Reinhart Koselleck Begriffsgeschichten

Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache Mit zwei Beiträgen von Ulrike Spree und Willibald Steinmetz sowie einem Nachwort zu Einleitungsfragmenten Reinhart Kosellecks von Carsten Dutt

Suhrkamp Verlag

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie http://dnb.ddb.de

Erste Auflage 2006 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2006 Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Satz: pagina GmbH, Tübingen Druck: Memminger MedienCentrum AG Printed in Germany ISBN 978-3-518-58463-7 ISBN 3-518-58463-4 1 2 3 5 6 - 11 10 09 08 07 06

Inhalt

Teil I: Zu

Theorie und Methode der Begriffsgeschichte 9 32 56 77 86 99

Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte Sprachwandel und Ereignisgeschichte Die Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte Die Verzeitlichung der Begriffe Hinweise auf die temporalen Strukturen begriffsgeschichtlichen Wandels Stichwort: Begriffsgeschichte Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung Exkurs: Geist und Bildung - zwei Begriffe kultureller Innovation zur Zeit Mozarts ›Fortschritt‹ und ›Niedergang‹ - Nachtrag zur Geschichte zweier Begriffe Grenzverschiebungen der Emanzipation. Eine begriffsgeschichtliche Skizze Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹ Patriotismus. Gründe und Grenzen eines neuzeitlichen Begriffs Revolution als Begriff und als Metapher. Zur Semantik eines einst emphatischen Worts Zur Begriffsgeschichte der Zeitutopie Feindbegriffe Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache Sprachwandel und sozialer Wandel im ausgehenden Ancien régime Begriffliche Innovationen der Aufklärungssprache Aufklärung und die Grenzen ihrer Toleranz

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Teil IV: Zur Semantik der politischen und der sozialen Verfassungsgeschichte Begriffsgeschichtliche Probleme der Verfassungsgeschichtsschreibung Exkurs I Exkurs II (Zur Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte der einmalig geprägten aristotelischen Bürger-Begriffe) Drei bürgerliche Welten? Zur vergleichenden Semantik der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland, England und Frankreich Teil V: Von der Begriffsgeschichte zur begriffenen Geschichte Die Auflösung des Hauses als ständischer Herrschaftseinheit. Anmerkungen zum Rechtswandel von Haus, Familie und Gesinde in Preußen zwischen der Französischen Revolution und 1848 Diesseits des Nationalstaates. Föderale Strukturen der deutschen Geschichte Bürger und Revolution 1848/49 Allgemeine und Sonderinteressen der Bürger in der umweltpolitischen Auseinandersetzung Nachwort. Zu Einleitungsfragmenten Reinhart Kosellecks Begriffs- und Sachregister Namenregister Nachweise 365 382

387

402

465 486 504 516

529 541 557 567

Teil I Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte

Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte

Wer sich mit Geschichte beschäftigt - was immer dies sei - und sie als Sozialgeschichte definiert, der grenzt seine Thematik offensichtlich ein. Und wer die Geschichte auf Begriffsgeschichte hin spezialisiert, der tut offensichtlich ein gleiches. Dennoch handelt es sich bei beiden Bestimmungen nicht um die übliche Eingrenzung von Spezialgeschichten, die die allgemeine Geschichte in sich birgt. Die Wirtschaftsgeschichte Englands etwa oder die Diplomatiegeschichte der Frühen Neuzeit oder die Kirchengeschichte des Abendlandes sind derartige Spezialgebiete, die sachlich, zeitlich und regional vorgegeben und untersuchenswert sind. Es handelt sich dann um besondere Aspekte der allgemeinen Geschichte. Anders die Sozialgeschichte und die Begriffsgeschichte: Sie erheben von ihrer theoretischen Selbstbegründung her einen allgemeinen Anspruch, der sich auf alle Spezialgeschichten ausdehnen und anwenden läßt. Denn welche Geschichte hätte es nicht sowieso mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun, mit Gesellungsformen jedweder Art oder mit gesellschaftlichen Schichtungen, so daß die Kennzeichnung der Geschichte als Sozialgeschichte einen unwiderlegbaren - gleichsam anthropologischen Daueranspruch anmeldet, der sich hinter jeder Form der Historie verbirgt. Und welche Geschichte gäbe es, die nicht als solche begriffen werden müßte, bevor sie zur Geschichte gerinnt? Die Begriffe und deren sprachliche Geschichte zu untersuchen gehört so sehr zur Minimalbedingung, um Geschichte zu erkennen, wie deren Definition, es mit menschlicher Gesellschaft zu tun zu haben.

I.

Historischer

Rückblick

Beide, die Sozialgeschichte und die Begriffsgeschichte, gibt es als explizierte Fragestellungen seit der Aufklärung und der darin enthaltenen Entdeckung der geschichtlichen Welt: als die bisherigen Sozialformationen brüchig wurden und als damit zugleich

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Teil l: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte

die sprachliche Reflexion unter den Veränderungsdruck einer Geschichte geriet, die selbst als neuartig erfahren und artikuliert wurde. Wer die Geschichte historischer Reflexion und historischer Darstellung seitdem verfolgt, der trifft immer wieder auf beide Zugriffe, sei es gegenseitig sich erläuternd wie bei Vico, Rousseau oder Herder, sei es auf getrennten Wegen. Der Anspruch, alle geschichtlichen Lebensäußerungen und ihren Wandel auf gesellschaftliche Bedingungen zurückzuführen und aus ihnen abzuleiten, wird seit den Geschichtsphilosophien der Aufklärung erhoben - bis hin zu Comte und dem jungen Marx. Ihnen folgen, methodisch bereits positivistischer verfahrend, die Gesellschafts- und Zivilisationsgeschichten, die Kulturund Volksgeschichten des neunzehnten Jahrhunderts bis hin zu den alle Lebensbereiche umfassenden Regionalgeschichten, deren Syntheseleistung, von Moser über Gregorovius bis zu Lamprecht, füglich sozialhistorisch oder auch kulturhistorisch genannt werden kann. Andererseits gibt es seit dem achtzehnten Jahrhundert bewußt thematisierte Begriffsgeschichten - der Ausdruck stammt sehr wahrscheinlich von Hegel - ' , die in den Sprachgeschichten und in der historischen Lexikographie ihren ständigen Platz behielten. Selbstredend wurden sie thematisiert von allen historisch-philologisch arbeitenden Disziplinen, die sich ihrer Quellen mit hermeneutischen Fragestellungen versichern müssen. Jede Übersetzung in die je eigene Gegenwart impliziert eine Begriffsgeschichte, deren methodische Unvermeidbarkeit schon Rudolf Eucken in seiner Geschichte der philosophischen Terminologie exemplarisch für alle Geistes- und Sozialwissenschaften nachgewiesen hat. In der Forschungspraxis finden sich denn auch allenthalben gegenseitige Verweise, die speziell sozial- und verfassungshistorische Analysen mit begriffsgeschichtlichen Fragen zusammenführen. Ihr gegenseitiger Zusammenhang war den Altertumswissenschaften und der Mittelalter-Forschung, mehr oder minder
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i H. G. Meier, Art. »Begriffsgeschichte«, in: Joachim Ritter (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. i, Basel und Stuttgart 1971, Sp. 788-808. 2. Rudolf Eucken, Geschichte der philosophischen Terminologie, Leipzig 1879 (ND 1964).

Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte

reflektiert, immer gegenwärtig; denn welcher Sachverhalt ließe sich, besonders bei spärlich fließenden Quellen, ohne die Weise seiner ehemaligen und seiner gegenwärtigen begrifflichen Verarbeitung erkennen? Freilich fällt es auf, daß die gegenseitige Verflechtung der Sozial- und der Begriffshistorie erst in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts systematisch bearbeitet wurde; man denke an Walter Schlesinger und vor allem an Otto Brunner. Aus den Nachbarbereichen standen hier Erich Rothacker für die Philosophie, Carl Schmitt für die Rechtswissenschaften und Jost Trier für die Sprachwissenschaften Pate. Forschungspolitisch richtete sich die Zusammenführung von Sozial- und Begriffsgeschichte gegen zwei sehr verschiedene Richtungen, die beide in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts dominierten: einmal ging es darum, ideen- und geistesgeschichtliche Konzepte zu verabschieden, die ohne ihren konkreten politisch-sozialen Kontext, gleichsam um ihres Eigenwertes willen, verfolgt wurden. Andererseits ging es darum, die Geschichte nicht vorzüglich als politische Ereignisgeschichte zu betreiben, sondern sie nach ihren länger anhaltenden Voraussetzungen zu befragen. Otto Brunner wollte, wie er im Vorwort zur zweiten Auflage von Land und Herrschaff betonte, »nach den konkreten Voraussetzungen mittelalterlicher Politik fragen, diese selbst aber nicht darstellen«. Es kam ihm darauf an, langfristige Strukturen der gesellschaftlichen Verfaßtheit und deren - niemals momentanen - Wandel in den Blick zu rücken, und dies, indem die jeweilige sprachliche Selbstartikulation der gesellschaftlichen Gruppen, Verbände oder Schichten sowie deren Deutungsgeschichte eigens thematisiert wurden. Und es ist kein Zufall, daß die »Annales«, die in Frankreich aus einem analogen Forschungsinteresse heraus entstanden waren, seit 1930 die Rubrik »Sachen und Wörter« einrichteten. Für Lucien Febvre und Marc Bloch gehörte die Sprachanalyse zum integralen Bestandteil ihrer sozialhistorischen Forschungen. - In Deutschland wirkte für die neuzeitliche Geschichte wegweisend Gunther Ipsen, der seine sozialgeschichtlichen, speziell demographischen Untersuchungen
3 Otto Brunner, Land und Herrschaft, Brünn, München und Wien '1942., S. XI.

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Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte

durch sprachwissenschaftliche ergänzte. All diese Anregungen wurden von Werner Conze aufgegriffen, als er 1956/57 den »Arbeitskreis für moderne Sozialgeschichte« gründete. Die Zusammenführung von sozialhistorischen und begriffshistorischen Fragen gehört, dank Conzes Initiative, zu dessen ständigen Herausforderungen und damit freilich auch ihre Differenzbestimmung, von der im folgenden die Rede sein soll.
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II. Die Unmöglichkeit einer 'histoire totalem Ohne Gesellschaftsformationen samt ihren Begriffen, kraft derer sie - reflexiv oder selbstreflexiv - ihre Herausforderungen bestimmen und zu lösen suchen, gibt es keine Geschichte, läßt sie sich nicht erfahren und nicht deuten, nicht darstellen oder erzählen. Gesellschaft und Sprache gehören insofern zu den metahistorischen Vorgaben, ohne die keine Geschichte und keine Historie denkbar sind. Deshalb sind sozialhistorische und begriffshistorische Theorien, Fragestellungen und Methoden auf alle nur möglichen Bereiche der Geschichtswissenschaft bezogen oder beziehbar. Deshalb schleicht sich aber auch gelegentlich der Wunsch ein, eine ›totale Geschichte‹ konzipieren zu können. Wenn aus forschungspragmatischen Gründen die empirischen Untersuchungen der Sozial- oder der Begriffshistoriker begrenzte Themen bearbeiten, so schmälert diese Selbstbegrenzung noch nicht den Allgemeinheitsanspruch, der aus einer Theorie möglicher Geschichte folgt, die jedenfalls Gesellschaft und Sprache voraussetzen muß.
4 Vgl. dazu Werner Conze, Zur Gründung des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte, in: Hamburger Jahrbuch für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik 24 (T979), S.23-52. Conze selber bevorzugte den Terminus »Strukturgeschichte«, um die vom Wortgebrauch »sozial« her naheliegende Eingrenzung auf »soziale Fragen« zu vermeiden. Otto Brunner nahm den Terminus »Strukturgeschichte« auf, um die zeitbedingte Festlegung auf eine ›Volksgeschichte‹ zu vermeiden, die von seiner theoretischen Vorgabe her freilich schon 1939 auf Strukturen zielte. Für den Überschritt vom Volksbegriff zum Begriff der Struktur vgl. die zweite Auflage von »Land und Herrschaft«, 1942, S. 194, mit der vierten, veränderten Auflage, Wien und Wiesbaden 1959, S. 164: ein gutes Beispiel dafür, daß auch politisch bedingte Erkenntnisinteressen zu theoretisch und methodisch neuen Einsichten führen können, die ihre Ausgangslage überdauern.

Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte

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Unter dem Druck der methodisch nötigen Spezialisierungen verweisen die sozialgeschichtlichen und die begriffshistorischen Zugriffe notwendigerweise auf Nachbarschaftshilfe. Sie müssen interdisziplinär verfahren. Daraus folgt jedoch nicht, daß ihr theoretischer Allgemeinheitsanspruch absolut oder total gesetzt werden könnte. Zwar stehen sie im Zugzwang, die Gesamtheit gesellschaftlicher Beziehungen sowie ihrer sprachlichen Artikulationen und Deutungssysteme vorauszusetzen. Aber die formal nicht widerlegbare Prämisse, daß es alle Geschichte mit Gesellschaft und Sprache zu tun habe, läßt nicht die weiterreichende Folgerung zu, daß es inhaltlich möglich sei, eine ›totale Geschichte‹ zu schreiben oder auch nur zu konzipieren. So zahlreich und plausibel die empirischen Einwände gegen eine Totalgeschichte sind, es gibt einen Einwand gegen ihre Möglichkeit, der aus dem Versuch ihrer Denkbarkeit folgt. Denn das totum einer Gesellschaftsgeschichte und das totum einer Sprachgeschichte sind nie zur Gänze aufeinander abbildbar. Selbst wenn der empirisch uneinlösbare Fall gesetzt wird, daß beide Bereiche als eine endlich begrenzte Totalität thematisiert würden, bliebe eine unüberbrückbare Differenz zwischen jeder Sozialgeschichte und der Geschichte ihres Begreifens. Weder holt das sprachliche Begreifen ein, was geschieht oder tatsächlich der Fall war, noch geschieht etwas, was nicht durch seine sprachliche Verarbeitung bereits verändert wird. Sozialgeschichte oder Gesellschaftsgeschichte und Begriffsgeschichte stehen in einer geschichtlich bedingten Spannung, die beide aufeinander verweist, ohne daß sie je aufgehoben werden könnte. Was du tust, sagt dir erst der andere Tag; und was du sagst, wird zum Ereignis, indem es sich dir entzieht. Was zwischenmenschlich, also gesellschaftlich geschieht und was dabei oder darüber gesagt wird, ruft eine stets sich weitertreibende Differenz hervor, die jede ›histoire totale‹ verhindert. Geschichte vollzieht sich im Vorgriff auf Unvollkommenheit, jede ihr angemessene Deutung muß deshalb auf Totalität verzichten. Es ist ein Merkmal geschichtlicher Zeit, daß sie die Spannung zwischen Gesellschaft und ihrem Wandel und deren sprachlicher Aufbereitung und Verarbeitung immer wieder reproduziert. Jede Geschichte zehrt von dieser Spannung. Gesellschaftliche Bezie-

Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte

hungen, Konflikte und deren Lösungen wie deren sich ändernde Voraussetzungen sind nie deckungsgleich mit den sprachlichen Artikulationen, kraft derer Gesellschaften handeln, sich selbst begreifen, deuten, ändern und neu formieren. Diese These soll in zweierlei Hinblick erprobt werden, einmal im Blick auf die in actu geschehende Geschichte, zum anderen im Blick auf die geschehene, die vergangene Geschichte.

III.

Geschehende

Geschichte,

Rede und Schrift

Wenn Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte aufeinander bezogen werden, so handelt es sich um eine Differenzbestimmung, die ihren jeweiligen Allgemeinheitsanspruch gegenseitig relativiert. Geschichte geht weder in der Weise ihres Begreifens auf, noch ist sie ohne dies denkbar. Ebensowenig läßt sich ›Geschichte‹ auf nichts als ihre sozialen, d.h. nur auf zwischenmenschliche Beziehungen reduzieren. Im Alltagsgeschehen ist ihr Zusammenhang ungeschieden vorgegeben. Denn der Mensch als ein mit Sprache begabtes Wesen ist gleichursprünglich mit seinem gesellschaftlichen Dasein. Wie läßt sich die Relation bestimmen? Vergleichsweise klar ist die Abhängigkeit jeweiliger Einzelereignisse im Vollzug ihres Geschehens von ihrer sprachlichen Ermöglichung. Keine gesellschaftliche Tätigkeit, keine politischen Händel und kein wirtschaftlicher Handel ist möglich ohne Rede und Antwort, ohne Planungsgespräch, ohne öffentliche Debatte oder geheime Aussprache, ohne Befehl - und Gehorsam - , ohne Konsens der Beteiligten oder artikulierten Dissens sich streitender Parteien. Jede Alltagsgeschichte im täglichen Vollzug ist angewiesen auf Sprache in Aktion, auf Reden und Sprechen, so wie keine Liebesgeschichte denkbar ist ohne mindestens drei Worte - du, ich, wir. Jedes gesellschaftliche Geschehen in seinen mannigfachen Zusammenhängen beruht auf kommunikativen Vorleistungen und Leistungen sprachlicher Vermittlung. Institutionen und Organisationen, vom kleinsten Verein bis zur UNO, sind auf sie verwiesen, sei es in mündlicher, sei es in schriftlicher Form. So selbstverständlich dies ist, ebenso selbstverständlich muß

Aber gerade hier wird die Relation deutlich. B. Deshalb muß es über die gesprochene Sprache hinaus noch weitere Vorleistungen und Vollzugsweisen geben. man denke an den Führerbefehl zum Einmarsch in Polen. Hier ist etwa der sprachübergreifende Bereich der Semiotik zu nennen. an kraft ihrer Symbole eingeschliffene Verhaltensweisen von Gruppen oder an moderne Verkehrszeichen: immer handelt es sich um eine Zeichensprache. um ein eklatantes Beispiel zu nennen. Alle genannten Signale lassen sich freilich verbalisieren. sie läßt sich nicht darauf reduzieren. Keine Sprechhandlung ist schon die Handlung selbst. an die zeitlichen Differenzen zwischen den Altersstufen einer Generationseinheit oder an die Bipolarität der Ge- . an Distanzen.Sozialgeschichte und Begriftsgeschichte 15 diese Beobachtung eingeschränkt werden. Die schriftlichen Organisationsregeln oder ihre gesprochenen Vollzugsweisen sind nicht identisch mit dem Handeln und der Wirksamkeit der Organisation selber. das nicht im Wort. die zwei Menschen erfahren. um durch Signale oder Symbole entsprechende Handlungen auszulösen oder Einstellungen und Verhaltensweisen zu steuern. daß oft ein Wort unwiderrufbare Folgen auslöst. Eine Geschichte vollzieht sich nicht ohne Sprechen. Es herrscht immer eine Differenz zwischen einer sich ereignenden Geschichte und ihrer sprachlichen Ermöglichung. die dazu geführt hat oder sie deutet. daß auf geredete Sprache verzichtet werden kann. die ohne Worte verständlich ist. Was sich tatsächlich ereignet. aber ihre Leistung besteht gerade darin. an magische Rituale bis hin zur Theologie des Opfers. die sie vorbereiten. Die Redewendungen eines Liebespaares gehen nicht in der Liebe auf. Freilich ist einzuräumen. Man denke an die Gestik des Leibes. An weitere außersprachliche Vorbedingungen für mögliche Geschichten sei nur erinnert: an die räumliche Nähe oder Ferne. im Kreuz seinen geschichtlichen Ort hat. die Ereignisse ermöglichen. in der sich Sprache nur verschlüsselt mitteilt. ist aber niemals identisch mit ihm. ist offenbar mehr als die sprachliche Artikulation. sondern z. Sie sind auch auf Sprache reduzierbar. die je nachdem konfliktträchtig oder konfliktverzögernd sind. Der Befehl oder der kollegiale Beschluß oder der elementare Schrei zum Töten sind nicht identisch mit der Gewaltsamkeit des Tötens selber. auslösen und vollziehen hilft.

Das ließe sich zeigen an der Ausdehnung sprachlicher Vermittlung: von der hörbaren Reichweite einer Stimme auf dem Marktplatz über die technischen Nachrichtenträger.Rede verschränken sich im aktuellen Vollzug des Geschehens zum Ereignis. Es gibt also außersprachliche. das sich immer aus außersprachlichen und sprachlichen Handlungs. mit seinem Gegenüber zu kommunizieren: ob es sich um Menschen. vorsprachliche . Hunger. auch wenn sie sich kraft sprachlicher Artikulation vollziehen können. Sie sind den elementaren. Produkte. Streit und Versöhnung. bleibt das sprachliche Vorwissen präsent.und Erleidenselementen zusammensetzt. um die Handlungsfähigkeit zu erhalten. Und je höher aggregiert die menschlichen Handlungseinheiten sind. das dem Menschen innewohnt und das ihn befähigt. Töten und Niederlage. die Schrift. biologischen und zoologischen Bedingungen verhaftet. den Funk bis zum Bildschirm . Selbst wenn die Rede verstummt.lé Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte schlechter. Geburt. Dinge.und nachsprachliche .Elemente in allen Handlungen. all dies sind auch Elemente und Vollzugsweisen menschlicher Geschichte. vielleicht auch das Glück. den Druck. die vorsprachlich ermöglicht werden. die vom Alltag bis zur Identifikation politischer Herrschaftsgebilde reichen und deren außersprachliche Vorgaben schwer zu verleugnen sind. desto wichtiger werden die sprachlichen Kommunikationsbedingungen. aber nicht müssen. jedenfalls Raub. Die gesprochene Sprache oder die gelesene Schrift. etwa in modernen Arbeitsprozessen samt ihren wirtschaftlichen Verflechtungen oder in den immer komplexeren politischen Aktionsräumen. Essen. die über die menschliche Konstitution allesamt in die gesellschaftlichen Geschehnisse einwirken. um Pflanzen oder Tiere handelt. Denn alle vorsprachlichen Vorgaben werden von den Menschen sprachlich eingeholt und in der konkreten Rede mit ihrem Tun und Leiden vermittelt. den geographischen. die jeweils wirksame oder die überhörte . Im konkreten Zusammenhang der ereignisstiftenden Handlungen sind freilich die hier getroffenen analytischen Trennungen kaum nachvollziehbar. Liebe und Tod. das Telefon. Elend und Krankheiten. Sieg. All diese Unterschiede bergen in sich Ereignisse. die zu einer Geschichte führen.

mit der sich der professionelle Historiker beschäftigt . der trotz aller historischer Variationen für jede geschehende Geschichte gilt. Immer ging es darum. sie auszulösen oder zu steuern. sondern am ganzen Leib. sobald der Blick von der geschehenden Geschichte in eventu zurückgelenkt wird auf die vergangene Geschichte.samt ihren verkehrstechnischen Institutionen. Die gesprochene Rede oder gelesene Schrift und das jeweils sich vollziehende Geschehen können in actu nicht getrennt. nur analytisch unterschieden werden. Handeln und Sprechen wird gesprengt.ex eventu. Vom individuellen Verhalten bis zu seinen vielfachen gesellschaftlichen Vernetzungen. kraft derer sich Ereignisse in ihren Zusammenhängen einstellen. um die Verschränktheit jeder ›Sozialgeschichte‹ und ›Sprachgeschichte‹ im jeweiligen Vollzug des Redens und Tuns aufzuzeigen. vom Boten über Post und Presse bis zum Nachrichtensatelliten und samt den eingreifenden Folgen für jede sprachliche Kodifikation. der erfährt das nicht nur sprachlich.und Begriffsgeschichte. um Ereignissen zuvorzukommen. hat nun erhebliche Auswirkungen auf die Darstellung vergangener Geschichten. IV. Dieses personale Wechselverhältnis von Rede. Wer von einer Ansprache überwältigt wird. die Reichweite der gesprochenen Sprache entweder auf Dauer zu stellen. Der Hinweis möge genügen.Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte 17 eines Fernsehapparates oder eines Datengerätes . und wer durch eine Tat zum Verstummen gebracht wird. Die dargestellte Geschichte und ihre sprachlichen Quellen Der bisher vorgeführte empirische Zusammenhang zwischen Tun und Reden. der erfährt um so mehr seine Verwiesenheit auf Sprache. um sich wieder bewegen zu können. Die analytische . Dieser Befund. Tun und Leiden läßt sich auf alle Ebenen der zunehmend komplexer werdenden gesellschaftlichen Handlungseinheiten übertragen. wem es ›die Sprache verschlägt‹. reicht die aufgewiesene Verschränkung der sogenannten Sprachhandlungen mit dem ›tatsächlichen‹ Geschehen. um Ereignisse zu bannen oder sie auszudehnen und zu beschleunigen. speziell auf die Differenz von Sozial.

Bauten. was in der vergangenen Geschichte sprachlich bedingt war und was nicht. Kulturlandschaften. die von vergangenen Ereignissen und Zuständen zeugen: Trümmer von Katastrophen. Geräte. ›Funde‹ oder Bilder -.nur sekundärer Faktor gewesen sein mag.geschehen ist. die ihre je eigenen Erfahrungen einander vermitteln. Münzen von wirtschaftlicher Organisation. Herrschaft und Dienste. Anthropologisch konstituiert sich jede ›Geschichte‹ durch die mündliche und schriftliche Kommunikation der zusammenlebenden Generationen. die generationenlange Arbeit. die vom Kampf. sobald ein Ereignis in die Vergangenheit geraten ist. Waffen. ohne die überhaupt keine geschichtliche Erfahrung in alltägliche oder wissenschaftliche Aussagen überführt werden kann. An den sprachlichen Quellen erst gabelt sich der Weg. Und erst wenn durch das Aussterben der alten Generationen der mündlich vermittelte Erinnerungsraum zusammenschmilzt. Zwar gibt es zahlreiche außersprachliche Reste. Denkmäler. ohne den keine Erinnerung und keine wissenschaftliche Transposition dieser Erinnerung möglich ist. die Sieg oder Tod bekunden. erfahre ich nur noch durch Rede oder Schrift.jenseits meiner Eigenerfahrung . die von Erfindung und Verwendung zeugen. das läßt sich über alle Hypothesen hinaus nur durch mündliche und schriftliche Überlieferungen. eben durch Sprachzeugnisse sicherstellen. Auch wenn die Sprache im Vollzug des Handelns und Leidens . Denn was . was in der Vergangenheit als ›sprachlich‹ und was als ›tatsächlich‹ im Geschehen zu verbuchen ist. die auf Handel oder Krieg verweisen. die alles zugleich bezeugen können. Alles wird von historischen Sonderdisziplinen aufbereitet. rückt die Schrift zum vorrangigen Träger geschichtlicher Vermittlung auf.strekkenweise . . Was freilich sich ›tatsächlich‹ ereignet haben mag. insgesamt ›Relikte‹ bzw. die auf Gemeinschaft.i8 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte Trennung zwischen einer außersprachlichen und einer sprachlichen Handlungsebene gewinnt den Rang einer anthropologischen Vorgabe. Der anthropologische Vorrang der Sprache für die Darstellung der geschehenen Geschichte gewinnt damit einen erkenntnistheoretischen Status. rückt die Sprache zum primären Faktor auf. Denn sprachlich muß entschieden werden. Straßen.

die für die ehedem vorauszusetzende Verflechtung von Sprachhandlungen und Taten einstehen müssen. Es zeichnet den Mythos und die Märchen. mehr oder minder gekonnt. die vom Mythos bis zum Roman reicht. das Drama. um den erinnerungswürdigen Geschehnissen gerecht zu werden.zu überprüfenden Authentizität der sprachlichen Quellen. ferner alle Historien. das Epos und den Roman aus. Es sind die unverwechselbaren Situationen. mündlicher oder schriftlicher Tradition. »Er sagte dies und tat jenes. Übersetzung: Stuttgart 1986). Sprechen und Schweigen voraussetzen und thematisieren. S Dazu Hayden White. Baltimore. die die Verquickung von Reden und Tun bezeugen. sie sagte das und tat solches. daraus folgte etwas Überraschendes. rücken die verschiedensten Gattungen zusammen und andere auseinander. läßt sich post eventum nur noch durch Sprachzeugnisse ermitteln. In diese Gattung gehören.nach diesem formalisierten Schema sind zahlreiche Werke aufgebaut. oder die jene zur Schrift geronnenen Worte abrufen. Von ihrer sprachlichen Leistung her betrachtet rücken diese Historien in eine Reihe. im Englischen die Wechselwirkung von Sprache und Leben betonend . alle Memoiren und Biographien.' Nur in ihrem wissenschaftlichen Status leben sie von der .die ›Life and Letters‹ -. Und genau dieses leisten alle Historien. die sich wahrer oder fingierter Reden bedienen. zwischen Leiden. der erinnerungswert bleibt.Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte 19 Was wie in eventu zusammengehörte. die den Ereignissen in ihrer immanenten Dynamik folgen. Erst diese Vergegenwärtigung einer geschehenden Geschichte selbst stiftet den Sinn. das alles veränderte« . London '198z (dt. daß sie allesamt den ursprünglichen Zusammenhang zwischen Rede und Tun. die ihre eigene Veränderung hervortreiben und hinter denen so etwas wie ›Schicksal‹ aufscheinen kann.und Weltdeutung bleibt. und je nach dem Umgang mit dieser sprachlichen Uberlieferung. . die wie die politischen Ereignisgeschichten oder Diplomatiegeschichten dank der Quellenlage die Vorgänge in actu zu konstruieren erlauben. etwas Neues. die zu erforschen und zu tradieren eine Herausforderung für jede Selbst. vor allem solche. Tropics of Discourse.

die primär die Sprachzeugnisse selbst thematisieren . nur das. sei es. einen erkenntnistheoretischen Vorrang. Selbst wo die gesprochene Rede oder ihre schriftlichen Äquivalente in die Darstellung einbezogen werden. Sei es.real nur im Medium sprachlicher Darstellung. nicht wie es dazu kam. geraten die sprachlichen Zeugnisse allzugern unter Ideologieverdacht oder werden nur instrumental zu vermeintlich vorgegebenen Interessen und bösen Absichten gelesen. Aber die methodischen Schwierigkeiten. denen sich besonders die Soziolinguistik ausgesetzt sieht.im Blick zurück . Da gibt es die Handbücher und die sogenannten erzählenden Geschichtswerke. Auf der einen Seite sind sie taub oder störrisch gegen die ehemaligen Sprachleistungen. die selbst erst sprachlich konstituiert werden muß. extrem einseitig artikulieren. Völker oder Nationen oder was sonst an Aktionseinheiten hypostasiert wird. ist . Sprechen und Sprache auf gesellschaftliche Bedingungen und Veränderungen zu beziehen. ohne die derartige Handlungseinheiten gar nicht agieren könnten. was geschehen ist.20 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte Was analytisch unterscheidbar ist. immer über das Verhältnis von Sprache und Tun zu befinden. die sich. ihren Gegenstandsbereich erst sprachlich entwerfen zu müssen. Klassen oder Parteien.auf der anderen Seite unserer Skala -. aber nicht von den Worten oder Reden. die von den Taten handeln. daß hochstilisierte Handlungssubjekte gleichsam sprachlos tätig werden: Staaten oder Dynastien. daß große Männer handeln. von dem sie zu sprechen sich anschicken. Da gibt es Annalen. Selten aber wird gefragt nach den sprachlichen Identifikationsmustern. Denn was sich tatsächlich vollzogen hat. im Gegensatz zur handelnden Rede in der sich vollziehenden Geschichte. vom Erfolg oder Mißerfolg. die dazu geführt haben. Nun gibt es Gattungen. Selbst die von sprachhistorischer Seite vorgenommenen Untersuchungen. geraten leicht in die Gefahrenzone. das wird dank der sprachlichen Leistung ›erfahrungsanalog‹ wieder zusammengeführt: Es ist die Fiktion des Faktischen. der sie nötigt. die zu einer Geschichte nun einmal gehören. Kirchen oder Sekten. . die nur die Ergebnisse registrieren. bleiben der allen Historikern gemeinsamen Aporie verhaftet. Die Sprache gewinnt also. unter diese Alternative gestellt. das Vorsprachliche und das Sprachliche. diese auf eine reale Geschichte zu beziehen.

die sich aus der Vergangenheit in die Zukunft hinein addieren . greifen ebenso in das jeweilige Geschehen ein wie die Handelnden ›gleichzeitig‹ von ihren jeweiligen Zukunftsentwürfen her agieren. sobald die Diachronie mit thematisiert wird. die schriftlichen Überreste ehedem gesprochener oder geschriebener Rede. die zeitlich verschieden tief gestaffelt aus der sogenannten Vergangenheit in die Gegenwart reichen. V.wie die Soziolinguisten . Ereignis und Struktur .auf sich selbst.indem sie das tut . und es widerspräche jeder Erfahrung. die sogenannte Gegenwart etwa als einen jener Augenblicke zu definieren. Jede Synchronie ist eo ipso zugleich diachron. die unter der Alternative Sprachhandlung und Tathandlung entweder beide aufeinander beziehen . wie sich jeweils in actu. wo die Differenz zwischen außersprachlicher und sprachlicher Handlung eigens thematisiert worden ist.Sprechen und Sprache Während bisher nur von der geschehenden und der geschehenen. Erkenntnistheoretisch fällt der Sprache immer eine doppelte Aufgabe zu: Sie verweist sowohl auf die außersprachlichen Geschehenszusammenhänge wie auch . Dann bleibt es dem Zufall der Überlieferung überlassen.Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte 21 Deshalb findet sich in der Zunft auch das andere Extrem: nur die sprachlichen Quellen als solche zu edieren. Die Bedingungen und Determinanten.oder die umgekehrt als . Auch hier lassen sich wie bei der Relation von Sprechen und Handeln im Vollzug des Geschehens Synchronie und Diachronie empirisch nicht trennen. gleichsam im synchronen Schnitt. erweitert sich die Fragestellung. Rede und Tat zueinander verhalten haben. In actu sind alle zeitlichen Dimensionen immer verschränkt. geschichtlich verstanden. immer selbstreflexiv.oder sie im Extremfall gesondert thematisieren. hier den Sinn der Schriftstücke aufzuspüren. Damit hätten wir drei Gattungen stilisiert. Sie ist so. der ohne die Differenzbestimmung von Rede und Sachverhalt gar nicht zu fassen ist. Und es ist allenthalben Aufgabe des guten Kommentars. der heutigen und der damaligen Geschichte gesprochen und danach gefragt wurde.

Rein theoretisch ließe sich alle Geschichte als permanente Gegenwart.oder aber als die andauernde Verschränkung von Vergangenheit und Zukunft.in eine sich vollziehende Geschichte ein. die jede Gegenwart ständig zum Verschwinden bringt. während im anderen Fall. daß die von de Saussure eingeführte Differenzbestimmung zwischen Synchronie und Diachronie allenthalben analytisch hilfreich sein kann. der zuvor nie dagewesene Erfahrungen oder Erwartungen zur Sprache bringt. synchron. der auf die Synchronie zugespitzt ist. die auf die zeitliche Tiefendimension zielt. als daß nicht längerfristig vorgegebene gesellschaftliche Bedingungen das je einmalige Ereignis ermöglicht hätten. und von Diachronie verwendet. in dem alle Zeitdimensionen zugleich enthalten sind. definieren . Und es ist ein analoger Zusammenhang. Im einen Fall.22 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte ungreifbare Übergangspunkte aus der Zukunft in die Vergangenheit schlüpfen. ohne der Komplexität der zeitlichen Verschränkungen in der sich vollziehenden Geschichte gerecht werden zu können. der zwischen der jeweils gesprochenen Rede. indem sie nur bestimmte Alternativen erschließen oder freigeben. Unter diesem Vorbehalt seien die analytischen Kategorien von Synchronie. der auf die Diachronie zugespitzt ist. wenn auch auf verschiedene Weise. Dies Gedankenexperiment soll nur darauf verweisen. wird die Geschichte zum reinen Bewußtseinsraum depraviert. die ebenfalls in jedem aktuellen Geschehen enthalten ist. Denn viele Voraussetzungen wirken langfristig oder mittelfristig . mag einmalig und neu sein. und der immer wirkenden diachron vorgegebenen Sprache begriffsgeschichtlich thematisiert wird.und die Begriffsgeschichte aus. die auf die jeweils aktuelle Gegenwärtigkeit des Geschehens zielt.wie natürlich auch kurzfristig . aber so neu ist es nie. Ein neuer Begriff mag geprägt werden. die aktive Präsenz der Menschen geschichtlich keinen Handlungsraum hätte. Es zeichnet nun die Sozial. der zwischen synchronen Ereignissen und diachronen Strukturen sozialhistorisch untersucht wird. in der die Vergangenheit und die Zukunft enthalten sind. Es ist der Zusammenhang. daß sie beide. eben diesen Zusammenhang theoretisch voraussetzen. Was sich jeweils ereignet. Aber so neu kann er nie . Sie begrenzen die Handlungsmöglichkeiten.

ohne die Geschichte weder möglich ist noch begriffen werden kann. Da es sich um eine Gesellungsform zweier oder mehrerer Menschen verschiedenen oder auch gleichen Geschlechts handelt. Beide Male handelt es sich um einmalige. die sich zahlreicher. der andere richtet sich in erster Linie auf diachrone Voraussetzungen und deren langfristigen Wandel. Schrift und Tat.ein spannendes Thema der Alltagsgeschichte. So kann ein einzelnes Ereignis thematisiert werden. wie die Zeremonien inszeniert wurden und dergleichen mehr. welche Mitgift ausgehandelt. bis hin zu den furchtbaren Folgen.diachronen Dimensionen erweitert. wie jeweils welche Art von Ehe auf ihren Begriff gebracht worden ist. Das Wechselspiel von Reden und Tun. welche politischen Motive ins Spiel kamen. Es lassen sich nun. von dem uns dynastische Quellen reichliche Information bieten. wird also von den beiden Forschungsrichtungen um seine . zwei methodische Zugriffe konstruieren. welche vertraglichen Bedingungen.verschieden zu definierenden . Der eine richtet sich primär auf die Ereignisse.Eine analoge konkrete Ehegeschichte läßt sich heute auch aus dem Personenkreis der Unterschichten rekonstruieren . das in der gesamten Menschheitsgeschichte zahlreiche Varianten aufweist. die unbeschadet ihrer vorsprachlichen biologischen Implikationen ein kulturelles Phänomen darstellt. in dem sich Geschehen vollzieht. als daß er nicht in der jeweils vorgegebenen Sprache virtuell angelegt wäre und auch von s e i n e m überkommenen sprachlichen Kontext her seinen Sinn bezöge. . daß sozialhistorisch davon nur gesprochen werden kann. um Einzelgeschichten.Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte 23 sein. Zugleich liegt es auf der Hand. Auch der Verlauf dieser Ehe kann mit der Sequenz der Ereignisse immer wieder rekonstruiert und erzählt werden. wenn etwa beim Tod eines Gatten der vertraglich einkalkulierte Erbfall einen Erbfolgekrieg nach sich gezogen hatte. Er sucht also nach sozialen Strukturen und deren sprachlichen Äquivalenten: I. bisher nicht genutzter Quellen bedient. Das sei an einer Beispielreihe erläutert. modellhaft verkürzt. die Handlungen in Rede. Die Ehe ist eine Institution. gehört die Ehe zu den genuin sozialhistorischen Forschungsthemen. wenn uns schriftliche Quellen darüber informieren. ein fürstlicher Eheschluß etwa. .

um die ökonomischen und die naturalen Faktoren für die Reproduktion der Bevölkerung gegeneinander abwägen zu können? Wie lassen sich die Zahlen der ehelichen und der außerehelichen Geburten miteinander in Beziehung setzen. Die Sozial. die dabei gewechselt wurden. und sie fragen nach den langfristigen Vorgängen. um den Anstieg der Bevölkerung schichtenspezifisch zu belegen. die den jeweiligen Einzelfall ermöglicht haben. um die sozialen Konfliktlagen auszumessen? Wie verhalten sich die Zahlen der Geburten und der Todesfälle: der Kinder. sie fragen nach Strukturen und deren Wandel. Folgen wir zunächst spezifisch sozialhistorischen. zu den guten oder schlechten Ernten. die diachron wirksamen Bedingungen. um den langfristigen Wandel eines ›typischen‹ Ehelebens zu erklären? Wie verläuft die Kurve der Scheidungen. soziale und politische Zusammenhänge. zwischen Glück und Elend. und sie fragen nach den sprachlichen Vorgaben. und die beide Male eingebettet bleiben in religiöse. die als solche in den Quellen nicht direkt enthalten sind. die ebenfalls Rückschlüsse auf den Typus einer Ehe zuläßt? Alle hier fast wahllos herausgegriffenen Fragen haben das eine gemeinsam. So werden etwa unter sozialhistorischer Fragestellung die Zahlen der Eheschlüsse statistisch aufbereitet. Sie wird vielmehr diachron umfangen. Beide zielen. Ab wann weitet sich die Zahl der Eheschlüsse über die Zahl der ständisch vorgegebenen Häuser und Höfe aus.und Preiskurven.und die Begriffshistorie werden ohne solche Einzelfälle nicht auskommen.wiederum modellhaft verkürzt -. 2. Anders gewendet. unter denen solche Strukturen in das gesellschaftliche Bewußtsein eingegangen. die ihren umgrenzten Nahrungsraum hatten? Wie verhält sich die Zahl der Eheschlüsse zu den entsprechenden Lohn. aber sie zu erkunden ist nicht ihr primäres Interesse.24 Teil 1: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte die ihre unüberbietbare Spannung enthalten mögen. daß sie ›tatsächliche‹ Vorgänge langfristiger Art aufdecken und erkennen helfen. um den zweiten methodischen Zugriff zu kennzeichnen . der Mütter und der Väter zueinander. Die Synchronie der einzelnen Eheschlüsse und der Reden oder Briefe. wird durch die Sozialgeschichte nicht ausgeblendet. die sich aus der Summe der Einzelfälle ableiten lassen. auf die langfristigen. begriffen und auch verändert worden sind. . sodann spezifisch begriffshistorischen Verfahrensweisen.

ist also theoretische Vorarbeit nötig. Die Faktoren der Einzelfälle. Um der vergangenen Geschichte Daueraussagen abzugewinnen. In keinem Fall reichen die sprachlichen Quellenaussagen hin.Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte 2-5 Es bedarf mühsamer Vorarbeit. So lassen sich . synchron sich ereignenden und belegten Einzelfälle ist selber stumm und kann langoder mittelfristige. jedenfalls diachrone Strukturen nicht ›belegen‹. um die aggregierten Datenreihen deuten zu können. um daraus Zahlenreihen zu aggregieren. Was sich langfristig in der Geschichte ›tatsächlich‹ . lassen sich dann in einer Weise strukturieren. um vergangene Tatsächlichkeit behaupten zu können. die den jeweils betroffenen Menschen noch gar nicht bewußt sein konnten. um herauszufinden. die allein Zusammenhänge und Wechselwirkungen aufspüren können. um Quellenaussagen vergleichbar zu machen. die Korrelation zur Lohn. das bleibt sozialhistorisch eine wissenschaftliche Rekonstruktion. etwa im Gefolge Max Webers.ereignet hat. daß die wirtschaftlichen. Die Summe der konkreten. um aus ihnen längerfristige Strukturaussagen unmittelbar ableiten zu können. Idealtypen gebildet werden.und Preisreihe oder zur Abfolge der Mißernten.Typen einer bäuerlichen und einer unterbäuerlichen Ehe und Familie entwikkeln. Deshalb können. in die jeweils die Durchschnittszahl der Geburten und Todesfälle. aber der Realitätscharakter langwährender Faktoren ist aus den Einzelquellen als solchen nicht hinreichend begründbar.bedarf es der systematischen Überlegungen. die . daß die vorauszusetzenden Zusammenhänge konsistent deutbar werden.und nicht etwa sprachlich . nicht diese selbst.und zuvor .aus unserer Beispielreihe herausgegriffen . Freilich muß sich jede theoretisch begründete Aussage der methodischen Quellenkontrolle unterwerfen. zur Arbeitszeit und zur steuerlichen Belastung eingehen. deren Evidenz von der Überzeugungskraft ihrer Theorie abhängt. die Verwendung einer fachwissenschaftlichen Terminologie. wie sich eine bäuerliche von einer unterbäuerlichen Ehe und Familie unterscheiden läßt und wie sie sich beide im Übergang vom vorindustriellen zum industriellen Zeitalter verändert haben. und schließlich . die verschiedene Kriterien der Wirklichkeitsbeschreibung auf eine Weise zusammenfassen.

die zur ›Selbstaussage‹ der Quellen eingehalten werden muß. Es handelt sich insgesamt um institutionalisierte Regeln und Deutungsmuster. die .je nach der Gewichtigkeit des Lohn. der Ökonomie und der Finanzwissenschaft) Dauer und Wandel zu bestimmen erlaubt. die den Lebensraum einer Ehe stiften und umgrenzen. der steuerlichen Belastung oder der Ernteergebnisse . aber die primäre Vermittlungsinstanz bleibt in allen genannten Fällen die Sprache.und Preisgefüges. Bisher wurde unsere Beispielreihe bewußt auf solche Faktorenbündel hin ausgewählt. um lange Fristen oder typische Gesellschaftsformen zu konstruieren.26 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte politischen und die naturalen Voraussetzungen . die ohne Interpretation ihrer sprachlichen Selbstartikulation gar nicht zu untersuchen wären. Theologie und Religion (oder inzwischen deren Absenz). daß primär außersprachliche Ereignisreihen diachron strukturiert und aufeinander bezogen werden können. erlaubt dann auch Fristen.für eine schichtenspezifisch typische Ehe einsichtig werden. Dadurch werden zwar auch ›außersprachliche‹ Verhaltensmuster festgelegt. Ihre Aufstellung setzt eine sozialhistorische Theorie voraus. Der theoretische Anspruch wächst also proportional zur Entfernung. die in der Sprache der Quellen niemals zu finden sind. Perioden oder Epochenschwellen zu bestimmen. Es handelt sich um solche Faktoren. Vom Brauchtum über den Rechtsakt bis zur Predigt. wann dominant. Recht. von der Magie über das Sakrament bis zur Metaphysik reichen die sprachlich artikulierten Vorgaben. nach denen sich die Geschichte bäuerlicher und unterbäuerlicher Ehen diachron gliedern läßt. die mit einer fachsprachlichen Terminologie (hier der Demographie.analog zur Unterscheidung von Ereignis und Struktur . die dem Einzelfall diachron vorausliegen und ihn gemeinhin überdauern. Sitte und Brauchtum setzen jeder konkreten Ehe Rahmenbedingungen. wann rezessiv sind. Aber in die Geschichte der als ›typisch‹ zu setzenden Ehen gehen natürlich noch ganz andere Faktorenbündel ein als die bisher genannten. Damit kommen wir zu den erforderlichen begriffshistorischen Verfahren. ohne die (wenn auch in . welche Faktoren wie lange gleichartig. Die Frage danach.zwischen aktueller Rede und ihren sprachlichen Vorgaben unterscheiden müssen.

das Institut der Ehe seines rechtlichen Rahmens entblößt.was nur begriffsgeschichtlich zu registrieren ist .Scheidung zulässig wurde. die im Allgemeinen Landrecht für die preußischen Staaten (1791/94) die Ehe vertragsrechtlich neu begründete. die den Lebenskreis einer möglichen Ehe diachron festschreiben. Die ökonomische Rückbindung wurde gelockert. wenn die ökonomische Basis des Hauses hinreiche. Dazu paßten die standesrechtlichen Bestimmungen.theologisch verbotene .um entscheidende Nuancen zugunsten einer größeren Freiheit und Selbstbestimmung beider Partner verschoben. Schließlich finden wir zu Beginn des 19. Diese Texte können spontan entstanden sein wie Tagebücher. Es müssen also die sozial verschieden einzustufenden Textsorten untersucht werden.Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte schwindendem Maß) eine Ehe weder geschlossen noch geführt wurde. . In allen Fällen wirken hier sprachgebundene Traditionen. dann nur. wenn die Ehe auf einen neuen Begriff gebracht worden ist. Somit waren zahlreiche Menschen legal von der Chance. dessen Hauptzweck die Erhaltung und Vermehrung des Menschengeschlechts sei. Die Ehe blieb als nucleus des Hauses standesrechtlich eingebunden. eine Ehe zu schließen. ausgeschlossen. und die Freiheit der Ehepartner als Individuen wurde so weit ausgedehnt. Briefe oder Zeitungsreportagen. So dominiert . Und wenn sich Veränderungen abzeichnen.in Europa . daß die . die Kinder zu ernähren und aufzuziehen und die gegenseitige Hilfe der Ehegatten sicherzustellen. Die theologische Begründung wird durch eine anthropologische Selbstbegründung abgelöst. oder im anderen Extremfall mit normativer Absicht formuliert worden sein wie theologische Traktate oder juristische Kodifikationen samt ihren Auslegungen. Nun hat das Landrecht keineswegs die theologischen und standesrechtlichen Bestimmungen aufgegeben. Jahrhunderts einen vollständig neuen Ehebegriff. in denen die Ehen auf ihren jeweiligen Begriff gebracht worden sind.bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein die theologische Deutung der Ehe als eines von Gott eingesetzten unauflöslichen Instituts. aber der Begriff der Ehe wurde . daß eine Ehe nur zulässig sei.Das änderte sich im Gefolge der Aufklärung. um der sittlichen Selbstverwirklichung zweier sich liebender Personen .

daß sich die Geschichte der tatsächlichen Eheschlüsse und Ehen entlang dieser sprachlichen Selbstdeutung vollzogen hätte. daß der einmal entwickelte Begriff der Liebesehe. wohl aber ihre Semantik und die damit freigesetzte neue Sprachpragmatik. Und selbst wenn die rechtlichen Schranken gesenkt wurden. die den überkommenen normativen Argumentationshaushalt jeweils anders und in den entscheidenden Punkten innovativ strukturiert haben. die bildungsbürgerliche Begriffsbildung hatten sprachgeschichtlich gleichsam Ereignischarakter. Die vormoderne standesrechtliche. gleichsam im zeitlichen Vorgriff. Sie wird auflösungspflichtig. Nicht die diachron vorgegebene Sprache insgesamt hat sich verändert. um nicht den Typus einer Liebesehe zum empirisch einzigen Normalfall zu machen. Liebe im Lexikon. und Bluntschli geht später so weit (wie zuvor schon Milton). 2. Bielefeld 1986. (Hg. Edeltraud Kapl-Blume. »Familie«. bleiben weiterhin soziale Pressionen wirksam. Stuttgart 1975. zu erschweren und zu belasten. Freilich hat die Hypothese viel für sich. Der Brockhaus von 1820 feiert in emphatischen Worten die postulierte Autonomie und bringt sie auf einen neuen Begriff: die Liebesehe. These. M. Damit wären drei begriffsgeschichtliche Etappen skizziert. Geschichtliche Grundbegriffe.28 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte Raum zu schaffen. Nun läßt sich aus dem begriffsgeschichtlichen Verfahren keineswegs ableiten. daß schon vor der romantischen Begriffsbildung der Liebesehe die Liebe als eine anthropologische Vorgabe auch in solche standesrechtlichen Ehen Eingang gefunden hat. 271-301. um Ehen zu begrenzen. . die ihrer nicht erwähnen. 6 6 Vgl. in: Otto Brunner u. S. die innovative landrechtliche und die romantisch-liberale. eine Ehe ohne Liebe für unsittlich zu erklären. Weiterhin bleiben die im sozialhistorischen Durchblick geschilderten ökonomischen Zwänge in Kraft. Damit verliert die Ehe ihren ehedem primären Zweck. Sie wirkten dann zurück auf das ganze Sprachgefüge.). dazu Dieter Schwab. Bd. langfristig gesteigerte Chancen seiner Verwirklichung gefunden hat.a. Art. Kinder zu zeugen. die ökonomische Rückbindung wird ausgeblendet. Umgekehrt läßt sich nicht leugnen. aus dem heraus Ehen begriffen werden konnten. A.

Die Wirklichkeit mochte sich längst verändert haben. ohne daß sie je zur Deckung gebracht werden könnten. die monatlich oder jährlich den geplanten Haushalt schröpfen (ganz abgesehen von den regulären Dienstleistungen der vormodernen bäuerlichen Bevölkerung) . die neue Erfahrungen registrieren oder initiieren mochten. daß die gesellschaftliche ›Wirklichkeit‹ jemals mit der Geschichte ihrer sprachlichen Artikulation konvergiert. aber der Rückschluß auf eine tatsächliche Geschichte ist damit noch nicht zulässig. der diachrone Wandel. das verweist uns zwar auf den sprachlich umgrenzten Erfahrungsraum und bezeugt innovative Vorstöße. weil die vorauszusetzenden Bedingungen sich mit einer längerfristigen Regelhaftigkeit wiederholen.am überlieferten Schriftgut -. Und was sich andererseits begriffsgeschichtlich aufweisen läßt . Dazu bedarf es vielmehr theoretischer und terminologischer Vorarbeit. das ist möglich nur. in ihm artikulieren sich gleichwohl wiederholbare Strukturen. vollzieht sich ›realgeschichtlich‹ und begriffsgeschichtlich nicht in gleichen Zeitrhythmen oder Zeitfolgen. Denn was langfristig tatsächlich* wirksam war und sich geändert hat. Sprech. Was sich in der geschehenden Geschichte je einmalig ereignet. sie verhindert auch im Blick zurück. Auch wenn im synchronen Schnitt. und ebenso mochten Begriffe gebildet worden sein.all diese Voraussetzungen sind wirksam nur kraft ihrer regelmäßigen Wiederholung von . das läßt sich aus den schriftlich überlieferten Quellen nicht ohne weiteres ableiten.und Tathandlungen verflochten bleiben.und der Begriffsgeschichte. Die Differenz zwischen Handeln und Reden. daß sie einander bedürfen und aufeinander verweisen. der selbst eine Abstraktion ist. Die ökonomischen Bedingungen eines Eheschlusses. der ein theoretisches Konstrukt bleibt. auf die zum Schluß verwiesen sei. die neue Wirklichkeiten freigesetzt haben. Der Akt einer Eheschließung mag subjektiv einmalig sein.Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte Daraus folgt für die Verhältnisbestimmung der Sozial. Und doch besteht eine Analogie zwischen Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte. die wir für die sich vollziehende Geschichte aufgewiesen haben. bevor der Wandel auf seinen Begriff gebracht wurde. abhängig von den jährlich schwankenden Ernteergebnissen oder von den längerfristig sich ändernden Konjunkturen oder von den steuerlichen Belastungen.

Analog. die sich dem Begriff eingestiftet haben. die sich nur spezifisch sprachlich greifen lassen. so sind darin langfristig wirksame Erfahrungen von Ehe sprachlich gespeichert. deren Veränderungsgeschwindigkeiten andere sind als die der Ereignisse selbst. Die Vorgaben des Brauchtums. die zum Sprachereignis wird. Es sind also auch hier sprachliche Wiederholungsstrukturen. der rechtlichen Einfassung und . um die Differenz im Blick zu behalten. der das Alte anders und das Neue überhaupt begreifen läßt. die ihren Sinn und ihr Verständnis strukturieren. um sich der sprachlich gespeicherten Erfahrung zu vergewissern. . durch ›Synchronie‹ und ›Diachronie‹ nur unzureichend definierten Wechselverhältnis liegt die Thematik aller Sozialgeschichte beschlossen. die den Spielraum der Rede so sehr freigeben wie begrenzen. verwendet wird. Und wenn sie sich ändern. die sich zwischen der entschwundenen Wirklichkeit und ihren sprachlichen Zeugnissen niemals in eine vermeintliche Identität verwandeln läßt. dann nur langsam. Was »lange Dauer« genannt wird. all diese institutionellen Einbindungen sind in actu nur wirksam. Deshalb bleibt die wissenschaftliche Terminologie der Sozialhistorie auf die Geschichte der Begriffe angewiesen. Und jede begriffliche Änderung. Die Sozialgeschichte und die Begriffsgeschichte haben verschiedene Änderungsgeschwindigkeiten und gründen in unterscheidbaren Wiederholungsstrukturen. Und deshalb bleibt die Begriffshistorie auf die Ergebnisse der Sozialhistorie verwiesen. Das gleiche gilt für die sozialen Implikationen eines Eheschlusses. Mit jeder aktuellen Wortverwendung von »Ehe« wiederholen sich die sprachbedingten Vorgaben.30 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte größerer oder geringerer Stetigkeit. ist geschichtlich wirksam nur. In diesem. indem die je einmalige Zeit der Ereignisse in sich wiederholbare Strukturen birgt. indem sie sich von Fall zu Fall wiederholen. Wenn ein Begriff. etwa der der ›Ehe‹. vollzieht sich im Akt semantischer und pragmatischer Innovation. Und der gleichfalls vorgegebene sprachliche Kontext reguliert die Spannweite seines Bedeutungsgehaltes. aber nicht gleichförmig ist die Wechselbeziehung von je aktueller Rede und vorgegebener Sprache zu bestimmen.der theologischen Deutung. ohne daß ihre Wiederholungsstrukturen darüber zerbrechen würden.eventuell noch .

. Commerce and History.). A. Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680-1820. Irmline Veit-Brause. Hans-Georg Gadamer. Historische Semantik und Begriffsgeschichte.0 (1981). Stuttgart 1978. München 1974. S. in: ders. A Note on Begriffsgeschichte.). Pocock. John G. und Eberhard Schmitt (Hg. München 1985. 39-148Régine Robin. Reinhart Koselleck (Hg. Einleitung. S. in: History and Theory 2. Synchronie. Diachronie und Geschichte. Histoire et Linguistique. Cambridge 1985. Opladen 1971. Die Begriffsgeschichte und die Sprache der Philosophie. 61 -67. Rolf Reichardt. Paris 1973. Virtue.Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte 31 Literaturhinweise aus der Zeit des sogenannten ›linguistic turn‹: Eugenio Coseriu.

oder gar text und context. Wer einmal zusammengeschlagen worden ist. denn jede Sprache ist geschichtlich bedingt. Statt dessen werden weichere Antithesen verwendet. um die Leibwache des Oroites umzustimmen und den zu ermorden. Herodot berichtet uns. den zu bewachen sie angestellt war. Auch Worte können vernichten. die sich gegenseitig bedingen oder erläutern. und jede Geschichte ist sprachlich bedingt.28). Wer wollte leugnen. daß sich hier mehr ereignet hat. nur durch Sprache vermittelt zu Erfahrungen werden und somit Geschichte erst 1 i Vgl. die davor. Für unsere Fragestellung nach dem Verhältnis von Geschichte und Sprache läßt sich jedenfalls daraus schließen. daß alle konkreten Erfahrungen. weiß aus Erfahrung. von Sein und Bewußtsein. wie die Verlesung von Briefen des Darius ausreichte.Sprachwandel und Ereignisgeschichte Christian Meier gewidmet Sticks and stones will break my bones. . nämlich Oroites selber (Histories apodexis 3. Die Berechtigung solcher methodischen Verfahren sei unbestritten. John E. daß die Geschichte im Vollzug ihres Geschehens und daß die Sprache. in: The American Historical Review 4 (1987). verschiedene Seinsweisen haben. von Geschichte und Sprache zu relativieren. dabei oder danach gesprochen wird. Die Soziologie des Wissens und die Sprachanalyse konvergieren gleichsam. Wie alle Sprichworte enthält auch dieses eine eindeutige Wahrheit. wenn meaning und experience aufeinander bezogen werden. Intellectual History after the Linguistic Turn. but words (or names) will never hurt me. Aber wie alle Sprichworte gibt uns auch dieses nur eine Teilwahrheit kund. Die gegenwärtige Methodendebatte über Intellectual History ist geneigt. die sich leichter aufeinander beziehen lassen. die wir machen. Wer die sticks and stones beschwört. Toews. als Sprache leisten kann. hinter denen sich sprachliche und nichtsprachliche Bedingungen verstecken. etwa meaning and experience. möchte nämlich einer sprachlichen Aggression entgehen. die harte Antithese von Wirklichkeit und Denken.

Bd. S. 2 Vor sprachliche Bedingungen menschlicher Geschichte Es gibt zahlreiche naturale Vorgaben. biologischer und zoologischer Art. Zuerst werde ich den Blick auf einige vor. Historische Methode.). die die Menschen mit den Tieren teilen. 97-127 und 27-77.1 und III jetzt in: Reinhart Koselleck. ohne die aber auch keine Geschichte möglich ist. geologischer. die die Menschen mit den Tieren teilen und die insofern auch vor. 1. II in diesem Band. (II) Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte. des Geschehens selber. umreißen.9-31. Gleichwohl möchte ich daran festhalten. in: Wolfgang Schieder und Volker Sellin (Hg. Frankfurt am Main 2000. (III) Erfahrungswandel und Methodenwechsel.und außersprachliche Bedingungen menschlicher Geschichte lenken. in: Christian Meier und Jörn Rüsen (Hg. Jede historische Anthropologie muß sich mit derartigen Vorgaben beschäftigen. h. . weil beide nicht zur Gänze in Übereinstimmung gebracht werden können. München 1988. zwischen Sprechen und Leiden bleibt eine Differenz. die als naturale Bedingungen in das Reich der Geschichte hineinragen. die ich zu erläutern suche. Sprache und Geschichte analytisch zu trennen. Göttingen 1986. Sozialgeschichte in Deutschland. Drei solcher metahistorischen Bedingungen möglicher Geschichten will ich erläutern.). Hermeneutik und Historik. Diese Differenz soll uns also beschäftigen. Zwischen Sprechen und Tun bzw. metahistorisch nennen. nach dem einmal erfahrenen Ereignis und seinen Zusammenhang skizzieren. S. Dabei werde ich in drei Schritten vorgehen. Zeitschichten.Sprachwandel und Ereignisgeschichte 33 möglich wird. Man mag diese Bedingungen. Ihr korrespondiert 2 Zur Entlastung von Anmerkungen sei auf drei meiner Aufsätze verwiesen: (I) zusammen mit Hans Georg Gadamer. Dies ist meine These. d. drittens werde ich die Relation zwischen Sprache und Geschichte ex post. Heidelberg 1987. auch wenn Sprechen eine Sprachhandlung ist und auch wenn Tun und Leiden sprachlich vermittelt werden. geographischer.und außersprachlich sind. die die Menschen mit den Tieren teilen. zweitens werde ich die Relation von Sprache und Geschichte im Vollzug der Ereignisstiftung. Erstens handelt es sich um die Spanne zwischen Geburt und Tod.

oder seien es Initiationsriten. die Geschichten ermöglicht und hervorlockt. das die Lebensspanne der anderen abkürzt. wenn die erhöhte Komplexität der heute einander sich überlappenden und durchdringenden Binnen. Die für jede Geschichte konstitutive Spannung zwischen früher oder später. Nicht nur das Sterbenmüssen. Keine menschliche Handlungseinheit kommt zustande. Drittens ist zu nennen eine Differenzbestimmung. die sich nicht nach innen ein. Die Abfolge der Generationen führt zu verschiedenen. kurz für die Geschichten. ja selbst das Zufrüh und das Zuspät. in die man üblicherweise hineingeboren wird immer bleibt die Innen/Außen-Bestimmung konstitutiv für die Konflikte und für deren Regelungen. die Hackord- . die wir alle kennen. sei es der umkämpfte Rückzug in eine Höhle oder die erstrittene Umfriedung eines Hauses. Und es ist der Tod. die der Mensch mit seinen zoologischen Verwandten teilt.34 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte die Bipolarität der Geschlechter. Zweitens teilt der Mensch mit den Tieren die immer gültige Differenzbestimmung zwischen innen und außen. um vermeintlich über seine Geschichte besser verfügen zu können.und Außenräume die Erkenntnis unserer Weltgeschichte enorm erschwert. Das gilt auch. So ist die Spanne zwischen Geburt und Tod für den Menschen eine Endlichkeitsbestimmung. die wir kennen. die heutige Handlungseinheiten stiften. Prüfungssysteme und Zulassungsbedingungen.und nach außen abgrenzt. oder die Mitgliedschaft einer politischen Gemeinschaft. die sich abschichtig ausschließen. den der Mensch bekanntlich gewaltsam vorwegzunehmen fähig ist. fußt auf eben dieser naturalen Vorgabe von Generativität. Auch in diesem formalen Oppositionspaar liegen Bedingungen möglicher Geschichten beschlossen. Asylplätze. die Generativität. einander überlappenden Erfahrungsräumen. gehört zu den natural bedingten. Schwurverbände. anthropologischen Vorgaben zahlreicher Geschichten. sei es die Ziehung einer Grenze. die einen Konflikt auslöst oder beendet. sondern ebenso das Totschlagenkönnen. ohne die es keine Abfolge der Generationen gäbe. das durch Vorsorge hinausgeschoben werden kann. Darin sind diachrone Konflikte angelegt. die sich ohne institutionelle Regelungen nicht vermitteln lassen. Geburt und Tod.

durch Verfahrensregeln Oben und Unten austauschbar zu machen und insofern Gleichheit zu ermöglichen. kann die jeweils funktionalen Oben/Unten-Relationen nicht beseitigen.Sprachwandel und Ereignisgeschichte 35 nung oder. die darüber befindet.aus wirtschaftlichen. Selbstverständlich werden alle genannten Formalbestimmungen. bestimmte Sprechweisen oder Spezialsprachen zu beherrschen. nach oben und unten -. wie auch immer sie sich im einzelnen wirtschaftlich zusammensetzt . die generationsspezifisch die Erfahrungen und Hoffnungen der Alten oder der Jungen diachron sortieren. oder die Abhängigkeiten zustimmungsfähig zu machen und insofern Freiheit zu sichern . aber sie soll mein erstes Argument erhärten. Die drei genannten formalen Oppositionspaare bestimmen bereits vorsprachlich die konkreten Geschichten. in griechisch-alteuropäischer Terminologie. religiösen. die metahistorischen Vorgaben sich sprachlich einzuverwandeln. daß Sprache und Geschichte nicht restlos zur Deckung gebracht werden können. Dennoch blei- . Diese Skizze ist plakativ. formalisiert: die Opposition von Oben und Unten. Der Mensch als sprachliches Wesen kann gar nicht umhin. Fast immer ist es die Teilhabe an einer bestimmten Sprachgemeinschaft. Fast immer ist es die Fähigkeit. ob jemand dazugehört oder ausgeschlossen bleibt. um sie zu regeln und zu steuern.Geburt und Tod. politischen. von den Menschen sprachlich erfaßt und kraft der Sprache sozial überformt oder politisch geregelt. die sich nicht sprachlich selbst bestimmt. oben/unten sind drei Oppositionsbestimmungen. Abgrenzungen nach innen und außen. Zusammengefaßt: früher/später. sozialen oder sonstigen Faktoren. Auch die Verwandlung von personaler Herrschaft in vermeintlich anonyme Verwaltung. innen/außen. die der Mensch mit den Tieren teilt . soweit er es vermag. ohne die keine Geschichte zustande kommt. gewiß. die darüber entscheidet. ob sich jemand höher oder tiefer. oben oder unten in der Gesellschaft bewegen kann. Selbst wenn die politische Kunst menschlicher Selbstorganisation darauf zielt.an der formalen Vorgabe notwendiger Oben/Unten-Beziehungen hat sich deshalb noch nichts geändert. Keine Handlungsgemeinschaft. also die funktionale Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft. die Zuordnung von Herr und Knecht. Fast immer gibt es unterschiedliche Sprachnormen. Generativität.

was man in Worten nicht erklären kann. Und jede Anstrengung.nur noch mit Schweigen geantwortet werden kann. an denen sich alle Sprache vergeblich abarbeitet. kommt für die Betroffenen. scheint bis heute zu scheitern. ja selbst wenn die Spannung zwischen den Geschlechtern der Entwürdigung dient dann jedenfalls entstehen Ereignisse: Ereignisketten. Diese Differenz zwischen einer Geschichte im Vollzug ihres Geschehens und ihrer sprachlichen Verarbeitung bleibt in jedem Fall konstitutiv für deren Beziehung. in die sie so unendlich viele Menschen und Völker hineingezogen hatten. für das Ereignis selbst zu spät.36 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte ben elementare. jeder Satz. die sich der Sprache entziehen. auf die jedes Wort. Ja. Ereigniskatarakte. Wenn die bewegliche Innen/Außen-Abgrenzung zum leidenschaftlichen Gegensatz von Freund und Feind zugespitzt wird. Damit komme ich zu meinem zweiten Gesichtspunkt. wenn der unentrinnbare Tod durch Totschlag oder Selbstopfer überboten wird. die einem die Sprache verschlagen. wenn die Relation zwischen Oben und Unten zur Versklavung und unaufhebbaren Demütigung oder zur Ausbeutung und zum Klassenkampf führt. als sprachlich beherrscht werden kann. es gibt Ereignisse. Jeder Versuch.vielleicht . Das gleiche gilt nun auch für die Sprache. eine der Massen Vernichtung angemessene Sprache zu finden. Gesprochene Sprache. als sie 1945 mit ihrer Katastrophe konfrontiert wurden. Anderes ist in Worten möglich. ist mehr. Was sich im Rahmen der genannten Vorgaben zum Ereignis schürzt. auf die . Es sei nur erinnert an die Sprachlosigkeit der Deutschen. zum Verstummen zwingen. Handlungsalternativen Ereignisfolgen und »Es gibt so manches. die den Ereignissen vorausliegt und die als gesprochene oder geschriebene Rede die Ereignisse auslösen hilft. aus der Natur ableitbare Vorgaben erhalten. aber eine erhellende Tat geht nicht daraus hervor.« Diese scharfsinnige Differenzbestimmung stammt von Herodot (Histories apodexis . die Erinnerung sprachlich zu stabilisieren. jede Rede nur noch reagieren kann. wohl aber durch die Tat.

Das heißt. eingestellt hat. Damit hätten wir. die so häufig zitiert worden sind wie dieser Streit um die beste Verfassung. Er hat die sprachlichen Vorleistungen dargestellt: die Handlungskonzepte. auf Kosten der Aristokratie und der Demokratie. Das zeigt sich auch an der Wirkungsgeschichte dieses Textes. die einer politischen Aktion: der Inthronisierung des Darius. die sich danach. die zwischen gesprochener Rede und ihren Ereignisfolgen obwaltet. dank Herodot. ob die Argumente erfunden und den Persern nur in den Mund gelegt worden seien oder ob die offene und umstrittene Thronfolge diese oder jedenfalls ähnliche Argumente tatsächlich hat entstehen lassen (eine Version.kraft der damals wenn nicht besseren. Damit haben sie nicht nur einmalige. als die wirkliche Geschichte in ihrem Vollzug einlöst. über mögliche Geschichten und nicht über die tatsächliche Geschichte. Indem er Möglichkeiten zwischenmenschlicher Verfassung thematisiert. Die philologisch-kritische Frage. vorausgingen. Sie vor allem befindet über die Möglichkeit einer Geschichte in actu.72). Anders gewendet. einmalig und bestimmt. Begriffe werden dann zu Vorgriffen. entschieden wurde .Sprachwandel und Ereignisgeschichte 37 3. enthält er ein progno3 Vgl. sondern strukturelle Handlungsalternativen formuliert. Berlin 1968.das alles braucht uns hier nicht zu interessieren. Herodot-Studien. die einzuführen sei: ein Streit. Er hat sie Darius in den Mund gelegt. deren Ausgang noch völlig offen war. als die berühmte Debatte um die Thronfolge in Persien geführt wurde. ob die Verfassungsdebatte eine sophistische Einlage des Herodot sei. zwar situativ einmalig. so doch stärkeren Argumente. Die diskutierenden Perser haben ihre Erfahrungen möglicher politischer Organisationsform auf ihre Begriffe gebracht. ein erstes Ergebnis. für die manches spricht)' . hat also eine andere temporale Struktur als die Ereignissequenz selbst. sie sprachen über wünschbare oder weniger wünschbare. aber argumentativ übergreifend. Jedenfalls hat Herodot eines geleistet. der damals zugunsten der Monarchie. er hat methodisch bewußt das Augenmerk auf jene Spannung gelenkt. Es gibt wohl wenig Sprachzeugnisse in der Weltgeschichte. Die gesprochene Sprache ist immer entweder mehr oder weniger. . Hans-Friedrich Bornitz.

auf die sie bezogen sind. Indem eine offene Entscheidungslage diskutiert wird. wohl aber strukturell vorausgesagt haben. Jahrhundert die Ereignisse nach 1789 nicht im einzelnen. Genau dieses Deutungsmuster schlägt nun bei den Autoren des 18. die Texte des Tacitus. Derartige Voraussagen sind zahlreich. die Verfassungstypologie des Herodot. Für beide Autoren galt: Die kommende Revolution werde ein Bürgerkrieg sein. Was immer an empirischen Argumenten in die Prognosen einging: die Analyse der französischen Zustände. einer Aristokratie und einer Monarchie werden gegeneinander abgewogen. die am weitesten reichende und scharfsinnigste von Diderot. Jahrhunderts durch. teils geleitet von der bisherigen historischen Erfahrung. die uns Herodot überliefert hat): Die Vor. teils geleitet von der Wünschbarkeit einer einmaligen und völligen Veränderung aller bisherigen Geschichte. deren Anhänger sich auf eine Aristokratie einigen würden. Davon zeugen nun mehrere Revolutionsprognosen. Darius verteidigte die Monarchie derart.also solle man besser gleich eine Monarchie etablieren. der Sieger des Disputes. wie ihn bereits damals Darius. die vorausgesehene Parallele zur englischen Revolution samt Königsprozeß und Cromwells drohendem Vorbild. der Konkurrenzkampf der Aristokraten führe zur Durchsetzung des Stärksten . Sal lusts. werden Argumente aus der Erfahrung abgerufen. Und hier vor allem der immanente Ereignisablauf. um sich die blutigen Umwege zu ersparen.ein Element taucht durch alle abgerufenen Zeitschichten immer wieder auf. des Polybios und Thukydides . dem sich die freiheitstrunkenen zerstrittenen Bürger dann freiwillig unter- . abrufen ließ. sprachlich gespeichert. daß jede Demokratie zu blutigen Parteiungen führe. in dessen Verlauf zwar die gegenwärtigen Monarchien stürzen würden. Damit werden sie übertragbar und wiederholbar. die allgemeinere Geltung beanspruchen (und das gilt mutatis mutandis auch für die Debatten vor jedem Kriegsausbruch.und Nachteile einer Demokratie. Die Argumente selbst gehen nicht in der Situation auf. die sich. das über den einmaligen Anlaß hinausgreift. vorausgesagt hatte. Die realistischste Prognose der kommenden Revolution stammt von Friedrich dem Großen. an dessen Ende aber die Diktatur eines starken Mannes stehen werde. die im 18.38 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte stisches Potential.

durch alle Umformulierungen. Übersetzungen und Anreicherungen hindurch. Frankfurt am Main 2-000. daß er diese Spannung zwischen Reden und Tun zur zentralen Achse seines Geschichtswerkes erhoben hat. die vor der politischen Aktion deren Ablauf beeinflussen sollten. Aber Thu5 4 Im Neuen Teutschen Merkur. den Widerspruch thematisiert. Jetzt in: Koselleck. März 1798. Alle seine . Es handelt sich um Diagnosen in prognostischer. hat sogar anderthalb Jahre vor dessen Staatsstreich die Diktatur Bonapartes vorausgesagt. also auch in pragmatischer Absicht.Sprachwandel und Ereignisgeschichte 39 würfen . . Thucydides. Es ist eine gemeinsame Signatur des Argumentationspotentials von Herodot und der Prognosen. einer der besten Kenner antiker Texte. immer in eine noch unbekannte Zukunft hineingesprochen werden. S. daß sie. Cambridge (Mass.) 1942.Dazu Reinhart Koselleck. Nur die Sprache transportiert derartige Informationen . um wieder verwendet werden zu können. Solche verfassungsimmanenten Konfliktlagen und ihre Handlungsalternativen hat Herodot erstmals aufgezeigt. 4 Es gehört nun zu den einmaligen Leistungen des Thukydides. Heute würden wir sagen: In den Reden und Dialogen ist die Theorie der damaligen Geschichte enthalten. indem er die wirklichen Ereignisse. um eine Zukunft zu beeinflussen. Grundmuster menschlicher Selbstorganisation und der in ihnen angelegten Gefahren. er hat uns gezeigt. Die unbekannte Zukunft und die Kunst der Prognose.so Diderot. die im einzelnen unbekannt. der zwischen der tatsächlichen Geschichte und dem. daß dieser Widerspruch geradezu konstitutiv ist für die Erfahrung von Geschichte überhaupt.Reden und Dialoge sind so konzipiert. 203-224. mehr noch als Herodot. Wieland. daß die Sprache Erfahrungssätze auf den Begriff gebracht hatte. dabei und danach darüber gesprochen wird. Dies zu vermitteln war seine methodische Leistung. Zeitschichten. H. in ihren geschichtlichen Möglichkeiten aber erkennbar ist. der wirklichen Situation der Handelnden entsprechend. die sich implizit auf seine Sätze stützen. die er diachron referiert. John H. . Thukydides hat. Mehr noch.erfundenen . Universität Tübingen 1984/1985. immer wieder aufbricht. in den Reden der Beteiligten auf ihre Ermöglichung hin zur Sprache gebracht hat. 5 Vgl. 70/71. Finley. was davor. in: Attempto.

die sprachlich wieder abgerufen werden können. Es sei nur an den Melierdialog erinnert. d. zwischen außersprachlichen Gründen und ausgesprochenen Vorwänden. Die gern genannte Dauerhaftigkeit der politischen Lehren. zwischen Sprache und geschichtlicher Wirklichkeit obwaltet und so und nicht anders Geschichte konstituiert. Sie haben die Folgelasten im Widerstreit zwischen Macht und Recht auf sich genommen. welche Strukturen möglichen Handelns in der Rede verpackt waren. die empirischen Handlungsbedingungen in Melos. Und was wirklich geschah. Die Athener beriefen sich unverhohlen auf ihre Macht. ihre Frauen und Kinder versklavt. wird zum Ereignis. Indem die Melier ihre rechtlich begründeten Hoffnungen mit der kommenden Wirklichkeit verwechselten. modern formuliert. Was du sagst. denen sich die Melier zu entziehen suchten: wie sich hinterher erweisen sollte. Wohl aber hat er gezeigt. er hat die sprachlichen Vorleistungen der Geschichten in actu thematisiert. indem es sich dir entzieht. die politischen. der.40 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte kydides hat die theoretischen Prämissen nicht abstrakt und generell. Keine Sprache kann dieses Ereignis selbst mehr einholen. Was wirklich geschah. kurz. alternative Wenn/Dann-Aussagen. fügt Thukydides in drei Sätzen hinzu. die sie dann brutal durchsetzten und der sich zu unterwerfen den Meliern zunächst noch freistand. um den Preis ihres Todes. sondern als konkrete Handlungsmaximen konfligierender Handlungseinheiten entwickelt. Nun. Die Melier wurden hingerichtet. Emil Hächa 1939 in Berlin und Alexander Dubcek 1968 in Moskau haben das gewußt. Er hat uns gelehrt. die zwischen Reden und Handeln. h. aber auch zwischen Sprechen und Meinen. den sie nicht voraussahen. handelten sie sich den Tod ein. die Thukydides aufzuweisen suchte . also wiederholbar sind. Und diese Strukturen sind es.sie liegt methodisch gesehen in der reflektierten Spannung. zwischen logoi und erga. als sie sich zur Unterwerfung bereitfanden. Bedingungsprognosen zur Sprache gebracht hat. wie Argumente die Lage verändern und zugleich verfehlen können. in Berlin und in Moskau waren völlig verschieden. . konnte auch der Dialog nicht vorwegnehmen. die analog verwendbar.

wieder möglich sind. Prag zu besetzen. waren analog. Derartige Geschichten. So war es der athenische Beschluß zum Angriff auf Melos. die Bedingungen möglicher Ereignisse. während die Sprache mögliche Ereignisse vorwegnimmt. unter deren Zwang gehandelt werden mußte. Aber Herodot und Thukydides haben uns mit ihrem unverstellten Blick gezeigt. als ihre je einmalige Artikulation zu erkennen gibt. die wieder abrufbar. weil es die Lage unwiderrufbar verändert hat. sondern wiederholbar sind. Sie bündelt in sich. die wir bisher dargestellt haben: Die sprachlichen Wiederholbarkeiten und die unüberholbare Sequenz der Ereignisse kennzeichnen unterscheidbare temporale Strukturen. so waren es die Befehle. daß in den einmaligen Handlungsalternativen geschichtliche Möglichkeitsstrukturen aufscheinen. in Berlin und in Moskau. Wie John Stuart Mill in Use and Abuse of Political Terms sagt: Die Menschheit hat viele Ideen. unter anderen Bedingungen. aber nur wenig Worte. Und wie oft in der Geschichte möchte man ein einmal ausgesprochenes Wort zurückrufen. Natürlich sind in der Perspektive der Ereignissequenz auch alle Sprechakte einmalig und unwiderruflich. die keiner gewollt und niemand vorausgesehen hat.Sprachwandel und Ereignisgeschichte 41 sozialen. Sie haben uns gezeigt. weil sie verhindert oder verhütet wurden. Aber die sprachlich vorformulierten Alternativen. ökonomischen und die ideologischen Voraussetzungen je andere. als Speicher der Erfahrung. 1914. insofern nicht einmalig. Das sei im folgenden näher erläutert. sind nur als sprachlich überlieferte Alternativen greifbar. auch wenn 25 Jahrhunderte dazwischenliegen. realisiert worden ist. Deshalb haben wir es mit verschiedenen Wirklichkeitsebenen zu tun. etwa der von Bismarck 1875 vermiedene Präventivkrieg gegen Frankreich. ohne eintreten zu müssen. während die damit zur Sprache gebrachten . Eine Folgerung bietet sich also aus der Differenzbestimmung an. Und wie viele Geschichten gibt es. auch wenn beide im Alltag untrennbar aufeinander einzuwirken pflegen. auf deren einer sich die unwiderrufbare Sukzession der Geschehnisse abspielt. mit Folgen. die. Die Zahl der Wörter ist begrenzt. deren blutige Möglichkeit später. Jede Sprache ist eine enorme Abstraktionsleistung. daß in der gesprochenen Sprache mehr enthalten ist. die nie zustande gekommen sind.

Möglichkeiten und Wirklichkeiten potentiell unbegrenzt sind. Dazu jetzt in diesem Band S. wenn wir unseren Blick auf konkrete Sprachhandlungen innerhalb bestimmter Sprachen lenken. Heinrich Ryffel. weil sie im Rahmen der konkreten Sprache nur so und nicht anders ausgedrückt werden können. Dann zeigt sich. die in die Ereignisgeschichte eingehen. die wir bei Herodot und Thukydides kennengelernt haben. 402-461. England und Frankreich verglichen hat. Auch Syntax und Semantik bleiben begrenzt. Sie können die Anlässe. Und wenn neue Erfahrungen in den Sprachhaushalt integriert werden. in der größeren Dauerhaftigkeit einmal getroffener Aussagen beschlossen. deshalb haben sie eine längerwährende Stabilität. von Diderot einmal in die Encyclopédie eingeführt. sich enorm differenzierenden Verfassungsdebatte oder in dem anhaltenden. wie etwa in der Jahrtausende währenden. Ebenso begrenzt eine jeweils gesprochene Sprache eben diese Erfahrungen. die den Einzelfall überdauern. die Lexikographie zum Bürgertum und die Wahlrechtsargumente in Deutschland. Diese These läßt sich erhärten. das die Anredeformen. Aber dieser sogenannte Trend vollzieht sich sprachlich in sehr verschiedenen Zeitrhythmen. Ideen. Die sprachliche Festlegung einmal gefaßter Erfahrungen verhindert ihren radikalen Wandel. die Wahlrechtsdebatten. die. 7 Ich beziehe mich auf ein in Bielefeld durchgeführtes Forschungsprogramm. überdauern. Insofern liegt die Wiederholbarkeit einmal ausformulierter Erfahrungssätze. Nehmen wir ein vergleichendes Beispiel. Metabole politeion. Wer 6 7 6 Vgl. immer neu und anders aufbrechenden Streit zwischen Macht und Recht. Meinungen. wie wir ihn aus der Ereignisgeschichte kennen. daß eine Sprache nicht nur Erfahrungen speichert. . Der Wandel der Staatsverfassungen. Bern 1949. Frankreich und Deutschland ausgetragen wurden und die realgeschichtlich ohne Zweifel eine gemeinsame Signatur der Demokratisierung zu erkennen geben. Gegenstände.42 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte Sachverhalte. die seit der Französischen Revolution in Großbritannien. dann hat die Semantik eine langsamere Änderungsgeschwindigkeit als die Ereignisse selbst. seitdem den politischen Diskurs strukturiert. In Frankreich finden wir die griffige Opposition von citoyen versus bourgeois.

der Großbürger. 1814/15 und 1830. Was zeigen uns diese Beispiele im Vergleich? Was außersprachlich eine und dieselbe Bewegung indiziert. nur bourgeoise Interessen statt allgemeine Bürgerrechte zu vertreten. die obendrein regional völlig verschieden gestreut waren. den sogenannten Trend der Demokratisierung. Hier kannte man nur den Bürger. Im Zuge der Spätaufklärung wurde der künstliche Begriff eines Staatsbürgers .das ist von der jeweiligen Sprache her völlig verschieden gemeistert worden. wie sie seit der Revolution jedermann zukommen sollten. In Deutschland war die Debatte semantisch völlig anders vorgeprägt. In der herkömmlichen. wie in den Wahlordnungen von 1795. Es ging darum. Umgangssprachlich war es der Stadtbürger.analog dem citoyen . auch der Spießbürger. seine Gegenbegriffe waren der Bauer und der Adel. Genau diese drei Faktoren wußte das britische Parlament pragmatisch zu vereinen. die dem citoyen innewohnte. Die Tradition ganz konkreter einmaliger Rechtsbestimmungen wurde gewahrt. aber damit verlor der Bürgerbegriff um so mehr seine theoretische Eindeutigkeit und politische Durchschlagskraft. die wachsende Teilhabe zunehmender Schichten an Gesetzgebung und politischer Machtausübung . der stand semantisch unter dem Verdacht. burgesses oder burghers wahlkreisweise und regional verschieden angehoben. Oder besser sollte man sagen: Der Trend zur . Ohne auf die allgemeinen Bürgerrechte im französischen Sinn zurückzugreifen. Die deutsche Wahlrechtsdebatte verhedderte sich .hinzuerfunden.Sprachwandel und Ereignisgeschichte 43 sich auf Vorrechte des Besitzes berief. Weitere Differenzierungen eines und desselben Grundbegriffs folgten: der Kleinbürger. die alternierend ihre Verfassung auf den Boden des allgemeinen Wahlrechtes stellten. Die Begründung aber war modern.zwischen Besitzinteressen und ständischen Privilegien. vollzog sich die Debatte zweigleisig. Und das ist gelungen.vor 1848 . gelangte aber kaum in die politische Alltagssprache. die bisher nicht vertretenen Interessen der neuen middle classes in den Argumentationshaushalt des Parlamentes einzubeziehen. aus dem Mittelalter stammenden Rechtssprache wurde die Anzahl der privilegierten freemen. innovativ. Hierin waren sich Bonapartisten und radikale Republikaner einig. der aber war ständisch festgelegt.

mit deren Arsenal argu- . die sich nicht leicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen ließen. zeigt in der jeweils einmaligen Sprechsituation verschieden gestaffelte zeitliche Tiefenstrukturen. Der Bürgerbegriff blieb plurivalent. weil er de facto noch weit zurückreichende ständische Erfahrungsgehalte in sich speicherte.In Deutschland bediente man sich der gleichen Argumente. um die herum sich die politische Debatte zentriert. Staatsbürgerrechte kamen nicht zu Wort.unser erstes Argument -. polemischen Leitbegriffe .ständische Vorrechte versus staatsbürgerliche Gleichheit . Der Bürgerbegriff schwankte zwischen altständischen Gehalten und staatsbürgerlichen Postulaten. aber sie waren nicht eindeutig auf den mehrdeutigen Bürgerbegriff zurückführbar. die geeignet war. die der Sprache ganz allgemein innewohnt . Vielmehr hielt man an der jahrhundertealten Rechtskraft stadtbürgerlicher und wahlkreisbezogener Begriffe fest. sind an die geschichtlichen Erfahrungsgehalte zurückgebunden. In Frankreich hat die einmal gewonnene Plattform der Revolutionssprache seit 1789 schnell und gründlich verhindert.aber auch nicht mehr. die ihre dualistischen. In Britannien wurde das Problem pragmatisch gelöst. in die politische Arena einzubeziehen .aus der Aufklärung bezog. Was folgt daraus für unsere Fragestellung nach dem Verhältnis von Sprache und Geschichte? Die konkreten Begriffe. .In Britannien schließlich wurden gerade diese traditionellen Rechtsbestimmungen beibehalten. Genau dies war die semantische Vorgabe. daß ständische Privilegien legitimationsfähig blieben. aber innovativ angereichert. die einmal in diese Begriffe eingegangen sind. Deren Begriffe haben sich in der Revolution allgemein und dauerhaft durchgesetzt. neue Erfahrungen der industriellen Gesellschaft auf neue Begriffe zu bringen. um die neuen Erfahrungsgehalte. eben die Interessen der middle classes. Jede synchron gesprochene Sprache. die in Deutschland die Wahlrechtsdebatte verunsicherte.44 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte Demokratisierung ist sprachlich völlig verschieden induziert worden. . In Frankreich haben wir eine Grundsatzdebatte. um sie gleichzeitig durch eine soziologische Terminologie zu überholen. nämlich die interests der middle classes. Anders gewendet: Die größere Dauerhaftigkeit.

Bürgerkrieg«. Über Richtung und Tempo der Veränderung ging die Auseinandersetzung . Reform. Ein Minimum an Veränderungsdruck wurde von allen politischen Lagern akzeptiert. Rebellion. trennte die Positionen.der Veränderungszwang selbst war im Begriffsnetz der Bewegungsbegriffe allgemein vorgegeben. Geschichte selber. Sie stellen sprachliche Gemeinsamkeiten durch alle politischen Lager her. Bd. enthielt also diachron verschieden tief gestaffelte Vorgaben. Aufruhr. Und reaktionär zu sein haben selbst die Reaktionäre nie von sich behauptet. Stuttgart 1984. 5. die sie auslösen helfen oder die sie erfassen sollen. zunehmend schwer. die seit dem 18. über die die Sprecher nicht willkürlich. um ein Beispiel zu geben. und mehr noch im Horizont der industriellen Revolution. Die zentralen Leitbegriffe lauten Entwicklung. Krise. ob und wie dem Veränderungsdruck standzuhalten. Nur die Frage. So argumentierten. Dieser Befund gilt selbst für die neuzeitlichen Bewegungsbegriffe. 8 Vgl. worüber auch im einzelnen gestritten wird. keinesfalls souverän verfügen konnten. Den Status quo als solchen zu verteidigen fiel seit der Französischen Revolution. Beide suchten eine blutige Revolution durch Reformen zu verhindern.Sprachwandel und Ereignisgeschichte 45 mentiert wurde. wurde gestritten. 8 . auf Wechsel und auf planbare Veränderung hin einstimmen. den Artikel »Revolution. Fortschritt. der radikale Linkshegelianer Rüge und der katholische Konservative Baader beide unter der Zwangsalternative »Reform oder Revolution«. die rein semantisch einen eigentümlich stabilisierenden Effekt auslösen. nachzugeben oder zuvorzukommen sei. Es sind nun genau diese Begriffe. Nur über das Ausmaß der Reformen. die einer Revolution zuvorkommen sollten. Die Bewegungsbegriffe ließen semantisch keine Wahl. die den Argumentationshaushalt ebensosehr erschlossen wie begrenzten. Begriffe haben demnach eine andere zeitliche Binnenstruktur als die Ereignisse. Jahrhundert unseren gesamten Sprachhaushalt auf einen notwendigen Wandel. in: Geschichtliche Grundbegriffe. Evolution und eben Revolution. Die verwendeten Begriffe hatten eine diachrone Schubkraft verschiedener zeitlicher Herkunft.

(Hier liegen übrigens die semantischen Schwellen.bis heute. nicht nur für den großen Zeitraum zwischen Herodot und Diderot. sei hinzugefügt. Bd.4 6 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte Selbst wenn die neuzeitlichen Bewegungsbegriffe auf stetige Änderung verweisen oder hindrängen . Beide Innovationen waren von großer. von erstaunlicher Stetigkeit und wiederholbarer Anwendungsfähigkeit. läßt sich also auch für die beschleunigte Moderne aufrechterhalten. . Ihr stetiges Dauerziel einer letzten und endgültigen Revolution verhinderte es. um »berith« aus dem Alten Testament zu übersetzen. Geschichtliche Grundbegriffe.die Begriffe selbst sind. Einen Bund. daß sich die Sprache langsamer wandelt als die Ereignisketten. so lautete die Lehre. aber eben deshalb auch politische Folgen. auch wenn sie in praxi völlig verschiedene Aktionsprogramme begründen helfen. die in der Sprachgeschichte selber Ereignischarakter haben. ebenso Diderots Stiftung der handlungsanleitenden Gegenbegriffe. Das hatte theologische. Ein Beispiel aus dem deutschen Bereich. die sie auslösen hilft und zu begründen hat. die tatsächlichen Veränderungen der sich laufend reformierenden kapitalistischen Gesellschaft pragmatisch angemessen wahrzunehmen. aber auch stabilisierender Folgewirkung. i. Freilich gibt es immer Gegenbeispiele spontaner sprachlicher Innovation. in denen die Pragmatik stark genug ist. könne nur Gott stiften. die Marx und Engels nicht überschreiten konnten. er entziehe sich menschlicher Verfügungsgewalt. »Bund« ist ein Grundbegriff der deutschen Sprache.) Unsere These. Luther verwendete nun diesen politischen Ausdruck. sich der langfristig vorgegebenen Semantik zu entziehen. und typisch für diesen. und er indiziert seitdem ein Strukturmerkmal der deutschen Verfassungsgeschichte. die den bourgeois von vornherein unter Ideologieverdacht stellten. auf den wir uns anfangs bezogen haben. Fälle. durch das diese sich wesentlich von der Geschichte der Nachbarstaaten unterscheidet . Damit scherte »Bund« aus dem sich reichsrechtlich organisierenden Sprachge9 9 Vgl. Stuttgart 197z. Die Anwendung der Interessenlehre auf die neu so genannten middle classes wurde schon erwähnt. epochenspezifisch. Geprägt wurde er im Spätmittelalter.

Deshalb entschieden sich Marx und Engels für eine radikale Neuformulierung. der gerade damals anfing. blieben auf die reichsrechtlich privilegierten Herrscher und Städte beschränkt. auf die Dauer. Der heute so genannte Schmalkaldische Bund hat sich damals nie so benannt. Politische Autonomieansprüche.Sprachwandel und Ereignisgeschichte 47 brauch des politischen Protestantismus aus. ein »Glaubensbekenntnis des Bundes der Kommunisten« abzufassen. um die Revolution 1640 ff. theologischen Bundesbegriffs hat lange gewährt. . Die diachrone Schubkraft des lutherischen antipolitischen. Diesem Trend versuchten sie Nachdruck zu verleihen. So bestätigen selbst nachweisbare einmalige semantische Innovationen unsere These. die theologischen Implikationen sind unüberhörbar. zugleich revolutionär lesbar und zustimmungsfähig zu werden. daß Sprachwandel langsamer abläuft als die konkreten Ereignisfolgen. Luthers antirevolutionärer. Es war ein Akt bewußter Sprachpolitik. Die Autoren entzogen sich der diachronen Schubkraft der theologischen Bundessemantik (obwohl auch ihre ›manifestatio‹ weithin ein Glaubensbekenntnis geblieben ist). und dies sehr im Unterschied zum englischen Begriff des covenant. Die spezifisch deutschen. die sich in »Ligen« und »Unionen« zusammenschlössen. Ein Endpunkt sei genannt. 1847 wurden Marx und Engels aufgefordert. die er hervorrufen hilft. die sich aus der religiösen Reformation ableiteten. zugleich umgrenzt und wiederum auf die Dauer stabilisiert. um sich eines Parteibegriffs zu bedienen. theologischer Bundesbegriff und Marx' Abkehr zugunsten eines revolutionären Parteibegriffs haben einmal neue Erfahrungen erschlossen. und dies. Statt eines Glaubensbekenntnisses des Bundes der Kommunisten schrieben sie das Manifest der Kommunistischen Partei. zu legitimieren. Der theologische Bundesbegriff blieb auf die reine Religion beschränkt. innovativ und auf die Dauer wirksam geworden. dessen zugleich religiöse und politische Bedeutung sich gegenseitig steigerten. nicht ohne Erfolg. Politische Autonomie war den Gläubigen als den Teilhabern am Bund Gottes versagt.

nicht über die Qualität des Werkes. um die Wahrheit der Geschichte zu verbürgen. Machiavelli und Guicci- . Jede Auswahl ist bereits vorsprachlich strukturiert. Zweitens entscheidet über die Perspektive. erzählte oder dargestellte Geschichte. dient der wachsende Zeilenabstand zu den vergangenen Ereignissen als Unterpfand besserer Erkenntnis.und die Sprache der Historiographie Bisher haben wir das Verhältnis von Sprache und Geschichte aus der Perspektive bevorstehender Ereignisse betrachtet. auch hier umgrenzen unsere eingangs genannten anthropologischen Vorgaben den Spielraum möglicher Darstellung. Thukydides. also im Blick auf die Geschichte in actu. sondern als erfahrene. ob der Historiker sozial oder politisch oben oder unten angesiedelt ist. erforschte. Polybios. um aus einer Ereignissequenz ex eventu eine Geschichte hervorgehen zu lassen. Tacitus. Die Augenzeugenschaft. methodisch gesehen seit der Entwicklung der historisch-philologischen Kritik. ob er zu den Siegern gehört oder zu den Besiegten. Jahrhundert hinein als ein erkenntnisstiftender Vorteil. Aber wer wollte deshalb auf die Memoiren Commynes'. entscheidet über die Perspektive. nicht als res gestae. die sich mit den res gestae beschäftigt. Sallust. Nachgeborener ist. Und diese Selektion ist nun keineswegs rein sprachlich bedingt.4 8 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begnffsgeschichte Geschichte nach den Ereignissen . Augustinus. Wenden wir jetzt den Blick zurück. ob der Historiker Zeitgenosse der von ihm berichteten Begebenheiten war oder ob er später lebte. Friedrichs des Großen oder Churchills verzichten. besser noch: die Mittäterschaft galt bis in das 18. zu konstituieren? Der Ausdruck »Geschichte« wird also im Sinn des griechischen und lateinischen Sprachgebrauchs gefaßt. als historia. Es handelt sich also jetzt um die Sprache des Historikers im engeren Sinn. Was leistet die Sprache rückwirkend. die sie als Handelnde und als Augenzeugen verfaßt haben? Ob jemand früher oder später geboren ist. erlittener oder betätigter Geschichten. Jede historische Darstellung ist eine Selektion aus dem potentiell unbegrenzten Gebiet vergangener. Erst seit der Erfahrung des Fortschritts. Commynes. Erstens ist schlechthin entscheidend.

was davor und dabei über sie gesagt wird. Denn für die Sieger spricht der Erfolg selbst. das Abschreiben und das Umschreiben der Geschichte. unter höherer Beweisnot.all das sind Fragen der Methode. denn ihre Geschichte war anders verlaufen als erhofft. Sagen. In jeder Geschichte ist immer noch mehr und anderes enthalten. auf einfache Formeln gebracht. . Anekdoten vorausgingen. Wie wird nun eine einmal vergangene Geschichte sprachlich konstituiert? Nach der mündlichen Erzählung gibt es. trifft also noch mehr zu. über die er berichtet und mit der er sich kritisch oder zustimmend identifiziert . neue Fragen und Methoden zu entwickeln. um die vergangenen Geschichten zu erkunden . was sonst verloren wäre für die Nachgeborenen. Sie schrieben unter größerem Erklärungszwang. als die Historiker aus ihrer jeweiligen Perspektive darüber sagen können. als sie die Ereignisse ihrer Zeit analysierten und darstellten. Drittens ist es für die Auswahl des Historikers vorentscheidend. . selbst Marx gehörten jedenfalls zu den Besiegten. was danach gesagt wird. ob schriftliche Quellen gesucht und verhört und gegeneinander abgewogen wurden. Da sollte in Erinnerung behalten werden.oder ob er den Blick von außen auf sie richtet. wie Lukian forderte. Ob alte oder neue Erzählungen. ob und wie viele Zeugen befragt wurden. Legenden.Sprachwandel und Ereignisgeschichte 49 ardini. ob er der politischen. die wir nicht selbst erlebt oder durch Hörensagen erfahren haben. sozialen oder ökonomischen Handlungseinheit angehört. Gerade als Besiegte. innen/außen und oben/unten determinieren also auf je eigene Weise die Erkenntnischancen und umgrenzen so den Status einer Historie. Unsere Beobachtung. drei Möglichkeiten: das Aufschreiben. wurden sie genötigt. soweit dies noch möglich war. wenn wir auf die vergangene Geschichte zurückblicken: auf das. als sie den Siegern auferlegt ist. daß keine Geschichte je zur Deckung kommt mit dem. religiösen.Unsere angeführten metahistorischen Vorgaben: früher/später. Für die Konstitution der Geschichte ist schlechthin entscheidend der Akt des ersten Aufschreibens. gleichsam apolis schreibt. ist irgendeinmal zum ersten Mal aufgeschrieben worden. So oder so werden seine Optionen vorsprachlich kanalisiert. ob Epen. Erstens: Jede Geschichte.

die den einmaligen Ereignisfolgen ihren relativ dauerhaften Sinn oder eine spezifische Bedeutung verleihen. Eine einmal abgelaufene Geschichte bleibt so einmalig. oder ob aus politischen. daß sich die Erfahrungen ähneln oder gleichen.Jetzt wird auch die zweite Form der Historiographie leicht verständlich. die einer Geschichte Konsistenz. um den Wechsel dauerhaft zu erklären. aus dessen Ratschluß alles ableitbar ist. ob es der christliche Gott ist. was früher einmal der Fall gewesen sein mag. Denn erkenntnistheoretisch gewinnt nunmehr die fixierte sprachliche Gestalt einer Geschichte Vorrang gegenüber dem. die sich die Menschen zu erklären suchen. Das hat erkenntnistheoretisch nicht unerhebliche Folgen. meist überraschenden Verlauf einer Geschichte erklärlich. Jeder von uns kennt implizite oder explizite Letztbegründungen. Oder anders gewendet: Solange sich kein Widerspruch auftut zwischen den Begründungen. als es die einzelnen und einmaligen Ereignisse selber sein können. so meist deshalb. und mit ihrer Verschriftlichung wird die Differenz zwischen der einmal vergangenen Geschichte und ihrer später gewonnenen sprachlichen Gestalt gleichsam festgeschrieben. allein an ihre sprachliche Vermittlung zurückgebunden. ob Fortuna oder das Schicksal beschworen werden. die den einmaligen. psychologischen oder ökonomischen Bedingungen oder gar Prozessen die Einzelgeschichten ihre Erklärung beziehen: Immer sind es die sprachlich fixierten Gründe. darf man davon ausgehen. Solche Gründe aber sind von längerer Dauer. einsichtig und verständlich machen. . Zweitens: Solange die Geschichten im Verlauf der Zeit abgeschrieben und so tradiert werden. vielleicht sogar Sinn verleihen. die eingreifen. sozialen. Erst in ihrer sprachlichen Gestalt werden all die Gründe vermittelt. die in den tradierten Geschichten enthalten sind. wie sie vergangen ist. die sich sprachlich in den Begründungen gespeichert halten. im Unterschied zu den Ereignissen selber und deren Folgen. das Abschreiben. Diese Begründungen aber bleiben. Ob es die Götter oder Geister sind. und den . weil ihr eine Überraschung innewohnt. Sonst wären sie nämlich keine Begründungen. Und wenn sie für erinnernswert gehalten wird.50 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte Die vergangene Wirklichkeit wird in den Status einer geschriebenen Geschichte überführt.

werden dann stabilisiert und schützen vor grundsätzlichen Überraschungen.begriffen werden konnte oder warum die christliche Geschichtsdeutung stabil blieb. ob religiös und theologisch oder politisch und psychologisch. Alle Geschichten bleiben verständlich. ob sozial oder ökonomisch.Sprachwandel und Ereignisgeschichte Si Begründungen. Irrtümer alter Lesarten werden korrigiert. kurzum. die sich mit den tradierten Geschieh- . Drittens: Aufregend und selber erklärungsbedürftig ist dagegen das Umschreiben. es handelt sich hier um den authentischen Fall eines wissenschaftlichen Fortschritts: Er bewegt sich im Rahmen der historisch-philologischen Methode. Oder es tauchen neue Quellen auf. Die biblische Geschichte war die Achse aller Geschichten. Aus dieser Perspektive wird auch einsichtig. Geschichten werden erst dann umgeschrieben. wenn der bisher glaubwürdige Begründungszusammenhang unglaubwürdig. Die alten Geschichten werden abgeschrieben und die neuen hinzugefügt. warum die Historie über ein Jahrtausend hinweg als Element der Rhetorik und deren sprachlicher Stabilität . die man für die neu erfahrenen Geschichten braucht. die bislang in den eigenen Erfahrungshaushalt integriert werden konnten. auch wenn der jeweilige Einzelfall überraschend gewesen sein mochte. ist die Aufgabe des Historikers vergleichsweise einfach. wie sie seit der Renaissance zunehmend verfeinert worden ist. solange die sie begründenden Voraussetzungen nicht in Frage gestellt werden. Vergleichsweise einleuchtend und rational überzeugend ist das Umschreiben im Rahmen der historischphilologischen Quellenkritik. Erklärungen. Da werden die Texte auf ihre abgeschriebenen und ihre originalen Teile hin zerlegt. die zum Umschreiben der Geschichten nötigt. Aber dieser forschungsimmanente Fortschritt ist keineswegs zwingend und läßt die Erklärung dafür offen. werden nicht mehr akzeptiert. brüchig geworden ist. So entstehen neue Fragen. die die bisherigen Quellen neu oder anders lesen lehren. Die sprachlichen Vorgaben. verlieren ihre Plausibilität. warum ehedem glaubwürdige und deshalb abgeschriebene Geschichten überhaupt umgeschrieben werden sollen. in die eingebettet eine Geschichte ihren Sinn hatte. Motive und Interessen der Schreiber hinter den Texten aufgedeckt. Die Begründungen. Fälschungen werden entlarvt.

um zu zeigen. von dem Herodot berichtet hatte. »dieselbe« Geschichte zu bleiben. wenn neue Fragen auftauchen. um neue Fragen zu beantworten. daß diese Einpassung der alten Geschichte in die je eigene und neue Erfahrung erst seit der Renaissance und seit der Reformation und der mit ihnen anhebenden historisch-philologischen Kritik begonnen hätte. nicht nur zum ersten Mal vieles bis dahin nur mündlich Überlieferte aufgeschrieben. Überall dort. berichtete er nicht mehr nebeneinander und für sich. um mit der eigenen. So war es die große Leistung Herodots. die die bisher überlieferte Geschichte nicht zu beantworten vermochte. Damit verändert sich der sprachliche Status einer vergangenen Geschichte. der den Historiker nötigt. semantischen und sonstigen Nachrichten aufgriff. Quellenkritik wird selber erst möglich. So werden rückwirkend die überlieferten Geschichten in neue Begründungszusammenhänge eingerückt. neuen und veränderten Erfahrung kompatibel zu bleiben. Quellenkritik ist selber nur ein Mittel. Hier ist der genuine Ort der Quellenkritik. sondern mehr noch die mythischen. Und mehr noch: Thukydides entwickelte ein diachrones Prozeßmodell. Jedes Umschreiben der Geschichte steht also unter dem Druck eines Erfahrungswandels. archäologischen. religiösen. Das Umschreiben der Geschichte beginnt vielmehr mit dem Aufschreiben der Geschichte überhaupt. veränderte Thukydides die Beweisführung. wo er den gleichen Zeitraum behandelt. die bisherigen Erklärungen durch neue zu ersetzen oder die bisherigen Erklärungen durch andere zu ergänzen. ohne daß sie deshalb aufhört. sondern er bündelte alle Nachrichten zu Argumenten.Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte ten nicht mehr beantworten lassen. daß der Peloponnesische Krieg größer gewesen war als der zwischen Persern und Griechen. vor allem schrieb er ihn um. Alles. das die einmalige Machtsteigerung der Athener als hi- . was er auch tat. umgeschrieben werden. militärgeschichtlichen. Die alten Geschichten müssen neu geschrieben. Und so schrieb Thukydides nicht nur aus Herodot ab. Nun wäre es sicher ein Irrtum zu glauben. epischen oder mündlich überlieferten Berichte kritisch in Frage gestellt zu haben. Anders gewendet: Die neuen Begründungen werden selber begründungspflichtig. was Thukydides an kulturhistorischen. über den Herodot ausgiebig berichtet hatte.

der rückblickend Zusammenhänge aufdecken konnte. Dieser erste.Sprachwandel und Ereignisgeschichte 53 storischen Kriegsgrund einsichtig machte. der religiöse Hintergrund. umgeschmolzen und in seine neuen Begründungszusammenhänge eingepaßt. Es sei erinnert an die Wiederentdeckung des Politischen im Spätmittelalter. soweit er nicht mit der christlichen Weltdeutung kompatibel war. Geschichte. Hinter dieser diachronen prozessualen Beschreibung scheint die Letztbegründung aller Geschichten auf. also der Wechsel von einer Generation zur nächsten. 336-358. seiner eigenen Erfahrung entsprechend. der seine Kontrahenten verzehrte. Recht und Gerechtigkeit. die den gesamten antiken Erfahrungshaushalt in Vergessenheit rückten. S. Oder es sei erinnert an die Psychologie des Terrors. Oder es sei erinnert an Eusebius. indem die10 io Dazu Reinhart Koselleck. S. Jetzt in: Zeitschichten. die Tacitus entwickelte und die seitdem rückblickend neue Erkenntnisse in alten Wirklichkeiten auffinden läßt. vor allem durch Machiavelli. Es sei erinnert an die geographische Verflechtung der einzelnen Geschichten durch Polybios. etwa die über den Tyrannenmord.es war ein Umschreiben der Geschichte. die er von Herodot besaß. Eine religiös motivierbare Gerechtigkeit der Geschichtsverläufe sucht man bei Thukydides vergebens. klassische Fall des Umschreibens darf paradigmatisch genannt werden für alle. in: Dieter Simon (Hg. Und in dem Maße wie Thukydides seine Geschichte auf eine solche politische Geschichte reduzierte.ein Vorgang. Während Thukydides den Peloponnesischen Krieg aufschrieb. die bis dahin noch gar nicht wahrgenommen worden waren .). als pathologischen Machtkampf wahr. die ihm folgen sollten. der sich im globalen Ausmaß seit dem 18. . war nicht nur ein Abschreiben alter und Hinzufügen neuer Geschichten . Bereits der Schritt von Herodot zu Thukydides. aus dem heraus Herodot noch eine den Geschichten innewohnende Gerechtigkeit ableiten konnte. Jahrhundert wiederholen sollte. 130-149. indem sie auf die Pathologie der menschlichen Macht und ihrer Verblendung zurückgeführt werden. Deutschen Rechtshistorikertages 1986. Akten des 26. hat er alle historischen Nachrichten. Augustin und Orosius. jedenfalls in der sprachlichen Konstitution der Geschichte. Frankfurt am Main 1987. Damit entschwindet. nahm er ihn. wonach die ganze christliche Geschichte des Mittelalters.

was wir durch die sprachliche Weitergabe schon wissen. indem sie auf-. die jeder Historiker hier und heute zu entscheiden hat. wahrscheinlich weit mehr. die deshalb aber nicht aufhören. indem er die politische Geschichte in neue. auch die alten Geschichten neu zu sehen und umzuschreiben. Es sei erinnert an die Geschichte der sozialen Beziehungen und der Wirtschaftsverfassungen. als wir in der Neuzeit wahrhaben wollen. werden wir nicht umhinkommen. analog unserer eigenen Erfahrung. der die politische Geschichtsschreibung von Ranke nicht etwa widerlegt hat. in die Perspektiven der Ressourcenverknappung und der Umweltabhängigkeiten menschlicher Handlungschancen rücken wird. die uns sagen. umgeschrieben werden konnte.54 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte ses erfunden wurde. mit deren Hilfe die Schotten die gesamte Vergangenheit. Deshalb können wir auch weiterhin abschreiben. unseren Erfahrungen entsprechen oder geeignet sein. »dieselben« Geschichten zu bleiben. Denn die Begründungen. die unsere gesamte Vergangenheit. neue Erfahrungen zu erschließen. Viele Erfahrungen. Was immer an vorsprachlichen Voraussetzungen in die Geschichte eingeht oder in sie eingegangen ist. die die Alten gemacht haben. müssen rational einsichtig sein. als methodisch abgesichert. ist nur in ihren sprachlichen Gestaltungen präsent. ab. Und wenn wir neue Erfahrungen zu machen genötigt werden. daß wir demnächst eine ökologische Geschichtsschreibung werden lesen können. Aber welche Begründungen von uns akzeptiert werden. andersartige und ebenfalls längerwährende Begründungszusammenhänge. Und mit Sicherheit läßt sich voraussagen. Oder es sei erinnert an Marx. die Realität der vergangenen Geschichten.und umgeschrieben wird. ihrer neuen Erfahrung analog. Er hat vielmehr Ranke ergänzt. eingefangen hat. die von ihrer sprachlichen Aussage her auf wiederholte Anwendungen zielen. . Was lehren uns diese Fälle über das Verhältnis. Vieles an Ereignissen und Ereignisketten darf. glaubwürdig überliefert werden. sind wiederholbar. umgeschrieben haben. das jeweils zwischen einer ein für allemal vergangenen Wirklichkeit und ihrer sprachlichen Aufbereitung herrscht? Geschichte ex post existiert für uns nur. nämlich in ökonomische Bedingungsnetze. das ist eine Frage. warum etwas so und nicht anders geschehen ist.

V). erschüttert die Menschen. cap. was darüber gesagt wird (Encheiridion. sondern das. . Wie sagte doch Epiktet? Nicht was getan worden ist.Sprachwandel und Ereignisgeschichte 55 Die Differenz zwischen der vergangenen Wirklichkeit und ihrer sprachlichen Aufbereitung wird nie geschlossen werden.

muß mit einer Hommage an Richard Koebner beginnen. v.es sei denn am Leitfaden einer begriffsgeschichtlichen Rückübersetzung in vergangene Kontexte. Helmut Dan Schmidt. Die Semantik blieb eingeordnet in ihre argumentative . Unbeschadet aller linguistischen Subtilitäten wird hier aus dem großen Erfahrungsschatz eines Historikers gezeigt. . wie sie interessenbedingt abhängig bleiben von politischen Akteuren und Parteien. Sein Aufsatz Semantics and historiography aus dem Jahre 1953 bleibt so lesenswert wie am ersten Tage. 13 t-144. Imperialism. Dabei stellt sich heraus. In angelsächsisch-pragmatischer Weise wird hier gezeigt. Klasseninteressen und Vorurteilen.Die Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte Wer in Israel über Begriffsgeschichte (conceptual history oder history of concepts) sprechen will. Der sogenannte Kontext kommt dabei ausgiebig zu Wort.Verwendungsweise. sondern leistet Beihilfe zur Ernüchterung. Diese Botschaft geht von Koebners semantischem Werk aus. weil ohne diesen keine einzige Bedeutung eines einzelnen Wortes ermittelt werden kann. S. wie abhängig der Sprachgebrauch war von wechselnden Parteiungen. Cambridge 1964. wie ergiebig diese Fragestellung ist. von nationalen oder kolonialen Engagements. Koebner betrieb die Begriffsgeschichte vorzüglich pragmatisch. was Worte anzurichten vermögen. und ders. The Story and Significance of a Political Word 1840-1960. Insofern darf 1 i Richard Koebner. Semantics and Historiography. Konfliktlagen. hg. von Helmut Dan Schmidt edierten Werk über Imperialism. Aber ebenso wird gezeigt. wie sie Verhaltensweisen steuern und Taten auslösen können.heute sagt man lieber: diskursive . wie in einem Jahrhundert der Begriff ›Imperialismus‹ rund ein Dutzend Mal seine Bedeutungen tiefgreifend geändert hat. Worte und Taten wirken aufeinander ein und treiben einander empor. In seinem großen nachgelassenen. Wer als Historiker derlei aufweisen kann. ohne daß die Nachgeborenen das noch wahrzunehmen vermögen . belehrt nicht nur seine Leser.. in: The Cambridge Journal 7 (1953). von Freund. The Story and Significance of a Political Word hat Koebner meisterhaft vorgeführt.und Feindbildern aller Art.

So edierte Koebner 1922 ein wichtiges Buch. Aber Koebners Begriffsgeschichte hat auch noch eine andere Seite. und Hegel hat sehr konkret. daß Koebner als obersten Leitbegriff für die republi2 2-Richard Koebner (Hg. Und diese Hegelsche.und Verfassungsgeschichte im Medium der quellenmäßig besonders gut belegten Rechtsgeschichte.). die in sein deutsches Herkunftsland führt. Vielmehr zeigt die Geschichte der Begriffe. Dabei fragte er danach. ›civitas‹. Breslau und Genf erlernte.Sozial. Schritt für Schritt. und als solcher hatte er ein besonderes Gespür dafür entwickelt. daß in ihr die sprachlichen Eigenleistungen enthalten sind. jedenfalls aus seinem Umkreis.wie damals in der Mediävistik vorherrschend . der seine Welt zu erkennen oder zu beeinflussen sucht. um ihnen Aussagen über eine entschwundene Welt abzugewinnen. wie er sie einmal genannt hat. desto mehr müssen die wenigen erhaltenen Schriftzeugnisse wie Zitronen ausgepreßt werden. Anders gewendet: Die Geschichte der Begriffe spiegelt nicht in einer simplen Weise materielle oder politische Interessen wider . sprachimmanente Geschichte. Bonn 1 9 U . die Koebner in Berlin. .die ›Arbeit des Begriffes‹.in Auseinandersetzung der Bürger mit dem Erzbischof und Stadtherren geändert haben mochten. Denn je spärlicher die Quellen fließen. ›burgenses‹ oder ›cives‹ im 12. Die Anfänge des Gemeinwesens der Stadt Köln. die jedermann aufbringen muß. Koebner war Mediävist.das tut sie auch. Die Begriffe haben also auch eine eigene. idealistische Tradition wirkte zweifellos ein auf die historisch-philologische Methode. Jahrhundert gehabt hatten und wie sie sich .Die Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte 57 Koebner auch zu den Vorläufern von Pocock und Skinner gerechnet werden. Koebner betrieb also . oder wenn man will. das sich mit den 'Anfängen des Gemeinwesens der Stadt Köln‹ beschäftigte. welche primär rechtliche Bedeutung so zentrale Quellenbegriffe wie ›urbs‹. Im Rückblick stutzt freilich der heutige Leser darüber. Der Terminus ›Begriffsgeschichte‹ stammt bekanntlich von Hegel. die Bewegungen und Wandlungen des abendländischen Geistes nachvollzogen . Zur Entstehung und ältesten Geschichte des deutschen Städtewesens. Wörter auf ihre frühere Bedeutung und Verwendung hin abzufragen.

War es doch gerade dieser Begriff. Um Erfahrungen zu machen oder zu sammeln und sie in sein Leben einzubinden. wahrlich kein Quellenbegriff. die Juden aus der Volksgemeinschaft auszuschließen. Beides hängt begreiflicherweise eng zusammen. Dabei dachte er primär an die rechtliche Komponente.5. um vergangene 3 Vgl. braucht man Begriffe. um die schwindenden Erfahrungen festzuhalten. dazu die Rezension von Arno Koselleck. als Kampfparole dazu diente. die eine republikanische Stadtgemeinde mit Bürgern gleicher Rechte auszeichnen sollte. 3 1. . um vermeintlich rassische Kriterien angereichert. die den Tod von Hunderttausenden deutscher Bürger. und um die Vergangenheit in unserer Sprache zu bewahren. in: Historische Vierteljahresschrift 21 (1922/23). Ich will versuchen. Jahrhunderts. was der Fall war. den Tod von Millionen unschuldiger Menschen freigab und heraufbeschwor. den er ins hohe Mittelalter projizierte.58 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte kanische Stadtverfassung die ›Volksgemeinschaft‹ verwendet. als er schon 1934 aus Breslau nach Jerusalem emigrierte. läßt sich nicht im Ernst bestreiten. Begriffsgeschichte Alles menschliche Leben konstituiert sich aus Erfahrungen. und im folgenden sollen einige Vorschläge zur Klärung dieser Wechselbeziehung formuliert werden. diese Beziehung in zwei Schritten zu klären: Erstens werde ich die Geschichte der Begriffe behandeln. der. und 20. Wenn man so will.349-354. Daß zwischen (sprachlichen) Begriffen und (außersprachlicher) Geschichte eine Beziehung besteht. daß Koebner zwölf Jahre später. Wir dürfen dessen gewiß sein. Begriffe sind also vonnöten. als er in die Emigration nach Palästina genötigt wurde. sondern ein moderner Begriff des 19. war Koebner ein frühes Opfer dieser semantischen Verschiebung. Man benötigt sie. diesen Begriff ›Volksgemeinschaft‹ so nicht mehr verwendet hätte. zweitens werde ich die Begriffe der Geschichte erörtern. um zu wissen. Koebner muß das gespürt haben. mögen diese nun überraschend und neu oder aber wiederkehrender Natur sein.

welche durch die Begriffe erfaßt werden. in diesem Augenblick beginnt bereits der Wandel. indem ihnen die Erfahrungen sprachlich eingepaßt werden -. Man kann dieses Diktum auch als eine anthropologische Aussage bezeichnen. Etwas zu begreifen. etwas zu erfassen besagt auf eine sehr spezielle Weise. läßt sich verstehen. Und man mag sich veranlaßt sehen. die strukturellen Bedingungen dieses Wandels wiederholen. mit dem Erzählen von Geschichten zu beginnen. was sich ereignet hat .und sei es. Nur auf dem Hintergrund sich wiederholender Bedingungen lassen sich überhaupt Veränderungen registrieren und erfassen. wenn sich die allgemeinen. Mit Kant gesprochen: keine Erfahrungen ohne Begriffe und keine Begriffe ohne Erfahrungen. Aber der Wandel ist nur begreifbar. wenn er sich bewegt. etwas sieht und hört. Später wird man dann auch in der Lage sein zu berichten. in dem man sich von dieser allgemeinen menschlichen Disposition den Inhalten der Begriffe zuwendet. sich auf kommende Ereignisse oder mögliche Überraschungen einzustellen.oder die Geschichte der eigenen Erfahrungen zu erzählen. Dann mag man auch die Fähigkeit erwerben. welche Erfahrungen man erworben und welche Begriffe man entwickelt hat. und wird man vielleicht imstande sein. aber auch um denkbare zukünftige Erfahrungen in die Reflexion einzuholen. und er bedient sich ihrer.Die Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte 59 Erfahrungen sowohl in unser Sprachvermögen als auch in unser Verhalten zu integrieren. Im gleichen Augenblick. den realen und konkreten Erfahrungen. wenn er also handelt und zugleich damit auch denkt.ohne daß etwas darüber gesagt würde. um sie zu verhindern. weil sich etwas gewandelt hat. sich erinnert oder etwas erwartet. Sie trifft auf alle Menschen zu und in ihrem formalen Charakter auch auf alle Kulturen. Sprachen oder Epochen . was Fernand Braudel als » longue durée « bezeichnet hat. sich den Herausforderungen der Vergangenheit zu stellen. Hinsichtlich ihrer Temporalität ist die » longue durée « nicht . daß der Mensch ein der Sprache mächtiges und sich ihrer bedienendes Lebewesen ist. was geschehen ist. Mit dem Gleichbleibenden ist die repetitive Struktur dessen gemeint. Erst wenn diese Integration erfolgt ist. um die unendliche Zahl vergangener Erfahrungen sprachlich zu ermöglichen und so auch zu erinnern.

ihre Wiederholungsstruktur ist Voraussetzung dafür. daß Neues aussagbar wird. in Diskursen und ihren Bedeutungshaushalten 4 4 Vgl. aber ihre Bedingungen und Strukturen wiederholen sich mehr oder weniger kontinuierlich. daß sich neue Begriffe nur unter bestimmten hermeneutischen Voraussetzungen einführen lassen. in Sätzen.6o Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte als ein stetig linearer Ablauf gleicher Ereignisse aufzufassen. wenn man voraussetzt. Das heißt: Die repetitive Grundstruktur der Sprache und des Verstehens. die man schon kennt und sozusagen unreflektiert hinnimmt. . S. daß der Zuhörer oder Leser alles oder wenigstens fast alles versteht. Es gibt verschiedene Veränderungsgeschwindigkeiten. Dies gilt für die begriffsgeschichtliche Dimension der Geschichte nicht anders als für die sachgeschichtliche: Man kann Begriffsgeschichte(n) als Wandel von Bedeutungen und Pragmatiken nur thematisieren. Man kann nur dann etwas als neu kommunizieren. daß eine ganze Menge anderes sich gleich bleibt und also repetitiv ist. Das ist ganz zentral. daß sich in der Geschichte einiges rasch. gar nicht auffällig wird. dann ist sogleich daran zu erinnern. in Texten. anderes aber langsamer ändert. die aufeinanderprallen und Friktionen. Reinhart Koselleck. daß der Rest verstanden und in diesem Sinne vorausgewußt wird. Studien zur Historik. Es gibt Beschleunigungen und Verzögerungen in unterschiedlichen Tempi. So können auch Friktionen im Sprachgebrauch. II ff. So ist es zum Beispiel völlig klar. Auch wer innovationsträchtige Vokabeln einbringt. ja Brüche zwischen den beiden Zeitschichten der einmaligen Ereignisse einerseits und der repetitiven Strukturen andererseits erzeugen können. wahrnehmen und messen. wenn man weiß. gerade weil die repetitive Struktur der Vorausbedeutungen. Ereignisse unterscheiden sich immer voneinander. Nur auf dem Hintergrund semantisch und pragmatisch repetitiver Strukturen lassen sich Innovation und geschichtlicher Wandel in Semantik und Pragmatik denken. Frankfurt am Main 2000. Wenn man nun auf solchem repetitiven Hintergrund nach bestimmten Veränderungen fragt. sondern als eine kontinuierliche Wiederholung gleichartiger Bedingungen für verschiedenartige Ereignisse. Zeitschichten. geht davon aus.

welche sprachlichen. dann wird man bei einer Durchsicht der damals neu gegründeten Zeitschriften.rezeptiv -.auf das Verhältnis von Begriffen zu den von ihnen erfaßten Sachverhalten. wie sie vorsprachlich und nichtsprachlich vorhanden ist. die Welt also. Lassen Sie mich jetzt unsere Fragestellung erweitern: von den temporalen Strukturen der Geschichte . Andererseits verwandelt sich die Sprache . welche stilistischen und semantischen Residuen aus der NS-Zeit dort noch geläufig waren und in welchen möglicherweise sehr spannungsvollen Relationen dieser weiterhin transportierte Rest zu der ansonsten gepflegten liberalen Umerziehungsdiktion und ihrer Begrifflichkeit stand. Ein Wort mag plötzlich einige neue Bedeutungen erhalten.und begriffsgeschichtlicher Kontinuität oder Diskontinuität fragt. welche Bedeutungen weiter bestehenbleiben und welche nicht.der Begriffsgeschichte wie der Sachgeschichte . Denn was begriffen werden kann und begriffen werden muß. Was außersprachlich erfahren und erkannt und verstanden werden soll. daß Sprache zwieschlächtig ist und bleibt: Einerseits registriert sie .das ist eine in der Geschichte stets wiederkehrende Herausforderung. was außerhalb ihrer der Fall ist. Wenn man sich diese Möglichkeit theoretisch klargemacht hat. die übrigen aber nicht. Alle heute modischen Theorien. auch wenn kein Gegenstandsbereich ohne semantische Leistungen der Sprache erfaßt und erfahren werden kann. kann man analytisch präzise vorgehen und sich fragen. Jede Semantik weist über sich hinaus. Anders gewendet: Wie gestaltet sich das zeitliche Verhältnis zwischen Begriffen und Sachverhalten? Ohne Zweifel liegt hier der Schlüssel zur Geschichte der Begriffe. der Wandlung etwa oder der Neuen Sammlung.alle außersprachlichen Sachverhalte und Gegebenheiten an.Die Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte 6T entstehen. Hierzu ein Beispiel: Wenn man die Zeit nach 1945 untersucht. sie stellt fest. darauf zu achten haben. vergessen. Neues in alte Formeln gekleidet zu verkünden . Ein Teil der Bedeutungen verschiebt sich schneller als andere und zieht vielleicht weitere Verschiebungen nach sich. das liegt außerhalb der Begriffe. die die Wirklichkeit auf Sprache und sonst nichts reduzieren. wenn man nach den für diese Periode charakteristischen Anteilen sprach. was sich ihr aufdrängt.aktiv . ohne selbst sprachlich zu sein. muß auf seinen Begriff gebracht .

Viertens: Sachverhalte und Wortbedeutungen entwickeln sich völlig auseinander. die der wandelbaren Wirklichkeit angemessen sein sollen.S-43-74- . um den geschichtlichen Wandel sowohl der Begriffe wie der von den Begriffen zu erfassenden Wirklichkeit analysieren und beschreiben zu können. Zweitens: Die Bedeutung eines Wortes bleibt sich gleich. Erstens: Die Bedeutung eines Wortes sowie der erfaßte Sachverhalt bleiben sich gleich. Heiner Schultz. Die sich ändernde Semantik muß also sprachlich neue Ausdrucksformen finden. synchron und diachron. Die sich ändernde Wirklichkeit muß also sprachlich neu erfaßt. der semantische und der onomasiologische Zugriff. Historische Semantik und Begriffsgeschichte.keine Wirklichkeit. Begriffsgeschichte und Argumentationsgeschichte. gibt es . sind also erforderlich.).nur vier Möglichkeiten. aber der Sachverhalt ändert sich. ruft er eine Mehrzahl von Benennungen hervor. Drittens: Die Bedeutung eines Wortes ändert sich. Und weil ein Sachverhalt sich nicht ein für alle Mal auf einen und denselben Begriff bringen läßt. Er entzieht sich der vorgängigen Bedeutung. Stuttgart I979.rein logisch . der Erkenntnis und des Wissens. neu begriffen werden. Beide methodischen Zugriffe. Deshalb gibt es die Onomasiologie als wissenschaftliche Methode. Wie Heiner Schultz aufgezeigt hat. Keine Wirklichkeit läßt sich auf ihre sprachliche Deutung und Gestaltung reduzieren. In dieser Differenzbestimmung ist aber die Nötigung enthalten. so daß die ehemalige Zuordnung nicht mehr J 5 Vgl. gibt es die Semantik als wissenschaftliche Methode. Wie eingangs gesagt: Ohne Begriffe keine Erfahrung und ohne Erfahrung keine Begriffe. aber ohne solche sprachlichen Leistungen gibt es . die seinem Wandel gerecht werden sollen. jeden Begriff zweiseitig zu lesen. Sprache ist sowohl rezeptiv wie produktiv. nach denen sich der wechselseitige Wandel von Begriff und Sachverhalt gestalten kann.jedenfalls für uns . um der Realität gerecht zu werden. sie registriert und ist zugleich ein Faktor der Wahrnehmung.62 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte werden. aber die zuvor damit erfaßte Wirklichkeit bleibt sich gleich. in: Reinhart Koselleck (Hg. Weil jedes Wort eine Vielfalt von Bedeutungen haben kann.

eine Begriffsgeschichte zu schreiben. soziale oder politische oder mentale Einbrüche erfolgen. Erstens: Daß Wortbedeutungen und Sachverhalte dauerhaft miteinander korrespondieren. und mehr noch: daß sie sich gleichmäßig und parallel verändern. wurden beide nunmehr als höchste Stufe des Kapitalismus umdefiniert. aber sachlich unzutreffend. der der ganzen Menschheit Freiheit und Selbstbestimmung bescheren werde. die sich in dauernder Wiederholung realisierten. Nur noch mit der begriffshistorischen Methode läßt sich ermitteln. haben wir erst jüngst erfahren. die sich über Jahrhunderte hinweg gleichbleiben. Drittens: Der gegenläufige Wandel läßt sich an der Begriffs- . welche Wirklichkeit ehedem wie auf welchen Begriff gebracht worden war. Nach 1945 schließlich wurden die USA und vor allem die Bundesrepublik Deutschland zu den monopolkapitalistischen. Begrifflich konsequent. Zur Erläuterung darf ich einige Beispiele anführen. daß Begriffe sich gleichbleiben. um die revolutionären Erlösungslehren nicht aufgeben zu müssen. aggressiven. die Wirklichkeit sich aber rasant geändert hat. daß das ganze überkommene und dogmatisierte Begriffsgebäude über Nacht zusammenbrach.bis zum Ersten Weltkrieg unvorhergesehen Faschismus und Nationalsozialismus dazwischen.Die Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte 63 nachvollzogen wird. Schließlich drängte sich jedoch die schief gedeutete Wirklichkeit so störend auf. Empirisch freilich gibt es zahllose Varianten von Zwischenformen. Aber auch diese ändern und verzehren sich. wie es nun einmal in der Geschichte üblich ist. also für jene Bereiche. ist äußerst selten. Gewiß gibt es eine große Gruppe von Wortbedeutungen und zugehörigen Sachverhalten. um an den alten Deutungskategorien. an den Begriffen einer utopischen Geschichtsphilosophie festhalten zu können. Dann schoben sich . Für den sowjetischen Marxismus war der höchstentwickelte Kapitalismus die letzte Epoche vor dem endgültigen revolutionären Umsturz. Das galt lange für Begriffe der Naturerfassung und des bäuerlich-handwerklichen Lebens. Rein logisch gibt es keine weitere Alternative zu diesen vier Möglichkeiten. also faschistischen Ländern schlechthin erklärt. sobald ökonomische. militaristischen. Zweitens: Ein aufregendes Beispiel für den Fall.

der die seit alters sich wiederholenden brutalen und blutigen Vollzugsweisen eines Bürgerkrieges um so mehr hervorlockte. Jahrhundert hinein indizierte der Begriff der Revolution eine Umwälzung. der über die menschlichen Möglichkeiten einer Demokratie. Status meinte in der lateinischen. die sich im Verlauf der Verfassungsgeschichten regelmäßig wiederholt. ausgeblendet oder verdrängt. Viertens: Ein besonders spannender Fall für die sich auseinanderentwickelnde Wort. ohne an den blutigen Bürgerkriegsphasen des jeweiligen Wechsels etwas zu ändern.und Sachgeschichte zeigt sich im Spannungsfeld zwischen Begriff und Sachverhalt von Staat. Ich greife die deutsche Begriffsgeschichte heraus. Jahrhundert aber gewinnt dieser Begriff eine völlig neue Dimension. die mit einer rund hundertjährigen Verzögerung die französische Begriffs. Jahrhundert der Begriff. gleichwohl zu blutigen Bürgerkriegen führen müßten. Es entstand ein utopisch umgedeuteter Revolutionsbegriff. wurde von diesem neuen Revolutionsbegriff unterschlagen. einer Aristokratie oder einer Monarchie samt deren Verfallsformen nicht hinausführt. vollzieht sich ein Verfassungswandel. Die Wirklichkeit des Bürgerkriegs meldete sich deshalb hinterrücks zu Wort. so wie ehedem gehabt. die auf solche Weise progressiv gedeutet wurden. Gewalt und Krieg wiederholten sich allen utopischen Programmen zum Trotz. Verbunden mit den alten Erscheinungsformen des Bürgerkriegs: mit Aufruhr. Daß Revolutionen. So indizierte »Revolution« die langfristige Wiederkehr des Gleichen.6 4 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte geschichte von »Revolution« aufweisen. So änderte sich seit dem späten 18. der mit abnehmender Gewalt eine völlig neue Zukunft friedlicher Selbstorganisation der Völker herbeiführen werde. Gewalt und Morden und wieder Morden. als er sie begrifflich ausklammerte. aber die damit diagnostizierten Ereignisabfolgen wiederholen sich in ähnlicher Weise. um sich schließlich von ihr abzulösen.und Sachgeschichte aufholt. Jahrhundert hinein »Stand« im . Der Begriff ändert sich. Empörung. Bis in das 18. zunächst gemeineuropäischen Tradition bis in das 18. Er verweist seit der Aufklärung und seit der Französischen Revolution auf einen einmaligen und einzigartigen Prozeß. während die ehedem damit bezeichnete Wirklichkeit sich gleichblieb: Mord. Seit dem 18. theoretisch gar nicht zuließ. Verrat.

in sich plurale. im Deutschen und Niederländischen auch »Staat« geheißen. denn es gilt. eventuell auch die Kirche.Die Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte 65 Sinne von »rank«. der auf eine rechtlich heterogene. »honour«. diese stromlinienförmige Kurzfassung der deutschen Territorialstaatsentwicklung zu entschuldigen: Aber als Abbreviatur einer hochkomplexen Sachgeschichte sei dieses Modell hingenommen. der als ›Staat‹ für eine bestimmbare Kombination von Bedeutungen einen Ausschließ- . Die Geschichte der Staatsbildung in Wirklichkeit läuft nämlich keineswegs konform oder auch nur parallel mit der darauf bezogenen Begriffsgeschichte.der Stand des Fürsten war sein Staat. Steuern. Status. Die einzige Gemeinsamkeit dieser Stände bestand darin. der eine plurale Gesellschaft indizierte. sozial und politisch ungleiche Gesellschaft zielte. »office«. gerinnen zu harten Oppositionsbegriffen. Stand wurde zu einem Störfaktor der Staatsbildung: ›Staat‹ und ›Stand‹. Staat blieb im 17. so daß mit zunehmend durchgesetzter Rechtsgleichheit die moderne Klassengesellschaft des 19. rückte auf zu einem Grundbegriff. Es entstand jener Verwaltungsstaat. Einige Hinweise seien gestattet: 1. die innerhalb derselben Gesellschaft andere. vollzog sich in wenigen Jahrzehnten eine völlige Kehrtwendung. Status im Sinne von Stand meinte also eine legal ein. institutionell ausbaute. entstand der moderne Verwaltungsstaat. Ich bitte. der Erbin der Naturrechtslehre. und weithin noch im folgenden Jahrhundert bis in das 19. der alle Herrschaftsrechte in seiner Hand zu vereinigen suchte. In der Sprache der Rechtstheorie. der die ständischen Unterschiede einschmolz. »order« oder wie im Französischen ›état‹. 2. bislang ein Begriff. Jahrhunderts freigesetzt wurde. also Heer. Übrigens ähnlich wie ›Revolution‹ und ›Bürgerkrieg‹ zur gleichen Zeit. daß sie alle gleicherweise dem souveränen Fürsten unterworfen wurden. ebenso einund ausgrenzbare Teilgruppen voraussetzte. zunächst mit identischen Bedeutungsgehalten versehen. war also ein Begriff. als jeweils einen von drei Ständen. ›Status‹. hinein deckungsgleich mit Stand .und ausgrenzbare Teilgruppe. Gerichtsbarkeit. die Begriffsgeschichte von » S t a t u s « dagegen abzuheben. Je mehr nun der Fürst seine Rechte wahrzunehmen vermochte. einebnete oder aufhob.

der Staat bündelte in sich alle Hoheitsrechte. er erfaßte alle ehedem ständischen Untertanen als Staatsbürger. zum Rechtsstaat. Damit stoßen wir auf ein generelles Kriterium.66 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte lichkeitsanspruch erhob. die sich auf Gesetzgebung. Und gerade deshalb wurde er zunehmend umstritten. an die Stelle des ›Oberhauptes des Staates‹ rückte der ›Staat überhaupt‹. Insofern wird ›Staat‹ zu einem der vielen neuzeitlichen Kollektivsingulare. die viele ausdifferenzierte Bedeutungen abstrakt zusammenfassen. Anstelle des Fürsten wurde der Staat selber ›Souverän‹. zum Nationalstaat. 3. Er wird zum monarchistischen Staat. zum Volksstaat. ›Staat‹ als hochkomplexer Kollektivsingular teilt diese Eigenschaft mit einigen Dutzend ähnlichen Grundbegriffen. zum christlichen Staat. und das im Unterschied zu den westlichen Nachbarstaaten. Sobald aber »Staat ‹ zu einem Grundbegriff aufrückte. Kirche. mit antipluralistischem Ausschließlichkeitsanspruch. welche Umgangsformeln im Deutschen weggedrängt wurden. das die Kategorie eines geschichtlichen Grundbegriffs auszeichnet. zum Bundesstaat und was sonst noch denkbar war und ist. ihre je eigenen Programme einlösen. Heer erstreckten. Dieser so organisierte einheitliche Staat schloß seitdem alle anderen ehedem auch gebräuchlichen Bedeutungen von »Staat« aus. Deshalb fächert sich der vormals plurale Staatsbegriff neu auf. Steuern. vom » S t a t e of affairs « oder » e t a t des choses « zu sprechen. wo es noch heute möglich ist. denn alle aus den ehemaligen Ständen hervorgegangenen Parteien wollten ihren je eigenen Staat errichten. zum Wohlfahrtsstaat. ohne den die soziale und politische Wirklichkeit nicht mehr wahrgenommen und gedeutet werden konnte. Nun mag man sich streiten. Die geschichtlich vielfältigen und empirisch hart umkämpften Wortkombinationen zehren allesamt von der semantischen Konstante des Staates ›überhaupt‹. Schule. die sich um 1800 gebildet haben. wurde der Begriff auch strittig. Finanzen. ›Staat‹ wurde zu einem unaustauschbaren Begriff. ob diese spezifisch deutsche Be- . ohne deshalb seinen inzwischen gewonnenen institutionellen Ausschließlichkeitsanspruch aufzugeben. und all das in einem nach außen exakt abgegrenzten Land. zum Sozialstaat.

