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Ein Jahr in Berlin Saisonale Orte und Veranstaltungen
Tagein, tagaus steppt der Berliner Bär, Winterschlaf kennt er nicht. Dennoch beeinflussen die Jahreszeiten den Pulsschlag der Metropole: „Im Sommer tust du gut, im Winter tut’s weh“, singt die Berliner Kultband Seeed in ihrer Hymne auf die Stadt und spielt auf die lauen Sommernächte und eisigkalten Wintertage an. In diesem Kapitel erfahren Sie von Orten und Veranstaltungen, die dem Jahresrhythmus folgen.

Frühling in Berlin. Sehnsüchtig wartet die Stadt auf die ersten heißen Sonnenstrahlen des Jahres. Kaum sind sie eingetroffen, zieht es bleichgesichtige Großstädter in Scharen aus ihren Wohnungen in Straßencafés, Biergärten und Parks. Das erste Eis des Jahres genießen sie bei Aldemir¹. Vor der auffällig dekorierten Eisdiele stehen die Kreuzberger geduldig Schlange, um in den Genuss solch außergewöhnlicher Sorten wie Ingwer und Omas Apfelkuchen zu kommen. Kontrastprogramm kommt am anderen Ende der Stadt, in Spandau, in die Eistüte. Die alteingesessene Eisdiele Florida² beliefert zahlreiche Verkaufsorte überall in Berlin, selbst die Supermarktkette Kaisers kam auf den köstlichen Geschmack und hat Florida-Eis im Kühlregal. Der

Name stammt allerdings aus den 80er-Jahren, inspiriert von der Fernsehserie Miami Vice. Als der heutige Besitzer damals die Eisdiele übernahm, wollte er sein Produkt als begeisterter Fan eigentlich Miami-Eis nennen, doch das gab es bereits als Marke und so wurde daraus eben FloridaEis. Produziert wird noch mit Hilfe einer alten handwerklichen Maschinentechnik, die sonst in Deutschland nicht mehr verwendet wird. Sie stellt das Eis fest, kompakt, ohne viel Luft, dafür aber mit viel Geschmack her. Für die etwas extravagantere Exotik
¹ Falckensteinstr. 7, Kreuzberg ² Altstädter Ring 1, Spandau
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sei das Inka Café¹ in Schöneberg empfohlen. In Eigenregie wird das Eis aus südamerikanischen Früchten hergestellt und beschert ungewöhnliche Geschmackserlebnisse. Experimentierfreudige wagen sich an Kreationen wie Johannisbrotbaumschote, Lucuma, das nussig und leicht honigartig schmeckt, oder Chicha morada aus blauem Mais. Nicht nur Eis lockt die Menschen ins Freie. Sobald es warm wird, zieht auch der Geruch von Grillfleisch durch den Tiergarten, obwohl der Bezirk ein Verbot immer wieder in Erwägung zieht. Vor allem türkischstämmige Familien und Studentencliquen bevölkern mit Campingausrüstung und Sitzdecken die Wiese vor dem Schloss Bellevue. Wer keinen Grill parat hat, kann sich alternativ im Café am Neuen See², dem idyllisch am Wasser gelegenen Biergarten und beliebten Treffpunkt des alten Westberlins, an großen Pizzen oder herzhaftem Leberkäse laben. Mehr urbanes Flair verströmt der Prater³ im Prenzlauer Berg. Nach einer Shopping-Tour entlang der
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Das Schild weist den Weg von der Straße zum Prater Garten

