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William Carey - Der Vater der modernen Mission

William Carey - Der Vater der modernen Mission

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Kalkutta
8. April 1801 bis 31. Mai 1830

Carey war das Zentrum gelehrter Bengalis, welche von seinem
Eifer angezogen wurden. Den Schub, den er bengalischer Ge-
lehrsamkeit vermittelte, kann nicht allein an seinen Veröffent-
lichungen gemessen werden, sondern man muss ebenso den
persönlichen Einfluss seines Vorbildes berücksichtigen.
Dr. Susil Kumar De (Universität von Kalkutta)

Carey war der Pionier des wiedererwachten Interesses an den
einheimischen Sprachen.

Rabindranath Tagore

Der bescheidene Carey war angenehm aufgeregt an jenem Vormittag,
den Marshman folgendermaßen beschrieben hat:

Mittwoch, 8. April 1801 – Carey hatte einen Brief von unserem gu-
ten Freund Rev. David Brown bekommen. Er wünsche, ihn als
Professor für Bengali am neu gegründeten College vorzuschlagen
und wollte wissen, ob Carey sein Ja dazu geben könne. Zusam-
men mit Ward diskutierten wir die Sache ausführlich und kamen
zu dem Schluss, dass er der Sache, die ungesucht anerboten wor-
den war, zustimmen sollte, da man unschwer absehen konnte, dass
sie der Sache der Mission sehr nützlich sein könnte.

Die Ostindien-Gesellschaft war inzwischen zu einem Imperium an-
geschwollen und deren Beamte waren für ihre Aufgabe unzulänglich
gerüstet. Die neue Lehranstalt – Fort William College –, sollte diesem
Mangel abhelfen. Die nunmehrigen Regenten des indischen Subkon-
tinents mussten seine Geschichte und auch seine Sprachen kennen.
Neben Urdu, Hindi und Sanskrit hatte Bengali seine ganz einzigarti-
ge Bedeutung, da es die Sprache der Hauptstadt war und zugleich der

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Ein Blick auf das Gebäude in Kalkutta, in dem die Studenten des Fort William College lebten, von J.B. Fraser, 1819.

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zahlreichsten Niederlassungen der Company. Chaplain Brown, der
anglikanische Pfarrer in Kalkutta, hatte Carey für den Lehrstuhl des
Bengalischen vorgeschlagen und dabei nicht verheimlicht, dass er ein
Nonkonformist war. Aber das erst frisch gedruckte Neue Testament
in Bengali und die Tatsache, dass dessen Herausgeber Bengali so gut
sprechen konnte, wie er es schrieb, waren gewichtige Beweise seiner
Kompetenz. So kam es, dass Carey, dem die Company die Aufenthalts-
genehmigung auf indischem Boden verweigert hatte, jetzt von der
Company selbst gerufen wurde, einen so verantwortungsvollen Pos-
ten im Bildungssektor der britischen Regierung zu übernehmen.
Dabei hatte er die dazu erforderliche sprachliche Fertigkeit erwor-
ben, indem er etwas tat, was die britischen Behörden bekämpft hat-
ten. Und es war die Feindseligkeit der britischen Beamten gegen sei-
ne Arbeit gewesen, die ihn überhaupt in die Nähe von Kalkutta ge-
bracht hatte, wodurch allein man in dieser Sache auf ihn hatte auf-
merksam werden können. So hatte Gott allen Widerstand zur Förde-
rung Seiner Sache gelenkt.
Die anderen Missionare in Serampore konnten sich nun sicher
wähnen, da einer der Ihren einen solchen Posten im Dienst der Re-
gierung innehatte. Hätten sie diese Sicherheit nicht gehabt, wäre es
für sie sehr ungemütlich geworden, als sie am Morgen nach Careys
ersten Arbeitstag am College sahen, dass die britische Flagge über
dem Haus des dänischen Gouverneurs flatterte. Während Serampore
schlief, hatte eine britische Einheit die Stadt im Handstreich genom-
men und ihre Farben gehisst, ohne dass ein Schuss gefallen war. Die
Missionare wurden vor den britischen Bevollmächtigten zitiert, der
ihnen aber völlige Freiheit zusicherte, ihre Arbeiten ungehindert wei-
terführen zu können.
Als die Missionsstation in Serampore gegründet worden war, hatte
Carey darauf bestanden, dass jeglicher etwaige Gewinn, den einer der
Missionare machen sollte, in eine gemeinsame Kasse fließen müsse.
Nun bekam er einen monatlichen Lohn von 500 Rupien, der bald auf
das Doppelte erhöht wurde. Damit hatte er nun das Vorrecht, neben
Marshman, dessen Schulen große Gewinne abwarfen, den größten
Beitrag zur Missionskasse zu leisten. Am Tag nach seiner Amtseinset-
zung sandte er seinem Vater in England 20 Pfund, 10 Pfund an seine
invalide Schwester Maria und 20 Pfund als Beitrag an die Lehre, die