Sicher läßt sich sagen. Die von diesem Begriff erfaßte ständische Vielfalt an Rechten. Jahrhundert hatte » S t a t u s « = Stand einen jahrhundertealten Bedeutungsüberhang. aus dem alten Kaiserreich wird »die Bundesrepublik* ^république fédérale*) .Die Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte 67 griffsgeschichte nur auf eine vorgängige Wirklichkeit reagiert hat oder ob der neu begriffene Staat . Freiheiten. Beide. Privilegien. Das sei an unserer Beispielreihe kurz aufgewiesen.so von Montesquieu und von Johannes Müller auf ihren innovativen Begriff . auch wenn die damit erfaßten Sachverhalte zunehmend kritisiert wurden. Dabei handelt es sich immer um die zuvor beschriebenen Kollektivsingulare. die zwar aufeinander verweisen. die die alte in eine neue Wirklichkeit transformieren helfen. Jahrhundert häufen sich neue Begriffe. der sich über die Zeiten hinweg angesammelt hatte. Im 18. daß die Wechselhaftigkeit der Ereignisgeschichte von diesem neuen übergreifenden Staatsbegriff nur unzulänglich abgedeckt wird. verschiedene diachrone Tiefenstaffelungen. die sich aber auf unterscheidbare Weise ändern.dieses Produkt der idealistischen Geschichtsphilosophie . Alle Begriffe haben. in der sozialen und in der Rechtssprache dominierte. Halten wir als erstes Zwischenergebnis fest: Wortbedeutung und Wortgebrauch verhalten sich niemals zur sogenannten Wirklichkeit in einem Verhältnis von eins zu eins. mal die Wirklichkeit der Begrifflichkeit vorauseilt. Der Begriff schleppte also einen reichen Erfahrungsschatz mit sich. Aus den Freiheiten wird ›die Freiheit*. haben ihre je eigene Geschichte. so daß mal die Begrifflichkeit der Wirklichkeit. Begriffe und Wirklichkeiten.der Wirklichkeit seinen Stempel aufgedrückt hat. die zu Recht nur unter den konstanten Grundbegriff ›Staat‹ subsumiert werden können. der vom Hochmittelalter an bis zur Aufklärung in der politischen. Vor allem ändern sich Begriffe und Realität mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Im 18. Dagegen gibt es Wiederholungsstrukturen in der bürokratisch verwalteten Gesellschaft. wie am Staatsbegriff schon deutlich wurde. Jedenfalls handelt es sich zunächst um einen Erfahrungsregistraturbegriff. Lasten oder Pflichten stammte insgesamt aus dem sogenannten hohen und späten Mittelalter. Ehren.ein Typus.

die. Damit generieren diese Begriffe. und nachdem er sich eine neue Zukunft erschließen sollte. Damit hätten wir ein zweites Ergebnis unserer Analysen: Alle Grundbegriffe sind nicht nur unaustauschbar und deswegen strittig . zeitliche Bewegungs. Jeder Grundbegriff enthält verschieden tief gestaffelte Anteile vergangener Bedeutungen sowie verschieden gewichtete Zukunftserwartungen.nicht mehr nur auf Erfahrungen aufruhen. Der wahre Staat war der zukünftige.temporal gesprochen . Schließlich zeigt sich noch eine dritte Variante. der Zukunftsstaat. wie er zur Zeit der Französischen Revolution zum Modewort wurde und wie er von den idealistischen Philosophen theoretisch durchdacht wurde: Er gewann normative Ansprüche sittlicher und rechtlicher Programmatik. gleichsam immanent sprachlich. Der Staat schlechthin. die sie reflektieren. die erst in der Zukunft eingelöst werden sollten. daß sie . Er wird zum Erfahrungsstiftungsbegriff. der seine Bürger zur Selbständigkeit erzieht. Die einschlägige Liste solcher -ismus-Verbindungen ist lang. der Staat überhaupt. Sie beginnt Anfang des 18.68 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte gebracht. wenn sie erst einmal die gesamte Verwaltung in die Hand genommen haben. Auch unser Begriff ›Staat‹ nimmt an dieser Öffnung zur Zukunft hin teil. registriert hatte und präsent hielt. Repräsentativ für solche innovationsträchtigen Begriffe sind die mit einem -ismusSuffix versehenen. sich selbst abzuschaffen. die vorausgegangen waren. unbeschadet ihres Realitätsgehaltes. reinen Erwartungsbegriff. aus den Fortschritten wird ›der Fortschritt^ aus den Geschichten ›die Geschichten All diesen und analogen anderen neuen Grundbegriffen ist gemeinsam. Ziel dieses Staates ist.sie haben ebenso eine temporale Binnenstruktur. Hier wird vorweggenommen. löste er sich schließlich ganz aus dem Kontext gegenwärtiger Erfahrungen ab: Er wurde zum utopisch angereicherten. Nachdem unser Begriff für lange Zeit Erfahrungen. Vielmehr intendieren sie einen Verfassungswandel in sozialer und in politischer sowie in religiöser Absicht.und Veränderungspotentiale. jeden Staat und damit jede Gewalt und jeden Zwang erübrigen werden. was später bei Marx und Engels zum Dogma einer künftigen »Aufhebung des Staates‹ werden sollte. Bei Fichte ist der wahre Staat der Staat. Jahrhunderts mit .

im Staat weniger einen Zukunftsstaat zu erblicken als vielmehr einen ganz gegenwärtigen Despoten oder Zuchtmeister. Er blieb bislang ein reiner Erwartungsbegriff. die sich steigern. das ständig neue Aktionen stimulieren kann und in der Tat auch stimuliert hat. der von seinen Stiftern und Verwendern zugegebenermaßen bislang noch nie verwirklicht worden ist: der Kommunismus. Nun werden wir uns hüten. »Liberalismus* zu »Sozialismus* und Kommunismus*. Erst im Zuge der politischen Kämpfe ließen sich die diversen Programme mit unterschiedlichem Erfolg verwirklichen. Demgemäß läßt sich eine semantische Regel für unsere Bewegungsbegriffe der Neuzeit aufstellen: Je geringer die Erfahrungsgehalte.und Wehrpflicht betroffene Unterschicht neigte dazu. Zudem müssen wir die Vielfalt der von den verschiedenen Schichten. sie lebt von der bekannten Wiederholbarkeit nicht eingelöster Prophetien. ebenso zu Nationalismus*. daß sie zur Zeit ihrer Prägung keinen Erfahrungsgehalt hatten. je weniger sie eingetroffen sind. von der psychischen Disposition ihrer Verwender abgesehen. der eine kosmopolitisch induzierte. imprägniert. und führt dann über ›Republikanismus‹. aus der Perspektive des gebildeten Beamten im vorigen Jahrhundert oder aus der Sicht der Partei als Vorhut des Proletariats in diesem Jahrhundert auch sein: ein Vormund. desto größer die Erwartungen. der sich überall einmischt . und zwar international. mit umgekehrten Vorzeichen. enthält sie theologische Erbschaften. Auch ›Zionismus‹ gehört nicht nur linguistisch in diese Reihe. Blickt man in die Vergangenheit. »Faschismus* und Nationalsozialismus*. Parteien oder gar Klassen tatsächlich verwendeten Begriffe oder gesprochenen Sprachen in Erinnerung halten. über alle Monarchien hinausgreifende Vaterlandsliebe programmiert. Das freilich konnte er.Die Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte 69 »Patriotismus«. All diesen Bewegungs. Schul. Gruppen. Es gibt in dieser Serie nur einen Begriff. die tatsächliche Geschichte allein auf die Wirksamkeit solcher Grundbegriffe zurückzuführen. Diese semantische Kompensationsregel hat unser gesamtes Vokabular seit der Französischen Revolution. In die Zukunft gewendet.und Aktionsbegriffen war gemeinsam. enthält unsere semantische Kompensationsregel ein utopisches Überschußpotential. ›Demokratismus‹. Die von Steuer-.

die den geschichtlichen Wandel immer wieder neu hervortreibt und zu steuern verlangt. II. Und in der Geschichte ist immer mehr oder weniger enthalten. Diese Beobachtung führt uns nicht in die Falle grenzenloser Relativität.7° Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte und alles zu regeln versucht. einen Grundbegriff zu repräsentieren. die anfallenden Erfahrungen hinreichend zu bündeln und mit den anstehenden Erwartungen auf einen gemeinsamen Begriff zu bringen. liegt auf der Hand. wird also im Laufe der Geschichte immer wieder neu gestellt und neu beantwortet. als in der wirklichen Geschichte enthalten war und ist. sondern zunächst nur umformuliert und neu definiert wurden. Erst wenn ein Wort nicht mehr fähig ist. daß eine einmal niedergeschriebene und so festgelegte Geschichte umgeschrieben werden muß. die zwangsläufig dazu führt. Die Frage nach den Leitbegriffen. Damit hätten wir ein Ergebnis unseres ersten Durchgangs. ›Staat‹ durch ›Gesellschaft‹. Sprachlich wird immer entweder mehr oder weniger gesagt. verliert es seine Kraft. Man erinnere sich: ›Adel‹ wird durch ›Elite‹ verdrängt. Es ist gerade diese Differenz zwischen Begriff und Sachverhalt. ohne deshalb auf den unaustauschbaren Grundbegriff selber verzichten zu können. Es wird dann langsam aus dem Verkehr gezogen. So rufen die einzelnen Sprechergruppen umgangssprachlich verschiedene Bedeutungsstreifen eines Grundbegriffs ab. Gescbicbtsbegriffe Wir gingen also davon aus. ›Bauer‹ durch ›Ökonom‹. die eine Geschichte als solche konstituieren. daß zwischen geschichtlichen Sachverhalten und ihrer sprachlichen Erfassung eine immer wieder neu aufbrechende Spannung besteht. liegt ebenso auf der Hand. als sprachlich gesagt werden kann. Und daß hinter derartigen Umbenennungen oder Begriffsbildungen Probleme außersprachlicher Art lauern. ›Arbeiter‹ zeitweise durch ›Werktätiger‹. So ergibt sich zwingend aus der Begriffsgeschichte die Frage nach den Begriffen der Geschichte. Daß damit die von den Begriffen gestellten Probleme nicht gelöst. sondern zeigt nur auf. daß mit den geschichtlich sich wandelnden Erfahrungen .

Und dann ist die Sprache nicht mehr Instrument. Ich bin geneigt. denn eine wissenssoziologische Analyse eines Textes mag uns mehr sagen. die der Quellenbefund nicht zuläßt. »Das Sein bestimmt das Bewußtsein. meine Abhandlung: Erfahrungswandel und Methodenwechsel. die rückwirkend die alten Geschichten neu zu schreiben nötigen. Bevor ich inhaltlich auf einige Begriffe möglicher Geschichten eingehe. Im Gegenteil. was wir sagen sollen. Auch dieser Vorgriff bleibt sinnvoll. Aussagen zu riskieren. Diese Umschreibung vollzieht sich nicht beliebig. sie können sich 6 7 6 Vgl. Geschichte geht dabei restlos in ihrer sprachlichen Gestalt auf. beide der hier kurz skizzierten Extrempositionen als heuristische Prinzipien der Erkenntnis zu bestärken. Frankfurt am Main 1991. sei eine methodische Zwischenbemerkung erlaubt. Eine sozialökonomische und eine literaturkritische Historiographie schließen einander keineswegs aus. Jahrhundert in Europa. Am anderen Ende der Deutungen mag ein sogenannter idealistischer Vorgriff rangieren. degradiert. S. Dann gewinnt jede Geschichtsschreibung als nur eine unter anderen literarischen Gattungen Anteil am kulturellen Kommunikationssystem. in: Koselleck. der allein über die Wirklichkeit einer Geschichte befindet. .mit Hayden White -. wohl aber hindern sie uns. Sie wird zum Epiphänomen nichtsprachlicher Kräfte. Metahistory. sondern der aktive Faktor. 27-77. etwa ökonomischer Herkunft. Es gibt bekanntlich vielfältige und umstrittene Zuordnungen. ob Dokumente oder Interpretationen.« Ein solcher Zugriff kann durchaus sinnvoll sein. Sie wird zum reinen Instrument vorgegebener Interessen. gleicherweise als Ausdrucksformen des menschlichen Geistes liest. der alle Texte. sondern innerhalb der Wissenschaft unter dem Vetorecht der Quellen. denn er erlaubt . Zeitschichten. Die Quellen sagen uns zwar nie. Hayden White. was jeweils eine Geschichte zur Geschichte macht. als derselbe Text von sich aus hergibt. Die historische Einbildungskraft im 19. die gesamte Geschichte in ihren historiographischen Darstellungen aufgehen zu lassen. 7 Vgl.Die Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte 71 stets neue Zugriffe erzeugt werden. Für sogenannte materialistische Vorgriffe verliert die Sprache an Eigenbedeutung. die er schlicht als falsch ausschließt.

was als vorrangig gelten soll. Land oder Meer. die Antwort selbst eine sprachliche Entscheidung ist. auf geographische Handlungsbedingungen. Eine sachlich-inhaltliche Vorentscheidung wird damit keineswegs getroffen. Wüsten oder Gebirge. also im sprachlichen Medium. wenn schon dieses Oppositionspaar verwendet wird. Aber sicher ist. Die Frage. Es bleibt eine sprachlich zu artikulierende Entscheidung. rational unreflektierte Verhaltensweisen. wie Schnee. Die Sprache ist. Stürme. Die sprachliche Priorität in der Festlegung dessen. diese Bedürfnisse zu befriedigen. mental. ist also Ergebnis methodischer Reflexion. muß dann anders formuliert werden. ob eine Geschichte sprachlich oder außersprachlich determiniert sei. Frost. Hier kann es keine Vorentscheidung geben. ob eine Geschichte entlang den wirtschaftlichen Interessen oder entlang mentalen und womöglich linguistisch fixierten Verhaltensweisen besser begriffen werden kann. auf ökonomische Interessen oder politische Machtgelüste. auf Bedürfnisse und auf die Knappheit der Ressourcen. die allen sprachlichen Deutungen vorausliegen. wie sie die Historiker besonders gern bevorzugen. beides zugleich. daß. die alle anderen Erklärungsmuster ausschließt. kann je nach Präferenz und Erfahrung eines Autors völlig verschieden beantwortet werden. was eigentlich eine Geschichte sei.72- Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte gegenseitig stimulieren. ob eine Geschichte primär ökonomisch. wie Luft. dieser Vorgriff muß zunächst theoretisch. Unsere Ausgangsfrage nach der immer wieder aufbrechenden Differenz zwischen der geschichtlichen Wirklichkeit und ihrer sprachlichen Gestaltung läßt sich freilich weder materialistisch noch idealistisch beantworten. religiös. Die Entscheidung darüber. wenn schon die methodische Alternative gestellt wird. Der heuristische Vorgriff. Aber erkenntnistheoretisch ist die sprachlich zu findende Alternative. was eine Geschichte sei. welche Faktoren oder Bedingungen mehr zählen sollen: die sprachlichen oder die nichtsprachlichen. sozial oder sonstwie determiniert sei. politisch. unentrinnbar. Wet- . wie Flüsse. Die inhaltliche Festlegung für das Untersuchungsverfahren kann sich gerade auf nichtsprachliche Faktoren konzentrieren: auf menschliche Triebe und Sehnsüchte. geklärt werden. sind allemal möglich. Zwischenlösungen oder kombinierte Antwortversuche. auf eingefahrene. Fluten.

die zwar in Kriegen enden mögen. so wie für eine Religions. Wir fragen jetzt nach den sprachlichen Vorentscheidungen. aber zuvor sprachlich ausgetragen werden. Ebenso wird eine politische Verfassungsgeschichte nie umhinkommen. Daß damit keine sachliche Vorentscheidung zugunsten einer bloß sprachlich de- . was sich ereignet hat. um schnellere oder langsamere Veränderungen zu erkennen und darzustellen. hat die Alternative einer sprachlich bedingten oder einer außersprachlich bedingten Geschichte zum Grundmuster seiner Darstellung gemacht: Was sich in Kriegen und Bürgerkriegen an Mord und Greueln. Was heute gern unter die Oppositionsbestimmung von Theorie und Praxis subsumiert wird. sich der sprachlichen Äußerungen der Beteiligten und ihrer normativen Texte zu bedienen. das ist in den Reden und Dialogen nachzulesen. unmittelbarer und konkreter auf die Alternative reduziert: hier sprachliche oder dialogische Überlegung und Botschaft. Dazu gehören Urkunden und Rechtsbücher. Diese bis heute unüberholte Differenzbestimmung zwischen Sprache und Geschehen. zwischen Sprechen und Ereignissequenzen führt mich zum Schluß meiner Überlegungen. Thukydides. an Krankheit und Versklavung ereignet hat und über die Menschen gekommen ist. was sich ereignet haben könnte oder in Zukunft ereignen sollte. Dürre und sonstige Beschränkungen menschlichen Daseins wie zum Beispiel Seuchen. der Altmeister unserer politischen und anthropologischen Geschichtsschreibung. Ein Untersuchungsverfahren kann aber ebensogut rein sprachliche Handlungsbedingungen und Leistungen ins Zentrum rücken: also etwa Rechtshändel. Was sich aber die Menschen dabei gedacht haben und wie sie ihre elenden Erfahrungen oder ihre immer wieder entfachten Hoffnungen ausgesprochen haben. Handeln und Erleiden.oder Kirchengeschichte theologische Texte unabdingbar sind. verstanden und beschrieben werden sollen. auch wenn sie nicht unbedingt das letzte Wort behalten müssen. Dort wird auf den Begriff gebracht.Die Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte 73 terkatastrophen. dort Taten und Versäumnisse. die ein vorzeitiges Sterben herbeiführen können. das hat Thukydides sehr viel anschaulicher. das steht in seinen erzählenden Kapiteln. unter welchen begrifflichen Prämissen Geschichten untersucht. Hitze.

Opposition. den Handlungen und Ereignissen auf der einen Seite und den Berichten darüber. der seine Historien von bestimmten Geschichten verfaßte. 660. und diese Handlungssubjekte waren das Objekt einer Erzählung oder Darstellung . Köster. lateinisch generierten Sprachen nur schwer wiederzugeben ist: auf den Unterschied nämlich zwischen ›Historie‹ ('histoires ›history‹) und ›Geschichte‹ (›the real events‹). So wurde der einmal freigesetzte neue Begriff von Heinrich Köster. war bis ins 18. den Historien auf der anderen Seite. die zu einem völlig neuen Begriff von Geschichte führt. wird demgegenüber zu seinem eigenen Subjekt. den historischen Erzählungen.74 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte terminierten oder einer nur außersprachlich determinierten Geschichte getroffen wird. der in den westlichen. so entdecken wir im späten 18. gleichsam wie Gott.des Historikers nämlich. Vereinfacht handelt es sich hier um den einleuchtenden Gegensatz zwischen res gestae. S. Heinrich M. selber zu handeln und wirkt durch die einzelnen Agenten hindurch.einen Fürsten. Diese. G. Die Geschichte beginnt. der sich schleichend herausgebildet hat. Bd. »Historie«. auch von uns verwendete. Art. ein Land oder was immer -. Zuvor war ›die Geschichte‹ ein Pluralbegriff. einen theoretischen Status. völlig korrekt definiert: Die Geschichte meine dasselbe wie Theorie der Geschichte oder wie Philosophie der Geschichte oder wie Logik der Geschichte* Geschichte wird 8 Vgl. der die Summe einzelner Geschichten meinte. einem Gießener Philosophen. 12 (1787). Jahrhundert hinein selbstverständlich. der alle vergangenen und in Zukunft möglichen Einzelgeschichten auf einen gemeinsamen Begriff bringt. Zunächst sei auf einen Befund hingewiesen. den der alte Plural »die Geschichten« zuvor nie erreicht hat. . Jahrhundert eine erstaunliche Wende. ist es aber nicht geblieben. oder Allgemeines Real-Wörterbuch aller Künste und Wissenschaften. Erstens wird ›die Geschichte‹ zu einem Kollektivsingular verdichtet. in: Deutsche Encyklopädie. sei noch einmal nachdrücklich hervorgehoben. Diese einzelnen Geschichten hatten ihr jeweiliges Handlungssubjekt . den pragmata. Der neue Kollektivsingular. Frankfurt am Main 1778-1804. um jeder billigen Ideologisierung zuvorzukommen. Bde.. Damit gewinnt der neue Begriff einen anderen. Wenden wir uns dem deutschen Sprachraum zu.

»Der Geschichtsschreiber. in dieser Konvergenztheorie einen ästhetischen Zirkelschluß zu vermuten.. 585-606. oder anders gewendet: die außersprachlichen und die sprachlichen Voraussetzungen jeder Art von Geschichte. Zweitens aber wird ebendiese Geschichte zugleich zu ihrem eigenen Objekt. Folglich können Ideologien ungebremst in eine historische Darstellung einströmen. Insofern wird Geschichte das Subjekt ihrer selbst. S. an jeder die Form der Geschichte überhaupt darstellen. Wer einmal erkennt9 Wilhelm von Humboldt. 590. . der dieses Namens würdig ist. wurden begrifflich zusammengedacht. was in der Weltgeschichte wirksam ist.Die Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte 75 zu einem Metabegriff. Darmstadt 1980. Aufl.. Über die Aufgabe des Geschichtsschreibers (1821 ). Die Geschichte der Ereignisse und die Art ihrer Erforschung und Erzählung wurden also auf einen gemeinsamen Begriff gebracht. Dann kann jeder Historiker objektiv das in seiner Geschichte wiederfinden.«" Es liegt nahe. Sie finden sich ebenso in der sogenannten vorwissenschaftlichen wie in der sogenannten wissenschaftlichen Phase der historischen Zunft. was dasselbe ist. der diese Konvergenz scharfsinnig durchdacht hat. hier S. Wenn man so will. Mit seinen Worten: »alles. Es war Wilhelm von Humboldt. sondern primär die Bedingungen möglicher Geschichten. ›Geschichte‹ konnte seit rund 1780 ebenfalls ›Historie‹ meinen. was er subjektiv in sie einspeist. Denn der überkommene Begriff einer Historie wird von dem neuen Kollektivsingular gleichsam aufgesaugt. Ich erspare uns Beispiele einer derart ideologisch kurzgeschlossenen Historiographie. 3. Anders gewendet: Der Begriff thematisiert nicht nur die empirisch sich jeweils ereignenden Vorkommnisse. sich auch in dem Innern des Menschen bewegt«. oder. Schriften zur Anthropologie und Geschichte. muß jede Begebenheit als Theil eines Ganzen. in: ders. Die Bedingungen des Handelns und die Bedingungen ihrer Erkenntnis. handelte es sich hier um eine rein sprachgeschichtlich vorweggenommene transzendentale Wende: Die Bedingungen der Wirklichkeit sind zugleich die ihrer Erkenntnis. weil man das theoretisch vorausgesetzte sogenannte Ganze in seinem jeweils speziellen und je eigenen Forschungsbereich unkontrolliert wiedererkennt.

muß davon ausgehen. die vorschnelle Urteile verhindern. Wissenschaft schützt nicht vor Irrtum. die für ein ganzes zurückliegendes Jahrtausend auf der Suche nach der Geschichte eines deutschen Volkes war.76 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte nisleitende Interessen in seine Forschung einbringt. als sprachlich über sie gesagt wird . daß sie zugleich erkenntnisverhindernd wirken. als in der wirklichen Geschichte enthalten ist. Jahrhunderts. Wohl aber vermag Wissenschaft methodische Hemmschwellen einzubauen.so wie Sprache immer mehr oder weniger leistet. Jahrhundert im Entstehen begriffen war. Geschichte ist eben immer mehr oder weniger. . das so erst im 19. die gegenseitig nie zur Deckung kommen können. Eine solche Hemmschwelle ist die begriffsgeschichtliche Differenzbestimmung zwischen Sprache und Geschichte. Ich erinnere nur an die historisch-kritisch hochtrainierte deutsche Historie des 1 9 .

« Fontenelle brach schließlich 1688 offen mit dem Lebensalter-Vergleich. die zugleich als zunehmend beherrschbar konzipiert wird. daß die Erfahrung der Neuzeit zugleich die Erfahrung einer neuen Zeit ist. Im Gegensatz zu dem theologischen profectus haben nun progressio und progressus in ihren neulateinischen. que les hommes ne dégénérant jamais. non seulement chacun des hommes s'advance de jour en jour dans les sciences. die Wahrheit als Tochter der Zeit. pour quitter l'allégorie. mais que tous les hommes ensemble y font un continuel progrez a mesure que l'univers vieillit. wird die naturale Metapher des Alterns.Die Verzeitlichung der Begriffe Es ist eine Grundhypothese des Lexikons Geschichtliche Grundbegriffe. Stuttgart 1975. 2. Zunächst einige wortgeschichtliche Hinweise. et que les vues saines de tous les bons 1 i Alle einschlägigen Quellenbelege finden sich in den Artikeln »Fortschritt« und »Geschichte. um die aus ihm einmal abgeleitete Steigerungsfähigkeit der Menschenvernunft zu stabilisieren. . Das läßt sich an zwei Bedeutungssträngen zeigen: i.« » C'est à dire. wie sie zuvor noch nicht erfahren worden war. Bd. Bacon hat die Altersmetapher bewußt ausgespart. einführte. Pascal hat in seinem Traité du Vide den menschlichen Fortschritt der raison bewußt in einen Gegensatz zum Altern der Welt gebracht. als er Veritas Temporis filia. ist der Fortschritt. par une prérogative particulière. Ein zentraler Ausdruck. »II y a toutes les apparences du monde que la raison se perfectionnera. der die Neuzeit bekanntlich auf einen genuinen Begriff gebracht hat. Historie« der Geschichtlichen Grundbegriffe. Die »Geschichte selber‹ wird entdeckt. Die Menschen steigern dauernd ihr Wissen: »de la vient. Das Verhältnis der handelnden und leidenden Menschen zur geschichtlichen Zeit hat sich sowohl in der Theorie wie in der Empirie immer tiefer greifend geändert.* »Die gesunden Ansichten aller guten Geister kennen kein Alter. überholt. das schließlich zum Untergang führt oder in einen neuen Kreislauf einmündet. französischen und englischen Fassungen eine neue Bedeutung gewonnen: die Offenheit der Zukunft.

er sprach noch gerne von der perfection plus grande*. Die beste aller Welten ist nur dann die beste. der Reife erreichen könne. Das Verb ›se perfectionner* war alt. auch in der Politik . wenn sie sich ständig verbessert. Leibniz hat diese Überlegungen vielleicht am konsequentesten zu Ende gedacht. Damit kommen wir zu einem weiteren wortgeschichtlichen Hinweis. s'ajouteront toujours les unes aux autres. Das tat auch noch Voltaire. den theologischen Ausdruck geschichtlich neu besetzt. wie es im 18.und er geht noch einen Schritt weiter: daß das Universum auch niemals den Punkt der Vollendung. so daß es seitdem kaum ein Fortschrittsaxiom gibt. Jahrhunderts wird der substantivische Begriff perfectionnement* gebildet.78 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte esprits qui se succéderont. das er nicht theoretisch schon formuliert hätte. Leibniz hat die These aufgestellt.heißt: eine endliche Zielsetzung definieren. daß das Universum sich weder wiederhole noch altere . Damit hat Leibniz einen dynamischen Zeitbegriff formuliert. Ähnlich Pascal sagte er: progressus est in infinitum perfectioms. jedenfalls andere Zeiterfahrung wird durch zwei Wortbildungen indiziert: durch perfectionnement und perfectibilité. « Der kreisläufige. naturhafte Zeitbegriff wird also verabschiedet zugunsten einer progressiven Zeit. Bacon. um den prozessualen Charakter des unendlichen Fortschreitens zu umreißen. Indem perfectionnement den Begriff der perfectio temporalisiert. Die ewigen Gesetze der Natur oder in der Kunst zu entdecken . Turgot verwendete den Ausdruck noch nicht. als er Rousseau fragte: »Mais pourquoi n'en pas conclure qu'il l'homme est perfectionné jusqu'au point où la nature a marqué les limites de sa perfection ?« Eine wirklich neue. in der sich die menschliche Vernunft vervollkommnet. der die Menschheit nacheifere.oder. trotz seines polemischen Optimismus. Jahrhundert gefordert wurde. Fontenelle oder Perrault haben ihre Vorstellungen vom Fortschreiten immer noch auf das Ziel einer perfectio hin ausgerichtet. hat . Erst bei Condorcet ist das perfectionnement* zentrales Schlagwort. 2. Das Ziel der Vollendung wird in den Weg der Optimierung hineingenommen. aber erst in der ersten Hälfte des 18. der die dem Fortschritt innewohnende Zeitlichkeit auf den Begriff gebracht hat.

Es handelt sich um eine Wortschöpfung. die eine offene Zukunft kennt. eine objektivierbare Vollzugsweise der Geschichte. wenn sich die Menschen ihrer Aufgabe bewußt sind. Unbeschadet der pessimistischen Konnotationen. Die Betonung liegt noch auf der Pluralität der einzelnen Fortschritte. Nur noch ein Hinweis auf den deutschen Sprachgebrauch: Hier wird der französische Plural von les progrez zunächst noch sehr natural als Fortgang. die so zuvor noch nicht auf einen Begriff gebracht worden ist. Dieser neue Kollektivsingular umfaßt sowohl die Bedeutungen von ›perfectibilité‹ als auch die von ›perfectionnement‹ in einem einzigen Wort. die Rousseau mit dem Ausdruck verbunden hat. Es handelt sich um einen Ausdruck von hohem theoretischem Anspruch. Erst in den achtziger Jahren wird . So wird per negationem eine genuin geschichtliche Zeit freigelegt. sondern eine metahistorische Kategorie. Sie definiert die Grundbedingung aller möglichen Geschichte. Ich übergehe hier die politischen und die sozialen Implikationen. Der Fortschritt ist nur dann als historische Erfahrung einlösbar. diesen Fortschritt auch zu .der Ausdruck Fortschritt als geschichtlicher Terminus konzipiert. Fortschreiten.von Kant . Anders der Ausdruck der perfectibilité bei Rousseau: Dieser Ausdruck liefert das Kriterium. die die Summe aller einzelnen Fortschritte auf einen gemeinsamen Begriff bringt. sie reicht nicht mehr aus.wie ›perfectionnement‹ -. nach der Intention von Condorcet. Fortrücken und ähnlich übersetzt. die den Prozeß der Geschichte dynamisiert. das den handelnden Menschen vom Tier unterscheidet. handelt es sich um eine Grundbestimmung. die die Zielbestimmungen in den Vollzug des Handelns hineinnimmt. Festhalten möchte ich nur den semantischen Befund: Mit zunehmender Reflexion auf den Fortschritt wird die naturale Zeitmetaphorik zurückgedrängt. ›Perfectibilité‹ ist für Rousseau keine empirische Verlaufsbestimmung . die diese neuen Begriffsbildungen hatten. Denn er indiziert eine zeitliche Modalität der Geschichte. sie artikuliert. die empirisch registrierbar sind. indem sie von einer definiten Zielbestimmung absieht.Die Verzeitlichung der Begriffe 79 er eine spezifisch neue Zeiterfahrung artikuliert: Sie zielt auf den Verlauf der Geschichte. um die Erfahrungen neuzeitlicher Geschichte zu umschreiben.

mit einem Subjekt zu verbinden. Die französische Wortgeschichte kennt diese Kontamination auch. Seitdem erst läßt sich von der Geschichte im Gegensatz zur Natur sprechen: Hier wird offensichtlich ein neuer Erfahrungsraum freigelegt. aber seltener. der auf sich selbst zurückweist. der die Bedingung der Möglichkeit definiert. ohne mit einem konkreten Objekt oder einem konkreten Subjekt verbunden werden zu müssen. nicht aber die Empirie des Fortschritts. Und im gleichen Vollzug der Begriffsprägung werden die Geschichte als Erzählung (historia) und die Geschichte als Ereigniszusammenhang kontaminiert. Nahe verwandt mit der Begriffsbildung von Fortschritt ist die Prägung des neuen Begriffs: Die Geschichte. Anders gewendet. die mehrere Komponenten auf einen gemeinsamen Begriff bringt: Nicht mehr die Geschichten im Plural werden thematisiert. in der die Bedingungen der Erkenntnis mit den Bedingungen des Handelns und der Tat zusammenfallen. eine Konvergenz vor. ›die Geschichte Frankreichs*. von der Geschichte selber zu sprechen. daß von hier aus der Weg zu Hegel und Marx führt. Man konnte nur sagen: ›die Geschichte Karls des Großen*. Erst während der epochalen Wende kurz vor der Französischen Revolution wurde es in Deutschland möglich. wie im Fortschritt.8o Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte veranstalten. den ich jetzt jedoch nicht nachschreite. Insofern ist der Begriff ein Reflexionsbegriff. Jahrhunderts hinein war es nur möglich. Auch Geschichte wird ein reflexiver Begriff. sondern die Geschichte als Bedingung der Möglichkeit aller einzelnen Geschichten. ›die Geschichte* mit einem Objekt bzw. von der Geschichte schlechthin. das viele der deutschen Bedeutungsgehalte von Fortschritt schlechthin* oder von der ›Geschichte selber* in sich versammelt. die an spezifischen Bewegungsbegriffen der Moderne die These der Verzeitlichung erläutern sollten. Bis in die achtziger Jahre des 18. Das nächste Äquivalent in der französischen Sprache scheint mir La Révolution zu sein. Es liegt auf der Hand. Auch liegt. werden also die objektive und subjektive Seite geschichtlicher Erfahrung auf einen gemeinsamen Kollektivsingular reduziert. Nun bleibt freilich dieser Befund nicht auf solche Ausdrücke . So weit meine wortgeschichtlichen Hinweise. der Ausdruck ist eine transzendentale Kategorie. ›die Geschichte der Zivilisation*.

der Aristokratie und der Monarchie kennzeichnet. sie verläuft in der Abfolge dieser gleichsam natürlich vorgegebenen Organisationsformen oder rettet sich in eine länger anhaltende Mischform. Herrschaftsformen ins Unrecht setzt. daß mit dem Begriff der Demokratie seit dem Ende des 18. Alle Erfahrungen begrenzen die Erwartungen. Demokratie war in der aristotelischen Tradition ein Verfassungsbegriff. Wie auch immer Geschichte verläuft. Was diese Triade der Demokratie. die die Neuzeit kennzeichnet. All dies trifft nun nicht mehr zu auf den modernen Sprachgebrauch von Demokratie. der zwei Alternativen zu Gegenbegriffen hatte . Neu ist auch die Setzung der Demokratie als allein legitime Verfassung. Erfahrung . die auch heute noch verwendbar sind.und Erwartung . .die Chance besteht. Dies sei an einigen Beispielen erörtert. um eine demokratische Verfassung zu analysieren. die die mündliche Kommunikation des Stadtvolkes übergreifen.für die Zukunft .treten auseinander. Aber nicht dies möchte ich vor unserem Fragehorizont betonen. so daß . Prognosen aus der Vergangenheit in die Zukunft hinein zu extrapolieren. Anders ausgedrückt: Die Erwartungen werden nicht mehr zur Gänze aus der bisherigen Erfahrung abgeleitet.der Vergangenheit . die alle anderen Verfassungs. die Vergangenheit und Zukunft auf neue Weise einander zuordnet.bei genauer Analyse . die explizit zeitliche Modalitäten thematisieren. daß das gesamte politisch-soziale Vokabular von Bewegungs. Die Erwartungen werden von der bisherigen Erfahrung geleitet und begrenzt.bzw. Das Überraschende bei der Verwendung der Hypothese der Verzeitlichung ist. ist die Endlichkeit der vorgegebenen Möglichkeiten. Dies ist nur eine andere Formulierung für die Verzeitlichung. der sich nicht mehr aus der Vergangenheit ableiten oder begründen läßt.samt deren Verfallstypen. Neu ist nämlich auch. Neu aber ist die Ausweitung der demokratischen Verfassungsform auf Großräume. Damit unterscheidet sich die gesamte Begrifflichkeit von der überkommenen griechisch-christlichen Tradition. Gewiß liefert Aristoteles noch eine Menge von Interpretationen. Jahrhunderts ein neuer Erwartungshorizont erschlossen wird.und Veränderungskoeffizienten zeugt. Alle politischsozialen Begriffe geraten in eine zeitliche Spannung.Die Verzeitlichung der Begriffe 8T beschränkt. von der freilich viele Elemente noch im modernen Sprachgebrauch enthalten sind.

die die Verzeitlichung der kategorialen Bedeutungen in das gesamte politisch-soziale Vokabular einbringen. Sozialismus. die in der Praxis dazu dienen. Liberalismus. Vielmehr kompensieren sie ein Defizit an Erfahrung durch einen Zukunftsentwurf. nur in unendlicher Annäherung erreichbar sei. der erst einzulösen sein wird. Immer handelt es sich um Bewegungsbegriffe. das den Alltag über die vier Jahreszeiten hinweg geleitete. der in der Demokratie nicht nur einen politischen Begriff sieht. Damit stoßen wir auf eine der zahlreichen -ismus-Prägungen. Ich erinnere an Patriotismus. Und für die Vollzugsweise im kommenden Verlauf der Geschichte wird zugleich der entsprechende Bewegungsbegriff mitgeschaffen: Demokratismus. die sich nicht erfüllen lasse. sondern zugleich einen geschichtsphilosophischen Zukunftsbegriff. Die deutschen Freunde der Französischen Revolution.übrigens ebenfalls eine neue Wortbildung -. daß es Begriffe der sich industrialisierenden Welt sind. die sich auflösende Ständegesellschaft unter neuen Zielsetzungen sozial und politisch neu zu formieren. daß das Ziel der Demokratie. indem sie davon ausgingen. daß sie nicht auf einer vorgegebenen und gemeinsamen Erfahrung beruhen. die den Plan. der junge Schlegel oder Fichte. Gemeinsam ist diesen Ausdrücken. Republikanismus. die die bäuerlich dominierte Lebenswelt hinter sich lassen. Hoffnung und Aktion werden in der verzeitlichten Demokratie zusammengedacht. der er schon immer war. bezeichneten sich als Demokraten . eine Demokratie zu errichten. prägt alle genannten handlungstimulierenden Bewegungsbegriffe.8z Teil 1: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte Wenn Rousseau die Demokratie als eine Verfassung für Engel definiert. Aber diesem Ziel nachzustreben sei eine moralische Pflicht. So wird ein Erwartungshorizont erschlossen. Aber trotz allen christlichen Herkunftsbedeutungen entfer- . der junge Görres. die alle eine gemeinsame temporale Struktur haben. die für die Verzeitlichung konstitutive Differenz zwischen Erfahrungshaushalt und Erwartungshorizont. Kommunismus und auch an Konservatismus. Denn diese war naturhaft von einem kreisläufigen Zeitraster her bestimmt. die Identität von Herrschern und Beherrschten. legitimiert. Das Grundmuster. dann ist es gerade diese ins Unendliche weisende Unerfüllbarkeit. Es erübrigt sich fast zu erwähnen.

den Baseler Frieden zwischen dem republikanischen Frankreich und dem monarchischen Preußen als Ausgangspunkt für einen möglichen Völkerbund zu entwerfen übrigens auch eine Wortschöpfung Kants.Die Verzeitlichung der Begriffe 83 nen sich die genannten Begriffe aus dem eschatologischen oder gelegentlich apokalyptischen Erwartungsraum.determiniert. die sich den wandelnden Ereignissen an. Republikanismus ist also jene Bewegungsbestimmung.wie ›Fortschritt‹ oder ›Ge- . wie modern diese bewegliche Begriffsbestimmung ist. sein Land so zu regieren. Die christliche Zukunftserwartung war . Ganz anders die genannten modernen Bewegungsbegriffe der politischen Zukunftsentwürfe: Sie bleiben immer zurückgebunden an menschliche Planung und Aktion. Theoretisch folgt diese temporale Dynamik natürlich aus dem Rousseauschen Contrat social. und zwar von der sicheren. Der preußische König ist somit gehalten. der als erster die Revisionsklausel als Voraussetzung einer jeden vernünftigen Verfassung definiert hat. indem er beide Verfassungen aus dem temporalen Prinzip des Republikanismus ableitete. Als Beispiel sei Kant genannt. der alle Bürger zustimmen könnten. die einmal durch die Ereignisse widerlegt zu sein schien. Fassen wir zusammen: Die Verzeitlichung der geschichtlichen Grundbegriffe erstreckt sich nicht nur auf solche Begriffe. Im französischen Sprachraum ist es meiner Kenntnis nach Vattel gewesen. die dem überkommenen Verfassungsbegriff geradezu entgegengesetzt war. als ob es schon eine Republik (wie die französische) wäre. wenn auch im chronologischen Sinne ungewissen Wiederkehr Christi. bezog aus diesem Scheitern die Gewißheit kommender Erfüllung. die die Zeit explizit thematisieren müssen . der die volonté générale souverän setzte. Jede Prophétie.und einzupassen haben.wenn auch in anderer Weise als die der Antike . die den Verfassungswandel als Prinzip der Verfassung mitsetzt und geschichtlich-rational legitimiert. Hier handelte es sich um eine sozusagen auf Dauer gestellte Zukunftshoffnung. Daran wird deutlich. Es ging Kant darum. der in seiner Schrift Zum ewigen Frieden 1795 den Begriff des Republikanismus ausgefaltet hat. Die Ungleicheit der Herrschaftsformen in den beiden friedenschließenden Ländern wurde nun von Kant unterlaufen.

vor allem der Bibel und des Gesangbuches. Jahrhundert schnell. die auf neuartige und provokative Weise integriert werden sollen.und standesspezifischen Verwendungen der Terminologie zu verstehen. Zunächst wird die politische Sprache auf alle Gebildeten ausgeweitet. die Verbreitung von Zeitschriften nimmt sprunghaft zu . Die politischen Begriffe müssen einen höheren Grad von Allgemeinheit gewinnen. wird abgelöst und überholt von der extensiven Lesegewohnheit. Auch die übrigen Leitbegriffe sind so konzipiert und verwendet worden. Menschen der verschiedensten Lebensräume und der unterschiedlichsten Schichten mit oft diametral entgegengesetzten Erfahrungen zugleich anzusprechen. grob gesprochen. die das stets neu Anfallende verzehrt. Aus diesem Befund lassen sich nun auch die übrigen Kriterien ableiten. Was zuvor nur in theologischer Einkleidung möglich war. der ganze Prozesse indiziert und praktisch auslösen hilft. der Juristen und der Kleriker beschränkt blieb. wenn sie Leitbegriffe sein sollen. Schließlich weitet sich der Resonanzboden der politischen Sprache aus auf die unteren Schichten. die politische Sprache früher auf die Kreise des Adels. die unser politisches und soziales Vokabular neuzeitlich strukturieren. daß die Veränderung der bestehenden Zustände wünschenswert. der in Deutschland seit rund 1770 nachholt. ändert sich das seit dem 18.In diesem Vorgang ist der Zwang zur Abstraktion beschlossen. dann . Die intensive Wiederholungslektüre (Engelsing) der immer selben Bücher. so daß die Ausdrücke entweder in unteren Schichten nicht verwendet wurden oder dorthin übersetzungsbedürftig waren. wird jetzt zum politischen Postulat: alle Menschen zugleich anzusprechen. der von einem juristischen auf die natürliche Generationsabfolge bezogenen terminus technicus zu einem geschichtsphilosophischen Bewegungsbegriff wird.8 4 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte schichte*. Die Begriffe werden in ihrer Verwendung zu Schlagworten. Bezeichnend ist dafür der Weg des Ausdrucks ›Emanzipation‹.ein Vorgang. Sie dienen jetzt dazu. Während.Unter der Demokratisierung des Sprachgebrauchs ist die Verschiebung der schichten. Zunächst auf konkrete Individuen bezogen. . notwendig und daher auch geboten ist. . was in England und Frankreich seit fast einem Jahrhundert schon verwirklicht war.

so daß jede Schicht der anderen eine andere Zukunft vorrechnen kann. die wirkliche Erfahrung hier und jetzt. Alles läßt sich nunmehr ideologiekritisch hinterfragen.Schließlich folgt aus diesem Befund auch die Anfälligkeit für Ideologien aller Art. fordert seit der Kritik durch Napoleon zur Ideologiekritik heraus. daß auch hier eine Antwort in der Verzeitlichung der Begriffssprache enthalten ist. Wissenschaftlich läßt sich dieses reduktive Verfahren auf die gesamte frühere Vergangenheit ausdehnen. Nationen und Klassen oder Rassen ausgeweitet. die aus der sozio-ökonomischen Lebenslage ihrer Träger abgeleitet werden. wird zunehmend bedingt durch soziale und politische Faktoren. Aber wieso ist die Entdeckung dieses Phänomens ein Ergebnis der Neuzeit? Ich glaube. die weder des zufälligen Irrtums noch der offenen Lüge überführbar sind. die sich dieser Erfahrung entziehen. Vielmehr sind es Einstellungen. Das heißt. In der neuzeitlich gesteigerten Abstraktion und universalen Verallgemeinerung der Begriffe liegt noch ein weiterer Befund für die Moderne beschlossen. dieser Neologismus. weil jeder Begriff in eine andere Perspektive einrückbar ist. Wenn nämlich die Begriffe immer auch Vorgriffe in die Zukunft werden. Ideologie. wird der Ausdruck schließlich so sehr verallgemeinert. Die unmittelbaren Erfahrungsräume enthalten seit der globalen Interdependenz aller Ereignisse nicht mehr alle Faktoren. die diese Erfahrung konstituieren. Mit anderen Worten: Die Parteilichkeit und Ideologieträchtigkeit des modernen Vokabulars ist gleichsam a priori konstitutiv für unsere heutige politischsoziale Sprache. die unseren Alltag bestimmt. Sekten. unter dessen Vorgebot heute Politik gemacht wird. . diese Vorgriffe zu widerlegen oder zu bestätigen. die universal und übergreifend verwendbar ist.h. . Es handelt sich dabei um Bewußtseinshaltungen. d.Die Verzeitlichung der Begriffe 85 auf Gruppen. dann gibt es keine Kontrollmöglichkeiten mehr. daß die Rückbeziehung auf konkrete Aktionen beliebig abrufbar wird. die nicht mehr wie früher auf der bisherigen Erfahrung aufbauen. schichtenspezifisch verschieden besetzbar. Kirchen. die jeweils gleiche Rechte fordern. Die Zukunft ist offen. Diese aufklaffende Differenz kann nur überbrückt werden durch eine politische Terminologie. Hinter den zahllosen schlagwortartigen Abstraktionen der heutigen Sprache steht ein Zwang zur gesteigerten Abstraktion.

textuellen Kontext. Einige Kritiker der Begriffsgeschichte gingen so weit zu behaupten. so wird argumentiert. die Geschichte eines linguistisch isolierten Begriffs zu schreiben. die seinerzeit den Geschichtlichen Grundbegriffen zugrunde gelegt wurden. an diesen theoretischen Voraussetzungen in kaum veränderter Form festzuhalten. ist ein persönlicher Hinweis angebracht. wenn sich die theoretischen Prämissen. die ich hier entfalten werde. seine theoretischen und methodologischen Voraussetzungen. Die Veröffentlichung dieses Lexikons hat 1 9 7 2 . genauer. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland verknüpft. begonnen. die von mir ein Dutzend Jahre früher formuliert worden sind. daß es schwierig. Zunächst sei eine kurze Bemerkung über die Stellung von Begriffen in dem umfassenderen linguistischen Rahmen erlaubt. daß für solche Forschungen ein weiterer Kontext unbedingt vorausgesetzt werden müsse. ein vollständiger Text oder gar eine Serie von Texten.Hinweise auf die temporalen Strukturen begriffsgeschichtlichen Wandels Bevor ich auf die komplexe theoretische Frage nach den temporalen Strukturen begriffsgeschichtlichen Wandels eingehe. Meine begriffsgeschichtlichen Forschungen sind aufs engste mit dem umfangreichen Forschungsprojekt Geschichtliche Grundbegriffe. Es wäre schmerzhaft oder entmutigend. die Bedeutung und die Wandlungen der Bedeutung eines einzelnen Begriffs zu rekonstruieren. sei es ausgeschlossen. Ich bin nicht abgeneigt. haben sich wenigstens für mich zu einer theoretischen Zwangsjacke entwickelt. Es sollte deshalb nicht überraschen. wenn jahrelange Reflexionen nicht zu gewichtigen Veränderungen in meinem eigenen Ansatz zur Begriffsgeschichte geführt hätten. auf der theoretischen Ebene . um das gemeinsame Projekt der Geschichtlichen Grundbegriffe durchzuhalten und voranzutreiben. vielleicht sogar unmöglich sei. Man hat wiederholt und nicht ohne Berechtigung festgestellt. von denen unterscheiden. Während es unbedingt notwendig war. Ohne diesen erweiterten. haben sich meine eigenen Theorien über Begriffsgeschichte kontinuierlich verändert.

von seinen spezifischen Erkenntnisinteressen und seinen Fragestellungen ab. in dem der lexikalische Repräsentant des Begriffs. sie schließen sich allerdings bis zu einem gewissen Grade wechselseitig aus. ist die nach der Möglichkeit des Wandels von Begriffen. In ihm existieren zuallererst Wörter. wozu er sich entscheidet. der man bei jedem Versuch. hängt es letztlich vom individuellen Forscher. Alle diese Entscheidungen können gleichermaßen legitim sein. Die zweite Frage. da offensichtlich die Konventionen der normalen Sprache für begriffsgeschichtliche Forschungen belangreich sind. Vieles hängt also von den individuellen Präferenzen und praktischen Überlegungen des Forschers ab. Man beginnt mit dem Paragraphen. auf eine Serie von Texten oder auf die ganze Sprache. B. Es reicht allerdings aus. Dazu möchte ich einen kurzen Blick auf das werfen. Da es jedoch unmöglich ist. ihr auf der forschungspraktischen Ebene zu antworten. sich allein auf die Wissenschaftssprache zu beschränken. zu betrachten. alle diese Dinge gleichzeitig zu tun. auf ihre Gegenbegriffe. in denen die Bedeutung individueller Begriffe analysiert werden könnte. Für unseren gegenwärtigen Zweck ist es unwichtig. Vom Buch ist es nur ein kleiner Schritt in die gesamte soziale und politische Debatte der jeweils untersuchten historischen Periode. Und diese Bedeutungen wiederum beziehen sich auf gewisse. die Geschichte von Begriffen zu rekonstruieren. z. Diese Wörter haben Bedeutungen. die sprachlichen Kontexte. erscheint. denn alle Begriffe beziehen sich auf unterschiedliche Weise auf andere zeitgenössische Begriffe.diese . gibt es keine Grenzen mehr. was man das linguistische Dreieck nennen könnte.ideologisch oder empirisch . Mit anderen Worten: Man landet schließlich in der Analyse aller Aspekte einer Sprache zu einem gewissen Zeitpunkt im historischen Prozeß. Forschung ist in gewisser Weise ein Blicken durch die Linse einer Kamera. von welcher Art . Der Forscher kann sich auf einen Begriff und dessen unmittelbaren Kontext konzentrieren. so scheint mir. sprachliche oder außersprachliche Realitäten oder Objekte. Und zugleich reicht es nicht aus. Von diesem Paragraphen geht man über zum ganzen Aufsatz oder Buch. Sobald man beginnt. der Begriffsname.Temporale Strukturen begriirsgeschichtlichen Wandels 8? der Tendenz dieser Kritik zuzustimmen. gegenübersteht. auf einen Text.

die griechische polis. . um ein anderes Beispiel zu erwähnen. 83 ff.88 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte Realitäten oder Objekte sind. v. B. Die erste Variation besteht darin. ist einzig und allein auf die polis anwendbar. Begriffsgeschichte und Argumentationsgeschichte. das Wort einzigartig wird. hg. daß Aristoteles' Begriff der ›koinonia politike* sich verändert. was Aristoteles in seiner Politik formuliert. Und die Bedeutung dieses Begriffs ist unmittelbar mit der römischen Konzeption des Menschen verknüpft. scheint es mir wenigstens möglich. daß einerseits ein gewisser Zustand existiert und man andererseits über einen Begriff dieses Zustandes verfügt. S. Vgl. auf die römische Gesellschaft. daß Begriffe sich ohne einen begleitenden Wandel der Realität verändern. Stuttgart 1978. daß beide sich gleichzeitig verändern: Begriff und Zustand verändern sich harmonisch oder driften auseinander. Reinhart Koselleck. Worauf es ankommt. in: Historische Semantik und Begriffsgeschichte. Dieser Ansatz mag nach einem methodisch extremen Rigorismus klingen. daß sowohl der Zustand als auch der Begriff während einer längeren Periode stabil bleiben. dazu oben S. über begriffsgeschichtlichen Wandel zu schreiben. Die zweite Variation unterstellt. Aristoteles' Begriff selbst hat keine Geschichte. Es ist daher falsch zu behaupten. seine Rezeption hingegen sehr wohl. Dies kann sich nicht im Zeitverlauf ändern. Dazu möchte ich ein ebenso einfaches wie heuristisch fruchtbares Modell vorstellen. Alles. Genaugenommen geben erst die aufeinanderfolgenden Leser von Aristoteles' Politik dem Begriff ›koinonia politike* eine unterschiedliche Bedeutung und Anwendung. Heiner Schultz. Aristoteles' ›koinonia politike* kann. Ciceros ›res publica* bezieht sich z. In diesem Falle wird die Realität ganz einfach in 1 i Heiner Schultz. daß. sobald ein Wort mit einer bestimmten Bedeutung und einer Beziehung auf eine spezifische Realität gebraucht wird. allein in Beziehung auf die politische Form der Organisation zu seiner Zeit. verstanden werden. Aber solange man sensibel für solche Problemkonstellationen bleibt. einer meiner engsten Mitarbeiter im Forschungsfeld der Begriffsgeschichte. Der einfache Ausgangspunkt dieser Überlegungen gründet darin.43-74. hat einmal vier mögliche Formen von Wandel oder Konstanz in der Beziehung zwischen Begriff und Realität vorgeschlagen. ist der Befund. Die dritte Variante geht davon aus.

so hatten sie von Anfang an behauptet. Auf den Kapitalismus jedoch folgte realgeschichtlich der Imperialismus. Folglich sollte der Imperialismus. Die Stabilität dieser besonderen begrifflichen Struktur verdankte sich partiell dem Eigengewicht der etablierten marxistischen Orthodoxie. während der Begriff stabil bleibt. Sie waren durchgehend gezwungen. als die letzte und höchste Stufe des Kapitalismus betrachtet werden. so ist ein mit Idealtypen operierender Zugriff gleichwohl forschungspraktisch ergiebig. eine sich rasch verändernde Realität ihrer unveränderten Geschichtsphilosophie anzupassen. Um in diesem Bemühen erfolgreich zu sein. Diese neuen historischen Erscheinungen. Ich möchte mich nun dem Hauptthema zuwenden und in ei- . Die vier Modelle. mußten sie sehr kreativ sein. Unglücklicherweise folgte auf den Imperialismus der Aufstieg des Faschismus und des Nationalsozialismus.Temporale Strukturen begriffsgeschichtlichen Wandels 89 einer veränderten Weise konzeptualisiert. daß dies ein eindeutiges Beispiel für die Diskrepanz zwischen einer sich schnell verändernden Wirklichkeit und einer unbeugsam starren konzeptuellen Welt ist. Die vierte und letzte Variation ist das schiere Gegenteil der dritten: Die Realität verändert sich. den erstaunlichen historischen Wandel des späten 19. Aber auch wenn die wirkliche Welt sowohl der Geschichte als auch der Sprache weitaus komplexer ist. so argumentierten die Marxisten damals. repräsentierten nunmehr wirklich und wahrhaftig das höchste und letzte Stadium des Kapitalismus. und frühen 20. sind natürlich idealtypische Vereinfachungen. so sahen sich die Marxisten gezwungen zu behaupten. Jahrhunderts mit einem relativ stabilen Komplex von Begriffen zu interpretieren. Zweifellos ist die Begriffswelt der marxistischen Geschichtsphilosophie eines der bemerkenswertesten Beispiele dieser letzten Variante. sei die letzte Stufe der Geschichte vor dem Beginn der wahren Geschichte. ihrer intensiven ideologischen Verkündung und einer penetranten Zensur. Es leuchtet ein. die ursprünglich von Karl Marx und Friedrich Engels entwickelt worden sind. Die orthodoxen Marxisten haben versucht. Der Kapitalismus. die ich skizziert habe. auf den einzig und allein sein definitiver Zusammenbruch folgen konnte.

die auch noch in modernen Diskussionen über das »gute Leben« als relevant betrachtet werden. die ursprüngliche Bedeutung grundlegend verändert wurde. Nach der Aufklärung und der Französischen Revolution und dem Aufstieg der Theorien von gleicher Freiheit und Gerechtigkeit für alle veränderte sich die Bedeutung von bürgerlicher Gesellschaft* noch einmal grundlegend. Die alte Theorie ist. der in alle europäischen Sprachen übersetzt worden ist und fundamentale Bedeutung in der europäischen Geschichte gewonnen hat. die sich durch eine ausgeprägt hierarchische Form der politischen Organisation und ihrer Schichtungen auszeichneten. daß.9o Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte ner Fallstudie den langfristigen Wandel der Bedeutung eines geschichtlichen Grundbegriffs explizieren. So mögen wir z. sobald ›societas civilis* mit »civil society« oder »société civile« übersetzt worden war. der frühmodernen und der modernen Geschichte läßt sich also beobachten. Und trotz dieser Tatsache enthält die Theorie der »koinonia politike« und »societas civilis« zahlreiche Elemente. Jeder Begriff. völlig außer Betracht. B. Während der frühen Neuzeit wurde nämlich dieser Begriff auf eine ständisch strukturierte Gesellschaft angewandt. Aristoteles' Reflexionen über die relativ gleichmäßige Verteilung von Reichtum unter den Bürgern als eine der notwendigen Voraussetzungen einer starken und stabilen politischen Ordnung findet noch heute viele Anhänger. hat viele Zeitschichten. Für die Fallstudie habe ich einen Ausdruck ausgesucht. noch immer lebendig. die in einem geschichtlichen Grundbegriff enthalten sind. so scheint es. Es ist jedoch ebenso eindeutig. Aristoteles' »koinonia politike« ist von römischen politischen Theoretikern und Juristen als »societas civilis« übersetzt worden. die keineswegs ein zu vernachlässigender Bestandteil der damaligen Bevölkerung waren. Beide Begriffe beziehen sich allein auf Vollbürger und lassen die Sklaven. mit anderen Worten. Aristotelische und ciceronianische Argumente wurden also auf Gesellschaften angewandt. daß zahlreiche unterschiedliche Bedeutungen mit einem einzigen Ausdruck verbunden wurden. In der alten. heute noch den Ausdruck »bürgerliche Gesellschaft« mit einigen Überresten seiner noch gegenwärtigen und noch verständlichen aristotelischen Bedeu- . Damit ist die zentrale Frage nach den Zeitschichten aufgeworfen.

Es kann ebenso. sondern enthielt ein wichtiges Element von Erwartung. Dieser Terminus verwies auf die Spannung zwischen den zeitgenössischen politischen Zuständen und dem Ideal einer erst in Zukunft zu realisierenden vollkommenen Republik. ›Nationalismus‹. daß alle modernen »-ismen« durch eine gewisse Spannung zwischen Erfahrung und Erwartung geprägt sind. für res publica geschehen. und deren Bedeutungen haben verschiedene Dauer. Zahlreiche andere Bedeutungsnuancen des Terminus. Das kann etwa geschehen. unabhängig von seiner ursprünglichen Verwendung im historischen Prozeß. sind jedoch verschwunden. ›Liberalismus‹. um ein anderes Beispiel zu erwähnen. Wie wir gesehen haben. allmählich eine Vielfalt von Bedeutungen gewinnt oder abstreift und daß die Geschichte dieser temporalen Schichten von Bedeutungen geschrieben werden kann. das gemeine Wohl oder das common wealth. Diese Schlüssel- . daß ein Begriff. Die langsame und schrittweise Auflösung der ständisch strukturierten Gesellschaft in Europa war begleitet von der Entstehung zahlreicher Bewegungsbegriffe: ›Patriotismus‹. das Mittelalter oder die frühe Neuzeit kannten. Die einzigartige Tatsache. daß jeder Grundbegriff eine ihm innewohnende komplexe temporale Struktur aufweist. Jahrhunderts jedoch wurde der neue Terminus Republikanismus geprägt. Der Begriff des Republikanismus beschrieb nicht länger nur die Realität. Man kann behaupten. daß es möglich sei. Er verwies normativ und antizipatorisch in die Zukunft. kann man aus guten Gründen bestreiten. ›Kommunismus‹ und ›Faschismus‹. war als Begriff zugleich Vorgriff. ›Republikanismus‹. Es ist jedoch unmöglich zu bezweifeln. eröffnet einen Ausweg für die Lösung des Problems der Einzigartigkeit des individuellen Gebrauchs eines bestimmten Begriffs. wie sie die Antike. Zu Beginn des 1 8 . eine Geschichte eines besonderen und konkreten Begriffs zu schreiben. In diesem begrifflichen Bereich herrschten lange Zeit ciceronianische Begriffe vor. ›Demokratismus‹. indem man Aristoteles' koinonia politike bis in die moderne bürgerliche Gesellschaft hinein verfolgt. Der Begriff enthält also verschiedene Zeitschichten.Temporale Strukturen begriffsgeschichtlichen Wandels 9T tung benutzen. ›Sozialismus‹. Diese »-ismen« indizieren Bewegungsbegriffe.

Es ist tatsächlich sehr wichtig. der Gegenwart und der Zukunft.das Wort selbst war älter . die nur die Elemente der Vergangenheit. .Damit dürfte klargeworden sein. sondern wiederholbar. dies in jeder Diskussion über temporale Strukturen 2 2 Dazu jetzt ausführlich und grundlegend Jörn Leonhard. gegenwärtige Realität und Erwartungen für die Zukunft in verschiedener Mischung enthalten kann. kommunistische Zukunft hin bewegten. von der psychischen Disposition der Sprecher und Redner abgesehen. daß sie sich aber ständig auf eine perfektere. einzigartig sind. Zur historischen Semantik eines europäischen Deutungsmusters. daß die Bedeutung von Begriffen vergangene Erfahrung. kaum Beziehungen zur zeitgenössischen Realität aufwies. Alle Schlüsselwörter der politischen oder sozialen Sprache haben eine vielschichtige temporale Binnenstruktur und weisen über die jeweilige zeitgenössische Realität voraus oder zurück. . Kommunismus mag als Begriff einer vorweggenommenen Zukunft als der bemerkenswerteste gelten. Jahrhunderts entwickelt. die in einer besonderen Situation gesprochen oder geschrieben wurden. Semantik ist jedoch nicht einzigartig. daß alle Wörter. denn niemand hat jemals unzweideutig behauptet. offenlegt. Es kann natürlich behauptet werden.wurde in den zoer und 30er Jahren des 19. die. daß sie in einer sozialistischen Gesellschaft lebten. Sozialismus in seiner modernen Bedeutung . Das Beispiel der frühen Sowjetunion ist in dieser Hinsicht erhellend. Dort behaupteten die Ausdeuter von Marx.Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte wörter standen für alternative Formen der zukünftigen Organisation von Gesellschaft. Diese Begriffe waren erfunden worden. bevor ihnen irgendeine Realität entsprach. Als nächstes soll das Verhältnis zwischen Pragmatik und Semantik in der Sprache angesprochen werden. so einzigartig wie Ferdinand de Saussures »parole«. München 2001. So funktionierte ›Kommunismus‹ als ein Begriff purer Zukunftserwartung. und zwar mit besonderer Gewichtung entweder der rechtlichen oder der sozialen Gleichheit bzw. die sie enthalten. daß dieser Zustand bereits existiere. Ungleichheit. So wurde etwa der Terminus Liberalismus um 1810 geprägt. eine Geschichte von Begriffen zu schreiben. Es wäre ein faszinierendes Unternehmen. Liberalismus. Das traf auch für Kommunismus zu.

könnte man sagen. Der besondere deutsche Terminus Bildung mag als ein weiteres Beispiel einige der Probleme beleuchten. Semantik kann definiert werden als die Möglichkeit von Wiederholung. der citoyens und der Bürger vergleichend erforscht. Sobald ich versuche. Ich kann hier nicht im Detail auf die Ergebnisse dieses Projekts eingehen. In Bielefeld haben wir die Geschichte der citizens. ›culture‹ als eng verknüpft. aber es hat sich eindeutig gezeigt. Jeder individuelle Sprechakt hängt von einer wiederholbaren Semantik ab. tut es die Sprache. Auf den ersten Blick erscheinen die Bedeutungen von ›Bildung‹ und von ›Kultur‹ bzw. zu verstehen.Temporale Strukturen begriffsgeschichtlichen Wandels 93 von Begriffen zu betonen. um eine einzigartige Mitteilung oder einen einzigartigen Sprechakt an andere zu übermitteln. jemandem etwas. die alle einer spezifisch deutschen Tradition entstammen. ›Bildung‹ hat zahlreiche temporale Bedeutungsebenen. in diesem Band S. indiziert oder favorisiert einen bestimmten Weg. Semantik ist jedoch nicht allgemein. die hier diskutiert werden. in Frankreich und in Deutschland auf ganz unterschiedliche Weise semantisch vorprogrammiert war. frühneuzeitliche und moderne Konnotationen und ist allmählich zu einem zentralen Begriff des 3 3 Vgl.-46]. Semantik. Ebenso wie das ökonomische Leben eine » longue durée « kennt. ist gleichwohl ein Minimum an Konsens über die Bedeutung der benutzten Wörter notwendig. Darin gründet die Faszination der Übersetzung.402. daß die Debatte des 1 9 . . das eindeutig einzigartig ist. Erfahrungen und Gedanken zu organisieren und zu steuern. Eine bereits existierende Semantik ist notwendig. Jahrhunderts über Bürgerschaft (citizenship) in Großbritannien. zu erklären. um meine Argumentation verständlich zu machen bzw. sondern aufs engste mit einer je besonderen Sprache verknüpft. Diese fundamentale Tatsache konstituiert eine temporale Binnenstruktur in jedem von uns gebrauchten Begriff. ›Bildung‹ hat mittelalterliche. Bei genauerer Betrachtung erweist sich diese Ähnlichkeit jedoch als irreführend. Und das macht überdies die vergleichende Erforschung der Geschichte gewisser Schlüsselbegriffe in unterschiedlichen Sprachen zu einem wichtigen Forschungsfeld. Wiederholung konstituiert die »longue duree« der Sprache.

der Juristen und anderer Gelehrter. In vielen europäischen Sprachen gibt es eine lange Tradition der Übersetzung ursprünglich griechischer Begriffe ins Lateinische und der anschließenden schleichenden oder schrittweisen Umsetzung der lateinischen Begriffe ins Italienische. »Bildung* ist andererseits ein Begriff. sind aber keineswegs identisch. Es gab einen gewissen Grad an Überein- . Jahrhunderts gewinnt der Begriff »Zivilisation‹ sogar ein neues Gewicht. meint religiös zu sein. ist nicht konfessionell geprägt. Die Religiosität aber. »Bildung* und »Zivilisation* können sich zwar in gewissen Bedeutungsdimensionen überlagern. Dieser Typus säkularer Religiosität wurde als ein zentraler Teil von Bildung erst um 1770 entwickelt. daß Kultur wesentlich mit Erziehung verknüpft ist. Die religiöse Bedeutung von Bildung hat freilich ihre semantischen Wurzeln im deutschen Mittelalter. der Theologen. die hier angesprochen wird.94 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte deutschen Selbstverständnisses aufgestiegen. während Bildung sich wesentlich auf Selbstkultivierung bezieht. der Humanisten. Und schließlich würde auch ›Zivilisation‹ eine unangemessene Ubersetzung von »Bildung* sein. Eine weitere Differenz zwischen dem englischen und dem französischen Begriff von Kultur einerseits und dem deutschen Begriff Bildung andererseits wird dadurch konstituiert. Englische. In der Aufklärungssprache des 18. Die politischen und sozialen Dimensionen des Begriffs können hier vernachlässigt werden. Selbst nach dem Aufstieg der verschiedenen Landessprachen blieb Latein bis weit ins 18. Natürlich gibt es gute Gründe für die Schwierigkeiten bei den Versuchen. gerade deutsche Wörter zu übersetzen. Gebildet zu sein. In der Geschichte des Begriffs »Zivilisation* der englischen und der französischen Sprache bleibt die Vorgabe des ›civis‹ allgegenwärtig. Das religiöse Element stiftet die erste Bedeutungsdifferenzierung zu ›Kultur‹. Jahrhundert hinein die Sprache der Philosophen. Eine der dominanten Bedeutungen von ›Bildung‹ ist religiös. Dabei gab es keine klare oder stetige Grenzlinie. für den die moralische Autonomie eines Individuums jenseits seiner zivilisatorischen Einbindung von überragender Bedeutung ist. Spanische oder Französische bzw. Zivilisation bezieht sich in der einen oder anderen Weise immer auf »bürgerliche Gesellschaft*. sondern von säkularer Natur.

Wie geschieht linguistische Innovation? Geschieht sie plötzlich oder ist sie ein langsamer Prozeß? Diese Fragen lassen sich nicht abstrakt beantworten. die Unterschiede zu betonen. ›Bund‹ als Substantiv zu benutzen. Anfänglich wurde er jedoch nur verbal und noch nicht als Substantiv verwendet. ›Bund‹ blieb mit all . In den deutschen Quellen stößt man auf Ausdrücke wie »wir verstricken uns« und »wir verbinden uns« u. daß Begriffe eine komplexe temporale Binnenstruktur haben und daß es möglich ist. hat sich selbst nie so bezeichnet. gleichsam stillschweigend. Erst nachdem diese selbst auferlegten Verpflichtungen sich . das ist leicht einzusehen. Bislang wurde herausgearbeitet.über ein. Er ist offensichtlich keine Übersetzung der lateinischen Termini wie ›foedus‹.jedenfalls der lutherischen Orthodoxie bewußt vermieden. confederation ›unio‹ oder ›liga‹ u. war die Beziehung zum Lateinischen weitaus problematischer. Deswegen bestand auch keine Notwendigkeit. Aber während der Reformation benutzte Luther den Terminus ›Bund‹ für ›berith‹ aus dem Alten Testament. Bund ist ein besonders wichtiger Begriff der deutschen Sprache. In den germanischen und slawischen Sprachen hingegen.a.in stabile Regelungen verwandelt hatten. einige besondere temporale Schichten an Bedeutungen zu unterscheiden. dem ich mich nun kurz widmen will. Der deutsche Terminus wurde erst im späten Mittelalter geprägt. Das ist der Bereich. Damit erwarb der Terminus eine fast exklusive theologische Konnotation und wurde folglich in rein politischen Diskursen . ä. Sobald ›Bund‹ dann als Substantiv existierte. Aber offensichtlich gibt es auch linguistische Innovationen. wurde es möglich. war es möglich. je nachdem wie ein Begriff jeweils gebraucht wird. Insoweit habe ich bislang den Aspekt der semantischen Kontinuität betont. zwei Generationen hinweg . allmählich übersetzt werden. Deshalb soll ein Beispiel aus der deutschen Geschichte herangezogen werden.Temporale Strukturen begriffsgeschichtlichen Wandels 95 S t i m m u n g zwischen Vernakularsprachen und dem Lateinischen. Dementsprechend mußten manche soziale und politische Begriffe bewußt neu geprägt werden und konnten nicht. gewesen. auch eine kohärente Theorie dieses Phänomens zu formulieren. Was heute »Schmalkaldischer Bund« genannt wird. wurde ›Bund‹ rückwirkend auf seinen neuen Begriff gebracht.

Noch Marx und Engels waren sich dieser semantischen Schubkraft des Begriffs bewußt. die durch ihre temporale Einmaligkeit charakterisiert sind. Es ist zweifellos richtig. idealtypisch drei verschiedene Arten des benutzten Quellenmaterials zu unterscheiden. Linguisten. Das gleiche kann für Quellen gesagt werden. Man kann sie gleichsam in eine Skala einfügen. Luthers theologische Interpretation dieses Wortes überlebte bis ins 19. 1847 wurden sie gebeten. die in der Rekonstruktion einer Begriffsgeschichte benutzt werden können. daß man Begriffen temporale Binnenstrukturen zuschreiben kann. bedeutete nur eine von Gott gestiftete Vereinigung. ausgenommen vielleicht Historiker. Dies war eine bewußte linguistische Innovation. einmal als solche konstituiert. Anstatt einen Katechismus für den »Bund der Kommunisten« zu schreiben. Sie sind für eine kurze Zeitspanne gedacht. und zwar eine. sind die theologischen Implikationen des Terminus ›Bund‹ völlig verschwunden. Quellen haben jedoch.Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte seinen theologischen Implikationen lange Zeit ein religiöser Begriff. Zeitungen sind zugespitzt. ein »Glaubensbekenntnis« für den »Bund der Kommunisten« zu schreiben. verfaßten sie das berühmte Manifest der kommunistischen Partei. Nach diesen Hinweisen auf begriffliche Innovationen möchte ich mich zum Schluß der Frage nach der Bandbreite der Quellen zuwenden. Jahrhundert hinein. daß die Bedeutung einer Quelle nur von den Fragestellungen eines Forschers und seiner angewandten Methode abhängt. Niemand möchte eine mehrere Wochen oder Monate alte Zeitung lesen. Der Begriff einer »Bundesrepublik* enthält keinerlei theologische Bedeutung mehr. die dauerhafte Konsequenzen haben sollte. Heute. die von der Einzigartigkeit bis zur Wiederholbarkeit reicht. Wir haben gesehen. Ethnologen oder Soziologen. Zunächst gibt es Quellen. Hierfür sind Zeitungen ein gutes Beispiel. Im Rückgriff auf eine solche Skala der Linterscheidungskriterien wird es dann möglich. einen entscheidenden Schritt zu tun. weil sie sich über die heutigen oder gestrigen Neuigkeiten informieren möchten. so möchte ich anfügen. auch ihre eigene immanente Zeitstruktur. Menschen lesen sie. also über die «histoire événementielle«. einmalige . Aber im Wissen um die theologische Konnotationen dieser Begriffe beschlossen sie.

weil er sich dessen bewußt war. Das gleiche trifft auch für Briefe zu. wiederholt gelesen zu werden. die Wiederholbarkeit von Semantik und zugleich ihre Innovation empirisch aufzuweisen. die nicht auf Wiederholbarkeit zielen. unverzichtbare Quellen. So kann man beispielsweise am Wort ›Staat‹ in den unterschiedlichen Lexika vom 1 7 . die nur eine einzige temporale Ebene beanspruchen: Gegenwärtigkeit und Pragmatik. Daher sind Lexika für jeden Versuch. Weil sie mehrere temporale Schichten enthalten.gibt. . daß sie später gewiß publiziert werden würden. geschrieben für den unmittelbaren Verbrauch und mit einem niedrigen theoretischen Anspruch ihrer Aussagen. eine Enzyklopädie oder auch ein Handbuch sind immer normativ. sie sollen vielmehr dauerhafte Informationen bereitstellen. während es andererseits im Verlauf der Entwicklung des modernen Staatsapparates und seiner Organisation neue legale und institutionelle Bedeutungen hinzugewinnt. sind sie eine für übergreifende Fragen interessantere Quellenform. daß sie meistens eine sich langsam entwickelnde Serie eröffnen. In diesem Zusammenhang möchte ich jedoch als Argument festhalten. Briefe. Der diachrone Vergleich von Lexika eröffnet dem Forscher die Möglichkeit. wie es einerseits die alte Bedeutung von Zustand oder Stand weiterträgt. Rainer Maria Rilke schrieb beispielsweise seine Briefe auf qualitätvollem Büttenpapier. daß es einen Quellentypus . In der Regel schreibt er nicht mit der Absicht. Natürlich gibt es Ausnahmen. Jedes neue Lexikon kopiert einerseits ältere Aussagen und nimmt gleichzeitig einige wenige. sondern auf Aktualität. Sie wollen nicht nur Informationen bereitstellen. Ein Lexikon.Zeitschriften. das Tempo eines begriffsgeschichtlichen Wandels zu rekonstruieren. Vorträge .Temporale Strukturen begriffsgeschichtlichen Wandels 97 Ad-hoc-Texte. Memoranden. das allmähliche Sich-Aufladen neuer Bedeutungsschichten zu beobachten. Der Briefschreiber will gewöhnlich einmalige Informationen liefern. vielleicht aber wichtige Veränderungen vor. Damit sind wir als Forscher in der Lage. Es ist jener Typus von Quellen. der zum unmittelbaren Verbrauch oder unverzüglichen Gebrauch geschrieben wird. Jahrhundert an verfolgen und beobachten. Das Faszinierende an dieser Quellenart gründet darin. Lexika und Wörterbücher machen einen zweiten Typus von Quellen aus.

es gibt langsam sich verändernde Textgruppen. . drei unterschiedliche Texttypen gibt. Die Botschaften. ihre Bedeutung zu modernisieren. Die situative Einmaligkeit unseres ersten Quellentyps gewinnt den quasi überzeitlichen Anspruch des Klassikers. Deswegen werden solche Texte quellenkritisch in ihrer ursprünglichen Fassung ediert. auf Dauer einmalig zu bleiben.98 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte Eine dritte Form der Quellen sind schließlich die sogenannten klassischen Texte. zielen auf die Behauptung dauerhaft gültiger. und schließlich gibt es Texte mit der Behauptung einer zwar anfangs innovativen. als Quellen konstituiert.eine gewollte Veränderung käme einer Fälschung gleich -. aber er läßt sich in seiner einmalig gefundenen Form auch nicht mehr überbieten. dann mit der Absicht. Wenn sie überhaupt angepaßt werden. sowohl einmalig zu sein. bestimmt für den einmaligen Gebrauch und die sich anschließende Vernachlässigung. Zusammenfassend erscheint es also einsichtig. die sich den sich verändernden Realitäten schneller oder langsamer anpassen. die klassische Texte enthalten. Es gibt einmalige Texte. dann aber durchgehenden und insoweit zeitlosen Bedeutung (bzw. als auch und im Gegensatz dazu auf dauerhafte Wiederholbarkeit hin gelesen werden zu müssen. die jeweils unterschiedliche temporale Strukturen aufweisen. unveränderten Form. daß es. Temporale Strukturen lassen sich eben niemals ontologisch festschreiben und deshalb gibt es Begriffsgeschichte. Im Unterschied zu den Lexika passen sich diese Texte niemals den sich wandelnden Umständen an. Damit gewinnen sie potentiell den Status eines »Klassikers«. eine größere Authentizität herzustellen. Wahrheit) in ihrer originalen. Ein klassischer Text erfüllt also das Paradox. stets abrufbarer Wahrheiten und damit auf potentiell endlose Wiederholbarkeit. Dieser läßt sich nicht mehr verändern . und nicht mit der.

Politik. sondern als methodisch irreduzible Letztinstanz versteht. B. Bürgerschaft. sie fragt sowohl danach. geschichtliche Lagen. Militär. religiöse Dogmen. a. ohne die keine politische und keine Sprachgemeinschaft auskommt. Zugleich werden sie umstritten. T. Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen. Begriffe wie z. . Verschiebungen oder Diskrepanzen des Verhältnisses von Begriff und Sachverhalt. begriffen. Stuttgart 1986. Fürstenstaat u. das Sprache nicht als Epiphänomen der sogenannten Wirklichkeit (»Das Sein bestimmt das Bewußtsein«. amerik. gesellschaftliche Gliederungen u. andererseits Faktor dieser Realitätsfindung. Münster 1988. politische Formationen. 1983. engl.a.und den Sachgeschichten. als auch danach. sie schließen viele einzelne Bedeutungen (Gebiet. Unersetzbar und deshalb strittig zu sein unterscheidet die 1 i Gareth Stedman Jones. welche Erfahrungen und Sachverhalte auf ihren Begriff gebracht werden. Sobald derartige Begriffe unersetzbar und unaustauschbar sind. Justiz. Die Begriffsgeschichte vermittelt insofern zwischen den Sprach. conceptual history) bezeichnet man seit den 1950er Jahren ein Konzept geschichtswissenschaftlicher Forschung. die sich z. weil verschiedene Sprecher ein Deutungsmonopol durchsetzen wollen. Hayden White. Steuer und Gesetzgebung) zusammen. werden sie zu Grundbegriffen. ausschließen: Staat wird als Rechts-. oder sie zielen auf philosophische Systeme.Stichwort: Begriffsgeschichte Als ›Begriffsgeschichte‹ (engl. aggregieren sie höher. National-. Klassen. 1978. Sozial-. ökonomische Strukturen. In unserem Beispiel entstehen dann Zusatzbestimmungen. Grenze. Eine ihrer Aufgaben ist die Analyse von im Lauf der Geschichte auftretenden Konvergenzen. Die Begriffsgeschichte ist weder ›materialistisch‹ noch ›idealistisch‹. Führer-. Für die Begriffsgeschichte ist Sprache einerseits Indikator der vorgefundenen »Realität«. wie diese Erfahrungen oder Sachverhalte begriffen werden. Wohlfahrts-. Karl Marx). ohne die keine Erfahrung und keine Wissenschaft von der Welt oder von der Gesellschaft zu haben sind. ›Staat‹ bieten mehr als bloße Wortbedeutungen. Sprache.

In Syntax und Grammatik schließlich wird der Spielraum einer Begriffsverwendung in langfristig sich wiederholender. In der Pragmatik werden sie. terminologisch gesprochen: Erfahrungs-. nur langsam sich verändernder Weise eingefaßt. auf ihren einmaligen Gebrauch hin zugespitzt. und vorausschauende Begriffe. niemals isolierbar. a. . Bewegungs-. wann. Die Interdisziplinarität der Begriffsgeschichte. von wem und für wen welche Absichten oder welche Sachlagen wie begriffen werden. 195«3 Gunter Scholtz (Hg).IOO Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte hochkomplexen Grundbegriffe von sonstigen Begriffen. Hamburg 2000. auf die im konkreten Wortgebrauch begriffliche Antworten sprachlich kondensiert werden. Deshalb enthalten alle Begriffe eine zeitliche Binnenstruktur. die jede Begriffsgeschichte auch interdisziplinär zu schreiben nötigt. span. Diachronie und Geschichte. Es gibt rückblickende Begriffe. sie sind immer zugleich diachron gestaffelt. die alte Erfahrungen gespeichert halten und sich gegen Umdeutungen sperren. Primär fragt Begriffsgeschichte danach. Synchronie. Zukunftsbegriffe u. die eine neue oder andere Zukunft heraufbeschwören. Daraus folgt. die die Aussagekraft eines Begriffs so sehr anreichern wie begrenzen. München 1974.' Die Metaphorik und Rhetorik auf der sprach2 2 Eugeniu Coseriu.und diachroner Verschränkungen. Geschichtliche Veränderungspotentiale sind in jedem Grundbegriff schon enthalten. In der Semantik sind dagegen oft jahrhundertealte Erfahrungen gespeichert. wenn auch rhetorisch reguliert. wieviel innovative Erwartungshaltungen in ihn eingehen. Dabei erbringen alle Begriffe nicht nur synchron einmalige Deutungsleistungen. daß Grundbegriffe nicht auf überzeitliche Ideen oder Probleme festgelegt werden dürfen. wo.. auch wenn wiederkehrende Bedeutungsstreifen auftauchen können. hat ein Begriff unterscheidbare zeitliche Wertigkeiten. Je nach Fragestellung sind also in jeder Begriffsgeschichte Synchronie und Diachronie auf verschiedene Weise verschränkt. Es ist die Skala verschiedener syn. Erwartungs-. um Zustimmung zu erzeugen. wie viele vorausliegende Erfahrungsgehalte in ihm angesammelt wurden. Vorgriffe. und je nachdem. Je nachdem. Begriffsgeschichte fragt immer nach den einmaligen Herausforderungen.

Büchern und den kor4 4 Dietrich Busse. es kommt nur darauf an. The Meaning of Historical Terms and Concepts. Besonders Parallelbegriffe zwingen dazu. Die Entzauberung der Begriffe. 1987. als linguistic turn bezeichnet. . Oberund Unterbegriffe. Begleit. Reichardt u. ob die größeren Texteinheiten nach Sätzen... Münster 2004. Washington 1996. Otto Brunner [u. wovon sie spricht. Das Umschreiben der politischen Begriffe bei Quentin Skinner und Reinhart Koselleck. daß jeder Begriff eo ipso auf seinen Kontext bezogen ist. Philosophie. Die Begriffsgeschichte ist kritisiert worden. Historisches Lexikon der politisch-sozialen Sprache in Deutschland (hg. wird im Anschluß an eine Entwicklung in den USA seit Anfang der 1970er Jahre. 9 Bde. denknotwendige Voraussetzung semiotischer Prozesse zu bleiben.und Diachronie der Begriffe selber. Ökonomie u.und Nebenbegriffe läßt sich kein Begriff analysieren. bezogen im Handbuch politischsozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680-1820 (20 Hefte seit 1985) serielle und symbolische Quellen stärker mit ein und berücksichtigten so die Kritik an der Hypothese. um zu wissen. den sprachlichen Status ihrer Methoden und Erkenntnisse zu reflektieren. Theologie. Der Überschritt in die sogenannte Diskursanalyse ergibt sich damit von selbst. Rolf E. hochkomplexe sprachliche Kondensate untersuchen. über die gestritten werden muß. Dem ist zu entgegnen. in welcher Tiefenschärfe die Quellen befragt werden: Ob die Syn. »Historische Semantik«. scheinbar innovativ. ohne deshalb seinen Status zu verlieren. Stuttgart. v. Speziell ohne Gegenbegriffe. auch begriffsgeschichtliche Einsicht. 1972-1997) theoretisch begründet wurde. daß die Geschichtswissenschaft nicht umhinkann. man könne Begriffe als selbständige. Hartmut Lehmann und Melvin Richter.]. soweit mit ihr das Projekt der Geschichtlichen Grundbegriffe. Abschnitten. Die alte hermeneutische. Begriffe sind immer in Begriffsnetze eingespannt.a. deren Gewichtigkeiten sich je nach historischer Lage oder Thematik verschieben. Kari Palonen. neben semasiologischen Fragen nach eingrenzbaren Wortbedeutungen auch onomasiologische Fragen nach verschiedenen Benennungen gleichartiger Sachverhalte zu stellen. Kapiteln.Stichwort: Begriffsgeschichte IOI geschichtlichen Seite gehören ebenso dazu wie die Anleihen aus den Sachgeschichten von Recht. Er verweist zwangsläufig auf größere Texteinheiten. a.a.

Keine Ausweitung oder Begrenzung kommt umhin. Herausforderungen der Begriffsgeschichte. 1. A Critical Introduction. als begrifflich über sie gesagt werden kann . hg. Heidelberg 2003. 5 6 Literaturbinweise H. Amsterdam 1998. in: Carsten Dutt (Hg.. 6 Seit 2005 erscheinen halbjährlich die Contributions to the History of Concepts. 5 Reinhart Koselleck. New York und Oxford 1995.). Jain Hampsher-Monk u. Meier. wenn denn Geschichte überhaupt begriffen werden soll. jährlich tagende internationale History of Political and Social Concepts Group haben also noch viel vor sich. Melvin Richter. Jyväskyla 1990. in: Historisches Wörterbuch der Philosophie. G. Concepts. Basel 197t. Göttingen 2001.). Herausforderungen der Begriffsgeschichte. . S. Metapherngeschichte. Begriffsgeschichte. Contexts. Das seit 1 9 5 5 jährlich erscheinende Archiv für Begriffsgeschichte und die 1 9 9 8 in London gegründete. Sp. Comparative Perspectives. (Hg.I02 Teil I: Zu Theorie und Methode der Begriffsgeschichte respondierenden Gegentexten analysiert werden oder ob der faktische oder virtuelle Sprachhaushalt insgesamt untersucht wird samt den entsprechenden Äquivalenten anderer Sprachen. a. Eine Aporie bleibt zurück. Texts.).so wie Sprache immer mehr oder weniger leistet. a. History of Concepts. Art. die sinnstiftende und sinnfordernde Leistung von Begriffen in ihrem Wandel mitzubedenken. Bd. Hans Erich Bödeker (Hg. v. In diesem Band S. die zu dauerndem Umdenken und Umschreiben nötigt: Geschichte ist immer mehr oder aber weniger. Joachim Rirter u. Carsten Dutt (Hg. The History of Political and Social Concepts. 56-76. Heidelberg 2003.). Brasilien) und Sandro Chignola (Universität Padua. 788-807. 3-16. als in der wirklichen Geschichte enthalten ist. Joào Ferres Junior (IUPER.). Sakari Hänninen und Kari Palonen (Hg. hg. Die Geschichte der Begriffe und Begriffe der Geschichte. »Begriffsgeschichte«. v. Italien). Diskursgeschichte.

Teil II Begriffe und ihre Geschichten .

hg. Anders läßt sich der über 200 Jahre anhaltende Gebrauch und seine ständige Wiederaufnahme über zahlreiche Friktionen hinweg nicht erklären. wenn auch vager Konsens. In diesem Befund lag eine Herausforderung für den Arbeitskreis für moderne Sozialgeschichte. Der Bildungsbegriff zeigt vom Sprachgebrauch her eine eigentümliche Resistenz.« Der Zusammenhang verweist eindeutig auf das ständische Stadtbürgertum. Weder läßt sich Bildung auf ihre institutionellen Voraussetzungen reduzieren: nur Ergebnis der Ausbildung zu sein. die sich als »Bürgertum« bezeichnen läßt. / Da werden sie freilich die Bürger schinden. z: Gedichte. Methodenbewußt hat sich der Arbeitskreis eine Reihe 1 i Goethe. gut bildungsbürgerlich. der Bildung als Ausbildung eintrocknet oder als Einbildung entlarvt. als er sich dem Phänomen des Bildungsbürgertums zuwandte. Jemand. Die heutige Begriffsverwendung zieht hier eindeutige Grenzen. sich durch selbstkritische Verwendung immer wieder zu stabilisieren. dem Goethe selber entstammte. auch die vom Arbeitskreis gestellte Frage. 744. Nur die Antwort ist nicht mehr so eindeutig wie vor 200 Jahren. v. Frankfurt am Main 1988. noch läßt sich Bildung psychologisch oder ideologiekritisch auflösen: nur Einbildung der vermeintlich Gebildeten zu sein. qualifiziert sich in dieser kritischen Perspektive selbst als gebildet. Unter Sozialhistorikern besteht ein allgemeiner. »Wo kam die schönste Bildung her / und wenn sie nicht vom Bürger war?« diese von Goethe gestellte und schon beantwortete Frage war. SW. der sonst nicht zitiert wird: »Wenn aber sich Ritter und Bauern verbinden. S. nicht auf das später sogenannte Bildungsbürgertum. Übrigens fügte Goethe listigerweise den Vers hinzu. Offenbar wohnt dem Begriff ›Bildung‹ eine produktive Spannung inne. Karl Eibl. daß sich die moderne Bildung zusammen mit der Formation durchgesetzt habe. Bd. Zahme Xenien IX.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung In memoriam Carl Dahlhaus Vorbemerkung Bildung ist weder Ausbildung noch Einbildung. .

. Um speziell zu klären. M. In sozialer. v.über die Staatsnation und über klassenspezifische oder standeseigentümliche Merkmale bis zum Vereinsleben und zur informellen Geselligkeit reichen. Stuttgart 1985. Stuttgart 1989. um das Untersuchungsfeld abzustecken. was das Bildungsbürgertum gewesen sei. Teil IV: Politischer Einfluß und gesellschaftliche Formation. S. v. Bildung kann dabei keineswegs als ein dominantes. hg. Jahrhunderts . Die prekäre Zusammensetzung zweier heterogener Merkmale . v. Jürgen Kocka. bedarf es der analytischen Trennung des zusammengesetzten Begriffs. das Bildungsbürgertum nur durch seine Bildung zu erklären wie umgekehrt Bildung auf Bürgerlichkeit zurückzuführen: Beide Verfahren führen zu Zirkelschlüssen oder zu tautologischen Aussagen. Auch der Adel und die nichtbürgerlichen Schichten waren oder sind Träger von Bildung und haben auf verschiedene Weise an ihr partizipiert. politischer oder ökonomischer Hinsicht lassen sich verschiedene Zuordnungen treffen.muß also aufgelöst werden. die es zu klären galt. Reinhart Koselleck. Rainer Lepsius. 2 3 i Bildungsbürgertum im 19. Teil III: Lebensführung und ständische Vergesellschaftung. Bildung und Bürgertum sind als geschichtliche Phänomene nicht deckungsgleich.io6 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten von Folgelasten aufgebürdet.seit Aristoteles . höchstens als ein Merkmal unter anderen fungieren. die in vier Bänden zum Bildungsbürgertum ihren Niederschlag gefunden haben. »Bildungsbürgertum«. hg. Jahrhundert. Stuttgart 199z. Werner Conze und Jürgen Kocka. die zwei verschiedenartige Begriffe verkleben statt sie analytisch zu trennen. hg. Bereits empirisch ist es offensichtlich. wie es entstanden ist und wie weit es noch existiert. v. Stuttgart 1990. 189. um ihre jeweilige Zuordnung theoretisch zu begründen und historisch zu erklären. Andererseits bleibt auch jede Bestimmung des Bürgertums höchst komplex. Stuttgarr 1986. 3 Ulrich Engelhardt.und Dogmengeschichte eines Etiketts. In dem zusammengesetzten Begriff des Bildungsbürgertums sind bereits alle methodischen Schwierigkeiten enthalten. Teil I: Bildungssystem und Professionalisierung in internationalen Vergleichen. daß Bildung nicht auf bürgerliche Schichten beschränkt ist. Es verbietet sich von selbst. Begriffs.die Wortbildung des »Bildungsbürgertums« entstand sowieso erst rückblickend in den zwanziger Jahren des 20. Teil II: Bildungsgüter und Bildungswissen. hg. die von der bürgerlichen Gesellschaft .

Was immer auch das Bürgertum des 1 9 . international vergleichend. Jahrhunderts inzwischen geworden ist: Im Hinblick auf die Organisation der bürgerlichen Gesellschaft insgesamt sind die berufsspezifischen Funktionen der »Privilegien« in Kraft geblieben. Im Hinblick auf die sozialhistorische Thematik des Arbeitskreises kam es . den Bildungsbegriff so weit zu klären. die Bildung als Ausbildung institutionalisiert hatten. Dabei kamen zur Sprache: Philosophie. Theologie und Religion. daß die Anschlußstellen sichtbar wurden. die Künste. kraft derer die akademischen Berufswege der alten Fakultäten und die der neuen Naturwissenschaften in geregelte Bahnen gelenkt wurden. Er handelte von der Professionalisierung. in denen Bildung so weit in Ausbildung umgemünzt wurde. die Geistes. Prüfungen und Berufschancen werden nicht nur über den freien Markt reguliert. schließlich nicht zuletzt die Pädagogik.in der Ehe. in der Geselligkeit und in den Vereinen . der den Begriff der Bildung selber thematisierte. das Judentum. Literatur und Musik. in denen Bildungsgüter und Bildungswissen gepflegt wurden.ohne Vollständigkeit anzustreben .Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 107 Die folgenden Überlegungen dienten zur Einleitung jenes Bandes. Über die staatlich abgesicherte.darauf an. die ohne einen minimalen gemeinsamen Bezug auf Bildung nicht zu verstehen ist.einer spezifischen Identität versicherte. kraft derer sich das Bürgertum . Der letzte Band untersuchte die politischen Aufgaben und die . Im ersten Band sind. bereits jene Vorgänge untersucht worden. sie grenzen Funktionseliten in eigener Regie von anderen Funktionsträgern der Gesellschaft ab. daß sich klassenspezifische oder neuständische Privilegien daraus ableiten ließen. in der Familie. um eine institutionelle. Systematisch wurden die Lebensbereiche untersucht. Im dritten Band wurden die internen Vergesellschaftungsformen thematisiert. über die Selbstverwaltungskörperschaften der Universitäten sowie der Verbände haben sich die Inhaber der Bildungspatente Berufswege und Berufsorganisationen geschaffen.und Naturwissenschaften. eine politische oder eine soziale Zuordnung treffen zu können. autonome Kontrolle der Prüfungswege durch Fachleute. Diachron wurde das Aufkommen des Begriffs und sein mögliches Ende erfragt.

daß Bildung . um sich entfalten zu können: Aber Bildung ist deshalb nicht kausal aus eben diesen Bedingungen hinreichend ableitbar. Bildung ist eine eigentümlich sich selbst induzierende Verhaltensweise und Wissensform. sich aber nicht über ihr Bildungswissen selbst definierten. . Bildung gewinnt freilich ihr geschichtliches Profil nur. um einander bedingende Zuordnungen heterogener Faktoren zu ermöglichen. von größtem Einfluß auf die wirtschaftliche und auf die politische Geschichte. Ohne einen gesellschaftlichen Funktionszusammenhang wäre Bildung weder zu gewinnen noch zu wahren. kausale Kurzschlüsse zu verhindern. jedenfalls im 1 9 . so könnte mit gleicher Plausibilität behauptet werden. ein Freiberuflicher. Immer muß davon ausgegangen werden. Bildung prägt. sie ist selber ein genuiner historischer Faktor.primär kein sozialer Begriff ist. aber ein Gebildeter wird sich selber kaum so definieren. daß Bildung auf konkrete Interessengruppen und Handlungseinheiten reduzierbar ist. mögen als eine soziale Gruppe beschrieben werden. nicht aber Besitz als Bildung.so wenig wie Aufklärung oder Religion .io8 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten sozialen Funktionen jenes Bürgertums. ein Pfarrer. die auf ökonomische Voraussetzungen und politische Bedingungen angewiesen bleiben. die Bildung im Munde führen. gewesen sei.im Gegensatz etwa zum Wirtschaftsbürgertum oder zum sogenannten Kleinbürgertum. indem sie in soziale oder politische Funktionen einrückt. Gewiß kann Bildung auch als »Besitz« definiert werden. Daraus folgt aber nicht. Wie Aufklärung oder Religion ist sie mehr als nur Epiphänomen gesellschaftlicher Kräfte. die beide teilhaben mochten am Bildungswissen und an den Bildungsgütern. Ein Unternehmer oder Schuhmacher. Wenn kausale Bestimmungen ins Spiel gebracht werden.über seine Bildung ist damit nichts ausgesagt. Jahrhundert. Die analytische Trennung von Bildung und Bürger dient also dazu. Diejenigen. Arbeiter oder staatlich besoldeter Beamter kann solche sozialen und ökonomisch eingrenzenden Benennungen akzeptieren . das sich implizit oder explizit auf seine Bildung berufen konnte . jedenfalls in Deutschland. daß Bildung.

hg. 7. gerade ausgeschlossen wird. Cambridge 1975. nach: Wilhelm Vosskamp. aus der bürgerlichen Gesellschaft herrührt. kommt unserem Bedeutungsgehalt vielleicht am nächsten.sogar als Oppositionsbegriffe verwenden. S. Bd. Der Bildungsroman in Deutschland und die Frühgeschichte seiner Rezeption in England. was ›Bildung‹ sei. München 1988. S. zit. mit einer seit dem 18.nach Königgrätz gegen Paris gerichtet . Jahrhundert stark beeinflußt hatte. Bd. (1832). Das von Shaftesbury geprägte Wort ›self-formation‹. Dichtungen und Schriften. Vgl. Contarini Fleming. v. hg. V. sondern ein aktives Verhalten meint und gesellschaftliche Tätigkeitsfelder absteckt. H. Jahrhundert neuen politischen Stoßkraft. Bd. die dem Bildungsbegriff im Deutschen nur streifenweise innewohnt. um zu klären. 3. die es außerordentlich erschwert. . Deutsche Kunst und Deutsche Politik (1867/68). Zivilisation und Kultur‹. das den deutschen Bildungsbegriff im 18. unter Berufung auf Constantin Frantz. J. Aber im westlichen Begriffsfeld der ›civilisation‹ liegt ein alteuropäischer Gehalt. in: ders. Stuttgart 1992. Wörtliche Übernahmen oder umständliche Umschreibungen sind deshalb in den Nachbarsprachen erforderlich. Goethes Bildungsbegriff gleichsam rückübersetzend. S. Wird Bildung mit ›education‹ im Englischen oder Französischen übersetzt. in: Geschichtliche Grundbegriffe. Otto Brunner u. The German Tradition of Self-Cultivation. die Begriffsgeschichte von Jörg Fisch.. so gewinnt jener Aspekt der Ausbildung ein Übergewicht.Wird Bildung mit ›civilisation‹ im Englischen oder Französischen übersetzt. A psychological Romance.Wird Bil5 6 4 Earl of Beaconsfield. so kommt zwar der Handlungsaspekt gut zum Ausdruck: daß nämlich Bildung keinen Zustand. von seiner »individual experience of self-formation«\ Brufords Übersetzung ›self-cultivation‹ klingt dagegen wie sublime Ironie. 5 W. . ›Self-education‹ ist ein Kunstwort geblieben und nähert sich dem Sinn des Autodidakten. Bd. Bruford. der vom Bildungsbegriff. 279. im Sinne der Selbstbildung. Auch Disraeli sprach in seinem autobiographischen Roman. London o. in: Bürgertum im 19. v. v. Jürgen Kocka. Äquivalente in anderen Sprachen zu finden.a. 6 Richard Wagner. Richard Wagner konnte Bildung und Zivilisation . 2.. 247 ft. Frankfurt am Main 1983. jedenfalls nicht seine zentrale Bedeutungsachse ausmacht. der aus der societas civilis. . 8. Jahrhundert. hg.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 109 L Begriffsgeschichtliche Vorklärung Bildung ist eine spezifisch deutsche Wortprägung. Dieter Borchmeyer. ›Bildung‹ from Humboldt to Thomas Mann.

dann geistiger Tätigkeiten und ihrer Produktionen. . Bildung auch auf natürliche Anlagen zurückzuführen.Es kennzeichnet schließlich den deutschen Bildungsbegriff. die im Gegensatz zum Naturbegnff gedacht werden. die nur in der Selbstreflexion zu gewinnen sei. ohne die eine gesellschaftliche Kultur nicht zu haben sei. ›Kultur‹ mußte erst eingedeutscht werden (von . die Welt sich selbst einzuverwandeln: Insofern unterscheidet sich Bildung grundsätzlich von ›education‹. Jahrhundert deutlich abgesetzt hat. die sich primär durch ihre mannigfaltige Eigenbildung begreift: Insofern unterscheidet sich der Bildungsbegriff von ›civility‹ und ›civilisation‹.Es kennzeichnet zweitens den deutschen Bildungsbegriff. England hat aufgrund der frühen normannischen Überlagerung an diesem kontinuierlichen Vorgang gleicherweise Anteil. von denen sich der deutsche Bildungsbegriff im 19. wie im Deutschen. civilisation. Begriffe. daß er den Sinn einer von außen angetragenen Erziehung. Diese groben Unterscheidungen. geht dabei verloren. auch wenn sie gleitend in die Volkssprachen eingegangen sind. aber Kultur verweist. Es kennzeichnet den deutschen Bildungsbegriff. auf die er sich natürlich auch bezieht. zunächst körperlicher. education. Das spezifische Unterscheidungskriterium im deutschen Sprachgebrauch. Jahrhundert noch innewohnt. so überlappen sich zwar die Bedeutungsfelder. vor allem aber eine individuelle Leistung darzustellen. . daß er die kulturellen Gemeinschaftsleistungen. Das gilt für alle genannten Äquivalente: culture. auf die Summe gemeinschaftlicher. die seit rund 1800 unseren Sprachgebrauch von dem westlichen Sprachgebrauch abgrenzen lassen. umgießt in den Autonomieanspruch. zurückbindet in eine persönliche Binnenreflexion. daß er den gesellschaftlichen Kommunikationskreis nicht mehr zurückbezieht auf die politisch begriffene societas civilis.T TO Teil II: Begriffe und ihre Geschichten dung dagegen als ›culture‹ in unsere Nachbarsprachen übersetzt. In den romanischen Sprachen bleiben die lateinischen Grundbegriffe erhalten. zeugen von einem bis heute aufregenden Sachverhalt. der dem Begriff im 18. Die Umsetzung der zunächst gemeineuropäischen lateinischen Sprache der später sogenannten gebildeten Welt vollzieht sich länderweise in völlig verschiedenen Rhythmen. sondern zunächst auf eine Gesellschaft. aber auch für formation oder instruction.

und reflexionsfähig zu machen. Geschichte ist der Vollzugsraum wirklicher Handlungen wie auch deren historische Reflexion. sowenig wie der andere deutsche Grundbegriff »Geschichte um 1800 herum mit den westlichen Begriffen ›histoire‹ oder ›history‹ kongruent war. die sich im letzten Drittel des 18. um als zentraler Begriff verwendet werden zu können. ›Bildung‹ ist einer dieser spezifisch deutschen Begriffe. Während es sich im Westen um gleitende Umprägungen vorgegebener Sprachbestände handelte. Der Rückbezug der civility und der civilisation auf den civis. die der Latinität verpflichtet blieben. handelte es sich im Deutschen darum. die zu erfüllen wäre. auf den politischen Bürger einer civitas.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung i n Leibniz und Pufendorf). während sich ›Bildung‹ im Deutschen nicht gleicherweise auf den deutschen Bürger zurückbezieht. Es handelt sich bei beiden Begriffen um Kollektivsingulare. der wenig mit Bildung zu tun hatte und schon gar nichts mit dem französischen ›citoyen‹. in denen die Reflexion als Bedingung möglicher Handlungen auf denselben Begriff gebracht worden ist wie die Aktionsweisen selbst. um sie théorie. Jahrhunderts aus dem gemeineuropäischen Sprachkontext so weit entfernt hatten. Bildung ist keine vorgegebene Form. . daß sie als ein genuiner Beitrag zur sprachlichen Erfahrungsbewältigung im revolutionären Europa betrachtet werden können. Eine solche Beziehung herzustellen war um so künstlicher.so daß hier der Begriff eines Bildungsbürgertums gar nicht nötig wurde oder möglich war. sondern ein prozessualer Zustand. Civilisation hatte im Westen seit der Aufklärung den Unterton der »Verbürgerlichung« . ebenso wie ›Zivilisation‹. deren Inhalt und Bedeutungsumfang nicht mit den westlichen Begriffen zur Deckung kommt. während sich in den lateinisch fundierten Nationalsprachen diese Umsetzung schleichend vollzog. Fremdworte einzuverwandeln oder genuin deutsche Worte begrifflich hochzustilisieren. Bildung und Geschichte sind zwei sich gegenseitig erläuternde Grundbegriffe der deutschen Sprache. blieb im Westen fast ungebrochen. Die Ausfächerung der lateinischen gesamteuropäischen Sprache in theoriefähige und reflexionsbewußte Nationalsprachen vollzog sich also in völlig verschiedenen Bahnen. als ›Bürger‹ im Deutschen zunächst den ständisch privilegierten Stadtbürger meinte.

Diss. Bd. Ideen über organische Bildung (1806/07). Ein historischer Rückblick auf die Geschichte des deutschen Bildungsbegriffs erhärtet diesen Befund. Basel und Stuttgart 1971. die eine transzendentalphilosophische Reflexion in Gang gesetzt haben. v. soweit es sich politisch oder sozial artikuliert hat.sowenig wie ›Geist‹ . Aufl. Seit Herder ist Geschichte ohne Bildung. Die Entstehung des deutschen Bildungsprinzips. 1. hg. Aufl. Beide Begriffe sind von ihrer sprachlichen Selbstaussage her nicht spezifisch bürgerlich . Bildung ohne Geschichte nicht verständlich. 8 Zur Begriffsgeschichte: Hans Weil. Bd. Rückwege aus der Entfremdung. SW. S. Beide haben sich im Laufe des 1 9 . 508-551. Bonn 1967. um spezifisch bürgerliche Forderungen zu artikulieren und durchzusetzen.im Sinne des deutschen Bürgertums. Günther Buck. den im Französischen ›revolution‹ oder ›république‹ gewonnen haben. Bildung kann sich .als transzendentalphilosophisch imprägnierte Begriffe.handelnd und reflexiv zugleich . i. Der Bedeutungswandel der Worte ›bilden‹ und ›Bildung‹ in der Literaturepoche von Gottsched bis Herder. v. Schriften zur Morphologie. Joachim Ritter. Otto Brunner u. Zur Entwicklung des Bildungsbegriffs von Meister Eckhart bis Hegel. Weinheim 1965. Königsberg. ders. Bildung ist sowohl der Vorgang des Hervorbringens wie auch das Ergebnis des Hervorgebrachten. Wolfgang Klafki.1 12 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten der sich durch Reflexivität ständig und aktiv verändert.nur im Medium diachronen Wandels begründen. hg. . Bonn 1930. Elbing t 9 3 i . hg. in: Geschichtliche Grundbegriffe. Jahrhunderts zunehmend gegenseitig erläutert und bekräftigt. 24. Sp. hg. m: . . Paderborn und München 1984.in der deutschen Sprache jenen Grad sozialer und politischer Konkretion wie civilisation oder jenen unmittelbaren Appellcharakter. »Bildung«.Ernst Lichtenstein. v. Weder Bildung noch Geschichte erreichen . Stuttgart 1972. 392. v. vollzieht sich nur im Medium reflexiv sich selbst bestimmender. 2. Br. oder besser gesagt als Begriffe. Bildung und Geschichte haben . in: Historisches Wörterbuch der Philosophie. 921-937. Heidelberg 1966. ND in: Zur Geschichte des Bildungsbegriffs. Frankfurt am Main 1987. Es zeichnet den deut7 8 7 Goethe. einen besonderen Rang gewonnen. als diachroner Aktionsraum. 1961.. Freiburg i. Bildung als Gottesbildlichkeit..Ders.Rudolf Vierhaus. Dorothea Kuhn. Studien zur Entwicklung der deutschen humanistischen Bildungsphilosophie. .Hans Schilling.ebenso wie ›Geist‹ ..a. S. immer neu sich bildender und sich dessen bewußter Handlungseinheiten. . . Und Geschichte. ist geschichtlich.Ilse Schaarschmidt. Eine motivgeschichtliche Studie zum Bildungsbegriff. »Bildung«. i. Bd.

Die Sprache der Mystik rief eine Fülle noch vorwiegend verbaler Umschreibungen hervor: ›Entbilden‹. nach Vierhaus.« Daraus folgte die Möglichkeit der imitatio Christi oder der Imago-Dei-Lehre oder die neuplatonisch gestützte Forderung. 10 Vgl. S. eine Bedeutung. 8). Verwandlung und Wiedergeburt sind bleibende Bedeutungsgehalte. nicht spezifisch bürgerlich oder politisch konzipiert worden zu sein .sondern primär theologisch. Aufl. 781 ff. S. S. Man mag diesen Befund ideologiekritisch ausdeuten. Zur Entwicklung (Anm. Frankfurt am Main 1993. Zunächst spricht er für sich selbst. 508 ff.. Das deutsche Wort ›bilden‹ enthält eine aktive Bedeutung. um als Mensch an Gott teilzuhaben. 3x0ff. Lichtenstein. 1. das in der Bildnerei z. die die lateinischen Äquivalente vermutlich haben verblassen lassen. jedenfalls empfangende Bedeutung hin.« 9 10 12 9 Gen. II. Gott in sich einzubilden. z. S. um als Mensch leben zu können. Wahre Abbildung des inwendigen Christentums. 5. »Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde. mehr noch Gott sich einzuverwandeln. die aus der Schöpfungstheologie herrührt. Werke I." Das Wortfeld um ›bilden‹ gewinnt in der Sprache der Mystik eine Kraft und Intensität. S. zit. 250. 906 ff. ›einbilden‹ und ›überbilden‹ sind Stufen der Ablösung aus der irdischen Wirklichkeit.B. Zur mystischen Überbietung einer bloßen Abbild-Lehre bei Meister Eckhart vgl. . Bildung wird zur Deificatio.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 113 sehen Bildungsbegriff geradezu aus. und 8 59 ff. S. die Gnade den Menschen. Der Bedeutungswandel (Anm. ders. 186-194. die auch auf die geistige Schöpfung übertragbar wurde. die dem religiösen Bildungsbegriff innewohnten. 12 Gottfried Arnold. S... nämlich des Schaffens und Formens. das auf Teilhabe an Gottes Gnade verweist. sowie die Kommentare des Herausgebers Nikiaus Largier I.. S. 14.27. UT. Schaarschmidt. daß das Abbild sich dem Urbild nähere. d Werke II. Aber im theologischen Kontext verweist der Ausdruck seit dem 14. Jahrhundert auch auf eine eher passive. eines Töpfers greifbar werden kann. durch Christus sich umzubilden. 11 Vgl. derartige semantische Ladungen haben mit dem Bürger weder des Mittelalters noch der Neuzeit etwas zu tun.. 510. Leipzig 1733. um Gott und Seele zu verschmelzen. So kontaminieren ›verbilden‹ und ›verklären‹ bei Luther. 8). »Bildung« (Anm. 8). Mit Scheler gesprochen gehört diese Bildung zum Erlösungswissen. u. Wie Gottfried Arnold den empfangenden Sinn deutete: »Also bildet.

dort mehr. Darmstadt i 9 6 0 . was er sein und werden soll. Hermann Timm hat den theologischen Anschluß der vergangenen Begriffsgeschichte an den gegenwärtigen Sprachgebrauch hergestellt. in eine aufgeklärt-pädagogische und in eine moderne. diachrone Schubkraft der Begriffsgeschichte. S. hg.. ' so klingt die religiöse Bestimmung deutlich vernehmbar durch. um der geistigsittlichen Selbstbestimmung das Wort zu reden. Auch die Sprache der Aufklärung blieb in Deutschland theologisch imprägniert. durch die Semantik auch des modernen Bildungsbegriffes hindurchscheint. in eine theologisch dominierte. S. die primär selbstreflexiv bestimmt ist. »Denn alle Bildung hat ihren Ursprung allein in dem Innern der Seele. daß die erste theologische auch in der zweiten aufgeklärten Etappe enthalten ist und daß beide vorangegangenen Phasen auch in den neuzeitlichen Bildungsbegriff eingegangen sind. 41. Anm. in: ders. [4 Wilhelm von Humboldt. . Zur Entwicklung (Anm. und kann durch äußere Veranstaltungen nur veranlaßt. 57-79 (Anm. Teil II.114 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Und wenn Herder. 1. Andreas Flitner und Klaus Giel. entkommt nicht einer christlich-neuplatonischen Formel. 2). 15 Bildungsbürgertum im 19. nie hervorgebracht werden. 25. der dem humanistischen Bildungsbegriff in seiner geschichtsphilosophischen und kosmologischen Spannweite zum Durchbruch verhalf. ist noch Unfriede in seinen Gebeinen«. solange er das noch nicht ist. Aber eine solche Sichtweise verkennt. da weniger. Jahrhundert. nach Lichtenstein. Über Religion. Werke. Insgesamt darf gesagt werden. 17. S). noch schreiben konnte: »Jeder Mensch hat ein Bild in sich. neuplatonischen oder pietistischen Einflüsse auf den Wortgebrauch nachgewiesen. Selbst der junge Humboldt. die in die je einmaligen Sprechweisen eingeht. Es gibt eine semantisch langfristige. S. v. der sich entschieden aus jeder autoritären Fremdbestimmung einer Religion befreite. was die Radikalität der deutschen Spätauf1 14 13 7 3 Zit. Bd. daß das theologische Unterfutter. Grobmaschig läßt sich die Begriffsgeschichte von ›Bildung‹ in drei Etappen gliedern.« Der sittliche Mensch bildet sich »durch das Anschauen der höchsten idealischen Vollkommenheit im Bilde der Gottheit«. Die Forschung hat die Geschichte des Bildungsbegriffes nachgezeichnet und dabei die Wortverwendungen der barocken Mystik und die theosophischen.

Jerusalem oder religiöse Macht und Judentum (1783). 17 Wilhelm von Humboldt. ›Ausbildung‹. »Alles. passim. 1. Gesammelte Schriften. S. Die Wissensformen und die Gesellschaft. hg. die den Menschen auf vorgegebene Ziele hin ausrichten soll. . Und aus beiden folgt ein gehöriger Anspruch auf Herrschaftswissen. Stuttgart / Bad Cannstatt 1983. Gesinnungen und Handlungen so einzurichten. Im Gegensatz zu der kategorialen Trennung Max Schelers darf also für den deutschen Bildungsbegriff. Jahrhundert tritt jene Bedeutungsvariante auf. die »National-Erziehung und Bildung« zu gewährleisten. Aufl. Selbst Humboldt. oder sei es. die sich als aufgeklärt verstehen. in Berlin eine Universität zu errichten. Oder Moses Mendelssohn: »Unter Bildung des Menschen verstehe ich die Bemühung. daß sie zur Glückseligkeit übereinstimmen. Maria Scheler. der auch bis heute abrufbar bleibt. Bd. denn Wissen war Macht. Mit Max Scheler zu reden. Jubiläumsausgabe. da berief er sich auf deren künftige Aufgabe. Als er 1 8 0 9 den Antrag stellte. Bd. daß soziale oder politische Aufgaben durch standesspezifische Erziehung eingelöst werden sollten. Werke (Anm. 14). 113 f. Es ist der Erziehungsanspruch derer. Bern und München i 9 6 0 . was sich in Deutschland für Bildung und Aufklärung interessiert«. So war für Wieland Bildung identisch mit ›Unterweisung‹. S.. Erlösungshoffnung und Erziehungsanspruch konvergieren seitdem in ›Bildung‹: Im 1 8 . die Bildung und Aufklärung nahe aneinanderrückt. beides. IV. in: ders. gesagt werden. Sei es. 60ff. v. 110.« Bildung wird aktiv als Formung begriffen. 8 (= Schriften zum Judentum II). der den Bildungsbegriff auf ein pädagogisches Gleis setzte. der sicher konsequenteste Vertreter einer selbsttätigen Eigenbildung. Alexander Altmann. 18 Max Scheler. wohnt neben dem Heilswissen dem Bildungsbegriff also auch das Leistungswissen inne. so wie er sich um 1 8 0 0 herum entfaltete. daß er in verschieden zu gewichtenden Anteilen sowohl 16 1 18 16 Moses Mendelssohn. Es ist dieser Bedeutungsstreifen der ›Ausbildung‹.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung TI5 klärung der Junghegelianer erklären hilft. ›entwikkeln‹ und ›auswickeln‹. v. hg. die Menschen erziehen und regieren. S. über die traditionelle Ständeordnung hinweg auch politischen Einfluß zu suchen und zu gewinnen. aller gesellschaftlichen Einbindung zuvor. bediente sich zwangsläufig der aufgeklärtpädagogischen Variante. daß Naturanlagen entfaltet. solle hier eine Freistatt finden. die Universitätsbildung öffnete das Tor.

327 f. Als ›Aufklärung‹ auf ihren Begriff gebracht wurde. Sie ist ein gleichsam anthropologisch ableitbarer Auftrag vernunftgemäßer Selbstbestimmung mit ethisch. deren Programm aber einen überzeitlichen. systematischen Anspruch erhebt. Was sind also die spezifischen Bedeutungsgehalte. geschah das schon im Rückblick auf die bereits abgelaufene Zeit ihrer zunehmenden Verwirklichung im 18. . wiederzufinden wie in der Zukunft wiederholbar ist.n6 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Heils wissen wie Leistungswissen und auch Herrschaftswissen in sich vereinigte. als eine diachron einzuordnende Periode. die seit der Wende zu unserer Neuzeit immer wieder abrufbar waren oder beschworen wurden? 17. etwa in der Paideia der Griechen. Nach der unaufhörlichen Flut belehrender. Der moderne Bildungsbegriff entstand gleichzeitig. wie sie zum emanzipatorischen Banner der Studentenbewegung werden konnte. Deshalb kann Aufklärung in der griechischen Sophistik so sehr wiedererkannt werden. Jahrhundert. aber mit Blick auf eine ständig innovative Zukunft. Gleichwohl läßt er sich nicht auf diese drei Bestimmungen reduzieren. ist dauerhaft und wiederholbar. als bloß historische Bezeichnungen zu sein. die ständig neue Antworten provoziert und die deshalb sowohl in der Vergangenheit. unterrichten19 Dazu in diesem Band S. sozial oder politisch einzulösenden Normen. Idealtypischer Umriß der ›Bildung‹ Bildung ist als neuzeitlicher Grundbegriff Ergebnis der Aufklärung und zugleich Antwort auf sie. Auch wenn das 18. Aufklärung weist über ihre epochale Bestimmung hinaus. Jahrhundert ein Jahrhundert der Bildung genannt werden kann: Beide Begriffe enthalten mehr. Bildung läßt sich analog als eine geschichtlich einmal entstandene Herausforderung umschreiben." Aufklärung wurde zunächst geschichtsphilosophisch begriffen. im letzten Drittel jenes Jahrhunderts. Jahrhundert ein Zeitalter der Aufklärung genannt wurde und auch wenn das 19.

individualisiert. den . Bd. Die Welt wurde perspektivisch gebrochen.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 117 der und anweisender Schriften.Z. deren Erkenntnis für alle Erfahrungsbereiche dauerhafte Regeln und Gesetze bereitstellen würde. in denen das Selbst sich in der Gesellschaft verwirkliche. S.dieser Wahlspruch der Aufklärung wurde auf die ganze Person und ihre Selbstbildung bezogen. Leipzig 1800. Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784).0 Kant. sich zu finden. die von staatlichen.standen zahlreiche Wege offen.die zentrale Zuordnung . Das Kantsche Postulat der moralisch allgemein verpflichtenden Selbstbestimmung wurde pluralisiert. »Bildung« (Anm. dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!« . VI.religionssoziologisch gesprochen . ökonomische. geschichtlich vervielfältigt. pädagogischen und ökonomischen Instanzen im Namen einer Aufklärung verlautbart wurden.nur einen Weg heraus: die Aufklärung selbst in die Hand zu nehmen. v.« Damit wurde Aufklärung nicht verabschiedet. durch Selbsttätigkeit und eben durch Bildung. gab es . S. politische. Der Bildungsbegriff war moderner. 2. sowenig wie die Erziehung als Mittel der Ausbildung. 53. insgesamt geschichtliche Ziele setzten. literarischen. »Bildung des Verstandes ohne Bildung des Herzens und des Geschmackes gibt bloss Aufklärung. forderte ›Bildung‹ eine große Mannigfaltigkeit menschlicher Möglichkeiten heraus. Aber beide wurden integriert in einen kommunikativen Prozeß. Kants Aufruf: »Habe Mut. um 20 21 2. Wilhelm Weischedel. von der sich die Menschen leiten lassen sollten. ohne daß die Rückbindung an die Aufklärung aufgegeben worden wäre. Das neue Schlagwort dafür lautete: ›Bildung‹. 52. die niederen Volksklassen aufzuklären?. 87. Ist es jetzt rathsam.wie Kant forderte . und an die Natur. 8). Werke. nach: Vierhaus. Der Weg der vulgären Aufklärung von oben nach unten oder von außen nach innen sollte gleichsam umgekehrt zurückgelegt werden: von innen heraus.. S. offener für überraschende Erfahrungen und neue Sichtweisen. hg. Darmstadt 1964. »interessanter«. zit. theologischen. frei vor allem im Hinblick auf seine facettenreiche Definitionsbreite. .die protestantischen Laienpriester vorantrieben. in: ders. und für die Bildung der Persönlichkeit . und während diese beiden Aufgaben zugleich fest bestimmbare soziale. Während die Aufklärung vorzüglich an die Vernunft appelliert hatte.1 Johann Ludwig Ewald. auch die Bedingungen herstellen.

Zweck war die Bildung des ganzen Menschen als Zweck seiner selbst. sinngemäß in 22 21 22 Carl von Rotteck. Die vielen Konformismen. daß sich die Grundbestimmung aller Bildung auf das Individuum bezieht. oder auf die Kindheit.118 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten die personale Selbstbildung zu induzieren. daß sich diese Selbstbildung aller jenseits jeder Klassengrenze auf die »Selbstbildung aller Bürger« bezog.. Bildung als personale Selbstbestimmung Was immer der Geniekult als Geburtshelfer des Bildungsbegriffs leistete. Selbstbildung ist gerade als religiös fundierter Begriff a priori häretisch. die Jugend und weitere Altersstufen. Staats-Lexikon. S. die. »nämlich die Gewährleistung der persönlichen Freiheit. 577. und Carl Welcker. definierte er dessen wahren Zweck. die Gemeinschaft. Die Übertragungen des selbstreflexiven ßildungsbegriffes auf andere Handlungseinheiten: auf das Volk. wie immer die Umstände auf ihn einwirken. was immer die Entdeckung der Persönlichkeit dazu beitrug: der Bildungsbegriff ist primär auf den je einzelnen Menschen bezogen. Sie zehren von der primären Bedeutung. die Gesellschaft. Dabei war es für ihn selbstverständlich. die Nation. ohne deren Verarbeitung er sich nicht bilden kann. i. S. also der freien Selbstbildung aller«. Sie gehören zur Signatur des Gebildeten. schließlich auf die Natur und die Geschichte. auf eine Klasse oder den Staat. . 578.a. ›Bildung‹. die soziologisch einem Bildungsideal zugerechnet werden können. in: ders. Er selbst muß sich bilden. Regelmäßige Tagebücher banden alle Innen-außenbeziehungen in den persönlichen Bildungsprozeß ein. alle diese einer Bildung fähigen Handlungseinheiten oder Subjekte werden zu Derivaten der Selbstbildung. im Unterschied zu den westlichen Grundrechtskatalogen.O. daß alle Bildung Selbstbildung eines Individuums ist. Als Rotteck vom Bildungsauftrag des Staates handelte. verhindern nicht. Altona 1834. 2. Es handelt sich um eine Bestimmung. 23 A. Bd. Diese hat sich im normalen Sprachgebrauch zuerst der überkommenen religiösen Bild-Metaphorik entzogen.

Daraus folgte eine dauernd reflektierte Zuordnung zwischen Vernunft und Sinnlichkeit.wissenschaftstheoretisch zu Recht . S. Nicht daß diese beiden Bereiche wie in den Aufklärungsphilosophien alternativ 2-4 Hegel.« Auch ›Zucht‹ im Sinn von Selbstzucht gehörte dazu: »Der Mensch . Hamburg 1955. ND Aalen 1975. bleibt es für den Bildungsbegriff unabdingbar. Johannes Hoffmeister. Auch wenn eine solche Definition soziologisch oder psychologisch oder ideologiekritisch . 5. sondern nötigt immer zu kommunikativen Leistungen. gehörte zur reflexiven Verarbeitung. . Stuttgart 1883. was er sein soll. der als anthropologische Möglichkeit unüberholbar ist: Daß der Mensch nur in seiner Individuation er selbst sein und werden könne. Die Verwaltungslehre. Aufl. Bildung prägt einen Lebensstil. v. Vielmehr führt die personale Selbstbildung zu handlungsleitenden Verhaltensweisen. zwingt zur vita activa. muss sich (im Gegensatz zum Tier) selbst zu dem machen. Hegel: »Der Mensch ist. 58.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 119 den Artikel 2 des Grundgesetzes eingegangen ist. Die innere Verwaltung. Bildung führt nicht zu kontemplativer Passivität. 24 25 2. 17. Jahrhundert wirksam und einflußreich gewesen ist.« Die Einbindung der Selbstentfaltung in die sozialökonomischen oder politischen oder geistigen Bedingungen. Das Bildungswesen.« Die so viel beschworene oder verspottete ›Innerlichkeit‹ der deutschen Bildung ist jedenfalls eine Verkürzung.. was er sein soll. 2. Das führt zu einer weiteren Bestimmung.5 Lorenz von Stein. der über die Aufklärung hinausführt und der besonders im 1 9 . hg. nur durch Bildung.. Die Vernunft in der Geschichte. daß er einen Anspruch stellt. die alle Bildung zugleich gesellschaftlich verpflichtete.in Frage gestellt werden kann. Teil 5. unter denen sie allein stattfinden kann. »Jede wirkliche Bildung ist daher im Unterschiede von der Bildung an sich eine gesellschaftliche Bildung. S. die die gesellschaftlichen Voraussetzungen in den eigenen Bildungsprozeß einbeziehen müssen. Bildung als Lebensführung Das anthropologische Grundmuster der Bildung zielte auf den ganzen Menschen.

zit. in dem sich Bildung zu vollziehen hätte. daß der Mensch ein animal sociale sei. alle Sinne und der Geist zum psychologisch stets aufs neue durchdachten Spannungsfeld. Damit wurde ein Modell gesetzt. Beiheft 14. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik. Stück. . Die damals auf ihren neuen Begriff gebrachte ›Geschlechtsliebe‹ ordnete Geist und Sinnlichkeit wechselseitig und zwischengeschlechtlich aufeinander zu. »ist das wahre Element für alle Bildung. indem sie den neuen emanzipatorischen Bildungsbegriff zugleich generierte. nach: Konrad Feilchenfeldt. weil sie sich gegen alle Autoritäten richtete. der für die Liebe erschlossen wurde. 2. verabschiedete den überkommenen Liebesbegriff. S.-These. um einen gemeinsamen Prozeß der Bildung daraus hervorgehen zu lassen. schreibt Friedrich Schlegel 1799. Die Berliner Salons der Romantik. Liebe im Lexikon. Bd. 155. weil sie sich außerstaatlich konstituierte und offen gegen Standesunterschiede und kirchliche Vorgebote aufbegehrte. Vielmehr gehört die sowohl personeneigentümliche wie gruppenspezifische Geselligkeit konstitutiv zur Bildung. S. v.26 (Berlin 1799). Athenäum. Diese Liebe. »Denn Geselligkeit«. M. Bielefeld 1987. mehr noch. das auch unter anderen Umständen in anderen Zeitlagen immer wieder abrufbar war.A. die den ganzen Menschen zum Ziele hat. Deshalb ist hier der legitime Ort. Analoges gilt für den neuen Erfahrungsraum. und zwar nicht in dem selbstverständlichen Sinne. Göttingen 1987.« Es ist oft genug betont worden. in: Rahel Levin Varnhagen. Eine derart geforderte Selbstfindung war von vornherein auf zwischenmenschliche Beziehungen angewiesen. daß die Selbstbildung durch Geselligkeit eine emanzipatorische Funktion hatte.I20 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten zur Letztbegründung abgerufen worden wären: vielmehr gehörten Leib und Herz. Barbara Hahn und Ursula Isselstein. an dem Juden und Frauen gleichberechtigt teilhatten. Gemüt. die Initiative ergreifen konnten. 27 Edeltraut Kapl-Blume. Die Befreiung der Sinnlichkeit aus moraltheologischen und ständischen 26 27 26 Friedrich Schlegel. Die Berliner Salonkultur entfaltete Bildung. der primär auf Fortpflanzung und familiäre Selbsterhaltung zielte. 1. Die Geschlechtlichkeit wurde aus ihrer sozial und theologisch untergeordneten Rolle befreit und gewann eine sittlich integrative Kraft. in der Mann und Frau sich gegenseitig bilden. hg.

