Markus Wolf

Spionagechef im geheimen Krieg

Erinnerungen

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Jahrzehntelang nannte man ihn den »Mann ohne Gesicht«. Jetzt erzählt Markus Wolf, der legendäre Leiter der DDR-Auslandsaufklärung, erstmals seine persönliche Geschichte und die seines Dienstes: ein Buch, das zu den Klassikern der Spionageliteratur zählt.
ISBN 3-471-79158-2 Original: The Man Without a Face 1997 by List Verlag GmbH, München

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

Spionagechef im ge heimen Krieg ist eine erweiterte und bearbeitete Fassung der englischsprachigen Originalausgabe.

Für Andrea

Inhalt
Einleitung ............................................................................. 4 Prolog................................................................................... 7 1 Vom Neckar an die Moskwa ........................................... 25 2 Der Einstieg..................................................................... 45 3 Learning by doing ........................................................... 64 4 Schicksalsjahr 1956 ......................................................... 99 5 Die Betonlösung............................................................ 123 6 Spionage aus Liebe........................................................ 144 7 Der deutschdeutsche Dschungel.................................... 156 8 Herbert Wehner............................................................. 190 9 Der heiße Sommer von 1968......................................... 215 10 Wandel durch Annäherung.......................................... 229 11 Des Kanzlers Schatten................................................. 258 12 Das Gift des Verrats .................................................... 290 13 Ein neues 1914? .......................................................... 316 14 Aktive Massnahmen.................................................... 341 15 Die Entdeckung der dritten Welt................................. 356 16. Der ferne Kontinent.................................................... 382 17 Der Ausstieg................................................................ 418 18. Der menschliche Faktor ............................................. 451 19 Glanz und Elend der Spionage .................................... 469 Epilog............................................................................... 480 Danksagung...................................................................... 486 Transkription der Tagebucheintragungen ........................ 487 Glossar.............................................................................. 493

Einleitung
Dieses Buch ist ein Wagnis. Als erfolgreicher Geheimdienstchef zur Symbolfigur abgestempelt, muß ich mit hohen Erwartungen der Leser rechnen. Die einen werden eine Enzyklopädie dieses Zweitältesten Gewerbes erwarten, die anderen etwas in der Art eines JamesBond-Films oder Spionagethrillers. Nur haben die Helden solcher Filme und Bücher mit den realen Akteuren der Nachrichtendienste nicht mehr Ähnlichkeit als die Märchentiere Walt Disneys mit der Tierwelt der Wälder, Steppen und Savannen. Die Nerven des Chefs eines Dienstes werden in der Wirklichkeit wesentlich mehr strapaziert als die der Filmhelden, und von ihm angeregte Aktionen laufen im Idealfall lautlos und weitgehend unbemerkt ab. Für welchen Leser wähle ich aus der Fülle der Erinnerungen und Gedanken, aus der Vielfalt des für mich alltäglich Gewesenen das Erzählenswerte? Manches, was vor Jahren die größte Aufregung verursachte, erscheint nach der Prüfung durch die Zeit fast banal. Umgekehrt erhalten Informationen und Vorgänge, die zum Alltagsgeschäft gehörten, und mit ihnen die Menschen, die viel aufs Spiel setzten, oft erst im Rückblick ihre wahre Bedeutung. Die Personen der Begebenheiten meines Buches leben zum großen Teil noch. Ihnen galt und gilt mein besonderes Interesse. Nicht das sich täglich auf dem Schreibtisch häufende Papier, sondern die Begegnung mit für ihre gefährliche Tätigkeit ganz unterschiedlich motivierten Menschen, das Kennenlernen so verschiedener Charaktere machte für mich den Reiz der Arbeit aus. Die moralische Verantwortung gegenüber diesen Menschen besteht fort. Vielen drohen noch Verfahren, viele sind in ihrer bürgerlichen Existenz gefährdet. Andere haben sich nach dem Verbüßen ihrer Haftstrafe ein neues Leben aufgebaut. Dies habe
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ich beim Erzählen zu berücksichtigen. Deshalb muß ich meine Leser um Verständnis bitten, wenn ich viele Namen nicht nenne, in manchen Belangen Zurückhaltung übe und einiges noch ganz mit Schweigen übergehe. Begriffe, die manchem Leser wie Fachchinesisch vorkommen mögen, sind im Anhang in einem Glossar erläutert. Die Erfolge des von mir geleiteten Dienstes markierten Höhepunkte des kalten Krieges. Diese Zeit prägte schroffe und unversöhnliche Feindbilder auf beiden Seiten. Wir sahen in unserem Widersacher den »imperialistischen Aggressor« und verkörperten selbst für viele Menschen der anderen Seite das »Reich des Bösen«. Über Jahrzehnte hinweg verfestigte Klischees wirken nach, auch heute noch. Gleichzeitig rücken die Jahre des erbitterten kalten Krieges im Bewußtsein vieler allzu schnell in die Vergangenheit. Die Geschichte dieser von mir erlebten Zeit so zu erzählen, daß sie auch jenseits des verschwundenen Eisernen Vorhangs verstanden wird, ist nicht leicht. Und zuletzt: Nach der kläglichen Auflösung eines Staates über Erfolge eines Nachrichtendienstes zu schreiben, der nicht mehr existiert, mag anmaßend erscheinen. Doch gerade im Zusammenbruch des gesamten Systems, in das mein Land eingebunden war, liegt für mich die Herausforderung. Was sind die Ursachen, wann und wo lassen sie sich festmachen? Etwa ein Jahrzehnt vor der Wende des Herbstes 1989 erfaßten mich Beunruhigung und der Drang, über Symptome und Ursachen der immer sichtbarer werdenden Krankheit des Systems nachzudenken, das wir für den Sozialismus hielten. Ich begann zu schreiben – damals noch im Glauben an eine mögliche Heilung. Deshalb beantragte ich 1983 meine Pensionierung, und seitdem lebt dieses Buch in mir. Ich habe die Tatsachen ungeschminkt zu erzählen versucht. Leser, Kritiker und Historiker mögen sie prüfen, sie bestätigen oder bestreiten. Im vereinigten Deutschland wurde und wird
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versucht, mit Hilfe der Justiz und auf anderen Wegen bei der Aufarbeitung der Geschichte Rechnungen zu begleichen, damit am Ende nur eine Sicht übrig bleibt. Ich meine aber, daß nach dem erklärten Ende des kalten Krieges Inventur auf beiden Seiten der ehemaligen Fronten zu machen ist und daß eine Geschichtsschreibung, die diesen Namen verdient, nicht nur von den Gewinnern verfaßt werden darf. Geschichte ist nur aus der erlebten Geschichte zu verstehen. Zu solchem Verstehen einer Zeit voller Widersprüche möchte ich durch mein subjektives Zeugnis beitragen.

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Prolog
Der Tag war gekommen, an den keiner meiner Angehörigen und Freunde hatte glauben wollen. Bekannte und Unbekannte, alte Freunde in Moskau und neue Freunde in Wien, französische und schwedische Schriftsteller, der Rabbiner aus Jerusalem und ein ehemaliger Leiter des Mossad aus Tel Aviv, Senatoren und Juristen aus den USA, keiner war auf einen Prozeß gegen mich gefaßt – keiner außer mir. In Begleitung meiner Frau und meiner beiden Verteidiger ging ich auf das wenige hundert Meter vom Rhein entfernte Gebäude des Oberlandesgerichts in Düsseldorf zu, an dessen Turm als Wappentier des Deutschen Reiches ein Adler seine Schwingen ausbreitet. Im Blitzlichtgewitter tauchte für einen Augenblick das Gesicht jenes Fotografen auf, der in gewisser Weise zum Chronisten der Turbulenzen meiner vorangegangenen Jahre geworden war. Noch zu DDR-Zeiten hatte er mich in der Bildunterschrift einer Aufnahme als »Hoffnungsträger« bezeichnet. Schon anders sah es bei seinem Foto von den großen Protestdemonstrationen am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz aus; da war ich plötzlich der »Stasi-General«. Wie sah man mich wohl jetzt? Der Raum, in dem die Verhandlung stattfinden sollte, war derselbe Saal A 01, in dem derselbe Strafsenat gegen Christel und Günter Guillaume verhandelt hatte – Guillaume, dessen Plazierung an der Seite Willy Brandts noch heute viele für einen meiner größten Erfolge halten, obwohl das nicht zutrifft. Für den spektakulären Prozeß gegen den Spion am Busen des Kanzlers war der Saal damals eigens abhörsicher im Keller eingerichtet worden. Die Wahl dieses Schauplatzes für den Prozeß gegen mich war gewiß kein Zufall. Während der folgenden sieben langen Monate, in denen ich das irreale Geschehen dieses Prozesses vor meinen Augen wie
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ein Schauspiel vorbeiziehen ließ, tauchten in meiner Erinnerung so manche Bilder aus den vergangenen Jahren auf, die mir oftmals nicht weniger unwirklich erschienen als die Vorstellung in Saal A 01. Als sich die beiden deutschen Staaten nach vier Jahrzehnten der Trennung und der Feindseligkeit auf die Vereinigung vorbereiteten, fand ich mich unversehens in der Rolle einer Geisel des historischen Geschehens wieder. Mein Land und die Welt des Sozialismus brachen vor meinen Augen zusammen. Dieses Land hatte sich vierzig Jahre lang als Deutsche Demokratische Republik bezeichnet und auch so verstanden, und doch war es während dieser gesamten Zeit in einer Art Zwangsehe an die wirtschaftlich mächtige Bundesrepublik gefesselt gewesen. Meine Situation war nicht gerade beneidenswert. Alle Hoffnung auf eine reformierte DDR mußte ich ein für allemal fahrenlassen. Mein Ruf als Hoffnungsträger, als Anhänger Gorbatschows, war keinen Pfifferling mehr wert. Um der zunehmenden Hysterie zu entfliehen und an einem Buch über die Ereignisse von 1989 zu arbeiten, hatte ich schon im Frühjahr 1990 in Moskau, der Stadt meiner Kindheit und Jugend, Rat und Ruhe gesucht. In Moskau, wo me ine Familie einst Zuflucht vor den Verfolgungen des Dritten Reichs gefunden hatte, war stets ein Teil meines Herzens geblieben. Die Datscha meiner Halbschwester Lena, vor allem aber ihre schöne Wohnung in dem berühmten »grauen Haus am Ufer«, in dem viele der von uns verehrten und oftmals unter Stalin verfolgten Größen der 30er Jahre gewohnt hatten, riefen mir die widersprüchliche und turbulente Zeit meiner Jugend machtvoll ins Gedächtis zurück. Der Blick über die zugefrorene Moskwa auf den Kreml erzeugte ein Gefühl von Geborgenheit, die kalte Winterluft regte das Denken an.
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Natürlich wollte ich in Moskau auch herausfinden, ob meine Mitarbeiter aus der Auslandsaufklärung, die ehemaligen Kundschafter im Westen und – nicht zuletzt – ich selbst mit Unterstützung und Hilfe der ehemaligen Kollegen vom KGB und des Kreml rechnen konnten oder nicht. In Berlin hatten mir immer wieder Mitarbeiter aller Bereiche des entsprechenden Ministeriums mündlich und brieflich ihr Schicksal geschildert. Die von Tag zu Tag neuen Ent hüllungen über die Machenschaften der Staatssicherheit schürten den Haß der Bevölkerung auf alle ehemaligen Staatsbeamten zwangsläufig, ganz egal, welche Funktion die Betreffenden innegehabt hatten, und meine früheren Mitarbeiter mußten allmählich um das bloße Überleben bangen. Nach meiner Ankunft empfing mich Leonid W. Schebarschin, der nach meinem Abschied Leiter der Auslandsaufklärung im KGB geworden war, überaus herzlich in einem Gästehaus nahe dem eindrucksvollen neuen Dienstgebäude der Ersten Hauptverwaltung – dem Zentrum des sowjetischen Nachrichtendienstes – in der Nähe der Ringautobahn bei Jasenowo im Südwesten Moskaus. Im Verlauf unseres mehrstündigen Gesprächs, das an einer reichgedeckten Tafel beendet wurde, konnte ich ihm nicht viel Neues mitteilen. Er war durch die Berliner Vertretung des KGB gut informiert. Seine Freundlichkeit konnte mich nicht darüber hinwegtäuschen, daß für meine Belange, für die Straffreiheit der hauptamtlichen Mitarbeiter im Osten und der geheimen im Westen des wiedervereinigten Landes nur auf Ebene des Präsidenten etwas zu erreichen war. Mehr versprach ich mir von meinem direkten Kontakt zum Kreml über Valentin Falin, den profunden Kenner deutschsowjetischer Beziehungen, nachdem dieser zum engsten außenpolitischen Berater Gorbatschows aufgerückt war. Seit Anfang der 80er Jahre hatte ich vor ihm kein Hehl über meine Sorgen angesichts der Entwicklung in der DDR gemacht, und Falin hatte sich immer als aufmerksamer
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Trotz meiner wachsenden Zweifel an Gorbatschows politischen Fähigkeiten wollte ich es noch lange nach Bekanntwerden der Beschlüsse von Arys im Juli 1990. war in Haft. Erich Mielke. welche Konsequenzen daraus erwachsen würden. in der ich von Mütterchen Rußland Hilfe erwartete auch wenn ich allen Gerüchten zum Trotz seit meinem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahr 1986 weder mit Moskau noch mit der Berliner KGB-Vertretung engeren Kontakt unterhalten hatte.und klanglos ihrem Schicksal überlassen könnte – zur nicht weniger großen Überraschung seines neuen Freundes Helmut Kohl und dessen Umgebung.und wacher Gesprächspartner gezeigt. sondern höchstens mit ihrer politischen Vernunft. dennoch beschloß ich. Nicht zum erstenmal in meinem Leben sah ich mich in einer Lage. daß der Erste Mann der Sowjetunion deren engste Freunde und Verbündete sang. genauer gesagt: für die von mir möglicherweise zu erlangenden Geheimnisse. die das Territorium der DDR bedingungslos in die Nato eingliederten. Noch gab es den Schimmer einer Hoffnung auf Vernunft vor allem in der Haltung unseres Hauptverbündeten. nach Berlin zurückzukehren. Bei den Wahlen im März 1990 gab ich meine Stimme in der Moskauer DDR-Botschaft ab. nicht für möglich halten. Doch danach konnten wir mit keiner Gnade der Gewinner mehr rechnen. mein langjähriger Vorgesetzter. Allen Voraussagen entgegen löste nicht der bislang unbekannte Sozialdemokrat Ibrahim Böhme. und der Druck auf meine ehemaligen Mitarbeiter nahm täglich zu. Im Sommer 1990 war noch nicht absehbar. was sich nach der Unterzeichnung des Zweiplusvier-Vertrages zwischen Kohl und Gorbatschow im Kaukasus ergeben sollte. -10- . Nicht einmal in meinen schwärzesten Ahnungen hätte ich mir träumen lassen. Mit dem Ausverkauf der DDR begann das Bieten für die Mitarbeiter meines Dienstes – auch für mich. sondern der ebenso neu aufgestiegene CDU-Politiker Lothar de Maiziere Hans Modrow als Ministerpräsidenten ab.

Damals. der erfolgreich in das Bundesamt für Verfassungsschutz eingedrungen war. daß dieses Gespräch mit Wissen des Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble zustande kam. Das erste Angebot war eine Überraschung. Anfang Mai 1990. ob ich zu einem Gespräch mit ihm bereit sei. Diestel begegnete mir ohne Arroganz und ohne das Gehabe. daß Schäubles Leute mit meinen Nachfolgern nicht so recht vorankämen. Ich wußte zwar. Werner Großmann und Bernd Fischer. ein Herr Werthebach. Wollten wir eine realistische Aussicht auf Straffreiheit. sofern er seine Quellen verraten wollte. sich einer Lebens. an und fragte. hatten mich darüber informiert. und Schäuble werde ungeduldig. müßten zumindest ein Dutzend unserer wichtigsten westdeutschen Quellen preisgegeben werden. wie die Situation am besten entspannt und geklärt werden könne. Er hatte abgelehnt und es vorgezogen. der Innenminister der Regierung de Maiziere. Wir verabredeten einen Besuch im Gästehaus des Innenministeriums in Zeuthen. dem südöstlichen Vorort Berlins. Es bestand kein Zweifel. daß Schäubles Emissär. Früher oder später würden seine Leute ohnedies zum Ziel gelangen. das Gewinner der politischen Wende nur zu gern zeigten. bereits als Statthalter neben Diestel residierte. der Preis der Freiheit. Meinem Schwiegersohn.und Sinnkrise zu stellen. hatte man Straffreiheit und eine halbe Million DM Belohnung angeboten. rief mich Peter-Michael Diestel. daß meine ehemaligen Gegner aus den westdeutschen Diensten sich intensiv und recht ungeniert um ehemalige Mitarbeiter meines Apparates bemühten. er wollte mit mir lediglich beraten. Warum also nicht rechtzeitig die -11- . Freundlich schuf er eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts und Vertrauens. Bonn stehe unter Druck. Mein Gesprächspartner erläuterte. Meine Nachfolger im Dienst.Dafür wurde ein hoher Preis geboten. Keine Anspielung auf meine mißliche Lage. die ihn bis an den Rand seiner Kräfte führte.

mir hingegen eine lange Zeit hinter Gefängnismauern. die uns noch verbleibt. »Herr Wolf«. zu verraten. Der Unterschied zwischen uns war nur. das mir die geringste Chance bot. Die wiederholten öffentlichen Angriffe aus Boedens Mund noch im Ohr. daß ihm möglicherweise eine Karriere im wiedervereinigten Deutschland bevorstand. ist die.Trümpfe nutzen? Auf meine zweifelnden Bemerkungen sagte Diestel überraschend: »Herr Wolf. daß ich mit meinen -12- . niemanden. habe freies Geleit zugesagt. Zehn bis zwölf Namen und ein paar Angaben zu den die Sicherheit der Bundesrepublik betreffenden Aktionen Ihres Dienstes.« Sicher hatte er recht. der damalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. daß wir über unsere Unterkunft und die Verpflegungssätze mitbestimmen. des Tauziehens ebenfalls überdrüssig. »Sie wissen so gut wie ich. Selbstverständlich wollte ich die Freiheit. ihn in den Themen Schwerkriminalität und Terrorismusbekämpfung zu beraten. sagte er. aber ich war mir auch meiner moralischen Verpflichtung bewußt. etwas für meine Leute zu tun. da ich zu jedem Gespräch bereit war. Die einzige Möglichkeit. Gerhard Boeden ist gerade in West-Berlin. der von meinem Dienst für die nachrichtendienstliche Tätigkeit gewonnen und motiviert worden war. obwohl sie zu einem Zeitpunkt erfolgte. aber in die Höhle des Löwen wollte ich mich ohne Not nicht begeben… und deshalb wechselte ich das Thema und bot Diestel an.« Boeden. daß wir alle der Kriegsgefangenschaft entgegensehen. hielt ich die mehr als eindeutige Offerte für allzu abenteuerlich. Zu guter Letzt vereinbarten wir. wir würden ungehindert zurückkommen. und Sie brauchen sich wegen einer etwaigen Strafverfolgung keine Gedanken mehr zu machen. steigen Sie einfach in meinen Wagen. als daß ich sie hätte glauben können.

Mit entwaffnender Offenheit gaben sie sich als Vertreter der CIA zu erkennen. Unterdessen ergab sich ein mehr als überraschendes Angebot aus einer Richtung. als wir in der Küche nach einer Vase für die Blumen und nach einem Aschenbecher für mich suchten. mich vom Anzünden einer Zigarette abzuhalten. um nicht vom KGB oder von ostdeutschen Diensten abgehört zu werden. Hathaway erwies sich als fanatischer Nichtraucher. dabei wirkte er alles in allem eher wie ein Leibwächter – er war wortkarg und schien sich nicht sonderlich für das Gespräch zu interessieren. Er sprach formvollendet gutes Deutsch. Andrea fühlte sich an marines erinnert. Er sagte.Nachfolgern Großmann und Fischer Kontakt aufnehmen wollte. daß es bereits andere Anbieter gebe und daß die Uhr nicht stehenbleibe. untadelig gekleidet. um die festgefahrenen Gespräche mit Herrn Werthebach vom toten Punkt wegzubringen. die sie in Filmen gesehen hatte. Einen Blumenstrauß und eine Schachtel Pralinen für meine Frau in der Hand. baten sie höflich um Einlaß. auf die ich von allein nie und nimmer verfallen wäre. Ende Mai 1990 standen eines Tages zwei amerikanische Gentlemen am Gartentor meines Sommerhauses in Prenden. ob die CIA eine Antiraucherkampagne gestartet habe. des damaligen Direktors der CIA. stellte sich als Mr. reagierte er mit einem verhaltenen Lächeln. Der Ältere. vor. Hathaway und persönlicher Beauftragter William Websters. der nichts unversucht ließ. sie hätten jeglichen telefonischen Kontakt und somit jede Ankündigung ihres Kommens bewußt vermieden. Es gefiel mir. flüsterte mir meine Frau Andrea zu. er heiße Charles und sei Leiter der Berliner Dépendance der CIA. Auf meine scherzhafte Frage. Sein jüngerer Begleiter wirkte auf andere Weise steif. Man gab mir noch zu bedenken. »Ein typischer Bürokrat«. Meine Besucher erklärten. daß sie auf den Gedanken -13- .

daß mir nach der Wiedervereinigung die Verhaftung drohte. »Sie sind ein Mann von hoher Arbeitsmoral und Intelligenz«. Wenn Sie jedoch bereit wären. um mir Komplimente zu machen. von dem Drumherumreden befreit zu sein. froh. Unüberhörbar ließ er durchblicken.« Beide lachten. vier Jahre nach meinem Abschied aus dem Geheimdienst leitenden Vertretern der mächtigsten Geheimdienstbehörde der westlichen Welt in den eigenen vier Wänden gegenüberzusitze n! Was sie von mir wollten. Dann verlor ich die Geduld. Niemand würde davon erfahren.« Das war es. Sie wissen. »Gentlemen. signalisierte mein Gehirn. daß Sie überzeugter Kommunist sind. daß wir solche Dinge arrangieren können. Um eine Atmosphäre der Offenheit zu schaffen. Hathaway senkte die Stimme. »Wir wissen. uns zu beraten oder uns zu helfen. daß er eine Menge über mich wußte und im Gespräch nun überprüfte. mich im Wald aufzusuchen. Hathaway flocht in den umständlichen Smalltalk so manches Kompliment über meine ehrenhafte Haltung und mein Ansehen als anerkannter Chef eines erfolgreichen Dienstes ein und hielt auch mit seinem Mitgefühl angesichts der großen Wahrscheinlichkeit.verfallen waren. fuhr er in seinem fast akzentfreien Deutsch -14- . sicher sind Sie nicht nur gekommen. Der Emissär unseres Hauptgegners im kalten Krieg bot mir Zuflucht vor der Rache seines deutschen Nato-Verbündeten an. Was für ein seltsames Gefühl. Erst kommt das Zuckerbrot. dachte ich. nicht hinterm Berg. wo bleibt die Peitsche? Eine Tasse Kaffee nach der anderen wurde getrunken. »Kalifornien«. dann könnten Sie das mit mir unter vier Augen regeln. sprach er scheinbar freimütig über sich selbst und seine Laufbahn. war nicht schwer zu erraten. sagte er. und zum Mißfallen der Gäste steckte ich mir eine Zigarette nach der anderen an. fernab neugieriger Blicke. Vermutlich erwarten Sie sich etwas von mir.

Im Namen Websters sei er zu verbindlichen Zusagen befugt. ohne gleich einen unterschriebenen Vertrag in der Tasche zu haben. Diese Mischung aus Schmeichelei und Arroganz bewirkte eine von den Gesprächspartnern unerwartete Reaktion. eine Million Dollar für sein Wissen angeboten worden war. Das Unwirkliche der Situation mit all seiner peinlichen Nähe zum plattesten Spionageromanklischee wurde mir bewußt. Allerdings wußte ich. daß von mir keine Preisgabe der Namen irgendwelcher Agenten zu erwarten sei. sagte ich. »wie soll ich mir ein Leben in den USA vorstellen? Ich kenne das Land ja gar nicht. Ich weiß. »ist sehr schön. erklärte ich. scherzte ich.« Hathaway erwähnte ein Haus und finanzielle Unterstützung in jeder denkbaren Form.fort. Sie erwarten eine Menge von Ihrem Gegenüber. Offenbar glaubte er. sagte Hathaway: »Natürlich müßten Sie etwas für uns tun. sagte Hathaway. was Sie bezwecken. »in diesem Metier habe ich eine gewisse Erfahrung. »Meine Herren«.« »Sibirien ist auch nicht übel«. daß dem für die USA zuständigen Abteilungsleiter meines Dienstes. die man von mir erwartete. doch damit kann ich nicht dienen. Das ganze Jahr über herrliches Wetter. »Wissen Sie«. »Es würde sich für Sie aber lohnen«. Auf meine Frage nach der Gegenleistung. Oberst Jürgen Rogalla. was mir etwas Zeit zum Nachdenken verschaffte. Ich reagierte nicht. Man kann über vieles reden. meine nicht sehr freundlichen Gedanken loszuwerden. In solchen Fällen ist Geduld das beste.« Um das Gespräch keine sinnlose Richtung nehmen zu lassen. Natürlich hätte ich Hathaway auch eine deutlichere Abfuhr erteilen können. Höflich setzten wir unser Gespräch über den Kollaps des Kommunismus und das hohe Ansehen meines Dienstes fort. es mit einem grünen Jungen zu tun zu -15- . Wir lachten. erwiderte ich.« Das war noch die höflichste Form.

dann laden Sie mich doch in die USA ein. Den Weg in die USA wollte ich mir gern offenhalten. doch nicht um den Preis. »Vergessen Sie nicht. jetzt an Andrea gewandt.« »Hier steht es um Ihre Sicherheit aber gar nicht gut«. warf Hathaway ein. gewiß«. gibt es diese Bedingungen im Augenblick für Sie nur in Amerika. fuhr ich fort. wenn ich den ersten Schritt getan hätte«. Sie sind auf mich zugetreten.« »Es gibt für mich eine Grenze«. lenkte Hathaway ein. wo Sie Ihr Leben genießen können. »Gehen Sie nicht nach Moskau«. Bevor ich irgendeine Entscheidung treffe. es gibt auch noch Rußland«. nicht umgekehrt. Diese Freiheit aber als »Gast« der CIA erlangen? Natürlich würde man mir Daumenschrauben anlegen. sagte ich geduldig. Namen meiner Agenten sind tabu. »Das Leben ist dort sehr hart. doch wenigstens kennenlernen. wo Sie ungestört arbeiten und schreiben können. sagte Hathaway.haben.« Zweifellos war die Vorstellung. wo es um den Verrat an Menschen geht. obwohl ich innerlich kochte. mein Gesicht zu verlieren. Wenn ich mich nicht täusche.« »Gewiß. die mit mir gearbeitet haben. Denken Sie an Ihre Familie. Dort können wir unser Gespräch vertiefen. was mir drohte. meinen Ruhestand im sonnigen Kalifornien zu verbringen. wiederholte er stur. muß ich das Land. als hätte ich nicht selbst gewußt. So verhält es sich aber nicht. verlockender als der Gedanke an eine deutsche Gefängniszelle. Kommen Sie in ein Land. »Dann könnten Sie mich in der Tat fragen. -16- . »Sie müssen uns helfen«. in dem ich Ihrem Vorschlag nach meine Zelte aufschlagen soll. erwiderte ich. Wenn Sie das Gespräch mit mir fortsetzen wollen. um mit Ihnen zu sprechen. »Selbstverständlich bin ich nach Berlin gekommen. »So etwas könnten Sie verlangen. was ich einzubringen gedächte. »und zwar da.

daß so etwas im umgekehrten Fall für meinen Dienst kein Problem gewesen wäre. Wir haben zwischen dreißig und fünfunddreißig Mitarbeiter verloren.Also beharrte ich auf dem Vorschlag. Wir suchen einen Maulwurf in unserem Dienst. »wir sind hier. darunter etliche in den Apparaten selbst. daß man mich offiziell einlud und eine Rundreise organisierte. dem sowjetischen Nachrichtendienst. Das aber gefiel meinen Besuchern überhaupt nicht. Er schätzte meinen -17- . Um sicherzugehen. Von Quoten war die Rede. Gordjewskij und Popow an. ohne jemanden verraten zu müssen. Hathaway schüttelte den Kopf. daß ich in ihm einen hochrangigen Mann der amerikanischen Spionageabwehr vermutete. fand keinen Anklang. weil wir annehmen. so gut informiert. speziell der Äußeren Abwehr. daß Sie uns in einer bestimmten Sache helfen können. Hartnäckig wiederholte er. daß er und sein Dienst nicht etwa an meinem für die Bundesrepublik relevanten Wissen interessiert waren. sagte Hathaway leise und bedächtig. sondern vermute es nur. welche die Möglichkeiten der CIA beschränkten. ich könne zu einer Abmachung mit der CIA gelangen. auch anderswo.« Er war über die Strukturen des sowjetischen Apparats. fragte ich: »Welche Branche Ihres Dienstes Sie vertreten. Längst hatte ich begriffen. sondern an etwas. zu tun hatte. weiß ich nicht. einen Verlag oder eine Filmgesellschaft als Gastgeber für mich vorzuschieben – schließlich war ich als Autor kein Unbekannter -. Auch meine Idee. und von der erforderlichen Rücksichtnahme auf bundesdeutsche Empfindlichkeiten. Seit 1985 sind schlimme Dinge passiert. was mit meinen Beziehungen zum KGB. Eine ziemlich lange Pause trat ein. Er hat großen Schaden angerichtet. habe ich recht?« »Herr Wolf«. Sie wollen etwas ganz Bestimmtes von mir wissen. Vorsichtig sprach er bekannte sowjetische Verräter wie Penkowskij. Im stillen mußte ich denken. nicht nur in Bonn.

von einigen dieser Unternehmungen schien Hathaway zu wissen. Von mir hatten sie keinerlei Zusage erhalten. Sie gingen auf Warteposition in der Gewißheit. auch keinem noch so eng verbündeten anderen Dienst. am nächsten Tag noch einmal zu kommen. mit dem ich so manche gemeinsame Operation gegen die CIA geplant hatte. um den vom Generalbundesanwalt erwirkten -18- . bei mir am ehesten auf nähere Informationen über den vermuteten Maulwurf zu stoßen. daß die CIA sich ernste Sorgen machte. Andrea das Leben in den USA schmackhaft zu machen. den US-Diplomaten.russischen Kollegen. Nun trat auch »Charles« in Aktion. Derartige Informationen sind jedoch das bestgehütete Geheimnis eines jeden Dienstes. schlug Hathaway vor. Hathaways Hartnäckigkeit war der beste Beweis. »Charles« warf noch einen Haken aus. Es wiederholte sich fast genau dieselbe Prozedur. Seit Juli meldeten die Medien in freudiger Erwartung. den Leiter der Äußeren Abwehr. indem er »für den Notfall« eine gebührenfreie Nummer in Langley hinterließ. beide versuchten. Da man in der CIA-Zentrale in Langley wahrscheinlich jedes Indiz meiner Zusammenarbeit mit dem KGB akribisch registriert hatte. Oktober Beamte an meiner Wohnungstür klingeln würden. Und dem war auch so. Es muß ihn einiges an Überwindung gekostet haben. wiegte man sich dort wohl in der Hoffnung. daß es in einem bestimmten Bereich eine »gute Verbindung« gibt. Nachdem das Gespräch sich noch eine Weile ergebnislos im Kreis gedreht hatte. den die CIA mit Argwohn betrachtete. daß meine Lage sich nur verschlechtern konnte. mir diesen Einblick zu gewähren. General Kirejew. daß um Mitternacht zum 3. dann versuchte er das Gespräch auf Felix Bloch zu lenken. Das Äußerste wäre eine Andeutung. Niemals würde man die Identität einer Spitzenquelle preisgeben.

Obwohl Mr. Ein mir bekannter Reporter der Bildzeitung erschien zum Kaffee und machte mir mit entwaffnender Miene das Angebot. mit ihm und einem Fotografen nach West-Berlin zu fahren. sofern ich mich bereit erklären sollte. sollte Andrea von West-Berlin aus die Nummer 011-212-227-964 anrufen. Hathaway unter diskretem Hinweis auf meine »schwierige Situation« sein Angebot. sofern ich bereit sei. bei der »Charles« einen in fehlerhaftem Deutsch verfaßten Merkzettel mit Hinweisen zur Verbindung im »Notfall« überreichte. Abermals in meinem Sommerhaus wiederholte Mr. das Asyl in den USA stehe mir jedoch offen. um mich dort freiwillig zu stellen – exklusiv für sein Blatt natürlich. mich an der »Maulwurfsjagd« zu beteiligen. Hathaway hatte von mir kein Ja und kein Nein gehört. Doch das behielten wir für uns. nach Amerika zu starten. Mittlerweile war auch der Draht zur westdeutschen Seite über Herrn Diestel abgebrochen. neben einem guten Honorar die Kosten für den Unterhalt meiner Familie während der Dauer meiner Haft zu übernehmen. September nochmals eigens nach Berlin eingeflogen kam und eine kurze Besprechung in meiner Berliner Wohnung stattfand. Und dann meldeten die Herren aus Amerika noch einmal ihren Besuch an. Meine Ausschleusung wäre kein Problem. So dramatisch diese Vorschläge klangen. war nicht ohne einen gewissen Reiz. hatte das Ganze dennoch etwas Belustigendes: Die Vorstellung. Hathaway am 26. auf dem ich bei meiner Rückkehr aus Moskau 1945 nach dem Sieg über Hitler gelandet war. Wir hatten die Koffer zum Verlassen Berlins in andere Richtung bereits gepackt. Wir entschieden uns für einen anderen Weg. vom selben Flughafen Tempelhof. blieb auch dieses Gespräch ohne Ergebnis.Haftbefehl zu vollstrecken. -19- . Wollten wir in die USA. Nun wurde auch »Charles« etwas munterer. Eine offizielle Einladung komme nach wie vor nicht in Frage. sich als »Gertrude« melden und »Gustav« verlangen.

die um die großen Verluste seines Dienstes in der Sowjetunion wußten – Todesurteile und langjährige Haftstrafen – und die das Ausmaß begriffen. sondern der ehemalige Leiter der Spionageabwehr der CIA. bis in die Zeit der Präsidentschaft Boris Jelzins hinein. in dem der Unbekannte die US-Spionage ausblutete. Zettel des CIA-Mannes »Charles« Als Hathaway etwas über ein Jahr in dieser Stellung gewesen war. so daß das Spionagenetz der CIA in der Sowjetunion weitgehend zerstört werden konnte. dafür 2. hatten sich die Anzeichen für das Vorhandensein eines Verräters in hoher Position zu mehren begonnen. Mein Besucher. Hathaway gehörte zu den wenigen. Es war Aldrich Ames. was ihn wohl zum bestbezahlten Agenten der Welt machen dürfte. Gardner A. Ames gab der sowjetischen Gegenspionage tiefe Einblicke und verriet die Namen zahlreicher amerikanischer Agenten. Hathaway. welcher Maulwurf der CIA derartige Kopfschmerzen bereitet hatte. der vermutlich folgenschwerste Verräter in der Geschichte dieses Dienstes.7 Millionen Dollar erhalten zu haben.Erst später erfuhr ich. -20- . war nicht nur Sonderbeauftragter des Direktors William Webster. Er diente der Gegenseite neun Jahre lang. In seinem Prozeß wurde er beschuldigt.

an Willy Brandt und an Außenminister Genscher. Aber ich hatte kein Verlangen. darunter eine Frau für Abwehranalyse und einen Beamten. bestätigt. Wie konnte es der CIA passieren. Dazu habe ich selbst zuviel erlebt. Eine mögliche Erklärung ist sicher das nur zu verbreitete Wunschdenken. mit denen ich in nähere Beziehung kam. Hathaways Sachkenntnis stand außer Frage. den ehemaligen Gegner um Hilfe zu bitten. lag wohl daran. daß er zu wenig kreativ veranlagt war. Mein Eindruck. Hathaways Angebot zu nutzen und die erste Zeit nach der Wiedervereinigung in den USA zu überbrücken. konnte er nicht einfach einen Schlußstrich unter seinen Beruf ziehen und sich den Freuden des Ruhestands mit seiner Familie widmen: Er war gefangen von dem tödlichen Puzzle. was nicht sein darf«. der den Weg eines dreißig Jahre lang unentdeckten chinesischen Maulwurfs verfolgt hatte.und Abwehrmann mit Respekt. es mit einem Bürokraten zu tun zu haben. Es kann ihm nicht leichtgefallen sein. dessen war ich -21- . demzufolge »nicht sein kann. was in diesem Fall fatale Folgen hatte. Man könnte jetzt meinen. Obwohl er seiner Pensionierung entgegensah. Deutschland zu verlassen. ich sei ernsthaft an Verhandlungen mit der CIA interessiert gewesen. Dennoch spielte ich eine Zeitlang mit dem abenteuerlichen Gedanken.Mir gegenüber verhielt sich Hathaway als erfahrener Nachrichten. Daß ihm im Fall Ames der Erfolg versagt blieb. Dies schrieb ich noch im September an den Bundespräsidenten von Weizsäcker. Administrativ hätte auch ich wahrscheinlich nicht anders gehandelt. wurde mir später von einigen seiner Kollegen. dem er seine letzten Jahre im Dienst gewidmet ha tte – der Suche nach dem großen Verräter. Gefühle von Haß und Rache würden in Deutschland erst einmal die Oberhand gewinnen. so lange Zeit einen Doppelagenten unentdeckt in den eigenen Reihen wirken zu lassen? Mit einem Urteil bin ich vorsichtig. Seine eigene Diensteinheit – selbst innerhalb der CIA getarnt – verfügte über hervorragende Kräfte.

erlaubte die Sabbatruhe uns nur ein kurzes Telefonat. und meine jüdische Herkunft habe ich nie verleugnet.mir gewiß. ein wichtiger Mann in der orthodoxen Hierarchie Israels. Das ist möglicherweise etwas ungewöhnlich für den Chef eines Nachrichtendienstes im Warschauer Vertrag. In den 80er Jahren hatte sich die Politik der DDR-Führung gegenüber Israel und den jüdischen Gemeinden gelockert. Zu einem näheren Kontakt kam es erst spät. Nach der Logik des kalten Krieges hätte man mich vielleicht für einen Gegner des Staates Israel halten können. Die russische Option war kein wirklicher Ausweg. Bei den großen Protestdemonstrationen auf dem Alexanderplatz im November 1989 lernte ich Irene Runge kennen. Trotz aller Bindungen zur Befreiungsbewegung der Palästinenser habe ich das Schicksal der Juden und das des Staates Israel stets mit Interesse verfolgt. Doch dazu sollte es nicht kommen. aber ich habe jüdische Vorfahren. Rabbi Zwi Weinman aus Jerusalem. Ich vereinbarte mit Irene Runge ein Interview für die Jerusalem Post und einen Besuch im Kulturverein. Hochschullehrerin und Journalistin und Mitbegründerin des Jüdischen Kulturvereins. sondern im Gegenteil nur Wasser auf die Mühlen meiner Widersacher sein. doch das war ich nie. von der weder Amerikaner noch Russen. wolle mich kennenlernen. noch Deutsche etwas wußten. mich ohne Vorleistung in die USA aufzunehmen. Wenige Wochen später kam er abermals nach Berlin. Mein Vater Friedrich Wolf war Jude. -22- . wie hätte ich mich dann wohl entschieden? Vermutlich wäre ich gereist. ein Verschwinden nach Moskau würde meine Zukunftsaussichten in Deutschland nicht gerade verbessern. Wäre also die CIA auf meinen Vorschlag eingegangen. Da es bereits Freitag nachmittag war und der Rabbi am Sonntag abreisen mußte. Und sie kam aus Israel. Im Sommer 1990 rief Irene Runge mich an und sagte. Es gab noch eine weitere Option.

In Israel. er habe als Offizier in der Armee gedient. der meine Träume abrupt beendete. sei wegen eines in den USA erschienenen Buchs über den Mossad und seine Methoden der Teufel los.« Mir war sofort klar. doch darüber wollte ich mir erst nach dem Betreten des Gelobten Landes den Kopf zerbrechen. Kurze Zeit darauf erhielt ich eine Einladung der Jerusalemer Zeitung Jedioth Ahranoth. sehr wohl aber von meinem Interesse an Israel und einem eventuellen Besuch des Landes. Die dunklen Augen blickten warmherzig und aufmerksam. Doch im übrigen war der Rabbi. unkompliziert und kontaktfreudig. So war auch diese einladende Tür zugeschlagen. der schwarze Hut mit breiter Krempe und seine Kleidung wiesen ihn als orthodoxen Juden aus. Der Zeitpunkt ist leider denkbar ungünstig. »Sie sind im Augenblick einfach nicht willkommen. nach den rechtlichen Aspekten einer möglichen Verfolgung und nach der Perspektive vor allem meiner Familie. erfuhr ich. -23- . daß zwischen Jerusalem und Bonn oder Pullach die Drähte heißgelaufen waren und daß die sorgsam gepflegten Beziehungen nicht um meinetwillen gefährdet werden sollten. Der dortige Dienst hätte mich aller Wahrscheinlichkeit nach über meine Beziehungen zu den Palästinensern ausfragen wollen. Karlsruhe und Moskau bei der Nachricht meines Eintreffens in Israel aus. weshalb also dem geschenkten Gaul zu weit ins Maul schauen? Zwei Wochen vor der Wiedervereinigung erreichte mich ein Anruf Weinmans. Von meiner früheren Tätigkeit war nicht die Rede. Sein Bart.und diesmal besuchte er mich in meiner Wohnung. Seine Stimme klang deprimiert und enttäuscht. Ein Aufenthalt in Israel hätte mir eine ganz neue Ausweichmöglichkeit geboten. Ausführlich erkundigte er sich nach meiner Lage. Die jüdische Herkunft interessierte ihn. ein Mann von etwa Mitte Fünfzig. Weinman erzählte mir. das muß ich zu meinem größten Bedauern sagen. Wir telefonierten regelmäßig. ebenso sein Verhalten beim Essen und Trinken. und ich malte mir bereits die verblüfften Gesichter in Bonn.

solange es irgendeinen anderen Weg gab. und nach Moskau wollte ich nicht. mich hinter Gitter zu bringen. -24- . wie ich bei späteren Nachfragen feststellen konnte.Die Redakteurin der Zeitung. Auf ihrem Anrufbeantworter hinterließ ich die Nachricht. und die Zeit wurde immer knapper. die Amerikaner wollten mich zum Überläufer abstempeln. in Israel war ich unerwünscht. man möge Visa und Tickets für meine Frau und mich zu einem späteren Zeitpunkt in Wien hinterlegen – was nie geschah. Die deutschen Behörden rieben sich bereits die Hände in der Erwartung. war plötzlich nicht mehr zu erreichen. die sich so unermüdlich nach meinem Kommen erkundigt hatte. und welchen Preis würde es mich kosten? Keine der Optionen war verlockend. Wohin sollte ich fliehen. Inzwischen war meine Lage ausgesprochen ungemütlich.

daß er Rabbiner geworden wäre. Seine Eltern hätten gern gesehen. lernte er während seiner Tätigkeit als Stadtarzt in Remscheid kennen. Er erinnerte sich gut daran.1 Vom Neckar an die Moskwa Meine Eltern wurden beide nicht weit vom Rhein geboren die Mutter in Remscheid. die verriet. meine Mutter. das ist kein Heldenkaiser.« Else Wolf. indem sie einen Juden heiratete. doch er setzte seinen eigenen Willen durch und studierte in Heidelberg Medizin. Und als Wilhelm II. ist das Geburtsjahr meines Vaters Friedrich Wolf. Das Grauen des Ersten Weltkriegs erlebte mein Vater als Bataillonsarzt an verschiedenen Fronten. dann ist der -25- . utopisch getönte Weltanschauung. und trotz ihrer Sanftmut war meine Mutter eigensinnig genug. aber auch zum deutschnationalen Hurrapatriotismus der Jahrhundertwende entwickelte er in jenen Jahren eine pazifistische. Uns Kindern erklärte er später. seine Großmutter mit ihrem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit habe den Grundstein zu seiner politischen Entwicklung gelegt. den Fürsten zu Wied besuchte. wie mitreißend sie ihm von dem Urgroßvater aus Münster erzählt hatte. Im Widerspruch zum frommen Elternhaus. sagte die Großmutter kopfschüttelnd zu meinem damals fünfjährigen Vater: »Fritzsche. und das Todesjahr Wilhelms I. sondern auch mit den Gedanken Tolstois. dies und seine Enttäuschung über das Scheitern der Novemberrevolution von 1918 ließ ihn zum überzeugten Marxisten werden. ihre Verwandten vor den Kopf zu stoßen. daß er sich nicht nur mit Plato und Kant. der Vater in Neuwied. um das Heldendenkmal für seinen Großvater feierlich einzuweihen. der während der Revolution von 1848 die Sturmglocken geläutet haben soll. das ist der Kartätschenprinz. als der spätere Kaiser in die Menge schießen ließ. Nietzsches und Kropotkins beschäftigte. Wenn ich heute an meine Eltern zurückdenke.

Mein Vater war ein überzeugter Verfechter vegetarischer Ernährung und körperlicher Ertüchtigung. aber auch der Geduld und liebevollen Nachsicht meiner Mutter. -26- . an die Landschaft der Schwäbischen Alb und später an Stuttgart ist bunt und klar zugleich. denn diesem Onkel widmete mein Vater sein Buch Die Natur als Arzt und Helfer. in der Familie das»Öhmchen« genannt. er galt als Sonderling und genoß den Ruf eines Wunderdoktors. Daß trotz solcher Belastungen die Ehe meiner Eltern bis zum Tod des Vaters 1953 standhielt. wenn die bäuerlichen Patienten das Arzthonorar in Form von Eiern und Butter entrichteten statt in wertlosem Papiergeld.Vater als Vorbild durch sein Handeln und seine Bücher zwar immer gegenwärtig. Es war die Zeit der totalen Geldentwertung. Nicht weit von Hechingen lebte sein Onkel Dr. Landgerichtsrat im Ruhestand und mit allen Honoratioren Hechingens bis aufs Messer verfeindet. Unser bewegtes Schicksal sollte ihr mehr als ausreichend Gelegenheit bieten. doch scheint mir der stille Einfluß der Mutter auf uns Kinder fast größer gewesen zu sein als der seine. der galoppierenden Inflation. die sie am stärksten charakterisierte. Moritz Meyer. ist kein geringer Beweis der Liebe beider. Freikörperkultur selbstverständlich eingeschlossen. Als ältester Sohn kam ich 1923 in der württembergischen Kleinstadt Hechingen zur Welt. Er war Vegetarier und lebte eigenbrötlerisch mit seinen Ziegen im Wald. Vermutlich hat sein Vorbild meinen Vater veranlaßt. sich von der Schulmedizin abzuwenden und sich mit Naturheilkunde und Homöopathie zu beschäftigen. während ihre Toleranz durch die Liebschaften unseres Vaters immer wieder bis zum äußersten strapaziert wurde. Toleranz war neben Ausgeglichenheit und Gelassenheit vielleicht die Eigenschaft. ihre unerschütterliche Zivilcourage unter Beweis zu stellen. Die Erinnerung an meine frühe Kindheit. und meine Eltern mußten froh sein.

nach Stuttgart umzuziehen.Else und Friedrich Wolf nut Konrad (links) und Markus (rechts) 1926 Dieses Buch. in dem mein Vater seine Arztpraxis betrieb. in dem er das Abtreibungsverbot anprangerte. in eine richtige Großstadt. eine Gesundheitsfibel für die ganze Familie. verurteilt wurde. war von Anfang an ein großer Erfolg. Zu Anfang jedoch erlaubten uns die neuen Einnahmen. medizinischen und politischen Fragen zu halten. Erschöpfung war ein Wort. und ließ keine Gelegenheit ungenutzt. und sogar noch während des Dritten Reichs wurde es in Deutschland fleißig weiterverkauft – nur Tantiemen gab es keine mehr. Sogar mit dem Gefängnis machte er kurzfristig Bekanntschaft. die ihn in ganz Deutschland bekannt machten. -27- . das mein Vater nicht kannte: Neben seiner ärztlichen Tätigkeit verfaßte er Theaterstücke. als er für sein Stück Zyankali. wo wir ein modernes Haus bewohnten. Vorträge zu sozialen.

traten meine Eltern in die Kommunistische Partei ein. was unsere Eltern erzählten. und mein Bruder nahm sich vor. Nur in der Ernährung konnten wir die Begeisterung unserer Eltern gar nicht teilen: Neidisch sahen wir die Wurstbrote unserer Mitschüler. Damals erfuhr ich zum erstenmal. An die Machtergreifung der Nazis erinnere ich mich genau. kamen wir uns schon fast wie richtige politische Kämpfer und sehr erwachsen vor. genau wie später mein jüngerer Bruder Konrad. als sie von ihrer ersten Reise in die Sowjetunion zurückkamen. und so wurde ich junger Pionier.1926 in Stuttgart Als ich in die Schule kam. Wenn wir für streikende Metallarbeiter sammelten oder Flugblätter im Wahlkampf verteilten. Stolz trugen wir unsere roten Halstücher und lauschten gebannt dem. die uns wie ein zauberisches Märchenreich erschien. daß wir Juden waren und von den neuen Machthabern nicht nur aus politischen Gründen -28- . einen ganzen Ochsen aufzuessen. sobald er erst groß war.

ich käme auf den Heuberg. der Name meines Vaters kam auf die Liste »schädlichen und unerwünschten Schrifttums«. 1937 erschienen die Namen seiner Frau und seiner Söhne sogar neben dem seinen auf einer Fahndungsliste. Vor der deutschen Uraufführung in Zürich wurde das Stück bereits am jüdischen Theater in Warschau gespielt. wo Vater sich aufhielt. Verfolgt wie Schwerverbrecher jetzt konnten mein Bruder und ich uns -29- . und es dauerte nicht lange. und von dort ging es nach Frankreich. überall auf der Welt stand es auf dem Spielplan. das erste literarische Zeugnis der Judenverfolgung in Deutschland. Da wir als »unerwünschte Ausländer« keine Aufenthaltsgenehmigung erhalten konnten. Nach dem Reichstagsbrand mußte mein Vater im Februar 1933 ins Ausland fliehen. bis Kriminalbeamte in Begleitung uniformierter SA-Leute vor unserer Tür standen. Das machte den Namen Friedrich Wolf im Land der Nazis nicht beliebter. Mir drohte man. um Haussuchungen durchzuführen.verfolgt wurden. es war Passahzeit. Um diese Zeit. während mein Vater sein Drama Professor Mamlock schrieb. besuchten wir noch einmal das »Ohmchen« in seiner Einsiedelei. und in der Folgezeit wurde der ganzen Familie die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. falls ich nicht verriet. mußten wir uns verstecken. dort verlebten mein Bruder und ich einen herrlichen Sommer voller Knabenabenteuer. und die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: 1934 wurde unser Vermögen eingezogen. kurz bevor die Mutter mit uns Kindern dem Vater ins Ausland folgte. die uns das Gesicht verziehen ließen. aber für die karge Kost entschädigte der Großonkel mit seinen farbigen Erzählungen. Befreundete Kommunisten schmuggelten unsere Mutter und uns über die Schweizer Grenze. Der Heuberg war das erste Konzentrationslager in Württemberg. und deshalb konnte er uns nur trockene Matzen anbieten. Freunde brachten uns auf der kleinen Ile de Bréhat vor der bretonischen Küste unter.

mit der wir die Dächer erkundeten und die Gassen unsicher machten. Als die Mutter im April 1934 mit uns Kindern in Moskau eintraf. Wurst und Sauerkraut«. und schon bald fühlten wir uns nicht mehr als Fremde. gefunden und eingerichtet. daß sie uns johlend hinterherriefen: »Nemez. Eine Zweizimmerwohnung bedeutete für damalige Moskauer Verhältnisse beinahe unvorstellbaren Luxus. perez. Als ich 1993 meine Geburtsstadt besuchte. hätten wir möglicherweise das Schicksal unseres »Öhmchens« und anderer jüdischer Verwandter geteilt. kislaja kapusta!« – »Deutscher. das werden wir nie erfahren… Dieses Schicksal blieb uns erspart. der Mutter lange Hosen abzubetteln. erzählte mir ein Arzt. denn wir fanden in der Sowjetunion Asyl. was gewiß nicht als Kompliment gemeint war. und der rüde Umgangston der Kinder auf dem Hof machte uns anfangs zu schaffen. Es war nicht leicht. der sich mit der Erforschung der Lokalgeschichte beschäftigte. Pfeffer. Während des Krieges erfuhren wir von deutschen Kriegsgefangenen. es gelang uns. welches Ende Dr. kolbassa. sich an die fremden Sitten und Lebensbedingungen zu gewöhnen. -30- . Doch Kinder überwinden rasch anfängliche Barrieren. sondern auf Gedeih und Verderb der Hofbande zugehörig. Wie der Oheim von Riga nach Mauthausen gelangte. Moritz Meyer gefunden hatte: in das Konzentrationslager Mauthausen verschleppt und dort mit fast achtzig Jahren elend umgekommen. also mitten im Zentrum. hatte Vater mit Hilfe des Dramatikers Wsewolod Wischnewskij eine kleine Zweizimmerwohnung in einer Gasse nahe dem Arbat. daß alle Juden der Stadt im Haus eines begüterten Leidensgefährten zusammengetrieben und von dort in das Rigaer Ghetto transportiert worden waren. Schon unser Erscheinen in kurzen Hosen bewirkte. die die Verfolgung nicht überlebten.wahrhaftig erwachsen fühlen! Wären wir damals nicht rechtzeitig geflohen.

und zu Lothar Wloch. der als Opfer der stalinistischen Säuberungen ermordet wurde. dem Sohn des deutschen Kommunisten Wilhelm Wloch. wir nahmen unmerklich Eigenschaften russischer Menschen an und wurden zu richtigen »Kindern des Arbat«. die in unserem Leben eine unauslöschliche Rolle spielen sollte. Eine Freundschaft aus dieser Zeit. Rückständigkeit und Finsternis hinter sich zu lassen und mit einem Schritt in ein neues Zeitalter einzutreten. was sollten wir dann erst von einer echten Metropole halten? Gleichzeitig war Moskau noch immer ein »großes Dorf« mit einer bäuerlich geprägten Bevölkerung. Zur gleichen Zeit fanden die Schauprozesse statt. Pferdefuhrwerke verschwanden von einem Tag auf den anderen. Die historische »Steinstadt« mit dem Kreml als Mittelpunkt wuchs in vielgeschossigen Neubauten nach außen.Die neue Umgebung bot Staunenswertes in Hülle und Fülle. Im Kaleidoskop der Erinnerung vermengen sich Licht und Schatten. und die Metro wurde prunkvoll ausgebaut. und beides gab es am Arbat und in seiner Umgebung. beide nicht weit vom Arbat gelegen. Wir besuchten die deutschsprachige Karl-Liebknecht-Schule. Wir waren nicht nur auf dem Papier russische Staatsbürger geworden. wo man die Schalen seiner Sonnenblumenkerne auf den Boden spuckte und Pferdekarren durch die Straßen ratterten. und jeder war davon überzeugt. später die russische Fridtjof-Nansen-Schule. den Söhnen des amerikanischen Journalisten Louis Fischer. war die zu George und Victor Fischer. Aus dieser Zeit stammen unsere Spitzname n Kolja und Mischa. doch die Ernährungslage der Bevölkerung verbesserte sich zusehends. daß das riesige Land im Begriff stand. Autos vermehrten sich sprunghaft auf den Straßen. Das änderte nichts an der katastrophalen Wohnungsnot und den vorsintflutlichen hygienischen Verhältnissen. in denen Männer. die bis -31- . und freundeten uns an den Schulen mit anderen Emigrantenkindern an. war Stuttgart uns nach Hechingen als brausende Großstadt erschienen.

Immer häufiger schloß sich das Netz des NKWD. erst viel später wagten wir es. Tambourchor der Karl-Liebknecht-Schule in Moskau 1935 (Autor: 2. Trotz allem machten wir uns keine Gedanken über das Warum des Terrors. daß diese Geschehnisse unsere Eltern mit Sorge erfüllten. die bange Frage. Reihe) Heute weiß ich. der Geheimpolizei. daß Stalin selbst die Verantwortung für diese Morde trug. das Undenkbare zu denken und uns einzugestehen. von links. 2. und viele unserer Lehrer verschwanden während der »Säuberungen «. sondern nur einen deutschen Paß. Im Unterschied zu uns und unserer Mutter war er nicht eingebürgert worden und besaß keine sowjetischen Papiere. wer das nächste Opfer sein würde. um Emigrantenfreunde und bekannte. erfundener Verbrechen beschuldigt und zum Tode verurteilt wurden. daß unser Vater damals um sein eigenes Leben fürchten mußte. wurde nicht laut gestellt. Und im -32- .vor kurzem noch als Helden der Revolution gefeiert worden waren. Wir Heranwachsende spürten.

Wir bangten um sein Leben. bis man mich verhaftet. um als Arzt in den Internationalen Brigaden zu dienen. wurden von uns als Helden bewundert. aber nicht sonderlich erwünscht. beantragte er sofort die Ausreisegenehmigung. Mit Geschick und Zähigkeit erlangte unsere Mutter im August 1940 schließlich das begehrte Dokument. Als deutsche Emigranten in der Sowjetunion waren wir nach dem Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin in einer wenig beneidenswerten Lage: geduldet. die wir begeistert nachplapperten. die Ausreise genehmigt zu bekommen. der den Kampf gegen Hitlers Verbündete in Spanien aufnehmen wollte. die aus allen Ländern der Welt den spanischen Republikanern zu Hilfe eilten. Wir Kinder waren stolz auf unseren Vater. zusammen mit anderen Internationalisten wurde er im September 1939 bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Lager Le Vernet in Südfrankreich interniert. mit den bitteren Worten erklärt hatte: »Ich warte nicht.« Nach mehr als einem Jahr zermürbenden Wartens erhielt er die Genehmigung zur Ausreise. jedes Lebenszeichen. was wir bei den jungen Pionieren lernten. Doch nach Spanien gelangte er nicht. weil inzwischen die französische Grenze geschlossen war.Unterschied zu uns Kindern. Nun drohte ihm mit seinem deutschen Paß die Auslieferung an die Nazis. die Freiwilligen der Internationalen Brigaden. um einen sowjetischen Paß für ihren Mann zu erkämpfen. daß unser Vater einer engen Freundin der Familie seine hartnäckigen Versuche. Als 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausbrach. das uns erreichte. konnten wir den Vater auf dem Kiewer Bahnhof zum erstenmal seit drei Jahren wieder in die -33- . drei Monate bevor Hitler die Sowjetunion überfiel. während unsere Mutter die sowjetischen Behörden belagerte. machte er sich ernste Gedanken über das Janusgesicht der Sowjetführung gegenüber jenen. und im März 1941. die aus Überzeugung oder als Verfolgte in die UdSSR gekommen waren. ließ uns neue Hoffnung schöpfen. Sehr viel später erst erfuhren wir.

Juni 1941 Hitlers Truppen in die Sowjetunion einmarschierten. -34- . Im Herbst standen sie vor Moskau. Ich träumte von einer Zukunft als Flugzeugkonstrukteur in der Sowjetunion. als am 22. Aber unser aller Leben änderte sich dramatisch. Friedrich Wolf mit Konrad (links). verlegt. meine Hochschule wurde in das sechstausend Kilometer entfernte Alma Ata. die sich entkräftet und krank im Zug befand.Arme schließen. Wie mein Bruder Koni sprach ich den ganzen Tag Russisch und nur abends zu Hause Deutsch. um die Züge durchzulassen. die Hauptstadt Kasachstans. Mein Vater kümmerte sich um die Dichterin Anna Achmatowa. die an die Front im Westen fuhren. Lena und Markus 1937 Bei der Rückkehr meines Vaters studierte ich bereits im zweiten Semester an der Moskauer Hochschule für Flugzeugbau. und wie viele Mitglieder des Schriftstellerverbandes wurde mein Vater mit seiner ganzen Familie evakuiert. Die dreiwöchige Bahnfahrt war ein Alptraum: Beinahe stündlich wurde unser Zug auf Nebengleisen abgestellt.

die auf einem improvisierten Weg über das Eis des Ladoga-Sees aus ihrer eingekesselten Stadt geflohen waren. der in einem unvorstellbar intensiven Blau strahlte. Alma Ata zeigte sich uns vor der Kulisse des an die Alpen erinnernden Ala-Tau-Gebirges in seiner ganzen Pracht.Ich durfte ihr die Essensration von 400 g Schwarzbrot und etwas lauwarmes Wasser bringen. in denen wir uns als Statisten ein Zubrot zu den kargen Lebensmittelrationen verdienten. Die Rekordzahl von jährlichen Sonnentagen machte Alma Ata außerdem zum geradezu idealen Evakuierungsort für die aus Moskau und Leningrad ausgelagerten Filmstudios. Abends las uns Sergej Eisenstein. Im Frühjahr blühten unter dem Himmel. obwohl nur wenige Deutsche zum Militärdienst herangezogen wurden. An manchen Tagen versank alles wieder unter einer glitzernden Schneedecke. soweit der Blick reichte. und neben halbverhungerten Leningradern. unzählige waren schon unterwegs gestorben. auch meinem Bruder war es gelungen. Meine Fallschirmspringererfahrung verhalf mir zu kleinen Auftritten als Stuntman mit besonders hohem Salär. Zu den wenigen übriggebliebenen jungen Männern unter lauter Studentinnen zu zählen. Mandel. kam mir immer mehr wie das reine Spießrutenlaufen vor. Die Stadt barst vor Mensche n: Flüchtlinge aus dem Westen des Landes drängten sich neben polnischen Offizieren. in die Rote Armee einzutreten. obwohl ich weiterhin -35- . Viele meiner Kommilitonen waren inzwischen an der Front. der berühmte Regisseur. die aus sibirischen Gefangenenlagern kamen und von der polnischen Exilregierung in London angeheuert wurden. Soldaten und Verwundeten der Roten Armee. im privaten Kreis aus seinem Drehbuch zu Iwan der Schreckliche vor.und Apfelbäume. Viele von ihnen starben kurz nach ihrer Ankunft an den Folgen der Entbehrungen.

an einer militärischen Ausbildung teilnahm. mit Sprengstoff und Handgranaten bei und schulte uns in »konspirativer Technik«. damit wir möglichst lange unentdeckt hinter den feindlichen Linien unserer subversiven Tätigkeit -36- . Ich begriff. Um uns auf unsere künftigen illegalen Einsätze vorzubereiten. anders ausgedrückt: Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale. zum stromabwärts gelegenen Dorf Kuschnarenkowo. wo sich die Schule der Komintern befand. Nach Ufa waren zu Beginn der Belagerung Moskaus sowohl die Komintern als auch die Exilführung der Kommunistischen Partei Deutschlands evakuiert worden. als Größter der Gruppe das schwere Dreibeinstativ unseres Maxim. An der Schule ging es noch konspirativer zu als in Ufa: Jeder von uns bekam einen Decknamen zugeteilt. unterzeichnet vom Leiter der Abteilung Personal und Kader. Noch am Tag meiner Ankunft wurde ich weitergeschickt. uns nur mit Decknamen anzusprechen. In Ufa spielte sich alles sehr konspirativ ab. obwohl viele von uns sich aus Moskau kannten. anders gesagt: ein Telegramm von der Komintern. Wilkow. brachte man uns den Umgang mit Handfeuerwaffen. dort ausgebildet zu werden. Ich hieß »Kurt Förster« und fand das Ganze sehr aufregend.Maschinengewehrs auf dem Buckel mitzuschleppen. die Hauptstadt Baschkiriens. daß ich von der Partei dazu ausersehen war. um später nach Deutschland eingeschleust zu werden und dort im Untergrund die NSDiktatur zu bekämpfen. diesmal per Schiff. mich vom Studium befreien zu lassen notfalls mit Hilfe des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kasachstans – und Ufa aufzusuchen. die ich besuchen sollte. bei der mir die zweifelhafte Ehre zufiel. wir wurden streng ermahnt. Darin forderte man mich auf. unterzeichnet mit dem Kürzel EKKI Wilkow. Im Sommer 1942 erhielt ich ein rätselhaftes Telegramm.

sondern wißbegierige und offene junge Leute. die an der Front dienten. was an der Komintern-Schule von der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus gelehrt worden war. und die Söhne Titos und Togliattis kennen. nicht aus Opportunismus oder gar unter Zwang. Der an dieser Schule von uns gelebte Internationalismus hat mein Denken auf vielfache Weise geprägt. daß Stalin sich dem Druck seiner -37- . Deshalb konnte ich in späteren Jahren nationalistische Ausprägungen in sozialistischen Ländern nie begreifen – standen sie doch in krassem Widerspruch zu allem. aber dennoch waren wir keine eifernden Dogmatiker. Am 16. die als trotzkistisch oder antisowjetisch verketzert wurden. in der jedermann aus eigener Überzeugung Sozialist war. so lernte ich nicht nur Amaya. der 1933 in Dachau ermordet worden war.nachgehen konnten. Alle fieberten wir der Chance entgegen. Oftmals saßen wir Schüler noch spät am Abend todmüde über unseren Büchern. Gewiß waren bei uns Schriften tabu. Wir träumten von einer künftigen gerechten Gesellschaft. daß die Komintern und ihre Schule aufgelöst würden. die hübsche Tochter der legendären Dolores Ibârruri. Aus unseren Zukunftsträumen wurden wir abrupt geweckt. es endlich den Altersgenossen gleichzutun. Trotz der strengen Disziplin freundeten wir Schüler uns in den kärglich bemessenen freien Stunden miteinander an. Mai 1943 teilte man uns mit. die über Gott und die Welt diskutierten. die Tochter des Reichstagsabgeordneten Franz Stenzer. und unter Einsatz unseres Lebens den Faschismus zu bekämpfen und niederzuringen. voller Enthusiasmus und Idealismus. Viele meiner Mitschüler waren wie ich durch Elternhaus und Schule zu überzeugten Kommunisten geworden. sondern verliebte mich auch in Emmi Stenzer. Der wahre Grund sah so aus. weil die Unterschiede »zwischen den Ländern im Joch der Nazityrannei und den freiheitsliebenden Völkern« unüberbrückbar geworden seien.

die im berühmten Emigrantenhotel Lux stattfanden. jetzt hieß es erst einmal lernen. und das hat den meisten von uns zweifellos das Leben gerettet. machte man mich zum Sprecher und Kommentator beim Deutschen Volkssender. denen die Komintern ein Dorn im Auge war. die nach dem Krieg in Deutschland eingesetzt werden sollten. dem Sender der KPD. daß wir nicht mehr mit dem Fallschirm in Deutschland abgesetzt. meine Kommentare in deutscher Sprache abzufassen. Am 9. Bei diesen Treffen lernte ich auch Walter Ulbricht. Da mein Vater ein bekannter Schriftsteller war. Man erklärte uns. keine weiteren jungen Leute auf diese Weise dem sicheren Tod auszuliefern. im Zimmer Wilhelm Piecks. hatte beugen müssen. Anton Ackermann und andere kennen. die in wenigen Jahren das politische Gesicht dieses Staates prägen sollten. Inzwischen war ich KPD-Mitglied und nahm an den Sitzungen teil. der später der erste Staatspräsident der DDR wurde. sondern wurde zur Lautsprecherpropaganda an die Front beordert. sondern nur in Reichweite der Sowjetarmee und der Partisanen operieren würden. Unter deutschem Beschuß wurde sie verwundet und kam nach einem Lazarettaufenthalt schließlich nach Moskau zurück. daß Absolventen früherer Lehrgänge unserer Schule bei ihrer Ankunft in Deutschland von der Gestapo abgefangen und hingerichtet worden waren. Mai 1945 war es dann soweit: Mit meinen Eltern -38- . Bisher hatte ich meine Aufsätze immer auf russisch geschrieben. Zusammen mit einigen meiner Mitschüler wurde ich von der Parteiführung nach Moskau beordert. wir waren der kleine Kreis derer. weil die Abwehr ihre Funkcodes geknackt hatte. Im Herbst 1944.westlichen Alliierten. Jahre später erfuhr ich. wenige Monate vor Kriegsende. doch sie konnte nicht in Moskau bleiben. heirateten Emmi Stenzer und ich. ihr Schicksal bewog die Exilführung der KPD. Meine Schulfreunde Josef Gierner und Rudolf Gyptner jedoch waren bei einem Einsatz in Polen umgekommen.

um mich daran zu gewöhnen. Nicht ohne Wehmut ordnete ich meine Siebensachen und begann. standen mir seelisch näher als diese Deutschen. Schuld oder Mitverantwortung auf sich zu nehmen. Abschied auch von Kindheit und Jugend. Gelegentlich hat man im Scherz. es fiel mir schwer. Beim Betreten deutschen Bodens nach so langer Zeit kam ich mir wie ein Fremder vor. Fast jede Familie hatte einen oder mehr Tote zu beklagen.stand ich inmitten jubelnder Moskauer auf der Steinbrücke nahe dem Kreml. Wildfremde Menschen umarmten und küßten sich gerührt. was die Nazis angerichtet hatten. zu mir gesagt. Als Elfjähriger war ich in Moskau angekommen. ausgenommen die Buchweizengrütze. denen ich in Deutschland begegnete. Ein neuer Lebensabschnitt erwartete mich. Meine Freunde in Moskau und die Rotarmisten. waren die wenigsten bereit. daß ich einer der besten Pelmeni-39- . die ich als Jugendlicher zu oft essen mußte. manchmal auch mit abfälligem Unterton. daß die Menschen auf der Straße Deutsch sprachen. Mit zweiundzwanzig Jahren kehrte ich nach Deutschland zurück. daß ich mit Menschen leben würde. das konnte ich nie als kränkend empfinden. und ich darf in aller Bescheidenheit gestehen. mir vorzustellen. Ich brauchte einige Tage. Mein Bruder Koni stand als neunzehnjähriger Leutnant mit der Sowjetarmee vor Berlin. Viele schienen noch immer nicht begriffen zu haben oder nicht begreifen zu wollen. von denen so mancher Hitler und Goebbels zugejubelt und unermeßliches Leid und Elend mitverschuldet oder geduldet hatte. Abschied von der Sowjetunion zu nehmen. die russische Küche ist mir die liebste. In meine Erinnerung unauslöschlich eingebrannt sind sowohl die Lichter der bunten Raketen als auch die Tränen in den Augen der Männer und Frauen. ich sei ein »halber Russe« geworden. Tränen der Freude und Tränen der Trauer. Sowjetischer Alltag und russische Mentalität haben nun einmal meine Kindheit und Jugend geprägt.

das Land. In Moskau fühlte ich mich noch auf Jahre zu Hause. wo ich Freunde besuchte. abgelegene Bucht der Moskwa und rezitierten Gedichte von Alexander Blok und Sergej Jessenin. der im Krieg ein Bein verloren hatte und später Germanistikprofessor wurde. dessen Bewohner sich als Opfer bemitleideten. um Karten für Anna Karenina mit der berühmten Tarassowa in der Hauptrolle zu ergattern. für immer nach Moskau zurückzukehren. Mein erster Weg führte mich stets zu unserem einstigen Wohnhaus in der Nishni-Kislowski-Gasse. anders als einige meiner Freunde.Köche diesseits des Ural bin. zog ich dann durch unser ehemaliges »Revier« bis zur Gorki-Straße. an dem sich seit 1988 eine Gedenktafel für meinen Vater und meinen Bruder befindet. in dem meine künftigen Aufgaben lagen. Mit Alik. die ihre ganze Energie aufs Hamstern verwendeten und für die Überlebenden der Konzentrationslager weder Interesse noch Mitgefühl erübrigen konnten. Balzac. nie den Wunsch. das sich nur wenige Minuten von unserer Schule entfernt befand. Hemingways knappe. Galsworthy und Roger Martin du Gard. und dennoch hatte ich. Hier hatten wir als Schüler stundenlang geduldig vor dem Künstlertheater. Deutschland war trotz allem meine wahre Heimat geblieben. Ich war naiv genug gewesen -40- . Bei einem le tzten Treffen im Sommer 1941 ruderten wir in eine kleine. kräftige Erzählweise zog uns besonders an. Lange Jahre hindurch war jeder Abschied von Moskau für mich nur ein Abschied auf Zeit. Auch Michoels und Suskin vom jüdischen Theater. dem MCHAT. die heute wieder Twerskaja heißt. weil sie den Krieg verloren hatten und in zerbombten Städten hausten. Heine. und an den Arbat. Was waren das für Schauspieler! Wir liebten die russischen Klassiker. Schlange gestanden. bewunderten wir. seine Menschen waren mir vertrauter als die Berlins. Nicht vorbereitet war ich auf die Realität und das Alltagsleben in einem Land. für die ich mich an der Komintern-Schule und am Volkssender in Moskau vorbereitet hatte.

Besonders erschütternd war der Anblick der Steinwüste mitten im zerbombten Warschau. Ich versuchte mich zu wehren. Als wir zur Landung auf dem Flughafen Tempelhof ansetzten. und die Sowjetarmee als Befreier begrüßen würde. Ulbricht war schon im April mit einem Vorkommando aufgebrochen. waren ganze sieben Mann. jeder habe sich dorthin zu verfügen. Mich beorderte er zum Berliner Rundfunk – vermutlich wegen meiner Tätigkeit beim Deutschen Volkssender in Moskau. Im britischen Sektor gelegen. die vom Reichsrundfunk des Dr. machte Berlin aus der Vogelperspektive einen so trostlosen Eindruck. wir.zu hoffen. Am 27. Statt dessen mußte ich immer wieder erleben. bis Ulbricht mir mit der Bemerkung das Wort abschnitt. Goebbels übriggeblieben waren. in einer kleinen Militärmaschine von Moskau nach Berlin. daß Ressentiment und Duckmäusertum den Umgang der Leute miteinander bestimmten. zu der auch meine Frau gehörte. daß ein Wiederaufbau uns völlig unmöglich erschien. die wir einen antifaschistischen Sender einrichten wollten. -41- . von der NS-Herrschaft befreit zu sein. Aus der Luft ließ sich das ganze Ausmaß der Kriegszerstörungen ermessen – die verwüstete Landschaft. Wenige Tage nach unserer Ankunft wurden wir einer nach dem anderen zu Ulbricht bestellt. denn ich hatte nicht die geringste Neigung zu dieser Art von Schreibtischarbeit. daß die Mehrheit der Deutschen froh wäre. Da es für unsere Parteizentrale in Ost-Berlin schwer zu erreichen war. Kurz und bündig sagte er jedem. die das jüdische Ghetto gewesen war. Dieses Funkhaus war eine Welt für sich. wo er am dringendsten gebraucht werde. stellte es gewissermaßen einen Vorposten im beginnenden kalten Krieg dar. die Ruinenfelder der Städte und Dörfer. Mai 1945 flog meine Gruppe. das die Nazis nach dem Aufstand dem Erdboden gleichgemacht hatten. In dem riesigen Gebäudekomplex des Charlottenburger Funkhauses erwarteten uns an die siebenhundert Mitarbeiter. was er zu tun habe.

worauf er völlig entgeistert erwiderte: »Mach mal deine -42- . Ein andermal fragte ich ihn.hatten wir eine Handlungsfreiheit. Autor (2. von der spätere DDRRundfunkleute nur träumen konnten. und ich leitete verschiedene politische Redaktionen. In meiner Sendereihe »Tribüne der Demokratie«. von rechts) als Gastgeber der Sendereihe Treffpunkt Berlin 1947 Hin und wieder begegnete ich Ulbricht. daß ich mir diesen Vorschlag besser verkniffen hätte. die 1946 aus der Vereinigung der kommunistischen und der sozialdemokratischen Parteien in der von den Sowjets verwalteten Zone hervorgegangen war. die Arbeit war interessant. Seine Reaktion ließ keinen Zweifel zu. wann ich mein Studium in Moskau beenden könne. Sprechunterricht zu nehmen und seine Texte einstweilen von einem geübten Sprecher vorlesen zu lassen. der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. in der alle Parteien zu Wort kamen. Meine ursprünglichen Befürchtungen verflogen bald. gelegentlich war ich als Reporter tätig. ihm in bester Absicht vorzuschlagen. Außenpolitische Kommentare verfaßte ich unter dem Pseudonym Michael Storm. vertrat er den Standpunkt der SED. Ich war so taktlos. Ulbrichts Fistelstimme und sächsische Aussprache wirkten auf die Zuhörer alles andere als angenehm.

daß diese K 5 nicht erfunden war. Nur gegen die stundenlangen Pflichtübertragungen der Reden des sowjetischen Außenministers Wyschinskij vor der Uno wehrten wir uns vergeblich.Arbeit. über Plünderungen und Vergewaltigungen während des Einmarschs der Roten Armee und über Vergeltungsakte an deutschen Zivilisten konnten wir nicht wirklich offen reden. Oft genug konnte ich das Vorgehen der Besatzer oder unserer Partei gegen vermeintliche Abweichler keineswegs gutheißen. das Schicksal deutscher Kriegsgefangener im Osten oder der Umgang mit den »kleinen Nazis«. aber diese Übergriffe verblaßten schnell zur Bedeutungslosigkeit. wie ich es in seinen scheußlichsten Facetten bei den Nürnberger Prozessen kennengelernt hatte. den Funktionären und Mitläufern. -43- . zum anderen war die SED in diesem Punkt überaus empfindlich. Wir haben andere Sorgen. Zum einen hatten unsere Kontrolloffiziere ihre entspreche nden Weisungen.« Wir bemühten uns. lebendige und hörernahe Sendungen zu machen. daß ich Berichte der West-Berliner Zeitung Telegraf über Verhöre und Folterungen in Ost-Berlin durch eine Geheimpolizeiabteilung namens K 5 damals empört als Lügenpropaganda anprangerte und viele Jahre später zu meiner nicht geringen Bestürzung erfuhr. wir mußten sie senden. Über das Verhältnis der Bevölkerung zur sowjetischen Besatzungsmacht. wenn ich an das verbrecherische NS-Regime zurückdachte. daß vieles beschönigt wurde – keineswegs immer wider besseres Wissen. und scheuten auch vor brenzligen Themen nicht zurück: sei es die umstrittene Oder-Neiße-Grenze. als Flugzeuge zu bauen. und die Hörer schalteten prompt in Scharen zum neugegründeten Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS) um. Ich erinnere mich. und obendrein wollten wir keine Ressentiments der Deutschen gegen die Russen schüren. Trotz aller Wachsamkeit der sowjetischen Kontrolloffiziere war unser Handlungsspielraum erstaunlich groß. Die Folge war.

daß die Männer. Bis dahin hatte ich mir den ganzen Umfang der Monstrosität der Naziherrschaft nur schwer vorstellen können. daß sie hier die Nürnberger Rassengesetze beschlossen hatten. die mit der gleichen Kaltblütigkeit und Teilnahmslosigkeit aufgenommen worden waren. Wie auf dem Seziertisch wurde in diesem Gerichtssaal die Anatomie des Nationalsozialismus enthüllt. die jetzt auf der Anklagebank saßen. mit der vor der Kamera gefoltert und gemordet wurde. durch das völlig zerstörte Nürnberg – einst Deutschlands Schatzkästlein genannt – zu gehen und daran zu denken. Es war gespenstisch. die NSWochenschauen mit ihrem hysterischen Jubel und die Dokumente über die Massenexekutionen. diese Lehre könne nie vergessen werden. Am schlimmsten waren die Amateurstreifen. hier auf dem Höhepunkt ihrer Macht gefeiert worden waren.Presseausweis beim Nürnberger Prozeß 1945 Im September 1945 war ich als Berichterstatter unseres Senders nach Nürnberg geschickt worden. Damals glaubte ich wie viele andere. -44- . Nicht weniger gespenstisch waren die Filmvorführungen im Gericht.

weder Rangabzeichen noch Orden. Daß meine diplomatische Karriere nur eineinhalb Jahre währen sollte. Ich drehte mich um und sah Stalin wenige Meter entfernt stehen. dem Jahrestag der Oktoberrevolution. und im Oktober des gleichen Jahres erklärte die vierte Zone sich zur Deutschen Demokratischen Republik. Als Reaktion auf die Anerkennung unseres neuen Staates durch die UdSSR wollte man sofort eine Diplomatische Mission in Moskau einrichten. wie klein er war. und auch auf seine Glatze. meinen roten Diplomatenpaß und meinen Antrag auf Entlassung aus der sowjetischen Staatsbürgerschaft in der Tasche. wie Filme -45- . Am 3. Das eindrucksvollste Erlebnis in meiner kurzen diplomatischen Laufbahn war ein Empfang im Februar 1950 für Mao Zedong im Festsaal des Hotels Metropol. Was für ein Unterschied zur tristen Trümmerlandschaft Berlins! Am 7. November traf ich mit Botschafter Rudolf Appelt und Josef Schütz. dem Botschafter als Erster Rat zur Seite zu stehen.2 Der Einstieg Nach der Währungsreform von 1948 in den drei westlich besetzten Zonen schlössen diese sich im Frühjahr 1949 zur Bundesrepublik zusammen. Beides stand in eklatantem Widerspruch zum Bild des »Woschd«. des Führers. ahnte ich nicht. Mir hatte man die Rolle zugedacht. stand ich auf der Tribüne neben dem Lenin-Mausoleum. Ich war überrascht. die einer Tonsur ähnelte. dem Ersten Sekretär der Mission in Moskau ein. Ich stand mit dem Rücken zur Tür. Wenig später wurde ich in das Zentralkomitee der SED bestellt. als das Stimmengewirr im Saal auf einen Schlag erstarb. Meine sowjetische Staatsbürgerschaft mußte ich aufgeben. wollte ich in den diplomatischen Dienst eintreten. Oktober. Er trug seine bekannte Litewka. Man konnte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. war ich nicht gefaßt gewesen.

Er pries die Bescheidenheit und Volksverbundenheit der chinesischen Führer. von rechts) Da unser Botschafter abwesend war. dann hob er sein Glas auf die Völker Jugoslawiens und zeigte sich zuversichtlich. daß sie ihren Platz in der sozialistischen Völkerfamilie wieder finden würden. Auf Jugoslawien lastete der Bannfluch des Komintern-Beschlusses von 1948. mit dem Tito abgestraft worden war. zündete Stalin sich eine Zigarette seiner Lieblingspapyrossi der Marke Herzegowina Flor nach der anderen an. Vielleicht ist es heute schwer zu verstehen. daß er sich beim Empfang im Kreml nicht hatte blicken lassen. daß wir damals -46- . statt sklavisch zu gehorchen. daß er damit vor dem Gast die Unhöflichkeit ausbügeln wollte.und Gemälde es verbreiteten. an der die Spitzen beider Delegationen ihre Trinksprüche wechselten. Später brachte er selbst mehrere Trinksprüche aus. Diplomatische Mission der DDR 1949 in Moskau (Autor: 3. Der Grund seines unerwarteten Kommens war wohl. vertrat ich ihn und saß in unmittelbarer Nähe der Tafel. Während Tschu Enlai und Wyschinskij sprachen. weil er sich Moskau widersetzt hatte.

in Paris und in Madrid und zuletzt wieder in Moskau. Solche Inszenierungen liebte er.jedes Wort andächtig aufnahmen. als in besagtem Raum niemand anders auf mich wartete als – Anton Ackermann! Diesmal in seiner Eigenschaft als Mitglied des Politbüros. Nun eröffnete Ackermann mir in seinem unnachahmlich geheimnisvollfeierlichen Ton. Niemand von uns ahnte den bevorstehenden Bruch zwischen China und der Sowjetunion voraus. daß Mao den ganzen Abend kein einziges Wort sprach. mit richtigem Namen Eugen Hanisch. an dem auch mein Komintern-Mitschüler Wolfgang Leonhard tätig war. nicht wie lebende Zeitgenossen. daß die Parteiführung ihn mit dem Aufbau eines politischen Aufklärungsdienstes beauftragt habe und daß ich für eine Funktion in diesem Apparat -47- . später in Moskau. ich solle mich nachmittags im Zimmer Nummer soundsoviel im Sitz des Zentralkomitees einfinden. Im August 1951 rief mich Staatssekretär Anton Ackermann in dringenden Angelegenheiten nach Berlin zurück. mitteilte. Ackermann. war eine r der führenden Köpfe des Politbüros der SED. ohne sich mit Erklärungen aufzuhalten. doch ich erinnere mich. Nach der Machtergreifung Hitlers war er zunächst im antifaschistischen Widerstand in Berlin aktiv gewesen. Mao und Stalin wirkten auf uns andere Anwesende wie historische Denkmäler. also Stalinscher Prägung. gegangen war. wie ein Stück erlebte Geschichte. Ich fand mich im Außenministerium ein. Er hatte die typische Biographie eines kommunistischen Parteifunktionärs. wie rätselhaft es mir vorkam. Ich staunte nicht schlecht. wo mir Ackermann. Als Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) war er für den gleichnamigen Sender verantwortlich. Als Verantwortlicher der KPD für Agitation und Propaganda saß er neben Pieck. der durch die Schule der Komintern in Moskau und durch die harte Praxis einer Partei »neuen Typus«. Ulbricht und Florin in den wöchentlichen Redaktionssitzungen unseres deutschen Volkssenders.

daß ich in die achtzylindrige Tatra-Limousine Richard Stahlmanns stieg. so lautete die Tarnbezeichnung unseres frischgegründeten Außenpolitischen Nachrichtendienstes (APN) – ein wenig kompliziert. ein Mann. Am 16. Unterwegs schloß sich uns ein luxuriöser offener Horch an. stand er mit der gesamten Parteiführung auf vertrautem Fuß. Obwohl er nie eine höhere Position in der KP innegehabt hatte. sondern ein Parteibefehl. daß man mir so viel Vertrauen entgegenbrachte. Richard Stahlmann. der im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte. der für den Aufbau des operativtechnischen Dienstes zuständig sein würde. einem Vorort Berlins. der Georgi Dimitroffs enger Vertrauter gewesen war und der im Krieg in Schweden Herbert Wehner geholfen hatte. und selbst seine Ehefrau Erna nannte ihn Richard. Wie alle aus der »alten Garde« sprach er selten über die bewegten Ereignisse der Vergangenheit.vorgesehen sei. Eigentlich hieß er Artur Illner. bis ich herausfand. dessen ganzes Leben im Zeichen der Konspiration gestanden hatte. die uns nach Bohnsdorf. Meine erste Amtshandlung in der neuen Tätigkeit bestand darin. und es dauerte geraume Zeit. war eine imponierende Erscheinung. die illegale Arbeit der KPD in Deutschland zu unterstützen. ein solches Angebot zu machen. Überlebende des Spanischen Bürgerkriegs sprachen voller Hochachtung von seinen Führungsqualitäten und von der Umsicht. in dem die künftigen sowjetischen Partner fuhren – ein imposanter Anblick. daß Stahlmann der berühmte Partisanen-Richard war. mit der er gefährliche Einsätze vorbereitet -48- . aber sehr konspirativ. aber wohl kaum das. Ich war stolz. aber sein Deckname war ihm zur zweiten Natur geworden. Es war kein Vorschlag. brachte. was Ackermann sich unter Geheimhaltung vorstellte. August 1951 wurde das Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung (IPW) aus der Taufe gehoben. seit er 1923 in den Militärischen Rat der KPD berufen worden war.

Geburtstag 1971 Neben diesen Helden hatte Stahlmann gestanden. als die Nazis kamen. was der Name Dimitroff uns damals bedeutete. Ich war wieder einmal der Jüngste. Als er nach dem Reichstagsbrand und nach seinem Freispruch nach Moskau gekommen war. In Menschen wie Richard Stahlmann fand ich meine eigenen Ideale verkörpert und vorgelebt sie waren Berufsrevolutionäre. Danach hatte Dimitroff ihn mit wichtigen Aufgaben betraut. Ackermann sorgte – wie nicht anders zu erwarten -49- . hatten wir ihn als Helden gefeiert. der den Nazis die Stirn geboten hatte. den Außenpolitischen Nachrichtendienst der DDR. dieser Held hatte unbedingtes Vertrauen zu Stahlmann gehabt und ihn »das beste Pferd im Stall« genannt. um ihn zu verhaften. Vielleicht kann nur ein Mensch aus meiner Generation ermessen. Charlotte Bischoff gratuliert Richard Stahlmann zum 80. acht Deutsche und vier sowjetische »Berater«. von dem die meisten anwesenden Deutschen eine alles andere als klare Vorstellung hatten.hatte. die mir zu Vorbildern wurden. In Bohnsdorf gründeten wir.

erklärten wir im nachhinein den 1. Er war erfahren. -50- .dafür. von Stalin persönlich beauftragt. September 1951 zum Gründungstag unseres Nachrichtendienstes. wenn er uns vom abenteuerlichen Alltag im Geheimdienst erzählte. uns unter die Arme zu greifen. Leider nahm er ein tragisches Ende. Grauer hatte in der sowjetischen Botschaft in Stockholm für den Nachrichtendienst gearbeitet. wie man einen Dienst aufbaut. Andrej Grauer 1951 Den Chef der sowjetischen Gruppe stellte Ackermann als Genossen Grauer vor. und wir hingen an seinen Lippen. daß das Treffen den gebührend feierlichen Anstrich erhielt. Er brachte uns bei. wie man ihn in Einzelabteilungen aufteilt und wie man den Gegner an seinen empfindlichen Stellen trifft. Da keiner von uns sich später an das Datum erinnern konnte und es kein Protokoll gab.

dem unser Dienst unterstand. Als Nikolaj Krutizkij. daß er die Trennlinie zur Paranoia überschritten hatte. Kurze Zeit nach Gründung des Dienstes flog ich nach Moskau. unerträglich gespannt. in eben jenem Festsaal. daß wir im Frack erschienen. Sein Verfolgungswahn wurde immer ausgeprägter.Er wurde krankhaft mißtrauisch – möglicherweise war die Ursache eine Mischung aus déformation professionelle und der unsicheren Atmosphäre in der UdSSR der Stalinzeit. von meinen Freunden und von der Stadt. Was hatten wir alles in den Jahren erlebt. die er mir als Trinkgeld in die Hand drückte. der Metropolit von ganz Rußland. Beim Empfang selbst stellten wir v erdutzt fest. die einzigen Anwesenden mit Smoking und Fliege waren wir und die Kellner. bis er drei Rubel zum Vorschein brachte. den unser Botschafter zum zweiten Jahrestag der DDR im Hotel Metropol gab. Daß Ackermann bereits ein Jahr nach der Gründung des Dienstes um Ablösung ersuchte. den wir schlössen. endgültig Abschied zu nehmen. Der Kompromiß. die mir so ans Herz gewachsen war. um mich offiziell aus dem diplomatischen Dienst zu verabschieden. seit wir 1934 auf dem Bjelorussischen Bahnhof angekommen waren… Und nun weilte ich plötzlich als Ausländer in Moskau! Aber für -51- . daß fast alle Gäste in Uniform oder im dunklen Anzug kamen. wir plädierten für den dunklen Anzug. sich nach dem offiziellen Teil verabschiedete. hieß Smoking. wo man inzwischen wohl gemerkt hatte. in dem ich 1950 Mao und Stalin mit eigenen Augen erblickt hatte. Ich kam gerade rechtzeitig zu dem Empfang. begleitete ich ihn zur Garderobe. wo er umständlich in seiner Soutane kramte. obendrein wurde durch seine Zwangsvorstellungen das Verhältnis zu Anton Ackermann. führe ich auf diese Begebenheit zurück. Mir blieb kaum Zeit. Zuletzt rief der KGB Grauer nach Moskau zurück. Wir Jüngeren konnten uns mit dem Chef unserer Mission nicht über die Kleiderordnung einigen: Der Botschafter wollte.

warum Moskau sich mit -52- . hatte man bei uns in Anlehnung daran Ackermann vom Außenministerium zum Leiter ernannt. wurde so weit getrieben. was sich in dem Maße änderte.und Trägerwaffen. in dem unser Dienst den Kinderschuhen entwuchs. Sie geriet sofort mit dem seit Februar 1950 bestehenden Ministerium für Staatssicherheit in Konfrontation. Eine kleine. Elektronik und Elektrotechnik. Man hat mich immer wieder gefragt. des Flugzeug. da dieser von Berijas Geheimpolizei abgekoppelt und dem Außenminister Molotow unterstellt worden war. Am Anfang unseres Außenpolitischen Nachrichtendienstes spielten die sowjetischen Berater eine starke. Die Struktur unseres Apparats entsprach fast spiegelbildlich der des sowjetischen Dienstes. selbständige Abteilung Abwehr war dafür zuständig. daß wir neben allem anderen Papierkram Stunden damit zubringen mußten. das mit einem weitaus personalreicheren Apparat auch auf diesem Gebiet tätig war. Die Formulierung der Schwerpunkte unserer künftigen Arbeit ließ unschwer erraten. Chemie. Zuerst schrieben unsere Abteilungsleiter unter den Augen der Berater fleißig Arbeitspläne. die wir befolgen mußten. um nicht zu sagen dominierende Rolle. Unsere Aufgaben umfaßten politische Aufklärung in Westdeutschland und West-Berlin. wirtschaftliche und wissenschaftlichtechnische Aufklärung auf den Gebieten der Kern. Dokumente in Aktenordner einzunähen – ein Verfahren. das wahrscheinlich noch aus den Zeiten der zaristischen Geheimpolizei stammte und dessen Sinn uns von den Beratern niemals offenbart wurde. die westlichen Geheimdienste zu beobachten und zu infiltrieren.und Maschinenbaus und der konventionellen Waffen sowie Aufklärung der westlichen Alliierten. der Kernenergie. daß unsere Richtlinien fein säuberlich aus dem Russischen übersetzt waren. Die Bürokratie.wehmütige Erinnerungen war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.

Und so war es auch. Daß wir nach und nach dazu übergingen. die aus einer Sekretärin. Er war ein brillanter Analytiker. in dem Parteiund Staatsführung wohnten. Wir kamen beide schnell zu der Einsicht. sogar die Decknamen unserer Quellen. gründliche Auswertung der Presse so manche »geheime« Information überflüssig macht. daß ein deutscher Dienst sich im Nachkriegsdeutschland leichter tun würde als sie selbst. was man ein Original nennt.unserem Dienst eine deutsche Konkurrenz schuf. Ich glaube. -53- . die schnell selbstbewußt wurde und der sowjetischen Aufklärung in Deutschland bald in vielem überlegen war. Mein erster direkter Vorgesetzter war Robert Korb. wenigstens anfangs. etwa den Islam. die lange Vorgeschichte Israels oder die Ursachen religiöser Konflikte auf dem indischen Subkontinent. was sie erfahren sollten. wenn man nachrichtendienstliches Material kritisch beurteilen will. ihm und mir bestand. Er leitete die Hauptabteilung Information. die unsere Arbeit nicht berührten. daß die Sowjets zu Recht annahmen. Von dieser Erkenntnis ist es nicht weit zu der. war nicht unbedingt im Sinne der Gründungsväter. den ich beim Deutschen Volkssender in Moskau kennengelernt hatte. als unser Dienst vollständig unter sowjetischer Kontrolle stand: Unseren Beratern gaben wir brav sämtliche Informationen. auch über Themen. der mich lehrte. sich durch Verwendung unterschiedlichster Quellen eine eigene Meinung zu bilden. und sie an seinem Wissen würde teilhaben lassen. auch ihnen gegenüber die Regeln der Konspiration einzuhalten und sorgfältig auszuwählen. nicht weit vom Sperrgebiet. Wir saßen in einer ehemaligen Schule im Stadtteil Pankow. die Berichte der operativen Abteilungen mit Skepsis zu prüfen. Korb war in mancher Hinsicht. Korb verfügte über profunde politische Kenntnisse und ein enormes Faktenwissen. daß eine kontinuierliche. an bestimmte Informationen heranzukommen. Von ihm habe ich viel gelernt. daß man als Analytiker stets gezwungen ist.

Ehrfurcht vor Würdenträgern kannte er nicht. Wenn sich unerwartete Schwierigkeiten für unseren frischgekürten Dienst einstellten. Allmählich platzte unser Domizil in Pankow aus allen Nähten. die wir auf dem vorgeschriebenen Weg frühestens nach Monaten bekommen hätten. die die fast ausgestorbene Kunst des Handschöpfens beherrschten und obendrein die Sicherheitserfordernisse erfüllten. besuchte er den Finanzminister und brachte das Geld in der Aktentasche von dort mit. In unserem neuen Dienstgebäude am -54- . aber wir waren keine Eiferer.Seine Sarkasmen und Pointen saßen immer. und die Schwierigkeiten waren gelöst. Es gelang ihm sogar. Wir dienten unserem Staat loyal. So begann meine Laufbahn im Nachrichtendienst. und wir fanden schnell eine gemeinsame Sprache. als ein ganzes Sortiment verschiedener Papiersorten aufzutun oder Fachleute ausfindig zu machen. von vierundzwanzig Tatra-Limousinen. und wir mußten umziehen. Auch den Fachmann für täuschend echt wirkende Stempel und Unterschriften brachte er zu uns: Richard Großkopf hatte vor und während des Krieges Hunderte von Illegalen mit falschen Papieren ausgestattet. Im Handumdrehen hatte er eine komplette Papierfabrik en miniature eingerichtet. Auch innerhalb des Dienstes war Stahlmanns Vergangenheit ein Plus. die missionarische Verbissenheit mancher unserer politischen Führer betrachteten wir mit ironischer Distanz. Nichts leichter für Stahlmann. Wie jeder Nachrichtendienst benötigten wir gut gefälschte Ausweispapiere des betreffenden Landes. die die Tschechoslowakei für unsere Regierung lieferte. suchte Stahlmann den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl zu Hause auf. die fünfunddreißig Jahre dauern sollte. Benötigten wir dringend Devisen. nicht weniger als die Hälfte für unseren winzigen Dienst abzuzweigen. Richard Stahlmann stand durch seine Vergangenheit mit der gesamten Führungsriege unseres jungen Staates auf vertrautem Fuß.

durch Oberstleutnant Gerhard Wessel ersetzt. den Chef der Abteilung Fremde Heere Ost. Da saßen wir zu viert und hatten nicht die leiseste Vorstellung. Als der Krieg zu Ende war. Als wir mit unserer winzigen Abteilung Abwehr zum Jahreswechsel 1951/52 den Kamp f gegen die bereits voll agierenden westdeutschen Apparate aufnahmen. sagte uns der Name Pullach. der in Pullach leitete. an dem wir uns in diesem oberbayerischen Ort sogar sehr gut auskannten. die den Zusammenbruch des Dritten Reichs fast unbeschadet überlebt hatten und in der Bundesrepublik wie der Phönix aus der Asche auferstanden waren. Ihr Leiter war Gustav Szinda. aber nicht den Gegner. wie wir es mit Nachrichtend iensten aufnehmen sollten. Kurz vor seinem Ende hatte Adolf Hitler General Reinhard Gehlen. stieß ich erstmals in einem Artikel des Londoner Daily Express mit der Schlagzeile: »ExHitler-General spioniert jetzt für Dollars. ein Mann mit langjähriger Erfahrung in der illegalen Arbeit. die die Anfeindungen durch das Ministerium für Staatssicherheit bisher überlebt hatte. wechselte Gehlen die Seite. lag noch in weiter Ferne. Unsere Aufgabe war es.Rolandsufer im Zentrum Berlins wurde ich stellvertretender Leiter der Abteilung Abwehr. Auf den Namen des Mannes. Beschützt. der gelegentlich geheimnisumwittert in der Presse auftauchte. wie es uns schien. was sich damals Organisation Gehlen nannte. Der Tag. Das war leichter gesagt als getan.« Der Autor Sefton Delmer unterhielt gute Beziehungen zum britischen Geheimdienst und hatte im Krieg für den britischen Soldatensender Calais gearbeitet. was seine Glaubwürdigkeit erhärtete. die bundesdeutschen Geheimdienste zu infiltrieren. gefördert und finanziert von der Regierung der Vereinigten Staaten gründete er die nach ihm benannte Organisation Gehlen. die als Eigenkapital ihre intimen -55- . unerreichbare Welt. nicht viel. Er stand für eine unbekannte und.

nicht. Dulles' Bruder Allen war damals Chef der CIA. Sein Nachfolger wurde – wie 1945 – General a. daß der amerikanische General George S. die wir uns bei Kriegsende gesetzt hatten. Europa war gespalten. Er schlug wie eine Bombe ein. Gerhard Wessel. das wollten die -56- . wie viele Offiziere aus Gehlens militärischem Dienst und wie viele ehemalige SS. der Central Intelligence Agency der USA.Kenntnisse über die fremden Heere im Osten einbrachte. Das hinderte Konrad Adenauer. der mühsam errungene Frieden zeigte erste Sprünge. den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.und SD-Leute in Pullach untergeschlüpft waren. Sie wurde ein Sammelbecken »alter Kameraden« aus Hitlers Zeiten. Adenauer setzte eindeutig auf die amerikanische Politik der Stärke und auf die von John Foster Dulles formulierte Strategie des roll back gegenüber dem Kommunismus. und die Trennlinie verlief mitten durch Deutschland. erneuerten Geheimdienstes zu bedienen und ihn nach wenigen Jahren als Bundesnachrichtendienst in eigener Regie zu übernehmen. sich des alten. sondern auch in arabischen Staaten. Gehlen blieb Präsident des BND bis zum Frühjahr 1968. der als Rechtsaußen berüchtigt war. All das war alarmierend und mußte von uns zwangsläufig als Bedrohung interpretiert werden. Eine neue Konfrontation war vorgezeichnet. weil er ehemalige Nazioffiziere als Ausbilder in den Nahen Osten entsandte. darunter so manchen Experten in der Judenverfolgung. Gleichzeitig wurden Gerüchte laut. Delmers Artikel enthüllte. Bei Kriegsende war die Macht der Sowjetunion weit nach Westen vorgedrungen. Jetzt ging es nicht mehr nur um die Verwirklichung der Ziele. nicht nur die Strafverfolgung von Kriegsverbrechern aus Deutschland laut kritisiert. Gehlen genoß damals nicht nur im Bonner Kanzleramt Vertrauen. Patton. sondern auch hochrangigen NSOffizieren zur Flucht in die USA verholfen haben sollte. D.

In Bundeswehr und Staatsapparat besetzten einstige NSFunktionäre so manche Spitzenposition. zusätzlich waren sie uns gegenüber -57- . wenn ma n ihnen etwas Besseres zu essen oder einen beruflichen Lichtblick versprach. daß breite Kreise der Bevölkerung im Osten das neue politische System unterschwellig ablehnten. Leute wie Gehlen und sein Stab waren keine Ausnahme. Dr. Das Berlin der 50er Jahre mit seiner hektischen Atmosphäre hatte Wien als Hauptstadt europäischer Spionagetätigkeit abgelöst. nicht nur seinen Geheimdienst am Leben zu erhalten. Die westlichen Dienste konnten sich dabei auf die Anziehung der harten Westwährung stützen und darauf. Die Leute ließen sich bereitwillig als Spione anwerben. denen der Verkehr zwischen Ost. unter Hitler ein hochrangiger Beamter im Reichsinnenministerium und Verfasser des Kommentars zu den Nürnberger Rassengesetzen. später sogar zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt gemacht. Obendrein paßte er mitsamt seinen Verbindungen dem Kreuzzugsdenken der Brüder Dulles bestens ins Konzept. Im Untergrund zwischen Ost und West waren zeitweise – ihre Ableger mitgerechnet – bis zu acht zig verschiedene Geheimdienste tätig. rekrutierten und lenkten sie ihre diversen Agenten.Vereinigten Staaten nun so schnell wie möglich und unter Einsatz aller nur erdenklichen Mittel rückgängig machen. Zum Synonym für diese Art von Kontinuität wurde der Name Globke. Gehlen begriff schnell die Chance. In amerikanischen und russischen Filialen war von Kompaniestärke die Rede. Getarnt als Forschungszentren oder wissenschaftliche Einrichtungen. Es war die Zeit vor dem Beginn des westdeutschen Wirtschaftswunders. Süßwarenexporteure oder Klempnerfirmen jedweder Art.und West-Berlin vor den Tagen des Mauerbaus ein Leichtes war. wurde von Adenauer zu dessen engstem Berater. Hans Globke. sondern Einfluß auf die Politik der Bundesrepublik zu gewinnen.

sollte ich Gelegenheit bekommen. von ihrer besseren Ausstattung ganz zu schweigen. wie verläßlich sie als Instrument der Aufklärung war – anders ausgedrückt. Nazis waren bei uns nicht erwünscht. daß sie auf einen funktionierenden Apparat und langjährige Erfahrung zurückgreifen konnten. Die Frage war nur. Hin und wieder gelang es auch einem Ex-Nazi in der DDR. Da war es nur ein schwacher Trost zu merken. Der neue Nachrichtendienst der KPD wurde von Anfang an vom Zentralkomitee der SED aus gesteuert. wieweit sie möglicherweise von westlichen Diensten unterwandert war. Wieder andere wollten es sich sicherheitshalber mit keiner Seite verderben und spionierten deshalb für die DDR. Viele unserer damaligen Agenten und Kontakte im Westen waren keine Kommunisten. deren verschiedene Dienste in enger Kooperation mit der Komintern und den sowjetischen Diensten gestanden hatten. wurde der Betreffende stillschweigend von seinem Posten entfernt – so im Fall eines Mannes. die wir bisher voller Ehrfurcht betrachtet hatten. der sich durch die SS-Tätowierung auf seinem Arm verraten hatte. ob. sondern arbeiteten für uns. bot die Parteiaufklärung der westdeutschen KPD. sich in unseren Dienst einzuschmuggeln. tatsächlich an die Geheimdienste des Westens heranzukommen. aber sobald wir das herausfanden. weil sie die Teilung Deutschlands überwinden helfen wollten und die Politik der Amerikaner für falsch hielten. Das konkret zu überprüfen. und wenn. daß auch unsere sowjetischen Berater.dadurch im Vorteil. als ich beim Durchforsten der Unterlagen nach Beziehungen der Parteiaufklärung zu solchen Organisationen auf den Namen -58- . Eine unserer wenigen Chancen. während sie gleichzeitig strebsame Bürger der BRD waren. daß wir über ihre Vergangenheit im Dritten Reich besser informiert waren. ähnlich blutige Anfänger waren wie wir selbst. indem wir sie wissen ließen. als ihnen lieb sein konnte. Einige hatten wir zur Kooperation überredet. hervorgegangen aus einer Tradition der KPD.

Als Student in Hamburg wollte er begonnen haben. In einer Villa am Stadtrand von Berlin trafen wir uns mit »Merkur«. des Vorsitzenden der neonazistischen Sozialistischen Reichspartei. am nächsten Tag noch einmal zu kommen. Gustav Szinda leitete das Gespräch. aber sobald ich ihm Fragen zu Leuten stellte. Schließlich gestand er. ihn umzudrehen und auf diesem Weg den britisehen Geheimdienst zu infiltrieren. Damit war der Traum von der Spitzenquelle verflogen. in ihrem Auftrag sei er dann zielstrebig an rechtsradikale Organisationen herangetreten und habe es zuletzt zum persönlichen Sekretär im Bonner Büro Dr. Es klang alles sehr logisch. taten wir instinktiv das Richtige: Wir ließen »Merkur« zuerst ausführlich seinen Lebenslauf erzählen. fast noch Amateure. für die Parteiaufklärung der KP zu arbeiten. hie und da gar Widersprüche zu dem. Wir baten ihn. Nach kurzer Beratung mit Szinda studierte ich die Akten bis tief in die Nacht – und mein Verdacht bestätigte sich. daß er für den britischen Geheimdienst arbeitete. fielen mir Ungereimtheiten in seinen Antworten auf. gebracht. es klang alles fast zu schön. ich setzte »Merkur« mit den Fakten zu. Am Tag darauf führten wir das Gespräch mit verteilten Rollen weiter: Szinda schlug die harten Töne an. Fritz Dorls. Als ein Mitarbeiter unserer Abteilung den Mann in Schleswig-Holstein aufsuchte. die Kontakte zum Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln und gute Verbindungen zur Bonner politischen Szene zu unterhalten schien. einem schlanken. hochgewachsenen Mann um die Dreißig. um wahr zu sein. die er angeblich kannte. als der er sich ausgab. und obwohl wir ungeübt waren. Wir spielten kurzfristig mit dem Gedanken. nach Berlin zu kommen. was in seinen schriftlichen Berichten gestanden hatte. als -59- .einer Quelle namens »Merkur« stieß. den ma n durchaus für den Elektroingenieur halten konnte. aber auch das zerschlug sich. zeigte er sich mehr als willig. fast als hätte er auf diese Einladung gewartet.

Der Fall »Merkur« war meine erste Bewährungsprobe in der Aufklärung. sondern die von der DDR aus eingesetzten Kuriere und Verbindungsleute. Die Entlarvung »Merkurs« bezeichnete Mielke sofort als »Quatsch«. Unter diesen Umständen war es für uns nur ratsam. denn er hatte bei der Vernehmung ein Wissen über Mitarbeiter und Querverbindungen innerhalb der Parteiaufklärung offenbart. die gegen alle Regeln der Konspiration verstießen. So geschah es. befragte ich nicht sie. »Merkurs« Entlarvung löste nicht nur im Westen Alarm aus. -60- . Wie bei einem Puzzle suchte ich geduldig nach den passenden Teilchen. als der Mann in Untersuchungshaft kam. Dabei erfuhr ich von mehr unstatthaften Querverbindungen. den gesamten Apparat samt all seinen Kontakten zu überprüfen. von seinen eigenen Mitarbeitern mußte er sich eines Besseren belehren lassen. machte den Umgang nicht gerade harmonischer. aus der ich die Lehre zog. daß man sie verdächtigte). daß man im Nachrichtendienst nie die Logik außer acht lassen und sich nie vom Wunschdenken irreführen lassen darf.wir bei einem dritten Gespräch aus ihm herausholten. als uns lieb sein konnte. geständig war und dann vom Gericht zu neun Jahren Haft verurteilt wurde. sondern mehr noch bei uns. Ohnedies lag die weitere Untersuchung des Falles außerhalb unserer Kompetenz. Um eve ntuell vom Gegner umgedrehte Agenten nicht »anzustoßen« (ihnen nicht zu verraten. das er eigentlich nicht hätte haben dürfen. damals Staatssekretär im Ministerium für Staatssicherheit. Daß zwischen ihm und Szinda seit ihrer gemeinsamen Vergangenheit im Spanischen Bürgerkrieg unverhüllte Abneigung herrschte. Ich machte mich an die mühselige Aufgabe. daß mein erster Fall ausgerechnet Erich Mielke in die Hände geriet. daß er schon als Student im Auftrag von MI 5 den Kontakt zur kommunistischen Parteiaufklärung gesucht hatte. die Finger von »Merkur« zu lassen. dem unser Dienst vom ersten Tag an ein Dorn im Auge gewesen und mit Mißtrauen verfolgt worden war.

Ulbrichts Einrichtung verriet die Vorliebe des gelernten Tischlers für gutbürgerliches Mobiliar mit gedrechselten Verzierungen. zu Ulbrichts Wohnung in Pankow. Auf dem Eßtisch breitete ich meine »Spinne« aus und schilderte die Ergebnisse meiner Überprüfungen in allen Einzelheiten. die große Papierrolle unter dem Arm. während ein Frankfurter Journalist mit dem Decknamen Wagner mir verdächtig vorkam und sich später beim Verhör als Doppelagent im Auftrag der Amerikaner entpuppte. grün für Residenten –. Nach langen Beratungen zog ich eines Tages an der Seite Ackermanns. für meine Augen gewann das Diagramm jedoch immer deutlichere Konturen. ebenso wie unsere Residentur in Bayern. blau für Quellen. Striche und Kästchen in verschiedenen Farben bezeichneten persönliche oder unpersönliche Verbindungen – rot für verdächtigte Doppelagenten. Was tun? In welchem Ausmaß mochte die Parteiaufklärung bereits von Agenten der Gegenseite durchsetzt und vom Gegner aufgerollt sein? Wir unterstellten als schlimmste Möglichkeit die. daß Verfassungsschutz sowie britischer und amerikanischer Geheimdienst erhebliche Teile des Netzes enttarnt hatten und mittels umgedrehter Agenten möglicherweise bereits bis in die Berliner Zentrale vorgedrungen waren. Uneingeweihten sagte das nichts. der uns noch viele Jahre mit Informationen versorgen sollte. aus dem außer mir bald niemand mehr schlau werden konnte. Zeichen markierten Verdachtsmomente oder Kontakte zu gegnerischen Diensten. als auf die Parteiaufklärung zu verzichten. Manche Quellen und Residenturen gingen unbeschadet aus meinem Durchleuchten hervor – ein hoher Beamter im Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen.Im Lauf mehrerer Monate entstand auf einem riesigen Bogen Millimeterpapier eine »Spinne« – ein Diagramm aller Beziehungen der Parteiaufklärung. Ackermann und ich -61- . Es blieb uns folglich nichts anderes übrig.

Die Sicherheitsanforderungen. Die zurückgerufenen Mitarbeiter der Parteiaufklärung waren fast ausnahmslos überzeugte Antifaschisten. die DKP. über deren Einhaltung ein sowjetischer Berater mit unnachgiebiger Strenge wachte. Ulbricht stimmte zu. schieden von vornherein aus. daß allein schon die Besetzung der Zentrale schier unmöglich schien. einige Spitzenquellen im Westen wieder zu aktivieren. zurückzubeordern. Zu unserer erheblichen Erleichterung stellten wir fest. nachdem wir sicher sein konnten. Ackermanns Stellvertreter Gerhard Heidenreich. einen Ersatz zu schaffen und geeignete Kandidaten zu finden. daß auch der Gegner nur mit Wasser kochte.schlugen Ulbricht vor. An die folgenden Monate erinnere ich mich nicht gern. die Kontakt zur KPD hatten. der beauftragt war. Ihre Lage war demütigend. wie bewahrt man Vertrauen? Wie prüft man Zuverlässigkeit? Darf man sich auf seine Intuition verlassen? Diese Fragen stellte ich mir damals immer wieder. die in westlicher Emigration oder Gefangenschaft gewesen waren. alle Verbindungen zur westdeutschen Parteiaufklärung abzubrechen und alle Mitarbeiter. und seitdem war die KPD bis zu ihrem Verbot im Jahr 1956 ebenso tabu für unseren Dienst wie später ihre Nachfolgerin. daß man einmal gefaßte Meinungen ständig überprüfen muß. Konzentrationslager und Emigration auf sich genommen hatten und sich jetzt unsere mißtrauischen Fragen gefallen lassen mußten. waren so hochgeschraubt. Wie gewinnt. den Apparat zu komplettieren. um es bescheiden zu sagen. Kandidaten mit Verwandten im Westen oder solche. auch wenn bei uns zum Glück nicht mit Berijas Methoden gearbeitet wurde. Im Verlauf dieser Untersuchung war mir klargeworden. daß es den westlichen Diensten nicht gelungen war. -62- . sie zu identifizieren. Diese Bereitschaft zu vorurteilsfreiem Denken ermöglichte es uns. die Zuchthaus. Andererseits stellte uns der Verzicht auf die Parteiaufklärung vor das nicht geringe Problem.

