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Termin Mit Gottfried Wagner

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32 LEBENSART MENSCHEN

Rheinischer Merkur · Nr. 48 / 2007

„Was war da mit den Juden?“
TERMIN MIT GOTTFRIED WAGNER Der Musikwissenschaftler, Publizist und Regisseur lebt weit weg vom Grünen Hügel.

Mit dem Vater, dem Leiter der Bayreuther Festspiele, ist er zerstritten. Ein Rückblick ohne Zorn
Von Christiane Florin von Tel Aviv vor. Am selben Tag debütiert Katharina Wagner als Regisseurin auf dem Grünen Hügel. Bestimmt hätte ihm seine Großmutter, wäre sie 1990 noch am Leben gewesen, davon abgehalten, in Israel über Richard Wagner Vortrage zu halten. Gottfried Wagner jedoch zieht ins fremde Land, er gibt Seminare an renommierten Universitäten, spricht über Antisemitismus. Auch im Gespräch referiert er, zitiert theoretische Schriften und Bühnenwerke des Urgroßvaters. „Das ,Judenthum in der Musik‘ genügt nicht, Wagners ganzer Kunstbegriff ist antisemitisch aufgeladen.“ Provokationen wie diese spricht er gelassen aus. So, als fordere Wagners Werk nicht sein Herz, sondern nur seinen Verstand. Der freischaffende Musikologe, Publizist und Regisseur hört die Musik nicht, sondern setzt sich ihr dienstlich aus. „Je mehr ich über sie weiß, desto weniger bin ich von ihr angetan“, resümiert er. „Diese raffinierte Musik hat etwas Gewalttätiges.“ Israel 1990 – sein Sündenfall. Der Vater instruiert, so Gottfried Wagners Schilderung, die Wagnerverbände, den jungen Mann mit den inakzeptablen Ansichten nicht einzuladen. Aus dem Verlorenen wird der Verstoßene, das biblische Happy End – so unmöglich wie ein fröhliches Familienfest in Walhall. Zumindest verbal knüpft der Unerwünschte die Bande bis heute; Katharina, die zwar frech inszeniert, aber brav wie an des Vaters Seite bleibt, nennt er „meine Halbschwester“; Eva Wagner-Pasquier, die 2001 vom Stiftungsrat der Festspiele zur neuen HügelHerrscherin ausgerufen wurde, ist „meine Schwester“. Statt „Wolfgang Wagner“ schreibt er „Vater“. Auf den Leser wirkt das fast zärtlich. „Zärtlich?“ Der Autor schaut erstaunt. „Vater – das ist eine klare Definition einer Familienbeziehung. Mein Sohn Eugenio nennt mich Papi.“ Gottfried Wagner lebt seit 27 Jahren in Italien, seine Frau ist stellvertretende Bürgermeisterin von Cerro Maggiore bei Mailand. Er ist diesmal nur für wenige Tage in Deutschland, um das Buch „Unsere Stunde null“ vorzustellen. Vom Rheinland aus wird er ohne Umweg über Franken in die Lombardei fahren. „Festspiele-Erlösungs GmbH“ nennt er das Gesamtkunstwerk aus Musik, Mythos und Macht. Trotz der Distanz hat er eine Rolle in dem Drama seiner öffentlichen Familie. Die Besetzung: Wolfgang, der fränkische Patriarch, Eva, die geheimnisvolle Kosmopolitin, Nike, die bissige Intellektuelle, Katharina, das nette HügelGirlie, und er, der Mahner für einen verantwortlichen Umgang mit dem Mythos Wagner nach Hitler. Einer, der Tante Friedelinds Werk fortführt. Die hatte Nazi-Deutschland verlassen und mit ihrem Buch „Nacht über Bayreuth“, einer Nahaufnahme vom bösen Wolf in Bayreuth, die Wagner-Gemeinde nach dem Krieg schockiert. Gottfried Wagner rechnete 1997 in den autobiografischen Aufzeichnungen „Wer nicht mit dem Wolf heult“ mit der Sippschaft ab. Er besteht die Prüfung. Er fühlt sich nicht schuldig an Hitlers Liebe zu Wagner und der Liebe einiger Wagners zu Hitler. Eine „Erlösungs GmbH“ haftet beschränkt für die Historie, sein Unternehmen Erinnerung kennt keinen Schlussstrich. „Mein Freund Abraham Peck ist in Landsberg geboren, dort, wo Hitler in Haft saß, dort, wo er ,Mein Kampf‘ schrieb. Auf Papier, das meine Großmutter geliefert hatte. Auch deswegen setze ich mich so intensiv mit dem Thema auseinander“, sagt er. „Vorrrsehung“ hätte der „Führer“ zur Macht des Schicksals finster geraunt. Gottfried Wagner richtet auf die dunklen Jahre ein grelles Licht. Zur ganzen Wahrheit fehlen, wie er beklagt, wichtige Quellen. Die Recherchelage ist kompliziert, das Familien- und Festspielarchiv wurde sogar der genetisch unbefangenen Forscherin Brigitte Hamann nur teilweise geöffnet, der Nachlass von Winifred und Siegfried Wagner ist unzugänglich.
Die Bayreuther Gegenwart erreicht den Mann in der Lombardei über die Medien. Als pein-

