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Ausweglos
Das Spiel mit und gegen Menschen Sarah Schmitz

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Manuskript in Arbeit
Erstformatierung abgeschlossen

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1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 “Stell dir vor, es kann nur einen treffen. Aber es wird einen treffen. Und dieser eine bist du.”

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Prolog
Sie lauert dir auf, dir alleine. Wartet in der alles in ihrem Zorn zerquetschende Tiefe. Mörderisch scharf umzingeln die tosenden Fluten deine dürren Knöchel, wollen dich unter die Wasseroberfläche zerren. Glatt ist sie, glatt wie die Klinge eines Schwertes, vollkommen glatt, haltlos. In dieser Nacht vermag nicht ein einziges, klägliches Licht am Himmel zu leuchten, der wie ein Leichentuch über die Welt gespannt ist. Den Tag, der auf diese Nacht folgen würde, wenn die Flammen des glühenden vertrieben, versuchst Morgenrots würdest du, dich du jemals nicht zu im mehr Osten die

Dunkelheit Verzweifelt

erleben. doch die

wehren,

unbarmherzige Kälte des Atlantiks hat deinen Körper gelähmt, für immer versteinert. Salz brennt in deinen vor Angst weit aufgerissenen, blutunterlaufenen Augen. Deine Schreie hört niemand, weder das Schiff dort drüber in einigen tausend Meter Entfernung, noch das hübsche, blasse Mädchen, welches regungslos neben dir im Wasser treibt. Langsam erstirbt auch dein Widerstand. Erschöpft flattern deine Lider, während

dein Körper herab in die Tiefe sinkt. Luftbläschen streifen dein zerschlagenes Gesicht, als du qualvoll den Mund

aufreißt, um Atem zu schöpfen. Das Letzte, was du bewusst wahrnimmst, ist das Wasser, das nun in deine ausgepumpten, zum Zerreißen gespannten Lungen, flutet

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1. Kapitel
Verdorrte Bäume standen in Flammen. Ein Rudel Hyänen, auf der Suche nach etwas Essbarem, jagte in die niemals enden wollende Wüste davon. Aasgeier kreisten über dem Kadaver eines toten Schimpansen, rissen grobe Stück Fleisch mit

ihren gefräßigen Schnäbeln aus Bauch, Schultern und Beinen. Ein Jeep schoss über die menschenleere Landstraße hinweg, in Richtung Süden, der togolesischen Hauptstadt Lomé

entgegen. Ich kauerte mich tiefer in den Sitz, meinen Kuscheltier Löwen dicht an mich gepresst. Staub brannte in meinen Augen. Die ungewohnte Februarhitze machte mir zu schaffen. Doch ich wagte nicht zu nörgeln, denn sonst würde Papa mich in eines dieser deutschen Kinderheime geben. Ohne Freunde, ohne

Spielsachen, ganz alleine. An die Hitze Afrikas würdest du dich gewöhnen, an die Einsamkeit niemals. Ein Tiger Python. Python molurus. Eine der größten und gefährlichsten Würgeschlange der Welt schlängelte sich vor deinen Augen über die Straße. Sekunden später spritzte Papa hatte Blut das gegen Steuer die niedrige mehr

Windschutzscheibe.

nicht

herumreißen können. Er grinste. Das Grinsen eines Irrens. „Willkommen in Afrika, mein Sohn!“, lachte er, und blickte mich an. Fressen oder gefressen werden… Das einzige goldene Gesetz in Afrika. Wilde Tiere hatten ihre Spuren hinterlassen, als sie in der Nacht in das Dorf eingefallen waren, welches sich nun in einiger Entfernung abzeichnete. Rot spiegelte sich Blut in
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der Mittagshitze. Fliegen und Moskitos stachen ihre langen Rüssel in Haut teils der aus kleinen Stein Kinder, gebauten die vor den im teils

hölzernen, spielten.

Hütten

Schlamm

Nach kurzem Beobachten stieg Papa aus, woraufhin ich ihm zögernd folgte. Die Finger meiner rechten Hand verkrampften sich in seiner großen Hand.Mit der anderen langte ich nach dem Kuscheltier-Löwen. die in Augenblicklich Gewändern umringten wie uns

Menschen,

schmutzigen

schwarze

Gespenster wirkten. Über uns hellhäutige Fremdlinge schienen sie zu staunen. Bart sich Lediglich einem ein älterer Mann mit einem

lustigen räusperte

und

freundlichen um Papa

Gesichtsausdruck ins Ohr zu

vernehmlich,

etwas

flüstern. Voller Spannung senkte ich meinen Blick, drückte mein Kuscheltier fester an meine Brust. Obwohl verstand, ich die togolesische mich das, Landessprache was die sehr wohl Männer

irritierte

beiden

besprachen. Vielleicht war ich damals noch zu jung, um zu begreifen, vielleicht wollte ich es auch gar nicht. Papa hatte immer Forscher sein wollen, berühmt und reich, doch bis jetzt hatte das nicht geschafft, was nicht zuletzt meine Schuld war. Wäre meine Mutter nicht schwanger

geworden, hätte er vermutlich ein Projekt in Haiti bekommen. Dieses Dorf jedenfalls wurde unser neues Zuhause. Man zeigte uns eine verlassene Hütte, in der vor wenigen Tagen noch eine fünfköpfige Familie gewohnt hatte. Über ihr Schicksal sprach man kaum, eher verachtete man sie. Warum, wusste ich nicht. Ich fragte auch nicht danach. Papa hätte mir die Wahrheit sowieso nie verraten.

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In der Hütte war es dunkel. Durch die Holzklappen vor dem Fenster fiel kaum Licht und elektrischen Strom gab es

keinen. Ich zitterte. Im Fernsehen hatte ich oft Horrorfilme mit meinem Vater ansehen müssen. Es kümmerte ihn nicht, wenn ich nachts vor Angst Albträume hatte oder weinte. Selbst dann nicht, als meine Lehrerin ihn darauf ansprach. Nun tauchten diese schrecklichen Bilder wieder in meinen

Gedanken auf. Blutüberströmte Leichen. Abgehackte Finger. Folter. Tiere, die Menschen überfielen. „Na, wieder der kleine Scheißer?“ Papa stand plötzlich neben mir. Die Taschenlampe strich über mein Gesicht.

Erschrocken schüttelte ich den Kopf. „Okay, dann kannst du ja vorgehen.“, meinte er grinsend. Ich nickte. Was sollte ich auch anders tun? Tat ich nicht das, was er verlangte, würde er mich auslachen oder

schlagen. Wie immer. Das war seine Erziehung. Langsam setzte ich einen Fuß vor den andern. Über die gesamte Porzellan knarrenden Fläche einer alten Ein Es Holztheke war zerbrochenes lag auf und dem Kot.

verstreut. Fußboden.

umgekippter stank nach

Stuhl

Schweiß

Krabbeltiere sammelten sich über den Essensresten. In das enge Kinderschlafzimmer waren drei Betten gezwängt, bezogen mit dünnen Laken, mit dünnen, blutverschmierten Laken. Mein Magen zog sich merklich zusammen. Die Bilder brannten sich in mein Gedächtnis. Ich würde sie nie wieder vergessen

können. Obwohl mir die Kälte und der Tod nun zu schaffen macht, erinnere ich mich an den Tag, an dem ich vom

Beifahrersitz des Jeeps kletterte, um in diesem Dorf ein neues Leben zu beginnen. als ich Vielleicht die
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hätte dazu

ich

weglaufen hatte.

sollen,

damals,

Chance

gehabt

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Vielleicht hätte ich in ein Kinderheim gehen sollen, um als normaler Teenager aufwachsen zu können. Vielleicht wäre es manchmal sogar besser gewesen, wenn ich gar nicht auf dieser Welt lebte. Vielleicht. Aber es ist nicht so. Ich bin hier draußen, einsam,

verlassen, alleine. Das ist mein Leben. Unruhig wälzte ich mich im Halbschlaf auf dem schmalen Bett. Durch die geöffneten Fenster schwirrten Moskitos

herein. Der Lattenrost meiner Pritsche knarrte bei jeder Bewegung. Weit ab dem Dorf heulte ein Tier seine gruselige Melodie. Neuartige Geräusche, die mir Angst einjagten.

Einmal wollte ich zu Papa tapsen, über das dunkle Holz des Fußbodens, das wie ein Loch unter mir klaffte, aber ich tat es nicht. „Aufstehen, Sohn! Heute wird ein anstrengender Tag!“ Papa stand neben meinem Bett und öffnete die Fensterläden. Er war ausgeruht wie seit langem nicht mehr und schien sichtlich gut gelaunt. Seine freundliche Art beunruhigte mich, und ich war froh, dass er mich nicht schlug, als ich zu spät zum Frühstück erschien. Lächelnd erzählte er mir, er wolle in die nächste Stadt fahren, um mich in einer Schule anzumelden und Besorgungen zu machen. Ob es schlimm wäre, wenn er mich für den Vormittag alleine ließe. Ich schüttelte stumm den Kopf. Es war das erste Mal, dass er nicht über mich

entschied, sondern mit mir. Erschöpft von der langen Nacht räumte ich den

Frühstückstisch ab. Das Haus mochte nicht sonderlich groß sein, vermutlich sogar kleiner als unsere Wohnung in Köln, dennoch kam ich mir verlassen vor. Monster lauerten im

Schatten. Gefräßige Bestien, mit großen, bösen Augen und
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scharfen Zähnen. Wie so oft, wenn ich alleine war, hatte ich Angst vor etwas, das nur in meiner Fantasie existierte. Laut vor mich hin pfeifend, um die Monster fernzuhalten, spielte ich mit den wenigen Legosteinen, die ich besaß. Plötzlich ließ mich ein Schrei zusammenzucken. Erschrocken spähte ich aus dem Fenster in meinem Zimmer. Regungslos lag ein Junge mit dem Gesicht im Schlamm, vollkommen regungslos. Blut strömte aus einer Wunde am Oberarm. Meine Angst vor den Monstern war mit einem Mal vergessen. Achtlos sprang ich vom Bett, stolperte, schlug ich mir den die Knie blutig. Doch nicht.

seltsamerweise

spürte

Schmerz

überhaupt

Damals hatte ich nur an den da draußen gedacht. Vielleicht, weil er mich ein bisschen ein mich selber erinnerte und mir nie jemand geholfen hatte. Der fremde Junge bewegte sich immer noch nicht, als ich mich neben ihn in den Dreck fallen ließ. „Hey…!“ Mit aller Kraft drehte ich ihn auf den Rücken. Sein knochiges Gesicht war zerkratzt. Unter dem schmutzigen Leinenhemd, welches er trug, konnte man die Rippen zählen. „Hey…!“ Verzweifelt gab ich ihm eine Ohrfeige, eine leichte, dann eine etwas härtere. Keine Regung. Nicht einmal ein Zeichen, das mir sagte, dass er noch lebte. Eine Haustüre wurde zugeschlagen. Hastig wollte ich davon rennen, doch ein eisiger Griff hielt mich am Boden. „Niemand schlägt

Mathieu.“ Sekunden später hatte man mir die Beine weggezogen und mich zu Boden geworfen. Widerstand war zwecklos. Als ich versuchte, aufzustehen, wurde ich in den Matsch gedrückt, bis ich keine Luft mehr bekam. Schließlich gab ich auf. Der eben noch regungslos daliegende Junge reichte mir

anerkennend die Hand. Hast dich gut geschlagen, Neuling,
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meinte

er.

Hinter

ihm

standen

noch

zwei

weitere

dunkelhäutige Jungen, beide etwa zwölf Jahre alt, und ein hellhäutiges Mädchen. Mit ihren haselnussbraunen Haaren, dem Poloshirt und der kurzen braunen Hose wirkte sie älter als neun Jahre. „Wollen wir für immer Freunde sein?“, fragte mich der Junge, dem ich geholfen hatte. Ich nickte. „Ja“ Erst später begriff ich, dass „für immer“ eine sehr lange Zeit sein kann. Eine Zeit, die man nicht planen konnte. Doch damals waren für mich „für immer“ nur zwei Worte. Wir vertrauten einander vom ersten Augenblick an.

Jedenfalls lud ich Mathieu, Kay, Karim und Benjim zu mir nach Hause ein. Die vier würden von ihren Familien bis zum Abend nicht vermisst werden. Meine wenigen Spielsachen, die Legosteine, der

Kuschellöwen, die Modellautos und mein Gameboy Color wurden zur Hauptbeschäftigung des Tages. Bisher ist mir nie bewusst aufgefallen, welch ein bewundernswertes Leben ich - trotz der ständigen Schläge - führen durfte. Denn außer Kay und mir besaß niemand überhaupt solche „wertvolle Schätze“. Die Familien der einheimischen Kinder waren oft sogar zu arm, um sich richtig zu ernähren. An „schlechten“ Tagen, wenn die harte Arbeit nicht genügend Lohn erbrachte, gab es nicht einmal Ignames, das ein gestampfter Getreidebrei. Nur Wasser oder Spenden, die seine älteren Geschwister aus der Stadt mit nach Hause brachten, meinte Karim. Auch er ginge bald in die Stadt, um zu betteln, denn trotz eigentlicher

Schulpflicht war eine Bildung zu teuer. Benjims Geschichten waren ähnlich. Sie machten mich wütend und verlegen. Die reichen Europäer warfen ihr Geld für einen teuren Fernseher
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aus

dem

Fenster

und

Kilometer

entfernt

verhungerten

Menschen. Aber mein Zorn richtete sich vor allem gegen mich selbst. Denn ich gehörte zu diesen Menschen. Wegen mir wären meine neuen Freunde gestorben. Ich bot sofort an, meine Spielsachen zu verkaufen. Mathieu beruhigte mich. Es sei nicht meine Schuld. Seine Eltern wären bei einem Unfall ums Leben gekommen. Selbst wenn ich den Gameboy verkaufen würde, würde das seine Eltern nicht zurückholen. Fassungslos starrte ich in Mathieus aufrichtiges Gesicht. Er hatte alles verloren, was ihm im Leben wichtig gewesen war. Eigentlich hätte er einen Hass auf diese Menschen haben müssen, einen Hass auf Menschen wie mich. Doch er blieb ganz ruhig. „Eines Tages verschwinde ich von hier und gehe nach Spanien…“ Spanien war der einzige Ort, den er kannte. „… bis dahin wohne ich bei meinem Cousin Karim.“ An diesem Tag schworen wir alle, eines Tages aus dem Dorf zu verschwinden, in eine Welt, in der es genügend zu essen gab und niemand leiden mussten. Doch was wir nicht ahnten war, dass dieser Tag schneller kommen würde, als uns allen lieb war… Mein Vater verbrachte nun mehr Zeit außerhalb des Dorfes. Mir machte das nichts aus. Ich hatte Freunde zum Spielen gefunden. In unserer Freizeit kletterten wir als Indianer getarnt auf Bäume, um die Mütter nach dem Wasserholen zu erschrecken, wenn wir nicht selbst zum Baden an den Fluss liefen. Manchmal hockten wir auch im Schatten der Häuser und erzählten Geschichten oder malten uns Abenteuer aus, die wir eines Tages erleben wollten. Es war eine wunderschöne Zeit,
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eine, wie ich sie selten erlebt hatte in der schmutzigen Hochhaussiedlung im neunten Stock. In Köln hatte man nach dem Kindergarten gemeinsam vor der Play Station oder einem anderen Spielgeräten gesessen. Geradezu alle Spielplätze in der Gegend waren nach geraumer Zeit asphaltiert oder zu Wohnparks umgestalten worden. Grau, grau, alles nur grau. Meine Freunde existierten nur auf dem Bildschirm. Visuell, eine andere Verbindung gab es damals nicht zwischen uns. Das Leben im Dorf war entbehrungsreich – vor allem für meine Freunde. Doch ich genoss es, auch wenn Papa noch

weniger Zeit für mich zu haben schien. Wenn er wieder einmal mitten in der Nacht nach Hause kam, schenkte er mir als Entschuldigung meistens etwas Belangloses: Süßigkeiten, eine Batterie für meinen Gameboy Color oder einen Kugelschreiber Dinge, die ich im Dorf weitergab. Schließlich hatten

einige bisher noch nie einen Lolli probieren können. Mein Leben hätte nicht besser sein können. Schule, spielen mit den Freunden im roten Paradies. Doch es kam der Tag, an dem alles ein Ende finden sollte. Es war der 25. Mai, ein besonderer Tag im Dorf. Keenan feierte Geburtstag. Beim Frühstück meinte mein Vater, er müsse dringend

jemanden treffen, noch heute und könne mich nicht zur Schule in die Stadt bringen. Mir war dies recht. So konnte ich helfen, das Fest am Abend vorzubereiten. Wir saßen bis tief in die Nacht um das Lagerfeuer im Dorf herum. Ein älterer Mann spielte auf seiner Panflöte Volklieder, die ich nicht kannte, die anderen sangen vergnügt mit. Die Flammen vollführten ihren unendlich langen Tanz. Ich gähnte herzhaft. Kay stieß mich von der Seite an und

lächelte unsicher. „Hast du Mathieu irgendwo gesehen?“ Ich
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schüttelte fischen.“

den

Kopf.

„Nein,

warum?

Er

meinte,

er

wolle

„Es ist dunkel. Wie soll er da etwas fangen?“ „Ich weiß es nicht. Vielleicht ist er auch bei Karim. Keine Sorge.“ Sie Beruhigend war für legte zu ich ihr den Arm um die

Schulter.

mich

einer

kleinen

Schwester

geworden, die beschützt werden musste. Eine der wichtigsten Personen für mich in meinem neunjährigen Leben. „Das ist es nicht, Tim.“ Ihre Stimme klang heiser an

meinem Ohr. „Ich habe solche Kopfschmerzen.“ Besorgt schlecht? starrte Hast du ich in ihre Kay, blauen sag Augen doch „Ist dir

Bauchweh?

irgendwas!“,

flüsterte ich erregt. Merklich begann Ihre sie zu zittern. flatterten. rannen ich sie „Nein, Sie nur drohte, ihr Boden diese nach

Kopfschmerzen.“ hinten zu

Lider

kippen. zu

Schweißperlen zögern, riss

über vom

heißes hoch.

Gesicht.

Ohne

Willenlos ließ sie es zu, vom Lagerfeuer weg Richtung Häuser geführt zu werden. Es war eine sternenklare Nacht. Dunkel und gefährlich. „Tim“ Kays warmer Atem berührte meine Wangen. „Ich, ich habe Angst.“ Ein schwarzer Vogel, in der Dunkelheit nur als ein

Schatten erkennbar, schoss auf uns herab. Sekunden konnte ich in die blutunterlaufenen Augen sehen, die voller Gier auf ihr nächstes Opfer warteten. Aasgeier, sie waren immer da, wenn jemand starb. Zu dieser Zeit machte ich mir noch wenig Gedanken über solche Dinge. Erst später, als ich mich oft mit dem Tod auseinandersetzen musste, verstand ich

allmählich. Im Dorf war es still, totenstill. Die Lieder
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waren verstummt. Nur das gelegentliche Krächzen der Geier durchbrach das Schweigen. In meinem Hals meine kitzelte Panik. leichter Kay Brechreiz, jemand, doch der ich sie

unterdrückte

brauchte

beschützte. Ich klopfte an ihrer Haustür, in der Hoffnung ihre Eltern seien daheim; ich irrte. Meine Verzweiflung

wuchs mit jedem Augenblick, in dem wir alleine waren. Wäre doch nur Papa hier! Papa, der lieber mit Fremden im Cafe saß, anstatt mir zu helfen. Der Schlag traf mich mitten ins Herz, doch er zeigte mir, wohin ich gehen musste: Nach

Hause. Hastig packte ich Kays Arm und zerrte sie zur Hütte Sollte Papa mich nur am Morgen schlagen! Wie ein großer Bruder legte ich meine Freundin auf das freie Bett in meinem Zimmer, deckte sie zu und betete, dass sie wieder gesund werden würde. Ich selbst legte mich ins Bett, beobachte wie sich ihr Bauch langsam unter der Decke senkte. Stimmen. Schritte. Mit geöffneten Augen blieb ich einen Moment völlig bewegungslos auf dem Rücken liegen. Kratzen, ein Klopfen. Drei Uhr. Noch mehr Stimmen. Vorsichtig rollte ich mich vom Bett und schlich schlaftrunken zum Fenster. Wilde Schatten strichen über die Wände. Das Dorf war in das harte, weiße Licht eines Scheinwerfers getaucht. Ein

entsetzter Schrei. Was war bloß los? Meine aufsteigende Angst wandelte sich in Unbehagen.

Wieder ein Raubtierüberfall? Halb verborgen im Schatten beugte ich mich etwas weiter hervor, um besser sich sehen um zu können. Jeep. Die Einige Art, Dorfbewohner wie sie sich

versammelten

einen

bewegten, beunruhigte mich. Zu hektisch. Eine Mutter drängte
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ihre Kinder ins Haus zurück. Langsam kletterte ich durch das geöffnete Fenster, bedacht Kay und meinen Vater dabei nicht aufzuwecken. Meine rechte Hand tastete nach dem hölzernen Wassertank neben dem Haus. Leere, nichts als Leere. Verzweifelt versuchte ich, Halt zu finden. Ohne Erfolg. Rasend stürzte ich in die braune Tiefe hinab. Ich wollte nach Hilfe rufen, doch mein Schrei wurde in der Kehle

erdrückt. Der harte, plötzliche Aufprall trieb mir alle Luft aus der Lunge, sodass ich glaubte, sämtliche Rippen gebrochen zu haben. Ich japste. Blut rann aus meinem Mundwinkel. Das kalte Licht berührte meine brennenden Wangen. Ein langer, dunkler Tunnel öffnete sich mir. Tausende Farben

explodierten in meinem Kopf. Magentarot, violett, jadegrün, blau, türkis, goldbraun,… Atme… Entsetzt schlug ich die Augen auf. Atme… Wohltuend sog ich die kühle Luft in meine Lungen, wobei ich mich mit schmerzverzerrtem Gesicht aufsetzte. Die Menschenmenge

lauschte seit meinem Sturz bewegungslos einem Todesengel, wie ich ihn später nannte. „… keine Rettung… unser herzliches Beileid…“ Die Wahrheit traf mich plötzlich wie ein Schlag. Ich

konnte sie an der Haltung der beiden Polizisten ablesen, die verlegen und unglücklich vor ihrem Jeep standen. Und an dem Tonfall der Menschen, einen, den sie anschlagen, wenn sie eine schreckliche Nachricht überbringen müssen. Doch erst Stunden später, als ich neben Kay am Fluss saß und beobachtete, wie sich das blutrote Morgenlicht über die schlammigen Wege des Dorfes ergoss, begann ich allmählich zu begreifen. Mein Papa war im Himmel. Bei den Engeln und dem
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lieben Gott. Der Mann, der mich jahrelang geschlagen hatte, diesen Mann gab es nun nicht mehr. Einen Unfall, hatten die schwarzen Engel gemeint, ein tödlicher Unfall. Wegen zu

hoher Geschwindigkeit hätte Marc River die Kontrolle über den Wagen verloren und einem näher rasenden Baum am

Straßenrand nicht mehr ausweichen können. Die staubige und einsame Landstraße, umgeben von tausend Pflanzen, deren

Namen nicht einmal ein Professor kennen mochte, überall mit denselben Unebenheiten. In Deutschland hatten sie Papa nicht ein einziges Mal wegen zu schnellem Fahren angehalten. Mein Vater war ein vorsichtiger Fahrer. Warum also sollte er die Kontrolle verloren haben? Je mehr ich darüber nachdachte, desto weniger glaubte ich, dass Papa bei dieser letzten, tödlichen Fahrt wirklich verunglückt war. „Tim?“ Erstaunt blickte ich auf und merkte, dass Kay mich von der Seite anstarrte. Offenbar hatte sie mich etwas gefragt.

Verlegen strich ich mit der Hand über meine Stirn. „…Ähm… was?“ Das Mädchen seufzte. „Hab ich dir doch schon dreimal gesagt, Tim. Meine Eltern wollen mit mir in die Stadt

fahren.“ Vorsichtig stand sie auf. „Danke, dass du gestern für mich da warst. Du musst auch mal bei mir schlafen“ Ich nickte knapp. Die Enttäuschung, ganz alleine zu sein, schmerzte sehr. Erst Mama, dann Papa und jetzt verließ mich auch noch Kay. Niemand war mehr für mich da, wenn ich Hilfe brauchte. Wenn ich fiel und mir die Knie blutig schlug. Wenn eines meiner Modelautos kaputt ging. Wenn ich weinte oder Angst im Dunkeln hatte. Ich war alleine. Alleine, alleine. Lieber Gott, warum? Tränen liefen über meine Wangen. Warum? Meine Hände verkrampften sich im heißen Sand. Ich fiel auf
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die Knie und weinte vor Zorn und Verzweiflung. Die Sonne brannte unbarmherzig auf mich herab. „Timmy?“ Verwundert sah ich auf. Eine Frau strich mir

zärtlich das Haar aus der Stirn. Sie war meine Mutter und ich wusste es. Ich versuchte, aufzustehen, doch meine Beine gaben nach. Mama! Die Frau lächelte traurig. Erneut

versuchte ich, ihre Hand zu greifen, doch irgendetwas zog mich zurück. Langsam verblasste die Gestalt. Mama! Nein, ein faltiges Gesicht schob sich vor meines. Mama! Wo bist du? Raue Hände rissen mich hoch, aber ich war zu erschöpft, um Widerstand zu leisten… Mama, Papa! Wo seid ihr? Eine unerwartete Stille hatte eingesetzt, tödliches Schweigen. Dann der dumpfe Aufprall eines Buches auf dem Holzboden, wieder gefolgt von

unaufhörlicher Stille. „Tim...?“ Eine rauhe Hand strich mir sanft über die

brennende Wange. Diese zitternde Stimme... Kay? Erleichtert wollte ich mich aufrichten, Kopfschütteln. „Hör zu, Tim. Ich möchte mit dir reden.“ Eine geduldige Männerstimme. Im Winkel meines Blickfeldes bemerkte ich, wie Kays Vater seine Tochter widerstrebend aus der Hütte führte. Sekunden später fiel die Tür ins Schloss. Mein Blick wanderte zu Keenan, dem Dorfältesten, der auf dem Boden neben meiner Decke kauerte. Wir schwiegen eine Weile, vermutlich, weil der Mann nach den richtigen Worten suchte. Seine Hände zitterten. doch eine Hand drückte mich zurück.

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„Tim“, meinte er nach einiger Zeit, „Es tut mir leid, was mit deinem Vater passiert ist.“ Ich schüttelte stumm den Kopf. Niemand konnte etwas für den Tod von Papa. Gott

alleine hatte es so gewollt. „Ich habe ihn sehr gemocht. Genauso wie ich dich mag, Tim“ Er stockte unsicher, dann fuhr er fort: „In meinem Leben habe ich sehr viele Menschen verloren, an denen ich hing. Meine Eltern starben an einer Krankheit, als ich gerade mal zehn Jahre alt war, also ein wenig älter war als du. Diese Krankheit, Aids, ist unheilbar. An ihr sind später auch zwei meiner jüngeren Schwestern gestorben, weil sie Männer in der Stadt vergewaltigt haben. Ich weiß, das alles ist sehr

schwer zu begreifen für einen Jungen in deinem Alter. Für dich ... für dich hat das Leben doch gerade erst begonnen!“ Keenan streichelte mir lächelnd über die Wange. Ein

Zittern durchfuhr meinen Körper Es waren nicht die Wörter, die mir Angst einjagten,

sondern der Tonfall, den der Älteste angeschlagen hatte. „Was wird jetzt aus mir?“, fragte ich leise, obwohl ich wusste, dass mir die Antwort nicht gefallen würde. „Da du in Deutschland geboren bist, wird man dort deine Verwandten benachrichtigen und dich zurückfliegen lassen, wenn jemand gefunden worden ist, der dich aufnimmt.“ „Ich habe keine Verwandten. Meine Oma ist vorletztes Jahr gestorben und die Familie meiner Mama ist weggezogen, als ich noch sehr klein war.“, erklärte ich, wobei ich mich bemühte, nicht zu weinen. Es war mir peinlich, wie ein

kleines Kind zu schluchzen. „Das, das tut mir leid.“ „Schon okay . Ich komme alleine klar.“
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„Wie alt bist du, Tim?“, fragte Keenan und setzte sich neben mich auf die Decke. „Neun Jahre und 10 Monate.“ „Weißt du, es gibt nicht viele Kinder in deinem Alter, die so tapfer sind wie du. Einige verändern sich. Werden wütend oder verkriechen sich dauerhaft. Ich möchte dir helfen.“ „Danke! Es ist nur so, dass ich Angst davor habe, alleine zu sein.“ „In Deutschland soll es schöne Kinderheime geben, in denen sich immer jemand um dich kümmern kann…“ „Nein, Keenan, ich will hier bleiben.“ Innerlich ich

fühlte mich wie betäubt. Nicht schon wieder aufgeben. Kay, Mathieu, ich brauchte sie doch so. Keenan legte mir den Arm um die Schulter. Seine Fürsorge beruhigte mich ein wenig. „Wegen Kay?“ Ich nickte langsam. „Sie ist so etwas wie meine kleine Schwester, glaube ich.“ „Dachte ich mir doch, dass ihr aneinander hängt. Sag, wie kommst du mit ihren Eltern klar?“, erkundigte sich der Mann. „Ganz gut. Sie sind nicht oft zuhause. Aber mein Papa hat sie gut gekannt. Arbeitet Josefine nicht in einem Hotel in Lomé?“ „Ja. Ich werde mit Kays Vater reden. Vielleicht lässt sich eine Möglichkeit finden, dass du doch nicht zurück nach Deutschland musst.“ Verschwörerisch zwinkerte mir Keenan zu und erhob sich ächzend. „Kay? Nicolai?“ Sofort stürmte Herr Brown in die Hütte, dicht gefolgt von seiner Tochter, die jedem meiner
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Blicke

auszuweichen

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versuchte. Der Mann, seltsamerweise nicht in Arbeitskleidung sondern in weißem Hemd und kurzer Hose, schenkte mir ein erleichtertes Lächeln. Seinen gestressten Gesichtsausdruck schien er allerdings auch nicht in seiner Freizeit ablegen zu wollen. Widerwillig hockte sich Kay neben mich auf die Decke, während die Erwachsenen das Zimmer verließen, um

ungestört über meine Zukunft reden zu können. Wir schwiegen. Mit jedem Augenblick, der verstrich, stieg meine Nervosität. Würden sie mich in Deutschland in eines dieser riesigen, dunklen Häuser stecken? In denen man auf den Fluren die Schreie immer wieder hören kann? In denen man durch eine Mauer von den anderen Spielplätzen und Kindern weggesperrt verlief? Ich spürte, wie Kay meine Hand nahm. „Wirst du jetzt auch weggehen?“ Ihre Stimme zitterte. Zum ersten Mal sah sie mich direkt an. In ihren Augen bildeten sich Tropfen, die man Tränen nannte. Unbeholfen legte ich den Arm um ihre wird? Und in denen man sich immer wieder

Schulter. Wie Bruder und Schwester. „Wirst du weggehen?“, flüsterte sie nach einer Weile in mein Ohr. Kopfschüttelnd, gleichzeitig nickend zuckte ich die Achseln. Verwirrung,

Verzweiflung, Angst. Ich wusste es nicht, ich wusste es einfach nicht. Die dumpfen Stimmen der Erwachsenen erklangen hinter der Holztüre. Aufgebracht schlug jemand mit der Faust auf einen Tisch. Kay stand zögernd auf und legte meine Hand auf ihre Brust. „Du bist immer da drin, egal wo du bist.“ Durch den dünnen Stoff ihres T-Shirts spürte ich ihren leichten Herzschlag. Es war ein bedeutender Augenblick in meinem Leben. Warum, verstand ich nicht. Doch ich wusste, dass ich ihn nie vergessen
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würde.

„Und

du

bist

mein

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allerbester

Kumpel.“,

fügte

ich

seltsam

aufgeregt

hinzu.

Stille. Nur unsere Herzschläge. Schließlich griff Kay in ihre Hosentasche und zog einen kleinen Holzschwan hervor. „Den kannst du haben.“ Ich schüttelte entsetzt den Kopf. Dieses Tier bedeutete ihr genauso viel wie mir mein

Kuscheltierlöwe! „Du kannst ihn haben. Wirklich!“ Sie rieb mit einer Hand ihr Auge, mit der anderen drückte sie mir ihr Spielzeug an die Brust. Es war ein wunderschöner Schwan, aus weißen Holz geschnitzt und mit großen braunen Augen, die erwartungsvoll in die Zukunft blickten. Augen, wie Kay sie hatte. Damals habe ich mir immer wieder eingebildet, diese komische zwischen Liebe uns. gäbe Aber es es nur war zwischen wahr, ich Erwachsenen, habe es nur nicht nicht

begriffen. Ich habe dieses Wesen vor mir geliebt, geliebt nicht nur wie eine Schwester. In meinem Blickwinkel bemerkte ich den Löwen. Meinen

Löwen. Den Löwen, den Mama mir geschenkt hatte, kurz bevor sie uns verlassen hatte, um zu den lieben Engeln in den Himmel zu gehen. Sollte ich…? Ruckartig wurde die Türklinge herunter gedrückt. Die

beiden Erwachsenen senkten den Kopf, um mich nicht ansehen zu müssen. Doch ihre Haltung machte mir bewusst, dass ich verloren hatte. Mama, Papa und Kay. „Dad! Tim darf doch bei uns bleiben, oder?“ Herr Brown sah seine Tochter mit an. einem Gemisch dass aus er Verständnis die aus Frage dem und nicht zu

Gleichgültigkeit beantwortete,

Dadurch, sie auch

schien

nicht

Raum

verschwinden. Immer und immer wieder tauchte sie in meinen Gedanken auf. Tim darf doch bei uns bleiben, oder? Diese Ungewissheit machte mich nervös. Ich musste es wissen.
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„Du willst mich nicht, stimmt‟s?“, fragte ich trotz meiner Angst, die Wahrheit war, wanderte zu erfahren. mir Solange die zu es nicht

ausgesprochen Verzweifelt

blieb Herr

wenigstens Blick

Hoffnung. der

Browns

Keenan,

bewegungslos in der Tür stehen geblieben war. „Tut mir leid, Tim. Es geht nicht.“, flüsterte der alte Mann mitfühlend. Ich nickte knapp. Nicht entsetzt, nur ein wenig verwirrt. Vielleicht, weil ich damals noch nicht

verstanden habe, was dieses „Es geht nicht“ bedeutete. Für mich war es ein „Es geht nicht“ gegen ein Spiel oder eine Süßigkeit. Nicht ein „Es geht nicht“ für immer. Ich hatte es geahnt und doch immer wieder verdrängt. Erst Kay zeigt mir, wie ernst es war. Ihren Körper durchfuhr ein Zucken, wie das, wenn man mit der Zunge über eine Batterie leckt. „Was!?“, schrie sie aufgeregt. Die Grüne eines Froschs stieg ihr ins Gesicht. Sie drohte; sich zu übergeben. Ich wollte ihr helfen, doch meine Hände fühlten sich seltsam taub an. Auch meine Füße wollte mir nicht mehr gehorchen. Speichel tropfte auf den Fußboden. Herr Brown stürzte auf seine Tochter zu und führte sie

wehrlos aus dem Haus, Richtung Wagen. „Warum?“, fragte ich leise, „Warum darf ich nicht bei Kay bleiben?“ Ein Automotor heulte auf. Durch das Fenster konnten wir erkennen, Augenblicke verschwand, wie Kays Vater Staub wie den wurde die Rückwärtsgang aufgewirbelt. davon einlegt. Als er

später war Kay

Sandkörner

geblasen

worden. Widerstandslos. Einfach weg. „Wenn du erwachsen bist, wirst du es verstehen.“ Tröstend wollte Keenan den Arm um mich legen, doch ich stieß ihn von
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mir.

Sie

hatten

mir

das

Letzte

genommen,

was

mir

noch

geblieben war: Meine Freunde. Wenn du erwachsen bist - ist die Welt immer noch so, wie sie ist. Rund und mit vielen ekligen Menschen, die dir nicht helfen können oder wollen! Ich hasse euch! Euch alle! Meine Angst wandte sich zur

dumpfen Wut, die mir langsam in den Kopf stieg. Niederlagen häuften sich. Erbost stand ich vor Keenan, mit aufgeplatzten Lippen, geöffnete zu einem Schrei, der augenblicklich in meiner Kehle erstickt wurde. Tränen schossen mir in die Augen, doch diesmal

unterdrückte ich sie nicht. Sollten diese Monster doch nur denken, was sie wollten! Ich war doch erst neun! In Keenans Blick lag etwas Mitfühlendes, doch das war mir egal. Er hat mir nicht geholfen, als es nötig war, also brauchte er mich auch jetzt nicht, zu bemitleiden. „Tim, es…“, fing er mit seiner rauen Stimme an. Ich

wusste, was er sagen wollte. Instinktiv wusste ich es. Es tut mir Leid. Aber davon konnte ich meinen Vater und Kay auch nicht zurückholen. Erst jetzt begann ich allmählich wirklich, um Papa zu trauern. Bisher war es für mich ein Traum, ein Albtraum, doch ich verstand, dass es ein Albtraum war, aus dem ich nie wieder erwachen würde. Nie wieder. Warum? Reichte es dir nicht, Gott, dass du schon Mama und Oma hattest? Brauchtest du auch noch Papa? Warum hilfst du mir nicht? Bin ich dir nicht so viel wert wie andere? Okay, ich gebe zu, ich habe einige schlechte Dinge im Leben getan. Ich habe das letzte Weihnachten versaut, weil ich Mamas Engel fallen gelassen habe. Papa hat mich fürchterlich

geschlagen und gesagt, du würdest mich dafür bestrafen. Aber
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ich wollte das doch alles gar nicht! Und das mit Hendriks Rittersporttäfelchen. Die hatte ich auch nicht klauen

wollen. Wirklich nicht. Ich bin doch kein Dieb! Wenn du böse auf mich bist, warum hast du dann Papa genommen und nicht mich? Er hat nie etwas Ungerechtes getan, Gott. Er war doch mein Papa! Warum hast du ihn tot gemacht? Sag es mir! Warum? „Tim? Kleiner, beruhige dich. Alles wird gut.“ Augenblicklich kehrte ich in die Wirklichkeit zurück und mit mir meine Wut. Papa ist tot. Und ihr alle, ihr seid schuld daran! Ich konnte nicht mehr. Aus, aus, aus. Das Spiel ist aus.

Deutschland ist nicht Fußballweltmeister. Erbost schnappte ich mir den Kuscheltierlöwen und stürmte aus der Hütte, ohne von Keenan aufgehalten zu werden. Im Dorf war niemand zu sehen. Benjim und Karim waren mit den älteren Kindern zum Betteln in die Stadt gelaufen,

während ihre Eltern auf dem Feld arbeiten. Mathieu trieb sich seit Tagen am Fluss herum, um zu angeln, sowie es sein Vater getan hatte, bevor auch Gott ihn in den Himmel geholt hatte, obwohl er bisher kaum etwas Bedeutendes fing. Der heiße Sand brannte unter meinen Füßen, als ich jetzt zum Fluss rannte, zu dem Einzigen, der mich neben Kay noch verstand. Schweiß rann über mein Gesicht. In der kahlen Krone eines alten Baumes hockten die

Aasgeier. Kreischend lauerten sie auf ihr Opfer. Versteckt in einer Nichte, streckten die Jungen ihre Hälse und

bettelten um Futter, bis die Eltern mit Fleisch zurückkamen. Karim und Benjim hatte einmal Steine nach den Vögeln

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geworfen und eines der Tiere erwischt. Dafür habe ich sie gehasst. Mathieu hockte auf einem Stein. Als ich hinter einem Baum hervortrat, verfolgten seine klugen, dunklen Augen neugierig jede meiner Bewegungen. Grinsend klopfte er neben sich auf den Boden. Seine offene Art unterschied ihn deutlich von den anderen Dorfbewohnern, die sich gegenüber Fremde

misstrauisch und distanziert verhielten. Vermutlich, weil sein großer Traum, eines Tages zu verschwinden, immer noch existierte. „Willst du mal sehen, was ich gefunden habe, Timothy?“ Seine Stimme überschlug sich beinahe vor Aufregung, als ich mich neben ihn auf den Stein hockte. Stolz hob er den Deckel einer alten Blechbüchse. Eine Münze, ein wahrer Schatz für jemanden, der so arm war wie Mathieu. „Wenn ich morgen in die Stadt gehe, kaufe ich uns was richtig Tolles zum Essen. Du kannst auch kommen, wenn du willst.“ „Okay.“ Reflexartig wandte ich mich ab. Denn ich wusste, er würde bemerken, dass ich log, wenn er mir in die Augen sah. Die Sonnenstrahlen, die vom Wasser zurückgeworfen

wurden, blendeten uns. „Du kommst nicht, oder?“ Mathieus freie Hand umklammerte meine Schulter. Weiß trat der Knochen durch die dünne,

hellbraune Haut hervor. Schweigen. Was sollte ich auch sagen, wenn ich die Antwort selber nicht einmal begriff? Ich muss zurück nach Deutschland, weil die Erwachsenen es so wollten?
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Die

Geier

kreisten

über

uns.

Einer

schoss

herab

aufs

Wasser, bohrte seine Klauen in den Körper eines Fisches und trug das hilflos zappelnde Tier davon. Mitfühlend sah ich dem Fisch nach. Zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Er würde heute Abend nicht mehr zu seinen Eltern und Kinder zurückkehren. Nie mehr. Dafür würde der Vogel überleben. Fressen oder gefressen werden… „Mathi ... Ich ... Mein Vater ist letzte Nacht gestorben und Keenan will nicht, dass ich bleibe.“ Es fiel mir schwer darüber zu reden, obwohl ich wusste, dass mein Freund mich verstand. Seine Eltern sind irgendwann abends auch nicht mehr von der Arbeit nach Hause gekommen, so wie viele

andere, die er aus dem Dorf kannte. Gerüchte, dass sie einen Unfall gehabt hätten, waren herumgegangen. Mathieu jedoch glaubte ihnen nicht. In seinen Gedanken leben seine Eltern in einer besseren Welt mit viel Essen und wenig Angst. „Du willst abhauen, ohne mich mitzunehmen? Was für ein Feigling bist du denn?“ Erbost rammte er mir den Ellbogen in den Bauch und sprang auf. „Ich bin kein Feigling.“, erwiderte ich verbittert. Mein Magen verkrampfte sich an der Stelle, an der Mathieu mich getroffen hatte. Ein Tränenschleier ließ das Bild

verschwimmen. Mathieu war in einiger Entfernung stehen geblieben, den Blick von mir abgewandt, als existiere ich nicht. „Ich

dachte, wie wären Freunde.“ Verzweifelt versuchte ich, ein Schluchzen zu unterdrücken. Indianer weinen doch nicht! Mathieu lachte. „Und da fragst du mich nicht, ob ich mit dir abhaue?“
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„Du willst mitkommen?“ Mein verwirrtes Gesicht musste ihm verraten haben, dass ich es ihm nicht abnahm. „Klar. Großes-Spanien-Ehrenwort!“ Grinsend hob er Zeigeund Mittelfinger zum Eid, sowie wir es immer getan haben, als wir vor Wochen - oder waren es Monate gewesen? - im Schatten der Häuser von den Abenteuer und Geschichten

erzählt hatten, die wir eines Tages erleben wollten. Wenn ich heute darüber nachdenke, frage ich mich, warum damals nicht einfach die Zeit hätte stehen bleiben können. Und immer wenn ich mich danach gesehnt hätte, wieder auf Bäume zu klettern und Indianer zu spielen, wären meine Freunde da. Karim, Benjim, Mathieu und Kay. „Hör zu. Wir treffen uns um Mitternacht hinter deiner Hütte. Pack ein paar Sachen

zusammen und Geld…“, fuhr der Junge fort, wobei er mit einem Stock in den Sand malte. „Aber ich kann doch nicht Papa beklauen!“, stieß ich

erschrocken hervor, widerwillig ablenkend, was ich da gerade gehört hatte. Mathieu verlangte doch nicht etwa von mir, dass ich zum Dieb werde! „Dein Vater braucht das Geld, dort wo er ist, nicht mehr. Aber da, wo wir hingehen…“ „Wohin willst du?“ Mathieu zuckte mit den Schultern „Weiß nicht. Einfach weg von hier.“ „Okay.“ „Aber den anderen erzählen wir nichts davon.“ „Auch nicht Kay?“ „Nein. Die ist eine Petze.“ Instinktiv widerstrebend wollte zu ich geben, Kay beschützen, sie uns doch ich musste

dass
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wahrscheinlich

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tatsächlich aufgehalten hätte. In Dingen, wie diesen, waren wir immer verschiedener Meinung gewesen. Vermutlich weil Kay ein Mädchen war und zwar das Erste, mit dem ich je gespielt habe. Wäre ich auch damals in Köln mit einer Freundin nach Hause gekommen, hätte Papa mich lachend in der Tür empfangen und spöttelnd gesagt: „So ein kleines Weichei und doch schon eine Freundin.“ Hier in Afrika schien es ihn nicht mehr zu interessieren, mit wem ich zusammen war. Überhaupt schien es ihm egal, was die Menschen von ihm hielten. Hauptsache, niemand klaute ihm seine Pfeife, die er seit unserer Ankunft beinahe immer zwischen den Zähnen trug. Gelegentlich stieg eine betörende Rauchwolke auf, die mich oft schläfrig gemacht hatte. Diese Pfeife sei nichts für kleine Kinder, hat er mir immer wieder eingebläut. „Warum nicht, Papa?“ Mein Vater hat sich abgewendet, die Pfeife an seine Lippen genommen. Momente habe ich geglaubt, er werde mich nun schlagen. Doch seine Muskeln haben sich entspannt und er hat, ohne mich anzusehen, die Achseln gezuckt,

während erneut eine Wolke über seinem Kopf aufgestiegen ist. „Weil es so ist, Tim.“, hat er ruhig gemeint, sich auch das Bett gelegt und auf dem Rücken liegend zur Decke gestarrte, „Geh jetzt spielen. Deine Freunde warten sicher schon auf dich.“ Allmählich habe ich begriffen, dass mein Vater zuerst

Haschisch und später auch Marihuana abhängig gewesen war. Dies ist für mich der wahre Grund, warum er sterben musste. „Tim? Hey, bist du da?“ Mathieus Stimme holten mich aus meinen Erinnerungen

zurück. Mit besorgter Miene klopfte er auf meine Schulter.
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„Wenn es unbedingt sein muss, kannst du es Kay sagen. Aber nur Kay, verstanden?“, fuhr er seufzend fort und holte

erneut die leere Leine ein. Ich nickte. „Okay.“ Ein Geier landete unmittelbar vor unseren Füßen. Wie ein König, schritt er, das braune Gefieder angelegt, wie einen teuren Mantel, über das Sandmeer, welches sich wie ein

Königreich unter seinen scharfen Krallen beugte. In seinem gierigen Schnabel hingen blutige Fetzen des letzten Opfers. Mein Blick folgte dem listigen Vogel, einem Tier, das sich den Tod eines anderen zu Nutzen machte. Widerwillig musste ich zugeben, dass es mich faszinierte. Die Geier fraßen nur diejenigen, die schon tot gemacht worden waren. Ob sie auch Papa stückweise in ihren hungrigen Mäulern trugen?

Augenblicklich kitzelte der Brechreiz in meinem Hals. Rasch sprang ich auf. „Ich muss gehen. Bis um Mitternacht dann.“ Der bittere Geschmack lag immer noch auf meiner Zunge „Aber verschlaf nicht! Sonst wachst du einen Kopf kurzer wieder auf.“ Ich grinste. Diesen Spruch hatte ich schon öfters gehört, nur mit dem Unterschied, dass Papa ihn immer ernst genommen hatte. Im Blickwinkel bemerkte ich einen Aasgeier,

denselben, der noch zuvor über den Sand stolziert war. Nun landete er mit solcher Eleganz auf dem Wasser, dass er mir beinahe wie ein Mensch vorgekommen wäre. Die klugen, dunklen Augen spähten auf die glitzernde Wasseroberfläche. Scheinbar zufrieden räkelte er die Feder im Licht der glühenden Sonne und stieß einen Schrei aus. „Kann Kay nicht mitkommen?“, fragte ich im Fortgehen. Mir gefiel die Vorstellung nicht,
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dass

sie

alleine

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zurückzulassen. Bei diesen dummen, ekligen Menschen, die uns sowieso nicht verstanden. „Glaubst du, ihr Vater würde sie gehen lassen?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, aber…“ Aber wenn er Kay wirklich lieben würde, dann ja. Dann würde er auch

verstehen, wie sie sich fühlt, wie ich mich fühle. „Siehst du.“, unterbrach mich Mathieu achselzuckend und warf erneut die Leine aus. Ehrgeizig wie beim ersten Mal, obwohl er ahnen musste, dass er nichts fing. „Du magst sie nicht, oder?“ Warum bist du immer so

abwertend gegenüber Kay? Weil sie aus Schottland kommt und mehr besitzt als du? Warum hasst du dann nicht auch mich, Mathieu? „Sie ist ein Mädchen und Mädchen sind nun mal… anders. Seltsam halt. Sie brauchen ständig einen Beschützer und, glaub mir, für Kay ist es das Beste, wenn sie uns nicht folgt. Da draußen gibt es böse Menschen, die ihr wehtun könnten und…“ „Kay kann prügeln.“ Energisch hob ich mein T-Shirt und deutete auf einen langen Kratzer am Rücken: „Hier.“ „Du bist blöd, Tim, wenn du denkst, es ginge nur ums Prügeln. Dein Vater… Bist du sicher, dass er einen Unfall hatte?“ Seine Frage irritierte mich. Dein Vater… Bist du sicher, dass er einen Unfall hatte? „Lass Papa aus dem Spiel!“, brüllte ich zornig. „Schon gut. Reg dich nicht gleich so auf. Aber ich würde mal darüber nachdenken.“ „Nur weil deine Eltern dich im Stich gelassen haben,

müssen meine dies nicht auch tun!“
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Ohne ein weiteres Wort wandte Mathieu sich ab und starrte schweigend auf die wie ein Diamant glänzende Wasserschlange herab, die sich Richtung Norden davon schlängelte. Es war seltsam, dass er nichts sagte. Kein Wort. Ich

wartete, doch er schwieg. Ob er traurig war, weil seine Eltern ihn alleine gelassen haben? „Ich gehe. Bis heute Abend.“ Immer noch keine Regung. "Mathieu, rede mit mir!", formten meine Lippen, doch ich bekam keinen Ton heraus. Surrend

landete ein Insekt auf dessen brauner Haut, stach den langen Rüsseln in das Fleisch und saugte, wie ich am Strohhalm eines Capri Sonne, genüsslich das rote Sirup.

Die Hütte erschien mir leer, seit Vater fort war. Niemand erwartete mich, um mir zu sagen, dass ich großen Ärger

bekommen würde, weil ich zu spät nach Hause kam. Niemand lag auf dem alten, abgenutzten Sofa und rauchte an der Pfeife, während ich am Tisch saß und in dem Essen von gestern

herumstocherte. Das Holz knarrte unter meinen die bloßen als Füßen. Die

verbleichte

Blumentischdecke,

Vorhang

diente,

flatterte im aufkommenden Wüstenwind. An der Wand neben der Küchenuhr hing noch der Kalender mit den teuren Autos.

Vorsichtig nahm ich ihn zur Hand und kletterte auf das Sofa. In viele Kästchen waren fremde Namen gekritzelt. Meinen

eigenen entdeckte ich nirgends. Der 25. Mai war rot umkreist und in seiner Mitte stand eine wirre Kombination aus

Buchstaben und Zahlen. Kamikaze. Papa hatte oft seltsame Zaubersprüche gesagt oder geschrieben, seit er

herausgefundenen hatte, dass ich besser lesen und schreiben
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konnte,

als

normale

Kinder

in

meinem

Alter.

Daheim

in

Deutschland habe ich immer geglaubt, mein Vater sei ein Zauber, wenn er sich in seinem Arbeitszimmer einschloss, um ungestört zu sein. Manchmal habe ich deshalb an der Tür gelauscht und Gespräche mit einem komischen Mann

mitbekommen. Einen Papagei, wie ich ihn nannte. Er hat immer alles nachgeplappert, was Papa ihm erzählte, und damit

später richtig Kohle gemacht. Jedes Mal wenn dann Papa von der Arbeit nach Hause gekommen ist, hat er seine Wut an mir ausgelassen und mir eingebläut, nicht irgendwelchen

Hohlköpfen zu vertrauen. Warum er doch immer wieder auf die Tricks reinfiel, wie ein dummes, kleines Kind, habe ich nie verstanden. Hätte er doch die Papageie schlagen sollen! Die waren doch Schuld, dass Papa plötzlich mit einem Stängel zwischen den Zähnen unsere Wohnung verdampft und mich dafür verantwortlich machte, dass aus ihm ein Vater geworden ist, zu dem nur einer aufschaut und nicht alle anderen. Als Erinnerung und den schrieb die immer was ich Seite hatte das mir mit den dem Spruch teuren wollen, in die

Handfläche Porsche, Kalender.

riss Papa

Ferrari aus dem

fahren

Kamikaze

wohl

bedeutete?

Vielleicht

konnte man damit die Zeit zurückdrehen. Nein, vermutlich nicht. Dann hätte Papa längst Mama von den Engel

zurückgeholt und Oma auch. Schließlich hat er abends im riesigen Ehebett geweint und geschrien wie ein Baby, dem man seinen Schnuller weggenommen hatte. Wenn ich ihn nach Mama fragte, ist er immer

verletzlich gewesen. Während ich den Kalender achtlos auf den Tisch warf, blieb mein Blick an dem zerknitterten, verblassten Foto auf der
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Kommode hängen. Es zeigt eine glückliche, junge Familie am Strand. Hinter ihnen verschwindet die Sonne langsam vom

Horizont. Der Vater, ein gepflegter Mann, Mitte dreißig, in Hemd und Shorts gekleidet, hält ein wunderschöne, schlanke Frau im Arm. Mit dem langen, blonden Haar, welches vom

frischen Meerwind erfasst wird, und dem luftigen, weißen Sommerkleid wirkt sie beinahe wie ein Engel. Ein kleiner Junge, in der einen Hand ein Surfbrett haltend, schaut zu ihnen auf, während Wellen sanft seine Füße umspielen. Das hellbraune Augenblick vergessen. Haar klebt nass in seiner Stirn… Ich Es war ihn ein nie

voller Es

Bedeutung

gewesen. der

habe

sollte

einer

letzten

gemeinsamen

Erinnerungen sein. Für immer. Mama, warum hast du Papa und mich alleine gelassen? Wir brauchten dich doch so sehr. Ich brauche dich. Erschrocken fuhr ich plötzlich hoch. Die Küchenuhr schlug zwölf Mal, dann war es wieder ruhig. Gestern war Papa noch… Nein, ich wollte nicht darüber nachdenken! Ich durfte nicht! Das Denken war es, was ihn durcheinander gemacht hatte und was nun auch mich durcheinander machen würde. Was wäre wenn… Ich hatte das Spiel oft genug mit Kay gespielt. Was wäre, wenn ich ein Vogel wäre… Was wäre, wenn ich du wäre und du ich… Kopfschüttelnd sprang ich vom Stuhl und rannte, das Foto, die Kalenderseite und den Kuscheltierlöwen immer noch in der Hand, in mein Zimmer. An der Tür hing mein blauer Eastpack-Rucksack Über einen Legostein stolpernd riss ich ihn vom Hacken und sah mich verzweifelt im Zimmer um. Es herrschte wie immer Chaos. Wenn Papa jetzt hier wäre, hätte er wieder einen Grund gehabt, mich zu schlagen und

anzuschreien, obwohl er selber ein noch größerer Chaot war.
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Erneut ertappte ich mich im Nachdenken und seufzte. Das musste doch endlich mal ein Ende habe! Vorsichtig, ohne über ein Modelauto oder die Steine zu fallen, schlich ich zu meinem Bett und zog die Schublade meiner grob zusammen

gezimmerten Kommode auf. In ihr lagen der Gameboy Color und jede Menge Krimskrams, der sich dort mit der Zeit angestaut hatte. Mit beiden Händen nahm ich die Sachen heraus und begann sie zu durchsuchen. Eine kaputte Benjamin BlümchenUhr, abgelaufene Lollis, ein altes Freundebuch, Taschenlampe und -Messer, Schachfiguren, Ring. Papa und die hat Indianerfeder ihn in einer wie und das

Wichtigste:

Mamas

winzigen Drache

Porzellantruhe

aufbewahrt

beschützt,

ein

seinen goldenen Schatz. Als wir hierher nach Afrika zogen, hatte er ihn auf den weißen Marmorgrabstein gelegt, damit Mamas Geist sich nicht verirrte und ruhelos in der Gegend herumstreunte, ohne uns zu finden. Aber ich habe Mama

zurückgeholt. Ich konnte sie doch nicht Deutschland alleine lassen, bei all dem Lärm der Autos und dem grellen Licht der Laternen! Behutsam wog ich den silbernen Ring in meiner Hand und bettete ihn dann in meine Dose, die mir die Zahnfee geschenkt hatte, weil ich so tapfer gewesen bin, als ich mir den ersten Zahn an der Tischkante ausschlug. Zusammen mit

dem Gameboy, der Taschenlampe, dem Messer, der Kalenderseite und zwei meiner Lieblingsautos warf ich sie in den Rucksack. Auf einen Stuhl kletternd langte ich nach Papas Geldkassette auf dem Küchenschrank. "Ich bin doch kein Dieb!", meldete sich mein Gewissen. Augenblicklich zuckte meine Hand zurück. "Nimm es!", befahl mein Egoismus. Widerstrebend musste ich zugeben, dass Papa dort wo er jetzt war, dass Geld

tatsächlich nicht mehr brauchen würde. Die Kassette war mit
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einem kleinen Schloss versehen; den Schlüssel versteckte er in der Zuckerdose. Ich hatte ihn oft heimlich dabei

beobachtet, wie er immer wieder viele Scheine herausnahm, aber nur selten welche zurücklegte. Vorsichtig drehte ich den Schlüssel herum und lauschte dem befriedigenden Klicken. Das Innere der Kassette war zur Hälfe mit CFA-Scheinen

gefüllt, darunter lagen zwei Sparbücher, eines von meinen Eltern und eins von mir. Unsicher nahm ich ein Bündel

Scheine heraus, ließ es durch meine Finger fahren und legte es in das vordere Fach meines Rucksackes. Noch nie hatte ich so viel Geld besäßen. Was ich mir dafür alles kaufen könnte! Mehr Legosteine, ein neues Gameboy-Spiel und… und nichts. Mit jeder Münze, die ich wegwarf, würde ich auch Papa ein Stück weit verkaufen. Ein Klopfen ließ mich hochstecken. Hastig stopfte ich das letzte Bündel in den Rucksack und sprang vom Stuhl. Während ich fieberhaft überlegte, ob ich die Tür öffnen sollte, trat ich die Tasche unter das Sofa. Erneut klopfte es, diesmal härter und energischer. „Tim? Ich weiß, du bist da drin und mich nicht sehen möchtest. Das musst du auch gar nicht, aber hör mir bitte zu, ja?“,

erklang ein durch das Holz der Tür gedämpfte Männerstimme. Neugierig sank ich hinter der Tür zusammen. Warum kamen Erwachsene im Nachhinein, um sich zu entschuldigen, obwohl sie es nicht so meinen? „Es tut mir Leid, Tim. Das mit deinem Vater und mit Kay. Herr Brown ist in die Stadt

gefahren, um mit der deutschen Botschaft zu sprechen. Doch ich denke, bis sie deinen Pass neu beantragen und alles geklärt haben, bleiben uns noch ein, zwei Tage. Wir könnten ein kleines Abschiedsfest feiern, wenn du möchtest. Mit

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Panflöten.

Du

magst

doch,

Panflöten,

nicht

wahr?“

Ich

antwortete Keenan nicht. Ein, zwei Tage… „Du bist ein lieber Kerl, Tim. Ich bin mir sicher, du wirst in Deutschland neue Freunde finden. Stell dir einfach vor, das alles wäre ein böser Traum gewesen.“ Ein böser Traum, aus dem ich nie wieder erwache… Meine Hände begannen merklich zu zittern. Ich versuchte, mir Kay vorzustellen, wie sie morgen zurück in diesen Traum gestoßen würde, wenn sie herausfand, dass Mathieu und ich abgehauen waren. Arme, Kay! „Tim? Tim!“ Keenan hämmerte erneut gegen die Tür, wie ein wildes Tier in seinem Käfig. Nach einigen Sekunden beruhigte er sich wieder und seufzte tief. „Ich lasse dich jetzt

alleine. Wenn du Hilfe brauchst, egal welche, komm einfach rüber, okay?“ Ächzend stemmte er sich hoch. Der Sand ließ seine Schritte und schnell spähte verklingen. im Schutz Hastig des eilte ich zum

Fenster

Vorhangs

heraus.

Regenbogenfarbenes Benzin spiegelte sich im Licht der Sonne. Irre Reifenspuren zeichneten sich am Boden ab. Ob Kay noch heute Abend nach Hause kam und mich besuchte? Oder hatte man es ihr verboten, weil ich ein schlechter Umgang für sie war? Der weiße Schwan kratzte in meiner Hosentasche. Weiße Feder und kluge, braune Augen. Augen voller Trauer und

Gerechtigkeit. Gab es überhaupt so etwas wie Gerechtigkeit? Ich zweifelte daran. Wenn es Gerechtigkeit gäbe, wäre Mama nicht tot. Außerdem: Mathieu und die anderen glaubten nicht an den Gott. Warum sollte es ihn also geben? Vielleicht war alles nur eine Illusion, eine erfundene Geschichte, um

jemanden die Schuld zu zuschieben, wenn man etwas verbrochen hatte. Ich wusste es nicht. Niemand wusste es. Gott, wenn es
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dich gibt, hör mir zu. Mein Ruf hallte durch die leeren Räume des Hauses. Du hast Mama, Oma und Papa zu dir geholt. Und Strupi, mein Meerschweinchen. Das war meine Familie. Jeden Einzelnen von ihnen hast du mir weggenommen. Warum? Weil es für dich wie ein Computerspiel ist? War das der Grund? Oder Eifersucht, weil du ständig alleine bist? Mir ist es egal, wer du bist oder wie sehr dich alle bewundern, Gott. Meinetwegen schick mich in die Höhle oder sonst wohin. Ich werde nie aufhören, für das zu kämpfen, was sich

Gerechtigkeit nennt. Und noch in tausenden Jahren wirst du an mich denken und bereuen, welchen Fehler du damals gemacht hast, als du sie alle zu dir nahmst… Verstollen warf ich einen Blick auf das Holzkreuz über dem Sofa. Was ich genau erwartete, wusste ich nicht. In manchen Horrorfilmen erschien wollende und wäre eine jetzt Hand, vielleicht die mich in das ein die hier schwarzes niemals war Loch enden nichts

Finsternis

zog.

Aber

Erfundenes. Das war die Realität. Der zerknitterte Brief in meiner Hosentasche gab mir das Gefühl, eine scharfe Bombe bei mir zu tragen. Am liebsten hätte diesen ich ihn einfach Hastig zerrissen, ließ ich doch meinen ich unterdrückte über die

Impuls.

Blick

ausgebrannte Feuerstelle schweifen. Ein riesiger Schatten verdeckte für Sekunden die untergehende Sonne. Ein Aasgeier segelte über den rot, blauen Himmel davon. Die Küchenuhr hatte fünf Mal geschlagen, aber in dieser Welt hätte es genauso sieben sein können. Dieses Paradies war zeitlos. Gestern war es rot, heute ist es rot, morgen wird es rot sein. Ein letztes Mal vergewisserte ich mich, dass mich niemand beobachtete, dann rannte ich nach Norden. Es war
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nicht schwer die Bucht zu finden, wenn man den Weg kannte. Und meine Füße liefen von alleine. Zu meinen Schuhen gesellte sich ein weiteres Paar. Das Herz pochte wild in meiner Kehle, doch ich blieb nicht

stehen, um nach Luft zu schnappen. Bald erreichten wir die Stelle, an der die Wasserschlange einem Knick machte.

Atemlos blieb ich stehen. Kays Hand verkrampfte sich in meiner und wir starrten Augenblicke lang in den Himmel. Leise murmelte das Wasser seine Melodie dazu. Kay zitterte ein wenig, vor war Aufregung, es die vielleicht auch vor zu Angst. der wir

Schließlich

Echsenbucht

gewesen,

laufen konnten, wenn uns die anderen geärgert hatten. Die Steine waren noch warm vom Licht der Sonne. Kay hinter mir herziehend, stieg ich den Hang zum Fluss herab. Erschrocken huschten einige Salamander in ihre Verstecke. Als wir das erste Mal an diesem Ort gewesen waren, hatten wir versucht, sie zu zählen und zu fangen, doch immer wenn wir glaubten, einen gehabt zu haben, floh er aus unseren Händen. Daher hatten wir diese Bucht benannt. Ich mochte die Echsen. Diese kleinen geselligen Tiere. Sie hassten uns Menschen und

trotzdem hatte ich jedes Mal das Gefühl. als lauschten sie uns, versteckt in ihren Unterschlüpfen. Mit einem letzten Aufblitzen verschwand die Sonne hinter dem Horizont, wartend auf einen neuen Tag. Meine Hände fühlten sich seltsam taub an, wenn ich an den Morgen dachte. Doch merkwürdigerweise war ich nicht ängstlich. Nur ein wenig verwirrt. Irgendwie hatte ich geahnt, dass es so weit kommen würde. Erschöpft ließ ich mich am Wasser zu Boden sinken und malte mit dem Finger im Sand. Kay lächelte - wie immer, wenn sie nicht wusste, was sie zu
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tun

oder

zu

sagen

hatte.

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Schließlich legte sie ihren Kopf auf meine Brust und drückte meine Hand fest, als wolle sie diese nie wieder loslassen. Ein Stein bohrte sich zwischen meinen Schulterblättern, doch ich fand nicht den Mut, mich erneut aufzurichten. „Weiß du was! Sulkan hat mich gefragt, ob ich mit ihm spielen will, als ich heute in der Schule erzählt habe, dass du

weggehst.“, meinte Kay nach einiger Zeit. Ihre Atmung ging gleichmäßig, jedenfalls hatte es den Anschein, als sei sie ruhig. Doch tief im Inneren war sie wütend und enttäuscht. „Was hast du ihm gesagt?“ „Dass er bäh ist und so. Ständig läuft ihm der Sabber aus dem Mund. Ich hasse diesen Schnösel. Bloß, weil seine Eltern eine Weberei besitzen! Und außerdem bist du mein bester Freund und das ändert sich auch in tausend Jahren nicht.“ Ich nickte und war froh darüber, dass Kay in der

Dunkelheit nicht sah, wie ich errötete. Behutsam legte ich einen Arm um sie. Wir schwiegen und trotzdem verständigten wir uns auf eine seltsame Art und Weise. Instinktiv wusste ich, was sie dachte und empfand, und ich glaubte, dass sie es auch tat. „Tim, du darfst nicht weggehen. Deutschland ist so weit und…“, flüsterte Kay. Ihre Tränen kitzelten auf meiner Brust. Momente rang auch ich um meine Beherrschung. Gemeinsame Fußballspiel Erinnerungen mitten in rauschten der Wüste an mir mit vorbei. dem Das

dreckigen

Wollknäuel. Karim und Benjim, die Steine nach den Aasgeiern warfen. Panflötengesang. Kay in ihrem kurzen afrikanischen Rock, wie sie versucht, Mathieu das Schreiben beizubringen. Der Tanz der Flammen. Ruckartig hob ich den Kopf. Die Nacht senkte sich wie ein großes schwarzes Tuch mit vielen Lichtern über die Welt.
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„Kay, ich…“ Kopfschüttelnd brach ich ab. Ich konnte es ihr nicht sagen. Hastig langte ich nach dem Brief, den ich nach dem Packen geschrieben hatte. „Du hast das nicht ernsthaft alles aufgeschrieben? Kannst du mir das denn nicht selbst sagen?“, erwiderte sie, bemüht einen lockeren Ton in ihre Stimme zu bekommen. Ich zwang mir ein Grinsen auf. „Mrs. Abbey hat doch immer gesagt, wir sollen üben.“ Auch Kay lachte. „Schon mal dumme Sprüche abgeschrieben?“, kicherte sie. „Nein, von wem auch?“ „Von dir natürlich, Löwchen.“ „Gibt‟s „Löwchen„?“ Das Mädchen runzelte ratlos die Stirn, als habe man ihm eine blöde Rechenaufgabe gestellt. „Weiß nicht. Du bist jedenfalls eines.“, meinte es

schließlich und zuckte mit den Schultern. „Und du bist ein Spatz.“ „Ein Spatz?“ „Ja. Du schnatterst immer wie ein Wasserfall.“ „Heißt das, dass ich dich nerve?“, entgegnete Kay und schnappte entsetzt nach Luft. Ihre Schauspielkünste waren einfach unglaublich. Sie musste nur mit den großen Augen zwinkern und ihren schottischen Charme spielen lassen. Dann schmolz jeder Junge und sogar jeder Erwachsene

augenblicklich dahin. „Nein, spürte überhaupt den nicht.“, lachte ich. im Sekunden Mund später spie

ich

ekligen

Sandgeschmack

und

entsetzt aus. „Das wirst du mir büßen, Spätzchen!“ Bevor ich mich jedoch hochstemmen konnte, wurde ich erneut zu Boden
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gedrückt. Kay saß auf meinem Rücken und rieb mein Gesicht in den Dreck. „Das will ich sehen, Löwchen. Winsle um Gnade!“ Sofern es meine Lage zuließ, streckte ich unbemerkt den linken Arm aus und riss im gleichen Augenblick mit aller Kraft meinen

Körper herum: „Niemals!“ Kay schrie entsetzt auf. Im Fall traf ihr Ellenbogen

versehentlich meine Nase. Augenblicklich taumelte auch ich, halb aufgesprungen, zurück und landete erschöpf neben ihr im Sand. Ein feiner Nebel aus Blut sprühte hervor. Den Kopf schief gelegt, rappelte sich das Mädchen auf, um meine Nase begutachten „Jetzt hast du auch ein Abschiedsgeschenk von mir.“,

murmelte es achselzuckend. Zwei Stunden später richtete sich Kay schließlich auf, weil sie Angst Der bekam, ihr Vater ihr könnte egal, wieder selbst einmal wenn es

ausrasten.

Hausarrest

war

Wochen gewesen wären. Mit solchen Werten konnten wir kaum etwas anfangen. Sie waren nicht wichtig. Zeit verstrich

jeden Augenblick und mit ihr veränderte sich die Welt. Vor tausend Jahren zum Beispiel gab es die Ritter, jetzt gibt es uns… und was danach? Außerirdische? Zudem waren ihre Eltern tagsüber ebenso selten zu Hause wie Papa, sodass Keenan zumeist die Verantwortung für uns trug, obwohl dies den alten Mann kaum scherte, da wir seiner Meinung nach alt genug wären, alleine zu entscheiden. „Kommst du nicht mit?“, fragte sie leise und reichte mir ihre Hand. Kopfschütteln.

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„Du kannst dich nicht ewig vor ihnen verstecken, Tim. Das weißt du. Irgendwann werden sie dich finden und…“ Sie

unterbrach sich und starrte in den sternenübersäten Himmel. Ich folgte ihrem Beispiel. Sie hatte Recht, indem was sie sagte. Alleine würde ich wahrscheinlich nicht einmal drei Tage hier draußen überleben. Und selbst wenn es mir gelänge, würden Keenan und die anderen versucht, Kay zu erpressen, bis sie ihnen erzählt, wo ich mich versteckte. Dies wäre schlimmer, als mich selber aufzugeben. Niemand sollte für mich leiden. „Aber was soll ich denn machen?“ Kay sah mich nicht ein einziges Mal mehr an. „Geh mit Mathieu. Hau ab. Verschwinde!“ In ihrer Stimme lag ein

harter Unterton, doch ihr Zittern verriet anders. Vorsichtig wollte ich den Arm um sie legen, aber sie stieß mich wortlos zurück. „Denk an dich, Tim. Denk daran, was für dich das Beste ist. Nicht für mich, Mathieu oder sonst irgendwen. Verdammt, verstehst du das denn überhaupt nicht?“ „Großes Spanien-Ehrenwort?“, fragte ich leise. Meine Nase tat immer noch weh, dort wo mich ihr Schlag getroffen hatte. Im Licht des vollkommenen Stück Käses am Himmel mochte ich aussehen wie ein Monster mit den dunklen Flecken auf Händen, Gesicht und T-Shirt. „Was?“ „Versprichst du mir, dass du mich nicht vergisst und immer mein allerbester Kumpel bleibst?“ Heimlich holte ich hinter meinem Rücken den Kuscheltierlöwen hervor. Es war eine

schwere Entscheidung, ihn einfach fort zu geben, aber ich wusste, Kay würde besser auf ihn aufpassen können als ich. Stumm redete ich auf ihn ein, wie so oft, wenn ich alleine
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daheim

im

Bett

gelegen

hatte

und

Papa

abends

zu

einem

„Meeting“ gefahren ist. Leo war dann meistens der Einzige, mit dem ich sprach. Jetzt schien er aufgeregt, jedenfalls bildete ich mir das ein. Keine Sorge! Kay ist eine ganze Liebe. Die hat viele Kuscheltiere, weißt du. Ein Schaf und zwei Diddel-Mäuse. Auch ein kleines Häschen. Du darfst denen aber nichts tun, hörst du? Erschrocken hielt ich inne. Wenn ich wieder da bin… Sekunden dachte ich darüber nach,

schüttelte ich dann hingegen den Kopf. Nein, nicht „wenn“ ich wieder komme. Ich komme wieder! So schnell werdet ihr mich nicht los! „Das weißt du doch.“, erwiderte das Mädchen mit einem fragenden Blick auf den Löwen. „Ich will, dass du es sagst, Kay. Ich möchte es von dir hören!“ Energisch riss ich an ihrem T-Shirt. Plötzlich war diese Angst da, alles zu verlieren, was mir noch wichtig war. Sie stürzte Opfer, sich und die herab, wie ein es immer Geier auf sein Ein

hilfloses

zerriss mich

innerlich. wieder

unkontrollierte

Panik,

heimsuchen

würde, kämpfte ich nicht gegen sie an. Mit schweißnassem Gesicht stierte mich das Mädchen an. Es war, als sähen wir uns das allererste Mal. Hektisch strich es sich eine Strähne aus seiner Stirn im Versuch, ruhig zu bleiben. Dabei lag in seinem Blick dieselbe Verzweiflung. „Ja.“, sagte meine Freundin schließlich in die Stille

hinein, „Großes-Spanien-Ehrenwort... Aber dann musst du mir auch etwas versprechen.“ Ich nickte und bemerkte im gleichen Augenblick, dass ich immer noch den warmen, weichen Stoff ihres Oberteils in der Hand hielt.
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Kay lächelte in die Schwärze der Nacht. ab.“

„Ich hau mit dir

„Nein.“, murmelte ich mehr zu mir selbst als zu ihr, „Für dich ist das Beste, wenn du uns nicht folgst. Dort draußen gibt es böse Menschen, die dir wehtun können.“ Erstaunt schloss ich den Mund. Das war nicht ich, der dies sagte, sondern Mathieu und Mathieu hatte recht. Für ein Mädchen war es zu gefährlich in der Wildnis. „Wie immer. Die großen, tollen Jungs. Ihr seid ja so stark und mutig! Wenn ihr abhaut, werde ich aller Welt erzählen, wie feige ihr seid.“, zischte Kay böse. Auch ich wurde allmählich wütend. „Das hat nichts mit feige zu tun! Sondern mit…“ „Womit? Sag‟s mir. Womit?“ „Ähm… Ich… Ich hab Angst, dass wir nie mehr zusammen

spielen können, wenn sie mich nach Deutschland in irgendein Heim stecken. Du hast noch Eltern. Schön, sie sind nicht immer die Besten, aber sie sind noch da. Für dich, Kay.“ Ein verlegendes Schweigen hatte eingesetzt, sodass ich

ihrem schwachen Herzschlag lauschen konnte. Mein Eigener, schnell und unregelmäßig, gesellte sich hinzu. „Ich hab auch Angst, Tim. Hast du schon mal „Angriff der Säbelzahntiger‟ oder „Tarzan‟ gesehen? Stell dir vor, dir passiert…“ Sie schluckte vernehmlich. Wir hatten eindeutig zu viele Filme gesehen, schätze ich. „So was gibt‟s nur im Märchen. Und wenn, werde ich der Erste sein, der sie alle besiegt.“, erwiderte ich, bemüht meine Stimme optimistisch klingen zu lassen. „Löwchen.“ „Was?“
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„Löwchen.