Im Unterschied zu den meisten anderen Geheimdiensten drehte sich bei uns kein Karussell. Aber bis dahin war es Ende 1952. der späteren Hauptverwaltung Aufklärung. Sie sollten den Kern meines Dienstes. der Jugendorganisation der SED. -63- . und so kamen viele junge Leute von der FDJ zu uns. wenn es um die Besetzung leitender Positionen ging. noch ein weiter Weg. bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1990 bilden.war Sekretär für Kaderfragen bei der FDJ gewesen. und sie ermöglichte es mir. Diese Kontinuität war einer der Hauptgründe unserer Effizienz. meine Denkweise und Handschrift auf andere zu übertragen. Ihre in vierzig Jahren gewonnene praktische Erfahrung hätte kein Lehrgang ersetzen können.

von der Leitung des Außenpolitischen Nachrichtendienstes entbunden zu werden – hier gehorchte Ulbricht der Sprachregelung zumindest soweit. doch schon damals wehte ein unmißverständlicher Hauch jener Atmosphäre. Ich meldete mich in Ulbrichts Sekretariat. In der Anmeldung erhielt ich einen Passierschein. was er von mir wollte. So erfuhr ich. ohne Einleitung und ohne den Gesprächspartner anzublicken. und das Gebäudeinnere war nicht annähernd so imposant wie später im sogenannten Großen Haus am Werderschen Markt. die so charakteristisch werden sollte für die abgehobene Welt der Parteiführer. Sie begrüßte mich freundlich. der bereits als der mächtigste Mann des jungen Staates galt. wie es seine Art war. erschien aber kurz darauf und führte mich in das benachbarte Büro seiner Frau Lotte.3 Learning by doing Im Dezember 1952 wurde ich zu Walter Ulbricht bestellt. andererseits war es ein offenes Geheimnis.« Selbstverständlich wußte ich. Später hieß es. das zu jener Zeit noch nicht weit vom Alexanderplatz seinen Sitz hatte. daß Anton Ackermann darum gebeten hatte. bevor er sie aus dem Zimmer schickte. machte ich mich auf den Weg zum Zentralkomitee. den die Wache sorgfältig mit meinem Ausweis verglich. ohne persönliche Worte. hinzuzufügen: »Aus gesundheitlichen Gründen. Ohne zu ahnen. Er war no ch in einer Besprechung. daß Ackermann sich in seinem Privatleben unvorsichtig verhalten haben soll. dem Generalsekretär der SED. Die Kontrollen waren nicht annähernd so drakonisch. die als seine engste Mitarbeiterin galt. daß die Anfeindungen Grauers -64- . daß Ackermanns Vorstellung von einem eigenen deutschen Weg zum Sozialismus mit Ulbrichts Moskautreue kollidierte. was im puritanischen Milieu der DDR jener Zeit das politische Aus bedeuten mußte. Dann kam er ohne Umschweife zur Sache.

der Teil dessen war. daß du die Leitung des Dienstes übernehmen solltest.« Anders ausgedrückt: Die SED-Führung war der Meinung. hörte ich Ulbrichts nächste Worte: »Wir sind der Meinung. Noch heute kann ich nicht mit Gewißheit sagen. was heute vielen als Unterdrückungsapparat erscheinen muß. warum die Wahl ausgerechnet auf mich fiel. in der Hierarchie des Nachrichtendienstes einer unter vielen. Stolz auf das Vertrauen. wäre es wohl am ehesten Stolz. wie ich so unbefangen die Ernennung zum Leiter eines Nachrichtendienstes annehmen konnte. an das ich mich erinnern kann. Es war kaum eine Viertelstunde vergangen. das die Partei mir entgegenbrachte. Andererseits hatte Ackermann meine Wahl offenbar befürwortet. was mir widerfahren war. so benommen war ich von dem. als ich wieder auf der Straße stand – nicht wenig verwirrt.Ackermann die Leitung des Geheimdienstes zunehmend verleidet hatten. Mir drehte sich alles im Kopf. über wen ich Kontakt zur Führung halten solle. daß ich. Wenn man mich heute fragt. erklärte Ulbricht. Sollte ich irgendein Gefühl benennen. Auf meine Frage. auf den so viele Mitläufer des Dritten Reichs sich im nachhinein so gerne berufen haben. dann kann ich dazu nur sagen. in der Partei noch unbedeutender. was gewiß nicht ohne Gewicht war. keine dreißig Jahre alt. Während ich diese Mitteilung noch verdutzt zur Kenntnis nahm. doch meine fast gänzliche Unerfahrenheit im Nachrichtendienst mußte in anderer Hinsicht in die Waagschale fallen. Damit will ich keineswegs dem blinden Gehorsam das Wort reden. Ackermanns Nachfolger in dieser entscheidenden Funktion werden sollte. Mir war bei -65- . Meine guten Moskauer Beziehungen und meine Abstammung aus der Familie eines kommunistischen Schriftstellers mochten das ihre dazu beigetragen haben. ich sei unmittelbar ihm unterstellt. daß ich es damals ganz gewiß nicht so sah und auch gar nicht so sehen konnte.

In diesem einen Fall zogen Mielke und ich am selben Strang. eine Ehre. sondern in der eines Mitglieds des Politbüros der SED. um im schwerfälligen Parteiapparat zu verschwinden. sobald sie mir zu Ohren kam. nur aus unterschiedlichen Motiven: Er wollte meinen kometenhaften Aufstieg bremsen. nicht aufgeben. bin ich da. Der Nachrichtendienst blieb nur ein knappes halbes Jahr unter Ulbrichts direkter Kontrolle. um mir die spärlichen Akten zu übergeben. als Stahlmann mich ihm in meiner neuen Funktion vorstellte.« Wesentlich frostiger fiel Mielkes Begrüßung aus. Ungewöhnlich. erwartete mich dort schon ungeduldig Richard Stahlmann. Wenn du mich brauchst. Er ließ uns zuerst über eine Stunde im Vorzimmer warten und beschränkte sich dann darauf. wie er in allen Dingen war. daß -66- . in Abwesenheit Ackermanns der amtierende Chef unseres Dienstes. als könne er es kaum erwarten. was man von mir verlangte. verhielt er sich auch jetzt: Freudig schloß er den Panzerschrank auf. daß ich mich dem. auch hätte verweigern können – mit unangenehmen Folgen. Als ich in unser Dienstgebäude am Rolandsufer zurückkam. Über den Tisch schob er mir den Schlüssel zu und sagte: »So.jeder Entscheidung in meinem Leben bewußt. Jahre später habe ich mich tatsächlich einmal einer Weisung widersetzt: Man hatte mich als Nachfolger Horst Sindermanns in der Leitung der Abteilung Agitation und Propaganda im Zentralkomitee der SED ausersehen. von mir abgelöst zu werden und die leidige Schreibtischarbeit hinter sich zu lassen. die ich im Nachrichtendienst genoß. die ich ausschlug. in eisigem Ton zu erklären. nun mach mal. ich wollte die relative Unabhängigkeit und Selbständigkeit. nicht in dessen Funktion als Minister für Staatssicherheit. über meine Ernennung sei so wenig endgültig entschieden wie über die ganze Existenz des Nachrichtendienstes. Über seine Biographie wußte ich nur. aber ohne Gefahr für Leib und Leben. Im Frühjahr 1953 wurde er Wilhelm Zaisser unterstellt.

als der -67- . Fast nie gelang es mir. bei anderen wie Pieck oder Ackermann. genoß Ulbricht keine Sympathie: bei den einen. Einmal in der Woche hatte ich bei ihm eine feste Sprechstunde. die sich wohltuend von Mielkes wichtigtuerischer Hektik abhob. die ich näher kennenlernte. weil er sich sogar ihnen gegenüber autoritär gebärdete. den ersten Überläufer aus unserem Dienst in den Westen. Man kann sich vorstellen. mit dem er als Herausgeber der gesammelten Werke Lenins in deutscher Sprache Übersetzungsfragen diskutieren konnte. Er strahlte eine vertrauenerweckende ruhige Autorität aus. Für Mielkes Unterwürfigkeit gegenüber Ulbricht hatte er nur Verachtung übrig. Ausgerechnet ihn hatte Szinda aus einer anderen Abteilung zu uns geholt und mit besonders vertraulichen Schreibarbeiten betraut.er – wie Richard Sorge – Geheimaufträge in China ausgeführt hatte und daß er im Spanischen Bürgerkrieg unter dem Namen General Gomez die Elfte Internationale Brigade befehligt hatte. weil sie sich an seine Herz. bevor wir auch nur ahnen konnten. als er in Zeiten schlimmer Repressalien Hilfe. aus ihm herauszuquetschen und zu handeln. Verursacht wurde sie durch Gotthold Kraus. was mir auf den Nägeln brannte. erlebten wir unseren ersten großen Skandal. unpersönlicher Art. die nötig und möglich gewesen wäre. Es machte Spaß. mit Zaisser zusammenzuarbeiten. Kaum hatte Ulbricht den Nachrichtendienst an Zaisser abgetreten. was Kraus wissen konnte. aber auch von Ulbrichts steifer. die sogenannte Vulkan-Affäre. was vor sich ging. Da er sich unmittelbar vor Ostern 1953 absetzte. hatte die bundesdeutsche Abwehr genug Zeit. und auch aus seiner tiefen Abneigung gegen den Generalsekretär der Partei machte er kein Hehl. in dieser Stunde alles zur Sprache zu bringen. alles. verweigert hatte.und Fühllosigkeit in Moskau erinnerten. wie fassungslos wir waren. zu der er mich auf die Minute genau empfing. Bei fast allen Emigranten. denn bei meinen Besuchen war ich für Zaisser ein willkommener Gesprächspartner.

nicht einmal leitenden Mitarbeitern unseres Dienstes wäre die Identität so vieler Agenten in einem fremden Land bekannt gewesen. daß die westdeutsche Spionageabwehr vor lauter Übereifer neben höchstens einem halben Dutzend echter Verbindungsleute honorige Geschäftsleute verhaftet hatte. die ich mit Zaisser dringend besprechen mußte. Es stellte sich bald heraus. Stalins Tod im März 1953 war ein großer Schock. wie verwundbar unser Dienst war. es seien gerade fünfunddreißig ostdeutsche Agenten durch die westdeutschen Behörden festgenommen worden. wir hätten erkennen müssen. Vor Schrecken über das Wissen der Gegenseite wurde beschlossen. An Problemen. ohne das geringste mit dem Nachrichtendienst zu tun zu haben. mich seine Macht spüren zu lassen. herrschte kein Mangel. Natürlich wußten wir sofort.bundesdeutsche Vizekanzler Franz Blücher kurz nach Ostern auf einer Pressekonferenz unter dem Kennwort Aktion Vulkan bekanntgab. Die darauffolgenden Monate verbrachten wir mit dem mühsamen Klären der Personalfragen und dem zähen Kampf um jeden einzelnen Mitarbeiter. Für die eigentliche Arbeit blieb in dieser Phase wenig Zeit. Während die Aktion Vulkan sich für den westlichen Dienst letztlich als Blamage erwies – viele der Betroffenen klagten auf Schadenersatz -. den ich nicht verlieren wollte. Im Kreml brachen erbitterte Machtkämpfe aus. und die übrigen sozialistischen Staaten Osteuropas waren plötzlich auf sich -68- . daß die Zahl Fünfunddreißig eine gigantische Übertreibung darstellte. gab sie uns viel zu denken. den ganzen Apparat zu dezentralisieren und die einzelnen Abteilungen in einem Dutzend weit auseinanderliegender Gebäude unterzubringe n. die im innerdeutschen Handel aktiv gewesen waren. Wie viele Maulwürfe mochten noch unerkannt in unserem Apparat wirken? Eine Kommission unter Vorsitz von Staatssekretär Mielke überprüfte alle Mitarbeiter auf Herz und Nieren – für Mielke eine hochwillkommene Gelegenheit.

zu Zwangsmaßnahmen gegen größere Bauernhöfe. Ulbricht war die treibende Kraft hinter dem ein Jahr zuvor beschlossenen forcierten Aufbau des Sozialismus. vom Tisch. der Chefredakteur der Parteizeitung Neues Deutschland. Doch diese umwälzenden Konsequenzen wurden mir damals nicht bewußt. Am gefährlichsten jedoch waren die Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel und die gleichzeitige Erhöhung der Arbeitsnormen. Jeden Widerstand dagegen wischte er als geübter Stalinist mit der These von der gesetzmäßigen Verschärfung des Klassenkampfes. und die Stimmung in breiten Schichten der Bevölkerung war uns nicht wirklich bekannt. was in unserem Land geschah. Wir lebten in einer eigenen und sehr abgeschotteten Welt. nahmen wir nur halb wahr. Daß ausgerechnet Lawrentij Berija. sondern gehandelt. der gefürchtete Geheimdienstchef. die den Freiraum der Kirchen und Geistlichen noch weiter einengten.selbst gestellt. mittlere und kleine Unternehmen und Freischaffende. sich für eine -69- . Vieles. mehr als 120 000 Menschen stimmten mit den Füßen ab und verließen in den ersten vier Monaten des Jahres 1953 die DDR. Es kam zu drastischen Steuererhöhungen und Kreditbeschränkungen. sahen die Entwicklung mit Sorge und plädierten für einen weniger harten Kurs. Zaisser und Rudolf Herrnstadt. Besonnene Politiker wie Ackermann. denn im Nachrichtendienst waren wir viel zu sehr mit unseren eigenen Problemen beschäftigt. der seit dem Tod Stalins der entscheidende Mann in der sowjetischen Führungstroika war. rüttelte uns das nicht wach. solange die sozialistische Umwälzung noch nicht abgeschlossen ist. Besonderen Unmut erregten Vorschriften. Selbst als Ministerpräsident Grotewohl schon im Dezember 1952. warnend von einer drohenden Versorgungskrise sprach. denn damit brachte die Regierung die Arbeiter gegen sich auf. Die Konsequenzen waren unübersehbar: Als Reaktion auf den zunehmenden Druck wurde nicht nur immer lauter gemurrt.

eine Verständigung mit der Bundesrepublik wäre in den Bereich des Möglichen gerückt. Das klang alles sehr vernünftig und beruhigend. Politbüro und Regierung hätten schwere Fehler eingestanden und die Revision früherer Entscheidungen angekündigt: Republikflüchtige wurden zur Rückkehr aufgefordert. So kam es. Am Morgen des 16. die den Weg freimachen sollte für ein vereinigtes. neutralen Deutschlands vor Augen. demokratisches und neutrales Deutschland. daß ich Ende Mai auf seinen Vorschlag hin mit meiner Familie einen langentbehrten Urlaub antrat und die nächsten Wochen in Prerow an der Ostseeküste mit Baden und Hemingway-Lektüre verbrachte. Es enthielt Vorschläge. Dort hatten sie in Sprechchören die -70- . Von diesen dramatischen Entwicklungen und den erbitterten Auseinandersetzungen im Politbüro zwischen Hardlinern und Gemäßigten verlor Zaisser mir gegenüber kein Wort. daß Berija Anfang Juni Vertreter des SED-Politbüros nach Moskau beorderte und ihnen ein Papier mit dem Titel »Über die Maßnahmen zur Gesundung der Lage in der Deutschen Demokratischen Republik« vorlegte. Berija hatte dabei das langfristige Ziel eines vereinigten. Heute weiß ich. hätte ich nicht in meinen abenteuerlichsten Träumen für möglich gehalten. man versicherte. In der Zeitung las ich.Wende in der Deutschlandpolitik aussprach. deren Verwirklichung eine Abkehr vom administrativen Kommandieren bedeutet hätte. marschiert waren. es werde ihnen nichts geschehen. politische Repressionen und die Diskriminierung junger Christen sollten merklich gemildert werden. Aber es war zu spät. Juni brachte der Rundfunk die alarmierende Nachricht. Görings ehemaligem Reichsluftfahrtsministerium in der Leipziger Straße. das sich keinem Bündnis gegen die Sowjetunion anschließen würde – ein von Stalin formuliertes Ziel. daß Berliner Bauarbeiter von der Stalinallee zum Haus der Ministerien.

teilzunehmen. doch vergebens. der müde und enttäuscht von einer Parteibesprechung zurückgekommen war. Am 17. welche Kundgebungen wann und wo stattfanden. Trotz unseres Protests und trotz meines deutschen Polizeiausweises sperrte man uns im Keller der Kommandatur zusammen mit anderen Verdächtigen ein. Ein Betrieb nach dem anderen trat in Streik. aber keine konkreten Vorstellungen erkennen lassen. Die Streikenden verlangten.00 Uhr verhängte der sowjetische Stadtkommandant den Ausnahmezustand. dem Posten zu beweisen. was in dieser Situation. auch von Westen her. und ich zum Kommandanten vorgelassen wurde. Nun hielt es mich nicht länger am Urlaubsort. Das Gebäude war von Bereitschaftspolizei abgeriegelt worden. wo wir wohnten. Die ganze Nacht hindurch hatte er Mitteilungen gesendet. ließ man uns frei. und die Hörer in OstBerlin aufgefordert. daß ich Russisch sprach. ein ehemaliger Bergarbeiter. Erst als es mir gelang. Juni überschlugen sich die Meldungen. die Stimmung drohte überzukochen. um -71- . Dort konnte ich in Ruhe über die wahren Machtverhältnisse in Deutschland nachdenken. An ihrer Stelle erschien Industrieminister Fritz Selbmann. die keinen Aufschub gestattete.Rücknähme der neuen Arbeitsnormen und soziale Verbesserungen gefordert. und versuchte die Menge mit dem Hinweis auf die beschlossenen Reformen zu beruhigen. Die Unruhen hatten sich bereits ausgebreitet und Großbetriebe in anderen Teilen des Landes erreicht. daß Ulbricht und Grotewohl sich ihnen zeigten. Im Stadtbezirk Pankow. Um 13. Auf halber Strecke nach Berlin wurden wir kurz vor Neustrelitz von einem sowjetischen Kontrollposten angehalten. massiv zu agitieren. zu tun sei. hielt ich an. Abends telefonierte ich mit Richard Stahlmann. Der Sender RIAS ließ die Chance nicht ungenutzt. Demonstrationszüge bewegten sich von allen Seiten auf die Sektorengrenze am Potsdamer Platz zu. Ulbricht hatte zwar Fehler eingeräumt.

daß agents provocateurs nach Ost-Berlin gekommen waren. um die Stimmung aufzuheizen. In dieser Zeit des Aufruhrs.mich zu Hause schnell umzuziehen. daß das Aufbegehren von West-Berlin aus nach Kräften geschürt worden war. Hätte man rechtzeitig die Funktionäre in den Betrieben über den geplanten neuen Kurs aufgeklärt und sich dem offenen Gespräch mit den unzufriedenen Arbeitern gestellt. als Parteibüros und Verwaltungsgebäude gestürmt wurden und bisweilen in Flammen aufgingen. Juni vielleicht zu vermeiden gewesen. Die folgenden Tage und Nächte verbrachte ich in meiner Dienststelle. als sowjetische Panzer durch die Straßen rollten und von Jugendlichen mit Steinen beworfen wurden. daß das von unserer Führung in die Welt gesetzte Gerede vom »faschistischen Abenteuer« und vom »konterrevolutionären Putsch« reine Schutzbehauptungen waren. Als Leiter des Außenpolitischen Nachrichtendienstes hatte ich die Aufgabe herauszufinden. Er hatte den Eindruck gehabt. Aus Informationen meines Dienstes. wäre die Eskalation des 17. als es die ersten Toten und Verletzten gab – und der Aufstand sollte mehr als hundert Menschenleben kosten -. Dort berichteten mir mein Vater und meine Schwiegermutter aufgeregt. als stammten sie aus dem Westen und als wären sie nur um des Randalierens willen gekommen. in dieser Zeit wurde mir klar. daß die Ursachen hausgemachter Natur waren. daß viele der jungen Leute im Zentrum aussahen. einem großen Metallbetrieb. aus Presseveröffentlichungen westdeutscher und amerikanischer Politiker und aus den Verlautbarungen militanter kalter Krieger wie der »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« oder des -72- . so wenig ließ sich übersehen. daß die Arbeiter von Bergmann-Borsig. direkt an unserem Haus vorbeimarschiert waren und daß mein Vater am Bahnhof Friedrichstraße beinahe vom Mob zusammengeschlagen worden war. inwiefern der Westen bei den Unruhen die Finger im Spiel haben mochte. So gut wir alle wußten.

Juni in Berlin aufgehalten – das mußte doch einen Grund haben. Dieses Material benötigte unsere politische Führung. Ulbricht und seine Gruppierung mußten nach den Ereignissen des 17. Moskau hatte Reformen verlangt. An Material herrschte also kein Mangel: Da hatten sich beispielsweise CIA-Chef Allen Dulles und seine Schwester Eleanor. bewies er doch die Verschwörung des Auslands gegen uns. und Ulbrichts junger Protege Erich Honecker unterstützten ihn. die im State Department für deutsche Angelegenheiten zuständig war. wurde von Ulbricht sofort zum Kennwort für die Auslösung der Unruhen hochstilisiert. um die Verantwortung für den 17. am Vorabend des 17. in der Woche vor dem 17. Sogar vom »Tag X«. als sich der Ungewißheit auszusetzen. Ulbrichts Rettung war die Nachricht von Berijas Sturz in Moskau. dessen Prophezeiung bisher eine Spezialität westdeutscher Boulevardblätter gewesen war. Juni einem äußeren Gegner in die Schuhe schieben zu können. eine neue SED-Führung -73- . die DDR zu liquidieren. was Ackermann am heftigsten verlangte: daß er als Generalsekretär abgelöst wurde. war in der DDRPresse mit einemmal ganz selbstverständlich die Rede. denn ihre Position war schwer angeschlagen. Nur Hermann Matern. Und selbst die Einladung zu einer Dampferfahrt der West-Berliner Gewerkschaften. dem Tag der Machtübernahme durch den Westen in der DDR. Juni an Vertrauensleute und Freunde in Ost-Berlin herausgegeben. alle anderen befürworteten. war ein Kinderspiel. dem sich entnehmen ließ. und im Politbüro besaß Ulbricht keine Mehrheit. Die sowjetische Parteispitze hatte ganz andere Sorgen.»Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen« Material zusammenzustellen. die DDR-Regierung hatte die Sowjetarmee gegen die eigene Bevölkerung zu Hilfe rufen müssen. der Vorsitzende der Parteikontrollkommission. Juni nach jedem Strohhalm greifen. daß Pläne bestanden.

mit einem Parteiurteil und Strafen belegt. ursprünglich Journalist. Sobald Ulbricht sich seiner Sache sicher sein konnte. durch das Parteiurteil seelisch gebrochen und gesundheitlich gezeichnet. Tagung des Zentralkomitees im Juli 1953 saß Ulbricht wieder fest im Sattel. ohne zu protestieren. Drei Jahre nach diesen Ereignissen machte Rudolf Herrnstadt sich an die Niederschrift des wahren Geschehens und nahm den Kampf um seine Rehabilitierung auf. Er prägte die Bezeichnung von der »Zaisser-HerrnstadtFraktion« und beschuldigte Zaisser und Herrnstadt des Abweichlertums von der Parteilinie. die sie hinnahmen. Zaisser war nur noch ein Schatten seiner selbst. machte er sich unverzüglich daran. Juni ihn und seinen harten Kurs gerettet. der Eigenmächtigkeit und der Kontakte zu Berija. das bittere Schicksal vieler Gefährten und die Macht der Parteidisziplin. Auf der 35. Rudolf Herrnstadt. in der DDR vorerst alles beim alten zu lassen. mit ihren Wertvorstellungen und Idealen bedeutet. selbst erlebt hat. daß man sich opferte. Warum hatten beide 1953 geschwiegen? Das vermag vielleicht nur der nachzuvollziehen. Eine Chance war vertan.einen neuen Kurs ausprobieren zu sehen. Zu seinen besten Leuten gehörten seine erste Frau Ilse Stöbe und Gerhard Kegel aus der deutschen -74- . Sie wurden aus der Parteiführung ausgeschlossen. die verlangen konnte. Eine Konfrontation mit der Partei hätte einen radikalen Bruch mit ihrem bisherigen Leben. Wie Wilhelm Zaisser auch sollte er sie nicht mehr erleben. seine ärgsten Kritiker in der Parteiführung auszuschalten. und zog es vor. hatte vor dem Zweiten Weltkrieg für die Sowjetische Militäraufklärung gearbeitet und von Warschau aus ein hervorragendes Agentennetz aufgebaut. der die Zeit der Verdrängung unter Stalin. Männer wie Herrnstadt und Zaisser hatten ihre ganze Kraft der revolutionären Bewegung gewidmet. Paradoxerweise hatte der 17. ohne den Zweck in Frage zu stellen.

muß Herrnstadt tödlich getroffen haben. läßt sich vielleicht mit dem Gewissenskonflikt vergleichen. ob er denn klüger sein könne als die Partei. In den Aufzeichnungen. Im Zusammenhang mit Herrnstadts und Zaissers Amtsenthebung hatte Ulbricht harsche Kritik an der Staatssicherheit geübt.Botschaft in Warschau. Auch Ackermann hatte sich der Parteiraison beugen müssen und sich von diesen Gedanken öffentlich distanziert – allerdings ohne dabei Schaden zu nehmen. die beide frühzeitig den bevorstehenden Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion gemeldet hatten. die sowohl soziale Verantwortung empfinden als auch dem Heiligen Stuhl Gehorsam schulden. Daß all das offenbar nichts mehr bedeutete. in dem heutzutage Vertreter der Befreiungstheologie stecken. was wir an der Komintern-Schule gelernt hatten. Auch nach seinem Widerruf blieb er im Politbüro der SED bis 1953. und zugleich zermarterte er sich den Kopf mit der Frage. Das bewirkte eine Untersuchung mit personellen und strukturellen Folgen. die er während seiner »Verbannung« an das Staatsarchiv in Merseburg schrieb. Wie Dimitroff oder Tito war Ackermann der Ansicht. das darin ausgedrückt ist. Anton Ackermann hatte bereits 1946 seine Thesen zu einem »deutschen Weg zum Sozialismus« veröffentlicht. Das Dilemma überzeugter Kommunisten. weist Herrnstadt alle Anschuldigungen der Fraktionsbildung zurück. daß es sinnlos. ja unmöglich sei. das sowjetische System auf andere Länder zu übertragen. als Herrnstadts Name in der DDR nicht genannt werden durfte. Ich hatte darin eine logische Fortsetzung dessen gesehen. ließ ich als kleine Geste des Respekts einen Film über seine Warschauer Residentur für unsere Ausbilder drehen und setzte mich auch für seine Rehabilitierung ein. Noch zu Zeiten. wurde 1949 Staatssekretär im Außenministerium der DDR und 1951 erster Leiter des Außenpolitischen Nachrichtendienstes. Das Ministerium für Staatssicherheit erhielt den Status eines Staatssekretariats und -75- .

während er selbst mit den anderen leitenden Offizieren im Saal saß. dem Willi Stoph vorstand. selbst an die Spitze der Staatssicherheit zu gelangen. die im Krieg in Sabotageaktionen eingemündet war. und als Leiter eines Komintern-Büros in Kopenhagen hatte er im Kampf gegen das Dritte Reich die konspirative Arbeit unter Seeleuten in Gang gesetzt. aus dem er gern erzählte.wurde in das Innenministerium eingegliedert. am liebsten beim Billard. Wollwebers bewegtes Leben hat sogar die Phantasie Reinhard Gehlens beflügelt. Zaissers bisherige Stellvertreter – darunter auch Mielke – hingegen mußten warten. mich neben Stoph und Wollweber am Präsidiumstisch sitzen zu sehen. was ihm -76- . und ich als sein Leiter wurde zum Stellvertreter Wollwebers ernannt und in diesem Amt bestätigt. Seine kritische Distanz zu Ulbricht war mir so wenig verborgen wie sein gespanntes Verhältnis zu Mielke. bis 1933 hatte er als Abgeordneter im Reichstag gesessen. Im Ersten Weltkrieg war er Matrose gewesen. der ein wechselvolles Leben geführt hatte. bis die Parteikontrollkommission sie überprüft hatte. Man kann sich denken. welche Demütigung es für den ehrgeizigen Mielke bedeutet haben muß. Ernst Wollweber. um so mehr aber für die politischen Informationen. kaum zu zügeln vermochte. als die neue Einteilung bekanntgegeben wurde. den ständig ausgehenden Zigarrenstummel im Mund. Wollweber verbrachte die Abende meist in Gesellschaft. In seinen Memoiren erzählt Gehlen. Dienstlich interessierte er sich wenig für operative Details. wo Richard Stahlmann zu seinen bevorzugten Partnern gehörte. war in jeder Hinsicht der denkbar größte Gegensatz zu Mielke. Der kleine dicke Mann marschierte bei solchen Gesprächen auf dem Teppich seines Arbeitszimmers auf und ab. Unser bisher selbständiger Außenpolitischer Nachrichtendienst wurde unter der Bezeichnung Hauptabteilung XV Teil des Staatssekretariats Staatssicherheit. Der neue Mann an der Spitze der Staatssicherheit hieß Ernst Wollweber. der seine Ambition.

Schon damals hatte ich den Eindruck. als dieser noch Staatssekretär der DDR für Schiffahrt war. richtete mein Dienst den Blick nach Westen und dort in erster Linie auf Bonn. daß Wollweber sich eine Zeitlang mit dem Gedanken trug. und er ließ nichts unversucht. was er gegen Matern hätte verwenden können. der unter dem Decknamen Brutus in Wollwebers Umgebung saß. Mielke hatte tatsächlich eine Parteistrafe erhalten. und das sollte er nie vergessen. Sogar die Brände auf den Passagierschiffen Queen Elizabeth und Queen Mary schrieb er Wollweber zu. Zu seinem unendlichen Verdruß fand er nichts. Matern als NaziKollaborateur zu entlarven. als oberstes Ziel die Wiedervereinigung anzustreben. In den 50er Jahren behaupteten beide deutsche Staaten von sich. Während Mielke die Geschehnisse des 17.einer seiner Agenten berichtet hatte. Juni zum Anlaß nahm. daß diese -77- . Das einzige Körnchen Wahrheit an diesen Räuberpistolen ist der Umstand. die Saboteure aus aller Welt ausbilden und Sabotageakte gegen alle westlichen Staaten vorbereiten sollte. Aus Wollwebers buntbewegter Vergangenheit hatte »Brutus« eine weitverzweigte neue »Wollweber-Organisation« gedichtet. der DDR um die Durchsetzung ihrer Identität im Ostblock. ja gar nicht erst keimen zu lassen. doch diese Idee führte zu keinen bemerkenswerten Ergebnissen für den Nachrichtendienst. noch unversöhnlicher und mißtrauischer als bisher »feindlichnegative Kräfte« im eigenen Land zu befehden. Allein der Name Hermann Matern – des Leiters der Kommission – war seit jener Zeit ein rotes Tuch für ihn. Für Mielke war jeder ein potentieller Verräter. Der Bundesrepublik ging es dabei vorrangig um wirtschaftliche Macht. der lebend einem faschistischen Gefängnis oder einem Konzentrationslager entronnen war. in Rostock einen internationalen Seemannsklub zu gründen. daß Matern 1933 nach kurzer Haft von den Nazis entlassen worden war. Sein Verdacht rührte daher.

und wir bildeten keine Ausnahme von dieser Regel. Zehntausende von DDR-Bürgern strömten in jener Zeit über die noch offene Grenze nach West-Berlin und in die Bundesrepublik – nach dem 17. Dennoch war es schwierig und zeitraubend. Allein die Prüfung der politischen Zuverlässigkeit und der charakterlichen Eignung erforderte viel Zeit.Bekenntnisse auf beiden Seiten rhetorischer Natur waren und daß eine tatsächliche Wiedervereinigung in absehbarer Zeit gar nicht durchsetzbar gewesen wäre. Sie beschränkte sich darauf. Als Grund für das Verlassen der DDR mußten sogenannte dunkle Stellen in der eigenen oder der Vergangenheit eines Angehörigen herhalten – Mitgliedschaft in der Waffen-SS oder in der NSDAP – oder negative Äußerungen über die Politik der DDR oder über Ulbrichts Person. Juni 1953 erheblich mehr als zuvor. was man nur falsch machen kann. Unser Dienst lernte indessen seine ersten Lektionen. und bis Ende 1957 hatten fast 500000 Menschen unser Land verlassen. sondern war im Gegenteil erwünscht. standen gut. Als Anfänger muß man immer damit rechnen. Diese jungen und politisch motivierten Menschen legten den Grundstein für unsere späteren Erfolge. doch ihre Chancen. Unsere Leute mußten zwar damit rechnen. -78- . in den Flüchtlingslagern von westlichen Diensten ausgefragt zu werden. alles falsch zu machen. Die Schulung des auserwählten Agenten erfolgte individuell durch den zuständigen Mitarbeiter. mit einer glaubhaften Lebensgeschichte durchzukommen. Im Unterschied zu unseren Mitarbeitern in der Zentrale störte uns hier eventuelle Verwandtschaft im Westen nicht. in diesem Flüchtlingsstrom ausgewählte Männer und Frauen mitschwimmen zu lassen. Es war nicht schwierig. solche Kandidaten für die Übersiedlung in die Bundesrepub lik ausfindig zu machen. denn sie konnte die Glaubwürdigkeit unserer Leute »drüben« nur erhärten.

alles aufs Spiel zu setzen. Für angeworbene Studenten und Wissenschaftler suchten und fanden wir manchmal auf Umwegen Plätze in den für uns relevanten Einrichtungen wie den Kernforschungszentren in Jülich. Karlsruhe und Hamburg. um uns genauer über den Stand der westdeutschen Wiederaufrüstung zu informieren. den ich im Frühjahr 1952 noch zusammen mit Gustav Szinda anwarb. Wieviel leichter hatten es da die westlichen Dienste in Ost-Berlin! Wie Ernst Reuter es so richtig ausdrückte. Die Möglichkeiten. um die Einbürgerungsphase unauffällig hinter sich zu bringen. mußten wir uns mit einem Häuflein Idealisten zufriedengeben. Als -79- . Manche unserer Männer drangen in Geheimhaltungsposten vor. daß sie künftig mit Rüstungsprojekten befaßt sein könnten. Von nicht geringerem Interesse waren Beziehungen zu den deutschen Wissenschaftlern in den USA um Wernher von Braun. bildete West-Berlin einen »Stachel im Fleisch der DDR«. weil wir argwöhnten. die nichts mitbrachten als ihre Bereitschaft. Auch die Verbindungen zwischen den Wissenschaftlern beider deutscher Staaten suchten wir zu nutzen. bei Siemens und IBM und in den Nachfolgeunternehmen des IG-Farben-Konzerns. Auch scheinbar noch unbedeutende Betriebe wie Messerschmitt und Bölkow ließen wir nicht außer acht. Weit schwieriger war es. Während der Westen aus dem Vollen schöpfen konnte. Meist mußten unsere Leute anfangs Tätigkeiten mit einfacher körperlicher Arbeit auf sich nehmen. andere in hochdotierte Wirtschaftspositionen. und deshalb waren uns Kandidaten mit handwerklicher Qualifikation und mit Berufspraxis am liebsten. Mein erster Übersiedlungskandidat war »Felix«. unsere Übersiedler in Bonn und an anderen Orten in die politischen und militärischen Zentren einzuschleusen.daß die elementarsten Regeln der Konspiration und das uns bekannte Wissen über die entsprechende Aufgabe vermittelt wurden. Leute dort zur Zusammenarbeit zu motivieren. waren äußerst begrenzt.

ließ »Felix« sich zunächst in Köln nieder. »Norma« wurde von uns nicht angeworben und lieferte auch keine Geheiminformationen. Er sollte nach einem Vortreff in Nähe des Bahnhofs an den Eibbrücken einen Mann treffen. Oft sind es gerade die anfangs zurückhaltenden Erscheinungen. daß es so gut wie aussichtslos war. weckte das in uns den Gedanken. Deshalb gab er beim Vortreff das vereinbarte Warnzeichen. Da er jedoch als Vertreter häufig in Bonn zu tun hatte. der sich als zunehmend kaltblütig erwies. Jeder von uns wußte. Als Vertreter einer Firma. den er für seinen ersten Ernstfall hielt. die sich einfach nicht abschütteln ließen. Seine Aufgabe war es. sich diesem streng bewachten Objekt nähern zu wollen nicht umsonst hatte unsere zuständige Abteilung bisher völlig versagt. für einen Übungseinsatz. er hatte sie nur aus Berechnung -80- . zu dessen Leiter Globke vor kurzem aufgestiegen war. der ihm Material übergeben würde. worauf das eigentliche Treffen nicht mehr stattfand. Als wir sein Verhalten analysierten. Sie war keine Schönheit. was sie »Felix« erzählte. aber das. die wahren Mut besitzen und sich in der Gefahr bewähren. Trotzdem wurde »Felix« zu einem unserer besten Agenten. Auf diese ausgesprochen schlichte Weise lernte er die Frau kennen. die Frisiersalons einrichtete. während Draufgänger in brenzligen Situationen die Courage verlieren oder durch Tollkühnheit alles verderben. sich dort dem Bundesamt für Verfassungsschutz zu nähern. »Felix« mischte sich unter die Wartenden der nächstgelegenen Bushaltestelle und vertraute auf seinen Charme. ermöglichte uns ein systematischeres Vorgehen als bisher. Seit er den Zug verlassen hatte. ihn das Bundeskanzleramt auskundschaften zu lassen. merkten wir.erstes schickten wir ihn nach Hamburg. daß er vor Aufregung jeden Mann in einem der damals verbreiteten Staubmäntel für einen Verfolger gehalten hatte. sah er sich von den immer gleichen Männern beschattet. die unsere erste Quelle im Bundeskanzleramt werden sollte und die wir Norma nannten.

So gesehen. und er fühlte sich auch für ihren Sohn verantwortlich. Er hatte im Zweiten Weltkrieg in die Schweiz flüchten können und war Gerüchten zufolge von dort aus in Kontakt zum Widerstand in Deutschland. denn eine Routineüberprüfung wäre nicht zu umgehen gewesen. um interessante Verbindungen anzubahnen. doch mit der Zeit wurden beide ein Liebespaar und zogen zusammen. wurde mir klar. Dr. wie eng die Bindung zwischen ihm und »Norma« geworden war. war dies mein erster Romeo-Fall mit tragischem Ausgang. sie nachzuholen zu versuchen. und so ein Risiko konnten wir nicht eingehen. wie dem Altkanzler der Weimarer Republik. aber auch zu Geheimdiensten der UdSSR und der westlichen Alliierten getreten. Einige Jahre später erfuhren wir durch eine andere Quelle.angesprochen. Dennoch erklärte er von sich aus. die über sogenannte Westabteilungen verfügten.und West-OstKontakten. die aus den unterschiedlichsten Motiven mit Adenauers Politik nicht einverstanden waren. daß der Verfassungsschutz sich für »Normas« Lebensgefährten interessierte. Ähnlich wie im politischen Bereich ergaben sich auch auf wirtschaftlichem und wissenscha ftlichem Gebiet Kontakte. So entstanden politische Beziehungen zu Personen. In kurzer Zeit etablierten wir in Parteien und Organisationen der DDR. wo gerade die strengen -81- . besonders auf der Leipziger Messe. Gesamtdeutsche Begegnungen und Veranstaltungen waren ideale Schauplätze. daß es keinen Sinn habe. und wir zogen »Felix« ab. Eine Heirat war selbstverständlich ausgeschlossen. Ein Leben in der DDR war für sie nicht vorstellbar. veritable legale Residenturen – häufig mit der Westabteilung identisch. Joseph Wirth. Neben diesen Übersiedlungsaktionen versprachen wir uns größere Erfolge von den vielfältigen Ost-West. Erst als ich ihm in Berlin gegenübersaß.

Steinrücke anzuwerben. Der Bruder seiner Frau war Adenauers Schwiegersohn. Fotos ihrer Kinder zierten die Wände der kleinen Villa. Schon während des Essens freundeten wir uns an. der einflußreichste Würdenträger der katholischen Kirche im Deutschland jener Zeit. dem Chef der bundesdeutschen Luftwaffe. der im Stahlgroßhandel der Bundesrepublik tätig war. die ich Steinrücke als mein Domizil präsentierte. daß meine Ohren glühten. war ein Onkel seiner Frau. seine Eskapaden ohne allzuviel Aufsehen auszubügeln. und enge Beziehungen verbanden ihre Familie mit den Bankiers Abs und Pferdmenges.Restriktionen vertrauliche Verhandlungen und illegale Transaktionen im sogenannten Interzonenhandel zum Erblühen brachten. Unsere Verbindung hielt mehrere Jahre an. als ich das hörte. waren die Gespräche mit ihm sehr ergiebig. und abends tranken wir Brüderschaft. Keiner der Anwesenden schien sich darüber zu wundern – im Unterschied zu mir waren sie Steinrückes exzentrische Art offenbar gewohnt. Doch damit nicht genug: Kardinal Frings. Ich hatte mir eigens einen fiktiven Familienhintergrund ausgedacht: Eine Ansagerin des DDR-Fernsehens fungierte als meine Ehefrau. Mit dem Ruf eines Homosexuellen mit unkonventionellem Lebensstil war Steinrücke das schwarze Schaf seiner Familie. Man kann sich vorstellen. denn Steinrücke war Berater des Lockheed-Konzerns und unterhielt gute Beziehungen zu General Steinhoff. Ich gab mich als General aus. Auf diese Weise lernte ich Christian Steinrücke kennen. Obwohl unser Kontakt nie so eng wurde. Völlig überraschend stellte er mich am nächsten Vormittag bei einer internen Beratung der westdeutschen Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl als seinen Mitarbeiter vor. und er wußte über Franz -82- . im Verteidigungsministerium unter Willi Stoph tätig. daß ich es gewagt hätte zu versuchen. der Tochter eines der mächtigsten Männer des deutschen Großkapitals. Er war mit einer geborenen Werhahn verheiratet. die stets bemüht war.

daß es in Bauers Geschäften mit und in der DDR möglicherweise zu Unregelmäßigkeiten gekommen war. daß ich es mit einem gewieften Burschen zu tun hatte. dem Vorläufer der CIA. der offiziell im Lausitzer Braunkohlerevier Stearin in Form von Kerzenbruch billig aufkaufte. in Erinnerung war. Besonderes Interesse an Bauer hatte ich wegen dessen enger Beziehung zu Dr. daß er in Wahrheit für seinen alten Dienstherrn in der Lausitz nach dem Rechten sehen sollte. daß Bauer ihn sich vorgeknöpft haben mußte. glaubte ich. Bewaffnet mit diesem Wissen und mit dem Verdacht. konnte nicht die Rede sein. dem damaligen Eigentümer der Lausitzer Braunkohle. war meine Schuld. eine hohe Stellung innegehabt hatte. der für einen Grünschnabel wie mich einige Nummern zu groß war. der mir vom Nürnberger Prozeß noch gut als Verbindungsmann des bürgerlichen deutschen Widerstands gegen Hitler zum amerikanischen Geheimdienst OSS. Gisevius. war mir klar. das ihn an der Seite Adenauers im Präsidium eines Kirchentags zeigte. Als Steinrücke dem nächsten mit mir vereinbarten Treffen fernblieb. Zum von Steinrücke eingefädelten Treffen erschien ein kleiner. einen scheinbar unbedeutenden Geschäftsmann. Ein Foto. als er mir gegenüber andeutete. Davon. Über Steinrücke hatte ich Dr. Sehr schnell mußte ich mir eingestehen. gar unter Druck zu setzen. lag der Verdacht nahe.Josef Strauß' Rolle im Starfighter-Skandal zweifellos mehr. Da er vor 1945 im Flickkonzern. Ich vermutete deshalb in Bauer einen Verbindungsmann zum USGeheimdienst. rundlicher Mann in einem Anzug. einen Frontalangriff wagen zu können. der im Interzonenhandel tätig war. der genauso unscheinbar wirkte wie seine abgegriffene Aktentasche. Tatsächlich hatten Beamte des amerikanischen -83- . paßte ebenfalls wenig zum Bild des kleinen Händlers. Walter Bauer kennengelernt. ihn einzuschüchtern. Daß unser Kontakt abbrach.

Er war nicht nur ein engagierter Befürworter der Wiedervereinigung und Gegner der Anbindung Bonns an Washington. ihn über meine wahre Identität aufgeklärt und ihn vor mir gewarnt. Bei einem anderen Kontakt hätte mir wahrscheinlich auch mehr Geduld nicht mehr Erfolg bescheren können. Durch mein unbedachtes Vorpreschen gegenüber Bauer hatte ich den wertvollen Kontakt zu meinem ahnungslosen Informanten Steinrücke ohne Not zerstört. Sobald Gewinne erwirtschaftet würden. einem Anhänger und guten Bekannten Joseph Wirths. Wesentlich mehr Glück hatte ich bei Dr. Schmerzlich sollte ich daran zurückdenken. das ihm – und damit uns – den Zugang zu sämtlichen Ministerien und deren Mitarbeitern ermöglichte. wäre mein Dienst entsprechend der Höhe unserer Einlage in bester kapitalistischer Manier daran beteiligt gewesen.Geheimdienstes ihn einer hochnotpeinlichen Befragung unterzogen. Doch dazu sollte es leider nie -84- . Carl Hundhausen. mich als vermeintlichen Regierungsvertreter der DDR für die Ziele der Krupp-Stiftung einzuspannen. lernte ich auf der Leipziger Messe kennen. und keineswegs vorhatte. daß er nicht abgeneigt war. Wiedemann sollte in Bonn mit finanzieller Starthilfe unsererseits ein »Büro Wirtschaftshilfe für Festbesoldete« eröffnen. sich von mir für meine Zwecke einspannen zu lassen. die Bonner Regierung kritisierte er offen ob ihrer restriktiven Haltung im Interzonenhandel. als Mitte der 70er Jahre in Zusammenhang mit der Starfighter-Affäre immer wieder der Name Steinrücke fiel. daß er beabsichtigte. Bei der Erörterung politischer Fragen zeigte er sich aufgeschlossen. ein Vorstandsmitglied des Krupp-Konzerns. doch ich mußte begreifen. sondern ließ mich auch bald diskret merken. ein konkretes Angebot unterbreitet zu bekommen. Wir setzten einen Vertrag auf. Heinrich Wiedemann.

weil Wiedemanns Büro nichts abwarf. Unterdessen warben wir mit Wiedemanns Hilfe seine Lebensgefährtin an. Das stachelte unseren Ehrgeiz an: Im Geiste sahen wir das Büro bereits als Dach einer illegalen Residentur. damit er wichtige Gespräche aufnehmen konnte. Nachrichtendienstlich sah die Sache besser aus. machte sich bezahlt. Rudolf Kriele. statt dessen mußten wir im Lauf der Zeit die Kosten allein aufbringen. und wir befürchteten. Bearbeitung und Weiterleitung größerer Mengen von Informationen vertraut. Ein Mitarbeiter aus unserer Zentrale setzte sich in den Westen ab. trank mit unserem Mann beste Rheinweine und erzählte ihm so manche Interna. den Residenten aus Wiedemanns Büro umgehend abzuziehen. Den zum Residenten ausersehenen Kandidaten machten wir mit den einschlägigen Techniken für Entgegennahme. Die Einschleusung unseres Residenten dauerte mehrere Monate. außerdem wurde er für besagte Krisenmomente am Funkgerät und am Schnellgeber ausgebildet und in Abhörtechnik unterwiesen. damit er nicht verraten werden konnte. -85- . bis die Finanzbehörden mißtrauisch werden und am Ende gar die Spionageabwehr informieren würden. daß es nur noch eine Frage der Zeit sein konnte.kommen. als Drehscheibe in Krisensituationen. und wir sahen uns genötigt. Der hochkarätige Geheimnisträger verkehrte ahnungslos in unserem Büro. als Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt für Verteidigungspolitik und Militärbündnisse zuständig. daß das Mißverhältnis zwischen Kosten und Ertrag des Büros immer krasser wurde. die wir unter dem Decknamen Iris auf die Gehaltsliste des Büros setzten. wenn andere Verbindungskanäle zu riskant gewesen wären. Vor allem Wiedemanns Freundschaft mit Dr. Inzwischen stellten wir besorgt fest. Die Entscheidung über die Zukunft der »Wirtschaftshilfe für Festbesoldete« wurde uns unversehens aus der Hand genommen.

Das Gerichtsverfahren gegen Wiedemann. Lydia. Als Beruf hatte sie freie Journalistin angegeben. 1951 war sie auf der Fahrt zur Leipziger Messe verhaftet und wegen DDRfeindlicher Tätigkeit zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. deren selbstbewußte Ausstrahlung durch die Häftlingskleidung nicht gemindert war. Immerhin rückte »Iris« dort mit seiner Protektion bis zur Ministersekretärin auf und arbeitete bei den Ministern Lenz. und machte aus ihrer antikommunistischen Einstellung kein Hehl. Wir verdankten ihr detaillierte Informationen über Kabinettssitzungen und Forschungsprojekte. machten wir zuerst lange Gesichter. sich nach ihrer Entlassung mit unserem Abgesandten an der Warschauer Brücke in OstBerlin zu treffen. so lautete unser Deckname für Susanne Sievers. das sie erdulden mußte. Stoltenberg und Leussink.Als Trostpreis blieb uns »Iris« erhalten. bis sie 1970 enttarnt und verhaftet wurde.und Gesundheitsgründen eingestellt. der »Iris« angeworben hatte. Sie beschwerte sich massiv über das Unrecht. Als Kriele aus dem Bundeskanzleramt als Ministerialdirektor in das Ministerium für Wissenschaft und Bildung versetzt wurde. als wir vor einer Amnestie die Liste der zur Entlassung vorgesehenen Häftlinge durchsahen. Trotzdem war sie bereit. Bevor sie von ihrer bevorstehenden Entlassung erfuhr. suchte einer unserer Mitarbeiter sie im Gefängnis auf. in der sie eine Art -86- . Zu seiner Überraschung sah er sich einer großen. richtete in Bonn eine gastliche Wohnung ein. und das machte meine Leute neugierig. die unsere Arbeit auf dem Gebiet der wissenschaftlichtechnischen Aufklärung beträchtlich erleichterten. schlanken Frau von Mitte Dreißig gegenüber. Neben Dr. wurde aus Alters. Wiedemanns Büro ließ sich im Bonn der 50er Jahre der Salon einer Dame recht vielversprechend an. für uns zu arbeiten. Bei dieser zweiten Begegnung erklärte sie sich bereit. Susanne Sievers – so hieß sie – war uns aufgefallen.

was sie dazu bewogen haben kann. darunter Franz Josef Strauß und Willy Brandt. Durch sie erfuhren wir. aber das war nie der Fall. mehr nicht. und führte einen regelrechten Kreuzzug gegen jeden Politiker der Bundesrepublik. daß Susanne Sievers in den 60er -87- . aber über Verlauf und Ausgang dieses Gesprächs konnte ich mich erst Jahrzehnte später bei der Lektüre von Willy Brandts Memoiren informieren. sondern ein nüchtern denkender Pragmatiker. mit dem Susanne Sievers vor ihrer verhängnisvollen Reise zur Leipziger Messe eine leidenschaftliche Affäre gehabt hatte. Zeichneten sich da etwa erste Schritte zu einer großen Koalition zwischen CDU und SPD ab? Wir waren mehr als gespannt. König von Ungarn zu werden. hätte sie versucht. Ich habe mich oft gefragt. der auch nur entfernt im Verdacht stand. Wäre sie eine Doppelagentin gewesen. Die finanzielle Entschädigung reichte aus. denn es fand nach dem Mauerbau im Sommer 1961 statt. als sie uns Anfang der 60er Jahre ankündigte. den er vor der Öffentlichkeit abgab. Später fanden wir heraus. Dank »Lydia« waren wir auch über die Organisation »Rettet die Freiheit« bestens informiert. und von diesem Zeitpunkt an hatte Susanne Sievers jeden Kontakt zu uns abgebrochen. »Lydias« große Stunde schien gekommen. Einzelheiten über unseren Dienst in Erfahrung zu bringen. daß Strauß nicht zu jeder Stunde der fanatische Sozialistenfresser war. damals ein junger Protege Adenauers. an deren Spitze Rainer Barzel stand. Diese Organisation zog die Fäden auf einem extrem rechten Flügel der Politik. sie unterstützte Otto von Habsburg in seinem Vorhaben. trotz ihrer Ablehnung der DDR und trotz des Gefängnisaufenthalts regelmäßig zu konspirativen Treffen zu kommen und zuverlässig Informationen für uns zu sammeln. kein Rechter zu sein. Brandt und Strauß hätten sich zu einem Gespräch unter vier Auge n in ihrer Wohnung verabredet. um ihre Unkosten zu decken. wo Abgeordnete und Politiker sich zwanglos einfanden.Salon führte.

für Anlässe wie diesen benötige man unbedingt eine malina. der diese Apparatur bediente. und ich erklärte meinen Mitarbeitern. daß ihr Vorgesetzter für 1968 beim Leiter des Strategischen Dienstes 96000 DM für sie angefordert hatte – ein kleiner Fisch kann sie also nicht gewesen sein -. Manila. oben unter der Dachschräge ein winziges Schlafzimmer mit in die Deckenbeleuchtung eingebautem Fotoapparat samt Blitzlicht hinter infraroten Scheiben. Wir sollten also ein Bordell fingieren. Dennoch bescherte die Konferenz den versammelten Nachrichtendiensten aus aller Welt eine Zeit hektischer Betriebsamkeit. Die Berliner Außenministerkonferenz der Siegermächte im Januar 1954 unterschied sich von den vorangegangenen Treffen nur dadurch. In aller Eile richteten wir ein Häuschen im Berliner Vorort Rauchfangswerder als Liebesnest her: unten das Wohnzimmer mit Seeblick und von uns installierter Abhörvorrichtung. Der Dolmetscher stutzte. und Gerüchten zufolge soll sie bei Beendigung der Zusammenarbeit vom BND eine Abfindung von 300000 DM erhalten haben. noch nicht ganz flügge.Jahren zum Bundesnachrichtendienst übergewechselt und in Hongkong. wenn -88- . daß das russische Wort für Himbeere im Ganovenjargon eben auch ein Puff bezeichne. Unser eigener Apparat. und unsere sowjetischen Berater geizten nicht mit Ratschlägen. Der Bedauernswerte. Jakarta und Singapur eingesetzt worden war. mußte sich in ein enges Verlies von einem Wandschrank zwängen und konnte sich erst bewegen. Auf einer Besprechung belehrte uns ein eigens aus Moskau angereister Offizier. Das war leichter gesagt als getan. um dort Konferenzteilnehmer auszuhorchen und zu kontaktieren. Jeder kannte die Karten des anderen. ein Bluff war ausgeschlossen. Tokio. daß ihr erfolgloser Ausgang von vornherein feststand. Aus BND-Akten erfuhren wir. denn in diesem Zweig des Spionagegewerbes hatten wir nicht die geringste Erfahrung. war auf ein solches Ereignis nur unzulänglich vorbereitet.

Wenn ich nicht irre. die er anschleppte. dem sozialistischen Vaterland einen Gefallen zu tun und sich ein bißchen Geld dazuzuverdienen. Stahlmann unter die Augen kamen. In einem Cafe engagierte er ein paar attraktive und abenteuerlustige Mädchen. Anfangs waren wir so blauäugig. Am letzten Tag endlich erschien einer unserer Mitarbeiter mit einem westdeutschen Journalisten. aber kein Gast ließ sich blicken. so daß der Malina-Chef und nicht der Gast das Aphrodisiakum zu sich nahm. Schließlich richtete er sich zur Nacht auf zwei aneinandergeschobenen Sesseln ein und bewachte den Schlaf unseres auf dem Sofa entschlummerten Leiters. die nicht abgeneigt waren. schien nicht abgeneigt. bemerkte dieser nur lakonisch: »Die würden nicht mal für eine Mark einen Freier kriegen« und machte sich selbst auf die Suche. Er wußte. und machte ein -89- . Am nächsten Morgen hatte unser Gast als einziger einen klaren Kopf. uns mit Informationen zu versorgen. wo er sich mit der Haushälterin unterhielt. Unser Team rotierte. Als nächstes galt es.Dame und Begleiter das Schlafzimmer verlassen hatten. zog er sich gelangweilt in die Küche zurück. Als Dessert gab es beschlagnahmte Pornofilme. was wir von ihm wollten. Der Gast reparierte zuerst den Vorführapparat. geeignete Damen zu finden. Für die Damen zeigte er nicht das geringste Interesse. die Damen setzten sich in Positur. den ehemaligen Chef der Berliner Sittenpolizei um Hilfe zu bitten. hieß er Jansen. im Pressezentrum oder in Lokalen Kontakte anknüpfen und die Kandidaten zu einem zwanglosen Abend mit Damenbegleitung einladen. unser Team wartete ungeduldig. doch als die Prostituierten aus dem Scheunenviertel. Beim Aperitif wurden zwei Gläser verwechselt. Die Konferenz begann. Inoffizielle Mitarbeiter unseres Dienstes sollten nach WestBerlin ausschwärmen. Speisen und Getränke wurden aufgetischt. und während unsere Leute wie gebannt auf die Leinwand starrten. vom Sittenexperten beigesteuert.

denen es gelang. gewiefter Journalist. daß sie nichts zu bieten hatten und uns nur wie kleine -90- . erwies sich als überaus williger und diensteifriger Agent. ein windiger. als wir abgehörte Gespräche der Brüder auswerteten und begriffen. unserem Dienst. Gut erinnere ich mich an den FDPBundestagsabgeordneten Artur Stegner und seinen Bruder Herbert.weiteres Treffen aus. weiten Welt um die Nase wehen zu lassen. sich eine Vielzahl von Quellen zu schaffen und im Umgang mit ihnen Fingerspitzengefühl walten zu lassen. inzwischen Chefredakteur der Quick. Van Nouhuys. habe ich nie herausgefunden. in West-Berlin nahezu alle wichtigen Leute zu kennen. aber brauchbare Kontakte wurden so nicht geknüpft. hielten unseren Überprüfungen stand. Internationale Tagungen und Olympische Spiele boten lediglich unseren Mitarbeitern Gelegenheit. sollte sich bei ähnlichen Anlässen wiederholen – die. Bauer und der Mißerfolg unseres Etablissements in Rauchfangswerder hatten mir eindrücklich vor Augen geführt. daß Aufwand und Ergebnis in keinerlei vernünftigem Verhältnis standen. Zu diesem Treffen erschien statt seiner ein anderer Journalist. In den 70er Jahren bestätigte sich mein ursprünglicher Verdacht: van Nouhuys. die wir mit unserer malina gemacht hatten. Nicht daß Fingerspitzengefühl immer die starke Seite unserer Mitarbeiter gewesen wäre. Die Erfahrung. daß es unverzichtbar war. sich den Wind der großen. Der fehlgeschlagene Anwerbeversuch mit Dr. Die Informationen. die er lieferte. der sich als Redakteur des Spiegel ausgab. ein gewisser Heinz Losecaat van Nouhuys. für den sie sich hatten anwerben lassen. oder ob von Anfang an ein westlicher Geheimdienst dahintersteckte. glänzende Zukunftsaussichten Arturs als Vizekanzler einer CDU/FDP-Koalition vorzugaukeln und uns geschickt das Geld aus der Tasche zu ziehen. Sein Eifer stimmte mich mißtrauisch. Er behauptete. Die Ernüchterung kam. Deckname Nante. Ob die beiden den Tausch auf eigene Faust vollzogen haben. wurde vom Stern entlarvt.

die von rechts. brachen wir den Kontakt erleichtert ab. mitanzuhören. der unter den Nazis inhaftiert gewesen war und zum Kreis der Verschwörer des 20. Größeren Gewinn brachte die Beziehung zu Dr.und Forstwirtschaft entstanden. Militärs. und 1950 gründete er mit Billigung und Unterstützung Viewegs die DSP – Deutsche Soziale Partei -. einem der Mitbegründer der CDU. ehemalige NSBauernfunktionäre und Kommunisten. Leider sahen wir uns bald gezwungen. um sein Mißfallen an Adenauers Deutschlandpolitik zu demonstrieren. Als Artur Stegner 1957 nicht wiedergewählt wurde. eine neue Partei ins Leben zu rufen. und aufgrund dieses Treffens prompt aus der CDU ausgeschlossen worden war. diesen wertvollen Informanten zum Übertritt in die DDR zu bewegen. daß sein persönlicher Mitarbeiter mit hoher Wahrscheinlichkeit für den britischen Geheimdienst arbeitete. Seine Verbindung zu Kurt Vieweg. wie sie die Intelligenzbestie – gemeint war ich – übers Ohr zu hauen gedachten – was der Unverfrorenheit die Krone aufsetzte. nachdem Gereke sich 1950 mit Ulbricht getroffen hatte. Nach dem Ausschluß aus der CDU unternahm Gereke mehrere Versuche. Juli gehört hatte. In konspirative Bahnen wurde sie gelenkt. war die Gemütsruhe. Wir beschlossen. gute Miene zum bösen Spiel zu machen und -91- . Günther Gereke. So wenig schmeichelhaft es war. dem Sekretär des Zentralkomitees der SED. aber auch von links her in Opposition zu Adenauers Politik standen – Nationalisten.Gauner ausnehmen wollten. Nach dem Krieg war er als Gutsbesitzer in der sowjetischen Besatzungszone enteignet worden und hatte sich in der britischen Zone zum stellvertretenden Regierungschef des Landes Niedersachsen hochgearbeitet. war über den von Vieweg geleiteten gesamtdeutschen Arbeitskreis der Land. mit der sie in unserer Villa in Rauchfangswerder Teile des Silberbestecks in ihren geräumigen Aktentaschen mitgehen ließen. denn wir erfuhren. Sammelbecken für Kräfte.

Ich sträubte mich mit Händen und Füßen. und dabei stieß man auf eine Quelle namens »Timm«. die er weder kannte noch gutheißen dürfte. der eine steile Karriere vor sich hatte. Schmidt-Wittmack stammte aus einer gutbürgerlichen Familie und war gewiß kein Linker. auf der mein Mann obendrein Thesen vertreten sollte.Gereke auf einer Pressekonferenz als Überläufer aus Gewissensgründen zu präsentieren. nur um eine Pressekonferenz zu veranstalten. doch er wiederholte -92- . Als ich aus dem Urlaub zurückkehrte. als mir lieb sein konnte. Ich bestürmte Wollweber. wie man der Bundesrepublik möglichst publikumswirksam den Beitritt zu einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft erschweren könnte. arbeitete er für uns. Mitglied der Parlamentsausschüsse für Fragen der europäischen Sicherheit. besonders über die Haltung der Bundesrepublik zu einem amerikanisch dominierten Militärbünd nis. »Timm« sei unverzüglich in die DDR zu bringen. wie ich wenig später erkennen mußte. fand ich Wollwebers Weisung vor. SchmidtWittmacks Informationen über geheime Ausschußsitzungen waren von unschätzbarem Wert. und seit wir die Verbindung zu ihm wieder aufgenommen hatten. Hinter diesem Decknamen verbarg sich der CDUBundestagsabgeordnete Karlfranz Schmidt-Wittmack. Auf Weisung Wollwebers wurden meine Unterlagen durchforstet. Dennoch hatte er für die Parteiaufklärung der KPD gearbeitet. meine Spitzenquelle in der CDU zu opfern. für gesamtdeutsche und Berliner Fragen. Er gehörte zu jenen Patrioten. überlegte man in Berlin. denen Adenauers Politik eine Wiedervereinigung unmöglich erscheinen ließ und die seine Aufrüstungspläne ablehnten. Während ich im Sommer 1954 nichtsahnend am Schwarzen Meer Urlaub machte. Bei unserer politischen Führung fand Gerekes öffentlicher Auftritt großen Anklang – mehr Anklang. ein Mann.

Ich war mit meinem Latein am Ende. ihn zu verhaften. sich in die DDR abzusetzen. Das war schon besser. in der ich mit dem Doppelagenten »Merkur« gesprochen hatte – blieb die Atmosphäre reserviert bis frostig. Ich behauptete. und ich griff zu einer daraus abgeleiteten Notlüge. und bei unserer ersten Begegnung – in derselben Villa.nur. das Bundesamt für Verfassungsschutz sei auf Schmidt-Wittmack aufmerksam geworden und beabsichtige. Was ich als Argumente für einen Übertritt vorbrachte. Wir kannten uns nicht persönlich. als zu überlegen. er sei einverstanden. da fiel mir Gerekes Fall ein. sei es ebenfalls. die mit den zwei Kindern nichtsahnend in Hamburg saß. es sei alles beschlossene Sache. Mir blieb nichts anderes übrig. seine Frau. und nach kurzer Bedenkzeit sagte er. überzeugte mein Gegenüber ganz und gar nicht. vorausgesetzt. den ein Kurier nach -93- . Karlfranz Schmidt-Wittmack 1954 Er schrieb einen Brief an seine Frau. wie ich Schmidt-Wittmack dazu überreden wollte.

der einen VorruhestandsFunktionärsposten in der Nationaldemokratischen Partei erhalten hatte. konnte sich ein Leben in der DDR aber ebensowenig vorstellen wie ein Leben auf dem Mond. Am 26. die seinen öffentlichen Verlautbarungen widersprachen. die Abwesenheit der Familie für einige Tage abzudecken und den wichtigsten persönlichen Besitz unauffällig zu überführen. selbständiger Handwerker und Kleinunternehmer. sondern im Gegenteil von Amts wegen dafür -94- . Inzwischen waren wir uns mens chlich nähergekommen. Sein Los war zumindest rosiger als das Gerekes. Schulferien und Parlamentspause in Bonn halfen uns. die ihn wenigstens teilweise für das entschädigte. Seine Enthüllungen besagten. was er hatte aufgeben müssen. daß Adenauer den Bundestag in wesentlichen Fragen der Außenpolitik und der Aufrüstung hintergehe und Entscheidungen treffe. daß nämlich ein Mobilmachungsplan für die Aufstellung eines bundesdeutschen Kontingents von vierundzwanzig Divisionen auf geheimen Sonderkonferenzen beschlossen worden sei. und kurz darauf stand sie mitsamt den Kindern vor der Tür unserer konspirativen Villa. vor der Alternative Gefängnis für ihren Mann im Westen oder Haus am See in der DDR entschied sie sich für das geringere Übel. die uns der sowjetische Geheimdienst hatte zukommen lassen. Die Verhandlungen mit ihr gestalteten sich auf andere Weise schwierig als die mit ihrem Mann. Außerdem verkündete er eine Information. Zu guter Letzt siegte ihr weiblicher Pragmatismus. Sie wußte zwar um seine geheimdienstliche Tätigkeit. August 1954 trat Schmidt-Wittmack in Ost-Berlin vor die Presse.Hamburg brachte. Der spektakulärste Übertritt jene r Jahre fand allerdings ohne unser Zutun statt. und mit Anteilnahme verfolgte ich Schmidt-Wittmacks weiteren Lebensweg. einem Sammelbecken ehemaliger Soldaten. und der Überläufer war nicht für uns tätig gewesen. Als Vizepräsident der Kammer für Außenhandel hatte er eine Funktion inne.

Otto John als Beispiel führte er die Praxis des Amtes Blank und der -95- . und beschuldigte die Bundesregierung. Juli 1954 verschwand Dr. sich durch Adenauer als »Werkzeug der amerikanischen Politik in Europa« mißbrauchen zu lassen und innenpolitisch alte Nazis zu schützen. Wolfgang Wohlgemuth. Es hatte den Anschein. er sei politisch unabhängig. in der dieser das Gegenteil versicherte. übertrug der DDR-Rundfunk eine Ansprache Johns. Auf einer kurz darauf anberaumten Pressekonferenz wiederholte John. Am 20. Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. John könne »das Bundesgebiet nicht freiwillig verlassen« haben. daß beide mit Wohlgemuths Auto nach OstBerlin gefahren waren. Otto John. Kaum hatte die Bundesregierung am Abend des 23. Johns letzte Spur führte zu dem mit ihm bekannten Arzt Dr. ehemalige Widerstandskämpfer hingegen zu benachteiligen. unsere Quellen aufzuspüren und zu enttarnen. Juli erklärt.zuständig gewesen. nach einer Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag des mißglückten Attentats auf Hitler in West-Berlin.

abgefangen und unterdrückt wurden.Organisation Gehlen an. fraglos als Aufpasser. glaubwürdig erscheinen. die ich 1990 einsehen konnte. einstige SD. die er für seinen Übertritt vorbrachte. Er hatte als überzeugter Gegner des NS-Regimes zu den Verschwörern gegen Hitler gehört und hatte im Auftrag Stauffenbergs versucht. während er dem Bundesamt für Verfassungsschutz die kalte Schulter zeigte. Vor dem Hintergrund all dessen erschien ein Übertritt Johns in die DDR als nur zu verständlich. Heute vermutet er. von Rundstedt und von Manstein ausgesagt. Kontakte zu Eisenhower und Churchill herzustellen. Als ausgemachte Brüskierung mußte John es empfinden. Daß er statt dessen zum Präsidenten der Verfassungsschutzbehörde ernannt wurde. daß seine Botschaften beim britischen Geheimdienst von Kim Philby. und aus dem. Aus Akten. was John selbst mir bei mehreren Begegnungen 1992. Dieser öffentliche Auftritt schlug in beiden Teilen Deutschlands wie die sprichwörtliche Bombe ein und stürzte den westdeutschen Verfassungsschutz in eine schwere Krise. und danach -96- . Besonders Globke hatte von Anfang an die Organisation Gehlen favorisiert. scheiterte am Korpsgeist der politisch eindeutig vorbelasteten Ribbentrop-Clique in der Bundesrepublik. dem KGB-Maulwurf. die in der britischen Zone ihren Sitz hatte. mit Sonderrechten versehen und unverhüllt protegiert. Den tragischen Ausgang des Attentats am 20. paßte Adenauer und dessen Staatssekretär Globke wiederum nicht. Johns politische Vergangenheit ließ die Gründe. daß man ihm den vormaligen Vizepräsidenten der Organisation Gehlen in sein Amt gesetzt hatte. wo Sefton Delmer ihn mit Propagandasendungen betraute.und SS-Chargen in führender Stellung zu beschäftigen. wie sie ihm vorschwebte. Eine diplomatische Karriere. Bei den Nürnberger Prozessen hatte John gegen die Feldmarschälle von Brauchitsch. Juli 1944 hatte er miterlebt und war über Madrid und Lissabon nach England geflüchtet.

als Überläufer aufzutreten. dort Eindruck zu schinden. überreichte. den ihr die Sowjets unversehens präsentierten. Er verließ eine Veranstaltung der Humboldt-Universität. daß John sich nach mehreren Gesprächen bereit erklärte. John zufolge hatten beide in West-Berlin kräftig gezecht. und so wurden Mitarbeiter aus Moskau angefordert. Nach seinem Presseauftritt wurde John mit Kutschin auf eine längere Reise durch die Sowjetunion geschickt. und offenbar war er auf die abenteuerliche Idee gekommen. sich zu der Wahrheit der ganze n Sache zu bekennen.erzählt hat. läßt sich ersehen. den ich aus meiner Rundfunkzeit kannte. Offenbar stand Wohlgemuth in Verbindung zum sowjetischen Geheimdienst. Wahrscheinlich ist. Bei seiner Rückkehr freundete er sich mit dem Berliner Architekten Hermann Henselmann und mit Wilhelm Girnus an. Auffallend ist. aber arm an Aussagen. setzte John sich ohne viel Aufhebens in den Westen ab. Vermutlich hatte Wohlgemuth seinem Freund ein Betäubungsmittel ins Glas praktiziert. daß mein Freund Wadim Kutschin vom KGB immer sehr einsilbig wurde. Leider sind die Akten zum Fall John zwar umfangreich. daß John tatsächlich entführt wurde und daß die Staatssicherheit der DDR sich ähnlich ahnungslos wie er selbst mit dem unerwarteten Gast konfrontiert sah. siebzehn Monate nach seinem spektakulären Auftauchen im Osten. und über den weiteren Verlauf der Entführung kann ich nur spekulieren. daß niemand so recht Lust hat. John war eingeschlafen und erst in sowjetischem Gewahrsam erwacht. da seine Laufbahn in der Bundesrepublik ohnedies irreparabel beschädigt und an eine Rückkehr v orerst nicht zu denken war. wenn ich ihn nach dem Fall John auszufragen begann. dem militärischen Hauptquartier. In Karlshorst war der dortige Leiter Ewgeni Pitawranow überrascht. Doch im Dezember 1955. und wahrscheinlich scheint mir. um die Situation zu klären. stieg in den Wagen -97- . indem er den obersten Verfassungsschützer als Beute anschleppte und den Sowjets in Karlshorst.

Daß er zu vier Jahren Zuchthaus wegen Landesverrats verurteilt und erst nach achtzehn Monaten Haft begnadigt wurde. und bis zu seinem Tod kämpfte er um seine Rehabilitierung und um die Aufhebung des Urteils. und das peinliche Thema des wachsenden Einflusses der Alt-Nazis in der Bundesrepublik ließ sich nicht länger unter den Teppich kehren. war die. Kurzfristig schienen die öffentlichen Auftritte Schmidt-Wittmacks und Johns einiges bewirkt zu haben – Adenauer mußte sich vor dem Bundestag rechtfertigen. Die Lehre. Aber wenige Zeit später beantragte die Bundesrepublik ihre Aufnahme in die Nato. der damalige Innenminister. als Überläufer zu präsentieren. Die Wiederbewaffnung aufzuhalten. künftig dem Druck von oben nie wieder nachzugeben und nur »verbrannte« Quellen. die ich daraus zog.des dänischen Journalisten Bonde-Henriksen und fuhr mit ihm durch das Brandenburger Tor nach West-Berlin. Gerhard Schröder. Alles in allem waren die spektakulären Übertritte jener Zeit von wenig strategischem Wert. wir hatten sie nicht einmal nennenswert verlangsamen können. -98- . die keinen nachrichtendienstlichen Wert mehr besaßen. war uns nicht gelungen. hat ihn zeitlebens erbittert. sprach von einer »Schlappe im kalten Krieg«.

an der Errichtung einer besseren. das sich gerade sein Pfeifchen anzündet. wie ich ihn lange gesehen habe.4 Schicksalsjahr 1956 Die Ereignisse im Jahr 1956 leiteten Prozesse ein. das ihn so zeigte. Bis zum Februar 1956 hing über meinem Schreibtisch ein Foto Stalins. einen langen und keineswegs geradlinigen Weg der Erkenntnis bis zum Durchbruch des neuen Denkens und meinem Ausscheiden aus dem Dienst. Chruschtschows Enthüllungen versetzten meiner Überzeugung. die letztlich zu jener Entwicklung führten. gerechteren Welt mitzuwirken. gütige »Väterchen«. Im Rückblick erscheint mir der XX. begleitet von Zweifeln. Drei Jahre nach Stalins Tod wirkte die Rede Nikita Chruschtschows wie ein Vulkanausbruch. Als ich die Rede gelesen hatte. die Chruschtschow vor dem Parteitag gehalten hatte. Doch so. fällt es mir schwer. aber die Wirkung ging tiefer. beeinflußt vom Fortwirken der alten Strukturen und Denkweisen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Parteitag wie eine Vorankündigung der Perestroika. die jahrelang auf uns gelastet hatte. In der Sowjetunion und auch in der DDR wurde diese Rede -99- . welche sich am Ende unseres Jahrhunderts im Zusammenbruch des Sozialismus vollendet. einen bestimmten Moment dieses langen und schmerzlichen Prozesses herauszugreifen. Parteitag der sowjetischen Kommunisten. Für die einen verdunkelte sie die Sonne. für die anderen wich eine Spannung. doch an seinem Anfang stand zweifellos der XX. nahm ich das Bild von der Wand und feuerte es in die Ecke. Im ersten Augenblick emp fand ich nur Schmerz und Empörung. als das weise. Wenn ich mich nach dem Zeitpunkt meines eigenen Brechens mit dem Stalinismus frage. so ging auch ich. wie zwischen Chruschtschow und Gorbatschow ein langer Weg lag. einen ersten Stoß.

Viele haben seither mit einem inneren Zwiespalt gelebt. Manches hielten wir für Folgen eigenmächtigen Handelns oder unguter Einflüsse aus Stalins engerer Umgebung. Sie enthüllte. Unfaßbar erschien mir die Liquidierung Marschall Tuchatschewskijs und weiterer 5000 Offiziere der Roten Armee und kaum weniger unbegreiflich die Selbstherrlichkeit. Wer zur Zeit des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion Augen und Ohren nicht völlig verschloß. in den Folgejahren 98 verhaftet und erschossen worden waren. die 1934 auf dem XVII. die unter Einsatz ihres Lebens Zeitpunkt und Einzelheiten des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in Erfahrung gebracht und gemeldet hatten. in denen Eltern meiner Freunde plötzlich verschwunden und die eigenen Eltern sorgenvoll und einsilbig geworden waren. Parteikonferenz der SED. der nicht zu bereinigen war. Schon im Frühjahr 1956 trübten erste Schatten alle Erwartungen. Die Aufdeckung und massive Verurteilung aller Verbrechen Stalins und seiner Vergehen gegen die Ideale des Sozialismus mußten daher wie ein Schock wirken. daß von den 139 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees. Wer wie ich Zugang zu westlichen Zeitungen hatte. nun sei das Ende der Ungerechtigkeit gekommen. von den Repressalien und Greueltaten nichts gewußt oder wenigstens geahnt zu haben. die überragende historische Gestalt. konnte später nicht behaupten. konnte sie allerdings scho n kurz nach dem Parteitag lesen. denn wir glaubten. Doch vieles blieb für uns damals dunkel und widersprüchlich. mit der Stalin die Warnungen zahlreicher Kundschafter ignoriert hatte. Anfangs jedoch überwog das Gefühl der Erleichterung. Parteitag der KPdSU gewählt worden waren. er selbst aber blieb die unantastbare. an der ich -100- . von den 1966 Delegierten des Parteitags waren weit mehr als die Hälfte als Konterrevolutionäre abgeurteilt worden.jahrzehntelang unter Verschluß gehalten. Natürlich erinnerte ich mich an die Jahre in Moskau. Auf der 3.

nach Chruschtschows Sturz. Mielke widersprach mir sofort. doch schon der Umgang mit Chruschtschows Rede auf der Parteikonferenz zeigte hinlänglich. die auf mehr Kollektivität in der Leitung und eine Entfaltung der Kritik von unten nach oben zielten. die mich in der zurückliegenden Zeit belastet hatten. Kurz nach der Parteikonferenz fand im Staatssekretariat für Staatssicherheit eine Kollegiumssitzung statt. Es war noch nicht die Zeit der einsamen Monologe. mit denen Mielke uns langweilte. Einige Jahre später. begrüßte die Art. Von den Repressalien in der Sowjetunion habe er nichts gewußt.teilnahm. Damals forderte Wollweber die Anwesenden zu Meinungsäußerung auf. daß die UdSSR unter Stalins Führung den Faschismus zerschlagen hatte. Gewissen Konsequenzen konnte die DDR sich nicht -101- . Parteitag der KPdSU war Ulbrichts Sorge über die Konsequenzen der Enthüllungen deutlich zu spüren. Bereits unmittelbar nach dem XX. wie Ulbricht mit der neuen Situation umzugehen gedachte. ein Begriff. wurden zwar Folgerungen aus dem XX. Parteitag der KPdSU gezogen. Lediglich Auszüge aus der Rede wurden in geschlossener Sitzung verlesen. daß nun offen über Tatsachen geredet wurde. Diese unsinnige Geheimniskrämerei wurde von Ulbricht auch weiterhin praktiziert und von Honecker bis zuletzt fortgesetzt. nachdem er Minister geworden war. und sprach von meiner Erleichterung. wie die sowjetische Partei mit ihrer eigenen Geschichte umging. Er betonte. Spontan meldete ich mich als erster zu Wort. der damals weder in der Sowjetunion noch in der DDR benutzt wurde. und brachte im Beisein sowjetischer Partner und vor versammelter Mannschaft Trinksprüche auf Stalin mit dem obligatorischen dreifachen Hurra aus. Er habe unter keiner Last gelitten. Von der Demontage des großen Vorbilds mußte er zu Recht eine Gefährdung der Machtstrukturen befürchten. in der DDR habe es keine gegeben. bezeichnete Mielke dessen Abrechnung mit Stalin als schweren Fehler. Er bekannte sich offen zum »Stalinismus«.

ja kontroverser Meinungsaustausch stattfand.entziehen: 88 von sowjetischen Militärtribunalen verurteilte Häftlinge wurden begnadigt. Diskussionen zwischen Intellektuellen behandelten Demokratisierungskonzepte jugoslawischer. Im Gefolge der Auseinandersetzungen über Grundfragen der Wirtschaftspolitik. holte auch die DDR-Führung Reformpläne aus den Schubladen. Hans Jendretzky und andere aufgehoben. »Keine Fehlerdiskussion«. sah die SED-Spitze die führende Rolle der Partei und damit das ga nze Herrschaftssystem bedroht. Im Sommer desselben Jahres folgte eine Amnestie für abermals 19000 Inhaftierte. bei Lenin ausgegraben. 698 weitere vorzeitig entlassen. mit denen in der Folge jede offene Diskussion unterbunden wurde. 1956 wollte es fast so scheinen. Durch diese offenen Erörterungen und durch Vorschläge. Dabei hätte dieses Jahr die Chance geboten. daß ein Beschluß des Politbüros keine zwei Monate nach der 3. Bewegung in die erstarrten Fronten zu bringen. ungarischer. wo ein lebhafter. kam -102- . als habe der kalte Krieg sich auf ähnliche Weise verselbständigt wie seinerzeit der Dreißigjährige Krieg. »Mängel im Vorwärtsschreiten überwinden« – so und ähnlich kla ngen die Schlagworte. Der Begriff der friedlichen Koexistenz. Schulungsseminare für Partei. polnischer. Parteikonferenz jede »Fehlerdiskussion« ablehnte. »dem Gegner keine Argumente liefern«. Innerhalb der SED wurden Verfahren überprüft und die Parteistrafen gegen Franz Dahlem. So kam es. die in der Sowjetunion geführt wurden. Die bescheidenen Ansätze zu innerparteilicher Demokratisierung wurden mit der Begründung gestutzt. deutscher und italienischer Marxisten. wenngleich keiner von ihnen in das Politbüro zurückkam. Anton Ackermann. in der DDR habe es keinen Personenkult gegeben und keine Verletzung innerparteilicher Demokratie oder sozialistischer Gesetzlichkeit. die auf mehr Demokratie und Selbstverwaltung abzielten.und Staatsfunktionäre wurden veranstaltet.

Institutionen wie das Ostbüro stellten für die amerikanischen Dienste eine hochwillkommene Ergänzung des eigenen Agentennetzes dar. In der Bundesrepublik bespitzelte und infiltrierte das Ostbüro von der SPD als prokommunistisch eingestufte Gruppen und Organisationen und belieferte den Verfassungsschutz mit seinen Erkenntnissen. der in den USA ein hoher Stellenwert im Kampf gegen den Kommunismus zugemessen wurde. die auch die Telefonleitungen des Ostbüros der SPD anzapften. und ihr politischer Hintergrund bildete eine beinahe zwangsläufige Parallele zur psychologischen Kriegführung. daß eine Aufweichung des sozialistischen Systems den Status quo in Europa ernstlich gefährdet hätte. hinter denen sich westliche Geheimdienste verbargen. Einige von ihnen wurden von den Abwehrabteilungen des Ministeriums für Staatssicherheit observiert. Längst nicht jede oppositionelle Stimme in der DDR hatte ihren Ursprung in diesem Land. an den sich ehemalige VLeute noch heute voller Zorn erinnern.« Ein Blick aus dem -103- . Ende April 1956 weckte unsere Hausangestellte mich eines Tages in der Morgendämmerung mit den Worten: »Der Minister erwartet Sie am Gartentor. um so an Informationen zu kommen – oft mit einem sträflichen Dilettantismus. so wenig konnte ich mich der Erkenntnis verschließen. Mein Dienst hatte dort eigene Quellen plaziert. der heiße Krieg galt nicht länger als unvermeidlich. zunehmend verstärkten die westdeutschen Organisationen in der DDR. das bis 1966 bestand. Dieses SPD-Ostbüro. schleuste mit Kurieren Propagandamaterial in die DDR ein und warb Vertrauensleute an. ihre Aktivitäten. So sehr die restriktive Politik der SED-Führung meine Hoffnungen enttäuschte. Doch der kalte Krieg wurde nicht für einen Tag unterbrochen.in Mode. Mindestens 800 Angeworbene wurden in der DDR wegen Nachrichtenbeschaffung und Spionage verur teilt.

daß die CIA in Zusammenarbeit mit dem SIS die neben der Landstraße verlaufenden Kabelstränge aller von Berlin in den Süden der DDR verlaufenden Telefonleitungen angezapft habe. durften wir die Anlage besichtigen. Sicherheitshalber bewegte ich mich mit durchgeladener Dienstpistole in der Tasche zur Eingangstür – bei der knappen Entfernung nach West-Berlin und der offenen Grenze mußte man auf alles gefaßt sein. das am Rand eines Friedhofs eine Grube auszuheben schien. In dem recht wohnlich eingerichteten Verstärkerraum tat sich unseren staunenden Blicken ein wahres Wunderwerk der Technik auf.Schlafzimmerfenster ließ diesen ungewöhnlichen Besuch noch seltsamer erscheinen: Der ältere Volkswagen auf der Straße paßte ebensowenig zu Wollweber wie die frühe Stunde. Hinter Alt-Glienicke. wobei das besondere Augenmerk zweifellos dem Strang galt. war er in den Wagen eines Mitarbeiters aus der Nachbarschaft gesprungen. Von einem Anruf aus dem Bett geholt. nachdem sie das Terrain nach Minen und Sprengladungen abgesucht hatten. trafen wir auf ein Trüppchen Männer – zur Hälfte sowjetische Soldaten -. den seither berühmt gewordenen amerikanischen Spionagetunnel. etwa einen Kilometer vor dem Flugplatz. der zum sowjetischen Hauptquartier in Wünsdorf führte. Sämtliche Kabel – gewiß einige hundert – waren durchtrennt. Wollweber erklärte mir nun. Inzwischen hatten die Grabenden ein Stück der Tunnelröhre aufgeschweißt und die schwere Metalltür zum geräumigen Verstärkerraum unter der Straße geöffnet. mit einem Verstärker verbunden und wieder verkabelt zu einem Gebäude -104- . Sie gruben einen Tunnel aus. In halsbrecherischem Tempo rasten wir über die menschenleeren Straßen in Richtung des Flughafens Schönefeld. Vor der Tür stand jedoch tatsächlich der rundliche Ernst Wollweber mit dem unvermeidlichen Zigarrenstummel zwischen den Lippen. Wollweber fuhr üblicherweise die große sowjetische SIMLimousine mit Begleitschutz.

Das Ergebnis dieser Beobachtungen war das. was sich an jenem frühen Morgen im April 1956 abspielte. Uns gegenüber ließ der KGB wie immer größte Zurückhaltung walten. Wie Blake lebte auch Kim Philby. das eigens dafür errichtet worden und als meteorologische Beobachtungsstation getarnt war. Er war damals in der WestBerliner Dienststelle des britischen Dienstes eingesetzt gewesen. als die Alliierten sich gegen die UdSSR zu stellen begannen. Als George Blake nach seiner aufsehenerregenden Flucht aus dem britischen Gefängnis. den Bau einer Einrichtung unbekannter Art in der Nähe des Flughafens Schönefeld zu beobachten. Beide waren mit -105- . Viele Jahre später erzählte mir George Blake. der berühmte Maulwurf des KGB im britischen Geheimdienst. häufiger in die DDR fuhr. daß es opportun sein könnte. der wohl bekannteste sowjetische Kundschafter im britischen Geheimdienst. seit Enttarnung und Rückzug in Moskau. wo ein amerikanischer Spaßvogel hinter einer Stacheldrahtrolle ein kleines Pappschild mit der Aufschrift »Hier beginnt der amerikanische Sektor« aufgestellt hatte. wie er in Gewissenskonflikte geraten war. und durch ihn waren die Sowjets von Anfang an über das Unternehmen auf dem laufenden gehalten worden. wenn er seine Lebensgeschichte erzählte – wie er als Sohn eines reichen Bankiers aus Kairo und einer holländischen Aris tokratin zum britischen Marineoffizier und Geheimdienstmitarbeiter geworden war. sahen wir uns hin und wieder und freundeten uns an. die Hintergründe dieses Tunnelbaus. in das ihn Enttarnung und Prozeß gebracht hatten. und deshalb 1950 in der Gefangenschaft während des Koreakrieges von sich aus den Kontakt zum KGB gesucht hatte. wo er sich mit seiner in Holland lebenden betagten Mutter traf. Durch den Tunnel tappten wir bis zu der unterirdischen Stelle. Es war faszinierend.etwa 500 Meter hinter der Grenze geleitet. man ließ das Ministerium für Staatssicherheit lediglich irgendwann wissen.

Die polnische Partei hatte Wladislaw Gomulka. Offen tauschten sie mit mir kritische Ansichten aus. der seit 1951 als »titoistischer und nationalistischer« Abweichler im Gefängnis saß. In Philby lernte ich nach Blake einen zweiten Engländer kennen. hielten aber nach wie vor am Glauben an mögliche Veränderungen des Sowjetsystems fest. Seit Chruschtschows Rede waren in Polen und Ungarn Unruhen aufgeflackert und eskaliert. besseren Welt zu erkennen glaubte. und ihr Blick auf das verheißene Land war im Lauf der Jahre immer nüchterner geworden. der aus Überzeugung gegen den Nachrichtendienst seines Mutterlandes für die Sowjetunion gearbeitet hat.Russinnen verheiratet und einander freundschaftlich ve rbunden. ebenso rehabilitiert wie die früheren Angehörigen der -106- . Mit George Blake 1980 Blake wie Philby hatten sich der Realität in der Sowjetunion nicht verschließen können. weil er in ihr den Beginn einer neuen. Beide gehören für mich zu den großen und tragischen Gestalten der Nachrichtendienste.

daß als Stalinisten verrufene Politiker wie -107- . von den Dogmatikern nach wie vor beargwöhnt. während man davon überzeugt war. und jeden Donnerstag versammelten sich Tausende rund um den Petöfi-Klub. mußte auf einer Massenkundgebung in Budapest Selbstkritik üben. galt als kommender Parteichef. Gomulka. 150 Sozialdemokraten wurden aus den Gefängnissen entlassen. die 53 Tote und 300 Verletzte forderten. ihr Verhältnis zur katholischen Kirche zu normalisieren. Mátyás Rákosi.antikommunistischen Landesarmee. Außerdem fanden Umbesetzungen in der politischen Führung dieser Länder statt. Ungarns »kleiner Stalin«. die ungarische Partei bemühte sich. Mit Kim Philby 1981 In Polen kam es im Sommer während der Industriemesse in Poznan zu blutigen Zusammenstößen. Auch in Ungarn und in der Tschechoslowakei wurden Politiker rehabilitiert. die die Emigrantenregierung während des Krieges von London aus befehligt hatte. die zu Anfang der 50er Jahre unrechtmäßig verurteilt worden waren.

In Ungarn spitzte die Situation sich Ende Oktober so dramatisch zu. Von ihm versprach ich mir eine besonnene. Es gelang den Polen. der Ruf nach Freiheit. ihn zu beruhigen. Begleitet von der gesamten Staatsspitze der UdSSR und vierzehn hohen Militärs. Im Wechsel wollten sowjetische -108- . wurde aus der Haft entlassen. nach dem Ausstieg aus dem Warschauer Pakt und einer Annäherung an den Westen. der eingekerkerte Kardinal Mindszenty wurde auf freien Fuß gesetzt. nach dem Abzug der sowjetischen Truppen. Rákosi mußte zurücktreten.Denkmal gestürzt und der Rundfunksender gestürmt. wurde wieder zum Ministerpräsidenten ernannt. die Symbolfigur oppositioneller Kreise. Imre Nagy. daß sie uns Tag und Nacht in Atem hielt. Nagy verkündete sein Regierungsprogramm. Mein Sondertelefon klingelte pausenlos. Gomutka wurde zum Ersten Sekretär der Partei gewählt. weder von der Regierung noch von der Kommunistischen Partei. nun wurden politische Forderungen laut. Chruschtschow billigte seinen neuen Kurs. Am 4. Täglich strömten mehr Menschen zu den Kundgebungen. auf denen anfangs noch Gedichte Petöfis und Kossuths rezitiert worden waren. Aber die Krise ließ sich nicht mehr beherrschen. Über Nacht rückten sowjetische Panzer in die Stadt Budapest ein. landete Chruschtschow auf einem polnischen Militärflugplatz. Kardinal Wyszynski. und das sagte ich auch Wollweber und Mielke. Am 23. In diesen Tagen sah ich Europa ständig auf der Schwelle zwischen kaltem und heißem Krieg. Es gab den ersten Toten. vernünftige Politik. November rückten erneut sowjetische Panzer in Budapest ein. Der Verlauf der nächsten Tage schien mir recht zu geben: Die sowjetischen Panzer zogen aus Budapest ab. den ich aus Moskau kannte. Oktober wurde das Stalin. Das Radio war wichtiger als die Informationen des eigenen Dienstes.der den Polen von den Sowjets als Verteidigungsminister aufgenötigte sowjetische Marschall Rokossowskij aus der Parteiführung entfernt werden würden.

aber auch über die grundlegende Entwicklung der Interessensphären des westlichen und östlichen Bündnisses fielen in Washington und Moskau.Verbindungsoffiziere und meine Vorgesetzten wissen. Israel trat in einen bewaffneten Konflikt mit Jordanien. offenbar ermutigt durch die Destabilisierung des Warschauer Pakts. In einer handstreichartigen Aktion griffen israelische Truppen ägyptische Stellungen im Sinai an. Juni 1953 in der DDR. Erst als die Sowjetunion ihr Eingreifen androhte und die USA Druck auf ihre Verbündeten ausübten. was die Nato tun werde. Bei den dramatischen Geschehnissen in Ungarn respektierten die USA den Status quo genauso wie zuvor am 17. Selbst eine so lapidare Auflistung der Ereignisse jener Zeit läßt erahnen. Sowjetische Panzer in Budapest 1956 Zur gleichen Zeit tat sich im Nahen Osten ein weiterer Konfliktherd auf. endete der Konflikt. Die Entscheidungen über Krieg und Frieden. von Zypern aus unterstützt durch britische und französische Bomber. in welcher Anspannung und Ungewißheit wir damals lebten. wie später beim Mauerbau und beim -109- .

doch selbst im kritischen Rückblick halte ich ihm zugute. und es ist mir nicht darum zu tun. eine militärische Konfrontation zu verhindern. daß Imre Nagy und mit ihm die Mehrheit der Ungarn sich die -110- . den Dienst der DDR in seinem Gewicht überzubewerten. die sowjetischen Panzer hätten in Ungarn einen Volksaufstand niedergewalzt. daß er damals mit seinen Informationen dazu beigetragen hat. Über den Nutzen von Geheimdiensten mag man denken wie man will. Imre Nagy verkündet Ungarns Austritt aus dem Warschauer Pakt Heute ist es einfach zu sagen. Aus der historischen Distanz ist unverkennbar. In jenen Wochen im Herbst 1956 schienen national und international wirkende Ursachen und Kräfte zu einem unauflöslichen Knäuel verflochten.Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei – aber wer hätte es verbindlich vorauszusagen gewagt? Angesichts der wechselseitigen atomaren Bedrohung konnten falsche Informationen und fehlerhafte Analysen katastrophale Folgen zeitigen.

Panzerabwehrgeschütze auf Budapests Straßen Die meisten meiner ungarischen Kollegen sind über die Ereignisse des Herbstes 1956. wo immer sie Gelegenheit dazu fanden. Damals sahen wir in erster Linie. Die Wiederherstellung der sozialistischen Macht unter János Kádár. über ihre unmittelbaren und ihre langfristigen Folgen nie wirklich hinweggekommen: die Massenflucht der Ungarn ins Ausland. der unter Rákosi inhaftiert und schweren Mißhandlungen -111- . die nach Freiheit und Unabhängigkeit strebten und die einen eigenen demokratischen Weg der gesellschaftlichen Entwicklung einschlagen wollten.Forderungen der Studenten und Intellektuellen zu eigen gemacht hatten. die nach der Niederschlagung des Aufstands nach Rumänien verschleppt. als Patrioten. in einem Geheimprozeß zum Tode verurteilt und hingerichtet worden waren. daß die noch immer vorhandenen Anhänger des Horthy-Regimes die Unruhen für sich zu nutzen suchten und mit Hilfe aus dem Westen zu ihnen stoßender Gesinnungsgenossen Exzesse schürten. das Schicksal Imre Nagys und seiner Gefährten.

Auf mehreren als geheime Bundessache abgestempelten Seiten und vier beigefügten Karten waren Aufgaben und Stoßrichtungen der Heeresgruppen. schien uns über jeden Zweifel erhaben. daß inzwischen Truppenteile beider deutscher Staaten in die jeweiligen Bündnisse integriert waren. und sie bestimmten deshalb für längere Zeit viele Aufgaben meines Dienstes. daß Ungarn für Reformen offen blieb und für seine Bürger in vielem erträglicher war. Unter solchen Umständen mußte ein Dokument über Pläne mit der Bezeichnung DECO-II. nachdem die Verbindung zu »Kohle« nicht mehr bestand. Die Zuverlässigkeit der Quelle. Angesichts des Umstands. gewann eine Information an Gewicht. datiert war das Dokument vom 2. ließ dennoch zu. als es die damalige DDR für ihre Bewohner war. denn wenn es wirklich echt war. das wir von einer Quelle mit Decknamen Kohle erhielten. der zufolge Franz -112- . Das Ziel der Operation war die »Befreiung der SBZ und Wiedervereinigung Deutschlands durch militärische Besetzung des mitteldeutschen Raumes bis zur Oder-Neiße. was ich auf deutschem Boden für kaum wahrscheinlich hielt. Ihre bisherigen Informationen waren immer korrekt gewesen. Bereits im Sommer desselben Jahres kursierten im Kollegium der Staatssicherheit Gerüchte über die Gefahr eines kleinen Krieges – etwas.Linie«. Armeekorps und Divisionen genau definiert und beschrieben. März 1955. »Kohles« wichtigste Verbindung war eine Vorzimmerdame im Büro von General Speidel. der im Verteiler des DECO-Dokuments genannt war und aus dessen Panzerschrank es stammen sollte. erfolgte kein Dementi aus Bonn.ausgesetzt gewesen war. Wasser auf die Mühlen unserer Führung sein. Als wir es 1959 veröffentlichten. Derartige Vorstellungen paßten jedoch zu den ständigen Bedrohungsängsten der politischen Führung. dann handelte es sich bei ihm um nichts Geringeres als um eine Studie zur militärischen Einverleibung der DDR durch die Bundesrepublik.

Mir aber gab dieser Auftrag des Bundeskanzlers ebenso zu denken wie der Umstand. die wir im Sommer und Herbst 1956 lieferten. paßte nicht gerade in die bei uns gängige Klischeevorstellung vom westdeutschen Politiker. ob es möglich sei. Auch die Information. Das führte zu einem Aufwand. der alle Bereiche des Ministeriums verpflichtete. die militärische Komponente in unserer Arbeit stärker zu betonen. daß General Norstad sich nicht beeilte. der in keinem Verhältnis zum Nutzen stand: Leitende Mitarbeiter reisten in die Bezirke des Landes. daß Staatssekretär Globke in Adenauers Auftrag in den kritischen Novembertagen 1956 nach West-Berlin gefahren war. und allerorten begann man sich in einem Wust von Informationen zu verzetteln. der später auf unseren Dienst ausgeübt wurde mit dem Ziel. und Ulbricht tat sie selbstverständlich als pure Erfindung ab. Wollweber erließ einen Befehl. daß ein Aufruf des West-Berliner Gewerkschaftsvorsitzenden Scharnowski zum Generalstreik in der DDR über den Rundfunk verbreitet wurde. Nach den Ereignissen in Ungarn war Ulbricht von der Furcht vor einem begrenzten Konflikt auf deutschem Boden mehr denn je beherrscht. um in den einzelnen Verwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit alles zu erläutern. die er bis zuletzt beibehalten sollte – bei der Aufklärung militärischer Objekte und Entwicklungen in der Bundesrepublik zu unterstützen. ob bei »grenzüberschreitenden Unruhen an der Demarkationslinie« zwischen DDR und Bundesrepublik der Nato-Fall eintrete – anders gesagt.Josef Strauß. schriftlich beim Nato-Oberbefehlshaber Lauris Norstad angefragt haben sollte. die möglicherweise den Nachrichtendienst der Armee interessieren -113- . trugen wir unabsichtlich selbst zu dem Druck bei. Durch die Informationen. Strauß auf seine Anfrage zu antworten. der neue Bundesverteidigungsminister. die Bundeswehr auf DDR-Gebiet einzusetzen. um zu verhindern. die HVA – inzwischen hatte mein Dienst diese Bezeichnung.

die sie ihm übermittelte. als Topsekretärin bis ins Bundesverteidigungsministerium vorzudringen und dort als Geheimnisträgerin verpflichtet zu werden. Als Oberstleutnant beim Bundesgrenzschutz war er für die Absicherung zentraler Regierungsobjekte verantwortlich. zu f tografieren o und die Kopien per Kurier zu uns zu befördern. Die Verbindung stellten wir über ihren Bruder her. und auch er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. was für mich eine herbe Enttäuschung war. Erfolgreicher operierten wir im militärischen Bereich mit Ruth Moser. Deckname Gerlinde. und durch ihn erfuhren wir sowohl den Baubeginn als auch Betriebsdetails des Regierungsbunkers in Ahrweiler bei Bonn. die Flut an Geheimdokumenten. für uns zu arbeiten. -114- . weil sie in Bonn wohnte und Verwandte in der DDR hatte. jungen DDR-Bürgerin von Ende Zwanzig. und sie erklärte sich auch bereit. So kam es. die Mitte der 50er Jahre für uns tätig wurde. Schwierig sollte sie immer bleiben. einer hübschen. und erst allmählich kamen wir zu vo rzeigbaren Ergebnissen. Ihr Resident mit Decknamen Schatz hatte bald alle Hände voll zu tun. Rosalie Kunze weigerte sich in der Folge. der es in erstaunlich kurzer Zeit gelang. dem Mann ihres Herzens alles zu erzählen. Leider verliebte unsere Agentin »Ingrid« – so nannten wir sie – sich ernsthaft und hatte das Bedürfnis. denn ich hatte sie für eine überzeugte Kommunistin gehalten. Sie war uns als eventuelle Kandidatin aufgefallen. daß 1960 ein erster spektakulärer Prozeß gegen unseren Dienst in der Bundesrepublik stattfand. Unsere Tätigkeit im militärischen Bereich gestaltete sich zu Anfang ähnlich schwierig wie auf politischem Gebiet.konnten. in die DDR zurückzukehren. Einer unserer ersten Versuche auf diesem Gebiet war die Übersiedlung von Rosalie Kunze in den Westen. In relativ kurzer Zeit warb sie ihren Ehemann Karl-Heinz Knollmann als Quelle mit Decknamen Stein an.

Anders verhielt es sich da mit dem westdeutschen Journalisten Helmut Ernst.und Beckenbruch ins Krankenhaus eingeliefert. »Henry« wurde mit Bein. ebenfalls Offizier. wie sie damals zu unserer Standardausrüstung gehörte. Ruth Moser war es gerade gelungen. zu der sie nach wie vor standen. der unter dem Decknamen Henry für uns aktiv war. Bei beiden hatte ich den Eindruck. Anfang der 80er Jahre lernte ich das Ehepaar erstmals persönlich kennen. als er Verbindungsoffizier zum Stab einer Panzerbrigade war. als sein Wagen eines Dezembermorgens auf vereister Landstraße zwischen Bad Ems und Arzbach auf einen verunglückten Lastwagen prallte. eine Pistole und einen Radioempfänger entdeckte. der mit einigen Extras versehen war. Filme. über die Panzer Leopard 2 und Gepard. ihren Mann nach vier Jahren Haft im Austausch gegen Spione der Bundesrepublik in die DDR zu holen. und die Polizei staunte nicht schlecht. nämlich wie in einem James-Bond-Film. Mittelbar wurden über »Henry« gleich drei Frauen enttarnt. Seine Spionagekarriere endete tatsächlich angemessen. für unseren Dienst an. auch diesmal wieder aus eigener Initiative. als sie in seinem Auto unter anderem eine MinoxKleinstkamera. daß sie aus innerer Überzeugung. für die Aufklärung gearbeitet hatten. Ihm verdankten wir aufschlußreiche Einblicke in das militärpolitische und strategische Verteidigungskonzept der Bundesrepublik und einiger ihrer Nato-Partner. damit unsere Leute die mysteriösen Stimmen hören konnte. sieben Jahre jüngeren Ehemann Norbert Moser. die über Kurzwelle unsere Anweisungen in Form von Zahlenkombinationen übermittelten. der Einblick in Verschlußsachen höchster NatoGeheimhaltungsstufe hatte. Er informierte uns über Ausrüstung und Leistungsfähigkeit der Luftwaffentransportverbände und später. die erforderlich waren. Das Glatteis hatte dem Verfassungsschutz zu einem unverhofften Erfolg verholfen.Nach der Scheidung von Knollmann warb »Gerlinde« ihren zweiten. -115- .

der Informationen aus einem Versteck abgeholt hatte. für einen französischen Dienst tätig zu sein. weil er als strikter Gegner eines Dritten Weltkriegs jede forcierte Aufrüstung der Bundeswehr ablehnte. Das Ende seiner Tätigkeit für uns war wiederum ein Unfall. Unsere ranghöchste Quelle bei der Bundeswehr war lange Zeit Major Bruno Winzer. und »Henrys« Geliebte. Es blieb uns nichts anderes übrig. die als Kurier seine Informationen zu uns beförderte. diesmal von seinem Kurier verursacht. hatte er sich allerdings nicht in unserem Auftrag so eingerichtet. Die Papiere des Kuriers hätten nicht einmal die oberflächlichste Verkehr skontrolle überstanden. das im Prozeß ausführlich gewürdigt wurde. Eine unserer ergiebigsten Bonner Quellen jener Jahre war ein einfacher Bote im Innenministerium. Deckname Blanche. und deshalb flüchtete er zu Fuß. Die Informationen von »Südpol« waren im Wagen geblieben. die für unseren Mann im Bundesamt für Wehrtechnik in Koblenz Pläne von elektronischen Waffensystemen beschaffte. Deckname Heike. In beider Haushalt lebte »Lilos« geschiedene Tochter. Presseoffizier beim Stab der Luftwaffengruppe Süd in Karlsruhe.Sein etwas bizarres Privatleben. Deckname Südpol. Bei der Gerichtsverhandlung stellte sich heraus. »Henry« selbst wurde krankheitshalber für verhandlungsunfähig erklärt. als Winzer zu warnen. Mit der einen Dame – Deckname Lilo -. arbeitete als Sekretärin im Haushaltsreferat des Verteidigungsministeriums und lieferte Strukturpläne. führte er offenbar eine sogenannte Onkelehe. daß »Blanche« im Glauben gelebt hatte. Zur Zusammenarbeit war es gekommen. ein sogenannter -116- . Mitarbeiterverzeichnisse und Dokumente über Finanzoperationen zwischen der Bundeswehr und den USA. der daraufhin – im Mai 1960 – aus seinem Urlaub in die DDR überwechselte. wo wir ihn mit Propagandafanfaren auf einer Pressekonferenz als Deserteur aus Gewissensgründen präsentierten.

Anläßlich ihrer Enttarnung sprach die westdeutsche Presse vom schwersten und folgenreichsten Spionagefall in der Bundesrepublik. Benzin. wie weit die Planung für den Ernstfall vorangeschritten war – lange vor der Verabschiedung der Notstandsgesetze. Deckname Bruno. zeigten. wie das Bonner Verteidigungsministerium selbst erklärte. Er besaß einen nachgefertigten Schlüssel für die Kuriertaschen seines Hauses. Wir warben ihn an. Er war das lebende Beispiel dafür. die Requirierung ziviler Fahrzeuge. Die Papiere. daß der Dienstrang noch lange nicht die wahre Bedeutung eines Agenten ausmacht. der den stolzen Decknamen Minister trug. war sie doch von Fachleuten ersonnen.und Lebensmittelrationierung. Später frischte er seine Freundschaft zu einer Sekretärin auf. Sie hatten uns nicht nur Konstruktionspläne für den Kampfpanzer 3. Erste Erkundungen über die Nato stellten die Informationen dar. die inzwischen in der Botschaft der -117- . Baupläne für Raketenbasen und Atomwaffendepots und Notfallpläne der Nato besorgt. »ein zuverlässiges und vollständiges Bild über den Ist-Zustand der Bundeswehr« lieferten.Amtgehilfe. Internierung als gefährlich eingestufter Personen und Ausländer. die alle drei im Bonner Verteidigungsministerium beschäftigt waren. ein ehemaliger Fremdenlegionär. sondern auch regelmäßig die jährlichen Zustandsberichte der Bundeswehr. die unter Hitler einen Weltkrieg vorbereitet und in diesem Krieg ihre Erfahrungen gesammelt hatten. beschaffte. Die durchkoordinierte Planung überraschte uns nicht. Spitzenquellen im militärischen Bereich waren in der Folgezeit Lothar-Erwin Lutze. die uns Peter Kranick. Alles war bis ins einzelne vorbereitet: das Lenken der Flüchtlingsströme. die. die er uns verschaffte. die er erbarmungslos plünderte. als er im Stabsquartier der französischen Streitkräfte in West-Berlin arbeitete. seine Frau Renate und sein Freund Jürgen Wiegel.

Bundesrepublik in Paris eine Stelle hatte, und nachdem es ihm gelungen war, sie für uns anzuwerben, siedelte er nach Paris über und zählte von da an zu unseren Spitzenleuten im Hinblick auf das Nato-Hauptquartier. Hinweise auf konkrete Vorbereitungen für den von unserer Führung gefürchteten kleinen Krieg erhielten wir von keiner unserer Quellen. Statt dessen erfuhren wir durch sie, wie die Bundesrepublik die sogenannte verdeckte Kriegführung vorbereitete, die auf den Fall eines sowjetischen Angriffs abzielte. Offenbar befürchtete man auch in Bonn den kleinen Krieg, nur mit Stoßrichtung von Ost nach West. Als das Jahr 1956 zu Ende ging, hatte kein Dritter Weltkrieg stattgefunden; die stalinistischen Dogmatiker in den Ländern des Warschauer Pakts hatten eine Niederlage erlitten, aber sie waren nicht geschlagen, geschweige denn ausgeschaltet, und sie nutzten jede Chance, die sich ihnen bot, ihre erschütterte Position erneut zu festigen. In der DDR kam es abermals zu einem Eklat innerhalb der SED, abermals verbrämt mit dem Spektakel um eine »parteifeindliche Fraktion«. Der Spielleiter hieß diesmal Mielke, und als Sündenböcke hatte er sich Ernst Wollweber und Karl Schirdewan auserkoren. In meinen Augen war das Ganze so fingiert wie 1953 die sogenannte Zaisser-Herrnstadt-Fraktion. Allerdings gab es für mich einen signifikanten Unterschied, denn diesmal war auch ich involviert, da ich als enger Vertrauter Wollwebers galt. Mielkes Intrige gegen Wollweber traf sich mit Erich Honeckers Ambitionen, dem bei seinem Aufstieg Schirdewan, der zweite Mann hinter dem Generalsekretär, im Weg stand, und bei dem chronisch mißtrauischen Ulbricht fielen ihre Einflüsterungen auf fruchtbaren Boden. Schirdewan und Wollweber waren in den ersten Nachkriegsjahren Nachbarn gewesen, aber meines Wissens hatten sie nie engere Beziehungen unterhalten.
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Auf einer Tagung der Parteiorganisation der HVA zog Mielke im Beisein Wollwebers über uns her, ohne daß Wollweber etwas dagegen sagte, und ich begriff, was auf uns zukam. Kernpunkt des Gepolters war die Anschuldigung, wir unterschätzten das, was er »ideologische Diversion« nannte.

Karl Schirdewan 1958 Robert Korb, meinen Stellvertreter, und mich griff er persönlich an, hatten wir uns doch beide f r eine differenzierte ü Beurteilung der verschiedenen Strömungen innerhalb der Sozialdemokratie ausgesprochen, während Mielke die gesamte SPD mit ihrem Ostbüro gleichsetzte und in Herbert Wehner den schlimmsten Anstifter überhaupt zur »ideologischen Diversion« sah. In diesem Zusammenhang sei nicht verschwiegen, daß Mielke immer sehr stolz darauf war, diesen Begriff erfunden zu haben. Erst später wurde dieser Terminus auch von anderen Sicherheitsdiensten – leider auch von sowjetischen – übernommen und floß zuletzt sogar in den Sprachgebrauch der kommunistischen Parteien ein, wo er bei der Einschätzung
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politisch Andersdenkender einem simplifizierenden SchwarzWeiß-Denken Vorschub leistete, das weit von jeder Realität entfernt war. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wurde dieser Kautschukbegriff, der jede Auslegung zuließ, die der politischen Führung gerade opportun erschien, sogar durch Paragraphen des Strafrechts legitimiert und als Ordnungsmittel angewandt. »Politischideologische Diversion« – der deutschen Abkürzungssucht folgend PID genannt – wurde zu einem bestimmten Element der Sicherheitsdoktrin und zur Grundlage der verfassungswidrigen Repression Oppositioneller, PID war die entscheidende Waffe, mit der die Dogmatiker ihre verkrustete Macht behaupteten, bis sie zerbrach.

Ernst Wollweber 1955 Als Mielke mich mit Unterlagen über Gespräche, die Wilhelm Girnus am Rande der Genfer Außenministerkonferenz mit Wehner geführt hatte, und mit Unterlagen zur Person von Girnus zu sich ins Ministerium bestellte, ahnte ich, was er bezweckte. Girnus sollte wohl als Kurier zwischen dem »Parteischädling« Schirdewan und dem ideologischen Verderber Wehner angeschwärzt werden, und zwar darüber, daß Girnus
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Schirdewan aus der gemeinsamen Haft im Konzentrationslager Sachsenhausen kannte. Ich brachte ihm Kopien jener Gesprächsberichte, die Ulbricht selbst abgezeichnet und teilweise mit handschriftlichen Bemerkungen versehen hatte. Die Originale schloß ich in meinen Safe ein und informierte Robert Korb. Damit hatte ich nicht nur Girnus, sondern möglicherweise auch mich selbst vorerst aus der Schußlinie gebracht. Der Vorwurf, Wollweber habe die Staatssicherheit und sich selbst über die Partei zu stellen versucht, sollte mit einem Befehl bewiesen werden, der die Kontakte zwischen leitenden Ministeriumsmitarbeitern und dem Apparat des Zentralkomitees betraf, obwohl Wollweber diese Kontakte stets seinen Stellvertretern überlassen hatte. Obwohl das alle wußten und ich es auch laut sagte, als Ulbricht die Leitung des Ministeriums vorlud, um das Belastungsmaterial zu testen, änderte diese Reaktion nichts an dem abgekarteten Spiel. Karl Schirdewan und Ernst Wollweber wurden im Oktober 1957 aller Funktionen enthoben mit der Begründung, sie hätten »in der Zeit verschärften Klassenkampfs schädliche Auffassungen« vertreten. Wieder einmal hatte der politische Fuchs Ulbricht eine für ihn bedrohliche Situation zu seinem Vorteil zu wenden verstanden. Hatten ihn im Sommer 1953 ausgerechnet die gegen seine Politik gerichteten Unruhen gerettet, so bewahrte ihn jetzt die antistalinistische Rebellion in Polen und Ungarn vor den Konsequenzen des XX. Parteitags der KPdSU, den lauter werdenden Forderungen nach Reformen, nach innerparteilicher Demokratie und nach seiner Ablösung. Und auch Mielke konnte sich die Hände reiben. Er hatte sein Ziel erreicht: Er wurde Minister für Staatssicherheit. Ich befand mich nun in einer wenig beneidenswerten Lage. Einerseits wußte ich, daß Mielke bei Ulbricht meine Ablösung verlangt hatte, andererseits war ich stark versucht, öffentlich Stellung zu Mielkes Ränken zu nehmen und die »Schirdewan-121-

Wollweber-Fraktion« als das zu bezeichnen, was sie war, nämlich pure Erfindung. Damit hätte ich mich selbst ins Aus manövriert und der relativen Selbständigkeit meines Dienstes ein Ende bereitet. Wollweber selbst riet mir eindringlich davon ab, die Konfrontation zu suchen. So geriet ich in eine der peinlichsten Situationen meines politischen Lebens: Auf einer Parteikonferenz des Ministeriums verlas ich in Anwesenheit Ulbrichts einen Diskussionsbeitrag, der das erforderliche Maß an »Selbstkritik« aufwies. Jetzt konnte ich nachvollziehen, wie andere sich gefühlt haben mußten, wenn sie dazu erpreßt worden waren, dem Ritual der Parteidisziplin ihre Reverenz zu erweisen. Die Frage, die sich von nun an nie ganz verdrängen ließ, war die, ob meine vermeintliche Selbständigkeit an der Spitze des Nachrichtendienstes nicht bloß eine Illusion war.