Kastanienallee bieten schattige Bäume und das hauseigene, kühle Prater-Pils Erholung und Erfrischung. Gemütlich sitzen Studierende, Lifestylekreative und kinderwagenbewehrte Jungeltern auf obligatorischen Bierbänken bei Bratwurst und Brezeln. Erst der zweite Blick verrät den Prater als ältesten Biergarten der Stadt. Seit 1837 wird an der Kastanienallee ausgeschenkt. In einem der Gebäude bespielt zudem das Ensemble der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz eine Bühne und setzt die Tradition der Wirtin von 1905 fort, die damals mit „Kabale und Liebe“ ihre Gäste vertrieb, die lieber Tingeltangel und Marschmusik gehört hätten. Die zünftige Gaststätte, die in den Wintermonaten vorzügliche Gänsemenüs oder legendäre Königsberger Klopse serviert, ist ganzjährig in Betrieb. So lohnt sich ein Aufenthalt im Prater zu jeder Jahreszeit, wenngleich der sommerliche Aufenthalt im Biergarten doch ganz besonders erfreut. Statt Bier sollte zuweilen auch

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ein Wein probiert werden, wie am Rheingauer Weinbrunnen⁴ am Rüdesheimer Platz. Seit über 40 Jahren schenken drei Winzerfamilien in einer schattigen Grünanlage mit alten Lindenbäumen ihre Rheingauer Weine aus, wie zum Beispiel trockenen und halbtrockenen Riesling. Das Essen können sich die Gäste selbst mitbringen, ein Angebot, das rege genutzt wird. So treffen sich hier an den Wochenenden Familien und Freundeskreise mit prall gefüllten Picknickkörben, aus denen sie opulente Tafeln anrichten. Die Stimmung ist heiter und beschwingt, dafür sorgt der Wein. Der Weingarten wird
Am Rheingauer Weinbrunnen

vom wuchtigen Siegfriedbrunnen flankiert, daneben erstreckt sich eine gepflegte Gartenanlage mit bunten Blumenbeeten. Anwohner sitzen auf Bänken, lesen ein Buch und genießen die adrette Gemütlichkeit, die der Platz ausstrahlt. Nur am letzten Augustwochenende wird lautstark auf die Pauke gehauen, denn dann wird das Rheingau-Wochenende gefeiert. Dass auch die Kreuzberger feiern können, ist kein Geheimnis. Hier sind die Nächte bekanntlich besonders lang. Jedes Jahr im Juni jazzt die Bergmannstraße
¹ Belziger Str. 44, Schöneberg ² Lichtensteinallee 2, Tiergarten ³ Kastanienallee 7–9, Prenzl‘Berg ⁴ Rüdesheimer Platz 7, Wilmersdorf

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drei Tage lang unter dem Motto „Kreuzberg jazzt“. Doch bleibt es nicht bei der Musik allein. Seit 2004 findet parallel das Event Kreuzberg kocht!¹ auf dem nahe gelegenen Chamissoplatz statt. Dort steht das Zelt kulinarischer Glückseligkeit, wo Kreuzberger Spitzenköche ihre enge Verbundenheit zu ihrem Kiez beweisen, indem sie köstliche Gerichte frisch zubereiten und zu Imbisspreisen anbieten. So darf Jedermann und Jederfrau entdecken, wie spannend originelles Essen sein kann.

Kreuzberg kocht: Andreas Staack (Noi Quattro) u. Thomas Kurt (E.T.A. Hoffmann)

Spannend ist auch die Zukunft vieler Strandbars, die im Sommer in steigender Anzahl entlang der Spree einladen. Sie verkörpern den modernen Biergarten: Cocktail statt Bier, Sandstrand statt Garten, Liegestuhl statt Bank. Manche Örtlichkeiten warten mit Kunstpalmen auf, andere beeindrucken durch holzgezimmerte Bars und Terrassen. Ihre Haltbarkeit ist begrenzt, beispielsweise durch die umstrittenen Bauprojekte der Media-Spree, der fragwürdigen Bezirkspolitik zur Stadtverschönerung. Was gestern noch Legende bedeutete, verblasst womöglich in der nächsten Saison zur vagen Erinnerung à la Bar 25 oder Strandbar Mitte. Die naturbelassenste Strandbar ist das Kiki Blofeld², benannt nach der imaginären Tochter von
< Ob an oder auf der Spree, ob bei Tag oder bei Nacht: Kiki Blofeld hat viele Gesichter >