Hab

ich

dir

nicht

gesagt,

du

sollst

nicht

lügen.“, kicherte Kay. „Warum lachst du?“ „Die Vorstellung, wie du mit einer Liane in Lendenshorts über den Fluss schwingst, um mich vor den bösen Monstern zu retten… Zu komisch“ Ich grinste. „Traust du mir das etwa nicht zu, Jane?“, fragte ich mit dem letzten bisschen Ernst, der mir noch geblieben war. „Irgendwie nicht.“ Die Wut aufeinander wie sie war ebenso war. plötzlich Zu einem wieder lauten

verschwunden,

gekommen

Tiergebrüll angestiftet, klopfte ich mir mit beiden Fäusten auf die Brust und ahmte einen Gorilla nach, indem ich auf Händen hinter und mir Füßen her vorwärts kroch. die Kay hüpfte leichtfüßig die vor

und

spielte

hilflose

Jane,

Schreck beinahe ohnmächtig wurde. Plötzlich stieß sie einen Schrei aus, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Im Glauben, dieser gehöre zum Spiel, tapste ich in meinem Affengang über die rauen Steine zur Wiese, dem einzigen, grünen Feld in der Umgebung. Das hohe Gras, welches hier so dicht wuchs, dass man

augenblicklich an ein schwarzes Meer erinnert wurde, bewegte sich ließ leicht mich im aufkommenden Es war Wüstenwind… die falsche doch irgendetwas tot und

zögern.

Stille:

endgültig. Ich spürte diese Gefahr, bevor ich sie wirklich gesehen hatte. Sie war da. Irgendwo da draußen und wartete auf mich. Mein Instinkt verriet mir, zu verschwinden - und zwar schnell. Warum? Verwirrt blickte ich auf. Die im Mond matt glitzernde Wasserschlange.
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Äste

der

Bäume,

die

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schlafend

in

der

warmen,

trockenen

Nachtluft

schwankten.

Darüber der mitternachtsblaue Himmel, an dem eine Fledermaus auf der Suche nach etwas Essbarem davonjagte. Dabei war ihr hoher Ruf kaum vernehmbar und… Hatte sich dort drüber nicht etwas bewegt? Bedrohlich und wachsam. Verzweifelt kauerte ich mich tiefer ins Gras und fingerte im selben Augenblick nach einer Waffe. Mein Herz schlug bis zum Hals, doch es gelang mir, meine aufkommende Panik und das Verlangen,

einfach durch die Wüste davonzurennen, zu unterdrücken. Wenn jemand mich anzugreifen versuchte, wäre ich dem in der

freien Wildnis hilflos ausgeliefert. So jedenfalls hätten Helden, wie James Bond oder Tarzan, reagiert. Im Schatten der Bäume oder der Türen drängten sie sich langsam an ihren Feinden vorbei, ohne von den Bösen bemerkt zu werden. Kays hoher Schrei klang in meinen Ohren nach und

verstummte schließlich. Ich wartete auf einen weiteren, doch es folgte keiner mehr. „Kay? Das ist nicht lustig! Komm, wir gehen heim.“ Gegen meinen Instinkt sprang ich aus dem

sicheren Versteck und wollte zurück zu der Stelle laufen, an der wir vor Minuten noch gestanden hatten. Doch erneut

zögerte ich für den Bruchteil einer Sekunde - und genau dies rettete mir vermutlich das Leben. Ein hundeähnliches Wesen erschien in meinem Blickfeld. Die kurzen Pfoten trugen den dunklen, schlanken Tierkörper elegant über das Feld. Im

einfallenden

Mondlicht

wurden

seine

spitzen

Zähne

reflektiert, die wie Messer aus dem offenen Maul ragten. Schon jetzt konnte ich spüren wie diese in meine Haut

schnitten. Mein Gott, SO war das mit dem „in die Höhle schicken“ nicht gemeint… Okay, schon aber… nicht wirklich so. Ich schüttelte den Kopf. Was für ein Weichei du doch
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bist,

Tim,

wenn

du

ständig den Mann

anfängst, es und

zu

jammern nicht deiner

und

zu

irgendjemandem gibt. Sei

sprichst, ein

vielleicht steh‟ zu

einmal nicht

endlich

vorhandenen, großen Klappe! Vor Kay behauptest du, du wirst der Erste sein, der sie alle besiegt. Jetzt hast du die Chance, dies zu beweisen… Entsetzt realisierte ich das

Verschwinden des Tieres. Dort, wo es eben noch schnüffelte, waren nur noch Fußspuren, die… die genau auf mich zuliefen! Im selben Augenblick bemerkte ich etwas Warmes, welches über meinen Hals rann, und auch ohne nachzusehen, wusste ich, dass es Blut war. Dunkelrotes Blut. Die Krallen der Bestie hatten mich gestreift. Hektisch wandte ich mich im Kreis, eine Hand auf die Wunde drückend, um einem neuen Angriff auszuweichen, doch in der Dunkelheit konnte ich kaum sehen. Erneut zuckte eine Schmerzwelle durch meinen Körper.

Geistesgegenwärtig riss ich das rechte Bein hoch und gab dem Hund einen Tritt. Erst jetzt konnte ich ausmachen, dass es sich um eine Hyäne handelte. Eine Hyäne, die normalerweise nur in Rudeln jagte! „Kay…? Kay!“, brüllte ich panisch, als mir bewusst

wurde, in welcher Gefahr wir uns befanden. Ein Schatten im Blickwinkel. Blitzartiges warf ich mich zur Seite, sodass das Tier Zentimeter über meinem Kopf hinwegfegte: Ein

Angriff, der mir vermutlich den Gar ausgemacht hätte. Ohne nachzudenken, kam ich auf die Beine und rannte zurück. Über die Schulter erkannte ich zwei mir Hyänen, die wie Ein wild kurzes

gewordene

Kampfhunde

hinter

herpirschten.

Knurren war zu hören, dann tauchte eine vor mir auf, schnitt mit den Krallen durch das hohe Gras und raste mit weit aufgerissenem Maul auf mich zu. Wieder warf ich mich in
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letzter Sekunde zur Seite, krachte auf den sandigen Boden, renkte mir dabei beinahe die Schulter aus. Speichel triefte auf mein Gesicht. Ich musste irgendwo in Deckung gehen und dies bevor mich die Messer aufgespießten. Kurz blieben meine Gedanken an Kay hängen. Hat man sie erwischt oder konnte

sie sich selbst befreien und war heim gerannt? Ich hoffte, dem wäre so, denn hinter mir tauchten die Tiere erneut auf. Dabei mochten sie näher sein, als mir lieb warm und

verfolgten mich dieses Mal gemeinsam. Verzweifelt rannte ich durch das Gras, dessen scharfe Halme meine Unterschenkel zerschnitten. „Kay!“ Ein kaum vernehmbares Stöhnen neben mir genügt, um meinen Überlebenswillen anzukurbeln. Ihr blöden Köter! So schnell kriegt ihr mich nicht! Vorsichtig, immer ein Bein nach dem anderen setzend, machte ich zwei Schritte rückwärts - und spürte etwas Hartes im Rücken. Endstation… Meine freie, linke Hand ertastete Rinde. Ein Baum! Kurz irrte mein Blick über das Schattenreich, aber es gab keine Möglichkeit, mich selbst und Kay vor den blutrünstigen

Tieren zu verstecken, die jeden Augenblick durch das zackige Gras brechen konnten, welches mich wie eine Mauer

umzingelte. Es gab nur diesen Baum, einsam und traurig in der dunklen Landschaft. Der Ruhe zur Folge mochten die

Hyänen noch etwa hundert Meter entfernt sein, vielleicht auch näher. Auf jeden Fall blieb mir ein wenig Zeit, die ich nicht vergeuden durfte. Aber was sollte ich tun? In meinen Gedanken tauchten mehrere Filme auf und glitten

durcheinander. Tarzan. Die „Star Wars„-Trilogie. Sing mir das Lied vom Tod. Der, der mit dem Wolf tanzt. Vielleicht hatten all die Albträume nach diesen Filmen doch etwas Gutes an sich, denn mir kam eine absolut absurde Idee. Hastig
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prüfte ich die Verletzungen an Hals und Knie, bevor ich auf den Baumstamm zustürzte. Die Rinde war morsch, von Bakterien zerfressen, aber sie würde meinem Gewicht standhalten müssen - anderenfalls wäre meinem Plan schnell ein Ende gesetzt. Mit einer Hand den nächsten Ast umklammernd, zog ich mich langsam hoch. Freilich hätte ich schnell klettern müssen. Jedoch, auf die Gefahr hin, zu fallen, hielt ich des Öfteren inne, um die Balance wieder finden, wobei ich den Impuls unterdrückte, nach unten zu sehen. In zwei Meter Höhe zu baumeln, erforderte all meine Aufmerksamkeit. Tim River, du hast wieder einmal eine rekordverdächtige Punktzahl in den Aufgaben erreicht, wie bring ich mich am besten im möglichst kurzer Zeit selber um. Unter mir im Gras raschelte es.

Sekundenspäter tauchten mehrerer Schatten auf. Jetzt waren die Biester also schon zu fünft! Wird heute noch ein

wahrlich tolles Kaffeekränzchen! Ich lachte. Je auswegloser die Situation, desto bescheuerter wurde meine Witze.

Wenigstens hielten mich meine Gedanken davon ab, zu schreien oder mich zu übergeben. Dennoch schlug das Herz hart gegen meine Rippen, sodass ich das Gefühl hatte, mein Brustkorb könne jeden Augenblick zerreißen. Knurrend sprangen die

Tiere an der Rinde hoch, rutschten jedoch immer wieder ab. Für den Augenblick war ich in Sicherheit, bis Kay in meinen Erinnerungen auftauchte. Kay, die möglicherweise verletzt dort unten in der Gruft lag und von den Hyänen zerfleischt werden würde, wenn diese sie fänden. Widerstrebend musste ich zugeben, dass ich nicht die ganze Nacht hier oben in der Baumkrone hocken durfte und warten auf die ersten

Sonnenstrahlen konnte, mit denen die Dorfbewohner zur Arbeit kämen. Denk nach, zwang ich mich, denk nach. Mit all dem
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zusammengefassten

Mut,

erhob

ich

mich

und

balancierte die ins

freihändig über den dicken Ast, als eines der Tiere Krallen in die Rinde schlug. Plötzlich geriet ich

Straucheln, fiel. Hilfe suchend streckte ich die Hände aus. Leere, nichts als Leere. Verzweifelt versuchte ich, Halt zu finden. Ohne Erfolg. Rasend stürzte ich in die schwarze Tiefe hinab. Blätter strichen hart über meine Wangen. Die einzelnen Halme des Meeres waren unheimlich nahe und mit ihnen die scharfen Messer. Der harte, plötzliche Aufprall trieb mir alle Rippen Luft aus der zu Lunge, haben. sodass Ich ich glaubte, Wo

sämtliche

gebrochen

blinzelte.

blieben die Zähne, die mich wie ein Gummibärchen zerfetzten? Erst jetzt fiel mir auf, dass ich über dem Boden hing. Ein Ast hatte meinen Sturz abgefedert, falls man das so nennen konnte, sodass ich zu meiner Überraschung nicht tief

gefallen war. Etwa einen Meter unter mir schnappten die Hunde immer noch nach meinem baumelnden Bein, als sei dieses ein Stück Wurst. Dennoch hatte ich wie immer unverschämt viel Glück gehabt. Mit böser Grimasse brach ich einen Zweig über meinem Kopf und ließ ihn auf die Tiere herunterfallen. Erschrocken von dem ungeahnten und Angriff knurrten streunten sich sie für an. Sekunden Innerlich

auseinander

gegenseitig

musste ich lachen. 1:1, Gleichstand. Was sagt ihr nun, ihr dummen Kläffer? Abermals langte ich mit nach hinten

gestreckter Hand nach einem Ast, zielte. Und dann erblickte ich sie. In mitten des schwarzen Meeres. Kay. Ihr hübsches, kantiges Gesicht war unmenschlich verzerrt und von einem Schatten umhüllt. An ihrem Kopf klaffte eine offene Wunde, doch wie durch ein Wunder hatten
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die

Hyänen

von

ihr

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abgelassen. schweben

Selbst

wenn schien

sie

in

ganz für

anderen den

Dimensionen in

mochte,

sie

Augenblick

Sicherheit. Mein Blick wanderte zurück zu dem Ast in der zitternden Hand, dann wieder zu Kay. Ich hatte nur eine einzige Möglichkeit. Eine Einzige. Der Zweig schnitt hörbar durch die Luft. Fand sein ich eine Ziel. hatte der Jaulend keines weitest jagte der das Tiere

Raubtierrudel getroffen,

davon.

Doch

sondern

bewusst

entfernten

Stellen vom Baum weg angepeilt. Zufrieden lächelte ich vor mich hin, während ich mich langsam zu Boden gleiten ließ. Ein wenig Zeit war gewonnen. Genügend, um Kay Huckepack zu

nehmen und schleunigst zu verschwinden. Jedenfalls hoffte ich das. Mit angewinkelten Beinen sprang ich von dem letzten Ast, wobei ich sicherheitshalber geduckt in Deckung ging. Schließlich hatte ich keine Ahnung, wie schnell die Viecher bemerkten, dass sie einem weniger köstlichen Ast nachgerannt waren. Im Schatten des Baumes schlich ich, bemüht nicht zu hektisch zu werden, zu Kay und zerrte ihren dünnen Körper

hoch. Meine Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt, sodass ich zumindest ausmachen konnte, in welche Richtung ich zum Achthundert-Meter-Sprint ansetzen musste. Ein Glück, das mein Vater mich in Deutschland zum

Leichtathletiktraining genötigt hatte. Tief ein - und ausatmend, um den Sauerstoffgehalt im Blut zu erhöhen, lugte ich ein letztes mir Mal aus dem Versteck schon

hervor.

Hoffentlich

lauerten

die

Hyänen

nicht

hinter der nächsten Ecke auf. Ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, rannte ich um mein Leben. Betend, dass ich die Entfernung richtig eingeschätzt hatte.

Andernfalls wäre es ein sehr kurzes Wettrennen, doch ein
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Zurück gäbe es nun nicht mehr. Jämmerlich würden wir in den schleimigen, auftauchen, Todesmesser. dieser Welt dunklen zerrissen Ich Abgründen von der ertrinken und nie wieder der von

unbarmherzigen schöneren wollte

Kraft Abgang ich

konnte

mir

einen

verstellen. für einen hätte

Außerdem

keinen in der Mit

Freifahrtschein Höhle. So

unvergesslichen Kay nicht

Besuch

etwas

verdient.

zusammengebissenen Zähnen verfluchte ich den Tag, an dem sich Gott in mein Leben eingemischt hatte. Aber vielleicht konnte ich unser Pech, noch zu Besserem wenden. Schließlich mussten wir es ebenso schaffen wie die Kinohelfen in ihren Abenteuern. Atmen, laufen, atmen. Mein Puls stieg, die linke Seite begann bereits zu stechen. Auch das ungewohnte Gewicht auf dem Rücken machte mir mehr zu schaffen, als ich erwartet hatte. Dennoch verlangsamte ich die Geschwindigkeit nicht. Atmen, atmen. Die Halme schnitten brutal in die

ungeschützten Unterschenkel, doch ich wagte nicht, einen Weg aus dem Feld anzuschlagen. Sich zu verirren, würde alles nur noch schlimmer machen. Wie lange mochte es noch dauern, bis die Tiere bemerkten, dass ihre Lieblingsspeise verschwunden war? Ich spürte, dass mir nur noch Sekunden blieben. Hinter mir war bereits das Fletschen der Zähne vernehmbar. Hektisch sprang ich über eine Grube, stolperte - und vertrat mir leicht das Knie. Atmen, atmen, laufen, laufen. Du schaffst es… Ich schaffe es… Nein. Meine Kraft reichte gerade noch aus für paar Meter. Ein Schrei explodierte in meinem Kopf. Gib auf… Gib auf! Da erhellte Licht plötzlich in naher ein Licht die Dunkelheit. eines. Ein Mein

kleines,

Ferne.

Und

noch

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ausgetrockneter Mund öffnete sich und sog gierig die kühle Nachtluft ein. „Siehst du das Dorf dahinten? Wir haben es geschaffen, Kay.“, murmelte ich leise, obwohl ich wusste, dass sie mich nicht hören konnte. Mit letzter Kraft jagte ich aus dem Feld heraus auf die Lichter zu. Doch noch hatten wenn wir ich nicht dies

gewonnen.

Ich

hätte

mich

selbst

belogen,

glaubte. Ein Schatten schnappte nach meinem verletzten Bein. Sekundenspäter rissen die Zähne eines Weiteren ein kleines Stück Fleisch heraus, über welches die Tiere gierig

herfielen. Mit Tränen in den Augen vor Schmerz schrie ich auf. Blut strömte aus der offenen Wunde, vermischte sich

mit Dreck. Über die Schulter erkannte ich, wie das Rudel erneut die Verfolgung aufnahm. Verzweifelt trat ich nach hinter aus - und fiel kurz vor dem Ziel zu Boden. Es war aus. Ich hatte verloren. Alle anderen Läufer überholten mich und jubelten vor Freude. Doch seltsamerweise ließen sich die Hyänen beim Zerlegen ihre köstliche Beute Zeit. Wie ich wohl schmecken mochte? Hoffentlich nicht allzu gut. Immer enger umkreisten uns die Tiere. Speichel tropfte auf mein T-Shirt. Eine der Bestie drückte ihre Nase gegen die mein. Hektisch schlug ich mit geballter Faust zu, sodass das Tier jaulend zurückwich. So leicht kriegt ihr mich nun auch wieder nicht! Bis zum Ende würde ich mich mit Händen und Füßen dagegen wehren. Mein Blick schweifte von einer Hyäne zur nächsten. Seltsam, dass sie nicht angriffen. Ihre Augen waren nur auf meine Freundin gerichtet. Erst jetzt wurde mir drohend

bewusst, dass die Bestien es nicht auf mich, sondern viel mehr auf Kay abgesehen hatte, die regungslos neben mir im Sand liegen geblieben war.
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Hyänen

ernährten

sich

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hauptsächlich von Aas, nur selten jagten sie Lebendes, was bedeutete, dass sie Kay für ein totes Tier halten musste. Der Rudelführer pirschte sich heran und öffnete geradezu genüsslich sein Maul, um den ersten Bissen zu kosten. Die anderen Tiere warteten geduldig, mich durch ihre gelben

Augen beobachtend. Die Angst hatte meinen Körper erstarren lassen. Mein Glück hatte mich verlassen. Das Führertier

stürzte sich mit einem Knurren aus tiefster Kehle auf Kay. Seine Augen waren weit aufgerissen, die Pupillen vollständig verschwunden. Es knallte zweimal, hart und trocken in der Dunkelheit. Aber merkwürdigerweise spürte ich keinen Schmerz. Eigentlich hätte Blut aus der tiefen Bisswunde am Rücken hervor

schießen müssen. Dafür schwankte die Hyäne plötzlich und fiel mit ihrem Körper auf meine Beine. In ihrer Brust waren zwei Einschüsse. Die übrigen Tiere jagten erschrocken in die Wüste davon. Schritte erklangen in der Ferne. Ein einziger Mann,

Keenan, näherte sich betroffen. In seiner Hand hielt er immer noch die Pistole, mit der er ein Leben ausgelöscht und eines gerettet hatte. Ohne ein Wort zu verlieren, tippte er mit der Schuhspitze vorsichtig den Kadaver an, beugte sich dann hinunter und untersuchte ihn kurz. Schließlich nickte er zufrieden und schob die Waffe in seine Hosentasche.

Zitternd erhob ich mich und machte einen Schritt auf ihn zu. Es war als bemerkte der alte Mann erst jetzt, dass noch jemand da waren. „Keenan…“ Der Genannte nickte ruhig, erwiderte jedoch nichts. Sein Blick fiel auf die Kay, die schlafend im Gras lag. Seufzend
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hob er sie an den Schultern hoch und trug sie Richtung Dorf davon. „Warum? Warum hast du das getan?“ Ich war bemüht, mit ihm Schritt zu halten. Abrupt blieb Keenan stehen, um mich einen Augenblick lang anzustarren. „Du warst wirklich tapfer, Tim, aber…“ „Aber?“ Der alte Mann zuckte mit den Schultern. „Dumm. Warum

verdammt noch mal seid ihr abgehauen? Ich halte dich für klug genug, zu wissen, wie gefährlich es dort draußen ist.“ „Ja… Was wird jetzt aus mir?“, fragte ich und senkte den Kopf. Keenan musterte mich von oben bis unten, als wolle er abschätzen, wie viel ich wert war. „Erst einmal werden wir dich verarzten.“ Ich blieb wie angewurzelt stehen und warf einen flüchtigen Blick zurück zu dem toten Tier, welches von dem Mond in ein weißliches Licht getaucht wurde. Eigentlich hätte ich jetzt doch liegen müssen. Kurz schloss ich die Augen, dann wandte ich mich abrupt ab und folgte humpelnd dem alten Mann. „Los, Tim, mach die Augen auf.“ Die Stimme klang ungeduldig und weit entfernt. Ich

stöhnte. Mein ganzer Körper schien wie betäubt. Durch den weißen Schleier, der meine Sicht vernebelte, erkannte ich Kays Vater, Doktor Nicolai Brown. Kurz nickte er mir zu, dann wandte er sich an eine weitere, ein wenig gekrümmt dastehende Gestalt. „Die Tablette, die ich ihm gegeben habe, verliert langsam ihre Wirkung. In gut einer Stunde wird die Betäubung kaum noch zu spüren sein.“
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„Okay . Ich werde mich solange um ihn kümmern. Wie geht es deiner Tochter?“ Ich blinzelte in die nackte Glühbirne über mir. Allmählich konnte ich wieder klarere Umrisse erkennen, was bedeutete, dass meine Wahrnehmung schärfer wurde. Gerüche von süßlichem Desinfektionsmittel und Schweiß hüllten mich ein. Langsam drehte ich den Kopf zur Seite und ließ meinen Blick benommen durch weißen das Zimmer am schweifen. Fenster und Kays Vater stand in seinem den

Mantel

betrachtete

schweigsam

dunklen Nachthimmel. In seiner Hand hielt er eine polierte, kleine Tasse, aus der er sich dann und wann einen Schluck Tee gönnte. Seine Muskeln spannten sich merklich an. Genauso wie bei Papa, kurz bevor er mich schlug. Keenan hingegen hockte auf einem der Stühle am Tisch und faltete ruhig die Hände auf der gestrickten Decke. Die Eichenholzuhr über dem dunklen Regal, in dem sich Bücher, jeglicher Art und Größe, stapelten, schlug neun Mal. Durch die offene Zimmertüre

konnte ich den abgemagerten Körper eines Mädchens ausmachen, der sich langsam unter einer Decke hob. Mit Ausnahme des weißen Verbandes um seinen Kopf schien es unverletzt. „Besser.“, erwiderte Nicolai Brown knapp und fuchtelte

wild mit den Armen in der Luft. „Der Junge hat behauptet, Hyänen hätten sie angegriffen. Das ist doch absoluter

Schwachsinn. Wenn man schon lügt, sollte man es wenigstens klug tun. Jedes Kind weiß, Hyänen gehören zur Gruppe der Aasfressern.“ Mein Blick wanderte zu dem Ältesten, der um seine

Beherrschung ringen musste. Nur selten hatte ich ihn so aufgebracht und wütend gesehen.

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„Ihr Europäer glaubt doch auch alles, was im Internet zu finden ist. Hier zu Land greifen die Tiere an, wenn sie hungrig sind.“ Vom Fenster abgewandt pilgerte er wie ein Tiger durch den Raum. „Du solltest auf die beiden aufpassen! Es war deine Aufgabe, hervor. „So, meine Aufgabe? Die Kinder sind alt genug, um auf sich selbst Acht zu geben. Ich bin doch kein Kindermädchen! Schau dir Tim an. Er hat sich alleine verteidigen können.“ „Der Junge ist ein schlechter Umgang für meine Tochter. Hätte er sie nicht dazu angestiftet, wäre es erst gar nicht zu diesem… diesem Unfall gekommen.“, herrschte der Arzt den aufgesprungen Keenan an. Ich schüttelte den Kopf. Das Papiertaschentuch in meiner Nase blähte sich merklich auf. Warum konnte Erwachsene nicht zugeben, dass sie einen Fehler gemacht hatten? Außerdem, was hatte dies mit ihnen zu tun? Wir sind es, die die Folgen des Angriffs ausbaden mussten, nicht sie. Ein Stöhnen aus dem Nebenzimmer war vernehmbar. Kay rieb sich den scherzenden Kopf. Für den Bruchteil einer Sekunden trafen sich unsere Blicke. Sie zwang sich ein Lächeln auf und erhob sich zögerlich aus ihrem Bett, meinen dich um sie zu kümmern.“, brachte er knurrend

Kuscheltierlöwen im Arm haltend. Als sie nun das Zimmer betrat, verfolg die Wut ihres Vaters für einen kurzen

Augenblick. „Schatz, geht es dir besser?“, erkundigte er sich mit einem besorgten Unterton in der Stimme. Ganz in die Rolle des fürsorglichen Papas verfallen, wollte er sie auf den Arm nehmen, doch Kay wehrte ab. Sie sah nicht einmal auf.
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„Nein, Dad.“, entgegnete sie abweisend, „Du bist das absolut widerlichste, das ich kenne, wenn du immer anderen die

Schuld daran gibst, dass du scheiterst. Vor ein paar Wochen hast du mal gesagt, Tims Vater wäre ein Irrer, weil er seinen Sohn schlägt. Dabei bist du auch nicht besser. Ich war einmal stolz auf Mum und dich, weil ihr anderen Menschen helft, nach vorne zu sehen. Menschen, die nichts mehr im Leben haben. Immer habe ich so werden wollen wie ihr. Aber jetzt bist du der größte Idiot: Du schickst Tim weg.“ Kay hatte sich in ihre Wut hineingesteigert. Jetzt sank sie neben mich in den weichen Stoff des Sofas und

verschränkte die Arme wie ein trotziges, kleines Kind vor der Brust. Ich lächelte. Im Geheimen bewunderte ich sie für ihr Erwachsen sein. Fassungslos starrte Nicolai Brown seine Tochter an. Ich spürte, dass es sich nur noch um Sekunden handeln konnte, bis dieser Mann die Beherrschung verlor. Mein

Beschützerinstinkt veranlasste mich dazu, mich verteidigend vor Kay zu stellen. Doch augenblicklich erfasste mich ein plötzlicher Schwindel. Benommen taste ich, wild mit den

Armen ruderten, nach Halt. Keenan, der sofort herbeigestürzt war, packte mich, kurz bevor ich auf dem Boden aufschlug. „Soll eine Verschwörung werden, wie?“, knurrte Herr Brown böse und biss hörbar die Zähne zusammen. „Sind wohl in

diesem Dorf nicht mehr erwünscht. Wie du willst, Keenan, wir werden verschwinden. Noch heute, für immer! Glaub ja nicht, dass du jemals eine Postkarte von der Familie Brown

erhältst! Nicht einmal, wenn du längst im Grab liegst!“ Mit einer solchen Brutalität, dass diese beinahe vor

Schreck gestürzt wäre, führte der Mann seine Tochter aus dem
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Haus. Kay trat verzweifelt um sich und schrie, aber der eiserne Griff ihres Vaters löste sich nicht. „Lass mich los!“, brüllte sie, bevor sich die in einen Handschuh

gehüllte Hand über ihre leicht geöffneten Lippen legte. Mit letzter Kraft biss sie in die Hand und lief über das Meer, welches uns trennte. „Tim…“, murmelte sie mit heiserer Stimme und drückte mich fest an sich. Ihre Atmung ging schneller. Tränen

verschleierten ihren Blick. „Du bist der beste Bruder, den man sich wünschen kann. Großes-Spanien-Ehrenwort. Ich…“

Energisch wurde sie zurückgerissen. Mein Blick wanderte zu Keenan, der teilnahmslos das Spiel beobachtete. „Tu doch etwas!“, schrie ich im verzweifelten Versuch, Kays Hand festzuhalten. Dabei trafen sich unsere Blicke. Für Sekunden schien die Zeit still zu stehen. Nichts jedoch ist ewig. Denn unsere Verbindung brach ab, als Brown seine

Tochter aus dem Haus, Richtung Auto zerrte. Türenknallen, Motorheulen. Das Letzte, was ich von meiner besten Freundin sah, war das vom Wind erfasste, afrikanische Kleid, welches sich um ihren zarten, dünnen Körper schmiegte.

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2. Kapitel
Das leuchtende Stück Käse am Himmel starrte unentwegt auf mich herab, geradezu als wollte es jeden meiner Schritte beobachten. Vielleicht hockte dort oben tatsächlich der

kleine Mann im Mond. Früher als kleines Kind hatte Mama mir oft vor dem Schlafengehen sein Lied vorgesungen. Sie war hübsch, meine Mama, beinahe wie Schneewittchen oder

Dornröschen. Auf jeden Fall so schön wie ein Prinzessin, nur mit einer dreckigen Schürze anstatt einem Kleid. Papa musste glücklich sein, eine solche Frau gefunden zu haben. Einen Schatz, so hatten sie sich oft begrüßt. Als ich nun hier saß, alleine im kalten Wüstensand, versteckt im Schatten des Hauses und in den Sternen übersäten Himmel starrte, wurde mir klar, dass Auch ich ich in lief gewisser davon, Hinsicht weil ich meinem meinen Vater Schatz

ähnelte.

verloren hatte. Ich rannte fort, versuchte loszulassen, doch das, was ich suchte, war die ganze Zeit über an meiner Seite gewesen. „Hey, Heulsuse! Schade, hast ja doch nicht verschlafen. Ich wäre zu gerne einen Kopf größer gewesen als du.“ Mathieu verzerrte das Gesicht zu einer Grimasse. Langsam erhob ich mich, klopfte den Sand von der fransige Jeans. „Wo sind deine Sachen?“ „Was hast du erwartet?“ „Dass… Du hast doch gesagt…“ „Ja? Was soll ich deiner Meinung nach mitnehmen? Das

selbst geschnitzte Holzauto oder die Figuren?“ „Und mit dem Geld? Ich habe meinen Vater bestohlen!“, schrie ich erbost.
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Plötzlich wurde eine Tür aufgeschlagen. Hastig legte sich eine Hand über meine leicht geöffneten Lippen. „Psst, willst du das ganze Dorf wecken?“, zischte Mathieu, ganz wider seine Art nervös zu werden, wobei er mir signalisierte, ihm zu folgen. Den Rucksack über die Schulter geworfen, krochen wir nebeneinander durch den Sand. Immer darauf bedacht,

möglichst am Boden zu bleiben. Bereits nach Minuten brannten meine Augen, mein Mund war ebenso ausgetrocknet wie die Wüste, doch ich wagte nicht zu husten, weil ich befürchtete, allein mein Atem könnte Keenan auf uns aufmerksam machen. In gewisser Hinsicht fühlte ich mich wie ein Gefangener, der aus dem Gefängnis ausbrach. Vorsichtig warf ich einen Blick über die Schulter zurück und stellte erleichtert fest, dass die Lichter auf die Größe eines Sterns am Himmel geschrumpft waren. Auf Widerstehen, Keenan, Karim, Benjim, Leo Löwe und ihr alle! Plötzlich drehte sich Mathieu auf den Rücken, zuckte die Achseln. „Okay, ich gebe zu, ich habe gelogen.“, pflichtete er mir bei, „Aber ich konnte doch nicht das Wenige nehmen, wofür mein Onkel wochenlang in der Hitze geschuftet hatte. Meine Familie wäre meinetwegen verhungert. Sorry, Timothy.“ Ich nickte. „Schon okay. Und was willst du jetzt machen?“ „Ich hab von der Münze eine Landkarte gekauft.“ „Und kannst du eine Karte lesen?“ Er runzelte nachdenklich die Stirn. „Nope, eigentlich

nicht. Du etwa?“ „Ich weiß, wo Norden ist und ich weiß, wo Süden ist. Da gibt es einen Spruch. Nie ohne Seife waschen.“ Auf gut Glück deutete ich in den Sternenhimmel „Norden, Osten…“ Hielt den mit Speichel angefeuchtet Finger in die Luft, ebenso wie
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Papa es mir einst beigebracht hat, als wir gemeinsam in den Berg wandern waren. „…Süden, Westen. Die Flagge hat eben nach Süden geweht, also müssten wir nach unten, schätze ich.“ „Besserwisser. Dann brauchst mich wohl nicht mehr.“ „War doch nicht böse gemeint.“, erwiderte ich schnell, um einem Streit aus dem Weg zu geben. „Und du glaubst, du findest den Weg in die große Stadt?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich kann‟s versuchen.“ „Okay, ich zähl auf dich.“ Mit einem verlegenen Blick auf meinen Rucksack, fügte er hinzu: „Aber erst einmal müssen wir einen Versteck für die Sachen finden. Ich bin müde.“ Ich schlief Vor kaum in lag dieser es an ersten der Nacht unter freiem zu

Himmel.

allem

Angst,

angegriffen

werden. „Hier streunen viele Tiere und böse Menschen herum. Am besten hält mit einer seinem von uns beiden Wache, ja?“, hatte Akzent

Mathieu

manchmal

unverständlichen

genuschelt und den Kopf ein Stück aus dem Sand gehoben. Den Schlafsack, mit dem wir uns zudeckten, schlang er eng um seinen Körper. Ein letztes Gähnen, dann schlossen sich seine Augen. Von diesem Moment an hatte ich mich von links nach rechts, von rechts nach links gerollt, auf den Bauch, auf die Seite, auf den Rücken, doch schlafen konnte ich nicht. So bestand das größte Abenteuer darin, mir nicht vor Angst in die Hose zu machen. Ich zählte die Sterne am Himmel, malte mir irre Gestalten aus, die ich mit den Fingern in der Luft zu zeichnen versuchte, während ich unentwegt dem leisen Kreischen der Aasgeier lauschte. Bis zum Morgengrauen. Der beißende Geruch von Rauch stieg mir in die Nase.

Erschrocken fuhr ich aus dem Sand hoch. Mathieu hockte neben
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einem kleinen Feuer aus wenigen Stöcken und Blättern. Locker drehte er eine an einem Ast aufgespießte Wüstenmaus über dem Feuer. Augenblicklich kitzelte der Brechreiz in meinem Hals. Blut spiegelte sich in der aufgehenden Sonne. „Ich weiß, eigentlich sollte man keine Tiere töten… aber ich hatte Hunger. Und auf Grünzeug mag ich nicht sonderlich.“, brüllte Mathieu von der Feuerstelle herüber. Ich lächelte verlegen. Es würde seine Zeit dauern, bis wir uns verstanden, doch der erste Schritt war gemacht. Energisch schüttelte ich den Kopf. Wenig später war mein Gesicht von einer Sandwolke umhüllt. Ich hustete. Die groben Körner kratzten in meinem ausgetrocknet Hals, der nach

Wasser schrie. „Sollen heiser. Mathieu wandte sich ab. Ohne mich anzusehen, erwiderter er: „Typisch Ausländer!“ Kopfschütteln. „Können kein wir schwimmen gehen?“, fragte ich ein wenig

bisschen Dreck vertragen!“ Zwischen seinen Zähnen hing noch ein Fleischstück, welches er nun gierig mit der Zunge in seinen Rachen zog. „Typisch Einheimische! Sehen aus wie der letzte Dreck!“ Es war wirklich nicht böse gemeint, doch ich wunderte mich über die heftige Wirkung auf meinen Freund. Drohend, das Gesicht vor Wut unmenschlich verzerrt, setzte er einen Fuß vor den anderen, bis seine Nase meine beinahe berührte. Wie in einer Manege, umjubelt von tausenden von Menschen aus Sand und Staub, umringten wir uns, starrten einander in die Augen, weit vor Zorn aufgerissene Augen. Plötzlich, die Hand zur Faust geballt, schlug Mathieu zu. Blut sprühte aus meiner bereits
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verletzten

Nase

hervor.

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Reflexartig riss ich das linke Knie hoch, im selben Moment bemerkend, wie ich das Gleichgewicht verlor. Mein Sturz

wurde von dem weichen Sand ein wenig abgefedert, dennoch spürte ich den stechenden Schmerz in der Schulter. Mathieu, den ich im Fall in den Magen getroffen hatte, lachte

belustigt: „Na, schmeckt der Sand?“ Er bückte sich und ließ die Körner über am meinen Boden. Kopf rieseln. Wehrlos konnte lag ich

hingestreckt

Zurückschlagen

ich

nicht.

Einmal hatte ich es gegen Benjim versucht, als wir eines unserer Indianer-Cowboy-Spiele gespielt hatten und war

dabei kläglich gescheitert. Nein, es musste einen anderen Weg geben, meinem Freund zu zeigen, dass ich kein Feigling war. Immerhin besaß ich einen Vorteil: In jedem unserer Kämpfe habe ich ihn besäßen: Ich konnte mir schnell viele Dinge merken. Mathieu mochte der Bessere von uns beiden sein, doch seine Angriffe kamen in jedem Kampf ähnlich. Rechte Hand, präzise auf das Gesicht gerichtet, langsame, meist wenige Bewegungen. Kurzum ich war in der Lage, ihn einzuschätzen. skeptisch innerhalb Auch meine als die ein Mama und Papa waren zunächst ich hätte für

gewesen, von

Lehrerin

erklärte,

Minuten

Arbeitsblatt

bearbeitet,

welches die meisten Kinder eine Stunde brauchten. Ab dem Tag kam es häufiger vor, dass auch Papa sich neben mich ans Bett setzte und wir über richtige Männerdinge redeten. Mama

lehnte die ganze Zeit über lächelnd gegen den Türrahmen. Irgendwann nahm sie dann neben meinen Vater auf der

Bettkante Platz und las uns eine Gutenachtgeschichte vor. Später, als Papa so viele Taschentücher verbrauchte, habe ich ihm diese Geschichten erzählt, von tollkühnen Rittern, die ihre wunderschönen Prinzessinnen aus den von Drachen
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bewachten

Türmen

befreiten,

oder

von

fleißigen

Heinzelmännchen. Dennoch wusste ich nicht wie. Ich wusste nicht, wie ich dies machte, aber wusste, dass ich es konnte, wenn ich

wollte: Das Einschätzen und richtige Reagieren. Niesend senkte ich den Kopf, als wolle ich aufgeben. Meine Augen huschten wachsam über Mathieus gebräunte Beine nach oben. „Verlierer…“ Weiter kam er nicht. Die Worte würden für immer auf seinen Lippen ruhen. Mit aller Kraft hatte ihm gegen seine Knie getreten, die nun umknickte, wie ein

abgebrochener Grashalm. Dabei verengten sich Mathieus Augen zu einem schmalen Schlitz. Wie ein Chinese, so sah er

beinahe aus, wie ein wütender Chinese. Oder wie ein Stier, die Hörner gesenkt, kurz bevor er sich auf das rote Tuch stürzte. In der Staubwolke konnte ich kaum die Hand vor Augen sehen. Das Herz pochte wild in meiner Brust. Es war nur eine Frage der Zeit, bis einer den anderen von hinten überfiel. Eine Frage der Schnelligkeit. Vorsichtig rollte ich mich von Mathieu weg. Ruhig, ermahnte ich mich, ruhig. Gebannt beobachteten die Menschen den Kampf, wissend, dass ich mich weitaus besser geschlagen hatte, als sie jemals zu denken vermocht hatten. Und ich würde gewinnen, denn ich war schnell. Bewegungslos hielt ich inne, wartend bis sich die Wolke aus Sand und Staub verzogen hatte. Von Mathieu keine Spur. Dann plötzlich begann der Himmel zu weinen. Große Tränen, kleine Tränen fielen wie gläserne Diamanten zu

Boden. Mathieu, den ich nun neben mir erblickte, grinste, nicht verächtlich, sondern belustigt. „Was hast du wieder angerichtet, Heulsuse?“ Er legte den Kopf in den Nacken und lief umher, um jeden Einzelnen dieser Tropfen auf seinem Weg
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zur Erde zu begrüßen. Jubelnd tat ich es ihm gleich. Daheim hatte ich den Regen gehasst, weil ich dann nie zum Spielen herausgehen durfte, doch in diesem Land schien alles ein wenig anders. Upside down, hatte Kay einmal gesagt. Auch in weiter Ferne konnten wir Punkte ausmachen.

Menschen, die auf die Straßen gegangen waren, um den warmen Regen auf ihrer Haut zu spüren. Die ersten Blitze schossen wie Aale über den nachtschwarzen Himmel. Das Wasser schoss Löcher in den Sand. So etwas hast du noch nie erlebt! „Hast du eine Flasche? Damit könnten den wir etwas davon Donner

auffangen!“,

schrie

Mathieu

über

grollenden

hinweg zu mir herüber. Nickend blickte ich mich nach meinem Rucksack um, den ich schließlich einige Meter entfernt

liegen sah. Glücklicherweise war sein Inneres zum größten Teil trocken. Hektisch brachte ich Flaschen, Dose, alles, was wir gebrauchen konnten, zum Vorschein. Deren Inhalt, Brot, Süßigkeiten und Ähnliches, sammelte ich auf der

bereits durchnässte Decke. Mathieu, der nun zu mir herüber kam, schnappte sich eine der Dose und hielt sie mit beiden Händen in den Himmel. Sekunden später schwappte die

durchsichtige Flüssigkeit beinahe über den Rand hinweg. Mit einem letzten wie Ächzen sie verzogen gekommen sich waren. die Der Wolken Himmel ebenso hatte

plötzlich,

aufgehört zu weinen. Die Sonne strahlte wieder. „War das nicht eine gute Dusche?“, fragte Mathieu, während er sich neben mich kniete, um mir beim Einpacken zu helfen, welches uns nun größere Schwierigkeiten bereitete. „Die Beste, die ich jemals hatte.“, stimmte ich ihm nickend zu und legte ein Brot in den bereits überfüllten
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Rucksack.

Dabei

lastete

Mathieus

argwöhnischer

Blick

auf

meinen Schultern. „Das bekommst aber selbst du nicht in die Tasche!“ „Nein, das werden wir so trägen müssen.“, erwiderte ich und schloss den Reißverschluss. „Wie denn?“ Ich verzog den Mund, zuckte mit den Achseln, während ich überlegte. „Wir können die Decke als Sack nehmen!“ In meinen Gedanken tauchte das Bild meines einen Vaters über auf, den der als

Weihnachtsmann

verkleidet,

Sack

Schulter

trug. Wenn du nicht artig bist, steck ich dich darein, hat er durch seinen wattweißen Bart genuschelt. Mein erstes

Weihnachten, welches ich bewusst miterlebt habe, nicht nur von Fotos her kannte. Es soll auch unser letztes gemeinsames Weihnachten gewesen sein. Damals habe ich noch stundenlang am offenen Fenster sitzen und immerzu in den Himmel starren können, ständig in der Hoffnung der Christkind würde kommen. Bei jedem Hubschrauber, jedem Flugzeug, ja sogar bei jedem Sterne, der in dieser schwarzen Nacht zu leuchten vermochte, mochte ich jenes Strahlen in den Augen gehabt haben. Mama, Papa, habe ich aufgeregt gerufen, Mama, Papa, der goldene Schlitten und Rudolf, das Rentier, mit der roten Nase, sind da oben. Doch dem war nicht so, nicht ein einziges Mal. Mathieus Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Es brauchte einige Sekunden, bis er meine ganze Aufmerksamkeit vollenden wieder hatte. „Wie der Weihnachtsmann.“ „Den kenne ich nicht. Läuft der auch wie blöd mit einem Sack über der Schulter?“

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Ich seufzte. „Keiner zwingt dich dazu, es zu tun. Hier, nimm den Rucksack.“ Um nicht erneut etwas zu sagen, was ich binnen Minuten bereuen konnte, presste ich schnell die

Lippen aufeinander, reichte ihm den Rucksack, den dieser nach kurzem Abwiegen sinken ließ. „Was bitte hast du darein gestopft? Von Steinen war nicht die Rede!“ „Vieles.“, entgegnete ich knapp, während ich die Ecken des ausgebreiteten Schlafsacks zusammenlegte. Im Blickwinkel

bemerkte ich Mathieu, der sich an dem Reißverschluss zu schaffen machte. Mamas Ring glitt aus seiner Hand.

Sekundenspäter konnte ich sein Glitzern im Sand kaum noch vernehmen. Energisch wühlte ich in den groben Körner des goldbraunen Meeres, drohten. die meine Erinnerung du da!?“ immer mehr den zu verschlucken nur auf

„Was

machst

Blind,

Blick

Mathieu gerichtet, der sich nicht an der Suche beteiligen scheinen zu wollen, wühlte ich im Sand, als die Finger

meiner linken Hand etwas Metallisches ertasteten und ich erleichtert den Ring an meine Brust drückte, als wäre dieser der größte Schatz dieser Erde. „Jetzt da du ihn wiederhast, können wir ja entscheiden, was wir hier lassen.“ Erbost starrte ich Mathieu an. „Entscheiden, was wir hier lassen?“, fuhr ich ihn an, ganz gegen meine Art wütend zu werden, „Hast du eine Ahnung, wie viel mir die Sachen

bedeuten? Aber nein, woher auch! Du hast ja nichts, was dir wichtig ist!“ Ich erwartete, ein Gegenwehr oder zumindest etwas, womit er sich zu verteidigen versuchte. Die Worte kreisten wie die Geier Wörter. über Ich
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uns. hätte

Wie vieles

Geister, sagen

diese können,

unausgesprochenen

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wollen in diesem Augenblick. Und dennoch bewegte ich nur lautlos die Lippen. Mathieu, ich rede mit dir! Ich mochte seine verletzenden Sprüche hassen, hassen, doch immerhin war er mein Freund, der dort ungewohnt ruhig vor mir stand. Mathieu, Mensch, sag was! Ja, ja, ja, ich mag auch Mist gelabert haben, aber du… Ach, komm vergiss es, Okay? Lass uns endlich Spaß haben. Nur wir beide, du und ich, gegen den Rest der Welt. „Ja.“, murmelte Mathieu nach einer Weile, „Irgendwie hast du recht. Es wäre wirklich dumm, so einen Ring hier im Sand zu vergraben, wo man doch vielleicht in der Stadt echtes Geld dafür kriegen könnte!“ Ich lächelte zögerlich, unwissend, ob er das mit dem

Verkaufen ernst gemeint hatte. Aber zum Glück war für diesen Zeitpunkt alles wieder in Ordnung. „Ähm… Stadt?“ Ich drehte mich fragend im Kreis. Mathieu hielt mich an der Schulter fest und ein wenig entsetzt folgte mein Blick seiner Hand, die mitten in einen Urwald deutete. „Das ist der schnellste Weg.“ Verneinend schüttelte ich den Kopf. „Der schnellste Weg in den Selbstmord.“ Auf keinen Fall gehst du dadurch, Tim! „Feigling.“, meinte Mathieu achselzuckend, wobei er meinen Rucksack über die Schulter warf. „Nach dem Regen kann das Wetter plötzlich umschlagen. Gut möglich, dass wir in einen Sturm geraten. Ein Cousin meines Onkels hatte einmal das Vergnügen. Einmal.“ „Und das sagst du mir erst jetzt?“ Erneut zuckte Mathieu die Schultern. „Du hast mich nicht danach gefragt.“, erwiderte er.

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Ich spürte, wie sein Blick mich von hinten zu durchbohren schien. Natürlich, dachte ich verärgert, hast du nicht

gefragt, wer, wann, was, wie, wo getan hatte. Theoretisch interessiert es dich nicht einmal. Theoretisch nicht,

praktisch schon. Denn jetzt bist du es, der durch dieses Mienenfeld zu laufen hat. „Wir hätten über die Straße gehen sollen.“, schlug ich wenig überzeugend vor. Wenn Mathieu erst einmal eine Sache begonnen hatte, konnte man ihn nur selten davon abbringen, diese nicht auch zu beenden. So mal ich es war, dem er in dieser Hinsicht nicht sonderlich oft recht gab. „Tim, Tim, Tim. Du bist einfach zu gutgläubig. Und

außerdem…“ Er rieb mir mit seiner freien dreckigen Hand über das Gesicht. „…musst du dich anpassen.“ Angewidert fuhr ich mir durch die Haare, dann über die rauen Wangen. „Warum?“ „Dummerchen, weil sonst jeder weiß, dass du nicht von hier bist. Und Menschen, die nicht von hier sind, haben Geld. Und Geld ist etwas, was jeder Einheimische gut gebrauchen kann. Denn hier gilt nur ein Gesetz: Gefressen oder gefressen werden…“ „Du meinst…?“ „Ja, wenn die in Kpalimé herausfinden, wer du bist, dann würde ich dir wünschen, nicht geboren zu sein.“ Ich bemühte mich, nicht allzu gestockt zu reagieren. Doch mein Gesichtsausdruck musste mich wieder einmal verraten

haben. „Du machst mir Angst.“ „Hey, das heißt nicht, dass du jetzt bei jedem, den wir treffen, gleich in Panik ausbrechen musst. Verhalte dich ganz unauffällig, klar?
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Ich

nickte

zaghaft,

wobei

ich

die

letzte

Ecke

des

Schlafsacks zusammenlegte. „Okay, aber du hast mir immer noch nicht gesagt, warum wir ausgerechnet durch die Wüste müssen.“ Mathieu schüttelte abwehrend den Kopf. „Das wirst du noch früh genug herausfinden.“ Herausfand ich es auch, nur früher als mir lieb war. Ich habe mich damals oft gefragt, warum Mathieu mir nie die Wahrheit gesagt hatte. Warum er mir alles verschwieg, was er über den Tod meines Vaters wusste, was er über mich wusste. Ständig habe ich nur versucht, zu begreifen, wer er war, dieser Junge, mit dem kurz geschorenen Haar und den vielen Narben auf Armen und Beinen. Ständig habe ich nur versucht, zu verstehen, und tat es dennoch nie. Nicht einmal dann, als ich in die dunklen, fast schwarzen Augen sah, die wie durch die Splitter einer eingeworfenen Fensterscheibe in mein Inneres blickten. Die wirkliche Frage dahinter, die war es, die ich nie verstehen oder begreifen wollte. Außer Atem, keuchend stürzte ich das Wasser in der Kehle herunter. Meine Haut brannte wie Feuer, obwohl ich jede halbe Stunde stehen geblieben war, um sie erneut

einzucremen. „Mathieu…?“, schrie ich heiser, doch ich spürte, dass das, was mir von den Lippen ging, kaum mehr als ein Flüstern sein mochte. Kraftlos sank ich auf die Knie. Ich würde keinen Schritt mehr weiter tun. „Mathieu…!“, rief ich noch einmal, erhielt erneut keine Antwort. Ein Husten in der Nähe oder

etwa weit, weit entfernt? Mittlerweile mochte das Einzige, was ich realisierte, die Tatsache sein, dass wir uns

verlaufen haben mussten.
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„Tim?

Tim!“

Blinzelnd

setzte

ich

mich

auf,

beobachte

missbillig den auf einem Bein springenden Mathieu, der mir zu rief, er habe etwas gefunden. Für den Fall, dass du mich jetzt weckst, nur um mir zu zeigen, dass du eine alte Bierdose gefunden hast, kannst du froh sein, wenn du mit einem fehlenden Zahn davon kommst. Gähnend stolperte ich herüber - und war mit einem Schlag hellwach. besonders, irritierte Eine Tasse, halb hatte bedeckt sie kaum “LC vom Wert. Sand. Und Nichts dennoch die von

eigentlich mich deren

Aufschrift

Köln”,

überdimensionalen, Buchstaben und dem

leicht Läufer

verblassten noch unterliniert

rot-schwarzen wurden. Ich

kannte diese Tasse, denn es war meine eigene gewesen - bis ich sie meinem Vater zum Geburtstag geschenkt hatte. Seither trank er jeden Morgen seinen Kaffee daraus. Kaffe,

maschinell gemahlen in Brasilien, schwarz, dazu die Zeitung. „Hey!“ Mathieu stieß mich behutsam in die Seite. Ich

beachtete ihn nicht, wog nur diese Tasse in meinen Händen. Sie hier im Sand zu finden, fernab von Deutschland, war ein Wunder. Sanft strich ich mit den Fingern über den Läufer. Eine andere Welt, wie aus einem Traum. Mein erstes Leben, so anders als das hier und jetzt. Dabei hatte ich noch nicht einmal begonnen, richtig zu leben. „Hast du noch mehr davon gefunden?“, fragte ich leise, weil ich mich plötzlich vor meiner eigenen Stimme fürchtete, die mich aus diesem Traum wecken konnte. Obwohl Mathieu den Kopf schüttelte, beugte er sich herunter, um mit beiden Händen im Sand zu wühlen. Ich tat es ihm gleich, wenn auch ein wenig hektischer. Allerdings musste ich mir schon nach Minuten eingestehen, dass meine Finger schmerzten, als hätte
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ich einen kompletten Nordseestrand mit Muscheln und kleinen Steinchen umgegraben. Dabei war das Loch kaum mehr als zehn Zentimeter tief. Mathieu buddelte noch einige Zeit weiter, wenn auch nur, um mir zu beweisen, dass er besser war, wie ich vermutete. „Da, wo du herkommst, lernt man so was

scheinbar nicht.“, meinte er Stirn runzelnd und betrachtete die vielen, zum Teil wieder vom Sand verwehten Gräben.

„Selbst wenn wir die ganze Nacht so weiter machen, glaub ich nicht, dass wir noch irgendetwas finden. Es sei denn, es fällt vom Himmel.“ Insgeheim musste ich ihm recht geben. Vielleicht hatte Papa die Tasse einfach bei einer Pause an dieser Stelle vergessen oder versucht, einen “LC-Köln“-

Tassenbaum zu pflanzen, ebenso wie ich es oft heimlich mit Gummibärchen oder mit meinem Schnuller getan hatte.

Vielleicht, doch mein Instinkt verriet mir anderes. Es war dasselbe unbestimmte, aber sichere Gefühl wie am gestrigen Morgen. Das Gefühl, dass es kein Unfall gewesen sein konnte. Aber wenn Papa nicht verunglückt war, was…? Unschlüssig

musterte ich die Tasse, an deren Rand noch ein kläglich, brauner Kaffeerest haftete. Ich wollte den Gedanken nicht zu Ende führen. Dein Vater ist tot, Tim, t-o-t. Wie er

gestorben ist, spielt keine Rolle. Doch ich wusste, dass das, was ich mir einzureden versuchte, nicht wahr war. Denn das Verlangen, endlich einmal die Wahrheit zu erfahren,

wuchs mit jedem Augenblick, der sinnlos verstrich. „Lass uns nach Kpalimé gehen.“, murmelte ich mehr zu mir selbst, als zu meinem Freund. Vor seinem Tod hatte Papa hatte sie oft besucht, die Stadt. Zumindest hatte er es oft behauptet. Wenn ich demnach Hinweise finden wollte, wäre es vermutlich klug, dort den Anfang zu machen. Vor allem auch
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Mathieu wegen, dem ich nicht zumute konnte, sämtliche Wüsten zu durchkämen, in der ständigen Hoffnung Gründe im Sand der Unterwelt zu finden. Dieser nickte zustimmend, lenkte, dass wir nur meinetwegen überhaupt Halt gemacht hätten. Kpalimé - eine kleine, aber erstaunlich belebte Stadt in

mitten eines vom Licht der Sonne in einen sanften rot-grün Stich getauchten Ozeans. Hütten Die oder Häuser mochten alle Holz

unterschiedlich

sein:

Gebäudekomplexe,

oder Ziegelstein, modern oder altertümlich, bildeten jedoch einen eng miteinander verbundenen Kreis. Auf den Straßen tummelten sich Menschen jeglicher Art und Größe, manche in kleineren Gruppen, andere alleine. Unter ihnen auch viele aufdringliche Händler, die ihre Waren anpriesen, und

bettelende Kinder, die am Straßenrand kauerte. „Beste Zigarren. Sehr billig.“ „Frischer Fisch!“ „Bitte, bitte. Ich hab Hunger. Bitte…!“ Ein überladender, klappernder Bus schoss über die Straße hinweg, ohne auf die Menschen Rücksicht zu nehmen, die nun erschrocken zur Seite sprangen. Staub wurde aufgewirbelt. Eine Gruppe Männer, mit schmutzigen Hemden und Strohhütten bekleidet, hob brüllend die Fäuste. Frauen in langen

Kleidern nahmen ihre spielenden Kinder bei der Hand. Eine überreifte Wassermelone zersprang auf dem Boden. Sekunden später war sie von einer Meute hungriger Menschen umzingelt, die gierig über sie herfiel. Dies war Kpalimé - ein bunter, zugleich schwarzer Fleck inmitten eines leeren Herzens.

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Ein letztes Mal wandte ich mich dem rotgrünen Gebirge zu. Unsere Fußspuren waren beinahe verweht. Ich seufzte. Nun gab es kein Zurück mehr, wenn es denn jemals eines gegeben

hätte. Für niemanden von uns. Großes, Spanien-Ehrenwort, du bist die beste Freundin, die ich mir wünschen kann. Großes Spanien-Ehrenwort, kleine Schwester, ich werde dich wieder finden. Ich werde dich finden, in dieser neuen Welt, das

verspreche ich dir, Kay. Dann wagte ich den Schritt über die Klippe hinaus. Auf einmal war es ganz leicht, einen weiteren zu machen und noch einen. Meine Füße folgten meinem Herzen

bedingungslos. Mathieu lachte. „Du siehst aus wie der Surfer auf deinem T-Shirt…“ Er zuckte belustigt mit der Schulter. „… kurz vor dem Absturz.“ Ich blieb abrupt stehen. Wir hatten die Stadt erreicht.

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3. Kapitel
„Yovo, Yovo!“ Erstaunt blickte ich mich nach allen Seiten um. Eine

ältere, in ein buntes Gewand gehüllte Frau humpelte aus einem Gebäude. Internetcafé stand in unleserlichen,

handgeschriebenen Großbuchstaben über der Eingangstür. Durch die verschmierten, von schmutzigen behangenen Pappestreifen Fensterscheiben in den

verschiedensten

Farben

ließen

sich die wenigen, vermutlich in Europa längst überholten Computer ausmachen. Das Internet war langsam, zu langsam, doch wenn man die Verhältnisse nicht kannte, fiel es einem kaum auf. Als Mathieu mich am Arm weiterziehen wollte,

schüttelte ich den Kopf. Yovo Junior hatte die Frau gerufen, die nun durch ein rostiges Brillengestell zu uns

herüberschielte. Kleiner Weißer… Das musste bedeuten, dass auch einmal Yovo Maximo, große Weiße, hier gewesen sein mochten. Vielleicht nicht gestern oder vorgestern, sondern vor einer geraumen Zeit. „Mathieu, gehst du schon mal vor.“ „Wohin?“ „Etwas kaufen.“ „Irgendetwas? Einfach so? Von deinem Geld?“ „Ja!“ Verwirrt zuckte Mathieu mit den Schulter, ließ mich aber nach kurzem Überlegen dennoch mit der Bitte, ich solle ja nichts Böses anstellen, alleine zurück, während er über den Markt davonlief, auf dem sowohl Gemüse und Früchte als auch Zahnbürsten oder T-Shirts angeboten wurden. Schon

Augenblicke später hätte ich mich ohrfeigen können für die
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Dummheit, diesen Jungen mit meinem Hab- und Gut quer durch ganz Kpalimé zu schicken. Wer wusste schon, ob es nicht zufällig einen Händler für Gameboys oder Modelautos gab. Dafür jedoch war es nun zu spät, schätzte ich achselzuckend. Die alte Frau zwinkerte verführerisch, beinahe wie eine Hexe, wirkte sie. Geheimnisvoll, doch ich ließ mich darauf ein, von ihr in ihr Häuschen von aus kaum Zuckerstangen mehr als ein und paar zu

Lebkuchen, Tupfern

zusammengehalten süße

herrlich

duftendem

Klebstoff,

entführt

werden. „Yovo!“, kicherte sie noch einmal mit ihrer tiefen, fast männlich klingenden Stimme und winkte, als ich zögernd über den Weg zu ihr schlich, Die dabei das Foto aus der

Jackentasche

kramend.

Borsten

ihres

Besens

strichen

rhythmisch zu einem alten Lied über den staubigen Holzboden. Eine junge Frau erschien kurz, einen zur Hälfte mit Wasser gefüllt Eimer in der einen Hand schwenkend. Auch sie nickte mir freundlich zu, zu wandte sie dann Sein aber ab, um einen Blick

kräftigen

Riesen

begrüßen.

herablassender

irrte umher und blieb schließlich merklich an mir hängen: Zarin, der Mann von Keenans verstorbenen Schwester Ismen, der spurlos für Stunden, manchmal sogar für Tage aus dem Dorf verschwand. Vom Erdboden verschluckt oder der drückt sich nur vor der Arbeit und treibt es mit anderen Frauen, hieß es aus vielen wütenden Mündern der Dorfbewohner. Keenan hatte jedes Mal stumm den Kopf geschüttelt. Ich habe

gesehen, wie er litt, sooft habe ich es in seinen leeren, grauen Augen gesehen. Zarin nun auf dem Markt von Kpalimé anzutreffen, wunderte mich nicht. Es jagte mir vielmehr

einen heißkalten Schauer über den Rücken. Sekunden betete ich, dass er mich nicht erkennen mochte, doch meine Hoffnung
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wurde jäh zerstört, als er die Hand hob, um die Frau zum Schweigen zu bringen, und einen Schritt auf mich zu machte. Hastig senkte ich den Kopf und begann angeregt eines der Plakate am Fenster zu studieren, während ich mich

unauffällig bückte, um mir ein wenig des zusammengefegten Drecks ins Gesicht zu reiben. Zufrieden betrachtete ich

meinen Zwillingsbruder im matten Glas der Fensterscheibe, als sich die Fingernägel einer schmutzigen Hand in meine Schulter bohrten. Mit gespielten Erstaunen wandte ich mich um und erwiderte, geradezu erbost, dass man mich vom Lesen abhielt: „Ja?“ Ich versuchte, möglichst selten den Mund

aufzumachen, denn ich war mir schon damals als Neunjähriger sicher, dass mein Akzent mich verraten würde. Reden ist Silber. Schweigen ist Gold. Glücklicherweise

hatte ich nach geraumer Zeit die Aussprache der Kinder im Dorf nachgeahmt, sodass ich, wie Mathieu einmal behauptete, nicht als Ausländer aus hundert Meter Entfernung gerochen werden konnte. Ich grinste, wenn ich an diese Zeit zurückdachte, in der wir uns, flach auf oder wir den Boden im gepresst, Schatten an die Mütter

herangepirscht hatten, die

einfach nach

Sandburgenbauen selbst

hitziger

Verteidigung

zerstörten. Wir haben viel voneinander gelernt. Dinge, die für jeden von uns bedeutend werden würde, unabhängig davon, wie der Würfel fiel. „Darf ich dich etwas fragen, Kleiner?“ Seine Worte wurde durch den französisch-afrikanischer Dialekt dieser Gegend, den sie Ewe nannten, fast unverständlich. „Ich bin nicht klein.“, entgegnete ich so im selben Tonfall, dabei beleidigt das Gesicht verziehend.
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„Okay.“ Der Mann zuckte gleichgültig die Schulter. „Weißt du, ich bin auf der Suche nach zwei Jungen. Beide etwa in deinem Alter. Ein Weißer, ein Togolese. Du siehst dem einer sogar sehr ähnlich. „So sieht aber fast jeder hier aus.“ „Die beiden heißen Tim und Mathieu.“ Es fiel mir nicht schwer, überrascht zu wirken. „Ach, den Deutschen meinst du? Dem sein Vater gestorben ist.“ „Ja.“ Der Riese nickte eifrig. „Du kennst ihn?“ Der Impuls des Lachens überkam mich, doch es gelang mir, ihn zu unterdrückt. Warum lachst du? - Weil es so lustig ist, dass du nicht merkst, dass ich mit dir Katz und Maus spiele. Du glaubst immer noch, das Gummibärchen in der Hand zu haben, dabei schläft es längst in meinem Bauch. „Warum versuchte, vergessen. nicht?“, das erwiderte des ich unschuldig, in meinem meine wobei Hals ich zu

Kratzen ich

Staubs

Würde

husten,

wäre

Tarnmaske

augenblicklich vom Winde verweht. „Hast du ihn gesehen? Es ist wichtig, weißt du, Tim musst sofort zurück nach Deutschland.“ Ich stutzte, ließ es mir jedoch nicht anmerken. Warum war ein erwachsener Mann bereit, seine Zeit zu opfern, um einen weniger bedeutsamen Jungen aus dem Land fortzuschaffen? Was für ein Sinn mochte all dies haben? Ich stand am Tor eines immer größer werdenden Gängen, Labyrinthes ganz ohne mit vielen ineinander oder

verzweigten

Karte,

Kompass

irgendetwas, was mir Auskunft darüber geben konnte, wohin dieser Weg führte.

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„Vor

ein

paar

Tagen

hab‟

ich

noch

mit

ihm

Fußball

gespielt. Warum muss der denn jetzt weg? Kommt der dann gar nicht wieder?“, fragte ich, bemüht unparteiisch zu klingen. „Wahrscheinlich nicht. Es ist zu seinem Besten. Ihm könnte vielleicht etwas zustoßen, bliebe er hier. Du hast ihn also seitdem nicht mehr gesehen?“ „Nein. Er hat mir nicht einmal gesagt, dass er abhauen will.“ Zarin stöhnte, dann wandte er sich ohne ein Wort des

Abschieds oder Dankes ab und stolzierte über den Markplatz davon, bis er in der bunten Menschenmenge verschwand. Erleichtert atmete ich auf, wartete jedoch noch einige Minuten mit dem Abwaschen des Drecks, aus Angst der Mann könnte zurückkommen. Das Gemisch aus Sand und Staub klebte wie Beton auf meinem verschwitzten Gesicht. Energisch sah ich mich nach Wasser um und erspäht schließlich den Eimer, in den die jüngere Frau in unregelmäßigen Abständen einen Stoffrest tauchte, um die Fenster zu putzen. Kurzer Hand kniete ich mich trotz ihres irritierten Blickes neben diesem nieder und begann mein rotes Gesicht zu reiben. Das Wasser verdampfte augenblicklich auf meiner Haut, dennoch waren die kleinen aufsteigender Wolken wohltuend. Erneut bemerkte ich die junge Afrikanerin, war. „Das der ich scheinbar Ich eine Erklärung einmal

schuldig

war

ein

Spiel.

wollte

ausprobieren, ob jemand bemerkt, dass ich ein ‚Weißer‟ bin. Tut mir leid.“ Ich seufzte. Wie ich es hasste, lügen zu müssen! Aber die Wahrheit hätte die Frau nicht verstanden. Wieso auch, wenn ich es selbst nicht begreifen konnte oder wollte, dass die Erde sich rechts herumdrehte und nicht links.
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„Schon in Ordnung.“ Sie lächelte amüsiert, während sie mit der freien Hand unbemerkt ausholte, um mir Wasser ins

Gesicht zu spritzen. „Shayne!“ Augenblicklich wandte sich die junge Frau ab, um ihrer Arbeit nachzugehen. „Shayne!“ Die alte Herrin stürmte mit wild umherfuchtelnden Armen und einem vor Zorn

verzerrtem Gesicht aus dem Gebäude. Als sie mich erblickte, verflog ihre Wut. „Yovo! Was kann ich für dich tun?“, rief sie und legte mir freundlich die Hand auf die Schulter. In ihrer oberen Zahnreihe fehlten zwei Zähne, was meine

anfängliche Hexenvermutung nun noch bekräftigte. Hastig ließ ich meinen Blick umherschweifen, um sicher zu sein, dass mich niemand beobachtete, dann holte ich das zerknittere Foto aus meiner Jackentasche hervor. „Ich suche jemanden.“ Mit dem Finger deutete ich auf den Mann, während ich der alten Frau das Bild in die Hand

drückte, die es aufmerksam betrachtete. Dann und wann wiegte sie den Kopf, sagte jedoch nichts. Schließlich nickte sie. „Ich meine, ihn ein paar Male hier gesehen zu haben. War sogar beim mir im Geschäft. Netter Mensch, hat zwei der Computer repariert und dafür lediglich verlangt, ab und zu alleine im Café zu sein. Warum, sagte er mir nie. Aber es schien ihm wichtig, das spürte ich.“ Sie machte eine

vornehme Atempause, wobei sie einladend den Arm ausstreckte, um mir den Vortritt in ihr Haus zu gewähren. Vorsichtig huschten meine Augen durch das von einer

einzigen, kalten Glühbirne spärlich erhellte Zimmer. Gegen eine der nackten Holzwände waren zwei Tische geschoben, auf denen die staubigen Bildschirme dreier Computer standen,

alle sehr nahe aneinandergerückt. Ihnen gegenüber erstreckte
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sich eine verhältnismäßig riesige Theke, über deren Fläche schmutziges Geschirr verstreut war. Auf jedem der metallenen Barhocker hatte man ein selbst gestricktes Kissen gelegt. „Setz dich doch.“, forderte mich die alte Frau auf, während sie hinter dem Tresen verschwand. Kurze Zeit später war das Klirren von Gläsern zuhören. Verlegen ließ ich mich auf einem der Stühle nieder. Es fühlte sich seltsam an, hier zu sitzen, in einem Café mit einer Frau, deren Namen ich nicht einmal kannte. Es fühlte sich seltsam an, aber nicht fremd, vielmehr vertraut. Beinahe so, als sei es etwas ganz

Natürliches. Etwas, das in Deutschland nie geschehen würde. Jedenfalls nur äußerst selten. „Einmal habe ich ihn nach seinem Namen gefragt.“, fuhr die Frau fort, ohne sich von dem von einer Plane bedeckten Boden zu erheben, „Einmal, aber er zuckte nur die Schultern: Namen hätten für ihn keine Bedeutung. Warum, habe ich nachgehackt, ein wenig entsetzt, will ich meinen. Warum? Weil sie

unwichtig seien. Namen sind bloß Worte, wie tausende und abertausende auf dieser Welt. Man sollte Lebewesen nicht nur unter sondern einem durch Begriff das, kennen, was sie sie tun, dadurch im Guten unterscheiden, wie auch im

Schlechten. Das hat er gesagt und ich habe es bis heute nicht Dieser vergessen, weise denn ich wusste, dass er recht hatte. Sie

Mann

aus

dem

fernen, die

fernen Flasche

Land.“

kicherte,

wobei

sie

strahlend

Mangosaft

hochhielt, nach der sie gesucht hatte. „Frisch zubereitet.“, erwiderte sie beim Eingießen, „Hilft gegen böse Seele.

Trink, Kindchen, trink.“ Ich spürte, ihren Unruhig, Blick, wie
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der ein

versuchte,

in

mich Vogel

hineinzusehen.

aufgescheuchter

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drückte ich mich fester gegen die Lehne meines Stuhles, ohne die ich sicherlich gestürzt wäre. Tim, beruhige dich. Das bildest du dir nur ein. Doch ich wusste, dass dem nicht so war. Das Glas mit der gelblichen Flüssigkeit war meinen blauen Lippen plötzlich nahe. „Trink, Kindchen.“ Ein irres Lachen. „Trink!“ Wie in einem Albtraum, in dem die Hexe versuchte, ihr Opfer zu vergiften. Nein…! „Alles in Ordnung? Ich hatte keine Ahnung, dass du

Mangosaft hasst.“, entgegnete die Frau entschuldigend. Ich schüttelte geistesabwesend den Kopf. Was war passiert? „Die meisten meiner Gäste mögen ihn.“ Hastig ließ sie die Flasche unter der Theke verschwinden und betrachte mich aufmerksam durch ihre grünen Augen.

