen abzuleiten. Diese Art von Gedankenexperiment. darin besteht. daß er sie sich in streng logischer Weise mit immer komplexeren Wahrnehmungsfähigkeiten begabt vorstellte. die völlig imaginär sind. das der Mathematiker besitzt. ob die von ihm angenommenen Axiome tatsächlich wahr sind« [116]. in dem zuerst ein Satz imaginärer Gegebenheiten postuliert und diese dann bis in ihre letzten logischen Konsequenzen verfolgt werden. daß von Behälter B nur Moleküle mit hoher Geschwindigkeit (hoher Energie) in Behälter A überwechseln können. zu prüfen. Ein besonders berühmtes und klassisches Beispiel der Verwendung eines imaginären Modells ist Maxwells Dämon. nehme ich dasselbe Recht in Anspruch. Indem ich dies tue. beschränkt sich nicht auf die reine Mathematik. der das Öffnen und Schließen der Verbindungstür zwischen zwei Behältern obliegt. Bekanntlich bewegen sich die Moleküle eines Gases regellos und mit verschiedenen Geschwindigkeiten im Raum. die nach und nach dadurch immer menschlichere Eigenschaften annahm. wie Nagel und Newman es einmal definierten. dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – aber zu höchst sonderbaren und unlösbaren praktischen Widersprüchen führen.

obwohl das Gas ursprünglich in beiden Behältern dieselbe Temperatur hatte. trieb der Dämon in der theoretischen Physik längere Zeit unter der Bezeichnung Maxwells Paradoxie sein störendes Unwesen. die der Dämon anscheinend erzeugt hatte. -262- .umgekehrter Richtung nur langsame Moleküle (also solche mit niedriger Geschwindigkeit) durchläßt. indem er – gestützt auf einen Artikel von Szilard – nachwies. daß die Beobachtung der Moleküle durch den Dämon eine Zunahme von Information innerhalb des Systems darstellt und daß diese Informationszunahme genau der Temperaturerhöhung entspricht. daß sich dadurch die Temperatur in Behälter A erhöht. und obwohl das Ganze »nichts als« eine intellektuelle Spielerei war. Dies aber steht in glattem Widerspruch zum zweiten Hauptsatz der Wärmelehre. Erst Léon Brillouin führte die Lösung herbei. Die zwingende Schlußfolgerung ist. Während uns Laien also die Idee eines solchen Lebewesens äußerst absurd und unwissenschaftlich scheint. führte sie die Physiker zu wichtigen Einsichten in die Interdependenz zwischen Energie und Information.

daß sie auf einem Kommunikationsaustausch mit einem imaginären Wesen beruht. Im Jahre 1960 stieß ein theoretischer Physiker am Strahlungslaboratorium der Universität von Kalifornien in Livermore. Beispiele dafür sind das Gefangenendilemma und die kurz erwähnten paradoxen Voraussagen. und Sie wissen ferner. nie mals falsche Voraussagen über Ihre Entscheidungen gemacht hat). 1973 besprach der Mathematiker Martin Gardner dieses Referat im Scientific American [53] und löste damit eine solche Flut von Zuschriften aus. Über verschiedene Zwischenpersonen kam sie schließlich zur Kenntnis des Philosophieprofessors Robert Nozick an der Harvard-Universität. Die prinzipielle Bedeutung dieser Paradoxie für meine Thematik liegt darin. besonders faszinierende bereichert. der sie 1970 in einer philosophischen Festschrift veröffentlichte [118]. -263- . William Newcomb. Nozick definiert diese Fähigkeit (und der Leser ist ersucht.Newcombs Paradoxie Gelegentlich wird die Liste der klassischen Paradoxien um eine weitere. Dr. das die Fähigkeit besitzt. dieser Definition volle Aufmerksamkeit zu schenken. menschliche Entscheidungen mit fast hundertprozentiger Genauigkeit vorauszusagen. daß er sich im Einvernehmen mit Nozick in einem zweiten Artikel [54] nochmals mit diesem Problem und den von seinen Lesern vorgeschlagenen Lösungen befaßte. beide wurden rasch zum Thema vieler Veröffentlichungen. daß dieses Wesen Ihre vergangenen Entscheidungen oft richtig vorausgesagt hat (und daß es. das Gefangenendilemma zu lösen. soweit Ihnen bekannt ist. auf eine neue Paradoxie – angeblich während er sich bemühte. da ihr Verständnis für das Folgende unerläßlich ist) mit folgenden Worten: »Sie wissen. einem Wesen.

Es stehen Ihnen nun folgende zwei Möglichkeiten zur Wahl offen: Sie können entweder beide Kästchen öffnen und das darin liegende Geld gewinnen. daß in Kästchen 1 auf jeden Fall tausend Dollar liegen. während Kästchen 2 entweder nichts oder eine Million Dollar enthält. entweder die Million in Kästchen 2 oder läßt es leer. Und die Folge dieses Widerspruchs ist. oder Sie wählen nur Kästchen 2 und nehmen das dort vorgefundene Geld. je nach seiner Voraussage. dann legt es. daß Sie sie verstehen. Das Unerwartete an dieser imaginären Situation ist. und Sie gewinnen daher nur die tausend Dollar in Kästchen 1. daß das Wesen weiß. Ferner teilt Ihnen das Wesen mit. Der Ablauf der Ereignisse ist also folgender: Das Wesen macht zuerst stillschweigend seine Voraussage Ihrer Wahl. Wenn Sie sic h dagegen entschließen. daß es folgende Maßnahmen getroffen hat: Wenn Sie die erste Alternative wählen und beide Kästchen öffnen. und so weiter – genau wie in allen anderen interdependenten Entscheidungen. daß sie zwei gleichermaßen logische. dann teilt es Ihnen die Bedingungen mit. so hat das Wesen (das diese Entscheidung natürlich voraussah) das zweite Kästchen leer gelassen. daß Sie wissen. aber völlig widersprüchliche Lösungen hat. die in Teil 2 behandelt wurden. und zu guter Letzt treffen Sie Ihre Entscheidung.« Es sei ausdrücklich betont. hat das Wesen (wiederum aufgrund seines Vorauswissens dieser Entscheidung) die Million dort hineingelegt. Das Wesen zeigt Ihnen zwei verschlossene Kästchen und erklärt. daß Sie die Situa tion und die daran geknüpften Bedingungen voll verstehen. daß es das weiß.daß dieses Wesen oft die Entscheidungen anderer Leute […] in der nun zu beschreibenden Situation richtig vorausgesagt hat. Wir dürfen im folgenden also annehmen. daß die Voraussagen fast. nur Kästchen 2 zu öffnen. aber eben nur fast vollkommen verläßlich sind. daß – wie Nozick sehr rasch entdeckte und wie die Lawine von Leserbriefen an Gardner bewies wahrscheinlich auch Sie eine der beiden Lösungen sofort für die -264- .

Dies bedeutet aber. wie jemand die andere auch nur für einen Augenblick ernsthaft in Betracht ziehen kann. erwidern die Vertreter des ersten Arguments sofort: Gerade diese Überlegung hat das Wesen ja richtig vorausgesehen und hat daher das zweite -265- . Ergo.001. m acht das Wesen zuerst seine Voraussage. daß das Wesen diesen Entschluß richtig voraussagte und das zweite Kästchen daher leer ließ.»richtige« und »selbstverständliche« halten werden und mit bestem Willen nicht einsehen können. Daraus folgt mit scheinbar eiserner Logik. als Sie gewinnen würden. daß Sie nur das zweite Kästchen öffnen sollen. Trotzdem aber lassen sich für die eine wie für die andere Entscheidung überzeugende Gründe finden. so müssen Sie mit höchster Wahrscheinlichkeit damit rechnen. und Ihre Entscheidung folgt zeitlich seiner Voraussage. wenn Sie nur das zweite Kästchen wählten. die auf jeden Fall in Kästchen 1 liegen. In beiden Fällen haben Sie also tausend Dollar mehr. Wenn Sie sich also dafür entscheiden. so gewinnen Sie wenigstens die tausend Dollar in Kästchen 1. nur Kästchen 2 zu öffnen. die Million entweder bereits im zweiten Kästchen liegt oder nicht dort liegt. Sie gewinnen also nur die tausend Dollar. auch das Gegenteil«. in Übereinstimmung mit den von ihm selbst aufgestellten Regeln. Wenn Sie sich aber entschließen. Worin besteht das angebliche Problem? Das Problem ergibt sich aus der Logik des anderen Entscheidungsverfahrens. daß zu dem Zeitpunkt. in dem Sie Ihre Entscheidung treffen. so hat das Wesen auch diese Wahl höchstwahrscheinlich richtig vorausgesehen und hat. wenn die Million bereits im zweiten Kästchen liegt und Sie sich für das Öffnen beider Kästchen entscheiden. die Million hineingelegt. Das erste Argument lautet: Das Vorauswissen des Wesens ist fast vollkommen zuverlässig. Wenn Kästchen 2 aber leer ist und Sie beide Kästchen öffnen. Wie schon betont. »in der alles wahr ist. beide Kästchen zu öffnen. Keineswegs.000 Dollar. gewinnen Sie 1. und dies wirft uns in die Welt Dostojewskis zurück.

wenn Nummer 2 leer ist. wenn es nicht von vornherein schon dort lag. Außerdem werden die meisten von ihnen überzeugt sein. bevor ihr euch entscheidet.« Sehr zu Recht fordert er. nur das zweite Kästchen zu wählen – wenn es die Million enthält.Kästchen leergelassen. Es ist möglich – ist aber meines Wissens bisher nicht -266- . eines der beiden Argumente einfach laut und langsam zu wiederholen. und sagt voraus. wofür ihr euch entscheidet. man wisse schon. wollt ihr doch sicherlich wenigstens die tausend Dollar in Nummer 1 einkassieren! Nozick fordert seine Leser auf. einem Tag oder einer Woche vor eurer Entscheidung da (oder nicht da). Und es genügt auch nicht. »daß es nicht genügt. Dies aber ist bisher niemandem gelungen. noch zu seinem plötzlichen Verschwinden aus dem Kästchen führen. warum wollt ihr auf die zusätzlichen tausend Dollar im ersten Kästchen verzichten? Aber besonders dann. nach ihr gehandelt. daß sich ziemlich genau die Hälfte für das eine beziehungsweise das andere Argument entscheiden wird. das Geld ist (oder ist nicht) bereits seit einer Stunde. daß hier irgendeine Art rückwirkender Kausalität mitspielt – daß eure Wahl sozusagen die Million aus dem Nichts auftauchen oder in die leere Luft verschwinden läßt. anzunehmen. ereifern sich die Verteidiger des zweiten Arguments: Das Wesen hat seine Voraussage gemacht. Gleichgültig also. Im einen wie im anderen Falle wäre es unsinnig. daß die anderen einfach nicht logisch denken können. Bekannten oder Studenten auszuprobieren. Nozick aber warnt. Darin liegt euer Irrtum. und die Million liegt nun (oder liegt nicht) im zweiten Kästchen. die Paradoxie mit Freunden. sich mit dem Glauben zufriedenzugeben. wenn es zunächst dort war. Ihr Verteidiger des ersten Arguments macht den Fehler. was zu tun sei. Aber das Geld ist ja schon da oder nicht da. Eure Wahl wird es daher weder in Kästchen 2 materialisieren lassen. daß man das andere Argument logisch ad absurdum führen müßte.