« Die Differenzbestimmungen zwischen Liebe und Ehe sind von der damaligen Generation. deren soziale Transformationskraft erst im 2.8 Henriette Herz in Erinnerungen. an der selbstkritischen Lebensführung teilhaben zu lassen. Rainer Schmitz. v. Damit wurde eine Epoche eröffnet. die ohne schriftliche Kommunikation nicht zu haben war. zwischen den Geschlechtern und zwischen Frauen zielte auf eine gegenseitige Teilhabe. Die Fülle der oft so schlichten wie meisterhaften Autobiographien ist nicht nur eine Fortsetzung der Tagebücher.0. dabei das Unbewußte aufdeckend. wie sie 28 2. zeigen Biographien. Frankfurt am Main 1984. sondern ebenso der hochentwickelten Kunst des Briefschreibens: nämlich außer den zeitgleichen Adressaten auch die Nachfahren an der Selbstaufklärung. »mit einer Art reinigenden Prinzips gemischt. »Die Sinnlichkeit war. Der intensive Briefwechsel zwischen Männern. Jahrhundert entfesselt wurde. Briefen und Zeugnissen. Die Psychoanalyse fußt auf dieser einmal entdeckten. wenn ich mich so ausdrücken darf«.nach Bluntschli. . Eine Ehe ohne Liebe wurde . eben durch Bildung vermittelt. Jeder Lebenslauf war immer zugleich real und literarisch. schrieb Henriette Herz. Daß alle Selbstfindung eine zwischengeschlechtliche Liebe so sehr voraussetze wie auch hervorrufe. daß auch hier ein anthropologisches Modell gesetzt worden ist. deren Selbstreflexion auf gegenseitige Reflexion der Teilhaber verweist.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 121 Geboten wurde zum Ferment gegenseitiger Selbstbildung und als solches entdeckt. Sie bezeugen das pietistische Erbe. auf die Personen und nicht auf die Gattung bezogenen Geschlechtsliebe. sind hinzuzufügen.auflösungspflichtig. Andere Aspekte der gebildeten Lebensführung. und die ›Lucinde‹ ist gewissermaßen aus der Idee dieses Verbandes hervorgegangen. 198. gehört zu den so labilen wie provokativen Elementen. ohne die auch die autobiographische Dauerreflexion nicht zustande kam. vor allem von den Frauen in einer Klarheit reflektiert worden. S. hg. Und wie wenig die Selbstbeschreibungen auf den Kreis der sogenannten Gebildeten im engen Sinn beschränkt blieben. welches zu verletzen man sich scheute. die den Bildungsprozeß auch auf Kosten der Ehe immer aufs neue vorangetrieben haben. wie schon bei Milton .

auch keine spezifische ästhetische Neigung in Kunst und Literatur reichen hin. die sich regelmäßig trafen. die nicht spezifisch berufs. Das gleiche läßt sich von den vielfältig einander überlappenden Bekanntenkreisen sagen. keine weltanschauliche Option oder philosophische Präferenz. 3. ökonomisch. das unterschwellig auch noch unsere modernen Verhaltensweisen prägt. der diese Mannigfaltigkeit des wechselseitig induzierten Erlebens reflexiv in sich zurückband.geprägt wurde. das zeichnet den Stil aus. Und alle Kulturkritik. Theater-. Museums-. künstlerisch oder sonstwie öffentliche Funktionen wahrgenommen werden konnten. die sich heute an diese Verhaltensweisen anschließt. Bildung war der Leitbegriff. keine politische Haltung oder soziale Vorgabe. der damit erhoben wird. auch der Sport stellen Kommunikationskreise her. kein konfessionelles Bekenntnis und keine religiöse Bindung.und Flugtouristik. zeugt von dem überkommenen Bildungsanspruch. Auch wenn sich dieser Lebensstil infolge der technisch beschleunigten Kommunikationsbedingungen nicht ungebrochen durchgehalten hat .ein Modell gebildeter Lebensführung ist gesetzt worden.122 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Nettelbeck oder Carl Schurz oder Werner von Siemens ihrem eigenen Leben gewidmet haben. Allgemeine Grundzüge der ›Bildung‹ Kein bestimmtes Wissen und keine einzelne Wissenschaft. der von ›Bildung‹ .und Fernsehzirkel. um ›Bil- . Wirtschaft. gemeinsame Musik-.reflexiv oder kommunikativ . Daß also ein Leben geführt werden müsse. Dieser Lebensstil öffnet die zahlreichen Anschlußstellen. Handel. in denen die Geselligkeit gepflegt wurde und die sich durch zahlreiche Reisen über ganz Deutschland und weit ins Ausland hinein ausgedehnt hatten. Film. von denen aus gesellschaftlich. und nicht nur ertragen oder erlitten werden darf. Wissenschaft.oder klassengebunden sind. Eine naturdurstige und kulturbeflissene Auto. literarisch. Technik und Politik wurden in den kommunikativen Prozeß der Selbstbildung eingebunden. politisch. Trotz aller Vielfalt im einzelnen hat Bildung gemeinsame Grundzüge.

in: Theologische . . in einen Stil gebildeter Frömmigkeit zu überführen. Dogmatische Glaubensinhalte konnten durch die historische Aufklärung in Mythen zurückverwandelt werden.595-630.die Moderne in der Religion. Trotz ihrer aufklärerisch-pädagogischen Engführung hat Bildung ihren religiösen Gehalt nie verloren. der die empirischen Bedingungen seiner eigenen Ermöglichung ständig in sich einholt. so sind sie in jener Lebensführung enthalten. Bürgerliche Frömmigkeit und protestantische Kirche im 19. 3 57-368. die immer unterwegs ist. Manfred Fuhrmann. $. Historische Zeitschrift 250 (1990). Wenn es gemeinsame.Gerhard Hergt. Klaus Detlef Müller. die allen Wandel bedingen und alle individuellen Kontexte begrenzen. Jahrhunderts. Die Religion in der Moderne . hg.und realtypischen Bestimmungen angesiedelt und empirisch kontrollierbar. ohne daß jede Einzeldefinition von Bildung das zum Ausdruck gebracht hätte. a) Zunächst ist hier zu nennen die Religiosität. die nicht zufällig um 1 8 0 0 herum auf ihren neuen Begriff gebracht worden ist. wirkte hier nach.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 123 dung‹ zu kennzeichnen. Die folgenden Grundzüge sind keine rein idealtypischen Konstruktionen im Sinne Max Webers. in: Terror und Spiel. München 1971. 14: Aus meinem Leben. Buch. h. . Jahrhundert. in: Dichtung und Wahrheit. Damit werden sprachlich kaum variierte Strukturen deutlich. idealtypische Grundzüge gibt. Bildung ist im Hinblick auf alle konkreten Bestimmungen in der Lebenswelt ein Metabegriff. Andererseits hat auch die historische Religionskritik des 1 8 . Vielmehr fußen sie auf semantischen Selbstdeutungen der Gebildeten. Bd. Der pietistische Kult persönlicher Betroffenheit und je eigener individueller Selbstverpflichtung. Sämtliche Werke. Die semantisch bezeugten Grundzüge sind also zwischen ideal.692. d. hg. Die Religion des Bürgers. Teil. S. sich selbst zu finden. dazu beigetragen. v. Bildung läßt sich nicht über bestimmte Bildungsgüter oder konkretes Bildungswissen hinreichend definieren. die sich implizit oder explizit durchhalten.Dazu Lucian Hölscher.Trutz Rendtorff. S. speziell der protestantischen Theologen. der sich gegen theologische Orthodoxie und gegen rationale Aufklärung richtete. Religion in Religiosität zu transformieren. während das Christentum »zum Privatgebrauch* erhal29 19 So Goethe. 3. . v. Frankfurt am Main 1986. 15. Probleme der Mythenrezeption. Dichtung und Wahrheit. Christentum und Weltanschauung.

. »Wer Wissenschaft und Kunst besitzt. hg. ohne deshalb eine christliche Selbstdeutung oder karitative bzw. »Die Religion ist meistens nur ein Supplement oder gar ein Surrogat der Bildung. Insgesamt die einschlägigen Kapitel bei Thomas Nipperdey. v. Hans Eichner.203 (Athenäums-Fragment 233). die die christlichen Dogmen mehr noch verzehrten. und je mehr Bildung. die sich gleichwohl ihrer Religiosität gewiß bleiben. als diese durch ihre Historisierung sowieso schon in Frage gestellt wurden. 1. Diese kann sich sowohl christliche Lehren einverleiben. / Der habe Religion. Deutsche Geschichte 1800-1866.Hans Erich Bödeker. 562-574. 31 Goethe (Anm. wer daran keinen Anteil hat. daß sie auf Kirche und Dogmatik verzichten kann. und nichts ist religiös in strengem Sinne. Die christliche Botschaft geht als religiöse Erfahrung im Prozeß der Bildung auf. . Kritische Ausgabe.«" Bildungswissen und ästhetisches Vermögen sind aus sich selbst heraus religiös. Bd. Dadurch wurde aber ebenso der Graben vertieft. Bd. S. Die Religiosität der Gebildeten. v. 2. je weniger Religion. je religiöser. der sich in strikter Opposition zur katholischen Kirche herausgebildet hatte. S. Darin unterscheidet sich die deutsche Bildungsreligiosität vom französischen antiklerikalen Laizismus. Man kann sagen: je freier. was nicht ein Produkt der Freiheit ist. Es kennzeichnet also die neue Bildungsreligiosität. Paderborn 1967. / Hat auch Religion. hg. München 1983 und 1866-1918. Zahme Xenien IX. herausdefinierte und weiterhin kirchlich oder theologisch verwaltete Religion zurückverwiesen. München 1990. Gewissensbildung und Selbstbewußtsein verabschieden alle Dogmatik.124 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten ten blieb. sozialreformerische Praxis aufgeben zu müssen. Ernst Behler. sieht sich auf die überkommene. S. der die unsichtbare Kirche der Gebildeten von den gläubig tätigen Mitgliedern der katholischen Kirche trennte. 1). / Wer jene beiden nicht besitzt. Freilich überwachte die katholische Kirche diesen Graben und verwaltete 30 Literaturzeitung 110(1985). wie sie sich auch naturalistischen oder materialistischen Weltanschauungen hingeben kann. 737. Vor allem war das fromme Bildungsbewußtsein anpassungsfähig an alle naturwissenschaftlichen Erkenntnisse. und ethische Praxis öffnet eine Vielfalt von Verhaltensweisen.« Religion und Religiosität werden durch die Testfrage nach ihrer Bildung zu Symbolbegriffen. 30 Friedrich Schlegel.

hängt also von ihrer Bildung ab. 376h 34 Hegel. Die Religion tritt dann »als der Glaube der Welt der Bildung« auf. Säkular war die moderne Frömmigkeit insofern. Wieviel »Wirklichkeit und Macht« eine Individualität gewinnt. 3 5 Emil Du Bois-Reymond. v. moralisch und intellektuell die Spannung zwischen Individualität und Allgemeinheit. einem reflektierten Bewußtsein der Selbstentfremdung. Johannes Hoffmeister.« Auch wenn die modernen Bildungsinhalte in der katholischen Welt der Gebildeten nicht unbekannt waren und trotz Verbot gelesen wurden (Catholica non leguntur) . Aufl.O.. Teil II).es fehlte ihr jenes Ferment säkularer Frömmigkeit. um Wirklichkeit und Selbstbewußtsein zu vermitteln. die . als »unglückliches Bewußtsein«. Theologisch ist es die Lehre der zwei Welten. S. Was hier nur segmentär aus Hegel referiert wird. die. philosophisch die cartesianische Trennung der res cogitans von der res extensa. jetzt einem Gefühl der Zerrissenheit wich. 33 Hegel. S. Hegel hat diesen Vorgang als Ergebnis der bisherigen Geschichte nachgezeichnet und auf den Begriff gebracht. Über die Grenzen der Naturerkenntnis.wie auch immer durch die Kirchen vermittelt . als die christliche Sündenlehre. 5. Schiller. wirft gleichwohl ein Licht auf jene Bildung. 351. Die protestantische Selbstzensur weit überbietend.a. lautete das klerikale Tabu im katholischen Volksmund: »Die Goethe. »Der Geist der Entfremdung seiner selbst hat in der Welt der Bildung sein Dasein«.bis hin zum ›Ignorabimus‹ des Du Bois-Reymond oder zum emphatischen Agnostizismus. 2. die Entfremdung wahrzunehmen und abzuarbeiten. die Welt der Bildung. politisch der Zwiespalt zwischen Staat und Ökonomie. 34. 33 34 35 32 Siehe die Beiträge von Michael Klöcker und Christoph Weber im genannten Sammelband (Anm. Aufl. die immer wieder ihren religiösen Überhang durch eine Bewußtseinsleistung einzuschmelzen suchte . das sich seiner selbst als ›Bildung‹ gewiß war. Heine . a.auf die göttliche Gnade verweist. wie es von den Jüngern der Bildung gepflegt wurde. 2.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 32 125 die Überwachung strikt und streng. Leipzig 1872. Phänomenologie des Geistes. hg. Leipzig 1949. S. plakativ gesprochen. . als »die Welt des sich entfremdeten Geistes« hervorgetrieben haben. und es ist Aufgabe eben dieser Bildung.das sind die größten Schweine.

sondern im Gegenteil die Differenz zwischen ästhetischer und sozialer Moderne anzunehmen und auszuhalten. Gleichwohl läßt sich für den Alltag diesseits der einmal ausdifferenzierten literarischen Ästhetik sagen: Die den Weltläuften anpassungsfähige Religiosität der Bildung enthielt ein aktivistisches Potential. 37 Friedrich Ast.« Ob erreichbar oder nicht. ihr zu entkommen. 201. 26'). 38 Friedrich Schlegel (Anm. Oder wie es der humanistische Philologe Ast auf der Suche nach den griechischen Urbildern formulierte: »Dies ist also das Ziel unserer Bildung. 23. Der romantische Brief. 2. um zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Langensalza. in das Paradies zurückzukehren. S. Bd. S. Berlin 1962. Siehe auch die Besprechung von Michael Wetzel in: Athenäum. Der poetische Weltentwurf läßt sich eben nicht zur Gänze in soziale oder politische Bedingungen oder Begriffe zurücknehmen oder einfügen.126 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Wenn Humboldt gegen die heile Welt der Griechen feststellte: »Wir haben durch Reflexion einen doppelten Menschen aus uns gemacht«/ so brachte er auf eine Kurzformel. Berlin und Leipzig 1931. daß die bis heute vorausweisende Modernität der zweiten Generation der Romantiker nicht mehr darin bestand. aus dem der Mensch entweichen mußte. Siegfried Seidel. 39 Vgl. Rudolf Joerden. das sich in zahlreichen politischen. 4. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität. »Der revolutionäre Wunsch. v.« Karl Heinz Bohrer hat gezeigt. die Selbstentfremdung in einer autonomen Vernunft aufzuheben. Siehe Rendtorff (Anm. . S. 6 57 58 39 36 Wilhelm von Humboldt am 30. das Reich Gottes zu realisieren. Über den Geist des Altertums und dessen Bedeutung für unser Zeitalter (1805). zit. S. was fortan einen ständigen Auftrag zur Vermittlung programmierte. v. hg. Bildung ist jedenfalls das Wissen um die Selbstentfremdung und zugleich der Weg. hg. Jahrbuch für Romantik 1991. sozialen und weltanschaulichen Bewegungen zu erfüllen trachtete und das sich in ebenso zahlreichen Parteiprogrammen ausdrückte. 27). 234. 565. ist der elastische Punkt der progressiven Bildung und der Anfang der modernen Geschichte. Auch wenn ein säkularer Erlösungsanspruch nicht unmittelbar aus dem Begriff der Bildung ableitbar ist: die Dispositionen dazu hat er freigesetzt. in: Der Briefwechsel zwischen Schiller und Humboldt. München und Wien 1987. S. 1803 an Schiller. nach: Dokumente des Neuhumanismus I. Athenäums-Fragment 222. 260-267. dazu Karl Heinz Bohrer.

Richard Wagner und de Lagarde. Bildung ist zunächst. die alle akademischen Schranken aufsprengten. X. 31.auch dieser Begriff wurde um 1 8 0 0 geprägt . Nietzsche und Freud ein weltanschaulich sich rückversicherndes religiöses Bildungsbewußtsein. 168. darf von ihrer Wirkung behauptet werden. unabweisbar innerlichen Angelegenheiten geworden. 4 K.zu den sekundären Merkmalen der Bildung. Schule und Universität. sie ist offen und anschlußfähig in viele Richtungen. um politisch handeln zu können. seit der Französischen Revolution geworden sind. »Unsere Anschauungen von der Welt sind uns aber zu grossen. und das zeugt von ihrer religiösen Herkunft. zu ihr zählen auch viele professionelle Naturwissenschaftler. soweit sie ihre subjektive Frömmigkeit mit allgemeinen Weltdeutungsprogrammen zu sichern trachtete. Auf ihre Bildung konnten sich 40 1 42 40 Richard Wagner. Brief an H. v. auch wenn sie von ihren Trägern in viele Institutionen hinein vermittelt wird: in die Familie. Bünde und Verbände. 1883. aber zumeist universitärer Randexistenzen stammten/ Ohne über ihren unterschiedlichen Rang irgend etwas zu sagen. 5). Die Reihe der Sendboten läßt sich leicht verlängern. Bildung ist keine Institution. Bildung als solche ist weder bündnisfähig noch bündnisbedürftig. Marx. S. (Anm. 47-56 im genannten Sammelband (Anm. 1. ein politischer Meta begriff. Die Offenheit für inhaltlich verschieden besetzbare Weltanschauungen gehört zur Signatur des religiös imprägnierten Bildungsbegriffs. Bruno Bauer. 42 Siehe den Beitrag von Dietrich von Engelhardt im genannten Sammelband (Anm. 2). in die kulturellen Einrichtungen jeglicher Art und ebenso in die protestantischen Kirchen hinein. b) Die politische und soziale Offenheit der Bildung. Auch politisch und sozial läßt sich Bildung nicht festlegen. daß Schopenhauer und Eduard von Hartmann. Gründer. S.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 127 So gehören die Weltanschauungen . Parteien. in Hochschulen. « Hieraus läßt sich ableiten. in: ders. wie es die Kirchen. Stirner und Engels. David Friedrich Strauss und Feuerbach. Vereine. der vereinnahmte Darwin und Haeckel. warum die akademischen Schulphilosophen nicht annähernd so wirksam waren wie die großen Entwürfe. die aus der Feder gebildeter. Stein. 2). Bd. eine säkulare Gläubigkeit stabilisiert haben. 1 .

ihre gemeinsame Sprache. v. die revolutionären wie die konservativen Romantiker. nach: Ludwig Aschoff. 103. der bis zur Reichsgründung und darüber hinaus reichte. zit. 45 Thomas Mann. Die sogenannten Bildungsbürger sitzen 1848 in allen Fraktionen. wie ihn 1911 Grabowsky mit restriktiv-konservativer Zielsetzung unternahm. von vornherein zum Scheitern verurteilt. es fehlt tatsächlich dem deutschen Bildungsbegriff das politische Element. die Liberalen aller Dekaden und Schattierungen so gut wie Konservative und die Führer der Sozialdemokratie bis hin zur Arbeiterschaft selber mit ihrem unstillbaren Bildungsdurst.« Der Bildungsbegriff war vielmehr politisch anschlußfähig. als Thomas Mann voller Überzeugung versicherte: » . 1849. aber eine Halbwahrheit. in: Die Grenzboten.iz8 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten deshalb alle Parteiungen berufen. 44 Virchows Archiv II. Leipzig 1911. die Burschenschaftler so gut wie die ihnen nachspürenden Beamten. Die Gesellschaftswissenschaft. Rudolf Virchow. Treitschke hat das 1859 scharf beobachtet. Frankfurt am Main 1956. weshalb im Deutschen die Zusatzbestimmung einer »politischen« Bildung erforderlich ist. . etwa der Liberalismus. Der Mittelstand. Hamburg 1940. S. es war ihre Bildung. Und deshalb war der Versuch.« Bildung ist also primär überpolitisch. Erika Mann. Leipzig 1859. Insofern war es richtig. S. Aus seiner »Beweglichkeit folgt keineswegs eine bestimmte politische Gesinnung. aber politisch abrufbar. . wie es Virchow 1849 auf die knappste Formel brachte: » Freiheit ohne Bildung bringt Anarchie. »im Besitze einer höheren Bildung« und wirtschaftlich aktiv. Bildung ohne Freiheit Revolution. sondern im Gegenteil seine Fähigkeit in alle politischen Parteigegensätze zu zerfallen«. Wissenschaft und Weltgeltung. Zeitschrift für Politik und Literatur. Aber »hinsichtlich der Bildung allein wird es schwer sein. ihn (den Mittelstand) als ein Ganzes aufzufassen«. 26f. Ein kritischer Versuch. die jenen minimalen Konsens herstellte. ließ sich deshalb nie auf eine einzige Parteirichtung einengen. 46 Adolf Grabowsky. Die Partei der Gebildeten. hg. 86. 1533 ff. So konnte Bildung schnell in unmittelbare politische Funktionen einrücken. Betrachtungen eines Unpolitischen. . S. des Mittelstandes. suche die Standesgrenzen nach oben und unten zu öffnen. S. eine »Partei der Gebildeten« als »neue Partei« zu gründen. 43 44 45 46 43 Heinrich von Treitschke.

Hamburg 1955.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 129 Sehr viel schwieriger als die überpolitische scheint die übersoziale Begriffsbestimmung von Bildung zu sein. Bilder aus der deutschen Vergangenheit. gar S t a n d e s . Die soziale Dichotomie zwischen Gebildeten und Ungebildeten zieht sich seit der Französischen Revolution wie ein roter Faden durch die Beschreibungen der bürgerlichen Gesellschaft. ist ein wirklicher Bestandteil des Lebens. 24. daß die Ausbreitung der Bildung jedermann zugute komme. die »den Empfangenden an geistigem Gute reich und doch den Gebenden nicht ärmer macht. (»Aus den Lehrjahren des deutschen Bürgers«) passim. »Diejenige Bildung allein. bietet immer noch lesbar Gustav Freytag. die schichtenspezifisch auf ein modern-elitäres bzw. v. der Freiheit und Gleichheit unmittelbar voraussetzt und ermöglicht. und er fügt hinzu.. Bd. .heute mag das Mentalitätsgeschichte genannt werden -. 185 (11. aber sozial dichte und anschauliche Beschreibung der bürgerlichen Gesellschaft. S. eingeleitet von Alwin Diemer. Denn zahlreich sind die Belege. Fritz Medicus. und ist ihrer selbst sicher. Die Kategorien ›Bildung‹ oder ›Unbildung‹ werden. Gleichwohl muß daran festgehalten werden. jedem Menschen offenstehend. 22). S. die da strebt und die es wagt. 48 Fichte. Rede). hier: Leipzig 1911. Schichten oder Berufsgruppen zugeordnet. 2). Bildungsbürgertum (Anm. traditional-aristokratisches Selbstverständnis der Gebildeten verweisen.oder klassenspezifischen Bestimmung widerspricht. Ständen oder Klassen.« Auch wenn Fichte hiermit einen revolutionären und demokratisch-missionarischen Anspruch erhebt: Bildung kann gar nicht anders gedacht werden als jeden Menschen fordernd. 49 Lorenz von Stein (Anm. 311 ff. Es sei »einzig und allein« die bildende Arbeit des einzelnen. Mehr noch. 3 ff. Bildung als Selbstbildung und als kommunikative Lebensführung ist sozial offen und in alle Schichten hinein anschlußfähig. speziell der Bürgerschichten und ihrer jeweiligen Bildung . 4. und daß die Erfüllung des Einen durch das geistige Leben des Ande47 48 49 47 Dazu Ulrich Engelhardt. Eine patriotisch überhöhte. im Unterschied zur politischen Herrschaft und zur wirtschaftlichen Abhängigkeit oder Ausbeutung ist es der Bereich der Bildung. nicht ohne empirische Berechtigung. So Lorenz von Stein. sich allgemein zu machen und alle Menschen ohne Unterschied zu erfassen. hg. S. daß der Begriff der Bildung per definitionem einer primär sozialen. Reden an die deutsche Nation.

Ob Meyers » Groschen bibliothek für deutsche Classiker« seit 1826 unter dem Motto ›Bildung macht frei‹ verkauft wurde oder ob der Frühsozialist Karl Grün 1844 »Über wahre Bildung. ob Virchow eine »Gesellschaft für die Verbreitung von Volksbildung« initiierte oder ob Wilhelm Liebknecht mit dem Programm »Gleichmäßigkeit der Bildung ist ein Kulturerfordernis« 1891 in Berlin die Arbeiterbildungsschule eröffnet. Die deutsche Salon-Poesie der Frauen.einer Einengung auf soziale Schranken entzieht. die sich aus dem Begriff der Bildung ableiten läßt. allgemach in die Breite gegangen. wie es der Brockhaus 1820 entschieden gefordert hatte und wie es Eichendorff 1847 kritisch registrieren zu können glaubte. S. wenn etwa Ralf Dahrendorf oder Georg Picht die bissige Bemerkung 50 51 52 53 14 50 Lorenz von Stein (Anm. Frankfurt am Main 1990 (Werke. . vielmehr diese immer zu überschreiten fordert. der sich . oder ob Wilhelm Wundt nach dem 1918 verlorenen Kriege seine rührende Hoffnung auf die Volkshochschulen setzt: »Das bedeutsamste Vorzeichen dieser Umkehr ist sicherlich das Streben nach Verallgemeinerung und Vertiefung der geistigen Bildung. alle Höhen unterwaschend. sondern der von vornherein gesetzte Anspruch auf reflexive Autonomie und Selbstverwirklichung. 53 Lutz von Werder. die jene erfunden.« Das ›Bildungsfieber‹ habe »die Zeit der Massen« eröffnet. S. 5 . in ihrer natürlichen Schwere. gewaltsam ihre eigenen Bahnen brechen. Arbeiter und Volksbildung..Teil 11: Begriffe und ihre Geschichten ren nicht den tiefen Widerspruch erweckt. hg. zum Besten der armen Spinner im Ravensbergischen« spricht. 54 Wilhelm Wundt. Erlebtes und Erkanntes. 28. W. 22). $i Eichendorff. der in aller Herrschaft der Menschen über Menschen liegt«. 3 1 9 f . Stuttgart 1920. die sich aller Stufen und Stände der Bevölkerung bemächtigt hat« : Bildung bleibt ein Begriff. Geschichte der Poesie. der den Begriff auf alle Volksschichten auszudehnen erheischt. S. ferner S. in: ders. in: Die Arbeiter. Hartwig Schultz.wie Religion . Dank Hinweis von Ursula Krey. 5 2 Staatsarchiv Münster. 6). 291. hg. v. »Die Bildung. Oberpräsidium 690. 396. Die Herrschaft einzelner hervorragender Geister sei nun vorüber. ist. v. München 1 9 8 6 . die keine menschliche Voraussicht mehr zu bestimmen vermag. aus den vielen verborgenen Quellen sind Ströme geworden und wollen sich nun. Es ist nicht nur die emanzipatorische Folgerung. Bd. Ruppert. 299 f. Das gilt bis heute.

Diesterweg. andere und neue Bildungsmittel nicht aus. v. A. eine Bildung des Herzens oder des Gemüts zu haben. Nun läßt sich diese Belegsumme sozialhistorisch ausdeuten. Im Gegenteil.X1V. das Neuste in der Welt sei »das Verlangen nach Bildung als Menschenrecht«. eine argumentationsimmanente Ideologiekritik an einer derartig funktionalisierten Begriffsverwendung zu liefern.bzw. als er die »Nothwendigkeit der Bildung des deutschen Bürgers« in gleicher Weise anerkannt sehen wollte wie die »alterthümliche Bildung« der Neuhumanisten. Aber derartige empirisch wirksame Trennlinien konnten den universalen Bildungsbegriff nicht aushebeln.. Unbildung ist keine primär soziale. und es läßt sich eine entsprechende Menge an Zitaten beibringen. Die Opposition zwischen Bildung und Halb. X X . Und wenn das versucht wird. 56 Wegweiser zur Bildung für deutsche Lehrer. Wer das nicht vorweist. Diesterweg berief sich deshalb auf ihn. 99. . Rudolf Stadelmann. hg. »eins mit der Religion des Fortschritts in jeder Beziehung«. Weltgeschichtliche Betrachtungen. ohne deshalb in den Kreis der Gebildeten kooptiert werden zu können. Speziell in der lateinischen Sprache sah er . S. die die Abwehrmechanismen der sogenannten gebildeten Bürger gegen alle demokratischen oder sozialistischen Bildungsansprüche aufzeigen. S. inhaltlich elitär. affirmativ aufgegriffen haben. Bildung schließe. die ein Lehrer zu erwecken habe. Essen 1844. der am vorausgesetzten Bildungswissen teilhat und der Urteilsfähigkeit über Bildungsgüter erkennen läßt. Im konkreten sozialen Zusammenhang bleibt Bildung anschlußfähig nur für den. der die einmal gewonnene anthropologische Grundbestimmung als eine rein politische oder soziale Kategorie festschreibt. XXVIII. sondern eine selbstkritische Bestim56 57 55 Jacob Burckhardt. hg. ist es leicht. dem mag zugebilligt werden. ist wiederum die »Selbsttätigkeit«. Formal ist Bildung allgemein. S. F.O. aber was Diesterweg fordert. Pfullingen 1949. 57 A. W. v. Es läßt sich kein Beleg herbeischaffen.aus demokratischer Perspektive nur ein »allgemeines Bildungsmittel« derer. »die sich über die unteren Schichten der Gesellschaft erheben wollten«.a. moralisch integer zu sein. recht verstanden.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 55 131 Jacob Burckhardts.

einander überlappende Kategorien stoßen. 61 Eine gute Zusammenfassung bei Engelhardt. um sie zu erweitern und zu überschreiten. die er hat. 312-3 29. Bd. Die Selbstkritik. und konstituiert. der die Gaben. 2. S. Werke. daß Bildung immer auf der Hut sein müsse vor dem Schein ihrer selbst. 59 Rahel Varnhagen. auf heterogene. die klare Analyse von Karl Löwith.. mit und gegen Marx gesprochen. Texte zur Philosophischen Propädeutik. II. nur ganz allein einen gebildeten Menschen. Gesammelte Werke. Aufl. »Das Problem der Bildung«. Daß Bildung sich auf keine gewußten Inhalte festlegen läßt. den die Natur verschwenderisch behandelt hat. Vgl. so wie es ungebildete Eigentümer und ungebildete Eigentumslose gebe. und einzusehen vermag. III: Das Problem der Bildung. Bildungsbürgertum (Anm. bis hin zu Adornos »Theorie der Halbbildung«. v. . diese Selbstkritik begleitet die Begriffsgeschichte der Bildung seit 1800 wie ihr Schatten. Konrad Feilchenfeldt. die querlaufen: Es gebe erwerbstätige Gebildete und nicht erwerbstätige Gebildete. S. Stuttgart 1988. 260. S. vielmehr das Bewußtsein ihrer Grenzen und die Fähigkeit. Bd. Gesammelte Schriften. 1807. Brief an Frau von F. S. In den Worten der Rahel: »Ein gebildeter Mensch ist nicht der. 60 Hegel. Dazu gehört die triviale Bemerkung. 8: Soziologische Schriften I. Adorno. um mit Hegel zu sprechen. gütig. und auf die höchste Weise gebraucht. daß auch ihre bloße Allgemeinheit jenseits aller Spezialisierung kein Ausweis für Bildung sein kann. 366-386. für mich. und keine Gabe. 12. München 1983. Frankfurt am Main 1970. aber nicht sozial radizierbar. Bildung 1844 rein sozial zu klassifizieren. die den Bildungsbegriff geradezu konstituiert. v. S. Bildung ist sozial bedingt. »um die Grenze seiner Urteilsfähigkeit«. . 4. S. wo es ihm fehlt. Stuttgart 1950. 14. Berlin. in: ders.nzf. der mit festen Augen hinsehen kann. 93 -121 (1959). hg. 1. der dies mit Ernst will. Dies ist in meinem Sinne Pflicht. Rahel E. was ihm fehlt. nicht klassenspezifisch. Bd. Bd.s 9 60 61 58 Theodor W. Frankfurt am Main 1972. 4. 325. daß die Form des Wissens wichtiger sei als das Wissen selbst. Und deshalb mußte der Statistiker Hoffmann bei seinem Versuch. weise und richtig. Steiner. ist. Teil. vor der »Scheinbildung«. diese zu erkennen.«' »Ein gebildeter Mensch weiß«. daß hier die Gefahr der »Überbildung« oder »Verbildung« lauere. Rahel-Bibliothek. hg. Uwe Schweikert. 2).T 2 3 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten mung. Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel. die das Bewußtsein der Selbstentfremdung klären hilft. Sämtliche Schriften. ein gebildeter Mensch ist der. Von Hegel zu Nietzsche.

Bd. Stuttgart 1984. die jede »Bildungsgelegenheit« wahrnähmen. Jacob Burckhardt und Friedrich Nietzsche." Daß Bildung vom Staat abhängig geworden sei. Er diagnostiziert »überall Symptome eines Absterbens der Bildung. in: ders. München.718. S. um sich damit zu brüsten. Giorgio Colli und Mazzino Montinari. 1. 7. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. hg. .. »ist gar keine wirkliche Bildung. 273 f. »Und so ist die ganze moderne Bildung wesentlich innerlich: auswendig hat der Buchbinder so etwas darauf gedruckt wie ›Handbuch innerlicher Bildung für äußerliche Barbaren*.. 4. Kritische Studienausgabe. die unter Verzicht auf jede Form die Gebildeten in »wandelnde Encyklopädien« verwandele. 64 Friedrich Nietzsche. sondern nur eine Art Wissen um die Bildung«. einer völligen Ausrottung«. dort auch die Belege von Burckhardt. Kritische Studienausgabe (Anm. klassischer und romantischer Tradition überkommen war. wenn auch schärfer argumentiert der junge Nietzsche. Das Ziel ihrer Kritik ist der soziale Befund eines wuchernden Bildungsphilisteriums. Bd. Burckhardt verachtet »diese verfluchte universelle Bildung«. S. 7: Nachgelassene Fragmente (1873). 64). die nur Mediokritäten züchte. daß sie ein wissenschaftlicher Produktionsfaktor geworden sei. bei aller Nostalgie.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung J 33 Das bezeugen auch die radikalsten Kritiker am deutschen Bildungsbetrieb. Aber »daß ein Mensch sich rein aus seinen eigenen Antrieben heraus bildete.« Unsere moderne Bildung. Die Selbstbildung der einzelnen. v. Sämtliche Schriften. um jene wirkliche Bildung zu ret62 3 64 62 Dazu Karl Löwirh. Jacob Burckhardt. Berlin und New York 1988. Ähnlich. die Herausforderung zu wirklicher Bildung. aber der Maßstab ihrer Kritik bleibt an jene Bildung zurückgebunden. davon ist längst keine Rede mehr«. äußerlich auf den Staat und auf Fabrikation von Wissenschaft bezogen. Der äußeren Erfolgssucht entspreche jene »eigentümliche Innerlichkeit«. primär am Nutzen orientiert. S. Bd. all das führe in die Barbarei. So halte »man sich für gebildet. 63 Friedrich Nietzsche. an Amt oder Besitz geknüpft werde. ihre gegenseitige Induktion und Anerkennung blieben. innerlich eine formlose Masse historisch vermittelten Wissens häufend. 62-65. wie sie ihnen in idealistischer. flickt eine Weltanschauung* zusammen und predigt auf die Nebenmenschen los«. Deshalb weist Nietzsche jeden Bund mit den ›Gebildeten‹ ab.

die sogenannte allgemeine Bildung sei dagegen nichts anderes als Halbbildung. kämpfte für die Unabhängigkeit des Bildungswesens von staatlicher Aufsicht. S.mit den geisteswissenschaftlichen Ausbildungswegen. Bildung besteht nicht in dem Besitz von Kenntnissen. sie wächst von innen heraus . um die Autonomie der Person zu generieren oder freizusetzen. befürwortete die Gleichberechtigung der natur. sondern in dem Besitz lebendiger Kräfte des Erkennens und Wirkens.O. »die Fähigkeit. Auch die sozialgeschichtliche Kritik an den Verfalls5 67 68 69 65 Karl Löwith. Teil 1. 54-85. 68 A.. Das moderne Bildungswesen.O. . 6y Im zitierten Sammelband. Sie könne »nicht von außen gemacht werden.a. verfocht die Freigabe der Bildungschancen aus sozialen Zwängen. erstaunlich resistent gegen alle ideologiekritischen Einordnungen der sogenannten Bildungsbürger. Von Hegel zu Nietzsche (Anm. worauf Löwith hingewiesen hat/ mit der Bildungskritik von Herder. 60). im geschichtlichen Leben des sozialen Ganzen als ein mitwirkendes Glied sich zu betätigen«. 1. 66 Friedrich Paulsen. Berlin und Leipzig 1 9 1 2 . 2. und ebenso. Auch ohne orthographische Kenntnisse könne jemand ein gebildeter Mensch sein. hier S.56. Paul Hinneberg. der Sinne und des Verstandes. 457. 55.. nicht zuletzt dank Nietzsches Kritik erneut stabilisiert. hg. eine pädagogische Leuchte in der wilhelminischen Gesellschaft. vor der »Vergottung des eigenen Volkes und Staates« . 346-368. warnte vor der »Uberspannung des Nationalismus«. Abt. die ideologiekritische Darstellung der gymnasialen Bildung im Kaiserreich von Ulrich Herrmann. v. S. Die Idealtypik hält sich durch. Aber zentral bleibt ihm die gegenseitige Abstimmung von Leib und Geist.T34 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten ten oder wiederzufinden.. wo die Berufsbildung von den Pädagogen professionell in die Begriffsbestimmung einbezogen werden muß.60.. Der überpolitische und der übersoziale Bildungsbegriff zeigt sich. Fichte und Goethe. So zählt Paulsen. die in ihren Grundzügen mit Humboldt durchaus kompatibel blieb. in: Die Kultur der Gegenwart. Paulsen. S. S. 67 A. des Willens und des Gemütes. auch dort. worin sich die innere Lebensform betätigt«. Inhaber des Berliner Lehrstuhls für Philosophie und Pädagogik.und definierte Bildung in ungebrochener Kontinuität."' speziell zur Berufsbildung. Aufl.a. S.

wenn sie nicht andere Erklärungen etwa politischer oder sozialpsychologischer Art sucht. S. Auch die Begründung der Arbeit durch Bildung und umgekehrt läßt sich ideologiekritisch einordnen. §§ 41 ff. zwischen Unmittelbarkeit und Abstandnahme. daß Arbeit bildet und befreit. In seiner philosophischen Propädeutik behandelt Hegel die theoretische und die praktische.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung formen der Bildung zehrt. die moralische und die intellektuelle Bildung unter dem Gebot der »Pflichten gegen sich«. die ökonomisch oder sozialpolitisch geschürt wurden. sofern sie die Bedürfnisse selbst generiert. davon zeugt ein weiteres Kriterium. längst ihre Herkunft hat vergessen lassen und zur Bildungstypologie geronnen ist. Diese anthropologische Grundlegung jeder Bildung taucht dann in den § § 1 9 6 bis 198 der Rechtsphilosophie als »Die Art der Arbeit« auf. . Nicht die Grenze zwischen Hand. jene Zustände zu kritisieren. Aber es war gerade die Leistung Hegels. Hegel hatte die aristotelische Opposition zwischen einer Tätigkeit der Freien in Muße und der nutzbringenden Arbeit der Banausen und Unfreien unterlaufen. seine Kontamination mit Arbeit. weiterhin von jenem idealen Bildungsbegriff. besonders in einem Zeitalter wachsender Konflikte zwischen manuellen und geistigen Tätigkeiten. zwischen Mannigfaltigkeit der Kenntnisse und ihrer Bestimmtheit obwalten und die beherrschen zu lernen sich bilden heißt. die den sogenannten Bil70 70 Hegel (Anm. Auch hier hat Hegel prägend gewirkt. Da werden die komplexen Beziehungen analysiert.und Kopfarbeit bestimmt die Bildung. 60). der sich immer schon durch Selbstkritik konstituiert. selbst wenn seine Feststellung. auf sozial dichotome Bestimmungen zurückgeführt zu werden. Bildung aus Arbeit und Arbeit aus Bildung hervorgehen zu sehen. Vielmehr ist jede Tätigkeit Arbeit. Sie verweist auf einen Beruf. die zwischen Selbstbeschränkung und Können. hier lag das Potential. c) Wie wenig der Bildungsbegriff geeignet ist. sondern jede Arbeit bildet. 2. um seitdem die gegenseitige Bestimmung von Arbeit und Bildung in den Kanon vieler Bildungsdefinitionen eingehen zu lassen. die sie befriedigt.58. der die besonderen Fähigkeiten und Aufgaben mit den Anforderungen der Allgemeinheit vermittelt.

als der Verein für Socialpolitik 1922 die rapide dahinschwindende ökonomische 71 72 73 71 Rudolf Virchow. Köln 1966. der (mit Hegel) eine Entlastung der Arbeiter durch die Maschine erwartete. aber sie läßt sich auf keine Einzelwissenschaft reduzieren. Dokumentation einer Epoche. Die Technik wurde ihm zum Symbol . v. S.j36 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten dungsbürger auf Kosten der Fabrikarbeit honorierten . Die Schnittmenge. . hg. Peter Suhrkamp. Wenn Bildung. der Gleichheit und Freiheit. Richard Alewyn. 270-280. dann läßt sie sich auch »nicht mehr als ein einzelner. ohne die unsere arbeitsteilige Welt nicht bestehen könnte. Die neuzeitliche Bildung ist ohne Wissenschaft nicht zu haben. Sie wird zum »lebendigen Prozeß«. 25).des Ausgleichs. das Marx so gut ausschöpfte wie Virchow. Bildungswissenschaften unterfängt und überdauert. Und es ist eine weitere Erbschaft der Hegelschen Begriffsbestimmung. 147-181 (zuerst 1931). Alfred Weber stellte das empathisch fest.a. Erich Trunz.oder zum Vehikel . weil hier theoretische und praktische Arbeit allemal konvergieren. 2. bestimmter. in: Zeitschrift für historische Forschung. der jenseits schichtenspezifischer Standesgrenzen erforderlich war und wirksam wurde. Hegel hatte. S. Die Aufgabe der Naturwissenschaften. S.und Geistes. »zur arbeitenden That« geworden ist. Aufl. v. Bd. erkannt. Bildung allein stellt jene Verbindungen heterogener Faktoren her.Klaus Schreiner. Frankfurt am Main 1954.ein kritisches Potential. Berlin 1872. in Lorenz von Steins Worten. 11. empirisch widerborstige Antithese von Natur. hg. Theorie und Praxis in der modernen Arbeitswelt ständig neu aufeinander einzustimmen nötigt. 2. 257-354. mit seiner Definition erschöpfter Begriff« festschreiben. die in aristotelischer Tradition den Klerus oder den Juristenstand von den Laien trennte. die ohne gemeinsame wissenschaftliche Bildung nicht zu leisten sind. Bd. 272. . Damit hatte er einen Bildungsbegriff gefunden. daß sie auch die einmal aufgetauchte. hier S. indem er Bildung und Arbeit zusammenführte.bzw. Die Verwaltungslehre (Anm. S. daß Spezialisierung und übergreifende Kompetenz einander bedingen. 73 Lorenz von Stein. 1984. Der deutsche Späthumanismus um 1600 als Standeskultur. 72 Dazu u. in: Der deutsche Geist. Laienbildung als Herausforderung für Kirche und Gesellschaft. 24. ist durch den Arbeitsbegriff der Bildung geöffnet und durchlässig geworden. in: Deutsche Barockforschung.

von ihren semantischen Grundzügen her typisiert. das die aussterbenden Bildungsbürger beerben müsse. aus denen sie sich individuell je verschieden zusammen74 Die Zukunft der Socialpolitik -Die Not der geistigen Arbeiter..scheinbar banal . Bildungsgüter und Bildungswissen Die bisher geschilderten Grundzüge sind strukturelle Merkmale der Bildung. sei »nicht irgend etwas sozial Abgeschlossenes«. Ohne die neu definierte Intelligenz auf bestimmte Berufe festlegen zu können. für geistige Tätigkeit und für politisches Engagement. situativ und historisch kontextbezogen formuliert und behauptet worden sind. »Bildungsschicht«. galt ihm als minimaler gemeinsamer Nenner . auch wenn ihre ökonomischen Voraussetzungen zerbrachen. Sie verlaufe vielmehr »in einer unsichtbaren Weise« durch die ganze Gesellschaft. und Alfred Weber versuchte diese Schicht. offen und anschlußfähig ist in alle konkreten Lebenslagen hinein und daß sie. hier S. »da ihr Rentenhintergrund verschwunden ist«. die persönlich. 169h. neu zu bestimmen.. daß sie. Jubiläumstagung des Vereins für Socialpolitik in Eisenach 1922. III. . Gewiß läßt sich ›Bildung‹ konsequent historisieren und in ihre Segmente zerlegen. 181. mit der Schicht der akademisch Gebildeten«. Die Not der geistigen Arbeiter. das integrierende Element der arbeitsteiligen Welt ist. 165-184. 4 Die neuzeitliche Bildung zeichnet sich also. sie wiederholen sich unbeschadet der jeweils einzelnen Bildungsbegriffe. um die anhaltende Aufgabe der Bildung neu zu benennen. die Autonomie der Individualität generierend. daß sie religiöse Vorgaben umgießt in Herausforderungen persönlicher Lebensführung. dadurch aus. S.eine konkrete Arbeit: als unabdingbare Voraussetzung zum Leben. so meinte er da. als Arbeit begriffen. Seit dem ausgehenden 18. Darin Alfred Weber. Er nannte sie »Arbeitsintellektuellentum«. München und Leipzig 1923. Jahrhundert tauchen sie regelmäßig auf. Redundant wie immer. vor allem sei sie »nicht identisch . was Weber tastend versuchte.Zur anthropologischen und semantischen Struktut der Bildung 137 Basis der »geistigen Arbeiter« auf seine Tagesordnung gesetzt hatte. fand Weber eine komplexe Bezeichnung.

deren Bereiche kurz skizziert seien. Avantgarden. Nach der 48er Revolution läßt sich eine für das Bürgertum stabilisierende Funktion nachweisen. deren diachroner Wandel zu verfolgen ist.›Kunst und Wissenschaft . von deren strukturellen Vorgaben. statuserhaltenden Bestimmungen gewichen sein mag. wie sie die zukunftsoffene Neuzeit hervorgelockt hat. Oder es lassen sich über die politischen Ereignisschwellen hinweg einander ablösende Funktionsbestimmungen der Bildung treffen. solange sie überhaupt Bildung thematisiert. die em- . »Jugend«-Bewegungen . deren ursprünglicher Ort die philosophische Fakultät gewesen ist. eine jener Utopien. Jede derartige Historisierung zehrt.i 8 3 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten gesetzt hat. die. Im politisch-sozialen Umfeld hat ›Bildung‹ bis in den Vormärz hinein eine antiständische und insofern aggressive Pointe. Aber ein solches Kriterium wäre bereits ideologiekritisch von außen und ex post an die Bildung herangetragen. Man mag darin eine Utopie erblicken. Bildung ließe sich dann als das reflexive und das kommunikative Kraftfeld definieren. In unserem Argumentationszusammenhang geht es zunächst darum. daß ohne Bildung die gelungene Ausdifferenzierung der Naturwissenschaften nicht erklärt werden kann. Vorreiter der Reform oder der Revolution. die alle Künste und alle Wissenschaften . Oder es lassen sich sozialhistorisch höher aggregierte Gruppen zusammenfügen. etwa die der neuhumanistisch gebildeten Gymnasial. Die gewonnene Gleichberechtigung der Technischen Hochschulen und die Initiation der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft durch den Theologen Harnack stehen hierfür symbolisch ein. daß die Bildung mit ihrem selbstkritischen Potential immer wieder innovative Kräfte freigesetzt hat. Das gleiche gilt nun auch für die Bildungsgüter und das Bildungswissen.und Universitätsabsolventen. das alle Güter des Lebens und der Künste sowie alle Inhalte des Wissens zu integrieren erheischt hat. sich wiederholend. Die methodisch erforderliche Segmentierung verweist auf Gemeinsamkeiten.1813 so gut wie vor 1914 -. die schließlich mit dem untergehenden Wilhelminismus defensiven.an die ihnen innewohnende Bildungsaufgabe zurückbinden. Oder es läßt sich darauf hinweisen. Einer derartigen Reihung läßt sich entgegenhalten. zur gemeinsamen Signatur unserer Neuzeit gehören.

ein gemeinsamer Stil. ihre Inhalte und Verfahrensweisen unvermittelt in einen Bildungskanon zu integrieren.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 13 9 pirisch segmentierbaren Bildungsgüter und Wissensgehalte als Elemente einer sich durchhaltenden Bildung zu umreißen.oder von Heisenberg über den Grundlagenwandel in den Naturwissenschaften. Zunächst ist darauf zu verweisen. Bildung vermittelt 7 75 Vgl. So entsteht ein jeweils neuer Zusammenhang. Aus diesem Befund lassen sich Ressentiments. Alle in Kunst. die alle Natur-. vor allem aber für die mathematisierte Nationalökonomie. Dem entspricht. den herzustellen ein Postulat der Bildung ist. daß die Bildungsgüter und die Wissensbereiche im Hinblick auf ihre Bildungsfunktion keine Hierarchie zulassen. Jede Einzelwissenschaft. Die historischen Wissenschaften antworteten auf die neue Situation durch ihre fächerübergreifende Historismuskrittk. als sogenannte Bildungswissenschaften in ein vermeintlich traditionales Refugium abgedrängt werden.samt seiner Frömmigkeitshaltung .oder Sozialwissenschaften immer schon umfängt. die sich ausdifferenziert und einrichtet. auch wenn sie sich in der Praxis oft genug vergeblich daran abarbeitet. jedoch keine Hierarchien ableiten. S. ihre bahnbrechenden Erkenntnisse der Öffentlichkeit zu vermitteln. Das gilt für die technischen und die Naturwissenschaften. ' die in alle Nachbarwissenschaften hineinreicht. . den Beitrag von Ulrich Muhlack im genannten Sammelband. i. muß Erklärungen für andere Wissenschaften in sich bergen. Literatur oder Wissenschaft überführten modernen Erfahrungen gewinnen hier einen gegenseitig sich erläuternden und stabilisierenden Verweisungszusammenhang. Der Testfall einer spezialisierten Methode bleibt entweder ihre Kompatibilität mit denen benachbarter Wissenschaften oder ihre verändernde Wirkung auf alle Nachbarwissenschaften. und die hochgebildeten Naturwissenschaftler bleiben allemal in der Lage. 80-105. für die Jurisprudenz und auch die Soziologie. Geistes. daß die textgebundenen historischen Wissenschaften. Davon zeugen die populären Schriften von Planck . Die methodische Verselbständigung der sich zunehmend als ›positiv‹ begreifenden Wissenschaften erschweren es. Dennoch gelingt die gebildete Rückkoppelung immer wieder. die sich selbst zunehmend als ›positiv‹ begreifen.

die sich auf sie einlassen oder berufen. d. anthropologisch gesprochen. sondern sie bleibt .140 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten weiterhin die angeblich getrennten Kulturen. S.über ihre aktiven Rezipienten . h. Dichtungen und Schriften (Anm. Auch die Künste oder die literarischen Gattungen lassen sich trotz subjektiver Präferenzen nicht mehr hierarchisch gliedern und in dienende Aufgaben einzwängen.Medium der Bildung. In Anbetracht der Spezialisierungen in den Wissenschaften und der virtuosen Leistungen in den Künsten gehört ein gewußter und gekonnter Dilettantismus zur Bildung. S. Göttingen 1980. von den Gebildeten reproduziert. das Erich Weniger noch in den dreißiger Jahren für die Bildung verbuchen wollte. Bd. die zentrale Deutungskategorie Diltheys. das zügig zu eigener Produktion hinleitet. Die ästhetische Grunderfahrung. um der Bildung zu dienen . 182. 6). die Musik und die Literatur werden aktiv rezipiert. 30). 79 Dazu Carl Dahlhaus im genannten Sammelband S. deren öffentliche Darbietungen durch das Stu76 77 78 79 80 76 Friedrich Schlegel (Anm. S.in der Urteilsbildung und beim eigenen Schaffen -. Die Kunst und die Revolution (1849). Und das Erlebnis. bes. S. hg. Die Künste. 397-405.. die immer Geist und Sinne vermittelt . Klaus Vondung. Sie ist eine aktive Vollzugsweise gebildeten Lebens. vereinigt alle nur denkbaren Anlässe. ein Verhalten.. ebd. 273-309. 2. . hier S. die Bildung. 228. der Kunstwarts. Er schafft eine Schutzzone der Autonomie. Ein weiteres Kriterium für die integrative Kraft der Bildung ist die Eigentätigkeit derer. 78 Erich Weniger. V. der trotz weiterwirkendem höfischen Rückhalt zunehmend vom Markt lebt. . dazu Frank Büttner. Athenäums-Fragment 116. 48. die für Kunst und Wissenschaft allemal beansprucht wird. aber hierarchisiert sie nicht. 1935. in: ders. auch seine Produkte werden weithin staatlichen oder kirchlichen Funktionsbestimmungen entzogen.bis hin zum sogenannten Kriegserlebnis. 220-236. Jg. Die Musik. 403 f. S. v. 259-285. Aber darüber wird die Kunst nicht zur l'art pour l'art. konstituiert so. Die Utopie einer »progressiven Universalpoesie« oder des »Gesamtkunstwerks« ist nur eine Bestätigung dieses Befundes. Nicht nur der Künstler wird zur autonomen Figur. in: Deutsche Zeitschrift. 80 Vgl. 273. S. Kriegserinnerung und Kriegserfahrung. 77 Richard Wagner. bes.Siehe Kriegserlebnis.

Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 141 dium der Partituren begleitet werden. Nicht alle können alles. immer im Rekurs auf ehedem kanonisierte Klassiken. Daß Künste und Literatur sich immer wieder an der Differenzbestimmung zur antiken Klassik entzünden.als ein kontinuierlicher Prozeß verlorengeht. Vielmehr erzeugt der Dauerstreit zwischen Früher und Heute den gemeinsamen Bildungsvorgang künstlerischer Tätigkeit und ihrer Kritik. die in immer neuen Übersetzungen allgemein zugänglich gemacht werden. werden in ständigen Brechungen neu konstituiert. eine nicht unterschreitbare Schwundstufe der Bildung. wenn man so will. ohne daß darüber das Wissen um geschichtliche Bildung . Traditionen werden nicht mehr weitergereicht. biographisch oder allgemein historisch gesehen. Auch die Dichtung wird in familiären Lesekreisen oder geselligen Theateraufführungen privat gepflegt. 3. jede Zukunft wird neu erschlossen. ohne die Bildung nicht zu haben ist. daß die integrative Kraft der Bildung nachläßt. die Spanne von 1770 bis 1830 umgreifend. einschließlich der Selbstporträts. aber die Geselligkeit induziert eine musische Selbsttätigkeit und umgekehrt. halböffentlich in Chören oder Gesangvereinen reproduziert. Sie führen zur Aufspaltung zwischen künstlerischen Spezialisten und intellektueller Kritik. ruft sie neue . wie die Weimarer Klassik.der Individuen wie der Gesellschaft . kanonisiert wird. Im Begriff der Bildung ist immer schon ein zeitlicher Veränderungsfaktor enthalten. Die literarischen Gattungen. den Pendants zur Autobiographie. auf verschiedene Weise variabel ist. wird zu Hause als Kammermusik oder gesangsweise. Ebenso gehört die Zeichenkunst oder die Malerei zur privaten Bildung. jetzt laufend von der Literaturgeschichte begleitet. ist ihre geschichtliche Reflexivität. der Antike. die zwischen Gebildeten ausgetauscht werden. . macht nicht das neuhumanistische »Bildungswissen« aus. der europäischen Nachbarvölker und Asiens. die freilich einander bedingen.Die fotomechanischen und elektronischen Reproduktionstechniken haben inzwischen die Qualitätskriterien in einer Weise angehoben. der selber. bis hin zu den zahlreichen poetischen Ergüssen unterschiedlicher Qualität. sondern rückwärtsgewandt gestiftet. Ein weiteres Kennzeichen. unter dem alle Künste und Wissenschaften zur Bildung integriert werden. Und in dem Maße.

ebd. Hoffmann.gehört der Künstlerkommentar ebenso zur Produktivität. Der Bildungsroman ist ein repräsentatives Medium. in allen Künsten gepflegt. die die Andersartigkeit der Vergangenheit als solche vergegenwärtigen und in formal stimmige Neubauten überführen konnte. S. auch Heine integrieren. etwa Kleist. verändert damit seinen Stellenwert. in dem Autor und Leser aufeinander bezogen in geschichtlicher Reflexion auf Person und Umwelt ihre je eigenen Lebensgeschichten entwerfen.analog zum Bildungsroman . Hölderlin oder Büchner. 197-219. . 82 Dazu Wolfgang Frühwald. von dem aus jede Komposition einen irreversiblen Schritt in eine neue »Schöpfung« hinein bedeuten muß. Ehedem Zeugnis biblischer Präsenz oder humanistischer Kontinuität des Wissens.. die die Maßstäbe der Innovation setzen hilft. aber zunächst und vor allem ist es ein Zeichen im und für den Prozeß der Bildung selbst. Die der Musik stets angesonnene Bildung ist die Leistung sowohl der Komposition wie der historisch reflektierten Rezeption. war eine hochgradig reflektierte Kunstleistung. Auch die Komponisten beteiligen sich an diesem Geschäft. A. innovativ oder beides zugleich sein. E. 286. den Beitrag von Werner Busch. wenn sie denn in das Repertoire der sich durchsetzenden neuen Klassiker eingehen will. Das Telos dieser Bildung wird konsequent verzeitlicht und in den Prozeß der Selbstbildung eingeholt. wird das Zitat zum Zeichen.ein selbst historisch reflexiv zu lesender Ausdruck . S.in geschichtliche Perspektiven der gesamten Vergangenheit und seiner gewollten Zukunft getaucht hat. Jede Kunst kann seitdem historisch. In der bildenden Kunst . In der Musik wird ebenfalls ein klassischer Kanon rückwirkend etabliert.. T. wie die provokative Spannung zwischen möglichen Vorbildern und eigener Leistung durch die Einrichtung der Museen aufrechterhalten wird. die wiederum den Kanon verändern. ebd. Ironisch verfremdend oder Kontinuität stiftend 81 82 81 Vgl. man denke nur an den pluralistisch schaffenden Schinkel.I 2 4 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Stilrichtungen hervor.3 16. wie denn Wagner zeitlebens sein entstehendes Werk . Es kann verkommen zum Zeichen vorgezeigter Bildung. Besonders die historisierende Architektur. Das Zitat.

Musik. der Kunst und der Literatur zerrissen hat. deren Erfindungen und Erfahrungen vielmehr selber schon Zeugnisse sind einer historisch reflektiert sich weiterzeugenden Bildung. Jahrhunderts (wie in der Physik) alle historischen Vorgaben. Denkweisen und künstlerischen Produkte definitorisch einzugrenzen. Metazitate gleichsam der historischen Bildung. Die geistesgeschichtlichen Affiliationen können hier nicht nachgezeichnet werden. um sie auf ihre neuhumanistischen. Arbeit. abstrakte Kunst. 4. der Stile. Geschichte. Die semantische Verschränkung: Schließlich ist das deutsche Bildungskonzept dadurch gekennzeichnet. denen die sogenannten Bildungsgüter und das Bildungswissen entsprechen. Dada. die sich nie in der Wahrung der Tradition erschöpft hat.und Dekadenzperspektiven. mag im Rückblick als posthistorisch bezeichnet werden. die im ersten Jahrzehnt des 20. Bauhaus. aus der allein die Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit eines Werkes abgeleitet werden konnte. Die Herausbildung jeder dieser Richtungen zehrt mehr noch als zuvor von dem neuzeitlichen Vorgebot geschichtlicher Reflexion. der Formen und ihrer Kombinationen war der gemeinsame Nenner. Sprache. Expressionismus. Religion. der ohne die historische Reflexion als Triebkraft der Bildung nicht zu finden wäre. Die Geschichtlichkeit der Gattungen. daß die einzelnen Lebensbereiche. als konsequentes Produkt der Selbstbildung lassen sie sich weiterhin beschreiben: Jugendstil. So bleibt jede ästhetische Produktion und Rezeption eingebunden in ihre geschichtliche Reflexion. Dann entstehen jene kurzatmigen Epigonen. Bildung an ihre einzigartige Entstehungssituation um 1800 zurückzuketten. klassischen oder romantischen Wissensgehalte. Kunst oder Wissenschaft werden im Medium der Bildung aufeinander bezogen und gegenseitig begründet. Die Explosion. Es wäre ein methodischer Kurzschluß. semantisch stets aufs neue ineinander verschränkt werden. die kraft ihrer Bildungsfunktion in den Alltag hineinreicht. alle Präformationen der Musik. atonale Musik und wie die Stichworte alle lauten. wenn heute in allen Kunstrichtungen wieder historisch lesbare Zeichen auftauchen.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung !43 ist das Zitat in allen Künsten eine historische Kunstleistung. Kubismus. Und deshalb verwundert es nicht. aber das semantische Verweisungssystem ist .

Ulrich Gaier. mit Humboldt. 683.. die sich vom Text der Bibel löst und die sich in allen Sprachen ständig fortbildend äußert. Initiativ und anhaltend ist die Reflexion durch und auf die Sprache. Bd. Vortrag II. »Wenn Sprache das Mittel der menschlichen Bildung unseres Geschlechts ist. Es ist die in der Sprache enthaltene Reflexivität. die sich selbst als dessen Vollzugsweise und . Offenbarungsqualität gewinnt . 84). Ideen (Anm. S. Bd.. 355. Teil. und das hat sich auf alle hermeneutischen Wissenschaften ausgewirkt. S. Über den Ursprung der Sprache. Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. die gleichursprünglich ist mit der ›Bildung durch Sprachen Die Sprache selbst liegt.. v. 1963. Martin Bollacher.. 9. in der Reflexion. 87 Herder. auch dort noch. auf die alle sich ausdifferenzierenden Sprach. 85). 685.144 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Vollzug und Ergebnis einer Bildung. Werke (Anm. S. in: ders." in einer Reflexion. Für Herder gründet die Sprache. 84 Herder.jeweils vorläufiges . in der ›Besinnung‹ und ›Besonnenheit‹. Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten. S. so ist Schrift das Mittel der gelehrten Bildung. Kritische Studienausgabe (Anm. II. Jede Sprache enthält »eine dem Umfange der unbeschränkten menschlichen Bildungsfähigkeit entsprechende Totalität«. Werke. in: ders. Sie gewinnt seit Herder die Kraft einer posttheologischen Offenbarung. hg. aller »Spaltung« in sogenannte gebildete und ungebildete » Classen « voraus. 1. 85 Wilhelm von Humboldt. Frankfurt am Main 1985.. wo sie zur positivistischen Ge84 85 86 87 88 83 Herder. S. Bd. wie er sagt.« Wie Nietzsche später sagte.. in: ders.Ergebnis begreift. Über die Verschiedenheiren des menschlichen Sprachbaus und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts. Hegels Phänomenologie des Geistes läßt sich sowohl als Prozeß der Bildung wie als Offenbarung lesen.und Literaturwissenschaften und alle Künste immer wieder zurückbezogen werden. Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues (Anm. 293. . Mit der richtigen Gangart der Sprache aber beginnt die Bildung«. 14). Bd. hg. 770. 3.auch die Geschichte. S. 1: Frühe Schriften. wenn sie denn von Bildung zeugen oder Bildung erzeugen sollen. »der wissenschaftliche Mensch und der gebildete Mensch gehören zwei verschiedenen Sphären an . 88 Friedrich Nietzsche. Frankfurt am Main 1989. in: ders. Werke. 345 ff. 6. v. 56). 86 Wilhelm von Humboldt.analog zu Herders Sprachdeutung . 399. II. anthropologisch folgerichtig und hörbar. z.

was sie ist.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 145 schichte der Ideen geronnen ist. Carl Schwarz. Sp. zielen auf eine »Erziehung der Seele« und weisen. Rede. 86. Dazu Peter Anselm Riedl. auf diese zurückgeführt. groß und heilig«. Geschichte ist die Religion unserer Zeit. auf die Geschichte. S. Erhebung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft.. seine Pflichten sind »präzis.« Auch der von den Romantikern geprägte und von Hegel geschichtsphilosophisch ausgefaltete Begriff der ›Kunstreligion‹ enthält eine semantische Ladung. S-39591 Zeitschrift für bildende Kunst 1876. Geschichte allein ist zeitgemäß. Leipzig 1868. Dann kann. die Hegelsche Bestimmung aufnehmend. Jahrhundert. Über das Geistige in der Kunst. v. Kandinsky. in: ders. 89 90 91 92 89 Friedrich Schleiermacher. sondern nur um sie als die allgemeinste und größte Offenbarung des Innersten und Heiligsten zu beobachten«.. v. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern. Tübingen i960. die noch in die theoretischen Begründungen der gegenstandslosen Malerei eingeht. »er hat kein Recht pflichtlos zu leben. S. Die bisher historisch einmalige. die historische Bildung auch als Arbeit begriffen werden. die »im eigentlichsten Sinn . er hat eine schwere Arbeit zu verrichten«. nach Klaus Lankheit. Bern und Bümpliz 1952. v. 90 Johann Gustav Droysen.Trivialisiert tauchen derartige Gleichungen allenthalben auf. 264. Max Bill. aus der die historische Schule hervorgeht. nur nicht etwa um das Fortschreiten der Menschheit in ihrer Entwicklung zu beschleunigen und zu regieren. Rudolf Hübner. hg. etwa unter den Münchener Historienmalern r. die vor uns waren. S. als das Ergebnis unablässiger Arbeit derer. vom Bibeltext versicherte Offenbarung wird auf die Geschichte schlechthin ausgedehnt bzw. zit. Dazu der Beitrag von Busch. 139. Kandinsky beruft sich auf das »evangelische Talent« des Künstlers. reichste Quelle für die Religion. Aufl. 92. 4. über die Kunst mit den Rezipienten zu vermitteln. 72. »in das Reich von morgen«. Historik. erkannt haben«. Bd.. hg. so lange wir nicht durch eigene Arbeit sie erworben. 2. 135. hg. die »keines Mittlers mehr bedarf« : Auf die Geschichte muß sie jedenfalls zurückgreifen. Malerei und Plastik im 19. 271 im genannten Sammelband. in: RGG. 4. Abstrakte Kunst und . 687.876: »Geschichte müssen wir malen. S. In Droysens Worten haben wir die Bildung. . Voraussetzung jener historischen Bildung. Oder in Schleiermachers Analyse der subjektiven Frömmigkeit der Gebildeten. Über die Religion. München und Berlin 1943. sie als das. »als hätten wir sie nicht.

unüberholbar und nicht zu überbieten. »Die Musik ist nämlich eine so unmittelbare Objektivation und Abbild des ganzen Willens. 95 Richard Wagner. 94 Arthur Schopenhauer. die auf den Unbefangenen fast den Eindruck macht. v. Köln 1973. 6). ein Satz. S. hg. wie die Welt selbst es ist. 21 ff. ja. Bd. Eichendorff hat . 93 Dazu Carl Dahlhaus. in: Klassiker des philosophischen Denkens. was die einmal »vom positiven Christentum abgewandte Poesie aus sich selbst erreichen konnte: die vollendete 93 94 95 der Traum von der rezeptiven Gesellschaft. und S. München 1982. Werke. die Wirkung der Musik so viel mächtiger und eindringlicher als die der anderen Künste. Goethe habe am besten erreicht.diese Kontamination von Bildung. nach: Albert Menne. Mainz 1970. S. S. X. 2. Wolfgang Hartmann. zit. S. sie holt das verlorene Jenseits in das Diesseits herein. »Man könnte sagen«. der unbeschadet seiner gewaltigen musikalischen Innovationen das unglückliche Bewußtsein der Bildung weiterhin voraussetzt. Gott und dem Teufel »mit seiner eminenten Weltbildung imponierend . 226 ff. Nicht nur. die Musik schafft als Kunst eine zweite Welt. Arthur Schopenhauer. 324. Bd. folgerte der alte Richard Wagner. daß sie Andacht hervorruft oder Kontemplation erheischt. wie eine vornehme Umschreibung des trivialen Volkstextes: Lustig gelebt und selig gestorben«. daß sie das Kirchenkonzert erfindet. Es oszillierte zwischen Untergang und Erlösung. in: Festschrift Klaus Lankheit. 117. 1. S. Beide Welten werden im Bildungsprozeß der Komposition und der Rezeption miteinander vermittelt. Faust erscheine schließlich »als völlig courfähiger Cavalier am himmlischen Hofe«. Kunst und Religion in seinem Kommentar zu Faust II sarkastisch nachgezeichnet.146 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Am nachhaltigsten wirkt die einmal zusammengefügte ›Bildungsreligion‹ in der Musik. die das Diesseits transzendiert und zugleich durchdringt. Religion und Kunst (1880) (Anm. nicht nur. mit Schopenhauer. die Seelen erhebt oder in die Entrückung treibt. im genannten Sammelband. Bd.eine opernhafte Heiligsprechung dieser Bildung. wie die Ideen es sind.« Deshalb sei. »daß da. . der Kunst es vorbehalten sei den Kern der Religion zu retten«. 67-77. Zürich 1977. wo die Religion künstlich ist. 217. deren vervielfältigte Erscheinung die Welt der einzelnen Dinge ausmacht.als Katholik . Analyse und Werturteil.

Wissenschaft und Geschichte zusammengeblendet hat: Es gibt quer durch allen diachronen Wandel und quer durch schier unendliche Diversifikationen semantische Gemeinsamkeiten. von Herder über Eichendorff bis zu Kandinsky. .betrachtet werden. wenn die einzelnen Bildungsgüter . Aufl. . Religion.der Wissensformen und der Wissenschaften . S. also Geschichtlichkeit. wie sie im protestantisch imprägnierten deutschen Sprachraum einmal zusammengeführt worden sind. in: ders. deren gemeinsamer Nenner auf »Bildung* verweist. also Religiosität. also Sprachlichkeit. einmal zu direkter Erfahrung gekommen. hg. Bd. 1 IV. Wir selbst werden in eine innerliche Verwandlung hineingezogen«. halten sich 96 Joseph von Eichendorff. 97 Vergleiche auch die geschichtlich-religiöse Semantik. " Was immer unser Perspektivenwechsel. Da sucht das transzendentale Ego sich im Typus des Gebildeten zu verwirklichen. Offenheit gegenüber allen politischen und sozialen Herausforderungen sowie Arbeit finden sich wieder. Die philosophische Reflexion der Geschichte führt »wie von selbst vor die letzte Wende und die letzten Entscheidungen . Ausblick Die semantisch stabilen. aber nicht verrückbare Strukturen der Selbstdeutung. v. Hamburg 1982.'" . die anthropologisch nur als Bildung zu begreifen sind. S. 2. 43 und 405.Die zuvor skizzierten Grundzüge der Bildung: Weltfrömmigkeit. Die Poesie der modernen Religionsphilosophie.. minimale. bewußt reflektierte Geschichte. an verschiedenen Aussagen zur Sprache. v. in die Husserl seine Abhandlung über »Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie« von 1936 einmünden ließ (hg. 5 17. Musik. bewußt reflektierte Religion. Elisabeth Ströker. Sämtliche Werke. Wolfram Mauser. und bewußt reflektierte Kunst. eröffne das zukünftige unendliche Feld »einer methodischen Arbeitsphilosophie«. Bewußt reflektierte Sprache. Evanston 1970. Kunst.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung Selbstvergötterung des emancipirten Subjects und der verhüllten irdischen Schönheit«. Regensburg 1970.der Künste . insofern strukturellen Merkmale der Bildung. also Ästhetik .und wenn die einzelnen Gehalte . 109-112). 265.dies sind die schlagwortartigen Kürzel. S. Das »Transzendentale*. . Siehe dazu auch die gründliche amerikanische Edition von David Carr. 9: Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands.

sie müssen sich also aus allgemeineren Bedingungen ableiten lassen. Hier wirken wirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren. wechselnde Überlappung gebildeter Kreise mit liberalen Parteien. Und auch wo Konformität zwischen diesen heterogenen Gruppenzuordnungen hergestellt werden kann. bleibt diese Bildung eingelassen in eine Fülle sozialer Bedingungen und politischer Herausforderungen. also nicht primär an die sprachliche Selbstreflexion gebunden. dominante Prozesse dieser Zeit. und haben sie. was ›Bildung‹ langfristig kennzeichnet. Es gibt keine diachron homogene Geschichte. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. nicht zuletzt in ihrer bürgerlichen Sozialformation. selbstredend in die ambivalente Kulturpolitik. Es ist sicher ein methodischer Kurzschluß. nicht unmittelbar mit dem deutschen Bildungsbegriff zu korrelieren. Das. Eher läßt sich sagen. Die Gebildeten haben darauf reagiert. Zweitens ist die personale.148 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten durch vom späten 18. Jahrhunderts mit ermöglicht oder auch überdauert haben.0. über die sich ein Teil des Bürgertums selbst definiert hat. Deshalb stellt sich die Frage. daß Bildung nicht kausal. Aus dieser Position heraus hat sie nichts verändert. Erstens zeigen diese großen europäischen Bewegungen in den Nachbarländern ähnliche Verlaufskurven. daß ›Bildung‹ als der wirksamste Faktor politischer Handlungssequenzen gewichtet werden kann. eine zentrale Position eingenommen hat. weil sie eben nicht primär politisch war. welche Grundzüge der einmal auf ihren Begriff gebrachten Bildung die Katastrophen des 2. in die erfolgreiche Wissenschaftspolitik wie auch in die Parteien. sondern funktional. mit hervorrufen geholfen. Der streifen- . das relative Scheitern des Liberalismus und den überspannten Nationalismus in Deutschland kausal aus jener Bildung abzuleiten. die weder aus Bildung ableitbar noch auf diese zurückzuführen sind. Realhistorisch betrachtet. läßt sich sowenig wie ›Aufklärung‹ in ein diachron fugendichtes Korsett zwingen. Verbände und in die protestantischen Kirchen hinein. im Rahmen des gesellschaftlichen Systems des Wilhelminischen Reiches. Aber sie war anschlußfähig in viele Richtungen. mit nationalen oder nationalistischen Bewegungen nicht deren Identität. folgt daraus noch nicht. haben an ihnen teil. Dennoch sind die Nationsbildung und die Klassenbildungen.

Es sei nur daran erinnert. die Gebildeten wurden unmittelbar. In Rathenaus Worten 1919: »Der Begriff von der Bildung als unserer wahren und einzigen Lebensmacht muß so tief verstanden werden. Institutionell blieben die gebildeten Schichten weitgehend auf den Staat angewiesen. daß sie im öffentlichen Leben und in der Gesetzgebung das erste und letzte Wort hat. also eine direkte politische Verantwortlichkeit auch der sogenannten Gebildeten die Katastrophe des Ersten Weltkrieges verhindert hätte. zit.h. für die Politik gefordert. sie mußte auch direkt politisch werden. Jedenfalls spielt die Bildung. über die Parteien und das Parlament. als der traditionelle Staat 1918 zusammengebrochen war. wie sehr vor 1870 die zunehmende Liberalisierung in Frankreich Napoleon III. die auch im Wilhelminischen Reich immer wieder ihre Kritik hervorrief. auch eine Krise der Bildung selbst war. nach: Fritz Stern. was deutsche Kultur oder deutsche Wissenschaft genannt wurde. den Weg in den Krieg und die Katastrophe geebnet hatte. die Krise der . Mit anderen Worten. die zahlreichen Gebildeten ihre Rentenbasis entzog. läßt sich füglich bezweifeln.s 98 Walther Rathenau. d. die den Herausforderungen der industrialisierten Gesellschaft entsprochen hätte. Ob eine frühere Parlamentarisierung der Verfassung. das langfristig sich selbst stabilisierende Konzept der Bildung schien nicht mehr tragfähig zu sein. die sich kulturell. Essays zur deutschen Geschichte. Jetzt zeigte sich. gerade in ihrer vorpolitischen Formation. ohne dessen Politik direkt zu beeinflussen. und daß die Verfassungskrise.« Damit veränderte sich in der Weimarer Republik der politische Stellenwert der Bildung. S. führte immer wieder zu einer Überheblichkeit. Die neue Gesellschaft. daß die ökonomische Krise. depravierten Bildung.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 149 weise berechtigte Stolz auf das. Vermutlich wäre er dann schon vorher ausgebrochen. die die Gebildeten zur Stellungnahme zwang. 201. Diese stumme Funktion der Bildung gewann nun eine eminente Bedeutung. kaum zu überschätzende Rolle für die deutsche Geschichte: Sie half keine genuin politische Kultur schaffen. . eine schwer einzuschätzende. Verspielte Größe. München 1996. den sie mittrugen. nicht aber politisch verstand Symptom einer mißverstandenen. Bildung verlor ihren bis dahin staatlich und ökonomisch abgesicherten Freiraum.

. Leipzig 1930.« Auch das Bildungsprogramm. beschwört. um das invalide Bildungsideal über die gegenwärtige Krise hinwegzuretten. Erziehung. Anders C.. 2. a. S. ohne es zu ahnen. S. 22. 101 A. Die parlamentarische Demokratie. Es sei daran erinnert. Ziel der deutschen Bildung sei es daher.. 100 A. schon verabschiedet. 71. von Eduard Spranger. a. Carl Heinrich Becker und Hans Freyer. »In dem wahren Führer müssen die Geistesmächte. hatte er sie. der sich 1930 klar und eindeutig dem »Problem der Bildung in der Kulturkrise der Gegenwart« stellt.« Das aber ist ohne »Führerbildung« nicht zu haben. Das deutsche Bildungsideal der Gegenwart in geschichtsphilosophischer Beleuchtung. 72. 99 100 101 102 99 Eduard Spranger. 21. H. O. Leipzig 1929. an den Sinn des Lebens zu glauben«. heute aber ist der Glaube an das Wissen beinahe ein Zeichen von Unbildung und der Stempel der Bildung eine neue Gläubigkeit. geradezu dämonisch lebendig sein. Spranger rückt 1929 das deutsche Bildungsideal in geschichtsphilosophische Beleuchtung. S. Becker. daß die Stiftung der Pädagogischen Akademien‹ in schroffer Absetzung von den Universitäten zu Beckers . Auch er fordert säkulare Frömmigkeit: »Man muß den Mut und die Kraft haben. den Staat zu regenerieren: »Auch hier kann man als Formel des neuen Bildungsideals die Doppelforderung aufstellen: Durchseelung des Staates und Durchstaatlichung der Seele. O.« Indem Spranger verbal auf der Höhe seiner Zeit die überkommene Bildung zu retten suchte. alles gegen alles abwägend. S. und registriert eine Tendenz in diese Richtung: »Früher hielten es die Gebildeten mit dem Wissen und die Ungebildeten mit dem Glauben. das Becker entwickelt. Becker. habe sich selbst überholt. Werkfreudigkeit der Seele. Das Problem der Bildung in der Kulrurkrise der Gegenwart. H. Aufl. die gesamte Weltgeschichte. »So gipfelt unser Bildungsideal in der allgemeinsten Formel: Durchseelung des Werkes.150 Teil H: Begriffe und ihre Geschichten Bildung war auch durch Selbstkritik nicht mehr zu meistern. 102 C. ohne ethische Ideale zur »Rechenmaschine« der Interessen verkommen. die die Zeit bestimmen. Dabei wird immer wieder die säkulare Frömmigkeit als Dominante des Bildungsbegriffs herbeigewünscht und mit Arbeit vermittelt. Sonderdruck aus: ders. Davon zeugen drei Schriften aus den Jahren 1929 bis 1931. 72.« Die politische Diagnose ist eindeutig.

. das immer Stückwerk bleibe. 597..jugendbewegt auch ›Gefolgschaft‹ und ›Führer‹ auf. Wenn er damit scheiterte.»man wird unser Zeitalter vielleicht einmal das pädagogische nennen« . S. dann in erster Linie deshalb. Es fällt kein Wort von Volk oder Rasse oder Deutschtum. Nur sucht er diese Bildung pädagogisch auf neue Gleise zu setzen . 25. in: Die Erziehung. . Davon zeugt nun Freyer 1 9 3 1 . a. 105 A.O. O.. die ›Masse‹ zu gliedern und zu gestalten. aber auf den Geist echter Humanität. .in den Bahnen der einmal geprägten Bildungstradition.a. 106 A. der Anspruch auf Autonomie und Selbstbildung der Persönlichkeit sei nicht mehr einzulösen. und im »Glauben an die Heiligkeit oder Göttlichkeit des Menschen« auf Humanität verpflichtet.Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 151 bewegt sich .und sozialpolitisch einzulösen. 107 Hans Freyer.« Mutig hatte Becker für diese zugleich neue und alte humanistische Bildung gekämpft. 6. nicht erlernter.a. um sie in die junge Republik hinein zu vermitteln. S. aber das Ziel ist unverrückbar die Bildung der Persönlichkeit. 103 A. Und er suchte die Soziologie als eine Art Bildungs-Ersatzwissenschaft zu etablieren. Die Mehrheit der Gebildeten hatte freilich per negationem daran teil. S.kritisch reflektiert . den Minimalkonsens einer auf den Menschen und die Menschheit bezogenen Bildung als politisches Programm zu tragen nicht mehr bereit war. die von der Weltwirtschaftskrise beschädigt und dann unter Hitler abrupt beendet wurden. mit diesem Sichtwechsel eröffnet er seine geistesgeschichtliche und soziologische Analyse der »Bildungskrise der Gegenwart« . »sondern Leistung«. 0 .O. sondern gelebter humanitas ankommt. sozial eingebunden. S. weil die Republik insgesamt scheiterte. trotz wissenschaftspolitischer Erfolge. »Wir erstreben nicht Wissen«. 104 A. 103 104 105 106 107 großen republikanischen Leistungen in Preußen gehörte.34. zwar tauchen . Jg. weil sie. a. Zur Bildungskrise der Gegenwart. »Was wir brauchen ist eine im neuen Sinn humanistische Bildung.23.. fähig. »Das Problem der Bildung ist nicht aktuell«. bei der es nicht auf den humanistischen Stoffinhalt. daß sich das klassische Bildungskonzept überholt habe. Freyer geht davon aus. im traumatisierten Blick auf Versailles*. 33. S.

Gewiß besaß Freyer die größere analytische Kraft und Trennschärfe. aber auch seine Diagnose der Bildungskrise blieb dieser verfangen.O. gerade weil sie . '" Damit ist die Politisierung der Bildung auf ihren neuen Begriff gebracht worden.. O. den »Zwang zur Entscheidung« als »konstitutiven Faktor« in die scheinbar friedlich ferne Frage der Bildung einzubauen. nicht mehr als Erziehungsauftrag verstanden.623. Masse«. So sei mit Humboldt daran festzuhalten.in ihrer ehedem idealistischen Form .. bewußt »Standort« zu beziehen. »wir alle sind . daß Bildung in allen Lebenslagen möglich sei. S. sondern im Sinne einer aktiven Selbsttätigkeit des Volkes.unpolitisch gewesen sei. zugunsten eines vagen rechtsradikalen Demokratismus. Die wissenschaftlich induzierte industrielle Gesellschaft verlange völlig neue Antworten. in seinen Diagnosen wie immer scharfsichtiger als in seinen Prognosen. Freyer hat das bewußt akzeptiert und war deshalb außerstande.. vielmehr sei die Rückbindung aller Schichten an ihre jeweiligen Interessen ernst zu nehmen. koste es was es wolle. Da ist weder von Religiosität noch von Führern die Rede. auch wenn überkommene Kriterien in Kraft blieben.a.. S. sie zu erkennen und zu entfalten. Carl Schmitt hat. . Bildung habe auch »nicht den Auftrag. auf Kosten der liberalen Relikte. 625. Form und Funktion der Bildung seien deshalb neu zu bestimmen. aber ebenso auf Kosten der republikanisch-humanistischen Entschiedenheit Bekkers. Vielmehr erfordere jede Diagnose. Radikalisierung zu bremsen«. Und als Soziologe wendet er sich gegen jede Kulturkritik. 109 A.a. aus der deutschen Bildungstradition eine inhaltlich bestimmbare Theorie aktiver politischer Bildung abzuleiten. Großes Zutrauen hegt er in die ›Volksbildung‹. die ihn um sein Amt gebracht hatte. Es blieb beim metapolitischen Zwang zur Entscheidung. Gerade die industrielle Gesellschaft trage ihre eigenen Bildungsgehalte in sich. um sachgerechte funktionale Bildungsansprüche daraus abzuleiten. die Spranger in sein ubiquitäres Weltbild eingepaßt hatte. 1930 das politische Dilemma der 108 1 108 A. es komme nur darauf an.Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Bildung sei keine Macht mehr. ohne sie demokratisch zu nennen.

die in der grassierenden Schmitt-Forschung nur selten zitiert wird. »die Mauern der Parteikasernen« zu durchbrechen. Die beamtete Intelligenz sei nicht mehr imstande. sich selbst zu blockieren. S. Januar 1930 in der Berliner Handelshochschule).Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung 153 deutschen Bildung auf einen klaren Begriff gebracht. der hier produziert wurde. einer Abdankung der Bildung vorzubeugen. der bürgerliche Rechtsstaat bedürfe aber einer »nicht parteimäßig gebundenen Intelligenz«. weil sie ihre »Unvolksmäßigkeit« gezüchtet habe: »Man mag mit Recht die heutige allgemeine Abwendung vom Geist beklagen . um mit Preuß auf den notwendigen »Zusammenhang von freier bürgerlicher Bildung und Staatsverfassung« zu verweisen. Tübingen 1930. semantisch lesen wir ein authentisches Zeugnis der Selbstaufgabe der ›Bildung‹.« " Läßt man den hysterischen Unsinn außer acht. daß Richard Benz. In einer Lobesrede auf den Schöpfer der Weimarer Verfassung. S. die sie nicht aushöhlen darf. . wie bisher immer noch üblich. Jena 1933. gewiß ›gebildet‹ und kein Nationalsozialist. Schmitt nahm also Argumente von Grabowsky und Rathenau auf. Bildung konnte die folgenden zwölf Jahre ihrer offenen Miß110 1 110 Carl Schmitt. 50. Weder die überkommenen Strukturen der Bildung noch deren implizite Selbstkritik werden aufgeboten. 1933.« Drei Jahre später. verwies er auf die heraufziehende Krise des parlamentarischen Parteienstaates. . Geist und Reich.48. Hugo Preuß. Er müsse sie vielmehr aktiv schützen und verteidigen.dem Zusammenbruch der deutschen Bildung. Niemals dürfe sich der Rechtsstaat gegenüber seinen eigenen Verfassungsgrundlagen neutral verhalten. m Richard Benz. sei die herausfordernde offene Frage. die eine sachliche und gerechte Neutralität verbürgen könne. das Schicksal der deutschen Intelligenz und Bildung wird deshalb mit dem Schicksal der Weimarer Verfassung untrennbar verbunden bleiben. Hugo Preuß. der dabei war. der sich damit vollzieht. Sie bleibt angewiesen auf die Lebensfähigkeit der Weimarer Verfassung. Schmitt schließt: » . die »Entdeutschung durch Bildung« verfemen konnte. . sollte man nicht nachtrauern. 14 f. war es soweit. sein Staatsbegriff und seine Stellung in der deutschen Staatslehre (Vortrag zum 18. Ob sich diese politisch notwendige Symbiose aufrecht halten ließe.

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Teil II: Begriffe und ihre Geschichten

achtung überdauern, wenn überhaupt, nur im politischen Windschatten, und das hieß, mehr und mehr im politischen Untergrund. Hier allein war Autonomie, konstantes Merkmal der Bildung, zu wahren. Und wenn Bildung überdauert hat, dann gewiß angereichert um die eine Erfahrung, daß sie ohne politische Bewußtseinsbildung, ohne Fähigkeit zur politischen Kritik in der modernen Gesellschaft nicht mehr zu haben ist. Die alte politische und soziale Offenheit führt nicht mehr in ein subjektives Feld der Beliebigkeit. Heute gehört es zur Bildung, ihre politische oder soziale Funktion immer mit zu reflektieren, um Tun und Handeln darauf einzustellen. Und wenn das weitere Strukturmerkmal befragt wird, die säkulare Frömmigkeit, so schwelt sie weiter, ist aber weithin abgewandert in soziale Massenbewegungen oder Sekten, die den Anteil des Heilswissens aus dem Bildungskanon gleichsam abgesaugt haben. Mit dem rapiden Schwund der Dogmengläubigkeit verflüchtigt sich auch deren bildungsreligiöse, antikirchliche Opposition. Hinzu kommt, daß der konfessionelle Gegensatz so weit abgeflacht ist, daß er die gegenwärtig gehandelten Bildungsgüter oder gar das Bildungswissen nicht mehr antithetisch sortiert. So bleibt die spezifische Kombination des Leistungs- und Herrschaftswissens, die Bildung - unser drittes Kriterium -, mit Arbeit kontaminiert. Hier bleibt sie unabdingbar, um den Herausforderungen der arbeitsteiligen Welt zu begegnen und um in der Abfolge der Generationen stets aufs neue verwirklicht zu werden. So wenig die Bildung einst auf den Bürger zurückgeführt werden konnte, so groß bleiben heute ihre Chancen, auch die Transformationen der industrialisierten bürgerlichen Gesellschaft zu überdauern. Es gibt Strukturen der einmal auf ihren Begriff gebrachten Bildung, die epochenübergreifend wirksam bleiben. Und wenn die altzopfig klingende »Persönlichkeitsbildung«, das Postulat, sein Leben auch in der Gesellschaft verantwortlich selbst zu führen, das Postulat also, das den Bildungsbegriff einst initiiert hatte, heute ideologiekritisch oder sozialdiagnostisch in Frage gestellt wird, so sei daran erinnert, daß hinter solcher Kritik - beim Wort genommen - die Selbstaufgabe des Kritikers lauert. Das zu wissen gehört zur Bildung.

Geist und Bildung Exkurs Geist und Bildung - zwei B e g r i f f e k u l t u r e l l e r Innovation zur Zeit Mozarts

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Es ist bekannt, muß aber in Erinnerung gerufen werden, daß Musik - sowenig wie die bildenden Künste - durch keine Sprache hinreichend erfaßt werden kann. Der Sinnen- und Bewegungshaushalt des Menschen gibt Ausdrucks- und Aneignungsweisen frei, die sich einer unmittelbaren Versprachlichung entziehen: Das unterscheidet Musik und die bildenden Künste von Dichtung und Literatur. Wenn gleichwohl ›Geist‹ und ›Bildung‹ als zentrale Begriffe der Zeit Mozarts vorgeführt werden, so zielt meine Hypothese auf eine Analogie zwischen Mozarts Musik und den damaligen Sprachweisen, die so etwas wie eine epochale Gemeinsamkeit freigeben mag. Was zu einer bestimmten Zeit sagbar war und in derselben Zeit komponierbar war, das wird, so die Hypothese, nicht völlig zusammenhanglos sein können. Die strukturelle Gemeinsamkeit dessen, was Mozarts Musik offenbart, und dessen, was mit ›Geist‹ und ›Bildung‹ in der Sprache der zeitgleichen intellektuellen Schichten ausgedrückt wurde, läßt sich folgendermaßen umreißen: Mozarts Musik war innovativ, weil er die bis dahin dominanten Variations- und Wiederholungsstrukturen der Musik in seiner Komposition zuspitzen konnte auf eine je einmalige Überraschung, die all seinen polyphonen Tonsequenzen eingestiftet wurde. Was uns heute selbsthörend eine musikalische Wiedererkennung bereitet, war damals neu, überraschend neu, und kann auch immer wieder als überraschend neu erfahren werden: Zeichen der sogenannten Klassik. Alles, was er komponierte, blieb eingefaßt in harmonischen Ganzheiten, die alle innovativen Dissonanzschübe abzufedern wußten. Überraschung und Vollendung fanden zusammen. Und was wiederholt wurde oder wiederaufgenommen wurde, gewann einen je einmaligen Stellenwert in der jeweiligen Komposition. Auch die Wiederholungen und Anleihen etwa aus der italienischen, französischen, englischen oder norddeutschen Musik kondensierten sich zu unverwechselbaren einmaligen »Schöpfungen«. E. T. A. Hoffmann hat deshalb Mozart als das Genie, den »Shakespeare der Musik«

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Teil II: Begriffe und ihre Geschichten

definiert, der sich von seinen Vorbildern abgelöst habe, um seinen Werken eine Idee einzustiften, die sich im Ganzen realisiere. »Der Sinn reift zur Erkenntnis des Wahrhaftigen, und aus dieser Erkenntnis tritt der eigene Gedanke, der eigentümlich erfundene Ausdruck jenes Wahrhaftigen hervor, der sich an das Hergebrachte . . . nicht weiter kehrt.« Wenn ein Komponist Mozart nachahmen wolle, verwechsele er die Mittel des Ausdrucks mit dem Ausdruck selbst. Mozart nachzuahmen führe zum Scheitern: Er war und bleibt einmalig. Anthropologisch gesprochen wurden die Sinne, das Gehör und die damit intonierte körperliche Rhythmik in den Dienst einer rational einsichtigen Komposition gestellt. Es war Mozarts Geist, in Goethes Worten sein »dämonischer Geist«, der alle sinnlichen Vorgaben der Menschen, ihre gesellschaftlichen Konflikte und deren Lösungsangebote in polyphone Verweisungszusammenhänge transformierte. Es war, mit Ivan Nagel gesprochen, der Konflikt zwischen fürstlicher Gnade und menschlicher Autonomie, der auf eine neue Weise gelöst werden sollte; oder: in Starobinskis Analyse läßt sich die Zauberflöte auch als Erziehungs- und Bildungsroman lesen, der den Autonomieanspruch der Menschen gesellschaftlich vermitteln sollte. Die Erfahrungsschichten aller Stände, die sinnliche Triebhaftigkeit und bis zur Utopie überschießende, gleichwohl vernunftgebotene Lösungen: all dies musikalisch in einmalige Werke einzuschmelzen war die Leistung, in den damaligen Ausdrücken formuliert, eines Genies, dessen Schöpferkraft die Einmaligkeit angesonnen wurde: Zugleich freilich Ergebnis harter Arbeit, wie denn in Mozarts eigenen Worten die Kunst Frucht ernster Mühe und Studien ist. Und »wenn man den Geist dazu hat, so drückst und quälst einen. Man muß es machen und man machts auch und fragt nicht darum«. Diese Kriterien, mit denen Mozart sich selbst begriffen hatte und die Mozart auch heute noch beschreiben lassen, entstammen allesamt den Sprech- und Denkweisen, die damals zur gleichen Zeit entfaltet wurden, ohne daß man einzelne Autoren dafür verantwortlich machen könnte. Es gibt semantische Strukturen, die sich im letzten Drittel des 1 8 . Jahrhunderts entfalten, die Mozart synchron und Mozart konform zu sprechen erlaubten. Zu ihnen

Geist und Bildung

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gehören wie ›Genie‹ und ›Arbeit‹ die zwei zentralen Begriffe ›Bildung‹ und ›Geist‹, die intransitiv und reflexiv die damals neuen Erfahrungen ordneten und leiteten. Bildung, anfänglich ein theologischer, danach ein aufgeklärtpädagogischer Begriff, gewinnt zu Mozarts Zeit seine emphatische, selbstreflexive Bedeutung. Bildung zielt darauf, die Einmaligkeit einer Individualität zu ermöglichen und zu generieren, ohne auf ihre Verschränkung mit der Gesellschaft zu verzichten. Bildung war mehr als nur Erziehung auf vorgegebene Ziele hin, die sich von Generation zu Generation langsam ändern mögen. Vielmehr zielte Bildung auf die Individuation und Einmaligkeit dessen, der sich selbst zu bilden hatte. Alle Vorgaben der Traditionen sollten verarbeitet und eingeschmolzen werden, aber nicht den genuinen Bildungsgang selber determinieren. Religion wurde zu säkularer Frömmigkeit transformiert und der moralische Pflichtenkanon zur Selbstverpflichtung durch Arbeit. So zielte Bildung auf die prozessual zu erreichende Ganzheit und auf die Einmaligkeit der Person in Geselligkeit und Freiheit. Alle natürlichen Anlagen sollten voll zur Entfaltung kommen, die Sinnlichkeit und Vernunft - zur Zeit der Aufklärung noch als Gegensätze stilisiert - wurden in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit durchschaut und sollten sich gegenseitig adeln. Es war ein Begriff, der die ›Aufklärung‹ in sich aufnahm, aber in der jeweils einmaligen personalen Lebensführung, Vernunft und Sinne umgreifend, sich erfüllen sollte. Auch Geist gehörte zu den großen Leitbegriffen, die sich zur Zeit der Französischen Revolution durchsetzten - wie Geschichte, Fortschritt und Entwicklung. Geist umgriff freilich als weltimmanenter, ehedem theologischer Begriff Natur und Geschichte, Kunst und Gesellschaft. Er holte die Transzendenz Gottes in den sperrigen Alltag ein. Die je einmalige Sinnlichkeit oder Vernünftigkeit eines Menschen konnten durch den Geist, so man an ihm partizipierte, ihre wechselseitige Erfüllung finden. Er zielte als prozessualer Begriff auf die Selbstverwirklichung der Menschheit im Menschen. Deshalb konnte er nur im je einzelnen Selbstbewußtsein in die Erfahrung eingeholt werden. Damit wurden, in der Tradition der Aufklärung, alle politischen oder kirchlichen Instanzen unterlaufen. Es war der Geist, durch den

Teil II: Begriffe und ihre Geschichten

Konflikte ausgetragen, aufgelöst, aber auch harmonisiert oder geschlichtet werden konnten. All dieses wurde mit dem Begriff des Geistes erfaßt, der sich geschichtlich je einmalig offenbart und durch alle Entfremdungen hindurch sich je einmalig finden oder vollenden sollte. Es liegt auf der Hand, daß diese unsere beiden Begriffe, wie sie auf einer hohen Ebene semantischer Allgemeinheit vorgeführt wurden, geeignet waren, auch Mozarts Kompositionen zu beschreiben - ohne sie freilich als sinnlich erfahrbare Musik selber erfassen zu können. Aber die beiden Begriffe ›Bildung‹ und ›Geist‹, selber ein Produkt der sprachlich reflektierten Geschichte, reichten offenbar hin, um das, was an Mozarts Musik überhaupt versprachlicht werden kann, auf den Begriff zu bringen. Wie die sprachliche und die sinnlich-musikalische Konvergenzhypothese heutigen Tages linguistisch bzw. musikanalytisch aufgelöst oder bestätigt werden mag, entzieht sich meiner Kompetenz.

›Fortschritt‹ und ›Niedergang‹ - Nachtrag zur Geschichte zweier Begriffe
In den achtziger Jahren des 1 9 . Jahrhunderts ereignete sich in einem kleinen Weserdorf, in Frenke, folgende Geschichte. Der zweitjüngste Sohn einer Handwerkerfamilie wurde konfirmiert. Bei der Rückkehr ins Haus erhielt er eine schallende Ohrfeige, zum letzten Mal, und durfte sich daraufhin zu Tisch setzen. Zuvor nämlich mußte er, wie alle Kinder, das Essen stehend einnehmen. Das war der Brauch. Und nun ereignete sich die Geschichte, wie mir der, der sie erlebt hat, selbst erzählt hat. Er war der Jüngste der Familie, noch nicht konfirmiert, und er durfte sich wie sein konfirmierter Bruder auch an den Tisch der Großen setzen, ohne Ohrfeige. Als die Mutter erstaunt fragte, was das zu bedeuten habe, sagte der Vater: »Das kommt vom Fortschritt. « Vergeblich horchte der Junge im Dorf herum, was das sei, der Fortschritt? Das Dorf bestand damals aus fünf Vollmeyerhöfen, zwei Halbmeyerhöfen, sieben Dorfhandwerkern und sieben Kötnerstellen. Aber niemand wußte hier eine Antwort. Und doch kursierte dieses Wort, es mag ein angelesenes oder in der Stadt gehörtes Schlagwort gewesen sein, und es traf den neuen Sachverhalt. Ein alter Brauch riß ab. Wir wissen nicht, wie die Mutter den Vorgang bezeichnet hat. Wenn sie, was nicht der Fall war, die nostalgische Bildungssprache beherrscht hätte, hätte sie vielleicht den Begriff des Verfalls, des Niedergangs verwendet, um den gleichen Sachverhalt, nur anders, zu bezeichnen. Sehen wir hier davon ab, daß unsere Geschichte symptomatisch ist für den langfristigen Vorgang, in dem sich das alte Europa transformiert hat und noch transformiert in die Welt der modernen Industriegesellschaften. Wir wollen zuerst nach der Wortverwendung fragen, nach dem, was der Wortgebrauch hier leistet. Offensichtlich rückt die Bezeichnung »das kommt vom Fortschritt«, den plötzlichen Eingriff in das überkommene Sozialge1

i Prof. Dr. h. c. Heinrich Grupe (1878-1976).

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füge eines handwerklichen Haushalts in eine temporale Perspektive. Früher hielt man es mit der Konfirmation so, daß sie nicht nur ein religiöser, sondern auch ein sozialer Initiationsritus war: Jetzt wird das anders. Die Aufnahme an den Tisch der Erwachsenen wird losgelöst von dem kirchlichen Brauch. Früher so heute anders, das ist das Minimum der Zuordnung, die unser Kronzeuge mit der Wortverwendung des Fortschritts leistete. Und der Oberton, daß das neue Verhalten besser sei als das vorangegangene, schwingt ebenso mit. Aber noch ein anderer Akzent wurde gesetzt: Es war nicht seine ureigene Tat, den jüngsten Sohn an den Tisch zu holen, sondern »das kommt vom Fortschritt«. Der Handwerker vollstreckt also nur, was an der Zeit ist. Der empirische Agent der Handlung wird entlastet, er vollzieht eine Tat, deren Herkunft und Sinn dem Fortschritt zugeschrieben wird. Die individuelle Tat enthüllt sich als ein Geschehen, das durch den Handelnden hindurchgreift. Damit hätten wir zwei Kriterien gewonnen, die unsere Sprachhandlung aus der Alltagswelt um 1 8 9 0 herum kennzeichnen: Erstens handelt es sich um einen temporalen Perspektivbegriff, und zweitens indiziert dieser Begriff ein transpersonales Handlungssubjekt: »Das kommt vom Fortschritt.« Damit sind wir schon inmitten unserer Fragestellung. Denn beide Bestimmungen: die temporale Perspektive und die Verwendung des Fortschritts als eines überpersonalen Vollzugsorgans des Geschehens, finden sich wie auf der Ebene der Alltagssprache auch auf der Ebene der politischen und der Wissenschaftssprache wieder. Im folgenden werde ich in drei Etappen die Entstehung und Verwendungsweise des Fortschrittsbegriffes nachzeichnen und jeweils danach fragen, in welcher Opposition dazu der Niedergangsbegriff stand. Um meine These vorwegzunehmen: Der Fortschritt ist im Gegensatz zum Niedergang eine moderne Kategorie, deren Erfahrungsgehalt und deren Erwartungsüberschuß vor dem 1 8 . Jahrhundert noch nicht gegeben war. Die vormodernen Begriffe des Niedergangs oder Verfalls ändern dementsprechend in der Neuzeit ihre topologische Zuordnung. Es darf als unbestritten vorausgesetzt werden, daß ›Fort-

›Fortschritt‹ und ›Niedergang‹

schritt‹ ein Begriff ist, der spezifisch darauf geeicht ist, moderne Erfahrungen zu bewältigen, daß nämlich die überkommenen Erfahrungen in erstaunlicher Geschwindigkeit von neuen überholt werden. Es sei nur an den Wechsel von der Postkutsche über die Eisenbahn und das Auto zum Jet-Flugzeug erinnert, an jene Beschleunigung, kraft derer die räumlichen Vorgegebenheiten der Natur binnen anderthalb Jahrhunderten völlig neu einander zugeordnet wurden. Und mit den neuen Bewegungsformen der Menschen ändert sich selbstverständlich ihr Alltag, ändert sich ihre Arbeitswelt und ändert sich ihre Erwartung. Aber hinter der Bezeichnung ›Fortschritt‹ für einen technischsozialen Vorgang, die wegen seiner Folgelasten zunehmend skeptisch verwendet wird, steht ein Problem unserer Sprache, die sich mit politischen, sozialen und geschichtlichen Veränderungen und Vorgängen befaßt. ›Fortschritt‹ und ›Niedergang‹ sind beides Worte, die Abläufe in der geschichtlichen Zeit auf einen Begriff bringen sollen. Nun bedeutet es aber sprachlich immer eine enorme Abstraktionsleistung, wenn Zeit selber umschrieben werden soll, denn Zeit entzieht sich der Anschauung. Gewiß läßt sich Vergangenheit anschaulich zeigen: Die Runzeln im Gesicht verweisen auf dessen Alter und auf die Intensität seiner Verarbeitung. Die Höhe der Bäume oder der Stil der Gebäude oder die Typen der Autos lassen die verflossene Zeit, Beginn, Wachstum oder Dauer und Verfall mit einem Blick erkennen. Vergangenheit läßt sich zeigen. Aber schon die Verschränkung von Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart, die im Menschen vorgegeben ist, läßt sich nicht mehr anschaulich machen, und schon gar nicht die Zukunft für sich genommen. Dieser anthropologische Befund wirkt sich aus in der Verwendung geschichtlicher Ausdrücke, die Zeit thematisieren sollen. Fast alle solchen Ausdrücke müssen auf räumliche und naturale Hintergrundsbedeutungen zurückgreifen, um verständlich zu werden. ›Bewegung‹ enthält den Weg, der zurückgelegt wird, der ›Fortschritt‹ das räumliche Fortschreiten von hier nach dort, in ›Verfall‹ oder ›Niedergang‹ werden die Strecke nach unten sowie Abbauprozesse eines lebendigen Körpers angezeigt, aber auch ›Revolution‹ hatte seine anfänglich räumliche Bedeu-

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Teil II: Begriffe und ihre Geschichten

tung im kreisenden Umlauf der Sterne, bevor der Ausdruck auf soziale und politische Abläufe angewendet wurde. So beziehen die Redeweisen über Geschichte, speziell über geschichtliche Zeit, ihre Terminologie zunächst aus der Natur der Menschen und ihrer Umwelt. Dazu kommen zahlreiche Anleihen aus den jeweils obwaltenden Erfahrungsbereichen, aus dem Mythos, aus dem politischen Verfassungsleben, aus Kirche und Theologie, aus der Technik und den Naturwissenschaften, um geschichtliche Phänomene zu beschreiben. Genuin geschichtliche Begriffe, die es mit der geschichtlichen Zeit zu tun haben, gibt es zunächst nicht. Immer handelt es sich um Metaphern. Wir werden im folgenden also auf den metaphorischen Gehalt unserer Begriffe achten müssen, um ihre geschichtliche Aussagekraft abwägen zu können. Anfangs wurde schlicht vorausgesetzt, daß Fortschritt ein neuzeitlicher Begriff ist. Meine spezielle begriffsgeschichtliche These wird nun lauten, daß Fortschritt ein neuzeitlicher Begriff geworden ist, indem er seine naturale Hintergrundsbedeutung des räumlichen Ausschreitens abgestreift oder in Vergessenheit gebracht hat. Der bildliche Verweis ist verblaßt. Fortschritt wird seit rund 1800 zu einem genuin geschichtlichen Begriff, während ›Niedergang‹ und ›Verfall‹ ihre naturale und biologische Hintergrundbedeutung nicht in gleicher Weise haben abstreifen können. Um das zu zeigen, sei zunächst ein Rückblick auf die Antike und das Mittelalter gestattet.

I Es ist trivial festzustellen, daß überall dort, wo Menschen in Geschichten verstrickt sind, Erfahrungen der Veränderung und des Wandels festgehalten werden, und zwar für die jeweils Betroffenen zum Besseren oder zum Schlechteren. In diesem Sinne gibt es zahlreiche Belege bei den Griechen und Römern, die ein relatives Fortschreiten im jeweiligen Sach- und Erfahrungsbereich bezeichnen können: ›Prokope‹, ›epidosis‹, ›progressus% ›profectus‹ wie auch die gegenläufigen Bezeichnungen einer ›metabole‹ mit

»Fortschritte und »Niedergang«

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dem Trend zum Verfall, der ›tarache kai kinesis‹ im Sinne von Verwirrung und Zerstörung oder die Krankheitsmetaphern, um politischen Zerfall zu umschreiben. Es sei nur an die Denkfigur des Verfassungskreislaufes erinnert, mit dessen Hilfe das Auf und Ab menschlicher Selbstorganisation beschrieben werden kann. So beschreibt etwa Polybios, hellenistische Argumentationen zusammenfassend, die Entstehung der drei reinen Herrschaftsformen und deren jeweils anschließenden Verfall innerhalb von drei Generationen. Insofern sind hier Aufstieg und Niedergang zwei Begriffe, deren einer aus dem andern folgt. Es handelt sich innerhalb derselben politischen Handlungsgemeinschaft um Sukzessionsbegriffe. Und wenn zwei verschiedene politische Handlungsgemeinschaften verglichen werden, etwa Griechenland und Rom, dann kann der Niedergang des einen mit dem Aufstieg des anderen verbunden oder kontrastiert werden. Dann handelt es sich, in der Antike offenbar seltener verwendet, um gleichrangige Gegenbegriffe. Immer bleiben die Verfassungen im Umkreis endlicher, von der menschlichen Natur her vorgegebener Möglichkeiten, die selber nicht überschritten werden können. Die einzige Leistung, die den Kreislauf zu durchbrechen fähig schien, ist die politisch rechte Mischung verschiedener Verfassungselemente, um eine größere Stabilität zu erzielen. Sie verhindert zwar den gleichsam regelhaften Verfall, eröffnet damit aber keineswegs einen Fortschrittsprozeß in eine bessere Zukunft hinein. Das gilt es in Erinnerung zu behalten, wenn wir später den modernen Fortschrittsbegriff thematisieren werden. Dazu noch ein zweiter Hinweis auf den antiken Sprachgebrauch. Dort, wo Fortschreiten im Altertum registriert wird, handelt es sich immer um einen Rückblick, nicht aber um die Erschließung neuer Horizonte. Thukydides zeigt in seiner berühmten Einleitung zur Geschichte des Peloponnesischen Krieges, wie sehr sich die Griechen dank ihrer Rechtsordnung und
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2 Vgl. den Sammelband: Niedergang. Studien zu einem geschichtlichen Thema, hg. v. Reinhart Koselleck und Paul Widmer, Stuttgart 1980; darin die Beiträge von Walbank, Franz Georg Maier und Herzog; außerdem Christian Meier, »Fortschritt« in der Antike, in: Otto Brunner u. a. (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 2, Stuttgart 1975, S. 353-363.

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dank ihrer technischen und militärischen Machtentfaltung von den Barbaren unterscheiden. Früher hätten auch die Griechen wie die Barbaren gelebt, im Frieden Waffen getragen, Frauen geraubt und was dergleichen barbarischer Bräuche mehr sind. Jetzt, also im 5. Jahrhundert, hätten die Griechen diese Zustände weit hinter sich gelassen. Aber gerade aufgrund ihrer Polisverfassungen, ihres gesteigerten Handels und erhöhten Machtpotentials wurden sie fähig, gegeneinander einen Bürgerkrieg zu führen, dessen Grausamkeit und dessen Verschleiß an Machtmitteln bisher nicht überboten worden seien. Wir finden also, modern formuliert, ein relatives Fortschrittsmodell, das aus der vergangenen Geschichte und aus dem Vergleich mit den gleichzeitig lebenden Barbaren die Einzigartigkeit und Einmaligkeit der von den Hellenen erreichten Zivilisationsstufe erkennen läßt. Aber der Weg führt nicht in die Zukunft. Das Ergebnis, nämlich der Bürgerkrieg, ist nur noch zu beschreiben in medizinischen Kategorien der Krankheit, weit entfernt davon, einen weiteren Progreß in die Zukunft hinein zu erschließen. So fehlt denn auch bei Thukydides ein allgemeiner Oberbegriff, der die vergangene griechische Geschichte als Prozeß eines Fortschritts zusammengefaßt hätte. Dazu ein weiterer Hinweis: Dort, wo sonst noch in der Antike Fortschritte registriert werden, waren sie immer nur partiell, in der Wissenschaft etwa oder in der Befriedung des Mittelmeerraumes durch die Pax Romana, nicht aber bezogen sich die Fortschritte auf einen gesamtgesellschaftlichen Prozeß, wie wir ihn heute etwa mit der Technifizierung und Industrialisierung verbinden. Was die Weltherrschaft des Ewigen Rom versprechen konnte, waren Dauer und Sicherheit, aber kein Fortschritt in eine bessere Zukunft hinein. Ja, es gehört vielmehr zu den häufigen Konzepten historischer Deutung der Cäsarenzeit, daß sie am Vorbild der vergangenen Republik gemessen wurde. Die Dauer des Reiches und seine Dekadenz ergänzten einander, um Jahrhunderte der Erfahrung abzudecken. Daß sich die Welt im Zustand des Greisenalters befinde, ist eine spätantike Selbstdeutung, die immer wieder auf einen Begriff gebracht wurde: den der ›senectus‹. ›Niedergang‹ war also eher geeignet, einen gesamt3

3 Vgl. den Beitrag von Franz Georg Maier im angeführten Band.

So verglich Augustin das Gottesvolk in biologischer Metaphorik mit einem Menschen. besonders seitdem das Christentum zur Reichsreligion geworden war.3. 6 Isidor von Sevilla. innerhalb derer sich nichts grundsätzlich Neues mehr ereignen könne.. In dieser Welt mochten sie sich an die Dauer Roms bzw. wenn Christus wiederkehren und mit dem Jüngsten Gericht dem bisherigen Dasein ein Ende setzen werde. S. zu umschreiben. und darin konnten sie einen gewissen Fortschritt gegenüber der Zeit ihrer Verfolgungen erblicken. Die biologische Metapher der ›senectus‹ konnte also sowohl heidnisch verstanden werden: nämlich in der Erwartung einer neuen Jugend. die allenthalben den Kreislauf wiedereröffnet.5. Patr.14. gar kosmologischer Dimension. um sich . .Auch nach christlicher Lehre von der befristeten Zeit zwischen Schöpfung und Weltende befand man sich seit Christi Erscheinen grundsätzlich im letzten Zeitalter. Aber all das verschlug nichts gegen die eigentliche Erwartung. der von Gott erzogen werde. wo die Theologen von »profectus« sprachen. als die Varianten eines partiellen Vorausschreitens. oder. vom Sichtbaren zum Unsichtbaren aufzusteigen.vom Zeitlichen zur Erfahrung des Ewigen zu erheben. z). nämlich die Erwartung des himmlischen Jerusalem. . 4 5 6 4 Zum folgenden vgl. weniger von ›progressus‹. Das gilt nun in gleicher Weise wie für die Heiden auch für die Christen. Von Altersstufe zu Altersstufe schreite das Gottesvolk in der Zeit voran. Diese Weise des Fortschreitens wird nun immer wieder von den Kirchenvätern und Scholastikern umschrieben: »profectus hominis donum Dei est« . 8z (186z). Lat. »Fortschritt« in: Geschichtliche Grundbegriffe (Anm.darauf kommt es bei dieser Metapher an . daß die ganze Welt verwandelt werde. Zwar wurde den gläubigen Christen ein neuer Zukunftshorizont erschlossen. Dort. meinen Art. das sich erst nach dem Ende der Geschichte verwirklicht. nämlich der ›senectus‹.»Fortschritt« und »Niedergang« 165 gesellschaftlichen Verlauf. des Römischen Imperiums klammern. Migne. 604. t. 5 De Civ. wie Bernhard von Clairvaux einmal predigte: »in via vitae non progredi. z. aber dabei handelt es sich um ein Reich. in der letzten ›aetas«. Dei 10. 363-4Z3. Sent. wie auch als Vorzeichen des Weltendes überhaupt und der Auferstehung der Toten. bezog sich dieser Fortschritt auf das Seelenheil.

sondern des Weltendes.in dem Maße. Lat. der nicht nach weiterer Vollkommenheit strebt«. Patr. 246 A.gewiß sind. Es handelt sich im mittelalterlichen Sprachgebrauch also sehr häufig um Korrelationsbegriffe. c. aber selten haben diese Metamorphosen so weit gereicht. Im Gegenteil.. 8 Paulinus von Aquileia. sozial gesehen vorübergehend auch in Frie7 8 7 Sermones de Sanctis.›defectus‹ . Die Lehre von den beiden Reichen. dessen Vorzeichen immer wieder gesucht und immer wieder von neuem gefunden wurden. 100. das nicht mit dem zeitlichen Reich in dieser Welt verwechselt werden darf. fällt zurück. Aber dieser Fortschritt . Migne. den Fortschritt als ein innerweltliches Gesetz anzusprechen. bei Otto v. Liber exhortationis.' Gewiß gab es auch im Mittelalter wie in der Antike einmaliges oder gelegentliches Fortschreiten innerhalb dieser Welt: in den Wissenschaften oder in der Reichslehre den Weg von Ost nach West. Auf diese Welt bezogen sind für Otto v.369 C.T66 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten retrogredi est«. 2) genannten Band Melville. sondern nur in der Seele: »perfectio non in annis. Wir finden hier schon jene asymmetrische Beziehung.›perfectio‹ . unterlag zwar vielen Metamorphosen im Laufe des Mittelalters. 9 Dazu im oben (Anm. 182.183. in der Architektur und im Bereich technischer Neuerungen. und Epistolae ad dragone monachum. Lat.Korrelationsbegriffe: Je elender diese Welt. Gottes und der Welt. deren Sinn sich aus der Zweiweltenlehre ableiten läßt. 795). die in anderem Kontext modern anmuten kann. 43 (ca. oder: »Niemand ist vollkommen. t. Freising Aufstieg zur Vollkommenheit und Niedergang .3. Patr. Migne. . Aber die Zukunft ist nicht die Dimension des Fortschritts. 99. t. 1. Lat. B. Migne. In purificatione B. die dem ewigen Wechsel des irdischen Daseins eine gerichtete.ist auf das Reich Gottes bezogen..profectus in Richtung auf die perfectio . Freising z. verfällt die alternde Welt in immer größeres Elend . Patr. Mariae 2. Der Weg zur Vollkommenheit läßt sich nicht nach Jahren zählen. im Kirchenrecht. desto näher das Heil der Auserwählten. vulgo de salutaribus documentis. wie sich die Gläubigen ihrer Annäherung an das kommende Reich des ewigen Friedens . sed in animis«. Wer nicht voranschreitet.meist verbal umschriebene . die zwischen Fortschritt und Rückschritt herrscht. zielstrebige Bewegung entgegensetzt.. § 1.

eine progressive Auslegung der Zukunft. Es unterscheidet den neuzeitlichen Fortschrittsbegriff von seinen religiösen Herkunftsbedeutungen. Erst die wachsende Naturerkenntnis. und insofern wird eine genuin geschichtliche Zeit entdeckt. erschloß . über die hinweg das Altertum als Vorbild betrachtet wurde. die Lehre von den letzten Dingen durch das Wagnis einer offenen Zukunft zu verdrängen. Wenn ich jetzt diese Ausprägung des modernen Fortschrittsbegriffes nachzeichne. II Man möge entschuldigen. der uns den neuzeitlichen Fortschrittsbegriff ins Blickfeld rücken hilft. aber es kam nur darauf an.zunächst noch sektoral . so muß ich es mir versagen. die es erlaubten. wenn hier so großzügig mit zwei Jahrtausenden umgesprungen wurde. bei der die Autorität der Alten durch autonomen Vernunftgebrauch verdrängt wurde. aber ihre Entdeckung werde methodisch vorangetrieben und damit ihre zunehmende Beherrschung. Die Renaissance brachte zwar das Bewußtsein einer neuen Zeit hervor. Vergangenheit und Zukunft unterscheiden sich seitdem qualitativ voneinander. auf den Erfahrungsgehalt des Be- . aber noch nicht das des Fortschreitens in eine bessere Zukunft. jenen Neuansatz im Relief einer andersartigen Vergangenheit erscheinen zu lassen. die irdische Zukunft als solche progressiv auszulegen. die es verhinderten. Die Natur bleibe sich gleich. solange das Mittelalter als dunkle Zwischenzeit erschien. Dieser Vorgang erstreckt sich über die ganze frühe Neuzeit. daß die Welt insgesamt altere und ihrem Ende zueile. auf die damit erfaßten Sachgebiete. Fortschreiten im Geiste und Niedergang der Welt waren insofern Korrelationsbegriffe.»Fortschritt« und »Niedergang« denszeiten: Aber derartige sektorale Fortschritte verschlugen nichts gegen die Grunderfahrung. die schließlich im Fortschritt auf ihren ersten Begriff gebracht worden ist. daß er das stets zu erwartende Ende der Welt in eine offene Zukunft verwandelt. Daraus folgten weitergreifende innerweltliche Zielbestimmungen einer Daseinsverbesserung. Terminologisch wird der geistliche ›profectus‹ von einem weltlichen ›progressus‹ verdrängt oder abgelöst.

Die Erfindung des Buchdrucks. Höchstens eine Wiedergeburtslehre ließe sich mit der naturalen Metaphorik von Jugend und Altern verbinden. und zwar des Fortschreitens zum Besseren hin.i68 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten griffs. wörtlich genommen.wie in der Antike . wie man sich in der gelehrten Welt auf der Suche nach einer Zeitbestimmung befand. die Entdeckung des Globus und die Landnahme in Übersee. der die Erfahrung der neuen Zeit in einem Wort zusammenfaßt. die in den eschatologischen Erwartungshorizont eingespannt blieb. und 1 7 . anders gewendet. i. der Streit der modernen Kunst mit der alten. beide. der Lebensaltervergleiche bedienen. So sprach Bacon den Autori- . Insofern schließt der Ablauf von der Jugend zum Alter den Sinn eines Fortschritts in die allzeit offene Zukunft aus. die Entfesselung der Naturgewalten in der Technik . der alle genannten Phänomene schließlich in einem Ausdruck bündelt. die Ausbreitung der Lektüre. Die Verwendung unseres Ausdrucks zeugt zunächst von einer Denaturalisierung der Altersmetaphorik. verbunden wurden. jenes Begriffes. die Entfaltung der Experimentalwissenschaften. Wer also die Naturkategorie ernst nimmt. der Aufstieg des Bürgertums. Jede naturale Wachstumsmetapher enthält. die Erfindung des Kompasses. Die Assoziation eines Niedergangs wird ausgeblendet und damit ein unendlicher Fortschritt erschlossen. Es gibt nun zahlreiche Zeugnisseim 1 6 . Deshalb konnten sich die zyklischen Lehren der Antike und die christliche Lehre von der alternden Welt. die mit dem Begriff des Fortschreitens. Hier will ich nur die sprachliche Ausprägung des Begriffs nachvollziehen.all das gehört zu den immer wieder beschworenen Erfahrungen oder Tatbeständen. Jahrhundert. wenn auch auf verschiedene Weise. einzugehen. des Fernrohres und des Mikroskops. Die langsam bewußt werdende Öffnung der Zukunft läßt sich geradezu messen im Wandel der Wachstumsmetaphern. muß . die zeigen. die Entwicklung von Kapitalismus und Industrie.auf den Fortschritt auch einen Verfall folgen lassen. der Vergleich mit den Wilden. die Unentrinnbarkeit des endlichen Verfalls. die sich von der Rückbindung an die naturalen Bedeutungen zu lösen suchte. Das zunehmende Alter der Welt verliert den biologisch-moralischen Sinn des Verfalls.

Grob formuliert: die Wahrheit wurde nur insoweit erkannt und anerkannt. Der unendliche Progreß erschloß sich eine Zukunft. « Aus der ehedem göttlichen Erziehung des gläubigen Volkes wird die Selbsterziehung aller vernunftbegabten Menschen. Neues Organ der Wissenschaften. vielmehr lerne der einzelne Mensch. ND Darmstadt 196z. für die Menschheit insgesamt ist damit kein Niedergang mehr verbunden. S.in dem Maß. t. Fragment de preface sur le traite du vide. und sukzessive lernen alle Menschen zusammen. dt. Novum Organum 1. Die Welt als Natur mag im Verlauf der Zeit altern. 62f. deshalb teile die Vernunft die Vorzüge der Jugend mit den Vorzügen des reifen. éd. Denn die Unendlichkeit ist nicht mehr allein jenseits des menschlichen Tuns zu denken. 1864. dem Traité du vide. que w 11 10 Francis Bacon. daß sich die Vernunft ständig vervollkommne. Er ist geschaffen für die Unendlichkeit.»Fortschritt« und »Niedergang« 169 täten der Alten ihren Daueranspruch auf Wahrheit ab.Überschritt von dem christlichen Streben nach dem Reich ewiger Wahrheit zu einem diesseitigen Prozeß fortschreitender Erkenntnis wird besonders deutlich bei Pascal. Anton Theobald Brück. Works. um den Fortschritt zu umschreiben. sie schreiten in der Wissenschaft von Tag zu Tag voran. S. pour quitter l'allégorie. vielmehr sei die Wahrheit selber eine Tochter der Zeit. v. sei im Unterschied zum Tier. so heißt es da. in seinem Traktat über den leeren Raum. Alles in der Welt weise darauf hin. mehr und mehr. 84.schon im Hochmittelalter verbreitete . I. 2. so daß sich die Menschheit von ihrer Jugend an insgesamt in einem kontinuierlichen Fortschritt befindet . 138L . die sich der naturalen Altersmetaphorik entzieht. 11 Blaise Pascal. einsichtigen Menschen: » C'est-à-dire. Paris 1908. weil er nicht mehr tragfähig sei. vol. das Wesen. S. Der . aber in einem jetzt schon zweideutigen Sinne. Leipzig 1830. 190h. und hg. »Tous les hommes ensemble y font un continuel progrez à mesure que l'univers vieillit. das immer in sich vollendet sei. Léon Brunschvicget Pierre Boutroux. das auf Unendlichkeit angelegt ist. übers. Veritas filia temporis. Œuvr.also auch überholbar wurde. Der Mensch.. wie sie sich im zeitlichen Vollzug menschlicher Erkenntnis einstellte . Fontenelle desavouierte 1688 schließlich ganz offen den Lebensaltervergleich. wie die Welt selber altert. S.

weil sie sich ständig verbessert« (»progressusestin infinitum perfectionis«) . In einem Satz: »die Welt ist nur deshalb die beste aller Welten. hg. Das kontinuierliche Fortschreiten war ihm nicht nur ein Produkt des menschlichen Geistes. Marburg 1902. läßt sich jedenfalls so viel sagen. Es ist im 1 8 . Leibniz' System in seinen wissenschaftlichen Grundlagen.« (»D. der Niedergang oder der Rückschritt ist kein reiner Oppositionsbegriff mehr zum Fortgang oder Fortschritt. h. 368ff. S. G. Frankfurt am Main. sondern 12 13 14 12 Bernard de Fontenelle. 13 Aus dem handschriftlichen Nachlaß zitiert von Ernst Cassirer. so sagte er. Das Glück.364. und wenn es Rückschritte gibt. daß das Fortschreiten generell und anhaltend sei.. Depping. Anders gewendet. Jahrhundert Engels. Niedergang oder Verfall nur partiell und vorübergehend stattfinde. 2. Digression sur les anciens et les modernes. damit es danach doppelt so schnell und doppelt so weit wieder vorangehe. dann nur. 1965. Ohne daß man Leibniz in seiner Vielfältigkeit auf diesen einen zentralen Gedanken festnageln dürfte. 14 Leibniz. éd. Condorcet. deshalb könne auch das Universum niemals einen letzten Grad der Reife erreichen. S. es seien nur Turgot. um die Allegorie zu verlassen. »nunquam etiam regreditur aut senescit«. um die neuentdeckte geschichtliche Welt zu deuten. 444. v. Also nicht nur der Mensch. Jahrhundert bezogen wurden. Das Universum insgesamt schreitet weder zurück. fordere einen anhaltenden Fortgang zu immer neuen Wünschen und Vollkommenheiten. Paris 1818.. daß er alle Positionen vorausgedacht hat. sondern die ganze Welt verbessert sich ständig.«) Leibniz ging schließlich noch einen Schritt weiter und blendete die Altersmetaphorik auch aus dem Kosmos aus.. compl. noch altert es. Haeckel oder Eduard von Hartmann. Die Asymmetrie zwischen Fortschritt und Niedergang wird bei diesen Autoren nicht mehr wie im christlichen Mittelalter auf das Jenseits einerseits und diese Welt andererseits bezogen. die im 1 8 . Jahrhundert und seitdem eine weitverbreitete Auffassung.. sondern er bezog es auf das Universum. Wieland oder Kant genannt oder im 1 9 .Teil II: Begriffe und ihre Geschichten les hommes ne dégéneront jamais. Das läßt sich bei zahlreichen Autoren belegen. Œeuvr. während jeder Rückfall. »De progressu in infinitum". ND Genf 1968. Kleine Schriften zur Metaphysik. t. S. Wolf von Engelhardt und Hans Heinz Holz. daß die Menschen niemals degenerieren. Iselin. B. .

alle Rückschläge als vorübergehend. einer immer größeren Perfection nachzueilen. ein Ziel erreichen. aufschlüsseln hieß ebenfalls. sei ein zweiter Gesichtspunkt eingeführt: die Verzeitlichung. von dem aus dann die menschliche Gesellschaft gerecht organisiert werden könne. darin Hegel vorwegnehmend. das ohne Unterlaß auf seine ›Vollendung‹ zumarschiere. Die einmalige Vollkommenheit.h. Die Zielbestimmung wird in den Vorgang ständiger 15 Vgl. S. von dem aus man fähig sei. des »perfectionnement« langsam verdrängt und abgelöst wird. so zuerst von St. 4). den ich erläutern muß. deren Sinn es ist. daß das Menschengeschlecht durch Glück und Elend. Unstimmige. und unbegrenzt. der man in den Künsten und Wissenschaften und schließlich in der ganzen Gesellschaft nachzueifern habe. Pierre 1725. Offensichtlich hat hier die Metaphysik von Leibniz in vielen Kanälen weitergewirkt. Oder die Gesetze der Moral. sie werden in den Vollzug der menschlichen Geschichte hineingenommen. Wortgeschichtlich läßt sich das daran zeigen. ›indéfini‹. Dann korrigierte er sich und sprach davon. ›terme«. auf einen Begriff bringen: Das ›perfectionnement‹ des Menschengeschlechtes ist zugleich Ziel. letztlich als Stimulans zu neuen Fortschritten zu interpretieren. durch Ruhe oder Unruhe hindurch gleicherweise auf dem Wege sei. 2. ja. Um die Entstehung des neuen Begriffs näher zu kennzeichnen. Die ewigen Gesetze der Natur zu entdecken hieß ein endliches Ziel ansteuern. der man nacheifert. Bis tief in das 18. 377. d. meinen Art. Jahrhundert verzeitlicht. Von der ›perfection‹ zum ›perfectionnement‹: aus der Zielbestimmung wird eine prozessuale Bewegungskategorie.und »Niedergang« 171 der Fortschritt ist eine weltgeschichtliche Kategorie geworden. Jahrhundert hinein spricht man weniger von den ›Progressen‹ oder den Fortschritten«. Diese Zielbestimmungen werden nun im 18. daß ›perfection‹ von dem neuen Begriff. So sprach Turgot zunächst von der Masse des ganzen Menschengeschlechtes. »Fortschritt« (Anm. in einem Sinne. die Natur zu beherrschen. . von der Vollkommenheit als Zielbestimmung." Schließlich konnte Condorcet das logisch Widersprüchliche. etwa mit mathematischer Methode. wird in den Iterativ gesetzt. als von der ›perfectio«.»Fortschritt.

indem sie als Prozeß entdeckt wird.172 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Verbesserung selber hineingenommen. Was bisher als Verzeitlichung und als Erschließung eines offenen Zukunftshorizontes beschrieben wurde. gleichsam dynamisiert worden ist. Dieser. i82ff. S. 17 Lessing. Fortschritt« wird zum prozessualen Reflexionsbegriff. Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels. 3. Es wird nun vielleicht überraschen zu hören. Mit Lessings Worten: »Ich glaube. Man kann schlagwortartig sagen. Sie hat zwar einmal angefangen. um nicht kommende Erwartungen höherzuschrauben. 1. Oder wie Kant sagte: »Die Schöpfung ist niemals vollendet. 38z. 256. wenn es in der Vollkommenheit. 21. 1. Es ist gleichsam der Fortschritt des Fortschritts.. Aus dem System der Natur wird eine Geschichte der Natur.Wir erinnern uns an das christliche Diktum aus dem Mittelalter: Niemand ist vollkommen. daß die geschichtliche Zeit. Sämtliche Schriften. die im 1 8 . fähig machen. der Geschichte eine Richtung.« Keine bisherige Erfahrung reichte mehr hin. zurückgebunden an das menschliche Bewußtsein. Die Erfahrung der Vergangenheit und die Erwartung der Zukunft traten auseinander. bleiben sollte. Bd. Wie Condorcet auch sagte: Die Grenzen der verschiedenen Fortschritte sind nur die Fortschritte selber. v. Damit hätten wir jene Verzeitlichung beschrieben. aus den Gesetzen der politischen Ordnung werden Gesetze ihrer ständigen Verbesserung. 18 Kant. Frankfurt am Main 1966. der nicht nach weiterer Vollkommenheit strebt. S. Esquisse d'un tableaux historique des progrès de l'esprit humain (1794). Satz wird jetzt transformiert. Dazu Hans Blumenberg. S. daß das Wort ›der Fortschritt« im Deutschen erst gegen Ende des 16 17 18 16 Condorcet. Jahrhundert immer mehr Bereiche menschlicher Erfahrung und Erwartung erfaßte. Frankfurt am Main 1963. 388. 1904. hg. S. der jeden Rückschritt überbietet.« . AA. 364. . Er zielt auf die irdische Zukunft und verleiht. 77.53. war die Genese des neuen Begriffs. sie wurden progressiv zerlegt. Bd. 314. der Schöpfer mußte alles. 427ff. Die Legitimität der Neuzeit. Brief an Mendelssohn. Wilhelm Alff. vollkommener zu werden. zunächst auf die individuelle Seele bezogene. was er erschuf. 1756. 1902. und diese Differenz wird schließlich im Fortschritt auf einen gemeinsamen Begriff gebracht. aber sie wird niemals aufhören. in welcher er es erschuf.

die sich überlappen: Zunächst wird das Subjekt des Fortschritts univer- . Sprachgeschichtlich handelt es sich um einen Vorgang. Zuwachs oder in eher sittlicher Bedeutung von Verbesserung oder allgemein von Vervollkommnung. Man sprach noch in starker Anlehnung an die räumliche Bedeutung von Fortgang. der sein eigenes Subjekt ist. jedenfalls für den deutschen Sprachgebrauch. ä. Jahrhunderts gebildet worden ist. um die immer komplexer werdende Erfahrung auf einem höheren Abstraktionsniveau zusammenzufassen. Wir hörten schon. das kurz und griffig die Mannigfaltigkeit der wissenschaftlichen. Wir hatten es also. ›Der Fortschritt« bisher erstmals bei Kant belegt . ›progressio‹. Er bildet sich in drei Phasen. Jahrhunderts rasant zunahmen. Selbst Condorcet spricht nur von der Summe einzelner Fortschritte. ›progressus‹ u. Fortschreiten oder Fortschreitung. die sich auf die einzelnen Sektoren bezogen. dem im Politischen die Französische Revolution und im Wirtschaftlichen der Welthandel und die industrielle Revolution auf eine Weise entsprechen. wie sie gegen Ende des 1 8 . ›Der Fortschritt selber« ist ein Kollektivsingular. industriellen. die noch zu untersuchen ist. läßt sich formalisiert beschreiben. Auch im Englischen wurde ›progress‹ fast nur im Plural verwendet. daß die lateinischen Ausdrücke ›profectus‹. Varianten lange zur Verfügung standen. In allen diesen Fällen fehlte aber ein zentraler Ausdruck.war nun ein Wort. von den Fortschritten. meistens sprach man von ›les progres« im Plural. der die verschiedenen Bedeutungs. Wie ›der Fortschritt« als Kollektivsingular entstanden und seitdem zum geschichtlichen Leitbegriff geworden ist. nicht vom ›progrès‹ als solchem. oder man sprach mehr in biologischer Metaphorik von Wachstum. neben ›improvement‹ oder ›advancement‹. Im Französischen wurde selten ›le progrès‹ im Singular verwendet. technischen. Er bündelt zahlreiche Erfahrungen in einem Ausdruck. nur mit der Vorgeschichte unseres Begriffes zu tun. es ist einer jener Kollektivsingulare. Anwachs. Ahnlich war der deutsche Sprachgebrauch sehr mannigfaltig.und Verwendungsnuancen auf einen gemeinsamen Begriff gebracht hätte.»Fortschritt« und »Niedergang« 173 1 8 . schließlich auch der gesellschaftlich-moralischen oder gar der gesamtgeschichtlichen Fortschrittsdeutungen auf einen gemeinsamen Begriff brachte.

