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Medieval Deutsch

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Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters

Trends in Medieval Philology
Edited by Ingrid Kasten · Niklaus Largier Mireille Schnyder

Editorial Board Ingrid Bennewitz · John Greenfield · Christian Kiening Theo Kobusch · Peter von Moos · Uta Störmer-Caysa

Volume 13

Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters
Herausgegeben von Mireille Schnyder

◯ Gedruckt auf säurefreiem Papier, ∞ das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

ISSN 1612-443X ISBN 978-3-11-020315-8
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http:/dnb.ddb.de abrufbar. / © Copyright 2008 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, D-10785 Berlin Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany Einbandentwurf: Christopher Schneider, Berlin Satzherstellung: Fotosatz-Service Köhler GmbH, Würzburg Druck und buchbinderische Verarbeitung: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen

Inhaltsverzeichnis
Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Peter von Moos: Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen. Ein Nachwort zu den Epistolae duorum amantium . . . . Stephan Müller: Sprechende Bücher – verschwundene Schrift. Probleme und Praktiken der Kodifizierung von Intimität in der Volkssprache im Früh- und Hochmittelalter. Zugleich eine These zur Spätüberlieferung des Minnesangs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bruno Quast / Monika Schausten: Amors Pfeil. Liebe zwischen Medialisierung und Mythisierung in Heinrichs von Veldeke Eneasroman . . . . . . . . . . . . . . . . . Astrid Bußmann: ‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn’. Variationen des Liebesgeständnisses in Heinrichs von Veldeke Eneasroman . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

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Christoph Huber: Minne als Brief. Zum Ausdruck von Intimität im nachklassischen höfischen Roman (Rudolf von Ems: Willehalm von Orlens; Johann von Würzburg: Wilhelm von Österreich) . . . . . . . . . . . . . 125 Margreth Egidi: Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs: Flore und Blanscheflur und Apollonius von Tyrland . . . . . . . . . . . . . 147 Barbara Kuhn: Körperzeichen, Zeichenschrift, Schriftkörper: die Liebe der Schrift in Dantes Vita nuova . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165

221 Andreas Kraß: Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Johann Fausten . . .VI Inhaltsverzeichnis Ludger Lieb: Minne schreiben. . . . . . Helena als Figur des Begehrens in der Historia von D. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 . . 191 Susanne Reichlin: Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung: Sprache und Begehren im Märe Des Mönchs Not . . . . . . . . Schriftmetaphorik und Schriftpraxis in den ‚Minnereden‘ des späten Mittelalters . . 243 Register .

Eine mediävistische Standortbestimmung. Einführung Der vorliegende Sammelband verortet sich im Schnittpunkt einer Technikund Materialgeschichte der Kommunikation. 173-276. wenn nicht eine Gleichsetzung von Medialität und Kommunikation impliziert ist (S. Das ist nicht nur auf die tatsächlich für diesen Bereich lückenhafte Forschungslage zurückzuführen. . als Teil sozialer Interaktion und Kommunikation.Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. In diesen Forschungen steht der Handlungscharakter von Emotionsdarstellungen im Vordergrund. anderseits performativitätstheoretischen Ansätzen geprägte historische Emotionalitätsforschung durch die Perspektivierung auf die Mediengeschichte um eine bisher in diesen Forschungen weitgehend vernachlässigte Dimension zu erweitern. 223. Die Thematik von Medialität und Emotionalität. oder das Medium der „Literatur“. in deren größeren Rahmen die Frage nach dem Verhältnis von Schrift und Liebe steht. 181. wie sich der Körper in seiner physischen Befindlichkeit und Präsenz erst in seiner medialen Übersetzung in die wirklichkeitskonstituierende (Selbst)Wahrnehmung drängt. 238. Für einen Forschungsüberblick zur mediävistischen Emotionalitätsforschung vgl. 259). 249. Die Frage nach Liebeskommunikation und Liebesausdruck stand dabei von Anfang 1 Zur Emotionalitätsforschung siehe das Berliner Forschungsprojekt „Emotionalität in der Literatur des Mittelalters“.1 Am Beispiel der sich an der Schriftkultur ausbildenden spezifischen Wahrnehmung von Sexualität und der darüber ermöglichten Erotik wird paradigmatisch aufgezeigt. den umfassenden Bericht von RÜDIGER SCHNELL: Historische Emotionsforschung. S. In: Frühmittelalterliche Studien 38 (2004). Dabei spielen mediale Aspekte zum Teil eine Rolle. Die sich in diesem Prozess herausbildenden Liebeskonzepte sind entsprechend wesentlich medial bestimmt. ohne aber die Fragestellung zu prägen. hat sich erst seit gut 20 Jahren als eigenes Forschungsfeld etabliert. die von einerseits psychologischen. Wenn in diesem grossangelegten Forschungsbericht von „Medialität“ die Rede ist. einer Geschichte der Gefühle sowie der Geschlechtergeschichte und hat zum Ziel. In diesem Forschungsüberblick fehlt die hier vorgeführte Perspektivierung des Medialen vollkommen. einer historischen Medienforschung. SFB „Kulturen des Performativen“. ist damit die „Rhetorizität“ gemeint („Medium der Rhetorik“). sondern auch auf ein etwas eingeschränktes Verständnis von „Medialität“.

RÖCKE/U. Vgl. S. LUDWIG PFEIFFER. von W. S. Hrsg. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelater. Minnebriefe im späthofischen Roman. Formen sozialer Kommunikation in der .und Reiseroman des 13. die die medientheoretischen und -geschichtlichen Fragen eng mit Diskursgeschichte verbinden. BURGHART WACHINGER: Liebe und Literatur im spätmittelalterlichen Schwaben und Franken. von ULRICH GUMBRECHT/ K. In: GRM 45 (1995). SCHAEFER. 85-108. um die historische Anschlussfähigkeit und Anknüpfung. Berlin 1997 (Philologische Studien und Quellen 143).. zum Thema des Briefes vgl. 226-243. In: Gespräche – Boten – Briefe. von HORST WENZEL. damit aber auch Historisierung vieler der in dieser diskursgeschichtlichen Arbeit differenziert beschriebenen Phänomene deutlich zu machen. Hrsg. S. Schrift. Mediengeschichtliches zum Eneasroman Heinrichs von Veldeke. In Search of a Lost Sensibility. Philadelphia 1999. Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur. a. München 1985 (Bibliotheca Germanica 27). WERNER RÖCKE: Liebe und Schrift. u. In: ZfdPh 93 (1974) Sonderheft. HORST WENZEL: Hören und Sehen. S.2 Neben grundlegenden Arbeiten zur Neuzeit. WERNER RÖCKE: Liebe und Melancholie. Hrsg.Historie von Florio und Blanscheflur‘ (1499). auch: Zwischen Rauschen und Offenbarung. Johann von Würzburg: Wilhelm von Österreich). Zur Entstehung von Individualität aus dem Gefühl im Roman Paris und Vienna. Tübingen 1996 (ScriptOralia 71). Manchester 1977. RÖCKE/ U. München 1995. HENNING WUTH: was. Mediologie des 18. In: Mündlichkeit – Schriftlichkeit – Weltbildwandel. HELMUT BRACKERT: Da stuont daz minne wol gezam.2 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Nicht zuletzt im Blick auf dieses Buch zeigt sich die Notwendigkeit der hier verfolgten Fragestellung. Jahrhunderts. Hrsg. Bern. Buch und Schriftlichkeit 3 4 . Berlin 1997 (Philologische Studien und Quellen 143). C. 63-76.3 sind es vor allem die aus der kulturgeschichtlichen beziehungsweise sozialgeschichtlichen Tradition kommenden Richtungen der genuin mediävistischen New Philology sowie der Kommunikationswissenschaft. S. 386-406. Zu medialen Aspekten des Liebesdiskurses vgl. Hrsg. 5 Vgl. In: Gespräche – Boten – Briefe. 177-191. In: Gespräche – Boten – Briefe. auch unten. HOWARD BLOCH: Medieval Misogyny and the Invention of Western Romantic Love.4 Für die Frage nach der Text-Erotik. 212-225.109-146. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelater. Berlin 2002. von HORST WENZEL. Schrift und Bild. München 1999. WALBURGA HÜLK: Schrift-Spuren von Subjektivität. Aspekte von Verschriftlichung und Affektkultur in der Novellistik des Spätmittelalters. die grundlegende Arbeit von ALBRECHT KOSCHORKE: Körperströme und Schriftverkehr. Hrsg. Jahrhunderts. Tübingen 1999 (Beihefte zur Zs für Romanische Philologie 297).: WERNER RÖCKE: Schriftliches . Reihe A. der über die Schrift geformten Sexualität und den von Schriftlichkeit bestimmten 2 Zur Diskursgeschichte: RÜDIGER SCHNELL: Causa amoris. Hrsg. Berlin 1997 (Philologische Studien und Quellen 143). Einführung an im Vordergrund. strâle unde permint. von FRIEDRICH KITTLER.SCHAEFER. die Ansatzpunkte bieten für eine medientheoretisch arbeitende historische Anthropologie. München 1993 (Materialität der Zeichen. In: DVjS 56 (1982). R. Jahrhundert. STEPHEN JAEGER: Ennobling Love. In: Mündlichkeit – Schriftlichkeit – Weltbildwandel.gedencken‘ und paradoxe Verneinung. Zur Augsburger Sammelhandschrift der Clara Hätzlerin. Lektüren literarischer Texte des französischen Mittelalters. REINHART MEYER-KALKUS: Stimme und Sprechkünste im 20. Tübingen 1996 (ScriptOralia 71). Anm. BOASE: The origin and meaning of courtly love. Berlin 2001.und Mediengeschichte der Stimme. (Konrad Fleck: Florio und Blanscheflur. HANS-JÜRGEN BACHORSKI: Posen der Liebe. S. A critical study of European scholarship. von HORST WENZEL. R. London 1991. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelater. Chicago. THOMAS CRAMER: Nabelreibers Brief. MICHAEL CURSCHMANN: Hören – Lesen – Sehen. Zur Kultur. Kultur und Gedächtnis im Mittelalter. 12). von W. 1-18. Deutungsmuster sozialer und literarischer Kommunikation im deutschen Liebes. S.

In: Obscenity.. a. S. neben einzelnen Arbeiten. GREEN: Medieval Listening and Reading. Konzepte. Psycho-Historical Essays. DIETER SCHALLER: Zur Textkritik und Beurteilung der sogenannten Tegernseer Liebesbriefe. u. Ansätze. PETER DRONKE: Medieval Latin and the Rise of European Love-Lyric. Der Liebesbrief findet schon seit längerem das Interesse der Forschung. 104-121. Bd. 2.. WARWICK FRESE/K. L. 218-257. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 106 (1984). JAN M. a. Tübingen 1993 (Hermaea 72). Hrsg. S. S. Herne 2000 (Mikrokosmos 57). 1988. ZIOLKOWSKI: Obscenity in the Latin Grammatical and Rhetorical Tradition. die Frage nach dem Textbegriff sowie die Differenzierung der Text. JANDIRK MÜLLER: Der Körper des Buchs. JEAN LECLERCQ: Monks and love in twelfth-century France. S. von KARMA LOCHRIE u. das Feld der MündlichkeitSchriftlichkeits-Forschung. S. Münster 2006 (Geschichte: Forschung und Wissenschaft 15). O’BRIEN O’KEEFFE. M. In: Mlat. 173-203. 203-217. Zum Medienwechsel zwischen Handschrift und Druck. MICHAEL CAMILLE: Obscenity under Erasure. Zur Gattungsgeschichte des mittelalterlichen Liebesbriefes. Köln 1998. 25-36. In: ZfdPh 101 (1982).Philobiblon‘. In: Forschungsberichte zur Germanistischen Mediävistik 5/1. 1996. S. Hrsg. Vgl. MICHAEL CAMILLE: The Book as Flesh and Fetish in Richard de Bury’s . In: Beiträge zur romanischen Philologie des Mittelalters 10 (1975). von JAN M. Jb. S. Texts. Bern u. Indiana 1997. Gesammelte Studien zum Mittelalter. Der deutschsprachige Brief als weltliche und religiöse Literatur. London 1997 (Medieval Cultures 11). 58-90. In: Antike und Abendland 28 (1982). von H. Vor allem in Studien zur mittellateinischen Liebeslyrik wird der hier interessierende Aspekt der Schriftkultur Thema. KONRAD KRAUTTER: Acsi ore ad os … Eine mittelalterliche Theorie des Briefes und ihr antiker Hintergrund. 2: Medieval Latin Love-Poetry.oder motivgeschichtlichem Aspekt angehen. HENNIG BRINKMANN: Geschichte der lateinischen Liebesdichtung im Mittelalter. JÜRGEN SCHULZ-GROBERT: Deutsche Liebesbriefe in spätmittelalterlichen Handschriften.6 In den älteren kulturgeschichtliim Selbstverständnis der volkssprachlichen literarischen Kultur Deutschlands um 1200.5 in jüngerer Zeit vor allem im Bereich der kulturwissenschaftlich ausgerichteten amerikanischen Mediävistik Vorarbeiten. Untersuchungen zur Überlieferung einer anonymen Kleinform der Reimpaardichtung. Hrsg. Frankfurt a. Oxford 1965 und 1966. zeigt auch der einschlägige Forschungsüberblick von CHRISTIAN KIENING: Anthropologische Zugänge zur mittelalterlichen Literatur. In: Obscenity. Vgl. S. u. The primary reception of German literature 800-1300. Boston. S. Leiden. PFEIFFER. ERNSTPETER RUHE: De amasio ad amasiam. S. Censorship in Medieval Illuminated Manuscripts. Perspektiven. 139-154. ULRICH ERNST: Formen der Schriftlichkeit im höfischen Roman des hohen und späten Mittelalters. 3 (1966). Darmstadt 1979. HENNIG BRINKMANN: Entstehungsgeschichte des Minnesangs. Die konkrete Verbindung von Medialität und Emotionalität ist noch nicht Thema. Notre Dame. In: The Book and the Body. die die Problematik vor allem unter gattungs. MICHAEL CAMILLE: Manuscript Illumination and the Art of Copulation. a. 34-77.: Rhetorik.Aufl. Halle/Saale 1926. GUMBRECHT/K. Dass der mediale Aspekt in der Historischen Anthropologie erst in neuerer Zeit verstärkt in den Blick genommen wird. Die Thematik der Textlichkeit der Kultur sowie die Text-Kontext-Problematik. Kommunikation und Medialität. Hrsg. In: Constructing Medieval Sexuality. II. In: DERS. a. DENNIS H. 155-168. 68-81. CHRISTINE WAND-WITTKOWSKI: Briefe im Mittelalter. von D. 11-129. Social Control and Artistic Creation in the European Middle 5 6 . Oxford 1979. 1: Problems and Interpretations. Social Control and Artistic Creation in the European Middle Ages. ZIOLKOWSKI.und Bildmedien sind da als zentrale Forschungsfelder und -probleme benannt. in grösserem Zusammenhang: PETER VON MOOS: Briefkonventionen als verhaltensgeschichtliche Quelle. Einführung 3 Liebeskonzeptionen gibt es. In: Materialität der Kommunikation. Minneapolis. U. S. Cambridge 1994.Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. In: Frühmittelalterliche Studien 31 (1997). DIETER SCHALLER: Probleme der Überlieferung und Verfasserschaft lateinischer Liebesbriefe des hohen Mittelalters.

ERIC JAGER: The Tempter’s Voice: Language and the Fall in Medieval Literature..Y. ERNST ROBERT CURTIUS: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Madinson 1989. 8 Es sind nicht zuletzt die neuen Medien. Pragmatische Schriftlichkeit im Mittelalter. Leiden. zeigt sich auch in den gerade auch für diese Fragestellung grundlegenden und vielfältig weiterführenden Überlegungen der Systemtheorie. M. der auf ein im Oktober 2005 in Konstanz veranstaltetes Kolloquium zurückgeht. 61-75. nie aber in seiner konstitutiven Relevanz gesehen. Münster 1964. Jahrhunderts ist die Zeit der Verschriftlichung der Volkssprachen und des Eindringens der Schrift in die Bereiche von Verwaltung. 141-170.8 Hier setzt der vorliegende Band an. Hrsg. dazu: NIKLAS LUHMANN: Die Gesellschaft der Gesellschaft. v. Hrsg. Universität Freiburg. Homo medialis. In: Spiegel der Geschichte. von FRANK BÖSCH/MANUEL BORUTTA. Leipzig 1875. Ages. 1997. Hrsg. a. Zur Codierung von Intimität. a. die durch die DFG unterstützten Sonderforschungsbereiche. Ihnen sei hier herzlich gedankt. Sparkasse Bodensee. 9 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Die Veranstaltung wurde ermöglicht durch: Gerda-Henkel-Stiftung. von MANFRED L. In Zusammenarbeit mit Christian Kiening und dem Nationalen Forschungsschwerpunkt „Medienwandel – Medienwissen – Medienwechsel“ der Universität Zürich.. M. von KONRAD REPGEN/STEPHAN SKALWEIT. Ithaca.11 Gleichzeitig gibt es aus religions. Festschrift Max Braubach. Frankfurt a. Universität Münster sowie SFB 321 „Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit“. von JAN M. 11 Vgl. v. Hrsg. CAROLYN DINSHAW: Chaucer’s Sexual Poetics. 13. Die Massen bewegen. Zum Desiderat in der Mediävistik vgl. 2006. Perspektiven und Probleme einer Anthropologie der Medien. HARTMUT HOFFMANN: Zur mittelalterlichen Brieftechnik.-15. 7 WILHELM WATTENBACH: Das Schriftwesen im Mittelalter. Bern. Frankfurt a. 267-292. Stiftung Landesbank Baden-Württemberg. München 2003. Star-Minen. Anm. 1982. Verwaltungs.4 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters.und Kommunikationspraktiken) interessieren. 1993. 139-154. S. trotz entsprechender Tendenzen in neueren Arbeiten. ZIOLKOWSKI: Alan of Lille’s Grammar of Sex. Einführung chen Studien zur höfischen Liebe ist der mediale Aspekt zwar immer mit bedacht. PIRNER. 1. Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen. WULF OESTERREICHER: Verfschriftung und Verschriftlichung im Kontext medialer und konzeptioneller Schriftlichkeit. bis 15. a. Rechtswesen und Herrschaftsausübung. von OLIVER GRAU u. Dieser Prozess der ‚Verschriftung‘10 der europäischen Kultur bildet seit längerer Zeit einen Schwerpunkt des Forschungsinteresses. M. Universitätsgesellschaft Konstanz e.7 Eine engere Verknüpfung von historischer Emotionalitätsforschung und medientheoretischen Fragestellungen ist. Dazu u. ZIOLKOWSKI.9 Die Zeit des 11. S. S. The Meaning of Grammar to a Twelfth-Century Intellectual. die die Notwendigkeit dieser Verknüpfung deutlich werden lassen. 244-51. Hrsg. von URSULA SCHAEFER. Wie eng diese zwei Erkenntnisfelder zusammengeführt werden können. N. wobei in erster Linie die dadurch sich verändernden politischen Handlungsmöglichkeiten (Herrschafts-. a. noch Desiderat. die sich in grösserem Rahmen dem Problem der Verschriftung der Lebenswelt widmeten: SFB 231 „Pragmatische Schriftlichkeit im Mittelalter“. Vgl. 249-291 und 316-393. V. In: Schriftlichkeit im frühen Mittelalter. München 101984. M.und philosophiegeschichtlicher Perspektive Arbeiten. Zur Lenkung von Gefühlen durch Bild und Sound. 2005. Köln 1998. Oktober 2005. NIKLAS LUHMANN: Liebe als Passion. JAN M. oben. Cambridge 1985. Hingewiesen sei nur auf ein paar der neusten Studien: Mediale Emotionen. Medien und Emotionen in der Moderne. Tübingen 1993 (ScriptOralia 53). Frankfurt a. Hrsg. Konstanz. S. . Boston. 10 Zum Begriff der Verschriftung vgl. S. Frankfurt a.

295-327. die wegweisende Studie von MARTIN IRVINE: The Making of Textual Culture. GERT MELVILLE: Zur Funktion der Schriftlichkeit im institutionellen Gefüge mittelalterlicher Orden. 82. Cambridge 1994. KLAUS SCHREINER: Verschriftlichung als Faktor monastischer Reform. BRIAN STOCK: The Implication of Literacy: Written Language and Models of Interpretation in the 11th and 12th Centuries. . Einflüsse. u. 1987 (Bibliothek des Mittelalters 13).a. S.12 Dabei wird auf die enge Verbindung dieser Entwicklung eines neuen Intellektualismus mit sozialgeschichtlichen und religionspolitischen Veränderungen hingewiesen. S. MALCOLM BECKWITH PARKES: Pause and Effect. In diesen Kontext gehören auch Einzelstudien zu der lateinischen gelehrten Dichtung. 138. Frankfurt a. MARIE-DOMINIQUE CHENU: Grammaire et théologie. Kongressakten zum 1. vgl. [Nr. S. 37-75. GREGOR VOGTSPIRA: Vox und Littera. von HAGEN KELLER/ KLAUS GRUBMÜLLER/NIKOLAUS STAUBACH. Der Buchstabe zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der grammatischen Tradition. M. von PAUL KLOPSCH. In: Zusammenhänge. S. BRIAN STOCK: Schriftgebrauch und Rationalität im Mittelalter.grammatica‘ and Literary Theory 350-1100. dem Entstehen eines „Inventars interpretierter Erfahrung“ (Stock). Frankfurt a. In: FMSt 26 (1992). wie z. Lebensfunktionen der Schrift im Mittelalter. 92. 1-31. 177]. In: Pragmatische Schriftlichkeit im Mittelalter. In: Medieval Latin and the Rise of European Love-Lyric. 95. M. 391-417. von Benedikt Konrad Vollmann. Frankfurt a. Interpretation und Kritik.. Carmina burana. von HAGEN KELLER/KLAUS GRUBMÜLLER/NIKOLAUS STAUBACH. von J. Schriftlichkeit und Mündlichkeit in der Korrespondenz des lateinischen Mittelalters. In: Historiographia Linguistica VII (1980). 1991. München 1992 (Münstersche Mittelalter-Schriften 65). 1984. Hrsg.Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Paris 1957 (Études de la philosophie médiévale 45). HAGEN KELLER: Vom ‚heiligen Buch‘ zur ‚Buchführung‘. 131-156.13 Einzelstudien Hrsg. 262-267. die unter anderem – als Folge des Versuchs. S. Wirkungen. In: DERS. Princeton 1983. S. Hrsg. ROSAMOND MCKITTERICK: The Carolingians and the Written Word. 1988 (stw 730). B. Jh. Als das Schriftbild der Moderne entstand. und komm. von WOLFGANG SCHLUCHER. Stuttgart 1985. IVAN ILLICH: Im Weinberg des Textes. O. In: Poetica 23 (1991). In: Frühmittelalterliche Studien 25 (1991). In: Lateinische Lyrik des Mittelalters. S. 98. Einführung 5 welche die sich im 12. herausbildende ‚Textkultur‘ in Zusammenhang bringen mit einer intensivierten Erforschung der Beziehung von Sprache und Realität in dieser Zeit. 88. 164. Hrsg. In: Max Webers Sicht des okzitanischen Christentums. S. a. Funktionen von Schriftlichkeit im Ordenswesen des hohen und späten Mittelalters. Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen. M. S. Ausgew. München 1992 (MMS 65). zu Baldrich von Bourgueil: Qua intentione scripserat. sowie einer Veränderung von Bewusstseinsstrukturen und Interpretationsmodellen. 165-183. Hrsg. Cambridge 1989. FICHTE u. 12 13 . Berlin 1986. An Introduction to the History of Punctuation in the West. S. sowie KARIN MARGARETA FREDBORG: Universal Grammar according to some 12th-Century Grammarians. Aldershot 1992. auch: ROLF KÖHN: Latein und Volkssprache. und 13. 340-356. übers. Vgl. Dum transirem Danubium. logische und natürliche Veränderungen zu parallelisieren sowie dem wachsenden Interesse an der Natur in der Scholastik – zu einer ‚Entsakralisierung‘ des natürlichen Universums führten. Symposium des Mediävistenverbandes in Tübingen.: La théologie au douzième siècle. 69-84. 90-107.. Zu der herausragenden Bedeutung der Grammatik (ars grammatica) für die sich in der Auseinandersetzung mit Schrift konstituierende mittelalterliche Kultur sowie die Wirkung dieser Kunst auf die Wahrnehmungsstrukturen gibt es verschiedene Untersuchungen.

M. In: Ausgewählte und neue Schriften zur Literaturgeschichte und zur Bedeutungsforschung. Gelehrtenerotik von einem eigentlichen Fetischismus der Schreibutensilien reden. Leipzig 1995. die sich seit langem für die medialen Bedingungen des mittelalterlichen Literaturbetriebs interessiert und zu grundlegenden Forschungen geführt hat. Cambridge 1990. wenig Aufmerksamkeit gefunden. liber naturae). die zu einer Formung menschlicher Selbstdefinition und Selbstwahrnehmung führte. Hrsg. Hrsg. RICHARD H. von R. 7.Colloques d’humanisme médiéval‘. zu mittellateinischer Liebesdichtung. In: Culture et travail intellectuel dans l’Occident médiéval. S. Bilan des . 115-144. sondern auch die der lateinischen Schriftkultur impliziten theologischen Deutungsstrategien vermittelt. 84-87. 279-360. S.von UWE RUBERG/DIETMAR PEIL. WARWICK FRESE/K. Walther von Châtillon: Declinante frigore.. u. von D. O’BRIEN O’KEEFE. In: Vom Wachs. A Study of Memory in Medieval Culture.1. hat aber bisher mit Ausnahme von Veränderungen im Bereich der Wissenstradierung und -konstituierung (Gedächtniskonzepte und verschriftlichte Wissensordnungen). S. Stuttgart 1963. Vgl. Jahrhundert über die alte Wachsschreibtafel in der Übersetzung von Dr. Hrsg. sozial-. PAUL SAENGER: Space Between Words. The Origins of Silent Reading. In: Vagantendichtung. von HELMUT PRESSER. Hrsg.und Schreibmetaphorik im theologischen Denken (Gott als Schreiber der Welt. Oxford 1965. Hrsg. S. 726-843. In: Parodie im Mittelalter. Hrsg. S. Notre Dame. dazu Anm. von KARL LANGOSCH. Hoechst 1968 (Höchster Beiträge zur Kenntnis der Wachse. Wachsschreibtafel und ihre Verwendung. der Sprache der artes und der gelehrten Dichtung gehören. die anthropologisches Denken Bd. S. Indiana 1997.. Vgl.14 Die eigentlich anthropologische Frage nach dem Einfluss dieser Entwicklung auf die Welt. wozu auch die ausgeprägte Schrift. Frankfurt a. Man kann in der mlat. Das Klagelied eines Abtes und Erzbischofs im 12. Erotischer Grammatikbetrieb (Scribere clericulis). 1. und übers. Hrsg. Bremen 1968..6 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. von PAUL LEHMANN.und motivgeschichtlichen Fragen aus und stehen in der kulturgeschichtlichen und philologischen Tradition. BÜLL. Lateinisch und deutsch. Zu Gedächtniskonzepten und Wissensordnungen: MARY CARRUTHERS: Reading with Attitude. Moser. 876f. Wachs als Beschreib. 223f. Aufl.15 Über die Schrift(praxis) wurden nicht nur die technischen und materiellen Deutungsgrundlagen sowie die darauf gründende Metaphorik für die volkssprachliche literarische Welt zugänglich. In: The Book and the Body. S. Remembering the Book. Paris 1981. technik. 1-33.9).a. Stanford 1997. Über die „neue“ Schriftkultur kam es so auch in der volkssprachlichen Literatur zu einer Amalgamierung theologisch-religiöser Denkmuster mit säkularen Handlungsmustern. 282f.und Selbstwahrnehmung des Menschen. Einführung zur Geschichte der Schrift und des Schreibens. 2. Schreiberversen und Briefkultur gehen von rhetorik-. von PETER DRONKE. Hrsg.und Siegelstoff. Bremen 1962. MARY CARRUTHERS: The Book of Memory.. von GENEVIÈVE HASENOHR/ JEAN LONGÈRE. gattungs-. Mit einer Übersetzung des Philobiblons von LUTZ MACKENSEN. In: Das Buch vom Buch. 14 15 . Friedrich Ohly: Zum Buch der Natur. ROUSE: L‘évolution des attitudes envers l’autorité écrite: le développement des instruments de travail au XIIIe siècle. Bd. Stuttgart. Richard de Bury: Philobiblon. S.

Alanus ab Insulis: De Planctu Naturae. ZIOLKOWSKI: Obscenity in the Latin Grammatical and Rhetorical Tradition (Anm. 431A-482C. 312 und Anm. 108-121. Hrsg. von MARK CHINCA/TIMO REUVEKAMP-FELBER/CHRISTOPHER YOUNG. The Plaint of Nature. Alanus ab Insulis: De Planctu Naturae.-P. die immer wieder neu erregt und reichlich Zündstoff bietet.15. z. Eine Studie zu konkurrierenden Männerbildern in Mittelalter und Früher Neuzeit. S. Sp. die nachhaltig zu einer Exklusion des weiblichen Geschlechts aus der Gesellschaft der Gelehrten und Künstler führte. ZIOLKOWSKI: Alan of Lille’s Grammar of Sex (Anm. wie durch die Schriftpraxis geprägte Denk. Deutungsmustern und Sinnordnungen kommt. Berlin 2005. wie sie gerade im Liebesdiskurs gern als „Natur“ (im Gegensatz zu Kultur) definiert wurde.17 lässt sich exemplarisch fragen. So soll dieser Band auch Teil einer noch zu schreibenden „Mediengeschichte der Emotionen“ sein. das die Fragestellung in einer Art zuspitzt. S. In: Mittelalterliche Novellistik im europäischen Kontext. dass es durch einen medialen Wandel zu Neucodierung und Neuorganisation von Denkstrukturen.und Wahrnehmungsmuster die Deutung und darin Konstituierung „natürlicher“ Vorgänge leiten und es zu einer Literarisierung der „Natur“ kommt. Zu denken ist hier unter anderem an die Geschlechtergeschichte in Bezug auf Kreativität und Intellekt. Einzelne Aspekte dieser Thematik sind in der Forschung schon angedeutet. 307-364. B. wo unter anderem von einer ‚orthographia Veneris‘ (Alanus ab Insulis) die Rede ist. MIREILLE SCHNYDER: Schreibmacht vs Wortgewalt. (ZfdPh Beiheft).Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. wird die emphatisch aufgeladene Authentizität und Unmittelbarkeit des Gefühls zweifelhaft. Im Bereich des sexuellen Begehrens. 6). von J. 14. Hrsg. hier: S. eine eingehende Studie zu diesem Zusammenhang fehlt aber noch.und Sprachmacht im Rahmen der Rhetorik(geschichte) und Literatur(geschichte). In: PL 210. 3). SHERIDAN. Interessant ist aber. Diskursgeschichte und Literaturgeschichte. In: Frühmittelalterliche Studien 32 (1998). Kulturwissenschaftliche Perspektiven. Vgl.und Körper-Thematik. Auf spätere Ausformungen und Konsequenzen dieser in der Medialität legitimierten und konstituierten Differenzierungen der Geschlechter in Bezug auf Kreativität weist auch KOSCHORKE hin (wie Anm. die sich im Medium artikulierende und darin artikulierte Körperlichkeit des Menschen. geht wohl auf im schriftliterarischen Denken gründende Metaphern und Konzepte zurück. RÜDIGER SCHNELL: Geschlechtergeschichte. Einführung 7 grundlegend bis in die Neuzeit bestimmt. MIGNE. Transl. an Konzepte der Geist. Medien im Kampf der Geschlechter. an eine Umkehr und Umdeutung der Schreib. dass es gerade das Thema der Liebe ist. da. 6).16 Indem dabei die Liebe – im Sinne einer kulturellen Formung der menschlichen Sexualität – in den Blick genommen wird. in ihrer medialen Bedingtheit und Formung zu thematisieren. Authentizität und Unmittelbar- 16 17 Der Gedanke einer Inkompatiblität von physischer und geistiger Zeugungskraft/Kreativität. Denn wenn eine kultur-konstruktivistische Lesart davon ausgeht. by JAMES J. an die Wahrnehmung des Körpers und seiner „richtigen“ Handlungsweisen. bietet sich die Möglichkeit. Toronto 1980 (Medieval Sources in Translation 26). .

WALTER J. können so in ihrer Problematik entschärft werden. Denn wenn die Trennung einer innerlichen und äusserlichen Welt als Folge von in der Schriftlichkeit sich ausprägenden Denkstrukturen gesehen wird. Bemerkungen zu Lavinias Minne. dass dieses Phänomen in der lateinischen Literatur schon früher auftaucht als in der volkssprachlichen. Aus dem Liebesdiskurs ist der Essenzialismus nicht wegzudenken. New York 2003 (Trends in Medieval Philology 1). 133-155. The Technologizing of the Word. Zu diesem Staunen und der entwicklungspsychologischen These vgl. Emotionalisierung des sexuellen Begehrens über die Schrift. Diese Schwierigkeit der Debatte. Schrift als Medium der Abstraktion Die Schrift ist nicht nur in dem Sinn ein Medium der Abstraktion. New York 1982. als sich darin eine Exkarnation vollziehen kann. die auch im Beitrag von PETER VON MOOS reflektiert ist. in der präzisen Fokussierung der medialen Aspekte das Thema der Liebe exemplarisch für historische Emotionalitätsforschung unter medialen Aspekten anzugehen. In: Raum und Verfahren. Vgl. zusammenhängt. Es handelt sich dabei um eine Art Gegenschrift zu MIREILLE SCHNYDER: Imagination und Emotion. Gedanken zur Grenze zwischen Körper und Schrift. SCHNELL (Anm. zeigt sich auch in den vorliegenden Studien.19 Der vorliegende Band will nicht in diese Debatte einsteigen. Selbst da. RÜDIGER SCHNELL: Medialität und Emotionalität.21 sondern sich über sie auch die 18 Dass die Problematik von Authentizität an die Differenzierung von Innen und Außen gekoppelt ist. Entsprechend stehen medientheoretische Kategorien im Vordergrund der Analyse. der sich aber bei der Frage nach der „Liebe“ regelmäßig entzündet. a. Evolutionspsychologische Thesen. In: GRM 55 (2005). 19 20 21 . STEPHEN JAGER/INGRID KASTEN. In: Codierungen von Emotionen im Mittelalter. London. Es ist ein neuralgischer Punkt. U. die durch Schriftlichkeit ermöglicht werden. ALEIDA ASSMANN: Exkarnation. Hrsg. wie „die Entdeckung der Innerlichkeit“ um 1200 (oder je nach Forschungshorizont: um 1800). Denn dieses Gefühl will man sich als authentisches nicht nehmen lassen. von JÖRG HUBER/ALOIS MARTIN MÜLLER. wenn es um die Liebe geht. die in jedem Liebesdiskurs das Ideal bestimmen. von C. S. S. 251ff.8 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. voraussetzungsloses und reines. zu diesen grundlegenden Kategorien der Schriftlichkeitsforschung u. wo grundsätzlich die kulturelle Bedingtheit von sozialen Handlungsweisen und damit verbundenen Emotionen anerkannt wird. wird immer wieder betont. erstaunt nicht mehr. gibt es einen leisen Vorbehalt. 237-250. Basel 1993 (Interventionen 2). S. das heißt immer auch: genuin eigenes. S. zeigt sich nicht zuletzt bei den engagierten Beiträgen von RÜDIGER SCHNELL in Reaktion auf entsprechende medienanthropologische Forschungsansätze. der bei entsprechenden Untersuchungen zur „Trauer“ kaum schmerzt.20 1. ONG: Orality and Literacy. a. 267-282.18 Hier liegt eine grundlegende Schwierigkeit der medienanthropologischen Forschungsdiskussionen zum Verhältnis von Medialität und Emotionalität. Einführung keit sind aber gerade die Kriterien. Zu diesem Begriff vgl. sondern hat zum Ziel. Dass dies mit Denkstrukturen. Hrsg. Berlin. 1).

In dieser Sinngebung steckt gleichzeitig die Möglichkeit einer Erotik. Jh.. die nicht mehr an einen festen Kontext gebunden ist. ist in Bezug auf die lateinische erotische Literatur des 12. konzipiert sich die Liebesäußerung auf eine Allgemeinheit und Korrektheit hin und verliert die Intimität ihre Geschlossenheit. anonymisiert und übertragbar ist. in dem die Rhetorizität ins Spiel kommt. (Anm. als Überformung physischer Handlungen durch geistig-abstrakte Strukturen und Regeln. JOHN A. dazu u. die Sexualmetaphorik in Texten des trivium. . Einführung 9 Möglichkeit einer Systematisierung der Sprache ergibt. ZIOLKOWSKI: Obscenity in the Latin Grammatical and Rhetorical Tradition (Anm. Die Einordnung des Liebeshandelns in die Grammatikkultur. Die sich in der Geist-Erotik der Grammatikkultur ausbildende Schriftmetaphorik in erotischen Texten sowie deren Äquivalent. C. damit aber auch verallgemeinerbar wird. The Didactic Poetry of Robert de Blois. Stuttgart 1963. auch die Untersuchungen zu einzelnen Texten. 6).23 Über die Schrift wird eine Kommunikation möglich. die sich gerade bei Liebesbriefen immer neu stellt.: ZIOLKOWSKI: Alan of Lille’s Grammar of Sex. In: Speculum 57 (1982). In: Paragraph 13 (1990). eine Geist-Erotik in den entsprechend gebildeten – zumeist klerikalen – Kreisen. Die über die Metaphorik in eine subkutan wirkende Bildlichkeit gebrachten Hierarchisierungen. Ausg.s schon verschiedentlich aufgezeigt worden. Zur grammatischen Erotik vgl. 105-131. Denn im Augenblick. S. STEPHEN JAEGER: Ennobling Love. A Survey of Its Use in the Middle Ages. In Search of a Lost Sensibility. ist gerade im Bezug auf Genderfragen. PAUL LEHMANN: Die Parodie im Mittelalter. wobei sich das Phänomen genauso in stilistischen Momenten wie in ethischer Argumentation fassen lässt. was nicht zuletzt eine „Orthographie der Natur“ heißt. sind Ausdruck einer sich über die Schriftkultur bildenden Substruktur des Denkens (Blumenberg). das Spiel mit der Intertextualität und der Anspruch auf stilistische und sprachliche Korrektheit. geiststrukturierten Horizont hin geordnet. Diese Abstrahierung durch die Schrift ermöglicht die Überlieferung und Traditionsbildung. Philadelphia 1999. ROBERTA KRUEGER: Constructing Sexual Identities in the High Middle Ages. Beitrag VON MOOS).22 Damit wird das physische Begehren auf einen übergreifenden. a. die von nachhaltiger Wirkung auf Liebeskonstellationen und Liebeskonzepte ist. aufschlussreich. ALFORD: The Grammatical Metaphor. die in literarischen Texten oder in Sammlungen 22 23 Vgl. So ist die Konsequenz dieser „Orthographie des Körperhandelns“. Eine Frage. 2. 728-760. von der Einzelperson gelöst. 6). indem die Präsenz des Körperlichen auf ein Muster hin arrangiert und zum Objekt intellektueller Spielereien wird. S.Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. was die Frage nach der Authentizität aufwirft (vgl. Regelungen und Wertungen genauer in den Blick zu nehmen. so dass der schriftlich fixierte Ausdruck immer schon Teil einer Tradition ist. Liebesbriefe.

Verschiebung. Gleichzeitig bietet diese Möglichkeit der Abstrahierung vom präsenten Körper und der konkreten Situation. wo die Erfahrung im Überwältigtsein sich selber auslöscht. weil darüber auf den durch die Schrift vermittelten Diskurs der Liebe zurückgegriffen werden kann. VON MOOS). Sprachlichkeit und damit kulturellen Ordnung vorgenommen werden. auch die Möglichkeit einer Radikalisierung des Affekts. LIEB). Dass aus dieser Rationalisierung der Liebe über die Schrift immer wieder neu Auswege gesucht werden. Über die Schrift erschließt sich eine Welt jenseits des Erträglichen. Neucodierung eine grundsätzliche Reflexion der Begrifflichkeit. LIEB). Als solches funktioniert sie aber nur. VON MOOS. Damit wird der schriftliterarische Text zum Mittel der Erzeugung von Liebe als rhetorischem Effekt. wo die Liebe den Liebenden verstummen lässt. Das Liebesobjekt wird zum Produkt des schriftgelehrten Wissens (KRAß. worüber auch die sich in diesen Ordnungen konstituierenden Liebesdiskurse irritiert werden (REICHLIN. Anders als im auf orale Performanz angelegten Minnesang. kann über Rekontextualisierung. Einführung überliefert sind. Damit zeigt sich die authentische Liebe deutlich als Sehnsuchtsziel schriftliterarischer Diskurse sowie die Unbegreiflichkeit der Liebe als ihr imaginäres Konstituens. BUßMANN. wo im konkreten Erlebnis die Sprache versagt und setzt sich an die Stelle. Indem in der Schrift das aus dem Kontext gelöste Wort möglich ist. Gleichzeitig erzeugen diese Verschiebungen im schriftliterarischen Verfahren ein textuelles Begehren. . um dem Ideal einer unfassbaren. KUHN). wo die Schrift in einer Re-Mythisierung der im Schriftdiskurs allegorisierten mythischen Figuren überwunden werden soll auf den Bereich eines unaussprechlich Besonderen hin (QUAST/SCHAUSTEN). der sich dem Liebenden verweigert. jenseits des Todes und jenseits des Körpers (HUBER. wie sie im physischen Vollzug nicht eingeholt werden kann/ muss. während die Schrift zum Instrument der Liebe wird (KUHN.10 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. wird nicht zuletzt da deutlich. So ermöglicht die Schrift im Liebesdiskurs ein Reden da. Die Intimität der Briefe ist immer auch eine öffentliche. über die das Physische aus dem Diskurs ferngehalten werden kann. zielen immer auch auf eine Partizipation einer literarischen Öffentlichkeit. Damit wird die körperliche Liebe im Schriftdiskurs zur Aporie. KUHN). Die Figur der begehrten Frau wird zur Begehrenswerten durch die Tradition der schriftlichen Überlieferung und die Mimesis des früheren Begehrens. die Ratio gerade übersteigenden Emotion als Signum „wahrer Liebe“ nahe zu kommen. damit eine rhetorisch-poetologisch zugerichtete (HUBER. die an diesem intimen Diskurs Teil haben soll und dadurch zu Empathie angeleitet wird. ist es hier der Körper.

The Arabesque Initial in Twelfth-Century English Manuscripts. dazu J. hier: S. Die Schrift wird so zum Mittel der Blendung und der Vision – auch in Liebesdingen. Liebe im Zeitalter der Schrift ist so ganz stark auch von der Potenz der Imagination geprägt. Schrift als Medium des Auges und der Anschaulichkeit (Präsenz) Schrift ist in einem ganz konkreten Sinn Medium des Auges. Entsprechend kann die Schrift da gefährlich und verletztend werden.Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Gemeint ist damit die Überhöhung des Gesehehen auf ein eingebildetes Ideal hin. . Die Schrift erhält eine Präsenz. KER. BUßMANN). Das blinde Sehen par excellence aber ist das Lesen. Manuscripts and Libraries. als A und O – im wahrsten Sinn: Anfang und Ende – der sich in der Schriftkultur ausbildenden Liebeskonzepte. J. wo sie in ihrer nicht zeichenhaften Form. Die Materialität des Briefes wird zum Medium des Körperlichen und die Schrift wird zum Mittel der Präsenzstiftung. ALEXANDER: Scribes as Artists. PARKES/ANDREW G. Entsprechend stellt sich die Frage. Die Fiktionalitätsdebatte in der Mediävistik hat hier einen ihrer zentralen Ansatzpunkte. das gerade über diese Ambivalenz eng mit der Imagination gekoppelt ist. Essays presented to N. wie es sich in der Re-Mythisierung 24 Vgl. Mündlichkeit wäre so das mediale Äquivalent zu der im Schriftdiskurs neu imaginierten Mythizität. als Schriftstück. 87f. 87-116. die Tinte. Die Schrift als visuelles Medium. von M. eine Ungenauigkeit der Wahrnehmung. Dabei ist nicht zu übersehen. In: Medieval Scribes. B. Einführung 11 2. Hrsg. die Gegenwärtigkeit des fernen Du vorgibt (HUBER). als Material. WATSON. Damit wird Schrift auch zum Medium einer imaginierten Mündlichkeit als des aus dem schriftlichen Diskurs gerade Ausgeschlossenen (VON MOOS). heißt es. inwiefern die „Unmittelbarkeit“ des Gefühls nicht im Kern dieser Liebes-Imaginationen zu finden ist. wie sie in der mündlichen Kommunikation das physisch präsente Du hat. der Codex) wieder zu einer neuen Verkörperung des im Zeichen Abstrahierten werden kann.24 ist aber auch das Medium. wo der scriptor auch der pictor ist. dessen ambivalente Struktur zwischen vorstellender Anschaulichkeit und über das Zeichen generierter Vorstellung nicht zuletzt in der Lexik sich ausdrückt. Liebe macht blind. indem die Abstraktion des Körpers in der Schrift mit einer Präsentation des Absenten im Zeichen einhergeht. dass die Schrift in dieser Funktionalisierung auch Teil eines magischen Weltverständnisses sein kann (Beitrag HUBER). London 1978. S. G. R. so dass im rezipierenden Blick die Materialität des Schriftlichen (das Pergament. So ist die Gestik gegenüber dem Brief als Gestik gegenüber dem Körper des Andern zu sehen (HUBER.

ermöglicht die imaginationsstimulierende Potenz der Schrift ein den Körper übersteigendes. als reines Phantasma. die Distanz überwindendes. den Tod mit einschließendes Liebeserleben. Da erst kann es zu den Verschiebungen kommen und zu der zer- . Insofern ist die Schrift gerade als Medium der Distanz adäquates Medium der höfischen Liebeskonzeption. Dieses. gewussten Rahmen hineingedeutet. in der Suchspannung der schriftlichen Kommunikation aufgebaute Gefühl (der Liebe von Getrennten). Liebesdiskurs und Liebe sind so wenig zu trennen wie Schreib. 3. Denn es geht letztlich um ein Spiel mit der Distanz im Kunstwerk. als utopischer Raum (LIEB). Die Fernliebe (die Liebe zu einem noch nie gesehenen Du) besteht im Ideal des Ungesehenen.und Liebesmetaphorik (KUHN. EGIDI. Der schriftliterarische Liebesdiskurs wird zum Liebesvollzug. In letzter Konsequenz zeigt sich das Objekt des Begehrens. das Unfassbare zu greifen. so dass die eigene Empfindung (Sinnlichkeit) zum Kunstwerk werden konnte – dem literarischen Vorentwurf nachgebildet und in den bekannten. LIEB). Wie sich schon in Bezug auf die Abstraktionskraft des Schriftlichen gezeigt hat. Sie ist ein eigentlich politisch-gesellschaftlicher Habitus und kennt keine Erotik. die schöne Frau. Der Brief. zeigt (QUAST/ SCHAUSTEN). die der höfischen Reziprozität entspricht. als direktes. in einer kleineren Gesellschaft von Schrifthandelnden. wird erst durch das Medium der Schrift möglich. Entscheidend ist dabei. wie sie in der höfischen und klerikalen Welt des Mittelalters zu finden war. über seinen Tod hinaus hat – außer in der Schriftradition (KRAß). „Fernliebe“ zu unterscheiden ist. das keine Existenz über die Vorstellungskraft des Phantasten. aber entkörperlichte Nähe schaffendes Medium. Und eine Beziehung kann gerade über die Schriftkommunikation als gefûchlîche definiert werden (BUßMANN). ist jedoch nur in einer hochartifizierten und ästhetisierten Kunstwelt denkbar. nur Gehörten. Wobei „Liebe von Getrennten“ gerade über den medialen Aspekt von der sog. Schrift als Distanz-Medium Die schriftliche Kommunikation ermöglicht eine „Liebe von Getrennten“. ist der passende Kommunikationsmodus. was nicht nur zu einer Radikalisierung der Affekte führt (HUBER). Die erfolgreiche Form der Liebeskommunikation. In ihrer statischen Gerichtetheit ist sie nicht emotionalisiert im Sinne einer dynamisierten Subjektivität. dass die in der Schrift vollzogene Liebespraxis als Konstituens einer besseren Welt imaginiert wird.12 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung allegorisierter Figuren als Versuch. sondern auch einen Raum der Dichtung erschließt (KUHN). die – zumindest für eine gewisse Zeit – vielleicht sogar zum Ideal wird. aber auch distanziertes.

wo diese Schriftintimität in Frage gestellt wird. die mit dem absenten Du die (Vor)Täuschung eines Du möglich machen. wo die Schriftlogik spielt und die Liebessprache von Textstrategien getragen wird. als diskursgesteuertes Heran-Holen. In dieser doppelten Funktion von Schriftlichkeit ist auch die Intimität des Briefes zu finden. als Liebe des zwîvels. Auffallend ist. ist in dieser Zeit. das diese als Medium der Nähe zum Signum einer Unmittelbarkeit macht. seit wann diese Schriftintimität problematisch wird und wie darauf reagiert wird. die aus dem öffentlich-performativen Kontext hinausweist in eine Geschlossenheit der Intimität. Es ist möglich. das immer unsicher und proteushaft ist. in der sich über die Schrift erst ein intimer Innenraum konstituiert. anderseits wird im Schreibakt die Unterscheidung von Liebe und diskursiver Verarbeitung hinfällig und damit die Distanz gerade aufgehoben (EGIDI). Es braucht die Kontextualisierung des Liebesausdrucks im Schriftlichen. HUBER).Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung 13 dehnten Kommunikation. die den über sie konstituierten Intimitätsdiskurs in eine als Gegenwelt zu sich selber entworfene Mündlichkeit retten wollte. ermöglicht sich eine Ausdrucksweise. als reflektiertes Wieder-Holen. anderseits affekterzeugend wirkt (HUBER). die im Schriftlichen verloren scheint. Die Liebe von Getrennten. Es wäre dann gerade die Schrift-Liebe. die die höfische Minne letztlich kennzeichnet (EGIDI). dass sich genau da. Einerseits wird dadurch die Distanznahme und Reflexion der Minne möglich. als die zentralen Kräfte dieser Liebes-Schrift fungieren (KUHN). wo die Schrift Liebesspiele ermöglicht. dass der Text zum vom Ich abgelösten Körper werden kann. dass die Problematik der an die Ambivalenz der Zeichen ausgelieferten Liebe. Nur in der Schrift entwickelt sich in den späteren höfischen Romanen die intime Kommunikation. authentische „mündliche“ Liebe entwirft. Bis hin. über den sich der Liebesentwurf konstituiert. unverfälschte. Intimität herzustellen in Situationen der Trennung. wobei Erinnern. Entsprechend stellt sich dann die Frage. Der Brief wird zu einem literarischen Verfahren. indem sie eine wahrhaftige. macht auf alle Fälle darauf aufmerksam. Denn erst da. wie sie gern für die Zeit um 1800 angesetzt wird – mit entsprechenden Qualifizierungen und Beurteilungen vormoderner „Intimität“ – sehr viel komplexer und . (noch) kaum Thema (HUBER). dass die „Entdeckung der Intimität“. im Blick auf die Liebe ein Konzept von Mündlichkeit entwickelt. und Imagination. um einen „intimen“ Raum des Ausdrucks zu schaffen (MÜLLER. So kann man von einem „Heimlichkeitsdiskurs“ im Liebesbriefwechsel sprechen. als ein nach außen verlagertes Erzählen vom Innen. Dabei wird gerade in der schriftlichen Liebeskommunikation die doppelte Funktion von Schrift deutlich. in deren Vieldeutigkeit das Du verschwimmt. die einerseits die seelische Intimität konstituiert und beschwört. kaum eine Rolle spielt. Was sich in den Beiträgen dieses Bandes zeigt.

Die Codierung des Affekts. Galler Spinnwirtelspruch) in den Beiträgen von MÜLLER und HUBER ist Indiz genau dieser grundlegenden Problematik. Durch die Loslösung des Begehrens von einer Präsenz des Objekts wird letztlich auch die Liebe im Sinne eines subjektiven.25 Hier ist der Grund für die schwierigen Anfänge einer verschriftlichten Liebesrede zu sehen (MÜLLER. Die einsame Lektüre von Liebenden bezieht sich in der Regel auf andere Liebende: das exklusive Erleben ist ein allgemeines (LIEB. Der Liebesbrief wird auch zum Mittel der Affektexemplarizität für eine literarische Öffentlichkeit (VON MOOS. wo der Liebesausdruck sich den Textstrategien unterwirft. Einführung gerade unter mediengeschichtlichen und -theoretischen Aspekten differenzierter sich darstellt. 25 Die divergierenden Deutungen eines solchen Phänomens der frühen Verschriftlichung (des St. Über die Regelhaftigkeit der Liebesbriefe. im Sinne einer zu erlernenden Kompetenz. So kann es in diesen Zusammenhängen zu einer Verdinglichung der Schrift kommen. die mündliche Tradition des LiebesLiedes zu verschriftlichen. HUBER). HUBER). Sie wird sozusagen entschriftlicht (HUBER). Schrift verliert damit ihren Zeichencharakter und somit die Potenz der Rationalisierung. 4. Liebe in der Schriftkultur heißt aber auch immer Liebe in einer verschriftlichten Tradition. Es gibt eine Art Scheu. KRAß). Erst da. HUBER. einsamen. da nicht mehr kommunizierbaren Gefühls möglich. wird das einzige Gefühl zum allgemeinen und die an Authentizität gekoppelte Frage der Wahrhaftigkeit lässt sich nicht mehr beantworten. muss in der Schrift eingeholt werden. Distanzierung und Abstrahierung und kann zu einem magischen Objekt werden. findet er in die schriftliterarische Codierung. inwiefern dieses subjektive.14 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. die in der Performanz stattfindet. Das produziert die Spannung zwischen dem Erleben des Einzigen im tradierten ImmerWieder-Gleichen. die das Schriftstück als Teil des performativen Handelns realisiert. Genau diese in der Schrift festgesetzte und übertragbare Liebe ermöglicht aber auch – über die Imagination – das Erlesen eines Erlebens unabhängig von der Präsenz eines scheinbar notwendigen Du. ohne die es dieses Gefühl gar nicht geben würde. KUHN. einsame Gefühl nicht gerade auch Ausdruck einer Eingebundenheit in eine Gemeinschaft ist. Gleichzeitig stellt sich die Frage. Schrift als Medium der Verfestigung Die Umcodierung des in der oralen Kultur rituell gebundenen und damit gestisch-handlungsmäßig codierten Liebesausdrucks in die Schrift bietet eigene Schwierigkeiten. .

Berlin 1997 (Philologische Quellen und Studien 143). als Machtinstrument.26 Die Spannungsliebe wird in die greifbare Liebesaktivität umgedeutet. Zettel dienen als Beweis der Authentizität der Liebe dessen. wo es um die Verstetigung und Fest-Stellung der Liebe geht. inwiefern die Veränderung der Rolle der Schrift im politisch-sozialen Bereich auch zu einer Veränderung der über die Schrift codierten Liebeshändel führt. Vgl. S. Die Metaphorik des Einschreibens ins Herz dient einer Fest-Stellung sowie Konstituierung eines hermeneutischen Innenraums. Ein Text. der physischen Befriedigung. ermöglicht aber auch einen unmittelbaren Zugang zum Herzen. dazu MIREILLE SCHNYDER: Schriftkunst und Verführung. S. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelalter. Vgl.27 Der Schreiber. Die Gemeinschaft der Liebenden konstituiert sich als eine Schriftgemeinschaft (LIEB). sondern dient. der das mündliche Reden überflüssig macht. wird die sich im Schriftlichen konstituierende Imaginationsliebe oder auch: Spannungsliebe als Paradoxie des präsenten Absenten über die neue Schriftpraxis und Schriftprofession zur institutionalisierten Liebe. festen. exemplarisch: Das Rädlein. KUHN). unveränderlichen Liebe. In der Schrift verwirklicht sich somit die dem Liebesdiskurs inhärente Idee einer ewigen. die Märendichtung. als 26 27 THOMAS CRAMER: Nabelreibers Brief. dazu u. 517-531.Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. so dass der Text zur Selbstaussage wird. . Gelehrtenerotik die körperliche Liebeshandlung in die grammatischen Regeln und rhetorischen wie logischen Verbindungen hineingedacht. In: DVjs 80 (2006). a.und Lektüremetaphorik im Körperlichen realisiert. der den Text verfasst hat (LIEB. Wurde in der lat. Mit der Verstädterung der Gesellschaft und Professionalisierung des Schrifthandelns außerhalb der klerikalen und höfischen Kultur. wird in späterer Zeit die Schreib. Hrsg. in dem sich die Prägungen der Denkstrukturen durch die Schriftkultur auf verschiedenen Ebenen manifestiert. dass in der Liebesmetaphorik die Schrift immer wieder da eine Rolle spielt. Über die Metaphorik vom „Buch der Liebe“ ist die Schrift nicht nur als Mittel der Fixierung und Legitimierung von Eigentumsverhältnissen gedacht. richtet sich der Blick auf den eigenen Körper. Im Liebesdiskurs wandelte sich die Metaphorik der Schriftkonzepte zu einer Metaphorik der Schriftpragmatik. In: Gespräche – Boten – Briefe. der Schreibstift wird nicht mehr zur Geisterotik gebraucht. in deren Rahmen die Erotik wieder in die Sexualität umschlägt. Konzeptionen des Innenraums als Brief. Einführung 15 An diesem zentralen Punkt des individualisierten Allgemeinen. Buch. Auffallend ist. von HORST WENZEL. der dadurch mit seinen Reaktionen zu einem Teil des Schriftdiskurses wird und über den die Schrift autorisiert werden kann. 212-225. sondern auch als Legitimation der Liebe. um so im hochrationalisierten Rahmen das physische Begehren in Strukturen des Intellekts zu übersetzen. Zu Johannes von Freiberg: „Das Rädlein“. Interessant ist die Frage.

Bremen 1968. Venus. gekürzten. Hrsg. 258-279. Hrsg. Insofern ist der Beitrag von PETER VON MOOS ein idealer Einstieg in die Frage nach dem Verhältnis von Schrift und Liebe. Authentische Gefühle sind in den stilisierten Texten und der vervielfältigten. die sich mit verschiedenen Formen der Schrift-Liebe auseinandersetzen. wie die in den Epistolae duorum amantium verschriftlichte Liebe Produkt ihrer medialen Darstellung und Präsentation ist. hinter sich. und übers. veränderten und überarbeiteten Schrift nicht zu haben. wo die Medialität und Materialität des Liebesausdrucks in den Blick kommen. Einführung „neuer Ritter“. In philologischer Genauigkeit zeigt von Moos auf. BAUER. Da. von KARL LANGOSCH. 28 Zum Topos des Streits zwischen Pfaffe und Ritter vgl. In: Sterzinger Spiele. Die hier kurz skizzierten Ergebnisse fußen auf den Beobachtungen der einzelnen Beiträge. scheinbar intime Zeugnisse eines persönlichen Ausdrucks deutlich. wird die Fiktionalität dieser Briefe als geschriebene. In: Vagantendichtung. die nicht nur eng mit der Materialität der Schriftmedien zusammenhängt. Wien 1982 (Wiener Neudrucke 6).16 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Lateinisch und deutsch. die sich früher darum stritten. Die weltlichen Spiele des Sterzinger Spielarchivs nach den Originalhandschriften (1510-1535) von Vigil Raber und nach der Ausgabe Oswald Zingerles (1886). wie die Frage nach der Medialität der Liebe immer wieder mit der Frage nach der Authentizität konfrontiert wird. so dass Liebe zur Briefkunst wurde und Briefkunst als Liebeskunst vermittelt wurde. Die Leda-Parodie (Inaspectam). Die Schrift als Moment der Anonymisierung und Abstrahierung sowie Mittel der Einspeisung in eine Tradition und Überlieferung wird im Bezug auf diese Briefsammlung gern negiert. sondern in der Nähe der Körper. von WERNER M. S.28 Die Liebe spielt sich nicht mehr in der Distanz der Schrift ab. 206-236. S. a. die in ganz verschiedener Art immer wieder auftaucht. kopierten. immer neu aber auch als der imaginäre Kern dessen deutlich wird. was sich diskursiv als Liebe konstituiert. Dabei hat sich die Frage nach der Authentizität als eine der Kernfragen erwiesen. Dass dieser Blick auf das Mediale als konstituierendes Moment in der Figuration der Liebe für Zündstoff sorgt. Der Beitrag von PETER VON MOOS führt exemplarisch vor Augen. Das macht Projektionen dieser angelesenen Gefühle auf ein als authentisch definiertes Fühlen eines scheinbar identifizierbaren Liebespaars problematisch. sondern auch mit dem rein schriftlichen Liebesdiskurs. zeigt die im Beitrag skizzierte Debatte um eben die Zuschreibung dieser Liebesbriefe. wird zum besten Liebhaber – und lässt Pfaffen und Ritter. . wie er sich aus der ars dictaminis im späteren Mittelalter als eine Art ars amandi entwickelt hat. der Konstituierung und Veränderung des Liebesdiskurses durch den Schriftgebrauch und die Einbindung des Liebesredens in das Schrifthandeln. u.

wie die Unbegründbarkeit der Minne im Eneasroman von Heinrich von Veldeke im Rekurs auf Mythisches vorgeführt wird. im Blick auf die kleinen frühen Einträge in den Handschriften. dass der Liebesausdruck erst über eine Episierung des Lieds in die Schrift übernommen werden konnte. Die im Schriftdiskurs rational geschwächte Minne-Macht muss dann aber durch eine sekundäre. Deshalb ist der Brief Lavinias noch durch Amors Pfeil begleitet. sieht Müller bestätigt in der sehr spät einsetzenden Überlieferung der Minnelieder. das die Dido-Minne prägt. Das höfische Ritual der Aufführung und die Verschriftlichung des Tagelieds sind somit als zwei verschiedene Formen der Kodifizierung des Liebesausdrucks in der volkssprachigen Tradition anzusehen. ermöglicht sich eine Ausdrucksweise. intimer Gefühle. Einführung 17 Anhand einzelner Beispiele von Spuren eines erotischen Ausdrucks in der frühesten volkssprachlichen Überlieferung zeigt STEPHAN MÜLLER die „Widerständigkeit der deutschsprachigen Handschriftenkultur gegen die Liebe“ auf. Dies ist erst in der volkssprachlichen Epik möglich. nicht intime. das in die deutschsprachige Tradition sehr spät Eingang gefunden hat. die aus dem Öffentlich-Performativen hinausweist in eine über den Text ermöglichte Geschlossenheit der Intimität. aus dem Schriftkontext wieder eliminiert wurden. stellt sich die Frage nach der Authentizität im Sinne individueller. neue Mythisierung wieder gestärkt werden. bindet diese Einträge in überindividuelle. Im Tagelied. Dass die hier verschriftlichten Ausdrücke in außerliterarischem rituellem Handeln codiert sind. sieht Müller die These bestätigt. Auch hier. was nicht zuletzt durch die häufige Überlieferung mit Neumen bestätigt wird. widerspricht der durch Lektüreprozesse gesteuerten Schriftlogik. Deren Einbindung in eine höfische Aufführungspraxis hat den volkssprachigen Liebesausdruck im höfischen Ritual codiert. anderseits aber auch immer wieder radiert. Die in der Schriftlichkeit neu kontextualisierte Liebe braucht in dieser rationalisierenden und abstrahierenden Diskursivierung eine Konzeption des Unbegründbaren und Irrationalen zur Legitimation und Konstituierung ihrer Macht. wo eine eigene Schriftlogik wirksam wird und die Liebessprache durch Textstrategien getragen wird. Und so erweist sich die Rationalisierung des Ursprungs von Minne durch die Schrift als Pendant zur allegorischen Entmachtung der Götter. dass die überlieferten Griffelglossen und Einträge am Rand lateinischer Texte einerseits stark auf rituelle Handlungen rekurrieren. Diese Schwierigkeit der deutschen Liebessprache in die Schrift zu finden. Deutlich wird dabei.Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Erst da. wodurch es zu einer die Schriftrationalität brechenden Re- . sondern öffentlich-performative Diskurse ein. Die Aufführungslogik. BRUNO QUAST und MONIKA SCHAUSTEN weisen nach. Das magisch-mythische Gesetz der Partizipation. um Liebe darüber als Leidenschaft zu codieren. Und nur in dieser Rückbindung sind sie letztlich verständlich. die diese Texte prägte. wird der rationalisierenden Allegorese in der Lavinia-Minne gegenübergestellt.

Als Reflexion der Medialität der Minne liest auch ASTRID BUßMANN Veldekes Eneasroman. der eng mit dem über die Briefe transportierten Minneentwurf zusammenhängt. Die Schrift. Sie weist darauf hin. als Medium. Diese kennt keine verbale Liebesäußerung. ist der passende Kommunikationsmodus für die höfische Liebe. wie Veldeke Schreiben und Lieben miteinander korreliert und die Körperlichkeit/Sexualität der Dido-Minne als Konsequenz ihres Schweigens deutlich macht. sexuelle Annäherung bis zur Hingabe als „Körpergeständnis“. In dieser Übersteigerung der Minne in einen neuen Mythos zeigt sich bei Heinrich von Veldeke eine Reflexion der medialen Rationalisierung der Minne. wo die mündliche Kommunikation auch in der Nähe verunmöglicht ist. körperliche. Wobei die Medialität des Liebesgeständnisses grundlegend ist für das Gelingen oder Misslingen der Liebe. . die im Mündlichen nicht gegeben ist. verbessert wird. Die Liebeskommunikation ist bei Veldeke als Mittel der Interpretation und Generation des Gefühls zu sehen. sondern ist allein Ort der Herstellung von Intimität. dass über die Medialität der Liebeskommunikation eine wertende Differenzierung der Liebe vorgenommen werde. Intimität (als eine „Beziehungsfigur engster personaler Nähe“) herzustellen. als dem höfischen Liebeskonzept adäquates Medium der Distanz. Es wird deutlich. entspricht dem höfischen Liebeskonzept und ist erfolgreich. Bußmann zeigt auf. indem das Geschriebene korrigiert. Bezeichnenderweise wird der Brief denn auch nicht für Intrigen gebraucht. die an diesem intimen Diskurs empathisch Teil haben soll. Gleichzeitig wird die Liebesäußerung. Einführung Mythisiserung kommt. über den eine entkörperlichte Nähe geschaffen wird. Der Brief Lavinias. auf eine literarische Öffentlichkeit hin konzipiert. und die Lavinia-Minne wird gerade über die Schriftkommunikation als gefûchlîche definiert. indiziert gleichzeitig auch eine Beständigkeit des Verhältnisses. Im ersten Liebesbriefwechsel der deutschen Literatur in Rudolfs von Ems Willehalm von Orlens konstatiert er einen Heimlichkeitsdiskurs. Dagegen steht die Didominne. dass sich in diesen Romanen die intime Kommunikation allein in der Schrift verwirklicht. überlesen. tritt sie bei Johann von Würzburg da auf.18 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Die Schriftlichkeit. die einerseits die seelische Intimität konstituiert und beschwört. in der sich das hier vermittelte Minnekonzept verfestigt und bestätigt. Auch CHRISTOPH HUBER stellt die Frage nach der Leistung des Schriftmediums für die Minnekommunikation und richtet den Blick dabei auf den nachklassischen höfischen Roman. dafür aber die physische. Ist die Schrift bei Rudolf von Ems hauptsächlich Mittel zur Überwindung weiter Distanzen zwischen den Liebenden. anderseits affekterzeugend wirkt. Der Brief wird zum Mittel eines literarischen Verfahrens. So kommt es zu einer Art Textgemeinschaft zwischen Primärrezipienten im Text und den Rezipienten des literarischen Textes. das Distanz überwindet und Distanz hält.

Als „zerdehnter Liebesdialog“ weist der Briefwechsel Präsenzphänomene auf. anarchischen Zügen“. Das heißt auch. wird – auch für die literarische Öffentlichkeit – für Affektexemplarität gebraucht. die der höfischen Reziprozität entspricht. Einführung 19 Der Status dieser Liebesbriefe in historischer Perspektive kann so folgendermaßen beschrieben werden: der Umgang mit Schrift ist als selbstverständlich vorausgesetzt. Schriftspezifisch sind dabei die Wiederholbarkeit der Stimulation – damit auch die Übertragbarkeit auf ein literarisches Publikum – und die zeitliche Versetzung. da. der aus dem vorreflexiven Wissen. Sie zeichnet den in den Texten konstituierten Weg der Minne auf. unterlaufen. des Weiterweisens als konstituierende Faktoren eines auch die Liebe prägenden ökonomischen Denkens möglich. dass sich Liebe und ihre Repräsentation einander annähern. In der Lektüre kommt es zu Distanznahme und Reflexion der Minne. in dem sich Unmittelbarkeit der Affekte und Intellekt nicht als Gegensätze begegnen. Darin wird auch die doppelte Logik der Funktion von Schriftlichkeit deutlich. erst durch das Medium der Schrift möglich wird. die nicht nur affektstimulierend sein können. während es in den Situationen der erfahrenen Liebe zu einer Vereindeutigung kommt. sowohl in der vorreflexiven Liebe wie den Schreibszenen. Dabei wird die scheinbare Zeitabfolge immer wieder durch Zeitgleichheit. in die Diskursivierung und das über Lektüre vermittelte Verstehen bis hin zu eigenem Reden und zur Verschriftlichung führt. Auffallend ist. wo es zur Diskursivierung des vorreflexiven Zustands kommt. Minne in dieser Schriftform „ist zugleich Vermittlungsinstanz einer kunstgerechten Rhetorik der Liebe und erfahrene Gegenwart mit transgressiven. sondern auch durchaus destabilisierende Effekte hervorbringen können. die Botenrolle zurückgedrängt und der Brief. als distanzüberwindendes Kommunikationsmittel. Dabei wird deutlich. Da. dass die erfolgreiche Form der Liebesökonomie. Erst in der Schrift kann es zu den Verschiebungen kommen .Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. die Freude-Leid-Ambivalenz der Liebe und ihre Willkürherrschaft dominant ist. das durch göttliches Eingreifen entsteht. werden Figuren des Verschiebens. die Parallelität von Ungleichzeitigem. Dabei legt sie in ihrer Untersuchung zum Verhältnis von Liebeskonzept und Schrift das Augenmerk auf die ökonomische Logik der Liebe und deren Äquivalent in der schriftlichen Kommunikation. so wie sich die vorbewusste und die bewusste Liebe ineinanderschieben. im Schreiben aber wird gerade die Distanz aufgehoben und die Unterscheidung von Liebe und diskursiver Verarbeitung derselben wird hinfällig. wo eine Differenz von Absender und Verfasser des Briefes vorliegt. zeigt auch MARGRETH EGIDI in ihrem Beitrag zu Flore und Blanscheflur und dem Apollonius. dass in den Leseszenen. Dass die Schrift die widersprüchlichen Implikationen der Ermöglichung von Reflexivität und der Aufhebung von Distanz hat. Im Schriftraum ist ein Raum der Intimität geschaffen.

20 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. die als Raum der (schriftliterarischen) Dichtung gesehen wird. die sich zwischen den Liebenden und die Geliebte schieben (als Körper der falschen Frau in der Blickrichtung auf die Geliebte. dank deren das Ich als Text lesbar wird. Erinnern und Imagination fungieren als die zentralen Kräfte in dieser neuen Schrift der Liebe. Die Schrift ist Diskurszugang. Erinnern ist so Wieder-Holen auf verschiedenen Reflexionsstufen. Über die verschiedenen Fremd-Körper. Am Tod. dass es sich bei den Minnereden um textuelle Selbstermächtigung eines Minnenden handelt. entwickelt sich eine vom Körper unabhängige Imagination. Dabei konstituiert sich über die Schrift eine Exklusivität. die aber in einem ähnlich über die Schrift konzipierten Liebeserleben gesehen werden müssen. als verfremdendes Reden in der Allegorie). die in klare Opposition zu einer öffentlich verhandelbaren und ausstellbaren Liebes- . kommt es zu Verdoppelungen und Steigerungen. Durch die verschiedenen Erinnerungsebenen. die die Nicht-Unmittelbarkeit der Erinnerung sowie deren verschiedene mediale Verfasstheit ausstellen. der das Supplement der Schrift fordert. Vieles von dem. am Diskurs teilzuhaben. indem es zu einer Inversion von Schrift und Körper kommt. Dies wird deutlich in dem Beitrag von LUDGER LIEB. wo der Tod in den Blick und damit die mündliche Kommunikation an ihr Ende kommt. wie sich an vielen Textstellen zeigt. Die durch die Schrift provozierten und ermöglichten vielfältigen Verschiebungen beobachtet auch BARBARA KUHN in ihrem Beitrag zu Dantes Vita nuova. die die höfische Minne kennzeichnet. findet sich auch in den literarisch weniger anspruchsvollen „Minnereden“. um Einübung und Benutzung symbolischer Codes. wird deutlich. die die Vita nuova ist. Sie stellt dar. Dabei ist der Übergang der konkret erfahrenen Situation zu ihrer Reflexion auch ein Übergang von der individuellen zu einer verallgemeinerten Erfahrung. Am deutlichsten ist das da. Im Blick auf die Metaphorik von Schrift und Schreiben. die im Text eine Rolle spielen. die Schrift wird aber auch zum Körper. Einführung und zu der zerdehnten Kommunikation. Zwischen den einzelnen Texten kommt es in scheinbarer Wiederholung zu Verschiebungen des Sinns. Die Körper werden zu Zeichen und Einschreibflächen. Mit Bezug auf die Topik der Troubadour-Lyrik und das präsentische Reden der Liebesdichtung wird die Schrift als Ort einer möglichen Rede jenseits oder trotz der Überwältigung des Erlebens gezeigt. die in der Narratio thematisierten Formen von Schriftlichkeit und von Schreiben sowie die Praxis des Schreibens von Minnereden wird aufgezeigt. was in Dantes Text die Schriftliebe konstituiert und in extremer Form die Schriftbedingtheit dieses Liebens deutlich macht. um welch vielfältige Überschreitungen es in der Vita nuova geht. So kommt es zu einem nach außen verlagerten Erzählen vom Innen. wie die Schrift der Liebe zum die Grenze des Todes überschreitenden Medium stilisiert wird.

Diese aber wird als eine bessere Welt imaginiert. Indem die Minnereden als Texte konzeptueller Schriftlichkeit gedacht werden müssen. dass im Rahmen der Schriftkultur. die durch die fremde Kontextualisierung von einzelnen Wörtern hervorgerufen werden. dass es über die Schriftlichkeit zu einer Ökonomisierung der Liebe und einer regelrechten Minne-Bürokratie kommt. Denn wenn der Minnediskurs durch den Körper eingeholt wird. löst sich von dem Gegenüber ab. Das textuelle Begehren ist jedoch kein generell hermeneutisches. die über das Produzieren von Minnereden auf Dauer gestellt wird. Isolierung. dieser aber in ein dem Minnehandeln entgegengesetztes Gewaltgeschehen eingebunden ist. in der sich die Liebesgemeinschaft als eine Schrift-Gemeinschaft konstituiert. Im Vordergrund der Überlegungen steht das Begehren als Produkt eines Diskurses und Effekt sprachlicher Prozesse. Rekontextualisierung arbeitet. aus dem Kontext gelöste Wort erst möglich macht. sonder allein auf der Erzählebene erzeugt. Es ist ein Lieben. findet sich eine irritierende Kongruenz von Diskurs und Körper. Einführung 21 kommunikation tritt. Auch hier wird deutlich. als Zettel. die das verabsolutierte. die nur als schriftliche möglich ist. ist die scholastische Schriftkultur zu sehen. Als Hintergrund der in diesem Text reflektierten Missverständnisse. Das Wort/ Zeichen erscheint von Beginn an als ein verschobenes. wie er sich erst in einer ausgeprägteren Schriftkultur entwickeln kann. über Verschiebungen und Neukontextualisierungen Diskurse reflektiert werden. Dabei zeigt sich auch hier. als Brief) dient einerseits immer als Beweis der Authentizität des Minneleidens und ist anderseits die alleinige Möglichkeit. Das Begehren in Des Mönchs Not wird nicht auf der Handlungs-. Die schriftgenerierte Minne ist auch Thema des Beitrags von SUSANNE REICHLIN zu dem Märe Des Mönchs Not. Damit wird in der Schriftszene am Anfang eine „poetologische Urszene“ schriftliterarischen Erzählens sichtbar. Indem das Verhältnis von Sprache und Begehren auf den unterschiedlichen Ebenen des Textes und in verschiedenen medialen Konstellationen untersucht wird. kommt es in den Mären zu einer Dissoziation von Körper . stellt das literarische Potential der Vieldeutigkeit der Schrift aus.Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Dies zeigt sich nicht nur in der Konstituierung eines hermeneutischen Innenraums. wie es nur denkbar ist in einer rein schriftlichen Welt. exklusiven Kreisen. inszenieren sie die Authentizität über die Schrift: Die Schrift (als Buch. sondern Schriftpraxis. Die Kontextlosigkeit des Einzelworts. was das Interesse auf die Figur der Verschiebung richtet. sondern auch an der Rezeption und Verbreitung der Minnereden in engeren. als utopischer Raum. Die Textpraxis der Minnereden ist Liebespraxis. in die Welt der Minne einzutreten. wie es am Anfang eingeführt wird. Gleichzeitig handelt es sich um einen Prozess der Ästhetisierung der persönlichen Minne des Ich-Sprechers. Die in den Herzinnenraum verlegte Minnekommunikation. die mit Zitat.

22 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Wenn aber erst über die Schrift der Körper Helenas entsteht. Die weibliche Schönheit Helenas ist nichts als ein rhetorischer Effekt. wodurch es zu einer ironischen Kongruenz von Körper und Diskurs kommt. Die überbietende Schönheit Helenas ist als überbietende Nutzung eines rhetorischen Beschreibungsmusters zu sehen. sondern auch das Begehren selber als Produkt intertextueller Bezüge. Hat der Teufel mimetisch und performativ Helena als Bild einer schönen Frau vorgestellt und sie als Objekt des Begehrens hervorgebracht. Diese Ununterscheidbarkeit führt dazu. absolut. unbegreifliche und zeichenlose Liebe in die Liebesrhetorik und Schriftlogik eingebunden bleibt. . Er führt aus. kopiert. kompiliert ist und ihre Schönheit entsprechend ein Produkt des schriftgelehrten Wissens. als grundsätzlich mimetisch. wo das sprachlich Behauptete am Körper sichtbar wird. Wobei als Sehnsuchtspunkt immer die vordiskursive. Liebe im Zeitalter der Schrift ist entschieden rhetorisch. arbeitet der Text mit denselben Mitteln der Verführung und Begehrensstimulierung. Auch der Beitrag von ANDREAS KRAß zur Helenafigur in der Historia von D. Johann Fausten geht auf das textuell erzeugte Begehren als Konstituens des schriftliterarischen Liebesdiskurses ein. intertextuell. diskursiv. dass Körper und Sprache zum Schluss auf der literalen Ebene wieder übereinstimmen. ist das eigentliche Ziel des Frauenpreises die Dichtkunst. indem die Versatzstücke des Minnediskurses durch Gewalthandlungen begleitet sind. Damit erschließt sich aber nicht nur die begehrte Person. imaginär. arbiträr. sind hier die Zeichen der Minne dann Zeichen der Gewalt. Liebe in der Schriftlichkeit wird so grundsätzlich als durch die Möglichkeiten der Schrift konstituiertes und generiertes Begehren gezeigt. mimetisch. Anders als im höfischen Liebesdiskurs. wie die Figur der Helena abgeschrieben. Einführung und Rede.

der Zuschreibung der bisher verfasserlosen Briefe zweier Liebenden (Epistolae duorum amantium) an Heloise und Abaelard illustrieren. Damit soll jene Monotonie. Schriftträgern. 45). Denn das neue Interesse an der medialen und materiellen Verfasstheit von Texten. Man gewinnt den Eindruck eines Bravourstücks manieristischer Variationstechnik unter dem Motto von Brief 24: „Wes das Herz voll ist. unpolemisch-überpersönlich um Methodenprobleme geht. Für unsere Belange genügt hier . an Kommunikationsmöglichkeiten.und Geheimhaltungstechniken und vielen anderen die Botschaft filtrierenden und konditionierenden sog. Sicherheits. wobei es mir allein exemplarisch. ‚äußeren Umständen‘ befördert auch die Verfeinerung des methodischen Instrumentars für so elementar philologische Aufgaben wie die Datierung und Zuschreibung anonym überlieferter Werke. die allerdings im Geiste einer offenen Streitkultur beim Namen genannt zu werden verdienen. h. was ich hier empfehlen möchte. gerade als unalltägliche Liebesberedsamkeit und Schreibseligkeit gefeiert und vergoldet werden. mit der Wiederholung.. Redundanz und Tautologie geradezu kunstvoll gepflegt und ausdrücklich als ein nie zu Ende kommendes Neuschreiben und Wieder-Lesen auch metasprachlich hervorgehoben werden. Schreibstoffen.. 6. die das unersättliche Begehren in den Augen Nichtbeteiligter zu begleiten pflegt. Über das Werk selbst werden die literarischen Werturteile ebenso auseinander gehen wie über alle hochartifiziellen Codierungen der Liebe. Das Erstaunlichste an diesem brieflichen Duett ist die Unermüdlichkeit. 46) Die Aufmerksamkeit auf Mediengeschichte und Codierung von Emotionen ist genau das.“ Pontus de Tyard (unten Anm. obwohl ich dafür immer noch den vielleicht altmodischen Oberbegriff Philologie verwende. des geht der Mund über. d. Dies möchte ich kurz an einem derzeit Aufsehen erregenden Fall.PETER VON MOOS Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen Ein Nachwort zu den Epistolae duorum amantium „Il n’y a point de si grand plaisir en l’amour que le discours.“ (Luc.

Studien u. a. m. Von seiner Vorlage und deren Entstehungsgeschichte ist nichts bekannt. 2001.“ (Dieser französische Beitrag ist eine erweiterte Neufassung von: The Authorship of the Epistolae duorum amantium.und kulturgeschichtliches Dokument eines mittelalterlichen Liebesdiskurses handelt. Ex epistolis duorum amantium) ausgeschrieben hatte. dass es sich um ein bedeutsames. Zuteilung der blass typisierend mit Vir und Mulier signalisierten Partneranteile u. In: Académie des Inscriptions & Belles-Lettres. Zum Individuellen im mittelalterlichen Religiosentum. 2002 (Vita regularis 16). A Reconsideration..säkulare Religion der Liebe‘. nov. 167-178. Jahrhunderts in Exzerpten (nach zeitgenössischem Katalogvermerk und Titel Deflorationes. 2 3 . Exzerptors (wie Überschrift. S. Köln 1974 (Mittellat. Münster 2005. Vgl. […] ici chaque formule de salutation est différente et souvent plate. le vocabulaire élégant et la recherche de la variété […] tout a plus odeur d’huile que de pressante passion. von EWALD KÖNSGEN. Notre Dame 2005. In: Voices in Dialogue: New Problems in Reading Womens’s Cultural History. Heloise und ihr Paraklet: ein Kloster nach Maß. 1-113. Baudolinos Liebesbriefe an Beatrix. I: Abaelard und Heloise. Leiden. bzw. Jedenfalls bildet die Herkunft und Datierung der Briefsammlung ein absolutes Rätsel und somit eine außergewöhnliche Herausforderung der Mediävistik. S. a.déc. Münster u. Bd. und DERS. Schallers Schüler EWALD KÖNSGEN besorgte 1974 verdienstvoll die kritische Edition dieses eigenartigen Textes.. Paris 2001.) ist das meiste noch unklar. Zugleich eine Streitschrift gegen die ewige Wiederkehr hermeneutischer Naivität. bisher sträflich verkanntes literatur. München.. S. comptes rendus. – Ohne negative Wertung scheint mir an dem Briefwechsel eine beabsichtigte stilistische Artifizialität zentral.. In: Mittel. und auch über das Ausmaß der organisatorischen Eingriffe des Abschreibers. von GERT MELVILLE/ MARKUS SCHÜRER. Texte VIII). Hrsg. S.1 Dies ist kurz zusammengefasst die wissenschaftsgeschichtliche Ausgangslage:2 In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts entdeckte DIETER SCHALLER in einer Handschrift von Troyes (1452) eine anonyme Sammlung von über 100 Liebesbriefen. 563-620. hier S. 282-292. comme si la recherche d’une variété dans l’énoncé comptait plus que l’expression d’un sentiment réel. von ANDREAS BIHRER/ELISABETH STEIN. Methodenkritische Vorüberlegungen zu einem einmaligen Werk mittellateinischer Briefliteratur. Auch der nachträgliche Exkurs zur Neuauflage dieses Beitrags in meinen Gesammelten Studien zum Mittelalter.) Wissenschaftsgeschichtliche Hintergrundinformationen bei EWALD KÖNSGEN: „Der Nordstern scheint auf den Pol“. Ich komme hier nicht mehr darauf zurück. 40. S. humanistisch orientierte Zisterzienser Johannes de Vepria in Clairvaux am Ende des 15. wird hier vertieft und erweitert. 1690: „Les références érudites.1 (2003). Hrsg. auch GILES CONSTABLE: Sur l’attribution des Epistolae duorum amantium. Paragraphierung. 1113-1121. Epistolae duorum amantium.und neulateinische Studien für PAUL GERHARD SCHMIDT. S. wie ich sie ähnlich schon in Die Epistolae.3 in deren Kommentar erstmals der Gedanke probeweise erwogen 1 Das Folgende hebt einige neue Aspekte hervor gegenüber PETER VON MOOS: Die Epistolae duorum amantium und die .24 Peter von Moos nochmals die Feststellung. die der junge. Leipzig 2004. In: Das Eigene und das Ganze. als Gegensatz aller neuzeitlichen Ausdrucksästhetik beschrieben habe. die Kaiserin – oder Ex Epistolis duorum amantium. In: Studi Medievali 44. Briefe Abaelards und Heloises? Hrsg. von LINDA OLSON/ KATHRYN KERBY-FULTON. Hrsg. 1679-1693. S.: Abaelard.

Die Epistolae duorum amantium stammen unbedingt aus dem frühen 12. Ohne jegliche Diskussion unter Mediävisten wurde die Zuschreibung an Heloise und Abaelard (in dieser Reihenfolge der Namen) 1999-2000 plötzlich als feste Tatsache verkündet. die Abaelard und Heloise. Perceptions of Dialogue in Twelfth-Century France (with Translations by NEVILLE CHIAVAROLI/CONTANT J. war abzusehen und hätte normalem Forschungsfortgang auch durchaus entsprochen. 521 sowie die Miszellen von UDO KINDERMANN: Abaelards Liebesbriefe. S. S. Jahrhundert. S. MEWS: The Lost Love Letters of Heloise and Abelard. auch wenn sie erst um 1471 exzerpiert wurden. Abelard. sie haben zwei verschiedene Autoren. STEPHEN JAEGER: Ennobling Love. The Voice of a Twelfth-Century Woman. MEWS und STEPHEN C. 169-200.. wie dies schon das Fragezeichen hinter seinem Titel: „Briefe Abaelards und Heloises?“ bezeugt. In: Cahiers . 291-5 und JEAN JOLIVET: Abélard entre chien et loup. the sceptics have been prevalently European. Philadelphia 1999. In Search of a Lost Sensibility. von BONNIE WHEELER. A. 226-229. ANKE PARAVICINI in: Francia 4 (1976). In: Listening to Heloise. geradezu epidemisch beschleunigte Formen einer fama volans befördert.“ JAN ZIOLKOWSKI. S. bes. ARNULF STEFENELLI in: Zeitschrift für Romanische Philologie 93 (1977). hier handle es sich um die frühen Liebesbriefe. preponderantly in the United States of America and Australia.. CONSTANT J. Doch es kam nicht dazu. S. Hrsg. ohne die ihr widersprechenden Argumente zu verschweigen. S. 2. DERS. nämlich einen verliebten Mann und eine verliebte 4 5 de Civilisation Médiévale 20 (1977).4 Dass sie eines Tages wieder ausgegraben und erneut ins Gespräch gebracht würde. S. In: Euphorion 70 (1976). JAEGER traten in drei unmittelbar hintereinander erscheinenden und für ein eher breites englischsprachiges Publikum bestimmten Bänden mit folgenden Thesen vor die Öffentlichkeit:5 1..Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 25 wurde. LITTLE in: Cahiers de civilisation médiévale 19 (1976). bes. ihren eigenen Aussagen zu Folge vor der tragischen Trennung ausgetauscht hatten. In: Journal of Medieval Latin 14 (2004). and the Epistolae duorum Amantium. 312. S. 175. CONSTANT J. JAN ZIOLKOWSKI stellt eine – m. 118f. hier S. S. 245f. 35-52. 307-322. die doch die wissenschaftliche Kommunikation eigentlich verbessern könnte und sollte. als gäbe es daran nichts mehr zu rütteln. und ließ das Problem schließlich unentschieden. wo sie zum Hauptinformationsmittel aufgestiegen ist. The First Letters of Heloise and Abelard. Diese Differenz dürfte mit dem unterschiedlichen Verbreitungstempo der ‚Internet-Kultur‘ einhergehen. doch dort. S. HUBERT SILVESTRE in: Scriptorium 31 (1977). KÖNSGEN äußerte diese Annahme selbst vorsichtig in alteram partem. S. das er gegen den Widerstand des Reihenherausgebers KARL LANGOSCH hartnäckig und mutig zu verteidigen wusste. 130f.. EDWARD F. S. 287-295. GIOACHINO CHIARINI in: Maia 33 (1981). C. PATTIN in: Tijdschrift voor Filosofie 41 (1979). Die ZuschreibungsHypothese fand seinerzeit in den Rezensionen ziemlich einhellige Ablehnung. In contrast. für die Internationalität der Forschung beunruhigende – geographisch-sprachliche Wasserscheide fest: Die Befürworter dieser Thesen „have been Anglophone. die alle kritische Prüfung und sorgfältige Diskussion unter Fachleuten „rechts überholt“. New York 2000. 844-7. 181f. Lost and Not Yet Found: Heloise. MEWS). New York 1999.: Philosophical Themes in the Epistolae duorum amantium. to a lesser extent in England. E. 160-164.

die auf die Frage antwortet. Der weitere darstellende Teil des Buches. Diskutierbare Argumente für seine These hat MEWS später in einzelnen kleineren Beiträgen vorgebracht. Jahrhunderts. 5. 3. Auffällig verharrt MEWS hier noch vorwiegend im Bereich eines ziemlich groben biographischen und ideengeschichtlichen Analogieschlusses. dass der männliche Part eine sinnlichere. res universalis. die im Einzelnen bereits mehrfach als keineswegs zwingend verworfen worden sind. eine Einleitung zum Nachdruck der KÖNSGENschen Ausgabe mit englischer Übersetzung. sie beruhen insgesamt auf ein paar punktuellen lexikalischen Parallelen zwischen dem philosophisch-theologischen Werk Abaelards und den Liebesbriefen wie indifferenter.26 Peter von Moos Frau. Der als Herausgeber und Kenner wissenschaftlicher Werke Abaelards anerkannte Philosophiehistoriker CONSTANT J. 4. MEWS stellte erstmals die ‚vollendete Tatsache‘ in einem Buch mit dem Titel „The Lost Love Letters of Heloise and Abelard“ vor. wenn diese Briefe tatsächlich von Abaelard und Heloise stammten. bei diesen beiden realen Personen kann es sich nur um Heloise und Abaelard handeln. nach anderen möglichen Kandidaten für eine nominelle Zuschreibung der fraglichen Liebesbriefe zwischen rund 1116 und 1471 zu suchen. dass Abaelard und Heloise sowie das Paar der Liebesbriefe aus einem in Frankreich wirkenden. scibilitas. das in der Hauptsache allgemein bekannte Beobachtungen über minimale biographische Ähnlichkeiten der Situation enthält. bildet ein an sich lehrreiches Panorama des 12. vor allem aber zusammen genommen eine viel zu schmale Ver- . sondern der authentische Briefwechsel von zwei Verliebten. Das Zuschreibungsproblem behandelt er fast nur im ersten Kapitel. affectus. sondern entwickelten sich allmählich in Reaktion auf aufkommende Zweifel. oder. Jahrhunderts passen. Johannes de Vepria hat diese Korrespondenz in der Bibliothek von Clairvaux vorgefunden oder aus dem benachbarten Nonnenkonvent Paraklet bezogen. sondern dienen eher hintergründig einer Art Als-ob-Geschichtsschreibung. wie das Hochmittelalter wohl aussähe. Die „Briefe eines Liebespaars“ stehen hier nicht mehr im Zentrum. wegen seiner geistigen Überlegenheit angefeindeten Lehrer und dessen Verehrerin bestanden haben sollen. der weibliche eine geistigere Liebeskonzeption an den Tag lege. die es uns erspart. Die Argumente für diese Behauptungen lagen nicht von Anfang an vollständig vor. erscheint die behauptete These als „die einfachste Lösung“. die ausgetauschte Korrespondenz der beiden Liebenden ist kein Produkt des Schulunterrichts oder der literarischen Fiktion. Da diese Charakteristiken ungefähr auf das berühmte Liebespaar des 12. dass während fast 400 Jahren einzig Abaelard und Heloise diesem rudimentären ‚Signalement‘ entsprochen haben können. wie derjenigen. Die wenigen aus dem hinsichtlich historischer Angaben vollkommen abstrakten Werk ermittelten Daten sollen glaubhaft machen.

wie ZIOLKOW- 6 JAN ZIOLKOWSKI: Rez.htm transkribierte Interview von MEWS (13. 43. zu einzelnen vermeintlichen Analogien s. S. PETER DRONKE/GIOVANNI ORLANDI: New Works by Abaelard and Heloise? In: Filologia Mediolatina 12 (2005). because some of the words that the man who seems to be a famous teacher. Um hier nur nochmals das meist diskutierte scibilitas herauszugreifen. dass nach diesen literaturwissenschaftlichen Suchkriterien nichts die beiden Briefcorpora verbindet. Sie kommen unabhängig voneinander zu dem Ergebnis. auch bereits MICHAEL MECKLERs kritische MEWS-Rezension in: Speculum 78. 123-178. Sogar MICHAEL T. S. . bei gleichzeitiger Mitteilung. fragt sich in der Einleitung zu seiner Neuausgabe der englischen Übersetzung in ‚Penguin Books‘: The Letters of Abelard and Heloise. S. DERS (Anm. 2. in a very specialist environment. während Mulier von einer aktiven „Fähigkeit des Erkennens. 152-156. LXXVII: „Is the coincidental use of a few words really significant?“ und verweist ebd. The Lost Love Letters. S. 73. S. Vgl..“ Die letztere Bemerkung erweckt allerdings auch den unguten Eindruck eines vor Unkundigen vorgebrachten Autoritätsarguments.und Stilvergleiche darstellen. 7f. London 2003. einen bereits fahrenden Zug nicht zu verpassen. „which places the ascription to Heloise and Abelard beyond question“.net. these words. 275). 52). Wissensmögliche. Insbesondere haben JAN ZIOLKOWSKI und GIOVANNI ORLANDI nun in zwei eben erschienenen Aufsätzen die acht monastischen Briefe von Heloise und Abaelard mit den „Briefen zweier Liebender“ systematisch nach Lexikon.2 (2003). der es passivisch auf das „Erkennbare.6 Dieses Fazit leidet heute 2006 allerdings am Makel der Nachträglichkeit gegenüber den seit 1999 eilig im Internet verbreiteten Sensationsnachrichten. gleich unten und Anm. LXXXIV auf meinen Beitrag von 2003. 5). 81f. was ich unter ‚Internet-Kultur‘ (oben Anm.Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 27 gleichsbasis für aussagekräftige Sprach. S. S. 5) verstehe. 8. was man wissen kann“ bezieht. als sei es darum gegangen. 572-574 zu den nicht zwingenden „similarities in vocabulary“. C. Stil. 5). scheint doch am Anfang eine beinahe publizistische Eile den Entscheid für die Zuschreibung beflügelt zu haben. I knew. auch die Anmerkungen in VON MOOS: Die Epistolae (Anm. some of the words that he was using. 3). having a very literary type of relationship with a brilliant student of philosophy. 23. hat das Wort in der Stelle von Mulier (Ep. übers. von BETTY RADICE. er habe diese Arbeit erst in der letzten Phase der Drucklegung seines eigenen Buchs („when this manuscript was in its last stages“) kennen gelernt. ein anfänglich engagierter Befürworter der These. In: Mediaevalia et Humanistica 30 (2004). – Für die Ursache dieses Kurzschlusses zwischen kontext-entbundenen Einzelbegriffen hielt ich zuerst eine unkritische Verwendung elektronischer Datenbanken.au/rn/relig/spirit/stories/s99224. Zitiertechnik.abc. Auch wenn der Germanist sich im Nachhinein um alle möglichen Argumente zur Abstützung dieses seines summarischen magister dixit bemüht hat (dazu s. doch das auf http://www. 2000) lässt eher an eine extrem spezialistische Fixierung auf Abaelards sprachlogische Terminologie („words“) denken: „I was reading these letters again […] and I have to say that I got a cold chill down my spine. vom Wissenkönnen“ (einem „Tröpfchen Verständnis“) spricht. einen ganz anderen Sinn als bei Abaelard (Dialectica I 2. 43f. because I had been studying Abelard’s logic and the development of his ideas on language for many years. Das ist. 1). 53): De favo sapiencie si michi stillaret guttula scibilitatis. die dem englischsprachigen Publikum. MEWS. Cursus und Bildsprache verglichen.. CLANCHY. Diesen Eindruck verstärkt JAEGERS vorerst noch ganz begründungslose Berufung auf das Buch von MEWS (in JAEGERS (Anm.

But in what follows I will adopt Mews’ usage and refer to the anonymous letter-writers [!] as if they were in fact Abelard and Heloise.102 (online): „Meanwhile. Hier werden zwei klassische Sophismen gekoppelt. his Conquered Rival. 1). der kürzlich die französische Übersetzung der Epistolae duorum amantium besorgte. In: HFrance Review 5. (Anm. par EMILE CHAMPS avec la collaboration de FRANÇOIS-XAVIER PUTALLAZ et SYLVAIN PIRON. Seattle 2004. eine unbewiesene Zuschreibung durch Alternativvorschläge zu wi- 7 8 9 Die erste und einflussreichste Sensationsmeldung fand sich in der online-Rezension von BANEWMAN in: The Medieval Review (TMR) vom 6. die ich mit 1. wer sonst sollte sie dann geschrieben haben? Dies zu beantworten wäre viel komplizierter als die nahe liegende. Januar 2000 (s. ebd. STEPHEN JAEGER zunächst in seinem Buch „Ennobling Love“ (1999) und in mehreren nachfolgenden Beiträgen bei. 175-218 (Enquête sur un texte). 5). 178f. Fribourg. JAEGER (Anm.: Epistolae duorum amantium nr.: A Reply to Giles Constable. DERS.179-186. ‚facilior lectio‘ abkürze.: The Epistolae duorum amantium and the Ascription to Heloise and Abelard. DERS.9 Ich fasse hier die weitgehend gleich lautende Argumentationsform beider Forscher zusammen. 177 und meinen Kommentar in: Heloise. Oxford 2005. Nr. RABARA . d.1). Abaelard und ihr Paraklet 2002 (Anm..7 Die für uns theoretisch interessantesten und provokantesten Aspekte steuerte der angesehene Germanist C. the skeptical position has been argued by Jan Ziolkowski in North America and Peter von Moos in Germany. ‚Umkehr der Beweislast‘ und 2. und unten bei Anm. S. 125-166. S. und online. S. Paris 2005. die Diskussion gerade blockierende Propagierung als sensationelles fait accompli (so auch ZIOLKOWSKI. 568-77). S. Auf diesem Pfade folgte ihm der französische Historiker SYLVAIN PIRON. 5). Grundsätzlich ist niemand verpflichtet. die „Postface“ in dem mir noch nicht zugänglichen Buch wird hier in der englischen Online-Fassung zitiert: Postscipt. for Ziolkowski’s arguments in particular deserve a thoughtful and careful response. September 2005. DERS. Paris 2005. 66: A Victorious Teacher.h. The Epistolae duorum amantium and Discussions of Love in the Twelfth Century. sie stammen tatsächlich von dem berühmten Liebespaar. traduites et présentées par SYLVAIN PIRON. nicht mehr jedoch in dem von 2003) richtete sich weniger gegen eine an sich diskutierbare wissenschaftliche Hypothese als gegen deren „akademisch unkorrekte“. and his Rejoicing. im Ersch. 7-28 (Présentation). elegante und ökonomische Annahme. hierzu die „Ideologiekritik“ von ZIOLKOWSKI. 17). einfache. S. trad. I do not wish to reenter the fray in this review. bes. den Fund der Liebesbriefe des berühmten Paars als eine unter Mediävisten unangefochtene „evidence“ anpriesen.28 Peter von Moos SKI moniert. NEWMAN äußert sich heute vorsichtiger in ihrer Besprechung der neuen Synthese von MEWS: Abelard and Heloise. 5). S. MEWS: La voix d’Héloïse: un dialogue de deux amants. the latter with a polemical fervor rivaling that of Abelard and his enemies. Postface inédite.8 weil er in geradezu paradigmatischer Weise die einstige Echtheitsdebatte über die acht Klosterbriefe Abaelards und Heloises mit der jetzigen Zuschreibungsdebatte verknüpfte. Some Recent Debate. Ein bereits von MEWS angedeutetes „Argument“ wurde in zwei Denkschritten verschärft: Wenn die anonymen „Briefe eines Liebespaars“ nicht von Abaelard und Heloise stammen. In: OLSON/KERBY-FULTON (Anm.“ Meine hier beanstandete Polemik (im Beitrag von 2002. (Anm. Lettres des deux amants attribuées à Héloïse et Abélard. Vortrag an der Medieval Academy. Im übrigen ist inzwischen auch der Darstellungsteil von ‚The Lost Love Letters‘ in französischer Sprache erschienen: CONSTANT J. S.