dann hat es die Million bereits ins zweite Kästchen gelegt beziehungsweise es leer gelassen. und alle Kausalbeziehungen schließen ein Zeitelement ein. dann enthält es eine Million. so daß meine Wahl keinen rückwirkenden Einfluß darauf ausüben kann. temporale Sinnbedeutung von wenndann zu stützen: »Wenn das Wesen seine Voraussage bereits gemacht hat. dann läutet die Glocke« handelt es sich um eine rein kausale Beziehung von Ursache und Wirkung. daß dieses Dilemma (und einige der Widersprüche und Paradoxien. und sei es auch nur die Mikrosekunde. Ich treffe meine Entscheidung nach der Voraussage und nach dem (Nicht-)Hineinlegen der Million ins zweite Kästchen.« Die Verteidiger des zweiten Arguments (die sich dafür entschließen. nur das zweite Kästchen zu öffnen. was vor ihr stattfand. Aber im Satz »Wenn ich diesen Knopf drücke. die uns im Abschnitt über Reisen in die Zeit beschäftigen werden) auf der Konfusion zweier grundverschiedener Bedeutungen der scheinbar eindeutigen logischen Subjunktion wenndann beruht.vorgeschlagen worden –. die der elektrische Strom benötigt. Ganz offensichtlich bedarf diese Lösung der NewcombParadoxie einer sorgfältigen Durchleuchtung von Grund auf. für -267- . zeitunabhängige Beziehung zwischen diesen beiden Personen aus. nämlich die kausale. Es ist also durchaus möglich. zeitlosen Bedeutung des Wahrheitsbegriffs wenndann aufbaut: »Wenn ich mich entschließe. daß das erste Argument (nur Kästchen 2 zu öffnen) sich auf der logischen. und im einen wie im anderen Falle erhöht sich mein Gewinn durch das Öffnen beider Kästchen um tausend Dollar.« Das zweite Argument beruht also auf dem zeitlichen Ablauf: Voraussage – (Nicht-)Hineinlegen des Geldes in das zweite Kästchen – meine Entscheidung. Im Satze »Wenn Karl der Vater von Hans ist. dann ist Hans der Sohn von Karl« drückt das Wenndann eine zeitlose. um vom Knopf zur Klingel zu fließen. beide Kästchen zu öffnen) scheinen sich dagegen auf die andere.

Es ergab sich. die uns die Newcomb-Paradoxie aufdrängt: Man 78 Es braucht wohl nicht betont zu werden. Es besteht tatsächlich eine von uns unabhängige Ordnung. das aber selbst von uns ganz unabhängig ist. daß wir selbst der Welt diese Ordnung zuschreiben.die meine Kompetenz leider nicht ausreicht. Die Welt hat keine Ordnung. von dem wir abhängen. für uns von größter Wichtigkeit ist. daß meine Darlegungen auch hier rein oberflächlich nur die wichtigsten Aspekte des Problems berühren. In diesem Falle wird Kommunikation mit diesem Wesen zu unserer vordringlichen Aufgabe. und es zeichneten sich drei Möglichkeiten ab: 1. 78 An diesem Punkte beginnen sich die in diesem Buche gesponnenen. die aber einem Studenten der Philosophie ein interessantes Dissertationsthema bieten könnte. sich – gleichgültig wie undeutlich und unbewußt – für die zweite oder die dritte Möglichkeit zu entscheiden. uns aber nicht dessen bewußt sind. die erste Möglichkeit zu ignorieren. Die Wirklichkeit hat nur insofern eine Ordnung. sondern vielmehr unsere eigenen Zuschreibungen als etwas »dort draußen« erleben. 2. Nozicks Abhandlung [118] geht selbstverständlich viel tiefer und behandelt eine Reihe hochinteressanter zusätzlicher Überlegungen und Lösungsversuche. Niemand aber kommt darum herum. aber hängengelassenen Fäden zu einem erkennbaren Gewebe zu verknüpfen. 3. das wir die Wirklichkeit nennen. Und dies ist meines Erachtens die Konsequenz. Dann aber wäre die Wirklichkeit gleichbedeutend mit Konfusion und das Leben ein psychotischer Alptraum. ob der Wirklichkeit eine erkennbare Ordnung zugrunde liegt. Glücklicherweise bringen die meisten von uns es fertig. als wir zur Milderung unseres Zustands existentieller Desinformation eine Ordnung in den Lauf der Dinge hineinlesen (interpunktieren). Für die daran Scheiternden hält sich die Psychiatrie für zuständig. daß die Frage. Sie ist die Schöpfung eines höheren Wesens. -268- .

wer annimmt. der wird sich natürlich für das Öffnen beider Kästchen entscheiden. läuft all dies auf die uralte Kontroverse zwischen Determinismus und Willensfreiheit hinaus. genau wie jedes andere Ereignis. Worum es dabei geht.nimmt entweder an. Es gibt keine Alternativen. wie ich mich entscheide. und selbst wenn ich glaube. durch alle ihr vorangegangenen Ursachen determiniert ist. die ich treffen kann. diese scheinbar absurde und wirklichkeitsfremde Überlegung. wenn es ein Wesen mit fast vollkommenem Vorauswissen gäbe. es ist die einzige Wahl. daß er unabhängiger. es g sie. daß seine Entscheidungen also nicht vorausbestimmt sind und daß es vor allem keine »rückläufige Kausalität« gibt (derzufolge Ereignisse in der Zukunft Wirkungen in der Gegenwart oder sogar der Vergangenheit zeitigen können). dann ist die Idee der Willens freiheit (und mit ihr die der freien Entscheidung) absurd. 2 verschrieben hat. das heißt. eine Wahl – irgendeine Wahl – zu treffen. wie entscheide ich mich? Wenn ich wirklich glaube. freier Entscheidungen fähig ist. uns in eines der ältesten ungelösten Probleme der Philosophie führt. was wohl geschehen würde. Wer sich aber Weltanschauung Nr. je nach meiner Vorliebe (pardon – je nach den unausweichlichen Ursachen in meiner Vergangenheit). daß die Wirklichkeit (und mit ihr daher der Lauf des Lebens) starr und unausweichlich festgelegt ist – und in diesem Falle entscheidet man sich natürlich nur für das zweite Kästchen. Wie aber Gardner [53] bereits betont. ist ganz einfach Folgendes: Wenn ich vor der alltäglichen Notwendigkeit stehe. daß meine Entscheidung. was ich. Was immer mir also zustößt und was immer ich selbst tue. Und wir sehen nun. die -269- . Es ist dann ganz gleichgültig. daß dieses unschuldige Gedankenexperiment. denn welche Wahl ich auch treffe. ist folglich dadurch vorausbestimmt. ist äbe dieser Glaube selbst lediglich die Folge irgendeiner Ursache in meiner Vergangenheit.

Obwohl sie dies meines Wissens nicht ausdrücklich erwähnen. was hat es dann mit Moral und Ethik auf sich? Das Resultat ist Fatalismus. muß man eine nichtfatalistische Entscheidung treffen – man muß sich in einem Akt freier Wahl zur Ansicht entscheiden. doch abgesehen von seiner allgemeinen Absurdität leidet der Fatalismus an einer fatalen Paradoxie: Um sich dieser Wirklichkeitsauffassung zu verschreiben. so fällt sie zu Boden. soweit mir bekannt ist) auf die Zimmerdecke hinaufschoß. was geschieht. Ich bin dann der Meister meines Geschicks. der schwerer als Luft ist) dies bisher unter diesen Umständen immer tat und niemals (weder bei mir noch bei irgendjemand anderem. Risiken auf sich zu nehmen. wenn die Vergangenheit mich nicht determiniert. daß das Wesen fast vollkommenes Vorauswissen besitzt. Niemand. gleichgültig wie »laut und langsam« er die eine oder die andere verficht. wenn ich mich also in jedem Augenblick frei entscheiden kann – worauf gründe ich dann meine Entscheidungen? Auf einen Randomisator in 79 Der wissenschaftliche Begriff. ist die Analogie mit der Kausalität doch unverkennbar. da sie (oder jeder andere Gegenstand. daß mein Wille frei ist. erschafft meine Wirklichkeit. statistische Wahrscheinlichkeiten. Wenn ich meine Schreibfeder in der Luft loslasse. was hat es dann für einen Sinn. Im Sinne der modernen Wissenschaftstheorie besteht aber kein Grund. -270- . also vorbestimmt ist. wie kann ich für mein Tun verantwortlich gehalten werden. so lebe ich in einer völlig anderen Wirklichkeit. nenne. daß alles. den metaphysischen Versuchsleiter. kann nach ihr leben.Kausalität79 . sondern bezieht sich nur auf relative. voll vorausbestimmt ist und es daher keine freie Wahl gibt. das Wesen. und was ich hier und jetzt tue. Der Leser mag sich gefragt haben. Wenn ich aber glaube. Der moderne Kausalitätsbegriff ist bekanntlich nicht absolut. weshalb sie dies das nächste Mal nicht tun könnte. das Schicksal usw. ist natürlich die Kausalität. sich anzustrengen. Das Malheur ist nur. daß beide Anschauungen unhaltbar sind. Wenn ich aber der Kapitän meines Lebenschiffes bin. der dem imaginären Wesen in der Newcomb -Paradoxie am nächsten kommt. Wenn alles streng determiniert. warum Newcomb und Nozick betonen. Ich erwarte das von ihr.