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5 Die Betonlösung
Das wirtschaftliche und soziale Gefalle zwischen DDR und Bundesrepublik machte sich 1960 und 1961 bemerkbarer denn je zuvor, und die Folgen waren gravierend. Der Flüchtlingsstrom nach Westen schwoll von Monat zu Monat weiter an; 1961 wäre die Rekordzahl des Jahres 1953 von mehr als 300000 Aussiedlern wahrscheinlich weit überschritten worden. Am 9. August hatte die Zahl der in West-Berliner Aufnahmelagern erfaßten Flüchtlinge den höchsten je an einem Tag registrierten Stand von 1926 Personen erreicht. Und wer hätte es den Arbeitern, Medizinern, Ingenieuren, den jungen Menschen am Beginn ihres Lebensweges verübeln wollen, daß es sie dorthin zog, wo sie gutes Geld verdienen und sich einen entsprechenden Lebensstandard leisten konnten? In ihrem Selbstverständnis verrieten sie nicht die DDR, sondern zogen von einem Teil Deutschlands in einen anderen, wo Verwandte oder Freunde sie oft schon erwarteten. Doch dieser unablässige Aderlaß war für die wirtschaftlich ohnehin geschwächte DDR nicht länger zu verkraften. Daß etwas geschehen mußte, um dem Einhalt zu gebieten, war allen klar. Was geschah, war allerdings nicht nur für den Westen eine Überraschung, sondern auch für die meisten Bürger der DDR. Auf die Gefahr, meinen Nimbus als einer der bestinformierten Männer der DDR zu verlieren, muß ich gestehen, daß die Schließung der Grenzen der DDR am 13. August auch für mich unerwartet kam; wie die meisten erfuhr ich von den Straßensperren und Abriegelungen, aus denen die Berliner Mauer entstand, durch die Radionachrichten. Bis heute kann ich nicht mit Gewißheit sagen, ob der Grund dafür in der beinahe krankhaften Geheimhaltungssucht unserer politischen Führung zu sehen ist oder in Mielkes Mißtrauen gegenüber der
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Aufklärung, denn er war selbstverständlich eingeweiht und an allen Vorbereitungen beteiligt.

Grenzkontrolle an der geschlossenen Sektorengrenze Für meinen Dienst und mich war die Situation zunächst katastrophal. Meine Mitarbeiter zweifelten an meiner Ahnungslosigkeit und mußten mir mangelndes Vertrauen in sie unterstellen, aber schlimmer als das war die durch die Grenzschließung völlig veränderte Lage, auf die wir nicht vorbereitet waren; ab sofort war der Grenzübertritt innerhalb Berlins in beide Richtungen nicht mehr ohne weiteres möglich. Bevor die Mauer – von unserer Führung als »antifaschistischer Schutzwall«, vom Westen als »Schandmauer« bezeichnet – vollendet und die Stadt mit deutscher Gründlichkeit zweigeteilt war, spielten sich erschütternde Szenen ab: Kinder und Greise wurden an zusammengeknoteten Bettlaken aus den Fenstern jener Häuser, die auf der Grenzlinie standen, in den Westteil Berlins abgeseilt;
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viele ließen sich in die Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr fallen; Dutzende primitiver Tunnel wurden gegraben, durch die Hunderte unter Lebensgefahr den Weg in den Westen suchten, und manche krochen durch die Kanalisation, bis auch sie mit Gittern versperrt wurde.

Ausbesserung an der Mauer Die Begründung unserer Führung, mit der Schließung der Grenze sei ein Schutzwall gegen einen bevorstehenden Angriff oder das Eindringen von Agenten und Saboteuren errichtet worden, war schon damals unglaubwürdig, weil soziale und wirtschaftliche Faktoren als Ursache auf der Hand lagen. Die DDR hatte nicht nur ungünstigere Startbedingungen als die Bundesrepublik gehabt, sondern auch ungleich mehr Reparationsleistungen als Wiedergutmachung erbringen müssen. Wie viele andere glaubte ich damals, eine Atempause würde uns helfen, nach und nach die Vorzüge des Sozialismus zur Geltung zu bringen. Die Menschen vom attraktiven Westen Deutschlands abzusperren, war keine Lösung, sondern betonte die Diskrepanz zwischen den beiden deutschen Staaten. Durch die zugemauerte
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Grenze gewannen das Pochen des Westens auf die Menschenrechte und die Forderung nach Reisefreiheit an Überzeugungskraft und beeinflußten den Ausgang des kalten Krieges, auch wenn das damals von mir so nicht erkannt wurde.

Flucht aus dem Fenster auf die Bernauer Straße Die wesentlichen Gründe, die der DDR-Führung und ihren Verbündeten den Bau einer Mauer als letzte Rettung erscheinen ließen, sind zweifellos innerhalb und nicht außerhalb des Landes zu suchen. Mag sein, daß Ulbricht der Initiator war, der auf Schließung der Grenzen drängte. Die Entscheidung aber fiel in Moskau. Was 1961 in der Mitte Europas an der sensiblen Grenze zwischen den zwei feindlichen Machtblöcken geschah, wurde von den Großmächten und niemandem sonst entschieden. Nach dem Ende der DDR unterhielt ich mich mit Valentin Falin, einem der besten Kenner der sowjetischen Deutschlandpolitik, über den Mauerbau, und er sagte: »Nach den Ereignissen in Ungarn, im Nahen Osten und in Polen gewann das Thema Stabilität für Chruschtschow an Aktualität. Der zentrale Punkt war die innere Stabilität der DDR. Ich denke, daß die Krise der DDR, die mit der Katastrophe von 1989
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Er handelte also nicht in nationaler Selbständigkeit. die das Regime in der DDR unterstützten. die DDR stabil zu erhalten. werde es unmöglich sein. »Damit«. »wurde Ulbricht formal zum Vollzug des Beschlusses autorisiert. bereits 1953 begonnen hat. Folglich stellte sich irgendwann die Frage. eine wirksame Grenzkontrolle einzurichten. -127- . war nie höher als dreißig Prozent. sagte Falin. das Land zu verlassen. die DDR entweder aufzugeben oder an der Grenze zur Bundesrepublik eine Ordnung einzuführen. in der Regel niedriger.endete. daß die Mitgliedsländer des Warschauer Vertrags via Beschluß die DDR aufforderten. die Menschen daran zu hindern.« Zugemauerte Häuserfront Falin erinnerte sich. daß Ulbricht im Sommer 1961 erklärt hatte. Die Zahl derer. die es ermöglichte. falls die Abwanderung anhalte. Die Entscheidung über den Bau der Mauer verlief bekanntlich so.

die Grenze zu schließen und unter äußerster Geheimhaltung sofort mit den Vorbereitungen zu beginnen.sondern im Auftrag des Bündnisses. daß Chruschtschow und nicht Ulbricht die Hauptrolle in dem Drama spielte. Am Vorabend der Grenzschließung ließ Moskau. Konflikte und Spannungen aufzulösen oder wenigstens unterhalb einer bestimmten Schwelle zu halten. Nach dem Krisenjahr 1956 hatte die sowjetische Führung unter Chruschtschow sich bemüht. auf der inoffiziellen jedoch versicherte die UdSSR Washington ihr Interesse an guten Beziehungen. um sich den eigenen hochgesteckten wirtschaftlichen Zielen widmen zu können. Er nannte Fristen. Obwohl solche Ankündigungen in der DDR von Fachleuten mit einem Achselzucken abgetan wurden. und daß Chruschtschow Ulbricht durch den Botschafter die Genehmigung überbringen ließ. später selbst Botschafter der UdSSR in Bonn. der Perwuchin damals begleitete. die USA wissen. das im Sommer 1961 über die Bühne ging. daß die Sowjetunion nie etwas gegen West-Berlin unternehmen würde. Es steht also außer Frage. Absprachen zum Bau der Mauer zwischen den beiden Großmächten hat es zwar nicht gegeben. jeder Logik hohnsprechenden Losung: -128- . in denen die USA-Wirtschaft eingeholt und überholt werden sollte. was die USA provozieren könnte.« Daß Ulbricht im Frühsommer 1961 Chruschtschow durch den sowjetischen Botschafter Perwuchin mitteilen ließ. wohl aber Kontakte: auf der offiziellen Ebene ziemlich frostige. aber er selbst glaubte an seine ehrgeizigen Pläne. überbot die Führung in Berlin die Moskauer Parole mit der abenteuerlichen. bestätigte Julij Kwizinskij. Chruschtschows protzige Zahlen und seine optimistischen Reden lösten zwar bei manchen Zuhörern ein eher ironisches denn bewunderndes Lächeln aus. ohne die bevorstehende Aktion zu erwähnen. bei weiterhin offener Grenze sei der Zusammenbruch der DDR unvermeidlich.

Er wirkte wie ein russischer Bauer und erzählte oft von seinem Heimatort Kalinowka. imponierte vielen -129- . Doch gerade diese Spontaneität. dem Vorsitzenden des Obersten Sowjets. die naiv wirkende Art. Er wirkte überzeugend. sogar herzliche Gefühle. der Dolmetscher und ich hinten. Chruschtschow und Mikojan in der Mitte. Mielke vorn neben dem Fahrer. Bei großen Teilen der DDR-Bevölkerung genoß er eine Sympathie wie vor und nach ihm kein anderer sowjetischer Politiker mit Ausnahme G orbatschows.»Überholen.« Nikitas (wie Chruschtschow in der DDR nicht unfreundlich von vielen genannt wurde) Glaube an den Mais als Wunderwaffe zur Lösung der Versorgungsprobleme ließ findige Agitatoren zu seiner Freude den Begriff Wurst am Stengel für Maiskolben prägen. die Mikojan meist zum Schlafen nutzte. Es war im Sommer. dessen Vitalität jede Vorstellung übertraf. die er gern mit witzigen Beispielen und Anekdoten ausschmückte. Zur Begrüßung standen überall Menschenmengen am Straßenrand. Natürlich war das organisiert. als er seinen Protest vor den Vereinten Nationen mit dem Schuh auf das Pult hämmerte. Unvergessen ist jene Szene. doch viele Gesichter spiegelten freundliche. und wir fuhren in einer großen SIL-Limousine mit aufgeklapptem Verdeck. von Mielke und mir als »Ehrensicherheitsbetreuern« begleitet wurden. zum erstenmal. als er 1957 mit Anastas Mikojan. Chruschtschow hielt volkstümliche Reden. Selbst während der seltenen Atempausen. weil er im Unterschied zu Ulbricht frei sprach. Bei seinen Besuchen in der DDR erlebte ich Chruschtschow aus nächster Nähe. Das fast eine Woche umfassende Programm strapazierte alle bis zur Erschöpfung – alle außer Chruschtschow. ohne einzuholen. mit der er in den USA die Propagandatrommel für den Sieg des Kommunismus über den Kapitalismus rührte. doch anders als dieser besaß Chruschtschow die Ausstrahlung des einfachen Mannes. war er immer zum Plaudern und Scherzen aufgelegt.

hatte er kurz zuvor den Versuch seiner Gegner im Politbüro. Ulbricht. ist vielfach beschrieben worden. Wie er mit dem gefürchteten Widersacher Berija fertig wurde. Grotewohl und Mielke dürften dieser offenherzigen Rede mit gemischten -130- . daß der von Molotow geführte konservative Flügel aus der Parteispitze entfernt wurde. Als er 1957 die DDR besuchte. ihn zu stürzen. sondern auch der anwesenden DDR-Politiker referierte Chruschtschow bei seinem Besuch der sowjetischen Streitkräfte in Wünsdorf vor großem Publikum in epischer Breite den parteiinternen Konflikt und das Vorgehen »gegen die Fraktionsmitglieder Molotow. von rechts) Ohne Zweifel besaß Chruschtschow einen starken Willen. Malenkow und Bulganin« sowie den »zu ihnen gestoßenen Schepilow«. Kaganowitsch. Nikita Chruschtschow beim Staatsbesuch in der DDR 1957 (Autor: 2. entschlossen durchkreuzt. Unterstützt von Marschall Shukow hatte er die Mitglieder des Zentralkomitees mit Militärflugzeugen zu einer Sondersitzung nach Moskau befördern lassen und auf dieser Sitzung durchgesetzt.Amerikanern. In der DDR war davon nichts bekannt. Zur Überraschung nicht nur seiner sowjetischen Begleitung.

die für die Sowjetunion lebenswichtig war. und besonders empfindlich schien es auf die Idee zu reagieren. Mitteleuropa zur atomwaffe nfreien Zone zu machen. hat Chruschtschow nie aus dem Auge verloren.Gefühlen gelauscht haben. Er hatte feste Wurzeln in seiner Vergangenheit und war ebenso fest eingebunden in ein System. Es wäre ein Irrtum. Eilfertige -131- . Auch dem Plan des polnischen Außenministers Rapacki. Überzeugend war er nicht nur auf Massenkundgebungen. Dennoch schien sich beim Gipfeltreffen zwischen Präsident Eisenhower und Chruschtschow 1959 in Camp David eine neue Phase der Verständigung anzubahnen. die Ausschaltung der »Molotow-Fraktion« für einen rein innenpolitischen Vorgang zu halten. Er neigte dazu. Gewiß fehlte es Chruschtschow an allgemeiner Bildung und an Realitätssinn. stand es ablehnend gegenüber. das viele seiner vernünftigen Ideen abbremste und schließlich zunichte machte. Aber er war ein Vollblutpolitiker. Meinem Dienst waren die dem Bonner Auswärtigen Amt vorliegenden Berichte bekannt. daß das State Department in Washington Moskaus erneute Vorschläge zu einem Friedensvertrag mit Deutschland unter Rückgriff auf den alten Plan einer Konföderation der beiden deutschen Staaten so skeptisch beurteilte wie ehedem. denn so etwas hätte essentielle Rechte der westlichen Siegermächte tangiert. Bei der Auswahl seiner Berater hatte er nicht immer eine glückliche Hand. der an seine Ideale glaubte. und nic ht zu Unrecht wurde ihm Voluntarismus vorgeworfen. sondern auch bei vertraulichen Verhandlungen mit Politikern der anderen Seite. Die Entspannung. Chruschtschow brauchte freie Hand für den angestrebten Ausgleich mit den USA. wichtige Entscheidungen spontan zu fällen. Berlin in eine »freie Stadt« umzuwandeln. aus denen hervorging. Für Chruschtschow war der Begriff der friedlichen Koexistenz keine leere Floskel.

soweit wir Zugang zu ihnen hatten. Ein halbes Jahr darauf kündigte sich der Führungswechsel im Weißen Haus an. Daß die sowjetische Presse seine Antrittsrede in vollem Wortlaut abdruckte. Fieberhaft versuchten wir. der in den USA zu dreißig Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Kennedy und seine neue Mannschaft zu beschaffen. zu einer eigenen Wertung zu gelangen. uns Kenntnisse über John F. den überlebenden Piloten Gary Powers vor Gericht stellte und bei nächs ter Gelegenheit gegen den sowjetischen Kundschafter Rudolf Abel austauschte. Es war nicht leicht. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. die Medien feierten den »Geist von Camp David«. setzte auch von Moskau aus ein positives Zeichen. weil die sowjetische Raketenabwehr ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug vom Himmel holte. die USA könnten ihre eigenen Interessen über die ihres deutschen Verbündeten stellen. die in die -132- . daß beide Staatsmänner sich in der heiklen Berlin-Frage nähergekommen seien und für ihr nächstes Treffen in Paris eine Vereinbarung anstrebten. mit der Kennedy sein Amt und die Probleme seiner Regierung anging. selbst wenn man alle wichtigen Zeitungen las und die Berichte der bundesdeutschen Botschaft in Washington studierte. Mit den Republikanern Eisenhower und Dulles hatte Adena uer sich gut verstanden.Kommentatoren kündigten bereits das Ende des kalten Krieges an. Von gut informierten amerikanischen Quellen – nicht etwa von unseren sowjetischen Partnern – erfuhren wir. Die Einschätzung des Auswärtigen Amtes verriet zusammen mit anderen Quellen Adenauers Sorge. Aber das Pariser Gipfeltreffen kam nicht zustande. die die sowjetischen Vorschläge berücksichtigte. während er dem Demokraten Kennedy mißtraute. Allmählich begann sich für mich ein Bild der unkonventionellen Art abzuzeichnen.

Aufgefallen war ihnen lediglich eine gewisse Zurückhaltung. die West-Berlin-Frage offensiver anzugehen. die er als Indiz der Führungsschwäche Kennedys deutete. ein baldiges Gipfeltreffen als Ersatz für den geplatzten Pariser Gipfel vor. Die wie eine Insel mitten in der DDR liegende Teilstadt war ein gewichtiges Faustpfand. Anders als Eisenhower 1954 in Guatemala. Innerhalb der sowjetischen Führung bildete sich erneut eine Gruppe. mit dem ersten beinannten Weltraumflug am 12. Das Bündnis zwischen Sowjetunion und China war zerbrochen. Kennedys Reden -133- . und aus der DDR strömten immer mehr Menschen über die offene Grenze in den Westen. daß die USA mit der Minuteman-Rakete eine Erstschlagwaffe besaßen und daß das Verhältnis bei den Nuklearsprengstoffen 20 : 1 zugunsten der USA stand. sondern unterstützte? Denn daß die dort gelandeten Exilkubaner von den USA unterstützt worden waren. Keine unserer Quellen konnte die Haltung der USA zur Berlin-Frage einschätzen. eigene Streitkräfte gegen Kuba zu entsenden. Die sowjetische Führung wußte.gegenteilige Richtung wiesen und Schlimmes befürchten ließen.. April 1961 einen spektakulären Erfolg verbuchen. In dieser Situation schlug Chruschtschow dem amerikanischen Präsidenten. Der Fehlschlag der Schweinebucht-Invasion bewegte Chruschtschow und seine außenpolitischen Berater dazu. unterlag keinem Zweifel. Was hatten wir von einer amerikanischen Regierung zu erwarten. die gegen Zugeständnisse an den Westen opponierte. Andererseits konnte Chruschtschow unmittelbar vor der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht. zögerte er. und das war Kennedy bewußt. die ein Unternehmen wie die Intervention in der kubanischen Schweinebucht vom April 1961 nicht nur tolerierte. der psychologisch das nukleare Ungleichgewicht der Supermächte minderte. der mit seinen Beratern nach einer tragfähigen Grundlage für den Umgang mit der Sowjetunion suchte.

und drohte. Kennedy soll nach dem Gespräch gesagt haben: »Es kann ein kalter Winter werden. Aus westlichen Militärstäben hatten wir uns Dokumente zu -134- . prallten die Standpunkte hart und unvereinbar aufeinander. unternahm Kennedy in einem Gespräch unter vier Augen den Versuch. Als er entgegen seinen Erwartungen in Kennedy alles andere als einen zögernden oder schwachen Kontrahenten vorfand.Blockade erarbeitet würden. Im nachhinein wissen wir. Vergeblich. reagierte er zornig. daß im Pentagon hektisch militärische Gegenmaßnahmen für den Fall einer Berlin.« Unsere Informationen aus Washington besagten inzwischen. daß die Kontrahenten sich gegenseitig die Verantwortung für den Fall zuschoben. daß West-Berlin in eine »freie Stadt« umgewand elt würde. Da Chruschtschow nun – womit die USExperten nicht gerechnet hatten – auch hinsichtlich Laos und des Atomtest-Abkommens kein Entgegenkommen zeigte. die abwechselnd in der amerikanischen und in der sowjetischen Botschaft stattfanden. die gefährliche Konfrontation in der Berlin-Frage zu entschärfen. und Washington lancierte ähnlichlautende Meldungen in der Öffentlichkeit.enthielten nicht einmal ein Minimum der üblichen Treuebekenntnisse zu Berlin. daß es zum Krieg gekommen wäre. die freundschaftlich miteinander umgingen. andernfalls bis Ende des Jahres ultimativ mit der DDR einen separaten Friedensvertrag mit allen Konsequenzen zu schließen – womit vor allem die Kontrolle der Verbindungswege nach West-Berlin inklusive der Luftkorridore gemeint war. doch in den Verhandlungen. Chruschtschow beharrte für eine Übereinkunft in der deutschen Frage auf der Bedingung. Die Fernsehbilder vom Gipfeltreffen in Wien zeigten der Öffentlichkeit zwei fröhliche Politiker.

»Ihre Rechte. in der er sich unmißverständlich zu den Verpflichtungen gegenüber West-Berlin bekannte und jede Aggression gegen die Stadt als »Angriff auf uns alle« bezeichnete. die bis zum Morgen des 13. die mögliche Sperren mit Waffengewalt durchbrechen sollten. schrieb Willy Brandt in seinen Erinnerungen. die befürchtete Kriegsgefahr war abgewendet«. trat den Rückzug an. an jenem Sonntag morgen waren. die Empörung und die Verzweiflung der Berliner und des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin. Verteidigungsminister McNamara schlug vor. Für Klarheit sorgte eine Fernsehansprache Kennedys Ende Juli 1961. Natürlich mußten wir mit der Möglichkeit rechnen. Die unerwartet entschiedene Haltung Kennedys und die Betonung der drei essentials in der Berlin-Frage – Anwesenheit der westlichen Alliierten. Chruschtschow. So sah die Situation aus. und ein anderer Plan sah für den Fall einer Blockade West-Berlins sogar den begrenzten atomaren Erstschlag als Warnung vor. daß die Konfidenten unserer Quellen diese Informationen absichtlich durchsickern ließen. um die Reaktion der Sowjets zu testen.einem Stufenplan verschafft. auf West-Berlin bezogen. blieben unangetastet. Auch wenn Chruschtschow noch für eine Weile seinen separaten Friedensvertrag mit der DDR im Munde führen sollte. So groß der Schock. freier Zugang und Lebensfähigkeit der Stadt – hatten die Grenze zwischen Krieg und Frieden abgesteckt. den nationalen Notstand zu verkünden. waren die Würfel nunmehr gefallen. August 1961 bestanden hatte. so erleichtert atmeten die Politiker in Washington. nicht Kennedy. da die bedrohliche Krise um Berlin entschärft war. -135- . der Fahrten amerikanischer Garnisonen nach West-Berlin vorsah. London und Paris auf. der vergeblich energische Reaktionen der Westmächte einforderte. doch am Ernst der Lage nach dem Gipfel von Wien war nicht zu zweifeln.

Die Reaktion Washingtons. setzte aber seine unterbrochene Segelpartie fort. Ich verstehe nicht. als ein Zwischenfall noch einmal für Schrecken sorgte. Clay. sondern der Sowjetunion zu signalisieren. August so unvorbereitet wie meinen Dienst. und Ulbrichts Wünschen. daß man Ruhe bewahren werde. verdammt noch mal. Auch Chruschtschow befand sich an diesem Sonntag fernab von Moskau am Schwarzen Meer. als Boten der »moralischen Aufrüstung« nach WestBerlin entsandt. einen Riegel vorgeschoben.Sämtliche westliche Geheimdienste traf der 13. die er richtig voraussah. konnte er in seinem Urlaubsdomizil Pizunda auf der Krim gelassen abwarten. denn ich glaube. Ein Fernsehinterview des amerikanischen Senators Fulbright vom 30. der höchste Zivilbeamte der US-Mission in -136- . weshalb die Ostdeutschen ihre Grenzen nicht schon längst zugemacht haben. können sie das nächste Woche tun – und sogar ohne vertragsbrüchig zu werden. wie er sie verstand. an der Schraube des freien Zugangs nach West-Berlin zu drehen. seinerzeit als »Held der Luftbrücke« gefeiert. bekannt als erbitterter Kommunistenfresser und hitziger Amateurpolitiker. einen relativ unbedeutenden Vorfall benutzte.« Die erste große Aufregung schien verflogen. um große Politik zu machen. nachdem er den obligatorischen »feierlichen Protest« ausgesprochen und Weisung gegeben ha tte. Kennedy hatte General Lucius D. Allan Lightner. darin hatte der einflußreiche Außenpolitiker unter anderem ge sagt: »Wenn sie die Grenze abriegeln wollen. daß die drei essentials nicht verletzt wurden.« Jahre später wurde Kennedys drastische Bemerkung bekannt. besser als ein Krieg. die lautete: »Eine Mauer ist. sie haben jedes Recht dazu. Juli – keine zwei Wochen vor dem Mauerbau – war von der deutschen Öffentlichkeit seltsamerweise nicht beachtet worden. hatte er doch peinlich darauf geachtet. Kennedy wurde erst Stunden später informiert. die Lage nicht zu verschärfen. wo dieser.

beide Seiten zogen ihre Panzer ab. wo sie versuchten. Auch wir merkten. Seine Zeit war auch im übertragenen Sinn abgelaufen. worauf hinter der Grenze sowjetische Panzer erschienen. Sogleich sah Clay die Stunde gekommen. und am dritten Tag ließ Clay zur Krönung der Veranstaltung Panzer am Checkpoint Charly auffahren. Dann wurde es Moskau und Washington zu bunt. sich auszuweisen. wiederholten das ganze Spektakel an drei Tagen hintereinander. um ein Exempel zu statuieren. und selbst in seiner eigenen Partei mehrten sich Anzeichen der Unzufriedenheit. Worte. die eine Absage an Chruschtschow waren. nicht aber der kalte Krieg. Und dennoch nahm beinahe unmerklich eine neue Phase in der Weltpolitik ihren Beginn. die Posten zu passieren. wobei das Beispiel der Flexibilität des bewunderten amerikanischen Präsidenten sicher keine geringe Rolle spielte. kehrten sie in Begleitung von drei Jeeps mit Soldaten in voller Kampfausrüstung zurück. ohne sich auszuweisen. war am Checkpoint Charly von einem DDRPosten aufgefordert worden. Zurückgewiesen. und Washington rief Clay aus West-Berlin zurück. Mit ihm war keine Entspannung möglich gewesen. Eine Woche nach Kennedys BerlinBesuch hielt Egon Bahr eine vielbeachtete Rede vor der -137- . als Kennedy fast zwei Jahre nach Errichtung der Mauer im Juni 1963 WestBerlin besuchte und vor fast 400000 Menschen die berühmten Worte »Ich bin ein Berliner!« rief. obwohl die militärischen wie die zivilen Angehörigen der Westmächte das Recht auf ungehinderten Zugang nach Ost-Berlin besaßen. Eine aktuelle Krise war wieder einmal überwunden. Mit seinem Rücktritt im Oktober 1963 zollte der siebenundachtzigjährige Kanzler Adenauer nicht nur dem Alter Tribut. Er entsandte zunächst zwei Militärpolizisten in Zivil samt riesigem Presseaufgebot an einen Grenzübergang nach Ost-Berlin. Das wurde uns mehr als deutlich.West-Berlin. daß bundesdeutsche Politiker vermehrt vom Gedanken der Konfrontation mit der östlichen Großmacht abrückten.

mußten nun so eingerichtet werden. Sie wurde sehr viel aufwendiger. Bis zur Grenzschließung war es ein leichtes gewesen. daß wir dabei nicht ins Visier unserer Abwehr gerieten. So kam es zu der paradoxen Situation. sondern sah sich obendrein den Bestrebungen der Mielke unterstellten Abwehr ausgesetzt. nicht gegen sie. die für unsere westlichen Informanten oft leichter zu bewerkstelligen waren als DDR-Besuche. Manche unserer Kandidaten statteten wir mit der Identität von Opfern der Luftangriffe auf Dresden aus.Evangelischen Akademie in Tutzing. Es konnte vorkommen. Sie hatte das Thema »Wandel durch Annäherung« und ist später als Konzeption einer neuen Ostpolitik in die Geschichte eingegangen. unsere Leute über Fluchtwege auszuschleusen. Jetzt war dieser Weg versperrt. Die Praxis der Übersiedlung mußte völlig neu durchdacht werden. daß die Grenzkontrollen der eigenen Seite für unseren Nachrichtendienst das weitaus größere Problem waren als die relativ harmlosen Kontrollen auf der Westseite. was wir strikt ablehnen. Willy Brandt erklärte auf derselben Tagung: »Es gibt eine Lösung der deutschen Frage nur mit der Sowjetunion. und da die grüne Grenze noch nicht so dicht war. daß der ursprüngliche Inhaber einer solchen Identität noch lebte und sich -138- . Sogar Treffen am Rand der Transitautobahnen. August 1961 war mein Dienst nicht nur in der prekären Lage.« Durch die Grenzschließung am 13. an die Identität unserer Quellen und Illegalen heranzukommen. Eine Reihe von Aussiedlungskandidaten steckte mitten in der Vorbereitung. gingen wir das Wagnis ein. den Grenzverkehr unserer Kuriere und Agenten neu organisieren zu müssen. deren Tragweite damals nicht vorauszusehen war. weil die vielen Flüchtlinge unter den Toten nicht vom zentralen Melderegister erfaßt waren. angefangen bei den erforderlichen Papieren bis hin zur Durchforstung des bundesdeutschen Meldesystems nach Lücken bei Zuzügen aus dem Ausland. unsere Mitarbeiter im großen Flüchtlingsstrom nach Westen mitschwimmen zu lassen.

In den ersten Jahren mußten unsere Männer und Frauen das Funken noch mühselig an Morsetasten lernen und üben. Eine wahre Meisterleistung vollbrachten die Experten dieser Abteilung nach meinem Ausscheiden aus dem Dienst: die weltweit von Kennern neidlos bewunderte Fälschung der vermeintlich fälschungssicheren neuen bundesdeutschen Reisepässe und Personalausweise. die Grenzen der nachrichtendienstlichen Möglichkeiten legaler Residenturen in Auslandsvertretungen richtig einschätzte und sich für die Stärkung der illegalen Linie aussprach. der nicht größer als eine Zigarettenschachtel war. bildeten wir die illegalen Residenten im Senden und Empfangen verschlüsselter Funksprüche aus. ja freundschaftliche Arbeitsbeziehungen. doch keiner unserer Leute wurde durch das Funken entdeckt. aber oft kam es nicht vor. Dazu dienten ihnen eigens gefertigte getarnte Kleinstgeräte. Da unsere Vorkehrungen auch im Ernstfall. funktionieren mußten.in der Bundesrepublik aufhielt. Der einseitige Funk. während sie zuletzt den chiffrierten Text ohne viel Aufhebens in wenigen Sekunden über einen Schnellgeber absetzen konnten. und der sogenannten illegalen Linie der Ersten Hauptverwaltung des KGB entwickelten sich im Lauf der Jahre enge. daß Jurij Andropow. Unsere Abteilung VI war für die Herstellung sämtlicher Dokumente zuständig. die für die Übersiedlungen zuständig war. blieb immer eines der wichtigsten Verbindungsmittel. die ständig verbessert wurden. Sie lebten im ständigen Zweikampf mit der Peiltechnik der gegnerischen Abwehr. die auch darin gründeten. die benötigt wurden. Mit einem im Handel erhältlichen Gerät – möglichst mit gespreizter Kurzwelle – konnte der Empfänger -139- . Zwischen der Abteilung VI unserer HVA. der Vorsitzende des KGB. das Senden von der Zentrale ins Einsatzgebiet. also bei Unterbrechung aller im Frieden offenen Verbindungswege.

Auf die fatalen Folgen der Entschlüsselung unserer Funksprüche aus der Zeit vor 1961 komme ich später noch zurück. war die zentrale Erfassung für die HVA ausschließlich mit vier Grunddaten zur Person möglich. entweder mit einem normalen Gerät die geringe Wahrscheinlichkeit in Kauf zu nehmen. daß die Regeln der Konspiration von uns ernster denn je genommen wurden. Bis ich den Dienst verließ. gegen die ich mich ebenso unermüdlich zur Wehr setzte. konnte er schlecht etwas dagegen sagen. sorgten für dauerhafte Reibung. Der Bundesnachrichtendienst praktizierte übrigens das gleiche System. Um die Mitte der 70er Jahre tauchte ein neues. der einen im Fall der Entdeckung der Spionage überführen mußte. daß man angepeilt wurde. Niemand außer den unmittelbar mit einem Vorgang befaßten Mitarbeitern durfte irgendwelche Kenntnisse über das Netz und die Identität unserer Agenten besitzen. zu unterscheiden waren oder sind. bestehende Sonderregelungen aufzuheben und eine zentrale Erfassung der Agenturen durchzusetzen. Da er selbst die Konspiration in jedem Befehl und jeder Rede bemühte. so daß unsere Quellen in keinerlei Weise von zehntausenden anderer Personen. So gut und einfach diese Methode war. bis dahin kaum für möglich gehaltenes technisches Phänomen auf: Normale Radioempfänger konnten durch eine bestimmte Abstrahlung zur Gefahr werden. die irgendwann in unser Blickfeld gerieten. Die ständig wiederkehrenden Bestrebungen Mielkes und der Abwehr. sowohl innerhalb unserer Hauptverwaltung als auch gegenüber den sowjetischen Verbindungsoffizieren und erst recht gegenüber der Abwehr unseres Ministeriums. Das bedeutete die schwere Entscheidung. In Anbetracht all dessen war es nur zu verständlich. oder einen speziellen Empfänger zu benutzen. das er Rundspruchdienst nannte. -140- .die verschlüsselten Funksprüche empfangen. hing doch alles von der Zuverlässigkeit des Chiffresystems ab.

als er sich gegen die aufkommende NS-Bewegung wandte.Die erschwerten Bedingungen beim Grenzübertritt und der Hickhack mit der Abwehr waren nicht unsere einzigen Probleme. Adenauers engstem -141- . für uns zu arbeiten und deshalb nach Westdeutschland überzusiedeln. Er entstammte einer alten Adelsfamilie. Nach 1933 verdiente er seinen Lebensunterhalt mit historischen Romanen. schwere personelle Verluste zwangen uns zu erhöhten Anstrengungen. Der für die christlichen Parteien der Bundesrepublik verantwortliche Referatsleiter der Aufklärung. Den ersten Hinweis auf von Hanstein hatte ich von Wilhelm Zaisser erhalten. Von Hanstein war einige Jahre in der Sowjetunion inhaftiert gewesen und lebte seit seiner Freilassung in Dresden. Von Hanstein hatte sich unserer Zusammenarbeit mit Leib und Seele verschrieben und eine große Zahl wichtiger Verbindungen aufgebaut. des Generalsekretärs der Liga für Menschenrechte. Wolfram von Hanstein folgte dieser Tradition. Es war erstaunlich. Besonders hart traf uns die Verhaftung Wolfram von Hansteins. die wertvolle Einrichtung überließen sie uns zur Nutzung. sondern auch seine Frau ohne Zögern bereit. Anhänger eines humanistischen Weltbilds. Ihr Grundstück samt Villa traten sie an die vom Krieg schwer heimgesuchte Stadt Dresden ab. der zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. aber einige Quellen wurden festgenommen. indem er in der Illegalität untertauchte. Es kam zwar nicht zu einer Wiederholung der seinerzeitigen »Vulkan-Affäre«. sein Vater und Großvater waren bekannte Wissenschaftler und Schriftsteller gewesen. mit welcher Zielstrebigkeit und Energie der auf die Sechzig zugehende von Hanstein Verbindungen knüpfte und aktivierte. Wider Erwarten fand sich nicht nur er. Als besonders wertvoll erwiesen sich seine Kontakte zu Heinrich Krone. hatte sich in den Westen abgesetzt und sein gesamtes Wissen der Gegenseite verraten. Der Einberufung zur Wehrmacht entzog er sich. Max Heim.

Seine Tätigkeit im Kuratorium Unteilbares Deutschland ermöglichte uns Einblicke in die konzeptionellen Vorstellungen der Bonner Regierung und die Koordinierung der Opposition. Von Epp trat aus freien Stücken mit uns in Verbindung. Mit zwei Millionen hinzugewonnener Stimmen erreichten die Sozialdemokraten ihr bestes Wahlergebnis seit Kriegsende. der als Sonderminister für Sicherheitsfragen zuständig war. Von Hanstein konzentrierte sich vorrangig auf alle Aktivitäten. Zum gleichen Zeitpunkt eröffneten sich in Bonn neue Perspektiven. daß er während seiner Haft für uns die Verbindung zu drei interessanten Mithäftlingen herstellte. der in den Anfängen der NSDAP eine Rolle gespielt hatte. hatte er gerade eine vielversprechende Quelle in der CDU erschlossen. Bei den ersten Gesprächen unterbreitete er mir abenteuerliche Vorschläge. Er war von dem Drang erfüllt. Sein besonders enger Kontakt zu Stephan Thomas. dem Minister für Gesamtdeutsche Fragen und führenden Kopf des Kuratoriums Unteilbares Deutschland (KUD). dem Leiter des Ostbüros der SPD. und zu Ernst Lemmer. der Träger eines in Deutschland bekannten Namens. die bis an die Grenze des Terrorismus gingen. Nach seiner Freilassung kehrte er in die DDR zurück. und seine Kontakte zu den Komitees »Rettet die Freiheit« und »Vereinigung der Opfer des Stalinismus« verhalfen uns frühzeitig zu allem Wissenswerten über diese Organisationen. Als er verraten wurde. Wiedergutmachung zu leisten und eine eventuelle Wiederkehr des Nationalsozialismus in Deutschland zu verhindern. zeigt am deutlichsten vielleicht der Umstand. Ebenfalls von Heim verraten wurde Freiherr von Epp. und nur durch längere Debatten war er von diesen Vorstellungen abzubringen. wo er 1965 verstarb. die gegen die DDR und andere sozialistische Staaten gerichtet waren. Wie sehr von Hanstein uns verbunden war. Zum erstenmal war nicht nur in haltlosen -142- .Vertrauten. ein Verwandter jenes berüchtigten Ritters von Epp.

auch die geringsten Anzeichen zu verfolgen und zu bewerten. -143- . Doch für uns galt es. die Regierungspolitik wurde weiterhin von Christdemokraten und Freien Demokraten bestimmt. die zum Abbau des kalten Krieges und zu eine r dauerhaften Entspannung führen konnten.Spekulationen von einer möglichen Regierungsbeteiligung der SPD die Rede. Es kam nicht zur großen Koalition.

gründete. in denen die Motivation derer. gesammelt hatten. sie habe zwar Fremde bewirtet. wie der Herr Mose gebot. dem Idealismus. einer Dirne. diese seien aber bereits abgereist. daß zwei der Männer sie an einer Stange nach Hause tragen mußten. daß die Verknüpfung von Spionage und Liebe naheliegend. Im 4. Einem der Männer. gehört neben der politischen Überzeugung. Die Abwehrleute des Königs von Jericho informierten ihn von der Anwesenheit der Fremden in Rahabs Haus. übernachteten – ein erstes Aufeinandertreffen der zwei weltältesten Gewerbe.6 Spionage aus Liebe Die enge Verbindung zwischen Spionage und Liebesgeschichten ist weder eine Erfindung der Kolportage noch der Geheimdienste. So rettete sie zwei sehr geheimen Agenten das Leben. schnitten sie eine Weinrebe ab. die so schwer war. Zu den vielfältigen Ursprüngen. mit einer Traube. sondern so alt wie das Zweitälteste Gewerbe der Welt selbst. Als Rahab die nahenden Tugendwächter erspähte. die sich für meinen Dienst engagierten. aus jedem Stamm einen. die sich später revanchierten. wo diese im Hause der Rahab. den finanziellen Motiven und denen des unbefriedigten Ehrgeizes auch das der -144- . versteckte sie die Spione auf dem Dach und behauptete gegenüber den Ermittlern. Hosea. Weniger launig läßt sich feststellen. ja zwangsläufig ist. Im Buch Josua erfahren wir. dem Sohne Nuns. Buch Mose wird geschildert. Nachdem die Kundschafter Informationen über die Bewohner Kanaans und die Wirtschaftspolitik des Landes. indem sie ihr das Leben retteten. wie Josua als Amtsnachfolger Mose zwei Kundschafter nach Jericho entsandte. gab er in bester geheimdienstlicher Tradition den Decknamen Josua. Männer als Kundschafter in das Land Kanaan zu entsenden. in dem Milch und Honig floß. und wie Mose zwölf Männer auswählte.

hat damit zu tun.Liebe. Was blieb. und seitdem haftet meinem Dienst der zweifelhafte Ruf an. daß eine solche Abteilung in den gleichen Bereich gehört wie die des MI 5. waren ein gebrochenes Herz. alleinstehende Männer waren. unsere Leute davon abzuhalten. sahen wir es nicht als geboten an. den Bereich der Phantasie. Ein erster »Romeo« war zweifellos »Felix«. damit sie dort den ledigen Fräulein den Kopf und den Verstand verdrehten. Alleinstehende. die er uns als mögliche Quelle empfahl. von der er den -145- . daß wir »Agenten mit spezieller Auftragsstruktur« in Herzensdingen in die Bundesrepublik aussandten. als wir ihn Hals über Kopf abziehen mußten. in der die jeweils neuesten Hilfmittel für den Agenten 007 erfunden und getestet werden. waren in den weitaus meisten Fällen Männer und nicht Frauen. Ich brauche wohl nicht eigens zu betonen. dessen Liebe zu seiner Quelle »Norma« in Bonn so unglücklich endete. und wenn sich dabei Bekanntschaften ergaben. meine HV Aufklärung habe regelrechte Romeo-Spione auf unschuldige weibliche Wesen in der Bundesrepublik angesetzt. daß die meisten Kundschafter. Daß sie im Westen Freundinnen kennenlernten. Das aber bedeutete noch lange nicht. die wir in den Westen entsandten. Herzensbrecher ausgebildet zu haben. um auf diesem Weg die Geheimnisse der Bonner Regierung auszukundschaften. Daß dieses Romeo-Klischee überhaupt entstehen konnte. Es handelte sich um eine Sekretärin in Globkes Büro. der Zuneigung zu einem Mitarbeiter meines Dienstes. war von unserer Seite aus nicht untersagt. gewann schnell ein unausrottbares Eigenleben. an der »Felix« noch lange zu tragen hatte. Die wohl eher mediengerechte Behauptung. eine moralische Bürde. und die Erinnerung an eine entfernte Bekannte. die für unseren Dienst lohnende Aussichten beinhalteten. Glaubhafte »Legenden« waren für Ehepaare weit schwieriger zu erstellen als für Alleinstehende. die sich für die HVA in die Bundesrepublik aufmachten.

dessen Souveränität sie nur belächeln konnte. Er war Sportflieger und ehemaliger Major im Stab des Generalfeldmarschalls Kesselring. Wir entschieden uns für Herbert S. Mitte der 50er Jahre machte er sich auf nach Bonn. indem er sich als sowjetischer Aufklärungsoffizier ausgab. wo Regierungsmitglieder verkehrten. kam uns ebenso wie seine Beziehung zu anderen einstigen Offizieren aus der Umgebung Kesselrings zugute. die er nicht verschwiegen hatte. Leider verschlimmerte ein Lungenleiden »Astors« sich so -146- . Vor diesem Hintergrund knüpfte er unaufdringlich eine Beziehung zu »Gudrun« an. der Dame. Deckname Astor. um seine Möglichkeiten in Richtung Bonn zu aktivieren und eine glaubwürdige Geschichte für seinen Weggang aus der DDR zu ersinnen. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP. als Kandidaten.Eindruck hatte. Ähnlich anderen Offizieren hatte er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft eine politische Wandlung durchgemacht. Sie wurden ein Paar. Schon in der ersten Phase der Bekanntschaft »Astors« mit »Gudrun« erhielten wir Informationen über Personen und Vorgänge aus Adenauers unmittelbarer Umgebung. ebenso über Gehlens Kontakte zum Kanzler und dessen Staatssekretär Globke. Nach seiner Entlassung bekannte er sich zu den Zielen der DDR und trat der Nationaldemokratische Partei Deutschlands – NDPD – bei. Das fanden wir merkwürdig.. in der zahlreiche ehemalige Offiziere und kleine Mitläufer der Nazis eine neue politische Heimat fanden. sie könne durch den richtigen Mann möglicherweise beeinflußbar sein. aber sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen: Eine Großmacht wie die UdSSR war für seine Geliebte etwas ganz anderes als ein Staat wie die DDR. seine Freundin anzuwerben. In einem abgelegenen Wintersportort in der Schweiz fand die offizielle Anwerbung statt. die »Felix« genannt hatte. Er wurde Immobilienmakler und trat in den exklusiven Fliegersportklub von Hangelar ein. Nach einiger Zeit schlug »Astor« vor.

Es gelang ihm. seiner Freundin. kannte das Wort Niederlage nicht. die er an uns weitergab. war hübsch und katholisch. sittsam und scheu. indem er sich als Offizier der dänischen militärischen Aufklärung ausgab. nicht aus Neugierde oder Abenteuerlust. was -147- . gutaussehender Mann mit dem Naturtalent. der auf der Bühne vielleicht eher den Don Giovanni als den jugendlichen Romeo gegeben hätte. Doch Ro land G. daß sie in der Sünde mit ihm zusammenlebte. Er war ein hochintelligenter. die als Dolmetscherin an der Nato-Zentrale in Fontainebleau bei Paris arbeitete. daß wir ihn zurückholen mußten. was uns vorschwebte. Andere Romeo-Agenten hatten sich bereits vergeblich um sie bemüht. und das bedeutete das Ende der Zusammenarbeit mit »Gudrun«. das Wissen. Direktor eines angesehenen Theaters in Sachsen. Das Ende der Beziehung gab uns jedoch Gelegenheit. wo er als galanter Verehrer glänzte. um dort eine Frau kennenzulernen. kurzum. 1961 fuhr er in unserem Auftrag nach Bonn. Eines Tages jedoch eröffnete sie ihm. fleißig. der geborene Kand idat für das. Im Verlauf dieser Reise verführte er die junge Dame und enthüllte ihr seine Identität als Spion. Unser Mann überlegte. Eine Zeitlang ging alles gut: Margarete beschaffte ihrem Geliebten Nato-Geheiminformationen. Eine gute Besetzung war auch Roland G. dessen Rücktritt im Jahr 1963 wir um einiges beschleunigt haben. passenderweise mit dem Namen Margarete. der im Kunsthistorischen Museum ebenso zu Hause war wie im Prater oder beim Heurigen.. in unserer Kampagne gegen Globke zu verwenden. Zu diesem Zweck schlüpfte er in die Rolle eines dänischen Journalisten namens Kai Petersen und sprach Deutsch mit dänischem Akzent. das wir durch »Gudrun« erworben hatten. verstärkt durch den Umstand. Margarete zu einer Reise nach Wien zu überreden. daß sie zunehmend Gewissensbisse habe. in jede Rolle zu schlüpfen. Unser Zielobjekt. Sie hatte aus Liebe zu ihm spioniert.dramatisch.

als sie zu ehelichen. dann beweisen sie. Das bestätigt auch der Fall einer Quelle mit Decknamen Schneider. die uns über Jahre hinweg wertvolle Informationen aus dem Bundeskanzleramt lieferte. verlor sie bald das Interesse daran.zu tun sei. einen anderen Agenten mit Material zu versorgen. Als die Abwehr unserem Mann auf die Fährte kam und wir ihn überstürzt abziehen mußten. der eigens hatte Dänisch lernen müssen. als Feldkaplan verkleidet. um Margarete die Beichte abzunehmen. blieb Margarete im Westen. dem sie alles gestand und der sie dazu bewegte. Obwohl sie eine Zeitlang sogar bereit war. war es ein herbes Erwachen für die -148- . beriet sich mit seinen Verbindungsleuten in KarlMarx-Stadt und begab sich zusammen mit Margarete nach Jutland. daß niemand – und schon gar keine Frau – gegen den eigenen Willen zur Spionage gezwungen werden kann. Dort erwartete sie ein Mitarbeiter unseres Dienstes. mußten wir ohnmächtig mitansehen. Wie »Gudrun« hatte auch sie nur um des geliebten Mannes willen spioniert. doch selbst nach der Eheschließung blieb »Hulda« ihrem Dienstherrn Rainer Barzel gegenüber loyal und ihrem Ehemann gegenüber enttäuschend zugeknöpft. er sei ins Visier der Abwehr geraten. Obwohl sie auch danach noch zu Treffs nach OstBerlin kam. ihre Stelle zu kündigen. weil wir fürchteten. um ein neues Leben mit ihm zu beginnen. um an die gesuchten Informationen heranzukommen. bei einem Treffen in der DDR bat sie um Aufnahme in die SED. Weniger Glück hatten wir mit der Quelle »Hulda«. wie uns eine unserer besten Quellen verlorenging. zurückziehen mußten. Als wir Roland G. Wenn diese Romeo-Fälle etwas beweisen. Nach seinem Abzug war sie weiterhin für uns tätig. Unser Mann mit dem Decknamen Reggentin fand keinen anderen Weg. Sie hatte sich in unseren Mitarbeiter verliebt und sogar um seinetwillen dessen politische Überzeugung zu der ihren gemacht. doch eines Tages trat ein anderer Mann in ihr Leben.

Die Zuneigung zu »Kranz« war immerhin noch so lebendig.Getäuschte. Herbert – Deckname Kranz – entdeckte Gerda seine wahre Identität. ohne daß man sie durchsucht hätte. und »Rita« war kein ängstliches Naturell. Anfang der 70er Jahre wurde »Rita« dann an die Bonner Mission in Warschau versetzt. immer wieder stopfte sie kaltblütig meterlange Telegrafenpapierstreifen in ihre geräumige Handtasche und spazierte damit aus dem Haus. und seine Frau hatte in Warschau einen westdeutschen Journalisten kennengelernt. Als sie für drei Monate als Chiffreuse an die deutsche Botschaft in Washington versetzt wurde. daß sie ihre Meinung ändern und nicht nach Bonn -149- . Ab 1966 war sie in der Abteilung Telco tätig. erhielten wir durch sie ungeahnte Einblicke in Interna der deutschamerikanischen Beziehungen. Was dann geschah. Der Arbeitsstil bei Telco war lässig. und das mit außergewöhnlicher Effizienz. dem Nachrichtenzentrum des Auswärtigen Amtes. Herbert S. der Enttarnung knapp entronnen. hatte zu Beginn der 60er Jahre als Neunzehnjährige an der Pariser Sprachenschule Alliance Française ihren späteren Ehemann und Führungsoffizier Herbert S. Doch nun begann es in unserer Zusammenarbeit zu kriseln. was leider den Zustand der Ehe zwischen »Rita« und »Kranz« widerspiegelte. hatte in der Bundesrepublik bleiben müssen. Noch hofften wir. klingt eher wie ein Spionagekrimi als wie die nüchterne Realität: Herbert S. kennengelernt. in den sie sich verliebte und dem sie ihr Herz ausschüttete. Aus der Liebelei wurde Liebe. wo die Telegramme aller bundesdeutschen Botschaften dechiffriert und weitergeleitet wurden.. um es euphemistisch auszudrücken. saß bei uns. daß »Rita« ihn anrief und ihm eine Warnung zukommen ließ. einen getarnten Agenten des BND. und sie arbeitete von da an bewußt für unseren Dienst unter dem Decknamen Rita. Gerda O. wurde in der Warschauer Villa des bundesdeutschen Botschafters argusäugig bewacht. Gerda S.

zurückkehren würde. war. Meine polnischen Kollegen versprachen mir. als »Inge« ohne -150- . was sie wußte. Deckname Inge. Als der Botschafter und ein Botschaftsrat zusammen mit zwei BND-Mitarbeitern »Rita« zur Abfertigung am Flughafen begleitete. die geringste Chance zu nutzen. obwohl er ihr notgedrungen reinen Wein einschenkte. doch dann schüttelte sie den Kopf und stieg ins Flugzeug. Sie zögerte für einen Augenblick – der dem Botschafter zweifellos wie eine Ewigkeit vorgekommen sein muß –. wenn abends länger gearbeitet werden mußte. und in einem Standesamt in Lichtenberg gaben die beiden sich das Jawort. doch eine solche Chance ergab sich nicht. um »Ritas« Abflug zu verhindern. daß die Seite im Heiratsregister mit ihrem Eintrag nach der Veranstaltung entfernt und vernichtet wurde. Jahrelang versorgte sie uns von dort mit Informationen. doch vergebens. Obwohl »Inge« wußte. Für meinen Dienst war das kein Ruhmesblatt. »Rita« hatte den westdeutschen Behörden bereitwillig alles über uns erzählt. trat dort ein polnischer Offizier vor und bot ihr Asyl in Warschau an. daß ein Eheleben mit »Kranz« in der Bundesrepublik nicht möglich gewesen wäre. Was sie nicht wußten. Doch kaum aus dem Westen abgezogen. Erst Jahre später. Seine neue Liebe. suchte sich zielstrebig eine Stelle in Bonn und fand tatsächlich in relativ kurzer Zeit eine Anstellung im Bundeskanzleramt. lernte er im Urlaub an der Schwarzmeerküste Bulgariens eine Frau kennen. In ihrem Büro war sie beliebt. Trotz unserer Bedenken ließen wir ihr Papiere auf ihren Mädchennamen ausstellen. als sie in einer Illustrierten in einem Bericht über »Ritas« Prozeß auf sein Foto und seinen Namen stieß. und »Kranz« war in der Bundesrepublik durch seine Enttarnung verbrannt. wenigstens in der DDR. denn dann konnte sie in Ruhe die Extrakopien für unseren Dienst machen. die eine feste Beziehung mit ihm einging. wollte sie ihn unbedingt heiraten. weil sie gern für Kolleginnen einsprang.

wurde Anfang des Jahres enttarnt und verhaftet. die für den Generalsekretär der CDU arbeitete? Oder »Herta«. lebten unter falscher Identität in der Bundesrepublik und führten mit den Papieren eines Ausgewanderten oder eines Verstorbenen. ebenfalls mit ihrem -151- . daß ihre Ehe bislang null und nichtig gewesen war. Sekretärin in der bundesdeutschen NatoBotschaft.. Ingrid Garbe.. kein weiteres Risiko einzugehen und vor allem die möglicherweise gefährdeten Quellen in der Bundesrepublik keinem unnötigen Risiko auszusetzen. eine Sekretärin in der CDU-Führung. Alarmiert durch die Festnahmen innerhalb weniger Wochen. Offenbar war es der westdeutschen Abwehr gelungen. sei enttarnt und mitsamt ihrem Ehemann verhaftet worden. in die DDR über und erklärte in einem Fernsehauftritt. beschloß ich. die uns bisher sicher vorgekommen war. dessen Tod nicht registriert war. Die Medien behaupteten. Am selben Abend noch ordnete ich den Rückzug an. daß sie aus Gewissensgründen diesen Schritt getan habe. samt Lebensgefährten und Helga R. Werner Marx. daß allen drei Frauen eines gemeinsam war: Ihre Ehemänner oder Lebensgefährten stammten aus der DDR. diese Tarnung. daß sich kurz darauf Inge G. Am gleichen Abend wurde in den Nachrichten gemeldet. Ursula H. Kurt Biedenkopfs Sekretärin Christel B. Im März trat Ursel Lorenzen. erfuhren die beiden zu ihrer Empörung.eigenes Verschulden enttarnt und verurteilt wurde. So kam es.. aber unve rzüglich. und ihr Ehemann. zu entschlüsseln. eine sogenannte Doppelgängerexistenz. ohne Aufsehen. sie sei »so gefährlich wie Guillaume« gewesen. die in der Bundesgeschäftsstelle der Partei beschäftigt war? Sicher war nur. Mitarbeiterin des NatoGeneralsekretariats. die Sekretärin von Dr. Sekretärin des Staatssekretärs Manfred Lahnstein. die im Vorzimmer des außenpolitischen Sprechers der Fraktion saß? Oder »Uta«. Das Jahr 1979 war ein schwarzes Jahr für meinen Dienst. Der Name sagte mir zunächst nichts – war es »Christel«.

Lebensgefährten, in die DDR absetzten. Die Boulevardpresse überschlug sich – Sekretärinnen, die aus Liebe zu Spioninnen wurden, vielleicht gar aus Gründen sexueller Abhängigkeit oder Angst vor Schlägen, das ließ sich weidlich ausschlachten. Heribert Hellenbroich, damals Abteilungsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz, sah die Sache wesentlich differenzierter und sagte dazu: »Die besondere Beziehung entsteht in der Regel ohne Druckmittel, ohne Erpressung, auch Geld spielt keine Rolle, sondern eben nur dieses ideelle Motiv.« Wie aber war die Gegenseite uns mit einemmal auf die Doppelgänger-Identität unserer Männer gekommen? Als in den Nachwehen der Guillaume-Affäre Dr. Richard Meier Günther Nollau als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz abgelöst hatte, waren in dieser Behörde mit einem Schlag größere Professionalität und höhere Effizienz eingekehrt, und das bekamen wir durch Rückschläge und Erschwernisse unserer Arbeit schmerzlich zu spüren. Die Verhaftungen unserer Quellen Anfang 1979 und mein Entschluß, alle eventuell gefährdeten Personen zurückzurufen, waren die späte und für meinen Dienst schmerzlichste Folge der sogenannten Aktion Anmeldung, durch die der Verfassungsschutz seit Beginn der 70er Jahre gezielt alle aus dem Ausland in die Bundesrepublik einreisenden Personen auf bestimmte Rastermerkmale überprüfte. Scharen von Rentnern durchkämmten die Karteien der westdeutschen Meldebehörden, und Zollbeamte waren angewiesen, männliche Einzelreisende aus der DDR im Alter zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig Jahren mit auffallend wenig Gepäck und unmodischem Haarschnitt besonders scharf ins Auge zu fassen und auszufragen. Immer wieder hatten wir uns den Kopf zerbrochen, wenn ausgerechnet Mitarbeiter mit guten Papieren den Argwohn der
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bundesdeutschen Abwehr erregten, doch diese Einzelfälle hatten wir dem Zufall oder – Alptraum jedes Geheimdienstes der Tätigkeit eines Maulwurfs zugeschrieben. Erst die unnatürliche Häufung von Enttarnungen in den ersten Monaten des Jahres 1979, gekrönt von einem Fernseha uftritt Dr. Meiers, in dem er die Verhaftung von sechzehn DDR-Spionen bekanntgab, sorgte für unmißverständliche Klarheit. Wir zogen alle Mitarbeiter zurück, die möglicherweise gefährdet waren. Das war zwar aufwendig, aber kein Ding der Unmöglichkeit. Unverständlich bleibt mir, warum der Verfassungsschutz seine »Aktion Anmeldung« damals publik gemacht und uns von sich aus über seine Rasterfahndung aufgeklärt hat. Auf lange Sicht hätte er meinem Dienst mit einer wohldosierten Salamitaktik weit mehr schaden können – materiell mit gezielten Festnahmen und psychologisch durch die Ungewißheit und die Zweifel, die er bei uns gesät hätte. So, wie die Dinge nun lagen, blieben die Auswirkungen der Aktion begrenzt. Nach den ersten spektakulären Festnahmen wurden bis Mitte der 80er Jahre noch etwa zweihundert Falschidentitäten herausgefunden, von denen nur ein minimaler Prozentsatz geheimdienstlich relevant war. Humor bewies die Katholische Nachrichtenagentur, aus der wir wegen der »Aktion Anmeldung« eine Quelle hatten abziehen müssen. Die Agentur schrieb daraufhin einen Brief an Mielke, in dem sie erklärte: »Dieser Mitarbeiter steht in den Diensten Ihres Hauses und ist inzwischen in seine Heimat zurückgekehrt.« Da »entgegen den Sitten des Hauses kein sogenannter Ausstand gegeben wurde«, möge Minister Mielke so freundlich sein, an Stelle des Betreffenden die Mitarbeiter der Katholischen Nachrichtenagentur zu einem Umtrunk einzuladen, da dies »der bewährten Zusammenarbeit unserer Häuser« nur zuträglich sein könne.

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Helga Rödiger 1981 Die Ehen von Inge G. und Ursula H., in der Bundesrepublik unter den falschen Namen ihrer Partner geschlossen, blieben in der DDR – nun unter richtigem Namen – stabil. Wie Christel B. konnte auch Helga Rödiger ihren Lebensgefährten erst in der DDR heiraten, und mit ihrer Geschichte, in die ich auch persönlich einbezogen bin, will ich dieses Kapitel beschließen. Unter dem Decknamen Hannelore war Helga Rödiger im Bundeskanzleramt für uns aktiv. Als wir ihren ursprünglichen Verbindungsmann zurückziehen mußten und ihn durch Gerd K. ersetzten, beschloß ich, beim Vorstellungsgespräch der beiden selbst dabei zu sein, da »Hannelore« wissen wollte, ob sie ihrem Chef Manfred Lahnstein in das Finanzministerium folgen sollte oder nicht. Unter dem Deckmantel der Olympischen Winterspiele 1976 trafen wir uns in Innsbruck. Die Gespräche verliefen problemlos, das winterliche Alpenpanorama und der Charme der alten Stadt taten das ihre, und zu meiner großen Erleichterung
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waren sich die beiden auf Anhieb sympathisch. Bald merkte ich, daß zwischen ihnen mehr war als bloße Sympathie. Daß eine Heirat ausgeschlossen war, wußten beide. Dennoch fanden sie einen Weg, ihre Beziehung zu besiegeln, von dem ich erst aus der westdeutschen Boulevardpresse erfuhr, als »Hannelore« enttarnt worden war und beide in die DDR geflüchtet waren. An ihrer Wohnungstür war auf dem Namensschild nicht nur ihr Name zu lesen gewesen, sondern auch der Name K., unter dem ihr Verbindungsmann und Lebensgefährte in der Bundesrepublik firmierte. Das Happy-End dieser Geschichte erlebte ich ebenso mit wie ihren Anfang. Schauplatz der Trauung des überglücklichen Paares war das mittelalterliche Städtchen Wernigerode im Harz, ein kaum weniger romantischer Rahmen als Innsbruck. Leider fand ihr Eheglück nach wenigen Jahren durch den Tod Gerds nach schwerer Krankheit ein allzu frühes Ende.

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7 Der deutschdeutsche Dschungel
Schon Anfang der 50er Jahre kam ich zu dem Schluß, daß eine Wiedervereinigung Deutschlands auf absehbare Zeit unmöglich sein würde. Die Politik der Westmächte und der Bonner Regierung verfolgte andere Ziele. Die Unruhen vom Juni in der DDR 1953 bestärkten sie in ihrer Überzeugung, daß sie mit einer rollback-Strategie den Kommunismus besiegen könnten – durch politischen, wirtschaftlichen und auch militärischen Druck. Konrad Adenauer hatte schon vor Gründung der Bundesrepublik insgeheim einen Kurs verfolgt, der die schnelle Wiederbewaffnung und die Integration Westdeutschlands in ein westeuropäisches Militärbündnis vorbereitete. Obwohl er in seinen öffentlichen Reden die deutsche Einheit beschwor, war uns klar, daß seine Politik eine Annäherung der beiden deutschen Teilstaaten ausschloß. Noch als ich bei Robert Korb in der Informationsabteilung saß, kamen wir konspirativ in den Besitz eines Dokuments, das unsere Befürchtungen bestätigte. Es war der geheime Entwurf des »Generalvertrags«, in dem die Aufrüstung der BRD unter dem Dach einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft konzipiert war. Diese Pläne aufzudecken und nach Möglichkeit zu verhindern, war unsere wichtigste politische Aufgabe in diesen Jahren. Wir fanden dabei nicht wenige Verbündete auch in Westdeutschland, denn Adenauers Kurs war selbst in seinen eigenen Reihen umstritten. Dem Rheinländer wurde vorgeworfen, daß ihm die Franzosen näherstünden als die protestantischpreußischen Deutschen jenseits der Elbe und daß er die Spaltung nutzen wolle, um einen katholisch dominierten Rheinbund zu schaffen. Der Widerstand gegen die Politik Adenauers kam daher auch
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aus rechten Kreisen – von Nazigruppierungen über nationalkonservative Mitglieder der Unionsparteien bis zum nationalliberalen Flügel der FDP. Einige dieser Kanzlergegner suchten den Kontakt mit uns, so Gereke mit seiner 1950 gegründeten Partei, denn die DDR-Führung propagierte zu jener Zeit noch die Wiedervereinigung als Ziel ihrer Deutschlandpolitik. Den Entwurf des »Generalvertrags« lieferte uns eine Agentengruppe, die unter dem Decknamen Kornbrenner arbeitete. An ihrer Spitze stand ein ehemaliger Mitarbeiter des NS-Sicherheitsdienstes SD. Geführt wurde der Agent von einem Widerstandskämpfer jüdischer Abstammung, was für diesen Mann eine beinahe unzumutbare Belastung war. Entgegen allen Legenden, die später in Umlauf gesetzt wurden, war der »Kornbrenner«-Kontakt der einzige Fall, in dem wir die Netze ehemaliger SS- und SD-Angehöriger nutzten. Hätten wir weniger Skrupel gehabt, wären wir schon in den Anfangsjahren unseres Dienstes leichter und schneller in die Spitzen der westdeutschen Geheimdienste und der Bundeswehr eingedrungen. Der sowjetische Nachrichtendienst ging in dieser Hinsicht mit großem Erfolg sehr viel pragmatischer vor. Trotzdem flössen Informationen aus allen möglichen politischen und nachrichtendienstlichen Quellen in unsere Kanäle. Zu einigen Abgeordneten aus dem rechten Lager des Bundestages hatten sich vertrauliche Beziehungen entwickelt. Sie waren unterschiedlicher Natur. Es gab konspirative und politische Kontakte und auch Fälle, in denen die Politiker nur von einem Mitarbeiter »abgeschöpft« wurden, der sie aushorchte, ohne daß es ihnen bewußt war. Einer dieser Kontakte war Erwin Feller von der Partei Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), einem Sammelbecken Rechtskonservativer und ehemaliger Nazis, zeitweiligem Koalitionspartner Adenauers. Feller überredete seinen Fraktionsvorsitzenden Dr. Karl Mocker zu
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deutschlandpolitischen Erklärungen, die im Gegensatz zur Bonner Politik standen und mit den damaligen Positionen der DDR-Führung vereinbar schienen. Bei diesen Kontakten vermengte sich der nachrichtendienstliche Aspekt mit dem Interesse, Einfluß zu nehmen. Gleiches galt für den Minister für Gesamtdeutsche Fragen im Kabinett Adenauer, Ernst Lemmer. Wir waren im Besitz einer Verpflichtungserklärung, die der CDU-Politiker für den sowjetischen Nachrichtendienst unterschrieben hatte. Es wurde von unserer Seite aber nie versucht, ihn damit zu konspirativer Zusammenarbeit zu nötigen. Sein Wissen abzuschöpfen war uns ein leichtes, da er in engem Kontakt zu Wolfram von Hanstein, der für uns arbeitete, und zu unserer amerikanischen Quelle »Maler« stand. Lemmer gehörte zu der Minderheit von Unionspolitikern, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewesen waren und nach der Kapitulation in die Politik gingen, um beim Aufbau eines demokratischen Deutschlands mitzuwirken. Hilflos mußten sie mit ansehen, daß Spitzenfunktionen in der Bundesrepublik mit ehemaligen Nationalsozialisten besetzt wurden. Eine antifaschistische Vergangenheit war in Westdeutschland bald ein Karrierehindernis, unter anderem deshalb, weil man Leuten aus dem Widerstand mangelnde antikommunistische Standfestigkeit vorwarf. Dieses Mißtrauen war nicht ganz unberechtigt, denn einige unserer wichtigsten Quellen und politischen Gesprächpartner kamen aus dem Kreis konservativer Nazigegner. Viele hatten wie Lemmer schon im Widerstand Kontakt zu kommunistischen Kreisen gehabt. Sie sahen es als patriotische Pflicht an, gegen den deutschland- und innenpolitischen Kurs Adenauers zu wirken. Gute Kontakte hatten wir schon früh in die bayerische CSU, und sie sollten bis zur Wende nicht abreißen. Eine unserer Quellen gehörte zum Kreis um den Vorsitzenden Dr. Josef Müller, genannt »Ochsensepp«, der Adenauers Politik kritisch
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gegenüberstand. Durch sie erfuhren wir auch erstmals von einem Nachwuchstalent namens Franz Josef Strauß. Politisch schien Strauß damals wie sein Ziehvater Müller undogmatisch und aufgeschlossen zu sein. Uns wurde zugetragen, er habe sich nach Kriegsende sogar zunächst um die Mitgliedschaft in der KPD beworben. Überraschendes erfuhren wir auch über den einflußreichsten CSU-Politiker, den Bundesfinanzminister und Vizekanzler Fritz Schäffer. Den Kontakt zu ihm hielt ein westdeutscher Geschäftsmann, der unter dem Decknamen Markgraf Informant unserer Hauptabteilung Wirtschaft war. »Markgraf« berichtete, daß Schäffer deutschlandpolitische Vorstellungen hege, die in krassem Widerspruch zur Politik seines Regierungschefs standen. Der Vizekanzler dachte angeblich über die Möglichkeit einer deutschen Konföderation nach. Diese Berichte schienen uns wenig glaubwürdig, weil wir es für ausgeschlossen hielten, daß der zweite Mann in der Bonner Regierung Pläne entwickelte, die mit Adenauers Politik unvereinbar waren. Die Skepsis wurde nicht geringer, als »Markgraf« einen Besuch Schäffers in Ost-Berlin ankündigte, bei dem der Vizekanzler mit hochrangigen Vertretern der Sowjetunion und der DDR über seine Konföderationspläne sprechen wollte. Gespräche mit Repräsentanten der »Sowjetzone« waren für Bonn damals ein Tabu, über das sich kein westdeutscher Politiker ungestraft hinwegsetzen durfte. Wir glaubten deshalb »Markgraf« so wenig, daß wir die Nachricht weder an die SEDFührung noch nach Moskau weitergaben, da wir fürchteten, uns zu blamieren. Zu unserer Überraschung stieg dann am 11. Juni 1955 zur angegeben Zeit tatsächlich der Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland nur in Begleitung unseres Informanten am Bahnhof Marx-Engels-Platz aus der S-Bahn. Dort empfingen ihn ein Oberst und der Major, der für die Führung »Markgrafs« verantwortlich war. Zum Glück hatten wir wenigstens einen
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Fotografen verdeckt postiert, der das historische Ereignis im Bild festhielt.

Konspirative Aufnahme von Fritz Schäffers Ankunft in OstBerlin 1955 (»Markgraf«: 2. von rechts)

Konspirative Aufnahme der Begrüßung Fritz Schäffers
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Der »Alte« habe ihm allerdings geraten: »Fahren Sie nicht. daß das Unglaubliche wahr geworden war. Der Zeitpunkt für Schäffers Mission war kein Zufall. mit dessen Familie der Vizekanzler befreundet war. Schäffer erklärte bei Müller. Vincenz Müller. daß er ein Gespräch mit dem sowjetischen Botschafter Puschkin erwarte. Er wolle lieber fürs erste mit einem DDR-Vertreter unterhalb des Kabinettsrangs reden. Adenauer von dem Besuch informiert zu haben. Ich befand mich nun in keiner beneidenswerten Lage. Gegen eine Zusammenkunft mit dem Ministerpräsidenten Grotewohl habe er allerdings noch Bedenken.« Er habe ihn auch vor den persönlichen Konsequenzen des Abenteuers gewarnt. Der Vizekanzler behauptete. Wenige Wochen zuvor hatte der österreichische Bundeskanzler Julius -161- .Vincenz Müller Der vorgeschobene Anlaß für Schäffers Ausflug in den Osten war ein Besuch bei General a. D. Unser Oberst brachte den Gast zunächst in Müllers Wohnung und benachrichtigte mich dann davon.

der offiziell als Botschaftsrat akkreditiert war. Er hoffte auf konkrete Vorschläge aus dem Osten. Grotewohl entschied. die eine Wiedervereinigung auf dem Verhandlungsweg noch nicht abgeschrieben hatten. die die Bundesrepublik an das westliche Militärbündnis banden. den nicht eingeweihten Botschafter Puschkin zu mobilisieren. Mai 1955 sollten die Pariser Verträge in Kraft treten. Motiv seines Besuchs war offensichtlich zu signalisieren. war es unmöglich. schilderte ihm die Situation und fragte. um auf diese Mission vorbereitet zu sein. Der Vizekanzler suchte sie zu ergreifen. Ich rief Ministerpräsidenten Grotewohl an. Verhandlungen über Neutralität und Wiedervereinigung schienen damit obsolet. das österreichische Modell auch auf Deutschland zu übertragen. Adenauer hatte entsprechende Vorstöße Moskaus immer als Propagandamanöver abgetan. mit denen die Meinungsbildung im Kabinett und in der Öffentlichkeit noch zu beeinflussen gewesen wäre. was zu tun sei. Wir waren also zu überrascht. Als Vertreter der sowjetischen Seite könne mein Verbindungsoffizier Semjon Logatschow fungieren. Am 5. indem er unter hohem persönlichen Risiko nachrichtendienstliche Wege nutzte. Der Nato wäre dadurch Westdeutschland als Aufmarschgebiet verlorengegangen. solle ich den Part des Regierungsvertreters übernehmen. der Wiedervereinigung und Neutralität der Alpenrepublik festschrieb. daß es auch im Bonner Regierungslager einflußreiche Kräfte gab.Raab in Moskau die Verhandlungen über einen Staatsvertrag abgeschlossen. -162- . die unglaubwürdige Ankündigung des Besuchs nicht nach oben weiterzugeben. um mit dem Osten Kontakt aufzunehmen. Für die Gegner von Adenauers Politik der Westintegration gab es im Frühjahr 1955 nur noch eine letzte Chance. da Schäffer ohnehin nicht mit ihm reden wolle. In der sowjetischen Führung gab es ernsthafte Erwägungen. Da ich mit meinem sowjetischen Verbindungsoffizier abgesprochen hatte.

meinte er. sich an das Lager der USA zu binden. Daraus könne man lernen. die er innenpolitisch machen wollte. Eine atomare Bewaffnung käme nicht in Frage. Er sagte. Auf unseren Einwand. Schäffer erinnerte an die Vorgeschichte der deutschen Einigung von 1871. die schon 1834 mit der Gründung des deutschen Zollvereins eingeleitet worden war. noch bemerkenswerter. Gingen diese Vorstellungen. Er zeigte sich gründlich vorbereitet und begann mit einem historischen Exkurs. das ließen auch die Pariser Verträge zu. Bis dahin müßte die Stärke der Streitkräfte entsprechend der Bevölkerungszahl in beiden Staaten begrenzt werden. gemessen an den entgegengesetzten Plänen Adenauers. daß die Entwicklung der letzten zehn Jahre im östlichen Teil Deutschlands nicht einfach rückgängig gemacht werden könne. Er war sichtlich enttäuscht. als er statt des sowjetischen Botschafters und eines hochrangigen DDR-Vertreters nur uns traf: zwei junge Männer. persönlich sei er ein überzeugter Anhänger der Marktwirtschaft. Trotzdem entwickelte der Vizekanzler über annährend zwei Stunden seine Vorstellungen. schon sehr weit. deren Namen ihm unbekannt waren und die ihm viele Fragen stellten.Fritz Schäffer wurde in die kleine Villa am Zeuthener See gefahren. Er verstehe aber. Man müsse sich da annähern und nicht die Differenzen in den -163- . die uns schon während der Außenministerkonferenz für weniger diplomatische Zwecke gedient hatte. Voraussetzung für die Vereinigung sei. daß gerade wegen dieser Frage alle Vorschläge der sozialistischen Seite von Bonn zurückgewiesen worden seien und die BRD gerade im Begriff stehe. ein vereintes Deutschland könne sich für neutral erklären. daß es zunächst zu Vereinbarungen zwischen den beiden Staaten auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet kommen müsse. daß die deutschen Staaten keinem Machtblock angehörten. entgegnete Schäffer. so waren die Kompromisse. ohne selber konkrete Antworten geben zu können.

-164- .« Über unsere Kanäle erfuhren wir. Sie demonstrierte. Geheimverhandlungen zu führen. wenn auch widerstrebend. habe ich nicht alles gesagt. seinen Stellvertreter nach Ost-Berlin hatte fahren lassen. Wichtiger noch schien ihm zu sein. Gegenüber den USA konnte er Schäffers Initiative als Trumpfkarte ausspielen.« Auch dieser kleine. Schäffer war aus politischen Gründen mehrfach von der Gestapo verhaftet und schließlich in das KZ Dachau gebracht worden. In meinem Bericht zitierte ich ihn wörtlich: »Ich habe im Zweiten Weltkrieg meinen Sohn verloren. aus dem er 1945 befreit worden war. auf dessen Wünsche man deshalb Rücksicht zu nehmen hatte. Es waren nicht allein nationale Motive. daß sich die beiden Staaten nicht mehr feindlich gegenüberstünden. daß eine Annährung der deutschen Staaten die Kriegsgefahr verminderte. die Fritz Schäffer zu seiner gewagten Initiative trieben. Das wichtigste sei. Vielleicht hätte ich mit einem Gespräch bei Botschafter Puschkin der deutschen Situation helfen können. Doch als ich die zwei jungen Männer sah.Vordergrund stellen. Adenauer konnte sich als unverzichtbarer Garant der Westintegration präsentieren. Er hat sich uns damals nicht ganz offenbart. die dem Nationalsozialismus aktiv oder zumindest als Mitläufer gedient hatten. Der alte Fuchs hatte das Scheitern des Alleingangs vorausgesehen. Ich war bereit. wie stark selbst im Kabinett der Widerstand gegen die Bindung der Bundesrepublik an die USA war. Auf der Rückfahrt sagte er voller Enttäuschung zu unserem Gewährsmann: »Ich habe eine Schlappe erlebt. daß noch einmal Millionen von Familien von solch einem Unglück getroffen werden. warum Adenauer. eher bescheidene und unauffällige Mann hatte eine andere Vergangenheit als die große Mehrheit der Funktionsträger im Bonner Staat. und darum will ich verhindern.

daß Parteifreunde in seine Pläne eingeweiht seien. waren vage. Er traf den Unionspolitiker in München und Bonn. weil das die Hallstein. ohne daß er konkrete Antworten erhielt. Die DDR-Führung hatte kein Verhandlungskonzept. Oktober 1956 kam der Vizekanzler wieder nach Berlin und sprach diesmal auch mit Botschafter Puschkin. strebte er zunächst eine deutschdeutsche Zusammenarbeit nach dem Vorbild der Benelux-Länder an. Moskau könne für eine gesamtdeutsche Neutralität die DDR aufgeben. Am 20. gab es die Sprachregelung.Doktrin ausgehebelt hätte. die beide deutsche Staaten zusammenführen sollten. Professor Otto Rühle. auch bei Schaffen -165- . die ich dem Kontaktmann Rühle für die Gespräche geben konnte. Schäffer legte weiter Wert auf strikte Geheimhaltung. Schäffer betonte. die Scharte auszuwetzen. Die Direktiven. man habe über aktuelle Themen gesprochen. Fern von der politischen Realität entwarf Schäffer Vorschläge. Der Einmarsch der Roten Armee in Ungarn zerstörte endgültig alle Wiedervereinigungsillusionen. Es blieb zunächst dabei. Als einen seiner engsten Vertrauten beschrieb er Franz Josef Strauß. Andererseits sah man Konföderationspläne mit gemischten Gefühlen. Einerseits wollte man die vom Vizekanzler angestrebten direkten Verhandlungen zwischen den deutschen Staaten. und wir bemühten uns. zum Beispiel über die Gebührenpauschale für die Transitautobahn. Auf meinen Vorschlag übernahm der Volkskammerabgeordnete der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NDPD). Für den Fall. weil immer das Mißtrauen blieb. Die Kontakte wurden mit Hilfe von Vincenz Müller aufrechterhalten. Da sein Ziel – die Vereinigung – immer utopischer zu werden schien. daß Schäffer immer neue Fragen gestellt wurden. die Rolle als Verbindungsmann zum Vizekanzler. daß die Kontakte doch bekannt würden. Nach einigem Zögern erklärte sich Schäffer zu regelmäßigen Kontakten auch mit unserer Seite bereit.Doch Schäffer gab nicht auf.

die in Absprache mit mir den Kontakt zu Schäffer aufrechterhalten hatten. der Vizekanzler habe die Verbindung zu General Müller gesucht. die ich dem Vizekanzler hatte geben lassen.« Nun aber brach Ulbricht um eines schnellen Propagandaerfolgs willen die Zusage strikter Vertraulichkeit. allerdings ohne den nachrichtendienstlichen Hintergrund und meinen Part. In Bonn wurde diese Erklärung als »unverschämte Lüge« zurückgewiesen. Sie belegten allerdings. Ulbricht hatte dabei offensichtlich auf meine Berichte über den Schäffer-Kontakt zurückgegriffen. Bonn lehnte brüsk und herablassend ab. Eine abenteuerliche Version der Schäffer-Initiative gibt Franz Josef Strauß in seinen Erinnerungen zum besten. Darin wurde die Initiative des Vizekanzlers korrekt wiedergegeben.Doch im Jahr 1958 machte Ulbricht plötzlich den Vorschlag einer deutschdeutschen Konföderation. in seinem Plan habe er doch nur die Vorschläge eines Bonner Regierungsmitglieds aufgegriffen. Er behauptet. Das wiederum brachte den mit Berichten wohlgerüsteten Ulbricht dazu. Bonn reagierte hektisch. Ulbricht erklärte. Er ließ General Müller und Professor Rühle. der im wesentlichen mit den ursprünglichen Vorstellungen Schäffers übereinstimmte. »bei dem -166- . Zu unserer großen Überraschung hatten die Enthüllungen für Schäffer keine Konsequenzen. Adenauer ließ die Untersuchungen der Affäre schnell beenden und nahm seinen Stellvertreter unter den Mantel der Nächstenliebe. weil der ihm »weitreichende Andeutungen« über einen bevorstehenden Putsch der NVA gemacht habe. die Grotewohl im Oktober 1956 mit dem Vermerk versehen hatte: »Einstweilen abwarten. Später wurden in Publikationen für Zeitgeschichte sogenannte Dokumentationen des Falles veröffentlicht. den Vertrauensbruch noch weiter zu treiben. wie selektiv Schäffer den Kanzler informiert hatte. die allenfalls Halbwahrheiten enthielten. eine öffentliche Erklärung verfassen.

war von der Parteiaufklärung zu unserem Dienst gekommen. in der Umgebung eines rheinlandpfälzischen Nachwuchspolitikers namens Helmut Kohl plaziert. Hans Kapfinger. bestätigten die Mitwisserschaft von Strauß. daß Strauß in die Konföderationspläne eingeweiht war. Wir wußten nicht nur von Schäffer. in der er Kreisvorsitzender und Bezirksschulungsreferent wurde. schon in den 50er Jahren eine Politik der Wiedervereinigung einzuleiten. denn der General kooperierte in dieser Sache aus politischer Überzeugung mit meinem Dienst. Adolf Kanter. Strauß veröffentlichte diesen Unsinn wider besseres Wissen. Kanter schloß sich der jungen CDU-Truppe an. die gegen den Widerstand der Parteihonoratioren den Weg für die Karriere von Helmut Kohl bahnte. Deckname Fichtel. Zu Kanters politischen und persönlichen Freunden zählte der Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch. Im übrigen waren alle Gespräche zwischen Schäffer und Müller unter unserer Kontrolle. Mit Glück und Voraussicht hatten wir unseren dienstältesten Kundschafter in Westdeutschland. dem Verleger und Chefredakteur der Passauer Neuen Presse. Über vielfältige Kontakte in die Unionsparteien hatten wir immer ein ziemlich genaues Bild von den Aktivitäten auf der politischen Rechten in der Bundesrepublik bis ins Bundeskanzleramt.Ulbricht verhaftet und die ganze Regierung abgesetzt werde«. die offenbar aus der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte gestrichen werden sollten. 1949 verließ er die kommunistische Jugendorganisation und trat nach einer Schamfrist der Jungen Union bei. Unsere Kontakte zu einem seiner engsten Vertrauten. ist eine jener Episoden. Nach dem Krieg hatte er die FDJ in Rheinland-Pfalz mit aufgebaut und gehörte ihrem Landesvorstand an. Er kannte dadurch den späteren Kanzler persönlich und konnte -167- . Der Versuch des Vizekanzlers. Kanter. Über ihn besorgte er schon früh Spenden für Kohls Mannschaft.

Zwar endete das Strafverfahren mit einem Freispruch. Mit unserer Hilfe etablierte er ein Bonner Büro für Finanzund Wirtschaftsberatung. Dem Vertreter des Flickkonzerns vertrauten Politiker Geheimnisse an. Vor seinem Wechsel zur HVA hatte er als Vorstandsmitglied im Verband Deutscher Konsumgenossenschaften gearbeitet. der sich dem Sozialismus verpflichtet fühlte. und eine politische Karriere an der Seite Kohls war unrealistisch geworden. Es entbehrte nicht der Ironie. geschrieben. Kanters Aufgabe war es. Seine Arbeit für uns wurde durch die neue Position natürlich noch effektiver. K. für Flick bei Parteien und Regierung Informationen zu sammeln und politisch im Sinne des Konzerns Einfluß zu nehmen. der sich seit 1962 regelmäßig mit Kanter traf.vertrauliche Beziehungen zu einigen der Männer aufbauen. ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. »Fichtel« wurde Prokurist und stellvertretender Leiter im Bonner Büro des Flickkonzerns. Daß es sich gelohnt hatte. Gepflegt wurden die Beziehungen durch großzügige -168- . die Kohl zunächst in Mainz und später in Bonn um sich scharte. Außerdem ermöglichten wir ihm die Herausgabe eines Hintergrunddienstes für Verantwortliche aus Wirtschaft und Politik. war ein hervorragender Wirtschaftsfachmann. Ähnliches erwarteten auch wir vom ihm. Die engen Verbindungen zum Kreis um Kohl und zum Flick-Manager von Brauchitsch blieben allerdings erhalten. Adolf Kanter war einer unserer wenigen Männer mit einer erfolgversprechenden Perspektive in der Bunderepublik. wußten wir spätestens 1974. doch sein Ruf hatte Schaden genommen. Dr. als Kanter die Zweckentfremdung von Spenden vorgeworfen wurde. eine so hochqualifizierte Kraft als Instrukteur Kanters einzusetzen. Der erhoffte Aufstieg in der CDU an der Seite Kohls wurde allerdings 1967 gebremst. Werner K.. daß ein Mann. Viele der Beiträge in dem Dienst wurden von unserem Verbindungsmann zu »Fichtel«.. die politische Stabsabteilung eines der mächtigsten Konzerne führte.

Was »Fichtel« uns an Informationen über die Verbindung von Kapital und Politik lieferte. Er blieb. das Material westdeutschen Medien zuzuspielen.Spenden des Flickkonzerns. als 1983 eine Eilmeldung von einer Quelle im Verfassungsschutz kam: Unser Kontaktmann zu Kanter. war enttarnt worden. wie er es nannte. gerade auf dem Weg in die Wohnung. illustrierte die marxistische Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus recht deutlich. Lange bevor die illegale Spendenpraxis des Flickkonzerns der Öffentlichkeit bekannt wurde. Allerdings wurde auch damals nur die Spitze eines Eisbergs bekannt. der als Kanzleramtsminister zu den engsten Vertrauten Kohls gehörte. Adolf Kanter wurde mit 320000 DM vom Konzern abgefunden. Kanter hatte nicht den direkten Zugang zur Regierungsspitze wie Günther Guillaume. auch die Politik der neuen Bonner Regierung unter Helmut Kohl realistisch zu analysieren. waren wir bis in die Details informiert. Er -169- . was ihm viele Türen bei CDU und FDP öffnete. Nun zahlten sich »Fichtels« Verbindungen aus der Zeit in RheinlandPfalz aus. Alle Alarmglocken schrillten deshalb bei uns. Kleinere Beträge konnte Kanter in eigener Verantwortung vergeben. Zur Aufdeckung des Parteispendenskandals im Jahr 1981 hat mein Dienst nicht beigetragen. Das Bonner Flick-Büro mußte als Folge der Affäre von 1981 geschlossen werden.. offiziell »Dolmetscher zwischen Wirtschaft und Politik« und inoffiziell Dolmetscher zwischen West und Ost. Schon um unsere Quelle zu schützen. die er als Flick-Repräsentant hatte weiter pflegen können. während er auf die Verteilung großer Summen zumindest Einfluß hatte. widerstanden wir der Versuchung. Werner K. Seine Informationen versetzten uns in die Lage. aber seine Informationen waren kaum weniger wertvoll. Nutzen konnte er vor allem die alte Freundschaft zu Philipp Jenninger. die Kanter als Unterkunft für seinen regelmäßigen Besucher gemietet hatte. Dr.

stand seit dem Grenzübertritt unter Beobachtung. gab Entwarnung: Auf höhere Weisung seien die Untersuchungen gestoppt worden.. Unser Mann beim Verfassungsschutz. Als Adolf Kanter im Frühjahr 1994 dann doch noch verhaftet wurde. blieben die in solchen Fällen üblichen Triumphmeldungen über die Enttarnung eines weiteren »Topspions« aus. Einige Journalisten wurden erst später auf den Fall aufmerksam und wunderten sich.s Gastge ber in flagranti überraschen wollten. Die sonst so auf Öffentlichkeit bedachte Bundesanwaltschaft hielt sich zurück. -170- . Es fand praktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Klaus Kuron. etwa dem endlosen Spektakel des Prozesses gegen Karl Wienand. sein umfangreiches Wissen über Interna der Regierungsparteien und ihre Verbindungen zur Industrie. Adolf Kanter wurde unter anderem mit Rücksicht auf die »geringe Brauchbarkeit des Verratsmaterials« zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Kanter mußte zum Verhör. dann aber wurden überraschend die Ermittlungen gegen ihn eingestellt. weil sie natürlich K. Wir fürchteten. und ihm gelang eine abenteuerliche Flucht. In der Wohnung erreichten wir unseren Mann endlich. Seinen Instrukteur K. konnte Kanter allerdings nur noch im Ausland treffen. Während des Verfahrens wurde Kanter nie in die Verlegenheit gebracht. über ihre Tarnfirmen und Geldwaschanlagen preisgeben zu sollen. eine unserer wichtigsten Quellen zu verlieren. Seine Verfolger warteten noch mit dem Zugriff. Das Hauptverfahren wurde binnen eines Monats durchgezogen. Die Beschatter folgten ihm bis vor die konspirative Wohnung. Die Behandlung dieses Falles unterschied sich bemerkenswert von vergleichbaren Verfahren. mit welcher Diskretion er über die Bühne gebracht worden war. der in Jahrzehnten der Zusammenarbeit längst zu einem guten Freund geworden war.

Das Bild. der später auch die Guillaumes auf ihren Einsatz vorbereitete.Zu Recht hatte das Gericht festgestellt. Als plausible Erklärung für ihren Wechsel bot sich die Ablehnung des Stalinismus an. Paul Lauffer. »Freddy« wurde somit der erste von Lauffers Leuten. die im gemeinsamen antifaschistischen Widerstand gewachsen waren. wie es manche in der DDR-Führung pflegten. daß man im Lager von Kohl. wenn es um Geld ging. hatte »Freddy« in die West-Berliner SPD geschickt. Der Entspannungspolitik hat er genützt. weil sie freundschaftliche Beziehungen zu Sozialdemokraten hatten. daß es einigen der besten dieser Leute ernst war mit ihren Vorbehalten gegen das stalinistische System in der DDR und daß sie gegenüber der SPD Loya lität entwickelten. Bei uns gab es Kommunisten. die in unmittelbarer Nähe Willy Brandts plaziert waren. Durch Kanter erfuhren wir – wie später auch durch »Lydia« mit ihrem Salon -. Ein Problem für uns war. Strauß und Flick sehr viel pragmatischer dachte. das er von westdeutschen Politikern und Wirtschaftsführern mit seinen Informationen vermittelte. daß durch Kanters »Verrat« der Bundesrepublik wohl kaum Schaden entstanden sei. Er war in seiner Jugend KPD-Mitglied geworden und nach dem Krieg zur Parteiaufklärung gekommen. die gegen ihren Willen zu Mitgliedern der SED geworden waren. -171- . relativ problemlos Leute beim Gegner einzuschleusen. ergab sich für die Aufklärung beider Seiten die Möglichkeit. war zwar nicht immer schmeichelhaft. Ein solcher Problemfall war »Freddy«. aber es widersprach dem Stereotyp der dogmatischen kalten Krieger im konservativen Lager. die unverdächtig zur West-SPD wechseln konnten. Durch die Vereinigung von KPD und SPD und die vielen Bindungen. als es den Anschein haben mochte. und das nicht nur. Das Ostbüro der SPD konnte in großer Zahl Sozialdemokraten rekrutieren.

Daß er automatisch von unserem Dienst übernommen worden war. Ich beschloß. Außerdem fühlte ich mich angezogen von dem außergewöhnlichen Charakter »Freddys«. doch seine Bereitschaft.Er hätte sicherlich nichts dagegen gehabt. Eine Quelle in seiner Nähe war wichtig für uns. Mit Harne imitierte er die Fistelstimme des SED-Chefs. Er weigerte sich. blieben unbesprochen. »Freddy« machte in der West-Berliner SPD schnell Karriere. Angehörige des Ostbüros zu benennen. über Personen seiner näheren Umgebung zu informieren. Walter Ulbricht war für ihn eine Reizfigur. Auf unserer Seite wuchs das Mißtrauen gegen ihn. bis wir uns in dem Qualm kaum noch sahen. den er gerade dadurch bewies. Er wollte in der SPD seiner Überzeugung gemäß gegen Rechtsopportunismus und Antikommunismus streiten. was er tat. Die Tonbänder. Er verstand sich nicht als »Agent«. und lehnte es kategorisch ab. daß die Berliner SPD entscheidenden Einfluß auf die Deutschlandpolitik der Gesamtpartei nahm und daß sie in ihrer Mitte einen Mann mit Führungsqualitäten und großer Perspektive hatte: Willy Brandt. Wir rauchten. »Freddy« hatte seinen Eintritt in die SPD als politischen Parteiauftrag begriffen. paßte ihm nicht. Wer ihn erlebt hat. »Freddy« blieb unerbittlich in seiner Kritik an den bürokratischen Auswüchsen unseres Systems. mit uns zu kooperieren. denn er konnte immer zu dem stehen. wird ihn in der Beschreibung erkennen. die wir ihm gaben. daß er uns Probleme bereitete. Aber mit Rücksicht auf seine Familie nenne ich nur seinen Decknamen. Wir trafen uns in dem winzigen Mansardenzimmer eines Genossen. Den Resid enten in West-Berlin. Andererseits wurde immer deutlicher. der ihn führte. verwickelte er in hartnäckige Diskussionen über den Kurs der SED unter Ulbricht. ihn persönlich zu führen. Ich stimmte -172- . daß ich heute seinen Namen preisgebe. wurde immer geringer.

Dazu bedurfte es eines besonderen Ereignisses. -173- . Statt die SED zu kritisieren. sondern gemeinsam auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln gegen die Aufrüstung der BRD und die Unterstützung dieses Kurses durch die SPD zu kämpfen. Die ungewöhnliche Praxis. uns einmal ohne zeitliche Beschränkung zu treffen. Wir saßen auf der von fremden Blicken abgeschirmten Veranda und tranken eisgekühlten Sekt. ging er nun mit der SPD ins Gericht. »Freddy« konnte triumphieren: »Habe ich es nicht schon immer gesagt!« Dieser Parteitag war auch der Wendepunkt in unserer Beziehung. Ich glaube. den wir beide nie vergessen sollten. Er schien voller Verachtung für den Mann. weil dieser seiner Ansicht nach von einer radikal linken Position während der Emigration zum rechten Flügel seiner Partei gewechselt war. die keine Zeugen vertrugen. Am bissigsten waren seine Kommentare zu Willy Brandt. Gemeinsam träumten wir von der Zukunft eines Sozialismus. und verabredeten eine Vorfeier seines 50. der sich von den furchtbaren Irrtümern der Vergangenheit befreite. Geburtstags zu zweit. der sich von der Rechten einwickeln lasse. die auch mir viel gab.in vielem mit ihm offen oder heimlich überein. in der ich schon andere wichtige Begegnungen hatte. Wir beschlossen. daß ich durch meinen persönlichen Einsatz eine wichtige Quelle für uns erhalten habe. Aber wirklich zusammen kamen wir noch nicht. Das Gespräch fand in jener kleinen Villa am See statt. nicht nur an die Reformierbarkeit des sozialistischen Systems zu glauben. Wir kamen überein. Wir waren uns in dieser Beurteilung damals ziemlich einig. Er nannte den sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Erich Ollenhauer einen Mann ohne Rückgrat. den er für einen Renegaten hielt. Die nachrichtend ienstliche Beziehung entwickelte sich zur Freundschaft. Es war ein herrlich sonniger Tag. Das war ganz nach »Freddys« Geschmack. und das war der XX. Parteitag in Moskau mit Chruschtschows Enthüllungen über die Verbrechen Stalins.

ihm einzuschärfen. Wir wechselten zu Bier. mit »Freddys« Trinktempo Schritt zu halten. keinen Alkohol anzurühren. Ich versuchte. An jenem Tag in der Villa am See gingen die reichlichen Sektvorräte irgendwann aus. Er drehte sich noch einmal um. wie vertrauensvoll die beiden zusammenarbeiteten. hat sich für mich nicht nur in diesem Fall ausgezahlt. Nicht ohne Stolz zeigte er mir später einen handschriftlichen Brief des Parteivorsitzenden Brandt an ihn. Mit klopfendem Herzen sah ich. der mit der praktischen Durchführung des Treffens betraut war. den Kopf einzuziehen und kein unnötiges Wort bei der Kontrolle zu sagen. als »Freddy« aus vollem Halse zu singen begann. fuchtelte mit den Armen in meine Richtung und rief: »Wir trinken noch tausend Tassen zusammen. Die Einstellung »Freddys« zu Willy Brandt sollte sich übrigens bald ändern. Die Geschichte wurde nicht publik. angewiesen. Für die Springer-Presse wäre das ein gefundenes Fressen gewesen: SPD-Politiker sturzbetrunken im Osten. Ich wurde schlagartig wieder nüchtern und herrschte ihn wenig freundschaftlich an: »Halt die Klappe!« Ich mußte ihn zu einem anderen Übergang bringen.daß ein Geheimdienstchef selber Quellen führt. wie er auf den Posten zuschwankte. der belegte. hatte ich Mühe. du und ich!« Ich befürchtete. und obgleich ich von meinen russischen Freunden gestählt war. -174- . daß die Polizisten auf der Westseite die lokale Politgröße erkennen würden. Kurz vor Mitternacht fuhr er uns in die Stadt zurück. Erst: »Wenn wir schreiten Seit' an Seit'« und dann die »Internationale«. Zum Glück hatte ich den Mitarbeiter. Mit gespannter Sorge blätterte ich in den folgenden Tagen die West-Berliner Zeitungen durch. Wir schwankten durch den Treptower Park und waren schon in Hörweite der Grenzposten. Ich ließ den Wagen in einiger Entfernung vom Grenzübergang halten.

So hatte »Freddy« auch seine Verdienste beim Zustandekommen der zunächst meist noch geheimen Kontakte unserer Seite zum West-Berliner Senat.und Ausfahrt auf der Transitautobahn wurde von den Grenzwächtern beider Seiten festgehalten. Viel Gelegenheit. die tausend Gläser zusammen zu leeren. Er zog die personalpolitischen Fäden in der West-Berliner SPD und wurde Bundestagsabgeordneter. Er informierte mich.So war »Freddy«: eine imposante Erscheinung. er analysierte die Konflikte und Machtverhältnisse innerhalb der SPD. das Verhältnis der SEDFührung zu den Sozialdemokraten zu versachlichen. Nach dem Mauerbau mit all seinen Konsequenzen trafen wir uns auf der Transitstrecke. Fluchthelfergruppen oder Geschäftemacher ein beliebtes Aktionsfeld. hatten wir allerdings nicht mehr. Da die Höchstgeschwindigkeit von hundert Stundenkilometern vorgeschrieben war. wenn »Freddy« zum Bonner Bundestag fuhr. die ganz wesentlich dazu beitrug. ohne daß man sich verdächtig gemacht hätte. Auch in der nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit behielt er seinen eigenen Kopf. Diese Lösung erforderte allerdings minutiöse und operativ komplexe Planung. zu unseren Treffen in den Osten zu kommen. Es war auch ohne Gelage riskant für ihn. Raststätten. wenn er es für richtig und wichtig hielt. lebensfroh. Parkplätze und unübersichtliche Teile der Route wurden von Kameras überwacht. oft auch sehr ernst und immer politisch engagiert. Die Zeit der Ein. Er war eine Quelle von unschätzbarem Wert. um die Identität meiner -175- . wieviel Zeit ein Wagen für die Strecke brauchte. denn die Transitstrecke war für westliche Agenten. ließ sich unschwer errechnen. Polizei und Abwehr kontrollierten die Strecke. abenteuerlustig. Eine längere Unterbrechung der Fahrt war also nicht möglich. arbeitswütig. über ihn erfuhr ich von den wirklichen Intentionen Brandts. Wie auch in anderen Fällen wollte ich die Abwehr möglichst nicht von meinen Treffen informieren.

Beide Autos bogen mit ausgeschalteten Scheinwerfern ab und hielten hinter der nächsten Wegbiegung. die für Polizei und Forstfahrzeuge reserviert waren. Nachdem ich einigen ostdeutschen Lkw-Fahrern meine Westzigaretten angeboten und mich als Fabrikant aus dem Ruhrgebiet vorgestellt hatte. Ganz nebenbei war für mich ein bißchen Abenteuer eine erfrischende Abwechslung in der Routine und bot die Möglichkeit. und die bringen nichts zustande. Wir folgten dem Wagen mit verboten hoher Geschwindigkeit. wurden sie redselig. Ich wußte. Mein Fahrer war entsprechend ausstaffiert.« Solche seltenen Begegnungen mit der Wirklichkeit im real existierenden Sozialismus waren aufschlußreicher als die Berichte von Mielkes Spähern. von der aus wir die passierenden Autos im Blick hatten. mit falschen BRD-Papieren und Westzigaretten. daß sie gerade mit einem dieser Bonzen redeten. Sie zogen über die ostdeutschen Bonzen her. Als »Freddys« Auto uns bei einbrechender Dunkelheit passierte. Das Warten wurde kurzweilig. Wie hielten an der ersten Tankstelle. wie man sich gemeinhin die Arbeit eines Spions vorstellt. Wir fuhren auf die Transitautobahn. Alles war fast auf die Sekunde geplant. Wir überholten »Freddy« kurz vor einer der Abfahrten. Das erstemal stieg ich am späten Nachmittag in einen dunkelblauen Mercedes mit Kölner Kennzeichen. mußten wir uns abrupt verabschieden. Der Unterschied ist nur: Ihr schafft was. Einer meinte: »Diese Apparatschiks bei uns leben wahrscheinlich genauso gut wie ihr. Außerdem war die Sache auch nach »Freddys« Geschmack. Hätten die guten Lkw-Fahrer gewußt. einmal so zu agieren.Quellen zu schützen. -176- . daß »Freddy« etwas später in West-Berlin startete. tranken unter den Überwachungskameras eine Tasse Kaffee und vertraten uns an einer Stelle des Parkplatzes die Beine. Ich war getarnt im Tuch des westdeutschen Geschäftsmannes. wäre ihnen wohl vor Schreck die Westzigarette aus der Hand gefallen.

die Leidenschaft für Politik.« Er überreichte mir Material und erklärte mir die aktuelle Situation in der SPD und Willy Brandts jüngste Schachzüge. Wir waren glücklich wie nach einem gelungenen Streich. war die Angst. Ende der 60er Jahre. Eine der Belastungen. daß wir dabei so routiniert wurden. bis wir wieder auf der Autobahn waren. Das Problem war nur. Mein Fahrer saß da schon am Steuer von »Freddys« Wagen. Nur der kalte Sekt fehlte. die Witwe im Unwissen zu lassen oder ihr die Pension zu zahlen. so schnell es sein Bauch erlaubte. »Freddy« stöhnte: »Das ist doch mal was anderes als die ewige Politik. auf die Hinterbliebene unserer Quellen -177- . so daß die Überwachung der Waldwege an der Autobahn allmählich immer lückenloser wurde. »Freddy« schob sich. versagte »Freddys« Herz – viel zu früh. Ich stand nun vor der schwierigen Entscheidung. Nicht ohne Stolz kann ich verraten. So trafen wir uns etliche Male. die harte Arbeit.Ich rutschte auf den Fahrersitz. die psychische Doppelbelastung als SPDPolitiker und HVA-Kundschafter. als die Umstände unserer Treffen immer wieder zu variieren und immer vorsichtiger zu werden. Sein intensives Leben. daß uns die eigene Abwehr dabei im Verlauf der Jahre kein einziges Mal auf die Schliche kam. seine junge Frau könne von seiner Tätigkeit für uns erfahren. neben mich. die wiederum reagierte. wenige Tage nach einem Treffen. die »Freddy« zu schaffen gemacht hatten. Er hatte immer gemeint. Es blieb uns nichts anderes übrig. Es dauerte nur Sekunden. über Politik und das Leben an und für sich. sie würde seine Motive nicht verstehen. Kurz vor der Grenze wiederholten wir dann das Manöver des Autotauschs. Ich gab ihm neue Instruktionen. daß offenbar auch westliche Dienste und Fluchthelfer mit dieser Methode unsere Abwehr narrten. Dann hatten wir noch genügend Zeit zum Diskutieren und Philosophieren. Essen und Trinken hatten ihren Tribut gefordert.

Anspruch hatten. als diese glauben. Fritz Erler 1966 Heinz Kühn 1982 In der Bundesrepublik war es nach der Wende üblich. alle -178- . der ihr behutsam erklärte. Sie schien nicht wirklich überrascht. Ich schickte einen Mitarbeiter zu »Freddys« Frau. daß Frauen meist mehr über ihre Ehemänner wissen. »Freddy« hatte sie zwar nie eingeweiht. warum wir ihr Geld schuldeten. Für mich war das ein neuer Beleg dafür. aber geahnt hatte sie immer etwas.

als »Landesverräter« und »Agenten« abzuqualifizieren. was Konspiration war. Weder Erler noch Kühn hielten mit ihrer Kritik am System der DDR zurück. die ihnen gefährlich erschienen. andererseits sahen sie auch die Entwicklung im Westen mit einiger Skepsis. die uns gelegentlich bewußt Interna anvertrauten. Es gab rein politische Kontakte. zu informieren. uns über innen. Kühn war Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Die gemeinsame Erfahrung des Widerstands und die Sorge um die weltpolitische Lage bestimmten den Charakter der Kontakte.Westdeutschen. Natürlich war ihnen klar. Zu unterschiedlich waren die Kontakte und ihre Motive. und sie hielten es für ihre moralische Pflicht. Beide kamen aus linken Gruppierungen der Sozialdemokratie. die nun in der DDR lebten. und nutzten diesen Kanal bewußt.und außenpolitische Tendenzen. die vor und während der NS-Herrschaft in Opposition zur SPD-Führung gestanden hatten. Mit der Wirklichkeit hat dieses Pauschalurteil nichts zu tun. Sie wußten. In einigen Fällen konnten solche Beziehungen auch nachrichtendienstlich interessant werden. Vertrauliche politische Kontakte meines Dienstes gab es zum Beispiel zu zwei der einflußreichsten sozialdemokratischen Politikern der Nachkriegszeit. neudeutsch back channels genannt. Unter unseren westdeutschen Partnern waren Idealisten wie Pragmatiker und auch vo rnehmlich materiell Interessierte. Erler war Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag und stellvertretender Parteivorsitzender. Es gab Partner. Unabhängig voneinander hielten sie Kontakte zu Mitkämpfern des antifaschistischen Widerstands aufrecht. die dem Informationsaustausch und oft auch der Vorbereitung offizieller Verhandlungen dienten. Fritz Erler und Heinz Kühn. die sich an unseren Dienst banden. -179- . und es gab jene. zu denen wir intensivere Verbindungen hatten. daß die regelmäßigen Besuche der alten Freunde mit Billigung einer offiziellen Institution in der DDR stattfanden. und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen.

Der SPD-Politiker Karl Wienand wurde von uns zunächst nur durch einen Agenten abgeschöpft. Das war natürlich nicht einfach für ihn. Die Beziehungen zu Erler und Kühn beschränkten sich auf die Ebene politischer Kontakte. Die beiden Sozialdemokraten verfolgten politische Ziele mit ihren Informationen. Er unterhielt geschäftliche und persönliche -180- . aber für uns war es von großem Nutzen. Es hieß. Nicht in allen Fällen lassen sich Kriterien. als sich die Stationierung neuer Kernwaffenträger in Europa abzeichnte und die politischen Absichten Washingtons immer schwerer zu deuten waren. Ein Beleg dafür ist der Fall Wienand. Motive und Ausmaß einer Zusammenarbeit so eindeutig bestimmen. Erler mußte sich nun um ein gutes Verhältnis zu den ehemaligen Offizieren der Hitler-Wehrmacht bemühen. der fest in unsere nachrichtendienstliche Arbeit eingebunden war. Der frühe Tod Fritz Erlers hinterließ eine spürbare Lücke. sie wollten gefährlichen Entwicklungen entgegentreten und uns zudem mit ihrer sozialdemokratischen Sicht der Dinge beeinflussen. Schumacher habe damit den Linken von der innerparteilichen Diskussion fernhalten wollen. Seine Analysen der Vorgänge innerhalb der Nato oder seine Hinweise auf die Pläne der »Falken« in Washington brachten uns wichtige Erkenntnisse. die ehemals linke Sozialdemokraten mit ihrer Einbindung in das reformistische Partei-Establishment hatten. Erler war vom SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher dazu bestimmt worden. hielt den Kontakt zum Fraktionsvorsitzenden und machte meine Mitarbeiter mit den Problemen vertraut. Seine scharfsichtige Beurteilung der Dinge fehlte uns sehr. Gerade diese Probleme machten sie ansprechbar für uns. Auch seine Einschätzung der innenpolitischen Situation half uns bei der richtigen Bewertung der Entwicklungen in Westdeutschland.Ein alter Freund Erlers. als Wehrexperte der Partei zu fungieren.

Unser Mann gab sich wie üblich als Mitarbeiter des DDRMinisterrats aus. drohte der Kontakt zu Wienand abzureißen. Ob Herbert Wehner von dem Kontakt seines engs ten Mitarbeiters zu Völkel wußte. ihn direkt anzusprechen. der unter dem Decknamen Jäger unser Informant war. Die beiden trafen sich regelmäßig.Beziehungen zu dem Ost-West-Händler Horst Bosse. Er bekam den Decknamen Streit. Fast zwanzig Jahre. blieb er hauptberuflich Wienand-Besucher. daß wir Völkel ganz für diese Aufgabe freistellten. der Wienand aus dem Kreis um Bosse bekannt war und der seine Qualifikation schon in anderen Operationen bewiesen hatte. Niemand war so umfassend über die Bonner SPD-Interna informiert wie er. weiß ich nicht. Aufgrund des Persönlichkeitsprofils. und ihre Zusammenarbeit war so erfolgversprechend. Karl Wienand war 1970 Geschäftsführer der Bonner SPDFraktion und galt als der einzige Vertraute Wehners. Absichten und Grabenkämpfe innerhalb der SPD-Troika Brandt-Wehner-Schmidt. Mit dieser zusätzlichen Quelle hatte ich von da an einen beneidenswerten Einblick in die unterschiedlichen Vorstellungen. die Verbindung auf eine feste Grundlage zu bringen. Das übernahm einer unserer Mitarbeiter. bis zur Wende. obwohl er von dessen vielfältigen Beziehungen in die DDR wußte. Da Wienand im -181- . Wienand reagierte aufgeschlossen. Im Lauf des Jahres 1970 gelang es Völkel. ob Wienand sogar im Auftrag des »Onkels« mit uns kooperierte. schien es uns erfolgversprechend. der Wirtschaftsexperte Alfred Völkel – Deckname Krüger -. Wienand war gegenüber dem Geschäftsfreund sehr freigebig mit Informationen. das wir von Wienand erarbeiteten. Als Bosse auf einer seiner Reisen in die DDR bei einem Verkehr sunfall ums Leben kam.

wollten wir Wienand über Völkel zur gemeinsamen Pirsch mit mir auf Mufflons einladen. als wir erfuhren. persönlichen Gespräch seine politische Nähe zu uns bekannt. Karl Wienand wies die Einladung nicht zurück. Als Folge verschiedener Affären mußte Wienand alle Bonner Ämter aufgeben. Völkel berichtete hinterher. was wir in solchen Fällen ohnehin selten taten. Wir wollten nicht Anlaß zu einem weiteren Kanzlersturz geben. Nur ein einziges Mal kam er zu Gesprächen in eines unserer Berliner Objekte. auch wenn sie befreundet sind. Es wurde deshalb erwogen. Mit einigem Unbehagen genehmigte ich eine Reise Völkels an den Gardasee zu Wienand. sich um dieselbe -182- . blieb aber ein geschätzter Berater führender Sozialdemokraten und pflegte seine engen Beziehungen insbesondere zu Herbert Wehner und Helmut Schmidt. wenn zwei Dienste. sonst traf Völkel ihn immer im Ausland. da die seltenen Wildschafe ihm offenbar noch in seiner Trophäensammlung fehlten. Wienand habe in einem langen. Er war ein vorsichtiger Mann. sondern eine noch größere Leidenschaft für die Jagd hege. wagten wir es. daß der KGB allem Anschein nach mit Wienand ins Geschäft zu kommen versuchte. der die Verbindung aufrechterhalten wollte. Die beiden setzten ihre regelmäßigen Treffen unter noch größeren Vorsichtsmaßnahmen fort. Nun war uns aber zugetragen worden. die Kontakte zeitweise ruhen zu lassen. daß das Objekt unserer Werbung nicht nur gute Geschäfte schätze. Statt die Unterschrift unter eine Verpflichtungserklärung zu verlangen. Ich bin ihm deshalb nie persönlich begegnet. Es ist immer mißlich. Nach der Verhaftung Guillaumes waren wir in großer Sorge vor einer Entdeckung der Wienand-Verbindung.Geruch außergewöhnlicher materieller Interessiertheit stand. die direkte Werbung ins Auge zu fassen. Die Kontakte wurden nur einmal für etwas mehr als ein Jahr unterbrochen. einer konkreten Verabredung aber wich er immer aus.