D

er verlorene Sohn hat ein gewinnendes Wesen. Gottfried Wagner, Spross aus der ersten Ehe des Festspielleiters Wolfgang Wagner, lächelt gern. Er muss jetzt tapfer über den nächsten Satz hinweglächeln: Trüge der 60-Jährige nicht beim Gespräch in einem Bonner Restaurant Jeans, Pulli und Halstuch, sondern Wams und Seidenhemd, so könnten ihn kultursinnige Gäste für Richards Reinkarnation halten. Die Nase, die Stirn, die Augenform – ganz wie der Urgroßvater. „,Du hast diese Wagner-Nase.‘ Diesen Satz könnte ich als Kind nicht mehr hören“, sagt er. Schlimmer war für den Jungen das, was er nicht zu hören bekam. Als er acht Jahre alt ist, wird seine Klasse zu einem Kinofilm übers Dritte Reich verdonnert. Er sieht den Festspielhügel auf der Leinwand, den „Führer“, von dem Großmutter Winifred immer sprach. „Das ist ja Oma, das ist Onkel Wieland“, schießt ihm durch den Kopf. Der Film endet mit Bildern eines Konzentrationslagers. Er hört Unverständliches über Juden. Zu Hause fragt er den Vater. „Was war da mit den Juden?“ Wolfgang und Wieland Wagner leiteten damals gemeinsam die Festspiele. Die Brüder hatten, als sie selbst Kinder waren, den gern gesehenen Gast Adolf Hitler liebevoll „Onkel Wolf“ genannt. Gottfried Wagner und auch die Historikerin Brigitte Hamann erzählen in ihren Büchern eine Anekdote aus den frühen Dreißigerjahren: Die kleinen Wagners spielen ein Nazi-Kasperlestück. Wolfgang habe sich einen Juden als Puppe zugelegt „mit einem herrlichen Zinken“, Wieland habe die Kulissen gemalt, Schwester Verena die „Weiberrollen“ übernommen. Die schlichte Geschichte: Kasperle, ganz guter Nazi, hält zwei lästige Verehrer, darunter den Juden, von der Prinzessin fern. Die monströse Geschichte: Bayreuth wird zur germanischen Kulturhauptstadt.

Die Brüder galten als „unbelastet genug“, um 1951 Neu-Bayreuth zu wagen. Vorgängerin