Eine Intelligenz. welche für einen gegebenen Augenblick alle in der Natur wirkenden Kräfte sowie die gegenseitige Lage der sie zusammensetzenden Elemente kennte und überdies umfassend genug wäre. würde in derselben Formel die Bewegungen der größten Weltkörper wie des leichtesten Atoms umschließen. Aber wir hatten bereits eine Kostprobe der sonderbaren Dilemmata von Zufall und Wahllosigkeit.meinem Kopf? – wie Martin Gardner so treffend fragt. daß nicht einmal Er ihn aufheben kann. um diese gegebenen Größen der Analyse zu unterwerfen. obwohl in den letzten zweitausend Jahren viele Antworten versucht wurden. oder Er kann ihn so groß machen. ohne daß der göttliche Uhrmacher selbst seinen Lauf ändern kann. der die Regeln festgelegt hat. wenn uns unser Leben lieb ist. Weshalb also einen Gott verehren. Niemand scheint die endgültige Antwort zu kennen. nichts würde ihr ungewiß sein. und das nun in Ewigkeit dahintickt. Um nur einige der moderneren zu erwähnen: Für Leibniz ist die Welt ein riesiges Uhrwerk. – Der berühmteste Vertreter einer extrem deterministischen Auffassung ist Pierre Simon de Laplace: Wir müssen also den gegenwärtigen Zustand des Weltalls als die Wirkung seines früheren und als die Ursache des folgenden Zustands betrachten. entweder Er kann den Felsen nicht so groß erschaffen. die wir entschlüsseln und befolgen müssen. Sie erwiesen sich als ebenso verwirrend wie die Annahme eines metaphysischen Versuchsleiters. und Zukunft wie Vergangenheit würden ihr offen vor Augen liegen. daß Laplace sein eigenes Leben auf dieser Weltanschauung aufbaute und die einzig mögliche -271- . von Heraklit und Parmenides bis zu Einstein. der seiner eigenen Schöpfung – vor allem ihrer Kausalität – gegenüber machtlos ist? Auf dieser Sicht beruht auch das Wesen der erwähnten scholastischen Paradoxie: Gott ist der Gefangene seiner eigenen Interpunktion. aber dann kann Er ihn gerade deswegen nicht aufheben – und im einen wie im anderen Falle ist Er nicht allmächtig. [85] Meines Wissens bestehen aber keine bio graphischen Beweise dafür. das Gott ein für allemal aufgezogen hat.

Monod [102] dagegen versucht. Wir haben hier ein Musterbeispiel für ein Scheinproblem. doch hat es nicht den Anschein. In Tat und Wahrheit war er ein überaus aktiver. den Nietzsche einmal den einzigen Menschen nannte. Ich glaube. weitgehend auf sich selbst zurückgeworfene Mensch dort steht. stellt das Problem in aller wünschenswerten Klarheit vor uns hin: Jesus und der Großinquisitor verkörpern den freien Willen beziehungsweise den Determinismus.Schlußfolgerung daraus zog. wissenschaftlichen. Wenn es sich um ein Scheinproblem handelt. und dem inneren. Es ist nur dadurch entstanden. den Standpunkt der Betrachtung ausdrücklich festzulegen und einzuhalten. noch jener -272- . indem er eine Dualität zwischen dem äußeren. daß diese Lösung des Problems der Willensfreiheit allgemeine Anerkennung gefunden hat. der ihm etwas in Psychologie lehren konnte. daß man nicht darauf geachtet hat. von innen betrachtet ist der Wille frei. wie schon erwähnt. Und in einem Vortrag im Physikalischen Institut der Universität Göttingen im Juli 1946 skizzierte der berühmte Physiker Max Planck einen Ausweg aus dem Dilemma. genialer Wissenschaftler und Philosoph. Dostojewski dagegen versucht keine Lösung. wo Iwan Karamasoffs Poem endet: Unfähig. die Lösung auf der Grundlage der Komplementarität von Zufall und Notwendigkeit. so besteht doch für mich kein Zweifel darüber. daß der moderne. wann sie sich zur allgemeinen Anerkennung durchringen wird. Er. daß es nur eine Frage der Zeit ist. und beide haben sowohl recht wie unrecht. gesinnungsmäßigen Standpunkt postulierte. scheint Planck ihm eine Scheinlösung gegeben zu haben. nämlich den Fatalismus. der tief an sozialem Fortschritt interessiert war. [129] Über dreißig Jahre sind seither vergangen. Mit der Feststellung dieses Sachverhaltes erledigt sich das Problem der Willensfreiheit. Dadurch wird für ihn die Streitfrage zwischen Determinismus und Willensfreiheit zu einem Scheinproblem der Wissenschaft: Von außen betrachtet ist der Wille kausal determiniert. sowohl Jesus’ »Sei spontan!«-Paradoxie freier Unterwerfung zu folgen. Wenn diese Wahrheit auch gegenwärtig noch mehrfach bestritten wird.

Das Ergebnis ist jener sonderbare Zustand. indem wir uns dem ewigen Widerspruch gegenüber verschließen und leben. ist. Was wir vielmehr immer schon tun und auch weiterhin jeden Tag und jede Minute tun werden. obwohl letztere heute in weiten Kreisen der Jugend fröhliche Urständ feiert. als bestünde er nicht. der »geistige Gesundheit« oder – mit noch unfreiwilligerem Humor – »Wirklichkeitsanpassung« genannt wird. -273- .vom Großinquisitor vorgegaukelten Illusion des glückseligen Ameisenhaufens. beide Seiten des Dilemmas zu ignorieren.

daß Flachland in einem – nun. weil es gewisse Erkenntnisse der modernen theoretischen Physik vorwegnimmt. recht flachen Stil verfaßt ist. die nur Länge und Breite. oder besser gesagt. handelt en. dessen Autor der damalige Direktor der City of London School. der Höhe. Der Erzähler dieser Geschichte hat ein ihn völlig überwältigendes Erlebnis. Obwohl er über vierzig andere Werke verfaßte. die flach wie ein Bogen Papier und von Linien. ist »sein einziger Schutz gegen völlige Vergessenheit« – um Newmans [117] lapidare Bemerkung zu borgen – jenes unscheinbare Buch mit dem Titel »Flachland – Eine phantastische Geschichte in vielen Dimensionen« [1]. die alle von seinem Fach. sondern besonders wegen seiner scharfsinnigen psychologischen Intuition. dem ein sonderbarer Traum -274- . Der Leser wird den Grund dafür bald erkennen. denn die Idee einer dritten Dimension. Diese können sich frei auf. fast hundert Jahre altes Buch. daß es (oder eine modernisierte Version) zur Pflichtlektüre für Mittelschüler gemacht würde. Quadraten. Obwohl es sich nicht bestreiten läßt. zu wünschen. aber keine Höhe kennt. Es braucht nicht betont zu werden. daß sie sich dieser Beschränkung unbewußt sind. Abbott war. doch sind sie wie Schatten unfähig. sich über sie zu erheben oder unter sie abzusinken. bevölkert ist. einer Welt. Kreisen usw. in dieser Oberfläche bewegen.Flachland Es gibt ein kleines. der Hochwürdige Edwin A. ist für sie unvorstellbar. die auch sein langatmiger viktorianischer Stil nicht zu erdrücken vermag. ist es doch ein sehr ungewöhnliches Buch. der klassischen Literatur und Religion. Dreiecken. Und es scheint nicht übertrieben. ungewöhnlich nicht nur deswegen. also einer Wirklichkeit. Flachland ist die Erzählung eines Bewohners einer zweidimensionalen Welt.

die sich alle auf ein und derselben Linie vor. daß ich die Vollendung deines unvollständigen Selbsts bin. daß man die Seitenlänge in Zoll zu ihrer zweiten Potenz erhebt: 80 Wie der Erzähler erklärt.und punktförmigen Untertanen auf das Quadrat. Der König hält ihn für geistesgestört. gekommen bin. deine Unwissenheit zu erleuchten. sofern der Vater wenigstens ein Quadrat und nicht bloß ein gesellschaftlich tief stehendes Dreieck ist. dem längsten Strich in Strichland (ihrem Monarchen) die Wirklichkeit von Flachland verständlich zu machen. gelte wenig im Vergleich zu den großen Edlen von Flachland.vorausgeht. ist es ein Naturgesetz in Flachland. vollkommen unvorstellbar. und für die Bewohner von Strichland ist die Idee. das aber durch das Läuten der Frühstücksglocke in die flachländische Wirklichkeit zurückgeholt wird. [2] Auf diese wahnwitzigen Behauptungen hin stürzen sich der König und alle seine strich. Unterricht in den Grundbegriffen der Arithmetik und ihrer Anwendung auf die Geometrie. in meinem Lande ein Quadrat genannt: Und selbst ich. deren Bewohner entweder Striche oder Punkte sind. Diesen Strich nennen sie ihre Welt. statt nur nach vorne oder rückwärts zu bewegen. aber ich bin eine Linie von Linien. einem Sechseck 80 . Im Laufe des Tages tritt ein weiteres ärgerliches Ereignis ein. Das Quadrat gibt seinem kleinen Enkel. von wo ich.oder rückwärts bewegen. In seinem Traume findet er sich plötzlich in einer eindimensionalen Welt. daß ein männliches Kind immer um eine Seite mehr als sein Vater hat. Vergeblich versucht unser Träumer also. gehört diese Person der Kreis .oder Priesterkaste an. Du bist eine Linie. sich auch nach rechts oder links. daß die Figur sich nicht mehr von einem Kreis unterscheiden läßt. Wenn schließlich die Seitenzahl so groß ist. obwohl dir unendlich überlegen. -275- . in der Hoffnung. wie die Zahl der Quadratzoll eines Quadrats einfach dadurch berechnet werden kann. und angesichts solch hartnäckiger Borniertheit verliert der Träumer schließlich die Geduld: Wozu noch mehr Worte verschwenden? Wisse. Es zeigt ihm.