Quelle kümmern. Der KGB zog sich von »Streit« zurück. Ich konnte schließlich die sowjetischen Kollegen mit energischen Argumenten davon abbringen. Karl Wienand und Herbert Wehner 1973 Karl Wienand (rechts) und Alfred Völkel bei Wienands Prozeß 1996 -183- . sich an Wienand heranzumachen.

mißtrauten dieser unkontrollierten und undurchsichtigen Kungelei. Die Sowjets. Der bitter benötigte Devisensegen sollte sich aber dennoch einstellen. Wienand war auf keine Rolle festzunageln und blieb schwer zu kontrollieren. wenngleich sie unsere hochgesteckten Erwartungen am Ende nicht erfüllt hat. daß er die Meriten als Retter der DDR vor dem Bankrott nur mit Schalck teilen wollte. Geplant war Anfang der 80er Jahre. Eingeweiht in das Projekt war auch der Kohl-Vertraute Philipp Jenninger. Wienand erhoffte sich für seine Mitwirkung nicht nur Provisionen. informiert von den eigenen Quellen. daß weder die meisten Mitglieder des Politbüros noch die Führung in Moskau offiziell in diese Verhandlungen eingeweiht waren. das der DDR dringend benötigte Kredite bringen sollte. sondern auch den Posten eines Bankdirektors. Die Verhandlungen um das Züricher Modell scheiterten. Das Unternehmen lief hinter unserem Rücken ab. So erfuhr ich. mein Minister hatte mich nicht informiert. über die Devisen vom internationalen Kapitalmarkt in die DDR fließen sollten. Tatsächlich hatte ich jedoch aus der Umgebung von Kohl und Jenninger sowie durch die Verbindung zu Wienand Entsprechendes in Erfahrung gebracht. tat er die ganze Sache als »Hirngespinst« ab und meinte. obwohl es dabei auch um wichtige politische Zugeständnisse unserer Seite ging. Die von Schalck über seine Verbindung zu -184- . Ein anderer Grund war. ich sei einer Desinformation aufgesessen. ein alter Freund Wienands. Als ich Mielke zur Rede stellte. mit Unterstützung Bonns und unter DDRBeteiligung eine Bank in der Schweiz zu gründen. und zwar ausschließlich über die Schiene Schalck-Mielke. bei der sich private mit politischen Interessen mischten. dem sogenannten Züricher Modell. Eines der Motive für die Geheimniskrämerei Mielkes war. daß er an einem Projekt beteiligt war.Die Verbindung zu Wienand gehörte über die Jahre zu unseren kostspieligsten Unternehmungen.

Er ließ sie ruhen. Karl Wienand war nicht der einzige. sondern eher jemand. Das Qualitätsfleisch ging zu Dumpingpreisen an den Strauß-Freund -185- . und nahm sie nach der Entlassung aus dem Amt wieder auf. Ich erinnere mich. Dieser Verbindung verdankten die DDR-Bürger. der Geschäfte macht – politische wie persönliche -. Franz Josef Strauß rechnete in größeren Summen. Eine wichtige Verbindung zu Strauß lief folglich über einen der wenigen privaten Außenhändler in der DDR. In Moskau hielt man ihn damals für einen radikal rechten ideologischen Dogmatiker. aber kein ideologisch verbohrter Antikommunist. der sicherlich bereit sei. Ich berichtete ihnen. Geschäftsfreund. auf eigene Faust in der Deutschlandpolitik mitzumischen. Für uns war Strauß seit den 50er Jahren kein Unbekannter mehr. mit uns zu reden. Jagdgenosse und Intimus von Franz Josef Strauß. der in Zusammenarbeit mit der HVA seine Außenhandelsfirma betrieb. Einer der Handelspartner Goldenbergs war der Großschlachter März. daß Steaks und andere gute Stücke vom Rind Mangelware blieben in der DDR. ging die Initiative zu Kontakten von ihm aus. Als Strauß Atomminister wurde. wo sie sich anbieten. der seine politische Mission mit dem Geschäft zu verbinden suchte. Strauß sei zwar der Repräsentant des militärischindustriellen Komplexes in der BRD. Der bayerische Politiker versuchte in der Tradition seiner Vorgänger Müller und Schäffer. als er Verteidigungsminister wurde. Eines seiner Interessengebiete war dabei der innerdeutsche Handel.Franz Josef Strauß eingefädelten Verhandlungen über einen weiteren Milliardenkredit wurden mit dem Beauftragten Helmut Kohls fortgesetzt. Das war Simon Goldenberg. daß die sowjetischen Kollege n zur Zeit der sozialliberalen Koalition um ein Persönlichkeitsprofil des CSU-Politikers baten. Schon Josef Müller und Fritz Schäffer hatten uns den jungen Strauß als »klugen und flexiblen Kopf« beschrieben. Wienand ging dabei leer aus.

Da wir bei der Devisenbeschaffung durch private Händler mehr staatliche Ordnung wünschenswert fanden. Daß Mielke zwei so wichtige Männer selber führte. Über Goldenberg stieg er auch in die Strauß-Verbindung ein. Er hatte dafür zu sorgen. Fruck schlug für diese Aufgabe Alexander Schalck-Golodkowski vor.März. Schalcks Bereich wurde schließlich weitgehend von der HVA abgekoppelt und direkt dem Minister unterstellt. sondern erhöhte auch sein politisches Gewicht bei Honecker. die Rolle meines Dienstes bei den Sowjets schmälern würden. schmeichelte nicht nur seinem Geltungsbedürfnis. daß die Informationen. daß sie einen Teil ihrer Gewinne an die SED abführten und sich auch nachrichtendienstlich nützlich machten. Wie Rechtsanwalt Vogel durfte Schalck allein Mielke berichten. die Außenhandelsaktivitäten straffer zu koordinieren. Parteisekretär im Ministerium für Innerdeutschen. an die er so gelangte. -186- . Schalck baute in den nächsten Jahren eine eigene Handelsorganisation auf. Für die Zusammenarbeit mit privaten Außenhändlern wie Goldenberg war mein Stellvertreter Hans Fruck zuständig. Zudem hoffte er. arbeitete aber weiter mit den privaten Außenhändlern zusammen.und Außenhandel. Ich wurde über Schalcks Aktivitäten von Mielke nur noch informiert. Solche Erkenntnisse brachte der StraußKontakt. wie locker Strauß gegenüber seinem DDR-Partner politische und militärische Interna der BRD und des westlichen Bündnisses ausplauderte. die Kommerzielle Koordinierung (KoKo). Mit nicht geringem Erstaunen las ich in den SchalckBerichten. wurde Mitte der 60er Jahre begonnen. wenn es um außenpolitisch besonders relevante Erkenntnisse ging.

nur Mielke über seine Aktivitäten zu berichten. sehr amüsanten. Wie auch in anderen Fällen war aus einer konspirativen Verbindung eine Männerfreundschaft geworden. Es war also nicht weiter verwunderlich. Ähnlichen Pragmatismus hatte ich schon bei Strauß konstatiert. aber auch eiskalten Mann erlebt. das uns beim Fischessen in Varna zeigt. Selbst an der Bar hielt sich der Devisenbeschaffer streng an die Weisung. Der Zufall wollte es. suggeriert ein vertrauliches Verhältnis zwischen uns. dem es nur noch verbal um Ideologisches und tatsächlich weit mehr um sein Ansehen bei der Führung und ums Geschäft ging. Ein Foto. Ich hatte wenig persönlichen Kontakt zu Schalck. daß Schalck und ich nach den ersten drei Geheimtreffen zwischen ihm und Strauß zur selben Zeit Urlaub in Bulgarien machten. doch das Bild täuscht. Bei der Beobachtung der geheimen Kontakte zwischen Strauß und Schalck war ich bisweilen auf den Augenschein angewiesen.Franz Josef Strauß (links) und Alexander SchalckGolodkowski auf der Leipziger Herbstmesse Ich habe Alexander Schalck-Golodkowski als einen intelligenten. Etwa einen Monat nach unserer Urlaubsbegegnung -187- . daß die beiden sich verstanden.

überholte mich auf dem Weg nach Dresden ein Konvoi von Nobelkarossen mit Münchner Kennzeichen, dazwischen ein Volvo. Schalck und Strauß kamen von einem Ausflug aus der Schorfheide, wo sie in Honeckers Revier gejagt hatten. In Erfurt stieß ich wenig später wieder auf die Spuren von Strauß. Ich fand einen verwirrten Parteisekretär vor, der ohne Vorwarnung und Erklärung in seiner Stadt mitbekommen hatte, wie der oberste westdeutsche »Kriegstreiber« mit Huldigungen und Geschenken überhäuft wurde, bevor er sein Flugzeug zurück in die Bundesrepublik steuerte. Der Parteisekretär hatte nun große Probleme, dieses Phänomen seinen Mitarbeitern zu erklären. Ich konnte ihm auch nicht helfen. Einmal im Jahr traf ich Schalck, um die Aufgaben zu koordinieren. Es ging dabei um die Führung der von der HVA genutzten Firmen und um Devisen, die Schalck für die Arbeit meines Dienstes zur Verfügung stellte. Die Strauß-Verbindung durfte dabei nie erwähnt werden. Sie war auch bei allen anderen Kontakten zwischen HVA und KoKo ein Tabu. Folglich war die Meldung, daß die DDR auf Vermittlung von Franz Josef Strauß einen Milliardenkredit bekam, eine Überraschung für mich. Die Verhandlungen mit Schalck waren so diskret geführt worden, daß unsere Quellen in Bonn nichts erfahren hatten. Auch ich kann die Frage nicht beantworten, warum ausgerechnet der bayerische Ministerpräsident die DDR vor der Zahlungsunfähigkeit bewahren wollte. Die Hintergründe des Handels blieben Mielkes und Schalcks Geheimnis. Ende der 70er Jahre war ich noch einmal mit einem Problem der Strauß-Verbindung befaßt. Der Initiator des Kontakts, Simon Goldenberg, meldete sich von einer Geschäftsreise ins westliche Ausland. Er war erkrankt, lag in einem Wiener Hospital und erklärte, daß er nicht i die DDR zurückkehren n werde. Die Erklärung für diesen Schritt lag nahe. Die Abwehr hatte Goldenberg seit langem im Visier und wollte ihn verhaften
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lassen, denn manche seiner Geschäfte waren selbst bei großzügigster Auslegung auch mit DDR-Recht unvereinbar. Da Schalck die wichtigsten seiner Verbindungen übernommen hatte, war Goldenberg auch nicht mehr unentbehrlich. Andererseits war es ohne Beispiel, daß sich ein nicht ganz unbedeutender inoffizieller Mitarbeiter des MfS einfach fernmündlich aus der DDR abmeldete – und das, als wäre nichts weiter dabei. Er verlangte noch, daß seiner Frau die Ausreise in den Westen gestattet würde und daß er sein luxuriöses Anwesen in Berlin verkaufen könne. Seltsam war es dann, daß Mielke, der sonst jedem Fahnenflüchtigen Tod und Teufel an den Hals wünschte, von Fruck nicht lange dazu überredet werden mußte, Goldenbergs Wünschen nachzugeben. Goldenbergs Ansinnen wunderte mich auch deshalb, weil wir wußten, daß in der Bundesrepublik ein Haftbefehl gegen ihn vorlag. Dort war nicht nur seine Verbindung zum MfS bekannt geworden, ihm wurde auch die Beteiligung an einer Entführung vorgeworfen. Um so erstaunlicher war es, daß wir ihn wenig später in Bayern orteten, wo er unbehelligt seinen Lebensabend genoß. Es muß eine starke Hand gewesen sein, die ihn vor dem Verfassungsschutz und der bundesdeutschen Justiz schützte. Die Geschichte der Strauß-Verbindungen zeigt beispielhaft, wie komplex die Problematik der geheimen deutschdeutschen Kontakte ist und wie selektiv diese Kontakte nach der Wende verurteilt oder gar kriminalisiert wurden. Was konservativen Politikern als gesamtdeutsche Politik nachgesehen wird, rückt Sozialdemokraten in die Nähe des Landesverrats. Mitarbeiter und Kontaktpersonen von uns, die auf der politischen Rechten und der Industrie umfangreiches internes Wissen sammelten, konnten im allgemeinen auf eine sehr diskrete und gnädige Behandlung durch die Bundesanwaltschaft rechnen oder wurden erst gar nicht verfolgt.

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8 Herbert Wehner
Herbert Wehner blieb für mich immer ein Mensch unauflösbarer Widersprüche. In all den Jahren, die ich mich mit dieser herausragenden Figur der deutschen Nachkriegsgeschichte beschäftigte, wurden stets nur einige Konturen des Mannes deutlicher. Das heute verbreitete, schon legendäre Bild vom »politischen Urgestein«, Demokraten und Patrioten, dem die Stasi zeitweilig nach dem Leben trachtete, wird gewiß von der historischen Forschung zu differenzieren sein. Ohne Kenntnis von Wehners Einstellung gegenüber der DDR und seinen intensiven geheimen Kontakten zum realsozialistischen deutschen Staat sind manche verschlungenen Wege der Deutschlandpolitik kaum nachzuvollziehen. Die Hintergründe sind selbstverständlich nicht nur mir bekannt. In den Panzerschränken Honeckers und Mielkes befanden sich die Wehner-Dossiers. Dazu gehörten die Protokolle über seine Treffen mit Abgesandten der DDR, insbesondere die Niederschriften der Gespräche, die Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Vogel über fast eineinhalb Jahrzehnte hinweg mit Wehner führte. Die Akten aus diesen Panzerschränken wurden bekanntlich während der Wendewirren nach Westdeutschland gebracht. Warum sie bis heute weder der Öffentlichkeit noch – allem Anschein nach – den mit der Person Wehner befaßten Historikern zugänglich gemacht wurden, darüber kann man nur spekulieren. Die Protokolle der Wehner-Kontakte waren so geheim, daß von den jeweiligen von Mielke redigierten Berichten Vogels nur drei Exemplare angefertigt wurden, von denen eines an Honecker, eines an Mielke und eines an mich ging. Diese Unterlagen standen mir bei Abfassen des Buches zur Verfügung. Nach Lage der Dinge sehe ich keinen Anlaß, Dinge zu
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verschweigen, deren Kenntnis zum Verständnis der deutschdeutschen Vergangenheit beitragen kann. Herbert Wehners Bruch mit der Vergangenheit war nicht so konsequent und endgültig, wie es der Öffentlichkeit erscheinen mag. Nach seinem Ausschluß aus der KPD 1942 hat er die Verbindung zu seinen ehemaligen Genossen nie ganz abgebrochen. Ein Kontakt von ihm zur DDR war schon installiert, als ich 1951 zur Aufklärung kam. Eingefädelt hatte ihn Kurt Vieweg, damals ZK-Sekretär für Landwirtschaft, verantwortlich aber auch für konspirative Westkontakte mit Hilfe seines Gesamtdeutschen Arbeitskreises Land- und Forstwirtschaft (GAK). Vieweg kannte Wehner aus der skandinavischen Emigration. Auf den Rat unseres sowjetischen Beraters Grauer und nach Rücksprache mit Ulbricht nahm mein Dienst im November 1951 Kontakt zu Vieweg auf, und seitdem kontrollierten wir seine Westverbindungen. Als Verbindungsmann fungierte der Journalist Ernst Hansch, später inoffizieller Mitarbeiter der HVA und Chefredakteur der OstBerliner BZ am Abend. Die Treffen mit Hansch waren für Wehner ein Risiko, denn er stand bei der Rechten in der Bundesrepublik im Verdacht, ein heimlicher Kommunist und »Ostagent« zu sein. Wir mußten davon ausgehen, daß die Kontakte von westlichen Diensten beobachtet wurden. Eine Enttarnung der Hansch-Besuche hätte ihm erheblich geschadet. Wehner waren diese Besuche aber offenbar das Risiko wert. Die Informationen von Hansch, Deckname Henkel, über seine Gespräche mit Wehner paßten schlecht zum Bild des »Arbeiterverräters«, das wir von ihm hatten, oder zu dem des antikommunistischen Vorreiters, als der er sich öffentlich präsentierte. Die politische Führung der DDR blieb äußerst mißtrauisch gegenüber seinen vorsichtigen Annährungsversuchen. Für Walter Ulbricht war er aus unerfindlichen Gründen ein
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»englischer Agent«. Er galt als einer unserer gefährlichsten Feinde. Seine Akte wurde in der HVA unter dem Decknamen Wotan geführt. Einige Verwirrung stiftete eine Eilbotschaft, die uns Wehner, damals stellvertretender SPD-Vorsitzender, im November 1956 zukommen ließ. Er warnte vor möglichen Unruhen in der Region Magdeburg und riet uns, öffentliche Proteste in Grenznähe unter allen Umständen zu verhindern. Zu dieser Warnung paßte ein uns zugespieltes Memorandum des SPDSicherheitsreferenten Beermann, das sich mit der Möglichkeit befaßte, im Falle »grenzüberschreitender Unruhen an der Demarkationslinie« die Bundeswehr einzusetzen. Darin wurde ausgeführt, daß sich einzelne Gebiete von der DDR lösen, den Anschluß an die Bundesrepublik proklamieren und danach von der Bundeswehr besetzt werden könnten. Dies wiederum stimmte überein mit Erkenntnissen der Abwehr, daß in und um Magdeburg sozialdemokratische »Agitatoren« Unzufriedenheit schürten und zum Widerstand aufriefen. Es gab damals erhebliche Versorgungsschwierigkeiten, und nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands und den Enthüllungen Chruschtschows über den Stalin- Terror war die Stimmung in der DDR insgesamt angespannt. Die Abwehr vermutete eine gezielte Kampagne, vom Ostbüro der SPD über V-Leute gesteuert. Da Herbert Wehner der direkt Verantwortliche für das Ostbüro war, mußte er also wissen, wovor er warnte. Ganz offensichtlich gingen ihm die Konsequenzen der sozialdemokratischen Destabilisierungsversuche in der DDR zu weit, und er befürchtete, daß im Verteidigungsministerium allzusehr mit dem Gedanken eines militärischen Einsatzes der Nato an der deutschdeutschen Grenze geliebäugelt wurde. Im Rückblick wird am Fall Magdeburg deutlich, was den SPD-Politiker Wehner mit den Erfahrungen seiner kommunistischen Vergangenheit offenbar schon damals zum
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»Geheimnisverrat« motivierte: alles zu tun, was in seinen Kräften stand, damit von deutschem Boden nicht wieder ein Krieg ausging. In seinen späteren geheimen politischen Botschaften ließ er wesentlich deutlicher durchblicken, daß er von rechtskonservativen Politikern in der Bundesrepublik und vor allem von den »Falken« in der CIA und der US-Führung befürchtete, daß sie die Welt in die atomare Katastrophe treiben könnten. Er schien schon damals verläßliche Partner einer Friedenspolitik im Osten zu suchen. Eine Erklärung für sein Verhalten fand ich auch in den Aufzeichnungen über seine Vergangenheit, die er einem Kreis führender Sozialdemokraten anvertraut hatte. Dieses Bekenntnis war uns bekannt und bildete für mich gewissermaßen den Prolog zum Vorgang »Wotan«. Das seltsame Papier war eine Mischung aus offener Darstellung dunkler Punkte seiner Biographie und subjektiver Rechtfertigung. Wer es im Wissen um den Lebensweg Wehners las, erkannte darin den Versuch, sich nach beiden Seiten von den Sünden der eigenen Vergangenheit loszukaufen. Zunächst bemühte er sich im Westen als scheinbar militanter Antikommunist um politische Vergebung und Anerkennung. Doch selbst in dieser Zeit unterließ er es nicht, der östlichen Seite unter der Hand zu signalisieren, daß er nicht der Renegat und Verräter war, für den wir ihn hielten. Nachdem er in der Bundesrepublik als führender Sozialdemokrat akzeptiert und respektiert war, lag ihm nun die Rehabilitierung durch die ehemaligen Genossen und schließlich die persönliche Freundschaft zu Erich Honecker besonders am Herzen. Unsere frühen Kontakte, von Ulbricht und Mielke noch argwöhnisch beobachtet, bereiteten diesen Weg vor. Das Magdeburg-Signal dokumentierte schon früh einen Widerspruch in Wehners Ostpolitik. Während er öffentlich den Zusammenbruch des kommunistischen Systems voraussagte, wirkte er insgeheim, um eine DeStabilisierung im
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sozialistischen Lager zu verhindern. Es gibt in den Kontakten zu uns eine Linie von 1956 bis zu seiner Aufforderung im Jahr 1980, konsequent gegen die polnische Solidarnosc-Opposition vorzugehen, auch wenn das Gewalt bedeutete. Solche Zeichen eines zwiespältigen Verhaltens gab es auch im Fall Kurt Viewegs, des Mannes, der den Kontakt zu Wehner hergestellt hatte. Vieweg drohte Maßregelung wegen abweichender Auffassungen in der Landwirtschaftspolitik, und eine außereheliche Beziehung belastete ihn zusätzlich. Im März 1957 floh er Hals über Kopf in die Bundesrepublik, stellte sich dort aber nicht den Behörden, sondern suchte bei Herbert Wehner Zuflucht. Bei uns wurde Großalarm ausgelöst. Der Altkommunist Vieweg war nicht nur eine politische Größe, deren Frontwechsel vom Gegner propagandistisch ausgenutzt werden konnte, als Geheimnisträger wußte er um zahlreiche konspirative Kontakte und Verbindungen nach Westen, die unser Apparat von ihm übernommen hatte. Es drohte, was damals für beide Seiten Waffe im PropagandaKrieg war: die medienwirksame Präsentation eines präparierten Überläufers. Ich bekam den Auftrag, Vieweg in die DDR zurückzuholen. Die Mittel, mit denen fahnenflüchtigen Funktionsträgern und Geheimdienstlern nachgestellt wurde, waren damals nicht zimperlich, doch für mich war Gewalt nie eine vernünftige Lösung, weil sie meist mehr Schaden anrichtete als verhinderte. Ich setzte auf die »Wotan-Verbindung« – mit nicht eben viel Optimismus, aber in der vagen Hoffnung, daß Wehner schon aus Eigeninteresse möglicherweise Hilfestellung leisten könnte. Gemeinsam mit Viewegs zurückgelassener Frau entwarf ich einen Brief, der von Hansch überbracht wurde. Daß Wehner sich auch unseren Kopf zerbrach, konnte ich aus seiner ersten Reaktion ersehen. Über Hansch belehrte er uns, Vieweg sei unklug und ungerecht behandelt worden. Vor Vertretern des britischen und des US-Geheimdienstes, die an Gesprächen
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interessiert waren, hatte er Vieweg bereits gewarnt. Und er zeigte sich überraschenderweise bereit, den Überläufe r zur Rückkehr zu überreden, wenn wir Straffreiheit garantierten. Nachdem Ernst Wollweber, damals Minister für Staatssicherheit, mir diese Zusicherung gegeben hatte, ließ ich Wehner mitteilen, sein Schutzbefohlener habe in der DDR nichts zu befürchten. Wehner schien dieser Garantie zu vertrauen, obwohl er die Unerbittlichkeit des Machtapparates in solchen Fällen eigentlich kannte. In Wehners Hamburger Wohnung wurde mit dessen Vertrauten Peter Blachstein das weitere Prozedere beraten. Vieweg kehrte am 19. Oktober 1957 freiwillig in die DDR zurück. Trotz der gegebenen Zusage und gegen meinen Protest wurde er verhaftet und am 1. Oktober 1959 verurteilt; erst am 17. Dezember 1964 kam er wieder frei. Die »WotanVerbindung« wurde durch den Vertrauensbruch nicht gestört. Den Vernehmern des Ministeriums für Staatssicherheit offenbarte Vieweg 1957 Erstaunliches: Wehner habe zwar Einwände gegen den Staatsaufbau in der DDR und bemängele das Fehlen jeglicher parlamentarischen Kontrolle, halte aber die DDR für einen sozia listischen Staat. Er stehe weiterhin auf dem Boden des Marxismus-Leninismus und betrachte den Sturz des Kapitalismus in der DDR als einen positiven Impuls für ganz Deutschland. Erste Bedingung für eine Verständigung zwischen SED und SPD sei die Beseitigung des gegenseitigen Mißtrauens. Diese als Botschaft zu verstehende Aussage Viewegs gelangte schon nicht mehr auf den Schreibtisch Wollwebers, da dessen Sturz zu jener Zeit bereits vorbereitet wurde. Das Verhalten Wehners in diesem Fall ist am ehesten so zu deuten, daß er einerseits Vieweg als Boten für sein Angebot der Verständigung benötigte und andererseits fürchten mußte, daß Vieweg in den Verhörmühlen der westdeutschen und amerikanischen Dienste alles preisgeben konnte, sogar das Wissen um seinen, Wehners, Kontakt zu Hansch. Vieweg war
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also aus Wehners Sicht in der DDR sicherer aufgehoben. Obendrein schien es aber auch, als wolle er uns beweisen, daß wir ihm zu Unrecht mißtrauten. Ähnlich überraschend verhielt er sich bei einer anderen Gelegenheit. Einem einflußreichen Bundestagsabgeordneten, der mit uns zusammenarbeitete, grummelte er im Vorbeigehen zu: »Paß auf, über dir zieht sich ein Netz zusammen.« Unsere sofortigen Nachforschungen ergaben, daß die Quelle in das Fadenkreuz des Verfassungsschutzes geraten war. Wir konnten sie noch rechtzeitig schützen. Mein Mißtrauen gegenüber dem janusköpfigen Renegaten aber blieb trotz solcher Vorkommnisse. Ich fragte mich, wer denn nun der echte Wehner war. War es der Mann, der die Linke in der SPD kaltstellte, der mit dem Godesberger Programm das sozialistische Erbe der Sozialdemokraten verleugnete, der mit seiner Rede vom 30. Juni 1960 die Partei zur Akzeptanz von Aufrüstung und bedingungsloser Westintegration trieb? Und das ohne Abstimmung mit führenden Sozialdemokraten, zum Beispiel Willy Brandt, wie wir von unserer Quelle »Freddy« wußten. Oder war der Herbert Wehner, der sich uns als verläßlicher Partner anbot, ein zwischen den Systemen Schwankender? Wir hatten früh erkannt, daß Wehner zum mächtigsten Mann in der SPD aufstieg und die westdeutsche Politik gegenüber dem Osten entscheidend beeinflußte. Dementsprechend aufwendig waren unsere Anstrengungen, ihn unabhängig vom direkten Kontakt unter Beobachtung zu halten. Schon Anfang der 50er Jahre warben wir einen seiner wenigen Freunde und politischen Vertrauten an, den Journalisten Otto W, Deckname Wanger. Er gab mit unserer Unterstützung einen Pressedienst in Bonn heraus. »Wanger« arbeitete aus politischer Überzeugung für uns. Zudem hatte er sein Herz an eine junge DDR-Journalistin verloren, die uns nahestand. Ob Wehner ahnte, daß sein Freund für den Nachrichtendienst der DDR arbeitete, weiß ich nicht.
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deren Namen Wehner im Verhör offenbar genannt hatte. weil ich Genossen kannte. habe Wehner seine Verhaftung durch die schwedische Polizei provoziert. was ich von Richard Stahlmann erfuhr. Bei den Vernehmungen soll er sich nicht nur vom Kommunismus distanziert. Daß trotzdem eine zentrale Führung in Deutschland agieren sollte. denen Menschen geopfert wurden. wie Wehner in einem seiner Wutausbrüche die Pfeife zerbiß. Er wußte natürlich. denn die Organisation der KPD im Untergrund war von der Gestapo schon zerschlagen. Geschürt wurde es durch das. daß die schwedische Polizei mit den Nazis kooperierte. und das. die er nach Deutschland geschickt hatte. daß Wehners Aussagen in Akten von Widerstandskämpfern vorkamen. nach Deutschland zu gehen.Auch »Wanger« beschrieb in seinen Berichten einen doppelgesichtigen Wehner: den antikommunistischen Polterer vor Publikum und den Nachdenklichen im vertraulichen Gespräch. Um dem zu entgehen. Dieser Verrat – als solchen mußte ich es sehen – bewegte mich persönlich. so Stahlmann. Wir fanden später in Gestapo-Akten Hinweise darauf. sondern auch Namen von Genossen preisgegeben haben. darunter Charlotte Bischoff. der sich um den Frieden und um die Stabilität der DDR sorgte. Stahlmann erzählte. war einer der sinnlosen Beschlüsse der Partei. daß das ein Himmelfahrtskommando war. um dort die illegale Partei zu führen. die verhaftet und hingerichtet worden waren. Sie hatte schon an den Straßenkämpfen während der Novemberrevolution in Berlin teilgenommen. eine bescheidene Frau und eine Heldin des Widerstands. Auf Wehners -197- . Mein Mißtrauen gegenüber Wehner blieb. der von gemeinsamen Interessen der beiden deutschen Staaten ausging. der in der schwedischen Emigration enger Mitarbeiter Wehners gewesen war. als er aus Moskau den Auftrag bekam. obwohl er wußte.

ihn in der westdeutschen Öffentlichkeit bloßzustellen. Wie durch ein Wunder war sie der Gestapo immer wieder entkommen. arbeitete ich mit gemischten Gefühlen an dem Auftrag. Herbert Wehner auf schwedischem Polizeifoto 1942 Da Wehner nachrichtendienstlich aber von großem Wert war. Der Leitfaden für den Plan seiner Kompromittierung waren die Aufzeichnungen. hatte sich nach Berlin durchgeschlagen und dort bis Kriegsende in der Illegalität ausgeharrt. mit denen er sich bei Kurt Schumacher gerechtfertigt hatte. Erst -198- . falls so etwas politisch opportun sein sollte. den ich für einen Verräter halten mußte. Das Material war dazu gedacht. Auf Material aus Moskau. wartete ich zehn Jahre. dessen Veröffentlichung »Wotan« wirklich politisch erledigt hätte.Befehl war sie ohne irgendwelche Papiere 1941 als Matrose verkleidet von Schweden nach Deutschland gereist. soviel Belastendes wie möglich gegen ihn zu sammeln. Die Begegnungen und Gespräche mit dieser Frau festigten meine Abneigung gegen den Mann.

Wehner gehörte damals zur BRD-Delegation auf der ersten Genfer -199- . die Freiheit und Leben für ihre sozialistischen Ideale eingesetzt hatten. Gegen eine solche Entscheidung stand das Argument. mit dem NKWD zusammenzuarbeiten. Denn die Weigerung. die konspirativen Beziehungen auf eine höhere Stufe zu stellen. Opfer des stalinistischen Terrors geworden waren. Im Fall Wehner gab es wiederholt ernsthafte Erwägungen der Führung. hätte Wehner wohl nicht überlebt. Die Versuchung war immer groß für unsere Seite. in denen er ü viele seiner Mitkämpfer der »trotzkistischen Wühlarbeit« bezichtigte. Schließlich ist es nicht auszuschließen. wie viele Genossen. durch eine Veröffentlichung der Dossiers die Weichen in der SPD und in Bonn anders zu stellen. Und in schwedischer Haft drohte ihm 1941 die Auslieferung an die Gestapo. Es waren die handschriftlichen Berichte Wehners f r das NKWD von Ende 1937. ob man richten darf über das. Ich frage mich. Mein Urteil über Wehner habe ich im Verlauf der Jahre teilweise revidiert. ohne daß man selbst einer solchen Situation ausgesetzt war. zumal sie sich aussichtsreich entwickelten.1967 wurde es uns vom KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastnij überlassen. was ein Mensch in Todesgefahr tut. daß er zumindest subjektiv der Meinung war. Doch zu einem entsprechenden Beschluß kam es nicht. wohl wissend. In meinem Tagebuch habe ich damals notiert: »Wie würde Wehner wohl auf eine Erinnerung daran reagieren?« Die Protokolle habe ich mit Bestürzung gelesen. daß ihnen daraufhin Tod oder Gulag drohen konnte. als sie ohnedies schon wußten. denn sie dokumentieren. daß mit unserem Wissen die geheimen Kontakte besser nutzbar waren. also Folter und Tod. das gesammelte Material gegen ihn zu benutzen. Die Gelegenheit. den Vernehmern nicht mehr verraten zu haben. hatte sich schon 1955 ergeben.

Noch nie hatte es die Möglichkeit gegeben. die er Girnus freimütig gab. in der Journalisten und die Observateure der verschiedenen Geheimdienste die Szene kontrollierten. Für Wehner war diese Kontaktaufnahme wieder ein großes Risiko. Es war nicht gerade eine Routineaufgabe. zumal zu einer Zeit. Er wollte sich mit Professor Albert Norden in West-Berlin treffen. Uns gelang es. und die Positionen. -200- . an so viele führende westdeutsche Politiker direkt heranzukommen. Wehner erläuterte unter anderem seine Vorstellungen von einem Deutschlandplan der SPD. sich mit einem Repräsentanten der DDR in Genf zu treffen. in einer Stadt des westlichen Auslands einen konspirativen Treff mit einer so bekannten Figur zu organisieren. zu dem damals in seiner Partei erst vorläufige Überlegungen vorlagen. Die Informationen. dem Exkommunisten hätte man im Westen nie verziehen. Wir arrangierten ein Zusammentreffen Wehners mit Wilhelm Girnus. Er war es. der offiziell Sekretär des Ausschusses für deutsche Einheit war. bei der die Vertreter beider deutscher Staaten am Katzentisch dabeisein durften.Hermann Flach Gespräche zu führen. wenn bekanntgeworden wäre. der eine sehr progressive Position in der Deutschlandpolitik vertrat. Über unseren Kontakt Hansch hatten wir bei Wehner eruiert. Wichtiges Zielobjekt jedoch blieb Wehner. daß er sich entgegen allen parteiübergreifenden Absprachen heimlich mit einem Vertreter des Ulbricht-Regimes traf. waren so wohl kaum mit der SPD-Führung abgesprochen. Ich hatte Girnus auf die Begegnung vorbereitet. in Genf unter anderem mit dem FDPGeneralsekretär Karl.Außenministerkonferenz. die er vertrat. Am Ende schlug er von sich aus vor. Für westdeutsche Politiker war es allerdings noch ein Tabu. ob er bereit sei. Zur DDR-Delegation gehörten auch Angehörige meiner Hauptverwaltung. die Gespräche mit einem Politbüromitglied fortzusetzen. mit Abgesandten der »Sowjetzone« zu sprechen.

Wie risikoreich die Verbindung zu Wehner für alle Beteiligten war. Es nützte Wollweber in seinem Parteiverfahren nichts. sondern mit Matern. Dem Intellektuellen und Westemigranten Norden wollte er diesen Kontakt nicht anvertrauen. Er wollte die Annährungsversuche Wehners nicht brüsk zurückweisen. Nur den ebenfalls beschuldigten Wilhelm Girnus. daß Ulbricht das Treffen gebilligt hatte. In der Hauptstadt der DDR. denn er mußte fürchten. rettete am Ende der Nachweis. informierte ich Walter Ulbricht von dem Vorschlag. Wie ich erwartet hatte. dokumentierten sie doch.« Sehr viel kleiner stand darunter: »Nicht mit Norden. daß Ulbricht alle Berichte über die Treffs mit Wehner abgezeichnet hatte und daß ich diese Belege vorweisen konnte. Ernst Wollweber als Minister wurde ebenso wie Karl Schirdewan als Mitglied des Politbüros parteifeindlicher Fraktionstätigkeit beschuldigt und entlassen. Spalter der -201- . Als gravierendster geheimer Anklagepunkt gegen beide fungierte der Kontakt zu Wehner. Für die einen waren alle Sozialdemokraten ideologische Diversanten. wie zwiespältig das Verhältnis der SED zur SPD in jener Zeit war. Ernst Wollweber. Der Bericht kam zurück mit Ulbrichts markantem Vermerk: »Einverstanden. Auch wenn diese Anschuldigungen nur ein Vorwand waren. Es gab in dieser Frage zwei unvereinbare Positionen.Die Zusammenkunft sollte in der Wohnung von Probst Heinrich Grüber stattfinden. aber der immer enger werdende Kontakt zu dem »englischen Spion« blieb ihm suspekt. lehnte er den Vorschlag ab. der sich in Genf mit Wehner getroffen hatte. sich zu sehr in unsere Hand zu begeben. Der Treffpunkt Ost-Berlin wiederum war für Wehner kaum akzeptabel. wurde nach 1957 deutlich. Über den Minister für Staatssicherheit.« Das war ein typischer Ulbricht-Schachzug. Wir wußten. daß er die Begegnung mit ehemaligen Genossen noch immer scheute.

Bei den sowjetischen Kollegen betonte dieser gern. eine solche Verbindung ernsthaft zu gefährden. Wehner stand in der Öffentlichkeit immer noch für die politischen Positionen. Der »Onkel« bereitete mit den ihm vertrauten konspirativen Mitteln die große Koalition von Unionsparteien und SPD vor. bei der innerparteilichen Diskussion rechte Positionen zu vertreten. etwa mit dem erzkonservativen CSU-Ideologen Baron Guttenberg. Da unterschied er sich allerdings kaum von anderen Sozialdemokraten. sondern auch nachrichtendienstliche Kontakte hatten. Er wollte sie nur unter zuverlässiger Kontrolle wissen. Für manche Sozialdemokraten. Wir wußten über unsere Quellen. daß der Weg zu den bundesrepublikanischen Einflußzentren nicht über die linke Spur führte. zu denen wir nicht nur politische. kannten wir den Zweck solcher Allianzen. daß er gleichzeitig insgeheim mit Politikern paktierte. denn auch der erste Mann in der Partei dachte nicht daran. denn uns war klar. Quellen in Positionen wie etwa Günter Guillaume wurden von uns angewiesen. die wir zu den »reaktionärsten Kreisen des westdeutschen Revanchismus« zählten. daß er die direkteste und authentischste Verbindung zum bundesdeutschen Machtzentrum und damit zur westlichen Allianz habe. Die politischen Aktivitäten des mächtigsten Mannes in der SPD blieben weiter undurchsichtig. aber nie abgebrochen. Dafür stand der 1958 ernannte Minister für Staatssicherheit Erich Mielke. die wir bekämpften.Arbeiterbewegung und damit die gefährlichsten Feinde. Der Kontakt zu Wehner wurde durch die taktischen Manöver Ulbrichts zwar beeinträchtigt. Ehe sozialdemokratische Abgeordnete oder die Öffentlichkeit etwas ahnten. Wehner galt ihnen als der Chef-Diversant. Über unseren Kontaktmann Hansch deutete er Unterstützung von DDR-Positionen an. Die anderen zählten den linken Flügel der SPD zur Arbeiterbewegung und befürworteten Kontakte. die aus politischer Überzeugung mit uns -202- .

war es eine schwere Belastung. Kurzfristig schien das eine realistische Option zu sein. daß die SPD-Politiker. die SPD mit Hilfe uns nahestehender Leute zu spalten und auf diesem Weg eine Art neue USPD zu etablieren. Nicht nur aus nachrichtendienstlichem Interesse habe ich solche -203- . denn die Zahl der mit uns auf verschiedene Weise verbündeten SPD-Bundestagsabgeordneten und leitenden Parteiund Gewerkschaftsfunktionäre erreichte bald Fraktionsstärke. sich auf diese Weise taktisch verhalten zu müssen. Je weiter Herbert Wehner die SPD nach rechts führte. die forderten.zusammenarbeiteten. um so intensiver wurden die Überlegungen. vor allem als politische Einflußagenten genutzt werden sollten. zu denen engere Kontakte bestanden. Herbert Wehner als Vorsitzender des Ausschusses für Gesamtdeutsche Fragen In der SED-Führung gab es Stimmen.

Das erklärt vielleicht. Heinz Volpert. Die Inhalte ihrer Gespräche durften nicht bekannt werden. alle Ermittlungen in Sachen Wehner einzustellen. Tatsächlich handelte Vogel mit Wissen und auch im Auftrag Honeckers.Pläne immer abgelehnt. zog er sich oft einen ganzen Tag zurück. Den Kontakt übernahm Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. Der enger werdende Kontakt zu dem SPD-Politiker bedeutete für Mielke mehr Ansehen und mehr Macht in der Parteiführung und gegenüber dem sowjetischen Dienst. als er sein innenpolitisches Ziel erreicht und die SPD 1966 in die große Koalition geführt hatte. Da das Formulieren nicht seine Stärke war. sondern auch geheime Treffen der beiden waren dadurch gedeckt. Kaum etwas in der DDR war geheimer als diese Berichte. die an die sowjetischen Partner ging. Sein offizieller Ansprechpartner war der Gesamtdeutsche Minister. Mielke und mich gab es noch eine extraredigierte und zensierte Version der Protokolle. Nicht nur offene. Schließlich wurde das Projekt SPD-Spaltung zu den Akten gelegt. da sie zu risikoreich geworden w Von nun an kontrollierte Mielke die ar. Wehner war nun Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Der Kontakt zu Wehner bekam eine ganz neue Qualität. Deshalb berichtete Vogel direkt dem Minister. Unsere Analysen gaben einer solchen Gruppierung auf Dauer keine Chance. warum sein -204- . der mit dem Westen »humanitäre Fragen« verhandelte. Aber instruiert wurde er von Mielke und dessen Offizier für diese Sonderaufgabe. um die Botschaften des »Onkels« in die rechte Form zu bringen. Noch unter Ulbricht hatte ich die Anordnung bekommen. Außer den drei Exemplaren für Honecker. Im Westen galt Vogel als »Vertrauter Honeckers«. Die langjährige Verbindung zu unserem Mann Ernst Hansch wurde abgeschaltet. Mielke allein redigierte die Berichte über Gespräche mit Wehner für die Weitergabe an Honecker. Verbindung selbst und hatte damit einen Trumpf gegenüber der HVA in der Hand.

Die Rückerinnerung an die unschuldige und heroische gemeinsame Jugend wurde ein wichtiger Faktor der Ost-West-Politik. um dem Verdacht bei Gegnern und Freunden entgegenzuwirken. er mache in der DDR geheime Politik auf eigene Faust. an dem auch -205- .abgrundtiefes Mißtrauen sich zu einem geradezu naiven Zutrauen gegenüber Wehner wandelte. Ich vertraute meinem Tagebuch damals Zweifel über die Gesetzmäßigkeit des Verlaufs der Geschichte an. Wehner nahm den FDP-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Mischnick mit. Die Briefe begannen bald mit »Mein lieber Freund« und endeten mit »herzlichen Grüßen«. weil ich wieder einmal sah. Mit dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker war der Kontakt zu Wehner nicht mehr belastet von den persönlichen Erfahrungen der alten Kommunisten aus der Sowjetunion und der skandinavischen Emigration. Aus den konspirativen politischen Kontakten wurden geheime persönliche Beziehungen. Besiegelt wurde die wiedererweckte Freundschaft während des Besuchs von Wehner bei Honecker im Mai 1973. Dieses Treffen war mit der SPD-Führung abgesprochen. Schon einen Tag vor dem offiziellen Gespräch. Honecker kannte Wehner aus dem Widerstand gegen die Nazis im Saarland. Den Parteifreunden vertraute er allerdings nur die halbe Wahrheit an. Auch das hat Honecker wohl noch nachträglich beeindruckt. Ambitionen und Emotionen der einzelnen Akteure bestimmt wurde. Im Unterschied zu anderen KPDSpitzenfunktionären hatte Wehner damals erfolgreich die ehrliche Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten gesuc ht. wie sehr die Politik von Schwächen. Der junge Dachdecker Honecker hatte die kommunistische Führungspersönlichkeit Wehner in den 30er Jahren bewundert. Briefträger war Anwalt Vogel. Zunächst entwickelte sich Anfang der 70er Jahre eine intensive Brieffreundschaft zwischen den beiden.

Aus seiner Umgebung erfuhr ich. -206- . sondern auch sentimentaler Natur.Mischnick teilnahm. Er wählte selber das Gebäck aus. daß er nicht mehr als H. sondern mit vollem Vornamen genannt werden mußte. Der Kuchen sollte schmecken wie der Selbstgebackene. Gegen alle Regeln wurde der westdeutsche Gast auf der ersten Seite des Neuen Deutschland gewürdigt. Wehner. das er dann am Gartentisch seinem Gast anbot. traf er sich unter strenger Geheimhaltung mit Honecker in der Schorfheide. wie penibel der Erste Sekretär dieses Wiedersehen persönlich vorbereitet hatte. denn sie konnte im Westen Mißtrauen bestärken. Aber die Beziehung Honecker-Wehner war eben nicht taktischer. Eine neue Sprachregelung bestimmte. mit dem Honeckers Mutter den hungrigen Wehner einst im Saarland verwöhnt hatte. Erich Honecker und Herbert Wehner im Mai 1973 Erich Honecker legte auch alle Einzelheiten der Berichterstattung fest. Diese bevorzugte Behandlung in den DDRMedien war taktisch wenig klug.

1980 (Transkription im Anhang) -207- .Tagebucheintrag vom 15. 4.

der ganz offensichtlich auch eine Triebfeder für Wehners Kontakte zur DDR war. den Wunsch nach Rehabilitierung innerhalb der -208- . 1980 (Transkription im Anhang) Erich Honecker erfüllte seinem Freund den Wunsch. 4.Tagebucheintrag vom 16.

in denen die Vorwürfe gegen Wehner bereits nur mehr sehr vorsichtig formuliert waren. Die bereits publizierten Erinnerungen von Erich Glückauf. -209- . Die »Lex Wehner« des Politbüros wirkte wie eine späte Rache Wehners an seinen Gegnern in der Kommunistischen Partei. Für mich war das eine absurde Vorstellung. Im August 1981 schien er sich dann schon voll mit der Sache des »real existierenden Sozialismus« zu identifizieren. Wieder einmal warnte er vor Brandt. Vor dem Politbüro gab er eine feierliche Ehrenerklärung für Wehner ab. beschloß das Politbüro im Januar 1974. der geradezu prophetisch vom drohenden Untergang der DDR und des Sozialismus in Europa orakelte. sondern Mewis der eigentliche Verräter in Schweden war. daß nicht Wehner. Mielke wollte außerdem inzwischen herausgefunden haben. In die »Giftschränke« wanderten daraufhin die Erinnerungen von Karl Mewis. und diese These fand sich bald darauf in einer bundesrepublikanischen Wehner-Biographie von Alfred Freudenhammer und Karlheinz Vater wieder.Partei. Wolfgang Vogel traf auf Öland an drei Tagen einen deprimierten Wehner. in denen Wehner detailliert Verrat an Genossen vorgeworfen wurde. daß Wehner sich im Lauf der Jahre immer weiter dem sozialistischen Lager angenähert hat. Die Protokolle von Wehners Gesprächen mit Vogel und die Briefe an Honecker lassen den Schluß zu. Der Sozialdemokrat durfte in Publikationen nicht mehr als Verräter an der Arbeiterbewegung dargestellt werden. der die Sowjetunion zur Aufgabe der DDR bewegen wolle. daß Memoiren von »Persönlichkeiten der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung« nur noch auf Beschluß des ZK-Sekretariats veröffentlicht werden durften. wurde aus dem Buchhandel zurückgezogen. Um das sicherzustellen.

1981 (Transkription im Anhang) -210- . 8.Tagebucheintrag vom 24.

Tagebucheintrag vom 8. 3. 1983 (Transkription im Anhang) -211- .

Er fürchte. wenn man die Opposition in Polen nicht unter Kontrolle bekäme.Tagebucheintrag vom 8. Er riet seinem Freund Honecker zu -212- . 3. sagte er zu Vogel. einen »gefährlichen Ermunterungssog«. 1983 (Transkription im Anhang) Die akute Gefahr sah Wehner in der polnischen SolidarnóscBewegung.

Wehner verabschiedete sich in diesem August von Vogel mit überschwenglichen Beteuerungen seiner Freundschaft zu Honecker.« Sein Rat. Wenn man das aus westdeutscher Perspektive als Verrat deuten will. Von den ersten Kontakten zu uns bis zur Freundschaft mit Honecker hat er wohl immer geglaubt. Wehner war nie ein Agent im klassischen Sinn. ist das eine allzu platte Sicht. Geburtstag sei die Gabe des Staatsratsvorsitzenden. desto besser«. der kaum Beachtung fand. ja bisweilen des physischen Überlebens. weil er so unglaubwürdig klang: »Herbert war seit den 30er Jahren mein unersetzlicher Freund und Berater. daß ein Erfolg der Solidarnósc der Anfang vom Ende der sozialistischen Herrschaft in Europa sei. Seine Genossen aus jenen Zeiten standen ihm offenbar politisch und menschlich näher als Sozialdemokraten vom Typus Willy Brandts oder auch Helmut Schmidts. Er bekannte. der Stärkere im politischen Spiel zu sein.« Nicht allein das Gespräch im August 1981 mit Vogel legt die Deutung nahe. sollte sich als zutreffend erweisen. Es ist eine halbe Minute vor zwölf. daß Herbert Wehner am Ende seines Wirkens wieder nahe der politischen Heimat seiner Jugend angelangt war. Die Voraussage aber. fand glücklicherweise kein Gehör. die polnische Opposition gewaltsam zu zerschlagen. Zu sehr war er von den Repressionen der -213- . Eine Rückkehr Wehners zum Kommunismus sehe ich in alledem nicht. das schönste Geschenk zu seinem 75.»entschlossenen Maßnahmen« der sozialistischen Staaten. eine geschnitzte Holzfällerfigur aus dem Erzgebirge. leider. »je eher. Er wirkte tief enttäuscht von der Sozialdemokratie. Nach der Wende sagte Honecker in einem Interview einen Satz. denn er meinte: »Es geht nicht ohne innere Gewalt. Wehner dachte dabei offenbar nicht nur an politische Pressionen. Die Konspiration war für ihn von Jugend an ein Mittel der Machtpolitik und auch des politischen.

Auf seine Art förderte er aber die Annäherung und den friedlichen Ausgleich der beiden Welten. zu sehr hatte er unter dem Mißbrauch der Ideale seiner Jugend gelitten. deren Konflikte sein Leben ausfüllten.Stalinzeit gezeichnet. Wehners Absage an jede Form der Diktatur entsprach seiner Überzeugung. Er tat dies oft auf seine Weise. Erich Honecker und Herbert Wehner in Bonn 1987 -214- .

seit 1964 Chruschtschows Nachfolger als Generalsekretär der KPdSU. in der die größte sowjetische Streitmacht außerhalb der UdSSR stationiert war. Das Interesse der Sowjetunion am Friedenserhalt war offenkundig. Das. mit der Ägyptens vergleichen ließ. Walt Whitman -215- . Deshalb müsse Ägypten nach einer politische n Lösung suchen. ließ aufhorchen. Ähnlich den Ereignissen in Ungarn im Herbst 1956 hatten diese Geschehnisse tiefreichende Auswirkungen auf das Denken vieler von uns. So wenig sich die strategische Lage der DDR. Er war der Ansicht. in geschlossenen Sitzungen des Zentralkomitees und bei Beratungen mit führenden Politikern der sozialistischen Länder zur Lage im Nahen Osten sagte. Ulbricht hatte permanent Angst vor einem »kleinen Krieg« und mißtraute insgeheim Moskaus Bündnistreue. Auswirkungen. die Sowjetunion könne die DDR in einem militärischen Konflikt der deutschen »Brüder« ihrem Schicksal überlassen. in Frankreich und der Bundesrepublik war das Jahr 1968 durch den Höhepunkt der Studentenrevolte und der Protestbewegung gekennzeichnet. Israel zerstören zu wollen. was Leonid Breschnew. so Breschnew. daß Nasser an der Kampfkraft des sozialistischen Lagers zweifle und das Kräfteverhältnis zwischen den Supermächten falsch einschätze. Dies aber verleitete die Falken in der USAdministration zu gefährlichen Schlüssen. traute Ulbricht dennoch der Bundesrepublik ein ähnliches Vorgehen wie Israel zu und fürchtete. deren die meisten sich erst im nachhinein bewußt wurden.9 Der heiße Sommer von 1968 In den USA. in den Ländern des Warschauer Vertrags durch den »Prager Frühling« und den Einmarsch der Truppen der Vertragsstaaten in die CSSR. Der israelischägyptische Sechstagekrieg 1967 schürte seine Befürchtungen noch. bedeute Krieg.

In der Bundesrepublik mündete die Protestbewegung in den politischen Protest gegen die geplante Verabschiedung der Notstandsgesetze durch den Bundestag. den Wortführer der Außerparlamentarischen Opposition. sondern geboten sei. und dann werde man sich Europa zuwenden. das hatte eine Welle der Rebellion an westdeutschen Universitäten ausgelöst. danach könne der Erfolg der Israelis gegen die Araber ausgebaut werden. und deshalb wurde mir die kritische Zuspitzung der Ereignisse in der Tschechoslowakei erst relativ spät bewußt. daß es für die USA nicht nur möglich. verübte im Frühjahr 1968 ein Neonazi ein Attentat auf Rudi Dutschke. Fabriken wurden durch Arbeiter und Studenten besetzt. Für eine ganze Generation bildeten die Ereignisse des Jahres 1968 eine historische Zäsur. der eine allgemeine Streikbewegung zur Folge hatte. -216- . was neue Unruhen auslöste. Kaum waren sie abgeebbt. Die Gewerkschaften riefen einen Solidaritätsstreik aus.Rostow. Der Protest gegen den weiter eskalierenden Vietnam-Krieg weitete sich zur Auflehnung gegen die herrschenden Machtverhältnisse aus. Das beanspruchte meine Aufmerksamkeit weit mehr als das Geschehen bei unseren östlichen und südlichen Nachbarn. den Vietnam-Krieg bis zum Sieg über die Kommunisten weiterzuführen. In Frankreich eskalierte der Studentenaufstand zu Straßenschlachten mit der Polizei. Im Parlament stimmten fünfzig Abgeordnete der SPD mit der FDP gegen die Annahme der Gesetze und damit gegen die Beschlüsse ihrer Parteiführung. Anfang 1968 nahmen die Studentenunruhen im Westen dramatische Formen an. außenpolitischer Berater Präsident Johnsons. folgerte aus den sowjetischen Friedensbemühungen. Im Vorjahr war während des Staatsbesuchs von Schah Reza Pahlewi in West-Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen worden.

Wir nutzten unsere Verbindungen zu Abgeordneten des Bundestags soweit wie möglich. Aus dem Zentralkomitee der SED kamen widersprüchliche Auskünfte über die Gipfeltreffen der sozialistischen Länder. in seiner Umgebung aber bestimmten andere den Ton. was er propagierte. um auf andere einzuwirken. Da er die von Gomulka in Polen verfolgte Landwirtschaftspolitik und die Einführung der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien noch heftiger kritisierte. die weit über das hinausgingen. Februar. hatte ich seine Bemerkungen zunächst seiner bekannten Besserwisserei zugeschrieben. Sehr bald jedoch tauchten neben Dubcek neue Namen auf. Als ich jedoch Dubceks erste Reden las. hatte Ulbricht sich skeptisch über Alexander Dubcek. Das erinnerte an den Ablauf der Ereignisse in Ungarn 1956. die Besorgnis der anderen Teilnehmer zu entkräften. auf denen Dubcek sich bemühte. die ihrerseits nichts unversucht gelassen hatten. dem 8. stutzte ich. Über die Lage in Prag hatte ich kein klares Bild. geäußert. Mit diesem Beitrag meines Dienstes im Kampf gegen die Notstandsgesetze hätte unser soeben von einem leichten Gehirnschlag genesener Minister eigentlich zufrieden sein können. doch Mielke war keineswegs zufrieden. um das Abstimmungsergebnis zu beeinflussen – immerhin waren wir uns der Haltung etwa eines Dutzends Abgeordneter sicher. Am Jahrestag der Staatssicherheit. so der Parlamentspräsident -217- . den neuen Generalsekretär der tschechoslowakischen Kommunisten. worauf auch in der DDR viele warteten. die aus Warschau gemeldet wurden. und aus dem Mund dieser Männer wurden Forderungen laut. Die Ankündigung eines »neuen Kurses« mit dem Ziel demokratischer Reformen drückte das aus. genau wie die Studentenkrawalle. denn seine Aufmerksamkeit war zur Gänze von der Entwicklung in den sozialistischen Nachbarländern beansprucht. Seine öffentlichen Auftritte in Prag bezeichneten Anwesende als ausgewogen.

die als Wiege eines reformierten Eurokommunismus besonders suspekt war. die einer Annäherung der gesellschaftlichen Systeme und eines »dritten Weges« das Wort redete. Mielke wußte durch meinen Dienst von den Gesprächen. die -218- . Als ideologisch absolut verderblich galt die Konvergenztheorie dieser Kreise. den mit westlichen Modellen sympathisierenden Liberalen und den an Moskau orientierten Konservativen. Die Erklärungen des Außenministers Jirj Hajek ließen deutlich sozialdemokratischen Einfluß erkennen. Diese unterschieden zwischen Dubceks Reformkurs. Die Informationen meines Dienstes ergänzten das. Alexander Dubcek mit Jan Pudlák und Ludvik Svoboda Großes Interesse bei unserer politischen Führung fanden Informationen über tschechische Kontakte zu westdeutschen Sozialdemokraten und zur italienischen KP. was man ohnedies über die Be ziehungen der Prager Liberalen zu Westpolitikern wußte oder zumindest ahnte.Josef Smrkovsky oder Eduard Goldstücker.

der sich mit dem Deckmantel der Kritik am Zionismus tarnte. Chefredakteur der Zeitung Polityka und Mitglied des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei. Im Mai hatte eine Meldung der Berliner Zeitung für -219- . welche Rolle der unterschwellige Antisemitismus bei der Bekämpfung von Reformbestrebungen und ihrer Exponenten durch die konservativen Kräfte in den sozialistischen Staaten von jeher gespielt hat. und hatte erklärt. Szlachcic schilderte mir eingehend. Im Sommer 1968 kamen mir der Fortgang der Ereignisse in der Tschechoslowakei und die Reaktionen darauf wie ein Wechselbad vor. nicht nur er sei der Auffassung. Als der polnische stellvertretende Innenminister Francisek Szlachcic. Dabei hatte er betont. Nicht weniger besorgniserregend fand er den aufflackernden Antisemitismus. was in Warschau in den letzten Wochen geschehen war. die Konvergenz sei unvermeidlich und wünschenswert. als offiziell behauptet worden war. Auch in der Tschechoslowakei waren es Juden.Mieczyslaw Rakowski. Anzeichen für eine bevorstehende Intervention wechselten in immer kürzeren Abständen mit Bemühungen um eine tragfähige einvernehmliche Lösung. was Mielke mit seiner Schimpftirade denn eigentlich gemeint habe. Sowohl die Studentenunruhen als auch das Einschreiten der Ordnungskräfte waren seinen Worten zufolge weit weniger harmlos gewesen. wetterte dieser gegen Rakowski wie gegen den bösen Feind. die am massivsten angefeindet und deren Entfernung am lautesten gefordert wurde. Szlachcic fragte mich hinterher einigermaßen verwirrt. Mielke besuchte. der für die Aufklärung zuständig war. daß Polen sich um ein hohes Maß an nationaler Eigenständigkeit bemühe. entgegen Moskaus Hegemonialbestrebungen. Konvergenz – das war das Stichwort für Mielke. Erst bei der Niederschrift dieser Erinnerungen ist mir aufgefallen. in der Bundesrepublik geführt hatte.

im Parteipräsidium hätten die »Rechten«. Die meisten Slowaken in der Führung hatten offenbar kein Vertrauen mehr zu ihrem Landsmann Dubcek und fanden sich immer ärgeren Diffamierungen und Angriffen ausgesetzt. Für September werde ein Parteitag vorbereitet. gewählt würden. daß in Prag Außenaufnahmen für den Film Die Brücke von Remagen gemacht wurden. Er sagte. Das hielt ich für absurd. ich müsse mich mit meinem Kollegen über einen geheimdienstlichen Vorgang beraten.und Staatsführung in den düstersten Farben. Diese »Nachricht« war der Redaktion ohne unser Wissen von sowjetischer Seite untergeschoben worden. Juli holte Houska mich an der Grenze ab.Aufregung gesorgt: Acht amerikanische Panzer sollten in Prag gesichtet worden sein. Salgovic -220- . Als Slowake stellte er gemäß den in Prag geltenden Regeln die Parität zum tschechischen Minister Pavel her. Die Panzer schrumpften schnell zu einer Handvoll Statisten in amerikanischen Uniformen.) Dubcek gebe ihrem Druck immer mehr nach. der für Staatssicherheit und Nachrichtendienst zuständig war. ja geradezu kindisch. (Wie sehr die Begriffe »rechts« und »links« durcheinandergingen und vom jeweiligen Standpunkt des Betrachters abhängig waren. Im Juni lud mein Prager Kollege Houska mic h nach Prag ein. Am nächsten Tag traf ich mich mit dem stellvertretenden Innenminister Vilian Salgovic. Unterwegs schilderte er mir die Lage in Partei. Gesprächspartner aus dem Westen fragten mich rundheraus. zu dem unter dem herrschenden Druck nur »Progressive«. konnte ich während meines Besuchs wiederholt feststellen. die Mehrheit. In einem offiziellen Schreiben kündigte Mielke meinen Besuch dem neuen Prager Innenminister Pavel mit der Erklärung an. Am 8. ob man annehmen müsse. die sich selbst als Progressive bezeichneten. Der wahre Sachverhalt sah so aus. daß die Panzerente als Alibi für eine sowjetische Intervention gedacht sei. meist Intellektuelle. Derart unseriöse Unternehmungen interpretierte ich damals als Indiz der Unsicherheit Moskaus.

von meinem -221- .und seine als konservativ abgestempelten politischen Freunde hätten auf diesem Parteitag zweifellos keine Chance. die politisch Andersdenkende unterdrückt hatten. man sei sich bald seines Lebens nicht mehr sicher. Auf seinem Rückflug Ende November unterhielten wir uns kurz in Ost-Berlin. lag hie wie da an den gleichen Ursachen. die auch in Moskau und bei der Führung in Ost-Berlin Gehör fanden. Auf meine Frage. Er sagte. was von unserer Seite aus getan werden könne. verbunden mit der Frage: »Was wollte General Wolf in Prag?« Da außer den von mir erwähnten Gesprächspartnern nur Borecký. die alle »Konservativen« denunzierte. Daß der Zorn großer Teile des Volkes sich oft auf extreme Weise Luft machte. An Häuserwände wurden Galgen mit ihren Namen gepinselt. wie ich sie damals erlebte. Nicht zuletzt waren Männer wie Salgovic und unsere Partner im Prager Innenministerium vierzig Jahre lang selbst diejenigen gewesen. der Leiter der Abteilung für Aktive Maßnahmen im Prager Nachrichtendienst. 1991 las ich eine kurze Notiz in der Zeitung: Salgovic hatte sich in der Slowakei das Leben genommen. Am 19. Rufmord und Psychoterror seien an der Tagesordnung. antwortete er ratlos: »Ich weiß es nicht. daß sie im Ausland Unterschlupf suchten. Natürlich waren sie einseitig von der Sicht derer geprägt. Juli erschien in der Zeitung Literarny Listy unter der Überschrift »Interpellation« eine Meldung über meine Anwesenheit. Unerwartet traf meine Reise nach Prag auf öffentlichen Widerhall. Pavel terrorisiere alle ihm nicht genehmen Mitarbeiter mit Hilfe von Presse und Fernsehen. Viele fühlten sich so bedroht. Salgovic ging nach Bulgarien.« Seiner Meinung nach war Pavel die treibende Kraft. Gegen Salgovic und andere Offiziere des Innenministeriums lief tatsächlich eine regelrechte Diffamierungskampagne. wie ich es ähnlich nach dem Zusammenbruch der DDR gegenüber der Staatssicherheit erlebt habe. Meine Begegnungen und Eindrücke habe ich so geschildert.

fiel es mir nicht allzu schwer. Borecký galt schließlich als Wortführer der »Progressiven« im Geheimdienst. Die Meldung war die Revanche für Angriffe der DDR-Presse auf den CSSRReformkurs. Sowjetische Panzer in Prag 1968 Obwohl Mielke und die DDR-Führung meinem Dienst keine Ruhe ließen. Offenherzigkeit und -222- . in dem von »umfangreichem kameradschaftlichen Meinungsaustausch« und einer »Atmosphäre völliger Freimütigkeit. was aus Prag von namhaften Autoren gekontert wurde. Ein Treffen der Prager Regierung mit der sowjetischen Führung Ende Juli resultierte in einem Abschlußkommunique. Moskauer und Berliner Zeitungen veröffentlichten im Frühsommer einen kritischen Artikel zur Lage in der CSSR nach dem anderen. den Zusammenhang zu erraten. konnten wir nicht mit den gewünschten Belegen für eine unmittelbare Einmischung westlicher Staaten in die Prager Vorgänge aufwarten. die mit nationalem Pathos ihren erstmals in der Geschichte etablierten freiheitlichen Sozialismus verteidigten.Besuch informiert war.

was drei Tage später geschehen würde. und ich fuhr nach Ahlbeck nahe der polnischen Grenze. die eine Intervention in der CSSR begründen sollte. Um 2. -223- . Wir konnten uns wieder unserem eigentlichen Arbeitsgebiet im Westen zuwenden. In meinem Tagebuch notierte ich: »Wir werden noch ganz schön strampeln müssen.00 Uhr morgens i Ahlbeck ab. Auf der Fahrt nach Berlin hörte ich abwechselnd die Rundfunkmeldungen aus Ost und West. Am 21. Er vermutete.« Da rechnete ich noch fest mit einem Kompromiß.00 Uhr brachte Radio Prag die erste Meldung. daß in der CSSR nun doch »Ernst gemacht« würde. sah ganz danach aus. Als ich im Ferienhaus ankam. die mich zu ihm brachten. August holte mein Fahrer mich kurz nach 4. Trotz zunehmender Anzeichen hielt ich ein direktes Eingreifen des Warschauer Pakts noch immer für unwahrscheinlich. Von der Begegnung der Parteiführer Anfang August erwartete ich keine Wunder. Am 17. um mit den nach einem Kompromiß auf uns zukommenden Problemen fertig zu werden. August fuhr Mielke zu einem Kurzurlaub nach Heringsdorf. was unmittelbar nach dem Treffen der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde. als habe man sich geeinigt. hastig eingezogen. August war ein gemeinsames Treffen mit den Vertretern der übrigen Staaten des Warschauer Vertrags festgesetzt. und das. weil für den nächsten Tag überraschend ein Treffen der Parteiführer in Moskau angesetzt worden sei. Für den 3. Bis dahin war Mielke in völliger Unkenntnis dessen. wurde ich dort von Boten Mielkes erwartet. Er sagte mir. er müsse sofort nach Berlin zurück.gegenseitigen Verständnisses« die Rede war. Der Einmarsch in die n Tschechoslowakei hatte schon vor Mitternacht begonnen. Smrkovsky verkündete triumphierend: »Unsere Hoffnungen wurden weit übertroffen – die Spaltung der sozialistischen Welt ist verhindert worden! « In Ost-Berlin wurde unterdessen eine Mitteilung der Parteiführung.

Das hatte ich als Machtdemonstration mißdeutet. elf ranghohe Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit und ich teil. Hohe Offiziere der NVA wiederum haben mir versichert. weil unsere Reise nach Moskau ausgefallen war. keine ideologischen Aufweichungserscheinungen in der DDR zuzulassen. Wir hatten zwei Möglichkeiten: -224- . Wie üblich gaben beide Minister einen allgemeinen Überblick zur politischen Lage und den Aktivitäten der anderen Seite. Drei Tage vor dem Einmarsch soll Breschnew noch einmal mit Dubcek telefoniert haben. den Marschbefehl zu geben. August keine Kenntnis von der geplanten Unternehmung hatten und auch danach nicht in die Planung einbezogen wurden. Über die Beteiligung der DDR und ihrer Armee an der Invasion sind bis heute verschiedene Versionen in Umlauf. Mielke zog sogleich gegen ideologische Diversanten und gefährliche Konvergenzbefürworter vom Leder und gelobte. daß die Führung in Moskau buchstäblich bis zur letzten Stunde gezögert hatte. was ich nicht zuletzt Andropows Führungsstil zuschrieb. die Dubcek unter politischen Druck setzen sollte.Der ganze Ablauf paßte zu meiner Annahme. wie sie Prag zugrunde gerichtet hätten. Einheiten der Sowjetarmee und der Nationalen Volksarmee der DDR waren nördlich der Grenze zur CSSR zusammengezogen und in Bereitschaft gehalten worden. auf den 21. Im September kam KGB-Chef Andropow zu einem Arbeitsbesuch nach Berlin. Ulbricht und die Mehrheit der Parteiführung gehörten ohne Frage zu den Befürwortern eines militärischen Eingreifens. In den Wochen zuvor war es bereits zu Vorbereitungen für eine militärische Lösung gekommen. Die Atmosphäre war entspannt. Dann sagte er: »Das ist aber nur eine Seite der Geschichte. An dem Bankett in unserem Gästehaus in Pankow nahmen von deutscher Seite Minister Mielke. Dann kam das Gespräch auf die CSSR. Mielke hatte ihn darum gebeten. daß sie bis zur Nacht vom 20. Andropow hörte ihm höflich zu.

Ich glaube. Im übrigen wären wir gut beraten. Aus jedem anderen Mund hätte er sie als Ketzerei gebrandmarkt. unseren Ruf zu schädigen. aber noch ungewohnter war sein Appell. Von heute aus gesehen ist der Einmarsch der Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR Ausdruck einer Machtdoktrin. bei uns selbst zu suchen. was in der CSSR geschehen ist. in der inneren Entwicklung unserer Staaten.« Er fuhr fort: »Man muß in jedem Land sorgfältig abwägen.militärisch einzugreifen. daß es unabdingbar ist. Dennoch hat er sich bemüht. Vielleicht hat er die Erinnerung daran einfach verdrängt. oder die CSSR aufzugeben und zwar mit allen Konsequenzen. wie die innenpolitische Lage beschaffen ist. an deren Auswirkungen das System des »real existierenden Sozialismus« zwei Jahrzehnte später mit zerbarst. diese Entwicklung wird zu einer weiteren Differenzierung führen. Das waren ungewohnte Töne aus dem Mund eines KGB-Oberen. und er kam nie auf diese Äußerungen Andropows zurück. die Gründe für das. die Sozialdemokratie nicht in Bausch und Bogen zu verteufeln. über den Leninschen Weg zum Sozialismus und über den sozialdemokratischen Weg neu nachzudenken und zu diskutieren. die Ursachen der Prager Ereignisse zu untersuchen. auch zu Sozialdemokraten wie Herbert Wehner. auf die Gefahr hin. Ich glaube auch.« Es verschlug uns fast die Sprache. sondern möglicherweise als ernstzunehmenden Verhandlungspartner in Betracht zu ziehen. Für Mielke muß das ein harter Brocken gewesen sein. War mit dem Brechen der souveränen Rechte der CSSR die -225- . die das für die sozialistischen Staaten Europas mit sich gebracht hätte. Statt die Intervention ideologisch zu untermauern. auf einem anderen Niveau als bisher zu pflegen. Die neue Regierung in der CSSR wird es nicht leicht haben. hatte Andropow dafür plädiert. Es war keine angenehme Wahl. in der kommunistischen Bewegung. die Kontakte zu westdeutschen Politikern. weil so etwas nicht in sein Denkschema paßte.

zwischen Plan. Von der Sympathie des Volkes und vom Westen ermutigt. Wie aber ließ sich sozialistische Staatsmacht erhalten und mit Demokratie verbinden? Eine auf Demokratie gestützte Macht schien mir unbedingt erstrebenswert: pluralistische Strukturen und Meinungsbildung. ein besseres Sozialismusmodell zu schaffen. daß sie an die Sowjetunion die ultimative Forderung richten würden. jedes militärische Eingreifen in die inneren Angelegenheiten der CSSR zu unterlassen. daß die USA die Tschechoslowakei zu einem ähnlich essentiellen Gebiet hätten erklären müssen wie seinerzeit West-Berlin.Chance vertan worden. Juni 1953. das Experiment eines »dritten Weges« sei ein realisierbarer Gegenentwurf zum Stalinismus. die Möglichkeit. In meinem Tagebuch hatte ich damals -226- . und zumindest einige unter ihnen erwarteten von den USA. haben die Männer um Dubcek die Erfahrungen vergangener Jahrzehnte außer acht gelassen. daß Moskau zögerte und daß die anderen Partner des Warschauer Vertrags widersprüchliche Haltungen vertraten.und Marktwirtschaft. Die Männer. wie die USA auf den 17. einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«? War die Marxsche Utopie einer freien Assoziation freier Bürger am internationalen Kräfteverhältnis und am sowjetischen Gesellschaftsmodell Stalinscher Prägung gescheitert? Politik ist letztlich die Kunst des Möglichen. zwischen Geist und Macht – die Macht aber sollte eine sozialistische sein. haben – sofern der Sozialismus für sie überhaupt noch eine lebensfähige Alternative zum kapitalistischen System darstellte – die weltpolitischen Gegebenheiten des Jahres 1968 falsch eingeschätzt. zwischen Parteien zu wählen. Sie spürten. die an der Spitze des Prager Frühlings standen. Solche Erwartungen ignorierten völlig. auf den ungarischen Herbst 1956 und auf den Mauerbau 1961 reagiert hatten. vernünftige Relationen zwischen gesellschaftlichem und privatem Eigentum. sie glaubten. Im politischen Klartext hätte dies bedeutet.

ob die Erhebungen in Ungarn oder in der CSSR bei ungestörtem Fortgang zu einem reformierten Sozialismus geführt hätten. Gab es 1968 oder danach eine denkbare sozialistische Alternative? Das ist eine spekulative Frage. mich aus der Mitverantwortung für die Folgen subjektiven Machtdenkens zu verabschieden. geht es nicht so einfach. daß der Westen eine strikte Nichteinmischung praktiziert hätte. dann wäre ein ähnlicher Wandel auch in anderen Ländern Osteuropas denkbar gewesen. die ihren Kern in diesem widersprüchlichen Prozeß der Transformation der Macht haben. bei dem die nachträgliche Analyse gestattet. Dies jedoch hätte vorausgesetzt.« Heute sehe ich die Machtfrage wesentlich differenzierter. Die Geschichte ist kein Schachspiel. Bis heute würde ich nicht mit Sicherheit sagen wollen. Auch wenn meine Zweifel in den 70er Jahren zunahmen und mich Anfang der 80er Jahre zu dem Entschluß bewegten. Da die feindliche Umwelt und ihre Wirkung auf die eigenen Menschen weiterhin sehr stark sind. Ungarn 1956 bis zum August 1968 in der CSSR führt eine Kette von Unruhen. sich auf die Fragen des wissenschaftlichen. beschäftigt mich dieses Problem nach wie vor. technischen und kulturellen Fortschritts zu konzentrieren. aber wer wollte das ernsthaft annehmen? Unstrittig ist. nicht die Verständigung. Ohne Veränderungen in Moskau hätte keine Alternative in Ostund Mitteleuropa auch nur ansatzweise eine Chance gehabt. daß in der weltpolitischen Konstellation damals die Konfrontation gepflegt wurde. die komplizierten Machtfragen einfach zu ignorieren.notiert: »Über Polen. zu reduzieren oder auszuklammern. demokratische und humanistische Prinzipien in die Gesellschaft einzuführen. Hätte in der UdSSR ein Mann an der Spitze umsichtig und konsequent den Weg zu einem reformierten Sozialismus freigemacht und dies schon im Frühjahr 1968. Dann kommt es so wie in der CSSR. daß man Züge zurücknimmt -227- . die nach 1989 oft gestellt wurde.

die einzelnen Züge führten immer weiter in das fatale Endspiel. die an der Spitze der Bewegung von 1989 standen. was sie gewollt hatten. so wirkte der Einmarsch in die Tschechoslowakei auf die Jugend der DDR.und andere Varianten durchspielt. die Ergebnisse zeitigen könne. -228- . bis die Fähigkeit zu manövrieren erschöpft war. als den Anfang der bewußten Auflehnung gegen ein Regime. Viele Bürgerrechtler. von dem sie sich innerlich mehr und mehr entfernten. hatten das Jahr 1968 als tiefen und schmerzlichen Einschnitt erlebt. Saint-Just hat in einer Rede vor dem Nationalkonvent die berühmten Worte gesagt. Der Einmarsch in die Tschechoslowakei war meiner Einschätzung nach für die meisten Teilnehmer keineswegs das. Um bei der Schachmetapher zu bleiben: Die Partie verlief in mehrfach erprobten Varianten. die niemand vorauszusehen vermag. So wie im Westen die Zusammenstöße mit der Staatsmacht für einen Teil der jungen Generation zum Kristallisationspunkt einer unausweichlichen Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen System wurden. die großen historischen Ereignisse geschähen durch »die Macht der Dinge«.

Die Wege waren noch verschlungen. Davon unabhängig nutzte Mielke seinen Kanal zum Minister für Gesamtdeutsche Fragen. den West-Berlinern zu Ostern 1969 Passierscheine für den Besuch Ost-Berlins zu gewähren. Deckname Günter. Sie erschöpften sich wieder einmal im Ritual der Drohgebärden: Verschärfte Kontrollen an der Grenze. Es ging zeitweilig zu wie im Tollhaus. Ulbricht bot in dem Schreiben an. der offiziell im Presseamt des Innenministeriums arbeitete. dem er den Brief brachte. Herbert Wehner. Mit geradezu naiver Genugtuung meldete -229- . Nach dem Rechtsverständnis der DDR und der Sowjetunion war West-Berlin kein Teil der Bundesrepublik. Die Reaktionen unserer Seite waren widersprüchlich und ohne strategischen Ansatz für eine Politik auf längere Sicht.10 Wandel durch Annäherung Das Jahr 1969 begann mit einer schlechten Nachricht. Februar 1969 übergab mir Mielke einen Brief Ulbrichts an den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt. wenn die Präsidentenwahl in eine andere Stadt verlegt würde. militärische Übungen. Fast gleichzeitig liefen über meinen Dienst geheime diplomatische Initiativen. Die bevorstehende Wahl des Bundespräsidenten sollte in WestBerlin stattfinden. Von Berg nutzte seinen geheimen Kanal zu dem späteren West-Berliner Bürgermeister Klaus Schütz. Am Abend des 21. Zu allem Überfluß brausten auch noch sowjetische Düsenjäger im Tiefflug über den Reichstag. Ich reichte das Schreiben weiter an unseren Mitarbeiter Hermann von Berg. Behinderung des Transitverkehrs. über Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. Wieder begann ein fruchtloses Kräftemessen zwischen den beiden deutschen Staaten. und demnach konnten dort auch keine Präsidentenwahlen stattfinden.

2. Wehner sei gegen die Präsidentenwahl in West-Berlin und werde die Annahme des Ulbricht-Vorschlags befürworten.Mielke. 1969 (Transkription im Anhang) Wehner hatte zudem Vogel einen überaus freundlichen und -230- . Tagebucheintrag vom 27.

daß es sowohl auf dem Kiesinger-Flügel der CDU als auch bei der SPD bemerkens werte Anzeichen für die Bereitschaft zu vernünftigen Lösungen in der West-Berlin-Frage gab. Dabei kam Hermann von Berg eine wesentliche Rolle zu. sondern gab die Nachricht an den CDUKanzler Kiesinger weiter. Der wiederum schloß sich nicht mit Brandt kurz. Brandt blieb nichts anderes übrig. Wir sollten nur die anderen »Scheißkerle«. hatte Rechtsanwalt Vogel gleichzeitig seinen Kontaktmann Wehner von dem Angebot informiert.höflichen Brief mitgegeben und Mielke einen Herzenswunsch erfüllt: Der prominenteste Maulwurf des KGB im BND. Er war 1959 -231- . Kiesinger ließ sofort den sowjetischen Botschafter Zarapkin per Hubschrauber kommen. Da offizielle Kontakte zwischen den beiden deutschen Staaten noch immer problematisch waren. Spätestens nach diesem Erfolg seines Kanals war der ehemalige »gefährliche Renegat« und »ideologische Diversant« Wehner für Mielke die beste Adresse in Bonn. Er lehnte jede Erörterung des angebotenen Handels ab. um zu demonstrieren. Heinz Felfe. liefen viele geheime Botschaften und Gespräche über meinen Dienst. hatte unsere politische Führung nur Porzellan zerschlagen. Dabei sagten uns verläßliche Quellenberichte. Die verschiedenen Drähte zu westdeutschen Politikern sorgten immer wieder auch für Verwirrung. Statt mit einer realistischen Initiative die Offensive in der Deutschlandpolitik zu ergreifen. als Ulbrichts Offerte schroff zurückzuweisen. wurde im Austausch gegen einundzwanzig in der DDR inhaftierte Personen aus dem Gefängnis entlassen. gemeint waren die von der CDU. Gleichzeitig jedoch ließ uns Klaus Schütz indirekt über Hermann von Berg wissen. aus dem Spiel lassen. daß man an Verhandlungen interessiert sei. daß es keine Verhandlungen mit der DDR an der Sowjetunion vorbei gebe. Während über unseren Kanal der Brief Ulbrichts an Brandt ge gangen war.

verhandelte mit Egon Bahr und Horst Ehmke. Wahl des Bundespräsidenten 1969 in West-Berlin Als zeitweiliger Mitarbeiter des DDR-Presseamtes konnte er engere Beziehungen zu einflußreichen westdeutschen Journalisten aufbauen. seine Schlagfertigkeit und Ironie machten ihn zu einem beliebten Gesprächspartner. Er war eingeschaltet in die vorbereitenden Gespräche zu den Passierscheinabkommen und zum Grundlagenvertrag zwischen BRD und DDR. Er bereitete den -232- . So wurde er allmählich zu einer Art Sonderbotschafter für die Geheimdiplomatie zwischen den deutschen Staaten – zumindest mußten seine westlichen Gesprächspartner das so sehen.geworben worden. sprach mit Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher. Über Medienvertreter kam er in Kontakt zu Politikern. zunächst vor allem in West-Berliner Senatskreisen. Hermann von Berg wurde von Willy Brandt empfangen. Seine unkonventionelle Art. um auf dem Gebiet der »gesamtdeutschen Arbeit« tätig zu sein. Er überbrachte Briefe Ulbrichts und bereitete offizielle Verhandlungen vor. Schon bald wurde er in politischoperative Vorgänge einbezogen.

denn wirkliche Verhandlungsvollmacht hatte er nicht. aber Mielke und die Abwehr mißtrauten ihm. andere für einen wichtigen politischen Berater des Ministerpräsidenten Willi Stoph. Auf seine Zeugenvernehmung verzichteten die Bundesanwälte dann allerdings. Hermann von Berg wurde zwar für seine Arbeit mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber ausgezeichnet. daß die Vorbereitungen der Entspannungspolitik über meinen Dienst gelaufen waren und daß hochrangigen Politiker der Bundesrepublik über Jahre hinweg politische Kontakte zu einem meiner Mitarbeiter gepflegt hatten. Es lag wohl nicht in ihrem Interesse zu dokumentieren. die die Bundesanwaltschaft in das Verfahren einbrachte. Wir versuchten zwar. Erst durch Dokumente. wurde publik. Das brachte ihn immer wieder in verzwickte Situationen.Dialog zwischen SED und SPD ebenso vor wie Verhandlungen unserer Führung mit dem westdeutschen Arbeitgeberpräsidenten. -233- . Er galt als jemand. In meinem Prozeß 1993 wurde mir die »nachrichtendienstliche Führung dieses IM« vorgeworfen. Für ihren Geschmack redete er im Westen zu freimütig über Probleme der DDR. Von Bergs Position in der DDR wurde in der Bundesrepublik überschätzt. der durch seine Kontakte für sozialdemokratisches Gedankengut anfällig war. Manche hielten ihn für einen Oberst des MfS. daß von Berg für die HVA tätig gewesen war. ihn vor seinen wichtigen Missionen so genau wie möglich zu instruieren. Je nach Stimmungslage im Politbüro – die nicht zuletzt von der in Moskau abhängig war – sollte von Berg das eine Mal den Kontakt zu den westlichen Gesprächspartnern suchen. doch angesichts der schwankenden und konzeptlosen Deutschlandpolitik der DDR war das nicht gerade einfach. das andere Mal den Wünschen der anderen Seite nach Begegnungen die kalte Schulter zeigen.

Hermann von Berg 1986

Das Jahr 1969 brachte nicht nur für die westdeutsche Innenpolitik eine Wende, sondern auch in der Deutschlandpolitik. Am 5. März 1969 wurde Gustav Heinemann als erster Sozialdemokrat in West-Berlin zum Bundespräsidenten gewählt. Wenige Monate später wurde Willy Brandt als erster Sozialdemokrat Bundeskanzler. In Washington war man überrascht, wir hatten mit dieser Entwicklung gerechnet. Über unsere Quellen in der FDP wußten wir, daß die FDP-Spitze mit Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher eine sozialliberale Koalition anstrebte. Über unsere internen Kontakte mit Wehner, Erler und Kühn und über unsere Quellen wie Günter Guillaume kannten wir auch die Strategie der SPD. Wir konnten uns also rechtzeitig auf den Regierungswechsel vorbereiten. Als bei den Sozialdemokraten die Auswahl der Kandidaten begann, die für Regierungsposten in Frage kamen, suchten auch wir in unserem Netz nach geeigneten Leuten. Wir registrierten die Namen, die für Positionen in Bonn genannt wurden, und
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machten unsere Mitarbeiter auf sie aufmerksam. War es bisher vor allem darum gegangen, durch unsere Verbindungen in die SPD den Widerstand gegen die Anpassungsstrategie der Führung zu stärken, so ging es nun darum, einflußreiche Positionen in Regierung und Parlament anzustreben. So mußte der überzeugte Linke »Freddy«, von dem ich schon berichtet habe, als Bundestagsabgeordneter die Nähe der rechten »Kanalarbeiter« in der SPD-Fraktion suchen. Denn ohne die Unterstützung der »Kanalarbeiter« wäre er nicht für einen wichtigen Parlamentsausschuß nominiert worden. Zu anderen einflußreichen Sozialdemokraten, zu denen nur lockere Kontakte bestanden, mußte versucht werden, feste Beziehungen aufzubauen. In den wichtigsten Fällen, wie bei Wienand, übernahm ich die Aufgabe selber. Wienand wich einer Zusammenkunft mit mir zwar immer wieder aus, doch bei einem anderen Bundestagsabgeordneten, den wir »Julius« nannten, war meine Strategie erfolgreich. »Julius«, in den 50er Jahren Kommunalpolitiker, Journalist und Abgeordneter in einem Landtag, hatte im Rahmen der Städtepartnerschaften eine engere Beziehung zu einem DDRBürgermeister aufgebaut. Es gelang uns, einen unserer Leute in diese Beziehung einzuschalten. Ende der 50er Jahre gaben wir »Julius« auf seinen Wunsch Gelegenheit zu einem Gespräch mit Ministerpräsident Grotewohl. Danach konnte unser Mann problemlos unter der üblichen Legende als Mitarbeiter des Ministerrats den Kontakt zu »Julius« vertiefen. Mit der Zusicherung strikter Vertraulichkeit war ein wichtiger Schritt zur Zusammenarbeit getan. 1969 war »Julius« nicht nur Bundestagsmitglied, sondern auch Mitglied des Europarates und wichtiger Ausschüsse beider Parlamente. Unser Mann lud ihn zu einer Reise durch die Sowjetunion ein, die im Sommer des Jahres stattfand. Zur Vertiefung der Konspiration erhielt er einen DDR-Reisepaß mit
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falschem Namen. Da ich zur gleichen Zeit an der Wolga Urlaub machte, war ein »zufälliges« Zusammentreffen mit ihm geplant. Mein Aussehen war bis dahin im Westen noch nicht bekannt. So konnte ich zunächst als hoher Regierungsvertreter auftreten und alles weitere dem Gang der Gespräche überlassen. Die sowjetischen Kollegen waren um organisatorische Hilfe gebeten worden. Unsere Partner in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, boten mir die Villa an, die für Treffen Chruschtschows mit ausländischen Staatsmännern gebaut worden war. Nach einer Besichtigung des mit Plüsch und Kristalleuchtern protzenden Gebäudes hielt ich es für den Zweck wenig geeignet. Ich wählte einen anderen Ort, ein abgelegenes Anglerparadies an der Wolga, das vor allem von Rentnern besucht wurde. Mein Fahrer hatte mich einmal zu diesem verzauberten Refugium gebracht. Die Geborgenheit am Lagerfeuer, die fast kultische Zubereitung und der feierliche Verzehr der Ucha, der Fischsuppe, ließen mich die Dürftigkeit der alten Bretterbuden und rostigen Wellblechhütten, die hier als Unterkunft dienten, schnell vergessen. Nachdem die Leute erst einmal Vertrauen zu dem seltsamen Deutschen gefaßt hatten, der auch ein Russe sein konnte, kam eines jener innigen Gespräche bis tief in die Nacht in Gang, die ich so nur fernab der Großstädte in Rußland, besonders in Sibirien, kennengelernt habe. In der Isba, dem aus Baumstämmen kunstvoll gezimmerten Haus eines meiner neuen Freunde, sollte das Treffen mit »Julius« stattfinden. Er wurde mit einem Tragflügelboot gebracht. Als ich ihn begrüßte, wirkte er sehr reserviert. Er taute auch nicht auf, als ich ihn durch das Dorf führte und ihm die herrlichen Ikonen in der Dorfkirche zeigte. Ich war ratlos, bis mir unser Mann, der ihn begleitete, den Grund der Zurückhaltung zuraunen konnte. Sie hatten die Gedenkstätte in Wolgograd besichtigt und das Gästebuch eingesehen, in das ich
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mich bei einem Besuch kurz zuvor mit richtigem Namen und vollem Rang eingetragen hatte. Aus dem Regierungsvertreter Wolf war der General der Staatssicherheit geworden. Dennoch führte ich »Julius« abends in das Holzhaus, in dem schon alles zu seinem Empfang vorbereitet war. Der Tisch war reich gedeckt mit den köstlichsten Vorspeisen der russischen Küche, darunter reichlich Kaviar. Als die Stimmung schon gehoben war, folgten Fischsuppe mit Piroggen und dann Pelmeni, jene Teigtaschen, in deren Zubereitung mein Bruder und ich so manches Mal wetteifertern. Ich dolmetschte das Gespräch zwischen »Julius« und dem Hausherrn, der einer jener typischen russischen Arbeiter war, die trotz einfacher Bildung klar, unverstellt und damit glaubwürdig reden. Er erzählte vom Krieg, in dem seine beiden Söhne gefallen waren. Das in der Politik so oft strapazierte Wort Frieden hatte an diesem Abend seinen eigenen, menschlichen Klang. Als sich noch ein Dutzend weitere Gäste in der kleinen Stube versammelten, holte der Hausherr seine alte Knopfzieharmonika vom Schrank, und wir hörten die melancholischen Gesänge, in denen sich die »russische Seele« am deutlichsten ausdrückt. Dieser unvergeßliche Abend bestimmte noch die Atmosphäre, als ich am nächsten Ta g mit dem Abgeordneten über seine Zusammenarbeit mit uns sprach. Ich habe meinen sowjetischen Freunden oft gesagt: Ihr versteckt euer wertvollstes Kapital, den einfachen russischen Menschen! »Julius« hatte seine Reserviertheit abgelegt. Für den ständig in der Öffentlichkeit agierenden Politiker war die Bereitschaft zum konspirativen Doppelleben kein leichter Schritt, aber er tat ihn, obwohl ich ihm die Risiken deutlich vor Augen geführt habe. Mit »Julius« hatten wir einen weiteren wichtigen Mann in der SPD, und das genau zu dem Zeitpunkt, an dem Willy Brandt Bundeskanzler wurde. In der anderen Regierungspartei, der FDP, hatten wir durch die Verhaftung von Hannsheinz Porst, der 1968 von seinem
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Privatsekretär verraten worden war, eine wichtige Quelle verloren. Wir mußten uns daher mehr auf unsere Verbindung zum FDP-Vorsitzenden Erich Mende, Deckname Elch, konzentrieren. Auf den ehemaligen HJ-Führer und Ritterkreuzträger hatten wir einen Jugendfreund, Deckname Otter, angesetzt. Da »Otter« den FDP-Vorsitzenden regelmäßig aus der DDR besuchte, mußte es Mende klar sein, daß sein Gesprächspartner Verbindungen zu offiziellen Stellen der DDR hatte. Er war trotzdem so auskunftsfreudig, daß die Berichte über die Treffen schließlich Aktenbände füllten. Mein zuständiger Mitarbeiter war der Meinung, daß Mende materiell so interessiert sei, daß man eine direkte Werbung versuchen solle. Er wies auf die trüben Quellen hin, aus denen sich Mende schon finanziell bediente, darunter die betrügerische Geldanlagefirma IOS. Ich stimmte der Operation am Ende nicht zu, weil ich zum entgegengesetzten Schluß kam: Die Geschäfte des FDP-Vorsitzenden liefen ohnedies schon so gut, daß er auf ein vergleichsweise bescheidenes Honorar aus unserer Tasche nicht angewiesen war. Zudem hätte ein Fehlschlag der Werbung Hannsheinz Porst zusätzlich schaden können. Schließlich hatten wir auch noch andere Verbindungen in die FDP, unter anderem zum Geschäftsführer der FDP in Bonn, Karl-Hermann Flach, zu Politikern einiger Landesverbände, zum Herausgeber eines FDP-Informationsdienstes und nicht zuletzt zu William Borm, dem Altliberalen, der seit Anfang der 60er Jahre eine wichtige Quelle war. Unsere Verbindungen waren so vielschichtig, daß wir, wenn auch in bescheidenem Umfang, Einfluß auf die Politik der Partei nehmen konnten. So lag der Entwurf der Rede, die der Alterspräsident Borm vor dem neugewählten Bundestag halten wollte, zur Ergänzung und Korrektur auf meinem Schreibtisch. Übrigens erhielt ich über unsere Kanäle auch die erste Grundsatzrede des Kanzlers Brandt vorab, ohne darin allerdings etwas ändern zu können. Die Analyse dieser Rede und der umfangreichen
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Informationen aus dem Lager der neuen Regierung war nicht leicht. Erst im Rückblick ist klar erkennbar, daß die Regierungsübernahme der sozialliberalen Koalition eine Wegscheide der deutschen Nachkriegspolitik war. So deutlich wurde uns das damals nicht. Wir hatten Brandt natürlich schon als Außenminister der großen Koalition genau beobachtet. Unsere Quellen im Auswärtigen Amt gaben ein nahezu vollständiges Bild; beispielsweise erhielten wir die Protokolle der von Brandt geleiteten Botschafterkonferenzen in Japan, Chile und an der Elfenbeinküste. Dabei hatten wir Brandts Engagement für die Nichtverbreitung von Kernwaffen, für eine Truppenreduzierung und den Abbau der Ost-West-Spannungen registriert. Weniger deutlich jedoch war für uns zu erkennen, daß mit der sozialliberalen Koalition die Ära einer neuen eigenständigen nationalen Politik der Bundesrepublik Deutschland begann. Trotz großer Widerstände vo n rechts und trotz zunehmendem Mißtrauen der Verbündeten setzte Brandt ein eigenes realpolitisches Konzept durch, das der Bundesrepublik im westlichen Bündnis die Rolle eines selbständigen Partners zuwachsen ließ. In der SED-Führung herrschte anfangs Uneinigkeit darüber, wie die neue Bonner Regierung zu beurteilen sei. Die Konfrontationspolitik Adenauers und seine Kooperation mit ehemaligen Nazis hatte ein klares Feindbild geschaffen. Daß der Weg zum Sozialismus dem vorzuziehen war, das hatte für viele in der DDR außer Frage gestanden. Diese klare Frontstellung geriet ins Wanken, als der Antifaschist Brandt Kanzler wurde und nach Osten die Hand der Verständigung ausstreckte. Die Furcht vor dem Einfluß sozialdemokratischen Gedankenguts und »ideologischer Diversion« vor allem auf die Intellektuellen in der DDR machte sich breit. Noch vor seiner Wahl zum Kanzler hatte Brandt in einem Gespräch unter vier Augen mit einer unserer wichtigsten
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Quellen deutlich gemacht, wie wichtig für ihn eine Entspannung des Verhältnisses zur Sowjetunion war. Über verschiedene Kanäle erfuhren wir, daß Vertrauensleute Brandts, darunter Egon Bahr, Kontakte zu sowjetischen Gesprächspartnern unterhielten. Die Sowjets informierten ihre deutschen Verbündeten über diese beginnende Annährung zur BRD überhaupt nicht oder nur oberflächlich. Ich war allerdings auf Informationen aus Moskau auch nicht angewiesen. Dank der Quellen im Auswärtigen Amt, in Botschaften und auch in den Parteien der sozialliberalen Koalition standen mir annährend die gle ichen Informationen zur Verfügung wie dem Bonner Außenminister. Eine dieser Quellen nahm zeitweise an den Gesprächen Egon Bahrs in Moskau teil. Über den positiven Fortgang der Verhandlungen war ich auf diese Weise immer auf dem laufenden. Es gelang uns sogar, im Privathaus Egon Bahrs Abhöranlagen zu installieren. Wir belauschten ihn dort bei ebenso geheimen wie freimütigen und oft auch fröhlichen Gesprächen mit seinen sowjetischen Partnern. So wußte ich bisweilen wahrscheinlich vor dem Bundeskanzler, mit wieviel Geschick der Unterhändler über seine konspirativen Kanäle die Verhandlungen vorantrieb. Die »Verwanzung« seines Hauses, die uns im Verlauf von Reparaturarbeiten gelang, war ein seltener Glücksfall. Trotz einigem Aufwand glückten uns solche Operatione n sehr selten. Nach einiger Zeit blieben alle Mikrofone in Bahrs Haus mit einem Schlag stumm. Ich vermute, daß unsere sowjetischen Freunde etwas gemerkt und Egon Bahr gewarnt hatten, denn Moskau paßte es gar nicht ins Konzept, daß die DDR-Führung allzuviel über die Annäherung der UdSSR an Bonn erfuhr. Noch lückenloser informiert waren wir über die Verhandlungen der Brandt-Regierung mit Polen. Aus der BRDMission in Warschau wurden wir mit allen Informationen versorgt, die über den Tisch des bundesdeutschen Botschafters gingen. Unsere Informantin, Deckname Komteß, war 1967 an
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die Mission versetzt worden. Alles, was der dortige Botschafter Dr. Heinrich Box schrieb, las und sagte, übermittelte uns »Komteß«. Schriftliches trug sie im Einkaufsbeutel unter dem Strickzeug aus der Mission. Als mit der Zeit zwischen ihr und Böx ein sehr privates Verhältnis entstand, plauderte der Botschafter auch ungeniert Geheimes aus, das nicht in Schriftstücken auftauchte. Da Böx CDU-Mitglied war, interessierten uns seine Bewertungen ganz besonders. Wir erfuhren, daß die polnische Regierung erstaunlich offenherzig mit der westdeutschen Seite verhandelte. Sie zeigte ganz ungeniert das Interesse, ohne viel Rücksicht auf die Sowjetunion und die DDR möglichst schnell mit Bonn zu einer vertraglichen Vereinbarung zu kommen. Dank dieser umfassenden Informationen erkannte ich schon früh, daß es Brandt mit der Entspannungspolitik ernst war und daß er erfolgreich sein würde. Die DDR-Führung aber schien sich blind und taub zu stellen gegenüber dem Wandel, für den ich fast täglich neue Belege lieferte. Verantwortlich für die Harthörigkeit unserer Führung war nicht zuletzt die undurchsichtige Haltung Moskaus, wo man der DDR gegenüber zu verheimlichen versuchte, wie weit die Gespräche mit Bonn bereits gingen. Die SED-Führung, insbesondere der zweite Mann in der Partei, Erich Honecker, interpretierte die Signale aus Moskau als Bestätigung einer unverändert starren Politik der UdSSR gegenüber der BRD. Als sich Ulbricht 1969 mit Breschnew traf, ließ er seine Sorge durchblicken, Moskau könne sich hinter dem Rücken der DDR mit Bonn verständigen. Der Kreml-Führer versicherte ihm darauf, er werde nicht vom gemeinsamen Kurs abweichen, und bestärkte Ulbricht darin, den harten Kurs gegenüber der Bundesrepublik beizubehalten. In Grundsatzfragen dürfe es keine Kompromisse geben, und zunächst stehe die Völkerrechtliche Anerkennung der DDR auf der Tagesordnung. Breschnew übte sogar Kritik an den Bemühungen der DDR um
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weitergehende Handels- und Wirtschaftsbeziehunge n zur BRD. Im November desselben Jahres war ich mit Mielke bei Jurij Andropow. Weniger differenziert als bei vorangegangenen Treffen bewertete er die Politik der SPD so kritisch wie Breschnew. Auf meinen Einwand, unsere Informationen belegten, daß es Brand t ernst sei mit der Entspannung, warnte Andropow vor Illusionen. Selbst wenn der Bonner Kanzler subjektiv guten Willens sei, gebe es für einen wirklichen Wandel kaum ausreichende Voraussetzungen. Mielke konnte mit der Botschaft nach Hause fliegen, daß alles beim alten bleibe. Mir gegenüber jedoch hatte unser sowjetischer Verbindungsoffizier Oleg Gerassimow, mit dem mich ein Vertrauensverhältnis verband, durchblicken lassen, daß Moskau an die Verhandlungen mit der BRD pragmatisch und ohne Prinzipienreiterei herangehe. Breschnew schlüpfte seinen Gesprächspartnern gegenüber ohne Schwierigkeiten in die Rolle, die er jeweils für opportun hielt. Zur selben Zeit, in der er die SED-Führung zur starren Haltung gegenüber der BRD mahnte und in ihrer ablehnenden Positio n zur Sozialdemokratie bestätigte, hatten die von ihm und Brandt beauftragten Sonderemissäre die Wende in den Beziehungen zwischen Bonn und Moskau schon vollzogen. Breschnew wollte die Öffnung nach Westen selber kontrollieren. Nichts wäre ihm ungelegener gewesen als eigenmächtige, schwer überschaubare Kontakte zwischen der DDR und der BRD. Die sowjetischen Deutschlandexperten waren zudem sehr viel realistischer als die SED-Führung bei der Beurteilung der Stimmung in der DDR-Bevölkerung. Sie fürchteten die Sogwirkung des reicheren Westens und den Erfolg der Bonner Propaganda, die auf das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen zielte.

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Nur Insider ahnten damals schon. Jahrestag des Ministeriums für Staatssicherheit. dahinter Erich Honecker) Wie widersprüchlich die Führung der DDR auf diese Entwicklung reagierte. um Ulbricht bei der sowjetischen Führung zu demontieren. -243- . warnte Honecker. erlebte ich auf einer Festveranstaltung zum 20. indem er in einem Trinkspruch die eigenständige Entwicklung der DDR betonte. der in seiner Festansprache die Veränderungen in Bonn ignorierte und unsere Kundschafter dafür lobte. der Konvergenz und der Wirtschaftshilfe den Stoß in die sozialistischen Länder« führen. daß »sie durch mutigen Einsatz die westdeutschen revanchistischen Pläne in Erfahrung bringen«. daß Honecker der harten Linie Moskaus folgte. Ulbricht setzte bemerkenswerte neue Akzente.Walter Ulbricht auf der Leipziger Messe 1970 (Willi Stoph: 1. Zwischen den Zeilen erkannte ich auch eine Abgrenzung von den sowjetischen Vorstellungen der zukünftigen Deutschlandpolitik. von links. Ganz anders Honecker. Als dann die Verhandlungen über ein Treffen der beiden deutschen Regierungschefs liefen. Bonn wolle »mit Hilfe der Politik des Brückenschlags.

die Absperrungen durchbrachen und »Willy. Stoph bestand auf der Anerkennung der DDR als Voraussetzung für weitergehende Verhandlungen. Schon die Ausgangspositionen der beiden Regierungschefs waren unvereinbar. Brandt wollte über »menschliche Erleichterungen« zwischen den deutschen Teilstaaten verhandeln. dem Erfurter Hof. Die Widersprüche in der Parteiführung wurden deutlich in den wechselnden Instruktionen. Willy Brandt und Willi Stoph vor dem Erfurter Hauptbahnhof 1970 -244- .Dieser Strategie fo lgend erhielt das geplante Treffen zwischen Stoph und Brandt bei der Staatssicherheit den Codenamen »Konfrontation I«. bekam. schienen sich die pessimistischen Prognosen zu bestätigen. März 1970 in Erfurt stattfand. Willy!« riefen. Als das Treffen am 19. daß hunderte Menschen vor der Unterkunft Brandts. Bereits am ersten Tag erwiesen sich auch Befürchtungen der Staatssicherheit als begründet. Hermann von Berg. Trotz aller Vorsorge kam es dazu. die ich für unseren Verbindungsmann zur SPD-Spitze. das Ereignis könne außer Kontrolle geraten.

Die SED-Führung betrachtete das Ergebnis mit gemischten Gefühlen.oder Theaterbesucher spielen. sondern mußten auch Passanten. Für viele Menschen wurde er zum Hoffnungsträger der Entspannung. Neben dem Personenschutz reisten nur Mitarbeiter meiner Hauptverwaltung in der Delegation. Auch ich zog damals ein optimistisches Fazit. Der Besuch in der DDR hatte Brandt Sympathie und Achtung eingebracht. Auch Mitarbeiter meiner Hauptve rwaltung wurden dabei eingesetzt. -245- . In meinem Tagebuch notierte ich.Es war klar. Museums. Der Kanzler war sichtlich bewegt. Honecker und Stoph kamen von einer anschließenden Beratung in Moskau mit der Orientierung zurück: Nun müsse Brandt erst einmal über die völkerrechtliche Anerkennung der DDR und die Aufnahme beider deutschen Staaten in die Uno nachdenken. daß dadurch die Sicherheit bei Auslandsreisen gefährdet war. Nach einigem Zögern zeigten sich Brandt und Stoph auf einem Balkon der jubelnden Menge. Mai 1970 im Ministerium den Codenamen »Konfrontation II«. daß sie nicht Willi Stoph meinten. Selbst der Hinweis. Dementsprechend erhielt das geplante zweite Treffen der Regierungschefs am 21. Da die Gespräche in Kassel stattfanden. war die Belastung für die Staatssicherheit dieses Mal gering. Bei Mielke hinterließ diese Erfahrung anhaltende Wirkung. Fortan wurde bei politischen Besuchen aus dem Westen der Apparat der Staatssicherheit in unvorstellbarem Maße strapaziert. die Erfurter Begegnung könne »für die weitere Entwicklung eine akzentsetzende Bedeutung haben« und »im Zeichen der Einsicht in die Notwendigkeit der Beendigung der langen Phase des kalten Krieges in der Nachkriegszeit stehen«. Die Mitarbeiter wurden nicht nur zur Absicherung eingesetzt. befreite uns nicht ganz von diesen Einsätzen.

Willy Brandt und Conrad Ahlers am Fenster des Hotels Erfurter Hof Der Einsatz der westdeutschen Sicherheit war kaum weniger aufwendig als bei uns. auch wenn dafür Zugeständnisse notwendig seien. die Gespräche fortzuführen.« Keine drei Monate später hatten sich Moskau und Bonn auf -246- . und eine geplante Kranzniederlegung durch Stoph mußte abgesagt werden. aber wir können noch nicht. die Anerkennung kommt. daß in der Umgebung Brandts der Wunsch bestehe. und wegen der Haltung der DDR. trotzdem kam es auch in Kassel zu Zwischenfällen. weil Ausschreitungen befürchtet wurden.« Meine Mitarbeiter berichteten von ihren inoffiziellen Kontakten. Aufgeputschte Jugendliche zerfetzten eine DDR Fahne. Einer der engsten Vertrauten des Kanzlers. besonders der USA. sagte zu Hermann von Berg: »Wir sind uns einig. Conrad Ahlers. Am Ende der ergebnislos verlaufenen Gespräche fragte Brandt: »Was nun?« Stoph antwortete: »Denkpause. Innenpolitisch wegen der Wahlen im Juni. außenpolitisch wegen der Verbündeten.

den »deutschsowjetischen Vertrag« geeinigt. und er traute ihnen eher als den Papieren. ja die Existenz der DDR bedroht. Ulbricht. sei die Sicherheit. Ich verspürte wenig Lust. Wenn man sich darauf einließe. »der Brandt-Regierung zu helfen und mit der deutschen Sozialdemokratie zusammenzuarbeiten«. ohne uns gibt es keine DDR. Ansätze einer eigenständigen Politik gegenüber der BRD zu formulieren. Ungewöhnlich offen kalkulierten sie auf den Sturz Ulbrichts und die Machtübernahme Honeckers. durchschaute offenbar das doppelte Spiel Breschnews. mir den Urlaub mit solchen -247- . Meine deutschen Miturlauber schwadronierten sogar noch beim Sonnenbaden über die Gefährlichkeit der Ostpolitik Brandts. Vorsichtig hatte er begonnen. Erich. die von den Leuten seines Apparates fabriziert wurden. Der Generalsekretär hielt es sogar für notwendig hinzuzufügen: »Wir haben doch Truppen bei euch. als ich Anfang August 1970 mit meiner Familie in einem Heim der bulgarischen Staatsführung für ausländische Führungskader Ferien machte.« Die Gardinenpredigt war eigentlich für Walter Ulbricht bestimmt. Der Kreml-Chef wandte sich in dem Gespräch scharf gegen Ambitionen der SED. Das erlebte ich. Sie rechneten damit. Es dürfe zu keiner Annäherung zwischen der DDR und der BRD kommen. vergiß das nie. Der Mehrheit der Funktionäre in der SED-Führung kamen die barschen Regieanweisungen aus Moskau aber gerade recht. Der erste Mann der SED las meine Berichte und Analysen sehr genau. mußte Honecker bei Breschnew vorsprechen. daß der Kreml die Visite des Kanzlers protokollarisch niedrig hängen und Brandt wie einen beliebigen westlichen Staatsmann behandeln würde. Zwei Wochen bevor sich Brandt und Breschnew trafen. Auch der bevorstehende Besuch Brandts in Moskau schien sie nicht zu beunruhigen. um die Vereinbarung zu unterzeichnen. meinten sie. der schon immer mißtrauisch gegenüber der sowjetischen Deutschlandpolitik gewesen war.

einem der wenigen vernünftigen DDR-Gäste in diesem Ferienheim: »Die werden sich wundern. daß Brandts Ostpolitik ernst zu nehmen sei. Auf der ersten Seite war ein Bild Willy Brandts. daneben. Honecker. konnte auf die Protektion nun verzichten. Ich schnappte mir einen Stapel der Zeitungen. der ohne Ulbrichts Förderung nie auf einen vorderen Platz in der Führung gekommen wäre. der Bericht über die Unterzeichnung des Vertrags. -248- . dem Leiter der außenpolitischen Abteilung des Zentralkomitees. Die Verblüffung in den meisten Gesichtern war ein wenig Genugtuung für mich.Diskussionen zu verderben. kannten wir und damit auch Ulbricht durch unsere Quelle in der FDP-Spitze bereits den vollständigen Wortlaut des Vertragsentwurfes. daß Honecker zu seinem Meister Ulbricht auf Distanz ging. Auf einer Tagung des Zentralkomitees der SED machte er sehr nuancierte Bemerkungen über die Beziehungen zur Bundesrepublik. Die Irritation hielt aber nicht lange an.« Am 13. August sah ich früh in die Prawda. Die Betonköpfe scharten sich nur noch enger um Erich Honecker. und legte jedem deutschen Gast ein Exemplar auf den Frühstückstisch. die immer schon morgens mit dem Flugzeug aus Moskau kamen. mit seinem besseren Gespür für politische Wendungen. Als Honecker von Abrassimow unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein Blatt mit russischem Text über den Stand der sowjetischen Verhandlungen mit der BRD erhalten hatte. Ulbricht. Ich sagte nur zu Paul Markowski. wie sich der Zauberlehrling während der offiziellen Geburtstagsgratulation für Ulbricht gegen seine sonstige Gewohnheit im Hintergrund hielt. Er wußte sich mit Moskau im Bunde. daß er sogar die Bildung gesamtdeutscher Kommissionen geplant hatte. mit diesem Vorschlag im Politbüro aber nicht durchgekommen war. Aus seiner Umgebung erfuhr ich. In diesem Sommer 1970 verdichteten sich die Anzeichen. groß aufgemacht. folgte der Bewertung meines Dienstes. Mir fiel auf.

als Sekretärin Quelle beim CDU-Rechtsaußen Werner Marx. Berater in Wirtschaftsfragen. unter komplizierteren Bedingungen Partei und Staat zu führen. Mit großem Interesse -249- . Er sah das stürmische Wachstum der Produktivkräfte in der Bundesrepublik und anderen entwickelten kapitalistischen Staaten. Wolfgang Berger sei. Walter Ulbricht begriff die Bedeutung der wissenschaftlichtechnischen Revolution. unter welchem Druck die Mitglieder der Regierungsfraktionen stünden. weil sie »Wasser auf die Mühlen Ulbrichts« und seiner Berater Gerhard Kegel und Dr. Er glaubte unserer Einschätzung. Unsere Einschätzung der Lage in der Bundesregierung wurde von den Verantwortlichen im Zentralkomitee zurückgewiesen. die das alte monolithische Feindbild des westdeutschen Revanchismus bestätigten. Ulbricht wies für ihn erarbeitete Analysen zurück. informierte uns über das Zusammenspiel der konservativen Kräfte mit den Medien. Kegel hatte seinerzeit aus der deutschen Botschaft in Moskau dem sowjetischen Nachrichtendienst den Termin von Hitlers Überfall gemeldet. verbunden mit Meinungsmache. kannte Ulbrichts wachsende Zweifel an der Fähigkeit Honeckers. Im Anklang an die Vaterlandsverräter-Kampagne gegen Brandt in früheren Jahren wurden nun seine Verhandlungen mit dem Osten als Verrat nationaler Interessen dargestellt. wurde eine regelrechte Hysterie angefacht. Durch Zuspielen und Veröffentlichung angeblicher oder tatsächlicher geheimer Dokumente. Berger.Die Meinungsverschiedenheiten in der Parteispitze über die Einschätzung der Bo nner Regierung und der SPD wurden immer deutlicher. Bei einem Treffen mit mir beschrieb eine Spitzenquelle aus der SPD. Man machte sich sogar schon auf Übertritte und den Verlust der parlamentarischen Mehrheit gefaßt. »Herta«. daraus eigene Schlüsse zu ziehen. und er begann. daß Brandts Entspannungspolitik durch gefährliche Angriffe der Rechten in der Bundesrepublik bedroht sei. vor allem mit dem Springer-Konzern.

Es ging ihm dabei nur darum. Mielke erklärte. um mit Andropow zu konferieren. Ansatz eines neuen Denkens zu erkennen. Ich glaubte damals. reagierte aber gerade deshalb entrüstet. die zum Sturz Ulbrichts führen sollten. diese Gedankenspiele in der Parteiführung und im Gespräch mit sowjetischen Repräsentanten zu diskutieren. Im kleinen Kreis verriet er seine Skepsis an der Fähigkeit Moskaus. Ungeduldig erwartete er die Rückkehr des Leiters der Berliner KGB-Vertretung. die Rostocker Rede sei »nicht abgestimmt« gewesen. die ihm kaum jemand zugetraut hatte. wuchs das Mißtrauen der Hardliner nur. Am Ende seiner Amtszeit bewies er eine Weitsicht. Iwan Fadejkin. Ulbrichts Nachfolge als SED-Chef anzustreben. aus den umwälzenden Entwicklungen die notwendigen Konsequenzen abzuleiten. Da Ulbricht sich aber nicht traute. der wegen der Vorgänge im Politbüro nach Moskau geflogen war. Honecker reiste ebenfalls nach Moskau. Völlig überraschend für die anderen Mitglieder der Parteiführung sprach Ulbricht auf einer Arbeiterkonferenz in Rostock von »Merkmalen für eine neue geschichtliche Zäsur«. In Einzelgesprächen erörterte er den Gedanken einer deutschdeutschen Konföderation mit dem Akzent auf wirtschaftlicher und wissenschaftlichtechnischer Zusammenarbeit. um sich bei Breschnew über Ulbricht zu beschweren. die Lebensfähigkeit der DDR zu erhalten. Die immer größer werdende Diskrepanz zwischen dem Lebensstandard in Ost und West und die damit verbundene Unzufriedenheit der DDR-Bevölkerung ließen Ulbricht wieder an längst zu den Akten gelegte Pläne denken. Mein Minister sah das offenbar ähnlich. die mein Dienst beschafft hatte. Er hatte ein -250- . Gemeinsam mit Honecker zog er die Fäden. Er war ein Kommunist stalinscher Prägung. Breschnew bestärkte ihn in dem Plan.verfolgte er Vorführungen von Mustern modernster technologischer Entwicklung. Walter Ulbricht war ein Mann mit Fehlern und Schwächen.