So hieß es z. B. Bald darauf kann man auch vom ›Fortschritt der Zeit« sprechen und. Der Genitivus subiectivus wird zum Genitivus obiectivus: Im Ausdruck Fortschritt der Zeit« oder Tortschritt der Geschichte« übernimmt der Fortschritt den führenden Part. den Fortschritt alleine zu bemühen. der Technik. Es bezieht sich nicht mehr auf umgrenzbare Bereiche. zu einem Schlagwort. Denn im Zuge der Universalisierung unseres Begriffes tauschen Subjekt und Objekt ihre Rolle.Teil II: Begriffe und ihre Geschichten salisiert. er wird selbst zum geschichtlichen Agens. wird es im 19. schließlich der Zeit oder der Geschichte sprechen konnte. wie Wissenschaft. die in Paderborn erschien: »Die katholische Kirche ist die sociale und conservative Macht katexochen darum auch die . in einer katholischen Flugschrift aus dem Jahre 1877. die bisher das konkrete Substrat des jeweiligen Fortschreitens waren.. Jahrhundert geläufig und üblich. Technik. das Condorcet allen einzelnen Fortschritten als gedanklich konstruiertes Subjekt unterstellt. Dies ist die zweite Phase. zum Subjekt seiner selbst. Wir erinnern uns an unser anfängliches Beispiel: »Das kommt vom Fortschritt.« Nun können wir sagen: Die zeitliche Modalität rückt in die Funktion des Handlungsträgers ein. vom Fortschritt der Geschichte«. ohne zugleich fortschrittlich zu sein. das zunächst parteibildend und bewußtseinsstiftend wirkte. Damit wird der Ausdruck zum politischen Schlagwort. ›Menschheit‹ war zunächst nicht als handelndes. sondern als referentielles Subjekt gemeint. Kunst usw. Das auserwählte Volk der jüdisch-christlichen Herkunft wird zur Hypostase des Fortschritts. sehr viel später. In einer dritten Phase verselbständigt sich schließlich dieser Ausdruck: der Fortschritt wird zum Fortschritt schlechthin«. Jahrhundert wird es schwer. sich politisch zu legitimieren. So wird aus den Geschichten der einzelnen Fortschritte der Fortschritt der Geschichte. Denn seit dem 19. Während man zuvor immer nur vom Fortschritt der Kunst. das aber schließlich mehr und mehr von allen Lagern beansprucht wurde. etwa im Sinne jenes hypothetischen Volkes«. Vielmehr wird das Subjekt des Fortschritts ausgeweitet zu einem Agens von höchster Allgemeinheit oder auch von zwingendem Allgemeinheitsanspruch: es handelt sich um den Fortschritt der Menschheit.

wo nun jener Begriff des Niedergangs. der Dekadenz. sah aber zugleich analog dem antiken Kreislauf eine Katastrophe am Horizont drohen. Paderborn . der Dekadenz oder gar des Untergangs. Bei diesem Schema ist es freilich nicht geblieben. 4. des Verfalls oder des Rückschritts vor sich gegangen ist.›Fortschntt‹ und ›Niedergang‹ 19 '75 Schöpferin der Freiheit und des Fortschritts. auf das Reich Gottes und auf diese Welt bezogen. Jahrhundert zu verfolgen. Die sociale Frage und die Bestrebungen zu ihrer Lösung. So 19 Franz Hitze. die Geschichte des Schlagwortes im 1 9 . Fortschritt und Niedergang gerieten in ein asymmetrisches Spannungsverhältnis. die sich aber. Jahrhunderts bereits verblaßte und in vielen Lagern in Mißkredit geriet. im Mittelalter als Korrelationsbegriffe kennengelernt. von dem aus Geschichte verstanden wurde. daß aber der Fortschritt selber noch keineswegs der alleinige Oberbegriff war. um die allgemeine Aufklärung zu beschleunigen. wo die politischen Ideologien sich weiterhin einem linearen Fortschritt verschrieben haben. das gegen Ende des 1 9 . In der Antike haben wir Fortschritt und Niedergang als Sukzessionsbegriffe. auch jeden Verfall und jeden Umweg als einen Schritt zu deuten. Vielmehr wollen wir zum Schluß unser Augenmerk darauf lenken. Jahrhunderts gehörten. In der frühen Neuzeit ist offenbar der Rückschritt oder der Niedergang mediatisiert worden. Dieses Denkschema wird bekanntlich noch heute verwendet. . ungleich zueinander verhielten.« Aber ich will mir ersparen. Der Niedergang taucht immer wieder auf. ich erinnere nur an den Untergang des Abendlandes von Oswald Spengler. So fragen wir also. der zwar Unterbrechungen zuläßt. als die Aporie des Fortschritts oder als die Reproduktion des Niedergangs durch den Fortschritt selber. dem um so schnellere Fortschritte folgen würden. geblieben ist. indem jeder Rückschlag auf das Konto des Fortschritts verbucht wurde. Diderot gab seine Enzyklopädie zwar heraus.Zunächst muß daran erinnert werden. was nun eigentlich im Begriffsfeld des Niedergangs. daß viele Fortschritte zwar zur Erfahrung des 1 8 . aber in seiner Unaufhaltsamkeit politische Legitimation verschafft. das es den Aufklärern erlaubte.

eine metahistorische 20 zo Novalis. ins Deutsche als ›Vervollkommnungsfähigkeit‹ oder als ›Vervollkommlichkeit‹ holprig übersetzt oder schlicht eingedeutscht als ›Perfektibilität‹. sich zu vervollkommnen. in der Renaissance und im Zeitalter Ludwigs XIV. Er thematisierte in seinen beiden Diskursen die Widersprüche. im Augusteischen Rom. sondern eine anthropologische bzw. . stellten sich dem quer. war für Rousseau das Kriterium. Bd.ließ er historiographisch zu. den der Perfectibilité. Höhepunkte. nicht einmal Dogmatiker eines diskontinuierlichen Fortschritts. die alle bisherigen Erkenntnisse in das kommende Zeitalter hinüberretten möge. die ihm zwischen der fortschreitenden Entfaltung von Kunst und Wissenschaft einerseits und den Sitten und ihrem Verfall andererseits zu herrschen schienen. das den einzelnen Menschen wie das genus humanuni insgesamt von den Tieren unterscheidet.« Die Fähigkeit. wenigstens eine Arche Noah der Raison sein. die viele Phänomene unserer Neuzeit zu erfassen geeignet ist. der immer wieder einzelne Fortschritte durch seine scharfe Kritik an den Mißständen zu stimulieren suchte.Teil II: Begriffe und ihre Geschichten sollte seine Enzyklopädie.Weder Diderot noch Voltaire waren Dogmatiker eines linearen. Das Panorama der Geschichte bot ihm ein ständiges Auf und Ab. Zu viele gegenläufige Erfahrungen und wohl auch ihre klassische Bildung. Diese Perfektibilität war keine empirisch-historische Bestimmung. 668. oder Perfektibilität von den übrigen Naturwesen. blieb voller Vorbehalte gegen jeden Optimismus. Sein Candide verzehrt vollends jede Progressivität. 3. die Perfektibilität. S. Es war nun die Leistung Rousseaus. . . oder die zwischen den zivilisatorischen Fortschritten auf der einen und der wachsenden politischen Ungleichheit auf der anderen Seite eine Korrelation erkennen ließen. Fortschritt und Niedergang auf eine neue Komplementärformel gebracht zu haben. soweit sie Leibnizens Metaphysik geboten hatte. Um diese Spannungen zu erklären. Nur vier Höhepunkte der Kultur .in Athen. denen stets der Verfall gefolgt sei. Fragmente und Studien 1799-1800. prägte Rousseau einen neuen Ausdruck. GW. die sie zu verarbeiten hatten. 1968. die alles Wissen aufbereitet hatte. Auch Voltaire. Wie Novalis sagte: »Die Menschen unterscheiden sich durch (schnelle) Progressivität.

Verbrechen mitzuproduzieren. der den Fortschritt als moralische Aufgabe betrachtete und daraus ableitete. daß die Perfektibilität ein temporaler Kompensationsbegriff ist. Verfall der Sitten. unserer eigenen Zeit zu begreifen. so sagte Kant. Sie definierte die Grundbestimmung des Menschen als eines geschichtlichen Wesens. Nur das sollte deutlich werden. um leben zu können. Katastrophen zu verwirklichen. daß die Menschheit zum Besseren fortschreiten werde. Der Mensch ist dazu verurteilt fortzuschreiten.»Fortschritt« und »Niedergang« 177 Kategorie. und mit dem wachsenden Vernunftgebrauch seine Industrie zu entfalten. . die kulturkritische oder neurotische Komponente des Jean-Jacques Rousseau herauszuarbeiten. Instrumentalisierung der Sprache auf Kosten der Einheit von Gefühl und Vernunft. z) genannten Band Starobinski. desto mehr steigern sich die Chancen. Umgekehrt sei dem unendlichen Pro2 21 Dazu differenzierend im oben (Anm. Fortschritt produziert also Dekadenz. daß er seiner Integrität verlustig gehe. das sicher geeignet ist. ja. Es geht hier nicht darum. Korruption. viele Erfahrungsgehalte der Neuzeit. dazu verdammt. Das hat argumentativ auch Kant einkalkuliert. ständig Verfall. man denke nur an Atomkraft und Atombombe. ' Damit hat Rousseau ein Denkmodell gesetzt. desto größer die menschliche Fähigkeit. Gerade der Fortschritt reproduziert ihm spezifisch zuzuordnende Verfallserscheinungen. die Naturkräfte zu beherrschen. Und je gewaltiger der Fortschritt. zivilisatorische Stützen in seinen Alltag einzuziehen. was Rousseau akzeptiert hatte. daß die Welt mit akzeleriertem Fall ihrem Ende entgegeneile . denn dann wären wir längst untergegangen.diese Gegenthese sei nicht einzulösen. dann öffnet sich mit der Zeit eine Schere. bewußt hypothetisch. Die These vom anhaltenden Niedergang. Je mehr der Mensch genötigt ist. politisch sich zu organisieren. Mehr noch. wenn schon der Fortschritt irreversibel ist. sich zivilisatorisch zu vervollkommnen. weil sie fortschreiten soll. Aber diese Summe der Fortschritte ist nur die eine Seite der Bilanz. Die andere lautet: Verlust der natürlichen Unschuld. die Bedingung aller möglichen Geschichte. an Gas und Vergasung. alle seine Anstrengungen darauf zu richten. Mit seiner Vervollkommnungsfähigkeit ist der Mensch stets imstande.

11. Nietzsche nämlich. Aber. »um dem. S. so daß er bereits einen stabilisierenden. steigert er die Chance von Verfall . die gemessen an aller Vergangenheit schwer oder gar nicht vergleichbar sind. Aufl. der die aporetische Struktur des Fortschritts neu und provokativer noch als Rousseau durchleuchtet hat. Der Begriff des Fortschritts hat seine geschichtlich einmalige Leistung erbracht. Bd. v. 23 Nietzsche. hg. 24 Siehe dazu im oben (Anm. Es war also Rousseaus kontrafaktische Art zu sehen. Colli und M. und sei es nur. Aber brechen wir hier ab und werfen einen Blick zurück.T 8 7 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten spekt in die Zukunft prinzipiell keine Schranke gesetzt. damit eröffnet sich zugleich der Ausblick »in eine unendliche Reihe von Übeln«. München 1988. daß die Bedingungen unserer bisherigen Erfahrung seit der Industrialisierung und seit der Technifizierung nie hinreichen. AA 8. die immer wieder unvorhersehbare Neuheiten gezeitigt hat. Montinari. 2. 35 (82). Gerade weil und solange er unabschließbar ist. die er zugleich als historische und perspektivische Illusionen entlarvte. Jahrhundert zwar eine Nötigung zur Planung. sondern im Sinne von Katastrophen. Der Fortschritt produziert seit dem 1 8 . Nachgelassene Fragmente.nun freilich nicht mehr in naturaler Metaphorik zu lesen. S. G. Dies einzukalkulieren ist geradezu ein Element des Fortschrittsbegriffs geworden. das Verlangen zum Ende einzugeben«. die ihn befähigt hat. . Das Ende aller Dinge (1794). Kritische Studienausgabe. deren Zielbestimmungen aber infolge ständig neu hinzutretender Faktoren dauernd umdefiniert werden müssen. unserer Neuzeit. Insofern blieb Kant auch Rousseau verpflichtet. die die Menschen mit ihren technischen Verfügungsgewalten selbst über sich herbeizuführen fähig geworden sind. 547. als erster die Aporie des Fortschritts zu erkennen. innerhalb der Moderne konservativen Be22 25 24 22 Kant. Es war ein anderer Außenseiter. 2) genannten Sammelband Bernhard Lypp. 3 54 ff. Denn in ihm ist enthalten. Der Fortschrittsbegriff erfaßt genau jene Erfahrung unserer eigenen. Mai-Juli 1885. Fortschritt« und ›Rückschritt‹ dienten ihm als diagnostische Kategorien. und das hat sich Kant nie verheimlicht. was entartet und absterben will. um kommende Überraschungen und Neuerungen vorauszusehen.

Der Schwund der ehedem zentralen europäischen Machtbasis hat starke Disproportionen entstehen lassen zwischen dem zivilisatorischen Fortschritt und den politischen Potenzen. Grundzüge seines philosophischen Denkens. Dazu Hanno Kesting. der immer weiter führt. technisch überformte Industriegesellschaft war . Die genannten Phänomene des unbestreitbaren Fortschreitens bleiben schichtenspezifisch gefächert und regional bisher begrenzt auf den atlantischen Raum.einmalig. Mit zunehmender Beschleunigung wurden neue Räume erschlossen. La crise de l'esprit. Aber all dies gilt räumlich und zeitlich gestaffelt in verschiedener Weise. Schließlich wurde das Leben im Durchschnitt verlängert auf fast das Dreifache der mittelalterlichen Lebenserwartung. 1968. Jean Hytier. sondern vor allem in der Mobilität zwischen den Orten und in der sozialen Besserstellung der Massen. ed. Kapitel IV. Œuvr. Machtpolitisch läßt sich schnell eine Gegenrechnung aufstellen. Das Vertrauen in den Fortschritt. Die Relationen zwischen den politischen Handlungseinheiten auf unserem Globus lassen sich kaum noch linear auf der Skala einer einzigen Progression begreifen. im Anstieg des Konsums und Komforts für fast jedermann. Der Großteil des Globus ist von diesem Fortschritt bisher kaum oder nur negativ tangiert. S. Die Transformation der agrarisch dominierten Ständewelt mit ihren wiederkehrenden Hungersnöten in eine moderne. S. die Paul Valéry 1 9 1 9 mit erstaunlicher Klarheit diagnostiziert hat. Geschichtsphilosophie und Weltbürgerkrieg. und Karl Löwith. nicht nur im Ausgriff über den Globus hinaus. Hier ist eine Diskrepanz entstanden.gegen alle bisherige Geschichte gesehen . »Kritik der Geschichte und der Geschichtsschreibung«. Heidelberg 1959. S. daß er die Einmaligkeit der Veränderung selbst thematisierte. »Die Krise des Fortschrittsglaubens«. Zunächst freilich zeichnete ihn aus. . Paul Valéry.. ist sozusagen altmodisch geworden. ohne deshalb völlig unberechtigt zu sein. I. Früher Modell und Vorreiter allen Fortschrei25 25 Paul Valéry. 11 iff.»Fortschritt« und »Niedergang« 179 deutungsstreifen gewonnen hat. t. mit gestaffelten Übergriffen auf Japan und andere Inseln innerhalb der übrigen Kontinente. 988-1040. Bibliothèque de la Pléiade. auf Europa und Nordamerika. 89-113. Göttingen 1971.

um aus der Perspektive. . daß bei verschiedenen Handlungseinheiten der Aufstieg des einen den Niedergang des anderen impliziert. So bleibt uns die Chance. auf die Erfahrungen früherer Zeiten zurückzublicken. Sieht man von dem räumlich gestaffelten Gefälle der nunmehr differierenden Fortschritte ab.Aber auch die christliche Deutung des ›profectus‹ für die seelische Haltung und Einstellung im Gegenzug zu allen Wirrnissen dieser Welt läßt sich. wurde schon die Diskrepanz entdeckt. aber andere Erfahrungsweisen aus begreiflichen Gründen überschichtet oder verdunkelt hat. so daß sich auch hier die Bedingungen möglichen Fortschreitens zugleich als dessen Hindernisse erweisen werden. Jahrhundert geführt wurde.trotz seines universellen Anspruchs . ferner. Sobald nämlich unsere Kategorie mit Sinn erfüllt wurde.nur eine partielle Erfahrung wiedergibt. so bleibt immer noch die immanente Gegenrechnung. ohne daß sie vom technisch-industriell bedingten Fortschritt überhaupt tangiert würden. Die Möglichkeiten zur technischen Massenvernichtung sind parallel zu den zivilisatorischen Gewinnen angestiegen . die sich betroffen wissen. Unüberholt ist die bereits antike Ausformulierung jener Erkenntnis. Und es ergibt sich die Frage. die in sich stimmig bleibt. Es drängt sich daher der Schluß auf. die Rousseau als erster aufgestellt hatte. die zwischen dem technisch-zivilisatorischen Fortschritt und der moralischen Haltung der Menschen bestehe. den Fortschritt historisch zu relativieren. ob sich die imperialistische Selbstzerstörung der europäischen Großmächte nicht im globalen Ausmaß wiederholt.und bereits realisiert worden. die sich in der menschlichen Geschichte durchhalten. Das ließe sich bereits innerhalb der Diskussion aufweisen. die wir kennengelernt haben.und C-Waffen in immer mehr Händen weiterhin steigert. was die mörderische Drohung durch neue A-. . ist die europäische Führungsstellung verfallen. B. die zwischen den Progressisten seit dem 1 7 . daß die Moral der Technik und ihrer progressiven Entfaltung nachhinke. Offenbar gibt es langfristige Strukturen. daß der Fortschritt der Neuzeit .T8O Teil II: Begriffe und ihre Geschichten tens. für die Personen. Immer wieder wird bemerkt. daß für identische Handlungseinheiten jedem Aufstieg auch ein Niedergang zu folgen pflegt. nicht widerlegen.

»Fortschritt« und »Niedergang« 181 Hobbes ging davon aus. daß er selber nicht einholen kann. was er ausgelöst hat. Jahrhundert war die Beteuerung üblich. daß die Planung des Fortschritts nie jene Richtung einhalten kann. die so sicher seien wie die der Geometrie. daß die Zivilisation schon zum Überdruß fortgeschritten sei. die Moral aber in arithmetischer Reihe nachhinke. Kant ging davon aus. als er seine ganze Anstrengung darauf richtete. daß Technik und Industrie in geometrischer Reihe forteilen. auch für den Staat jene Regeln zu finden. in der sich der ›Fortschritt selben über die Köpfe der Beteiligten hinweg vollzieht. Es ist diese Differenz. wenn sie die Moral dem Stand der technischen Kenntnisse anpassen wollten. oder anders gewendet. die offenbar seit Anbeginn zum Fortschritt gehört und seine Aporie ausmacht. . und daß sie ihn beschleunigt aufholen müßten. während die Menschen als moralische Wesen diesen Vorsprung nur mit großer Anstrengung aufholen könnten. Auch im 1 9 .

Und als in Preußen Zwangsdienste und Leibeigenschaft beseitigt wurden. Das frühmittelalterliche Wergeid betrug je nach Geschlecht oder Grad der Freiheit nur ein Drittel oder die Hälfte dessen. wenn er ihn in die Knechtschaft verstrickt. wurden drei Fünftel der Sklaven den Stimmzahlen ihrer jeweiligen Besitzer hinzugerechnet (Art. ob der damit gemeinte Befund als notwendig und positiv oder als willkürlich und negativ eingestuft wurde.« Durch die Knechtschaft werde die Tüchtigkeit oder Tugend des Mannes halbiert. gleich: Der von Menschen beherrschte Mensch zählt nicht als ganzer Mensch. Die Eidesleistung eines Adligen wog die Eide mehrerer Höriger auf. ging die liberale Schule davon aus. tut kein einziger redlich Werk und tüchtige Arbeit. unbeschadet tiefgreifenden geschichtlichen Wandels. Als es 1787 nicht gelang. die Hälfte der Arete.Grenzverschiebungen der Emanzipation Eine begriffsgeschichtliche Skizze »Wenn der Herr nicht droht und den Knechten gebietet. daß sich die Arbeitsleistung der Freigesetzten vom Faktor 2/3 auf eins erhöhen werde. ob ihm die Menschheit ganz abgesprochen wird oder ob er als Sklave zu den Sachen gerechnet wird der strukturelle Befund bleibt sich. Oder umgekehrt: Der einem Herren unterworfene Knecht wird zum halben Menschen. den sich der kapitalistische Ausbeuter aneigne. Die quantifizierenden Aussagen können schwanken. was für einen freien Herrn beansprucht werden konnte. Zweidrittel. Siehe. I 2). die Sklavenbefreiung in die amerikanische Verfassung einzubeziehen. . Mit diesen Worten des treuen Hirten Eumaios an Odysseus (17. Ein Knecht ist nur ein halber Mensch . Auch die Lehre vom Mehrwert. 320ff. Ob der Knecht als halber. läßt sich in diese Reihe quantifizierender Aussagen einordnen.) ist ein Sachverhalt umschrieben worden. der seitdem in vielfach sich wandelnder Gestalt die Weltgeschichte prägt.auf Herrschaft angewiesen.oder als Dreifünftelmensch eingestuft wird. es raubt der waltende Zeus jedwedem Manne. Diese Art der Berechnung gilt nun unbeschadet dessen. sie sind nicht nur metaphorisch zu verstehen.

Diese Anerkennung mochte streckenweise. trotz allgemeiner Akzeptanz. De la Boétie ist wohl der erste moderne Denker. die allen Menschen gleicherweise zukomme oder im Glauben zuteil werde. weil sie durch ihre Arbeit und Reflexion den Herrn in ihre Abhängigkeit und um seine Funktion bringen. daß Diogenes jedem Herrn seinen Sklaven als den eigentlichen Meister zuordnet. Erst seit der Aufklärung entsteht die Herausforderung der so bezeichneten Emanzipation. sei es. daß. Erst seit der Aufklärung wird das ehedem nur auf freie Bürger . Freilich wurde die Relation von Herr und Knecht in ihrer unendlichen Abstufungsskala. der Geknechteten und der Abhängigen aller Art ermöglicht. der Hörigkeit. im Zuge der Zeit die wahre Herrschaft den Knechten selber zuwächst. daß die Priester als Knechte Gottes die Oberherrschaft in dieser Welt für sich beanspruchten oder Herrschaft indirekt zu kontrollieren suchten. Die Stoa und das Christentum haben durch ihre Lehren von der inneren Freiheit. daß in Anbetracht der obwaltenden Herrschaftsformen auch die Rechtmäßigkeit von Herrschaft bis in das 18. eine Anerkennung auch der Sklaven. Sei es. der durch den Aufweis der Freiwilligkeit jeder Knechtschaft zeigen wollte. mußte dies freilich nicht tun. der Knechtschaft oder der Sklaverei. als Institution jemals in Frage gestellt. Keine theologische oder moralische Lehre von der inneren Freiheit oder der Gleichheit aller Menschen vor Gott oder von ihrer naturgegebenen Gleichheit hat die Institution der Unfreiheit. etwa im Lehensverhältnis. der sich als Inversionslehre bezeichnen ließe.Grenzverschiebungen der Emanzipation 183 Grob gesprochen läßt sich sagen. auf die Beziehung von Herr und Knecht einwirken. Damit wird vorerst die gegenseitige Anerkennung erzwungen und schließlich die Auflösung aller personalen Abhängigkeiten in gesellschaftliche Funktionsbestimmungen denkmöglich gemacht. deren fürchterlichste Ausbreitung in die frühe Neuzeit fällt. Jahrhundert hinein nicht grundsätzlich bestritten wurde. seit Diderot und Hegel. Das führt uns auf einen weiteren Typus der Argumentation. die Herrschaft von Menschen über Menschen grundsätzlich zu beseitigen erheischt. in der Theorie selten ohne Modifikationen hingenommen. Sie schließt von der wohlbegriffenen Knechtschaft auf eine besser begründete Herrschaft. daß sie auch durch freien Willen beseitigt werden könne (1577). sei es.

Jahrhundert aus einer europäischen zu einer weltgeschichtlichen Herausforderung geworden ist.die davon erwartete. Herrschaft über Menschen ausüben zu sollen. hat bisher nirgends stattgefunden. anders gewendet ihre innergeschichtliche Erlösung oder die Aufhebung der Entfremdung. Das Neue an der Position der Aufklärung besteht darin. . wenn sie auch äußerlich sich verwirkliche. die Bedeutung und Bedeutungsausweitung von ›emancipatio‹ nachvollzieht. zum allgemeinen Recht: daß Herrschaft nur noch Selbstherrschaft der mündigen Menschen (erst der Männer. wo das Postulat einer restlosen und endgültigen Befreiung der Menschen von menschlicher Herrschaft aufgestellt wird. daß sie keinen Ausweg mehr zuläßt: weder in das isolierte Innere noch in ein Jenseits. die bis dahin für Knechtschaft oder erlittene Schmach kompensatorisch wirken mochten. dann auch der Frauen) über sich selbst sein könne. daß nämlich innere Freiheit nur Bestand haben könne. daß diese Instanzen für die Menschen unseres Jahrhunderts entfallen wären: Vielmehr werden sie dort argumentativ ausgespart oder beseitigt. die seit dem 1 8 .logisch in sich widerspruchsfreies und moralisch einsichtiges . Aus einem früher nur moralphilosophisch lesbaren Satz der Selbstbeherrschung wird ein politisches Postulat. die umkämpfte und erhoffte Befreiung der Menschen aus menschlicher Abhängigkeit. Die Beweislast für ein solches . Erstens werde ich eine begriffshistorische Skizze bieten. Zweitens werde ich einige systematische Folgerungen aus der Begriffsgeschichte zu ziehen versuchen. Damit bin ich bei jener Thematik.i84 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten oder Herren beschränkte Vorrecht. gegen die sich alle bisher gemachte Erfahrung gesperrt hat. Damit soll nicht gesagt sein. Die Verwandlung von personaler Herrschaft in rationale Verwaltung mag sich empirisch aufweisen lassen . Jahrhunderts aus seinen naturrechtlichen Begründungszusammenhängen verlagert und einer geschichtlichen Zukunft zugemutet. Ich werde sie in zwei Durchgängen behandeln. zwei Instanzen.Postulat wurde nun im Laufe des 1 8 .

Bürgerrecht.nur Verfügungsgewalt über Eigentum stand ihm nicht zu. Der Sprachgebrauch wurde elastisch. die ursprünglich nur auf die Freilassung der Sklaven zielte). Damit verlor der Ausdruck seine spezifisch römisch-rechtliche Bedeutung eines einseitigen Rechtsaktes des pater familias und wurde generell verwendbar für jenen von Natur aus erreichbaren Zustand der Volljährigkeit und Mündigkeit. auch schon der damit erreichte Zustand der Unabhängigkeit als Emanzipation umschrieben werden konnte. die der Bildung einer eigenen familia entgegenkamen. kraft dessen ein pater familias seinen Sohn aus der väterlichen Gewalt entlassen konnte. gehörte zu den Sätzen zahlreicher Naturrechtslehren bereits vor der Aufklärung. abgeleitet von ›e manu capere‹. bestand nicht. sich vom Vater gewaltfrei zu machen. wurde zivilrechtlich sui iuris. gleichsam von selbst. während. spätestens mit fünfundzwanzig Jahren. auch die zivilrechtliche Selbständigkeit gewinnen ließen.und Rechtsunterschiede mit ihren grandherrschaftlichen oder lehensrechtlichen Abhän- . Ein rechtlicher Anspruch. die durch das Erreichen des Mündigkeitsalters. um 1 7 0 0 . Damit schied der Sohn vollständig aus der Familie aus. So wurde etwa nur die vorzeitig gewährte Freilassung als Emanzipation bezeichnet (oder auch als manumissio. durch Heirat. Die tatsächlich herrschenden Rang.Grenzverschiebungen der Emanzipation 185 I. bezeichnete in der römischen Republik jenen Rechtsakt. Die römisch-rechtliche Deutung verlor damit ihr begriffliches Monopol.durch Verwaltungsakte. Im Mittelalter wurde der terminus technicus auch im Bereich der germanischen Gewohnheitsrechte verwendet.und Heiratsfähigkeit besaß auch der nicht emanzipierte Sohn . Daß die Emanzipation sich durch das von Natur erreichbare Mündigkeitsalter von selbst einstelle und damit auch die Rechtsfähigkeit. Die einseitig mögliche Entlassung aus der patriarchalischen Hausgewalt wurde im Laufe der späten Republik und Kaiserzeit mehr und mehr erleichtert . Handels. Zur historischen Semantik der ›Emanzipation‹ ›Emancipatio‹. ökonomische Selbständigkeit oder Besitz von Ämtern und Würden. Dieser Schluß von naturalen Vorgaben auf Rechtsfähigkeit sollte seitdem dem Ausdruck innewohnen bleiben.

i8é Teil II: Begriffe und ihre Geschichten gigkeiten oder mit ihren ständischen Vorrechten.sprach. sondern zunächst entlang der verbalen und adverbialen Verwendung unseres Ausdrucks. die soziale. Jahrhundert. ob sie einseitig getätigt wurde oder von Natur aus sich einstellte. die von der Rechtssprache gerade ausgeschlossen war. Jahrhundert . Jahrhundert hinein durch keine Emanzipation tangiert werden. Es darf die These gewagt werden. Genau diese Bedeutung wuchs nun . Jede Emanzipation. sodann forciert wurde. ›verkaufen‹. der eine generelle Freisetzung von Herrschaft hätte indizieren können. wobei freilich nicht die rechtliche Sprache. setzte Herrschaft voraus. Es gab keinen rechtlichen Terminus. Daß jemand sich selbst emanzipieren könne. Die Ausweitung des schließlich revolutionären Bedeutungspotentials von Emanzipation aus dem zivilrechtlich Begrenzten in den Bereich allgemein menschlicher Beziehungen und Verhaltensweisen vollzog sich .und sozialgeschichtlich einsichtig . Nach der Übernahme von Substantiv und Verb in die westeuropäischen Volkssprachen . ausgehend vom gewohnheitsrechtlichen Sinn der Mündigwerdung. ökonomische und soziale Verfassung erstreckten. Jahrhundert . die sich aus allen Vorgeboten und Abhängig- .dem Terminus ›Emanzipation‹ zu. der Poeten und Philosophen. die politische und vor allem die philosophische Wortverwendung die entscheidende Bedeutungsveränderung hervorrief. in England und Deutschland im 17. daß mit dem Aufkommen der reflexiven verbalen Verwendung ›sich emanzipieren ein tiefgreifender Mentalitätswandel zunächst indiziert. der anfangs den von Natur aus Jugendlichen meinte. konnten freilich bis in das 18. war in der Tradition des römischen Rechts undenkbar. der dann mannbar und mündig wurde. Der Gebrauch des Verbs emancipate war im Lateinischen transitiv und konnte z. seine naturale Bedeutung verlor: ›Knecht‹ konnte man im feudalen System zeitlebens bleiben. Anfangs ein Wortgebrauch der Intelligenz. So ist es kein Zufall. der. ›veräußern‹ bedeuten.B.tauchte nun ein reflexiver Gebrauch auf. endlich eine Selbstermächtigung indizierte.im späten 18.nicht entlang dem zivilrechtlich besetzten Substantiv ›Emanzipation‹. wenn im spätmittelalterlichen deutschen Sprachbereich der Ausdruck ›Knecht‹. die sich auf die gesamte politische.in Italien und Frankreich im 14. sondern die psychologische.

die sich von Gott und der Vernunft emanzipiert hätten. Von Bacon . So wird 1595 einer der Gründe des religiösen Bürgerkrieges in Frankreich darin gesehen. Im Deutschen wurde dieser sprachliche Befund . Institutionen und ganze Völker ausgedehnt. Freilich kannte die Selbstermächtigung übergreifende Legi- .Grenzverschiebungen der Emanzipation T8 7 keiten zu befreien suchten.bis zu Bentham. daß sich der Dritte Stand zu sehr emanzipiert. jede Unterwürfigkeit abgestreift habe . die sich von bereits etablierten Regierungen emanzipiert hätten: Immer wurde der Akt der Mündigsprechung durch den Schritt zur Selbstermächtigung überholt. auch wenn das Ergebnis: gewaltfrei zu werden.»for I do take the consideration in general. In gewisser Weise hat sich in der frühen Neuzeit der römisch-rechtliche Sinn in sein Gegenteil verkehrt.über Sir Thomas Browne. Derartige anthropologisch und psychologisch lesbare Wendungen richteten sich gegen Kirche.. Dem reflexiven Wortgebrauch wohnte eo ipso eine antiständische Stoßrichtung inne. daß die Menschen sich von den Regeln der Natur emanzipieren.von den lexikalischen Sprachverwaltern meistens negativ registriert: was die antiständische Pointe nur bestätigt. So war die Rede vom emanzipierten Herzen. Montaigne sah den Unterschied zum Tier darin begründet. Rabelais sprach von Leuten. Am weitesten und schnellsten ausgebreitet hat sich offensichtlich die positive Assoziation der Selbstbefreiung in England. daß man sich aus der Knechtschaft der Ignoranz emanzipieren solle. um ihren perversen Affekten nachzujagen. wird die neue aktivistische Wortverwendung zunehmend auf Gruppen. der den Glauben auf die Vernunft gründete. 1455). die sich von allen schriftlichen Zeugnissen emanzipiert habe .zweihundert Jahre vor der großen Revolution. of human nature to be fit to be emancipate and made a knowledge by itself« .allen Gehorsam aufzusagen oder sich ungebührliche Freiheiten anzumaßen . Tradition und Autorität und wirkten sich schnell auch im politischen Bereich aus. um der Freiheit ihrer Phantasie folgen zu können. aber auch im positiven Sinne davon. Theologie.. das sich der religiösen Gelübde entziehe (René d'Anjou. vom transitiven wie vom intransitiven Wortgebrauch zugleich abgedeckt wurde. der Regierungen entstehen sah.

Instanzen also. daß die Menschen. war ein exakterer und auch wirksamerer Sprachgebrauch als die immer noch herrschaftsgebundene Metaphorik einer juristischen Emanzipation. Die Übertragung der natürlichen Reifung in einen sittlichen und politischen Imperativ. »naturaliter majorenn. In Kenntnis der römisch-rechtlichen Bedeutung definierte deshalb Kant Aufklärung nicht als Emanzipation. als er davon ausging. teils Ziel. der Vernunft oder des freien Willens. die auch jenseits des reflexiven Emanzipationsbegriffes seit der Aufklärung alle überkommene Herrschaft unter Rechtfertigungszwang und Veränderungsdruck setzen. sondern als den »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit«. die sich selbst zu emanzipieren legitimiert wußten. wurde damit ein prozessuales Geschehen umschrieben. Die Aufklärung als Stimulans und als Vollzug der Mündigwerdung erstreckt sich damit auf eine Zeit. die den einmaligen Rechtsakt einer Emanzipation übersteigt. der sowohl naturgemäß. Kant konnte auf den Terminus »Emanzipation um so mehr verzichten. durch Emanzipation jemanden zivilrechtlich gleichzustellen (der in der Rechtssprache des Code Napoléon rigoros gewahrt blieb). Die Mündigkeit. dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben«.i88 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten timationstitel: der Natur. die sich von Natur aus mit jeder nachrückenden Generation immer aufs neue einstellt. Teils Wirklichkeit. der Vernunft und des freien Willens führten insgesamt zu einer geschichtsphilosophischen Neubesetzung unseres Begriffes. entsprechend dem Gewohnheitsrecht. für das sich bald danach der Ausdruck ›Emanzipation‹ durchsetzte. der in Paris während der Revolution die kantische Geschichtsphilosophie unter den neuen und modisch werdenden Begriff der Emanzipation subsumierte. sie wurde zur geschichtlichen Zukunftsperspektive einer sich politisch selbst beherrschenden Menschheit. Damit gewann der Ausdruck im Deutschen zugleich Anschluß an den umgangssprachlichen Sinn der westlichen Nachbarn: sowohl refle- . Das hatte nun Rückwirkungen auf den neuen ausgeweiteten Bedeutungsgehalt von ›Emanzipation‹: Der einseitige Akt der staatlichen Gewalt. wurde unterfangen durch die Forderungen derer. Die vorgeordneten Rechtstitel der Natur. Forster war der erste. aber auch mehr ist als Natur.

. der durch Selbstemanzipation fällig wird. Emanzipation wird zum authentischen Fall eines geschichtsphilosophischen Prozeßbegriffes. Emanzipation wurde. nicht nur den rekurrenten natürlichen Reifungsgrad der nachwachsenden Generationen zu indizieren. »Es ist die Emanzipation.Auch die Wiedererweckung des Begriffs seit den sechziger Jahren des 20. der sowohl liberal auslegbar war . sozialer. Der Vorzug des neuen Emanzipationsbegriffes. kollektiver Selbstermächtigung sowie rechtlicher Normierung gewann ›Emanzipation‹ seine neue geschichtliche Qualität. . lag darin.« Emanzipation wurde zum geschichtlichen Bewegungsbegriff. der klarste Systematiker einer emanzi- . Der Begriff war zugleich normativ.»Was ist die große Aufgabe unserer Zeit?« fragte Heine 1828. Frankfurter Juden. Jahrhunderts hat ihm theoretisch keine neuen Valenzen mehr hinzugefügt. wie er um 1800 allgemein verwendbar wurde. sondern ebenso den rechtlichen Akt der Befreiung anzuzeigen. sondern es ist die Emanzipation der ganzen Welt.zugunsten des Gemeineigentums. der vor allem in der ersten Hälfte des 19. wie sozialistisch . wie demokratisch . ohne deshalb seine juristischen Implikationen zu verleugnen.Grenzverschiebungen der Emanzipation 189 xiv als Selbstbefreiung aus allen Fesseln der Tradition begriffen zu werden . absonderlich Europas. der Aristokratie. politischer oder ökonomischer Ungleichheit zielten. Jahrhunderts die Kraft eines Leitbegriffes in sich versammelte. Emanzipation lieferte den justitiablen Nenner für alle Forderungen.zugunsten der Herrschaft von Gesetzen. die auf die Beseitigung rechtlicher. ein prozessualer Gehalt beschlossen. westindischen Schwarzen und dergleichen gedrückten Volkes.zugunsten der Volkssouveränität. Nicht bloß die der Irländer. entwicklungsgeschichtlich und selbstreflexiv lesbar: In seiner Verzeitlichung lag immer ein rechtstiftender. der durch einen staatlichen Rechtsakt legalisiert werden mußte. Griechen. In diesem Dreieck zwischen naturalen Vorgaben. Damit wurde der Ausdruck in jedem Fall zu einem Begriff. der persönliche Herrschaft von Menschen über Menschen zu beseitigen forderte. wie es Scheidler.wie auch normativen Anspruch anzumelden. als vermeintliches Mittel zur Beseitigung ökonomischer Herrschaft. das mündig geworden ist und sich jetzt losreißt von dem eisernen Gängelbande der Bevorrechteten. individueller bzw.

1840 formuliert. daß die legalen Gesetzesakte.die sogenannte Emanzipation der Katholiken . in Baden 1808 oder in Preußen 1812. daß hinter jeder Emanzipation mehr Ansprüche angemeldet wurden. die eine rechtliche Gleichstellung bisher geknechteter Gruppen vollzogen . die Gesetze zur später sobenannten Bauernbefreiung. Aber im gleichen Moment verlor der Ausdruck auch seine Stringenz. nachdem er durch seine katholische Massenorganisation das passive Wahlrecht aller Katholiken in Großbritannien durchgesetzt hatte . das einen minimalen Konsens über die Gleichberechtigung aller Menschen voraussetzte oder evozieren sollte. als rein juristisch im Augenblick einlösbar schienen. Drittens zielte Emanzipation auf Herrschaftsfreiheit und Gleichberechtigung der ganzen Menschheit. den Frauen. Er gewann den Status und die Evidenz eines Schlagwortes: eines Schlagwortes freilich. obwohl die Gesetze unter dieser Bezeichnung in die politische Sprache und damit in das allgemeine Bewußtsein eingegangen sind. der Welt oder der zu emanzipierenden Zeit.mit politischem Spürsinn voraussagte: »How mistaken men are who suppose that the history of the world will be over as soon as we are eman- . den Terminus rechtssprachlich nicht verwendet haben. Als politischer Kampfbegriff. Es fällt nun auf. die Katholikenemanzipation in Irland 1829 oder die Sklavenemanzipation 1865 in den USA -. zu dem »praktisch wichtigsten aller Begriffe«. spätestens seit 1830. denn er wurde plurivalent. Dieser Befund läßt vermuten. konnte mit politisch völlig differierenden Inhalten besetzt werden. Schichten. wie man damals emphatisch sagen konnte.die Emanzipation der Juden in Frankreich 1791. Zweitens.IQO Teil II: Begriffe und ihre Geschichten patorischen Geschichtsphilosophie. daß den formulierenden Juristen die enge und strenge römisch-rechtliche Bedeutung ebenso präsent war wie das Gespür dafür. um individuelle und personale Gleichberechtigung mit dem jeweils vorgegebenen bürgerlichen Rechtszustand zu erlangen. Wie es O'Connell. um Gruppengleichberechtigung zu ermöglichen: Klassen. wurde ›Emanzipation‹ allerorten verwendet: Erstens. ohne darüber seine allgemeine Plausibilität zu verlieren. ganzen Völkern. den jeweiligen Kirchen und Religionsgemeinschaften.

Grenzverschiebungen der Emanzipation 191 cipated! Oh! That will be the time to commence the struggle for popular rights.« Das Ziel einer universalen Gleichberechtigung. löst offenbar mit jeder teilweisen Emanzipation Folgelasten aus. diese die folgenden Wahlrechtsausweitungen. die ex ante mit der Deklaration der Menschenrechte aufgestellt worden ist. der seit der Deklaration der Menschenrechte weiterhin einlösungspflichtig war. daß die Folgelasten einer rechtlichen Emanzipation weiterreichten und länger währten.und Außenpolitik geblieben ist. Damit blieb ein Rest. die wiederum nur durch Emanzipation zu bewältigen sind. implizit die Herrschaftsfreiheit aller mitsetzend. London 1888. The English Catholic Church in the Nineteenth Century.1. J. teils unerwartet . Oder um das amerikanische Beispiel zu nennen: Im Unabhängigkeitskrieg wurde das Postulat der Sklavenbefreiung abgekappt. die bis heute trotz langsamen und schubweise vorangetriebenen Wandels eine Herausforderung an jede amerikanische Innen. die erst lange nach 19151 ihren generell demokratischen Abschluß fanden. W. Eine gewisse Teleologie ex post. Fitzpatrick. nach: Norman Edward. Um bei unserem englischen Beispiel zu bleiben: Die Katholikenemanzipation forcierte die Wahlrechtsreform von 1832. entspricht der Zielbestimmung. zit. 8 . als daß sie durch einen legalen Akt schon hätten aufgefangen werden können.zu einer Verfestigung der sozioökonomischen und damit auch der politischen Ungleichheit. Oxford 1 9 8 4 . die erfahrungsgesättigt ist. Aber die tatsächliche Geschichte ist bisher nirgends einem noch so einsichtigen Programm linear gefolgt. ed. . die eine Umverteilung der Vermögen und der Produktionsgewinne zugunsten einer sozialen Gerechtigkeit auslösten. 3 3 f. ohne daß bisher ein ökonomisches Gleichgewicht erreicht worden wäre . um den Krieg nicht durch eine sozialökonomische Revolution zu überbieten und um seinen Sieg zu bringen. Es ist offenbar ein Dauerproblem. 176. 1 I Correspondence of Daniel O'Connell.als Voraussetzung einer anwährenden sozialen Gerechtigkeit. Die legale Gleichstellung der Schwarzen im Gefolge des amerikanischen Bürgerkrieges führte teils vorhergesehen. Seitdem folgen die sozialstaatlichen Aufgaben. ja oft erst auftauchten.

Die von der Französischen Revolution eingeführte zivilrechtliche und politische Gleichberechtigung hat Napoleon für die elsässischen und rheinischen Juden wirtschaftsrechtlich wieder eingeschränkt. wurde zum guten Teil durch ökonomische Herrschaftsbestimmungen wieder ausgehöhlt . daß sie immer wieder von Rückschlägen aufgehalten worden ist. Damit gingen den Katholiken rund sechzig Prozent der von ihnen wählbaren Abgeordnetensitze verloren. die gegen die rebellierenden Südstaaten deshalb zu kämpfen sich weigerten. so läßt sich erstens beobachten. Als den Katholiken 1 8 2 9 das Wahlrecht konzediert und damit das politische Monopol der anglikanischen Staatsreligion durchbrochen wurde. zweitens stelle ich Fragen an die plurivalente Begriffsverwendung. um Folgerungen daraus anzubieten.ganz abgesehen davon. Ähnliche Rückschläge lassen sich in der Geschichte der Judenemanzipation aufzeigen. hob das britische Parlament im gleichen Akt den Zensus von vierzig Schilling auf zehn Pfund an. weil sonst die emanzipierten Schwarzen in ihre Arbeitsplätze einrückten. Im Bürgerkrieg gab es zahlreiche weiße Arbeiter. Wahlkreisverschiebungen. Konformitätstests der Verfassungstreue und dergleichen mehr . . die zum Schluß aufgeworfen werden sollen. IL Grenzen der Emanzipation? Verfolgt man die Durchsetzungsgeschichte legaler Emanzipationsakte. Die politische und die ökonomische Emanzipation blockierten sich gegenseitig. Was politisch einzuräumen unumgänglich geworden war.für viele Jahrzehnte fast auf den Nullpunkt zurückgeschraubt. Lesetests. Auch unsere Beispielreihe aus den USA zeugt von analogen Rückschlägen.Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Das führt auf einige systematische Fragen. Glimpflicher. Ich gehe dabei in zwei Schritten vor: Erstens argumentiere ich mit Hilfe empirisch begriffener Tatbestände. daß das tägliche Brot den Iren weiterhin fehlte. Dasselbe gilt in weit höherem Maße für den Kirchenstaat nach 1 8 1 5 . Später wurden die den Schwarzen einmal zugestandenen gleichen Wahlrechte durch halblegale Manipulationen .durch Ahnentests.

Eine erste Folgerung läßt sich aus diesen historischen Befunden ziehen. inzwischen fast selbstverständlich. wenn der Rechtssatz von der Gleichberechtigung aller Menschen auf diesem Globus nicht nur als legale Norm proklamiert. Die 181 z in Preußen gewährte zivilrechtliche Gleichstellung wurde nicht auf den nach 1815 vergrößerten Staat ausgedehnt. Es entstand ein rassisch und ökonomisch motivierter Bürgerkrieg. Hier liegt eine geschichtliche Erfahrung vor. nachdem 1869 zur bürgerlichen auch die politische Gleichstellung. mit Hilfe der Jakobiner im Mutterland. ein Abrechnungs. Es sei hier vermieden. die Menschen. Französisch-Haiti. Immer kommen gesellschaftliche und ökonomische Bedingungen ins Spiel der Argumente. unter Toussaint l'Ouverture. um ein Uberleben zu sichern. dessen Schrecken sich aber seitdem perpetuiert hat. Sie kann nur gebannt werden. die von hinderlichen Verhaltensweisen zeugen. den empirischen Ausgang dieser Bedingungsprognose einseitig hochzurechnen. der von den revolutionären Idealen ehrlich durchdrungen war. um die Gleichberechtigung zu verwirklichen: Eine Garantie dafür bietet er nicht.Grenzverschiebungen der Emanzipation 193 aber ähnlich ist die Geschichte der Judenemanzipation in Deutschland eine Geschichte der Retardationen. sondern als politisch notwendiger und einlösungspflichtiger Satz der Gerechtigkeit eingeübt wird. deren Wiederholung unter analogen Bedingungen eine bisher nicht gebannte Gefahr darstellt. da kostete die Verwirklichung fünfundneunzig Prozent der ehemaligen weißen Herren das Leben.und Rachekrieg. Als die erste schwarze Kolonie. der erst durch Napoleons und Britanniens Eingreifen sein Ende fand. aber niemals hinreichende Bedingung effektiver Gleichberechtigung. Der legale Rechtsakt einer Gleichstellung kann eine Hilfe oder eine Waffe sein. Vollends verbietet es sich. Auch eine zweite Beobachtung führt uns über die Grenzen nur legaler Emanzipation hinaus. Die legale Emanzipation ist also eine notwendige. die Vernichtung der Juden durch die .und Bürgerrechte in eigener Souveränität verwirklichte. Die gleichen Hindernisse blieben de facto selbst dann bestehen. vor allem wurden die akademischen Laufbahnen durch eine nachgeschobene Deklaration den Juden wieder verschlossen. hinzugekommen war: Öffentliche Ämter zu erlangen blieb den Juden fast ganz versagt.

legal in einem generellen Akt gewährt werden zu können. Der Massenmord an Unschuldigen entzieht sich jeder Verrechnung. die den Gegensatz zwischen Juden und Christen aufheben oder erübrigen würde. Aber die geschichtlichen Folgelasten gerieten aus dieser individualistischen Perspektive in ein totes Ende. durch Erlangung einer überkonfessionellen oder außerkonfessionellen gemeinsamen Lebensform. Die meisten Emanzipationstheorien des 1 9 . einen Staat im Staat oder eine Nation in der Nation zu bilden. Jesuiten. Beide Zielbestimmungen waren auch für eine Minderheit der Juden erstrebenswert. So verweist uns die Judenvernichtung auf die negative Erinnerung als mögliches Unterpfand künftiger Handlungsmaximen: Ohne vorgängige und gegenseitige Anerkennung der Gleichberechtigung aller Menschen und ihrer Religionen läßt sich keine wie auch immer organisierte politische Friedensordnung auf dem Globus erreichen. daß sich die Juden auf die Länge zu assimilieren hätten.194 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Deutschen als einen Rückschlag in der Emanzipationsgeschichte zu definieren. Toleranz wird zum Testfall aller Beteiligten. Aber die Kehrseite dieses vermeintlich evolutionären Emanzipations- . Alle den Tatbestand einkreisenden sozioökonomischen oder ideologiekritischen Erklärungsversuche oder Parallelen erreichen nicht das factum brutum der Vernichtung selbst. zumindest akzeptabel. Jede Anerkennung der Gruppen als solcher geriet in den Verdacht. sei es herkömmlich. ob es sich um Freimaurer. Juden. respektive Protestanten oder Katholiken oder um ständisch begriffene Klassen handelte. Die liberale Theorie hat die Gleichberechtigung der zu emanzipierenden Gruppen immer nur auf deren Individuen bezogen. einer Zuordnung von Schuld und Sühne. die als Mensch und Bürger in die gleichen Rechte einrücken sollten. Es entzieht sich sogar. Das führt auf eine dritte Beobachtung im Gefolge der bisherigen Emanzipationserfahrungen. allen legalen Versuchen zum Trotz. Jahrhunderts gingen davon aus. durch Konversion zum Christentum. Auch die Sinnstiftung eines aktiv oder passiv gemeinten Opfers verweigert sich von selbst. wie sie die übrigen Teilhaber der vorgegebenen Rechtsgemeinschaft innehatten. Die Anerkennung der Individuen als Mensch und Bürger hatte den Vorteil. sei es progressiv.

oder ob Marx mit der Emanzipation der Arbeiterklasse in eine herrschaftsfreie klassenlose Gesellschaft auch die Bedingungen jeder weiteren Emanzipation aufgehoben glaubte: Die Juden mußten als Juden in diesen Perspektiven allemal verschwinden. Keine Emanzipation kann nur die Individuen gleichstellen. Emancipation and the Structure of the Jewish Community m the Nineteenth Century. Das aber setzt die Anerkennung und Gleichberechtigung von Gruppen voraus.Grenzverschiebungerl der Emanzipation 195 prozesses lag darin. Ohne einen. sie muß allemal die zwischenmenschlichen Bindungen einbeziehen. und die in Frankreich durch Napoleons erzwungene nationale Organisation der Sanhédrins immerhin gesamtstaatlich abgesichert worden war . und mehr noch in den religiös pluralistischen USA. ohne de2 z Vgl. in denen die wirklichen Menschen leben. sondern als Gruppe. von Parteien und Verbänden oder innerhalb föderativer Verfassungen. sei es von Vereinen. Yearbook XXXI (1986). Robert Liberies. Hier blieb den Juden jene Anerkennung versagt. Verschwinden nicht als gleichberechtigte Individuen. wie auch immer legalisierten. Eine weitere Folgerung läßt sich aus diesen historischen Befunden ziehen. daß die jüdische Religionsgemeinschaft den christlichen Kirchen gleich geachtet wurde. S. daß es gerade christlich-konservative Argumente waren. oder ob Bruno Bauer mit der Erübrigung einer christlichen Jenseitsreligion auch die jüdische Frage gelöst sah. als Religionsgemeinschaft oder als eigene Nation oder als Rasse. Pluralismus. die im England der Dissenters und nichtanglikanischen Denominationen möglich wurde. Der Mensch lebt stets in Handlungseinheiten. Es ist eine Ironie der damaligen Situation. Ob nun Kant »die Euthanasie des Judentums« mit der künftigen reinen moralischen Religion erwartete. von Religionsgemeinschaften. 51-67. die am ehesten das fremdartige Judentum als solches anzuerkennen fähig waren: Freilich lauerten dahinter allzugern antijudaische und später antisemitische Vorbehalte. in: Leo Baeck Institute. . wie immer auch sie begriffen wurden oder sich selbst begriffen hatten.was im Deutschen Reich nicht gelang. daß er die Juden als Juden gerade nicht emanzipierte. die es in Deutschland verhinderten. wird sich überhaupt keine Gleichberechtigung verwirklichen lassen.

Begegnungen vor Gericht. als theoretische Voraussetzung ihrer Gleichberechtigung. ohne sie als soziale oder religiöse Gruppe einlösen zu können. die nicht nur individualrechtlich. Rechtliche Normen.. Prognosen zu stellen.Jede Emanzipation von Völkern zu staatlich souveränen Handlungseinheiten hat bisher Minoritätenfragen hervorgerufen.Beispiele erübrigen sich. Die rechtlich abgesicherte sozialemanzipatorische Aufgabe der Gewerkschaften gerät in Anbetracht der offenbar strukturellen Wirtschaftskrise ins Abseits: was ihre Gruppenrechte nicht beseitigen darf. ob regional oder global. Die Geschichte der Anerkennung der Wirksamkeit der Gewerkschaften in Deutschland darf als bisher (1988) halbwegs gelungenes Beispiel dienen. Oxford 2000. . gehören zu jeder Ökonomie. im früher industrialisierten England heute dagegen weniger. . Ob die Rückbesinnung der Schwarzen in den USA auf eine besondere Identität . The German Historical Institute London. Betrieben und Ämtern einen Anerkennungsschub erzeugt. Die Gleichheit aller Menschen.Ein analoges Problem existiert im Staat Israel. aber nicht völlig unmöglich. dessen Pegelstand wohl nicht mehr gesenkt werden kann. Die universale Gerechtigkeitsprämisse kann als po3 3 Dazu neuerdings Willibald Steinmetz (Hg.196 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten ren Zusammenhalt auch keine individuelle Gleichberechtigung möglich zu sein scheint. Comparing Legal Cultures in Britain.black is beautiful . Germany and the United States. so ist es besonders schwierig. Hochschulen.meist fatale . dessen arabische Bürger individuell volle Gleichberechtigung genießen.und interne Homogenität der allgemeinen Gleichberechtigung Vorschub leistet oder ihr auf die Dauer hinderlich ist. sie sind auf dem ganzen Erdenrund zu finden. France. kann also nur gewahrt werden. sondern ebenso gruppenspezifische Anerkennung erforderlich und erst dadurch Gleichberechtigung möglich machen. Wird diese historische Folgerung als Diagnose der heutigen Lage akzeptiert.). Sicherlich hat die gruppenspezifische Zulassungsquote zu Schulen. erkämpft oder gewährt. Weitere . Proportional dazu schrumpfen ihre individuellen Rechte. Private Law and Social Inequality in the Industrial Age. wenn die Vielzahl der konkreten Handlungseinheiten berücksichtigt wird. ob ausgehandelt. München 2002. sowie ders. . ist schwer abzuschätzen.

. Aber ebenso wirksam blieben danach die konfessionell gebundene Partei des Zentrums und das moralische Gewicht der katholischen Kirche: als gruppenspezifische Handlungseinheiten im säkularen Staat. wenn überhaupt. die nicht allein rechtlich zu lösen sind. die aber als Stimulans und zur Korrektur des Handelns um so wirksamer sein kann. soziale. zumindest Probleme offenhält. daß eine Legalisierung emanzipatorischer Postulate neue Probleme generiert.Die absurde Folgerung. In der Realität können sie sich immer wieder gegenseitig blockieren. Deshalb scheint es angebracht. eine ausweglos scheinende Situation hinzunehmen oder gar als ausweglos zu deklarieren. die. Der Kulturkampf wurde seitens des Zentrums und der katholischen Kirche im Namen derselben Grundrechte geführt. Der vergleichsweise konfessionsneutrale Staat hat sich durchgesetzt: Der Kirchenaustritt ohne Konversionszwang. . . konfessionelle und ökonomische Emanzipationspostulate sind nicht unmittelbar zur Deckung zu bringen. sowie die Zivilehe sind zum individuellen Rechtsgut jedes einzelnen geworden.Grenzverschiebungen der Emanzipation 197 litisches Minimalgebot nur wirken. Als letztes Beispiel sei der zweite preußische Kulturkampf abgerufen. Die durch die Reichsverfassung von 1867/71 abgesicherte Gleichberechtigung der individuellen Bürger rief erst die gruppenspezifische Auseinandersetzung hervor. die ihrer Verwirklichung hinderlich sind. in deren Namen die Liberalen jeden öffentlich-rechtlichen Einfluß der Kirchen auf Schule und Ehe zu beseitigen trachteten. um ihr durch die Vernichtung des anderen ein Ende zu bereiten. einer anderen Kirche beitreten zu müssen. können aber ebenso unlösbare Widersprüche hervortreiben. Wovon zeugen die angeführten empirischen Befunde? Sie haben uns in vier situative Aporien geführt.Individualrechtliche und gruppenspezifische Ansprüche auf Gleichberechtigung stützen sich gegenseitig ab. Nun hat sich diese historische Situation (fast) überholt.Diese Aporien führten im Lauf der Zeit aber auch dazu. zum Schluß den Begriff . führt uns in apokalyptische Dimensionen. nur im Zuge der geschichtlichen Zeit auflösbar waren: Politische. Die geschichtliche Erfahrung zwingt freilich zur Skepsis. wenn die jeweiligen Gemeinsamkeiten in ihrer Vielfalt eine relative Bestandsgarantie gewinnen.

Das naturale Substrat.198 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten der Emanzipation noch einmal auf seine Berechtigung und auf seine Tragfähigkeit hin zu gewichten. das dem Emanzipationsbegriff zugrunde liegt. Gegen die postulierte und aus der Gleichberechtigung aller . möglich sein wird. entsteht die Möglichkeit. Vor allem ändern sich seit der technisch-industriellen Revolution ständig die ehedem stetigen Rahmenbedingungen. wie es die Möglichkeit neuer Emanzipationen aus sich hervortreibt. daß jede nachwachsende Generation mündig wird. Was für die Väter üblich war. Hier spielt nun der überkommene Emanzipationsbegriff als universale Zielbestimmung eine ambivalente Rolle. hier oder dort. Die apokalyptisch deutbaren Drohungen auf unserem Planeten sind zu hautnah. sich aus bislang vorgegebenen Bindungen zu befreien. sofern sie Geschichten zeitigt. immer schon in gesellschaftliche Veränderungen ein. gewohnheitsrechtliches Erbe pflegend. wenn neue Verhaltensweisen zum Uberleben erlernt und eingeübt werden. Mit jeder nachwachsenden Generation. Vielmehr rückt die naturale Vorgabe. . Hinzu kommen neuerdings sich steigernde religiös motivierte Totalitätsansprüche. Dabei handelt es sich nur vordergründig um den sozialpsychologisch lesbaren Konflikt. einzudämmen Befreiung verheißen kann. die von Natur aus nachwachsen und deshalb mit größerer Unbefangenheit die Herausforderungen aufzunehmen befähigt scheinen oder genötigt sind. ist so dauerhaft. korrespondierend den absterbenden Generationen.Freilich reicht es nicht aus. die. deren Abwendung nur dann. ist nicht mehr notwendigerweise richtig für die folgenden Generationen. der zwischen Eltern und Kindern regelhaft wiederzukehren pflegt. 2. eine Grundkategorie aller denkbaren Geschichten. Hier ist auf die ökologische Krise und auf die Drohung durch atomare Vernichtung zu verweisen. als daß nicht jetzt schon generationsübergreifende Verbindlichkeiten formuliert und ausgesprochen werden müßten. Insofern ist Emanzipation. In diesem Sinn ist Emanzipation als Befreiung von solchen Vorgaben legitim. wenn überhaupt. 1. die das Überleben auf dem Globus verhindern. die in neue Herausforderungen hineinwachsen. unter denen unser Leben institutionell geregelt wird. Hoffnung und Vertrauen nur auf die kommenden Geschlechter zu setzen.

daß der darin enthaltene gleiche Rechtsanspruch aller Menschen. den vielfältigen Vorgegebenheiten heterogener Handlungseinheiten innerhalb der und zwischen den politisch entscheidungsträchtigen Mächten Anerkennung zu zollen. hat sich die Lage so weit zugespitzt. die aus der Aufklärung stammende Utopie einer Herrschaftsfreiheit als Zielbestimmung so weit herunterzustimmen und gegenwärtig zu machen. der die Bedingungen des Weiterlebenkönnens regelt. Um die apokalyptische Drohung auch nur ansatzweise zu bannen. und darin liegt das Novum. Aus dem utopischen Zielbegriff einer universalen Emanzipation würde dann die konkrete Zielbestimmung eines universalen Minimalkonsenses. Der Weg dahin mag lang sein und voller schier unübersteigbarer Hindernisse. Es ist also erforderlich. wenn denn die atomare Drohung. Deshalb muß der Begriff als Zielbestimmung differenziert werden. Auch das setzt eine Emanzipation voraus. Daß Politik nur über besondere und kleiner aggregierte Handlungseinheiten möglich ist und vermittelt werden kann. einlösbar wird. Wir kommen nicht umhin. überhaupt noch leben zu können. dies zu explizieren. nämlich aus jenen eingeschliffenen Verhaltensweisen. Andererseits. die ökologische Krise und die ubiquitären terroristischen Pressionen in steuerbare Bahnen gelenkt werden sollen. die ferne Zielbestimmung einer Gleichberechtigung gegenwärtig einzulösen: Die Verantwortung aller für alle und insofern ihre Gleichberechtigung auf diesem Globus ist zur impliziten Bedingung jeder Politik geworden.Grenzverschiebungen der Emanzipation 199 abgeleitete Herrschaftsfreiheit spricht jede bisherige Erfahrung. daß das generelle Recht aller auf dieser Erde lebenden Menschen auch in die Handlungsmaximen jeder Politik eingehen muß. aber es gibt keine Alternative mehr. es sei denn die drohende Kombination . die dem erforderlichen Minimalkonsens hinderlich sind. Die Utopie der Herrschaftsfreiheit ist auf ihren sachlich gebotenen Kern zu reduzieren. ist die gegenwärtige Herausforderung. Es kommt darauf an. ohne dabei den universalen Anspruch der empirisch präsenten Menschheit aus dem Auge verlieren zu dürfen. läßt sich rationale Politik treiben. Nur wenn der Pluralität überkommener Gemeinschaften Rechnung getragen wird. können die Regeln politischen Kalküls nicht außer Kraft gesetzt werden.

wenn überhaupt. der Arbeiter oder auch der Frauen. mitzusetzen. und zwar mit Hilfe legaler Entschädigungen und institutionalisierter Lernphasen für die zu Befreienden. 3. wenn mit der Berufung auf die fehlende Selbstemanzipation der Abhängigen oder Unterdrückten. So in den deutschen Landtagsverhandlungen des Vormärz.Oder der Begriff indizierte jenen langfristigen Prozeß. Entweder meinte er den einmaligen Akt der vom Staat zu gewährenden Gleichberechtigung: Dann wurde die gesellschaftliche Einlösbarkeit. Nur rückwirkend läßt sich deshalb die britische Geschichte als Emanzipationsprozeß zunehmender Gleichberechtigung deuten: In der politischen Wirklichkeit führte die gesellschaftliche Anpassung der verschiedenen Gruppen immer durch den punktuellen und begrenzten Engpaß ihrer Legalisierung. die beantragte Gesetzgebung als unzeitgemäß blockiert wurde. Gewöhnung oder Selbstemanzipation eine Gleichberechtigung herbeiführen sollte. ohne damit zeitlich ausgreifende generelle Normen. In England konnte diese geschichtsphilosophische Ausweichposition deshalb nicht bezogen werden. daß die kommende Entwicklung sowieso eine Gleichstellung herbeiführe. oder der vorgreifende Rechtsakt mit der lahmen Begründung hinausgeschoben wurde.200 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten einer atomaren Katastrophe mit globalem Terror oder den Verzehr aller naturgegebenen Ressourcen. Anders in den Vereinigten Staaten. Beide Bedeutungsfelder konnten sich in der Praxis gegenseitig blockieren. weil im englischen Rechtssystem jedes Gesetz nur als einmaliger. Die temporale Doppeldeutigkeit des überkommenen Emanzipationsbegriffs mag hier lehrreich sein. auf bestimmte und begrenzbare Personen bezogener ›act‹ erlassen wurde. Lincoln versuchte die Sklavenbefreiung zunächst. etwa grundrechtlicher Stringenz. wo den generellen. um sie mit der Zeit auch zu verwirklichen. die Mündigkeit aller legal vorausgesetzt. der erst durch Anpassung. evolutionär und schrittweise durchzusetzen. Die allgemeinen Grundrechte und die konkreten Legalisierungsschritte sollten zeitlich gestreckt miteinander vermittelt . in England unbekannten ›citizen-rights‹ eine sowohl allgemeine wie unmittelbar praktische Bedeutung zukommt. . der Juden.

133. Bd. daß weitere Gerichtsurteile und Amendments nötig wurden. Applizieren wir die offenkundige Mehrdeutigkeit unseres neuzeitlichen Emanzipationsbegriffes auf unsere Lage. daß die rechtlich vorwegzunehmende Gleichberechtigung aller Menschen nicht nur ein traditionales Postulat der Geschichtsphilosophie bleiben kann. was nicht verhindern konnte. Der Begriff der Emanzipation kann dabei nur wirksam bleiben. meinen unter Mitarbeit von Karl Martin Grass verfaßten Artikel »Emanzipation«. Der geplante Weg mußte beschleunigt zurückgelegt werden. um dem allgemeinen Prinzip der Gleichberechtigung Nachdruck zu verschaffen. Für den Nachweis aller nicht belegten Zitate vgl. Erst die Ereignisse des Bürgerkrieges haben ihn überholt. Zwischen Gewähren und Erkämpfen. S.. 153-197. Der zeitlich mehrschichtige Emanzipationsbegriff. Sie muß vielmehr unmittelbare Handlungsmaxime aller . auch die Erwartungsspannen werden kürzer. 2. führte in der Praxis also zu sehr unterschiedlichen Kombinationen. . Die Interdependenz aller Probleme auf unserem Globus mag diesen Minimalkonsens erzwingen helfen. In Lincolns Worten: »I claim not to have controlled events but confess plainly that events controlled me. den einmaligen Rechtsakt als generelle Befreiung 1865 auszusprechen. Widerstrebend wurde er genötigt.Politik werden.a.Grenzverschiebungen der Emanzipation 201 werden. hg. dem legal Formulierba4 4 Richard Hofstadter. v. Der Handlungsdruck ist so stark angewachsen. in: Geschichtliche Grundbegriffe. The American Political Tradition. Stuttgart 1975 ff. den Hiatus zu verkürzen oder zu überbrücken. zwischen Rechtsakt und gesellschaftlichem Prozeß muß exakt unterschieden werden.. der zwischen dem rechtlich denknotwendigen. S. New York 1948. wenn er iterativ gedacht wird: als ständige Herausforderung. um nicht der Plurivalenz des Schlagwortes zu erliegen. zwischen ›Herr‹ und ›Knecht‹. Otto Brunner u. Nicht nur die Handlungsspannen. so läßt sich folgender Schluß ziehen: Die zeitliche Dimension langsamen Wandels und die zeitliche Dimension einmaligen Handelns rücken offenbar zusammen. sowohl den einmaligen Rechtsakt zu meinen wie auch den gesellschaftlichen Prozeß. zwischen Emanzipation und Selbstemanzipation.notwendigerweise interessengeleiteten und partikularen .« Jede graduelle Lösung wurde durch den Bürgerkrieg obsolet.

20Z Teil II: Begriffe und ihre Geschichten ren und dem gesellschaftlich und politisch Einlösbaren weiterhin herrschen wird. Das aber setzt voraus. indem er aus der Not eine Tugend zu machen weiß. Anders gewendet: Die Gleichberechtigung aller Menschen auf diesem Erdball ist mehr als eine theoretische Vorgabe oder eine utopische Zielbestimmung: Sie ist das Minimum. um politisch rational handlungsfähig bleiben zu können. daß es einen geschichtlichen Erfahrungswandel geben kann. der auch wirksam wird. das aus dem überkommenen Emanzipationsbegriff gewahrt werden muß. Um an diesem Ort eine Reverenz dem Heiligen Hieronymus zu erweisen: »Fac de necessitate virtutem« (Migne 22. . 552).

éd. art. scheiden.Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹ Wer heute eine Zeitung aufschlägt. drittens möchte ich einige Fragen erneut aufwerfen. sich mesi Dictionnaire Politique. 617-650. auf die der neuzeitliche Wortgebrauch reduziert werden kann. zweitens skizziere ich semantische Modelle. sie zu präzisieren. Begriffsgeschichtlicber Überblick ›Krisis‹ gehört zu den Grundbegriffen. Wenn der gehäufte Wortgebrauch ein hinreichendes Indiz für eine wirkliche Krise wäre. Wirtschaft. alle Geistes. Aber dieser Rückschluß zeugt zunächst mehr von einer diffusen Redeweise. d. Duclerc et Pagnerre. Otto Brunner u. auswählen. zu den nichtersetzbaren Begriffen der griechischen Sprache. als unabdingbares Element unserer Lebenswelt begriffen werden. Kirchen und Religionen. sofern diese als Teile unseres politischen und sozialen Systems. 3. S. Kultur. Leiden und Prüfung und verweist auf eine unbekannte Zukunft. die Kraft der Argumente zu verstärken. die sich aus dem Verhältnis der christlichen Tradition zur modernen Begriffssprache ergeben. hg. ' Auch heute ist es nicht anders. entscheiden. I. v. beurteilen: medial. Technik und Industrie. . Bd.und Außenpolitik. p. Der inflationäre Wortgebrauch hat fast alle Lebensbereiche erfaßt: Innen. 1839 (1.h.). éd). par E. Für alle folgenden Belege siehe meinen Artikel »Krise« in: Geschichtliche Grundbegriffe. Paris 1868 (7. »crise«. die dazu beitragen mögen. Er indiziert Unsicherheit.. deren Voraussetzungen sich nicht hinreichend klären lassen. publ. Dabei werfe ich zunächst einen Blick auf die Geschichte des Begriffs. 298. Stuttgart 1982. Das stellte ein französisches Lexikon 1 8 4 0 fest. stößt auf den Ausdruck ›Krise‹. dann müßten wir in einer allumfassenden Krise leben. a. Abgeleitet aus ›krino‹. als daß er schon zur Diagnose unserer Lage beitrüge. Im folgenden versuche ich im Medium der Begriffsgeschichte einige strukturelle Merkmale des Begriffs herauszuschälen.und Sozialwissenschaften und ebenso die Naturwissenschaften.

Dabei rückt Thukydides die Schlachten (wie später Montesquieu) bereits in allgemeine Rahmenbedingungen ein. Der Begriff implizierte zugespitzte Alternativen. eigentlich eine Zeittheorie implizierte. Es war ein Begriff. beide Begriffe aus der Rechtssprache übernommen. Recht oder Unrecht. In der hippokratischen Schule ging es um die kritische Phase einer Krankheit. daß die Herrschaftsordnung durch Rechtswahrung oder Rechtsfindung stabilisiert wurde. der. Der Begriff erfaßte also potentiell alle Entscheidungslagen des inneren und des äußeren Lebens. aber auch um politische Entscheidungen. unwiderrufliche Entscheidung. modern gesprochen.so bei Aristoteles . Sei es. Innerhalb der Theologie. allen Gläubigen schon zu ihren Lebzeiten gegenwärtig sei. eine neue. daß das medizinische Urteil . die es erst möglich machten. des einzelnen Menschen und seiner Gemeinschaft.so Galen - . aber noch nicht gefallen war. deren alternativer Vollzug aber auch in der jeweiligen Sache selbst. sei es.2. gewinnt ›Krisis«. daß dieses Gericht durch Christi Erscheinen. zielte ›Krisis‹ auf eine endgültige. wenn man so will. sei es. in der der Kampf zwischen Tod oder Leben endgültig ausgetragen wurde. Im Bereich der Politik .ging es um die Rechtswahrung oder -findung. in der die Entscheidung fällig. streiten. angelegt war.um kriegsentscheidende Schlachten. Leben oder Tod. schließlich Heil oder Verdammnis. so seit dem Neuen Testament. Sei es. um die es ging. die keine Revision mehr zuließen: Erfolg oder Scheitern. die allesamt das erforderliche rechte Urteil voraussetzen sollten. daß der rechte Zeitpunkt für das erfolgreiche Handeln getroffen werden mußte.04 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten sen. der immer eine zeitliche Dimension mitsetzte. sei es. Judicium«. durch das Licht. daß vier Schlachten kriegsentscheidend werden konnten. über die ein angemessenes Urteil gefällt werden mußte. an der mitzuwirken alle Bürger berufen waren. Immer handelte es sich um endgültige Alternativen. das er dieser Welt brachte. daß ›Krisis‹ das Jüngste Gericht am Ende der Zeiten meint.so bei Thukydides . gewissermaßen unüberbietbare Bedeutung: das Gericht Gottes. Im Kampf der Mächte ging es . kämpfen. deren vier den großen Perserkrieg entschieden hätten.

nach der Wiederkehr Christi.Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹ 205 die richtige Zeitphase eines Krankheitsverlaufes diagnostizieren mußte.so bei Johannes . B. die zu begreifen. Man kann die Behauptung wagen. Jahrhundert hatte sich der Begriff freilich verselbstän- . Oder sei es in der Theologie. Sie diente dazu. die Psychologie. Der Begriff erfaßte immer mehr Lebensbereiche: die Politik. dessen Eintreffen aber ins Dunkle gehüllt blieb. In fast allen Reden von Krise gehörten dazu das Wissen um die Ungewißheit und der Zwang zur Vorausschau. ›Crisis‹ im Medizinischen und ›Judicium‹ oder Judicium maximum‹ in der Theologie. das zu seiner Todesstunde und schließlich das Endgericht. ›Krisis‹ richtete sich gleichsam auf die Zeitnot. 242) drei zeitliche Phasen des Gerichtes. die sich entwickelnde Ökonomie und schließlich die neu entdeckte Geschichte. den Sinn des Begriffs ausmachte. der verschiedenen Fakultäten. Dabei stand zunächst der medizinische Wortgebrauch Pate.läßt sich dessen sukzessive und zunehmende Ausbreitung registrieren. Die Begriffsgeschichte von ›Krisis‹ vollzog sich gleichsam fachsprachlich.seit dem ausgehenden Mittelalter . Die Corpus-Metaphorik für die Staaten mag der medizinischen Metaphorik Vorschub geleistet haben. auf das sich der Kosmos zubewegt. das der Gottessohn ausübt: das Gericht. um eine Prognose riskieren zu können. daß der Begriff ›Krise‹ sogar dazu beitrug. die genannten Bereiche als eigenständige Wissenschaften zu begründen. Von der Antike bis zur frühen Neuzeit haben sich Wort und Begriff in der lateinischen Sprache durchgehalten. in seinem Corapendium Theologiae (Cap. Seit der Übernahme des griechischen Wortes in die europäischen Volkssprachen . um . wobei die jeweiligen Zeitfristen je nach den thematisierten Lebensbereichen auf verschiedene Weise begrenzt waren.hic et nunc der Verdammnis zu entkommen trotz des noch ausstehenden letzten Gerichtes. zurückgebunden an die Institution der Kirche bzw. Krankheit oder Gesundheit zu diagnostizieren und Leben oder Sterben vorauszusagen. das den Menschen während seines Lebens trifft. daß Gottes Botschaft angenommen wird. um ein Unglück zu verhindern oder Rettung zu finden. Thomas von Aquin unterschied z. Im 1 8 .

Leibniz' Rußland betreffender Briefwechsel. der den Anspruch anmeldet. die von einer wissenschaftlich ausdifferenzierten Krisen. B. bei Leibniz. « Der Begriff rückte in eine geschichtsphilosophische Dimension ein. deren interne Regeln nicht mehr ausreichten. nach D. .B. Das zeigt sich z. er erschloß diese Dimension. Deshalb sei ein zusätzlicher Fürstenbund zu stiften. die beide zu temporalen Begriffen werden. ›Krise‹ legt insofern eine ähnliche Karriere zurück. mehr noch. 2. Jahrhunderts immer mehr ausfüllen sollte. die er im Laufe des 18. aus dessen Präambel 1785 die Formulierung stammt. Neuwied 1 9 6 1 . Rußland und das Selbstverständnis Europas. v. Und die Reflexion auf die eigene Zeitlage disponiert sowohl z u r Erkenntnis der ganzen Vergangenheit wie zur Prognose in die Zukunft. deren räumliche oder naturale Vorbedeutung sich seit d e r Aufklärung verflüchtigt. daß für die geschichtlichen Gesamtkonzeptionen im 19. 3 9 . Spätestens seit der Französischen Revolution wird ›Krise‹ zum zentralen Interpretament sowohl für die politische wie für die Sozialgeschichte. Das gleiche gilt für die langfristige industrielle Revolution. um das Reich zu stabilisieren. 9. hg. wobei auf die föderale Verfassungsstruktur abgehoben wurde. zit. Im Unterschied zur Nationalökonomie fällt allerdings auf. Jahr2 2 Leibniz. von der Krise des Deutschen Reichssystems die Rede. Konzept eines Briefes an Schleiniz (23. Petersburg und Leipzig 1873. Groh. der während des nordischen Krieges mit dem Aufstieg des Russischen Reiches eine neue W e l t k o n s t e l l a t i o n heraufziehen sah: » Momenta temporum pretiosissima sunt in transitu rerum. Tl. In Deutschland ist z.und Konjunkturlehre begleitet und beeinflußt wird. um zu primär geschichtlichen Begriffen aufzurücken. Es ist immer die jeweils eigene Zeit. 8 . Wladimir Iwanowitsch Guerrier. den g e samten Geschichtsverlauf aus der eigenen Zeitdiagnose heraus deuten zu können. S. 1712). Der Verweis auf den medizinischen Sinn wurde nun bewußt als Metapher apostrophiert. 227L. die seitdem als Krise erfahren wird. Et l'Europe est maintenant dans un état de changement et dans une crise où elle n'a jamais été depuis l'Empire de Charlemagne.2o6 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten digt. wie Revolution« oder Fortschritt«. wie von Rousseau. »Krise« rückt auf zu einem geschichtsphilosophischen Grundbegriff.

Das erweist sich nicht zuletzt daran. der seine ökonomische Theorie mit einer Geschichtsphilosophie zu verbinden suchte. Und selbst Marx. Jahrhundert beschränken sich die Krisentheorien auf spezielle Wissenschaftsbereiche wie die Psychiatrie oder die Politologie.1939 (business cycles) ausdrücklich verzichtet hat.im Hinblick auf diesen Begriff .Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹ 207 hundert keine explizite Krisentheorie entwickelt worden ist. Und das gilt ebenso für den geschichtsphilosophisch reflektierten Sprachgebrauch. weil empirisch nicht hinreichend einlösbar oder absicherbar zu sein. Drei semantische Optionen lassen sich jedenfalls feststellen: Erstens kann die Geschichte als Dauerkrise interpretiert wer- . . Globale Krisentheorien. auf die Schumpeter . unseriös. so liegt darin das Risiko beschlossen. werden später zahlreiche theologische Elemente in den geschichtlichen Grundbegriff eingespeist. geraten heute schnell in den Geruch. ist bei der Ausarbeitung einer Krisentheorie steckengeblieben. Das gilt schon für die Sprache des englischen Bürgerkrieges von 1640-1660. Jacob Burckhardt bleibt die einzige Ausnahme. die einer differenzierten Diagnostik abträglich sind. der sich seit der Spätaufklärung allgemein durchsetzt. Die Assoziationskraft des Gottesgerichtes und der Apokalyptik spielt dauernd in die Wortverwendung hinein. wie sie den Geschichtsphilosophien des 18. daß die geschichtsphilosophischen Krisendiagnosen gerne mit harten Zwangsalternativen operieren. und 19. Auch im 20. II. Wenn ich im folgenden drei semantische Modelle entwerfe.Damit wenden wir uns der Semantik von ›Krise‹ als einem geschichtlichen Grundbegriff zu. aber durch den prophetischen Sprachgestus um so wirksamer und einleuchtender zu sein scheinen. Jahrhunderts implizit zugrunde lagen. Drei semantische Modelle Während anfangs der medizinische Bedeutungsgehalt von ›Krise‹ stark in die politische Wort Verwendung eingewirkt hatte. so daß an der theologischen Herkunft der neuen Begriffsbildung kein Zweifel bestehen kann. den historisch tatsächlichen Begriffsgebrauch ungebührlich zu vereinfachen.

. daß sich die Veränderungsschübe in analogen Formen abspielen können. 199. Drittens kann ›Krise‹ die schlechthin letzte Krise der bisherigen Geschichte meinen. i. hg. Sämtliche Werke. J . Dann handelt es sich um einen Prozeßbegriff. »Resignation. Säkularausgabe.« For3 3 Schiller. daß es in Anbetracht der gegenwärtigen Selbstzerstörungsmittel alle Chancen hat. Tatsächlich tauchen in der geschichtsphilosophischen oder geschichtstheoretischen Sprache die aufgeführten Modelle nicht in reiner Form auf. Eine Phantasie«. der sich mutatis mutandis wiederholen kann.208 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten den. in dem Schiller eine verpaßte Situation beklagt. die theoretisch auf den Eingriff Gottes verzichten können. S. daß sie trotz ihrer theologischen Imprägnation den Anspruch erheben. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. verwirklicht zu werden. werden gemischt und verschieden dosiert. v. ›Die Weltgeschichte ist das Weltgericht« ist ein Diktum von Schiller und gleichsam zum Motto für die Neuzeit aufgerückt. zusammenschürzen. läßt sich nicht mehr ausschließen. Scheinbar zufällig taucht die Passage in einem Liebesgedicht auf. ihn als iterativen Periodenbegriff zu bezeichnen. Zweitens kann ›Krise‹ einen einmaligen. in dem sich viele Konflikte. Auch wenn die Geschichte im Einzelfall immer einmalig bleibt. Stuttgart und Berlin o. sondern stützen sich gegenseitig ab. . wobei die Aussagen über das Jüngste Gericht allenthalben nur metaphorisch verwendet werden. zeugt dieser Begriff doch von der Möglichkeit. . i. Während gemessen am bisherigen Gang unserer Geschichte dieses Modell als utopisch bezeichnet werden muß. Gemeinsam ist allen drei Modellen. a. die nicht mehr einzuholen ist. »Was man von der Minute ausgeschlagen / Gibt keine Ewigkeit zurück. Bd. um nach der Krise eine neue Lage herbeizuführen. geschichtsimmanente Erklärungsmuster für Krisen zu bieten. sich beschleunigenden Vorgang bezeichnen. Zu den drei semantischen Grundpositionen seien einige Erläuterungen nachgeschickt. Deshalb schlage ich vor. Dann indiziert ›Krise‹ das Überschreiten einer Epochenschwelle. einen Vorgang. das System sprengend. Eduard von der Hellen u. Dieser Krisenbegriff ist im Unterschied zu den anderen ein reiner Zukunftsbegriff und zielt auf eine Letztentscheidung.

Nicht nur den Einzelgeschichten wird eine ihnen innewohnende Gerechtigkeit zugemutet. Jeder Tag ist der Jüngste. jede Sinnund Nutzlosigkeit apodiktisch ausgeschlossen. die einen fast magischen Anstrich erhält.bis hin zu Hitlers sentimentalem Verzicht auf Selbstmitleid: Wer untergeht. Die Liberalen wurden nicht müde. jedes ungesühnte Verbrechen. das sich immer und ständig vollstreckt. um zu sich selbst zu finden. hat es gerechterweise verdient. die moralischen Diskrepanzen und Unzulänglichkeiten. die sich aus diesem Diktum ergeben. Aber Schillers Diktum ließ sich bruchlos weiterverwenden. Dabei hat es eine ausgesprochen antichristliche Pointe. Seine Weltgeschichte bleibt das Weltgericht. weil jede Schuld gnadenlos in die Biographie des einzelnen. solange die Geschichte als weltimmanenter Prozeß interpretiert wurde. weil der Erfolg. sondern der Weltgeschichte in toto. sich darauf zu berufen. sondern der Geschichte selbst wird als einem handelnden Subjekt unterstellt. in die gesamte Weltgeschichte eingeht. daß sie Gerechtigkeit vollstrecke. um eine moralische Legitimität ihres Handelns daraus ableiten zu können. Logischerweise wird jede Ungerechtigkeit. Aber Schillers Diktum erhebt einen größeren Anspruch. Es gibt semantische Optionen. deren Folgelasten keineswegs . das Herodot hinter allen Einzelgeschichten aufscheinen läßt. Hegel hat es auf sich genommen. jede Inkommensurabilität. die immer wieder als Vollzug einer weltimmanenten Gerechtigkeit gelesen werden können. in die Geschichte der politischen Handlungsgemeinschaften. Es ist nicht mehr der Historiker.Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹ mal handelt es sich um die Verzeitlichung des Jüngsten Gerichtes. der ex post aufgrund seines besseren Wissens die Vergangenheit moralisch richten zu können glaubt. Aber auch die darwinistischen und imperialistischen Geschichtsphilosophien konnten bruchlos daran anknüpfen. die Durchsetzung des Stärkeren. die einer christlichen Geschichtsdeutung rundum gerecht werden will. aufzufangen. Damit erhöht sich die Beweislast für den Sinn dieser Geschichte enorm. Das Modell ist kompatibel mit dem Schicksal. den Anspruch auf geschichtliche Legitimität einlöste . weil sich der Weltgeist oder die Gedanken Gottes in sie hinein entäußern. Theologisch gesehen. handelt es sich um die letzte auch nur denkbare Häresie.

Sein Buch sei eine Erkenntnistheorie. nicht eine Geschichte in oder neben der Geschichte. Bd. In diesem Sinne war Schillers Diktum auch theologisch adaptierbar. Diese metaphorische Dehnung des Krisenbegriffs hat Kar! Popper auch für seine Logik der Forschung beansprucht. ti Zit. schreibt er 1934: »Es ist ein Kind der Zeit. S. nach: Peter Meinhold. die Eschatologie wird gleichsam geschichtlich vereinnahmt. erliegt einem wirkungsgeschichtlichen Anspruch. eine Methodenlehre. Lothar Schäfer.wenn auch vor allem der Krise der Physik. 2.« Oder wenn Karl Barth diese Dauerkrisis aller finalistischen oder teleologischen Obertöne entkleidete./28. wenn es Recht hat. 2. um sie existentiell auszulegen: »Die sogenannte »Heilsgeschichte« ist nur die fortlaufende Krisis aller Geschichte. Die Weltgeschichte als Weltgericht impliziert zunächst und vor allem die Aussage. München und Freiburg 1967. Die Anfänge der christlichen Kirche und ihre Verfassung (1837). so ist die Krise der Normalzustand einer hochentwickelten rationellen Wissenschaft« .womit sich Theologie und Naturwissenschaft wenigstens in dieser Hinsicht einig wären. zit.« ›Krisis‹ hat hier als Begriff seine endzeitliche oder seine übergangszeitliche Bedeutung eingebüßt . S. Zollikon und Zürich 1954. daß jede Situation vom gleichen Zwang zur Entscheidung geprägt ist. Vor hundert Jahren wurde Karl Popper geboren. Der Römerbrief (1918). (1926). um aus ihrer Vergleichbarkeit Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten zu können. n. 57. 5 Karl Barth. Es behauptet die Permanenz der Krise.210 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten ihren sprachlichen Urhebern zugeschrieben werden dürfen. Aufl. Dieser fragt nach den Bedingungen möglicher Geschichtsverläufe.sie wird zu einer strukturalen Kategorie der christlich begriffenen Geschichte schlechthin. Laßt Theorien sterben anstatt Menschen. der selektiv verfährt. ein Kind der Krise . Hitler auf Hegel oder Schiller zurückzuführen. Juli 2002. 32. . 221. etwa wenn Richard Rothe 1837 feststellte: »Die ganze christliche Geschichte überhaupt ist Eine große kontinuierliche Krisis unseres Geschlechts. 9. Das semantische Modell erhebt nicht den Anspruch. Geschichte der kirchlichen Historiographie. die Geschichte insge4 5 6 4 Richard Rothe. in: Neue Züricher Zeitung. ND der 5. Theoretisch weniger anspruchsvoll ist Krise als iterativer Periodenbegriff. 27. Wer sich anheischig macht.

S. daß Rezessionen. wiedergewonnen werden kann. der Technik und der Industrie eingelöst worden zu sein. Das Paradox dieser Krisenlehre scheint darin zu bestehen. Ich erspare mir. 7 Gustave de Molinari. Wie Molinari. Paris 1880. für die Anwendung des Modells auf die gesamte Geschichte der Menschheit Zitate zu bringen. ein Konjunkturtheoretiker des 1 9 .Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹ 21 i samt oder dauerhaft deuten zu können. i o z f . zwischen Produktion und Konsumption. daß ein Gleichgewicht nur eingehalten bzw. Ihre Zahl ist unübersehbar. Insofern ist dieses Modell bisher auf den Fortschritt angewiesen. wenn das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Nur ein Beleg stehe für alle ein: »Out of every crisis mankind rises with some greater share of knowledge. grob gesprochen. dieses semantische Modell scheint mir bisher nur im Bereich der Ökonomie. Jahrhunderts. immer dann auf. die nicht zuletzt die Entstehung einer Kirche mit universalem Anspruch begünstigt habe. Daneben ließ er nur noch die Neuzeit gelten. daß auf eine Krise stets eine allgemeine Produktivitätssteigerung folgte. Als historisch einmalige Krise hat er dabei die Völkerwanderungszeit definiert. Hinter den ökonomischen Krisenmodellen steht die Gleichgewichtsmetaphorik des T 8 . Hinter allen anderen Krisen entdeckte er letztlich mehr Kontinuitäten. als eine Dauerkrise mit offenem Ausgang. Jacob Burckhardt hat es z. . sagte: »Jeder kleine oder große Fortschritt besitzt seine Krise. verstanden. Jahrhunderts. die in ihren jeweiligen historischen Artikulationen verschiedene Krisenverläufe ermöglicht haben. zwischen Geldumlauf und Warenumlauf so gestört wird. Zugleich aber lehrt die bisherige Erfahrung. Rückschritte allenthalben sichtbar werden. Théorie du Progrès. « ' Daß Krisen die Generatoren des Fortschritts seien. Krisen tauchen. L'Evolution économique du XIXe siècle. Auch der ökonomische Krisenbegriff läßt sich semantisch hier ansiedeln. ohne den es nicht empirisch einlösbar wäre. der Naturwissenschaften. die sich empirisch nie vollständig einlösen läßt. als die Wahrnehmung der Betroffenen jeweils zugeben wollte. anthropologische Konstanten aufzuweisen.B. wenn sich die Produktivität weiterhin steigert und nicht etwa stagniert: denn dann scheint der Rückgang unentrinnbar zu sein.

. Wenn «Krise« als iterativer Periodenbegriff eine größere Erklärungskraft beanspruchen darf. Roosevelt.20. nach der die Geschichte in Zukunft ganz anders aussehen werde . Die Krise als Letztentscheidung. den es unbestreitbar gibt. St. die sich durch Gewalt wider Willen ihren endgültigen Durchbruch verschafft. Die politische Terminologie des Präsidenten F. 3. Es seien nur genannt: Friedrich Schlegel. Tübingen 1955. Er wird der weltimmanenten Geschichte selbst zugemutet. in der man sich jeweils befinde. Von der semantischen Option her muß die Frage gestellt werden. der im Ausgleich von Kapital und Arbeit die letzte Chance erblickte. Fichte oder Ernst Moritz Arndt aus dem deutschen Sprachraum. die zu erbitterten Gegnern ihrer bonapartistischen Folgen wurden. Auch Lorenz von Stein ist hier zu nennen. D. Der absolute Tiefpunkt der Geschichte verbürgt den Umschlag zur Erlösung. Besson. 8 Zit. Insofern handelt es sich um die Umbesetzung eines theologischen Glaubenssatzes. Roosevelt kurz vor seinem Tode. Einige Zeugen seien aufgerufen. Für Frankreich sei auf die Geburt der Soziologie aus dem Geist der Revolution (nicht nur der Restauration) verwiesen.« Dies die Worte von Franklin D. unter dem auch Tortschritt« zu subsumieren ist. konnten diese semantische Option durchhalten. in sein relatives Recht eingewiesen werden. Simon oder Auguste Comte wußten sich in der »Grande Crise Finale«.8. Europa vor dem Rückfall in Barbarei zu bewahren. Auch ursprüngliche Partisanen der Französischen Revolution.diese semantische Option wird immer häufiger ergriffen. die letzte große und einmalige Entscheidung sei.212 8 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten higher decency. ob -Fortschritt« der Leitbegriff für ›Krise‹ ist oder ob der iterative Periodenbegriff von ›Krise‹ der wahre Leitbegriff ist. nach W. je weniger an das absolute Ende der Geschichte durch ein Jüngstes Gericht geglaubt wurde. Daß die Krise. purer purpose. daß die Zukunft eine absolute Wende in sich birgt. Thomas Paine glaubte angesichts der Krisis der amerikanischen und der Französischen Revolution ebenso. die durch wissenschaftliche Planung und industrielle Produktionssteigerung ein für allemal durchschritten und überwunden werden könne. dann könnte der Fortschritt. Robespierre sah sich als Vollstrecker einer moralischen Gerechtigkeit.

diese überzogene Selbsteinschätzung der Menschen nur als perspektivischen Irrtum abzutun. die Krisen des Kapitalismus so zu interpretieren. andererseits sah er sich nicht imstande. Damit komme ich zu meinem Schlußteil.gerade im Hinblick auf die Lehre vom Jüngsten Gericht -. daß Gott die Zeit verkürzen werde. Aber man sollte sich davor hüten . III.Prämissen ableitete und der die Weltgeschichte auf eine letzte große Krise zutreiben ließ. Der vermeintliche letzte Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie vollzieht sich für ihn zweifellos in den Dimensionen eines Jüngsten Gerichtes. indem er die iterative Struktur ökonomischer Krisen aufzeigte. Es gehört zur Endlichkeit aller Menschen.ehedem theologischen . daß sich viele Entscheidungen als Letztentscheidungen herausstellen. die jeweils als letzte Entscheidung erwartete Krise als eine perspektivische Illusion zu enthüllen. Dahinter steht die kosmologische Vorstellung. Es gehört zur christlichen Lehre. auch nur das Überleben zu sichern. ›Krisis‹ im griechischen Sinne des Zwanges zum Urteilen und zum Handeln unter dem Vorgebot der Zeitnot bleibt ein Begriff.Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹ 213 Karl Marx ist hier gleichsam in einer Zwischenposition hängengeblieben: Einerseits erwartete er mit Sicherheit. daß sie ihre jeweils eigene Lage für wichtiger ansehen und ernster nehmen. Gerade wenn es darauf ankommt. das rein ökonomisch zu begründen ihm nicht gelungen ist. als alle vorangegangenen Lagen es gewesen seien. den er aus anderen . ›Krise‹ als Frage an die christliche Tradition Es ist leicht. daß die letzte Krise des Kapitalismus den kommenden Zustand der Herrschaftsfreiheit und der Beseitigung von Klassenunterschieden mit sich bringe. Er operierte einerseits mit einem systemimmanenten Krisenbegriff. der auch unter den komplexen Bedingungen der modernen Gesellschaft unverzichtbar ist. daß sie das System statt es zu erhalten . könnte es sein.zwangsläufig sprengen müßten. Andererseits kannte er einen systemsprengenden Krisen begriff. Das möchte ich mit einem historischen Gedankenexperiment erläutern. bevor das Weltende hereinbreche. daß Gott als Herr der Zeiten das vorge- .

zu einer besseren Weltordnung hinführen würden.20. etwa Leibniz. Aber betrachtet man den Topos von der eschatologischen Zeitverkürzung entlang seinen geschichtlichen Ausdeutungen. waren ihm ein Vorbote des kommenden Weltendes. um die Natur immer besser beherrschen zu können. deren Leid er verkürzen werde (Markus 13. daß die Jahre zu Monaten. Aber er glaubte nicht mehr daran. daß die Erfindungen in immer kürzeren Intervallen stattfinden würden. Luther z. Die Beweislast für das hereinbrechende Jüngste Gericht lag nicht mehr in der mythischen Vorstellung beschlossen. als vorgesehen. die ehedem dem J u n g - . beschleunigt. Matthäus 24. die sich mit dem Zerfall der Kirche beschleunigt überstürzten. daß Gott vor dem unbekannten Ende der Welt die Zeit verkürzen werde. daß die weltimmanenten Fortschritte immer schneller. Die Erreichbarkeit des Paradieses erst nach dem Ende der Welt und die Erreichbarkeit bereits in dieser Welt schließen sich logisch aus. glaubte fest daran. die Monate zu Wochen und die Wochen zu Tagen würden. bevor das ewige Licht den Unterschied von Tag und Nacht aufheben werde. und zwar um der Auserwählten willen. in diesem Glauben an die bevorstehende Zeitverkürzung einen Wunsch der Leidenden und Unterdrückten zu sehen. Nun mag man diese mythologische Sprache der apokalyptischen Erwartung psychologisieren oder ideologisieren. B. sondern er deutete die Zeitverkürzung bereits geschichtlich: die Ereignisse selbst. sondern sie wurde den empirisch sichtbaren geschichtlichen Ereignissen als solchen zugemutet. Der Nachweis mag nicht schwerfallen.2I 4 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten sehene Ende der Welt früher herbeiführen könne. Aus der apokalyptischen Zeitverkürzung wurde die Beschleunigung des geschichtlichen Fortschritts. Für Bacon war es noch ein Satz der Erwartung und der Hoffnung. Die Inhalte der Deutungsmuster wurden vollständig ausgetauscht. daß aus der anfangs übergeschichtlichen Zeitverkürzung sukzessive eine Beschleunigung der Geschichte selber geworden ist. Aus ganz anderer Perspektive wurde die Geschichte der naturwissenschaftlichen Entdeckungen analog gedeutet. so steht man vor dem erstaunlichen Befund. Aber die kosmische Zeitverkürzung. daß die Zeit selbst verkürzbar sei. Daraus folgerte die Intelligenz der frühen Neuzeit. das Elend so schnell wie möglich gegen ein Paradies auszutauschen.22).

Weltgeschichtliche Betrachtungen. « Der gemeinsame Oberbegriff für die apokalyptische Zeitverkürzung. hat den Begriff der Krisis nicht um seinen Sinn gebracht. so läßt sie sich durch drei exponentielle Zeitkurven darstellen. ist die eine Milliarde Jahre organischen Lebens eine kurze Zeitspanne. 211. In Jacob Burckhardts Worten: »Der Weltprozeß gerät plötzlich in furchtbare Schnelligkeit. seitdem der Mensch sich durch selbstgefertigte Werkzeuge auszeichnet. Die kosmische Zeitverkürzung. die. hg. Entwicklungen. Gemessen an den fünf Milliarden Jahren. die ehedem in mythischer Sprache dem Jüngsten Gericht vorangehen sollte. Offenbar sind Entscheidungen fällig. die durchaus nicht neu ist. über deren Wirklichkeitsgehalt kein Zweifel besteht. und für die geschichtliche Beschleunigung ist ›Krise‹. scheinen in Monaten und Wochen wie flüchtige Phantome vorüberzugehen und damit erledigt zu sein. gewollt oder ungewollt. . Auch die Beschleunigung der neuzeitlichen Welt. Deshalb sei zum Schluß eine temporale Hypothese angeboten. seitdem unser Globus mit einer festen Erdrinde überzogen wurde. aber noch viel kürzer ist die Zeitspanne der 10 Millionen Jahre des zu vermutenden menschenartigen Wesens. läßt sich als Krisis begreifen. Pfullingen 1949. dem die Menschheit auf diesem Globus nicht zu entrinnen scheint. Die zweite exponentielle Zeitkurve läßt sich in die 2 Millionen Jahre einzeichnen. S. Rudolf Stadelmann. wissenschaftlich oder nicht.Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹ 215 sten Gericht vorausgehen sollte. ob und wie das Überleben auf diesem Globus möglich ist oder nicht. die sonst Jahrhunderte brauchen. v. Sollte das nur ein sprachlicher Zufall sein? In christlicher und in nichtchristlicher Bedeutung indiziert ›Krisis‹ in jedem Fall einen anwachsenden Zeitdruck. Und gemessen 9 9 Jacob Burckhardt. läßt sich heute empirisch verifizieren als Beschleunigung geschichtlicher Ereignissequenzen. die Entstehung von Ackerbau und Viehzucht rund 1 0 0 0 0 Jahre. von dem erst seit zwei Millionen Jahren selbstfabrizierte Werkzeuge nachweisbar sind. die dem Jüngsten Gericht vorausgehen. Die ersten Dokumente gleichsam genuiner Kunst liegen 3 0 0 0 0 Jahre zurück. Betrachtet man von heute aus die bisherige Geschichte der Menschheit. darüber befinden.

und noch viel später erst erfolgt die Reflexion in Philosophie. daß die temporale Identität von Ereignis und Nachricht darüber potentiell hergestellt ist. die erst 6000 Jahre zurückliegt. Das Katechon ist auch eine theologische Antwort auf die Krisis. alle Kräfte darauf zu richten. Die Kurve der Beschleunigung sei nur an drei Datenreihen demonstriert: Die Kommunikation des Nachrichtenwesens hat sich in einer Weise beschleunigt. So stellt sich die Frage. 2 .16" Teil II: Begriffe und ihre Geschichten an den zwei Millionen Jahren eigener Produktivität sind die rund 6000 Jahre einer städtischen Hochkultur. der elektrischen Maschinen und der Verbrennungsmotoren abgelöst worden sind. der Wind. eine kurze Zeitspanne. seitdem die naturgegebenen Hilfsmittel. Gleichzeitig erfolgt die Bevölkerungsvermehrung in einer analogen exponentiellen Zeitkurve: Von rund einer halben Milliarde im 17. das Wasser und die Tiere durch technische Instrumente der Dampfmaschine. daß sich in der gleichen exponentiellen Zeitkurve die Kraft zur Selbstzerstörung der autonomen Menschheit vervielfacht hat. Aber auch die Beschleunigung des Verkehrs hat sich etwa verzehnfacht. Die drei exponentiellen Zeitkurven mögen als Zahlenspielerei abgetan werden. Jahrhundert steigt seitdem die Weltbevölkerung. an auf 2 7 Milliarden Menschen in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. ob unser semantisches Modell der Krise als einer Letztentscheidung nicht mehr Chancen der Verwirklichung erhalten hat als jemals zuvor. Hinzu kommt. Dichtung und Geschichtsschreibung. käme alles darauf an. die durch keinen technischen und wissenschaftlichen Fortschritt mehr überschritten werden kann. trotz aller Massenvernichtungen. An deren vergleichsweise kontinuierlicher Geschichte gemessen. erst seit rund 300 Jahren entfaltet. hat sich die moderne Industriegesellschaft. um zu dessen Ende bereits die Achtmilliardengrenze zu erreichen. die auf Wissenschaft und Technik gründet.2. den Untergang zu verhindern. Aber es zeichnet sich offenbar eine Grenze ab. Die dritte exponentielle Zeitkurve zeichnet sich ab. Wenn dem so ist. wenn man von der Selbstorganisation stadtartiger Hochkulturen ausgeht. Die Beschleunigung der Kommunikationsmittel hat den Globus zu einem Raumschiff zusammenschrumpfen lassen. seit der es schriftliche Überlieferungssignale gibt.

daß nach den Stabilisatoren Ausschau gehalten wird. die es vollends unmöglich machen. Vielleicht besteht die Antwort auf die Krise darin. . Hochrechnungen in die Zukunft zu riskieren. Es könnte sein. daß sich diese Frage nicht nur historisch und politisch. die sich aus der langen Dauer der bisherigen Menschheitsgeschichte ableiten lassen.Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹ 217 Die drei exponentiellen Zeitkurven lassen sich auch als Verstärker der Beschleunigung lesen. sondern auch theologisch formulieren läßt.

. Fragen und Zweifel. so haftet dem Patrioten etwas Altfränkisches an. in: Christoph Martin Wielands Werke.an den Bundespräsidenten. den Jubilar. die neufränkische. die Amtsträger der Universität und ihre Gäste . Patriot zu sein bleibt akzeptabel. die revolutionäre Konnotation aus dem Jahre 1793 scheint verblaßt. des Sozialismus. ohne daß aus dem Begriff hinreichend abzuleiten wäre.auch dank seiner Nachhilfe . 1879. Er ist eine Wortschöpfung und Begriffsbildung des frühen 1 8 . des Kommunismus. Es sind Folgebegriffe. des Demokratismus. welche Partei zu ergreifen sei. So scheinen wir uns in der Lage Wielands zu befinden.Patriotismus Gründe und Grenzen eines neuzeitlichen Begriffs D o l f Sternberger gewidmet Die Sequenz meiner Anreden . Betrachtungen. Über deutschen Patriotismus. des Faschismus. der im Jahre 1793 außerstande war. die ihm . Bd.3-21. II.zeugt von einer Hierarchie des Anstands. S. Keiner dieser große und dynamische Bewegungen auslösenden Begriffe ist denkbar ohne den ihm vorausgehenden Patriotismus. Hört man auf den heutigen Sprachgebrauch in unserem westlichen Deutschland. zu bilden. des Imperialismus.folgten: des Republikanismus. S. Jedenfalls schützt heute der Begriff ›Patriot‹ seine Verwender. Jahrhunderts. Nationalist kann man nach unseren Erfahrungen nicht mehr sein. die sich mehr oder weniger aus dem Bedeutungsvolumen des -Patriotismus« ab1 i Christoph Martin Wieland. speziell des deutschen. Der ›Patriotist‹ ist uns erspart geblieben. des Nationalismus. 318. des Liberalismus. die zahlreiche Patrioten der letzten drei Jahrhunderte nur ungern über die Lippen gebracht hätten. 34. andere Patrioten dagegen gerne. sowie Teutscher Merkur 1793. sich einen »deutlichen und rechtgläubigen Begriff« des Patriotismus. Patriot zu sein oder gar einem Patriotismus zu huldigen forderte immer zu einer Parteinahme heraus. als Nationalist oder gar als Chauvinist in ein negatives Lager abgeschoben oder in dieses hineindefiniert zu werden. Vorreiter zahlreicher -ismen. nicht so der Patriotismus.

Daß Blut und Boden Kriterien eines Verfassungslebens seien. 4. Wie Heinrich Heine einmal sagte.. kann sie die Auswanderung unausweichlich werden lassen. So kann es zum Beispiel. Dabei werde ich vor allem auf die Wort. und es wurden mehr Jahre. wie im einzelnen. Das ist ein spezifisch neuzeitlicher. in ihm zu verbleiben. v.oder die Liebe zum Vaterland . hg. Ist die Verfassung . S. wie auch. in der sich die Erfahrungen und die Absichten. in: ders. wenn nicht innere oder äußere Motive es zu verlassen nötigen. Wenn es ein Vaterland gibt. ist dem deutschen Sprachgebrauch vorbehalten geblieben. ohne es sich aussuchen zu können. was immer es sonst sei. Bd. . so ist es sicher. ebenso ein Zeichen des Patriotismus sein. die Hoffnungen und die Ängste derer artikulieren lassen. ein aufregender Befund.« Heinrich Heine.Patnotismus 219 leiten lassen.strittig. Und es bleibt das Land. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. sein Land zu verlassen. soll uns beschäftigen. Conte d'hiver (1844). Germania. wie wir allzu oft erfahren haben. Patriotismus ist also nicht auf das Land bezogen. sich nur langsam ändernder Art. sondern ebenso auf dessen Zustände oder eben auch auf dessen Verfassung. 242. Durch die Wort. in dem man zu leben pflegt. in das jeder einzelne Mensch hineingeboren wird. Manfred Windfuhr.und Begriffsgeschichte ein kleiner Streifzug: Das Herkunftswort ›patria‹ verweist im Griechischen auf die Ab2 2 »C'est à cause de cet amour que j'ai vécu tant de longues années dans l'exil. wegen dieser Liebe habe er dreizehn Jahre im Exil verbracht. der uns nach den Gründen und Grenzen des Patriotismus zu fragen allen Anlaß gibt. die sich auf den Patriotismus berufen und ihn auf den Begriff gebracht haben. Danach werde ich einige länger währende strukturelle Merkmale nennen. um diesen immer vorgegebenen Sachverhalt abzusichern oder zu begründen? Diese Frage müssen wir uns zu beantworten suchen. die in der jeweils einzigartigen Erscheinungsweise des Patriotismus enthalten oder darin verpackt sind. in dem man lebt und das man deshalb liebt. Was also bedarf es eines Patriotismus. Patriotismus und Exil schließen sich nicht aus. Hamburg. das Land. Patriotismus grenzt also aus und schließt ein.und Begriffsgeschichte eingehen. Die Gründe und Grenzen des sogenannten Patriotismus sind sowohl einmaliger wie anhaltender.

Ein guter Bürger. der in der Gewißheit seiner Vaterlandsliebe handelt. als Zeitschriften dieses Titels zuhauf erschienen in Frankreich. Die naturale.die Vaterstadt«. einer tätigen Vaterlandsliebe. Der Patriot ist als Glied seiner Gesellschaft nicht etwa »Bürger« . der den Stadtmenschen oder den Landmann aufzuklären weiß über dessen Rechte und Pflichten. » one's countrymen «. Auch den Patrioten gab es schon im Griechischen. Rom. Jahrhundert. einer erst zu stiftenden Verfassung. oft einen Barbaren oder Sklaven gleicher Herkunft.2. zunächst immer bezogen auf die unmittelbare Heimat. Die eigentliche Karriere des Patrioten beginnt im frühen 1 8 . in: A dictionaire of the French and English Tongues. Er wird zur Leitfigur der politischen Aufklärung. . unpolitische Vorbedeutung des Patrioten wird im Englischen und Französischen noch im 17. Vor allem ist er ein ›civis bonus«. den ›polites«. In anderen Worten. Artikel »Patriote«. die den tatsächlich herrschenden Landesvater bestenfalls in seine Funktion einweisen kann. Dieses gleichsam naturale Unterfutter hält sich durch bis heute. er entwickelt selber diese Rechte und Pflichten. tritt in Konkurrenz zu dem Vater« dieses Landes. wie wir seit dem i z. auch den Stamm. London 1 6 1 1 (ND 1970). indem er sie mit Vernunft aus der Natur ableitet. Idealtypisch gesprochen sind die Patrioten selber Väter«. Jahrhundert sagen können. Patriot ist zunächst ein elitärer Begriff. freilich mit Allgemeinheitsanspruch. der Patriot.20 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten stammung vom Vater. nämlich Exekutor einer legalen und gerechten Ver3 3 R. Zwischen Obrigkeit und Untertan schiebt sich dieser neue Typus ein. in England und in Deutschland. einer freien. oder im Deutschen Vaterland«. Die gesamte politische Semantik hat sich mit dem Auftauchen des Patrioten verändert. denen er selbst besonders treu nacheifert.das ist er auch. Jahrhundert notiert: es ist der Landsmann. aber er meinte einen Landsmann gleicher Herkunft. die sich dem »Patriotismus« verpflichtet weiß. im Gegenteil.religiös aufgeladen . meint das Geschlecht. Cotgrave. dem ›pater patriae«. dem Landesherrn. ein guter Bürger. jedenfalls meinte er gerade nicht den Bürger. im Lateinischen meint es vor allem . wie sie gleichzeitig von den Patrioten auf ihren innovativen Begriff gebracht worden ist. Väter einer neuen. Mehr noch.

S. wie man damals sagte. Das Vaterland wird gleichsam entvatert. wer autonom handelt und wer in einer freien Regierung handelt.« Nicht mehr der Monarch ist. Statt dessen tritt es als ein neues. de 1751. Aber die Patrioten wollten mehr: Einfluß. schließlich die Herrschaft als Selbstherrschaft.sein. wie Colbert fälschlich behauptet habe. der Vater sein Attribut. . 6 De Jaucourt. so lautet der Text von de Jaucourt in seinem Artikel über Patriot und Patriotismus.Nouvelle impr. das Vaterland wird zum Subjekt. Ein Königreich. Teilhabe. Mis en ordre & publ. «Patriote. das Vaterland wird selbst zum gemeinschaftlichen Wohltäter. Nur in einer freien Verfassung kann der Patriot leben und pflicht4 5 6 4 Joseph von Sonnenfels. ›royaume‹. könne niemals Vaterland . Patriotisme». 8. Wien 1 7 7 1 (ND Königstein im Taunus 1979). 5. kollektives Handlungssubjekt auf. par Diderot & par d'Alembert. ed. des arts et des métiers / par une Société de Gens de Lettres. als er von der Erziehung der Jugend zum Patriotismus handelt: »Anstatt ihm [dem Jugendlichen] das Vaterland als den gemeinschaftlichen Wohltäter kennenzulernen [sie]. Braunschweig 1 8 1 1 . Teil. der die persönliche Herrschaft des Monarchen steuerpolitisch. der Wohltäter. Wörterbuch der deutschen Sprache. Das Handlungssubjekt geht also vom Landesvater auf das Vaterland über. Art. hier 1765. 256. Patriot kann nur sein. Hinter diesem semantischen Subjektwechsel wirkt freilich ein realgeschichtlicher Prozeß. insgesamt verwaltungsrechtlich.Patriotismus 22T waltung zu sein. finanztechnisch und militärorganisatorisch. zeugt man ihm es das erste mal in der Gestalt eines Tyrannen. im Klartext: zur Republik. Aus dem Landesvater wird dann in Campes sprachlogischer Konsequenz bestenfalls ein ›Vaterlandsvater‹. damit aus dem Anstaltsstaat. de la 1. als es der eben zitierte Sonnenfels sein konnte.›patrie‹ . aus der patriotischen Perspektive ist ein solcher Wohltäter Despot. wie bisher. Es wird höher aggregiert. Sonst ist er ein Tyrann. S. wo allein er seine Fähigkeiten entfalten kann. Wie es Sonnenfels 1771 in seiner Schrift Über die Liebe des Vaterlandes vorträgt. unterfängt und in Richtung auf den Anstaltsstaat hindrängt. 5 Joachim Heinrich Campe. Die französische Enzyklopädie war hier bereits sehr viel deutlicher. in: Encyclopédie ou dictionnaire raisonné des sciences. . ein ›echtes Vaterland‹ werde. Über die Liebe des Vaterlandes. En facs.

222 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten gemäß arbeiten und dann seine politischen Pläne weitertreiben. »das gemeine Wesen als den mütterlichen Schoß und das Land als den väterlichen Boden« zu betrachten. der erste unserer Neuzeit. Er gründet in der Tugend. Das gemeine Wesen als mütterlicher Schoß und das Land als väterlicher Boden . nämlich die Parteinahme für den republikanischen Verfassungsstaat. Bd. .Politik ist für de Jaucourt ein Lotteriespiel -. ist erforderlich. seine Pläne zu erfüllen . Der Patriotismus erzwingt eine Parteinahme. Kant hat sie im Jahre 1793. Als Patriot hat er es getan. in seinem Scheitern wenigstens sein gutes Gewissen bezeugt zu haben. Geschichtsphilosophie. auch dessen Oberhaupt. wie sie sein sollen. sed patrioticum. 7 7 Immanuel Kant. Erster Teil. Sonderausgabe in 10 Bänden. Schriften zur Anthropologie. die den Menschen unmündig hält und die das Glück nur dank der Gütigkeit des Staatsoberhauptes zuteilt. sondern als Rechtsgut gemeinsamer Willensbildung begriffen werden. als es bisher möglich war. Darmstadt 1981. »ist der größte denkbare Despotismus«. wenn sie nicht fürstlicher Beliebigkeit ausgeliefert sind. 146. der die Selbstermächtigung des mündigen Bürgers legitimiert. Wenn gleichwohl politisch widrige Umstände ihn hindern. Die »patriotische Denkungsart« nötigt alle im Staat. dann bleibt dem Patrioten.es ist selten. als Robespierre die Tugend zu vollstrecken suchte. Politik und Pädagogik. Deren Zukunft könne nur bewahrt werden. hg. v. müssen sie geändert werden. Moralisch gesehen gibt es also zum Patriotismus keine Alternative. um seinem moralischen Imperativ zur politischen Tat eine öffentliche Schubkraft zu verleihen. 9. die zu eindeutigem Handeln nötigt. Das hatte nun verfassungsrechtliche Konsequenzen. Nicht eine väterliche. die Gesetze müssen aus dem gemeinsamen Willen herrühren. Patriotismus ist also ein emphatischer Begriff. Wilhelm Weischedel. ein Bewegungsbegriff. sondern eine vaterländische Regierung. auf den Begriff gebracht: Eine väterliche Regierung. Denn die Tugend selber könne in keinem Fall unterliegen. Nicht die Beliebigkeit einer fürstlichen Entscheidung kann ein Gesetz begründen. Imperium non paternale. nur so können die Rechte der Menschen in Freiheit gewahrt und verwirklicht werden. S. daß Kant zu Metaphern greift. Wenn die Verhältnisse nicht so sind. wie Kant sagt.

wenn es auf der sublunarischen Welt denkbar ist. Politisch war es der Gegensatz zwischen dem revolutionären Frankreich und dem untergehenden Deutschen Reich. also an Flur. in: Jahrbücher der preußischen Monarchie. der damals in über zwanzig Jahre währenden Kriegen ausgetragen wurde. . Ja. 78. 4 3 3 f. Wie unser Autor fortfährt: »Man sieht hieraus. S. 9 Ebd. Die immer vorgegebene Anhänglichkeit an das Land der Geburt. Sozialgeschichtlich standen sich der mündige Bürger und der Hausvater sehr nahe. Das führt 8 9 8 H. wie auch der Erdbeschreibung. der diese Menschenmasse zur Nation.« Unser preußischer Anonymus erläutert seinen Verfassungspatriotismus‹. es heiße sogar die »heilige Empfindung des Patriotismus herabwürdigen. hier zit. sie entbehrt nicht ständisch-romantischer Nachhilfe. zum Volke macht. Kunst. Brünn 1804.405-408.und Naturgeschichte. Ökonomisch-technische Enzyklopädie oder allgemeines System der Staats-. Stadt-. Teil. Haus-. wie man sonst Haus für Familie nimmt. Aber es ist nicht das Volk als Menschenzahl und Art. reiche nicht aus. in: Johann Georg Krünitz.. weil er offenbar auch den dortigen Begriff des Patriotismus angemessen wiedergab. nach dem von Christoph Martin Wieland verfaßten Artikel »Liebe«. »Die Vaterlandsliebe im edelsten Sinne« verlangt das Vaterland »in eben der Bedeutung für Volk zu nehmen. und Landwirtschaft.Patriotismus 223 Wie kurz darauf in einer preußische Zeitschrift lapidar verlautbart wird: »Der Patriot lebt eigentlich nur für die Verfassung.436.« Die Bezugsfigur dieser Idealverfassung ist nicht der mündige Bürger. der selbständige Hausvater. beide hatten sie ihren Verfassungspatriotismus. also an die Heimat. S. Ein Volk von ächten Hausvätern. S. daß Häuslichkeit eine Vorbereitung zur Vaterlandsliebe ist. würde ein Volk von lauter Patrioten seyn müssen. Von der Erziehung zum Patriotismus. sondern es ist der Verein. Diese Variante des Verfassungspatriotismus ist bereits eine Antwort auf die französische Republik. So weit dieser Interpret. wenn ich denn hier einmal unseren Ausdruck rückübertragen darf. das Gesetz. Im Wortgebrauch wußten sich beide als Patrioten.. Terminologisch stoßen hier zwei Welten aufeinander. wenn man ihr eine bloße Gewöhnung an den Boden« zugrunde legt. Hütte oder Haus. dessen Aufsatz in Österreich nachgedruckt wurde. die Verfassung«. sondern der ständische. August 1798.

faktisch sich aber gegenseitig verstärken. S. die für die ganze Menschheit Geltung beanspruchen. so weit sich Bürgerkrieg und Krieg gegenseitig hochgetrieben haben. denn er war gerecht. Denn diese wären vernunftwidrig. die vom Import der Revolution durch das französische Volk verschont bleiben wollten. Nur die Menschheitsliebe. den Export der Revolution. Er fällt mit dem echten Kosmopolitismus gänzlich zusammen. in eine Ideologieträchtigkeit.vergeblich .einen genuinen Patriotismus der anderen Völker. nach innen den Bürgerkrieg zu legitimieren. Ob Bürgerkrieg im Namen universeller Gerechtigkeit oder ob Krieg im Namen nationalen Rechts. die Robespierre sofort formuliert hat und aus der heraus er . 4. Das aber hieß Krieg. .Teil II: Begriffe und ihre Geschichten uns in eine abgründige Doppeldeutigkeit. im »Patriotismus« ist ein Strukturprinzip der modernen Welt auf seinen Begriff gebracht worden. Ein solcher Patriotismus kann sich in den Worten eines Kantschülers gar »keiner ungerechten Mittel bedienen«. den wahren Patriotismus auszeichnet.zweitens .313. die Liebe »zur Menschheit. verdient den Namen des echten Patriotismus«. unsere erste Variante. Bd. Man kann auch sagen. Erstens zielt der Begriff auf eine legale und gerechte Verfassung. Damit aber evoziert dieser Patriotismus . Leipzig 1828. die logisch einander ausschließen. Krieg der Nationen. Aligemeines Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften. »The patriot is one 10 to Wilhelm Traugott Krug. er zielte auf die Vernichtung des ungerechten Despotismus.gegen den militärischen Export der Französischen Revolution angeredet hat. und die Vernunft zu vollstrecken sei die Pflicht gegen die Menschheit. daran haben die Väter des Begriffs keinen Zweifel gelassen. nebst ihrer Literatur und Geschichte. Nach außen legitimierte dieser Begriff die Expansion. deren Grundsätze aber einen universalen Anspruch erheben. beide Alternativen. die dem Patriotismus seit Anbeginn innewohnt und die er bis heute nicht verloren hat. waren in ein und demselben Begriff des Patriotismus enthalten. eine Erkenntnis. Im Kontext der Französischen Revolution hieß das freilich. Daß sein universeller Gehalt. unter welchen -ismen in der Folgezeit dies auch immer geschehen ist. denn der wahre Patriot handelt nach kosmopolitischen Prinzipien.

von Schmettow. F. 1 2 8 . Januar 1 9 2 2 . Staatslexikon oder Enzyklopädie der Staatswissenschaften. Die internationale Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Parteien. Kleine Schriften. Januar 1 9 2 2 und über die Konferenz für Arbeiterbildung am 8. die semantische Struktur blieb erhalten. Nur unter dem Vorgebot einer größtmöglichen Universalität könne eine gerechte Verfassung eingeführt werden. London 1 7 7 5 . 4 5 14 Artur Crispin. er trägt die Rechte der Menschheit im Herzen. Leipzig 1 9 2 2 . Jahrhunderts auf das internationale Proletariat des 19. 1 2 . Auch sie hatten ihr Vaterland. das Deutschland heißt. bis zum 1 2 . S. 13 Graf W. 12 De Jaucourt (Anm. in welchen es die Vaterlandsliebe zur Pflicht machen kann. « Das Universalität beanspruchende Handlungssubjekt hat sich hier verschoben vom kosmopolitischen Bürgertum des 1 8 . Aber auch die nationale Kehrseite wohnt demselben Prinzip 12 13 14 11 Addison. in: USPD. das Proletariat. und 8. Altona i8 i. »So lassen sich sogar auch Fälle denken. unser Vaterland ist die Erde. zit. wie es Crispin auf dem Parteitag der USPD 1922 beschworen hat: »Wir kennen kein Vaterland. die Eroberung seines Vaterlandes geschehen zu lassen. eine Einladung zur Intervention. zit. die einzulösen bis heute möglich ist und wahrscheinlich sein kann. S. 6 ) . das ist der «patriotisme universelle«. . »Patriot«.) Damit ist eine Hypothese angeboten worden. Aber in der globalen Selbstlegitimation folgte das »Proletariat der aufgeklärten Bourgeoisie. »Patriotismus«. Reichsfrauenkonferenz am 7.vom Kosmopolitismus zur Internationale -. und des 20. Der Name wechselte . Art. Bekanntlich waren es nach der Etablierung der bürgerlichen nationalen Verfassungsstaaten die diversen Internationalen. in: Rotteck/Welker. in: Dictionary of the English Language.39 . mehr noch.S. die das universelle Prinzip der Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten versuchten. Brutus. Freiheit und Schwärmerei. nach S. nach Murhards Art. Daraus folgt in der politischen Wirklichkeit ein Interventionsgebot. Protokoll über die Verhandlungen des Parteirages in Leipzig vom 8.Patriotismus 225 who makes the welfare of mankind. Teil i. sondern aus dem Jahre 1795. Altona 1 7 9 5 . sobald es um die Rechte der Menschheit geht. Bd.« (Das Zitat stammt nicht etwa aus dem Jahre 1944. Jahrhunderts. 1 8 1 .Johnson. Januar 1 9 2 2 sowie über die 2. «" Oder in der französischen Rezeption durch de Jaucourt: Der perfekte Patriotismus ist global.

Der Republikanismus und der Demokratismus.« Es sei süß. Rückblickend stoßen wir auf das Motto Wielands 1780: »Dulce est pro patria disipere. Berlin 1879. ob der Sozialismus in einem Land eingeführt werden könne. Es sei uns erspart. Jahrhundert abzuzeichnen. sich aufzulösen in Menschheit. nach Campe. Patriotischer Beitrag zu Deutschlands höchstem Flor veranlasst durch einen unter diesem Titel in Jahre 1 7 8 0 im Druck erschienenen Vorschlag eines Ungenannten. den länderbezogenen Staatspatriotismus der Österreicher. 3 3 . 8 . Der Begriff der Vaterlandsliebe läßt sich also im konkreten Fall auf sehr unterschiedliche Vaterländer anwenden. der Preußen. der Liberalismus oder der Sozialismus. ob es sich um den Reichspatriotismus der Juristen handelt. Jahrhunderts hat sich der nationale Patriotismus oder anders formuliert: der Nationalismus als das stärkere patriotische Element erwiesen.B.« Die Entstehung z. die sich ihr Deutschland größer oder kleiner . Diese regionale. und das nicht zuletzt kraft der nachgeschobenen Bewegungsbegriffe. S. 5. für das Vaterland 13 16 15 Sonnenberg. der Imperialismus sowie der Kommunismus und der Faschismus haben sich allesamt als Verstärker der jeweils national definierten Handlungseinheiten erwiesen. ohne die Weltrevolution zugleich mitzuvollstrekken. Teil.226 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten inne. oder um jene Vaterlandsliebe. Dieser pluralisierende Vorgang im Zeichen desselben Wortes »Patriotismus« begann sich schon im 18. 255. zit.»das ganze Deutschland soll es sein« . eines speziell deutschen Nationalbewußtseins unter Aufnahme französischer Revolutionsmaximen und im Gegenzug gegen diese darf hier als paradigmatischer Fall genannt werden. nur auf einen Staat. 16 Christoph Martin Wieland. Wörterbuch der deutschen Sprache. der Nationalismus sowieso. in: Werke. Es sei nur erinnert an den für Trotzki tödlich endenden Streit mit Stalin. »Die Vaterlande scheinen aufzuhören.erst schaffen mußte. die den Patriotismus angereichert oder überboten haben. Bd. nur auf ein Land oder auf ein Volk eingeengte Bedeutung des Patriotismus hat sich gleichsam verselbständigt und auf seine ehedem universalen Voraussetzungen verzichtet. der Bayern usw. Braunschweig 1811. 1 5 3 . diese Fallgeschichte hier nachzuzeichnen. Im Verlauf des 19. die von ihrer stets reproduzierten Unerfüllbarkeit zehrt. .

immer steigender Nationalglueckseligkeit. das sei.Dafür sind seine Bücher von den damaligen Patrioten verbrannt worden. auch wenn er stets fröhliche Urstände feiert. korrekt zitiert. auf jene Handlungsgemeinschaft. Was man will... wie Wieland ironisch hinzufügt. die den spezifisch neuzeitlichen. Das Zitat weist in das Zentrum des modernen Begriffs des Patriotismus. um das eigene Vaterland zu erringen. Und Wieland liefert uns auch eine Begründung dieser Spielart des Patriotismus. wohin dieser Typ des Patriotismus geführt hat. er beruft sich im Gegenzug zu dem universalistisch deduzierten Gemeinwillen. die sich nur kraft ihres eigenen Willens selbst konstituiert. wie Wieland einwendet. des universalen wie des quasi autochthonen.. was man kann. S. 18 Ebd. daß es nur auf den Willen ankomme. das ist eine Begriffsbestimmung. S. die nun von allgemeiner Bedeutung zeugt und die auf heutige soziologische Theorien der Nationsbildung vorausweist. Vom letzten Fünftel dieses Jahrhunderts erwarten die Patrioten das Wunder von »immer dauernder. Allein im Willen der Patrioten die Bürgschaft einer beschleunigten Erfüllung der nationalen Wünsche zu erblicken. Das von Wieland umgewandelte Zitat des Horaz führt uns. zurück zu dessen wahrem Gehalt. das kann man. zu wollen. erst eine Auskunft »des glorreichen. nur das. 167. Wieland kennzeichnet auch deren Patriotismus. Das Vaterland als Produkt des Willens. . Warum sollte es nicht wollen? « Es ist ein voluntaristischer Patriotismus.Patriotismus 227 Unsinn zu produzieren. wenn etwa von der »Erfindung« der Nation die Rede ist. besonders den der Schriftsteller: er flattere »seit geraumer Zeit wie die Taube Noahs herum«. des kosmopolitischen wie des nationalstaatlichen: daß 17 ls 17 Ebd. den nationstiftenden Aspekt besonders gut charakterisiert und die heute in zahlreichen Theorien zur Ethnogenese wieder auftaucht. vor allen anderen Jahrhunderten verherrlichten achtzehnten Jahrhunderts«. 155f. an dem alle teilhaben sollen. nach Wielands Analyse. statt. Es handelt sich. um die Vorstellung. . Deutschland will. weil er nirgends Grund finden könne. Es bedarf keines Kommentars. und zwar für beide Varianten..

So kommen wir nicht umhin. indem das eine Sterben . aber der Auftrag.für das Himmelreich . Die Antike ist durch die christliche Motivation verstärkt worden. Die literarische Rezeption der Antike sollte nicht überschätzt werden. ob es sich um den wahren Patriotismus handle. einen kurzen Rückblick in die Vorzeit des modernen Patriotismus zu werfen. in denen die Hände verbrannt. Pro patria mori. in West und Ost. daß man sich konsequenterweise für sein Vaterland zu opfern habe. diese Botschaft kam überall an. über zwei Jahrhunderte hinweg. Ich verschone Sie mit den antiken Heroengeschichten. in Abgründe gesprungen wird.und auswendig kannten. S.47z-492. Der Begriff selber ist modern. Dulce et decorum est pro patria mori. in: American Historical Review 56(1951). Dieses Motto wird von allen beschworen.für die patria . in denen tapfer gefallen wird. so wie es denn in unserer Neuzeit im Namen des »heiligen Vaterlandes« vollzogen wird. Aber für all dies sterben? Das Motiv ist alt." 19 Für die mittelalterliche Rezeption und die christliche Transposition des Horazischen »Pro patria mori« unverzichtbar ist Ernst H.8 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten es süß sei und ehrenvoll. es ist antik und es ist christlich. in: Traditio 9 (1953). eigene Kinder geköpft werden. Partei nehmen zu müssen.durch das andere Sterben . Wenn man so will. Two Notes on Nationalism in the Middle Ages. die bewußte Reflexion auf die Machbarkeit einer universalen Ordnung der Vaterländer.Z2. S. die die gebildeten Patrioten in. der Zwang. daß Gemeinnutz vor Eigennutz gehe. den es einzulösen gelte.wie auch immer das formuliert wurde -. der Vorgriff in eine erst zu schaffende vaterländische Zukunft. Ob es sich um den missionarischen Patriotismus handelte oder um den völkischen beide Varianten konvergieren sehr häufig -. um eine gerechte oder volksgemäße Verfassung zu stiften . immer wurde die Todesbereitschaft zum Testfall. ist es die Akkumulation beider Motive.zusätzlich legitimiert wurde. für das Vaterland zu sterben. die unsere Neuzeit auszeichnet. Unerachtet der vielfältigen konkreten politischen . und es wurde befolgt. 281-320. wo Dolche in den Körper des Tyrannen gejagt oder in die eigene Brust gesenkt werden. die voluntaristische Emphase. Kantorowicz. Dazu ergänzend die juristische Auslegungsgeschichte des catonischen Pugnapro patria im Mittelalter sowie der Verhältnisbestimmung von ›rex‹ und ›imperator‹: Gaines Post. in: Medieval Political Thought.

Nationalismus und Masse«. Kommandeur einer Legion. kompensatorische Valenz eingestiftet worden ist. und innovativ zusammenfassend Karl Ferdinand Werner. in kaum einem Traktat. war für die Stadtbürger der Antike unabweislich. mag er im Rückblick auf die verlorene wahre Republik seinen Vers niedergeschrieben haben. Zur Entstehung des Nationalismus im Hochmittelalter auch vor dessen ßegriffsbildung vgl. S. ohne das wahre Vaterland gefunden zu haben. obwohl sie den begründeten Widerspruch fast aller Altphilologen hervorrief. Was geschieht. im Art. 20 Ich erlaube mir. hier unverändert wiederzugeben.. erzeugt eine Skala konkurrierender Loyalitäten. Mit ganz anderen Argumenten beraubte Dieter Lohmann den Horaz-Spruch seiner naiv hinzunehmenden Eindeutigkeit. er zeugt ebenso von der gerechten Verfassung. sich nur langsam ändernde Strukturen. Nur Victor Poeschi fand sie bedenkenswert. a. die sich in der Neuzeit strukturell wiederholen. mit moralischem Anspruch. Nation. des ius ad bellum (iustum). 214-245. auf kaum einem Flugblatt. in fast keiner Predigt der modernen Patrioten fehlt.. sein Mitkämpfer Horaz. Aber der Vers des Horaz. »Volk. 265-280. die die Selbstbestimmung kastrierte. man akzeptierte den Weg in die Sklaverei oder in eine oktroyierte Fremdherrschaft. nicht nur als Appell an das Uneinholbare. hinrer denen sich .und Kampfbereitschaften auf höher aggregierte Handlungseinheiten. Bd. Halvdan Koht. zur Erinnerung. v. für die Horaz im Bürgerkrieg gekämpft hatte.Patriotismus 220 Daß es süß und ehrenvoll sei. besonders S. auch wenn die Einzelfälle nie in den Strukturen aufgehen. S. es sei denn. 1 7 1 ff. Königreich. wenn Loyalitäten gebrochen oder verdoppelt werden. der in kaum einer Inschrift.mutatis mutandis . indem er . Otto Brunner u. überlebte. 20 Probleme. die 1 9 8 7 vorgetragene These. Für die patria zu sterben war auch eine republikanische Maxime. Brutus beging Selbstmord nach der Niederlage bei Philippi.auch neuzeitliche Herausforderungen anmelden. die aus der Erfahrung eines Neuzeit-Historikers herrührt. Staat oder Nation oder noch allgemeiner gegenüber Papstkirche oder Kaiserreich. wenn man denn schon zu überleben genötigt ist. für sein Vaterland zu sterben. die jeweils zur Lösung anstanden. um nur einige zu nennen.und ortsgebundener Treue . von der wahren Republik. dieser Vers zeugt nicht nur vom Tod für einen Staat oder ein Land. The Dawn of Nationalism in Europe. also gegenüber Land. die den professionellen Patrioten der Neuzeit entgangen ist. Es ist der verlorene Bürgerkrieg um seine patria. 7. handelt es sich semantisch um längerfristige. Stuttgart 1992. der Jurisdiktion. Enteignet und amnestiert. in: Geschichtliche Grundbegriffe. in: American Historical Review 52 (1947). wenn sie sich verschieben von personalen Verpflichtungen auf solche einem Land oder einer Institution gegenüber? Die Aufstufung von Personen . der Steuerrechte. für die patria. hg. um deretwillen dem Vers eine nostalgische.

Der 1840 errichtete Obelisk voller Figuren und Trophäen mit einer 21 ihm. Göttingen 1987. Patriotismus. ist etwas wieder aufgetaucht. Die Bereitschaft. wird inzwischen strikt angefochten. S. München und Leipzig 1929. in: Schola Anatolica. der jeden Bürger als Soldaten erinnert. gar sarkastische Pointe abgewann.gegen die französischen Revolutionstruppen . Auch diese Interpretation. in: Aufklärung 4 (1989). ›Dulce et decorum est pro patria mori«. für das Vaterland zu sterben. die Kriegslieder von Johann Wilhelm Gleim. Es gibt keine Gemeinde in Europa.als solcher gefeiert. Sie wurde zum legitimatorischen Testfall des wahren Patriotismus. Deutschland im 18. der eine Heldenrolle in spe vorgaukelt.230 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten So führt uns der stets neu abgerufene Vers des Horaz zurück in unsere Zeit. in den Zusammenhang der beiden ersten Oden gerückt. was mit der Französischen Revolution in das Zentrum jedes Patriotismus einrückte: der politisierte.zu beschwören. wenn er naht. Ferner auf den Aufsatz von Rudolf Vierhaus.und wird . z. und er wurde .Begriff und Realität einer moralisch-politischen Haltung. im deutschen Sprachgebrauch besonders gern und günstig. evoziert er im Kartoffelkrieg bereits die friedenstiftenden Aufgaben des preußischen Staates. von der Aufklärung gefordert und seit der Französischen Revolution realisiert. in jeder Hauptstadt gibt es den nationalen Totenkult. im Herzen über alle Maßen«..B. der Tod für das Vaterland ist omnipräsent. ist seitdem denkmalfähig geworden. Aus der republikanischen Antike herrührend. wurde ritualisiert. Aus der Fülle der Abhandlungen zum Patriotismus sei für den deutschen Wortgebrauch verwiesen auf den von Günter Birtsch herausgegebenen Sammelband: Patriotismus. der patriotische Totenkult. in der nicht die Totensäule steht. Jahrhundert. geistige Bewegungen. um gegen Ende des Jahrhunderts die Verteidigung des ganzen Deutschland . Prolegomena zu einer soziologischen Analyse. daß eine zustimmende und affirmative Lesart des todesverheißenden Spruchs ins Wanken geraten ist. Die Debatte bezeugt zumindest. Und in Spanien ist der revolutionäre Bewegungsbegriff des Patriotismus sogar zu einem verehrungswürdigen Subjekt verdinglicht worden. den schaudert's. Friedrich den Großen. Politische Verfassung. Im Siebenjährigen Krieg noch primär auf den pater patriae. »Patriotismus« . mit sieben Beiträgen. Dieser neue politische Totenkult. bezogen. doch wer ihn kennt. eine ironische. Unverzichtbar bleibt Robert Michels. 96-109. . die ihn nicht kennen. weil »Patriot« sich reimt auf ›Tod‹. die implizit eine Nostalgie-These ausschließt. soziale Gefüge. 21 Vgl. Freundesgabe für Herrnann Steinthal. in: ders. Tübingen 1989. Der Spruch zielte demnach auf die Illusion jugendlichen Übermutes. in welcher Form auch immer. Dann wäre die Rezeptionsgeschichte zurückzuverfolgen bis auf Pindar: »Süß aber ist der Krieg für die. Sie sind außerdem ein klarer Indikator für die Gewichtsverschiebung des Patriotismus. Siehe Dieter Lohmann.