wie eine dreidimensionale Wirklichkeit beschaffen und wie beschränkt Flachland im Vergleich zu ihr ist. versuc ht nun der Besucher. Worauf mein Enkel wiederum auf seinen früheren Einwand zurückkam. Im Laufe des Abends aber will ihm das Geschwätz seines Enkelkindes nicht aus dem Kopf gehen. die sich drei Zoll weit parallel zu sich selbst verschiebt. der sich um drei Zoll verschiebt. »wenigstens nicht in der Geometrie. 33 kann keine Entsprechung in der Geometrie haben. eine Linie von drei Zoll erzeugt. Und ähnlich. wenn ein Punkt durch die Bewegung von drei Zoll eine Linie von drei Zoll erzeugt. was). die sich parallel zu sich selbst verschiebt.« Plötzlich aber hört er eine Stimme: »Der Junge ist kein Dummkopf. wie). sage ich. so muß ein Quadrat von drei Zoll Seitenlänge. ein Quadrat von drei Zoll Seitenlänge ergibt. was bedeutet es?« »Nichts. das sich irgendwie parallel zu sich selbst bewegt (obwohl ich mir nicht vorstellen kann. von dem er den König von Strichland zu befreien versucht hatte. etwas ergeben (obwohl ich mir nicht vorstellen kann. wie das Quadrat selbst sich in seinem Traume bemüht hatte. »wenn du weniger Unsinn sprächest.« »Geh zu Bett«.« Es ist die Stimme eines sonderbaren Besuchers. die durch 3 dargestellt wird. ohne sich von seinem eigenen Traume eines Besseren belehren zu lassen.« [3] Und so wiederholt das Quadrat. das durch 32 ausgedrückt werden kann. wie ein Punkt. hättest du mehr Vernunft. die sich durch die Zahl 3 ausdrücken läßt. Zahlen zur dritten Potenz zu erheben: Ich nehme an. und 33 hat eine offensichtliche geometrische Bedeutung. das in jeder Richtung drei Zoll mißt – und das muß durch 33 dargestellt sein. antwortete ich. der aus Raumland gekommen zu sein behauptet – einer unvorstellbaren Welt. Und genauso. in der die Dinge drei Dimensionen haben. wie das Quadrat selbst sich -276- . sagte ich. etwas über seine Unterbrechung verärgert. dargestellt durch 32 . ein Quadrat von drei Zoll Seitenlänge ergibt. gar nichts«. denselben Irrtum. indem er mich unterbrach und ausrief: »Nun denn. und wie eine Linie von drei Zoll.Das kleine Sechseck überlegte sich dies eine Weile und sagte dann: »Du hast mich aber auch gelehrt. ihm die Augen dafür zu öffnen. denn die Geometrie hat nur zwei Dimensionen. 33 muß eine geometrische Bedeutung haben. und schließlich ruft es laut aus: »Der Junge ist ein Dummkopf.« Und dann zeigte ich dem Jungen. und wenn eine grade Linie von drei Zoll.

bis ihr Durchmesser wieder abzunehmen beginnt und sie schließlich ganz verschwindet (Abbildung 14). »es ist Wissen. schreckliche Sicht. die nichts mit Sehen zu tun hatte. Da war Finsternis. die wir heute ein transzendentales Erlebnis nennen würden: Ein unbeschreibliches Grauen packte mich. indem sie es nach Raumland mitnimmt. sobald sie die Fläche vo n Flachland berührt. Die Kugel betrat es natürlich von oben.dem König von Strichland als Linie von Linien vorstellte. der kein Raum war: ich war ich selbst und nicht ich selbst. daß die Kugel das Haus des Quadrats trotz der verschlossenen Türen betreten konnte. Wenn sie sich also durch die zweidimensionale Wirklichkeit von Flachland bewegt. Schließlich sieht die Kugel keinen anderen Ausweg. Dies erkläre auch die überraschende Tatsache. Mit großer Geduld erklärt ihm die Kugel. als dem Quadrat.« [4] Von diesem mystischen Augenblicke an nehmen die Ereignisse einen tragikomischen Verlauf. ist sie für einen Flachländer zunächst unsichtbar. daß an all dem nichts Merkwürdiges ist: Sie ist eine unendliche Zahl von Kreisen. erscheint dann als Punkt. denn es sieht seinen Besucher als Kreis – allerdings als einen Kreis mit sehr befremdlichen. der in seinem Heimatland eine Kugel genannt wird. Als ich meiner Stimme wieder mächtig war. dann eine schwindelerregende. es sind drei Dimensionen: öffne deine Augen wieder und versuche. unerklärlichen Eigenschaften: Er wächst und nimmt wieder ab. Raum.« »Es ist weder das eine noch das andere«. schrumpft gelegentlich zu einem Punkt oder verschwindet völlig. sie zu glauben. die keine Linie war. antwortete die ruhige Stimme der Kugel. Trunken durch das -277- . daß es sie nicht fassen kann und sich daher weigert. definiert sich der Besucher als Kreis von Kreisen. oder es ist die Hölle. Dies aber kann das Quadrat natürlich nicht fassen. wird dann zu einem Kreis mit stetig wachsendem Durchmesser. eine Erfahrung zu vermitteln. deren Durchmesser vo n einem Punkt bis zu dreizehn Zoll steigt und die aufeinandergelegt sind. schrie ich in Todesangst: »Dies ist entweder Wahnsinn. ruhig zu blicken. ich sah eine Linie. doch die Idee »von oben« ist dem Denken des Quadrats so fremd.

schleudert es die erzürnte Kugel schließlich in die Enge von Flachland zurück. Doch es fällt ihm nicht nur immer schwerer. fünf und sechs Dimensionen. der Reiche von vier. Einmal im Jahre kommt der Oberste Kreis. die Erinnerung an jene dreidimensionale Wirklichkeit wachzurufen. Statt am Scheiterhaufen zu enden. Das Quadrat sieht sich vor die glorreiche. Doch die Kugel will nichts von diesem Unsinn wissen: »Ein solches Land gibt es nicht. ganz Flachland zum Evangelium der drei Dimensionen zu bekehren. Die bloße Idee ist völlig undenkbar.« Da das Quadrat aber nicht aufhören will. sondern es wird sehr rasch vom Flachland-Äquivalent der Inquisition verhaftet. Abbildung 14. wird es zu ewiger Verwahrung in einem Gefängnis verurteilt. An diesem Punkte wird die Moral der Geschichte sehr realistisch. dringende Aufgabe gestellt. möchte das Quadrat nun die Geheimnisse immer höherer Welten erforschen. ob es ihm schon besser geht. die anfangs so klar und unvergeßlich schien. Und jedes Jahr kann das arme Quadrat der Versuchung nicht widerstehen. den Obersten Kreis zu überzeugen versuchen. das Abbotts erstaunliche Intuition als das Gegenstück gewisser Irrenanstalten in unseren heutigen Zeiten beschreibt. daß es eine dritte Dimension wirklich gibt – worauf jener den Kopf schüttelt und sich ein weiteres Jahr lang nicht sehen läßt.überwältigende Erlebnis des Eintretens in eine völlig neue Wirklichkeit. ihn in seiner Zelle besuchen und erkundigt sich. das heißt der Hohepriester. darauf zu bestehen. -278- .

nichts zu wissen. mit Fragen. dumpf und verantwortungslos und nur gelegentlich durch den beizenden Rauch eines prächtigen Autodafés oder der Schlote von Lagerkrematorien unseres Atems beraubt. werden wir. auf die es keine Antworten gibt. dürfte dagegen das Wesen menschlicher Reife und der daraus folgenden Toleranz für andere sein. Die Geschichte der Menschheit zeigt.Flachland stellt die Relativität der Wirklichkeit schlechthin dar. mit relativen Wahrheiten zu leben. Wo diese Fähigkeit fehlt. und mit den paradoxen Ungewißheiten der Existenz. uns selbst wiederum der Welt des Großinquisitors ausliefern und das Leben von Schafen leben. mit dem Wissen. mit all den schrecklichen Folgen. und aus diesem Grunde möchte man wünschen. -279- . daß das Buch von jungen Menschen gelesen werde. Die Fähigkeit. despotischere Idee gibt als den Wahn einer »wirklichen« Wirklichkeit (womit natürlich die eigene Sicht gemeint ist). ohne es zu wissen. daß es kaum eine mörderischere. die sich aus dieser wahnhaften Grundannahme dann streng logisch ableiten lassen.

Wells: Die Zeitmaschine -280- . weil Italien als einziges europäisches Land am ersten Sonntag im Juni von mitteleuropäischer Zeit auf Sommerzeit übergeht. G. Bei der Ankunft in Nizza ist man eine Stunde älter als die Freunde. Und der mit Flug 338 reisende Passagier verliert diese Stunde im Flugzeug. 81 Im Sommer kann man mit Alitalia-Flug Nr. Es besteht kein Unterschied zwischen der Zeit und den drei Raumdimensionen. die im September 1974 ihren SR-71 von der Flugschau in Farnborough bei London nach Kalifornien flogen.Reisen in die Zeit Es ist nur eine andere Auffassung von Zeit. Sie kamen über Los Angeles mehr als vier Stunden vor ihrem Abflug aus England an. G. »verliert« er. weil London und Los Angeles in verschiedenen Zeitzonen 81 Zitiert aus H. 338 um 14. Die eine Stunde. H. war noch bemerkenswerter. Das Beispiel ist trivial. Wells. da die DC 9 der Alitalia die Entfernung von Rom nach Nizza in genau einer Stunde zurücklegt. Selbstredend ist auch dies nur deswegen möglich. die jedermann in Italien auf diese Weise »gewinnt«.05 Uhr von Rom nach Nizza fliegen und dort zur gleichen Zeit. ankommen. außer daß sich unser Bewußtsein in ihr fortbewegt. Die Leistung der beiden amerikanischen Luftwaffenoffiziere.05 Uhr. wenn er das Land verläßt. zeitlich aber nach rückwärts gereist. die einen dort erwarten – man ist ein umgekehrter Rip van Winkle. Man ist räumlich vorwärts. also um 14. Es ist nur deswegen möglich.

die jedem interkontinentalen Flugpassagier (und seiner Physiologie) bekannt ist. Gegenwart und Zukunft.liegen. Unser unmittelbarstes Erlebnis der Wirklichkeit. die sich genau voraussagen oder vorhersehen lassen. Diese Alltagswirklichkeit läßt uns aber sehr. »solange Gottes Weise summt« – wie der Dichter Carossa es ausdrückt. der Vergangenheit. die Gegenwart. aber nicht mehr zu ändern. in dem die Eigenschaften der Wirklichkeit sozusagen auf den Kopf gestellt werden: Die Zukunft ist veränderbar. wenn ich nicht sofort bremse. die Gezeiten der Meere. den ihnen die Umgangssprache zuteilt. In unserem Mitschwimmen im Strom der Zeit stehen wir immer an der Grenzlinie zwischen Zukunft und Vergangenheit. physikalische und chemische Vorgänge und Reaktionen. gleichzeitig und nach gemacht. 82 Oder wie das französische 82 Natürlich gibt es viele Dinge. konsistenten Alltagswirklichkeit nur. usw. wenn eine falsche Entscheidung uns jäh aus ihr herausreißt und uns der Qual von Selbstvorwürfen und Gewissensbissen überantwortet. uralter Menschheitstraum und nicht nur der des Spielers oder des Spekulanten an der Börse. aber unbekannt. rasch im Stich. verknüpft sind. ist lediglich jener unendlich kurze Zeitraum. ist es auch der Moment. eine Tatsache. der selbst aber keine Dauer hat. Und als ob dies allein nicht absurd genug wäre. in dem die Zukunft zur Vergangenheit wird. Doch das Wissen um diese Wirklichkeiten erster Ordnung trägt herzlich wenig zur Milderung der allgemeinen Ungewißheit des Lebens bei. wie zum Beispiel die Bewegungen der Himmelskörper. Die Fähigkeit. Und solange wir diese Begriffe im allgemeinen Sinne verwenden. ist ein weiterer. die Vergangenheit ist bekannt. die Tatsache. ist dagegen nichts einzuwenden. die Zukunft vorauszusehen und daher immer die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Aber sie entsprechen der komfortablen Fata morgana einer einfachen. daß ich jenen Fußgänger überfahren würde. -281- . Ich habe in diesem dritten Teil des Buchs freien Gebrauch der anscheinend so einfachen und selbstverständlichen Begriffe vor. die eng mit unserem alltäglichen Erleben der Zeit und ihrer drei Aspekte.