„Woher kennst du eigentlich diesen Mann?“ Immer noch ein wenig verwirrt, wiegte ich den Kopf. Ihr zu erzählen, dass er mein Vater war, konnte ein Fehler sein. Schließlich hatte sie mir alles preisgegeben, was sie

wusste, ohne eine einzige Frage zu stellen. „Ein Freund meiner Eltern. Er sagte, ich solle dir schöne Grüße

ausrichten, weil er für ein paar Wochen wegginge. Ich hatte gehofft, ihn noch einmal zu sehen.“ Bevor die Frau etwas einwenden konnte, sprang ich von dem Stuhl und erkundigte mich grinsend, ob ich einen der Computer benutzen dürfte. Sie willigte ein, etwas erstaunt, wie es schien. Als ich ihr zudem noch einen CFA-Schein in die Hand drückte, breitete sich ein freudiges Lächeln auf ihren runzeligen Lippen aus. Ich wartete, bis sie pfeifend aus dem Zimmer verschwand, dann startete ich eines der Geräte. Daheim in Deutschland hatte Papa immer den Computer
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für

geschäftliche

Zwecke

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genutzt. So jedenfalls behauptete er es, um einen Verwand zu haben, mir auch dieses Spiel verbieten zu können. Doch, wenn ich ehrlich war, alles Geheimnisvolle lockte mich magisch an. Schon bald fand ich eine Möglichkeit, unbemerkt an

diesen Roboter zu gelangen. Auf dem Bildschirm erschienen mehrere kleine Bilder. Unter ihnen ein kleines, blaues, mir wohl bekanntes ‚e‟ für Internet. Ich wusste nicht genau, wonach ich suchte oder was ich erwartete, doch ich wusste, dass ich es hier finden konnte, wenn ich wollte. Mit dem Zeigefinger nach den Buchstaben suchend, tippte ich Papas Passwort in das Eingabefenster eines Email-Kontos ein.

Sylvie, genau wie meine Mama. Ich seufzte. Warum… Mama, warum? Meine linke Hand verkrampfte sich um die Maus. "Warum kannst du nicht endlich verschwinden aus meinem Leben, wenn du mich schon alleine gelassen hast?", schrie ich, bemüht nicht zu weinen. Wie ein Geier über seine Beute kreiste mein zitternder Zeigefinger über der Eingabetaste. Sekunden

verstrichen, bevor sich der Bildschirm langsam verfärbte. "Hallo Marc!", blinkte es in kursiv gedrückter, bläulich leuchtender Schrift, darunter zwei ungelesene Nachrichten, beide von demselben, namenlosen Absender. Die Letzte war heute früh abgeschickt worden. Augenblicke zögerte ich. Das ist nicht deine Angelegenheit, Tim. Das hat nichts mit dir zu tun. Fahr den Computer herunter und hau ab. Doch ich schüttelte den Kopf. Ich würde nicht noch einmal wie ein Feigling davonlaufen. Ohne es recht zu wollen, vollführten meine Finger den entscheidenden Mausklick. Eine Seite öffnete sich, als mir plötzlich der Atem stockte. Das Blut gefror in den Adern.

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Mein

Körper

schien

wie

betäubt.

Es

kribbelte,

stach

in

meiner Brust. Kamikaze erhob sich in bedrohlich blutfarbenen, umrahmten Buchstaben von den restlichen, ebenfalls roten Zeichen. Ich habe es schon einmal gesehen, trug es sogar in jedem

Augenblick bei mir, dieses Wort. Trug es bei mir, ohne die Bedeutung zu kennen, einfach so. Hektisch strich ich mir eine Strähne aus der Stirn, wobei ich mich aufmerksam umsah, um sicher zu gehen, alleine im Café zu sein. Dann holte ich die Kalenderseite hervor. In verschmierten, fast unleserlichen Buchstaben strahlte es

etwas unnatürlich Starkes aus. Etwas Gefährliches, das mir einen Schauer über den Rücken jagte, obwohl ich nicht einmal das wirkliche Ausmaß dieses Wortes erahnen konnte: Kamikaze. Unwiderruflich begann ich zu lesen. Meine Zunge verschlang jedes der Worte, schmeckte jeden Buchstaben, ja sogar den einzelnen Farbklecks, auf der blassen, weißen Wand, bis mein Blick in tausend Splitter eines Mosaiks zerschlagen wurde. Der Brief war in einer seltsamen, den meisten Menschen in diesem Land fremden Sprache verfasst, doch es war eine

besondere Sprache, zumindest für uns beide: Es war unsere Sprache, Kays und meine. Englisch. Dennoch irritierte es mich, das, von dem ich geglaubt hatte, es verloren zu haben, hier wieder zu finden. Schließlich mochte es in Kpalimé weniger Ausländer geben, als beide Hände Finger haben. So jedenfalls hatten wir es bisher immer angenommen, Kay und ich. Wenn es tatsächlich noch jemanden gäbe, wäre es

sicherlich nicht schwer, ihn oder sie zu finden. Eine Suche konnte nicht schaden, jedenfalls glaubte ich es zu dieser Zeit noch. Wie hätte ich auch mein Schicksal erahnen können,
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dessen Weg ich bereits eingeschlagen hatte? Ein letztes Mal huschten meine Augen über den kaum verständlichen Brief, bis sie an den Initialen ‚M.S.‟ hängen blieben. Die Kürzel eines Namens, die diesen unweigerlich verfremdeten. M.S, ein Mann oder eine Frau, vielleicht sogar eine Firma oder ein andere Gegenstand. Auf jeden Fall, ein weiterer, von dornigen

Ranken verdeckter Wegweiser, dessen Hand in den dunklen Wald hineindeutete. Ich fühlte mich ein wenig, wie Rotkäppchen, das sich in das weit aufgerissene Maul des Wolfes stürzte, mit der einzigen Ausnahme, dass ich mich nicht mit Haut und Haar verschlingen lasen würde. Plötzlich legte sich eine knöchrige Hand auf meine Schulter. Erschrocken fuhr ich

herum, in das verlegende Gesicht der jungen Frau starrend. „Zarin ist da. Er möchte mit dir sprechen, glaube ich.“ „Nein…“, stieß ich hervor. Im Winkel meines Blickfeldes bemerkte ich den Schatten, den das Licht der Sonne in das Gebäude warf. Hörte gleichzeitig die dumpfen Schritte an der Türe, unterbrochen von einer tiefen, brummenden Stimme, die einem Bären ähnlich sein mochte. Spürte dasselbe Kribbeln auf der Haut, wie damals bei den Versteckspielen auf dem Spielplatz, nur stärker. Und wusste, dass ich noch nicht verloren hatte. Hastig verbarg ich mich einen hinter einem

afrikanischen

Perlenvorhang,

der

Hinterausgang

verdeckte, flüchtete jedoch aus Angst, jemand anderes könne mich verraten, nicht sofort. Die junge Frau starrte mir verstollen nach, musste jedoch die Angelegenheit für ein abgekartetes Spiel halten, denn sie begann ohne ein weiteres Wort, die Gläser mit einem dreckigen Lappen zu polieren. Der Perlenvorhand bewegte sich kurz, dann hing er wieder still

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und unberührt herab. Eine Sekunde später und Zarin hätte mich erwischt. „Wo ist der Junge? Einfach abzuhauen, dieser Bursche!

Dabei hat ich ihn warnen wollen!“, brüllte der Mann, wobei er sich verärgert auf einem der Stühle niederließ. Stille. Schluckend versuchte ich, den Atem anzuhalten. Ich befand mich nur Zentimeter von Zarin entfernt, nur durch einen dünnen Vorhang getrennt. „Der Junge ist…“ Er erstarrte

plötzlich. Suchend nach einem Opfer huschten seine Augen durch den Raum, als warnte ihn ein sicherer Instinkt, dass er belauscht worden war. Kurz blieb sein Blick an dem

Vorhang hängen und für Sekunden glaubte ich, er hätte das Schlagen meines Herzens gehört, wie es meine Brust zu

zerreißen drohte. Poch… Poch, poch… Leise und langsam, dann wieder lauter und schnell. Poch, poch, poch… Ich schloss die Augen, unfähig, zu atmen oder zu denken, versteinert,

gelähmt von der aufkommenden Angst. Poch… Poch, poch… Lauf weg, Tim, lauf… Doch selbst wenn ich mich hätte bewegen können, wäre ich nicht davongerannt. Wohin auch? Im

gleißenden Licht der Sonne würde ich, solange dieser Mann auf der Suche nach mir war, kaum zwei Minuten unentdeckt bleiben. „Der Junge ist tatsächlich fort.“, erwiderte Zarin seltsam belustig, wobei er den Blick mühsam von dem Vorhang abwandte und an einem Glas Wasser zu nippen begann. „Aber er war hier.“ Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Zarin wollte mich warnen - aber wovor und warum? Am liebsten hätte ich dem Mann nun diese Fragen gestellt, doch es war unmöglich. Unsicher schob ich den Perlenvorhang beiseite und verließ das Internetcafé durch den Hintereingang, froh, dass der Weg von dem Marktplatz wegführte, um endlich alleine zu
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sein.

Ohne

zurückzuschauen,

lief

ich

fort,

immer

der

glühenden Sonne entgegen, ließ mich von meinen Füßen führen, bis sich meine Arme um einen Baumstamm schlangen. Den Kopf gegen die harte Rinde gepresst, verharrte ich für Minuten, vielleicht auch länger. Papa… Meine Gedanken kreisten wie Magnete über ein und demselben Wort, stießen sich ab und zogen sich dennoch magisch an: Papa… Es tut mir Leid, dass ich wie ein Feigling fortgelaufen bin. Ich war und bin nicht der tapfere Sohn, den du immer erhoffst hast. Wahrscheinlich werde ich auch nie so mutig sein, wie du es warst. Denn manchmal wünsche ich mir, oben bei euch zu sein, obwohl ich weiß, dass es Mama traurig machen würde. Ich schaffe es nicht. Aber es gibt noch eines, was ich wissen muss: Warum? Helfe mir, nur dieses eine Mal. Bitte… Zaghaft riss ich den Mund auf, erst jetzt bemerkend, dass ich die ganze Zeit über die Luft in meinem Körper gefangen gehalten hatte, ebenso wie meine Gefühle, die nun zu den Sternen jenseits des Horizontes schwebten. Wenn ich in

diesem Moment überhaupt etwas fühlte. Die Dornen stachen in meine Hände, doch diese waren seltsam taub, kribbelten nur gelegentlich. Meine Hände schliefen und von diesem Schlaf wurden allmählich auch meine Arme, Füße und Schultern

befallen. Doch fühlen, nein, fühlen konnte ich nicht. Es war beinahe, als hätte jemand versucht, die Erinnerung aus

meinem Herzen zu schneiden, sie dabei aber lediglich noch vertieft. Papa… Mama… Etwas berührte mich plötzlich am Rücken, leicht und doch vernehmbar. Hastig fuhr ich herum, im selben Moment in die schwarzen Augen einer Schlange starrend. Ihr Kopf mit der immer wieder hervorzischenden, nach vorne gespaltenen Zunge
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legte

sich

wie

eine

Hand

beinahe

vertraut

auf

meine

Schulter. Ich spürte, wie sich ihr Körper um meinen Hals wandte, spürte, wie mir das Atmen immer schwer fiel. Panisch schlug ich um mich, wälzte mich im Sand - vergebens. Die Schlange zog ihre Schlinge fester, wobei sie mit der Zunge geradezu genüsslich über meine Wangen streifte. Papa,

bitte…! Ich möchte noch kein Engel werden, wie ihr, auch wenn ich euch dann endlich wieder sehen könnte! Ich darf einfach nicht. Bitte… Es gibt hier unter den Wolken noch jemanden, für den es sich lohnt, zu kämpfen. Dem ich es sogar versprochen habe. Und Versprechen sollte man nicht brechen, Papa, auch wenn du es damit nie genau genommen hast. Ich tue es! Bitte, Papa… Erstaunt hielt ich inne, kaum mehr als einen Meter von einem gähnenden, schwarzen Abgrund entfernt, der mich für immer verschluckt hätte. Wie auf einer Achterbahn, die

unerwartet eine Kurve machte, wurde ich zurück an den Baum mit der Schlange geworfen. Das Tier lächelte zufrieden,

obwohl es gleichzeitig ein wenig gekünstelt wirkte. Ich war mir jedenfalls keineswegs sicher, ob es nur vorgab, gut zu sein, oder ob es wirklich einen liebevollen Charakter besaß. Mit letzter Kraft löste ich die Schlinge um meinen Hals und wich soweit zurück, dass die Schlange mich nicht noch einmal erreichen konnte. Daran, fortzulaufen, dachte ich nicht. Ich wusste nicht genau, was es war, dass mich an die Schlange band, doch ich wusste, dass es mich hier hielt. Blinzelnd schloss ich die Augen für einen Moment. Als ich sie wieder öffnete, war das Tier verschwunden. Spurlos, wie vom

plötzlich aufkommenden Nordwestwind verweht. Zurück blieb einzig die hauchdünne Spur eines langen Körpers im Sand, die
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Richtung Süden deutete. Vorsichtig kniete ich mich an der Stelle nieder, fuhr mit den Finger langsam die Schuppen nach, bis die Konturen allmählich verblassten. Doch ich

hatte mir das Bild eingeprägt, wie eines der Memorykärtchen. Es blieb nur noch die Frage, ob ich es wagen sollte, einer Schlange zu folgen, die möglicherweise reinzufällig nach

Süden verschwand. Dabei stand meine Entscheidung von der ersten Minute an fest. Würde ich es nicht tun, hätte ich Papa wieder enttäuscht. Und das könnte ich mir niemals

verzeihen. Was nützt einem Feigling Intelligenz, wenn er sich ständig hinter seiner Angst versteckt, die ihn

vielleicht manchmal beschützt, aber meistens davon abhält, ein Held zu sein? Nur die Mutigen können etwas mein Sohn, hatte Papa immer behauptet und verändern, mir dabei

spöttelnd auf die Schulter geklopft, du nicht, du nicht. Es ist ein bisschen, und wie Krieg spielen im Garten mit die

Erbsenpistolen

Holzschwertern.

Diejenigen,

riskierten selbst erschossen zu werden, ernteten Ehre und bekamen von den Verlieren Gummibärchen. Zu ihnen zählte ich nie, weil ich mich immer auf dem Boden zusammengekauert habe, aus Angst, ich könnte meine Freunde verletzen. Damals habe ich mich oft gefragt, warum meine Mutter stolz darauf war, dass ich nicht gekämpft hatte, wenn sie mich mit einem blauen Auge oder Kratzern abholen musste. Warum sie stolz auf jemanden war, der so feige war, wie ich. Nein, dieses eine Mal wollte ich tapfer sein. Spring über deinen Schatten! Sei tapfer, weine nicht! „Hab ich dich endlich gefunden! Dass du auch immer gleich abhauen musst, wenn„s brenzlig wird! Auf dein Versteckspiel hab ich echt keine Lust mehr!“
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Erschrocken

zuckte

ich

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zusammen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass noch jemand in der Nähe war. Wie Mathieu, dessen Gesicht nun hinter einem Baum auftauchte, hätte auch jeder andere den Weg

herunter kommen können, ohne dass ich es gemerkt hätte. „Weißt du eigentlich, dass ich durch ganz Kpalimé gelaufen bin, um dich zu suchen?“ Ungläubig schüttelte ich den Kopf. „Durch ganz Kpalimé?“ „Na ja, fast.“ Mathieu zuckte die Achseln.“ Ich hab‟

Hunger.“ In Gedanken hing im ich Sand immer nach, noch die der alles merkwürdigen andere zu

Schlangenzeichnung

verdrängen versuchte. Geh nach Süden, dort wirst du die Wahrheit finden, zischte die Schlange, als wolle sie mich beschwören, geh nach Süden, wie dein Vater es wünscht. Geh, nimm deine Sachen. Wenn du daran glaubst, werden dich die Vögel am Himmel leiten, ebenso wie die Sterne und alles, was dich umgibt. Ich sehe dein Zögern, doch lasse dir gesagt sein, wenn du zurückgehst, wirst du für immer alleine sein, mein Sohn. Für immer. Ich schüttelte den Kopf. Nein…! „Schon gut. Ich halte Abstand, damit dein zartes

Näschen den Fischgeruch nicht riecht.“ Beleidigt wich der Junge drei Schritte zurück und legte einen rohen Fisch einige Meter entfernt auf die Decke. „Nur wenn die Geier ihn holen, bist du schuld.“ „Er ist gestorben. Nicht meinetwegen. Vielleicht hat er ein Familie, Frau, Kinder, die jetzt traurig durch den Fluss schwimmen, ständig auf der Suche nach ihm.“ „Hast du jetzt etwa Mitleid? Mit einem Fisch?“

Verständnislos schüttelte Mathieu den Kopf. „Du könntest ihn begraben, wenn es dir dann besser geht. Aber dann hätten wir
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hier bald einen Fischfriedhof. Schwierig würde es erst bei den Moskitos.“ „Warum nicht?“ „Das meinst du nicht ernst. Was hätten wir davon? Und überhaupt! Du hast dich nicht einmal entschuldigt.“ „Tut mir leid.“ Auch finden, Mathieu wenn schien ich keinen Gefallen an denn dem Kampf zu

nicht

mitspielte,

anstatt

mich

freundschaftlich in die Seite zu boxen, überreichte er mir grinsend eine runde, rotgelbe Frucht. „Aber na gut, ich will nicht so sein. Immerhin konnte ich dank dir endlich wieder einmal eine Orange kaufen. Hier iss. Kein Fisch, kein

Fleisch,

alles

Grünzeug,

versprochen!

Großes-Spanien-

Ehrenwort.“ „Die wachsen überall.“, widersprach ich, wobei ich mich neben Mathieu in den Sand fallen ließ. „Ja, aber das heißt nicht, dass man sie auch bekommt, oder?“ Genüsslich wollte er in die Orange beißen, als ich sie ihm hastig entriss. „Was ist denn nun schon wieder?“, entfuhr es ihm genervt. „An der Schale können noch Giftstoffe sein. Die machen krank.“ „Die Weißen vielleicht. Mich aber niemals. Und jetzt gib mir endlich die Orange zurück!“ Seufzend begann ich die Schale einer Frucht mit den

Fingernägeln zu lösen, ohne Mathieu aus den Augen zu lassen. „Dann schäle ich sie für dich.“, meinte ich achselzuckend, als mich meine Gedanken erneut einholten. „Im Süden gibt es doch Orangenplantagen, oder?“

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Es war als ob jemand anderes diese Frage gestellt hatte, jemand der mich zu manipulieren versuchte. „Klar… Ein wenig abseits der Stadt. Die Größte gehört einem Britten. Scott, glaube ich.“ Augenblicklich wurde ich wach. Ein Brite, der im Süden wohnte? Ein plötzlicher Schwindel erfasste mich. Die Orange fiel aus meiner Hand, rollte kurz über den Sand. Finde die Wahrheit…! „Tim?“ „Wir müssen zu dieser lag Plantage.“ in meiner Ein einen mechanisch

klingender

Unterton

Stimme.

Unkontrolliert

beugte ich mich herunter, um die Orange aufzuheben, wusch sie grob an meinem T-Shirt ab und biss herein - ohne sie zu schälen! Tränen schossen mir in die Augen, im selben Moment begann ich zu lachen. Mathieu schüttelte entsetzt den Kopf. Er glaubte, ich hatte den Verstand verloren und in gewisser Hinsicht hätte er recht behalten. Ich war, wenn auch

unbewusst, zur Handpuppe geworden, oder würde es vielmehr noch werden. „Zarin… Er ist auf der Suche nach uns. Wenn… Wir dürfen nicht in Kpalimé bleiben.“ Warum konnte ich Mathieu nicht die Wahrheit sagen? Dass ich wissen wollte, wie mein Vater gestorben war? „Im Süden, auf dieser Plantage, da könnten wir uns verstecken.“ Mathieus Zögern erstaunte mich. Er war ein Junge, der das tat, was er für richtig hielt, ohne eine einzige Sekunde daran zu verschwenden, darüber nachzudenken. „Nein.“,

entgegnete er schließlich. „Was?!“

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„Nein, Tim. Glaub mir, der Mann ist einer Häscher. Seine Leute lauern überall.“ Ein Häscher? Ein Mensch, der einen anderen versucht, mit einem Netz zu fangen? Dieser Mann? „Dann geh ich eben alleine.“ Trotzig wandte ich mich ab, wobei ich den Rucksack über die Schulter warf. Im

Augenwinkel bemerkte ich den Jungen, der mich an der Hüfte zurückzog. „Wenn wir gehen, gehen wir zusammen.“, erwiderte er achselzuckend. Die Orange fest zwischen die Zähne

gepresst, sodass Fruchtsaft von seinem Kinn tropfte, kniete er nieder, um den Fisch zu den Brotstücken und der anderen Nahrungsmittel zu legen, die er auf dem Markt erworben

hatte. Durch den Spalt, den die Hand bot, die ich über die Augen gelegt hatte, den das um sie vor der Sonne zu schützen, Erneut als er

betrachte beschlich

ich mich

afrikanischen Gefühl, dass er

Waisenjungen. mehr wusste,

preisgeben wollte. Viel mehr. Du wirst es noch früh genug erfahren, hatte er gemeint. Ich konnte nur hoffen, dass es dann noch nicht zu spät wäre. Schmetterlinge, jeglicher Art, Größe und Farbe, schwebten in einem niemals enden wollenden Tanz um den kleinen See, dem der Mond, der sich irgendwo über den riesigen Bäumen versteckte, einen bläulichen Schimmer verlieh. Das Farnmeer, welches sich im frischen Nachtwind sacht bewegte, schmiegte sich an dessen Ufer. Von den langen, Federn ähnlichen

Blättern perlten dann und wann ein glasklarer Wassertropfen, der meine vom Sand rauen Füße wohltuend befeuchtete.

Verborgen im Schatten einer Felswand, die bis in den Himmel reichen mochte, erklang das leise Murmeln einer Quelle, die sich Augenblicke später in einem farbendvollen, fesselnden
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Schauspiel in den See hinunterstürzte. Ein verzauberter Ort, beinahe wie in einem Märchen, nur umwerfender, schöner. Ein Ort, wie ich ihn noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Gesicht Der Schmetterling sodass ich tauchte für unmittelbar dessen vor meinem auf

auf,

Sekunden

Fühler

meiner Haut spüren konnte. Die riesigen, bunten Flügeln, die derart elegant durch die Luft strichen, als haben sie Angst, diese aus ihrem Schlaf zu wecken, ließen das Insekt wie eine Fee mit leicht erröteten Wangen wirken, deren zarter Körper von einer glitzernden Kreise zogen Wolke sich umarmt über wurde. die am Immer Ufer größer ruhige

werdenden

Wasseroberfläche, als sich plötzlich eine Schildkröte mühsam an Land ziehen wollte, gefolgt von ihrer Familie, bestehend aus Vater, Mutter und vier Kindern. Die Krallen eines der Kleinen rutschen jedoch in der matschigen Erde ab, sodass es von den geheimnisvollen Tiefen des Sees verschluckt wurde. Ich seufzte, wenn ich an meine eigene Familie dachte. Ein Grab auf dem Friedhof und eine Kaffeetasse, noch staubig vom Sand. „Der Klouto, einer der schönsten Ort Kpalimés, jedenfalls bevor die Menschen begannen, die Tieren zu fangen und an irgendwelche Wandschmuck Europäer herhalten zu verkaufen, bis für sie die sie als oder

müssen,

verstaubt

glanzlos in Tüten gepackt und in den Müll geworfen werden. Dafür sollte niemand sterben. Kein Tier der Welt.“ Erst jetzt bemerkte ich die roten Blumen am Ufer, deren prächtigen Blüten zum Teil achtlos von den Hälsen abgerissen worden waren, sowie die abgebrochenen Äste und die

Fußstapfen im Farn, die ihre Spuren nicht nur äußerlich hinterließen. In einem Netz,
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welches

dem

einer

Spinne

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ähnelte, zappelte ein hilfloser Schmetterling, bis auch sein verzweifelter Widerstand langsam erstarb, wie der der

bereits ermordeten anderen Insekten. Erwartete auch ihn das Schicksal, als Mitbringsel missbraucht zu werden? Musste er aus diesem Grund die sterben, man in ebenso wie die jedem getrockneten deutschen

Seepferdchen,

beinahe

Souvenirladen an der Nordsee erwerben konnte? Ich mochte vielleicht immerhin Lebewesen, noch noch das ein ein Kind sein, für doch als Kind Man toten hatte durfte ich ein

Gefühl

Werte. einem

fühlt,

nicht

Gegenstand

gleichsetzen. „Lass uns diese Netzte kaputt machen.“, schlug ich vor und überraschenderweise pflichtete mir Mathieu bei. „Aber nur wenn du vorher die Schuhe ausziehst.“, fügte er grinsend hinzu, wobei der die Riemen seiner Sandalen löste. Der Farn kitzelte meine Zehen bis hinzu zur Ferse, wobei es mich beinahe über seinen weichen Teppich trug. Es war ein angenehmes Gefühl, geradezu befreiend. Mathieu schüttelte belustigt den Kopf. „Wenn du dich über so eine Kleinigkeit freust.“ Er zwinkerte verschmitzt. „kann ich mir ja dein Geburtstagsgeschenk sparen.“ Mit seinem Taschenmesser, einem der wenigen Gegenstände, den er ständig bei sich trug, durchschnitt er, den Rücken fest an die morsche Rinde gepresst, eine Masche nach der anderen, ohne ein einziges Mal inne zu halten, um die

Schneide neu anzusetzen oder Luft zu holen. Ich, auf der Wurzel eines tropischen Urwaldriesen hockend, beobachte ihn ehrlich beeindruckt, da ich die dicken, geknoteten Schlingen kaum voneinander trennen konnte. Obwohl ich nicht aufgeben wollte, musste ich widerstrebend einsehen, dass ich meinem Freund keine Hilfe war. Auch
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Mathieu

schien

sich

dies

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einzugestehen.

„Geh

dort

drüber

einmal

nachsehen,

ob

du

etwas findest, wo wir uns verstecken können.“ Seine freie Hand deutete kurz in die Richtung des Dickichts unterhalb des Flusses, dann wandte mit er den sich wieder dem Netz ich zu. mein

Seufzend

zuckte

ich

Achseln,

wobei

Taschenmesser neben der Wurzel niederlegte und leichtfüßig über das Farnmeer schwebte. Ich würde ohnehin keine andere Wahl haben, als das zu tun, was er befahl. Mein Weg führte mich von der Lichtung weg, immer tiefer in den Urwald

herein, sodass ich mich hätte Ohrfeigen können, für die Dummheit, keine Taschenlampe mitgenommen zu haben. Hinter jedem Baum zeichneten sich böse Augen ab, die mich zu

beobachten schienen. Hände streckten sich gierig nach mir aus, zerkratzen mein Gesicht, ebenso wie die ungeschützten Stellen meines Körpers. Hastig warf ich einen Blick über die Schulter zurück, doch in der Dunkelheit konnte ich kaum den See ausmachen. Lediglich das Rauschen des Wassers lenkte mich ein wenig. Vorsichtig tastete ich mich voran, unwissend wonach ich eigentlich suchte oder was mich erwartete.

Mathieu hatte überzeugend gewirkt, als er behauptete, hier wäre etwas zu finden. Und… Ein riesiges Tier schoss auf mich nieder. In Panik stolperte ich über eine Wurzel, ruderte wild mit den Armen, um Halt zu finden, doch es gab keinen. Leere, nichts als Leere. Rasend stürzte er in die schwarze Tiefe hinab. Blätter zerschnitten meine Wangen. Mein Schrei wurde in der Der er, Kehle ganze sich erdrückt, Körper gegen ebenso wie das Denken und

Fühlen. versuchte

versteifte den Fall

sich, Wehr

gleichzeitig zu setzen.

zur

Erfolglos, bis ein harter, plötzlicher Aufprall ihm alle Luft aus den Lungen trieb, sodass ich glaubte, sämtliche
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Rippen gebrochen zu haben. Ich japste. Blut rann aus meinem Mundwinkel. Ein langer, dunkler Tunnel öffnete sich.

Tausende Farben explodierten in meinem Kopf. Ich sterbe… Entsetzt schlug ich die Augen auf. Ich sterbe… Nein, ich will nicht sterben. Atme, verdammt, atme… Die Schmerzen unterdrückend riss ich den Mund auf. Der neue Druck in den Lungenflügeln raubte mir beinahe das

Bewusstsein. Speichel tropfte auf den staubigen Boden neben mir, gemischt mit Blut und Erbrochenem. Meine Hände

verkrampften sich im Sand, der weich wie Pulver, die Erde bedeckte und den Sturz so abgefedert hatte. Ich lebe… Ich bin nicht tot… Jedenfalls nicht ganz, nur halb. Aber

immerhin lebe ich noch. Nur wo? Stöhnend hob ich den Kopf ein Stück aus dem Sand, kniff dabei die brennenden Augen zusammen, doch in der Dunkelheit konnte ich lediglich ein Loch am Himmel erkennen, durch welches der Mond seine

Schatten auf mich hinunter warf. Falls dies die Hölle war, sollte es auch einen Aufzug geben. Schließlich konnte man nicht von jedem gefallenen Engel erwarten, dass es ihm Spaß machen würde, sich alle Knochen zu brechen. Vorsichtig kroch ich wie ein verletztes Tier in die

Richtung, in der ich einen Fels vermutete. Das Gestein war alt und wies bereits unzählige Risse auf, wie ich bemerkte, als meine Finger über etwas wie Hartes die fuhren. Zähne Gelegentlich Schlange

tropfte

Wasser

von

dem

einer

aussenden Zapfen. Die Geräusche hallten als Geister durch die Höhle, wurden immer lauter und verstummten plötzlich. Tief ein und ausatmend kauerte ich mich an einem Felsen nieder, zog die Knie näher zu Körper heran. Den Kopf legte ich den Nacken. Im Mondlicht tanzen die Schatten. Monster,
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Bestien, mit gefräßigen Mäulern und Klauen, die mich zu packen versuchen. Augen, riesige, gelbe Augen, starren mich aus der Dunkelheit heraus an. Zerrissene, abstehende Ohren horchen dem Schlagen meines Herzens in der Brust, meinen leisen Atemstößen. Rose Elefanten, die aus Knochen zusammen gefädelte Röcke um ihre Hüften tragen, marschieren vor. In ihrer Mitte führen sie einen riesigen, ebenfalls aus Knochen erbauten Käfig, der auf den ersten Blick leer erscheint. Bei genauerem Hinschauen lässt sich jedoch ein ängstliches Küken ausmachen, welches versucht, sich in einer Nichte

verbergen. Flammen züngeln die drückende Luft. Ein tiefes Trommeln zum Rhythmus einer grausamen, dunklen Melodie

erklingt von dem höchsten Turm herab. Das Tor zum Käfig öffnet sich ächzend. Das piepsen, langsam und Küken in seinem Innern beginnt zu verängstigt. Ein Schnabel, noch

blutgetränkt von dem letzten Opfer, drängt das kleine Tier zurück. Es piepst. Es piepst, es piepst. Dann wird es

plötzlich totenstill. Das Trommeln erstirbt, ebenso wie der aufgekommene, tosende Sturm. Das Küken ist tot. Schweißgebadet riss ich die Augen auf, völlig

orientierungslos. Wo war ich? Mein Nacken war steif, der restliche Teil meines Körpers schmerzte ebenfalls. Bei jeder Bewegung rieselte Sand von meinen verklebten Haaren herab, sodass ich unwillkürlich husten musste. Wo war ich? Rotviolettes Licht überflutete die Höhle. Der muntere Gesang der Vögel irgendwo hoch über mir in einer Baumkrone begrüßte die Sonne, die langsam gegen die Nacht ankämpfte. Bald würde sie unsere Haut verbrennen, bald würde sie ihre Strahlen wie Pfeile auf uns herab schießen. Und sie würde lachen, immer zu lachen. Wie jeden Tag. Doch mich beschlich
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das unbestimmte Gefühl, dass heute nichts wie jeden Tag war. Mein Zwillingsbruder in der Wasserlärche schien mich warnen zu wollen. Eine Falle, formten seine rauen Lippen, eine Falle. Sekunden zweifelte ich daran, ob es tatsächlich ein Fehler war, hierher zu kommen. Auch Mathieu hatte sich

dagegen gewehrt. Warum? Schließlich war es dieser Weg, den mein Vater mir gezeigte hatte. Ein Weg, dem ich vertraute. Dennoch ein wenig zögernd zog ich mich an dem Gestein hoch, wobei ich meinen Blick durch die kleine Höhle schweifen ließ. Wurzeln durchbrachen zum Teil die Felsen und

verankerten sich auf seltsamste Weise ineinander. Durch die morgendliche Hitze wurde die Luft unter der Erde mit jeder Minute drückender. Neue Schweißperlen bildeten sich auf

meiner Stirn. Vorsichtig machte ich einen Schritt auf das Loch zu, das linke Bein ein wenig hinterher ziehend. Die bloßen Füße versanken im Sand, als mich plötzlich etwas Scharfes ins Fleisch schnitt. Fluchend sprang ich zur Seite. Warum musste so etwas immer nur mir passieren? Zum Glück war die Wunde nicht tief, wie ich beim Hochheben des Beines erleichtert unterdrückt. bemerkte. Trotzdem Der Staub ich hatte an das der Bluten Stelle sofort nieder,

kniete

begann im Sand zu wühlen, bis eine silberne Haarspange zum Vorschein kam. Hastig wusch ich sie an meinem T-Shirt ab. Sie mochte noch nicht lange hier liegen, anderenfalls wäre ihre Farbe verblasst. Abständen Auch in Form die von Diamanten, perfekten, die in

regelmäßigen

runden,

gleichgroßen Kreisen auf der Oberfläche angebracht worden waren, funkelten noch im Sonnenlicht. Ein langes,

dunkelbraunes Haar wehte sacht im Wind. Es musste sich wohl verfangen haben, als seine Besitzerin
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die

Spange

hier

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verloren hatte. Nur wem gehörte sie? Kaum jemand mochte so viel Geld haben, ich was es einfach bereits machte, mit das Mädchen zu

finden.

Denn

hatte

meinem

Gewissen

vereinbart, den Versuch zu starten, der jungen Frau ihr Eigentum Danken zurückzubringen. einen Hinweis des Vielleicht darauf fand, könnte sie wo mir ich selbst zum die dort

geben, oder

Orangenplantage

Briten

mich

hinführen. Vorausgesetzt, ich schaffte es jemals zurück ans Tageslicht. Die Decke mochte nicht hoch sein, doch hoch genug, um mich hier festzuhalten. Schnell musste ich

einsehen, dass es ohne Hilfe beinahe unmöglich war, herauf zu klettern. Zwar boten die rissigen Steine mir eine Art Leiter, aber die Gefahr, dass Stücke heraus brachen, war groß. Seufzend ließ ich die Haarspange in meine Hosentasche

gleiten und formte mit den Händen einen Trichter vor den Mund. Mir würde nichts anderes übrigen bleiben, als Mathieu zu rufen, der sich irgendwo dort oben belustigt über meine Dummheit im Farn wälzte. Doch merkwürdigerweise setzte eine unheimliche Stille ein. Die Vögel waren verstummt. Lediglich mein Schrei hallte durch den Wald. „Mathieu!“ Dies hätte mir zu denken geben müssen. „Mensch, Mathieu! Das ist nicht witzig!“, stöhnte ich, wobei ich wütend über mich selbst auf den Boden stampfte. Plötzlich regte sich etwas, bedrohlich, zaghaft. Sekunden später glitt ein grob, geknotetes Seil zu mir herunter. Gott, warum hast du mich nicht gewarnt, vor diesem Fehler, den ich nun beging? Warum hast du einfach zu gesehen? Konntest du nicht ein einziges Mal, einen Kampf ehrlich gewinnen? Im Himmel, dort oben bei dir und deinen Engeln, dort ist alles weiß, hässlich weiß. Ein sanftes,
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watteweiches Weiß für Unschuld in der tiefsten, verdammten Schuld. Weiß, ich hasse weiß. „Mathieu?“ Ein Räuspern. Ich stutzte. Unbehagen stieg in mir hoch. Merkwürdig, dass er nicht lachte oder meine

unangenehme Situation kommentierte, wie es sonst seine Art war. Achselzuckend umfassten meine Hände das Seil. Wie dem auch sei. Mathieu mochte sicherlich böse sein, dass er die ganze Nacht über alleine hatte arbeiten müssen. Dennoch

spürte ich die Gefahr. Sie war da, auch wenn ich sie aus meinem Kopf zu verdrängen versuchte. Kurz schloss ich die Augen, atmete tief durch. Über mir rauschten die Blätter im Wind und vertrieben damit die tödliche Stille. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich mich nicht ewig in diesem Loch verstecken konnte, egal was passierte. Der Atem des

Urwaldes, nass, unberührt, kalt, stellte die hellen Härchen auf meinen Armen auf. Ein erneutes Räuspern, diesmal etwas lauter, beinahe nachdrücklich. Unsicher zog ich mich an dem Seil hoch, wobei ich mich stark zügeln musste, nicht nach unten zu schauen. Andernfalls hätte ich sicherlich

losgelassen und wäre zurück in die Tiefe geglitten. Nur noch drei Meter, zwei, vielleicht auch weniger. Ein Bein löste sich aus der Kletterstellung, baumelte für Sekunden frei in der Luft. Losgescharrte Erde rieselte zu Boden. Mit

zusammengebissenen Zähnen kämpfte ich meine Panik nieder. Tim, du fällst nicht, beruhigte ich immer wieder meine wild durcheinander wirbelnden Gedanken. Es half mir, nicht völlig den dich Verstand nur ein zu verlieren. Wahrscheinlich um dich wollte einen Mathieu Feigling

wenig

erschrecken,

nennen zu können.

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Blinzelnd ließ ich den Blick umherschweifen, als mein Kopf die Höhle hinter sich gelassen hatte. Etwas Warmes rann mir über die Rücken und auch ohne nachzusehen, wusste ich, dass es Blut war. Dunkelrotes Blut. Entsetzt betrachtete ich, wie aus den zu Beginn kleinen Bächen riesige Flüsse wurden. Doch seltsamerweise spürte ich keinen Schmerz, eigentlich

überhaupt nichts. Ein Ast zerbrach. Hastig ließ ich den Kopf herumschnellen und erkannte im selben Augenblick die nackte Wahrheit. Das Blut gehörte einem Papagei, dessen Kopf man mit einem Messer grob von dem bunten Federgewand abgetrennt hatte. Es musste sehr schnell zu Ende vorüber gewesen sein. Kurz und schmerzlos, sodass sich das Tier nicht einmal hatte dagegen zur Wehr setzen könnten. Der Brechreiz kitzelte in meinem Hals. Der Magen wollte sich mir umdrehen. Plötzlich wurde ich unsanft an dem Kragen meines T-Shirts

hochgerissen. Ich schrie, versuchte mich loszureißen. Nein, ich bin kein Papagei! Doch eiserne Hände zerrten mich wie einen Sack über das Farnmeer in Richtung der Lichtung. Nein, nein, nein…! Verzweifelt trat ich um mich. Augenblicklich hielt der Mann inne, drückte mich grob mit dem Rücken gegen einen Baum. Ein Ast bohrte sich zwischen meine Schulterblätter. Ich war zu schwach, um davonzulaufen. „Wir wollen dir nichts tun.“, erwiderte der Dunkelhäutige ruhig, aber sein Unterton klang warnend durch eine Art

Maske, wie sie oft die Einbrecher trugen, um nicht erkannt zu werden. Irgendwie fand ich die Kraft, den Kopf zu schütteln „Sie haben einen Vogel getötet. Hätten Sie ihm nichts getan, hätte ich Ihnen vielleicht geglaubt.“
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Verwundert

fuhr

der

Gorilla

herum

und

stieß

mir

den

Ellenbogen in den Magen. Ich zuckte, dann sank ich zusammen. Der Schlag hatte mir alle Luft aus den Lungen getrieben. Tränen traten in meine Augen. „Das hättest du nicht tun sollen.“ Die Mahnung des Mannes erklang dumpf in meinen Gedanken. Idiot, Tim, warum widersetzt du dich? Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, den Helden zu spielen. Japsend stemmte ich mich hoch. „Sie haben einen Vogel getötet…“, bekräftigte ich noch einmal. Ich schluckte. Tim, warum hältst du nicht einfach deinen Mund? Im Winkel meines Blickfeldes bemerkte ich ein weiteres Paar schwarzer Stiefel. Sekunden später wurde ich vom Baum weggerissen und gegen eine Wurzel geschleudert. Ich taumelte zurück, schwankte wie ein tödliches getroffenes Tier. Noch im Fall suchte ich instinktiv nach Halt. Ohne Erfolg. Der dumpfe Aufschlag zuckte durch meinen Körper. Der Geschmack von Blut füllte meinen Mund. Zu meinem Entsetzten wurde mir bewusst, dass keiner die Gorillas Mitleid mit mir hatten, nur weil ich ein neunjähriger, hellhäutiger Junge war. Kurz blieben meine Gedanken an Mathieu hängen. Ob sie ihn

erwischt haben? Oder konnte er fliehen, fand jedoch nicht mehr die Zeit, mich zu warnen. Ich schüttelte den Kopf. Konzentrier dich, Tim. Du hast nur noch eine Chance. Benutze deinen Verstand. Dafür hat dir Gott einen gegeben. Denk daran, wie du Mathieu hättest besiegen können. Tränen rannen über mein schmutziges Gesicht. Zögernd hob ich die Hände, um den Männern zu signalisieren, dass ich
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aufgab.

Durch

meine

leicht

zusammengekniffenen

Augen

bemerkte ich das fiese Grinsen auf ihren Lippen, als sie sich, die Hände immer noch zu Fäusten geballt, näher an ihr Opfer heran pirschten. Drei,… Zwei,… Eins,… Im letzten

Moment warf ich mich zur Seite, trat ich mit aller Kraft einem der Männer Schrei die hallte Beine durch weg. den Ein erstickender, Sand wurde

irritierter

Urwald.

aufgewirbelt. Ohne zu zögern, kam ich auf die Beine und rannte. Ich wusste, mir würden nur Sekunden bleiben, doch ich war orientierungslos, geradezu blind. Mein Herz hämmerte in der Brust. Die linke Seite begann zu stechen. Doch ich rannte einfach. Immer weiter, weiter, davon überzeugt, dass meine Jäger längst die Verfolgung aufgenommen hatten. Wie ich nach einem Blick über die Schulter erleichtert

feststellte, schien dem jedoch seltsamerweise nicht so zu sein. Wasser spritzte an meine Beine. Im Wald war es ruhig. Unheimlich ruhig. Zu ruhig. Plötzlich stieß ich gegen etwas Hartes. Entgeistert sah ich auf - in das Narben übersäte Gesicht eines dunkelhäutigen Mannes. Wütend runzelte er die Stirn. Seine dunklen Augen zuckten verärgert. Ohne dass ich reagieren konnte, schlangen sich seine dreckigen Hände um meinen Hals. Ich keuchte, rang nach Luft. Verzweifelt

kämpfte ich dagegen an, nicht das Bewusstsein zu verlieren. Erfolglos. Mir wurde schwarz vor Augen und hätte der Gorilla mich nicht gestützt, wäre ich vorne über gefallen. Nein…!

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4. Kapitel
Das Haus aus weißem Backstein, mit seinen schmalen, hohen Fenstern und den verzierten Säulen, die sich wie Wächter an der Tür erhoben, lag etwas abseits der Stadt. In der Mitte einer riesigen, künstlichgrünen Rasenanlage erstreckte sich ein gigantischer Swimmingpool. Die Sonnenstrahlen schienen in das glitzernde Wasser ein, aber nie mehr auftauchen zu wollen. Hinter den getönten Fensterscheiben des

Wintergartens saß ein Mann, die Beine lässig übereinander geschlagen, auf einem Klavierstuhl und beobachtete zufrieden ein zehnjähriges Mädchen, welches im Marmorbecken seine

Bahnen zog. Die Art, wie er rhythmisch mit dem rechten Fuß auf den steinernen Fußboden klopfte, dabei den Rücken so unmenschlich gerade, als würde dieser von einem unsichtbaren Brett Augen, gehalten, die von war der seltsam beunruhigend. Brille Seine dunklen wurden,

modischen

vergrößert

hatten für mich nur einen kurzen Blick übrig gehabt. Doch ich spürte auch jetzt, dass sie versuchten, mich

einzuschätzen. Das junge Mädchen zog sich am Beckenrand hoch und

schüttelte elegant das nasse, dunkelbraune Haar. Glasklare Wassertropfen perlten von ihrer gebräunten Haut.

Kopfschüttelnd sah sie sich nach allen Seiten um, als merkte sie, dass man sie heimlich beobachtete. Plötzlich wandte sich der Mann ruckartig ab und stolzierte mit den geschmeidigen Schritten eines Seiltänzers auf mich zu. Ich wollte den Kopf senken, um Hilfe rufen, doch das Klebeband auf meinem Mund unterdrückte jeden meiner Schreie. Im selben Moment kam ich mir lächerlich vor. Dieses Haus
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hätte

aus

einem

Bilderbuch Einzige,

stammen was

können, war,

erfunden waren

und

absolut

kalt.

Das

real

meine

Schmerzen. Benommen von den Schlägen der Gorillas, die mich außer Gefecht gesetzt haben mussten, versuchte ich mit dem Zeigefinger über zu die merklich angeschwollene, wie ich linke

Gesichtshälfte

streichen.

Doch,

entsetzt

bemerkte, waren meine Arme auf seltsamste Weise nach hinten verdreht. Bei dem Versuch, mich zu fesseln, hatten sie mir vermutlich sämtliche Knochen gebrochen. Langsam fuhr ich mit der Zunge über die Zähne, um zu prüfen, ob welche fehlten. Hoch über meinem Kopf blies unaufhörlich eine Klimaanlage. Die Wanduhr schlug. Einmal. Zweimal. Dreimal. Mein Blick fiel auf die schwarzen, polierten Schuhe und wanderte dann nach oben. Kurze, Hand dunkle Hose, ein Hemd. An der weißen, kurz

knochigen

glitzerte

goldener

Ring.

Das

geschorene, leicht gräuliche Haar glänzte im matten Licht. Der Mann war nicht sonderlich groß, dennoch strahlte er eine gewisse Stärke und Überlegenheit aus, mit der er mich jetzt wie ein hilfloses Insekt unter dem Mikroskop musterte. Dabei lag weniger Wärme in seinem Blick als in dem eines Hais. „Du hast großes Glück gehabt, dass meine Wächter dich nicht in tausend Stücke zerrissen haben.“, fing er hüstelnd an. Er sprach Englisch, eine der drei Sprachen, die ich beherrschte. „Ich weiß nicht, wer du bist und was du dort draußen zu suchen hattest. Es interessiert mich auch wenig. Namen haben für mich keine Bedeutung. Viel mehr möchte ich von dir wissen, ob du alleine gewesen bist.“ Ruckartig riss er das Klebeband von meinem Mund. „Ja.“, erwiderte ich unbeirrt und bemerkte im selben

Augenblick, dass ich gelogen hatte. Mathieu war bei mir
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gewesen, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als die Gorillas mich zu Boden warfen. Aber was war dann passiert? Hatten sie auch ihn geschnappt und hierher gebracht in dieses Gefängnis aus Gold und Silber? „Du weißt genau, dass es nicht wahr ist, verdammt noch mal. Bei dir war ein dunkelhäutiger Junge.“, brüllte der Mann und schlug wütend mit der Hand auf den Tisch. „Warum fragen Sie dann, wenn Sie es schon wissen?“ Er zuckte mit den Schultern, als habe ich eine berechtigte Frage gestellt. „Na schön. Vielleicht haben wir falsch angefangen. Ich bin Maurice Anthony Scott, Sir Maurice Scott. Was du hier

siehst, ist mein Haus. Aber, verstehe, hier draußen in der Wüste treiben viele böse Menschen ihr Unwesen. Deshalb lasse ich mein Anwesen stark bewachen und alles und jeden, der mich angreifen könnte, gefangen nehmen. Dein Freund und du, ihr beide, seid hierherum gestreunt, also habe ich annehmen müssen, ihr wollet klauen.“ Seine Stimme verirrt keine

Gefühlsregung. Sie war absolut kalt. Unauffällig noch am beobachtete ich das Mädchen, welches ins immer Wasser

Beckenrand

stand

und

nachdenklich

starrte. Ihre Augen waren von einer Sonnenbrille bedeckt, die ihr kindliches Gesicht ernst wirken ließ. Der blaue Bikini rundete ihre hübsche Figur ab. Sie hätte genauso gut Model einer Werbezeitschrift für Sportartikel sein können. Kindlich, aber nicht zu kitschig. Keine Pferdchen, keine rosa oder pinken Barbiepuppen. In gewisser Hinsicht ähnelte sie Kay. Jedenfalls vom Äußerlichen. „Das ist meine Tochter Tess.“, erwiderte Sir Scott, der meinem Blick gefolgt war, ein wenig freundlicher.
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Ich nickte knapp. Irgendwie beschlich mich das Gefühl, dass der Mann mein Vertrauen gewinnen wollte, um so an die nötigen Informationen zu gelangen. In mancher Hinsicht

verhielt er sich dabei wie ein Lehrer, der den Namen des zweiten Straftäters herauszufinden versuchte, der sein Auto mit Klopapier umwickelt, Wasser auf den Stuhl geschüttet oder gegen die allgemeine Schulordnung verstoßen hatte. Innerlich musste ich grinsen. Tut mir Leid, Sir, ich habe Sie durchschaut. Sie sind nicht der Zauber oder

Weihnachtsmann, sondern bloß eine gute Fälschung. Ich habe unter Ihrer Maske Ihr wahres, fieses Gesicht gesehen und Ihr Lachen gehört. Dieses schreckliche, gemeine Lachen, das

alles verklingen lässt, was Ihnen missfällt. „Sie möchte sicher wissen, wer du bist, wenn sie dich sieht.“ Ich nickte. „Dann kann ich es ihr ja selber sagen. Und auch, dass Sie mich gegen meinen Willen hierher gebracht haben.“, entgegnete ich, ein wenig verwundert über meine plötzliche Schlagfertigkeit. Auch der Mann zögerte für einen Augenblick, schien jedoch unbeeindruckt. „Ihr wolltet klauen, so ist es doch, oder?“ „Nein. Ich bin rein zufällig hier vorbei gekommen.“ „Ich mag Zufälle nicht.“, entgegnete Maurice Scott, den Klavierstuhl heranziehend und an einem milchig aussehenden Cocktail nippend, der ihm auf einem silbernen Tablett

serviert worden war. „Es gibt viele Menschen, die versuchen sich gegen etwas zu wehren, was nicht abzuwehren ist. Nie. Die meisten von ihnen liegen jetzt etwa zwei bis drei Meter unter der Erde. Ich denke, dass du dich nicht zu ihnen
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gesellen möchtest. Maden und Käfer werden deinen kleinen Körper von innen heraus zersetzen wie ein totes Stück

Fleisch beim Metzger. Genussvoll bohren sich ihre gierigen Mäuler zuerst in deinen Hals und wandern dann tiefer in Magen, Leber und Darm. Und zum Schluss sezieren sie dein Herz. Dabei werden sie nichts von dir übrig lassen, fürchte ich.“ „Sie sind ja…“ Ruckartig ließ der Mann das halbausgeleerte, mit

glitzernden Steinen verzierte Glas auf den Tisch stoßen. Es klirrte kurz, schwankte, dann stand es still. „Was bin ich? Geistergestört? Nun, wenn es so wäre, verrate mir, warum alle guten Menschen immer so früh sterben? Richtig, weil sie dumm sind und sich für Dinge einsetzen, die sie nicht den Dreck angehen. Du deckst deinen Freund, das ist mutig von dir. Aber ich würde überlegen, ob er dasselbe für dich tun würde.“, entfuhr es ihm. „Ja.“, erwiderte ich unbeirrt. „Du bist noch jung. Wie meine Tochter. Sag mir einfach die Wahrheit und ich werde dafür sorgen, dass meine Männer dich und deinen Freund verschonen. Aber, bitte, versuche nicht, mich anzulügen.“ „Okay . Ich heiße Tim… Tim River.“ „Tim River?“ Für einen Augenblick hatte ich das Gefühl, als überraschte es den Mann, meinen Namen zu hören. Sein Blick glitt in weite Ferne, jedenfalls erweckte es den

Anschein, als wäre es so. Dann fasste er sich jedoch ebenso schnell wieder: „Kannst ja doch sprechen, wie? Siehst du, es ist gar nicht so schwer. Also, kommen wir zur nächsten

Frage: Warum bist du hier?“
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„Weil ich Ihren beschissenen Gorillas in die Arme gerannt bin. Verzeihung, war nicht beabsichtigt.“ „Halte mich nicht zum Narren, Junge.“ „Tu ich nicht, Sir.“ Jetzt da er bereits meinen Namen kannte, wusste ich, dass ich nur eine Chance hatte, wenn sie auch noch so klein war. Ich musste den Mann reizen, mit ihm Katz-und-Maus-Spielen. Dann würde er Fehler machen. Hoffte ich jedenfalls. „Tim…“ Seine Stimme zitterte vor Wut. Für Sekunden hatte ich das Gefühl, er wolle mich schlagen. Doch überraschender Weise hielt er inne, die Hand zur Faust geballt. Meine Situation erinnerte mich düster an einen schlecht inszenierten James Bond-Film, in dem ich fälschlicherweise die Hauptrolle des gekidnappten Spions zu spielen hatte. Nur kannte ich weder das Drehbuch, noch besaß ich irgendwelche Waffen, mit denen ich mich verteidigen konnte. Explodierende Schnürsenkel, eine Sonnenbrille, in der zwei blitzartige

Geschosse versteckt waren - Fehlanzeige. Gerade als ich im Begriff war, mir ein neues Argument zurechtzulegen, war ein Summen vernehmbar. Sekunden später heulte ein starker Motor auf. „Wenn das nicht mal dein Freund ist, Tim.“ Maurice Scott jauchzte wie ein kleines Kind kurz vor der Bescherung. Sein Zorn war mit einem Mal verflogen. Bitte, lass es nicht Mathieu sein… Mit mir konnte dieses Monster machen, was es wollte, aber nicht mit meinen

Freunden. Ein Glück, dass Kay

wenigstens in Sicherheit war.

Maurice Scott, wieder mit einer Hand nach seinem Glas langend, erhob sich, den Rücken gerade, die Nase gerümpft, von seinem Stuhl. In gewisser Hinsicht ähnelte er einem
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meiner Zinnsoldaten, die ihren Führer begrüßten. Links zwo, drei, rechts, zwo drei. Waffen anlegen, Marschieren… Ein Schrei hallte über den Flur, den ich nur zu gut

kannte. Mathieu! Sein Gesicht war blutverschmiert, die Beine zu schwach, um ihn zu tragen. Seine Begleiter mussten ihn widerwillig stützen, was sie mit wenig Zartgefühl taten. Erneut heule mein Freund vor Schmerz auf. „Mathieu!“ Der Junge sah auf, lächelte zaghaft, als bemerke er erst jetzt, dass noch jemand da war. Ein feuchtes Glitzern im Augenwinkel. „Mein lieber Tim.“, kicherte Maurice Scott freudig. Nur schwer konnte ich den Blick von meinem Freund

abwenden. „Sie…!“ Weiter kam ich nicht, denn ich sah es in den dunklen Augen des Mannes. Ich sah es, wissend, dass wir verloren hatten, während sich hinter uns leise eine zweite Türe öffnete. Im selben Augenblick packten mich zwei

beharrte Hände und rissen mich brutal vom Boden hoch. Ich schrie, versuchte mich verzweifelt loszureißen. Im

Augenwinkel bemerkte ich den Stofffetzen, der sich langsam über meinen geöffneten Mund legte, und das Klicken. Dieses freche Klicken der Handschellen… Nein! Blitzartig ließ ich den Kopf herumschnellen, wobei ich den Wächter am Kinnhacken traf. Taumelnd stolperte er zurück, sodass ich für einige Sekunden frei war. Doch was nun? Maurice Scott lächelte gekünstelt und beobachtete den Kampf wie ein Zuschauer im Kino. Nur das klebrige Popcorn zwischen Ihren hässlich,

weißen Zähnen fehlt! Im Winkel meines Blickfeldes bemerkte ich, dass auch Mathieu sich zu wehren versuchte, als ein

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Schlag seine Zähne aufeinander presste. Seine Lider falteten kurz, dann brach er zusammen. Nein! Mit letzter Kraft schlug ich um mich, doch ich

spürte, dass mir etwas ins Fleisch schnitt. Die Wächter führten uns aus dem Wintergarten heraus in einen Raum, der ebenso schwarz war wie die Seele des Mannes, der uns hier einschloss. Meine Angst nahm zu, je mehr Zeit ich in diesem Würfel ohne Licht verbrachte. Wasser rann über die rauen Wände des ehemaligen

Weinkellers. Nachdem die Eisentür hinter uns zugefallen war, hatte ich den längsten Fluch meines Lebens ausgestoßen. Es half mir, nicht völlig den Verstand zu verlieren, den ich brauchte, um diese ausweglose Situation zu meistern. Mathieu hatten sie auf ein Gestell gelegt, das wohl ein Bett sein mochte. Schlaf Der Schlag musste Ich ihn in einen nur hundertjährigen hoffen, ich dass er

versetzt

haben. als

konnte

schneller

erwachte

Dornröschen,

denn

brauchte

dringend jemanden, mit dem ich reden konnte. Und zwar bevor die Gorillas zurückkämen! Wenn sie uns denn irgendwann aus diesem dreckigen Loch herauszogen, um uns zurück in die Flammen gespickten Hände des Teufels zu spielen. Unruhig drehte ich mich im Kreis, bis mir schwindelig wurde. Gott, wenn es dich wirklich gibt, nicht nur als Kreuz oder in irgendwelchen Gemälden, weißt du, dass ich gegen viele

Gebote verstoßen habe oder es noch tun werde. Aber dann weißt du auch, dass du es ebenso getan hast, indem zuließt, dass Menschen gegen deine Gesetze verstießen. Das Leben ist ein Traum, vor dem wir uns nicht verstecken sollten, wir beide. Du magst vielleicht mächtiger sein, kannst über uns
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genauso entscheiden, wie ich über meine Spielzeugautos. Aber ist Macht gleich Macht? Ich mag vielleicht einer deiner Gegner sein, weil ich dich herausgefordert habe. Ich habe gelogen, habe Fehler gemacht. Doch was ist mit Mathieu? Er kann nichts dafür und trotzdem lässt du es zu, dass dieses Schwein von Sir ihn schlägt. Mich kannst du in die Hölle schicken oder sonst wohin. Es ist mir egal. Aber bitte, gib ihm eine Chance… Auf der anderen Seite der Tür wurde ein Schlüssel

herumgedreht. Sekundenspäter blinzelte ich in das grelle, weißliche Licht einer Taschenlampe. Benommen stand ich auf, Mathieus Hand festhaltend. Dabei konnte ich mein Herz hören, wie es schnell und aufgeregt pochte. Stille. Das Bild

verschwamm, wurde hinter einem wässrigen Vorhang verfälscht. Nicht weinen, dachte ich und tat es doch. Leise in mich hinein. „Sir Scott möchte dich sprechen.“ Die harte Stimme des Mannes wurde zu einem Flüstern. Beruhigend streichelten

meine Finger über die Hand meines Freundes. Ich wollte sie für immer festhalten. Schon so oft hatte ich loslassen

müssen. Mama, Papa, Kay… Nein, denk nicht an sie, Tim. Du musst aufhören, in der Vergangenheit zu leben, wenn du in der Zukunft eine Chance haben willst. Ich schüttelte den Kopf. Schweißperlen rannen über meine Stirn. Wenn ich mit dem Wächter fort ginge, wäre ich wieder alleine. Bliebe ich hier, widersetzte ich mich dem Mann erneut und würde somit weitere Schläge kassieren. Für uns beide. Wahllos ließ ich meine Hand, Finger für Finger, aus der heißen meines Freunds gleiten. Pass auf dich auf, Kumpel, flüsterte ich so leise, dass der Wächter es nicht hören konnte…
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Zum allerersten Mal konnte ich wirklich behaupten, einem unheimlichen, kaltenherzigen Menschen begegnet zu sein.

Maurice Scott hockte aufrecht in seinem gepolsterten Sessel und starrte unentwegt welches durch das riesige als Fenster seines

Arbeitszimmers,

zugleich

Schlafgelegenheit

genutzt werden konnte. Seit meinem Eintreten hatte er noch kein einziges Wort gesprochen und auch jetzt drehte er mir den Rücken zu. Neugierig sah ich mich um, unwissend, ob man von mir Antwort auf eine unausgesprochene Frage erwartete. Ein elegantes Himmelbett mit teuer aussehender Bettwäsche, die perfekt glatt gestrichen war. Überhaupt schien alles in diesem Angst Raum oder übertrieben. sie waren Entweder einem hatten die Staubkörner Fänger

von

besonders

guten

davongejagt worden, denn nicht ein einziges ließ sich auf den Möbelstücken blicken. Ordnung, nichts zum Festhalten. Nur auf dem gewaltigen Schreibtisch, an dem eine Schublade herausgezogen verschiedensten worden Stifte, war, deren herrschte Farben nicht Chaos. einmal Die ein

Künstler Namen zu ordnen konnte, waren über die gesamte Länge der Tischoberfläche verstreut. Mitternachtsblau,

Tannengrün nur einen Hauch heller… Über dem schreiende Pink auf dem Parkettboden lag ein zerbrochener, kleiner

Bilderrahmen. Die herrlich, frisch duftende Obstschale wurde von einem Papierberg bedeckt. „Setz dich oder willst du da Wurzeln schlagen?“, bot der Mann ruhig an, doch sein eisiger Unterton klang warnend. Ich schluckte, zog dann dennoch einen Stuhl heran. Mit Schwung wandte sich Maurice Scott mir unerwartet zu. Sein schmales Gesicht war ausdruckslos und wenn, so zeigte es nur Gleichgültigkeit und Verachtung.
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In dem teuren, dunklen Morgenmantel, den er jetzt trug, wirkte er wie ein Priester. "Ein Priester des Teufels", dachte ich unwillkürlich. Oder wie ein Schlachter, der

darauf wartete, dem Vieh den letztes Atemzug zu nehmen. Ich wusste, wie sich die Tiere gefühlt haben mussten, denn ich war dabei, als viele von ihnen ermordet wurden. Papa hat mich zu diesem Hof mitgenommen, damit ich härter werde. So hat er es jedenfalls behauptet. Stattdessen habe ich ab dem Tag kein Stück Fleisch mehr angerührt. Bin immer dünner

geworden. Schrieb sogar Plänen nieder, wie ich die Schweine und Hühner vor diesen Schändern befreien wollte. Doch kurz vor dem Sieg zogen meine damaligen Freunde den Schwanz ein, ließen während mich sie im Stichen, machten mich sogar vor lächerlich, Fett, bei

ihren

Hamburger,

triefend

McDonalds verschlangen. Allein der Anblick ... Ekelig. Ich hatte keine Ahnung, warum mir ausgerechnet jetzt diese Niederlage einfiel. Vielleicht weil ich nun eines der

tausend Hühner war, dessen Kopf man vom Körper trennen und dann zur Belustigung im Kreis laufen lassen würde, bis die letzten Zuckungen endlich erstarben. Oder ein Schwein, ein rosafarbenes, kleines Schweinchen, das schon kurz nach der Geburt als festlich verzierter Braten im Backofen schmoren musste. „Du wunderst dich sicher, warum ich dich nicht geschlagen habe.“ „Weil Sie sich nicht ihre Hände dreckig machen wollen? Wie überaus nett von ihnen.“, erwiderte ich schnell und wandte ruckartig den Kopf herum, weil mir mein Instinkt verriet, dass ich beobachtet wurde und dies nicht nur von Sir Maurice Scott. Mein Blick begegnete dem eines Jungen, der dasselbe
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dreckige,

alte

T-Shirt

mit

dem

Surfer

trug,

dazu

die

fransige Jeans. Seine verschiedenfarbigen Augen, grün und braun, waren zusammengekniffen. Die leicht geöffneten

Lippen, von denen noch Momente zuvor Worten auf ihren Weg geschickt worden waren, waren nun leer. Blut tropfte in unregelmäßigen Abständen aus einer kleinen Schnittwunde an der Wange. Mein Zwillingsbruder, zweifellos. Du bist kein Huhn und auch kein Schwein, Tim! Du bist ein Menschen und vielleicht… vielleicht bleibt dir deswegen so ein Schicksal erspart, wenn du aufhörst zu trauern und endlich anfängst zu denken. Ich lächelte ihm dankbar zu, denn er verstand mich besser als irgendjemand anderes. Der Junge war einfach

überall, verfolgte mich, amte meine Gangart nach und hörte mir zu, wo immer ich auch sein mochte. Nur ihn selbst sah ich nie, weil er in einer ganz anderen Welt lebte als ich. „Du bist anders, als die meisten Kinder, die für mich arbeiten…“ Widerwillig drehte ich dem einzigen Vertrauten in diesem Raum den Rücken zu, nur um feststellen zu müssen, dass die dunklen Augen mein Gesicht so eingehend studierten, als

wollen sie davon ein Porträt im Gitternetz zeichnen. „Für Sie will jemand arbeiten?“, fuhr ich ungehalten

dazwischen, um von mir selbst abzulenken, als mir die Worte eines alten Kellners einfielen, der mich, nachdem ich meine Cola über das weiße Kleid einer reichen Dame verschüttet hatte, anwies, sich stets höflich zu entschuldigen: „Ich meine, es ist nett hier. Der riesige Swimmingpool, alles sauber und so. Sicherlich ist es eine Ehre für Sie zu

arbeiten und…“

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„Tim, Tim, Tim.“ Scotts Stimme hatte jetzt den Unterton eines kritisierenden Lehrers. „Sie haben keine andere Wahl, verstehst du. Nun, ich denke, du hast viele Frage. Leider bin ich nicht befugt, dir auf alles eine Antwort zu geben.“ „Warum nicht?“ „Warum? Warum?“, äffte er mich nach, „Darum. Und bitte unterbrich mich nicht oder ich werde gezwungen sein, dich zum Schweigen zu bringen.“ „Okay.“ Wie aufs Wort klopfte es an der Tür, erst leise, dann etwas fester und energischer. Ein kleiner, kahlköpfiger

Mann, in das alberne Kostüm eines Pinguins gesteckt, welches sich merklich über seinem ein Bauch bizarre spannte, trat ein und

vollführte

tatsächlich

Verbeugung

vor

seinem

Herren. Das Füße küssen haben Sie noch vergessen, hätte ich beinahe gemeint, doch glücklicherweise war mein Gehirn

schneller als meine Zunge. Der muskulöse Bodyguard streckte die öffnete Hand aus und ließ ein Stück Papier auf den Schreibtisch segeln. Erstaunt Scott hob ich die wandte Augenbrauen, den Fetzen

unverständlich.

Maurice

hingegen

prüfend im Licht der Lampe und allmählich dämmerte es mir, dass es sich dabei um eine Kalenderseite handelte. „Danke, Bruce. Sie dürfen gehen.“ Der dunkelhäutige Mann nickte, machte auf dem Absatz kehr. Doch scheinbar schien ihm noch etwas eingefallen zu sein, denn er wandte sich abermals um. „Was sollen wir mit dem Jungen machen, Sir?“, fragte er in gebrochenem Englisch. Ich vermutete, dass alle Menschen die Sprache ihres Meisters zu sprechen hatten.

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„In die Baracke. Er soll sich auskurieren, damit ich ihn morgen aufs Feld mitnehmen kann.“ Feld? Baracke? Was läuft hier eigentlich? Frischen wir einen längst überholten Westernfilm aus dem 18. Jahrhundert auf? Wenn der Mann mir nicht schon von der ersten Begegnung seltsam vorgekommen war, so änderte ich jetzt meine Meinung vollkommen. Seltsam… Dieser Typ war nicht seltsam,

ungewöhnlich, merkwürdig oder komisch. Er war… nun ja… was war er eigentlich? Verrückt? Scotts Miene aber Kay war auch gelangweilt, drohend, geschäftsmäßig kühl. die

Gleichzeitig Hyänen, die

raubtierhaft. haben

Sogar

angegriffen

hatten,

mehr

Gefühle

gezeigt. Kay… Erneut tauchte in meinen Erinnerungen dieser Stoff ihres Kleides auf… Nur das Gesicht… Ich habe ihr

Gesicht vergessen. Fieberhaft durchwühlte ich das Labyrinth meines Gehirnes. Das konnte doch nicht wahr sein! Die Mauern waren vermodert, sodass mit die Efeu rauen und anderen Schlingpflanzen kaum noch zum

bewachsen,

Steinwände

Vorschein kamen. Grau, grün, farblos. Hektisch rannte ich durch den Gang, ohne mich von der Stelle zu bewegen. Ich schrie ihren Namen und doch war es totenstill. Außer Atem, keuchend, blieb ich stehen, umfasste eine Liane, die sich über meinen Kopf in den schwarzen Himmel erhob. Einen

Himmel, ohne Sonne oder Sterne. Kay…! Verzweifelt zerrte ich an der Pflanze, aber je höher ich stieg, desto weiter fiel ich in die Dunkelheit herab. Irgendwo über mir, in naher Ferne, erklang Kehle. ein Lachen, gleichzeitig Antwort, ein Schrei aus

tiefster

Kay…?

Keine

Stille.

Kay…!

Entschlossen kletterte ich weiter, nicht aufgebend. Halte durch, Kay… Und du, wer immer du auch bist, lass die Finger
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von

ihr!

Da,

plötzlich,

ein

Fünkchen,

ein

Aufblitzen,

vielleicht nur für einen Augenblick. Dann schnitt jemand das Seil durch, unsere Verbindung, und ich fiel zurück in die Hände jenes Teufels, der sie gierig nach mir ausstreckte. Nein…! „Nein…!“, schrie ich und zog den erstaunten Blick des Mannes auf mich, der nun die Kalenderseite zurücklegte und mich aufmerksam betrachtete. „Alles in Ordnung, Junge? Jag mir doch nicht gleich so einen Schreck ein.“ Er reichte mir das Stück Papier über den Tisch. „Ist das deine Schrift? Oder die jemandes, den du kennst?“ Irritiert von der plötzlichen Frage und dieser hilflos ausgeliefert, nickte ich. „Ja. Mein Vater. So schreibt er. Das heißt, schrieb. Denn jetzt…“ Ich konnte nicht weiter sprechen und ich glaube, der Mann hat mich auch ohne

Erklärung verstanden. „Wer war dein Vater, Tim?“ „Marc River.“ „Seltsam. Mir gegenüber hat er nie einen Sohn erwähnt. Jedenfalls nicht, dass ich es wüsste. Doch es scheint so, als habe er gelogen. River musste wohl nicht sehr stolz auf dich gewesen sein. Verständlich. Wenn meine Kinder, meine Geschäfte belauschten und…“ „Hören Sie auf!“, brüllte ich aufgebracht dazwischen. Papa mochte in vielerlei Hinsicht nicht der Beste gewesen sein, doch er war immer noch mein Vater. Den Einzigen, den ich jemals haben würde. „Er ist tot, sagst du. Also ich es wahr.“ „Was ist wahr?“
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„Siehst du, vor vier Tagen ist die Übergabe in der Nähe eines Dorfes drastisch schief gelaufen.“ Maurice Scott

schlug mit geballter Faust auf den Tisch. Sein Gesicht war Wut verzerrt. „Zwei meiner Männer waren darin verwickelt. Der eine kehrte zurück, unversehrt, den anderen sah ich nie wieder. Dachte schon, er habe sich mit dem Geld aus dem Staub gemacht.“ „Übergabe? Wovon reden Sie überhaupt? Mein Vater war ein ehrlicher Forscher. Warum um alles in der Welt sollte er für jemanden wie Sie arbeiten?“ „Deshalb.“ Scott zog eine Schublade auf und warf mehrere durchsichtige Tütchen auf den Tisch. Ihr Inhalt war völlig identisch, beinahe so als hätte man sie exakt kopiert: Gras. Erstaunt hob ich die Augenbrauen Die meisten Neunjährigen hätten dieses ineinander verwickelte Kraut tatsächlich für Gras gehalten, doch ich wusste es besser. Marihuana und Haschisch, daneben die Pfeife. Der Kreis schien sich

allmählich zu schließen und lief nun hier zusammen. Papa, warum? Was ist so toll daran, so ein Zeug zu rauchen? Ist es wie Gummibärchen essen oder Schokolade? „Dein Vater war in der Tat Forscher… bevor wir uns kennen lernten. Doch Ehrlichkeit verleiht einem keinen Ruhm, eher schadet sie.“ Scott machte eine vornehme Atempause, um das gespritzte Gift wirken zu lassen. „Dies habe ich früh

begriffen. Wenn man immer allen alles gerecht macht, wer macht es dann einem selbst gerecht? Hast du darüber einmal nachgedacht? In deinem mickrigen Gehirn? Oder warum nur ein Teil nehmen, wenn man doch auch alles haben kann? Komm

schon, sieh mich nicht so an. Du weißt, dass es wahr ist.“ „Aber… warum?“
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„Dein Vater hatte immer Forscher sein wollen, berühmt und reich. Ich habe ihn damals, vor neun, zehn Jahren,

getroffen. Es ging um ein Projekt in Haiti, welches er aber schließlich ablehnen musste… und mir überließ. Einen Grund nannte er mir nicht, doch ich war ihm dankbar für diese Entscheidung und versprach, ihm in Zukunft zu helfen. Wir haben dann und wann miteinander sowie telefoniert Das und uns

ausgetauscht,

privat

geschäftlich.

Vertrauen

zwischen uns wurde trotz des großen Teiches, der zwischen uns lag, immer größer. Während mein Vermögen und Ansehen stieg, sank er auf den Grund der gegebenen Realität zurück. Der Grund dafür war der Tod seiner Frau. Nun hielte ihn nichts mehr hier, meinte er. Sogar über Selbstmord habe er schon nachgedacht. Glücklicherweise konnte ich ihn davon

abhalten und bat ihm an, nach Afrika zu ziehen, um mein Assistent zu werden.“ Unverständlich schüttelte ich den Kopf. „Warum Afrika?