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Ernst Stavro Blofeld, dem Bösewicht aus James-Bond-Filmen. Nun möchte Kiki die Sünden ihres Vaters bereinigen, indem sie der Welt etwas Gutes tut und den Berlinern eine zuvorkommende Gastgeberin ist. Der Ort ist nicht ganz leicht zu finden. Ein schmaler Weg zweigt von der Köpenicker Straße ab, und führt vorbei an zwei Gebrauchtwagenhändlern. Dahinter zieht sich ein verwildertes Brachgelände hin, an dessen Ende eine zerfallene Backsteinfabrik mit bröckelndem Schornstein steht. Seitlich davon erwartet das ein Hektar große Gelände die Besucher. Durch ein zauberhaftes Wäldchen führt der Weg zu einem schussfesten Beton-Bunker, einst

ein Bootshaus der Nationalen Volksarmee der DDR. Das Dach des Bunkers dient als Terrasse, in seinem Bauch, der zur Spree hin offen ist, finden Clubkonzerte und Partys statt. Etwas abseits liegt beschaulich ein schmaler Sandstrand. Hier trifft sich eine bunte Mischung aus sonnenhungrigem Szenevolk und neugierigen Touristen, um die Aussicht über die Spree auf den Fernsehturm zu genießen. In den Abend- und Nachtstunden wärmt ein großes Lagerfeuer, dazu bieten die Blofelds kulinarische Basics wie Gegrilltes, Pizza, Bier und Cocktails an. Das Kiki Blofeld
¹ Chamissoplatz/Arndtstr., Kreuzberg ² Köpenicker Str. 48–49, Mitte

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ist zweifellos ein Ort wie Berlin: provisorisch und einfallsreich, nicht perfekt und geleckt, dafür weitläufig und skurril. Mit diesen Worten lässt sich auch der so genannte Thai-Treff im Preußenpark¹ beschreiben, ein authentisches Kultur- und Kochereignis, das von Frühjahr bis Herbst zu erleben ist. Mitten im bürgerlichen Wilmersdorf präsentiert sich Berlin als fernöstlicher Markt und offenbart eine exotische Welt voller fremdartiger Klänge und Gerüche, wie sie an keinem anderen Ort erlebt werden können. An schönen Tagen, vor allem an Wochenenden, versammeln sich auf einer großen Liegewiese im Park bis zu 400 Mitglie32

der der Berliner Thai-Community, um gemeinsam Karten zu spielen, zu kochen und zu essen. Das Spektakel beginnt gegen 14 Uhr und dauert bis zum Einbruch der Dunkelheit. Auf niedrigen Kisten werden unzählige Gerichte angeboten: Frittierte Kochbananen mit Sesam, gegrillter Fisch und Fleischspieße. Zu diesem eher geduldeten als legalen Treiben gesellen sich Anwohner und Spaziergänger, angelockt von den Düften und dem Wissen um eine gute Mahlzeit. Geduldig knien die Hungrigen unter einem der vielen bunten Sonnenschirme und beobachten aufmerksam, wie eine Thailänderin einen frischen Papaya-Salat stampft und würzt oder auf zwei dampfenden Aluminium-

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Kochgefäßen mit Bambus gefüllte Nudeln zubereitet. Der Preis ist Verhandlungssache, liegt aber meist bei 5 € pro Portion. Einblicke in die fernöstliche Hochkultur geben die Gärten der Welt im Erholungspark Marzahn. Manchem Westberliner mag der Stadtteil Marzahn bereits wie der Ferne Osten erscheinen, jedoch sind an dieser Stelle der japanische, koreanische, balinesische und chinesische Garten gemeint, die in die Parklandschaft integriert sind. Die nüchternen Plattenbauten Marzahns kreisen den Park ein und bilden ein kontrastreiches Szenario. In dieser tristen Mondlandschaft aus fantasielosen Hochhäusern und breiten Straßen, wie der Allee der Kosmonauten, erscheinen die filigranharmonischen Asien-Gärten wie deplatzierte Wesen von einem fremden Planeten. Der chinesische „Garten des wiedergewonnenen Mondes“ ist
< Thai-Treff im Preußenpark, mit Berliner Besuch. An schönen Sommertagen ab zirka 14 Uhr > Das Berghaus zum Osmanthussaft in den Gärten der Welt in Marzahn