Die Zeit ist nicht. daß ein Ereignis in der Zukunft die Ursache eines anderen in der Vergangenheit wäre. Es wäre absurd. Einsteins und Minkowskis Raum. Auf dieser Überlegung beruhen alle Zukunftsromane. daß der Ablauf der Dinge auch umgekehrt sein könnte. Alles absichtliche Handeln ist ja nur deswegen sinnvoll. wie diese Überlegungen sein mögen. uns aber gleichzeitig im Dunkeln läßt und uns erst zeigt. lediglich eine Dimension des menschlichen Geistes. daß das zweite dem ersten folgt. was wir tun hätten sollen. nicht Reisen in die Zeit. Zeit existiert objektiv. sondern aus dem Strom der Zeit heraus. das heißt unabhängig von menschlichen Wirklichkeitsauffassungen. si vieillesse pouvait! (Wenn die Jugend wüßte. der stets unsere rechte Entscheidung fordert.Zeit-Kontinuum stellt die modernste Definition unserer physikalischen Wirklichkeit -282- . Wäre dem nicht so. eine notwendige oder unvermeidliche Illusion des Bewußtseins. daß die Zeit in einer einzigen Richtung fließt und daß sich unser gesamtes Universum im selben Tempo mit und in ihr bewegt. anzunehmen. so meinen wir natürlich.Sprichwort denselben Gedanken ausdrückt: Si jeunesse savait. beweisen sie doch. müßten Gegenstände mit verschiedenen »Zeitgeschwindigkeiten« in die Vergangenheit oder in die Zukunft verschwinden. daß unser Zeiterlebnis eng mit der Idee der Kausalität verknüpft ist. Wenn wir sagen. Pseudophilosophisch. daß ein Ereignis die Ursache eines anderen ist. wenn es dafür zu spät ist. die wir sorgfältig vom logischen Wenndann unterscheiden müssen. wenn das Alter könnte!) Kein Wunder. Wir sprechen dann also von der zeitlichen Bedeutung der Wenndann-Relation. die von Zeitreisen handeln. wie manchmal angenommen wird. und die Physiker haben Beweise dafür. doch sind es. weil wir wissen. daß Philosophen und Dichter gelegentlich die Schöpfung als das Werk eines hämischen Demiurgen auffassen. genaugenommen.

Wir sehen unschwer. Und so.und Ineinanderbestehen dessen. auf einer riesigen Spule aufgerollt. Die Totalität des Phänomens Zeit jedoch. sondern nur einzelne kreisförmige. wie es die Idee einer Kugel für das Quadrat war. geht es uns nicht viel besser als dem Quadrat in Flachland. die Zukunft. daß das Leben eines Menschen. die sich von denen der drei Raumdimensionen subjektiv. Zeit. Das folgende Denkmodell dürfte diese Überlegungen etwas vereinfachen: Man stelle sich vor. Was vorher kam. Vor uns liegt nun dieser lange Film. fehlt uns der objektive Abstand. Was die Zeit betrifft. Gegenwart und Zukunft zerteilt haben. was noch nicht eingetreten ist. daß die von oben durch die zweidimensionale Wirklichkeit von Flachland sinkende Kugel irgendwie die Dimension der Zeit darstellt. sozusagen in ihm eingesponnen sind. so können auch wir in unserer dreidimensionalen Welt die Zeit in ihrer Gesamtheit nicht begreifen. Da wir und alles. wie das Quadrat die Eigenschaften der Kugel in ihrer dreidimensionalen Räumlichkeit nicht begreifen konnte. Stellen wir uns ferner vor. aus denen sich eine Kugel zusammensetzt. hat allerdings Eigenschaften. was ist. ist uns ebenso unvorstellbar. in seiner Gesamtheit gefilmt wurde. als alle Einzelheiten und -283- . das heißt in unserer Wahrnehmung. was wir in Vergangenheit.dar und läßt keinen Zweifel darüber. nennen wir die Vergangenheit. den wir den Raumebenen gegenüber haben. von seiner Geburt bis zu seinem Tode. zweidimensionale Querschnitte der unendlich vielen derartigen Kreisscheiben. das Neben. sondern nur die unendlich kurzen Momente der Gegenwart. das sich um das Verständnis der Dreidimensionalität von Raumland bemühte. Besehen wir uns nochmals Abbildung 14 und stellen wir uns vor. vom Fluß der Zeit getragen werden. daß wir in einer vierdimensionalen Welt leben. unterscheiden. Die vierte Dimens ion. daß dieser Film insofern zeitlos ist. daß das Auge am rechten Bildrand unser eigenes ist.

Wer fühlte sich nicht schon von einem Buch oder einem Theaterstück beim zweiten Mal genauso gepackt wie ursprünglich. Die folgende. ist lediglich der Erwerb von Wissen um die Zukunft. Dort herrscht. in der Julia scheinbar tot auf dem Gruftdeckel liegt und Romeo. Sind wir intelligenter als dieser Mann. da es jetzt. ganz in einem. den Giftbecher an die Lippen hebt. ist die Analogie des zeitlos Seienden. In diesem Augenblick ließ sich im Zuschauerraum der Ausruf vernehmen: »Tu’ es nicht!« Wir lachen über jemand. je nachdem. und die Einzelheiten jenes Lebens laufen so ab. einzigartig. unbewegt und ohne Ende. die Zuschauer. -284- . gegenwärtig oder zukünftig ist. daß der Zeitablauf eines Films unwirklich und bloß das Abrollen von auf den Film kopierten Bildern ist. (Der Vergleich hinkt natürlich etwas. schreibt Reichenbach. In einer Filmfassung von Romeo und Julia lief gerade die dramatische Szene ab. der. von dem Parmenides sagte. wird der Zeitablauf wiederhergestellt. es sei »ganz. vergißt. sie sei tot. mir als wahr erzählte Geschichte mag diesen Gedanken veranschaulichen. Der Film selbst. hat aber keine Bedeutung für die Ereignisse selbst.Ereignisse dieses Lebens auf ihm ohne zeitliche Unterscheidung koexistieren. Für uns. auch war es nicht irgendeinmal und wird es irgendeinmal sein.) Wenn wir den Film nun durch den Projektor laufen lassen. da die Geburt dieses Menschen und seine Kindheit am äußeren Rand und seine späteren Jahre immer näher am Mittelpunkt der Filmrolle sind. als wüßte er nicht bereits den gesamten Verlauf der Handlung und das schließliche Schicksal des Helden? Was wir für das Werden halten. wie sie sich tatsächlich ergaben. zusammenhängend ist« [121]. in der Annahme. ohne den durch den Projektor erzeugten Ablauf. in diesem Augenblick vor der Linse steht oder sich noch auf der Ablaufrolle befindet. daß ein ganzes Leben auf dem Film enthalten und daß jedes einzelne Filmbild entweder vergangen. kann aber kein Zweifel bestehen. In unserem alltäglichen Erleben der Wirklichkeit aber hilft uns diese olympische Perspektive wenig. was Reichenbach sehr treffend die emotive Bedeutung der Zeit nennt. ob es bereits durch den Projektor lief. von der Emotion seines subjektiven Erlebnisses überwältigt.

und alle freie Wahl ist eine Illusion. dann ist alles möglich und alles wahr. den er an jedem beliebigen Punkt untersuchen kann. welche Entscheidung wir in bezug auf die beiden Kästchen treffen (oder wie die Münze fällt. Ja. so ist jeder Augenblick mit allen nur erdenklichen Möglichkeiten der Wahl schwanger. Wir wären vielmehr in der schrecklichen Zwangslage. wenn wir besonders schlau sein wollen. wenn wir bloß selbst in die Zukunft reisen und nachsehen könnten! Doch nein – was würde uns das helfen? Wenn alle unsere Entscheidungen und Resultate ohnedies schon auf dem Film sind. Für ihn. eben die Entscheidungen treffen zu müssen. die wir. Wenn die Zukunft sich dagegen frei und undeterminiert entfalten kann. Es reist also in die Zukunft. in dem eine unendliche Zahl von Türen uns zur Wahl offensteht. Wenn aber die Zeit wirklich nur das Abrollen eines Films ist. wie Hermann Hesse es im Steppenwolf beschreibt. weil es das Problem des Reisens in die Zeitdimension gelöst hat. einem Theater. werfen). daß sie falsch sind und uns oder anderen Menschen schaden werden. den Zeitreisenden. ist die Zeit ja nur ein langer Filmstreifen. sieht dort. von denen wir bereits wissen. Wir brauchen uns nämlich nur vorzustellen. würde unser Vorauswissen sie in keiner Weise ändern. die sich wie ein abrollender Film entfalten? [141] Diese Frage ist von großer Bedeutung und führt uns zurück in die Newcomb-Paradoxie. Dann nämlich leben wir in einem Magischen Theater. daß das Wesen die Zukunft kennt. daß der zeitliche Ablauf unseres wirklichen Lebens anders ist? Ist die Gegenwart mehr als unsere Kenntnis eines vorausbestimmten Musters von Ereignissen. Wie aber wählen wir? Mit jenem »Randomisator in unserem Kopf«? Wiederum haben wir uns im Kreis gedreht.wenn wir glauben. ob es die Million ins zweite Kästchen legen soll oder nicht. dann gibt es eine Unzahl von Wirklichkeiten – und eine solche Welt ist selbst eine unvorstellbare Wirklichkeit. kommt dann in die Gegenwart zurück und weiß nun. dann sind wir wiederum beim vollkommenen Determinismus angelangt. Ist unser -285- .