Winifred wurde bei der Entnazifizierung zunächst als Aktivistin eingestuft, dann – laut Gottfried „durch Zurückhaltung von Dokumenten“ – als Minderbelastete. Was also war da mit den Juden? „Mein Vater hielt mir einen Vortrag über das Ende der Weimarer Republik, die Arbeitslosigkeit“, erinnert sich Gottfried Wagner. Für „das mit den Juden“ sei er zu klein. Der Sohn glaubt das nicht; das Verlieren beginnt. Nur die Großmutter weicht nicht aus. Sie erzählt von der Weltverschwörung. „Wenn du später mit Juden zu tun hast, wirst du mir recht geben.“ Gottfried Wagner hat später viel mit ihnen zu tun. Er wohnt als junger Musikwissenschaftler bei New Yorker Juden, er schreibt nach 16 Jahren in der Post-Holocaust-Dialog-Gruppe ein Buch mit Abraham Peck, dem Sohn von zwei Holocaust-Überlebenden. Er erarbeitet mit der Komponistin Janice Hamer die Oper „Lost Childhood“, eine „musikalische Brücke für Deutsche und Juden“. Das Gern hätte er manchmal den Namen abgeWerk stellt er am 25. Juli 2007 in der Oper streift. Er beschäftigte sich zunächst mit Themen abseits des Wagner-Kulturschreins. Seine Dissertation schrieb er über Kurt Weill und Bert Brecht. Durch die Israel-Reise näherte er sich dem Vorfahren wieder, setzte kritische Forschung »Je mehr ich über Richard gegen den Mythos. Wagner und Hitler Wagners Musik weiß, waren auch Teil der Geschichte seiner Frau: Deren Familie hatte die Besetzung desto weniger bin ich von ihr 1943 bis 1945 erlebt. angetan. Diese raffinierte Musik der Lombardei von Volksempfänger stän„Damals spielte der dig das Vorspiel zum dritten Akt von ,Lohat etwas Gewalttätiges.« hengrin'“, erzählt er. „Meine italienische Gottfried Wagner Familie kannte Wagners Musik als Todesim RM-Gespräch melodie. Ich wurde getestet.“ Mahner: Gottfried Wagner, hier auf dem Wiener Judenplatz, will das Tor zur Erinnerung öffnen.

lich empfindet er die Nachfolge-Seifenoper. 1997 hat er seine Gedanken zur Zukunft der Pilgerstätte publik gemacht. Ein Jahr früher als Cousine Nike – auf das Copyright legt er Wert – hat er öffentlich davon geträumt, aus der Monokultur auszubrechen, den Komponisten zum Beispiel mit Zeitgenossen wie Meyerbeer und Mendelssohn zu konfrontieren. Auch eine optimierungsbedürftige Oper wie „Rienzi“ gehöre auf den Spielplan. Wagner – für die einen Über-, für die anderen Unmensch. In Gottfrieds Festspielen würde er vom Gott zum Genie schrumpfen, vom Götzen zum Künstler wachsen. „Das wäre ein kulturelles Konzept, keine Schickimicki-Veranstaltung“, stichelt er gegen das Rote-Teppich-Business. Die Wunden unter der Oberfläche aus Kritik und Vorwürfen können Außenstehende nur ahnen. Wer Bücher über den Kultur-Clan liest, ist dankbar, nicht dort aufgewachsen zu sein, wo laut Hausinschrift Wagners Wähnen Frieden fand. Es ging und geht heiß her in diesem nationalen Familienbetrieb, wohl zu hitzig für Nestwärme. „Mein Vater war wie Wieland aufgrund seiner Machtbesessenheit unfähig, sich den Kindern zu widmen“, sagt Gottfried Wagner. Harte Worte, aber in den Augen blitzt ein wenig Mitleid auf für Wolfgang, das Kind seiner Zeit. „Zur Großmutter hattest du ein gutes Verhältnis“, wirft seine Begleiterin Bettina Fehr, eine langjährige Freundin, auf der Suche nach Bayreuther Kuschelecken ein. „Nein.“ „Aber ein nahes.“ Er widerspricht wieder. Mag sein, dass Gottfried Wagner die Führer-Freundin „Omi“ genannt hat. Doch dann assistierte er HansJürgen Syberberg bei dessen WinifredWagner-Porträt. Die einstige Festspielchefin bekannte vor der Kamera: „Wenn der Hitler zum Beispiel heute hier zur Türe hereinkäme, ich wäre genauso fröhlich und glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben wie immer.“ Der Film explodierte 1975 in der Kulturszene. Dass die 78-Jährige nicht versuchte, sich als Widerstandskämpferin zu inszenieren, hielt mancher Feuilletonist für mutig. „Ihre Aussagen waren verroht, nicht mutig“, urteilt der Enkel. In Gottfried Wagners neustem Buch „Unsere Stunde null“ hat Eugenio das letzte Wort. Er hat seine Gedanken nach einer Auschwitz-Reise aufgezeichnet. Vater und Sohn – schwarz auf weiß auf gemeinsamen Wegen. Wir verlieren, verstoßen, verrohen nicht, steht zwischen den Zeilen.
Gottfried Wagner, Abraham Peck:
FOTO: ANDREA BARDAS

Unsere Stunde null. Böhlau Verlag, Köln 2006. 428 Seiten, 24,90 Euro.

