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RÖMI SCHES RECHT - ZUSAMMEN FASSUNG

22000066

Sachenrecht ....................................................................................................2

I. Einleitung .................................................................................................................... 2
II. Besitz........................................................................................................................... 3
III. Besitzerwerb ................................................................................................................ 5
IV. Besitzerhaltung, Besitzverlust ..................................................................................... 6
V. Eigentum...................................................................................................................... 7
VI. Eigentumserwerb ......................................................................................................... 9
VII. Eigentumserwerb durch Übereignung ....................................................................... 10
VIII. Eigentumserwerb durch Ersitzung – USUCAPIO .................................................... 11
IX. Natürlicher Eigentumserwerb.................................................................................... 13
X. Eigentumsschutz........................................................................................................ 15
XI. Servituten................................................................................................................... 17
XII. Pfandrecht – PIGNUS ............................................................................................... 19

Schuldrecht...................................................................................................22

I. Einleitung .................................................................................................................. 22
II. Verträge ..................................................................................................................... 23
III. Die Realverträge ........................................................................................................ 27
IV. EMPTIO VENDITIO – Der Kauf ............................................................................. 31
V. LOCATIO CONDUCTIO – Miete, Pacht, Werk- und Dienstvertrag....................... 42
VI. MANDATUM – Der Auftragsvertrag....................................................................... 45
VII. SOCIETAS – Der Gesellschaftsvertrag .................................................................... 47
VIII. Die Innominatkontrakte ............................................................................................. 49
IX. Die adjektizischen Klagen......................................................................................... 50
X. NEGOTIORUM GESTIO – Geschäftsführung ohne Auftrag .................................. 52
XI. Die Bürgschaft ........................................................................................................... 53
XII. Ansprüche aus ungerechtfertigter Bereicherung ....................................................... 56
XIII. Ansprüche infolge von Schädigungen....................................................................... 58
XIV. Lex Aquilia ................................................................................................................ 60

Diese Zusammenfassung ersetzt nicht die entsprechenden Übungsbücher.


Für die inhaltliche Richtigkeit sowie Vollständigkeit wird keine Gewähr übernommen.

Quellen: Benke/Meissel, Römisches Sachenrecht8 (2004)


Benke/Meissel, Römisches Schuldrecht7 (2006)

RR – Zusammenfassung Seite 1 /1
Sachenrecht

I. Einleitung

Sachenrecht ist die Zuordnung von Rechtsobjekten zu Rechtssubjekten.


Rechtsobjekt sind Sachen (RES)
Rechtssubjekte sind Personen, die fähig sind Träger von Rechten und Pflichten
(Rechtsfähigkeit) zu sein.

Rechtsfähigkeit können nur Freie haben. Wird jemand frei geboren, so beginnt sogleich mit
der Geburt auch seine Rechtsfähigkeit und kann daher schon im Kindesalter Rechte und
Pflichten haben.
Sklaven gelten als rechtsunfähig und werden als Sachen angesehen.
Gewaltunterworfene Personen sind vermögensunfähig.

Geschäftsfähigkeit ist die Fähigkeit, durch eigenes rechtsgeschäftliches Handeln für sich
selbst Rechte erwerben und Pflichten zu begründen.
Deliktsfähigkeit ist die Fähigkeit, durch eigenes unerlaubtes Handeln einem anderen
verpflichtet zu werden.

Altersstufen
Kinder bis zum vollendetem 7.Lebensjahr sind völlig handlungsunfähig.
Unmündige (Knaben bis 14, Mädchen bis 12) sind beschränkt geschäftsfähig, benötigen
jedoch die Mitwirkung des Vormunds (AUTORITAS TUTORIS) um Verpflichtungen zu
begründen.
Die unbeschränkte Handlungsfähigkeit wird mit der Mündigkeit (Knaben ab 14, Mädchen ab
12) erworben.
Minderjährige, dh Mündige bis zum 25. Lebensjahr, werden allerdings durch die LEX
PLAETORIA besonders geschützt.

Frauen benötigen einen Geschlechtsvormund (TUTOR MULIERIS) der bei allen


Formgeschäften mitwirken muss.

Ein Geisteskranker (FURIOSUS) gilt grundsätzlich als geschäfts- und deliktsunfähig.


Ein Verschwender (PRODIGUS) kann durch prätorische Entmündigung geschäftsunfähig
werden.

Sachenrechte sind dingliche Rechte, welche absolut gegen jedermann prozessual durchsetzbar
sind. Die einzelnen dinglichen Rechte sind durch unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten
festgelegt: Eigentum, Dienstbarkeiten, Pfandrecht, Erbpacht, Erbbaurecht.

RR – Zusammenfassung Seite 2 /2
II. Besitz

Sachenrechte gewähren dem Berechtigten den Genuss einer Sache. Dies kann mit der
dinglichen Klage ACTIO IN REM geltend gemacht werden.

Besitz (POSSESSIO) ist die gewollte faktische Sachherrschaft.


Der Besitzer hat eine Sache, dem Eigentümer aber gehört sie.
Im Streit um die Sache hat der Besitzer die günstigere Position.
Wer den Besitz an einer Sache übergeben erhält – TRADITIO – erwirbt Eigentum, wenn die
Übergabe auf Grund eines geeigneten Rechtsgeschäftes und durch einen befugten Veräußerer
erfolgt.
Wer die Sache, die niemanden gehört, in Besitz nimmt, wird ihr Eigentümer – OCCUPATIO
Wer eine Sache vom Nichtberechtigten bekommen hat, wird durch einen mehrfach
qualifizierten, bestimmte Zeit andauernden Besitz, ihr Eigentümer – USUCAPIO.

Besitz wird geprüft nach:


-) ANIMUS ist der (Eigen)Besitzwille (=ANIMUS REM SIBI HABENDI)
-) CORPUS ist die Herrschaftsbeziehung zur Sache (körperliches Naheverhältnis)

Der POSSESSOR muss das CORPUS aber nicht selbst ausüben. Er kann sich Besitzmittler,
Detentoren, bedienen (zB Mieter, Pächter, Prekarist, Leihnehmer, Verwahrer).
Fremdbesitzer: Gewaltfreie, welche die Sachherrschaft mit dem ANIMUS REM ALTERI
HABENDI für einen anderen ausüben.
Besitzdiener: Gewaltunterworfene, welche die Sachherrschaft für ihren Gewalthaber ausüben.

unmittelbarer Eigenbesitzer: CORPUS wird selbst oder durch einen Besitzdiener ausgeübt.
mittelbarer Eigenbesitzer: CORPUS wird durch einen Fremdbesitzer, der unmittelbaren
Fremdbesitz hat, ausgeübt.

Fehlerfreier (echter) Besitz: IUSTA POSSESSIO


Fehlerfrei besitzt, wer die Sache von der anderen Streitpartei nicht durch Gewalt (NEC VI),
nicht durch heimliches Entziehen (NEC CLAM) und nicht zum Prekarium (NEC
PERECARIO) erhalten hat.
Prekarium (=Bittleihe) ist die unentgeltliche, jederzeit widerrufbare Überlassung einer Sache
zum Gebrauch.

Rechtmäßiger Besitz (POSSESSIO EX IUSTA CAUSA) liegt vor, wenn der Besitz auf Grund
einer IUSTA CAUSA erlangt wurde, heißt auch POSSESSIO CIVILIS.

Hat der POSSESSOR die Sache auf Grund einer IUSTA CAUSA TRADITIONIS vom
befugten Veräußerer tradiert erhalten, so ist er zugleich Eigentümer der Sache geworden.
Hat der POSSESSOR die Sache auf Grund einer IUSTA CAUSA USUCAPIONIS von einem
zur Sachverfügung nicht ermächtigten, also unbefugten, Veräußerer tradiert erhalten, dann
kann der POSSESSOR unter Umständen durch Ersitzung Eigentum erwerben – USUCAPIO.

FURTUM: Wer sich unbefugt und in Bereicherungsabsicht einer fremden, beweglichen Sache
bemächtigt, begeht ein FURTUM.
Der Dieb (FUR) handelt mit der Absicht, sich zu bereichern. Dieser Schädigungsvorsatz wird
DOLUS MALUS kurz DOLUS genannt. Wenn DOLUS nicht gegeben ist, liegt kein
Diebstahl vor.

RR – Zusammenfassung Seite 3 /3
Diebstahl gibt es nur an beweglichen Sachen.
Es gibt 2 Klagen dagegen:
-) ACTIO FURTI ist eine Pönalklage, der Bußbetrag ist dem Betroffenen zu entrichten
-) CONDICTIO FURTIVA ist eine sachverfolgende Klage, der Dieb soll die gestohlene
Sache zurückgeben oder deren (einfachen) Wert ersetzen.

Pönale und sachverfolgende Klagen können zusammen angestellt werden.

RR – Zusammenfassung Seite 4 /4
III. Besitzerwerb

POSSESSIO = ANIMUS + CORPUS


Besitzerwerb setzt Geschäftsfähigkeit voraus.

Originär erwirbt Besitz, wer ihn aus eigener Machtvollkommenheit, ohne Hilfe eines
Vormannes begründet. (zB OCCUPATIO)
Derivativ wird Besitz im Zusammenwirken mit einem Vormann erlangt.

Ein Verpflichtungsgeschäft schafft einen Anspruch einer Person (Gläubiger) gegen eine
andere Person (Schuldner) auf ein bestimmtes Verhalten, zu dem sich der Schuldner
verpflichtet und setzt die Willensübereinstimmung voraus.

Verfügungsgeschäfte sind Rechtsgeschäfte, durch die Inhalt oder Zugehörigkeit von


dinglichen Rechten verändert werden. (meist durch TRADITIO).
Erst sobald der ANIMUS POSSIDENDI beim Käufer vorliegt, wird die Leistung erbracht,
also tradiert.

Besitzerwerb SOLO ANIMO


-) TRADITIO BREVI MANU: Die Parteien bestimmen einvernehmlich, dass der Possessor,
der die Sache dem Detentor überlassen will, seinen ANIMUS REM SIBI HABENDI aufgibt
und der den Besitz anstrebende Detentor erlaubterweise Eigenbesitzwillen fasst.
-) CONSITUTUM POSSESSORIUM: Wenn jemand den ANIMUS REM SIBI HABENDI
hinsichtlich einer Sache fasst, die er nicht innehat, und mit dem Possessor oder Detentor
übereinkommt, dass ihm dieser künftig als Detentor die Sachherrschaft vermittelt.

NEMO SIBI IPSE CAUSAM POSSESSIONIS MUTARE POTEST


niemand kann bloß durch eigenen Willensentschluss seine Besitzlage verbessern

CONSTITUTIUM POSSESSORIUM und TRADITIO BREVI MANU lassen Besitzwechsel


eintreten, ohne dass die Parteien äußerlich erkennbare Übertragungs- und
Bemächtigungshandlungen an der Sache durchführen à Traditionssurrogate.

Der Gewaltunterworfene kann, als verlängerte Hand, für seinen Gewalthaber Besitz erwerben
ANIMO NOSTRO + CORPORE ALIENO

Der ANIMUS des Gewalthabers kommt zum Ausdruck durch ein


-) IUSSSUM: Anordnung ein bestimmtes Erwerbsgeschäft durchzuführen
-) PECULIUM: Vermögenswerte zur selbstständigen Bewirtschaftung mit einer
Generalermächtigung zu jeglichem Besitzerwerb.

Eine nachträgliche Genehmigung eines Erwerbs des Gewaltunterworfenen durch den


Gewalthaber wird wie ein IUSSUM behandelt.

Auch ein Besitzerwerb durch einen einsichtsfähigen unmündigen Gewaltunterworfenen ist


möglich da dieser nur den INTELLECTUS POSSIDENDI benötigt.

Besitzerwerb durch einen Freien ist nach römischem Recht grundsätzlich nicht möglich.
Ausnahmen sind: CURATOR (erwirbt für seinen Pflegebefohlenen), TUTOR (für sein
Mündel), PROCURATOR (Vermögensverwalter, erwirbt für seinen Herrn).

RR – Zusammenfassung Seite 5 /5
IV. Besitzerhaltung, Besitzverlust

Besitzerhaltung = ANIMUS + CORPUS


Aufgabe des Besitzwillens oder völlige Verlust der Herrschaftsbeziehung beendet den Besitz.

An beweglichen Sachen bleibt Besitz solange aufrecht, solange sie der POSSESSOR in seiner
Herrschaftssphäre hat.

Am SERVUS FUGITIVUS und unbeweglichen Sachen kann der Besitz sogar nach Verlust
des CORPUS, also SOLO ANIMO, aufrecht erhalten werden.

Unfreiwillig geht Besitz verloren, wenn CORPUS tiefgreifend gestört wird oder keine
neuerliche Verdichtung erfährt. Wer unfreiwillig Besitz verliert behält zumeist Eigentum,
nicht jedoch bei wilden Tieren. Bei drohendem unfreiwilligen Verlust wird die POSSESSIO
solange wie möglich aufrecht erhalten.

PUPILLUS und FURIOSUS können nur mit AUCTORITAS TUTORIS bzw CURATORIS
den Besitz beenden.

CUSTODIA liegt jedenfalls vor, wenn jemand eine Sache so beherrscht, dass er sie jederzeit
eigenhändig ergreifen oder in seine unmittelbare Einflusssphäre bringen könnte.

Sachen die ein SERVUS FUGITIVUS auf der Flucht mitgenommen hat, gehen seinem
DOMINUS nicht verloren. Ebenso erwirbt dieser selbst dann noch an Sachen durch seinen
flüchtenden Sklaven Besitz. Ein allfälliges PECULUM erlischt mit Beginn der Flucht.

Nur ein Gutgläubiger kann an einem SERVUS FUGITIVUS Besitz erwerben. Dadurch
erlischt dann der Besitz des ehemaligen DOMINUS an diesem.

Die SOLO ANIMO Besitzerhaltung an unbeweglichen Sachen ohne Besitzmittler oder


Besitzdiener wurde saisonal bewirtschafte Grundstücke mit Blick auf eine Wiederherstellung
des CORPUS anerkannt. Wenn die erwartete Rückkehr ausbleibt, geht der SOLO ANIMO
Besitz verloren.

Wenn in der Zwischenzeit ein Unbefugter mit Bemächtigungsabsicht das Grundstück besetzt,
geht Besitz erst über, sobald der rechtmäßige POSSESSOR davon erfährt und auf einen
Wiederbemächtigungsversuch verzichtet oder dabei scheitert.

Erst bei Aussicht auf Dauerhaftigkeit wird die Bemächtigung eines Dritten als neue
POSSESSIO anerkannt. Solange niemand eindringt, hat der Abwesende auch CORPUS daran.

Wenn ein eingesetzter Besitzmittler oder Besitzdiener die ihnen übertragene Aufgabe einer
konkreten Sachherrschaft beendet (zB verzieht, stirbt, wird geisteskrank, verpachtet), verliert
der POSSESSOR (vorerst) nicht seinen Besitz, sondern hält ihn SOLO ANIMO aufrecht.
Werden Besitzmittler oder Besitzdiener gewaltsam vertrieben, dann geht POSSESSIO sofort
verloren.

RR – Zusammenfassung Seite 6 /6
V. Eigentum

Unter Eigentum versteht man das dingliche Recht, auf Grund dessen einer Person, dem
Eigentümer (DOMINUS), eine Sache umfassend zugeordnet ist. Es ist das Recht, eine Sache
für sich zu haben.

Gegen Besitzstörung/-entzug stehen INTERDICTA (vorläufige Zuordnung des Besitzes)


sowie die Eige ntumsklage REI VINDICATIO (endgültige Klärung des rechtlichen Besitzes)
dem IUSTUS POSSESSOR zu.

Eigentum ist das umfassendste dingliche Recht (Vollrecht) an einer Sache, das eine Person
haben kann.
IURA IN RE ALIENA (Rechte an einer fremden Sache): Beschränkte dingliche Rechte
gewähren den jeweils Berechtigten lediglich eine beschränkte Nutzung einer Sache, die einem
anderen gehören.
-) SERVITUS (Dienstbarkeit)
-) ACTUS Recht des Viehtriebs
-) PIGNUS Pfandrecht
-) SUPERFICIARIUS Baurecht
Bestehen beschr änkte dingliche Rechte an einer Sache, so ist das Vollrecht des Eigentümers
insofern eingeschränkt, indem er diese Nutzung nicht verhindern darf.

Der Eigentümer ist, nötigenfalls mit dinglichen Klagen durchsetzbar, befugt:


-) seine Sache zu benützen, Benützung zu gestatten oder andere daran zu hindern.
-) Früchte aus seiner Sache zu ziehen. Früchte gehören dem Eigentümer der Muttersache.
(FRUCTUS NATURALES – Obst und Gemüse, FRUCTUS CIVILES – Mietzins)
-) in die Substanz der Sache einzugreifen (verändern, verarbeiten, zerstören)
-) Verfügungsbefugnisse zu erteilen
-) beschränkte dingliche Rechte einzuräumen
-) Eigentum zu übertragen
-) sich seiner Sache zu entledigen, ohne einem anderen zu übertragen (derelinquieren – RES
DERELICTA)
-) Sklaven freizulassen, dadurch wird der Sklave zum Rechtssubjekt

Das Eigentumsrecht wird durch zwingende rechtliche Vorschriften gebunden, welche selbst
private Vereinbarungen verdrängen:
-) Ehegattenschenkungsverbot
-) Bauvorschriften
-) niemand darf durch die Sache Schaden nehmen
-) Beschränkungen im Interesse/zu Gunsten der Nachbarn
Sie werden daher auch Legalservituten genannt.

Miteigentümer haben gemeinsam dieselben Rechte an einer Sache, die sonst ein einzelner hat.
-) Erbengemeinschaft (CONSORTIUM): Das Eigentum kommt gemeinsam zu, keinem
Miterben gehört ein bestimmter Anteil am Vermögen. Verfügungen müssen gemeinschaftlich
getroffen werden. Beendigung des Miteigentums und Aufteilung des Vermögens kann durch
jeden Miteigentümer mit der ACTIO FAMILIAE ERCISCUNDAE gefordert werden.
-) Miteigentum nach Quoten (CONDOMINIUM): jedem Miteigentümer steht ein ideeller
Anteil am Eigentum zu. Darüber kann jeder frei verfügen, über die Sache selbst jedoch nur
gemeinsam. Zur Aufhebung der Gemeinschaft und Aufteilung des Vermögens dient die

RR – Zusammenfassung Seite 7 /7
ACTIO COMMUNI DIVIDUNDO. Lässt sich die Sache nicht ohne Wertverlust aufteilen, so
kann der Richter Ausgleichszahlungen sowie Zivilteilung (Erlös wird geteilt) anordnen.

RR – Zusammenfassung Seite 8 /8
VI. Eigentumserwerb

Eigentumserwerb kann auf 3 verschiedene Tatbestandsgruppen unterschieden werden:


-) Eigentumserwerb durch Übereignungsgeschäft
Eigentum wird in einem Verfügungsgeschäft derivativ vom Veräußerer an den Erwerber
übertragen durch:
+) MANCIPATIO
+) IN IURE CESSIO
+) TRADITIO

NEMO PLUS IURIS TRANSFERRE POTEST QUAM IPSE HABET


Niemand kann mehr Rechte übertragen, als er selbst hat

-) Eigentumserwerb durch Ersitzung (USUCAPIO)


Ersitzung ist Eigentumserwerb durch qualifizierten Besitz während einer bestimmten Zeit
Ist ein derivativer Eigentumserwerb wegen eines Mange ls misslungen, dann kann die
originäre Erwerbsart der USUCAPIO dem Empfänger zustatten kommen. Nach Ablauf einer
Frist gehört die Sache dem Usukapienten da dann der rechtliche Mangel geheilt ist.

-) „Natürlicher“ Eigentumserwerb
+) OCCUPATIO (Aneignung):
Wer eine herrenlose Sache (RES NULLIUS) in Besitz nimmt, wird ihr originärer Eigentümer.
+) Fruchterwerb:
Durch SEPERATIO der Frucht von der Muttersache erwirbt der Eigentümer Muttersache
Eigentum an der Frucht, sei es, dass er nur gutgläubiger Besitzer ist. Der Erbpächter, Pächter
und Nießbraucher erwerben ebenfalls durch PERCEPTIO Eigentum an den Früchten.
+) ACCESSIO (Verbindung):
Werden Gegenstände verschiedener Eigentümer miteinander fest verbunden, erwirbt der
Eigentümer der Hauptsache originär Eigentum. Dem vormaligen Eigentümer der Nebensache
steht Wertersatzanspruch zu.
+) CONFUSIO, COMMIXTIO (Vermischung, Vermengung):
Bei ununterscheidbaren Vermischung bzw Vermengung gleichartiger Stoffe, kann jeder
Betroffene sogleich im Umfang seines Beitrags vindizieren, VINDICATIO PRO PARTE
+) SPECIFICATIO (Verarbeitung)
Eine SPECIFICATIO nimmt vor, wer aus fremdem Material unbefugt eine Sache mit
veränderter Art herstellt.
Sabinianer: Eigentümer der hergestellten Sache ist früherer Eigentümer des Materials
Prokulianer: Verarbeiter wird Eigentümer der hergestellten Sache
MEDIA SENTENTIA: Besteht die Möglichkeit, die Verarbeitung rückgängig zu machen, so
gehört das Produkt dem Materialseigentümer. Ist hingegen das Rückführen nicht möglich, so
gehört es dem Verarbeiter, er hat dem ehemaligen Materialeigentümer Wertersatz zu leisten.

RR – Zusammenfassung Seite 9 /9
VII. Eigentumserwerb durch Übereignung

-) MANCIPATIO und IN IURE CESSIO


Nur für römische Bürger und verschaffen dem Erwerber ziviles (quiritisches) Eigentum.

+) MANCIPATIO ist für RES MANCIPI (für Agrarwirtschaft, zB Sklaven, italische


Grundstücke, Zug-/Tragetiere, Feldservitute,…). 5 Zeugen + Waagenhalter
Die Manzipation ist ein abstraktes, jedoch derivatives, Verfügungsgeschäft, eine reale
Sachhingabe ist nicht erforderlich. Mit einer CONDICTIO kann eine nicht gerechtfertigte
Vermögensverschiebung rückgängig gemacht werden.
+) IN IURE CESSIO
Ebenso ein abstraktes, derivatives Verfügungsgeschäft, welches einen Formalakt verlangt.
Vor dem Prätor behauptet der Erwerber, die Sache gehöre ihm, und der Veräußerer
widerspricht nicht. Dem Empfänger, dem Erwerber, wird Eigentum zugesprochen.