wonach Wahlergebnisse erst nach Schluß der Wahllokale im gesamten Staatsgebiet bekanntgegeben werden dürfen. wiederum unbekannte Zukunft verursachen? In anderen Worten: Würde nicht unser Vorauswissen selbst – ganz abgesehen davon. unbekannte Zukunft schafft. so daß wir von neuem in diese neubewirkte Zukunft reisen müßten und uns so in einem endlosen Kreislauf verfingen? 83 Und was tun wir. Selbst wenn die Voraussagen bewußte Schwindeleien sind. wie zum Beispiel die USA. In einem gewissen Sinne hätten die Wähler in den westlichen Landesteilen nämlich eine Art »Vorauswissen« über den Gang der Wahlen. daß die Entscheidung des individuellen Wählers durch sein Wissen (das er über Radio und Fernsehen erhalten würde) über den Trend der bereits abgegebenen Stimmen beeinflußt werden könnte. -286- . den jene Wähler. weil die Ausbildung von Trends für sie noch in der Zukunft lag. wenn uns die Stunde unseres Todes bekannt wäre? Doch angenommen. und welche Folgen wird diese Kommunikation haben? Dies ist eine Frage. die ihre Stimmen bereits abgegeben haben. wenn die auf diese Weise erkannte Zukunft eine andere Person betrifft? Werden wir ihr unser Wissen mitteilen. können sie sehr leicht zu selbsterfüllenden 83 Eine schwache Analogie zu diesem Problem ist die in verschiedenen Ländern bestehende Verordnung. Dies ist besonders in jenen Ländern wichtig. Der Grund dafür ist. die nun eine neue. die Menschen mit vermeintlichen präkognitiven (vorauswissenden) Fähigkeiten beunruhigt – oder wenigstens beunruhigen sollte. über mehrere Zeitzonen erstrecken.alltäglicher Zustand barmherziger Ignoranz diesem unmenschlichen Wissen nicht bei weitem vorzuziehen? Wie könnten wir leben. ja. was wir mit ihm tun – eine Änderung der Gegenwart darstellen. zum Zeitpunkt ihrer Wahlentscheidung nicht hatten und nicht haben konnten. die sich. daß wir durch unsere Expedition in die Zukunft und durch das damit gewonnene Vorauswissen den Lauf der Dinge nun tatsächlich ändern können – würde diese Änderung des Laufs der Dinge nicht ihrerseits eine neue. durch ihre Stimmabgabe überhaupt erst Wirklichkeit wurde.

Wir könnten jede Kausalkette brechen. sondern weil die Tatsache. Damit aber wird der Zeitungsartikel zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. uns das Herbeiführen fast idealer Lebensbedingungen zu ermöglichen? Wir könnten zum Beispiel Tausende von Menschenleben dadurch retten. daß wir eine Wohngegend evakuierten. daß sie gemacht und geglaubt wurden. sondern nur.Prophezeiungen werden. und sie daher kaufen – worauf der Preis der Aktie natürlich steigt. weil sie gemacht wurde und nun viele Leute glauben. auf dem sich diese scheinbar ideale Utopie aufbaut. deren Ausmalung ich lieber der Phantasie des Lesers überlasse. -287- . Aber würden »wirkliche« Voraussagen nicht den alle Nachteile aufwiegenden Vorteil haben. ist es unwesentlich. In seinem Zukunftsroman »The End of Eternity« behandelt Isaac Asimov den Trugschluß. weil die Prognose in irgendeinem objektiven Sinne richtig ist. Wenn eine so weitverbreitete Zeitung wie das Wall Street Journal ein positives Urteil über die zu erwartenden Profite einer bestimmten Gesellschaft veröffentlicht. daß viele Leute glauben. denn sie kann das Verhalten des anderen genauso nachhaltig und unwiderruflich beeinflussen wie eine »wirkliche« Voraussage. geht der Preis dieser Aktien meist noch am selben Tag hinauf – und zwar nicht vielleicht deswegen. ob sie in einem abstrakten Sinne richtig ist oder nicht. die irgendwann in der Zukunft zu negativen Resultaten führen würde. 84 In andern Worten. die sich als richtig herausstellen. das heißt zu Prophezeiungen. und dies kann zu Problemen menschlicher Interaktion führen. menschliches Verhalten und damit den Lauf der Dinge ändert. wenn die Voraussage geglaubt wird. und nicht einmal deswegen. Der Traum des Goldenen Zeitalters würde sich verwirklichen. von der wir wüßten. Die Menschheit hat die Zeitmaschine 84 Dieser Mechanismus ist jedem Spekulanten an der Börse wohlbekannt. nicht weil sie die Zukunft richtig voraussagten. weil die Profite bereits gemacht sind (sie sind ja bloß vorausgesagt). daß sie an einem bestimmten Tage von einem Erdbeben verwüstet werden wird. der Preis der Aktien werde steigen.

der sonst im nächsten Jahrhundert ausgebrochen wäre. bitteren und besseren Lösungen zu finden.erfunden. Kannst du das verstehen? Kannst du verstehen. Nur in der Auseinandersetzung mit schweren Prüfungen kann die Menschheit Hohes erreichen. daß nicht zu viele Menschen ihren Standpunkt verstehen werden. ich befürchte. die die Menschheit zu immer neuen und höheren Errungenschaften treibt. Wie steht es mit Reisen in die Vergangenheit? Wie wir gleich sehen werden. daß Eternity durch die Verhinderung von Scheitern und Elend die Menschen daran hindert. schaltet sie auch ihre Triumphe aus. Der Held des Romans. und ein Krieg.) Doch wir brauchen uns über die Wahrscheinlichkeit von Reisen in die Zukunft keine großen Hoffnungen zu machen. kann daher zukünftige Ereignisse voraussehen und ist somit in der Lage. Eternity (Ewigkeit) genannt. auf -288- . zusammen: Indem Eternity die Verhängnisse der Wirklichkeit ausschaltet. unerwünschte Entwicklungen durch minimale Veränderungen der zu ihnen führenden Kausalketten lange vor ihrem Eintreten zu verhindern. promoviert zum Präventivspezialisten durch ein wohlgeplantes und wohlausgeführtes Meisterstück: Er beschädigt die Kupplung des Wagens eines jungen Studenten. Aus Gefahr und ruheloser Unsicherheit fließt die Kraft. Besonders in unseren Tagen gilt es für böse und reaktionär. vor den totalitären Folgen dieser Art von Seligkeit und vor den Pathologien des Utopiesyndroms [184] zu warnen. dem es dadurch unmöglich wird. wird »aus der Wirklichkeit entfernt«. ihre eigenen. Als Folge dieses relativ nebensächlichen Ereignisses wird der Student auf eine andere Studienrichtung gebracht. liegen da die Dinge etwas anders und führen zu sogar noch seltsameren Widersprüchen mit unserer »normalen«. Was könnte wünschenswerter und humaner sein? Doch gegen Ende des Romans faßt Asimov durch den Mund seiner Heldin die katastrophalen Folgen dieser Utopie. die wirklichen Lösungen. die aus der Überwindung von Schwierigkeiten und nicht ihrer Vermeidung kommen? [12] (Nein. Andrew Harlan. seine erste Vorlesung über Sonnenenergie zu besuchen.

wenn wir damit das Sammeln von Information in jenem Teil unseres Raum. Die spezielle Relativitätstheorie lehrt.) Zusätzlich zu den 85 Martin Gardner hat einen amüsanten Artikel über dieses Thema geschrieben. daß ein sich schneller als mit Lichtgeschwindigkeit bewegender Körper zeitlich rückläufig ist. von einer Zeitreise in die Vergangenheit zu sprechen. (Die nächste Aufgabe der Detektive wird darin bestehen.»gesundem Menschenverstand« beruhenden Auffassung der Wirklichkeit. während sein »gegenwärtiges Selbst« zu dieser Zeit sich anderswo aufhält. Sie bringen es irgendwie fertig. was Zeitreisende in Zukunftsromanen tun. Angenommen. daß heißt nach ihm zu fahnden und ihn schließlich zu fangen. -289- . die sich schon dann ergeben würden. eine Gruppe von Detektiven begibt sich zum Tatort eines Verbrechens und beginnt ihre Erhebungen. zu erfahren. und dort werden sie den Täter »treffen«. In diesem Sinne dürfte es nicht allzu absurd sein. werden sie die Kausalketten entdecken. die den Täter mit dem Verbrechen verbindenden Kausalketten in die Gegenwart herein zu verfolgen. 85 (In einer Fußnote erwähnte ich bereits die sonderbaren Zeitverschiebungen. wenn sich die Geschwindigkeit eines Raumschiffs der des Lichtes nur näherte.) Dies ist aber nicht. den Filmprojektor umzuschalten und den Zeitfilm nach rückwärts laufen zu lassen. die Kausalketten von der Gegenwart in die Vergangenheit zurückzuverfo lgen. obwohl dies nur sein »früheres Selbst« sein wird. der bereits in die Vergangenheit verschwunden ist. wenigstens dann nicht. die sie zum Augenblick der Verübung der Tat zurückführen. daß eine derartige Zeitumkehr in der theoretischen Physik nicht ganz unmöglich erscheint. Wenn die Detektive Erfolg haben. Erheben heißt hier offensichtlich. Es mag uns Laien aber überraschen.ZeitKontinuums meinen.