Warum ausgerechnet hier? Und nicht Amerika?“ „Afrika ist - nun ja es gibt kein besseres Wort dafür vogelfrei. hindern. Nur wenig nicht Gesetz, der die einen an der Arbeit eine

Zwar

perfekte

Ausgangspunkt

für

Karriere, aber trotzdem. Sieh dir dieses Haus an! Sieh es dir genau an, Tim! So ein Haus wäre in Amerika oder Europa nicht bezahlbar.“ „Wenn Sie so viel Geld haben, warum hat mein Vater dann nie welches besessen?“, erwiderte ich. In meinen Gedanken tauchte die zur Hälfe gefüllte Geldkassette auf. Ein Schein war umgerechnet gerade einmal fünfzehn Cent wert. Ein

Kaugummi oder ein Lolli in Deutschland, hier ein Vermögen. Allmählich begann ich zu begreifen.
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„Er wollte es nicht. Nur Haschisch und Marihuana.“ „Warum?“ Maurice warum?“ „Ich will es wissen, Sir.“ „Dein Vater glaubte, die Drogen würden ihn vergessen Scott stöhnte genervt „Mensch, Junge. Warum,

lassen.“ Er hob abwehrend die Hände. „Sie schlecht haben es meinen ihm Vater und ausgenutzt! haben ihn Sie wusste, für… wie „,

ging

benutzt…

flüsterte ich fassungslos, fast kläglich. Mein Zweifeln, an dem, was der Mann behauptete, war verflogen. Widerwillig musste ich zugeben, dass er die Wahrheit sagte. In den

letzten Wochen hatte Papa für diesen… diesen… Ich spürte, wie mein Blick in tausende, winzige Splitter verschlagen wurde, die verrannen. Hörte am Ende des Tunnels die kalte Stimme des Mannes, der sich zu verteidigen versuchte: „Das ist aber nicht sehr nett, Tim. Ehrlich, ich bin doch kein schlechter Mensch. Ich habe ihm nur das gegeben, was er wollte.“ „Dann beweisen Sie es. Beweisen Sie mir, wer Sie wirklich sind. Lassen Sie Mathieu gehen. Er hat nichts damit zu tun.“ „Das geht leider nicht.“ „Was?“ Meine Hände verkrampften um das Glas Wasser,

welches mir der Mann aufgenötigt hatte. Die Knöchel traten weiß hervor. „Tut mir leid. Er hat sich in Dinge eingemischt, die ihn nicht den Dreck angehen. Dafür wird er ebenso wie du seinen Preis zahlen müssen.“ Maurice Scott lächelte entschuldigend, doch ich sah ihm an, dass ihm nie etwas leid tat.

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„Was wollen Sie tun? Uns quälen? Die Polizei wird bald hier sein und…“ „Das glaube ich kaum. Wie dem auch sei, ich denke, wir führen unser Gespräch zu einem anderen Zeitpunkt fort.

Sicherlich willst du das Haus kennen lernen.“ Ich stutzte. „Was?< „Hat mich gefreut, deine Bekanntschaft zu machen, Tim. Du hast mir wirklich sehr geholfen… Tess? Schatz!“ Eine Hand legte sich auf meine Schulter. Erschrocken fuhr ich zusammen. Es war dasselbe Mädchen, das eben seine Bahnen im Pool gezogen hatte. Nun stand sie plötzlich hinter mir, das noch feuchte Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihre Flip-Flops sanken in den weichen Teppichstoff. Den nassen Bikini musste sie anbehalten haben, denn ihr blaues T-Shirt wies dunkle Flecken auf. Die weiß lackierten Finger

verkrampften sich um ihre Sonnenbrille, die sie nun abnahm, um mir einen feindseligen Blick zu zuwerfen. „Ja, Dad?“ „Schatz, sei so lieb und zeig Tim das Haus, ja?“ „Aber, Dad. Du hast versprochen, dass…“ „Morgen.“ Das Mädchen schnitt eine Grimasse. „Immer morgen. Wer ist er überhaupt? Er stinkt und…“ „Tess!“ Maurice Scott schien keine weiteren Diskussionen mehr zu dulden. „Du nimmst ihn mit. Basta, finito, Schluss!“ Tess Gesicht verfinsterte sich. Wenn sie mich nicht

ohnehin schon hasste, so würde sie es spätestens jetzt tun. „Dann komm.“, meinte sie schließlich, als sie alle Gedanken durchgespielt haben musste und zu dem Entschluss gekommen war, dass es keine andere Möglichkeit gab. Dabei lag ein arroganter, überheblicher Unterton in ihrer Stimme. Maurice
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Scott erhob sich, reichte mir die Hand zum Abschied. „Ihr werdet sicher gut miteinander auskommen.“, lenkte er wenig überzeugend ein. „Hey, brauchst du immer eine extra Aufforderung? Soll ich dich vielleicht noch durch das Haus tragen?“ Ich seufzte. als Wie der Vater, bist so du die mit Tochter. Mathieu Tim, in in der

weniger

einer

Stunde

nächstbesten Wüste auf und davon. Aber es wurde länger als eine Stunde. Viel, viel länger… „Kannst du schwimmen?“ „Ja.“ „Schade. Ich hätte dich zu gerne ertrinken gesehen.“ Tess warf ihr Haar elegant in den Nacken. Kurz schloss sie ihre grünen, von schwarz-silbrig getuschten, langen Wimpern umrahmten Augen. Sie war ein hübsches Mädchen, bestimmt

humorvoll und offen - hätten wir uns unter anderen Umständen kennen gelernt, in etwa einem oder dieser auf dem wäre schmutzigen, von sie grauen

Hochhausfluren verdreckten

Hundescheiße dann weniger

Spielplatz.

Jedenfalls

fies zu mir gewesen. „Ich bin übrigens Tim. Freut mich…“ „Was soll ich nun deiner Meinung nach mit dieser

Information anfangen?“ „Jetzt könntest du vielleicht etwas netter zu mir sein.“ „Wieso?“ „Wieso?!“ Ohne mich weiter zu beachten, legte sie die Finger an die Lippen. Der Pfiff war leise, kaum vernehmbar. Dennoch hörte ich Sekunden später das Tappen von Pfoten auf den Fliesen. Aus dem Schatten einer Palme sprang ein rotbrauner Hund
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hervor,

der

bei

meinem

Anblick

sofort

die

Nackenhaare

sträubten. Mit gebleckten Zähnen knurrte er mich böse an, wobei er sich schützend vor sein Frauchen stellte.

Wunderbar, jetzt hast du auch noch einen Hund am Hals, der dir am liebsten an die Kehle springen mochte. „Kalli! Mach dir nicht die Pfoten an ihm schmutzig!“, befahl Tess, die nun neben ihrem Hund niederkniete und

liebevoll seine weichen Ohren kraulte. Das Tier fiepte freudig. Mich schienen beide vergessen zu haben, was mir gelegen kam. „Das ist Tim. Der schmeckt sicherlich schrecklich, hörst du?“ Kallis Zunge fuhr über das Gesicht seines lachenden Frauchens. „Hey, das kitzelt.“ Sie kicherte belustigt, wobei sie dem Hund einen Kuss auf die spitze Schnauze gab. Ich stutzte. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass sie jemanden derart gerne haben könnten. „Willst du mit uns kommen?“, fragte das Mädchen mit einem herablassenden Blick auf mich. Ein kurzes, freudiges Bellen zur Antwort. „Das heißt ja. Aber wir dürfen uns nicht von Dad erwischen lassen, verstanden?“ Knurrend sprang der Hund auf und stierte mich mit zur Seite gelegtem Kopf durch seine bernsteinbraunen Augen an. Hastig wisch ich einen Schritt zurück, bemerkte aber gleichzeitig das Gestein einer Säule im Nacken. „Wenn du uns nicht verpfeifst, werde ich dafür sorgen, dass Kalli dir nicht nur ein bisschen weh tut.“, erwiderte Tess achselzuckend und stolzierte über den gefliesten,

leeren Flur davon. Ich folgte ihr in gebührendem Abstand, beeindruckt von dem Labyrinth aus Glas und Marmor. Der

Korridor war zu einer Seite offen, welches einen Bilderbuch
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ähnlichen Ausblick auf die grünen Wiesen oder den Urwald vor den Toren ermöglichte. So einen Baustil hatte ich schon einmal gesehen - nur wo? Auch die aus Staturen, die dem Besitzer wie aus dem Gesicht geschnitzt waren, die

gepflegten Blumenbete und der Springbrunnen verlieh dem Haus eine gewisse Macht. Tess stieß eine Flügeltüre auf. „Das Speisezimmer.“,

erklärte sie in dem Tonfall einer genervten Reiseleitung. Der Raum war mit einem dunkelroten Teppich ausgelegt, der farblich an das Muster der Tapete angepasst worden war. In seiner Mitte erstreckte sie ein polierter Tisch, an den sechzehn Stühle geschoben worden waren. Jedoch ließen sich nur drei Gedecke ausmachen, bestehend aus mehreren Messern, Gabeln und Löffeln, zwei Tellern und einem im Licht der Sonne funkelnden Glas. Auf der gegenüberliegenden Seite

befand sich eine weitere Flügeltüre, hinter der Geschirr klimperte. Hatte Papa hier mit Maurice Scott gesessen,

gelacht, bei einem Glas herrlich prickelnden Wein, während ich Kilometer entfernt alleine im Sand spielte? Es war wie einen Schlag in den Magen. Ein überwältigender Schmerz

packte mein Herz, mein Nacken kribbelte, und plötzlich hatte ich einen Kloß im Hals, der mich fast zu ersticken drohte. Abgesehen von dem gelegentlichen Rauschen der Spülmaschine und dem leisen Hecheln des Hundes war es still. Ich war alleine. Für immer. Das war die schreckliche Gewissheit. Für immer. „Tim?“ Tess legte mir zögernd die Hand auf die Schulter. Ihre Stimme klang weit entfernt, beinahe wie aus einer

anderen Welt. „Dort drüber ist ein Gästezimmer. Zieh dich um, wasch dich. Du stinkst.“
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Ich erblickte den Stapel Papier, der dem schiefen Turm von Pisa glich, daneben die Vielzahl an bunten Stiften -

Kugelschreiber, wahlweise mit blauer, schwarzer, roter und grüner Tinte, je nachdem wie man gelaunt war, Filzstifte, die an beiden Enden zwei verschieden große Farbpinsel

hatten, sowie edle, silberne Füller, schlichte viereckige Textmarker und Buntstifte alle in einer unbestimmten Ordnung

beieinander gelegt. Auf dem glatt gestrichenen Bettlacken hatte eine Dienerin bereits die Kleidung in chronologischer Reihenfolge - erst Unterwäsche, dann T-Shirt, Hose und zum Schluss die Schuhe präpariert. Seufzend ließ ich mich in den Ledersessel sinken und lauschte der bedrückenden Ruhe auf dem Korridor hinter der Eichenholztüre. Tess schien verschwunden zu sein und seltsamerweise bedauerte ich es ein wenig. Denn, wenn ich ehrlich war, mochte ich sie trotz ihrer Art und der

Tatsache, dass sie die Tochter des Mannes war, der den Tod meines Vaters zu verantworten hatte. Aber Kinder suchen sich ihre Eltern bekanntlich nicht aus. Vielleicht würde Tess mich irgendwann einmal akzeptieren… Moment mal! Ich

schüttelte den Kopf. Nein, Tim, es gibt kein irgendwann. Du musst Mathieu unter den Arm packen und verschwinden. Sofort. Das ist kein Spiel mehr, falls es denn jemals eines war. Ihr seid die Gefangenen eines vollkommen Wahnsinnigen. Wer weiß schon, was dieser Mann beabsichtigte. Wenn ihr nicht abhaut, liegt ihr bald vielleicht auch unter der Erde mit all den Maden und Käfern. Auf diese Bekanntschaft kannst du

verzichten.

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Mein Blick wanderte erneut zu der Kleidung auf dem Bett. Ich würde einen Ersatz für mein zerrissenes T-Shirt

brauchen, ebenso wie eine kurze Dusche. Diese Zeit müsste ich mir nehmen. Hastig schlüpfte ich aus T-Shirt und Hose. Der harte Wasserstrahl schoss auf meine bereits nach einer Minute erröteten Schultern herab. Es erinnerte mich an den Regen vor ein paar Stunden - oder waren es Tage gewesen? Doch auch dieser gehörte in eine andere Zeit, in die Zeit der Wirklichkeit, außerhalb dieses ich Märchenschlosses. nach einer Mit der

geschlossenen

Augen

langte

Shampooflaschen auf dem Sims, der eigens für die Dusche in einem schwarz funkelnden Marmor errichtet worden war. Der Duft von Mango und anderen exotischen Fürchten stieg auf. Ich schnupperte. Derselbe Geruch wie auf einem Marktplatz, nur intensiver. Die rötliche Flüssigkeit tropfte auf meine dreckigen Haare. Daheim hatte ich mir nie viel aus Waschen gemacht. Schließlich war es im Gegensatz zum Play Station und Fußballspielen ein reines Zeitverschwenden. Doch hier fühlte es sich beinahe befreiend an, sauber zu sein. Wieder prickelte das Wasser auf meiner Haut, brannte ein wenig in den unzähligen Wunden, die ich bisher größtenteils nicht einmal realisiert hatte. Erst, als ich nun in den mannshohen Spiegel schräg gegenüber starrte, wurde mir bewusst, dass ich aussah, als wären hunderte von Aasgeier auf mich herab geschossen und hätte mich zerfleischt. Blutergüsse. Kratzer, einiger tiefer, andere nur oberflächlich, spickten meinen Körper. Eine geschwollene Nase. meine Rote, wie Armbänder Dennoch

aussehende

Striemen

umringten

Handgelenke.

gefiel ich mir. Ich sah härter aus. Der kleine, ängstliche Junge aus Deutschland war
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zumindest

äußerlich

wie

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weggewischt. Stolz wickelte ich mir eines der teuren, weißen Handtücher um die Hüfte und trat aus der Duschkabine heraus. Die Fliesen waren eiskalt und es jagte mir augenblicklich einen Schauer über den Rücken, als meine Zehen sie

berührten. „Bist du ein Mädchen, oder was? Nein, Moment, das wäre eine Diskriminierung. Niemand braucht so lange!“ Tess Stimme klang gedämpft durch die Tür, gegen die sie nun mit beiden Fäusten zu hämmern begann. „Ja, ja…“ Seufzend ließ ich mich auf dem Klodeckel nieder und streifte mir die Socke über den linken, noch feuchten Fuß. Gleichzeitig ließ ich meinen Blick durch das Zimmer schweifen auf der Suche nach Zahnbürste und passender

Zahnpasta: Fand sie in drei verschiedenen Geschmäckern auf einem polierten Glasbrett, an dessen Rand in Goldfarben die Initialen eines mir fremden Mannes eingraviert waren. „Nicht ja, ja“ Ein warmer Windstoß bauschte stolperte den ich weichen aus dem Stoff der

Vorhänge.

Erschrocken

Badezimmer,

stand da, nackt, nur mit dem Handtuch um die Hüften, mit nassen Haaren, Zahnbürste im Mund, und starrte sie entsetzt an. „Was machst du hier?“ Ich bemühte mich, den Ekel

erregenden Pfefferminzgeschmack nicht runterzuschlucken. „Du hättest dich wenigstens anziehen können, bevor du hier rein platzt.“, entgegnete sie unberührt, wobei sie sich demonstrativ im Schreibtischstuhl sitzend von mir abwandte. Ich ging ins Bad zurück, spie die Zahnpasta ins

Waschbecken, spülte den Mund kurz um. Das durfte doch nicht wahr sein!
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„Was ziehst du überhaupt an? Doch nicht etwa das hier!“ Angewidert hob Tess eines der gefalteten T-Shirts auf dem Bett hoch. Sie marschierte zu dem Kleiderschrank, ging

schnell mit den Fingern die Bügel durch, zog ein Oberteil heraus und warf es vor meinen Füßen auf den Boden, dann noch eins und noch eins. „Probier' die mal.“ Leise fluchend wandte ich mich ab. Eines Tages bringe ich dich um! Es konnte doch nicht sein, ich mich von diesem Mädchen derart beeinflussen lasse! Dennoch zog ich ein grünbraun kariertes Hemd über, dazu Jeans. Zähneknirschend

musste ich zugegeben, dass Tess es bei der Wahl ins Schwarze getroffenen hatte. Auf Socken tänzelte ich über die Fliesen, betupfte dabei mit einem Feuchtentuch den kleinen Blutfleck am Kinn. „Gar nicht mal schlecht.“ Tess lehnte gegen den Türrahmen, den Kopf wiegend. „Ein Glück, dass mein Bruder nicht all seine Sache mitgenommen hat.“ Augenblicklich erstarrte sie, als sie bemerkte, dass sie bereits zu viel von sich preisgegeben hatte. Ich lächelte ihr im Spiegel zu. „Du hast einen Bruder?“, hakte ich nach. Schweigen. Eine Wolke verdeckte die Sonne, deren warme Lichtstrahlen durch den Spalt fielen, den der Vorhang bot. Ein flüchtiger Blick auf die rötlich leuchtenden Ziffern des Radiowecker: 16.23 Uhr. Die Millisekunden liefen in einem endlosen Band, gaben ihre Macht der Zeit an die Sekunden weiter, die an die Minuten, Stunden, Tage. Immer vorwärts, nie rückwärts. Ich lebte irgendwo zwischen. „Oh! Schon so spät!“ Das Mädchen schlug mit gespieltem Entsetzen die Hand vor den Mund. „Meine Tanzstunde fängt in
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zwanzig Minuten an. Komm endlich!“ Ihre knochigen Finger umfassten mein rechtes Handgelenk, als sie versuchte, mich von der Toilette hochzureißen. Für den Bruchteil einer

Sekunde berührten sich unsere Hände. Unfreiwillig. Doch der Hamster im Laufrädchen rannte weiter, blieb nicht stehen. Eine Umrundung, eine weitere, dann noch eine. „Ich warte draußen.“, entschied Tess eilig. Im Fortgehen fügte sie hinzu: „Beeil dich. Oder du bist einen Kopf

kürzer, verstanden?!“ Das Schloss knackte, als sie die Türe hinter sich zuzog. Gleichzeitig bäumte sich der Vorhang erneut auf. In der Dusche tropfte in unregelmäßigen Abständen Wasser auf den Boden. Hastig schlüpfte ich in den rechten Turnschuh, band ihn zu. Dasselbe mit dem linken. Zwei Minuten waren

vergangen. Ich wollte aufspringen, als mein Blick an dem Stapel Papier hängen blieb. Vielleicht würde ich welches brauchen, wenn ich fliehen wollte. Das Ohr fest gegen das Holz der Tür gepresst, lauschte ich den Schritten auf dem Korridor, um sicher zu sein, dass niemand plötzlich den Raum betrat. Stille. Innerlich zählte ich bis zehn, dann schlich ich zum Schreibtisch. Meine Fingerkuppen strichen über die Stifte. Ohne zu zögern, langte ich nach einem

Kugelschreiber. Das Blatt faltete ich, sodass ich beides in die Hosentaschen gleiten lassen konnte. Tief einund

ausatmend stieß ich die Tür auf. Ich konnte nur hoffen, dass niemandem etwas auffallen würde. Du bist Tim, Tim River. Dein Vater ist Forscher gewesen, der aus einem Grund, den du immer noch nicht kennst, sterben musste. Er wollte vergessen, selbst wenn dies zu bedeuten

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schien, seinen eigenen Sohn, dich Tim, zu verlieren und letztlich auch seine Seele. Es gibt ein Spiel, welches sich Kamikaze nennt, aber von dessen Regeln du nur so viel weißt, dass sie unfair sind. Ebenso wie jener Führer, Maurice

Scott. Dem Mann ohne Gewissen. Tim, du musst vorsichtig sein, falls du dieses Spiel überleben willst. Du hast

bereits einmal einen Weg eingeschlagen, der im Netz einer Spinne endete, indem du nun zappelst wie einer der

Schmetterlinge. Hilflos. Verzweifelt. Aber nur wenn du das aufgibst, woran du glaubst, nur dann wird dich dieses

schwarze Tier fressen. Denke daran. Bleib stark, wenn dich der tosende Wirbelsturm zu Boden drücken will. Denn am Ende wirst du immer noch aufrecht stehen. In dir, tief in dir, bist du der kleine Junge, der mit seiner Angst, andere

Menschen von jener befreien kann. Dies wirst du eines Tages begreifen… Die funkelnden den Diamanten einzig bei auf ihrem eine weinroten riesige Bewegungen T-Shirt

verwandelten erhellten

durch

Diskolampe in eine

Raum

jeder

ihrer

regenbogenfarbene Lichtsäule, in der sie wie eine Fee zur leisen Melodie eines Klavierstücks im Kreis schwebte. Ihre Parkett weißlackierten nur Zehen als berührten seien dabei das helle

vorsichtig,

unter

ihnen

glühende

Flammen oder die Wellen, aufgewühlt von einer sanften Brise, nicht aber das tote Holz. Ich beobachtete sie von meiner Insel aus, die Füßen in ihr Meer tauchend. Kalli neben mir legte seine spitze Schnauze in meinen Schoß, sodass ich unwillkürlich beißen. Der zusammenzuckte, Rhythmus wurde aus Angst, er könne mich Tess

merklich

schneller.

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vollführte eine Drehung, noch eine - und erstarrte. Leises Trommeln, Xylophons. „Was machst du mit meinem Hund?“, brüllte sie, die Musik übertönend, wobei sie, drohend, zurück in ihr Element manchmal unterbrochen durch die Laute eines

gestoßen, ein paar Schritte auf mich zu machte. Ihre Stimme triefte vor Verachtung. „Ähm… Nichts.“ Hör auf dich für etwas zurechtfertigen, woran du nicht Schuld trägst! „Du tanzt gut. Wie eine

Ballerina… Oder so ähnlich…“ „Du hast großes Glück, mir dabei zuzusehen. Eigentlich dürftest du nämlich nicht hier sein. Aber gut.“ Sie zuckte die Schultern. „Einen lästigen Sonnenstich fängt man sich ebenso schnell ein, wie er auch wieder verschwindet.“ Ich spürte, die aufsteigende Wut, die wie Magma aus dem Vulkan ausbrechen wollte. Es brodelte, kochte. Immer größer werdende Blubberblasen wölbten die heiße, alles verbrennende Oberfläche der Flüssigkeit. Ich konnte ihn nicht mehr

zurückhalten, den Zorn, dafür hatte sich in den letzten Tag zu viel Leid in meinem Inneren angesammelt, welches nun langsam überquirlte. Entgegen meiner Art stieß ich Tess

gegen die Schulter, sodass sie erstaunt zurück taumelte und beinahe gestürzte wäre, hätte ich ihren Arm nicht

umklammert. Auch Kalli sprang erschrocken auf, schien jedoch irritiert darüber, auf wessen Seite er zu stehen hatte. „Bei dir wird dieser Sonnenstich es wohl nie tun, schätze ich.“ Ihre Gestik kopierend zuckte ich mit den Schultern. „Du kannst froh sein, dass dir überhaupt irgendjemand

Aufmerksamkeit schenkt, Tess - wenn du denn so heißt! Denn in meinen Augen bist du nichts weiter als eine einsame,
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kleine Wichtigtuerin. Mir ist es egal, wie toll du tanzen kannst, wie reich du bist! Denn ich habe die meine Eltern deines

verloren.

Meinen

bester

Freund

haben

Wächter

Vaters bewusstlos geschlagen und anstatt jetzt bei ihm zu sein, bin ich hier. Bei dir.“ Seltsamerweise schien Tess, mir nicht widersprechen zu

wollen. Es wunderte mich. Sie war ruhig, hörte mir geradezu aufmerksam zu, völlig bewegungslos, als sei dies nur die kurze Unterbrechung eines Tanzes, um Atem zu schöpfen oder eine neue CD aufzulegen. „Sie haben uns entführt! Diese Männer! Obwohl wir

unschuldig sind! Einfach so entführt!“, fuhr ich fort, als meine Wut plötzlich wie durch eine Mauer gedämpft wurden, „Ich mag vielleicht nicht der Beste sein. Mag vielleicht nicht tanzen können, habe ständig Angst.“ „Tim.“ Ihre Worte waren zu einem fast unverständlichen Flüstern geworden, was mich zwang, den Abstand zwischen uns zu verringern, der wie ein schwarzes Loch vor meinen Füßen klaffte. ernsten „Du bist kein lästiger eines Sonnenstich…“ der Mit in dem

Gesichtsausdruck

Politikers,

einem

Blitzlichtgewitter, umgeben von einer Meute Reporter, eine Ansprach hält, strich sie sich eine Strähne aus der Stirn. Die Tiefe ihrer grünen Augen verschluckte mich unweigerlich. „Du bist viel schlimmer.“ Ein Grinsen huschte über ihre Lippen. „Sehr viel schlimmer.“, ergänzte sie belustigt. Unschlüssig trat ich von einem Bein auf das andere. Ich hatte mit allem gerechnet: Bei Wutausbrüchen angefangen bis hin zu rührenden Entschuldigungen. Nur darauf, dass sie mich gelassen gewesen.
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überspielte,

darauf

war

ich

nicht

vorbereitet

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„Wie ‚viel schlimmer‟?“, stammelte ich und musste mir im nächsten selbst Moment die Hand vor den war Mund es halten, um nicht auch

zu

lachen.

Unbemerkt

Tess

gelungen,

diesen Kampf für sich zu entscheiden, indem sie einfach nach dem Auslaufen des Wassers aus dem Rohr den Hahn zugedreht hatte. 2:0 für ein Mädchen. Dafür konnte ich ihr nicht

einmal böse sein! „Ich weiß nicht, warum du hier bist oder warum mein Vater dich entführt haben soll. Schließlich bist du nichts weiter als ein dreckiger Junge, genau wie die anderen auf den

Feldern. Versteh mich nicht falsch, aber ich hasse sie, diese Leute. Aber noch mehr hasse ich meinen Dad.“ Sie

setzte sich auf die Tischkante, wobei sie sich mit den Armen abstützte. „Ehrlich?“ „Ja, wenn ich es doch sage. Und auch all diejenigen, die ihm helfen. Überhaupt alle. Bis auf Kalli.“ „Du kannst mir vertrauen.“ Zögernd stellte ich mich neben Tess, legte ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter. „Ich möchte nur hier weg, glaub mir. Warum um alles in der Welt sollte ich deinem Vater helfen, wenn ich nicht einmal weiß, wobei?“ „Ja, aber wie lange?“ Die Türe wurde aufgestoßen. Eine junge Afrikanerin mit fliederfarbenen Kopftuch und gleichermaßen gemustertem Kleid wirbelte auf Schuhen mit hohem Absatz herein, auf denen sie das Gleichgewicht besser halten konnte als manch anderer auf dem Boden. „Tess, wir… wer ist das denn?“ Sie sprach Französisch, obwohl ich angenommen hatte, Sir Scott hätte es verboten.
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Lächelnd zwinkerte sie mir zu. Kurzes Händeschütteln. „Ich bin Suleika, Tess Tanzlehrerin.“ Bevor ich die Möglichkeit bekamen, etwas zu entgegnen, sprang das Mädchen auf, um mich als Sohn eines Forschers vorzustellen, der für ihren Vater arbeitete. Überrascht nickte ich. Wenn ich eines in meinem

neujährigen Leben nicht verstanden, dann waren es Mädchen. Sie konnte einem ins Gesicht lächeln und mit der gleichen Bewegung ein Messer in den Rücken stecken, falls sie diese Absicht besaßen. Mathieu hat dies einmal gemeint, als ich ihn dabei erwischt habe, In von wie dieser diesen er Mirja, eine hübsche er recht ja,

Togolesin, behalten.

anhimmelte. Die meisten

Sache Wesen

sollte waren,

nun

seltsam. Auch Kay und Mama in gewisser Weise - selbst wenn ich es mir nie hätte eingestehen wollen. „Schön dich kennen zu lernen. Ich darf doch ‚du‟ sagen, oder? Kannst du Französisch?“ „Ja, meine Mutter kommt aus Frankreich. Mein Vater ist Deutscher.“ „Oh, ein deutsch-französischer, junger Mann. Es freut

mich.“ Suleika machte einen vornehmen Knicks, wobei sie Tess bat, sich aufzuwärmen. Zögernd setzte sich das Mädchen auf eine Isomatte vor einer Spiegelwand, die mir bisher noch nicht aufgefallen war, weil sie zum Teil von einer Pflanze bedeckt wurde, die derart unnatürlich grün wirkte, als sei sie ein Imitat aus Kunststoff. Mit einem letzten Blick über die Schulter zurück signalisierte sie mir, dass ein falsches Wort mich den Kopf kosten könnte. Ich biss mir nervös auf die Unterlippe bei dieser Vorstellung, schmunzelte aber zu gleich.
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„Du bist sicherlich zu Besuch bei Sir Maurice Scott.“ Ich wiegte unsicher den Kopf. „So könnte man es auch

nennen.“ Ein forsches Zucken in Tess Richtung, die in einer Dehnübung vertieft war. „Ihr Vater hat mich wortwörtlich aufgesammelt.“, fügte ich hinzu, als mir plötzlich ein

anderer Gedanke kam.“ Kanntest… kennst du einen Mann namens River, Marc River? Das ist mein Papa.“ Nachdenklich verzog die junge Afrikanerin das Gesicht.

„Ich meine, ihm einige Mal auf dem Flur begegnet zu sein. Wenn ich mich recht entsinne, hat er ein Büro im ersten Stock. Aber, dass er einen Sohn hat, davon wusste ich

nichts. Und noch dazu einen so reizenden.“ Enttäuscht lehnte ich mich gegen die Wand. Vor allem und jedem hatte Papa mich geheim gehalten. Warum? Scott

behauptete, er wäre nicht stolz auf mich gewesen, hätte mich nicht wie sein Eigenblut geliebt. Sagte er wirklich die Wahrheit, Papa? Oder war es etwas anderes? Ich seufzte. Ein Zimmer im ersten Stock… Schlagartig wurde ich wach, rieb mir wie nach einem kurzen Schlaf den Staub des Sandmanns aus den Augen. Ein Zimmer im ersten Stock! Das war meine Chance, endlich herauszufinden, womit mein Vater gehandelt und warum man ihn umgebracht hatte! Meine letzte Chance. Aber dafür würde ich widerstrebend Tess Hilfe

benötigen, denn sicherlich käme es Sir Scott ungelegen, wenn ich zu viel wüsste. Allein die Tatsache, dass ich hierher gefunden hatte, musste ihm zum Denken geben. „Wärm dich auf, Tim.“, forderte mich Suleika lächelnd auf, wobei sie hinter einer Musikanlage verschwand. „Was?!“

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„Aufwärmen. Auch die Muskeln eines Tänzers müssen für den Sport vorbereitet werden. Sonst hast du schnell eine

unangenehme Zerrung.“ „Aber Tim tanzt doch gar nicht!“, mischte sich Tess hastig ein, wobei sie uns im Spiegel musterte. „Es kann ihm nicht schaden, schätze ich. Tanzen befreit die Seele. Ich bin sicher, es wird dir gefallen. Tess hätte endlich mal wieder einen Partner und…“ Die Lautsprecher knackten vernehmlich. Das wilde Spiel

eines Schlagzeugs löste die ruhige Melodie des Klaviers ab. „Cha-Cha-Cha, ein aus Kuba stammender Tanz. Sehr beliebt, sehr einfach. Ich denke, Tim, das bekommen wir hin, nicht?“ Unschlüssig nickte ich, schüttelte gleichzeitig den Kopf, wobei ich mich zur Belustigung der Frauen auf den Boden kniete und Liegenstützen machte. Auch Tess, die nun zu mir kroch, um mein Schnaufen zu imitieren, konnte sich das

Lachen nur schwer verkneifen. „Wenn du so anfängst, bekommst du höchstens beim Fußball Spitzennoten.“, tatsächlich behauptete sie. „Vielleicht dir sollten wir

einmal

versuchen,

etwas

Ausdauer

anzutrainieren. Du keuchst wie eine Oma im Treppenhaus oder wie eine Lokomotive… Tiefer runter, du Weichei!“ Mit aller Kraft drückten ihre Hände auf meinen Rücken, sodass meine Lippen im selben Augenblick den Boden berührten. „Können wir nicht eine Runde laufen?“, erwiderte ich

stöhnend, wobei mich aufrappelte. „Ich Sonne." Ich schnitt eine Grimasse. „Küsst der Mond die Sonne? Was ist das denn für ein dämlicher Spruch?“, entgegnete ich mit
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wette,

bevor

du

zurück

bist,

küsst

der

Mond

die

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nachgeäfftem Tonfall, stemmte die linke Hand in die Hüfte, wippte leicht mit dem Fuß. „Ich bin gar kein übler Läufer.“ Bevor einer von uns beiden reagieren konnte, drückte mir Suleika, die seufzend zu uns getreten war, die junge Britin an die Brust. Ich spürte ihren Atem, der wie ein sachter Windstoß über meine Wangen strich. „Cha-Cha-Cha, ein aus Kuba stammender Tanz.“, erklärte die Tanzlehrerin nochmals, wobei sie Tess Hand auf meine

Schulter legte, meine um deren Taille. Die verschwitzende Innenfläche hinterließ winzige Flecken auf ihrem T-Shirt und schmunzelnd bemerkte ich, dass mein Gegenüber ebenfalls

seltsam nervös wirkte. Widerstand wenn wir uns denn hätte zur Wehr setzen

können - schien zwecklos. „Der Herr beginnt rechts seitwärts, Cha-Cha. die Dame links

seitwärts.

Seit,

Schritt,

Platz,

Seit,

Schritt,

Platz, Cha-Cha.“ Stille. Nur mein leises Schnaufen, vermischt mit ihren kleinen Schrittchen auf dem Parkett. Keine Zuschauer, außer den in den Korallenriffen farbenfrohen rechts versteckten im Nixen, die mit ihre der Ost,

prächtigen, Melodie von

Schwänze links,

Gleichklang West

nach

von

nach

schwankten. Über ihren Köpfen schlugen die Wellen gegen die Felsen, mal langsamer, mal schneller. Das erneute Trommeln. Klavier. Basslaute. Ich schloss die Augen, wünschte mich plötzlich in die Arme eines anderen Mädchen weit, weit weg. In die Arme eines Mädchens, das ich vielleicht nie wieder sehen würde. Nein…! Ruckartig riss ich die Lider auf, stolperte über Tess rechtes Bein.
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Sie wollte fluchen, doch als sie in mein verzweifeltes Gesicht sah, hielt sie inne. „Kann jedem einmal passieren.“ Ich nickte unbeteiligt. Noch ist sie in Sicherheit. Und deshalb musst du sie vergessen, so schwer es dir auch fallen mag. Denn nur so kannst du sie retten. Blut pochte hart ein gegen meine Schläfe, Tim, sodass vertraue mich auf

augenblicklich

Schwindel

erfasste.

deinen Gefühlen. Widerstrebens verdrängte ich sie aus meinen Gedanken, versuchte mich in die neu einsetzende Musik

einzugliedern. „Du hast den Takt im Herzen, mein Junge.“ Suleika, gegen das Klavier gelehnt, klatschte dem Rhythmus entsprechend in die Hände, wobei sie mir aufmunternd zu zwinkerte. Seit, Schritt, Platz, Cha-Cha. Meine Fußsohlen strichen sacht über das kalte Holz. Tess hatte den Kopf zur Seite gelegt. Nur gelegentlich ein Wimpernschlag, ansonsten schien sie völlig Teil des Stückes geworden zu sein. Auch ich

spürte, wie meine Anspannung bei jeder Umdrehung merklich nachließ. Es war wie das kurze Schöpfen nach einem langen Lauf. Der Atem nach Freiheit. Das soll nie wieder aufhören. Nie wieder… Noch eine Umdrehung. Ein Tor, durch welches das Mädchen hindurchschwebte. Cha-Cha-Cha. Du kannst tanzen. Warum kannst du tanzen?! Der Stolz schwemmte auch die übrigen Lasten meiner Seele fort. Drehung, Drehung, Cha-Cha-Cha. Dann plötzlich brach die Welle über mir zusammen und ich ertrank in dem schwarzblauen Wasser, umgeben von tausenden
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Nixen, die gierig nach mir langten und mich langsam immer tiefer hinab zogen mit ihren scharfkantigen,

flossenähnlichen Händen. „Mister River? Sir Scott bittet Sie in sein Büro.“ Einer der Diener erschien in der Türe. Durch das schwarze Jackett, welches er trug, wirkte er wie ein Racheengel, geschickt vom Teufel persönlich. „Aber wir sind mitten in einer Tanzstunde.“ „Dad kann warten.“ Erleichtert bemerkte ich, dass sowohl Suleika als auch Tess mir den Rücken stärken wollten, wofür ich ihnen ein dankbares Lächeln schenkte. Dennoch war mir schmerzlich

bewusst, dass Scott immer noch die Fernbedingung in seiner Hand hielt. Der Meister wünschte dies, der Meister wünschte das - und so es geschah. „Schon in Ordnung. Ich habe nichts verbrochen.“ Ich versuchte, optimistischer zu wirken, als mir in diesem Augenblicke zu Mute war, um Tess nicht zu beunruhigen,

selbst wenn ich mir sicher sein konnte, dass sie kaum mit der Wimper zucken würde, bestrafe mich Vater. Zögernd ließ ich ihre verschwitzte Hand aus meiner gleiten, ohne sie ein weiteres Mal anzusehen. Vielleicht, schoss es mir durch den Kopf, vielleicht tanzen wir nie wieder zusammen. Auch das Mädchen wich meinem Blick aus. Mit aufeinander gepressten Zähnen flüsterte ich, den Kopf ein Stück gesenkt: „Bringen Sie mich zu ihm.“ „Sehr wohl.“ Eine elegante Verbeugung. Dann das Öffnen der riesigen Flügeltür. Sich entfernende Schritte. Tief atmete ich ein, schloss kurz die Augen. In meinen Ohren hallte immer wieder dieses Versprechen: Ich werde der Erste sein,
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der sie alle besiegt. Kay vertraute mir. Ich durfte sie nicht ein zweites Mal enttäuschen, nicht wieder ihre Hand loslassen, wenn sie mich brauchte. Kay… Kalte Finger umklammerten mein Handgelenk. Verwirrt fuhr ich herum, in Tess grüne Augen starrend. „Ich habe Tim Mit noch nicht das Haus gezeigt! das Och

herrjemine!“

gespieltem

Entsetzen

japste

Mädchen

nach Luft „Dad hatte es doch erwünscht!“ Erstaunt hielt der Diener inne. „Es ist nur mein Befehl von Sir Scott, den Jungen zu ihm zuführen.“ Die weiße Seide seiner Handschuhe streifte meinen Arm. „Komm endlich.“ Widerstrebend folgte ich ihm auf den Flur. Wie ein Mensch, der seinen letzten Atemzug tat, so ächzte auch die Türe, die nun hinter mir zufiel. Der Kadaver eines Zierfisches trieb in der Strömung des Filters, dessen Rädchen wie ein Sägeblatt durch das Wasser schnitt. Die glasigen, beinahe grauen Augen waren starr, gleichwohl die Schwanzflosse noch gelegentlich zuckte, um sich gegen dieses Ende, nun von den Artgenossen genüsslich verspeist zu werden, zur Wehr zu setzen. Ich kauerte auf dem weißen Ledersofa - den Rücken gegen die riesigen Scheiben des Aquarium gedrückt, welches mich wie ein Meer im

Halbkreis umzingelte - und nippte an dem Glas Wasser, das Maurice Scott mir aufgezwungen hatte. Der Mann seinerseits hockte in dem Sessel gegenüber, jetzt in einem teuren weißen Anzug mit einer schwarzen Sonnenbrille, die in seiner

rechten Jackettasche steckte. Auf dem Glastisch hatte eine Dienerin das Mahl serviert, welches hauptsächlich aus

Chinchillabeinen, umwickelt von goldbraun gebackenem Teig, bestreut mit einem Hauch von scharfen Gewürzen, bestand.
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Ganz auf seinen Wunsch reichte man ihm dazu süße Früchte und Wein - Ein Speisen wie die Könige jener längst vergessenen Zeit. Genüsslich leckte er sich über die Lippen, während er sorgfältig prüfen, ob das Beinchen nach mit der Gabel zerteilte, um zu und

dieses

seinen

Vorstellungen

gegart

zubereitet worden war. Scheinbar zufrieden wiegte er den Kopf, als er die Gabel an den Mund führte und das Fleisch zwischen den er perfekten, mich mit weißen Zähnen zermalmte. Dabei

betrachtete

höflichem

Interesse,

versuchte

wieder einmal, mich einzuschätzen. Nervös rutschte ich auf meinem Platz hin und her. Irgendetwas stimmte nicht. Warum sonst sollte sich ein derart beschäftigter Mensch für einen Jungen Zeit nehmen? „Du hast mir eine Frage noch nicht beantwortet, Tim. Die Frage nach dem Warum.“ Er legte Gabel und Messer beiseite, betupfte vorsichtig mit einer weißen wo Serviette du dort sein Kinn. „Warum bist du

hierhergekommen, können! Jeder

draußen wäre

frei

hättest nach

leben Hause

andere

Junge

verzweifelt

zurückgeflogen oder Tage lange durch die Weiten des Urwalds gestreunt ohne jegliches Ziel vor Augen. Du aber findest den Weg, schaffst es tief in mein Land einzudringen - warum?“ Erneutes Kauen, dann das verärgerte Zucken im Gesicht des Mannes. Das Chinchillafleisch hatte eine zu niedrige

Temperatur. Nicht exakt fünfzig Grad. Diese Tiere würden nicht mehr im Magen eines Sirs verdaut werden, sondern

höchstens in denen der Köche. Leise fluchend schob Scott die Beine mit dem Messer auf das Tablett zurück, wobei er nach einer hübsch mit einem Goldrand verzierten Schale langte.

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„Es lohnt nicht, es zu verleumden, Tim.“, fuhr der Mann nach einer Weile der Stille fort, welches lediglich von dem leisen Plätschern des Wassers unterbrochen wurde. „Wir

wissen bereits, dass du einen der Computer in der Stadt Kpalimé benutzt hast, um herauszufinden, für wen dein Vater gearbeitet hat. Ich muss schon sagen, intelligent,

intelligent. Doch du wurdest überrascht, wodurch du keine Zeit mehr hattest, das Emailkonto vollendend zu schließen.“ Ich schwieg. Meine Hände verkrampften sich um das Glas, sodass die Knöchel weiß hervortraten. Was hätte ich auch erwidern sollen, jetzt da der Mann bereits Kenntnis davon hatte, dass einen Teil seiner Aase im Ärmel aufgedeckt

worden war? „Es gibt vieles, womit ich gerechnet habe. Nur nicht

damit, dass ein Junge wie du innerhalb kürzester Zeit einem Geheimnis auf die Schliche kommt, in dessen Schatten eine ganze Nation im Dunkeln tappt. Die meisten Menschen schöpfen nicht einmal den Verdacht, dass im Untergrund etwas

existiert. Darum gestehe ich, dass ich dich ehrlich dafür bewundere, und dir, so wahr ich hier sitze, versprechen will, dass ich dir nichts tun werde. Vorausgesetzt, du

hilfst mir.“ Verwirrt zog ich die Augenbrauen hoch. „Ihnen helfen?“, entfuhr es mir. „Ich möchte nur von dir wissen, was du über ‚Kamikaze‟ erfahren hast.“ Ich zögerte, presste den Rücken fester gegen das raue Glas, sodass einige der neugierig heran geschwommenen Fische erschrocken zurückwischen.

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Ein

Lächeln kalt

huschte und

über

Scotts

Lippen,

doch

es er

war auf

absolut

unberührt.

Siegessicher

thronte

seinem Sessel, das Weinglas an den Mund führend. Hastig wandte ich meinen Blick von der blutfarbenen meine

Flüssigkeit ab. Denk nach, denk nach. Dabei stand

Entscheidung bereits fest. Der Mann mochte wissen, dass ich kein schlechter Spion habe, gewesen wusste er war doch Der wie viel ich war

herausgefunden

nicht.

Vorteil

deshalb noch auf meiner Seite. Ihn leichtsinnig wegen eines leeren Versprechens zu verspielen, wäre das, womit Sir Scott rechnete. Denn dann könnte er mich endlich wie die letzte Perle einer Kette einfädeln. „Nein.“, flüsterte ich, fügte noch etwas bestimmter hinzu: „Sie können mich nicht dazu verlocken.“ Maurice Scott lachte leise, beinahe wie über einen Witz. „Stimmt. Verlocken kann ich dich nicht aber zwingen.

Vielleicht wirst du dann begreifen, dass du nie eine Wahl hattest.“ Wie auf ein unsichtbares vor Angst Kommando stolperte wurde ein die Tür

aufgestoßen.

Zitternd

dreckiger,

dunkelhäutiger Junge etwa in meinem Alter herein, begleitet von einem Gorilla, der ehrfürchtig vor seinem Meister

niederkniete. „Nummer 273.“ Den Kopf immer noch gesenkt, deutete er auf den jungen Togolesen, der verzweifelt meinen Blickkontakt suchte. Scott erhob sich und ging mit den geschmeidigen Schritten eines Seiltänzers zu ihnen herüber, mich im Augenwinkel

beobachtend. „Wie ist dein Name, Nummer 273?“ „Kassian… Kassian Broelski, Sir.“ Der Junge biss sich auf die Unterlippe. Blut tropfte,
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gemischt

mit

Dreck

und

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Schweiß, auf sein zerrissenes Leinenhemd herab. An dessen Ärmel und der Brusttasche war eine Kennnummer angebracht. Namen tausende haben und keine Bedeutung. auf Sie sind nur Worte, Man wie

abertausende

dieser

Welt.

sollte

Lebewesen nicht nur unter einem Begriff kennen, sie dadurch unterscheiden, sondern durch das, was sie tun, im Guten wie auch im Schlechten. Ein weiteres Puzzleteil rückte an seinen Platz. Wenn es wirklich Papa gewesen war, der diese Worte gesagt haben soll, kurz bevor die Todesengel ihn geholt hatten, musste er sich gegen diese Art von Seelenraub

gewehrt haben. Scott hüstelte. „Tim!“, brüllte er, wobei er zurück zu dem Tisch stolzierte. „Das ist Kassian. Hast du gehört?“ Dann plötzlich, ohne dass wir hätten reagieren können, griff er nach dem Messer auf dem Tisch und hielt es dem jungen Mann an die Kehle. „Möchtest du, dass ich ihn töte?“ Wie versteinert wanderten Kassians Augen nach unten zu der Schneide, die jeden Moment seine Halsschlagader durchtrennen mochte. Flehend warf er mir einen Blick zu, während er leise betete. „Nein!“ Ein Hauch von Kameradschaft flackerte

augenblicklich in mir auf. Ohne auch nur eine Sekunde daran zu verschwenden, nachzudenken, sprang ich auf, wollte dem Mann das Messer aus der Hand schlagen, doch eisernen Hände verdrehten mir die Arme auf den Rücken. Verzweifelt trat ich um mich, musste schnell einsehen, wie aussichtslos meine Lage war. „Dachte ich mir. Nun, Tim, wenn dein dunkelhäutiger Freund leben soll, musst du wohl oder übel den Mund aufmachen. Sag mir endlich, was ich wissen möchte!“
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„Nein!“, stieß ich hervor, bei dem Versuch, meine Gedanken zu ordnen. Es war mir bewusst, dass Scott den Sklaven töten würde, wenn es ihm half, seine Ziele zu erreichen. Was kümmerte es ihn schon, ob er ein Werkzeug weniger zu Hand hätte?

Schließlich wäre binnen Stunden frische Ware besorgt. Ich selbst stand auf einer Waage. Entweder konnte ich schweigen, um Widerstand zu leisten, oder ich konnte dem Jungen das Leben retten, indem ich alles preisgab, was ich wusste, und somit meinen Vorteil bei der Flucht verspielen. Welche Seite überwog? „Eins… zwei… drei…“ Das Messer zuckte, berührte beinahe Kassians Kehle. „Nein… Bitte!“ „Vier… fünf…“ „Tun Sie es nicht. Bitte, tun Sie es nicht. Bitte!“,

flehte ich. „Sechs…“ Ein Schwindel übermahnte mich. Was mochte Kassians Mutter sagen, wenn sie erfuhr, dass ihr Sohn meinetwegen getötet worden war? Mochte sie schreien, weinen, zusammenbrechen, so wie ich damals, als ich meine Mama verloren hatte? Bis in alle Ewigkeit… Amen. Nein, selbst wenn ich keine Chance mehr hatte, durfte ich Kassian nicht wie eine Schachfigur

leichtsinnig verspielen. Ich würde sein Leben brauchen, um den schwarzen König auf der anderen Seite des Feldes

schachmatt zu setzen. „Okay, ich werde Ihnen alles sagen, was ich weiß. Aber bitte, beenden Sie diesen Wahnsinn. Das ist kein Spiel, bei dem Sie jemanden abschlachten sollen!“
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„Ich werde den Jungen erst dann freilassen, wenn ich das gehört habe, was ich will.“ „Okay. Es gab einen Eintrag. Am 25. Mai. Die Kalenderseite dazu haben ihre Leute in meinem Rucksack gefunden. An dem Tag, an dem er gestorben ist, hatte mein Vater das Wort Kamikaze hineingeschrieben. Auch in der Email war diese

Buchstabenkombination.“ „Kennst du ihre Bedeutung?“ Ich schüttelte resigniert den Kopf. Nein, Tim, du weißt gar nichts, rein gar nicht. Weder über Scott noch über

Kamikaze oder den Tod deines Vaters. Zu meinem Entsetzen bemerkte ich, dass der Mann dem

zitternden Jungen das Messer noch näher an die Kehle hielt. „Sieben… Acht…“ Wie eine Bombe zählte er die Zeit hinunter. „Ich… Ich glaube, es ist eine Art Geheimbund.“, fügte ich hinzu, mehr ratend als darüber nachdenken, was ich in aller Eifer und Panik faselte „Irgendetwas mit Forschung und

Schmuggel. Keine Ahnung. Verdammt. Ich weiß nur, dass mein Vater etwas damit zu tun hatte… Ist das der Grund, weshalb er sterben musste?“ „Gute Arbeit, Tim. Gratuliere. Du hast dich wahrlich

hervorragend geschlagen, muss ich zugeben. Findest du, ich sollte dich belohnen?“ Ich fallen zögerte ließ unschlüssig, und mit ich den stolz wobei Händen darauf ich mich auf das Sofa fuhr.

durch sein

die

Haar

Eigentlich

hätte

müssen,

Kassians

Leben für das Erste gerettet zu haben, doch mir fehlte der Mut, weiterzukämpfen. Wieder einmal hatte ich Papa

enttäuscht, weil ich zu feige gewesen war, mich zu wehren.

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„Ich verstehe: Du willst mir die Entscheidung überlassen. Wie überaus höflich von dir.“, spottete Scott, der den

Sklaven von einem der Gorillas in Fessel legen ließ. Die Beine des Jungen gaben sofort nach, sodass der Mann ihn stützen musste, was er mit wenig Zartgefühl tat. „Ich möchte dir etwas vorschlagen. Arbeite für mich.

Arbeite für Kamikaze.“ Erstaunt hob ich den Kopf. Es war eine Gabe, die sowohl Maurice Scott als auch seine Tochter Tess beherrschten: Die Schlagfertigkeit. „Warum um alles in der Welt sollte ich das tun? Sie sind schuld daran, dass mein Vater tot ist.“ „Du wirst noch früh genug begreifen, dass ich ab jetzt dein Meister bin - oder ich werde Methoden anwenden müssen, die für dich weniger angenehm sein möchten, wenn bei dir auch nur der geringste Zweifel an meinen Befehlen besteht, mein Junge.“ „Nein. Ich helfe niemandem, der so fies ist wie Sie.“, entgegnete ich verzweifelt. Im Augenwinkel registrierte ich Kassians niedergeschlagenen Blick. Du kannst mir vertrauen - Ja aber wie lange? Allmählich begriff ich, was Tess gemeint hatte. Sir Scott war

unbesiegbar. Die Klugen gaben auf. So konnte sie wenigstens das eigene Leben retten ständig in der irrsinnigen

Hoffnung, endlich befreit zu werden. Doch wer befreit einen, wenn alle vergaßen? Das Leben hatte erst dann einen Wert, wenn man es auch lebte. Für den Mann mochte ich nur ein kleiner Junge sein, aber ich war ein kleiner Junge, der für etwas kämpfte. Und das, wofür es sich zu kämpfen lohnte,

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überstieg all die Furcht wie den riesigen, weiß gepuderten Gipfel eines Berges. „Du wirst für mich übersetzen. Keine Widerrede. Oder muss ich zu Waffen greifen?“ Wenn Sie sich ohne nicht verteidigen können, hätte ich am liebsten geantwortet, doch ich wusste, dass Kassian nur

darunter leiden würde. „Nein. Aber…“ „Kein Aber.“ Ich ignorierte seinen Einwurf. „Aber ich weiß nicht, was genau Sie von mir verlangen, Meister.“ „Obwohl ich es verboten habe, ist Französisch die

Landessprache der meisten meiner Arbeiter. Ich möchte, dass du für mich ihre Worte wiedergibst und andersherum. Als Gegenleistung vorausgesetzt, beobachten werde du ich deinen mir bei Freund nicht. dem verschonen Ich werde -

schadest und schon

dich

lassen

geringsten

Verdacht

eines Widerstandes wird er leiden müssen.“ Das zuvor noch geschmeichelte Lächeln auf seinen Lippen war verschwunden. Stattdessen rückte er nun mit den Fingern seine Brille

zurecht, wobei er wohl versehentlich das Glas berührt haben musste, denn seine Augen verengten sich zu einem Schlitz. Wütend schlug er mit der Faust auf den Tisch, dann auf die Glocke des kleinen Beistelltisch. Bevor ich auch nur mit der Wimper zucken konnte, erschien eine Dienerin aus dem

Nebenraum. Sie war mit ein figurbetontes, rotweißes Kleid mit einer Schürze, wie ich es nur aus alten Filmen des 20. Jahrhunderts Haarspange und kannte, weiße dazu Sandalen eine perfekt Mit abgestimmte äußerster

bekleidet.

Vorsicht hob sie die Brille an der Nasenbrücke hoch und trug

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sie wie ein zerbrechliches Porzellanstück in das Zimmer, aus dem sie gekommen war. „Nun, Tim? Was sagst du dazu?“ Eine lange Pause entstand. Meine Gedanken überstürzten

sich. Scott betrachte mich über den vergoldeten Rand des Weinglases hinweg, während Kassian unruhig das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte, bevor der Gorilla ihm etwas ins Ohr flüsterte, woraufhin sich der Junge

augenblicklich in einen Statur aus Stein verwandelte, deren Augen nur zögerlich durch das Zimmer huschten. Stille, nur das gelegentliche Rauschen des Filters, sodass man glaubte, das Schweigen der Fische hören zu können. „Nein.“, murmelte Armen ich erlösend Sie mit vor der mich Brust einmal

verschränkten

„Nein.

können

kreuzweise! Ihnen zu helfen, wäre das Letzte, was ich tun will. Allein schon jeden Tag ihr überhebliches Gehabe hören zu müssen, würde mich krank machen. Öffnen Sie das Tor, lassen Sie uns frei! Dann versprechen ich Ihnen, dass ich Ihnen keinen Ärger bereiten werde.“ Tief ein und ausatmend, um nicht sofort die Geduld zu verlieren, massierte der Mann seine Ohrläppchen. Mit der anderen, freien Hand gestikulierte er wild in der Luft, sodass er der eintretenden Dienerin die Brille aus den

Fingern schlug. Das Glas klirrte auf dem Boden, zerbrach jedoch nicht. Erschrocken kniete die junge Frau nieder, aber Scott riss sie mit der Reaktionsschnelle eines Geiers hoch. Eine Ohrfeige. Stille. Leises Wimmern. Dem Blick ihres

Meisters ausweichend, hielt die Dienerin die errötete Wange. Vorsichtig erhob ich mich, wollte sie verteidigen, als mir bewusst wurde, dass es den Mann erneut erzürnte.
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„Geh mir aus den Augen!“, brüllte er mit einem knurrenden Unterton in der Stimme. Ohne ihr weitere Beachtung zu

schenken, wandte er sich mir zu, hielt etwa einen Meter vor mir inne, um abzuschätzen, ob ich seine Mühen wert war. „Weißt du“, erwiderte er, mir seine rechte, knöcherne Hand auf die Schulter legend, „Weißt du noch, was ich dir über die Menschen erklärt habe, die sich mir widersetzten. Ich könnte dafür sorgen, dass du deinen Papa wieder siehst, dort unter der Erde. Möchtest du das? Der einzige Grund, weshalb ich dich noch nicht getötet habe, ist der, das du der Sohn eines großartigen Forschers bist, der Sohn eines guten

Freundes. Wäre ich der Ansicht, du wärst wertlos für mich, glaub mir, dann säßest du nicht mehr auf diesem Sofa.“ Im Winkel meines Blickfeldes vernahm ich eine ruhige

Bewegung. Etwas wurde im matten Lichtschein reflektiert. Ein Messer. Nein…! Sekunden später spürte ich, wie die Klinge in mein Fleisch schnitt. Mein Schrei peitschte durch das

Zimmer. Etwas Warmes rann über meinen Arm und auch ohne nachzusehen, wusste ich, dass es Blut war. Dunkelrotes Blut. Ein kurzer Augenblick nackter Gewalt. Der Mann will dich umbringen, Schienbein Tim! und Mit wich aller einige Kraft trat ich gegen dessen den

Schritte

zurück,

dabei

verletzen Arm unter die Achseln gedrückt. Blut tropfte zu Boden, hinterließ winzige Spuren. „Pass auf!“, brüllte Kassian zu mir herüber, bevor sein Zurufen durch die Hand auf seinem Mund unterdrückt wurde. Aber es war bereits zu spät. Ich schlug mit dem Hinterkopf gegen das harte Glas, wobei ich mir unwillkürlich auf die Zunge biss. Blut füllte meine Mundhöhle, doch ich zwang mich, nicht zu schlucken. Scotts Arm legte sich wie eine
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Schlinge um meinen Hals, sodass jegliche Gegenwehr unmöglich war, wobei er sein Werk vollendete. „Nummer 448. Ab dem heutigen Tag wirst du deinen Namen vergessen - oder nur noch benutzen, wenn ich es dir ausdrücklich erlaube. Hältst du dich nicht daran, werden meine Männer dich nachts solange über das Feld laufen lassen, bis zu dich übergibst - und dann vielleicht und noch etwas länger.“, Wunde erklärte grob der Mann einem

lächelnd

reinigte

die

mit

Papiertaschentuch. „Willkommen bei Kamikaze, Nummer 448!“

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5. Kapitel
Im Osten geht die Sonne auf, so heißt es. Doch in diesem Haus mochte es den glühenden Stern nur auf Gemälden geben, der, in den Hintergrund gedrückt, lediglich dazu diente, einen Heiligenschein auf das Haupt des Herren, unseres

Meisters, zu zaubern. Der Wächter deutete mit der rechten Hand auf die im

Schatten verborgene Eisentreppe und gestikulierte, dass ich ihm ohne Widerrede zu folgen hatte. Nervös kaute ich auf der Unterlippe. Der stechende Schmerz im Oberarm hatte

nachgelassen, dennoch schien er mich zu betäuben. Betäubte meinen Körper, der sich wie ein Roboter bewegte. Betäubte meine Gedanken mit dem Gift der Gewissheit, dass Maurice Scott mich hätte töten können. Eine stabile Stahltür glitt zischend auf, gab den Blick frei auf einen weiteren Korridor, kahl, steril, wie der Vorhergegangene. Klimatisierte Luft schlug uns entgegen. Die Gitter der Luftschächte glänzten mattsilberig im grellen

Neonlicht. Ein rhythmische Rattern, woraufhin ein Mann um die Ecke bog, einen An Wagen jeder mit Laborutensilien und vor Türe sich ein

herschiebend. Plastikschild. Erstaunt ließ

Abzweigung

ich

meinen

Blick

umherschweifen.

Wofür

brauchte der Brite solch ein unterirdisches - ja, was war es eigentlich, was ich sah? Die Flure erinnerten mich an Star Wars oder die andere Science Fiction Filme, die ich im Kino gesehen hatte. Vielleicht sogar ein wenig an ein

Krankenhaus. Schlug etwa hier das Herz von Kamikaze?

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Ohne

von

seiner

Akte,

die

er

eifrig

studierte,

aufzuschauen, trat ein hagerer Mann in einem weißen Mantel zu uns. Sein Gesicht, welches zu großen Teilen von einer Atemschutzmaske entstellt wurde, zeigte keinerlei

Gefühlsregung, nicht einmal dann, als der Gorilla ihm mit knappen Worten sich die der Lage Wächter schilderte. und ließ Schließlich mich in dem

verabschiedete

Labyrinth aus ineinander verschachtelten Gängen zurück, aus dem ich alleine nieder wieder an das Sonnenlicht finden würde. Vielleicht sollst du das auch gar nicht, Tim, schoss es mir blitzartig durch den Kopf, für Kamikaze arbeiten zu müssen, konnte auch bedeuten, als „Doktor Bibber-

Versuchsspielzeug“ in Szene gesetzt zu werden. Die wollen dich aufschnibbeln und schauen, wie lange du durchhältst, bis dein Herz versagt. Oder die wollen irgendein Gift an dir testen, mit demselben Effekt, nämlich dem, dass du ihn nicht überleben wirst. Sekunden starrten wir einander an, dann langte der Mann nach hinten, brachte etwas metallisch Glänzendes zum

Vorschein. Was es war, wusste ich nicht. Es machte in diesem Augenblick auch wenig Sinn, genauer hinzuschauen, denn so wäre es das Letzte, was man jemals sehen würde. Renn, Tim, Renn! Ich rannte. Den Gang hinunter. Klappernde Schritte. Stieß einen Pendeltür auf, noch eine. Das Rauschen einer

Klimaanlage. Schoss links um die Ecke. Wo bin ich? Noch ein Korridor. Gleich weiß. Rechts um die Ecke. Wo sind die

Eisbären? Die Hoffnung, dass sie mich gehen lassen würden, keimte in mir auf, wurde jedoch im selben Augenblick jäh
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zerstört. Eine in den Ohren schmerzenden Sirene heulte auf. Die hohen Töne schienen überall. Ich konnte sie nicht

ordnen, selbst wenn es gewollt hätte, ich konnte es nicht. Du findest hier nie mehr heraus. Bewusst, dass ich mich bereits verlaufen hatte, drückte ich den Rücken fest gegen den kalten Stahl einer Türe und verbarg mich gleichzeitig in dessen Schatten, um Atem zu schöpfen. Drei Gestalten jagten um die Ecke. Hielten bewegungslos inne, als könnten sie mein Herz in der Brust pochend hören. Suchend glitten ihre Blicke über die kahlen Wände, blieben kurz an einem geöffneten Schrank schräg gegenüber der Tür hängen. Bitte, nicht! Meine Entdeckung stand unmittelbar bevor. Lauf weg! Lauf, so schnell dich deine Beine tragen können! Doch ich war wie betäubt, unfähig, mich zu rühren. Hätte mich nun jemand mit dem kleinen Finger angetippt, wäre ich mit großer Wahrscheinlichkeit vorne über gekippt.

Theoretisch hatte ich keine Chance. Dafür waren vor allem die Kräfte zu ungleich verteilt. Der Gegner besaß mehr

Figuren auf dem Spielfeld und hatte den eigenen Würfel so manipuliert, dass dieser nur Fünfen oder Sechsen zeigte. Zudem besaß er Kenntnisse über sämtliche Geheimtunnel. Meine Lage war aussichtslos. Und trotzdem… Trotzdem konnte ich nicht aufgeben. Sich Maurice Scott und dessen kranken Plänen zu unterwerfen Nein, niemals! Nicht in tausenden von

Jahren! Es würde mich krank machen, für solch einen Menschen mein Leben zu opfern. Zwanghaft zu opfern, denn opfern

alleine klang zu selbst bestimmend. Von dem winzigen Hoffnungsschimmer getrieben, dass die

Weißmasken mich übersehen würden, presste ich meinen Körper auf Zehenspitzen fester gegen die Türe - als diese plötzlich
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nachgab. Völlig überrascht kippte ich hinten über - direkt in die Arme eines Mannes, der sie gierig nach mir

ausstreckte. Ich schrie. Tonlos, übertönt von der Sirene. Doch selbst wenn ich laut genug gerufen hätte - hier unter der Erde würde mich nie jemand oder finden. Niemand vermisste doch auch mich, ihnen

höchstens würden

Tess

Mathieu über nie

vielleicht, meinen von

sie

einen Tim?

Lüge Nein,

plötzlichen gehört.

Verbleib

auftischen:

Verschwunden?

Bedaure, dies muss ein Irrtum sein. Wir haben keinen Jungen in den Katakomben herumstreunen sehen und wenn, so ist es seine eigene Schuld, wenn er sich verlaufen hat, Lady Scott. Natürlich versichern wir Ihnen, ihn sofort zurückzubringen, für den Fall, dass wir ihn finden. Selbstverständlich.

Machen Sie sich keine Sorgen… Du musst hier weg! Sofort! Doch ich spürte bereits den Einstich einer Nadel in meinen rechten Oberarm. Ein kurzer Pieck mit einer ungeahnten Wirkung. Zunächst kitzelte es nur, dann durchzuckte ein Juckreiz meinen Körper, von oben bis unten, von links nach rechts, beinahe so als ob tausende von Ameisen mit ihren winzigen Beinchen über meine Haut marschierten. Nebelschleier Meine meinen Pupillen Blick weiteten sich, sodass trübte. ein Die

augenscheinlich

Gestalt stemmte mich unter den Achseln hoch und schleppte mich wie einen nassen Sack Kartoffeln durch die Türe.

Grelles Neonlicht flutete den weißen Raum und mit ihm all die scharfkantigen Waffen der Ärzte, die nach ihrer Größe und Gefährlichkeit waren, aufsteigend auch den in die wie
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einem

Regel

sortiert farbigen

worden

sowie die in

verschieden Hexenkessel

Flüssigkeiten,

aussehenden

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Gefäßen vor sich hin brodelten. An der freien Wand gegenüber hatte man Infrarot und Ultraschallgeräte installiert. Einer der Bildschirme flackerte, die anderen waren schwarz. Zu meinem Entsetzen tauchten aus einem Nebenzimmer zwei weitere Eisbären auf, ebenfalls mit Masken, sodass es schwer war, sie überhaupt als Menschen zu identifizieren,

geschweige denn nach Geschlechtern zu unterscheiden. Gegen meinen Willen zerrten sie mich auf den riesigen Tisch, wobei einer von ihnen meine Brust mit aller Kraft auf die

metallische Fläche drückte und zum allerersten Mal ein Wort mit mir sprach. „Die Schmerzen werden bald unerträglich

werden, doch wenn du die Muskeln entspannst, wird es nur halb so sehr wehtun. Vielleicht hast du auch das große Glück und verlierst du das Bewusstsein. Ansonsten finde dich damit ab, dass du mit deinem Einverständnis die Welt ein Stück weit verbessern kannst.“ „Ich war nicht einverstanden.“ Die Weißmaske ignorierte welches meinen auf Einwurf. der Dass ihr vor

Versuchskaninchen,

wie

Schlachtbank

ihnen zappelte, nicht als Festtagsbraten herhalten wollte, schienen sie wenn überhaupt nur nebensächlich zu

registrieren. „Lehne dich zurück, denke an etwas Schönes.“ Friss das Unkraut, mein Häschen. Friss, damit du fett wirst, um mir viel Fleisch zu geben. Mit aller Kraft aber dass hob die mich ich erste den Kopf ein Stück von der

Tischplatte, geschwächt,

Injektion

hatte eine

mich

derart der

augenblicklich

Welle

Mündigkeit erfasste. Du musst wach bleiben, Tim. Nicht die Schäfchen am Himmel zählen…

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Die

Gestalt

öffnete

erneut

den

Mund,

als

wolle

sie

sprechen, doch ihre Worte klangen gedämpft. „Denn für den Fall, dass du nicht überleben wirst, wird dies deine letzte Erinnerung im Jenseits sein, mein Junge. Dich über auf die Risiken einer solchen freiwilligen Untersuchung aufzuklären, erscheint mir als überflüssig.“ „Ich habe mich nicht freiwillig gemeldet.“, erwiderte ich lahm. Meine Lider flackerten. Nicht einschlafen… Tim! Nicht… einschlafen… „Die anderen auch nicht. Und doch haben sie Professor Doktor Sir Maurice Anthony Scott geholfen, sowie auch du uns nun helfen wirst.“ Mit diesen Worten streifte er die Gummihandschuhe über, vergewisserte sich ob seine OP-Kleidung und der Mundschutz perfekt sahen. Meilen weit weg, vielleicht einen Meter von meinem Kopf entfernt, plätscherte Wasser aus dem Hahn in das Becken. Feuchte Finger strichen über meinen Arm, wurden

abgelöst von dem Tupfern eines Wattebausches. Der Geruch von Desinfektionsmittel. Ein Räuspern unter der Maske. Dann zog die Gestalt das zehn Zentimeter lange Röhrchen mit der

spitzen Nadel hervor - und stach zu. Wie spät ist es? Du weißt es nicht. Wie viele Tage sind vergangen? Du weißt es nicht. Wie bist du hier hergekommen? Du weißt es nicht. Wie viele Weißmasken sind es gewesen, die dich derart zugerichtet haben? Du weißt es nicht.
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Wie sehr haben sie dich und deinen Körper missbraucht? Du weißt es nicht. Völlig regungslos lagst du auf dem Operationstisch, die Augen zusammengekniffen. Deine Arme waren zu beiden Seiten mit Gurten an der Liege festgeschnallt worden. Durch den durchsichtigen Schlauch in deinem Hals rann eine gelbliche Substanz. Auf dem Bildschirm eines Gerätes pulsierte dein Herzschlag: Der einzige Beweis dafür, dass in dir zumindest noch ein Fünkchen Leben steckte. Oder bist du, der Junge mit dem Narben übersäten, kleinen, abgemagerten Körper - bist du, dieser Junge dort unten, bist du schon längst dort, wo du nicht hingehörst? Du weißt es nicht. Du weißt es nicht. Du weißt es nicht.

Du weißt es einfach nicht. Doch ich, ich weiß es. Ich weiß, dass die Schmerzen beinahe unerträglich sind. Ich

weiß, dass ich nicht so bin, wie du dort unten. Dass ich in gewisser Weise über dir schwebe. Denn ich weiß, dass in mir kleinem Feigling noch mehr Leben steckt, als in einer

Plastikpuppe, die sie der Länge nach aufgeschnitten hatten, bloß um festzustellen, wie leer ihr Inneres ist. Gegen meinen Willen schlug ich die Lider, nur um sie

gleich darauf wieder zu schließen, weil das grelle Licht mich erblinden wollen zu schien. Es war wie der Fall von einem Kettenkarussell, vielleicht auch wie das langsame

Auftauchen aus den schwarzen Tiefen des Meeres, zurück in eine Welt, in der es Wärme gab - zumindest physikalisch gesehen. Erneut zwang ich mich, die Augen zu öffnen, und zählte langsam bis fünf. Immer abwechselnd auf, zu, auf, zu, auf, zu, bis sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatten. Auch mein
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restlicher

Körper

erwachte

allmählich

aus

dem

Dornröschenschlaf, in den mich die Spritze versetzt haben musste. Vorsichtig drehte ich den dröhnenden Kopf ein Stück, nur soweit, dass ich über die Tischkante hinweg, einen

großen Teil des Raumes überblicken konnte. Alles weiß, perfekt weiß: Die Skalpelle und Werkzeuge

waren poliert, ebenso wie die Spritzen und Glasbehälter. Ein ausgeleerter, silberner Mülleimer unter dem Waschbecken, in dem sich kein überschüssiger Tropfen Wasser spiegelte. Kein Staub auf den Neonlampen oder den Ablageflächen der

Schränke. Kein Geruch nach Schweiß. Sogar die Mäntel hingen versteckt hinter einem sauberen, weißen, halbzugezogenen

Vorhand in Reih und Glied. Ein beunruhigendes Bild der Ordnung aus einem bittersüßen Albtraum, den ich tatsächlich für einen solchen gehalten hätte, ließen sich nicht die schmerzenden Spuren an meinem ganzen Körper finden. Kraftlos zerrte ich an den

Lederstriemen. Das ist einfach nicht fair! Sollte ich etwa drauf warten, dass die Weißmasken zurückkamen?! Wie die Sanduhr bei dem Gesellschaftsspiel „Tabu“ tropfte die gelbliche, leicht säuerliche Flüssigkeit aus Tropf über mir. Ein Schäfchen springt über den Zaun,… zwei Schäfchen

springen über den Zaun… drei Schäfchen… vier… vier Schäfchen springen über den Zaun… fünf… Erschrocken riss ich die Augen auf. Meine Situation hatte sich seit meiner geistigen Abwesenheit nicht verändert. Halb nackt, mit aufgeknöpftem Hemd, sodass die vielen Narben auf Oberkörper und Armen sichtbar wurden, und einem kratzigen Schlauch im Rachen lag ich hilflos hingestreckt auf einer
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Metallplatte. Würde man dich von oben fotografieren, könnte man die Fotos als Jesus-Christus-Imitation des 21.

Jahrhunderts verkaufen. Vielleicht… Schritte. Viele Schritte. Hektisch versuchte ich eine Hand freizubekommen, doch ich war zu schwach. Bitte nicht! Ich schloss die Augen, öffnete sie wieder, schloss sie. Mühevoll kämpfte ich meine aufkommende Panik nieder. Ein Schatten Zustand verdeckte stabil… das Neonlicht. AB… Leises Gemurmel. „…

Blutgruppe

Negativ,

minus…

Transplantation erfolgreich… Durchtrainierter Körper… Hohe Lungenkapazität… Sechs, Sieben Monate… Keine Allergien…“ Ein zufriedenes Räuspern ganz nahe an meinem Ohr.