-) TRADITIO
Kausales Verfügungsgeschäft auch für nicht-Römer verwendbar.
Formfreie Verfügung, die von 3 Voraussetzungen abhängt:
+) Dingliche Berecht igung des Vormanns, der Eigentümer oder Verfügungsberechtigter sein
muss.
+) Besitzübertragung vom Veräußerer auf den Erwerber
+) Erwerbstitel (IUSTA CAUSA = TITULUS) muss rechtlich anerkannt sein um die Sache zu
übertragen.

Mit der TRADITIO kann man ziviles Eigentum nur an RES NEC MANCIPI übertragen.
Andernfalls wird der Erwerber erst nach Ablauf der Ersitzungsfrist (zur Heilung des
rechtlichen Mangels) ziviler Eigentümer. Davor genießt er als bonitarischer (prätorisch)
Eigentümer gegenüber jedermann Rechtsschutz. Seine Klage ist nicht die (zivile) REI
VINDICATIO sondern die (prätorische) ACTIO PUBLICIANA.

Formlose Schenkung (DONATIO) und Darlehen (MUTUUM) kennen in Rom kein der
Traditio vorangehendes Verpflichtungsgeschäft, sondern kommen als CAUSA jeweils mit der
realen, einvernehmlichen Sachübergabe zu Stande.

RR – Zusammenfassung Seite 10 / 10
VIII. Eigentumserwerb durch Ersitzung – USUCAPIO

USUCAPIO
-) bei Vorliegen eines Formmangels, wenn Erwerber zunächst nur bonitarisches Eigentum hat.
-) wenn wegen einem rechtlichen Mangel beim Vormann derivativer Eigentumserwerb
fehlschlug
-) bei einer ruhenden Erbschaft – oder von Teilen einer solchen (USUCAPIO PRO HEREDE)

Ersitzung infolge eines Formmangels:


Erst nach Ablauf der Ersitzungsfrist wird der bonitarische Eigentümer ziviler Eigentümer.
Dies kann sein wenn:
-) jemand eine herrenlose RES MANCIPI okkupiert
-) jemand erwirbt eine RES MANCIPI durch TRADITIO

Ersitzung infolge eines rechtlichen Mangels beim Vormann


-) Dem Veräußerer fehlt es am Eigentum bzw an einer entsprechenden Verfügungsbefugnis
NEMO PLUS IURIS TRANSFERRE POTEST QUAM IPSE HABET
-) Jemand erwirbt von einem PUPILLUS, FURIOSUS oder PRODIGUS ohne der
AUCTORITAS des TUTOR oder CURATOR – unzureichende Geschäftsfähigkeit, scheitert
bereits am Verpflichtungsgeschäft
-) Es mangelt an gültiger CAUSA obwohl der Erwerb von einem voll Geschäftsfähigen ist
(zB bei einem Kausalgeschäft liegt kein Konsens vor).

Putativtitel: bloß vermeintliche CAUSA, bei BONA FIDES des Erwerbers, der irrtümlich
annimmt, es gebe eine gültige CAUSA, wird die Ersitzung zugelassen.

Voraussetzungen zur Ersitzung:


1) RES HABILIS (ersitzungsfähige Sache)
2) TITULUS (Rechtsgrund)
3) BONA FIDES (guter Glaube)
4) POSSESSIO (Besitz)
5) TEMPUS (Ersitzungszeit)

ad 1) RES HABILIS
ausgeschlossen sind RES EXTRA COMMERCIUM (RES PUBLICAE – öffentliche Sachen,
RES DIVINI IURIS – religiöse Sachen) und RES FURTIVA

ad 2) TITULUS = IUSTA CAUSA USUCAPIONIS = IUSTA CAUSA TRADITIONIS


Beim Erwerb vom beschränkt Geschäftsfähigen im guten Glauben, wird Ersitzung
zugelassen. Wenn es am der CAUSA beim Erwerb vom voll Geschäftsfähigen scheitert, ist
jedoch eine Putativtitel- Ersitzung möglich, sofern guter Glauben vorliegt. Wenn der Erwerber
meint, er erwerbe derivativ Eigentum, dann wir eine Ersitzung zugelassen.

ad 3) BONA FIDES
BONA FIDES ist, wer den Mangel der Verfügungsbefugnis, der Geschäftsfähigkeit oder des
gültigen Titel nicht kennt. MALA FIDES ist, wer Kenntnis des Mangels hat.
BONA FIDES ist nur im Zeitpunkt des Ersitzungsbeginns nötig. Schlechter Glaube, der sich
nachträglich einstellt, schadet der Ersitzung nicht.

ad 4) POSSESSIO

RR – Zusammenfassung Seite 11 / 11
Die USUCAPIO beginnt, sobald der Erwerber POSSESSIO am Gegenstand erlangt. Die
POSSESSIO darf nicht auf Grund von VI, CLAM oder PRECARIO erlangt sein. Nur der im
Ersitzungszeitraum ununterbrochene Besitz führt zum Eigentumserwerb, Detention möglich.

Hat der Usukapient Besitz verloren, hat er die ACTIO PUBLIC um wieder Besitz daran zu
erlangen.

ad 5) TEMPUS
Ununterbrochener Besitz zum Erlangen von zivilem Eigentum bei
unbeweglichen Sachen von 2 Jahren
beweglichen Sachen von 1 Jahr
Wird der Besitz unterbrochen, fängt TEMPUS erneut von vorne an.
Bei Besitzübertragung an der Sache, fängt der neue Besitzer mit der Ersitzung von vorne an.

LEX ATINIA
Sie bestimmt, dass eine gestohlene Sache nicht ersessen werden kann, bis sie in die
POTESTAS ihres Eigentümer zurückgekehrt ist. Eine REVERSIO IN POTESTATEM tilgt
den Makel der Furtivität.
Solange eine Sache gestohlen ist, kann sie von niemand ersessen werden. Wenn die furtive
Sache zum Eigentümer zurückkehrt, kann sie später bei Verlust jedoch ersessen werden.

RR – Zusammenfassung Seite 12 / 12
IX. Natürlicher Eigentumserwerb

Aneignung – OCCUPATIO
Wer eine Sache, die niemandem gehört (RES NULLIUS), in Besitz nimmt, erwirbt er
zugleich originär Eigentum daran.
Okkupiert können ursprünglich herrenlose oder derelinquierte Sachen und Schätze werden.
OCCUPATIO erfordert eine deutliche und sichere Sachgewalt – entkommt ein wildes Tier,
gehen Besitz und Eigentum an ihm verloren.
An gezähmten Tieren bleibt Eigentum solange aufrecht, wie sie gewohnheitsmäßig
zurückkommen – CONSUETUDO REVERTENDI.
Eigentum hält man für erloschen, wenn sich die Sache dem menschlichen Zugriff entzogen
hat, dies kommt einem Sachuntergang gleich.
An einer verlorenen, aber nicht preisgegebenen Sache, gibt es keine OCCUPATIO.
Schatz (THESAURUS) ist eine beträchtlich wertvolle Sache, die solange versteckt war, dass
sich deren Eigentümer nicht mehr feststellen lässt.

Fruchterwerb
Wiederkehrende, von einer Sache ohne Beeinträchtigung ihrer Substanz gewinnbare
Erträgnisse sind Früchte (FRUCTUS).
Sobald die Frucht von ihrer Muttersache getrennt wird, erwirbt der Eigentümer der
Muttersache originär Eigentum an der Frucht – SEPERATIO.
Der EMPHYTEUTA (Erbpächter) erwirbt mit SEPARATIO Eigentum an den Früchten.
Der USUSFRUCTUS ist ein höchstpersönliches dingliches Nutzungsrecht an einer
beweglichen oder unbeweglichen Sache. Erst mit PERCEPTIO (Ergreifen) erwirbt der
USUFRUCTUARIUS Eigentum an den Früchten, davor stehen sie im Eigentum des
Eigentümers der Muttersache.
Der USUFRUCTUARIUS hat die VINDICATIO USUSFRUCTUS
Der Pächter (CONDUCTOR, COLONUS) hat ein vertragliches Nutzungsrecht an einer
beweglichen oder unbeweglichen Sache und erwirbt mit PERCEPTIO an den Früchten der
Pachtsache derivativ Eigentum.

Verbindung – ACCESSIO
ACCESSIO CEDIT PRINCIPALI: Die Nebensache folgt der Hauptsache
Dem Eigentümer der Hauptsache fällt das Eigentum an der Nebensache zu, sobald diese fest
mit der Hauptsache verbunden wird; er hat dem ehemaligen Eigentümer der Nebensache für
diese Wertersatz zu leisten.
Entscheidend ist eine feste Verbindung, die sich nur noch schwer und unter schwerer
Beschädigung der Sache lösen lässt. (zB beim Schweißen, nicht beim Löten)
Lose Verbindungen berühren das Eigentum des Betroffenen nicht.
Unterschieden wird zwischen Haupt- und Nebensache gemäß dem Vindikationsverfahren
(was sich selbst vorweisen und vindizieren lässt).
Kein Kriterium ist das Wertverhältnis oder der Wert der beim Verbinden geleisteten Arbeit.

Wer durch ACCESSIO unfreiwillig Eigentum verliert, kann Wertersatz mit der ACTIO IN
FACTUM vom gutgläubigen Verarbeiter fordern. Vom bösgläubigen Verarbeiter, der ja ein
FURTUM begeht, mit der CONDICTIO FURTIVA.

Der Boden gilt immer als Hauptsache.


-) IMPLANTATIO: Pflanzen gehören Grundbesitzer, sobald sie Wurzeln schlagen.
-) SATIO: Die Saat gehört dem Ackereigentümer, sobald die Aussaat erfolgt ist.

RR – Zusammenfassung Seite 13 / 13
-) AEDIFICATIO: Ein mit Fundamenten errichtetes Gebäude gehört dem Eigentümer des
Grundstückes, auf dem es steht.

Sonderfall: Hausbau
Die sonst bei loser Verbindung mögliche Trennung der Ausgangsmaterialien durch die
ACTIO AD EXHIBENDUM wird beim Bauwerk nicht zugelassen. Sie können erst vindiziert
werden, sobald das Haus abgerissen wird oder einstürzt.
Jedoch kann man davor mit der ACTIO INFACTUM oder mit der CONDICTIO FURTIVA
Wertersatz geltend machen, dann erlischt auch sein ruhendes Eigentum daran.

ACTIO DE TIGNO IUNCTO:


Wer auf seinem Boden ein Gebäude errichtet und im Zuge dessen fremdes Material
mitverwendet, muss dem Eigentümer den doppelten Wert des Materials ersetzen.

Vermischung – CONFUSIO
Vermengung – COMMIXTO
Jeder vindiziert aus der Mischung oder aus dem Gemenge mit der Mengen- oder
Quantitätsvindikation (VINDICATIO PRO PARTE) soviel, wie dem Quantum bzw dem Wert
seines Beitrages entspricht.
Mit der ACTIO COMMUNDI DIVIDUNDO ist bei einer einvernehmlich durchgeführten
Vermischung/Vermengung zu klagen. Das Einvernehmen der Beitragenden lässt an der
vermischten/vermengten Substanz Miteigentum (COMMUNIO) entstehen.

Sonderfall: Vermengung von fremdem Geld mit eigenem


Wenn fremdes Geld mit eigenem ununterscheidbar vermengt wird, erwirbt man originär
(Allein)Eigentum daran. Es ist dabei egal, ob dies gutgläubig oder bösgläubig vorgenommen
wird. Ebenso steht keine (Mengen)Vindikation zu, jedoch kann man Wertersatz verlangen.
CONDICTIO INDEBITI – Bereicherungsklage bei irrtümlicher Leistung einer Nichtschuld
CONDICTIO FURTIVA – auf Wertersatz bei gestohlenen Münzen

Verarbeitung – SPECIFICATIO
Wer durch gestalterisches Einwirken auf eine fremde Sache eine Sache mit veränderter Art
entstehen lässt, nimmt eine Verarbeitung vor. Meist wird diese dann anders genannt.

1) Sabinianer: Eigentümer des Ausgangsstoffes ist Eigentümer des Verarbeitungsprodukts.


2) Prokulianer: Wird die Gestalt der Sache verändert, so geht diese und das Eigentum daran
unter. Der Produzent erwirbt mit OCCUPATIO somit Eigentum am Verarbeitungsprodukt.
3) MEDIA SENTENTIA: Lässt sich der Verarbeitungsprozess rückgängig machen, dann
gehört das Produkt dem, dessen Sache verarbeitet wurde. Ist die Rückführbarkeit nicht
gegeben, so erwirbt der Verarbeitende originär Eigentum am Produkt da das ursprünglich
bestehende Eigentum an der Sache erlischt.

Dies gilt nur, wenn die Verarbeitung nicht im Einvernehmen beider


Parteien stattfindet.

RR – Zusammenfassung Seite 14 / 14
X. Eigentumsschutz

Dingliche Rechte sind mit ACTIONES IN REM gegenüber jedermann durchsetzbar.

Zwei Verfahrensabschnitte:
1) IN IURE: Verfahren vor dem PRAETOR
2) APUD IUDICEM: Verfahren vor dem IUDEX

ad 1) Der PRAETOR gewährt ACTIONES und EXCEPTIONES welche er zu Beginn des


Amtsjahres in einem Edikt bekannt gegeben hat.
Die Parteien erscheinen vor dem Prätor um den Streit anhängig zu machen.
Der Prätor prüft anschließend, ob es eine ACTIO gibt.
-) Der Prätor spricht eine ACTIO aus dem Edikt zu
-) Dem Begehren entspricht zwar keine ACTIO, der Prätor gewährt aber eine ACTIO IN
FACTUM oder eine ACTIO UTILIS da er das Begehren für zulässig hält
-) Der Prätor verweigert das Begehren.
Das Verfahren IN IURE endet mit LITIS CONTESTATIO, der Prätor erlässt die
Prozessformel.

ad 2) Der IUDEX hat das Urteil gemäß dem vorgegebenen Streitprogramms des Prätors zu
fällen. Der IUDEX stellt darin fest, was von den Behauptungen der Parteien tatsächlich
zutrifft.

-) ziviler Eigentümer klagt mit der REI VINDICATIO auf Herausgabe der Sache
-) der Ersitzungsbesitzer mit der ACTIO PUBLICIANA
-) zum Schutz gegen Eigentumsstörungen dient die ACTIO NEGATORIA

Der erste Teil der ACTIO wird als INTENTIO (=Anspruchsgrundlage) bezeichnet.
Der zweite Teil der ACTIO wird als CLAUSULA ARBITRARIA (=Herausgabe der Sache),
der dritte Teil der ACTIO wird als CONDEMNATIO (=Verurteilung auf Geld) bezeichnet.

Bsp: Falls A Eigentümer der Sache ist (1), soll B ihm die Sache herausgeben (2), oder deren
Wert ersetzen (3).

Der Wert der Sache im Urteilszeitpunkt ist ein Schätzwert, der bei doloser Weigerung der
Herausgabe, vom Kläger geschätzt wird. Gelingt der Eigentumsbeweis des Klägers, so hat der
Beklagte die Sache zu restituieren. Falls sich jemand dolos auf einen Eigentumsstreit einlässt
oder die Sache dolos aufgibt, wird er dennoch verurteilt.

EXCEPTIONES werden bei der INTENTIO angehängt.

Die EXCEPTIO DOLI stellt darauf ab, dass der Kläger einen Verstoß gegen Treu und
Glauben (DOLUS) begangen hat oder begeht.
Die EXCEPTIO REI VENDITAE ET TRADITAE dient dem Schutz des bonitarischen
Eigentümers.

Bei ACTIONES IN REM gibt es keinen Einlassungszwang. Tut dies der Besitzer nicht, wird
er auf Wert der Sache verurteilt, legt er aber die Sache vor und weigert sich als Beklagter
einzulassen, wird der Kläger vom Prätor zur Inbesitznahme der Sache ermächtigt.

RR – Zusammenfassung Seite 15 / 15
RESTITUERE-Prinzip:
Der Kläger ist bei Obsiegen so zu stellen, als wäre im die Sache bei LITIS CONTESTATIO
bereits vom Beklagten herausgegeben worden, so hätte er den Nutzen aus der Sache ziehen
können.

Daher hat der Kläger einen Anspruch auf zwischenzeitlich möglichen Nutzen der Sache, dh
Früchte die der Beklagte gezogen hat und ziehen hätte können.

Haftung des Beklagten bei Sachuntergang zwischen LITIS CONTESTATIO und Urteil:
Prokulianer: Wäre die Sache nach LITIS CONTESTATIO gleich herausgegeben, wäre sie
nicht untergegangen, daher haftet der Beklagte für DOLUS, CULPA und CASUS.
Sabinianer: Der Beklagte muss gemäß seinem Verschulden einstehen, also nur für DOLUS
und CULPA.

Der gutgläubige Besitzer hat gegen die REI VINDICATIO des Eigentümers eine EXCEPTIO
DOLI (PRAESENTIS).

War der Beklage ein BONAE FIDEI POSSESSOR, so kann er alle von ihm erbrachten
wertsteigernden Aufwendungen an der Sache geltend machen. Dies kann er mittels eines
Zurückbehaltungsrechts (RETENTIO) ausüben. Solange der Eigentümer die Aufwendungen
nicht ersetzt, scheint die Prozessführung dolos, daher kann der Beklagte erst nach Ersetzung
der Aufwendungen verurteilt werden.

ACTIO PUBLICIANA
Anspruchsgrundlage ist im Gegensatz zur REI VINDICATIO nicht das zivile Eigentum,
sondern dass der Kläger ziviler Eigentümer wäre, wenn er die Sache ersessen hätte.
Sie kommt daher dem Ersitzungsbesitzer, dem bonitarischen Eigentümer sowie dem zivilen
Eigentümer, dessen derivativer Erwerb sich nicht mehr oder nur schwer nachweisen lässt
(PROBATIO DIABOLICA), zu.

Richtet sich eine EXCEPTIO gegen eine ACTIO, so gibt es manchmal für den Kläger noch
die Möglichkeit, eine REPLICATIO (Gegeneinrede) gegen die EXCEPTIO zu erheben.

EXCEPTIO IUSTI DOMINI


Einrede des zivilen Eigentümers gegen eine ACTIO PUBLICIANA des Ersitzungsbesitzers.
Die Position des bloßen Ersitzungsbesitzers, der erst durch vollendete USUCAPIO
Eigentümer würde, ist schwächer als die des aktuellen Eigentümers.

REPLICATIO REI VENDITAE ET TRADITAE


Gegeneinrede des Klägers gegen eine EXCEPTIO IUSTI DOMINI
Wenn der bonitarischer Eigentümer seinen Vormann klagt, dieser die EXCEPTIO IUSTI
DOMINI anstellt, würde er unterliegen, da dieser noch quiritscher Eigentümer ist. Um dem
entgegenzutreten, hat er die REPLICATIO oder eine EXCEPTIO DOLI gegen diesen
à der bonitarische Eigentümer ist stärker als sein Vormann.

Wird eine Sache zweimal verkauft, erwirbt derjenige Eigentum an ihr, dessen
Verfügungsgeschäft früher zu Stande kommt, auf Grund dessen Eigentum übergeht.

ACTIO NEGATORIA
Wenn jemand behauptet, ein Servitut odg an einer Sache zu haben, steht dem Eigentümer die
ACTIO NEGATORIA zur Verfügung. Ebenso um sich gegen Immissionen zu wehren.

RR – Zusammenfassung Seite 16 / 16
XI. Servituten

Servituten (Dienstbarkeiten) sind beschränkte dingliche Rechte an einer fremden Sache, durch
die der Eigentümer der Sache verbunden ist, einem anderen die Ausübung eines Rechts zu
gestatten, oder das zu unterlassen, was er als Eigentümer sonst zu tun berechtigt wäre.

Man unterscheidet zwischen


-) Prädialservituten (Grunddienstbarkeiten)
+) Feldservituten
*) Wegeservituten: das Recht, über ein fremdes Grundstück zu gehen oder zu reiten
(ITER), Vieh zu treiben (ACTUS) oder zu fahren (VIA)
*) Wasserservituten: das Recht, über ein fremdes Grundstück Wasser zu leiten (AQAUE
DUCTUS) oder auf einem fremden Grundstück Wasser zu schöpfen (AQUAE HAUSTUS)
*) Weideservitut: das Recht, sein Vieh auf einem fremden Grundstück zu weiden (IUS
PASCENDI)
+) Gebäudeservituten
*) Bauführung: das Verbot des Höherbauens (IUS ALTIUS NON TOLLENDI) oder das
Recht des freien Lichtzugangs und freier Aussicht (IUS LUMINS)
*) Stützrecht: das Recht, einen Balken im Nachbarbauwerk z haben (IUS TIGNI
IMMITTENDI) oder das Recht, sein Gebäude auf ein benachbartes tiefer gelegenes zu stützen
(IUS ONERIS FERENDI)
*) Abflussrechte: Dachtraufe auf ein Nachbarstück (IUS STILLICIDII), Regenwasser über
ein fremdes Grundstück abzuleiten (IUS FLUMINIS) oder Abwasser abzuleiten (IUS
CLOACAE)

-) Personalservituten (persönliche Dienstbarkeiten).


+) USUSFRUCTUS (Nießbrauch): an Befugnissen umfangreichste persönliche
Dienstbarkeit, das Recht fremde Sachen, unter Schonung ihrer Substanz gemäß eines BONI
VIRI ARBITRATU, zu gebrauchen und von ihr Früchte zu ziehen.
+) USUS: lediglich den Gebrauch einer Sache ohne Fruchtziehung
+) HABITATIO: dingliches Wohnrecht
+) OPERAE SERVORUM: Überlassung von Arbeitskraft von Sklaven
+) OPERAE ANIMALIUM: Überlassung von Arbeitskraft von Tieren

Grunddienstbarkeiten sollen zur besseren Nutzung des herrschenden Grundstücks dienen,


aber auch nur insofern, als sie für dessen bessere Nutzung wirklich notwendig ist. Die
Dienstbarkeit ist schonend auszuüben und darf nicht vom Berechtigten einseitig erweitert
werden.

Personalservituten kommen einer bestimmten Person zu, sie sind höchstpersönlich.

Der Servitutsberechtigte ist nicht Eigenbesitzer einer Sache. Als dingliche Klage steht im die
VINDICATIO SERVITUTIS = ACTIO CONFESSORIA zur Verfügung. (Feststellung des
Bestehens der Servitut sowie auf herstellen des servitutsgemäßen Zustandes).

USUCAPIO LIBERTATIS
Wenn der Servitutsberechtigte die Servitut weder selbst, noch durch andere, ausübt, so kann
der Eigentümer die Freiheit seiner Sache von Servitute ersitzen. (bew. 1 bzw unbew. 2 Jahre)

Legalservituten sind nachbarrechtliche Eigentumsbeschränkungen, zB klauben von herüber


gefallenem Fallobst. Zur Durchsetzung: INTERDICTUM DE GLANDE LEGENDA
RR – Zusammenfassung Seite 17 / 17
Erbpacht (EMPHYTEUSE) ist das veräußerbare und vererbliche dingliche Recht, gegen
Zahlung eines Zinses ein Grundstück zu nutzen. Dem Erbpächter steht die REI VINDICATIO
UTILIS zur Verfügung.