König und Vaterland« .und das ist eine historische Aussage . 1 Joh. 24 Albrecht Dihle hat mich zu Recht darauf aufmerksam gemacht. daß die auf das Volk bezogene und insofern einengende Begründung des Opfertodes Christi (Kaiphas. Seit dem 1 3 . Daher das »Heilig Vaterland‹ oder der Tod auf dem Altar 21 2 24 22 Siehe dazu meine Abhandlung: Zur historisch-politischen Semantik asymmetrischer Gegenbegriffe. 2 3 Vgl. den Kaiphas formuliert hat. Anm. Mai 1 8 0 8 .Patriotismus ewigen Flamme davor gedenkt der Opfer des 2. sondern auf das jeweils eigene Vaterland beziehen läßt. es sterbe einer. Gottvater ist sozusagen derjenige. ' Der Spruch aus der Bibel. 19.es sei besser. 15. Stätte ihrer peregrinatio. um im Namen des modernen Patriotismus einen Tod für das Vaterland zu feiern. das Himmelreich. Zeit und Konfession differenzierender Untersuchungen. Jahrhundert ist nun dieser Auftrag. aber der Sache nach vielleicht deutlich zu machen.13 bzw. eine geheiligte Funktion geworden. um sich zu greifen. . In den Worten Williams von Malmesbury: »Christiano totus est mundus exilium et totus mundus patria. und schließt seine Inschrift mit dem Aufruf: Honor Eterno AI Patriotismo! Dieser Totenkult der Neuzeit. et patria exilium. zu dem die christliche Seele hinfindet. Damit wird dieser Tod selbst geheiligt. Vergangene Zukunft. heroisiert. selbst dieser Spruch des Kaiphas ist denkmalfähig geworden. der zum Unterpfand der lebenden Vaterslandsliebe wird. Das ist in Kürze nur schwer zu formulieren.für das Heilige Land zu sterben verheißt der Seele Erlösung. zu dem sie zurückfindet. Das wahre Vaterland des Christen ist. in: Reinhart Koselleck. nach Joh. Jahrhundert an. Die Formel. Rege et Patria .16. Frankfurt am Main 1979. um die von Ernst Kantorowicz (Anm. und die Welt selber für sie nur ein Exil. als daß sein Volk vergehe oder Schaden erleide -.50) seltener verwendet wurde als die allgemeineren Begründungen nachjoh.das Feld der Loyalität mit ihrem Blut getränkt haben. 3. »für Gott. ita exilium patria. verspricht Heil. »für das Heilige Land zu sterben«. ist nun gleichsam christlich verstärkt worden. Freilich bedarf es hier weiterer nach Ort. dogmatisch begründet. 11. die auf den Totenmalen häufiger eingeschrieben wurden. um den Tod Jesu zu begründen . der das Seelenheil der sterbenden Bürger absichert.zu kämpfen und zu sterben.Deo. die im Aufstand gegen die Franzosen . fängt seit dem 1 3 . 19) initiierten Fragen weiterzuführen.« Aber . die sich nicht nur auf das Heilige Land.

durch die schlichte Vernichtung. während die ermordeten Juden. Die Schwierigkeit. ebenso ein. der wir uns nach zweihundert Jahren Erfahrung des akkumulierten Massensterbens gegenübersehen. Oder meint die Formel das passive Opfer. den 1987 vorgetragenen Text unverändert wiederzugeben. die den antiken Totenkult mit einem christlichen Erlösungsangebot zu verbinden wußten. daß das aktive Opfer ex post zum passiven Opfer umgedeutet wird. Beide Varianten schließen einander logisch aus. Daß sie aber selbst ein aktives Opfer gebracht hätten. den Weg. meist ohne jede Chance. kann man in gewisser Weise sagen.»Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft« . denn die Kritik an der damals geplanten. um die Welt von ihnen zu reinigen. Aber welches Opfer kann dann noch gemeint sein? Das aktive Opfer. aber genau dahinter lauert die nationalsozialistische Deutung. ist den ermordeten Juden kaum zu unterstellen. gerade der passive Opferbegriff ist den Juden nicht zumutbar.trifft leider immer noch zu. das die Soldaten gebracht haben? Ein Sinn. Denn für die nationalsozialistische Ideologie öffnete das Opfer. sich überhaupt für jemanden opfern zu können. daß der ›Tod für das Vaterland«. der zweifelsohne vielen der damals Gefallenen angemessen ist. Auf diese Art wird deutlich. Wendet man den Begriff auf die Juden an. als »passive Opfer« auf die gleiche Stufe gestellt. beide können den Betrachter verschieden ansprechen. Daß sie ein passives Opfer gewesen seien. das so oder so für das Vaterland gebracht worden sei. Die gravierenden politischen Folgen einet derartigen semantischen Lässigkeit sind bis heute ungelöst.232 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten des Vaterlandes« und wie auch immer die pathetischen Formeln heißen. das die Juden zu erleiden hätten. Das heißt. daß diese Soldaten eigentlich nur verführt wurden und nur im falschen Sinn gestorben sind? Das hieße.wie ausgeschlossen werden. wenn man den Streit um das geplante Denkmal in Bonn verfolgt. wird deutlicher. inzwischen realisierten Inschrift . Die Soldaten werden weiterhin zu bloß passiven »Opfern« umdefiniert. ' Wie soll die Inschrift lauten? Eine der häufigsten Inschriften ist vermeintlich korrekt: »Den Opfern«. der auf den Denkmälern der Bundesrepublik in den Opferbegriff über2 25 Auch hier erlaube ich mir. . beide sind hineinlesbar. Sie sind daran gehindert worden. beide mit demselben Wort ›Opfer‹. so wird es noch schwieriger.

Der Tod für das Vaterland ist weder süß noch seligkeitversprechend. über die es verfügen könnte. aber nicht die der anderen. Heute ist die optimale Handlungsfähigkeit nicht ohne weiteres an diese Einheit gebunden. Kommunikationstechnisch ist es nicht mehr möglich. die Art des Sterbens nicht mehr einlösen kann. und 19. die das Vaterland aus diesem tödlichen Bereich herausdefinieren können: Das Vaterland ist immer zwischen örtlicher Heimat und Privatheit. so doch als Bedingung jedes möglichen Handelns auf unserem Globus.Patriotismus 233 gegangen ist. Wir sollten zu unserer Erfahrung stehen. Jahrhundert eine sehr konkrete empirische Einheit geworden. zwischen Region und Intimität auf der einen Seite und der Menschheit auf der anderen Seite angesiedelt. die im 2 0 . die Autonomie eines Vaterlandes zu begründen und zu bewahren. Das ›Opfer‹ bleibt auf konträre Weise zweideutig. ein fundamentalistischer Ansatz. Es füllte den Rahmen eines nationalen Verfassungsstaates aus.und das ist vielleicht das wichtigste . Das ist unsere Erfahrung. Dagegen steht ein archaisches Verlangen. 1947 vom Vaterland zu spre- . wenn auch nicht als Subjekt. Damit ist eine Grenze des Patriotismus erreicht. Sternberger hat den Mut gehabt. In ökonomischer Hinsicht. es gibt keine autochthonen Vaterländer mehr. In ökologischer Hinsicht kennt kein Vaterland eine Grenze mehr. der auf dem ganzen Globus weiterwuchert. Er ist nicht mehr denkmalfähig. 2. 4. sie wird in vier Hinsichten in Frage gestellt: 1. 3. . Das Vaterland ist in den vergangenen Jahrhunderten in seiner nationalstaatlichen Ausformung das optimale Organisationsprinzip politischer Handlungsfähigkeit gewesen. Jahrhundert durch uns Deutsche verwirklicht worden ist. daß ein Vaterland nicht mehr das Vaterland einer souveränen Handlungsgemeinschaft genannt werden kann. und deswegen möchte ich zum Schluß einige Kriterien nennen. ein Vaterland zu stiften oder wiederzufinden. Diese Menschheit ist im Unterschied zum 18.sind alle politischen Einheiten so weit in Föderationen überführt.

sowenig sie im Gesamtdeutschen Ministerium.367-379- . Wie sehr uns das Vaterland als Bundesrepublik Deutschland zu einer seit Jahrzehnten eingebürgerten Vorgabe geworden war. deren Organisation . hat sich in den rasanten Monaten der Wiedervereinigung vom November 1989 bis zum Oktober 1990 erwiesen. als bisher unbegründet. geschweige denn eingeplant worden war: die Wiedervereinigung nicht nur politisch. Was hat sich seitdem gewandelt? Ein Mindestmaß an Organisation bleibt sicherlich erhalten zwischen der Heimat.auf der einen Seite -. in: Die Wandlung z (1947). der uns Deutsche nüchtern und rational zu handeln verhindert.andererseits . Nachtrag 2 0 0 3 Sechzehn Jahre nach diesem Festvortrag seien drei kurze Nachträge hinzugefügt.uns allen aufgetragen ist. die von vielen unserer Intellektuellen geteilt und geschürt wurde. Dabei sprach er vom lebendigen Vaterland und nicht vom tödlichen. von den in Europa üblichen rechtsradikalen Randszenen abgesehen. sondern auch in sozialer und ökonomischer Hinsicht zu meistern. eine Furcht. I. Begriff des Vaterlands. und der Menschheit. Eine wirkliche Aufgabe bleibt dagegen seit 1990 ungelöst.234 26 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten chen. Insofern bleibt in diesem Mindestmaß genug Platz für unser Vaterland. Eine 1990 26 Dolf Sternberger. und vielleicht bedarf es gar keiner Suche nach Identität. in der jemand leben mag . vorausgesehen. S. Der von Dolf Sternberger beschworene Verfassungspatriotismus erlaubte politisch und verfassungsrechtlich eine zügige Übereinkunft zwischen Ost. das dafür zuständig war. Auch die in allen unseren Nachbarn erweckte Furcht vor dem Wiedererwachen eines großdeutschen Nationalismus. Vielleicht ist dieses Vaterland uns mehr vorgegeben als nur eine Aufgabe. erwies sich. Dieser Aufsatz erschien damals in der Zeitschrift »Die Wandlung«. Eher ist es ein eingefleischter Antinationalismus.und Westdeutschland.

daß das Sein das Bewußtsein bestimme. von Oben und Unten (›subsidiär‹) und beides mit zeitlichen Veränderungsfaktoren versehen: wann? .auf reine Geldleistungen (dann aber für alle gleichermaßen) beschränkt: mit materiell und sozialpsychologisch bisher unbewältigten Folgen. Auch wenn der klassische Nationalstaat derzeit ausgehöhlt oder föderal eingefangen wird: Strukturell wiederholen sich auf anderer. ›Der Großraum‹ von Carl Schmitt wird. aber unter der föderalen Prämisse. Die rechtsstaatlich zwingend erforderlichen Entschädigungen wurden nicht . erneut virulent. den Unionen oder den Bündnissen mit institutionellem Anspruch zugemutet oder abgefordert. der Nation. höher aggregierter Ebene dieselben Herausforderungen. So feiert die scheinbar besiegte marxistische Theorie. verwirklichen? Was früher der Patria.im Gegensatz zu ›Patriotismus‹ - .und außenpolitische Handlungsfähigkeit zu gewinnen. um innen. ungewollt fröhliche Urständ. einst erfolgreich für die Entstehung der Bundesrepublik. Welcher Raum wird verfassungsmäßig einoder ausgegrenzt? Europa? Nur Europa? Wer gehört dazu? Wer nicht? Wo liegen die Grenzen? Sind sie geographisch abschichtig verschieden dicht? Wieviel einander überlappende Souveränitäten oder Entscheidungsinstanzen lassen sich verkraften? Lassen sich Einigungsformen von verschiedener Dichte und Intensität und von verschiedenen Geschwindigkeiten denken. das alles wird auch den Föderationen. Europas Verfassung läßt grüßen. zwischen den Partnern austariert und mit größerem oder minderem Druck durchgesetzt werden. mit Folgen. daß Ungleiche gleich behandelt werden müssen.Patriotismus denkbare und mögliche patriotische Opferbereitschaft wurde nicht abgerufen. nunmehr ohne jeden hegemonialen Anspruch. 3. Die Abgrenzung von Innen und Außen. Ein einmaliger Lastenausgleich. die uns noch mehr Opfer abverlangen werden. also unter neuen ideologischen Prämissen und unter der alten Herausforderung der Globalisierung. all das muß durchkalkuliert. 2. daß das Begriffswort ›Nationalismus‹ . planen.früher? oder später? -.wie es das erfolgreiche nachnapoleonische französische Modell anbot . dem Staatsvolk angesonnen oder von ihnen festgelegt wurde. Es bleibt ein semantisch aufregender Befund. wurde nicht geleistet.

Erst gegen Ende des 19. Sozialismus. dazu Reinhart Koselleck und B. Werner. unter denen sich die ehedem ständisch gefaßte Gesellschaft in immer neuen Bewegungen neu zu begreifen und neu zu formieren suchte. Schönemann / Karl F. Nation.als zustimmungsheischende Fangworte. lauten: Demokratismus. S. zur Selbstbenennung ihrer sozialen oder politischen Bewegungen verwendet worden ist. Alle zehren von dem vorausgegangenen und vorauszusetzenden Begriff des Patriotismus.wie »Fanatismus« und »Chauvinismus« . Liberalismus. passim. 7. der bedient sich kategorial einer Fremddefinition. S. Kommunismus. Faschismus. wie es sich durch die Französische Revolution entfesselt hat und wie es in seiner weltweiten Wirkungsgeschichte noch keineswegs an sein Ende gelangt ist. Ein frühes Beispiel bietet Ernst Moritz Arndt. Nationalismus. Jahrhunderts wagen es irische Nationalisten.wie sie seitenverkehrt nach dem Ersten Weltkrieg von den Gebrüdern Ernst und Friedrich Georg Jünger aufgegriffen und für den deutschen Nationalismus umdefiniert worden sind. als ein Zeitalter des Nationalismus bezeichnet. Nationalsozialismus. Volk. .236 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten nur selten. Bd. Stuttgart 1992. a. der als konsequenter Demokrat den »Nationalismus« als notwendige Voraussetzung des Kosmopolitismus definierte. die. 28 Vgl. Wer also unser Zeitalter. des27 28 27 Für diesen seltenen Beleg siehe Eric Hobsbawm. Die emphatischen Selbstbenennungen. auf die Revanche gegen Deutschland eingeschworen. Nations and Nationalism since 1780. Cambridge 1990. Geschichtliche Grundbegriffe. 3 9 9 ff. 105. und dann nur von radikal Rechten. in: Otto Brunner u. Auch Hitler verwendete »Nationalismus« .). die nur selten im zustimmenden Sinn zur Selbstbezeichnung verwendet worden ist und die (seit 1945) jedenfalls einer wissenschaftstheoretischen Begründung bedarf. Masse. Konservatismus. aber nicht Nationalismus. sich selbst auch so zu benennen. (Hg. freilich ohne sie rhetorisch so zentral zu positionieren wie etwa »Volksgemeinschaft« oder »Rasse«. Erstmals um 1900 entfaltete Maurice Barres eine strikte Doktrin des französischen Nationalismus. alle als antideutsch nur denkbaren Kriterien bündelte: nämlich zugleich antikapitalistisch. antiparlamentarisch. antisozialistisch und antisemitisch zu sein . Konstitutionalismus.

31 Heinrich Weber 1909. Nicolai" wie für die nüchternen Sprach. 3 0 Ebd. sich bei allen Bewegungsbegriffen unserer Moderne strukturell wiederholt. eigentlich gleichberechtigte Patriae auszugrenzen. mit einer Hakenkreuz-Vignette des Georgekreises: ›Werke der Schau und Forschung aus dem Kreise der Blätter für die Kunst‹. »For while excess of egoism is everywhere regarded as a fault. 2. Herbert Spencer hat das in seinem Kapitel The Bias of Patriotism vorbildlich untersucht. 1. einer ›Nation‹. einer ›Masse‹. 21. einem ›Volk‹. Aufl.Patriotismus 2-37 sen ihm innewohnende ambivalente Tendenz. Nicolai.. einer ›Rasse‹." Für beide war der Begriff oder die Kategorie eines ›Nationalismus‹ noch gar nicht verfügbar. Das gilt sowohl für die rückhaltlos und scharfsinnig auf die Spitze getriebene Selbstkritik von Georg F. '4. a. Und selbst ein so emphatisch wie pathetisch auf sein Vaterland eingeschworener Bekenner wie Friedrich Wolters bediente sich 1927 nicht einmal der ›Patriotismus‹-Kategorie. wurde jedenfalls vermieden. 32 Georg F. excess of patriotism is nowhere regarded as a fault. Die Aporie des Nationalismus. siehe Koselleck u. 204-240. . 3 3 Vgl. durch die autonome Eingrenzung der eigenen Patria andere. gleich ob sich das ›Vaterland‹ mit einer ›Klasse‹. geschweige denn des zustimmungsheischenden Begriffs eines »Nationalismus^ 2 30 31 34 29 Herbert Spencer. 1888. Vier Reden über das Vaterland. wurde bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges primär unter dem Schlagwort ›Patriotismus‹ behandelt. deren Auflösung im Zuge der Zeit nur eine Verschiebung auf andere Ebenen zur Folge hat. S. 403. S. 28).Aufl. S. Anm.und Verhaltensanalysen von Robert Michels. bei Ferdinand Hirt. Upsala 1918. Betrachtungen eines Naturforschers den Deutschen zur Besinnung. Die Biologie des Krieges. Auch eine diachrone Entzerrung hebt die dem Patriotismus strukturell innewohnende Aporie nicht auf. auch als ›Pannationalismus‹ keinen Weg zur übernationalen Gemeinsamkeit finden zu können. Zürich 1919. Darmstadt 1983. Breslau 1927.. Aufl. Volk (Anm. The Study of Sociology. einer ›Verfassung‹ oder einer »Gesellschaft oder mit sonst was verbündet. hg. Aufl. 216. 3. 34 Friedrich Wolters. London 1873. Mit dem Patriotismus ist also eines jener situativ unlösbaren Probleme benannt. Das trifft auf alle Bewegungsbegriffe zu.« ' Aber auch der Antipatriotismus führe seitenverkehrt zur selben Perversion.

der böse eher im anderen zu finden sei. selbst wenn die Ideologiekritik auf diesem Wege keinen gesicherten Boden findet. ohne daß der Satz seinen normativen Anspruch verloren hätte. S.. S.. Ausgabe Iwan Göll. paradoxe Tatsache« verweist. v. Auch die Umbenennung der pluralen. D. daß der gute Patriotismus vorzüglich im eigenen Lager. Aufrufe zu tätigem Geist. München 1916. 36 Henri Barbusse. 60.238 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Zwei methodische Folgerungen lassen sich aus diesem sich über anderthalb Jahrhunderte erstreckenden Befund ableiten. ein Handlungssubjekt ist sie deshalb noch lange nicht geworden. Sie bleibt das ideologisch leicht besetzbare Referenzobjekt aller im Namen einer Universalität agierenden Politiker und Ökonomen oder Theologen. Der Schimmer im Abgrund. Ein Manifest an alle Denkenden. hg. Seit der Aufklärung wird das lineare Denkmuster abgerufen oder beschworen. Aber auch wenn die empirisch vorhandene Menschheit dank der technisch-industriellen Vernetzung an Dichte und immer noch wachsender gegenseitiger Abhängigkeit hinzugewonnen hat. die Nation zur einen Menschheit empirisch eher als Hindernis seiner Erfüllung. Zweitens erweist sich die logisch und ideologisch so einleuchtende Hochrechnung einer progressiven Steigerung vom Individuum (und seiner Familie) über das Volk bzw. So noch im Ersten Weltkrieg von Ernst Joël.. der 1916 auf die »gerade gegenwärtig . »daß die Gemeinschaft der wahrhaft Vaterländischen eine internationale. . zu einer funktionalen Erklärung. in: Das Ziel. Auch die Ersetzung des bösen »Patriotismus« durch den zu verdammenden »Nationalismus« beseitigt nicht die semantische Regel.« Zig Jahre sind seitdem vergangen.« Wir sagen: »Alle Menschen!« Die Gleichheit erfordert gemeinsame Regeln für alle Menschen der Erde. Basel und Leipzig o. 1789 riefen die Revolutionäre: »Alle Franzosen sind gleich. staatsgenerier31 36 35 Ernst Joël. dt. »Patriotismus« läßt sich sowenig wie »Nationalismus« ontologisch festschreiben. Der immer auch interessenbedingte Sprachgebrauch nötigt bei diesen Begriffen. übernationale ist«. Erstens führt die moralisch jeweils und zeitweilig einleuchtende Gegenüberstellung eines guten versus bösen Patriotismus nicht weiter. Henri Barbusse bestätigt 1918: »Menschheit statt Nation. Kurt Hiller. Kameradschaft. früher als bei anderen. 162.

. Die ehedem patriotisch legitimierten oder als nationalistisch definierten Sperren. werden umbenannt und in anderen Größenordnungen neu errichtet. nicht aber gelöst worden sind.oder gar ihrer Unschuld . Die einander ausschließenden Erbteile des Patriotismus. daß sich die lösungsbedürftigen Probleme verlagert haben. sind weltumspannend allgegenwärtig. werden jetzt Bürgerkriege entfesselt. Wo früher Kriege geführt wurden. pluralisiert in zahllosen Patriotismen. hinter denen sich die politischen Handlungseinheiten oder ökonomische Verbände ihrer eigenen Überlegenheit . mitnichten beseitigt.versicherten.Patriotismus ten Außenpolitik in ›Weltinnenpolitik‹ ist nur ein Indiz dafür.

ein einigendes Band um diese heterogenen Bereiche zu schlingen.00 Jahre amerikanische Revolution und moderne Revolutionsforschung. Jahrhundert auch in Deutschland. Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. wissenschaftlich. Revolution. Der Begriff. Kultur-. ökonomisch. 653-788.Revolution als Begriff und als Metapher Zur Semantik eines einst emphatischen Worts Seit der Aufklärung haben das Wort und der Begriff Revolution Konjunktur .wechselnd. Revolutionstheorien heute. technisch. die zu reflektieren eine gemeinsame Herausforderung bleibt. Der Terminus und damit alle von ihm abgedeckten oder intendierten Sachverhalte tauchen im Vokabular der Gesellschafts-. 5. Fisch. Meyer.). J. Seitdem umfassend für die Begriffsgeschichte R. Aufruhr. (Hg. zunächst in Italien. i Vgl. . Ch.). sozial oder kulturell gemeint. ein politisch-sozialer Begriff und ebenso ein wissenschaftlicher Terminus. S. mit einschlägigen Quellen und Literaturbelegen. N. Koselleck. je nach Lage abrufbar. Zudem ist »revolutionär ein beliebtes Kennzeichen für Modernität oder für Gewaltsamkeit. a. Göttingen 1976. aber anhaltend. 2. Zur Entwicklung des neuzeitlichen Revolutionsbegriffs. ›Revolution‹ ist also ein ubiquitäres Schlagwort. Es muß also so etwas wie eine durchgängige Erfahrung von Revolution geben: sei sie politisch. daß dauerhafte Elemente der Wiederholbarkeit und zunehmend Bedeutungsstreifen von Innovation in einem und demselben Begriff enthalten sind. 1 Grundbegriff der Moderne Die Geschichte des Begriffs ›Revolution‹ zeigt. Vielmehr will ich Differenzen aufweisen. Rebellion. Meier. außerdem: Helmut Reinalter (Hg. Bürgerkrieg. in: Hans Ulrich Wehler (Hg. in: Otto Brunner u.und Sprachwissenschaften auf. Seit dem späten Mittelalter kommt das Wort in den politischen Sprachgebrauch. Der Revolutionsbegriff ist neuzeitlich. Georg P. Bulst. dann in den westlichen Sprachen und von dort rezipiert im 1 8 .). Stuttgart 1984. Im folgenden ist nicht beabsichtigt. Geschichts. Innsbruck 1980.

Darin liegt seine Modernität beschlossen. der sowohl einen kurzfristigen gewaltsamen Umschlag bezeichnet als auch einen längerwährenden geschichtlichen Wandlungsvorgang. deckt der Revolutionsbegriff seit 1789 mindestens zwei Erfahrungsbereiche ab. und umgekehrt wird durch die politische Zielsetzung die geschichtliche Dimension erschlossen. Es handelt sich also um einen komplexen Begriff.Revolution als Begriff und als Metapher 141 wie er heute verstanden und verwendet wird. Zum andern indiziert der Begriff einen langfristigen Strukturwandel. dem Prozeß oder der Entwicklung. aber ebenso einen weiteren sozialen Kontext umgreift. der aus der Vergangenheit auch in die Zukunft reichen kann. der eine primär politische Stoßkraft hat. daß sie sich in einem und demselben Revolutionsbegriff gegenseitig bedingen: Der längerfristige geschichtliche Aspekt erläutert den politischen Zweck. der die Bedingungen politischen Handelns mit den Analysen geschichtlicher Erkenntnis zusammenführt. der jedenfalls einen Wechsel der Verfassung herbeiführt. Aber der Begriff ist nicht nur modern: Er enthält auch Erfah- . Es ist ein Reflexionsbegriff. der sich zum Bürgerkrieg steigern kann. ist strenggenommen erst seit der Französischen Revolution üblich geworden. an deren Sinn »Revolution« partizipiert. von der Industrie über die Wissenschaft bis zur Kultur. aber in ihrer Komplexität erst seit 1789 zusammengefaßt wurden. Seitdem sind Erfahrungen und Erwartungen von einem Grundbegriff gebündelt worden. Dann nähert sich der Begriff der »permanenten Revolution« an. Er deckt sowohl die Machbarkeit einer Reform ab wie die Selbstläufigkeit einer Evolution . Der Begriff ist zugleich erkenntnisleitend wie handlungsanweisend. Analytisch gesprochen.beides Gegenbegriffe. Einmal meint der Begriff die mit Gewalt verbundenen Unruhen eines Aufstandes. Beide Bedeutungsfelder können einzeln abgerufen werden. die einzeln auch schon vorher unter Revolution begriffen. die nicht notwendigerweise zusammengehören. In dieser letzteren Verwendung erstreckt sich der Begriff über den engeren mit Gewalt verbundenen politischen Sinn hinaus auf die ganze Gesellschaft und kann hier zahlreiche Sektoren einzeln erfassen. aber seit der Französischen Revolution ist es üblich.

die auch im römischen Recht ihren Ort hatten. früher aber von anderen Begriffsworten erfaßt wurden.und Rebellion sind weithin sinngleich mit den lateinischen Ausdrücken.Bürgerkrieg. rebellio. conjuratio.Teil II: Begriffe und ihre Geschichten rungen der Vormoderne. Aber die Semantik ist nicht so abstrakt oder variabel. von Epoche zu Epoche geändert hätten. wurden im mittelalterlichen Sprachgebrauch übernommen und schließlich in die europäischen Volkssprachen überführt. bellum civile . Verschwörung. Eine dritte Gruppe schließlich bezeichnet die Unruhe auf dem Umweg über einen Legitimationstitel. die auf eine bestehende politische Ordnung bezogen wurden. dann verblie- . Er bündelt geschichtlich verschieden tief gestaffelte Bedeutungsstreifen zugleich. Speziell der engere politische Wortgebrauch von Revolution deckt Erfahrungen und Erkenntnisse ab. teilweise bis heute.Zwietracht. seditio.analog zur griechischen stasis . daß sich die konkreten Rechtstitel und die tatsächlichen Konflikte nicht von Situation zu Situation. Aufstand . In diese Gruppe gehören. und wenn sich Änderungen in der Verfassung ergaben. Es richtet sich gegen Tyrannis. jeweils konkreten Verwendung lassen sie sich in drei Gruppen einteilen. der das Handeln von unten nach oben rechtfertigt. vicissitudo Wechsel. tumultus. Wenn eine solche Ordnung durch Unruhen gefährdet wurde. Sie reichen in die griechische und römische Geschichte zurück. Erstens wird eine gewalttätige politische Unruhe durch die herrschenden Mächte von oben nach unten definiert. Unbeschadet ihrer wechselnden. Despotie und. objektivierender Perspektive: discordia .Bewegung. Diese grobmaschige Typologie unterstellt nicht. erst seit der Französischen Revolution. als daß sich nicht auch gemeinsame Strukturen von der durchgehaltenen Terminologie erfassen ließen. Meist handelte es sich um rechtliche Begriffe. Eine zweite Gruppe bezeichnet die Unruhen aus gleichsam neutraler. motus . die in anderer oder ähnlicher Weise schon früher gemacht. Aufruhr. trotz ihrer bis heute durchgängigen Terminologie. Empörung. dann rekurrierten alle Beteiligten auf ein potentiell gemeinsames Recht. turba. Tumult. gegen eine Diktatur.

im 16. Zunächst. der. der schließlich zu einem neuen Begriff wurde. ohne Erfahrungsdaten und Erwartungsmöglichkeiten zu verletzen. Sodann konnte der Verfassungswandel in Anlehnung an den astronomisch notwendigen und gesetzmäßigen Sternenumlauf als Verfassungskreislauf im herkömmlichen Sinne. progressiv in eine bessere Zukunft führen sollte. aber auch nur streifenweise. Diese Deutung läßt sich bekanntlich auch auf den Verlauf der Französischen Revolution anwenden. Hobbes sah in der englischen Revolution eine » circular motion«. von Aufruhr. der die Neuzeit kennzeichnet. Das änderte sich langsam. die von der Monarchie über die aristokratisch-parlamentarische Verfassung zur Demokratie geführt habe und dann spiegelbildlich über die entsprechenden Verfassungsformen zurück zur Monarchie. Aufgrund seines geschichtlichen Vorwissens konnte Diderot 1780 eine freiwillig akzeptierte Diktatur als Ergebnis der kommenden Revolution in Frankreich voraussagen. aber einen Wandel. Die Lehren des Thukydides oder Tacitus wurden nicht nur rhetorisch abgerufen und übertragen. Mehr noch: Sie ermöglichte schon vor deren Ausbruch Prognosen in Form eines Analogieschlusses. und aus gleicher Vorkenntnis verkündete Wieland anderthalb Jahre vor dessen Staatsstreich Napoleon als künftigen dictator perpetuus. mit der Einführung des Ausdrucks »Revolution«. sondern blieben auch empirisch einlösbar. etwa des Polybios. alle Lebensbereiche erfassend. gedeutet werden. Jahrhundert. Die griechischen Herrschaftstitel der Monarchie. der Aristokratie und der Demokratie samt ihren Verfallsweisen blieben trotz allem fundamentalen Wandel in der europäischen Geschichte applikabel. Sie wurde zum Subjekt der Ge- .43 ben sie grundsätzlich im Bereich der endlichen Möglichkeiten menschlicher Herrschaftsausübung.Revolution als Begriff und als Metapher 2. bezeichnete »Revolution« den herkömmlichen Befund von Wechsel. Jahrhundert weitete sich freilich der Begriff auch geschichtsphilosophisch aus. Ein Gleiches gilt für die Erscheinungsweisen der Unruhen und der Bürgerkriege. von Herrschersturz oder Verfassungswandel. Er meinte dann Wandel schlechthin. Im 18. Die Summe der Revolutionen wurde endlich zu einem Kollektivsingular der Revolution schlechthin gebündelt.

auf Erden erschienen ist. Wegen dieser schon im Begriff enthaltenen Mehrschichtigkeit mit gegenläufig interpretierbaren Bedeutungen ist ›Revolution‹ seit 1789 so ideologieanfällig wie anfällig für Ideologiekritik. das Reich Gottes zu realisieren. Das religiöse Unterfutter der revolutionären Erwartungshaltung scheint allerorten durch. Auf Dich hat die Revolution gewirkt. wo er sich an einer Zielbestimmung orientiert. Freilich sind auch hier überkommene Einstellungen sichtbar. oder Du bist vielmehr ein unsichtbares Glied der heiligen Revolution. den demokratischen. Je nach Perspektive lassen sich die eine oder die andere Bedeutung . ja eine Pflicht. die früher nur unter Aufruhr und Bürgerkrieg begriffen wurden. Rebell zu sein war negativ. was sie wirken sollte. Revolution wurde zum Legitimationstitel für Veränderungen. sie voranzutreiben wurde eine zustimmungsfähige Aufgabe. In Friedrich Schlegels Worten: »Der revolutionäre Wunsch. ist der elastische Punkt der progressiven Bildung und der Anfang der modernen Geschichte. immer auch die Bedeutung möglicher Analogien.244 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten schichte. so unterschiedlich er sich phasenverschoben artikuliert. wie auch immer vermittelte Heilserwartung hat den modernen Revolutionsbegriff überall dort imprägniert. Gegenläufig zu dieser theologischen Dominante transportiert der neuzeitliche Revolutionsbegriff aber auch die überkommenen Erfahrungen. die irdisches Glück und Herrschaftsfreiheit verspricht. die bisher tabuiert oder noch gar nicht in den Bereich der Erfahrung getreten waren. Das gilt für den liberalen. Auch diese gehören zur modernen Revolutionserfahrung und ihrem Begriff: ›Revolution‹ enthält. Revolutionär zu sein wurde positiv besetzt. seinem anfänglichen Wortsinn einer Wiederkehr gemäß. den sozialistischen und den kommunistischen Revolutionsbegriff. Sie erhielt die Weihe des geschichtlich Notwendigen. bis dahin nicht gehegte Erwartungen. Zugleich erschloß ›Revolution‹ neue. die ein Messias im Pluralis. ›Contre-révoIutionnaire‹ wurde 1800 in Berlin deshalb als ›Staatsfeind‹ übersetzt (in Catels Lexikon zur Revolutionssprache).« Und Novalis bestätigte ihm das persönlich: »Du verstehst die Geheimnisse der Zeit.« Die ehedem religiöse. struktureller Ähnlichkeiten im Vollzug eines gewaltsamen politischen Verfassungswandels.

die vermeintlich revolutionäre moderne Neuzeit als absolut einmalig zu setzen. Die Semantik der revolutionären Neuzeit ist um 1800 vollständig entwickelt. weil er gegenläufig deutbare Erfahrungsgehalte in sich birgt. die dramatische Erzählung . verbietet es uns. Unser begriffsgeschichtlicher Durchgang wirft also neues Licht auf den vermeintlichen Streit zwischen soziologischer Abstraktion und historischer Konkretion. um sich der eigenen Position zu vergewissern und sie zu propagieren. Seit 1789 ist Revolution immer auch Parteibegriff. Diachronie und Synchronie sind sprachnotwendig ineinander verschränkt. diachrone und synchrone Aspekte in sich versammelt wie der Begriff »Revolution«. Und deshalb ist es möglich.dies sind die Vorgaben. aber ebenso zahlreiche Aspekte von stiller Dauer oder Wiederholbarkeit. wie eine Person auftreten zu lassen und zu schreiben: Die Revolution will dieses und tut jenes. die weit in die sogenannte mittlere oder alte Geschichte zurückreichen. innovative Anreicherungen sowie Wiederholbarkeit der Elemente und Strukturen . Der Begriff enthält einen historischen Sog zur Neuerung. Diachrone. Diese Beobachtung läßt sich verallgemeinern. Aber auch diese Begrifflichkeit drängt. Das theoretische Vorgebot. So gibt es kaum einen geschichtlichen Grundbegriff.« Hinter einem derartigen Wortgebrauch stünden immer politische Absichten. die der moderne Revolutionsbegriff bereitstellt. das in dem Begriff »Revolution« bereits enthalten ist. schrieb ein Zeitgenosse um 1830. die strukturelle Ähnlichkeiten voraussetzen. »Es ist nicht ehrlich«.Revolution als Begriff und als Metapher 2 45 gegeneinander ausspielen. der technischen oder der industriellen Revolution. »die Revolution wie ein geschlossenes Ganzes zu behandeln. der so sehr Einmaligkeit und Wiederholbarkeit. die je nach politischem Standort verschieden abgerufen. sind empirische Zusatzbestimmungen. Der Begriff selbst nötigte zu einer Parteinahme. gemischt und dosiert werden. auch prozessuale Einmaligkeit. Es sind in ihr Strukturen enthalten. kraft der Übertragbarkeit der wissenschaftlich-technisch-industriellen Produktionen von einem Land auf das andere. die den Begriff ausdifferenzieren: wenn etwa die Rede ist von der bisher einmaligen wissenschaftlichen. zu Analogieschlüssen. Was jeweils hinzukommt. So sind im Begriff »Revolution« zeitlich verschieden gestaffelte Schichten enthalten.

Damit wurde auch eine Denkmöglichkeit für langfristige geschichtliche Veränderungen samt ihrer Rekurrenz bereitgestellt.etwa den Stein von Christi Grab -. geschichtlicher Wirklichkeit und historisch-soziologischer Analyse zu verdeutlichen. Denn zwangsläufig schiebt sich die Metaphorik ein. Es war ein neuer Begriff.246 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten einer einmaligen revolutionären Episode mit strukturellen Prämissen zu vermitteln. die im Zeitalter der Renaissance vorherrschte. um den Übergang von geschichtlicher Erfahrung in wissenschaftliche Deutung zu ermöglichen. die nur über theoretische Allgemeinaussagen erkennbar gemacht werden können. Was leistet die Übertragung des Wortes »Revolution« auf den politisch-gesellschaftlichen Erfahrungsbereich? Zunächst meinte das Verb »wegwälzen« . und zwar gleich in doppelter Weise: »Revolution« meinte die Umdrehung der Erde um die Sonne und zugleich die Umdrehung der Erde um ihre eigene Achse. daß sich die Erde um sich selbst dreht. in der sprachlichen Verschränkung von Synchronie und Diachronie schon eine hinreichende Erkenntnis zu finden. Dieser Bedeutungsgehalt ließ sich nun astronomisch verwenden: so von Kopernikus. Die doppelte Bedeutung. Die Abhängigkeit menschlicher Schicksale von der . sollte in der geschichtsphilosophischen Spiralmetaphorik des 19. Um die Distanz zwischen sprachlicher Erfassung. Rückkehr. präziser. sei auf die Metaphorik verwiesen. Jahrhunderts allgemeine Verbreitung finden. Der Sinnzusammenhang wurde zunächst von der Astrologie hergestellt. Revolution als Metapher Unsere begriffsgeschichtliche Perspektive sollte uns freilich nicht dazu verleiten. sofern er der Anschauung zuwider naturwissenschaftlich begründet wurde. zugleich aber um die Sonne und schließlich sich mit dem Sonnensystem insgesamt bewegt. revolutio meinte allgemein Umwälzung und. Die aus dem naturalen und physikalisch-astronomischen Bereich erfolgte Übertragung in den politischen Sprachgebrauch hatte für die Erfahrungsverarbeitung und Theoriebildung weitreichende Folgen.

das ist eine Bedeutung. Aber die Hintergrundbedeutung einer Wiederkehr. als die bisherige gesamte Terminologie zu Unruhen. erhielt durch den Begriff Revolution eine überhöhte Notwendigkeit. Die Übersetzung aus dem naturalen Gestirnenumlauf in die politische Sprache leistete noch mehr. die die Einzelfälle in langfristige Verläufe einrückte und so begreiflich machte. Daß eine Revolution eine Wiederkehr glücklicher Zustände sei. der am Ende der revolutionären Entwicklung stehe. Die einzelnen Handlungen und Ereignisse wurden aus ihren rechtlichen. Aufhebung der Ent- . die sich mit einer quasi naturalen Notwendigkeit abwickeln. In diesem Sinne diagnostizierte Kepler für Wallenstein eine »fürnehme« und »stattliche Revolution«.Revolution als Begriff und als Metapher Konstellation der Gestirne verlieh dem Auf und Ab. Was als Bürgerkrieg sinnloses Morden war. die des Proletariats. moralischen oder theologischen Sinngeboten herausgerückt und in langfristige Zusammenhänge gestellt. In Keplers Wortverwendung von ›Revolution‹ konvergierte die politische Rolle eines einzelnen mit der quasi naturvorgegebenen Konstellation der wirkenden Mächte in der Politik. von dem er sich in der politischen Sprache nie völlig gelöst hat. gerecht im Sinne naturrechtlicher Vorgebote. Noch Kautsky beschwor die Wiedergeburt. schließlich unumkehrbaren Bewegung. eine Art voraussehbarer Determination. Staatsstreichen und zu den zwecklos scheinenden Bürgerkriegen leisten konnte. In diesem Sinne hat Leibniz den Begriff erstmals verwendet. Gerade das naturale Substrat verlieh dem Begriff in der Alltagssprache seine politische Aktualität und Durchschlagskraft.und Abstieg irdischer Handlungssubjekte. Aufständen. gehört in den weiterwirkenden metaphorischen Umkreis des Begriffs. Der paradiesische Urzustand. insbesondere dem Auf. erfahren werde. Die naturale Metapher gerinnt ihm zum geschichtsphilosophischen Begriff mit globaler Zukunftsperspektive. Der naturale und insofern metahistorische Begriff gewann eine geschichtliche Dignität. und zwar mehr. die den Ausdruck in der Französischen Revolution nicht nur propagandistisch auszeichnete. einer Wiederholung blieb weiterhin abrufbar. Der naturale Revolutionsbegriff präparierte den geschichtsphilosophischen Begriff einer übergreifenden. die die Menschheit durch die letzte Revolution.

dann nehmt die Revolution zur Lehrerin. Die naturale. metaphorisch durchscheinende Hintergrundbedeutung des Revolutionsbegriffs leistete noch mehr. den Gang der Revolution zu einem tugendhaften Reich der sich selbst regulierenden Gesellschaft früher herbeizuführen. wo man sich immer wieder hinfinde. »Unsere Zeitgeschichte ist eine Wiederholung der Taten und Ereignisse von einigen Jahrtausenden . Es gehört zur Erfahrung jeder Revolution. und beidesmal ist auch hier die Wiederkehr der Maßstab des Urteils gewesen. Die Revolution vollziehe nur in wenigen Jahren oder in ein bis zwei Jahrzehnten. also wiederzufindenden Glück. vieler trägen Jahrhunderte Gang hat in ihr zum Kreislauf von Jahren . Dieses Diktum tauchte um 1800 häufig auf. so geschieht das in einem Argumentationszusammenhang. Oder wie es Görres formulierte: »Wollt ihr aber bei der Geschichte zur Schule gehen. nur schneller als früher üblich.wie der historisch rundum gebildete Abt Rupert Kornmann um 1800 feststellte. So werde etwa der Kreislauf der Verfassungen durcheilt. als er sich notwendigerweise und sowieso einstellen müsse. so hieß dies. Erlösung ist schwer anders zu denken denn als Rückkehr zum verlorengegangenen. Das Ziel war in den ewig geltenden. Und wenn die konservative Replik den Begriff der Beschleunigung aufgreift. daß sich in ihr die Ereignisse zu überstürzen scheinen. immer abrufbaren und endlich zu erfüllenden Gesetzen der Moral vorgegeben. um schließlich wieder dort anzulangen. Diese Primärerfahrung wird durch den Begriff einer sich beschleunigenden Revolution zu einer heute geschichtstheoretisch abgesicherten Erkenntnis.in der allerkürzesten Zeitperiode« . der noch deutlicher die Wiederkehr denknotwendig voraussetzt. ihrer Pflicht nachzukommen und die Revolution zu beschleunigen.248 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten fremdung. Ihre Herkunft aus der politischen Sprache in der Französischen Revolution zeigt uns eine zweifache Verwendung. auch ihre immanent notwendige Abfolge ermöglichte geschichtstheoretische Aussagen. daß sie sich beschleunigen. Nicht nur die Kreisläufigkeit der Bewegung. Wenn Robespierre die Franzosen aufforderte. als ihm gerade alle herrschaftlichen Rechte über seine Abtei Prüfening kraft der Säkularisierung entzogen wurden. was die Weltgeschichte bisher insgesamt geboten habe.

die die Menschheit auf der Bahn des Fortschritts unternehmen werde. und der menschliche Geist mit ihr. daß sie den Durchgang mit wachsender Geschwindigkeit zurücklege. wie schon erwähnt. und folglich kehrt sie nur scheinbar auf den nämlichen Punkt zurück. In stetiger Bewegung trete man unaufhörlich »in neue Zustände ein«. . Nur so ließ sich die Wiederkehr nicht überholbarer Grundstrukturen menschlicher Selbstorganisation mit dem Fortschritt verbinden. Und ebenso bediente sich Marx der Wiederholungsmetaphorik. bis endlich nach einem langfristigen Lernprozeß die letzte Revolution eingelöst werden könne. ist nur. was sich im Ablauf der Zeit sowieso einstellt. So vergleicht Otto Wigand zwei Jahre vor der 1848er Revolution die Geschichte mit der Bahn des Erdballs . Indes hat die Kreislaufmetaphorik auch ihre Tücken. Sie ist vielleicht am wirksamsten geworden. indem sie wirklich vorwärtswandelt. in Gestalt der Spiralmetapher. was man auch reden mag von ihrem Kreisen«. um die teleologische Progressivität herauszustreichen. an den Gestirnen orientierten Revolutionsbegriffs vollzieht sich nun. aber es ist eine Spirale. Sie desavouiert ihre Verwender.Revolution als Begriff und als Metapher sich beschleunigt. indem die Spirallinie diachron gestreckt wurde. sobald sie sich allzuweit von ihr entfernen. um sich einem republikanisch verfaßten Friedenszustand anzunähern.« Diese Wendung von Konrad Engelbert Oelsner aus Paris 1795 taucht in zahlreichen Varianten auf.was die Revolution auszeichne. aus der sie sich bewegt. Die wichtigste Übertragung des naturalen. um das Proletariat zu immer neuen Anläufen zu ermutigen. Beschleunigen läßt sich nur.« Allem Wandel ins Neue hinein zum Trotz kehren die gleichen Grundmuster menschlichen Verhaltens und menschlicher Organisation wieder .nur daß er »mit unbekanntem Zentralpunkt niemals wieder an denselben Punkt gelangt: So verläuft auch die Geschichte in einer nie in sich zurückkehrenden Linie. Die Spiralmetapher konnte den Anteil des wiederkehrenden Alten und des zu erwartenden Neuen verschieden dosieren. »Die Revolution hat sich im Kreise gedreht. Und das Vorweggewußte orientiert sich an der Einholbarkeit des bereits Gewußten. In diesem Sinne sprach schon Kant von den wiederholten Anläufen. ohne der Wiederholungskurve gänzlich entraten zu können.

wie die Staaten . wo die Anleihe aufgenommen wurde. Oder Marx sprach anläßlich der blutig unterdrückten Kommune 1871 von der »Verschwörung der herrschenden Klasse zum Umsturz der Revolution durch einen unter dem Schutz des fremden Eroberers geführten Bürgerkrieg«. denn eine Hälfte des Erdballs wird immer in Finsternis getaucht bleiben. Seitdem »Revolution« einmal in den politischen Sprachgebrauch eingedrungen war. ich werde sein!«.250 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten ohne die Wiederkunft verleugnen zu können. Je nachdem. bei der Astrologie. in ihrer teleologisch gedachten Bahn zurückgeworfen. die andere müsse sich noch erfüllen. so bei Wilhelm Schulz im Vormärz. der Astronomie oder bei der Theologie.womit er sein naturales Revolutionsgleichnis selbst desavouierte.zum Teufel. zum eigenständigen Agens. konnte sie. wie Freiligrath 1850 singend die permanente Revolution beschworen hatte. zum welthistorischen Handlungsträger gerinnen. d. konnte die Metaphorik neue Deutungsmuster der Revolution freisetzen. Die eine Halbkugel sei noch in Finsternis getaucht. zum Würgeengel. Wandel und Innovation sind die somit gewonnenen theoretischen Prämissen. Denn er fügte die Metapher hinzu. Das führt uns auf einen letzten Gesichtspunkt. die in jeweils verschiedener . die Vernunft des Menschen gleiche dem Globus. die andere erglänze schon im Licht . So strapazierte Robespierre den Vergleich.h. ich bin. Revolution wurde kraft ihrer Substantialisierung zu einem ideologischen Kompensationsbegriff. zum »Salto mortale« oder schließlich als personifizierte Revolution mit dem ewigen Gott gleichgesetzt: »Sie spricht mit dreistem Prophezein so gut wie weiland euer Gott: Ich war. Wiederkehr. mit der Weihe geschichtlicher Notwendigkeit versehen. Dauer. Damit wurde Revolution auch personifizierbar und konnte ihrerseits mit Attributen versehen werden. als er ausrief: Die Hälfte der Revolution sei schon vollendet.die Revolution selbst metaphorisch deuteten. Revolution wurde . Oder sie wird. die . in den alle Hoffnungen eingehen konnten. Hier handelt es sich um eine Verdoppelung der Umsturzmetaphorik: Die Revolution selbst wird durch einen Bürgerkrieg umgestürzt. die heute nicht erfüllt werden. zum Pulverturin und wie die Umschreibungen alle lauten. den er bewohne.so 1789 und in den folgenden Jahren .

Hintergrundbedeutungen entraten können. ist eine offene Frage. Aber auch der Schritt von der theologischen Endzeiterwartung zur geschichtsimmanenten Teleologie des Fortschritts vollzog sich auf dem Weg metaphorischer Umdeutung der apokalyptischen Zeitverkürzung vor dem Weltende in eine menschlich steuerbare Beschleunigung. Er führt von der naturbezogenen Wortverwendung zur geschichtlichen Begrifflichkeit. Seit der Aufnahme des Revolutionsausdrucks in die politischhistorische Sprache läßt sich ein säkularer Trend nachzeichnen. Die Metapher verblaßt und setzt einen Revolutionsbegriff frei. Ob sie vollends ihrer naturalen oder auch nur ihrer religiösen . schließlich zu Begriffen politischer Erfahrung und historischwissenschaftlicher Erkenntnis. um der Geschichte in einem erborgten Gewände neuen Sinn abzugewinnen. Vermutlich muß diese Frage mit Nein beantwortet werden. die sich zunehmend verselbständigt.Revolution als Begriff und als Metapher Dosierung die Umsetzung der sprachlich artikulierten Erfahrung in wissenschaftliche oder politische Revolutionsdiagnosen ermöglicht haben. Wiederholbare Verläufe und fortschrittliche Neuerung. um das Ziel der letzten Revolution vorzeitig zu erreichen. Der Kreislauf der Gestirne ermöglichte metaphorische Anleihen. langfristige Determinanten und Konstellationswechsel. der als genuin geschichtlich bezeichnet werden darf. . genauer gesagt. um die Geschichte als Revolution zu entdecken. Verzögerung und Beschleunigung wurden in Anlehnung an ihre naturalen und theologischen Hintergrundbedeutungen zu Gleichnissen für geschichtliche Revolutionen.

hat wenig gemeinsam mit der Bedeutung des Wortes Utopie. um den Einsatzpunkt zu klären. der sich an die Insel mit dem Namen Utopia mit ihrer Gesellschaftsverfassung. und ein Bezeichnungsstrang. Der Ausdruck ›Utopie‹. Zwei Stränge . Bevor er überhaupt in den Raum politischer und sozialer Sprache eindrang. was die menschliche Erfahrung damals kannte.Zur Begriffsgeschichte der Zeitutopie Mein Thema ist der Einbruch der Zukunft in die Utopie oder. Wenn man den Ausdruck ›Utopie‹ heute hört. rund dreihundert Jahre vergangen. anders gewendet: die Einverwandlung der Utopie in die Geschichtsphilosophie. nämlich in der zweiten Hälfte des 18. Im zweiten Teil werde ich das 19. die es im strengen Wortsinn erst seit der zweiten Hälfte des 18. Dieser Name ist das Nirgendwo im Sinne einer ganz konkreten Benennung für eine Insel im Jenseits dessen. Jahrhundert skizzieren im Hinblick auf die Folgelasten der einmal eingetretenen Verzeitlichung dessen. im Sinne also einer politisch-sozialen Kategorie. das Thoma Morus als Nirgendwo für seinen Roman prägte. was man die Verzeitlichung der Utopie nennen kann. ab wann die Utopie sich ändert durch das. Aber es hat lange gedauert. Ich werde zunächst einiges über die Wort. Man kann nun sowohl die Insel wie auch das Buch ›Utopia‹ nennen. Jahrhunderts gibt . die den Ausdruck verwenden. deren Gesellschaft Morus im geichnamigen Buch beschreibt. so wie er heute üblicherweise ein Vorverständnis erregt. so ist er positiv oder negativ besetzbar.ein Sachstrang.und Begriffsgeschichte von ›Utopie‹ sagen. Das hängt im wesentlichen von der politischen Stellungnahme derer ab. seit Thomas Morus. bis der . der sich an die Bezeichnung der Bücher mit »utopischen« Themen hält . Man muß zunächst einmal unterscheiden zwischen der Bezeichnung des Buches und dem Namen der Insel. und 20.kurz: die Verzeitlichung der Utopie. waren. was man Utopie nennt.sind seitdem im Sprachgebrauch möglich geworden. Jahrhunderts. mit deren Hilfe man bestimmte Elemente der politischen Zukunft vorwegnimmt.

Es gibt diese Art von Reiseromanen bereits in der Antike. unterschieden werden muß von der Bezeichnung solcher Beschreibungen. in der Politisierung und aktuellen Verwendung unseres Begriffs. Nun. also rund hundert Jahre nach Erscheinen von Thomas Morus' Utopia. analog zur Französischen Revolution. Und auch rund hundert Jahre später. und in gewisser Weise gehört Piatons Politeia zu derselben Gattung. der sich an die Werkbezeichnung ›Utopie‹ angeschlossen hat. was auf so etwas wie eine utopische »Insel« zielt. 1613. Von der Wort. Zu konstatieren ist also ein Vorsprung des politischen Sprachgebrauchs in England vor dem französischen und beider vor dem deutschen. Die Politisierung des Ausdrucks im Sinne seiner aktuellen Verwendung im Sprachkampf des Parlaments. Als metaphorische Bezeichnung für einen Ort außerhalb der bekannten geographischen und menschlichen Erfahrungswelt wird er zum ersten Mal 1620 verwendet. die sich mit den Sachverhalten projektierter Verfassungen oder idealer Gesellschaftstypen beschäftigt. In den unmittelbar politischen Sprachgebrauch. daß die Geschichte der Gattung. wir haben gewisse Phasenverschiebungen im politischen Sprachgebrauch. und im Deutschen. im französischen Sprachgebrauch erst während der Französischen Revolution. Speziell im Deutschen sprach man meistens vom Schlaraffenland oder von Märchen. um damit etwas zu bezeichnen. zur Sache kann man wohl sagen. daß die Bezeichnung ›Utopia‹ von Morus nicht auch seine Erfindung einer visionär gesehenen Insel jenseits des Atlantiks gewesen ist. tritt die erste Bezeichnung für ein analoges Buch auf mit dem Titel Utopia II.Zur Begriffsgeschichte der Zeitutopie 2-53 Ausdruck sich überhaupt eingebürgert hat. unbeschadet der alten Bezeichnung eines utopischen Verfassungsmodells und unbeschadet des Gattungsbegriffes.und Begriffsgeschichte her kann man nur sagen. Das heißt. ist die Bezeichnung für eine utopische Insel beziehungsweise für das entsprechende Schriftgut erst zur Zeit der Englischen Revolution übergewechselt. hat sich der politische Gebrauch des Ausdrucks erst im Vormärz durchgesetzt. Träumen und Visionen. Die Bezeichnungen sind sehr verschieden: ›Staats- . womit eine semantische Schwelle überschritten wird. der Parteiorgane oder der Pamphlete findet zuerst während der Englischen Revolution statt.

die schon in der Antike auftauchen. d. moralische und rationale Planung der Gesellschaft. relativ stereotyp. ›Reisebericht‹. Zum Begriffsgut gehören eine Reihe von Utopien. gemäß der die Dichtung nicht thematisiert. ›roman politique‹. was . ›fictiones fabulae‹. es geht um bestimmte wissenschaftlich ergründete Regeln. den Alltag zu organisieren. Jahrhundert im Zusammenhang eines poetologischen Schemas zum ersten Mal eine sehr klare Definition vorgeschlagen.. aber möglich ist in der existierenden Welt. daß solche utopischen Entwürfe sündenfrei gedacht sind. Sie ist für Baumgarten vielmehr eine Untergattung neben den figmenta vera. Nun hat Baumgarten im 18.254 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten roman‹. In den Bibliothekskatalogen beispielsweise findet man vor der Französischen Revolution keine Gattungsbezeichnung ›Utopie‹. Das ist in etwa das »totum«. handelt es sich um Gütergemeinschaft. Sie ist nicht neben Epos und Roman eine dritte Erzählgattung geworden. Nicht daß die Utopie schon als eigene Gattung erfunden worden wäre. bestand darin.h. denjenigen fiktiven Berichten (sofern sie in der existierenden Welt möglich sind). Eine Grundfrage. ob ihre Entwürfe realisierbar seien oder nicht. so daß überall eine rationale Kontrolle ausgeübt und gleichzeitig freiwillig auf sich genommen wird. Deshalb sind sie denn auch immer wieder unter Häresieverdacht geraten oder haben ihre Autoren ins Gefängnis gebracht. welche die Wahrheit thematisieren: Also etwas. das immer wieder ausgemessen wird wobei im Hinblick auf die christliche Theologie immer vorausgesetzt wird. sondern Bezeichnungen wie ›Staatsroman‹ oder ›Staatsdichtung‹ dominieren. was zwar erdichtet. die in der Debatte über solche Staatsromane immer aktuell blieb. Diese Gruppe steht der aristotelischen Definition sehr nahe. Bei deren Sachfragen. Es gibt also eine Fülle von Bezeichnungen. die in solchen Büchern diskutiert werden. ›voyage imaginaire‹ oder ›perfectissima res publica‹ usw. die Freiwilligkeit der Selbstkontrolle aufgrund gemeinsamer moralischer Pressionen und rationaler Prämissen wird immer wieder thematisiert. ›Robinsonade‹. Umgekehrt aber sind die Sachfragen. ›ficta historica‹. die so etwas abdecken wie einen Idealstaat. wie etwa die von Campanella und die von Morus selbst. ›traite d'état‹.

wenn sie doch . Die dritte Gruppe sind nun die figmenta utopica. daß diese Leute . und ein Zusatzkriterium hat Bentham auch schon angeboten: Es sind. möchte ich darauf hinweisen. Die Begriffe ›Utopismus‹ und ›Utopist‹. sondern auch Verhaltensweisen als »utopisch« charakterisiert. wenn er »good in theory«. daß der Sprachgebrauch seit der Französischen Revolution auf dem Kontinent einen Schritt weitergeht und nicht nur ideale Staatsentwürfe als Utopien bezeichnet.. die Handlungsträger selbst als ›Utopisten‹ bezeichnet werden können. was möglich ist in allen möglichen Welten. Und er fügt hinzu. Das sind jene Berichte. aber »bad in practice« oder »too good to be practical« ist. sind erstmals 1792 nachgewiesen worden und nähern sich damit dem polemischen Sprachgebrauch während der Englischen Revolution an. daß dieser Vorwurf im 19. Wir werden aber sehen. D.er denkt wohl an Fourier und Owen . daß diese letzte Gruppe aus der Dichtung zu verbannen sei. also politisch-soziale Konkretionen dessen. die das in allen möglichen Welten Unmögliche thematisieren. den Möglichkeiten in den möglichen Welten und den Unmöglichkeiten in den möglichen Welten. was mit imaginären Zukunftsentwürfen zu tun hat. sondern was möglich.keine angemessenen Gründe für die Realisierung ihrer schönen und perfekten Pläne angeben können. daß seither auch Einstellungen und Haltungen politischer Handlungsträger mit dem Begriff ›Utopie‹ umschrieben. Jahrhundert. Der dunkle Schatten ihrer Nichtreahsierbarkeit begleitet die Utopie schon seit der Kritik an Morus und zieht sich durch bis in das 19. Daneben gibt es eine zweite Gruppe der figtnenta keterocosmica. Das ist das entscheidende Kriterium. Er sagt. Ein Beleg für diese Art der Beschreibung von politisch-sozialem Verhalten ist bei Jeremy Bentham zu finden. h. Jahrhundert unter neuen Vorzeichen aufgenommen wird. Bevor ich auf die Verzeitlichung der bisher räumlich gedachten Utopie eingehe. Baumgarten differenziert zwischen Möglichkeiten in der tatsächlichen Welt. Das sind die Darstellungen dessen. der schon auf die Französische Revolution reagiert. Jahrhundert neben der existierenden Welt gedacht wurde. Dies erläutert er damit.Zur Begriffsgeschichte der Zeitutopie ist. wahrscheinlich und einsichtig ist. welche im 17. daß jemand utopisch sei. in der Pluralität also von Welten.

Mercier entwirft die Konvergenz des Intellektuellen mit . und seine Originalität bestand eigentlich mehr darin. Er wurde gelegentlich als Affe Rousseaus oder als Karikatur Diderots bezeichnet. Bevor ich die Verzeitlichung selbst entwickle. meistens solche. die als Utopisten bezeichnet wurden oder die so etwas wie einem Utopismus anhingen. Und die Leute. Und diese Autorenschaft der Revolution ist durchaus zweideutig zu lesen. Er denkt also eine Dialektik mit: Wenn einer einen perfekten Plan hat und ihn begründen zu können meint. wie auch die Urheber dessen. die sehr eingängig und impressiv. was intendiert war. die über ›Revolution‹ schreiben. Das gehörte damals zum Versteckspiel der Spätaufklärung. und jeder Schriftsteller ist Bürger.2 6 5 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Gründe angeben. auch weil der Absatz sich steigerte. Und seine Utopie des Jahres 2440 ist in gewisser Weise ein Schriftstellerparadies: Jeder Bürger ist Schriftsteller. ihre Pläne zu realisieren. obwohl natürlich jeder wußte. die seitdem denknotwendig zur Utopie gehört. Erst in der Französischen Revolution hat er sich dazu bekannt. möchte ich kurz den ersten Autor skizzieren. der eine zeitliche Utopie geschrieben hat. nämlich Louis Sébastien Mercier. daß er eine elegante Suada formulieren konnte. daß er es war. Damit gelangt die Dimension der Zukunft in den Begriff der Utopie. dann mag aus diesen Gründen das Gegenteil dessen herauskommen von dem. hatten natürlich die Absicht. wenn der Autor anonym blieb. wie er selbst sagt: zu den Autoren der Revolution. Er gehörte sozusagen zur zweiten Garnitur. der Autor zu sein. Bentham reagierte bereits auf die Französische Revolution und auf das. sondern bereits auf Zukunft hin angelegt. was sie prophezeien. sondern die zeitliche Implikation. Es gehören nämlich sowohl die Schriftsteller dazu. die das Gegenteil dessen hervortreiben. Er verfaßte den Roman Das Jahr 2440. was eine Revolution werden soll. der im Januar 1770 oder im Frühjahr 1771 in Holland anonym erschien. Denn die Realisierbarkeit visionärer Verfassungsentwürfe und ihrer Gesellschaftsmodelle war nicht mehr auf ein räumliches Jenseits. was man die Verzeitlichung der Utopie nennen kann. aber theoretisch nicht gerade konsequent durchdacht war. Mercier selbst wurde von den Aufklärern nicht ganz ernst genommen. Es ist weniger das räumliche Nirgendwo. Er gehörte zu den Popularisatoren der Aufklärung oder.

voller Spannungen und moralisch verseucht sei. die Kinder. wo er ist. Die Frauen rauchen und trinken nicht. Und die ganze Beschreibung von Paris . Aber diese natürlichen Wesen sind keineswegs gleichberechtigt. luxuriös. voller Elend. Der Gegensatz zwischen männlicher Vernunft und fraulicher Sinnlichkeit. .darum handelt es sich nämlich . So ist also der Traum das literarische Vehikel. Stadtschaft muß man eher sagen. Aber Mercier. Das sei kurz im einzelnen skizziert. Jahrhundert vorweggenommen. Nun. Es ist ein Vergnügen.ist im Grunde nichts anderes als ein Intellektuellenparadies. Alle benehmen sich rücksichtsvoll. die überhaupt fahren. Die Ausgangslage ist. alle können vergnügt über die Straßen flanieren. was sieht er in Paris? Er sieht eine völlig veränderte Landschaft. auf der Straße zu wandern. weil diejenigen. denn das Privileg. respektive der Autor dieses Zukunftsromans. obwohl er an den Anschlagtafeln ganz falsche Daten feststellt. voller Konflikte. Der Verkehr ist »menschlich« durch und durch. aber feststellt. daß es Paris sein muß. sie sind »natürliche« Wesen. schläft ein und erwacht rund 700 Jahre später. sie machen keine Maniküre. wird hier das Familienidyll des bürgerlichen Haushaltes im 1 9 . Jeder ständische Unterschied ist auf diese Weise beseitigt. Denn wie sich bei näherer Analyse herausstellt. die fahren dürfen. oder es sind Krüppel. moralisch qualifizierte Menschen. der eigentlich die berühmte Stadt der Aufklärung erleben will. alles anständige Leute sind. ist nur ein Verdienst oder eine Hilfeleistung. Der Verkehr ist geregelt. weil es die Aristokraten nicht mehr gibt. mit dem er die Zukunft in die Gegenwart einholt beziehungsweise eine Gegenwart in die Zukunft transponiert. Es sind verdienstvolle Bürger. an jeder Ecke steht ein Polizist. erkennt dann aber. die gleichsam Rotkreuzhelfer als ihre Kutscher haben. die armen Leute werden von den Kutschen der Aristokraten nicht mehr totgefahren. daß der gute Mercier in Paris einen Engländer zu Besuch hat. daß Paris verrottet. Darauf will der Engländer gleich wieder abfahren. Die Frauen sind im Unterschied zu den Männern die sinnlichen Wesen. Die Greise.Zur Begriffsgeschichte der Zeitutopie 2-57 dem Bürger. So können keine Pferderennen mehr auf den Straßen abgehalten werden. fahren zu dürfen. Ein anderer Aspekt fällt auf: das Leben der Frauen. weiß zunächst nicht.

Denn wer selber kein Testament schreiben kann. Diese ist so reguliert. Wenn man sich nun fragt. ist es gleichberechtigt. sodann die Enzyklopädie. und wenn doch. welche die tugendhaften Bürger für sich selbst abfassen. daß die Seelen doch bedürftig sind. die nur durch Selbstverwaltung und durch innere Zucht derer lebt. etwa Rousseau. Für den Fall aber. deren schlüpfrige Passagen getilgt werden. daß pornographische Literatur kaum ans Licht tritt.Teil II: Begriffe und ihre Geschichten der nach der deutschen Romantik fröhliche Urstände feiert. wird von Mercier bereits um 1770 sehr deutlich beschrieben. die es bereits gibt. Offenbar gehört die Schriftstellerei zur Voraussetzung der Unsterblichkeit. eine äußere und eine innere Zensur. hält Mercier die Wiedergeburtstheorie für möglich. Dies ist der Verzicht der öffentlichen hausherrlichen Gewalt zugunsten der Hausherrschaft innerhalb der Familie. die vollständig ediert werden. um so die Qual ihrer Sündhaftigkeit und deren Überwindung testamentarisch an ihre Nachkommen zu vermitteln als Appell zur Veredelung deren eigener Seele. etwa die von Voltaire. wird vergessen. dann stellt sich heraus. Gesinde gibt es natürlich nicht mehr. als Schulbuch für alle. nicht nur in Büchern weiterzuleben. daß eine Fülle von Folgelasten dieser moralisch trainierten Gesellschaft sichtbar wird: Es gibt z. die ein Mensch hat. Es ißt am selben Tisch wie Hausvater und -mutter. Vielmehr ist die Seele. damit jeder ihn täglich bei sich haben kann. die gesäubert werden. Die Enzyklopädie . Keiner darf schreiben. herrschaftsfreien und konstitutionellen Monarchie steckt. das als Testament der erbträchtigen Bürger gelesen wird. Die Testamente der Bibel werden ersetzt durch die Testamente. was hinter der Schilderung einer moralischen. die dort als Bürger gleichberechtigt sind. Voltaire wird zugunsten der moralischen Erziehung nur in zensierten Editionen herausgegeben. der in der Vision von Mercier bereits zurückgelegt ist: Die Unsterblichkeit gibt es nicht mehr. Im allgemeinen funktioniert die innere Zensur. wird verbrannt. ebenfalls in Taschenbuchformat. was er will. Noch ein weiterer interessanter Punkt. Die Seele ist somit identisch mit dem Buch. Dann gibt es Bücher. B. um den Wandlungsprozeß nachzuvollziehen. und zwar in Taschenbuchformat. Und die sittenwidrige Literatur. in seinen Testamenten festgelegt. Dann gibt es einige Autoren.

die im Namen der Freiwilligkeit ausgeübt wird. die vorgeschrieben wurden als ewige Wahrheitsträger für die Zukunft.soziale Gründe zum Töten gibt es ja nicht mehr .einen anderen umgebracht hat. der sich vor der theologischen Zensur verstecken muss. die gleichsam gewaltfrei funktionieren müssen. hat sich . was Mercier vorausgesagt hat.Zur Begriffsgeschichte der Zeitutopie 2-59 und Rousseau sind die integersten Bücher. sondern zugleich auch Macht und Gewalt. Diese wird öffentlich sichtbar gemacht.damals noch zukünftigen . Alles geschieht gewaltfrei. der für das 17. Alles. was funktioniert. aufklärerischen Gedanken überhaupt aussprechen zu können. begibt er sich freiwillig aufs Schafott. Feindbezichtigung und Unterwerfung unter eine scheinbar innere Moral. das auch in der Französischen Revolution von vielen Vertretern der Nationalversammlung. um seine rationalen. machtfrei. dieses ehemalige Symbol des Widerstandes gegen die staatliche oder theologische Bevormundung. für welche Macht an sich böse war. Der homme au masque. Aber wenn einer schon aus Eifersucht . Das war ein Theorem der Spätaufklärung. Selbstbeschuldigung. Genau dies ist die Vision der Spätaufklärung. herrschte doch damals das absolutistische System. Je nach Vergehen muß die Maske ein oder zwei Jahre lang getragen werden. Genau dies ist eingetroffen. Was steht hinter dieser . Wenn einer nun gleichwohl unmoralische Texte verfaßt. Indem eine machtfreie Gesellschaft entworfen wurde. auf der anderen Seite eine ständige Kontrolle. positiv gedacht. stillschweigend oder offen. wird invertiert zur Selbstbeschuldigungsmaske. Wenn man dieses System beseitigt. indem er eine Maske tragen muß. Ganz eindeutig ist es eine Gesellschaftsformation ohne Macht und ohne Gewalt. funktioniert von selbst. Alles.Utopie? Einerseits die perfekte Gesellschaft. um überhaupt Ordnung aufrechterhalten zu können. Auf diesem Wege schlich sich der Terror durch die Hintertür ein. Jahrhundert noch Symbol des Aufklärers war. wird er dem Zensor vorgeführt und unterwirft sich durch Selbstbeschuldigung freiwillig der Strafe. geteilt wurde. Die Todesstrafe ist als Strafe abgeschafft. Sie waren identisch mit Terror: durch Bücherverbrennung. kamen diejenigen Regulationsmechanismen in Gang. beseitigt man nicht nur die Könige. die auch auf das Schafott führen konnte.

Alles kam anders als gedacht. war auch in der Nationalversammlung. das er mit positiven Vorzeichen gesehen und versehen hat. Und Mercier war . die er in seinem Roman bereits abgeschafft sah. Oder man ging in die Vergangenheit zurück. die den Transfer einer räumlich gedachten Utopie in die zeitliche Zukunft hinein erklärlich machen. Infolgedessen waren die Utopien im 18. was 1793/94 geschehen ist. in seiner Endlichkeit mit unendlicher Oberfläche. so auch den letzten Kontinent in den Erfahrungsraum der Seefahrer einholend. Wenn man mit Wilhelm Busch so will: Es kommt erstens anders. war die Zukunft. die alles ohne Gewalt erfolgreich durchführen zu können glaubte. Damit komme ich zum zweiten Teil. nachdem er einmal überlebt hatte. aber mit negativen Vorzeichen. Seine Zukunftsvision ist eingetroffen. unter dem Direktorium. Er war Girondist. aber doch zumindest die Küsten waren in ihren Umrissen entdeckt. Der Globus war also okkupiert. entkam aber mit knapper Not der Guillotine. unmoralischen Einrichtungen. wurde ins Gefängnis gesteckt. Speziell ist es die Utopie der Spätaufklärung. Die Ausweiche. in dem Mercier sein Buch veröffentlichte. insofern ungeschichtlich war und die . Denn die Beschreibung eines Terrorsystems. nicht alle Kontinente. So will es die Ironie des Schicksals. wo schlaraffenlandartige Zustände für Kleinfamilien oder überschaubare Gesellschaften geherrscht haben sollen. die sich jetzt anbot. Jahrhundert schon auf die Sterne ausgewichen oder unter die Erde gekrochen. Später. Als erstes muß man feststellen.Teil II: Begriffe und ihre Geschichten im negativen Sinn erfüllt. wurde er Lotteriedirektor. Es war also nicht mehr möglich. überhaupt gab. Mercier selber hatte großes Glück. seefahrenden Nationen im wesentlichen bekannt war. bekannt. Insofern war der Globus in seiner Kugelgestalt. als man zweitens denkt. in die von ihm selbst geächtete schuldbeladene Tätigkeit überwechseln mußte. Die Lotterie aber gehörte zu denjenigen trüben.scheiterte. von der ein Utopist sprechen mochte. ist rundum applikabel auf das. ob es die Insel. weil die Seefahrer wissen konnten. Im selben Jahr.deshalb . Es wurden überirdische und unterirdische utopische Landschaften entworfen. Utopien irgendwo auf dem Globus anzusiedeln. Ich nenne einige Verzeitlichungskriterien. umsegelte Cook Australien. daß der Globus um 1770 durch die westlichen. daß er.

Seither sind fast alle Utopien zukunftsorientiert.Zur Begriffsgeschichte der Zeitutopie 2. Der Inhalt der Utopie von Mercier ist nicht gerade umwerfend neu. Sie ist gleichsam transzendental. und der sogenannte Historismus ist sozusagen nur die wissenschaftliche Durchführung eines theoretischen Programms aus dem 18. der die Zukunft visionär sieht. Jahrhundert: nämlich die Vergangenheit auf ihre Andersartigkeit hin zu untersuchen. der sich auf die Zukunft hin so entwirft. daß die Zukunft auch anders werde als die Gegenwart. Hinzu kommt ein weiteres Element. Und darin unterscheidet sich ihre Struktur. Die Andersartigkeit der Vergangenheit wurde langsam aufbereitet. nicht der Inhalt. Jahrh underts. was Mercier erzählt. Man kann diese Differenzbestimmung natürlich auch rückwärts ausdehnen: Für die Philosophen der Spätaufklärung war die Vergangenheit grundsätzlich anders als die Gegenwart. der diesen Ausweg erschlossen hat. entspricht älteren Utopien wie etwa der von Morus. der diese Zukunft stiftet: Die Zukunftsutopie ist eine spezifische Leistung des Geistes. Dieser Erfahrungstest fällt bei den Zukunftsutopien grundsätzlich weg.61 der erste. daß die Realisation nachfolgen kann. Man kann die Zukunft in situ durch keine Erfahrung einholen. und ein Element davon ist die Verzeitlichung der Utopie. Der deutsche Übersetzer von 2440 bezeichnet das kommende Paris denn auch als Projekt oder Plan und nicht als Utopie. von bisherigen Utopien. sondern machbar und . Infolgedessen ist die Zukunftsutopie ein reines Produkt des Geistes und sonst nichts. Vieles. Aber die Struktur einer solchen Zukunftsutopie ist neu. Dieser Qualitätssprung gehört zu den Schwellenerfahrungen der zweiten Hälfte des 18. daß die Zukunft jedenfalls anders ist als die Gegenwart. Damit ändert sich die Struktur einer Utopie. Sie ist zurückgebunden an die Autorschaft dessen. denn die Bedingungen der Möglichkeit dieser Zukunft sind die des Geistes. in der Hoffnung. daß nämlich die Zukunft nicht mehr von Gott allein vorgeplant. Alle räumlich gedachten Utopien waren potentiell durch Erfahrungstests überprüfbar. Eine weitere Voraussetzung ist die folgende: Die implizite These der Zukunftsutopie lautet. Das progressive Erfahrungsmodell war also zur gleichen Zeit ein historistisches.

denn das hätte sich gegen das ›Gemeinwohl‹ gerichtet. wie eine vernünftige Organisation der Gesellschaft durchgeführt werden soll. der sich auf die Zukunft einstellt. Ganz sicher ist ein Erklärungsangebot. sondern es entstehen Vereine. Die Folge war. Jahrhundert ausgenommen hat. Jahrhundert beginnt damit. Die Reformgesetze von Preußen zum Beispiel enthalten zum großen Teil programmatische Grundsatzerklärungen für eine neu zu gestaltende Gesellschaft.. und in dem Augenblick. daß neue Organisationsformen der Gesellschaft gefordert wurden. Dieser geschichtliche Kurzschluß ist das der Zukunftsutopie innewohnende Theorem. nicht von Macht und Gewalt reden zu dürfen. Vereine. obwohl man sie ausübt. Ich komme darauf zurück. . Die Jakobiner waren nie eine ›Partei‹. daß die Wendung zur Zukunft damals nicht zufällig stattgefunden hat. zwischen 1 7 7 0 und 1 8 0 0 . aber sie haben als solche gewirkt. daß sich die Ständeordnung auflöste. wo die Stände beseitigt werden. D. Kurz. Das 1 9 .Assoziationen. h. Der Begriff ›Utopie‹ gewinnt einen politischen Allgemeincharakter. Die Liberalisierung der Wirtschaft ist begleitet von der Bildung von Assoziationen. obwohl sie sich noch nicht so nennen. entsteht nicht etwa die naturrechtlich gedachte Summe von Individuen. Assoziationen und auch Parteien. an dem jeder partizipieren kann. sich neu zu formieren und zu organisieren. der sich auf mögliche Verfassungsentwürfe im Hinblick auf deren Realisierbarkeit und nicht etwa auf deren Nichtrealisierbarkeit bezieht. Vereinen und Programmen. In der Französischen Revolution wollte keiner ›Partei‹ sein. Das gleiche gilt auch für die Girondisten. kann diese auch realisiert werden: So der Selbstanspruch der Spätaufklärer. Es gibt weitere empirische Voraussetzungen dafür. seitdem also gibt es .allem Vorbehalt und allem Verbot zum Trotz . Wenn die Vernunft einmal eingesehen hat. soziale Organisation programmatisch vorauszudenken. In dieser Zeit. Parteien und ihre Programme. die keine Ständeordnung mehr kennt.262 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten produzierbar sei. Die Menschen sind genötigt. wie sich das im 1 9 . Es gehört deshalb zum utopischen Postulat. ›Utopie‹ wird ein politischer Verhaltensbegriff von allgemeinem Anspruch. wird nicht zufällig der Ausdruck ›Utopie‹ von seiner Inselbedeutung und von seiner Gattungsbedeutung abgelöst.

auch programmatisch zu denken und zu handeln. das immer dicker wurde.Zur Begriffsgeschichte der Zeitutopie 263 die sich. Diese Art der Einstufung mit Hilfe der Fortschrittsmeßlatte gehörte zu der zeitlichen Tiefenbestimmung. eine veränderte und veränderbare Zukunft zu reflektieren. er würde sich am liebsten in zwei Teile aufteilen: In einen. Die Herausforderung. was in der Vergangenheit den Aufklärern heute gleichzeitig schien. Und was hat Mercier damit gemacht? Er hat in die späteren Auflagen seines Buches. Zunehmend werden Projekte realisiert. Eine der Dauerfragen ist seitdem. denn er hatte Erfolg. sondern erfaßte wie ein Sog die Menschen. Nach diesem Modell wurden Descartes. was man an heute einsichtigen rationalen Plänen in der Zukunft realisieren könne. eingeordnet. Leibniz usw. Der technische Fortschritt führte zu Zwängen. Jedenfalls veränderte die Verwirklichung von technischen Projekten indirekt die soziale Struktur. Ein schönes Beispiel dafür ist die Montgolfière. zukünftigen Organisationsformen Stellung zu nehmen. hatte sozusagen zu früh gelebt. die Gesellschaft neu zu organisieren. Insofern war das Element der Zukunftsplanung nicht bloß utopischer Wunsch. wenn sie sagten: Sie haben zu einer Zeit gelebt. Um diese Zeit zeichnet sich ebenfalls der technische Fortschritt ab. zwingt jeden. die auch in die Zukunft hinein verlängert wurde. in die sie eigentlich noch nicht hineingehörten. . spätestens 1 8 4 8 auch als Parteien artikulieren. Luther hingegen lebte zur richtigen Zeit. die genötigt wurden. Alles. daß Hus für seine Zeit zu früh gelebt habe. die zuvor utopischen Charakter hatten. daß die Aufklärer selbst ihre geistigen Ahnen als Vorläufer definierten. die im Jardin de la Muette in Gegenwart des Dauphin in die Luft gestiegen ist. auch noch die (inzwischen eingetroffene) Prognose der kommenden Luftfahrt eingeschmuggelt. um mit deren Erfüllung die Glaubwürdigkeit seiner anderen Prognosen zu erhärten. Diese Frage wurde auch aus wissenschaftsinternen Gründen gestellt und konnte durch technisch-industrielle Verwirklichung empirisch immer wieder eingelöst werden. Das gleiche gilt natürlich auch für die Wissenschaften. zunehmend politisiert. Newton. So wurde etwa behauptet. in irgendeiner Weise zu möglichen. Mercier selbst sagte einmal. Die Verzeitlichung der Aufklärung wird auch in dem Sinne deutlich.

in die Geschichte hineingeholt. als real vorführen konnte. Wichtig ist des weiteren das Verschwinden des Jenseitsglaubens in der öffentlichen Meinungsbildung bis hinunter zu den agrarischen Schichten. steigen jedenfalls die moralischen Argumente. Denn gute Taten müßten eigener Pflicht entspringen. die ja kompensatorisch alle Ungerechtigkeit dieser Welt ausgleichen sollte. Denn wer an das Jüngste Gericht glaube. Assoziations. daß der Glaube an die Unsterblichkeit im Jenseits damals stark verblaßte. die »ungebildeten« Schichten verbindlich wurde. In der Provence zum Beispiel registriert Vovelle für die Altarbilder ein Verschwinden der Höllenvisionen. So wird. und gleichzeitig in einen. über alle europäischen Völker etwas auszusagen. was Hegel dann in seiner Geschichtsphilosophie ausführt. Vereins-. zunehmende Verweltlichung. Infolgedessen sei das Jüngste Gericht von der praktischen Vernunft als ldeologem zu entlarven. der ja meinte. Die Gerechtigkeitsvollstreckung wird aus der Transzendenz in die Geschichte hineingeholt. der handele zutiefst unmoralisch.als Wunsch geäußerte Selbstinterpretation ist die anthropologische Hintergrundfigur dafür. das Jüngste Gericht zu denken sei eine absolut unmoralische Zumutung.264 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten der noch jetzt lebt. aber es scheint sicher. das Erfahrungsschema des Noch-Nicht und Nicht-Mehr als Alternative. die Weltgeschichte zum Weltgericht. technischer Fortschritt. Diese schizoide . Wer nur aus Furcht vor Strafe oder Hoffnung auf Belohnung handele. Dementsprechend wird die Gerechtigkeit aus der jenseitigen Zukunft. bleibe hier offen. das Verschwinden des Jenseits zugunsten diesseitiger Gerechtigkeitsvollstreckung und die Umwandlung der räumlich gedachten perfec- . schon 7 0 0 Jahre älter zu sein. daß er seinen Traum. der erst in der Zukunft leben wird. Ich will es nicht riskieren. Im Maße. Das also sind allgemeine Kriterien. als die Vorstellung des Jüngsten Gerichts schwindet. der fürchte die Strafe Gottes oder erhoffe Belohnung. Wie weit das auch für die Nichtintellektuellen. mit der alles gedeutet wird.und Programmbildung. die auf die Verzeitlichung der Utopie zutreffen: Auflösung der Ständeordnung. auch bei Kant. Wissenschaftsgeschichte als akkumulativer Prozeß. wie Schiller als Jünger Kants sagt.

diese Dreiteilung ist die gedankliche Hintergrundfigur auch bei der Kritik. die Namenvernichtung oder die Namenspflege dazugehören. Ein Utopist ist jemand. Die anfangs erwähnte Dreiteilung von Baumgarten . der törichterweise etwas Irreales und nicht Realisierbares will. hingegen wird kein Trauerzeremonial mehr abgehalten. weil er nicht Macht ausüben wolle. wenn auch mit einer Inversionslogik.was ist möglich in der bestehenden Welt. 1 7 7 0 war Mercier also noch unvorsichtig genug. was prognostischen Charakter hatte. Das ist der Tenor bis hin zur Marxschen . die darin enthalten war.weil die Engländer fortschrittlicher seien als sie selbst. . Es gibt nur wenige Stellen. Cromwell ein Denkmal zu stiften. dies zu zeigen kann er sich fast in keinem Kapitel verkneifen. das absolut Böse ist. wird aus der Liste der spanischen Könige ausgelöscht. um nicht zu verdrecken. Insofern hat Mercier vieles vorformuliert. Das verwirklichte sich im Pantheon-Kult der Französischen Revolution. damit sie in England aufgehen dürfen . wie die Pflege des Nachruhms. Cromwell erhält ein Denkmal. er sei kein Cromwell. Mercier hat all dies in seinem Roman nicht derart theoretisch formuliert. die den Utopiebegriff erfaßt. Übrigens geben die Iren und die Schotten ihre Namen freiwillig auf. nachdem er zum politischen Begriff geworden war. Robespierre hat immer betont. was erstaunlich ist. Philipp II. Dazu einige Beispiele: Voltaire erhält eine Statue. die immer weiß angestrichen wird. wo ›Utopie‹ noch positiv verwendet wird: Utopie ist im doppelten Sinn des Wortes ein »Vorwurf«: Vorgriff und Kritik. gemessen an denen von Mercier.All dies als Hinweis darauf. die er aber nicht durchschaute. Rom darf dagegen niemals vergessen werden. Für Karl I. denn die Furcht vor ihm als Diktator gehört zur Rhetorik der Französischen Revolution. Jahrhundert skizzieren. und die aggressiven Töne Luthers klingen geradezu harmlos. was ist möglich in allen denkbaren Welten und was ist unmöglich in allen denkbaren Welten . weil es das absolute Gegenteil des Guten. aber implizit behandelt: Wie der richtende Nachruhm an die Stelle der Unsterblichkeit tritt. Zum Schluß will ich noch einige Folgelasten im 19.Zur Begriffsgeschichte der Zeitutopie 265 tio in eine verzeitlichende Anlage des Menschen zur Perfektibilität.

Darin sind sich die offiziellen Konfessionen einig. Was man früher nur für möglich hielt. diese seien schlecht. Insofern ist im deutschen Sprachgebrauch auch das Ideal einer möglichen guten Verfassung angenähert an das. daß es möglich scheint. ist inzwischen wissenschaftlich. Auf der nächsten Stufe der Begriffsskala werden negative Utopien entworfen. Das ist vornehmlich der Fall in der zweiten Hälfte des 1 9 . Negative Utopien antworten bereits darauf. härtere Position ist allerdings die. Daher kann man sich mit der Utopie anfreunden als einem Vorläufer dessen. wird Utopie als sündhaft verpönt. bleibt Utopie. denn Sündlosigkeit zu verwirklichen wird von jeder Utopie angepeilt. schlecht. wie im Gefolge von Thomas Münzer oder den Münsteraner Wiedertäufern. Utopien zu verwirklichen. ohne Zitate abzurufen. Utopie wird etwa historistisch relativiert. was früher unmöglich war. was später sich doch realisieren läßt. Dies aber ist häretisch. Und wenn sie doch realisiert werden soll. Die zweite. was aber gar nicht erreichbar ist. Es wird nämlich gesagt. Sofern sie von der Kirche eingenommen wird. weil sie nicht realisierbar seien. Der Begriff bleibt dennoch in viele Erwartungen integrierbar. Dabei wird also schon reagiert auf die Zukunftsstaatsentwürfe der Sozialisten. und dies zu Recht. Die erste Welle der Kritik an der Utopie bestand ja darin zu sagen. Die negativen Utopien hingegen gehen davon aus. Aber es gibt nun doch neue Differenzierungen. Diese Position wird letztlich anthropologisch oder noch theologisch begründet. daß vieles. was die Utopie auch meint. daß mit ›Utopie‹ bezeichnet wird. mehr noch böse und nicht auf Dauer zu verwirklichen.266 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Verwendung des Begriffs. selbst in das Kantische Fortschrittsprojekt. indem Annäherungswerte mit dem gleitenden Grenzwert der Utopie als dem Nicht-Erreichbaren hochgereizt werden. dann führt Utopie zum Bürgerkrieg und zum Untergang. technisch und auch ökonomisch verwirklicht worden. Diese möchte ich rein theoretisch schildern. obwohl die Grenzziehung immer wieder lautet: Ideale kann man annäherungsweise erreichen. Das bezieht sich vornehmlich auf technische Utopien und auf wissenschaftsgeschichtliche Befunde. Jahrhunderts. inzwischen möglich geworden sei. was grundsätzlich nicht erreichbar bleibt. daß es .

was besser wird und was schlechter war. die eine lineare Zeitskala entwirft. eine mystische Konvergenz von Zukunftshoffnung mit gegenwärtiger Willens. Sofern der Überbau rückwärts gewandt ist. sie einzuholen. die utopischen Phantasien einer absolut gerechten Gesellschaft auch zu realisieren . der die deutschen Raketenwaffen konstruiert hatte und der danach . von Carl Schmitt bis George Orwell. Aber in Wirklichkeit steht dahinter weiterhin eine Fortschrittsphilosophie. Beide sind Formen des Überbaus. auf der man einordnen kann.Zur Begriffsgeschichte der Zeitutopie 267 möglich ist. sofern vorwärts. Man darf vielleicht sagen. utopisch. Auch diese Formel hat ihren Hintersinn. die Wirklichkeit verändere sich jetzt so schnell. daß das. wird Thema einen neuen Gattung der negativen Utopie von Edward Bellamy bis Aldous Huxley. Eine vehement positive Wendung ist bei Ernst Bloch festzustellen.das Raumschiff auf den Mond zu senden geholfen hat. der Utopie als zukunftsträchtig. Positive Konnotationen zum Begriff gibt es erst wieder seit dem Ersten Weltkrieg. welche die Zeitspannung aufhebt und kraft der Permanenz utopischer Hoffnung die konkrete Verwandlungsfähigkeit einer jeden Situation hervorrufen will. Blochs Utopiebegriff war stark von der Jugendbewegung und von der Lebensphilosophie geprägt und enthält zusätzlich marxistische Elemente. ist er ideologisch. Es ist eine mystische Konvergenz.bloß mit besonders schlimmen Folgen. daß die Utopie sich beeilen müßte. Seitdem ist es wieder möglich geworden. Was also schon Bentham in seiner Formulierung gemeint hat.zumindest im deutschen Sprachraum . die Ernst Bloch verehren.ausgeübt hat.und Tathandlung evozieren soll. daß er meinte. Aber vielleicht ist das denjenigen. Denn wenn man an die Wirksamkeit der atomaren . zunächst bei Karl Mannheim. Das klingt scheinbar neutral und wissenschaftssprachlich. zu scharf oder zu schwach formuliert. Wernher von Braun war so fasziniert von seinen Erfolgen. der nach dem Zweiten Weltkrieg sicher seine größte Wirkung . Als letzter Hinweis auf die jüngste Verwandlung einer vornehmlich negativ gemeinten Utopie sei Wernher von Braun genannt. Ideologie dagegen als vergangenheitssüchtig charakterisiert. was er mit konkreter Utopie meint.zunächst als amerikanischer Gefangener . Utopie positiv zu assoziieren.

Das sei kurz erläutert. auch das Können. Aber es sind jedenfalls auf gesellschaftliche Beziehungen hin angelegte Bestimmungen. während das Dürfen elastischer ist und im Bereich dessen. die. es jeweils zu erneuern. wenn sie sich selbst über den Spielraum ihrer Handlungen klarwerden will. um eine solche Katastrophe zu verhindern.die Hoffnung als Zentralkategorie menschlicher Existenz einführt. die mit ebendiesen Raketen von Kontinent zu Kontinent geschossen werden können. dann müßte man zeigen. aber natürlich nur innerhalb der Grenzen dessen.268 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Sprengstoffe denkt. wenn man schon vom Hoffen spricht. Das Können ist der Spielraum der Fähigkeiten und ihrer Anwendung. Diese Art von temporalen Hilfszeitwörtern einer Handlungstheorie sind allesamt so wichtig wie Hoffen und Wünschen. Systematische Bemerkungen aus d e r dem V o r t r a g f o l g e n d e n Diskussion: i. einen bestimmten Freiraum stiftet. Diese sind vom Subjekt her definierbar. das Sollen. die Wirklichkeit einzuholen. Das Sollen als normative Grenze der Sitte und des Rechts ermöglicht das Zusammenleben und fordert. Dann ist es eine Bestimmung aus der Kantischen Erbschaft. innerhalb derer man zu handeln genötigt wird. daß die Utopien es in der Tat nötig haben. Oder es ist die Vorgabe von äußeren Zwangslagen. was das Sollen als normativen Bereich eingrenzt. das Dürfen. Das Müssen ist also nicht allein definierbar durch eigene Willensbildung. Das Müssen ist entweder das internalisierte Sollen. dann dürfte man geneigt sein zu sagen. eigene Hoffnungen oder eigene Wünschbarkeiten.wie Ernst Bloch . Jede Handlungstheorie muß mit diesen sogenannten Hilfszeitverben arbeiten. Es ist sozusagen zwingend. . Dabei sind die Grenzen historisch verschiebbar. das Müssen. das Mögen. Anthropologische Gesichtspunkte Wenn man . das Wollen und das Werden abrufen. daß es ebenso zentrale Kategorien gibt. Das Wollen schließlich setzt die Einheit von Geist und Sinnen voraus. was man vorfindet.

der der menschlichen Natur inhärent sei und im Kapitalismus seine grandiose Ausformung gefunden habe. was das Hoffen als notwendiges und berechtigtes Element menschlicher Handlung leistet. das Sollen. Und in jeder dieser Kategorien finden sich Abstriche an der Hoffnung. Es bedarf wohl keines Kommentars zu dem. der sich nicht im Wünschen oder Hoffen erschöpft. was die Theologen Sünde nannten. Ich halte den Einwand. Egoismus zielt insoweit auf denselben Sachverhalt wie Sünde. Denn ein Wirtschaftssystem läßt sich nicht nur aus anthropologischen Allgemeinsätzen ableiten. Das Können.Zur Begriffsgeschichte der Zeitutopie 269 Es ist ein Impetus zum Handeln. für grundsätzlich berechtigt. Diese Art einer vielseitigen Handlungstheorie relativiert jedenfalls die der Hoffnung angesonnene zentrale Funktion. Mit der Kritik an dieser einfältigen Verleugnung des Egoismus ist aber das kapitalistische Wirtschaftssystem noch nicht legitimiert. Die Rezeptionsgeschichte von Mercier hat noch weitere solcher grundsätzlichen Einwände gegen die Utopie als solche hervorgelockt. was Mercier etwa über die Steuern sagt: Die Steuern werden im Paris des Jahres 2440 in Briefkästen eingeworfen. Wir kennen also eine Fülle von Erfahrungssätzen in unserem temporalen Handlungsspielraum. Das Werden dessen. Es mag sich aus dem Mögen speisen und ist auf Vermögen angewiesen. Seit der Erfindung der Anthropologie im 18. Jahrhundert tritt der Egoismus als Nachfolger dessen auf.alle sind »weniger« als Hoffnung und engen diese ein. beschneidet jede Hoffnung sowieso. die einkreisen. Es handelt sich dabei zunächst um vordialektische . unter neuer wissenschaftlicher Perspektive. das Dürfen und das Müssen ausgefaltet von Viktor von Weizsäcker . Alle diese angedeuteten Kategorien einer Handlungstheorie sind anthropologisch von gleicher Gewichtigkeit wie das Hoffen. etwa um die Seine zu kanalisieren. Ein klassischer anthropologischer Einwand gegen die Utopie ist der Egoismus. nämlich den Egoismus nicht einzukalkulieren. was dann tatsächlich eintrifft. und in einen anderen legt er die freiwilligen Zusatzspenden. der gegenüber den Utopisten erhoben wird. Da geht jeder im Jahr einmal hin und gibt ein Fünfzigstel seines Einkommens in den gemeinsamen Briefkasten.

. wie auch immer sie lauten und wo auch immer sie herkommen. Und auch die Vorsicht Hegels. 2. daß man a priori sagen darf. welche die Gefährlichkeit der Utopie mit ihrer Unchristlichkeit begründen: Die unterstellte sündlose Art von Güte und Gleichheit dürfe man vom Menschen nicht erwarten. Dadurch ist er nicht in der Lage. eine Utopie zu propagieren und politische Verhaltensweisen mit ihr zu legitimieren. hat Merciers Buch das »Jüngste Gericht der Französischen Verfassung« genannt. Wie groß etwa die Realisierungschancen für bestimmte Modelle sind. nachzuvollziehen.Ferner gibt es kritische Stimmen. was zeigt. das kann man ja durch empirisch-politische Analysen zu bestimmen versuchen. auf ihre Machbarkeit hin befragt. die der protestantischen Theologie entstammten. die wirklichkeitstreu sind. Er folgt einem dualistischen Interpretationsprinzip. die das ganze Gesellschaftssystem stürzen. etwas sei unmöglich. B. Das ist im Grunde eine prognostische Formulierung gewesen.270 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Einwände. Aber man soll über alle Zukunftsmöglichkeiten rational diskutieren. bloß weil sie das Glück verspricht. Ich halte Poppers Kritik an der Utopie. für berechtigt. Er operiert. gerade die Zukunft nicht vorauszusagen. Aber Poppers Kritik an der Geschichtsphilosophie insgesamt halte ich selbst für eine Geschichtsphilosophie. daß er selbst wie ein Utopist argumentiert. Piaton und Hegel stellt er auf die schlechte. weil sie schon Strukturen der Französischen Revolution vorwegnahm: Wird die Utopie verwirklicht. indem er die Weltgeschichte halbiert. Es scheint mir keine hinreichende Begründung zu sein. Zum Verhältnis von Utopie und Prognostik Als Historiker schlage ich vor. Kant und sich selber auf die gute Seite.Wieland z. . daß man alle Zukunftsbestimmungen. Abgesehen von Hinweisen auf einen Grundbestand anthropologischer Aussagen finde ich nicht. . dann treibt sie »Letztentscheidungen« hervor. mit dualistischen Argumenten. die Argumente von Hegel. man könne nicht grundsätzlich und vollständig die Zukunft hochrechnen. Schon der Ubersetzer Merciers formulierte solche Vorbehalte.

indem die Kategorie Utopist als Negativbezeichnung gegen jeden politischen Gegner verwendet werden konnte. Versicherungswesen und ähnliches vor. In diesem Zusammenhang wäre es aufregend. Daß in seiner eigenen Geschichtsphilosophie wieder utopische Elemente auftauchen. ist eine Hochrechnung von vergangenen Daten in die Zukunft. also die Prognostik. den man empirisch nicht bewahrheiten könne. sei hier nur erwähnt und steht auf einem anderen Blatt. weil Hegel für ihn nur ein idealistischer Geschichtsphilosoph ist. bleibt offen. . . « und nicht »Es wird so . « . Das gilt auch für Rousseau. Jahrhundert Gegenwärtig ist der sprachliche Assoziationshof des Wortes Utopie überwiegend negativ. die sie meiden. Jahrhundert so. Hier bin ich teilweise mit Marx einig. Bei Mercier etwa spielen Wahrscheinlichkeitsrechnungen keine Rolle. Wie weit das einzulösen ist. Im Unterschied dazu kommen bei Condorcet Bevölkerungszählung. wenn er gesagt hat. Zum Umgang mit Utopien im 1 9 . weil sie ihre Ableitung der Zukunft nicht geschichtlich begründen. was von Mercier als unmoralisch abgetan wird. Prognostik. . Man kann semantisch zeigen. . der Frage nachzugehen. Die Hochrechnung aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. ob die bürokratische Vorstellung von der Machbarkeit der Welt als Leitbild hinter den Utopien steht oder nicht vielmehr eine aus der Wissenschaft erborgte Hoffnung ist. Auf jeden Fall ist sie das Gegenteil einer Utopie. Im letzteren Fall müßten die Utopisten ja mit »Wenn-dann«-Sätzen arbeiten. Die Sozialisten . also mit offenen Hypothesen.Zur Begriffsgeschichte der Zeitutopie kann er nicht wahrnehmen. daß eine Utopie im allgemeinen die Zukunft mit Ist-Bestimmungen als Sein beschreibt: »Es ist so . Lebenslänge. und zo. dessen Visionen nicht mathematisierbar sind. Solcherart wäre die Struktur einer nicht utopischen Prognose. Das war schon im 1 9 . ist im allgemeinen von den Utopisten nicht versucht worden. die es nur perspektivisch gibt. Das ist sein geschichtswissenschaftliches Unterscheidungskriterium gegenüber den Utopisten. 3. die Frühsozialisten seien nicht wissenschaftlich.

Und die Kapitalisten sagten. ist den anderen Utopie. die durch alle Erfahrungen hindurchreichten und in allen Parlamenten immer wieder aufgegriffen wurden. den Weg zum Sozialismus aufhalten zu können. Da gibt es etwa die von den Liberalen und Konservativen bis hin zu Jacob Burckhardt gepflegte Erinnerung an die Jakobinerherrschaft. die Geschichtswissenschaft auf einer theoretischen Ebene so zu klären. Aber es gibt Möglichkeiten. Es wäre angemessener. weil sie glaubten. . Schon im 19. wenn ich ihn für unsere Historikerzunft verbuchen müßte. Was dem einen Realitätsnähe ist. unangebracht ist. weil sie meinten.als Strukturaussagen für mögliche und wirkliche Geschichten formulieren darf.auch die Folgen der Rassenideologie erhärten jene Erfahrungen. welche man als Pessimisten einstuft.auch wenn man für sich selbst pessimistisch sein mag . Jahrhundert hat man negative Erfahrungen mit vermeintlich realisierten Utopien gemacht. daß Optimismus und Pessimismus letztlich genauso ungenügende Kategorien sind wie links und rechts. die Kapitalisten seien Utopisten. Es gibt eben Aussagen. Aber ich finde. welches auch in Frankreich wachgehalten worden ist. Die bewirkt ein Trauma. die einer Inversionslogik der Utopie Evidenz verleihen . daß der Ausdruck Pessimismus.Teil II: Begriffe und ihre Geschichten sagten. die Sozialisten seien Utopisten. . Kurz: In Frankreich sowieso und in Deutschland . daß diese Alternativen als subjektive Erfahrungskategorien eingestuft werden können. daß allzu oft und allgemein das Gegenteil des Erhofften oder Herbeigewünschten herausspringt. Später kommt noch die Fremderfahrung der Russischen Revolution hinzu. Es gibt natürlich historisch argumentierende Wissenschaftler. die man unbeschadet einer jeweiligen Position . Diese beiden politischen Traumata blieben negative Raster. etwas einführen zu können.zeigt sich. was aufgrund der Natur des Menschen nicht zu verwirklichen sei.Soll man heute angesichts der Atombedrohung Pessimist sein? Oder Optimist? Keine der Alternativen ist politisch aktionsfähig. Der Utopiebegriff ist also im 19. Jahrhundert ein universell verwendbarer pejorativer Kampfbegriff. Jahrhundert möchte ich sagen. wie umgekehrt seit 187 T die blutige Niederschlagung der Kommune durch die Republikaner wachgehalten wird. Zum Geschichtspessimismus im 20.

wann wo was und wie schnell etwas erfunden wird. und man muß wissen. Deshalb halte ich auch die Formulierung von Jaspers. daß wenn überhaupt . Aber es gehört ebenso zur Erfahrung des technischen Fortschritts. für eine absolute Utopie. sie muß in irgendeiner Weise bezahlt werden. die sowohl pessimistisch wie auch optimistisch genannt werden kann. daß auch sie nur ökonomisch aufgefangen werden kann. daß man nicht voraussehen kann.die ökologische Krise nur durch ein Weitertreiben der Wissenschaft. Dasselbe gilt für die ökologische Krise.. die Max Weber noch als Gegenbegriffe stilisieren konnte. zum Atomkrieg sei der Weltfrieden die einzige Alternative. durch technischen Fortschritt lösbar ist. . h. Unter der Drohung eines Atomschlages konvergieren die beiden Begriffe einer ›Gesinnungsethik‹ und ›Verantwortungsethik‹ zur Gänze. d. politisch aktionsfähige Lösungen zu finden. daß man weiß. die ökologische Krise zu lösen. Die bloße Hoffnung reicht nicht hin. Man muß wissen.Zur Begriffsgeschichte der Zeitutopie 273 dieses Problem analytisch so weit zu klären. was zumindest zu tun sein kann. Es gilt statt dessen.

Das gilt von der Liebesgemeinschaft bis zur UNO.oder Rollen . religiös oder sonstwie -. ohne Konsensbildung dieser oder jener Art könnte keine Aktionsgemeinschaft. ohne Konflikt und Kompromisse. wenn die Kontakte blockiert. sondern daß sie die institutionalisierten Grenzen ständig überschreiten. zumindest nicht in unserer komplexen Gesellschaft.sozial. Die Grenzen verfestigen sich.von der Taufe und Konfirmation über Eingangs. Rituale oder Verfahrensweisen besiegeln und bewachen die Formen des Eintritts oder Austritts . den Massenmord freizugeben.in der Familie. Auch das ist bekannt. . Das Bekannte und das Unbekannte. so wird aus dem Hüben und Drüben ein Innen und Außen. Konflikte zu schüren. Bedrohlich werden diese lebensnotwendigen Innen-AußenAbgrenzungen erst. Die Zuordnungen wechseln ständig. Bürgerkriege zu entfesseln. wie in unserer Industriegesellschaft. ein Hüben und Drüben. wirtschaftlich. wo man ihm begegnet . desto mehr Innen. wohldosiert.so sehr sich im Laufe eines Lebens deren Grenzen verschieben. wenn die Konsensbildungen nur noch einseitig dazu dienen. die Abgrenzungen werden gesellschaftlich institutionalisiert.das Leben eines Menschen regeln. im Betrieb oder im Ausland. im Flur des gemeinsamen Hauses. das Eigene und das Fremde konstituieren jede Erfahrung . Kriege zu führen. Um zu leben.und Ausgangsprüfungen. je nachdem. ist es ebenso nötig. zu sehen. Schließen sich Menschen zu Handlungsgemeinschaften zusammen und organisieren sie sich . über die Aushändigung einer Urkunde bis zum Staatsbürgerpaß. daß sich alle Handlungseinheiten nicht nur nach innen verfestigen und nach außen abschirmen. in jeder Zeitung zu lesen und über jeden Fernsehkanal.Feindbegriffe Alle menschlichen Lebenskreise kennen ein Hier und Dort. Ohne Kontakte und Kontraste. Je mehr Mitgliedschaften . politisch. Man kann dem Anderen fremd oder vertraut sein. Kompromisse verhindert werden.und Außenabgrenzungen überlappen einander. existieren oder überleben. All das ist bekannt und prägt unseren Alltag.

um Feinde ins Feld zu führen. Gewiß sind derartige außersprachliche Vorgaben immer sprachlich vermittelt. Und das gilt auch für die Folgen. gesellschaftliche. nicht jede einzelne Geschichte. mit Triumph oder Vernichtung ihr Ende findet. Auch das ist bekannt und läßt sich in zahllosen Geschichtsbüchern nachlesen. reichen alle nicht hin.das ist die Frage. religiöse. den gewaltsam herbeigeführ- . Ob Stämme oder Städte sich bekriegt oder einander ausgelöscht haben. Erst wenn der Andere oder der Fremde zum Feind wird. ob sich als Klassen oder als Parteien definierende Handlungsgruppen gegenseitig unterdrückt oder vertilgt haben . Ob und wie der Andere als Feind erfahren. die Feindschaften generieren helfen. Eine Schwelle wird überschritten. aber keine hinreichende Bedingung. läßt sich nach den jeweiligen Innen-Außen-Konstellationen gliedern. Staaten oder Nationen einander bekriegt haben. um vernichtet zu werden. aber sie gehen nicht im Akt des Sprechens auf. öffnet sich jene blutige Bahn. Speziell die Feindbegriffe. der Fremde als Feind erfahren oder begriffen wird. Anthropologisch gesprochen handelt es sich also um stetige Vorgaben.den minimalen Voraussetzungen jeglichen Friedens. der zu bekämpfen sei oder als Unmensch hinausdefiniert wird. wenn der Andere. Die Geschichte der Überlebenden geht weiter in Kontakten und Konflikten. Die Abgrenzung zwischen Innen und Außen gibt es immer und wird laufend neu vollzogen. das Morden perfektionieren. die mit Sieg oder Niederlage. Die sprachlichen Bestimmungen.Feindbegriffe 2 75 Die gesamte Geschichte. wer wo warum ein Feind sei. indem sie diese konstituieren. wahrgenommen und begriffen wird . Kompromissen oder Konsensbildungen . ob Kirchen im Namen ihrer Religion einander verfolgt oder vernichtet haben. sollen uns dabei leiten. ökonomische. geographische und politische Vorgaben. ob Stände. besser gesagt ihr jeweils vorläufiges Ende gefunden hat. Eine Einschränkung sei vorausgeschickt. Es gibt psychische Dispositionen. also eine primär sprachliche Leistung. den Streit radikalisieren. um Feindschaft zu erzeugen. die in jede Geschichte eingehen. Die Sprache ist eine notwendige. die wir zu beantworten suchen.all diese historischen Handlungseinheiten können sich gegenseitig verstärken.

Wenn jedes Sprechen ein Tun ist.streckenweise .176 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten ten Tod.sinnlich wahrnehmbar. die Selbstbestimmung einer Handlungseinheit. für die Stoa sogar selbstverständlich und ein Gebot der Natur. weniger zivilisiert. Aber die Abschätzung der Nichtgriechen kannte weit mehr pejorative Festlegungen. so die Topologie . Dahinter lauert die Feindschaft.und Selbstbestimmung haben sich gegenseitig evoziert. später der griechisch-römischen Kultur. Zweitens soll gefragt werden. Feindbegriffe untersuchen heißt also von der Macht und von der Ohnmacht der Sprache zugleich handeln. die Fremden als Andere anerkannt und gewürdigt zu haben. Dabei war es . sondern als Unterscheidungsmerkmal festzuschreiben.minderer Qualität. das uns die Sprache verschlägt. In zwei Schritten werde ich vorgehen. bevor die Hellenen. häßlich und grausam. Erstens soll die semantische Struktur der feindschaftstiftenden Gegenbegriffe umrissen werden. Die Tötung des Feindes mag ehedem. so ist noch lange nicht jede Tat ein Akt des Sprechens. unter diesem ihrem Namen zusammenfanden. die Barbaren seien Wilde. Fremd.die Leistung der Griechen. für uns ist es nur noch ein politisch motiviertes Morden. Der ›Barbar‹ ist . die stammelnden Fremden waren längst auf diesen Begriff gebracht worden. gar von Natur aus Sklaven und unterwerfungsbedürftig. Die Barbaren. Die Feinde als Barbaren lebten räumlich getrennt und waren . I Gegenbegriffe sind geeignet. in der gesprochenen und geschriebenen Rede. einer Verfassung unfähig. Dann sind die Barbaren physisch anders. in der Sprache und im Wort. das »Wir« gegen die anderen nicht nur zu artikulieren. jedenfalls liegen sie territorial außerhalb der hellenischen. aber auch heute noch außersprachlich ritualisiert worden sein. aber die Ausgrenzung überwiegt im politischen Sprachgebrauch. wie sich der langfristig vorgegebene Sprachhaushalt zur gesprochenen und geschriebenen Rede verhält . Menschliche Beziehungen mit ihnen sind zwar möglich.denn die Feindbegriffe sind in beiden enthalten.

cbristianitas fiat.als Gegenbegrifflichkeit -. seit der Einführung des Christentums. aber auch die Hellenen wie die Barbaren zugleich. des bon sauvage tauchen periodisch hoch und gleichen sich strukturell. Ob es die Normannen. Und empirisch ließ sich das von Mal zu Mal erhärten. wenn möglich. die Russen oder die Deutschen sind. die Mongolen oder wer sonst noch an den Grenzen auftauchte und die vorgegebenen Kriterien einlöste.Feindbegriffe 277 eine naturhafte. die Türken. die den jeweils nachrückenden Barbaren zugedacht werden. Die semantische Opposition zwischen Griechen und Barbaren wird mit neuen Namen besetzt die Barbaren bleiben. was sich sprachlich einmal eingeschliffen hat . die Hunnen. es sei denn. Man könnte fast sagen. wechselseitig verwendet und eingespannt in einen engen Spielraum der Varianten. die Ungarn. nur der Christ hat Aussicht. vielleicht sogar die Gewißheit. Damit stehen wir vor einem erstaunlichen Befund. territorialisierte pejorative Fremdbestimmung. lebt ikonisch und semantisch munter fort. im Kampf gegen die Perser. die vollends verloren sind. die Indianer. dereinst vom Übel dieser Welt erlöst zu werden. Was historisch je einmalig die Erfahrung prägte. zu ihrem eigenen Heil verbrannt. Und seitdem es Karikaturen gibt. die Tataren. wiederholen sich die stereotypen Merkmale. später gegen die Germanen. Sogar die nach innen gerichteten selbstkritischen Aufwertungen des tapferen Barbaren. die Gallier. Gewiß lassen sich in diese plakative Skizze da und dort theologische Toleranzlinien einzeichnen. die Struktur der Gegenbegriffe ist übertragbar . des edlen Heiden. die Ketzer. wiederholt sich strukturell noch und noch. die Häretiker. sie werden. die Heiden. die jederzeit Feindschaft begründen oder stiften kann. sie alle sind Adressaten der Mission. Wie auch die Kreuzzüge motiviert wurden: ubi nunc paganismus est. Der Nichtchrist verfällt der Verdammnis. bleibt abrufbar. die Juden. die Skythen. Und es gibt die Nicht-mehr-Christen. und damit komme ich zu einem neuen Feindbegriff. Es gibt die Noch-nicht-Christen: die Pagani. Aber die Ausgrenzung der Noch-nicht-Bekehrten und mehr noch der Nicht-Bekehrbaren . Die Gegenbegriffe verschärfen sich. Damit rücken die Zwangsalternativen in eine zeitliche Fluchtlinie.bis in die begrenzte Liste der Epitheta.

sondern bei Gott notwendig.längst bevor die weltliche Exekution zugriff oder zugreifen konnte. Wo Gott oder Teufel im Bunde sind. ein Tyrann sei als Unmensch zu beseitigen. diskriminierten den Feind als Ungläubigen weit radikaler als den nur barbarischen Feind.z8 7 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten überbietet jede territoriale oder physische Feindbestimmung. daß auch das verzeitlichte Oppositionspaar. rückte auch der Feind in neue Begriffsfelder ein. Der religiös ausgegrenzte Feind wird spiritualisiert und gerät damit in eine Ausweglosigkeit. übertragbar ist. Wer . Aber unsere Neuzeit brachte noch eine weitere Radikalisierung der Feindbegriffe mit sich.Untermensch radikalisiert die Feindschaft in sprachlich zuvor gar nicht begreifbarer Weise. zum Subjekt und Objekt ihrer eigenen Geschichte erhoben wurde. Die Aussicht auf Heil und Erlösung. sondern der Unmensch oder noch radikaler dem Übermenschen der Untermensch. der Heide oder Ketzer waren noch theologisch ausgrenzbar. einmal auf den Begriff gebracht. Seitdem die Menschheit als autonome Letztinstanz an die Stelle Gottes trat. Das Jüngste Gericht mußte.Unmensch. soweit möglich. und der sich selbst wohlgefällige Christ mochte schon als Übermensch entlarvt werden. die der vorchristlichen Antike unbekannt war. nicht nur Kampf und Unterwerfung. Der Feind des Menschen ist dann nicht der Mensch. Übermensch . Die Schuld an seiner Vernichtung wird dem ungläubigen Feind selbst angelastet . ist der wirkliche Feind nur ein Epiphänomen des zu vollstreckenden Heilsgeschehens. Wer könnte verkennen. Die moderne Revolution zur Abschaffung aller Herrschaft und der neuzeitliche Krieg zur Beseitigung aller Kriege enthalten eine eschatologische Gewißheit des Heils. wie sie den jeweiligen Barbaren zuteil wurde. Die Tötung von Heiden und Ketzern war nicht nur rechtens. vorweggenommen werden. Gewiß steht der Unmensch als Begriff schon der Stoa zur Verfügung. Der Barbar war noch natural oder territorial radizierbar. die allen weltlichen Selbstdeutungen zum Trotz ohne den christlichen Vorlauf nicht denkbar sind. Aber die Verwendung der Oppositionsbestimmungen: Mensch . er diente auch den Christen zur Stigmatisierung der Ketzer.

für die geschichtliche Wirklichkeit selbst zu nehmen. den der Mensch als solcher semantisch stiftet: Der Unmensch. die den Feind immer wirksamer pejorativ ausgrenzt. die vorgeführten Gegenbegriffe in ihrer einsinnigen und einseitigen Oppositionsstruktur. an die sich die Feindbegriffe geheftet haben. Es handelte sich also um ideologisch verschieden besetzbare Leerformeln. und in: Reinhart Koselleck. in die jeder den anderen hineindefinieren kann. Positionen der Negativität. die überschritten werden mußten. als den Feind funktional zu den eigenen Absichten oder Interessen zu begreifen.womit nichts mehr aber auch nicht weniger gewonnen wird. dazu meinen Aufsatz »Zur historisch-politischen Semantik asymmetrischer Gegenbegriffe«. S. um den Anderen als Feind überhaupt zu begreifen oder als Feind neu zu begreifen. zur potentiellen Nichtexistenz. wurde hier verzichtet. wie der Andere überhaupt als Feind begriffen wurde. Empirisch sind sie unzählbar. der sich per negationem des Anderen selber als Übermenschen etabliert. Der Feindbegriff. in die hineindefiniert zu werden dem Anderen die letzte Chance raubt. Über die Zeiten hinweg handelt es sich um eine Akkumulation und um eine Radikalisierung der Feindbegriffe: vom Barbaren über den Heiden und Ketzer zum Unmenschen und Untermenschen. sind übertragbar und in alle Sprachen übersetzbar. Drei Schwellen wurden gezeigt. Frankfurt am Main 1 9 7 9 . sondern legitimierten sich primär selbst. aber die semantischen Strukturen. »lebensunwert« und so vertilgt. oft schlimmer als die Semantik der Feindbegriffe überhaupt zu erkennen geben kann. im wörtlichen Sinn entmenschlicht. München 1 9 7 5 .65-104. auch nur ein Feind zu sein. Er wird unter die Schwundstufe menschlicher Möglichkeiten gedrückt. 1 i Vgl. 211-259. Und der Untermensch steht vollends im Belieben dessen. um sich selbst als Menschen auszuweisen . ist eine Blindformel.). Sie war zumeist anders. ließ sich auch durch eine Selbstbestimmung identifizieren. . S.Feindbegriffe 279 Hellene war oder Christ. Die Handlungsgemeinschaften lebten nicht allein von ihren ausgrenzenden Feindbegriffen. Vergangene Zukunft. halten sich durch. in: Harald Weinrich (Hg. Auf die konkreten Namen. Wir werden uns hüten.

im Vollzug des Geschehens ereignet sich die Geschichte nur so. die gesellschaftlich erforderlich sind. wie sie von den Akteuren wahrgenommen und begriffen wird. Ob schlimmer oder besser. einen Jargon oder eine Fachsprache. als läge in einer jeweils vorgegebenen Sprache als solcher irgendeine Feindbestimmung beschlossen. indem sie nur bestimmten Sprachgemeinschaften zur Verfügung steht. bedarf es der politischen Willensbildung. das öffnet ihm Türen oder verschließt sie. ist damit nicht ausgemacht. als der feindliche Begriff ihm zu sein ansinnt. daß die Feindbegriffe auf Fehleinschätzung. auf nicht hinterfragten Prämissen gegründet waren. ob jemand über eine Bildungssprache oder eine Geheimsprache verfügt. läßt sich schwer bestreiten. So regeln sich alle Wir.und Ihr-Bestimmungen. Gewiß dient sie. nicht eo ipso ableiten. Feindbegriffe entstehen ja nicht über Nacht. II Deshalb sei zum Schluß versucht. in actu. Zunächst muß die Vermutung zurückgewiesen werden. Daß jedes Geschehen von den wechselseitig verwendeten Feindbegriffen induziert und streckenweise auch gesteuert wird. auf Selbsttäuschung oder auf gutem Glauben. die übrigens erlernbar sind. ihre Innen-Außen-Abgrenzungen. auf Illusion oder auf Selbstbetrug. Tatsächlich pflegt der Andere anders zu sein. formuliert und in Aktion umgesetzt. wie auch immer es ex post gedeutet wird . Aber Feindbestimmungen lassen sich aus solchen sprachlichen Vorgaben. Um eine Sprache als solche zum Kriterium der Feindschaft zu machen. den Anteil der jeweils vorgegebenen Sprache und den Anteil der jeweils verwendeten Begriffe an den semantischen Oppositionsstrukturen abzuwägen. der Einund Ausgrenzung: Ob jemand einen Dialekt beherrscht. die gerne au- . Gerade in ihrer Verfehlung des Anderen liegt die Wirksamkeit der Feindbegriffe beschlossen. auch wenn sich später herausstellt. sie sind vorgeprägt und werden dennoch einmalig.z8o Teil II: Begriffe und ihre Geschichten Aber eine Folgerung sei erlaubt: Wie auch immer das wirkliche Geschehen und Erleiden erfahren wird.

der steht plötzlich vor einer »Welt voller Feinde« wie der Deutsche im Ersten Weltkrieg erfahren mußte.ein Vorgang. der sich erst seit der Französischen Revolution mit zunehmender Verschärfung abzeichnet. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die flämischen Grabsteine belgischer Soldaten gestürzt. sozial. der isoliert sich. religiös. immer aber politisch motiviert bleibt.Feindbegriffe 281 ßersprachlich: ökonomisch. »Die Sprache des deutschen Volkes gegen die Sprache der Zivilisation als Kriterium der Erbfeindschaft« . Das war nur ein Vorspiel. B. Mehr noch: Er machte sich zum Feind seiner selbst. die Umbenennung der elsässischen Orte nach den Namen französischer Märtyrer-Soldaten. Fichte oder Jahn . Dann verändert sich der Status einer Sprache. Wer seine eigene Sprache zum einzigen Kriterium der Selbstfindung macht. Es gehört zur Signatur unserer europäischen Neuzeit. Und Weihnachten 1935 verfügte Goebbels. um die Gesetze der Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit durchzuführen und abzusichern. St. die über ein Jahrhundert hinweg weitergereicht wurde. Die Erfindung des deutschen Sprachvolkes durch die intellektuellen Widerstandskämpfer gegen die napoleonische Fremdherrschaft war bereits ein politischer Akt.und Eingrenzung politischer Handlungseinheiten. Die Sprachpolitik der Revolutionäre machte das Französischsprechen zum Erfolgskriterium.zum scheinbar vorpolitischen.so bei Arndt. Mangels verfassungspolitischer Einheit wurde die deutsche Sprache als solche zum Medium der Selbstbestimmung und damit zugleich . sie wird insgesamt politisch instrumentalisiert . daß die Namen jüdischer Gefallener aus allen Kriegerdenkmälern zu löschen seien. geographisch. So .so könnte die Kurzformel lauten. Die Entdeckung der Sprachnationen durch Herder war daran gemessen noch ein vorpolitischer Akt. In Südtirol durften sich die Deutschen nur unter italienischen Inschriften beisetzen lassen. um die armen dialektbefangenen Bürger auf die Stufe der revolutionären Errungenschaften zu heben. Nur drei Details seien genannt. weil sie nicht französisch beschriftet waren. Die Folgen sind bekannt. deshalb ewig währenden Abgrenzungskriterium gegen die französischen Feinde. daß nicht nur die Sprechweisen. sondern die Sprachen insgesamt instrumentalisiert worden sind zur Aus. Just forderte z.

abrufbar. erfaßte auch die Toten. öffnen und begrenzen sie zugleich die Wahrnehmung. im deutschen Fall. Ein Blick in die Zeit der religiösen Bürgerkriege oder jüngst nach Jugoslawien genügt. sondern um Stereotypen. Protestanten und Katholiken auf Deutsch. Die meisten und vielleicht die brutalsten Bürgerkriege werden dort ausgetragen. Einmal eingespeichert in den Sprachhaushalt. Aber beigetragen hat dieses Ausgrenzungskriterium zur scheinbar unabänderlichen Feindbestimmung allemal. Also nicht Sprachen selber stiften Feindschaft. Wie wir wissen. nämlich eine überkommene Sprache zu sprechen und ihre eigenen Namen zu tragen. Jahrhunderts allein aus der politischen Erfindung der Sprachnationen abzuleiten. ob reflektiert oder unreflektiert. Rote und Weiße auf Russisch. Die Sprache wird von der Wirklichkeit des mörderischen Geschehens unterboten. . die Katastrophen des 2 0 . formulierte René Schickele. wofür sie keine Verantwortung übernehmen können. und sei es als Feind. Genauer gesagt sind es die semantischen Oppositionsstrukturen. Die Feindbegriffe bleiben. Nun reicht es freilich nicht. es ist ihre politische Instrumentalisierung. begreifen können. wo sich beide oder alle Parteien mit derselben Sprache als Feinde definieren und dementsprechend ermorden. um ihre Identität zu beseitigen. Er. in denen sich die Sprechenden selbst verfangen. die den Anderen. die nur abgerufen und angewendet werden.und Südstaatler der USA auf Amerikanisch . ihre Nichtexistenz zu erweisen. Denn es ist ein authentischer Beleg dafür. Wie wenig eine Sprache per se einen Feind generiert. der Untermensch . daß die als Feinde Ausgegrenzten schuldig gemacht werden. Wie selbst die Begriffe versagen. werden gleichsam zu Netzen. dafür ist leicht der Gegenbeweis anzutreten. hinter dem Ketzer lauert der Unmensch. Strenggenommen handelt es sich dann gar nicht um Begriffe. die Nord. Serben und Kroaten auf ›Jugoslawisch‹. war auch das nur ein Vorspiel. die in allen Sprachen auftauchen und die den jeweiligen Feindbegriff hervorrufen.sie alle haben mit Hilfe von Begriffen der gleichen Sprache einander umgebracht. Hinter dem Barbaren lauert der Ketzer.Teil II: Begriffe und ihre Geschichten reichte die Feindschaft über den Tod hinaus.der Niemand. Republikaner und Royalisten auf Französisch.

den Juden. immer kräftiger hervortreten. Was folgt daraus für uns heute? Nennen wir drei Minima: Vorsicht vor jeder Stereotype . an Thomas Mann schrieb. Vorsicht vor jedem Dualismus . Aber erst in der gesprochenen Rede gewinnt der Feindbegriff seine potentielle Wirklichkeit. Pamphleten und Broschüren. 277 h Wie jeder Bürgerkrieg verzehrt der Weltbürgerkrieg . wenn der Ungeist siegte. sieht sich bei Kriegsbeginn 1939 unter dem Druck des Hitler-Stalin-Paktes »zum ersten Mal« zum Konformismus genötigt. Europäer in neun Monaten. Gläubig übernahm er das völkische Vokabular. das er vorgefunden hatte in Büchern. zwei Wochen vor seinem Tod. mit ganzem Herzen und innerstem Empfinden für die französische Seite. »Die Welt teilt sich in zwei Lager und das ist gut.« Der Deutschen berüchtigster Redner des 20. optiere er jetzt.erst recht die Kraft und die Klarheit sprachlicher Begriffe. wissen wir. den ganzen Papierkorb des 19. um das Angelesene wieder von sich zu geben rhetorisch gekonnt und erfolgreich kalkuliert. Und 2 2 Zit.übrigens ein früher Beleg . Jahrhunderts. auch wenn er unterliegen müsse.Feindbegriffe 283 der als zweisprachiger Elsässer zeitlebens weder von den Deutschen noch von den Franzosen anerkannt worden war. Gläubig hat er das Vorgefundene angenommen.die minderwertigen Nachbarvölker. Jahrhunderts bezeugt das. René Schickele. die nordische Rasse . so mag es denn der furchtbare Kampf auf Tod und Leben werden über alle Begriffe hinaus. Es ist der Welt-Bürgerkrieg. das Handeln verkürzt.sie wird zum Begriffskäfig. Der Kampf wird extra tnuros et intra auszufechten sein. der Höchstwert des deutschen Volkes . Sie gerinnen zu ideologischen Srereotypen. und da es nicht mehr zu leben lohnte.den russischen Untermenschen und so fort. Sie werden immer deutlicher. die wir uns bisher von derartigen historischen Entscheidungskämpfen zu machen pflegten.hinter ihm lauern nur fiktive Feinde. nach Hans Wagener. S.und Erlösungssprache wurde von ihm verzehrt. Der gesamte Vokabelsalat der autistischen Erweckungs. Wie. Wie er im Januar 1940. Gerlingen 2000. . Alle seine Klischees stellen den jeweiligen Oppositionsbegriff zur ideologischen Verfügung: Der Arier . zynisch hat er es weiterverwendet. der das Denken verhindert. hinter denen sich das Grauen ansammelt und verbirgt. die auch realisierbar ist.

wenn wir den Anderen kennen.z84 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten schließlich: Nutzen wir die Sprache der Anderen. . ein erster Schritt zur gegenseitigen Anerkennung. auf der vergeblichen Jagd nach einer deutschen Identität zu sein. Diese ist nur zu haben. Sie wird uns hindern. Vermutlich ist der Andere dann kein Feind.

Teil III Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache .

Aber wir dürfen es vermuten. die linke stand in der Luft. Friedrichs des Großen Unterredungen mit mir im Jahr 1782 bei meiner Anstellung in den preußischen Dienst. er hat sich korrigiert. Mathematik und Fortifikation wurde er vom König in Sanssouci empfangen. die rechte Flanke war durch den Neckar gedeckt. Der Benennungswechsel von den ›Kaiserlichen‹ auf die ›Österreicher‹ enthielt eine politische Option. forschem Blicke an. das die Österreicher in dieser Gegend gehabt haben?‹ Der Baron antwortete: ›Ja! Eure Königliche Majestät. Nach bestandener Prüfung in Trigonometrie.Hat Er das Lager gesehen. Nicht mehr der Kaiser wurde apostrophiert.ich korrigierte mich und sagte. der reichstreu von den Kaiserlichen sprach statt von den Österreichern? Immerhin.« ' Der Baron von Massenbach hat uns nicht verraten. der dem preußischen Staat später noch viel Ärger bereiten sollte. ›die Österreicher in den Neckar geworfene Der König sah mich mit durchdringendem. So wechselte der Alte Fritz das Thema und stellte schließlich den Baron ein. denn das hätte seine lehensrechtliche Rangstellung über dem Kurfürsten von Brani Christian von Massenbach.Wer 1782 im Kaiser nur den Österreicher sah. S. Zwey Fragmente aus den Rückerinnerungen an große Männer. Stellte sich da nicht ein fragwürdiges Subjekt vor. Dabei fragte ihn der König: »›In der Gegend von Heilbronn wohnt Sein Vater? . Amsterdam 1809. aus dem Kraichgau kommend. bei Friedrich dem Großen um eine Offiziersstelle. Wir kennen einen ähnlichen Wortverdrängungsvorgang und Wortgebrauchswechsel im Laufe unserer Generation: von der SBZ bzw. ein Süddeutscher. . es war eigentlich bei Sontheim.Sprachwandel und sozialer Wandel im ausgehenden Ancien régime Im November 1782 bewarb sich der Baron von Massenbach. Ostzone über die »DDR« zur DDR pur. was hinter des Königs Stirne vor sich ging. Ein Angriff auf die linke Flanke hätte die Kaiserlichem . aber durch die Schlesischen Kriege schubweise vorangetriebenen Verfassungswandel des Deutschen Reiches. 35. . Die Lage der Welt und Preußens seit dem Tode Friedrichs des Großen. der partizipierte durch seine Sprechweise an einem schleichenden. .

wie der gute Fürst zu bestimmen sei. nur möglich war. um unter den Fahnen des von ihm verehrten Monarchen zu dienen. In der zeremoniell normierten Umgangssprache der höfischen Welt und ihrer ständischen Rangordnung. die staatsrechtliche Fragen aufrollt. Sonst hätte sich vermutlich unser Baron gar nicht nach Berlin begeben. der zum Wandel des politischen und sozialen Sachverhalts in einer bestimmbaren Beziehung steht.Nun besteht freilich historisch gesehen kein Zweifel daran. Die Österreicher rückten in ein räumliches Gegenüber zu Preußen. daß diese Umbenennung. Es ist seit der antiken Sophistik und in der christlich-stoischen Tradition ein abendländisches Thema geblieben . sondern wurde zum Konflikt zwischen zwei Ländern. so daß dessen potentielle Gleichrangigkeit zumindest sprachpragmatisch hergestellt wurde. weil die europäische Politik der habsburgischen Dynastie seit langem und weil die vorangegangenen vierzig Jahre friderizianischer Politik den Sachverhalt bereits de facto geändert hatten. wenn wir die despektierlichen Ausdrücke des jungen Fritz über die ungarische Majestät der Maria Theresia kennenlernen.um nicht schon den ›Sprachwandel‹ zu bemühen -. hatte eine solche Wortwahl großes Gewicht. Die daraus entfachte Diskussion gelangte nun im . der unser Zeugnis entstammt. und wenden wir uns einer Beispielreihe zu. Mit der Umbenennung des gegnerischen Lagers veränderte sich perspektivisch auch der Sachverhalt. nachvollzog. Kehren wir uns vom ersten Beispiel ab.288 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache denburg herausgestrichen. die der Baron von Massenbach im Gespräch mit Friedrich II. Unser Beispiel liefert den authentischen Fall geänderter Sprechweise . Wir lassen hier zunächst die Frage nach der Priorität offen. . Denn diese Frage kann für den Berliner Hof. wenn überhaupt. sondern sein Lager wurde politischgeographisch verortet.freilich ein Thema nicht nur des Abendlandes -. genauer gesagt. zwischen zwei gleichberechtigten Staaten. bevor er seine machtpolitischen Erfolge hatte. ob die veränderte Redeweise dem Sachwandel vorausgegangen sei oder umgekehrt. Eine Auseinandersetzung zwischen Berlin und Wien vollzog sich dann nicht mehr zwischen rangverschiedenen Fürsten des Deutschen Reiches. sinnvoll nur gestellt werden. das mehr außenpolitische und völkerrechtliche Implikationen hatte.

« Der Privatmann müsse sich deshalb »zu seiner eigenen Sicherheit ein geographisch-politisches Variantenregister« halten. Offen blieb hier. .« Diese Bestimmung blieb noch tief in der stoischen Tradition und im Herkommen der christlichen Zweiweltenlehre aufgehoben . 206 ff. S. die seine Souveränität naturrechtlich. und das wolle der Artikel liefern. dazu Reinhart Koselleck. was für ein Mensch.Sprachwandel und sozialer Wandel im ausgehenden Ancien régime 289 18. Jedenfalls wurde der Monarch als Souverän auch in Deutschland Kriterien unterworfen. 244 ff. Göttingen 1779. der König steckt im Menschen. 2 2 2 IV. S. Zürich 1796. 31. Die Grundfrage. und wie der Mensch ist. Moser hat die Frage bald darauf beantwortet: »Der Mensch steckt nicht im König. Denn die fürstliche Herrschaft wurde zunehmend mit Despotie schlechthin gleichgesetzt. nahm Friedrichs des Großen geflügeltes Wort vom Ersten Diener seines Staates die Einschränkung als Selbstbindung vorweg. Und diese Varianten sind in der Politik bei weitem wichtiger als in jeder anderen Wissenschaft.. In ihren Hauptsätzen ist man jetzt in dem aufgeklärten Teile Europas so ziemlich eins: Aber in dem Ausdruck dieser Sätze gibt es immer noch Varianten. die der Privatmann zu seiner Sicherheit jeweils richtig beantworten können muß. Vergangene Zukunft.. Vgl. so daß die monarchische Verfassungsform schließlich aus der Zahl theoretisch legitimierbarer Verfassungen ausgeschieden wurde. Jahrhundert durch die aufklärerische Kritik an der Despotie auf einen Höhepunkt. Dafür einige Zeugnisse: 1779 veröffentlichte der Göttinger Briefwechsel meist historischen und politischen Inhalts ein semantisches Vademecum für reiselustige Deutsche. der zugleich eine epochale Peripetie einleitete. S. Teil. Frankfurt am Main 1979. also Despot. Wenn man so will.1. worauf ich gleich zu sprechen komme.eine Bestimmung. 3 Politische Wahrheiren. XXI. lautete. so ist der König.stellte fest: »Die Staatswissenschaft hat ihre eigene Terminologie . Der Artikel Varianten in der politischen Terminologie überschrieben . ob der Fürst nur Fürst. moralisch oder nach Maximen des gesellschaftlichen Wohles einzuschränken geeignet waren. oder ob er auch Mensch sei. die im gleichzeitigen Frankreich sehr viel radikaler formuliert wurde. H.