„Perfekt!“ Widerwillig schlug ich die Lider auf. Maurice Scott, in einen roten Mantel gehüllt, umringt von drei Weißmasken, beugte sich über mich. Seine kalten Finger strichen über eine rote Beule am Arm, sodass ich augenscheinlich

zusammenzuckte. „Guten Morgen, Nummer 448! Na, hast du gut geschlafen?“ Ich schwieg, wobei ich demonstrativ den Kopf in die andere Richtung drehte. Selbst wenn ich ihm hätte antworten wollen, der Schlauch würde jedes meiner Worte im Keim ersticken. Außerdem war der allgegenwärtige Meister der Letzte, den ich jetzt sehen wollte. Sein warmer, salziger Atem strich über meine Wange. Angewidert verzog ich das Gesicht. „Vegetarier?“ Mit einem prüfenden Blick durch seine

aufgesetzte Brille überflog der Mann kurz eine Akte, die man ihm reichte.

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„Ja, Sir.“, fügte eine Eisbärin hinzu, die sich mit hinter dem Rücken verschränkten Armen leicht verbeugte. „Der Junge ernährt sich in der Tat ausschließlich von pflanzlichen

Produkten.“ „Ab heute wirst du das Essen, was du bekommst, Nummer 448. Wir werden sehen, wie lange du dem qualvollen Schrei eines Körpers widerstehen kannst. Vielleicht zwei Tage, vielleicht auch eine Woche. Hast du Hunger, mein Junge? Ja? Knurrt dein Magen genau an „Wie dieser schön Stelle?“ wäre es Grob massierte in der er meine zu

Bauchdecke.

jetzt,

Sonne

sitzen, die Beine hochgelegt, einen Korb auf dem Schoß, gefüllt mit den am besten duftenden Früchten, die du dir vorstellen kannst? Deine Hand langt nach einer Orange, du beißt genüsslich hinein.“ Seine freie rechte Hand ballte meine Hand zu so einer süß leicht und geschlossenen tropft Faust. aus „Der deinen

Furchtsaft,

klebrig,

Mundwinkeln, fließt in einem glasklaren Bächlein zu deinem Kinn hinunter. In deinem Arm hältst du ein Mädchen, welches mit einer Blüte im nussbraunen Haar den Kopf auf deine

Schulter drückt und leise ein altes Kinderlied säuselt. Ein hübsches Mädchen, so jung wie eine unreife Erdbeere, so zart und doch so voller, bunter, einzigartiger Lebensfreude,

nicht wahr, Nummer 448? Oder bist du für die Liebe noch ein wenig zu… kindlich?“ Während seiner hypnotisierenden Rede hatten seine

Handlager mich vorsichtig von dem kratzenden Schlauch im Hals befreit. Aus Angst, ich könnte vor der Beschwörung des Meisters flüchten oder ihnen sonst Unannehmlichkeiten

bereiten, zogen sie es jedoch vor, die Lederriemen nicht zu lösen.
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Mit einer dringlichen Handbewegung befahl Scott einem der Eisbären das Weglegen der Akte, wobei er den roten

Mundschutz abnahm, kurz in der Mitte faltete und schließlich in der Tasche seines Mantels verschwinden ließ. Dann erst nahm er mit übereinander Stuhl geschlagenen die Beinen auf dem

herbeigezogenen

Platz,

zwei

verbliebenen

Weißmasken wie treue Fans mit ihm Seite an Seite. „Ab dem heutigen Tage, Nummer 448, bist du ein offizielles Mitglied von Kamikaze. Du hast wirklich ein beachtliches Glück gehabt…“ „Glück?!“, entgegnete ich heiser. „Ja, Glück, dass ich dich in den Kreis des ewigen

Bündnisses aufgenommen habe.“ „Sie haben mich nie danach gefragt. Sie haben mir nie die Wahl gegeben, zu entscheiden.“ „Es wäre auch lediglich Zeitverschwendung gewesen, die wir uns ersparen konnten. Wie viel sind eigentlich 13

multipliziert mit 15, dividiert durch 5?“ Ein wenig verwundert über die plötzliche mathematische

Aufgabe dachte ich drei Sekunden nach. 13 mal 15, geteilt durch 5... „39!“ „Anfängerglück“, kommentierte der Mann achselzuckend, die Ellbogen auf die Schenkel gestützt. „Und 1476 addiert mit 596, dividiert durch 8?“ Wieder spielte ich die Zahlenkombination kurz im Kopf

durch. 1476 plus 596, geteilt durch 8...

„259!“

„Richtig! Erstaunlich. Der Junge ist beinahe so begabt wie Sie, Sir!“ Einer der Weißmasken klatschte begeistert in die Hände, wofür er augenblicklich einen vernichtenden Blick

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seines

Meisters

kassierte.

„Ich

meine

natürlich…

Sie

verstehen…“ Nachdenklich rückte Maurice Scott die Brille auf seinem Nasenrücken zurecht und runzelte die Stirn. Die Spitze

seiner weißen Ledersandalen tippten immer wieder auf den gefliesten Boden. Erneut ertappte ich ihn darin, wie er mich einzuschätzen versuchte. Doch dieses Mal hielt ich seinem kalten Blick stand, auch wenn er einen Eissturm aussandte, der die Erde zum Zittern brachte, die Sonnenstrahlen zu gläsernen Zweigen erstarren ließ, auch wenn er die Dunkelheit über uns senkte, die Sterne und den Mond vom Himmel entführen ließ, ja sogar dann, wenn er, den Hass in die Herzen einpflanzen ließ hielt ich seinem kältesten Blick stand. Seine braungrünen Augen wurden hinter den entspiegelten Gläsern seines gleichfarbigen Brillengestells wie unter

einem Mikroskop vergrößert. Ein flüchtiger Blick auf die goldene Uhr eines amerikanischen Designers. „Werten Sie Ihre Ergebnisse aus. Ich übertrage Ihnen die Verantwortung, für meinen jungen Freund Sorge zu tragen.“ Meinen Freund. Ich bin nicht Ihr Freund, Meister, sondern ihr größter Feind. Sommer, 1999. Vor fünf Jahren. „Liebe Eltern, bitte verlassen Sie die Startbrücke. Ich rufe nun den Laut 2 auf: Bahn 1:Julian Kremer… Bahn 2:Max Paulus… Bahn 3:Felix

Meier… Bahn 4:Tim River…“

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Auf der Aschenbahn flimmert die Hitze der Sonne. Am Rand, direkt hinter der metallischen Absperrung, werden wilde

Zurufe und letzte Glückwünsche laut. Auch Mama in ihrem weißen Top mit der französischen Nationalflagge entdecke ich in Mitten des chaotischen Menschenhaufens. Sie zwinkert mir verschwörerisch Jungen, zu, in drückt viel mir zu die langen Daumen. Die anderen in

ebenfalls

Trikots,

warten

Starthaltung auf den Pfiff. Nur ich nicht: Ich warte auf Papa. Auf meinen Papa, der am in Tag einem meines Labor ersten Test an

Leichtathletikwettkampf

dringend

Jahrhunderte alten Blubbergetränken durchführen muss. Die können nicht warten, meint er, bevor er mir zwanzig Pfennig in die Hand legt, kauf dir ein Eis dafür, ja? Doch ein Eis kostet dreißig Pfennig. Ein letzter Blick in die Menge aus bunten T-Shirts und Hütten. Auf die Platze… Der Schiedsrichter hebt die

Trillerpfeife an den Mund. Kamerablitze der anderen Eltern, aufgeregtes Murmeln. Fertig… Papa kommt bestimmt noch. Ganz sicher… Los! Der Pfiff ertönt schrill und laut in meinem Ohr, reißt mich aus meinen Gedanken. Max Paulus geht in Führung, dicht gefolgt von Felix Meier. Der rundliche

Schweizer hinter ihnen, Julian Kremer, beginnt zu humpeln, schwankt, weint. Ich höre Mama rufen, aber nicht Papa. Lauf, Tim, lauf. Ich nicke. Papa kommt bestimmt noch. Dann jage ich los, nehme die Verfolgung der Spitze auf. Atmen, laufen, atmen. Mein Knöchel schmerzt, weil ich, anstatt mich

aufzuwärmen, vor dem Tor gewartet habe, damit Papa den Weg auf die Anlage findet, falls er kommt. auf. Aschestaub wird aufgewirbelt.
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Aber ich gebe nicht Kurve. Nur noch

Eine

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wenige Meter bis zum Ziel. Lauf! Mit allerletzter Kraft gelingt es mir, Felix einzuholen. Zweiter! Mama jubelt, doch ich jubele nicht. Papa ist nicht da.

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6. Kapitel
Ein lauter Paukenschlag unmittelbar neben meinem Ohr ließ mich hochfahren. Mit gespreizten Beinen stand einer der

Gorilla über mir, eine im japanischen Kampfsport verbreitete Trommel in der Hand haltend. Ich selbst lag zusammengerollt wie ein Welpe auf einer dünnen Strohmatte, durch die ich jedes einzelne Sandkorn im Rücken spüren konnte. Gong, Gong. Erneut ein Schlag, der meinen Körper erzittern ließ. „Grüße nicht den Abend, bevor du nicht den Morgen grüßt!“, knurrte der dunkelhäutige Wächter, wobei er den in eine schmutzige Decke eingewickelten Mann neben mir mit einem Tritt gegen das Schienbein bestrafte. Mühsam streckte ich meine

schmerzenden Gliedmaßen, rieb mir wortwörtlich den Sand aus den Augen, wobei ich mit der Müdigkeit um meinen

Orientierungssinn kämpfte. Die Sonne flutete die steinernen Treppenstufen, die vom anderen Ende des Raumes nach oben führten, ansonsten war es dunkel. Husten, leises Ächzen, unterbrochen von dem

gelegentlichen Trommeln des Wächters. Es stank nach Urin, wie auch nach Schweiß, faulem, feuchtem Stroh und

Essensresten - nach etwas unbeschreiblichen stank es. Es war mir auch gleich, wie es stank. Gleich, wo immer ich auch sein mochte - ob in einem Weinkeller auf der Rux de Assamble in Paris, einem Bunker im Irakkrieg oder in einem

Friedhofsgrab. Egal, alles gleich. Ich war am Ende meiner Kräfte. Ich konnte nicht mehr. Nicht mehr. Nicht mehr… „Junge!“ Eine knöchrige Hand umkrallte meine linke

Schulter, zerrte mich von der Matte hoch. Ich versuchte, mich zu wehren, trat, schrie - war zu schwach.
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„Psst, mein Junge.“ Die andere Hand legte sich über meine leicht geöffneten Lippen. „Stell dich nicht so an. Oder willst du, dass dir der Wächter eins überzieht?“ Der dunkelhäutiger Mann stützte sich auf eine Hacke, die Beine gekreuzt, einen Strohkorb auf dem gekrümmten Rücken. Sein kurz geschorenes Haar war von einem Kopftuch bedeckt, wie auch sein restlicher, abgemagerte Körper. Hektisch ließ er seinen Blick umher schweifen, um sicher zu gehen, alleine zu sein. „Beruhige dich, Kleiner. Ich will dir nichts tun, ich möchte dir helfen. Tim ist dein Name, nicht?“ Seine zu einem Flüstern gewordene Stimme, sein warmer Atem nahe an meinem Ohr. Als ich ihm nickend etwas entgegnen wollte, legte er den Skelett artigen Zeigefinger auf meine Lippen. Wir hätten keine Zeit für Fragen. Ich solle ihm einfach vertrauen. Er bückte sich nach einem Tuch, band es mir um den Kopf. „Gegen die Sonne.“, verkündete er lächelnd. In seiner Oberzahnreihe fehlten zwei Zähne. „Folge mir.“ Zögernd gleißende stieg ich die Treppenstufen schwül herauf und doch in das

Sonnenlicht.

Drückend,

seltsam

kalt schlug mir die Luft entgegen, ließ mein Hemd im Wind flattern. Mit vor die Augen gelegter Hand begann ich zu husten. Staub kratzte in meinem Hals, an meinem ganzen

Körper. Wo bin ich? Ein flüchtiger Blick nach rechts, nach links, wieder nach rechts. Eine Plantage, wie aus dem 17. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten von Amerika: Orangen, prächtige, runde Früchte mit rotgelber Schalte, süß im Geschmack, hingen wie leuchtende Lampions an den mannshohen Bäumen. Überall ein frisches Dunkelgrün, gemischt mit einem goldbraun Ton, der
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über den ungepflasterten Wegen und dem Feld lag, welches bis in den tiefblauen Himmel reichen zu schien. Der Atem der Freiheit strich mir sacht über die Wangen. Friedlich, still, beinahe harmonisch im Einklang mit der Natur. Männer mit großen Körben auf ihren sie Rücken. in den Frauen, Schlaf die ihre

Neugeborenen

stillten,

wiegten,

fürsorglich ihre Stirn küssten, bevor sie sie unter Zwang zweier Wächter in ein quadratisches Backsteinhaus bringen mussten. Kinder. Sie alle marschierten wortlos wie eine

Meute Tiere zu ihren Arbeitsbezirken, manche auf das Feld, andere in die Verpackung oder die Wäscherei. Ein Maschendrahtzaun war mit Ausnahme eines Wachturms das Einzige, was die Grenzen der Plantage kenntlich machte.

Irritiert wanderte mein Blick über das metallische Geflecht. Es schien zu niedrig, um die Menschen hier einzusperren und doch riskierte niemand die Flucht. Warum? Ein Mann, wie Maurice Scott, einer war, ein Mann, der am liebsten

kontrollieren wollte, wann man atmet oder schluckt, dieser Mann hatte an dieser Stelle seine Klauen kaum ausgefahren. Was bedeutet… Du bist nicht mehr gefangen! Irgendwie,

irgendwer hat dich gerettet. Du bist frei. Irgendwo, nur wo? Egal, ganz egal. Von dem diesem Glückgefühl getrieben wollte ich davon stürmen. Seltsamerweise hielt mich niemand zurück, niemand schrie, niemand machte auch nur die Anstalt, mich festzuhalten. Verwirrt blieb ich stehen, warf einen Blick über die Schulter. Der Afrikaner war verschwunden, vom Winde verweht. Nur der Bunker klaffte wie ein Loch in dem

rotbraunen Boden. Dunkel war es dort unten, dunkel, heiß, beengend. Lauf, Tim, lauf! Ein letzter fragender Blick,

Schulterzucken. Tief atmete ich ein, aus, wieder ein. Lauf
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weg, einer

einfach der

weg!

Auf vor

einem den

alten

Holzklappstuhl die

hockte

Gorillas

Treppenstufen,

ebenfalls

einem Bunker gehören mussten. Er blätterte in einem Buch, völlig in das Lesen vertieft, und schien mich nicht einmal bemerkt zu haben. Gebückt, im Schatten eines Orangenbaumes, schlich ich an ihm vorbei, Richtung Maschendrahtzaun, der Grenze zur endgültigen, normalen Welt - wenn normal der richtige Ausdruck war. Denn was war schon normal? War es normal, durfte? dass ein Einzelner nicht. über es viele andere dass herrschen sich die

Sicherlich

War

normal,

Unterdrückend nicht zur Wehr setzten? Sicherlich nicht. Und war es normal, dass man einem Feind so einfach das

Schlachtfeld übergab und ihn ziehen ließ? Sicherlich… Nein! Ich wäre naiv, wenn ich dies geglaubt hätte. Maurice Scott hatte immer ein Aas im Ärmel. Immer. Warum also nicht jetzt? Ein Aas, welches er heimlich unter dem Tisch hervorholte, wie aus dem Nichts herbeigezaubert, plötzlich, ohne, dass man ihn hätte davon abhalten können. Ein Aas, welches er herabsegeln ließ, welches wie ein Geier auf die übrigen Karte herab schoss. Noch versteckte es sich oberhalb des Ellenbogens, wie ein Baby in den Schlaf gewogen zwischen den Knochen und

angespannten Muskeln. Dort, ganz ruhig, still unschuldig, dort lag es, eingebettet in die feinen, braunen Härchen und der nach einem Haut. Gemisch Bis es aus Schweiß und zuerst Augen, die teurer die Seife großen, die einer

riechender

erwachte, funkelnden sich wie

schwarzroten, witternde

gefährlich die

dann

Nase,

Blüte

Fleischfressenden Pflanze aufblähte, und zuletzt der ganze, abstoßende Körper mit ausgefahrenen
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Krallen,

bereit

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jederzeit sein Opfer zu zerreißen. Ein Aas. Verunsichert umklammerte ich das heiße Metall. Blick nach rechts, nach links, wieder nach rechts. Nur dieser eine Wächter, der in sein Buch vertieft war, sonst niemand. Wo war das Aas? Wo lauert es mir im dunklen Wald auf, so wie der böse Wolf dem Rotkäppchen Vorsichtig, linken Fuß auflauert immer in die oder die Katz auf die ich Maus? den

wieder

umherschauend, die die in meine

setzte Sohle in die

Masche, mir

schnitt. Augen, Zähnen

Unwiderruflich salzige,

schossen Tränen.

Tränen

braune

Mit

zusammengebissenen

kletterte ich weiter. Nur noch ein kleines Stück, Tim. Du hast es geschafft… Beinahe geschafft, denn plötzlich, gerade als ich im Begriff war, ein Bein über den Zaun zu schwingen, begann mein rechter sich wie Oberarm nach zu pulsieren. Impfung, Die Haut derart

verkrampfte

einer

juckte

bestialisch, als würden tausende von Mücken an dieser einen Stelle ein Kaffeekränzchen veranstalten. Komm, Tim, nur noch dieses eine Stück… Doch das Bedürfnis, mich zu kratzen, überwog. Die eine Hand um das metallische Geflecht

geklammert, fuhren die abgekauten Fingernägel der anderen über den Arm, hinterließen rote Striemen. Widererwarten

wurde der Juckreiz unkontrollierbar größer, sodass ich bald die Zähne hinzunehmen musste. Tim, klettere weiter.

Verdammt, du Feigling. Klettere endlich weiter! Das ist bloß ein Stich, ein kleiner unbedeutender Stich. Der Blick in die Ferne schenkte mir neue Kraft. Kay wartet dort draußen auf dich! Sicherlich haben ihre Eltern etwas gegen dieses Kribbeln. Einen Zaubertrank vielleicht. Kay… Wie ein achtzigjähriger Mann hob ich das Bein über den Zaun. Mathieu, der arme Mathieu, den du befreien musst, der
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vielleicht

zusammengeschlagen

auf

einem

Bett

lag

ohne

Matratze und alleine zu schwach war, sich nicht gegen den Meister zu wehren, braucht dich ebenfalls. Nochmals streiften die Zähne über meine errötete Haut, dann schwang ich unter Stöhnen das zweite Bein herüber. Das Pochen wurde noch energischer, ließ mich beinahe wahnsinnig werden. Zum ersten Mal begutachtete ich den Arm genauer. Zu meinem Entsetzen war die Haut an dieser einen Stelle auf die Größe eines Tischtennisballes angeschwollen und dehnte

sich augenscheinlich aus. Schwindel erfasste mich. Plötzlich schien die Erde so weit entfernt zu sein. Der Wächter, der nun herbeieilte, schrumpfte auf

Ameisengröße. „Junge!“, brüllte er auf Französisch, „Sieh es ein. Es hat keinen Sinn. Du wirst es nicht schaffen. Komm runter!“ Widerwillig schüttelte ich den Kopf, bereit für den

entscheidenden Sprung. „Nein!“ „Du hast keine Chance, zu entkommen, Junge! Komm zurück. Ich werde dir diese einmal noch helfen.“ „Nein…“ Zögernd löste sich die eine Hand von dem Geflecht. Tim, verdammt, spring! Ich schluckte. Wie tief würde ich fallen? Würde es wehtun? Nein, Tim, du darfst nicht darüber nachdenke. Spring endlich! Die zweite Hand legte sich

besänftigend auf die juckende Stelle. Bestimmt würde ich mir alle Knochen brechen, wenn ich spränge. Vielleicht gäbe es auch einen anderen Weg… Nein, Tim, nur noch dieses eine letzte Stück. Dann bist du frei. Tu es für Kay, für Mathieu und auch für Tess, damit sie dich nicht länger ertragen

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muss. Tu es einfach. Tief atmete ich durch. Ja, einfach tun. Nicht denken. Streck diesem fiesen Aas die Zunge raus. „Junge, glaubst du wirklich, du bist der Einzige, der versucht, zu fliehen? Ich kenne dich nicht, doch ich weiß, dass du ein Narr sein müsstest, wenn du sprängst.“ Ich zögerte. „Egal.“ „Vielen Menschen vor dir hat die Version der Freiheit dort draußen schaffen den Kopf verdreht. diesen Mir Zaun auch. zu Selbst wenn du es ein

solltest,

überwinden,

wird

weiterer auf dich warten. Aber mit einem gebrochenen Bein wirst du es nie schaffen, auch diesen zu besteigen.“ Erneut zögerte ich. „Egal.“ „Denke an die Männer, Frauen und Kinder. Kannst du es mit deinem Gewissen vereinbaren, dass sie, wenn sie heute Abend müde und erschöpft von den Feldern heimkehren, auf ihre Mahlzeit vielleicht verzichten zu müssen. Ihre Deinetwegen. Körper schreien Einige nach sind Essen,

schwach.

selbst dann, wenn es nur eine Orange oder ein Brot ist. Deinetwegen, nur deinetwegen, könnten sie den morgigen Tag nicht mehr erleben. Bist du wirklich bereit, dies aufs Spiel zu setzen, Junge?“ Ich zögerte ein drittes Mal, nur kurz, dann sprang ich von dem Zaun herab zur Erde zurück. Was bist du nur für ein Idiot, Tim? Wütend über meine Dummheit scharrte ich mit den Füßen in der lockeren Erde, in der im Laufe der Zeit ein größeres Loch entstanden war. Wahrscheinlich würde hier an dieser Stelle bald ein neuer Orangenbaum zu stehen kommen. Ich hätte mich Ohrfeigen können. Genauso, wie der Wächter es mit seinen beschwörenden Worten beabsichtigt hatte, war
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ich auf die falsche Seite gesprungen, direkt in den Schoß des Mannes zurück. Meine einzige und vorläufig vielleicht sogar letzte Chance zur Flucht in die Freiheit war somit wieder einmal verspielt. Wie konntest du nur so… so naiv sein? Wieder mal hast du die Anleitung exakt befolgt, ganz wie man es von Arme dir erwartet. über Meine die auf dem Haut. Rücken Einen auf

verschränkten Sonnenbrand,

strichen

heiße das

großartig!

Wenigstens

hatte

Jucken

mysteriöse Weise aufgehört, sodass mich lediglich die roten Striemen daran erinnerten, dass es nicht bloße Einbildung gewesen war. Mein Blick wanderte zu dem Maschendrahtzaun. Von hier unten sah es nach einem Katzensprung aus, aber von dort oben… Seltsam. Mich beschlich das Gefühl, dass Scott seine Finger im Spiel hatte, sogar dann, wenn er weit

entfernt, jenseits des Zauns, in seinem Büro hockte, die Schneekugel leicht schüttelnd, damit genau 69

Plastikfassetten auf uns herabrieselten. Nur, wenn dem so war, hätte ich dann überhaupt auch nur einen der geringen jenen

Vorteil,

den

ich

nutzten

konnte,

bevor

Mann

ebenfalls enttarnte? Es musste doch einen Weg. Es musste einfach. „Wie heißt du?“ Verwundert, dass man mit mir sprach, wandte ich den Kopf in die Richtung, in der ich die Stimme vermutete. Sie

gehörte einem kleinen Mädchen, das sich neben die Holzkiste, an die sie mich gekettet hatten, niederkauerte und

vorsichtig im Schneidersitz zu schaukeln begann. Ich zögerte. Was sollte ich ihr antworten? Nummer 448 oder…? „Tim. Und du?“ „Nummer 274.“
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„Und dein richtiger Name?“, hakte ich nach. „Nummer 274.“ Augenblick ballte ich die Fäuste hinter dem Rücken. Wer gab diesem Mann das Recht, einem anderen Menschen das

Einzige zu nehmen, was er noch besaßen: Seinen Name? Plötzlich kam mir eine Idee. Eine Idee, wie ich nicht nur der Kleinen endlich eine Identität verschaffen konnte,

sondern auch eine, wie ich mich Scotts Tyrannei ein wenig widersetzen konnte. „Was hältst du davon, wenn ich dich…“ Ich betrachte die Kleine aufmerksam. im Ihr Haar, der zu zwei Zöpfen geflochten, mit

schimmerte

Licht

Mittagssonne

dunkelbraun

rötlichen Strähnchen. „…wenn ich dich Reni nenne?“ Dabei dachte ich an meine Kindergärtnerin Renate. Eine

liebenswerte Seele, zu allen gerecht, gleich wie oft man auch in die Hosen gemacht oder mit Sand geworfen hatte. „Reni? Das ist ein toller Name.“ „Wir heißen einfach Tim und Reni, einverstanden? Aber es muss vorerst unser Geheimnis bleiben, ja?“ Das Mädchen zwinkerte verschwörerisch und legte den

Zeigefinger auf ihre rosigen Lippen, als ein Schatten ihr Gesicht bedeckte. Stille. Dann ein dumpfer Schlag, gefolgt von einem erstickenden Schrei. Der Wächter, mit der einen Hand immer noch wild in der Luft wedelnd, zerrte sie vom Boden hoch. „Habe ich dir nicht ausdrücklich befohlen, mit Nummer 268 und 257 die Kisten zu säubern, Nummer 274!“, knurrte er böse, wobei er sie derart grob von sich stieß, dass die Kleine stürzte, wofür sie erneut einen Hieb dieses Mal in ihr knochiges Gesicht kassierte.
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„Lassen Sie sie in Ruhe!“, brüllte ich, im Versuch die Kette zu lösen, was natürlich sinnlos war. Tatenlos musste ich zusehen, wie der Mann mit einem spöttischen und zugleich hasserfüllten Grinsen das Mädchen vor sich her zurück zu einer Kiste zog. Sie selbst schien nicht einmal Anstalt zu machen, sich zu wehren. Unter Tränen kniete sie neben einer Box mit dem Aufdruck einer riesigen Orange nieder und

schenkte mir lediglich einen letzten traurigen Blick. Nun baute sich der Wächter vor mir auf, sodass ich mir wie ein Insekt vorkam, dass Sekunden später von einem Schuh

zerquetscht werden würde. Dennoch… Ich kam mir mit einem Mal stärker vor. Aufrichtig starrte ich in die dunklen Augen und erkannte hinter der Fassade etwas, worüber Maurice Scott sicherlich entrüstete gewesen wäre, wenn jemand ihn darauf aufmerksam gemacht hätte: die Unsicherheit. Freilich, der Wächter Tochter war ein Afrikaner. zu Dieses Mädchen kostete könnte selbst seine ihn die

sein.

Sie „Nummer

verletzten, Er

Überwindung.

448“

zuckte

gleichgültig

Achseln. „Die Geduld des Meisters hat auch ein Ende.“ Ich seufzte. „Schätze Sie haben Recht, Ingo.“ „Ingo?!“ „Ich nenne Sie einfach Ingo, wenn Sie damit einverstanden sind.“ „Was?“ Der Mann starrte mich mit offenem Mund an,

unwissend, ob er mich ernst nehmen sollte. „Das nehme ich als ‚Ja‟, Ingo.“ „Ingo? Moment… Was?“ „Irgendjemand muss Ihnen doch einen Namen gegeben haben. Einen Richtigen. Nicht einen wie Ihr großartiger Meister.“

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„Meine Mutter…“ Er dachte kurz nach. „Ja, ich erinnere mich. Jabali. Jabali, nach meinem Großvater. Aber seit ich für Sir Scott arbeite, benutze ich nur noch meine

Erkennungsnummer.“ „Wieso?“ „Ich… Ich muss dringend zurück an die Arbeit.“ „Okay, Jabali, wir sehen uns. Ich kann dir ja nicht

nochmals davonrennen, Jabali. Jabali, pass gut auf dich auf, ja, Jabali? Oder könntest du mich nicht losbinden? Die Kette schneidet so. Aua, Jabali. Bitte, ich werde dir auch keine Unannehmlichkeiten bereiten. Versprochen! Großen Ehrenwort.“ Meine Worte zeigten Wirkung. Nach kurzem Überlegen

willigte der Wächter schließlich ein. Mich durchfuhr ein stechender Schmerz, als sich ein Splitter des Metalls in mein Handgelenk bohrte. Dann jedoch sprang die Handschelle endlich auf. Ich war frei! Für einen Augenblick überkam mich erneut das Verlangen, sofort das Weite zu suchen. Vielleicht konnte ich es ein zweites würde Mal ich wagen, es über den Mal Zaun zu

klettern.

Vielleicht

dieses

schaffen.

Vielleicht… Nein. Ich durfte das Vertrauen des Mannes nicht missbrauchen. Selbst dann nicht, wenn es noch so schwierig war. „Danke, Jabali.“ Lascher Händedruck. Zwinkern. „Ich

werde dir bestimmt nicht zur Last fallen.“, beteuerte ich noch mal mit einem leichten Lächelnd auf den Lippen. Der Wächter nickte, wenn auch ein wenig verunsichert, wie es schien. Hatte er einen Fehler begangen, diesen Jungen einfach laufen zu lassen? Nein, Jabali. dachte Denn ich, du hast hast genau du dich das auf Richtige die getan, des

unbewusst

Seite

Feindes deines Meisters geschlagen.
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Mit ihrem heißen Atem drückte die Luft alles nieder. Das Glas des Thermometers schien förmlich schmelzen zu wollen. Träge schleppte ich mich zu einem Orangenbaum. Mein Blut kochte, der Schweiß verdampfte noch auf meiner Haut. Jabali, der mit zwei weiteren Männern die Essensausgabe bewachte, blinzelte zu mir herüber. Die Afrikaner waren an die Hitze gewöhnt. Munter genossen sie ihre Mahlzeit - Ignames, einen Brei, der ähnlich wie Kartoffelpüree schmeckt, dazu eine Schale Wasser - und unterhielten sich leise miteinander. Die Mütter säugten ihre Babys, wickelten sie. Obwohl bei solchen Bedingungen - harter körperlicher Arbeit, geringer Pause, schlechtem Essen, das in etwa der Energiezufuhr eines

Müsliriegels entsprach - jeder Europäer sofort das Handtuch weggeworfen und erbitterten Widerstand geleistet hätte,

muckste sich hier auf der Plantage niemand. Nicht einmal die hungrigen Kinder stibitzten heimlich eine Orange. Seufzend lehnte ich mich gegen den Stamm des Baumes. Eine Frucht kullerte neben mir zu Boden. Die Versuchung, genüsslich

hineinzureißen, war groß, denn wenn man nicht arbeitete, bekam man nicht einmal das Wenige. „Nimm sie.“ Erstaunt sah ich auf. Mathieu stützte sich auf seine Hacke und betrachtete stolz den Korb, in dem er eifrig die Orangen gesammelt hatte. Grinsend sprang ich auf, fiel ihm

überglücklich um den Hals. „Mach mal langsam. Du musst mich ja nicht gleich

erdrücken.“ Er lachte, tätschelte mir zwinkernd den Kopf. „Hallo, Heulsuse.“ Zu gerne hätte ich ihm etwas entgegnet, ihn in die Seite geboxt, doch die Freude, ihn endlich wieder zu sehen,

überwältigte. „Wie hast du mich gefunden?“
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„Immer dem größten Chaos nach. Nein, ernsthaft. Die Leute reden schon über dich.“ „Ehrlich?“ „Ja. Ich frag mich, was die an so einem Feigling finden. Kann doch keiner behaupten, dass du auch nur ansatzweise mutig bist, oder? Ich meine, die kleine Heulsuse und…“ Ein Schauer lief mir über den Rücken, als ich bemerkte, wie mich alle anstarrten. Freilich, ich war der einzige Hellhäutige hier. Der Einzige, der drei Sprachen sprechen konnte. Der Einzige, der vielleicht das große Pech gehabt hatte, die Tochter des Sirs persönlich kennen zu lernen. Der Einzige, der nur zufällig das Richtige getan hat, indem er Kassian rettete. Der Einzige, der naiv genug sein konnte, zu fliehen. Der Einzige, der einem kleinen Mädchen einen Namen gab… Der Einzige, der Widerstand leistete, unabhängig davon, wie sinnlos es auch war. Ich schüttelte den Kopf. Aber all dies hatte weder etwas mit Mut, noch sonderlich großem Kampfgeist zu tun. Sondern… ja womit? Mit dem Willen endlich, frei zu sein, vielleicht, mit dem Willen, sich noch nicht ganz mit seinem Schicksal abgefunden zu haben, wie der eigene Vater es getan hatte. Vor allem gab mir ein Mädchen Kraft, selbst wenn ich es nie hätte zu geben können: Kay, mein bester Kumpel, meine kleine Schwester, die sogar „Mathieu, ich muss…“ „Nummer 289. Ich weiß zwar auch nicht, warum, aber ist ganz witzig, endlich einmal einen neuen Namen zu haben.“, lenkte mein Freund wie auf Knopfdruck ein. im Streit hinter mir gestanden hat.

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Entsetzt klappte ich den Mund auf und zu. „Ganz witzig… Was?!“ „Wenn du noch keine Namen hast, musst du es sagen. Sonst kriegst du nachher riesigen Ärger. Die meinen, wir sollten unseren alten vergessen. Deshalb: Nummer 289, falls du mich mal suchen solltest.“ „Du also auch! Ich habe gedacht, ich könnte dir vertrauen, Mathieu!“ „Nummer 289, merk‟s dir.“ „Du bist völlig übergeschnappt! Du bist krank, wie all die anderen auch. Sie hätten dich fast umgebracht. Sie sind schuld, wenn wir nicht nach Spanien kommen. Das war doch dein größter Traum, erinnerst du dich? Oder hat dir dieser scheiß bescheuerte Typ von Sir das Gehirn gewaschen? Kniest du schon vor ihm nieder? Küsst du seine Füße? Vielleicht hast du das große Glück, dass dein Kopf irgendwann einmal in seinem dritten Abstellraum hängt!“ Beruhigend legte Mathieu mir die Hand auf die Schultern, doch ich stieß ihn von mir. Tränen liefen mir über die Wangen, rann salzig in meinen leicht geöffneten Mund. Grob wusch ich sie weg. Es hat keinen Sinn. Er ist verloren, Tim. Nein, nicht auch Mathieu… Nein! Ich japste. Der bittere Geschmack der Niederlage lag mir auf der Zunge, gemischt mit einem anwallenden Stück Wut, Verzweiflung und Frust. Maurice Scott, dafür bringe ich Sie um…! „Hey, nur weil ich einen neuen Namen habe, heißt das doch noch lange nicht, dass ich nicht mehr dein Freund bin!“ Mathieus Stimme klang seltsam, beinahe so, als ob es jemand anders war, der dort die Lippen bewegte.

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In kleinen Fetzen werde ich Sie zerreißen, wie einen Ast in meinen Händen zerbrechen. Maurice Scott, das schwöre ich Ihnen. Ich… Nein! Ich konnte nicht. Ich bin zu schwach… Ein letztes Mal begegneten sich unsere Blicke. Mein bester Freund… Großes Spanien-Ehrenwort. Dann stürmte ich davon. Mathieu Schulter flüstern. Ja, lasst mich alle in Ruhe! Ich hasse euch! Schluchzend kauerte ich mich in einem Dickicht nieder, zog die Beine näher an meinen zerkratzten Körper heran. Was war bloß mit mir geschehen? Ein Insekt krabbelte über meinen Rücken. Die Blätter rauschten im Nordwestwind, Richtung der spanischen Küste. Und mit ihm kam die traurige Erkenntnis: Du bist schuld. Denn du hast nicht nur dich, sondern auch Mathieu, in Gefahr gebracht, indem du so egoistisch und versessen darauf gewesen bist, endlich die Wahrheit zu erfahren. Und zu welchem Preis? Du bist in die Fänge eines Wahnsinnigen geraten - bloß, weil du deinem Vater vertraut hast, der nicht ein einziges Mal in deinem Leben für dich da gewesen war… Nein, das stimmte auch nicht. Papa war und ist ein großartiger beigebracht Mensch. und der Ein sich perfekter immer Mann, für der dir viel wollte mir folgen, „Lass doch Jabali hielt hörte in an ich der ihn

zurück.

ihn

alleine.“,

mutig

alle

anderen

eingesetzt hat. Ein Held. Du bist derjenige, der niemals perfekt ist. Denn du bist ein selbstsüchtiger Feigling, weil du nicht an Mathieu gedacht hast. Dir würde ich auch nicht mehr vertrauen. Du hast es verdient, dass Scott dich dafür bestraft… Nein. Niemand hat es verdient, nicht einmal du, der größte Idiot, den die Welt kennt. Vielleicht kannst du alles wieder gut machen. Vielleicht kannst du diese Menschen
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befreien…

Nein, Tim, du hast keine Chance. Du bist alleine,

ganz alleine. Sogar Mathieu steht auf der Seite des Sirs. Alle deuten sie herablassend mit dem Finger auf dich, sogar die grünen Marsmensch oder die Götter, Zeus, Venus, Jupiter. Niemand, nicht ein Einziger im ganzen Weltraum oder noch weiter entfernt, ist bereit, dir zu helfen. Womöglich wäre es besser, wenn in du eine Ameise nach wärst, ein rotbraunes und faulem, einer

Krabbeltierchen feuchtem

einem

totem Hügel,

Fleisch

Erdboden

stinkenden

überfüllt

von

riesigen, gut organisierten Gemeinschaft, die lediglich von der Königin, der größten von allen, unterdrückt wird. Oder ein süßer Welpe, in einer Familie, die dich jeden Tag bei Wind und Wetter am Halsband hinter sich her über den Gehweg zerrt. Oder aber ein Meerschweinchen, ein weiches Fellknäul, im Käfig eines Kindes, bettelnd, ständig die um Futter geringer oder um

Streicheleinheit

immer

werden.

Vielleicht auch eine Gazelle in der Wüste, ständig in der Angst bei einem Löwenangriff zu sterben. Ein Fisch in von dem Öl verschmutzten, abgestandenen Hafengewässer. Ein Vogel in einer Großstadt… Nein, Tim. Verdammt! Meine Hand krallte sich um eine Wurzel. Ich durfte mir nicht weiter den Kopf darüber zerbrechen, was wäre wenn. Das brächte Mathieu auch nicht wieder zurück. Verdammt, du tust, als sei er völlig an Scott verloren! Du brauchst ihn nicht. Warte ab! Irgendwann kommt er sicherlich zu dir und bittet dich um Verzeihung, so lang konnte er gar nicht schmollen. Bestimmt nicht.

Irgendwann boxt er dich wieder in die Seite und alles ist okay. Irgendwann… Hoffte ich jedenfalls. Die Sonne ging auf, ging unter. Ein Tag. Die Sonne ging auf, ging unter. Zweiter Tag. Und immer dann, wenn die Sonne
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aus ihrem Schlaf erwachte, begann die Arbeit. Und immer dann, wenn die Sonne gähnend in ihr Bettchen huschte, endete die Arbeit. Jeden Tag, jeden Tag aufs Neue. Die ganze Woche, immer von vorne, immer dasselbe. Außer sonntags, da hatte man zu lernen: Englische Wörter, um sich mit dem

hochwohlgeborenen Meister unterhalten zu können, der sich jeden zweiten Tag einmal auf der Plantage blicken ließ. Meistens, um eine Ration Essen zu streichen, weil wir zu langsam arbeiteten, oder um aus Spaß ein wenig die Peitsche zu schwingen, wenn nicht alles exakt nach seinen Wünschen von statten ging. Nur Tess erschien nie auf dem Feld. Einige der Kinder bezeichneten mich sogar Spinner, als ich

erzählte, dass Sir Scott eine Tochter in ihrem Alter hat. Freilich, sie kannten nur, schlafen, essen, arbeiten, essen, schlafen. Alles andere war ihnen fremd. Die Welt jenseits des Zaunes, gleich dem Himmel so fern, so unerforscht. Sofort am Morgen des dritten Tages, noch vor der

Dämmerung, hatte ich erneut zu fliehen versucht. Dieses Mal an einer Stelle weiter im Norden. Aber wieder hielt mich dieser verfluchte Juckreiz davor zurück, den Sprung zu

wagen. So fand ich mich damit ab, noch einige Zeit auf dieser Plantage verbringen zu müssen. Nachdem Jabali

zufällig herausgefunden hatte - wie wusste ich auch nicht dass ich für mein Alter enorm clever war, bat er mich des Öfteren um den ein oder anderen Gefallen, zu denen vor allem das Führen von verschiedenen Listen und organisatorischer Krimskrams gehörte. Obwohl mein Nebenjob früh aufstehen als zu

„Taschenrechner“

zeitweise

bedeutete,

müssen, damit Scott nichts von alle dem mitbekam, half ich ihm trotz des herrschenden Misstrauens gerne. Schließlich
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saßen wir alle irgendwie in demselben Boot. Einer leitete das Schiff durch den gefährlichen Riff, der andere versuchte sich beim Segeln. Dennoch: Der größte Teil der Afrikaner hielt gebührenden Abstand von mir, da sie mich wohl für einen Spion, einen Dummkopf oder etwas derart halten mochte. Denn was hatte ein hellhäutiger Junge, der lediglich die „leichte“ Aufgabe übernahm, zu übersetzen, und nicht auf dem Feld mitarbeitete wie alle anderen auch, was hatte dieser unter ihnen verloren? Mathieu, mittlerweile vom Sammler zum stolzen Ernter aufgestiegen, würdigte mich wider Erwarten keines Blickes mehr. Dafür Reni umso mehr. Das kleine

Mädchen wich mir an keinem Abend von der Seite. Ständig bettelte sie darum, dass ich mit ihr spielte oder ihren Freunden Namen gab. Dabei war mein Kopf leer. Ich konnte kaum noch denken, lief manchmal ziellos am Zaun entlang. Das Gefühl, mich nicht wehren zu können, machte mich schier wahnsinnig. So erfreute es mich auch, dass ich einmal in der Gegenwart des Meisters absichtlich falsch übersetzte und es daher Stunden bedurfte, alle Schwierigkeiten und

Missverständnisse zu beseitigen. Jeden Tag, selbst wenn die Hitze mich noch so niederdrücken zu wollen schien, erkundete ich mein Gefängnis. Nach einer Woche hatte ich mir jeden Baum eingeprägt und wenn jemand seine Gruppe verlor, konnte ich ihn sicher zurückleiten. Eifrig fertigte ich Skizzen dieser neuen Welt an, markierte Stellen, an der der Zaun brüchig war oder die sich wegen der lockeren Erde besonders gut für einen Tunnelbau eigneten. Denn, obwohl Maurice Scott glaubte, mich endlich auf seine Perlenkette gefädelt zu

haben, kullerte ich immer noch auf dem Regalbrett herum.

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Am Morgen des vierzigsten Tages, dem 9. Juli 2004, mitten im afrikanischen Die die Winter, Äste wurden wir von einem knickten Kisten Sturm ab, und

überrascht. verletzten andere lose

der

Orangenbäume

darunter

pflückenden wirbelten

Menschen.

Gegenstände

umher.

Kinder

schrien,

jammerten zusammengekauert in den unterirdischen Baracken. Obwohl es Scott sicher missfallen auf die hätte, wacklige die Arbeit zum

niederzulegen,

stieg

Jabali

Leiter

Wachturm herauf, um die Warnglocke zu läuten. Verzweifelt klammerte er sich an der Sprosse fest, schlug jedoch mit eiserner Willenskraft gegen das Metall. Ich bewunderte ihn von den Treppenstufen aus. Instinktiv wollte ich ihm

Beistand leisten, aber sein Befehl, hier zu warten, war ausdrücklich und unwiderruflich gewesen. Ein Afrikaner,

einen anderen stützend, humpelte auf die Baracke zu. Nummer 171 und 192 hackte Liste ich mit ich ab, die auf ich der zu provisorisch führen hatte. die

zusammengestellten Vorsichtig einzelnen fünfzehn fuhr Namen. Personen.

dem eins zwei

Kugelschreiber und vollständig, drei

über

Baracke Baracke

gezählte Und

ebenfalls.

vier… eins, zwei, drei, vier, fünf… vierzehn! Kopfschüttelnd betrachte ich die kleinen Haken. Bestimmt hast du verrechnet. Unmöglich, das… Vierzehn! Entsetzt ließ dich ich

meinen Blick über die Schatten im Inneren schweifen. Ein Blitz schoss über den nachtschwarzen Himmel. Regen peitschte mir ins Gesicht. „Rein mit dir Junge!“, brüllte Jabali, den Sturm

übertönend, wobei er mich an der Schulter mitreißen wollte, „Gut gemacht.“ „ Es… Es sind nur vierzehn.“
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Wie versteinert hielt der Wächter inne, ungläubig auf das karierte Blatt Papier starrend. „Nummer 274... Sicherlich ein Missverständnis.“, erwiderte er wenig überzeugend, lehnte sich gegen das Gemäuer, die Hand vor Augen gelegt und sah hinaus in die Finsternis. Doch ich wusste, dass er log. Selbst wenn ich es zu verdrängen versuchte: Es irrte noch jemand dort draußen umher. Alleine, völlig in Panik. Und als ob Gott es so gewollt hätte,

tauchte eine weinende Afrikanerin auf. „Meine Tochter…“ „Sicherlich ein Missverständnis.“, wiederholte Jabali

nochmals mit gequälter Stimme. Nummer 274... Nummer 274... Reni! Das kleine Mädchen, das mich in den letzten Wochen immer wieder mit ihrem

unschuldigen Lachen daran erinnert hatte, dass es Zuneigung gab, die Scott nicht zerstören konnte, dieses Mädchen

fehlte. Hektisch wandte ich mich um. Reni, du kennst den Weg. Du bist hier aufgewachsen. Warum…? „Ich habe Angst, wenn es da oben Bum-Bum macht.“ Natürlich! „Es ist zu gefährlich. Niemand kann…“ Doch, ich konnte sie finden. Wie oft hatte ich sie beim Arbeiten besucht, ihr das ein oder andere Mal beim Pflücken geholfen, wenn ihr Arme schmerzten. „Ich werde sie suchen.“, entgegnete ich bestimmt, wobei ich Jabali den Zettel in die Hand drückte und die Treppe immer zwei Stufen auf einmal nehmend heraussprang. „Nein, Junge.“ Der Mann packte den Stoff meines T-Shirts, drehte mich zu sich herum. „Sei vernünftig. Es hat keinen Sinn. Wir müssen abwarten.“

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Mein Blick blieb an Renis Mutter hängen, die die Hände vor die Augen geschlagen hatte. Ihre kleine Tochter… Ich musste ihr helfen. Mit aller Kraft von stieß der ich ihn von mir und wurde Völlig

augenblicklich

Dunkelheit

verschluckt.

orientierungslos stolperte ich über zurückgelassene Kisten und Macheten. seit Reni, ich wo bist du? Licht Es erschien mir eine Meine

Ewigkeit,

zuletzt

gesehen

hatte.

Kleidung war durchnässt, die Lampe bereits erloschen. Nass klebte das Haar in meiner Stirn. Wasser spritzte an meinen Bein hoch, als ich in einen Pfütze trat. Erneut zuckte ein Blitz über den Himmel, dicht gefolgt von einem Ohr

betäubenden Donnergrollen, als wollen beide gleichzeitig am Horizont zerschellen. „Reni!“, brüllte ich in die Schwärze hinein, „Reni, Reni!“ Keine Antwort. „Reni!“ Mit dem Kopf stieß ich gegen etwas Hartes, vermutlich einen Ast. Schmerzend rieb ich die Stirn, tastete mit den Händen den Gegenstand ab. Feucht, sehr

feucht. Das musste bedeuten, dass ich… dass ich in der Nähe des Weges war. Denn ansonsten würden die übrigen Bäume einen Teil des Regens abgefangen, sodass die Äste nahe dem Boden kaum hätten nass werden können. Auf den Knien krabbelte ich über die Erde, gleich, ob ich nun wie ein Monster aussehen mochte. „Reni, wo bist du?“ Kies, festere Erde. Von irgendwoher wurde kurzzeitig etwas reflektiert. Der Zaun! Gut, Tim, du bist auf dem richtigen Weg! Dort drüben ist die Stelle, zu der du Reni heute Morgen ein Stück begleitet hast. „Hey… Nummer 274!?“ Wieder keine Antwort. Das durfte doch nicht wahr sein! Vielleicht hatte Jabali
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recht

gehabt

und

es

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handelte sich lediglich um ein Missverständnis. Unmittelbar über mir krachten die Wolken aneinander. Erschrocken kauerte ich mich unter einem Baum nieder, erstarrte. Was bist du nur für ein Feigling? Wie sollst du so ein kleines Mädchen

retten können? Das Verlangen, nicht noch einmal zu versagen, trieb mich plötzlich an. „Reni!“ Leises Wimmern. „Wo bist du?“ Ein atemloses, heiseres „Hier drüben“. Donner, der Ruf des Himmels. Eine Orange traf mich hart am Kopf, als ich mich erheben wollte. Sofort geriet ich ins Taumeln. Ein Blitz, wie ein Aal sah er aus, kräuselte sich in der Nacht. Jemand schrie, aber es war nicht Renis Schrei. Bevor ich auch nur verstand, was dies bedeutete, wurde ich grob zu Boden geschleudert. „Hey!“ Angewidert verzog ich das

Gesicht. Matsch war nicht gerade meine Leibspeise. „Bist du verrückt!?“ „Spiel dich nicht so auf, Heulsuse! Muss ein Feigling wie du immer gegen den Strom schwimmen?“ Ungläubig runzelte ich die Stirn. „Mathieu?“ Doch als Antwort erhielt ich lediglich einen Schlag auf den Rücken, der meine Zähne aufeinander presste. „Lernst wohl nie dazu, wie? Nummer 289! Dachte, du wärst der kleine Besserwisser. Oder ist das auch wieder eine deiner Lügen? Aber, ich muss dir für diesen ganzen Scheiß hier danken.“ Grob zog er mich hoch, schüttelte mich wie eine Puppe.

„Jetzt weiß ich wenigstens, wo ich hingehöre.“ „Niemand gehört hier hin.“ Ich zögerte kurz. „Mathieu!“ „Nenn mich gefälligst, Nummer 289!“ „Nein, Mathieu. Ich wüsste nicht wieso.“ Als ich seinen Handrücken erneut verspürte, wollte ich zurückweichen, doch dieses Mal
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tat

ich

es

nicht.

Denn

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unbewusst war ich stärker als mein ehemaliger bester Freund. Glaubte ich jedenfalls. Die eine Hand zur Faust geballt, hätte ich den längsten Fluch meines Lebens aussprechen

können… als jemand meine Arme auf den Rücken presste und mir ins Ohr brüllte: „Prügelei im Gewitter?“ Jabali, Gott sei Dank! „Er hat mich angegriffen. winselte Sofort und ist er auf mich somit

losgegangen.“,

Mathieu

schlüpfte

unerwartet die Rolle des armen wurde.

Jungen, dem Unrecht getan

Kopfschüttelnd starrte ich ihn an. „Nein… Ich habe bloß… Ich meine, ich…“ „Mir ist es gleich, wer angefangen hat. Ihr habt gegen die Vorschriften verstoßen und euch und andere zudem in Gefahr gebracht. Deshalb kommt ihr jetzt zum Meister… Alle beide!“ „Willkommen!“ Maurice Scott, in einem maßgeschneiderten, olivgrünen Hemd und einer Dieseljeans, nippte an einer Tasse Tee, stellte sie jedoch sofort zurück auf ihren Unterteller, um mit einem Fingerschnipsen zu verdeutlichen, dass man auch unsere

Gläser zu füllen hatte. Die Situation schien absurd. Wie alte Freunde saßen wir an einem runden Tisch im

Wintergarten, mit einem aufgenötigten Getränk in der Hand und warteten auf unser Todesurteil. Unser Henker seinerseits wirkte vollkommen gelassen und entspannt. Dabei traf uns jedes Wort wie ein kleines Messer tief in den Brustkorb. „Mir ist zu Ohren gekommen, dass ihr euch gegen sämtliche meiner Gebote aufgelegt habt. Freilich, vielleicht ist einer von euch unschuldig. Diesem kann ich nur raten, die Wahrheit zu sagen. Denn sonst wir es beide treffen und zwar harter
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als euch lieb ist, meine Freunde“ Lächelnd ließ der Mann den Blick über unsere Gesichter schweifen. „Nun?“ „Er war‟s, Sir. Als er anfing, zu knallen, haben wir uns

in Sicherheit gebracht. Es war zu gefährlich, glauben Sie mir. Nur er…“ Mein bester Freund machte eine Atempause. „Er hat einen Fehler gemacht. Auf seiner Liste war Nummer 274 abgehakt. Zum Glück fiel mir auf, dass das kleine Mädchen noch draußen umherirrte und so rannte ich heraus, um sie zu suchen. Beinahe wär‟s mir auch gelungen, hätte er nicht auf mich eingeschlagen. Vermutlich alles, damit sein Fehler

nicht auffiel.“ Ich schüttelte den Kopf. Wie konnte Mathieu mich nur

derart belasten? „Nun, genauer Nummer auf die 448?“ Maurice des Scott nickte mir zu, ohne „Was

Aussage

Afrikaners

einzugehen.

sagst du dazu?“ Ich zögerte. wie „Das ist meine nicht wahr…“, stotterte hier ich, jemals

bewusst,

gering

Chancen

standen,

lebend raus zu kommen. Verdammt! Warum stotterst du? Wie soll er dir denn so glauben? Doch bevor der Mann endgültig mein Todesurteil

unterschreiben konnte, klopfte es an der milchigen Glastür. Für Sekunden schöpfte ich neue Hoffnung, als ich erkannte, um wen es sich bei dem unerbeten Gast handelte: Reni, eine Decke über die Schultern gelegt, schlich mit gesenktem Kopf, zitternd vor Furcht und Kälte, zu uns herüber, dicht gefolgt von einem Gorilla und Tess. Letztere stützte die Ellbogen auf den Tisch und lächelte mit derselben kühlen, sachlichen Miene wie ihr Vater in die Runde. „Nummer 274 ist Zeugin.“, mischte sie sich ein, ohne vorher von den Ereignissen in
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Kenntnis

gesetzt

worden

zu

sein.

Ich

schätze,

es

ist

interessant und von hoher Priorität für uns, wie sie das Vorgefallene bewertet.“ Tess nickte dem Mädchen kurz zu, wobei sie ihre Rolle als Staatsanwältin allerdings nicht ablegte. Reni schluckte

merklich. Endlich kommt die Wahrheit ans Licht. Aber die Worte, die die Kleine aussprach, waren alles andere als befreiend. „Er“ Sie deutet mit ihren dünnen Finger auf mich. „Er hat ihn überfallen. Ich hab‟s gesehen, weil ich mich versteckt habe. Ich hatte so große Angst, dass ich mich nicht bewegen konnte… und er, ja er, er hat den da geschlagen.“ Triumphierend, aber auch ein wenig verwundert, riss

Mathieu die Arme hoch. „Sehen Sie‟s, Sir. Ich bin unschuldig. Er war‟s, nicht ich.“ Fassungslos starrte ich Reni an. Nein, das ist alles ein Traum. Ein böser, böser Traum. Ganz, ganz sicher bist du im falschen Film.

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7. Kapitel
Die Fleischmesser hingen blank poliert über dem Herd, auf dem in einer Keramikpfanne ein herrlich duftendes

Reisgericht zubereitet wurde. Trotz des Spülmittels rochen ihre Klingen nach bereits geronnenem Blut, ebenso wie der weiße, geflieste Boden des beinahe fensterlosen Raumes roch, die verschiedenen Der Staub Geschirrsets Geruch auf den lag oder wie die der den schwarzen verzweifelt Schränken,

Ablageflächen. weggewischte

Regalen,

vielleicht sogar auf der hohen, weißen Kochmütze des Mannes, der mir nun in den Weg trat. „Was hast du hier zu suchen?“ „Ihr Meister schickt ihn. Er steht ab heute in Ihrer

Schuld.“ Erstaunt wandte ich mich um. Tess lehnte gegen den

Innenrahmen der Tür, die sie nun hinter sich zuzog. „Das ist Tim, Tim River. Sohn eines guten, leider kürzlich

verstorbenen Freundes meines Vaters. Nur…“ Sie machte einige Schritte auf uns zu. „Nur hat er es mit seinen irrwitzigen, typisch männlichen Streichen etwas zu weit getrieben. Sehen Sie zu, welche Drecksarbeit Sie ihm aufnötigen können.“ Der Koch grinste, wobei er den Kopf senkte. „Danke, Miss. Soll ich dir zu dem Reis eine Muschelsuppe servieren?

Frisch, nach Mailänder Art.“ Tess kicherte. „Ich weiß Ihr Angebot zu schätzen, aber: Nein, danke.“ Die Hände ineinander gefaltet wandte sie sich ab, doch ich spürte, wie sie noch einen kurzen Blick über die Schulter zu mir zurück warf.

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Sehen zu, welche Dreckarbeit Sie ihm aufnötigen können. Tess hatte nicht übertrieben, als sie dies sagte. Der Mann, ein hochnäsiger Tyrann in der Küche und ein Schwanz

wedelndes Schoßhündchen des Meisters, mit dem Namen Kurt Mallium, versuchte fortan, mir jeden Tag zur Höhle zu

machen, sodass ich manchmal in den schlimmsten Stunden darum betete, dass Scott mich endlich ans Kreuz über dem Kamin nagelte. Vor allem das Abtrennen des Kopfes eines noch

zappelnden Fisches und das anschließende Ausnehmen wurden zur Qual. Dennoch, irgendwie überlebte ich den Tag und den darauf folgenden. Auch den nächsten und übernächsten. Erst gegen Mitternacht, wenn ich den mich erschöpft auf den

Kartoffelsack

zwischen

stinkenden

Müllcontainern

zwängte, wurde mir klar, wie sehr sich mein Leben verändert hatte. Von dem kleinen Kinderzimmer in der Hochhaussiedlung in Köln nach Afrika, zuerst in ein Dorf, dann in die Weiten des Urwaldes und schließlich in dieses Gefängnis, aus dem es keinen Ausweg zu geben schien. Die einzigen Menschen, denen ich noch vertraute, haben mich im Stich gelassen. Dabei kenne ich die Wahrheit, den Grund, weshalb ich eigentlich hier verdamme, immer noch nicht. Oft hatte ich versuchte, die Luft anzuhalten, bis ich erstickte. Aber jedes Mal, als meine Lungen schmerzten, riss ich den Mund auf, Tränen in den Augen. Es war eine schreckliche Zeit, schrecklicher als die auf dem Feld, schrecklicher als alles, was ich bisher erlebt habe. Doch auch diese Zeit würde vorüber gehen. Nach drei Tagen schien Täte es mir gleich, wie es viele Tiere ich

umbrachte.

ich

es

nicht,

täte

jemand

anderes.

Ermordet werden würden sie sowieso. Versalzte ich die Suppe absichtlich, müsste ich den ganzen Kessel bis zum letzten
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Tropfen

auslöffeln

und

anschließend

eine

neue

aufsetzen,

ganz egal, wie schlecht es mir ginge. Je mehr ich mich dem fügte, was der Koch von mir verlangte, desto weniger Schläge bekam ich. Denn mittlerweile hatte ich eines begriffen: Die konnten mir zwar meinen Körper nehmen, nicht aber meine Gedanken. Dort oben war ich völlig frei. Es war der Morgen des 17. Julis, eines warmen Samstags. Gähnend rieb ich mir die Augen und bemerkte entsetzt, dass ich beim Aufräumen der Küche eingeschlafen sein musste. Denn mit der freien linken Hand umkrallte ich bereits den

Geschirrlappen. Hastig streckte ich meine Gliedmaßen aus, bloß, um mit dem Kopf gegen den Herd zu krachen. „Noch zu blöd, um richtig aufzustehen, was?“ „Tess! Oh, mein Gott… Was… was machst du denn hier?!“ Eifrig strich ich die altmodische Laufburschenuniform

gerade, bemüht, nicht allzu enttarnt zu wirken. „Alles Gute zum Geburtstag.“ „Du gratulierst mir zum Geburtstag?“ Träumte ich oder

stand gerade tatsächlich die Tochter des Sirs vor mir in der Küche und streckte mir zögernd die Hand aus? „Irrtum. Reine Höflichkeit. Ich gratuliere dem Tag, das es nun einer weniger ist, den ich dich ertragen muss.“ Unschlüssig rappelte ich mich vom Boden hoch. Meinte sie das wirklich ernst? „Danke.“ „Nichts zu danken.“, erwiderte sie, wobei sie den Blick durch den Raum schweifen ließ. „Bist du alleine hier?“ Ich imitierte ihr hektisches Umherschauen. „Nein, hier ist der Heilige Geist, weißt du. Und die Spinne hinter dem

Schrank. Ich nenne sie Spider.“,
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„Sehr witzig. Wirklich sehr witzig.“, zischte sie böse und stemmte die Hände in die Hüften. „Also: Wer ist außer deinem Spinnchen und dem Heilige Geist noch in diesem Raum? Etwa der Weihnachtsmann? Mag sein, dass dieser sich in der

Jahreszeit vertan hat.“ „Okay, okay. Es tut mir Leid. Ich bin alleine. Die anderen sind zum Markt gefahren. Sie kommen in etwa einer Stunde zurück.“ „Gut.“ Tess lächelte. „Hast du Lust, dass ich dir

Gesellschaft leiste?“ Zu meinem Erstaunen beträufelte sie den zweiten Lappen mit etwas Spülmittel und begann den Herd zu scheuern. „Was

guckst du denn so? Wir haben eine Menge zu tun.“ Nach etwa einer halben Stunde blitzte die Küche wie neu. Obwohl ich es nie für möglich hielt, war die Tochter des Sirs tatsächlich eine großartige Hilfe gewesen, ohne die ich zugegebenermaßen am Abend vermutlich wieder Schläge kassiert hätte. Wir sprachen nicht viel miteinander. Eigentlich gab es auch nichts, worüber wir hätten reden können. Still, ohne das Warum zu kennen, genoss ich endlich einmal nicht im Stich gelassen zu werden. Selbst, wenn mich Tess höchst wahrscheinlich nach der Arbeit um den Verstand brachte und sich darüber beschwerte, dass ihr Toast nicht eine Minute, sondern nur fünfundfünfzig Sekunden geröstet wurde. Denn

dieses Mädchen war das Unberechenbarste von allen. „Danke. Ich schätzte, ich bin dir was schuldig, oder? Warum bist du wirklich hierhergekommen? Soll ich dem Koch ausrichten, Mickie dass du demnächst haben den Pfannkuchen oder mit etwa einem in

Maus-Gesicht

möchtest

Kleeblattform?“
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Sie wrang den nassen Lappen über dem Waschbecken aus. „Wie kommst du darauf, dass ich irgendetwas verlange?“ „Das tut dein Vater auch immer.“ Ihre Augen verengten sich zu einem schmalen Schlitz. „Ich bin nicht mein Vater, verstanden?“, knurrte sie böse, wobei sie das Handtuch aus meinen Händen riss und einige Schritte entfernt in einen Wäschekorb gleiten ließ. „Ich habe deinem besten Freund das Leben gerettet.“ Irritiert zog ich die Augenbrauen erfuhr, was hoch. auf Was dem meinte Feld sie damit? „Als ich davon das

vorgefallen

war,

habe

ich

kleine Mädchen dazu gebracht, für mich zu lügen“, fuhr sie fort, „Ja, ich weiß, ich bin eine blöde Ziege. Aber was glaubst du, hätte Dad mit deinem Freund gemacht? Ihn so harmlos entkommen lassen wie dich?“ „Harmlos?! Das nennst du harmlos?“ All das war von Anfang an geplant! Ich hätte es ahnen müssen. „Du bist hier, weil ich es so will.“ „Und was hindert mich daran, alles zu verraten?“ „Nichts. Aber was willst du ihnen erzählen? Niemand wird dir glauben. Du bist alleine. Weglaufen kannst du nicht. Was willst du meinem Dad petzen? „Schon gut. Ich habe verstanden. Was soll ich tun?“ Wie zur Antwort warf sie mir eine Magnetchipkarte zu. Hastig fing ich sie auf und wandte sie in meiner Handfläche. Sie war leicht, kaum größer als eine Payback-Karte. Auf ihrer Rückseite, oberhalb des ein Zentimeter dicken

Magnetstreifens schimmerte im Licht eine Nummer, daneben ein Name, der meinen Atem stocken ließ: Nummer 08, Marc River. „Keine weiteren Fragen, kapiert? Nimm es als

Geburtstagsgeschenk, wenn du magst.“ Im Fortgehen zwinkerte
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Tess mir über die Schultern zu. „Morgen Abend bekommt Dad Besuch. Sicherlich werden auch viele Wachen dort sein.“ Behutsam ließ ich die Karte zwischen meinen Fingern hin und her tanzen, bevor ich sie sicher zurück in meine

Hosentasche steckte. Seltsam, etwas in den Händen zu halten, was zuvor nur einem einzigen, anderen Menschen gehört hatte. Verträumt kauerte ich mich auf dem alten Kartoffelsack zusammen. Morgen würde ich die Wahrheit erfahren, warum man dich tötete, Papa. Die Wahrheit über das Kamikaze-Projekt. Die Wahrheit, weshalb ich hier bin. Ich musste es nur bis in den ersten Stock schaffen, die Karte durch den schmalen Türschlitz ziehen, mir einen Aktenordner aus dem drei Meter langen Regal fischen und es mir beim Lesen auf deinem Leder überzogenen Schreibtischstuhl gemütlich machen. Das konnte nicht schwer sein, jetzt da ich den Schlüssel bereits

gefunden hatte. Oder handelte es sich bei alldem doch um eine Falle? Gaukelte mir Tess etwa nur vor, auf meiner Seite zu stehen? Vielleicht bekam sie von ihrem Daddy einen neuen, gigantischen Schminkkoffer oder ein süßes Pony, wenn sie mich direkt in seine Arme lotste. Hatte ich überhaupt eine andere Wahl als mitzuspielen? Denn, wenn ich ihr nun nicht vertraute, würde ich es nie mehr tun können. Lieber einmal riskieren, enttäuscht zu werden, als ewig alleine zu sein. Ich lächelte in die Dunkelheit hinein. Alles Gute zu deinem ersten runden Geburtstag, Tim. „Gute Nacht. Träum was Süßes, mein Kleiner. Ach, und sei so lieb und leg schon alles für morgen früh bereit, bevor du zu Bett gehst… oder sollte ich besser zu Sack gehst sagen?“ Mallium spie diese Worte förmlich aus, als seien sie eine Ekelerregende Flüssigkeit und ich ihr Behälter.
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Von unserer ersten Begegnung an hatte er mich gehasst. Dessen war ich mir sicher. Er schien lediglich auf den

Moment zu hoffen, an dem ich einmal versagte. Doch diesen Gefallen würde ich ihm nicht tun. ich Noch nicht. von Mit dem

zusammengebissenen

Zähnen

stemmte

mich

Kartoffelsack hoch und fingerte pfeifend nach dem Griff der Schublade, in der sich die Glasbrettchen befanden. Im

Augenwinkel bemerkte ich den skeptisch und zugleich wütenden Blick, mit dem der Koch zur Tür hinausjagte. Ich blieb

alleine in der Küche zurück.

21.37, sieben Minuten nach

halb zehn. Die Party draußen musste in vollem Gange sein. Soweit ich wusste, hatte Maurice Scott eine Reihe

wohlhabender Gäste eingeladen, die auch für diese Nacht in den zahlreichen Gästezimmern untergebracht werden würden. Einem langen Abend stand demnach nichts im Wege. Ich

grinste. Wenn ich es geschickt anstellte - was ich natürlich tun würde - könnte ich in den nächsten zwei Stunden die ganze Wahrheit herausfinden. Bei dem Gedanke daran wurde mir heiß. Zweifel keimten auf. Willst du das überhaupt? - Ja, ich will… sehr sogar. Aufgeregt zog ich die Schubladen auf und verteilte deren Inhalt, wie befohlen, auf der Arbeitsfläche. Dann erst

löschte ich das Licht und tappte im Dunkel zu meinem „Bett“. Auch wenn es mir noch so schwer fiel, ich musste warten. Warten, bis Mallium um zehn Uhr nochmals zurückkam, um mich zu kontrollieren. Wie immer. Tatsächlich wurde Punkt zehn die Tür rücksichtslos aufgestoßen. Der Koch stolperte

herein. Misstrauischer Blick. Gähnend räkelte ich mich, als hätte ich bereits geschlafen. Da alles ordnungsgemäß an

seinem Platz lag und der Mann zufrieden schien, verließ er
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schnell wieder den Raum. Schließlich durfte er auf solch einer Party nicht fehlen! Zur Vorsicht zählte ich dennoch bis hundert, bevor ich auf leisen Sohlen ebenfalls zur Tür schlich, kurz hinausspähte, ob die Luft rein war, und mich, den Rücken gegen die Wand gedrückt, zu den Treppen

vorankämpfte. Mittlerweile kannte ich die Villa gut genug, um mich in den verwirrenden Korridoren zu Recht zu finden. Ich wusste, wo sie Kameras installiert hatten, wo

Bewegungsmelder angebracht worden waren oder welche Tür zu welchem Zimmer führte. Auch wusste ich, dass die Aufzüge strenger bewacht wurden als die Treppen. Um in den Keller zu fahren, benötigte man einen anderen Magnetchip. Versuchte man trotzdem, dort unten einzudringen, stach der Oberarm derart stark, dass niemand der Qual länger als drei Schritte standhalten konnte. Überhaupt musste Scott sein Anwesen in verschiedene Bereiche eingeteilt haben: Die Plantage war

einer, gefolgt von dem Keller, dem Erdgeschoss, zu dem auch die Küche und die Gästezimmer zählten, dem ersten Stockwerk und Scotts Büro, dem Thronsaal, wie es manche nannten. Wie der Meister es jedoch geschaffte hatte, ein so komplexes Überwachungssystem zu errichten, war mir bislang immer noch ein Rätsel. Langsam steckte ich den Kopf um die Ecke. Hier waren sie. Hier waren die Aufzüge nach oben. Doch sie würde ich nicht benutzen. Sicherheitshalber nicht. Denn, obwohl keine Wachen zu sehen waren, konnte ich nicht hundertprozentig

ausschließen, ob mich nicht oben jemand in Empfang nehmen würde. Auf Zehenspitzen wollte ich die Treppen hinauf

schleichen, als sich eine Hand plötzlich auf meine Schultern legte. Für Sekunden setzte mein Herz aus. Das Blut gefror in
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meinen Adern. Sie haben dich erwischt, Tim. Jetzt bist du tot. Aber nichts geschah. Erstaunt wandte ich mich um.

Niemand war da. Hatte ich mich getäuscht oder…? Einbildung, alles Einbildung. Du bist nervös. Das ist alles. Doch ich hätte schwören können, dass mir jemand folgte. Und dieser jemand klebte ganz dicht an meinen Fersen…

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8. Kapitel
Zimmer 8. Dritte Tür von links. Vorsichtig ließ ich meinen Blick durch den schwach erleuchteten Gang schweifen. Bisher hatte ich lediglich zwei Wachen bemerkt, die sich über irgendein Fußballspiel im Fernsehen unterhielten. Glücklicherweise schienen sie so in ihrem Gespräch vertieft zu sein, dass sie ihre Arbeit nicht sonderlich ernst nahmen. Seufzend hielt ich vor einer Tür inne. Alle Zimmer waren nummeriert. Keine Namen, nichts, was in irgendeiner Form etwas über die Menschen aussagte, die hier arbeiten. Nur weiße Ziffern auf schwarzem Plastik. Für Sekunden spielte ich mit dem Wunsch, einfach die Karte einzustecken und alles zu vergessen. Man sollte nicht von etwas wissen, was man nicht wissen sollte. Doch zum Umkehren war es bereits zu spät. Mit einem befriedigenden Klick, sprang das Schloss auf. Tief atmete ich ein, aus, wieder ein. Komm schon, Tim. Raum 8 ein großes, quadratisches Büro mit zwei

mannshohen Fenstern, durch die man von dem Lederstuhl aus das Treiben im Innenhof beobachtet konnte. Denn der große Schreibtisch mit den vielen, beschrifteten Schubladen und dem riesigen, schwarzen Monitor stand mit dem Rücken zur Türe, obwohl Papa sich nie für die Außenwelt interessiert hatte. Nun hingen die weißen Vorhänge schlaff hinunter und schienen seit einiger Zeit bereits nicht mehr zurückgezogen worden zu sein. Überhaupt war die Luft abgestanden und

stickig. Staub sammelte sich auf den wenigen Möbel. Leer und tot. Lediglich der Kühlschrank in der einen Ecke,

unmittelbar neben einem roten Sofa ohne Kissen, rauschte
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noch schwach. Zögernd setzte ich einen Fuß vor den anderen. Du solltest nicht hier sein. Du solltest nicht. Es ist

falsch, irgendwie falsch. Dann ließ ich mich auf den roten Lederstuhl fallen. Mein Magen rumorte. Einen Moment lang glaubte ich, ich müsse mich übergeben. In einem winzigen, silbernen Rahmen bemerkte ich das Foto einer blonden Frau in einem weißen Kleid und ihrem Bräutigam. Beiden strahlten glücklich in die Kamera. Der 3. Oktober 1990. Keine MärchenHochzeit wegen des schlechten Wetters, aber dennoch einer der schönsten Tage ihres kurzen, gemeinsamen Lebens. Mama und Papa. In der oberen Ecke steckte ein kleines Bild - Ich im Alter von drei, vier Jahren. Es fiel mir schwer, nicht zu weinen, und noch schwerer fiel es mir, zu glauben, dass es diese Menschen blieb nicht mir mehr in Zeit, meinem nun Leben um geben würde. zu

Dennoch

keine

meine

Eltern

trauern. Wenn ich etwas herausfinden wollte, musste ich es jetzt tun. Hastig riss ich eine Schublade auf. Fünf oder sechs Akten kamen zum Vorschein, keine davon beschriftet. Ich nahm die erste zur Hand, blätterte sie durch. Maschinengeschriebene Blätter, zum Teil in Folie. Auch die übrigen vier Akten erschienen Unauffällig, wie die eines Ohne gewöhnlichen größere Forschers. etwas

langweilig.