Erbbaurecht (SUPERFICIES) ist das veräußerbare und vererbliche dingliche Recht, auf einem
fremden Grundstück gegen Zahlung eines Zinses ein Gebäude zu unterhalten. Der
Bauberechtigte hat ein INTERDICTUM DE SUPERFICIEBUS bzw eine ACTIO IN
FACTUM.

RR – Zusammenfassung Seite 18 / 18
XII. Pfandrecht – PIGNUS

Das Pfandrecht ist das beschränkte dingliche Recht an einer fremden Sache, sich bei
Fälligkeit und Nichterfüllung der gesicherten Forderung aus der Sache zu befriedigen.

Das Pfandrecht kann durch Parteienvereinbarung, richterliche Verfügung oder einfach auf
Grund der Rechtsordnung entstehen. Dies kann als besitzloses Pfand oder als Besitz-
/Faustpfand des Gläubigers bestellt werden.

Bei der Bürgschaft (FIDEIUSSIO) verspricht der Bürge zu leisten, was der Schuldner
schuldet. Bei Sicherungsübereignung (FIDUCIA CUM CREDITORE) wird eine Sache des
Sicherungsgebers an den Gläubiger übereignet (=Treuhand).

Der Pfandgläubiger sichert seine Forderung durch das dingliche Pfandrecht.


Der Pfandrealvertrag ist ein schuldrechtliches Verhältnis und kommt mit Hingabe der
Pfandsache an den Pfandgläubiger zu Stande.

Drei Voraussetzungen für das Pfandrecht:


1) Es muss eine gültige Forderung seitens des Gläubigers bestehen.
2) Der Pfandbesteller muss Eigentümer der Pfandsache bzw verfügungsbefugt sein.
(Bonitarisches Eigentum genügt).
3) Es bedarf einer entsprechenden CONVENTIO PIGNORIS (Pfandabrede = Vereinbarung,
dass die Pfandsache für die Forderung des Gläubigers verpfändet sein soll).

Der Pfandgläubiger hat zur Geltendmachung seines dinglichen Rechts an der Sache die
ACTIO IN REM, er kann bei Fälligkeit und Nichterfüllung die Sache von jedem Besitzer
herausverlangen.

ACTIO IN REM = ACTIO PIGNERATICIA IN REM = VINDICATIO PIGNORIS

Die Verurteilung, falls nicht restituiert wird, erfolgt in Geld, jedoch bloß in Höhe der
Forderung.

Eine REI VINDICATIO des Pfandbestellers kann der Faustpfandgläubiger mit der
EXCEPTIO PIGNERATICIA abwehren.

Pfandrealvertrag
CONVENTIO PIGNORIS + DATIO (reale Übergabe)
Erfolgt die DATIO bei Pfandbegründung, so entsteht ein Faustpfand.
Der Pfandbesteller kann die Pfandsache zurückverlangen, sobald eine Voraussetzung des
Pfandrechts wegfällt (meist die zu tilgende Schuld). Ein Mehrerlös (SUPERFLUUM) der
Pfandsache bei Verwertung muss an den Pfandbesteller herausgegeben werden.

Der Pfandbesteller macht diese Ansprüche (verlangen des SUPERFLUUM) mit der ACTIO
PIGNERATICIA IN PERSONAM DIRECTA geltend.
Der Pfandgläubiger macht seine Ansprüche mit der ACTIO PIGNERATICIA IN
PERSONAM CONTRARIA geltend (zB Schäden oder Aufwendungen durch die Pfandsache,
oder wenn er vom Pfandbesteller unbefugt eine fremde Sache erhalten hat).

RR – Zusammenfassung Seite 19 / 19
Veräußerung der Pfandsache
Zur Veräußerung ist der Pfandbesteller ohne Zustimmung des Pfandgläubigers nicht
berechtigt.
a) Der Pfandbesteller kann das Pfand im Einvernehmen mit dem Pfandgläubiger an einen
Dritten veräußern; gibt es keinen Vorbehalt des Pfandgläubigers, so wird seine Zustimmung
als Verzicht auf das Pfandrecht gedeutet.
b) Der Pfandgläubiger kann dem Pfandbesteller die Veräußerung des Pfandes gestatten, dabei
aber verlangen, dass sein Pfandrecht erhalten bleibt. Der Pfandbesteller kann dann dem
Dritten kein lastenfreies Eigentum verschaffen.

Veräußert der Pfandbesteller seine bewegliche Sache ohne Erlaubnis dolos, so gilt er als FUR.
Der Erwerber erlangt bloß Besitz, der Pfandbesteller bleibt Eigentümer des Pfandes.
Geschieht dies gutgläubig, erlangt der Dritte belastetes Eigentum.

Die Verwertung muss der Pfandgläubiger dem Pfandbesteller dreimal ankündigen


(DENUNTIATIO). Mit der Verwertung der Pfandsache erlischt das Pfandrecht an der Sache.
Verwertet wird es meist durch Verkauf (öffentliche Versteigerung). Dem Erwerber wird
Eigentum verschafft. Nachrangige Pfandgläubiger können auf ein SUPERFLUUM mit der
ACTIO UTILIS greifen.

Wird die CONVENTIO PIGNORIS über einen Gegenstand getroffen, dessen Eigentümer der
Pfandbesteller nicht ist und über den zu verfügen er auch keine Befugnis hat, so erla ngt der
Pfandgläubiger kein dingliches Pfandrecht. Wenn der Verpfänder zu einem späteren
Zeitpunkt Eigentum an diesem Gegenstand erwirbt, heilt die Position des Gläubigers.

Das Pfandrecht erlischt durch Wegfall der zu sichernden Schuld (durch Zahlung, Schulderlass
oder Kompensation). Erfasst das Pfandrecht mehrere Gegenstände, so bleibt es an allen
verpfändeten Sachen bestehen, bis die gesamte Schuld getilgt ist.

Der Pfandgläubiger kann auf sein Pfandrecht verzichten.


Wenn der Pfandgläubiger Eigentum am Pfandgegenstand erlangt, erlischt das Pfandrecht.
Wenn der Pfandgegenstand untergeht, erlischt das Pfandrecht an ihm.

Bei nichtrückführbarer SPECIFICATIO erlischt das Pfandrecht.


USUCAPIO bringt ein Pfandrecht nicht zum Erlöschen.

Beispiel: Umfasst die Pfandabrede nur die Verpfändung eines Waldes, geht das Pfandrecht
mit fällen der Bäume unter. Wird dies aber in die Pfandabrede aufgenommen, so kann zB ein
daraus gebautes Schiff (SPECIFICATIO) weiter als verpfändet gelten. Die daran stattfindende
USUCAPIO lässt das Pfandrecht weiter bestehen.

Spezialpfand = Verpfändung eines einzelnen Gegenstandes


Generalpfand = Verpfändung einer Mehrzahl körperlich selbstständiger Sachen, die
wirtschaftlich zusammen gehören (UNIVERSITAS RERUM, Gesamtsache). Nicht dazu
gehören zB Hausrat, Kleider sowie Sklaven mit besonderen funktionalen oder emotionalen
Nahebeziehung zu ihrem Eigentümer.

PIGNUS TACITUM – Pfandrecht ohne Pfandvereinbarung (stillschweigende Verpfändung)


Bei der Miete einer Wohnung die eingebrachten Sachen (INVECTA ILLATA) des Mieters
gelten dem Vermieter zur Sicherung des Mietzins als stillschweigend verpfändet. Der

RR – Zusammenfassung Seite 20 / 20
Vermieter darf sie eigenmächtig beschlagnahmen und muss keine Klage dafür anstellen. Der
Mieter kann das INTERDICTUM DE MIGRANDO auf Freigabe der beschlagnahmten
Sachen geltend machen.

Bei Pacht von landwirtschaftlichen Grundstücken gelten die gezogenen Früchte als
verpfändet, da der Pächter erst mit PERCEPTIO Eigentum an diesen erwirbt. Sachen die auf
das Grundstück eingebracht werden müssen ausdrücklich verpfändet werden.

Den Parteien steht es offen, dies ausdrücklich von der Verpfändung auszuschließen.

„Gesetzliche“ Pfandrechte – „Legalhypotheken“


Wenn jemand zur Wiederherstellung eines Gebäudes ein Darlehen gibt, erhält er ein
Pfandrecht am Gebäude. Ebensolche sind Forderungen des FISCUS, zu Gunsten des Mündels
am Vermögen des Vormundes sowie für die Frau zur Sicherung der DOS. Legalhypotheken
sind Generalpfandrechte und umfassen das gesamte Vermögen des Schuldners.

Mehrfachverpfändung
Es gibt eine Rangordnung bei den Pfandrechten, die zeitlich abhängig ist –
PRIOR TEMPORE, POTIOR IURE („Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“).

Gegen eine VINDICATIO PIGNORIS eines nachrangigen Pfandgläubigers kann sich der
vorrangige Pfandgläubiger mit der EXCEPTIO REI SIBI ANTE PIGNERATAE wehren.

Entstehen zwei Pfandränge zur selben Zeit, so hat derjenige die bessere Position, der die
Sache besitzt (MELIOR EST CAUSA POSSIDENTIS).

Klagt der nichtbesitzende bleichrangige Pfandgläubiger den besitzenden gleichrangigen, so


hat der besitzende die EXCEPTIO REI SIBI QUOQUE PIGNERATAE .
Klagt der nichtbesitzende vorrangige Pfandgläubiger einen besitzenden nachrangigen, so kann
der nachrangige Pfandgläubiger zwar die EXCEPTIO REI SIBI QUOQUE PIGNERATAE
anstellen, der vo rrangige jedoch die REPLICATIO REI SIBI ANTE PIGNERATAE à der
erstrangige Pfandgläubiger erlangt Besitz der Sache und kann diesen verteidigen. Damit hat
der erstrangige Pfandgläubiger auch den Zeitpunkt einer allfälligen Verwertung in der Hand.

Zuerst befriedigt sich der Erstrangige vollständig, dann der Zweitrangige, etc. Das
SUPERFLUUM können Nachfolgende mit der ACTIO UTILIS verlangen. Der letztlich
überbleibende Mehrerlös geht an den Pfandbesteller.

Falls die Summe der Forderungen aber den Erlös der Sache übersteigt, und nur der erste
Pfandrang sich vollständig befriedigen kann, rückt der Zweitrangige mit entsprechend
minimierten Forderung in den ersten Rang vor, etc.

Pfandvorrang, also ein Pfand, dem unabhängig vom Zeitpunkt der Begründung der erste Rang
zukommt, dient zur Privilegierung bestimmter Ansprüche.
-) Vorrangwirkung kommt sämtlichen gesetzlichen Pfandrechten zugute.
-) Vorrang hat auch ein Pfandrecht, das die Forderung aus einem Darlehen sichert, welches
zur Erhaltung oder Ausbesserung der verpfändeten Sache gegeben wird.

Nimmt der Schuldner zu Zwecken der Umschuldung (Konvertierung) einen neuen Kredit auf,
um einen alten zurückzubezahlen, so kann der neue Kreditgeber in den Pfandrang des alten
Kreditgebers rücken. Die Ränge bleiben gleich, es ändert sich nur die Person des Gläubigers.

RR – Zusammenfassung Seite 21 / 21
Schuldrecht

I. Einleitung

Die berechtigte Person heißt Gläubiger (CREDITOR - Forderung), die verpflichtete heißt
Schuldner (DEBITOR - Verpflichtung).
Ob ein klagbarer Rechtsanspruch besteht, hängt von der Gewährung einer ACTIO ab.
Ein relatives Recht wird mit einer ACTIO IN PERSONAM geltend gemacht.
Ein dingliches Recht wird mit einer ACTIO IN REM geltend gemacht.
Die Haftung (Einstehenmüssen) bezieht sich prinzipiell auf das gesamte Vermögen des
Verpflichteten. Bei der Sachhaftung (zB Pfandrecht) nur auf den einzelnen
Vermögensgegenstand. Erst wenn der Schuldner nicht (oder nicht gehörig leistet) wird die
Frage des Haften aktuell.

DARE = geben (zB übergeben einer Sache)


FACERE = tun (zB Einsatz von Arbeitskraft oder das Herstellen eines Erfolges)
PRAESTARE = schulden, haften, gewährleisten

Unterteilung der schuldrechtlichen Beziehungen (Obligationen) nach dem Entstehungsgrund:


1) Kontrakte: zweiseitige Rechtsgeschäfte aufgrund einer Parteienvereinbarung – LEX
CONTRACTUS, der Kontrakt ist ein Verpflichtungsgeschäft
2) Delikte: unerlaubte Handlungen, die Schadenersatz oder Buße und/oder Strafe vorsehen.
- INURIA (Persönlichkeitsverletzung),
- FURTUM (Diebstahl),
- DAMNUM INURIA DATUM (Sachbeschädigung, Sachzerstörung)
3) Quasikontrakte: Schuldverhältnisse aufgrund von erlaubten Handlungen, die nicht im
Rahmen einer vertraglichen Beziehung erfolgen, zB Geschäftsführung ohne Auftrag
(NEGOTIORUM GESTIO) und Leistungskondiktionen (Rückgabeanspruch wegen
grundlosen Leistungen).
4) Quasidelike: Delikte prätorischen Rechts mit Tatbeständen einer
verschuldensunabhängigen Haftung, „Vorläufer der Gefährdungshaftung“.

RR – Zusammenfassung Seite 22 / 22
II. Verträge

Einseitige Rechtsgeschäfte bedürfen nicht der Zustimmung einer anderen Person (zB
Testament, Dereliktion).
Zweiseitige Rechtsgeschäfte setzten eine Zustimmung des Partners voraus, dies gilt für alle
Verträge.

Der Vertrag ist Entstehungsgrund und Maßstab der Forderungen bzw Leistungspflichten
zwischen seinen Parteien. Privatautonomie ist die „Vertragsfreiheit“, also was die Parteien
vereinbaren.
Was von den Parteien vereinbart worden ist, gilt als Grund und Maßstab für jede Beurteilung
des Vetragsverhältnisses – ID QOUD ACTUM EST.

Grenzen der Privatautonomie:


- Rechts-/Sittenwidriges (CONTRA BONOS MORES).
- Erklärungen ohne Bindungswillen (Scherzerklärungen, Erklärungen von
Geschäftsunfähigen)
- formlose Schenkungen sind nicht klagbar
- im Faktischen (etwas tatsächlich Unmögliches kann prinzipiell nicht Gegenstand einer
rechtsgeschäftlichen Leistunspflicht sein).

a) Bestimmte vertragliche Geschäftstypen haben die Römer als klagbar anerkannt – Kauf,
Miete, zinsenloses Darlehen, Mandat, etc. Sie weisen alle ein eigenes NOMEN auf, welches
auch die Klage kennzeichnet, mit welcher die Vertragsforderung durchgesetzt wird.

Innominatkontrakte sind untypische Verträge (zB Tauschvertrag), da sie kein NOMEN und
daher auch keine spezifische ACTIO haben. Der Prätor kann jedoch ACTIONES IN
FACTUM gewähren.

b) NUDUM PACTUM sind Übereinkünfte, welche nicht klagbar sind. Sie können aber als
EXCEPTIO (PACTI) wirken. zB PACTA ADIECTA (Nebenabreden).

Nach der Art des Zustandekommens werden vier Kategorien gebildet:


- Konsensualkontrakte: Sie kommen durch bloße Willensübereinstimmung – CONSENSUS
– über die Eckpunkte zusammen (EMPTIO VENDITIO (Kauf), LOCATIO
CONDUCTIO (Miete, Pacht, Werkvertrag, Dienstvertrag, MANDATUM
(Auftragsvertrag), SOCIETAS (Gesellschaft)).
- Realkontrakte: werden durch DATIO und CONVENTIO begründet (MUTUUM
(zinsenloses Dahrlehen), DEPOSITUM (Hinterlegung=Verwahrung), COMMODATUM
(Leihe), PIGNUS (Pfandrealvertrag)).
- Verbalkontrakte: kommen dadurch zustande, dass die Parteien ein Versprechen in
vorgegebene Wortformeln kleiden (STIPULATIO).
Kausale STIPULATIO: mit Verpflichtungsgrund
Abstrakte STIPULATIO: kein Verpflichtungsgrund
Klagen aus der Stipulation sind IUDICIA STRICTI IURIS, der Klagetyp hängt vom Inhalt
ab: Geht es um ein CERTUM PECUNIA (bestimmte Geldmenge) oder CERTA RES
(bestimmte Sache) wird mit der CONDICTIO geklagt. Geht es um ein INTERCETUM
(zB FACERE), wird mit der ACTIO EX STIPULATU geklagt.
- Litteralkontrakte: kommen durch eine Eintragung im Wirtschaftsbuch des PATER
FAMILIAS zustande. Sie dienten vor allem dazu, eine bestehende Forderung zu

RR – Zusammenfassung Seite 23 / 23
modifizieren (ändern der Schuldart oder hinzunahme eines Schuldners). Die Eintragung
wird als fiktive Auszahlung betrachtet.

Als BONA FIDEI IUDICIA werden jene Klagen bezeichnet, die den IUDEX anweisen, die
Pflichten der Parteien EX FIDE BONA festzulegen. Die Formel der ACTIO wird im
Streitprogramm nicht so eng festgelegt, wie beim IUDICIUM STRICTI IURIS. Die meisten
Vertragsklagen enthalten BONA FIDES Klauseln.

Unter OBLIGATIO versteht man eine nötigenfalls auf dem Klageweg durchsetzbare
Verpflichtung. Einen Anspruch, der ohne Klage geltend zu machen ist, nennt man
OBLIGATIO NATURALIS. Sie kann erfüllt werden, der Gläubiger hat aber kein Klagerecht.

Bei zweiseitig verpflichtenden Verträgen hat jeder Partner sowohl Schuldnerposition, als auch
Gläubigerposition. Gegenseitige (synallagmatische) Verträge sind entgeltlich.

Schenkung – DONATIO: unentgeltliche Zuwendung eines Vermögensvorteils. Sie kann nur


eingeklagt werden, wenn sie in in Form einer STIPULATIO erfolgte. Es besteht ein
Ehegattenschekungsverbot, welches nach IUS CIVILES absolut nichtig ist.

Die Etappen eines Vertragsverhältnisses:


1. Das vorvertragliche Schuldverhältnis
Vertrauensschaden (negatives Vertragsinteresse): Schäden, die im Vertrauen auf die
irrtümlich angenommene oder erwartete Gültigkeit eines Vertrages erlitten werden. Der
Geschädigte ist so zustellen, als hätte er nicht (irrtümlich) auf die Gültigkeit des Vertrages
vertraut.
Nichterfüllungsschaden (positives Vertragsinteresse): der gültige Vertrag ist nicht (oder
nicht hinreichend) erfüllt worden. Der Geschädigte ist so zu stellen, als wäre ihm
obligationsgemäß erfüllt worden.
2. Vertragsabschluss und Erfüllung
a. Vertragsabschluss: Das Zustandekommen einer vertraglichen Verpflichtung setzt den
rechtsgeschäftlichen deckenden Bindungswillen der Versprechenden voraus. Irrt ein
Partner über eine wesentliche Eigenschaft des Vertragsgegenstands oder über die
Natur des Geschäftes, kommt kein Vertrag zustande. Ist der Irrtum nicht wesentlich,
kommt ein Vertrag zustande, das Interesse wird durch die Regeln der
Leistungsstörung geschützt.
b. Erfüllung: (SOLUTIO) findet statt, wenn der Schuldner die Leistung erbringt und der
Gläubiger sie annimmt, dann erlischt die Verpflichtung. Der Gläubiger darf jedes
Leistungsangebot vom Schuldner, das nicht der Obligation entspricht, ablehnen. Mit
Zustimmung des Gläubigers kann sich der Schuldner auch durch eine andere als die
geschuldete Leistung (ALIUD PRO ALIO) von der Schuld befreien. „an Erfüllungs
Statt – DATIO IN SOLUTUM“. Ebenso darf der Schuldner mit Zustimmung des
Gläubigers unter Aufrechnung einer Leistung auf die geschuldete anstelle der
geschuldeten Leistung erbringen „erfüllungshalber – DATIO SOLUTIONIS
CAUSA“. Der Schuldner darf auch mit schuldbefreiender Wirkung an einen
vereinbarten Dritten erbringen.
Erfüllungsübernahme: Ein Dritter verpflichtet sich gegenüber dem Schuldner, dessen
gegenüber dem Gläubiger bestehende Schuld zu erfüllen.
Schuldübernahme: Ein Dritter verpflichtet sich gegenüber dem Gläubiger, die Schuld
des Schuldners zu übernehmen. (Schuldeintritt: schuldbefreiende Wirkung für den
bisherigen Schuldner; Schuldbeitritt: solidarische Schuldübernahme, der Gläubiger