10 Die Verteidigung der ‚facilior lectio‘ hat in diesem Fall einen wissenschaftsgeschichtlichen Hintergrund: Mehrfach zeichnete JAEGER das Schreckgespenst der komplizierten Fälschungshypothesen BENTONs und SILVESTREs hinsichtlich der acht berühmten Parakletbriefe an die Wand. in diesem Sinn auch ZIOLKOWSKI. S. die Rückkehr zur Anonymität genügt. Ich danke EWALD KÖNSGEN für ein paar Bemerkungen hierzu. Er versteht diesen Beitrag ausdrücklich als Fortsetzung meiner Arbeit ‚Mittelalterforschung und Ideologiekritik. S. wann. Die Epistolae (Anm. habe ich in einem offenen Brief an JOHN MARENBON (Abaelard und Heloise (Anm. wesentlich literaturwissenschaftlich-philologischer Begriffe – heute immer noch nicht genügend durchdacht wird. where a principle comparable to ‚innocent until proven guilty‘ obtains: a text must be anonymous until the authorship has been firmly established. konsequent fortschreitenden Einkreisung bestimmter Textverwandtschaften unter gleichzeitiger Ausscheidung ‚falscher Verwandter‘. von EVA CESCUTTI/PHILIPP STEGER.“. Otherwise our horror anonymitatis will transport us back to the Middle Ages. in welcher Intention und für welches Publikum dieses echte Dossier zusammengestellt worden ist. Über die Qualität dieser deutschen Übersetzung will ich mich hier allerdings nicht äußern. Fiktion und „réécriture“ – d.h. 210-213) nochmals betont.11 Nur aus diesem Zusammenhang erklärt sich die sonst unverständliche Behauptung. die in derselben Linie liegen wie seine feinsinnige Kritik bereits bestehender anderssprachiger Übersetzungen in KÖNSGEN (Anm. an welchen Stellen. Walter Map. or other prestigious authors or legends. München 1974. eine so 10 Vgl. dass er der bereits von PIRON (Anm.Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 29 derlegen (1). 5). 2). 7. 11 . In: WHEELER (Anm. sie ist sogar die einzige hinreichende und notwendige Gegenmaßnahme. PAUL VEYNE. – Zuversichtlich stimmt jedoch in dieser Hinsicht die neue lateinisch-deutsche Ausgabe in der gediegenen Manesse Bibliothek der Weltliteratur: „Und wärst du doch bei mir“. die CHIAVAROLI/MEWS (Anm. where poems were taken with abandon and attributed to Ovid. S. noch richtig verstanden haben: „an unclouded night – would that it [the night] were with me. 9) in diesem Sinne missverstandenen preziösen Pointe des „Gute Nacht“-Wunsches aus der salutatio von Brief 15 entstammt : Cordi suo fidelissimus eius noctem candidam et utinam mecum. vgl. analog bereits VON MOOS. insbesondere berühmter Autoren aus der Anonymität befreien (2). Und ebenso grundsätzlich lassen sich Werke nicht durch einfache Gewaltstreiche einer Benennung leibhaftiger. 19-34. Eine Zusammenfassung dieser durch Historiker und Philosophiehistoriker (seit SCHMEIDLER und GILSON) entfachten jahrzehntelangen Debatte bietet JOHN MARENBON: Authenticity Revisited.vorwissenschaftliche Verfahren der Zuschreibung von dubia et spuria an Kirchenväter und andere Berühmtheiten fort. Ex epistolis duorum amantium. durch wen. 180f. Paris 1983. Sonst setzen wir das gerade im Mittelalter verbreitete unphilologisch. da es auf keinen Fall eine reale im Originalzustand überlieferte Privatkorrespondenz darstellen kann. Im Einzelnen bleibt nämlich nach wie vor ungeklärt. Zürich 2005. Dass die diesem Streit ab ovo zugrunde liegende Äquivokation von Fälschung. 5). 1). L’élégie érotique romaine. nur weil wir den horror vacui der Anonymität nicht ertragen. S.“ Zur diskurstypischen nox candida s. S. 1).“ Auch hier liegt das letzte Wort noch lange nicht bei irgendeiner sancta simplicitas. Einzig zum Titel „Und wärst du doch bei mir“ sei angemerkt. 242.: „The horror vacui that is understandable in nature must be avoided in the world of learning. in der die Unzuschreibbarkeit des Werks ohne jegliche negative Konsequenz für dessen literarischen Wert schlicht als gegeben hingenommen wird. Der Gelehrtenstreit um Heloise‘. Hrsg. (Anm. 21. „wie. 5). hierzu auch unten Anm. sondern nur mühsam auf dem schmalen Weg einer allmählichen.

der die mit der Historia calamitatum eröffnete Briefreihe aufgrund anderer vorangehender Fälschungen oder Redaktionen gefälscht haben soll. S. 1). 33-62. à moins que les rédacteurs aient été assez subtils pour prévoir que les érudits pourraient. ni probablement dans l’exemplar. FRANÇOIS DOLBEAU hat diesen Unterschied in einem meisterhaften methodenkritischen Beitrag erläutert:14 Authentizitätskritik ist ein bewährtes. anonyme oder unter mehreren Autornamen zirkulierende Texte durch einen komplexen Indizienbeweis ihren wahren Verfassern zurückzugeben. ebd. S. Bd. DOLBEAU: Critique d’attribution.12 JAEGER und PIRON haben bei der Neuauflage dieses Arguments allerdings übersehen. im übrigen ist der ganze Band dem Zuschreibungsproblem gewidmet. de contrefaçon ni de mystification au sens habituel du terme. sei im Mittelalter ganz undenkbar. wie sie nötig gewesen wäre. critique d’authenticité. hier S. DOLBEAU (Anm. S. Réflexions préliminaires. der an der einstigen Echtheitsdebatte teilgenommen hat. 1683 bemerkt dazu mit feiner Ironie: „Puisque les lettres ne sont attribuées ni à Abélard ni à Héloïse dans le texte pas plus que dans le manuscrit. insbesondere auch PAUL GERHARD SCHMIDT: Perchè tanti anonimi nel medioevo? Il problema della personalità dell’autore nella fililogia mediolatina. BENTON: The correspondence of Abelard and Heloise. sowie FABIO TRONCARELLI: L’attribuzione.“ 14 15 .30 Peter von Moos raffinierte ‚Fälschung‘. attribuer les lettres à Abélard et Héloïse“. mit dem die traditionelle Geltung einer Autorschaft akzeptiert oder verworfen wird. In: Filologia mediolatina VI-VII (1999-2000). bzw. DOLBEAU äußert sich im übrigen zu den heutigen Chancen dieses zweiten Verfahrens eher pessimistisch: „Ich glaube nicht. La produzione del testo. dans le futur. sondern eine rein mediävistische Zuschreibung der letzten Jahre darstellt13 und dass grundsätzlich Zuschreibungsprobleme auf das Gegenteil von Echtheitsproblemen hinauslaufen. dans le domaine médiolatin ou ailleurs. 98. 14). Roma 1992. S. elles ne peuvent être qualifiées de fraude. In: Lo spazio letterario del Medioevo I. S. CONSTABLE (Anm. Hrsg. dass es uns auf mittellateinischem oder anderem Gebiet gelingen wird. 95-120. il plagio. 373-390. erfordert die Zuschreibungskri12 13 JOHN F. 6 (gegen SILVESTRE gerichtet). dass kein Fälscher bis in die letzten Einzelheiten den Stil Abaelards derart genau nachmachen könnte. Erst mit der neuzeitlichen Philologie entstand das viel schwierigere Verfahren. dass ihr Thema nicht eine vermeintliche Fälschung des Mittelalters.15 Während die Beweislogik in der Echtheitskritik mit einem einfachen Entweder-Oder – ist der vermeintliche der wirkliche Autor oder nicht? – auskommt. à réduire massivement le nombre des pièces anonymes ou pseudépigraphes. In: Fälschungen im Mittelalter. von HORST FUHRMANN. Bd. s. V. Jedem. die Zahl der anonymen oder pseudepigraphischen Texte stark zu reduzieren“. I. fällt dabei unwillkürlich der geniale ‚Dritte‘ – bei SILVESTRE war es sogar Jean de Meun – ein. bis auf die Antike zurückgehendes Prüfungsverfahren. Diese tatsächlich überkomplizierte Hypothese wurde zuletzt durch ihren ersten Urheber JOHN BENTON wieder mit dem in der Tat einfachen ‚common sense‘-Argument beseitigt. 36: „je doute qu’on parvienne. um die Epistolae duorum amantium als Briefe Abaelards und Heloises zu fingieren. Anm. 1-8. Hannover 1988. S. um sich als Mann in die Haut Heloises hineinzuversetzen. F. il falso.

In: WHEELER (Anm. besonders gravierend bei JOHN O. Paris 2005. Da ihm unmittelbar keine Alternative einfällt. am Ende vielleicht sogar zu einem bestimmten Autor fortschreitenden Selektionsprozess. sondern nur bis zur approximativen Eingrenzung eines zeitlichen. Eine in der Echtheitskritik halbwegs sinnvolle Frage wird damit in der Zuschreibungskritik zu einem bloßen Taschenspielertrick. Selbst eine nicht bis zu diesem letzten Erfolg der Personalisierung. S. ‚Einfach‘ ist es. Allein schon die gemeinsame Behandlung beider Briefkorpora kann den Nichtspezialisten in die Irre führen. Vgl. der einzig die Klosterbriefe Heloises heranzieht und die Epistolae duorum amantium als Quelle ausdrücklich ausschließt.2. Region. sondern galt in erster Linie dem neuen Buch von GUY LOBRICHON: Héloïse. d. Der Redaktor. was hier unter „Authentizität“ zu verstehen ist. wovor auch JACQUES LE GOFF in seiner Rundfunk-Sendung (Anm. an den Anfang zu stellen: „wenn nicht Heloise. les spécialistes hésitent à les attribuer à Héloïse et Abélard.“16 Ich frage mich. Gattung – herab zum Besonderen. schrieb darum in sichtbarer Verlegenheit: „wenn die Authentitzität der Briefe auch kaum Zweifel bereitet. wo beide Briefwechsel unterschiedslos als biographisch-psychologische „Quellen“ nebeneinander benützt werden. In: Le Monde 11. einen vom Allgemeineren – Milieu. indem er die „vraies lettres“ von den anderen unterschied. wie die erwähnte.2005: „Si l’authenticité ne fait guère de doute. auch wenn nichts dieser Hypothese radikal widerspricht.Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 31 tik gerade umgekehrt eine komplexe Dialektik von Spurensuche und Einkreisung des Ziels. sie Heloise und Abaelard zuzuschreiben. zeigt ein Zeitungsartikel vom Februar 2005 über die französische Übersetzung der Epistolae beim renommierten Verleger Gallimard. h. 50) gewarnt hat. Im Unterschied zu der in den Vereinigten Staaten sich wie ein Lauffeuer ausbreitenden Nachricht vom unbestreitbaren „Fund der Liebesbriefe“. wer denn sonst?“ Dem Zweifelnden wird derart die Pistole auf die Brust gesetzt. Welche Unsicherheit die Vermengung dieser zwei Arten philologischer Kritik bei Nicht-Spezialisten erzeugen kann. so zögern die Kenner doch. der das Buch in „Le Monde“ anzuzeigen hatte. PHILIPPE-JEAN CATINCHI: „Où est la très sage Héloïs“. eine Fangfrage. 53-120. oft gar nicht mehr so ‚einfache‘ Abstützung einer fahrlässig aufgestellten Autorhypothese durch allerlei Hilfskonstruktionen. Der Artikel war nur zum Teil der Übersetzung von PIRON gewidmet. 5). 5 zur unterschiedlichen Rezeption der Hypothese diesseits und jenseits des Atlantiks. ein Hin und Her zwischen Öffnung des Hypothesenfächers und Elimination unpassender Möglichkeiten. L’amour et le savoir. auch die sich darauf stützende Arbeit von JUANITA FEROS RUYS: Eloquencie vultum depingere: Eloquence and . soll er zustimmen. Epoche. Dass das Werk aus dem 16 Vgl. oben Anm. même si rien ne contrarie radicalement l’hypothèse“. Selbst in der mediävistischen Rezeption der Zuschreibungshypothese werden gelegentlich die echten acht Klosterbriefe des Paars und dessen vermeintlichen Liebesbriefe in verhängnisvoller Weise vermengt. geographischen und kulturellen Umfeldes (etwa einer „textual community“) gelangende Recherche. WARD/NEVILLE CHIAVAROLI: The Young Heloise and Latin Rhetoric: Some Preliminary Comments on the „Lost“ Love Letters and Their Significance. stieß die These in Frankreich mehrheitlich auf Skepsis. wäre ein historisch nützlicherer Beitrag als die nachträgliche.

173-176. Januar 2002 in einem ausführlichen Brief an C. was ein anonymer Text ist.19 stehen offenbar spezifische Bedürfnisse. S. hier mit dem mittelalterlichen Briefwesen herumzuschlagen. sondern vielmehr für „die unwahrscheinlichste aller Möglichkeiten“ hielt. . die ROLF KÖHN. da mir das Werk Abaelards. um diesem weitere redundante „Apologien“ der Abalelard-Heloise-Hypothese auszureden. weder 1974 nach dem Erscheinen der Edition von KÖNSGEN noch 1999 nach der Neuauflage der Zuschreibungsthese durch MEWS vor. Ich mache mir damit eine Formulierung wörtlich zu eigen. ohne die zur Diskussion stehenden Hauptpunkte auch nur anzudeuten. 1). obwohl der Autor von den Epistolae duorum amantium handelt. mich auf eine von vornherein falsch gestellte Frage einzulassen. S. (Anm. 1691f. 15) Heloises „language of tragic selfsacrifice“. S. vor allem der Wunsch nach seelischem Direktzugang zu mittelalterlichen Menschen und komplementär dazu die Unlust. am 6. 5). Hrsg. hier S.. a. In Eile wird derart ein verlegerisch einträgliches Gerücht befestigt. insbesondere sein mit Heloise vollendetes Briefwerk. of JOHN O. Ganz in diesem Sinne richtet auch ZIOLKOWSKI. einer der besten Kenner des mittelalterlichen Briefwesens. seine Kritik gegen die publizistische Umgehung der internen wissenschaftlichen Diskussion. 142. deren spezifische Perversion darin besteht. von C. DRONKE/ORLANDI (Anm. 13-19.17 Ich hatte ursprünglich. was sich eher auf ihre monastischen Briefe bezieht. Allgemeiner gesagt: Die Botschaft wird um 17 18 19 Dictamen in the Love Letters of Heloise and Abelard. S. Essays in Hon. WARD. Hinter der vorschnellen Zuschreibung der Epistolae an Abaelard und Heloise. sich lange mit den kommunikativen Bedingungen der Produktion und Rezeption der hierfür herangezogenen Texte.. die mir wichtiger sind als der Anlass und die im übrigen auch etwas mit dem Tagungsthema „Schrift und Liebe“ zu tun haben. CONSTABLE (Anm. S. JAEGER gebraucht hat. 99-114. intuitiv als vollkommen inkommensurabel mit den Epistolae duorum amantium erschien und ich die Identifikation dieser eigenartigen Korrespondenz mit den frühen Liebesbriefen des berühmten Paars nicht für eine nahe liegende. Aber genau dies wird verschwiegen. Es wäre Sabotage der Marketing-Mediävistik. dem Publikum oder der „öffentlichen Meinung“ die Richterrolle über eine wissenschaftliche Streitfrage zuzuschieben. h. 6). so geschah es aus theoretischen Gründen.18 Wenn ich mich schließlich vor zwei Jahren dennoch ausführlich zu Wort gemeldet habe (Anm. Es braucht keine Spezialausbildung um zu wissen. d.32 Peter von Moos Mittelalter stammt? Dass es nicht von de Vepria oder irgendeinem modernen Hochstapler gefälscht wurde? Der vage Begriff kann beim uninformierten Leser nur Verwirrung stiften. MARK CHINCA andererseits erwähnt in seiner Besprechung von JAEGERs Ennobling Love (in: Arbitrium 2002. das die Forschung hinterher nur noch mit Mühe argumentativ aus der Welt schaffen kann. J. Turnhout 2003. 1). die GILES CONSTABLE und PETER DRONKE unabhängig voneinander als ‚wishful thinking‘ auf den Punkt brachten. MEWS u. In: Rhetoric and Renewal in the Latin West 1100-1540.S.

Namen.2. Sehr erhellend.“ Eine plausible Möglichkeit einer solchen Literarisierung zu einem Parakletdenkmal zeigt neuerdings JACQUES DALARUN: Nouveaux aperçus sur Abélard.. dem wir seit langem den Heloisen-Mythos einer „großen Heiligen der Liebe“ verdanken und dessen pseudowissenschaftliche Auswüchse ich vor einem Vierteljahrhundert ideologiekritisch analysiert hatte. nach der Abaelard und die gesamte durch Männer kanalisierte Überlieferung die Stimme Heloises zum Schweigen gebracht haben sollen. auch DERS.Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 33 jeden Preis auf Kosten des Mediums bevorzugt. Héloïse et le Paraclet. obwohl sie sich über den Wiedergewinn einer jener „all too easily lost voices of. Im Vorwort zu The Lost Love Letters (Anm. nicht ohne die Rekonstruktion des kommunikativen Kontexts eines Klostergründungs-Dokuments interpretiert werden können. 2002 (online). CHRISTINE CALDWELL.20 Gewiss ist das Erkenntnisinteresse an leibhaftigen Autoren solange durchaus legitim. 1). Hinzu kommt die Wiederkehr eines Romantizismus. als deren Texte ohne Kurzschluss eine biographisch-psychologische Interpretation als ‚documents humains‘ zulassen.. XII bekundet MEWS die Absicht. in einer Zeit schwindender Lateinkenntnisse etwas für die allgemeine Öffnung und Wiederbelebung von „literary and philosophical treasures jealously guarded by devoted scholars“ tun zu wollen. bes. vgl. Jhs. 21 22 . Dank der Epistolae duorum amantium soll nun aber diese Stimme endlich wieder als seelische Realität unmittelbar hörbar geworden sein. elles furent reprises dans un ouvrage littéraire destiné à être lu dans son intégralité comme un récit rétrospectif. S. Dieser Trend verbindet sich nicht erst heute mit einer spezifischen gender-Variante. h. CONSTABLE (Anm. S.1 (2005).21 enthalten die wesentlich mehr phatischen als informativen Epistolae duorum amantium schlechthin keine konkreten Hinweise auf irgendwelche persönlichen Lebensumstände. in: The History Teacher 35. vgl. Abaelard.“ Hier wird im Übrigen deutlich.. S. Mit spürbarer Verlegenheit vermerkt eine Rezensentin von MEWS: The Lost Love Letters (Anm. S. 1 zitierte Stelle genügt im übrigen.women“ freut: „That lack of anchoring detail makes the letters less suitable for teaching. aber vielleicht zu subtil für biographistische Interpreten zitiert CONSTABLE (Anm.. Theoretisch ausgezeichnetes „Gegengift“ gegen diese Tendenz enthält auch WALBURGA HÜLK: Schrift-Spuren von Subjektivität. ja Datierungen) zur Sprache bringen und dennoch nicht ohne den schwierigen Umweg über die intentio operis. d. the Historia calamitatum and the later letters serve as a better introduction to Abelard and Heloise and to high-medieval culture. 1689f. 11).22 Dies allein ist schon ein Indiz dafür. For secondary-school students and undergraduates. Heloise und ihr Paraklet (Anm. Tübingen 1999. 1689 hierzu eine eigene frühere Äußerung: „Même si les lettres sont authentiques au sens où elles furent écrites par Abélard et Héloïse […]. insbesondere der erste – Abaelards Historia calamitatum – immerhin eine Fülle von Realien (Ereignisse. S. Despite these gifted lovers’ gorgeous and ingenious imagery („to a reddening rose under the spotless whiteness of lilies“). the letters’ insularity and opacity do not offer an accessible portal for younger students. 1). S. als ob latinistische Gralshüter die wahre Stimme Heloises für sensibel mitschwingende „undergraduates“ verborgen hätten. 565-577. 70-72 zu feministischen Projektionen auf Heloise zu Beginn des 20. welche Art von Publikumsbedarf durch die Zuschreibung an das berühmte Liebespaar gedeckt werden sollte. Lektüren literarischer Texte des französischen Mittelalters. dass 20 VON MOOS (Anm. 11. 5). In: Francia 32. die daraus in Anm. um den erlebnisästhetischen Erkenntniswert dieser Briefe in Frage zu stellen. auch oben Anm. 1).. 5). Während die Parakletbriefe. 19-66.

11-29 ebenfalls hervorgehoben. 149 ff. Zu allererst stellt sich die Frage. In: Ordnung und Lust. vgl. doch aus den Kürzungen de Veprias erklärt (zu JAEGERs Argument bes. Die Epistolae (Anm. auch VON MOOS. 1277-1293. 16f. Paris 2003. S. durch Anspielungen auf Ereignisse und Referenten außerhalb des Texts. denn diese verweisen im allgemeinen auf bestimmte Alltagssituationen. weil hier sorgfältige historische Rekonstruktionsarbeit trotz aller Geheimhaltungsstrategien der Verfasser (bis hin zur Anonymität der adeligen Stiftsdame aus Remiremont) doch einige sehr konkrete Fakten und Datierungen erschließen ließ (wie etwa die Schlacht von Buxy vom 14. dazu PAUL IMBS: Le „Voir-dit“ de Guillaume de Machaut: Etude littéraire. Trennungen und Begegnungen) hervorgehoben.23 In unserem Fall – einer extremen Situationsabstraktheit – bleiben vorerst einzig die Analyse des Texts und der Vergleich mit anderen Texten. den Text um Textes willen. S. h. Ein weiteres Argument dieser Art lässt sich . 71-94. und 16. Hier ist zu ergänzen. In Die Epistolae (Anm. Dies ist eine auch für Historiker durch die Überlieferungslage selbst gegebene leidige Notwendigkeit. ob diese Briefe tatsächlich zwischen zwei Liebenden getauscht worden sind oder ob sie eine literarische Fiktion darstellen. ein „coloris de vérité“ zu geben. Kap. München 1967. S. juillet-octobre 2003.34 Peter von Moos es sich hier im Sinne der historische Quellenkunde nicht um originale „Überreste“ handelt. März 1471). 1). s. hauptsächlich Widersprüche in den vagen Anspielungen auf Lebensumstände (wie Altersangaben. III. 29). Hrsg.und Wiedergebrauchsrede. Jhs. S.: Das Textbegehren des Guillaume de Machaut. das Diskursprimat oder sonst eine literaturtheoretische Mode. aber keine der (in der Verbrauchsrede üblichen) konkreten Hinweise auf das Alltagsleben enthält. comptes rendus. Lücken und Verständnisschwierigkeiten habe ich in Die Epistolae (Anm. Paris 1991. nicht ein methodologischer Vorentscheid für den linguistic turn. Stellen. von HANS JÜRGEN BACHORSKI. Interessant ist hier auch die von WERNER PARAVICINI analysierte echte französische Liebeskorrespondenz des burgundischen Vogts Peter von Hagenbach (11 Briefe): Parler d’amour au XVe siècle: Pierre de Hagenbach et la dame de Remiremont. S. – JAEGER zählt in seiner Reply to Giles Constable (Anm. 13 und HÜLK (Anm. dass alle biographischen Details der ‚Verbrauchsrede‘ zugunsten einer verständlichen ‚Wiedergebrauchsrede‘ weggestrichen worden sind. vgl. Status-Zugehörigkeit. auf. da fragen dye freund nyt vyl danach“: Private Briefe als Quelle für Eheschließung bei den stadtbürgerlichen Familien des 15. 111. Trier 1991. d. S. 11-37 habe ich andere Argumente. Aufl. wie dies Guillaume de Machaut in seinem eindeutig fiktiven Voir Dit tut. S. die aus dem Kontext des jeweiligen Briefs allein nicht verständlich sind. Zur Unterscheidung von Verbrauchs. 20). Man kann nicht einmal den Versuch feststellen.. 1). In: Académie des Inscriptions & Belles-Lettres. S. Anm. 1). die der spätere ‚archäologische Leser‘ oft nicht mehr versteht. die vielleicht die Einordnung in einen kulturellen Rahmen nach Raum und Zeit erlauben. dem Briefwechsel einen Realitätseffekt. HEINRICH LAUSBERG: Elemente der literarischen Rhetorik. 7) eine Reihe von „inconsistencies“. dass das Inkonsistenzen-Register so gut wie nur ganz unspezifische Metaphern und Gefühlsäußerungen. um daraus den privaten Charakter des Briefwechsels abzuleiten. Folgende Hauptgründe sprechen eher für ihren fiktionalen Charakter24: 23 24 Vgl. während für die Veröffentlichung redigierte „Traditions“-Texte sich gerade daran erkennen lassen. MATHIAS BEER: „Wenn ych eynen naren hett zu eynem man. 3.

Hrsg. Die Geschichte des Liebesbriefs. nicht an eine reale Abfolge eines Sommerbriefs Monate nach einem Frühlingsbrief. Jahrhundert lassen sich auch in dieser Gattung niemals eigentliche Korrespondenzen von mehr als acht Briefen nachweisen. a. Women’s Literate Practice in Late Medieval England. In den seltenen Fällen. im nächsten Brief antwortet der Mann. 1998 (Norm und Struktur 10). überschreiten eigentliche Briefwechsel kaum je vier Briefpaare. werden mittelalterliche Briefe nach Empfänger – oder Absenderüberlieferung gesammelt. ROLF KÖHN: Dimensionen und Funktionen des Öffentlichen und Privaten in der mittelalterlichen Korrespondenz. In: Das Öffentliche und Private in der Vormoderne. Ithaca. zu denen gerade auch die Klosterbriefe Abaelards und Heloises gehören. ohne es zu vermerken. Erst sehr spät und vereinzelt finden sich Originalbriefsammlungen wie in den für das Mittelalter keineswegs typischen Strozzi.oder Paston- 25 26 aus den Briefen 32 und 33 gewinnen: In dem ersten beglückwünscht die Frau den Partner zur Genesung. von GERT MELVILLE/PETER VON MOOS. überarbeitet und veröffentlicht. Die Existenz mittelalterlicher Privatbriefe (wohl mehr volkssprachlicher als lateinischer) ist gewiss nicht von der Hand zu weisen.25 erfährt mit der reifen Ars dictaminis seit dem späten 12. die bisher einzig ERNSTPETER RUHE monographisch behandelt hat. Fast nie handelt es sich dabei um Briefwechsel. er müsse wegen der Sommerhitze seine Trägheit überwinden und einen novus dictandi fervor entfachen. ERNSTPETER RUHE: .De amasio ad amasiam‘. Ganz abgesehen vom Sonderfall der Privat. wie etwa jenes echte „Billet doux“ des Jean de Gisors an eine geliebte Aélis aus der Mitte des 13. übersprungen hat. Sie gehören zur Alltagsarchäologie. also acht Briefe. Zur Gattungsgeschichte des mittelalterlichen Liebesbriefes. das in einer Mauernische der Kirche St-Pierre auf dem Montmartre gefunden worden ist.26 Vermutlich ist ein beträchtlicher Teil mittelalterlicher Briefautographen endgültig verloren. zu den Paston-Archiven vgl. Köln u. Jahrhunderts. 309-358. REBECCA KRUG: Reading Families. Diese Zusammenstellung von Jahreszeiten erinnert vor allem an Artes dictandi mit ihren zur Option gestellten Briefthemen. . Jahrhundert ihren ersten Aufschwung (hauptsächlich in fiktionalen Musterbriefen wie denen der Rota Veneris des Boncompagno). die genau mit dem Frühlingsbeginn zusammenfällt (der letzte Schnee ist geschmolzen). sondern nur jeweils um eine Hälfte von Korrespondenzen. Originalbriefe oder Autographen finden sich im Mittelalter ausgesprochen selten. 338.und Liebesbriefe. da sie etwa zur Hälfte durch den Kopisten de Vepria als fragmentarisch gekennzeichnet sind und wir nicht wissen. hier S.Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 35 die Anzahl der Briefe stellt unter den erhaltenen Korrespondenzen des lateinischen Mittelalters ein absolutes unicum dar: (je nach Zählung) 113 oder 118 Briefe und vielleicht noch wesentlich mehr. London 2002. auch wenn man über deren reales Ausmaß nur spekulieren kann. wie viele Briefe der Vorlage er. München 1975 (Beiträge zur romanischen Philologie des Mittelalters 10). und dann fast nur als zufallsbedingte ‚Überreste‘. S. doch noch im 13.

der dieselben medialen Argumente in den Vordergrund stellt. 326f.“ Man kann dies mit der lapidaren Feststellung PARAVICINIs (Anm. 23). WILKINS. von J. selbst wenn man die Zuschreibung an Heloise und Abaelard vergisst. für den gleichzeitigen französischen Privatbrief noch weitgehend aus. vgl. dass sie ihre zahlreichen Briefe auf Wachstäfelchen mit Hilfe eines Boten hin und her senden. von F.30 Diese Hinweise auf Sicherheitsmaßnahmen enthalten eine contradictio in adiecto und eine kodikolo- 27 28 29 30 Ebd. 23). Ep. S. Hrsg.. Berlin 1889-1891 (Nachdruck: Dublin u.29 Man kann bei unseren Epistolae erst recht nicht mehr an eine solch immense originale Liebeskorrespondenz glauben. TANCQUEREY. S. 1689): „La raison pour laquelle Abélard et Héloïse se seraient écrit si fréquemment et si longuement à une époque où ils étaient censés vivre sous le même toit et se voyaient chaque jour est obscure. 23). von DENIS HÜE. Orléans 2001. S.36 Peter von Moos Archiven. 1293 dies kritisch vermerkt. 42-43.27 Zu bedenken ist auch der materialgeschichtliche Wandel vom kostspieligen Pergament zum preisgünstigeren Papier. Le Livre du Voir Dit. 2 Bde. plurima scriberem. spitzt die ‚deductio ad absurdum‘ noch im Sinne der Zuschreibungshypothese konkret so zu (S. Entschieden näher liegt da der Vergleich mit einem Meisterwerk der französischen Literatur des Spätmittelalters. Paris 1999 (Lettres gothiques 4557).1281 ergänzen: „On ne s’écrit que si l’on est séparé: cause évidente de toute correspondance. Am meisten ist bisher für die Erschließung deutscher Privatbriefe des Spätmittelalters getan worden durch GEORG STEINHAUSEN: Geschichte des deutschen Briefes. DIESELBE: Le Livre du Voir Dit. auch IMBS (Anm. unten bei Anm. CONSTABLE (Anm. S. 38a (Vir): iam facio finem concludens ista sigillo. der seit rund 1300 allmählich auch zu einer wunderbaren Briefvermehrung führte.. 331f. J. dulcissima. einer aus einem Liebesbriefwechsel von 109 Briefen und Gedichten bestehenden fiktiven Autobiographie oder vielmehr eines Briefromans als „Gattungsgrab“. Paris 2002. Die einzelnen „Privatbriefe“ hochgestellter Persönlichkeiten beiden Geschlechts im . Guillaume de Machaut 1300-2000. wenn man ein paar Einzelheiten zum Schreibprozess herausgreift: Die zwei Liebenden geben zu verstehen. und dass sie diese überdies (wohl zum Schutz gegen neugierige Neider) versiegeln.Recueil de lettres Anglo-Françaises‘ (1265-1399). von JACQUELINE CERQUIGLINI-TOULET. un art d’écrire. Eine Forschungsanthologie 1898 bis 2001 bietet: „Comme mon coeur désire“. Ep. Actes du Colloque de la Sorbonne.. wie PARAVICINI (Anm. dem Voir dit Guillaumes de Machaut von 1364. Paris 1916 sind eher als halb-öffentliche Briefe anzusehen. Hrsg. CERQUIGLINI-TOULET/N. Hrsg. . Guillaume de Machaut. Paris 2001. Dass nun die Epistolae duorum amantium eine zwar große aber „nichtsdestoweniger existierende“ Ausnahme einer aus dem frühen 12.28 für jeden mediävistischen ‚common sense‘ ganz einfach des Guten zuviel. 20). Hrsg. sicut plurima occurrerent. Zur Kulturgeschichte des deutschen Volkes. 1). ist. 2. diutius retinere michi liceret. Un art d’aimer. HÜLK (Anm. 37 s. Aufl. 14 (Vir): Si tabulas tuas. 161-165 zur Bestimmung als „Briefroman“ und zur neuen Liebes-Metaphorik des Schreibens auf Papier im Vergleich mit dem Schreiben auf Pergament. Jahrhundert stammenden kontinuierlichen und originalen Privatkorrespondenz darstellen sollen. Zürich 1968). Ep. Ähnliche Arbeiten stehen.“ Guillaume de Machaut: Le livre du Voir dit.

wozu dann noch eine Versiegelung dieses ephemeren Schriftträgers? Abgesehen davon gibt es keinen einzigen sonstigen Beleg für eine mittelalterliche Praxis des Versiegelns von Wachstäfelchen. 247): Alii cuidam. Zur Wachstafelmetaphorik vgl. 176. In: Storia della civiltà letteraria in Italia. M. 1894. 113f. Germ. S.. 123-140. 183f. 77) spricht von litteras tabulares in quibus ego me […] pro te ipso […] intercessor opposui. S. Torino 1990. von G. dass das eine Mal auf Wachs geschrieben. Schwieriger ist die Frage nach dem realen Briefverkehr auf Wachstäfelchen zu klären.ut has amaras atque flebiles descriptiones proiciamus. Man könnte auch annehmen. S. S. In: Les tablettes à écrire de l’Antiquité à l’Epoque Moderne. u. von DIESELBE/DIETRICH HARTH. BARBERI SQUAROTTI. S. dass dieses Geheimhaltungsverfahren dennoch gelegentlich auf offizielle Briefe etwa mit brisanten politisch-militärischen Mitteilungen angewandt wurde. In: Memnosyne. S. Meinhard von Bamberg (ed. Liebesbriefe aus Diskretion auf Wachstäfelchen auszutauschen. In: Bibliothèque de l’École des Chartes 147 (1989). ROUSE/ROUSE (Anm. Obwohl die Spezialistin für frühund hochmittelalterliche tabulae Elisabeth Lalou diese Frage rundweg verneint. dalle Origini al Trecento. ERDMANN. S. 69 (Mulier): hos. Zur ovidischen Topik vgl. hier S. Aber das ändert nichts an der Unwahrscheinlichkeit beider Vorgänge. Rer. 1). Bd.32 Noch ungeklärt ist aber die Frage. Rechenoperationen und im Schreibunterricht verwendet worden seien. 31 32 33 . rogo.Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 37 gische Absurdität. Ep. Frankfurt a. ob. CONSTABLE ( Anm. Hrsg. secundis autem et letioribus manus cere imprimamus. ROUSE/MARY A. 3049f.v.: „S’en parchemin ne pués escrire / ton desir porras metre en chire“. (zum Floire et Blacheflor-Stoff bei Boccaccio). DIESELBE: Inventaire des tablettes médiévales et présentation générale. 1950. In: Language & communication 9 (1989). S. 1). RICHARD H. 13-35. S. ROUSE: Wax Tablets.33 Dennoch ist die Frage in einem archäologischen Sinne ernst zu nehmen. quem beneficiis suis maxime fidum sibi obnoxiumque fecerat. 1991. 155-210. sondern sich als metaphorisches Spiel mit literarischen Reminiszenzen aus der antiken Liebeslyrik erklären. sondern auch von Wachstäfelchen im Besonderen ausdrücklich verboten wird.31 gibt es vereinzelte Belege dafür. S. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung. Lampert von Hersfeld (ad annum 1075) über Anno von Köln (ed. Vgl. Jedenfalls ist Lalou zuzustimmen. MG Scr. 2. 62: Tempus es […] . 233-285. 25). E.. Turnhout 1992. FRANCESCO BRUNI: L’ars dictandi e la letteratura scolastica. HÜLK (Anm. ne versus oculus legat invidiosus. Wenn die Geheimhaltung durch Löschen und Überschreiben der Wachstäfelchen gesichert werden soll. LALOU: Les tablettes de cire médiévales. RUHE (Anm. da in der klösterlichen Normierungsliteratur seit der Benediktinerregel der private Empfang nicht nur von Briefen im Allgemeinen. dass diese Stellen nichts miteinander zu tun haben. 175-191. MG Briefe. auch ALEIDA ASSMANN: Zur Metaphorik der Erinnerung. Hrsg. a. dass fast alle darauf bezügliche Aussagen von Baldrich von Bourgueil bis zu Boccaccio nicht beim Wort zu nehmen sind. wie dies schon CONSTABLE (Anm. S. da solche Täfelchen ausschließlich für Entwürfe. HOLDER-EGGER. 31). 1688f.. 1688 nachdrücklich hervorgehoben hat. Ep. 20). familiares litteras a seipso in tabulis propter maiorem secreti cautelam conscriptas dedit episcopo […]. das andere Mal Pergament versiegelt wurde. 80-82. zur Clef d’Amors. wann und wo im Mittelalter das antike Verfahren weiter gewirkt hat. I. Ich verdanke diese Referenzen ROLF KÖHN. so Ep. 218.

97. fr. 69-99. Jahrhundert beanstandet. nisi magistro vel priori provinciali vel vicario. PARAVICINI (Anm. Söflinger Liebesbriefe aus dem 15. Anm. D. zit. MAX MILLER: Die Söflinger Briefe und das Klarissenkloster Söflingen bei Ulm a. aus welcher Vorlage hat dann Johannes de Vepria 1471 diese über hundert Briefe bezogen?37 34 35 36 37 Vgl. S. S. 1293 und PAUL GERHARD SCHMITT. 385-394. In: Analecta s o. 337-348. 23).431-443. PETER LINEHAN: The Ladies of Zamora. im Spätmittelalter. in: New Approaches to Medieval Communication. hier S.35 Ich kenne einstweilen keine Parallelen. Im Vergleich mit diesen Beispielen echter Korrespondenzen wirkt unser wie ein Dialog zwischen V und M angelegter Briefwechsel vollends wie eine virtuose Schulübung. Würzburg 1940. la sécurité offerte par les tablettes de cire (Lampert de Hersfeld et Meinhard de Bamberg) devait bien tenir au fait que leur contenu pouvait être effacé sans laisser de traces. On Mentality an Preservation Context of Medieval Letters. das seit Transmundus zu den Zentren formvollendeter Ars dictaminis nördlich der Alpen gehörte. erhalten als Anlage zum Notariatsprotokoll des Geständnisses vor Gericht. S. In: Germania (Wien) 10 (1965). Manchester 1997. die Hermann Konemund unter dem Namen einer Bürgerin dem Göttinger Schulrektor Curt Hallis schickte. Dasselbe gilt von dem französischen Liebesbriefwechsel zwischen Peter von Hagenbach und der Remiremonter Kanonissin (Anm. Jhs. Hrsg.3 (2005). in all diesen Zeugnissen geht es um Einzelbriefe. nach MARY GARRISON: „Send more socks“. quelle est la source des lettres recueillies dans le manuscrit du XVe siècle? […] En tout cas. die erstaunlicherweise ihre Briefe nicht selber schrieb. dass eine Nonne von Las Dueñas offenbar auf Wachs geschriebene Briefe eines Jünglings (also wohl Liebesbriefe) erhalten hat. Turnhout 1999. nec eciam scriptum aliquod in tabulis vel in cera. und S. dass ihr Inhalt nach der Lektüre gelöscht werden kann. 1278f. Jahrhundert handelt es sich um Papierbriefe. hier S. S. in niederdeutscher Sprache. Sowohl in diesem Fall wie bei den Söflinger Briefen verdanken wir die Überlieferung einzig der gerichtlichen Konfiskation und Archivierung. Editoren als Zensoren. nicht um ganze Korrespondenzen. Hrsg. sondern diktierte und sie danach dank mehrfacher Faltung im Taschenformat mit Hilfe von Vertrauensleuten ans Ziel bringen ließ. Bei dem analogen Disziplinarfall der sog. S. Seine Überlieferung führt nicht in Gerichtsarchive. Im übrigen danke ich LUDGER LIEB für den Hinweis auf einen etwa gleichzeitigen Skandal. 341: Item nulla mittat vel recipiat sine licencia litteras vel cedulam scriptam eciam sine sigillo. grundsätzlich zu den geringen Überlieferungschancen von Liebesbriefen vgl. Auf Anfrage schrieb mir die Spezialistin für Siegelkunde BRIGITTE BEDOS-REZAK hierzu dankenswerterweise: „Il y a un aspect de la correspondance des deux amants que je ne saisis guère. Unser Briefwechsel hingegen zeigt auch darin wiederum seinen fiktiven Charakter.36 Doch wie immer.38 Peter von Moos etwa in der Regel Humberts von Romans für Dominikanerinnen von 1259. 24. Praedicatorum 3 (1897). 48-50 und ebd. S. von MARCO MOSTERT. die 12 in betrügerischer Absicht geschriebenen Liebesbriefe. Si le texte de leurs lettres était effacé au reçu.34 Ein Visitationsbericht eines nordspanischen Bischofs aus dem 13. In: Mittellateinisches Jahrb. Wenn Wachstäfelchen dadurch eine gewisse Sicherheit gewähren. Auch Hagenbachs Korrespondenz wurde nach dessen Enthauptung 1474 unter Herzog Sigismund mit dem übrigen Schriftgut beschlagnahmt und in Innsbruck aktenmäßig archiviert. ausführlich zu diesem Visitationsbericht s. von GUSTAV SCHMIDT: Erdichtete Liebesbriefe des XV. 40. etwa die Regel für Dominikanerinnen (1259) durch Humbert von Romans. […] de auditu dixit quod Catherina recepit tabulas cereas a quodam juvene scriptas. sondern ins Skriptorium eines Klosters.“ . 23).

Paris 1982. dass die Korrespondenz hier nun genau ein Jahr alt ist. hier S. S. auch CONSTABLE (Anm. 2. 20).Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 39 Wenn wir uns im Sinne der Hypothese ins frühe 12. Dabei müsste man ein beachtliches Kopiertempo annehmen. Vgl. GILLES ROQUES: Tradition et innovation dans le vocabulaire de Guillaume de Machaut. verschickt. fürstliche Kanzleien) hätten sich den Luxus eines solchen privaten Briefbuchs im Zeitalter des Pergaments leisten können. MICHEL ZINK: Littérature française du Moyen Age. Denn aus dem Briefgedicht Nr. S. Bd. 1688f. gelöscht und überdies wie in einer päpstlichen Kanzlei vollständig in ein ‚Register‘ übertragen worden. 161. Hrsg. . gelesen.41 Guillaume de Machaut andererseits war vom adeligen Publikum und Mäzenat derart begünstigt. Rhetorik. Stuttgart 1993. VON MOOS: Briefkonventionen als verhaltensgeschichtliche Quelle. S. S. P. RÄDLE. fand im Voir-Dit die erste auktoriale Bezeugung des Begriffs „Papier“ im modernen Sinn: „Guillaume de Machaut ouvre l’ère des écrivains sur papier“. 279. dass er seine scheinbar intimen Kunstprodukte. sein „art de vivre en poésie“ (wie Michel Zink treffend sagt) auch in Prachtausgaben verbreiten konnte. Zur medialen Alterität des mittelalterlichen Briefwesens vgl. Nur sehr reiche Briefschreiber oder deren öffentlich anerkannte ‚Textgemeinschaften‘ (Klöster.39 Schließt man die Zuschreibung an Heloise und Abaelard aus. S. Poète et compositeur. Münster 2006. dass einer der beiden Partner die eigenen Briefe und die Antworten des anderen systematisch aus den Wachstäfelchen auf Pergament übertragen hätte. nach HÜLK (Anm. um ihn zu lesen und zu küssen. ob eine solche Menge oft inhaltsloser. wäre die einzig mögliche Antwort. seit [in dem] mich deine Liebe besiegt hat“) – das man freilich auch bloß als einen poetischen Geburtstagwunsch lesen könnte – ergibt sich nach der faktenpositivistischen Lektüre der Hypothese-Befürworter. setzt ihn jedoch hinterher wieder wie ein „Puzzle“ zusammen. 87: transiit annus ex quo tuus me sibi vinxit amor („Ein Jahr ist vergangen. wie es sich gehört.158. in diesem Sinn WARD/CHIAVAROLI (Anm. 157-173.. den ersten empfangenen Liebesbrief.42 38 39 40 41 42 Vgl. Jahrhundert zurückversetzen. 173-204. aber im Zeitalter des Papiers dürfte das tautologisch-repetitive Ausufern des erotischen Diskurses kein Problem mehr dargestellt haben. Paris (puf) 1992. Gesammelte Studien zum Mittelalter. 16). so bleibt immer noch die Frage.40 Jedenfalls benützen Euryalus und Lucretia in De duobus amantibus historia des Enea Silvio Piccolomini für ihre Geheimkorrespondenz gewöhnliches Papier. Kommunikation und Medialität. 81. 30f. 1). ebenso hat sich dann natürlich der komplizierte Umweg über Wachstäfelchen erübrigt. S. aber stets preziös-hochartifizieller Liebesbriefe in der Vorlage de Veprias auf Pergament oder auf Papier standen. In: Guillaume de Machaut.: Lucretia zerreißt. In: DERS. von H.38 In einem Jahr also wären mindestens 87 Briefe (wegen der fragmentarischen Überlieferung vielleicht auch wesentlich mehr) auf Wachstäfelchen geschrieben. S.

impatient and impetuous personality“ gewinnen. an die Frau als Briefempfängerin oder den Leser des Briefdialogs. Der ‚Mann‘ behauptet hier. der Schreiber weiß schon während des Schreibens. nicht etwa nach der Lektüre des Briefes der ‚Frau‘. aber macht sich erst auf den Weg. CONSTABLE (Anm. um den Inhalt des Wachstäfelchens von „Frau“ auf Pergament oder Papier zu übertragen. oder der Bote verzögerte seine Abreise aus irgendeinem anderen Grund. sodass Zeit für einen Nachtrag blieb. postquam litteras perscripsi: ilico certe in lectum pre inpatiencia me conieci) Wie soll man sich dies vorstellen? Der Bote wartet das Ende des Schreibakts ab. die Szene.“ Interessant ist hier die Problem-Lösung JAEGERS. was verständlich wäre. 1. Nichts ist in der Tat unwahrscheinlicher als die Hintergrundannahme. das Liebesbriefschreiben selbst dramatisch in Szene gesetzt. ausgereiften. 1688) schließt aus dieser Stelle. wenn es sich nicht gar bloß um eine rhetorische Stilübung in der Ethopoiie handeln sollte. nachdem ich den Brief zu Ende geschrieben hatte: genau hier habe ich mich vor Ungeduld aufs Bett geworfen. Außerhalb der literarischen Fiktion wäre dies doch wohl eine etwas allzu vorausbedachte und inszenierte Spontaneität. Man kann mit JAEGER zweifellos den Eindruck einer „rash. Wenn wir auf kriminalistische Spekulationen über die einzelnen Umstände eines vermeintlichen „Briefwechsels“ verzichten und nur gelten lassen. den ich nochmals hervorheben möchte: den überall spürbaren. wer diese literarische Inszenierung einer „ungestümen Persönlichkeit“ an welche Adresse richtet. massiven Einfluss einer sehr späten. der sich alle Möglichkeiten eines nachträglichen „Postscriptums“ vorstellt (entweder hat der Mann dem Boten befohlen zu warten. S. wie beschrieben. nachdem er Zeuge des anschließenden emotionalen Schubs geworden ist. S. . unüberarbeiteter Autographen.43 Dies führt mich zu einem letzten Punkt. 8). Durch diese körperliche Pose oder Geste wird hier nicht nur die Liebe ‚codiert‘.) Vergessen hat er einzig die Möglichkeit. wie er danach vor dem Boten zusammenbrechen wird. 130. sondern auch das Briefschreiben.pose‘.“ (Interroga nuncium quid egi. Anm. vielleicht sogar überreifen Ars dictaminis aus der Umwelt 43 Ich glossiere damit eine Bemerkung von MONIQUE GOULLET in dem Anm. (Anm. 48. so erübrigt sich das Postscriptum-Konstrukt. 154. dass der „Mann“ zwischen dem Lesen und Antworten noch eine Kopierphase eingeschaltet haben könnte. 50 erwähnten Referat: „La précision de ce détail tranche tellement avec le caractère abstrait et elliptique du reste qu’on est tenté d’y voir là encore une . was in dem Text selbst steht. gleichviel ob sie wirklich stattgefunden hat oder nicht. une sorte de posture codifiant l’amour. um hinterher noch diesen Satz auf die Wachstafel zu schreiben. dieses umfangreiche Briefwerk sei ein Austausch echter. sondern nachdem er selbst deren Wachstäfelchen gelöscht und mit eigenen Worten vollgeschrieben hat: „Frage den Boten. ohne dass dadurch entschieden wäre. oder der Mann wies den Boten an. auf die geringe Spontaneität der ganzen Korrespondenz angesichts einer möglicherweise vom männlichen Partner besorgten Kopialüberlieferung. er habe sich in Anwesenheit des Boten aus Kummer aufs Bett geworfen. was ich tat. zu erzählen. selbst wenn sie erst nach dem Brief geschrieben worden wäre.40 Peter von Moos Ein besonders anschauliches Detail zur „Liebesbrieftechnik“ oder brieflichen Verschriftlichung von Liebe bietet Brief 37 unserer Korrespondenz.

Arts d’aimer et poésie au Moyen Âge. noch nichts zu spüren ist. was GÉRARD GENETTE „Literatur im zweiten Grad“. z.und Schlusswunschformeln beginnt und zusehends komplexere. und gerade die Regelkunst der frühen ars dictaminis ist gegenüber der hochentwickelten Briefrhetorik der vorangehenden Zeit keine „Revolution“.1). dass sie der Zisterzienser de Vepria mit stilistischem Interesse wie einen Briefsteller ausgebeutet und damit vielleicht ‚missbraucht‘ hat. S. Viel eher ließe sich die Denkfigur umkehren: Der exzessive. von der im frühen 12. (Anm. 185f. Allgemein zum Thema „Liebeskunst“ und Literatur vgl. Jh. nämlich vielmehr das. . – MEWS. Philadelphia 1992. 33). sie sei aus einer ars dictandi zu einer eigentlichen ars amandi geworden. sondern eine Fortsetzung auf pragmatisch-einfacherem Niveau.) mit einer ganz eigenen und unverkennbaren Topik und Intertextualität (s. S. S.44 Unsere Briefsammlung sieht auf den ersten Blick wie ein Briefsteller aus. „Palimpsest“ oder „Pastiche“ nennt. muss es überhaupt erst einmal Kunst und Kunstlehre geben.7). Fest steht. real ausgetauschten Briefen und literarischen Fiktionen oder stilistischen ‚Fingerübungen‘ vor allem deshalb so schwer. immer wieder gegenüber einer verbreiteten Überschätzung der ars dictandi vertreten habe (zuletzt wieder in ‚Briefkonventionen. 45ff. VON MOOS. Die Epistolae (Anm.182 (Überschrift). the Epistolae duorum amantium testify to the practice of the art of composition (ars dictaminis) already richly developed in the eleventh century before theorists of the art sought to impose precise Ciceronian rules in epistolary manuals […]“ Grundsätzlich geht in der Tat jegliche literarische Praxis deren präzeptiven Theoretisierung voran. a. sondern deren spätere intensive (nicht bloß „gelegentliche“) Spezialisierung auf den Liebesbrief (13. Amatory Fiction form Ovid to the Romance of the Rose. wie ich dies selbst seit meiner Arbeit über einen der größten mittelalterlichen Meister der Briefkunst. in ‚Hildebert von Lavardin 1056-1133‘ (Stuttgart 1965). Diese seit rund 1200 zusehends autonom werdende Diskurstradition der epistola amatoria macht uns die Unterscheidung von ‚echten‘. 1). Jahrhundert ist hier nicht das Thema. der mit einfachen Salutations. GÉRARD GENETTE: Palimpsestes.-14. Doch die Entstehung dieser italienischen Kunstlehre im späten 11. Paris 2005. S. 45-59 zu Bichilinus u. dazu ausführlich Die Epistolae (Anm. emotionell und intellektuell aufwendigere Themen aufgreift. 64 wendet dagegen ein: „While individual love letters. written in Latin. PETER L.45 Die Musterbriefe der einstmals so pragmatischen ars dictaminis sind hier nur der Vorwand 44 45 BRUNI (Anm.). S. Liebesbrief-Theoretikern. und von der FRANCESCO BRUNI mit Recht sagte. 40). B.. Jh. ALLEN: The Art of Love. weil beides im Laufe der Zeit sich innerhalb einer Konvention oder Mode wechselseitig beeinflusst hat.‘ (Anm. oft beinahe phatische Manierismus der Epistolae duorum amantium setzt schlichtere Vorformen in der ars dictaminis voraus.). Aus der allgemeinen Weisheit über die zeitliche Prioriät der Praxis vor der Theorie ist in unserem bestimmten Fall also kaum ein tragfähiges Argument zu gewinnen. Doch bei genauerem Hinsehen finden wir in seiner Vorlage etwas ganz anderes als eine Musterbriefsammlung. were sometimes included as models of style by theorists of prose composition in the later twelfth and thirteenth centuries. MICHÈLE GALLY: L’intelligence de l’amour d’Ovide à Dante. die bereits raffinierte Regeln für das Abfassen von Liebesbriefen ‚mit Realitätseffekt‘ ausgedacht hat. Paris 1982. Bevor ein l’art pour l’art sich entwickeln kann. La littérature au second degré..Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 41 Petrarcas und Boccaccios.

Pontus de Tyard für König Heinrich III. auch unten Anm. eines Tages das Antlitz des geliebten Mannes zu sehen. trifft diesen Punkt besser als die von CESCUTTI/STEGER (Anm. 69 unserer Sammlung auch personifiziert: die Frau schickt ihn mit einer Du-Anrede (in einem sog.42 Peter von Moos oder das Substrat für deren literarische „mise en abîme“. der Liebe als Briefkunst und Briefkunst als Liebe lehrt. Wenn sie ihn so häufig magister nennt. oben Anm. 1). von JOHN C. Die Epistolae…(Anm. ‚envoi‘) auf den Weg – Littera vade. wie dies der 50. 21): „il n’y a point de si grand plaisir en l’amour que le discours. you also thought fit to invite me to make your acquaintance“. . so kann man der Schlussfolgerung von MONIQUE GOULLET bei einem Round Table-Gespräch über unsere Briefe nur zustimmen: „Nichts zwingt uns. also ein Nachfahre Ovids gemeint.49 Dies verweist einmal mehr auf die Fiktion eines Briefwechsels. S. so ist anzunehmen. mich – aufgrund einer vielleicht guten Meinung.: „cette merveille d’un amour sans avoir vu“. 37.“ Als ein überlieferungsgeschichtliches Kuriosum sei erwähnt. 26f. me in tuam noticiam vocare dignata es. Municipale Haguenau. die du von mir hattest – ins Vertrauen zu ziehen. quam de me habuisti. eine vergleichbare Kompilation von Mustertexten. dem ihr persönlich unbekannten und nur aus der fama bekannten Dichter und Musiker. Liebesbriefe zu schreiben. h. S. dass sich die beiden noch nie körperlich begegnet sind und dass mulier ihren vir nur vom Hörensagen kennt. 23). 54 zu anderer Liebesliteratur in den Bibliothekskatalogen. wo die jüngere Peronnelle die Initiative ergreift.46 Wenn in Brief 9 die Frau sich mit aller Inbrunst wünscht.“ Dabei wird wiederum (s. VON MOOS.11) bei der Auflösung der Klosterbiliotheken nach der Französischen Revolution wie die Epistolae duorum amantium ebenfalls in Clairvaux befand. Brief des Mannes denn auch ausdrücklich sagt: Tu […] me ob aliquam bonam opinionem. Der Liebesbriefsteller erzählt in petrarkistischer Manier die „péripécies d’une liaison secrète“ und folgt im Sinne der „recherche précieuse“ der Spielregel (S. Darum wird der Brief selbst in Nr.) Die Übersetzung von CHIAVAROLI/MEWS (Anm. dem schon über sechzigjährigen Chorherrn von Reims. dass sich die einzige Handschrift dieses Texts (heute Bibl. Hrsg. Bedenkt man die völlige Profillosigkeit der mit M und V wie in einem Schuldialog abgekürzten Briefschreiber.10) die französische Übersetzung von PIRON ins Deutsche übertragen: „c’est peut-être parce que tu avais une bonne opinion de moi […]“ Hierzu bes. Vgl. die ebenso gut als Stilblütensammlung wie als Briefroman gelesen werden konnten: Modèles de phrases suivis d’un recueil de modèles de lettres d’amour. „in ihnen Menschen aus Fleisch und Blut 46 47 48 49 Etwa ein Jahrhundert nach der Exzerpt-Arbeit de Veprias komponierte der Humanist und Bischof von Chalon-sur-Saône. LAPP.48 In beiden Fällen wird die Liebe durch die Schrift gespeist und die Schrift durch die Liebe. IMBS (Anm. Ms 2.“ sagte sie. so ist wohl kaum ein Lehrer irgendeines Schulfachs. Bernhard als spätmittelalterlich-frühneuzeitliches Liebesbriefarchiv? (s. damit er den Geliebten dictaminis dulcedine für sie einnehme. sondern viel eher ein magister amoris. d. meas et amico ferte querelas! –. 10): „Du warst auch so freundlich. Das Kloster des hl. Chapel Hill 1967.47 Dies erinnert wiederum an den bereits erwähnten Liebesbriefwechsel Voir Dit des Guillaume de Machaut. wegen seiner Berühmtheit. 5): „because of some good report you heard about me.

com/news?tmpl=story&u=/nm/20050303/lf_nm/france_loveletters_dc_1 und http:// www. Jahrhunderts feststellbaren Synkretismus der Liebeskonzeptionen. nachlesen auf http://news. after a long day’s debate on the subject.und Zuschreibungskritik habe ich dabei die Hypothese von MEWS und JAEGER bewusst ignoriert und anstelle einer Widerlegung versucht.I don’t think everyone in the room was convinced.com. Epoche der Entstehung der Epistolae führen könnte. habe ich provisorisch in dem Aufsatz von 2003 zusammengestellt. . Feelings ran high at a seminar in Paris where believers tried to convince skeptics the attribution is right. MEWS. 5).2005: „Two star-crossed medieval lovers. . JEAN-YVES TILLIETTE.theage. Umwelt. 16) entschieden dagegen ausgesprochen hat. wenn man Lust hat.) In diesem Zusammenhang haben sich brieflich oder mündlich PASCALE BOURGAIN. GUY LOBRICHON.3. kulturellen Kontexten oder Einflussbereichen zuzuordnen: insbesondere der Ars dictaminis. PIRON sowie der Opponentin MONIQUE GOULLET diskutiert wurde. (Ich möchte letzterer Kollegin bestens für die Präsentierung und Verteidigung meines Beitrags von 2003 danken. JAEGER und S. 2. FRANÇOIS DOLBEAU. ANNE-MARIE TURCAN-VERKERK und MICHEL ZINK gegen die Zuschreibung an Abaelard und Heloise geäußert. da ich an der Teilnahme selber verhindert war.Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 43 zu sehen. their publication this month has revived the scandal and divided historians in France and abroad. Den Rest kann man. wirft ein Licht auf eine neue Art von Sensations-Mediävistik. bei der unter dem Vorsitz von RUEDI IMBACH und MICHEL ZINK über die Vorlagen der Befürworter C. Jahrhunderts eine eigene Unterabteilung für Liebesbriefe entwickelt. geographischen. ist eine andere Frage.“50 Natürlich hatte dieses rein literarische Wesen einen – individuellen oder kollektiven – Autor. are again stirring passions in France as a literary controversy rages nearly 900 years after their affair. un seul être de papier. Translated for the first time into French. auf die schon ZIOLKOWSKIs Aufsatztitel spöttisch Bezug nimmt:51 „Lost and Not Yet Found“. der sich am 28.‘ said historian Sylvain Piron. Einiges was in die Nähe. der eine im frühen 12. JACQUES VERGER. Others say the correspondence is fake. aber ob wir ihn je finden werden.yahoo.au/articles/2005/03/04/1109700675545. Dasselbe gilt von JACQUES LE GOFF.‘ “. At the heart of the drama is an obscure Latin text that some scholars say contains the long lost love letters written by the ill-fated pair. 2005 an der École Normale Supérieure in Paris. Wie über diese Tagung in der englischsprachigen Internet-Presse berichtet wurde.Some still believe it’s a faked or forged collection. who translated the correspondence.html?oneclick=true ZIOLKOWSKI (Anm.3. Ich zitiere nur eine Stelle von CAROLINE BROTHERS (Reuters) vom 21. ab ovo den fragmentarisch überlieferten Text der Handschrift 1452 von Troyes nach literaturwissenschaftlich-philologischen Kriterien der Wahrscheinlichkeit einigen zeitlichen. S. viel wahrscheinlicher sind es Papierwesen. sowie dem seit Ende des 13. Ganz im Sinne der oben beschriebenen Differenzierung von Echtheits. die seit dem Ende des 12. ja sie bilden ein einziges Papierwesen. Abelard and Heloise. Jahrhundert noch undenkbare Sakralisierung der Erotik mög- 50 51 Unveröffentlichte ‚Table ronde‘ über die Epistolae duorum amantium vom 11.2005 in seiner Rundfunksendung „Les lundis de l’histoire“ auf France Culture anlässlich des Buches von LOBRICHON (Anm. .

S.3). 292). fol. 23). hier S. ROLF KÖHN hat eine umfassende Studie über das Profil und die Interessen dieses „Antiquars“ geplant. hoffe aber bei anderer Gelegenheit darauf zurückzukommen. CONSTANT MEWS und ich. 9) hauptsächlich auf einer anderen Abfolge der Liebeskonzeptionen vom 11. Ich habe in keiner Weise eine unernste oder gar frivole intentio operis angenommen. Vgl. Dabei wollte er sämtliche von de Vepria abgeschriebenen Handschriften (neben der schon von KÖNSGEN beschriebenen Troyes 1452 auch Troyes 2139. Lettres (Anm. The Lost Love Letters (Anm. 76-88.“ MEWS insistiert in seinem z. I. dem Text mehr ideengeschichtliches Gewicht gegeben haben. 227. 97 und Anm. scheint den von KURT FLASCH stammenden Begriff „säkulare Religion der Liebe“ in meinem Titel als ironisch missverstanden zu haben. fol. 2471. Eigentliche. 1521 untersuchen. von einer „émotivité de teinture nettement religieuse“. 47 und Anm. ANDRÉ VERNET/JEAN-FRANÇOIS GENEST: La bibliothèque de Clairvaux du XIIe au XVIIIe siècle.6-86.52 Eine Datierung in die Zeit Abaelards schien mir nicht nur aus solchen mehr kulturgeschichtlichen. sondern schon einfach aufgrund einer völlig anderen Technik des Satzrhythmus (Cursus). 61-106) sowie die beiden Bibliothekskataloge von Clairvaux von 1472 und ca. Auf die mehr philosophiegeschichtliche als philologische Argumentation kann ich in diesem der Medialität des Liebesdiskurses gewidmeten Rahmen nicht eingehen. „la persistante forme de syncrétisme entre la tradition judéo-chrétienne. Indizien für die Fiktionalität dieser späten Liebesbriefe. über deren aktuellen Stand ich nicht informiert bin. Es geht um ein Problem methodischer Verhältnismäßigkeit. Mit Bezug auf Guillaume de Machauts Voir-dit spricht auch IMBS (Anm. als einem derart manieristisch ambitionierten Werk überhaupt zukommt. Catalogues et répertoires. qui est un fait de civilisation. Jahrhundert ganz und gar einmalige Ausmaß der Sammlung sowie deutliche Spuren romanhafter Dramatisierung. aber für die Öffentlichkeit bestimmte lateinische Privat-Briefwechsel sind erst aus der Zeit des Frühhumanismus bekannt. ANDRÉ VERNET: Un abbé de Clairvaux bibliophile: Pierre de Virey. Ich denke heute. KÖNSGEN (Anm. S. 216f.53 aber im Verband sich stützenden Gründen unmöglich. überlieferter und schließlich durch de Vepria „veröffentlichter“ Liebesbriefe zwischen zwei Personen. In: Scriptorium 6 (1952). „une certaine forme de religiosité profane si l’on peut dire“. 5). was bei der an sich unwahrscheinlichen Annahme wirklich getauschter und überdies aufbewahrter. sind allein schon das für das ganze Mittelalter und a fortiori für das 12. S. aber nicht durchgehend nach Art eines Briefwechsels aufeinander beziehen. über den leider noch viel zu wenig bekannt ist. bis zum 14. als Antwort auf meinen Aufsatz Die Epistolae (Anm. 8-11.44 Peter von Moos lich macht. etwa in die Gegenwart des humanistisch orientierten und gerade für zeitgenössische ‚Curiosa‘ der Liebesliteratur interessierten Sammlers Johannes de Vepria. 9). T. Vgl. et des pans entiers de mythologie païenne qui procèdent de la culture acquise à l’école du grammairien. aus deren Vergleich der Zuwachs an humanistischen Codices und Inkunabeln während der Aktivität de Veprias im Skriptorium hervorgeht. S. S. sondern im Gegenteil die Heiligung des Eros im Sinne Dantes oder des „dolce stil nuovo“ betont und darum JAEGERs Bezeichnung „ennobling love“ für diese Briefe (unabhängig von jeder Zuschreibung) durchaus gutgeheißen (2003.54 Überhaupt möchte ich 52 PIRON. auch Troyes 1266 und 1306. XX-XXXIII und MEWS. S. Aufgrund dieser Vorarbeiten steht schon 53 54 . Jh. dass wir beide. 28f.1) verfassten „Postscript“ (Anm. Paris 1979. 85 und Anm. S. 68. die Datierung erst recht hinaufzuschieben zwänge. die sich oft. für sich genommen gewiss diskutierbaren.

XXV) und der lateinischen Literatur des Trecento (Petrarca) und des Quattrocento (Enea Silvio Piccolomini) einsetzte. Ovidius moralisatus. Wie mir dies PIRON (Anm. die vielleicht Indizien für die Bestimmung der Epistolae enthalten. Umgekehrt enthält der Katalog von 1521 Werke von Filippo Beroaldo d. Ä. auch wenn ich Argumente für verschiedene Zeiten versuchsweise zur Diskussion gestellt habe. Auch der berühmte Codex Troyes 802 mit den Parakletbriefen stammt bekanntlich nicht aus Clairvaux. gab es in Clairvaux als Vorlagen weder die Epistolae duorum amantium. De arte metrificandi. erst der spätere von ca. Pierre de Virey längere Zeit aufhielt. mehrfach das De remedio amoris von Enea Sivio Piccolomini und dergleichen Raritäten. Nach VERNETs Einleitung zur Edition der Bibliothekskataloge findet sich der Besitzvermerk de Veprias u. Sueton. S. auf Inkunabeln und Frühdrucken von Terenz. Nach dem Katalog von 1472 zu urteilen. 9).Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 45 nochmals betonen. dass ich diese meine Arbeit an den Epistolae duorum amantium nur als einen Anfang verstehe. noch die (von de Vepria übrigens vollständig abgeschriebenen) Briefformulare des Carolus Virolus. nicht einmal ein so eifriger Sammler wie de Vepria für Abaelard und Heloise interessierte. 3). wo sich offenbar niemand. wie viel ernsthafte Identifikationsarbeit auf diesem Feld gerade auch in kodikologischer Hinsicht noch ansteht. Von Bedeutung ist auch. dass die Epistolae duorum amantium nach dem derzeitigen mediävistischen Konsens einer maior et sanior pars solange nicht als Liebesbriefe Heloises und Abaelards gelten können und somit anonym bleiben müssen. s. eine Fahndung nach anderen Zuschreibungskandidaten an Stelle des so ‚nahe liegenden‘ Liebespaars Heloise und Abaelard zu veranstalten und gar eine nominelle Gegenthese aufzustellen. desto weniger Rätsel gibt das Werk dem Kenner der Diskurstraditionen auf. oben VERNET). Polizian. sie mussten vielmehr aus anderen Bibliotheken besorgt werden (vielleicht aus Paris. wo nicht als Beweis. S. Damit sei nur kurz angedeutet. Wirklich unwiderleglich wäre auf diesem Gebiet nur ein neuer Handschriftenfund der Epistolae (oder 55 fest. das Bucolicon carmen ad Pium papam (wohl Enea Silvio) eines Paraclitus Cornetanus. 216f. um das Scheitern dieser vermeintlichen „contre-expertise“ zu betonen. sondern sich wohl aus privaten Vorlieben auch stark für die Überlieferung von Ovidiana (Flores aus Ovids De amore. dass der frühere Katalog von 1472 kein einziges Werk von Abaelard verzeichnet. 1521 enthält dessen Brief X (ed. So scheint mir die genauere Datierung dieser Briefe nach etwa 1180 und vor 1471 heute noch weitgehend offen. s. . Dabei darf ich. Cantica canticorum prosaice. so doch als operationelles Prinzip mindestens eines festhalten: Je später wir die Entstehung ansetzen. Matthaeus von Vendôme. SMITS) an Bernhard von Clairvaux (über das Vaterunser) und sonst nichts. a. KÖNSGEN (Anm. einen anonymen Dialogus senis et juvenis de amore disputantibus. (der auch ein De duobus amantibus verfasst hat). unterstellt. dass de Vepria sich nicht nur von Amtes wegen für mittelalterliche und monastische Texte interessierte. Leonardo Bruni. als keine überzeugenderen Argumente für ihre Verfasserschaft als die bisherigen vorgebracht werden. anonyme Texte wie Corone amantium tractatus. Am allerwenigsten war es meine Absicht. wo sich der damalige Abt des Klosters. der die Dringlichkeit weiterer harter Forschung (im Unterschied zu leichtverkäuflichen Vulgarisationen) mit einigen methodologischen Leitlinien hervorstreichen wollte. noch die Cicero-Exzerpte.55 Die Hauptsache ist.

dass der Ovidius puellarum zusammen mit dem Pamphilus und anderen Pseudo-Ovidiana zum Grundbestand sowohl der italienischen Liebes-dictamina des 13. PLECHL. Pierre de la Vigne. H. Finden sie sich etwa in Petrarcas Canzoniere? Wenn Cicero neben Ovid in den Epistolae als Autorität der Liebe erscheint. S. von A. Hs. s. Diese interessante milieumäßige Zuschreibung müsste an anderer Stelle diskutiert werden. S. die Anwendung der Freundschaftsideale auf die (treue) geschlechtliche Liebe durchaus mit der aristotelischen Ethik (z. Jh.. doch in Liebesbriefen und Liebeslyrik sind eigentliche Zitate aus der Nikomachischen Ethik selbst nach 1250 allein schon aus Gattungs. MEWS. fol. dass darin die aristotelische Ethik nicht zitiert werde. Hannover 2002) findet.46 Peter von Moos einzelner Briefe daraus) mit einer mittelalterlichen Zuschreibung oder die Entdeckung eines unanfechtbaren Zitats aus einem sicher erst nach Abaelard und Heloise verfassten Werk. Ovidius puellarum in Ep. vorgeschlagen (frühester Zitat-Beleg im Policraticus Johanns von Salisbury 1159. Reims 1275. Vgl. Sucht man hingegen nicht nach Zitaten im philologischen Sinn. S. von G. hierzu RÜDIGER SCHNELL: Sexualität und Emotionalität in der vormodernen Ehe. S. a. (Anm. Allerdings bleibt auch hier die in Anm. geworden sein. doch die Datierung des Pseudo-Ovidianums könnte – wäre sie nur sicher! – einen terminus post quem für unsere Epistolae abgeben. BRUNI unten). Köln u. 56 57 DRONKE (Anm. Paris 1865.B. Genova 1991. sondern nach Denktraditionen. Jhs. Jhs. 64 gegen eine Spätdatierung der Epistolae ein. EN VIII 14) übereinstimmen. 53 ausgesprochene Warnung zu beherzigen. wie etwa noch der Frühhumanist Sicco Polenton in einem autobiographischen Rückblick vermerkt (s. Bologna 1990. FRANCESCO BRUNI: Testi e chierici del medioevo. HUILLARD-BRÉHOLLES. 194 und. wenn wir es mit philosophischen Texten zu tun hätten. Jh. 84 (Mulier) entdeckt: Sperabam me curis finem posuisse futuris. 274-277 zur Lebendigkeit des mittelalterlichen Pseudo-Ovid in den frühhumanistischen Kreisen bis Boccaccio. Jhs. sei unterstrichen. 2002. von MOOS 2003. schon durch die Accessus ad auctores festgelegten schulliterarisch-rhetorischen Diskurstradition. 7). Jhs. Hrsg. De nuncio sagaci. zu einem Erfolgswerk des Triviums dürfte die Komödie nicht vor der zweiten Hälfte des 12. die in der ars dictaminis weiterlebt. Jh. 35rb-vb. dienen. Die Briefe der deutschen Kaiserzeit 8.oder Diskursgründen nicht zu erwarten. ein Petrus von Vinea fälschlich zugeschriebenes Liebesgedicht Cum plurima sint tempora transcursa als sog. S. als auch der Schulübungen des Anfängerunterrichts im 14. Da sich dieser immerhin signifikante Vers 2 (der gewissermaßen noch zum zum ‚Incipit‘ der Dichtung gehört) auch im 10. Anm. macht DRONKE daraus ein Argument für die Herkunft unserer Epistolae aus dem Bayern des späteren 12. 6) hat neuerdings ein unzweifelhaftes wörtliches Zitat aus der elegischen Komödie De nuncio sagaci bzw. unten ROSSETTI). „Versus cum auctoritate“ aus dem Pamphilus. keinesfalls aber als Datierungsindiz für das 12.56 (Um Missverständnissen vorzubeugen. ROSSETTI (Commedie latine del XII e XIII secolo 2). 27. MGH Epistolae. ihm folgend. S. So oder so ist zu bedenken. 9). so liegt dies durchaus in derselben. dass der Umkehrschluss vom Fehlen bestimmter später Quellen auf eine Frühdatierung ein argumentum e silentio ohne irgendwelche Beweiskraft wäre. Nr. wurde nämlich in letzter Zeit die erste Hälfte des 12.57) Da solche Entdeckungen nahezu an Wunder grenzen. 417-421 (zum möglichen Einfluss auf unsere Liebesbriefe s. Wie immer dem sei. gehört. so dürfte ein Hauptmotiv der Epistolae. 63). Genova 1980 mit ausführlicher Einleitung zur Wirkungsgeschichte. Das Argument wäre selbst dann nicht zwingend. 131-135. L’invenzione della letteratura mezzana. So wenden PIRON. Hrsg. Tegernseer Liebesbrief (jetzt ed. Anstelle der älteren Datierung des Ovidius puellarum ins 11. Die nun feststehende Benützung des Ovidius puellarum kann also höchstens als möglicher terminus post quem. 173-200 und FRANCESCO BRUNI: Boccaccio. . vg. Enquête (Anm.

. er würde sich aufrichtig freuen. wenn gegen die Autorschaft Abaelards und Heloises eines Tages nicht nur „plausible Argumente“.58 58 Damit antworte ich auf den vorletzten Satz von PIRONs „Enquête sur un texte“ (Anm. 217. S. nous pouvons estimer que l’attribution des Lettres à Héloïse et Abélard est acquise. bleiben einstweilen eben nur die ersteren. et peut-être pour longtemps. Pour l’instant. bis diese Liebesbriefe aus dem Limbus der Anonymität erlöst werden.Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 47 werden wir wohl noch lange warten müssen. 9). besteht für uns kein Grund. sondern sogar „Beweise“ gefunden werden könnten. der mir schrieb. der nochmals eine sehr kühne ‚Umkehr der Beweislast‘ enthält: „[…] cette proposition peut être considérée comme valable tant qu’elle n’aura pas été réfutée. Aber da sie sich dort in bester Gesellschaft befinden. an irgend einem „horror vacui“ zu leiden. Solange letztere als Adynata gelten dürfen.“ Gleichzeitig beantworte ich damit dankbar und erheitert einen freundlichen Brief von EWALD KÖNSGEN.

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ruhig weiterlesen können. Édition publiée sous la direction de BERNARD GAGNEBIN et MARCEL RAYMOND). zur „fille perdue“ zu werden drohen. da ROUSSEAU seine Warnung insofern modifiziert. ist der Schriftkultur des frühen Mittelalters fremd. des Romans zu lesen wagen. dass sie zu verlorenen Mädchen. Das jeder sozialen Kontrolle entzogene Alleinsein mit der Schrift. „une seule page“. Köln. 6. all das kannte das frühe Mittelalter nicht.2 wenn er betont. 4). . S.und beginnenden Hochmittelalter ein exklusives Medium.und Lesepraxis selten und kommen andererseits In- 1 2 Über deren Schriftproduktion man allerdings nur sehr wenig sagen kann. Sie ist Teil institutioneller und funktionaler Zusammenhänge zuerst der klösterlichen und dann zunehmend auch der Kultur der frühen Fürstenhöfe. und 13. Jenes prekäre Potential. dazu TIMO REUVEKAMP-FELBER: Volkssprache zwischen Stift und Hof. denn „elle n’a plus rien à risquer“. die bereits zu Lesen begonnen hätten. S. F. die das Tagebuch benetzt. Problemkonstellation Die Schrift ist im Früh. Wien 2003 (Kölner Germanistische Studien N. Hofgeistliche in Literatur und Gesellschaft des 12.STEPHAN MÜLLER Sprechende Bücher – verschwundene Schrift Probleme und Praktiken der Kodifizierung von Intimität in der Volkssprache im Früh. der das einsame Herz zum Entflammen bringt. dem man Persönliches oder gar Intimes anvertraut. Zugleich eine These zur Spätüberlieferung des Minnesangs 1. der Roman. dass jene Mädchen.1 Die Produktion und Rezeption von Schrift ist tendenziell gebunden an Situationen der Gemeinsamkeit und Öffentlichkeit und in dieser Form kaum ein Medium. Jahrhunderts. die Träne. das ändert sich erst auf dem Weg hinein in die Neuzeit.und Hochmittelalter. Augenzwinkernd deshalb. Éditions Gallimard 1964 (Œuvres complètes II. JEAN-JACQUES ROUSSEAU: La nouvelle Héloïse. Weimar. Aus diesem Grund sind aus dieser Zeit einerseits Spuren individueller Schreib. wenn sie nur eine einzige Seite. vor dem Rousseau die Leserinnen seiner Nouvelle Héloïse mit einem Augenzwinkern warnt.

146. . die lateinisch mit barbara carmina oder cantica rustica glossiert wird. von WOLFGANG HAUBRICHS u. hier S. Z. Tom. was den Eintrag für uns interessant macht. Hannover 1883. I. In: Theodisca. Nr. von ALFRED BORETIUS. die einer dominant monastischen Schriftkultur zuwiderlaufen. 190. Hrsg. 28. und 13. die alles andere als voraussetzungsfrei entstehen. Deutlich etwa durch Verbotsklauseln in frühmittelalterlichen Kapitularien. sondern ist eine scheinbar individuelle Aussage über eine schöne Frau und zwar.. Capitularia Regum Francorum. 2. lat 52) und wur- 3 4 5 MGH Legum Sectio II. CYRIL EDWARDS: winileodos? Zu Nonnen. nur als Ausnahmen aufs Pergament. Jahrhundert ein. 19. Zensur und den Spuren der althochdeutschen Liebeslyrik. die entweder in Zusammenhang der oben genannten Liedtradition stehen. Zu diesem Komplex s. gehe ich zunächst strikt vom Überlieferungsbefund aus. macht die deutschsprachige Gattungsbezeichnung deutlich. Zur Stellung der althochdeutschen und altniederdeutschen Sprache und Literatur in der Kultur des frühen Mittelalters.3 Dass es sich dabei auch um eine volkssprachige Tradition handelt. 189-206. So sind wir etwa über eine Tradition weltlicher Liebeslieder so gut wie ausschließlich durch sekundäre Zeugnisse unterrichtet.50 Stephan Müller halte. Nr. New York 2000 (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 22). a. sind also Ausnahmefälle.4 Eine solche mündliche Tradition erotischer Texte war das Mittelalter hindurch lebendig und schlägt sich beispielsweise in der Bamberger Beichte als huorliede5 im Sündenkatalog nieder und aus dieser Tradition stammen wohl auch die volkssprachigen Teile der Carmina Burana. ELIAS VON STEINMEYER: Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler. 62-64. S. S. und genau um diese Voraussetzungen soll es im Folgenden gehen. Um näheres darüber zu erfahren. In späterer Zeit steht diese Tradition in Konkurrenz zur literarischen höfischen Liebeslyrik. Berlin. Er findet sich in der Heidelberger Handschrift von Otfrids Evangelienbuch (Cod. über eine lesende Frau. Hrsg. 37. oder die als individueller Ausdruck von ‚Intimität‘ gewertet werden können. in der Frühzeit dagegen steht sie ganz außerhalb jenes kulturellen Bereiches. Das Frühmittelalter Ein Beispiel ist der sogenannte Kicila-Vers. Pal. Berlin 1916 (ND 1971). Was wir an schriftlichen Spuren dieser mündlichen Tradition besitzen. Ich untersuche dabei in einem ersten Schritt die volkssprachigen Zeugnisse des Frühmittelalters. S. der Eingang in die Sphäre der Schriftlichkeit fand. In einem zweiten Schritt gehe ich dann auf die Situation im 12. wobei besonders das Verbot von winileodos in einem Kapitular aus dem Jahr 789 für einiges Aufsehen in der Forschung gesorgt hat. Er gehört nicht in den Bereich einer wie auch immer gearteten Liebeslyrik.

PALMER. 28-33. Pal. August: Monastic Scriptoria. Tübingen 1992. RUDOLF SCHÜTZEICHEL: Cod. weil man hinter der Frau eine Kaiserin vermutete: Kicila diu scona min filu las. lautet er und man dachte an die Kaiserin Gisela. 15v) de wohl in der ersten Hälfte des 11. S. gegen das sich im 6. 76f. ins Pergament eingedrückt. wissen wir. zum Kicila-Vers und zum Georgslied. Jahr- 6 7 8 9 Vgl. Es handelt sich dabei um einen Neujahrsbrauch. also ohne Tinte. Hinde?‘“). lat. S. Zwar konnte man das intervokalische c mit Mühe noch als Spirans auffassen. 52. Cambridge/Mass. VOLKER SCHUPP: Die Hilfe der Kodikologie beim Verständnis althochdeutscher Texte. die für ihr Interesse an deutschen Texten bekannt und für den möglichen Diebstahl von Notkers Psalter und dessen Moralia-Bearbeitung berüchtigt ist. 74-122. er verbirgt sich förmlich am Blattrand und zweitens spricht hier ein Buch. London 2004. In: Latein und Volkssprache im deutschen Mittelalter 1100-1500. Jahrhundert steht in Zusammenhang mit einem volkstümlichen Ritual. fol. 1: Hirsch und Hinde (Brüssel. cod. In: Freiburger Universitätsblätter 136 (Juni 1997). von DAVID E. phil. Die Erste Person Singular ist der Codex selbst und es ist das erste deutsch sprechende Buch überhaupt.6 Aber diese Idee ist wohl zu schön. 8860-8867. S. Hrsg.-hist. Der Randeintrag aus dem 11. das sich bis in die Neuzeit gehalten hat. Studien zur Heidelberger Otfridhandschrift. Der Text findet sich auf dem Rand einer Brüsseler Handschrift:9 Hirez runeta hintun in daz ora: ‚uuildu noh. STEPHAN MÜLLER: 1027. Eine gewisse Prominenz genießt der Spruch deshalb. Klasse. Bibliothèque Royale Albert Ier. hinta?‘ („Der Hirsch raunte der Hinde in das Ohr: ‚Willst du noch. S. In: A New History of German Literature. seit VOLKER SCHUPP und JOHANNA AUTENRIETH jedoch das K in Kicila als unziales H identifiziert haben. denn normalerweise würde man es als Affrikat lesen. Abb. dass das Buch über eine Frau mit dem gängigen Namen Hicila spricht. das cervulum facere („den Hirsch machen“).Sprechende Bücher – verschwundene Schrift 51 Abb. UTE SCHWAB: Das althochdeutsche Lied ‚Hirsch und Hinde‘ in seiner lateinischen Umgebung. Dritte Folge 130). . Hrsg. 1). Wichtig sind dagegen zwei Feststellungen: Erstens.. 49-51. „die schöne Gisela las oft in mir“. 57-77. die Gattin Konrads II. Göttingen 1982 (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen.7 Für unser Anliegen ist das allerdings unerheblich. von NIKOLAUS HENKEL/NIGEL F. WELLBERY. S. der Eintrag ist als Griffeleintrag schwer zu finden. um wahr zu sein.8 Den zweiten Fall kennt man unter dem Titel Hirsch und Hinde (s. bes. Jahrhunderts mit einem stumpfen Griffel.

nicht nur um Wort. FIDEL RÄDLE. Sp. nicht aber den Wortlaut des althochdeutschen Werkes zu erhalten sucht. SB cod. HELMUT LOMNITZER. Studien zur deutschen Philologie. S. Gallen. Abb.. indes auf eine ganz und gar seltsame Weise: Früher hat man den auf um 900 datierten Randeintrag zur Gruppe der St. 521-525. sondern auch um die Überlieferung der Melodie. In: Lingua Germanica. In: ²VL 2 (1980). Bl. die in allen Handschriften mit Neumen versehen ist. indem sie zwei Personen dem elahu. wenn er jene kritisiert. Galler Spottverse gezählt. a. Beleg dafür ist auch die Übersetzung von Ratperts Galluslied durch Ekkehard IV. In: ²VL 7 (1989). WOLFGANG HAUBRICHS: Veru. Hrsg. 10 11 12 13 14 15 Dazu SCHWAB (Anm. Sp. 9).10 Auch eine in Pforzen aufgefundene Runeninschrift scheint sich gegen diese Sitte auszusprechen. Münster u. S. STEFAN SONDEREGGER. Galler Spottvers. 93 mit weiteren Belegen. S. von E. SCHMITSDORF u. abschwören lässt. der von einer missglückten Verlobung erzählt. dem Elch. Auch das nächste Beispiel ist neumiert. 281-291. die „die höchst schmutzige Schändlichkeit mit der Hinde und dem Hirsch betreiben“. 105. Das ist kein Einzelfall: Es ist eine wenig beachtete Tatsache.13 Überhaupt gibt es gute Zeugnisse dafür. dass es bei der Erhaltung von Vortragstexten oft mehr um die Melodie und weniger um den Wortlaut ging. In: Historische Sprachforschung 110 (1997). dass viele althochdeutsche Kleintexte mit Neumen überliefert sind.52 Stephan Müller Abb. 1) hundert schon Caesarius von Arles richtet. Ich nenne neben noch zu besprechenden Beispielen das Petruslied 12 und den sogenannten St. Jochen Splett zum 60.14 Der Inhalt von Hirsch und Hinde scheint sich – zusätzlich gedeckt von den benachbarten lateinischen Sentenzen – hinter der Neumierung förmlich zu verbergen. Geburtstag. 1998. sondern auch um Weise und das im Kontext einer lateinischen Umgebung. Es geht hier also nicht nur um den Text. Ein ‚Spinnwirtelspruch‘ im Sangallensis 105?. 2):15 veru – taz ist spiz. 2: Spinnwirtelspruch (St. . 1032-1035. die – und darauf kommt es an – wie der deutsche Satz mit Neumen versehen sind. Sp. jetzt firmiert er – besser.taz ist spiz.. aber auch noch nicht ganz passend – als Spinnwirtelspruch (s.11 Der wahrscheinlich ein Tanzritual begleitende Text ist in der Handschrift umrahmt von lateinischen Sentenzen. a. In: ²VL 7 (1989). 23-31. 1051-1053. so dass sie uns die Melodie. KLAUS DÜWEL: Zur Runeninschrift auf der silbernen Schnalle von Pforzen.

in den Raum eines Codex herein. DAVID MCLINTOCK. Man hat vor allem am ersten Wort gerätselt und für veru Übersetzungen wie „Oh Weh“ oder „Wahrlich“ vorgeschlagen. Es ist nicht das einzige deutsche Stück der Handschrift. Sp. Anders als dieses ist das Liebeslied jedoch in der Handschrift radiert und wurde überdies in der Neuzeit mit Reagenzien behandelt. der Geliebte. mit Neumen versehen ist und es scheint mir. das sandte dir dein Freund aus Liebe“.Sprechende Bücher – verschwundene Schrift 53 taz santa tir tin fredel ce minnon. die bei den Germanisten besonders als Trägerin des deutschlateinischen De Heinrico17 bekannt ist. das wie das folgende deutsche Wort „spitz“ bedeutet. zu betonen. 928-931. das unter dem Titel Kleriker und Nonne Teil der Cambridger Liederhandschrift16 aus dem 11. das heißt spitz. das in der Tradition des‚Verführungsliedes‘ steht. Das nächste Beispiel führt nun in den engeren Bereich der Liebeslyrik: Es ist das Gedicht. So steht auf dem Pergamentrand eine amouröse Glosse. Sicher scheint auch zu sein. wenn auch recht lose. In: ²VL 1 (1978). Bezeugt sind solche Ritzungen auf Spinnwirteln und ähnlichen Gegenständen. vom frechen Inhalt der Glossierung abzulenken. für seine Geliebte auf einen spitzen Gegenstand etwas einzuritzen. so dass zu übersetzen ist: „veru [romanisch]. dass es bei diesen Neumen nicht um die Überlieferung einer Melodie geht. der Kleriker dagegen ist schon unsicher. dass es sich um ein romanisches Wort handelt. Jahrhundert ist. dass eine Nonne auftritt. Der Text schließt sich dabei an eine volkstümliche Tradition an. sondern vielmehr der Versuch vorliegt. Recht fadenscheinig decken die Neumen auch diesen Text. und dass die erste Zeile sich an die monastisch-gelehrte Praxis der Glossierung anschließt. dass es sich um ein Dialoglied handelt. . Für die vorliegende Untersuchung kommt es darauf an. es könnte sich auch um einen Weltlichen handeln. Abb. Es muss unklar bleiben. 1186-1192. Sp. Der fredel. die. Inzwischen darf man sich aber sicher sein. ob die Nonne dem Liebeswerben nachgab. das ebenfalls den Einsatz des Schabeisens provozierte. die außerhalb der Handschriftenkultur existierte. oder – eigentlich korrekter – war (s. 3). aber der Einsatz des lunellarium spricht eher für 16 17 KARL LANGOSCH. schickt seiner Freundin also eine Glosse und holt damit die genannte volkstümliche Tradition der eingeritzten Sprüche. dass der Text in einer Handschrift steht. In: ²VL 3 (1981). da es neben dem auch anderwärts überlieferten lateinischen „Komm mein süßer Freund“ steht. wobei die romanisch-deutsche Glossierung auf den Bereich der Spracharbeit in der Kontaktzone von Romania und Germania verweist und damit etwa in der Tradition der sogenannten ‚Gesprächsbüchlein‘ steht. der zusätzlich im Gewand eines gelehrten oder zumindest in den Bereich der Schulpraxis verweisenden Eintrags daherkommt. so dass man über den Inhalt nur folgendes sagen kann: Sicher ist.

fol. 438v) .54 Stephan Müller Abb. UB cod.35. 3: Kleriker und Nonne (Cambridge. Gg 5.

Eingelassen in Formen lateinischer Schriftpraxis wie der Spinnwirtelspruch. doch der Liebestext hat – anders als das politische Lied De Heinrico – seinen Schritt hinein in die Schriftlichkeit nicht überlebt und wurde im Konvoi der lateinischen Textreihe aufgespürt und getilgt. so möchte man glauben.Sprechende Bücher – verschwundene Schrift 55 den Erfolg der Werbung. oder auch – so meine These für den Spinnwirtelspruch – nur scheinbar neumiert. in dieser Position indes. entsteht. Doch diese Erwartung wird durch die Überlieferung nicht gedeckt. Dieser Text ist also eingebunden in eine lateinische Überlieferungstradition. So stehen die ältesten Zeugnisse in 18 19 FRANZ JOSEF WORSTBROCK. Jahrhundert anders werden. Kleriker und Nonne und das ich bin din der Tegernseer Briefsammlung. da wir es ganz offensichtlich nicht mit einem generellen Fehlen früher Lyrikaufzeichnung zu tun haben. wie Hirsch und Hinde. die allerdings keinen in sich geschlossenen deutschen Text ergeben. so lässt sich festhalten. gefährdet und deutlich Fremdlinge in der Codex-Kultur des frühen Mittelalters und im Fall der Cambridger Liederhandschrift griff man sogar zum Messer. Das 12. anders als der deftigere Cambridger Vergleichsfall. Jahrhundert Dies sollte. Das letzte Beispiel ist der bekannte Tegernseer Liebesbrief. die allerdings erst viel später den Einzug in die Handschriften gefunden hat. in denen die deutschsprachige höfische Liebeslyrik. und 13. Es ist das allbekannte: du bist min. Auch in der höfischen Lyriküberlieferung wird eine Reserviertheit im Bezug auf das Thema ‚Liebe‘ zu beobachten sein und dies – so die These – einerseits aus thematischen und andererseits aus pragmatischen Gründen. In: ²VL 9 (1995). also zu jenen Zeiten. dass deutsche Texte über die Liebe oder allgemeiner über individuelle intime Gefühle es in der Handschriftenkultur des Frühmittelalters ganz offensichtlich nicht leicht hatten und nur mit Mühe einen Platz auf dem Pergament fanden: Versteckt. Sp.19 Stets waren also jene volkssprachigen Texte. also in die Zeit der Entstehung der volkssprachigen höfischen Liebeslyrik. Zu erwähnen sind hier noch die volkssprachigen Einsprengsel im Ruodlieb. der uns nun chronologisch in das 12. nahezu unsichtbar wie der Hicila-Vers. im 12. also wie Kleriker und Nonne Teil einer gängigen lateinischen Überlieferungspraxis ist. in seiner ja bis heute hinreißenden Schlichtheit überlebt hat. Überblicken wir diese fünf Fälle. Als Melodien neumiert. Jahrhundert führt. die im weiten Zusammenhang mit einem Diskurs über Liebe und Intimität stehen. nur spielt in dieser das Thema ‚Liebe‘ keine große Rolle.18 das den Schluss eines lateinischen Briefes bildet. ich bin din. Thematisch. 3. 671-673. . der Minnesang.

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Minnsangs Frühling, die ‚Namenlosen Lieder‘ I bis V, unter der treffenden Überschrift „Weisheits- und Zeitlyrik“20 und der noch im 12. Jahrhundert aufgezeichnete Leich Heinrichs von Rugge21 sagt über das Thema ‚Minne‘ ebenso wenig wie die frühen Sangspruchfragmente in einer ehemals Berliner Handschrift.22 Wie bei den Zeugnissen des Frühmittelalters bietet für die mündliche Liedtradition nur der lateinische Überlieferungskontext der Carmina Burana23 eine frühe Ausnahmeposition, in der einige volkssprachige Liebeslieder auf uns gekommen sind. Alles, was zum engeren Corpus des Minnesangs als höfischer Liebeslyrik gehört, kommt sehr spät im 13. Jahrhundert aufs Pergament24 und findet seinen prominenten Ort in der Schriftlichkeit erst in den großen mittelhochdeutschen Liederhandschriften.25 Aber eine rein thematische Begründung würde wohl zu kurz greifen, denn das Thema ‚Liebe‘ ist in der deutschsprachigen Überlieferungstradition um 1200 durchaus nicht ausgespart. Für früh aufgezeichnete laikale Liebestexte stehen die Überlieferung von Eilharts Tristrant 26 und des Trierer Floyris,27 die
20 Lied I-III: Zürich, Zentralbibliothek, Ms. C 58, „wohl Ende des 12. Jahrhunderts“ (KARIN SCHNEIDER: Gotische Schriften in deutscher Sprache. I. Vom späten 12. Jahrhundert bis um 1300. Textband, Wiesbaden 1987, S. 63); Lied IV: Wien, ÖNB, cod. 160, fol. 100v, spätes 12. Jahrhundert (Des Minnesangs Frühling. Hrsg. von. HUGO MOSER/HELMUT TERVOOREN, Stuttgart 381988, S. 16) und Lied V: München, BSB, Cgm 5249/42a, um 1200 oder Anfang 13. Jahrhundert (KARIN SCHNEIDER: Die Fragmente mittelalterlicher deutscher Versdichtung der Bayerischen Staatsbibliothek München [Cgm 5249/1-79], Stuttgart 1996 (ZfdA. Beiheft 1), S. 70). München, BSB, Clm 4570, kurz nach 1190 (ERICH PETZET/OTTO GLAUNING: Deutsche Schrifttafeln des IX. bis XVI. Jahrhunderts aus Handschriften der Königlichen Hof- und Staatsbibliothek in München. III. Abteilung, München 1912 (ND 1975), Tafel 24). Krakau, Bibl. Jagiello ska, Berol. mgq 1418. Anfang des 13. Jahrhunderts (FRANZ-JOSEF HOLZNAGEL: Wege in die Schriftlichkeit. Untersuchungen und Materialien zur Überlieferung der mittelhochdeutschen Lyrik, Tübingen, Basel 1995 (Bibliotheca Germanica 32), S. 23). GÜNTER BERNDT. In: ²VL 1 (1978), Sp. 1179-1186. Als frühester Zeuge kann wohl das Morungen-Fragment aus Kremsmünster (Stiftsbibl., Cod. 248, Bl. 237v) gelten, wobei die Datierung „2. Viertel des 13. Jhs.“ (Minnesangs Frühling (Anm. 20), S. 469) eher Richtung Jahrhundertmitte (oder auch kurz danach) zu verstehen sein dürfte. S. dazu HOLZNAGEL (Anm. 22). Zu nennen sind hier drei Handschriften. Erstens: Die Fragmentengruppe: Karlsruhe, LB, Cod. Donaueschingen 69, München, BSB, Cgm 5249/31 und (jüngst wieder aufgefunden) Regensburg, Bischöfl. Zentralbibl., Fragm. I.5.1 aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts (KARIN SCHNEIDER: Die deutschen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek München. Die mittelalterlichen Fragmente Cgm 5249-5250 (Catalogus codicum manu scriptorum Bibliothecae Monacensis V, 8), Wiesbaden 2005, S. 69). Zweitens: Krakau, Bibl. Jagiello ska, Berol. mgq 661 um 1200 (NIGEL F. PALMER: Manuscripts for reading: The material evidence for the use of manuscripts containing middle high german narrative verse. In: Orality and Literacy in the Middle Ages. Essays on a Conjunction and its Consequences in Honour of D. H. Green. Hrsg. von MARK CHINCA/CHRISTOPHER YOUNG, Turnhout 2005, S. 67-102, S. 94 und Drittens: Krakau, Bibl. Jagiello ska, Berol. mgq 1418. Anfang des 13. Jahrhunderts (Anm. 22). Trier, Stadtbibl., Mappe X, Fragm. 13 und Trier, Stadtbibl., Mappe X, Fragm. 14. Um 1200 oder auf Anfang des 13. Jahrhunderts datiert von SCHNEIDER (Anm. 20), S. 119.

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um die Wende zum 13. Jahrhundert einsetzen. Das Fehlen des Themas ‚Liebe‘ speziell in der Lyrik scheint mir auf einer anderen als nur der inhaltlichen Ebene zu liegen, nämlich auf einer pragmatischen. Mit Pragmatik ist dabei ganz allgemein jene Sinndimension der Texte gemeint, die durch die Formen ihres Gebrauchs entstehen. Für den Minnesang ist es dabei zum Handbuchwissen geworden, dass er gerade in der frühen Zeit als höfisches Zeremonialhandeln in die sozialen Praktiken des höfischen Lebens eingebunden war. Auch wenn das ein allzu pauschales Urteil ist, könnte es doch erklären, warum der Minnesang sein Leben außerhalb der Handschriften führte und erst von einer elaborierten, im späten 13. Jahrhundert nun auch weltlichen Schreibpraxis beachtet wurde. Man hat in der neueren Forschungsdiskussion für dieses Problemfeld das Begriffspaar „Aufführung und Schrift“28 eingeführt: Der primäre Ort mittelalterlicher Lyrik liege in der Dimension ihrer Aufführung; die teils sehr komplexen Texturen der Lieder seien dagegen nicht ohne das Medium der Schrift produzierbar und in ihrer ganzen hermeneutischen Tiefe wohl auch nicht rezipierbar. Wir müssen also akzeptieren, dass die Schriftförmigkeit als einziger uns verfügbarer Überlieferungszustand der Texte nur sehr mittelbar einen Zugriff auf die Liedkultur des Mittelalters erlaubt. Die Suche nach Spuren der Aufführung und deren spezifischer kommunikativer Logik29 ist eine mühsame, wenn nicht vergebliche. Für die folgende Argumentation ist es nun entscheidend, dass das Medium der Schrift in diesem Problemfeld zweimal vorkommt: Einerseits ist es – zumindest für prominente Teile des Minnesangs – ein Medium der Produktion und möglichen Rezeption30 und spielt damit auch eine Rolle in jenen sozialen höfischen Zusammenhängen, zu der die Praxis des Sangs konstitutiv gehörte. Wie diese Rolle jedoch konkret aussah, wird wohl unklar bleiben. Sicher wurden die Lieder meist auswendig vorgetragen, aber der lange Weg des Repertoires von seiner Entstehung bis hinein in die großen Liederhandschriften ist ganz ohne die Schrift kaum denkbar. Doch von den Trägern dieser Schrift, die man sich als wie auch immer geartete Konzeptaufzeichnungen31 vorstellen muss, ist uns
28 29 30 31 Vgl. Aufführung und Schrift in Mittelalter und Früher Neuzeit. DFG-Symposion 1994. Hrsg. von JAN-DIRK MÜLLER, Stuttgart, Weimar 1996. Als Beispiel etwa JAN-DIRK MÜLLER: Performativer Selbstwiderspruch. Zu einer Redefigur bei Reinmar. In: PBB 121 (1999), S. 379-405. Vgl. dazu NIGEL F. PALMER (Anm. 26). Ein Beispiel wäre hier das früheste Fragment des Wartburgkriegkomplexes, das – evt. als Rest eines Rotulus – eine solche Konzeptaufzeichnung darstellt (Berlin, GStAPK: XX. HA Hs. 33, Bd. 11). Vgl. Katalog der mittelalterlichen deutschsprachigen Handschriften der ehemaligen Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg. Nebst Beschreibung der mittelalterlichen deutschsprachigen Fragmente des ehemaligen Staatsarchivs Königsberg, auf der Grundlage der Vorarbeiten LUDWIG DENECKES erarbeitet von RALF G. PÄSLER/UWE MEVES, München 2000 (Schriften des Bundesinstituts für ostdeutsche Kultur und Geschichte 15), S. 161f.