Die Leute der Hauptabteilung Personenschutz wunderten sich über den ungewöhnlichen Befehl. Vor der Begegnung hatte Honecker die Männer des Personenschutzes aufgefordert. Zur entscheidenden Konfrontation zwischen Ulbricht und Honecker kam es bei einem Vier-Augen-Gespräch im Sommersitz Dölln. Aber die Umstände waren dramatischer. Über den Ablauf der Entmachtung Ulbrichts ist viel geschrieben worden. weil er mit bemerkenswertem Realitätssinn die Lage im sich verändernden Europa sah und über politische Konsequenzen dieser Entwicklung nachdachte.ausgeprägtes Gefühl für Macht und kannte kaum Skrupel. Nach außen vollzog sich der Rücktritt Ulbrichts dann im Vergleich zu solchen Ereignissen in anderen sozialistischen Staaten korrekt und ehrenvoll. Er sollte entmachtet werden. daß der erste Mann in Partei und Staat wichtige Informationen des Nachrichtendienstes nicht mehr erhalten sollte. Aber all das warfen ihm seine Widersacher nicht vor. als es die 1990 bekanntgewordenen Dokumente verraten. zu einem -251- . ihn von seinem Jagdsitz Wildfang abzuholen und zu Ulbrichts Residenz in Dölln zu begleiten. Als die Intrigen gegen Ulbricht selbst im inneren Führungszirkel noch nicht für alle zu erkennen waren. Parteitag der SED im Juni 1971 wurde Honecker die Macht anvertraut. Der alte Mann blieb formell sogar noch einige Zeit Vorsitzender des Staatsrates. Mielke übermittelte mir die Mißbilligung Honeckers. während Ulbricht zum Ehrenvorsitzenden gewählt wurde. Soweit war es also schon gekommen. Seine Neigung zu eigenmächtigen Entscheidungen und zur Selbstüberhebung wurden durch den Altersstarrsinn des fast Achtzigjährigen noch verstärkt. bekam ich ihre Auswirkungen bereits zu spüren. Auf dem VIII. weil ich den Bericht über ein mehrstündiges Treffen mit einem der führenden Männer der SPD-Fraktion an Ulbricht weitergegeben hatte.

alle Tore und Ausgänge zu besetzen und die Nachrichtenverbindungen zu kappen. Parteitags waren die Delegierten in einer Instruktion darauf hingewiesen -252- . falls dieser sich seinen Forderungen verweigern sollte. das Gesicht zu wahren und als Staatsratsvorsitzender politischen Einfluß ausüben zu können. seinen Ziehvater festzusetzen. Auch er sprach danach von einem Putsch. hatten keine Chance.solchen Besuch unter Freunden nicht nur die normale Ausrüstung. berief sich Honecker gegenüber dem Kommandanten auf seine Weisungsbefugnis als verantwortlicher ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen. Er unterschrieb das geforderte Rücktrittsgesuch an das Zentralkomitee. Verbittert sprach der alte Mann. Vor Ulbrichts Residenz angekommen. forderte sie sogar heraus. die es immer wieder gab. Er ordnete an. In der Führung praktizierte Honecker einen kollegialeren Leitungsstil. Nach eineinhalbstündiger harter Auseinandersetzung resignierte Ulbricht. Schon vor der Eröffnung des VIII. Soweit kam es nicht.und Kulturpolitik tatsächlich nach einem Neubeginn aus. von einem Putsch Honeckers und Mielkes. seiner ehedem engsten Vertrauten. Honecker war wie sein Lehrmeister Ulbricht ein Produkt des real existierenden Sozialismus. Honecker schien also entschlossen. Vom Ende der Ära Ulbricht und der Inthronisierung Honeckers versprachen sich viele Menschen in der DDR frischen Wind. Er hoffte noch. mit der er den Sturz betrieben hatte. Reformideen. der ein Stück deutsche Geschichte mitgeschrieben hatte. sondern auch Maschinenpistolen mitzunehmen. verlassen von Moskau und der Mehrheit des Politbüros. Aber Honecker unterband das mit der gleichen Härte. Nicht einmal zwanzig Jahre später schloß sich der Kreis. Aber diese Ansätze waren bald vergessen. Anfänglich sah es in der Wirtschafts. als Honecker – Ironie der Geschichte – auf ähnliche Weise vom Sockel gestoßen wurde. er ließ andere Meinungen gelten.

Erich Honecker und Walter Ulbricht 1972 Verständlich ist die Frage der Jüngeren an uns Ältere.und innenpolitische Hürden zu überwinden. daß es »keinen Grund zur Fehlerdiskussion« gebe. weshalb wir uns dieser im Widerspruch zu den »Leninschen Normen des Parteilebens« stehenden Disziplinierung mehr oder weniger widerstrebend immer wieder gefügt haben.worden. Unsere Quellen in den Unionsparteien berichteten über -253- . Probleme würden »im Vorwärtsschreiten« überwunden – Floskeln. die uns bis zum Oktober 1989 begleiteten. Jeder Versuch einer demokratischen Diskussion innerhalb der Partei wurde unterdrückt. Es gab gewaltige außen. Auch ich muß mich dieser Frage stellen. Nach der Unterzeichnung des Moskauer Vertrags hatte sich die Politik der Entspannung in den beiden deutschen Staaten längst noch nicht durchgesetzt. bevor es zu vernünftigen Beziehungen zwischen DDR und BRD und nach mühseligen Verhandlungen zu den Verträgen zwischen ihnen kommen konnte.

In der historisch kurzen Zeit von nur zwei Jahren war es Willy Brandt und seinen Unterhändlern gelungen. Damit begann die Phase der Normalisierung in den Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten und West-Berlin.verschiedene geheime Manöver. die Wende gar nicht mitbekamen und i mer noch der alten Sprachregelung in der m Berlin-Frage folgten. ihre jeweiligen Verbündeten zum Einlenken zu bewegen. Eine wesentliche Rolle spielte dabei das Zusammenwirken von Konservativen im Auswärtigen Amt. Moskau sah eine Annährung der deutschen Staaten weiter mit Mißtrauen. aber auch die westlichen Siegermächte pochten auf ihre Rechte in West-Berlin und komplizierten die Problematik zusätzlich. mit denen Brandts Politik torpediert und schließlich der Sturz seiner Regierung erreicht werden sollte. die sich in Paris aufhielten. Nach eineinhalb Jahren war schließlich auch das BerlinAbkommen unter Dach und Fach und bildete mit dem Transitabkommen den Abschluß der Verhandlungen. Industriekreisen und den Blättern des Springer-Konzerns. Es bedurfte vertrauensvoller Zusammenarbeit und großer diplomatischer Kunst der Unterhändler Bahr und Falin. Für Uneingeweihte völlig überraschend wurden im Oktober 1970 die konträren Grundsatzpositionen in der Berlin-Frage ausgeklammert und ganz pragmatisch über den Transitverkehr verhandelt. Dies nötigte Brandt zu großer Vorsicht bei Zugeständnissen an die östliche Seite. Mitarbeiter meines Dienstes mußten alarmiert werden. um den beiden die neuen Direktiven zu erläutern. Die SED-Führung war so überrumpelt von den neuen Direktiven aus Moskau. die Weichenstellung für den künftigen Verlauf der europäischen Geschichte -254- . Die DDR nutzte unter anderem die unterschiedlichen Auffassungen über den Status von WestBerlin als Bremse bei den Verhandlungen über praktische Lösungen. daß zwei Mitglieder des Politbüros. zum Beispiel auf den Transitwegen.

Die politische Führung in Moskau und die Verhandlungsführer der DDR waren über die Intentionen der anderen Seite so gut unterrichtet. weil er deutschen Boden den Polen überlassen habe. der Vertriebenen-Funktionär Herbert Hupka. Die Paraphierung des Abkommens mit der DDR in Berlin und die Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt in Oslo fielen fast auf den Tag zusammen. daß Informationen und Kontakte meines Dienstes die Entspannungspolitik auf spezifische Weise unterstützt haben. daß sie das Erreichbare und die notwendigen Kompromisse real einschätzen konnten. Dezember 1971 in meinem Tagebuch: »Brandt hielt eine seiner emotional wirkenden Reden. auch in der eigenen Fraktion. mit viel aufhorchend machenden Gedanken eines Kosmopoliten. Unsere Quellen meldeten.« Für ihn traf Bismarcks Feststellung zu: »Politik ist keine Wissenschaft… Sie ist eben eine Kunst. um Abgeordnete der Regierungskoalition für ein Votum gegen die Verträge und damit gegen Brandt zu gewinnen. die Verträge sollten die Bedingungen dafür schaffen. Im Rückblick glaube ich sagen zu dürfen. Vertreter der Landsmannschaften. bezichtigten ihn wieder einmal des Verrats. denen man zustimmen muß. vielfältige Aktivitäten entfalteten.entscheidend zu verändern. die Sowjetunion wolle West-Berlin schlucken. -255- . insbesondere Strauß und Marx. Wir erhielten sichere Informationen. »Confidenten« aus dem Auswärtigen Amt belieferten die Springer-Blätter mit angeblichen Belegen für die These. daß drei Parlamentarier der FDP darunter der frühere Vorsitzende Mende – und ein Sozialdemokrat. daß CDU und CSU. die Seite gewechselt hatten. Er legte heute ein beachtenswertes politisches Bekenntnis ab. Dazu notierte ich am 11.« Für Brandt brach der innenpolitische Sturm jetzt erst richtig los.

Die Ratifizierung der Verträge wäre gescheitert. In Moskau wurde Honecker von Breschnew belehrt. Ahlers und Flach wurde nach Wegen gesucht. die gegen Brandt abstimmen würden. setzte sich für noch weiter gehende Kompromisse in der Berlin-Frage ein. bekannt. Über die Kontakte Hermann von Bergs zu Bahr. ob der CDU-Mann möglicherweise zweimal kassiert hat. Honecker. Gegen den Kauf von Abgeordneten durch die Union waren politische Aktionen wenig erfolgversprechend. um die Verträge zu retten. und deshalb ist auch die Frage nicht zu beantworten.Da sich die Opposition von Neuwahlen wenig versprach. Ich stellte aus unserer Kasse 50000 DM zur Verfügung. von Wienand 50000 DM erhalten zu haben. Spangenberg. Mit den gekauften Stimmen schien der Union ein Sieg sicher. Schütz. weil sie den Frieden in Europa für die nächsten zwanzig. vom Saulus zum Paulus gewandelt. Als dann das Ergebnis verkündet wurde. der sich zu einer mittelmäßigen Informationsquelle entwickelt hatte und dafür regelmäßige Geldzuwendungen bekam. Vor der Abstimmung über das Mißtrauensvotum am 27. Ich erinnerte mich an den CDU-Parlamentarier Julius Steiner aus BadenWürttemberg. Der Sachverhalt wurde nie geklärt. der Brandt-Regierung politisch zu helfen. Der Generalsekretär warnte zwar gleichzeitig wieder. die Verträge hätten epochale Bedeutung. Entsprechend siegesbewußt gab sich die Opposition. Brandt wolle wie Barzel die Grundlagen der DDR untergraben und deshalb dürfe sie sich nicht in wirtschaftliche Abhängigkeit von der BRD begeben. setzte sie auf ein konstruktives Mißtrauensvotum gegen Brandt. April 1972 wurden die Namen von vier weiteren Koalitionsabgeordneten. Später behauptete Steiner. mittels dessen ihr Kandidat Rainer Barzel zum Kanzler gewählt werden sollte. um Steiner zur Stimmabgabe gegen das Mißtrauensvotum zu bewegen. fehlten ihr wider -256- . In dieser Situation aber müsse Brandt unterstützt werden. fünfundzwanzig Jahre sicherten.

Beide deutsche Staaten saßen als gleichberechtigte Mitglieder in der Uno. geriet der Kanzler nun durch unser Zutun in Gefahr. Geburtstag am 1. Das Fernsehen zeigte die betretenen Gesichter in ihren Reihen. Beide waren offenbar gut informiert über den geheimen Kampf um Stimmen. Noch ahnte ich allerdings nicht. Wir forschten nach den Ursachen und ergriffen alle möglichen Schutzmaßnahmen. Trotz dieser Niederlage gab das rechte Bündnis den Kampf gegen die Verträge nicht auf und arbeitete weiter mit Indiskretionen. die Fassungslosigkeit Rainer Barzels. Nur zwei Abgeordnete schienen ganz gelassen zu bleiben: Herbert Wehner und Franz Josef Strauß. Als Walter Ulbricht kurz nach seinem 80. Bei der Abstimmung enthielt sich fast die ganze Opposition der Stimme. den Sturz Brandts zu verhindern. Nachdem wir gerade dazu beigetragen hatten. daß neun Monate später geschehen würde. Am Ende gab es aber auch in der CDU Meinungsverschiedenheiten über die Bewertung der Abkommen. August 1973 starb. Bei mir wurde zur gleichen Zeit durch die Meldung Alarm ausgelöst. Die Regierungsfraktionen jubelten. war Europa politisch verändert. Honecker hatte seine Haltung gegenüber der Sozialdemokratie revidiert und empfing Herbert Wehner als neuen Freund auf Schloß Hubertusstock.Erwarten zwei Stimmen. -257- . der dem Votum vorausgegangen war. Das Auswärtige Amt registrierte vierundfünfzig Fälle von Geheimnisverrat im Zusammenhang mit der Stimmungsmache gegen die Ostverträge. Barzels Niederlage machte im übrigen für Strauß den Weg frei zur eigenen Kanzlerkandidatur. was man mir bis heute anlastet: der Rücktritt Willy Brandts nach der Verhaftung unseres Kundschafters Günter Guillaume. daß unsere Spitzenquelle im Bundeskanzleramt observiert werde. Das Ja exakt der Hälfte der Abgeordneten reichte zur Ratifizierung. Mindestens zwei Unionsabgeordnete hatten gegen die eigene Partei gestimmt.

um Spione in möglichst zentralen Regierungskreisen Bonns einzuschleusen. Guillaume hatte in der Frankfurter SPD eine steile Karriere gemacht und sich soeben erst als Wahlhelfer des Rechten Georg Leber gegen den beliebteren Linken Karsten Voigt glänzend bewährt. allein schon wegen der strengen Sicherheitsüberprüfungen. damit hätten wir nie gerechnet. das für engere Kontakte zum Parlament. und der neue Mann wurde als Hilfsreferent in einem neuen Ressort eingestellt. denen Übersiedler aus der DDR ausgesetzt waren. Guillaumes Befürwortern ihren Wunsch abzuschlagen. doch daß Guillaume. Oktober 1969 stellte sich dem Chef des Kanzleramts ein Mann namens Günter Guillaume vor. daß der kometenhafte Aufstieg des zielstrebigen und tüchtigen SPD-Mitglieds Guillaume der HVA und ihrem Leiter Markus Wolf noch mehr Freude bereitete als Guillaumes Vorgesetzten im Bonner Kanzleramt. was wir in unserem kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt hätten: einen der Unseren in unmittelbarer Nähe des Kanzlers zu plazieren. wenn sie in Bonn vorstellig wurden. Günter Guillaume und seine Frau Christel waren wie Dutzende anderer junger Menschen Mitte der 50er Jahre im Auftrag meines Dienstes unter ihrem richtigen Namen in die -258- . Natürlich hatten wir nichts unversucht gelassen. nach einem Jahr wurde er zum Oberregierungsrat befördert und dem Chef des Kanzleramts direkt unterstellt. Nach kaum einem halben Jahr stieg er zum Referenten auf. Kirchen und Behörden zuständig war. Niemand konnte ahnen.11 Des Kanzlers Schatten Drei Wochen nach Willy Brandts Wahl zum Bundeskanzler am 21. Tatsächlich waren wir noch wie betäubt vom Eintreten dessen. den Weg ins Kanzleramt finden würde. Deckname Hansen. Kanzleramtschef Horst Ehmke sah keinen Grund. zu Verbänden.

Günter Guillaume wurde 1964 Geschäftsführer des SPDUnterbezirks Frankfurt und 1968 Geschäftsführer der Fraktion und Stadtverordneter. daß beide in die Partei eintraten und sich als engagierte Parteimitglieder bewiesen. Quellen innerhalb der SPD zu erschließen und zu »führen«. Die Informationen ließ er uns per Mikrofilm in leeren Zigarrenhülsen zukommen. Vorsitzender der sozialistischen Fraktion des Europaparlaments und Staatssekretär der hessischen Landesregierung. blieben ihnen Flüchtlingslager und Befragung durch westliche Geheimdienste erspart. die wir für Führungsaufgaben vorgesehen hatten. Womit wir nicht gerechnet hatten.Bundesrepublik gegangen. das war der enorme Fleiß und Arbeitseinsatz der Guillaumes. Das Ehepaar führte ein Fotokopiergeschäft in Frankfurt. Das Ehepaar war von uns beauftragt. Günter arbeitete nebenbei noch als freiberuflicher Fotograf. Auf seinen Schreibtisch gelangten geheime Nato-Dokumente wie die Studie »Das Kriegsbild« und Unterlagen zur Notstandsplanung. Nachdem er und seine Frau unerwartet Blitzkarrieren in der SPD machten. als uns recht sein konnte. die ein Kurier im Laden seiner Schwiegermutter entgegennahm. Dabei hielten sie sich gewissenhaft an die Direktive. mit dem sie sich in kurzer Zeit in der Parteihierarchie hochdienten. nicht wissen. höher. Da Christels Mutter. schon früher nach Frankfurt am Main gezogen war. des Bundestags sowie wichtiger Ausschüsse. eine Holländerin. Mitglied des Parteivorstands. waren DDR-259- . und so schien es am zweckdienlichsten. Christel Guillaume war als erste erfolgreich: Sie wurde Anfang der 60er Jahre Büroleiterin bei Willi Birkelbach. Er war eine besonders einflußreiche Figur der Sozialdemokratie. Einseitigen Funkkontakt zu den Guillaumes hielten wir zu festgelegten Zeiten an bestimmten Monatstagen. stramm die Linie des rechten Flügels der SPD zu vertreten und sich dort Freunde zu machen. denn im Rampenlicht wollten wir unsere Agenten.

ihn ins Kanzleramt aufzunehmen. Seine einstige Mitarbeit im Verlag Volk und Welt in Ost-Berlin konnte Guillaume zur Zufriedenheit der neuen Arbeitgeber als politisch unbedenklich darstellen. die bestanden. aber dessen Vergangenheit lasse es als äußerst riskant erscheinen. daß man auch -260- . sich ruhig zu verhalten und auf keinen Fall durch übertriebenen Ehrgeiz auf sich aufmerksam zu machen. wie es das Schicksal aller Kassandren seit der Antike will. der seine ursprüngliche Sprachfärbung bis zuletzt nicht verleugnen konnte. möglicherweise tue er Guillaume Unrecht. dessen Herkunft vom Verfassungsschutz argwöhnisch beäugt wurde – man denke nur an Hans-Dietrich Genscher. daß dieser ihm zur Belohnung für den Wahlsieg. Die Sicherheitsüberprüfung bestanden beide – Günter durch kluges Auftreten bei einer kritischen Befragung durch Horst Ehmke.Besuche der Familie nicht länger ratsam. der nachmalige Leiter des BND. ohne daß sich die vagen Verdachtsmomente. daß man ihre Vergangenheit und ihren Lebenswandel akribisch durchleuchtet hatte. Seine Warnung verhallte ungehört. Nur Egon Bahr blieb mißtrauisch und erklärte Ehmke gegenüber. Als nächstes gewann Guillaume das Vertrauen Georg Leibers. und die Kontakte in der Bundesrepublik mußten noch umsichtiger als zuvor stattfinden. Und das stürzte uns in ein Dilemma: Einerseits war es fast zu schön. den unser Mann ihm verschaffte. Guillaume war nicht der einzige Zuzügler aus der DDR. einen Posten in Bonn versprach und auch besorgte. hätten erhärten lassen. um wahr zu sein. Jahre später bezeugte Heribert Hellenbroich. Es war daher nicht weiter verwunderlich. was zur Folge hatte. Wir empfahlen unserem Agentenehepaar. andererseits würde Guillaume als DDR-Übersiedler von BND und Verfassungsschutz peinlich genau unter die Lupe genommen und möglicherweise verdächtigt und am Ende gar enttarnt werden.

Über diese Vorgänge waren wir aus anderen Quellen gut informiert. daß von einer Regierung unter Brandt zwar kein Ausscheren der Bundesrepublik aus der Nato-Politik und der Hochrüstung zu erwarten sei. erwarteten wir in erster Linie rechtzeitige Signale.Guillaume vertraute. die sehr widersprüchlich beurteilt wurde. ob mein Dienst allein durch Guillaume in die Lage versetzt wurde. das seinen Niederschlag in Dokumenten fand. Aber für ihn sprachen seine Klugheit und sein unermüdlicher Fleiß. als die Verhandlungen ein Stadium erreichten. wie Guillaume es war. Von einer Quelle im Bundeskanzleramt. Mit den Entscheidungen über die Verhandlungen in Warschau und Moskau. daß unser Agent mit dem Decknamen Hansen in die unmittelbare Nähe des Kanzlers Willy Brandt gelangte. eine Politik. Manche SPD-Mitglieder konnten sich nie so recht mit seiner Beflissenheit und seiner ständigen Anwesenheit im Hintergrund abfinden. die oft unter Ausschaltung der Botschafter in sehr kleinem Kreis gefällt wurden. sobald die ursprünglichen Verdächtigungen ausgeräumt waren. die uns über -261- . möglicherweise aber Schritte hin zu einer Entspannung in Europa vorstellbar seien. falls die internationale Situation sich bedrohlich zuspitzen sollte. wenn es um Themen ging. die sich aus dem Nichts hochgearbeitet hatten. So kam es. war er niemals befaßt. Guillaumes Informationen und Wertungen hatten eine ganz andere Bedeutung als die Geheimdokumente. die ihn eigentlich nicht interessieren konnten. Brandts Politik zu durchschauen. Diese Aufgabe besaß für Guillaume stets höchste Priorität. andere waren grundsätzlich gegen Aufsteiger eingestellt. und er hatte gewichtige Förderer. Gleichzeitig hatte ich ihn darauf hingewiesen. Guillaume kam erst ab 1972 in die unmittelbare Nähe des Kanzlers. Oft hat man die Frage gestellt. die äußerste Aufmerksamkeit verdienten.

und es ist keine Übertreibung. Wichtiger als all das war für meinen Dienst aber immer noch. daß Guillaume offensichtlich das Vertrauen der Regierungsspitze genoß. Im Vorfeld der Brandt-Stoph-Gespräche verhalf er uns zusammen mit anderen Kanälen zu einem nahezu vollständigen Bild der Wünsche und Vorstellungen der Bundesregierung.unsere anderen Quellen erreichten. Mit Zustimmung des Verfassungsschutzes erhielt er kurz darauf auch die formelle Genehmigung zum Umgang mit Verschlußsachen der höchsten Geheimhaltungsstufe. aber dennoch echten Kurswechsel in der bundesdeutschen Außenpolitik handelte. Seine Einschätzung der Ostpolitik Willy Brandts erwies sich im nachhinein als völlig zutreffend. daß es sich bei Brandts neuer Ostpolitik um einen zwar widersprüchlichen. seine vielfältigen Verbindungen aufs beste zu nutzen. verstand er es. wie er war. wenn ich sage. daß er die Entspannung zwischen Bundesrepublik und DDR mitgeprägt hat. Als Chef dieser Dépendance des Kanzleramts war er auch für den Kontakt zu den verantwortlichen Beamten des BND und für Empfang und Weiterleitung der eingehenden Nachrichten und der per Hubschrauber eintreffenden Kurierpost zuständig. denen wir zweifelsfrei entnehmen konnten. Kontaktfreudig und fleißig. 1970 wurde Guillaume damit betraut. Noch vor seiner Tätigkeit als Referent Willy Brandts gehörte Guillaume schon zu dessen engerem Arbeitsstab. Die Anregung zu dem ursprünglich nicht vorgesehenen Besuch Brandts im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald soll von ihm ausgegangen sein. in Saarbrücken ein Regierungsbüro für den SPD-Parteitag einzurichten. Unterdessen schritt Guillaumes Karriere unaufhaltsam voran. Die BNDLeute gewöhnten sich schnell daran. daß Guillaumes Wahrnehmungsfähigkeit und seine politische Intelligenz ihn zu Erkenntnissen und Schlußfolgerungen befähigten. -262- . indem er uns den Friedenswillen Willy Brandts nachdrücklich vor Augen geführt hat.

der Wahlkampfleiter und Parteireferent im Kanzleramt. bescherten der Koalition aus SPD und FDP einen unerwarteten Sieg. jedes Anzeichen einer möglichen Zuspitzung der internationalen Lage sofort zu signalisieren. ist wohl kaum verwunderlich. daß Guillaume beim Kanzler bleiben sollte.und des Fraktionsvorstands der SPD ebenso teil wie an den Besprechungen der Abteilungsleiter im Parteivorstand. wenngleich er nicht beauftragt war. aber glücklicher Wahlhelfer Willy Brandts zu sehen war. und seitdem nahm er an den Sitzungen des Partei. und Guillaume organisierte den Wahlkampf mit aller gewohnten Effizienz und Umsicht. als er aus dem Inhalt des Kanzleraktenkoffers gewinnen konnte. den er auf Reisen für seinen Chef in Obhut hatte. kandidierte selbst für den Bundestag und schlug deshalb unseren Mann als seinen Nachfolger vor. Dadurch gewann er tiefere Einblicke in politische Interna der Regierungspartei. Noch am Tag des Wahlerfolgs fiel die Entscheidung. mehr über die wahren Absichten der USA herauszufinden. erfuhr er Wichtigeres. Januar 1973 war er als persönlicher Referent für Parteifragen dem Kanzlerbüro zugeteilt. wo er als erschöpfter. Als kaum beachteter. Als nimmermüder Helfer stand er Tag und Nacht hinter Willy Brandt. Ab dem 1. uns über diese Aspekte des Privatlebens des Kanzlers zu berichten. Diejenigen Mitarbeiter meines Dienstes. -263- . die Brandt gern im kleinsten Kreis führte. die Guillaume kannten. Daß er auf diese Weise bald über Brandts menschliche Schwächen im Bilde war. als er aus irgendwelchen Papieren kopieren oder entnehmen konnte. Der Vorschlag wurde angenommen.Peter Reuschenbach. Sein genereller Auftrag lautete nach wie vor. konnten ihn bei dieser Gelegenheit im Fernsehen bewundern. über die Vorbereitung der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und die Haltung der Bundesregierung zu den Abrüstungsverhandlungen zwischen USA und UdSSR zu berichten und jede Möglichkeit zu nutzen. Die Wahlen von 1972. stiller Zuhörer vieler Gespräche.

blieb Guillaume Brandts enger Vertrauter und begleitete ihn Ende Juni 1973 auf dessen Urlaub nach Norwegen. verhaftet. in Kontakt zu kommen. Als wäre nichts gewesen. das bleibt bis heute ein Geheimnis. als er sich mit seinem DDR-Instrukteur traf. daß Leute. die bislang harmlos erschienen waren. allerdings nicht mehr sehr lange. wo man Guillaume am Chiffriergerät ein eben eingegangenes Fernschreiben lesen sieht. Ende Mai wurde der damalige Innenminister Genscher informiert. es unweigerlich fertigbringen. eine unserer ältesten Quellen in West-Berlin. Guillaume als eventuell lohnenden Kandidaten näher ins Auge zu fassen.Diesen Auftrag erfüllte Guillaume nach Kräften. kann ich nur als Ironie des Schicksals sehen oder als Bestätigung der Theorie. was mir damals nur allzu selbstverständlich vorkam. ohne vom nachrichtendienstlichen Hintergrund des jeweils anderen zu wissen. Es kann nicht später als März 1973 gewesen sein. Aller Schriftverkehr ging durch seine Hände. aber rein empirisch bewiesen ist und die da lautet. die man mit allen Mitteln voneinander fernhält. es gibt Fernsehaufnahmen. Daß Gronau uns eines Tages den Vorschlag gemacht hatte. Gronau und Guillaume hatten dienstlich miteinander zu tun gehabt. der daraufhin Brandt informierte – aber wie und in welchem Umfang. Rut Brandt und Christel Guillaume hatten sich angefreundet und unternahmen -264- . miteinander in Beziehung brachte. die zwar nicht wissenschaftlich. war. Nach Gronaus Verhaftung wurde auch Guillaume vom Verfassungsschutz überprüft. wo er für mehrere Wochen sämtliche Aufgaben des persönlichen Referenten und Büroleiters erledigte. daß der Verfassungsschutz sich über Guillaumes Identität als Spion der DDR endgültig im klaren war. Im Herbst 1972 wurde Wilhelm Gronau vom Ostbüro des DGB. daß ein Beamter der Verfassungsschutzbehörde sich den Kopf über den Namen Guillaume zu zerbrechen begann und Fährten. Was ich nicht wissen konnte.

und in denen die Amerikaner erklärt hatten. Deshalb drangen sie auf den Abschluß der Atlantischen Charta. Das erste war ein Brief. Juli an Willy Brandt sandte mit der Bitte. daß Großbritannien sich von den USA nicht bevo rmunden lassen wollte und daß der französische -265- .mit ihren Kindern Ausflüge. sich nicht von den Amerikanern unter Druck setzen zu lassen und die guten Beziehungen zu Frankreich nicht aufs Spiel zu setzen. Drei besonders wichtige Dokumente konnte Guillaume kopieren. in der die Mitgliedstaaten die Vorreiterrolle der USA bekräftigen sollten. zwischen Außenminister Scheel und Sicherheitsberater Kissinger erzürnten wiederum die anderen Nato-Partner. in denen er sie davor gewarnt hatte. der Brandt riet. insbesondere die Franzosen. daß die USA infolge der Entspannungspolitik Alleingänge ihrer europäischen Partner befürchteten. dieser Brief war mit dem Vermerk »privat« gekennzeichnet und mit einem handschriftlichen Gruß Nixons versehen. die europäischen Mitgliedstaaten zu erpressen zu versuchen. In dieser Zeit wurde die KSZE in Helsinki vorbereitet. daß ohne technologische Nachrüstung der Nato ein nuklearer Erstschlag des Atlantischen Bündnisses nicht länger im Bereich des Möglichen stehe. aus den Dokumenten war zu erfahren. den Richard Nixon am 3. wenn die Ehemänner durch die Arbeit gebunden waren. Das zweite war ein ausführlicher Bericht Walter Scheels aus Washington über seine vertraulichen Gespräche mit Nixon und Kissinger. Der Dissens innerhalb der Nato spitzte sich weiter zu. und aus dem. was unser Mann »Hansen« uns zukommen ließ. die sich übergangen fühlten. konnten wir entnehmen. die Franzosen dazu zu bewegen. die waffentechnischen Fortschritte der Sowjets seien so gewaltig. die Charta zu unterzeichnen. Und das dritte war eine Mitteilung Egon Bahrs. die ein Abdriften aus der Verteidigungsallianz zur Folge haben könnten. Vertrauliche Verhandlungen zwischen Nixon und Brandt.

gab dieser vor.Außenminister Michel Jobert die Amerikaner mit Feuerwehrleuten verglich. Willy Brandt und Günter Guillaume 1973 Brandt mußte reagieren und seinem Außenminister eine Stellungnahme übermitteln. aber der Entwurf seines Beraters Bahr entsprach seinen Vorstellungen so wenig. In Günter Guillaumes Prozeß warf ihm die Anklagevertretung vor. die Position der Nato gegenüber der Sowjetunion durch die -266- . damit dieser sie nach Bonn zurückübermittelte. Als er die umgeschriebene Fassung Guillaume übergab. nach dem Verbleib des Originals zu fragen. um es dann mit großer Geste löschen zu können. Niemand kam auf die Idee. daß er Stunden um Stunden mit grünem Filzstift daran herumredigierte. sie sei so unleserlich. daß er sie erst abtippen müsse. die Feuer legten.

um die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland abzuwenden. die unter der glaubhaften Entschlossenheit der Mitgliederstaaten zur gemeinsamen Verteidigung eine echte Bündnissolidarität und ein strategisches Gleichgewicht der militärischen Kräfte voraussetzt. (…) Insgesamt gesehen vermittelten die Schreiben das Bild zerstrittener und in grundsätzlichen Fragen uneiniger Bündnispartner. deren gegenseitiges Vertrauen bis auf ein Minimum geschwunden war. Sie ließen erkennen. (…) Diese sich aus dem Fernschreibverkehr ergebenden Erkenntnisse mußten vor der Sowjetunion als Führungsmacht des Warschauer Paktes geheimgehalten werden.« So ähnlich schilderte es auch Guillaume in seinen Erinnerungen. wie weitgehend und umfassend die Vorschläge der USA waren und mit welchem Mißtrauen und welcher Skepsis sie von Frankreich. wie wenig einig diese Staaten in ihren Vorstellungen über den Inhalt und die Ziele einer solchen Erklärung und über das zu ihrer Erörterung einzuschlagende Verfahren waren. die während der Verhandlungen über die Atla ntische Erklärung zwischen den USA und ihren europäischen Nato-Partnern hervortraten. daß die -267- . gezielte Maßnahmen zur Erosion des sicherlich nicht mehr festen westlichen Bündnisses zu ergreifen und diese später in eine politische Pression überzuleiten.Weitergabe besagter Geheimdokumente stark gefährdet zu haben – wörtlich: »Die Fernschreiben geben einen zuverlässigen Einblick in die Meinungsverschiedenheiten. Das konnte die Sowjetunion bei ihren politischen und strategischen Überlegungen veranlassen. Ihre Kenntnis konnte in den Augen der Sowjetunion die Abschreckungskraft der Nato mindern. wenn er dort schreibt. Sie zeigten. Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen wurden. das allerheiligste Sakrament der Bonner Regierung sei durch ihn in den Besitz des Allerheiligsten in Ost-Berlin geraten – anders ausgedrückt: Er sei fest davon überzeugt gewesen.

daß man sie und »Anita« beschattete. daß es unterschiedliche Sichtweisen in dieser Sache geben könne. Anfangs dachten wir. Schon bald nach dem Urlaub in Norwegen konnte Christel Guillaume den Eindruck. die beiden Frauen plauderten noch ein wenig und verabschiedeten sich dann. die Christel Guillaume ihrem Kurier »Anita« aushändigte. daß wir die Filmrollen mit den Kopien der Papiere. Zum Glück hatte der Film bereits den Besitzer gewechselt. daß -268- . und ich schwieg. Bis heute ist diese Sichtweise verbreitet. den Eindruck zu vermeiden. die er von den Dokumenten angefertigt hatte. und plötzlich sah Christel aus dem Augenwinkel ein Kameraobjektiv in der halbgeöffneten Aktentasche des einen blinken. doch wir mußten uns schnell eines Besseren belehren lassen. die Verfolger abzuschüttel. nicht loswerden. weder in Bonn noch später in Köln. die eine häufige Begleiterscheinung jeglicher geheimdienstlichen Tätigkeit sind. Der Grund dafür ist. Wie so oft sieht jedoch auch in diesem Fall die Wahrheit ganz anders aus. wo es auf Nimmerwiedersehen verschwand. die Papiere seien zu uns gelangt. Unserem Kurier gelang es jedoch nicht. Den Inhalt der Norwegen-Dokumente erfuhren wir erst. Guillaume bestätigte diese Version.Kopien. Eines der Berufsrisiken des Spionagechefs besteht darin. nie erhielten. durch einen Kurier auch tatsächlich nach Ost-Berlin weiterbefördert worden seien. sie sehe die berühmten weißen Mäuse. Als Christel Guillaume sich mit »Anita« für die Übergabe der Mikrofilme in einem Bonner Restaurant traf. da ich es einstweilen für geraten hielt. In Guillaumes Prozeß unterstellte man also. Zuletzt wählte sie die geringere Gefahr und ließ das Päckchen von einer Rheinbrücke ins Wasser fallen. nahmen zwei Männer an einem Tisch ganz in der Nähe Platz. als sie Gegenstand des Prozesses gegen das Ehepaar Guillaume wurden.

auf dem er sich unter anderem den Namen Guillaume notiert hatte. um nicht zu vergessen. Selbst auf diese Gefahr hin kann ich nur versichern. bis wir erfuhren. nicht weil sie 1989 vernichtet worden wären. die Telegramme an -269- . sondern sogar nach Empfängern zuordnen konnten. Aber das Schicksal nahm unerbittlich seinen Lauf. daß der Instrukteur aus unserem Dienst. sondern weil sie nie in unsere Hände gelangten. Besonders verhängnisvoll war. dem Namen Guillaume schon in Verbindung mit anderen Spionagefällen begegnet zu sein. daß ein Verfassungsschutzbeamter sich im Zusammenhang mit dem Fall Gronau daran erinnert hatte. daß jede Suche in unseren Archiven nach den Norwegen-Papieren vergebens wäre. der ungeklärte Fälle nichtidentifizierter Empfänger von Funktelegrammen bearbeitete. Ich erwähnte bereits den folgenschweren Umstand. wieweit unsere Leute in der Bundesrepublik durch von uns versandte Telegramme gefährdet waren. als der mißtrauisch gewordene Beamte eines Tages in der Kantine mit einem Kollegen fachsimpelte. wenn man die Wahrheit sagt. daß er Gronau ans Herz legen sollte. sich vor Guillaume in acht zu nehmen und seine Annäherungsversuche für unseren Dienst diesem Mann gegenüber einzustellen. der in West-Berlin zusammen mit Gronau verhaftet worden war. Vielleicht hätte all das noch nicht zur Katastrophe führen müssen. entgegen den elementarsten Regeln aller Geheimdiensttätigkeit einen Spickzettel mit sich geführt hatte. daß mein Dienst in den 50er Jahren ein sowjetisches Chiffriersystem verwendet hatte. daß westliche Dienste es mittels EDV geknackt hatten und die Telegramme nicht nur dechiffrieren.einem für gewöhnlich nicht geglaubt wird. wenn unser Agent einen xbeliebigen Namen wie Meier oder Schulze gehabt hätte – vielleicht. Hierzu muß ich erläutern. Im Fall der Guillaumes gelangten wir zu der Ansicht. Daraufhin zogen wir das System aus dem Verkehr und überprüften.

um es auf diesem Weg seiner nachrichtendienstlichen Verbindungen zu überführen. Von da an war alles klar. Beim Kantinengespräch der beiden Abwehrleute erinnerte sich der Verfassungsschützer. um zusätzlichen Schaden zu verhindern und juristisch unangreifbares Beweismaterial zu erlangen. um Glückwunschtelegramme aus Ost-Berlin zu erhalten. daß die Verbindung zum Kurier und somit zur Zentrale über sie lief. daß zu jener Zeit keineswegs alle Regierungsmitglieder der Bundesrepublik in erster Linie das Wohl des Kanzlers im Auge hatten. der mit den ungeklärten Funkvorgängen beschäftigt war. waren die Geburtstags. der einen Agenten betraf. und in der Hoffnung. der gegen Ende der 50er Jahre aktiv geworden war. Es blieb nur die Frage. an welche exponierte Stelle sie einmal geraten würden. dessen Name offenbar mit G. Zunächst observierte man nur Christel Guillaume in der zutreffenden Annahme. Zwei Möglichkeiten standen zur Diskussion: entweder sogleich das Ehepaar Guillaume verhaften. wieso zwischen dem mehr als -270- . Der Beamte nahm sich die Akte mit den Telegrammen vor und verglich die Daten der Glückwünsche mit den Geburtstagen der Familie Guillaume. wie man weiter vorgehen wollte. begann. die unser Dienst an seine Mitarbeiter zu schicken pflegte. Kompliziert wird die Geschichte dadurch.und Neujahrsglückwünsche. Was wir außerdem zu berücksichtigen vergaßen. wenn wir geahnt hätten. Zugang zur SPD hatte und bedeutend genug sein mußte. Man entschied sich für das zweite Vorgehen. oder Guillaume an seinem Posten zu belassen und das Ehepaar zu observieren.sie aus der Anfangszeit ermöglichten keine Rückschlüsse auf ihre Identität. an einen dieser Vorgänge. sie bei der Übergabe von Material an ihren Kurier zu erwischen und durch Zugriff in den Besitz der nötigen Beweise zu gelangen. um so schnell wie möglich zu Beweisen zu kommen. Zweifellos hätten wir nicht so gedacht. Anders läßt sich nämlich nicht erklären.

was sie gesagt haben wollen. und der Verhaftung der beiden ein Jahr lang nichts getan wurde. Als Genscher Brandt von dem Gespräch mit Nollau. daß Brandt die Informationen beiläufig zur Kenntnis nahm. um den Kanzler zu schützen. ohne sich weiter etwas dabei zu denken. die sein Amt bereits zusammengetragen hatte. Nach Abschluß der Untersuchungen wurde Nollau zum Schuldigen erklärt. daß die Abwehr während seines Urlaubs in Norwegen nichts unternommen hatte. Guillaume auf seinem Posten zu belassen. Genscher und sein Bürochef Klaus Kinkel beharrten auf der Behauptung.begründeten Verdacht. daß das Ehepaar Guillaume für die DDR spionierte. muß er sich so vage ausgedrückt haben. Die Diskrepanzen in den Aussagen des Innenministers und des obersten Verfassungsschützers ließen nicht nur in Bonn den Verdacht aufkommen. Nollau habe lediglich von einem generellen Verdacht gesprochen und in keiner Weise die Indizien erwähnt. daß er mit aller gebotenen Deutlichkeit vor Guillaume gewarnt habe. wie sie ihm seinerzeit als Regierendem Bürgermeister West-Berlins beinahe täglich vorgetragen worden waren und die sich letzten Endes fast immer als haltlos erwiesen. daß er diesem Hinweis nicht mehr Gewicht beigemessen habe als ähnlichen Verdächtigungen. Da er und sein Protektor -271- . Am 29. Vor einem Untersuchungsausschuß machten die beiden später widersprüchliche Angaben über das. mußte er als Bestätigung seiner Sicht der Dinge nehmen. Bericht erstattete. In seinen Erinnerungen schildert Brandt. von dem Spionageverdacht und dem Vorschlag. und nach Abschluß der Untersuchungen mußte er seinen Rücktritt einreichen. dennoch wurde die Schuld bei ihm gesehen. Mai 1973 informierte Günter Nollau als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz Innenminister Genscher über den Fall Guillaume. Nollau wiederum bestritt bis zu seinem Tod vehement Genschers Darstellung und beharrte darauf. Eingeweihte hätten Brandt bewußt ins Unheil tappen lassen.

ist ebensowenig ein Geheimnis wie der Umstand. daß unser Mann auch nur einen Tag länger in so enger Nähe zum Bundeskanzler verweilte. die Genschers Behörde dabei gespielt hat. Genscher und Nollau hätten aus durch und durch ehrenwerten Gründen beschlossen. als der Spion an seiner Seite enttarnt wurde. daß der Verfassungsschutz durch die Observation der Guillaumes bis zum Tag ihrer Verhaftung nicht die Spur weiteren Belastungsmaterials vorweisen konnte. bleiben Genscher und Kinkel die einzigen. daß die Eingeweihten es ein Jahr lang für opportun hielten. in nächster Nähe des Kanzlers und der Staatsgeheimnisse einen Spion ungehindert wirken zu lassen.Wehner mittlerweile verstorben sind. dann hätten sie dennoch auf keinen Fall erlauben dürfen. Ihre diesbezüglichen Aussagen in meinem Prozeß 1993 waren wenig erhellend und beschränkten sich im wesentlichen darauf. war diesem zweifellos bewußt. Daß der ehrgeizige Politiker Genscher angesichts der Regierungskrise in jenen Tagen bereits mit Helmut Kohl. Gespräche über eine CDU-FDP-Koalition führte. die in dieser Sache Licht ins Dunkel bringen könnten. denn nach Guillaumes Festnahme erklärte Genscher vor dem Bundestag. Die zwielichtige Rolle. statt das Feuer im Keim zu ersticken. doch andere hatten sie munter brennen lassen. ebenso wie an dem um nichts weniger peinlichen Sachverhalt. Angenommen jedoch. Wir hatten die Lunte gelegt. wie Genscher so etwas zulassen konnte. daß Kanzler Brandt weder vom Koalitionspartner noch aus den eigenen Reihen prononciert unterstützt wurde. das ist zweifellos wahr. nichts zu unternehmen und Guillaume lediglich zu beobachten. und es bleibt mir ein Rätsel. um so Beweise gegen ihn zu sammeln. da nur so das Jahr Observation -272- . es sei ein großer Agentenring aufgeflogen. daß sie von Nollau lediglich über einen »vagen Verdacht« informiert worden seien. Nicht zu rütteln ist an der Tatsache. dem Oppositionsführer.

Dafür aber sahen beide keinen Grund. Und so kam es zu dem Kompromiß. Ein Bonner Ehepaar. Christel hatte ihre Bewerbungsunterlagen eingereicht.halbwegs plausibel gemacht werden konnte. mußten als der ominöse »Ring« herhalten und wurden ohne jede rechtliche Grundlage verhaftet. während sie Augen und Ohren offenhalten sollten. was eine mögliche Überwachung durch Bundesbehörden betraf. Der einzige Schönheitsfehler dieser Erklärung ist. daß sie von A bis Z erfunden ist. daß man sie observierte. und wir schlugen dem Ehepaar vor. den sie im Urlaub kennenge lernt hatten. hatte der Frau seines unvergessenen Wahlhelfers die Stelle einer Vorzimmerdame in seinem Ministerium angeboten. die Observation sei Teil einer routinemäßigen Sicherheitsüberprüfung. wiesen wir sie und ihren Mann an. Einerseits sollten die Guillaumes keinem unnötigen Risiko ausgesetzt werden. bevor man sie heimlich. jegliche geheimdienstliche Betätigung einzustellen und alles verräterische Material aus ihrem Haus zu entfernen. die nachrichtendienstliche Tätigkeit der Guillaumes bis auf weiteres einzufrieren. und das erklärte in unseren Augen. still und leise umgehend aus der Haft entließ. warum sie – wie viele Bewerber um eine solche Stelle – beobachtet worden war und warum die Beobachter sich keine große Mühe bei ihrer Routineobservation gegeben hatten. und ein West-Berliner Zahnarzt. daß wir beschlossen. sobald sie sich in Gefahr wähnen sollten. den Rückzug in die DDR anzutreten. Georg Leber. inzwischen Verteidigungsminister. Nachdem Christel uns berichtet hatte. mit dem die Guillaumes privat befreundet waren. was zu tun ratsam wäre. Zur Aufnahme -273- . Warum haben wir sie damals nicht zurückgerufen? Wir debattierten eingehend mit ihnen. Dennoch hinterließ die Geschichte bei uns ein ungutes Gefühl. andererseits wiegte das tolpatschige Vorgehen von Christel Guillaumes Überwachern uns in der Illusion.

traf mich nicht weniger unvorbereitet als Willy Brandt. Mielke schloß sich meiner Einschätzung an und stimmte meinem Vorgehen zu. Die Meldung. entschied er sich dafür. was ich aus Vorsicht ablehnte. war seine Eskorte mit einemmal verschwunden. der gerade von einem Staatsbesuch im Nahen Osten zurückkehrte. ihre Tätigkeit wiederaufzunehmen. Noch verstörender war die Meldung. daß er von ganzen Schwärmen motorisierter deutscher und französischer Überwacher verfolgt wurde. den man bei Agenten für angemessen halten würde. nach Bonn weiterzufahren. Als er nachts über Paris und durch Belgien nach Hause fuhr. um ihm -274- . Daß er damals Honecker oder sonst jemanden davon informiert haben sollte.einer Verbindung vereinbarten wir mehrere sichere Varianten. um seine Frau und den Sohn nicht im ungewissen zurückzulassen. daß Guillaume sich überaus stilvoll ergeben haben sollte. was wir mit ihm für einen solchen Fall vereinbart hatten. Im April machte Günter Guillaume in Südfrankreich Ferien. Als die Polizei läutete. An diesem Punkt der Entwicklung informierte ich Minister Mielke. zumindest bis zum Herbst des Jahres. weihte ich den Minister ein. Dann geschah bis Februar 1974 nichts Auffallendes. Normalerweise traf ich meine Entscheidungen in eigener Verantwortung. doch wenn die Intentionen der politischen Führung von Aktivitäten meines Dienstes berührt sein konnten. solange es noch in seiner Hand lag? Entgegen dem. die nur im dringendsten Notfall genutzt werden sollten. Die Guillaumes schlugen deshalb vor. Hatte man ihn aus den Augen verloren? Hatte man die Beobachtung eingestellt? Warum nutzte er die Fluchtchance nicht. daß Christel und Günter Guillaume am 24. und dort fiel ihm auf. Das hätte er nicht tun dürfen. allerdings nicht in dem Stil. halte ich für wenig wahrscheinlich. Im Fall Guillaume ließ die politische Brisanz mir dies geraten scheinen. April 1974 verhaftet worden waren.

sich vor dem geliebten Sohn zu rechtfertigen. zu seinen unbedachten Worten. was ihn dazu bewegt hatte. sofern man noch ein wenig länger ermittle und observiere – daher der Konvoi. Wir schärften ihnen ein. der Guillaume in Frankreich begleitet hatte. ohne stichhaltige Beweise einen Prozeß zu führen. einen so fatalen Schritt zu tun. sondern nur die Fassade. Wochen später hielt sein Nachfolger Siegfried Buback dies für möglicherweise doch aussichtsreich. er könne seine Reaktion nur mit der frühen Morgenstunde und dem alles beherrschenden Gedanken an seinen Sohn Pierre erklären. traute ich meinen Sinnen nicht. zu verlangen. ihn zu fragen. und sich ansonsten in eisernes Schweigen zu hüllen. Das war ein unverzeihlicher Fehler. und dieser hatte abgewinkt. daß man festgenommen wird. Nach Guillaumes Rückkehr in die DDR sieben Jahre später konnte ich nicht umhin. Mit diesem Bekenntnis erlöste er die Bo nner Abwehr und die Strafverfolgungsbehörden aus großer Beweisnot und ersparte ihnen das peinliche Schauspiel. Pierre hielt seine n Vater für einen Verräter an der Sache des Sozialismus und für einen rechten SPDler wie Georg Leber. Als Spion muß man jederzeit damit rechnen. Er hatte immer darunter gelitten. ohne überhaupt beschuldigt gewesen zu sein. Anschrift und Geburtsdatum anzugeben. soll er gerufen haben: »Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier – respektieren Sie das! « Als mir das zu Ohren kam.den Haftbefehl vorzulesen. Vielleicht veranlaßte ihn der unbewußte Wunsch. Guillaume hatte damit ein Schuldbekenntnis abgelegt. den er über alles liebte. Unsere Leute wurden deshalb in dieser Hinsicht stets besonders sorgfältig geschult. Anfang 1974 hatte der Verfassungsschutz die Erkenntnisse von Anfang 1973 dem Generalbundesanwalt zur Eröffnung eines Verfahrens angeboten. daß sein Sohn ihn nicht wirklich kannte. daß man die DDR-Vertretung in Bonn verständige. nichts als Name. die für die Bundesrepublik bestimmt war. Auf diese Weise lag die -275- . Er sagte.

Beweislast ausschließlich bei den Organen der Bundesrepublik. 4. Da er schwieg. Tagebucheintrag vom 25. 1974 (Transkription im Anhang) Schon bei den ersten Vernehmungen wurde Guillaume nach seinem Wissen um Brandts Intimsphäre befragt. -276- .

daß von seiner Seite keinerlei private Indiskretionen zu gewärtigen seien. Nicht durch Guillaume also. Wenn es überhaupt möglich ist.« Er hatte seine Fehler eingesehen. die den Kanzler stets auf seinen Reisen begleitet hatte. der Guillaume natürlich auch dies berichtet hat. daß er keine weiteren Aussagen machen werde. Stolz schwieg er bis zuletzt und ließ sich nicht verlocken. noch von Frankreich aus zu fliehen. daß die Chance sehr gering war und ich auch nicht wie ein Feigling handeln wollte. Innenminister Genscher zu informieren.« Als Guillaume in der Haft von den Pressionen auf Brandt erfuhr. während Nollau Herbert Wehner unterrichtete. Sagt er aber nichts. die Horst Herold. Sollten Sie fragen. Nollau notierte in diesem Zusammenhang: »Wenn Guillaume diese pikanten Details in der Hauptverhandlung auftischt. doch wie verhielt es sich mit mir und meinem Dienst? Hatten wir die ersten Anzeichen einer Observation auf die leichte Schulter genommen? Oft genug -277- . gab er eine Erklärung zu Protokoll. Aus dem Untersuchungsgefängnis schrieb er mir damals: »Was… auf mein Fehlverhalten zurückzuführen ist. Guillaume büßte für seine Fehler schwer in seiner langen Haft. veranlaßten. warum ich es unterließ. jedes Kabinett Brandt und die SPD zu demütigen. sind Bundesregierung und Bundesrepublik blamiert bis auf die Knochen. um damit die Haftdauer zu verkürzen.konzentrierte die Befragung sich auf Beamte der Sicherungsgruppe Bonn. Unter Hinweis auf die bisherige Rolle der Untersuchungsbehörden erklärte er zudem. Informationen preiszugeben. ein Mittel. läßt mich hier nicht zur Ruhe kommen. sondern durch die Vernehmung westlicher Sicherheitsbeamter wurden Details über Brandts Privatleben an die Öffentlichkeit gezerrt. so kann ich nur antworten. dann hat die Regierung der DDR. den Leiter des Bundeskriminalamts. so bitte ich die Partei und Sie als meinen Vorgesetzten um Nachsicht für mein Verschulden.

machte man ihn zum agent provocateur des Geheimdienstes seines eigenen Landes. aus denen man lernen kann. Als wir die potentiellen Gefahrenquellen für die Guillaumes untersuchten. daß eine Sicherheitsbehörde die Nerven besitzen könnte. Nach monatelangen Verhandlungen verurteilte das Oberlandesgericht in Düsseldorf Christel und Günter Guillaume zu acht beziehungsweise dreizehn Jahren Gefängnisstrafe.fanden hysterische Überwachungsaktionen statt. Wir maßen ihnen einfach keine Bedeutung zu und wurden aus unserem Tiefschlaf erst durch Günter Guillaumes Gerichtsverfahren geweckt. Beide Guillaumes nahmen die Urteilsverkündung gefaßt und mit unbewegter Miene auf. hätte der Agent nicht in meiner unmittelbaren Nähe belassen werden dürfen und man hätte ihn in eine andere. vergaßen wir dabei die Funksprüche aus den späten 50er Jahren. daß sie entschlüsselt worden waren. war anderer Natur. denn in seinen Memoiren schreibt er: »Wenn ein gravierender Verdacht vorlag. gut zu observierende Stelle verschieben oder sogar befördern müssen.« Dem ist nichts hinzuzufügen. Statt den Kanzle r zu schützen. in dem sie ausführlich zur Sprache kamen. Niemals hätten wir uns vorstellen können. bei denen zahllose Unschuldige auf Herz und Nieren geprüft wurden. Im übrigen sah Willy Brandt dies nicht viel anders als ich. obwohl wir wußten. den ich mir und meinen Mitarbeitern vorwerfen muß. daß die Lehren daraus der Vergessenheit anheimgefallen waren. die Fehler. In Guillaumes Fall hatten wir uns von der laienhaften Durchführung der Observation ebenso täuschen lassen wie davon. daß unser Mann nicht aus der unmittelbaren Nähe des Kanzlers abgezogen worden war.« Leider hatten wir unsere Fehler in diesem Fall so früh gemacht. -278- . recht früh zu machen. Da fiel mir Winston Churchills prophetische Warnung ein: »Es ist von großem Vorteil. Der unverzeihliche Fehler. einen Spion an so sensibler Stelle seelenruhig zu belassen.

Sein Vater schrieb mir besorgte Briefe. Das war aber nicht so einfach. Aber er konnte sich nicht einpassen und fand keine Freunde. Schließlich war er in einer Umgebung aufgewachsen. in denen er mich inständig bat. er wolle nach Bonn zurück. denn sein Nachfolger Helmut Schmidt verkündete wiederholt. Uns blieb nur. Erst viele Jahre darauf konnten Vater und Sohn wieder ein normales Gespräch miteinander führen. nur um Pierre zu betreuen. Mit einiger Mühe fanden wir eine Schule. Brandts Rücktritt im Mai 1974 erschwerte unsere Position erheblich. um ihm das Leben in der DDR schmackhaft zu machen: Wir bezahlten ihm eine Fotografenausrüstung und besorgten ihm eine Anstellung bei einer der besten Zeitschriften. Bei jedem Gefängnisbesuch. Der -279- . während wir uns den Kopf zerbrachen. wie man meinen könnte. In unserer Verzweiflung ließen wir nichts unversucht. den er seinem Vater abstattete. mich um den Halbwüchsigen zu kümmern und aus ihm einen jungen Mann zu machen. Günters Enttäuschung war sehr tief. Bald darauf erklärte er zu unserem Entsetzen. aber da hatte Günter Guillaume bereits nicht mehr lange zu leben. in der antiautoritäres und individualistisches Denken herrschte. und dort brachten wir Pierre unter. Manchmal hatte ich fast den Eindruck. sahen wir ihn im Geist für immer im Westen bleiben. Auf unsere Weisung hin schwiegen die Guillaumes in der Haft. und wir wollten schon erleichtert aufatmen. Seine nächste Freundin war die T ochter eines Offiziers aus meinem Dienst. denn dort hatte er eine Freundin. ihre Ausreise zu genehmigen. welche Agenten wir dem Westen zum Tausch anbieten konnten.Für ihren Sohn Pierre kam eine schreckliche Zeit. daß Pierre und seine neue Braut Ausreiseanträge gestellt hatten. als brauchten wir eine eigene Abteilung. die sich finden ließen. Guillaume müsse seine Strafe bis zum letzten Tag absitzen. als ich erfuhr. auf den die DDR stolz sein konnte. auf der Kinder von DDR-Funktionären erzogen wurden.

ihn schon bald gegen Westspione einzutauschen. »Gerlinde« und »Hagen« kamen nach Ost-Berlin. daß es nur noch eine Frage des Geschicks war. Ruth und Norbert Moser. Im März 1981 war es dann endlich soweit. um seinen Auftrag zu erfüllen. Einer der gegen sie ausgetauschten Westspione ließ nach seiner Heimkehr deutlich verlauten. wenn man etwas für sie täte. innerlich noch derselbe war. nun mußte er handeln. im Tausch den CIAAgenten Hunt freizugeben. die Sowjetunion war nicht bereit. in die ihre Ehe schon -280- . wie das Land in dieser Sache sein Gesicht retten wollte. daß der Mann. den ich in die Arme schloß. um ihn zu begrüßen. Auch Christel war gekommen. und offenbar stieß dieser Hinweis nicht auf taube Ohren. und ein Paket mit Spionen beider Seiten wurde geschnürt. Fidel Castro weigerte sich. von dem ich vor einem Vierteljahrhundert Abschied genommen hatte. Alle unsere Hoffnungen. die er fünfundzwanzig Jahre früher verlassen hatte. Kurz vor Weihnachten 1980 kam es zu einem Austausch. den jüdischen Dissidenten Anatolij Schtscharanskij freizulassen. erwiesen sich als trügerisch. Oktober 1981 traf tatsächlich Günter Guillaume in der DDR ein. daß in der DDR seit langen Jahren inhaftierte Westagenten es sehr begrüßen würden. den der KGB sogar noch dann als Agenten und gefährlichen Staatsfeind bezeichnete. als jeder wußte. doch weder Christel noch Günter Guillaume gehörten zu den Auserwählten. Und am 1. daß Christel Guillaume ausgetauscht wurde. Die Zeit und die Folgen der Haft waren nicht unbemerkt an ihm vorübergegangen. So scheiterte der Austausch Jahr um Jahr. Kanzler Schmidt mochte noch so unwillig sein. doch ich spürte. an der sich nicht nur die Deutschen die Finger zu verbrennen drohten. und Günter Guillaume litt zusehends unter den Folgen der Haft. sondern auch ihre großen Freunde in Ost und West. und für einen Augenblick war die schwere Krise.Fall wurde zu einer heißen Kartoffel.

denn ich konnte mir denken. während er sich noch immer an die Hoffnung klammerte. öffnete sich die Tür. heirateten nach einiger Zeit und zogen in ein Haus auf dem Land.« Da Guillaumes Nieren. und eine windzerzauste schlanke Gestalt schlüpfte herein. Nach der Ansprache gingen wir auf den Friedhof hinaus. kümmerte sich eine Krankenschwester als Pflegerin um ihn. denn ich wußte. beispielsweise als leitender Führungsoffizier für BRD-Agenten. -281- . bevor die kurze Totenfeier begann. und ich warf als letzten Gruß eine rote Rose ins offene Grab. Auch für mich würde die nächste Zeit nicht leicht sein. wie vergessen. wo der Sarg ins Grab gesenkt wurde. die Licht und Liebe in seine letzten Lebensjahre gebracht hatte.und Kreislaufleiden ständig beobachtet werden mußten. sie umzustimmen. In letzter Minute. Mitte 1995 starb Günter Guillaume nach langer Krankheit. doch es war keiner der beiden. Aber er war zu lange aus dem Geschäft. gewiß eine besonders interessante Stelle in der HVA erwartete. Christel oder Pierre wider besseres Wissen kommen zu sehen. Die beiden kamen sich menschlich näher. daß Christel Guillaume nicht zu ihrem Ehemann zurückkehren wollte. Die nächsten Tage würden für beide nicht leicht sein. Ich war bei seiner Beerdigung auf dem Friedhof von Marzahn zugegen. sondern Guillaumes zweite Frau Elke. daß Guillaume als Belohnung für alles. Als ich mich mit seinem Arzt beriet und im Scherz meinte. unter einem Posten im Politbüro werde Günter es wohl kaum tun. was er durchgemacht hatte. erwiderte er trocken: »Auf einen mehr oder weniger kommt es dort wirklich nicht an.geraume Zeit vor beider Verhaftung geraten war. Ich hatte gehofft.

Willy Brandt war das Opfer unüberbrückbarer Differenzen innerhalb seiner Partei und einer Vertrauenskrise gegenüber der Parteiführung. Ich war und bin fest davon überzeugt. daß der Fall Guillaume für meinen Dienst die größte Niederlage war. Guillaumes Einzug ins Bundeskanzleramt sei mein größter Erfolg gewesen. daß die Entdeckung eines Spions in seiner unmittelbaren Umgebung kein Grund hätte sein dürfen. Viele Anhänger Willy Brandts können mir Guillaumes Anteil am Sturz dieses Kanzlers nicht verzeihen und sehen in mir den Hauptschuldigen an Brandts Rücktritt. die wir bis dahin erlitten hatten.Von links nach rechts: Autor. Christel Guillaume. das aus ihm selbst. Ich wiederhole deshalb. Erich Mielke (1981) Noch heute glauben viele. selbst aus damaliger Sicht konnte das nur ein politisches Eigentor für die DDR sein. daß die Guillaume-Affäre nicht der Grund. ihm den Rücktritt nahezulegen. hervorgerufen durch das Ungleichgewicht des Machtdreiecks. dem -282- . Brandts Rücktritt war keineswegs von mir gewollt gewesen. Günter Guillaume. Herbert Wehner. Mai 1974 war. In seinen Erinnerungen sagt Brandt selbst. Erich Honecker. sondern nur der Vorwand für den Rücktritt Willy Brandts am 6.

doch unklar muß bleiben. Mit an Verfolgungswahn grenzendem Argwohn unterstellte er ihm. wie zerrüttet die Atmosphäre in der SPD-Führung damals war. gegenüber dem Wählervolk als Wirtschaftskanzler und auf die Sozialdemokraten als drohende Kassandra zu wirken. daß er sich Wehners unfreundliche Haltung bei seinem Rücktritt später sogar mit der Vorstellung zu erklären versuchte. Sein einflußreichster Opponent war zweifellos Herbert Wehner. die man auf ihn ansetzte.Einpeitscher der Parteidisziplin. wie eingehend und in welchem Umfang Willy Brandt darüber informiert wurde.und währungspolitischer Maßnahmen auch auf die Außenpolitik stark Einfluß nehmen (…). (Er) wird das verjüngte Kabinett über den Haushalt beherrschen und mit Hilfe Wirtschafts. zu unterstellen. Aus Guillaumes Berichten wußte ich seit langem. hinter seinem Rücken mit uns Absprachen zu treffen. und Helmut Schmidt. ein Komplott zwischen Herbert Wehner und Erich Honecker mit dem Ziel. -283- . Daß die Parteiführung der SPD seit den 50er Jahren von Wehners vertraulichen Kontakten zu DDR-Politikern informiert war. Über Schmidt schrieb Guillaume mir in einem Brief vom 11. der dem Kanzler Unentschlossenheit und zu große Kompromißbereitschaft vorwarf. dem Finanzminister. Immer wieder ist aus Brandts Umgebung zu hören. bestand. steht außer Frage. Brandts Abneigung gegen Wehner verleitete ihn sogar dazu. Honecker habe von der HVA Tonbänder mit abfälligen Bemerkungen aus seinem Mund über Wehner erhalten und diese an Wehner weitergegeben. daß Brandts Feinde innerhalb der Regierung unter Umständen gefährlicher sein konnten als Spione. ihn zu stürzen. Juni 1974: »Helmut Schmidt wird versuchen. wo der Dolch im Gewände offenbar als die natürlichste Sache der Welt erschien. Das beweist.« Brandt mißtraute Wehner und dessen Ostkontakten zutiefst.

1974 (Transkription im Anbang) -284- . 5.Tagebucheintrag vom 6.

das er für -285- . 1974 (Transk ription im Anhang) Wehner wiederum verübelte Brandt seine Frauengeschichten und sein vertrauensseliges Verhalten ganz allgemein.Tagebucheintrag vom 6. 5.

daß man daran denken kann. Doch wenn Honecker – wie behauptet wird – zu Helmut Schmidt wirklich gesagt hat. Vielleicht werden die Zeiten noch einmal so reif und zivilisiert. um zu wissen. zum anderen kannte Wehner Honecker und seine prüde Art gut genug. Helmut Schmidt. daß nur nervenschwache Menschen sich mit ihrem Privatleben erpressen lassen. setzte sich jedoch auch nicht für den angeschlagenen Kanzler ein. daß Wehner auch nur entfernt einen solchen Unsinn glaubte.einen Staatsmann unpassend fand. publik machen sollte. war Wehner der erste. Sperrzonen um Staatsoberhäupter und Regierungschefs zu errichten. was er über den Lebenswandel des Kanzlers wußte. die sich aufführten. Weniger verständlich als Willy Brandts Enttäuschung war mir das scheinheilige Getue mancher Politiker in Ost wie West. verhielt sich nicht feindselig wie Wehner. den Rücktritt anzubieten. falls Guillaume das. die DDR-Regierung könne versuchen. Breschnew und Honecker sprachen selbstverständlich ihr Bedauern über die Guillaume-Affäre aus. Als Guillaume enttarnt wurde. der die Situation ausnutzte. und in diese Kategorie reihe ich Brandt nicht ein. daß es nie geschehen wäre. So überließen des Kanzlers engste Parteigenossen ihn der bitteren Erkenntnis. Er erklärte Brandt. es werde zu einem Skandal kommen. aber bis heute ist man auf beiden Seiten nicht so zartbesaitet. Außerdem versuchte er ihm einzureden. daß er nicht nur einem Spion ausgesetzt gewesen. sondern von den eigenen Parteigenossen mit Mißgunst und Häme beäugt und nicht unterstützt worden war. obwohl ich mir nicht vorstellen kann. ihn mit diesem Wissen zu erpressen. Zum dritten war und bin ich der Ansicht. den es längst nach Brandts Position gelüstete. als sei ein Agent in unmittelbarer Nähe eines Regierungschefs ein unfaßbarer Verstoß gegen internationale Sitten. Zum einen hätte es der DDR nichts genützt. In dieser Situation tiefster Enttäuschung muß ihm als einzig möglicher Weg erschienen sein. -286- .

BrandtStraße umgetauft. in dem drei junge Frauen Brandt Mut zusprachen und die Hoffnung äußerten. wäre ihm dessen Existenz bekannt gewesen. ohne ihn naß zu machen.er hätte Guillaumes sofortigen Abzug angewiesen. Politiker wie Geheimdienstler – wissen. kann ich nur staunen. Eine Begegnung mit ihm war mir nicht vergönnt. Bei Willy Brandt habe ich mich persönlich entschuldigt. am liebsten innerhalb der Regierungsspitzen und der Nato – was nichts anderes heißt. Seine menschliche Größe habe ich selbst erfahren. Dennoch wurde der Druck auf die HVA gerade in dieser Zeit besonders heftig. In Neustrelitz wurde eine Straße mit einem Schild von Hand in Willy. daß wir die mit dem anhaltenden Wettrüsten verbundenen Gefahren und alle Anzeichen einer eventuellen Zuspitzung der internationalen Lage oder einer Konfrontation der Machtblöcke zuverlässig kontrollierten. daß nachrichtendienstliche Aktivitäten der Politik selbst nach Möglichkeit nicht schaden sollen. in Erfurt prangerte man den Verrat an ihm auf zornigen Plakaten an. er meinte. als daß wir den Pelz des Bären waschen sollten. Der Mann auf der Straße – Ost wie West – hatte Willy Brandt als Friedenskanzler geliebt und äußerte seinen Unmut über dessen erzwungenen Rücktritt ganz unverblümt. In den Zeiten der Entspannung war diese Prämisse wichtiger denn je. daß sein Nachfolger sein Werk weiterführen werde. -287- . dies würde allzuviel Schmerzliches in ihm aufrühren. in Güstrow fing die Post ein Beileidstelegramm ab. Verlangt wurde. denn eine derartige Order Honeckers ist mir nie zu Ohren gekommen. als er sich kurz vor seinem Tod im Jahr 1993 gegen meine strafrechtliche Verfolgung aussprach.

Tagebucheintrag vom 7. 5. 1974 (Transkription im Anhang) -288- .

5.Tagebucheintrag vom 8. 1974 (Transkription im Anhang) -289- .

die Überlegenheit der HVA gegenüber den Diensten der Bundesrepublik – die er nicht in Abrede stellte – resultiere in erster Linie aus dem »Vorteil der Diktatur« gegenüber dem freiheitlichdemokratischen Rechtsstaat. Bei Geheimdiensten sozialistischer Staaten verstärkte dieses Zusammengehörigkeitsgefühl der gemeinsame Glaube an die Sache des Kommunismus. Einer meiner ehemaligen Gegenspieler hat behauptet.12 Das Gift des Verrats Der Kampf der Geheimdienste gegeneinander. mit der westdeutsche Dienste ganze Heerscharen von Agenten zur Beobachtung und zum -290- . Dieser Behauptung muß ich widersprechen: Die bedenkenlose Leichtfertigkeit. Für die Geheimdienste gehört die Auseinandersetzung mit der Gegenseite zu den Höhepunkten und das Eindringen in den gegnerischen Dienst zur Krönung ihrer Tätigkeit und das Erlebnis ohnmächtiger Schwäche. daß das Risiko den bundesdeutschen Diensten zu hoch gewesen sei. weil die Strafen. das Werben und Überwerben von Agenten. derart drakonisch gewesen seien. die ihre Mitarbeiter meist auf rein pekuniärer Basis zu gewinnen pflegten. wenn der eigene Dienst vom Gegner unterwandert wird. mit denen gegnerische Agenten in unserem Land zu rechnen hatten. daß man für eine bessere Welt arbeitete. Psychologisch läßt sich die Struktur eines Geheimdienstes mit der eines Stammes oder eines Clans vergleichen: Die einzelnen Individuen verbindet das gemeinsame Ziel und ein Gefühl gemeinsamer Identität. wie ich meine. Aus diesem Grund waren unsere Dienste. zu den demoralisierendsten Niederlagen. das Anlocken von Überläufern durch die eine und die anschließende Verfolgung durch die andere Seite mag Außenstehenden als ein schmutziges und im Grunde sinnloses Geschäft erscheinen. stets effektiver als die des Westens. der Glaube daran.

Mitarbeiter aus den gegnerischen Diensten zu rekrutieren. daß man einen gewissen Lebensstandard erreichte oder absicherte. Geld und Prestige. Bis auf einige Ausnahmen waren sie politisch motiviert und fühlten sich moralisch auf der richtigen Seite in der weltweiten Auseinandersetzung zweier konträrer Systeme. ohne daß sie deshalb die Fähigkeit zu selbständigem. und oft genug übertrug sich diese ihre geistige und ideologische Haltung auf die Quellen. Im übrigen zeigte sich auch nach dem Zusammenbruch der DDR. Es war wohl kaum anzunehmen. eine -291- . ein abenteuerliches Leben zu führen. Sie waren keineswegs blind für die Mängel des eigenen Systems. waren in der westlichen Leistungsgesellschaft häufig gewiß stärkere Anreize als die Identifizierung mit dem Staatswesen. Doch neben ihrem fachlichen Können und ihren intellektuellen Vorzügen spielte ihre politische Überzeugung stets eine herausragende Rolle. logischem Denken eingebüßt hatten. der ermöglichte. Auch in den westlichen Diensten wurde immer versucht. vielleicht auch hin und wieder der Kitzel. Doch für viele ihrer Mitarbeiter mußte die Tätigkeit hauptsächlich ein mehr oder weniger gut bezahlter Job sein. So erkläre ich mir den Umstand. daß uns diese Agenten quasi auf dem Tablett serviert wurden. die sie betreuten.Fotografieren von Kasernen und militärischen Übungen in Bewegung setzten. Was hatten westliche Dienste dem entgegenzusetzen? Sicher hatten auch sie von den Vo rzügen ihrer Gesellschaft überzeugte Frauen und Männer. damit wir sie später zum Austausch gegen unsere im Westen enttarnten Leute anbieten konnten. Das Geheimnis unseres Erfolgs ist meiner Meinung nach darin zu suchen. daß wir uns mit der Idee und dem Ideal einer gerechteren Gesellschaftsordnung identifizierten. daß es für meinen Dienst in manchen Fällen nicht sonderlich schwer war. konnte ich oft nur schwer begreifen. daß die überwiegende Mehrzahl der Mitarbeiter meines Dienstes von den Idealen des Sozialismus überzeugt war.

neue Agenten zu gewinnen. in dem dieses Gemeinschaftsgefühl durch Verrat verletzt wird. Ihnen unterstellte man einen ausgeprägteren Gemeinschaftssinn. Deshalb fanden und finden sich in den britischen Diensten so auffallend viele Cambridge und Oxford-Absolventen und in der CIA ehemalige Studenten der Eliteuniversitäten an der Ostküste. breiten sich alles zersetzender Argwohn und Mißtrauen aus. Ein nicht zu unterschätzendes Problem in diesem -292- . Nur zu gut erinnere ich mich an die Welle der Spionagehysterie. Und wenn das Unglück es will. Apparat und Leitung können wochen-. ja monatelang so von ihren eigentlichen Aufgaben abgelenkt. durften nicht wieder einreisen. andere. aber innerhalb des KGB wurden natürlich Schuldige gesucht und auch gefunden. die sich ergab. Die Sowjetunion protestierte und rächte sich mit Gegenschikanen.Basis gemeinsamer Überzeugungen und Identifikationsmuster für die Mitarbeiter zu schaffen. Erst geraume Zeit später erzählte mir mein Moskauer Kollege ganz nebenbei. Verrat ist Gift für jeden Nachrichtendienst. wenn nicht geradezu paralysiert werden. daß ein solcher Fall von den Medien hochgeputscht wird und das wiederum die Aufmerksamkeit der politischen Führung weckt. Das ohnehin ständig vorhandene Gefühl des Risikos und der Gefahr verschärft sich akut. Jeder Fall erschüttert das Vertrauen aller für den Dienst Tätigen nachhaltig und erschwert es oft auf lange Zeit. In dem Augenblick aber. als der KGB-Offizier Oleg Ljalin sich 1971 in England absetzte. Neunzig Angehörige sowjetischer Vertretungen wurden ohne viel Federlesens des Landes verwiesen. sogar bei Agenten. daß Ljalin wegen einer Liebesaffäre zum Verräter an seinem Dienst geworden sei – selbstverständlich ohne den Namen des Betreffend en zu nennen. die weit vom Ort des Geschehens entfernt operieren. die sich in Urlaub befanden. können sich personelle Konsequenzen höchst unerwünschter Art für den betroffenen Dienst ergeben.

Zusammenhang ist die Schwierigkeit. wo uns niemand belauschen konnte. zuständig für die Bundesrepublik. Als Beispiel fällt mir der Fall ein. und wir besprachen den wahren Grund meines Kommens auf dem Hochsitz. bis man am Ende mit leeren Händen dasteht. Anders ausgedrückt: Es besteht fast immer die Gefahr. Genau wie ich war auch Szlachcic der Ansicht. tut dann wenig zur Sache. Zu meinem Bedauern blieb mir nichts anderes übrig. daß zu viele Personen eingeweiht werden. daß wir alle erforderlichen Schritte nur mit dem Leiter der polnischen Spionageabwehr in Warschau besprechen sollten. Ich besuchte ihn wie vereinbart. Mein Unbehagen. zu argwöhnen. als ich mich beim vereinbarten Termin am nächsten Tag keineswegs wie abgemacht in vertraulichem Kreis. so daß man kein Hellseher sein mußte. sondern mit einem wahren Aufgebot von Gesprächsteilnehmern konfrontiert vorfand. um in dem anonymen Bewerber ein Mitglied der polnischen Spionageabwehr. ließ einen hohen Grad an Professionalität und Insiderwissen vermuten. als ein Mitarbeiter des Warschauer Innenministeriums sich beim Chiffreur der dortigen BRD-Vertretung anerboten hatte. als den Sachverhalt -293- . die wir teilten. hatte unsere Beziehung sehr offen und unkonventionell werden lassen. bei einem Verdacht zwischen erforderlicher Vorsicht und der Empfindlichkeit möglicher Betroffener geschickt abzuwägen. gewissermaßen ganz privat. Die Liebe zur Jagd. Was er an Vorschlägen und Bedingungen nannte. und so rief ich den polnischen stellvertretenden Innenminister Francisek Szlachcic an und schlug ihm einen gemeinsamen Jagdausflug für das kommende Wochenende vor. grenzte an Verärgerung. Über den BND und dort für uns tätige Quellen gelangte das Angebot auch zu meiner Kenntnis. weil der gesuchte Verräter von einem der vielen Mitwisser gewarnt wurde – ob absichtlich oder versehentlich. für den BND tätig zu werden.

die dem westdeutschen Dienst fast ein Dutzend unserer Agenten enttarnen half. befand ich mich auf einer Konferenz in Karl-Marx-Stadt. So naiv war ich nie. die CDU zu infiltrieren. die wir ihm stellten. und aus jedem läßt sich eine Lehre ziehen. beigebracht worden. meinem 56.darzulegen und zu erläutern. Mein Gefühl hatte mich nicht getroge n: Der Verräter tappte nicht in die Falle. nicht allzu unbedingt auf die moralische Zuverlässigkeit unserer Leute zu bauen. Nach dem ersten Verrat. als ich ans Telefon gerufen wurde: In der Abteilung XIII unseres Sektors für wissenschaftlichtechnische Aufklärung (SWT) war im -294- . doch seither war es zu keinen spektakulären Verratsfällen mehr gekommen. Im übrigen haben wir nicht erfahren. da ihn entweder ein Informant gewarnt hatte oder einer der vielen Gesprächsteilnehmer unabsichtlich sein Wissen hatte durchsickern lassen. der heute wieder Chemnitz heißt. bei ihnen sei dergleichen undenkbar. die schmerzlichen Lektionen aus unseren frühen Niederlagen hatten mich gelehrt. daß andere Geheimdienstchefs des Ostblocks sich sehr wohl mit dem Gedanken schmeichelten. der seinerzeitigen Vulkan-Affäre. Am 19. obwohl ich aus eigener Anschauung weiß. um wen es sich bei diesem potentiellen Maulwurf gehandelt haben könnte. dem Ort. den wir auf amerikanische Institutionen in der Bundesrepublik angesetzt hatten. auch wenn deren Motivation noch so ehrenwert war. mein eigener Dienst wäre der latenten Gefahr des jederzeit möglichen Verrats eines Mitarbeiters nicht ausgesetzt. und Walter Glassei. Januar 1979. eine zentrale Figur in unserem Bemühen. Jeder einzelne Fall von Verrat hat seine Geschichte. welche Gegenmaßnahmen ich für empfehlenswert hielt. Geburtstag. waren die empfindlicheren Niederlagen meinem Dienst in den 50er Jahren durch die Überläufer Max Heim. Nie habe ich mich in der Illusion gewiegt.

die nebst kurzen Inhaltsangaben der Informationen die Decknamen der betreffenden Quellen aufführten. Aber wer? Es war seit Jahren der erste Fall dieser Art. -295- . In diesem Fall hatte er ihn – vorschriftswidrig – der Sekretärin überlassen. Sein konkretes Wissen – als Oberleutnant gehörte er zu den niedrigsten Chargen im operativen Dienst – konnte nur begrenzten Schaden anrichten. Der Verdacht fiel auf Oberleutnant Werner Stiller. die als geheime oder vertrauliche Verschlußsachen klassifiziert waren. Chemie und Bakteriologie. war der Ausweis am Abend des 18.30 Uhr am Bahnhof Friedrichstraße benutzt worden. neben wichtigen Unterlagen hatte der unbekannte Täter den Sonderausweis mitgenommen. mit Dienstanweisungen und mit Referaten Minister Mielkes verschwunden. niemand anders als er gewesen war. Ohne Zweifel hatte ein Mitarbeiter meines Dienstes sich in den Westen abgesetzt. unüberschaubar waren jedoch die Folgen seines Einbruchs in das Sekretariat der Abteilung. Einen solchen Ausweis gab es in jeder Abteilung nur einmal. Januar gegen 21. und der Abteilungsleiter hatte ihn ständig unter Verschluß zu halten.Sekretariat der Schrank aufgebrochen worden. einen Mitarbeiter des Referats 1 für Atomphysik. aber für Mielke der weitaus schwerste Schlag. daß der Maulwurf des Bundesnachrichtendienstes. der zum Passieren der Grenzkontrollen am Bahnhof Friedrichstraße berechtigte. Außerdem waren Ordner mit Befehlen. Wie wir herausfanden. dessen Enttarnung und Festnahme durch unsere Spionageabwehr unmittelbar bevorgestanden hatte. Mit dieser Praxis war der Täter ganz offensichtlich vertraut. Meine sofortige Meldung gab ihm genug Zeit. sich seelisch darauf vorzubereiten. daß seine Reden demnächst im Westen veröffentlicht werden würden. In den verschwundenen Ordnern befanden sich Listen. um ihn nicht ständig an Mitarbeiter ausleihen zu müssen. Zwei Tage nach Stillers Flucht wußten wir. Das war zwar nicht für mich.

denn der hatte ihm so unbrauchbare falsche Papiere besorgt. und den Schaden. und verließ mit seiner Frau die Wohnung. Er gelangte unbehelligt in die DDR. Unterdessen waren wir damit beschäftigt. realistisch abzuschätzen. doch auf dem Weg zum Haftrichter konnte er aus dem Auto springen und fliehen. Ein Professor der Universität Göttingen wurde ebenso verhaftet wie ein Atomphysiker. Natürlich stilisierten die westlichen Dienste Stillers Flucht in den Westen zum empfindlichsten Schlag hoch. konnte dort jedoch nicht Fuß fassen und kehrte mit unserer stillschweigenden Duldung zwei Jahre darauf wieder in die Bundesrepublik zurück. gelang die Flucht buchstäblich in letzter Minute. das in der Reaktorforschung gearbeitet und Stiller mit Informationen versorgt hatte.Offenbar hatte er die letzte Fluchtchance genutzt. Einem Hamburger Ehepaar. sobald die Beamten die Treppe hochpolterten. Als die Kripobeamten an der Tür läuteten und nach dem Wohnungsbesitzer fragten. die mit Stiller zu tun gehabt hatten. während sein Begleiter auf dem Glatteis ausrutschte und stürzte. den er angerichtet haben mochte. daß er auf sie verzichten und die Flucht improvisieren mußte. nicht dem BND. Daß die Flucht ihm überhaupt gelang. Einen Mitarbeiter am Kernforschungszentrum in Karlsruhe erreichte unsere telefonische Warnung erst dann. der in Frankreich tätig war und in den wir große Hoffnungen gesetzt hatten. sagte unser Mann mit seltener Geistesgegenwart. den sie meinem Dienst je versetzt hatten. dieser wohne zwei Stockwerke höher. all jene zu warnen. Aber nicht alle Mitarbeiter Stillers konnten gerettet werden. war bereits eingekreist gewesen. verdankte er dem eigenen Handeln. -296- . Seine konspirative Wohnung. als die Polizeibeamten sich bereits Zutritt zu seiner Wohnung verschafft hatten. wo er die Rundsprüche des BND empfangen hatte und in deren Umgebung er die mit Geheimschreibmittel geschriebenen Briefe aufgegeben hatte.

Zur Aufrüstung gehörte der Bau von Kernenergieanlagen. daß die DDR im weltweiten Wettrennen um technologischen Fortschritt nicht nur auf dem Gebiet der Nutzung der Kernenergie immer mehr hinterherhinkte. Physiker und Biologen der Bundesrepublik unterrichteten uns über die Aufrüstung in der Bundesrepublik. aber auch in der Feinmechanik und Optik -297- . in Wirklichkeit unterstand es dem sowjetischen Militärapparat. Deswegen kam es in der DDR nie zu einer eigenständigen Nutzung der Kernenergie.Alles in allem bestand der weitaus größere Schaden in diesem Fall nicht im tatsächlichen Wissen des Defektors. die vielen Westbürgern ernsthaft Sorgen machte. beispielsweise in der Mikroelektronik. beschränkten sich der Enthusiasmus unserer politischen Führung und die realen Möglichkeiten der DDR. in den unzähligen Rückrufen und Rückzügen. Die Wismut-AG war nur dem Etikett nach ein deutschsowjetisches Unternehmen. Vornehmlich in diesem Zweig der High. die bis in die 90er Jahre den Abbau der Uranvorhaben in der DDR kontrollierte. die nicht allein zu friedlichen Zwecken genutzt werden konnten. sondern in den Vorsichtsmaßnahmen. denn wir sahen uns nicht nur der Konkurrenz der Bundesrepublik ausgesetzt. die wir nach seiner Flucht wohl oder übel ergreifen mußten.Tec. sondern auch der Bevormundung durch die Sowjetunion. auf wenige Vorzeigeunternehmungen. Die Kernenergie war für uns in zweifacher Hinsicht problematisch. der Sektor für wissenschaftlichtechnische Aufklärung. die uns in unserer Arbeit schmerzlich zurückwarfen. SWT. die dafür zuständig war. Während in der Bundesrepublik die Geldquellen für Forschung und Weiterentwicklung sprudelten. uns über die Entwicklung der Kernenergienutzung und andere Forschungen von militärischer Bedeutung im Westen auf dem laufenden zu halten. war in den 50er Jahren eingerichtet worden. Zunächst war es eine Miniabteilung. Seit Mitte der 60er Jahre konnte man nicht länger die Augen davor verschließen.

Es handelte sich um einen heimlich aufgenommenen Schnappschuß aus dem Jahr 1978. Deshalb sonderten wir mit der Zeit besonders lukrative Ergebnisse aus dem ansonsten unter Freunden kostenfreien Strom unserer für Moskau bestimmten Informationen aus. denn niemand dort hatte gewußt. Friedrich Cremer zu einem Meinungsaustausch getroffen. Technisches Wissen jedoch war von unseren Freunden meist nur gegen klingende Münze zu haben.oder der modernen Chemie brauchte sich unsere wissenschaftlichtechnische Aufklärung mit ihren Leistungen nicht zu verstecken. erschien als nächste Sensation ein unscharfes Foto von mir auf den Titelseiten mehrerer Magazine. Creme r war einer meiner interessanten und politisch aufgeschlossenen Gesprächspartner in der Bundesrepublik. daran gab es nichts zu rütteln. Bis dahin hatte ich im Westen immer als »Mann ohne Gesicht« gegolten. Diese Fotos hatte der BND Stiller routinemäßig zusammen mit anderen Aufnahmen unidentifizierter Personen. die Blockade der Embargobestimmungen zu durchbrechen und bei den Managern der DDR-Wirtschaft – aber auch bei unseren Verbündeten. um sie der DDR-Wirtschaft als Äquivalent für sowjetische Leistungen zur Verfügung zu stellen. Im Sommer 1978 hatte ich mich in Schweden mit dem SPDPolitiker Dr. aber trotz Unscharfe und dunkler Brille war der Mann auf dem Bild eindeutig ich. besonders in Moskau – hohes Ansehen zu gewinnen. Kaum war der Fall Stiller aus den Schlagzeilen verschwunden. wie ich aussehe. vorgelegt. und Stiller hatte mich -298- . Es war ihr gelungen. Im Verlauf dieses Treffens waren wir ganz offensichtlich vom schwedischen Geheimdienst oder dessen westdeutschem Partnerdienst heimlich fotografiert worden. So kam es zwangsläufig zu manch delikater Situation in den freundschaftlichen Beziehungen zu den wißbegierigen Verbindungsoffizieren des sowjetischen Partners. in denen man Mitarbeiter meines Dienstes vermutete.

identifiziert – was seine Befrager ihm anfangs nicht glauben wollten. Spiegel-Titelblatt der Ausgabe vom 5. wie ich später erfuhr. 1979 Leider hatte meine Identifizierung durch den Überläufer -299- . 3.

ob man in Pullach wußte. daß er einerseits auf eigenen Wunsch in die SED eintrat und sich im -300- . war als Neunzehnjähriger in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten und hatte dort eine antifaschistische Schule besucht. Alle Unschuldsbeteuerungen halfen ihm so wenig wie die mehr als wackelige Beweislage. Hätte ich mich nicht von unserem Residenten in Schweden so vorbildlich betreuen und in einer Dienstwohnung der Botschaft unterbringen lassen. Nach dem Krieg hatte ein ehemaliger Mitgefangener ihn für unseren Dienst angeworben. immer wieder den Argwohn von Bundesnachrichtendienst und Bundesamt für Verfassungsschutz erregten. da die Bundesrepublik in jenen Jahren nicht zu meinen bevorzugten Reisezielen zählte. wenn man mit dem Fernrohr die Gegend absucht und ganz übersieht. Joachim Moitzheim. Es begann mit dem Fall unseres Agenten »Wieland« und kulminierte darin. besagter »Wieland«. ohne ein solcher gewesen zu sein. Über seine Motive waren wir uns nie ganz im klaren. aber für die Boulevardpresse war das Foto natürlich ein wahres Geschenk. und wir schrieben es dem Jesuitenschüler in ihm zu. dann wäre der Argwohn des schwedischen Geheimdienstes möglicherweise nie geweckt worden. das weidlich ausgeschlachtet wurde. sondern wie jeder xbeliebige Geschäftsreisende im Hotel gewohnt. man hätte den Gast nicht zur Kenntnis genommen und folglich nicht observiert… Während ehrenwerte westdeutsche Politiker. wie ich aussah. und man verurteilte ihn.Stiller zur Folge. die ernsthaft an einem konstruktiven politischen Dialog interessiert waren. verhielt es sich dabei wie so oft. was vor der eigenen Nase vor sich geht – wie dies eines der aufregendsten und packendsten Kapitel deutschdeutscher Geheimdienstgeschichte beweist. daß Friedrich Cremer als DDR-Agent vor Gericht gestellt wurde. Für mich selbst war es wenig erheblich. daß sich die bundesrepublikanischen Verfassungsschützer Klaus Kuron und Hansjoachim Tiedge in den Dienst der DDR stellten.

hatte es dann aber für klüger gehalten. die er als Doppelagent für das Bundesamt für Verfassungsschutz unter seinem neuen Decknamen Keil antrat. daß »Kluge« Klaus Kurons. wo die beiden sich unter den Namen »Kluge« beziehungsweise »Tabbert« vorstellten. dem sie mit einer langjährigen Haftstrafe drohten. Die beiden hochkarätigen Verfassungsschützer verlangten von »Wieland«. Daraufhin sprachen unseren Agenten eine s Abends auf der Straße zwei Herren an. »Tabbert« Hansjoachim Tiedges Deckname war und daß ein hochkompliziertes Geflecht aus Doppel. Die Überwerbung war nicht von langer Dauer gewesen. Die Fahrt endete vor einem Hotel in Köln. wiesen sich als VerfassungsschutzBeamte aus und forderten ihn auf. Nachdem er von uns beauftragt worden war. sie zu begleiten. als sich seinem Führungsoffizier bei der HVA anzuvertrauen. gelangte er durch seine Aktivitäten ins Visier dieser Organisation. den er zu bestechen und anzuwerben versucht hatte. seine Vorgesetzten von »Wielands« Annäherungsversuchen zu informieren. so daß sie von da an die Funksprüche der HVA an ihn mithören konnten. daß »Wieland« bei der nächsten Fahrt nach Berlin. darf ich verraten. war jedoch.Scherz sogar eine Stelle für sein Grab nicht weit von unserem konspirativen Häuschen in Rauchfangswerder aussuchte. andererseits zwischen seiner Tätigkeit für uns und seinem Privatleben streng trennte und sic h. Ohne irgendwelche Pointen vorwegzunehmen. Aus Furcht sagte er zu. Kontakt zu Mitarbeitern des Bundesamts für Verfassungsschutz herzustellen. Der Verfassungsschützer. »Wieland« -301- . wo sie seine Chiffrierunterlagen kopierten. sie gingen mit ihm in seine Wohnung. nichts Eiligeres zu tun hatte. was letzteres betraf. Doppelagent zu werden und für den Verfassungsschutz zu arbeiten. Was sie nicht bedachten.und Dreifachspionage von nun an seinen Verlauf nahm. war offenbar eine Weile unschlüssig gewesen. stets mehr als zugeknöpft gab.

unter denen ihre Dossiers im Bundesamt für Verfassungsschutz geführt wurden. und ein Zwanzigmarkschein. »Wieland« wurde 1990 verha ftet und verurteilt.alias »Keil« war nun ein Tripelagent. die neue Innenverbindung zur HVA zu besitzen. »Wieland« in mehr als tausend Fällen aus den geheiligten Beständen des NADIS-Computers echte Daten und Namen von BRD-Bürgern anvertraute einschließlich der Angaben. Ich sah ihn 1993 bei meinem Prozeß wieder. um kein Mißtrauen bei uns zu wecken. So war es um die überaus harmonische. Als -302- . daß wir über sämtliche Mitarbeiter des BfV informiert wurden. Der Brief war handschriftlich mit Großbuchstaben geschrieben. daß man. zuständig für die westlichen Dienste. der Äußeren Abwehr. Darunter befanden sich Beamte in Ministerien. die sich mit der Überwachung von Telefonen oder Postsendungen beschäftigten. für eine einmalige Zahlung von 150000 DM sowie eine monatliche Entlohnung in doppelter Höhe seines Gehalts beim Verfassungsschutz als Maulwurf für uns aktiv zu werden. als er als Zeuge aus der Haft vorgeführt wurde. Dieses Vorgehen überschritt alle Grenzen des Zulässigen. Dem Verfassungsschutz war es offenbar so wichtig. als eines Tages im Sommer 1981 ein Unbekannter im Briefkasten unserer Bonner Ständigen Vertretung einen umfangreichen Briefumschlag deponierte. wenn auch ohne Wissen des Kölner Dienstes bestehende Zusammenarbeit zwischen HVA und BfV bestellt. Im Umschlag befanden sich ein Schreiben an den Leiter der Abteilung IX der HVA. Der Schreiber stellte sich als Geheimdienstmann mit speziellen Kenntnissen vor und erklärte sich bereit. leitende Angestellte von Rüstungsunternehmen und sogar Personen. dessen Nummer offenbar für künftige Code-Schlüssel benutzt werden sollte. die unter dem Verdacht der Spionage für die DDR oder andere östliche Dienste standen abgesehen davon.

Er erzählte die Geschichte des Doppelagenten -303- . Verbittert sprach er von der gesellschaftlichen Realität eines Landes. Seine Karriere war an einem toten Punkt angelangt. seine Aufgaben und den Grund für seinen Verrat am BfV offen und ungeschminkt. fällten wir nicht gerade leichten Herzens. sondern ohne einige der alten Mitarbeiter wiedergefunden hätten? Der Mann. daß Kuron es ernst meinte. wenn wir uns am Ende nicht etwa mit einem neuen. der den Vorgang »Keil« beim Verfassungsschutz führte. seine Ambitionen wurden frustriert. während die faulen Söhne der Reichen unverhüllt begünstigt und protegiert wurden. denn sowohl wir als auch Kuron ließen keine Vorsichtsmaßnahme außer acht. doch das Studium seiner Söhne war damit nicht zu finanzieren. wo es von Agenten aller nur möglichen Geheimdienste nur so wimmelte. leitenden Offizieren unserer Abteilung IX. Klaus Kuron. Wir verglichen die Schrift mit der auf einem Zettel. Allein die Entscheidung.Köder nannte der Unbekannte uns eine in Wien geplante Aktion gegen einen leitenden Offizier unseres Sektors SWT. Stolpersteine in den Weg legte. verabredet hatte. sein Beamtengehalt ermöglichte zwar ein halbwegs sorgenfreies Leben. die sich aus kleinen Verhältnissen hocharbeiteten. hatte sich aus freien Stücken unserem Dienst angeboten. Schnell erkannten meine Mitarbeiter. das seinen Bürgern gleiche Rechte nur auf dem Papier garantierte. Es bestand kein Zweifel. in Wirklichkeit aber allen. Bis er sich bei einem ersten Treffen in Wien demaskierte. den »Wieland« uns nach einem Treffen mit seinem Westvorgesetzten »Kluge« übergeben hatte. Was. um nicht am Ende als Düpierte dazustehen. leitende Offiziere unseres Dienstes nach Wien zu schicken. daß die Schrift die gleiche war. stellte sich ohne Umschweife als Klaus Kuron vor und schilderte seine Stellung. der sich im Schönbrunner Park mit Karl-Christoph Großmann und Günther Nehls. sollte nochmals fast ein Jahr vergehen.

sondern auch in sicherer Entfernung zu Ost-Berlin gelegen war. gestand er zwar eine abgeschlossene Juristenausbildung und Professionalität zu. Tiedge. -304- . die seiner Ansicht nach allein durch Protektion seitens der CSU an ihre Ämter gelangt waren. das er besaß. Seine Position inne rhalb der Verfassungsschutzbehörde empfand er als Ungerechtigkeit. und nun handelte er mit äußerster Konsequenz. seinem fachlichen Können. Seinen unmittelbaren Vorgesetzten. ja als Demütigung. stellte man ihm ein Gespräch mit mir in Aussicht. was er zu tun im Begriff stand. es mit einem habgierigen oder skrupellosen Menschen zu tun zu haben. doch stufte er ihn wegen seines Lebenswandels als längst nicht mehr tragbar für die Spionageabwehr ein. Im Grunde befolgte er die Maximen seiner Gesellschaft: Er handelte mit dem Pfund. so sagte er. daß wir darüber längst im Bilde waren. Die Neugier überwog die Vorsicht. Seinen Entschluß hatte er lange und gründlich überlegt. die nicht nur einen zauberhaften Blick über das Elbtal erlaubte. wo alle Einzelheiten unserer Vereinbarung festgehalten werden sollten und er sich selbst ein Bild von uns machen konnte. Das Gespräch mit ihm verlief locker und unkonventionell. bestimmte immer nur das Geld die Lebensqualität. In keinem Moment der Unterhaltung hatte ich den Eindruck. Klaus Kuron gab sich frei von aller Wichtigtuerei oder Anbiederung. fühlte er sich weit überlegen.»Wieland« in aller Ausführlichkeit – schließlich konnte er nicht wissen. Letzten Endes. Das große Risiko dessen. war ihm eindeutig bewußt. und im Herbst 1982 lernte ich ihn in der Dresdner Villa unseres Dienstes kennen. das er dem Meistbietenden verkaufte. Wie bereits in Wien erklärte er seinen Schritt und seine Geldforderungen mit seiner sozialen Situation. Unsere Leute verabredeten mit ihm ein Treffen in der DDR. Um seine Bedenken auszuräumen. seinem Gruppenleiter.

Klaus Eduard Kuron 1992 Noch heute schmeichle ich mir mit dem Gedanken. war die. Eine wichtige Bedingung. die er stellte. weil er als Profi die Professionalität. daß die Informationen über das Telefon. im Schnellgebeverfahren übermittelt werden konnten. auf die er uns aufmerksam machte. den sogenannten heißen Draht. strafrechtlich nichts unternehmen durften. Später perfektionierten wir diese Technik dahingehend. ein Star. Da er wirklich etwas ganz Besonderes war. zu erkennen und zu schätzen wußte. Für das Treffen mit mir hatte er mit Hilfe eines seiner nichtsahnenden Söhne einen Taschencomputer so programmiert. daß wir gegen Agenten oder Doppelagenten. erhielt er statt des zuerst gewählten Decknamens Berger den viel treffenderen -305- . da sonst der Verfassungsschutz auf seine Fährte hätte kommen können. daß Kuron den Weg zur HVA nicht zuletzt deshalb einschlug. daß er Informationen schnell und relativ einfach verschlüsseln konnte. mit der bei uns gearbeitet wurde.

weil auch er sich unterbewertet und zugunsten weniger tauglicher. ob ihr Mann bei uns in besseren Händen war als bei der Kölner Behörde. Dank seiner Zuarbeit waren wir über alle Aktivitäten des niedersächsischen Landesamts für Verfassungsschutz bestens auf dem laufenden und konnten die Abwehrtätigkeit in Niedersachsen jahrelang erfolgreich lahmlegen – sei es in Grenzfragen oder im Transitverkehr. als sie feststellte. daß sie sich mit eigenen Augen vergewissern wollte. Als letzten Tip hatte »Gräber« uns auf jemanden im Verfassungsschutz hingewiesen. daß der Umgang zwischen uns freundschaftlich war. Dieser Mann – wir nannten ihn »Maurer« – hatte sich bereits Ende der 70er Jahre von sich aus bei uns gemeldet und war seither durch exzentrisches Verhalten aufgefallen. wann immer unser Dienst mit ihm zu tun hatte. beruflich war er Observationsleiter im Rang eines Kriminalhauptkommissars im niedersächsischen Innenministerium. Erleichtert sah ich. daß ihr anfängliches Mißtrauen einem Ausdruck von Zutrauen und Zufriedenheit wich. Bei einem späteren DDR-Besuch Kurons lernte ich auch seine Ehefrau kennen. aber beileibe nicht der einzige Fisch. Klaus Kuron war der bei weitem größte. Politisch war er in der CDU beheimatet. Trotz der guten Zusammenarbeit brach »Gräber« den Kontakt zu uns noch vor dem Jahr 1989 ab. den wir unter dem Decknamen Gräber führten. Treffen durften nur bei tiefster -306- . den es aus freien Stücken in unsere Netze verschlug. Ein Verfassungsschutzbeamter. ob er bei uns die gebührende Anerkennung fand oder wie ein xbeliebiger kleiner Agent behandelt wurde. Ich erkannte schnell. aber besser protegierter Konkurrenten übergangen fühlte. Seinen Klarnamen nannte er nie. der dort den Ruf einer grauen Eminenz genoß.Namen Stern. der eng mit dem Militärischen Abschirmdienst kooperierte. die im Unterschied zu den Söhnen in seine Überlegungen einbezogen war. vor allem. suchte den Kontakt zu uns.

-307- . erhielt ich über eine Sonderleitung einen Telefonanruf aus Magdeburg: Am Grenzübergang sollte sich jemand namens Tabbert im Zug gemeldet und verlangt haben. daß man ihn unversehens zur Abteilung IX der HVA bringe. kurzum: »Maurer« war der Geheimagent wie aus dem Bilderbuch. von ihm wurden wir über die Methoden aufgeklärt. sie ins Lächerliche zu ziehen. so recht scheint er im nachhinein behalten zu haben. seine Identität zu klären. beschlossen. Anfang 1996 wurde »Maurer« von einem Gericht zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. die Zahl seiner Verkleidungen überstieg jedes Vorstellungsvermögen. Er sei bereit. Aber er leistete uns wichtige Dienste. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. und durch ihn wurden wir auch auf Fehler aufmerksam gemacht. ganz offensichtlich hatte der Gruppenleiter des westdeutschen Verfassungsschutzes. unser Chiffriersystem lehnte er ab und benutzte lieber ein schlichtes Codesystem. Es gelang uns nie. egal. Stiller notfalls zu entführen. welches Wetter herrschte. Mitte 1985. und zwar stets in irgendwelchen Parks. »Maurer« könne uns den Überläufer Stiller ausliefern. Lange haben sich Verfassungsschutz und Staatsanwälte bemüht. mittels derer der Verfassungsschutz unsere Kuriere aus den unzähligen Reisenden herauszufiltern gedachte. das auf dem Telefonbuch oder dem Duden basierte. der für Doppelagenten zuständig war. Jedesmal. So albern sein ewiges Versteckspiel uns damals erschien. die Seiten zu wechseln. als ich eine Kur in Ungarn antreten wollte. versuchte er. ihn zu identifizieren. wir zahlten ihm dafür eine Million Mark. vorausgesetzt. von ihm erfuhren wir. Wir verzichteten auf das Angebot.Dunkelheit stattfinden. Eines Tages behauptete ein Mitarbeiter der Abteilung IX. die wir beim Fälschen westdeutscher Ausweispapiere begangen hatten. wenn wir Vermutungen äußerten. welche unserer Mitarbeiter von der westdeutschen Abwehr verdächtigt oder gar schon observiert wurden.

denn er konnte ja nicht ahnen. was den Effekt hatte. daß der Magdeburger Chef ein Donnerwetter über sich ergehen lassen mußte. Für die Boulevardzeitungen war Tiedge ein gefundenes Fressen – Alkoholprobleme. Und ich muß einräumen. »Fundsachen« seien künftig bei ihm persönlich abzugeben. sich abzusetzen.und Dienstpapieren aus. daß Kuron bereits für uns arbeitete. doch nicht nur die Regenbogenpresse. denn sein Übertritt war wohlüberlegt. Für die HVA hatte er sich zuvor in keinerlei Weise betätigt. auch mein Dienst und ganz gewiß das BfV zerbrachen sich lange genug den Kopf mit der Frage. obwohl sie keinen großen Neuigkeitswert besaßen. erstattete ich Mielke Bericht. was ihn letztlich dazu bewogen haben mochte. nannte seinen Klar. stand außer Frage. Daß er kein Kommunist war. uns geheimste Dinge zu verraten. daß seine Tage beim Verfassungsschutz gezählt sein mußten. Tiedge war selbstverständlich der Meinung.und seinen Tarnnamen. Eine Kurzschlußreaktion konnte sein Handeln andererseits nicht gewesen sein. daß er für seine Behörde nur noch ein Sicherheitsrisiko und sonst nichts darstellte. Nachdem wir ihn zu seiner Zufriedenheit in einem besonders gesicherten Gebäude einquartiert hatten. daß der Weggang seines Gönners Hellenbroich ihn wohl hatte erkennen lassen. ließ Mielke später verlauten. weil er Tiedges Erscheinen mir und nicht Mielke gemeldet hatte. Schwierigkeiten in der Behörde. was bei der zeitlichen Knappheit konspirativer Treffen oder der räumlichen -308- . zerrüttete Familienverhältnisse. Tiedges beinahe computergleich arbeitendes Gedächtnis ermöglichte in den kommenden Monaten eine annähernd systematische Aufarbeitung seines gesamten Wissens – etwas.Keine zwei Stunden später holten ihn Karl-Christoph Großmann und ein Begleiter ab und beförderten ihn nach Berlin. daß viele seiner Informationen tatsächlich sehr wertvoll waren. Tiedge wies sich mit Personal. Zuletzt gelangte ich zu der Schlußfolgerung.

Dennoch verstand er es. die er an der Humboldt-Universität einreichte. die ungewohnte Ertüchtigung gefiel ihm und trug schneller Früchte. Der gesunde Geist in seinem gesundeten Körper verlangte nach neuer Nahrung. ihn wieder auf die Beine zu bekommen. und es dauerte nicht allzu lange. bemühten wir uns als erstes. bis er an einer juristischen Dissertation saß. Nach einiger Zeit lernte er eine Frau kennen. sich den Lebensumständen anzupassen. Ansonsten bekannte er sich weiterhin zur parlamentarischen Demokratie und rümpfte die Nase über das politische System der DDR. -309- . als wir gedacht hätten. sondern Bücher über Geschichte. Geologie und Kunst.Begrenztheit von Berichten nicht einmal erträumbar ist. Hansjoachim Tiedge Da Tiedge als körperliches und seelisches Wrack zu uns gekommen war. Er las nicht nur alle Zeitungen und Zeitschriften in seiner Reichweite. die er heiratete. Er mußte abnehmen und Sport treiben.

obgleich die Ehefrau nach wenigen Monaten aus der Haft entlassen wurde. ihn gegen einen unser Spione auszutauschen. Diese Flucht konnten wir nicht zulassen. der andere als »Günter« Verbindungsmann zu ebenjenem »Wolfgang«. die es noch gab und die ihm damals wohl sicherer erschien. daß das Ehepaar festgenommen wurde. ließ die DDR ihrem Mann gegenüber keinerlei Milde walten. war für ihn die Zeit in diesem Land abgelaufen. und so kam es. bis die Überwachungsmaßnahmen unabhängig von Kuron erkennen ließen. und er kümmerte sich von der DDR aus darum. und die Bundesrepublik traf keine Anstalten. Als 1989 mit der Maueröffnung sensationslustige Journalisten vor seinem Häuschen Posten bezogen. Als nach drei Jahren kein Silberstreif am Horizont zu erkennen war. Ein Nebeneffekt des Seitenwechsels von Geheimdienstmitarbeitern ist das Offenbaren bis dahin unverdächtiger Doppelagenten. seit längerem umgedreht waren und als Doppelagenten für den Verfassungsschutz arbeiteten. Er hatte die unglückselige Idee gehabt. An Werner Teske wurde im Jahr 1981 letztmals die Todesstrafe in der DDR vollzogen.Seine drei Töchter konnten ihn jederzeit besuchen – solche Dinge waren für meinen Dienst selbstverständlich –. So erfuhren wir von Kuron. in -310- . daß »Günter« beabsichtigte. Ohne die Vereinigung abzuwarten. Nicht weniger tragisch ist der Ausgang des Falles Teske. Zum Glück fiel ihre Enttarnung mit Tiedges Übertritt zusammen. Menschlich endete dieser Fall tragisch. warteten wir ab. daß zwei unserer Mitarbeiter. sich samt Ehefrau in Kürze in die Bundesrepublik davonzumachen. flüchtete Tiedge mit seiner Frau in die Sowjetunion. der eine unter dem Decknamen Wolfgang in der Bundesrepublik eingesetzt. erhängte der sensible und durch die Haft depressiv gewordene Mann sich in seiner Zelle. Eingedenk der Zusage. daß das Grab seiner ersten Frau gepflegt wurde. die wir Kuron gemacht hatten.

Daß Teske vor ein Militärgericht gestellt und zum Tode verurteilt wurde. Wer der Denunziant war. und er hatte Großmann nie ganz über den Weg getraut. und es stellte sich heraus. das keine abschreckende Wirkung haben konnte. ein zu großer Personenkreis wisse über Vorgänge wie den seinen Bescheid. Bei uns hatte er immer als erfolgreicher Praktiker. sondern tatsächlich vollstreckt wurde. kam es zum Eklat. der im selben Bereich wie er gearbeitet hatte. Klaus Kuron und Alfred Spuhler verhaftet worden waren. Die -311- . daß Teske die verschwundenen Unterlagen zu Hause in der Waschmaschine versteckt hatte. daran zweifelte ich keine Sekunde: Es konnte nur KarlChristoph Großmann sein. daß meine einstigen Spitzenquellen Gabriele Gast. um sie zum geeigneten Zeitpunkt einem westlichen Dienst als Eintrittsgeschenk zu überreichen. Im Herbst 1990 erfuhr ich in Österreich aus der Presse. wie recht er damit gehabt hatte. Als Unregelmäßigkeiten an den Tag kamen. der einstige stellvertretende Leiter der Abteilung IX. Im nachhinein erwies sich. fand eine gründliche Untersuchung statt. daß er befürchtete. wenn auch gleichzeitig als leichtsinniger Hasardeur gegolten. Doch als bei einer Überprüfung wichtige Akten vermißt wurden. ihn von seiner Funktion zu entbinden und mit einer Sonderaufgabe abzufinden. Unverständlich war dieses Urteil. Aus diesem Grund kann ich auch nicht verstehen.die Fußstapfen des Überläufers Stiller zu treten. sondern uns damit begnügten. die eindeutig in die Kategorie Amtsmißbrauch fielen. Kuron hatte nie verhehlt. denn es war nicht zum Verrat gekommen. warum es nicht qua Gnadenerlaß außer Kraft gesetzt. denn es wurde nicht bekanntgegeben. mit seiner dienstfertigen Betriebsamkeit charakterliche Schwächen zu übertünchen. Lange Zeit hatte er es verstanden. war juristisch nicht zu rechtfertigen. indem wir Großmann nicht vor Gericht brachten. Wie oft in derartigen Fällen versuchten wir den Schaden zu minimieren.

Manche Verräter kassieren ihren Preis. solange es seiner Karriere dient. dem Wissen. müssen für die Vertreter der Verfassungsschutzbehörde wenig vergnüglich anzuhören gewesen sein. Ich bin mir dessen bewußt. manche zahlen einen zu hohen Preis. zwei Herren zugleich zu dienen. er hatte allein mit den Hinweisen. antwortete er kühl: »Mein Dienstherr war nach meiner Entscheidung die HVA. der Menschen ausnutzt. und auf die Frage. wie Kurons ehemalige Kollegen über seinen Seitenwechsel gedacht haben müssen. In meinen Augen ist und bleibt jedoch der wirklich verächtliche Verräter derjenige. Die Vergleiche. die als Spitzenquelle im Bundesnachrichtendienst saß. wenn der Wind sich gedreht hat. wie es ihm möglich gewesen sei. Ein letztesmal bin ich ihm im September 1993 begegnet. und ich kann mir gut vorstellen. wie Grossmann kaltschnäuzig für die bekannten Silberlinge ve rkauft. wo die Geheimdienste ihre Verräter ohne viel Federlesens aus dem -312- . Die bundesdeutsche Justiz benötigte immerhin noch eineinhalb Jahre. und manchmal sieht es in der Realität tatsächlich nicht viel anders aus als im Spionagethriller. Auf die Frage nach seinen Motiven sagte er unumwunden.« Über das Bundesamt sprach er nur mit Sarkasmus und Verachtung. über die er verfügte. und sie. Kuron nahm das Urteil stoisch auf. bis sie Klaus Kuron 1992 zu zwölf Jahren Haftstrafe verurteilte. daß die Haltung zu Verrat und Verrätern vom jeweiligen Standort des Betrachters abhängt. er habe sich vom Sozialstaat Bundesrepublik im Stich gelassen gefühlt. ihre Enttarnung und Verhaftung ermöglicht. als er als Zeuge im Prozeß gegen mich aussagte. die er zwischen diesem Amt und der HVA anstellte. mit dem Bundesamt habe ich gebrochen. daß es sich um eine Frau mit einem pflegebedürftigen Kind handelte. ihn habe »ein Gefühl der Ohnmacht und Wut« erfüllt.volle Identität von Gabriele Gast war Großmann nicht bekannt gewesen.