16. Der Professor von Fort William

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sein Neffe Peter eben begonnen hatte. Im Übrigen lebte er genauso,
wie er zuvor gelebt hatte, indem er sein Gehalt als Eigentum der Mis-
sion ansah, außer einem kleinen besonderen Zuschuss, der ihm »für
angemessene Kleidung« gewährt wurde.
Careys Schüler, die alle aus der britischen Aristokratie stammten,
kamen meistens direkt von Eton und waren alle unter zwanzig. Drei
Tage die Woche, das heißt von Mittwoch bis Freitag, war er an der
Schule beschäftigt. Bevor sein erstes Semester vorüber war, wurde er
ersucht, Sanskrit zu unterrichten. Am 20. September 1804 wurde Carey
gebeten, bei einer Feier in Anwesenheit von Generalgouverneur Wel-
lesley und dessen Bruder, dem Herzog von Wellesley, Richtern des
obersten Gerichtshofes und einer Gesandtschaft von Bagdad, eine Rede
auf Sanskrit zu halten. Carey war außer Colebrooke der einzige Euro-
päer, der Sanskrit so fließend reden konnte wie die Brahmanen. In
seiner Ansprache sagte er unter anderem:

Diese Schule wird dazu verhelfen, die Schranke unserer Unwis-
senheit der Sprachen Indiens niederzureißen, welche lange den Ein-
fluss unserer Überzeugungen und Gesetze gehemmt hat …

Bald kam als dritte Sprache, für dessen Unterricht Carey zu sorgen
hatte, Marathi dazu. Er war erst neun Monate als Professor für Bengali
tätig gewesen, als er von Lord Wellesley einen Auftrag bekam, eine
Untersuchung über die religiösen Morde der Hindus bei Ganga Sagar
vorzunehmen, wo der Hoogly – ein Mündungsarm des Ganges –, ins
Meer fließt. Kinderlosen Ehefrauen wurde beigebracht, dem heiligen
Fluss zu geloben, ihm ein Kind zurückzugeben, wenn er ihnen Kin-
der schenken sollte. So kamen denn immer wieder Frauen zurück,
um ihr Gelöbnis einzulösen. Die Säuglinge wurden die Lehmböschung
zum Fluss hinuntergestoßen, wo sie entweder ertranken oder von Kro-
kodilen gefressen wurden.
Carey sammelte während eines ganzen Monats alle Informatio-
nen, welche dazu führten, dass die Regierung dieses schreckliche Trei-
ben umgehend verbot. Nur die Witwenverbrennungen mochte sie
nicht untersagen. Darüber war Carey so aufgebracht, dass er sofort
zuverlässige Leute aussandte, die in jedem Dorf in einem Umkreis
von 30 Meilen um Kalkutta in Erfahrung bringen sollten, wie viele