RR – Zusammenfassung Seite 24 / 24
kann von beiden Schuldnern die Leistung verlangen – bei Erfüllung erlischt die
Forderung beiden gegenüber).
3. Leistungsstörung zwischen Vertragsabschluss und Erfüllung
- Verschuldete Beeinträchtigung der Leistung:
Erfüllt der Schuldner die LEX CONTRACTUS wegen seinem Verschulden nicht, so muss
er für die Nichterfüllung einstehen (haften).
DOLUS: der Schuldner setzt ein vertragswidriges Verhalten um den Gläubiger bewusst zu
schädigen.
CULPA: der Schuldner verstößt ohne Schädigungsabsicht gegen die vertraglich gebotene
Sorgfalt.
CULPA LATA: grobe Sorgfaltswidrigkeit
CULPA LEVIS: leichte Sorgfaltswidrigkeit
- Zufällige Beeinträchtigung der Leistung
CASUS: zufällige, unverschuldete Schädigung (Risiko des Sachuntergangs) trifft
grundsätzlich den Eigentümer der beeinträchtigten Sache – CASUM SENTIT DOMINUS.
VIS MAIOR: Ereignisse, die vom Menschen nicht vorherzusehen und nicht zu
beherrschen sind, für solche Schäden haftet der Schuldner nicht.
CASUS MINOR: Schäden, die vermeidbar sind, würde der Schuldner die Sache
besonders bewachen (lassen) (CUSTODIA). Bei Verträgen ohne Schuldnerpflicht zur
CUSTODIA, haftet der Schuldner nicht, ist CUSTODIA jedoch vereinbart, haftet der
Schuldner für Schäden.
- Verzug
Schuldnerverzug (Leistungsverzug): wenn der Schuldner zum Zeitpunkt der Fälligkeit die
Leistung gar nicht oder nicht gehörig anbietet. Wird die Leistung wegen des
(verschuldeten) Schuldnerverzuges unmöglich, so hat der Schuldner sogar für den
zufälligen Untergang bzw die zufällige Beschädigung der Sache einzustehen.
Gläubigerverzug (Annahmeverzug): wenn der Gläubiger die obligationsgemäß
angebotene Leistung vom Schuldner nicht annimmt.
Durch setzten einer Nachfrist darf die Partei, deren Partner in Verzug ist, vom Vertrag
zurücktreten. Der säumige Partner haftet für Verzugsschäden.
Wenn dem Gläubiger an späterer Erfüllung (zB Brautbukett) nichts liegt, kann er sofort
zurücktreten und Schadenersatz verlangen.
4. Leistungsstörung bei mangelhafter Erfüllung
- Schlechterfüllung (positive Vertragsverletzung):
Wenn der Schuldner die Erfüllung vornimmt, dabei aber gegen eine vertragliche (Schutz-)
Pflicht verstößt und dem Gläubiger dadurch einen Schaden zufügt, spricht man von
Schelchterfüllung.
- Gewährleistung: ist ein verschuldensunabhängiges Einstehenmüssen.
Sachmangelgewährleistung: wenn die Sache einen ihr körperlich anhaftenden Defekt, eine
vereinbarte Eigenschaft nicht hat oder den gewöhnlichen Gebrauch nicht zulässt, dann
kann der Empfänger 1. die Wandlung (Vertragsrücktritt und Rückabwicklung aller
erbrachten Leistungen) oder 2. Minderung (Preissenkung um jenen Betrag, den der
Minderwert der Ware ausmacht) beantragen. Weiß der Schuldner vom Mangel, kann der
Gläubiger Mangelfolgeschäden geltend machen.
Rechtsmangelgewährleistung entstehen sobald ein Dritter sein dingliches Recht im
Prozess durchgesetzt (Eviktion) hat. Der Gläubiger kann den Kaufpreis zurückverlangen
und der (auch ahnungslose) Schuldner haftet auf das Erfüllungsinteresse. Weiß der
Schuldner vom Rechtsmangel, kann er vom Gläubiger auch zur Verantwortung gezogen
werden, ohne dass bereits eine Eviktion stattgefunden haben muss.
5. Beendigung des Vertragsverhältnisses
- SOLUTIO – Erfüllung: Ansprüche erlöschen, dannach gibt es nur noch Gewährleistung

RR – Zusammenfassung Seite 25 / 25
sowie Schadenersatz wegen verschuldeter Leistungsdefekte und Verletzung von
vertraglichen Schutzpflichten.
- CONFUSIO: Ansprüche erlöschen bei Vereinigung von Gläubiger und Schuldner (zB
beim Erbe).
CONCURSUS CAUSARUM (Zusammentreffen mehrerer Erwerbsgründe): Erhält der
Gläubiger die geschuldete Leistung von einem Dritten, kann er sie nicht mehr vom
Schuldner verlangen.
- Erlass: Verzicht des Gläubigers auf die Forderung, dies muss in Stipulationsform
erfolgen – ACCEPTILATIO –, da sie eine IUDICIUM STRICTI IURIS ist. Der Prätor
kann aber auch eine formlose Schulderlassung (PACTUM DE NON PETENDO) durch
eine EXCEPTIO PACTI im Klagsfall gelten lassen.
- Stundung: ist eine Vereinbarung, mit der man die Fälligkeit auf einen späteren Termin
verschiebt. Dies kann auch mit einem PACTUM DE NON PETENDO vereinbart werden.
- COMPENSATIO (Kompensation): Aufrechnung einer Forderung mit einer anderen,
wenn zwei Personen gegeneinander Ansprüche mit gleichem Schuldinhalt haben.
- NOVATION (Neuerungsvertrag): ein bestehendes Schuldverhältnis wird durch ein
neues ersetzt. Mit Begründung des neuen erlischt das alte.
- Delegation (Anweisung): ermöglicht die Beendigung eines bestehenden
Schuldverhältnisses durch Leistung in einem dreipersonalen Verhältnis.

Vermögensrechtliche Schuldverhältnisse, die nicht auf Vertrag oder Delikt beruhen


1. Ungerechtfertigte Bereicherung
- Leistungskondiktionen:
Wer eine Leistung empfängt, muss sie wieder zurückstellen, wenn keine CAUSA als
Rechtsgrund des Behaltendürfens gegeben ist. Bei irrtümlicher Leistung einer Nichtschuld
wird dies mit einer CONDICTIO INDEBITI zurückgefordert.
- Verwendungsansprüche:
Wenn jemand anders als durch Leistung in den Genuss eines fremden Vermögenswertes
kommt und sein Nutzen nicht durch eine CAUSA legitimiert ist, meist unbefugte (jedoch
nicht vorwerfbare) Eingriffe in fremdes Eigentum. Der Eigentümer hat
Schadenersatzansprüche gegenüber dem Verwender. Zur Rückstellung gibt es
ACTIONES IN FACTUM.
2. Geschäftsführung ohne Auftrag (NEGOTIORUM GESTIO)
Eigenmächtige Besorgung fremder Geschäfte. Der Geschäftsführer ist dem
Geschäftsherrn zur Herausgabe der erlangten Vorteile verpflichtet, kann jedoch Ersatz für
jene Kosten und Schäden fordern, die durch die Führung des fremden Geschäfts
entstanden. Mitunter kann dem Geschäftsführer sogar eine Schadenersatzpflicht
erwachsen.

RR – Zusammenfassung Seite 26 / 26
III. Die Realverträge

- MUTUUM (zinsenloses Darlehen)


- DEPOSITUM (Verwahrung = Hinterlegung)
- COMMODATUM (Leihe)
- PIGNUS (Pfandrealvertrag)

Die Realverträge kommen durch CONVENTIO und DATIO zustande.


CONVENTIO: elementare Willensübereinkunft der Partner, sie legt den Zweck der
Sachhingabe und damit den Typ des Realvertrages fest.
DATIO: begründet den Realkontrakt, durch reale von den Partnern durchgeführte
Sachhingabe.

Die Realverträge sind prinzipiell unentgeltliche Geschäfte (außer DEPOSITUM


IRREGULARE).

1. MUTUUM
Das MUTUUM entsteht durch die mit Übereignung verbundene Hingabe einer bestimmten
Summe Geldes (oder einer bestimmten Menge sonstiger vertretbarer Sachen) im
Einverständnis, dass der Empfänger nach einer bestimmten Zeit ebensoviele derselben
Gattung zurückgeben soll.

Für das Zustandekommen müssen 5 Vorausetzungen erfüllt sein:


- eine entsprechende Darlehens-CONVENTIO
- reale Hingabe der Darlehensvaluta – DATIO
- die Darlehensvaluta müssen vertretbare Sachen sein
- die Darlehensvaluta muss dem Darlehensgeber gehören und/oder seiner sachenrechtlichen
Verfügung durch DATIO unterliegen
- der Darlehensgeber muss Eigentümer der Valuta werden.

Die Gefahrtragung beim MUTUUM wird gemäß CASUM SENTIT DOMINUS beurteilt.

Die Klage des Darlehensgeber ist die CONDICTIO CERTA RES oder CERTA PECUNIA
welche auf eine Leistung in der Art und Umfang seiner DATIO der Darlehensvaluta zielt.
Bei Darlehen von Geld wird die Kondiktion auch ACTIO CERTAE CREDITAE PECUNIAE
genannt, bei Nautralien CONDICTIO TRITICARIA.

Sonderformen:
- Anweisungsdarlehen: kommt zustande, wenn G dem N, der von G ein Darlehen haben
möchte, nicht selbst die Valuta auszahlt, sondern einen Dritten (meist Schuldner des Gs)
anweist, dies zu tun, und der Dritte den Betrag aus seinem Vermögen an N zahlt. Das
MUTUUM besteht dann zwischen G und N.

- Vereinbarungsdarlehen: kommt zustande, wenn N, der G Geld schuldet, mit G


übereinkommt, den fälligen Schuldbetrag nicht zu leisten, sondern für eine bestimmte Zeit als
Darlehen zu behalten.

Ulpian bejaht Vereinbarungsdarlehen und sieht von realer DATIO ab.


Julian lässt Vereinbarungsdarlehen vorerst nicht zu, da es keine reale DATIO gibt, er lässt
jedoch eine TRADITIO BREVI MANU als Darlehens-DATIO zu.

RR – Zusammenfassung Seite 27 / 27
- CONTRACTUS MOHATRAE: kommt zustande, wenn N, der ein Darlehen von G möchte,
von G keine Valuta, sondern eine Sache Gs mit der Absprache erhält, N solle die Sache
verkaufen und den Verkaufserlös als Darlehensvaluta betrachten.

Ulpian lässt Darlehen zustande kommen, sobald die Sache verkauft wurde. Die Gefahr des
Sachuntergangs vor Veräußerung trägt derjenige, der mehr Interesse am Verkauf der Sache
hat.
Julian verneint den CONTRACTUS MOHATRAE als MUTUUM.

Das SENATUS CONSULTUM MACEDONIANUM ist darauf gerichtet, Darlehensgeschäfte


mit gewaltunterworfenen Söhnen und Töchtern (=Hauskindern) hintan zuhalten.
Der Prätor kann einen Verstoß gegen das Senatskonsult ermitteln und verweigert eine
CONDICTIO oder er überträgt die Prüfung dem IUDEX durch ein Prozessprogramm, indem
er eine EXCEPTIO SENATUS CONSULTI MACEDONIANI gewährt. Dadurch entsteht
eine Naturalobligation gegenüber dem Hauskind.

- Der Schutz des SC MACEDONIANUM setzt bezüglich einer Darlehensaufnaheme eines


Hauskindes setzt sich fort, wenn der Darlehensnehmer gewaltfrei wird.
- Ein Umgehungsgeschäft wie der CONTRACTUS MOHATRAE fällt ebenfalls darunter.
- Handelt ein Hauskind DOLOS, kann es sich nicht auf das Senatskonsult berufen.
- Ist der Gewalthaber des Hauskindes mit der Darlehensaufnahme einverstanden, dann greift
das SC MACEDONIANUM ebenfalls nicht.
- Das SC MACEDONIANUM schließt es aber nicht aus, den Gewalthaber im Wege einer
adjektizischen Klage zu belangen.

2. DEPOSITUM
Durch die Hinterlegung einer Sache im Einvernehmen, dass sie der Empfänger unentgeltlich
verwahrt, kommt ein DEPOSITUM zustande.

Das DEPOSITUM berechtigt den Verwahrer nicht zum Gebrauch der hinterlegten Sache. Der
unbefugte Gebrauch stellt ein FURTUM dar. Die untentgeltliche Überlassung einer Sache
zum Gebrauch ist die Leihe (COMMODATUM), die entgeltliche eine Sachmiete oder Pacht
(LOCATIO CONDUCTIO REI).

Der Hinterleger hat für seine vertraglichen Ansprüche die ACTIO DEPOSITI DIRECTA.
Für Aufwendungen oder Schäden hat der Verwahrer die ACTIO DEPOSITI CONTRARIA.
Er kann außerdem bis zur Erfüllung seiner Gegenansprüche die Sache zurückbehalten.

Utilitätsprinzip: Denjenige, der ein größeres wirtschaftliches Interesse am Vertrag hat, trifft
auch das größere Risiko der Schadenstragung.

Bei Sachbeschädigung bzw Untergang haftet der Verwahrer nur für DOLUS und CULPA
LATA. Ebenso, wenn er mit der hinterlegten Sache weniger sorgsam umgeht als mit eigenen
– DILIGENTIA QUAM IN SUIS REBUS.

Bei CULPA LEVIS des Verwahrers und CASUS trifft der Schaden gemäß CASUM SENTIT
DOMINUS den Hinterleger.

Hat sich der Verwahrer aufgedrängt die Sache zu verwahren, haftet er neben DOLUS und
CULPA auch für CUSTODIA, bei unerlaubten Gebrauch auch für CASUS.

RR – Zusammenfassung Seite 28 / 28
Das DEPOSITUM bestimmter Münzen kann durch eine weitere Vereinbarung der Parteien in
ein MUTUUM verwandelt werden. Die Parteien ändern die DEPOSITUM-CONVENTIO in
eine MUTUUM-CONVENTIO, was wiederum eine TRADITIO BREVI MANU (als DATIO)
und Eigentumserwerb des Darlehensnehmer bewirkt.

DEPOSITUM IRREGULARE
Eine Hinterlegung von Geld, bei der die Parteien bestimmen, dass der Empfänger das Geld
verwenden darf und – wenn (formfrei) vereinbart – dafür Zinsen zahlen soll.

Sicherungsinteresse des Gebers, Gebrauchsinteresse des Nehmers und die Möglichkeit,


formfrei Zinsen zu vereinbaren, sind die Hauptkennze ichen des DEPOSITUM
IRREGULARE.

Es ist insbesondere anzunehmen wenn das Geld nicht in einem plombierten Sack, sondern
offen hinterlegt wird. Es bewirkt eine Übereignung des zum Gebrauch überlassenen Geldes an
den Empfänger, wobei dieser wie beim Darlehen ohne Rücksicht auf Verschulden für die
Rückzahlung einstehen muss.

Ulpian erklärt, die Kreditschuld entsteht, sobald das Geld tatsächlich dem Depot entnommen
wird. Bis zur realen Entnahme des Geldes gilt die CONVENTIO eines regulären Depositium.
Das Dauerangebot der Dahrlehens-CONVENTIO nimmt der Verwahrer an und bewirkt somit
wiederum eine TRADITIO BREVI MANU.

DEPOSITUM SEQUESTRE – Die Streitverwahrung


Wenn zwei Prätendenten um eine Sache streiten, können sie den Gegenstand für die Dauer
des Streites bei einem Dritten (dem SEQUESTER) hinterlegen und dabei vereinbaren, dass
sie der Streitverwahrer dem Prozesssieger herauszugeben hat. Während der Sequestration
wird dieser durch Besitzinterdikte geschützt.
Der Prozesssieger kann den SEQUESTER mit der ACTIO DEPOSITI SEQUESTRARIA auf
Herausgabe der Sache klagen.

3. COMMODATUM
Durch die Überlassung (DATIO) einer Sache im Einvernehmen, dass sie der Empfänger
unentgeltlich gebrauchen darf, kommt ein COMMODATUM zustande.

Das COMMODATUM berechtigt den Entleiher zum schonenden, die Sachsubstanz nicht
beeinträchtigenden Gebrauch des Leihgegenstands.

Der Verleiher hat die ACTIO COMMODATI DIRECTA.


Der Entleiher hat die ACTIO COMMODATI CONTRARIA, wobei er den „normalen
Betriebsaufwand“ selbst zu ersetzen hat.

Der Entleiher hat für alle Sachschäden einzustehen, die auf DOLUS, CULPA und
CUSTODIA-Verletzungen zurückgehen. Falls er die Sache außerhalb seiner
Entleiherbefugnisse verwendet (FURTUM!), haftet er auch für VIS MAIOR.
Den Verleiher als Eigentümer treffen nur Ereignisse von VIS MAIOR.
Wenn der Verleiher ebenfalls Interesse am Verleih hat, haftet der Entleiher nur für DOLUS.

Julian: Wenn der Verleiher die Sache dem Entleiher heimlich entzieht, hat der Entleiher
grundsätzlich keine ACTIO FURTI gegen den Verleiher, da dieser ja seine eigene Sache
stiehlt und den Entleiher von der Rückstellpflicht befreit. Sind dem Entleiher jedoch

RR – Zusammenfassung Seite 29 / 29
Aufwendungen erwachsen, welche ein Rückbehaltungsrecht begründen, so könne der
Entleiher mit der ACTIO FURTI vorgehen.

Das DEPOSITUM verpflichtet den Deposiar, eine Sache zu verwahren, nicht aber, auch ihre
Erhaltungskosten zu bestreiten.
Solange der Kommodatar den Nutzen einer Sache hat, soll er auch den gewöhnlichen
Aufwand für die Erhaltung und Betrieb der Sache bestreiten.

4. PRECARIUM - Bittleihe
Ein PRECARIUM ist die faktische, jederzeit widerrufbare Überlassung einer Sache zum
Gebrauch. Es wird als faktische Gebrauchsüberlassung und nicht als Kontrakt betrachtet.

Der Prekarist kann seine Sachgewahrsame gegen Dritte durch Besitzinterdikte schützen.
Der Prekariumsgeber kann die Sache jederzeit mit dem INTERDICTUM DE PRECARIO
herausverlangen.

5. PIGNUS - Pfandrealvertrag
Durch die Hingabe einer Sache im Einvernehmen, dass sie als Pfand dienen soll, kommt ein
Pfandrealvertrag zustande.

Der Pfandrealvertrag verlangt die DATIO, das dingliche Pfandrecht kommt hingegen
unabhängig von einer realen Hingabe der Pfandsache zustande – sofern eine zu sichernde
Schuld besteht, der Pfandbesteller zur Verpfändung befugt ist und die Pfandabrede getroffen
wird.

Der Pfandrealvertrag berechtigt den Pfandnehmer grundsätzlich nicht zum Sachgebrauch. Der
unbefugte Gebrauch stellt ein FURTUM dar (außer Nutzpfand, welches als Teil der
Schuldtilgung betrachtet wird).

Der Pfandgeber (Pfandschuldner) hat die ACTIO PIGNERATICIA IN PERSONAM


DIRECTA zur Rückgabe der Pfandsache bzw zur Herausgabe eines SUPERFLUUM.
Der Pfandnehmer (Pfandgläubiger) hat die ACTIO PIGNERATICIA IN PERSONAM
CONTRARIA um eventuelle verursachte Schäden und Auwendungen zu erhalten und um
eine neue Verpfändung (einer anderen Sache), falls er am übertragenen Gegenstand mangels
Berechtigung des Pfandgebers kein dingliches Pfandrecht erlangt hat.

Der Pfandnehmer haftet bei Hingabe eines Faustpfandes für DOLUS, CULPA und
CUSTODIA.

RR – Zusammenfassung Seite 30 / 30
IV. EMPTIO VENDITIO – Der Kauf

1. Charakterisierung
Die EMTPIO VENDITIO ist ein zweiseitig verbindlicher synallagmatischer
Konsensualvertrag. Beide Partner treffen Schuldner und Gläubiger Position, da DO UT
DES („ich gebe, damit du gibst“) gilt. Die beidseitige Willensübereinstimmung
(CONSENSUS) über die ESSENTIALIA NEGOTII (Bestimmung von Ware und Preis)
ist Vertragsvoraussetzung.
Neben der Hauptverpflichtung – Leistung der Ware und des Kaufpreises – kommt eine
Reihe von Nebenverpflichtungen (Aufklärungs-, Schutz- und Sorgfaltspflichten) in
Betracht.

Der Käufer hat die ACTIO EMPTI.


Der Verkäufer hat die ACTIO VENDITI.

BONA FIDES im Vertragsrecht ist der Verhaltensmaßstab, den redliche Vertragsparteien


einhalten – Prinzip von Treu und Glauben oder „Übung des redlichen Geschäftsverkehrs“.

Was aufgrund der BONA FIDES im Einzelfall zu leisten ist, bestimmt der Iudex, falls die
Parteien nichts Spezifisches vereinbart haben – ID QOUD ACTUM EST. Im weiteren
Sinne wird darunter auch das verstanden, was die Parteien typischerweise gewollt hätten
(Ergänzende Vertragsauslegung nach dem hypothetischen Parteienwillen).

2. Konsens und Irrtum


Grundlage der vertraglichen Bindung beim Kaufvertrag ist die Willensübereinstimmung
der Parteien über Ware und Preis.

Offener Dissens liegt vor, wenn die Parteien Verschiedenes wollen und dies auch
äußerlich durch ihre Erklärungen zutage tritt.
Wenn sie das selbe wollen, aber nur in den Erklärungen divergieren, kommt dennoch ein
Konsens zustande – FALSA DEMONSTRATIO NON NOCET.

Versteckter Dissens liegt vor, wenn die Parteien nach außen hin übereinstimmende
Erklärungen abgeben, jedoch keine Willensübereinstimmung vorliegt.

Liegt ein Irrtum über einen der Vertragspunkte (Preis+Ware) vor, kommt kein Vertrag
zustande. ERROR IN NEGOTIO (Irrtum über Geschäftstyp), ERROR IN CORPORE bzw
ERROR IN OBIECTO (Irrtum über Kaufgegenstand) lassen den Vertrag ebenfalls nicht
zustande kommen.

Beim Eigenschaftsirrtum (ERROR IN SUBSTANTIA bzw ERROR IN SEXU) verneint


ein Teil der Juristen das Zustandekommen eines Kaufvertrages.
a. Marcellus: stellt darauf ab, ob über den Kaufgegenstand in seiner äußeren Erscheinung
Konsens erzielt wurde, ein Irrtum über die Substanz ist unbeachtlich. (Wird eine
Sklavin als Jungfrau verkauft, ist es egal ob sie eine Jungfrau, eine Frau oder ein
Knabe ist, denn letztendlich sind dies alle Sklaven.)
b. Ulpian: interpretiert Substanzirrtum enger, nur bei vollkommener Verschiedenheit der
Substanzen soll kein Vertrag zustande kommen. (Wird eine Sklavin als Jungfrau
verkauft, ohne es zu sein, ist sie dennoch weiblich.)

RR – Zusammenfassung Seite 31 / 31
c. Julian: bejaht Irrtum über die Substanz, wenn die Substanz auch nur teilweise dem
Vereinbarten nicht entspricht. (es kommt darauf an, dass die Sklavin Jungfrau ist und
keine Frau)
Jene Juristen, die bei einem Eigentschaftsirrtum dazu tendieren, einen Vertrag
anzunehmen, berücksichtigen die Interessen des Käufers, indem sie ihm
Sachmangelgewährleistungsansprüche gegen den Verkäufer geben.

Ein durch Zwang (VIS) oder Furcht (METUS) zustande gekommenes Rechtsgeschäft ist
nach IUS CIVILE gültig, jedoch steht im Klagsfall demjenigen, der unter Zwang oder
Furcht zugestimmt hat eine EXCEPTIO METUS zu.
Wenn der unter Zwang stehende Teil eine Leistung erbracht hat, kann er mittels IN
INTEGRUM RESTITUTIO Wiederherstellung des vorherigen Zustandes verlangen.

Da die EMPTIO VENDITIO ein BONAE FIDEI IUDICIA ist, ist sie ungültig, sobald ein
Partner unter Zwang oder Furcht steht, da doloses Verhalten der BONA FIDES
widerspricht. Selbiges gilt für arglistige Täuschung.