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nichts erhalten. Andererseits stehen die meisten Handschriften, die uns vorliegen, für eine andere Form der Schrift, die kaum als Vortragsbegleiter diente, sondern für eine Praxis des Sammelns, Archivierens, für eine Praxis der schriftlichen Aneignung steht. Zu unterscheiden sind also eine aufführungs-, produktionsbezogene Form der Schrift und eine überlieferungsbezogene, archivalische – und nur in letztere geht die höfische Liebeslyrik ein. Als Aufführungskunst ist der Minnesang schriftfern. Eine frühe Schreibpraxis, die den Sang materiell schriftförmig in den Raum der höfischen Repräsentation hereingeholt hätte, gab es scheinbar nicht. Vergleichbares haben wir mit der Überlieferung der höfischen Epik vor uns, die zwar – für epische Großtexte ja nicht verwunderlich – deutlich früher einsetzt, dies aber zunächst nur in (begründbaren) Ausnahmefällen32 in repräsentativen Codices, sondern in der Regel in Form von schlichten Gebrauchshandschriften. Eine Differenzierung zwischen aufführungs- und schriftbezogenen Formen ist jedoch nicht nur für das Medium der Überlieferung von Bedeutung. Entscheidend ist, dass die Texte selbst, so die These, auf diese Situation reagieren. Um das zu beschreiben, will ich im folgenden zwischen ‚textuell‘ und ‚performativ‘ konzipierten Texten unterscheiden: Geht man von der Vorstellung aus, Minnesang sei (para-)rituelle Aufführungskunst vor dem Hof, dann ist davon auszugehen, dass er seine Kohärenz aus der Integration im Rahmen von öffentlichen Handlungsformen am Hof ableitet und insofern von einer performativen Kohärenz geprägt ist. Die Rollen des Textes changieren potentiell zwischen den anwesenden Kommunikationsteilnehmern und den textinternen Figuren. Das ‚Ich‘ von Autor, Sänger und Liebenden steht in einem prekären Verhältnis, das war wohl ein wesentlicher Reiz der Aufführungspraxis. Davon zu unterscheiden sind Formen der textuellen Kohärenzbildung, die sich am besten anhand des oben besprochenen Hicila-Verses erläutern lassen, also anhand eines sprechenden Buches. Das Besondere an diesem Fall, der in einer antiken Tradition steht,33 besteht in der spezifisch textuellen Referentialisierung. Das sprechende Buch ist an das Medium der Schrift gebunden und ohne sie nicht denkbar, man kann den Text kaum vortragen. Das unterscheidet diesen Fall grundlegend von der Referentialisierung des Sangs als Rollenspiel vor dem Hof, das im Rahmen der Aufführung seine Logik entfaltet: Die kommunikative Logik des sprechenden Buches leitet sich also aus dem Prozess der Lektüre her. Ein weiteres solchermaßen textuell organisiertes, schriftbezo-

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Vgl. STEPHAN MÜLLER: ‚Erec‘ und ‚Iwein‘ in Bild und Schrift. Entwurf einer medienanthropologischen Überlieferungs- und Textgeschichte am Beispiel der frühesten Zeugnisse der Artusepen Hartmanns von Aue. In: PBB 127 (2005), S. 414-435. S. dazu SCHÜTZEICHEL (Anm. 8).

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genes Beispiel gibt es auch in späterer Zeit: Der Heimliche Bote34 im clm 7792 verkündet seine Minnelehre als sprechendes Buch und wurde im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts aufgeschrieben,35 steht also weit vor den ersten schriftlichen Spuren des Minnesangs und stellt eine auf das Medium der Schrift bezogene höfische Minnedidaxe dar. Ich verstehe diese textuell organisierte Kohärenzbildung als eine Strategie, die ‚Liebe‘ in der Schrift thematisierbar zu machen. Die Abwendung von der Aufführungslogik hin zur Schriftlogik ist dabei eine Strategie, die mit dem Befund der sehr frühen Überlieferung gerade dieser Texte korrespondiert. Aber auch im Korpus des Sangs selbst scheint mir die Differenzierung zwischen performativer und textueller Kohärenzbildung beobachtbar zu sein. Ich will vorschlagen, im Gegensatz zum performativen ‚Rollenlied‘ die Tradition des ‚Tageliedes‘ in einer textuellen Perspektive zu interpretieren, selbst wenn die Tagelieder natürlich auch vorgetragen wurden.36 Das Tagelied steht, wir wissen es, in einer internationalen Tradition. Im deutschen Sprachraum spielt diese in der Frühzeit des Minnesangs jedoch keine große Rolle. Anders als im romanischen Bereich entfaltet sich die deutsche Tradition nach punktuellen Anfängen erst mit Wolframs Tageliedern, die – CHRISTIAN KIENING hat es beschrieben – das ganze poetische Potential der Gattung ausloten.37 Die frühen Tagelieder setzen zwar den Situationsentwurf des Tagelieds voraus, dass Liebender und Liebende sich nach gemeinsamer Nacht trennen müssen, wobei oft eine dritte Instanz, besonders die des Wächters, von Bedeutung ist; doch wird im frühen Sang dieser Situationsentwurf nicht auserzählt.38 Erst als das geschieht, kommt der pragmatischen Dimension des Textes eine wichtige Rolle zu, die ich hier hervorheben will. Der Rollenentwurf des Tageliedes ist in seinen Referentialisierungsstrategien nämlich nicht nur performativ, sondern auch textuell strukturiert: Wie das sprechende Buch substituiert die Schrift hier Rollen, die nicht auf das Feld der Aufführung referieren. Neu ist, dass sich diese Tradition nicht auf die Rolle der Ersten Person Singular (als sprechendes Buch) zurückzieht, sondern eine dritte Person – inhaltlich und grammati34 35 36 37 38 DIETRICH HUSCHENBETT. In: ²VL 3 (1981), Sp. 645-649. SCHNEIDER (Anm. 20), S. 109. Zu erinnern ist hier auch aus dem Bereich der Epik an die Eingangverse des Wigalois. Zur einer möglichen performativen Logik der Tagelieder vgl. VOLKER MERTENS: Tagelieder singen. Ein hermeneutisches Experiment. In: Wolfram Studien 17 (2002), S. 276-293. CHRISTIAN KIENING: Poetik des Dritten. In: DERS.: Zwischen Körper und Schrift. Texte vor dem Zeitalter der Literatur, Frankfurt a. M. 2003, S. 157-175. Zu nennen sind hier etwa die Tagelieder Dietmars von Aist (Minnesangs Frühling (Anm. 20), VIII, XIII) und Heinrichs von Morungen (Minnesangs Frühling (Anm. 20), XIX, XXX), die die Liebenden als Rollenträger zu Wort kommen lassen und die Situation anzitieren, aber letztlich keinen Dialog entwerfen und ohne die Rolle einer dritten Figur auskommen.

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kalisch – einführt: Man kann das poetologisch als Episierung des Liedes beschreiben, als Etablierung eines textinternen Situationsrahmens, der eine erste und zweite Person, aber nun auch eine dritte Instanz adressierbar macht. Mit dem Heraustreten aus der Beschränkung auf die Erste und Zweite Person und eine Erweiterung auf den Bereich der Dritten wird im Lied ein textuell organisierter, abgeschlossener Rahmen der Referentialisierungen aufgebaut, der ganz anders als die dominant performative Integration der Rollenlyrik funktioniert.39 Die Verwendung der Ersten und Zweiten Person nämlich geht von der Kommunikation unter Anwesenden aus, die Dritte Person (und ihre Pronomina) dagegen verweist auf potentiell Abwesende und muss deshalb z. B. etwas über das Geschlecht dieser dritten Person aussagen.40 Diese Eigenschaft der Tagelieder rücken sie näher als die Rollenlieder an die Dimension der Schrift. Es wäre zu bedenken, ob daraus nicht der relativ späte Erfolg der Tagelieder bzw. dessen spärliche frühe Spuren erklärbar sind. Vor dem Hintergrund der beschriebenen Spannung zwischen ‚Liebe‘ und volkssprachiger ‚Schrift‘ könnte man vermuten, dass die performativ konzipierte Liebeslyrik für eine Vortragskultur attraktiver war, während die Situationsentwürfe einer elaborierten Tageliedtradition auf die Schrift verweisen. Diese These wird durch einen letzten, punktuellen Überlieferungsbefund gestützt. Vom Minnesang gibt es, wie gesagt, vor dem Ende des 13. Jahrhunderts keine nennenswerten Überlieferungsträger. Nur ein Fall ist noch vor die Jahrhundertmitte zu datieren: Zwei von Wolframs Tageliedern (Minnesangs Frühling (Anm. 20), XXIV, I und II) sind im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts im cgm 1941 überliefert, Wolframs Minnelieder finden sich dagegen erst in den späteren Sammlungen. Ohne den Befund überanstrengen zu wollen, will ich folgenden Schluss daraus ziehen: Der schriftbezogene, textuell organisierte Liedtyp des Tageliedes hat also anscheinend einen schweren Start in die zeremonielle Liedkunst der höfischen Kultur, aber er fand in seiner textuellen Zugewandtheit an die Schrift dann schnell den prekären Weg aufs Pergament. Der rituellen Praxis des Rollensangs blieb dieser Weg noch eine Zeit verbaut, so lange bis die archivalischen oder repräsentativen Interessen einer neuen Schreibpraxis sich auch dieser Tradition annahmen.

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Natürlich gibt es Tendenzen textinterner Referentialisierungen auch im Rollensang, am deutlichsten vielleicht im Dialoglied, oder in selbstreferentiellen Aussagen wie das berühmte in Kürenberges wîse (Minnesangs Frühling (Anm. 20), II,II,2), aber diese bleiben gerade in der frühen Zeit die Ausnahme. Dies nur ein Beispiel für den Unterschied zwischen den Pronomina der Dritten und denen der Ersten und Zweiten Person. Vgl. PETER EISENBERG: Grundriss der deutschen Grammatik, Stuttgart 1989, S. 188-190. Laut SCHNEIDER (Anm. 20), S. 152.

das Spiel zwischen emotionaler Passion und medialer Distanz das Thema ‚Liebe‘ ganz entscheidend prägen wird. sondern ein grundsätzliches Angebot des Genres. die seine Vorgänger im Kontext einer performativen Textpraxis nicht zu nutzen wussten. auf die Schrift zu. Das Rollenlied wendet sich zunächst von der Schrift ab und findet seine Lebensform im höfischen Ritual – das Tagelied geht dagegen. . So gesehen könnte die sich verändernde Widerständigkeit der Handschriftenkultur gegen die Liebe. wenn man so will. das in der frühen deutschen Praxis des Liedvortrags keinen guten Platz fand. Sie sind zwei Lösungen des Problems der Kodifizierung von Liebestexten. Dieser Schritt hin zur Schrift ist dabei keine Erfindung der deutschen Tradition. für ein Schreiben über die Liebe eroberte die literarische Tradition in der Volkssprache sich erst langsam jenen Raum. der hinter der Tradition des Sangs steht.Sprechende Bücher – verschwundene Schrift 61 Mir scheint. dass der Hohe Sang und das Tagelied zwei verschiedene Lösungen ein und desselben Problems anbieten. Der höfische Liebesdiskurs. Für die Zeit davor begegnen uns mit den frühen Spuren und dann mit Tagelied und Rollensang alternative Reaktionen auf das prekäre Verhältnis von Liebe und Schrift. bei einer Neubewertung der Tradition des frühen Minnesangs helfen und damit nachdrücklich für die literarhistorischen Chancen einer Überlieferungsgeschichte plädieren. Erst der Epiker Wolfram greift die textuellen Chancen des Genres auf. wie ich sie hier nur punktuell vorschlagen konnte. ist ein öffentliches Sprechen über die Liebe. das für das Frühmittelalter nachzuzeichnen war. in dem das spezifische Alleinsein mit der Schrift. die wir seit dem Frühmittelalter beobachten können.

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also als Leidenschaft im wörtlichen Sinne. die für ihn einen neuen Mythos der Liebe repräsentieren. aus heutiger Sicht zu problematisieren ist. S.BRUNO QUAST/MONIKA SCHAUSTEN Amors Pfeil Liebe zwischen Medialisierung und Mythisierung in Heinrichs von Veldeke Eneasroman Die glückliche Liebe hat keine Geschichte (DENIS DE ROUGEMONT) Dass das Mittelalter besonders in den volkssprachlichen literarischen Gattungen von Minnesang und höfischem Roman die ‚Liebe‘ neu entdeckt habe. ist spätestens seit DENIS DE ROUGEMONT zum Allgemeinplatz mediävistischer Forschung geworden. Jahrhundert entstandener Eneasroman gilt der Forschung von jeher als paradigmatischer Text. Jahrhunderts dominant in Erscheinung tritt..1 ROUGEMONTs bereits in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts formulierte These basiert vor allem auf Überlegungen zu den volkssprachlichen Tristan-Texten.2 Wenngleich in historischer Perspektive die Freudianische Prägung des Übertragungsbegriffs bei Rougemont. in der Forschung über Entstehung und Wesen der Liebe nachzudenken. Heinrichs von Veldeke im 12. 446. wenn es um die ihm impliziten Konzeptionen von Liebe und damit verbunden von Liebesent- 1 2 DENIS DE ROUGEMONT: Die Liebe und das Abendland. Ebd. Hälfte des 12. begründeten seine Überlegungen schließlich das anhaltende Interesse. hat er doch der mediävistischen Literaturwissenschaft den Weg gewiesen. wie sie in der deutschen Literatur seit der 2. Zürich 1987 (Originalausgabe Paris 1939). und zwar. Dieser Mythos konkretisiere die zwischenmenschliche Beziehungen begründende Gefühlsqualität vor allem als Leiden. der von einer Divinisierung und insofern Mythisierung der menschlichen Liebe ausgeht. indem die „in der Liturgie zum Ausdruck kommenden Regungen der göttlichen Liebe“ auf jene der „unverblümtesten menschlichen Liebe“ übertragen würden. .

das.4 Dies geschehe in der Laviniaepisode in einem Lehrgespräch zwischen Mutter und Tochter. Leiden schaffende Liebe zwischen Dido und Eneas als Beleg für seine These interessiert. dass es materialisiert bzw. und KURT RUH: Höfische Epik des deutschen Mittelalters. Berlin 1999 (Beihefte zur ZfdPh 9). Hrsg. – Hierzu kritisch RÜDIGER SCHNELL: Medialität und Emotionalität. so scheint es. nicht umgekehrt. dass Heinrich mit seiner den französischen anonym überlieferten Vorlagentext adaptierenden Ausgestaltung der Liebesgeschichte zwischen Eneas und Lavinia die bei Vergil im Vordergrund stehende Erzählung von der unglücklichen Leidenschaft zwischen dem trojanischen Helden und der karthagischen Königin Dido nicht allein ergänze. Zu dieser Forschungsdiskussion vgl außerdem MONIKA SCHAUSTEN: Gender. welches erklärt. Identität und Begehren: Zur Dido-Episode in Heinrichs von Veldeke „Eneit“. dadurch reflektierten und in einen Kommunikationszusammenhang eingebundenen Affektordnung“ sei. S. 280: „Meines Erachtens entsteht das Gefühl nicht erst dort und dadurch. Seit langem jedenfalls wird darauf hingewiesen. 267-282. Zur Konstruktion der Kategorien ‚Körper‘ und ‚Geschlecht‘ in der deutschen Literatur des Mittelalters. von INGRID BENNEWITZ/HELMUT TERVOOREN. In: ZfdA 88 (1957/58). Das Gefühl fordert die Vermittlung und schafft sich ein Medium. STEPHEN JAEGER/INGRID KASTEN. interessanterweise die Lavinialiebe als Ausweis für die Entwicklung einer literarischen Codierung eines Affekts bzw. wîplîch man. 239-255. erst da überhaupt entstehen könne. noch weitergehend als Ort der Entstehung eines reflektierten Gefühls in mittelalterlicher Literatur. Kritisch zu MAURERs Thesen vor allem WERNER SCHRÖDER: Dido und Lavine. OONK: Rechte Minne in Veldekes Eneide. Berlin.5 3 FRIEDRICH MAURER: „Rechte“ Minne bei Heinrich von Veldeke. 238. Bd.64 Bruno Quast/Monika Schausten stehung geht. „wo es Teil einer medial vermittelten. S. In: Codierungen von Emotionen im Mittelalter. in dem sie ihm ihre Liebe offenbart. 143-158. vermittelt wird. 258-273. so gilt der jüngsten Forschung. S. da unglückliche. so MIREILLE SCHNYDER. 10614-10627). In: Germanisch-romanische Monatshefte 55 (2005). von C. sondern der einen ‚fatalen‘ („falschen“) Liebeskonzeption seines Helden eine weitere. denn der trojanische Held muss in der Erzählung ja bekanntlich der Gründer des Römischen Reiches werden. hier S. geschehe in legitimatorischer Absicht. MIREILLE SCHNYDER: Imagination und Emotion. Hätte DE ROUGEMONT aber mit Sicherheit die leidenschaftliche.3 Dies. 1. ARTHUR GROOS: Amor and his Brother Cupid: The „Two Loves“ in Heinrich von Veldeke’s „Eneit“. in der Lavinia den Namen des geliebten Eneas in eine Wachstafel ritzt (V. S. sondern das Gefühl selbst ist es. Berlin 1967. In: Neophilologus 57 (1973). S. S.“ Zum Komplex der ‚Medialisierung des Gefühls‘ zählt auch jene Szene im Eneasroman. S. und hierfür kommt allein die Heirat mit Lavinia in Frage. ‚richtige‘ gegenüberstelle. New York 2003 (TMP 1). S. 1-9. wo bzw. In: Traditio 32 (1976). das materialisiert werden will. 237-250. In: Archiv 187 (1950). 67-84. 161-195. hier S. Emotionalisierung des sexuellen Begehrens über die Schrift. Hrsg. 4 5 . so die ältere Forschung. was genau unter Liebe zu verstehen ist. – Modifizierend zu MAURERs Thesen GERRIT J. sowie anschließend in einem Brief der Lavinia an Eneas. In: Manlîchiu wîp. damit das Gegenüber von diesem Gefühl erfährt und es erwidern kann. Bemerkungen zu Lavinias Minne.

Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelalter. Synergie und Störung im höfischen Roman. LUDWIG WOLFF: Die mythologischen Motive in der Liebesdarstellung des höfischen Romans. bemüht haben: Galt der älteren Forschung.). so sieht die jüngere Forschung das Neue in Bezug auf Heinrichs Liebesauffassung deutlicher in der literarischen Inszenierung der Erklärung der Liebe im neuen Medium der Schrift. Von daher wundert es auch nicht. 21). 55-63. B. Leipzig 1922. Wir konzentrieren uns im Folgenden nun zunächst auf die Episode. und zuletzt CARSTEN KOTTMANN: Gott und die Götter. 71-85. dass mögliche Relationen beider Modi. von der Liebe zu erzählen. 75. S. indes überwiegend gerade nicht in Betracht gezogen werden. strâle unde permint. die Heinrich hier als entscheidende Kommunikationsmedien der Liebe inszeniert. In: Das Mittelalter 9 (2004). S. Die Einschreibung der Herrschaft in das Liebesbegehren als Unterscheidungsmerkmal der beiden Minne-Handlungen. die für die Liebesproblematik zentral sind. dass die literarästhetischen Urteile unterschiedlich ausfallen. transitorischen. In: Gespräche – Boten – Briefe. hier bes. die Betonung der mythischen und damit nicht-rationalen Semantisierung der Gefühlsqualität als entscheidend. wertet den Liebesbrief Lavinias als „objektiviertes Subjektives“ (S. – HENNING WUTH: was. In: ZfdA 84 (1952). 63-76. . S. S. dass die Liebe entweder primär als mythisches7 oder als mediales Ereignis interessiert.Amors Pfeil 65 Die Betonung auf Lehrgespräch und Brief. heranzuziehen: die Dido-Episode und die Lavinaepisode. – BERND A. das den „geheimen. FRIEDRICH VON BETZOLD: Das Fortleben der antiken Götter im mittelalterlichen Humanismus. 6 7 ANDREA SIEBER: (Un)Erwünschte Effekte. Mediengeschichtliches zum Eneasroman Heinrichs von Veldeke. S. S.6 Nimmt man ältere und die gegenwärtige Forschung in den Blick. wie gesagt. dazu z. die sich um die Darlegung des innovativen Moments von Heinrichs Liebeskonzeptionen im hohen Mittelalter bemühen bzw. unterstreicht die mittels Schrift (Schreiben des Namens) auf Dauer gestellte Herrschaftsliebe zwischen Eneas und Lavinia. Antike Tradition und mittelalterliche Gegenwart im Eneasroman Heinrichs von Veldeke. Vgl. könnte man den Eindruck gewinnen. In: Monatshefte für deutschen Unterricht. dass besonders die Lavinia-Episode einen komplexen Zusammenhang zwischen mythischer und medialer Begründung der Liebe entwickelt. In: Studia Neophilologica 73 (2001). hier S. Berlin 1997 (Philologische Studien und Quellen 143). Hrsg. 47-70. Wichtig sind für beide Teile die Aussagen zu Entstehung und Wesen der Minne. Von daher versucht dieser Beitrag in einem close reading zu ergründen. die sich mit der Entstehung der Dido-Minne beschäftigt. in welchem genaueren Verhältnis Medialisierung und Mythisierung der Affektordnung bei Heinrich zueinander stehen. Bonn. RUSINEK: Veldekes „Eneide“. Wir vermuten indes. 11-25. zwischen denen der Text deutliche Bezüge herstellt. von HORST WENZEL. Mediengebrauch. alle relevanten Episoden des Eneasromans. deutsche Sprache und Literatur 78 (1986). Dafür scheint es erforderlich zu sein. intersubjektiven Charakter des mündlichen Versprechens“ aufhebe und steigere (ebd. bestimmt die jüngere Forschung in besonderem Maße. 56-59.

Cupido initiiert Liebe. der der Liebeserweckung zugrunde liegt. Die Totalität der List wird dadurch unterstrichen.10 Die Götter ma8 Vgl. Bei einem Fest soll Ascanius. 9 Vergil: Aeneis. wenn der Betrug vonstatten geht: „Und im Schein den sehnenden Drang des Vaters befriedet“ (V. dazu bes.. im afrz. auf Dido und Eneas treffen. sie wird vielmehr mittels göttlicher Initiative implementiert. M. des Trugs und des Scheins.h. erfährt. verbesserte Aufl. 716). Zur Umakzentuierung der Vorlagen bei Heinrich von Veldeke. die Herrscherin Karthagos. dass Dido sich in Eneas verliebt. die einzige Nacht nur.8 Doch in allen drei Fällen spielen Gottheiten eine nicht unbedeutende Rolle. / Plan ich deshalb. insofern nicht ihre moralische Identität sie charakterisiert. der Sohn des Eneas. Lateinisch und Deutsch. 10 HANS BLUMENBERG: Arbeit am Mythos.66 Bruno Quast/Monika Schausten 1. hat er keine Geschichte: „Die Götter machen Geschichten. . Münster 1960. 57-107. der trojaflüchtige Eneas. soll Dido das Liebesgift eingehaucht werden. 3. heißt es (V. Eingeleitet und übertragen von AUGUST VEZIN. um ihr beim Austausch zärtlicher Küsse Gift einzuhauchen. dass Dido. auf daß kein Gott das Herz ihr verkehre“. Eneas und darüber hinaus auch die anderen Götter als Opfer des Betrugs imaginiert werden. die in den genannten Epen/Romanen – aus unterschiedlichen Gründen – verfügen. Dido.. S. dass ein fremder Heerführer. aber sie haben keine Geschichte“. Es sind die Götter. S. Frankfurt a. es ist ein Kampf der Götter um Einfluss auf den irdischen Protagonisten. 1996 (Erstauflage 1979). Roman d’Eneas und im mittelhochdeutschen Eneasroman des Heinrich von Veldeke je verschieden dargestellt. Venus will die Oberhand über Juno gewinnen. mittels Vortäuschung einer falschen Identität also. Mit Blick auf Ascanius: „Daß er die List nicht merke derweil und keinem begegne. sondern die Gleichartigkeit der Eigenschaften und Wirkungen. Mittels Metamorphose. ANETTE SYNDIKUS: Dido zwischen Herrschaft und Minne. Da er über keine moralische Identität verfügt. „Listig die Königin in lodernden Flammen zu fangen. „Auf daß kein Gott das Herz ihr [d. 148. ans Ufer gespült worden sei. Diese Wirkung macht seine Identität aus. Nach HANS BLUMENBERG sind mythische Götter typische Götter. Venus bedient sich der List. / Trügerisch an“ (V.). Bei Vergil hat Venus den Einfall. 673f. / Nimm denn seine Gestalt die Nacht. Die Begründung für die Erweckung der Liebe geht dem Betrug durch Venus voraus. Amor möge in Gestalt des Ascanius auf den Schoß der Dido steigen.9 In der Aeneis handelt es sich beim Erwecken dieser Liebe um ein typisches Spiel der Götter. Ascanius. heißt es bei Vergil. Mythos – Die Erweckung der Dido-Minne Die Erweckung der Liebe in Dido wird in Vergils Aeneis. 682ff. In: PBB 114 (1992). der Verwandlung Amors in die Gestalt des Ascanius. Und schließlich. Didos Liebe zu Eneas ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht entfacht.). Dido] verkehre“.

Wir zitieren den Roman d’Eneas (RdE) im Weiteren nach folgender Ausgabe: Le Roman d’Eneas. kein Mythos. Metamorphose und Schein sind im RdE fallengelassen. sie hat eine tödliche Krankheit in sich aufgenommen. Les Fragments du Roman de Tristan. Identität im Sinne von substanzieller Unveränderlichkeit ist schlechterdings nicht erzählbar. 1223 – liest man den Vers: „wir haben unseren Tod getrunken“ (El beivre fud la nostre mort). V. S. Ohne die Geschichten der Götter. Metamorphose und Schein: In Vergils Version der Entstehung der Didoliebe werden unverkennbar mythische Aktions. was das Mythische ausmacht. Thomas. 818). was bei Heinrich von Veldeke intensiviert wird: die Exkulpierung des Eneas. . hegt den Wunsch. Venus. Fragment Douce 1223. München 1972 (Klassische Texte des Romanischen Mittelalters 9). Hier setzt etwas ein. „jeder trinkt für sein Teil reichlich davon“ (chascuns en beit bien a son tor. Die mythischen Ingredienzien List. Es greift hier so etwas wie eine mittelalterliche ‚Psychologisierung‘. indem sie bis in den Abend hinein Ascanius liebkost. Im Tristan des Thomas von Britannien – im Fragment Douce V.13 Dem Trankmotiv ist im RdE eine Vorstellung von Quantifizierung beigegeben. Venus ist zwar noch aktiv. Der Schein ist die Bedingung. heißt es. Stattdessen greift hier eine Literarisierung 11 12 13 Ebd. 153. WIND.11 Der Mythos kennt die scheinhafte Existenz der Götter. deren verfremdete Authentizität zuhauf. scheint nicht mehr kommunizierbar zu sein. 811). dass Didos Liebe initiiert werden kann. die Götter sind nicht verabschiedet. das Moment der Verwandlung und des Scheins. Cupido verwandelt sich in Ascanius. an ihre Stelle tritt – neben einer anderen Motivierung der Liebeserweckung – das Motiv des Gifttrankes. die Mutter des Eneas. das wilde Volk möge ihn gut behandeln. indem sie sich verwandeln.und Interaktionsmuster aufgegriffen.. weil erst die Metamorphose die ästhetische Erzählbarkeit des Mythos herstellt. trinkt sie „tödliches Gift“ (mortel poison la dame beit. Édités avec un commentaire par BARTINA H. aber das. Für Ovid stellt die Metamorphose die zentrale Qualität des Mythos dar. die List der Götter. Wenn Dido Askanius küsst. So ist sie diejenige. um so mehr trinkt er vom tödlichen Gift. Poème du XIIe siècle. Der RdE12 suggeriert unverkennbar eine Tristan-Parallelität. Man kann nur von Veränderungen erzählen.Amors Pfeil 67 chen unter anderem Geschichten. ohne deren Metamorphosen keine Erzählung. Übersetzt und eingeleitet von MONICA SCHÖLER-BEINHAUER. Dido legt ein törichtes Verhalten an den Tag. die am intensivsten trinkt. Die Begründung für die Dido-Liebe ist im altfranzösischen Roman d’Eneas bereits stark verändert. Die Konkurrenz der Götter ist weitgehend ausgeschaltet. je öfter einer trinkt. List. „Der Doketismus ist die dem Mythos angemessene Ontologie“. Genf/Paris 21960 (Textes Littéraires Français 92). V.

68 Bruno Quast/Monika Schausten der Liebeserweckung. Hier begegnet Vertrautes. diuz dar abe nam. […] si kuste in an sînen munt: […] Ênêas bî ir saz do si also brinnen began. aber auch Unvertrautes. si enmûste in starke minnen. Stuttgart 1989. mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von DIETER KARTSCHOKE. . wie er im Epilog des Romans beteuert. wenngleich gerade bei der Erzählung von der Liebesentstehung deutliche Unterschiede zu verzeichnen sind: dô rûrdin frouwe Vênûs mit ir fûre an sînen munt […] daz koufte vile tûre Dîdô. Da konnte sie nicht anders. sie mußte ihn leidenschaftlich lieben. dem eine gewisse Nähe zu Vergil nachgesagt worden ist und der den altfranzösischen Roman ins Deutsche wahrheitsgetreu. dass im Gegensatz zur altfranzösischen Vorlage nur Dido den Asca14 Wir zitieren den Text Heinrichs im Weiteren nach folgender Ausgabe: Heinrich von Veldeke: Eneasroman. 808-845) [Als unterdessen der Jüngling Ascanius an den Hof reiten wollte. Kommen wir nun zu Heinrich von Veldeke14.] berührte Frau Venus mit ihrem Feuer seinen Mund […] Dafür musste Dido teuer bezahlen. als sie so in Feuer geriet. zu übertragen vorgibt. her was ein vil schône man unde minnechlîche getân. die es von seinen Lippen küsste […] Sie küsste ihn auf den Mund […] Eneas saß neben ihr. Eine Begründung für die Liebeserweckung fehlt bei Veldeke. insofern die intertextuelle Bezugnahme auf den Tristanstoff die mythischen Aktionsmuster ersetzt. done mohte si des niht engân. Er war ein sehr schöner und einnehmender Mann. Und bedeutsam ist hier der Umstand. Nach dem Text von LUDWIG ETTMÜLLER übersetzt. (V.

zum andern – und dies scheint wichtiger – neben ihr sitzt: Ênêas bî ir saz (V. heißt es: diuz dar abe nam (V. Veldeke betont den Übertragungsweg der Minne. hat eine material-stoffliche Qualität. Zwischen einer Vorstellung von Liebe als magischer Kraft und einem personalen Liebesethos kann eine fruchtbare Spannung entstehen.15 Das. RÜDIGER SCHNELL: Causa amoris. Weil Eneas neben ihr sitzt. Bern/München (Bibliotheca Germanica 27). das ist auch schon bei Vergil und im RdE der Fall. dass Dido Eneas verfällt. dies ist bereits in Veldekes Eneasroman der Fall. M. Die Berliner Bilderhandschrift mit Übersetzung und Kommentar. in einem imaginierten Inneren. wenn Dido sich kurz vor ihrem Selbstmord eine Schuld am Liebeswahnsinn zu- 15 16 Heinrich von Veldeke: Eneasroman. den Adressaten der Liebe. er begründet die Richtung der Liebe. vielmehr schon durch die häufigeren Küsse der Dido plausibilisiert.16 Es ist die Berührung in Form des Kusses. wenn der Erzähler als Bedingung dafür. Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur. Liebe entsteht über Berührung. S. Liebe ist aber darüber hinaus bei Heinrich von Veldeke von stofflicher Qualität. dadurch nämlich. die das Feuer der Liebe überträgt. „Eneas saß neben ihr“). Das Nebeneinander ist eine Form mythischer Kausallogik. . Die Macht der Berührung gilt zumindest für die Dido-Minne uneingeschränkt. Hrsg. verliebt sie sich in ihn und in keinen anderen. 241-274. was übertragen wird. HANS FROMM übersetzt: „Sie pflückte es von seinen Lippen“. Vgl. Auf den Kontakt kommt es an. die unabhängig von einem ‚personalen‘ Liebesethos existiert. ins Feld führt. Die Liebe entsteht nicht erst in der Protagonistin. Die Exkulpierung des Eneas. Die tragische Distanz zwischen Dido und Eneas wird nicht nur durch den Götterbefehl zur Weiterfahrt des Helden beeinflusst.Amors Pfeil 69 nius küsst. Die Laviniaminne wird sich davon entscheidend absetzen. 840. Dieser Weg der Minneentstehung wird in der höfischen Literatur zum Königsweg der Liebesentstehung schlechthin. durch Berührung. Denn das Mythische – von der Partizipation der Götter einmal abgesehen – konkretisiert sich geradezu in der Berührungsqualität der Minne. wird hier intensiviert. Eneas aber nicht. Welche Mechanik der Liebeserweckung wird bei Veldeke in Gang gesetzt. Für die Dido-Minne bedeutet dies: Sie ist wie schon bei Vergil und im RdE und stärker noch magische Kraft. wie geht die Erweckung von statten? Wenn Dido Ascanius küsst. durch das die Minne einfällt. das Feuer der Liebe. die im RdE bereits angelegt ist. durch Küssen übertragen wird. dass er seinen Sohn weniger intensiv küsst und somit weniger Gift aufnimmt. Frankfurt a. Es ist noch nicht das Auge. Das bestätigt sich auch. dass er zum einen ein schöner und einnehmender Mann sei. Bei Heinrich von Veldeke kommt der Berührung also eine besondere Bedeutung zu. sondern wird ihr als material-stoffliche Qualität übermittelt. 1992 (Bibliothek des Mittelalters 4). 821). weil sie in Kontakt sind. von HANS FROMM.

/ dann will ich mich mit Vergnügen bemühen / um einen ewigen Tod. 12494ff. Weimar 1993. daz ich sölhen tranc nie genam und ich sî doch minne baz danne er. wol getâne. wenn das sein kann. sagte Tristan. Stuttgart 31985. Heinrich von Veldeke hat darüber hinaus in einem Minnelied die Spannung zwischen Minne als magischer Kraft und Minne als ethischer Ausrichtung thematisiert. von RÜDIGER KROHN.. Dort heißt es: Tristran muose sunder sînen danc staete sîn der küneginne. / ine weiz. Bd. Dafür soll mir die Gute Dank wissen. Stuttgart. (MF 58.“ Vgl. 81.70 Bruno Quast/Monika Schausten spricht. Unter Benutzung der Ausgaben von KARL LACHMANN und MORIZ HAUPT. Des sol mir diu guote sagen danc. daß ich solchen Trank nie zu mir nahm und ich sie dennoch liebe mehr als er. wo der Zwang des Minnetranks mithin in eine Ethisierung der Minne überführt wird. wan in daz poisûn dar zuo twanc mêre danne diu kraft der minne. 2. Einführung und Kommentar.. wizzen.35)17 Tristan mußte gegen seinen Willen treu sein der Königin. und mac daz sîn.: ’nu walte es got!’ sprach Tristan / ’ez waere tôt oder leben: / ez hât mir sanfte vergeben. wie der andere Tod ist. Texte und Übertragungen. Nach dem Text von FRIEDRICH RANKE neu hrsg. Frühe Minnelyrik. wie jener werden sol. / sô wolte ich gerne werben / umbe ein êwêclîchez sterben.. S. lâ mich wesen dîn und wis dû mîn. weil ihn der Liebestrank dazu zwang mehr als die Macht der Minne. . Berlin 22001. / „Ob Tod oder Leben: / Es hat mich angenehm vergiftet. Texte. I. dazu außerdem CHRISTOPH HUBER: Gottfried von Straßburg Tristan.19 17 18 19 Des Minnesangs Frühling. Gottfried von Straßburg: Tristan. / Ich weiß nicht. 38.18 Ausgearbeitet wird diese Spannung tatsächlich im Tristan Gottfrieds von Straßburg. „Das walte Gott“. valsches âne. / Wenn die herrliche Isolde / immer so mein Tod sein soll. Übersetzung nach GÜNTHER SCHWEIKLE: Mittelhochdeutsche Minnelyrik I. 175.’ . / dieser jedenfalls gefällt mir gut./ solte diu wunneclîche Îsôt / iemer alsus sî mîn tôt. wo dem Zwang des Minnetranks die Einwilligung Tristans und Isoldes in die Minne an die Seite gestellt wird. S. erneut revidierte Aufl. laß mich dein sein und sei du mein./ dirre tôt der tuot mir wol . Wohlgestalte ohne Falsch. FRIEDRICH VOGT und CARL VON KRAUS bearbeitet von HUGO MOSER und HELMUT TERVOOREN. Tristan bekennt sich aus freien Stücken zu den Folgen des Tranks: V. Stuttgart 1988.

München 1998 (Originalausgabe 1924). 251-270. / was ich seither erfahren habe. auch auf Eneas. das Stoffliche der Minne. Die Dido-Minne bei Heinrich von Veldeke ist eine von Göttern übertragene zauberisch-magische Minne. die über Berührung vermittelt wird (Venus küsst Ascanius. Der Glaube an Berührungszauber ist im Mittelalter weit verbreitet. hier küssen Dido und Eneas den Ascanius. Jahrhundert. Eneas allerdings nicht mit gleicher Intensität. / dô si ir selben tet den tôt. Die Übertragung der magischen Kraft erfolgt in erster Linie durch eine Gottheit bzw. Man versteht im Mittelalter also ohne Schwierigkeiten den magisch-zauberischen Modus der Liebesentstehung durch Berühren. Durch Berührung können körperliche wie geistige Eigenschaften übertragen werden. bestätigt die These des mythisch-magischen Ursprungs der Liebe. ein von göttlicher Kraft erfülltes göttliches Objekt selbst. In: JAEGER/KASTEN (Anm. Durch den Kuss des Ascanius überträgt sich die Minne. die er getreten hat. die Fußspur. An die Heilkraft königlicher Berührung glaubte man bis ins 18. mit weiterführender Literatur. / wâr mir dô zer selber stunt / zehen teil sô von minnen kunt. Die magische Kraft ist nach vormoderner Vorstellung etwas Körperliches. der ausstrahlt und sich dem Berührten mitteilt. / Hätte ich aber damals über die Liebe / auch nur den zehnten Teil dessen gewußt.20 Die Formulierung: diu ez dar abe nam (V. „Ich wußte sehr gut. Eneasroman. Die Entstehung der Eneasminne geht im RdE ebenfalls auf eine Berührung. 11180-11186: ich wiste wol daz frou Dîdô / von minnen leit grôze nôt. Bei Heinrich von Veldeke küsst Ascanius ausschließlich Dido. vermittelt den Übergang einem Wesen oder Ding innewohnender geheimer Kräfte auf ein anderes. 20 21 22 Über Figurationen des Berührens in der mittelalterlichen Literatur CHRISTINA LECHTERBerühren und Berührtwerden: Daz was der belde ein begin. Dido und Eneas sitzen nebeneinander). das Küssen. Mit einem Vorwort von JACQUES LE GOFF. einen Kuss zurück. Eneas kommt mit seinem Sohn nicht in Kontakt. So haben Kleider und Marterwerkzeuge eines Märtyrers. / als ich sider hân vernomen. Solcherart kontaguöse Magie ist Ausdruck eines mythisch-magischen Gesetzes der Partizipation. es fehlt die Voraussetzung für die Liebesentstehung. 821) erinnert an dieses Stoffliche der magischen Kraft. auch die Weisheit des Lehrers auf den Schüler oder die Heilkraft des Königs auf seine kranken Untertanen21. wie er später im Zusammenhang der Laviniaepisode zugibt22. Folglich verliebt er sich nicht in Dido. als magische Handlung gedacht. was mit ihr in Berührung kommt. Dass Eneas sich nicht verliebt. Durch Berührung wird die persönliche Verbindung mit der Gottheit herbeigeführt. wie er bei Heinrich von Veldeke als eine paradigmatische Form vorgeführt wird. / als sie sich selbst den Tod gab. / ich hätte sie niemals verlassen. daß Frau Dido / aus Liebe große Qualen litt. Die magische Kraft geht auf alles über. B. so z. V. die Berührung des Mundes.Amors Pfeil 71 Das Berühren.“ MANN: . Dido küsst Askanius. 4). / ichn wâre nie von ir komen. aber in geminderter Form. MARC BLOCH: Die wundertätigen Könige. Vgl. eine Art Stoff. ja sogar sein Schatten Wunderkraft. S.

ki navre et sainë en un jor. das in der Vereinigung zwischen Lavinia und Eneas besteht. et si est peinz toz par figure por demostrer bien sa nature: li darz mostre qu’il puet navrer et la boiste qu’il set saner. leidvolle Erfahrung.72 Bruno Quast/Monika Schausten Er kann sich nicht verlieben. ein Interesse. der kontaguöse Weg. Der RdE und der deutsche Eneasroman interessieren sich in einem besonderen Maß für diese Liebesgeschichte zwischen Eneas und Lavinia. das Vergil noch nicht an den Tag legt. nachdem Eneas Dido verlassen und diese sich getötet. und im Hinblick auf diese zukünftige Verbindung gewährt die Mutter ihrer Tochter zunächst Einblick in das Wesen der Minne. (V. sor lui n’estuet mire venir a la plaie qu’il fait guarir. unterzieht der französische wie auch der deutsche Text nun einer Allegorese. quant a navré. Die Götter. Die beiden volkssprachlichen Texte unterminieren in gewisser Weise das Ergebnis ihrer Erzählung. il resaine. 2. Dafür sorgt ein herrschaftspolitisch motiviertes Interesse: Lavinia ist Turnus versprochen. il tient la mort et la santé. verschlossen. 7975-7992) . Allegorese – Das Minnegespräch zwischen Lavinia und der Mutter Im zweiten Teil des Eneasromans. Navrë et point Amors sovent. die auch hier als Primärursache für die Entstehung der Minne herangezogen werden. Im Gespräch zwischen Lavinia und ihrer Mutter wird die Tochter über das Wesen der Minne aufgeklärt. wird Lavinia zur bestimmenden Größe seines Lebens. ki fait amer diversement. Guarde el tenple comfaitement Amors i est peinz folement et tient deus darz en sa main destre et une boiste en la senestre: li uns des darz est d’or en som. Eneas die berühmte Unterweltfahrt überstanden und seine dynastische Zukunft vor Augen geführt bekommen hat. daher bleibt für ihn der hier einzig denkbare Weg der Liebesentstehung. Molt deit l’en bien sofrir d’amor. Die Liebe ist auch für Lavinia eine gefährliche. l’altre de plom. weil er Ascanius nicht geküsst hat. ki fait amer.

sie sind nur mehr als allegorische Figuren kommunizierbar. 9938-9942). verliebt. wenn er den Zeichencharakter Amors unterstreicht. damit seine Wesensart deutlich gezeigt wird: der Pfeil zeigt. Amor verletzt und sticht oft. „Damit ist die Minne gemeint“). ist oben aus Gold. Von der Amorstatue. merke in allenthalben: si bezeichent die salben (V. Das Minnegespräch zwischen Lavinia und ihrer Mutter im zweiten Teil des Eneasromans konfrontiert die mythische Form der Liebesentstehung durch Götterberührung mit einer Rationalisierung. die er heilen läßt. welcher auf andere Art Liebe hervorruft. die Amor trägt. die die Minne immer bereit halte: wil dû nû wizzen rehte. und er ist in ganzer Person dargestellt. wenn der Liebesgott Amor einer Allegorese unterzogen wird. daß er verletzen kann und die Büchse. er heilt wieder. bedeute die Salbe. was die Büchse bedeutet – nicht alle wissen darüber Bescheid –. Der deutsche Erzähltext folgt seiner Vorlage. wenn er verletzt hat. wenn sie sich in Eneas. heißt es im Gespräch: daz bezeichent die Minne (V. so höre gut zu: Sie bedeutet die Salbe. also in den für sie nicht vorgesehenen Mann. 9914. der Liebe hervorruft. Wenn du noch genauer erfahren willst. dass Lavinia. um ihre Verwundung durch die Liebe wissen kann.Amors Pfeil 73 Betrachte den Tempel wie Amor dort töricht dargestellt ist und zwei Pfeile in seiner rechten Hand hält und eine Büchse in der linken: der eine der Pfeile. die man im Tempel vorfinde. dazn wizzent niht alle lûte. Man kann dies als Depotenzierung der Götter verstehen. der an einem Tag verletzt und heilt. außer ihm braucht kein Arzt zu der Wunde zu kommen. . Die Büchse. Die Allegorese sorgt dafür. er hat den Tod und die Gesundheit in seiner Macht. Viel muß man wohl von Amor erdulden. daß er zu heilen versteht. waz diu buhse bedûte. der andre aus Blei.

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Bruno Quast/Monika Schausten

3. Schrift und Mythos – Die Entstehung der Minne zwischen Lavinia und Eneas
Im weiteren Verlauf des Erzählgeschehens beschreiten der RdE und der deutsche Eneasroman jedoch verschiedene Wege, wenn sie der Liebe auf den Grund gehen. Eneas belagert mit seinen Truppen Lauretum, Lavinia, die dem Turnus versprochen ist, blickt aus einem Turmfenster der Burg auf den stattlichen Trojaner – und verliebt sich in ihn:
Lavine fu en la tor sus, d’une fenestre esguarda jus, vit Eneas ki fu desoz, forment l’a esguardé sor toz. […] Amors l’a de son dart ferue; […] por lui l’a molt Amors navree; la saiete li est colee des i qu’el cuer soz la mamele. (V. 8047-8067) Lavinia war oben in dem Turm, sie schaute aus einem Fenster hinab, sie erblickte Eneas, der unten war, aufmerksam hat sie ihn vor allen anderen betrachtet. […] Amor hat sie mit seinem Pfeil getroffen; […] um seinetwillen hat Amor sie sehr verwundet; der Pfeil ist ihr bis ins Herz unterhalb der Brust gedrungen.

In einem Minnemonolog deutet Lavinia ihr Schicksal:
N’avra Amors de mei merci? Il me navra en un esguart, en l’oil me feri de son dart, de celui d’or, ki fait amer; tot le me fist el cuer coler. (V. 8158-62) Wird Amor kein Erbarmen mit mir haben? Er verwundete mich durch einen Blick, er traf mich mit seinem Pfeil ins Auge, mit jenem aus Gold, der Liebe bewirkt; er ließ ihn mir gänzlich ins Herz dringen.

Amor verwundet Lavinia durch einen Blick. Menschliches Tun – der Blick der Lavinia – und göttliche Aktion – das Abschießen des Pfeils – sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn es heißt: Er verwundete mich

Amors Pfeil

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durch einen Blick, ‚ist‘ der Blick der Lavinia auf den schönen Trojaner der Pfeil des Gottes Amor. Man kann das metaphorische Geschehen auf eine Formel bringen: Im Minnemonolog der Lavinia fungiert der Blick anders als im erzählten Geschehen als Amors Pfeil. Mythisches Geschehen wird in mittelalterliche Liebespsychologie überführt. Wie sieht diese Szene bei Heinrich von Veldeke aus?
Dô der hêre dare quam und sîn diu maget lussam dâ nidene wart gewar und si ir ougen kêrde dar, dâ si was ûf deme hûs: dô schôz si frouwe Vênûs mit einer scharphen strâle. daz wart ir al ze quâle sint uber ein lange stunden (V. 10031-39) Als nämlich der Herr hinkam und das liebliche Mädchen ihn dort unten erblickte und ihren Blick auf ihn richtete von ihrem Platz im Haus aus, da schoß Frau Venus mit einem scharfen Pfeil auf sie. Das brachte ihr seither nur Schmerzen für eine lange Zeit.

Im Minnemonolog der Lavinia, der sich dieser Szene anschließt, heißt es:
Amôr hât mich geschozzen mit dem goldînen gêre des mûz ich quelen sêre und ez koufen tûre (V. 10110-13). Amor hat auf mich geschossen mit dem goldenen Pfeil. Dafür muß ich mich sehr quälen und es teuer bezahlen.

Später klagt sie: von sînen minnen bin ich wunt / und lîde micheln ungemach (V. 10196f.; „Die Liebe zu ihm hat mich verwundet, / und ich leide große Qual“). ‚Mythische‘ Rede – Amor hat auf mich geschossen – steht neben bereits abstrakter allegorischer Rede – die Liebe zu ihm hat mich verwundet; bei Heinrich von Veldeke sind beide Redeweisen, die mythische und die allegorische, zumindest der Tendenz nach weniger aufeinander bezogen, als dies im RdE der Fall ist. Während im RdE in der Figurenrede die allegorisch-metaphorische Redeweise obsiegt, konstruiert Heinrich von Veldeke

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im Minnemonolog der Lavinia ein Nebeneinander von mythischer Rede und Allegorese, der Blick Lavinias und der Pfeil Amors werden nie als ein und dasselbe identifiziert. Neben dem Blick als Pfeil im RdE stehen im Eneasroman Blick und Pfeil. Damit wird bei Heinrich von Veldeke der mythischen Sichtweise der Dinge ein neuer Raum eröffnet, er hegt im Wissen um die allegorische Funktion mythischer Figuren und Erklärungsweisen eine deutliche Sympathie für eine Remythisierung der Minne, einen ‚Neuen Mythos‘ der Minne. Dies wird deutlicher, wenn man das Augenmerk darauf richtet, wie die beiden volkssprachlichen Texte umgekehrt die Minne des Eneas zu Lavinia begründen. Lavinia beauftragt im französischen Roman einen Schützen, Eneas einen Pfeil zuzuschießen, der mit einem Brief versehen ist, in dem Lavinia ihre Liebe zu Eneas offenbart. Sie sieht keine andere Möglichkeit, in ihm Gegenliebe zu entzünden. Eneas empfängt den Brief und freut sich über das Liebesgeständnis der Lavinia. Um seiner Leute willen zögert er indes, sie freundlich anzuschauen. Heimlich tauschen sie Liebeszeichen aus. In einem Minnemonolog des Eneas wird der briefbestückte Pfeil der Lavinia als Pfeil Amors interpretiert.
Amors, nen ai vers tei rados, tu ne me lais aveir repos, nus oem estranges, par ma fei, n’eüst noalz que ge vers tei. Tu m’as de ton dart d’or navré, mal m’a li briés enpoisoné qu’entor la saiete trovai. (V. 8949-8955) Amor, ich habe gegen dich keinen Beistand, du läßt mich keine Ruhe finden, wahrhaftig, keinem fremden Mann erginge es schlechter als mir durch dich. Du hast mich mit deinem goldenen Pfeil verwundet, übel hat mich der Brief vergiftet, den ich um den Pfeil herumgebunden fand.23

Hier wird nicht davon erzählt, dass Amor wie im Fall der Lavinia einen Pfeil auf Eneas schießt, im Gegenteil, um Minne in Eneas zu entzünden, bedient sich Lavinia eines Liebesbriefs, den sie mit einem Pfeil verschickt bzw. verschicken lässt. Eneas deutet diesen Liebespfeil der Lavinia nur mehr als Amors Pfeil. Im Zusammenhang der Eneasminne sind im RdE die Götter nicht mehr im Spiel, sie sind nur mehr Figuren der Deutung des Geschehens. Es ist die Schrift in Form des Briefes, die die Liebe entzündet, gleich23 Vgl. RdE, V. 8972f.: Mais li brievez ki entor ert,/ m’a molt navré dedenz le cors („Aber das Briefchen, das darumgebunden war, hat mich heftig innen in meinem Körper verwundet.“)

Amors Pfeil

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sam nur mehr zitathaft-topisch bedient sich der RdE hier der Geste einer mythischen Stiftung. Das sieht nun bei Heinrich von Veldeke anders aus. Er nimmt die Deutung des Eneas im RdE, die Interpretation des Pfeils der Lavinia als Pfeil Amors, zum Anlass, die Götter erneut ins Spiel zu bringen. Im Eneasroman Heinrichs von Veldeke gibt es neben dem briefbeschwerten Pfeil der Lavinia einen Pfeil Amors, der in Eneas die Liebe zu Lavinia entzündet. Einen solchen Pfeil Amors als erzähltes Geschehen sucht man im RdE vergebens. Im RdE ist Amor im Zusammenhang der Entstehung der Eneasminne keine Figur des erzählten Geschehens, er ist eine Deutungsfigur, im deutschen Eneasroman wird Amor als agierende Größe erneut ins Recht gesetzt – allerdings in einem Wissen um die in der Allegorese betriebene ‚Entmythologisierung‘ der Götter.
ein ritter die strâle nam und gab si Ênêase in die hant. den brief her dar ane vant, der under die vederen was geleget. […] geswâslîche er abe nam den brief derm an dem zeine quam. dô hern gesach unde gelas, daz dar an gescriben was, dô wart her frô unde sweich. der junkfrouwen her geneich, dâ si in dem venster lach. si frowete sich dô sin gesach unde neich im hin wider von dem venster hin nider. her neich hin ûf und sie her abe. (V. 10916-10941) Ein Ritter nahm den Pfeil und reichte ihn dem Eneas. Der fand den Brief, der unter die Fiederung gelegt worden war. […] Heimlich nahm er den Brief ab, der mit dem Pfeil zu ihm gekommen war. Als er ihn betrachtet und gelesen hatte, was darin geschrieben stand, wurde er froh und schwieg still. Er machte eine Verbeugung zu dem Edelfräulein hin, wo sie aus dem Fenster lehnte. Sie freute sich, als sie ihn sah, und grüßte zurück vom Fenster hinab. Er grüßte hinauf und sie hinab.

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Hier liegt eine Inszenierung von Minneentstehung über Schrift vor. Sie bedeutet eine entschiedene Rationalisierung des mythischen Minnegeschehens. Die Rationalisierung der Minneentstehung durch Schrift ist das Pendant zur allegorischen Entmachtung der Götter. Der RdE verharrt bei solcher Rationalisierung, Veldeke hingegen kommt erneut auf die Götter, auf eine mythische Erklärung der Minne zu sprechen. Nachdem Eneas den Brief gelesen hat, reitet er näher an die Burg heran:
her reit dem venster nâher bî, dâ diu junkfrouwe inne lach. ir antluze her besach, daz alsô minnechlîch was. dô markte Ênêas ir ougen unde ir munt: dô schôz in Amôr sâ ze stunt mit dem goldînen gêre eine wunden sêre und Vênûs diu mûder sîn geschûf daz im daz magedîn lieb wart als sîn eigen lîb, daz im nie weder maget noch wîb dâ vor nie sô lieb ne wart. daz geliebete im die vart. (V. 10976-10990) Er ritt näher an das Fenster, in dem das Fräulein lag. Er erblickte ihr Antlitz, das so lieblich war. Eneas betrachtete ihre Augen und ihren Mund: in diesem Augenblick schoß ihm Amor mit dem goldenen Pfeil eine schmerzende Wunde, und Venus, seine Mutter, bewirkte, daß ihm das Mädchen lieb wurde wie sein eigenes Ich, so daß ihm keine Jungfrau oder Frau früher ebenso lieb gewesen wäre. Das machte ihm den Ausritt teuer.

Die Entstehung der Liebe über die Lektüre des Briefes und den Anblick Lavinias reichen Veldeke nicht aus, es bedarf einer weiteren Wirkmacht, eines zweiten, eines göttlichen Pfeils, und darüber hinaus des Zutuns der Venus, um die Liebe zu entzünden.24
24 Anders SCHNELL [Anm. 16], S. 212-218, hier S. 218.

S. Der Neue Mythos ist ein dezidiert literarischer Mythos. schildert in konziser Weise die hier in Rechnung gestellten Stadien der Mythenentwicklung. In: Religiologiques 10 (1994). . Remythisierung und neuer Mythos. hier S. Alterität und Modernität der mittelalterlichen Literatur. zum 13.26 Dies ist vor allem in der neuen Gattung der Minneallegorie im 13. von WILFRIED BARNER/ANKE DETKEN/JÖRG WESCHE. die Ablösung des Mythos durch die Allegorese des Mythos. die man als Remythisierung oder Neuen Mythos bezeichnen könnte. S. Die in Frage stehenden historischen Stationen der Entwicklung des Mythos – Mythos und allegoretische Entmächtigung des Mythos – bilden paradigmatische Positionen innerhalb des Romangeschehens.Amors Pfeil 79 4. Der mythisch initiierten Didominne stehen das im Zeichen der Allegorese konstruierte Minnegespräch zwischen Mutter und Tochter und die metaphorisch-allegorisch gefärbte Genese der Lavinia-Eneas-Minne gegenüber. um Minne entstehen zu lassen. Stuttgart 2003. HANS ROBERT JAUSS: Allegorese. dass Heinrich von Veldeke den Neuen Mythos als postallegorischen Mythos einführt. aber das genügt offenbar nicht. Besonders deutlich führt dies die Entstehung der Eneasminne gegenüber Lavinia vor Augen. Heinrichs Eneasroman belegt diese Denkweise als einer der ersten Zeugen bereits im 12. die Grenze des ornamentalen Gebrauchs der Mythologie überschritten worden sei und in der allegorischen Aneignung antiker Mythen und Fabeln ein gegenläufiger Prozess der Remythisierung personifizierter Wesenheiten sich abzeichne. erzählsyntagmatisch ab. München 1977. Er begreift anders als die Mehrheit der Mythentheoretiker gar die Rationalisierung des Mythischen als Form mythischer Persistenz. die Götter werden als bereits allegorisch entmachtete Figuren erneut ins literarische Spiel eingebracht. 25 26 JEAN-JACQUES WUNENBURGER: Mytho-phorie. Zwar löst der Brief den Blick des Eneas auf Lavinia aus.. Jahrhundert. Jahrhundert der Fall. In: Ders. 286. um den sich die höfische Literatur ritualhaft verfestigt und ihre neue Mythologie ausbildet“. Der Neue Mythos ist typisch für das 13. genauer um 1200 herum. Hrsg. Remythisierung/Neuer Mythos Der altfranzösische Roman d’Eneas bildet den historischen Prozess der Mythenentwicklung25. 290-300). Wichtig ist der Umstand. dass im Mittelalter als dem Zeitalter der babylonischen Gefangenschaft der antiken Mythologie. 285-307. HANS ROBERT JAUSS meint. Der deutsche Eneasroman Heinrichs geht im Vergleich zur französischen Vorlage einen entscheidenden Schritt weiter. S. Formes et transformations du mythe. Jahrhundert werden im besonderen die antiken Mythen von Amor und Venus zum Kristallisationskern. Er verlängert die Abfolge Mythos und Allegorese um eine Perspektive auf die Minne. 49-70 (Auszug abgedruckt in: Texte zur modernen Mythentheorie. „Um die Wende vom 12. Jahrhundert.

nicht also auf die erzählbare Struktur kulthafter oder textgebundener Geschichten von Göttern und Menschen. ohne indes die Erwiderung entzünden zu können. Man liebt nicht alles. 286f. . er lenkt den Blick des Eneas auf Lavinia. se ne poeie home esguarder que mei ne l’esteüst amer: o merveilles en amereie o molt poi en esguardereie. Maint altre en ai ge ja veü. L’en n’aime pas quant que l’en veit. Nicht von ungefähr bedarf es zweier Pfeile. allzu sehr wäre ich in großer Bedrängnis. ohne daß ich ihn lieben müßte: entweder würde ich außerordentlich viele Männer lieben. daß die antiken Götter […] mehr und mehr zu Personifikationen herabsanken.27 Man kann den Neuen Mythos darüber hinaus als Versuch verstehen.80 Bruno Quast/Monika Schausten Der post-allegorische Mythos des Hochmittelalters bleibt stets auf die Zwischenwelt allegorischer Personifikationen bezogen.. Der Liebesbrief gibt nur die Richtung der Aufmerksamkeit vor. S. niemals hat es mir das geringste bedeutet. trop par sereie en grant destreit. Didos Minne zu Eneas wird von den Göttern verhängt. sie wird durch unmittelbare Berührung – Kuss – auf Dido übertragen. Erst Amors Pfeil macht diesen Blick zu einem Liebesblick. das Feuer der Liebe sei in ihr aber nicht jedes Mal entstanden. (V. Diese Form magischer Minne setzt einen unmittelbaren Kontakt voraus. 8149-8156) Manch anderen Mann habe ich schon gesehen. was man sieht. wenn ich einen Mann nicht ansehen könnte. dem Nichterklärbaren der Minne literarisch-mythisch beizukommen. onc mais de nul rien ne me fu. während die menschlichen Affekte wie alle seelischen Kräfte […] über die psychologische Beschreibung zu personifizierten Wesenheiten von fast mythischem Rang hinauswuchsen. Demgegenüber ermöglicht im Fall der Lavinia das Medium der Schrift zwar das Antragen der Liebe und die Evokation des Blicks. Historisch vorauszusetzen ist hier der […] schon vor der christlichen Ära einsetzende Prozeß. kann aber keine Erwiderung finden. um die Minne des Eneas entstehen zu lassen. 27 Ebd. oder ich würde nur sehr wenige anschauen. Lavinia stellt daher im RdE eine bezeichnende Überlegung an: sie habe zwar viele Männer angesehen. sie kennt das vermittelnde Zeichen noch nicht.

. das verantwortlich zeichnet für das Zustandekommen von Liebe. Stuttgart 1999. so dass ihre plötzlich aufkeimende Leidenschaft für Eneas durchaus einen Konflikt heraufbeschwört. dessen Gewinn allein die Zukunft des Römischen Reiches zu garantieren vermag. Die Herrschaft über das Römische Reich und nicht allein die Feindschaft zwischen Rom und Karthago wird in ihnen über eine Liebesgeschichte mythisch begründet. Nichterklärbaren.Amors Pfeil 81 Der Blick ist zwar eine notwendige.28 Diese Zukunft ist freilich über ein Orakel der Götter schon geklärt. wird – wie oben bereits erwähnt – Protagonistin einer zunächst aussichtslos erscheinenden. ohne Amor diesen Pfeil abschießen zu lassen. Vergil (Anm. und deshalb an ihrem Beginn unglücklichen Liebesgeschichte. Somit prägen besonders in der Version des deutschen Autors nicht-rationale Semantisierungen deutlich die Diskursivierung der Liebe. Über den Blick hinaus bedarf es eines Besonderen. MANFRED FUHRMANN: Geschichte der römischen Literatur. obwohl sie doch von vornherein von den Göttern als Partnerin des Eneas vorgesehen ist. und Lavinia ist lediglich als Spielball im Kampf der Trojaner gegen den Rutulerfürsten Turnus von Interesse.29 Die Veränderungen vor allem der Lavinia-Geschichte in den mittelalterlichen Texten gegenüber der antiken Vorlage sind offensichtlich einschneidend. Vgl. und damit auf 28 29 Vgl. Schaut man auf die Erzählung von Dido und Eneas bei Vergil. 7. das dem Vater der Lavinia bereits vorausgesagt hatte. die Tochter müsse an einen auswärtigen Helden verheiratet werden. dazu bes. aber eben nicht hinreichende Bedingung für die Entstehung von Liebe. In Heinrichs Roman zeigt sich. 208f. so dient der Bericht von der in Hass umschlagenden Liebe zwischen Dido und Eneas vor allem einer mythischen Begründung der Feindschaft zwischen Rom und Karthago. so stellen die mittelalterlichen Versionen in den Volkssprachen ihre Erzählungen von Liebe geradezu in den Mittelpunkt der berichteten Ereignisse. Der Akzent allerdings liegt nun weniger auf dem genealogischen. Gesang. sondern vielmehr auf dem Liebesmotiv. dass es trotz der Medialisierung des Liebes-Affekts eben doch seiner Mythisierung bedarf. Deshalb deutet sie den Blick als göttlichen Pfeil. S. Der RdE und Heinrichs Text lenken die Aufmerksamkeit ihrer Rezipienten damit auf das Wesen der Liebe. ist sie doch in den mittelalterlichen Erzählungen bereits dem Rutuler-Fürsten Turnus versprochen. 9). Dieses Besondere chiffriert der Eneasroman Heinrichs erneut in Gestalt des in das Geschehen eingreifenden Liebesgottes. um den Bestand des Reiches auf Dauer sichern zu können. wie es sich am Beispiel der Lavinia-Figur zeigt. Hatte das antike Epos des Vergil bekanntlich die Liebe den Belangen des mythischen Motivs einer genealogischen Verwurzelung Roms in Troja gänzlich nachgeordnet. Auch Lavinia.

dass es eine besondere Qualität der Liebe ist. mit dem er das Objekt ihrer Begierde im wahrsten Sinne des Wortes trifft. wie Rougemont es formuliert hat.82 Bruno Quast/Monika Schausten ihre Codierung und Begründung. Die mittelalterlichen Texte aber gehen noch einen Schritt weiter: Denn sie betonen vor allem abschließend darüber hinaus den Gedanken.30 Nur in ihrem problematischen Anfang ist die Liebe Lavinas’ und Eneas’ für die mittelalterlichen Autoren von Interesse. 20: „Und doch bedeutet die Leidenschaft der Liebe tatsächlich ein Leiden.“ . S. aber codieren letztlich gemeinsam die Liebe als Leidenschaft. als sie Leiden. den Gedanken also. dass ihre Entstehung und damit sie selbst sich jeder möglichen Form der Begründung gerade entzieht. 1). 30 DE ROUGEMONT (Anm. Verwundung sowie die Gefahr von sozialer Isolation mit sich bringt. Indem gerade in der Version Heinrichs der Liebesbrief dann doch der Unterstützung des göttlichen Pfeiles bedarf. demonstriert der Roman einmal mehr mythisch die Unbegründbarkeit der Liebe als Gefühl. eben nur insofern. Lavinias Brief und der Pfeil. Die besondere Qualität der Liebe als Gefühl konkretisiert sich in der Literatur demzufolge nicht allein im Rekurs auf ihre seit der Antike durch eine Engführung mit dem medizinischen Diskurs tradierten physischen Akzidentien. dass die Liebe als Gefühl sich letztlich selbst nicht im Medium ihrer schriftlichen Darlegung rational begründen lässt.

10-27. vollziehen. August 2003). Dr. Schriftliche Liebeskommunikation in mittelhochdeutscher Epik. auch BURKARDs Katalogbeitrag: Die Boten des Glücks. Programmatisch zog dieses Fazit etwa die Ausstellung liebe. Liebe. sondern kennzeichnen ein im Text als individuell. Wendungen wie ‚personales Gefühl‘ implizieren demnach kein individualisiertes Gefühl im neuzeitlichen Sinne. Susanne Köbele. Februar bis 31. eines codierten Affektes. sondern deren Wesen: „Liebe ist Kommunikation“. S. die sich jenseits der Figuren. je neuen Phasen des Gefühls.1 Als Gefühl vollzieht sich Liebe zudem in Phasen.komm – Botschaften des Herzens im Museum für Kommunikation Frankfurt (15. die durch den von BENEDIKT BURKARD herausgegebenen Katalog: liebe. Botschaften des Herzens. Münster. Volker Honemann.ASTRID BUßMANN ‚her sal mir deste holder sîn. Für ihre Unterstützung danke ich Herrn Prof. Heidelberg 2003 (Kataloge der Museumsstiftung Post und Telekommunikation 17) dokumentiert wird. / swenner weiz den willen mîn‘ Variationen des Liebesgeständnisses in Heinrichs von Veldeke Eneasroman 1. Münster (masch. Dr. die von je neuen Akten der Kommunikation getragen werden. . d. wie die neueren Publikationen zum Thema ‚Liebeskommunikation‘ folgerichtig betonen. Das Zitat entstammt dem Klappentext. inszeniertes Gefühl – in Abgrenzung zu überpersonalen Konzepten wie dem fatum. aber erst das – verbale oder nonverbale – Kommunizieren dieses Gefühls im Liebesgeständnis führt zu seiner Verwirklichung.) 2004.komm. Erlangen-Nürnberg. als Affekt einer Figur. Zur Einheit von Liebe und Kommunikation und zur Phasenhaftigkeit der Liebe vgl. – Dieser Aufsatz ist eine überarbeitete Fassung des zweiten Kapitels meiner Magisterarbeit: von holder minne guetiu red. Hartmut Kugler und Frau Prof. So ist Kommunikation nicht allein die Voraussetzung von Liebe. Geständnis und Variation Liebe ist ein Gefühl. in Dichtung stilisierten und in Metaphorik reflektierten. Liebe im Zeitalter der Kommunikation. Dr. kurz gesagt. die affektive Bindung eines Ich an ein Du. h.2 Wenngleich die Einheit von Liebe und Kommunikation somit prinzipiell alle Phasen der Liebe betrifft. erfährt sie eine spezifi- 1 2 Ich verwende den Begriff ‚Gefühl‘ zur Bezeichnung eines über Texte vermittelten. sowie Herrn Prof. gewissermaßen quer zu ihnen.

Berlin 1997 (PhSt 143). hier S. Chr. klassifiziert er seine drei Beispielfälle als Vertreter der „fraglosen Kommunikation“. New York 1998. „Das Liebesgeständnis ist“ – wie es etwa WALTER HAUG emphatisch formuliert – „wohl das höchste Risiko. (Wolfram von Eschenbach: Parzival. 23-41. Ausgabe von KARL LACHMANN. aufs Spiel. von HORST WENZEL. als Person. um wieder Gefühl zu werden. der seinerseits wiederum Vergils Aeneis (29-19 v. S.31. 40). Als Akt der Offenbarung des Ich vor dem Du eignet dem Liebesgeständnis dabei ein nicht unbeträchtlicher Risikocharakter. Berlin. 23 (Zitat). si wolde oder enwolde (267. das man in der Begegnung mit dem Du eingehen kann. In dieser Episode verliebt sich Lavinia.3 Einer der mittelalterlichen Romane. und das ist. der mit besonderer Intensität um den Beginn der Liebe und damit notwendigerweise auch um das Liebesgeständnis kreist. Ohne dabei eine literarhistorische Linearität behaupten zu wollen. dass sich die bereits Veldekes Zeitgenossen evidente Konzentration auf die Liebeswerbung4 de facto auf die der Werbung inhärente Engführung von Liebe und Kommunikation zuspitzen lässt. sie durch andere Formen der Kommunikation zu ersetzen“ (S. Auf den Eneasroman verweist er beiläufig als Variation dieser heuristischen Muster (S. der „vollentfalteten Problematik der Kommunikation in der personalen Begegnung“ und der „Radikalisierung der Problematik im Versagen der Sprache und den scheiternden Versuchen. Übersetzung von PETER KNECHT. wie man Euch behalten kann! Er hat davon bloß die Frage abgespalten. Mittelhochdeutscher Text nach der 6.“). so dass sich HAUG in seiner Untersuchung zu literarischen Geständnisszenen auf Variationen des verbalen Liebesgeständnisses konzentriert. 11). 32) – kurz als „Botschaften. Jh. Geständnisse[ ] und Sprachlosigkeiten“ (S. Studienausgabe. wird im Geständnis das Gefühl doch zum ersten Mal zum Wort. „ob 3 WALTER HAUG: Das Geständnis. mehr als das Leben. Von den drei Minnebindungen des Romans – der Verbindung von Dido und Eneas. eine mittelhochdeutsche Adaptation des altfranzösischen Roman d’Eneas (um 1160). „Wenn er uns nur deutlicher auseinandergelegt hätte. Wesentlich für die Minnekonzeption des Eneasromans erscheint mir nämlich. Anm. ist Heinrichs von Veldeke Eneasroman (zwischen 1170 und 1190). schließlich kann das offenbarte Gefühl auch zurückgewiesen werden.“ Dabei ist unstrittig. 292. dass das verbale Liebesgeständnis wegen seiner Eindeutigkeit riskanter ist als das nonverbale Geständnis. wie man Euch erwirbt.). denn man setzt sich selbst. Liebe und Risiko in Rede und Schrift. In: Gespräche – Boten – Briefe. der Verbindung von Lavinia und Eneas und der Verbindung von Lavinia und Turnus – kann Veldekes Konzeption einer Liebe als Kommunikation dabei am besten an der Verbindung von Eneas und Lavinia aufgezeigt werden. Hrsg. Einschlägig ist besonders die Klage von Wolframs Parzival-Erzähler gegenüber der personifizierten Minne: het er uns dô bescheiden baz / wie man iuch süle behalten! / er hât her dan gespalten / wie man iuch sol erwerben. wenn man es ganz ernst nimmt. in Gottfrieds Tristan (um 1210) und im Prosalancelot (zwischen 1230 und 1250). HAUG untersucht die drei Geständnisszenen im König Rother (2.84 Astrid Bußmann sche Engführung im Liebesgeständnis. 4 . Einführung zum Text von BERND SCHIROK. H.) adaptiert. 12.20-23. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelalter. 33.

gleichwohl zum einzigen Weg erklärt. Bd. Ein Minnebekenntnis ist für Lavinia insofern zwar besonders riskant. / dar umbe enbiete ich ime daz. wie weh mir die Liebe zu ihm tut. wird von ihr aber in einer Minnelogik. auch die Wiederholung dieses Gedankens: ‚ich mûz. Nach dem Text von LUDWIG ETTMÜLLER ins Neuhochdeutsche übersetzt. untröstliche Leid niederschreiben. / wie wê mir sîn minne tût. aber auch.24-33. und will ihm mitteilen.‘“). „‚Ich muß. hern mûste mich minnen. das ich zu ertragen habe. von THEODOR FRINGS/ GABRIELE SCHIEB. wâne ich. Meine Übersetzungen basieren auf den Übersetzungen der genannten Editionen. Meine Hauptthese ist durch diese Mehrdeutigkeit jedoch nicht berührt. Besitzt er ein männliches Herz. M.‘ (276. von der ich niemals Kenntnis erhalten habe –. wobei ich mir in Zweifelsfällen Änderungen vorbehalte.14f. München 1972 (Klassische Texte des romanischen Mittelalters in zweisprachigen Ausgaben 9). glaube ich. / hât her dan manlîchen mût. Vgl. 1992 [Bibliothek des Mittelalters 4 = Bibliothek deutscher Klassiker 77]). Ihrer Liebe bleibt die Gegenliebe aber vorläufig verwehrt. Mit den Miniaturen der Handschrift und einem Aufsatz von DOROTHEA und PETER DIEMER. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Gegenliebe zu erlangen:6 ‚wister daz ich ime bin sô unmâzlîchen holt âne menneschlîche scholt. von HANS FROMM. Hrsg. der ich nie kunde gewan. in der die Kausalität von Wissen und Liebe durch das dar umbe besonders eklatant ist.‚her sal mir deste holder sîn. daß er mich nicht lieben würde. mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von DIETER KARTSCHOKE. Halle 1891 [Bibliotheca Normannica 4]) folgt. / swenner weiz den willen mîn. Frankfurt a. Texte critique. Hrsg. wenn er weiß. 1: Einleitung – Text. wäre er sicher kein so schlechter Mann. die Liebe durch Liebe – oder genauer: durch das Wissen um Liebe – generiert. / her sal mir deste holder sîn. in aller Schicklichkeit in einem Brief das große. noch jemals eigene Gefühle zu erkennen gegeben hat (285. durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe Stuttgart 1997 (RUB 8303). / des ich mich mûz genieten. Den Roman d’Eneas zitiere ich nach: Le Roman d’Eneas. Übersetzt und eingeleitet von MONICA SCHÖLER-BEINHAUER. hern wâre nie sô ubel man. von JACQUES SALVERDA DE GRAVE.12-17) „Wüsste er. Die Berliner Bilderhandschrift mit Übersetzung und Kommentar. Hrsg. in welchem Übermaß ich ihm gewogen bin – ohne (irgendeine) menschliche Verfehlung. weil sich scholt potentiell auf Eneas statt auf Lavinia beziehen könnte. Deshalb teile ich ihm das mit.2-5). das auch ‚Verpflichtung‘ heißen könnte. der im Wesentlichen dem kritischen Text von SALVERDA DE GRAVE (Eneas.“7 5 Ich zitiere den Eneasroman nach: Heinrich von Veldeke: Eneasroman. / und wil im enbieten. 2. wird er mir umso gewogener sein. / swenner weiz den willen mîn‘ 85 sie nun wollte oder nicht“). Berlin 1964 [DTM 58]) und FROMM (Heinrich von Veldeke: Eneasroman.. ist die Übersetzung von V. da der Trojaner weder von ihren maßlosen Gefühlen weiß.‘ (285. Jeweils verglichen sind die Ausgaben von FRINGS/SCHIEB (Henric van Veldeken: Eneide. was ich will. Wegen des breiten Bedeutungsspektrums von scholt. 276.5 in Eneas. letztlich eine Frage der Interpretation. scrîben / gefûchlîche an einen brief / daz grôze leit âne lief. 6 7 .

von WERNER RÖCKE/URSULA SCHAEFER.86 Astrid Bußmann Programmatisch konstruiert die Prinzessin damit einen Kausalzusammenhang zwischen Wissen und Liebe. Analog zu OSWALD. die zwar ebenfalls überwiegend nonverbal bleibt.7-266. INGRID KASTEN: Herrschaft und Liebe. 117. damit nonverbal bleibende. In: Monatshefte 78 (1988). . Anm. Doch trotz dieses vordergründig simplen Automatismus von Liebe und Kommunikation darf der Minnekonzeption des Eneasromans eine spezifische Komplexität nicht abgesprochen werden. 109-146. h. Da sich die Sprache der Liebe nämlich primär durch die Art des Sprechens definiert. Wenngleich nach KASTEN die These von der Minne als ‚Sinnzentrum‘ des Eneasromans in der germanistischen Forschung nicht länger vertreten wird. Zur Rolle und Darstellung des ‚Helden‘ im Roman d’Eneas und in Veldekes Eneasroman. Literarische Kommunikation und Deutungsschemata von Wirklichkeit in der Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit. die als verbalisierte Bekenntnissituation gewertet werden kann.18) jedoch auch eine Kommunikationssituation aufweist. nicht durch Dritte vermittelte. d.9 wird die Minnethematik im vorliegenden Aufsatz somit unter neuer Akzentuierung wieder aufgegriffen. der Gegenliebe auf ein Informationsproblem reduziert. mit seinem durch Lavinias Mutter bezeichnenderweise nur indirekt kommunizierten Minnebekenntnis (260. hier S. 225-245. Die weitestgehend an Körpersprache gebundene. „schicklichen“) – Kommunikationsmediums. In: Mündlichkeit – Schriftlichkeit – Weltbildwandel. Tübingen 1996 (ScriptOralia 71).8 basiert die gelungene Motivierung von Minne letztlich auf der Medialität des Liebesgeständnisses.10. Hrsg. hier S.24-35). Denn wie einerseits Lavinias Schwierigkeiten bei der Wahl des geeigneten – und das bedeutet in ihren Augen gefûchlîche[n] (285. verbale Bekenntnis in der Schrift stilisiert – Lavinias berühmter Liebesbrief (286. ein verbales Bekenntnis sogar explizit vermeidende Minnekommunikation von Dido etwa führt ebenso wenig zu Gegenliebe wie die Minnekommunikation von Turnus. 3. die DidoEpisode und Lavinia-Episode als „Variationen zum Thema ‚(Liebes-)Gaben‘“ begreift – wobei sie die Dido-Episode durch die maßlos gegebene (Hin-)Gabe. S. erweist sich nicht jede Form der Liebeskommunikation im narrativen Kontext als erfolgreich. Zum Auslöser beständiger Minne wird aber allein das direkte. 228. andererseits die scheiternden Beziehungen von Dido und Eneas sowie Lavinia und Turnus verdeutlichen. die Lavinia-Episode hingegen durch die nicht gegebene (Hin-) 8 9 HANS-JÜRGEN BACHORSKI: Posen der Liebe. nämlich unter der Korrelation von Liebe und Medialität der Liebeskommunikation. S. Zur Entstehung von Individualität aus dem Gefühl im Roman Paris und Vienna. den sie durch einen Pfeilschuss an Eneas übermitteln lässt.

sondern auch die von der Forschung gemeinhin vernachlässigten Parallelen zwischen Lavinia-Episode und Turnus-Episode herangezogen werden. auch S.10 sollen die Minnehandlungen des Eneasromans im Folgenden als Variationen zum Thema ‚Liebesgeständnis‘ beschrieben werden. die die nicht gegebenen Minnegaben hârbant. Göttingen 2004 (Historische Semantik 7). 174. Multiperspektivität im Roman d’Eneas und in Veldekes Eneasroman.und Turnus-Handlung. hier S. S.und Lavinia-Handlung in einer „Struktur des kontrastiven Parallelismus“12 aufeinander. S. In: Variationen der Liebe.-7. Da unter diesem kommunikativen Aspekt vor allem die mediale Opposition wesentlich wird. / swenner weiz den willen mîn‘ 87 Gabe charakterisiert –.6) belegt werden kann. von THOMAS KORNBICHLER/WOLFGANG MAAZ. Interessant ist der Gabendiskurs.‚her sal mir deste holder sîn.1-127. 11-25. andererseits Träger einer versprochenen. 57-85. rîse. Historische Psychologie der Geschlechterbeziehung. ‚aufgeschobenen‘ Gabe. 232f. auf der sich weitere Oppositionen wie Verbalität und Nonverbalität. aber mit gleicher Ausrichtung. hier S. 89. hier S. Ärmel. Tübingen 1998. Die – sicher auch moralisch entlastende – Funktion der fata formuliert für Dido HERFRIED VÖGEL: Das Gedächtnis des Lesers und das Kalkül des Erzählers.und Minneverhalten – zwischen Gabe und Hingabe – vgl.“ Impliziter. In: Erkennen und Erinnern in Kunst und Literatur. DIETMAR WENZELBURGER: Motivation und Menschenbild der Eneide Heinrichs von Veldeke als Ausdruck der geschichtlichen Kräfte ihrer Zeit. Denn in der Inszenierung des Minnebekenntnisses weisen nicht nur Dido. Studien zur Logik und Poetik der Gabe in der frühhöfischen Erzählliteratur. vingerlîn und borden ersetzt (322. erfolgt punktuell auch eine Annäherung an RUSINEK. des im Brief gegebenen Liebesversprechens (S.).8-324. Tübingen 1995 (Forum Psychohistorie 4). RUSINEK: Veldekes Eneide. 228f. 63: „Dido scheitert nicht aufgrund einer defizitären Minne. S. Wie anhand der signifikanten Strukturparallele zwischen dem von Lavinia an Eneas und dem von ihrer Mutter an Turnus geschriebenen Brief (126. Direktheit und Indirektheit der Minnekommunikation allererst begründen. weil er Lavinias Liebesbrief in einer Doppelfunktion perspektiviert: Der Brief ist einerseits selber Gabe. Die Einschreibung der Herrschaft in das Liebesbegehren als Unterscheidungsmerkmal der beiden Minne-Handlungen.13 Ausgehend von WENZEL10 MARION OSWALD: Gabe und Gewalt. Kolloquium Reisensburg. 64. von DIETMAR PEIL/MICHAEL SCHILLING/PETER STROHSCHNEIDER. Ring und Gürtel“). für Turnus. „Haarband. Januar 1996. 51-93. Zum Eneasroman Heinrichs von Veldeke. 11 12 13 .11 Abweichend von OSWALD und RUSINEk sollen für die Interpretation der Liebeskommunikation jedoch nicht allein die Parallelen zwischen Didound Lavinia-Episode. mouve. Die für Dido und Turnus aufzuzeigende Korrelation von scheiternder Liebe und scheiternder Liebeskommunikation korrigiert dabei nicht zuletzt die in der Forschung populäre These vom Scheitern der Dido-Minne und der Turnus-Minne allein aus dem geschichtlichen telos der Handlung heraus. Für den Konnex zwischen Gabe. BERND A. sondern weil sie gemäß dem geschichtlichen Telos der Handlung scheitern muß. Schleier. Hrsg. S. Göppingen 1974 (GAG 135). Hrsg. In: Monatshefte 78 (1986). argumentiert URSULA LIEBERTZ-GRÜN: Geschlecht und Herrschaft.13. S. 22. gilt dies auch für Lavinia. der detailliert die „Rolle der Schrift als Unterscheidungsmerkmal zwischen den beiden großen Minne-Episoden“ des Eneasromans diskutiert. 4.

dass die Liebeskommunikation das Gefühl einerseits interpretiert. dass Veldeke einerseits parallele Kommunikationssituationen neu in den Text inseriert. das überpersonale fatum. . Dennoch bleibt zu betonen. betont dabei gleichzeitig die Dialektik im Liebes. dass die Interpretation der Minneepisoden als Variationen zum Thema ‚Liebesgeständnis‘ für den Eneasroman zwingender ist als für den Roman d’Eneas. Exemplarisch belegen lässt sich Ersteres durch die Neuschöpfung des Briefes. dass Heinrich von Veldeke dieses Gefühl auf der Figurenebene seines Romans im Kommunikationsverhalten seiner Protagonisten exemplifiziert.23-57.88 Astrid Bußmann BURGER. entsteht die Minnekonzeption des Eneasromans nicht voraussetzungslos. den Lavinias Mutter an Turnus schreibt. Die dadurch hervorgehobene Ähnlichkeit der Konfliktsituation von Dido und Lavinia. Da die Karthagerin nämlich das verbale Geständnis unterlässt. das ausschließlich im Eneasroman verschiedene Strategien des Liebesgeständnisses kontrastiert (53.27-39). 12). Letztlich wird für das Verhältnis von Prätext und Retext damit das Wechselspiel entscheidend. Denn da die um Lavinia zentrierte Liebeshandlung und damit der kontrastive Parallelismus von Dido-Minne und Lavinia-Minne eine Neuschöpfung des Roman d’Eneas ist. andererseits die diskursive Ebene der Minnekommunikation gegenüber dem anonymen Autor des Roman d’Eneas intensiviert. sondern das personale Gefühl als konstitutiv für die Handlungsmotivation verstanden werden.14 soll im Folgenden nämlich nicht das geschichtliche telos. „den Fortlauf der Handlung nicht mehr allein überpersönlich aus dem Willen der fata. Es ist eine Kernthese des vorliegenden Aufsatzes. die letztlich auf den kommunikativen Konflikt von Reden und Schweigen – oder mit Didos Worten tûn und lâzen (56. S. 55. die als Vorausdeutung die Rezeption der Dido-Episode von vornherein prägt (38. das im Eneasroman zwischen der Intensivierung der Strukturparallelen von Dido-.38) – zugespitzt werden kann. Lavinia. Der Grund dafür ist. für den das Neue in den mittelalterlichen Aeneis-Adaptationen darin besteht. sondern auch persönlich aus der Subjektivität des Helden zu begründen“. Die Notwendigkeit eines in der Veldeke-Forschung ohnehin selbstverständlichen Quellenvergleichs ist mithin evident.und Turnus-Minne.20). Letzteres durch das Gespräch zwischen Dido und ihrer Schwester Anna. andererseits auch generiert. Gerade für die Minnethematik erweist sich dabei die Interaktion von französischem Prätext und deutschem Retext als beachtenswert. kommt es – kontrastiv zu der bereits hervorgehobenen Korrelation von Wissen und Liebe in der Lavinia-Episode – zu einer fatalen Korrelation von Nicht-Liebe und Nicht-Wissen.und Kommunikationsverhalten der beiden Protagonistinnen. der intensivierten Diskussion der Liebesgeständnisse und der intensivierten 14 WENZELBURGER (Anm.

die in dem hier vorliegenden Tagungsband dokumentiert wird. die gegenüber A insbesondere Kürzungen im Schluss aufweist und damit Veldekes innovative Schlusskonzeption auf eine „explication matérielle“ reduziert (S. Vgl. hier S. / swenner weiz den willen mîn‘ 89 Schriftmotivik besteht. etabliert er gleichzeitig neue Interpretationsangebote jenseits der Vorgaben des Roman d’Eneas. 63-82. neue Parallelen und neue Oppositionen konzipiert. für die Gelegenheit.15 Denn indem Veldeke die vom französischen Anonymus vorgegebene Parallelität der Minneepisoden intensiviert. Ein Innovationspotential spricht HUBY dem deutschen Retext damit ab. bereits vor der Drucklegung Einsicht in den Aufsatz nehmen zu dürfen. wie sie im vorliegenden Aufsatz anhand der Variation des Liebesgeständnisses in den einzelnen Minneepisoden dargelegt werden sollen. S. was im französischen Prätext bereits im Kern angelegt ist. S. Diese Interpretation ist meiner Interpretation allerdings insofern entgegengesetzt. Monika Schausten. sondern auch den mittelalterlichen Liebesdiskurs entscheidend prägt. denn deutsche Epen verstärken generell die Schriftmotivik ihrer französischen Prätexte. Liebe zwischen Medialisierung und Mythisierung in Heinrichs von Veldeke Eneasroman. für den sich Umarbeitungsstrategien des deutschen Retextes vornehmlich auf ein breiteres Ausführen dessen beschränken. rationalen (Liebesentstehung durch den Pfeil mit dem Liebesbrief) Semantisierung des Liebesaffektes für die Remythisierung und damit letztlich für die Nichterklärbarkeit der Liebe votieren. 16 17 . Mit dem Eneasroman beschäftigt sich neben meinem Beitrag auch der Beitrag von BRUNO QUAST und MONIKA SCHAUSTEN: Amors Pfeil. Dies sei gegen MICHEL HUBY: L’adaptation des romans courtois en Allemagne au XIIe et au XIIIe siècle. Dr. Im Sinne dieser Argumentation favorisiert er als Vorlage des Eneasromans nicht die Roman-Handschrift A (auf der die Edition von SALVERDA DE GRAVE [Anm. der mit der Konzeption einer Liebe aus der Schrift vom neuzeitlichen Liebesdiskurs her vertraut ist.16 2. – Ich danke Frau Prof. bis 15. 365f. 124-138. angemerkt. war Gegenstand der von MIREILLE SCHNYDER und CHRISTIAN KIENING vom 13. S.‚her sal mir deste holder sîn. Dass diese Konzeption einer Liebe aus der Schrift keineswegs dem neuzeitlichen Liebesdiskurs vorbehalten ist. 135-139). Variation I: Das Geständnis im Brief In ihrer Korrelation von Liebe und Liebesbrief ist die Minne von Eneas und Lavinia aus kommunikationstheoretischer Perspektive betrachtet besonders interessant – zumal für den modernen Rezipienten. Paris 1968 (Publications de la Faculté des Lettres et Sciences Humaines de Paris-Nanterre). nicht-rationalen (Liebesentstehung durch den Pfeil Amors) und einer medialen. Siegen. 5] beruht). dazu ULRICH ERNST: Formen der Schriftlichkeit im höfischen Roman des hohen und späten Mittelalters. sondern die Roman-Handschrift G.17 Weil diese Verbindung von Gefühl und schriftlicher Gefühlsübermittlung die Beziehung von Eneas und Lavinia bereits während ihrer Genese von den anderen im Roman thematisierten Beziehungen dif15 In der Intensivierung der Schriftthematik folgt der Eneasroman einer allgemeinen Tendenz der mittelalterlichen deutschen Literatur. 252-369. Oktober 2005 in Konstanz veranstalteten Tagung Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. als QUAST/SCHAUSTEN gerade für die Eneas-Lavinia-Minne im Spannungsfeld zwischen einer mythischen. In: Frühmittelalterliche Studien 31 (1997).

20ff. und S. 287. Anm. da es einerseits als Grenze. 4f.6-9 (venster). also als Zeichen des Öffnens. 10.7). verstanden werden kann. 4. Minnebriefe im späthöfischen Roman. 301.. betonte Funktionalität von Lavinias Liebesbrief hat eine differenzierte Interpretation jedoch eher behindert. (venster).39) als explizites Zeichen der graben (267. während das . Anm.13-27 (venster). Denn weil der Lavinia-Brief in seiner stilistischen Schlichtheit und handlungsauslösenden Funktion dem Briefideal der älteren Mediävistik entspricht. Lavinia hingegen innerhalb Latiums befindet und beide feindlichen Lagern angehören. 291. 78f. Diss. 2. andererseits als partielle Durchbrechung dieser Grenze. Diese Distanz wird in der gesamten Minnekommunikation nicht aufgehoben.12 (venster und graben). von HUGO MOSER/BENNO VON WIESE.90 Astrid Bußmann ferenziert. die durch graben und venster mehrfach markierte Grenze zu überwinden. 290. Anm. Hrsg. Wesentlich für eine solche Interpretation erscheint mir dabei. bleiben in der Kommunikation des Liebesgefühls Distanz und Distanzüberwindung die bestimmenden Faktoren. wird er selbst in Überblicksdarstellungen mittelalterlicher Einlagebriefe meist nur beiläufig erwähnt. dass Veldeke neben der Schrift den Blick als zweites Medium der 18 19 20 Als Zeichen ist das venster ambivalent. als implizites Zeichen hingegen das venster (267. Sonderheft: Spätmittelalterliche Epik. hier S. 4. da sich Eneas trotz des Waffenstillstandes außerhalb. dass die Minne von Eneas und Lavinia in der Zeit der Waffenruhe während der trojanischen Belagerung von Latium entsteht. Denn wenngleich der temporäre Friede einen Moment gegenseitiger Annäherung – und damit einen Moment des Sich-Verliebens – allererst ermöglicht. Zur Weiterführung der Grenzmarkierung durch venster und graben in den Eneas-Lavinia-Szenen und zur Verknüpfung beider Markierungen vgl.22-306. 327. also als Zeichen des Schließens. S.2-7 (venster). dass die Grenze nicht allein zeichenhaft in der Liebeshandlung präsent ist. soll sie als Paradigma für die Minne von Eneas und Dido und die Minne von Turnus und Lavinia durch eine detaillierte Interpretation etabliert werden. 19).20 Signifikant für die Verbindung von Liebe und Schrift ist dabei. (masch. HELMUT BRACKERT: Da stuont daz minne wol gezam. 1-18. 2. „konnte er ihr auch nicht näher kommen“). Riverside.9). wie es etwa über Eneas heißt. als Umgrenzung verstanden werden kann. S. sondern vom Erzähler auch offen konstatiert wird: ne mohte er ir niht nâher komen (306. Zu erwähnen wären in dieser Funktion neben den mûren (266. an dem die Prinzessin steht und dessen Rahmen metaphorisch als Rahmung. S. sondern vielmehr in allen Kommunikationssituationen des Paares durch die Markierung der Grenzlinie im Gedächtnis des Lesers gehalten. und PETER DREHER: Enclosed Letters in Middle High German Narratives. 305.5-13 (venster und graben). In: ZfdPh 93 (1974).) University of California.19 der Brief erfüllt vielmehr eine dezidiert narrative Funktion. Insofern lässt sich der Brief nicht allein auf seine literaturhistorische Bedeutung als erste Minnebriefeinlage der mittelhochdeutschen Literatur reduzieren. Diese auch von BRACKERT (Anm.19. 1979.18 Es ist daher nur folgerichtig. In dieser Situation der Distanz profiliert sich der Lavinia-Brief als das adäquate Medium.

S. während Eneas’ Begehren auf der Berührung ihres Körpers beruht (63. basiert diese Sublimität – oder mit den Worten des Eneasromans diese gevuocheit – letztlich auf der gefûchlîchen Ver mittlung des Minnebekenntnisses (285.20). In: JOWG 11 (1999). S. während die Liebe des Trojaners durch die Schönheit der Prinzessin und durch die Schriftzeichen ihres Briefes gleich zweifach von der Wahrnehmung der Augen abhängig ist: ‚ichn hân wan einen brief gelesen / und eine junkfrowen gesehen‘ (296. Berlin. und BRACKERT. der bezeichnenderweise den Lavinia-Brief lediglich in einer Anmerkung erwähnt. 252-270. durch Blick und durch Schrift. eine konzeptionelle Verschränkung von lesen und sehen wird gerade in der Art evident. CHRISTINA LECHTERMANN: Berühren und Berührtwerden: daz was der belde ein begin.8-29). Damit ist die Beziehung von Eneas und Lavinia sogar in doppeltem Sinne visuell konnotiert. „‚ich habe nur einen Brief gelesen und ein Mädchen gesehen‘“). Neben den bereits erwähnten Arbeiten von RUSINEK (Anm. 20). In: Das Mittelalter 9 (2004). Auch in der Dido-Episode lässt sich der Primat des Sinns – hier des Tastsinns – in der Genese der Liebe erkennen: Didos Minne wird durch den zauberischen Kuss des Ascanius ausgelöst (38. in der die Liebe des Eneas entsteht: Erst der Brief macht aus dem bestenfalls nicht-wissenden. 35-47. schlimmstenfalls nicht vorhandenen Blick des Trojaners (277. S. S. Im narrativen Kontext erscheint der Brief nämlich als Antwort auf Lavinias Frage: ‚wie sal ichz nû ane vân. S. / eigentliche Interesse den langen. The Relation of Written and Oral Love-Messages in Medieval German Literature.24f. / swenner weiz den willen mîn‘ 91 Distanzüberwindung etabliert. bes. MIREILLE SCHNYDER: Imagination und Emotion. S. und ANDREA SIEBER: (Un)erwünschte Effekte. hochstilisierten und eben nicht handlungsauslösenden Briefen vom Typ der Briefeinlagen in Johanns von Würzburg Wilhelm von Österreich (1314) gilt.1-291. dazu etwa EUGEN MAYSER: Briefe im mittelhochdeutschen Epos. Denn in ihrer Abhängigkeit von Akt und Organ des Sehens sind Blick und Schrift nicht nur grundsätzlich miteinander verbunden.1-23). von C. Synergie und Störung im höfischen Roman. In: WENZEL (Anm. die sich grundlegend mit der Schriftlichkeit der Minnekommunikation auseinandersetzen. seien als Forschungsüberblick nur die Beiträge genannt. 136-147. der die Liebe generiert (290. 21 . Mediengeschichtliches zum Eneasroman Heinrichs von Veldeke. dass er in faktisch jeder Untersuchung zum Eneasroman kurz erwähnt wird. Emotionalisierung des sexuellen Begehrens über die Schrift. h. SCHUBERT: Ich bin ein brief unde ein bode.‚her sal mir deste holder sîn. d. 55-63. von KARINA KELLERMANN. So entsteht Lavinias Minne durch den Anblick von Eneas (267. Wie nun betont werden soll.20-35) den wissenden Blick. In: Codierungen von Emotionen im Mittelalter/Emotions and Sensibilities in the Middle Ages. Anders als in der taktil – und damit nach LECHTERMANN eindeutig mit sexuellem Begehren21 – konnotierten Beziehung von Dido und Eneas erweist sich als Leitmotiv dieser Beziehung daher statt der Intimität der Körper die sublime Intimität der Blicke. 253-259. New York 2003 (Trends in Medieval Philology 1). STEPHEN JAEGER/INGRID KASTEN. Hrsg. H. 10) wären das vornehmlich die Arbeiten von HENNING WUTH: was. strâle unde permint. – Da die Funktionalität von Lavinias Liebesbrief andererseits bewirkt. In: ZfdPh 59 (1934).. 1: Medialität im Mittelalter. In: JAEGER/KASTEN (Anm. S. 3).6-14). 11) und OSWALD (Anm.19-31). auf der Wahl des Briefes als Kommunikationsmedium. MARTIN J. 237-250. 63-76. Hrsg. Vgl. Mediengebrauch.

erfüllen diese Schreiben des Turnus alle Bedingungen des Briefes als Herrschaftsinstrument. 8701-8730). wo seine Freunde waren. Den Liebesbrief der Prinzessin kenn- 22 In der Diskussion um die Wahl des Briefes als Medium des Liebesgeständnisses ist der Roman d’Eneas ausführlicher als der Eneasroman. In dieser ersten Phase erwägt die französische Lavinia ein durch einen Boten mündlich kommuniziertes Minnebekenntnis. die der Eneasroman für öffentliche Briefe etabliert: dô hiez er scrîben brieve. dass ich es ihm auf schickliche Weise zeige?‘“).92 Astrid Bußmann daz ichs in innen bringe / mit gefûchlîchem dinge‘ (285. für leichtfertig oder sogar unbeständig in der Liebe gehalten zu werden. . . . . .15). Erst dann wählt sie den Brief. durch die Dialektik von Verhüllung und Offenbarung in Briefstil und Briefsituation – also die Unverfügbarkeit gegenüber dem Minnepartner – und durch die Wahrhaftigkeit des verbrieften Gefühls. weil sich als kommunikative Grundbedingung der Minne immer schon die Verschwiegenheit des Liebespaares gegenüber der Hofgesellschaft erweist.34-37) Daraufhin ließ er Briefe schreiben. Die sandte er durch Boten weit ins Land hinaus.. Gerade Heimlichkeit als erstes Charakteristikum der Briefkommunikation muss dabei im intertextuellen Zusammenhang als konstitutiver Bestandteil von Liebesgesprächen verstanden werden. . „‚Welchen Boten wirst Du bekommen können? .1-19). was insofern entscheidend ist.‘“). 8360-8380). als die Prinzessin die Gegenliebe des Eneas von ihrer eigenen gevuocheit abhängig macht (277. kommunikative Nähe ohne die gefährliche körperliche Nähe einzugehen (für die vollständige Szene vgl. wenn sie ihre Minne als Erste gesteht (V. 8714f. Die notwendige Intimität des Minnebekenntnisses wird im narrativen Kontext daher durch die Negation aller Merkmale betont. ermöglicht dieser es ihr doch. . von Boten überbracht und öffentlich verlesen werden.‘ (V. verwirft diese Möglichkeit aber wegen der Mitwisserschaft des Boten und wegen der Gefahr. (129. .Quel mesage porras aveir? . .22 Als gefûchlîches Medium der Minnekommunikation profiliert sich der Liebesbrief nun insbesondere durch die Heimlichkeit des Briefvorgangs – also die Unverfügbarkeit gegenüber den huote-Instanzen –. Ich verlange keinen anderen als mich . In der zweiten Phase erwägt sie. Lavinias Entscheidungsfindung folgt hier einem zweiphasigen Modell. also selbst mündlich mit Eneas zu kommunizieren: . ihr eigener Bote zu sein.8ff. V.. Auch diese Möglichkeit verwirft sie wegen des Anscheins der Leichtfertigkeit.36-277. vil wîten her die sande mit boten after lande dâ sîne frunt wâren. / Ge ne quier nul altre que mei . Indem sie einem Schreiber diktiert. von dem Veldeke nur die erste Phase übernimmt (276. „‚Wie soll ich es nun anfangen.

/ swenner weiz den willen mîn‘ 93 zeichnet hingegen.‚her sal mir deste holder sîn. 355.15-21) Das unschuldige Mädchen war allein in seiner Kemenate. Schließlich reduziert sich der Heimlichkeitsdiskurs nicht auf den ‚inneren‘ Schreibvorgang. Wien 1998 (Norm und Struktur 10).23 Beachtenswert ist dabei. sondern den Schreibvorgang auch in demonstrativem Widerspruch zu Lavinias Rang als eines rîchen kuneges kint inszeniert.33-289. da er in der Eigenhändigkeit des Schreibens nicht allein die Heimlichkeit der Minnekommunikation generiert. Hrsg. erst sekundär und in der Fokussierung der kommunikativen Heimlichkeit auch das kommunikative Risiko. dô nam des rîchen kuneges kint tinten unde permint. von GERT MELVILLE/PETER VON MOOS. S. so wie die Not es dazu trieb. Dann nahm das Kind eines mächtigen Königs (selbst) Tinte und Pergament (zur Hand). In Verbindung mit der Überwindung der angest und der Sorgfalt des Korrekturlesens (286. . und im Übermittlungsvor- 23 24 ERNST (Anm. als si diu nôt dar zû treib.22). (286. dass er ohne Boten durch einen Pfeilschuss übermittelt (287. 320 und S. die ture si innen beslôz. beispielsweise im Verschließen der Tür. 309-357.. S. In: Das Öffentliche und Private in der Vormoderne. Köln.] in einem sekreten Interieur“ eigenhändig verfasst wird. Wer als Standesperson nämlich selber liest und schreibt. ROLF KÖHN: Dimensionen und Funktionen des Öffentlichen und Privaten in der mittelalterlichen Korrespondenz.1-5) und in einem „klandestine[n] Ritual [. heimlich gelesen (290. 326 (Zitat).. Weimar. hier S. negiert nach den Prinzipien des mittelalterlichen Briefwesens eben diesen Stand:24 Dô was diu maget reine in der kemenâten aleine. er wiederholt sich auch im ‚äußeren‘ Schreibvorgang. dass Veldeke den Schreibvorgang in zweifacher Weise codiert.37) erscheint daher bereits die Eigenhändigkeit des Schreibens als Metapher für die Tiefe des verbrieften Gefühls – ein interessanter Nebenaspekt des Heimlichkeitsdiskurses. ir angest diu was vile grôz. Es schloss die Tür von innen ab. dass der Schreibvorgang primär die Heimlichkeit der Liebeskommunikation fokussiert. Denn trotz der zweifachen Codierung ist unstrittig. 15). Seine Angst war sehr groß.

