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Karlsch, Rainer - Hitlers Bombe (v.2)

Karlsch, Rainer - Hitlers Bombe (v.2)

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Was geschah mit den Wissenschaftlern in Stadtilm? Die Tests waren
zwar erfolgreich verlaufen, blieben aber militärisch bedeutungslos.
Wahrscheinlich war auch kein Material mehr für den Bau weiterer
Bomben vorhanden. Das kann Speer, Himmler und Kammler nicht

Das Finale

249

verborgen geblieben sein. Für sie hatte die Gruppe um Gerlach und
Diebner damit ihren Wert verloren.
Belastendes Aktenmaterial ließ Diebner verbrennen. Gegenüber
seinen Mitarbeitern deutete er an, dass er darauf hoffe, nach Ende
des Krieges mit seinem provisorischen Labor in Stadtilm weiter-
arbeiten zu dürfen oder aber eine Rundfunkreparaturwerkstatt
zu eröffnen.141

Zu Haxel sagte er: »Wenn ich aus dieser Waldecke
lebend herauskomme, werde ich Sie anrufen.«142

Aber noch war der

Krieg nicht zu Ende.
Am 28. März 1945, kurz vor Abschluss der Ruhroperation, hatte
Eisenhower die Entscheidung über den weiteren Fortgang des Feld-
zuges getroffen.143

Er ließ einen Teil seiner Armeen nach Südosten ein-
schwenken. Diese Wendung wurde auch durch Gerüchte über die
»Alpenfestung« begünstigt. Außerdem gab es Informationen über die
Verlegung deutscher Stäbe in den Thüringer Raum. Eisenhowers Stra-
tegie zielte darauf ab, die restlichen Kräfte des Feindes zu spalten, um
so den Krieg rasch zu beenden. Er entschied, Pattons 3. Armee ab
dem 1. April aus der Bewegung heraus nach Thüringen vorrücken
zu lassen. Ein wichtiges Etappenziel des Vorstoßes war Ohrdruf. In
der Umgebung der Stadt vermuteten die Amerikaner deutsche Füh-
rungsstäbe, die sie gefangen setzen wollten.144
In Berlin hatte Thiessen gerade eine telefonische Mitteilung Ger-
lachs erhalten, der von einer funktionierenden »Atomkraftmaschine«
sprach, als ihn die Nachricht vom drohenden Vorstoß der Amerika-
ner nach Thüringen erreichte.145

Es drohte die Gefangennahme
der Diebner-Gruppe in Stadtilm. Thiessen verständigte die SD-Män-
ner Fischer und Spengler, die sich sofort auf den Weg zu Graue in
der Kriegswirtschaftsstelle des Reichsforschungsrates machten. Der
ahnte die Gefahr und rief spontan aus: »Ja, von Stadtilm muss sofort
die Atombombe weg.«146

Schließlich setzte der Chef des Reichs-
sicherheitshauptamtes, Ernst Kaltenbrunner, eine Autokolonne unter
der Leitung des Oberführers Ehrlinger in Marsch, um Diebners
Gruppe samt ihrem Material und ihrer Unterlagen in die »Alpenfes-
tung« zu bringen.

Hitler scheint von all dem nichts erfahren zu haben. Er wartete
noch immer auf Erfolgsmeldungen der Wissenschaftler und setzte
auf Kammler. Am 4. April 1945 war dieser zum letzten Mal bei Hit-

März 1945: Kernwaffentests in Thüringen

250

ler und anschließend bei Speer. Während Kammler im Führerbunker
den schneidigen General gab, deutete er gegenüber Speer seine Zu-
kunftspläne an. Der Krieg sei verloren, und es wäre besser, sich jetzt
noch abzusetzen.147

Er wolle sich mit den Alliierten in Verbindung
setzen und ihnen neuste Rüstungstechnologie im Tausch gegen seine
persönliche Freiheit anbieten.
Fast zur gleichen Zeit, als Kaltenbrunner den Transport organi-
sierte, es muss um den 5. April gewesen sein, tauchten zwei Gestapo-
beamte auf Schloss Griesheim auf und suchten Kurt Diebner. Seine
Frau erzählte später, dass die Männer den Auftrag hatten, ihren
Mann zu erschießen. Sie hätten ihr das offen gesagt. Dass Diebner
unterwegs war, nahmen sie mit einer gewissen Erleichterung auf.
Frau Diebner hatte den Eindruck, dass sie so rasch als möglich wie-
der verschwinden und ihre verräterischen Ledermäntel in den Wald
werfen wollten.148

Die Vermutung liegt nahe, dass Bormann und
Sauckel hinter der Gestapo-Aktion steckten.149

Doch Bormanns
Machtbasis erodierte von Tag zu Tag mehr. Er war aus dem Spiel.
Nicht so die SS.