3. Der Kaufpreis
Ist der Konsens nicht auf den Austausch von Ware gegen Geld gerichtet, liegt kein
Kaufvertrag vor. Der Kaufpreis muss ein PERTIUM VERUM (ernstgemeinter Kaufpreis)
und ein PERTIUM CERTUM (bestimmter Kaufpreis) sein.

Ware gegen Ware = Tauschvertrag = Innominatkontrakt


Ware gegen Geld = Kaufvertrag
Ware gegen Geld + teilweise andere Leisteung = Kaufvertrag

a. PERTIUM VERUM
Ein ernstgemeinter Kaufpreis liegt dann nicht vor, wenn der vereinbarte Kaufpreis nur
symbolisch ist, sodass in Wirklichkeit kein entgeltliches Geschäft, sondern eine
Schenkung (DONATIO) vorliegt.

Wird eine Sache schenkungshalber übertragen, so ist dies eine taugliche CAUSA
TRADITIONIS bzw CAUSA USUCAPIONIS für den Eigenumserwerb.
Ein vorgetäuschter Kaufpreis (PERTIUM SIMULATUM) der im vornhinein nicht
eingetrieben werden soll, lässt ebenfalls keinen Kaufvertrag entstehen.

Nachträgliche Erlassung bzw Stundung des Kaufpreises schmälert einen gültigen


Kaufvertrag nicht. Zulässig ist ebenfalls ein schenkungshalber (mit ANIMUS
DONANDI) niedriger bemessener Kaufpreis als die Ware wert ist (gemischtes
Rechtsgeschäft).
Unter Ehegatten wird eine (schenkungshalber) niedriger Kaufpreis nicht akzeptiert.

b. PERTIUM CERTUM
Ein bestimmbarer Kaufpreis liegt dann vor,
- wenn er sich aus der Vereinbarung zwischen Käufer und Verkäufer eindeutig ergibt.
- wenn er sich nach objektiven Kriterien eruieren lässt.
- wenn er durch einen Dritten als VIR BONUS geschätzt wird (so Ofilius und
Proculus, hingegen müssen bei Labeo und Cassisus die Parteien erst dem Schätzwert
zustimmen).
Unzulässig ist er, wenn eine Vertragspartei ihn einseitig festsetzen darf.

RR – Zusammenfassung Seite 32 / 32
c. PERTIUM IUSTUM
Ein gerechter Kaufpreis liegt nur dann vor, wenn eine allzu grobe Äquivalenzstörung
(Unverhältnismäßigkeit) nicht gegeben ist.
LAESIO ENORMIS – Verkürzung über die Hälfte – soll den Verkäufer vor dem
Käufer schützen. Der Käufer kann durch Aufzahlung bis zum wahren Wert der Sache
die Aufhebung und Rückabwicklung des Vertrages verhindern,.
FACULTAS ALTERNATIVA (Ersetzungsbefugnis) liegt vor, wenn ein Schuldner,
der zu einer bestimmten Leistung verpflichtet ist, von dieser Leistungspflicht frei wird,
indem er eine alternative Leistung erbringt, zu der er aber nicht verpflichtet ist.

4. Die Ware
Spezieskauf: die Ware ist individuell bestimmt
Gattungskauf: die Ware muss erst aus einem Leistungsreservoir ausgesondert werden, alle
darin enthaltenen Stücke der Gattung sind gleich tauglich zur Vertragserfüllung –
GENUS NON PERIT

Vertretbare Sachen sind nach Maß, Zahl oder Gewicht bestimmbar.


Bei einer Alternativobligation (Wahlschuld) soll der Schuldner von zwei (oder mehreren)
geschuldeten Leistungen eine erbringen.

unbeschränkter Gattungskauf: ein Schaf


beschränkter Gattungskauf: ein Schaf aus deiner Herde
Alternativobligation: das Schaf A oder das Schaf B, beide werden potentiell geschuldet.

EMPTIO REI SPERATAE (Kauf einer zukünftigen Sache)


Zulässig ist auch der Kauf einer Sache, die erst entstehen wird, zB Kalb einer Kuh.

Der Kaufgegenstand ist im Zeitpunkt des Kaufabschlusses zwar noch nicht existent, aber
die Parteien rechnen damit, dass er in Zukunft existieren wird – aufschiebende Bedingung.
Der Kaufvertrag unter einer aufschiebenden Bedingung entfaltet Rechtswirkung mit
eintreten der Bedingung. Keine der Vertragsparteien darf den Bedingungeintritt vereiteln,
andernfalls wird der Bedingungseintritt fingiert (Erfüllungsfiktion).

EMPTIO SPEI (Hoffnungskauf)


Gekauft wird die Chance des Entstehens einer Sache, die noch nicht existiert, zB die
gesamte Ernte des nächsten Jahres um 50000. Dies ist ein unbedingter Kaufvertrag.
Der Käufer übernimmt das Risiko des Entstehens oder Nichtentstehens der Sache.
Der Verkäufer ist im Rahmen der BONA FIDES verpflichtet, Bemühungen zur
Realisierung der Chance anzustellen.

Der Inhalt eines Kaufvertrags muss auf eine mögliche Leistung gerichtet sein. Bezieht
sich der Kaufvertrag auf die Leistung einer Sache, die von vornherein unmöglich ist,
erlangt er keine Gültigkeit – IMPOSSIBILIUM NULLA EST OBLIGATIO.

5. Anfängliche und objektive Unmöglichkeit


a. Anfänglich ist eine Unmöglichkeit der Leistungserbringung, die vor oder zum
Zeitpunkt des Vertragsabschlusses gegeben ist. (Sache die nicht (mehr) existiert wird
verkauft). Für nachträgliche Unmöglichkeiten sind Leistungsstörungsregeln.
b. Objektiv unmöglich ist eine Leistung, die von niemanden erbracht werden kann. Der
Vertrag ist nichtig.

RR – Zusammenfassung Seite 33 / 33
c. Subjektiv unmöglich ist das Unvermögen des konkreten Schuldners, jedoch objektiv
ist die Leistung noch möglich. Der Vertrag bleibt gültig.
d. Faktisch unmöglich ist eine Leistung, wenn sie sich auf eine Sache bezieht, die nie
existiert hat, oder die nicht mehr existiert. (zB Verkauf eines Hippocentaurus) Der
Vertrag ist nichtig.
e. Rechtlich unmöglich ist eine – faktisch mögliche – Leistung, die aber von der
Rechtsordnung nicht zugelassen wird. zB Kauf einer RES EXTRA COMMERCIUM,
eines freien Römers, einer furtiven Sache. Der Vertrag ist nichtig, sofern der Käufer
über die Beschaffenheit der Ware weiß. Andernfalls kommt der Vertrag zustande.

Wurde der Kaufpreis bereits bezahlt, kann der Käufer diesen mit der CONDICTIO
INDEBITI zurückfordern (Leistung einer Nichtschuld). Voraussetzungen sind:
- bewusste Vermögensverschiebung vom Käufer zum Verkäufer
- Fehlen einer IUSTA CAUSA für die Vermögensverschiebung
- Irrtümlichkeit der Leistung (Leistende nahm irrtümlich an, er erfülle eine Verpflichtung).
Ein darüber hinausgehender Schaden, der auf die Ungültigkeit des Vertrages erwächst,
kann nicht mit der CONDICTIO INDEBITI geltend gemacht werden.

Vertrauensschaden ist der Schaden, der einem Vertragspartner erwächst, weil er auf die
Gültigkeit eines Vertrages vertraut hat (negatives Interesse).

Erfüllungsinteresse bzw Nichterfüllungsschaden, der bei vereinbarungsgemäßer Erfüllung


nicht aufgetreten wäre (positives Interesse).

Vertrauensschaden wird im Gegensatz zum Erfüllungsinteresse beim Unmöglichkeitsfall


ersetzt, da der Vertragsparnter über bekannte Leistungshindernisse wegen der BONA
FIDES aufklären hätte müssen.

Vertraute der Käufer auf das Zustandekommen des Vertrages, ist er schutzwürdig. Daher
hat er trotz Unmöglichkeit der Le istung einen Anspruch gegen den Verkäufer.

Wird eine RES FURTIVA bzw ein HOME LIBER als Sklave verkauft, so wird der
Kaufvertrag als gültig angesehen und es steht dem Käufer nach manchen Juristen eine
ACTIO EMPTI zu. In anderen Fällen wird der verbindliche Kaufvertrag verneint, aber
dennoch eine ACTIO EMPTI gewährt.

Andere Juristen verneinen die Gültigkeit eines Kaufvertrages streng und gewähren daher
analog eine ACTIO IN FACTUM, bei doloser Schädigung eine ACTIO DE DOLO.

Teilunmöglichkeit liegt vor, wenn sich eine anfängliche objektive Unmöglichkeit bloß
auf einen Teil der Leistung bezieht. Es wird daher beurteilt, was dem Willen der Parteien
bei der ursprünglichen Vereinbarung entspricht.

Ergibt sich aus dem Kaufvertrag, dass der Kaufvertrag bei Teilunmöglichkeit nicht
zustande gekommen wäre, so wird dies wie eine Gesamtunmöglichkeit behandelt. (zB bei
Tod eines Zwillings, da nur Interesse am Zwillingspaar)

Ist der Kaufgegenstand nach dem Willen der Parteien aber teilbar, so kommt es zu einer
Vertragsanpassung, der Kaufpreis wird entsprechend herabgesetzt. (zB bei Tod eines von
zwei Sklaven für die Gartenarbeit)

RR – Zusammenfassung Seite 34 / 34
6. Nebenabreden
Neben den ESSENTIALIA NEGOTII haben die Vertragspartner die Möglichkeit, noch
andere Aspekte (zB Modus der Übergabe) der Transaktion von Ware gegen Geld zu
regeln. Grundlage solcher Zusatzvereinbarungen (ACCIDENTIALIA NEGOTII) ist die
Privatautonomie. Der Dissens bezüglich einer Nebenabrede verhindert das Entstehen des
Vertrages insgesamt.

Nebenabreden beim Manzipationskauf:


Beim Manzipationskauf können die Parteien mit der LEX MANCIPIO DICTA mündlich
Zusatzvereinbarungen (zB für Sklaven ein Freilassungsverbot, Prostitutionsverbot,
Exportpflicht, Freilassungspflicht) treffen. Bei Verstoß gegen diese fällt das Eigentum an
den Verkäufer zurück. Der Verkäufer kann den Sklaven bei Verstoß dagegen auch bei
Dritten vindizieren

Nebenabreden bei der EMPTIO VENDITIO – PACTA ADIECTA


Die Vertragspartner können den Kaufvertrag unter einer Bedingung (CONDICIO)
schließen:
a. Aufschiebende Bedingung (Suspensivbedingung):
Bis zum Eintritt der Bedingung, und dadurch eintretende Wirksamkeit, ist der Vertrag
in einem „Schwebezustand“.
Auflösung ist EX TUNC – rückwirkend; oder
EX NUNC – dem Zeitpunkt des Bedingungseintritts möglich.
b. Auflösende Bedingung (Resolutivbedingung):
Der Vertrag kommt sofort zustande, wird jedoch bei Bedinungseintritt aufgelöst.
Auflösung ist EX TUNC – Kauf wird rückwirkend vernichtet, es hat nie eine CAUSA
gegeben, Verkäufer kann seine Sache vindizieren; oder
EX NUNC die CAUSA des Behaltendürfens hört auf zu existieren, jede Partei kann
daher numehr die Rückabwicklung der ungerechtfertigten Vermögensverschiebung
mit der CONDICTIO fordern.
c. Rücktrittsvorbehalte:
Bei Bedingungseintritt soll der Kauf hinfällig sein:
- LEX COMMISSARIA: Der Kaufvertrag steht bei der LEX COMMISSARIA unter
der auflösenden Bedingung, bei (rechtzeitiger) Nichtzahlung des Kaufpreises, dass
der Verkäufer vom Vertrag zurücktreten darf und den Kaufgegenstand
zurückfordern kann. Dies wird auch Potestativbedingung (Voluntativbedingung)
genannt, da der Bedigungseintritt vom Willen einer Person abhängt. wenn der
Käufer den Kaufpreis nicht rechtzeitig und vollständig bezahlt
- PACTUM DISPLICENTIA: Ermöglicht den Kauf auf Probe. Falls dem Käufer die
Ware innerhalb einer Probefrist nicht zusagt, gilt die Ware als nicht verkauft
(Potestativbedigung).
Einer aufschiebenden Potestativbedingung kommt keine Bindungswirkung zu.
- IN DIEM ADDICTIO: „Bessergebotsklausel“. Der Verkäufer darf vom Vertrag
zurücktreten, wenn er innerhalb einer bestimmten Frist ein besseres Kaufangebot
erhält
weitere Klauseln:.
- PACTUM DE RETROEMENDO: „Wiederkaufklausel“. Der Verkäufer kann die
Sache um einen im Vorhinein bestimmten, festgelegten Preis zurückkaufen.
- PACTUM PROTIMISEOS: schränkt die Dispositionsmöglichkeiten des Käufers
insofern ein, als er die gekaufte Sache nur dem Verkäufer und niemanden sonst
veräußern darf.

RR – Zusammenfassung Seite 35 / 35
7. Nichterfüllung
Anfängliche Unmöglichkeit: Der Kaufgegenstand geht vor Kaufabschluss unter. Der
Kaufvertrag kommt nicht zustande, jedoch wird dem Käufer Vertrauensschadenersatz
gewährt.
Nachträgliche Unmöglichkeit: Der Kaufgegenstand geht nach Kaufabschluss, jedoch vor
Erfüllung unter. Der Vertrag ist gültig zustande gekommen. Wenn der Verkäufer den
Untergang verschuldet, dann haftet der dem Käufer wegen Nichterfüllung. Wenn der
Verkäufer den Untergang nicht verschuldet hat, dann gelten die Gefahrtragungsregeln.

Verursacht der Verkäufer vorsätlich oder fahrlässig den Untergang der Sache zwischen
Kaufabschluss und Übergabe, so hat er dem Käufer Schadenersatz (in Geld) zu leisten.
Dadurch soll der Käufer vermögensmäßig so gestellt werden, als ob ihm ordnungsgemäß
erfüllt worden wäre – Erfüllungsinteresse/„Nichterfüllungsschaden“/„positives Interesse“

Als Erfüllungsinteresse bezeichnet man das Interesse des einen Vertragspartners an der
ordnungsgemäßen Erfüllung des Vertrages durch den anderen.

Zur Berechnung des Erfüllungsinteresses vergleicht man den tatsächlichen


Vermögensstand des Vertragspartners mit dem hypothetischen Vermöge nsstand, der bei
ordnungsgemäßer Erfüllung stünde.

Verkäufer: Erfüllungsinteresse ist den Kaufpreis vereinbarungsgemäß zu erhalten, im


Verzugsfall mit Verzugszinsen.
Käufer: Erfüllungsintresse ist der Marktwert der Sache.
Bei Nichterfüllung durch den Verkäufer kann der Käufer auf jedenfalls den gesamten
Kaufpreis zurückverlangen, selbst wenn der Marktwert niedriger als der Kaufpreis wäre.
Kann sich der Käufer die Ware anderweitig besorgen, ist das Erfüllungsinteresse mit den
Mehrkosten eines Deckungskaufes gleichzusetzten.

LUCRUM CESSANS – Entgangener Gewinn


Wenn der Käufer die gekaufte Sache bereits weiterverkauft hat, jedoch nicht vom
Vormann erhält, hat dieser den entgangenen Gewinn aus diesem Geschäft zu ersetzen.
Eine nicht konkretisierte Profitchance ist kein ersatzfähiger Schaden!

Der Verkäufer haftet jedenfalls für bewusste Herbeiführung des schädlichen Erfolges
(Vorsatz = DOLUS MALUS) sowie für die Außerachtlassung der gebotenen Sorgfalt
(Fahrlässigkeit = CULPA).

Im Einzelfall mag sich die Frage stellen, mit welcher Sorgfalt der Verkäufer die verkaufte
Sache behandeln muss:
Labeo: stellt auf die Person des Verkäufers ab und fragt, ob der Befehl gemessen an den
üblichen Befehlen des Verkäufers ungewöhnlich war.
Paulus: orientiert sich am objektiven Sorgfaltsmaßstab des DILIGENS PATER
FAMILIAS

8. Gefahrtragung
Als Gefahr (PERICULUM) bezeichnet man das Risiko des zufälligen Untergangs oder der
zufälligen Verschlechterung einer Sache. Zufällig ist ein Schadenseintritt, wenn keine
Vertragspartei ein Verschulden daran trifft.

VIS MAIOR – höhere Gewalt: ist ein nicht vorhersehbares oder unabwendbares Ereignis

RR – Zusammenfassung Seite 36 / 36
VIS CUI RESISTI NON POTEST, zB natürliche Tod eines Menschen, Schiffbruch,
Feuersbrunst, Piraten-&Räuberüberfall, Flucht von Sklaven
CUSTODIA – Niederer Zufall: liegt vor, wenn der Schadenseintritt durch äußerste
Sorgfalt hätte vermieden werden können. Es genügt die Sorgfalt des DILIGENS PATER
FAMILIAS, die eines DILIGENTISSIMUS muss nicht sein. Wird die äußerste Sorgfalt
geübt und tritt dennoch ein Schaden ein, so fällt dies unter VIS MAIOR.

Das Risiko des zufälligen Untergangs der Sache trifft grundsätzlich dessen Eigentümer
CASUM SENTIT DOMINUS.
Spätestens mit der TRADITIO geht die Gefahr auf den Käufer über.

a. EMPTIO PERFECTA – perfekter Kaufvertrag


Der Kaufvertrag ist perfekt, sobald der Kaufpreis festgesetzt und die Ware individuell
bestimmt ist und die Rechtswirkungen des Vertrages nicht mehr vom Eintritt einer
aufschiebenden Bedingung oder Befristung abhängen à sobald der Kauf
abwicklungsreif geworden ist.

Ein Kauf ist nicht perfekt bei:


- einem Gattungskauf, da die Individualisierung bzw Konkretisierung zur
Speziesobligation fehlt.
- noch möglichem Eintritt einer aufschiebenden Bedingung.
- einer aufschiebenden Befristung (ist die Bedingung auflösend, so hindert sie die
Perfektion des Kaufes nicht).
- fehlender Bestimmung des Leistungsvolumens und daher des Gesamtpreises
- Mangel an der Kaufsache (Perfektion tritt mit Wegfall bzw Beseitigung des
Mangels durch den Verkäufer ein)

Paulus: Es werden potentiell alle Gattungssachen geschuldet, für die letzte Sache (bzw
entsprechend der gekauften Anzahl) trägt auf jedenfall der Käufer beim Untergang
durch VIS MAIOR die Gefahr, da diese sich dann bereits zur Speziesobligation
konkretisierte und Perfektion vorliegt.

Nach herrschender Lehre kommt die Regel PERICULUM EST EMPTORIS bei
Untergang des gesamten Leistungsreservoirs einer Gattungschuld, ohne vorheriger
Aussonderung, nicht zur Anwendung.

b. Gefahrtragung bei perfektem Kauf


Die Regel PERICULUM EST EMPTORIS besagt, dass ab Perfektion des
Kaufvertrages der Käufer die Gefahr des Untergangs oder der Verschlechterung der
gekauften Sache durch höhere Gewalt trägt.
Leistungsgefahr: trotz gültigen Vertrages erhält man keine Leistung mehr, auch nicht
Schadenersatz.
Preisgefahr (=Gegenleistungsgefahr): man muss die eigene (Gegen)Leistung in voller
Höhe erbringen, obwohl man keine oder nur eine verschlechterte Leistung vom
Vertragspartner erhält.

Die Regel PERICULUM EST EMPTORIS ist dispositives Recht.

c. Gefahrtragung bei nichtperfektem Kauf


Ereignis von VIS MAIOR zwischen Kaufabschluss und Perfektion:
Wenn der Leistungsrahmen des Verkäufers nur eingeschränkt wird gilt GENUS NON

RR – Zusammenfassung Seite 37 / 37
PERIT, der Kauf wird abgewickelt, wie es die Vereinbarung vorsieht.
Ereignis von VIS MAIOR vor Perfektion:
Wenn dadurch Unmöglichkeit der Leistung eintritt, erhält der Käufer keine Ware
(Leistungsgefahr), jedoch kann der Verkäufer dann auch keinen Kaufpreis fordern.

d. Untergang in Folge niederen Zufalls


Nimmt man eine CUSTODIA Pflicht des Verkäufers an, so kann der Verkäufer bei
Sachuntergang niederen Zufalls schadenersatzpflichtig werden – der Verkäufer muss
dem Käufer das Erfüllungsinteresse ersetzen.
Nimmt man nur die übliche Sorgfaltspflicht eines DILIGENS PATER FAMILIAS an,
nicht die eines DILIGENTISSIUMS, befreit der Untergang der Sache durch niederen
Zufall den Verkäufer von seiner Leistungspflicht – der Käufer trägt die
Leistungsgefahr, nicht jedoch die Preisgefahr (kriegt nix, muss aber auch nix zahlen).

Die beiden Modelle der CUSTODIA-Haftung und CUSTODIA-Gefahrtragung führen


nur dann zu unterschiedlichen Ergebnissen, wenn das Erfüllungsinteresse des Käufers
höher als der Kaufpreis ist.

9. Verzug
a. Schuldnerverzug (Leistungsverzug) – MORA DEBITORIS
liegt vor, wenn der Schuldner die geschuldete und mögliche Leistung zum
Fälligkeitszeitpunkt nicht so, wie es vereinbart worden ist, anbietet.

Gerät der Verkäufer mit der Leistung des Kaufgegenstandes in Verzug, so haftet er
auch für einen späteren zufälligen Untergang der Sache. Er wird dem Käufer in der
Höhe des Erfüllungsinteresse und ev. Verzugsschäden schadenersatzpflichtig.
Ist dem Gläubiger die Vertragsfortsetzung nicht zuzumuten, so kommt für ihn
aufgrund der BONA FIDES ein Rücktritt vom Vertrag in Frage

Zahlt der Käufer nicht rechtzeitig den Kaufpreis, so hat er dem Verkäufer
Verzugszinsen in Höhe der ortsüblichen Kreditzinsen zu leisten, nicht jedoch einen
darüber hinausgehenden Schaden.

b. Gläubigerverzug (Annahmeverzug) – MORA CREDITORIS


liegt vor, wenn der Gläubiger die vom Schuldner ordnungsgemäß angebotene Leistung
zum vereinbarten Zeitpunkt nicht annimmt.

Annahmeverzug des Käufers hat zur Folge, dass der Verkäufer grundsätzlich nur mehr
für DOLUS und CULPA LATA zu haften hat. Für Untergang wegen VIS MAIOR,
CULPA LEVIS und CUSTODIA trägt der Käufer die Leistung- und Preisgefahr.