28 . 57).6-24) und verwunden Turnus und Eneas (207. S. wie es in den anderen Minnehandlungen des Eneasromans explizit wird. S.2-12).26 Da sich die Briefkommunikation insofern selbst über mûren und graben hinweg auf Eneas und Lavinia beschränkt. Zur Darstellbarkeit der Liebeseinheit in mittelhochdeutscher Literatur. wobei sie die beschriebene Seite des Blattes am Pfeilschaft nach innen wendet (287. schafft der Pfeil in seiner scheinbaren Aggressivität neue Störfaktoren. Wesentlich für den Übermittlungsvorgang ist nämlich seine Dialektik von Distanz und Distanzüberwindung: Lavinia.31. So versteckt Lavinia ihren Brief unter dem gevidere eines Pfeiles. Denn wenngleich Lavinia durch den Pfeilschuss tatsächlich einen potentiellen Störfaktor in der Nachrichtenübermittlung an einen feindlichen Heerführer ausschaltet – die Ermordung des Boten –. weil Eneas zunächst allein die Zeichen der Distanzierung liest. Dennoch kann die Tatsache.). Gerade die mit dem Pfeil verbundene Liebesmetaphorik erhält dabei im Übermittlungsvorgang eine interessante Aktualisierung. 267. den Feind ihres Vaters durch den Pfeilschuss hinnen trîben (288. lösen andererseits durch den Tod des Hirschen aber den Krieg aus (133. 20) Schlussfolgerung.26) zu wollen. „er zerbrach den Pfeil[-schaft]“).37-208. indem er den Minnebrief heimlich liest und in Schweigen verschließt (290. profiliert sie sich als exklusive Form der Paarkommunikation. 313. 20).19-36). denn indem das Venus-Attribut ‚Pfeil‘ zum Attribut Lavinias wird. diese Distanz noch vergrößern zu wollen.94 Astrid Bußmann gang. da er Liebesmetaphorik und Kriegsgeschehen gleichermaßen verhaftet ist: So sind Pfeile einerseits Attribute der Venus (38. nicht verbergen.28 Das Scheitern der Minne aufgrund gestörter Paarkommunikation. 245. sondern wird als Text erneut im Text verborgen25 – eine subtile Analogie zum Rückzug der Prinzessin in ihre kemenâten während des Schreibvorgangs.1-5). 25 26 27 Vgl. der Heimlichkeit. 442-465. 458.38f. bereits der Pfeil ist dialektisch codiert. dass ihre Strategie der Heimlichkeit selber Störungen produziert. SCHNYDER (Anm. die durch die Übermittlung des Briefes mit einem Pfeil27 realiter die Distanz zu ihrem Geliebten aufheben will.. Zweifelhaft erscheint daher SIEBERs (Anm. Diese Dialektik der Kontaktaufnahme bewirkt aber eine Störung der Kommunikation. Es erscheint deshalb nur folgerichtig. Nicht erst der Übermittlungsvorgang. hier S. tritt die Prinzessin – durch ihren Brief – für Eneas in die Rolle der Liebesgöttin. konstituiert. In dieser Geste potenziert sich das Bild der Inklusion. Lavinia steigere durch den Verzicht auf einen Boten „bewußt die Wahrscheinlichkeit einer gesicherten Informationsübertragung gerade entgegen den üblichen Konventionen des Mediengebrauchs“ (S.24 f. wie etwa im Übermittlungsvorgang evident wird. ist der Liebesbrief doch nicht nur Text im Text. den Pfeil allein als Angriff versteht: den zein her enzwei brach (289.23. dass die Prinzessin Störungen der huote-Instanzen erfolgreich suspendiert. dass auch die Inszenierung des Lesevorgangs auf Heimlichkeit basiert. prägt implizit so auch die Lavinia-Minne. dazu eine entsprechende Interpretation der Liebesbriefe in Johanns von Würzburg Wilhelm von Österreich bei BURKHARD HASEBRINK: ein einic ein. gibt nach außen vor. analog zur verschlossenen kemenâten Lavinias einen Raum der Innerlichkeit. dass Eneas. In: PBB 124 (2002).

Wiesbaden 1966. / swenner weiz den willen mîn‘ 95 Lavinias dialektische Codierung ihres Briefes im Übermittlungsvorgang weist dabei schon voraus auf das zweite konstitutive Element ihrer Liebeskommunikation. überhaupt der Gegenliebe würdig zu sein (277.‘ (286. da sie.24-35) „Es entbietet Lavinia dem mächtigen Eneas von Herzen ihre Ergebenheit. Der steht ihr höher als alle Männer. MARIE-LUISE DITTRICH: Die Eneide Heinrichs von Veldeke.25) verfassten Brief kennzeichnet daher eine spürbare Differenz zwischen selbsteingestandenem Gefühl und schriftlich konstituierter höfischer Gefasstheit. Teil 1: Quellenkritischer Vergleich mit dem Roman d’Eneas und Vergils Aeneis. und si sîn vergezzen niene mach weder spâte noch frû. und auf dem Pergament malt sie recht aus. für den französischen Brief hingegen die dem eigentlichen Briefinhalt vorausgehenden saluz (V. ihre êre als Grundvoraussetzung dafür betrachtet. daz diu minne vil getût.‚her sal mir deste holder sîn. Ihren gefûchlîche (285. Hinzu kommen Änderungen im Dispositionsschema. 29 30 31 HAUG (Anm. die Gleichzeitigkeit von aktiver Kontaktaufnahme und zögernder Zurückhaltung.1-19). daz her der rede sî gewis und vil wol gedenke des. so dass sie daran stirbt“). 8786-8789. In der Verbindung von Verhüllung und Offenbarung unterscheidet sich Veldekes Minnebrief deutlich von dem des Romans. die salutatio fehlt. die sie je erblickt hat. der primär als unverhüllte Offenbarung von Lavinias Gefühlen konzipiert ist – jedenfalls soweit man von der indirekten Wiedergabe des Brieftextes auf den tatsächlichen Brieftext schließen kann: Tot li descuevre son talent / et a el parchemin bien peint / que molt l’angoisse et la destreint / l’amors de lui. anders als dem französischen. si qu’ele en muert (V. wie heftig die Liebe zu ihm sie bedrängt und quält.30 Diese Differenz etabliert sich in der Dialektik von offenbarendem Inhalt und verhüllender Form:31 ‚ez enbûtet Lavîne Ênêase dem rîchen ir dienest inneclîchen. der is ir vor alle man. . S. unde enbûtet im dar zû.18) für sie unverzichtbar. Denn obwohl die Prinzessin das „radikale[ ]. „Gänzlich entdeckt sie ihm ihr Sehnen. die ihrem Minnebekenntnis Spannung und Paradoxie verleiht. 324. und sie vermag ihn nicht zu vergessen. personale[ ] Wagnis“29 einer Liebeserklärung eingeht. wande sim baz gûtes gan. 23. 3). da dem deutschen Brief. dan allen den dies ie gesach. weil sie ihm mehr Gutes gönnt. S. Vgl. als all denen. 8780). ist die Wahrung ihrer wertlîchen êre (277. wie bereits angemerkt.

selbst wenn Lavinia ihr Gefühl durch das formelhafte ‚daz diu minne vil getût‘ nicht im persönlichen Bezug. Minne auf die Personifikation (frou Minne). Der deutschsprachige Brief als weltliche und religiöse Literatur. Aktualisiert wird die Verbindung von Liebe und Gedächtnis zwar auch für Dido (51. nie ‚Liebe‘. wie etwa der Vergleich mit der durchgängigen Kleinschreibung bei FROMM belegt (alle Anm. den ich nicht vergessen kann. Diese Setzung ist allerdings eine moderne Interpretation.“32 Inhaltlich darf nämlich gerade wegen der Zeichenhaftigkeit des höfischen Minnediskurses der Offenbarungscharakter – und damit das personale Wagnis – dieses knappen Liebesbriefes nicht unterschätzt werden. wird von ihr selbst auf eine Wachstafel geschrieben. ist zudem das Bekenntnis: ‚und si sîn vergezzen niene mach‘. S.33 Zeichen sprachlicher Hingabe. der nach Aristoteles und Platon in Lavinias Gedächtnis eingeschrieben ist wie in eine Wachstafel. des ich vergezzen niene mach noch nimmer mêre enkan. So verweist bereits das in die stereotype enbieten-Formel des Briefanfangs eingefügte Adverb inneclîchen deutlich auf die Tiefe des verbrieften Gefühls – eine für die mittelhochdeutsche Briefliteratur frühe und deshalb für die Bewertung des Lavinia-Briefes um so signifikantere Synthese von brieftypischem Formalismus und Ausdrucksbestreben. mithin Implikation des Liebesgeständnisses. da es sich in der Wachstafel-Szene (282.8). sondern nur unpersönlich als Liebesgefühl klassifiziert. 117ff. dennoch ist das Motiv des Nicht-Vergessen-Könnens stärker mit Lavinia konnotiert. Und sie entbietet ihm weiterhin. Denn mit diesen Worten gesteht sie sich nicht nur selbst ihre Minne für Eneas ein (269. seit gestern Morgen. Vgl. um das Bedeutungsspektrum für den Rezipienten entsprechend offen zu lassen. CHRISTINE WAND-WITTKOWSKI: Briefe im Mittelalter.10-22) konkretisiert: Der Name des Geliebten.und Kleinschreibung: minne verweist demnach auf das Gefühl (Liebe). 243f.96 Astrid Bußmann weder spät noch früh. er möge ihrer Worte gewiss und wohl dessen eingedenk sein.34-37) „Ja.. daz ich einen man gesach. und für eine detaillierte Interpretation der Wachstafel-Szene weiter unten S.‘ (281. 53f. für die Assoziation von Aristoteles und Platon SCHNYDER (Anm. sie fasst die Offenbarung ihrer verbotenen Liebe gegenüber ihrer Mutter in die gleiche Formel:34 ‚jâ sint gester morgen. 20). Herne 2000. dass die Minne viel vermag.8-11). Ich verwende in der Übersetzung daher immer ‚Minne‘. 33 34 . als ich einen Mann gesehen (habe). noch niemals werde vergessen können. wenngleich die Prinzessin auch hier die explizite Verwendung des Verbes ‚lieben‘ vermeidet.“ 32 Wie FRINGS/SCHIEB differenziert KARTSCHOKE das Bedeutungsspektrum von minne durch Groß. das sprachliche Bild wird selbst zur Minneszene. S. 5).

69). S. fungiert die Verwendung der unpersönlichen Rede nämlich als Ausdruck von Demut und Zeichen formeller Distanz. 8778) übernommene –Verwendung des Lateinischen wird von MEYER als unspezifisch gewertet. als Latein mit Schriftlichkeit und eben mit Distanz konnotiert ist. der den Eneasroman als Reflex eines medialen Umbruchs liest (S. dass Lavinia nicht allein spezifische Regeln der lateinischen Briefrhetorik befolgt. Wertet man nämlich gegen MEYER Lavinias scônes lâtîne tatsächlich als Markierung der Fremdsprachigkeit des produzierten Textes. – Bislang hat anscheinend noch kein Rezipient des Eneasromans die darin liegende Ironie bemerkt. und SCHUBERT (Anm. 76) und folglich Veldekes Briefkonzeption als rückwärtsgewandte Reaktion auf diesen medialen Umbruch. dazu ERNST MEYER: Die gereimten Liebesbriefe des deutschen Mittelalters.36 Damit ist die Wahl des Lateinischen insofern als programmatisch zu verstehen. 68. 19). Vgl. ist das Minnebekenntnis der Prinzessin dezidiert in den normierten Schriftkontext eingebunden. Lavinias – übrigens aus dem Roman d’Eneas (V. 38.‚her sal mir deste holder sîn. als Imitation alter Medienformen – des Boten – im neuen Medium – dem Brief – deutet (S. sondern ihren Brief vollständig in Latein verfasst. 20). viii. 42f.35 potenziert Veldeke eine etablierte Briefformel. Mit einem Anhang: ungedruckte Liebesbriefe aus der Dresdener Handschrift M. die Prinzessin schreibe in scônem lâtîne (286. Denn anders als der französische Text. S. SCHNYDER (Anm. deren Regelwerk nicht zuletzt durch den Hinweis assoziiert wird. Dabei steigert Veldeke die Distanziertheit der Liebeskommunikation zusätzlich dadurch. / swenner weiz den willen mîn‘ 97 Höfische gevuocheit wahrt Lavinias Minnebekenntnis daher primär auf der grammatischen Ebene. 20). 245. in eine festgefügte stilistische und rhetorische Tradition. 44f. und Anm. durch die vollständige Formulierung des Liebesbriefes in der dritten Person. Für die Interpretation wird damit auch die feine Differenz zwischen der indirekten Wiedergabe des Minnebriefes im Roman d’Eneas (V. von der Erzählerebene her. Nähe und Gefühl asso- 35 36 Zur Kodifizierung der unpersönlichen Rede in den lateinischen Briefrhetoriken vgl. dass der als erste mittelhochdeutsche Minnebriefeinlage gerühmte Liebesbrief im narrativen Kontext keineswegs ein deutscher. im expliziten Gegensatz zur Volkssprache übrigens. der die Gefühlsoffenbarung quasi von außen. 20). WUTH (Anm.23). natürlich unter gleichzeitiger Intensivierung ihres distanzierenden Charakters. Diss. weil Lavinia Latinerin sei und Latein demnach für sie die Volkssprache repräsentiere. den Lavinia-Brief als Beweis für und Reflex auf realexistierende deutschsprachige Liebesbriefe wahrscheinlich zu machen. 70). sondern ein lateinischer Brief ist. Da diese Funktion jedoch im Speziellen für die Formulierung der salutatio kodifiziert ist. In der lateinischen Briefrhetorik. Allerdings werden MEYERs Folgerungen durch den Versuch beeinträchtigt. verschiebt der deutsche Text diesen Akt der Verhüllung als Akt der Selbstzensur nach innen. . DREHER (Anm. die Mündlichkeit. 8779-8794) und der indirekten Formulierung des Minnebrieftextes im Eneasroman bedeutsam. auf die Figurenebene. S. S. zensiert. sieht hingegen in der Verwendung der dritten Person eine Annäherung des Briefes an den Botenbericht (S. Marburg 1898.

die Interpretation der Tegernseer Liebesbriefe (um 1170/1180) von EVA LIA WYSS: Dû bist mîn. da Eneas die Küsse zwar sehen. 8880ff. 64f. Zur Theorie des Gebarens im Mittelalter. durch Schrift die Grenzen der eigenen Körperlichkeit zu überwinden. bedingt letztlich die Schriftlichkeit des Liebesgeständnisses die höfische Konzeption von Eneas’ und Lavinias Minne.zur Stimmersatzfunktion – verschoben.98 Astrid Bußmann ziiert. die durch die Schriftlichkeit verlorene Unmittelbarkeit des kommunikativen Aktes zurückzugewinnen. dass der Lavinia-Brief insgesamt die Vorteile schriftlicher Kommunikation – die Sublimierung körperlichen Begehrens – mit Aspekten der Mündlichkeit verbindet.komm (Anm. SCHUBERT.38 sondern als Versuch. 2). h. 38 . 8876-8886). von der Gesprächs. 64-81. S. In der Indirektheit der Körper ermöglicht die Briefform damit die – scheinbare – Direktheit des Liebesgesprächs. Denn weil sich Eneas und Lavinia während der Briefübergabe sehen (290. Eneasroman. hier S. sondern Briefstil und Schriftsprache selber zu Trägern formvollendeter Zurückhaltung werden. Der konzeptionelle Vorteil dieser Minneszene besteht darin. Deutschsprachige Liebesbriefe vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Die gevuocheit der Szene offenbart sich auch darin.37 Weil somit nicht allein die Notwendigkeit des Briefes Distanz abbildet. Durch die Beigabe eines volkssprachigen Liebeszettelchens mit dem berühmten dû bist mîn.11) – finden Eneas und Lavinia aber nicht allein einen gemeinsamen Minnecode. dass sie eine Problematisierung von Fernkommunikation (und Fernminne) ermöglicht. 145. dass Veldeke Lavinias Gestik auf Verbeugungen reduziert. ich bin dîn. der sie symbolisch als Paar konstituiert. Dem steht der konzeptionelle Nachteil gegenüber. indem die Prinzessin in der Briefsituation versucht.1-13). ich bin dîn zu einem lateinischen Liebesbrief werden in einem der elf Tegernseer Liebesbriefe nämlich lateinische und volkssprachige Passagen gezielt miteinander kombiniert – laut WYSS „eine stilistische Meisterleistung“. In der Gegenseitigkeit der Verbeugungen – her neich hin ûf und sie her abe (290. allein auf der akustischen Ebene. Der sich an das Lesen des Briefes anschließende Austausch von Verbeugungen versteht sich so nicht nur als vollwertiger Ausdruck von Minne. Wien 1991 (Kölner germanistische Studien 31). Erst Veldeke vereindeutigt diese Trennung. während sie Eneas im Roman d’Eneas Handküsse zuwirft (V. MARTIN J. aber nicht fühlen kann (V. Insofern wird im Eneasroman die substantielle Gesprächsersatzfunktion von Briefen zur Inszenierung eines tatsächlichen Gespräches – d. S. Analyse von nichtsprachlicher Äußerung in mittelhochdeutscher Epik. dass die Handküsse die Differenz von taktil konnotierter Dido-Minne und visuell konnotierter Lavinia-Minne aufheben. In: BURKARD: liebe.). Rolandslied. Köln. die Stimme des Briefes durch Gestik und Mimik zu einer face-to-face-Kommunikation zu komplettieren. nutzt die Prinzessin die Möglichkeit. Die literarische Inszenierung von Körpersprache verweist vielmehr auf die dritte Kompo37 Zu diesen dialektischen Konnotationen von Latein und Volkssprache und zu ihrer Funktionalisierung vgl. Tristan. Im Sinne dieser gevuocheit kann es nur als folgerichtig erscheinen.

und den hêren Turnûm al daz selbe wil tûn oder lîhte hât getân‘ (297. Wie ein Roman benötigt ein Liebesbrief deshalb Interpretation. dass sie mich liebt. sich in der Schrift selbst zu stilisieren: ‚waz ob si mich betriegen wil. Lavinia könne sowohl ihm als auch Turnus einen Minnebrief geschrieben haben. a ce que tant me reguardot. um demonstrativ negiert zu werden.‚her sal mir deste holder sîn. wenn sie es durch die Etablierung des in der face-to-face-Situation noch vorhandenen Interpretationsrahmens auf eine Aussage hin vereindeutigen will – die Wahrhaftigkeit ihrer Liebe. Es ist somit nur einsichtig. que primes fui desoz la tor. weil sie mich so lange mit solch wohlwollendem Blick betrachtete. de si buen oil. löst sie das gesprochene Wort aus seinem Ursprungskontext.32-35) „Was. da ich zuerst unter dem Turm stand. seiner sichernden Rahmung von Gestik und Mimik. fungieren doch bereits im Roman d’Eneas Gestik und Mimik der Prinzessin als Liebesbeweis: ‚Bien puis saveir des l’altre jor. wird die Brüchigkeit des schriftlichen Zeichensystems zurückgewiesen: . und schafft so das Problem der Ausdeutung. zwar auf die Möglichkeit. wenn sie mich betrügen will. Die Fragilität der Briefkommunikation wird vom Text aber nur aufgerufen. / swenner weiz den willen mîn‘ 99 nente brieflicher Kommunikation – ihre Glaubwürdigkeit –. So verweist Eneas’ Befürchtung. und mit dem Herrn Turnus genauso verfährt oder vielleicht schon so verfahren ist?“ Doch weil sich die Wahrhaftigkeit des Liebesgeständnisses auf ein dem Brief inhärentes Merkmal gründet – den von der personifizierten Minne inspirierten Stil –.“ Denn gerade indem die Schrift die Grenzen der Körperlichkeit überschreitet – wie es für das Minnebekenntnis über mûren und graben hinweg schließlich notwendig ist –. 9031-9034) „Wohl kann ich seit neulich. qu’ele m’amot‘ (V. es dadurch wissen. […]. wenn die Prinzessin ihr Minnebekenntnis re-kontextualisiert.

sondern auch die Verbindung von Turnus und Lavinia. In detaillierten Minnemonologen stellen Roman d’Eneas und Eneasroman hingegen nur Lavinia und Eneas – und Dido in der Dido-Episode – als Liebende dar.40). vgl.25). sondern auch in seiner Glaubwürdigkeit als ideale Form der Liebeskommunikation. dass das kommunizierte Gefühl dem Kommunikationsmedium entspricht. die im Aeneas-Stoff zwar potentiell als Liebe angelegt. So werden die signifikanten Differenzen beider Liebesbindungen lesbar vor dem Hintergrund ihrer kommunikativen Gemeinsamkeit – oder genauer: vor der dif39 40 So bewirken die Lügen des Ulixes den Untergang Trojas (42. während Turnus weder Minnemonologe noch Minnegefühle zugestanden werden. In dem um Aeneas.32f.30-283. dass somit die ideale Liebeskommunikation Medium der idealen Liebe ist. . insofern sich der Brief von Lavinia an Eneas in dem Brief von Lavinias Mutter an Turnus spiegelt. auch 299. diesen Brief. während potentielle Liebesgefühle des Aeneas für den Vollzug der fata irrelevant sind und daher nicht narrativ gestaltet werden. Variation II: Das Geständnis im Brief und das Geständnis im Kampf Als – liebes.8) und verleumdet Lavinias Mutter Eneas vor ihrer Tochter (282. diktierte die Minne. 3.100 Astrid Bußmann ‚den selben brief den ich dâ las den tihte diu Minne. erringt Dido durch eine List die Herrschaft über Karthago (25.‘ (298. In der Gedankenwelt des höfischen Minnediskurses erscheint es dabei nur folgerichtig. Turnus und Lavinia zentrierten zweiten Teil der Aeneis wird nur die Liebe von Turnus zu Lavinia in der narratio explizit. Gerade aus minnekommunikativen Erwägungen interpretiere ich sie dennoch vor der für Veldekes Minnekonzeption scheinbar relevanteren Verbindung von Eneas und Dido: Tertium comparationis beider Beziehungen ist nämlich die Kommunikation mittels Briefen.7-45.40 anders als in Vergils Aeneis in den beiden mittelalterlichen Adaptationen des Aeneas-Stoffes jedoch nicht als Liebe realisiert ist.5-26.) „[…]. den ich gelesen habe.“ Da die Lüge im Eneasroman insofern allein als Merkmal der mündlichen Rede inszeniert wird. Er konnte mit weiblicher Klugheit niemals so aufgesetzt worden sein.39 bestätigt sich der Brief nicht lediglich in seiner gevuocheit.14-17. hern mocht von wîbes sinne niemer sô getichtet sîn.und kommunikationstheoretische – Gegenkonzeption dieser idealen Minne von Eneas und Lavinia erweist sich im Eneasroman nicht allein die Verbindung von Eneas und Dido.

dass ein dialogischer Austausch 41 BURKARD. wie es dem einleitend als Strukturprinzip etablierten kontrastiven Parallelismus entspricht.‘ (117. dem sie schon zubestimmt war. Ausgangspunkt meiner Überlegungen zur Minnekommunikation der Turnus-Figur ist dabei. 2).20-25).18). denn meine Tochter muss Euer Herr Eneas bekommen. etabliert. dass die Prinzessin Eneas liebt und Turnus hasst (274.32-117. so dass der Spruch der Götter – das fatum – das Glück des Eneas und das Unglück des Turnus seit jeher vorausbestimmt: ‚wand mîn tohter haben mûz ûwer hêre Ênêas deme sie bescheret was êr si ie worde geboren. Turnus hat sie auf immer verloren.parler pueent ensenble andui‘ (V. übernimmt sie andererseits eine strukturierende Funktion. . Boten (Anm. nach denen sich Liebe in der Synchronisation diachroner Lebensentwürfe mittels einer Vielzahl kommunikativer Akte vollzieht. 9025). indem sie die personalen Beziehungen im Figurenmodell des Eneasromans definiert. 11. Im narrativen Kontext wird die Briefkommunikation von Heinrich von Veldeke damit gleich zweifach funktionalisiert: Erscheint sie einerseits als Interpretament der Liebe von Eneas und Lavinia. / swenner weiz den willen mîn‘ 101 ferenten Umsetzung dieser kommunikativen Gemeinsamkeit –. Weitaus wahrscheinlicher sei ihre Liebe zu Turnus. Denn die epische Differenz zwischen dem Trojaner und dem Rutulerherzog wird von der Forschung zwar besonders in ihrem gegensätzlichen Anspruch auf göttliches und menschliches Recht gesehen (115. Bedeutsam wird hierfür vor allem der Brief. 9002).14-18) „[…]. Damit wird als Voraussetzung von Minne die Nähe. ihn könne sie sehen (V. ihn könne sie sogar sprechen: . verdeutlicht Veldeke dieses Gefühl auf der Figurenebene seines Romans aber im Kommunikationsverhalten seiner Protagonisten. was letztlich modernen kommunikationstheoretischen Liebeskonzeptionen entspricht. setzt das fatum in Gefühl um. der geschriebene wie der nicht-geschriebene Brief Lavinias. Turnûs hât si iemêr verloren. noch bevor sie geboren wurde.“ Die Tatsache jedoch.‚her sal mir deste holder sîn. dass Eneas im Roman d’Eneas die Wahrhaftigkeit der ihm von Lavinia entgegengebrachten Gefühle bezweifelt. denn ihm sei sie nah. S. Wie bereits angemerkt.41 In dieser Engführung von Liebe und Kommunikation erscheint es umso auffälliger. die Nahkommunikation. Dies betrifft vor allem die Konstellation von Eneas und Turnus in ihrer Beziehung zu Lavinia.

3385-3509). und screib in mit ir selber hant. der den brief selbe las. und schrieb ihn eigenhändig nieder.11 und 16f. Der vollständige Brief erscheint 126.28f. Diese kommunikative Leerstelle wird durch die detailliert erzählte Kommunikation des Rutulerherzogs mit Lavinias Mutter – der in beiden mittelalterlichen Texten namenlosen Königin von Latium – dezidiert betont.102 Astrid Bußmann von Turnus und Lavinia in der Turnus-Episode gerade nicht erzählerisch gestaltet wird. Denn indem der indirekt wiedergegebene Briefinhalt durch emotionale Reaktionen des Turnus kommentiert und durch eben diesen Kommentar in die narratio eingebunden wird. den sande si dâ Turnus was.43 42 Im Roman d’Eneas greift die Königin nicht auf eine durch ihren kamerâre (126.1-5 wertet (S. (125. basiert darauf. „Schildknappen“) mündlich vermittelte Botschaft zurück (für die vollständige Szene vgl. der Brief sei so abstrakt mitgeteilt. Beachtenswert ist dieser Brief – in dem die Königin dem Rutuler den drohenden Verlust von wîb. 3387. Für die Interpretation des Eneasromans wäre dabei als Akt der Nahkommunikation vor allem das minnichlîche Treffen in der Kemenate der Königin wesentlich zu machen (140. setzte sie selbst einen Brief mit wohlgesetzten Worten auf. keineswegs gezwungen wäre. liest der Rezipient des Eneasromans den Brief durch die Augen der Figur und folgt so deren Informationsselektion (126. über mûren und graben hinweg mit Lavinia zu kommunizieren.). das Heinrich von Veldeke eigenständig kreiert. borge und lant (126. ist sein Kommunikationsverhalten im Roman d’Eneas wie im Eneasroman durch die Vermeidung von Minnekommunikation im Allgemeinen und eines unmittelbaren Minnebekenntnisses an die Prinzessin im Besonderen geprägt.1-127. dass sich vom französischen zum deutschen Roman der Fokus der Darstellung vom rhetorischen Geschick des Boten zum rhetorischen Geschick der Königin verlagert. Obwohl nämlich Turnus. 64. WAND-WITTKOWSKIs (Anm. 337). sondern auf eine durch einen willkürlich ausgewählten escuir (V.) mitteilt – bereits wegen seiner kunstvollen Einfügung in den narrativen Kontext. 33) Kritik. anders als Eneas.6. 43 . und S. als Akt der Fernkommunikation hingegen der bereits erwähnte Brief von Lavinias Mutter an Turnus – ebenfalls eine eigenständige Erweiterung des deutschen Romans:42 einen brief sie selbe tihte. den si mit schônen worden vant. 129. V.36-40) […]. wo Turnus war.6) schriftlich übermittelte Botschaft. dass sie fälschlicherweise als Brieftext lediglich 126. Den sandte sie (dorthin). Das hat zur Folge. Anm.39-142. der den Brief selbst las. dass ihn nur die Kenntnis des Zusammenhangs verständlich mache.14).

Left. In: Der Deutschunterricht 55/1 [2003]. 38. In: Proceedings of the Patristic Medieval and Renaissance Conference 11 [1986] 51-70.). vs. damit deutlich mehr als nur eine mediale Modernisierung. CLARK: Said and Unsaid. 69. Y. da sie entgegengesetzte Gefühle hervorrufen – Liebe und Hass. Wahlweise erscheint die Namenlosigkeit der Königin dabei als Akt „der Negativierung und der Bagatellisierung“ (MARTIN BAISCH/HENDRIKJE HAUFE: Väter und Söhne – Mütter und Töchter. und als . Normbruch und Normerfüllung in Heinrichs von Veldeke Eneasroman. son44 45 ANN MARIE RASMUSSEN: Mothers and Daughters in Medieval German Literature. wie die Worte der Prinzessin scône[ ] sind.3f. 1997. hier S. die in der glücklichen Minnebindung die Rolle Lavinias ist. dass in der unglücklichen Minnebindung Lavinias Mutter die Rolle usurpiert.‚her sal mir deste holder sîn. S. 60f. Als charakteristisch für die Liebe des Turnus – und im Sinne der programmatischen Korrelation von Minne und Minnekommunikation letztlich als fatal – erweist sich insofern. dass er statt mit Lavinia mit einer Lavinia-Stellvertreterin kommuniziert. / swenner weiz den willen mîn‘ 103 Der durch die Lektüre erregte grôze[ ] zoren (127.7) des Rutulers wird dadurch nachvollziehbar. wie diese Vergangenheit selber. 12).40).44 Denn gerade über ihre Medialität verbindet der deutsche Roman beide Akte der Kommunikation und markiert so. Male and Female. vom Medium ‚Bote‘ zum Medium ‚Brief‘. 125. aus der narratio getilgt werden müsse (SUSAN L. Die in Eneasroman und Roman d’Eneas vollzogene Anonymisierung der Königin von Latium – der Amata der Aeneis – wurde in der Forschung häufig konstatiert und noch häufiger interpretiert. 62-75. Anm. 125. S.37). In dieser Stellvertreterfunktion etabliert sich die – möglicherweise auch aus diesem Grunde namenlose45 – Königin nicht allein durch die Analogie des Kommunikationsmediums. Beachtenswert im Rahmen einer minnekommunikativen Interpretation der Turnus-Episode ist der Brief von Lavinias Mutter jedoch primär wegen der bereits erwähnten Strukturparallele zu Lavinias eigenem Brief – eine Parallele. 12.19-23 vs. Gegen RASMUSSEN ist der im Eneasroman für die Botschaft der Königin vorgenommene Wechsel von einer mündlichen zu einer schriftlichen Botschaft. als Korrektur ihres bedrohlichen Wissens über die Vergangenheit des Eneas. Leaving.36ff. N. Syracuse. Anm.23 vs. and Left out in Heinrich von Veldeke’s Eneide. hier S. so dass sie.). dass beide Briefe im Liebeskontext geschriebene Briefe von Frauen an Männer sind und dass diese Frauen gewissermaßen als Minimalpaar (Lavinia/Lavinias Mutter) konzipiert sind. sind auch die Worte der Königin schône[ ] (286. wie der Trojaner liest der Rutuler selbst (290. Vielmehr wird sie von vornherein auch dadurch konstituiert. Dabei wird die Vergleichbarkeit beider Briefe nicht allein durch die analoge Inszenierung des Briefvorgangs suggeriert: Wie die Prinzessin schreibt die Königin selbst (286. die trotz Veldekes bekanntem Faible für Parallelstrukturen in der Forschung bislang keine Aufmerksamkeit gefunden hat. dass seine Liebeskommunikation um eine Stelle im Figurenmodell des Eneasromans verschoben ist. In ihrer Wirkung sind die beiden Frauen-Briefe des Romans somit dialektisch aufeinander bezogen. 125.

46 47 . nicht Lavinia. S. das nicht primär auf politischer Zweckmäßigkeit basiert. wie lieb sime wâre.32-39) Weiter entbot sie ihm. die bôsen trôischen zagen / ûzer diseme lande (141. He passes over that part of the Queen’s letter“ – so JANE EMBERSON: Speech in the Eneide of Heinrich von Veldeke. Reaktion auf ihre Liebesunfähigkeit – weil sie als Repräsentantin des Machtprinzips weder Liebe geben noch nehmen könne. Ob diese Kommunikation jedoch Liebeskommunikation im ‚romantischen‘ Sinne ist. her solde sich versinnen und trôst nemen zir minnen unde zû Lavînen. der effektvoll mit der Negation eigener Liebe kontrastiert wird (V. 34). 8487-8496). 238.46 Anders als EMBERSON. werde ihr der Name ‚Amata‘ (‚Geliebte‘) verweigert (RASMUSSEN [Anm. wie lieb sie ihm wäre indem er den Trojaner aus dem Lande vertriebe. daz her daz lieze schînen. der Zusicherung von ihrer (und Lavinias) Minne. S. dass minne im Briefkontext allein Lavinias Mutter. er möge sich besinnen und sich auf ihre Minne und auf Lavinia verlassen und möge zeigen. daz her den Troiâre ûz dem lande verstieze.. also ein Gefühl codiert.104 Astrid Bußmann dern auch durch die Analogie des kommunizierten Gefühls. als Etablierung nonverbaler Formen der Kommunikation – immerhin wiederholt die Formulierung des Schwures fast zitathaft die briefliche Formulierung der Königin. (126.47 werte ich zwar den an Lavinias Mutter in der Kemenaten-Szene geleisteten Schwur des Rutulers. FROMMs (Anm. In Verbindung mit einer Stellvertreterfunktion für Lavinia wurde die Anonymität der Königin aber bislang nicht gebracht. „die elenden trojanischen Feiglinge aus diesem Land“) zu vertreiben. zugeordnet ist. als Akzeptanz des Minnecodes. Dabei markiert bereits der Roman d’Eneas diese Stellvertreterfunktion mit Lavinias Vorwurf. sei dahingestellt. die Turnus kategorisch jedes Eingehen auf diese Sprache der Liebe und damit auch jedes Liebesgefühl absprechen will. „[I]t is dubious whether love is much of a spur to him. 44]. Göppingen 1981 (GAG 319). er möge Fassung bewahren und Zuversicht schöpfen aus ihrer und Lavinias Zuneigung“ nivelliert den Unterschied zwischen Königstochter und Königin – im Sinne meiner Stellvertreter-These erschient es mir aber als eklatant. 5) Übersetzung: „Weiter schrieb sie ihm. die sie mit der Einführung eines nonverbalen Minnecodes verbindet. Sie codiert nämlich Turnus’ Kampftaten als Liebestaten: ouch enbôt sim mêre.27f. die Königin liebe Turnus: ‚Vos l’amez bien‘.

Vgl. via Minnemonologen oder Minnekrankheit inszeniertes. Konsensehe und Liebesehe INGRID KASTEN: Ehekonsens und Liebesheirat in Mai und Beaflor. . und zur literarischen Diskussion um Muntehe. sein Auge hängt an der Jungfrau“). / swenner weiz den willen mîn‘ 105 Denn bei der Wertung der nonverbalen Kommunikation als Liebeskommunikation kann weder die Tatsache ignoriert werden. die potentiell als Minnetaten interpretierbar sind. .. Jahrhundert ein Vorgang zwischen Bräutigam und Brautvater. So kann es den Rezipienten des Eneasromans nicht überraschen. „würde aber der andere sterben. da die Kriegssituation Kriegstaten schließlich in jedem Fall erfordert. wie der Erzähler ihre Gleichgültigkeit gegenüber den Taten des Turnus formuliert –. Die Kampfbereitschaft des Rutulers muss daher nicht notwendigerweise auf seine Minnebereitschaft verweisen. täte ihr das überhaupt nicht leid“). Explizit wird in der Aeneis nämlich nur die sich an der Schönheit der errötenden Lavinia entzündende Liebe des Turnus: illum turbat amor figitque in virgine voltus (Vergil: Aeneis. zur mittelalterlichen Ehepraxis allg. bis 15. München. und übersetzt von JOHANNES GÖTTE. XII. S. Soziound psychogenetische Studien über Eheschließungsvorgänge vom 12. die – stellvertretend für Turnus – ihre Tochter in dem berühmten ersten Liebesgespräch das Wesen der Minne lehrt und ihr zugleich die Liebe des Rutulers gesteht: ‚der dir is von 48 In ihrer Affektlosigkeit entspricht die Verbindung von Turnus und Lavinia der feudalen Ehepraxis. bei dem Anwesenheit und Mitwirkung der Tochter nicht erforderlich sind (Prinzip der Muntehe).6f. den zu lieben sie letztlich erfolglos aufgefordert werden muss.70. dass Lavinia eine solche Decodierung verweigert – lâge aber der ander tôt / dâ wâre ir lutzel leides umbe (322. In: Oxford German Studies (1993/1994). wird diese Ehekonzeption zugunsten des etwa in Gratians Decretum (um 1140) kodifizierten Konsens-Prinzips negiert. sondern ein lediglich von Stellvertretern behauptetes. M. 1985 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft).48 Umso bedeutsamer erscheint es. und dass der ihr eigentlich vertrautere Mann der Unvertraute bleibt. dass die Sprache der Taten als Sprache der Liebe gerade im Kriege mehrdeutig ist. Zürich 71988 [Sammlung Tusculum]. 1-20. Denn das Liebesgefühl des Turnus ist ein auf der Figurenebene des Eneasromans nicht eo ipso existierendes. Mit einem Nachwort von BERNHARD KYTZLER. 40 konstatiert. Indem die episch ausgezeichnete Beziehung aber auf einer affektiven Bindung beruht. nur diskursiv existierendes Gefühl. Jahrhundert. MICHAEL SCHRÖTER: Wo zwei zusammenkommen in rechter Ehe .49 In dieser diskursivierenden Funktion ist wiederum Lavinias Mutter hervorzuheben. Lateinisch/Deutsch. „Liebe verwirrt den Turnus. kommt erschwerend hinzu. dass sich aufgrund der konsequenten Weiterführung des Stellvertreter-Motivs die Kriegstaten des Rutulers als die einzigen Taten erweisen. stellt diese von den beiden Aeneis-Adaptationen in der Lavinia-Episode vorgenommene Verschiebung der Liebesdarstellung von Turnus auf Eneas eine eklatante Abweichung von der Liebeskonzeption Vergils dar. Fehlt der Prinzessin nämlich bereits wegen ihrer Abwesenheit bei der Etablierung des Codes das Wissen für eine Decodierung der Kriegstaten als Liebestaten. In Zusammenarbeit mit MARIA GÖTTE hrsg. sind doch gerade feudale Eheschließungen bis ins 13.‚her sal mir deste holder sîn. 49 . Frankfurt a. den sie nicht liebt. dass Turnus den Schwur statt Lavinia allein Lavinias Mutter leistet. noch die mangelnde Eindeutigkeit seines Minnecodes. Wie bereits in Anm.

34-257. Hervorzuheben bleibt aber. In seinem Minneverhalten wiederholt sich damit die bôsiu girheit (331. das existentielle Risiko der Person“ (S.17) – zu m î n lant und m î n wîb (128. Seine Besitzansprüche kulminieren in unmittelbarer Reaktion auf den Brief der Königin zudem in der Veränderung der Possessivpronomina von s î n tohter und s î n rîche (127. nicht einmal in einem so ambivalenten Bekenntnis wie im Roman d’Eneas. 3) emphatische Formulierung: Das Risiko im Liebesgeständnis „ist nicht ein äußeres. meine Hervorhebungen). über die an sie gebundene Herrschaft. „‚der dir von Herzen gewogen ist‘“). 261.10-13). 29).6-19. von der in ihrer Risikolosigkeit defizitären Liebeskommunikation des Turnus – mit der Codierung seiner Kriegstaten als Minnetaten geht er eben ‚nur‘ das Risiko des Körpers ein. Symptomatischerweise subsumiert er nämlich unter den Begriffen min[ ] gût[ ] und mîn hant jeweils gleichermaßen seine Verlobte und das Erbe ihres Vaters (151. die Eneas auf der Figurenebene vorgeworfen wird. dessen Formel ‚ce est la riens que ge plus aim‘ („‚es gibt da nichts. so dass er den Erwerb von Frau und Land auch sprachlich miteinander verknüpft.40-152. wie ihn schließlich auch HAUG für die nonverbale Minnekommunikation des Lancelot im Prosalancelot konstatiert: „Das ins Unglaubliche gesteigerte äußere Risiko wird zum Zeichen der totalen inneren Risikobereitschaft. was ich mehr liebe‘“) sich wahlweise auf Lavinia – also die Frau –.34.2.31. es ist […] mehr als das Risiko des Lebens. Insofern lässt sich sein Scheitern nicht ausschließlich durch die mangelnde Liebe Lavinias erklären. nicht „das existentielle Risiko der Person“50 – zurückzukommen zur Liebeskommunika50 Für diese Differenzierung beziehe ich mich auf HAUGs (Anm. beides: „mein Besitz“). die im Ringraub bereits charakteristisch ist für sein Verhalten im Kriege. „niedrige Beutegier“). es ist das Risiko des ganzen Menschen. In narrativer Ironie erfüllt Turnus so die Handlungsweise. 256. Damit will ich keineswegs per se einen Konnex zwischen dem Risiko des Körpers im nonverbalen und dem existentiellen Risiko der Person im verbalen Liebesgeständnis bestreiten. Land und Ansehen beziehen könnte (V. Für eine erschöpfende Interpretation der Episode ist es deshalb notwendig. die Heirat aus Besitzgier (123. während Turnus’ Sprache des Kampfes in dieser Hinsicht ambivalent bleibt. sondern durch seine eigene mangelnde Liebe ihr gegenüber. Statt über die Ebene der Gefühle definiert er sein Verhältnis zu der Prinzessin vielmehr ausschließlich über die Ebene der Macht.106 Astrid Bußmann herzen holt‘ (261. Spiegel dieser defizitären Minne ist aber sein defizitäres Kommunikationsverhalten.“ (S. Neben der mangelnden Liebe des Rutulers wird jedoch auch die mangelnde Liebe der Prinzessin in den kommunikativen Strukturen der Turnus-Episode explizit. .11) – über lant unde wîb (128. in tot aber auch auf die Gesamtheit von Frau. 7748-7751). auf l’enor et la terre d’Itaire – also Land und Ansehen –. dass Lancelots Sprache des Kampfes – insofern sie nicht auf den Erwerb von Herrschaft ausgerichtet ist – immer nur Sprache der Liebe sein kann. Turnus selber offenbart seine Gefühle im Eneasroman hingegen nie in einem verbalen Minnebekenntnis.7.3. 31).

und für den Sieg über Neptanabus 316. 331. dem Rutuler schreibt. nie durch die Realisierung dieser Worte in Taten beansprucht hat (234.52 Als hauptsächliches Defizit des Rutulers bleibt damit. Statt Eneas in persona gelingt es dem Rutuler nämlich lediglich.5. Denn die Königin sichert dem Rutuler zwar brieflich die Herrschaft über sîn wîb [. d. bezogen auf seine Minnelogik. wird diese Legitimation fragil. In der Perspektive des Scheiterns erscheint es auch eklatant. dass sich das für Turnus charakteristische Stellvertreter-Motiv bis in seinen Minnecode.. Konsequenterweise richtet sich auch die im Brief etablierte Sprache der Liebe letztlich gegen Turnus. die die Entscheidung über Sieg und Niederlage des Turnus erzähllogisch erst nach der zweiten großen Aktion der Königin – der erfolglosen Beeinflussung Lavinias zur Liebe – verortet.34f. dass er diese nonverbale Form der Kommunikation nie durch verbale Formen der Kommunikation ersetzt hat. wie er sie nach der Formulierung seines Minnecodes eigentlich Eneas abgewinnen müsste.. verdeutlicht doch bereits die emotionale Aufladung des Schreibvorgangs die Illegitimität jeder Bindung. h. sein Scheitern voraus. und wenn es weiterhin stimmt. dass Heinrich von Veldeke das Scheitern des Rutulers mit der mangelnden Liebe der Prinzessin korreliert. bestehen. / swenner weiz den willen mîn‘ 107 tion Lavinias. nimmt bereits die Tatsache. aber indem sie diesen Brief im Zustand der unsinne (125. dass Turnus ihnen wîb und rîche abgewinnt. bezogen auf die Minnelogik des Eneasromans. in dem Moment.51 Im Eneasroman ist der Brief damit mehr als nur Interpretament der Minne von Eneas und Lavinia. dass Veldeke Schreiben und Lieben miteinander korreliert. 320. 51 Gegen DITTRICH (Anm. sondern in der Zerstückelung von Turnus’ Körper (330. Wenn sich in der Codierung von Kriegstaten als Minnetaten die Intensität seiner Liebe nämlich daran messen lässt. notwendigerweise an die Retrospektive gebundenen Ebene.‚her sal mir deste holder sîn. S. 30). fällt diese Entscheidung also eigentlich schon in der ersten Aktion – der erfolgreichen Beeinflussung des Turnus zum Krieg –.28f. In dieser Stellvertreterfunktion etablieren sich beide Männer durch die Tatsache. d.] / und sîne borge und sîn lant (126. h. Interpretament für das Nicht-Vorhandensein dieser Minne.2. als die Königin statt der Prinzessin zum Schreibgriffel greift.32) schreibt.1-318. 52 . verfolgen lässt.14-20. zwei Eneas-Stellvertreter zu besiegen: Pallas und den Trojaner Neptanabus. Wenn es nämlich stimmt. dass er den Trojaner besiegt. Als Interpretament der Turnus-Lavinia-Beziehung fungiert der Brief von Lavinias Mutter jedoch nicht allein auf dieser sekundären.38) das Medium von Turnus’ Sprache der Liebe destruiert. dass er Lavinia nur durch Worte. bis in seine Kämpfe. als der Trojaner im Sieg nicht allein den fremden Code usurpiert. sondern auch auf einer primären Ebene. für den Sieg über Pallas 206. in seinem NichtVorhandensein er ist auch Interpretament der Minne von Turnus und Lavinia. Vgl.) zu. nicht die Prinzessin.). Dies gilt umso mehr. bedeutet seine Niederlage gegen Eneas die epische Negation seiner Liebe. zu dem geschriebenen Eneas-Brief und dem nicht-geschriebenen. die zwischen dem Rutuler und der Prinzessin bestehen könnte. dass die Königin. nur stellvertretend geschriebenen Turnus-Brief.

Die interessanteste Variation dieser beiden Grundpositionen bietet GERT HÜBNER: Erzählform im höfischen Roman. im Iwein und im Tristan. Studien zur Bedeutungs. sowohl mit MAURER contra Dido zu argumentieren (S. unreht werde Didos Minne erst. 1-9. Variation III: Das Geständnis in der Hingabe Wie die kommunikationstheoretische Interpretation der Turnus-Minne gezeigt hat. 111). In: Archiv 187 (1950).54 Denn wenngleich ich entgegen weiten Teilen der jüngeren Forschung die Dido-Minne gegenüber der Lavinia-Minne als defizitär und somit aus sich selbst heraus zum Scheitern 53 54 WENZELBURGER (Anm. die Zustimmung des Rezipienten zu diesem Urteil zu sichern. 298. S. Interpreten wie SCHRÖDER erfüllen demnach Veldekes „Modelladressatenrolle“ (S. mithin Verständnis für einen Fehler zu erzeugen. weil sie in Gefühl und Handeln maßlos sei (Schuld). vor allem zu einer Differenzierung von Dido-Minne und Lavinia-Minne – also letztlich zu einer Erklärung für die differente Verteilung von Liebesglück und Liebesleid in beiden Minneepisoden – beitragen. ohne ihn zu verdecken. Vgl.53 Wegen dieser motivischen Doppelung erscheint es mir naheliegend. S. Da die Kontroverse um das Verhältnis der beiden Liebesepisoden die Veldeke-Forschung seit ihrer Abkehr von rein philologischen Fragestellungen geprägt hat. sondern auch im Liebeshandeln: Das Verhalten der beiden liebenden Frauen sei „nicht grundsätzlich. wie es in der Vermeidung des verbalen Liebesgeständisses auch für Dido konkret wird. kann Schweigen. besonders in den großen Epen der staufischen Zeit. von jeher eine der Kontroversen der Veldeke-Forschung. Sie ende daher notwendig im Leid (Leid als Folge und Strafe des ethisch-charakterlichen Versagens). Dabei soll die Untersuchung des Schweigemotivs.und Problemgeschichte.108 Astrid Bußmann 4. bes.. 98-114. verstanden werden. So gelingt es HÜBNER. dazu FRIEDRICH MAURER: ‚Rechte‘ Minne bei Heinrich von Veldeke. Pro Dido konstatiert hingegen SCHRÖDER (WERNER SCHRÖDER: Dido und Lavine. Bern 1951 (Bibliotheca Germanica 1). 222f. als auch SCHRÖDERs Argumente pro Dido als Reflex auf die Erzähltechnik plausibel zu machen. Anm. 228). mit WENZELBURGER aber auch als Charakteristikum der zweiten scheiternden Minnebindung des Eneasromans. und DERS. MAURER argumentiert dabei contra Dido: Im Gegensatz zur rehten Lavinia-Minne sei die Dido-Minne unreht. Signifikanterweise kann Wortlosigkeit. der Verbindung von Eneas und Dido. Basel 2003 (Bibliotheca Germanica 44): „Dido bewertet ihr Verhalten selbst als falsch. den Fehler aber als unvermeidlich. Tübingen. 161-195) nicht nur deutliche Parallelen im Liebesgefühl von Dido und Lavinia. 12). seien im Folgenden nur die auf MAURER und SCHRÖDER beruhenden Grundpositionen referiert. insbesondere in dessen Maßlosigkeit. definiert sich die Verbindung von Turnus und Lavinia in der Vermeidung des verbalen Liebesgeständnisses als wortlose Verbindung und eben deshalb letztlich nicht als Minnebindung.“ (S. Studien zur Fokalisierung im Eneas. 52). 179). über die bereits etablierte Korrelation von scheiternder Liebe und scheiternder Liebeskommunikation hinaus das Schweigen als Extremform kommunikativen Scheiterns für eine minnekommunikative Interpretation der Dido-Episode heranzuziehen. S. In: ZfdA 88 [1957/1958]. S. Leid. sondern lediglich situationsbedingt verschieden“. . Die Fokalisierungstechnik der gesamten Episode zielt darauf. als sie ihr unverschuldetes Leid nicht zu ertragen vermöge und Selbstmord begehe (S..

vor allem nicht in gleiches minnekommunikatives Handeln.31f. Bezogen auf den Minnekontext bezeichnet unmâze demnach einen Zustand höchster Erregung im Liebesgefühl. für SCHRÖDERs Gegenüberstellung von Dido und Lavinia S. umgesetzt wird.22) in Minnekrankheit schlaflos verbrachte Nacht sind für Dido hingegen deutlich anders als für Eneas und Lavinia – nämlich erotisch – konnotiert.13.56 Im Konflikt von Reden und Schweigen. Aus kommunikationstheoretischer Perspektive heraus genügt es daher nicht. wie dem Rezipienten gerade im Problem des Wissenlassens eindringlich vor Augen geführt wird. dass SCHRÖDER nicht zwischen Denken und Handeln differenziert.8) und Eneas (292. dass das minnekommunikative Verhalten von Dido und Lavinia und damit ihr gesamtes Minneverhalten nicht „lediglich situationsbedingt“. 76. demgegenüber aber die Gleichheit von Eneas und Lavinia markiert wird. und für Lavinia 270. 285. S.17. 54) außerdem.9-300. als vielmehr auf einer defizitären Umsetzung dieses Gefühls.26f.11-53.29. Diese These resultiert aus der Tatsache. noch implizit durch formale Parallelen suggeriert wird. Denn diese These basiert auf drei Fehleinschätzungen: (1) In Parallelszenen sieht SCHRÖDER immer die Gleichheit von Dido und Lavinia. Schlüsselszenen wie die von Dido (50. für Dido 38. weil sie sich von dem Wissen um ihre Liebe die Gegenliebe des Trojaners erhofft: ‚her sal mir deste holder sîn. etwa zwischen Lavinias nur erwünschtem (324. dass die Minne der beiden Frauen zwar auf der Gefühlsebene gleich ist – beide lieben zunmâzen55 –..10-13) und Didos vollzogenem Beischlaf (63. nie ihre Ungleichheit markiert.. wenn er weiß. sondern die rein adverbielle Funktion hat. sondern auch mit demselben Ovidianisch geprägten Motivrepertoire. Vgl. „über alle Maßen das Tun wie das Lassen“) und wählt letztlich das Schweigen. dass unmâze von Veldeke nicht als negativer Gegenbegriff zum positiven mâze gemeint ist. dass das gleiche maßlose Minnegefühl aber nicht in gleiches Minnehandeln. 276. Dido hingegen fürchtet zunmâzen / daz tûn und daz lâzen (56. Lavinia (und Eneas) nicht nur mit demselben Attribut – eben unmâzlich – beschrieben wird. 302.4-28) mit Eneas. 174-179).2. / swenner weiz den willen mîn‘ 109 verurteilt auffasse.13-279. wo sie dem Rezipienten weder explizit durch inhaltliche. geht nämlich allein die latinische Prinzessin das Wagnis eines Liebesgeständnisses ein. so dass statt der Gleichheit der beiden Frauen ihre Ungleichheit. 54) oben genannter These. sondern „grundsätzlich“ verschieden ist. 54) bleibt dabei anzumerken. von tûn und lâzen. „‚wird er mir umso gewogener sein. dazu RENATE KISTLER: Heinrich von Veldeke und Ovid. dass diese defizitäre Liebe weniger auf einem gegenüber dem Liebesgefühl Lavinias differenten und deswegen defizitären Liebesgefühl der karthagischen Fürstin basiert. das die Liebe als Krankheit metaphorisiert.7. 69. Forschungskonsens ist seit SCHRÖDER (Anm. lediglich auf der Folie von Lavinias Reden Didos Schweigen als das 55 Für die unmâze der Liebe vgl. dass die Liebe von Dido.19. So setzt er den von Dido im Beischlaf begangenen Normverstoß mit dem von Lavinia im Widerstand gegen ihre Mutter begangenen Normverstoß gleich (vgl. F. auf defizitärem Liebeshandeln. Tübingen 1993 (Hermaea N.6). 71). Lavinia (278. Meine These.. 303. Gegen MAURER (Anm. den Grad der Erregung bei verba sentiendi anzugeben.‚her sal mir deste holder sîn. (3) SCHRÖDER konstruiert Gleichheit selbst dort. möchte ich gleichwohl betonen. (2) Diese Negation einer Differenz äußert sich auch darin. versteht sich als Korrektur von SCHRÖDERs (Anm.37f. / swenner weiz den willen mîn‘ (285. 212f. was ich will‘“). 56 .12f.

Didos Herrschaft. und nur deswegen kann er sie gemäß dem Willen der fata verlassen..7).31. In der bereits von SCHRÖDER (Anm.und Minnekommunikationsverhalten. In dem Gespräch zwischen der französischen Dido und der französischen Anna wird Didos Minnekommunikation nur insofern akzentuiert. die durch Didos Defizite keineswegs negiert werden sollen. Präsent in der narratio wird es so erst. 104) herangezogen.110 Astrid Bußmann spezifische Defizit der Dido-Minne zu markieren. weiter unten S. Dido hingegen nicht. von Nicht-Wissen und Nicht-Liebe orientiert. nicht Didos Minnekommunikation.23-57. Berlin 2001 [Grundlagen der Germanistik 39]. dass er Dido nicht aufgrund der fata verlassen habe. 299. muss vielmehr in Kausalzusammenhang gesehen werden mit der differenten Gegenliebe des Eneas. S. hier S. dass Didos Schweigen Nicht-Wissen. S.13-16). kurz gesagt.57 Da für mich Eneas’ defizitäre Minne auf Didos defizitärem Minnebekenntnis basiert. 54). die als distinktives Merkmal der beiden Minneepisoden Liebesglück und Liebesleid wesentlich bedingt.58 da die Differenz von Laviniaund Dido-Episode somit auch die Konsequenzen von Wissen und NichtWissen illustriert. liebt Eneas allein Lavinia zunmâzen (294. Zu Eneas’ eigenen Defiziten im Minne. In: PBB 114 [1992]. um Eneas von der Abreise abzuhalten (V. In meiner minnekommunikativen Interpretation der Dido-Episode soll mithin gezeigt werden. Denn während Dido und Lavinia den Trojaner gleichermaßen zunmâzen lieben. durch die Diskussion der politischen Vorteile. um das fatum ignorieren zu können (296. ist gerade das Gespräch zwischen Dido und Anna (V. Denn im Roman d’Eneas wird der Konflikt von Reden und Schweigen in der DidoEpisode nicht nur kaum thematisiert. Das differente Kommunikationsverhalten der beiden Frauen. Ihr ist er lediglich genûch holt (76. dass Dido mit ihrem Schweigen ihr eigenes Scheitern initiiert. Zur Umakzentuierung der Vorlagen bei Heinrich von Veldeke. sondern weil er sie zu wenig geliebt habe. wie die Fürstin rückblickend konstatiert. S. Es problematisiert. 122ff.59 Für den Eneasroman hingegen 57 58 59 Rückblickend erkennt Eneas. Notwendiger Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit Didos Liebesgeständnis und damit für eine Auseinandersetzung mit dem programmatischen Konflikt von Reden und Schweigen. vgl. als es als Problem . die eklatante Differenz von Reden und Schweigen. die die Fürstin in einer Verbindung mit Eneas gewinnen könnte. ist dabei das Gespräch zwischen Dido und ihrer Schwester Anna (53. zur Entlastung von Dido initiierten Debatte um ein schuldhaftes Verhalten des Eneas wird diese Selbsterkenntnis sowohl zur Belastung (ELISABETH LIENERT: Deutsche Antikenromane des Mittelalters. von tûn und lâzen. 1377-1382). 98) als auch zur Entlastung des Protagonisten (ANETTE SYNDIKUS: Dido zwischen Herrschaft und Minne. 295. Das Problem des Wissenlassens wird hingegen nicht diskutiert.18 „sehr gewogen“). ist meine Untersuchung von Didos Schweigen letztlich wieder an der Korrelation von Wissen und Liebe.32) – zumindest in der Erzählkonzeption Heinrichs von Veldeke. es soll gezeigt werden. 1272-1390) auch wesentlich anders akzentuiert. als Anna Dido zu einer sprachlichen List rät. Nicht-Liebe und Tod generiert. 179f. 57-107.2.

1437-1444). Übersetzung. alsô sie diu minne dwank. In seiner verbalisierten wie in seiner diskursivierten Form ist das Liebesgeständnis für Dido aber mit Schweigen konnotiert. wagt auch die karthagische Fürstin ausschließlich gegenüber einer Stellvertreterfigur.‘ Nach längerem Zögern. weil dieses Gespräch einerseits selber Liebesgeständnis ist. die SYNDIKUS (Anm. die KARTSCHOKE zwar nicht bietet. ê si vollesprâche ‚AS‘. 60 . sondern in dieser Reduktion zusätzlich fragmentiert wird. andererseits verschiedene – verbale und nonverbale – Strategien des Liebesgeständnisses diskutiert. Ich folge mit meiner Interpunktion der Interpunktion bei FRINGS/SCHIEB und FROMM. Selbst gegenüber ihrer Schwester Anna vermag Dido nämlich den Namen des Eneas lediglich stammelnd. (55. Bereits in seiner Verbalisierung ist das Geständnis somit doppelt mit Schweigen codiert. nach der er aber übersetzt (alle Anm. 60. Die „sinntragende[n] Abweichungen und inhaltliche[n] Gewichtsverlagerungen“. weil es grundsätzlich wichtiger ist als die diskursivierten Minnebekenntnisse. zerlegt in Einzelsilben. 15). der die Jagdszene – und damit die sog.60 aufgehoben wird. Veldeke übernimmt nicht nur diesen Kommentar (58. / ê si vollesprâche AS. um von Anna verstanden zu werden. wer es war. sondern inseriert zu Beginn der Dido-Episode einen zweiten Kommentar (38. S. 57). und. sagte sie. S. 352. / dô weste sie wol wer es was hieße in Übersetzung: „‚Er heißt‘. Interpretation und Interpunktion bedingen in dieser Szene einander. Vgl. nach längerem Zögern: „Ne“. 5).“ Je nach Lesart potenziert sich damit das Schweigemotiv.24-28) „Er heißt“. so wie die Minne sie zwang. Die eigentlich bei KARTSCHOKE abgedruckte Version: ‚her heizet‘. sondern weil es in einer signifikanten Reduktion zurückweist auf das Minnebekenntnis des Turnus: Das existentielle Risiko der Person. und dar nâch ‚NÊ‘. dazu auch ERNST (Anm. sprach si ‚der Ê / und dar nâch NÊ. ‚E und dann NE. / swenner weiz den willen mîn‘ 111 muss das Gespräch zwischen Dido und Anna als Schlüsselszene für die fatale Korrelation von Liebesgeständnis und Schweigen verstanden werden. der deutschen Dido-Episode attestiert. Wenn ich mich in der Interpretation von Minne und Schweigen daher zunächst dem von Dido verbalisierten Minnebekenntnis zuwende. wer es war. weil Dido in der zweiten Version den Namen gar nicht vollständig buchstabieren muß. betreffen also auch das Kommunikationsverhalten der Protagonistin. wusste sie [Anna]. dô weste sie wol wer es was.24-39). sagte sie. uber lank.‚her sal mir deste holder sîn. / alsô sie diu minne dwank. ehe sie vollendete: „AS. ‚Liebesvereinigung‘ – einleitet (V. noch ehe sie vollenden konnte ‚AS‘. zu nennen: ‚her heizet‘ sprach si ‚der Ê‘. „E“. das dem Liebesgeständnis in der Preisgabe gegenüber dem Anderen immer eigen ist. so wie die Minne sie zwang. da es nicht nur auf einen Stellvertreter reduziert. dann nicht deswegen. nämlich in einem Erzählerkommentar.24-32).‘ uber lank.“ Da wusste sie [Anna] sofort. der qua seiner Stellung vorausdeutenden Charakter hat.

71. nach außen hin freilich vor allem das Schweigen akzentuiert:62 61 62 Während Dido vor Beginn ihrer Liebe den Namen des Eneas gegenüber dem trojanischen Boten problemlos artikulieren kann (30.).. / der nie gelîchen gewan‘ (55. 61. / den ich mit ougen nie gesach‘ (55. zumindest bezogen auf die verbale Liebeskommunikation. Die Schwestern verständigen sich vielmehr durch Umschreibungen wie ‚der man. 64. Diese Differenzierung ist dabei zu betonen.) als Bewährung ihrer Minne charakterisiert. Dass die Fürstin den Trojaner direkt mit Namen anspricht..33). obwohl Veldeke. sondern vom Erzähler nur so kurz referiert.31-35. etwa indem der Erzähler Didos Schweigen konstatiert (38. spricht sie den Geliebten selbst erst bei der Trennung mit Namen an (69. Dido insofern im Schweigen als sprechend zu inszenieren.21ff. (4) Während der Erzähler die Möglichkeit.9). der niemals seinesgleichen hatte‘“) und ‚de[r] man[ ].15f.32. geschweige denn in direkter Rede inszeniert..25-28) – genauer: um die adäquate. inszeniert der Text sogar erst in der Krise ihrer Beziehung. das kompromisshaft verbales Schweigen und nonverbales Reden miteinander kombiniert. „‚ein Mann.30f. was in der von Anna initiierten Diskussion um ein Minnebekenntnis gegenüber Eneas (56.6-14. dass der Rezipient nicht einmal ihren Inhalt erfährt (58. (3) Dialoge zwischen Dido und Eneas werden nicht in indirekter.61 Als Chiffre des Schweigens erweist sich die Zergliederung von Eneas’ Namen damit auch als Chiffre für Didos gesamte Liebeskommunikation. das fruntlîchen ane sehen. (2) Demgegenüber wird die Nicht-Existenz der verbalen Kommunikation gezielt betont. 58. in Szenen wie der schlaflos verbrachten Nacht durchaus nutzt (52. Stattdessen . „‚der Mann. verzichtet er nach Didos Gespräch mit Anna darauf. wie ihn meine Augen nie erblickten‘“). entsprechende Szenenmuster leicht zur Verfügung gestanden hätten.26). In einem narrativ ausgestalteten Dialog werden Dido und Eneas so erst wieder bei ihrer Trennung präsentiert (67. ihre Minnekommunikation ein personales Wagnis also nicht völlig negiert.2-22).6f. der Trennung.112 Astrid Bußmann Wenngleich Didos Schmerz und ihre Scham die Artikulation des Namens (55.33-37. 63. bleibt der Wert ihres Bekenntnisses daher zweifelhaft – zumal sich das im Stammeln konkretisierte Schweigen im weiteren Dialog dadurch verabsolutiert.10. verbale oder nonverbale Realisierung dieses Bekenntnisses – von den Schwestern endgültig als Kommunikationsstrategie etabliert wird: Didos Verstummen. Denn letztlich nimmt ihr stammelndes Verstummen nur das voraus. Diese ausschließliche Wahrnehmung von Didos verbalem Schweigen wird durch vier Erzählstrategien bewirkt: (1) Didos Kommunikation durch Blicke wird nach dem Gespräch mit Anna gar nicht – vor dem Gespräch nur in zwei Versen (50.19f. Didos Gedanken in Form eines Selbstgesprächs darzubieten. 48. weil die Fürstin im Zwiespalt zwischen Reden und Schweigen nicht eigentlich das Schweigen wählt. dass die Fragmentierung des Namens keineswegs behoben wird. So dominiert in der narrativen Gestaltung der nonverbalen Kommunikation statt der Gegenseitigkeit der Blicke letztlich die Gegenseitigkeit der Berührungen (35.24-29). sondern eine Variante nonverbaler Liebeskommunikation. wie das Beispiel der Lavinia-Episode zeigt.9-73.) – in narratio überführt.2f.19-23).

67. 66. In der Wahrnehmung des Rezipienten wird dieses Nicht-Wissen für den Trojaner aber nicht zuletzt dadurch verabsolutiert. Identität und Rang in Hartmanns Erec. und dass Dido. / swenner weiz den willen mîn‘ 113 ‚ir moget in wol mit êren fruntlîchen ane sehen. als er auch Gedankenrede hätte verwenden können. dass sie ihn liebt.5ff. wie bereits der Roman d’Eneas das Minnehandeln der Fürstin tadelnd kommentiert. / ich sage û. irn dorfet dorch daz niht jehen. wes si frô was (64. In: ZfdA 134 (2005). Ich sage euch. Zur narrativen Negation des Schweigens durch Gedankenrede am Beispiel von Hartmanns Enite vgl.. 63 .‚her sal mir deste holder sîn.13-21).7-67. dass es. hier S. unz daz her sich versinnet. das mit Didos Nicht-Wissen über eben diese Pläne korrespondiert (58.8) –. als Leitmotiv in der Dido-Episode fungiert. dass ihre Liebeskommunikation statt Wissen Nicht-Wissen generiert. 58.‘ (57. ahnt gerade deswegen nicht. dass Didos Liebeskommunikation – und damit ihre Liebe – nicht reüssiert. „Eneas wusste nicht. 1-29. und für die Weitertradierung des Nicht-Wissen-Motivs in Eneas’ NichtWissen über Didos Tod 80. 19f.33-37.33-58. wie der Erzähler bereits zu Beginn der DidoEpisode programmatisch konstatiert: Do enweste niht Ênêas. und markiert dadurch umso deutlicher Didos Schweigen: Dô was diu frouwe Dîdô / beidiu rouwich unde frô. worüber sie froh war“).“ Bei einer kritischen Beurteilung von Didos Minnekommunikation – zumal bei einer Beurteilung auf der Folie von Lavinias Minnekommunikation – kann daher trotz aller notwendigen Differenzierungen nicht außer Acht gelassen werden. Denn Eneas. 51. BRITTA BUSSMANN: Dô sprach diu edel künegîn … Sprache. „Frau Dido war zugleich traurig und froh. dass Didos Selbstreduktion auf die Sprache der Blicke so sicher zum Schweigen führt.7ff..34-37.9-23).4. der von Dido nicht durch Worte in ihre Liebe eingeweiht wurde. Vgl. daz ir in iht minnet. Tot pert le sens et la parole (V. für das Nicht-Wissen des Eneas 38. wie es die Wahl des Schweigens an sich getan hätte. 1407.63 betont er sein eigenes Reden. S. ganz wie das Nicht-Sprechen der Fürstin. „sie verliert gänzlich den Verstand und die Fähigkeit zu reden“).2-6) „Ihr könnt ihn doch in (allen) Ehren freundlich ansehen. Es kann den Rezipienten folglich nicht überraschen. dass Ihr ihn etwa liebt – bis dass er etwas merkt. / daz im frouwe Dîdô was / sô unmâzlîchen holt (38.16-31. in der Liebe ihre verbalen Kompetenzen völlig verliert. für das Nicht-Sprechen Didos 38.24-32. Ihr braucht deshalb (ja) nicht (gleich) zu sagen. Zusätzliche Prägnanz gewinnt die fatale Korrelation von Nicht-Sprechen und Nicht-Wissen für die Dido-Episode dadurch. dass ihm Frau Dido so über alle Maßen gewogen war“).24-39. dass sie in derselben Episode unter umgekehrten Vorzeichen wiederholt wird: Auch Eneas ist ein Schweigemotiv zugeordnet – das Verschweigen seiner Italienpläne (57.27ff. obwohl sie als Herrscherin primär durch verbale list brilliert (25.

konnte es erkennen. indem Dido sich erjagen lässt – narrativ manifestiert. 208-211 und S. dass die Strategie der Fürstin eine Strategie der Verführung ist.10). mit Eneas einen Mann liebt.2-7) und die ‚Beute‘ Eneas gezielt dazu einlädt (60. Dieser Kommentar verdeutlicht nämlich. ihr Minnebekenntnis zu konkretisieren. von einem tendenziell risikolosen zu einem in seiner Eindeutigkeit riskanten Liebesgeständnis wechseln. in der mittels eines Stellvertreters das höfische Berührungsverbot wie das literarische Schweigegebot unterlaufen wird: ir deckelachen sie nam / under ir arme vaste ./ ir getroumde von ir gaste: / 65 66 . Die minnestrategische Bedeutung der Jagd zeigt sich darin. die die Zeichen der Nicht-Liebe nicht lesen kann. der die Zeichen der Liebe nicht lesen kann.).28) –. „Wer hinsah. Zur narrativen Funktion von „absences“. die Preisgabe gegenüber dem Anderen drastisch zu intensivieren. Dabei verdeutlicht die der eigentlichen Jagd vorausgehende descriptio von Didos Gewand (59.29-57. 228-249. da durch sie Didos Körperlichkeit akzentuiert wird. den Risikocharakter. der der Dido-Minne schon immer inhärent ist und der in der Hingabe nur mehr konkret wird.40f. etwa durch das Kalkül. Die Tragik der Dido-Minne entfaltet sich daher bereits darin.4-10). sie könnte aber auch die Eindeutigkeit. Selbst ohne diese Implikationen stände die Liebeserfüllung jedoch durch die descriptio unter dem Vorzeichen der Äußerlichkeit. Wie sich in der nur bei Heinrich von Veldeke als Didos List inszenierten Jagd (58. die ihr einzig verblieben ist: Sie vereindeutigt ihre nonverbale Liebeskommunikation in der Hingabe. das existentielle Risiko der Person.6)65 – de facto eine Minnejagd auf Eneas.).“). Prinzipiell böten sich der Fürstin dazu zwei Alternativen: Sie könnte von einem nonverbalen zu einem verbalen.66 in 64 Dies wird nicht nur implizit in Eneas’ Blindheit für Didos verliebte Blicke (50. wo sie als Akt konkret wird – in der ‚Liebesvereinigung‘ fällt der Akt in eine markierte Ellipse (63. auch MARIE-SOPHIE MASSE: La description dans les récits d’Antiquité allemands fin du XIIe-début du XIIIe siècles. S.6). ihres nonverbalen Liebesgeständnisses intensivieren. Allerdings hat sie sich die erste Alternative aus Angst um ihre êre von vornherein versagt (56. dass Wissen und Nicht-Wissen eine Frage der Rezeptionsbereitschaft ist und dass diese Rezeptionsbereitschaft bei Eneas nicht gegeben ist. in der Eneas aber nur erjagt wird. sondern in der narratio von Didos in Minnekrankheit schlaflos verbrachter Nacht. während Eneas und Lavinia nie körperlich beschrieben werden. „dissymétries“ und „parallélismes“ in den Beschreibungen des Eneasromans und zum erotischen Akzent in der Beschreibung von Dido vgl.16ff. Damit wird der sexuelle Akzent.19-61. wählt sie daher notgedrungen die Alternative. Aux origines de l’adaption et du roman.8. Am explizitesten wird die Körperlichkeit der Dido-Minne nicht dort. dass Dido den Ausritt seit dem Vorabend plant (59.33-64. sondern auch explizit in einem auf die Lesbarkeit von Didos Minnesymptomen bezogenen Erzählerkommentar thematisiert: daz gesâgen die des nâmen war. dass Dido als Frau.) – und zwar obwohl das winterliche Wetter eine Jagd verbietet (59. mit dem sie statt eines langen einen kurzen Mantel wählt (60.114 Astrid Bußmann Weil ihre sublime Sprache der Blicke – zumal bei einem Rezipienten wie Eneas. (39.14f. sondern als totale Preisgabe gegenüber dem Anderen lesen lässt. dessen Fähigkeit zur Liebe wie zur Rezeption von Liebeszeichen in der Dido-Episode deutlich eingeschränkt ist64 – somit nicht zur ersehnten Gegenliebe führt. ist Dido gezwungen. die sich innerhalb dieses Codes nicht nur als Preisgabe. Paris 2004 (NBMA 68).

die diesen Schritt als Frau nicht offen zu vollziehen wagt.36ff. Die bereits zu Beginn der Dido-Episode etablierte Angst der Fürstin vor dem ersten Schritt (38.) erklärt sich auf der Folie einer konventionellen Auffassung von Minne und Minnekommunikation. Sie bildete sich ein. Dies mag in ihren Augen zwar den Vorteil haben. vgl. S. 54) Feststellung: „Die Übertragung des Gegensatzpaares: niedrige fleischliche und hohe entsinnlichte Frauenliebe auf Dido und Lavine verbietet sich von selbst. / unze daz sie gesach. dass Herr Eneas nicht neben ihr war. Das verbale Liebesgeständnis dürfe vielmehr erst erfolgen. fühlte sie sich einen Augenblick lang glücklich.10f.). Sie presste das Betttuch immer wieder an ihrem Mund. zum Wild. sondern die Reduktion auf den bloßen Körper und den endgültigen Verlust ihrer Sprachsi dûhte daz ez wâre / Ênêas der mâre . Eneas aktiv werden zu lassen. 29) deutlich eingeschränkt. Sie träumte von ihrem Gast. geradezu tragisch konterkariert. S. nicht sie selber. 58. Wenngleich Didos Verzicht auf ein verbales Geständnis durch die narrative Entfaltung ihrer Beweggründe nachvollziehbar ist. sie verhielt sich sehr merkwürdig. ob Eneas werbend aktiv wird (57. „Sie nahm ihr Deckbett fest in ihre Arme.33ff.26ff. dazu LECHTERMANN [Anm.‚her sal mir deste holder sîn. So bedeutet der Moment der scheinbaren Liebeserfüllung für die Fürstin keineswegs Erfüllung./ sie dwanc es an ihr munt / zû vil maneger stunt. passiv abzuwarten. 67 .“).67 Dennoch kann letztlich der Nachteil nicht negiert werden. / ein wîle hete sie gemach. / grôz wunder si machete. – SCHRÖDERS (Anm.).). (63. Im Kontext meiner Interpretation ist die Szene darüber hinaus wegen eines Details interessant: Bei ihrem gestammelten Liebesgeständnis gegenüber Anna wirft sich Dido auf das Bett. sich von ihm zur Liebe zwingen zu lassen. muss ihr Schweigen daher kritisch hinterfragt werden. in welchem sie zuvor den Traum von Eneas gehabt hat (53.4. (52.2-6). dass es in der Logik ihrer Inszenierung Eneas ist. so dass das gesamte Gespräch von vornherein sexuell konnotiert ist. die Bewahrung ihrer êre und ihrer Person. Trotz der fraglosen Totalität der körperlichen Preisgabe ist die Hingabe daher in der „Offenbarung der Person als Preisgabe gegenüber dem Andern“ (HAUG [Anm. wenn der Mann die Liebe bereits an nonverbalen Zeichen bemerkt habe (57. zumal sie ihren primären Beweggrund. deren narratives Sprachrohr Anna ist. Als sie aufwachte. / dô si dô intwachete. bis sie sah. „Da begann sich ihm all sein Fleisch und sein Blut zu erwärmen. dass die körperliche Preisgabe statt Liebe eben nur Begehren stimuliert: do begunde ime irwarmen / al sîn fleisch und sîn blût. 264). Demnach dürfe die Frau in der Liebe nicht selber die Initiative ergreifen. Die Aktivität von Dido und Anna beschränkt sich im weiteren insofern darauf. Diese Szene kann als Schlüsselszene der DidoEpisode verstanden werden. 3].21-32. und selbst die Minnejagd ist von Dido letztlich darauf ausgerichtet. das gejagt und – in drastisch sexueller Bildlichkeit – erlegt wird (63.32-53. 167) kann damit nur zurückgewiesen werden. sondern Formsache ist. weil sich in ihr durch die troum-Metaphorik neben der Körperlichkeit auch die Scheinhaftigkeit der Dido-Minne manifestiert. der den ersten Schritt zur Liebe vollzieht. / swenner weiz den willen mîn‘ 115 der narratio als notwendige Folge von Didos Schweigen inszeniert. indem sie die verbale Preisgabe durch die körperliche Preisgabe substituiert. es wäre der stattliche Eneas. zumal nicht im Medium der Sprache.30ff.“ (S. 21]. wenn das Geständnis also nicht mehr Preisgabe.. / daz der hêre Êneâs / dâ bî ir niene was.“. Schließlich erringt sie die Aufmerksamkeit des Geliebten allein durch ihre Stilisierung zum sexuellen Objekt.

68 Denn der Trojaner negiert nicht allein ihre Einwände gegen einen Beischlaf. dennoch scheint Veldeke die damit verbundene sprachliche Depotenzierung als Faktum wichtig zu sein. Er machte mit ihr. „da meine Worte nichts ausrichten‘“). (iedoch sprach si dar wider) und er legete sie dar nider.] Marburg 1967. Zeichenhaft werden ihre nutzlosen Bitten vom Erzähler deswegen auf eine narrative Floskel reduziert: Dô der rede vile was (73.18-25) Liebevoll bat er sie. 63. […].21) und nonverbale (63.9-73. Didos Re-Emanzipation als sprechendes Subjekt erfolgt daher erst in der Krise des unabwendbaren Abschieds. 72. Durch die freiwillige Aufgabe ihrer Sprachgewalt haben ihre Worte nämlich ihre Macht verloren: ‚sint mîn rede nû niht vervât‘ (70. 1522-1525). 47).. kann Eneas aber nicht mehr halten. dass die Liebesvereinigung „trotz der Bitte des Eneas um Gewährung der Liebesgunst im Grunde einer Vergewaltigung gleichkommt“. ist zwar ein Ovidianisch-misogynes Standardklischee.26).22.25). sondern ihre Stimme wird durch den indirekt bleibenden Erzählerbericht aus der Handlung genommen: minnechlîche her si bat. 63. nachdem mit dem Trennungsdialog (67. „als der Worte genug gewechselt waren“) und in der sofortigen Abreise des Trojaners endgültig nivelliert (73. Der wiederholte Hinweis auf ihre Liebe (68. 67. Vgl. 131.5. deren Sprechakt demnach vom Mann ignoriert werden kann. Veldekes Erzählstrategie ist pointierter als die Erzählstrategie des Roman d’Eneas. S. Im Gegensatz zum Roman d’Eneas. in dem sich Dido dem Willen des Eneas keineswegs verweigert (V. Diss.6-18). wird im Eneasroman nämlich nicht nur Didos verbale (63. und er legte sie auf den Boden.116 Astrid Bußmann gewalt. Anm. was er wollte. wie es Venus befahl: Sie konnte sich überhaupt nicht wehren. 69. her tet ir daz er wolde (63.13f. ihm zu gewähren. dazu auch EMBERSON (Anm.). denn nur im Eneasroman bricht die Kommunikation zwischen Eneas und Dido dramatisch ab.12ff.24) Verweigerung.9) der kommunikative Höhepunkt der Dido- 69 . alsez Vênûs geriet: sine mohte sich erweren niet. verbunden mit der ersten vollständigen Namensnennung ihres Geliebten (69.5-8.69 68 Der Topos von der Frau. wonach sie selber verlangt hatte – dennoch sprach sie dagegen –. sondern auch das Gewaltsame in Eneas’ Handeln akzentuiert (63. S.32. [masch. Ein Vergleich mit Vergils Aeneis.16f. BRANDT (WOLFGANG BRANDT: Die Erzählkonzeption Heinrichs von Veldeke in der Eneide. die sich nur scheinbar verweigert. 134) konstatiert daher sogar. daz si in gewerde des si selbe gerde.

Zwar ist auch in die französische Dido-Episode die Nennung von Eneas’ Namen inseriert. Wie SCHNYDER (Anm. anders aber auch als im Roman d’Eneas. S.5-18). 38].15-28) und im Liebesgeständnis Lavinias gegenüber ihrer Mutter (281. S. WUTH (Anm. Schmerz und Scham neben Didos (55. sondern indem sie Buchstabe für Buchstabe mit einem griffel von golde72 auf einem tavelen (282.71 Die Prinzessin fragmentiert den Namen des Trojaners nämlich nicht stammelnd. als nur um die Reduktion von Übertreibungen (SCHUBERT [Anm. 8535-8564). Dies wird gerade in der Zergliederung von Eneas’ Namen im Liebesgeständnis augenfällig. 2625-2662) und in der Aeneis (VI. Didos Nachrufen und Nachwinken cent feiz et cent (V. „als sie sich bewusst wurde. dass sie ihn nannte“). do ir ir mûder urloub gab.440-476) spricht hingegen Eneas Dido an. und fällt dabei in Ohnmacht (V. Die französische Lavinia hingegen stammelt – wie die deutsche Dido – den Namen des Eneas. 20). 298) von Eneas und Dido dadurch verabsolutiert.70 inszeniert der Eneasroman zweimal die Zergliederung von Eneas’ Namen in der Minnekommunikation: im Liebesgeständnis Didos gegenüber ihrer Schwester (55. 70 71 72 .‚her sal mir deste holder sîn. worauf sie ihn in einer variierten Wiederholung dieses Motivs tatsächlich nennt. Denn anders als in der Aeneis. qu’el le noma (V.1276-1278).) niederschreibt: Mit angesten plânete sie daz was und solde scrîben Ênêas. 12]. Vielmehr versucht Dido erst vergeblich. E was der êrste bûchstab. dar nâch N und aber Ê. doch wird in dieser Szene der Name nicht fragmentiert. so meine These.) auch Lavinias Minnebekenntnis prägen (282. verweist der goldene Griffel nach dieser Lesart auf die Wahrhaftigkeit des mit ihm verschrifteten Liebesgeständnisses. die sein französischer Prätext von Vergil übernommen (IV. aber wieder in Ohnmacht fällt. Doch obwohl Angst. 20). S. Es geht damit deutlich um mehr. 1955-1970.412-449) und noch intensiviert hat.28): Weil die Verwundung mit dem Goldpfeil rehte[ ] minne (264. wo eine narrative Entfaltung der Lavinia-Minne – und damit ein kontrastiver Parallelismus von Didos und Lavinias Minnekommunikation – von vornherein nicht gegeben ist.25-40). 244. 75. „hundert.10f. ist es durch seine Medialität als epische Überbietung zu Didos Minnebekenntnis konzipiert. 1883-1901). wo die Zergliederung von Eneas’ Namen nur in der Lavinia-Episode narrativ gestaltet ist (V. dass sich selbst das Treffen in der Unterwelt in Schweigen vollzieht (99.40) hervorruft. 1321-1325. dass sich in der kontrastiven Parallelisierung von Didos und Lavinias Minnekommunikation neben der Differenz von Reden und Schweigen auch die Differenz von Schriftlichkeit und Mündlichkeit sinnträchtig manifestiert. assoziiere ich mit dem goldenen Griffel den goldenen gêr Amors (264. Im Roman d’Eneas (V. Episode erreicht ist. den Namen zu nennen. um das mit Dido konnotierte Schweigemotiv gezielt zu potenzieren. quant l’en sovint. / swenner weiz den willen mîn‘ 117 Für Heinrichs von Veldeke Version der Dido-Episode bleibt damit nur mehr hervorzuheben.und aberhundertmal“) –.25-282. S. Der deutsche Retext eleminiert damit Didos vergebliche Kommunikationsversuche – Annas wiederholte Botengänge (V. Veldeke tut dies.23). 146) – zumal sich nur im Eneasroman das „wortlose[ ] Verhältnis“ (WENZELBURGER [Anm.21ff.

wird in Lavinias buchstabenweiser Niederschrift die Fragmentierung des Namens durch die Linearität der Schrift im Wachs aufgehoben – eine Differenz. do bereite sich diu mûder des und sprach dô si in gelas . und wollte ‚Eneas‘ schreiben. danach (kam) N und wieder E. Danach schrieb sie A und S. die notwendigerweise in ungebrochener Fragmentierung verhallt. In Verbindung mit dem einleitenden Vers: und solde scrîben Ênêas wird die Szene daher von zwei unfragmentierten Nennungen des Namens eingerahmt. nachdem sie ihn [den Namen] gelesen hatte: „Hier steht ‚Eneas‘ (geschrieben)!“ Auffälligste Folge dieser differenten Medialität von ‚E-N-E-A-S‘ und ‚ENE-AS‘ ist dabei die Restitution statt Destruktion von Eneas’ Namen in der Minnekommunikation. zur Chiffre. Verleiht Lavinia nämlich dem Namen des Geliebten durch die schriftliche Fixierung eine überzeitliche Dimension. nachdem ihre Mutter ihr die Erlaubnis gegeben hatte. Anders als Didos Schwester Anna spricht Lavinias Mutter den Namen des Trojaners nämlich offen aus: ‚hie stet Ênêas!‘. die übrigens im Kommunikationsverhalten von Didos und Lavinias Dialogpartnern gespiegelt und dadurch noch potenziert wird.13-22) Astrid Bußmann Ängstlich glättete sie das Wachs. so dass letztlich Lavinias unfragmentierte Sprache der Liebe gegenüber Didos fragmentarisch bleibender Sprache der Liebe betont wird. als sich Beständigkeit und Unbeständigkeit nicht allein als Dominanten im minnekommunikativen 73 WUTH (Anm. verbleibt der buchstabierte Name als geschlossener Korpus auf dem Wachs.und LaviniaEpisode ist dies nun vor allem insofern relevant.hie stet Ênêas!‘ (282. dar nâch screib si A unde S. Da nahm die Mutter es in Augenschein und sagte.118 diu angest tete ir vile wê. in der sich Beständigkeit und Unbeständigkeit als distinktives Merkmal der beiden Liebessprachen manifestieren. ist die mündliche Artikulation Didos dem Vergessen unterworfen: „Während der silbenweise benannte Name mit dem Klang der Stimme vergeht. E war der erste Buchstabe. Denn im Gegensatz zu Didos silbenweiser Artikulation.“73 Für meine Interpretation von Dido. 20). 75. . Die Angst fügte ihr viele Schmerzen zu. Damit wird differente Medialität der beiden Minnebekenntnisse – die Differenz von Schriftlichkeit und Mündlichkeit – nach WUTH zum narrativen Signal. S.

die einmal aus der Hand gegeben. wird Eneas’ Namen die schriftliche Fassung verweigert – nicht nur ein Hinweis auf die Vergänglichkeit. wie die Prinzessin einsichtig formuliert – allerdings bezogen auf ihren Bekenntnisbrief an Eneas. Er wiederholt zudem die schriftliche Namensnennung des Geliebten und verbindet sie mit Lavinias eigenem Namen zu einer symbolischen Vorwegnahme späterer Zweisamkeit: ‚ez enbûtet Lavîne / Ênêase dem rîchen‘ (286. diu sich sô jâmerlîche dorch minne zû tôde erslûch. diu mâre und diu rîche. sondern auch auf die Einseitigkeit dieser Liebe: ‚hie liget frouwe Dîdô. In konsequenter Fortführung der Schriftmotivik wird deshalb im Kontext der Dido-Episode der Verlust der überzeitlichen Dimension für den Namen des Trojaners absolut gesetzt.6) gravierten Namens demonstrativ hervorgehoben wird.“ Gerade indem die Differenz von Schriftlichkeit und Mündlichkeit aber die Funktion der Schrift als Speichermedium akzentuiert. die sich so elend aus Minne das Leben nahm. nicht mehr revidierbar ist. Als materieller Zeichenträger übernimmt der Minnebrief nämlich. . so (lebens-)klug. wie die beschriebene Wachstafel. dem Vergessen ausgelieferten Bekenntnis Didos – über den leicht tilgbaren Schriftzug auf der Wachstafel – zu der brieflichen Mitteilung.24. wie sie gewesen war. / swenner weiz den willen mîn‘ 119 Verhalten der beiden Protagonistinnen erweisen.24f. Denn anders als die Lavinia-Minne bleibt die Dido-Minne eine transitorische Episode. „‚denn dies kann ich nicht [mehr] verschweigen“). Das Verhältnis der drei weiblichen Minnebekenntnisse des Eneasromans kann damit als Steigerung verstanden werden: vom mündlichen.10-15) „Hier liegt Frau Dido. die berühmte und die mächtige. muß Lavinias Minnebekenntnis gegenüber Didos als ungleich höheres personales Risiko gelten. sô wîse sô si was. In dieser Unumkehrbarkeit verdeutlicht sich letztlich eine Analogie ihrer beiden Liebesgeständnisse auf Wachs und Pergament. sondern als Charakteristikum der jeweiligen Minnebeziehung verstanden werden müssen. daz was wunderlîch genûch. Funktionen der memoria.).‘ (80. ‚wan diz ne mach ich niht verdagen‘ (301. Während nämlich in der descriptio von Didos Epitaph die Materialität ihres mit goldînen bûchstaben (80. Denn durch seine schriftliche Fixierung kann es nicht zurückgenommen werden.‚her sal mir deste holder sîn. Das war sehr merkwürdig.

Sie verkennt nämlich. für den Roman d’Eneas vgl. S. nicht als Hinweis auf eine höfische Konzeption der Lavinia-Minne. Ihr habt [so] an mir gehandelt. ein. graben und venster markierte Grenze zwischen Eneas und Lavinia primär als thematisch bedingt. dazu KISTLER (Anm. (S.und Lavinia-Episode daher auf die bereits für die Interpretation der Turnus-Episode wesentlich gemachte Korrelation von scheiternder Minne.74 Durch ihren Verzicht auf ein verbales Minnebekenntnis scheitert Dido hingegen gezwungenermaßen. die körperliche Überschreitung der Grenze durchdenkt. das im Eneasroman das Gelingen der Liebe von Eneas und Lavinia bedingt. sondern die in der Wahl des Kommunikationsmediums die Beziehung charakterisiert. / daz ich û immer dienen wil. geht im Konflikt von Reden und Schweigen doch nur Lavinia das Risiko des Redens. die als Subjekt ihrer Liebe die Gegenliebe des Trojaners erringt.120 Astrid Bußmann Um in der Interpretation von Dido. 55). 8701-8730). dass er also. .2-21. Damit setze ich mich auch von LIEBERTZ-GRÜN (Anm. Chr. S. dass ich Euch immer dienen will. 69f. wenn es seiner Minnekonzeption entspräche. dass Lavinia. 325. Diese Distanz verbindet sich mit der Verschriftlichung des Begehrens zur Sublimierung der Körperlichkeit. die durch mûren. dies wegen ihrer êre aber zurückweist (305. Die Distanz wird also nicht – unwillentlich – deswegen aufrecht erhalten. Es ist aber gerade das Eingehen dieses Risikos. 30). scheiternder Minnekommunikation und defizitärer Preisgabe gegenüber dem Anderen zurückzukommen: Letztlich wird in der Liebeskonzeption Heinrichs von Veldeke die kommunikative Risikobereitschaft seiner Protagonistinnen entscheidend für die Differenzierung von Dido. Damit ist sie es. Indem die Stimme des Briefes die Prinzessin so als sprachmächtiges – aber entkörperlichtes – Subjekt in der Paarbeziehung erhält. Chr. Indem die Prinzessin ihre Gefühle nämlich verbalisiert – genauer: indem sie als erste ihre Gefühle verbalisiert – wird sie zur Aktiven.‘ (339. die in Lavinias Bejahung der Distanz vor allem eine Verschleierung ihres Mangels an Gelegenheit sieht. V. „‚Mein Fräulein. die Scylla-Erzählung in den Metamorphosen (1 v. sondern weil sie willentlich nicht überschritten werden soll. dass nicht nur diu minne vil getût (286. um diese Liebe zu gestehen.-10 n. in der sich Scylla eben nicht nur bei einem Blick vom Turm der Stadtmauer herab in König Nisus verliebt.35). hingegen wertet die Distanz.. die in der Kommunikation ihres Liebesgefühls nicht nur sich selber als gefûchlîche Liebende charakterisiert. sondern dass auch der Autor vil getût. durchaus ein Treffen zwischen Eneas und Lavinia inszenieren könnte. sie mit der Wahl des Liebesbriefes als gefûchlîche Liebe auf Distanz definiert. das Risiko des verbalisierten Liebesgeständnisses. Vgl. 13) ab. ir habet ze mir getân. sondern in das feindliche Lager schleicht. weil die Grenze nicht überschreitbar wäre. Es sei in diesem Zusammenhag auf einen Ovidianischen Prätext der Lavinia-Episode verwiesen. Dabei ignoriert sie.‘“). 122ff.). bevor sie die entkörperlichte Überschreitung der Grenze im Medium des Liebesbriefes unternimmt.6f. motiviert der Minnebrief die höfische Haltung ihres Geliebten ihr gegenüber: ‚junkfrowe. Denn mit der freiwilligen Aufgabe ihrer Sprachgewalt verliert sie auch ihre Subjektrolle. Indem sich die Fürstin aber 74 DITTRICH (Anm.und Lavinia-Minne.).

224ff.25f. dass Eneas’ Forderung nach Hingabe auch eine Forderung nach Teilhabe an der Herrschaft impliziert. 76 .14) ist sie Eneas’ Willen gefolgt – verschleiert. S. wenn er weiß. / swenner weiz den willen mîn‘ 121 in ihrem nonverbalen Minnebekenntnis auf ihre bloße Körperlichkeit reduziert. 58.). das leitmotivisch die Dido-Episode durchzieht (38. Düsseldorf 1986 [Studia humaniora 6]. 63. zu dem sie sich dorch sô wênige bete (64. Hofgesellschaft. hier S. 252). sondern auch ihre Rolle als Herrscherin prekär – ein Defizit.. höfische Lebensformen um 1200. 13. muß Lavinias Entschluss. 213-241. da die Inbesitznahme einer Herrscherin immer auch die Inbesitznahme ihres Landes meint (LECHTERMANN [Anm.4f.75 dass Eneas Dido als Herrscherin und handlungsmächtiges Subjekt. zwischen peers. eine Negation ständischer Gleichrangigkeit. November 1983]. Wissen und Gegenliebe.. Vorschläge zu einer emotionsgeschichtlichen Darstellung des hochmittelalterlichen Umbruchs. 76 5. 21]. Geständnis und Schweigen Damit sei es erlaubt. dass im literarischen Herrschaftsdiskurs die Sprache zum „eigentlichen Machtinstrument der Frau“. Hrsg. wie Eneas sie vollzieht. als gleichwertigen und gleichberechtigten Minnepartner. Liebe. In der Hingabe wird somit nicht nur Didos Rolle als Frau.‚her sal mir deste holder sîn.31f. Dabei ist beachtenswert. „‚wird er mir umso gewogener sein.1. Kolloquium am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld [3. S. von GERT KAISER/JAN-DIRK MÜLLER. Angeregt wird diese Deutung des Schweigemotivs durch BRITTA BUSSMANN (Anm.). in seiner kommunikativen Risikobereitschaft als Paradigma der im Eneasroman ausgezeichneten Kommunikationsstrategie verstanden werden. In: Höfische Literatur. die zumindest für die Figur der Enite herausgearbeitet hat. Eneas brieflich ihre Liebe zu gestehen.33-59. nicht anerkennt. So provoziert letztlich gerade der Beischlaf. denkbar. was ich will‘“) – noch einmal auf die Korrelation von Liebe. Die Schnelligkeit und Leichtigkeit seiner Werbung wird so effektvoll mit Didos langem Sehnen kontrastiert. Denn wie die vorausgegangenen Anmerkungen gezeigt haben. zum „Merkmal weiblichen Herrschaftshandelns“ wird. indem sie sich in Liebe und Liebeskommunikation zum Objekt degradiert. Freilich wird dieses lange Sehnen von Dido durch ihre vorschnelle Hingabe – schiere (64. Nach DINZELBACHER (PETER DINZELBACHER: Gefühl und Gesellschaft im Mittelalter. Wesentlich dafür ist 75 Die Beiläufigkeit von Eneas’ Worten wird durch den indirekt bleibenden Erzählerbericht betont (63.16) überreden lässt. 62). auf das Problem des Wissenlassens und auf das Risiko der Preisgabe im Wissenlassen zurückzukommen und mit diesen Stichworten zum Abschluss meiner Interpretation von Heinrichs von Veldeke Eneasroman zu gelangen. Im Umkehrschluss verdeutlicht die unmittelbare Triebbefriedigung. 215 und S. S. ist die Beziehung des Eneas zu ihr nicht mehr als ein flüchtiges Abenteuer. bis 5. mit einer Wiederholung des Titelzitates des vorliegenden Aufsatzes – ‚her sal mir deste holder sîn / swenner weiz den willen mîn‘ (285. das sich aus kommunikationstheoretischer Perspektive allerdings bereits in ihrem Schweigen manifestiert.) ist die Konzeption der höfischen Minne mit ihrer Sublimierung der Triebbefriedigung im Mittelalter nur zwischen Gleichrangigen.18ff.

1). Lesbar. in der gegenseitige Liebe in Parallelszenen konstruiert wird. Aber auch wenn narrative Variation als Begründung auf der poetologischen Ebene plausibel erscheinen mag. das Dido fälschlich die Beständigkeit der realiter unbeständigen Minnebindung suggeriert (67. „‚So sagt mir also. ja sexuellen Sprache des Körpers und der aggressiven Sprache des Kampfes –. weil er die Preisgabe im Liebesgeständnis vermeiden will.7-67.‘“) beantwortet der Eneasroman damit nicht allein durch die Minnelehre von Lavinias Mutter (262.4. Zudem wird die Programmatik des Konfliktes . das Gegenliebe generiert. dass das Risiko der verbalen Preisgabe die körperliche Preisgabe suspendiert. Besteht aus minnekommunikativer Perspektive nämlich bereits Eneas’ Defizit in der Dido-Episode im Verschweigen seiner Italienpläne (57. So ist das gefûchlîche Geständnis im Medium des Briefes das einzige Geständnis. Ist Liebe folglich Kommunikation. Schließlich wird der nicht-geschriebene Liebesbrief des Eneas auf der Folie von Lavinias geschriebenem Liebesbrief als Leerstelle markiert.6. wie in einem letzten Argumentationsschritt hervorgehoben werden soll. Zumal im deutschen Eneasroman manifestiert sich diese Bedeutung des Schweigens. was in einer Liebeskonzeption. Die programmatische Frage: ‚sô saget mir denne waz minne is‘ (262. der erotischen.9-265. ist Liebe folglich die gegenseitige Preisgabe in der Kommunikation.19). verstehbar wird er auch als Meta-Liebesroman.9-12). das im narrativen Kontext als Liebesgeständnis reüssiert.30299. dessen Wandel vom defizitären Helden der Dido-Episode zum idealen Helden der Lavinia-Episode neben einem Wandel von NichtLiebe zu Liebe auch einen Wandel von Schweigen zu Reden impliziert – wobei sich gerade der kommunikative Wandel erst sukzessive im Verlauf der Lavinia-Episode vollzieht. Denn obwohl Eneas ein verbales – ein vielleicht sogar briefliches – Liebesgeständnis erwägt (298. realisiert er diesen Gedanken vorerst deswegen nicht. so setzt sich dieses Schweigen in der Lavinia-Episode im Vermeiden eines verbalen Liebesgeständnisses zunächst fort. 30) führt zur Erklärung narrative Gründe an: die Vermeidung einer „allzu billige[n] Rückantwort“ und die Aufrechterhaltung „mannigfacher Spannungsmomente“ (S. sondern auch durch die Variation verschiedener Formen der Minnekommunikation – der sublimen Sprache des Briefes. 347). die mit der Medialität der Minnekommunikation aber auch die Verbalität und damit das personale Risiko in der Preisgabe gegenüber dem Anderen variiert.33-58. 66. darf nicht übersehen werden.8). was Minne ist.122 Astrid Bußmann nicht zuletzt. missversteht er sie doch als Preisgabe männlicher Überlegenheit:77 77 DITTRICH (Anm. zumindest bemerkenswert ist. In der Variation der Liebeskommunikation ist der Text damit mehr als ein bloßer Liebesroman. dass gerade Veldeke die von ihm durch die Vermeidung des Liebesgeständnisses erlangte Variation auf der Ebene der narratio als Defizit seines Protagonisten inszeniert. so dass der Text punktuell die Idee eines Liebesbriefwechsels evoziert. in der Figur des Eneas. fungiert die Verweigerung der kommunikativen Preisgabe im Schweigen als Zeichen der Krise.

tatsächlich bezweifelt sie aber seine Liebesbereitschaft: ‚ich vorhte daz her niene gere / der minnen der ich ime enbôt. er will die Liebe gar nicht.‘ (301.. dass Lavinia von ihm kêre / ir herze unde ir mût (299. V. 9070-9101) „[…]. sie würden allzu hochmütig und allzu stolz den Männern gegenüber. Ausschlaggebend dafür ist nicht allein. als er nach dem Sieg über Turnus sein defizitäres Kommunikationsverhalten bereut und die Notwendigkeit einer dialogischen Liebeskommunikation für den Fortbestand einer Beziehung anerkennt: ‚als schiere als ich den sige gewan. daz ich zû ir niene reit. denn das wäre nicht gut. wand ez ne wâre nie gût. für den Eneasroman 332. „‚Ich fürchte.6-11.“ Dieses Schweigen bringt die Beziehung zu Lavinia aber an den Rand des Scheiterns.27-333. sondern dass Eneas durch sein Schweigen die Dialogizität als spezifisches Merkmal brieflicher Kommunikation pervertiert. „ihr Herz und ihren Sinn abwendet“). dass die programmatische Korrelation von Wissen und Liebe zwangsläufig nach dem Wissenlassen der Gegenliebe verlangt. daz was ein michel bôsheit unde sal mich immer rouwen. / swenner weiz den willen mîn‘ 123 ‚die man soln den wîben sus unmâzer minnen niht bringen innen.18f.40. . begründet möglicherweise die Etablierung von Minnebriefwechseln in der höfischen Literatur. die Männer sollen den Frauen eine so maßlose Liebe nicht bekennen.‚her sal mir deste holder sîn.18f. die ich ihm gestanden habe. si worden alze hôch gemût und alze stolz wider die man‘ (299. Wenngleich nämlich nicht jeder Brief einen Briefwechsel auslösen muß. dass das Motiv der versäumten Preisgabe im Liebesgeständnis und damit auch das Motiv von Lavinias Liebeszweifeln in der narratio gedoppelt wird – als nämlich Eneas nicht sofort nach dem Sieg über Turnus zu der Geliebten eilt (vgl. Denn der Trojaner verwirft zwar seine Überlegung.. si beginnet mir missetrouwen von Preisgabe und Nicht-Preisgabe dadurch betont. die das vollständige Scheitern der Paarbeziehung evoziert. für den Roman d’Eneas vgl.‘“). Die Gefährdung der Minnekommunikation durch Schweigen. Eneas zumindest bewährt sich in seiner Liebe zu Lavinia erst. und für den Roman d’Eneas V. 9831-9921). komplettiert erst der Antwortbrief den brieflichen Kommunikationsakt.

nachdem ich den Sieg errungen habe. 135ff. Partiell basieren Veldekes Verschiebungen gegenüber dem Roman d’Eneas dabei zwar auf Kürzungen – er kürzt etwa die Monologe von Eneas und Lavinia (333. mir zu misstrauen. das war schlecht gehandelt. 9839-10078. V. 16). und wird mich immer reuen. 10079-10090). und es ist auch richtig. 10091-10123]). mit der Verwendung einer gekürzten Vorlage. behält der französische Eneas die einmal festgesetzte Frist bei (V.15-339.15-40 und 334. dass sie das tut. zu ihr geritten bin. in direktem mündlichem Gespräch und dem ersten Kuss (338. . die folgerichtig ihre Erfüllung findet in körperlicher Nähe.18 vs. erklären. nicht lediglich mit HUBY (Anm.124 Astrid Bußmann unde gedenket ubile dar zû und is ouch reht daz sie ez tû. sie wird anfangen.27-339.. 9839-10078) – dennoch lassen sich diese Kürzungen. der sich letztlich doch in Liebe und Liebeskommunikation preisgibt. eben der von HUBY favorisierten Roman-Handschrift G. Veldeke kreiert so eine gegenüber dem Roman d’Eneas deutlich zugespitzte Konzeption von Minne und Minnekommunikation. die Hochzeit als erstes Treffen wird vom Erzähler nur knapp referiert [V.“ Als Paar haben Lavinia und Eneas dadurch die höchste Stufe ihrer Zweisamkeit erreicht. eben weil sie konzeptioneller Natur sind.78 78 Anders als der deutsche Eneas.2) „Dass ich nicht sofort.‘ (334. indem er bereits vor dem festgesetzten Hochzeitstermin ein Treffen mit Lavinia arrangiert (336. und schlecht davon denken.28).28).36-335.17-335. Eine Steigerung der Minnemonologe von Eneas und Lavinia bis zum Minnedialog realisiert sich insofern nur im Eneasroman. S. während die Liebenden im Roman d’Eneas monologisierend – und damit aus minnekommunikativer Perspektive eben keineswegs als Paar – aus der Handlung scheiden (V.