Hoffnung

Nennenswertes zu finden, öffnete ich den sechsten Ordner. Auf den ersten Blick glich er den anderen. Dasselbe weiße, ausdruckslose Deckblatt ohne Überschrift. Enttäuscht wollte ich ihn zuschlagen, als ich bemerkte, dass die untere,

äußere Ecke geknickt war. Ebenso, wie Papa es bei seinen Bücher getan hatte. Nervös kaute ich auf meiner Unterlippe, wobei zu lesen begann. Doch das, was ich da las, war

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verwirrender und entsetzlicher als alles, was ich mir hätte vorstellen können:

Februar 2004 „Ich, Marc River, geboren am 22. November 1964, erkläre im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, dass ich darum gebeten habe, ein Mitglied des Projektes Kamikaze unter der Obhut meines Meister, Sir Maurice A. Scott, zu werden. Des

Weiteren werde ich ab diesem Tage lediglich den Vorschriften Folge leisten und im Falle eines Verrates durch meinen

eigenen Willen die Konsequenzen dafür auf mich nehmen…”

____Marc River,

Nummer 8____

Schluckend ließ ich die Akte sinken. Das konnte nicht wahr sein. Papa hätte sich unmöglich zu einer Marionette dieses Wahnsinnigen gemacht. Vielleicht hatte er das alles nie

gewollt. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht…

3. März 2004 „Hiermit ernennen wir feierlich unser 8. Mitglied, den Forscher Marc River, geboren am 22. November 1964, zu dem Leiter des Projektes Kamikaze unter der Obhut unseres

Meister, Sir Maurice A. Scott. Im Falle eines Verrates durch den eigenen Willen wird diese Ernennung unwirksam und der Ankläger kann je nach Tat mit dem Tode oder der

vollständigen Ausschließung bestraft werden …”

Clemens Henkel

Vasco Igmanias

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Manfred Giebels Lorenzo Goldmann Nora Valencia Maurice A. Scott Ana-Cornelia Paulus

Blut tropfte von meinem Kinn. Erst jetzt bemerkte ich den pochenden Schmerz in meiner Unterlippe, so sehr war ich in dieses Ereignis verwickelt gewesen. Ich konnte Papa vor

meinen Augen sehen, umringt von den anderen sechs fremden Menschen. Sir Scott seinerseits verbeugte sich kurz zur

Anerkennung, überreichte ihm anschließend in aller Stille den Vertrag. Getrieben von Stolz und Eifern hatte Papa der Versuchung sicherlich nicht lange widerstanden und auch

dieses Teufelspapier unterzeichnet. Ahnte er, welche Aufgabe ihm zu kam? Wusste er vielleicht sogar, dass er sterben würde? Nein… Wie auch? Niemand konnte mit so etwas

gerechnet. Bestimmt nicht. Jedenfalls nicht bewusst. Doch… Was genau war Kamikaze eigentlich? „Irgendetwas mit

Forschung und… Schmuggel. Keine Ahnung. Verdammt. Ich weiß nur, dass mein Vater etwas damit zu tun hatte… Ist das der Grund, weshalb er sterben musste?“ Schmuggel und Forschung. Steckte hinter dem Wort Kamikaze tatsächlich solch ein

Verbrechen? War es damals etwa Intuition, als ich blind riet? Die Antwort hielt ich nun in den Händen. Zumindest einen Teil von ihr. Kurz schloss ich die Augen, wünschte mich weit, weit weg von hier. Wünschte mich an den Strand von Mallorca, an dem ich Mama in dem körnigen Sand eingrub oder mich mit Papa um die lila Luftmatratze stritt. Aus dem Wunsch wurde eine Sehnsucht. Die Sehnsucht, endlich ein

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normaler neunjähriger Junge zu sein. Nicht einer, der sich mit Dingen rumschlagen musste, die in die Welt der

Erwachsenen gehörte, die man sowieso nicht verstand. „Wenn du erwachsen bist, wirst du es verstehen.“ Keenan hatte recht. Ich spielte einen Achtzehnjährigen, aber verstehen tat ich trotzdem nichts. Ruckartig öffnete ich die Augen, enttäuscht darüber, dass alles wieder einmal nur ein Traum bleiben hatte würde, und schlug die Seite Tage, um. Stickpunktartig und Monate

mein

Vater

die

folgenden

Wochen

dokumentiert:

5. März 2004 Nummer(n): 201 (weiblich) Blutgruppe(n): rh+ A Arbeit: Entnahme einer Niere. Verkauf für 43.000 US-Dollar. Empfänger unbekannt.

Übergabe erfolgreich.

14. März 2004 Nummer(n): (männlich) Blutgruppe(n): ohne Angaben. Verkauf für 10.000 US-Dollar als Arbeiter nach Brasilien. Empfänger unbekannt. Übergabe erfolgreich. 418 (männlich), 371 (männlich) und 374

27. März 2004 Nummer(n): 128 (weiblich) Blutgruppe(n): ohne Angaben.

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Entnahme des Neugeborenen (Nummer 507, männlich). Verkauf an portugiesisches Ehepaar für 17.000 US-Dollar. Übergabe erfolgreich.

11. April 2004 Nummer(n): 206 (männlich) Blutgruppe(n): rh+ 0 Anmerkung: Ursache: Hoher Blutverlust Entnahme der Leber, der Lunge, beider Nieren, der Milz, des Herzens, sowie des Knochenmarks und des Blutes Verkauf für 98.000 (geschätzt). Empfänger unbekannt. Tod nach Zusammenbruch auf der Plantage;

Übergabe erfolgreich.

30. April 2004 Nummer(n): 422 (weiblich) und 356 (weiblich) Blutgruppe(n): ohne Angaben. Verkauf für je 4.000 US-Dollar nach Europa. Empfänger: Jürg (Striplokalinhaber). Übergabe erfolgreich.

Ein

prickelndes

Gefühl

durchzog

meinen

linken,

eingeschlafenen Arm. Erstaunt sah ich auf. Auch wenn die Einträge unpersönlich und kalt erschienen, so erzählte jeder von ihnen dennoch seine eigene, grausame Leidensgeschichte. Eine Mutter, die ihr Kind verliert. Zwangsarbeiter.

Prostituierte. Organraub. Versuchskaninchen, die ihr Leben für ein Medikament opfern mussten. Und immer ging es nur um

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das ganz große Geld. Was aber das Schlimmste von allem war: Papa war der Leiter dieses Projektes. Er war es, der die Menschen quälte. Mein eigener Vater. Niedergeschlagen blätterte ich weiter, die Hand zur Faust geballt. Ich wollte es nicht lesen. Denn wenn ich las,

kehrten die jammernden Geister in diesen Raum zurück, als mochten machen. sie Auf mich der Anstelle letzten von Seite Papa dafür verantwortlich atmete ich

angekommen,

nochmals tief durch. Es gab nur noch eine Sache, die ich wissen musste. Was geschah am 25. Mai, dem Tag, an dem Vater starb?

25. Mai 2004 Nummer(n): 255 (männlich) Blutgruppe: rh- AB Verkauf für 3.000 US-Dollar als Testperson. Empfänger

Labor, Name und Ort unbekannt.

… und weiter? Erstaunt kniff ich die Augen zusammen, als hätte ich etwas übersprungen. Im Gegensatz zu den anderen Tagen war an diesem letzten Tag in Papas Leben die Übergabe nicht bestätigt worden. „Siehst du, vor vier Tagen ist die Übergabe gelaufen.“ in der Nähe eines ist Dorfes derart drastisch außer schief

Natürlich!

Etwas

Kontrolle

geraten, dass dieser Fehler für jemanden so unverzeihlich war, dass Vater dafür bestraft werden musste… Aber… Mir stockte der Atem. Konnte… Konnte es wirklich sein…? Nein, ausgeschlossen. Tim, das ist völliger Unsinn. Dass du… Nein, vergiss es. Ich schüttelte den Kopf. Vergiss es einfach.

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Absolut bescheuert auch nur einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden! „Im Falle eines Verrates durch den eigenen Willen wird diese Ernennung unwirksam und der Ankläger kann je nach Tat mit dem Tode …“ oder Aber der vollständigen wäre es nicht

Ausschließung

bestraft

werden

möglich? Rein theoretisch gesehen. Wäre es nicht möglich, dass Scott Papa umgebracht hat? Nein, das ist nicht

bewiesen. Möglich ist auch, dass Meerschweinchen vom Himmel fallen oder dass ich von einem König zum Ritter geschlagen werde. Ich hatte nur eine Chance, es herauszufinden. Unruhig trommelte ich mit den Fingern auf der Tastatur, wobei mein Blick blieb: an Ich dem schwarzen den Bildschirm Mann finden, des der Computers sich hängen der

musste

hinter

Nummer 255 verbarg. Morgen, sagte ich mir, morgen ist auch noch ein Tag. Denn jetzt, wo ich es einmal soweit gebrachte hatte, wollte ich meinen kleinen Erfolg nicht mit einem grimmigen Wächter in dem feuchten Weinkeller bei einer Schüssel Wasser feiern oder gar mit den irren Forschern, die mich mit irgendwelchem Brodelzeugs vollpumpten. Für diese Nacht hatte ich genug herausgefunden, dass ich stolz auf mich sein konnte. Sicher wäre es Mama auch. Und Kay. Papa nicht. Bestimmt nicht. Der war nie stolz, selbst dann nicht, wenn ich ein Fußballgott, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und ein Star wie Michael Jackson in einer Person gewesen wäre.

Obwohl… dann vielleicht schon? Wer wusste das schon? Diese Frage würde ich ihm nie mehr stellen können, damit musste ich mich abfinden. Nie mehr. Vorsichtig lugte ich um die Ecke. Niemand da. Gut. Noch einen weiteren Blick, bevor ich mich zur Treppe schob. Die
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Wächter

waren

tatsächlich

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verschwunden, Unwiderruflich

wie blieb

ich ich

erstaunt stehen. Ein

bemerkte.

Seltsam. Gefühl

unbestimmtes

verriet mir, dass hier etwas nicht stimmte, aber dann hörte ich erneut die leisen Gitarrenklänge aus dem Speisesaal und atmete erleichtert auf. Was immer auch in der Zwischenzeit gesehen war, unten hatten Scott nichts von alle dem

mitbekommen. Hoffte ich jedenfalls. Dennoch löste sich meine plötzliche Anspannung nicht. So wachsam wie möglich nahm ich eine Stufe nach der anderen, hielt jeweils ein paar Sekunden inne, um sicher zu sein, dass mir niemand auflauerte, und wagte mich zögernd noch tiefer in die Ungewissheit hinein. Irgendwie gelang es mir, den Weg zurückzufinden. Wie, weiß ich nicht. Egal, Hauptsache ich hatte es geschafft. Das Wie interessierte nicht.

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9. Kapitel
In der Küche brannte kein Licht und auch sonst schien alles unverändert. Auf den ersten Blick zumindest. Denn

jemand musste in meiner Abwesenheit hier gewesen sein… oder war sogar noch hier! Bei dem Letzteren stockte mir der Atem. Geradezu als Bestätigung streifte ein Schatten mein Gesicht, tanzte über die rustikalen Wände. Panisch wollte ich zur Türe hinausstürmen, doch eine Gestalt versperrte mir den Weg. Nein, nein. Bitte nicht. Lasst mich in Ruhe! Ich habe das alles nicht gewollt! Bitte, glauben Sie mir. Im selben Moment kam ich mir lächerlich vor. Niemand konnte wissen, wo ich gewesen war, vorausgesetzt ich verplapperte mich nicht. Also… Was sollten sie dir schon antun, Tim? Trotzdem kostete es mich einiges an Überwindung, die Augen zu öffnen. Zaghaft blinzelte ich und prustete los. Vor mir stand lediglich Tess. Um ihren bei Hals schlang sich ein buntes Tuch, das

perfekt

der

ansonsten

schwarzen

Bekleidung,

einer

Bolerojacke über einem elegant gemusterten Cocktailkleid, zur Geltung kam. Mit den hochgesteckten Haaren und dem

leichten Make-up wirkte sie wie eine Sechszehnjährige. Dies wurde durch ihr selbstbewusstes Auftreten noch untermalt. „Hi.“ Ich zögerte verunsichert. „Äh… Hi! Ähm… Was… Was machst du denn hier?“ „Hast du etwas herausgefunden?“, setzte sie dagegen, ohne auch nur auf meine Frage einzugehen. „Was?“ „Ob du etwas das herausgefunden noch hast, wobei Dumpfbacke?“, sie mit dem

wiederholte

Mädchen

einmal,

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linken Fuß auf den Boden klopfte, um mir zu verdeutlichen, dass sie langsam die Geduld verlor. „Ähm…“ „Wer ist mein Vater? Was ist seine Arbeit? Mach schon den Mund auf. Na los.“ Jetzt begann war ich, die zu Katze endlich was aus hier ein dem vor Sack. sich Allmählich ging: in Die

begreifen,

Erkenntnis

blitzte

plötzlich

wie

Lämpchen

meinen

Gedanken auf. Natürlich! Ich hätte es wissen müssen. Das angebliche Geburtstagsgeschenk. Die freundliche Hilfe beim Aufräumen. Das Augenzwinkern, mit dem sie mir verriet, wie ich am leichtesten in den ersten Stock gelangte. Freilich, kein Zufall. Tess hatte all das geschickt eingefädelt und mir die ganze Zeit vorgespielt, sie sei meine Freundin. Dabei… „Du hast mich ausgenutzt, um an die Informationen zu

kommen!?“ „Wie hätte ich es denn sonst machen sollen? Hätte Dad mich beim Schnüffeln erwischt…“ Grob schnitt ich ihr das Wort ab. „Hätte er mich erwischt, könnte ich jetzt tot sein. Hast du darüber mal nachgedacht?“ „Nein.“ Tess zuckte gleichgültig die Achsel. „Wieso auch? Wärst du geschnappt worden, wäre niemand auch nur

ansatzweise darauf gekommen, dass ich mit dir in Verbindung stehe. Alle hier wissen, dass dein Vater für meinen

gearbeitet hat. Wenn wundert es demnach, dass der Sohn ihm nachspioniert. Und außerdem hast du mir sozusagen freiwillig geholfen…“ Mit dem Schal zog sie mich ganz nahe zu sich heran: „… nicht wahr, Timmiboy? So ist es doch gewesen, oder?“
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Im Affekt wollte ich mich losreißen, hielt es jedoch nach kurzem Überlegen für sinnlos. Diese Hartnäckigkeit lag in der Familie Scott und momentan war ich nicht stark genug, um ihr länger standzuhalten. Vor allem, da meine Wut

seltsamerweise mit jedem Augenblick verflog, wie ausradiert wurde. Denn, obwohl ich Tess hasste, entwickelte ich dennoch so etwas wie Verständnis. Verständnis dafür, wie sie sich fühlte. Schließlich waren wir einander in einer Sache einig: Wir hatten beide die falschen Väter. Und deshalb beschloss ich nun, dem Mädchen alles zu erzählen, was ich wusste: „Okay, Tess. Wenn du danach die Fliege machst und mich in Ruhe lässt, verrate ich dir alles, was ich weiß.

Versprochen?“ Die Tochter des Sirs wiegte den Kopf, schließlich nickte sie. „Ich wäre sowieso keine Sekunde länger als nötig mit so einem… übel stinkenden Typen zusammen geblieben.“ Als Tess sich umdrehte um auf einem Hocker Platz zunehmen, roch ich rasch an meinen Achseln. Übel stinkend? Zugegeben, sie hatte recht. Mal wieder. Vielleicht sollte ich mir

demnächst von ihr mein erstes Deo wünschen? „Ich habe es tatsächlich geschafft, irgendwie in den

ersten Stock zu kommen.“, begann ich zu berichten, „Da waren eine Menge Ordner. Alle unbeschriftet. In einem ging es um ein Projekt, das sich Kamikaze nennt. Ich weiß nicht, ob den Namen schon einmal gehört hast.“ Prüfend sah ich in Tess Richtung, die den Kopf schüttelte. „Mein Vater leitete es. Zusammen mit noch sieben weiteren Mitgliedern. Dein Dad

gehört auch zu ihnen, ist im Grund so etwas wie der Big Boss. Jedenfalls…“ Wieder ein kurzer Blick in ihre Richtung. „Willst du das wirklich hören?“
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„Hör mal, nur weil ich ein Mädchen bin, heißt das noch lange nicht, dass ich eine Memme bin. Du scheint die

Wahrheit verkraftet zu haben, als tue ich es schon lange.“ Für einen Moment überlegte ich ernsthaft, ob ich ihr eine scheuern sollte. Sie war diejenige, die etwas von mir wollte und, anstatt mir dankbar dafür zu sein, dass ich sie so nett aufnahm, diskriminierte sie mich. „Sie handeln mit Menschen. Verkaufen Babys Forschen mit ihrem Blut nach neuen Medikamenten. Oder schneiden den armen Leuten draußen auf der Plantage Körperteile raus, damit es irgendwelchen reichen Europäern besser geht.“ So, das war‟s. Kurz und schmerzlos auf den Punkt gebracht. Dabei war es mir seltsamerweise fast ohne größere Bemühungen über die Lippen gegangen. Gespannt beobachte ich nun Tess Reaktion. Würde sie jetzt in Tränen ausbrechen oder lediglich mit den

Achseln zucken und zur Türe hinaus marschieren, als wüsste sie von alle dem nichts? „Ist ja eklig.“, kommentierte das Mädchen. Mehr nicht. Ich wartete auf weitere Erläuterungen von „ist ja eklig“, doch sie blieben aus. Stumm hatte sie die Beine übereinander geschlagen und starrte mich an. So schwiegen wir. Jeder für sich und trotzdem wir beide zusammen. Viel Denken tat ich dabei nicht, außer, dass es tatsächlich eklig war, was Papa getan hatte und immer noch tun würde, wäre es nicht… Wieso mussten ihn die Todesengel holen? „Tess? Ich brauche deine Hilfe.“ Lächelnd sah sie mich du an. Ein feuchtes jemanden, Glitzern der dir im zum

Augenwinkel.

„Brauchst

wieder

Einschlafen ein Gute-Nacht-Lied singt?“ Ihre Stimme klang selbstbewusst, aber tief innerlich konnte man ein leichtes
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Zittern vernehmen, welches verriet, dass sie die Geschichte nicht kalt ließ. „Ich will herausfinden, warum mein Vater sterben musste.“ Unbeholfen legte ich ihr einen Arm um die Schultern und erstaunlicherweise stieß sie mich dieses Mal nicht von sich, sondern griff nach dem alten Taschentuch, welches ich ihr reichte. „Okay, klar natürlich. Du hast etwas gut bei mir… Ist meine Schminke verlaufen?“ Grinsend schüttelte ich den Kopf. „Nein. Sonst alles in Ordnung bei dir?“ „Ja, ich denke schon. Danke, ich bin die Tochter eines Sirs. Die weint doch nicht wegen ein paar dummen Sklaven.“ Hastig wusch sich Tess eine Träne von der Wange. „Also, was hast du vor?“ „An dem Tag, an dem Papa getötet wurde, sollte ein Mann an ein Labor in Europa verkauft werden. Nummer 255. Vielleicht finde ich ihn im Namensverzeichnis auf dem Computer deines Vaters.“ „Das ist riskant.“ „Ich weiß, Tess, ich weiß. Aber es ist die einzige

Möglichkeit.“ „Na gut. Es ist nicht mein Problem, wenn du dabei drauf gehst. Mir ist egal, wenn du so Selbstmord süchtig bist. Ich schätze, ich kann dich nicht davon abhalten. „ Ich schüttelte unschlüssig den Kopf, woraufhin Tess

seufzte. „Pass auf, folgendes...“ Ihre Stimme war nun zu einem Flüstern geworden. „Dad sollte morgen früh in seinem Büro sein, zweiter Stock, in den nur Familienmitglieder oder ausgewählte Gäste Zutritt haben. Bei dir würden sie schon
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nach zehn Sekunden erkennen, dass du dort einbrechen willst. Also…“ Sie legte mir beiden Hände auf die Schultern und sah mir direkt in die Augen. „Vergiss es. Du hast keine Chance. Ich werde an deiner Stelle morgen mit meinem Vater sprechen, während du dir etwas einfallen lässt, um ihn abzulenken. In der Zeit gebe an ich die mein Stirn Bestes.“ und ließ Das Mädchen den hielt den

Zeigefinger

dann

Kopf

leicht

kreisen. „Hoffentlich mache ich nicht gerade den größten Fehler meines Lebens.“ Erstaunt hob ich die Augenbraue. „Das würdest du für mich tun?“, hackte ich ungläubig nach. „Ja, bevor ich es mir anders überlege. Gute Nacht,

vorausgesetzt du kannst jetzt schlafen, wo du das mit den…“ Sie stockte. „Das mit den Körperteilen… Du weißt schon.“ Dann knipste sie das Licht aus und verschwand auf den hellen erleuchteten Flur. Sie sind groß, kräftig, wiegen das Dreifache von dir. Aber wenn du schnell wärst, die Rettung ins Freie, könntest du es schaffen. Die Türe, befindet sich unmittelbar hinter

ihnen, den Monstern ohne Gesicht. Hektisch lässt du den Kopf hin und her schnellen, kämpfst mit den Tränen. Du bist

gefangen, ohne zu wissen, was sie von dir wollen oder was du ihnen getan hast. Das Brett, auf dem du liegst, ist aus hartem, glattem Kunststoff und an seiner rechten Seite hatte man eine Röhre angebracht, die viele dunkle Flecken aufweist Blut, geronnenes deinen Blut. Panisch als willst von du aufschreien, dir einen

zerrst

an

Gurten,

einer

ihnen

Stofffetzen in den Mund drücken, der dir den Atem nimmt. Die Übrigen versammeln sich um dich und beginnen mit ihren

Messern deinen Bauch aufzuschneiden…
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Schweißgebadet fuhr ich hoch, wälzte mich unruhig auf dem Kartoffelsack und trat dabei schluchzend mit den Beinen in die Luft, wie ein Käfer, den Kinder absichtlich auf den Rücken gedreht hatten. Immer noch zappelnd warf ich einen Blick aus dem Fenster. Der Wald erwachte langsam wieder zu neuem Leben, selbst wenn ich davon in dem Gefängnis kaum etwas mitbekam. Jedes größere Tier, etwa ein Papagei oder eine Ratte, welches sich hier blicken ließ, wurde umgehend entsorgt. beobachte Dabei ich war entsorgt noch gelinge kleine gesagt. Nun

schmunzelnd,

wie

eine

Wüstenmaus

verzweifelt versuchte, sich durch die schmale Öffnung des Fensters zu zwängen. Sie musste entweder clever sein oder ungeheuer viel Glück gehabt haben. Erfreut über die

abwechslungsreiche Gesellschaft schob ich das Fenster ein weiteres Stück auf, sodass das Nagetier in meinem Schoss landete. Die Pfoten streiften meinen Bauch, die Nase stupste mich zaghaft an. Erst jetzt bemerkte ich, dass ihr Schwanz, fast so lang wie das Tier selbst, zerbissen und zum Teil völlig hinteren Gründe, ergriffen abgerissen Pfote. warum war, ebenso wie waren nicht Eine zwei das sofort Maus in Krallen die die der ihrer

Wahrscheinlich die Wüstenmaus grinste.

einzigen Flucht Küche.

hatte.

Ich

Mallium wäre davon sicher überaus begeistert. Sollte ich dem Mann tatsächlich einmal in seinem Leben so einen Spaß

gönnen? Leise kicherte ich in mich hinein und langte nach einem alten Stück Brot unter dem Kartoffelsack, das ich heimlich aufbewahrt hatte, für den Fall, dass ich wieder mal hungrig zu Bett gehen musste. Die Maus fiepte, wich zögernd zurück. Doch ihr Magenknurren übertönte die Angst und sie begann gierig zu knabbern.
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„Chef, mir fehlt die Petersilie!“ Erstaunt, dass jemand sprach, hob ich den Kopf und hielt in der Arbeit inne, wofür ich sofort einen bösen Blick von Mallium kassierte, der mit einem Fußtritt andeutete, dass ich weiter zu kehren hatte. „Hol‟ welches aus der Speisekammer.“, knurrte er zu seinem Adjutanten herüber, der das Fleisch zubereitete. Nummer 167 war ein kleiner Afrikaner, dem seit einem

Raubtierangriff die rechte Hand fehlte. Nun wand sich ein rot kariertes Küchentuch um die Wunde. Dennoch hatte er immer noch Schmerzen und er war mir im Gegensatz zu

Mallium - stets dankbar, wenn ich das ein oder andere für ihn erledigte. Denn auch in der Küche war jeder meist auf sich alleine gestellt. „Ich kann nicht, Chef, sonst brennt mir das Fleisch an. Könnten Sie…?“ Genervt ließ Mallium den Kochlöffel sinken und atmete

mehrmals tief durch, wobei er in die vor sich hin kochende Béchamelsouce starrte. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, sein Mund öffnete sich bereits, um zu einem fürchterlichen Gebrüll anzusetzen. Doch bevor es aus ihm herausbrechen

konnte, fügte ich schnell hinzu: „Ich geh schon für Sie, Meister“ Meister war eines seiner Lieblingswörter. Augenscheinlich hob sich seine Stimmung und er nickte mir beinahe freundlich zu. „Na gut. Aber wehe dir, du treibst irgendwelche Unfug. In zwei Minuten bist du wieder hier!“ „Natürlich, Meister.“ Mehr würde ich auch nicht benötigen. Die Speisekammer

befand sich lediglich einen Türe weiter, ein hoher Raum mit
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vielen Regalen, auf denen sich Lebensmittel jeglicher Art stapelten. gebacken. Gewürze. Nudeln, Brot, wahlweise Reis. hell Gemüse. oder dunkel von

Kartoffel,

Obst,

Kokosnüssen bis hin zu Bananen, Kiwis oder Mangos. Glasige Fischaugen starrten mich durch eine hauchdünne Glasscheibe an, daneben teils noch ganze und Tierkörper Ich oder hasste bereits diesen

verarbeitete

Rückensteaks

Lebern.

Anblick, aber nun musste es sein. Kurz warf ich einen Blick auf die Uhr über der Türe. Kurz vor elf. Würde Scott bereits in seinem Büro sein? Ich hoffe es. Wir hatten nur einen einzige Versuch, nur ein Los. Die Chance stand eins zu… Nicht nachdenken. Einfach tun. Mit einem Fußtritt kickte ich die Türe hinter mir zu und kletterte auf die Leiter, um nach der Petersilie Maurice zu suchen. Ich musste war, etwas inszenieren, nach dem

damit

Scott

gezwungen

hier

unten

Rechten zu sehen. Doch wie lange würde Tess brauchen? Fünf Minuten? Zehn? Vielleicht auch eine halbe Stunde? Hastig zählte ich die winzigen Gefäße mit dem teils körnigen, teils mehligen Gewürze ab. Majoran… Chili… Ja, hier Petersiele, vierte Reihe, Ich das fünfte von links, wieder einmal die

nummeriert.

stöhnte.

Vermutlich

hatten

auch

Klorollen in diesem Haus eine Nummer. Das weiße Papier mit den pinken Kreisen musste in den 2. Stock, das mit den pinken Klecksen in das Untergeschoss. Wundern würde es mich jedenfalls nach allem, was ich bisher in dieser Irrenanstalt erlebt hatte, nichts mehr! Vorsichtig verlagerte ich mein Gewicht etwas nach links, um nach der Petersiele zu greifen, als ich plötzlich ins Taumeln geriet. In Panik schrie ich auf, versuchte mich an dem Regalbrett festzuhalten. Dabei riss ich zwei weitere
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Gefäße mit. Ein Drittes schwankte bedächtig. Wie an einer Felskluft klammerte ich mich an das letzte Ästchen, was sich mir bot. Unter mir zerschellten die bereits hinunter

gefallenen Töpfe. Draußen, in der Küche war es seltsam still geworden. Ich ahnte, was nun passieren würde, und so geschah es auch: Mallium, mit vor Zorn verzerrte Miene, rauschte in die Speisekammer, dicht gefolgt von seinem Adjutanten, der sich bei meinem Anblick ein Lachen verkneifen musste. Da baumelte nun der Küchenjunge über ihren Köpfen, in Mitten eines Chaoshaufens, der wohl auf seine Rechnung gehen

musste. Doch die Aufmerksamkeit des Kochs war nicht auf mich gerichtet, sondern auf das kleine Lebewesen, das genüsslich ein Pfefferkorn verspeiste: Mickie, die Maus. Fassungslos deutete Mallium mit seinen zittrigen, dicken Fingern auf sie. Stille, nur das Knirschen von Glas unter ihren Füßen.

Dann brach sich die Welle von Ereignissen auf dem Festland. Der Küchenchef eilte hinaus, mehr verzweifelt als wütend, um den Meister über den Vorfall zu informieren, während Nummer 167 dem „Ungeziefer“ den Gar ausmachen sollte. Ich

meinerseits ließ mich zu dem Afrikaner hinunterfallen und half ihm, die Wüstenrennmaus einzufangen, aus Angst, Scott könne sie tatsächlich töten. Bevor ich den verwirrten Mickie hastig aus dem Speisezimmer schaffte und unter meinem

Kartoffelsack verbarg, besah ich mir belustigt das Chaos, was ich angerichtet hatte. Mein Teil des Plans war bis

hierhin erfüllt. Tatsächlich würde es den Anschein erwecken, es sei ein Unfall gewesen. Und eine Maus hat es nie gegeben. Diese existierte etwas nur mit in der Fantasie des Kochs, der

vielleicht

seiner

Verantwortungsbewusstsein

übertrieben hatte.
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Scott runzelte nachdenklich die Stirn, wobei er den Blick zwischen mir und war er Mallium kurze hin Zeit und her wandern in der ließ. Küche

Tatsächlich

später

aufgetaucht, um mein Werk aus nächster Nähe zu begutachten. Doch seltsamerweise hatte er bisher noch nicht ein einziges Wort gesprochen, sondern lediglich mehrmals tief durchatmen müssen. Ein Zeichen dafür, dass er innerlich vor Wut bebte. „Ich kann mir das nicht erklären“, faselte der Koch, „Da war eben eine Maus in der Speisekammer…“ Er warf sich

nochmals auf die Knie, um unter allen Schränken und Regalen nach dem Ungeziefer zu suchen, als der Meister ihn grob an der Schulter hochriss. Es konnte nicht wahr sein, dass er sich derart vor seinem Gott blamierte? „Eine Maus wie? Ich sehe aber keine.“ „Aber, ich versichere Ihnen…“ Beschwichtigend hob Scott die Hände, um ihn zum Schweigen

zu bringen, wobei er sich an mich wandte: „Ich muss schon sagen, Nummer 448, du bereitest mir mehr Ärger, als ich erwartet hatte.“ Er beobachte mich mit höflichem Interesse. „Dein Vater war mir wesentlich angenehmer.“ „Nur weil er nicht erkannt hat, was Sie für ein… ein kranker…“ Gerne hätte ich den längsten Fluch meines Lebens ausgestoßen, doch nun wollte mir einfach kein Schimpfwort einfallen. Im Grunde wäre es auch überflüssig gewesen, denn als ich den Mann ohne „Sir“ und noch dazu „unerzogen“

ansprach, spürte ich augenblicklich Malliums Handrücken an meiner Wange. „Wie redest du mit deinem Meister, Junge!“, brüllte er und wollte abermals ausholen, doch Scott hielt ihn zurück. „Lass gut sein. Nummer 448...“
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Hastig schnitt ich ihm das Wort ab. „Tim. Ich heiße Tim.“ Im selben Moment hätte ich mich Ohrfeigen können. Wie konnte ich nur so dämlich sein, mich dem Mann derart offensichtlich zu widersetzen. Mein Teil des Plans war es, ihn abzulenken, aber nicht indem ich mich umbringen ließe. „Also gut… Tim. Du bist ein wahrlich hartnäckiger Fall. Von Glück kannst du sagen, dass mir an dir etwas liegt, denn sonst…“ „Sonst hätten Sie mich in Stücke geschnitten und einzeln in Päckchen nach Europa geschickt?“ Verflucht Klappe! „Aber nein. Wie kommst du denn auf so eine absurde Idee?“ Er lachte ohne Emotionen, als ob ich gerade einen Witz von mir gegeben hätte, der nur höflicherweise belächelt werden sollte. Mit einer Hand winkte er ab. „Das Chaos wird seiest du, Tim! Halt endlich einmal deine

beseitigt. Auf der Stelle!“ Obwohl der Mann nicht weiter auf mich einging, spürte ich dennoch seinen durchdringenden Blick. Unruhig verlagerte ich mein Gewicht auf den anderen Fuß. Wusste er etwa, dass ich das richtige Hütchen des Hütchenspielers auf den La Ramblas in Barcelona aufgedeckt und das winzige rote

Plastikkügelchen, das so unscheinbar klein im Verborgenen wartete, gefunden hatte? Wenn ja, dann war ich ein Idiot. Doch darüber würde ich mir später Gedanken machen müssen. Erst einmal zwang mich Mallium mit einem noch finsteren Blick als gewöhnlich auf die Knie. Freilich, schließlich hatte ich ihn gerade vor seinem Herrn gedemütigt. Dieser seinerseits verschwand ohne Abschiedsworte, aber auf seinen hoch angezogenen Schultern saß das Auge aus Stahl.
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Die

Tage

schlichen

schier

endlos

dahin

und

lediglich

Mickie, die Maus, spendete mir etwas Trost, wenn ich abends völlig erschöpf auf meinem ich Kartoffelsack später zusammensackte. ein ganz im

Gewöhnlich

schlief

Sekunden

Gegensatz zu den ersten Nächten, an denen ich noch lange wach gelegen hatte und an denen ich vor allem auch am

nächsten Morgen vor Sonnenaufgang munter gewesen war. Nun taumelte ich benommen durch die Küche und registrierte nicht einmal mehr, wenn Mallium mich schlug oder mich in diesen vier Wänden gefangen halten wollen zu schien. Nummer 448, kehre den Boden, bis er glänzt - Ich tat es. Nummer 448, wisch den Herd ab - Ich tat es. Nummer 448, der Meister wünscht, dass du ihm das Fleisch zu bereitest - Ja, auch das tat ich. Es machte mir nichts aus, in diese starren, grauen Augen zu sehen. Was aber noch viel, viel schlimmer war als diese Machtlosigkeit, waren die Schnittwunden oder Einstiche in Arm und Bein, von denen ich weder wusste woher, noch wie lange ich sie schon hatte. Manchmal, in den Stunden, in denen ich mich fit fühlte, drang mir ins Bewusstsein, dass etwas nicht stimmte. Irgendjemand oder irgendetwas versucht dich auszuschalten, Tim. Doch ich konnte mich nicht wehren, ich konnte nicht. Es erschien beinahe zum Verrückt werden. Dies rührte zudem auch daher, dass sich Tess nicht mehr hat blicken lassen. Hatte sie etwas herausgefunden oder war sie von ihrem Vater beim Schnüffeln erwischt worden? Wurde sie für ihr Verbrechen bestraft, vielleicht sogar verletzt?

Scott traute ich einiges zu. Auch, dass er seiner eigenen Tochter wie ein gieriges Insekt, welches nicht zu

befriedigen war, das Blut aussaugen würde. So sehr ich Tess Art auch hasste, ich betete inständig darum, dass es ihr gut
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gehen mochte - vorausgesetzt, ich befand mich in der Lage dazu. Gott, lieber Gott, hör‟ mich an, wenn es dich irgendwo dort draußen geben sollte. Ich weiß, in den letzten Wochen, Monaten, habe ich nur selten freundlich zu dir gesprochen… Zugegeben, ich habe mehr geschrien und gemeckert, als dir dafür zu danken, dass es mir noch gut geht… einigermaßen jedenfalls. Ich bin wütend, verstehst du? Wütend darauf, dass du mir all das genommen hast und mich nicht davor warntest, hier herzukommen… Für einen Augenblick unterbrach ich mich. Sicherlich wäre ich trotzdem in dieses Drecksloch hineingestampft. Davon hätte mich niemand abbringen können, selbst dann nicht, wenn er mir noch so viel Süßkram und Ähnliches bot. Auf alle Fälle, Gott, möchte ich dich wissen lassen, dass nicht ich dich brauche, sondern Tess. Sie ist… hm ja… Was ist sie? Meine Freundin, schätze ich. Sie hat viel für mich riskiert… Indirekt zumindest. Und… Und dann eines Tages öffnete sich die Tür ein Stück weit und das wohl gebräunte, kantige Gesicht einer jungen Frau kam zum Vorschein. Haar Ihr zu winzigen sie mit Löckchen ihren gedrehtes, Fingern

dunkelbraunes

strich

dünnen

elegant hinters Ohr. Mallium, der einem Dessert den letzte Schliff verlieh, indem er die Sahne mit türkisen Streuseln verzierte, legte beinahe im Akkord die Schüssel zur Seite, streifte die Arbeitshandschuhe von den Händen und reichte sie der Lady mit einem leichten Knicks. Tess erwiderte die Geste höflichen. „Ich soll Ihnen von meinem lieben Herrn Vater ausrichten, dass er in einer Woche verreisen wird und Sie daher bereits jetzt alles dafür Notwendige vorbereiten sollen.“ Ihr Lipgloss glänzte im Licht und verlieh ihrem Lächeln etwas Verführerisches. Nur schwer konnte ich meinen
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Blick

von

ihr

ablenken,

um

mit

der

Arbeit dass ich

fortfahren. sozusagen dennoch

Schließlich Komplizen

durfte waren.

niemand

bemerken,

wir sie

Unauffällig

beobachte

weiterhin im Augenwinkel, als sie bei der Übergabe eines Briefes stürzte, ohne dass irgendjemand im Raum sie hätte auffangen können. Glücklicherweise landete das Mädchen auf meinem Kartoffelsack. „Mylady… Was für eine Tragödie! Ich muss sofort deinen Vater darüber informieren. Oh je, welch ein Unglück. Hast du dich verletzt?“ Stöhnend rieb Tess sich den Kopf und begann, den Staub aus ihrer Lunge zu husten. „Ich glaube nicht.“, flüsterte sie mit zittriger Stimme, wobei sich an Malliums Ärmel hochzog. „Danke.“ „Soll ich dir helfen?“ Sie schüttelte den Kopf und zwinkerte dem Koch beruhigend zu, bevor sie, ohne mich eines Blickes zu würdigen, die Küche verließ. Ich stutzte. Doch zu meiner Verblüffung mischte sich Wut und Enttäuschung. Hatte Tess mich etwa wieder einmal nur ausgenutzt, um ihrem Vater zu zeigen, auf wessen Seite ich stand? Lief sie vielleicht ich ihr sogar zu ihm Warum nach hatte jedem ich

Geheimnis,

welches

preisgab?

Dummkopf ihr schon zum dritten Mal vertraut, obwohl ich geahnt hatte, dass sie mich erneut betrog? So wie sie es bereits bei der Geschichte mit Mathieu oder der Nacht getan hatte, in der ich in Papas altes Arbeitszimmer eingebrochen bin…

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Aber bevor ich zu einem Entschluss kam, verschwamm das Bild vor meinen Augen und begann sich wild im Kreis zu drehen. Bald erreichst du den Fluss. Kühles Nass befeuchtet

wohltuend deine Sohlen. Atemlos lässt du dich auf die Knie fallen, die Hände im halbverdorbenen Gras verkrampft. Der Kadaver eines Fisches wie treibt ein in der Strömung das des

Wasserrades,

welches

Sägeblatt

durch

Wasser

schneidet. Seine glasigen, beinahe grauen Augen sind starr, gleichwohl die Schwanzflosse noch gelegentlich zuckt, um

sich gegen dieses Ende, nun von den Artgenossen genüsslich verspeist zu werden, zur Wehr zu setzen. Über der Türe des Fischerhäuschens weht eine Flagge im Wüstenwind. Die Mauern des Hauses sind vermodert, mit Schlingpflanzen bewachsen, sodass die rauen Steinwände kaum noch zum Vorschein kommen. Rot, schwarz, farblos. Wie ein Welpe rollst du dich im Sand zusammen, den Rücken gegen die Überreste eines gestrandeten Bootes gepresst. Zitterst, wimmerst tonlos. Du bist alleine, ganz alleine... Panisch huschen, ließ im ich meinen Blick durch die dunkle Küche zu

verzweifelten

Versuch

dieser

Einsamkeit

entkommen. Wo seid ihr alle? Wo? Erst nach wenigen Minuten wurde mir klar, dass ich wieder einmal einen Albtraum gehabt haben musste. Sie schienen mich regelrecht zu verfolgen, diese Träume: Einmal in meine Vergangenheit zurück, ein

anders Mal an einen unbekannten Ort. Doch am Ende war ich jedes Mal alleine. Und seltsamerweise vergaß ich diese

Träume nicht, wie man es sonst immer tat. Nein, jedes Detail die Fahne, die Aschenbahn, das Licht alles tauchte

wieder und wieder in meinen Gedanken auf.
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Ich gähnte herzhaft und wollte mich mit einem flüchtigen Blick auf die Uhr umdrehen, um weiter zu schlafen. Wollte… Als ich plötzlich ein leises Rascheln vernahm. Verwundert tastete ich mich in dem schwachen Lichtschein ab, dann den Kartoffelsack. Dabei musste ich Mickie wohl mit dem Finger fort gestupst haben, denn die Wüstenrennmaus ich mich jagte

verwundert

davon.

Schnell

entschied

ebenfalls

auszuspringen, um sie wieder einzufangen, als mich etwas zögern ließ. Ein Stück Papier etwa in der Größe eines

Abziehbildes segelte zu Boden. Im Normalfall hätte ich es zerknüllt diese und weggeschmissen. aber nicht Im in Normalfall. Nun in spielte einer

Geschichte

Deutschland

Etagenwohnung im neunten Stock in dem Kinderzimmer eines zehnjährigen Jungens, auf dessen Schreibtisch sich die Hefte und Blöcke mit den Hausaufgaben stapelten. Nein, die

Geschichte spielte tausende Kilometer entfernt in der Küche eines Hauses, in dem selbst der letzte Winkel besenrein war. Nicht auszudenken, dass sich dort ein Zettel auf

Wanderschaft befand. Neugierig klappte ich das Papier auf und erstarrte. In seiner Mitte waren lediglich wenige, wegen der Dämmerung schwer lesbare Worte mit Bleistift gekritzelt: Also: Nummer 255:Zarin K. zurzeit: Be- und Entladung von Waren / Kurierdienste Tess Hastig wandte ich den Zettel in meiner Handfläche, als würden dadurch neue Informationen hinzukommen, die ich

vielleicht überlesen hatte. Aber nein, es blieb bei den elf Wörtern, den zweiundsiebzig Zeichen, davon drei Zahlen, drei Doppel- und zwei normalen Punkte. Doch dieser winzige Zettel reichte aus, um einen gerade mal zehnjährigen Jungen völlig
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aus der Bahn zu werfen. Zarin, der Mann, der an dem Tag an ein Labor verkauft werden sollte, an dem Papa starb, war niemand anderes als der Ehemann von Keenans verstorbener Schwester Ismen. An den Riesen im Dorf konnte ich mich noch gut erinnern, gleich wohl er manchmal ohne ein Wort

verschwand und ich ihn daher nicht oft zu Gesicht bekommen habe. Nun schien auch dies zum Teil einen Sinn zu ergeben, wenn man bedachte, für wen er gearbeitet hatte und immer noch arbeitete. Kurz tauchte in meinen Gedanken das Bild des Internetcafés auf, in dem ich mich vor ihm verstecken

musste. Damals - es erschien mir wie eine Ewigkeit - hatte Zarin mich verzweifelt gesucht, um mich zurück nach

Deutschland zu bringen. Zu meinem Besten, damit mir nichts zustoße. Irgendwie musste der Mann schon vor Scott gewusst haben, dass ich entweder dem Business auf der Website

www.leber_im_sonderangebot.de ein Dorn im Augen sein würde oder Zarin hatte mich tatsächlich aus irgendwelchen Gründe davor bewahren wobei wollen, ich den dieses an Fehler zu begehen. Ich

seufzte,

mir

hochkletternden

Mickie

vorsichtig am Schwanz anhob und zur Strafe ein wenig in der Luft baumeln ließ. Leise fiepend zappelte er und in seinen winzigen, schwarzen Mausaugen lag etwas Flehendes, welches das Herz eines jeden Tierliebhabers sofort erweichte. Bitte, bitte, lieber Tim, lass mich runter. Lächelnd legte ich mich zurück auf den Kartoffelsack und verstaute den Zettel sicher in einer Ritze, damit ihn niemand finden würde. So gut es ging, kuschelte ich mir auf das Kissen, formte für das Tier eine Art Nest und setzte es sanft am Kopf streichelnd

hinein. Wenigstens du hast keine Probleme außer Essen und
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Schlafen, erwiderte ich in einer lautlosen, fremden Sprache, die lediglich die Maus verstand. Es war hell, als ich erwachte. Die ersten Sonnenstrahlen fluteten bereits durch die wenigen Fenster die Küche.

Gähnend räkelte ich mich. Die Ereignisse der Nacht schienen mehr wie ein böser Traum und erst, als ich das Stück Papier heimlich in einem unbeobachteten Moment auseinanderrollte, begriff ich, dass es weder Traum noch Scherz war. Viel mehr ähnelte es einem Puzzle, welches man nicht zu Ende

zusammensetzen wollte, weil einem das Motiv missfiel. Ich bräuchte Zeit, die ich nicht hatte, um dies alles zu

verstehen. Heute musste ein großer und Teil für Scott in vermeintliches hochgradigen

Verreisen

vorbereitet

anschließend

Schüsseln verpackt und verstaut werden. Bisher habe ich (wie jedes anderen Kind meines Alters wahrscheinlich auch) die Eltern die Koffer hieven oder den Urlaub planen lassen, während man sich selbst pfeifend, mit Gameboy oder Buch bewaffnet, vom Acker machte, damit sie dabei ihre Ruhe

haben. Als Dank wird man dann im Auto oder Flugzeug ständig angefaucht, wenn man lieb und nett zum siebten Mal fragt, ob hinter den Bergen endlich die Nordsee ist. Nun begutachte ich argwöhnisch die Liste unseres

Meisters, verblüfft, wie viel eine einzelne Person für eine Woche an Proviant benötigte. Mit dem Essen könnte locker meine Grundschulklasse in der Jugendherberge satt werden. Glaubte ich jedenfalls. Vielleicht würde es auch noch für die halbe Für Parallelklasse Scott wäre reichen. es auf Wer alle wusste Fälle das zu schon viel,

genau?

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vorausgesetzt

er

will

nicht

Afrikas

neue

Hoffnung

im

Schwergewichte werden, was ihm durchaus zu zutrauen war. Mit Hilfe von Malliums Adjutanten verstaute ich in

Plastiktüten gepacktes Obst und Gemüse in einem Karton und klebte ihn an beiden Enden zu. Die exakte Beschriftung

erfolgte durch einen hageren Mann Mitte sechzig, der in seinem Leben scheinbar schon einige Kisten für Scott hatte schleppen müssen. Gekrümmt hievte er den schweren Karton hoch, wobei er unter dem Gewicht taumelte. Ohne dass der Küchenchef eingreifen konnte, fasste ich den Entschluss, dem Alten zu helfen. Dankbar lächelte er mir ein wenig schief zu und gemeinsam schleppten wir die Kisten über den Kiesweg in Richtung eines warteten, weinroten Cabrios. An seine

Kupplung befestigte gerade in diesem Augenblick ein weiterer Mann den Anhänger, über dessen Fläche eine weiße Plane mit dem Aufdruck einer lachenden Orange gespannt war. Diese

reichte ein weißer Mann - mit erstaunlicher Ähnlichkeit zu Scott - einem Farbigen. Unter dem Logo, fein säuberlich durch eine regenbogenfarbene Schnörkelschrift Linie die abgetrennt, Buchstaben waren M.A.S in für

goldgelber

Miteinander am Sonnenplatz projiziert wurden. Scott spielte sich doch tatsächlich als Wohltäter auf! Und vermutlich

kaufte ihm der größte Teil Afrikas dieses Spiel auch noch ab, wenn er dafür ein oder zwei Orangen in die Hand gedrückt bekam? Bei diesem Gedanken würde mir speiübel. Tief sog ich die frische Luft ein und vergaß augenblicklich alles um mich herum. Ein Schmetterling, der sich vermutlich von dem Klouto hierher verirrt hatte, tanzte im Sonnenschein um mich herum und flatterte dann der weiter zu den Blumenbeeten der herüber.

Wassertropfen

Bewässerungsanlage
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Rasenflächen

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sprenkelten

meine

nackten

Beine,

ebenso

wie

der

Brunnen

zwischen dem Hauseingang und dem Tor zur Außenwelt mein Gesicht. Der Karton erschien plötzlich federleicht, der Kies stach nicht unter meinen Füßen, sondern führte mich wie auf kleinen Kissen fortan bis ein Schatten die Sonne

verdeckte, ein Windstoß die bunte Welt fortfegte. Der zweite Mann erhob sich, als er bemerkte, dass wir unser Gut in dem Anhänger lagern wollten, zu der einer in mit den

unverderblichen Speisekammer

Lebensmitteln war

bereits und

kleinen seiner

angereichert

erstarrte

Bewegung. Immer noch gehockt, die Augen weit aufgerissen, wusch er sich mit den dreckigen Hand einmal übers Gesicht. „Nummer 255?“ Der Alte stieß ihn leicht mit dem Fuß an, nachdem er die Kiste vor sich auf den Boden abgestellt

hatte. Doch der Genannte reagierte kaum, sondern starrte mich weiterhin mit ausdrucksloser Miene an, dass mir ein wenig unbehaglich zu Mute wurde. Zarin, in einem weißen Hemd, welches sich über seinen seltsam durchtrainierten

Bauch spannte, und hellblauer Jeans, wirkte mit den etwas längeren, ordentlich gekämmten Haaren wie ein Sekretär. An dem Ringfinger seiner rechten, großen Hand trug er immer noch den kleinen Hochzeitsring. Auch wenn der Mann über den Tod seiner Frau und dem seines neugeborenen Sohnes gut

hinweggekommen zu schien, konnte man dennoch erkennen, wie sehr er litt. „Nummer geholfen. 255? Der Junge hat mir bloß beim es Tragen nicht

Nicht

schlimm.

Unser

Meister

wird

erfahren.“ Der Alte sprach mit dem für Togolesen typischen Akzent Eve, den ich, was er nicht wusste, auch zum Teil

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beherrschte. Ich musste. Schließlich hätte ich sonst niemals beim Indianerspielen eine Chance gehabt. „Er sollte nicht hier sein.“, brummte Zarin mehr zu sich selber als zu dem alten Afrikaner, bevor er sich mit einem letzten Blick wieder der Kupplung zuwandte. Wütend stampfte der Mann mit dem Fuß auf, dann hinkte er, ohne mich weiter zu beachten, zurück in die Küche. Seufzend sah ich ihm nach. Was ging hier eigentlich vor sich? Warum sollte ich nicht hier sein? Was verschwieg Zarin mir? Unbeholfen marschierte ich von links nach rechts über den Kiesweg, wohl bedacht, dabei viel Lärm zu machen, damit der Riese gezwungen sein würde, mir Aufmerksamkeit zu

schenken. So hatte mein Freund Phil es in der Schule auch immer geschafft. Und irgendwie hat er die Lehrerin nach seinen Papierkügelchenwürfen gegen die Tafel jedes Mal dazu gebracht, ihn früher gehen zu lassen. Je lauter man ist, desto eher wird man gehört. Tatsächlich… Es funktionierte! Nach wenigen Minuten drehte sich der Mann genervt zu mir um. „Was willst du hier?“, brummte er, „Du hast hier nichts zu suchen, verstanden?“ Meine Augen wurden zu einem Schlitz. Am liebsten hätte ich den Afrikanern nun in die Seite geboxt, so wütend war ich. „Glaubst du eigentlich, ich bin freiwillig hier, Zarin!?“, fauchte ich zurück, als sich eine Hand über meinen Mund legte und mir die Arme auf den Rücken drehte. Nein, nicht mit mir! Zornig begann ich, um mich zu treten, in die Hand zu beißen. So schnell würde ich nicht Ruhe geben! Da müsst ihr euch schon etwas Besseres einfallen lassen! Mit aller Kraft lehnte ich mich nach vorne, als sich der eiserne Griff unerwartet löste. Bei dem unvermeidbaren Sturz auf den Kies
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renkte

ich

mir

alle

Knochen

aus.

Tausende

von

kleinen

Steinchen bohrten sich durch das dünne Oberteil zwischen meine Schulterblätter. Staub brannte ihn meinen Augen. Doch damit war noch nicht genug. Der vermeintliche Angreifer

baute sich vor mir auf und zog mich am Gürtel zu sich hoch. „Sei still… Tim.“ Hastig ließ Zarin seinen Blick

umherschweifen, stieß mich nach kurzer Zeit von sich. „Mit dir habe ich nicht gerechnet. Es tut mir leid. Dir sollte dies erspart bleiben.“ Mit angezogenen Schultern hockte er sich auf die Kante des Anhängers, vergrub das Gesicht in den Händen. „Was sollte mir erspart bleiben? Dass ich weiß, dass…“ „Kannst du dort raus?“ Er deutete mit einen Kopfnicken auf die Küchentüre, in der der alte Mann wieder erschien. Ich wiegte den Kopf, schließlich schüttelte ich ihn

niedergeschlagen. Nein, ausgeschlossen dort abzuhauen, auch wenn ich darin mittlerweile Übung hatte. Falls es mir

tatsächlich gelingen würde, heimlich aus der Küche ins Freie zu fliehen, wäre ich drei Sekunden später im Rahmenlicht. Dann könnte ich sehr wahrscheinlich ein Lied davon singen, wie sie mich Stück für Stück auseinander nehmen. Nein, viel zu riskant. Auch Zarin schien dies einzusehen, denn er malte

nachdenklich mit dem Finger im Kies. „Ich schätze, du wirst dich gedulden müssen. Zwar nicht eine deiner Stärken, aber…“ Er hielt kurz inne, um dem älteren Mann beim Verstauen des Kartons zu helfen, der ihm einen vernichtenden Blick zu warf, woraufhin der Togolose die Stirn krauste. „Verschwinde jetzt besser, Junge! Siehst du denn nicht, dass ich zu tun habe?“, brüllte er, dass selbst die Papageie, die sich in
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der

kugelförmig davon

geschnittenen flatterten.

Baumkrone Eine

versteckt elegante,

hatte, bunte

aufgeregt

Schwanzfeder segelte dabei langsam zu Boden. Beide Hände in die Hüften gestemmt, pustete ich einmal in die Luft, drehte dann mich fort, langte im Gehen nach der Feder, die ich mir wie die eines Indianers ins Haar steckte, und rannte zurück in die Küche, in der mich ein ziemlich mürrisch

dreinschauender Koch empfing. „Wo warst du, Bursche?“, knurrte er, tippte dazu im Takt mit dem Fuß auf die Fliesen. Ich schwieg. Egal, was ich geantwortet hätte, es wäre immer falsch gewesen. Geduld war genau das richtige Stichwort…

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10. Kapitel
Und so wartete konkret ich. zu Und wartete worauf und ich wartete. wartete. Ohne Ich

eigentlich

wissen,

wartete einfach. Manchmal alleine, manchmal gemeinsam. Die einen Stunden vergingen im Flug, andere schienen ein

unendlich langer Bann von Sekunden und Minuten. Aber ich wartete dennoch. Vom Morgengrauen bis zum Mittag. Vom Mittag bis zur Dämmerung. Von der Dämmerung bis zur Stunde null. Und von der Stunde null bis zur Morgendämmerung. Warten, gedulden. Von Montag bis Dienstag, dann von Dienstag bis Mittwoch, bis Donnerstag, bis Freitag. Von Freitag bis

Samstag und Sonntag. Solange, bis dieses Warten ein Ende haben würde, wenn es denn eines hätte. Das weinrote Cabrio mochte seit vier Tagen verschwunden sein; eines Morgens, als ich beim Erwachen einen flüchtigen Blick aus dem Fenster geworfen hatte, war er wie vom

Erdboden verschluckt. Und Scott mit ihm. Doch dies änderte kaum etwas an der Tatsache, dass der Meister nicht ein halbes Dutzend Stellvertreter unter Obhut haben musste, die seine Rollen hervorragend nacheiferten. Diese Kopien konnte vor allem noch um einiges harter

bestrafen, was ich des Öfteren bemerkte. Einmal erlaubte sich ein Dienstmädchen den Fehler, die schwarzen

Spannbetttücher von Zimmer Nummer 16 und 17 zu vertauschen. Schließlich hätte es nie jemand bemerkt, da die Bettwäsche jeden zweiten Tag um dieselbe Uhrzeit gewechselt wurde und sich zu dieser Zeit niemand in dem Raum aufhalten sollte. Und selbst wenn… wer konnte zwei völlig identische, schwarze Lacken voneinander unterscheiden? Über diese Frage konnte
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die junge Frau noch etwas länger grübeln, als sie mit dem Freifahrtschein zur Hölle in der Hand in den Keller geführt wurde. Das Letzte, was ich von ihr hörte, war ein

erstickender Schrei. Nummer 167, der zweite Koch, hatte mich bereits im

Flüsterton davor gewarnt, Scotts Abwesenheit auszunutzen. Dort, meinte er, wo sonst nur zwei Augen lauern, dort sind nun zwölf oder mehr. Vielleicht hast du Glück, mein Junge, vielleicht hast du es nicht. Aber ich an deiner Stelle würde nichts riskieren. Bei dieser Ansprache nickte ich lediglich, selbst wenn ich schon einige Gedanken an Flucht verschwendet hatte. Ich wusste, indem, was er sagt, hat der Mann recht. Wahrscheinlich wäre ich ohnehin zu feige gewesen, nun etwas zu unternehmen. Und so habe ich gewartete, immerzu gewartet. Wie sonst nur auf das Glöckchen des Christkindes. Nur ahnte ich damals, dass es wieder einmal ein neues Plastikparkhaus, das 101. Kuscheltier oder später ein Gameboy-Spiel sein würde. Auf alle Fälle zählte die Vorfreude auf Weihnachten. Doch nun stützte ich mich Tag für Tag ins Ungewisse. Was würde

geschehen? Würde dieses XY mir helfen oder mich nur weiter zerstechen? Fragen über Fragen, nichts als Fragen… … Bis dieser Tag kam oder einer dieser Tage. Der 31. Juli 2004, grau, ohne Sonnenschein, kühler bei 22 Grad Celsius. Wenn man davon absah, dass an diesem letzten Samstag im Juli mit Atakpamé der in der togoischen das Region Ogou das Erntewird,

Festival

Süßkartoffeln,

Odon-Tsu,

gefeiert

hätte man annehmen können, es sei ein Tag wie jeder andere auch. Dennoch, als ich heute die Orangen auspresste,

bemerkte ich eine Veränderung: Der Meister war von seinem
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Ausritt um die Welt zurückgekehrt: Mallium jagte wie ein gescheuchtes Tier unter der Peitsche durch die Küche, rührte mal hier im Tee, füllte mal da eine Schüssel mit Obst und Cornflakes, das einzige Ungesunde, was Lady Tess zu sich nehmen durfte. Hinter der Tür hörte ich gelegentlich das leise Klirren von Besteck, den Staubsauger. Auf dem Hof polierte bereits jemand den Wagen, auch wenn Scott erst vor wenigen Minuten ausgestiegen sein mochte. Den Anhänger hatte man von der Kupplung gelöst, jedoch nicht fortgefahren,

vermutlich weil dies wegen des vielen Inhalts nur für drei Herkulese zu bewältigen war. Dessen Plane hing mit mehreren Riemen festgeschnürt straff herunter, bläute sich nur

gelegentlich seltsam merkwürdig auf. Verwirrt rieb ich mir die Augen. Eben, vor etwa drei Sekunden, war da links noch eine Delle gewesen… Nein, ausgeschlossen. Sicher spielte dir nur jemand einen Streich. Wie sollte sich die Plane bewegen, wenn es derart windstill ist? „Nummer 448!“ Geistig abwesend zuckte ich zusammen.

Mittlerweile hatte ich mich zwar an diesen Namen gewöhnt, aber es brauchte einige Augenblicke, bis ich registrierte, dass man mich meinte. „Jawohl, Sir!“ „Brüll mich nicht so an, Junge!“, knurrte Mallium böse zurück, wobei er sich, ein Obstmesser in der Hand,

bedrohlich näherte, „Mach dich einmal nützlich und helfe Nummer 255 beim Entladen des Gepäcks.“ Zarin! Zarin ist wieder da! Hastig ließ ich das Messer meinerseits auf die Ablagefläche klirren und setzte bereits zum Sprint nach draußen an, als der Küchenchef mich an der Schulter zu sich herum riss. „Und wehe dir, du machst mir
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Ärger. Dann kannst du dafür beten, dass ich dir nur das Genick breche. Hat dein kleines Hirn das da oben k-a-p-i-er-t?“ Mit zusammengekniffenen Augen schlug er mir seine

Handfläche auf den Rücken, „Und nun verschwinde endlich!“ Noch bevor Mallium etwas entgegnen konnte, rannte ich, die Küchentüre im Lauf aufstoßend, auf den Hof, wo mich bereits jemand sehnsüchtig erwartete. Der alte Mann, dem ich schon einmal geholfen hatte, zwinkerte mir freudig zu. Sein

anderes Auge zuckte dabei unkontrolliert. „Es nicht viele Junge gibt, die helfen wollen hier.“ Es fiel ihm sichtlich zu schwer, Sätzen die Worte selbst in Bei seiner jedem

Sprache

richtigen

zusammenzufügen.

Buchstaben verzog sich sein Gesicht wie bei einem Theater. Mal saß die Brille oben auf dem Nasenrücken, mal rutschte sie in derselben Bewegung derart tief, das man fürchtete, sie könne herunter fallen. Ich wiegte den Kopf, erwiderte jedoch nichts, aus Angst, Mallium beobachte mich. Vorsichtig begann ich die Plane des Anhängers zu lösen, als mir plötzlich eine Hand auf die Finger schlug. Zarin in voller Lebensgröße, mit ärgerlichem Gesichtsausdruck und

einem Zigarrenstängel zwischen den Lippen, den er nun auf den Boden austrat, bäumte sich neben mir auf. „Lass das! Du bist lediglich hier, um das zu tragen, wozu wir dich

beauftragen.“, brummte er, aber in seinem Blick lag etwas Mitfühlendes. Wütend trat ich gegen die Kiessteine auf dem Weg. Zum Schleppen bin ich euch gut genug, wie?! Euch werde ich es zeigen, selbst wenn es mich noch so viel kostete! Ohne dass einer der beiden Männer hätte reagieren können, riss ich an
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dem

letzten,

bereits

halbgelösten

Riemen

und

lugte

ins

Innere, welches auf den ersten Blick leer erschien. Auf den ersten Blick. Vorsichtig zwängte ich mich zwischen den Körben hindurch auf die Ladefläche, als mein Herzschlag für ein paar

Sekunden aussetzte. Meine Lungenflügel zogen sich zusammen, sodass ich röchelnd nach Luft schnappen musste. Gleichzeitig übergab ich mich über einer Kiste mit Orangen, fiel auf die Knie. Nein… Bitte nicht! Mit Tränen in den Augen stieß ich einen Schrei aus, der um die gesamte Welt zu wandern schien. Von New York bis nach Sydney. Vom Nordpol bis in die

Antarktis. Meine Hände verkrampften sich an der Kiste, meine Beine wollte mich nicht mehr tragen, konnten nicht mehr weiter. Das Bild des Mädchens, welches blutverschmiert in seinem blauen, schottischen Händen, tausende zur „Hardrock-T-Shirt“, Seite gedrehtem zerschlagen. mit Kopf, Sein

zusammengefalteten schlief, wurde in

Splitter

haselnussbraunes Haar war länger, ein wenig verfilzt und zerzaust. Die Haut um einiges dunkler, aber dennoch heller als die eines Afrikaners. Zweifellos - ich würde es noch so verleugnete können - es war meine beste Freundin, die dort vor mir auf der Ladefläche des Anhängers meines größten Feindes lag. Kay, von der ich gehoffte hatte, sie niemals an diesem furchtbaren Ort wieder zu sehen. Mein Schwesterchen. Nein, das muss ein böser Streich sein, ein Albtraum. „Tim?“ Zarin, der hinter mir her geklettert war, legte mir sanft die Hand auf die Schulter. „Es tut mir so leid. Ich habe es verhindern wollen, wirklich. Ich habe es verhindern wollen.“ Als ich schwieg, fuhr er murmelnd fort: „Da war ein Dorf in der Region um Ogou, das Erntedank feierte. Um ihr
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Vertrauen zu gewinnen, hat der Meister ihnen Orangen und andere Lebensmittel geschenkt. Genauso wie damals in unserem Dorf. Wir haben es alle geglaubt, verstehst du? Alle haben wir es geglaubt, uns täuschen lassen. Auch ich, auch Keenan, wir alle. Das Mädchen wollte an diesem Nachmittag mit einer Schulfreundin spielen, die in diesem anderen Dorf lebte. Sie musste wohl auf Klo. Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären, warum der Meister ein Kind neues Paradies‟ entführt.“ Er machte eine Atempause, damit ich die Möglichkeit bekam, zu begreifen, und mir nicht zu viel auf einmal zumutete. Aber ich sah ihn nicht an, nur Kay. Wie konnte so etwas bloß passieren? Kay, hörst du mich? Ich bin‟s Tim… Der Tim, der an allem schuld ist. Erinnerst du dich? Wenn nicht… Ich kann es verstehen. Auch, dass du mich jetzt vermutlich hasst. ‚zur Flucht in ein

Ich bin ja, zu nichts zu gebrauchen! Immer mache ich alles falsch. Es tut mir leid, Kay Linn. Behutsam hob ich ihren kleinen Kopf an, streichelte ihr über das zerzauste Haar, in dem noch ein braunes Haarband steckte. „Wo sind die anderen?“, fragte ich mit erdrückender

Stimme, sodass ich kaum einen Laut herausbekommen mochte. „In einem Essenzimmer. Der Meister wird ihnen ihre Aufgabe erklären und was sie dafür tun müssen, damit sie immer

genügend zu essen haben. Das mag sich für einen Jungen wie dich seltsam anhören, aber diese Menschen sind derart

verzweifelt, dass der Meister für sie tatsächlich so etwas wie ein Messias, ein Heiliger ist, der ihnen einen Weg aus dem Nichts bietet. um Jeder glaubt Wort um ihm, Wort auch ich habe Und ihm den

Buchstabe

Buchstabe,

geglaubt.

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meisten geht es hier besser. Du hast überhaupt keine Ahnung, wie das hier in Afrika läuft! Frauen werden vergewaltigt.

Draußen in Kpalimé verhungern die Kinder auf der Straße!“ „Nummer 255!“ Zarin atmete tief durch, damit sich seine Stimme nicht überschlug. „Ja?“, erwiderte er etwas gefasster, wobei er den Kopf aus dem Anhänger steckte und leise mit dem alten Mann zu flüstern begann, der scheinbar draußen gewartet

haben musste. Ich gab mir keine Mühe, sie zu belauschen, sondern versuchte, Kay zu schultern. Unter gar keinen

Umständen würde ich sie alleine lassen! „Was machst du da?“, fauchte der Togolese, der mich im Blickwinkel zu beobachten schien. Ohne ihm etwas zu

entgegnen, wollte ich gebückt an ihm vorbei krakeln, als er mich grob zurückstieß, sodass Kays Kopf beinahe auf der Kiste aufgeschlagen wäre, hätte ich sie nicht

geistesgegenwärtig gefangen. „Bist du denn völlig übergeschnappt?“ Der Finger des

Mannes näherte sich drohend. „Wo willst du sie hinbringen?“ Ich überlegte kurz. „In Sicherheit.“ „Und wo ist es deiner Meinung nach sicher?“ „Aber lassen.“, ich kann sie ich doch nicht einfach hier Ein liegen feuchtes

murmelte

niedergeschlagen.

Glitzern im Augenwinkel. Während Zarin nacheinander die Kisten und Körbe zum

Ladeflächenrand schob, besah er sich das kleine Mädchen zum ersten Mal genau. Sie wirkt so zierlich, so schwach, beinahe zerbrechlich, wie sie hilflos da lag. Obwohl sie unverletzt schien, überkam mich erneut dieses Bedürfnis, sie zu

beschützen. Ich konnte sie nicht verlassen…
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„Bitte, Zarin. Du musst ihr helfen, bitte.“ „Ich kann nicht.“, erwiderte Zarin grob, dann kletterte er von der Ladefläche herab. Unten angekommen streckte er

nochmals den Kopf hinein: „Und du auch nicht, Tim. Das weißt du! Komm endlich! Sei ein braver Junge, sei vernünftig. Komm.“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich will bei ihr bleiben.“ Es klang bestimmt und hartnäckig, verzweifelt. Der Togolese stöhnte. Genervt kletterte er nochmals in den Anhänger zurück, sah mich von oben bis unten an. „Du wirst jetzt mit mir kommen“ „Nein, ich mag bei Kay bleiben.“ Ohne dass ich mich wehren konnte, packte Zarin mich unter den Armen, schleifte mich wie eine Puppe zum Ladeflächenrand und stieß mir den Ellenbogen in den Rücken, sodass ich vorne überfiel. Wild ruderte ich mit den Armen, schrie, als ich unsanft im Kies landete. Kleine Steinchen hatten ihre

Druckstellen auf meinem Körper hinterlassen, aber anstatt zu weinen, rappelte ich mich auf, um erneut zu meiner besten Freundin vorzubringen, was in Anbetracht dessen, dass der Afrikaner sich wie eine riesige, schwarze Wolke vor mir aufbäumte aussichtslos war. „Dein Vater hat dich nie

erwähnt, Tim. Nie. In seiner Welt existiertest du nicht. Ich habe mich immer einem gefragt, nichts warum. Jetzt weiß zischte ich er. es: Du

bereitest

als

Ärger.“,

Diese

unerwartete Wendung des Gesprächs irritierte mich für einen Moment. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis die aneinander gereihten Zeichen in meinem Gehirn wie eine geheime

Botschaft entschlüsselt werden konnte. Doch selbst als aus den Zeichen Buchstaben, aus den Buchstaben Wörter, aus den
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Wörter Sätze wurde, selbst dann begriff ich den Sinn dieser Nachricht nicht. Weshalb erzählte der Mann mir nun von Papa? Von Papa, der mich gehasst hat? „Nein… Nein, das ist nicht wahr.“ Tränen liefen mir über die Wangen. Hektisch zwinkerte ich mich den Augen, rieb dabei mit dem Zeigefinger über das Lid. „Doch.“, entgegnete Zarin, wobei er mich am Handgelenk fasste und zerrte mich über den Kies zurück zum Gebäude. „Nummer 448?“ Erstaunt hob ich den Kopf, drehte ihn in Richtung Türe. Mallium, der gleich agierte, erhob sich von seiner Arbeit, die Schubladen neu einzusortieren. Tess mit einer schwarzen, weiten Hip-Hop-Hose und einer roten Trainingsjacke

bekleidet, erschien unerwartet auf der Bildfläche. Ohne dem herbeieilenden gestikulierte sie Küchenchef mir, dass Beachtung ich ihr zu schenken, folgen

unverzüglich

sollte. „Ich versichere Ihnen, es ist alles in Ordnung. Nummer 448 soll lediglich auf Wunsch meines Vaters in dessen Arbeitszimmer erscheinen.“. Ich erschrak. Um nichts in aller Welt würde ich nochmals dieser Zimmer betreten! Doch Tess ließ mir keine Wahl. Kurz warf ich einen Blick über die Schulter zurück. Nein, bitte, ich würde auch noch ein paar Kartoffeln schälen. Mallium, der mit jedem Meter schrumpfte, sah mir nicht nach. Er

schien mich bereits vergessen zu haben, noch bevor die Türe überhaupt hinter uns zu schlug. Draußen auf dem Flur blieb das Mädchen stehen. „Tim.“, erwiderte sie mir den Rücken zugewandt, wobei sie auf nackten Füßen über den kalten Fliesenboden davon

tänzelte. „Ich weiß nicht, was Dad mit dir vorhat. Tut mir
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Leid.“ Mit einer eleganten Drehung fiel sie mir flüchtig um den Hals. „Pass auf dich auf, ja? Sonst habe ich niemanden mehr, den ich ärgern kann.“ Mehr sagte sie nicht, jetzt nicht und auch nicht später. Es blieb bei diesen Worte, die hart und kalt klangen,

teilnahmslos. Doch ich spürte, dass sie sich unbehaglich fühlte. Wie eine Prinzessin, die einen Freund zum Galgen führen musste. Anderseits konnte Tess auch ein Drache sein, der mich an einer goldenen Kette in den Vulkan stoßen

mochte. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich sie nicht kannte. Weder die eine Tess, noch die andere. Ich mochte beide und ich glaubte, sie mochte mich auch ein bisschen mehr, als sie zu gab. Vielleicht hätten wir einander besser kennen lernen müssen, vielleicht reichte es aber auch, dass wir nun den gleichen Weg hatten. Ich wusste es nicht, auch wenn ich es gerne tun für würde. Kay Dann zu könnte Und ich für sie wenigstens Dass darum ihnen

bitten,

sorgen.