Es besteht die Möglichkeit der Hinterlegung der Leistung (insbesondere bei


Geldschulden) bei bestimmten öffentlichen Stellen (zB Tempel), wodurch der
Schuldner befreit wird, als hätte er an den Gläubiger geleistet.

Erwachsen dem Verkäufer infolge Annahmeverzug Lagerkosten oä, so kann er sie


vom Käufer mit der ACTIO VENDITI verlangen.

Gläubiger- und Schuldnerverzug schließen einander logischerweise aus.

RR – Zusammenfassung Seite 38 / 38
10. Gewährleistung allgemein
Gewährleistungsansprüche kommen nach Übergabe des Kaufgegenstandes sowie
Bezahlung des Kaufpreises gegenüber dem Verkäufer in Betracht, gleich ob der Verkäufer
den Mangel schuldhaft verursacht oder verschwiegen hat.

Die Gewährleistung erfasst nur solche Mängel, die im Zeitpunkt der Übergabe vorliegen,
sofern sie nicht nach Perfektion entstanden sind und daher Gefahrtragungsregeln
unterliegen. Die Gewährleistung ist dispositives Recht und kann daher, bis auf DOLUS
MALUS für das der Verkäufer immer haftet, gänzlich ausgeschlossen werden.

11. Rechtsmangelgewährleistung
Für die Gültigkeit eines Vertrages spielen Eigentum bzw Verfügungbefugnis prinzipiell
keine Rolle. Verkauf jedoch jemand eine Sache, die ihm nicht gehört, so kann dies freilich
zu Leistungsstörungen führen.
Hat der Verkäufer nichtmal Besitz an der Sache, ist dies nur eine subjektive
Unmöglichkeit, haftet er dem Käufer auf das Erfüllungsinteresse.
Hat der Verkäufer kein Eigentum oder ist er nicht verfügungsbefugt, besteht das Risiko
der Eviktion durch den zivilen Eigentümer, da der Verkäufer nur verpflichtet ist, dem
Käufer ungestörten Besitz daran zu gewährleisten.

Das erfolgreiche Geltendmachen des dinglichen Rechts und somit Eviktion liegt vor:
a. wenn der Käufer als Beklagter die Sache herausgegeben hat
b. wenn der Käufer als Beklagter auf den Schätzwert verurteilt worden ist
c. wenn der Käufer den Besitz an einen dinglichen Berechtigten verliert, sie von diesem
mittels ACTIO in REM herausverlangt und der beklagte Besitzer freigesprochen wird.

Eviktionsprinzip: Rechtsmangelgewährleistung ist abhängig von der Eviktion des


Kaufgegenstandes.
Der Käufer ist Ersitzungsbesitzer, nach Ablauf von TEMPUS ist er originärer Eigentümer.

Durchsetzung der Ansprüche infolge der Eviktion: bei


a. Manzipationskauf:
Der Verkäufer muss dem Käufer während eines Prozesses beistehen, dies ist
nötigenfalls mit der AUCTORITATEM PRAESTARE durchsetztbar. Wird die Sache
dennoch vindiziert, hat der Käufer die ACTIO AUCTORITATIS welche auf das
DUPLUM des Kaufpreises geht.
b. Abschluss einer Stipulation:
Für den Fall der Eviktion verspricht der Verkäufer meist das DUPLUM des
Kaufpreises, weshald man die Vereinbarung STIPULATIO DUPLAE nennt.
Im Fall der Eviktion dann dies der Käufer mit der CONDICTIO verlangen.

Bei manchen Kaufverträgen (Marktkauf von Sklaven, Kauf wertvoller Sachen, Kauf
von Provinzialgrundstücken) gibt es eine Verpflichtung des Verkäufers eine derartige
Stipulation abzuschließen. Weigert er sich, so kann er mittels ACTIO EMPTI auf
Abschluss einer Stipulation geklagt werden.
Kommt es zur Eviktion, ohne dass eine Stipulation abgeschlossen wurde, kann der
Käufer mit der ACTIO EMPTI auf jenen Betrag klagen, der aufgrund der Stipulation
zu leisten wäre.
c. EMPTIO VENDITIO:
Mit der ACTIO EMPTI kann der Käufer den Verkäufer im Eviktionsfall auf das
Erfüllungsinteresse (=wenn Eigentümer geworden wäre + alle Vorteile) klagen.

RR – Zusammenfassung Seite 39 / 39
Das Erfüllungsinteresse kann dadurch höher sein, als bei der STIPULATIO DUPLAE.
(zB bei Weiterverkauf an einen Dritten um einen höheren Preis)

Wird einem unwissenden Käufer wissentlich eine fremde Sache verkauft und übergeben,
so kann der Käufer ungeachtet einer eviktion gegen den dolosen Verkäufer mit der
ACTIO EMPTI vorgehen.

Hat der Verkäufer dem Käufer in einer Stipulation die Eigentumsverschaffung


zugesichert, dies jedoch nicht getan, so kann der Käufer ungeachtet einer Eviktion ab
Übergabe gegen den Verkäufer vorgehen (meist Zahlung mehrfaches des Kaufpreises).

EX ALIA CAUSA (aus einem anderen Rechtsgrund) kann der Käufer gegen den
Verkäufer vorgehen, wenn dieser nicht berechtigt war, jedoch keine Eviktion vorliegt, da
der Käufer Rechtsnachfolger des Eigentümers wird (eine Stipulation liegt im technischen
Sinn nicht vor).

12. Sachmangelgewährleistung
Sachmangel ist ein dem Kaufgegenstand (körperlich) anhaftender Mangel, der dessen
ordentlichen oder ausdrücklich bedungenen Gebrauch beeinträchtigt.

Wird von den Parteien nichts anderes vereinbart, so muss die Sache jene Eigenschaften
aufweisen, die man normalerweise von einer derartigen Sache erwartet.
Der ausdrücklich bedungene Gebrauch wird beeinträchtigt, wenn die Sache nicht die
Eigenschaften aufweist, die der Verkäufer dem Käufer zugesichert hat. (DICTA ET
PROMISSA). Im Rahmen der Privatautonomie können die Parteien aber auch
vereinbaren, dass die Sache Eigenschaften aufweist, die man gewöhnlich nicht erwartet.
Es gilt ID QUOD ACTUM EST.

Zu Gewährleistungsansprüchen führen solche Mängel, die bei der Übergabe vorliegen und
nicht nach Perfektion entstanden sind.
Entsteht ein Mangel zwischen Perfektion und Übergabe, so geht es
- bei Verschulden des Verkäufers um Nichterfüllung
- bei zufälligem Auftreten um Gefahrtragung
Keine Gewährleistungsansprüche lösen Mängel aus, die erst nach Übergabe entstehen.

Der Verkäufer ist aufgrund der BONA FIDES verpflichtet, dem Käufer Mängel der Sache
mitzuteilen. Bei offensichtlichen Mägeln und für bloße Anpreisung gibt es keine
Gewährleistung, hier gilt CAVEAT EMPTOR – „Augen auf, Kauf ist Kauf“.

Das Edikt der kurulischen Ädilen verpflichtet den Verkäufer eines Sklaven anzugeben, ob
der Sklave eine schwere Krankheit (MORBUS) hat, bestimmte Fehler (VITIA) hat (zB
FUGITIVUS-Ausreißer oder ERRO-Herumstreicher) oder ob er mit einer Noxalhaftung
belastet ist. Bei Zug-, Last- und Herdentiere besteht ebenfalls die Aufklärungspflicht des
Verkäufers über MORBUS und VITIUM.
Die Aufklärungspflicht soll eine entsprechende Äquivalenz der Leistungen fördern und
führt zu einer Garantieverpflichtung, dass gewisse Mängel eben nicht vorliegen.
Stellt es sich nach Übergabe heraus, dass die Sache nicht bekannt gegebene Mängel hat,
so muss der Verkäufer verschuldensunabhängig, gleich ob er davon wusste oder nicht,
dafür gewährleisten.

RR – Zusammenfassung Seite 40 / 40
Die Gewährleistungsansprüche kann der Käufer geltend machen durch die:

a. ACTIO QUANTI MINORIS – Minderungsklage (binnen 12 Monaten ab Kauf)


Preisminderung zur nachträglichen Anpassung, sodass die Äquivalenz gewahrt ist.
b. ACTIO REDHIBITORIA – Wandlungsklage (binnen 6 Monaten ab Kauf)
Rückabwicklung des Kaufes, als ob der Kaufvertrag nie geschlossen worden wäre (EX
TUNC). Mangelfolgeschäden werden berücksichtigt. Soweit möglich, muss der
Kaufgegenstand zurückgegeben werden.

Liegt kein Marktkauf von Sklaven, Zug-, Last- oder Herdentieren vor, so sind die
ädilizischen Rechtsbehelfe nicht anwendbar; an ihrer Stelle kommt die ACTIO EMPTI als
Anspruchs grundlage. Die Normen sind die selben, als kann analog mit der ACTIO
EMPTI auf Preisminderung oder Wandlung geklagt werden.

Mangelschäden sind Schäden, die dem Käufer hinsichtlich einer mangelhaften Ware
erwachsen. Mangelfolgeschäden/Begleitschäden sind infolge der Mangelhaftigkeit der
Ware darüber hinaus erwachsende Schäden.

Mangelfolgeschäden werden nicht durch die Gewährleistungsbehelfe erfasst, sie sind


jedoch als Schadenersatz mit der ACTIO EMPTI klagbar, sofern der Verkäufer gegen die
BONA FIDES verstoßen hat (zB verschweigen von Mängel oder Täuschung).
Mangelfolgeschäden können auch bei ausdrücklichen Zusicherungen – DICAT ET
PROMISSA – geltend gemacht werden, wenn diese sich nachträglich als unzutreffend
erweisen.
Werden keine ausdrücklichen Zusicherungen getätigt, haftet der Verkäufer nur für
Mangelfolgeschäden wenn er DOLUS MALUS gehandelt hat.
Jedoch hat bei schadhaften Gefäßen jedenfalls der Verkäufer für ihre Unversehrtheit
einzustehen.

RR – Zusammenfassung Seite 41 / 41
V. LOCATIO CONDUCTIO – Miete, Pacht, Werk- und Dienstvertrag

Die LOCATIO CONDUCTIO ist ein synallagmatischer entgeltlicher Konsensualvertrag.


Sie kommt mit der Einigung über die Sachüberlassung, über die Werk- oder Dienstleistung
und das jeweilige Entgelt (MERCES) zustande.
Synallagmatische Verträge, die von den drei LOCATIO-Typen und dem Kauf abweichen,
gehören zu den Innominatkontrakten.

LOCATOR = Vermieter/Verpächter/Werkbesteller/Dienstnehmer à ACTIO LOCATI


CONDUCTOR = Mieter/Pächter/Werkunternehmer/Dienstgeber àACTIO CONDUCTI
Die Klagen sind BONAE FIDEI IUDICIA.

Miete, Pacht und Dienstvertrag sind Dauerschuldverhältnisse über eine fixe Zeitspanne oder
auf unbestimmte Zeit. Der Werkvertrag ist ein Zielschuldverhältnis.

Die Erfordernisse des PERTIUM CERTUM beim Kauf gelten sinngemäß für das MERCES
CERTA bei der LOCATIO CONDUCTIO.

1) LOCATIO CONDUCTIO REI – Miete und Pacht


LOCATIO CONDUCTIO REI ist die Vereinbarung der entgeltlichen Überlassung einer
Sache zum Gebrauch, allenfalls auch zur Fruchtziehung.

Der LOCATOR muss die Sache dem CONDUCTOR überlassen und die vereinbarte
Sachnutzung ermöglichen, dies umfasst auch die Pflicht zur Instandhaltung.
Gemäß CASUM SENTIT DOMINUS trägt der LOCATOR, sofern er Eigentümer ist, die
Gefahr des Sachuntergangs.
Zinsgefahr: trägt der LOCATOR, bei Untergang und Beschädigung der Sache durch VIS
MAIOR erhält er bloß einen vermindertes oder kein Entgelt.
Zur Sicherung seiner Ansprüche aus dem Mietvertrag hat der LOCATOR ein
stillschweigend vereinbartes Pfandrecht an allen eingebrachten Sachen des Mieters; beim
Pachtvertrag an allen gezogenen Früchten.

Der CONDUCTOR muss für die Sachnutzung Zins zahlen. Ab Übernahme haftet er wenn
die Sache infolge von DOLUS, CULPA oder CUSTODIA (mangelnde Bewachung)
untergeht. Der Anspruch des LOCATOR umfasst nicht nur den Schaden an der Sache,
sondern prinzipiell auch den Zins.

Ist die Laufzeit von vornherein terminmäßig fixiert, ist es ein befristeter Vertrag,
andernfalls liegt ein unbefristetes Dauerschuldverhälnis vor.
Durch Kündigung geht dieses zu Ende. Die Kündigung steht jedem Vertragspartner
jederzeit frei zu, jedoch legt meist die LEX CONTRACTUS fest, dass diese nur zu
bestimmten Terminen und unter Einhaltung bestimmter Fristen erfolgen kann.
Treten jedoch wichtige Gründe ein, die es dem Vertragspartner unzumutbar machen,
länger am Vertrag festzuhalten, kann er ihn durch Willenserklärung EX NUNC beenden.

Liegt eine Beeinträchtigung der Sache durch VIS MAIOR vor, so liegt eine
Leistungsstörung vor, es greifen Sachmangelgewährleistungsregeln. Der CONDUCTOR
kann 1. eine Zinsreduktion verlangen (Minderung) oder 2. vom Vertrag zurücktreten
(Wandlung).
Die Sachmangelgewährleistungsbehelfe wirken nur EX NUNC, bis zum Eintritt der

RR – Zusammenfassung Seite 42 / 42
Beeinträchtigung ist das volle Entgelt zu zahlen.
Leistet der LOCATOR bewusst mangelhaft, so greift nicht nur die
Sachmangelgewährleistung ein, sondern auch die Haftung für Mangelfolgeschäden (zB
bei Untervermietung einer Wohnung).

Für Mangelfolgeschäden auf Grund von schadhaften Gefäßen haftet der LOCATOR
immer.

Wird dem CONDUCTOR die Sache aufgrund der dinglichen Berechtigung eines Dritten
entzogen, dann haftet ihm der LOCATOR auf das Erfüllunginteresse (vor allem bei
Verkauf der Sache).

2) LOCATIO CONDUCTIO OPERIS – Werkvertrag


Der Kontrakt LOCATIO CONDUCTIO OPERIS hat die entgeltliche Erbringung eines
OPUS – eines Werkes, Erfolges – zum Inhalt.

Der CONDUCTOR hat die Pflicht den vereinbarten Erfolg zu erbringen, soweit er dabei
Sachen des LOCATOR innehat, haftet er für DOLUS, CULPA und CUSTODIA.

Der LOCATOR hat die Pflicht, das Entgelt zu zahlen. Das Entgelt ist auch zu zahlen,
wenn die Leistung aus Gründen ausbleibt, die nicht im Bereich des CONDUCTOR liegen.
Der Unternehmer hat dafür ein Retentionsrecht (Rückbehalterecht).

ADPROBATIO = Abnahme, kommt der TRADITIO beim Kauf gleich.


Mit Entgegennahme des Werkes durch den Besteller tritt Erfüllung ein.

Der Werklieferungsvertrag liegt vor, wenn der Unternehmer ein Werk liefert, das er
hauptsächlich aus eigenem Material fabriziert.

Beim Transport durch NAUTAE (Schiffer) sowie bei der Beherbergung durch
CAUPONES (Gastwirte) und STABULARII (Stallwirte) gibt es eine Garantie dieser
Unternehmer, dass den Passagieren oder Gästen nichts gestohlen oder beschädigt wird.
Im Schadensfall kann der Geschädigte von diesen verschuldensunabhängig mit der
ACTIO DE RECEPTO Wertersatz verlangen, sofern es kein Ereignis VIS MAIOR war.
Daher läuft die RECEPTUM Garantie inhaltlich auf eine CUSTODIA Haftung hinaus.

Paulus + hL: Bei Sachuntergang durch VIS MAIOR trägt der Besteller gemäß
PERICULUM EST LOCATORIS die Entgeltgefahr, jedoch ist dies dispositives Recht.
Labeo: vertritt die Ansicht, der Unternehmer trage die Entgeltgefahr, ohne auf die
Zurechnung der Schadensursache einzugehen.

Sachmangel:
Javolen: bei Mangelhafter Erfüllung trifft den Unternehmer eine Haftung, die der
Besteller mit der ACTIO LOCATI geltend machen kann.
(Unklar ist, ob der Besteller dann garnicht das Werk abnimmt und somit den Unternehmer
in Verzug setzt, oder ob er nach Abnahme Minderung bzw Wandlung geltend macht.)

Wenn der Besteller die Arbeitsabläufe kontrolliert und die technische Durchführung
bestimmt, sind allfällige Mängel dem Unternehmer nicht mehr zurechenbar.

LOCATIO CONDUCTIO IRREGULARIS

RR – Zusammenfassung Seite 43 / 43
In der Regel bleibt der Besteller, der dem Unternehmer zur Erbringung des OPUS eine
Sache überlässt, deren Be sitzer und Eigentümer, während der Unternehmer Detentor wird.
Jedoch stellt der Unternehmer ein Werk aus Edelmetall her und erhält er vom Besteller
Material, erwirbt der Unternehmer Eigentum daran. Zur Erfüllung ist es dann notwendig,
dass er das vollendete Werk dem Besteller übereignet.
Analoges gilt, wenn der Unternehmer Transporteur von Getreide ist – mehrere
Getreideeigentümer übergeben einem Schiffer das Getreide für einen Sammeltransport,
der Eigentum daran erwirbt, und es an die Adressaten in entsprechenden Quoten
übereignet.
Die Unternehmer haften jedoch nicht für VIS MAIOR, sonder weiterhin die Besteller.

3) LOCATIO CONDUCTIO OPERARUM – Dienstvertrag


Der Kontrakt LOCATIO CONDUCTIO OPERARUM sieht vor, dass jemand seine
Arbeitskraft gegen Entgelt auf bestimmte Zeit zur Verfügung stellt.

Es wird kein bestimmter Erfolg (OPUS) geschuldet, sondern Dienstleistungen, und zwar
meist als wiederholte, sich über einen Zeitraum erstreckende, die Anweisungen anderer
ausführende Tätigkeiten – OPERAE. (mz, OPERA=Arbeit, Dienstleistung)
zB Musikunterricht, Gesangsausbildung

Der Dienstnehmer (LOCATOR) hat die Pflicht, in der vereinbarten Weise


Dienstleistungen zu erbringen.
Der Dienstgeber (CONDUCTOR) hat die Pflicht, den Arbeitslohn zu zahlen.

Lohngefahr: Der Diens tgeber hat den gesamten Lohn zu zahlen, wenn es nicht am
Dienstnehmer liegt, dass die Arbeit nicht oder nur teilweise geleistet wird.
(Wenn der Dienstgeber krank wird, muss er zahlen; nicht jedoch, wenn der Dienstnehmer
krank wird)

Ulpian: Der Dienstnehme r hat auch bei Tod des Dienstgebers Anspruch auf den gesamten
Jahreslohn, sofern er nicht von jemadem anderen einen Lohn erhält.

RR – Zusammenfassung Seite 44 / 44
VI. MANDATUM – Der Auftragsvertrag

Durch den Auftragsvertrag – MANDATUM – verpflichtet sich der Auftragnehmer zur


unentgeltlichen Führung eines Geschäftes für den Auftraggeber.

Auftraggeber = Mandant à ACTIO MANDATI DIRECTA


Auftragnehmer = Mandatar à ACTIO MANDATI CONTRARIA

Das MANDATUM ist ein Konsensualvertrag und zählt zu den BONA FIDEI IUDICIA.
Der spätere Wegfall des Konsens führt unter Umständen zur Auflösung des Vertrages.
Jede Partei hat die Möglichkeit der einseitigen Kündigung, solange RES INTEGRA vorliegt.
RES INTEGRA liegt vor, wenn die Beendigung zu keinem Vertrauensschaden bei der
anderen Partei führt.

Der Mandant fordert mit der ACTIO MANDATI DIRECTA vom Mandatar die
vereinbarungsgemäße Ausführung des Vertrages und Herausgabe aufgrund dessen Erlangtes.
Der Mandatar fordert mit der ACTIO MANDATI CONTRARIA Ersatz für Kosten und
Schäden, welche ihm aufgrund der BONA FIDES Ausführung des Auftrages erwachsen sind,
für die Ausführung als solche erhält er nichts (unentgeltlich).

Der Mandatar führt für den Mandant ein fremdes Geschäft (nicht im ausschließlich eigenem
Interesse), welches eine faktische Tätigkeit oder ein rechtsgeschäftliches zum Inhalt hat.

Ein Mandat wird häufig zum Zweck der indirekten Stellvertretung eingesetzt (zB Erwerb
einer Sache durch einen freien Römer – erst erwirbt dieser, dann TRADITIO auf Mandant).

Neben der Hauptflicht für den Mandatar (vereinbarungsgemäße Geschäftsführung) ergeben


sich wegen der BONA FIDES auch Nebenpflichten (Schutz-, Sorgfalts- und
Informationspflichten). Der Mandatar hat den Mandanten möglichst rasch zu informieren,
falls ihm die Ausführung den Mandates unmöglich ist oder ein Umstand eintritt, der für den
Mandanten Bedeutung hat. Bei Verstößen dagegen haftet der Mandatar.

Bei Schlechterfüllung kann der Mandant vom Mandatar den ihm erwachsenen
Nichterfüllungsschaden verlangen.
Der Mandatar haftet in der Regel nur für DOLUS und CULPA.
Der Mandant haftet jedoch verschuldensunabhängig für mandatspezifische Schäden des
Mandatars – Risikohaftung des Geschäftsherrn.
Der Mandat haftet jedoch nicht für Schäden des Mandatars, die dem allgemeinen
Lebensrisiko zuzuordnen sind – zB Überfall durch Banden, Schiffsbruch, Krankheit.

Wenn die vertragsgemäße Ausführung nicht möglich ist und den Mandatar an der
Unmöglichkeit kein Verschulden trifft, gibt es keine Haftung des Mandatars, und der
Mandant hat keinen Anspruch auf Erfüllung. Zuvor getätigte Aufwendungen muss der
Mandant ersetzten.

Ist dem Mandatar die Ausführung hingegen möglich und besorgt er das Geschäft dennoch
nicht vertragskonform, dann haftet er dem Mandanten auf das Interesse.