In: ZfdPh 59 (1935). lässt sich erst in einem weiteren Schritt die spezifische Leistung des Schriftmediums für die Darstellung der Minnekommunikation abschätzen. HELMUT BRACKERT: Da stuont daz minne wol gezam. Der Liebesbrief als literarisches Register des höfischen Romans wurde in einer Reihe von Studien recht gut erschlossen. hier S. S. In: Frühmittelalterliche Studien 31 (1997). Das gilt für das Corpus wie auch für die Machart und die Funktion der Briefe im Rahmen der epischen Narration. Herne 2000 (Mikrokosmos 57). von vornherein zwischen einem Phänomen der schriftlichen Alltagskultur und der literarischen Stilisierung. .CHRISTOPH HUBER Minne als Brief. In diesem Feld. Cambridger Symposium 2001. In: ZfdPh 93 (1974). 316-320. wie die Gattung Brief überhaupt. Hrsg. Eine Forschungsübersicht zum Brief im Roman und darüber hinaus findet sich bei KARINA KELLERMANN/CHRISTOPHER YOUNG: You’ve got mail! Briefe. 336-352. Brief. auf zwei Grenzfälle aus 1 EUGEN MAYSER: Briefe im mittelhochdeutschen Epos. Tübingen 2003. von CHRISTA BERTELSMEIER-KIERST/CHRISTOPHER YOUNG. welche Rolle der Schrift zugewiesen wird. um den mediengeschichtlichen Funktionsrahmen wenigstens anzudeuten. das in seiner unscharfen Übergänglichkeit wahrgenommen werden muss. Botschaft. Im Vergleich der hier verfügbaren Register (vor allem monologische Gedankenrede. Boten im Frauendienst Ulrichs von Liechtenstein. Minnebriefe im späthöfischen Roman. 252-369. S. Johann von Würzburg: Wilhelm von Österreich). Büchlein. Gespräch. Erzählerkommentar) schält sich heraus. 136-147. Katalog des Brief-Corpus S. Vorweg eine Bemerkung zum Liebesbrief als mediengeschichtlicher Realität. der vor allem auf verschiedene Brieftypen eingeht. S.1 Der folgende Beitrag führt diese Ansätze weiter mit dem Blick auf die eigentümliche Stellung des Briefes in einem Bereich zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation. In: Eine Epoche im Umbruch. Der deutschsprachige Brief als weltliche und religiöse Literatur. S. 1-18. Ich verweise hier. CHRISTINE WANDWITTKOWSKI: Briefe im Mittelalter. Volkssprachliche Literalität 1200-1300. Zum Ausdruck von Intimität im nachklassischen höfischen Roman (Rudolf von Ems: Willehalm von Orlens. Der Texttypus schillert. 317-344. – Breite Übersichten zum Corpus ‚Brief‘ bieten ULRICH ERNST: Formen der Schriftlichkeit im höfischen Roman des hohen und späten Mittelalters.

WAND-WITTKOWSKI (Anm. hier S. Wirkungen. Literarhistorische Bekanntheit genießen die in einem Kapitular Karls des Großen erwähnten winileod. Althochdeutsch / Neuhochdeutsch. a. und zwar in ihrer materiellen schriftlichen Form. Wolframs Parzival. Schriftlichkeit und Mündlichkeit in der Korrespondenz des lateinischen Mittelalters. dass man sich beim Medium ‚Brief‘ auf die Variabilität von Formen und Funktionen einzustellen hat. der mit seiner rahmenden Gattung grundsätzlich ein Literaturprodukt ist und fiktionale Kommunikation wiedergibt. von KARL A. S. 340-356. Comparative and Interdisciplinary Approaches to Old High German. FICHTE u. Überlieferung. 119-123. Anders die Exemplare des Typus.3 Offensichtlich geht es dabei um eine Notiz an eine(n) Geliebte(n). Hrsg. darunter auch Liebesbriefe. ist. Berlin. Das sandte dir dein Schatz aus Liebe. Einflüsse. die als Abwehrzauber fungieren soll. hier S. Kongreßakten zum ersten Symposium des Mediävistenverbandes in Tübingen.: „Liebeslieder aufzuschreiben oder zu schicken“. nähern wir uns so dem Liebesbrief im Roman. übers. Ausgew. S. 342f. In einer St. Jahrhunderts findet sich die Randnotiz: ueru. der man als Möglichkeit in der späteren Lyrikgeschichte wiederbegegnet.“ Ausgabe: Althochdeutsche poetische Texte. und so sind wie in den antiken Schriftkulturen auch in der deutschen Überlieferung als älteste Beispiele literarisch stilisierte Liebesbriefe erhalten.. Zum Rückschluss auf eine ‚reale‘ volkssprachliche Briefkultur und deren Reflexe im fiktionalen Medium ROLF KÖHN: Latein und Volkssprache. WIPF. In: Ders. linguistics. auch wenn man Entsprechungen in der historischen Lebenswelt annehmen darf. spiz taz santa tir tin fredel ce minnon. 337f. Privatbriefe. welche die schriftliche Mitteilung gedanklicher Inhalte übersteigt. vielleicht klösterlichen Kontext vorstellbar ist. Mit dem Verdacht. in Heinrichs von Veldeke Eneas. taz. 64. CYRIL EDWARDS: The Beginnings of German Lyric. hinter denen man eine mündliche Tradition volkssprachlicher Liebeslyrik vermutet. Es wird hier ein Verbot formuliert. von JOERG O.4 Nach singulären Einzelbriefen (z. die von vornherein in einem literarischen Gattungsrahmen tradiert werden.2 Es deutet sich dabei eine Überlagerung der Typen Lied und Brief an. Das heißt.. Rochester. auch über einen mündlich zu aktualisierenden Wortzauber hinausgeht und die Wirkung eines magischen Requisits übernimmt. was nur in einem bereits literarisierten klerikalen. Ein anderer Grenzfall präsentiert sich meist in der Sparte der ‚Zaubersprüche‘. In: Zusammenhänge. und komm. „Ich wehre ab das Spitze.: The Beginnings of German Literature.126 Christoph Huber der ahd. . New York 1986. gehen im Verschriftlichungsprozess spät und nur selektiv in die Überlieferung ein. die den Weg in die Schrift nicht gefunden hat. S. Stuttgart 1992 (RUB 8709). verboten wird die Verbreitung solcher Lieder in einer Art Briefform. und Wirnts Wigalois)5 findet sich ein erster Liebesbriefwech- 2 3 4 5 Übers. Corpus-Katalog S. NY 2002 (Studies in German literature. die ihren Zweck in der Alltagskommunikation erfüllen. Der Brief erhält damit eine Funktion. Galler Handschrift des 10. 1). and culture). winileodos vel scribere vel mittere. 119-140. B.

S. 217 (S. h. 53r. 8f. Bildbeschreibungen bei ELISABETH KLEMM: Die illuminierten Handschriften des 13. BRACKERT (Anm. S. wie Franziska Wenzel ausgeführt hat. 64v. 1). Gehör) imponierende ritterlich-heldische Machtdemonstration und den durch Boten und Schrift hergestellten Austausch der einsamen Repräsentanten einer verbotenen Liebe. der damit eine literaturgeschichtliche Landmarke setzt. S. 49r. d.. Doch sind gegen ihre Einschätzung als isolierte und weitgehend „‚inhaltslose‘ Gebilde“ (BRACKERT)9. Frankfurt a. Nr. M. 239-43).7 Er hält im dritten Buch während eines Turniersommers des soeben zum Ritter geschlagenen Helden. 1). aus dem Wasserburger Codex der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen von VICTOR JUNK.6 Dieses kleine Corpus von drei Briefen der Heldin Amelie und den Antwortschreiben Willehalms auf die ersten beiden ist geeignet. 2. zeigt der Illustrationszyklus in der Münchener Handschrift (cgm 63). FRANZISKA WENZEL: Situationen höfischer Kommunikation.). Aufl. Unter 28 Miniaturen finden sich 4 Halbbilder mit Brief (fol. 10.8 zwei radikal entgegengesetzte Formen höfischer Kommunikation: die öffentliche. Hrsg. Berlin 1905. Deutsche Neudrucke: R. Studien zu Rudolfs von Ems ‚Willehalm von Orlens‘. Jahrhunderts deutscher Herkunft in der Bayerischen Staatsbibliothek.. Textband. u. a. durch Körperpräsenz und sinnliche Erfahrung (besonders Gesicht. 2000 (Mikrokosmos 57). die über die Gattung des Briefs im Engeren hinausgreifende Problematik schriftlicher Minnekommunikation aufzurollen. 124-134. 60v.Minne als Brief 127 sel im Willehalm von Orlens des Rudolf von Ems. die Verbindung zu der entfernten heimlichen Geliebten aufrecht und verflicht und kontrastiert so. Texte des Mittelalters). Als handlungsmotivierende Elemente spielen die Briefe im Vergleich zu dem dramatischen Kampfgeschehen eine geringe Rolle. 8 9 . Wiesbaden 1998 (Katalog der illuminierten Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek in München 4). vier der fünf Briefszenen werden illustriert. unveränd. Zur literaturgeschichtlichen Innovation BRACKERT (Anm. als ledig- 6 7 Rudolf von Ems: Willehalm von Orlens. Der Austausch der fünf Briefe konzentriert sich ganz auf eine bestimmte Phase in der Liebeshandlung des Romans. Zürich 1967 (Deutsche Texte des Mittelalters 2. der sich bewähren muss. welche das öffentliche Geschehen in ihrem Sinne intentional umdeuten. Übersicht des Briefwechsels in Buch III: Willehalm Amelie Turnier von Kamarzi B1 6277-320 B2 6847-906 Turnier von Puys B3 7559-616 B4 8025-080 Heiratsabkommen von Amelies Vater mit Avenis von Spanien Turnier von Kurnoy B5 8251-286 Dass dem Briefwechsel eine große Bedeutung beigemessen wird.

den je neu realitätssetzenden Charakter dieser brieflichen Mitteilung im Auge zu behalten. petitio und conclusio. Berlin 1984 (Quellen und Forschungen zur Sprachund Kulturgeschichte der germanischen Völker 206 NF 82).10 ist aber an diesem Punkt aktuell.). also wieder vor der eigentlichen Turnierhandlung ein. bittet Amelie Willehalm in einem Brief. captatio benevolentiae. Der Brief selbst äußert sich nur zu Amelies Reaktion. dem in Kamarzi. Hier korrespondieren mehrfach Dienstangebot und Dienstannahme. der nach dem Dekret des 10 11 Vgl. welche diesen durch die Überreichung eines Sperbers und einen Kuss ehren wird. Ja. Er reagiert auf Willehalms Erfolge und geht dann auf das prekäre Verhältnis des späteren Siegers zur Turnierkönigin ein. Amelie gönnt ihrem Ritter beides. Wolframs Gramoflanz-Brief. die sprechaktliche Qualität dieser Elemente ist im rhetorischen Aufbauschema des Briefes in den Punkten salutatio bzw. die für die Bewährung der Protagonisten-Minne teils wiederholender Art sind. erneuernd auch 2. Uns geht es hier nicht um eine Einordnung dieser Handlungen in die Kategorien der Sprechakttheorie (‚Bitte‘ oder ‚Versprechen‘ usw. teils Weichen stellen. Für den Fortgang auf der Schiene der brieflichen Minnekommunikation ist zu beachten: Die Liebesbriefe umkleiden jeweils Sprechakte. Anwendung auf den literarischen Liebesbrief (lat. Das gängige fünfteilige Schema umfasst salutatio. 33-41. die Dienstversicherungen und Amelies Lohnversprechen. petitio auf der Gattungsebene institutionalisiert. 12. Repetitiv sind 1. . S. dessen inhaltliche Mitteilung eigentümlich auf die Worte des Boten und das Schriftstück aufgeteilt ist. er möge als Ritter in ihrem Dienst kämpfen. was dieser in seinem Antwortschreiben annimmt. V. Dazu ECKART CONRAD LUTZ: Rhetorica divina. die Sprechakte des Grüßens (Gliederungspunkt salutatio). 43-46).11 Seltsamerweise fehlt ein Sprechakt ‚Bitte‘ gerade im dritten Brief Amelies. Mittelhochdeutsche Prologgebete und die rhetorische Kultur des Mittelalters. aber nicht auf eine Weise. Unmittelbar vor dem Aufbruch zum ersten Turnier. Der zweite Brief des Mädchens trifft auf dem Turnier von Puys nach der Vesperie. Das stellt der Brief an diesem Punkt der Beziehungsgeschichte klar.128 Christoph Huber lich rhetorisch ornamentierte Textbausteine die innere Logik dieses Heimlichkeitsdiskurses und sein Beitrag zum Gesamtkonzept des romanhaften Minneentwurfs festzuhalten.. Das wurde zwar schon vor der Trennung mündlich vereinbart. 5160-5195. Amelies dritter Brief schließlich betrifft den von außen hereinbrechenden Verheiratungs-Entschluss des Vaters. S. narratio. die zu einer störenden Konkurrenz für ihr Verhältnis werden könnte. sondern darum. aber aus gegebenem Anlass der Bestätigung bedürfen. Jh. die auf ältere Abmachungen zurückgreifen. Modifizierung der Abmachung und gleichsam Interpretation des Rechtsstatus sind für die Preisüberreichung durch die Turnierkönigin auf dem Treffen von Puys unabdingbar.

V. 6268f. Als Willehalm den ersten Liebesbrief erhält. S.12 Insofern ist die Figur des Knappen Pitipas integraler Bestandteil der Korrespondenz.15 Die Schrift vertritt die Geliebte. Der vom Boten überbrachte Brief wird deutlich als Verlängerung des Körpers der schreibenden Person vorgestellt. In der mittelalterlichen Briefkommunikation sind bei dem Fehlen einer institutionalisierten Beförderung das Schreiben und der Bote nicht zu trennen.). „der absente Körper als unmittelbar inszeniert“ (ebd. 7544. mit Literatur. der Brief als Diensterklärung Amelies (V. Bericht der Ereignisse.Minne als Brief 129 Vaters Wilhelm um Hilfe angehen müsste. verspricht ihm für seine Botendienste immer hohen Lohn und gibt für die Zustellung des Antwortbriefes (B2) fünf Goldmark als Botenlohn. und die Rituale der Überbringung. Verheiratungsplan des Vaters [nicht im Brief selbst!]. B2. 8549-857): Klage der Geliebten. Jedenfalls wird in der Regel die schriftliche Botschaft mit einer mündlichen kombiniert. 8) zum ersten Brieftausch S. Trennung würde sie aller Freuden berauben. Brief 3 mündliche Auskunft über das Wohlergehen der Dame. 7551-56). 6941: Willehalm fordert Pitipas zur Treue auf.“ – Vgl.). ja. der oft lauten Lektüre des Briefes sind durchweg Elemente des Kanals. ob bestimmte Inhalte der Schrift vorbehalten werden. „Unmittelbarkeitsfiktion“ (127). dass am Brief das Wichtigste der Bote sei. Name des Bräutigams [nicht im Brief selbst!]. „und sorgte für ihn wie für sich selbst“). Auch die auf den Botenbericht ausgelagerte Nachricht enthält keine petitio.14 Dabei kommt es jedoch darauf an. dass bestimmte Informationen durch Pitipas mündlich überbracht werden. des lauten Vortrags bzw. was ein Licht auf die Partner-Rollen wirft. ˇ o 12 13 Vgl. B3: Willehalm empfängt Pitipas. Im Brief gibt sich Amelie resigniert und formuliert Verzicht und Abschied. Kulturgeschichtlich ist es also keineswegs verwunderlich. 348f. 8306-12): Diensterklärung. „Da verneigte sich der hochgestimmte Mann vor dem Schriftstück und zugleich seiner Herrin. reagiert er entsprechend: Do naic der hohgem˚ te man Der u schrift und och der vrˇwen sin (V. Die Wertschätzung der Figur bei Amelie und Willehalm wird durch ihre bevorzugte Behandlung und die Höhe des Botenlohns zum Ausdruck gebracht. Es sind dies vor allem Themen des intimen Liebesdiskurses. Brief 5 mündlicher Auftrag Amelies (V. 342f. KÖHN (Anm. Ich komme auf den Punkt zurück. 4). „Verlängerung ihres Körpers“. man hat die Gewichte pointiert so verteilt. bei der Überbringung (V. setzt ihn beim Essen vor sich und nam sin als sin selbes war (V.. teils mit Beglaubigung durch ein materiales Zeichen. 127: Brief „Substitut der Dame“. Wir fragen nun nach dem Ort dieser konkreten Brief-Konstruktion im Spannungsfeld von Oralität und Literalität und halten zuerst den mündlichen Charakter fest. doch diese Aussparung erfolgt nicht ohne Grund: Wilhelm muss die Konsequenzen für sein Handeln selbst ziehen und selbständig die Möglichkeit einer Verhinderung der Trennung konzipieren. teils parallel zum Brief oder gar nicht in diesem enthalten. 14 15 .13 sie indiziert auch die außerordentliche Wertschätzung des Briefaustausches durch die liebenden Korrespondenten. WENZEL (Anm.

128). Briefliteratur. Zum Stilwert des Briefes im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Schrift. sondern offenbar dem Autor wichtig für seine Darstellung ist. ähnlich Willehalms Verneigung vor dem ersten Schriftstück. 8): Pitipas sei das „Sehwerkzeug Amelies“ (S. 7544. 6835f. a.-J.“) Die Variation der zwei Stellen zeigt. Briefsammlungen‘. ROBERT H. Das Buch als Datenträger kann die Gegenwart des Heiligen Geistes als Instanz der Inspiration repräsentieren. WENZEL (Anm. hier S. Sp. vgl. Stuttgart. Literatur im technischen Zeitalter. Ärmel. Reihe Litterae 15). Die Stellvertretung des Absenders durch den Körper des Boten ist aber eine Selbstverständlichkeit in der älteren oralen Kommunikation. SCHMALE: Artikel ‚Brief. wenn er in Kamarzi mit auf das Turnierfeld geht. 652-659. Willehalms Körperbewegung bei der Antwort wird genau registriert. die sich in der Wortgeschichte wie in wichtigen Bereichen der Brief-Praxis niederschlägt. Lateinisches Mittelalter. WENZEL (Anm. 2. („Der kühne Kämpfer schrieb eigenhändig einen Brief an die reizende Amelie. 655f. Lassen sich nun anderseits auch spezifische Merkmale und Funktionen der Literarisierung an dieser Korrespondenz festhalten? Bekanntlich besteht eine Nähe des Briefes zur Urkunde. hier: Sp. 78. Vgl. „Da schrieb er eigenhändig einen Brief nach England.. Hrsg. Freiburg 1991 (Rombach Wissenschaft. dass natürlich auch Pitipas selbst leiblich die Dame vertritt. Jahrhunderts von der Urkunde ungeschieden und gehöre grundsätzlich zur Domäne offizieller Schriftlichkeit. / Siner trut amien. der mittelalterliche Brief sei im Gegensatz zur Briefkultur des 18. Die Materialität der Schrift als Mittel der Präsenzstiftung ist in der mittelalterlichen Buchkultur geläufig. es rückt zum Medium körperlicher Berührung auf und erhält fast fetischartige Qualitäten (vgl. . In: Medien und Maschinen. In: Lexikon des Mittelalters.19 Die erwähnten Sprechakte. VELUSIGs Zuspitzung. während gerade für die Liebeskommunikation die Präsenzstiftung durch die Schrift (samt ihrem Datenträger) zweifellos den innovativen Akzent setzt. „wie sein eigenes Leben“). 8287-89. 70-92. von THEO ELM u. ist so einseitig nicht haltbar. / Den solt ir bringen Pitipas. V.. sie heftet sich an den Brief und wird gleichsam mit diesem übermittelt.130 Christoph Huber diese ist in Form der Schrift präsent.“). seine intime Freundin. S. Teil IV.16 Amelies Klagebrief ist mit ihren Tränen begossen. Weimar 1999. die sich immer wieder um die Festlegung der Dienstverpflich- 16 17 18 19 Do schrab er mit siner hant / Ainen brief gen Engellant (V. Kamm und Ähnliches im Minnekult). V.17 Das Material des Briefes ist so die Brücke zwischen den Körpern. VELLUSIG: Mimesis und Mündlichkeit. Bd. Im Messritual wird beim Evangelium in der Ehrung des Buches die Gegenwart Christi selbst angezeigt. den sollte ihr Pitipas bringen.18 oder wenn dieser ihn in einer für das Liebesverhältnis typischen Wendung als sin selbes lip wahrnimmt (V. dass die Betonung der Hand nicht nur vom Reim erzwungen wird. Zu ergänzen ist. F. 8019-24: Der ellethafte wigant / Schrab ainen brief mit siner hant / Der suezen Amalien. 8): Der Bote trägt mit dem Brief die Spur der Schreibbewegung Willehalms zu Amelie. um Willehalms Erfolge als Augenzeuge zu erleben.

Von der wirt in der wochen Minnen reht gesprochen. (V. dass die gesellschaftlichen Regelungen wie die Abmachungen der Liebenden deutlich in der Sphäre mündlicher.Minne als Brief 131 tungen drehen. Der juristische Charakter zeigt sich besonders auffällig im zweiten Briefwechsel mit den Schreiben 3 und 4. unveränd.. Und dies schlägt sich in Amelies brieflichen Forderungen mit der subtilen Unterscheidung von Wilhelms Beziehungen und der Sicherung ihres persönlichen Minne-Rechtsanspruchs nieder. die dem Turnier zuschauen. S. Herzensgeliebte. . im Unterschied etwa zu einem Typus der Verschriftlichung. Hrsg. an dich dachte. für die WULF OESTERREICHER bei seiner terminologischen Klärung 20 Andreae Capellani regii Francorum: De amore libri tres. das Urteil der Marie de Champagne vom 1. So gibt sich Wilhelms eidliche Dienstverpflichtung in Brief 2 als mündliche Rede zu erkennen (wie sie dem gesprochenen Eid eignet) und verpflichtet sich nicht auf ein äußerlich objektivierbares Verhalten. dass ich seither nie ein Herzensleid empfand. Das Turnier von Puys ist mit seiner weiblichen Besetzung des Schiedsrichteramtes und den Regeln der Preisverleihung formal stark juridisiert und wird ausdrücklich mit lehensrechtlichen Verpflichtungen verglichen: Und setzent aine kúnegin Ir clag ze rihter under in. (V. 6885-88) und bestätige das eidlich. Als da man rehte lehen reht Vor ainem herren machet sleht. 2. TROJEL. Herze lieb. wenn ich. sondern ein Gefühl: Und sprich das uf minen ait Das ich nie sider herzelait Gewan. Nachdr. von der wird in dieser Woche Minnerecht gesprochen. gedaht an dich. stehen durchweg in Kontakt auch zum Rechtsdiskurs. nicht verbriefter Rechtsbindungen bleiben. Vgl. München 1972. es waere da hin swen ich. Mai 1174 über die Streitfrage. so wie man juristisch Lehensrecht vor einem Herren klärt. sondern von intimen personalen Absprachen. 7123-28) [Die Damen. das nicht verschwunden wäre.. 152-155. von E.] setzen untereinander eine Königin als Richterin über ihre Klagen ein.20 Die Briefe tragen nicht die Züge von öffentlichen Urkunden. Dabei fällt aber auf. ob Liebe in der Ehe möglich sei. Ein schriftliterarischer Charakter der Briefe ist in erster Linie in der Form zu finden. der in den Minnegerichts-Urteilen bei Andreas Capellanus begegnet.

In: Schriftlichkeit im frühen Mittelalter. 1). die im nachklassischen Roman überhand nehmen und das Missfallen der älteren Forschung erregten. Wie stellen sich diese Schreiben im Kontext des romanhaften Liebesdiskurses insgesamt dar? Welchen Beitrag leisten sie mit ihrer Form und ihrer thematischen Akzentsetzung für die Rede von Liebe im Kontinuum des fiktionalen Ganzen? Der Beginn der Kinderminne zwischen Wilhelm und Amelie wird im zweiten Buch des Romans erzählt.21 Schriftliterarisch sind so die Stilistica der Rhetorisierung. von URSULA SCHAEFER. Welchen Eindruck diese auf alle Brabanter macht. Da des wunsches crone vie Bi der hant des wunsches kint. 139f. des wunsches wunnen cranz Und aller schoene sunnen glanz (V. War der Wunsch irgendwo anders? Nein! Er war hier. 3718-20) Da sahen die Brabanter sofort den Wunschtraum. 137. MAYSER (Anm. (V. ist neben der Königin auch die Tochter Amelie anwesend. des Wunschtraums Freudenkranz und aller Schönheit Sonnenglanz. an Wissen 15-jährig. ö. Die schnell in Gang kommende Minnehandlung entfaltet sich in einer Narration. niht! er was alhie. Hrsg. . die stark mit Erzählerkommentaren durchsetzt ist. und passim. 3787-91) Beim Wunschtraum saß dort der Wunschtraum. B. Tübingen 1993 (ScriptOralia 53). Als sich der Dreizehnjährige23 bei König Reinher in London vorstellt. S. V. 3942f. wird in einer rhetorisch geschmückten Anapher ausgesprochen: Do sahent die Brabande sa Den wunsch. Die eigentümliche Leistung der Liebesbriefe in unserem Corpus (und anderen) scheint besser im Vergleich profilierbar zu sein. Vgl. S. wo des Wunsches Krone bei der Hand des Wunsches Kind ergriff. S. 279 u. Was der wunsch iendert anderswa? Nain er. Dass der neben ihr sitzende junge Willehalm als Partner das Pendant für dieses Ideal verkörpert. Willehalm ist an Alter 13-. Z. 267-292. z. die sich stilanalytisch beschreiben lassen. welche sich auch zu 21 22 23 WULF OESTERREICHER: Verschriftung und Verschriftlichung im Kontext medialer und konzeptioneller Schriftlichkeit. B. drückt der Erzähler in üppigen Rekurrenzen aus: Bi wunsche saz der wunsch al da.132 Christoph Huber des Begriffs Verschriftlichung im Sinne der Institutionalisierung schriftlicher Diskurstraditionen Kriterien der Distanzsprachlichkeit herausgestellt hat. während sie von den Dichtern selbst offenbar als besondere Vorzüge verstanden wurden.22 Es soll hier nicht die Praxis der Rhetorisierung in den Briefen beschrieben werden.

mines liebes wunnen kranz. oder V. es kommt zu einem Geständnis und einem Liebesvertrag. wie Willehalm durch seine ritterliche Bewährung im kommenden Sommer die körperliche Vereinigung erdienen kann. wie das später Johann von Würzburg noch forcieren wird. ich wil och minnen dich. Es stimmen überein die wichtigsten Leitwörter (Liebe.“). B. hätten sie dort Wurzeln geschlagen. (V. V.25 der die Minnestufen bis zu tactus und osculum durchläuft und festlegt. (V. die mit einer Belehrung des liebesunkundigen Mädchens durch den erfahreneren Jungen eingeleitet werden (V. dass lustvolle Blümchen da hätten wachsen können. Leid). dass sein ganzes Inneres blühte. Dieser Rückblick zeigt. von den Sinnen wahrgenommen und in meinem Herzen [wohnend]. 6277-84. V. Geliebter.“). süß im Herzen. Dramatischer Höhepunkt der Handlungsführung ist das dritte Gespräch bei einem Besuch Amelies bei Willehalm. der durch die Verweigerung des Essens aufgrund ihrer Ablehnung in höchster Lebensgefahr schwebt. 4928-35. ich will dich auch minnen. in der Tat. etwa die Grußformel in Amelies Brief 1: ‚Lieb. 4381-414 mit Verweis auf Ulrichs von Türheim Kliges und Minnesanganklängen. ˇ 4914-16. Amelie holt den Geliebten durch ihre Zuwendung ins Leben zurück. dass die Liebesbriefe mit ihrer rhetorischen Form und den gewählten Bildern (vor allem aus der Herzmetaphorik) sich ganz im Rahmen von anderen. / Waerint si u gewurzet da. Wan ich han gesehen wol / Das du von herzen minnest mich / Benamen. 4139-57. . 4999-5024. Rudolf von Ems zettelt hier einen intertextuell anspielungsreichen Liebesdiskurs in der Art Wolframs an. ohne dass die zweite Stelle die erste kopieren würde. die durchweg die stilistischen Register einer sprachlich ornamentierten Mündlichkeit zeigen.und Frühlingsmetaphorik. „Denn ich habe genau gesehen. die Pflanzen. 24 25 26 27 Z.Minne als Brief 133 kleineren Exkursen ausweiten (z. meiner Freude Sonnenglanz […]. Geliebter. / Lieb. dass du mich von Herzen minnst.26 Das entscheidende innere Geschehen wird durch den Erzähler im Raum des Herzens beschrieben. er verwendet das Motiv vom wechselseitigen Herzenstausch (V. B. / Lieb an laides smerzen‘ (V. 4972-75) und sprachspielende Einheitsformeln (V. miner vrˇden sunnen glanz / […] / Lieb o e e suze in dem herzen. Geliebter. aller Freude Blumenlicht. „und es begann in seinem Herzen durch Liebesfreude eine solche Sommerzeit ohne Störung durch Leid. in so süßer Blüte. 4200-342). V. vorher schon entfalteten literarischen Registern aufhalten. / Lieb. auf den Schritt in der Handlung folgt sogleich ein Exkurs über das. Was ainvaltigú minne si (V. Vgl. meiner Freude Wonnekranz. freudig ohne Leidschmerzen“) und den Bericht des Erzählers nach der Minneübereinkunft: Und h˚ b in sinem herzen sich / Von lieb an soelicher sumerzit / Sunder laides widerstrit / Das alles sin u e e e e gemute / Bl˚ t in so suzer blute / Das wunneclich blumelin / Moehtint da gewahsen sin. 4976-84). aelles liebes bl˚ men schin / Der sinne und in u dem herzen min. Freude. 5156-64. 4456-484 eine MinneAdresse mit Bezug auf Walther von der Vogelweide). Hinzu kommen Reflexionen der Kinder in Art von Gedankenmonologen24 und eine Reihe von Minnegesprächen. „was vollkommene Minneeinheit sei“). „Geliebter.27 Der schriftliche Briefdiskurs unterscheidet sich prinzipiell nicht von den Gesprächen und der Erzählerrede.

Sie gleichen „zerdehnten“ Gesprächen28 über die Kluft räumlicher Trennung hinweg und sind im Medium des gelehrt schriftliterarischen Romans nicht als etwas spezifisch Schriftliches erkennbar. den bis dahin gepflegten Dialog. MÜLLER: Artikel ‚Brief‘. Während Rudolf fünf Briefe in einer begrenzten Handlungseinheit unterbringt. von ERNST REGEL. Bd. S. nachdem Wildhelms konkret sexuelle Werbung von Aglyes Vater belauscht und ein Redeverbot erlassen wurde. 61f. soll unten erneut aufgegriffen werden. Die irritierende Durchdringung von Schriftmedium und mündlicher Kommunikation bei Rudolf wird später von Johann von Würzburg (bzw. Versprechen) durchqueren unterschiedliche Verfahren. sind bei Johann 13 Briefe über mehr als ein Drittel des Textes verteilt und in drei bzw. Hrsg. 24-43. seinem Co-Autor) im Wilhelm von Österreich übernommen und weiter zugespitzt. Bitte. Sp. In: Schrift und Gedächtnis. Berlin 1906. B6 2876-916 B7 2993-3035 29 30 . Die Entstehung von Texten aus dem Bedürfnis nach Überlieferung. Dublin 1970 (Deutsche Texte des Mittelalters 3). hier S. Ja. man kann den Aspekt umdrehen und in dieser Schriftkommunikation gerade die betonte Herstellung von Präsenz bis hin zum Körperkontakt ausmachen. München 1983. Was dennoch an spezifischer Leistung den Briefen vorbehalten bleibt. 32. Die Briefe setzen die Figuren-Kommunikation und die Erzähler-Publikum-Kommunikation fort. Nachdr. Johanns von Würzburg Wilhelm von Österreich. Aus der Gothaer Handschrift hrsg. von GERT UEDING. hier Sp. Tübingen 1994. von ALEIDA ASSMANN/JAN ASSMANN. 1. Es werden noch c) Abschiedsbriefe gewechselt.30 Die ersten drei (B1-B3) ersetzen. Die nächsten vier (B4-B7) werden unter dem Eindruck der geplanten Verheiratung des Mäd28 So das Verständnis des ‚Briefes‘ in der klassischen Rhetorik. Unveränd. vier Sequenzen gruppiert. Hrsg. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Die Wendung „zerdehnte Sprechsituation“ findet sich bei KONRAD EHLICH: Text und sprachliches Handeln. so sind auch die Liebesbriefe des Romans auf dieser Folie gearbeitet. Sequenz: Hof König Agrants a) Während des Redeverbots zwischen den Liebenden Ryal/ Wildhelm Agyle B1 1933-976 B2 2003-041 B3 2095-133 b) Nach der Werbung Walwans um Aglye B4 2547-582 B5 2596-622 Ryal muss mit Walwan gegen den König von Marroch in den Krieg ziehen. W. 2.134 Christoph Huber Die gleichen Sprechakte (Gruß.29 Neben den Klassikern verarbeitet dieser in seinem intertextuellen Spektrum bekanntlich besonders den Willehalm von Orlens. G. 60-76. Archäologie der literarischen Kommunikation I.

die man mit Brief 13 als abgeschlossen erachten kann. Schriftlichkeit. ferner WERNER RÖCKE: Liebe und Schrift. 7185-213. Weltbildwandel. für die er seinen Dienst leistet. Der Wilhelm von Österreich Johanns von Würzburg. V. Als sich die Liebenden anlässlich der Belagerung von Smirna räumlich wieder näher kommen. zum Schwiegersohn erwählt hat. doch ist auch hier davon auszugehen. zu Johann S. der Wildhelm die Geburt seines Sohnes Friedrich mitteilt. von WERNER RÖCKE/ URSULA SCHÄFER. Sequenz: Nachdem Wildhelm Walwan getötet hat. tauschen sie vier Briefe (B8-B11) und in zeitlichem Abstand. Johann von Würzburg: Wilhelm von Österreich). Die vom Vater eingefädelte Trennung Wildhelms von Aglye bleibt ohne Briefverkehr. Hrsg. S. In: Mündlichkeit. Roman und „historia“. Jahrhunderts (Konrad Fleck: Florio und Blancheflur. So überbrücken Rudolfs Briefe eine Phase der Trennung des Paares. 96-103. 31 . über die Liebesangelegenheit. Dennoch kehrt der Roman auch hier bald mehr den mündlichen.F. Sequenz: Vor Burg Fryen Wilhelm im Heer vor der Burg. den Sohn des Königs von Marroch. während Johanns Briefe in räumlicher Nähe die Unmöglichkeit zu reden kompensieren. Die Aspekte der Präsenz und des quasi-mündlichen Austauschs gewinnen in dieser Konstruktion an Gewicht. Damit 2. Deutungsmuster sozialer und literarischer Kommunikation im deutschen Liebes. Sohn des Königs von Marroch. neuer Bräutigam Aglyes.Minne als Brief 135 chens mit König Walwan aus Frigia geschrieben. 87). wird Wildomis.und Reiseroman des 13. B8 6697-770 B9 7007-088 B10 7423-493 B11 7539-629 3. soll als Brautführer fungieren. 8391. der hier mitspielende Vogler transportiert den ersten Zettel in einem Rosenstrauß versteckt. fällt ganz aus dem Rahmen der Liebeskorrespondenz. Seine mündliche Botschaft wird gegenüber dem Schriftstück deutlich herabgestuft. Aglye als Verlobte Walwans in der Burg. zwei letzte Schreiben aus. Die Institution des Boten wird für nur einen Brieftausch (B8 und B9) bemüht. nachdem Wildhelm seinen Konkurrenten Walwan getötet und Aglyes Vater nun Wildonis. dass er den Inhalt der Schrift nicht kennt und dass die Liebenden ihre Briefe in der Einsamkeit schreiben und lesen. Tübingen 1996 (ScriptOralia 71). bald mehr den schriftlichen Charakter der Kommunikation heraus. der als tot gilt.31 Da genießt der Bote Pitipas im Willehalm von Orlens ein größeres Vertrauen seiner Auftraggeber. Wildhelm. Tübingen 1999 (Hermaea N. Ein Brief Aglyes. 85-108. Literarische Kommunikation und Deutungsschemata von Wirklichkeit in der Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. B12 9795-870 B13 9989-10 076 Interpretation des Corpus im Überblick CORA DIETL: Minnerede. hat er nur vage Vermutungen. den anderen unter dem Flügel seines Tieres. S.

Von Aglye heißt es: nach der clage [in unartikulierten Seufzern] si einen brief tiht mit ir munde: swaz ir von hertzen grunde laid und an minne was. „Der wurde. daz wart geschriben und auch daz brievelin geworfen sider Ryal in dem balle wider. / geantwuertet der diu kummer lait (V. Die schrieb dann bereitwillig ihre Hand nieder. 2003f. zeigt eine aus dem Rahmen fallende Variante: Bei der Sendung von Brief 6 wird einfach auf das Wissen der Aventiure verwiesen und demonstrativ eine Leerstelle gesetzt. der si lert wol die kunst daz si suezziu wort vant.136 Christoph Huber schwindet bei Johann von Würzburg der für die historische Briefkultur relevante Anteil des präsenten und redenden Boten soviel wie ganz. Wie lax letztlich die Modalität der Zustellung behandelt wird. die Botschaft übernimmt ausschließlich die Schrift. wurde niedergeschrieben und dann das Brieflein mit dem Ball zu Ryal zurückgeworfen. . wie mich die klugen Kenntnisse der Handlungsinstanz Aventiure unterrichteten. (V. der wart mit grozzem vlizze getihtet von ir munde: von des hertzen grunde º was da gu tes willen gunst. das machte sie mit vollkommener Hingabe.. Aus Herzens Grunde war da die Gewogenheit des guten Willens. diu schraip do willechlich ir hant. 32 33 V. Oder: zehant do wart ein brief geschriben an ain zedel wizze. süße Worte zu finden. die Kummer litt“). mit gantzem vlizze tet si daz. (V. als mich bewisten / der aventuer kuendekait. 2588-94 = B5) Nach der Klage verfasste sie einen Brief mit ihrem Mund. der wurde mit großem Eifer von ihrem Mund gedichtet. der wart. der sie vortrefflich die Kunst lehrte.32 lässt sich das mit dieser Stellvertretung des Boten durch das Schriftstück verbinden. 6980-89 = B9) Da wurde sogleich ein Brief auf ein weißes Blatt geschrieben. übermittelt an die.33 Im Übrigen tragen ausgerechnet die Niederschrift und die Lektüre wie auch der Brieftext selbst Spuren des mündlichen Wortes. 1936f. Wenn in B1 und B2 der Brief selbst in der Ich-Form redet. 2864-66. Was sie aus Herzens Grunde betrübte und die Minne betraf.

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Offenbar wird das Verfassen des Briefes als einheitliche Handlung begriffen, an der kontinuierlich das Herz, der Wille, die Zunge34 und der Mund (vielleicht in einer Art lauten Mitsprechens) wie die Hand beteiligt sind. Die seelische Disposition ‚lehrt‘ auch Kunstfertigkeit (etwa kontrapunktisch zum gewöhnlichen Schulunterricht?). Jedenfalls muss das Unternehmen mit Fleiß und Aufmerksamkeit zu Ende gebracht werden. Unmittelbarkeit des Affekts, Beteiligung von Körper, Wille und Kunstfertigkeit, dazu die Arbeit der Niederschrift verbinden sich im Amalgam dieser Schreibaktion. Damit aber nicht genug. Die suezziu Minne persönlich unterstützt die Schreiberin und soll ihr zuletzt noch raten, wie sie den Brief befördern könne:
do der brief gemachet was mit vlizz, als sie diu Minne lert, do sprach diu kiusche vil gehert: ‚o we, het in der liebe nu! gib lere suezziu Minne du, wie schol ich nu behenden den brief dem vræud ellenden, dem stæten und dem zieren?‘ (V. 6990-97 = B9) Als der Brief mit Eifer fertiggestellt war, wie es sie die Minne lehrte, sprach die Reine, Hocherhabene: ‚O weh, hätte ihn jetzt schon der Geliebte! Lehre mich, süße Minne, wie soll ich nun den Brief dem Freudeleeren zustellen, dem Treuen, Hübschen?‘

Auch der Übermittlungsvorgang (den der Vogler übernehmen wird) steht im Zeichen des Liebesaffekts. Die Minne als Poetiklehrerin erscheint bereits, als Wildhelm den Brief B8 verfasst:
ach, Minne, kuend ich tihten so daz ich moeht gerihten den brief nach sinem werde! ich wæn daz uf der erde im tihtens nie wuerd also not! (V. 6689-93)35

34 35

Vgl. doch tihtet da sin zunge (B 6, V. 2862; „doch dichtete da seine Zunge“). V. 6689-93. Vgl. Aglyes Abfassung von B11. Die Schreiberin leitet die Redaktion des Schriftstückes mit folgenden begleitenden Worten ein: ‚Ach hertze, lip und sinne! [Aufruf körperlicher und seelischer Instanzen], / ach minneclichiu Minne [Appell an personifizierte, objektivierte Liebesinstanz], / gib helf, kunst ze stiur,‘ [auch die Minne als Helferin in der ars scribendi!] / sprach do diu gehiur, / ‚wie ich im wider schribe / daz im den jamer tribe / uz hertzeclichen laiden!‘ (V. 7497-503; „‚Ach Herz, Leib und Sinne, ach minnespendende Minne, hilf und steuere die Kunst bei,‘ sagte die Traute, ‚wie ich ihm zurückschreibe, was ihm den Jammer aus herzergreifenden Leiden vertreibe!‘“).

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Ach Minne, könnte ich nur so dichten, dass ich den Brief an seinem Wert ausrichten könnte! Ich glaube, dass auf Erden er das Briefdichten noch nie so nötig hatte!

In diesem Sinne hält Aglye ihren Brief noch zurück:
doch will ich corrigieren den brief daz er iht væle, sit liebe mich niht hæle nimt in dirre minne sedel (V. 6998-7001). Doch will ich den Brief Korrektur lesen, damit er keinen Fehler enthält, da die Liebe mich nicht geheim hält auf dem Sitz (dem Thron?) dieser Minne.

Die von der Instanz überwachte schriftliche Kommunikation erhöht offenbar den Rang der Minnenden selbst und gibt der Mitteilung einen mehr als privaten Charakter, obwohl den Brief im Roman später außer dem Adressaten niemand zur Kenntnis nehmen wird. Darauf ist zurückzukommen. Aglyes Korrekturarbeit gilt dabei nicht nur den sprachlich-stilistischen Fehlern, sondern ist geeignet, die Schreiberin als eine Art Primärrezipientin ihr innerstes Gefühl noch einmal erleben zu lassen: mit manigem sueften wart diu zedel / ueberlesen innerclich.36 Jetzt erst wird auf einer anderen Ebene der Brief veröffentlicht, d. h. durch den Dichter / Erzähler einem ihm verbundenen Publikum dargeboten:
ob ir nu wellt, so wil ich iu des brieves rede sagen [mündlicher Duktus!], baidiu sin vræun und sin clagen. (V. 7004-06) Wenn ihr nun wollt, werde ich euch des Briefes Rede mitteilen, seine Freude und seine Klage.

In der Perspektive Aglyes, die den Brief rezipierend Korrektur liest, ist so bereits die Ebenenversetzung zwischen innerliterarisch-privater und außerliterarisch-öffentlicher Kommunikation angelegt.37 Daneben reflektiert der Erzähler die literarische Öffentlichkeit des fiktionalen Privatbriefs noch an zwei weiteren Stellen. Während Aglye den Brief Wildhelms ueberlas (V. 7415 zu B10; – das kann leise sein oder laut38), bemerkt der Erzähler über das Geschriebene im mündlichen Gestus:
36 37 38 V. 7002f.; „Mit vielen Seufzern wurde das Blatt inständig überlesen.“. So wie nicht nur der Erzähler, sondern der Romanheld mit der personifizierten Aventiure konfrontiert wird, vgl. die mit V. 3134 eingeleitete Episode. Vgl. über Aglye anlässlich B8: zehant diu minneclich in las / mit irm munde süeze. (V. 6970f.; „Sogleich las ihn die Minnespendende mit ihrem süßen Mund.“).

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daz daran geschriben was, daz sage ich iu mit betuete; swa tugenthaft luete sint, sie hoernt in. swer zu liebe gewan ie sin, der hoert von liebe gern sagen und liep gein liebe sich erclagen. (V. 7416-22) Was darauf geschrieben war, das sage ich euch mit folgender Erläuterung: Wo immer tugendhafte Menschen sind, hören sie ihn. Wer je auf Liebe seinen Sinn richtete, hört gern von Liebe erzählen und Liebende einander ihr Leid klagen.

Der unmittelbar folgende Brief Aglyes (B11) übt dann auf Wildhelm über die Worte eine geradezu körperliche Wirkung aus39 und wird vom Erzähler akustisch dargereicht:
derz gern hoert, so wil ich sagen ir getihte, daz sich dar nach rihte vrawe diu ie lieben man ze lieber trutschaft ie gewan. (V. 7534-38) Wenn man es gerne hört, will ich sagen, was sie da dichtete, damit sich daran jede adlige Dame orientiere, die je einen geliebten Mann zur liebevollen Freundschaft gewann.

Damit sind explizit Leserinnen als Rezeptionspublikum angesprochen! Wenn hier in die intime Briefkommunikation ein potentiell offenes Publikum eingebunden wird, sogar nach Geschlecht von Adressaten unterschieden, erfolgt das über das Konzept einer Gemeinschaft von Liebenden, die empathisch mitfühlen, wobei sich die Lebenden an literarischen Figuren als Vorbildern ausrichten. Das Modell ist von Gottfried von Straßburg (dem Tristan-Prolog) aus entwickelt und auf den Liebesbrief als Text im Text zugespitzt. Die ausgesprochen körperliche Wirkung der geschriebenen Liebesbotschaft erfährt bei Johann von Würzburg im Vergleich zu Rudolf von Ems noch eine Steigerung. Über Wildhelm wird beim Empfang von Brief 9 gesagt (V. 7244 ff.), er las den brief, daran im schin / wart wie er solt werben – d. h., er erhält eine Verhaltensanweisung; diese wirkt aber so:
39 mit siner wolgestalten hant / entstrickt er des brieves sloz. / diu Minne braht im do ain schoz / mit des brieves worten / daz im an allen orten / in dem libe uebte sich (V. 7528-33; „Mit seiner wohlgestalten Hand öffnete er den Verschluss des Briefes. Die Minne schleuderte da auf ihn ein Geschoss mit den Worten des Briefes, das in allen Gliedern seines Leibes zu spüren war.“, oder schoz als ‚Schössling‘?).

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er wand in vræuden sterben von den worten diu er vant: Aglien lust sich in in want, in lip, in sel, in alle lit. (V. 7244-49)40
Er las den Brief, an dem ihm klar wurde, wie er handeln sollte. Er glaubte vor Freuden zu sterben durch die Worte, die er da fand. Das Verlangen nach Aglie bohrte sich in ihn hinein, in Leib, Seele und alle Glieder.

Wie ein Aphrodisiakum, ein lusterregendes, tödliches Gift werden die geschriebenen Worte körperlich und so auch seelisch aufgesogen. Bei Wildhelms Antwortbrief (B10) wird das körperliche Ergriffenwerden der Freundin bei der Zustellung durch den Falken als Gewaltakt ausgemalt. Aglye hat Wildhelm insinuiert, sie könne seinen Falken durch ein an ihrem Fenster ausgesetztes Täubchen locken. Dieser Plan wird ausgeführt:
zehant der valk die tuben stiez daz si gehort noch gesach: hin und her er si do trach biz si im in die griffe wart. (V. 7386-89) Sofort stieß der Falke auf die Taube nieder, dass ihr Hören und Sehen verging. Hin und her zerrte er sie, bis er sie fest in seinen Fängen hatte.

Freudig die liebe mær erwartend, zieht Aglye die Stange mit den beiden Vögeln zum Fenster herein. Sie lässt den Falken die Taube rupfen und ihre eigenen Hände blutig kratzen, um den Brief unter seinem Flügel hervorzuholen.41 Die Aggressivität und Destruktivität von Schrift als materialem Objekt der Liebeskommunikation im Prozess einer zerstörerisch-beglückenden Minne wird hier drastisch konkretisiert. Wenn Johann von Würzburg die Brief-Kommunikation konsequent auf die je gegenwärtige körperliche und psychische Wirkung hin zuspitzt, das heißt in der objektivierenden Schrift je neu Gegenwärtigkeit, Präsenz erzeugt, betrifft das auch die geschriebenen Inhalte. Rudolf und in seinem Gefolge Johann entdecken den Brief als literarisches Verfahren, im Minne40 41 Die Verse nur in H und S, Herausgeber zur Stelle: „scheinen aber echt“. en valken si ergramt, / daz tueblin doch erlamt, / des ahte si vil claine: / ir wizzen hende raine, / swa die o o o der valke rurte, / da krazte er und furte / uz hendel blutes tropfen; / si lie die tuben ropfen [in der verschränkten Reihenfolge werden Taube und Hand parallel gesetzt.] / und graif mit ir verserten hant / an in unblúclich biz daz si vant / den brief under dem fluegel sin. (V. 7399-409; „Den Falken reizte sie auf, und das Täubchen erlahmte, sie achtete wenig darauf. Wo ihre weißen Hände der Falke zu packen bekam, kratzte er und ließ aus ihnen Blutstropfen quellen. Sie ließ es zu, wie die Taube gerupft wurde, und tastete den Vogel mit ihrer verletzten Hand unerschrocken ab, bis sie den Brief unter seinem Flügel fand.“).

Minne als Brief

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roman in Situationen der Trennung der Liebenden kontinuierlich und über längere Phasen hinweg Intimität herzustellen. Bei beiden fehlt die briefliche Werbung. Die Schrift setzt hier fort, was im mündlichen Gespräch, im Selbstgespräch oder Gedankenmonolog, auch im objektiven Erzählbericht und im Erzählerkommentar bereits hergestellt ist. Minneverträge mit dem Anspruch unverbrüchlicher Geltung und der körperlichen Verwirklichung eines seelisch vollzogenen und erotisch immerhin schon auf den Weg gebrachten Vereinigungsprozesses liegen vor. Intimität ist eine Beziehungsfigur engster personaler Nähe, in der seelische Disposition und äußere Lebensform zusammenwirken. In je neuen äußeren Konstellationen stellt sich die Aufgabe, diese Nähe herzustellen, die offensichtlich nicht nur im direkten Körperkontakt realisiert wird. Die mittelalterlichen Entwürfe anspruchsvoller passionierter Liebe gehen von einem Prä der geistigen Seite aus. Zwar muss das Gegenüber über die sinnliche Erfahrung ins Bewusstsein des potentiell Liebenden treten, was durch körperliche Nähe, durch den Anblick, aber auch durch Hörensagen erfolgen kann. Johanns Wildhelm konzipiert zuerst ein seelisches bilde, das er dann in der Welt sucht und in der Person Aglyes wirklich findet. Die seelische Intimität wird bevorzugt durch Modelle vom Eingehen ins Herz, vom Wohnen im Herzen, von der Dominanz im Herzen und wortspielenden Umschreibungen einer Zwei-Einheit im Herzen beschrieben. Paradigmatisch gibt es das im Minnesang,42 für die Literaturgeschichte des Romans findet Gottfried von Straßburg prägende Formulierungen.43 Diese Muster etablieren Rudolf und Johann bereits in den Anfängen der körperlich noch unerfüllten Kinderminne und setzen sie dann in die Korrespondenz hinein fort. Das Modell vom Herzenstausch und das mögliche visionäre Anschauen der oder des Geliebten im Herzen oder immer wieder neu gewendete Einheitsformeln sind hier geeignet, die Fortdauer seelischer Intimität in der körperlichen Trennung auszudrücken.44 An der Schwelle dieser seelischen Intimität ist jeder der Liebenden allein. Beide Romane betreiben den Ausschluss von Dritten, wenn sich die Protagonisten bei der Abfassung und der Lektüre der Briefe in ir heimlîche zurückziehen. Johann schließt den Einfluss der Helfer weitgehend aus. Die intime Kommunikation ist ganz der Schrift vorbehalten, die dann aber als

42 43 44

Z. B. Heinrich von Morungen MF 127,1. Gottfried von Straßburg: Tristan und Isold. Hrsg. von FRIEDRICH RANKE. 11. Aufl., Dublin, Zürich 1967, V. 726-29 (Riwalin und Blancheflour beim Frühlingsfest); V. 11711-40 (Tristan und Isolde beim Minnetrank). Rudolf von Ems B1, Einheitsformel V. 6291-96; B4, V. 8052-58; Johann von Würzburg variiert das Motiv stark B2, V. 2018f., 2022f.; B7, V. 2691f., es folgen Einheitsformeln V. 3017-19; B8, Einheitsformel V. 6728-45; B9, Einheitsformel V. 7046-49; B10, V. 7462-64; B12, Einheitsformel V. 9838f.

47 Die Briefe erhalten eine affekterzeugende und -steuernde Funktion. a. 11044-094). Die Liebenden treffen sich zu einem Gespräch und tauschen die zuvor geschriebene Briefe aus.46 sein Anspruch sinnlicher. Hrsg. 86-105. 1). der einem Kollaps der Brief-Kommunikation gleichkommt. den paradoxen Status der Zweieinheit stützen können.45 Die Schrift als Ersatz von mündlicher Kommunikation pointiert der Wilhelm von Österreich dergestalt. 91f. Zum Verhältnis körperlicher und nichtkörperlicher Nachrichtenträger. bei der sich das neuzeitliche Drama und der Roman bedienen werden. der Pendelausschlag der Affekte weiter. zu B11 V. Zur Störung der Boten-Kommunikation HORST WENZEL: Boten und Briefe. Mahmets Brief (V. 320-324: Chrétien de Troyes: Lancelot. Mit dem Wachsen der Beziehung wird auch der Brief immer länger und anspruchsvoller. Mai und Beaflor. s. Noch nicht bei Rudolf. Verwechslungen der Adressaten usw. Heinrich von Veldeke: Eneas.“) Zum gehobenen Anspruch die Minne-Anrede vor der Abfassung desselben Briefes V. Die Korrespondenz wird in diesem Modell nicht als handlungstechnisches Mittel von Intrigen mit falschen Briefen. Schrift erzeugt sogar bei der Korrektur und in der Wiederlektüre der Schreibenden die Affekte. 46 47 . 30). ist dies in unserer Tradition ausgespart. der Umschlag zwischen Freude und Leid dramatischer. Anm. Einen Extremzustand. eingesetzt. dass er die Briefe durchweg in Situationen räumlicher Nähe einbaut. Nach den literarhistorischen Anfängen der Brief-Intrige. wie ich meine. Sie ergänzen den Blickkontakt und werden so (unter Ausschaltung von Boten als personalen Zwischenträgern) zum eigentlichen Ort der Herstellung von Intimität. aber bei Johann kann man.B11. gewissermaßen überwältigender Impuls in den Lebensprozess hinauswirkt.: ain niwe zedel langen / nam si uz ainem schrin. DIETL (Anm. welche monologische Seelenbilder 45 Zu gefälschten und intriganten Briefen ERNST (Anm. oben. ihrer Formung und steigernden Ausbildung. S.142 Christoph Huber starker. die unter dem Eindruck einer zweiten erzwungenen Ehe Aglyes geschrieben sind. die nur hier ihren Ort im Roman hat.. Wildhelms Kinderliebe wird über ein vom Schwiegervater belauschtes Gespräch und nicht einen abgefangenen Brief aufgedeckt. welche seelische Intimität hervorbringen. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelalter. 7508f. auch auf der Bühne der Rezeption. Auch der auf der Ebene der literarischen Kommunikation veröffentlichte Brief bleibt im Schutzraum einer Gemeinde von Liebenden mit ihrem je eigenen affektbesetzten Beziehungsfokus. erreichen Johanns letzte Stücke des Briefwechsels (B 12 und B13). von HORST WENZEL u. 111-104. 7497-99 (zit. S. Deutlich in der Phase der Belagerung von Smirna B8 . Gefälscht auch im Wilhelm von Österreich. Berlin 1997 (Philologische Studien und Quellen 143). S. bereits Ansätze einer intimen Biographie der Protagonisten lesen. wobei das Einheitspostulat wie das ruhende Zentrum in der Mitte eines Wirbelsturms unangetastet zu bleiben scheint. In: Gespräche – Boten – Briefe. Vgl. („Ein neues großes Blatt nahm sie aus einer Lade. hier S. 35).

so mag uns doch dehain trutschaft da von werden. sele min. nicht mehr leben zu wollen. unterstellt sich Wildhelms Entscheidungen und legt zugleich alle Standesansprüche auf ere und richtuom nieder. imaginiert sie mit dem Ende ihrer trutschaft den Liebestod (V. Im weiteren Horizont aber 48 V. die Liebenden finden schließlich doch zueinander. 9989. Ich weiß nichts anderes. Obwohl sie einen Ausgang offen lässt. der Brief selbst ist pessimistischer und formuliert das Ende der Beziehung: swie ainmuetic si unser muot gevangen in ainem ain. daraus eine positive Zukunftsperspektive zu schöpfen. 9838-41) Wie einmütig auch unser Sinn in einer einzigen Einheit verschlossen ist. Neue Weichen sind bereits gestellt. Sie sind also eigentlich überholt. Er gibt der Geliebten seine Beziehung als Lehen zurück: nim uf nu swaz ich von dir hab ze lehen! ich wil komen ab des lebens durch die liebe din: ich waiz niht anders.). „Meiner Freuden Hoffnung! Meines Geistes Sinn!“. Vor der als Vrœuden trost! mins muotes sin! 48 Angeredeten legt er selbst alle Freuden ab und erklärt. worin ich dir weiter dienen kann. waz ich dir dienen fuerbaz sol. (V. Aglye gibt allen Eigenwillen auf. werden aber erst danach von den Partnern rezipiert und dem Publikum mitgeteilt. Auch er imaginiert zusammen mit dem Verlust der Geliebten an einen anderen Ehemann den Liebestod. Zwar fordert Aglye Wildhelm im Gespräch mündlich zur gemeinsamen Flucht auf (V.). hat aber nicht die Kraft. so kann doch keine Liebschaft [hier aber mit dem Ziel einer institutionalisierten Beziehung] daraus werden. . Wildhelms Schreiben zeichnet einen noch depressiveren Zustand.Minne als Brief 143 formulieren. meine Seele. 9610ff. Wildhelm verlegt seine ganze geistige Existenz in die Person Aglyes. was ich von dir zu Lehen habe! Ich will mein Leben verlieren aus Liebe zu dir. 9869f. 10043-47) Nimm jetzt alles zurück. die Zwangsehe wird später nicht vollzogen. Nun liegen hier die Briefe den hoffnungsvolleren Gesprächen voraus. (V. 9860-63. was einen Rückstand brieflicher Mitteilung gegenüber dem Stand des Seelendramas und eine Grenze der Leistungsfähigkeit des Mediums ‚Brief‘ anzeigen könnte.

Sie betrifft nicht die dynastische Sukzession. bei beiden Partnern die authentische radikale Bereitschaft zu dokumentieren. der in seiner Affektbestimmtheit auch destabilisierende Effekte hervorbringt. das gilt in der mündlichen Kommunikation auch für die im feudaladligen Leben unverzichtbaren Helferfiguren. sondern gerade stimuliert. 281f. ja nehmen dieses Ende vorweg. Die Schrift ist in der Lage. Der Austausch von Schriftlichkeit führt wie bei dem von Worten unmittelbar körperliche Reaktionen herbei. können wir einige Schlüsse zum Prozess der Verschriftlichung und zum Status des Briefes. auch eine exemplarische Vorbildlichkeit des Fühlens zu etablieren. Aus unseren Beobachtungen an zwei Brief-Corpora. bis zum ‚Letzten‘ zu gehen. . die auf die Metaebene der Literaturkommunikation gehoben wird. Als spezifisch schriftlich zeichnet sich in dem komplexeren Entwurf Johanns. die nur in der schriftlichen Fixierung möglich ist. Der mit den monologischen zwei letzten Briefen erreichte Tiefpunkt markiert so die Grenze der Gattung und die Überholbarkeit der schriftlichen Verfestigung durch das Leben. Im Blick auf den Schluss des Romans mit Wildhelms Ende in der Einhorn-Aventiure und Aglyes Liebestod sieht das anders aus. Spontaneität wird nicht ausgeschlossen. S. in dem Johann gegenüber Rudolfs harmonischem Ausgang eine pessimistische Perspektive gestaltet. die Wiederholbarkeit.49 Zwar gelingt es der Schrift. in der Fernoptik einleuchtenden Merkmale von Traditions. als ein zerdehnter Liebesdialog. genauer: des Liebesbriefes in historischer Perspektive ziehen. Das wirkt im Handlungskontext aber als ein Präsenzphänomen. die ganz auf die jeweiligen Romankonzeptionen hin komponiert sind und hier ihre literarische Relevanz erhalten. die mit der Geburt des Erben Friedrich gelingt. Anderseits greifen beide Positionen über die glückliche Wendung hinaus auf den Liebestod vor. Als Funktion der Schriftlichkeit lassen sich aber keineswegs die von OESTERREICHER genannten. 21).und Herrschaftssicherung mit Tendenzen zur Dogmatisierung ansetzen. der allerdings ohne den des Vorgängers nicht denkbar ist. aber das individuelle Minnedrama.144 Christoph Huber erbringen die situationsversetzten Schreiben eine Leistung. Die Tiefpunkte der Korrespondenz müssen auch in den früheren Schreiben als affektive Antizipation des Liebestodes gelesen werden. Der für das Mittelalter konstitutive Anteil der Botenrolle wird bei der erotisch intimen Botschaft zurückgedrängt. eine Kommunikation der Liebenden unter den Bedingungen der Trennung fortzusetzen und so gewissermaßen zu stabilisieren. die von der Geschichte zunächst nicht eingefordert wird. Für die Briefpartner der beiden Romane setzen die Autoren den Umgang mit der Schrift als eine selbstverständliche Fertigkeit voraus. auch die zeitliche Versetzung einer Stimulierung durch die 49 OESTERREICHER (Anm.

Literarische Möglichkeiten der Selbstbespiegelung und wechselseitigen Introspektion deuten sich bereits an. 61-65. So ist für die intime Minnekommunikation zumindest in den besprochenen Texten eine Verschiebung von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit und eine Abkoppelung vom Körper nicht festzustellen. Minne ist zugleich Vermittlungsinstanz einer kunstgerechten Rhetorik der Liebe und erfahrene Gegenwart mit transgressiven. G. reflexive Seite stark. Das hat zweifellos mit der proteischen Textform ‚Brief‘ zu tun. anarchischen Zügen. Es gibt da keine lineare Entwicklung. . die später. Im Wechselspiel der Seelenkräfte macht sich auch eine intellektuelle. etwa im 18. so dass über diesen Kanal der Innenraum der Liebe geformt und vertieft werden kann. sondern getragen wird vom psychophysischen Gesamterlebnis der Minne. 50 Vgl. in den Vordergrund treten und die Qualitäten der Präsenz in der Briefkommunikation stark machen. MÜLLER (Anm.Minne als Brief 145 Schrift ab. der Gegensatz und die Spannung zwischen den Kommunikationsformen bleiben bestehen. besonders dem literarisch komplexen Liebesbrief im Langzeitprozess der Verschriftlichung Sonderkonditionen einzuräumen. Jahrhundert. die als personifizierte Instanz agiert und stellenweise mit einem überindividuellen Naturgesetz zusammengeht. 28). Im Raum der Intimität scheinen so Unmittelbarkeit der Affekte und Intellekt keine Gegensätze zu sein.50 So hat man dem Brief. hier Sp. ebenso wenig Alleinsein und Hingabe. den substantiellen Theorieteil des Lexikonartikels von W. die sich aber noch nicht abspaltet.

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Verschuldung und Wiedergutmachung.1 in Heinrichs von Neustadt Apollonius von Tyrland ist dies zumindest in einer entscheidenden Szene der Handlung um Apollonius und seine erste Frau Lucina der Fall. 2 . von MICHAEL WETZEL/JEAN-MICHEL RABATÉ. die nicht vergolten wird. auf ihr wird daher in Verbindung mit der Schriftthematik ein weiterer Fokus der Textlektüre liegen. z. Maßüberschreitung. Tübingen 1996 (ScriptOralia 71). als sie ein symmetrisches Gegenüber opposi1 Vgl. Hrsg. ist bekannt. Literarische Kommunikation und Deutungsschemata von Wirklichkeit in der Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit. in: Ethik der Gabe. Reziprozität und Symmetrie. DERS. München 1993 (frz. von DEMS. Hrsg. Berlin 1993 (Acta humaniora). S.: Wenn es Gabe gibt – oder: ‚Das falsche Geldstück‘. Und sie tun dies im Rahmen einer deutlichen Ausstellung der ‚ökonomischen‘ Logik höfischer Liebe. andererseits die ‚totale Gabe‘. WERNER RÖCKE: Liebe und Schrift. S. Asymmetrie und Diskontinuität. JACQUES DERRIDA: Falschgeld. Deutungsmuster sozialer und literarischer Kommunikation im deutschen Liebes./URSULA SCHAEFER. 93-136. Dass Schrift und schriftliche Kommunikation in Konrad Flecks Flore und Blanscheflur zentrale Themen sind. Jahrhunderts (Konrad Fleck: Florio und Blanscheflur. Zeit geben 1. Johann von Würzburg: Wilhelm von Österreich). 85-107. B. Rückkehr. Denken nach Jacques Derrida.MARGRETH EGIDI Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs: Flore und Blanscheflur und Apollonius von Tyrland I. In unterschiedlichen Szenarien akzentuieren die Texte die Struktur literarischer Kommunikation bzw.und Reiseroman des 13. In: Mündlichkeit – Schriftlichkeit – Weltbildwandel. schriftgestützter Kommunikation. Im Rückgriff auf Derridas Texte zur Gabe verstehe ich unter ‚ökonomischer‘ und ‚anökonomischer Logik‘. Verrechenbarkeit.: Donner le temps 1: La fausse monnaie. Aus dem Französischen von ANDREAS KNOP/ MICHAEL WETZEL. die in den inszenierten Kommunikationssituationen immer wieder ventiliert wird. sehr verkürzt und holzschnittartig umrissen: einerseits die Ordnung von Tausch. Paris 1991).2 Verkürzend ist eine solche Umschreibung insofern. Verschwendung.

von EVA MOLDENHAUER. 24f. Zur Philosophie von Jacques Derrida.148 Margreth Egidi tiver Begriffe suggeriert. Frankfurt a.5 Dem ersten Vorverständnis zufolge gibt es keine Gabe ohne Erwartung einer Gegengabe welcher Art auch immer – keine Gabe jenseits des Tausches. deren Relationierung selbst gewissermaßen einer ökonomischen Ordnung folgt. Mauss. MARCEL MAUSS: Die Gabe. 385-409. Paris 1950). Zu Derridas Gabenbegriff vgl. ist es gerade die Relation von ökonomischer und anökonomischer Logik. wird schon an den bevorzugten Referenzialisierun3 4 5 Vgl. und in: WETZEL/RABATÉ (Anm. In: Einsätze des Denkens. mit welchen Modellen von Schrift und schriftlicher Kommunikation dies in Verbindung gebracht wird. die je neu verhandelt wird. M.. vgl. dass es die Gabe. Bourdieu. von HANS-DIETER GONDEK/BERNHARD WALDENFELS. von GERHARD NEUMANN.: Essai sur le don. S. Die Aporien der Gabe schließen jedoch aus. 255-272. Mit einem Vorwort von E. S. 405. HASELSTEIN (Anm. Auch wird hier ausgeblendet. Derrida und der New Historicism. er beansprucht nicht. S. S. so meine Vorannahme. 3). Im höfischen Minnediskurs. in Kauf genommen. übers. 41999 (frz. In: Poststrukturalismus – Herausforderung an die Literaturwissenschaft. 286-288. 2). Stuttgart 1997. 22f. DERRIDA: Falschgeld (Anm. nur jenseits von Tausch und Reziprozität geben kann. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften.E.. hier S. a.8 Mein Beitrag setzt diese Begrifflichkeit in pragmatischer Zurichtung ein. Das zweite Vorverständnis besagt dagegen. 3). 1997. bezeugt. ULLA HASELSTEIN: Poetik der Gabe. Hrsg. wenn überhaupt. WALDENFELS (Anm. 2). DFG-Symposium 1995. Hrsg. Den Selbstwiderspruch der Gabe führt Derrida am Beispiel von Marcel Mauss’ Gaben-Essay4 mit der Engführung zweier miteinander unvereinbarer Vorverständnisse des Gabenbegriffs vor.3 da beide Logiken sich nicht nur wechselseitig aufheben.] daß sie als Gabe gesagt. ihre Tragweite und die Komplexität der mit ihr verbundenen reflexiven Bewegungen auch nur annähernd beizubehalten. dass das Paradigma in Derridas Denken der Gabe der Text ist. ferner weitere Beiträge in: GONDEK/WALDENFELS (Anm. Insbesondere wird nach den je spezifischen Ausprägungen der ökonomischen Logik der Liebe zu fragen sein sowie danach. [. sondern zugleich nicht voneinander ablösbar sind.7 da dies unweigerlich die Logik der Zirkulation und der Rückkehr der Gabe erzeugen würde. S. Frankfurt a. Dass dem so ist. EVANS-PRITCHARD. 2). DERRIDA: Falschgeld (Anm.9 Damit wird u. dass die oben verworfenen Binarismen wiederkehren. „sondern bereits dadurch. S. Hierzu und zum Folgenden der grundlegende Aufsatz von WALDENFELS (Anm. 3). 6 7 8 9 . 389 (Hervorhebung im Original). II.6 Sie wird nicht erst durch ihre Erwiderung annulliert. BERNHARD WALDENFELS: Das Un-Ding der Gabe. 5). das Verhältnis von ökonomischer und anökonomischer Logik als Binarismus zu fassen. M. anerkannt“ wird.

Reziprozität. Anders als der Liebesdiskurs im Minnesang. a. in denen die rhetorisch-literarische Repräsentation der Liebe selbst thematisiert wird und in denen insbesondere das Medium der Schrift im Mittelpunkt steht.Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 149 gen des Minnesangs erkennbar: am Ineinander des Dienst-Lohn-Modells als ständisch-rechtlicher Referenz und des Begriffs der Gnade als religiöser Referenz.10 Minne kann Lohn wie Gnade sein. Berlin/New York 2006 (Quellen und Forschungen zur Literatur. des Gaben. Berlin. von SILVIA BOVENSCHEN u. Stuttgart 1979. wird die ökonomische Logik der Liebe mit auffälliger Betonung ausgestellt (wie auch im gesamten Roman Momente des Anökonomischen. von CHRISTOPH CORMEAU. bis 16. ferner JUTTA EMING: Emotion und Expression.und Geldmetaphorik. Hugo Kuhn zum Gedenken.und Abenteuerromanen des 12. Hrsg.B. S. sondern z. 120-159. Zu den Floris-Romanen. Liebe wird hier gleichsam als denkbar engster ‚Tauschzirkel‘ entworfen.und Gnadenhaften stark zurückgedrängt werden). In: Deutsche Literatur im Mittelalter.. in der Konrad Fleck die Liebenden Flore und Blanscheflur anfänglich leben lässt. S. 25-43. mit der ihre Liebe umschrieben wird. Kulturkonstruktionen im französischen und deutschen Florisroman. wo dieses Aushandeln nicht an ein Ende kommt. was nicht mit demselben Wert zurückgegeben würde. von EMIL SOMMER. 42-57. In: Der fremdgewordene Text. Hrsg. und MICHAEL WALTENBERGER: Diversität und Konvention. was die Liebe und ihre Herrschaft sei“). V. insbesondere ELISABETH SCHMID: Über Liebe und Geld. Festschrift für Helmut Brackert zum 65. in dem nichts gegeben wird. das der puer senexTopos andeutet: 10 11 Vgl. von WOLFGANG HARMS/STEPHEN JAEGER/HORST WENZEL. In der Idylle. „und nicht verstanden.. Hrsg. Auf das Verhältnis von ökonomischer und anökonomischer Logik in der Idylle wie im gesamten Flore-Roman gehe ich ausführlicher im Rahmen meiner Habilitationsschrift ein. Stuttgart 2003. Flore und Blanscheflur. Hrsg. sie kann schließlich im unaufhebbaren In. S. Kontakte und Perspektiven. scheinen die Minne– und Aventiureromane indes eine deutliche Tendenz zur ‚Ökonomisierung‘ der Liebe erkennen zu lassen. Ausgleich und Symmetrie prägen auch die Szenen. Quedlinburg/Leipzig 1846 (Bibliothek der gesammten deutschen Nationalliteratur von der ältesten bis auf die neuere Zeit 1/12). 12 . Zunächst wird die schon in der Wiege beginnende Liebe der Kinder als vorreflexiv gekennzeichnet (und sich niht versinneten / waz minne wær und ir gebot. RAINER WARNING: Lyrisches Ich und Öffentlichkeit bei den Trobadors.und Gegeneinander von ökonomischer und anökonomischer Logik auch beides zugleich sein. Jahrhunderts.11 Das zeigt sich nicht nur in dem von Reziprozität und Symmetrie geprägten Verhalten der Liebenden. auch in der Kauf. Geburtstag. – Zu Flore und Blanscheflur vgl. Untersuchungen zu deutschen und französischen Liebes.und Kulturgeschichte 39 [273]). In: Ordnung und Unordnung in der Literatur des Mittelalters. New York 1997. Eine Erzählung von Konrad Fleck.12 Bereits im Alter von fünf Jahren aber wird ihnen durch das Eingreifen des Liebesgottes ein Wissen über die Liebe zuteil. 608f. An ihnen wird vor allem das Verhältnis von Liebe und ihrer Repräsentation zu untersuchen sein.

sich ihr unterwerfen muss.J. [. mahte B (Golther). Junge alt und Unerfahrene grauhaarig machte. der uns an den buochen ist von wîsen pfaffen verliben. [. und daz sie wol erkanden.] daz machte15 die jungelinge ze minnen verstanden. Stuttgart o. S. 2. tete Sommer. Teil. So mächtig war der Liebesgott. [.150 Margreth Egidi 610 so gewaltic was13 der minnen got.. begannen sie zu begreifen. wie man.. In Kontakt mit der Sphäre der Schrift kommen sie über die gelehrte Liebesliteratur: nû begunden sie lesen diu buoch von minnen allezan... daz er kint machte14 wîs. dâ bî funden sie geschriben wie manegem der nâch minnen ranc missegie und ouch gelanc. ê daz es wære zît. während Golther die Konjektur wieder rückgängig macht (Tristan und Isolde und Flore und Blanscheflur. . machet Sommer.. der sî haben wil. doch sî aber denne gebiutet daz man trûre. dâ funden sie geschriben an von minnen vil manegen list. Nachdruck Tokyo 1973. von WOLFGANG GOLTHER. dass er Kinder klug.) mahte BH (Golther). 233-470. 615 dô begundens sich verstân wie man sol wesen undertân der minne. die jungen alt.. 715 720 725 730 13 14 15 Sommer konjiziert ist. Hrsg. wie rehte hôch gemüete gît diu Minne etewenne.]. (Deutsche National-Litteratur 4/3). In demselben Alter beginnt für Flore und Blanscheflur der Schulunterricht bei einem clericus. und dô sie wurden fünf jâr alt. gegen die Handschriften BH. die beide was haben.] Und als sie beide fünf Jahre alt wurden. wenn man Liebe erlangen will. die tumben grîs.

beginnen sie. mancher ans Ziel gelangte [. der sich schon in den Anreden zum Ausdruck bringt (genâde. doch zielt die Passage gerade nicht auf die das Begreifen übersteigende Negation von Ordnung: Die Willkür der Minne erscheint als Gegenstand des Wissens. Selected papers from the 5th Triennial Congress of the International Courtly Literature Society. ihre Fertigkeiten im Umgang mit Schrift systematisch vervollständigend. o. 785 und 793). manches Mal jedoch auch zu leiden zwingt. als vermittelbar. In: Courtly Literature: Culture and Context. von JEAN-LUC LECLANCHE. Paris 1983 [CFMA 105]). 777 und 787). Nach der Mahlzeit in die Schule zurückgekehrt. S. 777-801). erkannten.]. dort fanden sie allerlei Kluges über sie geschrieben.Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 151 Nun begannen sie alle Bücher über die Liebe zu lesen.. Mittags begeben sich die Kinder in einen Baumgarten. von KEITH BUSBY/ERIK KOOPER.). zu dichten: 16 Den Minnedialog (V. The Middle Dutch and Middle High German Versions of Floire et Blancheflor. Wechselseitigkeit und Symmetrie bestimmen auch die beiderseitige Artikulierung von ungemach und kumber (V. 483-497. Amsterdam/Philadelphia 1990 (Utrecht Publications in General and Comparative Literature 25). hierzu und zur Bearbeitungstendenz bei Fleck generell vgl. so dass sie.. Hrsg. auf. Dabei wird zwar die Unbegreiflichkeit ihrer Willkürherrschaft suggeriert.16 Konstitutiv für ihn ist die Reziprozität der Bekenntnisse und ihrer Sprache wie auch sein betont höfisch-formvollendeter Habitus. An den buoch von minnen lernen sie zugleich mit dem Umgang mit Schrift die der Minne eigene Gesetzmäßigkeit. Hrsg. 777-801) hat der altfranzösische Conte de Floire et Blancheflor nicht (Le conte de Floire et Blancheflor. Sie lasen darin. der nach Liebe strebte. Der frühlingshafte locus amoenus bildet den Rahmen für einen Minnedialog (V. kein Glück hatte. Das machte die Kinder zur Liebe verständig. frou künginne. ehe es für sie an der Zeit war. der ja auch im Eingreifen des Liebesgottes und in seiner Gabe aufscheint (s. Dalfsen 9-16 August 1986. wie die Liebe zuweilen wahre Hochgestimmtheit verleiht. V. KAREN PRATT: Rhetoric of Adaption. wie manch einer. Flôre süezer amîs. das uns in den Büchern von weisen Gelehrten bewahrt worden ist. mit der Diskursivierung hebt sich ihr anökonomischer Charakter. .

als sie sich in den Gedichten lediglich fortsetzt. von minnen was ir unmuoz. als Gabe des Liebesgottes. so zeigt sich die Nähe. denn sie lernen etwas über die Liebe. 727. an dem sie sich zuvor befanden. was vorgängig und was nachträglich ist. davon handelten ihre Gedichte. die beim Minnedialog und vor allem bei der Gedichtproduktion spürbar wird. und inszenieren ihren Minnedialog auf der Basis von Gelesenem. über das sie. Es entsteht eine kohärent erscheinende Reihe von Ereignissen. von Liebe viel und von nichts anderem. Ist schon beim Dialog die Rhetorizität stark ausgestellt. dâ von was gar ir getiht: 825 von minnen was in sorgen buoz. Damit verringert sich auch zunehmend die Differenz zwischen Liebe und ihrer Repräsentation: Bei beiden rhetorisch-literarischen Äußerungsformen der Liebenden lässt sich nicht eindeutig zwischen Affektausdruck und einem Einschreiben in den Liebesdiskurs unterscheiden. „ehe es für sie an der Zeit war“). von minnen vil und anders niht. die die Vorstellung von Kontinuität zunächst keineswegs wesentlich irritieren. 725. dass die Frage. Daneben gibt es jedoch Hinweise darauf.152 Margreth Egidi 820 an ir tävelîn sie schriben. So macht die gelehrte Literatur die Kinder ze minnen verstanden (V. Zugleich scheint aber auch die literarische Erfahrung ‚vorgängig‘ zu sein. und ihre Liebesfreude – wird insofern selbst als topisch markiert. Auf ihre Täfelchen schrieben sie von blühenden Blumen. mit Liebe vertrieben sie sich die Zeit. Durch Liebe wurden sie von Leid befreit. das Verhältnis wechselseitiger Spiegelung noch deutlicher in den Gedichten: Die Erfahrungswelt der Kinder – die Elemente des locus amoenus. Diese leisen Hinweise. vom Gesang der Vögel. ê daz es waere zît (V. „zur Liebe verständig“). Dass Liebe und . auch jenseits dieser Kontinuität betonenden Abfolge von Ereignissen virulent bleibt und nicht notwendigerweise mit einem zeitlichen Nacheinander schon beantwortet ist. von den vogelen wie sie sungen. schon längst verfügen. von den bluomen wie sie sprungen. doch handelt es sich um ein Wissen. die Schritt für Schritt vom vorreflexiven Zustand der Liebenden über die Zuteilung von Liebeswissen durch göttliches Eingreifen (noch jenseits diskursiver Verarbeitung) und die Vermittlung durch gelehrte Literatur bis hin zur eigenen Rede über Liebe in Gestalt des Dialoges und der schriftlichen Gedichtproduktion führt. gehen der Aufhebung der Unterscheidung von Vorgängigkeit und Nachträglichkeit im emphatischen Sinne voraus.

in der Liebe und Liebesrepräsentation eng zusammenrücken. Kinder wissend zu machen. 610). was sein Herz erhofft hatte“). „leidloser Freude“). der von der totalen Herrschaft der Minne. / manger hâte erworben / nâch herzen gedinge. V.Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 153 Liebesliteratur. 1). 616f. das eigene Schreiben aber scheint mit einer weitgehenden Aufhebung der Distanz und der Unterscheidung zwischen Liebe und ihrer diskursiven Verarbeitung verbunden zu sein. das erst als Gegenstand des Wissens überhaupt zum Thema wird. so heißt es. 700f. indiziert ein weiteres Detail: Die gängigen Prolog-Topoi über die Funktionen von (auch Liebes-)Literatur.). Am stärksten ausgeprägt sind jene Motive dagegen im Lesestoff der Kinder. werden auf die Liebe übertragen (V. . 825f. Minne. „manch einer ging zugrunde. literarische und eigene ‚Erfahrung‘ ineinander projiziert werden. 728-741. in einer Gegenbewegung zugleich auf Entdifferenzierung zielt: Denn die Aspekte der Willkürherrschaft und Freude-Schmerz-Ambivalenz. mancher gewann. Herrschaft und Unterwerfung tangieren das vom Liebesgott verliehene Wissen zweifach: Es ist selbst Ausdruck seiner Macht (so gewaltic. schließlich von der Traurigkeit.).). V. wobei nicht entscheidbar ist. aber mit freuden âne sorgen (V. Vgl. die in der Leseszene die für jene Differenz zwischen selbst erfahrener und literarisch vermittelter Liebe distinktiven Momente sind.). und hat die Unterordnung der Liebenden zugleich zum Gegenstand (V. auch V. der Unterordnung der Liebenden und der unberechenbaren Zuteilung von Glück und Verderben erzählt (manger was verdorben. habe von ihren Herzen Besitz ergriffen (V. In der Dialogszene im Garten findet der Liebes17 18 Anders RÖCKE (Anm. und damit auch die Ambivalenz von liebe und leit. 95. In Bezug auf die eigene Erfahrung der Protagonisten fehlt das Willkürmoment jedoch ganz. Damit folgt auch die Funktion von Schriftlichkeit einer doppelten Logik: Die geläufigen Implikationen der Ermöglichung von Distanznahme und Reflexivität durch Schrift bestätigen sich am ehesten im Falle des Lesens gelehrter Liebesliteratur. 730f. die zunehmende Reflexivität suggeriert – damit zwar auch nicht in Frage gestellt.18 Das ist ein weiteres Indiz dafür.17 An Liebeswissen und Reflexivität ist schließlich ein bestimmtes Moment des Liebesentwurfs gebunden: das der Machtausübung der Minne. 703. Wird der Entwurf einer kohärenten Abfolge vom unmittelbaren Erleben bis zur eigenen literarischen Produktion – eine Abfolge. S. nämlich Traurigkeit zu vertreiben und Mußestunden auszufüllen. die ihn dazu befähigt. die einerseits eine Differenz zwischen Liebe und Liebesliteratur aufbaut. dass die Liebesidylle. 721-723. werden in den anderen Szenen zurückgedrängt. die Minne gebiutet (V. ob nicht zugleich auch das Dichten gemeint ist. so entsteht doch quer dazu eine andere Logik.

23 der eine andere Stofftradition repräsentiert. 2388-2397). die sich im französischen Florisroman nicht findet: Im Conte wird von Floire nur das Geschenk eines Griffels von Blancheflor rückblickend kurz erwähnt (V. danach – mit demselben Griffel also – tut Flore es ihr gleich.. sich das Leben zu nehmen.22 Und der spätmittelalterliche Prosaroman Florio und Bianceffora. bietet. Im Kontext von Liebesökonomie und Schriftlichkeit verdienen ferner die goldenen Griffel der Liebenden besondere Erwähnung – sind sie doch weit mehr als kostbare Schreibwerkzeuge. 292 (zu V. Ein gar schone newe hystori der hochen lieb des kuniglichen fursten Florio vnd seyner lieben Bianceffora.einem Kind sollte doch solches Leid. V.. „das nenne ich Freude ohne Leid“). daz heiz ich liep âne leit Sommer (wohl mit B. (‚denn ich leide deshalb großen Schmerz‘. Eine Szene. In einer niederdeutschen Floris-Dichtung ist es schlicht ein Schwert.] Freude ohne Leid“). 999-1003). allerdings in einem anderen Handlungskontext. In den verschiedenen Fassungen des Stoffs variiert die Erzählung des Selbstmordversuchs auffällig: So ist in zwei weiteren Versionen die Symbolik der Griffel deutlich abgeschwächt. Nachdruck der Ausgabe Metz 1500. 792f.. XVIf.wan des lîd ich ungemâch‘. unvertraut sein‘).] / der liebe die wir hâten. sich mit ihrem Schreibgriffel das Leben zu nehmen. 12). Vgl. Noch auf andere Weise symbolisieren sie Reziprozität und Symmetrie der Liebe: in ihrer Funktion als Selbstmordwerkzeug (V. Bei Fleck dagegen verdichtet sich in den Griffeln aufgrund ihrer unterschiedlichen Funktionen – Schreibgeräte. statt sich damit umzubringen.). Das hies in liep und leit H („das war ihnen Freude und Leid“). Golther konjiziert: daz was in liep âne leit („[. 785 u. als er wieder an den väterlichen Hof zurückkommt und von Blanscheflurs angeblichem Tod erfährt. S.. Blanscheflur: . Hildesheim. „Zeugnis [.154 Margreth Egidi schmerz außer als rhetorische Größe19 – je nach Lesart – nur sehr beiläufig oder gar nicht Erwähnung (V. S. SOMMER in den Anmerkungen seiner Ausgabe (Anm. Beim erzwungenen Abschied werden sie zu Liebespfändern. Florio und Bianceffora. New York 1975 (Deutsche Volksbücher in Faksimiledrucken A/3). . zu der niederdeutschen Dichtung ebd.20 Und die eigenen Gedichte lassen den Leidaspekt ganz aus.. wie ich es ertrage. mit dem der Protagonist versucht.. 2382f. um einen Brief an seine Geliebte zu schreiben. . wieder eine eigene Lösung: Florio verwirft nach einem Traumgesicht seine Selbstmordabsichten und nutzt den Griffel. 1244-1249. 806)..] der Liebe. In wechselseitigen Spiegelungen wird die Trennlinie zwischen Liebe und und ihrer literarischen Diskursivierung unscharf.joch solt ein kint sîn ungewon / solhes kumbers als ich trage‘ (V. 1244). Liebespfänder und Selbstmordwerkzeuge – symbolisch die enge Verflechtung von Liebe und Kom- 19 20 21 22 23 Flore: . die wir miteinander erlebten“) und bezeugen das wechselseitige Treueversprechen.. die die Kinder tauschen. ohne dass es sich dabei um einen wechselseitigen Tausch von Pfändern handelt. Noch vor dem Pfändertausch versucht Blanscheflur.21 Als solche sind sie Zeugnisse der unauflösbaren Liebesbindung (Flore spricht den Griffel später an als urkünde [. mit einem Nachwort von RENATE NOLLWIEMANN.

Nach der Gothaer Handschrift hrsg. Rollenentwürfe in der Literatur des Hoch. Nachdruck Dublin. lässt Minne sie sogleich in Liebe zu ihm entbrennen. S. „Die Liebe selbst geht aus der gleichen Quelle wie die Freigebigkeit hervor. ebd. 1735 Püssen im die armut sein. 98). 415-431. ein Vorschlag.24 zugleich verweisen sie. Haferland spricht ferner von einem „Konnex zwischen Liebe und Verausgabung“. von SAMUEL SINGER. Interpretationen zur höfischen Epik und Didaktik um 1200. München 1988 (Forschungen zur Geschichte der älteren deutschen Literatur 10). Tübingen 2002.F. Gib im was dir wol pehage. insofern sie für Reziprozität und Symmetrie stehen. Apollonius erblickt. Von Anfang an wird hier das Thema von Besitz und Besitzlosigkeit sehr exponiert und mit der Liebesthematik in Verbindung gebracht. Geburtstag. seyt ich soll. Berlin 1906. 31. liebe tochter mein. 11). Tübingen 2002 (Hermaea N. Diese Liebe äußert sich u.26 Als Lucina.. Zürich 1967 (DTM 7). HARALD HAFERLAND: Höfische Interaktion. Narrative Spiegelungen der Identitätsproblematik in Johanns von Würzburg Wilhelm von Österreich und in Heinrichs von Neustadt Apollonius von Tyrland. In: Literarische Leben. Zum Apollonius-Roman vgl. auch WALTENBERGER (Anm.und Spätmittelalters. Festschrift für Volker Mertens zum 65. Insbesondere ist die Nähe von höfischer Liebe und Freigebigkeit. auf die Haferland hingewiesen hat.‘ 1749 Das gefiel der rainen art wol: ‚Ich gib im geren. 180. S. und sie verhält sich nicht anders als diese. 26 27 . Ergetz in seiner klage.Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 155 munikation über Liebe. in großzügigen Geldgaben an den Fremdling. III. ALMUT SCHNEIDER: Chiffren des Selbst. 181. Sinnkonstituierung im ‚Reinfried von Braunschweig‘ und im ‚Apollonius von Tyrland‘ Heinrichs von Neustadt. S. S. Ich laß dich im geben was du wildt. Göttingen 2004 (Palaestra 321). a. ‚Historia Apollonii‘ und ‚Apollonius von Tyrland‘. auf die ökonomische Ordnung der Liebe. der ihr willkommen ist:27 ‚Nu soltu. Hrsg. Das mich sein nummer pevildt. Trier 2003 (LIR 31). ULRIKE JUNK: Transformationen der Textstruktur. hier von zentraler Bedeutung.‘ 24 25 Vgl. Heinrich von Neustadt: Apollonius von Tyrland. WOLFGANG ACHNITZ: Babylon und Jerusalem. von MATTHIAS MEYER/HANS-JOCHEN SCHIEWER. insbesondere CHRISTIAN KIENING: Apollonius unter Tieren. Deshalb gibt es eine natürliche Nähe von Liebe und Freigebigkeit“. Zunächst regt allerdings der König dies an. Gottes Zukunft und Visio Philiberti. die Tochter des Königs. In der ‚Rahmenhandlung‘ von Heinrichs von Neustadt Apollonius von Tyrland 25 erleidet der Protagonist in Pentapolis Schiffbruch und gelangt mittellos an den Hof von König Altistratis.

sondern ein Grenzphänomen.156 Margreth Egidi ‚Nun sollst Du. wie mir scheint. meine schöne Tochter. ohne dass es mich verdrießen wird. Wie bei der vorausgehenden milte-Szene vollzieht sich das Geben auch diesmal im harmonischen Zusammenspiel von Vater und Tochter – er gibt seine Zustimmung. was immer Du willst. milte ist gleichermaßen Ausdruck fürstlicher hövescheit wie höfischer Liebe: Sy sprach: ‚sol ich Appolonio Geben?‘ der kunig sprach do ‚Ja. Was du wilt. ihn von seiner Armut befreien. dass sie eine so freigebige Hand hatte.‘ 1815 Die geste alle wundert Das sie hette so milte handt. und entgelte ihn für sein Leid. das sol sein. die auf eine Wiedergutmachungslogik verweisen.‘ 1810 Do sprach die vil märe Zu dem Tyrlandere: ‚Nempt. auf die hier Bezug genommen wird. meine liebe Tochter. her Tyrus. Herr von Tyrus. wie im Folgenden noch deutlicher wird. sie bestimmt die Höhe der großzügigen Gabe. ihm zu geben.‘ Das freute die Reine sehr: ‚Ich beschenke ihn gern. das soll geschehen. Apollonius erweist sich als dankbar und preist die milte des Königs und seiner Tochter. da ich es soll. vil schone dochter mein. Ich erlaube Dir.‘ Da sprach die Vollkommene zu dem von Tyrland: ‚Nehmt. ist.B. Gib ihm. aufgrund der Zirkulation von êre zur Ökonomi- . nu zestund Rotes goldes zway tausend pfund Und silberis vierhundert. Die fürstliche Freigebigkeit. was Dir gefällt. Was Du willst. das z. Im weiteren Verlauf ergreift Lucina selbst die Initiative. keineswegs per se eine ‚totale Gabe‘. dass er seinen Verlust unverdienterweise erleidet.‘ Die Gäste staunten alle. püssen und ergetzen – das sind Stichworte. Sie fragte: ‚Darf ich Apollonius beschenken?‘ Der König erwiderte: ‚Ja. nun sogleich 2000 Pfund roten Goldes und 400 Pfund Silbers. denn das edle Äußere und Gebaren des Apollonius lassen keinen Zweifel daran.

Zeichen der Freigebigkeit. 93-99. ihr Unterricht im Harfenspiel zu erteilen. In: Gesellschaftliche Sinnangebote mittelalterlicher Literatur. wie der Beginn des Apollonius zeigt: Dort werden Minne und milte ebenfalls miteinander in Verbindung gebracht. und den Wiedergutmachungsgedanken (V. 98f. Das rückt in die Nähe einer Relation von Leistung und Lohn und impliziert daher eine Ökomisierung der Gabe. S. S. Ewr milt wird da mit geschant Das ir den swachen werett 340 Der susser mynne nie wardt wertt. 29 .. wie auch in Details der Handlung deutlich wird. aufgereckte Hand. Dennoch muss ich Euch ein wenig schelten – denn Ihr seid gar zu freigebig. 85-107. Hrsg. Mediävistisches Symposium an der Universität Düsseldorf. Wien 2002. Vgl. So fordert der König auf Bitten seiner Tochter den Gast auf. nämlich ihre Gaben nach Wert und Verdienst zuteilen soll. Mit Bezug auf die Negativfigur des Antiochus tadelt der Erzähler Frau Venus: Ich wil euch straffen doch ain tail. Auch auf andere Weise kann der Gabencharakter aufgehoben werden. Köln. Zur Institutionalisierung höfischer Kunst. anläßlich von Walthers Thüringer Sangspruch 9. wird zum Wappen der Minne. PETER STROHSCHNEIDER: Fürst und Sänger. bes.Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 157 sierung tendiert. München 1980 (Forschungen zur Geschichte der älteren deutschen Literatur 1). S. den dieser davon haben würde. 1922-1924): 28 Vgl. von GERT KAISER. Eure Freigebigkeit schändet Ihr jedoch damit. 4]. von ERNST HELLGARDT/STEPHAN MÜLLER/PETER STROHSCHNEIDER. Weimar. Lucina und Apollonius bestätigt sich das.28 die vielmehr – wie hier die Minne – Unterschiede machen. 99. 335 Wan ir seyt gar ze milte: Ir furett an ewrm schilte Ain gebend auff stende hant. In: Literatur und Macht im mittelalterlichen Thüringen. Der Begriff der milte wird hier in übertragenem Sinne verwendet. er betont dabei den Nutzen. auffällig ist dabei die Versprachlichung: Die aufgereckte spendende Hand. 77-92 (Textabdrucke S. der ihrer nie würdig war. STROHSCHNEIDER (Anm. Anspruch und Funktion der milte-Diskussion in Texten des Strickers.29 Am Verhältnis zwischen Altistratis. Ihr führt auf Eurem Schild als Wappen eine schenkende. 100-111) (zu den beiden Bispeln Die Herren von Österreich und Falsche und rechte Milte des Strickers). V [L. 28). dass Ihr dem Unedlen süße Liebe gewährt. 20. HEDDA RAGOTZKY: Die kunst der milte. Hrsg. Die Kritik am unterschiedslosen und verschwenderischen Geben der Frau Venus – das wäre ja die totale Gabe – ist genau analog zur Kritik des Strickers an unterschiedsloser fürstlicher milte. S. Diskussionsbericht S.

‘ .Es kompt dir auch zu grossen frummen: Was dir das mere hat genumen. lilien schmach! [.‘ Der Musikunterricht lässt nun auch bei Apollonius Gegenliebe entstehen.Es wird auch Dir von großem Nutzen sein: Was Dir das Meer genommen hat. in formelhaften Wendungen. Sie treffen den König vor der Burg an und mahnen ihn.. freudenreiche mait! Meiner selden obedach! Viol. in dem auch die Höhe der Morgengabe anzugeben ist.]. mit Euch leben. Er überlässt seiner Tochter die Entscheidung selbst und schlägt vor... Das ich ewr mynne solte han.] . Herrin.. rosen.‘ So lautete der Beginn: ‚Wonne meines Herzens! Meine freudenspendende Sonne! Lucina.‘ Der zweite Graf sucht das zu überbieten – mit leicht geblümter Rede und der Erhöhung der Summe: ‚Spiegel aller salikait! 2015 Lucina. Funfftzig tausent marck wolt ich euch geben.. Dies setzt der erste Graf sogleich in die Tat um und beginnt.. So must mich alles trauren lan. Das will ich dir gar wider geben [.] Und dürfte ich.. dass jeder der Werber sogleich einen Brief an sie schreiben möge.000 Mark. mit euch leben.. will ich Dir alles wiedergeben. Eure Liebe zu gewinnen. In dieser Situation kommen drei junge reiche Grafen an den Hof des Königs. [. die schon seit langem um Lucina werben. fraue. liebliche Jungfrau! Wenn mir das Glück zuteil würde.] 2010 Und solt ich. [.158 Margreth Egidi . mynnickliche magett! Were die salde mir petaget. sich endlich für einen Werber zu entscheiden. mit dem Preis der Umworbenen: Alsus was der anefangk: ‚Meines hertzen wunne! Mein frewden pernde sunne! 2000 Lucina. müsste alle Trauer von mir weichen. so gäbe ich Euch 50.