Abbildung 15 stellt die Übermittlung einer tachyonischen Nachricht zwischen zwei Kommunikanten (A und B) dar. bei dem sie um 10 Uhr ankommt. Von Interesse für unser Thema sind die höchst merkwürdigen. sich auf der Zeitdimension dahinbewegen. bevor sie abgesandt wurde. B sendet dieselbe Mitteilung nun sofort an A zurück. daß B durch dieses Signal von einem Ereignis informiert wird. besonders wenn wir bedenken. (Eine Linie ist bekanntlich eine unendliche Zahl von Punkten – im vorliegenden Falle also von Zeitpunkten). Er besitzt daher wirkliche Voraussicht. das heißt von Teilchen.bereits entdeckten subatomaren Teilchen postulieren die Physiker unter anderen auch die Existenz sogenannter Tachyone. Da sie beide. Anscheinend sind bereits Riesensummen für verschiedene Versuche zu ihrer Entdeckung ausgegeben worden. die sich schneller als das Licht fortbewegen. die sich dann ergeben würden. Die Paradoxien. Es bedeutet ferner. was nicht mehr und nicht weniger bedeutet. daß um 12 Uhr mittag eine tachyonische Meldung von A nach B ausgestrahlt wird. daß sie mehrere Millionen von Kilometern im Räume getrennt sind. kommt sie bereits um 11 Uhr bei B an. vertikal von unten nach oben verlaufenden Linien dargestellt. Mit ihrem Empfang ist A nun im Besitz von Information über ein Ereignis. ist ihre Bewegung durch die beiden parallelen. das dort in zwei Stunden eintreten wird – eine etwas ungewöhnliche Angelegenheit. Da sich die Meldung zeitlich nach rückwärts bewegt. daß A ja selbst der ursprüngliche Sender dieser Mitteilung ist. beunruhigenden Folgen. das noch nicht eingetreten ist. Wir nehmen nun an. die sich durch den Gebrauch von Teilchen mit Überlichtgeschwindigkeit ergeben -290- . wenn die Tachyone tatsächlich entdeckt und irgendwie der Übermittlung von Information dienstbar gemacht werden könnten. von denen wir annehmen wollen. die B über ein soeben bei A stattgefundenes Ereignis informiert. und mit ihnen natürlich das ganze Universum. als daß sie dort empfange n wird.

wie in H. Wenn eine solche Konversation also stattfindet. erfolglos bleiben – und letzteres ist bisher der Fall! Das Scheitern des Versuchs wäre also der Beweis seines Erfolgs… Doch die eleganteste Lösung futuristischer Zeitreisen ist natürlich die Verwendung einer eigentlichen Zeitmaschine. Wells’ klassischer Erzählung. G. wurden zum ersten Mal vom Physiker Tolman im Jahre 1917 beschrieben [171]. führt uns ihre Untersuchung zu einem vertieften Verständnis der Relativität unserer Weltschau. sind die logischen Probleme. wenn sie erfolgreich durchgeführt werden können. keineswegs unvorstellbar. Seine Ideen sind die Grundlagen eines Referats. 86 Das Dilemma dieses Kommunikationskontextes hat offensichtliche Ähnlichkeit mit Poppers paradoxer Voraussage. die sich aus ihrer Verwendung ergeben würden. dann kann sie nicht stattfinden86 .würden. Book und Newcomb (der Urheber der Newcomb-Paradoxie) 1970 veröffentlichten [19]. Oder anders ausgedrückt: Die Beobachtungen (die »Antwort« der Natur) würde zeitlich immer vor dem Experiment (der »Frage« der Forscher an die Natur) kommen. genau wie bei einem Gespräch über das tachyonische Antitelephon (wie Benford und seine Kollegen dieses futuristische Instrument bezeichnen) die Antworten immer vor den Fragen kämen. -291- . daß die Suche nach Tachyonen bisher deswegen ergebnislos verlaufen ist. Wie Maxwells Dämon neue Perspektiven eröffnete. Während der Bau einer solchen Maschine ein Ding der unvorstellbaren Zukunft ist. und aus demselben Grunde müssen tachyonische Experimente. das Benford. Darin verweisen sie auf die Möglichkeit. weil – sehr laienhaft interpretiert – die Überlichtgeschwindigkeit dieser Partikel die übliche Wenndann-Struktur jedes wissenschaftlichen Experiments sozusagen in eine DannwennSituation verkehrt.

steigt aus und tritt damit wiederum in den Fluß der Zeit ein (dargestellt durch den Filmstreifen auf der rechten Bildseite). ohne irgend etwas zu tun. da er fünfzehn Jahre alt ist (war).Abbildung 15 Das filmähnliche Diagramm auf der linken Seite von Abbildung 16 stellt das Leben des Zeitreisenden von seinem Auftauchen in der Zeit (seiner Geburt) bis zum Alter von 30 Jahren dar. daß er dafür nur wenige Minuten braucht). ohne sich in irgendeiner Weise in -292- . das heißt. Wenn er sich nur umsieht. Zu diesem Zeitpunkt hat er seine Zeitmaschine gebaut und begibt sich nun auf eine Reise in die Vergangenheit (die von links oben nach rechts unten verlaufende Linie). also zum Zeitpunkt. Er geht fünfzehn Jahre in die Zeit zurück (wir wollen annehmen.

wir kennen den Jungen seit seiner Geburt. Der Umstand. und beide Leben entfalten sich vor unseren Augen oder. in dem unser Lineal den Beginn des rechten Filmstreifens berührt. so ließen sich die Folgen für den Jungen nicht absehen. daß sie sich ganz verschieden entwickeln. ist auf dem Diagramm durch den -293- . daß der Junge er selbst im Alter von fünfzehn Jahren ist. das er tun könnte. Der Junge wird all dies höchstwahrscheinlich für das Gefasel eines Geistesgestörten halten und ihn stehenlassen. Man stelle sich nur mit Reichenbach [142. Sobald er aber mit der Wirklichkeit in Interaktion tritt. der verdächtig genau über seine Person und sein Leben Bescheid weiß und sogar konkrete Voraussagen über seine (des Jungen) Zukunft macht. zwei Wirklichkeiten koexistieren und rollen gleichzeitig vor unseren Augen ab. Wir und es reisen nun gemeinsam im Strom der Zeit dahin. Nehmen wir an. wenn wir eine andere Definition vorziehen. Das wäre ungefähr das Beste. Er weiß. bis ungefähr an seinem fünfzehnten Geburtstag sich etwas Sonderbares ereignet: Eine dreißig Jahre alte Version seiner selbst materialisiert sich plötzlich aus dem Nichts und gesellt sich zu ihm. wird nichts Ungewöhnliches geschehen.143] vor. Er prophezeit sogar. Zu einem gewissen Zeitpunkt (nämlich wenn die Kante des Lineals am Beginn des linken Filmstreifens ankommt) wird das Kind geboren. daß der Junge eines Tages seinem früherem Selbst begegnen wird.die Kausalketten einzuschalten. daß wir ein (wenn möglich durchsichtiges) Lineal am unteren Bildrand zur Zeitlinie anlegen und es langsam waagerecht nach oben verschieben. denn nähme er den älteren Mann ernst. ergeben sich sonderbare Folgen. Wir verschieben es weiter nach oben. der andere aber findet sich vis-àvis einem Mann. indem er zum Beispiel mit jemanden kommuniziert oder durch irgendeine andere Handlung die Kausalketten verändert. Dies läßt sich in Abbildung 16 dadurch simulieren. Dies ist natürlich der Augenblick. daß er seinem früheren Selbst begegnet und daß die beiden ein Gespräch beginnen.

schrägen Verlauf des rechten Filmstreifens angedeutet. da er gegen den Strom der Zeit reist. Man vergleiche hierzu auch Gerald Feinbergs Referat über Partikel. auf der Abbildung 16 beruht. -294- . in »Wirklichkeit« unsichtbar. geht auf Nobelpreisträger Richard Feynman [42] zurück und heißt daher FeynmanDiagramm. Im Alter von dreißig Jahren schließlich verschwindet unser Freund auf ebenso unerklärliche. 87 Abbildung 16 87 Die Darstellungsweise. spurlose Weise aus der Wirklichkeit. In ihm werden die drei Raumdimensionen in vereinfachter Form als horizontale Linie (X-Achse) zusammengelegt und die Zeit vertikal dazu (auf der Y-Achse) aufgetragen. doch wäre er. in der sein älteres Selbst vor fünfzehn Jahren aus dem Nichts plötzlich auftauchte. die sich mit Überlichtgeschwindigkeit bewegen [41]. Auch der Zeitreisende auf seiner Maschine ist eingezeichnet.

sollte der Würfel aus seiner Hand verschwinden -295- . ist etwas komplizierter. Das nächste Experiment. indem er den Zeiger der Zukunftsskala auf fünf Minuten stellt und einen kleinen Messingwürfel auf die Plattform der Maschine legt. Dies ist nicht überraschend. Da durch das Zurückstellen des Zeigers die Zeit nun aber rückwärts läuft. fünf Minuten in die Vergangenheit. und sei es auch nur als Gedankenexperiment oder zum rein intellektuellen Zeitvertreib.Wenn diese Überlegungen auch höchst sonderbar und unglaublich erscheinen. durch die kleine Gegenstände in die Vergangenheit oder die Zukunft geschickt werden können. wenn der Zeitreisende in Interaktion (Kommunikation) mit der zukünftigen oder vergangenen Wirklichkeit tritt oder wenn er Gegenstände aus der Gegenwart in diese Wirklichkeiten mitnimmt. daß unsere Sprache und mit ihr unsere Denkprozesse uns sehr bald im Stich lassen. Er demonstriert seinen Kollegen zuerst eine Reise von fünf Minuten in die Zukunft. die alle in der einen oder anderen Weise von den merkwürdigen Widersprüchen handeln. daß er den Zeiger der Vergangenheitsskala um fünf Minuten zurückstellen und den Würfel um genau 3 Uhr auf die Plattform der Maschine legen wird. die sich aus Reisen in die Zeit und vor allem dann ergeben. Sobald wir mit dem Begriff der Zeit zu experimentieren beginnen. Er verschwindet sofort und erscheint nach genau fünf Minuten wieder. denn jede Sprache beruht auf der Wirklichkeitsauffassung ihrer Benutzer und determiniert und verewigt ihrerseits diese Auffassung. In einem seiner Artikel [55] hat Martin Gardner eine eindrucksvolle Anthologie aus Zukunftsromanen zusammengetragen. Professor Johnson erklärt seinen Kollegen. Hierzu ein Beispiel: In Fredric Browns Kurzgeschichte »Experiment« hat Professor Johnson das Modell einer Zeitmaschine gebaut. müssen wir feststellen. sind sie doch weder unlogisch noch theoretisch unmöglich.