Sabinianer: Wenn ein Grundstück teuerer gekauft wird als vereinbart, besteht kein Anspruch
des Mandatars dem Mandanten gegenüber, selbst wenn der Mandatar das Grundstück nur zum

RR – Zusammenfassung Seite 45 / 45
ursprünglich im Mandat vereinbarten Preis dem Mandanten abgeben will.
Prokulianer: Der Mandatar hat den Anspruch dem Mandanten gegenüber, gegen Herausgabe
des Grundstückes den ursprünglich vereinbarten Preis als Aufwandersatz zu erhalten.

MANDATUM MORTE SOLVITUR – das Mandat erlischt mit dem Tode. Da das Mandat
höchstpersönlich ist, kommt es zu keiner Übertragung von Rechten und Pflichten auf die
Erben der verstorbenen Partei, solange die Ausführung noch nicht begonnen wurde. Allfällige
Aufwendungen sind dann zu ersetzen.
Wenn der Auftragnehmer das Mandat BONA FIDE ausführt, weil er vom Tod des
Auftraggebers nichts weiß, kann er vom Erben Ersatz seiner Kosten und Schäden aus dem
Mandat verlangen.

Bei einem Kreditmandat (MANDATUM QUALIFICATUM) wird vereinbart, dass der


Mandatar im eigenen Namen und auf eigene Rechnung einer bestimmten Person einen Kredit
gewährt. Bei Ausfall des Dritten haftet der Mandant dem Mandatar auf Rückzahlung des
Kredits.
(Anders als beim Anweisungsdarlehen besteht das Darlehen zwischen Mandatar und Drittem)

Wurde jedoch Tu von Ego aufgefordert das Geld irgendwem gegen Zinsen zu verleihen, so
haftet der Ego nicht, falls dieser Dritte dann ausfällt, da kein MANDATUM zustande kam.

CESSIO – Gläubigerwechsel
Die Zession ist die Übertragung eines Rechtes aus einem obliagtorischen Verhältnis mit der
Wirkung, dass anstelle des alten Gläubigers (Zedent) einem anderen (Zessionar) das
Forderungsrecht gegen den Schulder (Debitor Cessus) zusteht à Gläubigerwechsel.

Die CESSIO ist nur mit Hilfe des an die Stipulationsform gebundenen Neuerungsversprechen
– NOVATIO – auf Geheiß des Altgläubigers zwischen Schuldner und Neugläubiger möglich.

NOVATIO – Neuerungsvertrag
Die Novation bewirkt, dass ein bestehendes Schuldverhältnis durch ein anderes ersetzt wird,
wobei dadurch das alte erlischt. Der Neugläubiger ist anstelle des Altgläubigers
forderungsberechtigt. Auch ein Schuldnerwechsel ist mit der Novation möglich.

MANDATUM AD AGENDUM IN REM SUAM


Ein Auftragsvertrag, der die Prozessführung für einen anderen zum Inhalt hat, wird
MANDATUM AD AGENDUM – Prozessmandat – genannt.

Mandat und Mandatar eines Prozessmandates können vereinbaren, dass der Mandatar den
Erlös behalten soll, was einer Klagsabtretung gleichkommt.

Da der Mandatar den Prozess dann gleichsam in eigener Sache sowie im Interesse des
Mandanten betreibt, nennt man diesen Auftragsvertrag MANDATUM IN REM SUAM.

Der Prozessmandatar macht formell einen fremden Anspruch geltend. Jedoch kann der
Schuldner weiterhin schuldbefreiend an den Mandanten leisten, oder von diesem Stundung
oder Erlass gewährt werden. Dies bringt dann entsprechende Einreden für den Schuldner.

Dem Käufer einer Erbschaft wird eine ACTIO UTILIS gegen den Erbschaftsschuldner
gewährt, wobei die Schuldner gegen die Klage des Verkäufers eine EXCEPTIO DOLI haben.

RR – Zusammenfassung Seite 46 / 46
VII. SOCIETAS – Der Gesellschaftsvertrag

Ein Gesellschaftsvertrag ist ein Vertrag, durch den sich zwei oder mehrere Personen
zusammenschließen, um ein gemeinsames wirtschaftliches Ziel zu verfolgen.

Die SOCIETAS wird duch bloße Willenseinigung abgeschlossen (Konsensualkontrakt).


Die Gesellschafter können ihre Ansprüche untereinander mit der ACTIO PRO SOCIO (eine
BONAE FIDEI IUDICUM) geltend machen.

Die SOCIETAS hat festzulegen,welches gemeinsame Ziel erreicht werden soll und welche
Beiträge von den Gesellschaftern zur Erreichung dieses Zieles zu leisten sind, eine juristische
Person entsteht dabei jedoch nicht.
Ebenso ist geregelt, wie Gewinn oder Verlust zu tragen ist. Im Zweifel sind die Gesellschafter
gleichbeteiligt. Vereinbarungen über Beteiligungen nur am Gewinn/Verlust sind ungültig.
Die Beiträge können Sacheinlagen, Kapital oder Arbeitskraft sein.

Vereitelt ein Gesellschafter durch ein gegen BONA FIDES verstoßendes Verhalten (DOLUS
und CULPA, teilweise auch CUSTODIA) die Erreichung des Gesellschaftszweckes, so haftet
er den Mitgesellschaftern aufs Interesse. Der Gesellschafter mus s die Sorgfalt walten lassen,
die er in eigenen Angelegenheiten anzuwenden pflegt (DILIGENTIA QUAM IN SUIS
REBUS, nicht BONUS PATER FAMILIAS), es ist daher ein subjektiver Maßstab.

Der SOCIUS wird bei Verstößen gegen die Sorgfalt nur auf soviel verurteilt, wie er leisten
kann – ID QUOD FACERE POTEST. Ein Vorteilsausgleich/-anrechnung ist nicht gedacht
(Gewinne, die der SOCIUS in anderen Geschäften erzielt hat, kann er bei verschuldeten
Verlusten nicht in Abzug bringen).

Ein Schaden, den ein Gesellschafter im Rahmen der gemeinsamen Verfolgung des
Gesellschaftszweckes unverschuldet erleidet und für den kein Mitgesellschafter haftet wird
als gemeinsamer Verlust behandelt.

Beendet wird die SOCIETAS durch


a) Tod oder Konkurs eines der Gesellschafter
b) Erreichen des Gesellschaftszweckes
c) Unmöglichkeit, den Gesellschaftszweck zu verwirklichen
d) Fristablauf bei befristeten Gesellschaftsverhältnissen
e) Kündigung:
Da die SOCIETAS auf Konsens der Gesellschafter beruht, kann jeder Gesellschafter
durch jederzeit möglicher Kündigung (RENUNTIATIO) aus der Gesellschaft ausscheiden
und gleichzeitig das Ende der SOCIETAS herbeiführen. Die Kündigung darf jedoch nicht
gegen die BONA FIDES verstoßen – alle durch die Kündigung verursachten Nachteile
sind zu ersetzen.
Ist die Gesellschaft auf bestimmte Zeit abgeschlossen, so ist eine vorzeitige Beendigung
nur aus wichtigem Grund zugelassen. (zB eine Gründungsvoraussetzung wird nicht
erfüllt; ein Gesellschafter verursacht soviel Schaden, dass eine weitere Zusammenarbeit
unzumutbar ist).

Wird aus körperlichen Sachen bestehendes Vermögen in die SOCIETAS eingebracht, können
für Beendiung folgende Vereinbarungen getroffen werden:
a) Der einbringende Gesellschafter bleibt weiterhin unangetasteter Eigentümer daran.

RR – Zusammenfassung Seite 47 / 47
b) Der einbringende Gesellschafter bleibt weiterhin nach außen hin Eigentümer, im
Innenverhälntnis wird die Sache aber als Teil des Gesellschaftsvermögens angesehen.
Nach Ende wird sie entsprechend dem Gesellschaftsvertrag aufgeteilt.
c) Der einbringende Gesellschafter überträgt die Sache ins Miteigentum der anderen, sodass
sie in den festgelegten Quoten allen gemeinsam gehört – es ensteht ein CONDOMINIUM.
Zum Miteigentum kann es auch kommen, wenn Sachen im Rahmen der Gesellschaft
gemeinsam erworben werden.

Keines Falls kann das Vermögen im Eigentum der Gesellschaft als solcher stehen, da diese
dafür Rechtspersönlichkeit haben müsste.

Bei Abrechnung eines Gesellschaftsverhältnisses ergeben sich folglich schuldrechtliche


Ansprüche der Gesellschafter aus dem Gesellschaftsvertrag unterreinander, welche jeder mit
der ACTIO PRO SOCIO durchsetzten kann.

Stehen Sachen aber im Miteigentum der Gesellschafter, so ist die ACTIO COMMUNI
DIVIDUNDO zur Aufteilung der im Miteigentum stehenden Sachen heranzuziehen.

RR – Zusammenfassung Seite 48 / 48
VIII. Die Innominatkontrakte

Innominatkont rakte sind Vereinbarungen, die aufgrund ihrer spezifischen inhaltlichen


Gestaltung keinem Typus der anerkannten Kontrakte entsprechen, denen aber dennoch
Klagbarkeit zuerkannt wird.

Der Erfüllungsanspruch der Innominatkontrakte ist gegeben, wenn sie synallagmatisch sind
und eine Vorleistung haben.
Synallagmatisch: Leistungsversprechen (gemäß DO UT DES) – DO UT FACIAS oder
FACIO UT FACIAS oder FACIO UT DES. Eine Leistung muss um einer Gegenleistung
willen zugesagt worden sein.
Vorleistung: ein Anspruch eine r Partei auf die vereinbarte Gegenleistung ist erst dann
durchsetzbar, wenn die Partei ihre Leistung (wenigstens teilweise) schon erbracht hat.

Beispiele:
- E übertragt T das Eigentum an einem Grundstück mit der Vereinbarung, dass T auf einem
Teil des Grundstückes ein Haus errichtet und diesen Grundstücksteil dem E rückübertragen
soll, den Rest des Grundstückes aber behalten darf.
- E und T, die jeweils einen Ochsen haben, vereinbaren miteinander, dass E zunächst T seinen
Ochsen zehn Tage zum Gebrauch überlässt und anschließend umgekehrt T dem E.
- E gibt T 10 Goldstücke, dass der Sklave S freigelassen wird.
- CONTRACTUS MOHATRAE
- Tauschvertrag
- Trödelvertrag

Die Durchsetzung der Ansprüche kann mit einer Bereicherungsklage – CONDICTIO OB


CAUSAM DATORUM – ausgeübt werden. Mit dieser Bereicherungsklage konnte zwar die
Gegenleistung nicht durchgesetzt werden, jedoch bereits hingegebene eigene Leistungen
können damit zurückverlangt werden.

Mit der ACTIO PRAESCRIPTIS VERBIS konnte auch das Recht auf Erbringung der
Gegenleistung durchgesetzt werden, sofern die eigene Leistung bereits erbracht wurde. Sie ist
ein BONAE FIDEI IUDICIUM.

Der Tauschvertrag ist der Austausch von Ware gegen Ware (nicht Geld!) – PERMUTATIO
Es liegt die Leistungsbeziehung DO UT DES zugr unde, wobei dem Partner Eigentum
übertragen wird.

Beim Trödelvertrag erhält T von E eine Sache, damit er sie verkaufe. Gelingt T der Verkauf,
so hat er E einen (vereinbarten) Schätzwert zu zahlen und darf einen allfälligen Mehrerlös für
sich behalten. Verkauf T die Sache innerhalb einer bestimmten Frist nicht, so hat er diese an E
zurückzugeben.
Die Ansprüche können mit der ACTIO DE AESTIMATIO (eine ACTIO PRAESCRIPTIS
VERBIS) durchgesetzt werden.
(Kein Mandatum, da entgeltlich; Keine SOCIETAS, da keine Gewinnbeteiligung sondern
fixer Preis vereinbart.)

Primär gilt auch bei Innominatkontrakten ID QUOD ACTUM EST, die Ansprüche bei
Leistungsstörungen sind analog zu anerkannten Verträgen, die am ehesten der Vereinbarung
entsprechen, heranzuziehen. Die Haftung orientiert sich am Utilitätsprinzip.

RR – Zusammenfassung Seite 49 / 49
IX. Die adjektizischen Klagen

Die adjektizischen (=zusätzlichen) Klagen ermöglichen dem Vertragsgläubiger, seine gegen


den in der Regel vermögenslosen Schuldner (Hauskinder, Sklaven) bestehende
Geschäftsforderung auf den dahinterstehenden „Geschäftsherren“ (Gewalthaber) auszuweiten,
bei dem Vermögen für eine Befriedigung der Gläubigerforderung (meist daher eine
Naturalobligation) zu erwarten ist.

Geklagt wird mit ACTIO DE PECULIO, ACTIO DE IN REM VERSO und ACTIO QUOD
IUSSU gegen den Dominus bzw Paterfamilias.
Besteht kein Gewaltverhältnis (gegen einen Gewaltfreien oder Gewaltunterworfenen, der
nicht der Gewalt des Geschäftherrn unterliegt) wird mit ACTIO INSTITORIA und ACTIO
EXERCITORIA geklagt.

Adjektizische Ansprüc he sind keine selbstständige Forderungen, sondern eine Erstreckung


vertraglicher Ansprüche durch Hinzunahme eines Schuldners.

Die ACTIO DE PECULIO


Hat der Gewalthaber seinem Gewaltunterworfenen ein Pekulium (Generalvollmacht) erteilt,
so haftet er für alle dessen Schulden aufgrund der ACTIO DE PECULIO. Der
Pekuliumsgeber haftet nur in der Höhe des Werts, nicht jedoch nur auf die Gegenstände
bezogen, des Pekuliums im Urteilszeitpunkt. Bewusstes reduzieren eines Pekuliums in
Erwartung von Gläubigeransprüche mit ACTIO DE PECULIO sind dolos und verringern
daher den Haftungsrahmen nicht. Gibt es mehrere Gläubiger, so werden ihre Ansprüche in der
zeitlichen Reihenfolge ihrer Geltungmachung befriedigt, bis der Haftungsrahmen
ausgeschöpft ist, es ist keine quotenmäßige Befriedigung vorgesehen.

Die ACTIO DE IN REM VERSO


Wenn der Gewalthaber durch die geschäftliche Aktivität seines Gewaltunterworfenen eine
Bereicherung erfahren hat, haftet er adjektizisch (VERSIO).
Der Gläubiger erhält über die ACTIO DE REM VERSO vom Gewalthaber nicht mehr, als
dessen Bereicherung ausmacht. Sollte das vereinbarte Entgelt niedriger sein als die
Bereicherung, so erhaltet er bloß den Entgeltbetrag.

Die ACTIO QUOD IUSSU


Wenn der Gewalthaber dem Gewalunterworfenen ein IUSSUM (Ermächtigung zu einer
Erwerbshandlung) erteilte, kann der Gläubiger, sofern er von diesem IUSSUM Kenntnis
erlangte, den gesamten Wert seines vereinbarten Vertragsanspruches verlangen.
Auch eine RATIHABITIO – die nachträgliche Genehmigung eines vom
Gewaltunterworfenen eigenmächtig unternommenen Geschäfts – führt zur adjektizieschen
Haftung des Gewalthabers über eine ACTIO QUOD IUSSU.

Die ACTIO EXERCITRIA


Wer ein Schiff betreibt (Reeder=EXERCITOR) und zu erkennen gibt, dass er die
geschäftliche Führung einem Kapitän (MAGISTER NAVIS, kann auch ein Gewaltfreier sein)
übertragen hat, muss prinzipiell für jene Geschäftsverpflichtungen haften, die der Kapitän
zum Betreiben des Schiffes eingeht.
Der Reeder hat die Möglichkeit, durch eine deutliche, an die potentiellen Kontrahenten des
Kapitäns gerichtete Kundmachung seine Haftung einzuschränken oder auszuschließen.

RR – Zusammenfassung Seite 50 / 50
Die ACTIO INSTITORIA
Wer ein Unternehmen betreibt (DOMINUS) und zu erkennen gibt, dass er die Leitung einem
Geschäftsführer (INSTITOR, kann auch ein Gewaltfreier sein) übertragen hat, muss
prinzipiell für die vom Institor eingegangenen, im Betrieb des Unternehmens sachlich
begründeten Verpflichtungen haften.
Der Unternehmer hat die Möglichkeit, durch eine deutliche, an die potentiellen Kontrahenten
des Geschäftsführers gerichtete Kundmachung seine Haftung einzuschränken oder
auszuschließen.

Analogien zur Institorklage


Papinian: Wenn der PROCURATOR eine Ermächtigung (PRAEPOSITIO) zur Aufname von
Gelddarlehen erhalten hat, so haftet der Dominus adjektizisch, nicht subsidiär, also neben dem
Prokurator.
Auch haftet der Dominus in Analogie zur Institorklage, wenn er seinem Prokurator mit
Mandat den Verkauf einer Sache aufgetragen hat und wenn der Käufer mit Blick auf das
Mandat den Kaufvertrag eingegangen ist.
Ein Bürge, der motiviert durch das Mandat des Dominus, der Prokurator solle Gelddarlehen
aufnehmen, gebürgt und gezahlt hat, kann nicht nur beim Prokurator, sondern durch die
analoge Institorklage auch beim Dominus Regress nehmen.

RR – Zusammenfassung Seite 51 / 51
X. NEGOTIORUM GESTIO – Geschäftsführung ohne Auftrag

Geschäftsführung ohne Auftrag liegt vor, wenn jemand bewusst und unentgeltlich ein fremdes
Geschäft für einen anderen führt, ohne hiezu durch Mandat oder einen anderen Vertrag
verpflichtet bzw ermächtigt zu sein.

NEGOTIORUM GESTOR = Geschäftsführer à ACTIO NEGOTIORUM GESTORUM


CONTRARIA für erwachsene Aufwendungenen und Schäden
DOMINUS NEGOTII = Geschäftsherr à ACTIO NEGOTIORUM GESTORUM DIRECTA
zur Herausgabe des Erlangten und allenfalls Schadenersatz

NEGOTIORUM GESTIO ist ein Quasikontrakt, die Klagen sind BONAE FIDEI IUDICIA.

Die Geschäftsführung ohne Auftrag liegt nur dann vor, wenn der GESTOR kein eigenes
Geschäft führt: Es muss sich um ein Geschäft handeln, das zur Rechtssphäre des
Geschäftsherrn gehört oder unmittelbar dessen Rechtssphäre zugute kommt.
Wie beim MANDATUM genügt gemischtes Interesse am Geschäft, es muss eine
„Fremdkomponente“ aufweisen.

Dem GESTOR muss bewusst sein und den Willen haben, ein fremdes Geschäft zu führen
(ANIMUS REM ALTERI GERENDI).

Es liegt keine NEGOTIORUM GESTIO vor, wenn die Leistung aufgrund familiären
Pflichtgefühls (PIETAS) erbracht wird. Solche Leistungen führen zu keinen
Aufwandersatzansprüche.

Nützlichkeit der NEGOTIORUM GESTIO im objektiven Sinn liegt vor, wenn die Handlung
nach dem allgemeinem Verständnis des Geschäftsführers nützlich ist.
Nützlichkeit im subjektiven Sinn liegt vor, wenn die Handlung den individuellen Interessen
des Geschäftsherrn dient.
Zudem lässt sich die Nützlichkeit EX ANTE oder EX POST beurteilen.

Für das römische Recht sind primär die subjektiven Interessen des Geschäftsherrn maßgeblich
(wie hätte der Geschäftsherr in der Situation selbst gehandelt?).

Für den Anspruch des Geschäftsführers auf Aufwandersatz genügt es, wenn das Geschäft
nützlich begonnen wurde, der Erfolg muss nicht eintreten. Er hat Ersatzanspruch auf
notwendige und nützliche Aufwendungen, nicht jedoch auf Luxusaufwendungen.

Prinzipiell haftet der Geschäftsführer für DOLUS und CULPA, dieser Haftungsmaßstab wird
jedoch gelegentlich gelockert, gelegentlich auch erhöht.
In Fällen der Notgeschäftsführung (um unmittelbar drohenden Schaden abzuwenden) nur für
DOLUS; hingegen bei Tätigung von Geschäften, die der Geschäftsherr üblicherweise nicht
tätigt, haftet er auch für CASUS Schäden.

Die Beurteilung der Geschäftsführung gegen den Willen des Geschäftsherrn – PROHIBENTE
DOMINO – erscheint kontrovers.
Manche Juristen gegeben eine ACTIO NEGOTIORUM GESTORUM oder eine dazu analog
gebildete ACTIO UTILIS. Andere, zB Julian, Paulus und Pomponius verweigern eine Klage
zum Ersatz der Aufwendungen.

RR – Zusammenfassung Seite 52 / 52
XI. Die Bürgschaft

Eine Bürgschaft liegt vor, wenn sich neben dem Schuldner eine andere Person dem Gläubiger
gegenüber verpflichtet, für die Forderung des Gläubigers persönlich mit ihrem Vermögen
einzustehen. Der Bürge wird somit ebenfalls Schuldner des Gläubigers.

Die Bürgschaft wird zwischen Gläubiger und Bürgen abgeschlossen. Es ensteht ein
dreipersonales Verhältnis bestehend aus Gläubiger, Hauptschuldner und Schuldner
(Nebenschuldner, Sicherungsschuldner). Bürgt jemand für die Bürgschaftsverpflichtung eines
Bürgen, spricht man von Nachbürgschaft. Es können mehrere Personen als Gläubiger,
Schuldner oder Bürgen beteiligt sein.

Das Verhältnis zwischen dem Bürgen und Schuldner wird als Innenverhältnis bezeichnet.
Das Eingehen einer Bürgschaft ist ein Interzessionsgeschäft: Der Bürge „tritt zwischen“
Gläubiger und Schuldner (INTERCEDERE) und übernimmt die Verpflichtung, eine fremde
Schuld zu erfüllen.

Der Gläubiger klagte den Bürgen mit der ACTIO EX STIPULATU und kann auf dessen
gesamtes persönliches Vermögen Zugriff nehmen. Bei Konkurs des Bürgen wird der
Gläubiger jedoch nur anteilig befriedigt.

Die FIDEIUSSIO ist die wichtigste Bürgschaftsform.


Das Bürgschaftsversprechen ist ein Verbalkontrakt, ein spezifischer Typ der STIPULATIO.
Der Bürge tritt bei der FIDEIUSSIO nach außen hin als gleichrangiger Schuldner auf. Er wird
somit zum Alternativschuldner des Gläubigers, der wählen kann, ob er den Hauptschuldner
oder den Bürgen in Anspruch nimmt. Der Gläubiger kann jedoch nur einen von diesen klagen,
ein späteres Verfahren gegen den anderen ist unzulässig.

Bei der FIDEIUSSIO verspricht der Bürge, dem Gläubiger dasselbe zu leisten, was der
Schuldner schuldet – QUOD MAEVIUS DEBET. (Akzessorietät!).