‘ . 2050 Silbers hundert tausent pfund. so soll Deine Morgengabe hoch sein: Ich gebe Dir.. 60. Herrin. hat keine weitere Funktion als die. mein Trost. Fraw.000 Mark zur Morgengabe geben. meine schöne Herrin! Mein Heil.] Schrein meines Leibes und meiner Seele! Ich will Euch.] Nun füge es.und Lilienduft! [. Wirt mir dann dein mynne kunt: Ich gib dir.000 Pfund Silbers. 100.‘ . die sich im Burginneren aufhält. freudenreiche Jungfrau! Gipfel meines Glücks! Veilchen-.‘ Der Bote soll Apollonius sein. er bringt die versiegelten Briefe zu Lucina. roselotter mund. die hier mit der Innenraum-Außenraum-Differenz angedeutet wird. wenn ich dafür in diesem Handel mit Euch leben dürfte. vollkommenes Wesen! Wunderbare Gestalt! Lucina.. schone trosterin! Gut soll die morgengab sein. an dem Gott Deine Gestalt erschuf! [. 2025 Solt ich mit kauffschaft pey euch leben. schon frawe mein! Mein hail! mein trost! mein salden schrein! Es was ain wunnicklicher Tag Do Got deiner formen pflag. zu morgengab geben.Spiegel allen Heils! Lucina. Zusammen mit den Werbungsbriefen der Grafen lässt der König seiner Tochter durch Apollonius eine mündliche Botschaft ausrichten: Sie möge . [.Ach. Du rosenfarbener Mund. eine ‚zerdehnte‘ Kommunikationssituation herzustellen.Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 159 Meines leibes und der sele sarch! Ich will euch sechtzigk tausent march. Die räumliche Distanz.. schöne Trösterin! Wird mir Deine Liebe zuteil.] Nu fug es.‘ Der Brief des Dritten bringt abermals eine Steigerung: ‚Ey werde creature! Wol gezierte figure! 2030 Lucina... Rosen. Schrein meines Glücks! Es war ein glücklicher Tag..

. der die Entscheidung seiner Tochter in jedem Fall akzeptieren will (V. Lucina nimmt daraufhin. frawe. dass ihm der. den sie zum Mann haben wollte. umzulenken. 2069-2071. ihres Vaters. denn Ihr seid in Eurer Entscheidung frei‘“). Wieder wird er also an der Botenfunktion vorbei unmittelbar miteinbezogen. wen sie zum Ehemann haben wolle. und das muss es auch. den Lucina meint. „den Namen dessen. und zwar hinsichtlich der ‚Logik der Liebe‘.. wenn sie einen der drei Grafen wählen würde. namentlich bekannt ist. Errötend gibt Apollonius zu. Konsequenterweise sucht Lucina die face-to-face-Situation. die seine Funktion als Bote und Stellvertreter des Absenders. V. es ihm selbst zu lesen gibt. „‚Ja.). misslingt. Sie jedoch funde in nicht geschriben dar an / Den sy wolte zu manne han (V. der aus der unmittelbaren Abfolge von Frauenpreis-Formeln und der Nennung konkreter Geldsummen entsteht. ignoriert: Sie fragt Apollonius. seine Botenfunktion aufzulösen. Der parodistische Effekt.‘ [. und versucht damit. ob es ihm recht wäre. Beide Kommunikationsversuche – die Briefwerbung der Grafen und das Wachstafelbekenntnis Lucinas – lassen sich systematisch miteinander vergleichen. Doch der Versuch. fand sie dort nicht“): Der. / Wann ir seyt euwres mutes frey.] und schrieb darauf verständig und ernsthaft und mit schönen Wendungen ihre Antwort: ‚Den Schiffbrüchigen will ich.‘ Das Täfelchen bringt Apollonius wieder zum König zurück. Der Zusammenhang von Liebe und ‚Ökonomie‘ kann wohl kaum deutlicher zum Ausdruck kommen als in der Werbung der Grafen.. die Minne zwischen ihnen zu thematisieren. der Funktion der Schrift und der Kommunikationsstruktur. impliziert aber . den sie haben will. den Willen seiner Tochter sehr wohl begreifend. steht ja vor ihr. den das Glück hintergangen und das wilde Meer betrogen hat. ein Wachstäfelchen 2080 Und schraib dar an ir wyderpott Synniclich und ane spot Mit vil schonen spruchen: ‚Ich will den scheffpruchen. indem sie ihr Gegenüber in einer Weise anspricht. Als Stellvertreter des Absenders macht sich der Bote Apollonius weiterhin die Position des Königs zu eigen. der. um ihrem Vater zu antworten. Dem das gelucke hat gelogen 2085 Und das wilde mer petrogen.160 Margreth Egidi sich überlegen. denn mit respektvoller Höflichkeit und seiner Aufgabe treu bleibend bejaht er die Frage (Ja. die ja durch die Botenfunktion entstanden ist. Herrin. 2059f. es gefellt mir wol / Und pillich wol gefallen soll. es ist mir recht. 2063f.

wie sie für das Boteninstitut im Mittelalter zunächst vorausgesetzt werden kann. Dabei wird der floskelhaften Sprache und der überzeichneten Orientierung am Ökonomischen eine Form nicht gelingender Kommunikation zugeordnet. mit ganz ähnlichen Worten auf diese Ungerechtigkeit hin: Dem das gelucke hat gelogen / Und das wilde mer petrogen (V. denn ihm selbst sei Falschheit immer fremd gewesen (V. Die komische Überzeichnung ihrer Sprache ist lediglich Signal dafür.. 30 Mer B (so auch in der Ausgabe Singers). Es liegt also keine Einheit von Brief und Botschaft vor. Die Kette von Verschuldung und Wiedergutmachung. Diese Variante einer ökonomischen Ordnung kalkuliert jedoch Zeitaufschübe und Überschussstrukturen mit ein und zielt zudem auf den Ausgleich asymmetrischer. Einer ökonomischen Logik folgt indes.Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 161 sicher keine Kritik an einem bestimmten ‚Minnekonzept‘. V. die sie der Wachstafel anvertraut. . / Hiet ich es mit ichti verdienet ee. die nur den unmittelbaren Gabe-Gegengabe-Austausch kennt. den Apollonius durch seinen Schiffbruch erlitten hat. die nicht einfach nur zerdehnt ist. dass die drei Grafen als Kandidaten ohnehin nicht in Frage kommen. 1320. Lucina und Apollonius. 2084f. Mein D. nicht verschuldeter Situationen wie dem Verlust. wenn ich es in irgendeiner Weise verdient hätte“). 1350-1353). Dem entspricht auch eine einfache Form ökonomischer Logik der Liebe. nicht herleitbarer.. „den das Glück hintergangen und das wilde Meer betrogen hat“) – eine Formulierung. auch die Liebe Lucinas. aber sie ist nichtsdestoweniger einem – allerdings komplexeren – ökonomischen Denken verpflichtet. der Kommunikationsversuch läuft ins Leere: Die drei Grafen werden zur bloßen Kulisse der Interaktion zwischen Altistratis. Apollonius selbst hatte zuvor Neptun als rechte[n] trugenere angeklagt (V. ohne Zeitaufschub und ohne Überschüsse. Das Medium der Schrift ist nicht integriert und erhält kein Eigengewicht. sondern in der darüber hinaus die Verfasser der Briefe nicht identisch sind mit dem Absender der Botschaft – denn das ist der König. Das Medium des Briefes ist hier eingebunden in eine Kommunikationssituation. Anerkennung und Lohn wiederhergestellt werden soll. „mein Unglück würde mich nicht so schmerzen. „rechten Betrüger“) und sein Unglück als unverschuldet bezeichnet (Mein30 laid das det mir nicht so we. wie ich eingangs zu zeigen versucht habe. Wert. mit dem die höfische Symmetrie im Verhältnis von Verdienst. Nicht zufällig weist Lucinas Umschreibung des von ihr Erwählten. Verdienst und Lohn erstreckt sich also über mehrere Glieder. 1348f. Auch Lucinas Wiedergutmachungstaten werden ihrerseits zuletzt belohnt: Der exzeptionell hohe Wert des Apollonius überwiegt den Wert der von den Grafen gebotenen Morgengaben bei weitem. die wohl auch den Vergeltungsimpuls impliziert.

der sie einnimmt. diese zu überwinden. An dieses können die Worte so vollständig abgegeben werden. So wird der. zuletzt allein 31 32 das B (Singer). Dabei erhält das Medium der Schrift hier deutliches Eigengewicht.162 Margreth Egidi Diese Form einer Liebesökonomie kommt in einer komplexen Kommunikationsstruktur an ihr Ziel. Diese Verschiebung weist auf ein Grundprinzip des gesamten Kommunikationsprozesses hin. und doch gleichzeitig Lucinas Worte bleiben. sondern eher darum.‘ ‚Wunderst Du Dich vielleicht. nachdem er die Wachstafel gelesen hat. des AD. können nicht in einer face-toface-Interaktion artikuliert werden. das ist des31 wachses tat: 2090 Es sagt dir meinen willen gar Und schamt sich nicht umb ain har. die damit spielt.). o. Dort ist die Situation eine etwas andere.32 Die Rolle des Boten ist dagegen hier sehr viel instabiler als im Fall der Briefwerbung der Grafen.Wunderstu dan. Das zeigen auch die Schlussworte von Lucinas Erwiderung: . Demgegenüber gibt es im Apollonius eine räumliche Distanz. die einem Bekenntnis gleichkommt. herre. der König spricht. dich Das ain junckfrawe zuchten reich Ane scham geschriben hat? Here. doch geht es wohl nicht primär darum. es handelt sich im Grunde um eine face-to-face-Interaktion. die Kommunikation zu zerdehnen – und gleichsam zu diesem Zweck inszeniert der Text eine räumliche Distanz. dafür muss das Wachs einstehen: Es sagt Dir meinen Willen und schämt sich dafür nicht im geringsten. die jedoch das Medium der Stimme ausspart. Es bietet sich ein Vergleich mit der Wachstafelszene mit Lavinia in Veldekes Eneasroman an. sondern schließlich sogar ihr Adressat – wird er doch zuletzt selbst mit dem Inhalt der Tafel konfrontiert.‘ Ihre diesen Versen vorausgehende Anspielung auf den Schiffbrüchigen (zit. sie bringt gleichsam ihren Referenten in physischer Präsenz mit. dass auch die Scham abgegeben werden kann. dass eine tugendhafte Jungfrau dies so ohne jede Scham niedergeschrieben hat? Herr. s. der sich zwischen der Trias Altistratis – Lucina – Apollonius entfaltet: Nacheinander werden hier alle Konstellationen der unmittelbaren Interaktion zwischen Zweien durchgespielt. dass Apollonius ja zugleich mehr als ein Bote ist: Lucinas Wachstafelinschrift spricht ja über ihn. Durch die Funktion der Entlastung gewinnt die Wachstafelinschrift zusätzliches Gewicht. das Medium der Schrift muss zwischengeschaltet werden. . nicht nur Objekt der Rede Lucinas. Herr. wobei der jeweils Dritte nicht präsent ist.

so das Fazit zum Apollonius. Es entsteht also ein präziser Rhythmus von Verschiebungen zwischen den drei möglichen Konstellationen. während Apollonius vor dem Burgtor wartet. dass quer zur Abfolge vom unmittelbaren Erleben bis hin zur eigenen Literaturproduktion. 140. Vom Ende her betrachtet wirkt diese Struktur wie ein mehrfacher Aufschub der face-to-face-Interaktion zu Dritt. bis gleichsam das Rad einmal herumgedreht ist und alle drei sich gegenüberstehen – das ist der Punkt. 26). Eine andere Problematik entfaltet der Flore-Roman am Verhältnis von Schrift und Liebe. der in Szenen. vor allem die literarische Repräsentation der Liebe im Medium der Schrift thematisiert. in der sich die Differenz zwischen Liebe und ihrer Repräsentation verringert. die ‚höfischer Reziprozität‘ entspricht.33 im Rahmen einer Kommunikationsstruktur ventiliert. dabei wird die erfolgreiche Form der Liebesökonomie. S.Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 163 mit seiner Tocher. die deutlich von Reziprozität und Ausgleich geprägt sind und in denen Liebe als enger Tauschzirkel gedacht ist. der ohne das Medium der Schrift nicht möglich wäre. bis er ihn schließlich hereinholen lässt und ihm in Gegenwart seiner Tochter deren Zuneigung offenbart. mit unterschiedlichen Strukturen schriftlicher Kommunikation in Verbindung gebracht. die eine zunehmende Distanznahme und Reflexivität suggeriert. Mir scheint. 121-206. Unterschiedliche Formen der Liebesökonomie – die Forcierung unmittelbarer Vergeltung einerseits. ein Aufschub. HAFERLAND (Anm. für die ebenfalls Verschiebungen und Weiterverweisungen statt unmittelbarer Vergeltung charakteristisch sind. 33 Vgl. S. dass hier eine ähnliche Struktur sichtbar wird wie bei der oben erwähnten komplexen Form ökonomischen Denkens. bes. Dabei war zu beobachten. Schrift erhält somit die widersprüchlichen Implikationen einerseits der Ermöglichung von Reflexivität und andererseits der Aufhebung von Distanz. komplexe Strukturen der ökonomischen Logik andererseits – werden. . an welchem das Paar zusammengegeben wird und dieser Erzählstrang zum Abschluss kommt. in der das Medium der Schrift entscheidendes Eigengewicht erhält und Verschiebungen das Verhältnis von face-to-face-Situation und zerdehnter Kommunikation prägen. In beiden Fällen schließt sich über Umwege und Aufschübe zuletzt der Kreis. zugleich eine andere Tendenz entsteht.

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Florenz 1932. jenem wohl 1292-93 entstandenen Text. ist natürlich nicht zufällig. zitiert nach der Ausgabe: Dante Alighieri: Vita nuova. gehören wohl. welche ich in diesem Büchlein nachzuzeichnen gedenke. . die besagt: Incipit vita nova [Hier beginnt das neue Leben]. bedacht wird. Sotto la quale rubrica io trovo scritte le parole le quali è mio intendimento d’assemplare in questo libello. findet sich eine Überschrift. Unter dieser Überschrift finde ich diejenigen Worte geschrieben. Introduzione di EDOARDO SANGUINETI. e se non tutte. Milano 121995. Die deutsche Übersetzung ist eine vollständig neubearbeitete und revidierte Fassung der Übertragung von KARL FEDERN. da es 1 2 Der Text wird.BARBARA KUHN Körperzeichen. von denen auch der Titel dieses Beitrags seinen Ausgang nimmt. Bildungsroman und Canzoniere etc.2 Dass dieses Incipit. almeno la loro sentenzia. der insbesondere im vergangenen Vierteljahrhundert so häufig die Gemüter der dantisti erhitzt hat und der mit einer Vielzahl von Attributen wie erstes Prosimetrum und erster Liebesroman italienischer Sprache. das signifikanterweise ein anderes Incipit zu seinem Thema macht. in Anthologien eingegangenen Gedichten. Hrsg. München 1988. Übersetzt und kommentiert von ANNA COSERIU und ULRIKE KUNKEL (der italienische Text folgt der Ausgabe von MICHELE BARBI: La Vita Nuova di Dante Alighieri. zu den am häufigsten zitierten dieses kurzen und. si trova una rubrica la quale dice: Incipit vita nova. Zeichenschrift. und wenn auch nicht alle. Dante Alighieri: Vita Nova. unter Angabe der Kapitel statt der Seitenzahlen. edizione critica. (I)1 In jenem Teil des Buches meiner Erinnerung. Das Neue Leben. Amortraktat und Autobiographie. so zumindest ihren Sinngehalt. wie die Fülle der Ansätze zeigt. vor welchem man nur wenig würde lesen können. – die ersten Zeilen der Vita nuova. so vielschichtigen Textes: In quella parte del libro de la mia memoria dinanzi a la quale poco si potrebbe leggere. Berlin 1921). Schriftkörper: die Liebe der Schrift in Dantes Vita nuova Die ersten Zeilen von Dantes Vita nuova. von ALFONSO BERARDINELLI. so oft herausgegriffen wird. abgesehen von einigen auch separat tradierten.

9-21. Hrsg. sondern ebenso in der Sprechhaltung des Ich und mehr noch in Topoi wie dem Gruß. Rollen. So führt es nicht nur mit dem Buch der Erinnerung und den darin geschriebenen Worten die im Mittelalter so beliebte Buchmetapher ein. ob der Text primär allegorisch oder primär autobiographisch zu verstehen sei. was es abschreibt. dass mit diesem Incipit die Vita nuova von Anfang an unter das ‚Zeichen der Schrift‘ gesetzt wird. kreist ein gut Teil der Forschung der vergangenen Jahrzehnte. und gibt dem Leser des libello zusätzlich oder an Stelle des Erinnerten dessen Deutung. München 1988 (Materialität der Zeichen). 11. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelalter. stellt sich die – zweite – Frage. dem Gerede der anderen. Hrsg. denn die Vita nuova macht schnell deutlich. Um die Gewichtung dieser unterschiedlichen Funktionen. wie solche ‚Körperzeichen‘ sich im libello manifestieren. der Verspottung und Demütigung des Liebenden. 4 . eine Dichtung mithin. um die Frage. fungiert also als Kopist und Kommentator in einem. In: Gespräche – Boten – Briefe. undenkbar sind ohne die höfische Liebesdichtung vor allem der Trobadors und der Sizilianer. die wesentlich an den Körper gebunden ist und gekennzeichnet durch die Simultaneität von Präsentation und Rezeption. von HORST WENZEL. Der dritten Frage. der Geheimhaltung. vielmehr 3 HANS ULRICH GUMBRECHT: Beginn von „Literatur“ / Abschied vom Körper? In: Der Ursprung von Literatur. unter dem daher auch der erste Teil dieses Beitrags steht. Dieses Ich führt sich nicht nur als Leser des von einem anderen Schreiber geschriebenen Buches seiner Erinnerung ein. sondern zugleich viele Türen zu diesem Buch öffnet. HORST WENZEL: Einleitung. mit anderen Worten. von körpergebundener und schriftgebundener Kommunikation“4 impliziert. S. Medien. dass die für das Mittelalter charakteristische „Situation der Bi-Medialität“ nicht unbedingt ein friedliches „Nebeneinander von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. in dem es zugleich Figur und Erzähler ist. von GISELA SMOLKA-KOERDT/PETER M. von „Wahrnehmung des Körpers“ oder der Stimme und „Erfahrung des präsentierten Sinns“. es wählt zudem aus dem Vorgefundenen aus.3 Weil diese Dichtung nicht allein in den gewählten lyrischen Formen wie insbesondere Sonett und Kanzone Gegenwärtigkeit erlangt. SPANGENBERG/DAGMAR TILLMANNBARTYLLA. Kommunikationssituationen zwischen 1450 und 1650. Berlin 1997 (Philologische Studien und Quellen 143). die in diesen Text eingehen. wie dann aber Körper und Schrift koexistieren. hier S. wie GUMBRECHT formuliert. vor allem verweist dieser Anfang mit der Erwähnung der sentenzia auf die große Rolle allegorischer Literatur in jener Zeit und umreißt er mit den dem Ich zugeschriebenen Aufgaben dessen vielfältige Funktionen im und für den folgenden Text. 25. Gleichzeitig gilt jedoch. geht der letzte Teil des Beitrags nach. 15-50. dass die zahlreichen Gedichte. sie soll jedoch hier weniger im Zentrum stehen als die Tatsache. S. hier S.166 Barbara Kuhn nicht allein das Buch selbst.

Um die donna zu ehren und zu schützen. Durch den Rückzug in die Einsamkeit gelangt er zu der Einsicht. der auch verweigert werden kann. den göttlichen Schreiber. bei der die gentilissima ihn eines Grußes würdigt. illustriert schon die autobiographisch geprägte. die in hohem Maße stilisierte Liebesgeschichte: Der sich erinnernde Erzähler Dante berichtet nach dem zitierten Proömium zunächst von der ersten Begegnung des erlebenden Ich und Beatrices. als er neun Jahre alt ist und sie im neunten Lebensjahr. weil er den Anblick der Geliebten nicht erträgt. und sogar sie selbst verspotten ihn. sondern „in jenen Worten. zwischen dem sich entziehenden Körper und dem zeichenhaften Körper entstehen. zu dem es sich . entzogenen Körper. nicht weiter von ihr zu sprechen. von Allegoriesignalen durchsetzte ‚Romanhandlung‘. Auf den Rat Amors hin beendet das Ich daher seine Geheimhaltungsstrategie und dichtet eine Entschuldigungs-ballata. Sofort wird er von Liebe zu ihr ergriffen. Unter dem Zeichen der Schrift Mit den zitierten ersten Worten des Textes. In der Imagination erhebt sich das Ich bis zur Kontemplation der jetzt himmlischen Geliebten und fasst nach einer letzten Vision den Entschluss. dass seine Seligkeit oder beatitudine nur in dem besteht.Körperzeichen. die meine ‚donna‘ loben“. Frauen. Wie präsent dieser Konflikt im ganzen Text ist. sondern einmal mehr mit dem Hinweis auf die – freilich aufgeschobene – Schrift und damit auf die erste der angesprochenen Fragen. Zeichenschrift. doch wenig später kommt es zur berühmten Szene des gabbo: Die Frauen. sondern regelmäßig am ganzen Körper zu zittern beginnt. wenn sie in seiner Nähe ist. Schriftkörper 167 kann durchaus auch ein Konflikt zwischen Körpererfahrung und Bedeutsamkeit. neun Jahre später kommt es in der neunten Stunde zur zweiten Begegnung. dass es üble Nachrede hervorruft und Beatrice ihm bei der nächsten Begegnung den Gruß verweigert. weil es hoffe. bis es würdiger von ihr sprechen könne. verweist das Ich nicht nur auf den anderen. die Beatrice umgeben. die als schützender ‚Schirm der Wahrheit‘ zwischen ihr und ihm dienen. Nach einigen Vorausdeutungen wie dem Tod des Vaters von Beatrice und mehreren Visionen stirbt die gentilissima. was nicht vergeht: nicht im saluto. So endet das libello nicht nur mit dem visionären Blick auf den erhobenen. 1. die explizit das geschriebene ‚Buch der Erinnerung‘ vom zu schreibenden libello unterscheiden. Es spielt das Spiel der simulacra so gut. eine Wende. was noch nie über jemanden gesagt worden sei. die sich in der programmatischen Kanzone Donne ch’avete intelletto d’amore und den weiteren Lobgedichten manifestiert. Diese das Ich geradezu überwältigende Geste löst zunächst die erste Vision Amors und dann das erste Sonett aus. von ihr sagen zu können. verbirgt das Ich sein Gefühl und bedichtet statt ihrer verschiedene donne di schermo.

] zu jenen Worten gelangen. und noch nachdrücklicher unterstreicht die als Verdoppelung und Steigerung präsentierte zweite Begegnung mit ihren Folgen diese Nicht-Unmittelbarkeit. wenn in der jetzigen Darstellung die damalige Erscheinung von der späteren Erinnerung überlagert wird.. JEAN ROUSSET. sondern als entscheidendes Erlebnis dadurch herausgehoben. Gleich das erste Erscheinen Beatrices. die in ihrer ineffabile cortesia den ängstlichen Liebenden grüßt. h. Entsprechend ist sie nicht nur Verdoppelung und Steigerung des Anfangs der Erzählung. die so genannte esperienza reale5 wiedergibt. insofern dem ‚Erleben‘ oder dem Einschreiben in die Erinnerung das spätere ‚Abschreiben‘ und Deuten folgt. nicht zuletzt durch die im Begriff sentenzia beschlossene Deutungshoheit. der sich ausschließlich mit der „scène de première vue“ in Kapitel II und III befaßt.. S. dass auch die Prosa gerade nicht einfach das ‚gewesene Leben‘. 137-140. d. insistiert auf der Erinnerungsarbeit. . gilt die Vita nuova als „prototype insurpassable de la rencontre sans approche. par le détour de la mémoire et des sonnets qui multiplient le long du récit les pauses méditatives. ne pouvant supporter la présence qui lui est révélée. 154. qu’il se construit sur le paradoxe de l’apparition et disparition. Wird die erste Begegnung noch unter den Verdacht eines parlare fabuloso (II) gestellt. à se taire. 153-177. Osera-t-on dire qu’on assiste à quelque sublime jeu de cache-cache? La loi du secret propre à l’amour courtois contraint l’amant à s’effacer. implizit analog setzt. Paris 1981. In: Studi danteschi 51 (1978). Vor allem verweist es schon an dieser Stelle darauf. weil den Kindheitserinnerungen nicht zu trauen sei. vérifiable pour chacun des deux partenaires.168 Barbara Kuhn selbst. „werde ich [. La scène de première vue dans le roman. dann in der neuntletzten Stunde der Nacht als Traumvision in eine allegorische Darstellung übertragen und schließlich als Sonett. Von Anfang an ist damit eine mindestens doppelte Zeit gesetzt. de se rendre invisible sur le plan de la fiction pour ne plus exister que dans la narration qu’il en fait. de l’apparition qui demeurera jusqu’au bout une vision à distance. entstammt die Erinnerung an die zweite Begegnung bereits jenen im Gedächtnis als bedeutendere Ereignisse eingeschriebenen Worten: verrò a quelle parole le quali sono scritte ne la mia memoria sotto maggiori paragrafi (II. renonçant à la communication directe. hier S. il tentait. quando a li miei occhi apparve prima la gloriosa donna de la mia mente (II. die in meiner Erinnerung unter höheren Paragraphen verzeichnet stehen“). dass sie im libello in drei Varianten niedergeschrieben wird:6 als die Erscheinung der mirabile donna selbst in der neunten Stunde des Tages. sondern die ‚Schrift des Lebens‘ ihrerseits der Deutung bedarf. in dem das Ich seinen Dichterfreunden die Vision 5 6 DOMENICO DE ROBERTIS: Storia della poesia e poesia della propria storia nel XXII della Vita Nuova. ainsi dispose-t-il des écrans devant une lumière qui l’aveugle. […] Ce récit a ceci d’unique sans doute dans la longue série des face à face fondateurs. wenn das knapp neunjährige Kind von der gloriosa donna im Gedächtnis. „als meinen Augen zum ersten Mal die glorreiche Herrin meines Geistes erschien“). pour mieux se consumer dans sa fonction de poète. tout se passe comme si.“ JEAN ROUSSET: Leurs yeux se rencontrèrent. S.

mein Traumgesicht zu beurteilen. (III) In Gedanken an das. e pregandoli che giudicassero la mia visione. die zugleich auf den engen Bezug der Vita nuova zu den Trobadorviten in den provenzalischen Liederhand- . das der Dichter den Freunden zur Beurteilung vorlegt. das anfängt: A ciascun’ alma presa. Durch die Erinnerung an die Erscheinung in der Einsamkeit des Zimmers also. Immer wieder wendet er sich an diese Verständigen. nahm ich mir vor. die Entscheidung für ein sonetto. scrissi a loro ciò che io avea nel mio sonno veduto. verschafft hatte. E cominciai allora questo sonetto. Und weil ich mir damals schon von selbst Einsicht in die Kunst. aus dem Kommentar zum Sonett und den von ihm hervorgerufenen Antworten. in Reimen zu sprechen. „beschloß ich. und indem ich sie bat. was im Gedicht zu lesen steht. acciò che la mia donna fue immediata cagione di certe parole che ne lo sonetto sono. die Bitte um ein Urteil: Mit allen Mitteln macht der Text deutlich. dass zwischen ‚Leben‘ und ‚Kunst‘ ein Verwandlungsprozess liegt. ne lo quale io salutasse tutti li fedeli d’Amore. der es versteht“). ein Sonett zu machen. dass das Erinnern kein Wiederholen ist. darüber in einem Sonett manche Klage zu führen. propuosi di fare uno sonetto. dieses werde ich hier aufschreiben. macht er selbst direkt nach der ersten Vision und noch vor dem ersten Sonett explizit: Pensando io a ciò che m’era apparuto. die Erinnerung an die Vision – pensando a ciò che m’era apparuto – lässt das Sonett entstehen. Zeichenschrift. das jeweils neue und andere Verschiebungen und Verwerfungen erzeugt. und andere Adressaten als die Eingeweihten interessieren ihn nicht: propuosi di farne alcuna lamentanza in uno sonetto. mit pensare und giudicio gekoppelten Zeitebenen machen deutlich. lo quale comincia: A ciascun alma presa. was mir erschienen war. dem das einleuchten werde. weil meine Herrin der unmittelbare Beweggrund war für gewisse Worte. dass der Kunstcharakter der Gedichte den Kunstverstand der Lesenden voraussetzt.Körperzeichen. wird die Vision ausgelöst. sì come appare a chi lo intende (VII. nahm ich mir vor. Und ich begann also dieses Sonett. was ich in meinem Schlafe gesehen. der Bezug zur bereits geübten Dichtkunst. hier explizit in Tag und Nacht sowie im ora und allora einander gegenübergestellten. pensando di lei. Um das Verständnis der Gedichte zu erleichtern. Schriftkörper 169 erzählt. schrieb ich ihnen das. die in dem Sonett vorkommen. propuosi di farlo sentire a molti li quali erano famosi trovatori in quello tempo: e con ciò fosse cosa che io avesse già veduto per me medesimo l’arte del dire parole per rima. entsteht das libello. lo quale io scriverò. an chi lo intende (VII. Die Wendung an die berühmten Dichter. es viele wissen zu lassen. geht ihnen zum einen jeweils die Erzählung in Prosa voraus. oder genauer: dass das Erinnern ein Wieder-Holen auf je unterschiedlichen Reflexionsstufen bedeutet. und aus der Erinnerung an diese Erinnerung schließlich. wie jenem klar wird. in welchem ich alle Getreuen Amors grüßte. VIII). Die diversen. die zu jener Zeit berühmte Minnedichter waren. Wie weit entfernt der Text von unmittelbarer Mündlichkeit ist.

in welchen ich sagen wollte. E però propuosi di dire parole. (XXVII) Hierauf begann ich eines Tages über das nachzudenken. In: Letteratura italiana. der nicht in gleichem Grade ein Getreuer Amors ist. hier S. ich hätte lückenhaft gesprochen. aber in aller Regel eine Erläuterung. dies in der Kürze eines Sonetts erzählen zu können. zweifelhafte Worte geschrieben finden. und denen. WINFRIED WEHLE: Dichtung über Dichtung. 178-179. Dalle origini al Cinquecento. daß Amor alle meine Geister tötet.7 sondern mit dieser divisio textus jeweils auch ihre ragione angibt. einen als Ganzheit verstehbaren Text zu schaffen. in denen der Anlaß zu diesem Sonett erklärt wird. e non credendo potere ciò narrare in brevitade di sonetto. si scrivono dubbiose parole. solches Zweifeln aufzuklären. um den Sinngehalt der unterteilten Sache zu erschließen. ne le quali io dicesse come me parea essere disposto a la sua operazione. Vero è che tra le parole dove si manifesta la cagione di questo sonetto. Hrsg. und als mir einsichtig wurde. Bd. wenn auch nur außerhalb ihrer Wirkstätten. den Vidas. was die zweifelhaften Worte auflösen könnte: und daher ist nicht gut für mich. Torino 1992. dehnt Dante das Verfahren auf die 31 Gedichte aus. non ha mestiere di divisione. da es aber durch den erläuterten Hintergrund hinreichend klar ist. schien mir. e a coloro che vi sono è manifesto ciò che solverebbe le dubitose parole: e però non è bene a me di dichiarare cotale dubitazione. cioè in questi due sonetti precedenti. so wie in den Liederhandschriften die „Einzellieder zunehmend mit Kommentaren“. pareami defettivamente avere parlato. die „fedeli d’Amore“ gerichtet: „Questo sonetto non divido in parti. München 1986. die das sind.8 Im Unterschied zu den Liederhandschriften. Wahr ist. dieweil man die Einteilung nur macht. zum anderen folgt ihnen nicht immer. wie ich meinte. „die ihre Fremdheit aufhellten“. für ihr Wirken empfänglich zu sein. ist klar. und wie ihre Tugendkraft in mir waltete. bedarf es keiner Einteilung. e veggendo nel mio pensero che io non avea detto di quello che al presente tempo adoperava in me. was ich von meiner Herrin gedichtet hatte. daß sich unter den Worten. MICHELANGELO PICONE: Vita nuova e tradizione romanza. daß ich nichts von dem gesagt hatte. I. 8 . nämlich in diesen beiden vorhergehenden Sonetten.170 Barbara Kuhn schriften. und da ich nicht glaubte. weist. und wiederum nur an die Verständigen. auch: GUGLIELMO GORNI: Vita nuova di Dante Alighieri. wo nötig. wo diese Einheit von Poesie und Prosa auf den Einzeltext begrenzt bleibt. onde con ciò sia cosa che per la sua ragionata cagione assai sia manifesto. „Dieses Sonett teile ich nicht in Teile. Dantes Vita Nuova: die Aufhebung des Minnesangs im Epos. nämlich. begann ich also eine Kanzone. però che la divisione non si fa se non per aprire la sentenzia de la cosa divisa. 153-186. S. wie die immer wieder eingefügten Reflexionen zeigen: Appresso ciò. Vgl. und daß die des Gesichtes am Leben bleiben. versehen worden waren. was sie zu dieser Zeit in mir selbst bewirkte. wenn ich sage. von ALBERTO ASOR ROSA. cominciai a pensare uno giorno sopra quello che detto avea de la mia donna. 25. Worte zu dichten. cioè quando dico che Amore uccide tutti li miei spiriti. cominciai allora una canzone. salvo che fuori de li strumenti loro. die nicht nur in scholastischer Manier die Gedichte einer divisione unterzieht und sie in parti gliedert. 7 Aber nur dort. da doch mein erklärendes Reden vergebens oder aber überflüssig wäre“). acciò che lo mio parlare dichiarando sarebbe indarno. Und deshalb nahm ich mir vor. o vero di soperchio“ (XIV. E questo dubbio è impossibile a solvere a chi non fosse in simile grado fedele d’Amore. S. Padova 1979 (Ydioma tripharium 5). Le opere. e come operava in me la sua vertude. um ein einheitliches Ganzes. Aber dieser Zweifel ist unmöglich von jemandem zu lösen. mit razos. e li visivi rimangono in vita.

381-386.oder erschließen lasse: degno è lo dicitore per rima di fare lo somigliante. ma non sanza ragione alcuna. ähnlich zu verfahren. beruft es sich auf Vorbilder wie Vergil. und weil jene.9 Um möglicher Kritik an seiner Dichtung den Wind aus den Segeln zu nehmen. als den Schriftstellern in Prosa. der sich nachher in Prosa entschlüsseln ließe“). die sich in der Volkssprache ausdrücken: Wenn daher eine Redefigur oder ein rhetorischer Schmuck den Poeten gestattet wird. Horaz und Ovid und fordert zugleich für die vulgärsprachliche Dichtung dieselben Freiheiten ein. S. sondern sich – durch Prosa. dem Anführen verschiedener Deutungen. wie sie der lateinischen eingeräumt würden. so ist er auch den Reimdichtern gestattet. die in Reimen dichten. mit den Schulautoren des mittelalterlichen Kanons. 276-279. ma con ragione la quale poi sia possibile d’aprire per prosa (XXV. wie insbesondere der wiederum viel zitierte und kommentierte Exkurs über die Natur Amors. Kapitel zeigt. durch einen Kommentar – auf. Indem das Ich nicht nur die allegorische Deutung und Deutbarkeit rechtfertigt. trägt es an anderen Dinge nach. berechtigt. Zeichenschrift. Bern. Kriterium sei nur. Texte vor dem Zeitalter der Literatur. sondern sie zudem wenig später mit seiner Auslegung der Zahl neun. aber nicht ohne eine bestimmte Bedeutung. dem Vorschlag einer eigenen 9 Vgl. ist es recht und billig. e questi dicitori per rima non siano altro che poete volgari. mit dem Hinweis auf deren häufiges Auftreten. dass die Dichtung eines solchen trovatore nicht clus bleiben dürfe. „so ist der Dichter. 2003. etwa CHRISTIAN KIENING: Zwischen Körper und Schrift. sondern mit einem Sinn. S. RÜDIGER SCHNELL: Causa amoris. M. degno e ragionevole è che a loro sia maggiore licenzia largita di parlare che a li altri parlatori volgari: onde. con ciò sia cosa che a li poete sia conceduta maggiore licenza di parlare che a li prosaici dittatori. Lucan. Hinzufügen und In-eine-angemesseneForm-Bringen löst das Ich die Gedichte von ihrem punktuellen Anlass und stellt so sein libello in den Horizont der Dichtung. daß ihnen eine größere Freiheit der Rede eingeräumt wird als den anderen. Frankfurt a. Raffiniert schreibt das Ich so seinem libello implizit Modellcharakter zu und stellt sich damit – wie später der Erzähler Dante in der Commedia neben die Ependichter – in eine Reihe mit den Autoritäten der Zeit in Sachen Literatur.Körperzeichen. der in Reimen dichtet. conceduto è a li rimatori. . Schriftkörper 171 Wie das erzählende Ich an manchen Stellen Gedichte aus dem libro de la mia memoria auslässt. se alcuna figura o colore rettorico è conceduto a li poete. deren Fehlen bei den Lesern Unverständnis erzeugen könnte. Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur. München 1985 (Bibliotheca Germanica 27). die dem Verständnis nichts hinzufügten. (XXV) Weil nun aber den Poeten eine größere Freiheit der Rede zugestanden wird. über Personifikation und Allegorese im 25. Durch solches Weglassen. nichts anderes sind als Poeten der Volkssprache.

Von diesem Augenblick an ist das Ich. Körperzeichen Dass dem Körper in diesem Schriftwerk eine so bedeutende Rolle zukommt. zeugt es – als Schrift selbstverständlich – ebenso von Anfang an von einer großen Präsenz des Körpers. 2. der Deutung bedarf. dass es ihn in Zukunft häufig treffen wird. liegt nicht zuletzt daran. dank der Macht seiner Einbildungskraft. enthält es in seinen Schriftzeichen ebenso nachdrückliche Körperzeichen. wohin alle spiriti sensitivi ihre Wahrnehmungen bringen. so dass es sich von den Menschen zurückzieht: 10 Die Beantwortung der Frage nach Grund und Bedeutung des häufigen Auftretens der Zahl neun stimmt folglich mit der scholastischen ‚Gattung‘ der quaestio überein: „Sie ging aus von Zitaten aus Autoritäten. . setzt es das libello ausdrücklich als Schrift. die alle das außerordentliche Geschehen in lateinischer Sprache kommentieren. und erw. konzentriert sich. dass eines der wesentlichen Strukturierungsmerkmale der Liebesgeschichte und damit auch des Textes die Reihe der Begegnungen von Ich und Beatrice konstituiert. rev. der spirito animale im Gehirn.. auf die Reaktionen der in den verschiedenen Körperorganen situierten spiriti. zeigte dann. aber auch der Deutung wert ist. Der im Herzen angesiedelte spirito della vita beginnt aufs heftigste zu zittern. und der im Magen untergebrachte spirito naturale beginnt gar zu weinen.“ KURT FLASCH: Das philosophische Denken im Mittelalter. weil er bereits ahnt. Löst diese frühe Begegnung die Liebe allererst aus. wundert sich über das. wie die Heilige Schrift. das engelsgleiche Wesen aufzusuchen. XXIX)10. völlig der Herrschaft Amors unterworfen. überwältigt die im folgenden Kapitel erzählte zweite Begegnung neun Jahre später das Ich geradezu. so dass es bis ins letzte Glied sichtbar wird. Stuttgart 2000. genauer. vor allem anderen auf die körperlichen Reaktionen des Ich. Schon das erste Element dieser Reihe. der ihm viele Male befiehlt. 2. Von Augustin zu Machiavelli. was die spiriti del viso verkünden. dass andere Autoritäten den erstgenannten Texten widersprechen. die unmittelbar auf das Proömium folgende Schilderung der Begegnung des Neunjährigen und der knapp Neunjährigen. 313.172 Barbara Kuhn Interpretation sowie dem Einräumen weiterer möglicher Sinnschichten exemplarisch vorführt (vgl.. die. wie die Widersprüche der Autoritäten zu harmonisieren sind. Aufl. Doch obwohl demnach das Büchlein sich von Anfang an als solches präsentiert. holte in einem nächsten Schritt weit aus zu einer eigenen ‚Lösung‘ (determinatio) und zeigte abschließend. von Anfang an und bis zum Ende unter dem Zeichen der Schrift steht. S. außer auf die äußere Erscheinung der ‚Beatrice‘.

sich an die famosi trovatori seiner Zeit –. deren Entzifferung erst durch den Verlauf der Geschichte möglich wird.. e per la sua ineffabile cortesia […] mi salutoe molto virtuosamente. Doch auch die von diesem heftigen Eindruck ausgelöste maravigliosa visione übersetzt das Unverständliche in ausdrucksstarke Körperbilder. stand. dass es wie trunken. auf den definitiven Entzug des Körpers später im Text vorausdeutet.Körperzeichen.. das auf Beatrices Tod und ihre ‚Himmelfahrt‘. wie der spirito naturale im Magen vorausgesehen hatte.. um an mein Ohr zu dringen“) – und üben eine solche Wirkung auf das Ich aus. und weil dies das erste Mal war. Nicht nur Amor erscheint dem Ich hier zum ersten Mal in personam. für seinen unerfüllbaren Wunsch nach körperlicher Vereinigung steht. in der Gestalt eines furchterregenden segnore inmitten einer feuerfarbenen Wolke. und wie dort muss die Dame das Herz essen und stirbt sie in der Folge.. e però che quella fu la prima volta che le sue parole si mossero per venire a li miei orecchi. und vor allem fehlt völlig das mit der bekannten Geschichte verknüpfte Motiv der gekränkten Gattenehre. und in ihrer unaussprechlichen Huld [.11 Wie dort ist der Liebende ein Dichter oder Sänger – unmittelbar danach wendet er. Nicht nur der beseligende Gruß als bedeutungs. S. Strukturen der Kurzerzählung auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. hier die Reinheit der Liebe. 33-43. ganz ängstlich.. tanto che me parve allora vedere tutti li termini de la beatitudine […]. um an mein Ohr zu dringen. 33-35 findet sich der nahezu ungekürzte Text der Vida. ist von dieser Vision an. daß ich mich wie berauscht von der Menge entfernte. spürte ich solche Wonne.]. vor allem erzählt die Vision eine signifikante Variante des im Mittelalter so beliebten Herzmäre. daß ihre Worte sich bewegten. der sich bereits in der Kunst des Reimeschmiedens geübt hat.und folgenschwere Gebärde. München 1969 (Theorie und Geschichte der Literatur und der Schönen Künste 8). e puosimi a pensare di questa cortesissima. wo ich. auch das Zuwenden des Blicks und die gesprochenen Worte werden quasi körperlich erfahren – le sue parole si mossero per venire a li miei orecchi („ihre Worte [.] bewegten [sich]. das normale ‚Funktionieren‘ des Körpers unterbunden: 11 Vgl. und ich flüchtete in die Einsamkeit eines meiner Zimmer und gab mich den Gedanken an jene Höflichste hin.. che come inebriato mi partio da le genti. Wie die gesamte Vision demnach in Körperschrift geschrieben ist. Auf S. so wie die buchstäbliche ‚Inkorporierung‘ als Bild für das Begehren des Ich. wird sie hier mit Amor in den Himmel erhoben. Zeichenschrift.]. presi tanta dolcezza. daß ich also den Inbegriff aller Seligkeit zu schauen meinte [. wie in Ekstase ist und die körperliche Nähe flieht. Schriftkörper 173 volse li occhi verso quella parte ov’io era molto pauroso. (III) wandte sie die Augen nach der Stelle. e ricorsi a lo solingo luogo d’una mia camera. dessen älteste erhaltene Fassung sich in einer provenzalischen Trobadorvita findet. grüßte sie mich mit solcher Tugend. . Doch während in der überlieferten Version die Dame sich selbst das Leben nimmt. HANS-JÖRG NEUSCHÄFER: Boccaccio und der Beginn der Novelle. Stattdessen signalisiert das Auffahren in den Himmel.

daß die meisten Personen. werden die Neider neugierig auf das. hierdurch wurde ich in kurzer Zeit von so gebrechlicher und schwacher Verfassung. weil die Seele ganz dem Denken an jene Holdseligste hingegeben war. die über mich sprachen. deretwegen es sich so verzehre.. in seiner Tätigkeit behindert zu werden. Con questa donna mi celai alquanti anni e mesi. doch auf der geraden Linie zwischen ihm und ihr sitzt eine andere gentile donna. e per più fare credente altrui.]. dass das Geheimnis öffentlich wird. die es. sie sei die donna.]. häufig verwundert anblickt. verfaßte ich für sie einige Kleinigkeiten in Versen. (V) gedachte ich. e tanto ne mostrai in poco tempo.174 Barbara Kuhn Da questa visione innanzi cominciò lo mio spirito naturale ad essere impedito ne la sua operazione. dritte Begegnung. però che l’anima era tutta data nel pensare di questa gentilissima. (IV) Seit dieser Vision begann mein natürlicher Geist. und um die andern in ihrem Glauben noch zu stärken. was es vor den anderen verbergen will.. „mein Geheimnis [wurde] an jenem Tage nicht durch meinen Blick anderen mitgeteilt“). wo Worte über die Königin der Herrlichkeit zu hören waren“). die wohl in einer Kirche stattfindet: in parte ove s’udiano parole de la regina de la gloria (V. Von seinem Platz aus kann das Ich seine beatitudine sehen. diesen ‚Schirm der Wahrheit‘ in Gedichten besingt. sein Blick ruhe auf ihr. che questo non si potea ricovrire (IV.. und ich machte dies in kurzer Zeit so offensichtlich. mein Geheimnis zu kennen glaubten. „in einer Stätte [. zumal es. daß mein Anblick viele Freunde bedrückte. so verhüllt auch das Gedicht an die donna-schermo die Wahrheit. was ihm mehrere Jahre lang gelingt. che a molti amici pesava de la mia vista. Durch diese Frau verbarg ich mich einige Jahre und Monate. und es bemüht sich nach Kräften. und die Blicke der anderen bestimmen auch die folgende. dass die eigentliche Adressatin der Blicke wie der Gedichte Beatrice ist. Damit wird die donnaschermo gleichsam zur personifizierten Allegorie: Sie ist das in Körper über- . diese edle Frau zu einem die Wahrheit verbergenden Schirm zu machen. che lo mio secreto fue creduto sapere da le più persone che di me ragionavano. „ich [trug] auf meinem Antlitz so viele seiner Zeichen [.. wie das Minneritual es verlangt: pensai di fare di questa gentile donna schermo de la veritade. Wie der Körper der gentile donna den direkten Blick abschirmt und damit verhindert. Dies nehmen auch die anderen wahr und schließen daraus. Weil dem Ich die Zeichen Amors im Gesicht geschrieben stehen – io portava nel viso tante de le sue insegne. um seiner Fiktion noch größere Glaubwürdigkeit zu verschaffen. dass sein doch so verräterischer Anblick das Geheimnis noch nicht verraten hat: lo mio secreto non era comunicato lo giorno altrui per mia vista (V. daß sich dies nicht verbergen ließ“) –. das Geheimnis. onde io divenni in picciolo tempo poi di sì fraile e debole condizione. den Irrtum der anderen aufrecht zu erhalten. Glücklich stellt das Ich fest. in dem Glauben. feci per lei certe cosette per rima.

Und wenn diese Holdselige mit ihrem Gruß grüßte. in welchem doch all meine Seligkeit bestand“). der hätte es gekonnt. des uneigentlichen Sprechens. ed elli si rimanea nel luogo loro. sondern wurde gleichsam durch ein Übermaß an Süße sogeartet. „verweigerte mir jene Holdselige [. daß mein Körper. non che Amore fosse tal mezzo che potesse odumbrare a me la intollerabile beatitudine. mi negò lo suo dolcissimo salutare. das ‚Anders-Reden‘ jedoch deren korrekte Entschlüsselung durch Nicht-Eingeweihte verhindert. Schriftkörper 175 setzte Prinzip des alieniloquium.. am Körper lässt sich das Außer-sich-Sein. pingea fuori li deboletti spiriti del viso. der dann vollkommen unter seiner Herrschaft stand. E quando questa gentilissima salute salutava.]. eure Herrin zu ehren‘. zumal die ins Gesicht geschriebenen und den Körper verzehrenden Zeichen durchaus sichtbar bleiben. E chi avesse voluto conoscere Amore. molte volte si movea come cosa grave inanimata. verweigert sie ihren Gruß als jenes Zeichen. so sehr übersteigt die durch den Gruß verspürte Seligkeit seine Kräfte. Unbeseeltes. welche körperlichen Konsequenzen der Gruß seiner Herrin nach sich zieht: E quando ella fosse alquanto propinqua al salutare. Dass das uneigentliche Sprechen jedoch nicht nur Schutz bietet. la quale molte volte passava e redundava la mia capacitade. Und wer Amor hätte kennenlernen wollen. daß ihrem Gruße meine Seligkeit innewohnte. wie überhaupt alle Sinne betäubt sind. vernichtete ein Geist der Liebe alle anderen Geister der Empfindung und drängte dabei die schwächlichen Geister des Gesichtssinnes hinaus und sagte ihnen: ‚Geht. distruggendo tutti li altri spiriti sensitivi. die viele Male meine Kräfte überstieg und überforderte. Die Zeichen des Körpers sind eindeutig – appare manifestamente –. (XI) Und wenn sie eben zum Gruß anhob. passando per alcuna parte. wird bei der nächsten Begegnung mit Beatrice deutlich: Verärgert über das Gerede der anderen. als sie an einer gewissen Stelle vorüberging. Um die Wirkung dieses ausgebliebenen Zeichens verständlich zu machen. vielmals sich hinschleppte wie etwas Schweres. das mir die unerträgliche Seligkeit hätte verdunkeln können. fare lo potea mirando lo tremare de li occhi miei. in Anbetracht des Zitterns meiner Augen. ma elli quasi per soverchio di dolcezza divenia tale. erläutert das Ich seinen Lesern zunächst. ne lo quale stava tutta la mia beatitudine (X. Es vermag nichts mehr zu sehen. und er selbst blieb an ihrer Statt. Zeichenschrift. die Ekstase ablesen.Körperzeichen. So daß ganz offensichtlich ist. sondern ineins das von ihr . und sein Körper wirkt wie ein lebloses Etwas.. in dem alles Glück des Ich liegt: quella gentilissima […]. e dicea loro: „Andate a onorare la donna vostra“. ihr über die Maßen süßes Grüßen. das auch das Ich selbst in Verruf bringt. uno spirito d’amore. lo quale era tutto allora sotto lo suo reggimento. eine Seligkeit. war Amor nicht etwa ein Hindernis. Entsprechende Wirkung muss zwangsläufig auch das Ausbleiben des Grußes ausüben: Nicht nur die Gebärde. che lo mio corpo. sondern auch Gefahren birgt. Sì che appare manifestamente che ne le sue salute abitava la mia beatitudine. an seinen zitternden Augen kann ein jeder Amor erkennen.

Sed ella non ti crede. vista cangiare: dunque perché li fece altra guardare pensatel voi. München 52000. quelli che mi manda a vui. die simulacra zu beenden. 12. che per vostra bieltate lo face. 9-41. . quando vi piaccia. damit sie ihr mit einer demütigen Bitte um Verzeihung erkläre. che la m’intendiate. von ULRIKE LANDFESTER. ‚Schrift und Bild und Körper‘ als kulturtheoretische Denkfigur. bis es endlich come un pargoletto battuto lagrimando einschläft und ihm wiederum Amor in einer Traumvision erscheint. beginne diese Worte. daß Ihr sie von mir vernehmt. appresso che avertai chesta pietate: „Madonna. da che non mutò ’l core“. quando se’ con lui. V. denn wie bei jedem Kult-Bild sind Zeichen und Bedeutung nicht zu trennen. In: Schrift und Bild und Körper.176 Barbara Kuhn Bezeichnete wird verweigert – la mia beatitudine mi fue negata (XII) –. die es als Botin auf den Weg zu seiner Madonna schickt. mithin vom uneigentlichen zum eigentlichen Sprechen überzugehen und das bisher Geheimgehaltene offenzulegen. hier: S. sed elli ha scusa. Bielefeld 2002 (Schrift und Bild in Bewegung 4).12 und dem Ich bleiben nur amarissime lagrime. wenn es Euch gefällt. Er rät ihm. der mich zu Euch schickt. Dille: „Madonna. lo perdonare se le fosse a noia. Amore è qui. S. nicht das Herz hätten sich abgewandt. 15-34) Mit süßem Klang. Hrsg. verfasst das Ich nun eine ballata. e vedrassi ubidir ben servidore. dessen Gehorsam bis zum von ihr befohlenen Tod reiche: Con dolze sono. come vol. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. ungehörte Klagen und das Flehen um Barmherzigkeit. ferner HANS BELTING: Bild und Kult. Vgl. sobald du um Gnade gebeten hast: ‚Meine Herrin. nur die Augen. wünscht. che ’n voi servir l’ha ’mpronto onne pensero: tosto fu vostro. che mi comandi per messo ch’eo moia. e mai non s’è smagato“. auf den sich LANDFESTER mit ihren Überlegungen stützt. comincia este parole. dì che domandi Amor. (XII. wenn du mit ihm zusammen. denn im Herzen sei es stets ihr treuer Diener geblieben. ULRIKE LANDFESTER: Tertium datur. sofern es eine Entschuldigung für ihn gibt. vole. warum es eine andere angeblickt habe. che sa lo vero: ed a la fine falle umil preghero. 12 Vgl. Entstand nach der ersten Vision das an die Dichterfreunde gerichtete Sonett. lo suo core è stato con sì fermata fede.

nach seiner Willkür: drum urteilt selbst. sein Herz ist von so steter Treue gewesen. insofern es eben die fünf Begegnungen sind.‘ Wenn sie dir keinen Glauben schenkt. ein Rückzug. ihr fine […] novissimo (XVIII). XIV).Körperzeichen. die die unerhörte Wirkung auf den ganzen Körper schildert. weil dank der Huld oder merzede Amors die Seligkeit nunmehr in quelle parole che lodano la donna mia (XVIII) beschlossen liegt. kehren die vertriebenen an ihren ursprünglichen Ort zurück und kann das Ich das Geschehene erklären. falls die Verzeihung ihr widerstreben sollte. und ist nie weniger geworden. die den endgültigen Verzicht auf die körperliche Präsenz bewirkt. das zugleich mit einem neuen modo verbunden ist (XIX). Sämtliche Begegnungen. das sich sofort auf den gesamten Körper ausdehnt. von der ersten. doch erneut bleiben ihm nur der Rückzug in die Einsamkeit und das Weinen nach dem körperlichen Außer-sich-Sein. der von der konkreten. der die Wahrheit kennt: Und am Ende bitte sie untertänig. bis zu dieser fünften und letzten. so dass ihm wieder alle Sinne schwinden. hebt die Augen und erblickt unter den Frauen Beatrice. Schriftkörper 177 Amor ist hier. Zumindest auf einen ersten Blick ist damit ein Weg vom Körper zur Schrift zurückgelegt.‘ Sag ihr: ‚Meine Herrin. liegt die Neuheit des neuen Dichtens. muss sich festhalten. erwachen seine toten Geister wieder zum Leben. Zeichenschrift. erscheinen demnach als konsequenzenreiche Schlüsselszenen. und man wird einen guten Diener gehorchen sehen. daß ich stürbe. dabei er doch sein Herz nicht wandelte. die wiederum den Körper zum allen lesbaren Text macht: Das Ich verspürt links in der Brust ein unerklärliches Zittern. wie die folgende Begegnung illustriert. mir durch einen Boten zu befehlen. sag ihr. sie möge Amor fragen. Erst wenn es außer Sichtweite Beatrices ist. ein Weg. im Lob der donna. Doch trotz dieser Entschuldigungs-ballata und trotz des nun eigentlichen Sprechens sind die Schwierigkeiten nicht beseitigt. als drittes das Verbergen und als viertes das Offenlegen. der nach diesem Gipfelpunkt die Wende bewirkt: die Unabhängigkeit von der Huld der donna. aktuellen Situation. die das gesamte Geschehen auslösen: das Lieben zuerst und dann das Dichten. der ihn kraft Eurer Schönheit sein Aussehen ändern läßt. und schließlich das Abbrechen des bisherigen Weges. die der Text erzählt. daß jeder Gedanke ihm eingeprägt hat. Euch zu dienen: Früh war er Euer. es sich selbst nicht mehr kennt – io fossi altro che prima – und die Frauen sich gemeinsam mit Beatrice in der berühmten scena del gabbo über es lustig machen (vgl. den Wendepunkt in der Geschichte dieses Ich und den Beginn einer neuen Dichtweise. In dieser matera nuova e più nobile che la passata (XVII). wie sie die Werbungssituation der Minnedich- . warum er ihn eine andere anschauen hieß.

S. darauf deutet nicht allein die Tatsache. sondern wiederum auf die Schrift. e venia dicendo fra me medesimo: ‚[…] perché altro parlare è stato lo mio?‘ (XVIII.. das nun als mangelhaft erscheint: quasi vergognoso mi partio da loro. München 1995. die viel mehr als nur Hilfsmittel bei der inventio eines Liebeslieds sind: Der Anblick und die Geste des Grußes. dass sie nicht nur die Bewegung des Textes bis zu dieser Stelle bedingten. das Petrarcas berühmten Vers aus dem Eröffnungsgedicht des Canzoniere. Es geht folglich nicht allein um eine Sublimierung des körperlichen Begehrens mit den Mitteln christlicher Metaphysik. zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. den der Text ausficht. auf sein bisheriges Dichten. di me medesmo meco mi vergogno. wenn das Ich ein Gedicht verfasst. Und in der Tat enthüllt ein zweiter Blick auf die fünf Begegnungen. dass sich das Bedauern des Ich ob seiner Vergangenheit.. 203. sondern das Ich sich mit ihnen quasi an den Topoi des Minnesangs abarbeitete. sich nicht auf allzu große Körperlichkeit richtet.178 Barbara Kuhn tung entwirft. zur von Raum. ist zugleich einer zwischen zwei konkurrierenden Medien. Zeit und vor allem Körper unabhängigen Imagination als dem neuen Raum dieses Dichtens führt. wie sie die Trobadorlyrik charakterisieren. Schrift und Bild. „recht beschämt [ging ich] von ihnen und kam dahin. Dass damit jedoch längst nicht alles über den komplexen Text gesagt ist. Gegen einen solch einsinnigen Prozess spricht insbesondere. Körperschrift und Schriftkörper Bekanntermaßen bewirkt der Wechsel von der mündlichen zur schriftlichen Kommunikation eine „Entlastung der Sinnübertragung vom hic et nunc eines […] Körpers“. bei mir selbst zu denken: ‚[. . so dass eine „Kommunikation […] über die Grenzen von Zeit und Raum“ hinweg möglich wird. vorwegzunehmen scheint. dass das libello an dieser Stelle keineswegs an seinem Ende angekommen ist. die Körperlichkeit der unmittelbaren Begegnung und die Momente der mündlichen Darbietung zu inszenieren.13 Auf eben diese Funktion bezieht sich ausdrücklich auch die Vita nuova. das Geheimnis und die demütige Bitte um Verzeihen sowie schließlich die Verspottungsszene dienen alle dazu. das die Wirkung der donna auf ihre Umgebung gleichsam auf Dauer stellen soll: 13 HORST WENZEL: Hören und Sehen. und es ist vor allem ein Kampf zwischen unterschiedlichen Dimensionen von Schrift wie von Körper. 3. an Topoi. der Kampf.] warum habe ich je von anderem geredet?‘“). Kultur und Gedächtnis im Mittelalter.

1-4) So edel und so sittlich gut erscheint meine Herrin.. . Auch das folgende Sonett soll jenen.]. (XXVI. die dergleichen nicht sehen konnten. in denen ich ihr wunderbares und hervorragendes Wirken zu verstehen gäbe. e li occhi no l’ardiscon di guardare. WENZEL (Anm.] willens war.]“) –. ch’ogne lingua deven tremando muta. Und andere sagten [. sondern auch andere von ihr das erführen. Zeichenschrift.. wenn sie andere grüßt. in dem etwa persönliche Zeugenschaft und schriftliche Urkunden einander gegenüber stehen. V. wie auch die dem Sonett Tanto gentile vorausgehende Prosa nicht nur die Pluralisierung der Redeinstanz signalisiert – Diceano molti […]. wie bereits das erste Quartett dieses wohl berühmtesten Sonetts von Dante überhaupt ausspricht: Tanto gentile e tanto onesta pare la donna mia quand’ella altrui saluta. die sie leibhaftig sehen konnten.Körperzeichen. es denen zu offenbaren. was Worte davon begreiflich machen können.. ne le quali ciò fosse significato (XXVI. propuosi anche di dire parole.. sì come esperti.14 14 Die Passage zeigt den „langsamen ‚Übergang‘ von der Mündlichkeit“. Nicht zufällig handelt es sich dabei um ein Gedicht. 360-361. das wieder den Gruß und seine Wirkung zum Anlass nimmt. sondern durch die Anrufung der Zeugen das Gesagte beglaubigt: di questo molti. in welchen dies bezeichnet würde“). weil er als Prozess. Vgl.]. Ich sage [. (XXVI) [ich nahm mir vor] Worte zu dichten. „da ich [. Io dico […] (XXVI. nahm ich mir vor.. Schriftkörper 179 propuosi di dicere parole. als ein Hin und Her geschieht. von der konkret erfahrenen Situation zu ihrer Reflexion impliziert demnach zugleich den Übergang von der individuellen zu einer verallgemeinerten Erfahrung. der Übergang zum stilo de la sua loda. „dies könnten mir viele aus eigener Erfahrung bezeugen vor denjenigen. mi potrebbero testimoniare a chi non lo credesse (XXVI. kundtun. die es nicht glauben möchten“). acciò che non pur coloro che la poteano sensibilemente vedere.. ma li altri sappiano di lei quello che le parole ne possono fare intendere. auf daß nicht bloß jene. denen der Anblick der donna nicht vergönnt ist. ne le quali io dessi ad intendere de le sue mirabili ed eccellenti operazioni. E altri diceano […]. den man sich „nicht zu einfach vorstellen [darf]“. und die Augen es nicht wagen. S. wie sie von allen geehrt und gelobt wird: volendo manifestare a chi ciò non vedea. daß jede Zunge zitternd verstummt. darüberhinaus Worte zu dichten. 12)... sie anzuschauen. Das mündliche Zeugnis der Vielen bestätigt das individuelle schriftliche Zeugnis und illustriert so das Ineinander der beiden Medien. „Viele sagten [.

Wenn also die – körperliche – Liebe hier zur Aporie wird. was sich dagegen erheben könnte.. Die Entscheidung für die Schrift liegt in der Emotionalität des Liebenden begründet. Der Liebeskrieg. das sich nur um den Preis der Berücksichtigung dieser Spielregeln fortsetzen lässt. tanto che ridicere non lo sapeano. es davon abzuhalten. (XV) sobald ich mir ihre wunderbare Schönheit vorstelle. das Ich zurückzuziehen. und deshalb halten mich die vergangenen Leiden nicht davon ab. der sich – als Dichter – weder mit der topischen Unsagbarkeit. sondern schon die Heftigkeit des Begehrens das Vergessen und damit die Unmöglichkeit von Erfahrung bewirkt.. daß sie es nicht zu schildern wußten. [ergreift mich] sogleich ein Verlangen [.. so sehr. jenen Anblick zu suchen. ciò che contra lui si potesse levare. der in der battaglia d’Amore ebenso wie in den Verben . die sie ansahen.180 Barbara Kuhn Dennoch dient die Schrift nicht allein dazu. der ihm alle Lebensgeister entzieht. ihren Anblick zu suchen.]. Einen Hinweis gibt bereits der Kommentar des Ich zum Urteil der anderen. e però non mi ritraggono le passate passioni da cercare la veduta di costei. und [.. dass die donna sich dem werbenden Sänger per definitionem entziehen muss. ein – von vielen mündlich bestätigtes – Zeugnis abzulegen. che quelli che la miravano comprendeano in loro una dolcezza onesta e soave. sondern in anderen Räumen oder Zeiten zu Hause sind. lo quale è di tanta vertude. eine reine und zarte Wonne umfing. daß es in meinem Gedächtnis tötet und vernichtet. indem es sein Begehren und seine bereits erlittenen Leiden personifiziert: sì tosto com’io imagino la sua mirabile bellezza. sì tosto mi giugne uno desiderio di vederla. sondern weil der Körper Einspruch erhebt.] dieses [ist] von solcher Wirkungsmacht [. es wie tot sein lässt. das die Zeiten überdauert und auch jene erreicht. nicht in der Weise des Minnerituals. sie wirklich zu sehen. né alcuno era lo quale potesse mirare lei. die Beatrice einfach als Wunder bezeichnen und Gott für sie danken: Io dico ch’ella si mostrava sì gentile e sì piena di tutti li piaceri. ohne sogleich seufzen zu müssen. Das Begehren also zerstört und tötet im Gedächtnis. dem ridicere non lo sapeano der anderen. dass nicht erst eine räumliche Trennung oder das Vergehen der Zeit.].. daß sie sich so huldvoll und so reich an Liebreiz zeigte. daß jene. so nicht in der Weise. noch mit dem bloßen sospirare begnügen will. che nel principio nol convenisse sospirare. aber erkennen muss.. die vergangenen Leiden haben nicht die Kraft. was sich gegen das Begehren erheben könnte. che uccide e distrugge ne la mia memoria. und keinen gab es. wie das Ich nach der gabbo-Episode und vor der Entscheidung für die nuova matera lebhaft vor Augen stellt. (XXVI) Ich sage. die der selig machenden Beatrice nicht selbst begegnen. der sie hätte anschauen können.

. sondern im Innern des Ich. altro folle ragiona il suo valore. altro sperando m’apporta dolzore.]. ein anderer erklärt. S.Körperzeichen. dass es sich ein Bild davon macht. ma finalmente disconfiggea la mia poca vita (XVI. hierzu vor allem PICONE (Anm. Zeichenschrift. pugnare. die dem Ich seine Ruhe rauben: mi cominciaro molti e diversi pensamenti a combattere e a tentare. sich vorzustellen. ein weitrer bringt mir in der Hoffnung Süße. wie Amor es zurichtet – la mia memoria movesse la fantasia ad imaginare quale Amore mi facea (XVI. disconfiggere überdeutlich präsent ist. unter diesen Gedanken schienen mir vier die Ruhe des Lebens am meisten zu stören. .. sondern mein weniges Leben endgültig zerstörte“). fast jeder davon auf unwiderstehliche Weise. Dessen Erinnerung reicht nur so weit. aber es stellt nicht den Zusammenhang mit dem Körper der donna her: Jedes Mal aufs neue vergisst es. „fast wie einer. altro pianger mi fa spesse fiate (XIII. weil die Nähe des geliebten Körpers Lebensentzug bewirkt: cotale veduta non solamente non mi difendea. ciascuno quasi indefensibilemente. Schriftkörper 181 assalire.und hergerissen quasi come colui che non sa per qual via pigli il suo cammino. 15 Vgl. In: Studi e problemi di critica testuale 15 (1977). der nicht weiß. findet nicht zwischen der abweisenden Herrin und dem werbenden Liebenden statt. der Anblick der Geliebten werde es in dieser Schlacht verteidigen. insbesondere: MICHELANGELO PICONE: Il prosimetrum della Vita Nova. vier Poetiken entsprechen. ein anderer wieder läßt mich häufig weinen […]. „mein Gedächtnis [bewog] meine Einbildungskraft dazu [. V. welchen Weg er für seinen Gang einschlagen soll und der gehen möchte. die das folgende Sonett in anaphorischer Reihung antithetisch nebeneinander stellt und die vier Liebeskonzeptionen. wie kurz zuvor. e che vuole andare e non sa onde se ne vada (XIII. 3-6) daß einer mich dessen Herrschaft wünschen läßt. und weiß nicht wohin“): ch’altro mi fa voler sua potestate. tra li quali pensamenti quattro mi parea che ingombrassero più lo riposo de la vita. 8) sowie dessen zahlreiche Aufsätze zu diesem Text. 50-61. Die battaglia d’Amore ist eine Schlacht der unterschiedlichen Vermögen des Ich.15 ist das Ich hin. „wie dieser Anblick mich nicht nur nicht schützte. eine Schlacht unterschiedlicher Gedanken. sich als Irrglaube erweisen wird. eine Schlacht von Begehren und Vernunft oder auch. seine Macht sei Wahnsinn. was Amor aus mir machte“) –. Zwischen den vier Gedanken. dass der Glaube. (XIII) viele und verschiedenartige Gedanken [begannen] mich anzufechten und zu versuchen.

das die Prosa schildert. und auch die erwähnten Sonette. und als genitivus obiectivus. ist selbst unsagbar. dass die Gedichte keineswegs nur das zuvor in Prosa Erzählte wiederholen (oder vorwegnehmen. die der Dichter der Schrift entgegenbringt. wo sie nicht ist. Wichtiger aber noch als dieser supplementäre Charakter der Schrift ist das Verschieben durch den Aufschub. genauer. die Metaphern. in der Schrift dieser Liebe. aus der erronea fantasia und dem fallace imaginare. indem es Beatrice auch in jenen Räumen oder Zeiten präsent macht. V. den die Schrift gewährt. entsteht. zum anderen sich letztlich an ihre Stelle setzt. machen deutlich. und wer das Gedicht liest und sich folglich ihrer erinnert. die nicht zufällig als 16. Tanto gentile. 14. deren Schrift Beatrice verewigen soll. von Liebe zu reden. Im Laufe des Textes findet mithin eine sprechende Umkehrung statt: Bewirkte anfangs die Erinnerung an die Erscheinung Beatrices das Buch. dass die von der donna und die vom Gedicht ausgeübte Wirkung dieselbe ist: Ihr Anblick verschafft dolcezza al core (XXVI. enthüllt sich als ein Umherirren in den verschiedenen Arten. „[gibt] dem Herzen Wonne“). „der Liebe Süße“) – wie in den vielen Sonett-Dialogen oder tenzoni der Zeit wird die Korrespondenz zusätzlich durch den von einem Sonett zum nächsten weitergereichten Reim unterstrichen. von 31 Gedichten genau das Zentrum markiert und über vielerlei zahlensymbolische Elemente mit dem Ganzen verwoben ist. daher tritt als ‚andere Rede‘ an seine Stelle zum einen ein Zitat . wie der Text sie darlegt). dass es sich – lange vor der so genannten Entkörperlichung der Dame – um eine Liebe der Schrift im doppelten Wortsinn handelt: eine Liebe der Schrift als genitivus subiectivus. insofern sie wesentlich aus der Liebe. die Liebe zu illustrieren – das Umherirren. V. im Zusammenhang mit dem Tod selbst. besteht. insofern diese Liebe fast ausschließlich in der Schrift existiert. etwa aus der Todesvision. Denn schon zu Beginn hatte das Gedicht als Gruß an die Dichterfreunde Beatrices Geste des Grußes in der Schrift wiederholt. der fine […] novissimo. das sich immer wieder daran zeigen lässt. Vede perfettamente. insofern die eigentliche Seligkeit. sondern grundlegend anderes sind. die andernorts dazu dienen. so bewirkt nun das Buch (als Erinnerung) die Wirkung Beatrices und wird buchstäblich zum Supplement. der Kampf oder die Schlacht –. eine amorosa cosa da udire machen (XXIII).16 Das von der Schrift verursachte Verschieben wird noch offensichtlicher im Zusammenhang mit jener Grenze. vor dolcezza d’amore zu seufzen (XXVI. das zum einen als Ergänzung fungiert. kann nicht umhin. gemäß der Entstehungsreihenfolge. 10. in der sich das Ich befindet. ein Verschieben. die der Kommunikation von Angesicht zu Angesicht gesetzt ist und die auf ein Jenseits als Horizont des Danteschen Textes deutet. im Gedicht oder im Dichten selbst.182 Barbara Kuhn Die amorosa erranza (V. der das Dichten einer Kanzone unterbricht. 11). die große Kanzone Donna pietosa e di novella etate. Der Tod der Geliebten. verschieben sich hier zu Metaphern für das Schreiben und deuten in dieser verdächtigen Identität darauf.

unterschiedliche Strophen zu einem Gedicht zusammengefasst werden. dass es im Grunde in seinem eigenen Namen geschrieben ist (XXXII). Wo die mündliche Situation aufgrund der emotionalen Betroffenheit beider Fiktionen entlarven und die scheinbar persönliche Klage als Rollengedicht vorführen würde. um das der Freund bittet.. können. die für Beatrice steht und sie zum Wunder erhebt (XXIX): wieder ein buchstäbliches Anders-Reden. dem übermächtigen Begehren wie dem Schwinden der Lebensgeister. während am Ende.Körperzeichen. die gematrisch für den Namen Dante steht und der Zahl der Kapitel des gesamten Werks entspricht. ausgeliefert ist. ebenso wie das Sonett. zu einer Reflexion über die Möglichkeiten der Kommunikation. wie Platon sie in seiner Verurteilung der Schrift im Phaidros eingefordert hatte. dass es in der Vita nuova nicht einfach um eine Op- 16 Beispielsweise besteht das Gedicht aus 84. „wer sie [. erlauben die Verwandlung in Schrift und die Ablösung von der konkreten Situation die vorgeschobene Adressatin ebenso wie den vermeintlichen Sprecher. so dass allenfalls derjenige. „‚Selig der. Dank sei eurer Güte“). nachdem die Engel in V. der das Supplement der Schrift fordert. dank der bloßen Pronomen statt der für die Rede einstehenden Personen. kann vor allem die Klage weitergereicht werden. die Selig-Machende mit dem Ruf Osanna gegrüßt haben. Erzählt dieses Werk als Ganzes Dantes vita nova. das Ich dem alten Leben abgestorben ist und durch die Schau der ‚schönen Seele‘ die Seligkeit erlangt: – Beato. 61. dass es für Beatrice ist. anima bella. Genau in V. dessen Zahl auf den Namen Beatrice verweist. . Dank der Schrift kann ein Sonett demnach nicht nur zwei unterschiedliche Anfänge besitzen. also zweimal 42 Versen. wie in der Folge. zum anderen und vor allem die allegorische Deutung der Zahl neun. chi sottilmente le mira (XXXIII. das dem eigenen Körper. Schriftkörper 183 aus den Klageliedern Jeremias in lateinischer Sprache (XXVIII). 83f. die Verschiebung vom einen zum anderen Sprecher bemerkt. vostra merzede (V. die sich etwa in der Verweigerung des Grußes oder in der prinzipiellen Unerreichbarkeit manifestiert. Gerade an der unüberschreitbaren Körperlichkeit des Todes.] genau betrachtet“). sterben wirst du“). die nebeneinander existieren. ebenso wie durch die Unverfügbarkeit des Ich selbst. so wie das dichtende Ich ihm nicht verrät. schöne Seele. wird deutlich. der dich schaut!‘ Da aber rieft ihr mich. durch räumliche Ferne und unterschiedliche Zeiten auch bedroht ist durch die Unverfügbarkeit des Du. wie das erste Kapitel angekündigt hatte. Zeichenschrift. die außer durch das Vergessen. ohne zu sagen. so stellt das Gedicht in der Mitte dessen altes und neues Leben nebeneinander. Der Tod als Bild für die äußerste Grenze mündlicher Kommunikation und als Auslöser all dieser Schriftexperimente wird damit in besonderem Maße zu einer Reflexion über die unterschiedlichen Bedingungen und Möglichkeiten beider Medien. ohne dass das Gedächtnis den einen durch den anderen überschreibt (XXXIV). chi te vede! – Voi mi chiamaste allor. morra’ti („Du wirst sterben. 42 heißt es: Morra’ti.. und 42 ist die Zahl..

Gegen den zweiten Einwand Platons. que s’ill no fos. zum anderen wird eben diese unerträgliche Situation 17 Etwa am Ende der Kanzone Quan chai la fuelha. um das genaue Hinsehen. wie sich an vielen Stellen des Textes zeigt. im Ritual des Liebeswerbens. sie könne keine weitere Erklärung geben. auf fremde Zeichen verlasse. dass gerade der mündliche Vortrag des Gedichts die Gegenwart derer bewirke. während die Schrift den Rückzug in die Privatheit der stillen Kammer gestatte und so eine ganz neue. dass sie verstummen lässt und folglich die ‚Rede‘ mit der Geliebten nur als geschriebene möglich ist. Dem dritten Vorwurf. zwangsläufig nur Spiel sei. denan lieis te presenta. die auch in provenzalischer Lyrik. sondern immer nur dasselbe wiederholen. das statt des Gegensatzes eine vielfältige Überschreitung vermeintlicher Eigenheiten offenbart. die Schrift biete nur einen stummen Text. findet sich in der Kanzone Meravigliosamente eine Reflexion über die Medialität seines Dichtens. S. hätte Arnaut sich dieser Mühe nicht unterzogen. führt das Gedicht vor. für die sie nicht bestimmt sei und die sie nicht verstünden. die wie eine Umkehrung der Platonischen Kritik an der Schrift klingt. unterstreicht Giacomo da Lentini.17 bereits vorkommt. die Schrift kursiere auch unter jenen. Schon bei Giacomo da Lentini. dessen Gedichte sich von der topischen Werbungssituation der provenzalischen Dichtung abwenden. über das eigene Ich. befangen ist. hält das Gedicht entgegen. das sich ob der Überwältigung durch die Emotionen nicht mehr (er-)kennt. von Mündlichkeit und Schriftlichkeit geht. die Schrift ermögliche die Ablösung von der konkreten Gesprächssituation und damit vom Vater oder Autor der Rede. sondern vielmehr um ein ‚sottilmente mirare‘.18 Zum einen spricht die Kanzone von der Unfähigkeit.“) In: Mille et cent ans de poésie française. Paris 1991. dank der das Ich lesbar wird wie ein Text. da sie sich auf eine äußere Stütze. die mit den Worten schließt: Vai t’en chansos. so dass vieles in einer geschriebenen Rede aufgrund der Abwesenheit des Autors. sondern gleichsam sich selbst in vollem Ernst und unausweichlich gegenübersteht. statt das Vergessen zu befördern. etwa bei dem von Dante so geschätzten Arnaut Daniel. Klarheit schaffen. 154. no-i meir’ Arnautz s’ententa. De la Séquence de Sainte Eulalie à Jean Genet. für die diese Rede nicht bestimmt sei. Kanzone. Auffälligstes Beispiel solcher Verkörperung oder ‚Verkörperlichung‘ ist sicherlich die Verwandlung des Gedichts in einen Boten. während die mündliche Rede sich an einen ausgewählten Kreis von Adressaten richte. der Geliebten zu begegnen. 18 . sie schwäche das Gedächtnis. beim zweiten Mal weiß und in der letzten Vision wieder rot – oder auch zur Einschreibfläche. eigene Form der Unmittelbarkeit erzeuge. Während Platon im Phaidros (274c-278b) an der Schrift erstens moniert. erst die Schrift könne. dank dieser Ablösung und der damit möglichen Reflexion. Hrsg. Und auch der Kritik. steht entgegen. eben weil es nicht mehr im Spiel der höfischen Geselligkeit. von BERNARD DELVAILLE. So werden nicht nur die Körper zu Zeichen – etwa wenn Beatrice anfangs rot gekleidet erscheint.184 Barbara Kuhn position von Körper und Schrift. das geschriebene Gedicht entstehe eben aus der Erinnerung und halte das Bild lebendig. wäre es nicht für sie gewesen. dass die konkrete Situation der Begegnung gerade die Rede verhindert. geh zu ihr. auch die Schrift wird zu Körper. sie anzuschauen. wie sie die große Entschuldigungs-ballata inszeniert und dabei weit über jene Wendung an die Kanzone hinausgeht. („Brich auf. der nicht mit dem Ernst seiner ganzen Person für die vorgebrachte Lehre einstehen müsse.

Was beim Blick auf das einzelne Gedicht als Manko erscheinen könnte – die Notwendigkeit des Boten aufgrund der Unfähigkeit zum Geständnis –. daß deine Verse wie ein Mittler seien. S. Hrsg. verbirgt sie das Verbergen. . „Aber mach. Zeichenschrift. vermag sie das Verstummen in der Situation der Unmittelbarkeit zu überwinden und verschafft sie Klarheit über das eigene Ich. und entsprechend dieser Auffassung von der Lyrik als Medium wendet sich statt des Ich die ballata an die donna (vgl. wie WALTER HAUG schreibt.Körperzeichen. „eine Schranke zwischen Innen und Außen. die eine nova cosa besingt. 30. sich jedoch an eine falsche Adressatin richtet. dass Innen und Außen. 28) als Hinweis auf die herbeizitierte. Eine Untersuchung zum Diskurswandel der Liebesdichtung von den Provenzalen bis zu Petrarca. Auch hier entsteht die Schrift aus der Erinnerung und hält das Bild lebendig. aber zugleich. sie entlarvt aber diesen Gehorsam bis in den Tod als Topos.21 So erlaubt das Gedicht als schermo oder ‚Schutzschild‘ die in der konkreten Situation festgelegten Möglichkeiten aufzufächern. hier S. WALTER HAUG: Das Geständnis. sondern seinen Tod verlangen. sì che tu non parli a lei immediatamente. relativiert sich beim Blick auf den gesamten Text. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelalter. eben weil sie erscheinender Körper ist. Schriftkörper 185 der Unmittelbarkeit zum Anlass für das Gedicht. V. eröffnet sich eine Vielzahl von Möglichkeiten für alle Aspekte der Kommunikation. S. von HORST WENZEL. 23-41. nicht übereinstimmen20. im Widerstreit sind. weil sie als Schriftkörper gerade den Körper des Ich überflüssig macht. so. zwischen Leidenschaft und Bekenntnis“ bleibt. dass. als „Verkörperung der Botschaft“. sollte sie nicht verzeihen. 241-248. MICHAEL BERNSEN: Die Problematisierung lyrischen Sprechens im Mittelalter. das selbstbewusst als neues Dichten präsentiert wird. als eine canzonetta novella. vor allem wird sie selbst als Botin. indem sie zwar das Innen nach außen dringen lässt. das Botengedicht zu verfassen und auf den Weg zu schicken: Queste parole fa che siano quasi un mezzo. anders als beim beide vermittelnden Geständnis. Berlin 1997 (Philologische Studien und Quellen 143). Nicht nur thematisiert die oben zitierte Kanzone.19 Eben diese Reflexion greift die Vita nuova auf und integriert sie in einen umfassenden Zusammenhang: Es ist Amor. Möglicherweise ist auch der Provenzalismus smagato (V. der dem liebenden und dichtenden Ich den Auftrag gibt. XII. zum Sinnbild dafür. in dem der treue Diener. Umgekehrt vervielfältigt sich in den für den 19 20 21 Vgl. dass das Außen und Innen. der sich als Verhüllung zwischen die Liebenden stellt. was sich nicht ziemt“). Schon die ballata selbst evoziert mit Worten wie servir und ben servidore den Minnedienst. daß du nicht unmittelbar zu ihr sprichst. Denn gerade indem der Schriftkörper an die Stelle des eigenen Körpers gesetzt wird. das sich selbst fremd – altro che prima – geworden ist. auch in diesem Punkt gehorchen werde. aber bereits verlassene Welt der Trobadorlyrik zu verstehen. die Schrift wird Körper. die vista und ’l core. 18-24). Liebe und Risiko in Rede und Schrift. Tübingen 2001 (Beihefte zur Zeitschrift für Romanische Philologie 313). In: Gespräche – Boten – Briefe. che non è degno (XII.

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anderen, aber doch über die eigene Trauer geschriebenen Gedichten das sprechende Ich, so dass das Sonett wie ein vom Ich abgelöster Körper wird, der unabhängig von ihm als seinem ‚Autor‘, losgelöst von der Situation des Redenden weiterleben kann22. Als ein solches vom einmaligen Anlass sich lösendes Objekt war bezeichnenderweise bereits das erste Sonett der Vita nuova eingeführt worden, das, gerichtet an andere Dichter mit der Bitte um ein Urteil, die Funktionen eines Briefs übernimmt: Es geht von vornherein als ein Körper aus Schrift in den Text ein und transzendiert die in der Folge der Begegnungen evozierte Situation der Unmittelbarkeit und der Mündlichkeit; mehr noch, es wird zum Zeichen für die Schrift selbst, in deren Zeichen die ganze Liebesgeschichte steht. Und selbst dort, wo das Ich in eigenem Namen spricht, wo es der donna die Zerrissenheit seines zwischen Innen und Außen gespaltenen Ich schildert, löst sich die Schrift gewordene Rede vom Ich selbst ab, werden die Sonette zu Erzählern, zu narratori di tutto quasi lo mio stato (XVII), den die mündliche Rede ebenso wenig wie der eigene Körper zuverlässig und umfassend vermitteln kann. Freilich ist mit solchem nach außen verlagerten Erzählen des Innen, mit der Zerrissenheit des Ich zwischen seinem Empfinden und seinem Körper und mit der Schrift als anderem Körper, der den Körper der anderen supplementiert, nicht eine Vereinnahmung von Dantes Text als Beispiel für ‚neuzeitliche Subjektivität‘, für ein ‚modernes, gespaltenes Individuum‘ gemeint; vielmehr steht hinter den vorgestellten Überlegungen der Gedanke, dass sich zu jeder Zeit „das Subjekt in seinem Konfliktcharakter als Grenzraum sich gegenseitig in Frage stellender Erkenntnis- und Wertbereiche definiert“ und folglich „die Geschichte der Subjektivität wesentlich im Neubestimmen und Neuverhandeln solcher Grenzen und Wertsphären“ besteht.23 Vor einer modernistischen Vereinnahmung ebenso wie vor einer eindimensionalen teleologischen Lektüre warnt in – zumindest aus heutiger Sicht – fast ironischer Weise eine letzte Körperinschrift kurz vor Ende des Textes. Die gentile donna giovane e bella molto (XXXV), die den Trauernden voll Mitleid aus ihrem Fenster anblickt, zeigt nicht nur selbst in ihrer Blässe die Zeichen der Liebe – d’un colore palido quasi come d’amore (XXXVI) –; auch das

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„Die Rede von der ‚Situation‘ des Redenden zu abstrahieren, sie ‚für sich‘ zu betrachten, verhindert die Präsenz des Sprechers. Das gilt nicht mehr für die verschriftete Rede, weil der ‚Autor‘ sich von ihr entfernt, ja durch diese Entfernung überhaupt erst als ‚Autor‘ konstituiert wird“. WENZEL (Anm. 12), S. 205. ROLAND HAGENBÜCHLE: Subjektivität: Eine historisch-systematische Hinführung. In: Geschichte und Vorgeschichte der modernen Subjektivität. Hrsg. von RETO LUZIUS FETZ/ROLAND HAGENBÜCHLE/PETER SCHULZ, Bd. 1, Berlin, New York 1998 (European cultures 11), S. 1-88, hier S. 14.

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Ich selbst erfreut sich bald zu sehr an ihrem Anblick und tadelt sich in seinem Herzen dafür: li miei occhi si cominciaro a dilettare troppo di vederla; onde molte volte me ne crucciava nel mio cuore ed aveamene per vile assai (XXXVII; „meine Augen begannen, sich bei ihrem Anblick allzusehr zu ergötzen; weswegen ich mich viele Male in meinem Herzen bekümmerte und mich für recht nichtswürdig hielt“). Unter erneuten sospiri […] grandissimi e angosciosi kommt es wieder zu einem inneren Kampf, zu einer battaglia che io avea meco, und wieder zu einer orribile condizione (XXXVII), vor der folglich die „Entkörperlichung der Dame“ und die Verlagerung der beatitudine vom Körper zur Schrift nicht definitiv zu schützen vermochten. Hier steht nichts mehr fest, die battaglia de’ pensieri ist ebenso wenig ausgefochten wie die Position des pro und contra. Alles muss erklärt werden, weil alles vieldeutig wird: Das Gedicht spricht von einem Gentil pensero, doch der edle Gedanke ist zugleich niedrig, die einstigen Gegenbegriffe fallen zusammen: dico ‚gentile‘ in quanto ragionava di gentile donna, ché per altro era vilissimo (XXXVIII; „und ich sage ‚hold‘, nur soweit er von einer holden Frau sprach, denn im übrigen war er äußerst erbärmlich“); umgekehrt scheint das in cuore cioè l’appetito („[Herz], das heißt [...] Begehren“) und anima cioè la ragione („Seele, das heißt die Vernunft“) gespaltene Ich einmal für und einmal gegen das Herz zu sprechen und muss erklären, was im einen und im anderen Fall mit den identischen Begriffen gemeint ist (XXXVIII). Mühsam wird die Zerrissenheit des Ich noch einmal eingeholt, indem diesem unorthodoxen Hin und Her die doxa antwortet: Der malvagio desiderio wird verjagt; das Herz bereut bitter, der Beständigkeit der Vernunft Widerstand geleistet zu haben, und das Ich schämt sich für seine begehrlichen Augen; der desiderio malvagio und die vana tentazione müssen zerstört werden, doch weil das ganze religiöse Vokabular offenbar nicht ausreicht, um einem erneuten Brechen der Dämme der Vernunft Vorschub zu leisten, bedarf es der körperlichen Einschreibung, die nicht nur, dem religiösen Diskurs gemäß, mit den Folterqualen der Märtyrer verglichen wird und auf das Prinzip des contrappasso in der Commedia vorausweist:
li miei occhi pareano due cose che disiderassero pur di piangere; e spesso avvenia che per lo lungo continuare del pianto, dintorno loro si facea uno colore purpureo, lo quale suole apparire per alcuno martirio che altri riceva. Onde appare che de la loro vanitade fuoro degnamente guiderdonati; sì che d’allora innanzi non potero mirare persona che li guardasse. (XXXIX) meine Augen [schienen] zwei Gebilde [...], die nur noch weinen mochten; und oft geschah es, daß sich infolge des langen ununterbrochenen Weinens um sie herum ein purpurroter Rand bildete, wie er gewöhnlich dann auftritt, wenn einer ein Martyrium erduldet. Daraus ergibt sich, daß ihnen ihre Eitelkeit angemessen heimgezahlt wurde; so daß sie von da an niemanden mehr betrachten konnten, der sie [...] anschaute.

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Der rechte Lohn, der hier die gerechte Strafe meint, deutet zugleich auf das Vokabular der Trobadorlyrik und in dieser Umwendung einmal mehr, ebenso wie die Verschiebung der merzede, der gewährten Huld, von der donna auf Amor,24 auf die Veränderung gegenüber dem traditionellen Minnesang, da dieses Ich keinen guiderdone mehr von seiner donna erwartet oder auch nur erfleht, im Gegenteil: Mit seinen Stigmata, den rot geränderten Augen als dem ins Gesicht geschriebenen Lohn, kann es sich keiner donna mehr präsentieren; der gemarterte Körper schützt vor dem begehrten Körper und, mehr noch, vor dem Begehren tout court. Signifikanterweise aber geschieht dieses Einschreiben in den Körper, durch das das unversehens wieder Aufgebrochene notdürftig gekittet wird, gerade nicht durch die Vernunft, sondern durch die Einbildungskraft, eine forte imaginazione, die sich mit einer erneuten Erscheinung Beatrices wie am ersten Tag machtvoll gegen den Widersacher erhebt:
Contra questo avversario de la ragione si levoe un die, quasi ne l’ora de la nona, una forte imaginazione in me, che mi parve vedere questa gloriosa Beatrice con quelle vestimenta sanguigne co le quali apparve prima a li occhi miei; e pareami giovane in simile etade in quale io prima la vidi. Allora cominciai a pensare di lei; e ricordandomi di lei secondo l’ordine del tempo passato, lo mio cuore cominciò dolorosamente a pentere de lo desiderio a cui sì vilmente s’avea lasciato possedere alquanti die contra la costanzia de la ragione. (XXXIX) Gegen diesen Widersacher der Vernunft erhob sich eines Tages, beinah zur neunten Stunde, in mir eine mächtige Erscheinung, denn es war mir, als sähe ich die glorreiche Beatrice in denselben blutroten Gewändern, in denen sie sich meinen Augen beim ersten Mal gezeigt hatte; und sie erschien mir jung, im gleichen Alter, in welchem ich sie das erste Mal gesehen hatte. Da begann ich an sie zu denken; und als ich mich ihrer gemäß der Abfolge der vergangenen Zeit erinnerte, begann mein Herz schmerzlich das Begehren zu bereuen, dem es sich wider die Standhaftigkeit der Vernunft einige Tage so schmählich hingegeben hatte.

Erst das Er-Innern Beatrices bringt den Konflikt zwischen Begehren und Vernunft zum Schweigen; erst das Imaginieren, das Vor-Augen-Stellen des Körpers von Beatrice schafft den ersehnten Einklang von Begehren und Vernunft oder sospiri und pensieri. Erinnerung und Imagination fungieren als die zentralen Kräfte in dieser neuen ‚Schrift der Liebe‘, die die Vita nuova ist, wie auch die am Ende erzählte Rückkehr zur ersten Erscheinung Beat24 Wie sich die Seligkeit vom Anblick der Dame auf das Schreiben des Gedichts verschoben hat, wird als Signal für diese Verschiebung die gewährte Huld von der donna auf Amor verlagert: lo mio segnore Amore, la sua merzede, ha posto tutta la mia beatitudine in quello che non mi puote venire meno (XVIII; „mein Gebieter Amor – Dank sei es ihm [bzw. in seiner Huld] – [hat] alle meine Seligkeit in das verlegt, was mir nie geschmälert werden kann“).

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rices und damit zum Beginn des Textes zeigt. Das Kommentieren der jeweils entstandenen Gedichte, die schriftauslegende Schrift, erlaubt, das Er-Innerte secondo l’ordine del tempo passato nicht zu wiederholen, aber doch wiederzuholen und nun, ora, dank dieser Liebe der Schrift, dank der Imagination in einer neuen Weise, anders als allora, zu lesen (vgl. III). Der Prozess, den die Vita nuova vorführt, scheint demnach komplexer zu sein als einfach in einer „Entkörperlichung der Dame“ zugunsten christlicher Metaphysik (nach KABLITZ) oder einem „Abschied vom Körper“ zugunsten der Entstehung von Literatur (nach GUMBRECHT) zu bestehen: Auf nahezu jeder Seite des libello befinden sich Körper und Schrift in einem Widerstreit, und dieses Problem wird, wie die erneute Gefährdung durch die donna gentile am Ende zeigt, nicht durch die „paradoxe Integration einer Transgression“ gelöst, durch die „Entkörperlichung der Dame“, dank der der prekäre „Brückenschlag zwischen der metaphysischen Ordnung und einer Erklärung der außergewöhnlichen Passion für die exklusive Dame“ gelänge.25 Was der Text vielmehr überschreitet, was sich im Schrift gewordenen Reden über die Liebe gerade auflöst, statt zementiert zu werden, sind die scheinbar klaren Grenzen von Körper und Schrift, indem durch die Liebe der Körper zu Schrift, die Schrift der Liebe selbst aber Körper wird, corpus oder volumen,26 das die vom Tod gesetzten Grenzen überwindet.

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ANDREAS KABLITZ: Petrarcas Lyrik des Selbstverlusts: Zur Kanzone Nr. 360 – mit einem Exkurs zur Geschichte christlicher Semantik des Eros. In: Geschichte und Vorgeschichte der modernen Subjektivität. Hrsg. von RETO LUZIUS FETZ/ROLAND HAGENBÜCHLE/PETER SCHULZ, Bd. 1, Berlin, New York 1998 (European cultures 11), S. 567-611, hier S. 602-603. Vgl. WOLFGANG HÜBNER: Volumen. Zur Metaphorik der Buchrolle in der Antike und bei Michel Butor. In: Vir bonus dicendi peritus. Festschrift zum 65. Geburtstag von Alfons Weische. Hrsg. von BEATE CZAPLA/TOMAS LEHMANN/SUSANNE LIELL, Wiesbaden 1997, S. 153-174, hier S. 188 und S. 191.

Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations. Mit einem Nachwort zur Taschenbuchausgabe 1998. The primary reception of German literature 800–1300. Der Buchdruck gilt als einer der bedeutendsten Marker für die Epochenschwelle zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit. und 16. S. Viele Argumente z. wurden im Mittelalter schon als Vorteile der Schriftlichkeit gegenüber der Mündlichkeit vorgebracht. Kultur und Gedächtnis im Mittelalter. B. M. . die die Zeitgenossen im 15.und Kommunikationstechnologien“1 im Europa der Frühen Neuzeit ist bekanntlich wesentlich an die Erfindung und Ausbreitung des Buchdrucks gebunden.LUDGER LIEB Minne schreiben Schriftmetaphorik und Schriftpraxis in den ‚Minnereden‘ des späten Mittelalters Die „Durchsetzung neuer Informations. 12-14.3 – diese Zäsur findet ihre Vorgeschichte in dem ebenfalls langwierigen Prozess des Übergangs der mittelalterlichen Kultur von einer dominant oralen zu einer dominant skripturalen Kultur. 16. Problematisch für die Erforschung dieses Übergangs zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit ist unter anderem der Umstand. Jahrhundert als Vorteile des Buchdrucks ausgegeben haben. Gleichzeitig ist vielfach bemerkt worden. HORST WENZEL: Hören und Sehen. dass diese Medienrevolution der Frühen Neuzeit ein komplexer und langwieriger Prozess ist. mit ihrer Popularisierung und Demokratisierung textueller Kommunikation. dass die Produk1 2 3 MICHAEL GIESECKE: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. in der – mit HORST WENZEL zu sprechen – Texte vorwiegend mündlich und unter Anwesenden in Räumen wechselseitiger Wahrnehmung kommuniziert wurden. Cambridge 1994. Frankfurt a. dessen Anfänge weit ins Mittelalter zurückreichen. Schrift und Bild..2 Die Zäsur also zwischen Buchdruck und Handschrift. GREEN: Medieval Listening and Reading. S. DENNIS H.und Kommunikationstechnologien. 1998. München 1995. mit ihrer Distanz vom Körper) und der mittelalterlichen Manuskriptkultur auf der anderen Seite. zwischen der Kultur des ‚Gutenbergzeitalters‘ auf der einen Seite (mit ihrer anonymen Distribution und anonymen Rezeption von Texten.