›Ihrer Majestät« vor ›Staat‹ zu erinnern. der die -Rechte und Pflichten des Staates überhaupt« festlegte. staatsrechtlich jedenfalls bis zur Verfassungsstiftung von 1 8 5 0 und im politischen Diskurs noch lange darüber hinaus. Gleichwohl wurde einer der modernen. Beide Vorgänge verweisen auf einen langfristigen und langsamen Wandel des ihm zuzuordnenden sozialen und politischen Sachverhaltes. sondern einem Abstraktum: dem Staat. Kein Wunder. Da war die Rede von Rechten und Pflichten. sprach der Gesetzgeber sogar vom ›Staat überhaupt«. zumindest potentiell. .290 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache Der Bedeutungsraum des Begriffs König wurde nicht nur moralisch. der Rechte und Pflichten zu wahren hatte. verschoben hat. Dann konnte er auch -Souverän« genannt werden. Dieser Titel wurde von vielen Zeitgenossen stürmisch begrüßt. obwohl das Landrecht selber in legaler Sprechweise für die Summe der verschiedenen preußischen Staaten im Plural erlassen worden war. wie er im Zeitalter des Absolutismus so nicht gesehen werden konnte. Und um diesen Überschritt zu verdeutlichen. wie dieser Titel vom ›Staat überhaupt« den politischen Stellenwert des Monarchen. Der Wandel manifestiert sich schließlich im staatsrechtlich normierten Wortgebrauch. daß dieser Titel noch lange umstritten blieb. Die sprachliche Innovation wird deutlicher. man brauche nur an die von Bismarck bevorzugte Wortverwendung von ›König‹ bzw. daß nämlich der Monarch Repräsentant des Gemeinwesens sei. Der Paragraph 1 des genannten Titels lautete: »Alle Rechte und Pflichten des Staates gegen seine Bürger und Schutzverwandten vereinigen sich in dem Oberhaupte desselben. wenn gezeigt wird. der im Preußischen Allgemeinen Landrecht den Monarchen und das Gemeinwesen in einen Zusammenhang brachte. ihm gebührte dann die Anrede der Majestät. aber ebenso von anderen als ungeheuerlich empfunden und zurückgewiesen. sondern auch politisch in neue Sinnhorizonte gestellt. Ich spreche vom 1 3 . damals zahlreich entstandenen Kollektivsingulare in den Gesetzestext eingeschleust. Titel des Zweiten Teils dieses berühmten Gesetzbuches. nämlich der »Staat überhaupt«. für das er persönlich einsteht.« Dieser Satz läßt sich zunächst traditionell lesen. die nicht etwa einer Person zugeordnet wurden.

Ebenso vermieden sie den völker. Selbstverständlich verzichteten sie schließlich darauf. Ferner vermieden sie den Ausdruck ›König‹. Ich erspare mir. die gleichwohl zu einem neuen Staatsbegriff hinführten und insofern auch einen neuen Sachverhalt registrierten. daß alte Ausdrücke weiterverwendet wurden. Das sei kurz erläutert. Sie sprachen nicht einmal vom Oberhauptes des Staates. beim Wort genommen. vor allem in der Zusammensetzung des ›Oberhauptes im Staate‹ und in der Begriffsbildung des ›Staates überhaupt. eine Neuerung zu erkennen.Sprachwandel und sozialer Wandel im ausgehenden Ancien régime 291 Aber die Verfasser des Landrechts vermieden es geflissentlich. weil damit die Bestimmung der Staatsform theoretisch festgelegt worden wäre. politischer Sprengstoff verborgen. Es handelt sich um Nuancen der Wortverwendung. ob es sich um eine persönliche oder um eine staatliche Souveränität handele. um die vorgeordnete Stellung des Staates vor seinem Oberhaupt ja nicht zu vertuschen. Der Ausdruck des Oberhauptes entstammt der organologischen Metaphorik. jedenfalls intendieren sollten. Hier lag. die persönliche Anrede ›Majestät‹ in einen Gesetzestext einzubringen. Was ist nun der semantische Befund dieses Titels? Rein wortgeschichtlich gesehen kann man sagen. es handelt sich um das ›caput‹. vom ›Monarchen‹ zu sprechen. der generelle Normen aufstellte. Das hätte ihrer aufgeklärten Sichtweise widersprochen. die auch eine Monarchie nur vom Staatszweck her. republikanisch legitimierte. Insofern liegt wortgeschichtlich scheinbar kein Wandel vor. Vom Staat im juristisch gemeinten Sinne einer überständischen Organisation mit letzter Instanz wurde schon früher gesprochen. im Reich gar minderen Grades als des Kaisers. der den Staatskör- . den Überschritt von ›Oberhaupt‹ zu ›überhaupt‹ zu betonen. der sich nur von der außerhalb des Reiches gelegenen Provinz Preußen ableiten ließ. weil dann die strittige Frage aufgedeckt worden wäre. und auch von seinem Oberhaupt konnte zuvor gesprochen werden. weil damit eine ständische Rangbezeichnung. mit Kant zu sprechen.und staatsrechtlichen Titel ›Souverän‹. Statt dessen führten sie den Ausdruck des ›Oberhauptes im Staate‹ (§ 2) ein. Und doch ist in der Wortverwendungsweise. und ein Titel staatsrechtlich festgeschrieben worden wäre. um den Kopf. französisch den ›chef‹.

Sicher hat der Titel auch versucht. Was also wortgeschichtlich unscheinbar war. als er etwas Neues auszudrücken erlaubte. das Oberhaupt gewinnt seine Stellung aus dem neuen Begriff des Staates überhaupt. dessen moralische Aura eines ersten Staatsdieners in einen Paragraphen zu bannen. dann verschiebt sich der Sinn des weiterverwendeten Wortes ›Oberhaupt‹. jemals akzeptiert worden sind. Dann aber hätten wir einen authentischen Fall dafür. ob die staatsrechtlichen Paragraphen von Friedrichs Nachfolger. ob der zitierte staatsrechtliche Titel überhaupt mit dem persönlichen Regiment des Alten Fritz vereinbar war. der das Allgemeine Gesetzbuch in ein Landrecht zurückdefinierte. Noch mehr wird man anzweifeln können. Wenn mit Kant nicht mehr nach der persönlichen Herrschaftsweise (forma imperii) gefragt wird. staatsrechtlich einlösbarer Begriff: der Staat überhaupt. ob der neue Wortverwendungszusammenhang. Diese metaphorische Kennzeichnung rückt nunmehr im Gefolge der aufklärerischen Staatsformdebatte auf zu einer Funktionsbestimmung in staatsrechtlicher Absicht. Aus der organologischen Metapher eines Oberhauptes wird ein eigenständiger. Anders gewendet. Insoweit war es zunächst eine Metapher des politischen Diskurses. sondern nach der Regierungsform (forma regiminis).292 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache per von oben nach unten innerviert und leitet. im vorgegebenen Staate dessen Rechte und Pflichten zu wahren und zu verwalten. daß hier von den Juristen eine Sprachregelung getroffen wurde. die seit der Antike und im christlichen Sinnzusammenhang immer weitergereicht und verwendet worden war. indem er auf seine Aufgaben festgelegt wird. der einen neuen Begriff vom Staat festschrieb. von Friedrich Wilhelm IL. der insofern auch Sprachwandel genannt werden mag. Von göttlichen oder erblichen Rechten des Souveräns ist keine Rede mehr. der ›König‹ wird verdrängt. indizierte begriffsgeschichtlich einen Wandel. die aufgeklärte Staatstheorie verwandelt ihn in einen Funktionsträger. Man mag füglich bezweifeln. die oberhalb aller ständischen . um die Aufgaben eines Herrschers zu umschreiben. auch einen gewandelten Sachverhalt aufzeigt. die Funktionsbestimmung wird staatsrechtlich normiert. und diese Verwandlung wird juristisch festgeschrieben. Der Monarch wird zum Oberhaupt. Nun wird man sofort die Frage aufwerfen.

Im Horizont des Geniekultes erwiesen sich dann die verschiedenen Verhaltensweisen und Eigenschaften der Herrscher nicht mehr als Fügung und Schickung. die der Untertan hinzunehmen . als damals empirisch einlösbar war. wenn sie vor der Kritik bestehen wollten. daß der neue Begriff des Staates überhaupt der ständischen Wirklichkeit der preußischen Gesellschaft von 1791 unangemessen war und insofern deren Wandel oder Reform zu provozieren geeignet schien. wie der Mensch von den sogenannten Stürmern und Drängern emphatisch aufgeladen wurde. Wenn nun die sprachliche Neusetzung mehr zu normieren versuchte. Denn die Wirklichkeit hängt in administrativ und jurisdiktioneil vollziehbarer Weise auch von der Geltungskraft der sprachlichen Satzungen ab. der normiert und das hieß unter Wandlungsdruck gesetzt wurde. Kriterien zu stellen geeignet war. provokative. ohne daß seine Verfassungswirklichkeit schon auf die Höhe dieser Norm gebracht worden wäre. In dem Maße. immer einen besonderen Fall dar. so wäre der Begriffswandel dem intendierten sozialen und politischen Wandel vorausgeeilt. Die Erfahrungen der vorausliegenden Zeit und eine zukunftsgerichtete Intention gingen auf unterscheidbare Weise in den normierenden Sprachgebrauch ein. daß die sprachliche Innovation und der empirische Sachverhalt. nicht rundum übereinstimmten. Jenseits des bisher geschilderten moralischen und juristischen Sprachgebrauchs sei noch auf eine weitere Innovation hingewiesen. gerieten auch die Herrscher unter einen Individualisierungszwang: Sie mußten sich sozusagen ganz persönlich ausweisen.und Verfassungsrechtes. die die Monarchen im letzten Drittel des Jahrhunderts unter andere. Sicher kann man sagen.oder Sachwandel zunächst ruhen. daß ohne das zeitlich vorausgegangene Regiment Friedrichs des Großen der neue Begriff eines ›Staates überhaupt und seines ›Oberhauptes‹ 1 7 9 1 nicht hätte legalisiert werden können. Wir dürfen deshalb festhalten.Sprachwandel und sozialer Wandel im ausgehenden Ancien régime 293 Rechtstitel einen modernen Staat intendierte. speziell die des Staats. Aber lassen wir auch hier die heikle Frage nach der Priorität von Sprach. Ebenso sicher läßt sich dagegenhalten. Freilich stellt im gesamten Sprachhaushalt die juristische Terminologie.

i. welche Attribute an der Benennung früherer Monarchen hängenblieben. 5 Theodor Schieder hat in einem Brief vom io.als Friedrich der Einzige‹ stilisiert.' Damit war nicht mehr die absolutistische Gott-Königs-Analogie beschworen worden. Aufgrund seiner Belegsammlung taucht das Epitheton des •Großem zuerst auf. Baron von Massenbach. schon oder wieder auf das cäsaristische Modell. S. Damit wurde eine Begriffsbestimmung getroffen. Er fühlte sich so.seit der Jahrhundertmitte . Friedrich II. die seitdem. unverwechselbaren Herrscherindividuum hochstilisiert. Zudem habe der Beiname. das Friedrich als Herrscher kennzeichnen sollte. zum Kraftmenschen. sondern die Einzigartigkeit des Genies. ist das Einmaligkeitsaxiom bereits antik.Semantisch liegt hier also ein spannender Fall vor: Rückwärts gelesen. 10. Er ist weder allgemein und wiederholbar wie die Auszeichnung ›des Großem. »singularis«. einmalig. Sie läßt nur noch Superlative zu. . Vielmehr gerieten die Herrscher unter eine Urteilsskala. Vielmehr wird hier die Einmaligkeit als solche apostrophiert. zu sein. So empfand auch unser Kronzeuge. erhielt von seinen Zeitgenossen noch nicht. Der Erstbeleg für den 'Einzigem stammt von dem pathetisch dichtenden preußischen Patrioten Karl Wilhelm Ramler aus dem Jahr. Aber vorwärts gelesen und bezogen auf den rein politischen Sprachgebrauch. Anm. jedenfalls nicht nur. die vom Bösewicht bis zum Hochmenschen. Zunächst wurde er . das seit der Französischen Revolution allzu gern beschworen wurde. »als näherte sich (ihm) ein überirdisches Wesen«. Meines Erachtens schließen sich beide Lesarten nicht gegenseitig aus. faul oder klumpfüßig zu sein. wie etwa dick. Das zeigt uns auch das Attribut. besonders im Kontext der cäsaristischen Führerfiguren. In der damaligen Situation war das neue Epitheton des Einzigen gleichsam eine bescheidene Voraus1 5 4 Vgl. die Friedrich angesonnen wurde. Cicero bezeichnete Aristoteles so. September 1982 meine Argumentation in Frage gestellt. als er sich dem Alten Fritz gegenübersah. In der langen topologischen Reihe der Herrscher-Epitheta ist dieser Ausdruck nun ebenfalls neu. nicht mehr aus dem politischen Wortschatz verschwunden ist. den Beinamen des Großen. eine antike Herkunft. Friedrich der Einzige‹ wird gleichsam historistisch an der ganzen Geschichte gemessen und zum unvergleichbaren.294 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache hatte. zum Übermenschen reichte. Deshalb sei der Hinweis auf eine gleichsam historistische Vorform unangemessen. noch nennt er nur individuelle Eigenschaften. verweist die •Einzigartigkeit-. und die Bezeichnung tauche für geisteshistorische Größen auch im Mittelalter auf. . als der Siebenjährige Krieg beendet wurde: 1763. und zwar schon 1745.

speziell der Alte Fritz. als es im damaligen Deutschland denkbar war. so stoßen wir auf eine Kritik an Friedrich II. weil es die monarchische Souveränität schlechthin mit Tyrannei und Despotie gleichgesetzt habe. 7 . die sehr viel weiter reichten. kraft derer sich eine revolutionäre Verfassungstheorie praktisch äußerte. die nach der Katastrophe von 1807 beide Figuren kritisch gegen den reformbedürftigen preußischen Staat ausspielten. der von seinen Anhängern als schlechthin einmalig erachtet wurde. Das sei an sogenannten Sprachhandlungen erläutert. bei Raynal in seiner berühmten Histoire . aber er täte besser daran. S. Der Monarch. statt auf göttlichem oder erblichem Recht zu gründen.2 6ff. dessen Akklamationsraum sich ständischer Zuordnung entzog. Neu-châtel und Genève 1784. von Preußen. B. servant de supplément à l'Histoire philosophique et politique des établissement et du commerce des Européens dans les deux Indes. auf den geschichtlichen Erfolg berief. die den absoluten Herrn und König neu stilisiert hat. des ›roi citoyen‹. 414. Und der Baron von Massenbach gehörte denn auch zu jenen aufmüpfigen Preußen. sich den Titel eines Bürgerkönigs. gewann nolens volens eine Legitimität. speziell das Pariser Parlament und die Theologische Fakultät der Sorbonne. was 6 6 Guillaume-Thomas Raynal.. So heißt es z. Raynals Buch wurde 1781 verboten und verbrannt. II. die sich. Histoire philosophique et politique des établissement et du commerce des Européens dans les deux Indes.Sprachwandel und sozialer Wandel im ausgehenden Ancien régime 295 definition für »Napoleon«. haben das unschwer erkennen können und dementsprechend gehandelt. La Haye 1776. die es in anderer Weise natürlich im deutschen Reiche auch gab.. mit dessen Hilfe die Monarchie grundsätzlich in Frage gestellt werden konnte. Recueil de diverses pieces. ed. zu verdienen. Dabei fällt ein Schlaglicht auf die brüchig werdende absolutistisch-ständische Sozialordnung. 7 Guillaume-Thomas Raynal. des deux Indes. Europa habe Friedrich den Namen des Philosophenkönigs gegeben. S. So steht neben der moralischen Perspektive und der juristischen Normierung des Staatsoberhauptes eine umgangsprachliche Innovation. Gut. Aber die französische Kritik enthält theoretische Verfassungsansprüche. Dies war das Signalwort. Wenn wir jetzt unseren Blick auf das Frankreich in der gleichen Zeitlage lenken. Die angegriffenen Vertreter der oberen Stände.

Wer Könige duze . in einen Vertreter der Tugend. Mit diesem Sprachakt 8 8 Diderot. Diderot. 623-644. ed. Œuvres Philosophique. Damit bediente sich Raynal einer Sprechweise. Mehr noch. der im anonymen. Paul Vernière. Wer den König als seinesgleichen behandelt. aber ein schlechter Mensch. bediente sich nun Raynal einer weiteren sprachlichen Innovation. gewiß. Wien 1948. Friedrich sei ein großer Mann. in einem großartigen. Brief mit Verve diese Passagen auf. die grammatisch natürlich immer möglich. hat damit erläutert. engl. daß er von seinen Soldaten und von der Berliner Unterschicht geduzt werden konnte. Aufl. . Europa im Zeitalter der Französischen Revolution. von den antiken Autoren stets verwendet und in der Panegyrik auch standesgemäß gepflegt wurde. wer ihn durch das Duzen seiner Majestät entkleidet. S.296 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache darzutun ohne Zweifel die politische Absicht von Raynal gewesen war. Als Wendung der sozialen und politischen Umgangssprache freilich war das Duzen des Königs tabuiert. Um seine revolutionäre Wortbildung des roi citoyen richtig zu plazieren. der Gleichheit und der Humanität. geduzt. der Vernunft. 2. Crane Brinton. Die Sonderstellung des Alten Fritz läßt sich deshalb daran messen. Ludwig XVI. ein gefährlicher Nachbar und ein verachtenswerter Monarch. einige Seiten zuvor hat er sogar seinen eigenen Herrn. Paris 1956'. warum die Könige geduzt werden sollten. der wird im gleichen Akt zum député de la nation. In die französische Schriftsprache transponiert. Lettres apologétique de l'Abbe Raynal à Monsieur Grimm. Das Ziel war. um ihn moralisch frontal angreifen zu können. 1934. sollte dagegen das Duzen des Monarchen einen kritischen Aufklärungseffekt erzielen und längerfristig gesehen einen sozialen und politischen Wandel induzieren. mehr noch.. womit Diderot gleich den Namen schuf für den kommenden Träger der neuen verfassungspolitischen Rolle. 259. im geheimen Hintergrund verbleibende Pointenstifter von Raynals Werk. In seinem Aufruf an Friedrich hat er nämlich den König geduzt. S. einen Verfassungswandel zu erreichen. deren polemische Pointe verletzen sollte.. dt. ein Tyrann. verwandele sich aus einem Untertan in einen député de la nation.tntoier les rois . Über das Duzen in der Revolution selber vgl. Diderot griff in einem seiner letzten.

potentiell auch beim Leser. Das gilt natürlich in fortwirkender Weise für die gedruckte Schriftsprache. wurde durch Raynals Sätze zunächst nur indirekt tangiert. daß es offenbar falsch ist. den König zu duzen. einen sprachlichen und einen sozialen Wandel antithetisch gegenüberzustellen. die Bewußtsein und Verhalten der Sprechenden verändern sollten .Sprachwandel und sozialer Wandel im ausgehenden Ancien régime 2. der jedes höfische Zeremoniell durchschlug. Œuvres. aber wichtig festzuhalten. der Wandel der Sprechweise und sozialer Wandel unmittelbar zusammen.97 verändert sich spontan das soziale und politische Umfeld. Es werden bisher gesperrte sprachliche Möglichkeiten aktualisiert.und auch tatsächlich verändert haben. daß die gesprochene Sprache immer intersubjektiv. als Raynal. Seine Sprachhandlung im schriftlichen Medium war selbst schon ein sozialer Änderungsschub. ein neuer Bewußtseinsstand erzielt. Es ist trivial. ed. Schon die früheren Beispiele. Ändert sich die Sprechweise. S. Insofern fallen in unserem letzten Beispiel. jedenfalls schriftlich ihn so anredete und in hoher Auflagenzahl diese Anrede publizierte. so ändert sich eo ipso auch das eigene Verhalten und mit ihm der zwischenmenschliche Kommunikationsraum. h.und zu spät -. Als Raynal den König duzte. Erst zwölf Jahre später versuchte er vergeblich . Er wurde in St. Paris 1946. sich dem neuen Sprachgebrauch anzupassen. eines ›homme accusé‹ zurückzog. 120. J. als Feind vernichtet. Gratin. aber gewiß das letzte hat uns gezeigt. der in Anbetracht der revolutionären Ereignisse immer königstreuer 9 9 St. denn zuvor hätte niemand in Frankreich so zu schreiben oder gar zu drucken gewagt. Ludwig XVI. da formulierte er einen Satz. Halten wir einen Moment inne und stellen wir die öfters aufgeschobene Frage nach der Priorität des sozialen oder des sprachlichen Wandels. die auf Konsum und Lenkung zwischenmenschlicher Kommunikation angelegt ist. sondern als Monarch behandelt und d. Just. den König vom Thron holen und den künftigen Brutus rechtfertigen sollte. . im Appell. Jedenfalls wurde beim Schreiber. jede ständische Schranke niederlegte. indem er sich vor dem Revolutionstribunal als Angeklagter auf die Position eines ›Citoyen‹. (Das war freilich zu einer Zeit. Justs Worten nicht mehr als Mensch anerkannt. sozial ist.

2o8 Teil 111: Zur Seraantik und Pragmatik der Aufklärungssprache wurde. so haben wir hiermit ein Zwischenergebnis. königlicher Bruder. daß ihm diese Funktion der Sprache erst während der Arbeit an der Enzyklopädie ganz klargeworden sei. Es kennzeichnet die französische Aufklärung. nur durch eine direkte Intervention Robespierres vor der Guillotine gerettet werden konnte. . Er definierte es als Aufgabe der Enzyklopädie. die zwischen dem Duzen der Könige und deren Beseitigung liegt. Wie sahen nun die französischen Aufklärer selbst das Verhältnis an. Diderot gestand. Aber sprachlicher und sozialer Wandel sind offenbar immer auch etwas Verschiedenes und unterscheidbar. verweist uns immer zugleich auf mehr und auf weniger. Veränderungen in den Sprechweisen können sowohl im Rückgriff auf veränderte Situationen eintreten wie im Vorgriff auf erst in Zukunft zu verändernde Situationen erfolgen. soweit jede Änderung einer Sprechweise selbst immer schon sozialer Natur ist. die zwischen der staatsrechtlichen Definition der Rechte und Pflichten eines Oberhauptes im Staate herrscht. und darüber hat uns ebenso die zeitliche Differenz belehrt.) Wenn wir schon die Prioritätsfrage stellen wollen. und der tatsächlichen Rolle. in Preußen gespielt hat. die Sprache instrumentell in provokativer Weise zu handhaben lernte. das uns zu einer differenzierenden Antwort nötigt: Sprachlicher und sozialer Wandel fallen zusammen. daß sie in hohem Maße sprachbewußt gehandelt hat. Die Französische Revolution und die Sprache (MS 1979). das zwischen Sprachwandel und sozialem-politischem Wandel herrschte? Dazu nur ein Hinweis. als in der sozialen Lage der Sprechenden enthalten ist. »Aber 10 io Dazu Brigitte Schlieben-Lange. Was jeweils wo gesprochen wird. Insofern verwundert es nicht. Friedrich Wilhelm IL. die Ludwigs XVI. Darüber hat uns die zeitliche Differenz belehrt. den vermutlich endlich begrenzten Raum aller möglichen Fortschritte auszumessen. um der tatsächlichen Entwicklung vorauseilend schon heute »für die kommenden Generationen zu arbeiten«. daß die Aufklärer selber ihre Sprachhandlungen als Vorgriff auf sozialen und politischen Wandel begriffen und deuteten.

auf den zu erreichenden technischen. Philosophische Schriften. deren Zielbestimmung endlich begrenzt blieb. und deshalb ist dieser Gegenstand der allerwichtigste. nach der dt. Ausgabe von Diderot. Aber der Vorgriff in die Zukunft. festgeschriebene. wenn die Sprache nicht in ihrer ganzen Vollkommenheit festgelegt und der Nachwelt überliefert wird. etwa zu den vorhandenen Adjektiven alle denkbaren Substantive bilden wie umgekehrt zu allen Substantiven die entsprechenden Adjektive. . 1 8 3 .«" Diese Sprachtheorie steht jedenfalls im Bann einer Perfektion. v. und diese Unachtsamkeit hat zur Unvollkommenheit unseres ganzen Werkes geführt. wird jedenfalls von Diderot grundsätzlich als eine primär sprachliche Aufgabe definiert.). isolierte Wörter überhaupt Wandel und Veränderung erfassen? So solle man wenigstens alle sprachlichen Möglichkeiten ausschöpfen. sie werden unerfüllt bleiben. S. als eine Aufgabe. um sie unter ihrer neuen Selbstbenen11 Diderot. genauer gesagt. 1. aus dem unsere Sprache noch sehr viel zu ihrer Bereicherung schöpfen kann. Wir haben Diderots programmatische Analyse von Raynals Sprachhandlungen kennengelernt. nicht um Sprachstiftungen und Innovationen in eine offene Zukunft hinein. Wie könnten z. Berlin-Ost 1 9 6 t . Es handelte sich hier noch um Aktualisierung von vorgegebenen Möglichkeiten.« Es geht hier nicht darum. ob es überhaupt möglich sei. 1 6 1 . Mit wachsendem Erfolg in der Öffentlichkeit steigerte sich dann der Erwartungsgrad der politischen Sprachplaner. »Das bedeutet ein ergiebiges Reservoir. sozialen und politischen Wandel. Wir haben dies leider zu spät bemerkt. hg. »Encyclopedie« aus dem gleichnamigen Lexikon (Paris 1 7 5 1 ff. Bd. die gesamte Sprache durch Definitionen verständlich zu machen. Diderot behielt selber seine Zweifel. Theodor Lücke. der propagandistes. mit dem Enzyklopädisten sich gründlich beschäftigen sollten. 1 6 3 . hier zit. die ohne Reflexion auf die zu ordnende Sprache selber nicht zu lösen sei. die normative Utopie dieses Programms herauszustreichen.B.Sprachwandel und sozialer Wandel im ausgehenden Ancien régime 29g die Kenntnis der Sprache ist die Grundlage für alle diese großen Hoffnungen. Immer wieder entziehe sich die Sprache einem solchen Unterfangen. In der Französischen Revolution selbst findet sich alsbald eine ganze Klasse optimistischer Sprachpolitiker. Art.

h.. die Worte: die Parolen als letzte Instanz des politischen Lebens definieren zu können. »die Exzesse. Berlin 1800. Sie beruft sich auf den Vorlauf der Sprachhandlungen vor den tatsächlichen Ereignissen. deren Reihen sich im verflossenen Jahrzehnt durch Guillotine oder Emigration gelichtet hatten. i 7 9 i . waren Exzesse 12 13 12 Dictionnaire de l'Académie Françoise. sondern die Macht der gemachten Worte. war die Stiftung oder die geplante Verwendung solcher Worte und ihrer neuen Definitionen. die gerade beendet zu sein schien. Anders gesagt. so beginnt das Vorwort. Aus ihren Reihen stammte das Nouveau Dictionnaire Historique 1 7 9 1 . Bd. was man in den Hütten darunter verstünde.30o Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache nung zu zitieren.die Selbstdarstellung des republikanischen Autorenkollektivs des französischen Akademiewörterbuches von 1799. der dem bisherigen Gang von Aufklärung und Revolution eigentümlich sei. daß sich politische Entscheidungsprozesse im Medium von Wortbedeutungsänderungen vollziehen. « Was war nun an diesem unübertrefflichen Diktum neu? Es ist nicht die Macht der Worte. So sprach etwa Babeuf vom dictionnaire der Paläste. Sie standen unter dem Rechtfertigungszwang. schrieben und definierten schon im Schutz und Schatten des Direktoriums. Es war »une espèce d'Association. Nouvelle Edition enrichie de la traduction allemande des mots par S. ayant pour but de propager les principes et les mouvemens révolutionnaires». Aufgrund ihrer Erfahrungen aus dem vergangenen Jahrhundert glaubten sie sich berechtigt und imstande zu sein.« . mit Hilfe ihrer Parolen den revolutionären Prozeß souverän vorantreiben zu können. Catel. der sprachliche Vorlauf vor den zu erzielenden Änderungen in der sozialen und politischen Welt gehörte zu ihrer progressiven Selbstvergewisserung. 13 Nouveau Dictionnaire Historique. das glaubte. »Les paroles nationales seront souverains de tous les souverains. Dazu ein letztes Zeugnis . »Abondance«. an eine Tradition seit Richelieu anzuknüpfen. Die Autoren. dessen Wortbedeutungen das genaue Gegenteil dessen meinten. Suppl. Um so aufschlußreicher ihre Selbstdarstellung. S. . 418. Was die französischen Propagandisten auszeichnete. A r t . »Die Exzesse . Seit Thukydides' politischer Semantik ist es eine immer wieder bestätigte Erfahrung. 3. über die man am meisten erzittern und erröten muß.

die die Naturgesetze der sozialen Ordnung aufgedeckt habe. wurden die Diskussionen gründlicher. der Taten (des actes): aber ihnen gingen immer voraus die Exzesse der Meinungen. die Revolution vorzubereiten und die Republik zu errichten. ferner mehrere AnglizisH 14 Siehe Anm. die schöne Sprache des Hofes durch die gute. Denn die Gesetze des Wortgebrauchs seien vielleicht wichtiger als die Gesetze der sozialen Organisation. Denn hier herrschte zuerst geheim. was Diderot mit seiner Enzyklopädie verpaßt zu haben glaubte: Es ist die Sprache der Vernunft. die nur scheinbar der Nährboden royalistischer Schmeichelei gewesen sei. die durch die Akademiewörterbücher zur Sprache des Volkes aufbereitet worden sei. die wahre Sprache zu ersetzen. un exemple de la grande démocratie politique. die den republikanischen Geist der Alten gepflegt habe. (des opinions) «. So nahmen die Akademiker für sich in Anspruch. In einem Satz: »cette espèce de démocratie littéraire etoit donc déjà.Sprachwandel und sozialer Wandel im ausgehenden Ancien régime 301 der Handlungen. Nicht nur der Sprachgebrauch. Denn hier zählten nie Rang und Titel. den Geist der Monarchie zu vertreiben. aufgrund ihrer Reden und ihrer Wörterbücher am meisten dazu beigetragen. und schließlich der Académie Française. vom Untertan nie die Rede gewesen. er registriert die revolutionären Errungenschaften: die neuen Bezeichnungen. Vom König sei selten. Denn seitdem sei es darum gegangen. . der Académie des Inscriptions. Genau diese Meinungen präpariert zu haben sei die große Leistung der drei Akademien gewesen: der Académie des Sciences. die Académie Française. 11. sondern nur noch der Mensch und seine Leistung. dann offen der Geist der Philosophen: Seitdem er die Mitglieder erfaßt hatte. »Discours Préliminaire«. sondern die Sprache selbst sei von ihnen geordnet worden. « Die neue Auflage des Akademiewörterbuches ziehe nunmehr endgültig die Grenze zwischen der langue monarchique und der langue républicaine. In Wirklichkeit habe gerade diese Akademie. neue Jahrhunderte wurden so vorbereitet. dauerten die Sitzungen länger. Und in einem Annex wird diese Epochenschwelle erläutert. en petit. vielmehr sei der König stillschweigend gemessen worden an den Werken der großen Geister. die für die neuen Maße und Kalendereinheiten erfunden wurden.

travailler. Aktivieren oder Deportieren. Halten wir hier inne. fédéraliser. ist eine alte Erfahrung. Incivisme. die in der Verfassungssprache übernommen wurden. Dieser Liste hinzuzufügen bleibt nur noch. maximer (= dem Höchstpreis unterwerfen). Jedenfalls handelt es sich um Ausdrücke. das Demoralisieren. régulariser. so kann uns dieser Befund nicht überraschen. daß die Sammler und Definiteure der neuen Worte ungenannt bleiben wollten. all das sind Handlungen. und vor allem zahlreiche Wortbildungen für die neuen revolutionären oder von der Revolution hervorgerufenen Sachverhalte. im neuen Sinne von »Aufruhr anstiften«. Theoretiker humanistischer Geschichtsschreibung. deren spezifische Nuance aber erst in der Französischen Revolution sprachlich artikuliert worden ist. philosophisme. bureaucratie. 50. terrorisme. Antwerpen 1569. Wir finden unter den zitierten Neologismen eine erkleckliche Zahl von Ausdrücken. in Berlin formalisierten Übersetzungen. Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache men. die von den Aufklärern sicher nicht antizipiert worden sind. Zuschreibungen und Sachverhalte. Daß neue Sachverhalte neue Benennungen provozieren. der geplante Terrorismus. Viperano. die man vielleicht auch in früheren Zeiten wiedererkennen kann. Die aktive Wendung des Fanatisierens. nachdem uns unsere Zitatenreihe schon aus der vorrevolutionären in die Zeit der Revolution hineingetragen hat. der zielstrebige Revolutionär. contre-Révolutionnaire (= Staatsfeind [!]). A. schon gar nicht die damit beschriebenen neuen Sachverhalte. genannt: activer. daß es eine Fülle neuer 15 G. Einige seien. . »Rebus enim novis nova verba imponenda sunt. Jahrhunderts charakteristisch ist es.302. München 1 9 7 1 . centralisation. désorganisateur. der schon genannte propagandiste. nach der Ausgabe von Eckard Kessler. démoraliser. der Propagandist. Aber das war 1799. nachdem die Revolution die damit bezeichneten Sachverhalte hervorgetrieben hatte. oder arbeiten. De scribenda Historia Liber. auch mit deutschen.« Neu vielmehr und für die zitierten Wörter des ausgehenden 18. am Vorabend von Napoleons Staatsstreich. zit. le révolutionnaire (= Staatsveränderungsfreund). S. fanatiser. déporter. Wenn wir aber nach dem Verhältnis von Sprachwandel und sozialem Wandel überhaupt fragen. die offenbar erst geprägt werden konnten.

Es handelt sich also um zwei theoretisch zu trennende Bereiche. wer die Trennung vornimmt. nicht zufriedengeben. dt. sozialen Wandel und sprachlichen Wandel aufeinander zu beziehen. ist im letzten Drittel des 1 8 . die vielmehr Hoffnungen und Erwartungen artikulieren. sogar solche. was umgekehrt nicht ohne weiteres behauptet werden kann. v. 17 Eugenio Coseriu. was in der Erfahrung vorfindbar ist. Vor allem harrt noch das großartige Werk von Coseriu über Synchronie. die die bisherige Geschichte zu hegen noch nicht erlaubt hatte. München 1974.^ das sich mit dem Pro16 16 Vgl. Und doch wollen wir uns mit diesem empirisch richtigen Ergebnis. der operiert mit zwei Größenordnungen. muß davon ausgehen. die nur theoretisch zu trennen sind. Jahrhunderts enorm. Denn in jedem sozialen Wandel wirken außersprachliche Faktoren. die neue Sachverhalte hervorrufen sollten. Aus Begriffen werden Vorgriffe. Ich kann mich hier nicht auf Forschungsergebnisse der Sprachpragmatik oder der Soziolinguisten einlassen. Diachronie und Geschichte. Diachronie und Geschichte. Aber nicht jeder soziale Wandel ist eo ipso sprachlich. Es gibt seitdem zahlreiche Begriffe. das der sprachlichen Innovation einen zeitlichen Vorsprung vor der Verwirklichung des jeweils Gemeinten einräumt. Helga Söhre. Hier handelt es sich um Begriffe vor ihrer empirischen Einlösung. Vergangene Zukunft. um mit den beiden Größen historische Erkenntnis zu gewinnen. S. die nicht mehr nur bündeln. Der sprachgeschichtliche Befund neuer Wortstiftungen. um Vorgriffe in die Zukunft. Lassen Sie mich diese asymmetrische Kurzformel noch etwas erläutern. die sich der sprachlichen Fixierung und Vergewisserung entziehen. Wer versucht. Koselleck. Jeder sprachliche Wandel ist per definitionem immer schon sozial. Wir hatten schon das Zwischenergebnis erreicht. Das Problem des Sprachwandels. 339 ff.Sprachwandel und sozialer Wandel im ausgehenden Ancien régime 303 Ausdrücke und neuer Wortbedeutungen gibt. daß sprachlicher Wandel und sozialer Wandel nicht in simpler Antithese oder Parallele gedeutet werden können. daß die Sprache und ihr Wandel soziale Phänome sind. die neue Horizonte erschließen halfen. . Aber auch. Synchronie. Ich erinnere nur an Diderots ›deputé de la nation* oder an den preußischen ›Staat überhaupt. die sich verschieden weit überlappen und deshalb nicht zur Gänze aufeinander beziehbar sind.

ohne aufeinander reduzierbar zu sein. ohne darin völlig aufzugehen. so verhalten sich offenbar in der Geschichte Ereignisse und Strukturen zueinander. So wie die gesprochene Sprachnorm und das Sprachsystem ineinander verschränkt sind. Analog mag sich eine schichtenspezifisch gesprochene Sprache. Redeweisen und Ereignisse indizieren oder evozieren schnellere Änderungen im Leben als gesellschaftliche Strukturen und Sprachsysteme. ohne daß sich deshalb die strukturellen Bedingungen gründlich verschieben müßten. enthält nur eine Teilwahrheit. ohne daß deshalb das Sprachsystem und seme Funktionsweise gravierend erschüttert und erneuert würden.langsamer und langfristiger. so wie sich ein Sprachsystem in einer jeweils gesprochenen Sprache realisiert. Aber auch die These vom sprachlichen Vorgriff vor den tatsächlichen Änderungen. Offensichtlich ist es nicht möglich.und begriffsgeschichtlichen Beispielen.Feststellung ist noch gar nichts ausgemacht über das gegenseitige Verhältnis.hier nur apodiktisch vorgetragenen .304 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache Wem des Sprachwandels befaßt. einer analogen sozialhistorischen Aufbereitung. Denn es ist vorauszu- .Möglichkeiten. Denn der tatsächliche Verfassungswandel vollzog sich in Preußen sowenig in den Bahnen seiner juristischen Sprachnormierung wie in Frankreich entlang der aufgeklärten Zukunftsentwürfe. Deren Wandel vollzieht sich . etwa in revolutionären Lagen. rapide ändern. die sich in Ereignissen teilweise verwirklichen. Aber mit dieser .begrenzte . der gesprochenen Äußerungen und tatsächlichen Verwirklichungen zueinander haben. Was sich dann jeweils ändert. Auch Strukturen enthalten . Hier liegt ein Desiderat für weitere Forschung vor. was die Lage der Betroffenen oder Beteiligten tiefgreifend umstürzt. wie sie von den französischen Aufklärern und auch von den preußischen Gesetzesstiftern vertreten worden ist. Auf der Ereignisebene kann sich Erstaunliches abspielen. von einer Identität des Sprach. Deshalb seien jetzt nur einige Folgerungen gezogen aus den wort.freilich im Medium der Redeweisen und Ereignisse .und Sozialwandels auszugehen. ändert sich in verschiedenen Tempi. das Sprachwandel und sozialer Wandel auf den verschiedenen Ebenen der strukturellen Bedingungen oder systemgebundenen Möglichkeiten bzw. die ich vorgeführt habe.

und Finanzkrise anwuchs.vergangenheitsbezogen . ohne daß der eine auf den anderen kausal zurückzuführen ist. So sei eine Arbeitshypothese angeboten.Faktor des sozialen Wandels. Vor allem die Zeitfristen. Dann käme ein kausales Erklärungsmodell in Betracht. je nach Blickwinkel. Sie ist sowohl .Sprachwandel und sozialer Wandel im ausgehenden Ancien régime 305 setzen. die von einer elastischen Korrespondenz ausgeht: Sprachwandel und sozialer Wandel korrespondieren miteinander. Das liegt zunächst an der temporalen Zwieschlächtigkeit der Sprache. daß die vehemente sprachliche Polemik und die utopische Überziehung der damaligen Möglichkeiten in Frankreich nur hochtauchen konnten. die eine Ebene der anderen kausal vorzuordnen. sind verschiedener Art. die es verhindert.Indikator des sozialen Wandels. Die Privilegien verhinderten die Erfüllung ökonomischer Bedürfnisse. daß Sprachwandel und sozialer Wandel als ungleich sich überlappende Größen nicht direkt aufeinander beziehbar sind. die Sprache produziert und registriert Wandel. Insofern korrespondiert die Sprache mit der Wirklichkeit auf eine zwieschlächtige Weise. ohne ihn hinreichend begründen oder gar ersetzen zu können. Ein solches Modell kann aber nicht die Schwierigkeit beheben. ohne daß der eine im andern aufgeht.zukunftsgerichtet . sie treibt ihn voran. Aber ebenso ist die Sprache . weil die ständische Ordnung bereits seit langem dysfunktional geworden war. sie zeigt an oder stellt fest. sowohl als Aktion wie als Reaktion deuten. Die sprachpolitischen Ereignisse der französischen Aufklärung und der juristischen Legislative in Preußen lassen sich demnach. Man könnte auch sagen. die darin liegt. das die Wirkungen aus dem außersprachlichen sozialen Bereich auf die Sprache oder umgekehrt die sprachlichen Wirkungen in den sozialen Raum hinein zu analysieren versprechen könnte. ist immer auch etwas anderes als das. Denn was sich in der Gesellschaft und ihrer Geschichte ereignet. Und das gilt. . in denen sich sprachlich oder gesellschaftlich etwas ändert. was sich außersprachlich vorfindet oder schon geändert hat. was sprachlich davon erfaßt und dazu gesagt wird. wenn sich die Sprechweisen ändern. deren Vehemenz mit jeder Agrar. freilich in geringerem Ausmaß. auch für Preußen. Vielmehr verweist der eine auf den anderen.

neue Erfahrungen und Erwartungen zu artikulieren. Die Grammatik selbst hat sich nicht gewandelt. -Die Geschichte«. war so einmalig wie allumfassend. daß man von der -Geschichte an und für sich« oder von der ›Geschichte überhaupt« sprechen konnte. Damit erreichen wir die zweite Ebene. Diese Entstehung läßt sich auf drei Ebenen beschreiben: 1. Jahrhunderts entstanden sind.3o6 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache Das sei zum Schluß an einem Beispiel erläutert. wie etwa bei Hegel. war sie seit rund 1 7 9 0 nur noch mit Tätigkeitsworten im Singular zu vereinbaren. konnte seitdem. ohne daß sie auf ein Objekt oder Subjekt bezogen wurde. Seitdem wurde es möglich. Vielmehr handelte es sich seitdem um einen Oberbegriff. wurde der Weg erschlossen für einen neuen Begriff. Sie stand seitdem nicht mehr in Opposition zum Plural der vielen Einzelgeschichten. handelt es sich auf der grammatischen Ebene um die Bildung eines neuen Kollektivsingulars. In dieser Begriffsbildung war. Vielmehr stellte das Sprachsystem Möglichkeiten bereit. Es sei nur an die flankierenden Begriffe der -Entwicklung«. das sowohl die geschichtliche Wirklichkeit und ihren Wandel thematisiert wie auch deren sprachliche Konstitution. was sich in der Geschichte ereignet hatte. den »die Geschichte« seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts nach sich zog. Mit derartigen Änderungen in der geschriebenen und gesprochenen Sprache wurde noch nicht das Sprachsystem verändert. der sowohl die einzelne Geschichte als auch die vielen Geschichten im Plural übergreift. die innerhalb der Syntax freigesetzt wurde. aber im Rahmen der grammatischen Vorgaben hat sich die syntaktische Zuordnung zwischen ›Geschichte‹ und zugehörigem Numerus geändert. Die -Geschichte überhaupt« ist einer jener zahlreichen neuen Kollektivsingulare. Ich meine die Entstehung des modernen Begriffs von Geschichte. eine enorme Abstraktionsleistung enthalten. 2. die gegen Ende des 1 8 . Mit dem Wechsel des Numerus. den es so zuvor noch nicht gegeben hatte. bei Identität des Wortkörpers. ›zu arbeiten« anfangen. die ihr eigenes Subjekt und Objekt geworden war. Während ›die Geschichte« bis in die Jahrhundertmitte noch den Plural regierte. Der . Seitdem wurde in einer Geschichte nicht mehr nur erzählt. die -Geschichte überhaupt«. des -Fortschritts« oder der -Revolution« erinnert.

Sprachwandel und sozialer Wandel im ausgehenden Ancien régime

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sprachgeschichtlich unscheinbare Wandel indiziert also einen Begriffswandel, der einen neuen Erfahrungsraum erschlossen hat. Damit komme ich zur dritten Ebene. 3. Was leistete der neue Begriff im Hinblick auf die politische und soziale Wirklichkeit? Er ist parallel und sinngleich entstanden zu den Ausdrücken ›Theorie der Geschichte* oder Philosophie der Geschichte*, die beide so etwas wie die ›Geschichte überhaupt* meinen und deren Gegenstandsbereich die neu entdeckte Weltgeschichte* war. Der neue Begriff diente dazu, einen neuen Erfahrungsraum zu erschließen, nämlich jenen Erfahrungsraum, dessen ökonomische, politische und soziale Bedingungen sich der unmittelbaren Erfahrung entziehen. Anders gewendet, der vielschichtige Zusammenhang einer Weltgeschichte, die sich etwa im Siebenjährigen Krieg als Weltkrieg ankündigte, überstieg den Erfahrungskreis des normalen Bürgers. Um die zunehmende Komplexität bewältigen zu können, bedurfte es der Theoriebildung, die die Bedingungen möglicher Erfahrung in die Geschichtsbetrachtung einbezog. Die Philosophie oder die Theorie der Geschichte und der Begriff ›Geschichte überhaupt* umfassen jene zunehmend komplexe Wirklichkeit, deren innere Zusammenhänge nicht mehr durch die herkömmliche historische Empirie erkennbar waren und die deshalb zu einer theoretischen Bestimmung herausforderten. Die neue Begriffsbildung suchte also Faktoren und Bedingungen in ihre Aussagefähigkeit einzubeziehen, die sich bisher der sprachlichen Erfassung entzogen hatten. Ob sich dabei - temporal gesprochen - die neue Begriffsbildung unter dem Vorgebot eines Erfahrungsdrucks vollzogen hat oder ob sie im Sog hervorgerufener und deshalb vorgreifender Erwartungen entstanden ist, läßt sich nur schwer ausmachen. Jedenfalls bleibt es unzureichend, um unsere Ausgangsfrage nach dem Verhältnis von Sprachwandel und sozialem Wandel wieder aufzugreifen, die geschilderten drei Ebenen der Wortgeschichte, der Begriffsbildung und der damit erfaßten geschichtlichen Sachverhalte kausal aufeinander zu beziehen. Gewiß lei18

18 Für die Einzelheiten siehe den Art. »Geschichte« in: Geschichtliche Grundbegriffe, hg. v. Otto Brunner u.a. (Hg.), Bd. z, Stuttgart 1975, S. 647ff.

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Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache

stete der neue Begriff die Bewältigung neuer Erfahrungen. Aber es läßt sich nicht schlüssig zeigen, daß es bereits neue Erfahrungen waren, die den Begriff zwingend herausgefordert hätten: Der spezifisch deutsche Geschichtsbegriff fehlt z. B. im englischen und französischen Sprachraum, wo nur nach Äquivalenten gesucht werden kann, die etwa in den Ausdrücken ›development‹ oder ›révolution‹ zu finden sind. Schließlich kann man auch der Interpretation zuneigen, daß die neue Erfahrung zunehmender Komplexität erst gemacht werden konnte, weil ein begriffliches Instrumentarium es ermöglichte, die fernen, die entlegenen oder ganz unbekannten Bedingungen der Erfahrung, die sich der unmittelbaren Erfahrung entziehen, überhaupt zu thematisieren. So mag man mit der Hypothese einer zeitlich variablen Korrespondenz zwischen Wirklichkeit und Sprache bzw. zwischen Wirklichkeitswandel und Sprachwandel zu arbeiten versuchen. Diese Elypothese hält es methodisch offen, wie sich die beiden Ebenen jeweils zueinander verhalten. Denn daß sie immer ineinander verschränkt bleiben und aufeinander verweisen, ist selbstverständlich. Das zeigt uns auch die umgangssprachliche Rezeption des neuen Geschichtsbegriffs. Er wurde schnell zum Modewort. Es handelte sich um eine sprachliche Innovation, die zwar nicht die Grammatik oder gar das Sprachsystem tangiert hatte, die aber gleichwohl geeignet war, die Krise des Ancien régime zu deuten und mittelbar beeinflussen zu helfen. Kein Wunder, daß der Ausdruck zu einem Modewort wurde, und das innerhalb von zwanzig Jahren, ohne daß man den Stifter des neuen Wortes dingfest machen könnte. Was sagte doch Klopstock von den Modewörtern? »Derjenige erhält die Belohnungen der Republik (der Gelehrten) schwerer als andere, der solche Modewörter aufbringt, die, unter dem Scheine etwas Neues zu sagen, das Alte nur verwirren, oder die wegen des Wenigen, das hinter ihnen ist, überflüssig sind.« Wenn Klopstock den Erfinder des neuen Begriffs -Geschichte« hätte ausfindig machen können, so wäre es ihm vermutlich leichtgefallen, eine hohe Belohnung auszuteilen.
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19 F. G. Klopstock, Sämtliche Werke, Karlsruhe 1821, Bd. 11, S. 85 (»Die deutsche Gelehrtenrepublik « ).

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I Da meine Thematik in einen Zusammenhang einrückt, der nach »Recht und Sprache in der deutschen Aufklärung« fragt, und da der Ort der Veranstaltung vom Deutschen Rechtswörterbuch der Heidelberger Akademie vorgegeben ist, sei erlaubt, mit einem Rechtstext der Stadt Heidelberg zu beginnen: Verbot des Badens an öffentlichen Orten. Auf geschehene Anzeige, dass der so geschärften und alljährlich verkündet werdenden Verordnung zuwider verschiedene Personen, besonders aber Kinder bei hellem Tage mit Beiseitsetzung aller Schamhaftigkeit nächst der Stadt und an öffentlichen Spaziergängen in dem Neckar baden, dadurch aber nicht allein dem ganzen Publikum Ärgerniß gegeben wird, sondern auch der Gefahr des Ertrinkens sich aussetzen, wird dieser Unfug abermals aufs nachdrucksamste untersagt, besonders aber den Eltern ihre Kinder davon abzuhalten, um so mehr eingeschärft, als die diesem Verbot zuwider handelnden entweder mit einer Geldstrafe von 3 Rthlr., oder, nach Befund der Umstände mit einer verhältnißmäßigen Arreststrafe belegt, den jungen Knaben aber von dem Polizeidiener ihre Kleider bis aufs Hemde und Hosen hinweggenommen und so mit Schlägen fort und nach Hause getrieben werden sollen. Heidelberg den i4tenjuni 1806. Wer nach der Aufklärungssprache fragt und den veröffentlichten Anschlag gelesen oder gehört hat, der weiß zunächst einmal: Heute steht da ein Schild »Baden verboten«, vielleicht noch gezeichnet vom Oberbürgermeister oder vom städtischen Ordnungsamt - alles andere fällt weg. Insofern ist der sprachliche Befund, der heute nachlesbar ist, deutlich älter als unser heutiger
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i Heidelbergs noch geltende Polizei-Gesetze, von dem Jahre 1800 bis zum Ende des Jahrs 1806, gesammelt und mit einem dreifachen Register versehen von W. Deurer, Heidelberg 1807, S.74 - Umlaute modernisiert. ND Tübingen o. D. 2. Die folgenden Überlegungen gründen auf den einschlägigen Artikeln des Lexikons Geschichtliche Grundbegriffe, wobei ich mit besonderem Dank auf den soliden Beitrag des verstorbenen Horst Stuke zur »Aufklärung« verweisen möchte.

Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache

Sprachgebrauch. Voraus geht die pädagogisch-didaktische Begründung mit einer gestaffelten Strafandrohung für einen nur sehr vage umschriebenen Ort. Denn wo am Neckar nächst dieser Stadt und für welche Spaziergänge dieses Verbot ausgesprochen wird, geht aus dem Text nicht hervor. Ist der Text überhaupt der Aufklärungssprache zuzuordnen? Von der Argumentation her gehört er in die Tradition patriarchalischer Obrigkeit. Der Text könnte so wahrscheinlich auch im 1 8 . Jahrhundert auftauchen, aber von der Stillage her ist er schon vergleichsweise elegant. Denn es handelt sich um einen einzigen Satz, wie ihn - freilich kunstvoller - auch Kleist oder Schiller formuliert haben könnten. Und in einem Satz ist der Gedanke schon so zusammengefaßt, daß sich die Elastizität und Ausdrucksfähigkeit eines Feuerbach oder Savigny und anderer juristischer Spracherneuerer zumindest abzeichnet. Kleist wird gern als Romantiker definiert - Schiller als Klassiker, wenn solche Art der Klassifikation überhaupt abgefragt wird, aber beide keinesfalls als Aufklärer. Insofern ist unser Text, wenn er denn der Aufklärungssprache zuzuordnen ist, es nur deshalb, weil er didaktisch ist und belehrend, bevormundend und philanthropisch. D. h. ein gewisser Satz von Merkmalen, die der Aufklärungssprache zugeordnet werden, taucht darin auf. Wir können freilich nicht davon ausgehen, daß sich die deutsche Aufklärungssprache in dieser didaktischen und pädagogischen Argumentationsrichtung von oben nach unten erschöpft. Vielmehr - wenn wir etwa an Kant denken - ist es der Uberschritt aus der Fremdbestimmung in die Autonomie, der die Sprache leiten müßte, und genau dieser Überschritt wird hier vermieden, indem die Polizei unter Androhung von Zwangsmaßnahmen und Strafen das Baden untersagt. Wenn man also den geforderten Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, als Kriterium der Aufklärungssprache ernst nimmt, ist es kein Aufklärungstext. Wir stehen mithin vor dem Paradox, daß ein Text sowohl aufklärungssprachlich gedeutet werden kann wie auch nicht. Was also tun? Das methodische Problem liegt darin, daß wir uns nicht an die jeweilige Semantik einzelner Definitionen halten dürfen. Deshalb schlage ich vor, semantische und pragmatische Potentiale abzutasten und aus den verschiedenen Wortgebräuchen jener

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Grundbegriffe abzuleiten, die im 18. Jahrhundert verwendet worden oder allererst aufgetaucht sind. So fragen wir zunächst nach dem Begriff Aufklärung selber. Vor der Mitte des 18. Jahrhunderts taucht dieser Begriff nur sporadisch auf, so daß alle Periodenbestimmungen, die das 18. Jahrhundert inhaltlich als Zeitalter der Aufklärung definieren, nur rückwirkende oder Ex-post-Definitionen sind. So erinnert die Eule der Minerva, die um 1780 flattert, rückblickend an Wolff und Thomasius, Leibniz wird natürlich einbezogen - und selbstverständlich Pufendorf. Aber das sind Ex-post-Konstruktionen. Der erste Wortbeleg von ›Aufklärung des Verstandes* ist zwar schon in Stieles Lexikon am Ende des 17. Jahrhunderts zu finden, aber völlig singular. Die ›Aufklärung des Verstandes* gehört nicht zur programmatischen Zielsetzung all derer, die vor der Mitte des 18. Jahrhunderts gedacht haben. - Es gibt freilich auf Französisch formulierte Überlegungen von Leibniz über éclaircissement* und ›éclairer‹, um vernünftig fortschreitende Erhellungen zu umreißen, die mit Argumenten begründet werden sollen und die auch schon einer Theorie des Fortschritts dienen, die dann rückwirkend einem Zeitalter der Aufklärung zugerechnet wurde. Hier seien daher einige methodische Hinweise zur Begriffsgeschichte von ›Aufklärung‹ erlaubt. Der deutschsprachige Ausdruck ›Aufklärung‹ ist im Ensemble der Grundbegriffe ein Spätankömmling. Erst in den letzten Dekaden des 18. Jahrhunderts gewinnt ›Aufklärung‹ den Rang eines unersetzbaren, deshalb umstrittenen Grundbegriffs, und das auch nur für kurze Zeit. Die Vorgeschichte unseres Begriffs muß deshalb von der semasiologischen auf die onomasiologische Schiene umsteigen. Unter anderen Benennungen - Liebt, Erleuchtung, Illumination, Aufhellung - führt uns die Begriffsgeschichte über zwei Jahrtausende hinweg in die Anfänge der Philosophiegeschichte, zum Höhengleichnis Piatons, das die Lichtquelle ideentheoretisch außerhalb der unmittelbaren Erfahrung ansiedelt. Hans Blumenberg hat uns gezeigt, daß sich die Metaphorik des Lichts nicht auf eindeutige Begriffe reduzieren läßt. Es gibt »absolute Metaphern«, die durch keine Definition oder Begrifflichkeit rationalisiert und eingeholt werden können: Sie generie-

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ren ihre eigene sprachliche Kraft und Logik. Die Lichtmetapher läßt sich eben nicht überbieten, sie spricht »gleichsam« für sich selbst. Werner Beierwaltes hat in Ritters Historischem Lexikon der Philosophie die vom Gleichnis vorstrukturierten Bedeutungsschichten in unser Verständnis eingeholt. Dabei lassen sich quasi systematisch zwei Extrempositionen aufzeigen: Entweder leuchtet das göttliche oder das natürliche Licht von sich aus und gewinnt oder überzeugt so die Menschen, die das Licht empfangen, sei es von außen oder sei es von innen. Oder - am anderen Ende der sprachlichen Möglichkeiten - es ist der Mensch selber, der die Blockaden oder Verdunkelungen des wahrheitsichernden Lichts beiseite räumt. Er mag dann zum Aufklärer seiner selbst werden oder der Natur, deren Licht zunehmend zum Thema der Wissenschaften wird. Zwischen diesen beiden Extremen siedeln sich die unterschiedlichsten Positionen an: metaphysische, ontologische, theologische, mystische, pietistische, die sich allesamt auf je neue Weise der Lichtmetaphorik bedienen. Gemessen am französischen Vorlauf des ›eclairissement‹, das - nach Descartes - die subjektive Eigenleistung der erkennenden Menschen zu profilieren geneigt macht, ist die deutsche ›Aufklärung‹ ein Spätling. Der pietistisch lesbare Begriff der ›Erleuchtung‹ dominierte lange, nicht zuletzt, weil er eben auch und zugleich eine rationalistische Erkenntnisleistung hervorlockte oder freigab. Freilich blieb die empfangende, die gnadenreiche ›Erleuchtung‹ stark theologisch imprägniert. Und genau um diese Bedeutungsvariante zu vermeiden - so steht zu vermuten -, ist -Aufklärung« im letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts bevorzugt worden, gewann jedenfalls eine antitheologische Schlagseite. Die historische Vielfalt der aus der Licht-Metapher abgelei3

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Hans Blumenberg, Paradigmen zu einer Metaphorologie, Bonn i 9 6 0 , und die Artikel »Erleuchtung«, »Licht« und »Lichtmetaphysik« von W. Beierwaltes sowie »Licht« - Aufklärung und Idealismus - von C. v. Bormann in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hg. v. Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Basel und Stuttgart 1 9 7 z und 1 9 8 0 , Bde. 2 und 5. Zur protestantisch-deutschen Begriffsgeschichte siehe: Was ist Aufklärung? Beiträge aus der Berliner Monatsschrift, hg. u. eingeleitet von Norbert Hinske, Darmstadt 1 9 8 1 , 3. Aufl., und Werner Schneiders, Die wahre Aufklärung. Zum Selbstverständnis der deutschen Aufklärung, Freiburg und München 1 9 7 4 .

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teten Benennungen rückte einerseits das schnell auftauchende und fast ebenso schnell in den Hintergrund tretende Wort ›Aufklärung‹ in das Zentrum historischer und philosophischer Forschung. Andererseits warnt uns die onomasiologische Mehrsichtigkeit davor, dieses eine Wort, ›Aufklärung*, begrifflich zu überlasten. Im folgenden konzentrieren wir uns nur auf jene innovativen Potentiale der Aufklärungssprache in unserem Sprachraum, die sich hinter den je einmaligen Wortgebräuchen herausschälen lassen. Nach der hitzigen Debatte um den neuen Begriff in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts geht es schnell weiter, so daß die sogenannten Aufklärungen syn- und diachron ausgreifen. Der Rückgriff reicht bis in das Altertum. Wieland z. B. kennt die Aufklärung in der Antike, die Aufklärung im Mittelalter zählt für einige weniger, für andere mehr, es folgt natürlich die Aufklärung durch die Reformation, und dann gibt es die Aufklärung zur eigenen Zeit. Und diese wird durchaus nicht positiver oder produktiver als die der Reformation gedeutet. Wir stehen also vor einem elastisch ausgedehnten Feld, das sich jeder Systematik entzieht, und jede Systematik, die dennoch darübergestülpt wird, entbehrt nicht einer gewissen Ex-post-Willkür, mit der man die Aufklärung nach Schulrichtungen ordnet. Es bleibt also ein plurivalenter Begriff. Im 19. Jahrhundert, das darf hinzugefügt werden, ist die diachrone Epochenbezeichnung - besser: die Periodenbezeichnung des 18. Jahrhunderts als eines aufgeklärten Jahrhunderts - bereits außer Gebrauch gekommen. Was Cassirer oder Wieacker später zum Zeitalter der Aufklärung lehrbuchartig feststellten, war um Mitte des 19. Jahrhunderts so nicht mehr bekannt. Droysen, Biedermann und Hettner - um drei bekannte, große Historiker, literarische und theoretische Denker zu nennen - setzten den Begriff der Aufklärung in Gänsefüßchen und haben sie »sogenannt« genannt, weil sie davon ausgingen, daß diese sogenannte Aufklärung als Begriff nicht mehr bekannt war. Je konkreter wir die jeweiligen Definitionen ins Auge fassen, desto mehr verschwimmt die allgemeine Kontur: Nach vorne und hinten beliebig verlängerbar, von den Sophisten bis zur Studentenrevolte 1968. Der Begriff ›Aufklärung‹ ist überall anwendbar ge-

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worden, er ruft systematische Überlegungen hervor, die gleichzeitige Parallelbegriffe provoziert haben: Das Zeitalter der Aufklärung ist begleitet vom Zeitalter der Kritik, vom Zeitalter Friedrichs, vom Zeitalter der Vernunft, später vom Zeitalter der Emanzipation, der Säkularisation, der Befreiung, der Selbstbestimmung, der Entzauberung - bei Max Weber etwa - und was dergleichen Ergänzungs- und Korrelationsbegriffe sind. Auch die Gegenbegriffe sind entsprechend variabel und elastisch. Zum Beispiel dienen ›Romantik‹, ›Finsternis‹, ›Reaktion‹, sogar ›Religion‹ als Gegenbegriffe der Aufklärung, -Offenbarungsgläubigkeit‹ auch; im Politischen: der »Despotismus«, die -Tyrannei«, ›Reformblockade‹ (nicht gerade ›Reformstau‹ - aber auch das wird wahrscheinlich einmal antiaufklärerisch verwendet werden - ) , -Entmündigung«, -Bevormundung« - kurzum, die Variationsbreite auch der Gegenbegriffe ist so elastisch wie die Skala der Aufklärungsbegrifflichkeit selber. - Und wenn man sich nach Schulen orientieren wollte, dann sind es die Rationalisten, die Empiristen, die Materialisten, die Sensualisten, die Atheisten - sie alle können sich zu den Schulen der Aufklärung zählen. Auch hier gibt es keine exakte Zuordnung. Und eben deshalb fragen wir nach dem semantischen und pragmatischen Potential der Begriffe, die im 18. Jahrhundert im Zeitalter der »sogenannten Aufklärung«« auftauchen, nach sprachlichen Hinweisen - nicht nach Einzelbelegen. Indem ich das semantische Potential der damaligen Sprachgebräuche und der damaligen Begriffe als solches thematisiere, stelle ich eine Metafrage: All die kategorialen Zuordnungen ex post werden unterlaufen, um entlang der sprachlichen Emanation der Begriffe, wie sie im 18. Jahrhundert und vor allem gegen Ende des r8. Jahrhunderts auftauchen, zu verfolgen, welche semantischen und pragmatischen Möglichkeiten damit freigesetzt wurden. Die Semantik und die Pragmatik der Wortgebräuche richten sich in dieser Perspektive nicht nach ideologisch präformierten oder tradierten Sprechergruppen. Interessanterweise ist schon der Ausdruck -die Aufklärer« als Personalbestimmung vergleichsweise selten; eher spricht man von den Philosophen, vor allem in Frankreich spricht man von des philosophes«, wenn man Aufklärer meint im Sinne personalisierbarer Sprecher, die die

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Aufklärungssprache gleichsam in die Welt gesetzt hätten. Indessen: Sowohl ethnisch wie politisch, sozial, religiös oder sonstwie überlappen sich die aufgeklärten Sprechergruppen, so wie sich herkunftsmäßig sowohl Professoren wie Adlige, Gelehrte, Kaufleute, Beamte oder Fürsten, Kleriker oder Bischöfe zu den Aufklärern rechnen durften, so daß auch eine prosopographische Zuordnung keine exaktere Begrifflichkeit herbeiführt. Man kann also die Vermutung aufstellen, daß sich der Wandel der Bedeutungsräume und der pragmatischen Spielräume nicht entlang der Sprechergruppen vollzieht. Sprechergruppen finden sich schnell und ebenso länger zusammenkommende Gruppierungen, aber die Sprache, die sie verwenden, ist schon eine Vorgabe, von der sie abhängen. Sprachgebräuche ändern sich langsamer, als die Wahrnehmung der Sprecher in der Regel registrieren kann. Das heißt, die Sprachgeschichte läßt sich von den Sprechergruppen ablösen - theoretisch zumindest -, so daß wir davon ausgehen müssen, daß sich die verwendete Sprache und der Bedeutungswandel der Worte zu den Interessen oder Absichten der Sprecher nicht wie eins zu eins verhalten. Die Sprache - besonders deren Grundbegriffe, ohne die überhaupt kein Verstehenshaushalt möglich ist - ändert sich in anderen Rhythmen und im ganzen langsamer, als die politischen Ereignisse vor den Beteiligten abrollen, die sprachlich auf sie einwirken, indem etwa ideologische Programmatiker bestimmte Schlagworte benutzen oder provozieren. Deren Wortverwendung ist nicht identisch mit der schleichenden, langsamen Verschiebung des semantischen und pragmatischen Potentials, das selber als innovativ zu charakterisieren ist. Kurzum, die politisch-soziale Semantik ist ohne Sprechergruppen und Sprecherinteressen nicht erklärbar, aber sie läßt sich nicht zur Gänze aus den aktuellen und jeweiligen Sprecherkonstellationen ableiten. Sprachwandel und Begriffswandel initiieren zugleich mehr und anderes, als die Sprecher selber unmittelbar wahrnehmen und wahrhaben konnten. Sie bedienen sich der Sprache ja oft sehr naiv und spontan, und Sprecher sind nicht immer reflektierte Definitionskünstler. Die Verwendung der Begriffe, die im folgenden thematisiert werden, entspringt also nicht nur gesteuerter Sprachtaktik, sondern es handelt sich

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Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache

um Prozesse, um schleichende Vorgänge, die zeitgenössisch nur partiell zu Bewußtsein kamen, und das oft nur zufällig.

II Um der Differenz zwischen gedruckter Rede und ihrem innovativen Potential auf die Spur zu kommen, seien zwei bekannte Sätze diskutiert. Erstens: »Si Dieu n'existe pas, il faudrait Pinventer « - »Wenn Gott nicht existierte, müßte man ihn erfinden!« Dieser Topos von Voltaire wird gerne zitiert, um die Souveränität des Menschen zu apostrophieren, die im 18. Jahrhundert freigesetzt worden sei, indem sich der Mensch von Religion und Metaphysik emanzipiert habe. Der Mensch verfüge auch über die Position Gottes und könne sie nach Bedarf, etwa aus Gründen sozialer Steuerung, argumentativ besetzen. Der Glaube an Gott ist kein theologisch begründetes Vorgebot mehr, er sei allenthalben nützlich oder modern gesprochen: ideologisch fungibel. - Lassen Sie mich gleich das zweite Diktum hinzufügen, das heute ebensogern zitiert wird, um die im 18. Jahrhundert gewonnene Selbstbestimmung des Menschen, zumindest theoretisch, zu kennzeichnen. »Wie ist eine Geschichte a priori möglich?« fragte Kant. Und er antwortete: »Wenn der Wahrsager die Begebenheiten selber macht und veranstaltet, die er zum voraus verkündet.« Der Mensch sei oder werde fähig, so folgert man gerne aus dieser Kant-Passage, seine Geschichte planmäßig zu veranstalten, sie selber zu machen. Beide Interpretationen, hier verkürzt vorgetragen, gehören offensichtlich zusammen: Wenn Gott nicht mehr Herr dieser Welt ist, der auf unvorhersehbare Weise in den Alltag eingreift, sondern höchstens eine Denkfigur, dann tritt der Mensch an seine Stelle, der Gott denkt - er wird zum » Erdengott« und damit fähig, seine Geschichte selber vernunftgemäß zu steuern. Wer sich früher auf Gott berief und dessen Vorsehung, der konnte sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts auf die Geschichte berufen, auf die Weltgeschichte der Menschen, die, vom Plan zur Wirklichkeit fortschreitend, zunehmend ihre Freiheit realisierten. Und wer sich auf den Boden dieser - hier geistesgeschichtlichen - In-

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terpretationen stellt, wird auch die Folgerung ziehen können, daß das 1 8 . Jahrhundert so etwas wie eine Epoche oder Periode der Aufklärung gewesen sei. Eine Epoche, sei es im Sinne eines Wendepunkts oder einer Schwelle, oder sei es im Sinne einer abgeschlossenen Periode, wonach die Moderne - unsere Geschichte - begonnen habe, in der sich der Mensch ohne Rekurs auf außer- oder übermenschliche Gewalten in dieser seiner Welt einzurichten trachtet. Im Sinne einer ideologischen Wirkungsgeschichte der Aufklärung hat diese Deutung Voltaires und Kants als zweier geistiger Exponenten des 1 8 . Jahrhunderts sogar einige Plausibilität für sich. Das Mißliche dieser Deutung ist nur, daß sie nicht stimmt. Beide schlagwortartig verwendeten Zitate meinten damals etwas anderes, als wir heute in ihnen finden. Voltaires Hinweis, wenn nötig Gott zu erfinden, war eine Suggestivformel. Gottes Existenz war ihm als Deisten unbestreitbar - ein Axiom. Die ganze Natur verweise auf dieses höchste Wesen, in dessen Abhängigkeit wir leben, so Voltaire. Seine Formel war ein deistisches Postulat - wenn man so will, eine Art subjektiver Gottesbeweis; und nicht ein Postulat, um ideologiekritisch damit hausieren zu gehen. Bekennende Atheisten wie Diderot, Holbach oder Laplace folgten erst eine Generation später. Herbert Dieckmann hat gezeigt, wie tief eingelassen in die gesamte Aufklärungsphilosophie die Fragen blieben, die die christliche Theologie gestellt hat und die die Aufklärer neu zu beantworten suchten - also Fragen nach der Existenz der Seele, dem Fortleben der Seele nach dem Tod, nach der Erbsünde und dem Bösen, nach Freiheit und Notwendigkeit; kurzum alle Theologoumena, die von den Theologen bereits beantwortet waren, wurden neu formuliert, umformuliert und versuchsweise mit neuen Antworten bedacht. Das gilt auch für Kant; sogar für das zitierte Diktum. Es dient ihm nicht als Beweis für die Machbarkeit der Geschichte. Vielmehr ist es, ähnlich Voltaires Diktum, halb ironisch gemeint. Der Mensch, der die Begebenheiten herbeiführt, die er vorhersagt, ist der ängstliche Politiker, der das Volk fürchtet und deshalb die Revolutionen hervorruft, die er vermeiden will. Oder es ist der Untergangsprophet, der seine Visionen wider Willen realisieren

ein semantisches Potential also. was uns im weiteren Argumentationszusammenhang interessieren soll. . als sie schlagwortartig ex post gelesen werden. so nicht formulierbar gewesen. mündig. zumindest konnten die Autoren in dieser Richtung gelesen werden. Wenn also hier Geschichte gemacht wird . Jahrhundert. dann im entgegengesetzten Sinne als geplant. so daß eine neue Lesart erfunden werden konnte -: Gott als menschliche Projektion. aus denen eine Art Machbarkeit der Geschichte ableitbar ist.etwa seine Hiob-Exegese -. Hören wir also zunächst noch einmal auf die eingangs genannten Auslegungen der dicta von der Erfindung Gottes und von der Machbarkeit der Geschichte. denkmöglich zu machen.3i8 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache hilft. Denn beide Wendungen gründen auf der anthropologischen Voraussetzung. Eine schlichte Gegenfrage erhärtet diese Vermutung. daß der Mensch die ihm innewohnende Bestimmung habe. Eine Art negative ›selffulfilling prophecy*. deren Machbarkeit erst oder nur transzendentalphilosophisch gedacht werden konnte: nach Kant durch Kant initiiert. das nicht in der reinen Intention der Autoren aufgeht. autonom zu werden. Aber beide Deutungen werden zwei Texten entlockt. Politisch richtet sich Kant hier gegen die Machthaber im Staat und in der Kirche. Die Textstellen sind zurückhaltender und ambivalenter. indem er sie beschwört. Beide Auslegungen stammen aus dem 1 9 . Sie setzen den Tod Gottes bereits voraus. Es gibt andere Stellen in Kants Werken . wenn er es noch nicht ist. Das ist der semantische Vorgang. Und dieses semantische Potential ist es. was Voltaire völlig ferngelegen hatte. Es ist eine Art Dialektik der Vernunft. die Konstruierbarkeit Gottes oder die Herstellbarkeit der Geschichte zu konzipieren. deren Produzierbarkeit. aber die Machbarkeit der Geschichte hat er damit nicht begründen wollen. zwei bekannte Fanfaren der Aufklärung zu dämpfen. der durch den Text hindurchreicht . Und sie rekurrieren auf eine Geschichte. die zunächst die Möglichkeit einer solchen Auslegung freigegeben haben.Kant spricht vorsichtshalber von ›Begebenheiten‹ und nicht von ›Geschichte* -. Beide Wendungen wären im 1 7 . Die von fremden Autoritäten freie vernünftige Selbstbestimmung ist eine implizite Voraussetzung dafür. Jahrhundert unfaßbar. Der Einblick in den geschichtlichen Kontext nötigt uns also. die Kant damit umschrieben hat.

bevor sie Mitte des 16. die ja zunächst ein theologischer und juristischer Institutionsbegriff war. denn er lebte in Erwartung des Jüngsten Gerichtes und hat gar nicht daran gedacht. kraft derer die Aufklärer wirken mußten oder wollten. sie lassen sich jedoch zum großen Teil verifizieren. um dann . ist erst nach hundert Jahren als historischer Periodenbegriff verwendet worden. an denen man den Begriff der Aufklärung auf sein semantisches und pragmatisches Potential hin lesen kann. Erstens handelt es sich um einen Epochenbegriff. kein beliebiger Epochenbegriff. vor allem keiner. Dabei wird sich zeigen. Die Renaissance hat als Epochenbegriff drei Jahrhunderte gebraucht. Und die Reformation. Sondern die Prägung hat selbst einen aktiven Anteil daran. Die Neuheit der eigenen Zeit. Ich nenne sechs Kriterien. der . die Refor- . der eigenen Generation wird als solche thematisiert und im eigenen Land. so gewinnen unsere beiden dicta von Voltaire und Kant sogar einen hintergründigen Sinn. der Innovationen selber zu begreifen erheischt. inwieweit das semantische und pragmatische Innovationspotential von -Aufklärung« generalisierbar und allgemein verwendbar geworden ist.die daraus gewonnenen Kriterien auf die übrigen Grundbegriffe des Aufklärungszeitalters zu übertragen. Luther selbst hat sich dagegen gesträubt.wie bisher nur ex post und rückblickend Ereignis und Deutung zusammenfassen würde.und Tarntechniken in Rechnung stellt. wie er sich als eigener Epochenbegriff definiert. Sie haben teilweise hypothetischen Charakter. sich als Neuheit begreifen. jedenfalls als etwas. der sich sprachlich vielleicht als der eigentlich innovative herausstellen mag.Begriffliche Innovationen der Aufklärungssprache 319 Wenn man die ironischen Waffen. Jahrhunderts auf diesen ihren Begriff gebracht wurde. wo die Leute so reden und sich als aufgeklärt definieren. das in dem Begriff -Aufklärung« selbst enthalten ist.zweitens . Es ist also eine einmalige Ausprägung. was sprachlich erst möglich geworden ist und so vorher noch nicht aussagbar war. III Ich frage nun in zwei Argumentationsschritten: erstens nach dem Innovationspotential.

wie jede eigene Zeit im Unterschied zu früher als neu begriffen werden kann. als aktiv und als zukunftsoffen definiert. Zum zweiten Kriterium: Aufklärung teilt mit zahlreichen anderen Grundbegriffen die genetische Eigenschaft.0 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache mation als einen Periodenbegriff in eine offene Zukunft hochzurechnen. Im ganzen gehen verbale Handlungstermini den substantivischen Begriffen voraus. als erschließend.alt. Denn die Aufklärung hat ja die Aufgabe. die ganz geläufig blieb: heute . Die Reformation als Periodenbegriff ist erst hundert Jahre später definiert worden. sich selbst voranzutreiben und insofern eine neue Zukunft zu erschließen. in die Freiheit und dergleichen zu bahnen. oder zu geleiten. oder um Kultur und Gesellschaft im Sinne der Aufklärung zu beeinflussen. vorher gab es ihn noch nicht. Jahrhunderts. Aber Neuheit wird jetzt erstmalig als initiativ. ›Bund‹ von ›verbinden‹ und dergleichen. und zwar gleichzeitig als einen Begriff. das von ›bilden‹ kommt wie auch ›Bild‹ von ›bilden‹ . der die eigene Zeit nicht nur in dem selbstverständlichen Sinne als neu definiert. die überschritten werden muß.und so an ›Vernunft‹ von ›vernehmen‹. das war jenseits seiner Vorstellung. daß das Substantw aus einem Verb. ist an sich nicht spezifisch für das 18. Jahrhundert ›Neuzeit‹ genannt wird. aber es belegt die Zeugungskraft der Sprache. Es wird also eine Schwelle definiert. Man erinnere sich nur an ›Bildung‹. Sie wird in der zeitlichen Abfolge singularisiert. was erst im 19. Das ist eine überkommene Opposition. indem man Aufklärung betreibt.früher. Dagegen hat die Aufklärung als Epochenbegriff sofort das eigene Zeitalter aus der Aktion selbst heraus zu begreifen versucht. Insofern bereitet die Aufklärung semantisch das vor. aus einem Tätigkeitswort abgeleitet worden ist. jedenfalls um den Weg der Menschheit in die Humanität. Jahrhundert. zu erziehen oder zu leiten. der nicht nur die eigene Zeit. neu .32. Die alte rhetorische Überschußbedeutung wird noch einmal überboten. Das gilt für viele Begriffe. Der (deutsche) Begriff ›Neuzeit‹ stammt erst aus der ersten Hälfte des 19. sondern der auch schon die kommende Zeit mit erfaßt. Insofern ist ›Aufklärung‹ auch ein geschichtlicher Reflexionsbegriff. oder zu inspirieren. aber erst durch die Substantivierung werden die Begriffe .

als einer Tätigkeit. Man darf also sagen. was Aufklärung erst erreichen soll. daß nämlich Aufklärung nicht ein Ergebnis sei. und Aufklärung.Militärisch wiederum meint Aufklärung das Rekogniszieren. daß »Aufklärung« von seiner semantischen Struktur her ein Handlungsbegriff ist. und je nach dem metaphorischen Segment. aus dem man es ableitet. die sich selbst vollzieht (meteorologisch). Ergebnis wäre eigentlich die Aufgeklärtheit. wobei Handlungsanweisungen aus der Analyse der Feindlage abgeleitet werden. Und der Vollzugsbegriff ist eben »Aufklärung«. die vollzogen wird (militärisch).auch eine erfreuliche Zukunft hervor. sondern immer der Vollzug dessen. die vom Verb in das Substantiv einging. um erfolgreich wirken zu können. ist auch das neue Substantiv intransitiv oder transitiv zu lesen: Aufklärung. fortwirkt in der substantivischen Ausformung des Begriffs. Aber der Begriff »Aufgeklärtheit« wurde im deutschen Sprachgebrauch durch »Aufklärung« verdrängt. sondern der Begriff gewinnt die Vorbedeutung der Aufklärung als eines Prozesses. Es ist nicht mehr die Stetigkeit des vorgegebenen lumen naturale. Das Spannende am Aufklärungsbegriff ist nun folgendes: daß diese Transposition aus einem Tätigkeits. Und das ist die Definition. das von sich aus überall in jede dunkle Ecke leuchten kann.metaphorisch .Begriffliche Innovationen der Aufklärungssprache theoriefähig. der Aufgeklärtheit als bewegliches Ziel bestimmt. die die Aufklärung in Aktion versetzt. der zunächst meteorologisch gedacht war: Die Sonne zieht auf. Diese militärische oder meteorologische Hintergrundbedeutung spielt in die Metaphorik hinein. dem eine Dynamisierung eigen ist. Daraus folgt ein temporaler Veränderungsfaktor. . die von Kant stammt. Er ist sowohl ein intransitiver wie ein transitiver Handlungsbegriff. sie ist für ihn ein erneuerungsträchtiger Vollzugsbegriff. Daraus folgt ein drittes Merkmal. der mit jeder Aufklärung mitgedacht wird. die Morgenröte lichtet sich und strahlt anwachsende Helligkeit aus und lockt damit . als Vollzug und als Verzeitlichung. Er rührt von »aufklären« her: Das ist der metaphorische Hintergrund.und Handlungsbegriff. nämlich »aufzuklären«. Kant hat sich ausdrücklich für die dynamische Variante eingesetzt. die die Tätigkeitsmerkmale des Aufklärungsbegriffs zu verstehen hilft. Aufklärung ist nicht nur .

sowohl repetitiv zu sein . der die nicht intendierten Reste und die zwangsläufigen Folgelasten erneut aufzuklären erheischt. daß er immer weiterschreiten muß. auf die ich noch zu sprechen komme. von einer ganzen oder halben. Jeder Schritt. Und das führt uns auf ein viertes Kriterium . die mehr als nur eine Periodisierung bietet. fordert immer den nächsten Schritt heraus. sondern daß dieser Wandel gewollt und in eine bestimmte Richtung gebracht werden muß. der eine ihm einwohnende temporale Binnenstruktur hat.Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache inchoativ und innovativ im Hinblick auf die früheren geschichtlichen Perioden. der jähr- . »Aufklärung« ist im Fortschrittsbegriff angelegt. die sich unterscheiden von der schlichten und traditionalen. Ohne die selbstreflexive. der in den alten europäischen Sprachen vor dem Fortschrittsbegriff sprachlich so nicht denkbar war.Aufklärung kommt nie an ihr Ende . einen Sachverhalt oder eine Stimmungslage. die von einer wahren oder falschen Aufklärung zeugen. das kein Zurück mehr zuläßt. ein Problem oder einen Konflikt oder sonst etwas zu analysieren. zu erklären. zu lösen. die voraussetzt oder verlangt. indem sie sich selbst als ein Neues produzierendes Zeitalter begreifen will. Im Sprachgebrauch der Aufklärer gibt es zahlreiche Verwendungen. Es sind Binnenoppositionen.darin. ist die Theoriefähigkeit der »Aufklärung« gar nicht denkbar. Mit dem Begriff wird eine Spannung erzeugt. von einer wirklichen oder eingebildeten. Es gibt eine Fülle von derartigen selbstkritischen oder polemischen Oppositionen. daß dieser Begriff zahlreiche ähnliche Begriffe induziert hat. um überhaupt Fortschritt sein zu können. Die temporale Binnenstruktur des Aufklärungsbegriffs.wie auch auf ein Ziel gerichtet zu sein.seit Leibniz . auf Dauer dynamisiertem. Sondern Aufklärung ist auch ein Handlungsbegriff. Fortschritt besteht . das zeichnet diesen Begriff aus. schlicht verzeitlichtem Begriff. daß es nicht nur wie eh und je Wandel gibt. sondern einen Handlungsraum eröffnet. ohne die handlungsträchtige und ohne die zeitliche Komponente. Es handelt sich also um eine neue Art von rekurrentem.daß Aufklärung nämlich auch Ideologie produziert. von einer echten oder unwahren. die der Aufklärungsbegriff selber aus sich hervorgetrieben hat. Die Theoriefähigkeit dieses Begriffs liegt in seiner temporalen Binnenstruktur beschlossen. Nun läßt sich leicht hochrechnen.

Das läßt sich an einem Beispiel sehr schön erläutern. die nur verschieden bewertet wird. die Ideologie produziert. die die Revolution inszeniert hätten. die aufgeklärt sei. Und es ist diese binnenaufklärerische Opposition. daß sie die Aufklärer seien. besonders des Abbé Barruel. um den Terror zu verhindern. die die Revolution initiiert hätten. er . Daraus entwickelt sich im 1 9 .Begriffliche Innovationen der Aufklärungssprache 323 tausendealten Opposition »Licht gegen Finsternis‹. Jahrhundert eine Konstante der Revolutionstheorien. Die Revolutionäre haben sich immer auch als Aufklärer verstanden. oder nur die halbe? Reicht die Aufklärung nur bis zur konstitutionellen Monarchie. dann war es nur die halbe Aufklärung gewesen. Wie immer man es auch dreht. die im 1 8 . diese Selbstdeutung nicht erst einmal ernst zu nehmen. Strukturell handelt es sich um dieselbe. eine falsche Aufklärung gewesen. Dann ist die ganze Aufklärung eine schlechte. sie ist nicht weit genug gediehen. intentionale Erklärung. daß die Aufklärer finstere Verschwörer seien. und ruft sie dann im Terror ihr Gegenteil hervor? Oder ist der Terror ebenso Folge der Aufklärung? Je nach politischer Perspektive oder Interessenlage wird ›Aufklärung‹ so oder so ideologisch besetzbar. Es wäre methodisch sinnlos. Jahrhundert zur Vokabel der Propaganda gerinnt. Wenn aber die Revolution aus der Aufklärung abgeleitet wird. Es gibt die bekannte und strittige Ableitung der Französischen Revolution: Ist sie auf die Aufklärung zurückzuführen oder nicht? Die Revolutionäre selbst haben sich mit Stolz immer wieder darauf berufen. aus der Aufklärung ableitbar. halbe und schlechte oder richtige und ganze . die immer wieder fragen: War nun die ganze oder nur die halbe Aufklärung für die Revolution zuständig? War der Terror von Übel. inklusive des Terrors. der Aufklärungsbegriff selbst immunisiert sich. die später auf den Begriff der Dialektik der Aufklärung gebracht worden ist. Es ist die alte dualistische Formel. nämlich um eine kausale bzw. Aber ebenso wurde es eine konservative Theorie. Oder man sagt: Die Aufklärung hat diesen Terror notwendigerweise produziert.das ist bereits eine begriffsimmanente Aufspaltung. dann entsteht die genannte immanente Doppeldeutigkeit: Ist die ganze Revolution. Aber daß die Aufklärung selbst wahre oder falsche Aufklärung sein kann.

Ich darf hinzufügen. der Begriff stellt immer schon die pragmatische Möglichkeit verschiedener Applikationen zur Verfügung. benutze ich diese oder jene Variante. echt oder unecht usw. Aber er benutzt eine Definition der »höchsten« Aufklärung. . die Binnenopposition. der nach den Schulkategorien selber ein klassischer Aufklärer war.. selbst als »ideologisch« zu bezeichnen. die bei Wieland.. die mit der sogenannten Dialektik der Aufklärung nur einen neuen Namen erhalten hat. Damit komme ich zu einem nächsten Kriterium. die aus der Binnenopposition von »ganz« oder »halb«. am wenigsten erwartet werden mochte. Daß das schon von Zeitgenossen so gesehen wurde.. von »echt« oder »unecht« entstehen. Das heißt. das fünfte Kriterium ist relativ einfach zu erklären. Sie rufen jedenfalls eine ständige Ideologisierbarkeit hervor. 1 7 9 3 . Ich möchte vorschlagen. indem er sowohl ganz wahr. uns selbst zu belügen«. Das heißt.324 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache behält recht. produziert eo ipso ideologische Verdächtigungen und die entsprechenden Entlarvungstechniken. die der Begriff aus sich hervortreibt. Und je mehr ich verdächtige. Dieses. fand er folgende definitorische Antwort: »Die Epoke der höchsten Aufklärung [war] [. Ob ich ihn nun mit einem »halb« oder »ganz« versehe: Je nachdem. daß dieses Ideologie-Kriterium die Selbstreflexivität des Begriffs voraussetzt. halb wahr.] immer diejenige [.« Es ist freilich eine Aufklärungsbestimmung. als der Terror die provokative Testfrage an die Aufklärer auslöste. worin alle Arten von Spekulation. um den Terror aus der ganzen Aufklärung ableiten zu können und nicht auf eine falsche oder halbe Aufklärung zurückführen zu müssen. sei immer mehr verfeinert worden. Früher war eine derart elastische Dialektik nicht einmal innerhalb strittiger theologischer Diskurse denkbar und ebensowenig im Hinblick auf die Praxis des politischen oder sozialen Lebens. halb falsch oder ganz falsch sein kann.]. läßt sich bei Wieland belegen. Das wäre das aufgeklärte Ideologie-Kriterium des Aufklärungsbegriffs selber. Wie er später schrieb: »Die Kunst. diese temporalen Repetitionsstrukturen. Wahnsinn und praktischer Schwärmerei am stärksten im Schwange gingen. was mir paßt.. damit die Ideologie entlarvt werden kann. desto mehr muß ich wiederum aufklären. indem auch Theoretisierbarkeit enthalten ist.

ein Monopol derer blieb. die man ex post als Aufklärer in einem emphatischen Sinne definiert. gehört nicht nur zur Aufklärungssprache. atheistisch. selbst der katholische Klerus. materialistisch. daß man ohne Aufklärungsargumente gar nicht mehr auskam. des ganzen Volkes. weil der Kollektivsingular die Summe vieler möglicher verschiedener Aufklärungsakte und -schritte in sich bündelt. verwenden den Aufklärungsbegriff für sich selbst durchaus positiv. als »Aufklärung« unaustauschbar. daß nämlich »Aufklärung« auch ein Kollektivsingular ist. links.auf Kosten der Parallelbegriffe. je segmentär oder alle zugleich. und »Kritik« war schon zu eng. aber deshalb auch umstritten zu werden. die zurückgedrängt wurden. des Adels. daß alle . unersetzbar wurde. Auch das ist nicht spezifisch. gleich ob man rechts. Man konnte auf ihn seit 1 7 8 0 nicht mehr verzichten. auf die man nicht verzichten kann. der Landwirte. nachdem er einmal unentrinnbar wurde. naturalistisch. der Gesellschaftalles kann aufgeklärt werden. Er war seitdem unersetzbar . Diese Verschränkung. unten. da Grundbegriffe entstehen. in der Mitte oder sonstwo stand. Segmente zusammenzubündeln. ob »Aufklärung« religiös. Die Semantik läßt sich eben nicht auf Sprechergruppen oder Diskursmilieus einengen. der Gewerbetreibenden. romantisch oder klassisch oder sonstwie angereichert wird. unentrinnbar. Damit hätten wir ein Kriterium. »Erleuchtung« war noch zu theologisch. in dem selben Augenblick wurde »Aufklärung‹ strittig. oben. werden sie auch strittig. auch die Theologen. der Ökonomen. In diesem Befund ist nun ein sechstes Kriterium enthalten. unentrinnbar. Und das geschieht nun mit dem Aufklärungsbegriff um 1 7 8 0 . bleibt aber doch von Interesse. Denn alle Sprechergruppen. der Bürger. Aber im selben Moment. der Fürsten. Sondern die Sprache war in den Sog geraten. Das regulative Prinzip. Es ist vielmehr eine semantische und pragmatische Regel aller geschichtlichen Grundbegriffe: In demselben Augenblick. nicht vorher. in dem er zum Modebegriff wurde. das unabhängig davon gilt. Es ist ja nicht so. Und das sieht man im Sprachgebrauch deutlich: Die Aufklärung des Landvolks.Begriffliche Innovationen der Aufklärungssprache 325 Der Begriff »Aufklärung« wurde in dem Augenblick. idealistisch. daß dieser Begriff.

der nicht zurückblickt. Jahrhundert denkbar und gefordert wird. Ich darf an dieser Stelle zwei historische Bemerkungen einschieben. weil die Depersonalisierung der Herrschaft. All das gilt nun zweifellos bis 1800 für unseren Begriff der Aufklärung. eine Gesellschaft ohne Herrschaft überhaupt zu entwerfen. anti-staatskirchlich. .und Staatslehren des 19.3 2. sondern Selbstbestimmungen zur eigenen Zeit enthält. Jahrhunderts denken und entfalten zu können. die zudem seine Ideologisierbarkeit und Ideologieträchtigkeit hervortreibt. ›Les lumières‹ ist einer der Pluralbegriffe. Das kann mit dem Kollektivsingular einer »Aufklärung schlechthin« bezeichnet werden.6 Teil HI: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache von der Aufklärung erfaßt werden sollen. Die erste Bemerkung lautet. der wie immer sehr viel empirischer bleibt. rechtserheblich. entspricht einem dynamischen System. der als Kollektivsingular unvermeidbar wird . und das im Unterschied zum französischen Sprachgebrauch. wenn ich mich verständlich machen will. Die französische Aufklärungssprache ist antikirchlich. Aus dem -Oberhaupt im Staat« wird . die auf allgemeine und formalisierbare semantische und pragmatische Potentiale verweisen: Da entsteht ein Epochenbegriff. ein dynamischer Handlungsbegriff mit einer temporalen Binnenstruktur.so im Allgemeinen Landrecht 1794 . von Kollektivsingularen abhängt. ferner ein Tätigkeitsbegriff. die wie auch ›les progrès‹ bei Condorcet im Französischen häufig auftauchen und nie diesen aktivistischen und systematischen Kollektivsingular herbeizwingen wie bei uns. also empirienah bleiben. weil die französische Staatskirche quasi ein Monopol der Intoleranz verwaltete. bis hin zur Möglichkeit.Und eben das ist auch für die Rechtssprache erheblich. wie sie seit dem 18. gegen die Zensur und noch gegen Inquisi- . das entfesselt werden soll. Ich habe sechs Kriterien genannt. die theologischen Fakultäten.der ›Staat überhaupt«. und dieser Kollektivsingular birgt als semantisches Potential die Voraussetzung dafür. und schließlich die Strittigkeit eines Grundbegriffs. die alle personalen Bestimmungen in sich aufheben. So läßt sich Herrschaft entpersonalisieren. Im Streit gegen die Sorbonne.denn ich muß an ihm teilhaben. die Rechts. daß die deutsche Aufklärung grundsätzlich religiös bleibt. die sich auf den damaligen deutschen Sprachgebrauch beziehen.

Jahrhunderts. und die ideologiekritischen Varianten wurden sehr schnell zu Schlagworten. Wenn die Erfüllung des Menschen in der Zweigeschlechtlichkeit zu suchen und zu finden ist. ist die Aufklärung von vornherein eine überkonfessionelle Aufklärung.Bildung ist sowohl Selbstbildung des einzelnen wie zugleich aktiv nach außen gerichtet. den man theoriegeschichtlich der Aufklärung zuordnen darf. mit dem Bildungsbegriff weiterzuarbeiten. ist mit der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen gegeben. indem sie Gesellschaft. daß Droysen Aufklärung in Anführungsstriche setzen mußte. Und Bildung ist eo ipso Selbstbildung. Staat. die dazu führten. als die Konfessionen reichsrechtlich paritätisch organisiert waren und institutionell zu einer Art von Ausgleich gedrängt wurden. die sich bilden wollen oder gebildet . auf dem Selbstbildung besonders wirksam wird. Hegel sprach bei aller Anerkennung schon von der inhaltslosen Kahlheit der »Aufklärerei'.Begriffliche Innovationen der Aufklärungssprache tionsgerichte reagierte die französische Aufklärung zwangsweise unduldsam. der das emanzipatorische Postulat der Aufklärung im deutschen Sprachhaushalt sehr viel konsistenter einlöste. ist immer transitiv und intransitiv zugleich zu denken . dann gehört die geschlechtliche Differenz zur Selbstverständigung derer. Der neue Begriff ›Religiosität‹ entsteht damals nicht zufälHgUnd das führt zu der zweiten historischen Bemerkung: daß nämlich der Aufklärungsbegriff zu schnell ausfranste oder abstarb. Im Deutschland des 1 8 . und Leo sprach von ›Aufkläricht›. Kultur und sonstiges erfaßt und gestaltet. Dieser Verfall ist darauf zurückzuführen. daß inzwischen ein Begriff geprägt wurde. ›Aufklärung‹ ließ immer auch die Aufklärung von außen und von oben mitdenken. antikirchlich und antitheologisch. Ein interessantes Feld. nämlich der Bildungsbegriff. wie er um 1 8 0 0 auftaucht. um generell akzeptabel zu bleiben. Nation. Wer davon ausgeht. dem legt sich nahe. daß der anthropologische Grundentwurf. daß heteronome Bedingungen in autonome Selbstbestimmung überführt werden sollen. sondern überkirchlich und insofern religiös. mit dem Bildungsbegriff weit besser eingelöst wird. die sich nicht antistaatlich oder antikirchlich begreift. Erst Selbstaufklärung führt zur Bildung. Volk. Hier zeigt sich. Der Begriff der Bildung.

IV Damit komme ich zur Frage. Sofern ein Mensch sich als autonom und selbständig begreifen will. Diese alle sind zeitlich gerichtete dynamische Bewegungsbegriffe. ob die am Begriff der Aufklärung aufgewiesenen Kriterien übertragbar sind. dies zu erfassen und zu artikulieren.Damit stoßen wir sofort auf unaustauschbare temporale Grundbegriffe. den erst ›Bildung‹ zur Gänze in die Selbstbildung zu integrieren forderte. anhand eines Konzepts Aspekte zu kategorisieren. Als einen solchen hat ja Kant den Aufklärungsbegriff selber verstanden. zu korrigierender. Wir wissen es bis heute: Aufklärung über Sex ist nicht das gleiche wie Liebe. Bisher wurde versucht. die semantische und pragmatische Potentiale freisetzten und die am Ende des 1 8 . Emanzipation. Vielmehr wurde die zwischengeschlechtliche Selbstbildung von der Aufklärungssprache tabuiert. Wenn diese Kategorien nun auf den übrigen Sprachgebrauch übertragen werden. Diese in der sogenannten Romantik gewonnene Bedeutung ist eine Konsequenz aus der anthropologischen Aufklärung. die in analoge Funktionen eintreten wie -Aufklärung«. dann greift das wie ein Zauberschlüssel. läßt sich nicht durch Aufklärung über Sex erreichen. Fortschritt. zu zügelnder und sonstwie zu kontrollierender niederer Trieb oder umgekehrt ein zu entfesselnder Trieb. Entwicklung. die sich primär in der Zweigeschlechtlichkeit wiederfinden läßt. Jahrhunderts innovativ waren. . Nur einiges sei herausgegriffen. Zunächst ein Hinweis auf die dynamischen Bewegungshegriffe. so daß sich in Kürze aufzeigen läßt. nämlich Geschichte. wie eine Fülle von Begriffen analoge Innovationskraft gehabt hat. will er auch die Liebe internalisieren. jedenfalls nur ein Teil des menschlichen Daseins. Denn Sinnlichkeit war für die Aufklärungsphilosophie primär ein von oben zu steuernder. Revolution und Krise.328 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache wissen. Durch ihre dynamische Repetition soll eine strukturelle Veränderung mit der Zielrichtung in eine offene Zukunft hinein herbeigeführt werden. Was die Liebe verspricht und einlösen kann. Der Aufklärungsbegriff war aber nicht geeignet. Die Anerkennung im und durch den anderen wird zum Element der Selbstbildung. .

Aber was sich als neuer Begriff an diesem alten Wort angeheftet hat. die Selbstbildung und Autonomie ignoriert. Sehr viele Wortverwendungen enthalten im 19. den alten Begriff verdrängend.handelte es sich hier schon um einen römisch-rechtlichen Begriff. Für ›Geschichte‹ ist klar. was die neuzeitliche Bedeutung der Emanzipation absurderweise revoziert und gerade nicht auf die Autonomie jüdischer Eigenständigkeit zielt. der eine Fülle einzelner Geschichten meinte und der nun durch die Konvergenz von »Geschichte und ›Historie‹ zum Reflexionsbegriff wird. Aber im ganzen war diese von außen und von oben gesteuerte Emanzipation. emanzipiert zu werden. erst und nur dann emanzipiert zu sein. Dabei muß erwähnt werden. daß dieser Emanzipationsbegriff . gedacht. sondern zunehmend die autonome Selbstemanzipation. daß viele christlich verbrämte Wortverwender von »Emanzipation' den Juden zumuteten. Der neue Begriff führt seit rund 1780 die Bedingungen der wirklichen und die Bedingungen möglicher Geschichten mit den Bedingungen ihrer Erkenntnis zusammen. Dieser geschichtsphilosophische Begriff ist dann nicht mehr von Generation zu Generation wiederholbar. Jahrhunderts noch vorwaltende Sprachgebrauch von »Emanzipation'. Insbesondere bei der Emanzipation der Juden ist völlig klar. wenn sie Christen würden. ist folgendes: Bei »Emanzipation' wird nicht mehr die repetitive generationsspezifische Möglichkeit.Begriffliche Innovationen der Aufklärungssprache 329 Im ganzen stoßen wir auf zeittypische Transformationen vom Verb zum Substantiv.wie Aufklärung . vielmehr soll eine Befreiung genereller Art herbeigeführt werden. Die Bedingungen dieser neuen Geschichte und die Bedingungen ihrer Erkenntnis werden auf einen gemeinsamen Begriff gebracht: den der . Jahrhundert noch jenen passiven Emanzipationsbegriff.weithin noch von außen gesteuert blieb. Fortschritt' und »Entwicklung' waren neueren Datums. die einen linear in die Zukunft gerichteten irreversiblen Begriff programmiert. der aus dem römischen Recht herkommt und so in die Geschichte übertragen wurde. der im Deutschen des 19. »Emanzipation' war auch als Wort alt .die von Humboldt und Hardenberg vielleicht ausgenommen. daß sie früher ein Pluralbegriff war. Das gilt für sehr viele Sprachgebräuche . Die Worte ›fortschreiten‹ oder ›entwickeln‹ waren alt.

Der neue Entwicklungsbegriff schließlich zielt auf eine eher selbsttätige Entwicklung. Alle Revolutionslehren bis in die Mitte des 1 8 . der analog zu -Aufklärung« nur als Kollektivsingular zu denken ist. ist ein theoretischer und hochabstrakter Kollektivsingular.obwohl er ein theoretisch überaus anspruchsvoller und deshalb fragwürdiger Begriff ist. der die Bedingungen aller nur möglichen Geschichten im Plural überhaupt erst denkbar macht. Die politische Auswahl möglicher Verfassungsformen blieb dabei aristotelisch begrenzt. die ihr eigenes Objekt wird. ohne den bis heute die Menschen schwerlich zu denken und zu argumentieren vermögen . der wie die -Aufklärung schlechthin« eine einzige Zielrichtung indiziert oder evozieren soll. Jahrhunderts ein Repetitionsbegriff. wie Köster korrekt definierte. Denn Geschichte ohne Subjekt. auf ein Werden. der -Geschichte überhaupt«. und Geschichte ohne Objekt. Der Revolutionsbegriff war bis in die Mitte des 1 8 . Jahrhunderts wird -Revolution« zu einem zielgerichteten Begriff.für -Fortschritt«. so daß damit verglichen -Fortschritt« als ein aktivistischer Eigenbegriff autonomieträchtiger ist.gleichsam anthropologisch vorgegebenen drei Herrschaftsformen Monarchie. Und damit ist dieser eine und neue Begriff ganz zentral geworden. . der analog zum Fortschritt und zur Geschichte die Zukunft als einmalig und neu. Er bündelt die Summe einzelner Fortschritte. »Entwicklung« wird eher intransitiv gedacht.33° Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache -Geschichte selbst«. Demokratie und Aristokratie und ihre entsprechenden Verfallsformen.haben primär diese Wiederholungsstruktur thematisiert. und dieser ist. die im französischen -les progrès» immer noch additiv und plural gedacht werden. der die Wiederholung gleicher Grundstrukturen voraussetzt und auch aufweisbar machte. Es ist ein Reflexionsbegriff. im Deutschen zu einem Kollektivsingular. durch die . identisch mit -Theorie der Geschichte«. als nunmehr unvergleichbar setzt. der die strukturelle Veränderung in eine offene Zukunft hinein meint und damit einen irreversiblen Vorgang auslösen soll. Erst seit der zweiten Hälfte des 1 8 . Auch -Revolution« wird pragmatisch zum Vorgriff. Das gleiche gilt . die ihr eigenes Subjekt wird. .wie schon erwähnt .Besonders deutlich wird das beim Revolutionsbegriff. Jahrhunderts . .es gibt da Varianten . das über die Köpfe der Menschen hinweggeht.

so daß auch hier das aktivistische Element des Auswickeins und des Aufklärens in zahlreichen Bedeutungen mit gemeint wird. Denn die politischen Leitbegriffe wie »Freiheit'. aber ebenso auf ›Freiheit‹ und »Gerechtigkeit'. der rechtlich. wie er zuvor. Sobald diese Begriffe gedacht werden und kollektiv gedacht werden müssen. Und das gleiche gilt für »Gleichheit«. üben sie ein Minimum an Systemzwang aus. Die Gleichheit als kollektives Abstraktum enthält eine universale Botschaft. Eine zweite Gruppe ist mehr der Gesetzessprache einzuordnen. So entsteht für alle Gesetzgebung und Exekutive ein Zwang. daß sie als Kollektivsingulare analog zur ›Aufklärung‹ eine Handlungslehre enthalten oder entfesseln. der in die großen Gesetzeskorpora einwirkt. Allen diesen Bewegungsbegriffen ist gemeinsam. »Gleichheit' oder »Brüderlichkeit' erheben einen unüberbietbaren Allgemeinheitsanspruch.Begriffliche Innovationen der Aufklärungssprache zeigt aber ebenso in eine gewollte Richtung. die im Sinne der Justitia für alle gleicherweise gelten solle. das einen ständisch differenzierten Adressatenkreis voraussetzte. Und Gerechtigkeit im Sinne des Einzelprivilegs war etwas anderes als die Gerechtigkeit schlechthin. Hier sei auf ›Staat‹ hingewiesen. vor dem . Die Freiheit selbst oder schlechthin ist etwas anderes als die jeweils konkrete Freiheit in Form eines Privilegs. sich in Richtung auf eine nationale oder gar universale Brüderlichkeit zu entfalten. anders als wenn sie dem »suum cuique‹ des römischen Rechts folgt. soziologisch. was schubweise immer wieder versucht worden ist . Auch »Brüderlichkeit' als Abstraktum und als Kollektivsingular ist etwas völlig anderes als eine Bruderschaft.je nach politischem System und je nach revolutionärer Lage. Dieser muß stets mit den widerspenstigen Einzelfällen in Einklang gebracht werden. die einen juristischen Systemzwang ausübten. geschichtsphilosophisch oder sonstwie begründet sein will. ohne darüber seine generelle Geltung zu verlieren. um ausgeübt werden zu können. Die neuzeitliche Brüderlichkeit enthält dagegen ein Postulat mit temporalem Zwang. auf »Brüderlichkeit' oder »Gleichheit'. Das sind auch Schlagworte. die aber als Kollektivsingulare Systemzwang ausüben. Damit wäre kategorial eine Gruppe der innovativen Kollektivsingulare umrissen. die als eine konkrete Korporation empirisch einlösbar blieb.

Aus dem pluralistischen »Status‹-Begriff wird als Kollektivsingular der moderne Staatsbegriff. der alle Stände zugleich umfaßt und übergreift. Jahrhundert hinein war ›Staat‹ ein pluralistischer Begriff. aus dem lateinischen ›status‹ und auch aus dem deutschen ›statt‹ abgeleitet wurde das sind konvergierende Wortfelder. der die ständische Pluralität enquadriert oder gar unterdrücken soll. Um 1 8 0 0 wird eine Art Düse im Sprachgebrauch wirksam. Ob das nun der Hofstaat ist.332. die dann zu dem modernen Staatsbegriff hinführen. Der überkommene Standesbegriff wird zu einem Oppositionsbegriff und als solcher ausgestoßen. der nie auf eine singulare Bedeutung reduziert werden konnte. der setzte mit der Bezeichnung eines Standes die Existenz auch anderer Stände voraus. der als Statusbezeichnung immer schon andere ›status‹ voraussetzte. Aber bis ins 1 8 . gibt es keine Diagnose irgendeiner Gesellschaft mehr. als der »Staat als solcher« gedacht werden kann. Lange blieb er ein gesellschaftspolitischer und zudem ein zentraler Rechtsbegriff. Wie sehr »Staat« im Deutschen einen politisch stärkeren Exklusivitätsanspruch gewonnen hat als in den westlichen Nachbarsprachen. die sich alle an den Staatsbegriff ankristallisieren. Kaum ein anderer Begriff hat sich so stark gewandelt und eine solche Innovationskraft gewonnen wie der Staatsbegriff. Das heißt. es war ein pluralistischer Begriff. den der Fürst beansprucht. erweist sich daran.und auch nicht ausgeübt werden konnte. Wer den ›Status‹ im Kontext der Stände verwendete. Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache 1 8 . vom französischen »etat« beeinflußt.im Unterschied zum französischen »etat des choses« oder zum englischen »State of . oder der status = Stand der Bauern oder der Bürger oder des Klerus . daß bei uns umgangssprachlich vom »Staat der Dinge« zu reden nicht möglich ist . Jahrhundert. Hinzu kommt eine Gruppe von politischen Handlungseinheiten. daß er. Das Spannende speziell beim deutschen Staatsbegriff ist. weil sich der Staatsbegriff zu einem Kollektivsingular verdichtet. in dieser Form nicht ausgeübt worden ist . immer ist ›status‹ = ›Stand‹ ein pluralistischer Begriff. die ohne den Staatsbegriff auskommt. In diesem Moment wird der Staatsbegriff zu einem kollektiven Oberbegriff. Nachdem er einmal zum unentrinnbaren und deshalb strittigen Begriff geworden ist.es gibt eine schier unendliche Vielfalt -. und zwar in dem Augenblick.

Abschließend möchte ich auf eine Gruppe von Neologismen hinweisen. ›Staat‹. ›Freiheit‹. Das heißt. ›Gerechtigkeit‹ . den Wohlfahrtsstaat. Erst seitdem der Staat seine Souveränität verliert. ›Staat‹ war ein unverzichtbarer Begriff geworden. Jahrhundert innewohnte. den Rechtsstaat. Erst der kollektiv-singulare Begriff. der mit dem alten Wort transportiert wurde. den Nationalstaat. »Fortschritts ›Entwicklung‹. die dem Staatsbegriff im 19. die auch als Worte erst im 18. sogar noch den Führerstaat . Es ist die semantische Unausweichlichkeit. hat die beschriebenen semantischen und pragmatischen Innovationspotentiale entbunden. ›Emanzipation‹. Seitdem sich der Kollektivsingular durchgesetzt hat. den Begriff ›Staat‹ . Das gleiche gilt für ›Geschichte‹. den Machtstaat. Aber im ganzen müssen auch die Gesellschaftslehren immer noch den politischen Staat einbeziehen. temporale Kompensationsbegriffe. Jahrhundert entstanden sind. wie ich sie nennen möchte. Als erster taucht ›Patriotismus‹ auf. also sicher seit 1918. um Teilhabe an der vorgegebenen Institution zu gewinnen oder diese zu vereinnahmen. wird es möglich. Der emphatische Begriff ›Staat‹ blockiert im Deutschen eine umgangssprachliche Verwendung des Wortes. All diese Staatsbegriffe werden nach jeweiligen politischen Interessen neu besetzt.die Worte sind älter: Aber die Begriffe. das dem Begriff zugrunde liegt. die zu seiner Strittigkeit führt. Als Neubildung ist dieser Begriff An- . Die innovative Kraft. die dem deutschen ›Staat‹ innewohnt. den Sozialstaat. fehlte zuvor den überkommenen Bedeutungen der Worte ›Stand‹ oder ›status‹: Als Worte waren sie nicht innovativ gewesen. die seit der ›Aufklärung‹ damit verbunden werden. ist eine Fülle von Definitionen möglich geworden.Begriffliche Innovationen der Aufklärungssprache 333 affairs‹. die den Staatsbegriff nunmehr parteilich differenziert: Da gibt es den Fürstenstaat. haben eine zuvor beispiellose Kraft und Dynamik entfaltet. Jahrhundert oder frühen 19.wie bei Luhmann .als Unterfall der ›Gesellschaft‹ zu behandeln. Es handelt sich um.was auch immer er an Staatlichkeit vernichtet hat. Weder im Französischen noch im Englischen hat ›état‹ oder ›state‹ jene semantische und pragmatische Ladung des Kollektivsingulars erreicht. so wie ›Aufklärung‹ es vorübergehend gewesen und um 1968 wieder geworden war.

geprägt in Frankreich und bald auf den ›citoyen‹ bezogen. aber sie kamen nicht umhin.Das gilt analog für ›Demokratismus‹ als den antiständischen Begriff katexochen. waren beide Begriffe noch austauschbar.334 Teil III: Zur Seraantik und Pragmatik der Aufklärungssprache fang des 1 8 . der genau diese Aktionsstrukturen beschwört mit einer irreversiblen Zielbestimmung in die offene Zukunft hinein. Schließlich sei der »Konservativismus« als Reaktionsbegriff genannt. Der Republikanismus ist jener Bewegungsbegriff. Die Republik des dynamischen Republikanismus wird jetzt im klassischen Sinne des Cicero wieder als Oberbegriff verwendet: Er steht für die wahre Verfassung schlechthin. der auch den Rechtsstaatsbegriff hochgetragen hat. Sozialismus ist als Wort älter. Bevor diese Demokratie nicht erreicht ist. . ›Citoyen‹ versus ›bourgeois‹. diese Oppositionsbestimmung ist erst im Zukunftssog eines Patriotismus. Bald folgte der ›Republikanismus‹.Und das gleiche gilt für den -Liberalismus« als jenen Bewegungsbegriff. neu gedacht worden. aber als Begriff wurde er völlig neu definiert. Darauf baut der ›Kosmopolitismus‹ auf.Außerdem folgen der »Sozialismus« und der »Kommunismus« in dieser Begriffsreihe. Denn die Konservativen haben sich nicht selbst auf einen ›-ismus‹-Begriff bringen lassen wollen. im . welcher alle anderen Staatsbestimmungen als Unrecht ausschließen sollte. der die wahre Verfassung einer Republik anstrebt und ständig zu erfüllen erheischt auf Kosten jeder Monarchie oder Aristokratie. der anstelle des -bourgeois* und in Opposition zu ihm als wahrer Staatsbürger den Patriotismus zu vollziehen und zu erfüllen habe. Republik als eine Form der Demokratie neben einer Monarchie oder einer Aristokratie. den allein der Citoyen verwirklichen könne. . lebt man in einem Zustand der Depravation. . obwohl eine Kompensation in der Zukunft von ihnen per definitionem gerade nicht gesucht wurde. Jahrhunderts entstanden. der die Einführung einer Republik nicht mehr als eine von drei möglichen Verfassungsformen meinte. sich in die Bewegungsbegriffe einzupassen. Diese rhetorisch neue Opposition stammt von Diderot aus der Encyclopédie. Der ›bourgeois‹ wird seitdem auf den unpolitischen Wirtschaftsbürger reduziert. der gleichsam die Internationale aller Patrioten sein sollte und der lange nicht als Oppositionsbegriff zum -Patriotismus« erfahren werden konnte. vor Diderot. Früher.

h. Erst mit vielen Verzögerungen hat der Republikanismus das ganze Frankreich und schließlich auch die übrigen Länder Europas erfaßt. die als empirische Einzelgruppierung tätig wurden. der ihnen innewohnte. der . sodann expansiv betrieben worden. Hier ist nicht die Rede von jenen Kommunen. Schließlich folgen ›Faschismus‹. dann in Deutschland. dann gewinne ich eine patriotische Haltung oder Einstellung oder Mentalität. D. Das ist ein Wort.. Dann folgte der ›Nationalismus‹. die den Patriotismus im Namen des Kosmopolitismus internationalisiert haben. vor allem nach 1918. war der Erfahrungsgehalt. die das Wort verwendeten. als Integrationsweise der Bürger war noch nicht da. Der einzige Bewegungsbegriff dieser Art. als der Begriff gestiftet wurde. Denn selbst die Kommunisten haben aufgrund ihrer eigenen Theorie noch nie behauptet. zunächst in Frankreich. als der Bewegungsbegriff als programmatischer Aktionsbegriff erst einmal entstanden war. das zu Beginn.Das gilt für den ›Republikanismus‹ auch.Begriffliche Innovationen der Aufklärungssprache 335 Vormärz.Wenn ich mich selbst für ›Patriotismus‹ entscheide. aber erst um 1900 in das politische Vokabular eingeschleust wurde. ist das Programm zunehmend verwirklicht und in der Französischen Revolution vorübergehend schon erreicht worden. . Aber von dem Augenblick an. als sie geprägt wurden. daß der Kommunismus jemals verwirklicht worden sei. der per definitionem noch nie erfüllt worden ist. als Aktionsform. All diese Begriffe. Ähnliches gilt . Aber so kam er in Gang. ist in der Französischen Revolution aktiviert. die eine dynamische Bewegungsstruktur haben analog zum Begriff der Aufklärung und die in einer offenen Zukunft Erfüllung erheischen. als es gestiftet wurde. der als Wort der mittelalterlichen Universitätsverfassung entstammte. teilen die gleiche Typologie: Es sind temporale Kompensationsbegriffe. der ›Nationalsozialismus‹ oder der »Sozialismus in einem Landes der semantisch dem nationalen Sozialismus entspricht. oder er bestand höchstens in der psychischen Disposition derer.regional dosiert . sondern von dem marxistischen Programm des Kommunismus.im 20. . im Zeitalter reiner Monarchien überhaupt noch keinen Realitätsgehalt hatte. doch der Patriotismus als Massenbewegung. gleich Null. ist der ›Kommunismus‹. mit Missionskriegen. Jahrhundert auch für den ›Sozialismus‹.

registrierten das.leider . »Nationalsozialismus« oder für die stalinistische Lehre des »Sozialismus in einem Lande«.336 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache nur mit universalem Anspruch zu verwirklichen sei. Ein gutes Beispiel ist unser Bundesbegriff. dem möchte ich folgenden Vorschlag machen: Die Rechtssprache.sei sie positiver oder negativer Art. Jahrhundert begleitet und mobilisiert haben. was in der Erfahrung angelegt war oder sich sukzessive angereichert hat. Sie bringen rückwirkend auf den Begriff. sei es als Empfangsbereitschaft der weniger aktiven Bürger.die Einlösung dieser Vorgriffe. Wer nun diese Neuerungen in die gesamte Sprachgeschichte einzuordnen versucht. um sich zu verwirklichen. desto gesättigter wird die Erfahrung . die sie bedeuten -. und es wurde ihr semantisches und pragmatisches Innovationspotential in mehreren Varianten beschrieben. der ja im Deutschen entstanden und kein Übersetzungsbegriff von »foedus«. Jahrhundert auftauchten oder geprägt wurden. Und wir können zu Beginn des 2 1 . »Faschismus«. Denn die praktische Erfüllung dieser Begriffe . die im 1 8 . die verwendet. die uns seit dem 1 8 . Je mehr Erwartungen eingelöst werden. »confoe- . Das gilt . der einzige Begriff.nicht für »Nationalismus«. Mit der Setzung dieser Bewegungsbegriffe wurde ein steter Handlungsdruck teils registriert. sei es als Tätigkeit der politischen Aktivisten. vor allem die Rechtssprache. Jahrhunderts daraufgespannt sein. die sich mit ihnen verknüpft. teils erzeugt. setzt ein Minimum an Aufklärung voraus. Die Begriffe. der bisher nach eigener Definition nie eingelöst worden ist. Es wurde eine pragmatische Typologie jener Grundbegriffe entworfen. Es gehört nun zur Grundstruktur dieser Bewegungsbegriffe. aber es gilt auch für die politische und die soziale Sprache. Jahrhundert im wesentlichen eine Erfahrungsregistratur. Und die semantische Grundstruktur bleibt: Je weniger Erfahrung in diesen Begriffen enthalten ist. desto größer ist die Erwartung. ob und wann sie sich mit neuem Vokabular wiederholen. die gebildet oder gefunden wurden. Damit komme ich zur Schlußüberlegung. die analog zu »Aufklärung« entstanden sind. daß sie immer mit einem Aufklärungselement bedacht wurden. was in der Erfahrung vorgegeben war. ist der Kommunismus. enthält bis ins 1 8 . Das heißt. Das ist die Logik dieser Leitbegriffe.

so daß eine Vereinigung entstand. den es natürlich auch heute noch gibt. die nicht völlig aus der Luft gegriffen sind. entstand der Begriff ›Bund‹ als Kollektivsingular ex post zu den vorangegangenen pluralen Handlungsbegriffen. neue Erfahrung gestiftet oder ausgelöst werden kann. wir ›verpflichten‹ uns gegenseitig . die gegenseitige Rechtsansprüche und zumeist zeitlich befristete Rechtsverpflichtungen enthielten. ermöglicht nun. einen Erfahrungsregistraturbegriff. Jahrhundert hinein war er dominant. die auch von ›aufklären‹ zur ›Aufklärung‹ geführt hatte. Die später als ›Bund‹ bezeichnete Organisationsform wurde zunächst verbal beschworen. Jahrhundert nämlich trifft man auf den Befund.Begriffliche Innovationen der Aufklärungssprache 337 deratio‹. der auf längerer Erfahrung aufruhte und der (wie auch ›Gesellschaft‹ oder ›Einung‹) erst seitdem rechtssprachlich theoriefähig wurde. Seitdem konnte ein ›Bund‹ geschlossen werden. Im wesentlichen sind die überkommenen politischen und theorieträchtigen Begriffe. wir ›verstricken‹ uns. Seit dem 18. wie es sie zuvor noch nicht gegeben hat. Insofern handelt es sich um Erfahrungsstiftungsbegriffe. Der Bundesbegriff ist erst nach etwa zwei Generationen verbalen Vorlaufs aufgetaucht. Das zeigte exemplarisch die Struktur der temporalen Kompensationsbegriffe. Und je mehr diese verbal und rechtskräftig beeideten. aber realisierbar zu sein scheinen. auch durch Handschlag vollzogenen ›Verbündnisse‹ funktionierten. Eine solche Struktur. die so noch nicht gemacht worden sind. Und jede Zusatzbestimmung beruht auf erweiterter Erfahrung. was vorhandene rechtsträchtige Begriffe bereits liefern. und das ist schon vorher ein rechtsträchtiger Begriff gewesen. daß begrifflich auch neue Erfahrung entfesselt. wissenschaftsterminologisch gesprochen. Wir ›vereinigen‹ uns. sondern Anschluß suchen an das.so und ähnlich lauteten die verbalen Aktionsformeln. der löst damit mögliche Erfahrungen aus. ›Republikanismus‹ oder ›Demokratismus‹ setzt. die schließlich institutionsfähig wurde. so wie auch ›Demokratismus‹ aus dem ›Demokratie‹-Be- . ›amicitia‹ und dergleichen ist. sofern sie als Substantive überhaupt theoriefähig werden oder zu Kollektivsingularen gerinnen. ›Republikanismus‹ fußt auf ›Republik‹. Wer auf ›Patriotismus‹. rückblickende Begriffe. Das ist der erste Grundtyp. Aber nur bis ins 18.

Ein sehr schöner Erfahrungsstiftungsbegriff ist der Begriff der Bundesrepublik. daß er zum Erwartungsbegriff aufgeladen wurde. Denn dieser enthielt eine Fülle von Erfahrungsstiftungsbegriffen. später republikanisch oder beides kombiniert. eine Bundesrepublik bilden zu können. der ja die Vermutung für sich hat.3 3 8 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache griff ableitbar ist.Kreise. der aus vorangegangener Erfahrung Möglichkeiten zukünftiger Organisationen ableitete. wobei man davon ausgehen muß. Das ist dann im Laufe des 1 9 . daß auch ohne Kaiser oder Reichstag ein ›foedus‹ zustande kam. Die Gleichberechtigung der Partner. Kants Völkerbund gehört in diese Reihe. innerhalb des Römischen Reiches deutscher Nation. innerhalb der ständischen Lehensgesellschaft. aber es enthielt eine Fülle föderaler Strukturen . Das wäre ein Begriffstypus. ständischer oder schon bürgerlicher Art. Jahrhunderts entstanden ist. der zur Zeit seiner Prägung ohne jede Erfahrung ist. Jahrhundert um sich greift und der den Sprachhaushalt des 1 8 . die es so noch nicht gab. -Bundesrepublik« fungierte also als ein Erfahrungsstiftungsbegriff. daß diese sprachlichen Leistungen der Wirklichkeit vorausliefen und keine reinen Epiphänomene waren. die ich eingangs am Aufklärungsbegriff zu zeigen versucht habe. Ligen. der 1 9 1 9 erstmals realisiert wurde. konnte durch neuen Vertragsschluß jene föderalen Angebote der Vergangenheit so institutionalisieren. ein reiner Institutionsbegriff zu sein. . ein Zukunftsbegriff. Der letzte der in dieser Reihe zu unterscheidenden Begriffstypen ist der reine Erwartungsbegriff. die nunmehr neue Erfahrung stiften helfen sollten. Aber die Verfassungsstrukturen des Deutschen Reiches enthielten potentiell alle Elemente. Das heißt. Montesquieu hat zuerst -République federative* als Strukturformel vorgeschlagen. Jahrhunderts generell imprägniert hat. zunächst monarchisch. Dieses Reich war ja insgesamt keine Föderation. Aber streifenweise gilt selbst für -Staat«. Jahrhunderts mehr oder minder durchgeführt worden. es lagen schon Erfahrungsbegriffe vor. Auf den per definitionem bisher uneingelösten »Kommunismus« habe ich schon verwiesen. Diese Erfahrungsstiftungsbegriffe enthalten jene dynamische Struktur. und das hat Johannes Müller übersetzt in -Bundesrepublik«. der im 1 8 . der im zweiten Drittel des 1 8 . sei sie fürstlicher. Unionen usw.

Jahrhundert mit dem Staat geschieht oder an dessen Stelle tritt . die wir beim Aufklärungsbegriff kennengelernt haben. Dieser ›Staat überhaupt‹ wird für eine Fülle von Theoretikern zum Zukunftsbegriff: für Fries oder Krug. sich selbst aufzuheben und alle Herrschaft zu erübrigen.Begriffliche Innovationen der Aufklärungssprache 339 Seitdem der Kollektivsingular ›Staat überhaupt entstanden war. erfolgte die semantische Transposition. Im geschichtsphilosophischen Kontext wurde ›Staat‹ also zum reinen Erwartungsbegriff. Geschichte zu denken bleibt ein Wagnis. die auch Marx daraus abgeleitet hat. daß sie autonom werden müssen. Und was immer im 21.das von der Aufklärung einmal entfesselte Veränderungspotential wird gewiß auf neue Begriffe gebracht werden müssen. der rechtliche und soziale Veränderungskomponenten zu institutionalisieren verpflichtete. der sich dauernd reformiert. gewinnt der zukunftsoffene Staat den Auftrag. die sich um 1800 durchsetzt. um die Kantianer zu nennen. Und das genau ist die Erwartung. sich selbst aufzuheben. ›Staat‹ darf nur der sein. läßt sich also selbst bei Institutionsbegriffen wie ›Staat‹ im Sprachgebrauch des 19. Die Aufgabe des Zukunftsstaates ist. Sie ist eben von Fichte vorausgedacht worden und war bei Kant schon angelegt. indem er die Bürger so erzieht. Jahrhunderts wiederfinden. für Fichte sowieso. sie zu begreifen nötigt immer zum Umdenken. Fichtes ›Erziehungsstaat‹ wird deshalb auch als ›Zukunftsstaat‹ definiert. . Die dynamische und temporale Binnenstruktur.

welche bestimmt war.« Also im Zeichen der Toleranz sei die weltliche Machtstellung der Kirchen zerstört worden. S..Inzwischen ist ein weiteres Jahrhundert vergangen und die Fragwürdigkeit der Sohmschen Position allzu deutlich geworden. als daß die einmal gewonnene Toleranz hätte gewahrt bleiben können. 7 5 . § 47. in dem Grundsatz der Toleranz. das Leben der Kirche aus ihren geistigen Kräften heraus neu hervorzubringen. welchen sie überall.. daß es die weltliche Machtstellung der Kirche. und das gelinge um so 1 i Rudolph Sohm. zerstörte. Die Kirchenverfolgungen in unserem Jahrhundert und die entsprechende Anpassungsfähigkeit der Kirchen an die staatlichen Mächte haben schnell die Grenzen jener Duldsamkeit überschritten. die Sohm als Ergebnis der Aufklärung feiern konnte. namentlich auch der katholischen Kirche gegenüber. Toleranz hatte für ihn zwei Stoßrichtungen: Einmal richtete sie sich gegen die weltliche Macht der Kirche. Er sollte die innere Welt der Individuen und ihre Religiosität schützen.liegt .Aufklärung und die Grenzen ihrer Toleranz »Die dauernde Frucht der Aufklärung . siegreich zur Geltung gebracht hat. und zugleich war sie das Postulat. Es war damit freie Bahn für eine Zukunft geschaffen. Sohm stand noch im Schatten einer Aufklärung.. Glaubens. der evangelischen und der katholischen Kirche. . ihre geistigen Kräfte zurückgeführt. Aufl. Leipzig 1893. sein extremer Spiritualismus überließen dem Staat weit mehr Freiraum.und Gewissensfreiheit zu garantieren. Kirchengeschichte im Grundriß. Der antiinstitutionelle Affekt Sohms gegen die sichtbare Kirche. Die Toleranz habe die Kirchen auf ihre wahren. Sohm fuhr fort: »Das achtzehnte Jahrhundert endigte damit und vollbrachte zugleich damit sein größtes Werk.« Dieser rührend optimistische Satz steht in Rudolph Sohms Grundriß der Kirchengeschichte und wurde im wilhelminischen Deutschland in zahlreichen Auflagen dem Leser angeboten. Der Staat war sein Adressat. 8.keine große Strömung geht ohne solche dauernde Frucht vorüber .t f. deren Selbstinterpretation der Toleranz er willig übernommen hatte.

Grob gesprochen lassen sie sich von zwei Positionen her beschreiben: wogegen sie sich richteten und wofür sie kämpften. das von der anglikanischen Hochkirche bewacht wurde und alle Katholiken und Dissenters kraft der Test Acts (1581. halb normative Blickwinkel entspricht weitgehend dem Erfahrungsraum der Aufklärung.Aufklärung und die Grenzen ihrer Toleranz 341 eher. seien plakativ die Toleranzforderungen der Aufklärung skizziert. mit seinen Prozessen und den Justizmorden an vermeintlichen Verächtern der Religion. Verfolgung und Vertreibung. sehr viel Schlimmeres aufzuweisen hatten. Die zurückliegenden religiösen Bürgerkriege waren das immer noch warnende Exempel herrschaftswütiger Kirchen und Sekten. wenn Aufklärung als Chiffre einer gewissen einheitlichen Bewegung hingenommen werden soll. Hexenprozesse oder Massensterben: All das gehört zu den geläufigen Themen eines sich als aufgeklärt wissenden Schriftstellers. als die Kirche sich jeder weltlichen Macht entblößt sah. Aber auch die eigene Zeit forderte alle Anstrengungen heraus. Blut. Dieser halb historische. Galeerenstrafen. dem 18. die die Geschichte der christlichen Nationen aufzuweisen hat. Auswanderung und Flucht. Jahrhundert. ihrem Programm und ihrer Stoßrichtung. die gemessen am eigenen. die Voltaire aufzudecken nicht müde wurde. Enteignung und Raub. um die Reste barbarischer Intoleranz zu beseitigen. In England herrschte das hierarchische Gefälle. Bevor ich auf die Grenzen der Toleranz eingehe. die sich ihrer Offenbarung gewiß aller Rechte sicher glaubten. Da gab es noch genug Alltagserfahrung von Verfolgungen: in Frankreich mit seiner katholischen Staatskirche und seinem Trauma der Hugenottenvertreibung. lag in der l 6 . Schrecken. Inquisition und Justizmorde. 1673. Man wußte sich erhaben gegenüber den vergangenen Jahrhunderten. 7 8 ) in das politische Abseits drängte. Der katholische Süden Europas schien eo ipso das Beispiel barbarischen Aberglaubens zu bieten. denn was toleriert wurde. Das Postulat der Toleranz richtete sich gegen alle Formen der Unterdrückung und Verfolgung. um ihre jeweilige Wahrheit durchzusetzen. Und wenn Deutschland aufgrund seiner ständischen Paritätsregeln noch relativ günstig abschneiden mochte: Ein Land individueller Gewissensfreiheiten durfte es noch nicht genannt werden.

Festschrift für Walter Mallmann. 1 7 . Religionsbann. Die Stoßkraft der Aufklärer war freilich von Land zu Land verschieden dosiert.342 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache institutionellen Anerkennung territorialstaatlich abgesicherter Bekenntnisse. Der Bezugspunkt war vielmehr das Individuum. nicht aber war Glaubensfreiheit schlechthin zugelassen. welcher Observanz auch immer. Selbst die Auswanderungsfreiheit von reichsrechtlich legalisierten Konfessionsangehörigen war kein persönliches Grundrecht der einzelnen. VIII).). in Gesellschaften von Personen 2 2 Hermann Conrad. Nicht mehr die Wahrheit dieser oder jener Konfession und ihre staatskirchliche oder innerkirchliche Organisation standen zur Debatte. die mannigfaltigen Strömungen auf einen Nenner zu bringen. Büdingen im Jahre 17T 2. 155-192. 293-318. Toleranz und Parität am Ende des Alten Reichs. Unabhängigkeit und Autonomie beanspruchen sollte. in: Otto Triffterer und Friedrich von Zezschwitz (Hg. 2. Christoph Link. in: Peter F. in: Heinrich Ludz (Hg. wie die Gesellschaft politisch zu organisieren sei. Die primäre Frage lautete. so handelt es sich in erster Linie um eine epochale Verschiebung der überkommenen Problemstellungen. Bd. Keine sollte festlegen können. Im Zeichen der Toleranz (Studien und Texte zur Kirchengeschichte und Geschichte. S. Sekten oder Gemeinden. innehatten. S. das seine eigene Freiheit. Keine Kirche sollte einen allgemeinen oder einen staatlich verbrämten Anspruch erheben dürfen. wenn ein Pauschalurteil erlaubt ist? Versucht man. die die Kirchen. und je nach kirchenrechtlicher Ausgangslage war die Stoßrichtung verschieden ausgefächert. Die Gewährung der Gewissensfreiheit durch Ernst Casimir von Ysenburg. Wofür traten nun die Aufklärer ein. Barton (Hg. darin speziell Meinhard Steiger.3 8 . Versucht man idealtypisch die Positionen zu bestimmen. so sind es die institutionellen und legal abgesicherten Vorrechte. Baden-Baden 1978.). Darmstadt 1977. Wie diese Forderung einzulösen sei. Zur Geschichte det Toleranz und Religionsfreiheit. 5 . was geglaubt werden müsse und wie ein Glaube rituell oder dogmatisch verbindlich gemacht werden solle. gegen die sich die Aufklärer gerichtet haben.). Wien 1 9 8 1 . Toleranz im deutschen Staatsrecht der Neuzeit. war keine Aufgabe der etablierten Religionen oder des Bekenntnisses in Kirchen. . Reihe. In dieser Perspektive verwandelten sich die Kirchen potentiell in Veranstaltungen privater Zusammenschlüsse.

wie sie jetzt stilisiert wurde. wechselte schließlich den Bezugsrahmen.3. von Luther angefangen. was eine Kirche als autonome Größe der Geschichte erscheinen ließ. sagte . naturrechtlich deduzierte Programm dessen. jeder solle nach seiner Fasson selig werden. wurde damit legitimationsbedürftig. Wirkungsgeschichtlich betrachtet haben zahlreiche christliche Minoritäten mystischer.übrigens mit Locke -. Dessen Freiheit zu sichern war das wichtigste Toleranzgebot. die sich aus freier Entscheidung zusammenfinden sollten. . der sich seit Jahrhunderten ankündigte. statt der Kirche . Statt der Glaubensgemeinschaft. Keine Religionsgemeinschaft oder Kirchengesellschaft. Das Toleranzpostulat sollte einen Freiraum schaffen. das natürliche Gefühl und das natürliche 5 3 Johannes Kühn. Damit wurde die Duldung jeder privaten Glaubensentscheidung oder des subjektiven Fürwahrhaltens zur Voraussetzung einer wohlgeordneten Gesellschaft. hatte Vorrang vor den Individuen. Toleranz und Offenbarung. So weit das pauschale. Die Vertragstheorien des Naturrechts unterwanderten die Stiftungen göttlicher Vorsehung. was man ›Aufklärung‹ nennen mag. Leipzig 192. geschichtlich tradierter Gewißheiten: Alles. Wie Friedrich II. Naturgesetz. gegen alle Privilegien und Vorgaben. offenbarter Glaubenssätze. die einzelne Kirchen für sich herkömmlich beanspruchten.wie auch immer sie staatlich organisiert war oder nicht wurde die Einzelperson mit ihrem subjektiven Gewissen zum Ausgangspunkt aller gesellschaftlichen Organisation erklärt. indem sie das Kriterium der Glaubensgewißheit von der schriftlichen Offenbarung in ihrer geschichtlichen Einmaligkeit ablösten. sich langfristig hinzog und schon durch christliche Autoren vorangetrieben wurde. Aber die Aufklärer unterschieden sich von diesen gerne zu Vorläufern umstilisierten Positionen. von dem her das Dasein interpretiert und erfahren wurde. das die Aufklärung aufstellte und im Glauben an einen natürlichen Minimalkonsens vom Staat geschützt sehen wollte. Der epochale Wandel. spiritualistischer oder rationaler Observanz. statt der Gemeinde.Aufklärung und die Grenzen ihrer Toleranz 343 gleichen Glaubens. Die Letztinstanz aller religiösen Fragen sollte das autonome Gewissen sein. einer derartigen Gewissensfreiheit Vorschub geleistet.