-296- . Die Tatsache des Mitbringens »richtiger« Information aus der Zukunft ändert die Wirklichkeit der Gegenwart. ist er bereits dort!« Der andere Kollege runzelte die Stirn. Also gut. Er erschien auf der Plattform der Zeitmaschine wieder. in der die Ereignisse einen völlig neuen Lauf nehmen können. Aber das gesamte übrige Universum. Zum Abschluß dieses Abschnitts möchte ich nochmals aus Gardners Artikel zitieren. sagte Professor Johnson. Der eine ist die Fortsetzung des bisherigen Verlaufs der Dinge. verschwand. damit ich ihn auf die Plattform legen kann. »der mir noch nicht gekommen ist. wenn der Zeitreisende entweder die Vergangenheit betritt oder aus der Zukunft in die Gegenwart zurückkehrt. da der Würfel bereits da ist. fünf Minuten bevor Sie ihn hinlegen – nicht um drei Uhr hinlegen? Würde das nicht eine Art von Paradox ergeben?« »Das ist ein interessanter Gedanke«. »Haben Sie gesehen? Fünf Minuten bevor ich ihn dorthin lege. Jedesmal. »Aber«. und nun. wenn Newcombs Wesen aus der Zukunft zurückkommt. spaltet sich die Welt in zwei Zeitströme. Der Würfel blieb an Ort und Stelle.und fünf Minuten vor 3 Uhr auf der Plattform erscheinen – also fünf Minuten bevor er ihn dort hinlegt. der mit einem Hinweis auf James 88 Etwas ganz Ähnliches müßte eintreten. je nachdem. Einer seiner Kollegen stellt die naheliegende Frage. und für diese neue Gegenwart mag die Information aus der Zukunft nicht mehr stimmen. [22] Eine andere Möglichkeit ist die bereits im Zusammenhang mit Abbildung 16 erwähnte. die Million in Kästchen 2 legt oder nicht. 88 Abbildung 17 karikiert eine dieser Möglichkeiten. meinte er. wo er unsere Wahl bezüglich der Kästchen beobachtete. Professoren und alles. ich werde ihn nicht…« Es gab ganz und gar kein Paradox.« Der Würfel verschwand aus seiner Hand. wie er den Würfel unter diesen Umständen dort hinlegen kann. wenn Sie es sich überlegen? Wenn Sie ihn – jetzt. »was geschieht. der andere ist der Beginn einer ganz neuen Wirklichkeit. Man müßte es versuchen. »Er wird beim Herannahen meiner Hand von der Plattform verschwinden und in meiner Hand auftauchen.

die in einem unbekannten Sinne bereits besteht? Oder. während der Strom des Daseins uns in eine Zukunft führt. mit menschlichem Bewußtsein und freiem Willen zusammenhängt. was es bedeutet. [51] -297- . die wir ebensowenig begreifen können wie die Fische im Fluß Liffey die Stadt Dublin. den Gott oder die Götter von seinem Ursprung bis zu seiner Mündung oder von der unendlichen Vergangenheit in die unendliche Zukunft mit einem zeitlosen und ewigen Blick übersehen können? Ist Willensfreiheit nicht mehr als eine Illusion. die selbst die Götter nicht erwarteten? Diese Fragen gehen weit über den Bereich der Physik hinaus und richten sich an Aspekte unserer Existenz. ist die Geschichte ein bereits aufgenommener Film. in dem der durch Dublin fließende Strom Liffey als das große Symbol der Zeit dargestellt wird: Die Physiker interessiert mehr denn je. und sie denken mehr denn je darüber nach. was die Philosophen über die Zeit gesagt haben. bis sie nicht tatsächlich eintritt? Bringt die Zukunft wirklich Neues – Überraschungen. wenn überhaupt. wie es William James und andere so leidenschaftlich betonten. Ist die Geschichte wie ein mächtiger Strom.Joyces Roman »Finnegans Wake« beginnt und endet. in keiner Hinsicht existierend. und wie dies. der zur Erheiterung oder zur Erbauung eines unvorstellbaren Publikums auf den vierdimensionalen Schirm unserer Raum-Zeit projiziert wird? Oder ist die Zukunft. offen und undeterminiert. um die Metapher etwas zu ändern. daß die Zeit eine »Richtung« hat.

nicht!« Abbildung 17 -298- .»Nicht – um Himmelswillen.

einzigartig.) Offenbarung 10. dessen Geheimnisse noch größer sind als die der Vergangenheit und Zukunft? Zwischen diesen beiden unendlich langen Zeiträumen. außer unter höchst ungewöhnlichen Umständen und für kurze. und doch.6 Wenn Öl aus eine m Behälter in einen anderen gegossen wird. blitzartige -299- . außer im Bilde des Fließens. Ist es vielleicht deswegen. ist das Jetzt unsere einzige direkte Erfahrung der Zeit – daher das Zenbuddhistische Gleichnis des Ölstrahls. Für den Beobachter liegt etwas Faszinierendes im gläsernen.Die ewige Gegenwart …quia tempus non erit amplius. regungslosen Wesen dieses raschen Flusses. unbewegt. da jeder gegenwärtige Augenblick vom nächsten gegenwärtigen Augenblick gefolgt ist. und sich ändert. was geschieht. Die Gegenwart hat keine Länge und ist dennoch der einzige Zeitpunkt. (…daß hinfort keine Zeit mehr sein soll. zusammenhängend« in Parmenides’ Sinn erfassen. weil er uns archetyp isch an jenen Aspekt der Zeit gemahnt. Sie wird zur Vergangenheit. Er stellt sowohl unser unmittelbarstes wie auch unerfaßbarstes Erlebnis der Zeit dar. daß. liegt der unendlich kurze Augenblick der Gegenwart. Wir sahen bereits. geschieht. fließt es in einem Strahl von vollkommener Glätte und Stille. so wie das Quadrat in Flachland das Wesen eines dreidimensionalen Körpers nur als eine Bewegung erfassen konnte. wir die Zeit als vierte Dimension nicht begreifen können. bevor wir uns ihrer gewahr sind. Wir können das Wesen der Zeit nicht als »ganz. an dem das. was sich ändert. die sich in entgegengesetzte Richtungen erstrecken.

Prämissen. Ziel des Mystikers ist daher die Befreiung aus der Befangenheit in Vergangenheit und Zukunft. daß sie irgendwie zeitlos und wirklicher als die Wirklichkeit sind. alle Wohnstätten Allahs zu schauen. Aberglauben. und wie verschieden diese Schilderungen in jeder anderen Hinsicht auch sein mögen. schreibt der persische Dichter Dschelal edDin Rumi. »Der Sufi«. wonach Mohammed sich beim Eintreten des Boten Gottes in sein Zelt erhob und dabei den bei seinem Lager stehenden Wasserkrug umstieß.« Und Omar Chajjam sehnt sich nach der Befreiung von Vergangenheit und Zukunft. wenn er singt: »Wein klärt den Tag / von Furcht und Gram. was kam und kommen mag!« 89 Dostojewski bezieht sich hier auf die Legende. das die indische Philosophie maja nennt. war das Wasser noch nicht ganz ausgeflossen. Dogmen. Hoffnunge n und dergleichen wirklicher als die Wirklichkeit werden und jenes Gewebe von Illusionen erzeugen. Es gibt in der Weltliteratur zahllose Beschreibungen dieses Erlebnisses. -300- .89 Doch die ewige Gegenwart wird kaum je ohne die Verzerrungen und Überlagerungen durch frühere Erfahrung und durch Zukunftserwartungen erlebt. obwohl der epileptische Prophet Zeit hatte. Als er aus den sieben Himmeln zurückkehrte. um aus Mohammeds Krug zu fließen. »ist der Sohn der gegenwärtigen Zeit. und wie vielen seiner Leidensgefährten enthüllen auch ihm die letzten Sekunden vor dem grand mal (die sogenannte Aura) diese ungewöhnliche Wirklichkeit: In jenem Augenblicke scheine ich irgendwie die Bedeutung jenes ungewöhnlichen Wortes zu verstehen. scheinen sich ihre Autoren darüber einig zu sein. Wie dieses Buch zu zeigen versuchte. die für das Wasser nicht ausreichte. Dostojewskis Fürst Myschkin. wenngleich wiederum durch eine Illusion. können Annahmen. ist ein Epileptiker.Momente. Zu Recht oder Unrecht werden diese Momente als mystische bezeichnet. Dies ist wahrscheinlich jene Sekunde. daß hinfort keine Zeit mehr sein soll. der Idiot.

« Wenn man ihn aber einmal erfaßt hat. Das Ich hatte aufgehört zu sein. den man ersinnen kann. einen Hauch von Ewigkeit. als glitte ich. was der letzte Inhalt des Buddhismus sei. […] Dann wurde mir. auf dem Rücken liegend. »Der Sinn. schrieb Laotse vor 2500 Jahren. Koestler erlebte es in der Todeszelle eines spanischen Gefängnisses. der seine Erforschung der Wirklichkeit bis an die Grenzen menschlichen Verständnisses vortrieb. solange ihr ihn nicht habt. die durch ein Klavierkonzert ausgelöst werden. bedarf er offensichtlich keiner Erklärung mehr. das aber genau so wirklich ist – nein. ein Schwingen des Pfeils im Blauen. während er sich mit der Eleganz des Euklidschen Beweises beschäftigte. sehr viel wirklicher. das in Worten so wenig ausdrückbar ist wie die Empfindungen. so beziehe ich mich auf ein konkretes Erlebnis. antwortete er: »Ihr werdet ihn nicht verstehen. […] Wenn ich sage »das Ich hatte aufgehört zu sein«. fand. ist nicht der ewige Sinn. Sowohl Zustände großer Gelöstheit und Erfüllung. in einem Fluß des Friedens unter Brücken des Schweigens. Als Meister Shint’ou gefragt wurde. Und hier liegt die endgültige Paradoxie. der Name. schloß seine »Logisch-Philosophischen Abhandlungen« mit dem berühmten Satz: »Wovon man nicht sprechen kann. in dem wortlosen Bewußtsein: »das ist vollkommen – vollkommen«. daß die Zahl der Primzahlen unendlich groß ist: Die Bedeutung dieser Erkenntnis schlug über mir zusammen wie eine Welle.Doch das Erlebnis der ewigen Gegenwart beschränkt sich nicht auf die Aura oder den Rausch. Ich muß so einige Minuten verzaubert dagestanden haben. Ich kam von nirgendwo und trieb nirgendwo hin. Und Wittgenstein. ist nicht der ewige Name«. den man nennen kann. das Erlebnis der ewigen Gegenwart in Worte zu kleiden. Tatsächlich ist sein wichtigstes Kennzeichen der Eindruck. als – paradoxerweise – auch Augenblicke großer Gefahr können dieses Erlebnis herbeiführen. daß dieser Zustand viel wirklicher ist als irgendein je zuvor erlebter – [79]. Die Welle war einer artikulierten verbalen Einsicht entsprungen. Dann war weder der Fluß mehr da noch ich. die sich aber sofort verflüchtigt hatte und nur einen wortlosen Niederschlag zurückließ. daß Worte dafür unzureichend sind. darüber -301- . Wer immer versuchte.

« Hier also sei dieses Buch beendet. -302- .muß man schweigen.

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