Mathieu.

nichts passierte. Aber dafür war es nun zu spät, als ich mich vor dem Schreibtisch jenes Monsters wieder fand, das sich Sir Maurice Anthony Scott nannte. „Nummer 448! Was für eine Überraschung!“ Der Sprecher

breitete mit gespielter Freude die Arme aus, wobei er auf mich zu stolzierte, als wären wir alte Freunde, die einander zufällig wieder gefunden hatten. Dabei musterte er mich mit einem Blick, den ich wohl nie vergessen würde. Ein Blick, der vielleicht Neugier zeigte, vielleicht auch so etwas wie Zufriedenheit. mochten, in Aber gleich, Blick. welche Sie Gefühle kalt, es auch sein

diesem

waren

eingefroren,

gefangen hinter einer undurchdringbaren Eisschicht. Nicht
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einmal der bunte Überwurf, wie er meist bei afrikanischen Festen getragen wurde, ließ sie schmelzen. Um diesem vernichtenden Blick auszuweichen, ließ ich

meinen eigenen durch das Zimmer schweifen. Auch wenn ich mich noch genau an die Einrichtung, die Farben, erinnern konnte, bewunderte ich den Architekten. Dieser Raum könnte direkt aus den Seiten eines teuren Lifestyle-Magazins

stammen. Alles perfekt. Die gleichen Farbtöne. Die Nippes waren Millimeter genau voneinander aufgereiht. Die Gemälde brachte alles in einen seltsam harmonischen Einklang. Kein Staub und selbst das Sonnenlicht, welches durch das Fenster einfiel, wirkte fast künstlich, so als sei es nur da, um alles, was es streifte, in noch besserem Licht erscheinen zu lassen. Mit einer Handbewegung gestikulierte Scott mir, auf einem der beiden Ledersessel Platz zu nehmen, während er mich höflichem Interesse fragte, wie es mir ginge. Dabei faltete er die Hände aufmerksam auf dem Tisch. Ich erwiderte nichts auf diese Anspielung. Obwohl ich

nicht wusste, weshalb ich hier saß, ahnte ich, dass sich hinter der freundlichen Fassade eine Falle verbarg. „Dein Hals scheint trocken. Möchtest du etwas trinken? Eine Cola vielleicht? Auch wenn ich dieses Zeug ungesund finde, aber nun gut. Ich gönne jedem den Erfolg dieser

sinnlosen Erfindung.“ Als ich erneut schwieg, zuckte der Sir mit den Achseln, wobei er einen scheinbar unter dem Tisch versteckten Knopf betätigte, woraufhin sich der Kühlschrank öffnete, eine Dose auf einem hinter einer Leiste versteckten Band zu uns

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herüberrollte

und

von

einem

weiteren

auf

die

Oberfläche

befördert wurde. „Eine erklärte sinnvolle der Erfindung, stolz, findest wobei er du nicht auch?“, die Dose

Meister

zischend

öffnete und mir in einem ebenfalls herbei gerollten Glas den Inhalt exakt bis zu der 200 Milliliter-Markierung einfüllte und sich mit einem Lächeln auf den Lippen nach Strohhalm und Eiswürfeln erkundigte. „Kommen wir zum Wesentlichen: Möchtest du mir nicht etwas erzählen, mein junger Freund? Ich bin für all deine Probleme offen. Du kannst mir dein Herz ausschütten, wenn du diesen Drang verspürst. Ich werde dir bis zum Ende zu hören.“ Etwas Gefährliches lag in seiner Stimme, etwas das mich zögern ließ. Gleich, wie ich reagieren würde, der Mann war mir wieder er einmal einen haushoch seiner überlegen. Wenn ich schwieg, der mich

würde

Gorillas

bestellen,

ausquetschte wie eine Orange. Aber selbst wenn den Mund aufmachte… Das Ergebnis wäre in jenem Fall dasselbe. „Nein, Sir, ich wüsste nicht, was.“ Dies entsprach der Wahrheit. Ich ahnte tatsächlich bis zu diesem Zeitpunkt

nicht, weshalb er mich zu sich befohlen hatte. „Nun gut. Ich will dir auf die Sprünge helfen.“ Seine rechte Hand langte nach einer Akte unter dem Tisch, die er auf den Tisch schlug. Papas Akte… Die Akte, die ich in seinem Arbeitszimmer gefunden hatte! Meine Gedanken

überschlugen sich und mir fiel es sichtlich schwer, den Blick von ihr abzuwenden. „Ich schätze, du kennst den Inhalt ebenso gut wie ich, Nummer 448.“, fügte der Meister triumphierend hinzu. Seine Finger glitten über jede Seite, bis sie auf der letzten
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angelangten. „Dein Vater war wahrlich ein ordentlicher Mann. Wahrlich intelligent.“ „Intelligenter als Sie? Ist das der Grund, weshalb Sie ihn mir weggenommen haben?“ Nun da der Mann schon herausgefunden hatte, dass ich in das Arbeitszimmer eingebrochen und die Akte gelesen habe, wäre es ohnehin zu spät gewesen, es zu verleumden. Scott betrachte mich von oben bis unten. „Lass uns ein Spiel spielen. all Ein sehr, sehr einfaches und ohne ich auf Spiel. all meine Du

beantwortest

meine schlug

Fragen er vor,

deine, Frage

einverstanden?“,

einzugehen, „Und ich an deiner Stelle würde mir überlegen, ob ich lügen würde. Denn…“ Sein Zeigefinger berührte kurz einen weiteren Knopf, der dem einer Klingel glich. Zu meinem Entsetzten öffnete sich augenblicklich eine Tür, aus dessen Rahm ein fluchender Afrikaner auf den Boden gestoßen wurde. Den kahl rasierten Kopf anhoben starrte er mich durch seine blutunterlaufenen Augen für einige Sekunden unentwegt an. „Ihr kennt euch, wie ich sehe?“ Scott erhob sich, um den Mann mit einem Fußtritt gegen die Schläfe auf den Rücken zu drängen. Ohne zu zögern, sprang ich ebenfalls auf, um meinem Freund zur Hilfe zu eilen. Ich konnte ihn doch nicht einfach im Stich lassen! Doch weit kam ich nicht. Eiserne Hände zerrten mich von dem Meister weg. Ich schrie, versuchte verzweifelt, mich loszureißen. Sinnlos. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich einen Stofffetzen, der sich langsam über meinen Mund legte. Mir wurde übel. Der Schrei wurde in meiner Kehle erdrückt. Meine Kräfte ließen nach. Nein, Sie…! Im Begriff, das Bewusstsein zu verlieren, ließ ich den Kopf blitzartig herumschnellen, wobei ich den Angreifer hart am Kinnhaken
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traf. Der Gorilla taumelte. Für einige Sekunden war ich fei. Aber was nun? Scott, Das ein Zimmer Tisch, verschwamm die vor meinen Zarin… Augen. Alles

Maurice

Coladose,

wirbelte durcheinander. Von links nach rechts, drehte sich. Ruhig, Tim. Konzentrier dich! Nein, du kannst nicht. Meine Lider flackerten. Du schaffst es… Mein kleiner Aufstand war vollkommen töricht gewesen war, aber zum Aufgeben war es noch zu früh. Dumpfe Schritte

erklangen auf dem Teppich. Ich konnte sie nicht ordnen. Näherten sie sich von Norden, von Süden? Im Winkel meines Blickfeldes nahm ich eine ruhige Bewegung war. Hektisch fuhr ich herum. Zu spät. Zwei funkelnde Augen starrten mich

wutentbrannt an. Die Faust, die zu ihnen gehörte, schnellte wie ein Geschoss hervor, versetzte mir einen

Handkantenschlag mitten ins Gesicht, sodass ich das Gefühl hätte, ich wäre gegen eine Betonwand gelaufen. Ich spürte jeden einzelnen Knochen. Weißes Licht blendete mich,

explodierte hinter meinen Augen. Dann brach ich zusammen.

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11. Kapitel
„Los, mach die Augen auf, Nummer 448.“ Ich hörte diese Worte wie auf weiter Ferne. Stöhnend hob ich mein schmerzendes Gesicht von dem weichen Lederbezug der Rückbank. Für einen kurzen Moment flammte in mir die

Hoffnung auf, endlich gerettet zu sein. Doch dann, als sich die Gestalt auf dem Beifahrersitz zu mir umdrehte, erkannte ich, dass meine der Ort Situation war ein dieselbe anderer: war. Ein Unverändert. Cabrio mit

Lediglich

verdunkelten Scheiben und Verdeck. Vorsichtig drückte ich den Kopf in den Nacken, bis es knackte. Ich konnte von Glück sagen, dass er noch dran war, selbst wenn er noch so zu zerspringen drohte. Langsam stürzte ich aus der Schwerelosigkeit des

Universums zurück auf die grelle, harte Erde. Der Aufprall trieb mir kurz die Luft aus den Lungen, dann öffneten sich die Poren wie winzige Tore und auf einmal fiel es mir

leicht, einen Atemzug zu tun, einen zweiten und auch noch viele weitere. Scott beobachte mich bei jeder meiner Bewegungen amüsiert. „Du faszinierst mich. Das muss ich immer wieder zugeben.“ Schmunzelnd annahm. reichte ich er mir einen Zeit ein Keks, den ich dankbar musste,

Obwohl ich

einige

geschlafen plötzlich

haben

verspürte

dennoch

aufsteigendes

Hungergefühl. Gierig knabberte ich an dem selbstgebackenen, mit Orangenmarmelade gefüllten Gebäck, stopfte es mir

schließlich in den Mund und langte nach einem weiteren, diesmal in Form einer Schnecke, mit Schokostreuseln

verziert. Als meine Zähne aufeinander prallten und ich mich
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an den übrigen Krümeln verschluckte, drang mir ruckartig ins Bewusstsein, dass es sich hierbei nicht um einen Ausflug handelte. Sofern es meine missgünstige Lage zuließ, hob ich den Kopf, um ausmachen zu können, wo wir uns befanden. Wir mussten bereits ein ganzes Stück gefahren sein.

Vermutlich in die entgegen gesetzte Richtung. Das blutrote Abendlicht ergoss Weg, wurden. sich der An über dem schlammigen, Weise grob beiden als uneben

asphaltierten bezeichnet Fahrbahnrand

scherzhafter dessen sich zu

Landstraße

gekennzeichnetem Seiten der Wald.

erstreckte

Zeitweise auch hoch über dem Verdeck, sodass es den Eindruck verschiedener, kleinerer Lichttunnel erweckte. „Du magst dich sicher fragen, wo wir sind.“ Scott ergriff derart unerwartet das Wort, dass ich zusammenzuckte. „Ich will es dir sagen, Teil von mein Junge. Wir exakt entfernt befinden uns im

südlicheren Kilometer

des

Forstes, Anliegen dem

achtzehneinhalb und Dorf. weitere Dich Ich lachte

meinem von

siebenundzwanzig verunsichert jedenfalls

nächstgrößeren

unsere würde dir

Spazierfahrt dies nicht

wahrscheinlich. verübeln.“ Er

versuchsweise, aber es klang kalt und emotionslos, während er dem Fahrer mit einem knappen Handzeichen verdeutlichte, unmittelbar vor der Kurve zu halten. „Wieso bringen Sie mich hierher?“ Was mochte dem

Meister gerade an dieser Stelle liegen? Bäume, soweit das Auge reicht, nur mäßiger Verkehr… Allmählich näherte sich der Finger dem Lichtschalter. Die Glühbirne flackerte kurz, dann begann sie grell aufzuleuchten. Doch die Gedanken am Horizont der Dämmerung jagten mir einen Schauer über den Rücken.
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„Steig

aus!“,

befahl

Scott

barsch,

wobei

er

den

Sicherheitsgurt löst. Langsam setzte ich mich auf, rieb mir behutsam mit den Fingern über die pochende Schläfe. Ich wollte nicht aussteigen. Unter gar keinen Umständen! Wenn ich das Auto verließ, könnte der Mann mich sofort töten, noch ehe ich überhaupt registriert hätte, was geschehen war. Würde er es hier drinnen tun, müsse er anschließend das Blut von den Sitzen scheuern. Sicherlich eklig, die ganzen

winzigen, rotbraunen Flecken. Na, wenigstens würden sie sich dann einmal ernsthafte Sorge um dich machen, dachte ich verbitterte. Von außen wurde die Tür aufgerissen, das

Verdeck zurück gefahren, sodass ich dem völlig ausgeliefert war. Okay, soviel zu deinem Plan… Widerwillig kletterte ich daher aus dem Cabrio, als ich erstaunt ein weiteres Fahrzeug bemerkte, Kleinlaster Spiegel, welches mit ebenfalls ausgebeulten am Straßenrand Türen, einem Der parkte: Ein

zersprungen ein seiner

verdreckten mit

Scheiben. Bart,

Fahrer, aus

Dunkelhäufiger

verfilztem

sprang

Kabine. Ihm folgte der Geruch von Zigarrenrauch und Schweiß, der wohl noch drei Meilen entfernt zu riechen sein würde. Faszinierend, wie der zweite Mann, der nun einen gefesselten Dritten hervorzerrte und ihn neben sich über die Straße zu uns herüberführte, diesen Gestank überleben konnte. Aber ich schätzte, dies wäre mein wahrscheinlich kleinstes Problem. Im Grunde stand ich schutzlos am Rand einer Kurve und wurde von allen Seiten umzingelt. Hinter mir die Fahrzeuge,

rechts, wo man nun Zarin mit dem Rücken gegen die Rinde presste, die Bäume, links das Stinktier und der gepflegte Fahrer des Cabrio. Und vor mir, vor mir wurde die Sicht durch einen durchtrainierten Oberkörper verdeckt, zu dem ich
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nun gezwungen war, aufzusehen. Aussichtslos, meine Chancen aus dieser Lage unbeschadet herauszukommen, standen gleich null. Alleine zumindest. Hilfe suchend sah ich zu Zarin herüber, der abweisend den Kopf schenke, als wolle er nicht sehen, was nun geschah. Aber was, was wollte er verbergen? Und warum? Was war passiert? Weshalb hatte man nun auch ihn hierher gebracht? Oder besser, warum waren wir überhaupt hier? Das ergab doch alles keinen Sinn. Den Meister kostete es lediglich Zeit, Zarin womöglich sein linkes Augen. „Wieso bringen Sie mich hierher?“, fragte ich deshalb ein zweites Mal, während ich unruhig das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte. Mir missfiel diese Situation. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Etwas war faul und es waren nicht die Zähne des Fahrers. Weshalb veranstaltete Scott einen derartigen Aufstand, bloß, um mit dir einen Ausflug Blätter in der den Wald zu unternehmen? Pflanzen zu Wohl kaum, um die dies

verschiedenen

sammeln.

All

stand in keinerlei Zusammenhang. Oder etwa doch? „Sei nicht so ungeduldig.“, erwiderte der Sir, auf einen Baum zu wandernd. „Siehst du diese Kratzer dort an der

Rinde?“ Verwirrt kniff ich die Augen zusammen, mich ebenfalls der bestimmte Pflanze nähernd, auf die er mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand deutete. Natürlich, sie waren kaum

übersehbar, vorausgesetzt man mochte nicht blind sein. „Lackspuren. Kratzer. Zwar ein wenig verwischt, aber

dennoch deutlich sichtbare Kennzeichnungen eines Unfalls. Vermutlich ist der Fahrer bei zu hoher Geschwindigkeit in dieser Kurve ins Schleudern geraten und frontal mit diesem Baum zusammengestoßen. Den Verletzungen der Rinde zur Folge
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musste der Mann oder die Frau kaum Überlebenschancen gehabt haben. Vor allem, da man hier draußen niemanden findet.“ Papa! Keinen Sicherheitsgurt angelegt. Die Kontrolle über den Wagen verloren. Konnte dem sich rasend nähernden Baum nicht mehr ausweichen. Zu spät. Hier also, hier ist Papa… Nein! Nein, ich wollte den Gedanken nicht zu Ende führen. Nein. Niemals. Papa lebt. Bestimmt hat der den Unfall

genutzt, um unterzutauchen, und wollte mich später holen. Ja, genau so musste es sein. Er ist schließlich ein Held und Helden sterben nie. Scott, der meine Gedanken gelesen haben zu schien, zuckte mit den Achseln. „Dein Vater war auf der Stelle tot…“,

entgegnete er, ohne seinen Blick von der wilden Struktur der Lackspuren zu lösen. Kurz rauschten lediglich die Blätter im Wind, ansonsten war es ungewöhnlich still. Beinahe so, als ob all das Leben aus diesem Ort gewichen war. Totenstille, betroffenes Schweigen. Dann ein plötzliches Räuspern. „…aber bereits vor dem Aufprall.“ Der Meister sah mich unbeteiligt von der Seite an, um meine Reaktion auf diese Worte abzuschätzen. Doch es gab keine Reaktion, weil ich nicht verstand. Dein Vater war auf der Stelle tot, aber bereits vor dem Aufprall. Wie sollte ein Mensch… Wie sollte ein Mensch bei einem Autounfall

sterben, ohne dass es einen Autounfall gegeben hat? Sogar jedes Baby wusste, dass ein Fahrzeug erst nach einen Crash mit einem anderen kaputt sein würde. Jeden Sonntag konnte man es bei Leben der auf Formel den 1 mitverfolgen. Im Fernsehen, Tag. im Nun

wahren

deutschen

Straßen.

Jeden

stellte der Sir all das Logische in Frage, indem er das Gegenteil behauptete. Dein Vater war auf der Stelle tot,
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aber bereits vor dem Aufprall. Auf der Stelle tot vor dem Aufprall. Ich fuhr mir mit der verschwitzten Hand über die Stirn. Unmöglich. Völlig unmöglich. Papa vor dem Aufprall tot. Ich habe dich tausende von Wegen sterben lassen, Papi. Tausende Bilder, Skizzen habe ich gemalt. Immer nach dem dasselbe Muster. Eine scharfe Kurve. Mal musstest du einem Tier ausweichen, mal nahmst du einen letzten Schluck Kaffee aus deiner Tasse. Augen Jedes Mal habe Papa, ich jedes in deine weit du

aufgerissenen

gestarrt,

Mal

bevor

bemerktest, dass du sterben würdest. Jedes Mal habe ich hilflos auf dem Rücksitz gekauert, habe dich warnen wollen. Aber kein Mal, nicht ein einziges Mal, habe ich einen

Gedanken daran verschwendet, dass es ein anderes Bild sein könnte, das ich zeichnen musste. „Das hast du nicht gewusst, wie? Nun, ich denke, dein Freund Zarin hat dir etwas presste verschwiegen.“ ihm den Scott stolzierte unters zu

herüber,

Zeigefinger

Kinn,

damit er aufsah, wobei er mit einem Kopfnicken befahl, die Fesseln zu lösen. „Vielleicht solltest du ihn danach fragen. Nur zu, ich erlaube es dir, mein Junge.“ Entsetzt ließ ich meinen Blick zwischen den beiden Männer hin und her wandern. Verständnislos. „Zarin?“ Der nichts. „Was ist wahr? Was ist passiert? Was verschweigst du mir?“ „Es tut mir Leid, Tim. Es tut mir so leid.“ Zarin strich mir mit seiner dreckigen Hand über die Wange, doch ich stieß ihn von mir. „Was?“, fragte ich beinahe schreiend. Genannte hob traurig den Kopf, erwiderte jedoch

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Scott lächelte, über den Stein, den er ins Rollen gebracht hatte. „Los sag‟s ihm.“ Sag‟s mir, Zarin. Bitte, sag„s mir… Tief holte der Togolese Luft. Ein feuchtes Glitzern im Augenwinkel. „Ich weiß nicht, ob du dich daran erinnern kannst. An den Tag, an dem ihr in unserem Dorf um Aufenthalt betteltet. Ein heißer Februartag. Es war kein Zufall, selbst wenn es dir vielleicht so vorgekommen sein musste. Noch bevor ihr

überhaupt einen Fuß auf afrikanisches Land gesetzt hattet, hat der Meister mir befohlen, euch ständig zu beobachten. Wir trauten deinem Vater nicht. Nicht, dass er nicht ein großartiger, intelligenter Mensch gewesen ist, der von

ungeheurer Wichtigkeit für die Zukunft von M.A.S war. Nein. Aber wer wusste schon, welche eine Absichten Atempause. er Es besaß? fiel Ich ihm „Ich

jedenfalls…“

Zarin

machte

sichtlich schwer, das Gesehene in Worte zu fassen.

hatte die Aufgabe, herauszufinden, wer er war, mit wem er in Verbindung stand. Wie er die Gabel an den Mund führte. Ob er Links- oder Rechtshänder war. Ob er irgendwelche Schwächen, irgendwelche körperlichen oder geistigen Beschwerden hatte. Diabetes, Allergien, Rückenschmerzen, abhängig vielleicht? Das Letztere traf leider zu. Jeder Körper hat eine Schwäche, weißt du. Sie liegt meist tief verborgen. Doch findet man sie, ist es leicht, sie demjenigen zum Verhängnis zu

machen.“ „Du bist also ein Spion? Wie James Bond?“ „Sozusagen ja. Auch wenn ich James Bond nicht kenne.“ Ich nickte langsam. Ein weiteres Puzzleteil rückte an

seinen Platz. Aber… „Aber, wenn du alles wusstest, warum
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wusste der Meister, als er mich sah, nicht, dass Papa einen Sohn gehabt hat?“ Zarin lächelte. „Er hat mich nie danach gefragt.“ „Ich hätte niemals damit gerechnet, dass River ein Kind in die Welt gesetzt hatte.“ Scott, der auf einem für ihn

aufgestellten Klappstuhl Platz genommen hatte, erhob sich nun. „Bis du vor mir hocktest.“ Mit der Hand wedelnd, um die Moskitos zu vertreiben, signalisierte er dem Afrikaner, dass dieser weiter zu sprechen hatte. „Dein Vater hat zunächst von dieser Beschattung nichts bemerkt. Alles lief nach Plan. Dann dieses… dieses

Missgeschick…“ Hoffnungsvoll warf er Scott einen flehenden Blick zu, damit er die Geschichte zu Ende erzählte, aber dieser wich mit einem Kopfschütteln aus. „Irgendwie musste River dahinter gekommen sein. Meine Deckung flog auf. Ich hatte versagt. Dafür, für diesen Fehler, sollte ich… sollte ich an ein Forschungsinstitut verkauft werden. Dein Vater selbst leitete diesen ‚Handel‟. Zuverlässig, skrupellos.

Perfekt im Dunkeln. Aber, als er erkannte, wen er an diesem Tag, dem 25. Mai, zum Schlachter führte, welches arme

Schwein, verweigerte er den Befehl. Wie dumm von ihm. Das kommt einem Verrat gleich. Und bei Verrat…“ „Im Falle eines Verrates durch den eigenen Willen wird diese Ernennung unwirksam und der Ankläger kann je nach Tat mit dem Tode oder der vollständigen Ausschließung bestraft werden.“ Diese Zeilen des Vertrages tauchten plötzlich in meinen Gedanken auf. „Sehr gut, Nummer 448.“ Begeistert klatsche der Meister in die Hände. „Ein Jammer, das er das Kleingedruckte nicht

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gelesen einging.“

hatte,

bevor

der

dieses

Bündnis

mit

Kamikaze

Dein Vater war auf der Stelle tot, aber bereits vor dem Aufprall… und sein Mörder war nicht die Kurve gewesen,

sondern… „Sie haben ihn getötet! Sie haben mir meinen Vater genommen!“ Ich hatte es gespürt, lange bevor es in greifbare Nähe rückte. Unbewusst trug ich dieses grausame Geheimnis in

meinem Herzen. Wie eine tickende Bombe, eine Sanduhr. In gewisser Weise schockierte mich die Wahrheit nicht. Papa war ermordet Menschen manches worden. bei Kind Ermordet, Tatort wie oder sonst einem an nur die fremden So

einem wäre

Fernsehkrimi. meiner

sicherlich

Stelle

zusammengebrochen - doch ich konnte nicht. Meine Gedanken waren leer, völlig kalt. Papa… „Nein, ich habe ihn nicht umgebracht.“, entgegnete Sir Scott, abwehrend die Hände gehoben. „Das hat er selbst

gemacht, indem er diesem Mann…“ Er deutete auf Zarin. „Indem er diesem Mann das Leben schenkte.“ Ein überladener Bus näherte sich von Süden der Kurve. Hupend grüßte der Fahrer hier und auch die anderen Insassen Scotts

winkten,

überrascht,

Menschen

anzutreffen.

Wächter ihrerseits gestikulierten dem nun langsam werdenden Transporter, dass dieser sich nicht weiter um sie scheren sollte. Alles sei in bester Ordnung. Nein! Von einem inneren Zwang getrieben wollte ich auf die willkommene Hilfe zu stürzen. Aber damit hatte der Meister gerechnet. Unauffällig stellte er sich hinter mich, um mir drohend ins Ohr

flüstern, dass ich auf der Stelle tot sein würde, riskiere ich auch nur den vagen Versuch,
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zu

fliehen.

Ich

nickte

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seufzend. Es hätte keinen Sinn. Der Mann wäre tatsächlich zu allem fähig. Und wenn ich die Businsassen mit einbezöge, würde ich ihre Sicherheit ebenfalls gefährden. So musste ich widerwillig zu sehen, wie der Fahrer ein letztes Mal hupte und schließlich seinen Weg fortsetzte. Als der Bus beinahe am Horizont verschwunden war, wandte sich Scott uns lächelnd zu: „Das war es dann wohl, schätze ich. Sieh es ein, mein Junge, du bist dazu verdammt, alleine zu sein. Für immer. Ich weiß, wie das es ist. Es ist kein schönes Gefühl, sicher. Stell dir vor, es kann nur einen treffen. Aber es wird einen treffen. Und dieser eine bist du.“ „Das gilt vielleicht für Sie. Ich bin nicht alleine. Ich habe Freunde.“, erwiderte ich bestimmt. Kay. Tess und ihre Tanzlehrerin. Jabali, der Wächter. Reni. Keenan, die anderen Dorfbewohner. Mathieu, vielleicht. Und Zarin. Sie alle waren in Gedanken immer bei mir. Immer. Ermutigten mich, gaben mir Kraft. Immer. Sie beschützten mich. Vor allem Mama und Papa, wenn er nicht im Himmel dort oben ebenfalls etwas Wichtiges zu tun hatte. „So? Wo denn? Tolle Freunde, die einen verraten, findest du nicht auch?“ „Nur weil man Sie im Stich gelassen hat, heißt das nicht, dass es für mich auch zu trifft!“ „Vielleicht, vielleicht auch nicht. Nummer 255 möchten Sie dem Jungen nicht sagen, wie sein Papi gestorben ist?“ Erschrocken fuhr Zarin zusammen. „Ich…“, stotterte er, den Rücken gegen den Baum gepresst. „Ich… Ich kann nicht.“ Sein linkes Auge zuckte. Tränenflüssigkeit, gemischt mit Blut, bildete darüber eine winzige Nebelschicht.
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„Wie? Was haben Sie gesagt? Ich habe es nicht verstanden.“ „Ich kann nicht.“ „Natürlich, natürlich. Ich könnte einem Kind auch nicht erzählen, dass ich seinen Vater umgebracht hätte.“ „Was?!“, brach es lautlos aus mir heraus. „Du?!“ „Man ließ mir keine andere Wahl.“ Getroffen sank ich auf die Knie, die Hände im Gras

verkrampft, um nicht zu weinen. Zarin hat Papa… Nein… Wie konnte Zarin so etwas nur tun? Dein Freund, der dich vor dem Meister, vor der bösen Welt dort draußen, hat warnen wollen. Wie konnte man so tun, als ob all dies nie geschehen wäre? Hatte er Papa erschossen, erstickt? Deinen Papa. Bitte, Tim, bitte wach aus diesem Albtraum auf. „Es tut mir Leid, Tim. Ich habe es nicht gewollt.“ „Du hast mir meinen Vater gestohlen! Meinen Vater!“ „Es tut mir Leid.“ „Davon kann ich Papa auch nicht zurückholen. Die Engel, die haben ihn. Denen hast du ihn geschenkt. Und geschenkt ist geschenkt.“ Tief atmete ich durch. Ich hatte nur noch eine Frage. Eine Einzige. Ich war mir nicht sicher, ob ich es wirklich wissen wollte, aber… „Wie ist Papa gestorben?“ „Es ging alles sehr schnell. Ich bin mir sicher, er hat es kaum gespürt.“ Aufgewühlt kratzte Zarin über seinen Arm. Innerlich wie äußerlich erlebte er dieses schreckliche

Ereignis ein zweites Mal durch. „Dein Vater hat mich laufen gelassen. In der Nähe von Kpalimé. Ich weiß noch, wie er zu mir sagte, ich solle mich verstecken. Jemanden anrufen. Er… Er würde sich darum kümmern, dass niemand je erfuhr, was geschehen sei. Dann war er weg,
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wohin

sagte

er

nicht.

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Einfach weg. Und ich? Ich streunte immer noch schockiert, ziellos, über den Markt, über die Straßen. Vermutlich hatte ich Glück, dass mich dabei kein Bus erwischt… Oder Pech. Jedenfalls fand ich ein Internetcafé. Dasselbe, indem ich dich getroffen habe. Sah das Telefon auf dem Tresen und wählte - die erste Nummer, die mir einfiel.“ Er schluckte, japste nach Luft. „Es war die von dem Meister. Und als ich mir dessen bewusst wurde, war es bereits zu spät. Natürlich ahnte man in der Villa sofort, dass die Übergabe gescheitert sein musste. Schließlich wäre ich andernfalls niemals dazu in der Lage gewesen, zu telefonieren. Damit habe ich selbst das Todesurteil des Menschen unterzeichnet, der mir das

Leben gerettet hatte. Aber… Aber es wurde noch schlimmer. Sie fanden mich schreiend gegen eine Häuserwand gepresst. Ich dachte, jetzt sei es aus. Jetzt töteten sie dich doch, Zarin. Doch seltsamerweise behandelte man mich wie einen Helden. Damals habe ich dies nicht verstanden. Ich war

schließlich ein geflohener Versager. Ein Niemand. Nun aber, als sie mich in dem Kleinlaster zurück zu dem Anliegen

brachten, feierte man mich. Wieso, fragte ich mich, wieso. Erst hinterher wurde es mir klar. Ich hatte einen Aufgabe: Ich sollte deinen Vater töten, den größeren Verräter von uns beiden. Anfangs weigerte ich mich gegen diesen Befehl, doch, als sie mir damit drohte, mich zu ertränken, willigte ich ein. Ich weiß, Tim, du hältst mich für einen Feigling. Und der bin ich auch. Aber ich hatte Angst, verstehst du? Ich hatte Angst, zu sterben, wie Ismen, meine Frau. Ich war noch nicht bereit dafür. Und so… So stellte ich deinem Vater eine Falle. Hier, hier in dieser Kurve. Wir wussten, River würde dort vorbeikommen, wenn er in Lomé untertauchen wollte. So
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wartete ich. Zehn Minuten, zwanzig, vielleicht auch länger. Ich habe jedes Gefühl von Zeit verloren, überhaupt spürte ich weder Schmerz noch Trauer. Nichts, nur die Kälte, die spüre ich.“ Seine Hände zitterten merklich. „Noch heute, wenn ich daran zurückdenken“, fügte er hinzu, bevor er im Flüsterton weiter sprach. „Siehst du das Dickicht dort

drüber? Dort habe ich gelegen, versteckt, lauernd. Alleine. Nur die beiden Messer in meinen tauben Händen. Wie Freunde umklammerte ich sie. Es musste gegen Abend gewesen sein. Ja, in der Dämmerung des 25. Mais. Das Cabrio deines Vaters schoss heran. Ich sah ihn, deinen Papa, jedes einzelne Haar, die kleine Falter auf seiner Stirn. Beinahe mechanisch hob ich die rechte Hand. Nein, ich konnte nicht. Nicht werfen, dachte ich noch, auf gar keinen Fall, als sich plötzlich meine Finger um die beiden Messer lösten. Zu spät. Das Erste bohrte sich in den Hals, das Zweite grub sich in den linken, hinteren Reifen, sodass das Auto ins Schleudern geriet und… und gegen den Baum stieß. Gesehen habe ich es nicht. Ich konnte nicht. Wollte nicht sehen, was ich getan hatte. Ich habe einen Menschen getötet. Einen Mann mit einem kleinen Kind. Gehört habe Schrei, ich dann lediglich den lauten diesen dumpfen, wie

entsetzlichen

Zusammenprall

einen Donner. Und dann… dann ganz plötzlich nichts mehr. Stille, unheimlich Stille. Tot, vermutlich war dies das

richtige Wort dafür. So jedenfalls fühlte ich mich. T-o-t. In gewisser Weise bin ich in dem Moment gestorben, als das Messer aus dem Dickicht auf mich zu schoss. In Gedanken war ich der Fahrer gewesen und nicht dein Vater. So wäre es gerecht. Erst, als sich die Nacht über den Tag senkte, wie ein schwarzes Leichentuch mit vielen, funkelnden Sternchen,
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traute ich mich, in den Spiegel zu sehen, indem ich… indem ich von mir selber aus dem Fahrzeug gezogen und ins Gras gebetet wurde. Überall Blut, auch an meinen Fingern, meinem ganzen Körper. Was in den folgenden Stunden passierte, weiß ich nicht mehr. Irgendwann so gegen Mitternacht tauchte ein Polizist auf, daran erinnerte ich mich noch. An seinen

lustigen Schnurbart.“ Zarin lächelte versuchsweise. „ Dem habe ich erzählt, der Mann neben mir hätte einen Autounfall gehabt - das wonach es den Anschein erweckte. Keine Fragen. Freilich glaubte er mir und so fuhr er fort, um auf meine Bitte hin die traurige Nachricht im Dorf zu verkünden. Es war das Letzte, was ich tun konnte. Kurz habe ich dabei auch an dich gedacht. An Rivers kleinen Sohn, dem ich den Vater genommen hatte… Tim, ich weiß, du glaubst mir nicht. Aber ich habe in jener Nacht geschworen, dass ich auf dich

aufpassen werde. Heimlich. Ich war dabei, als du Kay vor den Hyänen rettetest. Das war mutig von dir. Rührend. Ich war stolz auf dich, stolz wie auf ein eigenes Kind. Für eine Weile habe ich durch dich dieses Erlebnis verdrängt - bis ich eines Morgens feststellte, dass du mit Mathieu geflohen warst. An jenem Morgen, an dem ich dich sicher nach

Deutschland zurückbringen wollte. Ganz, wie ich es deinem Vater versprochen habe. Zunächst habe ich all dies nicht für möglich gehalten. Warum sollten zwei kleine Jungen von zu Hause weglaufen? Doch, als ich dich dann später in Kpalimé wieder fand und erkannte, dass du Rivers Email geöffnet hast… Ich habe versucht, dich aufzuhalten, aber bevor ich reagieren konnte, war es zu spät. Zum zweiten Mal in meinem Leben zu spät. Du bist den Spuren deines Papas gefolgt. Bis hierher, Tim.“
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Schweigen. Es gab nichts mehr zu sagen. Die Geschichte war erzählt. Die Geschichte meines Papas, eines Helden. Jedes Wort, jeder Tonfall, jedes Bild, welches dabei in meinem Kopf entstanden war, brannte sich in mein Gedächtnis. In gewisser Weise betete ich, dass es sich bei dem tatsächlich um eine Lüge handelte. Dass Zarin plötzlich losprusten würde und mit einem jodelnden Applaus, Papa auf die Bühne bat. Aber dem war nicht so. Dem sollte nie so sein, nie mehr. Vielleicht ist es Schicksal, bestimmt ist es die Wahrheit. Du bist alleine, Tim. Für immer alleine. Alleine in diesem dunklen, verlassenen Erdloch, fern ab deiner Heimat, fern ab deines Hauses mit den alten Holzstufen, die jeden Abend beim Zubettgehen wie die Rasseln eines Gespenstes knirschten,

oder der Küche, aus der es immer so gut gerochen hatte, wenn Mama lachend den Kochlöffel im Kreis führte und dir ein Kinderlied vorsang, wobei du auf dem Spielteppich neben der Sitzbank knietest und mit die Autos und Legomännchen durch die Landschaft fuhrst. Manchmal, wenn Papa gut gelaunt war, trugt ihr auch ein Rennen auf den Stoffstraßen aus. Diese Zeit würde nie wieder zurückkommen. Ich zitterte. Ein Zucken durchfuhr meinen Körper. Tränen liefen mir über die Wangen, blutige Tränen. Ich wollte

aufstehen, vergessen, weglaufen vor mir, vor dem gesamten Universum. Doch ich konnte nicht. Wohin auch? In den Urwald hinein vielleicht, wenn ich es schaffte… was bei den

Aasgeieraugen geradezu unmöglich schien? Zögernd hob ich den Kopf ein Stück, wobei sich Zarins und mein Blick kurz

trafen. Der Afrikaner zwang sich ein müdes Lächeln auf, obwohl er ebenso wie ich wusste, dass kein Lächeln dieser

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Welt das wieder gut machen konnte, was er mir angetan hatte. Du hast mir Papa genommen. Ich öffnete den Mund, um etwas zu entgegen, schloss ihn jedoch wieder. In der Ferne donnerte es und die ersten

Tropfen prasselten auf meine Schultern. Sehr bald würde ein Gewitter losbrechen. Scott, der die Hände in den Himmel gehoben hatte, als könne er so die Wolken teilen,

gestikulierte seinen Wächtern, uns zu fesseln und zu den Fahrzeugen zu führen, gereizt, dass etwas nicht nach seinen Vorstellungen verlief. Niedergeschlagen kroch ich auf allen Vieren rückwärts, den Blick nicht von den sich bedrohlich nähernden Männern abwendend. Lasst mich in Ruhe!

Verschwindet! Zarin, der mich immer noch ansah, rührte sich nicht. Lediglich seine aufgeplatzten Lippen formten ein

„Vergib mir.“ Ein Gemisch aus Blut und Wasser lief in seinen Mund. Blitze jagten über den nachtschwarzen Himmel. Bäume bogen sich im aufkommenden Wind. Die warmen Tropfen schoss wie die Kugeln einer Pistole auf uns herab. Schützend hielt ich mir die Hand vor Augen. die Beine nahe an meinen Körper heranziehend. aufzugeben. Vielleicht Sowie Zarin, wäre der es die besser, Hände hob. freiwillig Er hatte

versagt. Zum zweiten Mal. Mit eisernem Griff wollte einer der Gorillas mich hoch zerren. Ich wehrte mich nicht,

kauerte mich nur wie ein kleines Tier zusammen. Es wäre ohnehin sinnlos gewesen, Widerstand zu leisten. Der Mann war größer und um einiges stärker als ich. Dennoch hielt er plötzlich inne. Entsetzt schoss sein Kopf herum. Ich folgte seinem Blick verwundert. Obwohl die Sicht verschwommen war, konnte ich eine Gestalt ausmachen, die sich auf eine weitere Abgewandte stürzte. Zarin! Ein Schrei. Donnergrollen. Ohne
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mich länger zu beachten, rannte der Wächter seinem Meister zur Hilfe. Erschrocken rappelte ich mich auf, beobachtete den ungleichen Kampf. Die drei Gorillas schlugen auf den nun am Boden liegenden Afrikaner ein. Traten ihm gegen den Kopf, in den Bauch. Scott seinerseits presste sich die Hand auf die Stirn, humpelte fluchend davon. Zarin, nein! Ihr tut ihm weh! Ich wollte ihn verteidigen - gleich was er getan hat, gleich, ob er mir den Vater genommen hat - aber meine Beine gehorchten mir nicht mehr. Verdammt, lasst mich zu ihm! Seht ihr nicht, dass sie ihn totschlagen?! Anstatt nachzugeben, trugen sie mich immer in die andere Braun, Richtung dunkelgrün, davon. Immer Nur

schneller,

weiter.

schwarz.

grobe Farbtupfer in Mitten einer endlosen Landschaft. Im Lauf sprang ich über eine Wurzel, stolperte, fiel ins Laub. Mein Herz drohte, meinen Brustkorb zu zerreißen. Mit

ausgestreckte Armen lag ich da, den Kopf zur Seite gedreht, um Atem zu schöpfen. Der Ekel erregende Geschmack von Blut füllte meinen Mundraum und, als ich die Lippen öffnete, sprudelte das Rot hinaus, verfärbte den Boden neben mir. Es donnerte noch, ansonsten war es still. Von Zarin und den Männern war nichts mehr zu hören. Kein Schrei, keine dumpfen Schläge. Ob die Engeln auch ihn bereits geholt hatten? Oder kämpfte er noch dagegen an, wovor er die ganze Zeit über Angst gehabt hat? Immer noch auf dem Bauch liegend faltete ich die zitternden Hände zum Gebet. Lieber Gott, wie viele meiner endlich Freunde zum möchtest zu du noch zu dir holen, war um mich guter

Schweigen

bringen?

Zarin

kein

Mensch, schätze ich. Er hat Papa ermordet und derjenige, der mordet, verstößt gegen eines der zehn Gebote. Aber das

konnte er nicht wissen! Er glaubt an einen anderen Gott. Und
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außerdem, du dort oben im Himmel, hätte ich ihm verziehen. Nun ist es zu spät. Deinetwegen. Nun wird auch er bald an dein Tor klopfen. Bitte lass ihn herein. Hier unten ist es kalt und er hat es nicht verdient, zu frieren. Bitte, lieber Gott, wenn es dich wirklich geben sollte als den gerechten Herrscher, bitte… Wie ein Soldat robbte ich ein Stück durch das Laub, den Blick bei jedem Meter prüfend umherschweifen lassend. Vor Scotts Männern wäre ich erst einmal sicher. Vermutlich haben sie noch nicht bemerkt, dass ich geflohen war, so sehr

mochten sie mit dem Verarzten ihres heiligen Meisters und dem Fortschaffen des leblosen Körpers beschäftigt sein.

Hoffte ich jedenfalls. Und selbst wenn sie es bemerkten, würden sie Zeit brauchen, um den Wald zu durchforsten, wozu sie frühestens in den Morgenstunden aufbrechen konnten, denn sogar der Sir musste einsehen, dass es geradezu unmöglich wäre, einen Jungen bei Dunkelheit im dichten Unterholz

aufzuspüren - vorausgesetzt, er wollte nicht mit Flutlicht und Helikoptern nach mir suchen lassen. Seufzend rappelte ich mich auf. Dieser Urwald war das reinste Chaos, schlimmer als jedes Maislabyrinth und viel schlimmer als aus der Sicht eines Playmobilkindes in meiner Spielkiste. Wenn ich mich hier verlief, würde ich nie wieder zurückfinden. Das wäre das Schrecklichste, was ich mir vorstellen konnte. Nur einen falschen Schritt… Ich wollte es mir nicht ausmalen. Doch welcher Weg war der richtige? Oder besser, wohin wollte ich eigentlich? Der Wald war riesig, endlos groß. Also… wohin? Weg, einfach nur weg von der Straße, schoss es mir durch den Kopf, weg von Scott, ganz, ganz weit weg. Zögernd lief ich los, immer wieder einen Blick
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über

die

Schulter

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zurückwerfend. Der Dschungel Afrikas hatte mich bereits wie eine Tablette mich im wie Mund Zähne; verschluckt. dazwischen Turmhohe spannte Bäume die

umzingelten

sich

schwüle Luft. Gelegentlich konnte man auch den Atem hören, wenn ein Papagei kreischte oder ein Affe von Ast zu Ast schwang. Moskitos, die meinen Schweiß gerochen haben musste, summten vor meinem Gesicht. Hastig versuchte ich, nach ihnen zu schlagen. Ohne Erfolg. Plötzlich berührte mich etwas

leicht am Rücken. Kaum vernehmbar, aber dennoch bewegte sich etwas. Ich wusste es erst mit Sicherheit, dass da etwas war, als es über meine Schulter und den Poloshirtkragen auf

meinen Nacken kroch - aber das war es bereits zu spät. Vorsichtig drehte ich den Kopf zur Seite. Und dann sah ich sie im äußersten Winkel meines Blickfeldes: Eine Spinne. Sie hing seitlich an meinem Nacken, knapp unterhalb meines

Kiefers. Ich schluckte. Nicht, dass ich Angst vor diesen Viechern gehabt hätte. Nein, es war etwas anderes, das mich entsetzte: Die Tatsache, dass es sich bei dieser hier um keine Hausspinnchen, sondern eine im afrikanischen Urwald, handelte. Wie eine reife Orange auf haarigen Beinen,

schwarz, ohne Kopf, absolut hässlich, kletterte sie über meine linke Gesichtshälfte. Augenblicklich versteifte sich mein Hals, lediglich die Ader pochte wild. Ohne mir das Tier genauer anzusehen, ahnte ich, dass ihr Gift tödlich war. Wie so ziemlich alles auf diesem Kontinent. Panisch wollte ich dieses eklige Ding mit der Hand weg schlagen. Vielleicht hätte ich Glück. Doch wenn ich Pech hätte, wären zwei,

winzige, rote Punkte auf meiner Haut zu sehen sein, bisse sie dabei zu. Schnell würde sich das Gift in meinem Körper

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verteilen. Innerhalb einer Stunde geriete und, während ich taumelnd durch den Wald

ich in Atemnot

irrte,

wären

die

Krämpfe nicht auszuhalten. Irgendwann schliefe ich ein und erwachte nie wieder mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit.

Nein! Ich hatte es nicht bis hier her geschafft, um mich dann von dieser grauenhaften Kreatur fertig machen zu

lassen! So mal ich zwanzig Köpfe größer war. Dennoch konnte ich nicht klar denken. Ein Bein berührte meine trockenen Lippen. Sofort zuckte ich zusammen, sodass das Tier

zurückwich. Nein, nicht beißen! Kerzengerade stand ich da. Die Spinne machte es sich an meinem Hals bequem, um

genüsslich meine Ader zu beobachten, als liefe dort ein spannender Kinofilm. Innerlich atmete ich erleichtert auf. Bewegungslos huschten meine Augen von dem Insekt durch den Urwald. Mir blieb nicht mehr viel Zeit, bis es sich

entschied, dieses Nervenspiel zu beenden. Und ich hatte nur eine einzige Chance. Wir hatten in der Schule die Spinnen erst später durchnehmen wollen - zu spät. Vermutlich wäre mir sowieso nichts mehr eingefallen. Im Blickwinkel erkannte ich den Baumstamm, von dessen Ästen das Tier

heruntergefallen sein musste. Dann kam mir plötzlich eine Idee, die derart lächerlich war, dass es sinnlos wäre, auch nur einen weiteren Gedanken an ihr zu verschwenden. Behutsam legte ich den Kopf zu Seite. Es musste funktionieren! Es musste einfach! Eins… zwei… Bis drei konnte ich nicht mehr zählen. Rinde. Energisch Blut krachte über mein meine Gesicht Wange. gegen Ein die harte

spritzte

Spinnenbein

klebte noch dort, wo das Insekt gehangen hatte. Der übrige Körper war zerfetzt von der Wucht des plötzlichen Aufpralls.
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Langsam fuhr ich mit dem Zeigefinger über die Stelle. Ob die Spinne gebissen hatte? Fühlen konnte ich es nicht, nur

hoffen, dass dem nicht so war. Als ich mich über eine Pfütze beugte, fiel mir ein Stein von Herzen. Nichts zu sehen. Trotzdem würde ich nicht einen einzigen Schritt weiter tun. Lieber sollte Scott mich quälen, als irgendein Krabbeltier oder womöglich eine Schlage, die sich um meinen Hals legte, wenn ich erschöpft zusammensackte! Denn nach Stunden des Umherirrens würde ich unachtsam werden und der Urwald wusste ohnehin, wo ich war. Seine lauerten keine so Augen, im seine gelben, auf mich.

blutunterlaufenen Aber diesmal

Augen, ich

Unterholz Beute

würde

leichte

abgeben!

Achtsam tastete ich mich voran, kontrollierte jeden Meter mit dem Fuß, den Blick dabei prüfend umherschweifen lassend. Den Gedanken, dass dies im Notfall nicht ausreichen mochte, verdrängte ich. Wenn ich nun noch unruhiger wurde, würde ich Fehler machen. Fehler, die mich mehr als nur ein paar Euro kosten würden oder eines meiner Modelautos. Vor allem die wallende Dunkelheit erschwerte mir die Sicht. Jede länger ich lief, desto mehr verlor ich die Orientierung. Bald

musste ich mich vollendend auf meinen Instinkt verlassen. Wie bei einem „Blindenspiel“ nur ohne Führer torkelte ich umher, bis ich schließlich in einiger Entfernung Stimmen hörte. Der Wille, einfach loszulaufen, überkam mich, doch es gelang mir, ihn nieder zu kämpfen. Reiz dich gefälligst zusammen! Du darfst Scott nicht einfach in die Arme rennen, ihm womöglich noch vor die Knie fallen und betteln, dass er dich zurück zur Villa mitnimmt! Das hätte Zarin nicht

gewollt. Dafür sollte er nicht gestorben sein. Streng dein Gehirn an, Tim! Denk nach. Ich
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nickte,

wobei

ich

mich

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zusammengerollt in einem Erdloch verbarg und durch einen Blättervorhang bemerkte ich, auf dass der der Straße hinausspähte. Überrascht war.

Kleinlaster

verschwunden

Lediglich das Cabrio, vor dem der Meister, ein Tuch an die Schläfe pressend, auf dem Klappstuhl kauerte, parkte noch. Der Fahrer suchte im Standlicht des Wagens das umliegende Waldstück ab und kniete schließlich nieder, um ein Zelt errichtet. Allem Anschein nach wollte der Sir an dieser Kurve übernachten. Dass er persönlich geblieben und nicht aufgrund seiner Verletzungen zurück zur Villa gefahren war, ließ mich stutzen. sein So mal es in der Wildnis was durchaus Scott

gefährlich

konnte.

Unberechenbar,

Maurice

hasste. Doch der Wille, mich aufzuspüren und auseinander zu nehmen, schien größer. Bedacht keinen Lärm zu machen, zog ich mich ein wenig zurück. Mein Blick fiel erneut in den Wald. Ich hatte keine Chance. Würde ich hier bleiben, würden sie mich sofort finden. Würde ich zum zweiten Mal dort

hineinlaufen, würde der Wald sein Übriges tun, um mich zu erledigen. Oh Mann! Ich stöhnte. Warum konnte das Spiel nicht einmal fair sein? mich Hatte sicher ich ich ins unter überhaupt Ziel den eine

Würfelkombination, Vermutlich nicht.

die

brächte? Blättern

Erneut

lugte

hervor. Die Situation hatte sich nicht verändert mit der Ausnahme, dass der Fahrer das Aufbauen des Zeltes beendete und nun ein paar Lebensmittel aus dem Kofferraum auf eine Decke beförderte. Leise plärrte dabei Musik aus dem Inneren des Autos, zu der der Mann zu summen begann. In gewisser Weise erweckte es den Eindruck zweier, alter Campgenossen, die gemeinsam auf Rucksacktour waren. Vielleicht könnte ich mich einfach zu ihnen setzen, wenn wir für kurze Zeit keine
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Feinde wären. Mein Magen knurrte bei dem Gedanken an die knusprigen, gebackenen Bananen oder den anderen

Köstlichkeiten. Die Kekse auf dem Beifahrersitz… ein Genuss. Ohne nachzudenken und von dem Hungergefühl angetrieben,

schlich ich gebückt zu dem Cabrio herüber. Inzwischen war es so dunkel, dass ich kaum erkennbar sein würde, wenn ich nicht in das Licht träte. Tatsächlich ahnte Scott nicht, dass er seinem Opfer näher war, als er jemals für möglich gehalten hätte. Meine Hand streifte jenen Baum, gegen den… Ich hielt zögernd an die inne, Rinde. malte Im mit des dem Finger und das des

Kreuzzeichen

Namen

Vaters

Sohnes und des Heiligen Geistes Amen. Geh hin in Frieden. So hatte ich es oft in der Kirche an Sonntagen gehört, kurz bevor ich endlich zum Spielen hab auf die Straße gehen

können. Ich habe nie verstanden, was der alte Mann in dem Gewand erzählt hatte, aber diese Abschiedsworte bedeuteten, dass es Zeit war, zu gehen. Papa… Mögest du hingehen in Frieden. Meine Lippen berührten vorsichtig die kalte Rinde, dann wich ich einen Schritt zurück, faltete die Hände, den Kopf gesenkt. Dabei vergaß ich alles um mich herum. Selbst die Angst, entdeckt zu werden, verschwand. Ich stand einfach nur da. Bilder meines Vaters rauschten an mir vorbei. Wie wir im Winter sind. über Als den er mir zugefrorenen half, die See im Stadtpark aus

gelaufen

Schleifennudel

meiner Nase zu ziehen, die ich hineingesteckt hatte, um auszuprobieren, ob sie da hineinpasste. Das Fußballgucken auf Papas Schoss, wobei ich bei jedem Tor, egal für welche Mannschaft, meine kleine Kölnfahne schwenkte. Meinen ersten Schluck Bier, bei dem er mich heimlich erwischte, um

anschließend meinen kleinen Kopf beim Erbrechen zu halten.
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Unseren

Besuch

im

Phantasialand,

einem

der

größten

Vergnügungsparks in der Nähe von Köln. Ich grinste bei dem flüchtigen Gedanken an das schwarzweiße Schaukelpferd namens Fiona auf dem zweistöckigen Karussell, das mir einen

derartigen Schrecken eingejagt hatte, dass ich um ein Haar über die Brüstung gefallen wäre, hätte Papa mich nicht in aller letzter Minuten aufgefangen. Mein Papa, mein Held. Daran, dass er mich geschlagen hatte oder dass ich wegen diesem ekligen Qualm immer weniger Spielzeug bekam, wollte ich mich nicht erinnern. Nein, mein Vater, der war jemand, der perfekt war. Mutig, schlau vor allem und alles andere, was man von mir nicht behaupten konnte. Ich seufzte leise. Komm zurück, Papa. Ich brauche dich. Dich und Mama…

Plötzlich spürte ich einen warmen Luftzug an meinem Ohr. Augenblicklich versteifte sich mein Körper. Meine Muskeln spannten sich an. Mit angehaltenem Atem versuchte ich, im Winkel meines Blickfeldes auszumachen, was geschehen war. Musik drang noch aus dem Radio. Gelegentlich konnte ich auch das Schnaufen des Meisters ausmachen - nur viel, viel näher! Zu nah, unmittelbar hinter mir. Hau ab! Verschwinde! Aber presto, presto. Ich gehorchte. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, schoss ich über die Straße hinweg. In der Dunkelheit war ich völlig orientierungslos und erst, als ich den harten Untergrund bemerkte, ahnte ich, dass ich in der Falle saß. Sie würde nur das Licht des Wagens auf die Kurve lenken müssen und, obwohl sie nur zu zweit waren, wäre es ein Leichtes, sich. mich Sein einzukesseln. Lächeln Ich im war hilflos. wie Scott eine

näherte

wirkte

Schatten

grausame Grimasse.

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„Da bist du ja endlich, Nummer 448! Ersparst mir die Mühe, dich zu suchen. Nett, muss ich sagen, äußerst

entgegenkommend. Willst du dich nicht zu uns setzen? Ich habe hier auch einen extra großen Keks für dich. Also, mein Junge?“ Er wedelte mit einem Gebäck in der Luft, wobei er einen weiteren Schritt auf mich zu machte. Ich blinzelte zu dem Cabrio herüber. da er Der Fahrer sein beobachtete dass die Szene

entspannt,

sicher

mochte,

ich

aufgeben

würde. Erneut sah ich zu dem Meister auf. Der Geruch von frischem Mehl stieg mir in die Nase. Lecker mit Marmelade. Mein Magen knurrte. Nimm endlich den Keks, meldete er. Nur das Gebäck vor Augen leckte ich mir mit der Zunge über die Lippen und stolperte wie hypnotisiert darauf zu. „Ja, Nummer 448, komm. Ich habe auch noch welche mit Schokosplittern.“, behauptete Scott, die Hand nach mir

ausstreckend. Ruckartig blieb ich stehen. Hast du vollkommen den Verstand verlassen? Reiz dich gefälligst zusammen. Es gibt noch viel köstlichere Kekse auf der Welt! Hastig löste ich meinen Blick von dem eine männlich wirkende Hexe Hänsel Mann ab, der wie und Gretel zum

zuckersüßen Häuschen lockte. Und rannte, noch bevor jemand reagieren konnte. Meine Fußsohlen tippten nur flüchtig auf die Erde. Ich sprang über einen umgekippten Baumstamm am Fahrbahnrand. In den Wald wagte ich mich nicht mehr, zumal mir auch der Schatten der Bäume am Rand ausreichend Schutz bot. So konnte ich sicher sein, dass die Männer mich nicht mit dem Auto verfolgten und es schwerer hatten, mich zu finden. Wie nach einem Tausendmeterlauf ich hechelte nach Luft, lief jedoch weiter. Hinter mir hörte ich Schritte.

Wie viele wusste ich nicht, aber es war auch nicht wichtig.
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Es war nur eine Frage der Zeit. Wer hielt länger durch? Maurice Scott oder ich? Derjenige hätte gewonnen. Ich die Freiheit, jedenfalls vorläufig, mein Gegner den Spaß beim Quälen eines neuen Feindes. Bäumen flogen an uns vorbei wie Markierungen, die auf das Ziel zu liefen. Nur, dass es bei diesem Rennen kein Ziel gab. Ich spürte bereits, wie meine Gelenke zu schmerzen wie begannen, atmete meine ich ein Seite und stach. aus. So

gleichmäßig

möglich

Atmen,

laufen, atmen. Aus, ein, wieder aus. Vielleicht hätte ich das Glück und ein Bus oder jemand, der mich half, käme vorbei, doch ich bezweifelte dies. Wer sollte schon ohne erdenkbaren Grund selbst in Afrika nachts unterwegs sein? Aber es würde bald etwas passieren müssen. Irgendetwas.

Allmählich konnte ich jede einzelne Faser in meinem Körper spüren, vor allem, da ich mich nicht aufgewärmt hatte. Meine Geschwindigkeit und der Abstand zu Scott wurden mit jedem Meter weiter. halten geringer. Dennoch können, Langsamer, würde ich als auch ich durfte, Tempo joggte nicht ich mehr

dieses

vorausgesetzt,

ich

wollte

nicht

umkippen.

Verdammt, wie konnte der Meister nur ein derart guter Läufer sein? Und noch dazu verletzt! Vorsichtig riskierte ich einen Blick über die Schulter. Der Mann war unmittelbar hinter mir, doch zu meinem Erleichtern verlor auch er an

Schnelligkeit und taumelte bereits - als er plötzlich vor meinen Augen zusammenbrach. Noch im Lauf beobachtete ich, wie seine Knie einknickten, die Hände sich auf den rauen Boden pressten. Du hast gewonnen, Tim! Er hat dich nicht gekriegt! Erneut sah ich zurück. Zu meinem Entsetzten fiel der Sir zur wobei Seite sich und blieb regungslos immer auf dem Rücken

liegen,

sein

Brustkorb
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unregelmäßiger

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senkte.

Tief

Luft

holend

blieb

ich

stehen,

wandte

mich

vorsichtig um. Nun, dachte ich verbittert, nun sehen Sie wie es ist, wenn man am Boden kriecht! Ein tolles Gefühl, nicht wahr? So viele Leute haben Sie niedergedrückt und selbst, als sich diese flehend vor Ihnen wälzten, haben Sie nochmals zugetreten, bis auch das Betteln ein Ende hatte! Genauso soll es Ihnen jetzt auch ergehen! Sie Schwein, Sie haben den Befehl gegeben, meinen Papa zu töten! Unbeirrt wollte ich weiterlaufen, aber etwas hielt mich zurück. Stöhnend hob ich die Schultern, senkte sie. Geh schon! Hau endlich ab! Zum dritten Mal schweifte mein Blick zu dem Meister herüber. Den Kopf zu Seite gedreht, die Lippen leicht geöffnet versuchte er, sich aufzurichten, sackte jedoch sofort wieder in sich zusammen. Sein Oberkörper verkrampfte sich, sodass der Mann nach Luft schnappte. Es entsetzte mich, Scott derart hilflos zu sehen. Bisher lebte er in einer Welt, die er voll und ganz kontrollierte, doch nun? Das ist nicht dein Problem, Tim. Der Meister würde dich auch dort verbluten lassen aber ich bin nicht der Meister! Ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden und mich ohrfeigend, schlich ich

zögerlich zurück, kniete mich neben den Kopf des Sir. Dessen Augen schlossen sich, auf, zu, auf, jedoch verlangsamt und unregelmäßig. Des Weitern erkannte er mich - wenn überhaupt - nur flüchtig. Nun, in dem Moment, jetzt, wo ich neben diesem Menschen kauerte, verspürte ich den Hass, der in mir aufkeimte wie eine Bohne im Wasser, züngelnd wie Flammen in der Nacht. Sie haben mir alles genommen! Alles, was mir etwas bedeutete! Zum einen meinen Papi, den Sie erpresst haben. Nicht etwa mit Gummibärchen, sondern mit diesem

ekligen Gras von irgendeiner Wiese, abartig, absolut eklig.
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Vor

allem

der

Rauch.

Wegen

Ihnen

ist

mein

Papa

zu

so

Stinktier geworden, das sich einen Dreck um die anderen schert. Ihr Abbild. Und dann Mathieu, meinen besten Freund? Der, der mit mir nach Spanien wollte, aber seinen Traum aus den Augen verloren hat. Wegen Ihnen. Oder Zarin? Tot, wegen Ihnen. Oder Jabali, der Wächter, der gegen seinen Willen seine Freunde schlagen muss, die kleine Reni zum Beispiel? Wegen Ihnen. Oder Kay, mein Schwesterchen, das fröhlichste Mädchen, das ich kenne? Okay, sie hat sich vielleicht in Angelegenheiten eingemischt, die sie nichts angehen, aber… Ihre Eltern machen sich Sorgen. Wegen Ihnen. Und was ist mit Tess? Mit Tess, Ihrer Tochter? Haben Sie auch ein einziges Mal in Ihrem Leben an sie gedacht? Vermutlich nein. Nein, Ihnen ist ja alles egal. Alles außer Ihnen selbst! Sie sind ein Monster, ein verdammter… Ich hasse Sie! „Nummer 448...“ Scotts Stimme klang völlig emotionslos, als er dies flüsterte. Ich hasse Sie…! „Ja…?“ Vorsichtig öffnete ich den Mund des Mannes ein wenig, damit dieser besser atmen konnte. Sie ahnen gar nicht, wie sehr ich Sie hasse! „Ich bin hier.“ Der Sir blinzelte. Für den Bruchteil einer Sekunde

berührten sich unsere Hände, als er in die Dunkelheit hinein tastete. Seine war völlig kalt. Erschrocken wich ich zurück, mit dem Finger eine Strähne aus der Stirn streichend. Fassen Sie mich nicht an! Der Mann hob zögernd einen Mundwinkel an und im Schein des halben Stücks Käse am Himmel wirkte sein Kopf wie ein Totenschädel. Die Brille musste er verloren haben und als ich mich umsah, entdeckte ich sie tatsächlich in ein paar Meter Entfernung. Ihre Gläser reflektierten im Licht wie zwei glasige Splitter. Seine sorgfältig gezupften
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Augenbrauen verdeckten die kleine Platzwunde, aus der eine rötliche Säure schoss, die auch meine Hände verätzte.

Dennoch zog ich mein T-Shirt aus, um es dem Meister unter den Kopf zu legen, einen Teil des Stoffes auf die Blutung drückend. Bah! Ist das eklig! Ich spürte das Kitzeln im Hals. Ein bitterer Geschmack füllte meinen Mundraum. „Nummer 448...?“ Scott versuchte, erneut aufzustehen, die Hand zur Faust geballt. Doch ein Schwindel musste ihn

erfasst haben, denn er fiel zurück auf die Straße. Grunzend wie ein Monster. Dann übergab er sich, nach Luft röchelnd. Ob er an sich selbst erstickte? Hoffentlich, hoffentlich tat er das. An dem letzten Stück Fisch, der für ihn sterben musst! gellend Behutsam klopfte Warum ich auf seinen Rücken, Wo als er

aufschrie.

kommt

denn

niemand?

bleibt

dieser Idiot von Gorilla? Wenigstens gute Leute anstellen, hätte der Meister können müssen, wenn er schon sonst so ein… Verdammt, ich hasse Sie! Warum bin ich überhaupt noch hier?! Mein Blick wanderte zu dem Mann, wobei ich mich aufrappelte. Wie ein verletztes Tier krümmte er sich zusammen, der Big Boss, der King, vollkommen hilflos. Lauf, Tim, lauf! „Tim…“ Ja, jetzt fällt Ihnen mein Name wieder ein! Jetzt, wo Sie sich nicht mehr wehren können, Sie, Sie…! Gott, was sind Sie nur für ein Mensch?! Über den Nachthimmel hoch über unseren Köpfen schoss ein Geier, wilde Rufe ausstoßend, auf der Suche nach seinen Opfern. Auf der Jagd nach Tieren, die sich nicht wehren konnte. Ständig lag er auf der Lauer, getarnt als Wohltäter, indem er nur das fraß, was bereits nicht mehr zu retten war. „Tim…“ Sprechen Sie nicht meinen Namen aus! Sie widern mich an! Sie hätten meinem Vater
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helfen

müssen!

Aber

nein,

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stattdessen

haben

Sie

ihn

umgebracht!

Und

stattdessen

wollten Sie auch mich umbringen! Seufzend fuhr ich mir mit den Händen durch das zerzauste Haar. Der Wind ließ mich frösteln. Kurz sah ich zu meinem TShirt hinunter, welches nun dem Teufel als Kopfkissen

diente. „Tim…“ Mit dem knöchrigen Finger gestikulierte er mir, dass ich näher herankommen Auch sollte. Ich gehorchte. ich nicht

Wieso,

weiß

ich

nicht.

nicht,

warum

weggelaufen bin, ich Feigling. Langsam setzte ich mich neben den Mann, brachte in die stabile Seitenlage, wie ich es oft im Fernsehen gesehen hatte. Ob es richtig war, keine Ahnung, aber etwas Besseres fiel mir in diesem Moment nicht ein. Ein weiteres Mal erbrach er, diesmal hielt ich seinen Kopf, damit die Ekel erregende Flüssigkeit hinauslaufen konnte. Mehr konnte ich nicht tun, außer warten. Warten darauf, dass jemand kam, der uns half. Gleich, ob es für mich wieder quälende Stunden in der Gewalt Malliums bedeutete. Das Leben des Meisters hatte höhere Priorität. Schließlich war er

trotz allem ein Mensch und ein Mensch bedurfte Hilfe, ganz egal, um wen es sich dabei handelte. So stand es in der Bibel und so war es Gesetz. Auch wenn es ein ziemlich blödes Gesetz ist, Gott, und du dich selbst nicht einmal daran hältst. Ich tue es, denn ich bin anders als du. Anders, einfach anders… Erschöpft kauerte ich mich ebenfalls auf den Boden, auf den kalten Asphalt, die Knie nahe an den nackten Oberkörper

herangezogen, das Kinn dort abgestützte. Das Letzte, was ich erkannte, bevor ich in das noch schwärzere Loch fiel, war der blutgetränkte Schnabel des Aasgeiers, der ein zappelndes Küken mit sich riss.
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12. Kapitel
In eine wattweiche Decke eingemummelt lag ich auf dem rustikalen, aber dennoch geschmackvollen Doppelbett. Obwohl das Zimmer nicht sonderlich groß zu sein mochte, wirkte es warm und freundlich, was nicht zuletzt auch den zwei Raum hohen, leicht geöffneten Fenstern zu verdanken war, durch die man einen herrlichen Blick auf den Urwald hatte. Gähnend räkelte ich mich auf der Bettkante, wobei ich mir den Sand aus den Augen rieb. Auf der Nachtkommode stand ein goldener Wecker, der ein Uhr anzeigte. Dies stimmte exakt mit meinem knurrenden Magen überein. Zeit zum Mittagessen. In schwarzen Boxershorts tapste ich zur Tür, rüttelte an dem Griff - aber sie blieb verschlossen. Verdammt! Natürlich alles hatte

wieder einmal einen klitzekleinen Hacken! Stöhnend fuhr ich mir mit der Hand über das Gesicht. Mir würde nichts anders übrig bleiben, als zu warten. Gelangweilt zog ich eine der Schubladen der Kommode auf. Zeitschriften von Mickie Maus, englische Kinderbücher. Zumindest etwas, um die Zeit

totzuschlagen, bis jemand kam. Daher begann ich zu lesen und bemerkte wegen meiner Vertiefung nicht einmal das leise

Klicken des Schlüssellochs, mit dem sich die Tür öffnete. „Hey! Was liest du denn da?“ Erschrocken fuhr ich zusammen. Langsam, ganz langsam,

drehte ich den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme erklang. Fassungslos. Kay legte lachend die gestapelte

Kleidung auf einen Stuhl, dann fiel sie mir um den Hals, sodass ich das Gleichgewicht verlor und auf der Matratze landete, das Mädchen über mir. Für eine Ewigkeit presste ich sie an meine Brust, wollte sie nie wieder loslassen. Ihr
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Atem strich warm über meine Wangen. „Ich kriege keine Luft mehr.“, flüsterte sie mir schließlich sanft ins Ohr.

Widerwillig löste ich meinen Griff ein wenig, starrte sie nur an, als sei sie ein Engel. So überirdisch war sie. Einfach wunderschön, ihre blauen Augen, ihr dünner, zarter Körper, von dem sie immer behauptete, er sei muskulös, wenn ich sie damit neckte, und die feinen Fingernägel, auf die sie früher Symbole gezeichnet hatte, irgendwelche mystischen Zeichen. Aber noch außergewöhnlich war der liebenswerte,

aufgeweckte Geist, der in ihrem Körper wohnte. Vorsichtig richtete wir uns auf, hockten gemeinsam auf der Bettkante, glücklich darüber, einander wieder gefunden zu haben. Kay, mein Schwesterchen. Ich legte ihr den Arm um die Schulter, zog sie näher an mich heran, aber sie stieß mich behutsam von sich. „Hallo Kleidung anziehen Tim.“, murmelte „Mein Er das Mädchen, wobei es mir du die dies

reichte. sollst.

Meister

befielt, zum

dass Essen.“

erwachtet

dich

Traurig

senkte sie den Kopf, doch ich hob ihr Kinn leicht an, damit sie aufsah. „Kay…“ Ich wollte ihr so viel erzählen in diesem Moment. Dass ich endlich wusste, wie mein Papa gestorben war. Wie wir durch die Wälder gezogen sind, Mathieu und ich, bis man uns entführte. Dass es mir Leid täte, was ich ihr angetan habe. Von der Arbeit auf der Plantage und in der Küche. Dass ich sie vermisse. Aber in diesem Moment sagte ich nichts dergleichen und auch nichts, als er verstrichen war, dieser Moment. Ich schwieg, versank in der Tiefe ihrer Augen.

Obwohl ich Mädchen immer blöd gefunden hatte, dieses Mädchen mochte ich mehr als alles andere auf dieser Welt. Zögernd
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näherten sich meinen Lippen ihrer heißen Stirn. Nein, igitt, du küsst doch nicht deinen besten Kumpel! Aber da war es bereits zu spät. Kay lächelte verschmitzt, sich eine Träne aus dem Augenwinkel reibend. Dann wandte sie sich abrupt ab und schloss die Tür hinter sich. Alleine blieb ich zurück, dem Ticken der Uhr lausend. Gott, wie schlecht bist du nur in diesem Sabberspiel! Jetzt hast du sie verjagt, Tim. Die arme Kay. Sie musste sicherlich denken, du bist genau wie dieser schreckliche Sulkan aus der Schule, der ständig

gebettelt darum gebettelt hat, mit ihr spielen zu dürfen. Langsam öffnete ich die Lippen, schloss sie wieder. Ein paar ihrer salzigen Schweißperlen vermischten sich mit meinem

Speichel. Ich grinste schief in den Spiegel gegenüber, der an der Tür des kunstvoll geschnitzten Kleiderschranks hing. Kay, Kay, Kay… Meine Hände strichen leicht über die gefaltete Kleidung auf meinem Schoß. Augenblicklich pochten versteifte beinahe sich taub. mein Erst

Nacken,

meine

Fingerkuppen

langsam wurde mir bewusst, dass mich die Realität wieder eingeholt hatte. Kay und ich befanden uns nicht auf Mallorca in einem Hotel mit Meerblick. Auch nicht auf dem Spielplatz oder dort, wo wir tatsächlich hätten sein sollen. Nein, wir steckten gemeinsam im Nest eines Geiers, der uns zum Essen erwartete. Zögernd richtete ich mich auf, die Kleider auf dem Bett ausbreitet. Mir war nicht klar, worauf ich mich einließ, aber ich beschloss, erst einmal mitzumachen - vor allem, weil ich einen Bärenhunger hatte. Staunend

betrachtete ich mich im Spiegel, drehte mich nach links, nach rechts, wobei ich versuchte, auch meinen Rücken zu begutachten. Man hatte für dieses Mittagessen ein teures,
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weißes

Hemd

mit

Kragen

gewählt,

dazu

eine

knielange,

dunkelblaue Jeans. Die weißen Turnschuhe von Nike, die zwar zwei Nummer zu groß und bereits getragen schienen, ergänzten gemeinsam mit einer Designeruhr das Outfit des schnicken Stiefsohnes. Ebenfalls dabei lag eine Bürste und eine Tube Gel, die ich nun misstrauisch beäugte. Den Mund zu einem Schmollen verzogen, drehte ich den Schraubverschluss auf und leerte den Inhalt auf meiner Handfläche. Ich hasste Gel. Diese durchsichtige, relativ feste Masse fühlte sich

unglaublich fies an, verklebte jedes Haar. Schon früher als wir an Weihnachten in die Kirche gingen, klatschte Mama mir das Zeug auf den Kopf. Es nun auf der eigenen Haut zu spüren… Ich wollte nicht weiter drüber nachdenken.