Der Bürge kann daher dem Gläubiger prinzipiell die Einreden entgegenhalten, die der
Hauptschuldner gegen den Gläubiger hat.
Von den Einreden des Schuldners kommen dem Bürgen die sachbezogenen zustatten,
während ihm die spezifisch personenbezogene Einreden nicht zustehen.

Personenbezogene Einreden sind solche, die auf das persönliche Verhältnis zwischen
Schuldner und Gläubiger Bezug nehmen. So ist die Verurteilung des Ehemannes zur
Herausgabe der DOS, die Verpflichtung eines SOCIUS seinen Mitgesellschaftern gegenüber,
Schulden eines Vaters seinem Kind gegenüber oder eines PATRONUS seinem Freigelassenen
gegenüber auf ID QUOD FACERE POTEST (das, was er leisten kann) beschränkt.

Sachbezogene Einreden sind solche, die auf die Art der Schuld selbst Bezug nehmen. Dazu
gehören etwa die EXCEPTIO SC MACEDONIANI, die EXCEPTIO DOLI, die EXCEPTIO
QUOD METUS CAUSA, die EXCEPTIO REI IDICATAE oder die EXCEPTIO PACTI DE
NON PETENDO.

Naturalobligationen, die auf eine mangelnde Klagbarkeit der Forderung gegen den
Hauptschuldner zurückzufüren sind, zB gegen ein Sklave oder Hauskind, kann der Bürge dem
Gläubiger nicht entgegenhalten – er haftet dennoch.

RR – Zusammenfassung Seite 53 / 53
Der Bürgenregress
Da der Bürge mit seiner Leistung eine fremde Schuld begleicht, erscheint es geboten, dass er
in der Fogle vom Hauptschuldner Ausgleic h verlangen kann. Dies wird als Regress
bezeichnet. Wie der Bürge Regress nehmen kann, hängt von seinem Innenverhältnis zum
Hauptschuldner ab. Als Innenverhältnis kommen vor allem ein MANDATUM oder
NEGOTIORUM GESTIO in Betracht.

Regress aufgrund eines Auftragsvertrages (MANDATUM)


Bürgt jemand auf Bitte des Hauptschuldner oder zumindes mit dessen erkennbarem
Einverständnis, so liegt im Innenverhältnis ein Auftragsvertrag vor. Der Bürge hat daher die
ACTIO MANDATI CONTRARIA.
Durch das MANDATUM ergibt sich die gegenseitige Verpflichtung, dass derjenige, der vom
Gläubiger in Anspruch genommen wird, den anderen davon zu infomieren hat, damit dieser
dem Gläubiger nicht nomals leistet.

Regress aus NEGOTIORUM GESTIO


Der Bürge leistet zwar aufgrund seiner Bürgscha ftsverpflichtung, dabei erfüllt er aber eine
materiell dem Hauptschuldner zuzuordnende Schuld. NEGOTIORUM GESTIO liegt vor,
wenn der Bürge nicht in Schenkungsabsicht handelt. Daher kann der in Anspruch genommene
Bürge Geleistetes mit der ACTIO NEGOTIORUM GESTORUM CONTRARIA vom
Hauptschuldner mit verlangen.

Die Nützlichkeit der Geschäftsführung ergibt sich in der Regel daraus, dass der
Hauptschuldner durch die Zahlung des Bürgens von seiner Verbindlichkeit gegenüber dem
Gläubiger befreit wird.
Keine nützliche Geschäftsführung liegt hingegen vor, wenn der Bürge auf eine Verpflichtung
hin leistet, die gar nicht besteht, oder wenn der Hauptschuldner gegen den Gläubiger eine
dauernde EXCEPTIO gehabt hätte. (CONDICTIO INDEBITI)

Wenn die Bürgschaft gegen den ausdrücklichen Willen des Hauptschuldners übernommen
wurde, so lehnen die meisten Juristen eine ACTIO NEGOTIORUM GESTORUM
CONTRARIA ab. Jedoch gewähren manche Juristen aufgrund der eingetretenen
Bereicherung auf Kosten des Bürgen zumindest eine ACTIO UTILIS.

Regeress durch Klagsabtretung (BENEFICIUM CEDENDARUM ACTIONUM)


Der Gläubiger tritt durch Leistung des Bürgen seine Klage gegen den Hauptschuldner an den
Bürgen ab.
Gläubiger und Bürge schließen zu diesem Zweck ein MANDATUM IN REM SUAM,
aufgrund dessen kann der Bürge gegen den Hauptschuldner mit der Klage des Gläubigers
vorgehen.
Ab Justinian könnte der in Anspruch genommene Bürge vom Gläubiger die Klagsabtretung
verlangen.

Mitbürgschaft liegt vor, wenn mehrere Personen für dieselbe Verpflichtung des
Hauptschuldners bürgen. Der Gläubiger hat dann ein größeres Haftungsreservoir, auf das er
greifen kann.

Nach der LEX APULEIA (für die älteren Bürgschaftsformen SPONSIO und
FIDEPROMISSIO) hat ein in Anspruch genommene Mitbürge gegen die restlichen
Mitbürgen einen anteiligen Rückgriffsanspruch.

RR – Zusammenfassung Seite 54 / 54
Nach der etwas jüngeren LEX FURIA DE SPONSU darf der Gläubiger bei einer Mehrzahl
von SPONSORES oder FIDEPROMISSORES von jedem einzelnen bloß den Anteil
verlangen – er hat einen größeren Prozessaufwand. Die Bürgschaftsverpflichtung steht auch
nach der LEX FURIA im Außenverhältnis nur anteilig (Mitbürgen sind Teilschuldner).

Mitbürgschaft bei FIDEIUSSIO


Für den Bereich der FIDEIUSSIO sind die Gesetze nicht anwendbar. Die EPISTULA
HADRIANI verbesserte die Stellung der Mitbürgen:
Nach der EPISTULA HADRIANI haften alle zahlungsfähigen Mitbürger auch im
Außenverhältnis anteilig (sie teilen sich das Risiko der Insolvenz des Hauptschuldner bzw
von Mitbürgen).

Das Recht des Mitbürgen, den Gläubiger nach der EPISTULA HADRIANI zur gleichen
Inanspruchsnahme der anderen anzuhalten, wird als BENEFICIUM DIVISIONIS bezeichnet.
Der Mitbürge hat dabei zu beweisen, dass die anderen Mitbürger zahlungsfähig sind.

RR – Zusammenfassung Seite 55 / 55
XII. Ansprüche aus ungerechtfertigter Bereicherung

Ungerechtfertigte Bereicherung liegt vor, wenn eine Vermögensverschiebung ohne


rechtfertigenden Grund (IUSTA CAUSA) stattgefunden hat, sodass ein Vermögenswert
jemandem zugekommen ist, dem er nicht zusteht.

Wenn die IUSTA CAUSA bei TRADITIO fehlt, dann kann der Eigentümer seine Sache beim
Empfänger vindizieren, vorausgesetzt, der Empfänger hat nicht originär Eigentum erworben.

Wenn die IUSTA CAUSA eines (bedingten) Vertrages ex nunc wegfällt und dadurch die
Legitimation des Behaltens aufhört, bleibt der Empfänger der Sache zunächst Eigentümer, ist
jedoch schuldrechtlich zur Rückleistung verpflichtet.

Bei abstrakten Verfügungsgeschäften (MANCIPATIO und IN IURE CESSIO) kommt der


Eigentumserwerb auch dann zustande, wenn das zugrundeliegende Geschäft von Anfang an
ungültig ist. Dem früheren Eigentümer steht kein dinglicher Anspruch mehr zu, jeodch ein
Anspruch aus ungerechtfertigter Bereicherung.

Hat der Usukapient nach erfolgreicher Ersitzung Eigentum erworben, ist er keinem
Bereicherungsanspruch des ehemaligen Eigentümers mehr ausgesetzt.

Die CONDICTIO zielt auf Zahlung eines bestimmten geschuldeten Geldbetrages oder auf
Leistung einer bestimmten Sache ab.

Die CONDICTIO INDEBITI, CONDICTIO OB REM und die CONDICTIO OB TURPEM


CAUSAM sowie die ACTIO DE IN REM VERSO zählen zu den Bereicherungsklagen.
Die CONDICTIO EX CAUSA FURTIVA ist als deliktische Schadensersatzklage anzusehen.

CONDICTIO INDEBITI dient dem Rückgängigmachen einer Vermögensverschiebung, die


durch irrtümliches Leisten einer Nichtschuld zustande gekommen ist.
Vorraussetzungen sind:
1) Leistung: eine reale Vermögensverschiebung (in Geld) liegt vor, wenn aufgrund der
Sachhingabe der Empfänger Eigentum erworben hat.
2) Nichtschuld: die Leistung muss im Hinblick auf eine Verpflichtung erfolgt sein, die
tatsächlich nicht besteht (zB Leistung eines Mündels, ohne Mitwirkung des Vormundes,
Leistung bei einer aufschiebend bedingten Verpflichtung).
3) Irrtum: der Leistende muss an das Bestehen einer Verpflichtung geglaubt haben. Wer
hingegen wissentlich eine Nichtschuld geleistet hat, hat keine CONDICTIO INDEBITI da
dies dann als Schenkung angesehen wird. Weiß der Empfänger, dass es sich um eine
Nichtschuld handelt, begeht er ein FURTUM.

CONDICTIO OB REM dient zum Kondizieren einer Leistung, welche im Hinblick auf eine
zukünftige Gegenleistung oder Entwicklung, welche aber nicht zustande gekommen ist,
erbracht hat (zB Hingabe einer DOS in Erwartung der Ehe, welche aber dann doch nicht
zustande kommt).

CONDICTIO OB TURPEM CAUSAM geht auf die Rückerstattung einer Leistung, die im
Hinblick auf einen sittenwidrigen (TURPIS CAUSA) oder verbotenen (INIUSTA CAUSA)
Zeck erbracht wurde. Die Rückforderung findet auch dann statt, wenn der angestrebte
unsittliche oder verbotene Erfolg eingetreten ist (zB „Geld oder Leben!“, bei Verwahrung

RR – Zusammenfassung Seite 56 / 56
Entgelt als „Belohnung“ verlangen). Keine Rückforderung kommt in Betracht, wenn der
Vorwurf der Missbilligung nicht nur den Empfänger, sondern auch den Leistenden trifft (zB
IUDEX wird von einer Prozesspartei bestochen).

CONDICTIO FURTIVA dient zur Rückforderung einer Leistung (fremden Sache), welche
sich eine Person aus einem deliktischen Verhalten selbst bewusst rechtswidrig zuwendet. Der
zufällige Untergang des Diebsguts befreit den Dieb nicht von der Restitution.
FUR SEMPER IN MORA EST (Der Dieb ist immer in Verzug). Die CONDICTIO
FURTIVA prinzipiell nur gegen den Dieb angestellt werden, außer bei vorsätzlicher Hehlerei
auch gegen den Empfänger da die Übernahme der Sache ein FURTUM darstellt.
Es steht alternativ zur CONDICTIO FURTIVA auch die REI VINDICATIO zur Verfügung,
kumulativ kann die pönale ACTIO FURTI geltend gemacht werden.

Die bereicherungsrechtlichen Kondiktionen gehen auf Rückgabe jenes Betrages oder jener
Sache, die ohne Rechtfertigungsgrund geleistet wurden.
Hat der Bereicherungsschuldner die Sache noch, so muss er sie herausgeben bzw ihren
Schätzwert ersetzen.
Hat der Schuldner über die Sache wissentlich verfügt, muss er den Schätzwert ersetzen. Der
gutgläubig Verfügende wird prinzipiell von seiner Ersatzpflicht frei, vorausgesetzt, dass dies
kein Surrogat war, dann muss das Surrogat herausgeben (zB Kaufpreis anstelle der
(verkauften) Sache). Dies wird als stellvertretendes Commodum bezeichnet.

Zum Ausgleich von Vermögensverschiebungen, die nicht auf einer Leistung beruhen (zB bei
SUPERFICIES SOLO CEDIT (zB Haus auf fremdem Grund) oder SPECIFICATIO), gewährt
der Prätor verschiedene Behelfe:
- Der gutgläubige Besitzer hat wegen getätigten Aufwandes gegen den Herausgabeanspruch
des Eigentümers ein Retentionsrecht;
- der Eigentümer der Nebensache, die durch Verbindung untergegangen ist, hat eine ACTIO
IN FACTUM gegen den Eigentümer der Hauptsache;
- derjenige, dessen Material (gutgläubig) verarbeitet wurde, hat eine ACTIO IN FACTUM
gegen den Spezifikanten;
- derjenige, dessen Sache ohne DOLUS bestimmungsgemäß verbaucht worden ist, hat eine
ACTIO UTILIS gegen den Verbraucher.
Der Umfang des Anspruches entspricht der dem Vermögenszuwachs beim Beklagten.

Bei der CONDICTIO INDEBIDIT kann grundsätzlich der gesamte geleistete Betrag verlangt
werden, bei der ACTIO UTILIS nur jener, um den der Beklagte tatsächlich bereichert ist.

Die ACTIO DE IN REM VERSO lässt den Gewalthaber eines Gewaltunterworfenen insoweit
haften, als er durch ein Geschäft seines Gewaltunterworfenen tatsächlich bereichert wurde.

RR – Zusammenfassung Seite 57 / 57
XIII. Ansprüche infolge von Schädigungen

Der durch eine Schädigung hervorgerufene Nachteil trifft grundsätzlich den, dessen Rechtsgut
geschädigt worden ist. Grundsätzlich gilt, dass Schadenersatz derjenige leisten muss, der für
einen Schaden ursächlich gewesen ist und sich dabei rechtswidrig und schuldhaft verhalten
hat.

Schadenersatz kann auf zwei Arten von Verpflichtungen beruhen:


1. EX CONTRACTU: Jemand missachtet Pflichten, die er durch Vertrag auf sich genommen
hat und fügt dabei dem Vertragspartner (schuldhaft) einen Schaden zu.
2. EX DELICTO: Missachtung der von der Rechtsordnung vorgeschriebenen Pflichten, die
einen Schadensersatzanspruch nach sich ziehen. Die Pflichten, die sich aus spezifischen
Tatbeständen ergeben, welche sanktioniert werden, nennt man Delikte. Demnach entsteht bei
jeder rechtswidrigen Verletzung eines absolut geschützen Rechtsguts eines anderen
(Eigentum, körperliche Integrität) eine Schadenersatzpflicht.

Schadenersatz gibt es als Wertrestitution sowie Buße als Strafmaßnahme.


1. Schadenersatz (INDEMINTAS) meint Ausgleich des zugefügten Schadens; er ist ein reiner
Wertersatz, daher geht sein Umfang nicht über die Schadenshöhe hinaus.
2. Buße (POENA) hat Strafchrakter. Nicht Schadloshaltung, sondern strafweise Vergeltung
und Abschreckung sind Ziel einer Buße. Die Buße kann im römischen Recht auch im
Zivilprosess erhoben werden und kommt dem Geschädigten neben Schadenersatz zu.

Das INIURIA-Delikt sanktioniert Persönlichkeitsverletzungen (die Ehre und körperliche


Unversehrtheit) des freien Römers. INIURIA erfordert vorsätzliches Handeln, also DOLUS,
wobei der Täter die Absicht hat, den Geschädigten zu beleidigen (ANIMUS INIURIANDI).
Die ACTIO INIURIARUM ist die entsprechende Bußklage. Der Bußbetrag entspricht einer
Schätzung, die der Verletzte vornimmt und vom Richter nach „Recht und Billigkeit“ bestätigt
oder verkürzt wird.

FURTUM entspricht dem Diebstahl, Veruntreuung, Unterschlagung, Gebrauchsdiebstahl


(andere Verwendung als vereinbart). FURTUM erfordert vorsätzliches Handeln, also DOLUS
und unrechtmäßige Bereicherungsabsicht. Neben dem Eigentümer sind auch Personen aus
einem FURTUM klageberechtigt, die für die überlassene Sache auch bei CUSTODIA haften
(zB Pfandgläubiger, Entleiher). Ein FURTUM liegt auch dann vor, wenn der Eigentümer
seine Sache, trotz eines Retentionsrechtes eines anderen, an sich nimmt.
Es können die sachverfolgende CONDICTIO FURTIVA (Sachrückgabe oder einfacher Wert)
sowie die pönale ACTIO FURTI (bei offenen Diebstahl vierfache Wert, bei geheimen das
Doppelte) angestellt werden. Der Eigentümer kann auch die REI VINDICATIO geltend
machen, setzt aber im Gegensatz zur CONDICTIO FURTIVA voraus, dass die Sache noch
existiert. Pönale und sachverfolgende Klagen können kumulativ, sachverfolgende Klagen
untereinander jedoch nur alternativ geltend gemacht werden.

Das Delikt DAMNUM INIURIA DATUM wurde auf der gesetzlichen Grundlage der LEX
AQUILIA für Sachzerstörung und Sachbeschädigung entwickelt:
1. Kapitel der LEX AQUILIA: OCCIDERE (Tötung) von Sklaven oder vierfüßigen
Herdentieren.
3. Kapitel der LEX AQUILIA: Verletzung durch URERE (Verbrennen, Ansengen),
FRANGERE (Zerbrechen) und RUMPERE (Verstümmeln, zufügen von Wunden) à
Überbegriff ist CORRUMPERE. Sind sind auch leblose Sachen erfasst.

RR – Zusammenfassung Seite 58 / 58
Die LEX AQUILIA umfasst nur Fälle unmittelbarer, aktiver Schadenszufügung. Ansonsten
können ACTIONES IN FACTUM und ACTIONES UTILES Abhilfe schaffen, die analog zur
ACTIO LEGIS AQUILIAE gebildet sind. Die ACTIO LEGIS AQUILIAE ist eine ACTIO
MIXTA, in ihr sind Schadenersatz und Buße vereint.
Verantwortlich wird der Schädiger nur, wenn er sich rechtswidrig und schuldhaft verhalten
hat.

Das Delikt DOLUS (List) begeht, wer einen anderen durch arglistige Täuschung oder durch
trewidriges Verhalten schädigt (Achtung: hier ein aus Tatbild und Sanktion bestehendes
Delikt!). Die ACTIO DE DOLO ist sachverfolgend, jedoch subsidiär (kommt nur zum Zug,
wenn es keine andere Klage zur Schadloshaltung gibt). Die EXCEPTIO DOLI ermöglicht es,
dass Arglist oder Treuwidrigkeit einredeweise vorgebracht werden.

Das Delikt METUS (Zwang) begeht, wer einen anderen durch Drohung oder Gewalt schädigt.
Es gibt drei Behelfe dagegen:
1. RESTITUTIO IN INTEGRUM: Wiedereinsetzung in den vorigen Stand; der Prätor hebt
die unter Zwang vorgenommene Rechtshandlung auf; der Erpesser muss das Erzwungene
zurückgeben.
2. ACTIO QUOD METUS CAUSA: als Bußklage, falls der Erpresser dem Restitutionsgebot
nicht nachkommt (Vierfache des erpressten Wertes).
3. EXCEPTIO METUS (CAUSA): als Einrede gegen Ansprüche, die unter Zwang begründet
worden sind.

Materielle Schäden sind Verluste am Vermögen:


1. DAMNUM EMERGENS: Verminderung des zum Schädigungszeitpunkt vorhandenen
Vermögensbestand.
2. LUCRUM CESSANS: Verlust einer konkreten, nicht spekulativen, Profitchance.
3. Deliktischer Eingriff ohne Vermögensschaden: zB unbefugte Kastration eines
Sklavenknabens verursacht keinen Vermögensschaden, stellt jedoch eine Beleidigung –
INIURIA – dar; unberechtigtes (aber ohne Bereicherungsabsicht) pflücken von reifen
Früchten stellt keinen Vermögensschaden dar, jedoch stellt pflücken von unreifen Früchten
eine Sachbeschädigung im Sinne der LEX AQUILIA dar.

Wegen Körperverletzung freier Römer verlangtes Schmerzensgeld bezieht sich die Bußklage
der INIURIA. Da es jedoch dem römischen Ehrgefühl, den Körper des freien Römers einer
Schätzung in Geld zu unterziehen, widerspricht, gibt es im römischen Recht kein umfassendes
Gebot, für die Verletzung der körperlichen Integrität freier Römer Schadenersatz zu leisten.
Verursacht die Körperverletzung Heilungskosten, Erwerbsentgang oder Invalidität, so stellt
dies jeweils einen materiellen Schaden dar.

Das römische Recht hält den Wert der besonderen Vorliebe bei einer Sachbeschädigung oder
–zerstörung sowie Ersatz für seelisches Leid grundsätzlich nicht für relevant.
Allerdings fällt es unter INIURIA, wenn jemand seelisches Leid zufügt und damit mit
ANIMUS INIURIANDI handelt; der Geschädigte kann dann eine INIURIA-Buße verlangen.

RR – Zusammenfassung Seite 59 / 60
XIV. Lex Aquilia

1. Kapitel: OCCIDERE – aktives und unmittelbares Töten von fremden Sklaven, Sklavinnen
und vierfüßigen Herdentieren. (=körperliches einwirken)
3. Kapitel: CORRUMPERE gliedert sich in:
-) URERE – aktiver, unmittelbarer Schädigung durch Ansengen oder in Brand Setzen
-) FRANGERE – zerberechen, einschlagen, demolieren, zufügen von Knochenbrüchen
-) RUMPERE – aktive, unmittelbare zufügen einer offenen Wunde oder Schwellung
(Körperverletzung)

Fallprüfungsschema (wie heute):


1. Tatbestandsmäßigkeit
2. Rechtswidrigkeit – Rechtfertigungsgründe?
3. Verschulden – DOLUS/CULPA – Auschließungsgründe?
4. Anspruch? bei OCCIDERE: Höchstwert der Sache im letzten Jahr
bei CORRUMPERE: Wert der Sache in den nächsten 30 Tagen bzw
Schaden am Vermögen (Differenzmethode)

Der Anspruch aus 1./3. Kap. (wenn alles erfüllt) wird mit einer ACTIO LEGIS AQUILIAE
geltend gemacht.
Wenn der Tatbestand nicht passt (zB setzen einer Todesursache – MORTIS CAUSAM
PRAESTARE, zB Getränk vergiften), dann gibt es eine analoge ACTIO IN FACTUM.
Wenn das Opfer/Täter nicht passt (zB töten/verletzen eines Haussohnes, Katze), dann gibt es
eine analoge ACTIO UTILIS.

ACTIO INIURIARUM – Bußklage, kummulativ anstellbar

Bei Notstand (gerettetes Gut muss höherwertig sein) bekommt derjenige, dessen Gut zur
Rettung eines anderen zerstört wird, keinen Schadenersatz.

Mehrere Mittäter haften solidarisch bei alternativer, überholender und kumulativer Kausalität.

RR – Zusammenfassung Seite 60 / 60