Jahrhundert möglich wurde. Innerhalb der Aufklärung zeichnete sich. die Toleranz selber zu praktizieren. die nie momentan oder situativ. daß jede Toleranz in aporetische Situationen zurückführt. das politische und das gesellschaftliche Privileg. Mit anderen Worten: Die Toleranzforderung der Aufklärer war nicht nur vorbeugend und negativ.der Individuen in religiösen Fragen auch ein Ergebnis der Aufklärung und ihrer Dauerwirkung sind. forderte die Aufklärung. wo unlösbare Konflikte auftauchen. Toleranz wird überall dort zum geschichtlichen Problem. daß die zunehmende Liberalität oder Neutralität der Staaten. Gefragt sei vielmehr: Wie sieht die Gegenrechnung aus? Wo ist die Aufklärung bereit gewesen. der Unsterblichkeit der Seele. die Vernunfteinsicht. moralisch und im Hinblick auf die soziale Organisation der Alltagswelt zu betrachten. Religion wurde zu einem Bedürfnis unter anderen Bedürfnissen. die zunehmende Selbstbestimmung . alle Religionsfragen zwar auch politisch. eine Art universeller Religiosität ab. das den Kirchen und ihren Theologen streitig gemacht werden sollte. Sie sollte nicht nur die institutionalisierten Kirchen oder festgefügten Sekten daran hindern. Entscheidend aber war die Ablösung von der überkommenen Herrschaftsordnung. der gesunde Menschenverstand und allgemein einsichtige Morallehren standen scheinbar zur Verfügung. wie Sohm immer noch registrierte. vielfältig gebrochen. die nicht eindeutig zu meistern sind.344 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache Herz. von der her die Summe aller Einzelgewissen eine neue Gemeinsamkeit finden mochte. Es war. die sie für sich gefordert hat? Meine Grundthese lautet. sondern nur im Zuge der Zeit . alle Religionsfragen politisch und nur politisch zu regeln. aber ebenso gesellschaftlich.oder Indifferenz . auf Andersdenkende überzugreifen oder Druck und Terror auszuüben. die sich zwar mit den überkommenen Problemen der Allmacht Gottes. Nun kann kein Zweifel daran bestehen. um eine kirchenneutrale. Aber davon soll im folgenden nicht nochmals die Rede sein. der Gerechtigkeit und der Freiheit des Willens weiterhin herumschlug. konfessionsindifferente Plattform zu finden. Während es im 1 7 . kraft derer die Kirchen ihre einander widersprechenden dogmatischen Ansprüche staatlich durchsetzen konnten.

4 5 Wer z. Hamburg 1957. Glaubensinhalte sollten reine Privatsache sein und von der jeweiligen Kirche oder Gemeinde autonom geregelt werden. die jeder Teilnahme an religiösen Gemeinschaften naturrechtlich vorausliege. Frankfurt am Main 1981. mit seiner Gemeinde in Streit geriet. wie es zusammengesetzt war. Widerstand. V. hg. gerecht werden. Aber die Konflikte. Beginnen wir mit Locke. war. Folgelasten mit sich. Was Locke auszeichnete. selbst in seiner Theorie. Toleranz. Locke stand vor der säkularen Herausforderung. Sein Angebot erscheint zunächst so einfach wie klar: strikte Trennung von Staat und Kirchen sowie uneingeschränkte Gewissensfreiheit . Englisch . So brachte auch der Paradigmenwechsel des 1 8 . Das heißt: Innerkirchlich konnten die Gemeindemitglieder oder ihre Vertreter die Grenzen der Duldsam4 John Locke. sobald es um konkrete Glaubensinhalte in konkreten Lagen ging. Mit diesem Programm fußte Locke auf Erfahrungen und auch auf häufig diskutierten Postulaten. die die öffentliche Ordnung sichern: d. daß er sich durch Glaubensinhalte nicht mehr gebunden wußte . die unsere Epochenschwelle kennzeichnet: Er suchte alle religiösen Motivationen aus der Politik zu entfernen. Der Staat habe nur auf die Einhaltung jener Gesetze zu achten. die schon in der niederländischen Befreiungszeit und in der englischen Revolution aufgestellt und gesammelt worden waren. die gleichwohl aufbrechen.von der deistischen Grundannahme abgesehen. Ein Brief über Toleranz. durfte exkommuniziert werden.B. So weit. konnte auch Locke. die bisher soviel Elend und Unglück herbeigeführt hatten. an denen wir noch heute zu tragen haben. nicht hinreichend entspannen. Studien zur politischen Theorie der Niederländischen und der Englischen Revolution.Aufklärung und die Grenzen ihrer Toleranz 345 auflösbar sind. . Freiheit und Eigentum von jedermann garantieren. Jahrhunderts: der Wechsel von den Streitfragen der religiösen Offenbarung zu den Postulaten gesellschaftlicher Neuordnung. Damit freilich konnte er vor 1 6 8 8 weder der englischen Krone noch dem Parlament. Herrschaft. auf die ich noch zu sprechen komme.Julius Ebbinghaus. 5 Richard Saage.h. dessen Toleranzbrief aus dem Jahre 1 6 8 9 zu den am meisten ausgeschriebenen Texten der folgenden Zeit gehörte.Gewissensfreiheit. so gut.Deutsch.

7 Locke (Anm. S. Dem Ausgestoßenen geschehe damit kein Unrecht. Offensichtlich entschärfte Locke das Dauerproblem kirchlicher Unduldsamkeit im Abendmahlstreit. Was es freilich bedeutet. nicht aber von der Mitgliedschaft in einer Gemeinde. 6 7 8 6 Locke (Anm. in die er etwa hineingeboren worden war. Tübingen 1981. als Bürger vom Staat geschützt. Disziplinierte Wissenschaftsfreiheit.346 Teil III: Zur Seraantik und Pragmatik der Aufklärungssprache keit selber festlegen. übten daran gemessen wirklich Toleranz aus. von den Habsburgern mehrfach vertrieben. 4). die sich 1 7 0 7 in Königsberg in Preußen gegenseitig das Abendmahl gereicht hatten. auf die er also legal gesehen zu Unrecht Anspruch erhebt. wenn er vom Abendmahl ausgeschlossen werde. Deshalb blieb ihm in der Heimat mit dem Abendmahl auch jedes Amt versagt. peacable and industrious man«. abstrakte Toleranz. Die Begründung der Toleranz durch Locke hätte einem mutigen Christen wie Kepler als reine Blasphemie erscheinen müssen. das hatte z. denn er bleibt ja. indem er es einfach aussparte. die einem Gläubigen im Alltagsleben den Atem zum Leben verschlagen konnte. 8 Klaus Schreiner. weder im gegenreformierten Graz noch im lutherischen Tübingen zum Tisch des Herrn zugelassen wurde. im Genuß all seiner weltlichen Rechte. 19ff. die gebotene Konkordienformel zu unterzeichnen. dessen Seligkeitshoffnungen auf das Jenseits von seiner freien inneren Entscheidung abhängen. Beweis: Dem Exkommunizierten gereiche es nicht zum Schaden. 4). von der Abendmahlsgemeinschaft ausgeschlossen zu werden. 106. Kepler hatte sich aus religiösen Gründen brüderlicher Duldsamkeit gegenüber den Reformierten geweigert. indem der potentielle Adressat seiner Forderung ein anderer Mensch war: Es ist der »honest. S. Gedankliche Begründung und geschichtliche Praxis freien Forschens. 28. Lokkes Toleranz wurde ermöglicht. B. Kepler erfahren. So bedeutete die von Locke geforderte Trennung zwischen Staat und Kirche für die unmittelbar Betroffenen eine formale. S. als er. Zivilrechtlich werde ihm demnach nichts vorenthalten oder gar weggenommen. Lehrens und Lernens an der Universität Tübingen (1477-1945). . Denn er habe ja Wein und Brot nicht mehr selber bezahlt. Der lutherische und der calvinistische Pfarrer.

daß sich ja nach seiner Theorie der Betroffene einer anderen Gemeinde hätte anschließen können. 9 10 9 Locke (Anm. entschieden ein und weitete den Spielraum des Indifferenten ebenso entschieden aus. solange ein solches Opfer nicht durch bürgerliche Gesetze des Schlachtens verboten sei. Jedenfalls wird deutlich. 4). was mit Glaubensinhalten und Organisationsfragen der Kirche zu tun hatte. Sollte dem Volke Widerstand geboten scheinen. S. gehörte zu den letztlich gleichgültigen Dingen: Deshalb konnte er einen Freiraum des zu Duldenden umreißen.Aufklärung und die Grenzen ihrer Toleranz 347 Nun würde Locke freilich darauf hinweisen. Er engte den Raum dessen. die Hobbes noch zugunsten einer Staatskirche entschieden hatte. zu tun und zu lassen. die aus der Bibel abgeleiteten Bekenntnisse und ihre Begründungen oder Realisierungen letztlich gleichgültig. 10 Locke (Anm. Oder man könne Tiere opfern. Erstens hatte jedermann natürlich den bürgerlichen Gesetzen Folge zu leisten. 4). auch von seinem eigenen Entwurf her Grenzen der Toleranz zu setzen. tauchte das alt überkommene Problem wieder auf: Dann gab es für Locke nur Unterwerfung unter die bürgerlichen Gesetze oder Widerstand. ob Wein und Brot oder Bier und Fisch in einer Kirche verzehrt werde. wie man wolle. S. 66. Alles. . der für viele überzeugte Christen zunächst nur als Zumutung der Intoleranz erscheinen mußte. Damit kapitulierte Locke vor der zentralen geschichtlichen Herausforderung. 60. Locke bringt derartige Beispiele weniger mit voltairescher Ironie als mit britischem Humor. Deshalb sei es aus dem Gesichtspunkt der bürgerlichen Ordnung völlig gleich. Nur wenn diese Gesetze mit Ansprüchen einer Kirche oder Sekte kollidierten. Denn überall herrsche ja die Freiheit der Wahl. wenn er mit dieser unserer historischen Feststellung konfrontiert worden wäre. was als wesentlich in religiösen Fragen zu betrachten sei. soweit es nicht aus äußeren Gründen der Ordnung verboten war. Er war gleichsam ein Superlatitudinarier. daß er eine Problemverlagerung anstrebt. was sie wollten. Ihm waren die Dogmen und Symbole. so gebe es zwischen ihm und dem Herrscher keinen Richter auf dieser Welt: Gott alleine werde entscheiden. Aber Locke war genötigt. Bürgerlich-rechtlich war allen Kirchen erlaubt.

Hingegen bleiben die Atheisten ausgeschlossen. Wenn Gott der Garant aller moralischen Verbindlichkeiten ist. geduldet werden zu müssen. die erst von der Spätaufklärung in ihren materialistischen Varianten hinausgeschoben oder aufgehoben werden sollten. In diesem Zusammenhang wird Toleranz plötzlich aus einem allgemeinen Rechtsanspruch zum Vorrecht. solange sie einen Gott anerkennen. Es ist das Vorrecht aller Gottgläubigen. Das gelte in Konstantinopel so gut wie in Europa oder in Amerika. Sie wird gewährt. Hier zeigt sich unversehens. Der Zwang zu gegenseitiger Duldung entsprang für Locke in erster Linie aus dem Bedürfnis einer auf Freiheit und Eigentum gegründeten Verfassung. der die Einhaltung der moralischen Grundregeln der Gesellschaft gewährleistet. Deshalb ist jedermann gehalten. dann muß er auch öffentlich verehrt werden. Toleranz bleibt also noch strikt kirchenbezogen. an den er sich hätte wenden können. um zwischenkirchliche Streitigkeiten zu entschärfen . Mohammedaner oder Christen fallen unter das Schutzgebot der Toleranz.aber sie ist ebenso per negationem ein . Heiden. der Privatpersonen. Aber hier fehlte ihm im England der Stuarts noch der Adressat. wie traditionsbestimmt der Weg war. selbst wenn sie Götzendienste pflegen. damals fast ausnahmslose festgeschriebene Grenze der Toleranz: Atheisten seien keinesfalls zu dulden. Toleranz solle eingeübt. So kapitulierte Locke auch hier und hoffte auf den gesunden Menschenverstand. Die aus der christlichen Theologie herausgefilterte Metaphysik des Deismus zieht politische Toleranzgrenzen. der in der Regierung und im Volke die Vorteile religiöser Duldung schon erkennen werde. im Ernstfall erzwungen werden. Duldsamkeit zu üben und zu predigen. einer Kirche beizutreten. Drittens geht Locke noch einen Schritt weiter. Das religiöse Gottesbekenntnis sei nicht nur Sache der Innerlichkeit. der über die Epochenschwelle hinüberführen sollte. zum Privileg. Daß auch das Evangelium solches fordere. Zweitens kennt Locke eine weitere.34-8 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache Locke verzichtet auf jede systematische Konsequenz und weicht pragmatisch in das Gebiet psychologischer und pädagogischer Erwägungen aus: Alle Kirchen sollten angehalten werden. Juden. war gleichsam ein historischer Glücksfall. um davon öffentlich Zeugnis abzulegen.

wenn die gesellschaftlich-staatliche Gewalt alle äußeren Bedingungen unter ihrer Kontrolle hielt. wenn Aberglaube um sich greift. aus der Synagoge ausgeschlossen. um überhaupt geduldet werden zu können. systematisch konsequent. Locke errichtet . was im Hinblick auf die äußere Ordnung geduldet werden kann und was nicht.und überstaatliche Instanzen gebunden blieb. die vorkirchlich auf eine deistische Gottheit baute. den Locke anzeigt und intendiert? Er entlastet argumentativ alle christlichen Sekten und Kirchen von dem empirisch naheliegenden Vorwurf. die sich religiöser Hilfen bedient. entsprang dem Glauben an eine Vernunft. daß sich die Kirchen selbst erübrigten. steht freilich eine neue Gesellschaftsphilosophie: Das Zutrauen in die Regierung. Viertens und letztens sei erwähnt. wäre demnach genötigt gewesen. Seine Stoßrichtung zielt in erster Linie gegen Krone und Parlament. nicht aus religiösen Gründen. daß Toleranz nur möglich sei. noch von Hobbes herrührenden Modell. um Herrschaft auszuüben. Spinoza. daß natürlich die Katholiken aus der Schonzone der Toleranz herausfallen: Sie freilich. Damit argumentierte Locke nolens volens intolerant für jene Christen.hohe Schwellen der Tole- . Auch hier wird die Spätaufklärung entschieden weitergehen. selber intolerant zu sein. einer christlichen Gemeinde beizutreten. so obliegt es letztlich der Entscheidung der staatlichen Gewalt. wenn religiös Unterdrückte aufbegehren. Hinter diesem. Worin bestand nun der epochale Wandel. die sich im Bannkreis ihres Herkommens zu Hause wußten. Sie alleine haben es deshalb zu verantworten.postulatorisch . Werden Staat und Kirche erst einmal als getrennt gedacht.Aufklärung und die Grenzen ihrer Toleranz 349 Vehikel des Zwanges: Jedermann ist genötigt. Hier zeigt sich besonders deutlich. weil eine friedliche Diskussion der besseren Argumente staatlich nicht gesichert werde. gegen jede weltliche Gewalt. Eine Trennung von Staat und Kirche konnte er sich nicht so weit vorstellen. Damit verstieß diese Kirche gegen die Prämisse. Kirchenglied zu sein. Toleranz zu ermöglichen. wie eng Locke noch an die christlich vorgeprägte Wirklichkeit zurückgebunden blieb. sondern weil ihre Kirche verfassungsmäßig an außer.

die Menschheit zu unterjochen. Damit haben wir die Startlöcher aufgezeigt. um den Untergang dieser Feinde des Menschengeschlechts herbeizuführen. ohne sie wörtlich so zu benennen.bei den Herrschenden gesucht. das in der staatlichen Kirche institutionalisiert zu sein schien.in einer gleichsam hypothetisch verkürzten Historie . Zugleich aber sollte sie neue Schwellen der Intoleranz anheben. 16. und es sei nutzlos. in der die absolutistische Staatskirche ein mit der englischen Hochkirche verglichen übermächtiges Monopol innehatte: Die Forderung nach Toleranz wird aggressiv. Der Toleranzartikel der Enzyklopädie von Romilli zehrt grundsätzlich von Lockes Prämissen. S. aus denen heraus die kommende Aufklärung ihre Toleranzforderungen ausweiten sollte. Die positiven. sie liegt schon bei den Christen selber. sehr vernünftig. die aus Gründen des gesellschaftlichen Nutzens nicht überschritten werden durften. Das soll nun in einigen Etappen . die intoleranten Christen an die Prinzipien der Nächstenliebe ihres Evangeliums zu erinnern. Aber. und das entspricht der französischen Situation.3 50 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache ranz. Lockes Gangart wird verschärft und beschleunigt. vol. so schreibt die Enzyklopädie.wie bei Locke . .« Deshalb sehe man. Neufchastel 1751-1780 (ND Stuttgart/ Bad Canstatt 1966). als solche Wahrheitsfragen zu entscheiden. so vertraute Locke wenigstens auf den common sense der Bürger. die in Riten oder Dogmen institutionell fixiert waren. Und wenn die Regierung diesen Nutzen nicht zu erkennen vermöge. die Locke in Anbetracht der pluralistischen Situation in England noch geschont hatte. Es lohne nicht. sie richtet sich gegen das Christentum selber. Freiheit und Eigentum zu sichern war wichtiger. 393. Denn seit Konstantin seien diese Prinzipien vergessen. die sich nicht um den Gewinn ihrer Arbeit bringen lassen wollten. christlich verfaßten Kirchenreligionen und Denominationen werden argumentativ zurückgedrängt.und zunächst an Frankreich gezeigt werden. 11 il Encyclopédie ou dictionaire raisonné. »Die Christen können niemanden dulden. daß sich alle Völker vereinen. Die Schuld an der universellen Intoleranz wird nicht mehr nur . der sich nicht ihren Ideen anpaßt. die unter dem Vorwand der Religion nichts Illegitimes darin sehen.

Tugend zu predigen.und die kann man der katholischen Kirche um 1750 herum in Frankreich kaum absprechen . Die Kompromißfigur einer pragmatisch zu findenden Toleranz wird übersprungen. die Neuerer. que le prêtre soit avant tout citoyen. die Menschen zu ermahnen.8.Aufklärung und die Grenzen ihrer Toleranz 351 Deshalb sei es die Pflicht jedes Souveräns. Was war nun die Gegenposition.« Während Locke noch sagen konnte. ungehinderte Freiheit haben. provoziert eine starre und starke Position . als politische Unterdrückung zu deuten.eine dementsprechend aggressive Antwort.wie bei Locke -. Hier zeichnet sich deutlich jene intolerante Zivilreligion ab. Wie üblich in der Geschichte. zieht hier die Enzyklopädie nach: Der Priester muß vor allem Bürger sein. die von Romilli in d'Alemberts und Diderots Enzyklopädie bezogen wurde? Vielfalt religiöser Meinungen sei als notwendiges Übel zu dulden: So weit geht der Artikel mit Locke konform. und vor allem. 11). Vor allem aber müßten die »Novateurs«. Hinter dem Postulat meldet sich bereits eine neue Gesellschaftsordnung. In einem Wort: Der Staat sei einer. bevor er seine Religion vertritt. wenn auch die Pointe darüber hinausweist. die Rousseau postulierte und die sich nicht mehr. Diese Forderung verträgt sich noch mit Lockes Prinzip der freien Diskussion. wie noch bei Hobbes. also darauf.Signum zahlreicher Schriften. Wie die Enzyklopädie den »accord u 12 Encyclopédie (Anm. auf Christus als Erlöser zurückführen ließ. die nicht nur aus der Situation heraus ermöglicht werden soll . »Que l'Etat soit un. sondern die mit der Autorität Rousseaus gesetzt wird. daß jeder selbstverständlich auch Bürger sei. Seine Autorität sei rein spirituell: Sie habe sich deshalb zu beschränken auf die Lehre. um die Geister fermentieren zu können. . die barbarischen (also die christlichen) und aufständischen Dogmen rigoros zu unterdrücken. identifiziert die Enzyklopädie jegliche Intoleranz bereits sehr viel direkter mit den christlichen Kirchen schlechthin. Vielmehr meldet sich hinter der Forderung nach Duldung deutlich eine seitenverkehrte Intoleranz .394. die Intoleranz gemäß einer Trennung von Innen und Außen funktional nur als weltliche. die die Aufklärung nach der Jahrhundertmitte in Frankreich produziert hat. Während Locke geneigt war.

Um dies zu belegen. sei ein Zeuge der Spätaufklärung aufgerufen. Raymond Trousson. ist und bleiben wird. die alle tugendhaften Bürger für ihre Nachkommen verfassen. Es herrscht nur noch eine allgemeine.352. sofern es sie noch gibt. Verbrecher. 128 ff. Er nahm das Paris des Jahres 2 4 4 0 traumhaft vorweg. S. Die Forderung nach Freiheit der Gedanken und des Bekenntnisses diente nicht mehr dazu. Und im Funktionszusammenhang des absolutistischen Systems in Frankreich fiel die Antithese entsprechend radikaler aus als etwa in England oder Deutschland. Damit wurden stillschweigend neue Grenzen der Toleranz gesetzt. um ebenfalls an der Unsterblichkeit der irdischen Moral teilzuhaben. um sich auf diese Weise einer diesseitigen Unsterblichkeit zu versichern. unbeschadet aller Differenzen. Liebe der Gesetze und des Vaterlandes haben zu herrschen. Es geht uns hier nicht um die situationsbedingte Berechtigung der Kritik. die Konfessionsstreitigkeiten zu kanalisieren oder zu neutralisieren: Sie wurde zum Vehikel. die aus dem räumlichen Gegenüber in die zeitliche Zukunft ausgezogen wurde. Versailles liegt bereits in Trümmern. 1 4 8 ff. Inso13 13 Louis-Sébastien Mercier. sondern um jene Grenzen der Toleranz. die sich aus seiner Kritik an den Zuständen des Jahres 1 7 7 0 ergeben müßten. die jede Theologie und legales Recht erübrigt. eine neue Gesellschaftsordnung unter Absehung der christlichen Religion zu propagieren. unterziehen sich freiwillig ihrer Todesstrafe. . x 55 ff... der sich als Schüler Diderots und Rousseaus aus dem zweiten Glied der aufgeklärten Literaten nie ganz erfolgreich emporschreiben konnte: Louis-Sébastian Mercier. v. Er beherrschte meisterhaft die Schuldverteilungsstrategien. hg. kraft derer die eigene Moral immer schon im Recht war. die die Spätaufklärung im Zuge ihrer um sich greifenden Programmatik neu angehoben hat. wenn sie Erfolg haben sollte. moralisch begründete Religion. Mercier verfaßte 1 7 7 0 die erste Utopie. L'an deux mille quatre cent quarante. Die beiden Testamente sind ersetzt durch die »neuen Testamente«. Aber mehr noch: Es gibt keine Jurisprudenz mehr und vor allem keine Theologie. Dabei rechnete er die Konsequenzen hoch. Bordeaux 1 9 7 1 . die religiöse Meinungen so mit sich brächten. die Mercier an dem damaligen Gesellschaftssystem ausübte. Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache totale« definierte: Gleichheit der Sitten. und die Bastille ist beseitigt.

» L'homme au masque«. die die Tugend ausüben wird. der sich noch nicht den universellen Regeln der öffentlichen Moral unterworfen hat. Es bleibt kein Zweifel: Eine Konsequenz 14 15 14 Mercier (Anm. So wird das Symbol des Untergrundes. für jene sich ihrer selbst unbewußte Intoleranz. ehedem ein Zeichen. auf dem alle weiteren Fortschritte aufbauen werden. seitenverkehrt und im positiven Sinne aufgegriffen. die sich gegen die öffentliche Moral vergreifen. in den eine dogmatische Intoleranz der Christen abweichende Denker der Vergangenheit zu emigrieren genötigt hatte. sie lebt wieder auf. So werden z. um von zwei Zensoren so lange betreut zu werden. . Dann darf die Maske fallen. 13). enthält Merciers Vision zahlreiche Indizien für den zunächst indirekten. die zu beseitigen ein Dauerpostulat der radikalen Aufklärung war? Natürlich. ihr Gesicht unter einer Maske zu verstecken. S. dann offenen Terror. 3 51 ff. 124 ff.zu ihnen gehören Corneille und Voltaire . Ohne das Wort zu nennen. wird jetzt zum Symbol der Gnadenfrist. schlüpfrigen oder unmoralischen Inhalts. Der Rest der Bücher zerfällt in drei Klassen: in die grundsätzlich verbotenen. ökonomische Interessen bei Eheschlüssen verhindert. Schriftsteller also.Aufklärung und die Grenzen ihrer Toleranz 353 fern scheint die Herrschaft der Tugend. die jenem gewährt wird.und drittens in die ungekürzte Lektüre derjenigen Autoren. um Schutz vor Verfolgung zu finden. wie es sich aus Gründen der Natur von selbst versteht. die im Taschenformat allen zugänglich gemacht werden: an erster Stelle das gesamte Œuvre Rousseau. 15 Mercier (Anm. Aber die praktische Intoleranz geht weiter: Schriftsteller .jeder Bürger ist im dritten Jahrtausend Autor -. B. Die Enzyklopädie wird zum Elementarbuch der bürgerlichen Schulbildung. bis sie durch Selbstbezichtigung ihre Fehler widerrufen. Und was geschieht mit der Zensur. werden genötigt. 13). Puder oder Maniküre. S. deren jakobinisches Experiment uns ex post bekannt ist. da er keine Alternative mehr zuläßt. Sie werden verbrannt. jede Heirat wird als Liebesheirat staatlich geboten. Zweitens in die teilweise gereinigten . natürlich ohne Schminke. keiner Duldsamkeit mehr zu bedürfen. Intoleranz erübrigt sich vor dem Richtstuhl der Moral.

Denn wie soll jene Autonomie der Bürger verfassungsgemäß sichergestellt sein. durch die Moral ersetzt wird. wenn die Bürger noch nicht jenen Grad der Selbstbestimmung erreicht haben. die entsprechend ihrer literarischen Gattung keinen Anspruch auf empirisch einlösbare Aussagen erhebe. daß es sich in Merciers Buch um eine Utopie gehandelt habe.freilich nicht die einzige . Sobald die Religion. Aber Mercier hat seinen Traum durchaus als wünschbar. von äußerlicher Ordnungsgewalt und innerlichem Glauben. Und im Licht unserer Erfahrungen als Nachgeborener liegt dieser Einwand nahe. Und so wurde der Text gelesen und vom Autor zu Beginn der Französischen Revolution auch gedeutet. wie der Staat der über sich selbst aufgeklärten Bürger sein soll. Die Trennung von innen und außen. handelt es sich bei Mercier um eine Verschärfung. die eine Toleranz- . die die Unterwerfung im Namen der Freiwilligkeit fordert. Damit taucht eine neue Aporie auf. den zu haben ihnen die Aufklärer abfordern? Was theoretisch als Befreiung deklariert wird. die in der christlichen Zweiweltenlehre angelegt war. Während die Trennung von Staat und Kirche noch Toleranzzonen freigab. Die aufgeklärte Moral führt in ihrem theoretischen Diskurs zu einer rigorosen Gesinnungskontrolle.354 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache der Aufklärung . Nur eines war Mercier und den meisten seiner Leser entgangen: daß es sich um eine verschärfte Stufe der Intoleranz handeln wird. als realisierbar und vor allem als positives Programm seinem Publikum präsentiert. wird die variable Scheidelinie unterlaufen. die Intoleranz notwendigerweise zur Folge hat. erweist sich empirisch als Zwang zur Befreiung. auf die Locke noch rekurrieren konnte. die sich aus der Tradition der christlichen Zweiweltenlehre ableiten ließen. erreicht ein neues Stadium ihrer osmotischen Vermittlung. weil die Wahrheit der Vernunft und der Natur unbestreitbar nur eine sein kann: so uniform. Der Entlastungsraum eines christlichen Jenseits war für ihn bereits ideologiekritisch destruiert: Damit entfiel auch jede Kompromißfigur. Nun könnte man einwenden. Die Kompromißfähigkeit zwischen Staat und Kirchen. weil selbst die Öffnung in eine andere Welt verschlossen wird. zu deren Gunsten den Kirchen und Sekten Duldsamkeit aufgenötigt werden sollte.führt in die Erziehungsdiktatur. entschwindet.

endet in einer existentiellen Unduldsamkeit unter entgegengesetzten Vorzeichen. Aber es ist nicht die einzige. Sein eigentliches Thema ist der Mensch. Aber er wurde . in der sie gedacht haben. Die Freiheit beider. zog er theoretisch und reflexiv letztmögliche Konsequenzen einer Aufklärung des Menschen über sich selbst.auch deren Opfer. In der jahrzehntelangen Isolation. alle Reserven sinnlicher Potenz. lesbar.Aufklärung und die Grenzen ihrer Toleranz zone empirisch zwischen weltlichem und geistlichem Leben ausmessen mochte.das hat de Sade mit gleicher Intensität geleistet.obwohl de Sade die Morallehren und Tugendpostulate seiner Zeitgenossen wie kein anderer ideologiekritisch aufzulösen wußte. Auch seine Theorie endet in der Sackgasse ausweichloser Intoleranz.kraft einer lettre de cachet. der eine extreme Gegenposition vertrat: der Marquis de Sade. der seine Möglichkeiten ausschöpft. und aufgeklärter Moralsekurität ziehen läßt. wie er sein kann. jen- . Rousseaus und de Sades. Es ist der Mensch. er wurde zum Atheisten aus anthropologischer Konsequenz. wie er ist: empirisch. Er suchte das Böse aus seiner moralischen Opposition zum Guten zu befreien. die das Ressentiment als eine ihrer ersten Erkenntnisquellen freisetzte. in Vincennes und in der Bastille. dank seiner Schwiegermutter . auch nicht der Mensch. Bei aller strukturellen Analogie. wie der Mensch sein soll: naturrechtlich. die sich aus der rigorosen moralischen Position der Spätaufklärung ergab. nur mit gegenläufiger Intention. um der natürlichen Moral habhaft zu werden . Dabei soll nicht auf die psychische Disposition der beiden Autoren abgehoben werden. die sich zwischen der Intoleranz. wie er zu sein vorgibt . handelt es sich also um eine neue Aporie. De Sades Thema war nicht der Mensch. Deshalb sei noch ein anderer Zeuge aufgerufen. Solange sich de Sade nur der Libertinage hingab. die sich aus christlicher Offenbarungsgewißheit ergibt. auch nicht. bewegte er sich noch im Bereich der absterbenden ständischen Verhaltensmuster der Oberschichten. Was Rousseau in seinen Bekenntnissen zu leisten suchte: Die Schraube der Selbstentlarvung ins Unendliche weiterzudrehen. Innerhalb der Geschichte aufklärerischer Argumente ist ihre Logik und das konsequente Weiterdenken auch ohne die psychogenetische Konstellation.

Wie es de Sade in seiner Histoire de Juliette einen fürstlichen Politiker formulieren ließ: »Das ist's. München 1977. um sie zu vermehren. Aufl.endet mit ihrer Ausrottung. allem sich hingeben. Ausg. um sie zu vertilgen. Philosophie im Boudoir. um mit reflektierter Lust alle Steigerungsfähigkeiten durchzuspielen. 3. der von der Natur überdauert wird. sie muß in ihren Händen alle Mittel haben. 17 Zit. Adorno. . Die Natur selbst hat kein Interesse am Menschengeschlecht. hat de Sade theoretische Folgerungen aus der vorbehaltlosen Autonomie der Menschen zu ziehen gewagt. beschleunigt nur die Metamorphosen in andere Lebensformen. Die sich stets übersteigende Lust produziert ihre Unerfüllbarkeit. die sich für de Sade aus der Beseitigung von Kirche und christlicher Religion aufdrängen. ist nur ein Ergebnis. ist es ein Akt vollendeter Autonomie. dt. nachdem sie zerstört ist. die auf unsere Erfahrungen im 2 0 . Sie gerät in reflektierte Isolation und in Zwänge. deren luststeigernde Chancen restlos ausgeschöpft werden. Daß die Wissenschaft der Sexualpathologie daraus hervorging. man befreie das Volk von der Furcht vor der zukünftigen Hölle. Wenn dieses sich selbst auslöscht. wenn sie es für nötig hält. wenn sie sie fürchtet. aber man 16 17 16 Marquis de Sade.« Ohne Zweifel daran zu lassen. die den Tod als Erfüllung herbeiführen. 109. Amsterdam 1947. Wie er seinen Fürsten weiterdenken läßt: »Man muß also die religiösen Schimären durch den äußersten Terror ersetzen. vorprogrammierte Maschinerie der Tötung organisiert. Die Degradierung der Menschen zu Objekten der Lust .356 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache seits von Gut und Böse. De Sades Theorie führt nämlich weiter: Seine anthropologisch fundierte Anarchie endet in einem totalitären System. S. die Regierung muß selbst die Bevölkerung regeln. Dementsprechend die Konsequenzen. S. Deshalb wird die Zwangsanstalt der Libertinage im Schwarzwald als eine ausrechenbare. Das hat seine planerischen Konsequenzen. 70. v. nach: Max Horkheimer und Theodor W. Peter Schalk. so wird es sogleich. Jahrhundert vorausweisen: Intoleranz aus Verzweiflung. Der Mord gehört zum Kreislauf der Natur. Dialektik der Aufklärung. De Sade entwickelt eine Art naturgesetzlicher Eschatologie für den Menschenmord.sadomasochistisch begrüßt und gesteigert . aus Isolation.

anthropologisch begründet. besser gerüstet. der sich dem Körper ausgeliefert sieht. die de Sade erlebt und im Gefängnis durchlitten hat: das Ancien régime. Und das unbeschadet der verschiedenen Regime. da nahm er einen Wahn davon aus: den ›Tugendwahn‹. Er entdeckte hinter dem Mitleid. hinter Wohltaten Schwachheiten der Spender. S.« De Sade hat jenen klassischen Umschlag aus der Anarchie in den Terror und die Diktatur nicht mehr historisch und politisch.in der Sakralisierung des Bösen. ritualisiert und durch Taburegeln abgesichert. das ihm entgegengebracht wurde. gewinnt reflexiv eine Distanz. Die zugehörige Ordnung beruht auf einem Minimum von Zwang. sondern vorpolitisch. die auch dem Bösen freien Spielraum lassen. entwirft de Sade eine Liturgie des Tötens . im offenen Verzicht auf Liebe als einer Ausdrucksfonn der Heuchelei und Schwäche. . Der Geist. 18 Wir sind heute. wie situationsgebunden schon damals die Einsichten de Sades gewonnen wurden. Mit kultischer Strenge.Aufklärung und die Grenzen ihrer Toleranz 357 ersetze diese schimärische Furcht durch Strafgesetze von gewaltiger Strenge. zu einer Art Linnéschem System der Grausamkeiten.im Gegenzug zur christlichen Religion . dem er sich hingibt.Ergebnis der reflexiv erfahrenen Lust und ihrer Entzugsweisen. daß er die Waffen der Ideologiekritik zu handhaben gelernt hatte. die Visionen des Marquis auf ihren Realitätsgehalt hin zu lesen und zu sehen. Etwa die Hälfte seines Lebens verbrachte er im Gefängnis und in Irrenanstalten . denn »die Tugend18 Horkheimer/Adorno (Anm. die nur noch jene Gesetze kennt.nie durch Richterspruch. im Jahrhundert der Konzentrationslager. Die Freiheit aller wird durch eine Gesetzlosigkeit gesichert. hinter Tugend Verlogenheit. dem ein Maximum an Terror entspricht: als Steigerungspotential der Lust. Als Kant 1 7 9 3 in seiner Religionsphilosophie zahlreiche Formen religiösen Wahns entlarvte. die ihn die Freiheit sinnlicher Entfaltung systematisieren läßt: Sie gerät zur kompletten Systematik. Kein Wunder. die Jakobinerherrschaft und die Diktatur Napoleons. sondern durch Verwaltungsakte. Aber vergessen wir nicht. Eigenliebe. Das Liebesgebot wird gleichsam materialistisch ernst genommen und endet . 1 0 7 . 1 7 ) . Den könne es nicht geben.

so durchschauen wir heute. wäre er ihm im Gefängnis zu Gesicht gekommen. wie etwa der in kirchlichen Andachtsübungen. Darmstadt 1956. moralischer Konformitätszwang die Modalität ihrer bürgerlichen Gemeinschaft. . unausschöpflichen Potential unserer Neuzeit. so wie er selbst furchtsam war. daß die fran19 19 Immanuel Kant. Weischedel. dank der Aufklärung durch de Sade. Pauschal läßt sich sagen. De Sade liefert seinen ihm immer überlegenen Feinden eine Begründung dafür. Werfen wir zum Schluß noch einen Blick auf die Aufklärung in Deutschland. Werke. entgegen der scheinbaren Selbstgewißheit der Tugendbürger. W. Die Grenzen der Duldsamkeit. hätte diesen Satz. die sich hier aus Theorie und Praxis der Aufklärung immanent ergeben. für das anarchische Aufbegehren gegen jeden Zwang .wirkungsgeschichtlich . Bd. aufgespießt. De Sade steht ein für die Revolte. die zu verwirklichen.oder gar trösten können. verlaufen anders als in Frankreich. In ihr aber den höchsten Wert zu setzen. ob willentlich oder nicht. 4.. Die Selbstbezichtigung der Bürger ist der Modus ihrer Freiheit. die sich selbst überflüssig zu machen scheint. s45. ist die Intoleranz. hg. Seine Stellung in der Gesellschaft war immer schwach. der den Menschen aus der Reflexion seiner Triebe entwirft. sondern barer. Was im christlichen FLrfahrungsraum .« De Sade. Und wenn sie verwirklicht werden. v. Mercier steht ein für die Diktatur der Tugend.Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache gesinnung beschäftigt sich mit etwas Wirklichem . Was ihnen gemeinsam ist. S. Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft.und er endet in einer Systematik des Terrors.. ist kein Wahn. gehört zu dem stets verfügbaren. Damit haben wir entlang unserer Beispielreihe aus französischen Quellen zwei konträre Ergebnisse der Spätaufklärung registriert. wie sich Terror zum Tod ereignen kann und vollzogen wird.als Metamorphose des Teufels gedeutet werden mag. Aber seine rationale Phantasie hat ihn kompensatorisch Zwangsstrukturen erkennen lassen. dem Menschen jederzeit möglich ist. Und niemand hätte hier de Sade widerlegen . die Motivationen besser als zuvor. den zu durchschauen den tugendbeflissenen Aufklärern versagt blieb. zum Weltbesten hinwirkender Beitrag. indem sie die Menschen zur freiwilligen Unterwerfung zwingt.

Betrachten wir den äußeren Pflichtenkatalog. Die theologischen Positionen wurden weniger direkt angegriffen als vielmehr indirekt zurückgedrängt. In praktischer Hinsicht ist jeder gehalten. das seit der Revolution sein abgrenzbares laizistisch-säkulares Gegenlager in sich birgt. den Kant für jede Religionsausübung öffentlich aufstellt. vor allem wirkungsgeschichtlich gewichtiger. zu den Riten . eine schroffe Gegenposition bezogen hatte.ich erinnere an die Schwarzen Messen bei de Sade . . Sie vollzog sich in einer dauernden Osmose zwischen Theologie und Philosophie. Im System seiner Geheimgesellschaft herrscht die Gesinnungskontrolle durch geheime Obere. aber auch sublimer. man gestatte die Verallgemeinerung. 19).Aufklärung und die Grenzen ihrer Toleranz 359 zösische Aufklärung zum Christentum. Manche Intoleranz ergab sich gleichsam spiegelbildlich zur katholischen Dogmatik. im Kern selbst religiös. das sie in der Institution der katholischen Staatskirche drohend vor Augen hatte. ist die norddeutsch-protestantische Aufklärung. Die Frontlinien verliefen deshalb auch innerhalb der Theologie. Deshalb sei ein Ausblick auf Kant gestattet.und zum kirchlich verwalteten universalen Erlösungsanspruch. Kirchliche Positionen wurden gleichsam ausgehöhlt. einem Zögling der Jesuiten. Die Herausforderung der Aufklärung an die Theologie war daher auch langfristig wirksamer und schuf größere Folgelasten als im katholischen Frankreich. Gott »als moralischen Welturheber« und die Unsterblichkeit der Seele als hinreichend überzeugende Elemente 20 zo Kant (Anm. Wichtiger. Aber davon soll hier nicht die Rede sein. so ist er kurz. Die größte Nähe zur antikatholischen Aufklärung Frankreichs finden wir bei den Illuminaten in Bayern. Nicht so in Deutschland. S. deren überzogene Selbstgewißheit immer an der Realität vorbeiplante: Auf diese Weise lauerte die Intoleranz sowohl in der illuminatischen Theorie als auch in der Praxis. der sich auch in der universellen Gesellschaftsmoral der Aufklärer wiederfinden läßt. unter der Regie von Weishaupt. denn die deutsche Aufklärung blieb. Im kirchlich pluralistischen Deutschland verläuft der Aufklärungsprozeß bedächtiger. 826.

8 7 5 . Er konzediert der Offenbarungsreligion nützliche Funktionen. Wenn dieser kurze Katalog äußerlicher Pflichten die Schwellen anzeigt. hinter denen auch ein Aufklärer unduldsam werden müßte. wenn die soziale Funktionsgeschichte des Deismus berücksichtigt wird. um die Menschen für die Gebote moralischer Pflichten empfänglich zu machen. ist für Kant »Geschichtsglaube«. Oder wie Kant sagt: Wenigstens die Wirkung dieser Überzeugung sei jedermann als Pflicht zuzumuten. daß ein Minimalkonsens eingehalten wird. Für sich genommen. was aus dem geschichtlichen Faktum einer Offenbarung an Glaubensinhalten abgeleitet wird. der sich vor dem Forum der praktischen Vernunft zu legitimieren hat. so hätten wir ein maßvolles Programm deistischer Regeln. ist er zufällig und unverbindlich. »Die allgemeine Einhelligkeit« aller in ihren Gewissen verbundenen autonomen Menschen sollte letztlich die Kirchen erübrigen: und zwar nicht auf Kosten der Religion. Kirchenmitgliedschaft und deistische Bekenntnisse hatten den Vorteil. um alles Weitere tolerieren zu können. Der Staat muß dafür sorgen. 1 9 ) . die nicht überschritten werden dürfen.360 Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache der Religion zu akzeptieren. diese Ordnung stabilisieren zu helfen. der Sakramente und vermeintlichen Gnadenmittel ist lang: Sie alle tendie21 21 Kant (Anm. Aber die Liste der Riten. S. »die natürliche Religion als Moral« zu begründen und damit allgemein einsichtig und so verbindlich zu machen. Und die Nähe zu Lockes Grenzen. Alles. Der Angriff richtete sich so vorsichtig wie eindeutig gegen alle institutionalisierten Formen der offenbarungsgläubigen Kirchen. Nicht so bei Kant. die Regeln der gesellschaftlichen Ordnung nicht zu stören. um in Zukunft die wahre Religion zu verwirklichen. . schriftlichen Glaubenssätze. sondern gerade. Seine Intention war es. Dabei folgt Kant Lessings Spuren. Und schließlich kommt eine weitere äußere Pflicht hinzu: der öffentliche Kirchgang. die zu brechen Unduldsamkeit in der Öffentlichkeit hervorrufen müßte. Locke betrachtete alle Glaubensinhalte letztlich nur auf ihre Funktion hin. Aber die Stoßrichtung Kants zielt weiter. um den »hier auf Erden vorzustellenden göttlichen Staat« zu bezeugen. ist offenbar und nicht zufällig.

Die aufsaugende Kraft seiner praxisbezogenen Moralreligion enthielt potentiell einen Ausschließlichkeitsanspruch. die eine göttliche Hilfe im Kampf der Gewissen um gerechte Taten zwar nicht ausschließt. Gnade wird dabei zur Denkmöglichkeit. Fronglauben und Afterdienste.Aufklärung und die Grenzen ihrer Toleranz ren eher dazu. um Religion vollziehen zu können: ohne Sakramente. eine schriftgelehrte Theologenelite zu stabilisieren. Aber nach der Erfahrung der vergangenen zweihundert Jahre darf darauf verwiesen werden. So wird deutlich. Heuchelei und Pfaffenherrschaft zu fördern. ohne der Theologen zu bedürfen. Von innen her. Kant hätte diesen Vorwurf natürlich als unbegründet und vor allem als unbegründbar zurückgewiesen. die äußerlichen Kirchen langsam erübrigt und dereinst wie Hülsen abgestreift. anstatt jedermann auf jenes Gewissen zu verweisen. bittere Wort von der »Euthanasie des Judentums« prägen. das ihn zum vernünftigen und tätigen Leben unzweideutig motiviert. wenn sich die Religion erst einmal als moralische Selbstverwirklichung der Menschheit durchgesetzt habe. der sich als implizite Intoleranz definieren ließe. die uns die Grenzen der Toleranz immer aufs neue . ja. ohne Trinität. Die Geschichte der Zukunft dagegen wird zum moralisch vorprogrammierten Handlungsfeld. vor dem alle Kirchen zu historischen Artefakten degenerieren. Deshalb konnte Kant das positiv gemeinte.mit der postulierten Religionsfreiheit nicht Duldung der Religionen im Plural gemeint haben kann. die für die christlichen Kirchen bedrohlicher war als etwa der Angriff der französischen Enzyklopädisten: Gerade weil Kant Religion nicht zur Privatsache reduziert hatte. von der unsichtbaren Kirche der moralischen Pflichtgemeinschaft. Die Geschichte der einmaligen Offenbarung in der Vergangenheit wird zum Fall. Sicher ist dagegen der moralische Universalitätsanspruch. Er zeigt jene Gebote der unverrückbaren Moral. ohne Dogmen. werden die sichtbaren. der von der Vernunft zu klären ist. Damit hat Kant eine Position aufgebaut. daß auch Kants Position in jene Aporie führt. daß Kant . die vorgegeben seien. Fetischismus und Fanatismus. gleich ob er gebildet ist oder ungebildet. Sanft werde es entschlafen.auf seine geschichtsphilosophische Perspektive eingeengt .

Denn wohin auch die christlichen Wurzeln der Aufklärung zurückverfolgt werden mögen .3 6z Teil III: Zur Semantik und Pragmatik der Aufklärungssprache zu bestimmen und zu überschreiten nötigt. zeigt sich daran. die aus ihm herausführte. scheint mir seit Lessing und Kant eine Herausforderung geblieben zu sein. Toleranzgrenzen werden nur noch politisch bestimmt. daß die heutigen Grenzen der Toleranz nicht mehr allein auf religiöse oder kirchliche Probleme beziehbar sind. der sich auch die heutigen Theologen unverändert werden stellen müssen. Welchen Anteil dabei Vernunft und welchen Offenbarung hat.die Aufklärung war auch eine Antwort auf das Christentum. Wie weit. .

Teil IV Zur Semantik der politischen und der sozialen Verfassungsgeschichte .

hg. um daran einige Probleme zu klären. müßten die Begriffshistoriker und die Verfassungshistoriker ohne Definition auskommen. . Bd. weil sie im Verlauf der Zeit Wandel produzieren. Auch wenn das Auftauchen von Begriffen erstmals stattgefunden haben muß. in denen sich ein ganzer Prozeß semiotisch zusammenfaßt.820. aber notgedrungen. um Begriffsgeschichte 1 1 Friedrich Nietzsche.« Wenn Nietzsche mit dieser seiner herausfordernden Feststellung recht hätte. Zur Genealogie der Moral. Werke. auf der Geschichtlichkeit der Zeichen. entziehen sich der Definition. selbst wenn es sich um juristisch normierte und institutionalisierte Befunde handelt. Nietzsche insistiert auf der Geschichtlichkeit der Semiotik. Denn der Begriffshistoriker erforscht Begriffe. die Prozesse auf einen Begriff bringen helfen oder symbolisch repräsentieren können . definierbar ist nur das.einen semiotischen Prozeß haben sie allemal zurückgelegt. z (1966). selber schon ›Semiotik‹ oder ›Prozeß‹ zu umschreiben . Karl Schlechta. Mit derartigen Formulierungen ertappen wir uns dabei. v. oft über Jahrhunderte hinweg reichende soziale und politische Prozesse gespeichert sind.so wie diese Prozesse selber geschichtlich sind. Ganz ohne Definitionen scheinen wir nicht auszukommen. was keine Geschichte hat.Begriffsgeschichtliche Probleme der Verfassungsgeschichtsschreibung »Alle Begriffe. der Bezeichnungen und der Bedeutungen.freilich unzulänglich. Wieweit Definitionen reichen. um auf einer gewissen Minimalstufe Verständigung zu erzielen über die Bedeutung der beiden Ausdrücke. die unwandelbar festgeschrieben werden könnten. Nehmen wir die Herausforderung Nietzsches an. auch wenn die Verwendung von Begriffen in einer konkreten Situation einmalig sein kann . S. die sich aus dem Verhältnis der Begriffsgeschichte zur Verfassungsgeschichtsschreibung ergeben. die dann mit Nietzsche als unhistorisch zu betrachten und insofern definierbar wären. in denen generationstiefe. Ebenso hat es der Verfassungshistoriker nie mit statischen Gegebenheiten zu tun.

beschäftigt sich offensichtlich mit Institutionen.oder überstaatlichen Organisationsformen. . soll uns also beschäftigen. sei es eine gewohnheitsrechtliche oder eine vereinbarte oder eine gesatzte und schließlich auch schriftlich fixierte Festlegung. So scheint es mir heute erforderlich zu sein. wie sie nach dem Vorlauf der Reichsstaatsrechtslehre im 19. Schon diese erste Überlegung zeigt uns. auf die wir uns festlegen müßten. auch die Lehre von der geteilten Souveränität. um den vor. um uns über die Thematik zu verständigen. definitorisch gerecht werden zu können.Es geht mir jetzt nicht darum. Jahrhundert Waitz entwickelt hat. wieder aufgreifen zu müssen. I Wer Verfassungsgeschichte treibt. ohne die von einer Verfassung nicht gesprochen werden kann. Eine minimale Voraussetzung dieser institutionellen Organisation ist dabei ihre rechtliche Bestimmung oder rechtliche Einbindung. die früher oder heute in die jeweilige Verfassung einwirken. deren Bedeutungsgeschichte teils jahrhunderteweit zurückführt. . teils dem heute gängigen Jargon Genüge leistet. Ich habe zum Beispiel die StaatsformenDefinition ausgespart. kraft derer sich soziale Handlungsgemeinschaften politisch organisieren. Was überhaupt wissenschaftlich begriffen werden kann. Nur der Versuch soll uns schon zeigen. In keinem Fall entspricht die Definition den Angeboten früherer Verfassungsgeschichtsschreiber. um die Thematik der Verfassungsgeschichte wissenschaftlich einzugrenzen. hängt von der Definition oder Umschreibung und von der Verwendung der Begriffe ab. eine vollständige oder theoretisch ausgewogene Definition anzubieten. um den Einfluß überstaatlicher Organisationen auf das Staatsrecht begrifflich ausmessen zu können. daß eine begriffsgeschichtliche Reflexion unabdingbar ist. Lassen Sie mich deshalb einige Angebote machen.366 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte und Verfassungsgeschichte treiben und in Beziehung setzen zu können. daß ich offenbar mit historisch belasteten Termini arbeite. wie ›Institution‹ oder ›Verfassung‹ selber.

Mein dehnbarer Vorschlag zielte darauf. Ohne die Vorgabe wiederholbarer Verhaltensregeln lassen sich z. soweit sie rechtlich geregelt werden. Wir bewegen uns auf einer hohen Allgemeinheitsebene. ist die vorgeschlagene Definition zu weich oder zu weit. . mit Wiederholungen derselben Handlungsmuster. Jede Verfassungsgeschichte hat es mit relativer Dauer zu tun. um politisch agieren zu können. Organisationsweisen und rechtliche Regelungen zielen in jedem Fall auf die zwischenmenschlichen und überpersonalen Strukturen.man denke an die heutige Finanzgesetzgebung. Fragen der Demokratie oder des Ständestaates oder des Rechtsstaates noch nicht expressis verbis gestellt. Aber auch für eine juristische Exegese. auch wenn sich Elemente einer Verfassung dabei ändern mögen. B. indem sie wiederholt werden. die im heute üblichen Sinn nicht zum Verfassungsrecht gehören. B. von Tag zu Tag . ist folgendes: Institutionen. Mit diesem Vorschlag werden z. über Jahrzehnte hinweg . eine minimale Öffentlichkeit oder eine Abgrenzung zwiscfien innen und außen. Denn offensichtlich lassen sich mit der Definition rechtlich geregelter Wiederholbarkeit auch Bereiche des Strafrechts erfassen. eventuell über Jahrhunderte hinweg . Werden aber Einzelfälle thematisiert. so wird die Verfassungsgeschichte gleichsam zur politischen Geschichte.Begriffsgeschichtliche Probleme der Verfassungsgeschichtsschreibung 367 Aber zurück zur heuristisch eingefärbten Verfassungsdefinition. wollte er eine Verfassungsgeschichte des Mittelalters schreiben. Dann handelt es sich nicht mehr im strengen Sinne um Verfassungsgeschichte.man denke an die Polizei im alten und neuen Sinne. Institutionen und Organisationsweisen sozialer Handlungsgemeinschaften zu thematisieren. Aber ein Historiker käme schnell in Schwierigkeiten. keine Konflikte lösen. Worauf es mir ankommt. etwa normativer Geltungsbereiche von Gesetzen. die sich nur verwirklichen. etwa der Verfassungsentstehung oder des Verfassungswandels. soweit sie relative Dauer erfragen soll und nicht Einmaligkeit im Sinne der chronologischen Abfolge.man denke an das englische Parlament oder an die bündischen Organisationsweisen im alten Deutschen Reich. B. von Jahr zu Jahr .man denke etwa an die Steuerverfassung und Strafrechtsverfassung. deren Regelhaftigkeit zur Sphäre der Sitte und des Rechts gehört. Dazu gehört z.

modern formuliert . Die Ausdifferenzierung einzelner Rechtsbereiche aus der Verfassungsgeschichte läßt sich weiterverfolgen: Ich nenne etwa das Handelsrecht.Organisationsweisen der preußischen Staaten damit zu umschreiben.und erstmalig . verzichtete auf ihn. zu verselbständigen. daß eine Verfassungsgeschichte Preußens im 1 8 . Die Gewaltenteilung im Zuge der Transformation der absoluten Monarchie und der ihr innewohnenden ständischen Gesellschaft in den modernen Verfassungsstaat läßt sich nur thematisieren. wenn sie diesen Ausdruck schon dafür verwendet hätten. und selbst der frühneuzeitliche Territorialstaat läßt sich ohne Berücksichtigung des fiskalisch orientierten Merkantilismus verfassungshistorisch nicht hinreichend darstellen. kirchen-. Jahrhundert eigentlich alle Rechtsmaterien berücksichtigen müßte. die als eine Weise der Herrschaftsausübung oder besser gesagt als ein rechtlicher Modus des Herr-Seins im Zentrum seiner Verfassungsanalysen steht? Die Aussonderung des Strafrechts aus der Verfassungsgeschichte ist selber ein Produkt der neuzeitlichen Staatsverfassung. Ich brauche nur an das Allgemeine Landrecht der preußischen Staaten zu erinnern. ständischen. Institutionen und . um deutlich zu machen.368 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte ohne das .in einen einzigen inneren Zusammenhang gebracht worden sind.teilweise auch . wenn auch das »Strafrecht« als Element einer Verfassungsgeschichte definitorisch einbezogen werden kann. Nach der systematischen Intention der Gesetzesstifter müßte auch das im ersten Teil enthaltene Privatrecht Teil des Verfassungsrechts sein. bei relativ unabhängiger Justiz. die die Gerichtshoheit in sich aufhebt. Suarez verwendete den Verfassungsbegriff aber nur zur Charakteristik der Reichsverfassung. wie die Gerichtsbarkeit.oder strafrechtlichen Gesetze.Strafrecht einzubeziehen. ohne das es keine Verfassungsgeschichte der mittelalterlichen Städte geben könnte. um das Strafrecht instanzenmäßig. um den Zusammenhang der privatrechtlichen. Wir alle kennen Otto Brunners Einstieg in seine Verfassungsgeschichte mit der Frage nach ›Friede‹ und ›Fehde‹. die im Gesetzbuch letztmalig . . beamten. Wie sollte er ohne die moderne Ausgangsfrage nach dem »Strafrecht« das Fehderecht behandeln.

daß er als etwas Allgemeingültiges angesehen werden könnte«. die sich von den sogenannten Rechtsgeschichten abheben. zwischen Einheitsgedanke und Partikularismus«. Ich denke an Härtung. Damit hat er in einem hohen Grade politische Gesichtspunkte als Leitkategorien eingebracht. 13. Die Verfassungsgeschichten. Es handelt sich um potentielle Fortschreibung dessen. Conrad oder Kroeschell. Er verwendet zahlreiche sozialhistorische.und Territorialstaatsgeschichte gefunden werden kann. . thematisieren nurmehr die staatlichen Institutionen und ihre Organisationsweisen und was alles als Vorgeschichte dessen in der Reichs. wenn sich wandelnd. die genau jene Rechtsmaterien ausblenden. S. die in ihrer Wiederholbarkeit und. weil sie mit der Auflösung der alten Reichsverfassung und im reformpolitischen Rahmen des preußischen Landrechts zur Verfassung gerechnet werden müssen. Die Rechtsgeschichten. Ein Gleiches gilt für die klare soziale Einordnung des in wechselnde Gruppen gegliederten Parteiensystems.Begriffsgeschichtliche Probleme der Verfassungsgeschichtsschreibung 369 Wie der Ausdruck -Verfassung* ist auch die -Verfassungsgeschichte* ein Produkt unserer Neuzeit. die etwa das Allgemeine Landrecht als Verfassungsrecht kennzeichnen lassen. Zycha. so daß von einer Art Gesamtverfassungsgeschichte gesprochen werden mag. Alle rechtlichen Regelungen. das 2 2 Fritz Härtung. geistesgeschichtliche und kulturgeschichtliche Gesichtspunkte und thematisiert vor allem im ersten Band entsprechende Befunde. 1954). Deutsche Verfassungsgeschichte (6. nur in langfristigem Wandel in den Alltag des Lebens ordnend einwirken. werden hier thematisiert. decken im ganzen alle rechtserheblichen Themen der gesellschaftlichen Institutionen und ihrer Organisationsweisen ab. Huber hat zunächst dieses Manko auszugleichen versucht. was Johann Jacob Moser in seinem Teutscben Staatsrecht oder Justus Moser noch thematisiert hatten. die meist nur bis zur Auflösung des Deutschen Reiches führen. Davon handeln Schwerin-Thieme. aber in gewisser Weise auch an das fundamentale Werk von Ernst Rudolf Huber. Für Härtung ist der Rahmen der allgemeinen Verfassungsgeschichte »ja überhaupt literarisch noch nicht so fest gefügt. »Beherrschend« ist für ihn »das Verhältnis zwischen Reich und Territorien. Aufl.

die jene Rechtsmaterien umgreift.oder Finanzverfassung werden vorzüglich als Materie der Gesetzgebung und ihrer Kräfte behandelt. die vor. Verwaltungsund Finanzgeschichte. Vielmehr tritt die politische Ereignisgeschichte in verfassungsrechtlicher Hinsicht in den Vordergrund. Fragen der Sozial-. daß eine Verfassungsgeschichte alle Bereiche erfassen solle. die das oberste Bundesgericht und das Bundesverfassungsgericht heute zu behandeln haben. ohne die eine soziale Handlungsgemeinschaft nicht politisch aktionsfähig ist.Die Rechtsmaterien.und das im Rahmen des konstitutionellen Systems. dann muß der Zusammenhang zwischen Wirtschaftsrecht. die sich durch Wiederholbarkeit kraft Rechtsre- . Sein Bezugsrahmen ist das konstitutionelle System der kleindeutschen Staatsnation geworden. . wie sie sich erst seit der frühen Neuzeit herausgeschält haben. das eingelöst zu sehen wir sicher noch lange warten müssen: nämlich eine Verfassungsgeschichte der Neuzeit. Mein Vorschlag. Insofern bewegt sich Huber zunehmend in dem von den Verfassungsjuristen des 1 9 . Kirchen-. Jahrhunderts gesetzten Horizont. Weniger die Regelhaftigkeiten und rechtlichen Ordnungen der gesellschaftlichen Gesamtverfassung werden . Zivilrecht oder Arbeitsrecht verfassungspolitisch als gleichrangig behandelt werden mit den staatsrechtlichen Fragen im engeren Sinn. daß alle rechtlich geregelten Institutionen und ihre Organisationsweisen einbegriffen werden sollten. Gerade aufgrund der großartigen und in ihrer Art unüberholbaren Verfassungsgeschichte von Huber zeichnet sich ein Desiderat ab. werfen ein helles Licht auf dieses Postulat.wie noch in Band i .370 Teil IV: Zur Seraantik der Verfassungsgeschichte immer wieder behandelt wird.und frühneuzeitliche Rechtsgeschichten noch als vorgegebene Einheit der Vielfalt thematisiert hatten. Schmoller hatte das noch versucht in seiner Skizze der preußischen Verfassungs-. nicht mehr als Probleme . Je weiter freilich das Werk voranschreitet.thematisiert. Wenn wir als Verfassungsgeschichte also definieren wollen. Wirtschafts. desto mehr beschränkt sich die Analyse und Darstellung auf die Funktionsweisen und Konflikte der staatlichen Organe und der in ihnen vertretenen gesellschaftlichen Kräfte . Strafrecht.nun darf ich es wohl sagen .der Sozialverfassung.

II Jeder weiß. der kritische Einsatzpunkt für Otto Brunner war.und nachstaatliche Verfassungsgeschichte mit zu thematisieren.Begriffsgeschichtliche Probleme der Verfassungsgeschichtsschreibtmg 371 geln auszeichnen. Souveränität und Staatlichkeit sind nicht mehr zur Deckung zu bringen. Laufen wir damit aber nicht Gefahr. geschichtlichen Wandel umfassenden Definition enthalten ist. den Bruch zwischen den vormodernen Rechtsgeschichten und den neuzeitlichen Verfassungsgeschichten zu überbrücken. an das sozialistische Interventionsgebot der Breschnew-Doktrin oder an die Rolle der sogenannten Multis im Rahmen der Gesamtverfassung eines heutigen Staates. grob gesprochen. Meine heuristisch eingebrachte Definition für eine mögliche Verfassungsgeschichte setzt also ein kategoriales Angebot frei. soll uns nur helfen. wie das für die klassischen Verfassungsgeschichten stillschweigend oder offen vorausgesetzt werden kann. auch wenn sie chronologisch die Schwelle von rund 1 8 0 0 nach vorne oder hinten überschreiten. die in einer allgemeinen. was mit Nietzsches Diktum undefinierbar ist. ebenso darauf.und völkerrechtliche Mischlage von Berlin. Eine Hilfeleistung bietet uns hier die Begriffsgeschichte. Ich erinnere an die S t a a t s . zielt also darauf. die nachstaatlichen. denn jede Abstraktionsleistung. Genauer gesagt: Er wollte die nach rückwärts ausgedehnten Verfassungsgeschichten ihres konstitutionellen . daß meine Gegenüberstellung der vormodernen Rechtsgeschichten und der modernen Verfassungsgeschichten. das zu begreifen. mit soziologischen Theoremen die geschichtliche Konkretheit der jeweils einmaligen Verfassungsgeschichte zu verfehlen? Ich glaube nicht. Damit komme ich zu meinem zweiten Teil. in deren Rechtsregeln die Länder zweiter Ordnung teilweise eingelassen sind? Anders gewendet. nicht nur zwischenstaatlichen Phänomene unserer Gegenwart mit zu thematisieren. Was leistet eine moderne Verfassungsgeschichte etwa Polens oder der Bundesrepublik. in gewisser Weise überstaatlichen. vor. ohne auf die internationalen Organisationen im Schutz der hegemonialen Weltmächte einzugehen.

entsprechend dem spätmittelalterlichen Sprachgebrauch wiederherzustellen. sondern Vehikel der Sachanalyse auf dem Weg der Textinhaltsanalyse. Die historisch-philologische Methode ist gleichsam in ihr bisher nie hinreichend wahrgenommenes Recht eingesetzt worden. gewinnen dann ihre zeitspezifischen Valenzen zurück. unter Absehung der liberalen konstitutionellen Terminologie die Verfassungswirklichkeit des spätmittelalterlichen Österreich in den Blick zu rücken. welche Rechtsformen. Und Brunner spart nicht mit Kritik auch an soziologischen .in modernen Termini gesprochen . Die verwendeten zentralen Begriffe wie Land und Herrschaft. sondern begriffen worden? In welchen Worten bündeln sich welche Erfahrungen. Dieses methodische Gebot hat wissenschaftshistorisch . welche Einrichtungen und Regeln. Er hat die Begriffsgeschichte als methodisches Vehikel in die überkommene Verfassungsgeschichtsschreibung eingebracht. Er versucht jenes sogenannte Trennungsdenken rückgängig zu machen. deren Wandel zu uns hin dann einer kontrollierten Begriffshistorie unterworfen wird. um entlang den Rückübersetzungen die Differenz zwischen heute und damals auszumessen. so doch als Vorurteile oder zumindest als zeitgebundene Perspektiven zu relativieren. um die vorneuzeitlichen rechtsgeschichtlichen Materien als Verfassungsgeschichte alter Zeit neu ordnen zu können. um den Weg zu den Quellen vom Gestrüpp jeweils zeitgenössischer Vorurteile freizulegen.enorm anregend gewirkt. Kategoriale Definitionen ex post sucht er durch quellensprachliche Anschaulichkeit wenn nicht überflüssig zu machen. um die Einheit von Wirtschafts-.ähnlich wie Werner Jaeger für die alte Geschichte . wie sie sich selbst sprachlich begriffen hat. um nur heute geläufige Ausdrücke zu zitieren. Sie wird so überhöht zur begriffsgeschichtlichen Kontrollinstanz. Friede und Recht. Um von den vergangenen Sachverhalten angemessen sprechen zu können.372. so daß ganze Textsorten ohne ihre zentrierenden Begriffe blind bleiben? So etwa läßt sich Brunners Ansatz charakterisieren.und Kriminalverfassung . Begreifen wir erst einmal die Vergangenheit so. Was ist jeweils durch welche Worte nicht nur ausgesagt. der darauf aus war. Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte Vokabulars entblößen. nicht nur Textkritik zu sein. bediente er sich der Begriffsgeschichte. Sozial.

und deswegen . sind die damit von einem Wort gebündelten Phänomene nicht mehr veränderlich. als Brunner die geschichtliche »Wirklichkeit« selber als Waffe der Ideologiekritik gegen liberale oder normativistische Verfassungsbilder nutzte. um überhaupt zeitspezifische Probleme des 14. Das verweist uns auf die wissenschaftspolitische Lage der 1930er Jahre. was nicht der Zweck einer Geschichtsschreibung sein kann. gerade eine stringente Begriffsgeschichte nicht ohne gegenwartsbezogene Definitionen auskommt. Das ergibt sich auch aus der schiefen Wortzusammensetzung der heute so eingebürgerten ›Begriffsgeschichte‹. Ich möchte den Blick auch auf die andere Seite lenken.ist eine sachnähere Geschichtsschreibung freigesetzt worden. Jahrhunderts greifen zu können. auch wenn er etwas Dauerhaftes oder Wiederholbares thematisiert. Eine quellensprachlich gebundene Darstellung der Verfassungsgeschichte wird stumm. aber spezifisch durchdachter Begriff entzieht sich der . daß auch eine stringente. wenn die vergangenen Begriffe nicht übersetzt oder umschrieben werden. Meine These lautet. Hier handelt es sich um einen konsequenten Historismus. Sonst handelt es sich um eine Textwiedergabe alter Quellen im Verhältnis von eins zu eins. so bin ich genötigt. Sonst handelt es sich um einen empiriefreien Vorgriff. Was jeweils auf einen Begriff gebracht wird. Dennoch . Auch das ergibt sich aus Brunners Werk. sie für heute zu definieren. Aber dieser Aspekt beleuchtet nur die eine Seite des Wissenschaftsfortschritts.Begriffsgeschichtliche Probleme der Verfassungsgeschichtsschreibung 373 Definitionsangeboten. muß seine Geschichte gehabt haben. die zu allgemein seien. eigene zeitspezifische Begriffe noch einmal historistisch zu relativieren. und 15. Schutz und Schirm. Übersetze ich aber oder umschreibe Begriffe wie Land und Leute. Auch jede umschreibende Interpretation läuft logisch auf eine Definition ex post hinaus. Der Begriff der polis des Aristoteles oder der res publica des Cicero bleibt einmalig. hinter deren Erkenntnisse wir heute nicht zurückfallen können. Aber einmal auf einen Begriff gebracht. Ein solcher einmal gefundener. Haus und Herrschaft. als Wort vielleicht vorgefundener. auf die immanenten Grenzen der begriffsgeschichtlichen Methode. der freilich darauf verzichtet. Das jeweils mit einem Begriff Gemeinte ist mit dem Akt der Begriffsbildung der geschichtlichen Veränderung entzogen.

Jahrhundert aus seinem physiologischen Kontext zu einem sozialen und politischen Begriff aufgerückt ist.wie ›Stand‹ . Sie können nur veralten. dann aber . aber Wortbedeutungen können sich ändern oder wandeln. Wenn wir sagen.dank desselben Wortes ›status‹ durch neue Begriffe . Also gegen Nietzsche überspitzt formuliert: Begriffe als solche haben keine Geschichte. daß Begriffe als solche keine Geschichte haben können. Dann ändert sich der Kontext. Oder ich erinnere an die zahlreichen und variablen Sinnhorizonte. daß die Worte nicht mehr bewohnbar sind. etwas aussagen. Ich erinnere an das Wort ›status‹.nur mit dem Unterschied. haben aber keine. Insofern können veraltende Begriffe . Sie enthalten Geschichte. das im Deutschen erst im 1 8 . daß die Worte als sprachliche Träger der Begriffe neue Bedeutungen gewinnen können. Er fällt vielmehr der Vergangenheit anheim. Die vom Begriff erfaßte Sache mag sich dann wandeln. Aber ein einmal geprägter Begriff als solcher entzieht sich der Veränderung. Das ist freilich nicht allzu betrüblich. das nicht mehr zutrifft. Denn hinter dem Ausdruck ›Begriffsgeschichte‹ verbirgt sich eine wissenschaftstheoretische Herausforderung.wie ›Staat‹ . Oder ich erinnere an das Wort ›Verfassung‹. nicht aber der veraltende Begriff. sondern nur veralten. so schließt das nicht aus. die im Haberkern-Wallach verzeichnet sind. Begriffe veralten. Der territoriale Sinn etwa ist heute ent- .den Staat auf seinen unverwechselbaren Begriff gebracht hat. Von Begriffsgeschichte zu sprechen ist also eine logische Lässigkeit. sofern mit demselben Wort neue Sachverhalte ausgedrückt werden. die uns erneut auf den Zwang zu definieren verweist. für die Mehrzahl der mittelalterlichen Verfassungsbegriffe. B.374 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte Veränderung. die dem Wort ›Herrschaft‹ seit dem späten Mittelalter zugewachsen sind oder die es verloren hat. die (soweit erhalten) unverändert in unseren Städten stehen .abgelöst oder verdrängt werden.eingedeutscht . das früher einen Stand meinen konnte. Sie gleichen den architektonischen Überresten mittelalterlicher Gebäude. Das gilt z. so daß sich die spätere Begriffsbildung dem anpaßt und sich mit dem Sachverhalt ebenfalls ändert. die sich einmal eingebürgert hat und deshalb schwer zu ändern ist.

Dann mögen neue Begriffsbildungen gelingen wie ›Staat‹. so meinen wir. Ebenso können neue Worte gebildet werden. . wenn wir sie historisch verwenden wollen. »Struktur« öfters. in denen die definierenden Ausdrücke selber nicht noch einmal definiert oder begriffsgeschichtlich relativiert werden dürfen. die wir nicht heben können.V e r w e n d u n g e n und -Veränderungen. -Ökonomie«. daß sich mit den Sachverhalten auch die Bezeichnungen. Bedeutungen. daß Begriffe veralten oder neu gebildet werden. eine wissenschaftlich kontrollierte Terminologie zu verwenden. um das der Vergangenheit Anheimgefallene zu vergegenwärtigen. ohne deshalb der zu erklärenden Sache abträglich zu . Brunner selbst verwendet z. exakter definiert. die Bedeutung der Knechtung. Der Wechsel von -Volk« zu -Struktur« ist offensichtlich zeitgebunden. Definitionen vorzunehmen. die der Ausdruck früher kaum gehabt hat. Wenn wir also sprachlichen Wandlungen nachgehen. aber Undefiniert. Begriffsgeschichte im strengen Sinn ist eine historiographische Leistung: Es handelt sich um die Historie der Begriffsbildungen. die alle vom selben Wortkörper transportiert werden mögen. Ausbeutung oder Entmündigung ist für die heutige Generation . In diesem Sinne mag es dann sein Bewenden haben. Jahrhundert neu sind. die erforderlich ist. Was folgt nun aus diesem Befund. um die damit gemeinten Sachverhalte zu erreichen. Erst dann leisten wir die Übersetzungsarbeit. um Neuerungen sprachlich einfangen oder gar hervorrufen zu können. ohne andere Schranken zu senken. Die Sprachökonomie gebietet uns nämlich. -Verfassung«.Begriffsgeschichtliche Probleme der Verfassungsgeschichtsschreibung 375 schwunden (was nicht heißt. In den ersten Auflagen befand sich an deren Stelle der politisch aufgeladene Ausdruck -Volk«. wenn wir weiterhin von Begriffsgeschichte sprechen. Wenn wir also leichtfertig von Begriffsgeschichte sprechen. daß er nicht aufgefunden werden kann). aber als Begriffe seit dem 1 8 . so gibt es eine Schranke. Benennungen und Wortbedeutungen ändern. B. Sonst würde man sich in einen heillosen Relativismus verstricken.schichtenspezifisch dominant geworden. die zwar an überkommenen Worten kleben. Es ist deshalb erforderlich. aber als Begriffe keine Geschichte haben? Wir müssen sie für uns definieren.

Grundfragen der territorialen Verfassungsgeschichte Südostdeutschlands im Mittelalter. Land und Herrschaft. Brunner selbst hat diesen Zusammenhang gesehen: »Nichts aber wäre falscher als zu glauben.selber. Nur müssen sie selbst in ihrer geschichtlichen Bedingtheit erkannt werden« .. in der Verfassungsgeschichte mit elastischen Allgemeinbegriffen arbeiten zu müssen. Land und Herrschaft. Seine Abwehr theoretisch begründeter Termini aus den Sozialwissenschaften kann er dagegen nicht durchgängig aufrechterhalten. 1 9 3 f. methodisch überprüfbar. Das gilt schließlich für den Terminus Verfassung. aber auch die Ähnlichkeit vergangener Befunde unter sich und mit späteren oder früheren Befunden zu erfragen. Es ist offensichtlich nötig. Davon zeugt der Tausch ›Struktur‹ gegen Volk‹ oder seine Verwendung des Terminus Verbände. Land und Herrschaft. wo das politische Engagement einsetzte. Wien 1959. wo er auch die historische Aufgabe definiert: »Volksgeschichte heißt das Gebot der Stunde.so fordert Brunner schon in der ersten Auflage. und ders. das. veränderten Auflage tritt an deren Stelle. einige Begriffe strikt kategorial zu verwenden.wie Carl Schmitt . veränderte Aufl. die er im Vorwort zur zweiten Auflage 1 9 4 2 in seiner Auseinandersetzung mit Stolz noch einmal anschaulich vorgeführt hatte.376 3 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte sein. die selber nicht historisiert werden dürfen. Jahrhunderts.. Deshalb definierte auch Brunner: »Unter Verfassung soll hier mit Carl Schmitt der ›Gesamtzustand der politischen Einheit und Ordnung‹ verstanden werden. der nicht aus der spätmittelalterlichen Rechtssprache stammt: den der Verfassung selber.auf einen Verfassungsbegriff.. Mittelalterforschung einwirkte.beides Ausdrücke. 4. die geeignet sind. die »Strukturgeschichte« (Otto Brunner.« In der vierten. Aber Brunner verwendet noch einen weiteren Begriff ganz zentral. Die Verwendung des Volksbegriffs zeigt. . kaum etwas ändern müssen. deren Normativität erkenntnishemmend auf die sog.Begriffe zu erklären. Sie sind die stillschweigenden oder eben zu definierenden axiomatischen Voraussetzungen. politisch neutral zu sein. der selber erst um 1800 herum entstanden ist und der 4 3 Wolfgang Mager hat mich auf den terminologischen Wechsel aufmerksam gemacht.« Damit rekurriert Brunner . Vgl. 1 1 1 . S. der die politische Bedingtheit und den darüber hinausweisenden merhodischen Anspruch der Begriffsgeschichte in helles Licht taucht. daß historische Arbeit die modernen Begriffe entbehren könnte. wenn vergleichende oder diachrone Fragestellungen behandelt werden sollen. vergleichende Perspektiven freizugeben und aufgrund ihrer Formalität die Andersartigkeit. S. Brunner hat gerade aufgrund seiner begriffsgeschichtlichen Methode. 4 Otto Brunner. auch die entsprechenden Seiten der beiden Auflagen 3 9 8 und 346). S. Die Ersetzung durch den formalen Strukturbegriff hat nicht nur den vordergründigen Vorreil. wenn man Verständigung erzielen will. sondern verweist auf die methodische Notwendigkeit. zu klaren Erkennrnisfortschritten geführt hatte. Baden bei Wien 1939. um andere . Brunner wendet sich zu Recht gegen die sachfremde Terminologie des 19. 1 6 3 f. vergangene Begriffsgehalte uns heute zugänglich zu machen.historische . unter Berufung auf Werner Conze. Grundfragen der territorialen Verfassungsgeschichte Österreichs im Mittelalter.

der zunächst republikanisch eingefärbt war . 175. . gleichsam systematisiert wurden zur »Constitution«. v. Stuttgart 1990. der verschiedenen Grundgesetze in sich zu bündeln vermag. spätmittelalterliche Verfassungsverhältnisse zu subsumieren. De Lolme hat in seiner Apotheose der englischen Verfassung 1771 die Quintessenz gezogen. London 1785. ob die Kategorien der politischen Einheit und Ordnung selber sinnvoll sind. 1. S. Amsterdam 1771). 8 3 1 . hg. der allmählich seine metaphorische. wie der Ausdruck »Constitution« sich seit dem Ende des 16. 33. S. ohne Verweis auf die Staatsformen oder Herrschaftsweisen. der auch die Summe der »constitutions«. und Stourzh zeigt detailliert. sozialer.wie später wieder in der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Staatsformenlehre und Fundamentalgesetze in England und Nordamerika im 17. wie sie uns Gerald Stourzh für den angelsächsischen Sprachgebrauch so klar wie eindringlich vorgelegt hat. Heuristisch waren sie jedenfalls geeignet. XXV. rechtlicher und politischer Differenzierung zurückzunehmen. Rudolf Vierhaus. Neben dem neuen Kollektivsingular »Constitution« laufen die Pluralformen der constitutions weiter. 294-328. Die »Constitution de l'Angle5 6 5 Gerald Stourzh. Es bleibe dahingestellt. Bd. Er gerinnt zum Kollektivsingular. (1. in: Herrschaftsverträge. 2 Bde. 6 De Lolme. Jahrhundert.Begriffsgeschichtliche Probleme der Verfassungsgeschichtsschreibung 377 jene Weichenstellung markiert. Vgl. «S. Zur Genese des modernen Verfassungsbegriffs. Wir haben für den deutschen Sprachgebrauch bisher noch keine Begriffsgeschichte von »Verfassung«. Göttingen 1977. der zur Trennung der allgemeinen Rechtsgeschichte von der speziellen Verfassungsgeschichte geführt hatte. jetzt den Artikel »Verfassung« von Heinz Mohnhaupt und Dieter Grimm in: Geschichtliche Grundbegriffe. Constitution de L'Angleterre ou Etat du gouvernement Anglois. Jahrhunderts in England langsam durchsetzt . 204. Aufl. die konstitutionellen und liberalen Funktionsbestimmungen wirtschaftlicher.8 9 9 . hier Bd. S. wie der Trend dahin geht. Fundamentalgesetze. »Constitution« ist damit zu einem neuen Begriff geworden. Statt »Constitution of this kingdom« oder ›of a Commonwealth« oder ›of this government* sagen zu müssen. Er schildert. kann man von »Constitution« ohne Bezugsbestimmung reden. daß einzelne Gesetze. aus der Physiologie entlehnte Bedeutung abstreift. Schon in der englischen Revolution konnte der Ausdruck selbständig verwendet werden. Wahlkapitulationen.als Begriff der politischen Gesamtordnung. und 18. constitutions and laws in einem inneren Zusammenhang gebracht.

die Legislative sei geteilt und das Volk habe Wahlrecht und Gesetzesvorschlagsrecht. Es setzt bereits Systeme komplexer Erfahrungsgehalte voraus. 2. Es ist offensichtlich. alle Institutio7 7 Vgl. S. der Revolutionen die Revolution.jedenfalls in der neidvollen französischen Perspektive.ein Organisationsschema. sondern legal eingefaßt seien.. v. Schließlich gebe es Parteien. 287-308. das den Individuen Freiheit. an die Stelle der umgrenzten Bruderschaften tritt die universale Brüderlichkeit. Die Entstehung der verschriftlichten Verfassungen spielt hier eine wegweisende Rolle. aber auch an die Stelle der Geschichten die Geschichte.und verfassungsgeschichtlichen Veränderungen korrespondieren./3. 1980. hg. In diesem Band. heterogene Elemente der Wirklichkeit zusammenzudenken. An die Stelle eines ständestaatlichen Dualismus oder feudaler Anarchie trete die Gewaltenteilung. B. daß der neue Kollektivsingular der ›Constitution‹ einen als neu. An die Stelle der Constitutiones tritt die ›Constitution‹. die die Einheit der Verfassung voraussetzt.378 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte terre « zeichne sich durch ihre Einheit aus. an die Stelle der Freiheiten als Privilegien die eine Freiheit für alle. die eine komplexer werdende Wirklichkeit auf höherer Abstraktionsebene zusammenfassen müssen. die erst sekundär differenziert wurden. Koselleck. Wir befinden uns in jener Umbruchzeit. deren semantische Innovationen auf schwer zu bestimmende Weise den sozial. in die Reihe jener Kollektivsingulare ein. De Lolme entwirft . S. wie bald auch in Deutschland der Begriff ›Verfassung‹.modern gesprochen . Fabian u. Damit rückt auch der Begriff ›Constitution‹. Statt feudaler Vielfalt herrsche eine Exekutive. in: Studien zum 18. R. der Fortschritte der Fortschritt. Sie setzen die Wortverwender unter Systemzwang. Erst jetzt wird versucht. dem Staatsvolk Einheit und allen Bürgern Ordnung sichere. Das von Brunner sogenannte liberale Trennungsdenken rangiert auf einer begrifflichen Stufe niederer Allgemeinheit. Sprachwandel und sozialer Wandel im ausgehenden Ancien régime. 15-30. In jedem Fall tendieren die genannten neuen Begriffe dahin. . Jahrhundert. Bd. als fortschrittlich erfahrenen Befund auf den Begriff gebracht hat . die nicht mehr zum Bürgerkrieg führten. Personen und Eigentumsrechte würden genereil geschützt.a.

vgl. 1 9 6 4 . S. S. nach seinen Formen und Bedingungen. So heißt es: »Es hat aber ein Staat dreyerley Arten von Gesetzen nöthig. ständische Empirie und auf Personen bezogene Anschaulichkeit. 1 2 4 . wie sie Suarez genannt hatte. von Justi. Hermann Conrad. Scheidemantel.Begriffsgeschichtliche Probleme der Verfassungsgeschichtsschreibung 379 nen und ihre Organisationsweisen in einen einzigen inneren Zusammenhang zu bringen. 9 0 h 9 Justi (Anm. Bd. . G. wie auch »Constitution«. H. Christian August Beck z. . B. wird dann z. hg. 1 1 7 . 1 8 2 . S. G. Neues teutsches Staatsrechr. Das constitutionelle Leben. H.gleichsam beiläufig . H. die er auf das ganze Reich bezieht. v. Für den deutschen Sprachgebrauch seien zwei Beispiele angeführt. mit Anmerkungen hg. 1 4 8 passim. die man die politischen Gesetze nennet. wie dieser Vorgang durch die Schrift 8 9 10 8 J . i. 1 7 6 6 . Pölitz. der durch eine Konstitution gestiftet werden soll. M i t a u i 7 7 i (ND Aalen 1 9 6 9 ) . 2 0 7 ) . Der Zusammenhang. um Freiheit und Ordnung sowohl situativ wie prinzipiell für alle gleicherweise zu verbürgen.« Das heute so genannte Verfassungsrecht. Bei Johann Jacob Moser fehlt der Ausdruck.18 31 an Pölitz zeigen und ebenso.aber selbst ›Grundverfassung‹ erscheint noch öfters im Plural. v.B. L. um seine innerlichen Verfassungen wohl einzurichten: 1) die Grund. um alle einzelnen Verfassungen darunter zu subsumieren. Vorwort. Dahinter verbirgt sich. Natur und Wesen der Staaten als die Quelle aller Regierungswissenschaften und Gesetze. hierarchisch abgeschichtet nach Grundgesetzen und ›Zeitgesetzen‹. auf dem Wege zur Theorie des einheitlichen Staates. Freilich braucht Justi gelegentlich den Ausdruck ›Grundverfassung‹.und Staatsgesetze. S. verwendet kurz nach der Mitte des 1 8 . S. 2) die Policeygesetze und 3) die Privatgesetze oder die eigentlich sogenannten bürgerlichen Gesetze. gerade weil sie sich in der politischen und sozialen Wirklichkeit vervielfältigt haben. Justi verwendet 1 7 7 1 in seiner Schrift über Natur und Wesen der Staaten noch den additiven Plural. im Register. die uns diesen Übergang begriffshistorisch dokumentieren. ohne daß dieser Ausdruck als Oberbegriff verwendet worden wäre. 8 ) .1 7 8 2 (ND Osnabrück 1 9 6 8 / 1 9 6 9 ) . Leipzig 1 8 3 1 . Gleichwohl handelt Moser von der »teutschen Staatsverfassung«. Der Überschritt zum neuen Kollektivsingular als Oberbegriff für die Gesamtordnung läßt sich .Unsere Belege erheben nicht den Anspruch auf chronologische Stringenz in der Abfolge ihres Auftretens. das Verwaltungsrecht und das Zivilrecht werden noch auf eine jeweils eigene »Verfassung« bezogen. Jahrhunderts den Ausdruck »bürgerliche Verfassung« als allgemeinen Gegenbegriff zum Naturzustand (Recht und Verfassung des Reiches in der Zeit Maria Theresias. 10 K.

so gewinnen auch die Reiche und Staaten." Die rechtliche Organisation eines Staates. Verfassungsbegriffs führte zur Veränderung des ganzen semantischen Feldes der eingeordneten Begriffe. völlig aus den konstitutionellen und liberalen Verfassungslehren. Ebenso werden im inneren Staatsleben der Völker und Staaten die neuen schriftlichen Verfassungen nicht nur sich erhalten. »So wie diejenigen positiven Religionen nie wieder von der Erde verschwanden. und an erhöhter Kraftankündigung in den auswärtigen Verhältnissen . ›Herrschaft‹ verschwindet. an innerer Erstarkung. sobald diese schriftlichen Verfassungsurkunden ihrem Volke und ihrer Zeit ebenso entsprechen. aber auch schon geschichtsphilosophisch-prozessualen Sinne verwendet. 198z.weil sie Herrschaft von Menschen über Menschen sei -. in der Zeit ihrer Begründung. Otto Brunner u. wie er früher sprachlich noch nicht artikulierbar war. wenngleich diese Völker und jene heiligen Urkunden im Wechsel der Jahrhunderte und Jahrtausende die verschiedensten Schicksale erfuhren. Bd.38o Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte lichkeit einer gestifteten Verfassungsurkunde vorangetrieben wurde. sondern auch die Fortbildung und politische Reife und Mündigkeit der Völker begründen und steigern. Daß sie illegitim sei . 3. hg.bezogen auf Gesinde und Dienstboten -. an gesicherter Fortdauer.« Hier wird ›Verfassung‹ bereits in einem umfassenden. kann man nur dem Artikel über ›Knechtschaft‹ entnehmen.a. soweit ich sehe. schriftlich verfestigten.. . . Der Ausdruck lebt nur auf der sozialen Alltagsebene weiter . wie der Eintritt der positiven Religionen in die geistigen Lebenskreise der Völker. noch geschichtstheologischen. »Herrschaft« in: Geschichtliche Grundbegriffe. welche. deren Unrechtmäßigkeit naturrechtlich nachgewiesen und historisch der Vergangenheit zugeordnet wird. Die Entstehung des neuen. durch schriftliche Urkunden zu den Völkern kamen. deren politische Verjüngung auf einer schriftlichen Verfassungsurkunde beruht. v. und der Brockhaus registriert das Wort zwischen 1816 und 1898 überhaupt nicht mehr. die bisher in ständischer Tradition auf mehrere Grundgesetze zurückgeführt wor11 Dazu der Art. . Sie wird identisch mit Tyrannis.

3iff. Der angedeutete Begriffswandel aus der Zeit der Aufklärung hat sich dann in der politischen Verfassungsterminologie des 1 9 .' Und wenn eine solche Grundverfassung veränderbar sein sollte. 124. um in die Gewaltenteilungslehre transponiert zu werden. die wieder abrufbar sind. weil die von ihnen begriffenen Sachverhalte zwar nicht identisch. de Vattel.Begriffsgeschichtliche Probleme der Verfassungsgeschichtsschreibung 381 den war. auch wenn diese im Verlauf der Geschichte befristet bleiben. Es gibt eben Begriffe. sie blieben immer konkret verwendbar und werden in actu auch so verwendet. Aber sie enthalten ebenso Möglichkeiten. Paris 1 8 2 0 (1. möchte ich zum Schluß auf eine Analogie hinweisen. Ohne hier auf deren Inhalt einzugehen. »res publica« oder »Verfassung« sind zwar situationsbezogen entstanden. Beide Forschungsbereiche handeln in erster Linie nicht von einmaligen Ereignissen. von iterativen Strukturen. Einmal formulierte Begriffe wie »politeia«. 34. an denen das Staatsvolk beteiligt werden muß. 8)." In derartigen aufgeklärten Staatstheorien wird die überkommene Staatsformenlehre als Lehre von den Herrschaftsweisen potentiell außer Kraft gesetzt. 13 E. die unwiederholbar sind. die alle anderen Verfassungstypen ins Unrecht setzt. »Republik« und »Demokratie« gehören zu diesen Begriffen. Aufl. den Kant an die preußische Monarchie anlegt. die selbst der gesetzgebenden Macht eines Monarchen Einhalt gebieten muß. die sinnvollerweise sowohl in antiken wie in neuzeitlichen Ver2 12 Justi (Anm. Dies ist auch der Sinn des Republikanismus-Testes. Kap. 3. Sicherlich handelt es sich bei diesen Begriffsbildungen um Indikatoren und Faktoren eines langfristigen Strukturwandels innerhalb der sozialen Verfassungswirklichkeit. Le Dtoit des Gens. Damit gewinnt auch »Republik« und in ihrem Gefolge »Demokratie« einen neuen Sinnhorizont: Beide Begriffe zielen auf die einzig legitime Verfassung. Leyden 1758). Buch 1. beruht jetzt in Justis Worten auf einer Grund verfassung. aber analog wiederkehren können. Jahrhunderts niedergeschlagen. Vielmehr handeln beide von Wiederholungen. S. die die Einheit der Verfassung bereits voraussetzt. S. . die die Verfassungsgeschichte und die Begriffsgeschichte aufeinander bezieht. so nach Vattel nur in besonderen Verfahren. die nicht veralten und deren Bedeutungsgehalte sich nur teilweise verändern.

4 5 .von Herrn Schiaich und die Vermutung geäußert. Ich erinnere an sein Buch über die Diktatur. Beiheft zu: Der Staat. An diesem Beispiel läßt sich auch verdeutlichen. Carl Schmitt hat die Begriffsgeschichte. sei hier nur mein Beitrag zum Verhältnis der Wortgeschichte zur jeweils einmaligen und insofern dem Wandel entzogenen Begriffsprägung wiedergegeben: Gegen meine These vom gleichsam ungeschichtlichen Begriff wurden erhebliche Bedenken angemeldet . Diese aber sind ohne Begriffe und ihre Definitionen nicht zu beantworten. H. daß die Charakteristik von Carl Schmitt richtig ist. EXKURS I Aus der folgenden Aussprache. Insofern vertritt Carl Schmitt eine radikal historische Grundposition. der geschichtliche Institutionen und ihre Legitimationen auf einmalige zeitlich begrenzte Situationen zurückgeführt habe. um das Andersartige und Neue unserer modernen Erfahrung erfassen zu können. Und wo sie nicht mehr ausreichen. wie sie von Brunner weiterentwickelt wurde. strukturelle Fragen. wo er den Überschritt von der kommissarischen zur souveränen Diktatur begriffsgeschichtlich untersucht hat. stark inspiriert. die sich vorzüglich mit der vorgeschlagenen Definition der Verfassungsgeschichte kritisch auseinandersetzte. 2 2 .382 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte fassungsgeschichten verwendet werden müssen. 6. Das hindert ihn freilich nicht. . mit aristotelischen Kategorien auch Phänomene der modernen totalitären Diktaturen zu beschreiben. Allgemein gewendet: Jede Verfassungsgeschichte hat nicht nur historische Aspekte. müssen neue Begriffe geprägt und verwendet werden. worauf es mir erkenntnistheore14 1 4 Vgl. Es ist eben möglich. daß sie von Carl Schmitt herrühre. sie impliziert immer auch systematische. S. die auf der jeweiligen Einmaligkeit einer konkreten Wortverwendung besteht. In seinen politisch-historischen Schriften fragt er gewiß zurück nach dem Wort zur rechten Zeit am rechten Ort. auch diachrone ›Begriffsgeschichte‹ zu treiben. Dazu mein erkenntnistheoretischer Exkurs zum Begriff des Begriffs: Zunächst glaube ich nicht.

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tisch ankommt. Die kommissarische und die souveräne Diktatur lassen sich natürlich, sofern sie gemeinsame Merkmale haben, auf einer höheren Allgemeinheitsebene als ›Diktatur‹ zusammenfassen. Aber der Begriff der kommissarischen Diktatur, der auf eine befristete Außerkraftsetzung des Rechts zur Rettung des alten Rechts zielt, unterscheidet sich fundamental von dem Begriff der souveränen Diktatur, die sich gleichsam selber einsetzt, um auf unbefristete Zeit neues - revolutionäres - Recht zu stiften. Es handelt sich also um verschiedene Begriffe, die sich gegenseitig ausschließen, auch wenn man historische Vermittlungspositionen aufzeigen kann und auch wenn beide Begriffe am selben Wort kleben. Meine Kritik bezieht sich auf die erkenntnistheoretische Lässigkeit, die in dem Ausdruck ›Begriffsgeschichte‹ stillschweigend geduldet wird. Natürlich kann man sagen, daß alles geschichtlich ist, daß sich die Sachverhalte ändern, daß sich der Wortgebrauch ändert, daß alles fließt, immer alles anders wird. Wir reden heute anders als morgen, wir haben gestern vielleicht anders geredet als heute, sicher anders als vor zehn Jahren. Über diese historische Relativität besteht wohl kein Zweifel. Worauf es mir ankommt, ist zu zeigen, daß sich Sachverhalte ändern, daß sich aber ein Begriff, der auf einen vorgegebenen Sachverhalt bezogen wurde, nicht mehr ändern kann, soweit er eben diesen vorgegebenen Sachverhalt meint und nichts anderes. Das sei noch einmal am Terminus ›Staat‹ erläutert. ›Status‹ mochte im 17. Jh. ›Stand‹ bezeichnen, als eine politische Institution oder auch soziale Organisationsweise, in der rechtliche, wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Bestimmungen konvergierten. Diese Kriterien des Begriffes ›Stand‹ sind im 19. Jh. nicht mehr gemeinsam anwendbar, da ein Stand im 19. Jh. nicht mehr die Konvergenz sozialer, wirtschaftlicher, rechtlicher und politischer Bestimmungen kannte; diese Bestimmungen hatten sich vielmehr verselbständigt, »ausdifferenziert«, wie es heute heißt. Andererseits hat der aus dem Wort ›Status‹ entwickelte Begriff des Staates im 19. Jh. etwas im Blick, etwa den konstitutionellen
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15 Vgl. jetzt dazu den differenzierenden Ansatz von Hermann Lübbe, Wortgebrauchspolitik. Zur Pragmatik der Wahl von Begriffsnamen, in: Carsten Dutt (Hg.), Herausforderungen der Begriffsgeschichte, Heidelberg 2003, S. 65-80.

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Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte

Verfassungsstaat oder den Rechtsstaat, den es so im 17. Jh. noch nicht gegeben hat. Anders gewendet: Die Geschichte der ständischen Institutionen führt zu einer Veränderung dieser Institutionen. Damit ändert sich auch der Sprachgebrauch und ändern sich auch die Wortbedeutungen, die sich dem jeweiligen Wandel der Sachverhalte anpassen. Aber der Begriff, der einmal für einen ständischen Sachverhalt des 17. Jhs. verwendet worden war, kann sich gerade deshalb nicht mehr ändern, wenn und sobald sich dieser Sachverhalt dem alten Begriff entzieht. Insofern veraltet der Standesbegriff des 17. Jhs., weil die damit begriffenen Phänomene später nicht mehr vorhanden sind. Aus der Identität des Wortes, an dem sich der Wandel von Wortbedeutungen ablesen läßt, kann man gerade nicht auf den Wandel der Begriffe schließen. Deshalb muß ich selbst bei der Identität des Wortes ›Stand‹ aus dem Wortsinn des 19. Jhs. zurückübersetzen, um den veralteten Begriff des 17. Jhs. erkennen und erklären zu können. Diesen methodischen Vorgang mag man dann ›Begriffsgeschichte‹ nennen. Geschichtlich ist der Prozeß, in dem sich die Stände ändern, und damit auch der darauf bezogene Wortgebrauch. Aber der Begriff, der auf ein ständisches Phänomen des 17. Jhs. bezogen worden war, läßt sich nicht mehr ändern. Er entzieht sich insofern dem geschichtlichen Wandel und ist nur mehr historisch-philologisch zu rekonstruieren, wiederzugewinnen. So läßt sich auch der Begriff der politeia des Aristoteles nur auf die griechische Verfassungswirklichkeit des 5. und 4. Jhs. beziehen. Der wörtliche Ausdruck läßt sich später gewiß auf andere, vielleicht ähnliche oder analoge Phänomene anwenden. Aber das, was an geschichtlicher Wirklichkeit etwa der athenischen Verfassung einst von dem aristotelischen Begriff erfaßt worden war, das bleibt begrifflich einmalig. (Mein Opponent bestand nun darauf, daß ein Begriff niemals festgeschrieben, festgestellt oder festgesetzt werden könne, wie z. B. auch der Begriff der politeia des Aristoteles im zeitgeschichtlichen Kontext aufgetaucht, verwendet und auch - gegenüber früher oder später - verändert worden sei, also in die Begriffsgeschichte einrücke.) Hier wurde von Herrn Schaich die zentrale Frage gestellt. Er

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berufe sich auf die Geschichtlichkeit von allen Sachverhalten und allen Sprachgebräuchen und damit auch aller Begriffe. Innerhalb des geschichtlichen Bedingungs- und Wirkungszusammenhanges ändert sich dann alles. Gerade mit dieser Prämisse läßt sich aber nicht unterscheiden, wann ein Begriff bestimmte Erfahrungsgehalte abdeckt, ab wann aber nicht mehr. Um es noch einmal an einem Beispiel zu erläutern: Das Allgemeine Landrecht wurde für die preußischen Staaten im Plural erlassen. Damit war die Summe der Länder - nicht mehr deren Stände - gemeint. Der Ausdruck bezog sich auf die altständisch geordneten Provinzen, freilich ohne von den verbliebenen provinziellen Ständen überhaupt noch Kenntnis zu nehmen. Die Summe der ›Staaten‹ bezieht sich vom Titel her gesehen z. B. auf Ravensberg oder Brandenburg oder Glatz oder Schlesien usw. Diese Länder werden je einzeln unter den Begriff eines ›Staates‹ gebracht. Im 1 9 . Jahrhundert war dieser Begriff veraltet. Der Titel des Gesetzbuches lautete zwar weiterhin so, daß sich die Gesetze auf die Summe der ›Staaten‹ genannten, ständisch unterschiedenen, Länder bezog, aber der moderne Verfassungsbegriff, der in dem Kollektivsingular ›Staat‹ aufgeht, war im Titel nicht zu finden. Anders im Text des Landrechts selber. Hier taucht die Wendung auf vom -Oberhaupt im Staate* oder - noch abstrakter - vom -Staat überhaupt*. Dies ist eine völlig neue Begriffsbildung, die darauf zielt, die Summe der im Gesetzbuch angesprochenen Staaten zu bündeln, zu vereinheitlichen, zu einem einzigen -Staat* zusammenzuschließen. Im politischen Sprachgebrauch taucht dieser preußische Staat als Kollektivsingular schon im frühen 1 8 . Jahrhundert auf. Aber rechtssprachlich verpflichtend hat sich dieser -Staat* erst mit der Verfassung vom 3 1 . Januar 1 8 5 0 durchgesetzt, die nunmehr für den Preußischen Staat insgesamt erlassen worden war. Der Titel des Allgemeinen Landrechts für die preußischen Staaten ist seitdem traditionell, er meint immer noch die Summe der ehemaligen ständischen Landeseinheiten. Insofern veraltet er, hat aber selbst als Begriff keine Geschichte. Um es in einer anderen Variante zu sagen: Das Allgemeine Landrecht kennt noch keine Staatsgrenzbestimmungen. Die Definition des Untertanen oder des Bürgers läuft noch in altstän-

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Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte

discher Tradition über die regionale Gerichtshoheit, durch die die begrifflich noch nicht faßbare Staatsbürgerschaft qualifiziert wird. Es gab also noch kein einheitliches staatliches Territorium. Für die von den Gesetzgebern zweifellos intendierte Staatsbürgerschaft gab es ebenfalls noch keinen juristischen Staatsbegriff. Also: Die Summe der im Titel des Landrechts genannten Staaten zielte zwar auf ein einheitliches Territorium mit gemeinsamer Untertanenschaft, für diese aber war der kommende Begriff ›Staat‹ noch nicht verwendbar. Im Maße, als sich der Rechtsbegriff eines preußischen Staates durchsetzte, veraltete der Begriff des Staates im landständischen Sinn, so wie er traditionsgebunden im Titel des Landrechts noch ein Jahrhundert lang weiterlebt. Der Übergang von den ›Staaten‹ im monarchisch-landständischen Sinn zum ›Staat‹ als konstitutionellem Verfassungsbegriff ist historisch gesehen gleitend: Aber der Pluralbegriff der ›Staaten‹ wird vom Begriff des einen ›Staats‹ rechtssystematisch ausgeschlossen. Der erste Begriff veraltet - bis zur Bedeutungslosigkeit im heutigen Sprachgebrauch -, der zweite Begriff ist qualitativ etwas anderes, weil er etwas geschichtlich Neues begreift. Dieser Qualitätssprung vom pluralen zum singularen Staatsbegriff läßt sich natürlich nur definitorisch verdeutlichen gerade weil das Wort dasselbe bleibt. Aber es hieße die Geschichte um ihren systematischen Anspruch bringen, den sie an uns stellt, wenn auch ihre Begriffe, die auf strukturell eingrenzbare Befunde zielen, in den trüben Fluß des ewigen Wandels getaucht würden. Gerade um unterscheiden zu können, was in einem Begriff veraltet und deshalb heute nicht mehr applikabel ist, und dem, was aufgrund strukturell ähnlicher oder gleicher Vorgegebenheiten heute noch von dem Begriff abgedeckt wird, müssen wir definieren. Wir brauchen also verfassungshistorische Kriterien, die es uns erlauben, zwischen langfristigen Strukturen, die sich durchhalten, und mittelfristigen Strukturen, die sich schneller ändern, und schließlich zwischen jenen Ereigniszusammenhängen zu unterscheiden, die politisch einmalig bleiben. Die Trächtigkeit der Begriffe unserer politischen und sozialen Sprache ist verschieden, je nachdem, auf welche Ebene sie sich beziehen.

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Und unsere wissenschaftlich-kategorialen Unterscheidungskriterien sollten es uns möglich machen, diese verschiedenen zeitlichen Ebenen, die alle in eine Verfassungsgeschichte eingehen müssen, theoretisch zu trennen.

EXKURS

II

(Zur Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte der einmalig geprägten aristotelischen Bürger-Begriffe) Z,ur Frage, ob eine Begriffsgeschichte nur die sprachlich ehedem einmalig und konkret erfaßten Befunde - historisch-philologisch korrekt - zu rekonstruieren habe oder ob die Begriffsgeschichte den diachronen Wandel der Wortbedeutungen zu registrieren habe, der zwangsläufig auf veränderte Sachverhalte verweist, seien einige Überlegungen nachgetragen. Sie stammen aus der Einleitung zum Sammelband Bürgerschaft , den Klaus Schreiner mit mir zusammen herausgegeben hat. Er handelte von der Rezeption und Innovation der Begrifflichkeit vom Hohen Mittelalter bis ins 1 9 . Jahrhundert und kam deshalb nicht umhin, auch die ›aristotelischen‹ Begriffe über ein halbes Jahrtausend hinweg zu befragen. Den Mitarbeitern am Sammelband sei hiermit mein Dank ausgesprochen für ihre Untersuchungen und für die Debatten, die zu folgenden Argumenten geführt haben: Von der alteuropäischen zur neuzeitlichen Bürgerschaft. Ihr politischsozialer Wandel im Medium von Begriffs-, Wirkungs- und Rezeptionsgeschichten. »Mittelstand powert Mittelstand« - das war kürzlich fettgedruckt in einer deutschen Zeitschrift zu lesen. Ob der Reklametexter gewußt hat, daß er sich - weit über zweitausend Jahre hinweg - auf den Spuren des Aristoteles bewegt hat? Was konnte noch oder wieder und wie lange mit aristotelischen Kategorien erfaßt werden, ohne die Wirklichkeit zu verfehlen - was entzog sich jeder Übertragung? Was überdauerte gleichwohl?
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16 Reinhart Koselleck und Klaus Schreiner (Hg.), Bürgerschaft, Rezeption und Innovation der Begrifflichkeit vom Hohen Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert, Stuttgart 1994 (Sprache und Geschichte, hg. v. Reinhart Koselleck und Karlheinz Stierle, Bd. z z ) , hier aus der Einleitung S. 11-20.

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Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte

Die Gegenfragen ergeben sich zwangsläufig. Welche Bereiche der sich dauernd ändernden bürgerlichen Gesellschaften ließen sich von der politischen Theorie des Aristoteles gar nicht erfassen? Die Rechtsstellung der Frauen blieb z.B. - bis in das 2 0 . Jahrhundert hinein - von politischer Teilnahme am Verfassungsleben ausgeschlossen. Welche neuen Argumente bereiteten ihre Gleichstellung vor? Erst im Medium der Wirkungs- und der Rezeptionsgeschichte dessen, was eine bürgerliche Gesellschaft war, ist oder sein soll, konstituieren sich die politischen Handlungseinheiten, die sich in der deutschen Sprache unter der allgemeinen Kategorie einer ›Bürgerschaft‹ thematisieren lassen. Die begrifflichen Vorgaben, vor allem des Aristoteles, und die Realitäten wandeln sich in verschiedenen Rhythmen, erzeugen Spannungen, ja Widersprüche zwischen den Begriffen und dem Begriffenen, erzeugen Verzerrungen, Vorgriffe und rückwirkende Umdeutungen. Erst diese Differenzen zwischen Sprache und Sachverhalt machen es möglich, über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft verschiedene Urteile zu fällen, ohne daß sie deshalb falsch würden. Bereits der Begriff einer »bürgerlichen Gesellschaft', nicht nur diese Wortverbindung, enthält ein Minimum an Stetigkeit, die von der antiken Polis bis heute reicht, unbeschadet der tiefgreifenden und revolutionären Umwandlungen dessen, was noch heute als bürgerliche Gesellschaft bezeichnet wird. Daß es sich um eine Gesellschaft von Freien und Gleichen handeln müsse, die über geregelte Wahlverfahren, gemeinsame Gesetzesfindung und Rechtsprechung an der politischen Ordnung teilhaben, um sich als Bürger zu qualifizieren, bleibt auf dieser Ebene der Allgemeinheit über die Jahrhunderte hinweg unbestritten. So enthält die vernakularsprachliche Übertragung einer civil society, société civile oder »bürgerlichen Gesellschaft' aus der lateinischen societas civilis und die dadurch vermittelte Rückführung auf die koinonia politike des Aristoteles mehr als eine bloße wortgetreue Übersetzung: Der griechische Begriff wirkt in allen Transformationen weiter, ohne daß eine sachgeschichtliche Kontinuität unterstellt werden dürfte. Seit der frühen Neuzeit handelt es sich um nationalsprachliche Ausfächerungen einer gemeineuropäi-

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sehen Begrifflichkeit, die Manfred Riedel in seinen einschlägigen Beiträgen zum Lexikon Geschichtliche Grundbegriffe untersucht hat. Seit der Wende 1989 ist die deutsche Terminologie um die Zivilgesellschaft angereichert worden, sich damit dem angelsächsischen und westeuropäischen Wortgebrauch anschließend. Der neue Ausdruck betont die zivilisatorische Kraft einer rechtlich verfaßten liberalen Wirtschaftsgesellschaft. Er dient als Gegenbegriff zum totalitär beherrschten Einparteienstaat, und er zielt auf die Unterordnung jeglicher Polizei- und Militärgewalt unter eine demokratisch gewählte - und abwählbare - repräsentative Regierung. Der traditionelle deutsche Begriff ›Bürger‹ und ›bürgerlich‹ - wird damit aufgegeben, obwohl er im westlichen Begriff einer ›Zivilgesellschaft‹ notwendig mitgesetzt ist, denn civis ist im Deutschen nun einmal ›Bürger‹ und nicht nur ›Zivilist‹. Die neumodische ›Zivilgesellschaft‹ wird also semantisch um genau jene gesamteuropäische Bedeutung verkürzt, die dem aristotelischen Bürgerbegriff innewohnte. Er versammelte jedenfalls in sich eine politische, rechtliche und militärische Potenz, die der gleichsam zahnlosen ›Zivilgesellschaft‹ abgeht. Im angelsächsischen und im französischen Sprachgebrauch bleibt die aristotelische Ladung einer sowohl politischen wie sozialen, einer sowohl rechtlichen wie auch militärischen Bedeutung präsent, wenn von der société civile oder von der civil society gesprochen wird. Die Schwierigkeiten einer nationalsprachlichen Ubersetzung von polites, civis, cittadino, bourgeois, citoyen, citizen, burgher oder Bürger verweisen nicht nur auf rein sprachliche Eigentümlichkeiten, die sich nur national verschieden artikulieren, sondern auf systematische Ansprüche einer politischen Theorie. Umgekehrt gibt es für das deutsche ›Bürgertum‹ in den westlichen Sprachen kein exaktes Äquivalent. Es handelt sich bei uns um eine Kategorie der Beschreibung, aber auch der Selbstbestimmung, die auf eine sozial und kulturell und wirtschaftlich zu definierende Menge zielt, die sich nicht zur Gänze deckt mit der Summe aller Staatsbürger im politisch-rechtlichen und militärischen Sinn. ›Bürgertum‹ ist nicht gleich ›politeia‹. Infolgedessen rückt auch der deutsche Begriff einer »bürgerlichen« Gesell-

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S c h a f t ins Zweideutige. Er wird streifenweise vom engeren und einschränkenden Begriff des ›Bürgertums‹ imprägniert. Zum einen zielt dann die -bürgerliche Gesellschaft* nur auf jene Gesellschaftsschichten, die sich umgangssprachlich - wie das -Bürgertum* - eben als »bürgerliche« Gesellschaft begreifen, unter Ausschluß des ehemaligen Adels, der Bauern und der proletarischen Unterschichten. Diese Oppositionsbestimmungen entstammen dem späten 1 8 . Jahrhundert und haben sich sozialgeschichtlich heute weithin überholt, auch wenn sie transponiert in dem Begriff einer -Mittelstandsgesellschaft* fortleben. Zum anderen meint -bürgerliche Gesellschaft* heute wie ehedem die Gesamtgesellschaft, die sich erst seit der Französischen Revolution unter rechtlich zunehmend gleichen Bedingungen organisiert, sei es im Nationalstaat, sei sie föderal ausgefächert oder sei sie eingebunden in das internationale Netz wirtschaftlicher Abhängigkeiten, ohne die auch eine nationalstaatlich verfaßte Gesellschaft nicht überdauern könnte. Je nachdem also, ob der Begriff -bürgerliche Gesellschaft* nur soziologisch, kulturell oder ökonomisch eingefaßt wird oder ob der Begriff auch die staatsrechtlich bestimmte Gesamtheit aller Staatsbürger umgreift, gewinnt der Begriff und damit auch der intendierte Sachverhalt eine andere Dimension. Die deutsche »Bürgerschaft* kann sowohl das eine wie das andere meinen. Wissenschaftsterminologisch läßt sich mit dem deutschen Begriff einer -Bürgerschaft* jener sozial, kulturell und ökonomisch, zugleich aber auch rechtlich, militärisch und politisch definierbare Kern umschreiben, ohne den keine bürgerliche Gesellschaft als Handlungseinheit denkbar ist. Der Terminus deckt - diachron - sowohl die Gemeinschaft der Bürger einer griechischen Polis ab, wie er auch alle römischen Bürger erfassen kann, mit theoretischen Anpassungen auch die ständestaatlichen Institutionen, jedenfalls ist der Begriff auch auf die Verfassungsstaaten anwendbar, in denen sich die neuzeitliche bürgerliche Gesellschaft selbst organisiert hat. Der - auch quellengebundene - jedenfalls wissenschaftsterminologisch verwendbare Begriff einer 'Bürgerschaft* zielt also auf ein theoretisch definierbares Minimum an Gemeinsamkeiten, die sich über alle strukturell tiefgreifenden Veränderungen durchgehalten haben mochten, auf die

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jedenfalls theoriesprachlich und verfassungssprachlich immer wieder zurückgegriffen werden konnte, um eine Diagnose oder Selbstbestimmung der jeweils eigenen Gesellschaft zu treffen. Der deutsche Ausdruck -Bürgerschaft* erfaßt also, sehr elastisch, sowohl ›politeia‹ wie ›politeuma‹ des Aristoteles. Die aristotelische Begrifflichkeit lebt in den europäischen Vernakularsprachen wieder auf. Mit der Rezeption des Aristoteles seit dem 1 3 . Jahrhundert und seiner Anwendung auf die damalige Verfassungswirklichkeit wird rein semantisch eine Kontinuität unterstellt. Ein Sprung über anderthalb Jahrtausende - sieht man von den lateinischen Vermittlungstexten, etwa Ciceros oder der Kirchenväter, ab - ist erklärungsbedürftig. Strenggenommen sind es nicht die Begriffe selbst, die von Aristoteles übernommen und angewendet werden, sondern das jeweils abgerufene Wort mit seinen semantischen Potenzen. Daraus lassen sich - scheinbar bruchlos - neue Begriffe prägen, die den neuartigen Sachverhalten angemessen sind, ohne - über den Wortgebrauch - den Anschluß an die Autorität des Aristoteles aufzugeben. Sachliche Kontinuität war gewiß niemals gegeben. Also ist es die sprachliche Potenz oder die semantische Ladung (Dietz Bering), die einem B e g r i f f s M w t innewohnt und die abgerufen werden konnte, um sozial oder politisch neue Fragen beantworten zu können. Was schlicht und naiv, was kritisch und reflektiert, was emphatisch oder was ironisch den aristotelischen Termini abgeluchst wurde, muss jeweils von Fall zu Fall entschieden werden. Für eine Geschichtstheorie und -forschung, die von der Einmaligkeit a l l e r Ereignisse und von der Unwiederholbarkeit jeder politisch-sozialen Verfassungswirklichkeit ausgeht, muß es von vornherein unsinnig erscheinen, daß eine antike Staatstheorie auf völlig andere Zustände angewendet wurde. Des Aristoteles Lehre von der Politik zehrte noch von unmittelbarer Anschauung der Vielfalt griechischer Stadtstaaten und wußte um die verschiedenen Monarchien der Nachbarländer. Nun gab es freilich Stadtstaaten und Königreiche ebenso im sogenannten Mittelalter, so daß eine Applikation aristotelischer Begriffe nicht abwegig erscheinen konnte. Aber deren Verfassungswirklichkeit enthielt Elemente, die der Antike völlig unbe-

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kannt waren: die Wechselwirkung zwischen geistlicher bzw. kirchlicher und weltlicher Gewalt, zweier civitates also, die das beiden gemeinsame Leben prägte; ferner eine theologische Morallehre, die auf Sünde und Vergebung gründete, was der Tugendlehre des Aristoteles unbekannt war. Ferner gab es Stände, korporativ verfaßte Handlungseinheiten, sowohl in den Städten als auch in den Fürstentümern, die seiner Verfassungstheorie völlig fremd waren. Wenn die Politik des Aristoteles dennoch abgerufen werden konnte, um eine so grundverschiedene Verfassungswirklichkeit zu erfassen, so liegt das zumindest auch an der Eigentümlichkeit seiner Texte. Die Politik des Aristoteles bietet keinen kohärenten, in sich schlüssigen Text, sondern enthält vielfältige Zugriffe, die überlieferungsbedingt zusammengefügt worden sind. Aber Aristoteles liebte es selber schon, verschiedene Aspekte, etwa der drei Herrschaftsformen, der Monarchie, der Aristokratie, der Demokratie, kaleidoskopartig auseinanderzufalten, unterschiedlich aufeinander zu beziehen, Mischformen aufzuweisen, um bestimmte Kombinationen - gleichsam normativ - zu favorisieren. Deshalb konnten seine Rezipienten, scheinbar zwanglos, Teilmengen seiner Politiklehre herauslösen, für ihre eigenen Systeme einseitig nutzen und neu aufeinander zuordnen. So zielte der aristotelische Bürgerbegriff der ›politeia‹ grundsätzlich auf Freie und unter sich Gleiche, die sich selbst beherrschen. Aber je nach Verfassungsform ließen sich die Herrschaftskriterien staffeln. Wer ist wählbar, wer seiner Herkunft nach herrschaftsfähig? Wer hat teil an der politischen oder rechtlichen Entscheidungsfindung, wer ist wahlberechtigt? Wer kontrolliert die Herrschaft-Ausübenden? Auch »sozial« hat Aristoteles Einund Ausschlußkriterien gekannt, daß etwa Handwerker und Gewerbetreibende keinen Zugang zur politischen Gewalt haben dürften, so daß die spätere Unterscheidung von Aktiv- und Passivbürgern systematisch aus Aristoteles ableitbar war. Aber ebenso wurden die Ein- und Ausschlußkriterien mit Aristoteles begründungspflichtig. So konnten sie inhaltlich immer wieder neu definiert werden, ohne seiner Theorie zu widersprechen. Der Bürgerbegriff konnte dann auf die ›nobiles‹ eingeengt werden oder bloß die Fürsten meinen, so daß nur die ›principes‹

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cives genannt wurden; so wie von unten her Handwerker und Kaufleute, die Aristoteles ausgeschlossen hatte, im Mittelalter auch in die von ihm definierten Bürgerrechte eintreten konnten. Und wenn später Tagelöhner oder Lohnabhängige in die Rolle der aristotelischen Sklaven einrückten, so blieb seine Opposition -Bürger versus Nichtbürger‹ immer noch in Kraft. Die formalisierbaren Bestimmungen des Aristoteles waren also über die Zeitenbrüche hinweg inhaltlich verschieden auffüllbar und blieben deshalb selektiv mit seiner Theorie vereinbar. Zwischen Herrschaft der Gesetze und Willkür der Herrschenden skalierend hatte Aristoteles alle nur möglichen Herrschaftsweisen vorgeführt, weshalb seine Argumente auch in anderen politischen und sozialen Zusammenhängen abgerufen werden konnten. Das gilt ebenso für die Frage nach der optimalen Verfassung, die er je nach den empirischen Vorgaben verschieden zu beantworten geneigt war, die demokratischen, aristokratischen oder monarchischen Anteile verschieden gewichtend. Im Hinblick auf die bestmögliche Verfassung spielen nun eine zentrale Rolle die sogenannten Mittleren, die Aristoteles zwischen Arm und Reich ansiedelt. Hier bediente er sich elastischer Relationsbestimmungen, die entsprechend den empirisch verschiedenen Verfassungsbefunden verschiedene Zuweisungen ermöglichten. Nur die Gefahren der Extreme blieben sich gleich: daß die Vorherrschaft der Reichen Willkür und Unterdrückung fördere - also Ungerechtigkeit; und daß die Macht - oder Ohnmacht - der Armen Neid, Mißgunst, Aufruhr schüre - also ebenfalls Ungerechtigkeit. Die mittleren Bürger waren unter diesem Aspekt ein Stabilisierungsfaktor jeder Verfassung. Aristoteles hatte also ein elastisches Kategoriennetz ausgespannt, das er selber schon verschieden nutzte, um der griechischen Verfassungsvielfalt gerecht werden zu können, ohne seinen - in diesem Fall soziologisch zu nennenden - Deutungsrahmen sprengen zu müssen. Welche Gruppe zu den reichen, armen oder mittleren Bürgern zu rechnen sei, hing von den konkreten Stadtstaaten ab und ließ sich nicht absolut festschreiben. Und deshalb waren seine Kategorien übertragbar. Und sie wurden weidlich genutzt. Im Mittelalter wurde gestritten, ob und welche Handwerker, oder nur die Kaufleute, dann aber welche, zu den Mittleren zu rechnen

sondern seine sprachlichen Prägungen (und die mit ihnen verknüpften Deskriptionen). dann erübrigt sich jede historische Korrelation. Überdauert haben ihn nicht die einmalig auf ihren Begriff gebrachten Sachverhalte . Wenn dagegen Aristoteles nur eine normative Theorie systematisch entwickelt hätte.394 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte seien. nur die Angemessenheit einer jeweiligen Verfassung an die normative Vorgabe wäre. gleichsam zeitlos. Die Wirkungsmächtigkeit und die Rezeptionsfähigkeit seiner Theorie liegt in der Mitte. brachte er Deutungsmuster zur Sprache. Die bisher von Aristoteles' Text her beschriebene Voraussetzung dafür. überdauerten seine sprachlichen Prägungen (auch deren textuelle Kontexte) durch Übersetzungen in das Lateinische. Einst einmalig. um den sozialen Stabilisierungsfaktor für sich zu beanspruchen . in das Arabische. Chr. sie ist historisch einmalig und systematisch übertragbar zugleich. daß seine Begriffe übertragbar waren. Es war also die Leistung des Aristoteles. die sich nicht auf die damalige griechische Geschichte beschränkt.oder Klassenzuordnung der Mittleren allen streitenden Parteien und Interessen. Jahrhunderts v. die ihn überdauerten.bis hin zum heutigen Begriff der sogenannten Mittelstandsgesellschaft. als griechische Befunde zu analysieren. Gut aristotelisch lassen sich zwei Extreme definieren.sie sind längst entschwunden -. der sowohl deskriptiv als auch parteilich und beschwörend verwendet werden kann.zwei politisch zentrale Fragestellungen. dann erübrigt sich jede Forschung. die später für die ständische und für die neuzeitliche bürgerliche Gesellschaft aufgegriffen wurden. Und in den neuzeitlichen Verfassungskämpfen diente die berufsmäßige oder die . bezieht. Wenn sich seine Politik nur auf die Griechen des 4. aus seiner empirisch gesättigten Beobachtung und unmittelbaren Anschauung einen theorieträchtigen Bürgerbegriff entwickelt und abstraktionsfähige Relationsbestimmungen gefunden zu haben: die rechtserhebliche Opposition zwischen Bürger und Nichtbürger sowie die sozialerhebliche Zuweisung der Mittleren . aber indem er dies tat. zurück ins Lateinische und schließlich ausgefaltet in . Aristoteles konnte gar nicht anders. enthält ein methodisch allgemeineres Problem: die Verhältnisbestimmung zwischen historischer und systematischer Analyse.ganz unaristotelische .Standes. zu untersuchen.

Sie waren per se wirklichkeitsverbürgend. Denn die lateinischen Worte lebten als Wortkörper in den Volkssprachen weiter. Aber auch die Lehrer einer pragmatischen Politiktheorie oder die frühneuzeitlichen Naturrechtslehrer mußten sich weiterhin aristotelischer Kategorien bedienen dann freilich als einer terminologisch überkommenden Nomenklatur. Zunächst wurde diese Unterscheidung gar nicht getroffen. zahllosen Verfassungsänderungen.die selbstredend den spezifisch eigenen Verhältnissen näherstanden . Jahrhunderts und noch darüber hinaus überzeugte Aristoteliker. Die lateinische Gelehrtensprache bot dauerhafte Hilfe. Hobbes oder Pufendorf weiterhin verwendet wird. der standesrechtlichen. Sie diente ihnen jetzt. sofern sie eine schleichende Anpassung ihrer Erfahrungen mit Hilfe der aristotelischen Begriffe an die so erfaßte Verfassungswirklichkeit vollziehen konnten. der landrechtlichen. während sie in Nordeuropa als Fremdworte eingeschmolzen oder durch Neuprägungen überholt werden mußten. Das gilt vor allem für die in Deutschland tätige Schule der Aristoteliker. Seit der eng- . der stadtrechtlichen. auch der kirchenrechtlichen. im Römischen Imperium so gut wie im hohen Mittelalter.erhebliche Schwierigkeiten bereiteten. wurde seinen Begriffen eine reale und dauerhafte Bedeutungskraft angesonnen. Die Mehrzahl der Autoren waren sogar bis zum Ende des 18. Bei seiner ersten Rezeption in lateinischer Sprache. Nun hat sich freilich das Verhältnis einer systematischen und einer historischen Lesart im Lauf der Zeit tiefgreifend verändert. der römisch-rechtlichen und endlich der staatsrechtlichen Vorgaben in das aristotelische Kategoriennetz vollzog sich unter steigender Kritik.Begriffsgeschichtliche Probleme der Verfassungsgeschichtsschreibung 395 die zahlreichen Vernakularsprachen. die neu definiert neue Phänomene auf neue Begriffe brachten. Die Einpassung der lehensrechtlichen. um ihre Aristoteles-kritischen Systeme zu entwerfen. deshalb zitierfähig und auf jederlei empirischen Befund anwendbar. wie sie etwa bei Bodin. Die ehedem wirklichkeitsverbürgenden Begriffe des Aristoteles mutierten dann zu wissenschaftlichen Termini. Sie waren im romanischen Sprachraum offenbar leichter zu lösen als im deutschen. während die nachfolgenden Ubersetzungen in die Vernakularsprachen .

Waren die Haushalte. Auch die ökonomischen Voraussetzungen änderten sich langsam und stetig. und so die Lehren vom oikos. aber tiefgreifend. die den Unterschied zwischen Bürger und Nichtbürger aufhebt und die seit den beiden Weltkriegen .nur mehr durch ein dosiertes Wahlrecht oder beim allgemeinen Wahlrecht nur mehr durch Parteien vermittelt aufrechterhalten. mit der Neuzeit. so tauchen. Der aristotelische Begriff der Freien und der rechtlich unter sich Gleichen ist ausgeweitet. um einen konservierenden.und untergeordnet. Dazu gehören . die ganz neue Antworten erzwingen. jedenfalls seit der Französischen Revolution. Herausforderungen auf.unter anthropologisch neuen Prämissen . Und Entsprechendes läßt sich auch für die Einführung der allgemeinen Demokratie behaupten. Jahrhunderts . der ›Mittleren‹. so sprengte die neuzeitliche Ökonomie alle Grenzen. in jedem Fall. Während Aristoteles die Spannungen zwischen wirtschaftlicher Ungleichheit und rechtlicher Gleichheit innerhalb der Polis noch einbinden konnte. um einen verfassungsändernden Effekt zu erzielen. Die Repräsentativverfassungen der Großstaaten konnten eine Herrschaftsteilhabe der Millionen von Staatsbürgern der ehemaligen Untertanen . führte dieser Gegensatz im 19.erst gegen Ende des 1 8 .396 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte lischen Revolution. sei es. die ursprünglich auf die Polis bezogenen Begriffe auf eine zunehmend komplexer werdende Gesellschaft anzuwenden. länderweise verschieden gestaffelt. War es noch gelungen. die Stadtrepubliken und die frühmodernen Territorialstaaten aristotelisch zu begreifen. Der nunmehr polemisierend und soziologisch lesbare systematische Stellenwert einer ausgleichenden Funktion der mesoi. früher der Polis und später dem Staat ein. Jahrhundert zu einer Ausdifferenzierung der politisch-staatlichen und der ökonomisch-sozialen . seit der amerikanischen Revolution und seit der Aufklärung zunehmend auf dem europäischen Kontinent rücken die neuen Begriffe auch in die öffentlichkeitswirksame politische Sprache ein.›Mittelklasse‹ und seine zahlreichen Varianten.auch die Gleichstellung der Frauen herbeigeführt hat. sei es. aber verfassungssystematisch nicht verändert worden. um quasi-aristotelisch eine gerechte Ordnung zu bewahren oder zu bewirken. blieb erhalten. Freilich steigerten sich die Schwierigkeiten.

mehr noch über die offenen Wege in die Zukunft gestritten wurde. die die Begriffe der Politik gleichsam statisch oder ontologisch zu wiederholen sich berechtigt glaubten. wenn er denn projizierbar sein sollte in die eigene Zukunft. Selbstzweck jeder guten Politik zu sein. Ökonomie. Die Schere zwischen historisch-philologischen und systematischen Fragestellungen öffnete sich. der alle ständischen Rechtsunterschiede aufzuheben erheischt. Jahrhundert wurden von den Schotten Handel und Gewerbe . jede Gesellschaft wurde als Gesellschaft im Übergang begriffen. Politik und Recht. die sich einer direkten staatlichen Steuerung entzogen. ob ›Bürger‹ weiterhin nur im Gegensatz zum Adel und zum Bauern begriffen werden müsse oder ob ›Bürger‹ nicht vielmehr einen Allgemeinheitsanspruch erheben soll. So rückten die wachsenden Schwierigkeiten.als Vorleistungen. Es ist diese aufbrechende Differenz zwischen Vergangenheit und Zukunft. im Deutschen die Frage.Begriffsgeschichtliche Probleme der Verfassungsgeschichtsschreibung 397 Sphären. ihre alte Aufgabe verlieren. So stellte sich z. Das alles lag schon jenseits der aristotelischen Begrifflichkeit. Der empirische Druck und Vorrang wirtschaftlicher Bedürfnissteigerung und -Befriedigung nötigte die Staaten mehr und mehr zu reagieren.gleichsam vorständische . die nunmehr geschichtlich erklärt wurden. Die Rechtsordnung konnte dann funktional zur Wirtschaft gedeutet werden. Bereits im 1 8 . eigene Erfahrungen und neue Erwartungen mit aristotelischen Begriffen abzudecken. die den Status der aristotelischen Theorie grundsätzlich in Frage stellen mußte. den Text des Aristoteles selber in eine zunehmend historische Perspektive. Dann mußte der aristotelische . Je . Roschers und Treitschkes Rezeption. diese Verzeitlichung. So hat sich in vieler Hinsicht . drängten hoch. Soziale Folgelasten der Industrialisierung.das Verhältnis von Politik und Ökonomie umgekehrt.Gegensatz zwischen Bürger und Nichtbürger in jedem Fall neu gelesen werden. Das führte auch zu neuen Übersetzungsschwierigkeiten. So tauchten Widersprüche auf zwischen Moral. ja als Voraussetzung jeder bürgerlichen Selbstorganisation erkannt.commerce in seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verflechtung . trotz Rankes. wobei über die Stufen der Herkunft.freilich nicht zur Gänze .B.

spezifisch griechisch.werden konnte. Jahrhundert v. daß mit einer historistischen Reduktion des Aristoteles auf seine Einmaligkeit im 4. zu modernisieren und der polemischen Tagessprache einzupassen. wird nicht umhinkommen. auch die ausdifferenzierten sozialen und ökonomischen Bereiche übergreifenden Begriff aufrechtzuerhalten. Aber auch darüber hinaus behalten seine Begriffe.gewann jene seit dem Humanismus entwickelte historisch-philologische Methode ihre auch theoretisch bedachte Eigenständigkeit. sondern primär aus sozialökonomischen Bestimmungen. . Der neue Klassenbegriff selber bezog seine politische Stoßkraft nicht aus der Politik des Aristoteles. mit starken Argumenten verteidigt. gehörig übersetzt. Deshalb konnte jetzt auch philologisch begründete Kritik geübt werden an jenen Aristoteles-Übersetzungen. die den uneinholbaren Abstand zwischen Antike und Moderne schon voraussetzte. wurde denn auch von Roscher und Treitschke oder im 20. also auch politische Verantwortung für nicht unmittelbar beherrschbare Folgen des politischen Systems einfordert. lassen sich nicht auseinanderhalten. Jahrhundert von Hannah Arendt. die Aristoteles noch nicht kennen konnte. Jahrhundert über das französische 1 8 . auf den Begriff gebracht hatte. mehr als philologisch zulässig. die »bürgerliche Gesellschaft« als einen primär politischen.und überfordert . der »Mittleren«. die historische und die systematische. desto mehr traten rein methodisch die historischen Fragen in den Vordergrund: was er einmalig. die aus zeitbedingtem politischen Interesse den Mittelklassenbegriff eingeschleust hatten. ihre analytische Kraft. Jahrhundert . Freilich wäre es irrig anzunehmen.verknappt gesagt seit dem englischen 17. um den Begriff der mesoi. Jahrhundert bis zum deutschen 19. ohne stumpf und unwirksam zu werden. um nur drei politisch-historische Schriftsteller zu nennen. Die beiden Schneiden der Schere. Erst jetzt . nur für seine Zeit. der systematisch übergreifende Anspruch seiner Gesellschaftstheorie auszuhebein wäre.3 9 8 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte weniger der aristotelische Text systematisch beansprucht . Wer auf der gegenseitigen Abhängigkeit von politischer Willensbildung und sozialen sowie ökonomischen Faktoren beharrt. Und der aus Aristoteles abgeleitete Anspruch. an eine quasi aristotelische »Bürgerschaft« zu appellieren. Chr.