Öffentlichkeit. „daß sich die Volkssprache als schriftliches Medium der Laienkultur erst im XV. Jahrhundert konstituierte“.].). Planung. In: Schriftlichkeit im frühen Mittelalter. 158-174. S. Jahrhunderts) „immer etwas ausgesprochen sein [. Band 1: Von der Antike bis zum Buchdruck. kaum Emotionalität. Berlin 1998 (Philologische Studien und Quellen 148). Tübingen 1993 (ScriptOralia 53). GIESECKE (Anm. Schon für die Heldenepen und Romane des Hohen Mittelalters wird man eine solch konzeptionelle Schriftlichkeit sicher annehmen dürfen (S. Hrsg.. Jahrhundert. Die Schriftlichkeit eines solchen Textes ist eine ‚konzeptionelle Schriftlichkeit‘. 1). in dem das Potenzial der Schrift benutzt wird. Berlin. New York 2005. wenn sie – meist eher zufällig – im Netz der Schrift hängen geblieben sind. 159. Studien zu ihrer Ästhetik. hier S. keine Kooperationsmöglichkeit des Rezipienten etc. 267–292.oder beschrieben werden konnte. das sich vor allem als hoher Grad an kommunikativer Distanz manifestiert (Situationsabstraktheit. 274f.8 Es gab zwar schon früher auch den selbst schreibenden Textproduzenten – gerade den großen Gelehrten des Hohen Mittelalters ist dies wohl nicht abzusprechen 4 5 6 7 8 Vgl. bes.. dass bestimmte Texte – die durchaus auch mündlich vorgetragen werden – Ergebnisse eines konzeptionell fundierten Prozesses sind.). 272). Vgl. Verschriftlichung meint dagegen. auch für einen großen Teil der Lyrik.. München 1983 (Beiträge zur Archäologie der literarischen Kommunikation 1). S.6 Doch konzeptionelle Schriftlichkeit bedeutet nicht auch schon. S. . Reflexion. die WULF OESTERREICHER terminologisch mit Verschriftung und Verschriftlichung bezeichnet hat.5 Verschriftung meint die Tatsache. 346: Zunächst musste (in der Gelehrtenkultur des 15. „daß ein gegebener Wortlaut [. WULF OESTERREICHER: Verschriftung und Verschriftlichung im Kontext medialer und konzeptioneller Schriftlichkeit. Aus diesem Grund ist hier – gerade für die volkssprachliche Literatur des Mittelalters – jene Differenz so wichtig. Hildebrantslied als Beispiel anführen). dass der Übergang vom Schreiben als Diktieren mündlicher Rede zum Schreiben als eigener Textproduktion des Verfassers sich erst im Spätmittelalter allmählich vollzog und dass sich mit diesem Übergang auch die Funktion des Schreibens veränderte.. Hrsg. 171. OTTO LUDWIG betont in seiner Geschichte des Schreibens.192 Ludger Lieb te mündlicher Kommunikation flüchtig sind4 und sich nur dann nicht vollständig verflüchtigt haben. 170-186. dass die Verfasser ihre Texte selbst schreibend verfassten. von ALEIDA ASSMANN/JAN ASSMANN/CHRISTOF HARDMEIER. Vgl. HANS-ULRICH GUMBRECHT: Schriftlichkeit in mündlicher Kultur.] ins graphische Medium transferiert wird“ (S. S. 4). bevor es in einem sekundären Transformationsprozeß ge. In: Schrift und Gedächtnis. Die Schriftlichkeit eines solcherart verschrifteten Textes ist daher nur medial (man könnte in gewisser Hinsicht das ahd.“ OTTO LUDWIG: Geschichte des Schreibens.7 vielmehr bestand die Benutzung der Schrift im Mittelalter weitgehend im Diktieren. Vgl. THOMAS CRAMER: Waz hilfet âne sinne kunst? Lyrik im 13. auch die These von GUMBRECHT (Anm. S. von URSULA SCHAEFER. also in einer Trennung von Textproduzent und Schreiber.

vgl. Weimar. Interpretationsskizzen über Zugangsregulierungen und Verschwiegenheitsgebote im Diskurs spätmittelalterlicher Minnereden.Minne schreiben 193 –. welche Funktionen sie dort haben und welche ihnen von diesen Texten zugewiesen werden. Damit möchte ich einen Beitrag leisten zur Erforschung der Skripturalisierung der mittelalterlichen Kultur. doch für die volkssprachliche Literatur adliger Trägerschichten darf man nicht einfach das neuzeitliche Modell des ‚schreibenden Autors‘ voraussetzen.9 Im vorliegenden Beitrag möchte ich der Frage nachgehen. von MICHAEL SCHILLING/PETER STROHSCHNEIDER. Heidelberg 1996 (GRM-Beiheft 13). 67-92. Hrsg. 12 Um diesen Aspekt des schriftlich überlieferten Textes hat sich die Mediävistik in den vergangenen Jahrzehnten zurecht sehr verdient gemacht. Sp. Tübingen 2001. WALTER BLANK: Die deutsche Minneallegorie. Hrsg. INGEBORG GLIER: Artes amandi. .11 nicht um den unvollständigen Status schriftlicher Texte des Mittelalters. 10 Vgl. Gestaltung und Funktion einer spätmittelalterlichen Dichtungsform. Das gilt wohl auch. 11 Eine solche Rekonstruktion wurde von mir und andern verschiedentlich unter den Begriffen der Anschlusskommunikation oder der Minnereden-Kommunikationsgemeinschaften versucht. DIETMAR RIEGER: ‚Chantar‘ und ‚faire‘. Stuttgart 1970 (Germanistische Abhandlungen 34). Untersuchung zu Geschichte. JANDIRK MÜLLER: Ritual. die kodifizierte. hier Sp. Köln. S. Sprecherfiktion und Erzählung. von UTE VON BLOH/ARMIN SCHULZ. B. die sich im Spannungsfeld von mündlicher Kommunikation.10 der umfangreichsten Gattung weltlicher Dichtung des deutschen Spätmittelalters. In: Das Öffentliche und Private in der Vormoderne. 43-76. hier S. thematisiert werden. S. Schreiben war bis ins 13. dass sich alle anderen Dichter nicht als Schreiber verstanden (dass sie sich nicht als ‚tugendhaft‘ verstanden. denkbare Formen der performance für Minnereden zu rekonstruieren. Wien 1998. Überlieferung und Typologie der deutschen Minnereden. 427. Jahrhundert hinein noch eine dienende Tätigkeit. B. Zum Problem der trobadoresken Improvisation. Literarisierungstendenzen im späteren Minnesang. S. PAUL ZUMTHOR: The Text and the Voice. Verzeichnis der Handschriften und Drucke. 1138-1141. Schreiber zu sein ist ein Differenzkriterium gegenüber anderen Dichtern. – Ex negativo lässt sich die dienende Rolle des Schreibens auch am Autornamen „Der Tugendhafte Schreiber“ ablesen. von GERT MELVILLE/PETER VON MOOS. Kommunikationsformen und Gattungsinterferenzen mittelhochdeutscher Lyrik. S. In: 2VL 9 [1995]. z. mittelniederdeutsche und mittelniederländische Minnereden.: Minnesang und Literaturtheorie. indiziert. 423-435. Dass ein Dichter mit eigenem Œuvre in der Manessischen Liederhandschrift (und als Teilnehmer am Wartburgkrieg) einen solchen Namen (mit dem nicht gerade spezifischen Epitheton ‚tugendhaft‘) trägt. 1138). wenn ‚Schreiber‘ eine „Berufsbezeichnung“ wäre (GISELA KORNRUMPF: Der Tugendhafte Schreiber. München 1971 (MTU 34). Hrsg. kann man wohl ausschließen). In: New Literary History 16 (1984/85). LUDGER LIEB/PETER STROHSCHNEIDER: Die Grenzen der Minnekommunikation. München 1968 (MTU 25). Es wird nicht darum gehen. In: Zeitschrift für romanische Philologie 106 (1990). 177-208. 275-305.12 9 Vgl. vgl. In: Wechselspiele. S. wiederabgedruckt in: DERS. neben vielem anderen z. was der Verfasser – unter Benutzung der Schriftlichkeit – stimmlich produzierte. wie ‚Schreiben‘ und ‚Schrift‘ in den Minnereden. konzeptioneller Schriftlichkeit und Schreiben als eigenhändiger Textproduktion vollzieht. TILO BRANDIS: Mittelhochdeutsche. die (wahrscheinlich) ‚ursprünglich‘ für Aufführungssituationen verfasst wurden.

dass sie in Reimpaarversen abgefasst. Germanistische Mediävistik. Über 500 verschiedene Minnereden sind überliefert. Bern 2003 (Jahrbuch für Internationale Germanistik. Reihe C. die Petrarca dem eigenhändigen Schreiben zumisst. Berlin. Ein Intellektueller im Europa des 14.13 Die so genannten Minnereden bilden eine sehr umfangreiche Textmasse. Drittens soll eine Einführung in mehreren Durchgängen das Textkorpus unter inhaltlichen und funktionalen Aspekten erschließen und dabei wichtige Aspekte und Faszinationstypen der ‚Minne-Kultur‘ des 14. einen Vergleich zwischen den Verfassern von Minnereden und Petrarca zu ziehen. LUDGER LIEB: Umschreiben und Weiterschreiben. Berlin. In: Die Burg im Minnesang und als Allegorie im deutschen Mittelalter. Jahrhunderts erarbeiten. 1–17. zur Einführung meinen Artikel: Minnerede. Umfangreiche Register werden diese Datenmassen erschließen. Gemeinsam ist ihnen inhaltlich das Thema Minne. In: Texttyp und Textproduktion in der deutschen Literatur des Mittelalters. LUDGER LIEB/OTTO NEUDECK: Zur Poetik und Kultur der Minnereden. Forschungsberichte 6). S. Überlegungen zur Spannung zwischen institutionellem Raum und kommunikativer Offenheit in den Minnereden. Allegorie und Exemplarik (Minnereden sind also keine Romane oder Mären). 198. 8]. Berlin. Hrsg. Zweitens gehört eine Edition zu diesem Handbuch. Wien 2003. sondern Reflexion. Formal zeichnen sie sich dadurch aus. 10). 197-255. Verfahren der Textproduktion von Minnereden. Bd. New York 2005 (Trends in Medieval Philology 7). Der vorliegende Aufsatz versteht sich als Vorarbeit zu einem solchen Aspekt („Medien der Liebe“). sowie den vorzüglichen Forschungsbericht von WOLFGANG ACHNITZ: Minnereden. vgl. von DENS. S. von HARALD FRICKE. S. München. von JACOB KLINGNER und LUDGER LIEB). sie sind auch meist viel umfangreicher) und dass in ihnen nicht das Erzählen im Vordergrund steht. von ELIZABETH ANDERSEN/MANFRED EIKELMANN/ANNE SIMON. sondern auch der personalen Identitätsstiftung des adligen oder stadtbürgerlichen Dilettanten diente. Dieses Werk. Jahrhunderts.und Kulturgeschichte 40). Berlin 2000. das voraussichtlich 2008 bei de Gruyter.14 deren überraschend großes Potenzial für kulturwissenschaftliche und philologische Fragen derzeit in einem von der Fritz Thyssen Stiftung finanzierten Projekt an der TU Dresden erschlossen wird. Hrsg. 139-160. S. Hrsg. auch dem Produzieren von Minnereden zubilligen: Schreiben als „Akt der Selbstprüfung und Selbsthilfe“. also nicht sangbar sind (Minnereden sind keine Minnelieder. Frankfurt a. in Rekurs auf KARLHEINZ STIERLE: Francesco Petrarca. 2. M. Vorarbeiten zu anderen Aspekten wurden bereits publiziert. LUDGER LIEB/PETER STROHSCHNEIDER: Zur 14 15 . Hrsg. umfasst erstens eine völlige Neubearbeitung des Repertoriums von BRANDIS (Anm. In: Triviale Minne. 601604. 396f.). die eine repräsentative Auswahl verschiedenster Minnereden für Forschung und Lehre bereitstellt. doch mit vielen Abstrichen kann man die Bedeutung. Konventionalität und Trivialisierung in spätmittelalterlichen Minnereden.. 2006 (Kultur. Literatur. Memorieren und Vorlesen von langen und komplexen Texten verwendet werden konnte. S.15 Dieses Projekt hat 13 Man mag sich aus einsichtigen Gründen scheuen. von HANS-JOCHEN SCHIEWER unter Mitarbeit von JOCHEN CONZELMANN. Ziel dieses von mir geleiteten Projekts ist die Publikation eines Handbuchs Minnereden (mit Auswahledition). Beiträge zur Mittelalterforschung 10). 143–161.194 Ludger Lieb sondern um die Entdeckung der Schrift als eines Mediums. ja der „Selbstkonstitution“ (LUDWIG [Anm. etwa JACOB KLINGNER/LUDGER LIEB: Flucht aus der Burg. vgl. das durch detaillierte Überlieferungsbeschreibungen und ausführliche Inhaltsangaben ergänzt wird. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Wissenschaft. Hrsg. In: Forschungsberichte zur Internationalen Germanistik. mehr als die Hälfte davon in mehreren Handschriften. New York erscheinen wird (hrsg. New York 2006 (Quellen und Forschungen zur Literatur. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. S. Eine Einleitung. Didaxe. S. und 15. das nicht nur als Hilfmittel für das Verfassen. von RICARDA BAUSCHKE.

). S. Schriftmetaphorik 1. deren Erforschung sich allerdings im wesentlichen ebenfalls auf intradiegetische Phänomene stützen muss (III. 145r-148r. denn ihm ist von dem Schein eurer klaren Augen der rechte Urgrund der Liebe in sein Herz hineingeschrieben. 1. Was soll ich nun noch weiter davon sagen? Er tut. British Library. das Material für den vorliegenden Aufsatz zu bergen und auf diese Weise zu präsentieren. von ECKART CONRAD LUTZ/JOHANNA THALI/RENÉ WETZEL. h. Schreiben als Sich Einschreiben: ‚Schreiben ins Herz‘ In der Minnerede mit dem Forschungstitel Glückliche Werbung wirbt das personifizierte Glück als Bote des männlichen Ich-Sprechers um die Gunst der Dame. Ms.). 109-138.16 Gegliedert habe ich die Beispiele in drei große Gruppen: zunächst die Beispiele für eine Metaphorik von Schreiben und Schrift (I. Um die Authentizität der Liebe seines Mandanten zu bezeugen. Konventionalität und Konversation. London. Hrsg. V. in der erzählten Welt vorkommenden Formen der Schriftlichkeit und des Schreibens (II. 97-104)18 Ich weiß das ganz sicher. 16 17 18 . argumentiert das Glück folgendermaßen:17 Ich wais das woll furwar Das er nit wenckt als vmb ain har Aus ewr lieb zuo kainer stund Wann im ist rechter lieb grundtt Geschriben in das hertze sein Von ewrn clarn ewglen schein Was soll ich nw sprechen mer Er tuot nach ewrs hertzen ger (V. Ich danke herzlich meinen Mitarbeitern JACOB KLINGNER und CHRISTOPH HAGEMANN für Hilfe und Rat.Minne schreiben 195 es überhaupt ermöglicht. 97-104. wie euer Herz es will. dass er sich in der Liebe zu euch nie auch nur ein kleines bisschen unsicher wird. 231: Glückliche Werbung. sodann die intradiegetischen. d. fol. Die Hervorhebungen in diesem und in allen folgenden Zitaten stammen von mir. unediert. BRANDIS (Anm. Das Ende des Aufsatzes bildet eine zusammenfassende Perspektivierung der Minnerede im Kontrast zur Liebeslyrik (IV. Nr. schließlich die Praxis des Schreibens von Minnereden selbst (Minnereden als schriftlich verfasste Texte).). Konventionalität der Minnerede.a. In: Literatur und Wandmalerei II. Eine Skizze am Beispiel von des Elenden Knaben ‚Minnegericht‘. 10).). 24946. Tübingen 2005. Add.

43–46) Darum schreibe. Schreiben ist ein Hineinschreiben. (V. sed in tabulis cordis carnalibus. in das Zentrum des Menschen. vgl. es ist nicht ein Schreiben auf ein Trägermedium. 164: Neujahrsgruß auf 1444. das auch ein Bild für ihre ‚HartHerzigkeit‘ sein könnte. Mein stätten dienst also b e s c h r e i b In deines hertzen marmelstain. meine allerschönste Frau. Leipzig 1840 (Bibliothek der gesammten deutschen National-Literatur 8). damit das Geschriebene dort im Herzen unauslöschlich sei. Das alttestamentliche Bild wird im neuen Testament aufgenommen. 128-155. Vom Wohnen im Herzen [zuerst 1970]. sondern ein Schreiben unmittelbar ins Herz. d.3: Gott schreibt mit den Fingern des Hl. von CARL HALTAUS. BRANDIS (Anm.196 Ludger Lieb Anthropologisch gesehen hat die Metaphorik einer solchen ‚Herzschrift‘ mindestens zwei Dimensionen:19 Erstens wird Schreiben hier zu einem Akt der Verinnerlichung. 1 und 135f. 20 . bedarf es weiterer Beweise nicht. so dass sie dort im hermeneutischen Innenraum ihres Herzens unauslöschlich immer wieder gelesen werden können. Berlin 1966. Geistes non in tabulis lapideis. Mit rechter lieb mich wider main. Eine neue Dimension fügt das folgende Zitat aus einem Neujahrsgruß hinzu. mein aller schönstes weib. Das marmorne Herz der geliebten Dame.B. Quedlinburg. hier S. FRIEDRICH OHLY: Cor amantis non angustum. II 37. Nr. „nicht auf steinerne Tafeln. Neudruck mit einem Nachwort von Hanns Fischer. Und zweitens ist es ein Festschreiben. Und denke deinerseits mit rechter Liebe an mich. Genauerhin schreibt die Dame hier in den Marmor ihres Herzen den Dienst des Mannes. wird hier umcodiert: Der Marmor des Herzens wird zum unvergänglichen Trägermedium einer Schrift. Der Vers 103 (Was soll ich nw sprechen mer?) lässt sich in dieser Hinsicht verstehen: Weil es geschrieben steht. Nr. hier kann geschrieben und gelesen werden. sondern auf die fleischlichen Tafeln des Herzens“.: Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung. 14. sie schreibt die Taten des Mannes auf. h. Edition: Liederbuch der Clara Hätzlerin. meinen beständigen Dienst in den Marmor deines Herzens. Hrsg. z. dass mit ihr auch die Forderung nach 19 Zum biblischen Bild vom ‚Schreiben ins Herz‘ vgl. Das Bild des Einschreibens ins Herz impliziert aber auch die Vorstellung einer Medialisierung des Herzens zu einem hermeneutischen Innenraum: Das Innere des Menschen wird zum Ort hermeneutischer Akte. 10). 130 mit Anm. Darmstadt 21983. In: DERS. S. Die archivalische Funktion eines solchen ‚Dienstaufschreibe-Apparats‘ findet ihren Sinn nicht zuletzt darin. 2 Kor 3. mit Anm. in dem dieser Aspekt des Festschreibens noch gesteigert wird:20 Darumb. so dass die Schrift und die Aussage der Dienstversicherung dauerhaft in ihrem Inneren bestehen bleibe und dauerhaft gewusst werde.

21 22 BRANDIS (Anm. Eine interessante Variante der Metapher vom ‚Schreiben ins Herz‘ findet sich in der Minneburg.) eine wichtige Rolle spielt: die Schreibpraxis von Minnereden als Liebespraxis. 1546f. regelrecht zu einer Minne-Bürokratie (auch das ist anthropologisch interessant. Nr. 10). der Grund dafür. 10). . S. dass der Dienst des Mannes die Liebe der Frau als Gegengabe fordert. dass die Frau an den Geliebten denken muss: Hilff daz sie muß gedenken Truwe und allez gutes mir! (V. Edition: Codex Dresden M 68. 485: Die Minneburg. Edition: Die Minneburg.) Auf den Zetteln ihres Herzens zeichne ein unwandelbares Bild von mir! Die metaphorische ‚Verzettelung‘ des Herzens weist bereits auf das voraus.) Du bist mit 100. Nach der Heidelberger Pergamenthandschrift (cpg 455) unter Heranziehung der Kölner Handschrift und der Donaueschinger und Prager Fragmente hrsg. Diese Ökonomisierung der Liebe als Tauschhandel führt z. 123: Liebesbrief. Hier bittet das Ich Frau Minne um Hilfe bei seiner Liebeswerbung:21 In ires hertzen zedeln Entwirf mich sunder wenken! (V. Bearbeitet von PAULA HEFTI. Nr. 44f. München 1980. das Frau Minne in das Herz der Dame hineinschreiben soll (der ‚Entwurf‘).000 Buchstaben in mein Herz eingraviert. mag eine Stelle aus dem fünften Dresdner Liebesbrief zeigen:22 Du pist mir in das hercz begraben Mit hundert tausent buochstaben (V. Hier sei zunächst auf die Funktionslogik der Metapher hingewiesen: Auch hier ist – im Sinne des hermeneutischen Innenraums – das Abbild des Ichs. Zu Grunde liegt hier das für die Minnereden typische Denkmodell. BRANDIS (Anm. 46). 1544f. T.Minne schreiben 197 einer Gegenleistung verbunden ist: Mit rechter lieb mich wider main (V.) Hilf. dass sie mir Treue und alles Gute zudenken muss! Wie sehr die Bildlichkeit des Schreibens ins Herz eine lesbare Schrift aus Buchstaben konnotiert. von HANS PYRITZ. gehört aber nicht hierher). ja dass der dienende Mann die Gegenliebe sogar einklagen könne. Berlin 1950 (DTM 43). was unten (Abschnitt III. 326-328.

235. dass sie sich auf die versiegelte Urkunde (68: brieff) im Falle des Betrugs (70: ob du mich wollest troffiernn. 91-118. 1938 (DTM 41). hat Hans Folz in seiner Minnerede Der neu gülden Traum explizit ausgedrückt. Als die Dame in der Kammer erscheint. im Liebesgespräch des Fröschel von Leidnitz: BRANDIS (Anm. Die Berliner Handschrift Ms. hastu auch in meim abwesen Ye i n d e i m h e r c z e n ü b e r l e s e n : Unser peyder glüpnus und trew. 232. in dem das Geschriebene dauerhaft archiviert und immer wieder abgerufen werden kann. zum innersten Zentrum der oder des Geliebten. 10). 1825. Aufgrund der Vorarbeiten von WILHELM BRAUNS hrsg. Hrsg. o.198 Ludger Lieb Dass der hermeneutische Innenraum des Herzens nicht nur einer ist. 214220. Bd. Jahrhunderts komplett und regelgerecht als Urkunde der Minne gestaltet: BRANDIS (Anm. 3. Hrsg. in dem aufgeschrieben und gelesen wird. Berlin. 24 . z. h.) berufen könne. von HANNS FISCHER. germ. Die Frau begründet ihr Verlangen damit. Nr. Nr. Dublin. Nr. sagt sie als erstes folgendes:23 „eins ich dich fragen muß. Nr. 10). B. 31. in dem geschrieben wird. die in meinem Herzen noch immer neu sind und deren Geltung sich kein bisschen vermindert hat?“ Wie mit den angeführten Beispielen (die noch um viele ergänzt werden könnten) gezeigt werden konnte. So wird eine Minnerede des 14. Sammlung altdeutscher Gedichte. Die Metaphorik kann so dominant werden. 3a. S. 459-463. Hast du auch in meiner Abwesenheit immer in deinem Herzen unser beiderseitiges Gelöbnis und Treueversprechen durchgelesen. Edition: Hans Folz: Die Reimpaarsprüche. jetzt JACOB KLINGNER: ‚Der Traum‘ – ein Überlieferungsschlager? Überlieferungsgeschichtliche Beobachtungen zu einer ‚populären‘ Minnerede des 15. von JOSEPH FREIHERR VON LASSBERG. Schreiben wird zum Akt des unmittelbaren Zugangs zum Herzen. Das Herz wird medialisiert zu einem hermeneutischen Innenraum. Jahrhunderts. Anhang Nr. hier S. S. Sag. von LUDGER LIEB/OTTO NEUDECK.24 23 BRANDIS (Anm. 10). impliziert die Metaphorik von Aufschreiben und Einschreiben des Dienstes oder der Treue in das Herz zwei anthropologisch relevante Dimensionen: 1. 14: Urkunde der Minne. Nr. 2. 132-137) „Nach einer Sache muss ich dich fragen. Mynderten sich nie um ein har?“ (V. dass sie auf den ganzen Text ausgreift. o. 922. d. Nachdruck mit einem Nachwort von INGEBORG GLIER. Die Heidelberger Handschriften 313 und 355. München 1961 (MTU 1). New York 2006 (Quellen und Forschungen zur Literaturund Kulturgeschichte 40). O. 3 sowie S. 5-9. fol. 252: Der Traum. S. Die in meym herczen noch sint new. 104-111. Edition: Mittelhochdeutsche Minnereden II. Edition: Lieder-Saal. Nr. Gelegentlich verlangt auch die geliebte Dame eine solche Urkunde vom Werbenden. Hrsg. Zu diesem Text vgl. Nachdruck Hildesheim 1968. von GERHARD THIELE. Zürich 1967. O. sondern in dem auch das Geschriebene wieder und wieder gelesen werden kann. In: Triviale Minne? Konventionalität und Trivialisierung in spätmittelalterlichen Minnereden.

Die folgenden Verse stammen ebenfalls aus der Minneburg. Dublin. Nr. Die Heidelberger Handschriften 344. (V. 2514f. auf der die Lebenden verzeichnet sind. auf denen in diesem Fall die Leibeigenen einer Herrschaft aufgeschrieben sind. dann will ich diese aus der Gemeinschaft der Hochgesinnten und Würdigen herausstreichen. Mit drei Tafeln. Edition: Die Minneburg (Anm. ich wird a b g e s c h r i b e n Von dem lebendigen briefe. 358. 424: Der Minner im Garten. Nachdruck mit einem Nachwort von INGEBORG GLIER. 25 BRANDIS (Anm.Aufgeschrieben sein‘ Häufig trifft man in den Minnereden die Metapher eines Buchs oder eines Verzeichnisses. 26 27 . die einem Mann. dass er sich mehrfach als ihr Leibeigener bezeichnet. von KURT MATTHAEI. a. Nr. 6. 5.b. 1720f. In dieser Minnerede. genauer: aus einer Werbungsrede des Ichs an seine Dame. Berlin 1913 (DTM 24). 258-261) falls einem solchen [Frauenverächter] jemals Heil widerfährt von irgendeiner guten Frau. in der der Sprecher seine vollkommene Abhängigkeit von ihr dadurch ausdrückt. 485: Die Minneburg. Zürich 1967. V. rodeln sind Rotuli.Minne schreiben 199 1. was mit dem im klassischen Mittelhochdeutschen noch nicht belegten Wort abschrîben ausgedrückt wird. Vor allem tritt die Metapher dann auf. Hrsg. 21). auch in der Wendung: Ich sten auch an den r o d e l n 27 Do eygen lut sin angeschriben. 376 und 393. auf denen die Leibeigenen aufgeschrieben sind. Heil widerfahren lässt:25 ob dem ymmer heil geschiht von keinem guten wibe. aus diesem Minnespeicher herausgestrichen zu werden. (V. Und in der Minneburg klagt das Ich an die Dame gerichtet:26 Wiß.) Denke daran: ich werde gestrichen aus der Urkunde. In der Minnerede Der Minner im Garten droht Frau Minne folgende Strafe an für jene Frau. (V. u. 10). Nr. in dem die Namen der Liebenden schriftlich gespeichert sind. BRANDIS (Anm. Edition: Mittelhochdeutsche Minnereden I. wenn es um die Angst geht. werden art.) Ich stehe auch auf den Rotuli. 10). die wil ich a b s c h r i b e von aller hohen. findet sich auch die Metaphorik vom Schreiben ins Herz. also urkundliche Pergamentrollen. Schrift als Speichermedium: . der die Frauen nicht lobt.

2. 225-240. Schrift als Speichermedium Im Minnegericht des Elenden Knaben wird dem Sprecher (dem Ich) in der jenseitigen Welt der Minnepersonifikationen ein Buch gezeigt. aufgeschrieben zu sein. Alle diese Funktionen haben letztlich auch mit der Schreibpraxis der Minnereden zu tun (Abschnitt III.b. die in gegensätzlicher Weise auf die Minnekommunikation bezogen sind: II. EKKEHARD SCHMIDBERGER: Untersuchungen zu „Der Minne Gericht“ des elenden Knaben. ‚Schrift als Speichermedium‘ kehrt auch nicht-metaphorisch in den Minnereden wieder. 10). 2. LIEB/STROHSCHNEIDER (Anm. Schrift als Reflexionsmedium). 1. Schrift als Diskursstörung und II. Nr. Ähnlich wie der Gläubige ins Buch des Lebens eingeschrieben sein möchte. Intradiegetische Schriftlichkeit Ich unterscheide hier insgesamt vier Funktionsaspekte von Schrift und Schreiben. 15).und Kulturgeschichte 40). Die erste Funktion (II.a. Mit einem Textanhang. um seine Liebessehnsucht auszudrücken. MikroficheAusg. Nr. auf den letzten Abschnitt vorausweise. 25). Rezeption und Tradition in den deutschen Minnereden des 15. Eigentumsverhältnisse zu fixieren. Die vierte Funktion besteht in einer affektiven Distanzierung und Rationalisierung. Hrsg.). in dem Beispiele ‚intradiegetischer Schriftlichkeit‘ vorgeführt werden. Jahrhunderts. 459: Des Elenden Knaben Minnegericht. S. 1978. Es ist offenbar die Sehnsucht. . in dem sowohl die Minneregeln als auch alle Liebenden namentlich aufgeführt sind:28 28 BRANDIS (Anm. auch MARGRETH EGIDI: Ordnung und Überschreitung in mittelhochdeutschen Minnereden. dass sie aufgeschrieben sind. von LUDGER LIEB/OTTO NEUDECK. dort nämlich wo von Büchern oder Briefen erzählt wird. Schrift als Speichermedium) war gerade schon in der Metapher des Aufgeschrieben-Seins Thema. Zum Problem der Tradierung.200 Ludger Lieb Hier wird eine Basisfunktion von Schriftlichkeit im Mittelalter sichtbar. die durch die Schrift gewährleistet wird (II. Berlin. so ist es für die Minnenden absolut entscheidend. zum Minnegericht vgl. ‚Der Minne Gericht‘ des Ellenden Knaben. weshalb ich mich hier gelegentlich kurz fasse bzw. dass sie selbst gespeichert sind in einem Schrifttext. Diese Metaphorik benutzt der Sprecher. in denen die Minnenden aufgeschrieben sind. Es folgen zwei Funktionen. die darin besteht. Denn dies bedeutet Zugehörigkeit und dauerhafte Legitimierung ihrer eigenen Praxis des Liebens und ihres Redens über die Minne.a.c. Schrift als Diskursgenerator.d. New York 2006 (Quellen und Forschungen zur Literatur. In: Triviale Minne? Konventionalität und Trivialisierung in spätmittelalterlichen Minnereden. Edition: Mittelhochdeutsche Minnereden I (Anm. Damit komme ich zum zweiten Abschnitt.

(V. die jemals ihre Knechte gewesen waren. Schrift als Diskursstörung Die zweite Funktion kommt insbesondere in Fällen vor. 2. vielmehr unterrichten ihn die Personifikationen. Doch nicht der Sprecher liest im Folgenden in diesem Buch. dar an ich a i n b u o c h sach. d a r i n g e s c h r i b e n w a ß der lieben recht. Die Schrift und das Buch erweisen sich hier als dauerhafte Speicher sowohl der Namen der Minnenden als auch der Regeln der Minne. in denen falsche oder negative Minnelehren als Schrifttexte verbreitet werden. und wer ye waß geweßen ir kneht. einerseits sich selbst in dieses imaginäre Buch hineinzuschreiben und andererseits durch die Produktion von Schrifttext überhaupt erst das Buch und die Schrift der Minne zu erzeugen. Diese Vorstellung von einem Buch.5 und öfter). Dieser Gedanke hat zumindest bezüglich des Minnegerichts des Elenden Knaben eine gewisse Plausibilität: Das Produkt seines Schreibens über das Buch der Minne erzeugt im Endeffekt einen Text von knapp 2000 Versen. Durch die unüberhörbare Ähnlichkeit zum Buch des Lebens. in dem die Regeln und Gesetze der Minne kodifiziert sind und mit dem der Verfasser (sofern man ihn mit dem Ich-Sprecher identifiziert) sich selbst initiiert. dass sie sich nämlich gegenüber dem Verhältnis von Sender und Empfän- . wird hier auch eine pseudo-religiöse Letztbegründung für die Gemeinschaft der Minnenden und für die Regeln ihres Zusammenlebens gesucht. der namen waren da all g e s c h r i b e n . zum Verkünder dieser Regeln und Gesetze und damit zum Vertrauten gemacht wird. insofern er nämlich von den Instanzen der Minne. das im Himmel liegt und in das die Erlösten eingeschrieben sind (Apc 3.b. einer Schrift der Minne.Minne schreiben 201 Ich ward gefiert in ain haimlich gemach. den Personifikationen. dass eine Motivation des Schreibens von Minnereden genau darin bestünde. indem sie ihm alle Gesetze und Regeln der Minne vortragen (der schriftlich kodifizierte Text wird also mündlich weitergegeben). Man könnte hypothetisch annehmen. hat vielleicht etwas zu tun mit der Schriftpraxis der Minnereden selbst. 1095-1099) Ich wurde in ein separiertes Zimmer geführt. in das die Regeln der Minne geschrieben waren und die Namen derjenigen. in dem ich ein Buch sah. Damit aber ist es selbst ein Minnebuch. sich selbst hineinschreibt in die Gemeinschaft der ‚Minne-Heiligen‘. Die beiden ausgewählten Beispiele indizieren eine genuine Problematik der Schrift.

z. in der Minnerede Die getrennten Liebenden (BRANDIS [Anm. dazu LIEB/STROHSCHNEIDER (Anm. von ROSMARIE LEIDERER. in denen der Verfasser für seine Verfasserschaft nicht habhaft gemacht werden kann und der kommunizierte Text durch Mangel an Kommunikationsmöglichkeit von Verfasser und Rezipient eine Irritation hervorruft. die häufig jene Männer als Liebhaber bevorzugen. die allerdings in den Minnereden nur selten thematisiert wird. in denen negative und falsche Minnelehren erteilt werden. dein hertz mach aller welt gemain. 10). vgl. In der Ironischen Minnelehre beklagt sich der Sprecher einleitend über die Frauen. die den Inhalt des rezipierten Textes zwar wiedergibt. 64: ain schreiber gar untugenthaft). Nr. BRANDIS (Anm. aber mit Zusätzen versieht. Im Folgenden zitiert er – und nur das interessiert hier – einen anonymen Verfasser eines Textes (V. Positiv ausgedrückt: Die Schrift kann für eine gelingende Minnekommunikation nur dann ihren Sinn erfüllen. . Edition: Zwölf Minnereden des Cgm 270. nun hörend zuo dem faigen wicht. das er so übel hat gedicht.. wenn sie gewissermaßen intern zirkulieren und nicht in die Anonymität einer literarischen Öffentlichkeit geraten.202 Ludger Lieb ger einer Botschaft verselbständigen kann. 215). 10]. Nr. Berlin 1972 (Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit 27). Kritisch hrsg. wenn die produzierten Texte in Kommunikationsgemeinschaften aufgehoben bleiben.29 Vor allem können schriftlich kommunizierte Texte in Situationen auftauchen. [. Schrift erscheint hier als Medium der Antiminne. Die folgenden zwei Beispiele kommen darin überein. dass in ihnen schriftliche Dokumente vorgebracht werden. die unmoralisch und untreu allen Frauen schöne Augen machen. so dass man eigentlich sagen muss: Im cgm 270 liegt ein Fall von reflektierter schriftlicher Rezeption vor. 63-74) 29 30 Dies ist natürlich vor allem beim Liebesbrief eine Gefahr. der frawen also ab gestat und w i d e r s i g e d i c h t e t haut. Nr. 350: Ironische Minnelehre. so dass der ursprüngliche Text als schriftlicher fixiert wird und dadurch auf Distanz gehalten wird. du solt dich nit schamen gen weiben weder groß noch clain. er set als py namen: „man. 10. O 145. fol. Herzogin Anna Amalia-Bibliothek. als Stein des Anstoßes. B. man solt in zwar verpannen.]“ (V. 11). 151r-160v) diese einleitenden und ausleitenden apologetischen Bemerkungen nicht. Gegenüber der hier zitierten Fassung im cgm 270 überliefert der andere Textzeuge (Weimar.. Ms. der für die schlechten Liebhaber die Lehren verfasst habe:30 Darzu so haut sein maisterschaft ain schreiber gar untugenthaft gelert von allen mannen.

152-154. Jedenfalls ist ihre Ordnung nicht mehr so hart wie die der früheren Minne.] Sie sagte: „Uns ist schriftlich ihre Regel und ihre Verhaltensweise mitgeteilt worden. – Zu den Fassungen und zur Überlieferungsgeschichte dieser Minnerede vgl. LIEB (Anm. germ. die ihn fragen.. . Ms. den ich las. der auf diese Weise von den Damen abfällt und gegen sie dichtet. 106f. 15). nach der Parallelüberlieferung in Berlin. 356: Der Frau Venus neue Ordnung. die aus der Abkoppelung der schriftlichen Texte von der gemeinsamen Face-to-faceKommunikation resultiert. Hrsg... v. S. Hört nun dem bösen Kerl zu. 1407-1414. Edition: Fastnachtspiele aus dem fünfzehnten Jahrhundert. [. was er so Übles gedichtet hat. ob sie groß oder klein sind. fraw oder man Sol fürpas drej pulen han. Hier trifft der Ich-Sprecher im amoenen Wald auf zwei Damen..]“ Auf diese Weise geht es 200 Verse lang weiter. *v. Der Sprecher weiß nichts von dieser neuen Liebe und bittet daher die Damen. S. Stuttgart 1853 (Bibliothek des Litterarischen Vereins in Stuttgart). 3. keine Scham empfinden. von ADELBERT VON KELLER. Er sagt wahrhaftig: „Mann. 10). ihn aufzuklären. Eine der Damen tut dies:31 Sie sprach: ‚es ist vns b e s c h r i b e n g e b e n Jr mensur vnd Jr geferte *Doch ist Jr ordenn nicht so hertt *Als der fordern liebe was‘ Sie zeiget mir e i n e n b r i e f d e n I c h l a s Sie sprach: ‚den hat fraw Venus gesant Jren besundern freünden In das lant‘ der hub von ersten an Als Ich Jn verstan han Das ist der brieff Wir Venus von gotes gnaden Erlauben das on vnsern schaden Das ein yetlich mensch. Die Problematik. Bd. SBB-PK. [. du brauchst gegenüber Frauen. wie er denn die neue Ordnung der Liebe finde. 488. Schenke dein Herz jeder auf der Welt. Man sollte den auf jeden Fall verbannen. findet sich auch in der erzählenden Minnerede Der Frau Venus neue Ordnung.Minne schreiben 203 Zudem hat ein Schreiber seine Fähigkeiten für eine ganz tugendlose Lehre aller Männer gebraucht. Nr. fol. 31 BRANDIS (Anm. 104-116.“ Sie zeigte mir einen Brief.

wie er einst seiner Geliebten begegnete und zur Einleitung des Liebesgesprächs einen Brief benutzte. von ERNST FERDINAND KOSSMANN. den ihm Frau Venus geschrieben hat:33 32 33 Diesen Aspekt habe ich mit PETER STROHSCHNEIDER (Anm. Schrift kann Inhalte transportieren. der Tristanroman)32 oder persönlich weitergegebene Texte. die diskursgenerierend wirken.] Die Norm der Vermittlung von Lehren war oben im Minnegericht des Elenden Knaben zu beobachten. sondern die zwei Damen sich vom Sprecher verabschieden. 239: Liebesgespräch. ob Frau oder Mann. Edition: Die Haager Liederhandschrift. folgendermaßen: Das ist der Brief: Wir. die außerhalb der Diskursregeln stehen und auf diese Weise den konventionalisierten Diskurs zum Erliegen bringen. dass in diesen Fällen Schriftlichkeit nicht mehr umgeben und kontrolliert ist von den produzierenden Kommunikationsgemeinschaften. so dass ich mir erlaube. 10). . die also Anschlusskommunikation hervorbringen und kontrollieren. wie der Brief von Frau Venus im folgenden Beispiel.204 Ludger Lieb Sie sagte: „Den hat Frau Venus ihren ausgewählten Freunden im ganzen Land zugesandt. dass ihm eine Buhlschaft schon anstrengend genug sei) gerade keine Minnekommunikation mehr stattfindet. dass Frau Minne (oder eine ihrer Personifikationen) in einer Face-to-face-Kommunikation ihre Lehren vermittelt.. hat meines Erachtens damit zu tun. Schrifttexte. Die Norm ist. so wie ich ihn damals verstanden habe.“ Er begann. Dass sie hier einen Brief ausgibt.c. Im letzten Beispiel kann das daran abgelesen werden. dass nach der Wiedergabe des Briefes und der Irritation des Sprechers (er stellt indigniert fest. Nr. dass jeder Mensch. 44. Das ist gefährlich. 2. Haag 1940. diesen Abschnitt etwas kürzer zu fassen. Faksimile des Originals mit Einleitung und Transkription. Frau Venus von Gottes Gnaden. 11) bereits ausführlicher behandelt.. BRANDIS (Anm. Der Ich-Sprecher im Liebesgespräch (I) erzählt. In solchen Interaktionen kann die Lehre kontrolliert werden. erlauben im Einklang mit uns selbst. ist schon an sich ein Zeichen der Verkehrung. Schrift als Diskursgenerator Die dritte Funktion ist gewissermaßen das positive Gegenstück zur Diskursstörung. fortan drei Liebesbeziehungen gleichzeitig haben soll. B. Nr. [. Dass solche nicht-konformen Lehren intradiegetisch in der Schrift erscheinen. sind entweder literarisch ausgezeichnete Prätexte der ganzen Minneredentradition (z. Sie wird garantiert von einer quasi priesterlichen Exegesekompetenz. Hrsg.

Daran ist zu sehen. sie riet mir. Du allein kannst meine Sorge und Klage vertreiben. bis 16. dir in darf nit wonderen.Minne schreiben 205 Sus dwanch mich die goete. 1985 (Mikrokosmos 13). M. 2. und man kann auf diese Weise die Kommunikation zumindest erfolgreich in Gang bringen. In dieser Minnerede tritt der Ich-Sprecher als Schreiber auf: Als er eine trauernde Dame im Wald trifft. Ich habe ein Beispiel gewählt. folgendermaßen zu sprechen: „Herrin. KATHARINA WALLMANN: Minnebedingtes Schweigen in Minnesang. Jahrhunderts. den mir Frau Venus gesandt hatte. Schrift als Reflexionsmedium Eine vierte Funktion textinterner Schriftlichkeit ist die Schrift als Reflexionsmedium. als Distanzierungsstrategie und Affektkontrolle. .. du brauchst dich nicht zu fragen. wie wichtig die schriftlich distribuierten konventionellen Minnereden für die konkrete Minnekommunikation sein können. den der Sprecher hier benutzt. Du eyne machs verdriben Mine sorge und clage.“ (V. u. die ich in meinem Herzen trage [.34 ist ganz konventionell. hat man als Wiedergebrauchsrede zur Hand. in der diese Funktion ex negativo deutlich hervortritt: Der Liebesbrief von Gozold. Den sande mir Venus.]. Und hies mir sprechen zus: „Vrouwe. Die ich in min hertze drage [. Es wird nichts anderes formuliert als das. der Guten ganz gewogen zu sein. Frankfurt a. a. Das ich ir so holt was. Sogleich las ich einen Brief.]. um im schwierigen ersten Anfangen des Gesprächs nicht topisch zu verstummen. Sehant ich einen brief las.“ Der Brief von Frau Venus. warum ich dich aus allen Frauen ausgewählt habe. 36-50) So [aufgrund ihrer Schönheit] konnte ich es nicht verweigern.d. Das ich dir ussonderen Vor allen anderen wiben. bietet er ihr seine 34 Zur Topik des Verstummens vgl.. Lied und Minnerede des 12. Was in der Schrift verfügbar ist. was in vielen Minnereden an Formeln und stereotypen Argumenten vorgeführt wird...

Edition: Liederbuch der Clara Hätzlerin (Anm. Nr. nicht mehr als eine Assonanz (lieb : hie) installieren. so wie es der Lust meines Herzens entspricht: „Lieb und lieb. . dass das Diktierte keineswegs ausreichend sei. Da sy nit mer kunt kallen. dass die drei Verse sich nicht reimen bzw. Nr. 213: Der Liebesbrief von Gozold. Da sach ich an der selben stund Ain haissen flamm vs irem mund. dass die Dame – rhetorisch versiert – den Konventionen des Minneredens gemäß mehr Text produziert: Ich sprach: ‚fraw. II 10. ée lieb vnd nóch lieb! Also bin ich dir hie Meins hertzen lieb on end!“‘ (V. mir hier lieb ohne Ende!“‘ Die Dame. ihm etwas zu diktieren.206 Ludger Lieb Hilfe an. denn sie beherrscht nur die rhetorische Stilfigur der Wiederholung: lieb vnd lieb. Seit ir by synnen beliben. mit meinen Händen habe ich das schnell geschrieben. sagt sie:35 ‚s c h r e i b a l s u s t . (V. 20).schreib folgendermaßen. sieht man auch daran. Er will in ihrem Auftrag einen Liebesbrief an ihren Geliebten schreiben. Er erwartet offenbar.. 35 BRANDIS (Anm. mit meiner hennd Hab ich das p a l d g e s c h r i b e n .‘ [. Wann ich des wol bedarff. Doch als er sie bittet. In onmächt viel das schön weib.] Sy sprach: ‚Ey. Sie freut sich darüber. 10)..‘ Vor zoren ich die vedern hin warff. Dass hier ein unzulänglicher Text produziert wird. die von der Minne entzündet ist. 110-131) Ich sagte: ‚Herrin. Da sach ich empfallen Der zarten lid vnd leib. 105-109) . d a s s c h r e i b i c h f u r t . Wenn ihr noch bei Sinnen seid. Der Schreiber wiederum moniert. So sagent mer. Liebster meines Herzens. früher lieb und noch immer lieb so bist Du. Das ist meins hertzen gelust: „Lieb vnd lieb.. lasz mich ruen bas.. Das von der hitz der mund was truck. ist offensichtlich unfähig einen Brief zu diktieren.

S. weil sie die Notwendigkeit einer reflektierenden distanzierten Thematisierung von Minne bewusst macht: Liebesbriefe und Minnereden haben als Texte nur Erfolg. In: Triviale Minne? Konventionalität und Trivialisierung in spätmittelalterlichen Minnereden. Sie verkörpert den nicht diskursivierbaren Wahnsinn der Minne. zu emotionalisiert an das Liebesthema herangeht. 1431). In: Speculum 77 (2002). Ihre Sprache ist ‚trockengelegt‘.. Ms. und zuletzt: Masculinity and the Minnerede: Berlin. z. Dieser wird quasi mit physiologischer Evidenz ausgestattet: Weil offenbar aus dem Herzen eine Hitze emporsteigt und als Flamme sichtbar wird. 186 (Livonia. 3. oct. die aus ihrem Mund kam. Vielleicht könnte man hier – mit FOUCAULT gesprochen – eine externe Prozedur bei der Produktion des Minnediskurses beobachten. weil diese Frau zu affektgeladen.36 ist diese Minnerede deswegen interessant. Abgesehen von der genderThematik. was ich weiter aufschreiben kann. denn ich brauche das jetzt. so dass ihr Mund von der Hitze ganz trocken wurde. son36 Eine Ausnahme bilden vor allem die Arbeiten von ANN MARIE RASMUSSEN.‘ Aus Zorn warf ich die Feder hin. die für die Minnereden noch weitgehend unbeachtet geblieben ist. wenn die Liebe mit Verstand und der souveränen Verfügung über ästhetische Ausdrucksformen einhergeht. wie der Prozess einer Verschriftlichung scheitert (und dieses Scheitern erzeugt Zorn).und Kulturgeschichte 40).] Sie sagte: ‚Ach lasst mich lieber ausruhen. Sie konnte nun nicht mehr reden. Hrsg. die nicht mehr diktierend entstanden.: Gendered Knowledge and Eavesdropping in the Late Medieval German Minnerede. New York 2006 (Quellen und Forschungen zur Literatur. nämlich die Grenze von Vernunft und Wahnsinn: In der Figur der verliebten Frau wird vorgeführt. Schreibpraxis: Minnereden als Schrifttexte Vorweg möchte ich eine Hypothese formulieren. von LUDGER LIEB/ OTTO NEUDECK. B. Berlin. Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. die aus dem Mund kommt. . 119-138. dass die Schöne die Kontrolle über ihre Glieder und ihren Körper verlor. die an die bisherigen Ausführungen anschließt und die sich im Laufe der letzten Beispiele plausibilisieren sollte: Minnereden sind Texte der konzeptionellen Schriftlichkeit und sie sind überwiegend Texte.. 1168–1194.Minne schreiben 207 dann sagt noch mehr.‘ [. germ. Da sah ich zur gleichen Zeit eine heiße Stichflamme. S. In Ohnmacht fiel die gut aussehende Frau. Da sah ich. ist der Mund der Dame ausgetrocknet.

(V. literarische Texte für eine literarische Öffentlichkeit zu produzieren (Minnereden sind keine Literatur). Was in hochen lüften schwebt. 1-9) Das ‚E‘ ist ein Anfang meiner Freuden. Stuttgart 2001 (Germanistische Symposien. Hrsg. Vgl. Was edler frucht vff erden lebt. 4: Der erste Buchstabe der Geliebten. in denen das schriftliche Verfassen von Minnereden oder minnereden-ähnlichen Texten thematisiert wird. dass das Diktieren im Bereich der Minnekommunikation nicht länger funktioniert. In: Text und Kultur. Vorweg seien aber auch Indizien erwähnt. Was wunn von himel ist geflossen. BRANDIS (Anm. Mittelalterliche Literatur 1150-1450. LUDGER LIEB: Eine Poetik der Wiederholung. . Über die Praxis des Minnereden-Schreibens haben wir kaum textexterne Aussagen. Was in wasser hat sein wesen. ich muss dir zujubeln! Was auch immer der Himmel umschließt. welche edle Frucht auch immer auf Erden lebt. was auch immer in der Luft oben sich bewegt. 20). von URSULA PETERS. Wir sind also auch hier – eingedenk der methodischen Probleme. Das grüsz das zart E von mir. die die zunehmende Dominanz des Schreibens im Kontext literarischer Kommunikation unterstreichen mögen. Wa s s p r e c h e n . Regeln und Funktionen der Minnerede. die Erwähnungen des Schreibens als eines herausragenden Aktes menschlicher Kommunikation.38 Das Schreiben von Minnereden zielte vielmehr einerseits auf die Konstitution und Gestaltung eines hermeneutischen Innenraums.208 Ludger Lieb dern im Vollzug eigener Schreibpraxis. also auf die Codierung der Innerlichkeit des schreibenden Verfassers und zielte andererseits auf die Konstitution einer imaginären oder auch realen Minnekommunikationsgemeinschaft. Edition: Liederbuch der Clara Hätzlerin (Anm. Im Folgenden sind daher Textpassagen zusammengestellt. Das sind z. s c h r e i b e n k a n n v n d l e s e n . die dieses Vorgehen aufwirft – auf die Selbstaussagen der Texte angewiesen. 37 38 39 Das Scheitern von Gozolds Liebesbrief im vorigen Beispiel wäre vielleicht auch ein Indiz dafür. 506-528. Berichtsbände 23). 10). II 11. die die Textproduktion fordert und kontrolliert und den minnenden Schreiber involviert. Nr. Ee. was auch immer an Wonne vom Himmel herabkommt. ich muosz dir geüden! Was der himel hatt beschlossen. ‚E‘. Nr.37 Dieser Vollzug eigenen kreativen Schreibens hätte allerdings nicht die Funktion. B. So heißt es etwa in der Minnerede Der erste Buchstabe der Geliebten:39 Ee ist ain anfang meiner fräden. S.

schreiben kann vnd lesen (V. 8f. S. soll das nächste Beispiel das Verhältnis von Schriftpraxis und Eingeschrieben-Werden beleuchten: Im Schloss Immer versucht der Ich-Sprecher vergeblich. 107f. oder in der Minneburg auffallend häufig Einheiten mit 346 Versen). Nr. h.: ich habe viele Quaternionen hin. In einem solch weltlichen Hymnus würde man eher die alte Formel ‚was singen und sagen kann‘ erwarten. In: Germania 25 (1880). 10). aber neben dem Sprechen sind in diesen Kontexten der Minnekommunikation eben offenbar vor allem die Kompetenzen des Schreibens und Lesens von zentraler Bedeutung. 107-108. Nr. was auch immer sprechen. . 24). 20. Ergänzungsreihe 8). S. Eine Einführung. 8. 10). 10). d. V. Edition: GEORG K. dass man die Minne nicht meiden solle. FROMANN: Neujahrsgruß an die Frauen von Hans Krug. KARIN SCHNEIDER: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten. Von ihnen liest. ein Schloss zu erobern 40 41 42 43 Eines von vielen weiteren Beispielen wäre die Minnerede BRANDIS (Anm. Nr.: Der Sprecher lobt die Frauen: Durch sy man alle kurtzweil treibt. um derentwillen man alle Kurzweil veranstaltet. Nachdem die Annahme eine gewisse Plausibilität erreicht hat. 27f.42 Auch Minnereden wie der Alphabetische Liebesgruß 43 sprechen dafür. hier S. Bemerkenswert ist die Ordnung dieses ‚Alles‘: Wonne des Himmels. dass Minnereden zu einem guten Teil sich als Schrifttexte verstanden und wohl auch für die ‚private‘ Lektüre bestimmt waren. singt und schreibt man.Minne schreiben 209 was auch immer im Wasser lebt. S. 108-109. Nr. Quaternionen waren immerhin nicht selten als Einzelfaszikel im Umlauf. 141: Alphabetischer Liebesgruß. / Von in man l i ß t s i n g t t v n d s c h r e i b t (V.. Edition: Mittelhochdeutsche Minnereden II (Anm. aus seinem Buchwissen gehe hervor.40 In der Minnerede Das Wesen der Minne (II) wendet der Sprecher gegen die klerikale Kritik an der Minne ein. Vgl. BRANDIS (Anm. Edition: Mittelhochdeutsche Minnereden II (Anm. Tübingen 1999 (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. dass Minnereden für die schriftliche Kommunikation gedacht waren. schreiben und lesen kann – alles möge das liebliche ‚E‘ von mir grüßen! Alles soll das zarte ‚E‘ grüßen. 24). 175-178. was unter den menschlichen Akten das hervorragende ist.) BRANDIS (Anm. 285: Das Wesen der Minne.41 Neben dem Hinweis auf die schriftliche Rezeption lässt sich in dieser Aussage eventuell auch ein Verweis auf die Überlieferungstypik des Einzelfaszikels für solches minnetheoretisches Schrifttum (oder gar für Minnereden?) gewinnen. 100. Sein Buchwissen über die Minne aber – und das interessiert hier – unterstreicht er mit dem kodikologischen Fachbegriff des Quaternio (quatern). ebenso die relativ vielen Texte mit festen Verszahlen (50. B. 267: Neujahrsgruß an die Frauen. 8).und hergewendet. einer Lage aus vier Blättern: ich han manchen quatern / beid her unnd dar gewant. Nr. doch wohl das. jede edle Frucht auf Erden (dazu die Lebewesen in Luft und Wasser) und schließlich: Was sprechen.

Anschließend kommt er traurig und einsam in einen tiefen Wald. Dort und nur dort findet der Brief sein Recht und seine Funktion. II 14. 477–479) ‚Das könnt ihr mir glauben! Nehmt diesen Brief und lest ihn!‘ In diesem Brief war alles aufgeschrieben. . Edition: Liederbuch der Clara Hätzlerin (Anm. die sich als Personifikation der Trauer entpuppt und ihn fragt. 20).‘ Mit der Schrift seiner ‚Minnerede‘ hat der Ich-Sprecher also die Authentizität seines Minneleidens bewiesen.210 Ludger Lieb (eine Allegorie auf die missglückte ‚Eroberung‘ seiner geliebten Dame). den leszt ir!‘ Daran es g a n t z g e s c h r i b e n was. Das bestätigt das Ich:44 ‚[. (V. dieser Brief legitimiert das Ich als einen traurigen Minnenden vor einer Instanz der imaginären Welt. Sy sprach: ‚als ich vernomen han. Nr. Du bist auch ellends genosz.. ist ein schriftlicher Text. 10). bist du ein freudenloser Mann! Traurigkeit hat dein Herz besetzt. du leidest auch am Unglück und dein Herz ist ganz ohne Freude. Ich hab das wol gemessen. ihn einschreiben kann in das ‚Buch der Elenden‘. 486: Schloß Immer. 480-486) Nachdem sie den Brief durchgelesen hatte. 44 BRANDIS (Anm. sondern eher eine Selbstauskunft des Verfassers ist (also eine Minnerede!).] Das sült ir wol gelauben mir! Nembt hin den b r i e f . sondern allein von dieser Instanz der imaginären Minne-Welt: Da sy den brief vsz gelas. Dein hertz ist an fräden plosz.. der das Leiden und die Trauer des Ichs ausdrückt. Dieser ‚Brief‘.‘ (V. so dass Frau Trauer ihrerseits diesen Zustand des Sprechers schriftlich festhalten. Dort trifft er eine klagende Frau. Du bist ain frädenloser man! Dein hertz hatt trauren besessen. sagte sie: ‚So wie ich vernommen habe. Nr. Gelesen wird der Brief nicht von anderen Minnenden. der kein Brief in unserem Sinne. ich habe das gut verstanden. Was das Ich hier also bei sich hat. ob er auch traurig sei.

doch musst du dafür dein Herz vollständig von der Welt abwenden [.Minne schreiben 211 Wilt du also beleiben. Marburg 1893. eine Welt des Herzens. . das gewissermaßen den Geheimcode für den Zugang in diese Stadt enthält:45 Er zoch ain buoch herfür Darinnen stuond von pluot Schrifft vnd karacter guot Vnd namlich zirckel dry Etlich figur darby Beschwerungen der gaist Das minst vñ och das maist Zuo disem experiment Wie man die kunst vollent Vnd grüntlich practiciert (V. So will ich dich hie s c h r e i b e n I n d a s p u o c h der ellenden.. Diss.]‘ Die letzte Bedingung. Edition: HANS HOFMANN: Ein Nachahmer Hermanns von Sachsenheim. besseren Welt der Minne.. wird er von einem fliegenden schwarzen Reiter überrascht. Dieser ist auf dem Weg in die Stadt der neuen Liebe und übergibt dem Erzähler ein Buch. Nr. die einen exklusiven Anspruch hat. so werde ich dich hier in das Buch der Elenden schreiben. 922-931) Er zog ein Buch heraus. zu dieser Minnerede demnächst auch JACOB KLINGNER: Minnereden im Druck [Diss. vgl. 10). 441: Der neuen Liebe Buch..]‘ (V. Beschwörungen der Geister 45 BRANDIS (Anm. phil. zeigt. 487–491) Willst du also hier bleiben. auch auf gleiche Weise drei Zirkel und viele Figuren dabei.. die Aufforderung zur Abkehr von der Welt. Diese andere imaginäre Minnewelt ist im Wesentlichen nur über die Schrift zu haben. Doch muost du dein hertz wennden Von der welt gantz vnd gar [. Als der Ich-Erzähler mit seinem Freund einmal auf der Jagd ist. sondern diese Welt ist ihm nurmehr als Buch zugänglich. Berlin 2004]. In der umfangreichen Minnerede Der neuen Liebe Buch kommt der IchErzähler gar nicht mehr selbst zu dem utopischen Ort einer anderen. worum es hier auch geht: um eine andere Welt. in dem – mit Blut geschrieben – Schrift und gute Zeichen standen.

und so – doppelt über die Schrift vermittelt – erfährt auch der Rezipient schließlich von der Stadt der neuen Liebe. Es war auf weißes Pergament schön von Hand geschrieben. markiert seine Verbundenheit mit (Herkunft aus?) dem Innern des Körpers. bis ich es vollständig und bis zum Ende gelesen hatte. bezweifle ich. für das Experiment. der ihm nach 7 Jahren endlich ein Buch zukommen lässt. Aus diesem Grunde wird das Buch nicht vorgelesen. Sie lässt sich als Metatext oder Programmtext für die ganze . Dass dieses Buch mit Blut geschrieben ist. Ob ich sagen darf. Ich wartete nicht länger und war sehr schnell dabei. 1740-1752) Da nahm ich sofort das Buch mit Lust und Begierde zur Hand. Doch in einem begleitenden Brief beschreibt jener Freund. mit meisterlicher Formkunst gereimt und gedichtet.212 Ludger Lieb sowie alles.46 Die Minneburg. die in der Mitte des 14. – Statt nun selbst in diese Stadt der Liebe zu reiten oder zu fliegen. vom Unwichtigsten bis zum Wichtigsten. ist eine der längsten Minnereden (über 5000 Verse) und wohl auch die in der Forschung bekannteste Minnerede. in dem der utopische Weltentwurf einer Stadt der Minne grundgelegt ist. Da nam ich her zehand Das buoch mit lust vnd flyß Es was vff birment wyß Von hand geschriben kluog Mit maisterlichem fuog Gerymet vnd gedicht Ich spart mich lenger nicht Vnd was darzuo behend Bis ich es het zeend Gelesen gantz vnd gar Ob ich gesagen thar Was sin inhaltung sy Da wont mir zwyfel by (V. wie man die Kunstfertigkeit vollenden könne und von Grund her richtig praktiziere. was in dem Buch steht. was in dem Buch drin steht. schickt der Ich-Sprecher seinen Freund dorthin. Jahrhunderts entstanden sein dürfte. Mein letztes Beispiel ist die Minneburg.

Mit der Erstedition der Prosafassung. aber von ihr keine Gegenliebe (widerminne)48 erfährt. M. verhandelt wird. widerminne ist ein Leitbegriff in der Minneburg. denn in ihr finden sich zahlreiche ‚Binnen-Minnereden‘. und 15. S. Frankfurt a. Trier 1992 (Literatur.Minne schreiben 213 Minneredentradition beschreiben. DIES. Literatur. S. Wissenschaft. denn in diesem ‚Minnegericht‘ geht es – im Anschluss an zwei kürzere Gerichtsfälle – um einen Kasus. S. Hrsg. die in den Minnereden des 14. die in Form einer Metadiegese in die allegorische Haupthandlung bzw. Denn hier wird das Verhältnis von Schreiben und Lieben auf eine ganz spezifische Weise entwickelt. M 2006 (Kultur. der sich zugleich auch als Verfasser der Minneburg präsentiert. Auslegung und Lehre. die Ursprung. Jahrhunderts typisch werden. 1999 (Mikrokosmos 52). Um die Präsentation dieses Kasus. Entwicklung und Regeln der Minne darlegt. 109-116.50 Doch zunächst soll noch eine Stelle aus dem dritten unterbint erwähnt werden: Der Ich-Sprecher erzählt hier. Diese Binnen-Minnereden entwerfen eine ganze Palette von Ausdrucksformen. 10). Diss. 216-223. Wesen. in denen das Ich von seiner eigenen Minnebeziehung berichtet). der einer Frau bereits seine Liebe gestanden hat. a. wie die Minneburg zwei „Stränge“ miteinander kombiniert:47 Den einen Strang bilden Allegorie. wobei der Schwerpunkt auf einer ausführlichen Minnelehre liegt. der zweite Strang wird erst nach und nach und mit wachsender Intensität in den ersten Strang hineingeflochten. Frankfurt a. Princeton University 1985. S. dass er einst im Gebirge auf Amor 46 Die neuesten Arbeiten zur Minneburg: DAVID F[LETCHER] TINSLEY: When the Hero Tells the Tale. WALTER BLANK legt plausibel dar. Beiträge zu einer Funktionsgeschichte der Allegorie im späten Mittelalter. der große Löwenhof und die deutsche Literatur des Spätmittelalters. Realität 3). Um die Rolle der Schrift und des Schreibens in der Minneburg hat sich die Forschung bisher wenig bemüht. 94-125. S.: Allegorische Burgen. RALF SCHLECHTWEG-JAHN: Minne und Metapher. Den anderen Strang bildet die persönliche Minne des Ich-Sprechers. Narrative Studies in the Late-Medieval ‚Minnerede‘. also Minnereden. DOROTHEA KLEIN: Zur Metaphorik der Gewalt in der ‚Minneburg‘. In: Die Burg im Minnesang und als Allegorie im deutschen Mittelalter. 47 48 49 50 . in dem die Minne des IchSprechers. Imagination. u. der in den letzten 1350 Versen des Textes behandelt wird. ANJA SOMMER: Die Minneburg. In: Würzburg. von HORST BRUNNER. BLANK (Anm. Hrsg. Eine ausführliche. Würzburg 2004. Dies geschieht vor allem in den so genannten unterbinden. Die „Minneburg“ als höfischer Mikrokosmos. Am Ende – das fünfte und letzte Kapitel besteht fast nur aus einem umfänglichen Minnegericht 49 – bestimmt der zweite Strang den Text vollständig. in erster Linie narratologische Analyse des Minnegerichts liefert TINSLEY (Anm. von RICARDA BAUSCHKE. 46). Der Text besteht zunächst nur aus dem ersten Strang. 113-137. in die so genannten unterbint inseriert werden (unterbint sind ihrerseits Unterbrechungen der Haupthandlung. geht es mir im Folgenden. 103119. Beiträge zur Mittelalterforschung 10). Variationen eines Bildthemas.

. 3369f. In ihrem sehr umfangreichen fünften und letzten Kapitel wird – wie gesagt – ein Minnegericht 51 BRANDIS (Anm. Er habe dies als unmöglich zurückgewiesen:51 Wer ich als wise als Salomon [. ich könnte trotzdem nicht das allergeringste und kleinste Körperglied vollständig loben.. die es vor den Instanzen der imaginären Minnewelt vortragen könne..] (V. . er lese ein Einzelblatt aus dem Psalter ihres Lobes vor. Ez kunde ein karre kaum getragen. dass das minnende Ich bereits eine ganze Sammlung von Minnereden angelegt habe...] (V.. Nr. Als ir mich gebeten hat: [. ich will euch doch ein Blatt aus dem Psalter ihres Lobes vortragen.214 Ludger Lieb und Venus getroffen und von diesen aufgefordert worden sei. (V.]. Wie jung ich auch bezogen auf das Alter der Weisheit bin. „der leuchtende Edelstein ihres Namens / ist ganz und gar süß wie Zimt . könnte man es mit einem Karren kaum transportieren..“). Die Angabe. Diese Vorstellung scheint im Übrigen auch in dieser vorgetragenen hyperbolischen Minnerede selbst auf.. Der IchSprecher liest also einen Text vor. seine Frau zu beschreiben.] Dannoch kuende ich volloben nitt Daz aller mynste und cleinste gelitt.] und hier nun beginnt die extrem hyperbolische Binnen-Minnerede: Irs namen luchtig gymme / Ist durch sußet als ein zimme [. Yd o c h i r e s l o b e s s a l t e r Wil ich uch lesen hie ein blat. 485: Die Minneburg (Anm. wenn es von ihrer Schönheit heißt: Solt man an ein brives zedeln Daz halbes schriben unde sagen... wie ihr mich gebeten habt: [... Dahinter steht offenbar die Vorstellung. 21). das aus ihr entsprossen ist. 3356. scheint dabei mehr zu sein als eine hübsche Metapher. Wie ich sie undervirnet In der wysheit alter.. Das Modell eines Vortrags von eigenen schriftlich verfassten Minnereden ist der Kulminationspunkt der ganzen Minneburg. 10). 3458-3460) Würde man auf Zetteln nur die Hälfte davon aufschreiben und sagen. 3361–3368) Wäre ich so weise wie Salomon [. Daz uz ir ist gekirnet.

/ Der ditz buch hat vor getichtet (V.. 4636f. 346 Verse). 234. 2.53 Hier müsste eindeutig „er sprach“ stehen. ‚selbst verfasste‘ Minnereden vor Frau Minne und ihrem Hofstaat vorgetragen werden.Minne schreiben 215 erzählt. dass es sich hier um eine Art von Einschachtelung oder re-entry handelt: Was als konventionell literarisch ausdifferenzierter und bestimmbarer Text beginnt. was ein Indiz dafür sein könnte. Als ich aller ferste kan. die auf dieselbe Weise ausdifferenziert sind.‘ Hie hebt sich die rede an. die offenbar Frau Treue vorträgt. die im durch lieb getichtet hat. . Dadurch gewinnt der ganze Text die Qualität eines sich selbst reproduzierenden Systems. 4650-4652) Ich sagte: ‚hört zu. 3. S. 4650 „der Autor selbst oder aber einer der Abschreiber die Kontrolle über die Identitäten kurzfristig verloren hat“. dass in V. 4267-4612 = 346 Verse. der auch das ganze Buch [die Minneburg] zuvor schon gedichtet hat“). 4653-4998 = 346 Verse. SCHLECHTWEG-JAHN (Anm. umschließt am Ende in seinem Innen. Dabei kommt es zunächst für den Rezipienten zu einer Irritation. 52 53 1. 346 Verse)52 wie das erste und zweite Kapitel der Minneburg (354 bzw. (V. wie ich es am besten vermag. dass die folgende Rede vom Verfasser der Minneburg auf den Diener der Treue gedichtet worden sei und zudem dass diese beiden der Geburt nach Zwillinge seien (V. Insgesamt handelt es sich um fünf Binnen-Minnereden (von der letzten ist nur der Anfang erhalten). Frau Minne stimmt zu. ihren Diener. „die ihm aus Liebe derjenige gedichtet hat. ich sag uch daz. Binnen-Minnerede: V. Um das Recht immer noch evidenter zu machen.‘ Hier beginnt die Rede: Es wurde bemerkt. Binnen-Minnerede: V. 5013-5342 = 330 Verse. Vor der ersten Binnen-Minnerede. Die ersten drei Reden haben übrigens annähernd denselben Umfang (je ca. und es heißt von diesem Diener der Treue: Ich [!] sprach: ‚hoert zu. der Diener solle nun selbst eine Rede vortragen und zwar wiederum eine Rede. dass zur Bestätigung der rechten Minne des Ich-Sprechers dessen ‚eigene‘. ich sage euch diese Rede. die als Anwältin ihren Mandanten. Nach dem Vortrag dieser Rede schlägt Frau Treue vor. Eine treibende Kraft spielt dabei Frau Treue. das am Ende ausschließlich darin besteht. Binnen-Minnerede: V. berichtet diese schon. in seiner Diegese mehrere Texte. vor Gericht vertritt. fordert sie nämlich Frau Minne auf. 4246-4266). mit ihrem Urteil noch zu warten und lieber noch eine Rede anzuhören. weil der Erzähler diesen Diener von Frau Treue an allen anderen Stellen mit dem Personalpronomen der dritten Person Singular bezeichnet. denn der Diener der Frau Treue entpuppt sich nach und nach als der Ich-Sprecher selbst. 46).

Als die rede sy fur geleit.‘ Also so rett fraw Truwe. 5343-5361) ‚O Venus.‘ Da antwortete Frau Minne. beginne und trage die Rede um deiner Dame willen vor. hier hört ihr wahre Minne von meinem treuen Diener. hört wegen des ganzen Kummers meinem Diener zu. sie solle noch warten und den Diener bitten. 5362) ist für die vorliegende Fragestellung wieder von Bedeutung. Hie horet ware mynne Von dem getruwen diner min! Heizzet uech noch sagen ein rede fin: Die vert erst uz der smitten. dass er noch eine schöne Rede vortrage. und ich zitiere es daher vollständig: ‚O Venus. ich möchte am liebsten nacheinander hundert solcher Reden hören. je nach dem. Kaiserin. Wohlan. eine weitere Rede vorzubringen (V. keyserynne. und sagte: ‚Frau Treue. Erst das Gespräch nach der dritten und vor dem Vortrag der vierten Binnen-Minnerede (diese Rede beginnt mit V. die gerade erst aus der Schmiede kommt.216 Ludger Lieb Nach dem Vortrag dieser zweiten Binnen-Minnerede redet Frau Treue erneut auf Frau Minne ein. Auch dem wird ohne große Diskussion entsprochen. die Richterin. wie die Rede vorgelegt wurde. heb an und sprich Die rede durch die frawen din!‘ (V. Befehlt. denn ich merke sehr gut. 5004-5007). Geselle. ‚Fraw Mynne. durch gantze ruwe Horet zu dem diner min!‘ Do entwurt Mynne die richterin Und sprach: ‚fraw Truwe.‘ So sprach Frau Treue. Wann ich wol merk daz lundert Min fuer in im gar brunsticlich. dass mein Feuer in ihm ganz heftig lodert. eine.‘ . Und nach der virden und dritten Rede so fragt an gunderfeit. Ey geselle. Und nach der dritten und der vierten Rede stellt dann erst in Wahrheit Fragen. ‚Frau Minne. ich wolde Daz ich der rede solde Nach ein ander horen hundert.

dass diese „Herauszögerung des Endurteils von innen her sogar schlüssig“ scheint. 21). Die Bemerkung von Frau Treue vor der vierten Binnen-Minnerede. dass der Text der Minneburg unabgeschlossen ist. daß der Text (der bis zum Ende der Seite durchläuft) bis auf einige Buchstaben und kleine Wörtchen unleserlich ist. es muss im Prinzip vor der Instanz der Minne unendlich weitergedichtet werden. ästhetisiert und als solche im permanenten Produzieren von Minnereden auf Dauer gestellt. dass der ‚ursprüngliche‘ Text der Minneburg nur wenig länger war. BLANK hat beobachtet. Nachdem der Verfasser/Ich-Sprecher/Diener der Treue seine vierte Minnerede vorgetragen hat. ist jedenfalls offensichtlich ein Selbstreflex des Schreibprozesses: Der Verfasser kommt ans Ende und schreibt weiter. Dasselbe hätte man jedenfalls auch dann vermuten müssen. Zugleich wird mit der „Herauszögerung“ des Urteils die lebensweltliche Dimension des zweiten Strangs (BLANK). Wo aber ist er hingekommen: vor das Minnegericht. LXVII: „kaum mehr als ein kleines Stück“. 223. war zusammengestellt. von der aber nurmehr die ersten sieben Verse überliefert sind. 55 56 . ist diese Seite „so beschmutzt und abgerieben. doch laut PYRITZ (Anm. 21). 5480f.. wenn der überlieferte Text bereits 1000 Verse früher geendet hätte. S. mit Frau Minne gesprochen: Solcher Reden kann man Nach ein ander horen hundert (V. S. diese Rede komme gerade erst uz der smitten (V. 10). 202v. 10).. weiter. / Ein andere wil ich sagen ein wille (V. 223. kann der Urteilsspruch von Frau Minne über die Geliebte des Ich-Sprechers auch nur sehr hart ausfallen – doch der IchSprecher will bis zum Schluss die Möglichkeit offen halten. Und mit dem nächsten Vers beginnt dann die fünfte Minnerede. S. das hatte schon Bestand. Ein Ende ist in dieser Konstellation eigentlich gar nicht möglich..Minne schreiben 217 Hier kommt die Minnerede zu sich selbst: Permanenter Vortrag schriftlich verfasster Texte vor der imaginären Instanz der Frau Minne.54 Die in der Forschung durchgängig bestätigte Vermutung. dass es so noch ewig weitergehen könnte. dass die Geliebte ihm die Gnade doch noch gewährt. ebd. XIX. XIX: „Groß wird der Umfang des Verlorenen nicht sein“. Vielmehr muss festgestellt werden. S. S. aber hier schreibt er gerade noch so weiter (und bricht dann auch nach kaum mehr als 100 Versen ab!?). was davor kam. Das andere. vor dem er ewig seine 54 Offenbar ging der Text aber noch auf der letzten Seite der Handschrift. cpg 455. ich will euch derweil eine andere vortragen“). geordnet etc. 5347).56 denn nachdem in den ersten zwei Gerichtsfällen bereits die angeklagten hartherzigen Damen von Frau Minne hart bestraft wurden.“ PYRITZ (Anm. fol. die daran ihren Gefallen findet. 5357). heißt es: Die rede die lig reht als sie lyt. „Soll diese Rede sein wie sie ist. Und diese Permanenz äußert sich schließlich ganz folgerichtig darin. die persönliche Minne des Ich-Sprechers. BLANK (Anm. alles.55 entbehrt jeder Grundlage. BLANK (Anm.

S. Im Bereich der Minnereden ist Schrift ein Diskurszugang.. nicht öffentlich. als Lied sangbar. der das Potenzial der Schrift für die Minnerede ausleuchten soll: 1.218 Ludger Lieb Treue bestätigen darf und soll. Musik. LUDGER LIEB/OTTO NEUDECK: Zur Poetik und Kultur der Minnereden. von DENS. M. Vier Merkmale stecken neben dem Thema ‚Minne‘ in dieser Beschreibung: Der Minnesang ist 1. um mit anderen Minnenden oder auch mit einer imaginären Minnediskursgemeinschaft zu kommunizieren. h. der Ehe) fernstehende zwischengeschlechtliche Beziehungsform. Dabei geht es mir nicht darum. für die Öffentlichkeit bestimmt. nicht um Werke mit ästhetischem Geltungsanspruch und elaborierten Formen. dass dennoch eine Kommunikation über die Minne zustande kam. 2. 1982. Ich erlaube mir zu diesem Zweck. in denen sich ein Autorbewusstsein manifestierte oder das Bewusstsein. Hrsg. konnte im Spätmittelalter nicht einfach öffentlich kommuniziert werden. war daher einerseits eine Kommunikationsgemeinschaft mit starken Inklusions. New York 2006 (Quellen und Forschungen zur Literatur.58 2. den Minnesang etwas vereinfacht zu beschreiben als: tendenziell für die öffentliche Aufführung bestimmtes Minnelied mit künstlerischem Anspruch. 1-17. Bedingung der Möglichkeit. es geht um Einübung und Benutzung symbolischer Codes57. LIEB (Anm. eine Aussage über den Minnesang zu machen. d. sondern verfügbar: Es geht in den Minnereden nicht um hohe Kunst eines Meisters. sondern hinsichtlich der Rolle der Schriftlichkeit die Besonderheiten der Minnerede herauszustellen. über eine den politischen und kirchlichen Institutionen (z. Schluss Um das besondere Verhältnis von Schreiben und Lieben in den Minnereden zusammenfassend zu beschreiben. möchte ich als Vergleichsfolie den Minnesang heranziehen. In der Schriftlichkeit werden diese Codes verfügbar gemacht. . eine Ermöglichung von Ausdruck. 3. Erzählzeit und erzählte Zeit fallen am Ende der Minneburg zusammen: Das erzählte Ich kommt als weiterdichtendes Ich im Präsens der Erzählzeit des erzählenden Ichs an. Frankfurt a. am Minnediskurs teilzuhaben.und 57 58 NIKLAS LUHMANN: Liebe als Passion. in einer literarischen Tradition zu stehen. aufführungsorientiert und 4. Zur Codierung von Intimität. sondern heimlich-exklusiv: Über die Minne. B. Eine Einleitung. Gesang und Gebärde. Berlin. kunstvoll. In: Triviale Minne? Konventionalität und Trivialisierung in spätmittelalterlichen Minnereden. Es geht nicht um ein Gesamtkunstwerk aus Text. Vgl. sondern es geht um die textuelle Selbstermächtigung eines Minnenden. 38).und Kulturgeschichte 40). eine Verfügbarmachung einer Sprache über die Liebe. 4. Diesen vier Merkmalen möchte ich jeweils einen Gegenbegriff hinzufügen. nicht kunstvoll.

nicht aufführungsorientiert. LIEB/STROHSCHNEIDER (Anm. demnächst: JACOB KLINGNER: Gattungsinteresse und Familientradition. die als Zeuge hätte auftreten können. Frankfurt a. ihrer öffentlichen Verlesung. der in seiner Schrift De vita sua sive Monodiarum libri tres „eine Erfahrung von Privatheit [beschreibt]. Persönliches und Intimes zu kommunizieren.62 3. Für die von JACOB KLINGNER wieder aufgefundene Handschrift aus Lana vgl. 11).und Distributionsweisen gewesen sein. denn das eigenhändige Schreiben gewährleistete im Spätmittelalter – anders als noch das Diktieren in den Jahrhunderten zuvor – die dazu „nötige Privatheit“60: Niemand ist zugegen. in den heute noch erhaltenen Sammelhandschriften) ‚sammeln‘ können. Jede dieser Barrieren wurde mit der Zeit aus dem Wege geräumt: das Diktat durch eigenhändiges Schreiben. Guibert verfaßte insgeheim Liebesgedichte in schriftlicher Form.. Zu einer wieder aufgefundenen Sammelhandschrift der Grafen von Zimmern (Lana XXIII D 33). .]. die nur durch die Texte selbst lebendig wird. 181-217. in der Einschreibung in den Diskurs und in der Fortschreibung des Diskurses. die man sonst nie aufgeschrieben hätte. hier S. M. 189. sonst hätte man sie nicht an verschiedenen Stellen (z. In: Die Welt des Lesens. bei der Lectio. Minnereden wurden sicher in irgendeiner Weise rezipiert und sie zirkulierten wohl auch als schriftlich fixierte Texte. die er antiken Mustern nachbildete und die er dann vor seinen Mitbrüdern versteckte. sondern in der auf Dauer gestellten Textproduktion.Minne schreiben 219 Exklusionsmechanismen. Die Textproduktion selbst ist schon das. wenn eine andere Person zugegen war. Dinge auszudrücken.61 Das eigenhändige Schreiben sowie das Weiterreichen ephemerer privater Abschriften „unter der Hand“ – oder besser: unter Freunden – dürfte für die Minnereden eine der primären Produktion. 196.. S. um was es geht: um die Produktion von Texten einer Diskursformation. von ROGER CHARTIER/GUGLIELMO CAVALLO. Dreifach war die soziale Kontrolle der produzierten Texte zuvor: beim Diktat. sondern als transitorische Produkte: 59 60 61 62 Vgl. die unter der Hand weitergereicht wurden. vor dem es peinlich sein könnte.59 Andererseits konnte gerade auch das eigenhändige Schreiben dem Minnenden ermöglichen. Aber sie wurden offensichtlich weniger als zur Performanz geeignete Produkte aufgefasst. und schließlich bei ihrer Reproduktion durch Abschriften [. wenn das Kollektiv selbst zugegen war und lauschte. In: ZfdA (im Erscheinen).“ LUDWIG (Anm.. die für die spätmittelalterliche Schriftkultur prägend werden sollte. Hrsg. SAENGER berichtet hier unter anderem von Guibert von Nogent. New York 1999. die öffentliche Lectio durch stilles Lesen und die sozial kontrollierte Überlieferung durch private Abschriften. 8). B. Von der Schriftrolle zum Bildschirm. sondern textorientiert: Der Akt des Dichtens einer Minnerede findet sein Ziel nicht in der Aufführung des Textes. PAUL SAENGER: Lesen im Spätmittelalter. S.

120–159. So ließe sich auch RAINER WARNINGs Formel für den Minnesang: „Singenkönnen ist Ausweis von Liebenkönnen“64 modifizieren. ‚epische‘ Welt zu entwerfen. Dieses Einschreiben ist somit auch Ausweis von Rede. Schreiben ermöglicht einen Entwurf. In: Deutsche Literatur im Mittelalter. die dann wieder von den anderen Minnenden zu eigener Kreativität verwendet werden konnten. Hrsg.“63 Die Textpraxis der Minnereden ist Liebespraxis – zumal wenn man Liebe definiert als ‚Gedenken‘. Die Minnereden dagegen (vor allem die Minnereden mit stark narrativen Anteilen) machen sich auf die literarische Suche nach einer besseren Welt. in der die Minne zu ihrem Recht kommt und reflektiert gehandhabt wird. RAINER WARNING: Lyrisches Ich und Öffentlichkeit bei den Trobadors. S. Kontakte und Perspektiven. 1-115. 129. hier S. eine Gestaltung des Ichs und seiner inneren Welt. als imaginatives Anfüllen des Ichs ‚mit der Dame‘ und mit dem Sprechen über die Minne. . wie PETER VON MOOS im Bezug auf die Epistolae duorum amantium formuliert: „Liebe und Liebesdichtung [fließen] als ein und dieselbe Kunst ästhetischer Sublimierung harmonisch zu ‚einer säkularen Religion der Liebe‘ ineinander. nicht liedhaft. Gedenkschrift Hugo Kuhn. 99. Mit der im Spätmittelalter so ausgreifenden Kultur des Schreibens wird erstmals die Welt der Minne gestaltbar. hier S. 63 64 65 PETER VON MOOS: Die Epistolae duorum amantium und die „säkulare Religion der Liebe“. ja es wird selbst zu einem Akt des Minnens. von CHRISTOPH CORMEAU. GLIER (Anm. 13. S. S. Stuttgart 1979.“65 Diese utopische Dimension eines epischen Weltentwurf erlangen die Minnereden unter anderem durch ihre Schriftlichkeit. Für die Minnereden gilt: Schreibenkönnen ist Ausweis von Liebenkönnen. Minnereden träumen sich in die ‚säkulare Religion der Liebe‘ hinein: In keiner anderen weltlichen Gattung des Spätmittelalters wird der Traum vom besseren Menschen – und damit von der besseren Welt – so intensiv und so dauerhaft geträumt wie in den Minnereden.und Schreibkompetenz im Bereich der Minnedichtung. in der sie die Anderwelt der Minne entwerfen können. In: Studi Medievali 44. in keiner wird die Liebe so ausschließlich zum Prüfstein und zum erklärten Ziel menschlichen Glücksstrebens. 10).220 Ludger Lieb als Akte des Einschreibens eines Minnenden in den Diskurs. Methodenkritische Vorüberlegungen zu einem einmaligen Werk mittellateinischer Briefliteratur. Sie versuchen eine andere.1 (2003). sondern episch: Das Minnelied bleibt meist auf die gegenwärtige Situation und auf die diesseitige Welt bezogen. 4.

87. 83. vgl. 1. dass der Sprache Vorrang vor dem Körper gebühre... NIKLAS LUHMANN: Liebe als Passion.3 Die Annahme. M. nennen: MICHEL FOUCAULT: Sexualität und Wahrheit. Frankfurt a. dass sie oft geradezu plakativ wirkt. 133-204. Körper und Begehren durchgesetzt: In unterschiedlichen Theorieströmungen ist man sensibel dafür geworden. HOWARD BLOCH: The Scandal of the Fabliaux.2 The language which covers – and always covers imperfectly – does not stand in specular relation to the body (or to any body of representation). Differenzierungen zwischen unterschiedlichen Ebenen des Textes und den verschiedenen medialen Ausprägungen von ‚Sprache‘ werden verwischt. 1999 (stw 716) . von Ulrich Raulff und Walter Seitter. the response can only be something on the order of language or [. Übers. 1986 (Bibliothek Suhrkamp 378). In einer Erzählung ist das Verhältnis von Sprache und Begehren immer ein zweifaches: Einerseits kann auf der Handlungsebene von sprachlich 1 Als theoretische Eckpfeiler dieser Entwicklung könnte man u. Frankfurt a.] the fabliau itself. 2 3 .1 In der mediävistischen Literaturwissenschaft hat insbesondere HOWARD BLOCH das Verhältnis von Sprache und Begehren in den Fabliaux analysiert und kommt zu fast schon programmatischen Thesen: To our initial question concerning the origin of desire. Zur Codierung von Intimität. a. Chicago. London 1986. S. BLOCH (Anm. von Hans-Dieter Gondek. dass das Begehren nicht in erster Linie körperlich zu verstehen ist. hat sich mit einer solchen Insistenz eingebürgert. München 1990 (Reihe Forschungen 3). 2). Der Wille zum Wissen. 1994 (stw 1124) sowie die Arbeiten JACQUES LACANS. seems even to engender that of which it speaks. Frankfurt a.SUSANNE REICHLIN Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung: Sprache und Begehren im Märe Des Mönchs Not In den Kulturwissenschaften hat sich der linguistic turn in den letzten Jahren auch für das Verhältnis von Sprache. S. von Traugott König. Stattdessen wird es als Produkt eines Diskurses oder als Effekt sprachlicher Prozesse konzipiert. M. R. dazu: ALAIN JURANVILLE: Lacan und die Philosophie. Übers. but on the contrary. M. Bd. ROLAND BARTHES: Die Lust am Text. Übers. S.

Über den Verfasser ist nichts bekannt. andererseits kann die Erzählweise eines Textes Begehren evozieren. binde und erlöse zugleich und wohne in einem Haus. 54. weil der Knecht ihm erzählt hatte. In: Novellistik des Mittelalters. was es bedeuten könnte. Abs. von KLAUS GRUBMÜLLER. dass derjenige der unten liege. . 1250-1258 und HANNS FISCHER: Studien zur Märendichtung. Reinbek bei Hamburg 1981 (das neue buch 162). den Kommentar. S. der im Kloster aufwächst und seine Tage mit Lesen. S. Märendichtung. der von HELGA GALLAS4 diesbezüglich eingeführt wurde. Tübingen 1968. 1996 (Bibliothek des Mittelalters 23). S. Hrsg. Der „einzige verläßliche Anhalt“ für die Entstehungszeit ist die Überlieferung zweier Handschriften. „voll von feinen Speisen und gutem Wein“). Dieser weigert sich aber. Ich zitiere im Folgenden (auch die Übersetzungen) nach: Der Zwickauer: Des Mönchs Not. der ihm mittels der üblichen Topoi von der Minne erzählt: Sie mache krank und gesund. Die Sprache des Unbewussten und der Sinn der Literatur.5 Es erzählt von einem Mönch. in Gesamtabenteuer. M. 53-69). Der Begriff des „Textbegehrens“. 205. 1251). Das Märe findet sich z. damit sie den Mönch in die Liebeskunst einführt. Schwänke. Hundert altdeutsche Erzählungen: Ritter. Die Wirtin schlägt ihn wiederholt.222 Susanne Reichlin erzeugtem Begehren erzählt werden. Bd. guter spise und wines vol (V. Zu Überlieferung. Als ein Hase davonrennt. VI. Hrsg. Nr. II. Um dem Ehrverlust zu entgehen. möchte ich im Folgenden ein Märe untersuchen. Das Märe Des Mönchs Not wird einem Zwickauer zugeschrieben. dass sich der Mönch in Begleitung des Knechtes sogleich auf den Weg macht. versucht er eine Abtreibung. B. Im 4 5 HELGA GALLAS: Das Textbegehren des ‚Michael Kohlhaas‘. der auf diese Weise auch schon bei einem Kalb eine Abtreibung bewirkt hatte. Wundersagen und Legenden. S. Um dennoch beide Darstellungsebenen genauer analysieren zu können.und Pfaffen-Mären. S. Singen und Beten zubringt. der das Märe einer anderen Handschrift entsprechend einem Zwingäuer zuschreibt. „Die Fessel der Liebe“) und fragt sich. auch unter dem Titel Der schwangere Mönch (so z. in dem die sprachlichdiskursive Produktion von Begehren scheitert. Dennoch scheint es zentral. In ihrer ersten Herberge bezahlt der Knecht die Wirtin. erkennt er darin sein eigenes Kind und folgt ihm weinend. 24. Stadt. Er wendet sich an den Knecht des Klosters. 3 Bde.und Dorfgeschichten. sodass er zurück ins Kloster flieht. 26. 60. Doch nun glaubt er sich schwanger. S. T. 666-695. u. Edition und Datierung vgl. 261). ist der Psychoanalyse Lacans verpflichtet und eignet sich deshalb nur bedingt für eine Analyse mittelalterlicher Erzählungen. die auf vor 1300 schliessen lassen (GRUBMÜLLER. Dies klingt so verführerisch. immer beide Darstellungsebenen von Begehren – deren Zusammenspiel und Diskrepanz – im Blick zu behalten. Darmstadt 1961. seine Kutte auszuziehen und bleibt steif im Bett liegen. – zumindest auf der Handlungsebene. von FRIEDRICH HEINRICH VON DER HAGEN. Eines Tages stösst er lesend auf den Ausdruck minne bant (V. Er lässt sich von einem Knaben gegen Bezahlung schlagen. insbesondere Anm. auch die Kinder ‚austrage‘ (V. Frankfurt a.

wo es gerade fehlt. 101-103. von BURGHART WACHINGER u. Mit Michel Foucault neu gelesen. sondern als komplementäres gezeigt werde. Mit einem Textanhang. 377 und GRUBMÜLLER (Anm. New York 1999. Deutsche Sprache in Forschung und Lehre 5 (1987). weil dabei das Geschlechterverhältnis nicht mehr als hierarchisches. 11 SCHNYDER (Anm.Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 223 Wald trifft er einen Mitbruder. S. Hrsg.]. S. Für ANDRÉ SCHNYDER8 sind das Scheitern des ‚Minneabenteuers‘ und die Schwangerschaft Anzeichen für die Homosexualität des Mönchs. dass bei unserem Mönch der Wunsch nach homosexuellen Beziehungen namentlich zu seinen Vorgesetzten durch das Verlangen. „dessen Besitz ihn erst zum Menschen mach[e]“. 10. Beide Analysen gleichen sich somit darin. S. Berlin. S. Abt. in der die Geschichte erzählt wird. der ihn mit Gewalt ins Kloster zurückbringt. 1258 und ANDRÉ SCHNYDER: Art: Zwickauer. dass „Sexualität nicht als ausserhistorisches.9 Dank anthropologischer Konstanten10 unterstellt er auch da noch ein sexuelles Begehren. Verfasserlexikon. 8). Er liest das Märe als Kritik an Klerus und Adel. Frau Minne zu treffen. Der Mönch spreche am Ende als hysterisches Subjekt. 5). Die bisherige Forschung6 interessierte sich vor allem für die Schwangerschaft des Mönchs. 8 ANDRÉ SCHNYDER: Des Mönchs Not. Homosexualität im Mittelalter. Übers. 139-170. S.. S. 9 „Deutlichstes Indiz. S. 271. 273.. von Ingeborg Walter. 269-283. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. 10 SCHNYDER (Anm. Prior und Cellerar als Paten (Väter !) des Kindes zu gewinnen“ SCHNYDER (Anm. 5). natürliches Faktum [. Bd. die (sprachliche) Art und Weise. 8). Dabei versperrt die Fokussierung auf die 6 Ausführlichere Angaben zur bisherigen Forschung finden sich bei FISCHER (Anm.. das von einer Macht unterdrückt oder verhindert wird. und dann durch die Idee. Seine Interpretation kann jedoch genau diesen Anspruch nicht einlösen. die beide die Herrschaft des Mannes über die Frau zu sichern versuchten. d. Dem Mönch werde vom Klerus ein „sexuelles Wissen“ vorenthalten. 12 Ganz ähnlich argumentiert auch BRIGITTE SPREITZER: Die stumme Sünde. die die Teufelsaustreibung am Ende als ‚Verteufelung‘ der Homosexualität versteht. dass sie ein Begehren voraussetzen. ZAPPERI liest dies als utopisches Moment. In: Wirkendes Wort. S. Bei seiner Paraphrase der Thesen Foucaults hebt er hingegen hervor. 1623-1625. 7 ROBERT ZAPPERI: Geschichten vom schwangeren Mann. so dass er am Ende – wie zu Beginn – seine Tage mit Lesen.12 Sie lesen das Märe soziohistorisch als Spiegel von Herrschaftspraktiken und vernachlässigen dabei die Erzählebene. Männer. 8). der sich erst und nur unter konkreten historischen Bedingungen konstituieren kann“ zu begreifen sei (S. um die Schwangerschaft als Verweis auf homosexuelle Wünsche zu lesen. beruft sich auf problematische Art und Weise auf Ethnologie und Psychoanalyse Freuds.h. S. Da er weiterhin nach seinem Kind sucht. Singen und Beten verbringt. Für ROBERT ZAPPERI7 verbildlicht die Schwangerschaft die Effemination des Mönchs. Göppingen 1988 (GAG 498). . Mit Gewalt und Beichte wird ihm dies aber ausgetrieben. a. München 21994 (Beck’sche Reihe 1068). gilt er als besessen.11 SCHNYDER versteht den Mönch mit dem entsprechenden Verweis auf Foucault als „Opfer sexueller Repression“. 274). Frauen und die Macht. sondern als Bewußtseinsinhalt. schwanger zu sein sich andeutet. 273. ist die Hoffnung.

wie am Schicksal des schwangeren Mönchs und seiner geistigen Verwandten zu sehen ist. S. Rollenentwürfe in der Literatur des Hoch. Die Auseinandersetzung mit Lebensformen hinter Mauern. . Denn das Märe interessiert sich gerade für die Unterschiede zwischen verschiedenen medialen Ausdrucksweisen von ‚Denken‘ und dafür. 691-711.14 MEINERS versteht das Märe als Kritik an einer Vernunft. Er postuliert. Doch greift ihre Gegenüberstellung von ‚Wort‘ und ‚Begriff‘ oder von ‚Denken‘ und ‚Realität‘ zu kurz. 698. dass das Märe die „Unzulänglichkeit der klösterlichen Lebensform“ aufzeige. nämlich die Opposition zwischen dem abgeschlossenen Innenraum 13 14 15 16 IMGARD MEINERS: Schelm und Dümmling in Erzählungen des deutschen Mittelalters. dass das Märe nicht von einem anthropologisch verstandenen Begehren. S. in: Literarische Leben.16 Im Folgenden soll das Verhältnis von Sprache und Begehren auf den unterschiedlichen Ebenen des Textes und in verschiedenen medialen Konstellationen genauer analysiert werden. FS Volker Mertens. da diese nur ‚Buchwissen‘ und kein ‚Erfahrungswissen‘ ermögliche. 120: „Das Denken entfernt sich immer mehr von der Realität. wie das Märe mit der Metaphorik des höfischen Liebesdiskurses und den Erzählstrategien anderer Mären spielt. was das für die Darstellung des Begehrens bedeutet. und schließlich fallen Realität und Denken völlig auseinander. KURT OTTO SEIDEL: Bücherwissen und Erfahrung im Märe. 117. Abschliessend werde ich das Verhältnis des schriftlichen Ausdrucks minne bant zum Begehren auf den verschiedenen Erzählebenen analysieren. insbesondere die Verweise auf andere literarische Darstellungsformen von Begehren. sondern vom diffizilen Umgang mit Sprache erzählt. 1. Erotische Naivität Im Märe Des Mönchs Not fällt als erstes die Entgegensetzung zweier Räume auf.“ Vgl. wie sich das Scheitern der Liebeserziehung auf den Körper des Mönchs auswirkt und fragen. 13). dass der Mönch dem „Wort“ [minne] einen „falschen Begriff“ zuordne und aufgrund falscher Analogien weitere Fehlschlüsse zieht. S. Hrsg.und Spätmittelalters. wie Diskurs und ‚Lebenswirklichkeit‘ ineinander verflochten sind. die sich vollständig von der Wirklichkeit entfernt habe. MEINERS (Anm. IRMGARD MEINERS’13 Interpretation beschäftigt sich dagegen mit der Rolle der Sprache im Märe. von MATTHIAS MEYER und HANSJOCHEN SCHIEWER. 115-122. Die Komik entstehe dadurch. 13).15 Sicherlich ist MEINERS darin zu folgen. München 1967 (MTU 20). hier S. MEINERS (Anm. Zuerst werde ich untersuchen. Anschliessend soll gezeigt werden. Tübingen 2002. S.224 Susanne Reichlin Handlungsebene den Blick auf intertextuelle Beziehungen.

minne. S. damit es keusch lebe.19 17 Bei FISCHER (Anm. 9-11) […] er konde singen unde lesen vil baz denne minnen. / das wir miteinander treiben“ (Übers. „Sagt mir. Ein Erklärungsversuch. V. JONAS geht davon aus. 24. / Des wir mit ein ander pfligen? (V.] Er konnte viel besser singen und lesen als lieben. 5). Oft ist es das Wort minne. nennt den gegenüber FISCHER etwas erweiterten Themenkreis „Sexuelle Unerfahrenheit/Verführung“ (S. 97 stellt „Verführung und erotische Naivität“ einen eigenen Themenkreis (mit 12 Vertretern) dar. Die Welt kannte es nicht.18 fragt etwa das Mädchen im Häslein. mein Herr. II.). In: VON DER HAGEN (Anm. In den Texten über die „sexuelle Unerfahrenheit“ besteht die Überlegenheit im Wissen um Sexualität (S. was ist das?“ In Der Sperber. 18 19 . Die biographisch-räumliche Aufteilung motiviert eine beschränkte Sichtweise des Protagonisten. /daz ist mir leider unbekant. 317). 5).). 127-135. R. S. 590-617. Germanistische Reihe 32). Das Häslein. „Minne. 47). Nr. In: GRUBMÜLLER (Anm. Eine unerfahrene. S. Diese Ausgangslage teilt das Märe mit vielen anderen. MONIKA JONAS: Der spätmittelalterliche Versschwank. Studien zu einer Vorform trivialer Literatur. 42-47. was ist es. Göppingen 1978 (GAG 256). herre. nicht fassen. 85. motiviert sie doch die erotische Naivität des Mönches: Ein kleines kint wart gegeben zu einem münch in ein reinez leben.bzw. (V.Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 225 des Klosters und dem des Außen. HERIBERT HOVEN: Studien zur Erotik in der deutschen Märendichtung.) Ein kleines Kind wurde einem Mönch anvertraut. 172f. doch fehlt ihr das Wort: sagt mir. was Ihr da erwähnt / und Minne genannt habt. der von Des Mönchs Not unterlaufen wird. sagt sie: daz ir mir hât vür gezelt / und ez minne hât genant. In: GRUBMÜLLER (Anm. dass JONAS von einem nicht weiter spezifizierten „Wissen“ ausgeht. / das ist mir leider völlig unbekannt. S. unterlegener Partei“ beherrscht werden. im was diu werlt unbekant. herre. Innsbruck 1987 (Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft. versteht die erotische Naivität einerseits als Möglichkeit „zur Entlarvung erstarrter Normen und Verhaltensweisen“. Herr. 5). die von erotischer Naivität17 erzählen. 316318. (V. Dadurch. 568-589.“) In Des tiuvels âhte. S. „Das. andererseits zeige sie „die Ohnmacht einer Norm. (V. 5). Der naiven Figur fehlt sowohl die diskursive Vertrautheit als auch die Erfahrung von Minne und Sexualität. 130-133. 46).. was ist daz?. Bd. dass die Schwankerzählungen von einem „Spannungsverhältnis zwischen über. abgeschieden lebende Figur kennt den Liebesdiskurs nicht. [. die in vielen Geschichten dominant ist. waz ist daz.. verfügt das Mädchen über die Erfahrung. Wie SCHNYDER (Anm. 50f. Die räumliche Aufteilung ist auch eine biographische. 8) stützt sich HOVEN auf die anthropologische Konstante des Triebs. die den Trieb einzudämmen sucht“ (S. kann sie gerade die Dissoziation von Sprache und Erfahrung. das die Neugier der naiven Figur erweckt.

(V. STEPHEN JAEGER. 19). Sie geben beispielsweise vor. 20 Heinrich von Veldeke: Eneasroman. S. wie oft sie in der Nacht den Teufel geächtet hätten. vgl. sondern zeigen zu können. „So sagt mir also. die unterschiedlichen Codes unterliegen. Untersuchungen und Texe aus der deutschen und englischen Philologie 119). 95-105. Liebe zeigt sich hier somit – ganz im Sinne der am Anfang vorgestellten Thesen – als Effekt des Diskurses. Im Gänslein24 glaubt ein Mönch. welche auf eine möglichst grosse Distanz zwischen sprachlichem Zeichen und Gemeintem hinzielen. und Das Häslein (Anm. wenn die naive Figur glaubt. In: GRUBMÜLLER (Anm. Berlin 1913 (Palaestra. dazu: MIREILLE SCHNYDER: Imagination und Emotion. was Minne ist. zeigt das Verhältnis von Diskurs und Erfahrung als komplexes.a. Emotionalisierung des sexuellen Begehrens über die Schrift. In: Der Sperber und verwandte mhd.226 Susanne Reichlin Im Eneasroman Heinrichs von Veldeke20 antwortet die Mutter Lavinia auf diese Frage mit einer ausführlichen Beschreibung (literarischer) Liebessymptome. In den Mären hingegen leiten die Verführer die naive Figur meist gezielt in die Irre. Den misogynen Stereotypen der Mären entsprechend führt dies vor allem bei den weiblichen Figuren dazu. Diskurs und Erfahrung verweisen zwar aufeinander und eignen sich deshalb gut zur Verführung. 146ff. 170ff. V. Stuttgart 1986 (Universal-Bibliothek 8303). Doch erscheinen sie in den oben genannten Mären als zwei separat operierende Systeme. Doch damit wird minne keineswegs als etwas dargestellt.6. Vgl.“ Des tiuvels âhte (Anm. minne sei ein tauschbares Objekt. 261. Hrsg. Die Mären erzielen ihre Pointen dank Diskrepanzen zwischen den beiden Systemen: so etwa. geht ein komischer Reiz von Koitus-Umschreibungen aus. S. 337: „In den Mären Des Teufels Ächtung. Nach dem Text von Ludwig Ettmüller. S. dass sich die semantische Neugier in ‚unersättliches‘ Begehren verwandelt. 105f. Hrsg.27. 17). Das Gänslein. dass die naive Person auch nach der sexuellen Initiation den Diskurs nicht beherrscht:22 In Des tiuvels âhte23 etwa wird dem Mädchen gesagt. von INGRID KASTEN/C. Dass die naiven Figuren auch nach der sexuellen Erfahrung den Diskurs nicht beherrschen. Novellen. 648-665. wer ist ‚die Minne‘?“) und sô saget mir denne waz minne is. Ehren und Höhnen. Lavinia fragt die Mutter: dorch got. Vgl. 21 22 23 24 . In: Codierung von Emotionen in der Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. HOVEN (Anm. „Um Gottes Willen. Denn meist besteht die Pointe darin. von HEINRICH NIEWÖHNER. Ähnlich im Fragment Dulciflorie. Frauen würden Gänse genannt und wünscht sich – nach der Liebesnacht mit der Meierstochter – solche zum Weihnachtsessen im Kloster.“). und übers. V. Rache für die Helchensöhne u. Berlin. 18). den Teufel zu bannen und so erzählt sie nach der Hochzeitsnacht den Verwandten begeistert. 237-250. V.21 um minne nicht zu erklären. Der Sperber (Anm. das sich nur erfahren und nicht beschreiben lässt. wer is diu Minne? (V. S. 262. das Wort minne verweise auf ein tauschbares Objekt und dieses zurücktauschen möchte oder wenn sie den Beischlaf als ganz andere Handlung bezeichnet. 19). New York 2003 (Trends in Medieval Philology 1). 5). der Beischlaf sei dazu da. Hrsg. von DIETER KARTSCHOKE. 169.

der Liebeskrankheit und der Heteronomie des Liebenden.Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 227 Des Mönchs Not zitiert das Erzählmuster der ‚erotischen Naivität‘ an. Doch stellt er dem die Lobpreisung ihres Mundes voran. So etwa SCHNYDER (Anm. sondern an den Grenzgänger. 2.27 Vielmehr werden damit gezielt falsche Erwartungen auf alternative Erzählverläufe geweckt. „munter drauflos [redete]“) und so auf die listigen Frauenfiguren der Mären verweist. 116. hier S. 277 oder DIRK MATEJOVSKI: Das Motiv des Wahnsinns in der mittelalterlichen Dichtung. Während der Liebesnacht liegt er steif da. doch setzt es sich zugleich davon ab. kommt es in des Mönchs Not zur irritierenden Übereinstimmung derselben. M. Kongruenz von Körper und Sprache Während die oben beschriebenen Mären mittels erotischer Naivität von der Dissoziation von Sprache und Erfahrung erzählen. 125-129). Der Erzähler beschreibt beispielsweise die Wirtin mit den üblichen höfischen Schönheitstopoi von Kopf bis Fuss (V. Obwohl die sexuelle Initiation und alle minneclichen Empfindungen fehlen. Die Liebeserziehung führt nicht – wie bei den vorwiegend weiblichen naiven Figuren der anderen Mären – zu einem ‚unersättlichen‘ Begehren. den Knecht. doch kein sexuelles Begehren.26 Das Märe erschöpft sich aber keineswegs in der Konfrontation unterschiedlicher literarischer Diskurse. Denn die Antworten des Knechtes zitieren ganz unterschiedliche höfische und nicht-höfische Liebesdiskurse an. Seine semantische Neugierde führt ihn zwar aus dem Kloster. Andererseits schildert er den Minnehof als Ort. Der Mönch wird nicht von einem Dialogpartner gezielt trügerisch in den Minnediskurs eingeführt. 118. 96-119. nicht aber aus dem Diskurs hinaus. S. Frankfurt a. an den man nur mit Geld hingelangen kann und der vor allem leibliche Gelüste befriedigt. Einerseits erzählt der Knecht vom Wechsel von Freud und Leid. der niht an worten laz ist (V. 1996 (stw 1213).25 Um dessen Bedeutung zu ergründen. 245) und 25 26 27 Siehe unten Abs. sondern ein geschriebener Ausdruck (minne bant) weckt seine Neugier. sondern zu wiederholter Gewalt. Er wendet sich nicht an eine klösterliche Schriftautorität wie den Abt. S. 124. treten die vom Knecht angekündigten Symptome und Folgen der minne ein. und VI. 8). V. legt er das Buch weg. Diese Konfrontation unterschiedlicher literarischer Diskurse wiederholt sich auf der Erzählebene. Der Mönch wird aufgrund der gewaltsamen Begegnung mit der Frau ganz bleich (V. Der Mönch versteht den Ausdruck nicht. . Der Ausdruck minne bant weckt zwar die sprachreferentielle Neugier des Mönches.

in der irritierenden Übereinstimmung von Liebesdiskurs und Körpersymptomen. und HORST WENZEL: Hören und Sehen. 395-444. Düsseldorf 1994 (Studia humaniora 25). wird auf diese Form der Pointen-Erzeugung angespielt. Liebe. Zur Lesbarkeit von Körperzeichen in der höfischen Literatur. die sprachlich behauptet wird. Sie zitieren damit nicht nur den höfischen Liebesdiskurs. 97ff. ist der Knecht überzeugt. Bereits die höfischen Texte spielen mit solchen Topoi und erzeugen Bedeutung gerade durch deren Nicht-Übereinstimmung. Der höfische Liebesdiskurs geht in den Topoi der Liebeskrankheit von der Übereinstimmung von Körper und Sprache aus. ohne dass er stattgefunden hätte. „vertrieb [. 209.228 an rucke und an herzen begond ez in sere smerzen. Zugleich wird sie aber nochmals gesteigert. S.B. 278.. Zurück im Kloster gienc der münch sochen (V. Hrsg. Erbleichen oder Ohnmacht. der gehörnte Ehemann sei der Anlass für den frühen Aufbruch (V.. nämlich den. 28 29 30 Dies gilt ausschliesslich für die Topoi wie Erröten. Eheleute tauschen – wie z.] ihm die Zeit“) und spendet ihm vreude[ ] (V. die diskursiv angekündigt wurden. . a. etwa INGRID HAHN: Zur Theorie der Personenkenntnis in der deutschen Literatur des 12. als er verbrant wære (V. Auf der Erzählebene gibt es weitere Textsignale.-14. während sie sich gegenseitig Gewalt zufügen. Das heiße Eisen.28 Der Witz vieler Mären besteht hingegen in der Dissoziation von Sprache und Körper. als wenn er verbrannt wäre. von HELMUT BRALL. 44-55. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 99 (1977). Die oben beschriebenen Mären Das Gänslein und Des tiuvels âhte erzeugen ihre Pointe aus der Dissoziation von Sprache und Erfahrung. Denn ohne alle Erfahrung von minne zeigt der Körper des Mönchs genau die Symptome auf. In: GRUBMÜLLER (Anm. Der Stricker. Körper und Sprache stimmen – zumindest auf der literalen Ebene – überein. ist auch am Körper sichtbar. 5). „Freude“). die auf dessen Kosten Komik erzeugen. die – im Spiel mit bekannten Erzählmustern – den Vollzug der Liebesnacht andeuten.30 Die ironische Kongruenz von Körper und Diskurs hat noch einen weiteren Effekt. S. im heissen Eisen29 – höfische Liebesworte aus.) und als der Mönch am anderen Morgen in aller Frühe ins Kloster zurück eilt. Susanne Reichlin Die Wirtin verkürzt dem Mönch die wile (V. So wird etwa der Preis für den scheinbaren Ehebruch sorgsam ausgehandelt (V. 191-218. Jahrhunderts. In: Personenbeziehungen in der mittelalterlichen Literatur. die Absenz des Begehrens prominent sichtbar zu machen. 216. Wenn in Des Mönchs Not die Wirtin ihre Schläge als Minnebriefe bezeichnet. sondern auch andere Mären. Des Mönchs Not verfährt genau umgekehrt. 234). 185-187) Im Rücken und an der Brust hatte er solche Schmerzen. Vgl. Die Pointe besteht u. „fing der Mönch zu kränkeln an“) und dies bestätigt ihm seine Schwangerschaft. S.