Teil 2: Careys 40 Jahre in Indien

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Witwen in den zurückliegenden zwölf Monaten verbrannt worden
waren. In jener Region allein waren es 438, unter ihnen viele Witwen,
die noch Mädchen waren. So hoch war der Blutzoll eines einzigen
Jahres, den der Aberglaube einforderte. Serampore flehte die Regie-
rung an, diesen grausamen Brauch zu verbieten. Es war umsonst. Noch
ein Vierteljahrhundert lang dauerte es, bis die armen Hinduwitwen
von dieser furchtbaren Sitte befreit wurden.
Carey bemühte sich mit seiner ganzen Seele seine Studenten für
Christus zu gewinnen und er durfte einigen Erfolg erfahren. Bevor
das erste Semester zu Ende war, hatte er einen Kreis um sich geschart,
der sich in seinem Zimmer zum Bibelgespräch traf. Byam Martins
Bekehrung und radikale Veränderung machte seine vergnügungssüch-
tige Frau ganz sprachlos. William Cunningham war eine andere Frucht
seiner Bemühungen. Ende 1802 reiste er heim und nahm Careys Auf-
forderung mit, auf seinen eben ererbten Plantagen von Westindien
die Sklaverei aufzuheben. Ein Jahr danach vernahm Carey, dass das
Parlament von Jamaika Schwarzen verboten hatte, Schulen zu besu-
chen und religiöse Versammlungen abzuhalten. Er sandte sofort ei-
nen Brief an John Williams in New York:

Wir müssen im Gebet für ihre Befreiung ringen. Gottes Hand wird
schwer sein über den britischen Inseln, dessen Handel durch Men-
schenraub und Grausamkeit unterhalten wird. Wenn Gott dem Blut
nachforschen wird, wird Er das Seufzen der Armen nicht vergessen.
Mögen die Bedrücker aber eher bekehrt als gerichtet werden!

1818 war Carey der einzige der Professoren, die seit der Gründung des
Colleges noch in dessen Dienst standen. Er diente der Schule dreißig
Jahre und war der einzige der Professoren, die emeritiert wurden.
Die Professoren am College waren auch die Sachkundigen, an die
sich die Behörden wandten, bevor sie irgendein Werk in einer indi-
schen Sprache veröffentlichen ließen. So kam es, dass während drei-
ßig Jahren nichts in Bengali, Marathi oder Sanskrit erschien, ohne
dass Carey es gutgeheißen hätte. Er hatte tatsächlich die Schlüssel
dieser drei Reiche in der Hand! Zudem ging von Carey die Inspirati-
on zu literarischer Arbeit aus. Susil Kumar sagt: »Seine Collegeräume
wurden zum Zentrum literarischer Aktivität.« Seine eigenen Pandits

16. Der Professor von Fort William

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veröffentlichten sechzehn Werke, zum größten Teil bengalische Über-
setzungen von Sanskrittexten, aber auch bengalische Stücke, welche
den Grund legten zur modernen bengalischen Literatur.
Carey selbst produzierte sechs Lehrbücher, nämlich je eines für
Bengali, Sanskrit, Marathi, Pandschabi, Telugu und Kannada. Er er-
stellte auch drei Wörterbücher für die Sprachen Bengali, Marathi,
Sanskrit. Sein dreibändiges bengalisches Wörterbuch war die Frucht
dreißigjähriger Arbeit, es enthielt 80000 Wörter. Jahrelang war es das
Standardwerk. Carey und Marshman begannen auch das indische Na-
tionalepos, die Ramayana, zu übersetzen. Als drei Bände schon er-
schienen waren, musste die Arbeit wegen dringlicherer Aufgaben lie-
gen bleiben; und dann machte eine Katastrophe – von der wir noch
hören werden – dem ganzen Unternehmen ein endgültiges Ende.
Andrew Fuller hatte wenig Verständnis für diesen »Brocken totes
Holz«; er konnte nicht einsehen, wie dieses polytheistische Werk der
Sache der Mission förderlich sein sollte.
In den gleichen Jahren publizierte Ward eine vierbändige View of
the History, Literature and Religion of the Hindus (Überblick über die
Geschichte der Literatur und Religion der Hindus), welche Überset-
zungen aus ihren wichtigsten Schriften enthielt. Das Buch war mehr
als ein halbes Jahrhundert ein Standardwerk, das eine Vertrautheit
mit der indischen Gesellschaft verriet, an die kein anderes Werk der
damaligen Zeit herankam.

Teil 2: Careys 40 Jahre in Indien

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