Bis zur Schließung der Staatsgrenzen der DDR im Jahr 1961 hatte Berlin als Eldorado der Geheimdienste jeglicher Provenienz München bei weitem übertroffen. werden sie in der Regel von den Untersuchungsbehörden vertuscht.Weg räumen oder dies auch gegenüber unliebsamen Politikern versuchen. sondern wegen seines gefährlichen Wissens aus dem Verkehr -313- . Ebenfalls in München stürzte Robert Wood. Castro mittels eines speziellen Gifts zum Kahlkopf zu machen. und wenn es sie doch einmal gibt. Stock des Arabella-Hochhauses. Experte für biologische Kriegführung. dann wäre der Verräter Karl-Christoph Großmann nicht ungeschoren mit einer Strafversetzung davongekommen. zweier Führer ukrainischer nationalistischer Organisationen.und stichfeste Beweise lassen sich in solchen Fällen allerdings so gut wie nie festmachen. Hätte sich mein Dienst jemals solcher Methoden bedient. das offenbar nicht nur Likör enthielt. oder an den Versuch der CIA. aus dem 14. Hieb. blieb nichts übrig als ein verlassenes Segelboot. Angestellter des US-Konsulats und hochrangiger CIA-Agent. stürzte nach dem Genuß eines Glases Cointreau. dort fand man die Leichen Stefan Banderas und Lew Rebets. Von John S. aus dem 10. An Beispielen herrscht kein Mangel: Man denke nur an die Attentate mit vergifteten Regenschirmspitzen. bei denen die Ärzte Herzversagen feststellten. als er aussagte. die als Spezialität des bulgarischen Geheimdienstes galten. was wenige Jahre später vom Täter Bogdan Staschinskij korrigiert wurde. Frank Olsen. der ehemalige Stabschef der französischen OAS. Dort verschwand auf Nimmerwiedersehen Oberst Argoud. daß er die Exilpolitiker im Auftrag des KGB ermordet habe. Ein beliebter Schauplatz für Morde und Entführungen in Geheimdienstkreisen war lange Zeit die bayerische Landeshauptstadt. Paisley. Stock eines New Yorker Hotels. dem Vizedirektor des CIA-Büros für strategische Forschung.

oder James-BondManier mit ihnen »abzurechnen«. Sie alle wuß ten. auf den einzelnen einzugehen. Aus der Bundesrepublik ist mir für die entsprechenden Dienste kein einziger vergleichbarer Fall bekannt. wie wir konnten. -314- . Beispiele wie die Fälle Kurons und Tiedges könnten fast den Eindruck erwecken. seinen Vorstellungen soweit wie möglich entgegenzukommen und ihm so viel Sicherheit zu bieten. kann ich nur sagen. als wir merkten. daß er einen Unsicherheitsfaktor darstellte. auf Wildwest. ohne daß es ernste Versuche gegeben hätte. die meinem Dienst schwersten Schaden zugefügt haben. Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Daraus entstand eine Atmosphäre des Vertrauens. Neben dem finanziellen Motiv und dem der gekränkten Ehre oder frustrierter Ambitionen gab es auch immer wieder das der Überzeugung – sei es durch Herkunft und Erziehung oder als Frucht langer Diskussionen und Gespräche. warum wir mit vielen Quellen jahrelang oder jahrzehntelang zusammenarbeiten konnten. sondern uns um einen Austausch bemühen würden. sofern sie nicht eines natürlichen Todes gestorben sind. gerade die Arbeit mit Selbstanbietern erfordert ein Höchstmaß an Analyse. die erklärt. Ihre Adressen und Lebensumstände waren uns bekannt. Die Brüder Alfred und Ludwig Spuhler beispielsweise hatten meinem Dienst Informationen von unschätzbarem Wert aus dem BND zukommen lassen. als sei meinem Dienst der Erfolg in den Schoß gefallen. daß wir sie nicht im Stich lassen würden.gezogen worden. einen Dritten Weltkrieg verhindern zu helfen. Doch ein Angebot garantiert noch keinen Erfolg. wenn sie in die Hände der Spionageabwehr fielen. daß sie alle noch leben. weil sie die Nato-Politik als friedensgefährdend einstuften und ihre moralische Aufgabe darin sahen. Im Umgang mit unseren Quellen bemühten wir uns. Wenn ich im Geist die Namen der Überläufer durchgehe.

gegen überzogene Forderungen der politischen Führung hat er seinen »Apparat« – und somit auch meinen Dienst – stets abgeschirmt. Als Tiedge sich in die DDR absetzte. obwohl die Guillaume-Affäre oder der Fall Stiller einen Anlaß zu meiner Ablösung geboten hätten. zum Rücktritt gezwungen.In diesen Zusammenhang gehört auch die personelle Kontinuität. Solche Erfahrungen blieben mir erspart. Mochte Mielke intern noch so aggressiv auftreten. auf die bei uns großer Wert gelegt wurde. wurde Heribert Hellenbroich. der gerade zum Präsidenten des BND avanciert war. -315- .

Wenige Monate nach den Wahlen von 1976 mit ihrem für die SPD enttäuschenden Ergebnis ließ Herbert Wehner seinem Freund Erich Honecker über Vogel mitteilen. zum Beispiel über Karl Wienand. einen Vorteil in den internen politischen Spannungen der SED-Führung zu haben. Gelegentlich m einte er. Der Pragmatiker Schmidt schien berechenbarer als der Visionär Brandt.13 Ein neues 1914? Wer an die Entspannungspolitik Willy Brandts Illusionen geknüpft hatte. Die SED-Führung hatte der Kanzlerwechsel in Bonn nicht beunruhigt. wenn sich die Kluft zwischen Schmidt und der Partei vergrößere. in dem die Möglichkeit einer großen Koalition nach der Wahl des kommenden Jahres erörtert worden war. In diesem Fall hätte -316- . Diese Quelle bestätigte die düstere Voraussage Wehners über die Zukunft der sozialliberalen Koalition. Außerdem stellten wir uns bald darauf ein. vertraute er seinem Kontaktmann Wolfgang Vogel an. Schmidt befinde sich in einer politischen. gesundheitlichen und persönlichen Krise »von bisher nicht gekanntem Ausmaß«. der wurde in der Ära Helmut Schmidt schnell ernüchtert. daß auch mein Diens t unmittelbaren Zugang zu diesen Politikern hatte. Die Berichte von Vogel und Schalck wurden zur Lieblingslektüre Mielkes. auch mir Berichte über die Gespräche mit Wehner und anderen hochkarätigen Kontakten Vogels oder Schalcks vorenthalten zu müssen oder sich auf mündliche Andeutungen beschränken zu können. Mit dem exklusiven Wissen aus ihren Kontakten glaubte er. Bei diesem »Tartuffe-Spiel« übersah er. Wehner rechnete »mit dem Schlimmsten«. Jedenfalls werde die Koalition das Jahr 1980 kaum überleben. Im Herbst 1979 berichtete Wienand über ein vertrauliches Gespräch zwischen Schmidt und Strauß. daß die Jahre der Regierung Schmidt gezählt waren.

Honecker schrieb an den Rand dieses Berichts: »Strauß wird auch nicht schlechter sein als die SPD-FDP-Koalition. Er nannte in diesem Zusammenhang die Namen des Botschafters Valentin Falin. Doch das konstante Mißtrauen Moskaus gegenüber einer zu weit gehenden Annäherung beider deutsche r Staaten bremste den SED-Chef immer wieder. ähnlich wie sein Vorgänger Ulbricht. Auf westdeutscher Seite machte Wehner seinen Parteifreund Egon Bahr als denjenigen aus.Strauß Vizekanzler werden sollen. Er mußte befürchten. Wiederholt warnte der SPDFraktionsvorsitzende vor Moskauer und Bonner Intrigen gegen die DDR. Moskau bremste. Geschürt wurde dieses Mißtrauen durch Informationen Herbert Wehners. seines Stellvertreters Kwizinskij und seines politischen Vertrauten Portugalow. Vor diesem Hintergrund begann ein schwer durchschaubares Tauziehen um ein Treffen zwischen Honecker und Schmidt. der mit Billigung Moskaus gegen die DDR intrigiere. die das Verhältnis zwischen DDR und BRD belasteten. die er in unseren Informationen hätte -317- . Auch Mielke vermutete eine Intrige. die Drähte zwischen DDR und BRD auf offizieller und vertraulicher Ebene zu nutzen. so Wehner. Honecker wollte es. Schmidt zögerte. mit Besorgnis die engen Kontakte einiger Sozialdemokraten nach Moskau. weil er sich davon Prestige und eine Konsolidierung in der DDR versprach. Honecker wiederum sah. die das Zustandekommen des deutschdeutschen Gipfeltreffens verhinderte.« Erich Honecker versuchte inzwischen. Informationen. würden häufig von Bahr aus Moskau mitgebracht und seien seiner Kenntnis nach ausdrücklich von Breschnew autorisiert. Als Drahtzieher sah er ebenfalls Egon Bahr. daß sich Bundesrepublik und Sowjetunion hinter dem Rücken der DDR über die deutsche Frage einigten. Der auf Wehner fixierte Minister wollte offenkundige Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen.

Ich schrieb damals in mein Tagebuch: »Wenn unsere Dilettanten dieses Dokument wirklich gelesen und verstanden hätten. Wieder verhärteten sich die Fronten.nachlesen können. Für den realistisch denkenden Bundeskanzler hat nach den Beziehungen zu den USA das Verhältnis zur Sowjetunio n absolut vorderen Rang. kommen die Beziehungen zur DDR. Er ignorierte sie selbst noch. April 1977 zukommen ließ. wenn für ihn etwas herausspringt… Wir sollten in unserem Land die Wirtschaft und die anderen Ursachen der existierenden Unzufriedenheit in Ordnung bringen und die Nase nicht so weit hinausstrecken. -318- . Honecker hatte sich nach sowjetischem Vorbild 1976 zum Vorsitzenden des Staatsrats wählen lassen. wären sie ohne Illusionen. als Wehner ihm über Vogel eine Niederschrift des Bundeskanzlers Schmidt mit höchster Geheimhaltungsstufe vom 10. Während nach dem Abschluß der Ostverträge das Wort Entspannung Konjunktur gehabt hatte.« Leider behielt ich recht. Dieses Papier wies Schmidt als konzeptionell denkenden Strategen aus. Dann kommt noch sehr viel anderes und erst dann. Zum erstenmal sollten Atomraketen mit strategischer Reichweite auf deutschem Boden stationiert werden. der Prioritäten setzte. daß er mehr und mehr den Sinn für Realitäten einbüßte. wehte 1979 der politische Wind merklich kühler. Es kann möglicherweise bald unangenehmer Wind blasen. Unter diesen Umständen des sich wieder verschärfenden kalten Krieges reagierte Moskau auf den Plan eines Treffens zwisehen Honecker und Schmidt geradezu allergisch. in denen die DDR weit hinten rangierte. weil äußerst kompliziert. Das trug vermutlich dazu bei. und die Rüstungsspirale drehte sich schneller als je zuvor. also in unmittelbarer Nähe der Trennungslinie zwischen den Machtblöcken. Wie bei Breschnew nahm auch der Kult um seine Person sehr schnell groteske und unerträgliche Züge an.

er befinde sich zu einer Routineuntersuchung im Krankenhaus. Im Februar 1980 flog ich mit einer Delegation des MfS unter Leitung Mielkes nach Moskau. die an der DDR vorbeiliefen. Zu den Krankenzimmern gehörten jeweils Wohnraum und Arbeitszimmer. Es hieß. dachte ich nicht zu Ende. in dem sich die Führung der Kommunistischen Internationale erholte. war bei dem Festakt nicht anwesend. Anlaß war der 30. bis Gorbatschow sie der Nato überließ. und sie blieb es unter Chrus chtschow. aber von dieser Illusion war auch ich nicht ganz frei. So fuhren Mielke und ich zum Kreml-Klinikum in Kunzewo am Stadtrand Moskaus. Die DDR war zu Stalins Zeiten Objekt sowjetischer Interessen gewesen. zu dem wir an leitende Offiziere des KGB Orden und Medaillen verliehen. die deutschdeutschen Probleme im Interesse der DDR auf eigene Faust lösen zu können. Andropow. Ich kannte Kunzewo aus der Emigrationsszeit als Datschenvorort. Breschnew. die Anerkennung meines Dienstes und seiner Leistungen wiegten mich im trügerischen Gefühl partnerschaftlicher Gleichwertigkeit.« Das war sein Denkfehler. wo nur Mitglieder des Politbüros stationär behandelt wurden. Die Verbundenheit mit dem Land meiner Kindheit und Jugend. Jahrestag des MfS. Der Vorsitzende des KGB. Inzwischen war die Hauptstadt mit ihren Neubauten bis hierher vorgedrungen. Jurij Andropow. Tschernjenko. Die Konsequenzen der totalen Abhängigkeit. kommentierte er gelassen: »Die entscheiden nichts ohne uns.Erich Honecker hegte die Illusion. Die sich wiederholenden Hinweise Wehners auf Kontakte zwischen Moskau und Bonn. In dem Krankenhaus für die obere Nomenklatura gab es einen abgeschirmten Bereich. -319- . in der sich die DDR gegenüber der Sowjetunion befand. Nicht weit von der Siedlung hatte Stalin in einem streng bewachten Wäldchen sein Sommerdomizil gehabt.

Die Sowjetunion. Auch der Rat eines kompetenten deutschen Urologen sei gefragt. Ich setzte große Hoffnung auf ihn. Unterdessen vertraute mir der Leiter des Aufklärungsdienstes. Unter Eingeweihten galt er als designierter Nachfolger des kranken Breschnew. Krjutschkow. Er wirkte bleich und abgespannt. als verbringe er viel Zeit an der frischen Luft.Juri Andropow 1983 Andropow begrüßte uns im Anzug. Das war eine schlechte Nachricht. ein Staatsgeheimnis an: Die Erkrankung seines Chefs sei ernst. -320- . Wladimir A. Ich hatte großen Respekt vor den politischen und analytischen Fähigkeiten Andropows. Er hatte nie den Eindruck gemacht. ihre Verbündeten und vor allem die immer bedrohlicher werdende internationale Lage brauchten im Kreml einen gesunden Mann vom Format Andropows. der uns begleitete. Mielke und Andropow zogen sich protokollgemäß zu einem kurzen Gespräch unter vier Augen zurück.

Andropow verstand sofort. Ich hatte Andropow nie zuvor so ernst und bedrückt erlebt.« Das war auch eine unmißverständliche Warnung an die DDRFührung. daß unter gewissen Umständen ein atomarer Erstschlag gegen die Sowjetunion und ihre Verbündeten gerechtfertigt sei. Er zitierte Äußerungen des amerikanischen Präsidenten Carter. Wenig optimistisch hörte sich auch Andropows Bericht über die Lage in Afghanistan an. in dem ein atomarer Krieg eine reale Bedrohung war. daß die sowjetische Führung die geheimen Verhandlungen auf verschiedenen Ebenen zwischen den beiden deutschen Staaten mit großem Mißtrauen verfolgte. Dann begannen wir ein Gespräch über die Situation im OstWest-Konflikt.Andropow ließ in seiner nüchternen Art die Zeremonie der Auszeichnung ohne große Worte schnell über sich ergehen. schien nur noch in einer Politik der Stärke die Antwort auf das westliche Streben nach Vormacht zu finden. die alle die Aussage enthielten. daß die US-Regierung mit allen Mitteln die atomare Dominanz über die Sowjetunion anstrebe. das sowjetische AfghanistanAbenteuer zu beenden. Schwäche zu zeigen. daß unsere -321- . Andropow warnte vor einer Fehleinschätzung des westdeutschen Kanzlers. Seine nüchterne Analyse kam zu dem Schluß. als er sagte: »Wir können jetzt nicht mehr zurück. Reform und Entspannung stand. Ich versuchte vorsichtig zu erfragen. und es klang eher resigniert.« Der Mann. Andropow ließ durchblicken. ob es Überlegungen gab. Über wichtige Gespräche unserer Führung mit Bonn waren die Genossen im Kreml nicht oder nur unvollständig informiert worden. seines Beraters Zbigniew Brzezinski und von Sprechern des Pentagons. Auf meinen Einwand. Er zeichnete ein düsteres Szenarium. Das Fazit seiner Analyse lautete: »Es ist nicht die Zeit. der nach meiner Einschätzung mehr als jeder andere in der sowjetischen Führung für Vernunft. insbesondere über die Vorbereitung des Treffens zwischen Helmut Schmidt und Erich Honecker.

Zwar gab es in den Berichten unserer Quellen Anzeichen dafür.« Die Charakterisierung Helmut Schmidts als Mann mit zwei Gesichtern widersprach unserer Einschätzung nicht. Nicht. weil er dunkle Absichten hat. Nuklearraketen in vier westeuropäischen Ländern. Diese Haltung kann sehr leicht danebengehen. nun selber zu fürchten begann. Aber in der Öffentlichkeit gab sich Schmidt im Gegensatz zu großen Teilen seiner Partei als kompromißloser Befürworter des Nato-Doppelbeschlusses und als Gegner der Friedensbewegung. Der Bundeskanzler gehörte zu den geistigen Vätern des NatoDoppelbeschlusses. Von Herbert Wehner erreichten uns immer dramatischere Warnungen vor wachsender Kriegsgefahr.« -322- . zu stationieren. der nun die Entwicklung des Ost-WestKonflikts gefährlich unberechenbar machte. jede mögliche Variante auszuprobieren. Die Neutronenbomben sind maßgeschneidert für die Ruhr und für Berlin. Darin mutmaßte er: »Der CIA hat den Bazillus eines möglichen Krieges zwischen den beiden deutschen Staaten verstreut. der nach der Vereinbarung zwischen Washington und Moskau über die Beschränkung der Zahl der Interkontinentalraketen gefragt hatte. wie denn nun die Verteidigung Westeuropas aussehen solle? Die Antwort gab die Nato Ende 1979 mit dem Beschluß. Über unsere Verbindung zu Wehner erhielten wir ein streng vertrauliches Papier des SPD-Fraktionsvorsitzenden. der Mann hat zwei Gesichter. die er gerufen hatte. sondern weil er fähig ist.Informationen doch ein differenziertes Bild des Außenpolitikers Schmidt ergäben. darunter der Bundesrepublik. wenn die Sowjetunion nicht ihre SS-20-Raketen aus der DDR und Westrußland abziehe. daß sich der Bundeskanzler vor den Raketen. Mit diesem Mann sollte man keine Gespräche auf höchster Ebene führen. Ich teile Schmidts Skepsis Carter gegenüber. Das ist keine Erfindung. Aber tatsächlich steht er auf Seiten der Amerikaner. Schmidt war es gewesen. meinte er: »Ja.

Diese Besorgnis teilten auch viele Bürger in beiden deutschen Staaten. Er arbeitete weiter beharrlich an der Verwirklichung seines Traums. Doch trotz vernünftiger Einsicht schienen die Mächtigen in Ost und West fatalen Zwängen zu unterliegen. wo er unter Herbert Wehner den -323- . Der Vergleich mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. ohne ihn wirklich zu wollen. gab er nur durch mißtrauischen Fragen zu erkennen. Nachträglich mag die Kriegsfurcht. Unbeirrt folgte er seinem Kurs. Die Vorschläge unserer Führung zur Entwicklung der Beziehungen mit der BRD wurden in Moskau praktisch ignoriert.Wehner zeichnete gegenüber Wolfgang Vogel aber auch ein zunehmend negatives Bild von Schmidt. sich ihrer Konfrontationslogik unterzuordnen. DDR-Außenminister Fischer kam von einem Besuch bei seinem sowjetischen Kollegen Gromyko mit ähnlichen Eindrücken zurück. Ebenso bedeutsam war für ihn eine Rückkehr in sein heimatliches Saarland. Diese Befürchtung jedenfalls ließ er dem »Jugendfreund« Erich Honecker übermitteln. die Anfang der 80er Jahre herrschte. dem er zur Kanzlerschaft verholfen hatte. in der die Großmächte unaufhaltsam dem bewaffneten Konflikt zutrieben. im Sog einer »abenteuerlichen« US-Politik treibe. Erich Honecker hatte Moskau den blinden Gehorsam längst aufgekündigt. die Kontakte der DDR zu Bonn auch auf höchster Ebene auszubauen. Daß Gromyko sie überhaupt zur Kenntnis genommen hatte. daß der Mann. Moskau und Washington verlangten auch von ihren jeweiligen deutschen Verbündeten. in Bonn auf rotem Teppich zu den Klängen der DDR-Hymne empfangen zu werden. Der Spiegel erschien 1980 mit einer Titelgeschichte »Wie im August 1914? Angst vor dem großen Krieg«. Die Informierten und Nachdenklicheren in Bonn und Ostberlin aber waren damals ernsthaft besorgt. übertrieben scheinen. wie ich sie bei Andropow gewonnen hatte. Er meinte. wurde unseren Quellen zufolge auch von verantwortlichen Bonner Politikern diskutiert.

Als die USA von der BRD den Boykott der Olympischen Spiele im Sommer 1980 in Moskau verlangten. Schmidt stand unter ähnlichem Druck aus Washington. daß dem Kanzler letztendlich die Loyalität gegenüber Washington über alle Bedenken ging. Die Forderung der USA nach Wirtschaftssanktionen gegen die Sowjetunion soll bei dieser Sitzung von der Mehrheit der -324- . Unsere Quellen im Umfeld des Bundeskanzleramts. Andererseits bestätigte sich die Einschätzung Andropows. ließen uns wissen. die uns auch nach dem Ausfall Guillaumes noch ausreichend informierten. in einer Atmosphäre der Irrationalität zwischen den Großmächten so etwas wie eine gesamtdeutsche Achse der Vernunft zu schaffen. Der geplante Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt in der DDR war nach dem unmißverständlichen Veto Moskaus für Honecker nicht mehr durchführbar. daß Helmut Schmidt nur widerwillig und oft wider bessere Einsicht dem Druck aus Washington nachgab. Soweit die Kontakte nicht über Mitarbeiter oder Quellen meines Dienstes liefen. erfuhr auch ich Einzelheiten eher aus Bonn als von Eingeweihten in Berlin. ihn ausladen zu müssen. die deutschdeutschen Gespräche auf verschiedenen Ebenen so gut wie möglich vor der mißtrauischen Neugier der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin abzuschirmen. bevor er die Zustimmung für den Olympia-Boykott bekam. kam es zum Eklat innerhalb der SPD-Führungsriege. Während einer Krisensitzung beim Bundeskanzler im April 1980 soll nach unseren Informationen Schmidt mit dem Rücktritt gedroht haben. Wichtigstes Element der Politik intensiver politischer Kontakte zwischen Bonn und Ost-Berlin war allerdings auf beiden Seiten der Versuch. das Treffen abzusagen. Der Kanzler tat es und ersparte damit dem Staatsratsvorsitzenden die Peinlichkeit. Honecker und seine Umgebung versuchten.Widerstand gegen die Nationalsozialisten organisiert hatte.

Mir war immer klar gewesen. da ist alles drin. Der erste. Schmidt befindet sich in einem Dickicht von Wahnvorstellungen. Er hatte das Vertrauen in den Bundeskanzler verloren und beschwor Vogel: »Sagen Sie meinem Jugendfreund. Bahr und Apel sprachen sich entschieden gegen Sanktionen aus. -325- . Seit heute weiß ich. daß die Ressourcen unseres Bündnisses nicht ausreichten. Wehner.U-Boote. Er ließ noch am selben Tag Rechtsanwalt Vogel zu sich kommen und formulierte eine Nachricht für Erich Honecker: »Wir ziehen ja an einem Strang. Einer der führenden sowjetischen Nuklearstrategen vertraute mir an. Carters Präsidentschaft hatte im Kreml große Besorgnis ausgelöst. Soldaten und nuklearen Raketen auf dem Boden der DDR geäußert. war Herbert Wehner. denn der fü r uns unberechenbare Mann präsentierte ein Rekordverteidigungsbudget von über 157 Milliarden Dollar. die er in MX. daß sie sich anbahnt. der atomare Aufrüstungswettlauf an der deutschdeutschen Grenze sei zu stoppen.und Trident-Raketen investierte. Ich habe ihm (Honecker) versprochen. Wiederholt hatte er sich besorgt über die Konzentration von Waffen. Auch Mielke glaubte noch. aber er überschätzte seinen Einfluß. der uns über diese Sitzung im Bundeskanzleramt informierte. wie verletzbar die Sowjetunion angesichts einer amerikanischen Politik der Stärke und Hochrüstung war. Ob und wie er sich da rauswindet. um da mitzuhalten. in Cruise Missiles und Atom.versammelten Sozialdemokraten abgelehnt worden sein – Brandt. ja vielleicht schon brodelt.« Wehner sah eine Lage »wie 1914«. nur Hans-Jürgen Wischnewski befürwortete sie. die Stationierung von sowjetischen SS-20Raketen zu verhindern.« Honecker versuchte im Krisenjahr 1980 gegenüber Moskau als gleichberechtigter Partner aufzutreten. vor einer möglichen Kriegsgefahr zu warnen.

in der BRD und den USA wurden entsprechend instruiert. der alle Staaten des Warschauer Pakts einbezog. die Abkürzung für »Raketno jadernoje napadenije«. Der Minister befahl allen Dienstbereichen der Staatssicherheit. sah die Sowjetführung den atomaren Erstschlag der Nato als reale Gefahr. Für diese Aufgaben wurde der Stab der HVA ausgebaut. Eine spezielle Arbeitsgruppe des Ministers war damit beauftragt.Als dann der eher schwache Carter von dem säbelrasselnden Antikommunisten Ronald Reagan ersetzt wurde. zu deutsch RaketenKernwaffen-Angriff. Er erhielt ein eigenes Lagezentrum. Hinweise auf Angriffsvorbereitungen unverzüglich an die HVA weiterzuleiten. die Hinweise auf Angriffsvorbereitungen sein konnten. Unsere Quellen in den Nato-Stäben. alle Anzeichen für einen bevorstehenden atomaren Angriff der Nato auf schnellstem Weg zu einer Zentrale und von dort nach Moskau zu übermitteln. Er bekam den Tarnnamen Rjan. Von Moskau wurde als Antwort auf die neue Situation ein Plan entwickelt. -326- . den Bau dezentraler Kommandobunker für den Kriegsfall zu forcieren. Die Stationierung der atomaren Trägerwaffen an der deutschdeutschen Grenze bedeutete eine dramatische Verkürzung der Vorwarnzeiten im Falle eines Kernwaffenangriffs der Nato. Es wurde ein Katalog von Merkmalen erarbeitet. Für die Leitung der HVA wurde ein atomsicherer Bunker in die Gosener Berge südöstlich von Berlin gegraben. deren Standorte wir bereits erkundet und nach Moskau gemeldet hatten. Die darüberliegenden Tarnobjekte eigneten sich allerdings hervorragend für gesellige Veranstaltungen und die Unterbringung von Gästen. Dieser Plan sollte es ermöglichen. Vom Nutzen solcher Anlagen war ich wenig überzeugt. Höchste Priorität hatte die Observation der Basen von Pressing 2 und Cruise Missiles. das mit einer Sonderverbindung zum Partner in Moskau ausgestattet werden sollte.

die verhandeln weiter. daß Schneisen und Lichtungen in die Wälder geschlagen wurden und daß die SS-20-Lafetten im Schutz der Dunkelheit. wo die NatoRaketen stehen sollten. daß eine unmittelbare Bedrohung durch einen nuklearen Raketenangriff nicht gegeben war. die wir lieferten. Du wirst sehen. daß Mielke mir wenige Wochen vor dem Eintreffen der sowjetischen Raketen erklärte: »Es kommt überhaupt nicht in Frage. Moskau konnte zufrieden sein mit den militärischen und militärpolitischen Informationen. Im Grunde haben wir Deutschen als Statisten an den Kriegsspielen der Supermächte teilgenommen. Wir wußten zwar.Die Durchführung der Maßnahmen im Rahmen des Plans Rjan beanspruchte viel Zeit und Kraft.« Weder er noch jemand anders aus der Staatsführung konnte verhindern. wie die sowjetischen Bundesgenossen bei der Stationierung der atomaren Raketen in der DDR wie eine Besatzungsmacht auftraten. anrollten. Nur so ist verständlich. einem vorausgesagten Angriff des Gegners mit einem Erstschlag von unserer Seite zuvorzukommen. Die Kreml-Führung hätte uns wohl auch nicht in solche Pläne -327- . Mitte der 80er Jahre ließ der von Moskau forcierte Tempodruck allmählich nach. Trotz dieser Disproportion hatten wir uns nie als reine Erfüllungsgehilfen Moskaus gesehen. Die Analysen. zu denen auch unsere Quelle in der Nato. Dennoch war es frustrierend zu erleben. das teilten die Freunde selbst Honecker und Mielke nicht mit. Daneben waren die Gegengaben unserer sowjetischen Kollegen eher bescheiden. wichtige Informationen lieferte. ermöglichten uns die Einschätzung. um Platz für die Startrampen zu schaffen. daß wir Milliarden ausgeben und unsere Bäume abhacken. habe ich nie erfahren. wo und wann aber die SS-20-Raketen in unseren Wäldern versteckt werden würden. als Holztransporter getarnt. Auf militärischem und strategischem Gebiet erkannten wir die Führungsrolle der Sowjetunion aus Überzeugung an. Rainer Rupp. Ob es Pläne gab.

um eventuelle Gefahren rechtzeitig zu erfassen. daß von Deutschland auch bei einem begrenzten atomaren Krieg nur ein radioaktiv verseuchtes Trümmerfeld übrig bleiben würde.eingeweiht. Am 21. Die eskalierenden Streiks. ihre Verbündeten zu beschwichtigen. Zu 1968 bestand ein grundlegender Unterschied: Damals war die Intervention eine Reaktion auf die Politik der Führung in Prag unter Alexander Dubcek gewesen. dem 12. Jahrestag des Einmarschs der Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR. bestellte Mielke mich zur Beratung über die Lage in Polen. Die Führung in Warschau war bestrebt. und mit meinem Kollegen Jan Slowikowski. Die Nuklearstrategen auf beiden Seiten wußten natürlich. dem Stellvertreter des Innenministers. Mielke bezweifelte. die von unten ausging. In der Ministerinformation aus Warschau hieß es. ob ich nicht meine guten Beziehungen nutzen und mir selbst vor Ort einen Eindruck verschaffen wolle. die regierende Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) mobilisiere ihre Mitglieder und sei Herr der Lage. hatten unübersehbar wirtschaftliche Ursachen: Die willkürlichen Preiserhöhungen der Lebensmittel wurden von den Arbeitern nicht länger hingenommen. daß die politische Führung die »Konterrevolution« niederhalten könne. Ich vereinbarte Termine mit meinem alten Bekannten Frantisek Szlachcic. als das Gespens t des Jahres 1914 in Europa umhergeisterte und mein Dienst sämtliche Möglichkeiten im Westen mobilisieren mußte. in Polen jedoch zeichnete sich eine Erhebung ab. die im Juli und August in die Gründung der unabhängigen Dachgewerkschaft Solidarnosc einmündeten. der unter Gierek zum zweiten Mann in der Parteiführung der PVAP aufgestiegen war. begann sich hinter unserem Rücken in Polen ein neues Unwetter zusammenzubrauen. dem Leiter des polnischen -328- . mit Miroslaw Milewski. August 1980. In jenem Sommer von 1980. Nach einer Unterredung mit Honecker Ende August schlug er mir vor.

aus den Notizen über meine Gespräche mit den polnischen Bekannten ausführlich zu berichten. Beschwichtigungsversuchen. Die Grenzen der Gewalt waren deutlich erkennbar geworden. Der Westen schwankte zwischen Frohlocken über die ersten Erfolge auf dem -329- . Kritik an der eigenen Führung und überheblicher Geringschätzung der intellektuellen Führer der Opposition wider. An dieser von der Realität weit entfernten Sicht meiner Gesprächspartner änderte sich wenig bis in den Dezember des Folgejahres hinein. keinesfalls jedoch die nach freien. Man hatte mir erklärt. Im Flugzeug ging ich nochmals eine kurze Zusammenfassung der Polen-Informationen des BND und des Auswärtigen Amtes durch. erhielt ich aus Warschau die Nachricht. zu diesem Zweck seien den Streikenden 400 000 DM zugeflossen. daß vom BND und Kreisen um Franz Josef Strauß Bemühungen ausgegangen seien. Nach Mitteilungen einer unserer Bonner Spitzenquellen wollte die SPD-Führung in Erfahrung gebracht haben. nicht sehr ernst zu nehmende Gestalt betrachtet. als in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde. Sie spiegeln nichts als eine Mischung aus Ratlosigkeit. unabhängigen Gewerkschaften. von den einundzwanzig Danziger Forderungen könnten zwanzig akzeptiert werden.Nachrichtendienstes. Kaum war ich wieder in Berlin und faßte gerade meinen Bericht ab. Schon bei meiner Reise Ende August 1980 zeigte sich diese Realitätsferne darin. das Zentralkomitee der PVAP habe sämtliche Forderungen des Streikkomitees akzeptiert. Bei dieser Kraftprobe hatte sich Solidarnósc gegen den Machtapparat von Staat und Partei durchgesetzt. Verhandlungen des Streikkomitees mit der polnischen Regierung zu vereiteln. Es lohnt nicht. eine Legalisierung der Opposition komme auf keinen Fall in Frage. fast eine Witzfigur. Die Reise hätte ich mir also sparen können. Lech Walesa wurde als ferngesteuerte. daß die Lagebeurteilung des Innenministeriums innerhalb von vierundzwanzig Stunden völlig umgekrempelt wurde.

Für die HVA stand das Beschaffen von Informationen über die Absichten westlicher Dienste. -330- . Bei Milewski konnte ich mich nie des Eindrucks erwehren. Parteien und Organisationen hinsichtlich des Nachbarlandes im Vordergrund.Weg der Liberalisierung und der Befürchtung. Oft genug kam ich mir selbst in jenen Tagen wie gelähmt vor. Um einer solchen Entwicklung vorzubeugen. daß der polnische Staat Aufweichungserscheinungen zeigen könnte. Regierungsstellen. Zugleich hatten wir den Auftrag. daß man im Westen ein Eingreifen der UdSSR und ihrer Verbündeten für unausweichlich hielt. auch in meinem Dienst. aus der SPD-Spitze und dem BND ließen uns erkennen. und an Ministerpräsident Jaruzelski. Bei meiner zweiten Reise nach Warschau im Oktober 1980 war Milewski bereits Innenminister. Der Prager Frühling mit all seinen Folgen war noch in frischer Erinnerung. uns in Polen selbst um eine eigene Beurteilung der Lage zu bemühen. wurden innerhalb des MfS. Westeuropäische Politiker bemühten sich darum. Sämtliche Quellen aus westlichen Regierungskreisen. in München wirkte Radio Free Europe. in Paris die Emigrantenzeitschrift Kultura. Kania. die die Mitglieder des Warschauer Pakts zur Intervention veranlassen würden. Vom Papst und Kardinal Wyszynski bis zu Ratgebern aus westeuropäischen Gewerkschaften wurde bremsend auf die radikalen Führer der polnischen Gewerkschaftsbewegung eingewirkt. besondere Arbeitsgruppen mit dem Schwerpunkt Polen gebildet. Der für das große Arbeitszimmer etwas zu klein geratene Minister nahm sich viel Zeit für unser Gespräch und sparte nicht mit Kritik am neuen Generalsekretär der Partei. eine direkte Intervention zu verhindern. Unser polnischer Partnerdienst hatte uns insbesondere um Auskünfte zu polnischen Emigrantenzirkeln und deren Aktivitäten gebeten. daß unsere Präsenz und mein Ausfragen seinem polnischen Nationalstolz widerstrebten.

Als Woijciech Jaruzelski die Führung übernahm und Kiszczak. an Milewskis Statt zum Innenminister ernannte. durch diesen Schritt habe er einem Einmarsch sowjetischer Truppen vorgebeugt. riß meine wichtigste persönliche Verbindung nach Warschau ab. den Mann seines Vertrauens. um die Lage aus eigenen Kräften zu normalisieren. mit Blick nach vorn weitsichtig und klug Entscheidungen zu treffen. Es scheint mir undenkbar. Aus meinen Gesprächen mit Andropow und mit Krjutschkow war ich zu der Überzeugung gelangt. die polnische Führung werde nun alles tun. Doch einem analytisch denkenden Mann wie Andropow mußte klar sein. daß dies keine Lösung auf Dauer sein konnte. daß er sein Vorhaben nicht mit Moskau abgestimmt hatte. daß in Polen das Kriegsrecht verhängt worden war. daß für die UdSSR nach den Erfahrungen von 1968. Jaruzelski erklärte später. Dezember. Je heftiger der kalte Krieg zwischen den Weltmächten geführt wurde. In Moskau und OstBerlin saßen alte Männer an den Hebeln der Macht. vorerst Luft zu gewinnen. überraschte mich genauso wie Honecker und Schmidt. nach der Verstrickung in den afghanischen Bürgerkrieg und angesichts der Spannungen mit China und der demonstrativen Politik der Stärke der USA ein bewaffnetes Vorgehen in Polen nicht mehr in Frage kam.Das Prager Szenarium von 1968 noch vor Augen. auf den 13. trieb Polen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft möglicherweise noch katastrophaleren Ereignissen entgegen. Unter diesem Aspekt war Jaruzelskis Eingreifen das kleinere Übel. das half. hieß es. Die Nachricht in der Nacht vom 12. Als Jaruzelski Mitte Oktober zum Generalsekretär der PVAP gewählt wurde. Bis in den Sommer 1981 hielten die Wechselbäder aus Streikdrohungen und trügerischer Ruhe an. die am Werbellinsee bei Berlin konferierten. desto intensiver wurden die geheimen Kontakte -331- . kaum fähig.

Mittag berichtete. In Teheran war zu dieser Zeit die US-Botschaft von »Gotteskämpfern« besetzt. In ihnen offenbarte sich ein Helmut Schmidt.zwischen Schmidt und Honecker. Mielke zeigte mir Niederschriften dieser Telefonate. Nach der Wende haben es westdeutsche Politiker konsequent verschwiegen oder herabgespielt. Mittag zufolge beklagte der Bundeskanzler sehr offen den Druck. den Washington auf Bonn ausübte.« Schmidt – so Mittag sah in der Verschlechterung der internationalen Lage eine ernste Gefahr und soll wörtlich gesagt haben: »Alles läuft aus dem Ruder. die inzwischen regelmäßig miteinander telefonierten. der auf ihm laste. aber stetig in eine Konfrontation. beide Seiten müßten versuchen. Erich Honecker solle -332- . auf ihre »großen Freunde« mäßigend einzuwirken. Herbert Wehner bereitete über Vogel unsere Seite auf das Gespräch vor. In dieser bedrohlichen Lage – so Schmidt laut Mittag müßten die Kontakte zwischen den beiden Staaten unbedingt erhalten bleiben. wie vertraut und vertraulich oft ihre Kontakte zu den Repräsentanten der SED waren. April 1980 einen realistisch analysierenden Schmidt.« Er fürchte einen möglichen Zusammenstoß der Großmächte. die sehr schnell zu panischen Reaktionen eskalieren könne. dem es ganz offensichtlich ernst war mit der wiederholten Beschwörung: »Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen. der US-Präsident könne auf diese Situation irrational reagieren. der sehr viel nachdenklicher und beunruhigter schien. Der amerikanische Präsident erliege dem starken innenpolitischen Druck. und die Weltmächte gerieten dadurch langsam. als er sich der Öffentlichkeit und selbst den eigenen Parteifreunden gegenüber präsentierte. und bat um Verständnis für die Beteiligung der BRD am Olympia-Boykott. Statt des abgesagten Treffens zwischen Schmidt und Honecker wurde ein Besuch des Politbüromitglieds Günter Mittag beim Bundeskanzler arrangiert. Wie Mittag hinterher berichtete. traf er am 17. daß Schmidt befürchte.

aber ein Gespür für das Bedrohliche der internationalen Lage. Seitens der Bundesrepublik werde »nichts Verrücktes« passieren. und es bestand ein starkes Interesse unserer Führung. die Friedensbewegung sei »vom Osten gesteuert«. Mittag wiederum erklärte im Namen Honeckers. daß er. Sie protestierte gegen die Raketenstationierung und die militante Außenpolitik der USA. Dennoch waren die Gruppen und Personen. in der Minderheit. die Aufhebung des Beschlusses über die Raketenstationierung in der BRD sei die wichtigste friedenssichernde Maßnahme.wissen. Die Menschen in beiden deutschen Staaten hatten nicht die detaillierten Informationen der politisch Handelnden. alles zu tun. in der sich das große Unbehagen über die herrschenden Verhältnisse bündelte. wenn möglich sogar zu beeinflussen. Als im Herbst 1981 die große Friedensdemonstration in Bonn organisiert wurde. gehörte die uns nahestehende Deutsche Friedensunion zu den Initiatoren. In der Bundesrepublik war die neue Massenbewegung zunächst deutlicher sichtbar. in diesem Telefonat sollen beide nochmals ihre Bereitschaft versichert haben. sprach unter anderen -333- . die nach Bonn kamen. Die formelhaften Erklärungen über das Treffen für die Öffentlichkeit ließen kaum ahnen. wie eng die Regierenden der beiden deutschen Staaten in dieser Krisensituation zusammengerückt waren. Helmut Schmidt. sie zu unterstützen. Vor den Dreihunderttausend. soll Schmidt nach dem Gespräch mit Mittag Honecker angerufen haben. Konservative Politiker und Medien behaupteten sofort. »daß von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht«. Tatsächlich schien die Bewegung für die außenpolitischen Ziele unserer Seite nützlich zu sein. das Geschäft Moskaus und Ost-Berlins zu betreiben. auf die wir einwirken konnten. Selbst Helmut Schmidt warf den Demonstranten vor. Beinahe zeitgleich entwickelte sich in Ost und West eine Friedensbewegung. Soweit mir bekannt. berechenbar sei.

und Staatsapparat hinein. auf der anderen Seite sollte die Friedensbewegung im Westen im Einklang mit unserer Außenpolitik unterstützt werden. So verspielte sie die Gelegenheit. wodurch die Schwerter. sich nach unseren taktischen Anweisungen zu verhalten. Ich wandte mich dagegen. sondern auch gegen die Verletzung von Menschenrechten und die vormilitärische Ausbildung an unseren Schulen. In der DDR organisierte sich eine eigene Friedensbewegung. Die Staatsmacht reagierte mit Repression statt mit Dialog auf diese Erscheinung. Auf der einen Seite wurde schärferes Vorgehen gegen »ideologische Diversion« verlangt. der sich engagiert für Dissidenten aus sozialistischen Staaten einsetzte.zu-Flugscharen-Gruppierungen in die Opposition gedrängt wurden. Dabei entwickelten sich immer engere Beziehungen zwischen den Protestierenden in Ost und West. und ging statt dessen mit administrativen Maßnahmen gegen sie vor. Unser einziger Mann auf der Rednerbühne war der FDP-Politiker William Borm. deren Forderungen schließlich weitgehend identisch -334- . Die dadurch erzeugte Konfusion wirkte bis in den Partei. Die Engstirnigkeit dieser Politik war für viele unbegreifbar. die sie nicht unter Kontrolle bekam. mit den kirchlich beeinflußten Friedenskräften der DDR ins Gespräch zu kommen. Meine Meinungsäußerungen blieben aber auf einen sehr kleinen Kreis beschränkt. die sich nicht nur gegen die Hochrüstung aussprach.der Schriftsteller Heinrich Böll. Dem außenpolitischen Nut zen der westdeutschen Friedensbewegung für die DDR standen aus der Perspektive unserer Führung bald die innenpolitischen Auswirkungen entgegen. die Auseinandersetzung mit den Friedensgruppen der Staatssicherheit zu überlassen. Der Widerspruch zwischen der Friedenspolitik nach außen und der restriktiven Haltung bis hin zur Repression gege n Engagierte der Friedensbewegung im Innern wurde immer auffallender. doch auch er wäre nicht bereit gewesen.

Diese Entwicklung wirkte sich auf viele Bereiche der Staatssicherheit aus. Ihren Vertretern – darunter so prominenten Repräsentanten der Friedensbewegung wie Petra Kelly und Gert Bastian – wurde wiederholt die Einreise in die DDR verweigert. Sie sollten gegen die »feindlichnegativen Kräfte« vorgehen und durften zugleich der Außenpolitik nicht schaden. Gert Bastian und Petra Kelly 1983 Für den auf die Außenpolitik orientierten Nachrichtendienst war die Haltung zur Friedensbewegung einfacher. Das zeigte sich unter anderem im Verhältnis zu den Grünen in der BRD. Sie hatte qualitativ und quantitativ ein ganz anderes Gewicht als ihre -335- . Jugend und Kirche Verantwortlichen konnten den Widerspruch nicht lösen. Die in der Abwehr für oppositionelle Gruppierungen. Diese unvereinbaren Anforderungen führten zu Unsicherheit unter den Mitarbeitern bis hin zum Minister.waren. weil sie hier Mitglieder von Friedensgruppen besuchen wollten. Aus unserer Sicht richtete sich die Bewegung objektiv gegen den Kurs der US-Politik und der von ihr abhängigen Regierungen.

Die moderne Technologie wurde mit Kriegsbedrohung und Zukunftslosigkeit. Wir konnten bei Sympathisanten der Friedensbewegung neue Mitarbeiter rekrutieren. damit auch innenpolitische Wirkung zu erzielen. die Kampagne »Kampf dem Atomtod« in den 50er und die Ostermärsche in den 60er Jahren. aus -336- . weil sie fürchteten. Schließlich hatte die Aufklärung auch Anteil an der Propagandaschlacht. Ein anderes Ziel unserer Arbeit war es. das eine Perspektive als Quelle versprach. Zusammengehörigkeitsgefühl und Selbstverwirklichung. 1981 hatten sich neun ehemals hohe Militärs aus verschiedenen Nato-Ländern zusammengefunden. daß die Aktivisten der Bewegung vom Verfassungsschutz und anderen westlichen Diensten ähnlich intensiv überwacht wurden wie die Oppositionellen in der DDR von der Abwehr. Das waren wichtige Aspekte für unsere Arbeit. Unter ihnen war der pensionierte General Graf Baudissin. der kapitalistische Staat mit Entmündigung und Entfremdung gleichgesetzt. und daß sie sich nicht auffällig politisch engagiert hatten. der Parteiführung objektivierende Informationen über die Grünen und andere Gruppierungen zu liefern. daß die atomare Hochrüstung vor allem des Westens zum nuklearen Inferno führen könne. Eine kleine Friedensgruppe war für uns dabei besonders interessant. Ich hoffte. Denn wir wußten. die zu einem toleranteren Umgang mit der Friedensbewegung in der DDR führen könnte. daß gerade bei jungen Menschen aus bürgerlichen Familien ein grundlegender Wertewandel stattgefunden hatte. Aufstieg und materieller Wohlstand waren ihnen weniger wichtig als Solidarität. die zwischen den Blöcken tobte. um Vorurteile abzubauen.Vorgänger. Unsere Analysen zeigten. einer der Väter der Bundeswehr und ihr demokratisches Gewissen. Sie nannte sich »Generale für den Frieden«. Voraussetzung war. daß sie ein Studienfach hatten. aus den USA Admiral John Marshall Lee. Aus England kam General Michael Harbottle.

Kopf und Motor. aus den Niederlanden Admiral von Meyenfeldt. Sein Hauptforschungsgebiet war die Verbindung hoher Militärs zur Rüstungsindustrie in der Bundesrepublik und den USA. Einige Monate nach der Gründung stieß Exgeneral Gert Bastian zu der Gruppe. Sie konnten den amerikanischen Propagandaslogan von der »sowjetischen Bedrohung« aus militärischer Sicht überzeugend widerlegen. so paradox es klingen mag. Viele hatten an der strategischen Planung der Nato und damit an den Konzepten der atomaren Abschreckung mitgearbeitet. war der ehemalige Offizier der Bundesmarine Gerhard Kade. wovon sie redeten. Seine Erkenntnisse hatten ihn zu einer sehr kritischen Einstellung gegenüber dem militärischindustriellen Komplex in der Marktwirtschaft gebracht. Bastians Lebensgefährtin wurde die populärste und eindrucksvollste Repräsentantin der westdeutschen Friedensbewegung. wie den jungen Aktivisten. Niemand konnte ihnen. sie wüßten nicht. Sie alle waren schon im Zweiten Weltkrieg Offiziere gewesen und waren in ihren Ländern hoch angesehen. Sie mußten ihre Reisen zu den gemeinsamen Treffen. aus Italien General Nino Pasti und aus Portugal General Fransisco da Costa Gomes. zu Vorträgen und Diskussionen -337- .Frankreich Admiral Antoine Sanguinetti. hatte seinen Dienst bei der Bundeswehr quittiert. vorwerfen. Ihre Wirkung ging noch weit über den Kreis der Engagierten hinaus. Bastian. war Historiker an der Universität Hamburg und Publizist geworden. Er hatte den Dienst schon Jahre zuvor quittiert. Die neun Militärs gewannen. vergleichbar einem Geschäftsführer der Gruppe. schnell einen herausragenden Status in der Friedensbewegung. weil er die Raketenrüstung nicht mitverantworten wollte und zunehmend reaktionäre Tendenzen bei seinen Kameraden registrierte. Ein großes Problem der »Generale für den Frieden« war die Finanzierung ihrer Aktivitäten. zuletzt Kommandeur einer Panzerdivision. Petra Kelly.

Das war unsere Chance. sich mit Vertretern aus Politik und Wissenschaft zu unterhalten. In solchen delikaten Dingen traten wir meist anders auf als die USGeheimdienste. daß es seiner Abteilung gelungen sei. heranzukommen. Nach einigen Begegnungen und Gesprächen bekam Kade den Decknamen Super. Kurz nach ihrer Gründung meldete mir ein Mitarbeiter. die selten ein Hehl aus ihrer Ident ität machten und gern von Anfang an Begriffe wie Anwerbung und Bezahlung im Munde führten. die selbstverständlich nicht von der HVA. die mangelnden finanziellen Ressourcen. Wir waren nicht so naiv anzunehmen. Sie hatten keine Mittel. Er meinte. Kade war in den Gesprächen sehr schnell auf das Problem der »Generale für den Frieden« gekommen. Kontakt zu der Gruppe zu suchen. Aber der Deckmantel wirkte beruhigend auf die Gesprächspartner und gab ihnen einen gewissen Schutz. Ich mußte meinen Mitarbeitern keine spezielle Order geben. ein jährlicher Zuschuß von 100000 DM würde der Gruppe die Öffentlichkeitsarbeit entscheidend erleichtern.weitgehend selber finanzieren. daß diese Behauptung wirklich geglaubt wurde. daß die Aktion zu einem großen -338- . die vorgaben. Gerhard Kade. im Auftrag des Ministerrats der DDR zu reisen. über eine Quelle in Hamburg an den Organisator der Friedensgenerale. dem mußte schnell klar sein. Der ehemalige Marineoffizier schien bereit zu Gesprächen mit Abgesandten der DDR. Ich schickte zwei Leute. ihre Analysen und Forderungen zu publizieren. Ich bewilligte die Summe. Als sich herauskristallisierte. wie wir es häufig bei Kontakten zu potentiellen Quellen in Westdeutschland taten. der auch seine Bedeutung für uns ausdrückte. Wer ein wenig Ahnung von den Strukturen der DDR hatte. daß er sich mit dem Nachrichtendienst einließ. und ganz Naive beließ er im Glauben. sondern vom Institut für Politik und Wirtschaft als Spende ausgezahlt wurde.

besser gesagt. ob alle Mitglieder der »Generale für den Frieden« über die Finanzierungsquelle informiert waren. Unsere jährliche Spende war nicht die einzige Unterstützung aus dem Osten. den KGB zu bewegen.Erfolg wurde. daß die Vorschläge. daß sich ein Sponsor eingefunden hatte. aber wahrscheinlich genügte ihnen Kades Erklärung. behaupteten alle möglichen Stellen in der DDR. Gleichzeitig mit uns bemühte sich auch der KGB um eine Verbindung zu Kade und informierte mich darüber. Am ärgerlichsten war dabei die Rolle von Honeckers Schwager Manfred Feist. daß er der Initiator der Unterstützung für die Generäle gewesen sei. die in letzter Zeit aus Moskau kommen. Kade mußte die von ihm eingebrachten Vorstellungen mit der ganzen Gruppe diskutieren. Feist erzählte Honecker. daß die Gruppe nun das Sprachrohr Moskaus gewesen wäre. und ich -339- . So hatte beispielsweise Expanzergeneral Bastian ursprünglich Ost und West gleichermaßen für die Hochrüstung verantwortlich gemacht und zur Umkehr aufgefordert. Dennoch erkannte man in Erklärungen der Generale den Einfluß wieder. ob die jüngste Rede des sowjetischen Außenministers Gromyko nicht der Stärkung des Friedens diene. das sei ihr Verdienst. einen sowjetischen General dazu abzukommandieren. sehr konstruktiv sind. den wir über Kade ausübten. Offenbar gelang es Kade daraufhin. während er später immer eindeutiger für Positionen des Warschauer Pakts Partei ergriff. und die eigenwilligen Persönlichkeiten waren kaum manipulierbar. was sie sich unter diesem Institut vorstellten. bis 1989 Leiter der Abteilung Auslandsinformation im Zentralkomitee. Sie müssen sich gefragt haben. Als er 1987 in einem Interview mit dem DDR-Radio gefragt wurde. wieso in der Vereinskasse plötzlich Geld war. antwortete Bastian: »Das denke ich. Dies bedeutete allerdings keineswegs. daß er sich um Aufnahme in die »Generale für den Frieden« bewarb. Ich weiß nicht. denn das war tatsächlich der Fall. Ich glaube.

um sie möglicherweise zu manipulieren. hat der Sache nicht geschadet. Wenn man mich fragt. ob Bastian von Kade in dessen Kontakte eingeweiht war. daß sie im Westen ein positives Echo finden. Wir waren schließlich weder Initiatoren der Gruppe noch ideologische Einflüsterer.hoffe. Die Gesinnung dieses integeren Mannes war dadurch nicht zu kaufen. daß Bastian zumindest etwas geahnt haben muß. kann ich das mit einem klaren Nein beantworten. Für unsere Abwehr jedenfalls blieb er ein verdächtiger Kunde. dem man die Einreise in die DDR lange Zeit verwehrte. Ich hatte bei dieser Aktion – im Unterschied zu einigen anderen Operationen – nie Bedenken. Daß sich einige ihrer Mitglieder vielleicht unter unserem Einfluß außenpolitisch unseren Positionen näherten. Ich habe keine Belege dafür. Wie kaum eine andere Gruppierung haben die »Generale für den Frieden« durch ihre Kompetenz und ihren Mut einer breiten Öffentlichkeit die Kriegsgefahr in den 80er Jahren bewußtgemacht und haben dadurch die Regierenden auf einen vernünftigeren politischen Kurs gezwungen. Wir haben durch unsere Hilfe nur dazu beigetragen. Gert Bastian nahm sich 1992 das Leben. nachdem er seine Lebensgefährtin Petra Kelly erschossen hatte.« Bastians Parteinahme für Moskauer Positionen führte innerhalb der westdeutschen Friedensbewegung zu kontroversen Diskussionen und stand nicht immer in Einklang mit den Erklärungen seiner Lebensgefährtin Petra Kelly. -340- . daß ihre Stimme gehört werden konnte. Ich empfinde heute wie gestern größten Respekt vor diesen Männern. Seine Verbindungen zu unserem Dienst und zum KGB wurden nie aufgedeckt. ob ich es bereue. Gerhard Kade starb 1995. Die beiden haben jedoch so eng miteinander gearbeitet. eine so idealistische und integere Gruppe infiltriert zu haben.

14 Aktive Massnahmen In Bertolt Brechts ernüchterndem Stück Die Maßnahme heißt es an einer Stelle: Welche Niedrigkeit begingest du nicht. Obwohl sie zu einer eigenen Abteilung wurde. nicht verwerflicher und nicht unmoralischer als alle nachrichtendienstlichen Aktivitäten. die wir auf eine Anregung Iwan Agajanz'. doch die Methode an sich ist so alt und so vielgestaltig wie die Nachrichtendienste selbst. Wegen der negativen Assoziationen des Begriffs Desinformation heißt sie auch schwarze Propaganda oder psychologische Kriegführung. Viele denken beim Wort Desinformation sofort unweigerlich an Lügen und bewußte Irreführung. eines der intelligentesten Veteranen des KGB. Umarme den Schlächter. aber Ändere die Welt: sie braucht es! Diese Worte könnten das Motto für jenen Aspekt der Geheimdienstarbeit sein. wofür Wärest du dir zu gut? Wer bist du? Versinke in Schmutz. in den 50er Jahren eingerichtet hatten. Unsere Abteilung X entstand aus einer ursprünglich sehr kleinen Arbeitsgruppe. den man klassisch als Desinformation bezeichnet. da ich mir über das begrenzte Potential und die geringe Wirksamkeit solcher »ideologischer -341- . Sie hatte die Aufgabe. mit nachrichtendienstlichen Mitteln auf die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik Einfluß zu nehmen. um Die Niedrigkeit auszutilgen? Könntest du die Welt endlich verändern. während er bei der Abteilung X meines Dienstes Aktive Maßnahmen genannt wurde. erreichte sie nie die Größe und Bedeutung anderer Abteilungen.

Daß wir schon frühzeitig alles Wissenswerte über die Abteilung »Psychologische Kampfführung«. Die USA geizten nicht mit Geldern für Aufbau und Ausbau von Zeitungen und Radiosendern. der vor und während des 17. der Anfang der 60er Jahre einen hochrangigen Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums als Informanten anzuwerben vermochte. Juni 1953 seine Bewährungsprobe bestand. das Bonner Gegenstück zu unserer Abteilung X. als ich im Sommer 1943 in Moskau am Deutschen Volkssender eingesetzt worden war. Die Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg wurden im kalten Krieg von beiden Seiten weiterentwickelt. um die Deutschen zum Widerstand zu motivieren und ihre Führung zu diskreditieren. um zu wirken. Damals hatte ich gelernt. Das Territorium Deutschlands bot sich als Forum für die verschiedensten Formen der Propagandaschlacht geradezu an. Diese Art von Propaganda hatte ich bereits aus erster Hand kennengelernt. erfuhren. Von den diversen Ballon. verdankten wir einem unserer Offiziere. -342- . in München kamen später Radio Liberty und Radio Free Europe dazu. daß solche Sendungen der Wahrheit möglichst nahe kommen müssen. war schon die Rede. indem er ihm erfolgreich vorgaukelte.und Flugblattaktionen des Ostbüros der SPD und anderer Organisationen. Im Bonner Verteidigungsministerium wurde bald nach dessen Gründung eine Abteilung »Psychologische Kampfführung« eingerichtet. deren Tätigkeit naturgemäß offensiven und nicht defensiven Charakter hatte. er arbeite für einen US-amerikanischen Dienst. die Sendungen in den Sprachen der anderen Staaten des Warschauer Pakts ausstrahlten. wo wir nach dem Vorbild von Sefton Delmers berühmtem Soldatensender Calais eine Mischung aus echten Nachrichten und erfundenen Meldungen ausstrahlten. die von US-Geheimdiensten gesteuert wurden. in Berlin war das der RIAS.Kriegführung« keine großen Illusionen machte.

wir könnten mit den Nadelstichen unserer Aktiven Maßnahmen das politische System oder die Wirtschaft der Bundesrepublik merklich beeinflussen. doch wir hatten ihn nicht warnen können. als er verhaftet und angeklagt wurde. der zum ultrarechten Flügel der CDU gewechselt war. und es gelang ihm sogar. die der DDR feindlich gesonnen waren. daß seine Enttarnung bevorstand. habe ich hingegen nie gehegt. Personen und Institutionen der Bundesrepublik in Mißkredit zu bringen. weil er vierzehn Jahre lang für die DDR spioniert hatte. Für den Kreisvorsitzenden des Wehrpolitischen Arbeitskreises kam es allerdings 1984 zu einem unschönen Erwachen. die subversiven Aktivitäten der gegnerischen Seite publik zu machen und gleichzeitig durch den gezielten Einsatz von Fakten und Dokumenten. CIA-Agent zu sein. wo es ihr gelang. In diesem Zusammenhang war die Tätigkeit unserer Abteilung X in meinen Augen tatsächlich da wichtig. Wir hatten zwar erfahren. weil er Brandts Entspannungspolitik nicht verkraften konnte. Die Hauptaufgaben unserer Abteilung für Aktive Maßnahmen bestanden darin. ohne sich etwas Böses dabei zu denken. einen einstmaligen leitenden Mitarbeiter des SPD-Ostbüros anzuwerben. einen Mann. denn wir konnten ihm ja nicht gut die Übersiedlung in die DDR anbieten. Wenn heute selbsternannte -343- .Nach seiner Pensionierung wurde der vermeintlich für die USA tätige Spion Kreisvorsitzender des Wehrpolitischen Arbeitskreises der CSU in München und Regionalbeauftragter des Bonner Arbeitskreises für Landesverteidigung. während er sich im Glauben wiegte. ja sogar ernsthaft destabilisieren. angereichert mit selbstfabriziertem Material. Den naiven Glauben. ehemalige Nazis zu entlarven und an den Pranger zu stellen und politisch ewiggestrige Scharfmacher im kalten Krieg der Unglaubwürdigkeit zu überführen. So kassierten eingefleischte Gegner unseres Systems unser Geld und beschafften uns Informationen.

um über die Abhörpraktiken der Geheimdienste staunen zu können. Im übrigen möchte ich dazu anmerken. welche Gespräche man am Autotelefon führen kann und welche nicht. Dem Ideenreichtum unserer Mitarbeiter waren selbstverständlich dort Grenzen gesetzt. daß unsere Abhörvorrichtungen denen der amerikanischen NSA auf deutschem Boden. nie das Wasser reichen konnten. während die Mitarbeiter unserer Abteilung X im Gegenteil bereit waren. wo die Wahrscheinlichkeit ihrer Meldungen nicht mehr gewährleistet -344- . was ich bereits in einem Interview des Spiegel sagte. die heute noch existieren. mußten wir bald aufgeben.Moralwächter sich in echter oder geheuchelter Empörung darüber ereifern. was von dem Material. deren Mitteilungen Spezialisten der Abteilung X verfaßten. Stil und Diktion einzelner Bundespolitiker nachzuahmen. ihnen sogar bei ihren Recherchen zu helfen. weil dort mit unserer Mithilfe ein echter Dienst namens X-Informationen entstanden war. Statt dessen konzentrierten wir uns darauf. in der Bundesrepublik eigene Publikationsorgane einzurichten. daß Telefongespräche westdeutscher Politiker von uns abgehört wurden. die Tätigkeit von Westjournalisten nach Möglichkeit einzuschränken. Die Mitarbeiter der Abwehr hatten die Aufgabe. um sich vielfältige Kontakte zu erhalten. daß Politiker selbst wissen müssen. und daß man mehr als blauäugig sein muß. die sich meisterhaft darauf verstanden. Unsere frühen Versuche. Kontakte zu Journalisten zu finden. doch damit gerieten wir in Kollision mit anderen Bereichen des Ministeriums für Staatssicherheit.und SPDPressedienste. gründeten wir fiktive CDU. das wir an Westjournalisten weitergaben. Für die FDP brauchten wir keinen fiktiven Pressedienst zu erfinden. weil so etwas unsere Möglichkeiten überstieg. Die Mitte und SPD-Intern betitelt. veröffentlicht wurde. Da wir natürlich nicht steuern konnten. dann kann ich dazu nur wiederholen.

um van Nouhuys mundtot zu machen. die das Maß dessen überschritten. So problematisch ich es noch heute finde. handelte es sich doch um ebenjenen van Nouhuys. ließ ich mir schließlich das Einverständnis abringen. Im Kampf gegen den Einfluß der DDR stand die Abteilung für »Psychologische Kampfführung« des Bonner Verteidigungsministeriums keineswegs allein. Nun war ihr Chefredakteur für uns kein Unbekannter. der Aussagen Hanns-Martin Schleyers erfunden und verbreitet hatte. Doch oft genug entwickelte ihr Tun eine kaum zu bremsende Eigendynamik. was bei einem Geheimdienst noch als erlaubt gelten kann. die nach 1989 mit ihrem Wissen bei der Boule vardpresse hausieren gingen. die bis weit in die 80er Jahre die Bezeichnung DDR in Gänsefüßchen schreiben mußten. Trotz des ungeschriebenen Gesetzes. niemals einen Agenten preiszugeben – auch wenn er seit ewigen Zeiten nicht mehr aktiv war -. einer der ersten war. die dieser während seiner Entführung getan haben soll. und es wurden Dinge in die Welt gesetzt. Neben Gerhard Löwenthal mit seiner Fernsehsendung und allen Blättern des Zeitungskönigs Axel Springer. So muß ich es für eine bittere Ironie der Geschichte halten. der an Vertrauensbruc h grenzt. In seinem Blatt hetzte er -345- . hatte sich vor allem die Illustrierte Quick auf das sozialistische Deutschland eingeschossen. einen solchen Schritt zu tun. sondern sie genoß Schützenhilfe seitens politischer Vereinigungen und prominenter Politiker des rechten Spektrums sowie ihnen verbundener Medien. so unumgänglich erschien es mir damals zu handeln.gewesen wäre. daß dem Stern eine Quittung mit van Nouhuys' Unterschrift ausgehändigt wurde. daß ausgerechnet jener Mitarbeiter der Abteilung X. der von 1954 bis Anfang der 60er Jahre unter dem Decknamen Nante als Agent für uns gearbeitet hatte und obendrein für den BND Doppelagent gewesen war. anhand deren das Hamburger Magazin ihn beweiskräftig bezichtigen konnte.

Daß van Nouhuys nach der Wiedervereinigung in den eigens für die neuen Bundesländer erfundenen Boulevardpostillen als Experte über die Stasi und die HVA das große Wort führte. daß er kein Spion gewesen war. Die Wahrheit allein nützt in juristischer Hinsicht eben herzlich wenig. Strauß war für solche Fallstricke schlicht eine Nummer zu groß. kann man nur als Witz am Rande dieses finsteren Gewerbes auffassen… Heinz van Nouhuys 1981 Weniger erfolgreich als die Bloßstellung van Nouhuys' waren unsere Bemühungen. weil van Nouhuys nicht beweisen konnte. den er am Ende nur deshalb gewann. so daß wir zu fürchten begonnen hatten.unermüdlich gegen die Ostverträge. Politikern wie Franz Josef Strauß. die Verträge könnten torpediert werden. Alfred Dregger oder Werner Marx durch gezielt ausgestreute Mischungen aus Fakten und Gerüchten zu schaden. Interessanterweise mußte der Stern nach seinen Enthüllungen über Jahre hinweg einen Rechtsstreit gegen van Nouhuys und dessen Verlag führen. mit dem -346- .

Und in anderen Fällen war der Aufwand das Ergebnis nicht wert. Bei unseren Maßnahmen gegen Altnazis in der Bundesrepublik hatten wir dergleichen nicht zu befürchten. Justiz. ohne dabei in zu offene Konflikte mit der eigenen politischen Führung zu geraten. Adenauers Staatssekretär Globke darf man getrost als Symbolfigur dieses Personenkreises betrachten. Wir mußten daraus die Lehre ziehen. Anders jedoch sah es mit unseren Aktivitäten gegen ehemalige Nazis in der Bundesrepublik aus und mit unseren Bemühungen. Unter der Leitung Professor Albert Nordens. Dabei handelte es sich in der Mehrzahl keineswegs um sogenannte kleine Mitläufer. Staatsapparat und auch im Geheimdienst.Vorwurf der Bestechlichkeit gegen ihn konnten wir niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Damals wie später erbrachten solche Aktionen häufig den gewünschten Effekt: Minister Theodor Oberländer und Ministerpräsident Hans Filbinger mußten zurücktreten. versuchten wir. Wie ich bereits sagte. Georg Kiesinger und Heinrich Lübke mußten zugeben. die Friedensbewegung zu unterstützen. eines jüdische n Kommunisten. in vorsichtiger Dosierung der West-Friedensbewegung unter die Arme zu greifen. veranstalteten wir in den 50er Jahren Pressekonferenzen in der DDR. auf denen die NS-Vergangenheit von Politikern und Staatsbeamten der Bundesrepublik aufgedeckt wurde. morgen vergessen. daß sie ihre Biographien -347- . Schon in den ersten Nachkriegsjahren waren in der Bundesrepublik zahlreiche Amtsträger des Hitlerreichs in der Regierung Adenauer wieder in Amt und Würden gelangt. Armee. und das auf allen Ebenen in Parteien. daß Skandale und Skandälchen um Politiker genau wie das Privatleben von Fußballspielern oder Schauspielern zum Alltagsgeschehen der westlichen Bo ulevardpresse gehörten – heute in aller Munde. denn trotz kurzfristiger Empörung waren die Folgen unserer Enthüllungen gleich Null. der das Dritte Reich in den USA überlebt hatte.

Meinem Dienst gelang es. dergleichen gezielt zu unterstützen und zu fördern. der wie Reinhard Gehlen zu den Ziehvätern mehrerer Generationen leitender Bundesbeamter zählte und der wie Gehlen selbst im NS-Staat geprägt worden war. Es gelang uns sogar. der in Kontakt zu unserem Dienst geriet. und eine andere. in der Abteilung X eine Akte und Decknamen zugeteilt. den seinerzeitigen Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz. daß es nur lachhaft sein kann. Unsere Unterstützung für das Ehepaar Klarsfeld brachte uns wiederum mit der Abwehr im Ministerium für Staatssicherheit in Konflikte. denn die Klarsfelds standen lange Zeit auf der Liste unerwünschter Personen. Hubert Schrubbers. Ich überlasse es dem Urteilsvermögen des Lesers zu entscheiden. Nicht weniger peinlich als der Versuch. 1972. wird mir darin zustimmen.geschönt hatten. ob gerade ich als Sohn eines jüdischen Vaters der Richtige gewesen wäre. durch die Konfrontation mit seiner Vergangenheit im Dritten Reich in den vorzeitigen Ruhestand zu befördern einen Mann. die Einreiseerlaubnis für sie zu erwirken und ihnen Zugang zu den Archiven zu verschaffen. weil sie auch in sozialistischen Staaten gegen den Antisemitismus protestiert hatten. die in den alten wie den neuen Bundesländern unkontrollierbar aufflackern. ist das immer wieder bemerkbare Bemühen. die Klarsfelds aufgrund dessen als Parteigänger der DDR oder gar der Stasi diffamieren zu wollen. Jeder. die sie konsultieren wollten. aufrechte Gerechtigkeitskämpfer wie das Ehepaar Klarsfeld zu StasiHandlangern abzustempeln. meinem Dienst die besorgniserregenden Umtriebe neonazistischer Natur in die Schuhe zu schieben. Dadurch wurde ihnen wie jedermann. die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den Hort braunen Gedankengutes und die Auswüchse solchen Tuns zu lenken. Es ist eine Sache. der mit den Gepflogenheiten der Staatssicherheit und meines Dienstes auch nur entfernt vertraut ist. die -348- . ohne daß sie die geringste Ahnung davon gehabt hätten.

Dazu muß ich sagen. als antifaschistische Bekenntnisse oft nur mehr bloße Worthülsen bildeten. Mit Enthüllungen über Nazis in der DDR will man die Vergangenheit der beiden deutschen Staaten relativieren. daß sie sich -349- . an den Hochschulen und Universitäten und nicht zuletzt in den Dissidentenzirkeln noch immer lebendig. wird der Antifaschismus der DDR als verordneter Antifaschismus diffamiert. es sei möglich. in der DDR die bessere deutsche Alternative zu schaffen. Von da ist es dann nicht mehr weit zur Gleichsetzung der NSGreueltaten und solchen Unrechts. daß in der DDR ein echter und ungeheuchelter Glaube an einen wirklichen Neuanfang bestand. Ihre Tragik war. daß sich die Geschichte der DDR nicht durch verordneten Antifaschismus und Kadavergehorsam erklären läßt. Mag unsere politische Führung die Staatsbürger ihres Landes damals noch so vorschnell pauschal von der Mitschuld am Dritten Reich freigesprochen und die Hinterlassenschaft der braunen Zeit einseitig der Bundesrepublik zugeschoben haben – wahr bleibt doch. in dem es um die unheilige Allianz aus Kriegsverbrechern und der modernen Großindustrie geht. Selbst in den letzten Jahren der DDR.Schändung jüdischer Friedhöfe oder andere neonazistische Schandtaten zuzulassen oder zu initiieren. wie sie uns damals vorschwebte. völlig außer acht. Deutlich erinnere ich mich an die Besorgnis meines Vaters angesichts der Gefahr. war der Antifaschismus doch in der Kunst. Solche Denkmodelle lassen den tatsächlichen Enthusiasmus für eine neue und möglicherweise bessere und gerechtere Gesellschaftsordnung. Diese Menschen waren auch damals noch davon überzeugt. Um die vierzig Jahre DDR-Staat restlos »abzuwickeln«. Aus diesem Grund schrieb er sein Drama Was der Mensch säet und ebenso das Drehb uch zu dem DEFA-Film Rat der Götter. zur Tagesordnung überzugehen und die Frage der Mitschuld des deutschen Volkes unter den Teppich zu kehren. wie es in der DDR geschah.

schon immer argwöhnisch beäugt worden und deshalb als mutmaßlicher Verfasser des Manifests in Verdacht geraten. Später erst konnte ich mir allmählich zusammenreimen. es sei erwiesen. wie die Autorenschaft von Bergs an dem ominösen Manifest bewiesen worden sei. weil er als stellvertretender Leiter des Presseamtes beim Ministerrat der DDR gute Beziehungen zu Politikern der Bundesrepublik und West-Berlins ebenso wie zu gut informierten Journalisten. und dem schloß sich in allen Parteiorganisationen der SED eine massive Kampagne gegen »Aufweichung« an. Recht hatte Mielke insofern. Es handelte sich um ein sogenanntes Manifest eines sogenannten Bundes Demokratischer Kommunisten Deutschland s. dem Leiter des Presseamtes. einem Vertrauten Beaters. diese Lage zuzuspitzen. Aber ich kannte nicht nur von Berg. was geschehen war: Von Berg war von seinem ehemaligen Vorgesetzten. Auf meine Frage. -350- . Ende der 70er Jahre war das Vertrauen des Ministeriums zu meinem Dienst nicht zuletzt wegen Aktivitäten der Abteilung X auf einem Gefrierpunkt angelangt. schließlich ein Mitarbeiter der HVA. wurde ich zu Mielke bestellt. Eine Veröffentlichung des Spiegel trug dazu bei. daß Hermann von Berg. schwieg Mielke genauso eisern wie sein anwesender Stellvertreter Bruno Beater. in dem eine scharfe Abgrenzung zwischen Reformkommunismus und Stalinismus vorgenommen wurde. Mit ernster Miene eröffnete er mir. Kaum war das »Manifest« erschienen. als von Berg tatsächlich seit längerem mit unserer Abteilung X in Verbindung stand.dabei an dem immer sichtbarer werdenden Widerspruch zwischen ihren sozialistischen Idealen und der realsozialistischen Wirklichkeit aufrieben. unterhielt. darunter des Spiegel. Als erste Reaktion verfügte unsere Führung umgehend die Schließung des Ost-Berliner Spiegel-Büros. sondern auch Mielkes Art zu bluffen. dafür verantwortlich sei und daß bereits gegen ihn ermittelt werde.

die ihm zuteil geworden war. damit er nicht etwa in den Westen ging und dort die Behandlung. Als er schließlich nicht mehr davon abzuhalten war. daß in den Westen desertierte Angehörige der Nationalen Volksarmee zurückkehrten. Letzten Endes ließ sich das nicht verhindern. weil ihre Illusionen vom goldenen Westen der nüchternen Realität nicht -351- . die Mielke direkt unterstand und von ihm stets allen anderen als Vorbild präsentiert wurde. Einiges davon war durchgesickert. Im Frühjahr 1979 hatte Mielke eine unabhängige Kommission eingesetzt. Das brachte Mielke auf die Idee. Worum handelte es sich dabei? Hin und wieder kam es vor. der Hauptabteilung Untersuchung. Daran hielt er sich auch dann noch. und der Spiegel und andere Medien hatten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg gehalten. daß es Aufgabe meines Dienstes sei. an die große Glocke hängte. Wie das ominöse Manifest in die Welt gesetzt worden war. trennte er sich von meinen Mitarbeitern im Einvernehmen. und so hörte ich zum erstenmal von dem Begriff ASA – Agent mit spezieller Auftragsstruktur. den Ausreiseantrag zu stellen. obwohl es uns gelang. Diskretion über die Zusammenarbeit zu wahren. wo sie ihn isoliert gehalten und Verhören unterworfen hatte. Obwohl alles streng geheim ablief. Immerhin konnte ich Mielke mit Hinweis auf die politischen Missionen von Bergs gegenüber Willy Brandt die Zusage abringen. als er von der Bundesrepublik aus die Politik der DDR-Führung scharf angriff. von Berg nach dessen Entlassung aus dem Hausarrest milde zu stimmen. von Berg relativ lange zum Bleiben zu überreden. das allerdings bleibt vorläufig noch das zwischen von Berg und dem Spiegel gehütete Geheimnis. daß ihm kein Prozeß gemacht werden würde.Die mit dem Fall beauftragte Abwehrabteilung hatte ihn an einen geheimen Ort verbracht. die sich mit einem Phänomen in der Hauptabteilung IX seines Ministeriums befassen mußte. sickerte doch das eine und andere durch.

in der solche Lügenmärchen anstandslos geschluckt wurden. daß dieses ominöse U-Boot dem Hirn eines besonders phantasiebegabten ASA-Untersuchungshäftlings entstammte und von dort über die gesamte Dienststufenleiter bis auf den Tisch des Ministers gelangt war. So entstand das Lügengespinst um die »Agenten mit spezieller Auftragsstruktur«. das seine Abwehr – wohlgemerkt. ob westliche Geheimdienste sie in der Bundesrepublik anzuwerben versucht hatten. Im südlichen Grenzbezirk der DDR. Die Lawine war losgetreten und bald nicht mehr zu bremsen. mit ihnen zusammen wahre Räuberpistolen zu ersinnen. Erst viel später erfuhr ich. Ihre Lage war mißlich. Daß Gutachter und -352- . die angeblich vom amerikanischen Geheimdienst in den Auffanglagern für Flüchtlinge ausgebildet worden waren. Zu meiner nicht geringen Verblüffung erwähnte Mielke in meinem Beisein Andropow gegenüber bedeutungsvolle Informationen und überreichte ihm mysteriö se Unterlagen über ein feindliches Mini-U-Boot. mit welcher Aufgabenstellung. und wenn ja. einerseits ließ ihre Rückkehr sich propagandistisch gut ausschlachten. Besonders wichtig war es herauszufinden. andererseits mißtraute man ihrer Loyalität und ihrer politischen Zuverlässigkeit. wo die Ergebnisse dieser Befragungen meist dürftig ausfielen. die Untersuchungshäftlinge mit Hafterleichterungen und Versprechungen dazu anzustiften.standgehalten hatten. in Suhl. nicht etwa die Aufklärung – entdeckt haben wollte. Nach ihrem Eintreffen wurden sie in Haft genommen und auf Herz und Nieren überprüft. kamen findige Vernehmer auf die Idee. Ein Häftling nach dem anderen entpuppte sich als ASA. obwohl allein schon die Bezeichnung ASA verdächtig nach DDR-Sprachgebrauch und kein bißchen amerikanisch klang. Der jahrelang geführte Propagandakrieg zwischen DDR und BRD und die ständige Furcht vor einem »kleinen« oder »verdeckten« Krieg hatten eine Atmosphäre entstehen lassen.

zum Thema zu kommen – die ungeheuerlichen Vorgänge und Manipulationen beim Namen nannte. aber nicht den Mut gefunden. Dennoch schien die Konferenz und der Umstand. daß die Tätigkeit des MfS künftig -353- . daß Mielke die Beschwerden des Anwalts nicht vom Tisch gewischt hatte. Ihm waren bei der Verteidigung eines Mandanten sonderbare Dinge aufgefallen. bewies. deutlich zu machen. Ihr Ergebnis war eine Dienstkonferenz. wie die ASA zustande gekommen waren. war dabei unter den Tisch gekehrt worden. Das war der Grund für die hochgeheimen Untersuchungen in der Hauptabteilung IX. Solche Töne war man von ihm sonst nicht gewohnt. mit denen die unmittelbar Verantwortlichen in anderen Dienstbereichen »versteckt« wurden. und nur sein Standardcredo »Feinde müssen wie Feinde behandelt werden«. der Sache Einhalt zu gebieten. Da Vogel über Oberst Heinz Volpert eine Sonderbeziehung zum Minister hatte. Rechtsanwalt Wolfgang Vogel machte dem Spuk ein Ende. »wissenschaftliche« Arbeiten wurden über sie verfaßt. Explizit wandte er sich gegen Amtsmißbrauch und Willkürhandlungen gegenüber Häftlingen und vertrat den Standpunkt. Die personellen Konsequenzen aus dem Skandal beschränkten sich auf ein paar Versetzungen. daß er noch der alte war. ihm Gehör zu leihen. Mielke dazu zu bewegen. bei der auch ich zugegen sein durfte und auf der Mielke auch wenn es ihm sichtlich schwerfiel. und er hatte aus ihm herausbekommen. die Hauptabteilung IX streng verurteilte und Selbstkritik übte. und Schulungsmaterialien über sie waren in Umlauf. Inzwischen hatten die ASA jedoch ihre Eigendynamik voll entwickelt. daß sie frei erfundenen Geschichten aufgesessen waren. Wahrscheinlich hatten die Verantwortlichen in der Hauptabteilung IX zu jenem Zeitpunkt bereits erkannt. im Zweifelsfall sei zugunsten des Beschuldigten zu entscheiden. mit dem er schloß. war er in der Lage.Marineexperten über die Angaben in den U-Boot-Dokumenten nur den Kopf geschüttelt hatten.

stärker vom Einhalten der Rechtsnormen geprägt sein würde. Mit Erich Mielke 1983 -354- .

wo vordem mit Festnahmen zu rechnen gewesen wäre. Die DDR mußte zeitweilig ihre Repressionen lockern.Tatsächlich zeugten in der Folgezeit manche Entscheidungen gegenüber Intellektuellen und Ausreisegenehmigungen in Fällen. und das wiederum nährte bei mir wie bei vielen anderen die noch immer nicht ganz erloschene Hoffnung darauf. von einer Unsicherheit. wollte sie nach innen wie nach außen politisch glaubwürdig sein. -355- . die neu war. daß politische Vernunft und Sinn für Realitäten sich in unserem Land doch noch durchsetzen würden.

und auserwählt wurde General Rolf Markert. zumindest für den Anfang solle jemand mitreisen. Vielleicht waren Präsident Scheich Obeid Amani Karume. von dessen Existenz höchstens die Briefmarkensammler in Europa wußten? Aus meiner Kindheit erinnerte ich die Marken des Sultanats mit den hohen Hüten auf fremdländischen Köpfen. Sansibar benötigte einen Sicherheitsberater. Wie dem auch sei. schlug ich kurzerhand mich selbst vor. der den Vorschlag junger Mitglieder seines Revolutionsrates aufgriff und der DDR die Aufnahme diplomatischer Beziehungen anbot. -356- . der außenpolitische Erfahrung besaß. unter anderem in Fragen der Sicherheit und des Grenzschutzes. Ein besonderes Ereignis? Sämtliche Kolonialreiche befanden sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Auflösung. hatte als erstes nichtsozialistisches Land beschlossen. Das Ministerium für Staatssicherheit mußte einen kompetenten Mann mit Wissen und Autorität in ein völlig unbekanntes Land entsenden. die den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik formulierte. Januar 1964 wurde die Volksrepublik Sansibar ausgerufen. Aber ausgerechnet diese neue Republik. Da Mielke fand. und zu meinem nicht geringen Staunen stimmte er nach längerem Zögern tatsächlich zu. eine Kolonie nach der anderen proklamierte ihre Unabhängigkeit. Was sollte das Besondere an Sansibar sein. mit dem Angebot ging eine Reihe von Hilfsersuchen einher.15 Die Entdeckung der dritten Welt Am 12. die internationalen Weiterungen seines Tuns auch gar nicht klar. der im Konzentrationslager Buchenwald interniert gewesen war und nach dem Krieg zuerst in die Polizei eingetreten und von dort in die Staatssicherheit gewechselt war. die Deutsche Demokratische Republik diplomatisch anzuerkennen und der Hallstein-Doktrin zu trotzen. die aus zwei kleinen Nelkeninseln bestand.

in der Ersten Klasse. die uns offenbar zu Experten der Erwachsenenbildung machten. brachen wir in schallendes Gelächter aus. daß ein DDRDiplomatenpaß in einem Nato-Staat keinerlei Schutz gewährte. Dann erhielten wir DDR. um nicht aufzufallen. und in Kairo hatten wir beim britischen Konsulat Visa für unsere Reise in die Ostafrikanische Union beantragen müssen. denn so lautete unsere neue Berufsbezeichnung. meinen falschen Bart wieder so anzukleben. zu verpflichten. Addis Abeba und Mogadischu mußten wir wieder warten. Er kümmerte sich persönlich um Sicherheitsmaßnahmen und ließ sogar für den Fall der Fälle einen Fluchtplan ausarbeiten. Zuerst ging es mit einer Linienmaschine nach Kairo. Mielkes Befürchtungen hatten zu Recht bestanden: Unsere Delegation wurde auseinandergerissen und auf verschiedene Hotels verteilt. uns ausführlich zu belehren und zu absoluter Verschwiegenheit jedermann.und BRD-Pässe und mußten uns bei einem Maskenbildner interessanten Veränderungen unterziehen. Markert flog zusammen mit dem stellvertretenden Außenminister Wolfgang Kiesewetter. Zweifellos hielt man uns seit Athen im Auge. unsere Papiere waren von einem Beamten in einem Schuhkarton davongetragen worden.Damals war es eine waghalsige Idee. und in Nairobi nahm man uns die Papiere weg und verweigerte uns den Anschlußflug. Ein Sandsturm über Kairo zwang den Piloten umzukehren und in Athen zu landen. als Chef eines sozialistischen Nachrichtendienstes durch Länder zu reisen. Wir wußten. nachdem ich eine geschlagene halbe Stunde damit verbracht hatte. In Kairo. Aber Mielke beschränkte sich darauf. Als wir uns gegenseitig betrachteten. Am nächsten Morgen konnten wir unsere Reise fortsetzen. dem Leiter unserer Delegation. -357- . während ich in der Touristenklasse saß. die gute Beziehungen zu Nato-Mitgliedstaaten unterhielten. daß eine gewisse Ähnlichkeit zum Paßfoto gewährleistet war. auch meinem ersten Stellvertreter gegenüber.

Die Ankunft unserer Delegation war ein Großereignis für das kleine Land. der kenianische Außenminister und spätere Vizepräsident. In angemessener Entfernung hatten eine uniformierte Ehrenkompanie und eine Kapelle Aufstellung genommen. Nachdem wir den Äquator überquert hatten. Der gesamte Revolutionsrat und sämtliche Honoratioren mit Präsident Karume an der Spitze hatten sich vor dem Flughafengebäude eingefunden. doch als Retter in der Not erschien Oginga Odinga. Kiesewetter mußte nun zu den Klängen eines Strauß-Walzers die Ehrenkompanie abschreiten. In Sansibar 1964 Unsere Landung aus Sansibar wird mir unvergeßlich bleiben. und ich machte mir ernste Sorgen um sein Herz. überflogen wir ganz dicht den schneebedeckten Krater des Kilimandscharo und schlingerten mit unserer Maschine von einem kleinen Flughafen zum nächsten. der mit Kiesewetter bekannt war und dessen Sohn in der DDR studierte. Dank seiner Intervention ließ man uns weiterfliegen.Da saßen wir nun mit mulmigen Gefühlen. -358- . Markert bekam diese Art des Fliege ns überhaupt nicht.

Besuch sogar seine Frau mitbrachte. tagelang auf Gesprächstermine zu warten und mit ständig neuen Ansprechpartnern immer wieder von vorn zu beginnen. einmalige Sonnenuntergänge. daß er bei einem Berlin. und allerorts war die politische Aufbruchstimmung zu spüren. und wenn wir ihre Wünsche nicht erwartungsgemäß erfüllten. bei meinem letzten Besuch. Die Armut zeigte sich nicht so brutal wie in anderen Ländern. die man von Afrika kennt üppige Natur. daß es uns alles in allem besser als den einstigen Kolonialherren und auch besser als unseren sowjetischen Freunden gelungen ist. Aufgaben nach festen Schemata zu lösen. die wir gewohnt waren. wie er hieß.und Verhaltensweise zu verstehen und uns ihr anzupassen. und man erwartete viel von uns. Die Ansprüche unserer Partner wuchsen schnell. die DDR hatte Sansibar geholfen. war von diesem Optimismus nichts mehr zu spüren. ließen sie -359- . Bei unserer ersten Begegnung saß er mir eisern schweigend gegenüber. Besonders mühsam war es.denn die Noten der DDR-Nationalhymne befanden sich noch in unserem Gepäck. Es fiel uns. herrliche Strande. Das nahm er so wörtlich. daß Ibrahim Makungu vor der Revolution bei der britisch geleiteten Special Branch – unserer Kriminalpolizei vergleichbar – gearbeitet hatte. Anfangs kostete es viel Geduld. anfangs nicht leicht. Später. Sansibar erfüllte alle Klischees. Jahre später war das Vertrauensverhältnis zwischen uns so weit gediehen. daß er uns nicht einmal seinen Namen sagte. Es gab keine bettelnden Kinder. Allem Anschein nach hatte der Präsident ihn instruiert. und unser Koch erzählte mir auch. ins Gespräch zu kommen. Dennoch glaube ich auch im Rückblick. sich von uns alles Wichtige erzählen zu lassen und selbst nichts zu verraten. mit Ibrahim Makungu. die völlig andersgeartete Denk. Erst durch unseren Koch erfuhr ich. Als Vertreter der DDR waren wir überall willkommen. dem designierten Leiter des Sicherheitsdienstes.

dem englischen TradeUnionismus zuneigte. und das klein und weltpolitisch unbedeutend genug war. Anschluß an ein Land zu suchen.sich die Unzufriedenheit anmerken. warum die DDR von Sansibar auserkoren wurde. denen unsere Weltanschauung ein Greuel sein mußte. Diese Widersprüche erklären auch. Es war ein simples politisches Kalkül und nicht Naivität. um Sansibar unter die Arme greifen zu können. andere waren strenggläubige Moslems. unterhielt enge Beziehungen zu Großbritannien. nachdem meine -360- . der Präsident Tanganyikas. denn Julius Nyerere. daß Sansibar es sich nicht mit den Handelspartnern verdarb – vor allem seiner ehemaligen Kolonialmacht England –. Drei Monate nach unserer Ankunft beunruhigten uns Gerüchte über eine mögliche Vereinigung Sansibars mit dem Festla ndsstaat Tanganyika. und Nbabu demonstrierte seine Nähe zum Maoismus dadurch. Immer wieder wurden wir nachdrücklich auf den desolaten Zustand der Geräte und Schiffe des Dienstes und auf die jämmerliche Infrastruktur hingewiesen. In einem solchen Fall mußten wir den Abbruch der eben erst begonnen Beziehungen befürchten. daß er bei Staatsempfängen auf einem altersschwachen Grammophon immer wieder die Internationale abspielte. Ende April befand ich mich auf einem Inspektionsbesuch auf der Insel Pemba. vormals Führer der Seemannsgewerkschaft und Chef der Afro-Shirazi-Partei. Hanga hatte in der Sowjetunion studiert und dort promoviert. das wirtschaftlich interessant genug war. Die Regierung war ein getreuer Spiegel des Landes: Während Präsident Karume. sich in den widerstreitenden Interessen und Zielen zurechtzufinden: Manche unserer Partner bezeichneten sich als Sozialisten. vertraten seine Vizepräsidenten Abdallah Kassim Hanga und Abdulrahman Mohammed Babu die widerstreitenden Modelle des sowjetischen und des chinesischen Sozialismus. Es war schwierig. die ihm eine enge Bindung an eine sozialistische Großmacht vielleicht verübelt hätten.

was der Provinzgouverneur Pembas nur bestätigen konnte.Partner mir kategorisch versichert hatten. doch ändern konnten wir sie nicht mehr: Der Sicherheitsapparat Sansibars nahm eine für das kleine Land unverhältnismäßige Größe an. Das Bild Staatspräsident Nyereres hing in den Amtszimmern immer etwas unterhalb dem des Vizepräsidenten Karume. Wir hatten es zu gut gemeint und unsere Partner zu gründlich so ausgebildet. das DDR-Handelsschiff Halberstadt verzögerte seine Rückfahrt eigens. die in jenen Jahren in der dritten Welt tätig waren. Entgegen unseren Befürchtungen bewahrheitete sich das. das Freiheitsstreben der afrikanischen Völker zu unterstützen. Eine negative Folge unserer Unterstützung wurde uns bald bewußt. den anderen einfach davonzufahren. Kurz vor Mitternacht des 24. April überbrachte man uns die Nachricht. Schließlich lichtete es seinen Anker ohne mich. zum anderen wäre ich mir schäbig vorgekommen. empfanden sich nicht so sehr als Geheimdienstler. daß die Vereinigung stattgefunden habe und das vereinigte Land nun Tansania heiße. was unsere sansibarischen Freunde vorausgesagt hatten. durch das. und bei Revolutionsfeiern war Nyerere einer unter vielen Ehrengästen. Sansibar war unser erster Schritt in das Neuland der dritten Welt. was wir leisteten. wie es unseren -361- . an eine Vereinigung der beiden Länder sei in absehbarer Zeit nicht zu denken. Wir brachen unseren Besuch sofort ab und flogen am nächsten Morgen nach Sansibar zurück. doch die meisten unserer Leute. Der Revolutionsrat Sansibars wurde bis zu Karumes Ermordung im Jahr 1972 nicht in seinen Rechten beschnitten. Das war vielleicht eine etwas naive Vorstellung. Berlin drängte auf meine Rückkehr. um mich mitnehmen zu können. Wir waren überzeugt. Sansibar bewahrte sich einen hohen Grad an Selbständigkeit. auch was seinen Sicherheitsdienst betraf. sondern als Mitakteure in einem revolutionären Prozeß. Zum einen schien mir die Aufgabe vor Ort zu wichtig.

-362- . Kongo (das spätere Zaire). verglichen mit dem des Regimes. in Äthiopien und Mosambik. der DDR politische Anerkennung in der nichtsozialistischen Welt zu verschaffen. denn sie hielten uns von der eigentlichen Arbeit ab. Syrien und Ägypten scherten sich trotz massiver Interventionen der Bundesrepublik nicht länger um die Haustein-Doktrin. Vor allem sahen wir unsere Aufgabe nicht nur im Vermitteln unseres spezifischen Wissens. dem die Dienste jeweils zuarbeiteten. Ähnliche Erkenntnisse machten wir in der Zusammenarbeit mit den Sicherheitsdiensten der Drittweltstaaten. Im April 1969 folgten sieben weitere Länder dem Beispiel Sansibars und erkannten die DDR an. so gering war mein Einfluß auf die Entscheidungen der politischen Führung. daß sie gar so sehr ausuferten. sehr wohl aber an der Notwendigkeit. Kultur und Bildung zu ignorieren. So sehr ich mich gegen die Aufnahme neuer Beziehungen sträubte. In den 60er und frühen 70er Jahren sahen wir das noch nicht so. der Sudan. so im Sudan. Unser Einfluß blieb stets minimal. im Südjemen. beide Jemen. all jenen Ländern. Von heute aus mag man unser ganzes Engagement in den Ländern der dritten Welt als gescheitert betrachten. ethnische Traditionen und die sehr unterschiedlichen Entwicklungsbedingungen in Wirtschaft.eigenen Strukturen entsprach. Wir mußten uns wohl oder übel beugen. Die von erster und zweiter Welt oktroyierte forcierte Industrialisierung hat sich weder als sozial verträglich noch als effektiv erwiesen. Sozialistische Ökonomen wie kapitalistische Fachleute warnen seit langem davor. Kampuchea und die rhodesische Freiheitsbewegung ZAPU suchten den Kontakt. So war es in Sansibar. und wichtige Mitarbeiter für Jahre in ferne Gefilde der dritten Welt abkommandieren. sondern darin. zu deren Sicherheitsorganen mein Dienst engere und langfristige Beziehungen unterhielt. Ich zweifelte nicht an der politischen Bedeutung solcher Beziehungen.

Der Schock über den verlorenen Krieg saß so tief. war die Enttäuschung groß. Von da an beschränkte die Zusammenarbeit sich auf den Kontakt des Verbindungsoffiziers. daß wir die Neuformierung und Ausbildung ihrer -363- . daß wir keine Agenten in Israel unterhielten. den vormaligen Leiter der sudanesischen Militärakademie. als Botschaftsangehöriger – etabliert war. die israelischen Spione in der Regierung und im Militär Ägyptens zu lokalisieren. Bis auf ihn. Als wir Nasser erklärten. der in unserer Botschaft als sogenannter legaler Resident – das heißt. daß der Informationsaustausch mit Ägypten wertlos und reine Zeitverschwendung war. gewiß nicht ohne beiderseitige Erleichterung. von Nassers Geheimdienstchef irgend etwas Substantielles über die Aktivitäten der NatoLänder in Nahost in Erfahrung zu bringen. Besonders aussichtsreich ließ sich für uns die Zusammenarbeit mit dem Sudan an. So kamen wir schnell zu der Überzeugung. Er wurde von beiden Seiten eingestellt. angeführt von Ga'afar Mohammed el Numeiri. in dem am 25. Meine Leute sollten den Ägyptern nun helfen. Ihnen schwebte ein arabischer Sozialismus vor. Die Beziehungen zu Goma'a blieben jedoch bestehen.Eine Zeitlang hatten die Beziehungen zu Ägypten besonderen Stellenwert. und wenige Tage nach ihrer Machtergreifung informierten sie uns über diplomatische Kanäle von ihrem Wunsch. Nach dem Sechs-Tage-Krieg entwickelte sich auf Initiative des Innenministers General Sharawi Goma'a ein enger Kontakt. Israel habe nur durch Spionage und Sabotage den Sieg errungen. war keiner der Revolutionäre älter als Anfang Dreißig. Mein Stellvertreter wurde in Kairo mit allen Ehrenbeizeigungen empfangen und nach intensiven Gesprächen mit persönlichen Grüßen Präsident Nassers verabschiedet. daß man sich in Ägypten einredete. bis dieser zusammen mit anderen Nasser-Anhängern 1970 von Nassers Nachfolger Anwar Sadat als Hochverräter vor Gericht gestellt wurde. Mai 1969 eine Gruppe progressiver Offiziere die Macht ergriffen hatte. Uns wiederum gelang es nicht.

die in Wahrheit nichts anderes war als das islamische Gebot der Nächstenliebe. daß er als sozial Bessergestellter jeden Freitag die Armen beköstige. Für sie erschöpfte sich der Charakter ihrer neuen Gesellschaft in der Betonung nationalistischer Eigenständigkeit. die nach dem Umsturz im Mai 1969 das neue Regime zu destabilisieren versuchten. So war dieser La ndesteil ein ideales Feld für Geheimdienste und Söldnertruppen. daß die jungen Leute nur sehr nebulöse Vorstellungen von dem hatten.Sicherheitsorgane durch Berater unterstützen. das Sachwalter Großbritanniens gewesen war. vor allem solche. Ausgeprägt war die Feindseligkeit der Sudanesen gegenüber Ägypten. und im Dezember flog ich selbst nach Khartoum. Einer von ihnen erklärte mir. Um so erstaunlicher fand ich es. Die meisten von ihnen konnten sich ihren neuen Funktionen zum Trotz nicht einmal annäherungsweise -364- . Aktivitäten des britischen und des israelischen Geheimdienstes waren uns nicht verborgen geblieben. Sozialismus bestehe darin. Vor meiner Reise hatte ich über den Sudan herzlich wenig gewußt. Die Moslems des Nordens unterdrückten wiederum den »schwarzen« oder »christlichanimistischen« Süden. in militärischem Kameradschaftsgeist und der Proklamation der Gleichheit. dessen Bewohner immer wieder in Massen in die südlichen Nachbarländer flüchteten. während aus Kongos beziehungsweise Zaires Ostprovinzen und aus Äthiopien Flüchtlinge in den Südsudan gelangten. was sie als arabischen Sozialismus bezeichneten. um mich mit eigenen Augen und Ohren vor Ort kundig zu machen. Bei meinem ersten Besuch im Dezember 1969 begriff ich. Im August begab sich eine Gruppe von Mitarbeitern des MfS und des Innenministeriums in den Sudan. Der islamische Norden besaß eine lange Tradition im Kampf gegen die Unterdrückung durch die britischen Kolonialisten. daß der gestürzte Premierminister Awadallah ebenso wie später Numeiri selbst dort Zuflucht suchten.

dem Innenminister und somit Leiter des Sicherheitsapparates. Ich erinnere mich gut daran. Meine Gespräche mit Numeiri waren sachlich und distanziert. Gekreische und Sprechchöre unterbrachen. mit der rechten lud er mich ein.gegen den übernommenen Beamtenapparat durchsetzen. durchtrainiert und in eine schneeweiße Dschallbiyah statt in Uniform gekleidet. Wie so oft in arabischen Staaten verliefen Numeiris Auftritte in der Öffentlichkeit so ab. Anders sahen meine Begegnungen mit Faruq Othman Hamadallah aus. die gellende Pfiffe der Zuhörer. und sie wirkten britisch bis zur Karikatur. wie Hamadallah mir aus der nachtdunklen Tiefe seines Gartens entgegenkam: groß. wuchtig. und dann davonbrauste. heraussprang. eine Rede hielt. Seine Beamten hatten zu großen Teilen schon unter den Briten und Ägyptern gedient. Auch seine Augen lächelten. Platz zu nehmen. Mit der linken Hand streichelte er seinen Schäferhund. daß er im Wagen ankam. sehr schwarz. Mit Faruq Othman Hamadallah 1970 in Ost-Berlin Eine andere Erinnerung an Hamadallah hat sich mir eingeprägt: Er geht mit ausladenden Schritten über einen -365- .

die Verhältnisse zwischen Schwarzafrika und der arabischen Welt. Auf die Frage Numeiris. Im Verlauf des Jahres 1970 wurde Numeiris neuer Kurs immer offenbarer. der mir nahestand. ob er sich am Putsch beteiligt hätte. Mitte 1971 benutzte Numeiri dann einen Staatsstreich als Vorwand. Seine Vorstellungen von einem eigenständigen Weg zum Sozialismus überzeugten mich. Auf Befehl Gaddafis wurde sein Flugzeug über Libyen zur Landung gezwungen. Bei Gesprächen in Berlin analysierte er mit überraschender Tiefe und Prägnanz die komplizierte Lage seines Landes. nach Kairo zurück. Entgegen unserem Rat flog Hamadallah. daß Numeiri mit seinem Doppelspiel den Revolutionären Kommandorat immer mehr ausschaltete und Westkontakte verstärkte. wenn er im Lande gewesen wäre. daß die Waffen niedergelegt werden. Hamadallah gelingt es. nicht nur mit den Putschisten abzurechnen. und Hamadallah und ein mitreisender sudanesischer Politiker wurden an Numeiri ausgeliefert. Er trägt eine Uniform mit breitem Ledergürtel. Er war ein Politiker. soll er mit »Ja« geantwortet haben. durch Überredung zu erwirken. sagte er düster. »Diese Probleme müssen wir selbst lösen. in der das Urteil beraten wird. da könnt ihr uns nicht helfen«. In der Moschee haben sich Mitglieder der reaktionären AnsarSekte verschanzt und feuern nach draußen.steinübersäten Platz auf eine Moschee zu. der sich zu jener Zeit in London aufhielt. dabei war er sich über die Grenzen völlig im klaren. Er vertraute mir seine Befürchtungen an. die seinem Land gesetzt waren. sondern sich aller nicht genehmen Personen zu entledigen. Er zündet sich eine Zigarette an und spricht ruhig mit seinen -366- . Von einer Waffe ist nichts zu sehen. Nie werde ich die Bilder im westdeutschen Fernsehen vergessen: Hamadallah tritt nach der Verhandlung vor dem Militärgericht aus der Baracke. Hamadallah und andere Revolutionäre ließ er aus dem Kommandorat entfernen.

In seiner Zeit in Algerien heiratete er eine Schönheitskönigin dieses Landes. glaube ich. überlebte ihn selbst nicht lange. die sich unter dem Namen Biafra unabhängig erklärte. wofür Hamadallah gelebt. einen Menschen. Mit Hilfe diverser Tarnorganisationen betrieb er einen schwunghaften Waffenhandel und machte Biafra zum waffenreichsten Gebiet Afrikas. Er war 1933 in München geboren. der 1967 in dem gerade in die Unabhängigkeit entlassenen Land ausbrach. mit achtzehn Jahren in die französische Fremdenlegion eingetreten und hatte den Antiguerillakrieg in Indochina fünf Jahre lang geübt. die er daraus zog. die zeitweise an die 20 000 Mann zählte. Einsätze beim Suezkanalkonflikt und im Algerienkrieg machten ihn zum Profi aller völkerrechtswidrigen Kampfformen. war. Das. In der ölreichsten Ostregion Nigerias. Die Lehre. Wir verließen den Sudan bald nach diesen Ereignissen auf Nimmerwiedersehen. woran er geglaubt hatte. Während unserer Tätigkeit im Sudan stießen wir auf die Spur des deutschen Söldners Rolf Steiner. Unter dem Totenkopfbanner folgt ihm eine Truppe. daß der Sudan mit Hamadallah einen seiner besten Männer verloren hat. Seine Stimme ist nicht zu hören. Seinen ersten großen eigenen Auftrag erhielt er im nigerianischen Bürgerkrieg. der seiner Zeit und seinem Land um einiges voraus war. und so geriet er in Kontakt mit Geheimdiensten. -367- . daß er die verdeckte Kriegführung lernte. den wir gefangennehmen helfen konnten. so viele Jahre nach seinem Tod. Er war ein Freund gewesen und für seine Überzeugung in den Tod gegangen. nur die Mitteilung des Kommentars. Bei dieser Erinnerung krampft sich mir heute wie damals das Herz zusammen. daß er kurz nach diesen Aufnahmen erschossen wurde. Noch heute. Steiners Lebenslauf liest sich wie die exemplarische Biographie eines Söldners. Dreihundert Fallschirmabsprünge. wurde Steiner zum faktischen Armeechef gemacht.Bewachern. Die Kapitulation der eingeschlossenen Festung Dien Bien Phu erlebte er 1954 mit.

verwandelte der Biafraner Steiner sich unter Mithilfe der Vertretung der Bundesrepublik in Gabun in den Bundesbürger Steiner zurück. Er schickte ihn nach Köln zu einem Geheimdienstunternehmen. die Aufständischen im Südsudan zu unterstützen. von Mellenthin. sondern in der Hauptsache in Terrorakten gegen die Zivilbevölkerung des -368- . Als nächstes sprach ihn Pater Franz Glypken. der ihn an einen Mr. an. so einen Umsturz in dem ihrer Meinung nach prokommunistischen Sudan zu befördern. daß bewaffnete Rebellenbanden von Steiner ausgerüstet und ausgebildet wurden. D. Norman von der CIA. Preston weitervermittelte. ein ehemaliger Missionar. Anlaufstelle für Steiner in Uganda war das dortige LufthansaBüro (interessanterweise war der damalige Afrika-Chef der Lufthansa Gehlens ehemaliger Stellvertreter General a. deren Einsätze nicht gegen Armee und Polizei des Sudan stattfanden. Leider sind wir uns noch nicht begegnet und konnten uns daher nicht über alle Facetten des Falles Steiner austauschen). das sich Welt-InformationsKorrespondenz nannte.Als das blutige Abenteuer zu Ende ging. Über den Secret Service gelangte Steiner in Kontakt mit einem Mr. wo man ihn genauer instruieren würde. der in der Bundesrepublik eine Organisation namens Förderungsgesellschaft Afrika leitete. Offiziell reiste Steiner unter dem Deckmantel der Förderungsgesellschaft des Pater Glypken und zwar als deren »Beauftragter für humanitäre Hilfe im Südsudan«. ob Steiner sich dafür eigne. Selbstverständlich sah die humanitäre Hilfe in Wahrheit so aus. Als Rebellenführer im Südsudan wurde Steiner auch für den britischen Geheimdienst und die CIA interessant. Der frühere britische Militärattache Beverly Barnard versorgte ihn mit Karten und Funkgeräten. der sich 1990 brieflich mit mir in Verbindung gesetzt hat. Die CIA hoffte. um zu sondieren. der – vermutlich als legaler Resident – an der ugandischen US-Botschaft in Kampala die Waffenbeschaffung für Steiner organisierte.

ein Fotoalbum mit Hochzeitsbildern und einen Gruß seiner Angehörigen den Weg in seine Zelle finden zu lassen. Offenbar war es eine Erleichterung für ihn. Alles in allem wurde er so gesprächig. Daß es uns gelang. doch der kalte Krieg wies ihrer Konfrontation gerade in diesen Ländern eine zunehmende Bedeutung zu. Zudem hatten unsere tüchtigen Rechercheure es fertiggebracht. Organisationen und Geheimdienste bei ihren Unterwanderungsversuchen in den Ländern der dritten Welt machen konnten. beruhte zum einen auf unseren Ermittlungen. zum anderen auf dem abrupten Umschlagen der politischen Situation in Uganda. daß Rolf Steiner in die Bundesrepublik abgeschoben wurde. der Nahostexperte der damaligen Bundesregierung – »Ben Wisch« –. ihnen vertraute er eher als den einheimischen Behördenvertretern. wo die Einflußnahme auf Länder der dritten Welt an ihre Grenzen trifft. das dem Druck der OAU. wurden auf westdeutscher Seite bereits ganz andere Fäden gezogen. doch während unsere Leute sich noch dafür einsetzten. Die Vorgänge um Steiner im Sudan machen deutlich. daß Steiner im Sudan die Todesstrafe drohte. Auf Bitte der sudanesischen Regierung beteiligten sich Leute des MfS an Steiners Verhören. Da die USA sich weltweit vom -369- . Hans-Jürgen Wischnewski. daß wir uns allmählich ein Bild vom Zusammenwirken der verschiedenen Interessengruppen. Wirtschaftliche und militärpolitische Interessen spielten beim Engagement der Großmächte in den einzelnen Ländern zweifellos stets eine ausschlaggebende Rolle. nachgeben und den Söldner fallenlassen mußte.Landes bestanden. das Todesurteil zu verhindern. erreichte. Es stand außer Zweifel. der Organisation Afrikanischer Staaten. selbst wenn sie aus dem »falschen« Deutschland kamen. Steiner einzukreisen und seine Gefangennahme zu ermöglichen. und ihnen gegenüber zeigte er sich erstaunlich kooperativ. Landsleute vor sich zu haben.

Gespenst des vorrückenden Kommunismus bedroht sahen. im Südjemen auf Bitte der Revolutionsregierung einen Sicherheitsapparat aufzubauen. Bei unserer Entscheidung ließen wir uns von der weltstrategische n Lage Adens leiten. während es in den Ländern des »real existierenden Sozialismus« weder die ohnedies äußerst bescheidene parlamentarische Kontrolle gab. Anders als in vielen Nahostländern wurden wir in Aden mit offenen Armen willkommen geheißen. ergriffen sie beinahe zwangsläufig fast immer für die »falsche Seite« Partei. daß die Politiker der unabhängig gewordenen Staaten oder nach Unabhängigkeit strebenden Bewegungen letztlich ihre eigenen Ziele konsequent verfolgten. die entweder über die Armee oder über eine regierungseigene Außenhandelsfirma des Bereichs Kommerzielle Koordination erfolgten. Regierungsabkommen regelten die Lieferungen. Die Bundesrepublik und ihr Geheimdienst operierten zwar vorsichtiger. eines afrikanischen Sozialismus eigener Prägung oder westlicher Gesellschaftsmodelle bezeichneten. und das waren betont afrikanische Ziele – ganz gleich. Einige spielten recht virtuos mit den Interessengegensätzen der Großmächte und zogen zeitweilig ihren Nutzen daraus. Sicherlich fiel es den westlichen Diensten schwerer. Ausgesprochen mühevoll war es. Das Beispiel unseres Engagements in Afrika zeigt. Das -370- . doch in der Regel in Übereinstimmung mit den USA und ihren Partnern. Im übrigen tat sich die DDR durch Waffenlieferungen erst im letzten Jahrzehnt ihres Bestehens hervor. ob ihre Verfechter sich als Anhänger marxistischer Ideen. die allein schon aus Sensationsgier über derartige Aktionen berichtet hätten. noch irgendwelche Medien. für die Seite der Unterdrücker und Diktatoren. geheime Operationen auf lange Sicht vor der Öffentlichkeit zu verbergen. die in den USA oder der BRD existierte. und so verhielt es sich auch in der Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten.

daß wir die Probleme des Südjemen am besten verstehen konnten. dessen zwei Staaten sich geheimdienstlich befehdeten.Land war in einen unerbittlichen nachrichtendienstlichen Krieg mit dem Nordjemen verstrickt. Sechs Jahre lang investierte das Ministerium für Staatssicherheit beträchtliche Mittel in Ausbildung und Ausrüstung eines Sicherheitsdienstes. Es war also nicht überraschend. ob der Kampf um politische Unabhängigkeit in Angola ohne Einmischung von außen nicht weniger blutig verlaufen wäre. Die Frage. daß die an die Regierung gelangte MPLA mit Präsident Neto Rückhalt bei Kuba. der UdSSR und der DDR suchte. UNITA und FNLA waren prowestlich eingestellt. Machtkämpfe innerhalb der Regierung von Mosambik erschwerten uns eine effiziente Unterstützung im gleichen Maße wie die Uneinigkeit zwischen KGB und dem sowjetischen Militär über den richtigen Weg. die von den Apartheidregimes Rhodesiens und Südafrikas finanziert wurden. Als Angola für Ende 1975 die Unabhängigkeit zugesagt wurde. während die USA von Kinshasa. der UNITA unter Jonas Savimbi und der FNLA unter Holden Roberto sofort aus. doch der Bürgerkrieg wurde unentwirrbar. aus die FNLA mit Geld und Waffen im mittlerweile geschürten Bürgerkrieg unterstützten. hinter dem Saudi-Arabien stand. brach die Rivalität zwischen den Befreiungsorganisationen MPLA unter Agostinho Neto. Auch im nachhinein kann ich den bescheidenen Beitrag me ines Nachrichtendienstes in Angola nicht kritikwürdig finden. der Hauptstadt Zaires. war man in Aden wohl der Meinung. und deshalb beschränkten wir uns zuletzt auf Lieferungen technischer Hilfsgeräte und -371- . In Mosambik unterstützten wir gemeinsam mit kubanischen und sowjetischen Beratern die Regierungspartei Frelimo gegen die Renamo-Rebellen. richtet sich in erster Linie an die Adresse der USA. Netos Volksbewegung war marxistisch orientiert. die Konflikte zu reduzieren. Da meine Leute ebenfalls aus einem geteilten Land kamen.

weil ich den beiden freundschaftlich verbunden war. von denen man sich -372- . Auf dem Rückflug stürzte der Hubschrauber ab. waren 1973 nach Libyen geflogen. Wie in den meisten Ländern Afrikas waren es einzig die Vertreter Kubas. sondern weil sie zu den wenigen im Führungskern der DDR gezählt hatten. was nicht zuletzt an ihrem unmittelbaren Kampfeinsatz gelegen haben dürfte. Ähnlich erging es offenbar den Vertretern des KGB. Lamberz. ob unsere Hilfe immer der richtigen Seite zugute kam.ausgemusterter NVA-Waffen. es war eine politische Entscheidung. und Markowski. Die Zusammenarbeit mit dem äthiopischen Sicherheitsdienst bedeutete viel Arbeit und hohe Kosten für uns bei minimalem Einfluß und so gut wie keinem Einblick in das Tun der dortigen Sicherheitsorgane. Zu manchen eritreischen Organisationen unterhielten wir engere und bessere Beziehungen als zur äthiopischen Regierung in Addis Abeba. die den Wünschen der kubanischen und sowjetischen Verbündeten Folge leistete. Es war nicht nur deshalb ein schwerer Schlag. Mit der Eritrea-Politik und dem späteren Krieg gegen Somalia waren wir weder glücklich noch einverstanden. In Äthiopien beispielsweise hatte unser Land sich besonders stark engagiert. die wirklich akzeptiert wurden. Ich hörte die Nachricht beim Winterurlaub in den Bergen. um Gaddafi als Vermittler in der Eritrea-Problematik zu gewinnen. Eritreas Autonomie zu respektieren. All mein Sträuben gegen die zusätzliche Belastung für meinen Dienst hatte nichts gefruchtet. wenngleich ihr weit größeres wirtschaftliches und militärisches Engagement ihnen größere Autorität sicherte. und diese Forderung mit einem mörderischen Feldzug beantwortete. die sich strikt weigerte. Leiter der außenpolitischen Abteilung des Zentralkomitees. Unser glückloses Engagement wird in meiner Erinnerung immer vom tragischen Unfalltod Paul Markowskis und Werner Lamberz' begleitet sein. Dennoch mußten wir uns des öfteren fragen und fragen lassen. Mitglied des Politbüros der SED.