für sich genommen ein Schmuckstück klassischer chinesischer Architektur und Gartenkunst. Seine wertvollen Hölzer, Steine und Skulpturen wurden eigens aus China nach Berlin verschifft. Zur Anlage gehört auch ein Teehaus, an einem sanft ruhenden See gelegen, das Berghaus zum Osmanthussaft². Besucher sollten es nicht versäumen, einer traditionellen Teezeremonie beizuwohnen. Hierfür können sie aus über 30 erlesenen Grünteesorten wählen, zum Beispiel dem kostbaren Felsentee, der aus einer Gebirgsregion Chinas stammt. Sitzt man an einem Sommertag auf der Terrasse des Teehauses,
¹ Preußenpark, Wilmersdorf ² Eisenacher Str. 99, Marzahn

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Bauernhof mit U-Bahn-Anschluss: In der Domäne Dahlem

stellt sich auch in Marzahn ein Stückchen heile Welt und Harmonie ein. Langsam verliert die Sonne an Kraft, kalter Wind bläst das Herbstlaub von den Bäumen. Die Nächte werden länger und kühler. Berlin im Herbst, das heißt Erntezeit in der Domäne Dahlem¹. Zu dem 18 Hektar großen Landgut gehören Felder, Gemüsegärten, Tierstallungen, Gutshäuser und ein Dorfanger aus dem 16. Jahrhundert, der als Marktplatz dient. Auf Deutschlands einzigem Bauernhof mit U-Bahn-Anschluss findet im Herbst das Kartoffelfest statt. Hier können die Berliner selbst Kartoffeln ernten, das Kilo zum Preis von einem Euro. Emsig sammelt das großstädtische Publikum die Felder leer. Zudem gibt es auf der Feldmark ein Lagerfeuer, in dem die Erdäpfel geröstet werden können, was besonders den Kindern großen Spaß macht und obendrein gut schmeckt. Wer nicht die Ärmel hochkrempeln will, findet auf dem rege besuchten Marktplatz ein hochwertiges
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Angebot regionaler Produkte: Deftige Pferdeknacker, saftige Bio-Kuchen, Edelmarzipan aus Sanddorn, Trüffelbrie und Roquefort-Birnen-Paste. Auf einer Bühne spielt eine Dixie-Band, Korbmacher und Kunstschmiede zeigen ihr traditionelles Handwerk. Von März bis Dezember finden in der Domäne Dahlem regelmäßig Markttage und Veranstaltungen statt, so auch die Berliner Bratwurstmeisterschaften. Das ganze Jahr über ist der Hofladen geöffnet, der eigene Saisonprodukte und Bio-Kost von Bauernhöfen aus der Region vertreibt. Von Ende Oktober bis tief in den Winter berieselt ein Kulinarischer Winterzauber die Stadt. Über 60 Restaurants offerieren winterliche Menüs zum Preis von 10, 20, 30 oder 40 Euro. Das GastronomieEvent wird von der DEHOGA Berlin und der Berlin Tourismus Marketing GmbH initiiert. In deren Info-Stores liegen Broschüren mit den teilnehmenden Restaurants aus, die auch über das Internet ausfindig gemacht werden können. Am Ende der Veranstaltung werden die Sieger in den jeweiligen Preisklassen ausgezeichnet, denn die Menüs werden von den Gästen bewertet. Eine harmonische Verbindung von Speisen und Bildung sei mit der Veranstaltungsreihe Esskultur² im Museumskomplex Dahlem empfohlen. Besonders im Winter kann man sich gemütlich ins Beduinenzelt kuscheln, Märchen aus 1001