ROBIN MISHRA PERSÖNLICH

Ein Klavier, ein Klavier!

Ein Samstagmorgen. Als ich durch Berlin-Kreuzberg stapfte, hatte es begonnen, in Strömen zu regnen. Einen Schirm hatte ich nicht dabei. Der Zufall wollte es, dass mein Blick auf ein kleines unscheinbares Ladenschild an einem schönen Altbau fiel. „Ihre Klavierwerkstatt“, verhieß es freundlich. Da das Geschäft geschlossen war, drückte ich auf die Klingel. Als der Inhaber aus seiner Werkstatt im Innenhof kam und öffnete, gab es kein Zurück mehr. Die Vorrede war das Schwierigste. Ich habe früher einmal Klavier gespielt, begann ich, und seit einiger Zeit will ich wieder anfangen, aber dafür brauche ich eben ein Instrument, ein gebrauchtes, gut klingen soll es natürlich, aber nicht zu teuer sein, denn eigentlich habe ich kaum Zeit, kann auch gar nicht gut spielen, und ich will mich nicht mit einem teu-

ren Instrument belasten, das mich jeden Tag vorwurfsvoll anblickt, weil ich ihm zu wenig Aufmerksamkeit schenke. Ähnlich wirr muss meine Rede geklungen haben. Erschwerend kam hinzu, dass ich konkretere Nachfragen zu dem von mir gesuchten Instrument nicht beantworten konnte. Mein Hilferuf ließ sich am besten mit Loriot zusammenfassen: „Ein Klavier, ein Klavier!“ Der Mann von der Werkstatt ließ sich durch mein Gestammel nicht aus der Ruhe bringen. Drei gebrauchte Instrumente hatte er bei sich stehen, auf denen er mir vorspielte. Schnell waren wir uns einig, dass eines davon wirklich wunderbar klingt, wobei mir Vertrauen einflößte, dass auch er das Günstigste von den dreien auswählte. Etwas unscheinbar aussehend, angeschrammtes Mahagonifurnier, aber eine echte Euter-

pe Jahrgang 1967. Aus dem Stand hatte der Klavierhändler die Unternehmensgeschichte parat. In der Sechzigern war Euterpe noch ein renommierter deutscher Klavierbauer, der den großen Namen Konkurrenz machte. Nach der Wende kaufte Bechstein die Marke und lässt jetzt unter dem einstmals glorreichen Namen in China produzieren.
Damit aber war das Geschäft noch nicht gemacht, schließlich kauft man sich nicht

einfach so im Handumdrehen ein Klavier. Der Händler merkte, dass ich mich scheute, vor seinen Ohren falsche Töne anzuschlagen. So drückte er mir einen ganzen Packen Noten in die Hand und verschwand wieder in seiner Werkstatt. Um mein Klanggefühl bestätigt zu finden, klimperte ich ein bisschen herum. Wie einer, der vor etwa 20 Jahren mit

dem Unterricht aufgehört hat – aus Ärger darüber, dass die Klavierlehrerin beschlossen hatte, statt einer Preiserhöhung die Dauer der wöchentlichen Unterweisung von 30 auf 25 Minuten abzukürzen. Als der Klavierhändler nach einiger Zeit wiederkam, redeten wir noch ein bisschen um den heißen Brei herum, aber die Entscheidung war gefallen: Die Euterpe sollte bei mir ein neues Zuhause finden. Symbolisch übergab mir der Verkäufer den kleinen Schlüssel für das Instrument. Ein paar Tage später wurde das Klavier geliefert. Seit ein paar Wochen gewöhnen wir uns aneinander. Meiner Euterpe scheint es zu behagen, mit jemandem unter einem Dach zu wohnen, der sein Klavier liebt, es ihm aber nicht immer zeigen kann.
Robin Mishra ist Leiter des Berliner Büros.

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