Anders als im Fall unseres erfolglosen Wirkens in Äthiopien konnte ich mich mit meiner Ablehnung durchsetzen. Alle Berichte gelangen zu dem Schluß. Deshalb beschränkte der Kontakt sich auf den begrenzten Verkauf der gewünschten Technik. darauf zu beschränken. mehr Mitarbeiter meines Dienstes nach Afghanistan zu entsenden. und wie in solchen Fällen üblich. Gewiß wäre mein Dienst aktiv geworden. die Ausrüstung eines Ausbildungszentrums und die Durchführung eines Lehrgangs für Personenschutz durch die entsprechende Hauptabteilung des MfS. die wir leisteten. und dort wurden sie mit einer Ausrüstung versehen. der Gaddafis Leibwächtern zugute kam. daß der Pilot für Nachtflüge nicht qualifiziert war und den Rückflug in der Dunkelheit nicht hätte antreten dürfen. daß wir dort nichts zu gewinnen hatten. Ich habe mir deshalb Untersuchungsprotokolle über den Absturz verschafft. Da Lamberz verschiedentlich als potentieller Nachfolger Honeckers im Gespräch gewesen war. die sie anderswo nicht kaufen konnten. als die KGB-Führung 1979 versuchte. begannen schnell Gerüchte um seinen Tod zu sprießen. dies aber hatte Werner Lamberz ausdrücklich verlangt. Direkte nachrichtendienstliche Beziehungen zu Libyen haben wir zu keinem Zeitpunkt unterhalten. -373- . wenn sich interessante Perspektiven ergeben hätten. wurde die HVA bei den Verhandlungen als Vermittler eingesetzt.Bereitschaft zu Reformen erhoffen konnte. In der Bundesrepublik wurden die libyschen Nachrichtendienstler ausgebildet. die Hilfe. Nachdrücklich führte ich Mielke vor Augen. aber Libyen war durch seine westdeutschen Partner bereits bestens versorgt und zufrieden. uns dazu zu bringen. Mit aller gebotenen Diplomatie gelang es uns. ein Krankenhaus auszustatten und in Ost-Berlin Treffen zwischen Vertretern der Mudschaheddin und Nadschibullah zu ermöglichen. Die libysche Seite hat sich in Einzelfällen um bestimmte technische Ausrüstungsartikel bemüht.

besonders zu Jassir Arafats PLO. seinen linken Flügel zu stärken. als diese Bewegungen den bewaffneten Kampf führten. er befürchtete. Wie unsere politische Führung waren auch wir in der HVA der Ansicht. die Gegenseite desinformiert. ohne das eigene Wissen zu verraten. an das Zentralkomitee der SED die Bitte. geschah es auch mit unserem Kontakt zur PLO. und von da an bildeten wir zwei. der Führer der südafrikanischen KP. versuchen westliche Medien bis heute fast unisono meinem Dienst und mir als Unterstüzung des internationalen Terrorismus anzulasten. ohne die Gefahr einer Spaltung innerhalb der Bewegung heraufzubeschwören. staatlicher Verträge und Vereinbarungen zustande kamen. Ende der 70er Jahre richtete Joe Slovo. So. ohne daß man sie entdeckte. wie die Beziehungen zu den Sicherheits.Das Engagement der DDR und meines Dienstes für Befreiungsbewegungen wie die SWAPO in Namibia oder den ANC in Südafrika wird im nachhinein gewiß von niemandem beanstandet. Honecker stimmte zu. wie man Doppelagenten auf die Schliche kommt. Die Kontakte zu arabischen Staaten und zu palästinensischen Organisationen. doch damals. und sie infiltriert. daß Spitzel der südafrikanischen Regierung in den ANC eindringen könnten. daß die Palästinenser für ihre rechtmäßigen Interessen eintraten. Unter den nach dem Zweiten Weltkrieg vom Kolonialismus befreiten Völkern waren sie als einzige von einer eigenständigen nationalen Entwicklung -374- . daß wir eine kleine Gruppe von ANC-Mitarbeitern für die Spionageabwehr ausbildeten.und Nachrichtendiensten afrikanischer und arabischer Staaten auf der Grundlage politischer Entscheidungen. wenngleich wir dabei diskret bemüht waren.bis dreimal im Jahr ein knappes Dutzend Südafrikaner darin aus. Wir unterstützten den ANC in seinem Kampf gegen die Apartheid. galten sie in den Augen vieler als terroristische Vereinigungen – so wie es der PLO heute noch oftmals widerfährt.

ausgeschlossen worden. als die PLO gerade von der Arabischen Liga als einziger Repräsentant des palästinensischen Volkes anerkannt worden war und in der Uno-Vollversammlung den Beobachterstatus zuerkannt bekommen hatte. Bei den Gesprächen mit Arafat in Moskau verurteilte unser Vertreter den Anschlag in München und machte einen Kontakt unseres Dienstes zum Sicherheitsdienst der PLO von der Bedingung abhängig. Unter der Leitung des damaligen Innenministers Genscher wurde die Befreiungsaktion auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck so dilettantisch geplant und durchgeführt. daß fünf Geiselnehmer. zwei Sportler getötet und neun weitere als Geiseln genommen. Das war zu jener Zeit. 1969 hatte der Resident unseres Dienstes in Kairo inoffizielle Kontakte zu Arafat aufgenommen und zu Georges Habasch. Arafat hatte während eines Besuchs in Ost-Berlin im Gespräch mit Honecker den Wunsch danach geäußert. doch der erste offizielle Kontakt ergab sich Ende 1972 oder Anfang 1973. hatte ein Kommando der palästinensischen Terrorgruppe Schwarzer September bei den Olympischen Spielen in München das Quartier der israelischen Olympiamannschaft überfallen. Bei allen weiteren -375- . Wenige Monate zuvor. daß solche Aktionen künftig unterlassen würden. Kurz darauf nahm die DDR diplomatische Beziehungen zur PLO auf. Widerstreitende Interessen hatten die Entstehung eines Staates Palästina zu verhindern gewußt. im August 1972. aber auch uns mit aller Deutlichkeit bewußt. und mein Vertreter traf sich daraufhin mit ihm in Moskau. Der Überfall im olympischen Dorf machte erstmals der Bundesrepublik. dem Leiter der radikaleren Volksfront für die Befreiung Palästinas. Eine spätere Analyse des Blutbads brachte den deutschen Behörden scharfe Kritik ein. ein Polizist und alle neun Geiseln getötet wurden. wie schnell Terrorkommandos die Gewalt in jedes xbeliebige Land transportieren können. Arafat war dazu bereit und benannte Abu Ayad als seinen Beauftragten für Sicherheitsfragen.

Informationen über die USA und ihre Verbündeten zu erhalten. daß sie Verbindungen bis in höchste USRegierungskreise. Ausrüstungen für den bewaffneten Kampf zu bestellen. so über die Vorbereitung und den -376- . In allen Gesprächen ließen unsere Leute keinen Zweifel daran. konzentrierte sich ihr Interesse auf die Ausbildung ihrer Mitarbeiter und darauf. und Abu Ayad und andere Gesprächspartner sagten dies zu. über ihre strategischen Pläne. Wir wiederum waren bemüht. Da den Palästinensern sehr bald klar wurde. daß die DDR zwar für den Rückzug der Israelis aus den seit 1967 besetzten Gebieten und für das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung eintrat.Kontakten stellten wir immer die Bedingung. daß von uns keine Beteiligung an Anschlägen gegen Israel und keine Geheiminformationen über Israel zu erwarten waren. und aufgrund ihrer weltweiten Beziehungen erschien uns das nicht unwahrscheinlich. daß sie aber zugleich ebenso die gesicherte Existenz und Entwicklung des Staates Israel bei internationalen Garantien für eine Friedensregelung befürwortete. ihre Waffensysteme und geheimdienstlichen Aktivitäten. Die Anerkennung der staatlichen Existenz Israels aber war Anfang der 70er Jahre für die meisten Palästinenserführer ein rotes Tuch. jede Seite suchte ihren Vorteil. Abu Ayad und andere deuteten häufig an. daß die Übereinstimmung in politischen Grundfragen deutliche Grenzen hatte. Die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit der PLO war von unterschiedlichen Interessen bestimmt. Tatsächlich erhielten wir nützliche Informationen über Interna. daß die PLO auf Terroraktionen in Europa verzichtete. Den Umgang erschwerte zudem der manifeste oder latente Antikommunismus vieler Mitarbeiter im Sicherheitsapparat der PLO. in die militärischen Stäbe der Nato und in die Zentren von Rüstungsforschung und -produktion besäßen. Nach Aufnahme direkter Beziehungen zur PLOSicherheit wurde bald sichtbar.

doch insgesamt wurden unsere Erwartungen ebensowenig erfüllt wie die der PLO. Eine unerwartete Bedeutung erhielt unsere bescheidene Präsenz im Vorderen Orient während der dramatischen Ereignisse 1982 im Libanon. Angesichts der grausam ausgetragenen Bürgerkriege an allen Ecken und Enden der Welt sind die Bilder des Grauens jener Tage im Libanon längst vergessen. Wertvoll für uns waren die Kenntnisse der Palästinenser in allem. Als ich unsere Offiziere später für ihren Einsatz auszeichnete. manche weigerten sich. sondern auch anderer Abteilungen der Staatssicherheit zur PLO ausschließlich auf eine Unterstützung des palästinensischen Terrorismus. Auf diesem Weg bekamen wir einen guten Einblick in die Geheimdienstaktivitäten von CIA.Inhalt des Camp-David-Vertrags zwischen Israel und Ägypten. während unsere Offiziere als einzige über funktionierende Funkgeräte und eine offene Verbindung zur PLO verfügten. hatte Moskau zeitweilig keine Verbindung zu seiner Botschaft und den KGB-Mitarbeitern. Als Beirut von den israelischen Truppen bereits in Schutt und Trümmer gebombt war. Sie trafen sich unter Beschuß und Bombardements mit ihren Partnern. Amerikanische und israelische Publikationen reduzieren die Kontakte nicht nur meines Dienstes. zu welcher Feuerhölle der Dauerbeschuß der Israelis Beirut in jenen Tagen gemacht hatte. Über unsere Residenten in arabischen Staaten unterhielten wir einen regelmäßigen Nachrichtenaustausch mit Abu Ayads Dienst. und viele engagierten sich danach in der israelischen Friedensbewegung. gegen die Zivilbevölkerung einzuschreiten. weil sie -377- . BND und anderen westlichen Diensten in diesem Raum. die unsere eigenen Bemühungen weit in den Schatten stellten. schilderten sie mir. doch damals standen sogar israelische Soldaten angesichts der Massaker in den Lagern Sabra und Schatila unter Schock. was mit dem Krisenherd Nahost zusammenhing.

mehrmals in Ost-Berlin auf. daß ich Terrorakte verurteile und einen großen Unterschied zwischen solchen Aktionen und einem gerechten Befreiungskampf sehe. Ein Dokument vom 8. daß die Abteilung XXII einzelnen Personen den Aufenthalt in der DDR unter falscher Identität zu Ausbildungszwecken oder zum Untertauchen ermöglichte. doch dann wuchs sie innerhalb weniger Jahre beträchtlich. zur IRA. über die nicht einmal zwei Dutzend Mitarbeiter der Abteilung selbst informiert waren. denn sie lautet: »Derartige Aktivitäten vom Territorium der DDR aus schaffen politische Gefahren und beeinträchtigen unsere staatlichen Sicherheitsinteressen. Carlos.« Die spätere Hauptabteilung XXII des MfS war eine Abwehr im kleinen. doch die Prämisse des Dokuments wird dabei verschwiegen. Dieses Dokument wird immer wieder als Beweis für unsere Verstrickung in terroristische Aktivitäten zitiert. Diese Kontakte bestanden meist darin. Aus den Unterlagen der Abteilung weiß man heute. hielt sich unter falschem Namen mit einem Diplomatenpaß der VDRJ als Gast der Botschaft des Südjemen zwischen 1979 und 1982. Nicht nur ich habe nie ein Hehl daraus gemacht. Führungsmitglied der Fatah. der Antiterrorabteilung. sondern einem anderen Stellvertreter Mielkes. Abu Daud. der 1977 in Frankreich festgenommen und abgeschoben -378- .die PLO ausschließlich als terroristische Vereinigung betrachten. mit bürgerlichem Namen Ramirez Illich Sanchez. zu den radikaleren Palästinenserflügeln wie Habaschs Volksfront oder Abu Nidais Gruppe und zu dem international gefürchteten Terroristen Carlos unterhielt – Kontakte. beschäftigt sich mit möglichen Gewaltakten palästinensischer Extremisten und anderer Terroristen und deren Bedeutung für die DDR. Bis Ende der 70er Jahre hatte sie ein Schattendasein geführt. daß sie Kontakte zur ETA. die im übrigen nicht mir unterstand. Mai 1979 aus der Abteilung XXII des MfS.

Libysche Täter wurden verdächtigt. die den Sprengstoff von Ost-Berlin aus eingeschmuggelt haben sollten. Die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: Am 25. Unsere schlimmsten Befürchtungen waren übertroffen worden. in Frankreich inhaftierte Mitglieder freizupressen. daß libysche Diplomaten. Die Grenzposten hatten das sofort dem MfS gemeldet. April 1986 kam es zu drei Toten und mehr als zweihundert Verletzten. Mai 1979 mit dem Titel »Aktivitäten von Vertretern der palästinensischen Befreiungsbewegung in Verbindung mit internationalen Terroristen zur Einbeziehung der DDR bei der Vorbereitung von Gewaltakten in Ländern Westeuropas« enthielt eine deutliche Warnung. bestand darin. obwohl Hinweise auf geplante Attentate libyscher Gruppen vorlagen. Aktiven Terroristen Unterschlupf zu gewähren. die der Abteilung XXII keine Unbekannten waren. es gab ein Todesopfer und dreiundzwanzig Verletzte. August 1983 detonierte eine Sprengstoffladung im West-Berliner französischen Konsulat Maison de France. ihr Gepäck genauestens zu untersuchen. tauchte ebenfalls kurzzeitig in der DDR unter. Das Papier vom 8. Eine der wenigen Möglichkeiten für das MfS. das Treiben verdächtiger Staatsgäste mit Diplomatenpaß zu kontrollieren. Im Fall des La-Belle-Attentats stellte sich heraus. Beim Sprengstoffanschlag auf die West-Berliner Diskothek La Belle am 5. Üblicherweise reisten Gäste aus dem Nahen Osten schwerbewaffnet. doch dort hatte man sich offenbar zu keinem Vorgehen entschließen können. Doch entweder unterschätzte die Abteilung XXII mitsamt Minister Mielke die Gefahr. das war nicht weniger gefährlich als mit offenem Feuer in der Nähe von Benzin zu hantieren.worden war. oder die beargwöhnten Gäste waren aus dem Ruder gelaufen und entzogen sich immer mehr der Überwachung. -379- . Die Organisation um »Carlos« hatte auf diesem Weg versucht. Sprengstoff in ihrem Gepäck mitgeführt hatten.

und es für ihre Pflicht hielten. was vor nicht allzu langer Zeit schier unmöglich schien. PLO-Quellen wiederum haben durchsickern lassen. Angesichts solcher Vergeltungsschläge fragt man sich. nur Gaddafi blieb unverletzt. damals Angestellter der Botschaft Libyens in Ost-Berlin. Peres und -380- . Wenn ich im Rückblick unser Engagement in der dritten Welt und unsere Kontakte zu kämpferischen Freiheitsbewegungen wie der PLO.und West-Berlin hin und her reisen können. Dutzende von Todesopfern und Hunderte Verletzte waren das Ergebnis. obwohl strengste Sicherheitsvorkehrungen vorgeschrieben waren. Chraidi habe sich im Geheimauftrag der USA in die libysche Terroristengruppe eingeschlichen.Interessant ist die Frage. die USA seien im Besitz eindeutiger Beweise für die Täterschaft. Che Guevara. hatte ungehindert mehrfach zwischen Ost. Auf jeden Fall ließ Reagan zwei Tage nach seiner Ansprache die US-Luftwaffe massive Vergeltungsangriffe gegen Ziele in Tripolis und Bengasi fliegen. Jassir Chraidi. einer der Haupttäter. dem ANC oder der SWAPO betrachte. die sie mitgestaltet haben: das Bild des Händedrucks zwischen Arafat. was vom Nahen Osten ausgeht. dann ist mein Eindruck zwiespältig. am Entstehen dieser Welt mitzuwirken. Nur einen Tag nach dem Attentat auf die Diskothek verkündete Präsident Reagan. ob der Begriff Staatsterrorismus nur auf das zutreffen soll. sondern auch Bilder jener historischen Augenblicke. wie früh die Amerikaner über die libyschen Pläne informiert waren und ob sie den Anschlag hätten verhindern können. Einhundertsechzig Bomber warfen über sechzig Tonnen Sprengstoff ab. Gewiß war manches Opfer zu schwer. Doch nicht nur Bilder der Trauer erinnern uns an sie. daß eine bessere und gerechtere Welt möglich ist. weil sie davon überzeugt waren. mancher oft nur vermeintliche Fortschritt zu teuer erkauft – doch ebenso wurde der Boden für manches bereitet. Patrice Lumumba. Salvador Allende und zuletzt Yitzhak Rabin haben ihr Leben gegeben.

und das Bild eines strahlenden Nelson Mandela. mit dem der Frieden im Nahen Osten plötzlich greifbar wurde. -381- . der zum ersten schwarzen Präsidenten der Republik Südafrika gewählt wurde.Rabin vor dem Weißen Haus.

Der ferne Kontinent Während meiner gesamten Dienstzeit blieb der amerikanische Kontinent für mich in weiter Ferne. einen effizienten Sicherheitsdienst aufzubauen. Für meinen Dienst aber war und blieb die Bundesrepublik das wichtigste Operationsgebiet.16. doch Mitte der 60er Jahre waren die Kubaner so blutige Anfänger wie mein eigener Dienst zehn Jahre zuvor. als ich mit zwei Begleitern nach Havanna flog. In späteren Zeiten galt der kubanische Geheimdienst zu Recht als hochgradig professionell. und das Ziel meiner Reise war Kuba. Fünf Jahre waren seit dem Sturz der Diktatur Batistas und dem Sieg der Revolutionäre vergangen. Die normale Route von Berlin über Prag mit Zwischenlandungen in Schottland und Kanada verwarf Mielke. Am Abend starteten wir mit einer viermotorigen Turboprop-382- . zu treffen und uns über den Stand ihrer Beziehungen zum kubanischen Innenministerium und über Anzahl und Wirken ihrer auf Kuba tätigen Verbindungsoffiziere zu informieren. das Thermometer war unter dreißig Grad gefallen. Wir nutzten den Zwischenaufenthalt. um uns mit dem KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastny und Alexander Sacharowskij. Es war im Januar 1965. dem Leiter der Auslandsaufklärung. daß ich den Boden des amerikanischen Kontinents zum erstenmal ausgerechnet in New York betrat. Dennoch wollte es der Zufall. sowohl rein geographisch als auch im übertragenen Sinn. In Moskau landeten wir bei klirrender Kälte. der auf Konferenzen sozialistischer Nachrichtendienste offiziell verwendet wurde. Also ging es nach Moskau. Nicaragua und die Sowjetunion waren die USA der »Hauptgegner« – ein Terminus. wo der Nonstop-Weiterflug nach Havanna angetreten werden sollte. Für Kuba. wir sollten nicht in Nato-Staaten landen. um Fidel Castros Regierung dabei zu beraten.

als ich bemerkte. Was war geschehen? Den Mitreisenden war anzusehen. um Gewicht zu sparen. Gleich mußten wir ins Meer stürzen. Einer hatte eine Tasche an sein Handgelenk gekettet. Weitere Stunden vergingen. und beide bewachten mit Argusaugen ihr übriges Gepäck. deutlich war die Gischt hoher Wellen zu erkennen. Eine Stewardeß. manche auch mit Kindern. kam die kanadische Küste in Sicht. als unser Flugzeug an Höhe verlor. Die einzigen Ausländer außer uns. Nach meiner Berechnung mußten wir uns kurz vor Kuba befinden. daß alle die gleiche stumme Frage beschäftigte. brausten Polizeifahrzeuge mit blinkendem Rotlicht und heulenden Sirenen heran und gingen rund um uns in Stellung. Der hintere Teil des Flugzeugs war völlig leer. damit der Treibstoff auch wirklich bis Havanna reichte. Weiter geschah zunächst nichts. dem leistungsstärksten Flugzeug der Aeroflot. offenbar diplomatische Kuriere. Als wir das Schauspiel des Übergangs der Nacht in den herannahenden Tag erlebten. sein Heil im freien Westen zu suchen? Ein Lotsenfahrzeug dirigierte die Maschine zu einer abgelegenen Stelle des Flughafens. Wir tauchten steil nach unten. -383- . Als die Triebwerke verstummten. kümmerte sich vorrangig um uns.-Kennedy-Flughafens auf. Die meisten Insassen des vorderen Salons waren sowjetische Seeleute oder Experten mit Ehefrauen. das um sie herum gestapelt war. Plötzlich tauchte vor dem Bordfenster die Silhouette Manhattans auf. zwei Chinesen. Ich rasierte mich gerade. doch schon setzte der Pilot die Maschine vorbildlich auf die unmittelbar am Wasser gelegene Landebahn des John-F. War uns etwa doch der Treibstoff ausgegangen? Hatte das Flugzeug einen Defekt? Hatte ein Teil der Crew spontan beschlossen.Maschine vom Typ AN-124. daß die Sonne auf der »falschen« Seite aufging. vermutlich KGB-Mitarbeiterin. saßen direkt vor uns. Die von Turbulenzen geschüttelte Maschine sank immer tiefer. die Sitzreihen waren abmontiert.

doch die nützten uns wenig. die unsere tatsächliche Identität verraten konnten. wenn ich als ganz normaler Passagier gekommen wäre? Was würde ich jetzt unternehmen? Könnte ich den Jugendfreund George Fischer ausfindig machen oder Leonhard Mins. der im Gang neben uns stand. Mit dem Auftritt der Presse kehrte unser Humor zurück – in solchen Situationen ein unverzichtbarer Begleiter. wenn er erfuhr. wenigstens in die amerikanische Freiheit zu winken. und deshalb lieferte unsere AN-124 eine kleine Sensation. den Freund der Eltern aus der Moskauer Vorkriegszeit? Über Mins hatte mein Vater zu uns Verbindung gehalten. Mit Gesten forderten sie uns auf. Wir besaßen Diplomatenpässe. hatte seit der Kubakrise 1962 kein sowjetisches Schiff oder Flugzeug einen amerikanischen Hafen aufgesucht. um den KGB-Partnern mit Fragen und Vorschlägen den Nerv zu rauben. Aber die Realität meldete sich bald genug zurück. Vorsorglich schob ich die schmale Tasche mit den Unterlagen. unter die Matratze eines Kinderwagens. Wir malten uns Mielkes Mimik und seine Reaktionen aus. Inzwischen war eine ganze Kohorte Journalisten aufgetaucht. als er in Frankreich in Le Vernet interniert gewesen war. sie durchzulassen. daß sein Geheimdienstchef samt Geheimnisträgern auf dem Boden des »Erzfeindes« gelandet waren.Stunden ungewissen Wartens vergingen. Für einen Augenblick überließ ich mich dem Träumen: Was wäre. Wild gestikulierend. Auch mein Halbbruder Lukas mußte irgendwo in der Nähe von New York wohnen. Ich ging im -384- . versuchten sie die Polizisten dazu zu bringen. Hinter den Hangars sah ich den am Flughafen vorbeiführenden Highway mit seinem allmählich anschwellenden Strom von Fahrzeugen. einige hatten sogar wie im Film den Presseausweis am Hut stecken. Sicher w ürde er zum Hörer eines seiner unzähligen Sondertelefone greifen und in Moskau anrufen. Wie ich später erfuhr. da die DDR von den USA nicht anerkannt war.

Mein Sitznachbar unterbrach diese Grübeleien. mich hier zu identifizieren. den Inhalt wahrscheinlich wichtige Papiere – möglichst unauffällig zu verzehren. Außer beruhigenden Worten konnte er uns nur die Nachricht bieten. Um zu lüften. übergewechselt war. Die beiden Chinesen hatten ihre Kuriertasche geöffnet und mühten sich damit ab. Stunden waren vergangen. Das Thermometer sank auf minus fünfzehn Grad. Inzwischen wurde es im Flugzeug ausgesprochen ungemütlich. und die Passagiere zitterten in ihrer Tropenkleidung bald wie Espenlaub. blies der Pilot Winterluft in die Kabine. Er stieß mich mit dem Ellbogen in die Seite und deutete auf die Sitzreihe vor uns. die mir zur Last gelegt werden konnten. daß Moskau mit Washington verhandle. Der Hauch des kalten Krieges war noch um einige Grade frostiger als die New Yorker Winterluft. und erklärte. Die Heizung war abgeschaltet. Seit der Kubakrise hatten die Amerikaner die Sanktion erlassen. er bemühe sich um eine Sondergenehmigung. Sollten wir ihnen als Geste des proletarischen Internationalismus Hilfe anbieten? Wir warteten lieber ab. unser Flugzeug auftanken zu lassen.Kopf einige nachrichtendienstliche Aktivitäten durch. der Kenntnis über amerikanische Objekte besaß. wegen ungewöhnlich starkem Gegenwind sei uns der Treibstoff ausgegangen. Zu jener Zeit waren wir damit beschäftigt. Er behauptete. Eingeschleust hatten wir noch niemanden. die ersten Agenten mit fa lschen Papieren für die Übersiedlung in die USA vorzubereiten. Kauen und Schlucken waren ihnen als einzige Waffen im Kampf gegen die vom Klassenfeind drohende Gefahr geblieben. als -385- . daß keine Flugzeuge der UdSSR oder ihrer Verbündeten mit Destination Kuba in den USA landen oder tanken durften. Achtzehn Stunden waren seit unserem Abflug vergangen. sollte es gelingen. als der sowjetische Konsul mit einem Campingbeutel voller Thermosflaschen auftauchte. weil vor wenigen Jahren ein Mitarbeiter unserer Zentrale.

die vor der Revolution einem Millionär gehört haben mußte. Viel hatte ich nicht gesehen: ein Stück New York aus der Luft und den Highway neben dem Flughafen. Meine Begleiter und ich wurden jedoch umgehend zu einem Empfangskomitee gebeten. der uns schon durch seinen -386- . von denen sich einige am großen Vorsitzenden Mao orientierten. Unser ständiger Begleiter und Dolmetscher. daß zwei Offiziere der Air Force als Lotsen an Bord kämen. Es war schon dunkel. Die anderen mußten weiter warten. Nun. ob Passagiere und Besatzung überhaupt das Flugzeug verlassen durften oder nach Moskau zurückfliegen mußten. Das war mein erster Aufenthalt auf dem amerikanischen Kontinent. Als die Tür für einen Augenblick offenstand. dort machten unsere Betreuer uns mit dem Programm für die nächsten Tage bekannt. Abwechselnd suchten sie die Toilette auf. Am frühen Abend startete unsere AN-124. Wir wurden in einer Villa einquartiert. Washington habe den Weiterflug genehmigt. dessen Kern und Villenviertel die imponierende Ausstrahlung einer modernen Metropole hatten. In wilder Fahrt ging es durch das abendliche Havanna. diesmal mußten sie ihre Instruktionen verbal entgegennehmen. das uns mit Blumen und wortreicher Freundlichkeit begrüßte. Wieder durften wir nicht aussteigen. um sich der Post auf andere Weise zu entledigen. und jetzt ging es darum. darunter die beiden Märtyrer der rotchinesischen Sache.die Stewardeß mir zuflüsterte. Vielleicht waren sie für Guerillagruppen in Lateinamerika bestimmt gewesen. Es sah aus. als rücke er den auf weiße Seide geschriebenen Nachrichten mit Seife zu Leibe. konnte ich einen der beiden beim Hantieren am Waschbecken beobachten. Die Aufnahmekapazität ihrer Mägen war inzwischen erschöpft. Leider konnte ich die gute Nachricht den beiden Chinesen nicht vermitteln. als wir auf dem Flughafen Jose Marti in Havanna landeten. Den Kubanern waren die beiden US-Offiziere nicht avisiert worden. allerdings unter der Bedingung.

dieser sei der beste pistolero ganz Kubas. Vo r nicht einmal zehn Jahren war Fidel Castro mit seinen zweiundachtzig Kampfgefährten vom Motorkutter Granma am Strand von Las Colorados in der Provinz Oriente gelandet. wo wir uns befanden: keine neunzig Meilen von der Küste des mächtigsten Staates der »anderen Welt« entfernt. die üppige Vegetation und die nur durch das Zirpen der Grillen unterbrochene Stille ließen den Berliner Winter und die klirrende Kälte Moskaus fast vergessen. Die Erhebung gegen das Batista-Regime war noch nicht lange her. für die sei unablässig und zuverlässig gesorgt. Um unsere Sicherheit brauchten wir uns wirklich keine Sorgen zu machen. daß er auf Weisung des Ministers für die Erfüllung all unserer Wünsche zuständig sei. doch dem Zauber der Natur auf dieser wunderschönen Insel konnten wir uns nicht verschließen: den wechselnden Farben des Himmels vom zarten Gelb und Rosa am Morgen über das strahlende Blau des Tages bis zum samtenen Schwarz der Nacht. denen Wassertemperaturen von siebenundzwanzig Grad Celsius viel zu niedrig waren. Wir waren nicht als Touristen gekommen. bestaunt von den Kubanern. sagte er ganz ernsthaft. machten wir nach dem Essen noch einen kleinen Gang durch den Garten. Er präsentierte uns den Fahrer Enrico mit der Bemerkung. Obwohl wir vor Müdigkeit fast umfielen.korrekten Anzug mit weißem Hemd und Krawatte aufgefallen war. den unvorstellbaren Farbschattierungen des Meeres. Die betörende Luft. Alle Schönheit Kubas aber konnte uns nicht vergessen machen. In den Mauern waren noch die Einschläge der Kugeln zu sehen. den -387- . in dessen Wellen wir uns bei jeder Gelegenheit stürzten. von wo aus man mit bloßem Auge die Kriegsschiffe der USMarine erkennen konnte. Am Tag nach unserer Ankunft standen wir auf der Aussichtsplattform des monumentalen Denkmals für Jose Marti. stellte sich als Umberto vor und erklärte.

die das Unternehmen Schweinebucht im Jahr 1961 zu verantworten hatte. Allen Dulles und seine Leute hatten einfach nicht zur Kenntnis genommen. fiel es der Öffentlichkeit schwer. die Castro beseitigen sollten. das Invasionsvorhaben gegen Kuba zu glauben.wir nun besichtigten. Einzelheiten über die Operation Zapata und Kennedys Bedenken. nachdem sie etwas ähnliches ein Jahr zuvor im Iran unter der Bezeichnung AJAX erprobt hatte. als ein Untersuchungsausschuß des amerikanischen Senats die CIA zwang. weil er ein »zweites Ungarn« vermeiden wollte. Auf der Fahrt durch die Zapata-Sümpfe und entlang der Schweinebucht erinnerten alle paar Kilometer schlichte Zeichen an die erbitterten Kämpfe gegen die Contras. so irrwitzig waren die Einzelheiten. die Exilkubaner. daß Fidel Castros Befreiungsbewegung von der überwältigenden Mehrheit der Kubaner unterstützt wurde. und Kennedy verlangte vom seinerzeitigen CIA-Direktor Richard Helms höchste Priorität für den -388- . Der große Irrtum der CIA. daß die Kubaner aus den früheren CIAAktionen ihre Lehren gezogen hatten. und sie konnten sich offensichtlich auch nicht vorstellen. die sie 1954 gegen Guatemala durchgeführt hatte. sie könne die Mechanismen ihrer erfolgreichen Blitzoperation PB Success. erfuhr ich erst später. an einer Stelle sogar das Wrack eines abgeschossenen B-26Bombers. Obwohl beim Bekanntwerden der CIA-Invasionspläne Machenschaften wie der Mord an Patrice Lumumba und die amerikanische Intervention gegen die rechtmäßige Regierung Guatemalas noch in frischer Erinnerung waren. Selbst nach dem Desaster in der Schweinebucht hielt die CIA an ihren Kontakten zu führenden Mafiabossen wie Sam Giancana aus Chicago fest. Auch nach Playa Girón fuhr man uns. ohne weiteres auf Kuba übertragen. das ganze Ausmaß dieser monströsen Geheimaktion gegen Kuba zu enthü llen. Bomber einzusetzen. bestand in der Illusion.

Wollte ich mich mit einem der sowjetischen Vertreter treffen. Sein Glaube an die Technik und an die unerschöpflichen Geldquellen der DDR war grenzenlos. Seinen Schreibtisch übersäten Kataloge und Fachzeitschriften. daß die Sowjetunion der Ansprechpartner für seine extravaganten Wünsche war. als ich ihm behutsam klarmachen mußte. Die Anwesenheit sowjetischer Berater erwähnte Valdez mit keiner Silbe – fast so. -389- . Castros Tod oder zumindest sein Sturz war verbindlich für Oktober 1962 vorgesehen. vom State Department und der CIA gemeinsam beaufsichtigt. Fidel Castros Bruder Raul. Meine Gesprächspartner gehörten zu den barbudos. der Chef des Aufklärungsdienstes. waren auf verschiedene Weise eigenwillige und faszinierende Persönlichkeiten. Miniatursender und dergleichen mehr. Ich erinnere mich einer waghalsigen Autofahrt in einem riesigen Cadillac. Er interessierte sich für unsere Erfahrungen. den Bärtigen. die den Marsch in die Sierra Maestra und die Kämpfe in den Bergen überlebt hatten. über Fernsteuerungen und leistungsstarke Mikrofone. bei der er am Steuer locker mit mir plauderte. als ob sie nicht existierten. und Robert Kennedy scheint die Oberleitung innegehabt zu haben. Unsere Gespräche drehten sich bald im Kreis. dann mußte ich zuerst meine kubanischen Betreuer nach allen Regeln der Konspiration abschütteln. während er bei Rot über die Kreuzungen raste. Ramiro Valdez. seinen Dienst technisch zu unterstützen. Erst in späteren Jahren änderte sich das. der damalige Innenminister. und groß war seine Enttäuschung. die über den neuesten Stand der Abhörtechnik berichteten. Das Projekt wurde von Beratern des Präsidenten. die man mir in Moskau genannt hatte. Ich bekam sie auch bei keiner geselligen Zusammenkunft zu sehen. und Manuel Pineiro.Mordplan. Ramiro Valdez wirkte wenig staatsmännisch und eher wie ein leichtfertiger Draufgänger. vor allem aber für unsere Möglichkeiten.

Nie war er um einen Scherz verlegen. Tamara Bunke in jenen Tagen auf Kuba gesehen -390- . und mit seinen listigen Fragen erfuhr er fast immer. Jahre später erfuhr ich von ihm. war mit einer Amerikanerin verheiratet. was er wissen wollte. und der leidgewohnten Lethargie und Zerrissenheit der bolivianischen Bevölkerung außer acht gelassen. er könne mit einer Handvoll verwegener Kämpfer in Bolivien wiederholen. Da wurde mir erstmals bewußt. über den zur Legende stilisierten Befreiungskampf und über Fidel Castro zu sprechen.Die Kommunistische Partei war damals noch im Aufbau. daß man ihnen nicht ernstlich böse sein konnte. warum Che Guevara 1966 als Guerillakämpfer nach Bolivien gegangen war. wegen seines roten Bartes barba roja genannt. daß ich bei meinem ersten Besuch im Januar 1965 Che nicht zu Gesicht bekommen hatte und sein Name kein einziges Mal gefallen war. Bei Fahrten ins Land versuchte ich stets. das Bild zu vervollständigen. Wenn ich mich dann mit Raul Castro oder Ramiro Valdez unterhielt. sprach aber nicht besser Englisch als ich. um die Kubakrise zu beenden. Offenbar hatte das Einlenken der Sowjets. Comandante Pineiro. Meist sprachen sie die Meinungsäußerungen so direkt und ungeniert an. was in Kuba gelungen war. daß unser ständiger Begleiter ihnen jedes Wort. merkte ich schnell. Für meinen Bruder Konrad und mich war Che wie für so viele in Ost und West seit seiner Ermordung 1967 ein Idol gewesen. Ich erinnerte mich. Widersprüche und Kritik waren nicht zu überhören. als sie ihre Raketenbasen abbauten. sich zu befreien. und vielerorts stießen wir auf ihre sehr unterschiedlichen Vorläufer. Neben seinem Humor und seiner Lässigkeit hatte er eine erfrischend respektlose Art. das man in Havanna gezeichnet hatte. Doch dabei hatte er den Unterschied zwischen der Entschlossenheit der Kubaner. und zur Enttäuschung hatte sich wohl die Illusion gesellt. kolportiert hatte. das wir mit Dritten gewechselt hatten. dennoch verständigten wir uns glänzend. ihn tief enttäuscht.

weil es kaum Benzin gab. um ihre Comandantes hochleben zu lassen. Anders als seine emotionaleren Kollegen. als ich gerade aus Nicaragua zurückkehrte. sich mit ihrer ganz eigenen -391- . Von den anderen Comandantes unterschied er sich nicht nur durch den schmalen Lippenbart. so auch bei meinem Aufenthalt im Jahr 1985. daß das Volk fast einhe llig die Revolution unterstützte. daß er verabredete Termine einhielt. gebildeter und staatsmännischer. Militärtheorie und den Erfahrungen anderer revolutionärer Bewegungen befaßt. beeindruckte mich außerordentlich. eine junge Frau aus der DDR. Die gewaltige Volksversammlung im Zentrum dieser Stadt. Im mexikanischen Asyl h atte er sich am gründlichsten mit marxistischer Theorie. und Fidel nannte ihn den Preußen unter den Kubanern. sondern am auffälligsten dadurch.zu haben. Wie im Kuba der 60er Jahre hatte man in Nicaragua den Eindruck. einen Film über Tamara Bunke zu machen. Neben Valdez und Pine iro wirkte Raul Castro überlegener. Mein Bruder Konrad trug sich lange mit den Gedanken. die durch ein Erdbeben nahezu vollständig zerstört war. doch alle waren voller Begeisterung gekommen. daß man sich bei ihm darauf verlassen konnte. Nicaraguas Innenminister Tomás Borge hatte mich zum sechsten Jahrestag der Sandinistischen Revolution nach Managua eingeladen. Die Sandinisten hatten es in den Jahren seit dem Sturz Somozas verstanden. Viele der Teilnehmer hatten stundenlange Fußmärsche hinter sich. nahm er sich bei jedem meiner Besuche Zeit für ein Gespräch mit mir. Obwohl der Nachrichtendienst nicht unter seine Zuständigkeit fiel. ließ er sich keine betonte Distanz zur Sowjetunion oder Enttäuschung über sie anmerken. Seine Landsleute zogen ihn mit seiner Pünktlichkeit auf. Bei jedem meiner Besuche konnte ich mich von seiner Autorität und seinen Führungsqualitäten überzeugen. die später mit Che Guevara in Bolivien den Tod fand.

bürgerlichhumanistischem und marxistischem Gedankengut zu behaupten.Mischung aus sozialdemokratischem. christlichem. Wie auf Kuba war auch hier überall die Bereitschaft zu spüren. sozialistischem. Jedermann wußte. Charakteristisch für die Sandinisten war auch. von links) 1985 bei Managua Borge zeigte mir eine Analyse seines Ministeriums und ein Konzept für den Fall einer militärischen Intervention der USA. daß es nicht zu einer zweiten Machtprobe zwischen UdSSR und USA auf lateinamerikanischem Boden -392- . Er hatte eine faszinierende Ausstrahlung in der intellektuellen Debatte. Die Stellen an der Pazifikküste. daß fast jeder von ihnen Schriftsteller war. wenn nicht gar Dichter. Tomás Borge machte da keine Ausnahme. mit der jederzeit gerechnet werden mußte. war aber auch unschlagbar beim Wettschwimmen in der malerischen Lagune Jiloa. das eigene Leben einzusetzen. Jammern und Klagen habe ich in Nicaragua nie zu hören bekommen. Mit Tomás Borge (1. wurden Tag und Nacht überwacht. alle lebenswichtigen Objekte waren permanent abgesichert. die sich für eine Landung eigneten.

Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen. daß wir in der DDR Nicaraguaner für den Personenschutz ausbildeten und technisches Zubehör lieferten. Eine gewisse Sorglosigkeit der Nicaraguaner in Sicherheitsfragen wurde vor allem von den Kubanern getadelt. Doch anders als bei den meisten afrikanischen Diensten führte man uns stolz die tadellos gepflegten und gewarteten Geräte vor. wie es mit Kuba möglich gewesen war. als moskauhörig abgestempelt zu werden. politisch und militärisch unter Druck setzen. Unser bescheidener Beitrag bestand darin. daß im Umgang mit mir die Regeln der Konspiration so unerbittlich gewahrt wurden. Die Sandinisten nutzten ihre Zugehörigkeit zur Sozialistischen Internationale und ihre guten Beziehungen zur deutschen Sozialdemokratie mit großem Geschick. daß sie aus Spenden sozialistischer Länder zusammengeflickt war. ein gutes Verhältnis zu den Nachbarstaaten Guatemala im Norden und Costa Rica im Süden. die meist durch die Söldnertruppen der Contras provoziert wurden. Mehr als die Contras. Außerdem hatte Nicaragua trotz aller Grenzzwischenfälle. und auf diese Verbindungen konnten die Sandinisten sich in Notfällen verlassen. mehr sogar als das Schreckgespenst einer Invasion amerikanischer Truppen fürchtete die -393- . Händlern. der am bewaffneten Kampf teilgenommen hatte. Die Ausrüstung des nicaraguanischen Sicherheitsdienstes war völlig ungenügend. Das unablässige Hin und Her von Landarbeitern. Gewerbetreibenden und Kleinindustriellen hatte in Mittelamerika eine ganz eigene familiäre Verflechtung erzeugt. Andererseits konnten die USA Nicaragua zwar ökonomisch. daß Gespräche grundsätzlich im Freien geführt wurden. Mit ihrem eklektizistischen Sozialismus à la Sandinista liefen sie keine Gefahr. und man sah ihr an.kommen würde. aber sie konnten es nicht international isolieren. Lange Zeit galt in Nicaragua jeder als zuverlässig.

doch ein Blick in die leeren Geschäfte genügte. hatte das Überleben der Nicaraguaner bis zur Schmerzgrenze erschwert. die die USA mit Erfolg durchführten. Er hatte recht. Die Wirtschaftsblockade. praktizierte Methode. Dankbar erkannte man in Managua die Hilfe der sozialistischen Länder an. um zu erkennen. Neben der großzügigen Finanzierung der Opposition hatte die CIA auch in Chile auf die Verschärfung der ohnedies schon gravierenden -394- . Mit Raúl Castro 1985 auf Kuba Bei unserem Gespräch nach meinem Besuch in Managua fragte mich Raul Castro. daß diese Art von Wirtschaftshilfe nicht einmal den berühmten Tropfen auf den heißen Stein gewährleistete. ob mir nicht aufgefallen sei.sandinistische Regierung die Folge der zerrütteten Wirtschaft. wie sehr das Vorgehen der USA gegenüber Nicaragua dem chilenischen Szenarium von 1973 ähnelte. Die finanzielle USHilfe für Violeta Chamorros Oppositionsblatt La Prensa erinnerte überdeutlich an die seinerzeit mit El Mercurio. der größten Tageszeitung Chiles.

in Todesangst Zuflucht in der Botschaft der DDR.und Versorgungsprobleme gesetzt. In aller Eile entsandten wir Offiziere von Ost-Berlin aus. mußte er im September 1973 als erster beseitigt werden. General René Schneider. Nach dem Putsch und dem Mord an Allende suchten Anhänger der Unidad Populär. Multinationale Unternehmen wurden unter Druck gesetzt. Wie mir Castro erzählte. der Generalsekretär der Sozialistischen Partei. Vor einem drohenden Militärputsch hatte mein Dienst Allende und Luis Corvalán. zu lange darauf zu vertrauen. Da der Oberkommandierende. dessen Wahl sie zu ihrem großen Verdruß nicht hatte verhindern können. Mein Dienst hatte in Santiago keinen einzigen Mitarbeiter postiert. und im Hintergrund zog John McCone. der Regierungskoalition. ehemaliger CIA-Direktor. Allendes tragischer Irrtum war es. daß die chilenische Armee. wie durchlässig die Kontrollen -395- . die Fäden. denn die staatliche Telefongesellschaft Chiles war eine Tochtergesellschaft von ITT. Prominentester Schutzsuchender war Carlos Altamirano. den Führer der chilenischen KP. Unsere Informationen stammten vom BND und sprachen eine deutliche Sprache. die erkundeten. um Salvador Allende zu stürzen. Da die DDR die diplomatischen Beziehungen zu Santiago abgebrochen hatte.Wirtschafts. verwurzelt in einem demokratischstaatsbürgerlichen Traditionsverständnis. denn der BND war in Chile stark vertreten und war über die Absichten der Putschisten voll im Bilde. der im Aufsichtsrat von ITT saß. bereits im Frühjahr 1973 gewarnt. sah die CIA sich genötigt. sich niemals gegen ein demokratisches Parlament und eine demokratisch gewählte Regierung erheben würde. waren ihr offiziell die Hände gebunden. Als dieser ganze Druck noch immer nicht das gewünschte Ergebnis zeitigte. allen Umsturzplänen eine unmißverständliche Absage erteilt hatte. hatte auch der kubanische Nachrichtendienst Allende rechtzeitig dringend gewarnt. als letztes Mittel den Putsch der Generale einzuleiten.

und installierten Verstecke in Fahrzeugen. Alle zivilen Strukturen waren seither in die Verteidigung des Landes einbezogen. reisten die Brüder Castro nicht mehr gemeinsam.auf chilenischen Flughäfen. Wir überlegten Möglichkeiten. Unser gesellschaftliches System schien mir in seinen Grundfesten erschüttert. Erich Honecker nahm an dieser Rettungsaktion großen persönlichen Anteil. der in der Sowjetunion inhaftiert war. Die Praxis entfernte sich immer weiter von den -396- . In manchen Fällen dauerte es Wochen. im Hafen von Valparaiso und an den Straßenübergängen nach Argentinien waren. Die Flüchtlinge wurden in Autoverstecken und auf Schiffen in Jutesäcken zusammen mit Früchten und Fischkonserven aus dem Land geschmuggelt. Raul Castro schilderte mir auch die praktischen Folgen der Lehren. Unsere Aktion konnte nicht alle retten. seine Tochter war mit einem chilenischen Sozialisten verheiratet. Luis Corvalán. Bei meinen Kollegen vom KGB setzte ich mich für diesen Austausch ein. gegen den sowjetischen Dissidenten Wladimir Bukowksi auszutauschen. den das Pinochet-Regime auf einer Insel gefangenhielt. die Kuba aus dem Fiasko in Chile gezogen hatte. Handelsschiffe umzudirigieren. und auf öffentlichen Veranstaltungen traten sie nicht mehr gemeinsam auf. Über amerikanische Verbindungskanäle Rechtsanwalt Vogels wurde uns vorgeschlagen. bis wir sie in Sicherheit hatten. das wir in jahrelangen Grenzkontrollen an den Wagen westdeutscher Fluchthelfer gewonnen hatten. Endlich konnten wir das Wissen nutzbringend anwenden. Seit neue Morddrohungen laut geworden waren. Von Argentinien aus improvisierten wir eine vorbildliche nachrichtendienstliche Aktion. und die Kubaner sekundierten mir. die wir nach Chile einschleusten. Auf dem ganzen Hinflug hatten mich bei meinem Besuch in Mittelamerika 1985 düstere Gedanken beschäftigt. Altamirano traf erst zwei Monate nach dem Putsch in Ost-Berlin ein.

doch Kubas Schwierigkeiten waren nicht zu übersehen. während ich für Castro mehr Verständnis hatte. Warum hatten Castro und seine Männer sich so stark dem sowjetischen Modell angenähert? Anfangs hatte es ausgesehen. Bei wem sonst hätte Castro Hilfe gegen den übermächtigen Boykott und die ständige Bedrohung suchen sollen? -397- . denn in Lateinamerika bedeutete jede Preisgabe errungener Positionen die Gefahr. sich an die Sowjetunion anzuschließen. der eine Reihe alter und kranker Männer ablöste. Damals ahnte ich nicht. Doch die USA hatten ihnen keine Chance gelassen. durch Perestroika und »neues Denken« in der Außenpolitik die Probleme Kubas ins Unermeßliche steigern würden. wieder unter die Vorherrschaft der USA zu geraten. daß sich gerade durch Gorbatschow. Oberflächlich betrachtet steckten beide Länder in der gleichen Zwickmühle: Beide lehnten Gorbatschows Kurs ab. ihm Dauerasyl zu gewähren. schien sich ein Hoffnungsstreif am Horizont abzuzeichnen. Die Kluft zwischen dem Wunschdenken der Politiker und der Realität verbreiterte sich zusehends. starb im Exil in Chile. der einst chilenische Flüchtlinge aufgenommen hatte. und Erich Honecker. als schlügen sie einen eigenen Weg ein. Mein letzter Besuch auf der Insel im Jahr 1989 war von den Problemen der DDR überschattet gewesen. für die wir nach 1945 eingetreten waren.Prinzipien. wie später Nicaragua. ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. was man dem Volk versprochen hatte. Bei Honecker hielt ich das für verhängnisvoll. Der Sozialismus hatte nicht gehalten. und der Anblick der Menschenschlangen vor den meist leeren Geschäften und den ausländischen Botschaften verhieß nichts Gutes. Heute kann ich nur schweren Herzens an Kuba denken. Ich glaubte. dieser neue Aufbruch könne auch Kuba und Nicaragua helfen. doch im neuen Generalsekretär der KPdSU. nachdem die Sowjetunion sich geweigert hatte. Die DDR hörte wenige Monate später auf zu existieren. sondern sie praktisch gezwungen.

« Waren die Vereinigten Staaten für meine Freunde auf Kuba und in Nicaragua zweifellos ein bedrohlicher Hauptgegner. Allein schon meine internationalistische Erziehung in der Familie und in der Komintern-Schule hatte mich vor stupidem Antiamerikanismus bewahrt. wäre Kuba vielleicht ein Land mit sozialen Reformen geworden. sogar die Sozialdemokratie. ohne eine Alternative anzubieten. Günter Grass hat dazu etwas gesagt. sondern mit Stumpf und Stiel ausrotten mußten. ein Greuel.Häufig sagten mir politisch erfahrene Gesprächspartner im Westen – darunter auch ein Kollege des Mossad –. Aber den Falken in Washington war jede Form von Sozialismus. als dieses Land für uns noch in unerreichbarer Ferne zu liegen schien und wir bei unserer Beschäftigung mit amerikanischen Objekten in der Bundesrepublik nur dürftige Anfangsergebnisse vorweisen konnten. Was wird aus Kuba werden? Welche Chancen haben Befreiungsbewegungen in Lateinamerika heute überhaupt noch? Falls Kuba nicht zu einer lebensnotwendigen inne ren Erneuerung findet. jedenfalls keine andere als Batista. so war mein Bild von diesem Land zwar diffus. Aber wenn ich heute erlebe. -398- . dann wird Lateinamerika bald um eine Hoffnung ärmer sein. Ursprünglich stand Fidel Castro dem Denken Jose Martís wesentlich näher als dem Lenins. die sich zu einer Zeit für meinen Dienst einsetzten. die in den USA lebten. aber kein durch und durch kommunistischer Staat. dann bin ich für Kuba. sondern den Ausbau der Beziehungen forciert. die USA hätten gegenüber Kuba einen ihrer schwersten Fehler begangen. den sie im »Hinterhof« von god's own country nicht dulden konnten. aber nicht eindimensional. daß es dort zu Ende geht. dem ich nur beipflichten kann: »Ich bin immer ein Gegner des doktrinären Systems in Kuba gewesen. und nicht zuletzt Amerikaner. Hinzu kamen Freunde. Hätte Washington keine Wirtschaftsblockade durchgeführt.

Viel von meinem Wissen über die USA. über das politische Denken. was ich über die USA erfuhr. erhöhte aber die Neugier und Offenheit für alle Aspekte des Lebens der »anderen Seite«. die Hoffnungen und Ängste dort. Das amerikanische Buch hingegen war mit sieben Siegeln verschlossen. Das unkomplizierte und naive Wesen amerikanischer Soldaten erinnerte mich zwar an das russischer Soldaten. der in Moskau mit mir zur Schule gegangen war und als Captain im Stab Eisenhowers 1945 häufig nach Berlin kam. die ich zwischen uns errichtete. hatten in ihrer Jugend kommunistischen Bewegungen nahegestanden und -399- . mit denen mich über die gemeinsamen nachrichtendienstlichen Interessen hinaus politische Überzeugungen und Sympathien verbanden. Das wirkte sich auch auf die Freundschaft zu George Fischer aus. die New York Herald Tribune. beide waren Juden. verdanke ich zwei Männern. Die ideologische Barriere. Alles. Als außenpolitischer Kommentator hatte ich regelmäßig die New York Times. Sie waren meine ersten Agenten in Amerika und wurden nie enttarnt. Dreiser und Steinbeck. Bei meinen wenigen Kontakten mit dem amerikanischen Mann von der Straße war ich auf eine mir eher fremde Mentalität gestoßen. darunter Hemingway. Beide waren in Deutschland geboren. und auf spärliche persönliche Kontakte mit Amerikanern während meiner Rundfunktätigkeit und beim Nürnberger Prozeß. was ich in Büchern gelesen hatte. trübte die Freude über das Wiedersehen und machte uns beide gehemmt. durchlief in meinem Kopf einen ideologischen Abwehrfilter. Time und Newsweek gelesen. Meine Arbeit an der Spitze des Nachrichtendienstes veränderte zwar die ideologische Frontstellung nicht.Meine eigenen USA-Kenntnisse beschränkten sich auf das. Westdeutschland lag vor mir wie ein offenes Buch. so daß ich beinahe reflexartig im Geist stets die entgegengesetzte Position einnahm und vertrat. doch mit denen verbanden mich Sprache und Denkweise.

mußten vor dem NS-Terror fliehen. daß die Praxis des »real existierenden Sozialismus« nicht im entferntesten eine Anwendung oder gar Weiterentwicklung der Marxschen Lehre darstellte. und beide wurden vom OSS. sein Freund überlebte Haft und Konzentrationslager. was seine paradoxe Umkehr darin fand. dem Ökonomen. der Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Er stellte die Verbindung zwischen »Maler« und meinem Dienst her. von dem »Maler« sich bei jedem Besuch in der Bundesrepublik ausführlich unterrichten ließ. Er besaß einflußreiche Freunde in Washington und knüpfte in unserem Interesse Beziehungen zum US-Botschafter in Bonn und dem Gesandten in West-Berlin. Beide hatten zur Widerstandsgruppe um Herbert Baum gehört. »Maler« klärte mich über Lemmers Beziehungen zu verschiedenen Geheimdiensten mit -400- . Beide fanden in den USA Asyl. eine blutige Verfolgungsorgie gegen »nicht linientreue« Kommunisten zu veranstalten. bekleidete der Freund eine leitende Position im Finanzwesen der DDR. Zur Zeit der Hexenjagd McCarthys wurde das OSS als Sammelbecken linkslastiger Intellektueller denunziert. In seinem Denken war »Maler« ungebunden und dennoch überzeugter Kommunist geblieben. Eine seiner Quellen war Ernst Lemmer. der Wirtschaft. angeworben. »Maler« war schon vor Kriegsausbruch emigriert. Als die beiden sich nach dem Krieg wiedersahen. Auf seinem ureigensten Wissensgebiet. Den Kontakt zu »Maler«. daß zur selben Zeit Stalin und Berija Noël Fields OSS-Verbindung als Vorwand benutzten. der andere als Jurist –. dem Vorläufer der CIA. die 1942 eine Nazi-Ausstellung durch Spreng.und Brandsätze zu zerstören versuchte. wo sie ihr Studium beendeten – der eine als Ökonom. Fünfunddreißig Mitglieder der Gruppe wurden hingerichtet. fanden wir über einen Studienfreund. ging er mit der Realität des in der Sowjetunion und in der DDR praktizierten Systems schonungslos ins Gericht und wies nach.

Die Repression und die Symptome eines uneingestandenen Antisemitismus in der Sowjetunion konnte und wollte er weder verstehen noch verzeihen. Obwohl er Atheist war. und seither war es eines der großen Ziele seines Lebens. Als wir vorschlugen. aber auch der KGB. der Weg meines Vaters vom Humanisten aus jüdischem Elternhaus zum kommunistischen Schriftsteller gehe nicht zuletzt auf die Verwurzelung im Judentum zurück. war »Clivia« – so der Deckname des Emigranten. Von ihm hörte ich zum erstenmal die Ansicht. Das mag eine Folge seiner Erlebnisse bei den Verhören der Kommission für unamerikanische Aktivitäten gewesen sein. Der DDR machte er keine derartigen Vorwürfe. lehnte er das entschieden ab.und RoechlingProzesses sowie des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. Seine Berichte und Analysen diktierte er auf Tonband. eine schleichende Renazifizierung in der Bundesrepublik zu verhindern. -401- . »Clivia« hatte ein umfangreiches Archiv angelegt. Bei den Nürnberger Prozessen hatte er zur Staatsanwaltschaft gehört. der Jurist geworden war – ein intimer Kenner der innenpolitischen US-Szene. Er war umsichtig. das Akten des Wilhelmstraßen-Prozesses. denn sonst hätte er sich nicht bereit gefunden. Für seine Mühen hat er nie Geld genommen und ließ sich nur die Reisekosten erstatten. Technische Mittel und Kurierverbindungen lehnte »Maler« kategorisch ab. Er war nervöser als der ruhige »Maler« und im Unterschied zu dessen Kaltblütigkeit fast ängstlich um die eigene Sicherheit besorgt. seine erwachsenen Kinder in die Arbeit für uns einzubeziehen. Während »Maler« vor allem seine Kontakte in der Bundesrepublik nutzte. aber nie ängstlich. betonte »Clivia« sein Judentum und sah in meiner jüdischen Abstammung etwas. was uns verband.Sitz in der Schweiz auf – westliche Dienste. die zu seiner Entlassung aus dem Staatsdienst geführt hatten. dem er beigewohnt hatte. enthielt. des Krupp. für meinen Dienst zu arbeiten.

uns zwischenzeitlich mit interessanten Informationen aus ihrem beruflichen Umfeld zu -402- . Unter glücklichen Umständen waren sie in der Lage. und unsere offiziellen Kontakte waren entsprechend mager. war jede Reise. Und wenn sie dann glücklich in die Vereinigten Staaten eingewandert waren. Alibis seiner Frau gegenüber zu ersinnen. denn im Unterschied zu »Maler« konnte »Clivia« das Geld. bevor das Ziel USA angepeilt werden konnte. indem man sie mit den Papieren lebender oder verstorbener Zeitgenossen versah. die diplomatische Vertretungen der DDR in Washington und bei der Uno in New York verhinderte. die er unternahm. von großem Wert. vor allem in den krisenträchtigen Jahren 1961 und 1962. Agenten einzuschleusen. Doch unsere bevorzugte Methode. in seiner Brust tobte der unablässige Widerstreit zwischen seinen Motiven und seinen Gefühlen.Die Zusammenarbeit mit »Clivia« war für uns wesentlich mühsamer als die mit »Maler«. war langwierig und umständlich. verging nochmals beträchtliche Zeit. Da er in Deutschland lebte und mit einer Deutschen verheiratet war. bis sie ihre eigentliche Tätigkeit aufnehmen konnten. Gründe für Besuche jedes einzelnen Gesprächspartners in und außerhalb von Washington. Dennoch waren seine Informationen für unsere Beurteilung der amerikanischen Politik. daß er für uns spionierte. durchaus brauchen. Bis Anfang der 70er Jahre war die Hallstein-Doktrin in Kraft. und dann mußte die finanzielle Seite geklärt werden. Lateinamerika oder Australien auswandern. die seiner Ansicht nach nicht erfahren durfte. Gegenstand ausführlicher Beratungen. Da galt es. das wir zahlten. Mit halbwegs stimmigen Lebensgeschichten mußten die Kandidaten als sogenannte Doppelgänger zuerst nach Südafrika. wo sie eine Weile lebten. Kurzum. Die für die USA zuständige Abteilung meines Dienstes bemühte sich gemeinsam mit dem Sektor für Wissenschaft und Technik. ihre Aktivitäten auf das Territorium der Vereinigten Staaten auszudehnen.

zu gegebenem Zeitpunkt Quellen aufzutun und zu betreuen. die von einem Sender auf Kuba ausgestrahlt wurden. Leider barg diese Methode des Einschleusens jene Risiken. Es hatte Jahre gedauert. Die Schwächen unserer Einschleusungsmethodik waren nicht länger zu leugnen. daß die Aktion Anmeldung sich auch auf unsere Agenten jenseits des Atlantiks auswirkte. Sein berufliches Umfeld ermöglichte es ihm. daß unsere Zentrale in Ost-Berlin unsere Agenten in den USA mit einseitigen Funksprüchen erreichte. darunter einen weiteren Offizier und ein Wissenschaftlerehepaar. diesen -403- . und wir mußten – auch als Folge des Verrats von Lüttich – in den sauren Apfel beißen und unsere gesamten legalisierten »Illegalen« nach und nach aus den Vereinigten Staaten zurückziehen. In Hamburg bewarb er sich bei einer internationalen Spedition. die es dem bundesdeutschen Verfassungsschutz Ende der 70er Jahre ermöglichten. daß Lüttich der Hamburger Polizei nach seiner Festnahme Ende 1979 nicht nur haarklein unsere Methoden schilderte. sondern auch berichtete. der nach der Festnahme sein gesamtes Wissen verriet. Die enge Kooperation zwischen Verfassungsschutz und FBI führte dazu. die wir für den illegalen Einsatz ausgewählt und vorbereitet hatten.versorgen. und binnen kurzem brachte er es zu einer leitenden Stellung in deren New Yorker Niederlassung. Daß es dazu nicht mehr kam. Unter Pseudonym und mit entsprechend frisierter Vita schleusten wir ihn 1972 in die Bundesrepublik ein. während er sich darauf vorbereitete. viele unserer Agenten aufzuspüren. Alles andere als erfreulich war auch. Lüttich war einer der wenigen ha uptamtlichen Offiziere des MfS. Der schwerste Schlag war die Enttarnung und Verhaftung Eberhard Lüttichs. uns brauchbare Informationen über den Transport von Rüstungsgütern und über Umzugsbewegungen im Bereich der US-Armee zu verschaffen. Deckname Brest. war eine direkte Folge der Aktion Anmeldung.

Abgeordneten oder Managern getan hatten. Seit dieser Schlappe haben wir in den USA nicht mehr recht Fuß gefaßt.Sender zu bauen. Lüttich verriet außerdem seinen Verbindungsmann. die ich übersehen kann. Es kam vor. der sofort verhaftet wurde und den wir erst zwei Jahre später im Austausch gegen westliche Agenten freibekamen. und der Mann wurde von unseren -404- . Gelegentlich erlangten wir dur ch unauffällige und meist zufällige Kontakte an Äußerungen. in den USA nicht. Wir hatten nie bezweifelt. daß unsere Residenturen keinen Deut weniger intensiv durchleuchtet wurden als die der UdSSR. Die Praxis bestätigte. die Reagan oder Bush im Kreis von Senatoren. taten sich viel schwerer als in der Bundesrepublik. Ehepaare einzuschleusen war meist zu mühsam. daß sie unter pausenloser FBI-Überwachung stehen würden. Auf den ersten Blick war an seinem Material nichts auszusetzen. Unsere Bemühungen. Echte nachrichtendienstliche Quellen außer den genannten gab es in der Zeit. daß unsere eingeschleusten Mitarbeiter in den USA ein hohes Risiko eingingen. und alleinstehende Herren. die Verluste zu ersetzen. daß echte oder von der amerikanischen Abwehr gesteuerte Geheimnisträger als Selbstanbieter in der DDRBotschaft vorstellig wurden. Unsere legalen Residenturen in Washington und am Sitz der Uno in New York zeichneten sich hauptsächlich dadurch aus. Anfang der 80er Jahre erschien eines Tages ein Mann. die durch Einheiraten an die begehrten Ausweispapiere gelangen wollten. blieben in den Anfängen stecken. der geheime Informationen über AtomU-Boote verkaufen wollte. Wir konnten die Augen nicht vor der betrüblichen Erkenntnis verschließen. daß sie personell und materiell überaus aufwendig und nicht sonderlich effektiv waren. daß die Rasterfahndungsmethoden des FBI so gut griffen. aber fast immer konnte man die vermeintlichen Interna wenige Tage darauf in der Zeitung lesen.

Ob er nun aus Zerstreutheit oder Weltfremdheit die Warnungen in den Wind geschlagen hatte – was wir als vorsichtig anzugehenden Test gegenüber einem Selbstanbieter geplant hatten. wie man den universitären Unglücksraben aus der Patsche holen konnte. daß die DDR zu einem Zeitpunkt kaltschnäuzig der Spionage nachging. Das FBI triumphierte. Die Austauschaktion auf der Glienicker Brücke fand natürlich wie -405- . und wir bekamen eine deutliche Vorstellung davon. in die USA zu reisen. um auf dem Rückweg aus Mexiko Anfang November 1983 eine wissenschaftliche Tagung in Boston zu besuchen. Der ganze Vorgang wurde mit größter Vorsicht behandelt. daß Zehe gegen eine Kaution von einer Million Dollar auf freien Fuß gelangen könne.Leuten zu einem Treffen nach Mexiko bestellt. Rechtsanwalt Vogel zog Erkundigungen ein. auf der er prompt festgenommen wurde. einen jungen polnischen Aufklärer. eine DDR-Bürgerin im Sold eines sowjetischen Dienstes und unseren Professor – feststanden. in welchen Dimensionen sich Anwaltskosten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bewegten. Meine Mitarbeiter schworen Stein und Bein. Nach einem halben Jahr erfuhren wir. Als alles geregelt schien und die Austauschkandidaten – dreiundzwanzig Westspione und der Dissident Schtscharanskij gegen einen Bulgaren. Zwei Wochen später hatte er es sich dann wieder anders überlegt und wollte nun doch ausgetauscht werden. war unter der Hand zu einer spektakulären Aktion gegen uns geworden. dem neben unserem Mitarbeiter als Experte Professor Zehe von der Technischen Hochschule Dresden beiwohnen sollte. die amerikanischen Medien konnten sich lautstark darüber empören. daß sie Zehe ausdrücklich verboten hatten. zu dem ihr Außenminister um bessere Beziehungen bemüht war und ihr Staatsratsvorsitzender eingeladen zu werden versuchte. hieß es plötzlich. der sich als Doppelagent entpuppte. Professor Zehe aber nutzte die unverhoffte Reise. Zehe habe es sich anders überlegt und wolle in den USA bleiben.

erleichterten uns viele Faktoren das Vorgehen. so wenig kompliziert war sie vor der eigenen Haustür. damit einem die gebratenen Tauben von selbst hineinflogen. wenn man das Geld sprechen ließ. Wir wußten zwar. Anders als Engländer und Franzosen integrierten die Amerikaner sich in das gesellschaftliche Leben.immer große Beachtung in Presse und im Fernsehen. Die Atmosphäre der 68erBewegung. aus dem Agententhriller gemacht werden. So unergiebig unsere Situation in den USA war. Kontakte anzuknüpfen und auszubauen. der aus reiner Tolpatschigkeit in eine Falle der amerikanischen Abwehr getappt war – nicht gerade der Stoff. das kritische Verhältnis zu Obrigkeit und Autorität waren ein Phänomen der ganzen westlichen Welt und prägten auch die jungen Amerikaner. die in der Bundesrepublik und in West-Berlin lebten. aber wir selbst taten uns im umgekehrten Fall mit diesem Pragmatismus ohne jede weltanschauliche Verbrämung schwer. Im nachhinein muß ich gestehen. daß mein Dienst diese Vorliebe der Amerikaner für schnellverdientes Geld viel zu zaghaft genutzt hat. Welche Ergebnisse es zeitigen konnte. Mein Dienst war dabei mit einem zerstreuten Professor vertreten. wo sich das Hauptquartier der US-Streitkräfte in der BRD befand. Die geballte Präsenz des US-Militärs und der dazugehörigen Zivilisten in West-Berlin und in Heidelberg. Auch in Ost-Berlin bewegten sie sich freier. demonstrierte uns ein türkischer Mittelsmann. der Protest gegen den Vietnamkrieg. Was die Kontakte besonders förderte. machte es uns relativ leicht. war der sprichwörtliche amerikanische Sinn für unkonventionelle Gelegenheitsgeschäfte. daß amerikanische Dienste meist ganz unverblümt den finanziellen Faktor ansprachen. wenn sie DDR-Bürger anzuwerben versuchten. Hussein Yildrim arbeitete als Kfz-Mechaniker am USMilitärstützpunkt in West-Berlin und belieferte uns mehr als -406- . Auch wenn man nicht bloß den Mund aufzumachen brauchte.

die das Zentralkomitee erhielt. das in den Äther drang. präsentierte auf diesem Weg den Amerikanern jeden Tag das neueste Bulletin unserer wirtschaftlichen Situation. So hatten wir herausbekommen. Später erfuhr ich.und außenpolitischen Lageberichte chiffriert waren. daß jedermann im USNachrichtengewerbe angehalten war. Günter Mittag. Zu den wichtigsten Unterlagen. Dreizehnhundert hochspezialisierte Techniker fingen allein in Berlin Radio. diese Informationen von den Amerikanern zu erhalten. weil sie klug genug waren zu argwöhnen. der in der elektronischen Spionage der National Security Agency tätig war. was er uns über Amerikas »großes Ohr« zur Kenntnis brachte. ohne es zu ahnen. und daß die Amerikaner nicht damit herausrückten. der Wirtschaftsminister. die Codes zu knacken. weltumspannenden Komplex von Abhöranlagen. und wir hatten – leider zu spät – in Erfahrung gebracht.sechs Jahre lang mit hochkarätigen Informationen. die Hall alias »Blitz« uns lieferte. daß vom Teufelsberg aus unsere Telefonleitungen und Radiosendungen abgehört wurden. Neben Informationen erfuhren wir durch Yildrim auch die wahre Bedeutung des Kürzels NSA: Laut den Mitarbeitern der Agentur hieß das no such agency. die sie aus ihnen herausfilterten. daß es den Technikern gelungen war.und Telefonbotschaften ab. den riesigen. daß mein Dienst dies -407- . gehörte das. die er dem Unteroffizier James Hall – Deckname Blitz – abkaufte. zu dem die Anlage auf dem Teufelsberg im Grunewald und Horchposten unweit der Grenze zwischen BRD und DDR gehörten und dem kein Räuspern entging. Früher hatten wir uns aus unterschiedlichen Quellen umständlich ein Mosaik an Informationen zusammensetzen müssen. weil die Geheimhaltung um diesen Dienst so abstruse Blüten trieb. die Existenz der NSA zu leugnen. daß die bundesdeutschen Dienste immer wieder vergebens versucht haben. mit denen die täglichen innen. analysierten und klassifizierten sie und leiteten die Informationen weiter.

Bevor wir das taten. Seine allzugroße Geschäftstüchtigkeit wurde ihm zum Verhängnis. »Blitz« verschaffte uns auch einen Bericht mit der Bezeichnung Canopy Wing. wie die Hochfrequenzsender des sowjetischen Oberkommandos. Beide. Auch nach der Versetzung Halls in die Zentrale der NSA in den Vereinigten Staaten riß der Kontakt nicht ab. Er besorgte uns weiterhin so brisantes Material. ließen wir sie vom Leiter der Funkaufklärung und -abwehr (HA III) im MfS beurteilen. welche elektronischen Mittel vorgesehen waren. Dieser Plan führte detailliert aus. Direktiven und Arbeitsdokumente der NSA und des Intelligence and Security Command (INSCOM). um im Ernstfall die Kommandozentralen der UdSSR und der Warschauer-PaktStaaten auszuschalten. da sie vor allem von strategischer Bedeutung waren. Er äußerte sich sehr begeistert und eröffnete uns. Eine andere Lieferung unseres Informanten umfaßte dreizehn Dokumente. daß wir ihm rieten. aber die Informationen waren es wert. daß wir sie an den KGB weitergaben. waren alles andere als billig. der auflistete. geheime und geheimste Informationen flössen unaufhaltsam. unbrauchbar gemacht werden konnten. daß laut diesen Unterlagen das elektronische Kampfführungssystem der USA und ihrer Nato-Partner – ELOKA – diesen exakte Kenntnisse über die entscheidenden Kommandozentralen der Staaten des Warschauer Pakts und über sämtliche Truppenbewegungen des Ostblocks von der DDR bis weit in die Sowjetunion hinein ermöglichte. mußten wir uns nicht mehr abmühen. Seit es »Blitz« gab. deren Inhalt die Pläne der USA auf dem Gebiet der Funkaufklärung bis ins nächste Jahrzehnt detailliert auflistete. und deshalb schlug ich vor. damit er sich nicht verdächtig machte. Hall und sein Mittelsmann. Umfang und Inhalt der Dokumente überforderten unsere Auswerter bald. über die die Befehle an die Streitkräfte geleitet wurden. etwas zu bremsen. -408- .sehr bald in Erfahrung bringen würde.

verhaftet. und von da an waren seine Tage gezählt. indem er es zusätzlich an die Sowjetunion verkaufte. um sie glauben zu können. So befaßte sich beispielsweise ein in West-Berlin stationiertes Team mit dem sowjetischen Militärflugplatz Eberswalde etwa fünfundzwanzig Kilometer nordöstlich Berlins. die er uns beschafft hatte. wie dieses Kommunikationssystem innerhalb von Minuten nach Kriegsausbruch Dutzende sensibler Ziele im Warschauer Pakt anzuzeigen vermochte. über die amerikanische elektronische Spionage lieferte. in die Luft-Boden-Kommunikation dieses Flugplatzes einzudringen. Hall wurde zu vierzig Jahren Gefängnis verurteilt. die elektronische Überwachung Osteuropas durch die Amerikaner für mindestens sechs Jahre hinfällig zu machen. wie es den Amerikanern gelungen war. Manche Dinge kamen mir so phantastisch vor. meinem Dienst dazu verholfen hatten. Inzwischen waren sie damit beschäftigt herauszufinden. Ebenfalls von hohem Wert waren die Informationen. Carneys Material bewies uns anschaulich. Wir konnten nicht daran zweifeln. wie sie die Bodenleitzentrale ausschalten und von West-Berlin aus simulieren konnten. Wenn -409- . die uns Jeffrey Carney – Deckname Kid –. ein Sergeant der Air Force. mit dem KGB in Verbindung zu treten. der als Linguist und Kommunikationsfachmann eingesetzt war. Im Dezember 1988 wurde er zusammen mit Yildrim bei einem Rendezvous mit einem FBI-Agenten. daß die Unterlagen. Ein Dokument. Vom Hauptquartier der NSA in Fort Meade in Maryland liefen Direktverbindungen zur Europavertretung in Frankfurt am Main und zum West-Berliner Teufelsberg. das Carney uns besorgt hatte.Offenbar versuchte er. daß ich sie mir von Experten erklären lassen mußte. daß den georteten Hauptquartieren im Ernstfall die unmittelbare Zerstörung drohte. beschrieb. Die amerikanische Abwehr schätzte. der sich als KGB-Agent ausgab. um eine lukrative Zweitverwertung seines Wissens zu tätigen. Das ließ ihn ins Blickfeld des FBI geraten.

Ein Jahr später jedoch ersuchte er um Asyl in unserem Land. wie ich vermuten darf. Als der Zusammenbruch unseres Staates sich abzeichnete. als man meinen könnte. beim geringsten Anlaß alles zu gestehen. mit denen er nach Havanna flog. dann hätten die sowjetischen Piloten ihre Befehle von einer amerikanischen Kommandostelle erhalten. setzten wir ihn bei der Überwachung englischsprachiger Funksprüche in der Hauptabteilung III ein. änderte nichts an unserer Befürchtung. und besorgten Carney kubanische Papiere. In den USA wurde er dann zu achtunddreißig Jahren Gefängnis verurteilt. Damit er sich nicht langweilte. Wir griffen auf eine Methode zurück. daß er in seinem nervlich angegriffenen Zustand Gefahr lief. Es las sich wie Sciencefiction. Im April 1984 wurde Carney nach Texas versetzt. die für Notfälle reserviert war. wo seine Bedeutung für uns noch größer war. denen Spione infolge ihrer nervlichen Anspannung leicht zum Opfer fallen können. der als Spion verdächtigt und eines Tages mit einer Plastiktüte über dem Kopf erstickt in der Badewanne aufgefunden worden sei. von dort ging es über Moskau nach Ost-Berlin. doch das lehnte er ab und tauchte lieber im Süden der DDR unter. Noch vor dem endgültigen Aus für die DDR entführte ihn von dort der amerikanische Geheimdienst – mit Hilfe westdeutscher Dienste. wurden ihm Papiere angeboten. Ob seine Ängste einen realen Hintergrund hatten oder ob er jener Paranoia erlegen war. Er schilderte den Fall eines engen Freundes. Wie aber sah es mit den Versuchen der USA aus. mit denen er nach Südafrika auswandern konnte. stellten wir fest. aber angesichts des enormen Einsatzes wissenschaftlicher und technischer Potenzen erschien es weniger abwegig. daß die CIA DDR-Bürger in der -410- . meinen Dienst zu infiltrieren oder zumindest Agenten in die DDR einzuschleusen? Im Verlauf eine r intensiven Analyse der CIAAktivitäten in der Bundesrepublik.ihnen das gelungen wäre. die wir 1973 durchführten. Ganz offensichtlich fürchtete er ein ähnliches Schicksal.

als sich der Atompilz als drohendes Vernichtungsmal über der Wüste von Arizona erhob. daß Stalin keine Überraschung zeigte. »Thielemann« operierte von Bonn aus. Es handelt sich um Klaus Fuchs. Wir waren tatsächlich in der beneidenswerten Lage zu wissen. den berühmten Physiker. der die Entwicklung der Atombombe in Los Alamos begleitet und die Sowjetunion auf allen Etappen über die dabei beschrittenen Lösungswege informiert hat. versorgten wir ihn mit Selbstanbietern. die bei geselligen Anlässen das Gespräch mit unseren Landsleuten suchten. Seit langem beschäftigte es mich. als Präsident Truman nach Erhalt des Telegramms über die »Geburt des Babys« die Nachricht am Verhandlungstisch der Siegermächte bekanntgab. Ich möchte dieses Kapitel nicht beschließen. der beauftragt war. Nach der Wiedervereinigung wurde mir das von CIA-Mitarbeitern bestätigt. Geschäftsleuten und Akademikern herzustellen. die ihm gezielte Desinformationen übermittelten. gelangten wir schnell zu einer Bestandsaufnahme der CIAAnwerber. Indem wir die Leute etwas genauer unter die Lupe nahmen. Die bevorstehende Zündung der Bombe hatte Fuchs so rechtzeitig nach Moskau signalisiert.Bundesrepublik anzusprechen versuchte. ohne die Geschichte eines Mannes zu erwähnen. Er war Zeuge der gewaltigen Detona tion am 16. die in Potsdam konferierten. daß Fuchs als anerkannter -411- . den ich stets bewundert habe und dem ich – ähnlich wie »Maler« und »Clivia« – viel von meinem Wissen über die Vereinigten Staaten verdanke. daß alle vermeintlichen CIASpione in der DDR in Wirklichkeit inoffizielle Mitarbeiter des MfS oder umgedrehte Doppelagenten waren. Kontakte zu ostdeutschen Diplomaten. der oft als größter Atomspion bezeichnet wurde. Juli 1945. und auf diesem Weg kamen wir dem CIA-Agenten mit Codenamen Thielemann auf die Spur. den Mann. Nachdem wir ihm auf die Schliche gekommen waren.

in seinem ganzen Auftreten entsprach Klaus Fuchs nicht den landläufigen Vorstellungen von einem erfolgreichen Spion. Fragen zu seiner nachrichtendienstlichen Tätigkeit zu beantworten. Ich konnte und wollte mich nicht damit abfinden. sein Schweigen zu brechen – und auch das erst. sich aber rundheraus weigerte. den er vom ersten Moment an machte. Wenige Jahre bevor er starb. die aufmerksamen. nach jeder Frage hinter der randlosen Brille nachdenklich blickenden Augen vertieften den Eindruck des typischen Wissenschaftlers. seit er 1959 aus britischer Haft entlassen worden war. Die hohe Stirn. konnte ich ihn schließlich dazu bewegen.Wissenschaftler und Mitglied des Zentralkomitees der SED in Dresden lebte. Klaus Fuchs 1950 In seiner Art zu reden. daß ein Mann mit einem so außergewöhnlichen Leben sein Wissen mit ins Grab nehmen sollte. wenn Fuchs auf die Grundlagen der theoretischen -412- . Diese Augen wurden lebendig. als Erich Honecker sich persönlich an ihn wandte und ihn bat. sich mit mir zu unterhalten.

die aus Idealismus und tiefer politischer Überzeugung für den Nachrichtendienst tätig geworden waren. die ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in den Dienst der Sowjetunion gestellt hatten. Fuchs war für mich ein Kundschafter. sondern Kundschafter genannt. aus dem Männer wie Richard Sorge. auch wenn er keinerlei nachrichtendienstliche Ausbildung. das Dritte Reich zu bekämpfen und den Zweiten Weltkrieg entscheiden zu helfen. auf die Quantentheorie oder die mathematische Berechnung von Schwankungen bei der Implosion in der Plutoniumbombe zu sprechen kam. Mit Klaus und Margarete Fuchs 1983 Fuchs war aus dem Stoff. Kim Philby und viele andere waren. Harro Schulze-Boysen. nicht Spione. weil sie darin eine Möglichkeit sahen.Physik. kaum E rfahrung und gewiß nicht die notwendige Härte für diese schwierige Tätigkeit mitgebracht hatte. -413- . Er war Forscher mit Leib und Seele. In unserem Sprachgebrauch wurden solche Menschen.

daß etwas mit einem so ungeheuren Vernichtungspotential den Großmächten in gleichem Maße zugänglich sein mußte. die Atombombe mit Moskau zu teilen. Schon damals wurden auch in den USA Stimmen laut. die von 1943 bis 1946 in den USA am geheimen Manhattan-Projekt unter der Leitung Robert Oppenheimers beteiligt war. was die Zukunft der Welt vor leichtsinnigen Hasardeuren schützen konnte.Als Student hatte Fuchs sich der kommunistischen Bewegung angeschlossen und war nach 1933 auf Beschluß der Partei ins Ausland gegangen. »Ich habe mich nie als Spion gesehen«. denn nun war der atomare Ausgleich das einzige. Ich war der Ansicht. erkannte Fuchs. sagte Fuchs zu mir. die in der Sowjetunion nur mehr den potentiellen Gegner und nicht mehr den Alliierten sahen. Born lehnte als überzeugter Pazifist entschieden die Mitarbeit an dem »kriegswichtigen« Geheimprojekt der Atombombe ab. Während die Väter der Bombe von der Öffentlichkeit als Helden gefeiert wurden. die er hellsichtig für eine »teuflische Erfindung« hielt. 1941 fand er durch seinen Freund. Damit bekamen die Informationen des Wissenschaft lers ein neues Gewicht. Als britischer Staatsbürger wurde er in die Delegation aufgenommen. doch bei Kriegsausbruch trennten sich ihre Wege. In Edinburgh promovierte er bei Max Born. daß diese Waffe schon vor dem Abwurf über Japan zu einem Faustpfand in der Hand militanter Antikommunisten geworden war. Verbindung zum sowjetischen militärischen Nachrichtendienst GRU. seinem verehrten Lehrer. warum der Westen nicht bereit war. die von einer kollektiven Gewissenlosigkeit sprachen. In Birmingham stellte Fuchs seine wissenschaftliche Begabung bei der Berechnung der Energieausschüttung der Bombe und bei der Lösung von Problemen bei der Isotopentrennung zur Reingewinnung von Uran 235 unter Beweis. Die -414- . den Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski. »Ich konnte nur nicht verstehen.

wie Fuchs seine Informationen weitergab. und dort übergab der Physiker der Informantin schriftlich von Hand zu -415- . Das wäre so gewesen. fand ich einfach entsetzlich. sondern jahrzehntelang so getan. das nicht zu tun. Solange er in England arbeitete.« Über seinen persönlichen Beitrag zur Entwicklung der russischen Atombombe äußerte Fuchs sich sehr zurückhaltend. In der Regel fuhren Fuchs und Ruth Werner mit dem Fahrrad in den Wald. Er erinnerte sich. Fast unglaublich war die einfache Art. war ihm Jürgen Kuczynskis Schwester. Es wäre mir wie ein sträfliches Versäumnis erschienen. August 1949 räumten sowjetische Wissenschaftler erstmals ein. Die meisten seiner Verbindungsleute waren ihm persönlich nicht bekannt. daß die russischen Profis sich am auffälligsten benahmen – einer von ihnen schaute sich ständig nach Verfolgern um. was in Los Alamos bereits erfolgreich probiert worden war. als würde ein Riese auf Liliputanern herumtrampeln. Er traf sich mit seinen Kontaktpartnern nach Vereinbarung. dank Fuchs auf langwierige Versuc he verzichten und sich auf das konzentrieren konnte. mir etwas zuschulden kommen zu lassen. Erst nach dem Tod Fuchs' wurde in der UdSSR publik. als hätte der sowjetische Nachrichtendienst neben Fuchs noch andere Atomspione gehabt. daß eine Seite in der Lage sein sollte. die andere mit einer solchen Waffe zu bedrohen. Ich hatte nie das Gefühl. daß ohne die Informationen von Klaus Fuchs das USKernwaffenmonopol niemals so früh durch die Sowjetunion hätte gebrochen werden können. Vierzig Jahre nach der Explosion der ersten russischen Atombombe über der kasachischen Steppe am 29. Moskau hatte ihm den Wert seiner Informationen nie bestätigt. so wie er das aus seiner illegalen Arbeit als Student in Deutschland kannte. Ruth Werner. von allen Kontaktpersonen die sympathischste. daß Igor Kurtschatow. als ich Moskau mein Geheimwissen zur Verfügung stellte. der Vater der sowjetischen Bombe.Vorstellung.

ob an den Verdächtigungen etwas Wahres sei oder nicht. Nach der Rückkehr aus den USA arbeitete Fuchs am britischen Atomforschungsinstitut in Harwell als Leiter auf dem Gebiet der theoretischen Physik. ihn unter vier Augen fragte. der in konspirativer Verbindung zu ihm und zu Ethel Rosenbergs Bruder David Greenglass gestanden hatte. David Greenglass war in Los Alamos beschäftigt gewesen. Ich nehme an. als Laie jedoch den Hieroglyphen in Fuchs' unendlich kleiner Schrift nicht das Geringste entnehmen konnte. dann könne Fuchs sich darauf verlassen. hinter denen das Odium des Verrats stand. und sein Zögern und die Unfähigkeit. verrieten ihn.Hand. Dabei handelte es sich um Kopien seiner eigenen Arbeiten oder um mit seinem nahezu fotografischen Gedächtnis gespeicherte und danach niedergeschriebene Erkenntnisse über das gesamte Projekt. Wenn nicht. sie zu begnadigen. Zwischen diesen Daten lagen die Verhaftung von Klaus Fuchs Anfang 1950 und im Frühjahr 1950 die von Harry Gold. zog sich vom Seitenwechsel eines Chiffreurs an der kanadischen Residentur des GRU im Herbst 1945 über die Verhaftung des britischen Atomwissenschaftlers Allan NunnMay im Jahr darauf bis zur Festnahme von Ethel und Julius Rosenberg im Sommer 1949 und ihre Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl am 20. daß sie aus Neugier zwar einen Blick auf die Formeln geworfen hatte. als der stellvertretende Direktor des Instituts in Harwell. Juli 1953. und man wollte bereits jeden Verdacht gegen ihn als ausgeräumt abtun. bis er 1950 verhaftet wurde. das brachte Fuchs nicht über sich. mit dem er privat befreundet war. Einen Freund anzulügen. daß alle Kollegen wie ein Mann zu ihm stehen würden. Die fatale Kette von Verhaftungen. Die britischen Sicherheitsbeamten hatten Fuchs bei ihren Befragungen nicht aufs Glatteis führen können. nachdem Präsident Eisenhower zweimal abgelehnt hatte. daß das ein besonders raffinierter Schachzug -416- . eine Antwort zu geben. Ruth Werner erzählte mir später.

und ich hoffe. war es ihnen einfach zu peinlich. Ich wünsche mir. Klaus Fuchs. daß dieser Wunsch kein Wunschtraum bleibt.der britischen Sicherheitsbeamten war. Mit seinem Ehrenkodex in Freundschaften handelte er sich vierzehn Jahre Haft ein. Filmen und Büchern kenne. Daß die Sowjets ihm kein Wort der Anerkennung zuteil werden ließen. daß sie mit konventionellen Mitteln bei Fuchs nichts ausrichten konnten. dieses Fehlurteil einzugestehen und sich bei Fuchs zu entschuldigen. Inzwischen habe ich die Beziehung zu meinen amerikanischen Freunden aus Kindheits. die gemerkt hatten. nicht dichtgehalten oder die Kette des Verrats in Gang gesetzt zu haben. meine Freunde und Bekannten zu besuchen. meinem bisher einzigen Besuch in diesem fernen Land. »Maler« und »Clivia« sind nicht mehr unter den Lebenden. kann ich mir nur damit erklären. die mich eingeladen haben und mir ihre Heimat zeigen wollen. das ich nur aus Erzählungen.und Jugendtagen wieder aufgenommen und habe viele neue Freunde dazugewonnen. daß sie ihn anfangs verdächtigten. -417- . aus der er nach neun Jahren entlassen wurde. Mehr als dreißig Jahre sind seit meiner unfreiwilligen Stippvisite in New York vergangen. Als sie es besser wußten.

die unwürdige Überwachung und Gängelung systemkritischer Schriftsteller und Wissenschaftler wie Robert Havemann. Ich mußte sie artikulieren. auch wenn Mielke es glaubte und tat. Je weniger ich mein Unbehagen an der Politik unserer Führung. an den Gebrechen der Gesellschaft vor mir selbst verhehlen konnte. Meine Zukunftspläne waren anderer Art. Wirtschaft. Die geradezu hysterische Empfindlichkeit gegenüber jeglicher Kritik. um dies zu verhindern. weil es eben das gerade nicht war. Beruflich hatte ich alles erreicht. daß man mit dem Gedanken spielte. in der unsere innenpolitische Führung inzwischen eine Ultima ratio zu sehen schien – das waren deutliche -418- . was mir vorschwebte. daß die Krankheitssymptome in der Sowjetunion und in der DDR die gleichen waren und daß das gesamte System des »real existierenden Sozialismus« wenig Überlebenschancen hatte. Eingeweihten jedoch war die politische und ökonomische Krise des Systems bewußt. was in seiner Macht stand. indem ich schreibend darüber nachdachte. schien die Überwindung der Abwirtschaftung unserer Gesellschaft noch immer möglich. die in nicht geringer Zahl in wichtigen Positionen von Politik. unser Nachrichtendienst war innerhalb von dreißig Jahren zu einem der weltweit effizienten und erfolgreichen Dienste geworden. Wenn ich auch noch nicht mit letzter Konsequenz erkannte. Wissenschaft und Kultur ihr Bestes gaben. mich ins Ze ntralkomitee zu berufen. ließen meine Zweifel sich doch nicht länger unterdrücken. stärker in mir. Ich wußte. daß ich mir über den eigenen Standpunkt nur Klarheit verschaffen konnte. um so mehr hatte ich den Eindruck.17 Der Ausstieg Seit 1981 wurde der Gedanke. die Ausbürgerung unbequemer Bürger wie Wolf Biermann. Vielen DDR-Bürgern. aber das war es nicht. was ich mir wünschen konnte. den Dienst zu quittieren.

Zugleich wurde sie von immer häufigeren und heftigeren Meinungsverschiedenheiten mit der Sowjetunion überschattet. sondern der sich abzeichne nden Zukunftslosigkeit. eine Gardinenpredigt zu diesen Themen anhören. die in herben Worten die deutschdeutsche Annäherung ebenso wie Honeckers eigenen Kurs in der China-Politik kritisierte und bedingungslose Solidarität in dem von ihr für notwendig gehaltenen Konfrontationskurs gegenüber den USA forderte. Im Mai 1982 mußte ich mir in Moskau von Andropow am Tag seiner Ernennung zum Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU.Anzeichen nicht nur der Hilflosigkeit. Außenpolitisch war diese Zeit von einer Stagnation der deutschdeutschen Beziehungen gekennzeichnet. Mit Konrad Wolf 1981 -419- . die keine zehn Jahre zuvor so hoffnungsvoll begonnen hatten. anläßlich einer Beratung des Chefs aller Nachrichtendienste der sozialistischen Länder.

Unter dem Eindruck all dieser Veränderungen – innerer wie äußerer. gewollter wie schmerzlicher – nutzte ich eine Flugreise -420- . Seine letzten Gedanken waren von den Moskauer Kindheitseindrücken erfüllt. Bei diesen Gesprächen über das TroikaProjekt ahnten wir nicht. Honeckers persönliche Schwächen waren ein getreuer Spiegel der Schwächen des Systems.und Jugendfreundschaft mit George und Victor Fischer und Lothar Wloch im Moskau der 30er Jahre. Es war die Geschichte unserer Kinder.Im nachhinein habe ich mich oft gefragt. der seit Mitte der 70er Jahre mit seinem Troika-Filmprojekt beschäftigt war. Das Beharren auf liebgewordenen politischen Vorstellungen hat zweifellos nicht wenig zum beschleunigten Untergang der DDR beigetragen. die Beschreibung der unterschiedlichen Wege. Selbstüberschätzung und Loslösung von jeglicher Realität. In dieser Zeit diskutierte ich viel mit meinem Bruder Koni. bis hin zu ihrem gemeinsamen Wiedersehen vierzig Jahre später in den Vereinigten Staaten. das ihm sehr am Herzen lag. die wir vor allem einen möglichen Konflikt mit der Sowjetunion zu vermeiden trachteten. daß Koni bereits an seiner Krebserkrankung litt. den Film noch zu drehen. als hätte mir mein Bruder sein TroikaProjekt als Vermächtnis hinterlassen. die ihm keine Zeit mehr lassen sollte. seine Führungsschwächen sind nicht zu beschönigen: Seine eigenwillige Haltung in den letzten Jahren an der Spitze der DDR entsprang dogmatischem Denken und Subjektivismus. während sie über Grenzen und Jahrzehnte hinweg ihre Freundschaft lebendig erhielten. die die Freunde im Leben einschlugen. Von da an war mir. Nein. weil es autobio graphische Wurzeln hatte. ob Honecker mit seinen Alleingängen in der deutschdeutschen Politik und auch mit den nach Peking ausgestreckten Fühlern nicht größere Weitsicht gezeigt hat und vielleicht klüger war als wir anderen. einem Projekt. Unsere letzten Gespräche fanden im März 1982 an seinem Sterbebett im Krankenhaus statt.

Das war mehr als deutlich. mich in die Pensionierung zu entlassen. außerdem mußte ich äußerste Diskretion versprechen – nach außen durfte nicht die geringste Andeutung dringen. wenn ich es zur Sprache zu bringen versucht hatte. und er betonte. in dem ich eine kontinuierliche Übergabe der Leitung an meinen Nachfolger Werner Großmann skizziert hatte. hatte Honecker massive Vorhaltungen gemacht. Er ließ sich von mir Vorschläge zur Übergabe der Geschäfte machen. Bei solchen Worten -421- . die den Sozialismus untergrüben und einer nationalistischen Stimmung Vorschub leisteten. Damit schien meinem Ausscheiden nichts weiter im Wege zu stehen. Diese Indolenz. um die mir schon länger am Herzen liegende Frage meines vorzeitigen Ausscheidens aus dem Dienst anzusprechen. Flugreisen zählten zu den wenigen Gelegenheiten. die Bundesrepublik als Hauptverbündeten der »Abenteuerpolitik« der USA in Europa bezeichnet und Honecker beschuldigt. sagte er. und wenige Wochen darauf bestätigte er einen Plan. daß die Sicherheit der Sowjetunion und der ganzen sozialistischen Staatengemeinschaft in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten stehe. Andropows Nachfolger. sei der UdSSR unverständlich. aber den Zeitpunkt wollte er selbst bestimmen. Konstantin Tschernjenko. Anfang Juli 1984 erzählte mir unser Außenminister. doch hier konnte er mir nicht entwischen. Mielke war diesem Thema immer wieder ausgewichen. und die Zahl Sechzig war für mich der Rubikon. Kontakte der BRD in die DDR hinein zuzulassen.nach Moskau mit Minister Mielke Anfang 1983. ich sechzig. Mielke war bereit. wo man sich seiner Aufmerksamkeit ungeteilt versichern konnte. dies gefährde die Existenz der DDR ganz außerordentlich. wie frustrierend der Moskau-Besuch Honeckers im Juni verlaufen war. an dem ich die seit langem gereifte Entscheidung in die Ta t umgesetzt sehen wollte. Er war fünfundsiebzig geworden.

unserer politischen Führung das Fatale unserer Lage vor Augen zu führen. doch diesmal verfehlte die Drohung ihre Wirkung. als wir selbst es hätten darstellen können. ihre wirtschaftlichen Probleme und die zunehmenden Belastungen durch die Intervention in Afghanistan. Etwa um die gleiche Zeit erhielt ich von unserer Spitzenquelle im Brüsseler Nato-Hauptquartier eine Kopie der Ost-WestStudie der Nato übermittelt. die internen Probleme der DDR durch größere Eigenständigkeit gegenüber der Sowjetunion zu lösen. Frostig nahm man Abschied voneinander. ihre Differenzen mit China und die immer sichtbarere Instabilität und Erosion des Warschauer Pakts. Wegen verschiedener Pannen. blieb die Identität dieser Quelle nur den wenigen Mitarbeitern meines Dienstes bekannt. Gab es wirklich eine Chance. und ich sah in diesem Papier eine Möglichkeit. Treffen fanden nur in großen Zeitabständen und unter gewissenhaftesten Sicherheitsvorkehrungen statt. mit den spezifischen Mitteln der HVA. mit unter Gefahren und hohem Risiko beschafften -422- . Sie beschrieb die zentrifugalen Tendenzen innerhalb des Warschauer Pakts zutreffend und deutlicher. die von Anfang an mit ihr zu tun gehabt hatten. Die Verbindung verlief fast nur noch unpersönlich. Vieles in diesem Dokument entsprach meinen eigenen Gedanken und Erkenntnissen der letzten Monate.wäre jeder DDR-Funktionär früher merklich zusammengezuckt. und Honecker machte aus seiner Verärgerung kein Hehl. Tschernjenko ließ durchblicken. Ausdrücklich wies die Studie auf die Bemühungen der DDRFührung hin. die in den letzten Jahren aufgetreten waren. und bezeichnete die Haltung der DDR zu China als überaus gefährlich. daß Honeckers geplanter BRD-Besuch der UdSSR nicht opportun erscheine. Die Nato-Studie behandelte ausführlich die innere Lage der Sowjetunion. Ich hatte sie vor den Außenministern der Mitgliedstaaten der Nato in Händen.

Ich konnte sicher sein. Trotz der Unmutsbekundungen Tschernjenkos war die deutschdeutsche Annäherung weitergelaufen. ohne das ZK der KPdSU ins Vertrauen zu ziehen. Die Dreierrunde Honecker-Mielke-Mittag plante Honeckers BRDBesuch und Gegenleistungen für einen weiteren Milliardenkredit – alles. Rechts vor ihm auf dem Schreibtisch stand das Sondertelefon. Die Telefone und Tasten für Direktverbindungen am Pult links von seinem Schreibtisch. Der besondere Charakter des Dokuments ließ es mir geraten scheinen. Der inzwischen zur grauen Eminenz aufgestiegene Schalck-Golodkowski und Bundeskanzler Helmut Kohls Emissär Philipp Jenninger waren schon fast unzertrennlich. waren noch mehr geworden. um es vorzulegen. mit spektakulären Ergebnissen die Erfolge des Ministeriums zu demonstrieren. um das Dossier zu überreichen. bei unseren politisch Verantwortlichen etwas in Richtung Vernunft zu bewirken? Vieles sprach gegen eine solche Vorstellung. Der geeignete Zeitpunkt. die nur an höchster Stelle zugänglich waren. Dennoch mußte ich es zumindest versuchen. auf diesem Apparat erwartete er gerade einen Anruf aus Moskau. Daraufhin steuerte der schwelende Dissens zwischen DDR und UdSSR -423- . vielleicht sogar gleich meine Interpretation und Argumente beizusteuern. als sei nichts geschehen. die gewöhnlich nach der Politbürositzung stattfindende Aussprache zwischen Mielke und dem Generalsekretär zu nutzen. seiner Kommadozentrale. kam. Die Sowjetunion erfuhr davon. Ich baute auf Mielkes Neigung. als Mielke mich in »einer wichtigen Angelegenheit« zu sich beorderte. und deshalb hatte er mich kommen lassen. weil die Bundesrepublik die Verhandlungen publik machte. daß das Dokument sofort an den Vorsitzenden des KGB und von diesem an den Generalsekretär der KPdSU weitergeleitet werden würde. über das er mit Honecker und anderen Mitgliedern des Politbüros sprach.Informationen und Dokumenten.

Honeckers Mitteilung verlangte von der Sowjetunion. doch wenn ich angenommen hatte. und die Mitglieder der sowjetischen Delegation äußerten sich durchgehend auf wenig -424- . Wenige Tage darauf führte ich ein weiteres Telefonat für Mielke. Die sowjetische Ablehnung der Reisepläne unseres Generalsekretärs war eindeutig und unmißverständlich. seien für einen Meinungsaustausch die Parteikanäle zuständig und nicht Staatssicherheit und KGB. Am 17. Tschebrikows Stimme war mir vertraut aus der Zeit. er vermisse eine Antwort auf die sowjetische Frage nach Honeckers geplantem BRD-Besuch. und beharrte auf der Notwendigkeit eines Dialogs mit der BRD. Honecker das Zugeständnis abzuringen. Er verpflichtete mich zu absolutem Stillschweigen und fuhr in die Schorfheide. Honeckers Jagdgefilde. Als das Telefon klingelte. bevor er ihn antrat. sie würden einen Kompromiß finden. als er Andropows Stellvertreter gewesen war. Sollte inzwischen eine Entscheidung gefallen sein. Tatsächlich gelang es ihnen offenbar. Mielke erklärte mir nun. doch er war schon wieder nervös und im Geist mit anderen Dingen beschäftigt. Viktor Tschebrikow. Zumindest nahm er die Studie entgegen. in dem die sowjetische Seite ihren Standpunkt bekräftigte. Während die Sekretärin meine Gesprächsnotiz tippte. Mich habe er hergebeten.einem offenen Schlagabtausch entgegen. damit ich Honeckers Text an Tschebrikow durchgäbe. August traf Honecker sich zu diesem Zweck mit Tschernjenko. den KGB-Vorsitzenden. um dort zusammen mit Mittag auf den Generalsekretär einzuwirken. gab Mielke mir den Hörer. daß sie ihre öffentliche Polemik einstelle. im Auftrag Honeckers anzurufen und um Vermittlung zu bitten. dann hatte ich mich getäuscht. Mielke die Ost-West-Studie mit einem entsprechenden Kommentar zur Kenntnis zu bringen. versuchte ich. daß er es für das beste gehalten habe. Darauf erwiderte Tschebrikow. daß er seinen BRD-Besuch mit dem sowjetischen Partner abstimmte.

Jetzt galt es nur. Er zog Mielke zu Rat. der angekündigte Besuchstermin scheine nicht mehr realistisch. als der Leiter unserer Bonner Vertretung weisungsgemäß vor der Presse erklärte. Honecker hatte sich – wenn auch widerstrebend den Wünschen der Sowjetunion gebeugt.freundliche Weise. wie er es anstellen sollte. Er wird nicht schlecht gestaunt haben. als sei der Rückzieher Honeckers auf Weisung Moskaus geschehen. Aber nun schaltete Helmut Kohl sich persönlich ein und war mit allen Bedingungen einverstanden. von der er sich persönlich gekränkt und im Stich gelassen fühlte. der ihm entschieden abriet. daß die DDR sich auf die eigene Kraft verlassen müsse. Auf dem Rückflug von einem Staatsbesuch in Algier Ende 1984 bekamen Honeckers Mitreisende zu hören. Zu guter Letzt lenkte Honecker ein und legte seine Reisepläne auf Eis. Aber aufgeschoben war nicht aufgehoben. die Konfrontation mit der Sowjetunion noch mehr zu verschärfen. Er beklagte. wie wenig er den Verzicht auf den Besuch in der Bundesrepublik verwunden hatte. Deshalb erging an den Leiter der Bonner DDR-Vertretung die Weisung. ganz offenkundig lag ihm an der Reise nicht weniger als dem DDR-Staatsoberhaupt. Mir scheint das einen Wendepunkt im Denken und Handeln -425- . und beschwerte sich über die Sowjetunion. umgehend die Verhandlungen mit Jenninger so wenig kooperativ wie möglich zu gestalten und das Kommunique zum Besuch so abzufassen. daß es ihm wohl nicht mehr vergönnt sein werde. seine saarländische Heimat noch einmal wiederzusehen. alles so zu arrangieren. Honecker steckte nun in der Zwickmühle: Er wollte an seinem Besuch festhalten. daß es für die Bundesrepublik unannehmbar sein mußte. daß das Verschieben des BRD-Besuchs nicht so aussah. wußte aber nicht. Sein Fazit war. Willi Stoph sagte später. er sei selten so enttäuscht gewesen wie angesichts dieses massiven Mißtrauens gegenüber der DDR und ihm persönlich.

Es wäre ungerecht. Er beurteilte die Probleme ähnlich wie ich und sah die düstere Zukunftsperspektive am Horizont. wie er ihn sich vorstellte. daß das Sozialprogramm. blieb er immer treu. als Präsident Reagan trotz aller Proteste in Europa die Pershing-Raketen stationierte und mit der Verkündung des SDIProgramms seine Entschlossenheit zeigte. die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes bis an die Grenze strapazierte. Sein unlösbares Dilemma war. Jahrestag der DDR demonstrierten. eine ganz andere war die Vorstellung des Politikers. den Rüstungswettkampf unerbittlich zu führen. daß er. Dem Sozialismus. Keinen Augenblick dachte er daran. daß die Interessen der verbündeten Großmacht mit den dringend notwendigen Stabilisierungsmaßnahmen im eigenen Land nicht zur Deckung zu bringen waren. war eine Sache. Das wahre Ausmaß der wirtschaftlichen Misere wurde zwar vor ihm geheimgehalten. aber auch mit Finanzspritzen aus dem Westen zu lösen. Jahrestag der DDR lernte ich Hans Modrow näher kennen. in das er so große Hoffnungen gesetzt hatte und an dem er beinahe sklavisch festhielt. die Honecker und Andrej Gromyko bei den Feiern zum 35. aber trotz Potemkinscher Dörfer erkannte er sehr wohl.Honeckers zu kennzeichnen. Ihren unnachgiebigen Kurs sah die Sowjetunion bestätigt. kaschierte nur notdürftig die verhärteten Fronten. sich dem Westen in die Arme zu werfen oder die DDR der Bundesrepublik auszuliefern. Die Einigkeit und Geschlossenheit. Die sentimentale Enttäuschung. in der DDR einen anderen Kurs als den Moskaus zu steuern und die wirtschaftlichen Probleme aus eigener Kraft. Honecker nachträglich zum Provinzpolitiker zu degradieren und verletzte Eitelkeit zur einzigen Triebkraft seines Handelns zu erklären. Kurz nach dem 35. Da er -426- . nun doch nicht als anerkanntes Staatsoberhaupt den anderen deutschen Staat besuchen würde. der Dachdecker aus Wibbelskirchen.

Leute wie Hans Modrow und ich warteten weitgehend passiv auf einen »Erlöser«. die für meinen Dienst arbeiteten. Es bedeutet nur. daß ich genug hatte. Die Trennung vom Gewohnten wäre mir weniger schwergefallen. dem ich den Dienst beruhigt anvertrauen konnte. Eben noch sollte die Staatssicherheit dafür sorgen. war gut bestellt. zu meinem plötzlichen Ausscheiden sagen? Doch meine Entscheidung stand fest. der uns dazu bringen sollte. daß Ausreisewillige ihre Anträge zurücknahmen. Das Professionelle war in guten Händen: Werner Großmann war ein Nachfolger. die in der amerikanischen Botschaft oder der Vertretung der Bundesrepublik Zuflucht gesucht hatten. in das wir eingebunden waren.seine Meinung ehrlich vertrat. Mehr denn je war mir klar. daß man zumindest den Versuch macht. nicht aber. kam er schon lange nicht mehr für eine Funktion im Politbüro der SED in Frage. Wir begriffen nicht. wurden sie postwendend mit Kind und Kegel in den Westen abgeschoben. oft Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit. wenn da nicht die Menschen gewesen wären. daß man die Lage erkennt. Äußerungen und Weisungen Mielkes widersprachen sich inzwischen von einem Tag zum anderen. Aber mit vielen der Menschen. mit denen mich so viel verband. Kaum war gegen Flüchtlinge. Was würden sie. damit im nächsten Augenblick fünfundzwanzigbis dreißigtausend Ausreisewillige im Paket als Gegenleistung für den Milliardenkredit kurzfristig sollten ausreisen können. den ich hinterlassen würde. die sie weiter ihre Freiheit aufs Spiel setzten. verbanden mich Jahre. das System zu ändern. gemeinsamer Erlebnisse in einer nicht gerade alltäglichen Tätigkeit. Das Unterlassen von Liebedienerei allein ersetzt aber noch nicht klare Analysen und radikale Reformvorschläge. sie zu ändern. Im Schreiben über die eigenen Erfahrungen sah ich immer zwingender meine -427- . daß der Anstoß von uns selbst hätte kommen müssen. strenges Vorgehen angekündigt. Der Acker.

immer wieder hinaus. auf die er und ich uns geeinigt hatten: daß ich mich nach dem Ausscheiden aus dem Dienst. Dieser Zustand war der Kontinuität der Arbeit nicht zuträglich.Lebensaufgabe. Das allerdings setzte meinen Abschied voraus. Die auslaufende Phase meiner Arbeit im Nachrichtendienst dauerte knapp zwei Jahre. das war angesichts seines eigenen und des Lebensalters der meisten Politbüromitglieder kaum ratsam. ob mit meiner Kandidatur bei der Neuwahl der Mitglieder gerechnet werden könne. die bleibt hatte ich zwischenzeitlich mitgewirkt. Mielke mußte ihnen umgehend reinen Wein einschenken und ihnen die Begründung nennen. Parteitag der SED getroffen werden mußte. muß dieser Schritt bald getan werden. das nicht in der Schublade verschwinden durfte. Um diese Situation zu beenden. voll und ganz der Pflege des Erbes meiner Familie widmen wolle. Sein TroikaProjekt war mir zum Vermächtnis geworden. Zum Jahreswechsel 1985 notierte ich in meinem Tagebuch: »Will ich das in mir Gärende bewältigen. damit ich ausscheiden konnte. Er glaubte offenbar. um bei den sowjetischen Freunden und in der eigenen Führung ja nicht in ein schiefes Licht zu geraten. Im Frühjahr 1985 war Michail Gorbatschow zum -428- . Er trug nun die Last der Arbeit. die zu tun waren. Die laufenden Geschäfte hatte ich zum Großteil bereits Werner Großmann übergeben. Mielke zögerte trotz seines generellen Einverständnisses die einzelnen Schritte. das bereits beantragt war. Altersgründe anzugeben. An einem Dokumentarfilm über sein Leben mit dem Titel Die Zeit. wieder einmal besonders geschickt taktieren zu müssen. Ahnungslose Mitarbeiter des Zentralkomitees hatten bereits bei Mielke angefragt. die besonders in Hinsicht auf den im Frühjahr 1986 bevorstehenden XI. während ich am Schreibtisch saß und den Chef mehr oder weniger mimte.« In diesem Jahr stand der sechzigste Geburtstag meines verstorbenen Bruders bevor. drängte ich auf eine klare Entscheidung.

den er schnell einschlug. Parteitag der SED im April 1986. die an den Toren der amerikanischen Botschaft und bundesdeutschen Vertretung in Ost-Berlin und Prag Einlaß begehrten. Die Flüchtlinge. Angesichts der wachsenden Differenzen zwischen den Führungen unserer Länder komme es. In einer solchen Situation sah ich kaum noch eine Chance. Plötzlich begannen deutsche Freunde und die über meine Absichten informierten KGB-Vertreter in Berlin. daß Glasnost. die in Bewegung geraten war. auf jeden einzelnen an. weckte in unserem Land große Erwartungen auf eine mögliche Genesung des gesamten sozialistischen Systems und der an der Selbstgefälligkeit ihrer Führung krankenden und zerrissenen Gesellschaft der DDR. bis nach Gorbatschows Auftreten auf dem XI. mit dem man vernünftig reden könne. Die Moskauer Freunde erwarteten sich von mir Hinweise zur Lage innerhalb unserer Führung und eine Einflußnahme in ihrem Sinn. durch die Informationen der HVA auf die wahren Probleme des Landes einzuwirken. Von Gorbatschow wurde mir bei seinem Besuch eine hohe Anerkennung ausgesprochen. also Offenheit. doch gerade dieser Besuch führte mir meine Ohnmacht drastisch vor Augen. Honeckers BRD-Besuch war für Ende Mai mit dem Bundeskanzleramt fest vereinbart worden – wieder ohne Wissen -429- . und ein gefährliches Konfliktpotential braute sich zusammen.Generalsekretär der KPdSU gewählt worden. auch an unserem Land nicht vorbeigehen würde. Aber die DDR hatte inzwischen gravierendere Probleme. an mein Gewissen zu appellieren. die Flinte nicht ausgerechnet jetzt ins Korn zu werfen. auch wenn Moskau daran noch immer glaubte. waren Vorboten einer Lawine. Der PerestroikaKurs. so meinten sie. Die Lage im Land spitzte sich zusehends zu. Zwischen den Führungen ging der alte Hickhack um die DDR-BRD-Beziehungen und Honeckers Reisewünsche weiter. Ich war mir sicher.

um an Informationen zu gelangen. Nach Gesprächen mit Egon Krenz und anderen Mitgliedern des Politbüros wurde mir da erst klar. und daß einige Berater bereits die Möglichkeit einer deutschen Einheit ins Auge faßten. Wie so viele versprach auch ich mir von Gorbatschows Anwesenheit auf dem XI. Beide Seiten brachten ihre altbekannten Standpunkte vor. daß er auf einmal von Gorbatschow in den Beziehungen zur Bundesrepublik und sogar -430- . die sowohl seiner Politik der Offenheit und Ehrlichkeit als auch seiner persönlichen Ausstrahlung galt. Die Delegierten des Parteitags. Das Gespräch unter vier Augen schob Honecker hinaus. Äußerlich begann der Parteitag wie gewohnt: Die schönfärberischen Reden und der Personenkult um Honecker waren noch unerträglicher als sonst. waren gern bereit. wie nicht anders zu erwarten.der Sowjets und diesmal auch des Politbüros und der zuständigen politischen DDR-Gremien. sondern vor allem frischen Wind in Partei und Staat. der Deutschlandpolitik eine ganz neue Priorität beizumessen. daß Gorbatschow und seine engeren Berater schon damals begonnen hatten. Es war also kaum verwunderlich. Erst später erfuhr ich. Er erntete sogleich Sympathie. Parteitag im April nicht nur die Beilegung des Streits um Honeckers BRD-Besuch. der eine Wende im eigenen Land zu ermöglichen schien. welches Trauma es bei Honecker bewirkt haben muß zu sehen. Alle Kontakte wurden über Schalck und Mittag abgewickelt. Seine außenpolitischen Bemerkungen klangen selbstbewußt und von umsichtiger Klugheit geprägt. jeden Impuls aufzunehmen. Es kam erst am dritten Tag zustande und dauerte drei Stunden. darunter auch ich. Zur Entwicklung in der DDR schwieg Gorbatschow. Davon hob sich das Auftreten Gorbatschows und seiner Begleiter wohltuend ab. Nur Außenminister Fischer war eingeweiht worden. daß die sowjetischen Vertreter in Berlin und Mitreisende in Gorbatschows Delegation sich an mich hefteten.

indem dieser ihn zur Zurückhaltung aufforderte.und weltpolitischer Veränderungen aufschwang. die Verantwortung für diese Passage zu übernehmen. Ich war mir der Liebe zu einer Frau bewußt geworden. Begegnungen und Eindrücke verstärkte mein Gefühl. würde ich als Buch realisieren. und keiner der Zuständigen im Fernsehfunk und im Zentralkomitee war bereit. die ich zwei Jahre später heiratete. daß viele Künstler und Schriftsteller die Hoffnungen. und er genehmigte die unzensierte Fassung. Die Summe all dieser Gespräche. auf mich übertrugen. Noch im Dienst stehend. Als wir feststellten. daß ich vor dem Hintergrund der Lebensleistung meines Vaters und meines Bruders mehr in die gesellschaftlichen Prozesse unseres Landes eingreifen und mehr Gehör finden konnte als durch mein Verbleiben im Nachrichtendienst. Bei den Ehrungen und Veranstaltungen zum Gedenken an meinen Bruder merkte ich. Zunächst entschied ich mich für das Troika-Projekt. Zuletzt mußte Mielke sich den Film ansehen. daß das Gefühl zwischen uns sich gegen alle -431- . Fast zur selben Zeit. Mit der Premiere des Dokumentarfilms über meinen Bruder. In einer Passage des Films spreche ich anläßlich unserer Jugend in Moskau auch über die Verfolgungen unter Stalin. die an seinem sechzigsten Geburtstag stattfand. Das Schicksal der drei Familien war allerdings ein Jahrhundertstoff. sich selbst an die Spitze der Verständigung setzte und sich zum Vorreiter innen. ganz so.in der China-Politik überholt wurde. als wäre ich sein Nachfolger. als ich mit Troika meinen Weg zu einem neuen Ziel zu erkennen meinte. hatte mein eigenes Leben eine neue Wendung genommen. begann ich mit der Arbeit an dem Buch. Was mein Bruder sich als Film vorgestellt hatte. hatte ich einen kleinen Sieg über die Zensur errungen. Das jedoch war damals bei uns noch immer streng tabuisiert. die sie in ihn gesetzt hatten. der bewältigt sein wollte.

wird meine innere Bewegung nicht verborgen -432- . Ich durfte sie mir übrigens vom Tonband abgespielt während meiner Prozesse noch zweimal anhören. Mit dem Entschluß. Meine offizielle Verabschiedung war überaus feierlich und aufwendig. lieferte ich endlich einen Anlaß. Nach der Ansprache griff Mielke unter das Rednerpult und holte wie ein Zauberer den Karl-Marx-Orden und eine Urkunde hervor. gesundheitliche Gründe für mein Rücktrittsgesuch vorzuschützen.Versuche behauptete. mich auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. die ich mir ausbedungen hatte. Beim Zuhören der Lobeshymne kam ich mir vor wie bei der eigenen Beerdigung. Nach der offiziellen Veranstaltung traf ich den Kern meiner Mannschaft bei einer weniger förmlichen Abschiedsfeier. Ein geschlagenes Jahr lang bemühte Mielke sich redlich. reinen Tisch zu machen. mich zu überreden. meinen Abgang in die Wege zu leiten. Der 30. In Anwesenheit sämtlicher leitender Mitarbeiter des MfS und von Vertretern des Zentralkomitees der SED und des KGB verkündete Mielke mein Ausscheiden und verlas eine Laudatio. Ehescheidungen bei exponierten Persönlichkeiten waren überhaupt nicht wohlgelitten. Mielke hatte noch versucht. So blieb es nicht aus. Jahre später las ich ein Interview. doch vergebens. Im November war es dann soweit. in dem Mielke behauptete. doch das hatte ich abgelehnt. beschlossen wir. Andrea zu heiraten. die mich gut kannten. im ersten Moment war ich sprachlos. Den Abschied selbst jedoch verschob Mielke bis in den Herbst hinein. Mai 1986 wurde mein letzter Arbeitstag. aber dann gewann der Humor die Überhand. daß ich Mielke informieren mußte. es zu unterdrücken. er habe mich wegen moralischer Verfehlungen aus dem Ministerium entfernen müssen. Der Moralkodex in sozialistischen Ländern stand dem der katholischen Kirche in nichts nach. Politbüro und Nationaler Verteidigungsrat faßten den Beschluß über mein Ausscheiden. Jenen unter ihnen.