Ehrlingers Kommando erreichte Stadtilm am 8. April, nur kurze
Zeit vor den amerikanischen Panzerspitzen. Während sich das Insti-
tut bereits in Auflösung befand, hatten mehrere Mitarbeiter Dieb-
ners noch immer in Gottow zu tun. Wahrscheinlich beseitigten sie die
Spuren des Reaktorunfalls. Als diese Arbeit getan war, brachen sie
mit einem schweren LKW samt Anhänger in Richtung Stadtilm auf.
Geladen hatten sie persönliches Gut und eine große Menge Paraffin.
In der Nacht vom 8. zum 9. April erreichten sie die thüringische
Kleinstadt und fanden ihre Kollegen fluchtbereit.150
Kurz vor der Abfahrt wandte sich Herrmann an Diebner und fragte,
wohin die Reise gehen solle.151

Diebner war sichtlich nervös. Er wusste
es nicht. Vielleicht, so antwortete er, sollen wir alle »umgelegt« wer-
den.152

Diebner ordnete die Beladung der LKWs an. Mitgenommen
werden sollten nur die Materialien, die man unbedingt für die Wei-
terführung der Versuche benötigte.153

Immerhin besaß seine Gruppe
noch etwa über eine Tonne Uranmetall, fast zehn Tonnen Uranoxyd,
vierhundert Liter schweres Wasser, vier Gramm Radium, zwei voll-
ständige Messapparaturen und diverse Laborausrüstungen.154
Während sich eine Gruppe von Handwerkern und Sekretärinnen

Das Finale

251

wieder auf den Weg nach Berlin machte, fuhr Diebner mit den Wis-
senschaftlern nach Weimar.155

Nur Berkei und Hartwig blieben in
Stadtilm zurück. Erste Station der Diebner-Gruppe war das Präsi-
dium der Gestapo in Weimar. Dort wurde ihnen das Ziel der Reise
eröffnet – Innsbruck. Auch Kammler war in diesen Tagen mit seinem
gesamten Stab dorthin auf dem Weg.156
Nachdem Innsbruck als Zielort bekannt war, fuhr Diebner nach
Ronneburg, um Wissenschaftler und Materialien von der Ausweich-
stelle PTR mitzunehmen. Wertvollster Teil der Fracht war die Radium-
reserve des Deutschen Reiches, diese 18 bis 22 Gramm besaßen einen
Wert von mindestens zwei Millionen Dollar.157
Danach brach die Gruppe mit fünf LKW, zwei Anhängern und
einem Auto in Richtung Bayern auf. Gefahren werden konnte nur
nachts ohne Licht, um keine Tiefflieger anzulocken. Tagesziele
waren meist kleine Ortschaften. Die Fahrzeuge versteckte man in
Scheunen und begab sich auf die Suche nach Tankholz für die Holz-
vergaser. In Bayern musste ein Teil des Uranoxyds abgeladen und
versteckt werden, da die Fahrzeuge mit der schweren Last die Berge
nicht bewältigt hätten.
Am Morgen des 12. April besetzten Einheiten von Pattons 3. Ar-
mee kampflos Stadtilm. Mit ihnen kam eine Alsos-Gruppe – Wissen-
schaftler und Geheimdienstleute, die herausfinden sollten, wie weit
die Deutschen mit ihrem Uranprojekt gekommen waren – unter Lei-
tung von Fred Wardenburg in die Stadt. Sie stießen auf ein verlasse-
nes Nest. In der Mittelschule fanden die Amerikaner nur noch einen
Wissenschaftler – Friedrich Berkei. Nachdem Wardenburg Berkei
rund drei Stunden befragt und in einigen zurückgelassenen Akten
geblättert hatte, setzte er ein Telegramm an Samuel Goudsmit, den
wissenschaftlichen Leiter von Alsos, auf, der sich gerade in Paris be-
fand. Es begann mit einem triumphierenden Satz: »Alsos hat wieder
zugeschlagen.« Wardenburg teilte seinem Chef mit, dass sie auf eine
»Goldmine« gestoßen seien und er schnellstens nach Thüringen
kommen möge. Er listete auf: »1. Dr. Berkei, der von Anfang an
diesem Projekt mitgemacht hat. Er berichtet alles, ist außerdem
auch über Hechingen unterrichtet, 2. Bände aufschlussreicher Akten,
3. Teile der U-Maschine, 4. viele Ausrüstungen«.158
Zu seinem überschwänglichen Kommentar wollten die Funde aber

März 1945: Kernwaffentests in Thüringen

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nicht so recht passen. Möglicherweise hat sie die bloße Masse der
Unterlagen geblendet. Die wirklich wichtigen Papiere hatte Diebner
vernichten lassen oder mitgenommen, und Berkei sagte längst nicht
alles, was er wusste.

Außerhalb der Schule lagen noch etwas Paraffin und ein Haufen
aus Uranoxydwürfeln herum. Als Pash die Leute fragte, was das
denn sei, erhielt er zur Antwort: »Das ist nur Presskohle.« Er hob
eines der Stücke an und sagte nur: »Ein bisschen zu schwer für Koh-
le.«159

Einzelne Presskörper tauchten noch Jahre später in Stadtilm
auf und gaben Anlass zu Spekulationen.160

Gut 20 Jahre später
erklärte Gerlach dazu: »Ob wirklich alles Uran, das in Stadtilm war,
forttransportiert wurde, konnte schon damals nicht festgestellt wer-
den. Aber es ist ganz ausgeschlossen, dass etwa größere Mengen in
Stadtilm zurückblieben.«161
Im Keller der Schule entdeckte Pash eine Grube. Er vermutete, dass
darin ein Versuchsreaktor platziert werden sollte. Gleich daneben
befand sich ein in den Fußboden eingemauerter Behälter mit Blei-
deckel. Dieser hatte zur Aufbewahrung einer Neutronenquelle
gedient. In der Schule und den angrenzenden Gebäuden fanden die
Amerikaner außerdem noch einige Laborgeräte und zahlreiche
Akten. Alles in allem sahen die Reste von Diebners »Labor« ziemlich
armselig aus. Nach wenigen Tagen verließ die Alsos-Gruppe Stadt-
ilm. Den Truppenübungsplatz Ohrdruf nahmen sie nicht in Augen-
schein, was ein Indiz dafür ist, dass sie von den Tests nichts erfahren
hatten.

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