Es ist keine Eigentümlichkeit der aristotelischen Begriffe allein. ohne die gar nichts begriffen werden könnte. die Einmaligkeit einer Begriffsbildung und ihrer Anwendung mit dem damit gesetzten wiederholbaren.Begriffsgeschichtliche Probleme der Verfassungsgeschichtsschreibung 399 Die gegenseitig sich induzierenden Fragestellungen nach dem historischen und nach dem systematischen Gewicht der aristotelischen Begriffe führt uns auf einen letzten. nicht aber die Begriffe. Sie wurden nicht wirklichkeitsfremd. ausdrücken und auf den Begriff bringen zu können. auf die italienischen Stadtstaaten angewendet wurden. Wenn man so will. Denn die Begrifflichkeit währt. länger an als die jeweilige Soziallage oder Verfassungskonstellation. weil sie wiederholbare Möglichkeiten bürgerlicher Selbstorganisation sprachlich gespeichert hatten.oder Differenzbestimmungen läßt sich ermitteln. Die aristotelischen Begriffe sind keine zeitenthobenen Ideen. Speziell jede Semantik ist doppelseitig. dank ihrer stetigen Übersetzung. hic et nunc. einmalig geprägt worden zu sein und ihre Übertragbarkeit freizugeben. auf die sie ehedem gebracht worden sind. Die griechischen Stadtstaaten sind längst untergegangen. deshalb länger währenden. Ausdruck sprachlich wiederholbarer Möglichkeiten und Vehikel unmittelbarer. Erst durch die sprachlichen Identitäts. Aber sie konnten rezipiert und wirkungsmächtig werden. also veralten. Es ist das methodische Ziel der Begriffsgeschichte. die von der Sprache selber erzwungen wird.und sind zugleich synchron auf diese bezogen. So reichen die sprachlichen Vorgaben diachron durch alle Erfahrungsfelder hindurch . noch allgemeineren Gesichtspunkt. was tatsächlich der Fall war und was sich geändert hat. handelt es sich um einen reflektierten Historismus in systematischer Absicht. in der Anwendung ihre jeweils historische Einmaligkeit. Dieser sprachliche Befund hat nun für die Sozialgeschichte der -bürgerlichen Gesellschaft« erhebliche Konsequenzen. Dieser doppelte Aspekt gehört bereits zu jeder Sprache: sowohl Einmaligkeiten. theoretischen Gehalt zusammenzuführen. selbst in Übersetzung. zugleich aber von ihrer Wiederholbarkeit zu zehren. wenn sie. Diese mochten außer Gebrauch kommen. Dann erfaßten sie struk- . konkreter Anwendung zu sein. In ihrer Wiederholbarkeit liegt die systematische Potenz einer Semantik beschlossen.

die Andersartigkeit und Wandel zu erkennen gaben. die ohne einen systematischen Anspruch ihrer Begriffe nicht zu haben ist. kritisch zu sichten und rechtlich zu ordnen. Und die . eine jeweils einmalige Wirklichkeit widerzuspiegeln. die niemanden ausschließt.darin unterscheiden sich alle Geschichten nur graduell -.Unterschiede in der Wirklichkeit nötigten zu sprachlichen Anpassungen. die aristotelische Begriffssprache hat ihre eigene Geschichte. dann fordern die aristotelischen Begriffe. die etwa Athen und Florenz oder Siena gemeinsam hatten.4 0 0 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte turelle Ähnlichkeiten. Selbstverwaltung. die ökonomischen und rechtlichen Verhältnisse gewesen sind . Ergänzungen und Umdeutungen.offensichtlichen . Wahlund Beteiligungsrechte. die auch für die nicht unmittelbaren Teilhaber an der Herrschaftsgewalt Schutz und Sicherheit verbürgen müssen. funktionale Äquivalente. die zu Recht als »bürgerliche Gesellschaften« bezeichnet werden. Wo nur mehr die Fürsten als cives begriffen wurden. Erst die sprachlich vorausgesetzten Analogien geben die historische Erkenntnis frei. jedenfalls legitimerweise einfordern konnten. in Königreichen und in den modernen Verfassungsstaaten. dort standen sie weiterhin unter dem Anspruch. Kraft ihrer elastischen Binnensystematik. rotierende oder rechtlich geregelte einander ablösende Herrschaftsgruppen. Wirklichkeitsbefunde zu erheben. deren politische Kontrolle und die Gesetzlichkeit der Rechtsordnungen. Dazu gehören. für Gerechtigkeit zu sorgen. die unterschiedlichste Aspekte freigibt. so daß die Bürger nicht nur »Untertanen« wurden. Und wo diese ursprünglich am Stadtstaat entwickelten Regeln nicht mehr greifen. wie gesagt. wenn sie denn weiter verwendet wurden. ihre . immer dabei Macht und Einfluß der sozial verschieden situierten Menschen im Auge behaltend. Wie elend auch immer die tatsächlichen politischen und sozialen. diente sie in Wiederholung und Anpassung. die nie darin aufging. Es gibt eben strukturelle Gemeinsamkeiten in der europäischen Selbstorganisation politischer Handlungseinheiten. Die Rezeptionsgeschichte der aristotelischen Begriffe. weil die strukturellen Gemeinsamkeiten im sozialen Gefüge entschwunden sind. also in Großterritorien. sondern als Untertanen auch Anspruch auf »Bürgerrechte« hatten.

Ihre Zahl wird wachsen. um die kommenden Veränderungen zu erfassen. Wie sehr auch unsere Zukunft nicht entraten kann. In systematischer Perspektive aber stellt sich damit die aristotelische Frage aufs neue. die in einer solchen Demokratie leben. Gelänge das nicht. Dann aber zeigt sich. . Sie werden in ganz Europa kraft steigender Zahl einen strukturellen Wandel herbeiführen. die allemal Wiederholbarkeiten und Einmaligkeiten in sich bündeln. stünde das Ende einer vieltausendjährigen. In der Demokratie sind per definitionem alle Bürger in ihrem rechtlichen Status einander gleich. Die bürgerlich verfaßten Gesellschaften Europas werden nicht umhinkommen. daß auch unsere neuzeitliche -bürgerliche Gesellschaft« zahlreiche langfristige Vorgaben in sich birgt .sowie deren Risiken. vergleichbar ist. die alten Unterscheidungskriterien von Bürger und Nichtbürger elastisch.Begriffsgeschichtliche Probleme der Vertassungsgeschichtsschreibung 401 Grenzen und ihre Übersetzungszwänge zu verfolgen heißt also. der in historischer Perspektive nur mit der Völkerwanderung. in der sogenannten wirklichen Geschichte strukturelle Gemeinsamkeiten und funktionale Äquivalente aufspüren. wo die Grenze zwischen Bürger und Nichtbürger zu ziehen sei. Und das ist ohne sprachliche Analyse der Texte nicht zu haben. aristotelische Begriffe neu zu durchdenken. davon zeugt der anwachsende Strom der Einwanderer und Fremden. wechselhaften Geschichte der -bürgerlichen Gesellschaft« zu erwarten. nicht aber sind es alle Menschen. aber gerecht neu handhaben zu lernen. wenn auch in beschleunigtem Tempo.

daß die Bürger sich selbst beherrschen können oder sollen. Denn die »bürgerliche Gesellschafts die ›société civile» oder »civil society‹ sind wortgeschichtlich Übersetzungen aus dem Lateinischen. als abrufbarer Bedeutungsgehalt zu keiner Zeit aus dem Begriff der »bürgerlichen Gesellschaft« eliminiert. Rein wortgeschichtlich stehen wir also vor einem Befund erstaunlicher Kontinuität. gemeinsam konzipiert. Theoriegescbicbtlicbe und methodische Vorbemerkung Wer vom Bürgertum spricht. . die nicht aus der europäischen Erfahrung zu streichen sind. England und Frankreich I. ist denn auch keineswegs zur Gänze überholt. und was Aristoteles oder Cicero zur »bürgerlichen Gesellschaft« gesagt haben. In der theoretischen Bestimmung der ›cives‹ einer »societas civilis« wird immer auf die politische Selbstbestimmung derer abgehoben. die ihrerseits die koinonia politike der Griechen zum terminologischen Vorbild hatte. die sich unbeschadet der wechselnden politischen und sozialen Lagen zumindest in der Theoriegeschichte der bürgerlichen Gesellschaft Europas durchhalten. stammen von Reinhart Koselleck (I). die als freie Bürger Herrschaft ausüben. So wurde die Vorstellung. aber er begibt sich auf den schwankenden Boden einer jahrtausendealten Tradition. Es gibt normative Elemente. Wer von der bürgerlichen Gesellschaft spricht. Ulrike Spree (II) und Willibald Steinmetz (III). deren Herkunft aus der Französischen und aus der industriellen Revolution einsichtig zu sein scheint. sei es über sich selbst oder sei es über andere oder im Falle der Demokratie alternierend. Denn in der Wortgeschichte sind einmal gefundene Begriffe einer freien politischen Selbstorganisation enthalten. mag an denselben Befund erinnern. Sie beziehen sich auf die römische societas civilis. denkt meist an eine neuzeitliche soziale Formation. so daß theoretisch Herrscher und Beherrschte zusammenfallen.Drei bürgerliche Welten? Zur vergleichenden Semantik der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland. auch wenn sie immer wieder angereichert wurden oder 1 i Die folgenden Abschnitte.

um eine bürgerliche Gesellschaft zu kennzeichnen. So gehört die sogenannte Herrschaft der Gesetze oder die soziologisch hohe Bewertung der stabilisierenden Rolle der Mittelschichten für ein Gemeinwesen zu den Sätzen des Aristoteles. in einem Territorium oder Staat oder als Fürst -. mit dem jeweiligen Begriff das jeweils konkret Begriffene sprachlich zu erfassen. sehr im Unterschied zur Neuzeit. Situationen also. eines civis. wer politische Verantwortung trägt . Wer von der modernen bürgerlichen Gesellschaft spricht und sie scheinbar gegenwartsbezogen eben »bürgerliche Gesellschaft« nennt. daß sie ihre normativen Gehalte langfristig bewahrten und ständig verfügbar hielten. das Eigentum als Voraussetzung politischer Rechte definiert hatte. Insoweit ist auch die -bürgerliche Gesellschaft« und sind ihre Äquivalente so traditionell wie modern. vielmehr bezogen sich die Begriffsbildungen immer wieder auch auf einmalige Situationen. in einem Stand oder einer Korporation. Arbeit war kein Qualifikationskriterium für die Teilhabe an politischer Gewalt. der die Arbeit als Voraussetzung des Eigentums. wird also überkommener Bedeutungsstreifen dieses Begriffes nicht entraten können. in denen es darum ging. Ähnliches gilt für die bestandserhaltende Funktion eines mittleren Reichtums oder die vermittelnden Aufgaben des Adels zwischen Volk und Fürst oder die ebenso vermittelnden Aufgaben der -Mittelstände« zwischen Adel und Unterschichten: Derartige Positionsbestimmungen konnten sich immer wieder auf Aristoteles berufen. genauer gesagt seit Locke. Nun sind aber die Begriffe -Bürger« und -bürgerliche Gesellschaft« nicht nur dadurch gekennzeichnet. Aristoteles hat seine koinonia politike erfahrungskonform aufruhen lassen auf Sklaven und Metöken. die hinter allen geschichtlichen Transformationen immer wieder auftauchen. und daß Bürger nur sein könne.sei es über sich selbst oder über andere oder abwechselnd mit anderen: In dieser formalen Allgemeinheit ist die aus der griechischen Polis-Verfassung abgeleitete Bedeutung eines polites. . denen von Natur aus keine Bürgerrechte zustanden.sei es in einer Gemeinde oder Stadt. eines citoyen oder eben eines Bürgers nie verlorengegangen. Daß Bürger nur sein könne.Drei bürgerliche Welten? umstritten blieben. wer Herrschaft ausübt . eines citizen.

). ders. 672-725. Sp. Weib. Basel 1974. Geschichtliche Grundbegriffe. dass. Ein ähnlich tiefgreifender epochaler Wandel vollzog sich nun drittens .). 3. Die Teilhabe am Gottesstaat verlieh einem Christen spirituelle Bürgerqualitäten ohne Rücksicht auf seine irdische oder weltliche Lage. Brunner u. was sich seitdem strukturell gesehen immer wiederholen konnte. Ritter (Hg. (Hg. Historisches Wörterbuch der Philosophie. unbeschadet seines Geschlechtes. Jahrhundert hinein war es in der gemeineuropäischen lateinischen Sprachtradition klar. Chr. in: Geschichtliche Grundbegriffe.a. der nach »innen« und »unten« gesehen über Haus und Hof. Bd. Damit wurde eine doppelte Bürgerschaft.. 962-66. angereichert oder gar um seine spezifisch stadtbürgerliche Komponente gebracht. seines Alters. Er half. war nach » außen « politischer Herrschaft fähig: Als Teilhaber an der Judikatur oder Verwaltung einer Gemeinde. Basel 1971. Art. bürgerliche«. sondern alle Menschen als Glieder der einen societas humana zu umfassen. um schließlich . 2 2 Zur Begriffsgeschichte M. »Gesellschaft. 1. S. Kinder und Gesinde verfügen konnte. wer Herrschaft ausübte. nämlich nicht nur alle Bürger.2 1 2 n. 2. in: O. Auf diesem Hintergrund gewann die stoische Lehre einen noch weiter ausgreifenden Sinn.. Stuttgart 1972.. Seit dem ersten Jahrhundert vor Christus wurde das römische Stadtbürgerrecht zunehmend ausgeweitet. Bd. dass. ders. . Bd.allen freien Einwohnern des Imperium Romanum zuzukommen. Art. Jeder Hausherr. Nicht ohne Einfluß der stoischen Lehre einer engeren bürgerlichen und einer weiteren menschlichen Gesellschaft vollzog sich ein zweiter epochaler Bedeutungswandel durch die augustinische Lehre von den zwei civitates. t. »Bürger«. 719-800.auch in der Frühen Neuzeit.. der Heimatgemeinde und des politischen Großverbandes. Noch im Begriff des deutschen Bildungsbürgers oder der Intelligenz sind Elemente dieser außerpolitischen geistigen oder spirituellen Tradition enthalten. S. Bis in das 1 8 . Stuttgart 1975. 466-473. .. ders. seiner Rasse oder seines sozialen und politischen Status. Sp. Riedel.4°4 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte Drei epochale Schübe haben den Begriff der bürgerlichen Gesellschaft über die anfängliche Stadtgemeinde hinaus verändert. Die Bürgerschaft der Civitas Dei mochte jeden Menschen erfassen. Bd. daß civis nur sein konnte. die bürgerliche Gesellschaft in unserem heutigen Sinne freizusetzen. möglich. in: Historisches Wörterbuch der Philosophie. in: J.

S. Stadtbürger oder Mitglieder des niederen oder hohen Adels immer ›cives‹ der ›societas civilis«. wo die Souveränität beim King in Parliament lag. daß sie immer zugleich politisch. Bd. 2). die sich mit einander zur Erhaltung und Beförderung der gemeinen Wohlfahrt vereiniget haben. »Gesellschaft. Ein Kennzeichen dieser ständischen Herrschaftsordnung war seit dem hohen Mittelalter. StatsAnzeigen. Bürger wurde. L. Politisch verloren die Herrschaftsstände in dem Maße an Boden.in einer Variation von Schlözers Begriffsbestimmung: eine societas civilis sine imperial Damit ist der bis dahin unvorstellbare Befund tastend auf seinen Begriff gebracht worden. Zedier. Im Sinne dieser überkommenen. daß es eine bürgerliche Gesellschaft ohne Herrschaft geben könne oder daß sie zumindest denkbar sei. bürgerliche« (Anm. wanderte die politische Entscheidungsgewalt ab in die Zuständigkeit des Monarchen und seines Hofes. aber im Sinne der Herrschaftsausübung apolitische Bürgergesellschaft . wie von Zedlers Lexikon reflektiert. Art. dazu Riedel. Von England abgesehen. Großes vollständiges Universallexicon aller Wissenschaften und Künste. wie der fürstliche Souverän alle politische Entscheidungsgewalt an sich zog. schließlich und vor allem als fürstlicher Herr über ein Territorium. 17. welche aus Regenten und Unterthanen zusammen gesetzt. Das ist zwar vor der Französischen Revolution nie ganz gelungen. 3 5 4 . der ständischen Erfahrung angepaßten Theorie waren freie Bauern. sozial und rechtlich bestimmt war. Das veränderte sich nun im Verlauf der Frühen Neuzeit schleichend. Bd. zugleich Untertan. aber tendenziell verblieben den alten Ständen nur noch rechtliche Privilegien und soziale Führungspositionen. Halle 1742. Im Hinblick auf die Souveränität des Fürsten.« So entstand langsam aus dem Untertanenverband eine noch auf den gemeinen Nutzen ausgerichtete.Drei bürgerliche Welten? als Mitglied oder Repräsentant von Ständen. 31. aber auch nur in dieser Hinsicht. S. Subjekt: Und als solcher hatte er keine politischen Herrschaftsrechte mehr. weil die Stände weiterhin so oder so ihr Mitsagen hatten. ohne daß sich diese Bereiche empirisch hätten trennen lassen. 1792. . S. Schlözer. verwandelten sich alle ›Bürger‹ in einen Untertanenverband. Es han3 3 J. aber tiefgreifend. 6 s 6 f . 4 A.754f. »Man verstehe hier durch die Republic die bürgerliche Gesellschafft.

auch der stadtbürgerlichen Geschlechter. sondern Teilhabe an der Staatsgewalt zu gewinnen. die sie im Rahmen der aristotelisch vorgedachten societas civilis immer schon innehatten. ihr Eigentum. die politische Gewalt an den Staat delegiert oder . um ihre wirtschaftlichen . vor allem ihr Grundbesitz und ihre Nähe zu den Höfen sicherten den alten Ständen. Deren Bürgern ging es . Jahrhundert gesellschaftlich im außerpolitischen Sinne. wurde dem privatrechtlichen Gleichheitsgrundsatz unterworfen.nicht darum. der modernen bürgerlichen Gesellschaft. eine Norm.h. Wenn auch nicht mehr politisch im Sinne der alten bürgerlichen Gesellschaftsordnung und wenn auch nicht mehr rechtlich im Sinne der alten Privilegienordnung. Jede bislang durch Geburtsrechte abgesicherte Vorherrschaft des Adels. Die privilegierten Stände. Hier nun befinden wir uns bereits im Bereich der reinen Gesellschaft. so doch sozial. Nicht nur politisch.überspitzt gesagt . der freilich erst durch die Revolutionen von 1830 und 1848 Nachdruck verliehen wurde. auch rechtlich veränderte sich die überkommene Ständegesellschaft in ihrer abgestuften Ordnung. im achtzehnten Jahrhundert zu sprießen begann. und so sukzessive auch in den übrigen Ländern Europas. Nur sozial gesehen blieben die ehemaligen Herrschaftsstände weiterhin in ihren Führungspositionen.4o6 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte delt sich um ein semantisches Potential.Interessen sicherzustellen. Herrschaft konnte seit der Französischen Revolution kein persönlicher Rechtstitel mehr sein. politische Herrschaft auszuüben. d. utopisch aufgeladen. voran dem Adel. seit dem 19. stilbildend und wirksam. Theoretisch wurde alle Herrschaft entpersonalisiert zugunsten der Souveränität des Staates. Ihre Reputation. weiterhin Einfluß auf die politischen Entscheidungen der jeweiligen Staatsgewalt. Nur im House of Lords und in den Ersten Kammern lebten alte Herrschaftsrechte weiter. gingen in der Französischen Revolution schlagartig aller Vorrechte verlustig. den ein Fürst oder ein Parlament oder beide zusammen repräsentieren mochten.und kulturellen und religiösen . besonders der Adel und der Klerus. das. ihr familiärer Zusammenhalt. Auf dem Boden rechtlicher Gleichheit. blieben die alten Stände mächtig und einflußreich. ihre Beziehungen.

sondern ökonomisch definiert. 1868. 6. au profit de qui travaillent les prolétaires. In der polemischen Definition eines französischen Republikaners von 1841 handelt es sich um die Herrschaft der Bourgeoisie. an denen gemessen alle Politik nur noch Überbau oder Epiphänomen sei. Paris 1 8 3 9 . B. Was ist ein Bourgeois. Duclerc u. dank freundlichem Hinweis von Wolfgang Mager. Hier ging es täglich darum. 10. aber ökonomisch eigenständigen Bereich definiert hat. Pagnerre. aber nicht staatlich vorgegebener Lebensverhältnisse. Es ist der Raum nicht mehr rechtlicher. die für Marx nur durch ihre ökonomischen Voraussetzungen und durch soziale Klassendifferenzen definierbar ist. in dem das Prinzip individueller Leistung vorherrschte.heute ein Herr. »Un maître d'aujourd'hui. vor allem 3 6 5 Brockhaus. der Raum arbeitender und wirtschaftlich aktiver Bürger. deren Befriedigung eine wechselseitige und wachsende wirtschaftliche Abhängigkeit aller von allen hervortrieb.« Es ist jene bürgerliche Gesellschaft. Aufl. 6 8 8 f . die sich steigernden Bedürfnisse zu stillen. z. « Herrschaft wird nicht mehr politisch. Aufl. ein Diener . . Leipzig 1852. so fragt er: Gestern ein Sklave. Où commence la Bourgeoisie? Où finit le prolétariat. 165. S. Aufl. der verschiedenen Stände. Bd. 6 E.Drei bürgerliche Welten? an dessen jeweilige Verfassung gebunden. Art. »Bourgeois. und in diesem Sinne stellte der Brockhaus um die Jahrhundertmitte trocken fest: Es »unterscheidet der neuere Sprachgebrauch bisweilen zwischen Staat und Gesellschaft oder bürgerlicher Gesellschaft und versteht unter dieser letztern das Zusammenleben der Menschen und die sich daraus von selbst und ohne Zuthun der Staatsgewalt entwickelnden Verhältnisse. Qu'est ce que la Bourgeoisie? La réunion des maîtres qui vont travailler. . bewegten sich diese Bürger in einem Raum staatlich gesicherter. die sich mit ihren je individuellen Interessen zwischen Familie und Staat gleichsam unpolitisch hineingeschoben hat und die es so vor dem 19. sondern sozialer Ungleichheit. Dictionnaire Politique. die Hegel als einen zwar auf den Staat angewiesenen. Producenten und Consumenten. 7 . Oder es ist die bürgerliche Gesellschaft. S.und Berufsclassen. Bourgeoisie«. Jahrhundert nicht gegeben hat. die bürgerliche Gesellschaft. des Gegensatzes von Arbeitgebern und Arbeitern. 1.

nämlich ökologisch . Jahrhundert aus. Im Gegenteil. nationale und schließlich auf weltweite Bedürfnisvernetzungen und stetige Bedürfnissteigerungen: Es ist der Bereich der staatsübergreifenden. um sich als eigenständiger Bereich einer rein interessegeleiteten. ist darüber niemals verlorengegangen. Die Ökonomie rückte aus der aristotelischen Trias von Ethik. Daß die früher auf die Polis bezogene Bürgerschaft oder daß die römische Republik eine Gemeinschaft freier Bürger gewesen sei.die alte. auf territoriale. Sosehr die ökonomisch bedingte Freisetzung einer bürgerlichen Gesellschaft Ergebnis unserer neueren Geschichte war . dieses Modell hat auch die französischen Revolutionäre und die deutschen Idealisten. die erst seit dem 1 8 . Deren Dynamik erfaßt seitdem den ganzen Globus und wird heute erstmals von außen. Dieser konkrete und erfahrungsgesättigte. ökonomisch determinierten bürgerlichen Gesellschaft verständlich zu machen. ›Ökonomie‹ bezieht sich seitdem auf größere. So weit unser theoriegeschichtlicher Rückblick. der freilich einer ganz erheblichen Modifikation bedarf. von nichtökonomischen Faktoren. die nunmehr als »bürgerlich« begriffen wurde.oder auch religiös . Auch die . staatliche. selbst noch die schottischen Moralphilosophen geleitet. Jahrhundert bezog sich die Lehre vom oikos auf die Hauswirtschaft und auf die Binnenherrschaft über ein Haus. kapitalabhängigen. nunmehr modern zu nennenden bürgerlichen Gesellschaft auszudifferenzieren. Jahrhundert theoriefähig wurde und damit neue Erfahrungen erschlossen hat. daß die koinonia politike eine sich selbst beherrschende Bürgergemeinde sei. gleichsam dogmatisiert von Adam Smith. wissenschaftlich-technisch vorangetriebenen Industriegesellschaft.4o8 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte durch Ausbeutung. Ein begriffsgeschichtlicher Hinweis sei hinzugefügt. umfriedete Begriff der Ökonomie weitete sich seit dem 1 8 . eo ipso politischen bürgerlichen Gesellschaft zur modernen. Von den Griechen bis zum 1 8 . um den epochalen Wandel von der alten. die ihre sozialen und ihre revolutionären Folgen zeitigt und die voranzutreiben die Absicht unseres Autors Duclerc . Ökonomie.in Frage gestellt. von Aristoteles auf ihren Begriff gebrachte Bedeutung. Politik heraus. Es handelt sich um die Ausweitung des Begriffes der Ökonomie.war.

S. Denn auch die Wirtschaftsbürger suchten sich den Staat ihren Interessen anzupassen und gefügig zu machen. Der Grundbesitz blieb politisch dominant: »Hors de la propriété foncière point de salut. Und wenn diese Gruppen als Kern der modernen bürgerlichen Gesellschaft bezeichnet werden.Drei bürgerliche Welten? stoische Bürgerethik und der christlich spirituelle Gleichheitssatz aller Bürger des Gottesstaates blieben als Erbe präsent. Einige sozialgeschichtliche Hinweise seien deshalb erlaubt. d. die sich der Bürgerterminologie bedienten. so kann ein solches Urteil nur mit großen Vorbehalten gefällt werden. umgrenzbare Handlungseinheiten. im Zeitalter der Aufklärung. Es waren immer konkrete. die sich als Bürger. einem Überhang des Ancien régime. «Election«. ging weiter. eben um politische Herrschaft. Art. daß der Einfluß dieser Gesellschaft im engeren Sinne von Land zu Land verschieden stark war und daß er vor dem letzten Drittel des 1 9 . gewinnen jene Verfassungsentwürfe an Gestalt und an Durchschlagskraft. h. 360. Jahrhunderts nirgends als dominant bezeichnet werden darf. « Verschanzt hinter den Grundbesitzklauseln. Nur wurden sie transformiert und innerweltlich eingeschmolzen. Nehmen wir Deutschland. als citoyens oder als middle classes definierten. England und Frankreich als drei Länder. auch unter den Bedingungen einer liberalisierten Konkurrenzgesellschaft. um Einfluß auf die -Staatsgewalt«. Der Kampf um die politische Macht. dann zeigt sich. allgemeine Selbstbestimmung vindizieren. um ganz pragmatisch Ansprüche anzumelden oder im politischen Streit durchzusetzen. 7 7 Dictionnaire Politique. Bereits vor den sozialen Auswirkungen der Industrialisierung. die die Mitsprache der sogenannten bürgerlichen Mittelschichten pragmatisch beschränkten oder rabulistisch dosierten. die bourgeoisie durchgesetzt haben sollen. also herausgerückt aus dem theoretischen Konzept einer politisch organisierten Gesamtgesellschaft. In allen drei Ländern gab es zensitäre und indirekte Wahlordnungen. . Damit wurden die einzelnen Staaten in Europa zu Adressaten jener Gruppen. Damit rückt unsere bisher theoriegeschichtlich geleitete Semantik in konkrete Handlungszusammenhänge ein. in denen sich das Bürgertum bzw. die allen Menschen als Bürgern Teilhabe an der politischen Macht. die middle classes bzw.

immer dafür sorgte. die im Sinne der Alltagssprache nicht zur »bürgerlichen Gesellschaft« gezählt wurden. oder nur Bürger zu sein . daß die ›middle classes‹ eben . wo der Adel. .mittlere Klassen blieben. ohne hoffähig zu werden. bis weit in die Dritte Republik hinein.in Deutschland war noch kein hinreichendes Kriterium. Die ständischen und parlamentarischen Einflußmöglichkeiten blieben streng kanalisiert. Der Adel rückte nur langsam.in England.Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte wußte sich der Adel eine der bürgerlichen (privatrechtlichen) Gleichheit nicht widersprechende Führungsposition zu sichern. wo der alte.So in Frankreich. Reichtum allein brachte kein Prestige und deshalb auch nur begrenzten politischen Einfluß. Republikaner zu sein . Das liberale Ordnungsmodell.So in Deutschland. in Führungspositionen der Politik einrücken konnte. blieb . vorrevolutionäre und der neue. in den Hintergrund. die sich von der bourgeoisen und unterbürgerlichen Bevölkerung strikt abhoben. als die arbeitenden Unterschichten sich nicht nur zu artikulieren gelernt. So geriet in allen drei Ländern das sogenannte Bürgertum zunehmend unter den Druck jener Bevölkerungsschichten. de facto nur beschränkten Zugang zum Parlament erhielten. in Frankreich etwas schneller als im übrigen Europa. ohne deshalb an indirektem Einfluß oder an gesellschaftsprägender Kraft einzubüßen. sondern langsam auch Einfluß auf politische Entscheidungen gewonnen hatten. das die Gesellschaft ökonomisch nach Leistung. bei aller familiären Durchlässigkeit zu den »bürgerlichen« Schichten. daß sich die Strukturen der vorrevolutionären Herrschaftsordnung nur sehr langsam gewandelt hatten.in Frankreich. . Die gesellschaftliche Hierarchie blieb strikt gewahrt. Erst im letzten Drittel des 19. Diese sozialhistorischen Andeutungen sollen darauf hinweisen. Jahrhunderts verschoben sich die Gewichte. Reichtum und persönlichem Verdienst zu staffeln sucht. wo die Fürsten und der Hofadel gesellschaftlich dominant blieben und wo das Bürgertum nur über Beamtenpositionen. die. So in Großbritannien. auch als Dienstadel. napoleonische Adel über die hohen Zensusschwellen bis 1848 und als Grundbesitzer darüber hinaus einen erheblichen Anteil an jenen Notabein stellte. um von den alten Führungsschichten akzeptiert zu werden. Radikal zu sein .

Wie fragwürdig oder vorläufig ein solches Verfahren ist. erheblicher Modifikationen. deren ständische Vergangenheit und deren demokratische Zukunft sie unter wachsenden Wandlungsdruck gesetzt hatten. die deutsche. Rückt man die konkreten Sprachhandlungen. Die gemeineuropäische Theorietradition der societas civilis wurde in der Frühen Neuzeit zunehmend nationalsprachlich gebrochen. England und Frankreich herausgebildet haben. ist eine typologische oder historische Exegese ex post. in ihren unmittelbaren Kontext. Genaugenommen existierte die neue bürgerliche Gesellschaft nur. wie immer schon. Unser theoriegeschichtlicher Rückblick und unsere sozialhistorischen Hinweise haben sich auf einer Ebene der Allgemeinheit bewegt. Denn jede unserer drei Vergleichssprachen. Die gemeinsame Tradition gewann nationale Eigentümlichkeiten. Sehr unterschiedliche Erfahrungen wurden auf sprachlich sehr verschiedene Art auf streng unterscheidbare Begriffe gebracht. die diachron epochale Schübe und synchron gesamteuropäische Herausforderungen sichtbar macht. sondern auch die Theorie hat sich seitdem auseinanderentwickelt. daß es sich empirisch um drei verschiedene bürgerliche Welten handelte. hat auf je eigene Weise ihre unterschiedlichen sozialen Voraussetzungen verarbeitet und dementsprechend die politisch artikulierten Postulate verschieden stilisiert. die die Hypothese nahelegen. . die englische und die französische. während die neuen -sozialistischen« Herausforderungen durch die anwachsenden lohnabhängigen Unterschichten bereits an dem Führungsanspruch der sogenannten Bürger zehrten. so bedarf unser Überblick noch weiterer. werden die folgenden Abschnitte methodisch klären. Alles. Nicht nur die Praxis war verschieden. die sich seit der Aufklärung in Deutschland. Die bürgerliche Gesellschaft des 19.Drei bürgerliche Welten? 411 politisch weiterhin überformt von den grundbesitzenden Führungsgruppen. kraft derer die sozialen und politischen Ansprüche der sich als neu begreifenden bürgerlichen Gesellschaft formuliert wurden. Davon zeugt bereits ein knapper Ausblick auf die Semantik der Bürgerbegriffe in den drei Ländern. Jahrhunderts läßt sich also von Anbeginn an kennzeichnen als eine Übergangsgesellschaft. soweit sie sich sprachlich ihrer selbst versichern konnte. was darüber hinausweist.

individuelle und korporative Rechtsbegriffe des Mittelalters mit einem erfahrungsgesättigten Vokabular sozialer Beschreibung.412 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte In Frankreich herrschte eine aus der Aufklärung herrührende polemische und dualistische Begrifflichkeit. daß er nicht geeignet war. sowenig gab es einen semantischen Kern. die rhetorische Schärfe und Stoßkraft erlaubte.der ›citizen‹ als demokratisch-naturrechtlich konnotierter Erwartungsbegriff eine völlig marginale Rolle. In Deutschland gab es nur einen Begriff . Für eine vergleichende Analyse der europäischen »Bürgertümer« ergeben sich aus diesen Befunden erhebliche Schwierigkeiten. Zwischen den individuell gefilterten. konnte nur eine vergleichsweise schwache politische Stoßkraft entwickeln. Die Revolutionen von i83ound von 1848 und der Kommune-Aufstand von 1871 waren sprachlich gleichsam vorprogrammiert. Ein ums andere Mal wurden jedoch die Fürsprecher der ›middle classes» zu semantischen Kompromissen genötigt. die jedermann zustanden. will man nicht bei einer deskriptiven Bestandsaufnahme ste- . Jahrhundert hinein konkrete. den wirtschaftsbürgerlichen Interessen und den allgemeinen Bürgerrechten der Französischen Revolution. war semantisch auf die Dauer kein Kompromiß möglich. Sowenig es 1848 ein geographisches Zentrum gab. Der deutsche Bürgerbegriff blieb immer plurivalent.eben ›Bürger‹ -.besser rechtfertigen konnte als theoriegeladene Postulate.etwa in parlamentarischen Konfliktsituationen . in dem die Revolution sich hätte kondensieren können. aber allen pragmatischen Lösungen hinderlich entgegenstand. In Großbritannien schließlich spielte . an den sich die Forderungen der neuen Bürger hätten ankristallisieren können. in konkreten Handlungssituationen eine homogenisierende. eine revolutionäre Schubkraft zu erzeugen. Vielmehr konkurrierten hier bis weit ins 19. staatlich und regional so verschiedene Konnotationen oder Rechtsansprüche in sich versammelte. der aber städtisch und ständisch. nicht aber zwischen einem großen ›citoyen‹ und einem kleinen ›citoyen‹.dem Kontinentaleuropäer vielleicht überraschend . die sowohl konfliktverhindernd wirkten wie auch dosierte Besserungen freigaben. das die Ansprüche der Mittelklassen . Zwischen einem ›grand bourgeois‹ und einem ›petit bourgeois» konnte unterschieden werden.

»Bürgertum« . Jahrhundert war nicht nur eine Übergangsgesellschaft. et. L'Allemagne a eu ses villes libres. auf die sich die Begriffe beziehen. Aber ebenso müssen die daraus erschlossenen sozialen. Es bedürfte also eigentlich neben einer sozialhistorischen Metatheorie. die davon zeugen können. l'Angleterre sa . Jeder Vergleich muß also doppelgleisig verfahren: Die Sprachzeugnisse müssen übersetzt werden. II. Wir stehen also methodisch vor einer aporetischen Situation. sie kann auch nur analysiert und erkannt werden. Höchste Vorsicht und Umsicht sind geboten. Eine vergleichende Analyse der Sachverhalte. wenn die sprachlich nicht einholbaren Differenzierungen mitreflektiert werden. auch einer Metasprache.»bourgeoisie« im Lexikon » L'Europe moderne a seule connue la bourgeoisie.Drei bürgerliche Welten? 413 henbleiben.. um semantisch vergleichbar zu werden. ökonomischen und politischen Vorgänge ihrerseits vergleichbar gemacht werden was ohne die sprachlichen Vorgaben und ihre Übersetzungen nicht möglich ist.Die Gesellschaft der Bürger im 1 9 . die länderübergreifende Vergleiche ermöglicht. um die Vielfalt sprachlicher Vorgaben mit der Mannigfaltigkeit außersprachlicher Befunde untereinander zu vermitteln.. die die Unterschiede vermittelt. en Europe. . die aber als Erfahrungen an die Einmaligkeit der jeweiligen Sprache zurückgebunden bleiben.»middle class« . lassen sich in den scheinbar entsprechenden Begriffen anderer Sprachen reproduzieren. Jede umschreibende Übersetzung verliert den Erfahrungsgehalt konkreter Begriffe. wenn sie zwischensprachlich und diachron übersetzt wird. die auf ihren Begriff gebracht worden sind. Eine solche Metasprache aber gibt es nicht. Insoweit hängt jeder Vergleich von der Übersetzbarkeit sprachlich je verschiedenartig gespeicherter Erfahrungen ab. kann also methodisch nur überprüfbar werden. Nicht alle Erfahrungen. Die Untersuchung aller gesellschaftlichen Zustände und ihrer Veränderungen bleibt auf die sprachlichen Quellen verwiesen. c'est la France qui a vu le plus complet développement de cette institution .

. Larousse. daß der gesamteuropäische Vergleich in Enzyklopädien des 1 9 . Das Zitat verweist darauf. insofern sie nicht die sprachliche Widerspiegelung der sozialen Wirklichkeit bieten. Definitionen sprachlich artikulieren. Bürgerstand. stellt sich die Frage. . Dictionnaire universel du XIX siècle. In Deutschland ist die stadtbürgerliche Komponente der Bürgerbegrifflichkeit bis weit ins 1 9 . Jahrhunderts in langen Serien verfügbar und erlauben synchrone Querschnitte und diachrone Längsschnitte. mais la France entière est devenue bourgeoise et tiers état. Der Versuch einer vergleichenden Begriffsgeschichte sieht sich hier in erster Linie mit dem Problem der Übersetzbarkeit konfrontiert. Staatsbürger. 1870. In der Bedeutung von »Stadtbürger« ist »Bürger« ein Terminus aus dem ständischen Vokabular. Bd. e . Lexika und Enzyklopädien sind mit Beginn des 18. 1125. Begriffen.. Die Verarbeitung von Fremdheitserfahrungen bildete einen wichtigen Bestandteil einzelner Artikel. auf welcher Ebene Gemeinsamkeiten konstituiert werden und wo Unterschiede zu suchen sind. Mit dieser Konnotation konnte der Begriff zum Träger gesellschaftlicher Entwicklungen werden und gleichzeitig Verbindungsglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart bleiben. Diese müssen sich in irgendeiner Weise in Worten. Wenn es so etwas wie ein gesamteuropäisches »Bürgertum« gibt. Deutschland Stadtbürger. Der Rückgriff auf zwei. S. 8 e i. Jahrhunderts mehr und mehr an Bedeutung zunahm und die Autoren in ihren Artikeln über Fragen der Vergleichbarkeit reflektierten. sondern eine gesellschaftlich sanktionierte Form derselben. der eine be8 P. Jahrhundert präsent.« Diese Bemerkung aus dem Dictionnaire universel du XIX siècle verweist auf wichtige Fragen einer vergleichenden Bürgertumsforschung. Paris ca.414 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte Chambre des Communs.oder mehrsprachige Lexika liegt nahe. 2. Wörterbücher als historische Quelle nehmen eine Zwischenstellung zwischen deskriptivem und normativem Anspruch ein.

von Ort zu Ort variierende rechtliche Stellung festlegt. Halle 1733. 1876. Zedier (1733) beginnt den Artikel Bürger mit der Ableitung von Burg. Der Bürgerbegriff in diesem Sinne erhält. So ist der Bürgerbegriff dann gleichermaßen dazu geeignet. In allen Lexika des 18. zeitigt Wirkung. Bd. sowohl Gleichheit als auch Ungleichheit zu legitimieren. S. Als Bedingung der Möglichkeit wirtschaftlicher Entfaltung muß der Staat den Bürgern einen gewissen Selbstbestimmungsraum schaffen. Jahrhunderts beobachten wir ein zeitweises Nebeneinanderlaufen ständischer Vorstellungen von Gesellschaft (societas civilis) und des neuen. daß ›Bürger‹ ein Begriff ist. Bis in die 1820er Jahre spielt die Diskussion um ›bürgerliche Nahrung« und Stellung des Bürgers zum Staat eine wichtige Rolle. selbst unter dem Einfluß des in Frankreich ausgebildeten Staatsbürger-Terminus. . Landbevölkerung und nicht-bürgerliche städtische Unterschichten. die Abgrenzung nach außen an Bedeutung. keine staatskritische Funktion und wird kein Oppositionsbegriff zu -Beamter«. sich durchsetzenden Staates mit einem rechtlich gleichen Untertanenverband. dem sowohl die Fähigkeit zu einer gewissen Homogenisierung wie zu einer internen Abstufung eigen ist. die ständische Ordnung zu sprengen. der ständisch festgelegt ist und gleichzeitig die Tendenz hat. In der Logik dieser Argumentation liegt es auch. Zentrale Oppositionsbegriffe verweisen auf Adel. die in den ständischen Bürgerrechten festgelegt sind. Das Programm des aufgeklärt-absolutistischen Staates mit seiner Anbindung des Einzelnen an den Staat einerseits. seiner sozialen Verankerung in der ständischen Gesellschaft andererseits.Drei bürgerliche Welten? 415 stimmte. Es wird deutlich. Jahrhunderts gewinnt neben den fortdauernden rechtlichen Unterscheidungen. um dann sofort in die Erörterung der Spannung zwischen Stadtbürger und Untertan einzutreten. 9 Zedier.' Es zeigt sich hier die besondere Eigenschaft von ›Bürger‹ als einem Begriff. Im Verlauf des 18. 4. durch eine prinzipiell adelskritische Wendung und die Einbeziehung der Gelehrten in den bürgerlichen Stand die Gleichsetzung von ›Stadtbürger‹ und ›Bürger‹ zu überschreiten. Der Bürger wird in ein kompliziertes Netz von Rechten und Pflichten gegenüber dem Staat eingebunden.

eine Differenzierung zwischen 1 10 Brockhaus. Eine positive Definition dafür. Aus der Selbstbestimmung als Leistungsstand wird jedoch kein Anspruch auf politische Partizipation im Staate abgeleitet. wer nicht ›Bürger‹ ist. die eine Person auf sich vereinigt: »Bildung und Verdienst«. Tendenziell hat sich der Charakter des Begriffs verändert. 165. Für das 19. Jahrhundert. ›Bürgerstand‹ wird als Synonym zu ›Gewerbestand‹ gebraucht. Fabrikanten« konstatiert. wo der Stadtbürger als Wirtschaftsbürger Zugang zu staatlichen Ämtern fordert. geben die Lexikographen nicht. worunter aber nur noch »Honoratioren«. Primär ist es kein Rechtsterminus.. 2. Von etwa 1830 an gewinnt neben der Stadtbürgerkomponente besonders der Aspekt der Bildung entscheidende Bedeutung. »vornehmere Bürger«. keine Standesbezeichnung mehr. Künstler. 1 1 Ebd. das 19. Jahrhundert wird ihre Ablösung durch »Kaufleute. Es wird lediglich die Zulassung zu staatlichen Ämtern und die Zuerkennung eines bestimmten Sozialprestiges (Ehre und Ansehen) gefordert. " Die Handwerker kommen nicht mehr vor. sondern ein Begriff für bestimmte Eigenschaften und Tugenden. Kennzeichnend für die Artikel ab etwa 1830 ist eine historische Betrachtungsweise." Bildung wird immer da zum entscheidenden Kriterium. S. In dieser Sichtweise werden die Patriziergeschlechter als die ersten eigentlichen Stadtbürger genannt. S. Leipzig 1820. sowie von den Differenzierungen innerhalb des Bürgerstandes. 164. doch erscheint den Autoren für ihre eigene Gegenwart. wer ›Bürger‹ zu nennen ist. Aufl. . »Talent«.4i6 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte Mit dem Artikel Bürgerstand im Brockhaus von 1820 hat sich die bürgerliche Selbstdefinition als Leistungsstand durchgesetzt. Bd. 5. Jedoch haben die Autoren eine Vorstellung davon. »Gelehrte« und »Kaufleute« gerechnet werden. Mit Hilfe der Bildung kann die Überlegenheit des Bürgers als Mitglied eines Leistungsstandes gegenüber dem Adel belegt werden. Allgemeine Deutsche Real-Encyclopädie für die gebildeten Stande. Die Handwerker werden zwar in der historischen Darstellung als Teil der Stadtbürgerschaft aufgefaßt. »anhaltender Fleiß«. »Anstrengung«.

Idealtypisch lassen sich dabei drei Versionen unterscheiden. S.Drei bürgerliche Welten? 4*7 »niedrigen Bürgern« und »eigentlichem. an den Gemeinde. v. Teil. Auflage 1820. Rotteck und C.13. 14 R. ›Bürgersinn‹. 1 5 3 ff. S. 1 7 2 L 15 Ebd. hierzu v. Deutsches Staatswörterbuch. Allerdings werden diese »historischen Erfolge« nicht allein den Anstrengungen der Stadtbürger zugeschrieben.: Brockhaus. Jahrhunderts diente diese Fassung der Geschichte in erster Linie dazu. Allgemeine Encyclopaedic der Wissenschaften und Künste. C.und Landtagsabgeordneten12 14 15 i z J. Welcker. Leipzig 1828. Zweitens: die demokratische Version. 3 0 5 ff. Bd. 3. 369. wobei von den verschiedenen Lexikographen die Bedeutung der städtischen Selbstverwaltungsrechte unterschiedlich hoch angesetzt wird. Ein Staatslexicon für das Volk. Altona 1836. Bürger wird nie verabsäumen. Die historischen Rückblicke auf die Entwicklung des Stadtbürgers in den Lexikonartikeln sind als Identifikationsangebote im Rahmen der politischen Debatte des 19.a. Bluntschli und K. . Erstens: die konstitutionell-liberale Version. 5. Blum. Bd.Jurgersinn] ausgestattete. 2. T. S. Bd. 1.. Leipzig 1848. Allein die »bürgerliche Kraft und Selbständigkeit« wird für fortschrittliche Entwicklungen seit den mittelalterlichen Städtegründungen verantwortlich gemacht. Bd. In den politischen Auseinandersetzungen des 19. Gruber. Ersch und J. 1. Auf die Skizzierung einer konkreten Verfassungsform für die Zukunft wird hingegen verzichtet. ›Gemeinsinn‹ und -Vaterlandsliebe« werden dafür zentrale Vokabeln. 1 6 4 f . Jahrhunderts lesbar. 2. Gewerbe und Wissenschaft. Es wird eine Erfolgsgeschichte städtisch-bürgerlicher Schichten vorgeführt. Stuttgart 1857. J.'^ In dieser Sichtweise erscheinen die mittelalterlichen Städte als Ausgangspunkte fortschrittlicher Entwicklungen in Handel. Jahrhunderts die Option für die konstitutionelle Monarchie. Brater. Mit dieser Version verbindet sich im Kontext der Debatte des 19. den Bürgern Selbstbewußtsein zu vermitteln und sie auf bestimmte Werte einzuschwören. Sect. Volksthümliches Handbuch der Staatswissenschaften und Politik. 1 3 Vgl. Staats-Lexikon oder Encyclopädie der Staatswissenschaften. S. »Der ächte mit B. . höheren Bürgerstand« notwendig. S. Vielmehr wird das Bündnis zwischen Fürsten und Bürgern als notwendige Voraussetzung für diesen Entwicklungsprozeß gewertet.

Es muß als Ausdruck berufsständischer Interessen. Vorwort. "Wagener. Innerhalb dieser Vorstellung wurden die einzelnen ›cives‹ (als Hausväter) als selbständige Glieder des politischen Gemeinwesens gesehen. zur Unterstützung Nothleidender. Mit dieser Version verbindet sich die Option für eine Wiederbelebung ständischer Gruppen auf allen Ebenen. . der einer »Atomisierung des alten Volksthums« Vorschub leistet. ' Die mittelalterliche Stadtbürgergesellschaft erscheint als »organischer« Bestandteil der alten ›societas civilis». Riedel. 1859. 4. 6 7 4 f. Bd. Die Vertreter der verschiedenen politischen Richtungen streiten nicht um den Begriff selbst. 17 H. Theil zu nehmen. Bd. 19 Gemeint ist hiermit die während des 17. 8. Staats.und Gesellschaftslexikon. soweit er hierzu berechtigt ist. 1. 18 "Wagener. gewertet werden. Im Vormärz liegt das zentrale Anliegen vor allem der aus dem Hause Brockhaus kommenden Werke darin. durch die Theorien der Herrschersouveränität verdrängte scholastisch-arisrotelische Begriffsauffassung. bürgerliche«. die Berechtigung der Bürger zum Staatsdienst gegenüber dem Adel geltend zu machen. die sich in den Lexika artikulieren. Berlin 1 860.4i8 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte wählen. zur Beförderung gemeinnütziger Anstalten. In der Mehrzahl der Lexika erscheint der über staatliche Bildungspatente anspruchsberechtigte Bürger als Beamter dem Adel und den Wirtschaftsbürgern vorangestellt. In Abwehr der Adelsvorherrschaft werden die Beamten und nicht die Bürger zu den eigentlichen Trägern des Staates. Die Berufung auf den Stadtbürger und die Ablehnung der ›civis‹-Tradition ist bei allen politischen Richtungen festzustellen. wahrgenommene Mißbräuche und Ubelstände zur Sprache bringen. die ihm durch das Vertrauen seiner Mitbürger übertragenen Gemeindeämter anzunehmen.I.. daß den Gelehrten als einzigem Stand die Zugangsberechtigung zum Beamtenstatus zuerkannt wird.. Vgl. »Gesellschaft.729-746. insbesondere wegen ihrer Freiheitsbestrebungen und ihres Kampfes für ein freies Bürgerthum unterdrückte oder verfolgte Männer und deren Familien sein Scherflein beizutragen.« Drittens: die neoständiscb-konservative Version. Art. Jh. 16 1 18 19 1 6 Ebd. Der altständische Bürgerbegriff wird dem modernen Staatsbürgerbegriff. Der Begriff gewinnt seine Bedeutung für die jeweilige politische Tradition erst durch die Einbindung in einen bestimmten historischen Kontext. S. S. positiv entgegengestellt.

Bd.. S. Die Orientierung vieler Autoren. »Unter allen ständischen Bildungen des Mittelalters entspricht die des Bürgerstandes den modernen Rechtsanschauungen am meisten. dessen Bedeutung eindeutig ist.« ' Nur als kurzes Zwischenspiel innerhalb der Kantrezeption wird -Staatsbürger« zum Gegenbegriff von -Untertan«. die sich darum bemühen. spezifisch bürgerliche Tugenden zu sein. 55: »Gottesfurcht. christlicher Hausstand. ritterlicher Wandel.Drei bürgerliche Welten? 4 r 9 Staatsbürger. 1865 hat Bluntschli mit dem -Staatsangehörigen« ' einen neutralen Terminus als Oberbegriff gefunden. sondern den »Stand der Regel«. S. 1857. an dem Modell des Stadtbürgers ist so stark. jetzt staatlich geregelten Unterscheidung zwischen Einheimischen und Fremden verschoben. 1. 21 2 22 zo Bluntschli. Es wird ein Verhaltenskodex ausgearbeitet. horizontalen Differenzierung zu der alten. Die an zentraler Stelle genannten Tugenden beanspruchen überhaupt nicht mehr.bzw.« . Das heutige Staatsbürgerthum wurzelt vorzüglich in dem Begriff der mittelalterlichen Stadtbürgerschaft. der für alle gültig sein soll. 325. in: Brockhaus. das Wortfeld über bestimmte Tugenden und eine allgemein verbindliche Kultur einzugrenzen. daß auch der Staatsbürger-Begriff aus dem Stadtbürger abgeleitet wird. dazu den Artikel »Adel und Bürgerstand in der neuesten Zeit««. gute Kinderzucht. 2. Er bildet daher den Übergang aus dem Mittelalter zur neuen Zeit. Bd. sondern ebenso einer tüchtigen bürgerlichen Gesinnung. Conversations-Lexicon der Gegenwart.. Fast unmerklich hat sich damit der Gegensatz von einer inneren. 9. Treue gegen Vaterland und Souverän. Der schwierigen Frage nach dem Verhältnis von Untertan und Staatsbürger entgeht man durch die Unterscheidung in aktive und passive Staatsbürger. Ausschluß bestimmter Gruppen in das Staatsbürgertum bleibt dennoch bis zur Durchsetzung des allgemeinen Wahlrechts in Deutschland ein dauerndes Problem der Begriffsbestimmung. Im Vormärz schieben sich Tendenzen in den Vordergrund. S. sind allen Ständen notwendig und kein Beweis einer adligen. 22 Vgl. Der Ein. über Begriffsbildungen und ihre Verankerung in der Tradition so etwas wie eine »bürgerliche Identität« zu stiften. 1865.. Der Staatsbürger-Begriff entwickelt sich rasch zum terminus technicus. 649. 2 1 Ebd. Bd. Die Bürger verkörpern nicht mehr den »Stand der Ausnahme«. Leipzig 1838.

6. Leipzig 1 8 0 1 . 12. 25 Ebd. S. als den besten Repräsentanten des innersten Grundgedankens und Kernes deutschen Bürgerthums zu bezeichnen haben. Die andere Stufe. daß sich hiernach Wesen und Bedeutung des von uns geschilderten Bürgerthums nur dort erhalten können.42. benutzt ›Bürgertum‹ jetzt also als sozialen Beschreibungsbegriff für eine nicht näher spezifizierte Gruppe. Militärdienst). Dictionary English-German and German-English. die Repräsentation der Ehre der Arbeit und die organische Vermittlung von Oben und Unten im Bewußtsein und in lebendiger Uebung geblieben sind. der Begriff mahnt auch eine »vaterländische« Gesinnung und die Erfüllung bestimmter Verpflichtungen gegenüber dem Staat an (Steuern. I. 10. ist von der Struktur her verwandt. Bailey führt 1 8 0 1 »das Bürgerthum« synonym zu »der Bürgersinn« als Ubersetzung des englischen »civism« auf.7 5 . Dieses geschieht primär über den Begriff des Staatsbürgertums: nicht als soziale Gruppe. In diesem Sinne ist »Bürgertum» gerade nicht synonym zu »Bourgeoisie« 23 24 25 23 N. um auf die Differenz zum veralteten Begriff »Bürgerstand» aufmerksam zu machen. Bd. sondern als Eigenschaft. Bürgertum. und daß wir daher des fremdartig klingenden Namens ungeachtet doch die englische Gentry. 2 4 Wagener. . Als eigenständiges Lemma erscheint ›Bürgertum‹ nicht vor 1 8 6 0 . Bailey. Aufl. i 8 6 0 . Bürgerstand. Damit sind nicht nur bestimmte rechtliche Qualifikationen gemeint. Übernahme von Gemeindeämtern. 4 . Zuerst nimmt ein konservatives Lexikon ›Bürgertum‹ als eigenständiges Lemma auf. der der gegenwärtigen Gesellschaft nicht mehr angemessen sei. S.« . die man loyalen Untertanen abverlangt... Wagener greift auf das noch seltene Wort »Bürgertum» zurück. über die der Begriff in die deutsche Sprache Einzug findet. Bd.0 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte Als bürgerliche Tugenden können schon im Vormärz auch Verhaltensweisen gekennzeichnet werden. Diesem neuen sozialen Beschreibungsbegriff für eine »vielfach innerlich gegliederte« Bevölkerungsgruppe kommt eine wichtige ideologische Funktion zu: die Vermittlung zwischen Adel und Proletariat. 6 7 5 : »Es leuchtet ein. Vorher fungiert das Wort sporadisch in einzelnen Artikeln als Bezeichnung für bestimmte Eigenschaften und nicht als sozialer Beschreibungsbegriff. Bürgerthum« überschriebenen Artikel knüpft Wagener an die ständischen Konnotationen des Bürgerbegriffes an. wo Beides. In dem »Bürger. S. 6 7 2 .

noch seltener ist der Begriff hier als Selbstbezeichnung. mit der Einzelne ihre Gruppenzugehörigkeit ausdrücken wollen. et bien que notre penchant pour les distinctions semble puéril aux Anglais. il est aisé de démontrer qu'ils n'en sont pas exempts. Das Vokabular der Gesellschaftsbeschreibung zeichnet sich in England dadurch aus. l'amour des uniformes. wie auch schon von zeitgenössischen Englandreisenden bemerkt wurde.. »Bürgertum« ist in diesem Sinne nicht als Teil einer language of class zu verstehen. Statt eines funktionalen Äquivalents gibt es eine Reihe von Wörtern. anzutreffen. 50: »L'Anglererre est le pays de l'égalité légale. mais les règles de l'étiquette. orders und classes: die Gesellschaft als soziale Stufenleiter.« 26 27 26 F. die sich politische Führungsansprüche anmaßen. das sozialen Rangabstufungen Ausdruck verleiht. Bankiers und Fabrikanten. Ils n'ont pas comme nous. die Gesellschaft in Klassenbegriffen wahrzunehmen. Les Anglais chez eux. sont d'une rigeur et d'une intolérance inconcevables. Leipzig 1716. « 27 C. burgess. Bis 1801 findet in den angebotenen Ubersetzungsmöglichkeiten von ›Bürger‹ ins Englische ausschließlich die stadtbürgerliche Komponente Berücksichtigung. Teutsch-Englisches Lexicon. par rapport aux titres qui marquent les degrés hiérarchiques érablis entre les diverses classes. England Ranks. citizen. die in jeweils unterschiedlichen Kontexten eingesetzt werden.. Das Wort oder der Begriff ›Bürgertum‹ wird in den Lexika entgegen dem sich allgemein durchsetzenden Sprachgebrauch auch nach 1850 nur in Ausnahmefällen als sozialer Beschreibungsbegriff verwendet. 230. daß neben der formalen Rechtsgleichheit ein differenziertes Titelsystem steht. daß die Suche nach harmonischen statt nach disparaten Elementen der Gesellschaft im Mittelpunkt steht. cit or eid. sondern gerade als Ausdruck der Weigerung. . Paris 1856. S. a portman. Für den mehrdeutigen deutschen Begriff ›Bürger‹ verfügt die englische Sprache über keine Entsprechung. Charakteristisch für alle in den Lexika vorgenommenen Ideologisierungen des Begriffs ist. Ludwig. a burgher.Drei bürgerliche Welten? 42T bei Wagener der Begriff für die kleine Klasse von Kapitalbesitzern. mais ce genre d'équilibre n'atteint pas jusqu'au mœurs. S. 2. » A freeman of a town. Wey.

Dies ist allerdings nicht ein Beleg für die Ungebräuchlichkeit des Wortes. kann Ludwig mit seiner Übersetzung als »commons. 1716..422 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte ›Bürger‹ als ständische Bezeichnung entzieht sich noch stärker als die stadtbürgerliche Komponente der Übersetzung. sondern nur um Verzeichnisse schwieriger Worte handelt. wie sie in der Encyclopaedia Britannica ( 1 7 7 1 ) anzutreffen ist. größere soziale Formationen zu bezeichnen. Es geht weniger darum. zH . ins Englische aufgenommen. zu sein. London 1740. erfährt das Wort 28 29 Ebd. sondern im Gegenteil als Indiz für eine relativ hohe Bekanntheit zu deuten. graduelle Differenzierungen der sozialen Stellung zu benennen. Pardon. doch können auch alle Einwohner einer ›city‹ gemeint sein. da es sich bei den frühen englischen Wörterbüchern nicht um Inventare der gesamten Sprache. »Citizen« (ohne Seitenangabe). A New General English Dictionary. Während im Deutschen der Terminus ›civis‹ eindeutig als Wort lateinischen Ursprungs erhalten bleibt und nur in bestimmten Fachsprachen Verwendung findet. Der Tatsache. Besonders die Eintragungen unter Stand deuten auf die völlig andere Struktur der ständischen Begriffswelt hin. Es handelt sich also primär um einen Rechtsterminus für die freien Bewohner einer ›city‹. wird ›citizen‹. the commonalty« nicht Rechnung tragen. Citizen. was durch die Bevorzugung von Komparativa deutlich wird. Dyche u. vermittelt über die französische Sprache. Das Wort ›citizen‹ wird erst um 1 7 0 0 in die einsprachigen englischen Lexika aufgenommen. wie es sich in der ausführlichen Diskussion um den römischen Bürgerbegriff zeigt. S. Über die Vorstellung vom »good C i t i z e n « . Im Gegensatz zum deutschen ›Bürger‹ wird » C i t i z e n « nicht als Bezeichnung für einen Repräsentanten gewerblicher Bevölkerungsgruppen benutzt. daß ›Bürgerstand‹ im Deutschen entweder im Sinne von »Dritter Stand« die Bauern einschließen kann oder als Gegenbegriff zur Landbevölkerung dient. 29 T. als darum. Ein Grund hierfür scheint die Konnotation an ein aristokratisches Modell. Bis Johnson ( 1 7 5 5 ) sind die Eintragungen inhaltsgleich mit folgender aus dem General English Dictionary von 1 7 4 0 : »A freeman or inhabitant of a city «. W.

findet man auch in England. wo er jedoch unter ›city‹ diskutiert wird.ein Gedanke. commonalty. Burgher. wird die Bedeutung von ›burgess‹ bald eingegrenzt auf »one who serves in a parliament for a burgh«. Aufl. »commons« (ohne Seitenangabe). 3 3 E. »burgher« (ohne Seitenangabe). 1. Sicherlich eignen sich diese Begriffe nicht als Träger neuer sozialer Ideen. . Cyclopaedia. Die Britannica von 1797 führt eine ökonomische Differenzierung der ›commons‹ in »proprietors of land« und «mercantile or supposed trading interest« ein. or Universal Dictionary of Arts and Sciences. S. daß die Modernisierung und Demokratisierung der Gesellschaft von den Städten ausgeht . Dictionarium Britannicum. London 1741. 31 S. Die Begrifflichkeit von ›commoner‹. Chambers. Commoner. 295. Beide Worte verlieren mit der Aufhebung der ›rotten boroughs‹ durch die Parlamentsreform von 1 8 3 2 an Bedeutung und müssen von da an als veraltet gelten. 1. Edinburgh [771. Bd. 34 Britannica. ›commons‹ ist eng an das parlamentarische System gebunden. die als ›citizen‹ durch Ruhm und Unsterblichkeit zugleich bereits aus der Gemeinschaft hervorgehoben ist. London 1730. S. A Dictionary of the English Language. der für die deutschen Lexika unter ›Bürger‹ aufgehoben ist -. Allerdings wird der zivilisatorische Fortschritt nicht ausschließlich als eine stadtbürgerliche Errungenschaft behandelt. 219. 1797. Die Vorstellung.Johnson. 1741 sieht Chambers dieses Verhältnis noch quasi ständisch. Bd. London 1755. Bd. »burgess« (ohne Seitenangabe). wenn er ›commons‹ als »one of the three estates of the kingdom« definiert. die Unterscheidung in » upper house « und » lower house of Parliament« oder »house of commons«. 32 N. Bailey. ›Burgher‹ ist im allgemeinen Sinn von »townsman« und selten genauer spezifiziert als »one who has a right to certain privileges in this or that place« gebräuchlich. Bd. ›Citizen‹ gewinnt Bedeutung als Charakterisierung einer für die Gemeinschaft vorbildlichen Person. 5. Diese sitzen aber nicht nur als 30 31 32 33 34 30 Encyclopaedia Brirannica. 3.Drei bürgerliche Welten? 425 partiell eine emphatische Aufladung. commons. burgess. i. Noch stärker als bei ›citizen‹ handelt es sich bei ›burgher‹ und ›burgess‹ um rechtliche Fachtermini. Zunächst synonym als Bezeichnung für »an inhabitant of a burgh or borough « verwendet.

or Universal Dictionary of Arts. Neben der Verwendung als Fachtermini sind ›commoner‹ und ›commonalty‹ aber auch als pejorative Bezeichnungen der »old society « nicht geeignet.424 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte Vertreter verschiedener »Interessen«. 3. London 1969. such of the commons as are above the ordinary sort". daß sukzessive Parlamentsreformen die demokratische Basis des »House of Commons« erweitert hätten und 1832 zunächst den ›middle classes‹ und 1867/84 den ›working classes‹ das Wahlrecht gegeben hätten. 39 H. Sie eignen sich darum kaum. S. S. Perkin. Im Gegensatz zu ›working classes‹ gibt es aber keinen Artikel ›middle classes‹. um als Selbstbezeichnungen neu entstehender sozialer Schichten umdefiniert zu werden. Von 1815 an macht sich bei Beibehaltung des Dualismus »lower of the two divisions of the civil S t a t e « die Tendenz zur inneren Differenzierung bemerkbar. Sciences.seit 1867 . sondern immer auch als Verantwortliche für das commonwealth im Parlament. Rees. In Klassengrenzen überspielenden Formulierungen zeigt sich die zeitweise erreichte Aktionseinheit von ›middle classes‹ und ›working classes‹. definiert »commonalty« als »middle rank of the King's subjects. zu positiven Identifikationsbegriffen aufzusteigen. 9. S. London 1832. 17 ft. or Universal Dictionary of the Arts. 7. Bd. Bd. London 1819. S. 6. Zum ersten Mal wird aber auch eine Identifikation von ›commonalty‹ mit mittleren Schichten vorgenommen. Literature. 36 A.Vertreter der Arbeiteraristokratie. A Dictionary of Universal Knowledge. 1890 schließlich kann der Autor des Artikels »Parliament« in Chamber's Encyclopaedia rückblickend konstatieren. ›Commons‹ oder seltener ›commoner‹ bezeichnen als Fachtermini die Mitglieder des »House of Commons« und sind damit Oberbegriffe für ›gentry‹. . sondern auf den allgemeinen Bildungsstand. Besitzende und . Bd. Bd. Der Erfolg der Reformbewegung von 1832 wird im Artikel » Commons. The Cyclopaedia.774.407ft'. London 1890. House of« in der Penny Cyclopaedia nicht auf die Anstrengung der ›middle classes‹ allein zurückgeführt. Literature. 202. Aufl. 7. 35 36 37 ls 39 35 Encyclopaedia Perthensis. Origins of Modern English Society. Das Vokabular der language of class ist nunmehr eingebürgert. Sciences. Edinburgh 1815. 38 Chamber's Encyclopaedia. 37 The Penny Cyclopaedia of the Society for the Diffusion of Useful Knowledge.

betonen aber die Differenz. Biography. Es ist ein Begriff aus der »old society «. S. Sciences and Literature.« (Johnson. 41 Perthensis. Spätestens seit 1810 wird ›gentleman‹ aber auch zum Ehrentitel. or. Jahrhundert als Anrede für einen Angehörigen des Adels allgemein dient. 390. Als Fachterminus war ›gentleman‹ der Titel für den niedrigsten Rang innerhalb der ›gentry‹. 237. das besonders in der ersten Hälfte des 19. die Bezeichnung für den niederen Adel. London 1810. Jahrhunderts eine Renaissance erlebt.. London 1862. 1 0 . « Insgesamt ist ›gentry‹ als Lemma nur äußerst selten anzutreffen. fungiert ›gentry‹. 3. Middle class. Jahrhunderts. History. Innerhalb des «aristocratie ideal«. 3 1 5 .Drei bürgerliche Welten? 40 42-5 Gentry. as well as those that are born such«. 1 8 1 6 . being a General Dictionary of Arts. London 1862. those between the vulgar and nobility. S. Entscheidend sind ein bestimmter Verhaltenskodex und ein gewisses Maß an Bildung. der aber gleichzeitig seit dem 18. S. S. der allmählich als veraltet aus dem Wortschatz verschwindet und nicht mit neuen Bedeutungen aufgefüllt wird. 318. gentleman.. Ahnlich wie in Deutschland -Bürgertum« wird -middle class‹ im Bereich der Erziehungsinstitutionen virulent. A Complete Treasury of Useful Information . or Universal Dictionary of Arts. 336: -There is said to be a gentleman by virtue of office and in teputation. Die Zeitgenossen ziehen Vergleiche zum deutschen Wort »gebildet«. Bd. 18r6 heißt es in der Perthensis: »Class of People above the vulgar. 42 Encyclopaedia Londinensis. Conversations Lexicon.. 43 The Popular Encyclopaedia. 8. als Synonym des alten deutschen Mittelstandsbegriffs des 18. ›Gentleman‹ wird zur zentralen Vokabel in einem englischen »Sonderwegs-Mythos« des historischen Kompromisses mittlerer Schichten mit der Aristokratie. 8 . 40 . 44 Mit dem Fachterminus -middle class examination* wird 1 8 5 9 die Zulassungsprüfung für Oxford bezeichnet: The Family Cyclopaedia. 1755). » Money confounds Subordination. Bd. Literature. Bd. Als Schlüsselwort zur Abgrenzung nach unten gegenüber den -labouring classes* hat sich ›gentleman‹ 1862 endgültig verfestigt. In den untersuchten englischen Sachwörterbüchern führt keines -middle class(es)‹ als eigenständiges Lemma auf.. In den Artikeln »education« finden sich wesentliche Aussagen zur sozialen Differenzie41 42 43 44 Ebd. Erhics and Political Economics. Sciences.

›Middle class‹ taucht in ihnen als Schlüsselbegriff im Rahmen einer Fortschrittsmetaphorik auf. 8 . 9. Der Erhalt von ›patronage‹ und ›property‹ wird zunehmend an die Bedingung von »learning« geknüpft. angeführt. that considers labour as the source of happiness. Diese Gruppe wird auf ein ›leisure class‹-Ideal eingeschworen. da sie erlaube. in dem »liberal education‹ empfohlen wird. sondern weil sie bestimmte gesellschaftlich notwendige Arbeiten leisten müssen. that is characterized by industry and activity unexampled. etwa im Bereich der Theorie der politischen Ökonomie. dieses aber um die Leistungskomponente erweitert wird.426 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte rung. and free inquiry on all subjects as the best privilege of a free man . a class. «manufacturer. Das Vorhandensein der »inferior ranks of society‹ oder später der 'labouring people‹ sowie ihr Ausschluß von höherer ›education‹ bleibt über den gesamten Zeitraum eine von allen Autoren als unabdingbar anerkannte Notwendigkeit. Fortschritt im Sinne von ›civilisation‹ und Wettbewerb gewinnt neben ›influence‹ an Bedeutung. 1816. « Seit 1789 beobachten wir zwei gegenläufige Entwicklungen. die Phase nach dem Rückzug aus dem Geschäftsleben in angenehmer Muße zu verbringen. a class neither envercated by excessive wealth and indolence nor depressed by poverty. überwiegen konkrete Funktionsbezeichnungen wie ›trader‹. wenn professionelle und wirtschaftsbürgerliche Mittelschichten auf ein ›gentleman‹-Ideal verpflichtet werden. namentlich ›merchants‹ und ›manufacturers‹. Bd. properly and truely denominated a middle class. 2 8 2 . »But if such a society contains a class. 8. 1 8 3 2 . a class. ›producer‹ und ›con45 46 45 Penny Cyclopaedia. 46 Perthensis. Es muß als geglückte Form der Vergesellschaftung gelten. In anderen Zusammenhängen. Andererseits wird im Rahmen der Diskussion um die »liberal education‹ auch ausdrücklich der Nutzen für die »middle stations of life‹. S.44. zu deren Übernahme ›education‹ entmotivierend sei. nicht weil bestimmte Bevölkerungsgruppen grundsätzlich nicht bildungsfähig seien. Bd.such a society may exist and continue to be indefinitely in a state of progressive improvement. .

Drei bürgerliche Welten? 47 427 sumer‹. 2. 5. 1862. Konkretere. 370.. J. den Artikel -Political Economy**. die zu aktuellen Fragen Stellung beziehen und das Aufeinanderprallen eines » aristocratie ideal« mit dem » entrepreneurial ideal« erwarten ließen (»free trade«. für oder gegen Freihandel beziehen. «municipal reform«). é n . Bd. Frankreich Bourgeois oder Citoyen? Rechtstitel. adäquat darzustellen. Es scheint. »Le bourgeois est celui dont la résidence ordinaire est dans une ville. Jahrhunderts verfestigen sich vor allem zwei einander beeinflussende Definitionen von -bourgeois*. S . um Interessenkonflikte. des arts et des métiers . »corn laws«. aber sie argumentieren kaum mit dem Begriff ›middle class‹. le Rond d'Alembert.. tragen zwar den politischen Optionen der Autoren Rechnung. Auch Artikel. »Reform act«. 3. Bd. obwohl er seit den 1830er Jahren fest etabliert ist. Standesbezeichnung oder Klasse? In Frankreich wird das zum deutschen ›Bürger‹ äquivalente Wortfeld über den ganzen Untersuchungszeitraum hinweg durch das Wortpaar -bourgeois* und ›citoyen‹ strukturiert. Paris 1751. . B. Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences. « Bourgeois.. daß die soziale Reichweite des Begriffs (£io-householders) zu groß war. indem sie eindeutig Stellung z. in: The Popular Encyclopaedia. Inwiefern hat dieser Dualismus zu größerer Eindeutigkeit in der Begriffsbildung geführt? 1 7 5 1 macht die Encyclopédie den implizit spätestens bei Richelet 1680 deutlich werdenden Bedeutungsunterschied zwischen den beiden weiterhin auch synonym verwendeten Worten programmatisch explizit. le citoyen est un bourgeois considéré relativement à la société dont il est membre. etwa zwischen agrarischen und industriellen Gruppen. 48 D. c a pitals danded interest*. S. Diderot u. an Berufen und Wirtschaftsformen orientierte Kategorien (›manufacturers‹. Im Laufe des 18. -Bourgeois* meint entweder den mit bestimmten Privilegien ausgestatteten Einwohner einer Stadt oder wird innerhalb 48 47 Vgl. ›monied interest*) eignen sich besser für diesen Zweck.

51 Diese Bedeutung wird besonders während der Revolution reaktualisiert.» Dictionnaire de l'Académie Française. qui jouissent de plusieurs privilèges dont le peuple ne jouit pas. Vielmehr bildet ›bourgeois‹ weiterhin ein Synonym für ›roturier‹.und Identifikationsbegriffen werden in dieser Zeit peuple. Paris 1799. Von den Lexikographen des 19.oder Bauernstand« wird noch 1780 als »roture« übersetzt. 49 51 49 Dictionnaire de Trévoux. 1068: »Bourgeois. »Le titre insignifiant de bourgeois doit tomber comme ceux de noble. Er behält die ständischen und stadtbürgerlichen Konnotationen. 2. Bis 1800 spielt der Begriff ›bourgeois‹ für die französische Lexikographie ein untergeordnete Rolle. »Dans les différent Métiers les Garçons appellent Leur Bourgeois. 1. 1. politischen Kampf. à la distinction des Gentil-hommes et des ecclésiastiques. Paris 1721. S. S. bedeutete die Revolution keinen Bruch. Hier findet man innerhalb des korporativen Sprachgebrauchs Anknüpfungspunkte. 1. . die er im Verlauf des 18. »Bürger. Als ständische Bezeichnung charakterisiert ›bourgeois‹ eine nichtadlige Person. tiers état und citoyen. indem sie annahmen. Aufl. se dit aussi pour marquer les gens du tiers Etat. erleichtern. ›Citoyen‹ wird positiv gegen die ständisch belastete Bezeichnung ›bourgeois‹ ausgespielt.« 50 Nouveau Dictionnaire Allemand-François et François-Allemand à l'usage des deux nations.428 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte des städtischen Vokabulars zur Bezeichnung für ein Mitglied des dritten Standes im Gegensatz zum Adel und zum Klerus verwendet. Jahrhunderts gewonnen hat. Wien 1780. 163. Dennoch bildete sie insofern einen Einschnitt. Was die wirtschaftsbürgerliche Komponente des ›bourgeois‹-Begriffs angeht. Bd. Bd. Dictionnaire universel françois et latin. die den Arbeitern entgegensteht. daß 1789 die eine Bedeutung die andere radikal abgelöst hätte. le Maître chez lequel ils travaillent. S. Zu Schlüsselbegriffen. Bd. als der ›bourgeois‹ seine ständisch-rechtliche Begrenzung definitiv verlor.™ Bereits ab 1680 tritt bourgeoisie als Kollektivsingular für die Bürger einer Stadt auf. Jahrhundert kristallisiert sich ›bourgeois‹ im Sinne von Meister gegenüber den Handwerksgesellen heraus. Aufl. 177. 2. die die Übertragung in eine language of class im Sinne einer Klasse von Arbeitgebern. Eine Abgrenzung von ›peuple‹ und ›paysan‹ wird vor 1783 auf der lexikalischen Ebene nicht vollzogen. Jahrhunderts wurde dieser Einschnitt in der Ex-post-Rekonstruktion dramatisiert. Im frühen 18.

welche Personengruppen ein. 62. wird -bourgeoisie* verstärkt zum Synonym von ›classe moyenne*. Paris 1800. Auseinandersetzungen um den Begriff betreffen vor allem die Frage der Bewertung und weniger die Frage. Gautier. Aus den Belegsammlungen. qui rappelle à tous les hommes les droits qu'ils ont également. Seit etwa 1 8 0 0 nimmt das Interesse der Lexikographen an -bourgeois* wieder zu. Auf breiter Front ist eine Tendenz zur Aufwertung. Dictionnaire de Conversation à l'usage des Dames et des jeunes Personnes." Zunehmend von ständischen Konnotationen befreit.bzw. 269: »Si la Révolution n'a pas instruit ceux-ci du rôle qui'ils doivent jouer désormais avec leurs anciens Laquais ou leurs anciens Commis. Bd. ce sont des imbéciles qui méritent leur sort et qu'il ne faut pas plaindre. « -Bourgeoisie* wird zunehmend synonym zu -tiers état‹ gebraucht. des artisans aisés. 53 C. des hommes de loi et de finance. da --moyenne* ein Oben und Unten voraussetzt. « 54 M. ausgeschlossen werden. betrachtet die Person aber nicht im Hinblick auf ihre politische Stellung. Dictionnaire Néologique. C'est cette classe intermédiaire qu'on nomme bourgeoisie. daß der Begriff fast immer mit negativen oder positiven Werturteilen verbunden wird. composée des négociants. des marchands. vor allen Dingen das Verfügen über Besitz entscheidet über die Zugehörigkeit. die die Lexikonartikel aufführen. Jacques. Bd. Paris 1791.« Die eindeutige Zuordnung bestimmter sozialer Gruppen zur -•bourgeoisie* bleibt die Ausnahme.Drei bürgerliche Welten? 429 de comte. S. 1. S. 50. um ein bestimmtes bürgerliches Selbstbewußtsein einzuklagen. Paris 1841. de marquis. Als besonders bezeichnend für -bourgeois* muß gelten. 3. des propriétaires. devant celui de citoyen. Duckett. sondern ausschließlich im Hinblick auf ihre soziale Lage. . »Chez les nations où l'aristocratie de la naissance tient le premier rang il y a entre le peuple et la noblesse une classe intermédiaire. et qui n'établit entr'eux aucune distinction. &c. In diesem Sinne impliziert das Wort einen gewissen Wohlstand. Dictionnaire de la Constitution et du Gouvernement Français. ja Rehabilitierung des Begriffs nachweisbar. und er wird funktionalisiert. wobei dieser Definitionsversuch gleichzeitig als problematisch empfunden wird. daß sich -bourgeoisie* während der Revolution als Klassenbei2 54 52 P. wird deutlich. S.

58 M. gelten. 57 M. 1. Paris 1 7 9 0 . fabricants. die durch scheinbare Interessengegensätze voneinander getrennt seien. S. 56 Vgl. 6.. 1 1 2 6 . o. Bd. commercants«. Der antirevolutionäre Extrait d'un Dictionnaire inutile verzeichnet bereits 1 7 9 0 den auf antike Traditionen zurückgehenden Begriff »proletaire« als Gegenbegriff zu » bourgeois «. Dictionnaire de l'économie politique. 2 5 0 . Nach 1 8 4 8 zeigt sich also die Tendenz zur Historisierung des Begriffs und zur Nationalisierung.J. die z u n e h m e n d nur n o c h einer Abgrenzung n a c h unten Ausdruck verleiht. den »Sonderfall« eines von den ›bourgeois‹ dominierten Staates. ôc rédigé par un homme seul. Im redaktionellen Teil der Artikel » bourgeois « hingegen entwickeln die Autoren nach 1 8 5 0 einen offenen Gesellschaftsbegriff. die es abzuschaffen gelte. Die ›bourgeoisie‹ zerfällt laut Henri Baudrillart ( 1 8 5 3 ) in verschiedene Gruppen. Baudrillart spricht von: »haute. Bruxelles 1 8 5 3 . S. daß die ›bourgeoisie‹ ihre historische Aufgabe erfüllt habe und sich jetzt zu einer sozialen Minderheit. Paris 1 8 3 6 . moyenne et petite bourgeoisie. [ca. die historische Rolle der ›bourgeoisie‹ als »emancipateur« auszumalen und sie mit der Nation zu identifizieren. sondern als historisch aufgeladenes Entwicklungskonzept. bourgeois fonctionnaires publics. 2 1 8 . 2 5 3 . composé par une société en commandit. Erst die Historisierung macht es möglich. Répertoire universel des sciences. 2 . J 8 6 3 . Goquelin.43° Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte beginnt. bourgeois capitalistes. 2. S. Encyclopédie des gens du monde. 2 5 4 . 1 1 2 5 . Bd. bourgeois exerçants des professions libres. Nicht als eindeutig festgelegter Rechtsterminus noch als stratifikatorischer Beschreibungsbegriff gewinnt ›bourgeois‹ an Bedeutung. Mit Hilfe der Identifikation von »bourgeoisie« und »nation« kann der ›bourgeoisie‹ eine Führungsrolle für die französische Gesellschaft der Gegenwart zugesprochen werden. gleichzeitig ist der Begriff aber so verzeitlicht. daß er seine eigene Auflösung mit impliziert/ Demgegenüber steht die frühsozialistisch beeinflußte Position. Block. Dictionnaire général de la politique. S. 1 8 7 0 ] . Bd. des lettres et des arts. Larousse. Auch ihre Kritiker lassen die historisch einmalige Bedeutung der französischen »bourgeoisie«. Paris 1 8 6 3 . 6 2 . S. Zeichnung durchzusetzen 55 36 57 58 9 60 61 55 Extrait d'un Dictionnaire inutile. . Tatsächlich werde aber über die »economie politique» eine Interessengemeinschaft hergestellt. entwickelt habe. die davon ausgeht. Bd. Block. 2. 59 Vgl. 60 P. S. S. Bd. 6 1 Ebd.

stilisiert der Artikel die ›citoyens‹ als diejenigen.Drei bürgerliche Welten? 431 Citoyen. 65 Ebd. Reichardt und E. il suivra le parti de société. indem hervorgehoben wird. Pierre Rétat hat gezeigt. Bereits im 1 7 . S. Rechtsgleichheit und Wahlrecht verbinden sich mit dem Begriff ›citoyen‹. ' In der Encyclopédie wird dieses Verhältnis. Hier soll vor allem die begriffliche Spannung zwischen ›citoyen‹ und ›bourgeois‹ beleuchtet werden. 6 9 . Die Akzeptanz. Die von antirevolutionärer Seite formulierte Kritik an dieser Vorstellung weist darauf hin. Augenzwinkernd wird im Artikel jedoch zugleich das revolutionäre Potential der ›citoyens‹ signalisiert. München 1 9 8 8 .). aber besonders während der Revolution wird der ›citoyen‹ mit den politischen Werten der ›égalité‹ und ›vertu‹ identifiziert. 63 Vgl.: »Dans les terns des troubles. Genève 1 6 8 0 . dans les dissolutions de systèmes. 9 . in: R. 64 Encyclopédie. S. 1 7 5 1 .« Freiheit. Schmitt (Hg. Bereits vor. daß dieser von sozialen Bestimmungen befreite. daß sie im Falle von Unruhen für die Gleichheit und Freiheit aller kämpfen würden. 3 . P.1 8 2 0 . Jahrhundert beschreibt ›citoyen‹ in seiner Funktion als Übersetzung des lateinischen ›civis‹ das Verhältnis des einzelnen zum Gemeinwesen. s'il est unanime. Jahrhunderts wird der ›citoyen‹ für eine kurze Phase häufiger mit ›commerce‹ in Verbindung gebracht und steigt in dieser Rolle zum Veränderer gesellschaftlicher Entwicklungen auf. Dictionnaire François. il embrassera celui qui sera pour l'égalité des membres et la liberté de tous. wie sich ›citoyen‹ von einem Komplementärbegriff zu ›sujet‹ zu einem Gegenbegriff entwikkelt hat. Rétat. Revolutionäres Pathos bewußt umgehend. an ein offenes Konzept von ›vertu‹ gebundene Begriff Gefahr lief. Die Heftigkeit der 62 6 64 65 62 P. Art. & qui jouit de ses franchises. ja die Notwendigkeit von Ungleichheit verbindet sich mit dieser Vorstellung. Bd. »Citoyen-Sujet.1 0 5 . sondern im aristotelischen Sinne als ein Verband von Hausvätern. H. le citoyen s'attachera au parti qui est pour le système établi. Richelet. & s'il y a division dans la cité. 4 0 9 .« . qui partage les droits de cette société. In der Mitte des 1 8 . wie es sich die Aufklärer vorstellten. zur Leerformel zu werden. Die Gesellschaft ist jedoch nicht als tatsächlich aus einzelnen Individuen bestehend gedacht. die für die Erhaltung des Systems eintreten. expliziert: » C'est celui qui est membre d'une société libre de plusieures familles. Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1 6 8 0 . S . 1 4 1 . Civisme«.

nationaltypische Begrifflichkeiten für die Selbst. daß sich funktionale Äquivalente der Begriffe häufig nur für einzelne Bedeutungskomponenten finden lassen. Jahrhunderts. qui vont devenir les conquérants et les maîtres. die eine auf das Prinzip der Gleichheit gegründete Gesellschaft für realisierbar hielten. ›citoyen‹ synonym zu ›Français‹ zu gebrauchen. Bd. England und Frankreich haben sich zwischen 1700 und i 8 6 0 auf der lexikographischen Ebene deutlich voneinander unterscheidbare. Die Ländergeschichten zeigen. In allen drei Ländern beobachten wir die allmähliche Ablösung ständischrechtlicher Kategorien durch eine Begriffswelt. 1790. Neben den Rechten rücken auch die Pflichten des ›citoyen‹ in den Blick. S. Trotz gelegentlicher Versuche im Verlauf des 19. Vergleichende Überlegungen In Deutschland. 1863. est une faveur que briguent les révoltes. läßt sich bereits seit 1791 die Tendenz ablesen. Bis 1830 verliert ›citoyen‹ an Bedeutung und wird nur 1830 und 1848 kurzfristig wieder belebt. den Begriff als revolutionär belastet aus dem Sprachgebrauch zu verbannen. 47. Schon für die Zeitgenossen ergaben sich daraus Übersetzungsprobleme. 1. Die sich national jeweils durchsetzenden Beschreibungsbegriffe erfüllten immer auch eine ideologische Funktion für die Vergesellschaftung mittlerer Schichten. ' verfestigt er sich in der Bedeutung von »Staatsbürger«. der vor allem Rechtsgleichheit genießt. 356: »Ce titre. 67 Block. Als Schlüsselbegriffe werfen sie Licht darauf. die Wirtschaftsbeziehungen und politische Zielvorstellungen zu Anknüpfungspunkten der Gruppenbildung erhob. daß ›citoyen‹ von nun an von denjenigen. « . als Kurzformel.432 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte Polemik deutet aber auch auf die Möglichkeit hin. Dictionnaire.und Fremdbeschreibung mittlerer Schichten entwikkelt. in 66 Vgl. Extrait. 66 6 4. Die unterschiedlichen politischen Lager überspannend. S. als Symbolbegriff verwendet werden konnte. neben dem Recht zur aktiven Mitgestaltung des Gemeinwesens (Wahlrecht) aber auch bestimmte Pflichten (Steuern) zu erfüllen hat. alors encore.

Neben dem sich ab 1830 durchsetzenden -middle class‹-Begriff blieb aber weiterhin eine Vielzahl von Ausdrücken der sozialen Rangabstufung bestehen. Nach 1848 diente der Begriff fast nur noch dazu. Aber die mit ›Bürgertum‹ gemeinte. sich als Einheit zu konstituieren und sich gegenüber anderen Gruppen abzugrenzen. einen gesellschaftlichen Führungsanspruch geltend zu machen oder eine tatsächlich vorhandene Führungsrolle zu verteidigen. Der deutsche Begriff ›Bürgertum‹ fügte sich erst seit der Mitte des 19. Er diente dazu. wachrief. weder scharf nach oben noch nach unten abgegrenzte Gruppe definierte sich auch dann noch nicht primär als Subjekt von Klassenauseinandersetzungen. und nicht wie in Deutschland die Vermittlung zwischen oben und unten. Entscheidend für das -middle class‹-Konzept war die Betonung der Durchlässigkeit der Gesellschaft. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts überhaupt in eine Sichtweise ein.Drei bürgerliche Welten? 433 welcher Weise die genannten Gruppen. welche die Gesellschaft horizontal schichtete. Die politischen Forderungen der Liberalen wurden in den Lexika in anderen Zusammenhängen und mit anderen Begriffen geltend gemacht. Bürgerliches Selbstbewußtsein leitete sich aus dem Stolz auf eigene Leistungen und auf den mäßigenden Einfluß auf die Gesamtgesellschaft ab. so daß der Begriff vor allem das Bild einer Gesellschaft. trotz aller inneren Differenzen. die Respektierung des Status quo einzufordern. in der praktizierte soziale Mobilität ein Faktum war. prinzipiell für alle erfüllbare Qualifikationen gebunden. versuchten. Sie sah sich eher in der Rolle des Vermittlers von Gegensätzen. Der englische ›middle-class‹-Begriff bot durch seine Ausdehnung auf die »£10-householders« Identifikationsmöglichkeiten für eine relativ große Gruppe. Für die Anmeldung politischer Führungsansprüche der Liberalen taugte das gesamte Wortfeld um -Bürger« nicht mehr. In Frankreich setzte sich der Begriff -bourgeoisie* bereits seit der Revolution allmählich als eindeutiger Klassenbegriff durch. Besitzende Gruppen grenzten sich mit diesem Begriff vor allem nach unten ab. Die Zugehörigkeit zur -middle class‹ wurde an bestimmte. Jahrhunderts begnügten sich die Lexikographen in keinem der drei Länder allein mit normativen De- .

etwa ökonomische Selbständigkeit . Im Kampf um Machtanteile war es unerläßlich. sich selbst zu behaupten. Selbstbehauptung ist hier sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinne zu verstehen. Die ›Bürger‹ wollten ihre Partizipations. wann immer eine Zensusschranke gefordert wurde. anderer Staatsorgane. Vogel (Hg. Wann immer der Status des Aktivbürgers zu konkretisieren war. III. Die Zeitgenossen kamen nicht umhin.legitimieren. daß Vertreter »bürgerlicher« Gruppen sich in Rede und Schrift als gesellschaftliche Handlungseinheit ständig neu definierten und gegen andere Gruppen absetzten. als sie ihre eigentliche Identität erst als nationale Mittelschichten fanden. Die Wahl der Parlamente u. Sternberger und B. Zur langfristigen Entwicklung der politischen Partizipation in Westeuropa. . Steinbach (Hg. Ponteil. Probleme polirischer Partizipation im Modernisierungsprozeß. die seit dem späten 1 8 . Paris 1968.). S. Bürgerliche Positionsbestimmungen in den Wahlrechtsdebatten I. Bd.bzw. Kohl.434 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte finitionen. wenn sie sich auch sprachlich behaupteten. Die sprachliche Emanzipation des ›Bürgertums‹ In kaum einem anderen Bereich der politischen Auseinandersetzung standen die Mittelschichten europäischer Länder so häufig und wiederholt vor der Herausforderung. als Träger sozialer Merkmale und als Objekt staatsphilosophi68 68 Zur vergleichenden Sachgeschichte des Wahlrechts: D. Stuttgart 1981. Berlin 1969. Den hier interessierenden Aspekt behandelt vergleichend mit Schwerpunkt auf der französischen Entwicklung: F. Erfolgreich konnten sie dabei nur sein. I: Europa. 1 8 1 5 .). Statt dessen zeichnete sich ein Trend zu historisch hergeleiteten und national aufgeladenen Begriffsbildungen ab.1 9 1 4 . in: P. wie in den Wahlrechtsdebatten. Jahrhundert entbrannten. Die Selbstauffassungen der Mittelschichten näherten sich insofern einander an. Les classes bourgeoises et l'avènement de la démocratie.473-503. Herrschaftsansprüche politisch durchsetzen und in Gesetzestexten festschreiben. den ›Bürger‹ als Rechtsperson. mußten die ›Bürger‹ sich selbst bezeichnen und die angestrebte Begünstigung mittels abgrenzender Kriterien . J.

Durch die Debattenanalyse werden die lexikalischen Befunde in semantischer Hinsicht ergänzt und um den sprachpragmatischen Aspekt erweitert. Diese Funktion übernahmen bis dahin »Bürgerstand«-. gebildeten Berufen. muß sich der Begriff Bürgertum auf die Erfassung spezifischer Vergesellschaftungen von »Mittelklassen« zu sozialen Einheiten richten. R.. » . hier S. 7 9 . von der Gesamtheit aller Staatsbürger andererseits die Rede ist. 7 1 3 . Kocka (Hg. Vgl. System der praktischen Philosophie. ökonomischen Interessen einerseits. da nur auf diesem Wege entschieden werden kann. die Ausführungen mit Belegen bei: Riedel.1 0 0 . . Göttingen 1 9 8 7 . wenn sie das Bürgertum rekonstruieren. Solange in den Quellentexten lediglich von juristischen Geburtsständen. in: Historische Zeit- . sind Zweifel angebracht. Jh. Art. in: J. Zur Soziologie des Bürgertums und der Bürgerlichkeit.). Dazu auch: L. M. .Drei bürgerliche Welten? 435 scher Spekulationen zu definieren. 8 0 : »Soll Bürgerrum mehr bedeuten als eine Umschreibung von Mittelklassenlagen. dem französischen »bourgeoisie« vergleichbar. ›classe moyenne‹. Lepsius. Bürger u. ob für die betreffenden Epochen und Länder von dem ›Bürgertum‹ anders als idealtypisch gesprochen werden sollte. sei es in der Stadt. Daher sind die englischen. Bürgerlichkeit im 1 9 . »Bürger«. sozialer. kultureller und polirischer Prozesse sein können.«« Zu berücksichtigen ist dabei. Zum Selbstverständnis des deutschen Bürgertums im 1 9 . sei es in der societas civilis . einzelnen Kategorien von Besitzenden. Ihre Beantwortung ist notwendig. ›Mittelstand‹ noch integriert. die Träger bestimmter ökonomischer. daß der Begriff »Bürgertum«. 1 8 1 8 ) des Bürgers. welche blieben definitiv ausgeschlossen? Die Wahlrechtsdebatten geben Auskunft zu diesen Fragen. »Mittelstand«« und Umschreibungen. Ich wünschte ein Bürger zu sein«.hier dann vielfach in der Form »Staatsbürgertum«. Gall. »Bürgertum« war hingegen die Bezeichnung für die primär rechtlich-politisch bestimmte »Daseinsform« (Krug. auftauchte. Vor allem interessiert hier die Frage nach der Reichweite und der Vielfalt von Bezeichnungen für mittlere Schichten. Gab es in den politischen Diskursen der untersuchten Länder Begriffe. hier S .7 1 6 .vor den 1 8 4 0 e r Jahren nicht als Bezeichnung für eine soziale Schicht. Jh. S. die Besitzende und Gebildete zu einer gesellschaftlichen Kraft zusammenfaßten? Oder wurden eher die Differenzen zwischen verschiedenen »bürgerlichen« Gruppen betont? Welche Bevölkerungsgruppen wurden über Begriffe wie ›middle class‹. wovon Historiker eigentlich sprechen. Für Deutschland je69 69 Vgl.. französischen und deutschen Wahlrechtsdebatten ein ideales Studienfeld für die vergleichende Begriffsgeschichte des Wortfelds um ›Bürger‹.

Bd. Die englische Entwicklung stellte insofern eine Ausnahme dar. nach: L. The City of London in Eighteenth Century Politics. geläufige Bedeutung von » interest « als religiös oder ökonomisch definierte Gruppe.« (S. S. ist allerdings bei Hirschman zugunsten des individuellen Bedeutungsgehalts unterbelichtet. 5 7 . Wenn »Bürgertum« den Bezugspol bildete. 72 Für eine Skizze zum »interest«-Begnff in der britischen politischen und ökonomischen Theorie vgl. O. »middling rank«. Mit Abstrichen galt dies auch für das vorrevolutionäre Frankreich. in: History 7 2 ( 1 9 8 7 ) . definiert wurden. Zum Gesamtkomplex. besonders zur Frage der Vergleichbarkeit der Begriffe: J.4 3 1 . hinein in den allermeisten Fällen städtische und ländliche selbständige Gruppen mit Besitz. 2 6 ) 70 Wenn »bürgerlich« dem Substantiv »Bürgerstand« korrespondierte. zit.6 1 . Klerus. (Hg. A. Class by Name and Number in EighteenthCentury Britain. S. Doch war auch für England die Segmentierung 0 71 72 Schrift (= HZ).Wallech. München 1 9 8 8 . hier bes. Politische Begründungen des Kapitalismus vor seinem Sieg.). 1 9 8 7 . London 1 9 5 6 .7 4 . war mit »bürgerlich« die rechtlich-politische Qualität des Bürgers in Stadt oder Staat bezeichnet.6 1 . Bürgertum im 1 9 . A. J. the merchant. 6 0 1 . S. . S. the yeoman. S. Bezeichnungen wie »middle sort of people«. La Société Française en 1 7 8 9 : Semur-en-Auxois und Paris 1 9 7 0 .' Die dauernde Spannung zwischen altem Recht und utopischem Gleichheitsanspruch in der Semantik von ›Bürger‹ ließ für präzise und einigermaßen konstant verwendete Definitionen nichtständischer Großgruppen nur wenig Spielraum. S. in: R. Sutherland. daß der »Bürger» entweder ständisch eingehegt oder universalistisch in der Bedeutung »Staatsbürger« erschien. S. betonte es den Gegensatz zu anderen Ständen: Adel. 4 0 9 .43 é Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte denfalls war bis in die 183oer Jahre kennzeichnend. die sich in der Politik zur Geltung bringen will.5 1 . hier S. Essays Presented to Sir Lewis Namier. allg.2 6 : »Notwendig ist also eine konsequente Historisierung des Bürgertum-Begriffs. Jahrhundert. R. Robin.. 2 4 5 . 4 9 . P. 3 8 . Jahrhunderr. 71 Zur Semantik sozialer Beschreibungsbegriffe in Frankreich am Vorabend der Revolution vgl. umfaßten bis ins frühe 1 9 . Hirschman. Leidenschaften und Interessen. Zu Gruppierungskategorien im 1 8 . bes. in: Journal of the History of Ideas 4 7 ( 1 9 8 6 ) . the manufacturer. 1. als hier bereits seit dem 17. William Beckford definierte 1 7 6 1 : »the middling people of England. S.6 2 3 .). Bürgertum und bürgerliche Gesellschaft im 1 9 . mit zahlreichen Belegen: P. die quer zu den altrechthchen Bestimmungen der politisch Wahlberechtigen lagen. Kocka. the country gentleman«.7 6 . Europäische Entwicklungen u. Jahrhundert verschiedene 'interests ‹ und ›middle orders‹. Jh. Pares u. deutsche Eigenarten. »Class versus Rank«: The Transformation of Eighteenth-Century English Social Terms and Theories of Production. ›middling people‹ usw. Auch alle Komposita und das Adjektiv »bürgerlich« trugen immer eine dieser beiden Konnotationen. »middling people« usw. Jh. in: ders. 6 6 . 4 0 . Die seit dem 1 7 . 1 4 . Bd. Jh. 1 1 . Frankfurt am Main 1 9 8 0 . Clorfield. S . J. Taylor (Hg.

S. Es mußte eine sprachliche Befreiung aus ständisch-rechtlicher Begrenzung. S. S.Drei bürgerliche Welten? 437 in beruflich oder rechtlich begrenzte Teilgruppen der vorherrschende Modus der Gesellschaftsbeschreibung.324-356. Erst für dieses Stadium des zeitgenössischen Sprachgebrauchs scheint es im Hinblick auf einzelne Nationen sinnvoll. in: HZ 220 (1975). sich selbst konsequent unter stände. Der Streit um Wahlrechte beförderte die Integration der mittleren Schichten jeweils in spezifischer Weise. Zu Charakter und Entwicklung der liberalen Bewegung in Deutschland. Erst als »bürgerliche« Zeitgenossen verschiedener Herkunft begannen. Rede und Gegenrede ließen für die Beteiligten (und lassen heute) unmittelbar erkennen. Nacheinander und in unterschiedlicher Intensität kam diese Formierungsphase in England. aus beruflicher Sonderung und aus utopischer Überforderung vorausgehen. 415-33. 1760-1886. ohne deshalb sogleich in einer »klassenlosen Bürgergesellschaft« aufgehen zu wollen. Die Begriffsbildung indizierte nicht nur die Klassenbildung. aus Lexika und publizistischen Texten ebensogut ablesbar wie aus den Wahlrechtsdebatten. Gall. 422h 73 L. Frankreich und den deutschen Staaten zwischen 1830/32 und 1850 zum Abschluß. The English Middle Class and the Ideological Significance of Radicalism. Als dialogische Gattung bieten die Debatten aber den Vorteil. wie man besonders erfolgreich argumentieren konnte. hier bes. bevor das »Bürgertum« zu sich selbst finden konnte. von der Existenz eines »Bürgertums« im Sinne einer selbstbewußten Handlungseinheit auszugehen. Liberalismus und »bürgerliche Gesellschaft«. . 73 Vgl.und interessenübergreifenden Begriffen zu größeren Einheiten zusammenzufassen. Nicholls. war eine qualitativ neue Phase eingeleitet. sie war vielmehr eine wesentliche Vorbedingung ihres Vollzugs. daß sie die Selbst. in: Journal of British Studies (= JBS) 24 ( 1985). so daß vor dem Ende des 18. Jahrhunderts die semantischen Anknüpfungspunkte für Rekonstruktionen eines einheitlichen »Bürgertums« nicht ausreichen. die in den Nationalsprachen jeweils zur Bezeichnung der wahlberechtigten ›Bürger‹ und der mittleren Schichten verwendet wurden. auch: D. Im Prinzip sind die Begriffe.und Fremdbeschreibungen gleichsam in ihrem praktischen Gebrauchswert vorführen.

Liberalen diese Herausforderung erfolgreicher bewältigten als die deutschen bürgerlichen Politiker in den Landtagen des Vormärz und in der Paulskirche. die institutionellen Rahmenbedingungen und sprachlichen Vorgaben. Bevor man jedoch deren politisches Versagen in dieser Phase mit dem »deutschen Sonderweg« erklärt. unter denen die Fürsprecher »bürgerlicher« Gruppen jeweils antreten mußten. Es ist offensichtlich. Die Präzision durfte jedoch nicht so weit führen. Die Befürworter von Wahlrechtsreformen zugunsten der »Mittelklassen« standen also immer vor schwierigen rhetorischen Gratwanderungen. in den Vergleich einzubeziehen. daß die Tatsache der Ausgrenzung großer Bevölkerungsgruppen allzu offensichtlich und aggressiv ausgesprochen wurde. Eine gewisse pragmatische Bedeutung behielten die verschiedenen Bürger-Definitionen sogar im Falle gewaltsamer Konfliktlösungen. Gerade für »bürgerliche« Gruppen. besonders wenn die Debatten in beratenden Versammlungen vor großer Öffentlichkeit stattfanden. daß auf revolutionärem Wege errungene günstige Debattenlagen so schnell wie möglich genutzt werden mußten. eines Vokabulars. Militärische Siege auf den Barrikaden. Denn andererseits bedurfte es.43» Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte Umstrittene Bedeutungszuweisungen wurden in der Regel sofort als solche decouvriert. Dazu waren einerseits rechtliche Terminologien erforderlich. galt. die sich nicht auf mächtige Staatsapparate stützen konnten. Staatsstreiche und gewaltsame Oktrois sicherten Machtpositionen in der Regel nur kurzfristig. daß die tatsächlich vereinbarten politischen Vorrechte auf eine schmale Schicht begrenzt bleiben sollten. scheint es sinnvoll. daß niemand widersprach. die den Bürgerstatus so unmißverständlich wie möglich umschrieben. die Orleanisten zumal. während selbstverständlich akzeptierte Formulierungen sich dadurch auszeichneten. um Bürgerrechte und Wahlgesetze zu fixieren und von allen Beteiligten sanktionieren zu lassen. das über enge berufsständische oder interessenbedingte Grenzen hinaus Bündnisse zu stiften vermochte. daß sowohl die französischen Parteigänger der konstitutionellen Monarchie. Nach außen durfte nicht überbetont werden. . als auch die englischen Whigs bzw.

die Einteilung in counties und boroughs.als auch Nachteile. Zu den sakrosankten Bereichen.« Cranborne. dessen Rolle als Vertretung der ›commonalty‹ bzw. I. 1 3 5 7 . Bd. Für die Vertreter »bürgerlicher« Partizipationsforderungen resultierten daraus sowohl Vor. daß die Position des Adels in der Staatsregierung definitiv feststand und daß mit dem House of Commons ein Organ bereits konstituiert war. Parliamentary Reform. L. 1 8 6 7 . ein nationales Listcnwahlrecht einzuführen: »They all instinctively felt that it was a scheme that had no chance of success. 7 0 : »The doctrine of the law then is this: that precedents and rules must be followed. The Ballot Question in Nineteenth-Century English Politics. ist folgende Reaktion von Viscount Cranborne. gehörten die Existenz des House of Lords. Die Vorstellung.1 8 3 2 . mit der noch 1 8 6 7 »unenglische« Reformvorschläge behandelt wurden. S. schränkten die Bandbreite möglicher Reformexperimente erheblich ein. deren spekulative Erörterung bis in die 1860er Jahre praktisch folgenlos blieb. unless flatly absurd or unjust: for though their reason be not obvious at first view. 75 Vgl." . yet we owe such a deference to former times. Bd. Kinzer. auf John Stuart Mills Vorschlag. Cambridge 1 9 7 3 . 1 6 4 0 . da ihre Veränderung als »unenglisch« und damit eo ipso als unrealisierbar galt. as not to suppose that they acted wholly without consideration. Legitimationsstrategien der bürgerlichen Mittelschichten 1780-1S50 England. Typisch für die Ungeduld. Blackstone. New York 1 9 8 z . Cannon. des ›people‹ mit weitgehenden Kompetenzen unbestritten war. Schwierigkeiten entstanden hingegen daraus. das einfache Mehrheitswahlrecht und die direkte. daß die -Commons* der Rechtsüberlieferung zufolge Körperschaften und nicht Individuen repräsentierten.. Diese Vorgaben. mündliche Stimmabgabe. zusätzlich abgestützt durch die juristische Regelvermutung zugunsten bestehender Institutionen. 3 0 . Zum langen Kampf um die geheime Wahl: B. it did not belong to us. It was not of our atmosphere it was not in accordance with our habits. W. Im Vergleich zu kontinentalen Gegebenheiten bedeutete es eine Entlastung.. London 1 7 8 3 . Die ungebrochene Parlamentstradition und der Stolz auf die gewachsene Verfassung ließen große Teile des Wahlsystems lange Zeit indiskutabel erscheinen. 5 . dem späteren Premierminister Lord Salisbury. 4 Bde. Commentaries on the Laws of England. daß Einzelpersonen 74 75 74 Zur Geschichte der Reformbewegungen bis 1 8 3 z : J. 1 8 7 . Sp.Drei bürgerliche Welten? 439 2. Hansard 3 r d ser.

›cities‹. Vgl. ob sich die Zahl der Mandate proportional zur Bevölkerungsstärke der ›constituencies‹ verhielt. das ›counties‹.. . London 1814. Die bloßen Einwohnerzahlen von Regionen brauchten sich in der Parlamentszusammensetzung nicht widerzuspiegeln. Jh. Schon der Begriff ›franchise‹ legte eine andere Interpretation nahe. zentrale Funktionen und nicht zuletzt: die Finanzkraft der Nation darstellten. schienen selbst extreme regionale Ungleichheiten tolerierbar. 12. Demnach handelte es sich bei der Entsendung von Abgeordneten nach Westminster um ein Privileg. etwa das manufacturing interests relativ problemlos in die Theorie eingebaut werden konnten. und sei es auf dem Umweg über die »rotten boroughs‹. Für die Apologeten der bestehenden Parlamentsverfassung war es zweitrangig. . Robert Jenkinson. etwa das Pamphlet: The Representative of London and Westminster in Parliamenr. war damit schwer vereinbar. by which it appears that Middlesex is found to be represented but one Tenth Part of its due Proportion. " Die Rede vom Gleichgewicht der interests war ausnehmend gut geeignet. Bd. das Wahlsystem gegen Angriffe zu immunisieren. die ihre Interessen nicht ausreichend vertreten sahen. brachte diesen Sachverhalt 1793 auf den Punkt: »The end was. dann war das System funktional gerechtfertigt. 1702. Aufl.44° Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte ein Wahlrecht von Natur aus besitzen oder durch Leistung erwerben könnten. In London war die Bewegung schon früh getragen von handwerklichen und kleinhändlerischen Gruppen.. in: Somer's Tracts. ›boroughs‹ und ›universities‹ verliehen worden war. im Parlament Gehör fand. wer wählen durfte. 399-416. Schwerpunkte waren Yorkshire und London.a. S. da neu entstandene ›interests‹. Es genügte eben. 2. examined and considered. als Protest gegen regionale Benachteiligungen bei der Mandatsverteilung. wenn das Interesse der Fabrikanten auf irgendeine Weise. Zum einen erlaubte sie flexible Reaktionen auf gesellschaftliche Veränderungen. Solange nur die relevanten gesellschaftlichen Kräfte {interests) ihrem Gewicht entsprechend ins Parlament gelangten. By a Gentleman. begannen v. Zum anderen lenkte sie den Blick auf das Ergebnis der Wahlen und die Regierbarkeit des Landes anstatt auf die Frage. weil sie wichtige Wirtschaftszweige. der spätere Premierminister Lord Liverpool. a House of Commons that was to produce 76 Die Reformbewegungen im iS.

altrechtliche Bezeichnungen für ›franchise‹-Inhaber im Sinne eines Wahlrechts aller freigeborenen -Englishmen* umzudeuten.463-496. 70-89. Politische Aufklärung und plebejisches Publikum. s 7T Jenkinson. 90-96. 159-164. ND New York 1 9 7 8 1 5. The means of obtaining that House were the electors. Jahrhunderts. That Noble Science of Politics. in: H. I. The Making of the English Working Class. Jahrhundert utilitaristisch.). Daneben argumentierten sie schon im 1 8 . 167. P. We ought not then to begin first.Drei bürgerliche Welten? 441 certain effects. but we ought to begin by considering who ought to be the elected. and then who ought to be elected.. Christie. Thompson. S. nach Paley geprüft. printed and distributed free by the Society for Constitutional Information. München 1979. hier bes. 344. London 1974. Zum konservativen Repräsentationsverständnis zwischen 1 7 7 0 und 1 8 3 0 insgesamt: A. Die darauffolgenden Passagen zeigen ein klassisches Beispiel der »inrerest**-Doktrin. «" Die britischen Tories stützten sich also nicht allein auf die Unantastbarkeit altrechtlicher -franchises* . B. Jh. The Principles of Moral and Political Philosophy (1785). A Study in Nineteenth-Century Intellectual History. Parlament und Volkes Stimme. z. 6. Göttingen 1990. E. A Letter from His Grace the Duke of Richmond to Lieutenant Colonel Sharman (1783). Stress and Stability in Late EighteenthCentury Britain. Cambridge 1983. Lottes. Partizipationsansprüche gesellschaftlicher Gruppen beurteilten sie unter der Frage. 42-49. Oxford 1984. Collini u. with notes. 8 i o f . S. T 7 9 3 . Sp.: Declaration of those Rights of the commonalty of Great Britain without which they cannot be free (1782). Politics and Literature in the Eighteenth Century. Paley. I. Grundsätzlich eigneten sich die Termini -freeholder*. Bd. a. Dickinson (Hg. 30. Zu Sozialstruktur und Redeweisen der radikalen Gesellschaften allgemein: G. and then constitute such persons electors as would be likely to produce the best elected. Jh. S. Lange Zeit fanden die radikalen und whiggistischen Wahlrechtsreformer keine befriedigende Antwort auf diese Herausforderung. In Cambridge wurde zur britischen Verfassung bis in die zweite Hälfte des 19. 5. Harmondsworth 1984. S. S. T. Hampsher-Monk. R. S. ob ihre Berücksichtigung für die Regierung des Gemeinwesens nützlich wäre. 4 8 7 f.das Äquivalent der ständischen Vorrechte auf dem Kontinent. Wirsching. Unterhaus und Öffenrlichkeit im England des 19. by a Member of the Society for Constitutional Information. Jenkinson reproduzierte hier fast wörtlich die Lehrmeinung des neben Blackstones »Commentaries« wohl einflußreichsten Handbuchtexts zur britischen Verfassung: W. hier S. 78 Typisch für die Wahlrechrsforderungen britischer Radikaler des späten i S . Zu den . London 1792. Vgl. in: JRS r 8 (1979). Parliamenty History. Von den Levellers bis zu den Chartisten reichen die Versuche. Civic Humanism and Parliamentary Reform: The Case of the Society of the Friends of the People. S. by considering who ought to be the electors.

die am 2. S. von ihren gewohnten Redeweisen abzuweichen. Harmondsworth 1969. 5. allen voran der spätere Premierminister Lord Grey. Von Paine inspiriert z. also naturrechtlich. daß es keine konsistente. 30. Paine. daß jemals alle freien englischen Männer das Wahlrecht besessen hätten. desto abwegiger muteten Behauptungen in dieser Richtung an. wenn es um die Begründung von Wahlrechtsansprüchen und die Definition dazu nötiger Begriffe gehen sollte. The Politics of Language. Daher die Vehemenz. und an Schwierigkeiten der britischen Radikalen. Damit sind die Vorgaben beschrieben. und daraus ließ sich jedenfalls nicht ableiten. den Ausschluß bestimmter Bevölkerungsgruppen zu legitimieren. den Begriff ›citizen‹ im Sinne des ›citoyen‹ der französischen Revolutionäre. Cambridge 1983. Doch im Parlament entschied nicht das Sprachgefühl der Reformer. Languages of Class. Rethinking Chartism. in: ders.. 79 T. H. Ihnen kam zugute. mit der Thomas Paine jeden Rekurs auf die angebliche britische »Constitution ablehnte.442. ›citizen‹. 29 ff. 1791-1819. S. dem französischen ›citoyen‹ vergleichbare Begrifflichkeit gab. S. die auch nur von fern an ›french principles' erinnerten. 80 Zu diesem Aspekt vgl. Je mehr die historische Forschung avancierte. zu definieren. Bd. ed. 1 7 9 3 vom House of Commons wegen »indecent and disrespectful language« zurückgewiesen wurde: Parliamentary History. seit 1792. Oxford 1984. . 243. O. 213. die Sheffield Petition for a Reform in Parliament. da sie demokratisierbare Konnotationen enthielten. Die mißlungenen Begriffsbesetzungen der Radikalen erleichterten in der Folge den Wahlrechtskampf der britischen Mittelklassen. unter denen die foxitischen Whigs. 165. Sp. sich von den radikalen Topoi zu lösen: G. ›commonalty‹ und ›people‹ durchaus für derartige Auslegungen. 90-178. für eine weitgehende Parlamentsreform kämpf79 80 Schwierigkeiten der Chartisten. die dazu gezwungen hätte. Aber die versuchte Politisierung des englischen Bürgerbegriffs blieb eine Episode der 1790er Jahre. Bei Paine und in einigen von ihm inspirierten Pamphleten und Petitionen finden sich denn auch die einzigen konsequenten Ansätze. Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte › freeman*. Studies in English Working Class History. die das Parlament gegen alle Formulierungen errichtete. 775-786. hier bes.B. sondern die rechtsgeschichtliche Interpretation von Präzedenzfällen über die Bedeutung dieser Begriffe. Stedman Jones. Smith. Sie scheiterte an zwei Faktoren: an den Sprachbarrieren. . Collins. Rights of Man (1791/92).

Sp. Sie erlaubte die Zusammenfassung von mittleren Bevölkerungsschichten ohne Rücksicht auf ihre Berufe und Einkommensquellen.1 8 0 6 . 6 1 7 . -middle class* im politischen Diskurs des Landes zu verankern. Der Reform Act von 1 8 3 2 brachte die Einlösung dieses Programms. ebd. Bd. Nun kam eine weitere Funktion des -middle class*-Begriffs zum Tragen.. Vgl. daß die Whigs auf den Begriff -middle classes* verfielen. die -middle class*. Denn konnte eine Volksvertretung. daß die -middle classes* in ihrer Gesamtheit politikfähig waren und deshalb ein Recht auf angemessene Vertretung verdienten. in dem das allgemeine Wahlrecht abgelehnt und ein Wahlrecht der -middle classes**. War es erst einmal gelungen.. mit dem die Whigs in den Debatten von 1 8 3 1 / 3 2 erfolgreich operierten. 1 3 9 . Unter -middle classes** wurden hier -decent householders. S. deren Hauptkennzeichen eben darin bestand. Denn diese Bezeichnung erfüllte mehrere rhetorische Funktionen zugleich. ebd. S. 8 2 Z. City-Bankiers und provinzielle Ladeninhaber. . um ihre Forderungen zu untermauern. Gerade in der soziographischen Unscharfe des frühen -middle class*-Begriffs lag seine politische Brisanz. 7. Textilindustrielle und kleine Handwerksmeister: all diese bisher gesonderten städtischen und ländlichen Gruppen definierte man damit als Einheit. 2 . Es ist kein Zufall. ebd. 8. ihren Funktionen gerecht werden? . Sp. 1 7 9 4 . Hatte man nämlich das Zugeständnis erreicht. in: Wyvill Papers. 1 3 2 7 . in der die bedeutendste Gesellschaftsschicht. Aufl. daß sie die gebräuchlichen ›interest*-Kategorien quer durchschnitt. -those disinterested and independent Men«. Sp. war. 6 Bde.Drei bürgerliche Welten? 443 ten. 1 8 3 1 . konnte 81 82 81 Ein früher Beleg.B. 1 8 3 1 . Bergwerksbesitzer und gutsituierte -copyholders*. Palmersron. Ihr Ziel war die Umverteilung von Mandaten auf die unterrepräsentierten Regionen des Landes. Brougham. empfohlen wird. und die lineare Ausweitung des Wahlrechts auf qualifizierte -householders*.. London i 9 6 0 . ] 8 3 1 . 2 . 3 . respektabel usw. Ihr größter Vorteil war. Cobban (Hg. daß sie im -House of Commons* nicht ausreichend vertreten war. York 1 7 9 4 . ließ sich die um die -interests* gebaute Defensiv-Strategie der Tories kaum noch aufrechterhalten. 6 2 8 . 2 5 1 . 1 0 .). i. intelligent. obwohl sie unleugbar finanzkräftig. Bd. and persons of landed property in the counties** zusammengefaßt. i i 4 i f f .: Althorp. besonders den industrialisierten Norden. . The Debate on the French Revolution.So der Standardtopos. Hansard 3 r d ser.. 2 . keinen Platz hatte. Bd. 3. auch A.. S.

4 3 . die im Prinzip für jeden erreichbar waren. 7 9 . sind für die frühe Phase vor 1 8 3 0 zu Recht vorsichtiger. Hobsbawm.1 0 6 . vor allem in Abgrenzung zu den weiterhin nicht vertretenen ›working classes‹. Göttingen 1 9 9 0 . Die knappen begriffsgeschichtlichen Bemerkungen von E. . Nach 1 8 3 2 wurde die Zensusschwelle selbst zum entscheidenden Definitionsmerkmal der ›middle classes‹. kommerziell oder handwerklich-industriell tätige Gruppen ein. 8 o f . Frankfurt am Main 1 9 8 9 . Guilhaumou. in: J.444 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte nur noch schwer gerechtfertigt werden. S. 9 . in: ders. in: Kocka (Hg. Bd.). S.2 8 5 .1 9 5 0 . SchliebenLange. Gewissermaßen durch die Hintertür wurde damit das Prinzip individueller Repräsentation in das britische Wahlrecht eingeschleust. Die Französische Revolution als Revolution der Kommunikation und der Sprache. Im Hinblick auf die Wahlrechtsproblematik waren zwei Resultate der ersten Revolutionsjahre besonders folgenreich: die schlagartige Beseitigung aller ständisch-korporativen Elemente im Repräsentationswesen und die irreversible Konnotierung der Begriffe ›citoyen‹. bleibt es doch eine Tatsache. datiert die Einengung auf wirtschaftsbürgerliche Schichten m. S . Mager. . Briggs. 85 Vgl. Bürgertum.7 3 . Dort weitere Literaturangaben.-U. daß die Revolution für das soziale und politische Vokabular im allgemeinen und die hier interessierende sprachpolitische Selbstbehauptung mittlerer Schichten im besonderen einschneidende Veränderungen mit sich brachte. Der uniforme £io-Zensus war dafür der sichtbare Ausdruck. hier S. in: H. Auch wenn in der sozialgeschichtlichen Forschung mit guten Gründen die Kontinuität der Lebensverhältnisse zwischen der sogenannten »bourgeoisie d'ancien r e g i m e « und der nachrevolutionären Notabeingesellschaft betont wird. ›français‹ sowie ›peuple‹ und ›nation‹ mit der Vorstellung aktiver Teilhabe an der Souveränität. 8 84 85 83 A.). Sprache und Politik in der Französischen Revolution. Europäischer Adel 1 7 5 0 . Essays in Labour History. warum man ihnen nur einige Wahlkreise zugestehen wollte.). The Language of Class in Early Ninereenth-Century England. und G. Saville (Hg. Reichardt und B. W.1 9 2 0 . wenn auch zunächst nur für ›boroughs‹. ' Frankreich. E. S. 1 . 2 6 0 . Wehler (Hg.1 9 . Erst jetzt engte sich die Bedeutung definitiv auf städtische. Von der Noblesse zur Notabilité. London i 9 6 0 . J. Die englische middle class 1 7 8 0 . zu früh. 84 Vgl. Der Nutzen für das Gemeinwesen trat als Kriterium für die Vergabe politischer Rechte zurück hinter positive Qualifikationsmerkmale. dazu die grundsätzlichen Überlegungen von R.

Les bourgeois et la bourgeoisie en France depuis 1815. concernant la constitution des municipalités. 10. 12.Drei bürgerliche Welten? 445 Indem die verschiedenartigen Munizipalitäten und die ständischen Wahlkörper definitiv aufgehoben wurden. entfielen bis dahin stabile rechtliche Anhaltspunkte für die Definition gesellschaftlicher Großgruppen. sparsamer Geschäftigkeit usw. 30-44. S. um fortan ausschließlich ökonomisch-kulturell definiert zu werden. nicht essentiell bedroht schienen. Die schon lange vorhandenen Konnotationen satter Behäbigkeit. die vor allem über das Adjektiv ›bourgeois‹ vermittelt worden waren. 565: »Art. In den neuen -municipalités* und darüber hinaus im ganzen Land hießen die in den Spitzenpositionen tätigen Personen nun meist -notables* . Zum Teil büßte die ständische Terminologie ihre soziale Distinktionskraft ein: Der tiers état war von nun an politisch mit der nation identisch und verlor damit die pragmatische Funktion. daß der Begriff solange »unpolitisch« blieb. Zum Teil gewannen die ehemals ständischen Begriffe aber auch an sozialer Abgrenzungskraft: -Bourgeois* und -bourgeoisie* lösten sich nach 1 7 8 9 endgültig aus dem engen Kontext der städtischen Rechtsbestimmungen. wie die Grundlagen der Sozialverfassung. die er noch im Ständekampf von 1 7 8 8 / 8 9 entfaltet hatte. par un seul scrutin de liste et à la pluralité des suffrages. Als Identifikationsbegriff mittlerer Schichten in den bald einsetzenden Auseinandersetzungen um Machtpositionen. vom 14. que ces hommes forment le corps politique de . etwa im Wahlrecht. die weder manuell noch intellektuell noch politisch führend tätig waren. die wegen ihrer ständeübergreifenden Qualität bereits im Ancien régime in Opposition zu -bourgeois* verwendet worden war und jetzt bei6 87 88 86 Vgl. zu den changierenden Bedeutungsgehalten von -bourgeois**: A. 87 Vgl. in: Archives Parlementaires (= AP). Art.« 88 Vgl. avec les membres du corps municipal. S. le conseil général de la commune. 31.. 1789. etwa die Forderung der -artisans** im Cahier von Pont-l'Abbé: -Que désormais il soit pris pour former les douze délibérants de la communauté de Pontl'Abbé. Paris 1987. Les citoyens actifs de chaque communauté nommeront. 30. un nombre de notables double de celui des membres du corps municipal. Bourgeoisie* eignete sich demnach als abgrenzende Kennzeichnung für all diejenigen. Bd. savoir quatre d'entre les plus notables artisans et quatre d'entre les plus notables d'entre les laboureurs. weil er jene allumfassende Bedeutung erhalten hatte. Décret de l'Assemblée nationale. Daumard. vor allem das Eigentum. Ces notables formeront. taugte er eben deshalb nicht mehr.* bewirkten.eine Bezeichnung.

in: AP. war in Frankreich seit 1789 selbstverständliche Voraussetzung. The Monarchy and the Procedures for the Elections of 1789.und Bürgerrechte mit der Vorstellung aktiver politischer Teilhabe an der Souveränität verband. 91 S.1787. S. der zu den Lasten des Staates nichts beitrage. 89 Vgl. Es kann hier nicht nachgezeichnet werden. weil sie mit dem Grundsatz »bürgerlicher Gleichheit vereinbar war und schon in der Wortbedeutung den ehrenamtlichen Charakter politischer Autoritätsausübung unterstrich. wie sich der ›citoyen‹-Begriff von der vorrevolutionären Publizistik bis hin zur Erklärung der Menschen. 83-98. nach: R. R. Art. »Citoyen«. zit. 1. Paris 1965. in: Journal of Modern History 60 (1988). nicht unbeteiligt gewesen waren. Im internationalen Vergleich ist zunächst festzuhalten. daß derjenige. F. 204: »qu'enfin le droit de n'être pas sujet aux charges publiques serait le droit de n'être pas protège par l'autorité publique.."'' Die Vertreter der absoluten Monarchie zogen damit die logische Schlußfolgerung aus der im 18. de n'être pas citoyen«. 75-97. Bd. am markantesten mit dem von Necker durchgesetzten doublement du tiers.. Bd. sei es als Aufklärer. le droit de ne pas lui être soumis. sowie die knappen Ausführungen bei: Rétat. La vie politique en France depuis 1789. an der sie selbst. . Jahrhundert erfolgten Politisierung der Begriffe ›citoyen‹ und ›nation‹. comme l'ont fait tes bourgeois de P o n t T ' A b b e « . 1 1 6 . . sei es aus rein fiskalen Motiven. 90 Calonne. S. Halévi. Car la chose est indigne et injuste de priver d'honnêtes citoyens des charges municipales de leur paroisse. weder den Schutz als Untertan noch den Ehrentitel ›citoyen‹ in Anspruch nehmen könne. The Monarchy and the Elections of 1789. So begründete etwa Calonne die von ihm angestrebte einheitliche Steuer für alle Grundeigentümer damit.o. . daß ständischkorporative Kategorien in den französischen Wahlrechtsdebatten von Anfang an bedeutungslos waren. i. S. S. Furet. Rede vor der Notabein Versammlung. 13. Was englische und deutsche Liberale im 19. ebd. Jahrhundert mühsam erkämpften: die Repräsentation von Köpfen und die gleichmäßige regionale Verteilung der Mandate allein nach dem Bevölkerungsschlüssel und der Steuerleistung. Wich90 91 Pont-l'Abbe . 58-74.446 Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte behalten wurde. Remond. S. 2. Schon die Wahlrechtsbestimmungen zu den Generalständen von 1789 hatten in zahlreichen Einzelheiten das personale Repräsentationsverständnis sanktioniert.

6. Histoire Parlementaire de la Révolution Française. 7. S.-B. um optimal zu funktionieren und allen ›Interessen‹ in der Gesellschaft gerecht zu werden. et n'étant pas en état de domesticité**. Z 5 . andere Gruppen vom Wahlrecht auszuschließen. 318-25: »les monstrueuses différences qu'établissent entre eux les décrets qui rendent un citoyen actif ou passif. Godechot (Hg. In den Verfassungen und Wahlgesetzen nach 1792 tauchte die Unterscheidung nicht mehr auf. 83. in: Godechot. 48. âgé de 21 ans. Roux. S. Die erste bestand darin. 93 La Constitution de 1793. 25. die Tatsache des Zensus durfte nicht in 92 9 94 95 92 Déclaration des droits de l'homme et du Citoyen du 26 août 1789. 1 1 . (Belege von Marat und Loustalot. 1792. 29. Auf diese Herausforderung gab es mehrere mögliche Antworten. S. . Art. B. il suffira d'être Français. Juli 1790). pour y être admis. Paris 1834. wer wählen bzw. Les Constitutions de la France depuis 1789. S. Wenn es hieß: »La loi est l'expression de la volonté générale. Vgl. der alle Versuche der besitzenden Klassen. in: J. AP. B. 370. Paris 1979. gewählt werden durfte. Zensuswahlrecht und Gleichheitsprinzip. moitié actif ou moitié passif. 27. 94 Vgl. 8. H. Das beherrschende Thema der französischen Wahlrechtsdebatten war somit seit 1789 unwiderruflich die Frage. S. 1. suivant les divers degrés de fortune**. Aarau 1956. daß mit dem ›citoyen‹-Begriff der Revolution ein Anspruch formuliert war. Sprache. et. 6. 84-87. S. domicilié depuis un an. heißt es in Art. 1791. die anderen politische Rechte vorenthalten wollten. so daß sie zu einem sprachpolitischen Mißerfolg wurde. Bd. vivant de son revenu ou du produit de son travail. dazu die Interpretation hei Guilhaumou. Tous les citoyens ont droit de concourir personellement. 34. Wahlakt und Wählbarkeit definitorisch vom Status des ›citoyen‹ abzulösen und an bestimmte Zusatzbedingungen zu knüpfen. Im Décret sur le mode de la convocation de la Convention nationale vom 11. wie es im Wahlgesetz vom Dezember 1789 und im Verfassungstext von 1791 geschah. AP. Robespierre. Bd. 3 3 6 f . Bd. nicht dagegen. 1790. 4. AP. Constitutions. S. Art. ' dann waren die Beweislasten eindeutig zuungunsten derer verteilt. ou par leurs représentants à sa formation*.Drei bürgerliche Welten? 447 tig ist hier nur. oder noch deutlicher: »Le peuple souverain est l'universalité des citoyens français**. 95 Z. Bd. Hier wurde zwischen -citoyen passif* und -citoyen actif* unterschieden. Robespierre.). Kläy. Diese Begriffsbildung geriet jedoch in der Publizistik und in Constituante und Législative zunehmend unter Beschuß. von vornherein unter Legitimationszwang setzte. z: »La distinction des Français en citoyens actifs et non actifs sera supprimé. wie die Parlamente zusammengesetzt sein müßten.-J. Bûchez und P. C.

^ Diese Konstruktion erforderte allerdings Formulierungsgeschick bei der Redaktion von Grundrechtserklärungen. Bis 1848 fanden sich in allen Verfassungen. Mechanismen der indirekten Wahl zu ersinnen und für die Wahlmänner der zweiten und weiterer Stufen zusätzliche Einkommensqualifikationen festzusetzen. Damit akzeptierte man zwar. die dann in der Direktorialverfassung ausgebaut wurde. die Tatsache des faktischen Ausschlusses der Bevölkerungsmehrheit unter Anwendung der drei beschriebenen Methoden sprachlich zu verdecken . Lese.44« Teil IV: Zur Semantik der Verfassungsgeschichte einem Atemzug mit dem ›citoyen‹ genannt werden. den Status des französischen ›citoyen‹ selbst an qualifizierende Merkmale (Geschlecht. daß der ›citoyen‹-Begriff grundsätzlich politische Teilnahme einschloß. Fähigkeit zum Lebensunterhalt. z. 97 Vgl. fester Wohnsitz. die Mitgliedschaft im höherrangigen Collège électoral bereits als Amt definiert werden konnten." Ihre argumentative Verteidigung war leichter. Hamden/Conn. da die dort verkündeten Freiheiten und die Gleichheit vor dem Gesetz allen Angehörigen des französischen Volkes zustehen sollten. Constitutions. French Electoral Systems and Elections since 1789.. Die realpolitische Ohnmacht der Urwähler ließ sich hinter Verfahrensbestimmungen und technischem Vokabular kaschieren. Campbell. weil der Status des ›électeur‹ bzw. war darum aber nicht minder effektiv. 1 0 4 f. das . entsprechende Bestimmungen. die entsprechenden Bestimmungen in: Godechot. Alter. Die Begriffe ›français‹ und ›peuple‹. P. Als dritter Weg bot es sich an. Aufl. gelegentlich auch das einfache ›tous‹ erfüllten diese Funktion. S.und Schreibfähigkeit) zu binden. die tatsächliche Herrschaft der Besitzenden brauchte nicht eigens aggressiv herausgekehrt zu werden. .bestimmte Fähigkeiten erforderte.wie dasjenige des Deputierten . Selbst die Jakobiner von 1793 mochten nicht auf diese minimale noch verbliebene Einschränkungschance verzichten. mit Ausnahme derjenigen von 1793. Steuerleistung.bis 1830 6 9 96 Für einen Oberblick über die französischen Wahlsysteme vgl. 83 f. Zweitens war es möglich. erreichte aber trotzdem den Ausschluß großer Personenkreise vom aktiven Wahlrecht. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand von der Revolution schwand die Notwendigkeit. 1965.

den ehemaligen Mitarbeiter Turgots. wirkte vielmehr oft sogar lächerlich. Classes bourgeoises. AP.in Verbindung mit technischen Wahlreglements . Par un étrange abus des mots. konnten sie ihren Herrschaftsanspruch nach 1 8 1 5 unverhohlener vertreten. seltener der vergleichsweise neutrale Ausdruck «propriétaires* -. indem sie die «classes supérieures* oder «chefs de la propriété*. auch Robespierre. »König Grundbesitz« regierte. 1789. Göttingen 1974. 22. dafür sorgten die während der Restaurationszeit sukzessive verschärften Zensusbestimmungen. Dennoch formierten sich die Besitzenden sprachlich nicht als Einheit. Mittelklasse als politischer Begriff in Frankreich seit der Revolution. der gesagt hatte: »Pour être électeur il faut avoir une propriété. ils ont restraints â certains objets l'idée générale de propriété. also von außen. ou bien on donnerait naissance à l'aristocratie des riches qui sont moins nombreux que les pauvres. ils se sont appelés seuls propriétaires. S. « 1 0 0 Zit. Besser noch als «bourgeoisie* eignete sich die Bezeichnung «classe moyenne* für diese Aufgabe. les hommes puissants ont raisonne autrement. daß die Selbstbezeichnungen städtischer. Les affaires d'administration concernent les propriétés. «aristocrates*. les secours dus aux pauvres.« Defermon antwortete hier auf Dupont de Nemours. Bd. il faut avoir un manoir. M. S. 1. 78 (dort ohne Quellenangabe). ils ont prérendue que les propriétaires seuls étaient dignes du nom de citoyens. 1. nach Ponteil. Bd. Art. als Kollektiv benannt worden . . 99 Vgl.benutzt wurden pejorative Bezeichnungen wie ›riches‹. z. Der gemeinsame Kampf gegen diese Restriktionen schuf die Voraussetzung dafür. im weitesten Sinne industriell oder intellektuell tätiger Gruppen an Kontur und integrierender Kraft gewinnen konnten. S. S. 1 0 1 H. wie seine Fürsprecher den legitimistischen. 1790. les propriétaires seuls peuvent être électeurs. Defermon. 1 0 2 Vgl. Bd. Den besten Überblick über die komplizierten Wahlgesetze der zensitären Monarchie bietet: Rémond. 276-3 10. Sozialgeschichte Frankreichs seit 1789. mais la société est à eux« (ebd. Sie legten . 322: »Mais les riches. Rétat. landbesitzenden Adel bezeichneten. extrem begünstigten. Frankfurt am Main 1989. AP. Waren die bevorrechtigten Notabein in den 1790er Jahren vor allem von jakobinischen und sansculottischen Kritikern. H. 479: »La société ne doit pas être soumise aux propriétaires. iozf. Nul n'y a intérêt que celui qui est propriétaire.-G.Drei bürgerliche Welten? 449 stellte der ›citoyen‹-Begriff keine ernstzunehmende Herausforderung dar. 10.B.). Vie politique. Ceux qui n'ont pas de propriétés ne sont pas encore de la société. 98 99 100 101 102 98 Vgl. Vgl. Fischer. 25. 9. 117. Haupt.einen Schnitt quer durch die Notabeingesellschaft. etc. »Citoyen«.

Die Formulierungen. . kamen moderatere Exponenten des orleanistischen Regimes zu der Einsicht. daß die sogenannten -capacités*. daß integrierende Gruppenbezeichnungen weder von der herrschenden noch von der ausgeschlossenen ›bourgeoisie‹ erfolgreich monopolisiert werden konnten. Es wurde zum Sprengsatz. um Politikfähigkeit allein den Wahlberechtigten zuzuschreiben. um kleinere Selbständige unter die privilegierte ›classe moyenne* zu subsumieren.). die von der Mehrheitsfraktion verwendet wurden. ein breites Bündnis aller »bourgeoisen« Kräfte schien mit der Juli-Revolution die Macht übernommen zu haben. Weitere Konflikte entstanden daraus. ausblieb. Je länger die Wahlrechtsreform. Das Wahlrecht durchbrach also die behauptete Einheit der -classe moyenne* (-bourgeoisie*. krankten daran. daß man die unteren Mittelschichten nach englischem Vorbild als Bündnispartner ge