Damals war Koni Soldat der Roten Armee. An meiner Seite standen mein Nachfolger und die Stellvertreter. was mein Vater in diesem Brief über die Zivilcourage sagte. dem Sog des Systems und der militärischen Hierarchie zu widerstehen und bei den Umwälzungen. bisherige Erkenntnisse und Praktiken immer wieder in Frage zu stellen. wonach ein guter Kommunist viele Beulen am Helm hat. Erfahrungen des Lebens zu durchdenken und an Jüngere weiterzugeben. Ich endete mit den Bertolt Brecht zugeschriebenen Worten. sagte ich. auch im eigenen Lager«. vorhandene Erkenntnisse wiederzukäuen. viel Liebe und Freundschaft erfahren zu haben. war mein Leitgedanke bei der Arbeit an der Troika geworden. Der Aufklärer ist nicht dazu da. Die Fähigkeit. mit denen die Arbeit mich zusammengeführt hatte. Den roten Faden lieferte mir der Brief. sind jetzt weniger blind gläubig. sprach ich an diesem Abend über das Glück. bis der Himmel eine neue Erleuchtung schickt. Strategisches Denken und selbständiges Handeln waren die Grundlage für das›Geheimnis‹mancher unserer Erfolge. »Wir waren anfangs sehr gläubig. In vertraute Gesichter blickend. den mein Vater 1944 meinem Bruder zum neunzehnten Geburtstag geschrieben hatte. Meine Verabschiedung sah ich als Chance. ist die Voraussetzung für die Erarbeitung einer produktiven Strategie. Wir haben uns aber immer um selbständiges Denken bemüht. November 1986 die letzten Worte an sie richtete. manche auch vom Gegner. als ich am 27.geblieben sein. auch im eigenen Land. für einen Standpunkt einzutreten. Das. Würden auch sie solchen Beulen nicht ausweichen? Würde jeder einzelne die Stärke besitzen. sondern er hat Tatsachen objektiv zu bewerten und zu analysieren. auch wenn dies im eigenen Haus nicht immer und nicht von allen gern gesehen -433- . in der Familie und von Menschen. die unausweichlich bevorstanden. einen eigenen Standpunkt zu behaupten? »Es gehört oft Mut dazu.

in der Verantwortliche vielleicht auch einmal den Mut haben müssen. auf das es in dieser Zeit besonders ankommt. fuhr ich in meiner Rede fort. das ich ihnen mitgeben wollte. »In einer Zeit. sich etwas weiter aus dem Fenster zu lehnen. sondern aus der lange gewahrten Reserve heraustreten. Der in dem Haß und Todeshauch Vielleicht zuviel gehasset. ist alles Dünkelhafte von Schaden«. daß ich ein Mensch bin Und nicht ein Heiliger. Es war mir bei diesem letzten Zusammensein mit meinen engsten Mitarbeitern wichtig. Verzeiht. Dünkel. nicht auszuschließen. wenn der Wind schärfer weht und Rückgrat gezeigt werden muß. aber in Wirklichkeit sind Dünkel und Feigheit Geschwister. Ich wollte mich nicht als müder Rentner verabschieden. Jeder Mensch hat das Bedürfnis. »Dünkel paart sich oft mit forschem Auftreten.« Zuletzt zitierte ich aus dem Brief meines Vaters an meinen Bruder: »Wenn es schwere Situationen im Leben gibt.wurde. das kurz vor Kriegsende entstanden ist: Verzeiht. wo einem keiner raten und helfen kann. dann muß man selbst nach seinem Gewissen die Entscheidung mutig fällen und den -434- . gebraucht und nicht benutzt zu werden. Doch stark geliebet auch. das Persönliche aus meinem Credo. Und wenn ich zuviel gehasset Und eine geliebet zu sehr. daß ich ein Mensch bin. Arroganz und Eigenliebe vertragen sich nicht mit einfühlsamem Verhalten anderen Menschen gegenüber. der in den Ruhestand geht.« Zu den Umständen meines Ausscheidens zitierte ich einige Zeilen aus einem Gedicht meines Vaters.

Als Troika im Frühjahr 1989 gleichzeitig in der BRD und der DDR erschien.« Das Ausscheiden aus dem Dienst habe ich als Befreiung empfunden. Sequenzen aus diesen Sendungen wurden in den Nachrichtensendungen ausgestrahlt. als gäbe es bei uns nichts zu reformieren. in die ich große Hoffnungen setzte – ganz so. Die Arbeit in der Abgeschiedenheit unseres Waldgrundstücks mit den hohen Kiefern und den schlanken Birken. Ich distanzierte mich darin vom Verbot der deutschsprachigen sowjetischen Zeitschrift Sputnik durch die DDR-Behörden. erregte das Buch Aufsehen. aber letzten Endes ist es das richtige und hat auch den Aufrichtigen niemals gereut. kurzum produktive und schöne Zeit. mit der imposanten Eiche am Eingangstor. Der größte Mut – das gilt auch für den Krieg – ist die Zivilcourage. Die politische Führung distanzierte sich in selbstzerstörerischer Weise und weltfremder Selbstherrlichkeit von Perestroika und Glasnost. ich sei froh. Auf seiner nächsten Sitzung beschäftigte das Politbüro sich mit meinen -435- . dem weichen Morgenlicht über dem See und Andreas Katzen war eins mit dem Glück meiner neuen Ehe. daß es ihn gebe. Sie verharrte in einer Rechthaberei.Weg unbeirrt zu Ende gehen. das heißt. was ich von Gorbatschow hielte. Noch nie hatte ich mich so lebendig gefühlt. mich fordernde. Auf die Frage. weil sie über Verbrechen im Stalinismus berichtete. Die Arbeit am Troika-Projekt und die anschließenden Lesungen aus dem Buch begleiteten mich bis zum Beginn der Umwälzungen im Herbst 1989. in allen wichtigen Dingen seine Überzeugung zu vertreten und seine Meinung zu sagen! Das kann einen gewiß m anchmal bei kleinen Geistern mißliebig machen. sagte ich. Am Erscheinungstag gab ich im bundesrepublikanischen Fernsehen einige Interviews. Trotz der Konzentration auf mein Buch ließ die Sorge um die Zukunft des Landes mir keine Ruhe. Es war eine aufregende. die angesichts der weltpolitischen Entwicklung nach dem Beginn des KSZEProzesses kein gutes Ende nehmen konnte.

Konrad Wolf) Die Leser der Troika in der DDR nahmen den abweichenden -436- . das Politbüro betrachte meine Worte als Angriff auf die Parteiführung und erwarte. Lothar Wloch. r. l.Äußerungen. Nach der Sitzung rief Mielke mich an und teilte mir mit.: George Fischer. daß ich auf der bevorstehenden Leipziger Buchmesse von Interviews Abstand nähme. Umschlag der Troika von 1989 (v. n.

einen Haftbefehl. Den Gegensatz zwischen der Scheinwelt der Lüge und der Realität der Wahrheit hatte es in der DDR schon immer gegeben. zur Toleranz im Umgang mit anderen Gedanken. Für mich begann ein völlig neuer Lebensabschnitt. ob das gerade jetzt sein müsse. zur Verständigung über Ländergrenzen und Ideologien hinweg. Die einzig mögliche Erklärung schien mir die zu sein. ich würde gern einmal wieder Stuttgart besuchen. jemals vergessen wird. den keiner. Mielke fragte mich irritiert. der ich doch Bürger der DDR war. Weshalb ausgerechnet gegen mich? Ich war doch längst nicht mehr aktiv. der dabei war. daß mein Telefon inzwischen abgehört wurde. der mich so intensiv wie nie zuvor mit der Realität im Land konfrontierte. dieser Zwiespalt hatte mich häufig beschäftigt. Am 18.und klanglos von der politischen Bühne ab. Mitten in diesem Sommer traf mich aus heiterem Himmel eine seltsame Nachricht. die ich damals nicht sonderlich ernst nahm: Generalbundesanwalt Rebmann erwirkte gegen mich. -437- . Trotz des Verbots der Parteiführung gab ich der Süddeutschen Zeitung ein Interview. Keinen Monat später kam jener Tag. Jetzt konnte ich ihn nicht mehr verdrängen. Oktober 1989 traten Honecker und einige seiner Getreuen sang. so sei es in der Tat. daß ich in einem Gespräch mit dem Spiegel gesagt hatte. und ich antwortete stur.Umgang mit den finsteren Seiten aus der Geschichte des Sozialismus in diesem Buch sehr wohl wahr und ebenso die Aufforderung zur Offenheit und zum demokratischen Meinungsstreit. Mit mir sympathisierende Mitarbeiter der Staatssicherheit verrieten mir. denn die Zuhörer auf meinen Lesungen forderten in den anschließenden Diskussionen Antworten von mir. Offenbar hatte Rebmann rein sicherheitshalber für diesen Fall einen Haftbefehl gegen mich erwirkt. Bis dahin war mein Blick vorrangig nach außen gerichtet gewesen.

Da kamen die ersten Pfiffe. daß ich General der Staatssicherheit gewesen war. Künstler und Journalisten hatten zu dieser Willenskundgebung aufgerufen. -438- . Als Rednertribüne diente die Ladefläche eines Lkw. Christa Wolf umarmte mich. eine halbe Million Menschen. auch solche Gedanken auszusprechen. November war Ost-Berlin noch die Hauptstadt der DDR. Als ich verlangte. Aber an diesem 4. die Schauspielerin Johanna Schall. Trotzdem versammelten sich auf dem Alexanderplatz. daß die Vergangenheit mich einholen würde. Brechts Enkelin. Alle empfanden. hatte mich wenige Tage zuvor gefragt. als ich nun inmitten oppositioneller Bürgerrechtler stand. wurden meine ersten Sätze mit Beifall quittiert. wurden die Pfiffe lauter. Zweifeln und Widersprüchen war ich den Weg vom jugendlichen Bewunderer Stalins zum Befürworter demokratischer Wandlungen gegangen. manche schrien: »Aufhören!« Als ich meine Ansprache beendet hatte und vom Lastwagen stieg. Ich brauchte keine Feindbilder abzubauen. November stieg eine erste Ahnung in mir auf. Staatssicherheit und Polizei. war mein Mund ausgetrocknet. Als die Reihe an mir war. Das Recht der freien Versammlung nahmen sie sich an diesem Tag selbst. auf der geplanten Kundgebung zu sprechen. Nach langen inneren Auseinandersetzungen. Ich bekannte mich zu Perestroika und zur Verbindung von Sozialismus und wahrer Demokratie. Es hagelte Zwischenrufe.Am 4. Ich hatte zugesagt und war entschlossen. um ihr Recht auf Meinungs. noch stand die Mauer. mitten im Zentrum. fast euphorisch. verschwieg aber nicht. andere drückten mir die Hand. daß ein Umschwung bevorstand.und Pressefreiheit öffentlich einzuklagen. daß man nicht alle Mitarbeiter der Staatssicherheit undifferenziert zu Prügelknaben der Nation machen solle. die Widerspruch erregen mußten. der noch keinen Namen hatte. noch existierten Armee. Die Stimmung war gelöst. ob ich bereit sei.

An Stelle des Slogans »Wir sind das Volk« trat die Losung »Wir sind ein Volk«. -439- . 1989 auf dem Alexanderplatz An diesem grauen.« Die Richtstatt. daß die Tage der DDR gezählt waren. und aus ihr entwickelte sich die Forderung »Deutschland. Am 4.Später ging mir das Wort Tschingis Aitmatows durch den Kopf: »Jeder Mensch wird im Laufe des Lebens mit einer Richtstatt konfrontiert. Fünf Tage später diskutierte ich in einem Potsdamer Klub nach einer Troika-Lesung mit dem Publikum. vor dem Ort meiner Wahrheit zu stehen. das ist für Aitmatow nicht der Ort der Hinrichtung. einig Vaterland«. schönen Novembertag hatte ich das Gefühl. niemand hat an diesem Abend die historische Dimension der Stunde ganz erfaßt. Nach dem Fall der Mauer wurde von Woche zu Woche deutlicher. als ein Mann die Tür aufriß und rief: »Die Grenze ist offen!« Ich glaube. sondern der Ort der Wahrheit. 11.

-440- . Diese Attacken erreichten einen Höhepunkt. konnte ich die noch frisch in der Erinnerung haftenden Erlebnisse. Der Rachedurst vieler konzentrierte sich in erster Linie auf die Staatssicherheit. Gespräche und Gedanken verarbeiten. verging kein Tag. Zu Beginn der 80er Jahre hatten Susanne Albrecht. wie man als DDR-Bürger nicht auffiel. um in Ruhe meine Gedanken zu ordnen und abseits aller Wirren in der DDR. die aussteigen wollten. in dem ich als Zeitzeuge meine Eindrücke des letzten Jahres festhalten wollte. an deren politischem Ausgang es keinen Zweifel mehr geben konnte. ihnen neue Lebensläufe und Papiere verschafft und mit ihnen geübt. ohne daß ich mich heftigen Angriffen. damit für den Fall des Falles erprobte Kämpfer in Reserve zu halten. Als ich im Frühjahr aus Moskau zurückkehrte. als bekannt wurde. Seither sind bestimmte Akten insbesondere aus dem Bereich der Abwehr – verschwunden und erwiesenermaßen bei Diensten im Westen gelandet. daß die HVA damit nichts zu tun gehabt und auch keinerlei Kenntnis davon gehabt hatte. Da ich außer Mielke als einziger einer größeren Öffentlichkeit bekannt war. geriet ich in die hysterische Atmosphäre einer Schlammschlacht. weil er meinte. Wieder einmal nützte es mir herzlich wenig.Anfang 1990 zog ich mich zu meiner Schwester Lena nach Moskau zurück. Das ehemalige Ministerium war von einer Menschenmenge gestürmt worden. Inge Viett und andere RAF-Mitglieder. sich an das MfS gewandt und waren heimlich in die DDR aufgenommen worden. um den Strafverfolgungsbehörden der Bundesrepublik in die Suppe zu spucken. Nur wenn ich mich sofort an die Arbeit machte. Offiziere der Abteilung XXII hatten sich um sie gekümmert. Ihre Resozialisierung jedenfalls kann man im nachhinein nur als gelungen bezeichnen. vielleicht. daß ehemalige RAF-Angehörige seit Jahren unter neuer Identität in der DDR gelebt hatten. Vielleicht hatte Mielke sie aufgenommen. aber auch Verleumdungen ausgesetzt sah. mein zweites Buch zu beginnen.

hatte ich nicht die Absicht. Oktober 1990. Woher sie das wußten. sondern gescheitert. Ich schrieb Briefe an den Bundespräsidenten. aber er fügte hinzu. darunter Walter Janka. sagte er nicht. daß ich mich geweigert hätte. wo ich das Scheitern der Perestroika miterlebte. drohte mir unzweifelhaft der Vollzug des Haftbefehls. das den Mitarbeitern der DDRNachrichtendienste Straffreiheit zusichern sollte. die Freiheit vor Strafverfolgung durch Ausplaudern von Informationen zu erkaufen. Nowikow. Anatolij G. erwiderte lächelnd. dann in der Sowjetunion. Aber faire Bedingungen waren in diesem deutschen Herbst des Jahres 1990 nicht gegeben. Allein meine Erziehung zur Zivilcourage. fügte ich hinzu. war nicht verabschiedet worden. sei Grund genug. daß die Spitze der Bundesregierung die ganze Zeit über diese Vorgänge Bescheid gewußt hat. an den Außenminister und an Willy Brandt. daß ich mich unter fairen Bedingungen einer Klärung der gegen mich erhobenen Vorwürfe stellte. haben sich als exzellente Bewährungshelfer erwiesen. daß ich mich über eine Geheimnummer mit einem -441- . daß ich Deutschland für eine Weile zu verlassen gedenke. in denen ich klarstellte. Neueste Enthüllungen deuteten an. einzugreifen oder sich zu beschweren. Nach Gesprächen mit meinen Anwälten und mit Freunden. daß eine zweite Emigration für mich nicht in Frage kam. das Land zu verlassen. dem Tag der Vereinigung. Als die Vereinigung der beiden deutschen Staaten bereits abzusehen war. Am 3. dem ich sagte. Bewegte Monate folgten. der Leiter der Berliner KGBNiederlassung. der KGB sei sehr froh. aber keinen Grund sah. zuerst in Österreich. vorübergehend das Land zu verlassen. die für sie zuständig waren. beschloß ich schweren Herzens.und die Offiziere der Abteilung XXII. Nach dem Sommer 1990 stand ich jedoch vor einer völlig neuen Situation: Ein mit dem Einigungsvertrag vorbereitetes Amnestiegesetz.

Der Grenzer warf nur einen oberflächlichen Blick auf die Papiere und winkte uns durch. denn ich wollte jedes Merkmal illegalen Handelns vermeiden. den mein Schwiegervater Helmut Stingl steuerte. falls ich in Schwierigkeiten geriete. Mit Yitzhak Shamir und Andrea Wolf 1996 in Tel Aviv -442- . Am Grenzübergang in Richtung Karlsbad fuhr einer meiner Söhne sicherheitshalber mit Andrea den Volvo. Schwiegervater und Schwiegermutter waren zwar die Sorge um uns nicht los. Sechs Tage vor der Vereinigung packten Andrea und ich unsere Koffer und fuhren nach Österreich. konnten aber zunächst beruhigt umkehren. Außer Sichtweite hielten wir in der nächsten Kurve und freuten uns wie kleine Kinder. ich folgte in gebührendem Abstand im Lada.Codewort an den KGB wenden könne. Wir reisten mit echten Pässen und unserem Volvo.

mich mit dem verschwundenen Generaloberst Wolf in Verbindung zu bringen. und Ende November holte ich die Geheimnummer hervor und sprach das Codewort. Bald darauf wurde ich in Jasenewo von Leonid Schebarschin empfangen. Aus Österreich schrieb ich an Gorbatschow.Mit Ziwi Weinman 1996 in Jerusalem Schon nach kurzem wurden Fotos von mir in den Zeitungen veröffentlicht. kam auf die Idee. als wir in Wien nachfragten. die Stimmung war jedoch gespannt. trafen wir dort ein. ob die von der israelischen Zeitung anvisierten Tickets eingetroffen seien. mit dem wir zu tun hatten. Tatsächlich sollte ich erst 1996 auf eine Einladung der Zeitung Ma'ariv erstmals nach Israel kommen. Meinem Gastgeber war es peinlich. daß die Wochen der Flucht ein Ende gefunden hatten. aber erleichtert. Der Weg nach Israel war uns versperrt. doch niemand. Erschöpft. Natürlich tranken wir ein Glas auf meine Freiheit. wie wir feststellten. ohne eine Antwort zu erhalten. Zwei Tage später erwartete ein russischer Kurier Andrea und mich an der ungarischen Grenze und geleitete uns durch Ungarn und die Ukraine nach Moskau. daß sein -443- .

Als seltsam empfand ich es. die gebot. daß es im Kreml unterschiedliche Meinungen zu meinem Aufenthalt in Moskau gab. Wir trafen die Familie meiner Schwester. nun Vorsitzender des KGB. sondern einfach schwiegen. doch komfortabel genug. mir Asyl zu gewähren. daß Wladimir Krjutschkow. Mit Andrea Wolf. bei bestimmten Wünschen nicht nein sagten. Zweimal besuchten uns mein Sohn Sascha und Andreas Tochter Claudia -444- . die mir früher jeden Wunsch von den Augen abgelesen hatten. Sehr schnell mußte ich erkennen. So kam es. auf keinen Fall nach Deutschland zurückzukehren. mir als altem Bekannten über Valentin Falin Grüße und die Empfehlung ausrichten ließ.Dienst keine wirksamere Unterstützung des Präsidenten für den Freund erlangen konnte. alte und neue Freunde. Johann Schwenn und Heinrich Senfft 1991 in Moskau Bis August 1991 lebten wir einfach. daß Freunde im KGB. andererseits sollte meine Anwesenheit die Beziehungen zum vereinigten Deutschland auf keinen Fall stören oder gar belasten. ich schrieb an diesem Buch und sammelte Rezepte und Geschichten für ein Buch über die russische Küche. Einerseits galt die Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit.

daß sich ein Mann seines Kalibers in eine so stümperhafte Aktion einlassen könnte wie diesen Coup. du siehst selbst. Er war mir zu schmalspurig. Wer hätte gedacht. Meine Anwälte hatten mich mehrmals besucht. ob ich im Lande bleiben wollte oder nicht. um die Modalitäten der Rückkehr mit mir zu diskutieren. Dieser Putschversuch bestärkte Andrea und mich in unserem Entschluß. Im Sommer waren wir in ein Ferienheim in Jalta an der Schwarzmeerküste eingeladen. was ich ihm mitteilte. Bei einem Ausflug nach Sewastopol fuhren wir an den Luxusunterkünften vorbei. Ende August ließ ich mich bei Schebarschin anmelden. in denen Gorbatschow mit Anhang untergebracht war und wo er wenig später die nicht geladene Delegation seiner Genossen vom Politbüro empfing. die ihm mitteilte.aus erster Ehe. Du warst uns immer ein treuer Freund. Krjutschkow war nie mein Wunschkandidat an der Spitze des KGB gewesen. der den inhaftierten Krjutschkow als Chef des KGB vertrat. die Rückkehr nach Deutschland nicht länger hinauszuschieben. und sagte mit einer Geste der Ratlosigkeit: »Mischa. was hier los ist. ein typischer Verwaltungsmensch. daß es so kommen würde! Gott sei mit dir. um danach zu entscheiden. daß in Moskau ein Putsch stattgefunden hatte – inszeniert von KGB-Chef Krjutschkow. Allein -445- . Ich hätte bis Oktober abwarten und unter Zusicherung freien Geleits im Prozeß gegen den ehemaligen Leiter der Äußeren Abwehr meines Dienstes als Zeuge auftreten können. Gorbatschows Protege. In dieser Situation wollte ich mich keinesfalls meiner Verantwortung entziehen. hörte sich jedoch freundlich an. Er wirkte erschöpft und überanstrengt. Doch nie hätte ich es für möglich gehalten. intellektuell kein Vergleich mit Andropow. aber wir können im Augenblick nichts für dich tun.« Inzwischen war gegen meinen Nachfolger im Dienst und gegen leitende Mitarbeiter der HVA vor dem Berliner Kammergericht Anklage erhoben worden.

Der Triumph. Am 24. meiner endlich habhaft zu werden. Wenige Tage nach unserer Ankunft wurde von Moskau aus bekannt. und daraufhin entfachte die Presse einen Höllenspektakel. doch der Bundesanwalt protestierte sofort beim Senat des Bundesgerichtshofs. die ich seit 1933 nicht gesehen hatte. vorbei an meiner Heimatstadt Stuttgart. und unter schikanösen Auflagen aus der Haft. September 1991 überschritt ich die Grenze in Bayerisch Gmain. Um diesem Rummel ein Ende zu machen. So landete ich kurz vor Mitternacht an diesem ereignisreichen Tag als Untersuchungshäftling in der einzigen doppelt vergitterten Zelle des Karlsruher Gefängnisses.schon um die Freiwilligkeit meiner Rückkehr zu verdeutlichen. bevor ich die Grenze zur Bundesrepublik überschritt. war ihm vom Gesicht abzulesen. daß ich mich in Wien aufhielt. daß ich sie nur mit Mühe und dank der solidarischen Hilfe von Freunden aufbringen konnte. dem ich vor Gericht viele Monate lang gegenübersitzen sollte. habe ich diesen Zeitpunkt bewußt nicht abgewartet. In zwei gepanzerten Mercedes-Limousinen chauffierte man uns nach Karlsruhe. stellte ich mich den Wiener Behörden und teilte ihnen mit. weil ich mich von dort aus mit meinen Anwälten verständigen wollte. wo der Bundesanwalt. der die Anordnung des Ermittlungsrichters noch zu später Stunde aufhob und meine sofortige Inhaftierung anordnete. Im Karlsruher Gefängnis hatte ich in der Presse Worte des -446- . In einem kleinen Hotel eröffnete er mir im Beisein meines Anwalts den Haftbefehl und nahm mich fest. Nach elf Tagen hinter Gefängnismauern entließ man mich gegen Hinterlegung einer so hohen Kaution. Wir fuhren zuerst wieder nach Österreich. Der Ermittlungsrichter in Karlsruhe setzte den Haftbefehl mit einigen Auflagen außer Kraft. daß ich das Land inne rhalb einer absehbaren Frist verlassen wolle. mich schon erwartete.

Admiral Elmar Schmähling. das hat eine Logik. Es herrschte also erhebliche Rechtsunsicherheit. Wie bei vielen nach der Wiedervereinigung umstrittenen Fragen ging es auch in meinem Prozeß letztlich um die Grundfrage. ob es sich bei der Wiedervereinigung um die Vereinigung zweier souveräner Staaten oder um eine Einverleibung gehandelt hatte. erklärte: »Den Prozeß gegen Wolf halte ich für verfassungswidrig. der ehemalige Präsident des BND.« Ähnliches war vom ehemaligen Chef des Militärischen Abschirmdienstes. die den Unterlegenen dem Sieger unterwirft. der für die DDR spionierte. zu vernehmen. in der deutschen Vereinigung keine Sieger und keine Besiegten. daß es das Bundesverfassungsgericht ersucht hatte. so hatte er gesagt. des Landesverrats zu bezichtigen. Diese quasi rückwirkend beanspruchte Zugriffsmöglichkeit kommt einem rückwirkend beschlossenen Strafgesetz gleich. Nach sieben Monaten neigte sich mein Prozeß vor dem -447- . Schon vor meinem Prozeß und erst recht während des Verfahrens mehrten sich in der Öffentlichkeit kritische Stimmen. weil der Zugriff möglich ist. (…) Ihn jetzt (…) allein. des Verrats an der Bundesrepublik zu bezichtigen. Wolf hat im damaligen Staatsauftrag Aufklärung betrieben. Das Berliner Kammergericht hatte seine Zweifel an der Vereinbarkeit der Anklage gegen meine Mitarbeiter mit dem Völkerrecht als so schwerwiegend bewertet.Justizministers Kinkel zum ersten Jahrestag der Wiedervereinigung gelesen: Es gebe. das ist schwer zu verstehen. Andere Gerichte wiederum hatten Urteile gesprochen. allerdings eine seltsame. Heribert Hellenbroich. Jemanden. Sogar frühere Kontrahenten aus den westdeutschen Nachrichtendiensten äußerten ihr Unverständnis. der zudem den Fortbestand von Nachrichtendiensten nach dem Ende des kalten Krieges generell in Frage stellte. eine grundsätzliche Entscheidung zur Rechtmäßigkeit solcher Verfahren zu fällen.

einer guten Sache zu -448- . mich als das Oberhaupt einer kriminellen Vereinigung vorzuführen. daß ein ehemaliger Mitarbeiter der HVA den Codenamen unserer Brüsseler Quelle 1990 dem BND verraten hatte. Hinter den Sitzlehnen der Richter stapelten sich Dutzende von Aktenordnern. Deshalb bemühten sie sich. Bewiesen wurde in meinem Prozeß. die man als Agenten bezeichnen kann. Die als gefährliche Agenten aufgebotenen Zeugen erwiesen sich jedoch nicht als Finsterlinge aus der Unterwelt. sondern als Menschen. unsere einstige Spitzenquelle bei der Nato in Brüssel. Zu dem schon Bekannten war nichts Neues hinzugekommen. denen es gelungen war. Aus dieser und anderen Verhaftungen ehemaliger Quellen in der Bundesrepublik mußte ich den Schluß ziehen. Während meines Prozesses war Rainer Rupp. was nie in Zweifel gezogen worden war: daß ich Leiter eines leistungsfähigen Nachrichtendienstes gewesen war und mich in dieser Funktion mit Menschen getroffen hatte. der dann mit Hilfe des aus den Disketten gewonnen Wissens die Identität von »Topas« lüften konnte. enttarnt und verhaftet worden. daß ich für die auf der Grundlage von Gesetzen und der Verfassung der DDR getätigten Handlungen der mir unterstellten Mitarbeiter die volle Verantwortung übernahm. die aus der Überzeugung heraus gehandelt hatten. Mehr als dreißig Zeugen und Gutachter waren gehört. eine endlose Fülle von Papieren war verlesen worden. die Informationen zu entschlüsseln.Oberlandesgericht in Düsseldorf im Spätherbst 1993 seinem Ende zu. Als einziger zu Prozeßbeginn noch nicht bekannter Fall wurde »Topas« nachgeschoben. Dazu hatte ich erklärt. Bundesanwaltschaft und Richter waren sich der Fragwürdigkeit der verfassungs.und völkerrechtlichen Grundlagen des Verfahrens sehr wohl bewußt. daß vermutlich auf Disketten gespeicherte Karteien mit dem geheimsten Wissen der HVA dank der CIA in die Hände westlicher Dienste gelangt waren. Später erfuhr ich.

der mir in dieser Zeit nahekam. die Andrea und mich in den vergangenen Monaten selbstlos beherbergt hatten. die als Bürger der alten Bundesrepublik verurteilt worden waren. sondern ein offener. Die Urteilsverkündung in meinem ersten Verfahren war auf Montag. den 6. gab er bekannt. war Karl Winkler. daß er dem Antrag der Bundesanwaltschaft auf sofortige Haftvollstreckung nicht folge. nicht verbittert oder rachsüchtig geworden war. Den Abend verbrachten wir mit neugewonnenen Freunden aus dem Rheinland. Ich war des Landesverrats angeklagt. Als wir uns nach dem 4. Das Urteil blieb ein Jahr unter dem Antrag der Bundesanwaltschaft. Gemeinsam entwickelten wir Projekte. Als Regimekritiker aus dem Kreis um Robert Havemann war er 1979 verurteilt und nach der Haft in den Westen abgeschoben worden. sondern dem Angeklagten Haftverschonung unter Auflagen gewähre. Ich hatte ihn auf der Novemberkundgebung 1989 in Berlin kennengelernt. sprachen uns vor der Gerichtsverhandlung Mut zu und bewirteten uns bei sich zu Hause. und mir bis dahin unbekannte Menschen standen uns mit ihrer Solidarität wie selbstverständlich zur Seite. Der Generalbundesanwalt hatte sieben Jahre Freiheitsstrafe gefordert – ein Strafmaß wie bei Agenten. Leider starb »Kalle« viel zu früh beim Baden im Mittelmeer 1994. November 1989 unterhielten. liebenswerter und mit neuen Ideen in die Zukunft blickender Mensch geblieben war. Ein Freund. stellte ich fest. was er durchgemacht hatte. Am Sonntag begleiteten meine Kinder und Schwiegerkinder Andrea und mich nach Düsseldorf. Meine Verteidigung ging umgehend in -449- . daß dieser junge Mann trotz allem.dienen. Bevor der Vorsitzende Richter die mündliche Urteilsbegründung vortrug. Dezember 1993 anberaumt worden. für den das Wort Dialog keine leere Floskel bildete. die wir später verwirklichen wollten.

Mit Karl Winkler 1993 in Düsseldorf Der Kreuzzug der Gewinner. und darum kassierte der Bundesgerichtshof auch das Urteil des Düsseldorfer Gerichts gegen mich. -450- . Der Gerichtssaal war nicht der Ort. der die untergegangene DDR wie ein besetztes Land überzogen hatte. daß Offiziere der DDR-Aufklärung nicht für Landesverrat und Spionage in der Bundesrepublik verfolgt werden können. Die Antwort auf vieles war ich mir selbst noch schuldig. was wir uns vorzuwerfen haben mochten.Revision. Im Sommer 1995 entschied das Bundesverfassungsgericht im Verfahren gegen Werner Großmann. half mir die Lähmung überwinden. Rechenschaft über das abzulegen. die der Zusammenbruch des sozialistischen Systems verursacht hatte.

Auf dem Weg dazu. wo Porsts Vater ein Fotogeschäft betrieb. obwohl die meisten von ihnen aus Gefängnissen vorgeführt wurden. wahrten sie ihre Haltung und Würde. Beide stammten aus Nürnberg. doch mit Beginn des Dritten Reichs war Böhm auf einmal verschwunden. die politischen Beweggründe ihres Handelns darzulege n. ließen sie es sich als Zeugen nicht nehmen. Hagen Blau und Klaus von Raussendorf. mit denen im Verlauf der Jahre und der Zusammenarbeit eine menschliche Bindung gewachsen ist. Zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt und in ihrer bürgerlichen Existenz ruiniert.18. Obwohl er ein unpolitischer Mensch war. war sie eine Zeitlang Sekretärin bei William Borm gewesen. Dies galt ebenso für den von schwerer Krankheit gezeichneten Günter Guillaume wie für die beiden hochrangigen Diplomaten des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Dr. eine Spitzenquelle für unseren Dienst zu werden. Auch Johanna Olbrich sah ich nicht ohne Bewegung. gab es für mich immer wieder bewegende Augenblicke. Den zehn Jahre älteren Böhm bewunderte Porst wie einen großen Bruder. Als er sechs Jahre später aus Dachau zurückkam. Der menschliche Faktor Als im Verlauf meines Prozesses vie le meiner ehemaligen Mitarbeiter als Zeugen aufgerufen wurden. Mögen die folgenden Porträts für all jene stehen. Hannsheinz Porst lernte ich in den 50er Jahren durch seinen Vetter Karl Böhm kennen. Ich sah Frauen und Männer wieder. ohne daß einer der beiden von der klandestinen Tätigkeit des anderen das geringste geahnt hätte. brachte der alte Porst ihn in seiner Firma unter. bot er dem Gerede der Leute unerschrocken die -451- . Obwohl auch für sie eine Welt zusammengebrochen war. die mir viele Jahre lang nahegestanden hatten und die mir heute noch viel bedeuten.

wenn es galt. in die CDU einzutreten. der wegen seiner Überzeugung verfolgt worden war. Eher zufällig lernten Mitarbeiter meines Dienstes auf diesem Weg Porst auf der Leipziger Messe kennen.Stirn. gerechten Gesellschaft entwickelte. Er sagte einmal über ihn: »Wenn Böhm seine Ideen von einer freien. glaubten sie. mit ihm leichtes Spiel zu haben. Daraufhin beschwerte Porst sich bei seinem Vetter über das Ansinnen. um westliche Verbindungen zu nutzen. verweigerten die amerikanischen Besatzungsbehörden ihnen die Lizenz. um Informationen gegen die Aufrüstung für sie zu sammeln. einem »ehrlichen Kerl« zu helfen. erzählte dieser mir die Geschichte der verunglückten Anwerbung und schloß mit dem Vorschlag. Unter dem Dach seines Ressorts hatte mein Dienst eine legale Residentur eingerichtet. Porsts Verbindung zu seinem Vetter im anderen deutschen Staat riß nie ab. Er sagte. und Porst wurde Teilhaber in der Firma seines Vaters. Als ich einige Zeit darauf mit Böhm zu tun hatte. wollten sie einen Verlag gründen. der andere als FlakOffizier –. und forderten ihn auf. er wolle der DDR gern helfen. warum nicht ich selbst Kontakt zu Porst aufnehmen wolle. Da er im Gespräch kein Blatt vor den Mund nahm. Da Böhm kein Hehl aus seiner kommunistischen Einstellung machte. Böhm ging in den Osten. aber er sei keine Marionette. obwohl er von dessen Kontakten zum DDR-Geheimdienst nichts geahnt hatte. dann sprach er nicht nur mit Kenntnis. Genauso hielt er Jahrzehnte später zu seinem Sohn.« Karl Böhm war inzwischen im Kulturministerium der DDR für das Verlagswesen zuständig. sondern auch mit der Glaubwürdigkeit eines Mannes. mehr über die Politik der BRD zu erfahren. deren Umsatz er innerhalb von zehn Jahren verzehnfachte. Porst wollte sich mit einem -452- . bei dem Theorie und Praxis sich nicht widersprachen. Nachdem Porst junior und sein Vetter den Krieg überlebt hatten – der eine in einem Strafbataillon.

von feiner Ironie und originell durch phantasievolle Abschweifungen über idealistische Weltverbesserungsideen. Seine Informationen und Urteile wurden noch -453- . beharrte er auf der Meinung.und kapitalistischer Marktwirtschaft. Auch er hat unsere Begegnungen in guter Erinnerung behalten: »General Markus Johannes Wolf […] konnte auf eine sehr distanzierte Weise herzlich sein und hatte keine Hemmungen. Heute noch erinnere ich mich gern an die Gespräche mit Hannsheinz Porst zurück. auf Gedanken einzugehen. als es um Presse und Medien der DDR ging. denn sein Denken und Reden waren anspruchsvoll. nicht ohne Humor. daß seine Ansichten auf hoher Ebene Beachtung fanden. Unsere erste Begegnung verlief ein wenig steif. selbst wenn sie nicht zu dem offiziellen Repertoire gehörten.kompetenten Mann über politische Zusammenhänge unterhalten und erwartete. wenn die meisten im Westen und nicht geringe Teile der eigenen Bevölkerung ihr System ablehnten. auch wenn ich widersprach und mein Land verteidigte. Einer Meinung waren wir allerdings sofort. gutgeschnittene Anzüge. daß die DDR selbst schuld sei. mußte ich recht geben. deren plumpe Agitation Hörer und Leser nur abschrecken konnte. Vor. mit denen unser Land zu kämpfen hatte. Es war ein Vergnügen. Seine Kritik begann bei den schikanösen Grenzkontrollen und endete bei der schwerfälligen Bürokratie und der mangelhaften Effizienz der sozialistischen Wirtschaft. mit ihm zu diskutieren und auch zu streiten. Der gleiche Jahrgang wie ich. Er war von kleiner Statur. was er vorbrachte. Obwohl er die objektiven Schwierigkeiten nicht in Abrede stellte. Porst blieb ein anregender und zuverlässiger Gesprächspartner. Ich muß sagen: So waren sie nicht alle. wirkte sportlich und ging temperamentvoll und ohne Umschweife auf sein Thema los.und Nachteile sozialistischer Plan. Vielem.« Porst machte sich ernsthafte Gedanken über die Perspektiven.

daß er seinen persönlichen Referenten in alles eingeweiht habe. Er fand es auch selbstverständlich. Um den Kontakt optimal zu halten. die ihm als Unternehmer näherstand. Walter Scheel. arbeitete in dessen Firma und trat ebenfalls in die FDP ein. kann man daraus ersehen. nachdem er in die FDP eingetreten war. an der sein Herz zu hängen schien. so sein Deckname. daß er. Offenkundig glaubte er. Seinen Parteiausweis mußte er allerdings – zu seinem großen Bedauern – in Ost-Berlin lassen. sondern in die FDP. und zu meinem noch größeren Entsetzen brachte er den jungen Mann zu unserem nächsten Treffen nach Budapest als Überraschungsgast mit. deren Herrenreiterattitüden ihn zu sehr an die Zentrumspartei erinnerten.Hermann Flach verkehrten auch privat mit dem ideenreichen Nürnberger Firmeninhaber. aber mit Hilfe eines Ausnahmestatuts wurde ihm die Sondermitgliedschaft gewährt. ihn so beeinflußt zu haben. Optik. Daneben leitete er Porsts Informationen an uns weiter und knüpfte selbst Verbindungen an.wertvoller. daß wir einen zweiten Mann damit beauftragen mußten. Eigentlich war so etwas nicht möglich. als sich nach dem Mauerbau erste Ansätze eines politischen Umdenkens in der Bundesrepublik anzudeuten schienen. daß sein Assistent bei unserem vertraulichen Gespräch anwesend war. Nach zwei Jahren Kandidatenzeit wurde er Vollmitglied. die Verbindung zu Porst und »Optik« zu betreuen. den Antrag auf Aufnahme in die SED stellte. Mit der Zeit erreichten »Optiks« Informationen einen solchen Umfang. Wie Porst seinen politischen Standort definierte. daß er ihm gefahrlos alles anvertrauen konnte. unterrichtete offiziell Porsts Kinder als Hauslehrer. Politiker wie Erich Mende. Zu meinem Entsetze n berichtete Porst mir eines Tages ganz unbekümmert. schickten wir einen Mitarbeiter mit der Vita eines Republikflüchtlings nach Nürnberg. Er war nicht in die CDU eingetreten. Thomas Dehler und Karl. Möglicherweise war dieses vertrauensselige Verhalten -454- .

Als wir uns in Budapest trafen. doch als er 1967 verhaftet wurde. unter starken Einbußen. Es funktionierte. litt das Versandgeschäft. Falls das so war. ihre Kredite zu sperren. Für uns galt allerdings das gleiche. Daran muß ich denken. wenn mir heute von Geschäften im Osten wie im Westen Deutschlands der Name Porst entgegenleuchtet. Immer wieder mußte ich Porsts unternehmerisches Gespür bewundern. Mit Hannsheinz Porst 1993 in Düsseldorf -455- . Mit Feuereifer erklärte Porst mir seinen Plan. hielt ich ihn für einen Hasardeur.Ausdruck der naiven Überheblichkeit des erfolgreichen Unternehmers. nachdem der junge Mann ihn denunziert hatte. dann muß seine Verhaftung. der von dem Privilegierten aus der Schar seiner Angestellten für seinen Gunstbeweis unverbrüchliche Treue erwartet. ging diese Beilage bereits an fast zweihundert Zeitungen und machte einen Umsatz von drei Millionen Mark. denn »Optik« entpuppte sich ebenfalls als Judas. die den Grundstein für eine spätere Zeitschrift bilden sollte. der Kern seines Unternehmens. ein unsanftes Erwachen gewesen sein. zum Selbstkostenpreis mehreren Tageszeitungen zur Verfügung stellte. Als er die ersten Ausgaben einer neuen Rundfunkund Fernsehbeilage. den Versandhandel durch eine Ladenkette zu ergänzen. Banken drohten.

Bei einem Gespräch in Moskau entwickelte Porst seine Vorstellungen von einer Synthese unternehmerischer Initiative und Überführung des Eigentums in die Hände aller Beschäftigten des Unternehmens. Doch unmittelbar nachdem Porst gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden war. die er 1968 sprach: »Ich bin in der Bundesrepub lik Deutschland zu Hause. gedacht werden dürfen. die von den offiziellen Normen abweichen. daß ein Millionär zu derartigen Experimenten wirklich bereit sein könne. die ich während meiner Tätigkeit an der Spitze des Nachrichtendienstes kennenlernte. Mein Dienst war Ende der 50er Jahre auf den West-Berliner FDP-Politiker Borm gestoßen. Ich nehme mir die Freiheit nach links. Vier Jahre später. als seine Unternehmen fast zweihundert Millionen Mark Umsatz erzielten. So faszinierend die Idee war. daß die Bundesrepublik ein Land ist. mehr Mitbestimmung der Arbeitnehmer. Und zwar mit meiner Meinung. übergab er die Porst-Gruppe mit hundertprozentiger Gewinnbeteiligung und Selbstbestimmung an die Mitarbeiter.und Boykotthetze« kurz vor seiner Freilassung stand. Verantwortung und Initiative des einzelnen. Die Verbindung zu diesem Politiker währte annähernd zwei Jahrzehnte bis zu meinem Ausscheiden aus der HVA. in dem auch Gedanken. Ich glaube immer noch. Heute sind wir beide Bürger der Bundesrepublik. Auch konnte ich nicht glauben. Der wahre Grund für die neun -456- . da die nach rechts schon längst wieder salonfähig geworden ist. als dieser nach Verbüßen einer Haftstrafe in Bautzen wegen »Kriegs.« William Borm war einer der interessantesten Menschen. sprach er in der Nürnberger Meistersingerhalle vor zweitausend Belegschaftsmitgliedern über seine Vorstellungen von einer Dezentralisierung des Konzerns. Kurz darauf verstarb Borm im Alter von zweiundneunzig Jahren. Beim Nachdenken darüber fallen mir seine Worte ein. so utopisch erschien sie mir.

Vor den Bundestagswahlen im Jahr 1965. hochgewachsener Mann. Sir William. Selbst in legerer Kleidung wirkte er stets elegant und vornehm. die ihn in Bautzen besucht hatten. nach seiner Entlassung den Kontakt zu ihnen fortzusetzen. daß man Borm verdächtigte. daß eine Verständigung zwischen beiden deutschen Staaten dringend notwendig war. beschreibt recht gut den ersten Eindruck seiner Erscheinung. Ich war neugierig geworden und beschloß. der das fünfundsechzigste Lebensjahr überschritten hatte. Zwei Mitarbeiter der HVA suchten Borm im Gefängnis auf. 1960 wurde er zum Vorsitzenden der FDPLandesparteiorganisation West-Berlins gewählt und wurde in den Bundesvorstand der Partei aufgenommen. Allem Anschein nach hatte er als Sohn eines Hamburger Fabrikbesitzers etwas von dem angenommen und behalten. Von Borms Rolle in der West-Berliner Lokalpolitik zeugen Willy Brandts Memoiren. Kurz darauf trat er in Verbindung mit den HVA-Männern. dann auf seinem Weg in den Deutschen Bundestag. was man dort unter einem »Herrn« versteht. bei denen Brandt Kanzlerkandidat war. Nach unserem ersten Gespräch trafen wir uns regelmäßig. In unserer konspirativen Villa erschien ein schlanker. auch in der Variante einer kleinen Koalition mit der FDP. der bundesdeutschen Wiederaufrüstung und der Erkenntnis.Jahre Haft und auch für das Interesse meiner Leute an ihm war. Im Gespräch erklärte er sich bereit. wurden immer wieder Spekulationen über die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung der SPD laut. den ihm die Jungdemokraten verliehen hatten. Schon zwei Jahre zuvor hatte -457- . Vor diesem Hintergrund beriet Borm mit mir sein politische s Agieren. Unseren Konsens hatten wir in der Ablehnung der proamerikanischen Adenauer-Politik gefunden. für den britischen Geheimdienst in der DDR tätig gewesen zu sein. zunächst innerhalb der West-Berliner FDP. selbst einen Blick auf diesen Mann zu werfen. der Beiname.

nachdem es ihm gelungen war.Borm sein Vorhaben einer solchen Koalition in der WestBerliner Regie rung mit mir diskutiert und dieses Vorhaben auch in die Tat umgesetzt. In mir sah er einen kompetenten und gleichzeitig unorthodoxen Gesprächspartner. Borm war eine der Quellen unseres Wissens. Unter denkbar knappen Mehrheitsverhältnissen läutete dieser Bundestag. Mein geschätzter Berliner FDP-Kollege William Borm hatte mir die Gründe genannt und gefolgert:›Machen Sie es nicht. Die Informationen meines Dienstes haben Ulbricht veranlaßt. von dem er wichtige Informationen erlangen konnte. von Inhalten abgesehen: es hätte in der geheimen Kanzlerwahl nicht gereicht. so wie er uns wichtige Informationen zukommen ließ. Daß er als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg gedient hatte und in der Weimarer Republik in die rechtsliberale Deutsche Volkspartei eingetreten war. die uns halfen. das gleichberechtigte Geben und Nehmen. In Borms Verhältnis zu meinem Dienst war der Meinungsaustausch das Entscheidende. eine behutsame Korrektur in seinen Äußerungen über die Beziehungen zwischen BRD und DDR vorzunehmen. Für Bonn aber war es noch früh. wie Brandt sich in seinem Buch erinnert: »Daß es nicht ging. wie in einem Mosaik das Bild der Wandlung Willy Brandts vom kalten Krieger und Frontstadtpolitiker zum Befürworter einer neuen Ostpolitik der Verständigung zusammenzusetzen. Das zeugte von seinem guten Gespür. wußte -458- . Honecker war von einer solchen feinen Auffassungsgabe damals noch weit entfernt. Brandt davon zu überzeugen.‹« Bei der nächsten Bundestagswahl Ende September 1969 sahen die Voraussetzungen anders aus. die Geburtsstunde der sozialliberalen Koalition in Bonn ein. In privaten Gesprächen lernte ich den Menschen William Borm noch besser kennen. erfuhr ich in den Sachgesprächen […] und. dessen erste Sitzung mit einer Ansprache des Alterspräsidenten William Borm eröffnet wurde.

Das beschäftigte ihn bis zuletzt. weil er seiner Meinung nach aufgehört hatte. und er sprach auch in der Öffentlichkeit darüber. In seinem Denken war er jung und radikal. Den Begriff Liberalismus lehnte er zuletzt ab.« Als der FDP-Vorstand sich 1979 auf die Zustimmung zum Nato-Doppelbeschluß einigte. weil er keinen Widerstand geleistet hatte. weil die Zwangsarbeiter in seinem Betrieb nur Gutes über ihn aussagten. sondern als Gleichgesinnter. daß Unrecht widerspruchslos geduldet würde. das mit Borms Verständnis von Liberalität eine Einheit bildete. denen er nicht als Besserwisser gegenübertrat. und statt dessen für Opportunismus. -459- . Mitglied der NSDAP war er nie gewesen. stand er an der Spitze der Opposition innerhalb der Partei. Brüderlichkeit und Dienen. lautete: »Die Ketzereien von heute sind die Banalitäten von morgen. Im August desselben Jahres veröffentlichte der Spiegel eine scharfe Abrechnung Borms mit der Außenpolitik Genschers. Seine politischen Maximen machten den Altliberalen William Borm zu einer Vaterfigur für die Jungen in der Partei. stimmte Borm als einziges Vorstandsmitglied gegen den Beschluß. In diesen Gesprächen lernte ich mehr von der Haltung eines Liberalen kennen. Im Dritten Reich wurde er als Betriebsleiter zum »Wehrwirtschaftsführer« ernannt. die ihn in seiner Haft aufrechterhalten hatte. Ein Satz. Als er 1981 zum Kampf gegen den »atomaren Selbstmord« aufrief.ich. Geschäftemacherei und Geldvergötzung stand. den er häufig äußerte. »Ist es schon Mut. Es war das Freimaurertum. aber auch von einer anderen Komponente der Weltsicht Borms. Nie wieder sollte es geschehen. diese zentralen Begriffe der Freimaurer bestimmten für ihn den eigentlichen Inhalt liberalen Denkens. für eine freiheitliche und unabhängige Strömung zu stehen. und dennoch sprach er von seiner »Mitschuld«. und die Sowjets verhafteten ihn nach der Einnahme Berlins nur deshalb nicht. wenn man für seine Überzeugung eintritt?« fragte er.

daß dieser Partei keine Zukunft beschieden sein konnte. Das war sein Ende als Parteipolitiker. Die Geister. An Genscher störte ihn. schätzte aber selbst nüchtern ein. Mit Sorge beobachtete er. Für den damals noch aufstrebenden Jürgen Möllemann hatte er allerdings nur Verachtung und den Spottnamen Mümmelmann übrig. daß Genscher in Bonn immer häufiger bei sogenannten privaten Begegnungen mit Helmut Kohl gesehen wurde. Genscher hielt er für einen Macher. warfen nach dem Eintritt der FDP in die Regierungskoalition mit der CDU jedes politische Kalkül über den Haufen. Bei aller Pointiertheit waren seine Porträts nie denunzierend. Unter Protest verließ die Parteiopposition im November 1982 die Tagungsstätte des Berliner FDP-Parteitags. nicht aber zu einem Strategen zubilligte. zeigt sich auch in der Offenheit. daß er seine Lebensgeschichte aufzuzeichnen begann. Er wurde zwar noch von seinen Anhängern zum Ehrenvorsitzenden der neugegründeten Liberalen Demokraten ernannt. das folgende Jahr leitete er zusammen mit vielen bekannten Persönlichkeiten mit einem Friedensmanifest 1982 ein. mit der er seine Parteikollegen charakterisierte. hielt ihn aber charakterlich nicht für une hrenhaft. 1981 sah man ihn in der ersten Reihe der Demonstranten und als Redner vor der großen Kundgebung der Dreihunderttausend in Bonn. eine politische Kehrtwende zu vollziehen. Der Bruch mit der FDP war von Borm nicht so geplant und kam für uns völlig überraschend. Er tadelte Genschers Bereitschaft. Fortan sah er seine Aufgabe und sein Betätigungsfeld in der Friedensbewegung. dem er das Zeug zu einem guten zweiten Mann. Im Herbst 1983 demonstrierte er mit über einer Million Menschen gegen die geplante Aufstellung von US-Atomwaffen in der -460- . Hinzu kam. die er gerufen hatte.Wie ungezwungen Borm mit meinen Leuten und mir umging. daß er gerade solche Karrieristen förderte. »Hätte ich da sitzenbleiben sollen?« fragte er mich später. wozu ich ihn ermuntert hatte.

Als der Bundestag im November nach turbulenten Debatten die Stationierung mehrheitlich billigte und die ersten Pershing-2-Raketen in das US-Depot in Mutlangen transportiert wurden. Mit William Borm 1983 in Ost-Berlin -461- .Bundesrepublik. Ein langer Lebensweg hatte ihn vom Freiwilligen der kaiserlichen Armee an die Seite der konsequentesten Kriegsgegner ge führt. saß der Achtundachtzigjährige im Parka neben den anderen Demonstranten vor dem Raketenstützpunkt.

als es diese Nachrufe des von ihm geschätzten Bundespräsidenten und seiner Freunde. Gabriele Gast gehört zu jenen. der die Gedanken anderer respektierte. September 1987 schrieb Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seinem Kondolenzschreiben: »Sein Leben war bestimmt von der Überzeugungskraft eines Demokraten. dem die Ehrendoktorwürde einer DDR-Universität angetragen wurde. auch um den Preis der eigenen Freiheit. der Liberalen Demokraten. Aber im Grunde war er beseelt von dem Drang. Er hat stets Opfer gebracht. als äußeres Zeichen. Es fand Gehör weit über die Grenzen seiner eigenen Partei hinaus. war er geistiger Wegbereiter der Friedenspolitik gegenüber dem Osten. sondern auch zwischen den Deutschen im geteilten Vaterland. die mich mit Jahrzehnten -462- . ein echter Deutscher. Trennendes zu überwinden nicht nur zwischen den Generationen. Zugleich war er ein überzeugter Liberaler. wo es ihm geboten schien. daß sein Einsatz. Zugleich vereinigte er damit in seiner Person die Widersprüche der deutschen Gegenwart. als sie nahezu allen anderen als unmöglich erschien.« Wahrer und zutreffender kann man William Borm nicht würdigen. getan haben. Obwohl gerade er unter langjähriger Einzelhaft besonders gelitten hatte.« Die Liberalen Demokraten schrieben über ihren Ehrenvorsitzenden: »William Borm hat deutsche Geschichte gestaltet. der stets von deutscher Geschichte ausgehend politisch gedacht und gelebt hat.William Borm war. seine Mühen verstanden wurden. Sein Wort. die Fäden zu durchtrennen. Nach seinem Tod am 2. Er war der erste Politiker aus dem Westen. so wie ich ihn kennengelernt habe. die es mir besonders schwer machten. der Aussöhnung gerade da. so unbequem es auch oft war. der unbeirrbar und ungebrochen für Freiheit und Demokratie eingetreten ist. Er hat Konflikte nicht gescheut. seine grundlegenden Werte zu verteidigen. galt viel.

für ein edles Ideal. weil sie nicht wollte. habe ich immer wieder festgestellt. von der jeder Nachrichtendienst nur träumen kann. übernahm Gaby die zeitaufwendige und seelisch aufreibende Pflege des Jungen. weil es ihre Sensibilität. aus sämtlichen wichtigen Informationen den Lagebericht für den Bundeskanzler zu erstellen. Bei oberflächlicher Bekanntschaft lief man leicht Gefahr. Die Mitarbeiter meines Dienstes. Durch sie fühlte Gaby Gast sich einer Gemeinschaft zugehörig. wenn sie noch lebten. ihrer hohen Intelligenz und Bildung dem Typ kühler emanzipierter Frauen mit ausgeprägtem Ehrgeiz zuzurechen. daß eine solche starke Bindung ihr auffälligstes Motiv war. die für eine gute Sache eintrat. Auch bei anderen Menschen bürgerlicher Herkunft. Beide waren kluge Männer. als ihr Bruder und seine Frau ein schwerbehindertes Kind adoptierten und sich dieser emotionalen Belastung nicht gewachsen sahen. Diese Frau war ein weißer Rabe. könnten mehr dazu sagen. Als einzige Frau war sie im BND in eine Spitzenposition gelangt als Chefanalytikerin für die Sowjetunion und Osteuropa und dadurch für uns zu einer Quelle geworden. ohne daß man zu große Gefahren einging. die sich für unseren Dienst engagierten. ihre Einzigartigkeit und ihre Anteilnahme am anderen außer acht läßt. daß er in ein Heim abgeschoben wurde. Gaby Gast mit ihrem komplizierten Charakter. eine Ausnahmeerscheinung in einer von Männern dominierten Welt. Lange Zeit war es ihre Aufgabe.der Arbeit im Nachrichtendienst verbanden. Ein solches Psychogramm würde ihr Wesen jedoch völlig verfehlen. die zu der ihren wurde. ausze ichneten. als dies noch möglich war. die sich nicht nur durch Geduld. Für Gaby waren sie väterliche Freunde und Vermittler einer Weltsicht. -463- . die Kardinaltugend des Aufklärers. sondern auch durch großes psychologisches Einfühlungsvermögen. Ihr soziales Verantwortungsgefühl beschränkte sich nicht auf die Theorie. die den ersten Kontakt zu ihr aufnahmen und sich öfter mit ihr trafen.

Als Gaby Gast Ende der 60er Jahre an ihrer Dissertation über die politische Rolle der Frau in der DDR arbeitete. Anfangs fand die Übergabe statt. daß ihre Vorgesetzten beim BND diese Einschätzung geteilt haben. und das Verhältnis zu ihm entwickelte sich zu einer Liebesbeziehung. die sie in Toilettenoder Kosmetikartikeln versteckte. und deshalb übernahm dies ein Kurier. zu ihrem ständigen Betreuer. vorzugsweise in Umkleidekabinen von Schwimmbädern. Ab 1968 wurde ein Mitarbeiter der HVA. dem bekannten Osteuropaspezialisten. besuchte sie erstmals die DDR. das uns erlaubte. Die strengen Bestimmungen ihres neuen Arbeitgebers erlaubten keine Reisen in die DDR mehr. Wenn wir Originaldokumente benötigten. der sich Gaby gegenüber als Karl-Heinz Schmidt ausgab. Ihre Arbeit für uns war hervorragend. um dort zu recherchieren. der in München. Da Gaby Gast sich in kurzer Zeit zu einer unserer Spitzenquellen entwickelt hatte. zeugten von ihrer herausragenden Fähigkeit. Einige Zeit nach ihrer Promotion 1973 bei Klaus Mehnert. Ich weiß. die von München in den Osten fuhren. mich Mitte -464- . Treffen mußten während Gabys Urlaubstagen umständlich in Drittländern arrangiert werden. indem Gaby Gast die präparierten Gegenstände im Toilettenabteil der Züge versteckte. das Wesentliche zu erfassen und darzustellen. als Anfang der 80er Jahre die polnische Innenpolitik ihre dramatische Veränderung erlebte. die richtige Wertung zu haben. fand ich es ratsam. doch das war zu riskant und zu umständlich. und lernte die beiden Mitarbeiter meines Dienstes kennen. das Material entgegennahm. Sie hatte Zugang zu vielen außenpolitischen Interna der Bundesrepublik und der Nato und zu Berichten über die Einschätzung der Lage im Ostblock. Die Analysen. die sie für uns verfaßte. Ihr verdankten wir ein Wissen über die Sicht des Westens auf den Osten. bot ihr der BND eine Stelle als Analytikerin an. fertigte sie Mikrofilmkopien an.

Probleme waren daraus erwachsen.« Diesen Kampfgeist sah ich ungemindert in ihr. in den sie geschrieben hatte: »Neues Nürnberg – Altes hinter neuen Fassaden oder Neues in wiedererstandenen alten Gemäuern? Dreißig Jahre nach ›Nürnberg‹ muß der Kampf weitergehen. Als wir uns einmal über den Nürnberger KriegsverbrecherProzeß unterhalten hatten. doch je länger wir uns unterhielten. von ihren persönlichen Problemen und von der Bürde der Verantwortung für das Kind gezeichnet. hatte sie mir danach einen Bildband über Nürnberg geschickt. um so ungezwungener und fesselnder wurde das Gespräch mit dieser Frau. -465- . Die Atmosphäre war zu Anfang gehemmt. daß der Kontakt zwischen ihr und uns immer unpersönlicher. deren wacher und lebhafter Intellekt mich tief beeindruckte. war sie vom Dauerstreß der Konspiration. Mit Gabriele Gast 1981 in Dresden Als wir uns einige Jahre später wiedersahen. Wir begegneten uns in einem Bungalow an der jugoslawischen Adriaküste.der 70er Jahre selbst mit ihr zu treffen.

so daß ihre Identität nicht enthüllt werden konnte. so daß sie sich zu fragen begonnen hatte. Sie prognostizierte. Aber das war ein Irrtum. daß autonome Reformbewegungen über Polen hinaus im ganzen Ostblock Fuß fassen würden. einen Geheimbericht für den Bundeskanzler über den Verdacht abzufassen. Meine anfänglichen Befürchtungen. Karl-Christoph Großmann (mit Werner Großmann nicht -466- . Die Karriere unserer Spitzeninformantin in Pullach schien unaufhaltsam nach oben zu führen. Bei unserem Gespräch erfuhr ich. waren einige Mitarbeiter der HVA auf den Gedanken verfallen. als logische Folge vornehmlich ökonomischer Prozesse. daß westdeutsche Firmen in Libyen am Bau einer Fabrik für chemische Waffen beteiligt waren. wie wichtig es ihr war. ihr gewachsenes Selbstbewußtsein. Nach dem Zusammenbruch der DDR fand noch ein Treffen Anfang 1990 in Salzburg statt. daß sie 1986 beauftragt wurde. etwas Sinnvolles zu leisten. waren bereits vernichtet worden. was sie für uns tat. bei dem letzte Dinge mit ihr besprochen wurden. Wie sich herausstellen sollte. hatte ich zu Unrecht gehegt. ob sie nichts weiter als ein »Schräubche n im Getriebe« sei. die mit ihr zu tun hatten. mit dem. Sie sah die größere Selbständigkeit der kleineren Staaten. sich im wiedervereinigten Land dadurch Vorteile zu sichern. daß sie andere denunzierten. konnte ihr gewiß nicht verborgen bleiben. Gaby wollte nur offen mit mir über ihre Situation und über ihre politischen Sorgen sprechen. Alle Unterlagen. Es war eine Begegnung. Ein Jahr später wurde sie zur stellvertretenden Leiterin der Ostblockabteilung des BND befördert. Welche hohe Wertschätzung sie in ihrer Behörde genoß. bei der wir sehr ernsthaft miteinander sprachen und die uns nachdenklich zurückließ. sie wolle sich zurückziehen. läßt sich daraus ablesen.immer marginaler geworden war. vor allem nach dem Tod Andropows. Meine Sorge über die Stagnation im sozialistischen System.

Ende März besuchte sie mich. indem ich ihr offen meine Zweifel anvertraut und ihr eingestanden hätte. daß genau das eingetreten war. und ihres letzten Führungsoffiziers wurde für sie zu einer herben Enttäuschung. um ausführlicher über alles zu sprechen. was uns bewegte. uns sobald wie möglich zu treffe n. und wir vereinbarten. Im Spätherbst 1990 wurde sie an der österreichischen Grenze festgenommen. wie sich andere Mitarbeiter darüber unterhielten. an das ich nicht mehr glauben konnte. Anfang Februar 1994 war es soweit – Gaby Gast war nach Verbüßung der Hälfte ihrer Haftstrafe wieder auf freiem Fuß.verwandt) tat sich dabei besonders hervor. Er lieferte den entscheidenden Hinweis auf Gaby. ob ich sie damals. die aus der Haft vorgeführt wurde. Mitte der 80er Jahre. daß der »reale Sozialismus« sich auch für mich als Truggebilde herausgestellt hatte. sie nervlich belastete. Zwei Jahre vergingen zwischen unserem Briefwechsel und unserer Wiederbegegnung bei meinem Prozeß. was meinen wiederholten Versicherungen zufolge nie und nimmer hätte eintreten können. als sie begriff. weil er mitangehört hatte. Nach der schockierenden Meldung ihrer Verhaftung habe ich mich gefragt. daß -467- . In der Prozeßpause konnten wir uns ungestört unterhalten. Wieder und wieder kam sie auf das zurück. Daß ihr Auftritt als Zeugin. Das Verhalten KarlHeinz Schmidts. daß ein leitender Offizier unserer Zentrale sie verraten hatte. daß eine Frau mit einem behinderten Kind im BND für uns arbeitete. was sie in den Haftjahren gequält hatte. der vor Gericht ganz anders hieß. In einem Brief aus der Untersuchungshaft schilderte sie mir ihre Lage und besonders ihr Entsetzen. die Frage nach den Quellen des detaillierten Wissens ihrer Vernehmer. merkte man an ihrer Anspannung. ihres »Karliceks«. Nach ihrer Rückkehr schrieb sie mir. hätten freigeben sollen. Wir unternahmen stundenlange Spaziergänge und redeten bis tief in die Nacht.

Deshalb möchte ich daran glauben. obschon sie auch neue Verwundunge n erlitten habe. -468- . was an die Stelle nachrichtendienstlicher Zusammenarbeit getreten ist: eine Freundschaft. sondern ebenso schmerzhaft sein. Gerade aus diesem Brief spürte ich ihre Charakterstärke und ihre Sensibilität gegenüber Lebensfragen. Daß nicht verlorengeht. Wahrheiten können nicht nur hilfreich.unsere Gespräche die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit für sie erträglicher machen würden. daß wir uns auf unserem »Weg der Erkenntnis« auch künftig immer wieder treffen werden.

Im Gespräch mit Michael Kohl. indem man sie nach relativ positiven oder negativen Kriterien bewertet. s chreibt der japanische Philosoph Daisaku Ikeda. worauf es ankommt.19 Glanz und Elend der Spionage »Man darf die einen nicht unreflektiert zu Trägern des Guten machen und die anderen zu Missetätern. Doch dies steht nicht zuvorderst auf dem Blatt meiner Verantwortung als Leiter eines Nachrichtendienstes. hat Helmut Schmidt einmal in seiner direkten Art gesagt: »Man soll mit den lästigen Spionagegeschichten aufhören. wird mich verfolgen.und Indianerspiel von Kindern: KGB-Agenten wachen über CIA-Agenten. weiß man sowieso. die gemeinsam mit dem Bundesnachrichtendienst. Dafür werden den Diplomaten Callgirls auf den -469- . Das Wissen um meine politische und moralische Mitverantwortung für vieles. dem wir dienten. Genausowenig wie die Partnerdienste der Warschauer-PaktStaaten konnte mein Dienst den Untergang des Systems verhindern. dem israelischen Mossad oder dem britischen MI 5 Moskaus KGB-Agenten beschatten und bekämpfen. dem Charakter einer Gesellschaft. was in der vierzigjährigen Geschichte der DDR geschah. (…) Der Aufwand ist unnötig und stellt eine Wichtigtuerei dieser Dienste dar. dem Bonner Botschafter der DDR. die ihre Existenzberechtigung nachweisen und ihre Planstellen erhalten wollen. Diese wie jene wechseln je nach historischen Umständen. (…) Das.« Ein anderer Beobachter urteilte nach dem Übertritt Tiedges nicht weniger hart über das. Die eigene Verstrickung in die geheimen Seiten des kalten Krieges und die Erfahrung des im Namen Sozialismus betriebenen Machtmißbrauchs sind tiefe Einschnitte in meiner Biographie. des Zeitalters und der subjektiven Ansichten«. was er den Unfug der Geheimdienste nannte: »Ihre Aktionen erinnern zuweilen an das Cowboy.

alternde Sekretärinnen erhalten Rosen von östlichen Kavalieren. daß die Frage nach dem Sinn nachrichtendienstlicher Tätigkeit mir nicht erst seit dem Scheitern des »real existierenden Sozialismus« durch den Kopf geht: »Bei der Diskussion über Geheimdienste taucht neben der Frage cui bono? die Frage auf: Nutzen sie überhaupt? Dabei geht es nicht nur um diese Apparate. mit Stempeln cosmic und streng geheim versehen.« -470- . Staat und Wirtschaft messen. Und wer will bei uns im Innern den Nutzen der Riesenapparate von Partei. Doch fast sämtliches in der Nato produzierte Papier. die sich zum erheblichen Teil gegenseitig beschäftigen. Jahrestag der DDR geschrieben. die Armeen verschlingen das Vielfache an Milliarden. 1974 nach den Feiern zum 25.« Eine eigene Eintragung. anleiten. Die Deutschen in ihrer geteilten Nation haben es dabei zu wahrer Meisterschaft gebracht. ist bei näherem Hinsehen nicht einmal dafür gut.west-östlichen Diwan gelegt. an einem stillen Örtchen verwendet zu werden. fügen Pyrrhussieg an Pyrrhussieg. Die Hauptarbeit der meist aufgeblähten Behörden erschöpft sich weitgehend darin. das wir mit hohem Aufwand beschaffen. Keine Nation der Welt glaubt. Aber die Monster wachsen unaufhaltsam. wenn diese Zöpfe beschnitten würden. wie viele Menschen eine wirklich befriedigende Tätigkeit ausüben. führte mir beim Blättern in meinem Tagebuch vor Augen. kontrollieren? Wie viele nützlichere Dinge könnten getan werden. einander das Leben zu erschweren. ohne Geheimdienst auskommen zu können. Regenschirmspitzen vergiftet.

Tagebucheintrag vom 16. 1974 (Transkription im Anhang) -471- . 10.

wo ihre Warnungen in den -472- . 1974 (Transkription im Anhang) Das Elend beginnt dort. wo die Nachrichten der Dienste auf Ignoranz und Arroganz stoßen. 10.Tagebucheintrag vom 17.

was seiner vorgefaßten Meinung nicht entsprach. Trotz ihrer sehr präzisen Warnungen schien die Führung der Sowjetarmee völlig überrascht worden zu sein. Sandor Rado in der Schweiz und Gerhard Kegel an der deutschen Botschaft in Moskau – sie füllen die Ruhmesseiten nachrichtendienstlicher Tätigkeit. die verheerenden Niederlagen der Roten Armee in der ersten Phase des Zweiten Weltkriegs erlebt. falls sie nicht gleich in den Reißwolf gewandert sind. mit einer Handbewegung vom Tisch fegte. Dennoch setzten sie ihre lebensgefährliche Tätigkeit bis zuletzt fort. die Rote Kapelle in Berlin. In wenigen Tagen verschlang ich die drei Bände: Es war mein -473- . Leopold Trepper in Frankreich.Archiven verstauben. die wir als unsere Vorläufer und Vorbilder ehrten. Sorge in Tokio. als sie den Weg zum Schafott gingen? Sie hatten. Für das Erscheinen dieses Werkes in der DDR hatte er sich als Präsident der Akademie der Künste nachdrücklich eingesetzt und keine Auseinandersetzung mit der Kulturabteilung des Zentralkomitees der SED gescheut. Wie mochten Richard Sorge oder Harro Schulze-Boysen und seine Gefährten den Wert ihres Tuns. Mein Bruder Konrad empfahl mir eines Tages. dem er eng verbunden war. daß Stalin ihre Warnungen in den Wind geschlagen hatte. ob die Arbeit der Nachrichtendienste Nutzen stiftet oder zur Sinnlosigkeit verurteilt ist. Durch ihren Tod blieb ihnen die bittere Wahrheit erspart. Als ich an der Spitze meines Dienstes stand und mich immer wieder nach dem Sinn der Opfer fragen mußte. bevor sie starben. den Sinn ihres Lebens gesehen haben. die wir vielen Mitarbeitern abverlangten. Das Elend war die Behandlung ihrer Meldungen durch einen Mann. den Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss zu lesen. In der Politik fällt die Entscheidung. und auch jetzt beim Niederschreiben meiner Gedanken bewegte und beschäftigt mich das Schicksal jener. der in maßloser Selbstherrlichkeit alles.

zumindest als sinnloses Spiel erscheinen. Noch stand ich im Bann des historischen Optimismus. Ich sträubte mich innerlich heftig gegen seine Skepsis. Seine Notizbücher darüber sind eine aufregende Lektüre. Die Veröffentlichung seiner Recherchen über die Verbrechen und die Opfer des Stalinismus waren in der DDR sensationell. daß die Bilder mich bis in meine Träume verfolgten. sie durften nicht umsonst gewesen sein. Nach dem Skandal um Aldrich Ames mußte die CIA es sich gefallen lassen. Seine Darstellung empfand ich als zutiefst pessimistisch. daß ihre Funktion kritisch durchleuchtet wurde. Risiken und Mut sagen nichts über den Wert nachrichtendienstlicher Tätigkeit aus. Um so dringlicher stellt sich nach dem Ende des kalten Krieges die Frage nach einer weiteren Existenzberechtigung der Dienste – nicht nur hierzulande. -474- . den Informationen auch dann Rechnung zu tragen. auch in der US-Öffentlichkeit. nein. zu dem sich Harro Schulze-Boysen bekannte. und sie bekam keine guten Noten. blieb Widerspruch in mir zurück. Auch Peter Weiss stellte die Frage nach dem Sinn der Opfer und des Lebens von Kundschaftern. Immer wieder stieß ich auf vertraute Namen. ihr Tun unmoralisch. Er beschreibt ihren Gang zum Schafott und ihre Enthauptung so eindringlich. die das Werk auf mich ausübte.Thema! Zehn Jahre hindurch hatte Weiss umfangreiches Material für das Buch gesammelt. Aber Opfer und Entbehrungen. Dem Außenstehenden muß die Welt der Geheimdienste manchmal absurd und surreal. weil deren Effizienz letztlich nur von der Bereitschaft des Die nstherrn abhängt. wenn sie von seinem Urteil abweichen oder ihm sogar widersprechen. als er kurz vor seiner Hinrichtung schrieb: »Der Stunde Ernst will fragen: Hat es sich auch gelohnt? An Dir ist's nun zu sagen: Doch! Es war die rechte Front!« Dieses Bekenntnis entsprach meiner Überzeugung – die Opfer konnten. Trotz der Faszination.

sie aufzublasen. Selbst wenn man also Nachrichtendienste auch künftig für unverzichtbar hielte. Vielleicht steht es nicht gerade mir zu. dann drängt sich der Verdacht auf. Im Unterschied zu anderen leitenden Offizieren im MfS habe ich nie um erweiterte Kompetenzen und Stellenpläne gekämpft. Hochwertige Quellen in den entscheidenden Bereichen. Aber es ist so. sondern von den eigenen Führungsqualitäten. wie er im Deutschen Bundestag oder im Kongreß der USA besteht. nie ganz zu ersetzen sein wird. Selbst ein auf wenige. vermag diese Barriere nicht -475- . Optionen und Entscheidungen müssen auch dem höchstentwickelten Satelliten verborgen bleiben. daß durch sinnvolle Konzentration viel überflüssiger Aufwand und Doppelgleisigkeit vermieden werden könnten. Wenn als Begründung dafür sogar die Bekämpfung der Schwerkriminalität herhalten muß. Technisch kann man nur den IstZustand des überwachten Gebietes annähernd genau feststellen.Gewiß könnten die aufgeblähten Apparate der Geheimdienste einer unparteiischen und objektiven Prüfung ihrer Effizienz und der sachlichen Notwendigkeit ihres Umfangs nicht standhalten. Die Arbeit mit Geheimagenten schließt eine vorbehaltlose Offenlegung aus. daß es gewissermaßen in der Natur der Sache liegt. solange diese Dienste existieren. daß Nachrichtendienste undemokratisch und denkbar ungeeignet sind. Dennoch glaube ich. darauf hinzuweisen. das allerdings hängt nicht von der Anzahl der Mitarbeiter in der Zentrale ab. Im Satellitenzeitalter hat die technische Aufklärung Riesenschritte gemacht. ließe sich ihre Größe erheblich einschränken. zu gewinnen und aufzubauen. streng ausgesuchte Abgeordnete begrenzter Kontrollausschuß. die wachsende Bedeutung der analytischen Arbeit heißt. daß hier unter der Hand ganz andere Ziele verfolgt werden. Bürgerrechte zu schützen. daß die Arbeit mit menschlichen Quellen. Geheime Pläne. Gegenwärtig besteht jedoch eher die Tendenz. in die man eindringen will.

»tummeln sich mehr Nachrichtendienste als je zuvor«. nur hat sich der -476- . Aber ein besonders finsteres Kapitel stellen die illegalen Waffenlieferungen der Geheimdienste in Krisengebiete dar. von sich aus darauf zu verzichten. Warum sollten sie dann ausgerechnet ihre Geheimdienste abschaffen? Daß der BND auch lange nach der Ära Gehlen Dossiers über prominente Bundesbürger führte. die er ihnen selbst geliefert hatte. seine Beziehungen zu Nachrichtendiensten verbündeter Länder zu nutzen. Vor allem in Deutschland. daß heute weltweit mehr spioniert wird als zu Zeiten des kalten Krieges. mit welchem Aufwand die Nato-Verbündeten sich untereinander überwacht und bespitzelt haben. vorzugsweise Sozialdemokraten und als linkslastig eingestufte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Davon zeugt die endlose Geschichte der Skandale in allen parlamentarischen Demokratien. Machtpolitik nach außen wie nach innen auszuüben und die überkommenen Bahnen ihres Denkens zu verlassen. eigentlich dagegen. Überhaup t ist es kaum zu fassen. diese Frage zu bejahe n? Erfahrung und Vernunft lassen mich an der Realisierbarkeit einer solchen Vorstellung in absehbarer Perspektive zweifeln. um deren Interna mittels jener Chiffriertechnik auszuforschen. Also doch weg mit den »Monstern«? Was spricht am Ende der Geschichte dieses Jahrhunderts. heißt es. Er zeigte auch wenig Skrupel dabei. Eine 1994 vom Forschungsinstitut für Friedenspolitik in Weilheim erstellte Studie zur »Zukunft der Nachrichtendienste der KSZE-Staaten und Japans« gelangt zu dem Schluß.zu überwinden. dessen Zeugen wir gerade wurden. Regierungen sind niemals bereit. ist allgemein bekannt. Nach dem Verschwinden der behaupteten Bedrohung durch den Ostblock hat keine einzige Regierung eines Nato-Mitgliedstaates die Existenzberechtigung hochgerüsteter Armeen in Europa oder gar des Bündnisses selbst in Frage gestellt.

CIA-Direktor unter Präsident Bush.Schwerpunkt von der Ausspähung militärischer Geheimnisse zur Wirtschaftsspionage verschoben. Mehr denn je benötige die Regierung zuverlässige Analysen globaler wirtschaftlicher Trends. daß gerade auf dem Feld der Wirtschaftsspionage seines Erachtens eine der wichtigsten Aufgaben nachrichtendienstlicher Tätigkeit in der Zukunft liegen wird. auf denen die Geheimdienste trotz aller angebrachten Skepsis ihrem Tun gegenüber nützlich sein und international kooperieren könnten. Allzu gern verlange n bestimmte Kreise bei jedem Anlaß Überwachung linker Organisationen und Einschränkung der Bürgerrechte. Aber es gibt noch andere Gebiete. Diese Einschätzung deckt sich mit Erkenntnissen von Experten der Bundesregierung. Im übrigen ist die Wirtschafts. denn die großen Wirtschaftsunternehmen haben längst ihre eigenen Spionageund Sicherheitsdienste auf. hat offen ausgesprochen. die mit dem Terrorismus und der Drogenmafia einhergehenden Gefahren als Rechtfertigung für den Ausbau eines inneren Repressionsapparates vorzuschieben. daß die Dienste sich mit fremden Federn schmücken. Was die Atommafia betrifft. der technologischen Entwicklung anderer Länder und deren Aktivitäten in der Wirtschaftsspionage. Als Beispiele will ich nur die Bekämpfung des internationalen Terrorismus und der sich ausbreitenden Drogenmafia nennen.und Industriespionage keine neue Entdeckung. sondern spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg fester Bestandteil aller Nachrichtendienste.und ausgebaut. um gegenüber Regierungen und Parlamenten ihre Existenzberechtigung zu demonstrieren. so entsprechen die bisherige -477- . Allerdings versäumen diese Experten. den naheliegenden Schluß zu ziehen. Das leider bei Politikern immer noch verbreitete LawandorderDenken verleitet diese nur zu oft dazu. Auf diesem Gebiet sind die Amerikaner von erfrischendem Pragmatismus: Robert Gates.

Sofern Nachrichtendienste sich auf eine diesbezügliche Tätigkeit berufen. Dem echten friedlichen Zusammenwirken der Dienste sind noch immer zahlreiche und sehr enge Grenzen gesetzt. signalisieren die latente Gefahr. sie gefährden noch immer den Weltfrieden. pflegt auf dieses Argument zu erwidern. muß gefragt werden. wo es bisher ausgeklammert blieb. Admiral Schmähling. die unkontrollierte Macht der Dienste zu beschneiden. aber das -478- . Dem möchte ich hinzufügen. dessen Forderung nach dem Abschaffen der Geheimdienste von Kollegen. die das noch vorhandene Vernichtungspotential der Waffenarsenale darstellt. Als ehemaligen Leiter eines mit seinem Staat untergegangenen Nachrichtendienstes. denn er findet in einer sehr realen problembeladenen Welt statt. in wessen Hände ihre Erkenntnisse gelangen und zu welchem Zweck. Deshalb geht der Kampf im dunkeln weiter. daß eine zivilisierte Welt Regierungen braucht. Vielleicht ermöglicht es das Ende der Konfrontation zwischen Ost und West.Vorgehensweise und die internationale Koordinierung nicht einmal annähernd der Herausforderung. die sich selbst gern realistisches Denken bescheinigen. als Utopie abgetan wird. deren Politik sich von der kompromittierten Machtausübung in internationalen Beziehungen wie gegenüber den Bürgern des eigenen Landes abwendet und zur Respektierung des Rechts auch auf Gebieten hinführt. der dem Urteil eines amerikanischen Kollegen zufolge zwar der bessere war. Dieser Kampf ist kein Spie l. Trotz erster bescheidener Abrüstungsschritte bedrohen Kernund Trägerwaffen nicht nur die Sicherheit einzelner Staaten und Regionen. unsere Welt brauche Utopien. Ohne derartige politische Zielsetzungen muß die Forderung nach der Bändigung der »Monster« ein frommer Wunsch bleiben. die meist in instabilen Regionen oder Krisengebieten liegen. Meldungen über die Inbetriebnahme geheimer Anlagen in sogenannten Schwellenländern.

-479- .Endspiel verloren hat. ihres Gebrauchs oder Mißbrauchs. Sie ist in meinen Augen Teil der größeren und wichtigeren Frage nach der Rolle der Macht in der Gesellschaft. besonders durch den Staat. beschäftigt mich die Frage einer künftigen Rolle der Geheimdienste nur noch am Rande.

die -480- . sich nach der Bilanz des eigenen Lebens zu befragen. Wir haben Spuren hinterlassen. die meinen Lebensweg begleitet haben. Ebensowenig kann ich mich meines Anteils an dem Versuch schämen. daß ich auch bei noch so kritischem Rückblick mein Leben und meine Wertvorstellungen nicht in Frage stelle. was hinter mir liegt. daß ich nichts verraten habe. so brauche ich mich doch dieses Teils meiner Biographie nicht zu schämen. endete mit den Worten: »Mit Siebzig ist es sicher an der Zeit. Wenn ich mich an meine Jugend in der Sowjetunion erinnere. Habe ich etwas von den Werten verraten. die Fehler und ihre Ursachen viel zu spät erkannt. meiner Familie. Der Zweite Weltkrieg war das tief eingreifende Ereignis im Leben vieler Menschen. mit denen wir die Welt verändern wollten. auch Wunden und schmerzende Narben. die mir erst später bewußt wurden.« Wenn ich nach allem. wahrscheinlich zu hoher Anspruch. vieles haben wir falsch gemacht. sondern das Leben in Kriegszeiten. Daß wir als Deutsche an der Seite der Sowjets gegen Hitlers Truppen kämpften. er endete mit dem Untergang des Dritten Reichs. den die DDR in den Nachkriegsjahren unternahm. gemessen an den Opfern und Leiden der überfallenen Völker. bedeutet dies. war kein Verrat an Deutschland. Mag der Beitrag meiner Familie und der anderer Emigranten. was meiner Familie und mir teuer war. das ich zu meinem Prozeß in Düsseldorf 1993 hielt. mit gutem Gewissen sage. dann fallen mir nicht zuerst die Verbrechen Stalins ein. die meinen Vorbildern. Aber ich halte an den Werten fest. noch so gering gewesen sein. Hier steht das Wort ›Verrat‹ im Raum. wir haben aber nicht umsonst gelebt. und es fällt mir auch nicht der Pakt mit Nazideutschland ein. mir selbst wert und teuer waren? Wir haben geirrt.Epilog Das Schlußwort. Es war ein hoher.

die Geschichte der DDR zu kriminalisieren und ihre antifaschistischen Ursprünge zu leugnen. wie es beschaffen war. Durch meine Position und meine Tätigkeit war ich Teil dieses Systems. auf Veränderungen von oben. auch durch andere. in dem System. daß wir uns -481- . wie diese Führung jeden Meinungsstreit. daß meine geheimdienstliche Tätigkeit zum Status quo in Europa und somit zur längsten Friedensperiode in der modernen Geschichte Europas und zur Verhinderung eines atomaren Infernos beigetragen hat. auf sich nehmen zu müssen. was ich meinen wachsenden Erkenntnissen folgend früher. meine Meinung zu vertreten. jede schöpferische Diskussion im Keim erstickte. vor allem in Moskau. war es nicht. was mich lahmte. nahm ich an der Macht teil. Unter diesem Zeichen stand auch meine frühe Tätigkeit im Geheimdienst. tun müssen. Es war vielmehr der Zweifel. Wenn ich mich entschieden gegen Versuche wehre. Immer wieder habe ich mich seit 1989 nach den Ursachen des jämmerlichen Untergangs unseres Staates gefragt und danach.Wurzeln des Nationalsozialismus. konsequenter hätte tun können. durch offenes Opponieren etwas Sinnvolles bewirken zu können. Das habe ich als Teil meiner Lebensbilanz zu tragen. obwohl wir tagtäglich zu spüren bekamen. seiner Verbrechen und des schlimmsten aller bisherigen Kriege bloßzulegen. Und bei aller Verstrickung in Ungerechtigkeit und Niederträchtigkeiten des kalten Krieges bin ich stolz darauf. Mangelnde Courage. heilige Kühe wie die in der Verfassung festgeschriebene führende Rolle der Partei anzutasten. mutiger. Wie viele meiner Freunde scheute ich davor zurück. kann ich dennoch meinen Anteil an der Verantwortung für die Schattenseiten ihres Systems und für die Ursachen ihres Scheiterns nicht abstreiten. Verantwortung für ihren Mißbrauch. Wie gebannt warteten wir auf einen Generationswechsel in der Führung. ohne zu begreifen. Mit der Macht umzugehen bedeutet aber immer.

das 1917 in Rußland ausgerufene Gesellschaftsmodell gescheitert. was von den Mühen. weil wir zuviel Sozialismus praktizierten. doch nicht sehr lange. in der die großen Ideale der Französischen Revolution mehr Lebenskraft besäßen als im kapitalistischen System. Schließlich kam die Veränderung von oben in Gestalt Michail Gorbatschows. wie es meine Überzeugung ist. und daran ist diese Gesellschaft erstickt und ihr System zerbrochen. die Marx und Engels im Kommunistischen Manifest formuliert hatten. Die Realität in der Gesellschaft der DDR hatte mit Demokratie und Sozialismus zunehmend wenig zu tun. dem bedingungslosen Gehorsam. so. als Ideale von zynischen Machtinhabern mißbraucht wurden. Ihm galten auch meine Hoffnungen. wir glaubten. den Ideen treu zu folgen.selbst die Hände banden. den Sozialismus Wirklichkeit werden zu lassen? Wir glaubten. Die größere soziale Sicherheit allein konnte die fehlende Reisefreiheit und das ständige Reglementieren freier Meinungsäußerung nicht aufwiegen. sondern zuwenig. als unter Stalin der Begriff der Freiheit des einzelnen bereits der bedingungslosen Unterordnung unter die Parteidoktrin geopfert war. Ohne Demokratie als unerläßliche Prämisse aber mußte unsere Gesellschaft in einem Vergleich mit der pluralistischen Demokratie eines entwickelten kapitalistischen Landes den kürzeren ziehen. Mein Weg zur sozialistischen Bewegung begann zu einer Zeit. an einer Gesellschaft mitzuwirken. indem wir alles Handeln delegierten. daß die unter Stalin begangenen Verbrechen nicht Verbrechen des Kommunismus. sondern Verbrechen am Kommunismus waren. der sich letztlich in nichts vom Kadavergehorsam des Obrigkeitsstaates unterschied. zu einer Zeit. Für viele meiner La ndsleute hat die strahlende Fassade des -482- . um eine disziplinierte Gesellschaft zu manipulieren. Das ist meine feste Überzeugung. Die Zeit war abgelaufen. Was bleibt von unseren Idealen. Wir sind gescheitert – aber nicht.

ein Gesellschaftssystem zu akzeptieren. kann ich darauf nur erwidern. nicht zu lösen vermag. das dadurch charakterisiert werden kann. vor denen die Menschheit steht. ist aber nicht weniger brutal. daß manche Menschenrechte in der DDR größer geschrieben wurden. Für einen jungen Menschen ist nichts -483- . daß unser gegenwärtiges Gesellschaftssystem die großen Probleme. Die Entsolidarisierung in der Gesellschaft wird als schwerwiegender Verlust empfunden. So richtig das ist. Sie wirkt weniger vordergründig. Eine diffuse Angst vor der Zukunft ist vielerorts zu spüren. daß alles unter dem Diktat des Besitzes steht? Die Macht des Geldes übt nicht weniger G ewalt aus als die Macht des Staates. die keine Zukunftsvisionen anzubieten hat und sich auf das Erhalten des Bestehenden zurückzie ht. Ihnen reiche ich die Lebensmaxime meines Vaters über die Zivilcourage weiter. Viele müssen erkennen.Westens mehr versprochen. Wenn Machtmißbrauch wie im »realen Sozialismus« mit der Manipulation eines Ideals beginnt. welchen Rat und welche Erfahrung ich meinen zehn Enkeln mit auf den Weg geben kann. Sollen die Menschen sich auf Dauer mit einem Zivilisationsmodell zufriedengeben. sondern immer neue und größere Probleme erzeugt. so wird im Kapitalismus das Ideal von der individuellen Freiheit im Interesse der Macht des Geldes und zum Schaden für die Mehrheit der Gesellschaft mißbraucht. und sie rührt daher. Nicht nur ich empfinde großes Unbehagen angesichts einer Politik. Manchmal werde ich gefragt. in dem seit Jahrzehnten die Reichen unbestritten immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Man mag einwenden. daß eine Kritik an den demokratischen oder undemokratischen Verhältnissen im Kapitalismus nicht anhand der Meßlatte eines sozialistischen Ideals vorgenommen werden dürfe. daß ich mich genausowenig wie andere damit abfinden kann. als sie halten konnte. in dem sie verlorengehen. Das Recht auf Arbeit und das auf eine bezahlbare Wohnung werden in dem Maße wertgeschätzt.

Gleichheit und Brüderlichkeit Wirklichkeit werden sollen. Sie hatten recht. wie unser Planet schleichend oder mit einem Knall zerstört wird. anderen die eigene Meinung mit Gewalt aufzuzwingen. Utopien – da pflichte ich Elmar Schmähling bei – werden gebraucht. wie viele junge Menschen heute von einer gerechteren Welt träumen. Der kalte Krieg ist zu Ende. als er seinem Buch über die Unsterblichkeit des Marxismus den Titel gab: A demain. daß auch künftig Idealisten eine Gesellschaftsordnung anstreben werden. ein Modell des Sozialismus. Karl – bis morgen. die Meinung anderer unbedingt zu respektieren und niemals zu versuchen. Aus meiner Erfahrung möchte ich ihnen auch nahelegen. Kaum weniger wichtig scheint mir jedoch der Mut. sie lassen sich nicht einfach außer Kraft setzen. Die Worte der Sprayer drücken auch das aus. in der Freiheit. -484- . Ob ihnen bei ihrem Weg der gute alte Marx noch eine Richtschnur sein kann. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Ich weiß nicht. Ohne das weitere Suchen nach einer Alternative müßten wir zusehen. das müssen sie selbst prüfen und herausfinden. dessen Beginn mit großen Hoffnungen verbunden war. Karl. ist gescheitert.wichtiger. Unweit meiner Wohnung im Zentrum Berlins haben junge Leute auf ein Marx-Engels-Denkmal die Worte aufgesprüht: Wir sind unschuldig. was Jean Ziegler sagte. doch meine Ideale habe ich nicht verloren. selbst wenn dies mit Unannehmlichkeiten verbunden ist. als sich eine eigene Meinung zu bilden. diese Meinung auch zu vertreten.

Vor dem Marx-Engels-Denkmal in Berlin 1993 -485- .

Für die Erstellung von Glossar und Register sei an dieser Stelle Herbert Kloss gedankt. Whitney. Unterstützung und die in erster Linie bezeigte Solidarität und Hilfe bei der Vorbereitung der englisch. Klaus Eichner. Mein Dank gilt besonders meiner Frau Andrea. die am Werden dieses Buches den größten Anteil hat und die in dieser Zeit der Prüfung keinen Augenblick von meiner Seite gewichen ist. die Endfassung Anfang 1997. Daran zu schreiben begann ich 1991 in Moskau. Aune Renk und Craig R. Berlin. Für Rat.und deutschsprachigen Ausgabe danke ich insbesondere Anne McElvoy. Kai Hermann. Die erste Fassung habe ich während meines Prozesses Ende 1993 beendet.Danksagung Seit Ende der 70er Jahre hat dieses Buch mich beschäftigt. Jürgen Jessel. im März 1997 -486- .

ja vielleicht schon brodelt.W. Schmidt schickte Wehner einen warnenden Brief. Onkel Herbert steht unter schwerem Beschuß. 3.I. für die nur Wischnewski eintrat. Unterstellungen für das an die Heimat Sachsen gebundene »Rätsel Wehner« die Rede ist. April 1980 Der »Kanal« zum Onkel ist aktiv. daß sie sich anbahnt. Seit heute weiß ich. wo von möglichem Wiederentdecken des alten kommunist. Brandt.4. H.s. das von keinem »Einflußagenten« gelöst werden könnte u. wie in diesem Kreis die verschiedenen von den USA geforderten Maßnahmen behandelt wurden.a. um wirtschaftliche Sanktionen gegen die SU.Transkription der Tagebucheintragungen Eintrag vom 15. »Wir ziehen ja an einem Strang. Beim Olympia-Boykott drohte Schmidt mit Rücktritt. -487- . für unzurechnungsfähig zu erklären). H.a. bedankte er sich für die Grüße E. Es ging auch um die Einladung L. Breshnews an Schmidt (wobei sich herausstellte. und vom 16. Bahr und Apel im BKA kommend. Sachse«. repräsentativ dafür ist ein Artikel der FAZ vom 29. daß auch Brandt eine Einladung besitzt). mit Zeitungsausschnitten. u.: »Sing anders. vor einer möglichen Kriegsgefahr zu warnen. Wischnewski. mit unterschiedlichen Relationen beim Votum. in Vorbereitung der Mittagreise. seinem Übersollerfüllen auf seinem einzigen Feld der deutschsowjetischen Beziehungen. Parteibuchs.« Es wird berichtet. a. als Wehner namens der Fraktion dagegen votierte. mit Schmidt. Frisch von der Krisensitzung am 13. Ich habe ihm versprochen. u. Eskalation. alle waren gegen den Abbruch der Beziehungen zum Iran und gegen jede militär. auch der FAZ (Wischnewski hat auch bei Moldt versucht.

Die Lage wurde mit der Zeit unmittelbar vor Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 verglichen.. Guillaume. Schmidt befindet sich in einem Dickicht von Wahnvorstellungen.H. Lambsdorff. zum Ansprechen der »humanitären Fragen«. Das Bemerkenswerte für die Stimmungslage ist die Tatsache der Veröffentlichung. Wehner auf Öland/Schweden vom 7. da ist alles drin. Besuch von RA Vo gel bei H. Mittag. 35 mit der Außenpolitik Genschers. Bestätigt den für Sept. »Sagen sie meinem Jugendfreund. gab dann noch Empfehlungen für G.« -488- .« Sorge. Er beginnt sein physisches Unvermögen zu verstehen u. »Je eher. mit dem operiert werden soll. Mischnik u. Plädiert für Schmidt als einzig vernünftige Alternative u. die UdSSR könne die DDR opfern. Der geschnitzte Holzfäller aus dem Erzgebirge – von E. Eintrag vom 24. desto besser. Es soll da einen Brief von RA Vogel an Stange geben. vorgesehenen Austausch vo n G. absolut gegen den von Moskau poussierten Brandt.« Später wurden Genscher. Dieser glaube noch.W.H. August 1981 Bemerkenswert scharfe Abrechnung »Olafs« im Spiegel Nr.10. Viel Freundschaftsbeteuerungen gegenüber E. Verheugen hinzugezogen. die im argen liegen. Drängt auf entschlossene Maßnahmen gegenüber Polen. zum 75. 8. Ob u. – sein liebstes Geschenk.a. Polen – gefährlicher »Ermunterungssog. Materialwalze auf Dauer mithalten könne. wie er sich da heraus windet. ob die UdSSR mit der amerik. u. Stimmungslage insgesamt apokalyptisch. daß er aufhören muß. H.

sich selbst zu zerfleischen. Es ist eine halbe Minute vor 12. März 1983 Mit Herbert Wehner. Als ob von Brandt. Vom kommunistischen Funktionär über den aktiven Anti bis zu dem im Alter anscheinend weise werdenden humanistischen Weltverbesserer und Einzelkämpfer mit konspirativen Sonderbeziehungen. leider. eigentlich immer ein Einzelgänger.« Eintrag vom 27. Sein Leben voller jäher Wendungen. seiner Politik. So hat die Antwort Brandts (ND 27. 3. »Laßt uns für die Rettung all jener zu beten. vor Evangelisten in Orlando/Florida warnte vor jedem Entgegenkommen gegenüber der UdSSR. Winkelzüge und nur ihm selbst bekannter Geheimnisse wäre einer Beschreibung wert.) auf das Schreiben Walter U. der nicht mehr im Bundestag sein und als Fraktionsvorsitzender von H. Februar 1969 Es ist erstaunlich. Reagan am 8. Der Kommunismus bleibe das »Zentrum des Boesen in der modernen Welt«. tot als rot zu sein. sei es besser. die in jener totalitären Finsternis leben – beten.»Es geht nicht ohne innere Gewalt. 2. bereit andere u. tritt eine der markanten und schillernden Figuren von der politischen Arena ab. ein interessantes Leben unserer Zeit.-J. die an Gott glauben. daß sie die Freude entdecken. Es wäre schon ein Eckstein für meine Geschichte. Abend mit Barbara Koppe und Klaus Wischnewski.« Absolute Ablehnung Reagans u. ihren Tagungsort kann es zwischen der SPD und Ihnen keine Erörterungen geben« – großen Ärger verursacht. Gott zu kennen. Für alle. Choleriker. wie sehr subjektive Einstellungen und sogar Emotionen führende Leute beeinflussen.s (PB) mit dem kernigen Satz: »Über die Bundesversammlung u. der ja immer als Verräter in der Arbeiterklasse -489- . Vogel abgelöst wird. Eintrag vom 8.

Eintrag vom 6. Seit Wochenende eskaliert die Kampagne der Rechten Zug um Zug. um das Faß zum Überlaufen zu bringen. Trotz aller Überlegungen u. Schade. bei dem eine ganze Serie konstruktiver Vorschläge überbracht wurde. als ein Tropfen genügte. Eintrag vom 25. sonst nicht. Das Letztere scheint der Fall zu sein. Nixon in Westberlin. Am Freitag hatte Onkel Herbert in einem Gespräch mit dem Beauftragten E. der ja viele intime Geheimnisse des Kanzlers kannte und wahrte. man werde bei dringendem Verdacht Brandt einen Hinweis geben müssen. der -490- . Er war es seit eh und je. Und doch geht man von alten Vorstellungen und taktischen Überlegungen aus. Die SED solle sich darauf einstellen. Dabei ist es ein so nüchternes Geschäft: Wenn die Interessen aus entgegengesetzten Motiven zusammentreffen – gibt es eine Übereinstimmung. Das ging auf den Magen. etwas anderes zu erwarten gewesen wäre. Politisch völlig unpassend. schade.und Koalitionsspitze stellt einen desolaten Haufen dar.s. mitteilen lassen: »Es sei das schlimmste zu befürchten. »Heinze« – sind verhaftet. als ob die Wogen in der Sache Guillaume im Abklingen wäre[n].charakterisiert wird. Dann hätte »Hansen« etwas gemerkt. Wissens über die Gefahr hatte unsere Rechnung und Risikobereitschaft war es eine Fehlkalkulation. Max Christiansen-Clausen 70. Doch der Schein trügte. Ausschlaggebend war die Annahme. daß es den Willy Brandt nicht mehr gibt. April 1974 Großer Mist: »Hansen«. und die Regierungs. Mai 1974 Es schien kurze Zeit. schade. Der Bursche versteht etwas vom Publicitygeschäft. nur wurde er hier zu einem Zeitpunkt sichtbar. H.

Brandt – der Kämpfer gegen uns im kalten Krieg.« Am Montag glich Bonn einem Wespennest. zeigt hier seine bekannten emotionalen Empfindlichkeiten und Schwächen. wo wir das wirklich nicht wollten und sogar befürchteten. daß es mit Helmut Schmidt vielleicht gar nicht schlechter gehen wird. betätigen wir den Abzug.a. ehem. u. sich aus den Tiefen des politischen Geschäfts und Alltags zur einsamen Höhe und Größe einer politischen Sendung erhoben zu haben. passiert dieser Unfall. mit dem man manches machen konnte. Brandt tritt zurück. Den hat er allerdings weniger uns. in einigem Sympathie entgegenbringen. jetzt. Ironie des Schicksals: Jahrelang schmiedeten wir Pläne und Maßnahmen gegen Brandt. aber ein ganz Großer war er nicht. Zu Emmi sagte ich vor dem Schlafengehen: Ich glaube. auch unser Günter Guillaume. Ein Gerücht jagte das andere. in dem herumgestochert wurde. Er wird in die Geschichte eingehen. Mai 1974 Brandt ist tatsächlich zurückgetreten. BKA-Min. Bei manchen Augure[n] herrscht Schadenfreude. Warum auch? -491- . mit dem Kalkül. Er glaubte tatsächlich. Eintrag vom 7. aber dessen demagogische Schauspielerei man auch registrieren mußte. BfV-Chef Nollau u. Daher die echte Resignation. Natürlich war [es] nur ein letzter Anstoß. Gut daß bei uns weiter gelassen reagiert wird. und das wußte u. Und nun zu allen Widerwärtigkeiten der letzten Monate noch dieser in seinen Augen unzulässige Tiefschlag.an die Hypothesen seiner Ostpolitik glaube. Ein Mann. aber kein geringer und im denkbar wirksamsten Augenblick. weiß er. Ehmke schlugen sich gegenseitig in die Pfann[e]. Rücktritte scheinen nicht fällig zu sein. als seinen Gefährten zuzuschreiben. und 8. liefern das Geschoß.

H. Im Innern ist es aber auch nicht viel anders. Eintrag vom 16. die sich zum erheblichen Teil gegenseitig beschäftigen. Wie viele nützliche Dinge könnten getan. Möglicherweise ist die Reaktion in Moskau anders. anleiten. Vorläufig aber wachsen diese Monster unaufhaltsam. wenn auch die Effektivität der in den verschiedenen Gremien produzierten Papierberge minimal ist. Cosmic versieht und das wir mit hohem Aufwand beschaffen. wie viele Menschen eine sie echt befriedigende Tätigkeit ausüben. um an einem stillen Örtchen nutzbringend verwandt zu werden. kontrollieren. Beim RGW spricht wenigstens die Logik für einen möglichen Nutzen. Dort gab es emotional und möglicherweise auch sachlich eine etwas differenzierende Einstellung. ist bei näherem Hinsehen nicht einmal gut. Staat. Will man mal von den Milliarden verschlingenden Armeen absehen: Fast alles Papier. und 17. Oktober 1974 Bei der aktuellen Diskussion über die Geheimdienste taucht neben der Frage: Cui bono auch die Frage auf: Nützen sie überhaupt. mit Stempeln Geheim u. Aber es geht ja nicht nur um diese Apparate. wenn diese Zöpfe beschnitten würden. das die NATO produziert. unsere kurzfristig zusammengestellte Argumentation verwandt u. Wirtschaft messen. Ähnlich sieht es aber in unseren Bündnisapparaten auch aus. ohne großes Palaver richtige Reaktionen festgelegt. Ob unsere Urenkel schon die Gegenmittel finden? -492- .In der PB-Sitzung wurde von E. Eine durchaus berechtigte Frage und welcher ehrliche Eingeweihte würde sie ohne zu zögern beantworten. Wer will den Anteil effektiven Nutzens der Riesenapparate von Partei.

um Medien. Politik.Glossar Abschöpfen geheime Gewinnung von Informationen durch Gespräche mit einer Zielperson. auch VMann oder Inoffizieller Mitarbeiter Aktive Maßnahme verdeckte Aktivität. Dokumenten. Wirtschaft und Öffentlichkeit zu beeinflussen Aufklärung geheimdienstliche Ermittlung und Analyse im In. auch Gesprächsaufklärung Agent für einen Geheimdienst wissentlich tätiger Spion.und Ausland. Gegenständen BfV Bundesamt für Verfassungsschutz BND Bundesnachrichtendienst CIA Central Intelligence Agency (zentraler Nachrichtendienst der USA) Chiffrieren vertrauliche Nachrichten verschlüsseln Codes -493- . auch Spionage Bearbeiten Tätigkeit der Aufklärung im Zielgebiet Beschaffung. operative geheime Sammlung von Informationen.

Buchstaben oder Zahlenkombinationen. Zielpersonen und operative Vorgänge Desinformation (auch Aktive Maßname) gezielte Indiskretion oder Falschinformation Doppelagent umgedrehte Agent. der nach seiner Enttarnung durch gegnerischen Dienst für diesen tätig ist Einflußagent im Rahmen Aktiver Maßnahmen tätiger Agent Einschleusen zielgerichtetes getarntes Eindringen eines Agenten in das Operationsgebiet FBI Federal Bureau of Investigation (Inlandsnachrichtendienst der USA) Führungsoffizier hauptamtlicher Geheimdienstmitarbeiter. der umgedreht seine frühere Führungsstelle ausspäht Deckadresse Deckname (auch Code . der IM und Quellen betreut und koordiniert Gegenspionage Eindringen in einen fremden Gehe imdienst durch Einschleusen eines eigenen oder Umdrehen eines fremden Spions IM -494- .oder Tarnname) Anschrift für geheime Postsendungen falscher Name für geheime Mitarbeiter. die zum Chiffrieren verwendet werden Counterman von westlichen Geheimdiensten enttarnter geheimer Mitarbeiter eines fremden Nachrichtendienstes.

Ermittlungen vorzunehmen. die unwissentlich in Verbindung zu einem Geheimdienst steht und deren Wissen von diesem genutzt wird Kurier Bote zwischen Geheimdienstzentrale und Quelle Legende.Inoffizieller Mitarbeiter. der innerhalb eines Geheimdienstes für einen gegnerischen Dienst tätig ist MfS Ministerium für Staatssicherheit der DDR NSA National Security Agency der USA (nationale Sicherheitsbehörde mit den Schwerpunkten der Satellitenund Funkaufklärung) Observation heimliche Beobachtung von Zielpersonen (umgangssprachlich: Beschattung) operativ -495- . unter Täuschung über den wahren Hintergrund der nachrichtendienstlichen Tätigkeit MAD Militärischer Abschirmdienst der Bundeswehr Maulwurf eingeschleuster oder umgedrehter Agent. um sich konspirativ an einem bestimmten Ort aufzuhalten. geheimer nebenamtlicher Mitarbeiter der Abwehr und der Aufklärung (MfS und HVA) KGB Komitet Gossudarstwenoi Besopasnosti (Komitee für Staatssicherheit der UdSSR) Kontaktperson Person. operative glaubwürdiger Vorwand.

auch technisches Gerät zu diesem Zweck. Funk. Leiter einer Agentengruppe Residentur getarnte nachrichtendienstliche Führungsstelle außerhalb der Zentrale des Apparats (legale Residentur: Botschaft oder Handelsmission.oder Operationsstützpunkt. illegale Residentur: Agentengruppe mit Führungsoffizier) SDECE Service de Documentation et d'Espionnage (Auslandsnachrichtendienst Frankreichs) SIS Secret Intelligence Service (geheimer Aufklärungsdienst Großbritanniens) Spielmaterial zur Beeinflussung bzw.geheimdienstlich Operationsgebiet Zielgebiet (Land) für nachrichtendienstliche Tätigkeit Quelle Person.oder Materialdepot Subversion -496- . Irreführung des Gegners eingesetzte – oftmals gefälschte – Dokumente und Informationen Spionageabwehr Behörde zur Bekämpfung gegnerischer Spionage Stützpunkt geheime Operationsbasis wie Wohn-. auch Geld. wie Abhöreinrichtungen Resident getarnter Führungsbeamter oder offizier bzw. die zur geheimdienstlichen Informationsgewinnung dient.

auch Führungstreff mit Führungsoffizier Überwerben Werben eines bereits für einen anderen Nachrichtendienst tätigen Agenten V-Mann/V-Frau geheime nebenamtliche Mitarbeiter eines Geheimdienstes oder der Polizei Werbung Gewinnung einer Zielperson zur Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst Zielobjekt Objekt der Aufklärung. Behörde. Forschungsunternehmen Zielperson Person im Visier des Geheimdienstes zum Zweck der Werbung oder im Visier der Abwehr wegen Verdachts der Spionage -497- .Sammelbegriff für organisierte Untergrundtätigkeit Tarnung verdeckte Tätigkeit oder Schutz eines Objekts zum Zweck der Geheimhaltung Treff geheime Zusammenkunft von Agent und Instrukteur oder Kurier im Operationsgebiet oder in Drittland. z. militärische Einrichtung. B.

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