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Nacht hören und orientalische Köstlichkeiten naschen, oder seinem Fernweh freien Lauf lassen und in einem Lesezyklus in 80 Tagen um die Welt reisen, einschließlich gastronomisch passender Begleitung. Alle Sinne werden stimuliert, wenn im November der große Jugendstil-Spiegelpalast am Hauptbahnhof, das Palazzo³, die Türen bis ins Frühjahr hinein öffnet, um zu Kerzenschein eine Mischung aus Artistik, Show und kulinarischen Genüssen vorzuführen. Das Ohr vernimmt dramatische Klänge und zarte Musik, die Nase schnuppert filigrane Aromen, die vom Teller aufsteigen. Das Auge will sich nicht entscheiden, ob es auf den kunstvoll
Die Macher des Palazzo: Sternekoch Christian Lohse und Hans-Peter Wodarz

angerichteten Teller oder auf die wendigen Körper mit ihren verblüffenden Bewegungsabläufen blickt. Der Meister der Ereignisgastronomie, Hans-Peter Wodarz, verknüpft bereits seit den 70erJahren Unterhaltungsprogramm und Speisen miteinander, immer mit einen Entengericht im Mittelpunkt. Stets bestrebt, beides auf höchstem Niveau zu präsentieren, gewann er als Mitstreiter Berlins bekanntesten Sternekoch und Garant für Köstlichkeiten, Christian Lohse, den Küchenmeister aus dem Restaurant Fischers Fritz, der das Vier-Gänge-Menü zu „Herzensbrecher & Gaumenkitzler“ entwarf. Im September 2010 mit dem Titel „Gastronomischer Innovator 2010“ bedacht, ruht Wodarz sich keineswegs auf sei¹ Königin-Luise-Str. 49, Dahlem ² www.esskultur-berlin.de ³ Katharina-Paulus-Str. 1, Mitte

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nen Auszeichnungen aus, sondern plant ein ganzjähriges Restaurantkonzept Unter den Linden, bei dem, wie könnte es anders sein, die Ente im Mittelpunkt steht. Hoffentlich werden dort die Damen und Herren der benachbarten Medieneinrichtungen, wie ARD, ZDF, RTL oder n-tv nicht allzu eifersüchtig, waren es bislang doch sie selbst, die im Regierungsviertel für die Enten zuständig waren. Winter, das ist natürlich auch die Zeit der Weihnachtsmärkte. Besonders stimmungsvoll erscheinen jene in Spandau und am Zehlendorfer Mexikoplatz. Der Rixdorfer Weihnachtsmarkt¹ findet am zweiten Adventswochenende
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Alljährliches Lichtermeer auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt

statt und ist beinahe zu gut besucht. Karitative Einrichtungen und ehrenamtliche Dienste bestimmen das Geschehen auf dem Richardplatz in Neukölln, dem alten Dorfanger von DeutschRixdorf, seit 1360 urkundlich erwähnt. In unmittelbarer Nachbarschaft liegt der ehemalige Dorfkern von Böhmisch-Rixdorf, benannt nach den böhmischen Flüchtlingen, die hier im 18. Jahrhundert siedelten. Bauernhäuser und Stallungen säumen die schmalen, verwinkelten Pflastersteingassen. Die dörfliche Lebensweise trifft ein paar Meter weiter auf städtisches Treiben. So entsteht eine einzigartige Atmo-