31 Vgl. Der Pfarrer erschleicht sich den Ehebruch. „Ernte“) vorsetzt (Übers. aber nicht als eine stabile. 57. Dies ist in vielen Mären eine beliebte Technik. auch UDO FRIEDRICH: Spielräume rhetorischer Gestaltung in mittelalterlichen Kurzerzählungen. Die theologische Metaphorik des almuosen (V. als ein Fehlen. „Almosen“) und des waingart[s] (V. Sprache entgeht. auf das mittels einer irritierenden Übereinstimmung von Körper und Sprache hingewiesen wird. anführen. hier S. 227-249. S. PETER STROHSCHNEIDER und FRANZISKA WENZEL. „der Zehnte“) von der Frau verlangt. Für die narrative Evokation von Begehren scheint die Opposition von Körper und Sprache zentral. 59. Formen ihrer Autorisierung und Legitimierung im Mittelalter. Der Dienst des Mannes ist immer materiell. Dies wirft auch ein anderes Licht auf die eingangs aufgeworfene Frage nach dem Vorrang von Körper oder Sprache „concerning the origin of desire“. Tübingen 1972. Konkretisierungen höfischer Liebesmetaphorik Wenn der Mönch aufgrund der Schläge der Wirtin Herzschmerzen hat und sich verbrannt fühlt. Des Mönchs Not verweist auf das literarische Muster. S. 327: „Metaphern werden ihrer herkömmlichen Metaphorik entkleidet und in komisierender Weise ‚wörtlich‘ genommen“. Durch die irritierende Übereinstimmung der beiden macht das Märe die Absenz von etwas sichtbar.Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 229 Das sexuelle Begehren wird als Leerstelle dargestellt. In: Werke. 287.). Hrsg. In: Geltung in der Literatur. 32 . indem er dem Pfarrer den Urin der Frau als frucht (V. die konstante Verschiebungen ermöglicht. 276. sondern als eine. S. das der Opposition von Körper vs. Begehren mittels Dissoziation oder Übereinstimmung von Körpersymptomen und Diskurskonvention darzustellen. Gerade weil sowohl Körper als auch Sprache letztendlich immer mit sprachlichen Mitteln dargestellt werden. Berlin 2005 (Philologische Studien und Quellen 190). 90: „the erotic interest of the fabliaux consists neither of anything like a natural act (a naturalism of the body) nor of the use of direct speech to describe such an act (a naturalism of language) but of the refusal of the proper that characterizes the tales analyzed above: a denaturing. indem er den zehenden (V. von BEATE KELLNER. ist dies offensichtlich ein Spiel mit der Konkretisierung höfischer Liebesmetaphorik. BLOCH (Anm. 238-242 und HOVEN (Anm. R. S. 17). Studienausgabe. Als Beispiel kann man Heinrich Kaufringer: Der Zehnte von der Minne.32 Insbesondere das Umfeld der höfischen dienst-lôn-Metaphorik wird in fast allen Mären ökonomisiert und sexualisiert. Der Ehemann rächt sich. Hrsg. 131-139. S. stösst das Erzählen weder auf der einen noch auf der anderen Seite jemals zu einem ‚Ursprung‘ oder gar zu einer soziohistorischen Realität vor. 2). Dabei geht es weniger um ontologische Aussagen über ‚das Begehren‘. Komik zu erzeugen. „Weinbergs“) wird sexualisiert und ökonomisiert.“ Vgl. sein Lohn sexuell. von PAUL SAPPLER.31 3. als vielmehr um Fragen der Darstellung.

ist die Sexualisierung hier bloss eine kalkuliert geschürte. „Hof der Minne“. in der andere Mären auf den höfischen Liebesdiskurs Bezug nehmen (Konkretisierung der Minne-Topoi) und verschiebt diese Bezugnahme nochmals.F.]. die in ganz unterschiedliche Richtungen vorgenommen – und erst noch wiederholt werden kann. N. zur erotischen Metaphorik auch HOVEN (Anm. 216. Tübingen 1969 (Hermaea. 351-361. 17). 93. . Doch im Unterschied zu den anderen Mären. Germanistische Forschungen. S. In: Die deutsche Märendichtung des 15.und Motivuntersuchungen zur mittelhochdeutschen Versnovelle.. Des Mönchs Not zitiert die Form. dass in den Fabliaux die Sprache das Begehren erzeuge. h. d. bei denen höchste adlige Kreise in geselligen Zirkeln zusammenkamen. liest den Minnehof als Anspielung auf die „‚Institution‘ der Minnehöfe [. als Technik der Rekonkretisierung literarischer Liebesdiskurse. wo der Witz der Rekonkretisierung der Liebesmetaphorik in deren Sexualisierung besteht. „Freude“) und der stoz (V. 272f.). Verschiebungen HOWARD BLOCH geht – wie eingangs erwähnt – davon aus. München 1966 (MTU 12).. um gewöhnliche Gewalt. Er begründet dies damit. dass „the eroticism of the fabliaux“ nicht in einer ‚konkreteren‘ Darstellung von 33 34 V. Das Verkürzen der wile (V. sondern die Konkretisierung ist eine sprachliche Verschiebung. die verbreitete vreude (V. S.R. benutzt: der [Liebhaber] gap ir [Ehefrau] manchen herten stoß (V. ist keine Rückführung auf einen scheinbaren Ursprung wie Sexualität.“ Die Sexualmetaphorik des Stosses wird etwa in Claus Spaun: Fünfzig Gulden Minnelohn. Es geht hier also erneut um eine doppelte Bezugnahme. Der naive Blick. doch wird vorgeführt. Hrsg.. Vgl. Die vom Leser erwartete Konkretisierung findet zwar statt. sondern bloss eine literarische Technik der Bedeutungsverschiebung. „Stoß“) der ‚Frau Minne‘ werden nicht als blumig verschleierte Sexualität entlarvt. dass auch das märenübliche Sexualvokabular selbst wiederum metaphorisch verstanden werden kann. aber falsche Lese-Erwartung. 26). „Zeit“). 178. 4. 332. 209. um über pikante amouröse Themen amüsante Diskussionen zu führen. ihr hof 33 als gewöhnliche Herberge. KARL-HEINZ SCHIRMER: Stil. 141. „der Liebhaber gab der Frau einige harte Stösse“ (Übers. von HANNS FISCHER. Jahrhunderts. S. Damit blitzt die generelle Metaphorizität von Sprache auf: Es gibt nicht die eine Konkretisierung einer Metapher.230 Susanne Reichlin Auch in Des Mönchs Not werden die Minnetopoi des Knechtes schnell märentypisch konkretisiert: Die personifizierte ‚Frau Minne‘ entpuppt sich als kaufbare Frau. indem die Konkretisierung nun metaphorisch gelesen wird.34 sondern es handelt sich um literale Stösse.

und Minnediskurs. sondern von den sprachlichen Mechanismen ihrer Darstellung. sind in Des Mönchs Not auf unterschiedlichen Ebenen sprachliche Verschiebungen sichtbar: Nicht nur der naive Mönch missversteht Metaphern. 277. Hrsg. was minne sei und sich deshalb am nächsten Tag schwanger glaubt. Auf der Handlungsebene hat dies zur Folge. that constitutes the eroticism of the fabliaux. Personifikationen etc. hält sie am Liebesdiskurs fest. Der Erzähler etwa nennt die Schläge der Wirtin einen leczen. andererseits als Minnebriefe – stiftet eine Verbindung zwischen Kloster. S. „Sie gab ihm eine Lektion“).Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 231 Sexualität35. A la rapidité de la description. sondern auch die Wirtin und der Erzähler setzen Wörter in einem fremden Kontext ein. HOWARD BLOCH: Modest Maids and Modified Nouns. 87. 300. vielmehr werden beide Diskurse so radikalisiert. die beim Auffinden des Ausdruckes minne bant fehlte. dass der Mönch weiterhin glaubt. qui est un élément stylistique du conte comique. einen leczen si im do las (V. S.‘“) Obwohl die Liebeserziehung gescheitert ist und die Wirtin anfängt.“ BLOCH (Anm. Hrsg.] the deflection of the proper transformed into story. Wie bereits im Lehrgespräch zwischen Mönch und Knecht werden Liebesdiskurs-Fragmente beibehalten. von JAN M. hier 537: „l’acte lui-même est rarement représenté dans les fabliaux. beliefs and traditions 4). In: Obscenity. Während BLOCH unter „deflection of the proper“ hauptsächlich „the turning of language from a proper signification to an improper or metaphoric one“37 versteht. er erfahre nun. hier S. den Mönch zu schlagen. 293-307. Obscenity in the Fabliaux. 214f. Vigilien und Laudes) bezogen.38 Die Wirtin bezeichnet sie hingegen als Liebesbriefe: si sprach: ‚daz ist der ander brief. den iu vrow minne hat gegeben (V. der Kontext aber verändert. Wie in vielen anderen Mären entstehen durch die Diskrepanz zwischen der von der Figur ausgeübten Gewalt und der sie bezeichnenden Wörter komische Effekte.. Leiden. Textes de jongleurs des XIIe et XIIIe siècles. sondern in sprachlichen Verschiebungen bestehe: „It is [. R. die hier entsteht. von LUCIANO ROSSI. correspond la rapidité de l’accouplement... Social Control and Artistic Creation in the European Middle Ages. Paris 1992 (Lettres gothiques). 2). 224. auf die drei nächtlichen Horen (Komplet. ZIOLKOWSKI. HOWARD BLOCH: Postface. 36 37 38 . die über die kleine Szene hinausweisen. 531-545. Das dreimalige Schlagen wird von SCHNYDER (Anm. Es ist jedoch keine harmonisierende Verbindung. / den Euch Frau Minne schickt. Die doppelte Bezeichnung der Schläge – einerseits als leczen (lectio). Köln 1998 (Cultures. S. 8). „Sie rief: ‚das ist der zweite Brief.“36 BLOCH geht für die Beschreibung der ‚Erotik der Fabliaux‘ nicht von der Handlungsebene und der Repräsentation von Sexualität aus. dass ihre Unmöglichkeit aufscheint. Dies scheint mir auch für das Märe Des Mönchs Not ein viel versprechender Ansatz. S. Wenn die Unter35 R. In: Fabliaux Érotiques. Boston..

In Des Mönchs Not kommt die Verführung nicht von außen. „Er fragte ihn. Liebe als Kommunikation zwischen Getrennten darzustellen. was ist daz? (V. S. das verführt. Dazu zuletzt KLAUS GRUBMÜLLER: Schein und Sein. Herr. 212. Die Indirektheit der Frage macht ihre Zitathaftigkeit hörbar. führt sie – wie in diesem Märe – nicht zu Sinnstiftungen. München 1983. was ist das? “). 40. Liebesbriefe wiederum sind eine literarisch viel genutzte Möglichkeit. 7). Kleinste sprachliche Verschiebungen haben in einer Erzählung. von RÜDIGER KROHN. Die von Figur oder Erzähler ironisch-verschobenen Bezeichnungen sind für die Erzählung äusserst produktiv. hier S. sondern bloss zu weiterer Gewalt. also bereits auf der Grenze. immer weitere Verschiebungen zur Folge. die Konkretisierung der Metaphorik oder das Verhältnis von Körper und Diskurs. so wird in Des Mönchs Not die Frage nur noch indirekt wiedergegeben: er […] vraget in waz minne wære (V. z.232 Susanne Reichlin weisung (lectio) zur unmotivierten Gewalt wird. München 1996 (Forschungen zur Geschichte der älteren deutschen Literatur 1985). 5. verführt wird.39 Verabsolutiert man jedoch die Darstellungsform. S. 85. 149. Auf der Handlungsebene lösen sie weitere Missverständnisse aus und motivieren so den Fortgang des Märes. 39 40 41 Vgl. was die Minne sei“). die als differentielles System begriffen wird. FS für Peter Wapnewski. sondern das geschriebene Wort innerhalb. zu intertextuellen Verschiebungen und auf diese Weise zum Weiter.und Neuerzählen einlädt.40 Man könnte sich also fragen. B. Des Mönchs Not verschiebt das von neuem. Phänomene der Narration in Mittelalter und Früher Neuzeit. S. Zur räumlichen und zur sozialen Distanz in der Minnethematik. sondern von innen. Kontextlosigkeit Im Sperber steht das Mädchen auf der Klostermauer. wird Distanz zur Voraussetzung von minne und Nähe unmöglich: in [Mönch] duht im wære diu minne zu na (V. Hrsg. . In: Erzählungen in Erzählungen. 243-257. „Minne. ob die einsträngige Handlungsstruktur41 der Mären stärker als diejenige anderer Gattungen. 187-208 und ZAPPERI (Anm.und intertextuellen Verweise deutlich zu machen versuchte. wie ich etwa anhand der intra. Über Geschichten in Mären. In: Liebe als Literatur. 18): minne. von HARALD HAFERLAND/MICHAEL MECKLENBURG. die beide außerhalb des Klosters stehen. Hrsg. Diese ‚Technik der Verschiebung‘ wird anhand der berühmten Frage nach der minne ansatzweise reflektiert: Heisst es etwa im Häslein (Anm. Auf der Erzählebene fallen sie aufgrund ihrer Kontext-Fremdheit auf und ermöglichen so eine Reihe intra. als sie von einem Objekt (Vogel) und dem Mann. was andere Mären bereits verschoben haben. Es ist nicht das konkrete Objekt ausserhalb. „So war ihm die Minne zu nah“). HORST WENZEL: Fernliebe und Hohe Minne. 246. herre.und intertextueller Bezüge. Aufsätze zur erotischen Dichtung in Deutschland.

23-34) Eines Morgens nach der Frühmesse saß er vor seinem Bett und las in den Büchern. sondern nur erfahren werden: diu Minne sal dichz lêren sagt die Mutter zu Lavinia.Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 233 eines morgens nach metten saz er vor sinem betten und las. Er überlegte. dass er ihr erzählt. Sein Blick fiel auf ‚Die Fessel der Liebe‘. sie sei von ihm bereits entjungfert worden. ..“). Sie möchte. vorgeführt. welchez wær der minne bant. MIREILLE SCHNYDER: Schriftkunst und Verführung. In: DVjs 89 (2006). wird die Erfahrung ausgespart und somit die Ohnmacht der Sprache. daz im wurde bekant. in dem der Unsagbarkeitstopos ein strategisch wichtiger Teil der Verführung ist: Der Verführer macht das Mädchen glauben. 135. Doch ist es wirklich die Ohnmacht der Sprache. 5). wie er es getan habe. In: GRUBMÜLLER (Anm.42 Auch der Knecht sagt zum Mönch: si [die Wirtin] sol iu zeigen (V. S. wenn es die Menschen binde. (V.26. von der das Märe erzählt? 42 43 Eneasroman (Anm. Statt dass die Unsagbarkeit wortreich betont wird. 618-647. 55f. Zu Johannes von Freiberg: Das Rädlein. Schnell legte er das Buch beiseite und dachte darüber nach. waz er geschriben vant. was die Fessel der Liebe sei. nämlich der ‚Unsagbarkeit‘: Liebe kann nicht beschrieben. 261. zu hant tet er daz buch hin und leit dar uf sinen sin. „Ich muß es Dir zeigen. / ich kann es Dir anders nicht erklären“) und so bittet sie ihn um das. sondern er will sie erfahren: so wil ich dar. was das sei und was es bedeute. 328f. Damit folgt er gezielt einem weiteren Topos der literarischen Liebeserziehung. V. do sach er ‚der minne bant‘ geschriben an einem bletelin. „Da muß ich hin. Begehren zu konstituieren.43 Doch gerade das Zeigen oder Erfahren von Minne scheitert. 517-531. Der Mönch will keine Beschreibungen der Minne..“ Vgl. Vgl. daz ez bunde diu liute. „Die Minne wird es dich lehren. was er erstrebt. 20). „Sie soll es Euch zeigen“). / e daz werde ein halbez jar (V. / noch bevor ein halbes Jahr um ist. Der Unsagbarkeitstopos wird verkehrt vollzogen. die in einem kleinen Bändchen niedergeschrieben war. er daht waz ez mohte sin oder waz ez mohte bediuten. auch das Märe von Johannes von Freiberg: Das Rädlein. / ich kan dirz anders niht gesagen (V. ohne dass sie es gemerkt habe. Er sagt ich muoz dirz zeigen.

1991 (Luchterhand Essay). von YLVA ERIKSSON-KUCHENBUCH. a. sondern in einem schriftlichen Kontext.J. S.45 Damit erweist er sich als Abkömmling einer scholastischen Schriftkultur.44 interessiert sich aber anschliessend nur noch für den Referenten: welchez wær der minne bant oder wo man si [die minne] mochte finden (V. Written language and models of interpretation in the 11th and 12th centuries.234 Susanne Reichlin Der Mönch ist mit der Schrift alleine. ILLICH: Im Weinberg des Textes. Er stellt zuerst einige Fragen zur Bedeutung. Regelgesetz und Praxis. dass der Mönch sich allzu sklavisch an Definitionen und Regeln hält. Eine Möglichkeit. Princeton. Die weiteren Missverständnisse des Mönchs resultieren alle daraus. „was das sei / und was es bedeute“). durchsetzt) erleichtert die Loslösung des Wortes aus dem Kontext. Der Aus- 44 45 46 47 waz ez mohte sin / oder waz ez mohte bediuten (V. Jh. Der eigentliche Auslöser. 28f. dass die Suche des Mönches nach einem ausser-sprachlichen Referenten und einer kontextlosen Bedeutung scheitert. 19. N. Frankfurt a.46 Sie erscheint damit als Voraussetzung für die Phantasmen. sondern es erscheint als eine Grundbedingung von Schrift. 13). Folgt man den kulturtheoretischen Analysen zum 12 Jh. es sei ein Name. Er behandelt die Wörter als Verweis auf etwas Konkretes und sucht in der ‚Welt‘ danach. Ein Kommentar zu Hugos ‚Didascalicon‘. denen der Mönch hinterherjagt: einem objekthaften Referenten und einer kontextunabhängigen Bedeutung.M. Als das Schriftbild der Moderne entstand. V. Auf der Erzählebene führt das ‚Scheitern‘ zugleich eine andere Konzeption von ‚Bedeutung‘ und ‚Kontext‘ vor: Der Ausdruck minne bant erscheint am Beginn des Märes bereits als zitierter. ob auch die weiteren Komplikationen auf dem Weg des Mönchs mit einer „Textkultur“ im Zusammenhang stehen. doch erfahren wir nichts über den Satz oder den Text. 95f. der Ausdruck minne bant. so wie sie etwa IVAN ILLICH dargestellt hat. Übers. B. in Des tiuvels âhte von der naiven Figur ‚falsch‘ benutzt.) nach dem Namen des Vogels fragt. auch MEINERS (Anm. dass sie die Praxis bestimme. 41. Man kann sich sogar fragen. IVAN D. einmal von einem Buch die Rede. Damit entsteht ein Graben zwischen Type und Token.47 Das Märe erzählt auf der Handlungsebene davon. 11). ohne dass die Lesenden wüssten. So wie das Mädchen im Sperber (Anm. . diesen Graben zu füllen. S. ungewohnten Kontext auftauchen.. macht das Substantiv glauben.. Der Ausdruck wird nicht wie z. 91f. 1983. u. Die räumliche Separation der Worte (die sich in Europa ab dem 7. Vgl. ist das sklavische Befolgen der Regel. auf die die einzelnen isolierten Worte verweisen. dann löst sich hier der abstrakte Text vom konkreten (BRIAN STOCK: The implications of literacy. Im Unterschied zu allen anderen naiven Figuren begegnet er der Minne nicht in einem handlungsweltlichen. „wo man sie finden könne“). im Glauben daran. in dem er steht. welchem Kontext er entstammt. erscheint in der Erzählung kontextlos: einmal ist von einem Blatt. dass Worte in einem anderen. Der Mönch wendet der Schriftkultur den Rücken zu und sucht die Antwort ausserhalb des Klosterbereiches.

Das rein diskursive Minneabenteuer hat reale Konsequenzen.D. Dies setzt nicht voraus. Vielmehr wird sie. Die Abgeschlossenheit eines Zeichensystems hat zur Folge.48 Anstatt dass die Spur des Ausdrucks minne bant im Verlauf der Erzählung zurückverfolgt würde. 323ff. der Prior oder der Abt (V. dass Bedeutungen stabilisiert werden. geht es um deren Folgen: Der Mönch begibt sich in den Raum ausserhalb des Klosters. S. 49 Der Junge. Eine solche Zeichenkonzeption darf jedoch ihrerseits nicht als ahistorische verstanden werden. vgl. daß es nur Kontexte ohne absolutes Verankerungszentrum gibt. 291-314: „Jedes […] Zeichen kann als kleine oder große Einheit zitiert. 50 Zum unterstellten ‚Wahnsinn‘ des Mönchs und dessen Austreibung. die das scheinbare Aussen in das Kloster hineinbringen. unendliche viele neue Kontexte auf eine absolut nicht saturierbare Weise erzeugen. S. „Diese Kraft des Bruches [eines schriftlichen Zeichens mit seinem Kontext] ist kein akzidentelles Prädikat. bedeutet aber nicht. d. sondern im Gegenteil.Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 235 druck minne bant verweist auf eine ‚andere‘ Verwendung des Ausdrucks in einem ‚anderen‘ Kontext. Herv. Psalmenlesungen und Gewalt ausgemerzt werden. Indem der Mönch das Buch weglegt und den textexternen Verweisen folgt. anders SCHNYDER (Anm. 8). so dass DERRIDA behaupten kann. Dieses wiederum muss von den klösterlichen Instanzen mit Beichtpraktiken. 48 . Ein Zeichen entsteht gemäss DERRIDA aufgrund seiner „Iterabilität“. aus denen neue (den Mönch lenkende) Verweise hervorgehen. Ganz im Sinne DERRIDAS erscheinen die Worte von Beginn an als verschobene. JACQUES DERRIDA: Signatur Ereignis Kontext. ‚Kontext‘ soll im Folgenden im Sinne DERRIDAS als (v. fragt.“ (S. eines realisierten Zeichens) verstanden werden. ILLICH (Anm.h.49 zum anderen resultiert daraus das Begehren des Mönches nach dem Hasenkind. der bei jedem neuen Auftreten des Zeichens ein anderer ist.50 Der Ausdruck minne bant verschafft dem Mönch keine sexuelle Erfahrung. Dies impliziert. dadurch kann es mit jedem gegebenen Kontext brechen. der Möglichkeit. Der jeweilige Kontext und die jeweilige Markierung prägen sich gegenseitig. wie bspw. wer denn der Vater sei. der die so genannte Abtreibung vornehmen soll. Die Abtreibung macht zum einen klösterliche Minnepraktiken sichtbar.). In: Randgänge der Philosohpie.). erst im Rahmen einer Schriftkultur denkbar. dass der Mönch selbst von einem homosexuellen Begehren getrieben werde. Dies lässt sich als Anspielung auf Homosexualität in Klöstern lesen. dass ein (realisiertes) Zeichen einen neuen Kontext hervorbringt. e. Wien 1988. MATEJOVSKI (Anm. 27). in Anführungszeichen gesetzt werden. diskursiver) Rahmen einer Markierung (i. 304. 300). a. 273.“ (S. die aber nicht mehr erschliessbar ist. daß das Zeichen (marque) außerhalb von Kontext gilt. 46) und STOCK (Anm. Aber er ermöglicht neue Erzählzusammenhänge. 47) deutlich machen. J. sondern die Struktur des Geschriebenen selbst. verlässt er den eben nur partiell abgeschlossenen Zeichen- Vgl. ohne dass ein Grund für die Verschiebung und ein ‚richtiger‘ oder ‚ursprünglicher‘ Kontext bekannt wäre. dass ein Zeichen immer auf sein eigenes ‚anderes‘ (früheres und späteres) Vorkommen in einem ‚anderen‘ Kontext verweist. es an einem anderen ‚Ort‘ zu wiederholen.

S. „Die Hunde gebe ich euch sofort. 245.236 Susanne Reichlin raum des Klosters. Hrsg. dass der Ausdruck auf Unterdrückung und Unfreiheit anspiele (S. dass der Ausdruck häufiger überliefert ist. macht ihr aber stattdessen den Hof. dass mit dem Ausdruck auf einen „(realen oder fiktiven) Minnetraktat“ angespielt werde oder „dass nur das Thema. Das Wort steht auch innerhalb des Märes so kontextlos da. „bis sie vom Band der minne ergriffen wurde“). 116 ist der Ansicht. der Mönch Felix. 1. S. 2 Bde. mit einem Nachwort von LUDWIG WOLFF. weist aber darauf hin. dass der Ausdruck auch in Mären mehrfach benutzt wird: Im Studentenabenteuer A (Die mittelhochdeutsche Novelle vom Studentenabenteuer. S. 7). von WILHELM STEHMANN.51 Er überlässt sich einem unabgeschlossenen Zeichensystem und wird von einer Spur auf die nächste verwiesen. ZAPPERI 1984 (Anm. S. Bd. 239f. XVII-XXI). S. dass es um der minne bant geht und baut ihre ganze Argumentation auf der Frage nach der minne auf. 16). Andererseits finden sich ausserhalb des Klosters ‚Agenten‘ (der Mitbruder). der Ausdruck minne bant geht dabei verloren. In anderen Mären wird die Metapher des Minnebandes wiederum ansatzweise konkretisiert: So etwa wenn im nur in wenigen Handschriften überlieferten Epimythion des Herzmaeres beklagt wird. Auch MATEJOVSKI (Anm. Am Ende wird er gewaltsam ins Kloster zurückgeführt. 12-40 sowie S. Berlin 1959.). 124-128. Im Borten des Dietrich von der Glezze verhandelt ein fremder Ritter mit einer Ehefrau um den Preis des Beischlafs. In diesem Sinne verweist das Märe auf andere Erzählungen. weil einerseits die Zeichen im Innern (und im Text) auf das Aussen (das Nicht-Sprachliche) verweisen. wie am Anfang. in denen das Verhältnis von klösterlichem Innen und Aussen ebenfalls Thema ist. GRUBMÜLLER (Kommentar (Anm. S. S. 695 verweist auf Hosea 11.14. von 1909] (Palaestra. dass es viele Fragen aufwirft. 21. In: Erzählungen des späten Mittelalters und ihr Weiterleben in Literatur und Volksdichtung bis zur Gegenwart. 234.R. 283. dass der Ausdruck „eindeutig auf die ‚mit dem Minnesang heimisch gewordene höfische Liebeslyrik‘ (ZAPPERI) Bezug nimmt. 3. von LUTZ RÖHRICH. Bern. missachtet gänzlich. „dazu zwang sie das Band der minne “). 13). 198-216) soll einer der beiden Studenten der Tochter des Hausherrn das Lesen beibringen. 117.B. Er vertritt die These. S. Untersuchungen und Texte aus der deutschen und englischen Philologie 67). . MEINERS (Anm. 1259) glaubt. Es bleibt unbeachtet.4 und Col. Anm. Was unterscheidet die Frage nach dem zusammengesetzten Ausdruck von den topischen Fragen nach der minne?52 Verweist der Ausdruck – wie ein Teil der Forschung meint53 51 52 53 Das Kloster erweist sich als nur partiell abgeschlossen. München 1962. 27). Hrsg. Hrsg.“ SEIDEL (Anm. von EDWARD SCHRÖDER.: Kleinere Dichtungen von Konrad von Würzburg. Aufgrund des Austauschs der Blicke erröten die beiden und der Erzähler kommentiert: des twanc si der minne bant (V. 8). n. so z. Er tut dies so lange biz si [das Mädchen] gevie der minne bant (V. in der sich die religiöse Transzendenzerfahrung durch das Transzendieren der Kloster-Grenzen ergibt.. New York 1967 [Nachdr. I: Der Welt Lohn – Das Herzmaere – Heinrich von Kempten. 544 547. 148 versteht es als Zitat aus Heinrichs von Rugge MF 102. gemeint ist. 275). Doch so zirkulär das Ende auch erscheinen mag. Bd. Die Kontextlosigkeit des Ausdruckes minne bant hat nicht nur handlungsweltliche Konsequenzen. 5). in dem er nun wieder liest und singt. dann in beliebigem Zusammenhang. wenn ihr für mich das Minneband auflöst“ (Übers.3. Er bietet ihr zwei Hunde an: di winde gibe ich uch zuhant: / enstricket mir der minnen bant (V. die den Mönch ins Kloster zurückführen. S. dass das minne bant nicht einmal mehr die Stärke einer Weidenfaser habe (V. S. zit.“ Bereits SCHNYDER (Anm.

. von OTTO RICHARD MEYER. 5). Hrsg. In: English Language Notes XV/2 (1977). als es was ain gross liebe pant (V. „Vor allem aber liebt einander. Der Erzähler beschreibt einen Gürtel. tauscht aber ihre minne kurz darauf gegen einen magischen Gürtel (borte) ein.: Wolfram von Eschenbach: Titurel. von HELMUT BRACKERT und STEPHAN FUCHS-JOLIE. In: GRUBMÜLLER (Anm. den die Frau ihrem Liebhaber zukommen lässt. 19) wird der Beischlaf als ‚Knüpfen des Bandes‘ bezeichnet: diu süeze minne si [die Liebenden] beide bant (V. der unbesiegbar macht (V. Erwähnt sei zudem. dem Gürtel. Hrsg. n. Zur geistlichen Tradition vgl.: Der Borte des Dietrich von der Glezze. 98-102. Im Sperber (Anm. Doch wie der Mönch. denn die Liebe ist das Band. in dem das ‚Liebesband‘ die Gläubigen mit Gott verbindet?55 Die Kontextlosigkeit des Ausdruckes minne bant scheint sehr kalkuliert. RUBERG zeigt. Berlin. 48. 241. „Es war ein großes Minneband“). ist das ‚Liebesband‘ hingegen objekthaft. „Wenn auch das Alter auf Minne verzichten kann. 168. hier S. das verspricht.. Sie erfahren nur eine Ge- 54 55 zit. Das Wort weckt unterschiedliche Assoziationen. / mit der sie [. „Die Fessel war gesprengt. bleibt doch die Jugend in den Fesseln der Minne“). Untersuchungen und Text.“ (Col.] von der strengen minne (V. S. 99-101. / dannoch diu iugent wont in der minne bant. 5). Göppingen 1976 (GAG 180). dass der Ausdruck minne bant in Hartmanns Gregorius (V. 524-543. sowie UWE RUBERG: ‚Wörtlich verstandene‘ und ‚realisierte‘ Metaphern in deutscher erzählender Dichtung von Veldeke bis Wickram. 2727) bezogen und in der Beinfessel des Gregorius konkretisiert wird.4: op daz alter minnen sich geloubet. . 3. Zum anderen sind die Lesenden selbst mit der Kontextlosigkeit des Ausdruckes konfrontiert. S. Im Unterschied zum Wort minne. „die süße Minne band sie aneinander“). Im Märe Aristoteles und Phyllis. ist sie doch eine doppelte: Zum einen löst das Wort – wie bereits dargelegt – handlungsweltliche Missverständnisse und Fehldeutungen aus. quod est vinculum perfectionis. Er wird als eine Art Signalwort eingeführt. Hrsg. wo wahrscheinlich die Ausschöpfung des Konnotationsreichtums des (Minne-)Bandes ihren Höhepunkt findet (zit. S. FS für Marie-Luise Dittrich. „Super omnia autem haec. auch SARAH STANBURY SMITH: ‚Adam Lay I-Bowndyn‘ and the vinculum amoris. In: ‚Sagen mit sinne‘. 834) auf die riuwen bande (V. Heidelberg 1915 (Germanistische Arbeiten 3)). ist das Liebesband wiederum stärker ideell konzipiert: ir beider [Liebende] bant vil gar zerbrach / dâmite sî gebunden / [. dass der Ausdruck minne bant auch im Titurel gebraucht wird (Str. charitatem habete. 492-523. Die Frau lehnt dieses Angebot zwar ab. so werden auch die Lesenden in die Irre geführt. dass sich seine Bedeutung im Verlauf des Textes konkretisieren werde. 279-337). das alles zusammenhält und vollkommen macht“ (Einheitsübersetzung)). S. In: GRUBMÜLLER (Anm. n. hier S.] durch die unerbitterliche Minne / gebunden gewesen waren“). 205-220. ohne dass sich diese eindeutig zuordnen lassen. New York 2003). 212-214. lösen.. Der fremde Ritter kann somit seine metaphorische ‚Gebundenheit‘ durch die minne mit Hilfe eines konkreten kostbaren Bandes.14. 162-165.Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 237 – auf den Minnesang? Oder dominieren die sexuellen Konnotationen?54 Oder steht der Ausdruck doch eher für einen geistlichen Kontext. bei dem Lesende zumindest ansatzweise unterschiedliche Kontexte kennen und zu dem es mehrfache literarische Reflexionen zur Unfassbarkeit der Bedeutung gibt. Im Märe Der Mönch als Liebesbote A. fehlt dies beim selteneren Ausdruck minne bant.. von HELMUT RÜCKER und KURT OTTO SEIDEL.

). Er sucht nach einem konkreten Referenten und schafft doch jedes Mal nur einen neuen Kontext für dekontextualisierte Diskursfragmente. Es weckt die Neugier der Lesenden. dass der Kontext. weshalb die Suche des Mönches scheitert. dass sie mit diesen Vermutungen ebenso falsch liegen könnten. Die Kontextlosigkeit erscheint dadurch als ein Stilmittel. dass keine Kontext übergreifende Bedeutungsstiftung möglich ist. werden die Lesenden von einem Erzählzusammenhang zum nächsten geführt. Doch gerade das ungestillte Begehren der Lesenden verdeutlicht. das nicht nur komische Fehlschlüsse ermöglicht. in den ein Zeichen verschoben wird. sondern das das literarische Potential der Vieldeutigkeit von Schrift vorführt. Weder das eine. einen aussertextuellen Referenten zu finden. in der zwar die einzelnen Bestandteile des Ausdrucks öfters auftreten. sondern im Moment der Rekontextualisierung erst entsteht. 6. Andererseits ist der Ausdruck so eng dem Kontext dieses Märes verhaftet – und in dem Sinne überhaupt nicht kontextlos –. nicht vorgängig besteht. der die Handlung ins Rollen bringt und sie somit in Kontexte führt. Wenn Des Mönchs Not nun gezielt mit dieser Erwartung bricht. noch das andere wird erfüllt.238 Susanne Reichlin schichte. Der Ausdruck ist einerseits bloss Initiator. 444f. Das langsame Herausdestillieren einer bestimmten Bedeutung aus einem zunächst unbestimmten oder anders konturierten Bedeutungsspektrum ist eine oft genutzte Form der Strukturierung einer Erzählung. werden dem Mönch am Ende vom Mitbruder die Hände ‚gebunden‘ (V. Während der Mönch von einem Abenteuer ins nächste strauchelt. 56 Z. dem Kontext enthobene Ausdruck generiert ein zweifaches Begehren. Er beinhaltet für die Figur das Versprechen. B. . Die Kontextlosigkeit eines Wortes birgt die Möglichkeit unendlich vieler Formen der Konkretisierung. Wie der Mönch können sie aus der Erzählung.56 einige Vermutungen anstellen. Verschobene Rekontextualisierung Der zitierte. aber nicht erfüllt wird. in denen der Ausdruck selbst nicht mehr vorkommt. Sie erfahren den Wunsch nach einer Kontextualisierung von potentiellen Bedeutungsträgern. Den Lesenden verspricht es das Umgekehrte. Semiotisch könnte dies bedeuten. in der der Ausdruck nicht mehr auftaucht. wenn die Spannung auf eine Konkretisierung des Ausdruckes minne bant zwar geweckt. ist dies eine Liebeserziehung der Lesenden: Ganz im Sinne der Liebeserziehung des Sperbers werden sie auf ihr eigenes ‚textuelles Begehren‘ verwiesen. Doch zeigt ihnen die Geschichte zugleich. nämlich dem scheinbar kontextlosen Ausdruck eine Geschichte zu geben.

Vind. Übers. Bern. Die Opposition von Körper und Sprache als Mittel zur Darstellung von Begehren wird in Frage gestellt. Und die Erzähltechniken anderer Mären. die von einem Kontext zum nächsten verschoben werden. Verschiebungen von Literalsinn und Trope. besteht die Pointe in der Schwangerschaft und deren ‚Ausmerzung‘. die dementsprechend auf unterschiedliche Erzählungen verweisen: In GIOVANNI DI BOCCACCIO: Das Dekameron. 51) und Die Legende vom zwölfjährigen Mönchlein. 2 (Novelle 9. Der Erzähler verschiebt – genau wie der Mönch. Die diskursive Unerfahrenheit im Umgang mit Sexualität findet sich in den im Abs. Leipzig 1912. wenn er glaubt. 386-391. wie ich zu zeigen versucht habe. Die Folgen solcher Verschiebungen sind. Erzählen besteht hier – auch in einem nicht komischen Sinne – aus Verschiebungen und Rekontextualisierungen. und ZAPPERI (Anm. ganz unterschiedlich: Körper und Diskurs stehen in einer irritierenden Kongruenz und machen das Begehren als absentes sichtbar. Auf diese Weise strukturiert sich das Märe entlang einzelner Diskursfragmente. München 1965 (Die Deutsche Literatur. insbeson- 57 58 Es fällt auf. Napoli 1964 (Quaderni della Sezione Germanica degli Annali I). In: Der Endkrist des Friedrich von Saarburg und die andern Inedita des Cod. S. weshalb dem Müller unkunt waz die minne (V. Bd. Doch statt einem Abschluss folgt stets ein weiteres Abenteuer. Hrsg. 7). 580-591. eine wichtige Rolle. München 1985 (Deutsche Sammelhandschriften des späten Mittelalters. S. von HELMUT DE BOOR. Sie haben nur einen Höhepunkt. . Sowohl von Unerfahrenheit als auch von Schwangerschaft erzählt das Märe Von einem Müller. „tollwütiger Hund“) vergleicht. In: Codex Vindobonensis 2885. 20). dass die meisten Mären mit ähnlichen Motiven ‚stringenter‘ erzählt sind. S.. doch wird hier nicht motiviert. 1257f. Die Erzählung wiederholt auf unterschiedlichen Ebenen das. von Diskursfragmenten in Diskurs-fremde Kontexte oder von einem überlieferten Topos oder Erzählmuster zum nächsten. sondern stellt gleich zu Beginn die das Märe prägende Technik der Verschiebung vor. Hrsg. während Des Mönchs Not mehrere Pointen aufweist. von Albert Wesselski. 351-355. Wenn der Erzähler den dem Hasen nachjagenden Mönch mit einem tobende[n] hunt (V. sein imaginäres Kind könne wie ein Kalb abgetrieben werden – Eigenschaften und Bezeichnungen von Tieren auf Menschen und umgekehrt. 2 Bde. von URSULA SCHMID. Texte und Zeugnisse 1).Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 239 Jeder Erzählzusammenhang verweist auf bestimmte märentypische Erzählmuster57 und verspricht so den Lesenden eine abgerundete Pointe. (Weitere Belege zur Schwangerschaft eines Mannes bei GRUBMÜLLER (Anm. Die Schrift als Stimulus für die Transgression des Klosterbereichs spielt hingegen in Mönch Felix (Anm.3). 409. 97-105. wird dies erneut besonders deutlich. S. Texte und Zeugnisse. was auf der Handlungsebene den Mönch als naiv charakterisiert: Wörter und Diskursfragmente werden isoliert und in einem fremden Bereich rekontextualisiert. von UTE SCHWAB. Der zitierte (und damit verschobene) Ausdruck minne bant ist nicht nur der Auslöser der Märenhandlung. 2885. In: Mittelalter. 5).58 Die Schriftszene am Anfang lässt sich auf diese Weise als ‚poetologische Urszene‘ verstehen. Das fetischisierte Begehren nach dem Hasenkind ist parallel zum Begehren des Mädchens im Von dem trigl. Bibliotheca Germanica 26). S. I behandelten Mären. Hrsg. bis die Geschichte auf den Anfang zurück gebogen wird.

In: Bündnis und Begehren: ein Symposion über die Liebe. Frankfurt a. Die Eingangsszene verdeutlicht. des Erzählers und der Figuren artikuliert“ (S. In: Queer denken. Ich möchte KRAß insoweit folgen. das zeige. eine der zentralen literarischen Techniken der Gattung Märe. S. KRAß spricht von einem „Textbegehren. 2003 (Edition Suhrkamp 2248). das sich in verschobenen Signifikanten zeigt. beschreibbares Begehren. 87. S. Problematisch scheint mir hingegen die Unterscheidung zwischen „Oberfläche“ und „Subtext“. 109f. inwiefern das von ihr festgestellte Textbegehren spezifisch für den einen Text von Kleist ist oder ob es sich dabei – da es sich mit der für die LACANSCHE Psychanalyse zentralen Form des Begehrens deckt – um ein generelles Textbegehren aller Texte handelt.und Erzählebene zu unterscheiden. das seine Abhängigkeit und Gespaltenheit erfährt. M. von ANDREAS KRAß/ALEXANDRA TISCHEL. werden gesteigert und dadurch ansatzweise als Technik reflektiert. Hrsg. dass mit einer solchen ‚Hermeneutik‘ das komplexe Ineinandergreifen unterschiedlicher Textstrategien nicht erfasst werden kann. Statt der Lust an der Konkretisierung und Rekontextualisierung eines Signalwortes. das sich in den Stimmen des Autors. nie aber eingelöst werden. Das. 95. die durch Verschiebungen immer wieder genährt. Es scheint mir jedoch wichtig. zwischen „heteronormativer Zeichenökonomie“ und „Schattengeschichte“. Im Unterschied zu HELGA GALLAS Begriff des „Textbegehrens“60 59 Der Begriff orientiert sich an BLOCHS „eroticism of the fabliaux“ (BLOCH (Anm. Hrsg. aber nach Autonomie strebt (S. GALLAS (Anm. das in der Verschiebung selbst neue weiterführende Spuren generiert. 22). Zum anderen konzipiert sie das Begehren als ahistorisches. was ich in diesem Märe als ‚textuelles Begehren‘59 bezeichnen möchte. Für die Frage nach der Darstellung von Begehren ist auch ANDREAS KRAß’ Analyse des Märes Der Borte äusserst aufschlussreich (ANDREAS KRAß: Queer Studies – eine Einführung. Diese Lust generiert sich aus kalkuliert gesetzten Versprechen. In einem weiteren Aufsatz (ANDREAS KRAß: Männerfreundschaft. „was der Text auf seiner Oberfläche zu verdrängen sucht“ (S. das in einer unterschwelligen symbolischen Ordnung kodiert und nicht mit jenem Begehren deckungsgleich ist. 7-28. nicht aber erfüllt werden. Das Märe Des Mönchs Not grenzt sich mittels des verschobenen Zitats – wie mehrfach gezeigt wurde – von anderen Mären ab und schreibt sich damit doch genauso deutlich in den Gattungszusammenhang ein. dass solche Formen der Verschiebung einer Schriftkultur entspringen. mit dem Begriff des ‚textuellen Begehrens‘ genauer als BLOCH zwischen Handlungs. wird den Lesenden also die Lust an der Verschiebung geboten. s.).). 60 . von ANDREAS KRAß. die immer nur verschoben. Bündnis und Begehren in Michel de Montaignes Essay De l’amitié. Gegen die Ordnung der Sexualität (Queer Studies).o. wird in dem Sinne über die Nicht-Einlösung von Lese-Erwartungen generiert: Erwartungen. Zugleich ist das verschobene Zitat. 140). Die ‚manifeste‘ Textebene versteht sie analog dem Traum als Ausdruck eines latenten Begehrens. das Wort aus dem Text und den abstrakten Text vom konkreten zu lösen. 127-141) geht er bei Montaigne vom „Begehren seines Textes“ aus. Abs. Berlin 2002 (Geschlechterdifferenz & Literatur 14). S. Mir scheint. die verstärkt angefangen hat. IV). 2). 4) interpretiert Kleists Text mittels einer struktural-psychoanalytischen Lesart.240 Susanne Reichlin dere der naive Blick als Mittel zur Konkretisierung von Metaphern. Problematisch ist daran zum einen die Reduktion des manifesten Textes auf ein einziges. als dass ich das ‚textuelle Begehren‘ in Des Mönchs Not ebenfalls auf der Ebene der „symbolischen Ordnung“ ansiedeln würde. Sie thematisiert nicht. Sie bestimmt dieses ‚Begehren‘ als dasjenige des Subjekts.

einen Mangel zu erzeugen.61 Vielmehr ist es eine Textstrategie. dass GALLAS (Anm. S. dass das ..] is linked to the dismemberment of meaning. die geschürt. Das Märe Des Mönchs Not erzeugt diesen ‚Mangel‘ auf eine historisch spezifische Art und Weise.“ Vgl. sondern allein auf der Erzählebene erzeugt. S. Der Text stellt das sexuelle Begehren durch Verweise auf andere Mären als absentes dar. die ihre Form des Textbegehrens (als Mangel des nicht-autonomen Subjekts) am Ende – ohne genauer auf Differenzen hinzuweisen – mit dem Begehren der Interpretin nach Sinn gleichsetzt.textuelle Begehren‘ dasjenige auf der Handlungsebene hervorbringen würde. So hat der Mönch. dass dieses geschürte Begehren nicht einem generell . so geht es beim .. 83: „To what degree is the doubleness of the text a function of the poet’s desire? Desire a function of the duplicity of the text? [.]. die durch unerfüllte Erwartungen Spannung erzeugt.] For if dismemberment of the body [.. doch fehlt ihm ein sexuelles. das – auch wenn es nicht dem Autor zugeschrieben wird – doch Subjekt-analog konzipiert ist. GALLAS (Anm. sondern zugleich auch das Gelingen der schriftlichen Stimulierung von Begehren vor..Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 241 verweist diese Form des ‚textuellen Begehrens‘ nicht auf ein Unbewusstes des Textes. 2).B. Während das ‚hermeneutische Begehren‘ einer Unfassbarkeit (Mangel) von Sinn entspringt und das sexuelle Begehren mittels einer Absenz dargestellt wird.textuellen Begehren‘ darum. ein ‚hermeneutisches Begehren‘. aber nur verschoben eingelöst werden. Denn Des Mönchs Not führt gerade die Unterschiede zwischen textuellem. Insofern führt die Erzählung nicht nur das Scheitern. wenn er die Bedeutung des Ausdrucks minne bant erfahren möchte.. hermeneutischem und sexuellem Begehren deutlich vor.. 61 62 63 Dies wird z. Das ‚textuelle Begehren‘ entsteht parallel zum Handlungsverlauf. Das Märe strukturiert sich über Erwartungen. dann doch am Ende auch wieder auf den Autor Kleist verweist. Mittels der Schriftszene wird deutlich. daran deutlich. an Isolierung und Rekontextualisierung gekoppelt ist. then the dismemberment of meaning becomes the source of sexual desire [. 96. BLOCH (Anm. Das ‚textuelle Begehren‘ ist dagegen auf der Ebene der vom Text erzeugten Effekte anzusiedeln.hermeneutischen Begehren‘ nach Sinn entspricht. 4). in dem Diskursfragmente immer wieder verschoben und neu rekontextualisiert werden. Begehren wird somit in Des Mönchs Not nicht auf der Handlungs-.63 sondern an die Schriftpraxis des Zitats. . 96. 4). S. indem es sich sowohl auf andere Mären als auch auf ‚höfische Literatur‘ bezieht und deren Erzählmuster verschiebt. Dies bedeutet aber nicht – wie dies etwa BLOCH postuliert62 –.

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S. als Liebesroman lesen. In: Zeitsprünge 7 (2003). Z. 10. Jahr anzusiedeln ist. und 17. – Zur Komposition der Historia vgl. Historia (Anm. Hrsg. die der Teufel seinem Vertragspartner zugestanden hat. S. Im ersten Jahr äußert Faustus einen Heiratswunsch. (Historia. S. Johann Fausten. 29.1 Diese verteilen sich auf die gesamte Frist jener 24 Jahre. 49) 1. Kap. als sich Faustus von Mephosto auf eine Weltreise führen lässt. Johann Fausten Sie mueste schoen gewest seyn / dieweil sie jrem Mann geraubet worden.ANDREAS KRAß Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds Helena als Figur des Begehrens in der Historia von D. 1). Kap. von Stephan STEPHAN FÜSSEL/HANS JOACHIM KREUTZER. 26. Historia (Anm. wobei er sich als Papst verkleidet und behauptet. Kap. stattdessen führt dieser ihm Teufel in Gestalt der schoenen Weiber2 zur Befriedigung seiner Wollust zu. Stuttgart 1999 (Reclam UB 1516). Im 16. Kritische Ausgabe. 69. Im eigentlichen Schwankteil. Text des Druckes von 1587. der in einer Zeitschleife zwischen dem 16. dort beglückt er in einer schwankhaften Episode mit seinen enormen Liebeskünsten den Harem des türkischen Kaisers. 1). gelangt er auch nach Konstantinopel. Mit den Zusatztexten der Wolfenbütteler Handschrift und der zeitgenössischen Drucke. 15 f. schwarze Kunst. 2 3 . kulminieren aber gegen Ende der Erzählung. kommt es 1 Zitierte Ausgabe: Historia von D. der ihm jedoch von Mephostophiles versagt wird. Z. die im Jahr 1587 vom Verleger Johann Spieß in Frankfurt am Main publiziert wurde. 29. er sei Gott Mahomet 3 selbst. Johann Fausten. Vertragsjahr. so ließe sich eine erotische Biographie rekonstruieren. Die Historia als erotischer Roman Wollte man die Historia von D. ANDREAS KRAß: Schwarze Galle. die sechs Stationen umfasst. Poetik der Melancholie in der Historia von D. Johann Fausten. 537-559.

eine erfolgreiche erotische Verblendung initiiert. Kap. Faust beschwört ihren Geist und führt ihn seinen Studenten bei einem nächtlichen Gelage vor Augen (Kap. Z. den Geist der Helena. 54. mit ihr führt er fortan ein eheähnliches Leben. der Waschung mit destilliertem Wasser. 49). 57). ihre Gestalt anzunehmen und ihm als Concubina beizuwohnen. Historia (Anm. 109. der mit dämonischen und leibhaftigen Frauen Unzucht treibt. Doch unterscheiden sich diese 4 5 6 7 8 9 Historia (Anm. S. 1). erhellt schon daraus. Kap. so lassen sich drei Episodenpaare unterscheiden. 16: Teuffel. Drei Typen sind zu unterscheiden. S. 105. Die Liebesgeschichte des Protagonisten ist zugleich eine Geistergeschichte. 57. 57. 1). Dass Helena in dieser erotischen Vita die zentrale Rolle einnimmt. und einmal lässt er einen Geist erscheinen. 6 f. Fasst man die sechs Liebesabenteuer zusammen. denn in jedem Falle sind teuflische Künste im Spiel. dass sie zweimal auftritt. den er Iustum Faustum nennt (Kap. während er in den mittleren Episoden als Kuppler und Geisterbeschwörer auftritt. 59). und sie gebiert ihm sogar einen Sohn. 5 f. unmittelbar nach der Erneuerung des Teufelspaktes. Im Falle der Kuppelei ist von Geistern nicht die Rede. Z. Kap. 7: Succubas. S. Z.: Helena als Concubina. Z. 29. Im letzten Lebensjahr. dass die Umworbene. Im 19. Historia (Anm. 10. 12 f. einer Ungarin. die die Grenze zwischen Schein und Sein. Historia (Anm. je nach dem Verhältnis. wie es im Text heißt. doch gelingt es Faust mit Hilfe eines Liebeszaubers. S. Z.244 Andreas Kraß zur ersten Begegnung mit der schönen Helena[ ] auß Graecia4. 17 f. S. Historia (Anm. S. bevor ihn der Teufel holt. 109. 54. 106. 1). 59. die sich zuvor nicht für ihn interessierte. S. Z. Im 17. Kap. besinnt er sich noch einmal auf die schöne Helena und gebietet Mephostophiles. und treibt es mit siben Teuffelische[n] Succubas. 1). S. das Angesicht des Verliebten so zu verschönern. In den ersten und letzten beiden Episoden ist es Faust selbst. 110. 1). und 20. Jahr. 109. Z. wie im Falle der erregten Studenten und befriedigten Haremsdamen. Jahr beginnt Faustus ein Saeuwisch vnnd Epicurisch leben. 1). Realität und Imagination überspielen. wenn er den Haremsdamen als Mohammed erscheint. 57. Kap. 10. zweier Schwäbinnen und einer Fränkin erscheinen (Kap. Historia (Anm.7 die ihm in Gestalt zweier Niederländerinnen. somit wird auch hier. . der unter Anwendung eines Liebeszaubers einem liebeskranken Adeligen ein vberauß schoen Weibsbildt 5 zuführt. das Faustus mit den Geistern eingeht. 19 f. In drei Fällen schläft er mit Teufelsgeistern. Kap. Kap. 26. Z.6 um sich vom nahenden Fristende abzulenken. der die erotischen Wünsche liebestoller Männer erfüllt. einer Engländerin. von denen die Historia erzählt.8 einmal gibt er sich selbst als Geist aus. betätigt sich Faust als Kuppler. 97. Kap. plötzlich mit Cupidinis Pfeilen durchschossen9 ist.

Tatsächlich setzt Faust sein säuisches und epikureisches Leben fort. hier ist Faustus selbstmächtig. Z. / daß keiner [. denn mit Fausts Tod verschwinden auch Helena und der Sohn. nämlich jenem Kapitel. Im ersten Fall bleibt Helena ein körperloses Trugbild. Historia (Anm. 59) und der ersten Station der erotischen Karriere. hier ist Faustus zunehmend ohnmächtig. und der Teufel gewinnt wieder Oberhand. Z. Faustus. 110. um das Begehren seines zunehmend verzweifelnden Paktgenossen zu erfüllen. dass es sich nur um die Illusion einer Ehe und Familie handelt. Doch steht außer Frage. in dem Faustus seinen Heiratswunsch äußert (Kap. 10).. 16. Kuppelei und Buhlerei erzählt. damit Faust mit ihr sexuell verkehren kann.Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds 245 Auftritte fundamental. 54) erotischer Freuden praktiziert hat. der Helena erscheinen lässt. 59. 22-24: Darauff verbote D. 57) und Vermittler (Kap. ohne selbst affektiv beteiligt zu sein.] sie zuempfahen anmassen [solte]. KRAß (Anm. und der Teufel tritt in den Hintergrund zurück. 97. . 49. 17 f. 1). Im zweiten Fall hingegen ist Faust Sklave seiner Wollust. 12: er solte jm die Helenam darstellen. 97. gründet er im letzten Jahr seiner Lebensfrist mit Helena einen Liebesbund und schließlich. das er nach dem Heiratsverbot begonnen und seitdem als Genießer (Kap. 1). Kap. die sowohl mit der gattungspoetischen Spaltung der Historia in einen Schwankteil und einen Romanteil sowie mit der psychischen Disposition des Protagonisten zwischen Euphorie und Melancholie zu tun hat. Historia (Anm. Denn während ihm durch den Teufelspakt die Ehe verboten ist.10 Die erste Szene gehört zu den Schwänken. um das Begehren seiner Schüler zu stillen. 10 11 12 Vgl. Diese Differenz ist auch durch die begriffliche Opposition von Vorstellung und Darstellung markiert. 49. S. Z. eine unheilige Kleinfamilie. nun ist es der Teufel.: wil ich euch dieselbige fuerstellen. Kap. die zweite Szene hingegen hat ihren Platz gegen Ende des Romans.12 im zweiten Fall hingegen leiht der Teufel ihr eben deshalb seinen Leib. die von Unzucht. bei ihrer Darstellung hingegen um die Verkörperung ihres Geistes durch Mephostophiles. Es kommt also zu einer Umkehrung der Dominanzverhältnisse. Eine weitere Verknüpfung besteht zwischen der zweiten Helena-Episode (Kap. S.11 Bei der Vorstellung der Helena geht es um eine Vorführung ihres Geistes durch Faustus. dass die zweite Helena-Episode den finalen Höhepunkt einer steigernden Episodenreihe darstellt. Im ersten Fall agiert Faustus als souveräner Meister. So wird deutlich. das nicht berührt werden kann und darf. 49. der Helena erscheinen lassen muss. Kap.. S. 1). mit der Geburt des gemeinsamen Kindes.

14. Denn wenn es auch Helena ist. zweitens das poetische Muster der vertika13 14 15 16 Historia (Anm. in denen der Teufel seinem Vertragspartner zu Diensten steht. Historia (Anm. 97. 49. Helena ist eine Figur des Begehrens erstens hinsichtlich ihrer schönen Körpergestalt. 17. . 49. so ist sie es doch nur als Verkörperung des Teufels. Z. Kap. der seinen Blick innbruenstig auf die schoene Helenam auß Graecia15 richtet: Diese Helena erschiene in einem koestlichen schwartzen Purpurkleid / jr Haar hatt sie herab hangen / das schoen / herrlich als Goldfarb schiene / auch so lang / daß es jr biß in die Kniebiegen hinab gienge / mit schoenen Kollschwartzen Augen / ein lieblich Angesicht / mit einem runden Koepfflein / jre Lefftzen rot wie Kirschen / mit einem kleinen Muendlein / einen Halß wie ein weisser Schwan / rote Baecklin wie ein Roeßlin / ein vberauß schoen gleissend Angesicht / ein laenglichte auffgerichte gerade Person. Kap. sie ist es zweitens als Urbild aller schönen Frauen. S. 1). in welchem Sinn von Helena als einer Figur des Begehrens die Rede sein kann. Als solche wird sie in der Historia explizit adressiert: Faust lässt Helena erscheinen. wer eigentlich als erotisches Gegenüber des Protagonisten zu adressieren ist. 49. Helena als Figur des Begehrens Wenn man im Falle der Historia von D. 49. was sie letztlich der literarischen Autorität Homers verdankt. Johann Fausten von einer Liebesgeschichte sprechen kann. Z. ihre schoene gestalt 13 zu sehen. Kap. Historia (Anm. sondern um eine konventionalisierte Beschreibung. die Homer über Helenas äußeres Erscheinungsbild verrät. 1). Z. 98. Z. Im Folgenden soll dieser Aspekt zunächst noch zurückgestellt und vielmehr gefragt werden. 1). die mehrere Referenzpunkte aufweist: erstens die wenigen Details. 1).246 Andreas Kraß 2. die mimetisch strukturiert ist. wobei Helena nur eine der Rollen ist. Die Beschreibung der Schönheit Helenas erfolgt in jenem Moment. die von Faustus geliebt und geschwängert wird. Historia (Anm. sondern zwischen Faustus und Mephostophiles. Z. 28-S. und sie ist es drittens als Fokus einer Figuration männlich-heterosexuellen Begehrens. dass Helena ein sehr herrlich gestalt eins Weibsbilds14 sei. 2. 9 f. S. Ein Lebensbund wird ja nicht wirklich zwischen Faustus und Helena geschlossen. so ist noch fraglich. 97. Der Leser der Historia wird somit seinerseits in die Rolle eines Schülers verwiesen. S. S. 97. Diese Bedeutungsaspekte sind zu veranschlagen. als Faust sie in die Stube hinein und seinen Studenten vor Augen führt. weil seine angetrunkenen Studenten so begirig sind. wenn es in der Historia heißt. der ihr seinen Leib leiht. Mindestens drei Aspekte lassen sich anführen. 98. Kap.16 Bei dieser Passage handelt es sich keineswegs um ein individuelles Portrait. deren Beschreibung sich am poetischen Muster der Vertikaldescriptio orientiert.

Wiederum fehlen die Details. 33). Helena ist schönhaarig.607 über Leto). in allen anderen Punkten weicht die Historia von Homer ab. 1.Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds 247 len Descriptio. 3.143 über Chryseïs und Il. Ansonsten begnügt sich Homer mit der konstatierenden Behauptung ihrer Schönheit: Helena sei „ein schönes Weib“. er belässt es bei austauschbaren Epitheta weiblicher Schönheit. Düsseldorf.123. aus poetologischen Traditionen. Homer gibt keine detaillierte Beschreibung der schönen Helena.121). 3. umschreibt also die erwähnten Einzelheiten mit einem Kreis. aus Quellen frühneuzeitlicher Enzyklopädie.159.329). gleiche „einer Göttin von Ansehn“.158. dass sie ein „wallendes“ (Il.53. Indem sie die weiße Farbe nicht auf die Arme. Dabei erotisiert sie das Bild der Helena und konstituiert es als Objekt des Begehrens. Anhang und Registern. Zürich 2001 (Sammlung Tusculum). ist abgeschrieben. „nektarduftendes“ (Il. 3. die ein anschauliches Bild erzeugen könnten.171). dazu einen „Schleier von silberglänzendem Linnen“ (Il. Il. eine „blühende Gattin“. vgl. dass die Historia die in der Ilias und der Odyssee verstreuten Hinweise zu einem Gesamtbild integriert. obgleich sie es ist. Griechisch und deutsch. wie der Verfasser der Historia hier abschreibt und zusammenschreibt. Der dritte Gesang der Ilias. drittens eine markierte intratextuelle Referenz. als auch sie das schöne Haar. 3. Mund und Lippen. Begehren wird von Schönheit geweckt. aus der Historia selbst. weißarmig und schönwangig. die Faust in einer früheren Geisterbeschwörung präsentierte (Kap. sei „schön gestaltet“ und „die göttliche unter den Weibern“ (Il. das war’s. die schönen Wangen und die weiße Haut anführt. entsteht ein Bild nicht nur ihres Gesichtes und Kopfes. Der erste Eingriff besteht darin. an einer anderen ihr schönes Haar (Il.48. 3. nämlich die Beschreibung der Gattin Alexanders des Großen.17 Die Odyssee vermerkt noch die schönen Wangen (Od. sondern den Hals bezieht. Alles. Ein sinnlich vorstellbares Bild ihres Körpers evoziert er nicht.228). deren Entführung den Anlass für den Trojanischen Krieg gibt. Die Entsprechungen beschränken sich jedoch auf die Ebene der erwähnten Körperteile. außerdem erwähnt sie die runde Form des Kopfes. 15. Übertragen von HANS RUPÉ. Homer teilt nur mit. Der restliche Kör- 17 Homer: Ilias. auch nicht ihrer Kleidung.419).141. 3. erwähnt an einer Stelle ihre weißen Arme (Il. sondern der gesamten Büste. . in dem Helena näher vorgestellt wird. Die zweite Modifikation betrifft die Fokussierung von Helenas Angesicht: Die Historia erweitert die Beschreibung um Augen. was in den Aussagen über Helena zur Geltung kommt. Mit Urtext. Die Historia hält sich in der Beschreibung der körperlichen Schönheit insoweit an Homer. 24. ist kopiert und kompiliert aus Homers Ilias und Odyssee. aber die Schönheit der Helena ist ein Produkt schriftgelehrten Wissens – und der individuelle Zug ihrer Schönheit nichts anderes als die spezifische Weise.385) Kleid getragen.

50). Die dritte Veränderung betrifft die Rhetorik der Beschreibung. verhüllt hätte. die durch metaphorische Vergleiche gestützt werden. der die Historia eine Beschreibung widmet. die Faustus im Laufe seiner Schwankreise unternimmt (Kap. Dieser paradigmatische Bezug wird im Text ausdrücklich markiert. sondern rot wie Rosen (rote Baecklin wie ein Roeßlin). Höfische Identität als literarisches Spiel. dass Helena ein wallendes. Mund. wird bereits eine andere Griechin porträtiert. ein sekundäres Bild. die Augen schwarz wie Kohle (mit schoenen Kollschwartzen Augen). Tübingen/Basel 2006 (Bibliotheca Germanica. kommt neben den Vorgaben Homers und dem Muster poetischer Schönheitsbeschreibungen noch eine dritte. geht damit aber wiederum über Homer hinaus. Bereits der Sachverhalt. Das ästhetische Ensemble erweist sich somit als mustergültig im Sinne poetischer Schönheitsbeschreibungen. Kirschen und Schwänen. Wangen. das sie im Einzelnen beschreibt. Kopf) bezogen werden.] / auch so lang / daß es jr biß in die Kniebiegen hinab gienge). nämlich die Gattin Alexanders des Großen. 33. Lippen) auf das Ganze (Gesicht. Die Wangen sind nicht nur schön. Helena ist nicht die erste Frau. vielleicht weil er das Gesicht. dass die Teile (Haar. wenn es heißt. ist ein relevantes rhetorisches Merkmal. Augen. der Hals weiß wie ein Schwan (einen Halß wie ein weisser Schwan). die Lippen rot wie Kirschen (jre Lefftzen rot wie Kirschen). S. .19 Alexanders namenlose Gemahlin wird wie folgt beschrieben: 18 19 Zum vestimentären Code in mittelalterlicher Literatur vgl. Wieder greift die Historia modifizierend ein. Z. 1). denn sie trägt es lang herabfallend bis zu den Knien (jr Haar hatt sie herab hangen [. 33). Homer erwähnt. textinterne Referenz hinzu. Bedeutender noch ist der Befund. die Historia betont nur den aufrechten Wuchs.18 Wie bereits angedeutet.. außerdem betonen sie Helenas hohen Wuchs. Im Rahmen der ersten Geisterbeschwörung. Bd. das die körperliche Erscheinung metaphorisch überblendet. illuminiert. Weiß und Schwarz bestehende Trikolore des Gesichts sowie den Glanz des goldenen Haares. indem sie einerseits Material und Farbe des Kleides spezifiziert und andererseits den Schleier fallen lässt. dass die Historia die Schönheit der körperlichen Details mit Farbattributen. es umfasst zum einen die aus Rot. Was die Kleidung betrifft. Zieht man die Quersumme der Vergleiche. ANDREAS KRAß: Geschriebene Kleider. Die Haare sind blond wie Gold (herrlich als Goldfarb).. Kap. so weiß die Historia von einem koestlichen schwartzen Purpurkleid zu erzählen.248 Andreas Kraß per kommt nicht mehr in den näheren Blick. so ergibt sich ein schwellendes Naturbild aus Rosen. das Kopf und Körper umrahmt. Historia (Anm. 19-22: dergleichen ich auch Keyser Carolo Quinto auff sein bee geren / mit fuerstellung Keysers Alexandri Magni vnd seiner Gemahlin / willfahrt habe. 97. nektarduftendes Gewand und einen silbern glänzenden Schleier getragen habe. dass Faust den Geist der schönen Helena beschwört habe wie zuvor schon die Geister Alexanders und seiner Frau am kaiserlichen Hofe Karls V.

das vom homosexuellen Begehren kopiert werde. der eben durch die Anwendung eingeübter Techniken der Beschreibung erzeugt wird. dass das Original nichts anderes als eine Parodie der Idee des Natürlichen und Ursprünglichen ist“ (S. Mit Bezug auf die Parodie weiblicher Schönheit durch männliche Darsteller kommt sie daher zu folgendem Schluss: „Die parodistische Wiederholung des ‚Originals‘ [. bereitet den späteren Auftritt Helenas vor. dass die Historia von D. 58). Z. sondern selbst immer schon eine „Kopie“ sei. Die weibliche Schönheit Helenas ist letztlich nichts anderes als ein rhetorischer Effekt. Die Ästhetik von Glanz und Farbe 20 21 Historia (Anm. 33. Kap.Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds 249 Bald darauff / nach dem sich Alexander wider neiget / vnd zu der Thuer hinauß gieng / gehet gleich sein Gemahl gegen im herein / die thet dem Keyser auch Reuerentz / sie gieng in einem gantzen blawen Sammat / mit guelden Stuecken vnd Perlen gezieret / sie war auch vberauß schoen vnnd rohtbacket / wie Milch vnnd Blut / lenglicht / vnd eines runden Angesichts. S. ihren hohen Wuchs (ein laenglichte auffgerichte gerade Person) und ihr rundes Gesicht (mit einem runden Koepfflein) aus. Wenn es sich bei der Beschreibung der Helena immer schon um eine Abschrift handelt. mehr bildhafte Vergleiche eingesetzt. Feminism and the Subversion of Identity. Frankfurt a. Johann Fausten diese Erkenntnisse im Rahmen ihrer literaturgeschichtlichen Bedingungen und Möglichkeiten vorwegnimmt. und dass das heterosexuelle Begehren niemals für sich beanspruchen könne.] offenbart.. . 2-5. Mir scheint. die JUDITH BUTLER in ihrer geschlechtertheoretischen Studie Gender Trouble aufgestellt hat. 79. sondern eine typologische Auszeichnung: Wer so beschrieben wird. Doch ist dies eben nicht eine individuelle.20 Dieses Portrait. dann ihres Körpers beschrieben. JUDITH BUTLER: Gender Trouble. deutsche Ausgabe: Das Unbehagen der Geschlechter. M. 1). mehr Farben aufgelegt. 60) sei. Wie jene trägt auch Helena ein kostbares Gewand und zeichnet sich durch ihre rote Wangen (rote Baecklin). London 1990 (Thinking Gender). „dass das ‚Sein‘ der Geschlechtsidentität ein Effekt“ (S. Wie jene wird auch Helena zunächst hinsichtlich ihrer Kleidung. so vermag dieser Befund eine These zu bestätigen.. 1991 (edition suhrkamp 1722). Die überbietende Schönheit Helenas ist die überbietende Nutzung eines rhetorischen Beschreibungsmusters. Wie Alexanders Gattin wird auch Helena durch eine Tür hereintreten. New York. umhergehen und den Raum wieder verlassen. ist die Schönste aller Frauen. ihre weiße Haut (einen Halß wie ein weisser Schwan).21 BUTLER argumentiert. bestehend aus einer Beschreibung der Kleidung und des Körpers und szenisch gerahmt durch das Hereintreten und Fortgehen der beschriebenen Frau. und die Steigerung der Schönheit Helenas gegenüber der Gattin Alexanders wird rhetorisch als quantitative Steigerung inszeniert: Mehr Körperteile werden beschrieben. ein Original zu sein.

dass es tatsächlich der Teufel ist. aber es sind eben doch nur literaturwissenschaftlich klassifizierbare ästhetische. Würzburg 2004. sondern auch mit RENÉ GIRARD analysieren. um Helena als Bild einer schönen Frau und als Objekt männlichen Begehrens hervorzubringen. sondern dass die Objektwahl vielmehr auf der Nachahmung eines Vorbildes beruht. So heißt es im Text: Als nu der Wein eingienge / wurde am Tisch von schoenen Weibsbildern geredt / da einer vnder jnen anfieng / daß er kein Weibsbildt lieber sehen wolte / dann die schoene Helenam auß Graecia / derowegen die schoene Statt Troia zu grund gangen were / Sie mueste schoen gewest seyn / dieweil sie jrem Mann geraubet worden / vnd entgegen solche Empoerung entstanden were. Vgl. S. so liegt diese Darstellung durchaus auf der Linie des von BUTLER angeführten Arguments. Historia (Anm.23 Wenn also die Studenten in der Historia Helena als schönste aller Frauen begehren. 97. so bestätigt dies den mimetischen Charakter der Geschlechtsidentität. Paris 1961. ANDREAS KRAß: Queer lesen. Der mimetische Charakter des Begehrens lässt sich aber nicht nur mit JUDITH BUTLER. Wenn man den Textbefund ernst nimmt. 233-248. weil Paris. der Entführer Helenas. den Faust im 49. rhetorische und poetische Strategien. Wenn aber die Beschreibung der Helena eine Wiederholung ist. indem sie beide performativ und mimetisch agieren. der im 59. Pointiert gesagt. die diesen Effekt produzieren. Wie dieser in seiner literaturwissenschaftlichen Studie Mensonge romantique et verité romanesque (1961) – deren Titel in der deutschen Übersetzung Figuren des Begehrens (1999) lautet und für den Titel meines Beitrags Pate gestanden hat – darlegt. wenn es ein Objekt des Begehrens wählt. Literaturgeschichte und Queer Theory.22 Die zentrale These lautet. dass er also. eine Wiederholung von Homerversen. dass ein Subjekt. Z. indem er für Faust die schöne Helena als Succubus und Concubina verkörpert. deutsche Ausgabe: Figuren des Begehrens. 8). . Bd.): Gender Studies. München 1999 (Beiträge zur mimetischen Theorie. eine diabolische Parodie vollzieht. 7-13. hier S.24 22 23 24 RENÉ GIRARD: Mensonge romantique et vérité romanesque. arbeiten in der Historia Text und Teufel Hand in Hand. Seinshafte der weiblichen Geschlechtsidentität wird. Kapitel seinen Studenten vorstellte. Kap. eignet dem Begehren eine mimetische. deskriptiven Techniken und textinternen Vorbildern. darauf kommt es an. den Eindruck von Natürlichkeit.250 Andreas Kraß und die Metaphorik der Naturerscheinungen übernehmen die Funktion. den Eindruck eines sinnlich erfahrbaren Seins zu erzeugen. 1). sie ihnen gewissermaßen andiente. In: CAROLINE ROSENTHAL/THERESE FREY STEFFEN/ANKE VÄTH (Hgg. nun seinerseits für Faustus darstellt. Das Naturhafte. Das Selbst und der Andere in der fiktionalen Realität. 49. S. metaphorisch erborgt. dies nicht unmittelbar aus sich selbst tut. Wissenschaftstheorien und Gesellschaftskritik. ganz im Sinne der frühneuzeitlichen Dämonologie. so tun sie es deswegen. Kapitel jenen Geist der Helena. 239-242. und das heißt trianguläre Struktur.

und Bücherwissen. English Literature and Male Homosocial Desire. Schönheit und Liebe. die so tut. Wie der Alkohol scheint auch das Reden über schöne Frauen eine gemeinschaftsstiftende Wirkung zu entfalten. Schrift und Bild Bedenkt man. um Anschaulichkeit zu gewinnen. die dem Alkohol zuspricht und in Abwesenheit von Frauen über Frauen spricht. um sie rivalisieren und dass diese Rivalität in eine kriegerische Auseinandersetzung und schließlich in die Zerstörung Trojas mündet.25 Entscheidend ist nun die Begründung. Als Objekt des Begehrens wird Helena also in der Weise konstituiert. dass die Historia eine besonders reizvolle und aufschlussreiche Variante des Themas „Schrift und Liebe“ anzubieten hat. in die sich die Studenten einschreiben. und zwar in einem doppelten Sinn. dass ihr Körper beschrieben wird. ist zunächst eine Männerrunde. so darf man wohl behaupten. sondern immer schon Kopie einer Kopie ist. denn Helena als Objekt des Begehrens tritt ja in der Weise auf. dass sie geraubt worden sei und dieser Raub einen verheerenden Krieg ausgelöst habe. eine Variante. New York 21992. Vorderhand handelt es sich um eine Descriptio.Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds 251 Was hier vorgestellt wird. dass jener Mittler. so ergibt sich wiederum eine unabschließbare Reihe der Nachahmung – so wird wiederum deutlich. dessen Authentizität man zum Beispiel durch die Überprüfung eines versteckten Muttermals verifizieren könnte. in welchem Maße Begehren nicht auf ein letztes Original reduzibel. seinerseits das Begehren einem Mittler verdankt. die man mit der abgewandelten Formulierung „Abschrift und Liebe“ titulieren könnte. in dem Sinne also. Der Grund besteht darin. dass der Körper Helenas letztlich eine tabula rasa. Die schöne Frau wird hier zum Schauplatz einer Verbrüderung zwischen Männern. wie es Karl V. dass es sich bei der Dreiecksgeschichte um Paris. über das Studierende in der Tat verfügen sollten. um einen schriftliterarisch überlieferten Mythos handelt und nicht zuletzt um Schul. Hintergründig aber handelt es sich um eine Beschreibung im wörtlichen Sinne. die dafür gegeben wird. ein weißes Blatt Papier ist. könnte man auch von „Beschreibung und Liebe“ sprechen. dass Helena die schönste aller Frauen und somit für jeden Mann begehrenswert sei. das erst mit der Schrift der Schönheit und des Begehrens beschrieben werden muss. EVE KOSOFSKY SEDGBetween Men. 3. im Falle der Gattin Alexanders des Großen tut. Paris und Menelaos. dessen Vorbild das Begehren des Subjekts induziert. Helena und Menelaos. Geht man nun konsequenterweise davon aus. WICK: . 25 Zur literaturgeschichtlichen Produktivität dieser Konstellation vgl. dass zwei Männer. als referiere sie auf etwas Reales. Um im Wortfeld der Schrift zu bleiben.

Dresden). Zähne. Laokoon (Anm. an dem sich alle schönen Frauen messen lassen müssen. Augenbrauen. Taille. Helena besaß eine göttliche Schönheit. Daher sei Homer klug genug gewesen. TILO BRANDIS: Mittelhochdeutsche. mittelniederdeutsche und mittelniederländische Minnereden. Wie sehr würde ein neuerer Dichter darüber luxuriert haben!27 Wenn es einen Dichter gibt.28 Der Blick des Erzählers tastet ihren Körper vom Scheitel bis zur Sohle ab. Augen. Hals. 182v-186v. die als Original gehandelt wird. weil die Malerei „die Elemente der Schönheit“ nebeneinander. 44). Achilles war noch schöner. Nachdruck Amsterdam 1965. auf den Gotthold Ephraim Lessing in seiner ästhetischen Schrift Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie (1766) hinweist. S. die Schönheit der Helena nicht in ihren Einzelheiten zu beschreiben: Und auch hier ist Homer das Muster aller Muster. Er sagt: Nireus war schön. Nase. München 1968 (MTU 25). Hände. Stuttgart 1858 (StLV. Atem. Kinn. Konrad von Würzburg: Der Trojanische Krieg. Kapitel seiner Abhandlung ausführlich auf das Fallbeispiel der schönen Helena und das Problem der Abbildbarkeit ihrer Schönheit in Dichtung und Malerei zu sprechen. Kap. in 137 Versen beschreibt er Helenas Körper (19908-20054). fol. 145 f. Mit einem Nachwort von INGRID KREUZER. cgm 714. Stuttgart 2001 (Reclam UB 271). Wangen. . Finger. die Dichtung aber nur nacheinander darstellen könne. Mit den beiläufigen Erläuterungen verschiedener Punkte der alten Kunstgeschichte. Jahrhunderts.252 Andreas Kraß Helenas Körper ist somit nicht das Muster. XX. dass das Bild der Schrift überlegen sei. Dagegen nimmt 26 27 28 Gotthold Ephraim Lessing: Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie. ein medientheoretischer Aspekt.26 Lessing kommt im 20. der sich in seiner Epoche. entstanden um 1480 im Nürnberger Raum). durchaus als „neuerer Dichter“ verstehen konnte. – Die Schönheitsbeschreibung ist auch separat als Minnerede überliefert (für diesen Hinweis danke ich LUDGER LIEB. den das Bild im Nebeneinander zu erzeugen vermöge. in 427 Versen ihre Kleidung (19855-20281) in allen Einzelheiten. Bd. der über die Schönheit der Helena luxuriert hat. sondern bereits eine Kopie. Die Minnerede entspricht Konrads Versen 19893-20054. und 21. vgl. Arme. Wuchs. Verzeichnis der Handschriften und Drucke. so ist es der hochmittelalterliche Dichter Konrad von Würzburg. 2: „Lob der Geliebten“ (BSB München. von ADELBERT VON KELLER. Beine und Füße der Schönen. In seinem Trojanerkrieg liefert er eine Descriptio. Haut. Aber nirgends läßt er sich in die umständlichere Schilderung dieser Schönheiten ein. Mund. er weiß alles über Haar. die über ein halbes Tausend Verse umfasst. Er vertritt einerseits die These. der zweiten Hälfte des 13. Nr. Gleichwohl ist das ganze Gedicht auf die Schönheit der Helena gebauet. Ein weiterer Aspekt des Zusammenhangs von Schrift und Liebe ist noch anzuführen. 25). Hrsg. Das Nacheinander füge sich aber nicht zu jenem ästhetischen Gesamteindruck zusammen.

welcher sich aller stückweisen Schilderung körperlicher Schönheiten so geflissentlich enthält. gibt es durchaus zwei Hinsichten.. Z. Denn wie der Verfasser der Historia anonym bleibt. Wenn Lessing argumentiert. während das vermeintliche Original. könne die Dichtung Schönheit als Reiz und Wirkung inszenieren. Kap. denn die Studenten bitten ihren Lehrer darum. eben der Dichter weiß demohngeachtet uns von ihrer Schönheit einen Begriff zu machen. was die Kunst in dieser Absicht zu leisten imstande ist. was Lessing als eigentlichen Sinn einer ausführlichen Schönheitsbeschreibung veranschlagt: dass sie nämlich. so ist dies – ganz im Sinne Lessings – die Malerei. und einer sprach zu den andern: [. stellt aber eine Alternative in Aussicht: Er wolte jhnen aber ein Conterfey darvon zu kommen lassen / welches sie die Studenten abreissen moechten lassen / welches dann auch geschahe / vnd die Maler hernacher weit hin vnd wider schickten / dann es war ein sehr herrlich gestalt eins Weibsbilds. S. Konrads Beschreibung der schönen Helena lässt sich durchaus als poetologische Allegorie lesen. Wieder könne Homer als Muster gelten: Eben der Homer. der alles weit übersteiget. so gilt dies nur hinsichtlich der Darstellung der Schönheit als solcher. vielmehr gilt für ihn. Hiervon ist die Historia weit entfernt. dass Konrads Darstellung von ermüdender Redundanz wäre. 98. wo Helena in die Versammlung der Ältesten des trojanischen Volkes tritt. so ist dies wiederum nur die Kopie einer Kopie. S. in denen umgekehrt die Schrift dem Bild überlegen sei. Kap.30 Wenn also die Studenten am Ende ein Bild in der Hand halten. dass die Schrift dem Bild unterlegen sei. Die ehrwürdigen Greise sehen sie. Historia (Anm. Dies ist eine Aussage. aber auch als Dekonstruktion eines essentialistischen Konzepts von Dichtung. 98. 1). Wer aber solches Gemaeld dem Fausto abgerissen / hat man nicht erfahren koennen. 10 f. Wie er weiter ausführt.Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds 253 sich die Historia bescheiden aus. so bleibt auch der Name des Malers unbekannt. Helenas Geist am nächsten Tag noch einmal zu beschwören: so wolten sie einen Mahler mit sich bringen / der solte sie abconterfeyten. daß Helena weiße Arme und schönes Haar gehabt. der jenes von den Studenten kopierte Gemälde schuf. das sich an die garantierende Instanz des Autors knüpft. die sich im Akt ihrer Anwendung zugleich konstituiert und reflektiert. Wenn sie sich einer poetologischen Allegorie bedient. die sich wiederum doppelt lesen lässt: als Dekonstruktion eines essentialistischen Konzepts von Geschlecht und Begehren. .. 49. 1). 49. Helena selbst. 13-19.] 29 30 Historia (Anm. Z. Weil der Dichtung ein prozessualer. der Malerei hingegen ein statischer Charakter eigne. Dies heißt aber nicht. Man erinnere sich der Stelle. als eine Poetik. von dem wir kaum einmal im Vorbeigehen erfahren. die Dichtkunst selber preise. mehr noch als die Schönheit der Frau.29 Faustus versagt ihnen diese Bitte. ihnen als Phantom entzogen bleibt.

Die um ein solches Weib so lang’ ausharren im Elend! Einer unsterblichen Göttin fürwahr gleicht jene von Ansehn!“ (3. S. die Geste zur Grimasse zu verzerren. als das kalte Alter sie des Krieges wohl wert erkennen lassen.254 Andreas Kraß [„Tadelt nicht die Troer und hellumschienten Achaier. Die Wirkung der Schönheit fängt er in der Weise ein. 49. 1).: sie sahe sich allenthalben in der Stuben vmb / mit gar frechem und buebischem Gesicht. der so viel Blut und so viele Tränen kostet?31 Den Reiz der Schönheit fängt Homer in der Weise ein. Kap. der Helena vor den Studenten verkörpert wie zuvor schon Alexander den Großen und dessen Gattin vor Karl V.36 Auch dies ist nicht ohne Relevanz für die Frage nach dem Status von Geschlecht und Begehren. sie wird somit durch den Reiz der Bewegung bestätigt. wie Helena herannaht. dass sie Helena als kriegswert erachten. 3 f. dass er zeigt. 98. dabei laufe sie aber Gefahr. Kap. Historia (Anm. so weiß auch die Historia Helenas Schönheit als Reiz und Wirkung zu präsentieren. das auch dadurch nicht greifbar wird. Kap. 1). Kap. die andeutet. Z. S. 16) ersetzt. Z. dass selbst die Greise von ihrer Wohlgestalt so überwältigt sind. Was 31 32 33 34 35 36 Laokoon (Anm. Fausto widerumb zur Stuben hinauß. Kapitel schließt mit einer moralischen Sentenz. dass es Mephostophiles selbst ist. 98. 97. .. 24-26: Als er wider hinein gehet / folgete jm die Koenigin Helena auff dem Fuß nach. aber auch durch die Wirkung. Über diese Möglichkeiten verfüge die Malerei kaum.35 und als sie zu Betth kommen / haben sie vor der Gestalt vnd Form / so sie sichtbarlich gesehen / nicht schlaffen koennen. wobei sie ihre Augen spielen lässt. Kap. Z.34 Die Schönheitsbeschreibung ist genau zwischen dem Eintreten und Umhergehen Helenas platziert. 49. Anm. Das 49. S. Z. S. 1). 98.: vnd gienge also Helena mit D. 1). 1). 19-21. Historia (Anm. S. Helena bewegt sich im Raum: Sie wird zunächst von Faustus in die Stube geführt. Historia (Anm. Wenn sie Reiz und Wirkung im statischen Medium des Bildes zu zeigen versuche. 4 f. 49. Historia (Anm. die sie in den Betrachtern hervorruft: dass nämlich die Studenten gegen jr in Liebe entzuendet waren. 49. 49. 98. ein Bild. S. dass er Schönheit in Bewegung präsentiert. XXI. das Begehren der jungen Männer richtet sich letztlich auf ein Phantom. Historia (Anm. so Lessing.33 und wird schließlich von Faustus wieder hinausgeführt. Was kann eine lebhaftere Idee von Schönheit gewähren. Helena ist nichts als ein Geist. so müsse sie zum Mittel der Überzeichnung greifen. 25).32 geht dann in der Stube umher. die von Lessing zitierten griechischen Verse habe ich durch die deutsche Übersetzung (vgl. Wie Homer. das wiederum nur das Abbild eines Abbildes unbestimmter Provenienz ist. 7 f. Z. 155 f. dass sie sich ein Bild von ihm machen. Kap.156-158)].

Kap. so ist die Darstellung der Helena in Fausts letztem Lebensjahr bitterer Ernst. Frau und Teufel. Z. 98. in dem Faustus der Illusion.und Hinaustreten durch die Stubentür begrenzt wird wie ein Bühnenakt durch den sich öffnenden und schließenden Vorhang. das scheinbare Urbild einer schönen Frau. 49. erst durch den eigenen Tod. ist ein maskierter Teufel. weil die Geschichte aufgeschrieben. abgeschrieben und fortgeschrieben wird – wie auch vom Verfasser dieses Beitrags.37 Damit ist das 59. eine satanische Drag Queen. War dort die Vorstellung der Helena noch ein täuschendes Spiel. vgl.Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds 255 die Studenten zu sehen bekommen. Wenn es dennoch weiterlebt. dass es von beiden. sie hätten die Studenten in Liebe entzuendet. . 37 Historia (Anm. Z. 22: in Lieb entzuendt. das keine Existenz hat über die Vorstellungskraft des Phantasten hinaus. das vom Herein. S. wörtlich übereinstimmend heißt. die er in der Schwankepisode wie ein Impresario veranstaltet. 5. zu der Faust seinen Teufel verpflichtet. 1). Diesen Bezug markiert der Text in der Weise. die sie ins Verderben zu ziehen sucht. Helena. so nur deswegen. ist nichts als ein Phantasma. selbst zum Opfer fällt. Begrenzt wird die Verkörperung Helenas. Kapitel vorbereitet.

.

163 Florio und Bianceffora (fnhd. 35f. 45* Abaelard 26. 45 – Klosterbriefe/Parakletbriefe 28. Zeit geben 1 147f. 2.1 55 Dulciflorie 226* Dum transirem Danubium 5* Eilhart von Oberg – Tristrant 56 Ekkehard IV. vriedel ziere? MF 39. 204 Derrida.. 30. Floris-Dichtung) 37* Boncompagno da Signa – Rota Veneris 35 Bruni. 44 – La Divina Commedia 171. 41 – Il Decamerone 239* – Il Filocolo (it.*. 45* Beroaldo.3 196* Bichilinus 41 Blumenberg. 41f. 32. von St.. Galli 52 Epistulae duorum amantium 16. 149–155.. 23. 43.45 23 – Paulus. Filippo d. – Signatur Ereignis Kontext 235 – Wenn es Gabe gibt – oder: ‚Das falsche Geldstück’ 147f. 35. 50.18 59* Dietrich von der Glezze – Borte 236* Dresdner Liebesbrief 197 Dû bist mîn. 45. Leonardo 45* Caesarius von Arles 52 Cantica canticorum prosaice 45* Capitularium Regum Francorum 50.. 147. 165–189 Der elende Knabe – Minnegericht 200f. Jacques – Falschgeld. 43. 187 – Vita nuova 20. 46* Corone amantium tractatus 45* Cum plurima sint tempora transcursa 46* Dante Alighieri 20. 27f. 45* – De duobus amantibus 45* Bibel – Die Klagelieder des Jeremias 183 – Lukas 6. ich bin dîn MF 3. Konrad 149. Floris-Dichtung) 154 . 33. Hans 66 – Arbeit am Mythos 66* Boccaccio. 30–32. 151*. Brief an die Korinther 3.Register * = in Fußnote zitiert Personen und Werke Abaelard und Heloise 23. 47* – Historia calamitatum 30. 56 Cicero 45*. 33 – Dialectica 27* Aélis (Geliebte des Jean de Gisors) 35 Alanus ab Insulis 7 – De Planctu Naturae 7* Alphabetischer Liebesgruß 209 Andreas Capellanus 131 – De amore libri tres 131* Aristoteles und Phyllis 237* Baldrich von Bourgueil 5*. Der Tugendhafte Schreiber 193* Dialogus senis et juvenis de amore disputantibus 45* Dietmar von Aist – Diu welt noch ir alten site MF 36. 154 – Flore und Blanscheflur (mhd. 25–28. Gallen – Carmen in laude s. 35f. 37 – Qua intentione scripserat 5* Bamberger Beichte 50 Barthes.5 59* – Slâfest du. 24*. 32f. 27*. 25. 33.. 126 Carmina Burana 5*. 31*. 39. 220 Fleck. Roland – Die Lust am Text 221* Bernhard von Clairvaux 42*. 29. Giovanni 37. 30. Ä. 45*. 31*. Floris-Dichtung) 19.

– Laokoon 252–254 Liederbuch der Clara Hätzlerin – Der erste Buchstabe der Geliebten 208 – Der Liebesbrief 206 – Neujahrsgruss auf 1444 196 Lucan 171 . 233* De Heinrico 53. 33.. 223 – Der Wille zum Wissen 221* Der Frau Venus neue Ordnung 203 Freud. 55 St. Hermann Konemund 38* Hildebert von Lavardin 41* Register Hildebrantslied 192 Hirsch und Hinde 51f. 31. 18. 55. 240* Lampert von Hersfeld 37*. 126.. 26. 208* Guibert von Nogent – De vita sua sive Monodiarum libri tres 219* Guillaume de Machaut 34*. 134–145 Kaufringen.35 70 – Eneasroman 17. Gattin Konrads II. Jacques 221*. 55 Heloise 30. Hans – Der neu gülden Traum 198 Foucault. 42*. 36. 55 Historia von D. 70. 243–255 Homer 246–248. 232* Hartmann von Aue – Erec 113* – Gregorius 237* Der heimliche Bote 59 Heinrich von Morungen – Fragment aus Kremsmünster 56* – Tagelieder 59* – West ich. 45* – Deflorationes. 32. 32. Sigmund 63. Michel 207. 31*. Johann Fausten 22. 52. FlorisDichtung) 151*. 38* Le Conte de Floire et Blancheflor (frz. 42. 58 Klagelied eines Abtes über die alte Wachsschreibtafel 6* Kleriker und Nonne 53–55 König Rother 84* Konrad von Würzburg 252 – Das Herzmaere 236* – Trojanerkrieg 252f. 252–254 – Ilias 247 – Odyssee 247 Horaz 171 Humbert von Romans – Regel für Dominikanerinnen 38 Ironische Minnelehre 202 Jean de Gisors 35 – Brief an Aélis 35 Jean de Meun 30 Johannes de Vepria 24. Floris-Dichtung) 154 Folz.1 141* Heinrich von Neustadt – Apollonius von Tyrland 19. ob ez verswîget möchte sîn MF 127. 84*. 228 Die getrennten Liebenden 202* Giacomo da Lentini 184 – Meravigliosamente 184 Gisela (Kaiserin. 155–163 Heinrich von Rugge – Leich 56.* Krug. Gotthold Ephraim 252f. 236* Heinrich von Veldeke 17. 206*. Hans – Neujahrsgruss an die Frauen 209* Lacan. 42 – Le livre du voir dit 34*. 63–82. 125. 18 – Tristan muose sunder sînen danc MF 58. 226*. 36. Galler Spinnwirtelspruch 14*. 41. 34*. 44* Graf von Zimmern 219 Das Häslein 225. 44. Galler Spottverse 52 Das Gänslein 226. 162*. 226. Ex epistolis duorum amantium 24 Johannes von Freiberg – Das Rädlein 15*. 233* Johann von Salisbury – Policraticus 46* Johann von Würzburg 18 – Wilhelm von Österreich 91*. 223* Fröschel von Leidnitz – Liebesgespräch 198* St.258 Flos und Blankflos (ndd. 154* Die Leda-Parodie 16* Die Legende vom zwölfjährigen Mönchlein 239* Lessing. 222. 39. 204 Gozold – Liebesbrief 205.) 51 Glückliche Werbung 195 Gottfried von Strassburg 141 – Tristan 63°. 83–124. 141*. 38f. 147. 139. Heinrich – Der Zehnte von der Minne 229* Kicila-Vers/Hicila-Vers 50f. 94*.. 35.

Michel de – De l’amitié 240* Von einem Müller 239* Der neuen Liebe Buch 211f. 72. 120*. 226*. 212–218 Der Minner im Garten 199 Der Mönch als Liebesbote A 237* Der Mönch Felix 236*. Floris-Dichtung) 56 Ulrich von Türheim – Kliges 133 Urkunde der Minne 198* Venus-Spiel 16* Vergil 64. Niklas 4* – Die Gesellschaft der Gesellschaft 4* – Liebe als Passion.. 209. 46*. Zur Codierung von Intimität 4*. 228. 42* Prosalancelot 84*. 55. 117. 125-145 Ruodlieb 55* Schloss Immer 209. 183 – Phaidros 183. Johann 243 Der Stricker 157 – Falsche und rechte Milte 157* – Die Herren von Österreich 157* – Das heisse Eisen 228 Von dem Strigl 239* Studentenabenteuer A 236* Sueton 45* 259 Tegernseer Liebesbriefe (= Tegernseer Briefsammlung) 46*. 45*. 67. Enea Silvio 45* – De duobus amantibus historia 39 – De remedio amoris 45* Pierre de Virey 45* Platon 96*. 38* Petrarca. von St. 234 Trierer Floyris (mhd.193* Weisheits. Denis 63f. 226. 237*. 234*. 221–241 Montaigne.und Zeitlyrik (= Namenlose Lieder MF I. 239* Des Mönchs Not 21. 165 Petruslied 52 Petrus von Vinea 46* Piccolomini. 113. 88°. 97–103. 116*. Notker III. 171 – De amore 45* – Metamorphosen 120* Ovidius moralisatus 45* Ovidius puellarum 46* Pamphilius 46* Paracliuts Cornetanus 45* – Bucolicon carmen ad Pium papam 45* Peter von Hagenbach 34*. 238 Spieß. Marcel – Die Gabe. 100. I-V) 56 Das Wesen der Minne 209 . 117*. 38* – Briefe/Korrespondenz mit der Kanonissin von Remiremont 34*. Sicco 46* Polizian 45* Pontus de Tyard 23. 82 Rudolf von Ems 18 – Willehalm von Orlens 18. 221* Matthäus von Vendôme – De arte metrificandi 45* Mauss. Francesco 41. Claus – Fünfzig Gulden Minnelohn 230* Der Sperber 225*. 105*. 194* – Canzionere 46*. 171 – Aeneis 66-69. 46*. 171 Walter von Châtillon – Declinante frigore 6* Walther von der Vogelweide 133 Wartburgkrieg 57*.Register Luhmann. 81. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften 148 Meinhard von Bamberg 37*. Gallen – Psalter 51 – Iob quoque incepi 51 De nuncio sagaci 46* Ovid 42. 210* Der schwangere Mönch 222* Sigismund von Tirol 38* Söflinger Briefe 38* Spaun. 38* Die Minneburg 197. 233*. 98* Terenz 45* Thomas von Britannien – Tristan 67 Des tiuvels âhte 225*. 232. 199. de Rougemont. 106* Richard de Bury – Philobiblion 6* Roman d’Eneas 66-82. 218*. 84. 85-89. 184* Polenton. 123f.

Bayerische Staatsbibliothek – Cgm 19 60 – Cgm 63 127 – Cgm 270 202* – Cgm 5249/31 56* – Cgm 5249/42a 56* – Clm 4570 56* – Clm 7792 59 Regensburg. 24946 195* München. 8860-8867 51 Cambridge. Fragm. Österreichische Nationalbibliothek – Cod. mgq 1418 56* Kremsmünster. HA Hs.5.260 Wirnt von Grafenberg – Wigalois 126 Wolfram von Eschenbach 61. Bibliothèque Municipale – Cod. Zentralbibliothek – Ms. British Library – Ms. Gg 5. University Library – Cod. Germ.35 (Cambridger Liederhandschrift) 53f. Landesbibliothek – Cod. 248 56* London. Bischöfliche Zentralbibliothek – Fragm. 126 – Titurel 237* Der Zwickauer – Des Mönchs Not 21. Fragm. 33 57* Brüssel. 802 45* Weimar. 14 56* Troyes. 13 56* – Mappe X. Heidelberg. 221–241 – (= Der schwangere Mönch) 222* Handschriften Register Krakau.1 56* St. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz – XX. Biblioteka Jagiellon ´ska – Berol. 105 52 Trier. Add. Universitätsbibliothek – Cpg 455: 197 – Cpg 848 (Große Manessische Liederhandschrift) 193* – Cpl 52: 50 Karlsruhe. 160 56* Zürich. C 58 56* Berlin. Fol 488 203* Berlin. I. Donaueschingen 69 56* . mgq 661 56* – Berol. Stiftsbibliothek – Cod. O 145 202* Wien. Gallen. Herzogin Anna Amalia Bilbiothek – Ms. 133 – Tagelieder 59 – Den morgenblic 60 – Sîne klâwen 60 – Parzival 84*. Stadtbibliothek – Mappe X. Stiftsbibliothek – Cod. Bibliothèque Royale Albert Ier – Cod. Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz – Ms.

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