Ein Jahr in Berlin 2

sphäre, zu der auch die Bewohner, vor allem türkische und alteingesessene Familien, maßgeblich beitragen. Wie es sich für einen Weihnachtsmarkt gehört, riecht es nach Zimtgebäck, gebrannten Mandeln und Glühwein. Wer sich zwischendurch aufwärmen will, kann in der Villa Rixdorf oder im benachbarten Restaurant Louis einkehren. Beides sind Orte der zweifelhaften Superlative. In der Villa Rixdorf gibt es Familienpizzen mit einem Durchmesser von einem Meter, im Louis serviert man riesige Schnitzel. Für beide Gerichte gilt: Hinsehen genügt und man ist satt. Vielleicht dann doch lieber eine Bratwurst auf dem Weihnachtsmarkt. Neben zahlreichen Speisen gibt es freilich allerlei Spielzeug und Geschenke zu kaufen, schließlich steht Weihnachten vor der Tür. Eine weitere Facette von Weihnachtlichkeit beschert alljährlich das Jüdische Museum: Der Chanukka-Markt² verbindet Chanukka, das jüdische achttägige Lichterfest, und Weihnachten miteinander. Ein ganzer Monat feiert die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem vor über 2000 Jahren und gedenkt des Ölwunders. Obwohl nur Öl für einen Tag vorhanden war, reichte es doch acht Tage, bis neues Öl für den Tempelleuchter, der niemals erlöschen durfte, geweiht war. Gegessen werden daher vor
> Der Chanukka-Leuchter vor dem Jüdischen Museum Berlin

allem in Öl gebackene Speisen wie Krapfen oder Latkes, kleine frittierte Kartoffelpuffer. Im Glashof des Museums werden in 17 Hütten eben diese und andere interessante Leckerbissen aus jüdischer Tradition neben weihnachtlichen Speisen angeboten. Glühwein darf natürlich nicht fehlen, wobei dieser selbstverständlich koscher ist. Weitere Stände bieten ungewöhnliche Geschenke zum Kauf an. An Heiligabend dann leert sich die Stadt, die Wahlberliner reisen für kurze Zeit gen alte Heimat. Berlin schlummert, ehe es sich zu Silvester wieder füllt und dem Jahreswechsel entgegenfiebert.
¹ Richardplatz, Neukölln ² Lindenstr. 9–14, Kreuzberg

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Ein beliebtes Silvestergericht ist bekanntlich Raclette. Freude bereitet das Schmelzkäseritual im lauschigen gleichnamigen Restaurant La Raclette¹. Der kleine Raum aus freigelegten Backsteinwänden, ein Kamin voller lodernder Holzscheite und der RacletteOfen auf dem Tisch bieten Schutz gegen die Kälte. Der geschmolzene Käse, begleitet von Fleisch und Gemüse, dazu ausgesuchte französische Weine, helfen, sich auch von innen wohlig warm zu fühlen. Kehrt dann die wärmere Jahreszeit zurück, bestellt man sich für eine Gruppe ab 20 Personen am Besten das mobile SomPeer Kusmagk bereitet den Tischofen für das Raclette vor

mer-Restaurant La Provence², das La-Raclette-Inhaber Peer Kusmagk ganz nach Wunsch auf die grüne Wiese oder in den nachbarschaftlichen Hinterhof platziert. Originalität und exquisiter Genuss sind dabei garantiert. Als jahreszeitliches Chamäleon tarnt sich das Chocolat³ nahe dem Senefelder Platz. In winterlicher Kälte dampfen feine Suppen in den Terrinen, während der sommerliche Ansturm dem köstlichen Bio-Eis gilt, wobei insbesondere die namensgebenden Sorten Beachtung finden sollten. Eben Alles zu seiner Zeit!
¹ Lausitzer Str. 34, Kreuzberg ² www.la-raclette.de ³ Kollwitzstr. 37, Prenzl‘Berg

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Ein Jahr in Berlin 2

Peter Eichhorn Martina Marx

Feine Flüssigkeiten und traumhafte Tropfen in der Hauptstadt

In Berlin werden täglich soviele Gläser, Becher, Tassen und Flaschen geleert, dass man ein ganzes Buch darüber lesen kann:

Berlin schenkt ein
Überall im Buchhandel und auf www.grebennikoff.de
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