Angewidert strich ich den Glibber dennoch mit einem Finger auf eine Strähne, entschied mich dann jedoch, es bleiben zu lassen, als es erneut an der Tür klopfte. Hoffnungsvoll stürmte ich herbei, um die Klinge mit dem Handrücken

hinunter zu drücken. Bitte lass es Kay sein! Aber es war nicht Kay. Auch nicht Tess oder ein anderes Dienstmädchen. Es war ein Wächter, der mich zum Essen rief. Seufzend hob ich die Schultern und deutete auf das Gel, um zu

demonstrieren, dass ich noch etwas Zeit benötigte. Nein, keine Zeit mehr. Gut, auch gut. Dann eben auch kein Geld. Auf der Suche nach einem Waschbecken, in dem ich die Hände säubern konnte, ließ ich meinen Blick umherschweifen. Ohne fündig zu werden, wusch ich das Gel grob an den

Boxershorts ab, spülte mit Spucke nach. Kleben tat es immer noch, aber daran würde sich wohl scheinbar vorläufig nichts ändern. Ich konnte nur hoffen, dass ich dieses eine Mal dem Meister die Hand geben musste. Widerwillig folgte ich dem
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Mann durch den Flur hinüber zu dem riesigen Speisesaal. Flüchtig erinnerte ich mich an dieses Zimmer. Dunkelroter Teppich, ein polierter Glastisch mit sechzehn Stühlen. Doch etwas hatte sich an dem verlassenen Raum verändert, wie ich erstaunt bemerkte: Er lebte. Sein Atem pulsierte förmlich. Farbspektren durchfluteten ihn. In meinem Kopf begann es, sich zu drehen. Ich spürte, wie jemand mir anerkennend auf die Schultern klopfte, hörte die leisen Klänge der Musik im Hintergrund. „Tim!“ Tess sprang von ihrem Stuhl hoch. Der Löffel, mit dem sie gespielt wie hatte, klirrte auf sie den auf Tellerrand. mich zu, So ihr

neutral

möglich

schritt

geflochtenes Haar über die Schulter werfend. Unmittelbar vor mir blieb sie stehen, sah zu mir auf. „Tim.“, wiederholte sie nochmals grinsend, bevor sie mir den Arm um die Schulter legte, um mich zum Tisch zu führen. „Tim, Tim, Tim, was machst du nur für Sachen?“ Erst, als sie einen Stuhl neben sich zurückzog, bemerkte ich den Meister, der bisher kein Wort gesagt hatte nicht einmal zu dem unangemessenen

Verhalten seiner Tochter. Mit der genähten Platzwunde über der Augenbraue und dem Veilchen wirkte er wie ein

niedergeschlagener Boxer. Er reagierte kaum, als ich Platz nahm, nickte lediglich. Außer Familie Scott befand sich

niemand in dem Zimmer, obwohl für sechs weitere Menschen gedeckt war. Ich fühlte mich unbehaglich und verlassen an dem großen Tisch, Frage unwissend, erwidern ob oder ich etwas auf eine So

ausgesprochene

schweigen

sollte.

starrte ich auf den gefüllten Brotkorb vor mir, bei dessen Anblick mein Magen augenblicklich zu knurren begann. Lecker, diese knusprige Kruste, der
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lockere,

sicherlich

noch

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lauwarme Teig. Gerade als ich mich dazu durchgerungen hatte, mir eines zu genehmigen, räusperte sich der Mann. Sofort zuckte meine Hand zurück. „Schon erklärte Unterton, woraufhin gut, der wobei bediene Meister er auf später dich. mit Iss so viel du möchtest.“, klingendem drückte, zur Küche

ruhigem, Knopf in

heiser am der Tisch Tür

einen

Sekunden

Mallium

erschien. Bei meinem Anblick verfinsterte sich sein Gesicht. Wir werden wohl nie Freunde werden, dachte ich und streckte ihm zur Provision heimlich die Zunge raus. Tess kicherte, bemüht, nicht zu lachen. Hinter dem Küchenchef tauchte

dessen Adjutant auf, der strahlend den Daumen hob. Erstaunt hob ich die Augenbraue. Was wurde hier für ein übles Spiel mit mir gespielt? Weshalb durfte ich mit dem Meister zu Mittag essen? Und weshalb waren alle mir gegenüber derart freundlich? Nun gut, ich konnte damit leben, endlich einmal etwas Richtiges zwischen die Zähne zu bekommen, daher

stellte ich keine dieser Frage, wunderte mich lediglich. Vorsichtig verziertem erfrischendem nippte Glas, Wasser in an meinem zur war, mit winzigen mit Diamanten herrlich Zunge

welches gefüllt

Hälfte das auf

meiner

sprudelte. Gierig schnappte ich mir dabei eines der Brote und tauchte es in die Suppe, die ein Dienstmädchen als

Vorspeise servierte. Schweigend sah ich in Runde. Tess führte den Löffel an den Mund. „Lecker.“, murmelte sie mehr zu sich selbst als zu ihrem Vater, dem sie halb den Rücken zuwandte. Scott nickte beipflichtend. „Wirklich, exquisit. Findest du nicht auch, mein Junge?“

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Erschrocken darüber, dass man mit mir sprach, verschluckte ich mich an dem Stück Brot. „Ja, ja… Echt super.“ „Weißt du, Tim, ohne dich könnte ich diese Suppe heute vielleicht gar nicht mehr genießen.“, meinte der Sir nach einer Weile des Schweigens. Ich hustete, nachdem mir die Krümel bei dieser Ansprache im Hals stecken geblieben waren. Was? Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her, bemüht mit Tess Blickkontakt aufzunehmen, aber diese aß unbeteiligt weiter. „Ja, Tim, du hast mir in der vergangen Nacht vermutlich das Leben gerettet. Das war äußerst heldenhaft von dir.“ Ich wiegte nachdenklich den Kopf. Du dem Sir das Leben gerettet? Unmöglich, völlig ausgeschlossen. Du hast doch

deinen Vater, Zarin und all den anderen Menschen rächen wollen! Stattdessen hast du nun dafür gesorgt, dass dieses Monster weiterhin quält. Großartig, Tim! Wirklich eine

Spitzenleistung! „Meine Assistenten, die sechs anderen Mitglieder von

Kamikaze, jedenfalls sind dieser Meinung. Auch sie erkennen deinen Mut an.“ Der Meister klatschte in die Hände. „Mister Henkel?“ Daraufhin wurde die Tür geöffnet und sechs gut gekleidete Gestalten, nacheinander vier den Männer und zwei Frauen, betraten Vasco

Speisesaal.

„Clemens

Henkel…

Ignamias, Manfred Giebels… Lorenzo Goldmann… Ana-Cornelia Paulus und zu guter letzt Nora Valencia. Alles mir treu ergebene Freunde. Aber ich bin mir sicher, ihre Namen kennst du bereits.“

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Ich nickte knapp, während ich misstrauisch beobachtete, wie die übrigen Mitglieder ihre Plätze einnahmen. Jeder von ihnen nickte mir aufmerksam zu, sagte jedoch nichts. „Ich dachte mir, dass es dich interessiere, einmal ihre Gesichter zu sehen, bevor…“ Ich lauschte mehr. auf, „Bevor doch seinen Worten ich folgten daher keine und

weiteren

was?“,

hackte

nach

senkte den Löffel. „Nichts. Jedenfalls nichts von belangen für uns.“ Scott lächelte. „Lasst uns alle gemeinsam speisen!“ Er hob sein Glas, die anderen taten es ihm gleich. Mit diesen Worten öffnete sich die Küchentüre erneut.

Mallium, gefolgt von seinem Adjutanten, trug eine riesige Fleischplatte herbei. Dazu wurde Gemüse und Nudel gereicht. Angewidert beobachtete ich den toten Berg, von dem alle einen Teil abschabten. Mir war mittlerweile der Appetit

vergangen. Angewidert rieb ich meine immer noch klebenden Hände an der Tischdecke ab. Die sechs Kamikazemitglieder grinsten mir zu, doch auch diese Aufmerksamkeit schien wie eingefroren. Ob sie höflichkeitshalber jedem von Scotts

Feinden zu lächelten, bevor sie ihn auf dem Operationstisch auseinander nahmen? Ich schluckte. Daran wollte ich nun nicht denken.

Unauffällig huschte mein Blick zu Tess, der die Situation ebenfalls zu missfallen schien. Skeptisch beäugte sie die ihr fremden Menschen, dann zischte sie ihrem Vater etwas ins Ohr, woraufhin dieser den Kopf wiegte. „Meine lieben Freunde,“ verkündete er schließlich, „Als Zeichen meines Dankes würde ich dem Menschen, dem ich es zu verdanken habe, heute mit euch an diesem Tisch zu sitzen,
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einen Wunsch erfüllen. Es ist ein Wunsch von Freiheit. Eine lange Sehnsucht. Geradezu ein Schrei danach. Tim River, ich möchte dir…“ Die Anspannung pulsierte durch den Raum, als Scott sich bückte, um etwas hervorzuholen. Man konnte förmlich spüren, wie es die Luft aus allen Lungen heraus sog. Mein Herz pochte wild. Einen Wunsch? Einen freien Wunsch nur für mich? Gespannt kaute ich auf meinen Fingernägel, sodass ich

augenblicklich der bittere Geschmack des Gels meinen Mund anfüllte. Fest schloss ich die Augen und, als ich sie

Sekunden später wieder öffnete, hielt ich ein Schiff in der Flasche in der Hand. Enttäuscht schüttelte ich es. Ein Schiff in einer Flasche? Heute war nicht der erste April. Und nein, heute war auch nicht Karneval oder ein anderer Tag, an dem man sich solche üblen Scherze erlauben konnte. Nicht, dass ich viel erwartet hätte, aber… „Du siehst nicht glücklich aus, mein Sohn. Gefällt es dir etwa nicht?“, bemerkte Scott und legte das Messer beiseite. „Doch, doch.“ „Warte nur, bis du das Original gesehen hast.“ Die ältere der beiden Frau, die mir schräg gegenüber saß, zwinkerte mir durch ihre moderne, randlose Brille zu. Sie trug

Freizeitkleidung, obwohl sie sich darin seltsam unwohl zu fühlen schien. Ihrem ernsten, kritischen Gesichtsausdruck entsprechend fand man sie wahrscheinlich die meiste Zeit ihres Lebens in einem Labor, in dem sie jedes einzelne noch so winzige Teilchen aufspürte und bis zu Perfektion

analysierte.

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„Es liegt in Lomé vor Anker.“, fügte der Mann neben ihr mit einem hörbaren Spanisch-Portugisischen Akzent hinzu,

„Dort ist der Heimathafen unserer Schiffe.“ „Das Original?< „Ja.“ Maurice Scott hielt kurz inne, um Mallium zu

gestikulieren, dass man seinen Gästen Wasser nachschenken sollte. Auch mein Glas wurde von der nun herbeieilenden Afrikanerin neu mit Wasser und Eiswürfel gefüllt, obwohl ich es erst zur Hälfe geleert hatte. Dankend nickte ich ihr zu. „Ich ermögliche dir, mit einem meiner Handelsschiff über die Weltmeere nach Spanien zu segeln.“, fuhr Scott fort. „Ich und segeln? Nach Spanien?“ Es fiel mir nicht schwer, meine Verblüffung zum Ausdruck zu bringen. „Natürlich nicht alleine, versteht sich. Mit einer kleinen Besatzung deiner Wahl.“ „Cool!“ Mehr brachte ich in diesem Moment nicht hervor. Wir könnten nach Spanien, nach Spanien, in das Land, in dem niemand mehr hungern und leiden musste. In das

Schlaraffenland. Den ganzen Tag über würden wir im Wasser plantschen können, ohne Angst vor giftigen Wesen haben zu müssen, und nach einem Abendessen mit warmen Nutellabrötchen und einen riesigen Auswahl an Cornflakes in dem abgekühlten Sand Fußball spielen. Wir alle hätten ein großartiges Haus unmittelbar am Stand mit kleinem Swimmingpool und jedes von uns Kindern ein eigenes Zimmer, ausgestattet mit Fernseher und einer Menge Spielzeug. Unser Traum wäre erfüllt und ich hätte niemanden enttäuscht, nicht einmal Mathieu. „Ich weiß nicht, wie ich dir anders danken sollte. Du bist nicht weitergelaufen, hast mich nicht dort liegen lassen…
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obwohl es für dich vielleicht besser gewesen wäre. Ich liebe Ehrlichkeit. Sie ist das, was den meisten Menschen fehlt und das bedauere ich.“ Erstaunt über die plötzliche Veränderung des Sirs runzelte ich die Stirn. Noch vor Tagen Ruhm nehmen hätte er behauptet, sondern sich dass eher selbst

Ehrlichkeit schadet.

einem man

keinen alles

verleiht, sollte, nur

Dass

gerecht zu werden. Aber nun? Vergiss einfach, was der Mann gesagt hat und was nicht. Es ist nicht mehr wichtig, sagte ich mir und vielleicht übersah ich in meinem Glück deshalb das Entscheidende. „Du hingegen bist aufrichtig. Und aus diesem Grund sollest du das bekommen, was du verdienst.“ Der Meister erhob sich unter Applaus seiner Anhänger und reichte mir die Hand. „Ich möchte dir die ewige Freiheit schenken, Tim River, Sohn unseres achten Mitgliedes, Marc River, den wir alle in guter Erinnerung behalten werden.“ Misstrauisch beäugte ich die knochigen, skelettähnlichen Finger. Los, nimm schon die Hand, gleich ob deine eigene noch so sehr klebt. Alles wird wieder gut. So wie es vorher war, nur besser. Doch auf einmal ließ mich ein unbestimmtes Gefühl zögern. Mein die Blick sich schweifte ebenfalls über die Köpfe hatten der und

Menschen

hinweg,

erhoben

gespannt meine Reaktion beobachten. Nur Tess nicht. Tess kauerte mit verschränkten Armen neben mir auf ihrem Stuhl. Sicherlich war sie wütend, dass man ihr keine Aufmerksamkeit schenkte, obwohl sie die Lady des Hauses war. Den Kopf ein wenig schief gelegt, nickte ich langsam. Ja, Tim, du darfst nach Spanien reisen, darfst alles hinter dir lassen, was in den vergangenen Monaten geschehen
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ist.

Wie

einen

bösen

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Albtraum, aus dem du endlich erwachst. Ich lächelte. Und Kay kann dich wieder auf die Nase boxen, wenn ihr zusammen eine Burg aus weißen, feinen Sand baut, sie aber deinetwegen am nächsten Morgen vom Wasser zurück ins Meer gezogen wird. Ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, ob es das Richtige war - was war es überhaupt, was richtig war? schüttelte ich die Hand jenes Mannes, der mein Leben

zerstört hatte. Frühling 2000. Das Frachtschiff ist groß, welches in Travemünde an der deutschen Ostsee vor Anker liegt. Größer als alles, was ich bisher gesehen habe. Mich faszinieren die Kräne, die wie Dinosaurier die Vielzahl der kleinen, bunten, viereckigen Container von Bord tragen, ebenso wie es mich fasziniert, dass der dunkelhäutige Kapitän mit dem wettergegerbten

Gesicht die Macht über dieses riesige Seeungeheuer besitzen konnte. Dessen metallischen Seiten sind ausgebeult, der Name „Tasarama I.” kaum mehr lesbar. Das Schiffe erweckt den Anschein, als sei es von allen Geister dieser Welt verlassen worden mit Ausnahme seines Führers, der es durch die

sieben Weltmeere lenkt, ob im Sturm oder in Ruhe, in Kriegsoder Friedenszeiten, immer Meine Hände umklammern den

Maschendrahtzaun, bis mir das Metall in die Haut schneidet, als ich an dem verschlossene Tor mit dem deutlichen, gelben Hinweis „Schwergebiet. Kein Zutritt!” vergeblich rüttele. Mama zieht mich sanft zu einer Bank herüber, auf der Papa mit drei Kugel Eis wartet. Meins ist eines mit

Erdbeergeschmack. Aber ich reiße mich los, renne zurück zu dem Zaun.

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„Mami, Mami! Wenn ich groß bin, will ich mal auf so einem Schiff fahren.“ „Natürlich, Timmy.“ Mama streicht mir lachend eine Strähne aus der Stirn, „Mein kleiner Seeräuber.“ Diese Erinnerung, die nun in meinen Gedanken auftauchte, als ich das Frachtschiff in der Flasche auf der bemalten Truhe am Fußende stimmte des Bettes mich betrachtete, zugleich ließ mich

schmunzeln,

jedoch

traurig.

Geisterabwesend wandte ich den Blick ab, die Hände an dem metallischen Geländer des Balkons abgestützt, und starrte in den Sternenübersäten Himmel. Nur der Westwind der Nacht des 2. Augustes trug gelegentlich das gruselige Heulen eines Tieres zu uns herüber, ansonsten schwieg die Erde, wie ein in den Schlaf gewiegt Kleinkind, beschützt von den tausenden und abertausenden Lichtern um es herum. Vorsichtig, bedacht diese Ruhe nicht zu zerstören, zog ich die Jacke enger um meine Schultern. Ich fror und eigentlich hätte ich mich längst für die Reise erholen sollen, aber seltsamerweise konnte ich nicht. Schon bald würde ich Afrika verlassen und gemeinsam mit meinen Freunden auf einem Schiff nach Spanien segeln. Ich, euer großer Sohn, Mama und Papa. Doch - selbst wenn ich dort wäre, wo wärt ihr dann? Was, wenn ihr mich nicht mehr findet, in all den Menschenmassen aus den Augen verliert, sowie einst in dem riesigen Einkaufscenter. Bitte, Mama, bitte Papa, ich brauche euch doch so sehr, kommt

zurück! Vergeblich wartete ich auf ein Zeichen. Die Sterne standen Blöden, sowieso bewegungslos leuchtet, niemandem bis am Himmel. Ja, leuchtet Euer nur, ihr

ihr

zerplatzt.

Licht

bringt ihr

etwas,

völlig

schwachsinnig,

dass

überhaupt da seid!
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„Läuft dort oben ein toller Film oder warum starrst du in den Himmel?“ Erschrocken nicht.“ Tess schloss leise die Tür hinter sich, während sie mitten im Zimmer inne hielt, um ihr weißes, kurzer Jäckchen über dem rot gepunkteten Nachthemd zuzuknöpfen. Dabei blieb ihr Blick an dem Schiff hängen. „Du willst also wirklich?“, erkundigte sie sich nach einer Weile, als sie auf den Balkon hinaustrat. Ich zuckte, ohne mich umzudrehen, die Achseln, nickte fuhr ich herum. „Ähm... Nein. Eigentlich

schließlich weniger überzeugt. „Warum?“ Warum war eine gute Frage. Wenn ich ehrlich bin, habe ich keinen Grund. Ob ich nun in Spanien einsam wäre oder hier… was machte dies schon für einen Unterschied? Hier hätte ich wenigstens - auch auf die Gefahr hin, dass es dumm klingen könnte - hier hatte ich ein Dach über dem Kopf, jemand der sich um mich kümmert, etwas zu essen, saß nur selten alleine im Boot… Warum also? Vielleicht, weil es ein Traum war. Unser großer Traum. Der Einzige, an den ich mich noch

klammern konnte, der mir Kraft gab, nach vorne zu blicken. Vermutlich aber trieb mich der Gedanke an Mama dorthin. An unseren letzten, gemeinsamen Sommerurlaub. Und auch ein

bisschen die Hoffnung, meine Tante dort anzutreffen, die es nach ihrem Studium auf die kanarischen Inseln gezogen hat. Dies erwiderte ich der Tochter des Sirs, die daraufhin den Kopf schief legte und ebenfalls nachdenklich in die Sterne sah. „Dort draußen geht es einem besser, oder?“ „Weiß nicht.“
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„Ich meine, gefährlich ist es. Was geschieht mit einem, wenn man drüber ist? Wo wohnen, wo spielen? Glaubst du in Spanien gibt es Tanzschulen?“ „Weiß ich nicht, Tess.“ Das Mädchen schluckte bedächtig, als wolle es noch etwas sagen, kaute aber lediglich auf seinem Kaugummi. Unauffällig beobachtete ich es von der Seite. Ich mochte Tess. Denn trotz all des Misstrauens haben wir viel zusammen erlebt, viel zusammen erreicht. Wir kennen beide die Wahrheit über unsere Väter und waren darüber hinaus so etwas wie Freunde geworden, selbst wenn wir es noch so abstritten und

feierlich zu jedem Anlass geloben würden, dass wir einander nicht ausstehen konnten. Nur morgen oder übermorgen oder an dem Tag danach werden wir uns niemals wieder sehen und ich ahnte, dass ich sie ein klitzekleines bisschen vermisste. Schließlich Wächter, gehörte sie neben Kay, Mathieu, und Jabali, dem

Reni,

Kassian,

Enrique

deren

Familien,

ebenfalls zur Besatzung. „Willst du mitkommen?“ Erstaunt stieß Tess sich von der Brüstung ab, um mit einem Schwung eine Drehung auszuführen. „Was?“, fragte sie, als hätte sie mich nicht verstanden. „Ob du mitkommen willst. Mit nach Spanien.“, wiederholte ich daher, mich ebenfalls von dem Balkon abwendend. „Ich? Spinnst du, wie kommst du denn darauf?“ „War nur eine Idee.“ Ich winkte ab. „Einer meiner

lächerlichen Einfälle.“ Schweigen. Zögernd nahm ich ihre Hand, drückte sie fest, während ich sie sacht unter meinem Arm durch eine weitere Drehung tanzen ließ. Sie kicherte
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verlegen,

seltsam

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vergnügt,

als

sei

sie

auf

einmal

ein

anderer

Mensch

geworden. Als sei sie nicht die selbstsichere, eitle Tochter eines Sirs, sondern ein Freund. In Gedanken zählte ich ein eins, zwei und führte das Mädchen blindlings durch das

Gästezimmer. Musik und Takt entstanden in unseren Köpfen. Wir tanzten – Seit, Schritt, Platz, Cha-Cha, bis es

plötzlich ruckartig in Mitten eines Tores stehen blieb und mich anstarrte. Beinahe lautlos murmelte es: „Kay, ich habe Kay vergessen!“ Das Jäckchen über ihre Brust glatt streichend, stolzierte Tess zur Türe. Bevor sie verschwand, drehte sie sich

nochmals im Hinunterdrücken der Klinke zu mir um: „Es war kein lächerlicher Einfall, Tim.“ Verwirrt kratzte ich mich am Kopf, ein wenig enttäuscht, dass Tess mich im Stich ließ. Kay, ich habe Kay vergessen, hatte sie behauptet, doch was meinte sie damit? Langsam wollte ich ebenfalls einen Blick auf den Flur hinauswerfen, als ich im selben Moment mit jemandem zusammenstieß. Das Mädchen, das nicht mit dieser Kopfnuss gerechnet hatte,

taumelte zurück und wäre vermutlich gestürzt, hätte ich es nicht im letzten Augenblick aufgefangen. Dankbar lächelte Kay mich an, während ich sie behutsam zu mir hochzog und mit dem Zeigefinger über ihre leicht gerötete Schläfe fuhr. Das würde eine schöne Beule werden! Erst jetzt bemerkte ich die Bluttropfen auf ihrer angeschwollenen Unterlippe. Tim, was hast du wieder getan? „Es tut mir Leid. Es tut mir Leid, Kay.“, stotterte ich einige hundert Male und setzte sie auf einen der beiden Stühle auf dem Balkon. Stöhnend rieb sie sich über ihr

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Gesicht, scheinbar belustigt darüber, wie fürsorglich ich wegen meines schlechten Gewissens sein konnte. „Schon okay. Von dir hätte ich auch nichts anderes

erwartet.“ Während ich ebenfalls einen Stuhl für mich heranzog,

betrachtete ich meine beste Freundin von oben bis unten. Ihr haselnussbraunes Haar wurde von einer Spange festgehalten. Dennoch fielen einige Strähnen eigensinnig heraus,

umspielten zart ihr kantiges, hübsches Gesicht. Sie trug ein weites T-Shirt, dazu eine etwas ältere, kurze Jeans, sodass ihr Tattoo in Form eines kleinen, springenden Delphins gut zu Geltung kam. Auch ihre Zehennägel, die aufgrund der

Sandalen sichtbaren waren, wiesen eigenartige Hieroglyphen auf. Was sie bedeuteten, wusste ich nicht, obwohl ich mich das schon damals oft gefragt hatte, wenn sie im Schatten der Bäume etwas und auf von Kay als ihren Block kritzelte, es anschließend wir anderen Wesen, oder

zerriss

Neuem war jedes

begann, ein

während

umhertollten. geheimnisvoller

geheimnisvolles

Schokoladenüberraschungsei

jede Wundertüte. Wahrscheinlich mochte dies der Grund sein, weshalb ich sie so sehr liebte, auch wenn ein Junge

hinsichtlich der Zuneigung zu einem Mädchen nicht derart schwach sein sollte. Männer weinen nicht, Männer sind

tapfer. Papa hat das mehrmals betont, wenn ich nachts an sein Bett tapste, aus Angst vor den gruseligen Schatten an den Wände oder Ich den sei knurrenden eine Monstern unter der

Schlafcouch.

Heulsuse.

Nicht

einmal

Fruchtzwerge würden noch helfen, aus mir einen einigermaßen großen und starken Jungen zu zaubern. „Wie bist du eigentlich hierhergekommen?“
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Wie betört von ihren blauen Augen zog es mich in die Realität zurück. Kay, die ein Bonbon lutschte, legte mit einem fragenden Blick den Kopf ein wenig schief. Zögernd räusperte ich mich, doch dann verspürte auch ich plötzlich das dringende Bedürfnis, meine Erlebnisse zu

erzählen. Vielleicht, so dachte ich, würden die Worte, wenn ich sie aussprach davon fliegen und nie wieder zurückkehren. Ja, ich könnte meine Geschichte tatsächlich für etwas frei Erfundenes halten, etwas, was nur in meinen Albträumen

geschehen war. Und so begann ich, ihr von der Flucht aus dem Dorf zu erzählen. Oder im Grunde fing ich noch viel, viel früher an: Damit, dass meine Mutter gestorben war. Dies mochte der Auslöser dafür gewesen sein, weshalb ich nun hier tausende Meilen von meiner Heimat entfernt neben ihr auf dem Balkon einer fremden, weißen Backsteinvilla kauerte. Denn wäre Papa mit Mamas Tod zurechtgekommen, hätte der Meister ihn, - wenn überhaupt - nur schwer mit Drogen verführen und für seine fiesen Pläne missbrauchen können. So reisten wir nach Afrika, ich lernte dich kennen, Kay, mein

Schwesterchen, und bis zu dem Tag, an dem Papa diesen Unfall hatte, war ich eines der glücklichsten Kinder im gesamten Universums. „Wie ist dein Dad gestorben?“ „Autounfall. Er hat in der Kurve die Kontrolle über den Wagen verloren und ist unangeschnallt gegen einen Baum

gekracht.“ Seltsamerweise floss mir diese Lüge leicht von den Lippen. Theoretisch gesehen beinhaltete diese Aussage lediglich das, was man mir vorgegaukelt hatte und, obwohl ich Kay vertraute, hielt ich es für besser, wenn auch sie

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sich an diese Fassade der Wahrheit klammern konnte. Alles Übrigen würde sie vermutlich verunsichern und schockieren. Und so beließ ich es dabei und berichtete mit Händen und Füßen, wie es Mathieu und mir gelungen war, uns unbemerkt nach Kpalimé durchzuschlagen. Wie ich herausfand, dass Sir Scott mit dem Unfall in Verbindung stand und wie wir letzten Endes hier gelandet sind. Kay nickte gelegentlich, ansonsten lauschte sie schweigend meinen Worten. Dass mich irgendwelche irren Ärzte um ein Haar auseinander genommen hätten, aber aus einem schleierhaften Grund daran gehindert wurde. Die Narbe am Oberarm mochte die einzige Spur dieser schrecklichen Nacht sein, die sie hinterließen… obwohl ich im Nachhinein, bei meinem missglückten

Fluchtversuch über den Zaun der Plantage, auf der ich nun arbeiten sollte, verstand, wieso. Das Haus ist in

verschiedene Zonen unterteilt, die man nur mit verschiedenen Magnetchips Hautschicht betreten platziert darf, werden die entweder in unterhalb von der

oder

Form

Karten

auftauchen. Versucht man dennoch, auszubrechen oder in einen verbotenen Teil zu gelangen, setzt ein Jucken ein, welches bereits nach Sekunden kaum auszuhalten ist. Bei diesem als Gedanken hätte mich musste eine ich Mücke ich mich augenblicklich Mit den

kratzen,

gestochen. über Von die

abgeknabberten Stelle,

Fingernägeln ich

rieb

errötete neuen

während

weitererzählte.

meinen

Freunden, die ich gefunden hatte, aber auch von den vielen Feinde, die mir das Leben zur Höllen machten. Als ich

Mathieu auflistete, mit dem ich mich im Gewitter geprügelt und wegen dem ich zum Glück nur in der Küche unter der
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Fetische des absolut grässlichen Kochs Malliums Fischen die Köpfe abschlagen musste, klappte sich Kays Mund auf und wieder zu, doch mit einem Handzeichen verdeutlichte sie mir, dass ich mich von ihr nicht weiter ablenken lassen sollte. Ein wenig stolz berichtete ich von dem Einbruch in das

Arbeitszimmer meines Vaters. Um sie vor den grausamen Details des Kamikazebündnisses zu schonen, murmelte ich lediglich, dass sowohl Scott, als auch Papa und die anderen Mitglieder vielen Menschen wehgetan hätten. Sehr, sehr weh getan, ergänzte ich in Gedanken. Glücklicherweise hackte Kay nicht weiter nach, sondern

schien sich viel mehr damit zufrieden zu geben, was ich ihr preisgab. Mittlerweile lutschte sie ein weiteres Bonbon; aus ihrer Richtung strömte ein herrlicher Duft nach Kirschen. Ihre schmalen Lippen waren leicht bläulich vor Kälte, aber ihr edler Schein verlieh auch ihnen einen überirdischen

Glanz. Bemühte, mich davon nicht beeinflussen zu lassen, führte ich das Männchen die namens Felder, Tim dass zum ich Ziel dich, des Kay,

Spielbrettes.

Lediglich

gemeinsam mit Zarin, der ebenfalls für den Meister arbeiten musste, in dem Anhänger gefunden und bei einem Ausflug

zufällig das Leben dieser Monsters gerettet hatte, weshalb dieser mir die Freiheit und das Schiff schenkte, mit dem wir unseren Traum erfüllen konnte, fehlten. Ende. Aus, vorbei. Die Geschichte war erzählte, zumindest bis hierhin. Oder fast jedenfalls… Kurz überkam mich erneut das Verlangen, ihr die vollständige Wahrheit nahe zu bringen, doch dann

entschied ich mich dagegen. Ich hätte sie nicht belogen, ihr bloß einige Fakten verschwiegen.

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Schweigend wartete ich auf eine Reaktion meiner besten Freundin. Aber diese mochte völlig anderes ausfallen, als ich jemals für möglich gehalten hätte. Ich wusste auch nicht recht, was ich erwartet hatte. Eine anerkenne Umarmung

vielleicht, ein erleichtertes Aufatmen. „Tess war bei dir, nicht wahr?“ Die Frage traf ich unverhofft, sodass ich stutzte. Kay lächelte, doch in ihren Augen erkannte ich, wie verzweifelt sie dabei wirkte. „Ja, Tess war bei mir. Warum?“, erwiderte ich irritiert, während ich nach einem Bonbon langte, dass sie mir, ohne mich eines Blickes zu würdigen, reichte. „Magst du sie?“ Zögernd wiegte ich den Kopf, nickte schließlich, wobei ich das Bonbon in der Hand wog. „Ja, wieso auch nicht? Ich weiß, sie ist manchmal eine angeberische Ziege, vollkommen

übergeschnappt, wenn du mich fragst, aber eigentlich nett.“ Das durchsichtige Papierchen raschelte. „Ich habe sie

gefragt, ob sie mit uns kommen nach Spanien will.“ Kay verschluckte sich an dem Zuckerklumpen in ihrem Hals, sodass sie hustend nach Luft ringen musste. Panisch sprang ich auf. Der Stuhl kippte hinten über, aber selbst wenn der Krach den Meister oder jemanden geweckt haben sollte, so wäre es mir egal. „Kay!“ Behutsam klopfe ich ihr auf den Rücken. Einmal, dann zweimal etwas fester, bis sie das

schleimige Bonbon aus ihrem Rachen zurück auf den gefliesten Boden des Balkons beförderte. „Alles okay?“ Keine Antwort. Betroffenes Schweigen. Um mir auszuweichen, drehte das Mädchen den Oberkörper ein wenig zur Seite und

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starrte in den Himmel, als gäbe es dort, Wundervolles zu entdecken. „Alles okay bei dir? Rede mit mir!“ Doch sie würde mir auf ewig eine Antwort schuldig bleiben. Für den Bruchteil einer Sekunde strichen ihre Härchen am Unterarm über die meine. Ihre dünnen, kalten Finger

verkrampften sich in meiner schweißnassen Hand, als wollten sie diese nie wieder loslassen. Dabei bohrte sie einer ihrer Nägel tief in mein Fleisch, doch dieser Moment war es nicht würdig, von einem Aufschrei gestört zu werden. Leise, mit einem sehnsuchtsvollen Blick in die Sterne, begann sie, ein Lied zu summen. Sein Text wurde von einer Melodie untermalt, die ebenso schön, wie traurig durch die Dunkelheit

davongetragen wird. Dennoch spürte ich in diesem Augenblick nichts weiter als das überwältigende Gefühl von etwas, dass ich nicht zu zuordnen vermochte, weil es kein Wort dafür gab und vermutlich auch nie eines geben würde. Unbeschreiblich, nannte ich es daher, obwohl diese wiederum eine Beschreibung wäre, die das beschrieb, was nicht zu beschreiben war. Im Grunde mochte es auch gleich sein, wie es hieß. Denn solch ein Gefühl empfand jeder Mensch anders, schätze ich. Für mich war es eine willkürlich zusammen gemischte Suppe aus Glück, Pech, Hass, Liebe, Geborgenheit, Einsamkeit, Trauer, Freude, Wärme, Kälte, Erleichterung, Angst, Sicherheit,

Verzweiflung, Leidenschaft, Unbehagen, Sehnsucht. Vor allem aber Verwirrung, die wie ein Gewürz die kochende, wohl

riechende Flüssigkeit schmückte. Mein Herz pendelte wie ein getroffenes Tier durch meinen Brustkorb, sodass ich für Sekunden glaubte zu sterben.

Bewegungslos beobachte ich Kay im Blickwinkel, während ich
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gespannt ihrer sanften Stimme lauschte, ohne den Sinn zu verstehen. Gedanken Kay, bitte können, sieh mich an! Als hätte es meine Gesang

lesen

brach

das

Mädchen

seinen

abrupt ab. „Ich komme nicht mit nach Spanien.“ In diesem Moment ist für mich eine Welt zusammengebrochen. „Ich komme nicht mit nach Spanien, Tim.“ Meine beste

Freundin, meine Schwester… Nein! Sicherlich hast du dich bloß verhört. Es war unser Traum, unser gemeinsamer Traum, etwas, für das wir gekämpft haben, wir alle zusammen.

Weshalb wollte sie dies plötzlich aufgeben? Das machte doch keinen Sinn! „Ich glaube an dich, Tim. An dich und Mathieu. Hoffentlich werdet ihr es schaffen, aber für mich…“ Energisch schüttelte ich sie an den Schultern, doch sie wich mir aus, als sei ich nicht da, nur die Sterne hoch über ihrem Kopf, das leise Plätschern des Brunnens, der

Nachtwind, der sacht durch ihr Haar fuhr. „Warum?“, fragte ich beinahe brüllend. „Ich kann nicht. Meine Eltern und … Ich habe Angst…“ „Die haben wir alle. Aber egal was auch passiert, ich werde dich niemals im Stich lassen, versprochen? Großes

Spanien-Ehrenwort, okay?“ Zuversichtlich lächelnd hielt ich ihr meine Hand hin, wie so oft, als wir geschworen hatten. Doch dies Mal griff sie nicht danach, betrachtete sie nur. „Ich kann nicht.“,

wiederholte sie stattdessen noch einmal. „So viel Wasser. Überall.“ Natürlich! Plötzlich ergab alles in dem Labyrinth mit den vielen, ineinander verworrenen Gängen einen sinnvollen Weg
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hinaus. Deshalb war Kay niemals in den Fluss gesprungen, sondern hatte sich wenn überhaupt nur zögerlich

hineingetastet, obwohl die anderen dann immer verächtlich spotteten. Sie hatte schlicht und ergreifend panische Angst davor in diesen dunklen, geheimnisvollen Fluten zu

ertrinken. Und du Tim, du hast ihr niemals geholfen, gleich, obwohl sie deine beste Freundin ist. Du hast sie sogar

einmal absichtlich unter Wasser gedrückt. Was bist du nur für ein Idiot? Vielleicht hättet ihr gemeinsam eine Lösung finden können, einen Ausweg. Denn diesen mochte es immer geben… jedenfalls theoretisch. „Ich verspreche dir, dass dir nichts passieren wird. Wir sind auf einem Schiff, das Wasser liegt ganz tief unter uns und kommt nicht an dich ran. Und wenn… Ich werde auf dich aufpassen!“ Unbeholfen strich sie eine Strähne aus der Stirn, während sie sich von dem Stuhl erhob, die Lippen zu einem schiefen Lächeln verzogen. „Nein. Tut mir Leid…“ Ich spürte ihren warmen Atem an meinem Hals, konnte förmlich ihrem

unregelmäßigen Herzschlag lauschen. Poch… Poch, poch… Oder mochte dies mein Eigener sein? Poch, poch-poch, poch… Ich wusste es nicht. Vielleicht war es auch ein Bündnis aus unseren beiden was machte dies schon für einen

Unterschied? Unschlüssig standen wir voreinander, ohne uns anzusehen. Es gab nichts mehr zu sagen. Außer… „Du bist meine bester Kumpel, Kay.“ Das schottische Mädchen nickte, streichelte mir beruhigend über den Unterarm. „Du meiner auch, Tim.“ Schluckend wandte sie sich ab, umklammerte das Geländer, als schenkte es ihr den fehlenden
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Halt. Kay… Bitte, bitte komm mit nach Spanien. Ich will dich nicht noch einmal verlieren… Nicht noch einmal… Ich mag dich so sehr. Wie soll ich es nur ohne dich schaffen, etwas auf die Beine zu stellen? Siehst du denn nicht, dass ich mich selbst nur in Schwierigkeiten und Chaos stürze, wenn du nicht da bist? Sanft schlang ich meinen Arm um ihre Taille, legte meinen Kopf auf ihre Schultern, genauso, wie ich es oft in den Filmen gesehen hatte. Frauen mochte das in der Regel - mit Ausnahme von Kay. Diese stieß mich traurig zur Seite. „Nimm Tess mit.“, murmelte sie, „Ich bin sicher, ihr, du und sie, werdet…“ Das Mädchen stockte. „…bessere Freunde.“ Mit diesen Worten wollte sie davon stürmen, doch ich hielt am Ellenbogen fest. „Nein, Kay, das werden wir nicht.“, versicherte ich ihr, wobei ich ihr Tränen überströmtes Gesicht an meine Brust drückte. Eine Weile standen wir einfach nur da, bis sie alle ihre salzigen Flüssigkeitsvorräte aufgebraucht hatte und

nach Luft ringen musste. „Wenn du einen Delphin siehst, grüßt du ihn von mir, ja?“ „Mach ich, Kay. Großes-Spanien-Ehrenwort. Und jetzt nicht mehr weinen, klar?“ Sie wiegte den Kopf, ein feuchtes Glitzern im Augenwinkel. „Okay.“, gähnte sie, einen flüchtigen Blick auf den Wecker werfend. „Ich muss schlafen gehen.“ „Du kannst hier schlafen. Ich habe genug Platz. Dann

können wir noch etwas Mau-Mau spielen oder so.“, schlug ich vor, wobei ich die Schublade aufzog und ein neues

Kartenspiel zu Tage beförderte.

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„Mau-Mau? Du hast echt keine besseren Einfälle, als nachts um 11 Uhr Mau-Mau zu spielen?“ Kay grinste. „Nein,

ernsthaft. Ich bekommen Riesenärger, wenn ich morgen früh nicht da bin.“ Flüchtig umarmte sie mich zum Abschied und schlich zwinkernd zur Tür. „Vielleicht einander Mal.“, fügte sie beim Hinausgehen hinzu. Vielleicht einander Mal. Doch es würde niemals einander Mal geben. Das wussten wir beide in jener Nacht, auch wenn wir nicht wagten, dies auszusprechen. Vielleicht einander Mal.

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13. Kapitel
Der abgebrochen Ast, der mir als Paddel dient, ist zu kurz, das Kajak hoffnungslos wacklig. Als ich mein Gewicht beim Abstoßen von dem Stein zu verlagern versuche, gerät derart heftig ins Schwanken, dass es zu kentern droht. Im letzten Gesicht, Augenblicklich, fange ich das es Wasser läuft mir über das etwas

auf.

Erneut,

diesmal

vorsichtiger, drücke ich mich ab und tatsächlich gelingt es mir, dass Kajak, das sofort von der Strömung mitgerissen wird, waagerecht auf den Fluten gleiten zu lassen. Immer schneller entferne ich mich von der Villa. Aber jubeln kann ich dennoch nicht, weil ich spüre, dass das, was mich nun erwartet, Tosendes eine noch größere Herausforderung der sein würde.

Wasser,

irgendwo

hinter

nächsten

Biegung.

Vorsichtig tauche ich den Ast ins Wasser, um herauszufinden, wie ich das Kajak lenken kann und wie es reagiert, wenn ich im Fluss auf irgendwelche Hindernisse treffe. Die Strömung ist stark, das Ufer steil, eine Möglichkeit zum Anhalten gibt es nicht. Die Wurzeln der Bäume hängen von den Felsen herab, verschwinden in der braunen Brühe, die von den Steinen wie in einer natürlichen Rutsche eingegrenzt wird. Weiß und wild säumt das Wasser, bahnt sich seinen Weg. Ich will aufschreien, als das Kajak von der ersten

Stromschnelle beinahe gegen den Fels geschleudert wird, doch die Ekel erregende Flüssigkeit in meinem Mund unterdrückt dies. Und, obgleich ich nicht weiß, wohin mich meine Fahrt führt, ahne ich, dass es zweifelsohne keine leicht werden würde. Panisch rudere ich gegen den Storm, bis ich erschöpft

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aufgebe. Es hat keinen Sinn, überhaupt keinen Sinn gegen das Mitreißen anzukämpfen. Die Fluten gewinnen immer.

Tief atme ich durch, presse die Lippen aufeinander, bis sie weiß werden. Fest umkrallen meine Hände den Ast und dann… Dann beginnt sich die Welt zu drehen. Nach links, nach rechts, weiter nach rechts, nach links. Wasser klatscht mir wie ein nasser Schwamm ins Gesicht. Erkennen kann ich nur noch undeutliche Umrisse. Ein grünes Blätterdach über meinem Kopf, Schatten zu allen Seiten. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin, weiß nicht mehr, wie lange ich schon fahre. Weiß nur, dass es endlich aufhören soll, das Grauen. Gott, lass das Boot kentern, lass mich ertrinken. Aber ich ertrinke nicht. Irgendwie schaffe ich es, kann wieder sehen, wieder hören. Egal, wie zerschlagen und erschöpft ich mich fühle: Ich habe den Fluss besiegt. Ätsch, Sio River! Plötzlich erfasst mich eine weitere Stromschnelle, wütender als die erste, und

reißt mich fort ins Ungewisse. Verträumt starrte ich durch die Ritze, die die Plane bot, zum Sio River hinüber, der neben der unebenen Straße her Richtung Lomé treibt, den Kopf schwer auf die Hände

gestürzt. Ich hatte davon geträumt, einmal auf ihm davon getragen zu werden, wie ein Reiter auf seinem Wasserpferd, selbst wenn ich wusste, dass es nur den Mutigen dieser Welt diese Ehre erweisen würde, zu denen ich zweifellos nicht zählte. Ich wäre zu feige für solch ein Abenteuer. Als mir der scharfe Motorqualm in die Nasse stieg, musste ich

husten. Kay, die eingepfercht zwischen zwei Holzkisten neben mir auf der von Decke dem hockte, rechten die nur durch die dünnen wurde,

Ladefläche

Hinterreifen

getrennt

sodass wir jedes Schlagloch zu spüren bekamen, klopfte mir
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sanft

auf

den

Rücken.

Angewidert

verzog

auch

sie

das

Gesicht. „Bah! Die armen Tiere da draußen. Die ersticken bestimmt! Ist das eklig. Igitt.“ Seltsamerweise sagte sie dies in Englisch und nicht in Französisch, wie es angebracht gewesen wäre. Verständnislos starrte Reni von dem Schoss ihrer Mutter aus zu uns herüber, widmete sich dann und jedoch bereits sofort wieder Kassians Schwester

sechszehnjähriger

verheirateten

Dominique. Ihr und ihrem an HIV erkranktem Ehemann Amani hatte man den gemeinsamen Sohn genommen, was beide noch nicht verkraften konnten. Mit der Trauer wurde die junge, wieder schwangere Frau lediglich fertig, indem sie sich mit anderen Kindern beschäftigt, so wie jetzt, als sie vergnügt mit dem kleinen Mädchen spielte. Amani hingegen, der sich angeregt mit Jabali, dem Wächter, und seinem Schwiegervater unterhielt, schwor heimlich Rache - ein Grund dafür, weshalb er zu den wenigen zählte, die nicht an mir zweifelten.

Suleika, Tess Tanzlehrerin, die kichernd ihren Mann Faraji und Kassian beim Raufen zurecht wies, ließ ihre Finger auf dem Metall tanzen, um der Tochter des Sirs die neuen

Tanzschritte zu erklären, die man sicherheitshalber auf den Vordersitz des Lasters verfrachtet hatte, der durch eine dünne Trennwand von dem übrigen Teil der Ladefläche

abgeschnitten wurde. Dabei legte die Frau den Arm schützend um die Schultern eines älteren Mannes, der abwesend vor sich starrte. Gesicht, Einen keine Namen mochte er nicht war haben, er auch kein nicht

Stimme.

Dennoch

darüber

sonderlich traurig. Vielmehr schien es ihm egal. So wie alles, was um ihn herum geschah. Nur Kalli, Tess Hund, der natürlich auch nicht vergessen
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wurde,

konnte

diesem

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unnahbaren Menschen ein Lächeln auf die geschwollenen Lippen zaubern. Seufzend Anwesenden wanderte hinweg, mein bis er Blick an der über die Köpfe Person aller hängen

letzten

blieb, die fernab auf dem Rücken lag und stur schweigend die Wölbung der Plane über ihrem Kopf betrachte: Mathieu, mein bester Freund. Als ich ihm auf der Plantage beim Ernten begegnet bin, hat er mich kaum beachtet und als ich auf ihn zu gegangen bin, hat er mir kaum Antwort gegeben. Ich hatte das Gefühl, er sei immer noch wegen dieser ganzen Geschichte gereizt und sauer. Dennoch entschied er sich, mich auf

dieser Reise zu begleiten. Großes-Spanien-Ehrenwort, hat er mit einem schiefen Worte, Grinsen die wir gemeint, über die einzigen ausgetaucht

zusammenhängenden

Wochen

haben. Auch Kay gegenüber war er abweisend, hatte ihr bei einem flüchtigen „Hey, Kay-Linny!“ er die und an, Zunge ich ihn ich

herausgestreckt. zweifelte überhaupt ins

Seither Geheim

schwieg

beharrlich Entscheidung allem,

schon zu

meine

eingeladen

haben.

Trotz

flößte

meinem Gewissen ein, er sei mein Freund und Freunde ließe man nicht im Stich. Das also waren die Menschen, mit denen ich nach Spanien reisen würde: Mathieu, Tess, Kalli, dem Hund, Kassian,

dessen Familie - bestehend aus seiner Schwester Dominique, ihrem Ehemann Amani, ihrem ungeborenen Kind und dem Vater Richard - Jabali, dem Wächter, Suleika, deren Freund Faraji, Reni und ihrer Mutter, dem Mann ohne Namen und zu guter Letzt auch Mickie, der Wüstenrennmaus. Nur die Wichtigste fehlte… Kay. Von ihr würde ich mich in Lomé vor dem Hôtel Sarakawa, wo ihre Mutter
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als

Managerin

arbeitete,

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verabschieden

müssen.

Vielleicht

könnten

wir

an

unserem

letzten gemeinsamen Abend noch einmal die Boulevard du Mono (die Hafenstraßen mit einem herrlichen Blick auf den Golfe de Bénin) entlang spazieren oder die Cathédrale de Lomé besuchen können, aber dann… Ich sah zu ihr herüber, ein feuchtes Glitzern im Augenwinkel. Dann… Als ihr Kopf

ebenfalls verwundert zu mir herum schoss, trafen sich unsere Blicke, als hätte sie meinen auf ihrer Haut spüren können. Oh Gott, Tim, jetzt starr sie nicht so an! Du siehst sicher aus wie ein durchgedrehter Professor, der unter einem dieser Mikroskope etwas wundersam Spannendes entdeckt hat… Okay, zugegeben, das mit dem durchgedreht stimmt, aber… Tim! Erst jetzt bemerkte ich, dass ich unbewusst ihr Handgelenk mit meinen Finger umkrallte. Verlegen wollte ich sie lösen, aber Kay legte sie vorsichtig in ihre warme und klappte einen Finger nach dem anderen um. Die ganze Fahrt über und selbst bei der Pause in Kéve, einer Stadt im Südwesten an der Grenze Ghanas, brach dieses Bündnis nicht, sodass wir gemeinsam auf die Toilette gingen, was in Anbetracht dessen, dass sie groß musste, leicht problematisch wurde. Nach einer vierzig Meilen langen Fahrt näherten wir uns der Küste Togos. Bitte, lass uns auf ewig weiter fahren… Kays Hand verkrampfte sich kurz in meiner, dann ließ sie mich los, um durch ein Loch in der Plane auf der

gegenüberliegenden Seite neben Suleika hinauszusehen. Ich senkte den Kopf, atmete tief durch. Tim, du wirst doch jetzt nicht heulen, bloß musst! weil du dich hat von sie diesem dir oft Mädchen genug

verabschieden

Immerhin

wehgetan. Nicht zuletzt die Nase!

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Auch ich lugte durch eines der Löcher. Obwohl Lomé mit seinen siebenhundertfünfzigtausend und Handelszentrum Einwohner des das 56.785

Wirtschafts-

Quadratkilometergroßen Landes in Westafrika sein mochte, so erschien die Hauptstadt vor allem außerhalb ihres Kernes wie ein Dorf: Niedrige, Vorbauten, Wind Laden an zumeist deren einstöckige Stützen einem oder Gebäude Balkan mit bunte

hölzernen Tücher im

flatterten. mit einer

Ein

Container der

ähnlich alte werden

sehender

Telefonzelle, vor Bodennässe

durch

Autobatterien

und

Reifen

geschützt

sollte, zwängte sich zwischen zwei Häuser. Vor dem einen kauerten Kinder, die trotz des Staubes Kleider wuschen. Das andere mochte eine Art Autowerkstatt sein, in der ein

Afrikaner mit großem Geschick ein Auto reparierte, welches in Deutschland vermutlich längst auf dem Schrotthaufen

gelandet wäre. Gegenüber, nur durch eine breite, matschige Straße getrennt, auf der sich das Wasser nach einem kurzen Regenschauer gestaut hatte, war eine Bar mit dem Namen „Bel Air“ zu finden, die sogar über einen Biergarten ein

ovaler, liebevoll bemalter Tresen mit viereckigen Hockern verfügte. Pflanzen Dicht, manchmal die nur durch Palmen zum oder andere von

unterbrochen,

ebenfalls

Aufhängen

Schildern, Weiterleiten des Stromkabels, oder dergleichen genutzt, erstreckte sich eine Siedlung. Ein beinahe

familiäres Miteinander, ähnlich dem Leben in Kpalimé. Doch nachdem die Avenue de la Victoire den Kanal Lac

Ouest überquert hatte, musste ich mehrmals blinzeln, um das zu glauben, was ich nun sah. Oder vielmehr, wovon ich nun Teil wurde.

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„Du siehst entsetzt aus.“, bemerkte Faraji. Grinsend legte er mir die Hand auf die Schultern und schob die Planen ein Stück weit zur Seite. „Das ist Lomé.“ Ich wiegte den Kopf, spähte dann gebahnt zu der von

tausenden, verschiedenen Verkaufsständen verstopfte Kreuzung herüber, auf der sich der Verkehr mühsam voran quälte.

Hupen, Fluchen. Hochbeladenen Fahrzeugen schlängelten sich in rasanten Manövern durch die drückende Hitze hindurch. Menschen Frauen mit kunstvoll auf ihren Köpfen

aufgetürmten Bananenkörben, Männer, die auf wild zusammen gezimmerte Gerüsten arbeiten, Kinder, die nach der Schule, vorausgesetzt ihre Eltern können die 2300 CFA, umgerechnet 3,55 €, jährlich entbehren, ebenfalls an den Marktständen mithelfen müssen - all diese Menschen ließen Lomé, von dem Dach eines Hochhauses betrachtet, wie einen bunten

Ameisenhaufen wirken. Diese Vorstellung kam mir vor allem dadurch in den Sinn, als ich in die Luft schnupperte. Es stank. Nicht nach den Abgasen der alten Auto. Nicht nach Schweiß… Nein, es stank nach Müll. Nach dem Müll, der aus jedem Loch, aus jeder Bordsteinabsenkung wie ein Geschwür hervorquoll. Denn diesen Luxus einer Müllabfuhr genoss man in Togo nicht. die in Auch den die engen Elektronik Wohnungen gehörte der für viele

Familien,

mehrstöckigen,

grauen, quadratischen Bauten lebten, zu einem Komfort, den sie sich nicht leisten konnten, obgleich sie täglich an ihren Ständen, bestehend aus einem abgenutzten Sonnenschirm und grob getischlerten Regalen, ihre Waren anpriesen.

Verkauft wurde alles: Von Kleidung, über Früchte oder andere Lebensmittel, zu Spielen oder, was ich als am grausamsten empfand, zum Schlachten von Tieren
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auf

offener

Straße,

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mitten Körper Köpfe

im

Dreck,

im an

Abgas Leinen sie

der

Fahrzeuge. aus.

Ihre

leblosen

bluteten trat man,

aufgehängt nicht mehr

Abgeschlagene

wenn

weiterzuverarbeiten

waren, achtlos zur Seite. Unser Laster kreuzte die Boulevard du Javier, setzte aber nach einem Stau den Weg durch den Kern Lomés in Richtung Hafen fort. Ich konnte zu meiner Rechten das hübsche Gebäude des Siége du Parlement ausmachen, an dem die togolesische Flagge im Wind flatterte, dann am Ende der Straße im weiter Ferne den Palais de Justice. Keines dieser Häuser würde ich jemals betreten. Warum auch? - Ich wusste nicht einmal, wofür sie derart gut errichtet waren und die der armen

Menschen dort draußen derart armselig. Doch als wir nun nach links auf die Hafenstraße abbogen, erschien es mir

unwichtig, darüber nachzudenken. Blau glitzerte das Meer vor uns. Der Golfe de Bénin, wir hatten ihn erreicht. Die Küste von Togo. Die Sonne strahlte. Palmen bogen sich sanft wie Fächer im Wind. Weiße Bänder umspülten mit schlangenartigen Bewegungen die tausenden, feinen, winzigen Perlen. Die

bunten Handtücher der Touristen verliehen dem Strand aus der Sicht eines Papageis, der krähend in einer Baumkrone hockte oder seinen Flügel ausbreitete, um sacht über unsere Köpfe hinweg zu segeln, etwas Harmonisches. Verträumt schloss ich die Augen, betend, dass ich niemals von hier fortgehen

musste. Wäre es nicht möglich, ein Haus unter diesen Palmen dort drüben zu bauen? Wir sind doch in Togo, da ist alles egal. Vogelfrei, warum nicht auch das? Warum nicht auch der Traum, immer mit Kay zusammen bleiben zu können? Schön, es mochte der zweite Traum sein, aber überwog dieser nicht sogar den ersten? Nachdem du, Kay, mich am Morgen aus der
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Hängematte, in der ich im Sonnenuntergang mit einem Comic in der Hand eingeschlafen wäre, geworfen hättest, könnten wir gemeinsam im Sand kochen. Ich kann gut kochen, finde ich. Nudeln, geröstetes Brot, sicher auch dein Lieblingsgericht, süße, gebratene Bananen. Versuchen kann ich es jedenfalls, selbst wenn es bedeutet, dass ich mich wieder einmal in den Finger schneide oder verbrenne. Tess, Mathieu und die

anderen besuchen uns immer und abends, wenn wir alle müde von der Schule oder Arbeit heimkämen, sängen wir Lieder. Vielleicht würde Amani mir beibringen, wie man Panflöte

spielt. Fragen konnte ich ihn ja einmal. Für dich Kay… Gott, Tim, fängst du jetzt schon mit diesem Liebesgedusel an, obwohl es dich in den Filmen derart aufgeregt hat, wenn das Bild eines sich überschlagenen Autos durch einen dieser

ekligen Küsse geschnitten wurde?! Oje, eindeutig, du hast… Fieber. Sicher, Fieber, natürlich Fieber - was auch sonst? Plötzlich scherte der Lasten ruckartig aus. Panisch schrie Reni auf. „Mami! Mami!“ Auch die übrigen Menschen krallten sich an allem fest, was sich ihnen bot. Dabei traf mich Farajis Ellenbogen gegen hart die am Plane Kinnhacken, fiel. In sodass meinem ich Kopf

unkontrolliert

wirbelten die Gedanken durcheinander. Chaos, pures Chaos. Der Geschmack von Blut lag mir auf der Zunge und, als ich ihn öffnete, tropfte tatsächlich rötlich gefärbter Speichel auf mein Hemd. Was passiert da draußen? In weiter Ferne, wie es schien, konnte ich Tess Stimme vernehmen, die etwas

angeschlagen klang, geradezu schockiert. Hupen. Noch immer drohte das Fahrzeug zu kippen. Bitte nicht! Irgendwie gelang es dem Fahrer mit einem Ruck das Steuer herumzureißen,

sodass der Transporter zurück auf die Fahrbahn fiel und
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unter ächzendem Motor langsam neu startet. Ein tiefes Raunen durchfuhr die Menge. „Alles okay?“ erkundigte sich Amani, der sich als

Erster von dem Schock erholte und sich aufrichtete, um den Blick prüfend über die Köpfe seiner entsetzten Mitreisenden schweifen zu lassen. Als er erleichtert feststellte, dass niemand schwer verletzt war, löste sich seine Anspannung. „Wir sollten alle einmal ganz ruhig durchatmen. Bald sind wir am Hafen.“, meinte er achselzuckend. „Einmal durchatmen?“ Der erzürnte Jabali, der die kleine Reni im Arm hielt, sprang ebenfalls auf. „Beinahe wäre wir alle tot…“ „Nur noch das eine Stück.“ Mit einem abschätzenden Blick kniete er nieder, um mir mit einem alten Papierschnipsel das Blut von der Lippe zu tupfen. „Nur noch dieses eine Stück.“

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14. Kapitel
Die regenbogenfarbene Fontäne schoss aus der Pore,

befeuchtete wohltuend unsere verschwitzten Gesichter. Drei goldene Sterne blitzten in meinen funkelnden Augen. In

kursiv gedruckten Buchstaben erhob sich der Name von dem weißen, plastischen Untergrund: Mercure Sarakawa.

Klimatisierte Luft schlug mir entgegen, als ich nun das noble Hotel betrat, welches etwa fünf Minuten vom

Stadtzentrum entfernt inmitten eines 25 Hektar großen Garten voller Kokosnuss-Palmen lag. Von ihrem Schreibtisch aus, auf dem sich einige Unterlagen stapelten, lächelte mir eine

freundlich aussehende Afrikanerin zu, die sich aufrichte, ihren knielangen Rock glatt streichend. „Gute Tagen! Was kann ich für dich tun?“, erkundigte sie aufmerksam, „Suchst du deine Eltern?“ Hastig schüttelte ich den Kopf, doch bevor ich etwas

erwidern konnte, stolperte Kay ebenfalls durch die Drehtür in weit geöffneten Eingangsbereich. „Meine Mum. Wir suchen meine Mutter. Josefine Brown. Ist sie da?“ Überrascht ließ die junge Frau den Blick zwischen uns hin und her wandern, langsam nickend: „Selbstverständlich. Ich werde sofort nachsehen, ob sie im Hause ist. Entschuldigt mich einen Moment.“ Als sie sich mit einem höflichen Knicks abgewandt hatte, begann Kay belustigt zu kichern. „Hätte nicht gedacht, dass einmal jemand auf mich hören würde. Komm, das nutzen wir aus.“ Verschwörerisch zwinkerte sie mir zu. „Ich hab tierischen Durst.“ Mich an der Hand hinter sich herziehend, schleifte sie mich über den Gang in Richtung einer Bar namens Le Mono.
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Nachdem genommen

wir

einander

gegenüber ein

auf

zwei

Hockern um

Platz unsere

hatten,

eilte

Kellern

herbei,

Bestellungen, zwei Colas, aufzunehmen. „So wobei habe sie ich sich mir die Urlaub vorgestellt.“, die flüsterte der Kay, Gäste

Sonnenbrille,

einer

vermutlich vergessen hatte, aufsetzte und den Kopf in den Nacken legte. Ich wünschte, dem wäre so. Dass wir

tatsächlich im Urlaub wären und dort draußen vor diesen Toren in der glühenden Hitze nicht zwölf weitere Menschen und ein Hund in einem Laster auf uns warteten. Unsere Getränke wurden serviert, beide herrlich gekühlt mit Eiswürfel und einem bunten Strohhalm. Im Hintergrund rauschte vergessen Mann nun der Wasserhahn, zu den derselbe Keller scheinbar der

hatte, ein

zudrehen.

Konzentriert in das er

verzierte eine

Cocktailglas,

milchige

Flüssigkeit füllte, und es dann auf einem Tablett auf die geflieste Terrasse trug. in Leise die plätscherte Schüssel, das die Wasser bereits

regelmäßigen

Abständen

überlief. Kostbares Wasser, lebensnotwendig für die meisten Afrikaner, für die hier wohnend Touristen allerdings nur überschüssiger Komfort, um den sie nicht einmal mehr baten. Ich konnte kaum glauben, dass auch ich noch vor einigen Monaten ebenfalls zu diesem gleichgütigen Haufen gehört

hatte. Daher sprang ich nun von meinem Hocker, um zumindest einen Teil des Wassers zu retten. Als ich von meiner Mission zurückkehrte, hielt mir Kay die Hand zur High Five hin. „Vielleicht sollten wir den anderen auch etwas zu trinken bringen.“, meinte das Mädchen nach einer Weile. „Oder ein paar Schüsseln mit Wasser, damit sie sich waschen können. Ich weiß nämlich nicht, ob es Mum Recht ist, wenn fremde
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Leute den Pool benutzen.“ Es deutete auf den fünfzig Meter langen Becken inmitten einer grünen Oase. „Du darfst

natürlich.“ Plötzlich vernahm ich hinter mir einen piepsigen

Aufschrei. „Kay Linn! Oh mein Gott!“ Josefine Brown stürmte auf ihre strahlende Tochter zu und riss diese beinahe von ihrem Barhocker. „Gott, ich hatte solche Angst um dich. Wo bist du gewesen? Und Tim…“ Sie umarmte mich ebenfalls, tätschelte mir liebevoll den Kopf. „Du bist ja auch hier. Keenan hat mir erzählt, du und

Mathieu seien abgehauen, als ich noch einige Dinge im Dorf erledigen musste. Wirklich? Ist das wahr? Was habt ihr euch nur dabei gedacht? Vor allem nach diesem Hyänenangriff. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie unendlich erleichtert ich bin, euch wieder in die Arme schließen zu können. Wo habt ihr nur gesteckt?“ „Dafür bin ich verantwortlich.“ Entsetzt wandte ich mich um. Die Cola in unseren Gläsern gefror. zurück. All die Wärme Scott starb, schritt ließ nur den von eisigen der Tod

Maurice

gefolgt

wütend

dreinschauenden Tess durch die Tür. „Und Sie sind?“ Höflich streckte Josefine Brown dem

elegant gekleideten Herr die Hand aus, doch dieser erwiderte die Geste mit einem unerwarteten Handkuss. „Sir Maurice Anthony Scott. Britischer Großgutbesitzer und Professor aus Kpalimé... Meine Tochter. Tess Ann-Caroline“ „Oder einfach nur Tess.“, fuhr das Mädchen ungehalten

dazwischen, wobei sie neben mir auf einem Barhocker Platz nahm. „Hi Tim.“ Ohne zu fragen, langte sie nach meiner Cola,

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wofür sie von Kay einen abschätzenden Blick kassierte. „Hi Kay.“ „Fühlen Sie sich wie einer unsere Gäste, Sir Scott. Darf ich Ihnen und Ihrer Tochter etwas zu trinken anbieten?“ „Danke, nein.“ Mit einem flüchtigen Blick durch die leicht getönten Fenster, fügte er hinzu: „Ich wollte mich nur

vergewissern, dass das Mädchen sicher nach Hause gelangt ist.“ „Ist es mir erlaubt, Sie zu fragen, was sie mit den

Kindern gemacht haben?“ „Natürlich! Sie haben ein Recht darauf, alles zu erfahren. Sehen Sie, Ihr Junge schlich mit einem seiner Freunde um meine Villa, sodass ich habe annehmen müssen, er wolle mich bestehlen, worin ich jedoch irrte. Einen ähnlichen Verdacht erweckte Ihre Tochter, aber es bestätigte sich nach gewissen Nachforschungen ebenfalls, dass diese nur versehentlich in all das hineingeraten war. Leider Arbeit verhindert, die Kinder war ich aufgrund meiner in ihre Familien

zurückzugeben. Aber seien Sie versichert, Mrs. Brown, wir hatten unseren gemeinsamen… Spaß, nicht wahr Tim? Nicht wahr Kay?“ Verblüfft Josefine. nickte Sir ich. „Spaß ein hat es wirklich Haus gemacht, einem

Scott

hat

tolles

mit

gigantischen Pool und einer riesigen Wiese.“ „Einmal sind wir ausgeritten. Aber Tim ist vom Pferd gefallen.“, ergänzte Tess leise, „Deshalb die ganzen Narben. Und weil er mich ab und zu geärgert hat, wenn ich mit Kay getanzt habe.“ Kays Mutter lachte, wobei sie die Hände auf die Schultern ihrer Tochter stützte. „Danke, Sir Scott.“, entgegnete sie,
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eine

ihrer

blondierten

Haarsträhnen

hinter

das

Ohr

streichend. „Ich hatte solch eine Angst, den Kindern wäre irgendetwas allerlei Schlimmes gesinnte zugestoßen. Menschen Dort draußen sollen die nur

böse

herumstreunen,

darauf warten, Ausländer zu entführen und zu erpressen. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken kann.“ Am besten gar nicht! Tief durchatmend starrte ich in mein halb ausgeleertes Glas, die Hände in den Stoff meiner Hose gekrallt. Das durfte doch nicht wahr sein! Der Meister

verkauft sich tatsächlich als der Wohltäter, der Held, der Hänsel und Gretel vor der Hexe gerettet hatte, sie aber gleichzeitig in den Ofen stieß. „Nicht der Rede wert. Sicherlich hätten Sie dasselbe für meine Tochter getan.“ Maurice Scott streichelte mir

freundschaftlich über das Haar, dann nahm er meine Hand, um mit Kugelschreiber eine Nummer auf die Innenfläche zu

kritzeln. „Nicht vergessen, Tim.“ Er ballte meine Finger zu einer Faust. „Du kannst immer anrufen, wenn etwas sein

sollte. Wenn du einmal Rat brauchst, jemanden, der dir zu hört… wie dein Vater. Ich weiß, ich werde ihn nie

zurückholen können, aber ich hoffe, ich kann ihn ein wenig für dich ersetzen.“ Mit diesen Worten stolzierte er zu Kay herüber und küsste sie vorsichtig auf die Wange. „Auf

Widersehen, meine Kleine. Du wirst mir fehlen, besonders deine lebhafte Fantasie.“ Angewidert verzog sie das Gesicht, bemüht ruhig zu

bleiben, obwohl sie innerlich zu beben schien. „Ich werde Sie auch vermissen. Vor allem die leckeren Kekse.“,

behauptete sie mit gespielter Höflichkeit.

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„Nun denn. Lebt wohl! Ich hoffe, wir sehen uns eines Tages einmal wieder. Ihr seid jeder Zeit willkommen! Sie im

Übrigen auch, Mrs. Brown und ihr Mann. Ich würde die Eltern dieses netten, kleinen Mädchens zu gerne einmal näher kennen lernen.“ Josefine Brown zeigte dem Mann den Weg nach draußen. „Ich werde Sie noch bis zur Türe begleiten. Eine angenehme

Heimreise! Und noch mal meinen Dank, dass Sie sich so gut um die Kinder gekümmert haben.“ „Tess! Kommst du, Schatz?“, rief Scott, ohne sich

umzudrehen, bereits hinter dem Türrahmen verschwunden. „Ich möchte mich noch verabschieden, Daddy!“ „Okay, ich werde im Wagen auf dich warten.“ Anerkennend hob ich die Augenbraue. Du musst noch viel über die Kunst des Schauspiels lernen, dachte ich seufzend, Denn dies hier war ein Theaterstück der Meisterklasse.

Sowohl Tess, als auch Maurice Scott und Kay, hatten ihre Rollen Mutter unabhängig sicherlich voneinander nicht eingeübt, gefallen sodass war, es dass Kays zu

schwer

glauben, was man ihr vorgetäuscht hatte. Immerhin hatte ihr einer der reichsten Männer dieses Landes persönlich die Hand geküsst, um sich derart zu entschuldigen, nach Hause dass kam! ihre Nur Tochter du, Tim,

seinetwegen

spät

kanntest nicht einen einzigen Satz dieses Drehbuchs. Wie immer. Was hast du anderes erwartet? „Dein Dad weiß also nichts über deine Pläne nach Spanien zu fahren?“ Kays Frage riss mich aus meinen Gedanken. Verwirrt ließ ich meinen Blick zwischen den beiden hin und her schweifen.

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Der unterschwellig verächtliche Tonfall, den die Stimme des schottischen Mädchens anschlug, war kaum zu überhören. „Nein. Er würde mich niemals gehen lassen. Ebenso wenig wie meine Mom. Deshalb haue ich ab. Nach Spanien. Von dort aus fliege ich nach Amerika, wo mein Bruder lebt. Meinen Pass habe ich. Geld auch. Und den Rest werde ich schon regeln.“ Den Rest werde ich schon regeln. Ins Geheim bewunderte ich Tess selbstbewusste Art. Denn im Gegensatz zu mir hatte sie so etwas wie einen Plan. Wenn ich nach Spanien käme, hätte ich… nichts. Nichts, außer einem durchnässten Rucksack mit ein paar Spielsachen drin. Kein Geld, keine Unterkunft, in der ich leben könnte, keine Eltern, die mich wie nach einer Klassenfahrt nichts. „Und wie bitte willst du das anstellen? Ich meine, willst du dich einfach in Luft auflösen, ein paar Stunden warten und dann auf das Schiff teleportieren.“ „Zum Beispiel. Wäre doch eine Lösung, Kayli. Aber lass das einmal meine Sorge sein. Auf gar keinen Fall werde ich in diesem Land versauern.“ Mit dem Finger schnipste sie in die Luft und rief dem herbeieilenden Kellern ihre herzlich empfingen. Ich hätte absolut gar

Bestellung, zwei Limonaden, zu. Warum zwei? Wir sind doch zu dritt! Oder ist Tess derart durstig, dass sie zwei Getränken unmittelbar hintereinander in sich hinein kippen wollte? Doch, als der Kellner nun die die mit beiden seiner auf herrlich Orange den und

erfrischenden jeweils einem

Limonadengläser, Strohhalm

verziert

waren,

Tisch

stellen, bemerkte ich erstaunt, wie Tess mir ihr zweites zu
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schob. „Lecker. Probier‟ mal.“, fügte sie grinsend hinzu, wobei sie die Flüssigkeit an ihrem spiralförmigen,

durchsichtigen Strohhalm ansaugte. „Und Kay?“, fragte ich, ohne meine Limonade anzurühren. „Ist schon okay, Tim. Ich hatte sowieso keine Durst

mehr.“, erklärte das schottische Mädchen, sprang von ihrem Barhocker, um die leeren Gläser zurück auf den Tresen zu stellen und sich anschließend in die ausgebreiteten Arme ihrer Mutter zu flüchten, die an der Tür erschien. Strahlend küsste die Frau die Stirn ihrer Tochter, säuselte undeutlich etwas. Wie meine Mama wohl gewesen wäre. Ob sie sich auch

derartige Sorgen gemacht hätte. Für einen Moment schloss ich die Augen, stellte mir vor, dass meine Mutter in der Tür stände, mir lächelnd sie das Haar küsste. Allein Dabei wäre es

unwichtig,

was

flüsterte.

ihre

Wärme

würde

ausreichen, um mich zu einem der glücklichsten Jungen zu machen. Mama… „Wo ist deine Mutter, Tess?“ Das Mädchen zuckte die Achseln. „Irgendwo in den USA. Aber wenn ich dort bin, werde ich meinen Bruder nach ihr fragen und sie finden, da bin ich mir sicher.“ „Meine Mama ist immer bei mir, egal wo ich bin.“,

erwiderte ich lautlos, mehr zu mir selbst, als zu Tess, die den Blick von Kay abgewandt hatte und misstrauisch Liegen das aus,

Gelände

des

Hotels

betrachtete.

Von

ihren

winkten ihr zwei ältere, hellhäutige Jungen zu, die das Mädchen bemerkt haben musste. Der eine, ein Hagerer mit blonden Locken und einer schwarzen, modischen Sonnenbrille im Haar, zwinkerte. Tess ihrerseits
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tat

das

gleich,

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gestikulierte

mit

den

Finger

ein

Zeichen,

woraufhin

der

zweite belustigt den Daumen hob. Seufzend wanderte mein Blick zurück zu Kay, die nun mit ihrer Mutter auf uns zukam. „Meine Mum fährt heute Abend nicht nach Hause, weil sie sich um das Hotel kümmern muss. Wieso verstehe ich nicht. Aber das war damals auch schon so, also von daher…“ Sie zuckte die Achseln. „Einer der Tagungsräume ist frei. Darin könnten wir für einen Nacht schlafen, vorausgesetzt, wir bereiten Mum keinen Ärger. Und… Tess?“ Widerwillig drehte sich die Genannte um. „Ja?“ „Du auch, wenn dir das nicht zu… zu eklig ist. Mum meinte, weil es unsere letzte Dad gemeinsame zu Nacht ist, würde müsse sie sie

versuchen,

deinen

überzeugen.

Morgen

ohnehin in Kpalimé einige Besorgungen machen. Da könnte sie dich auf dem Weg nach Hause bringen.“ „Wirklich? Danke, Mrs. Brown, wenn Sie meine Anwesenheit nicht stört.“ Josefine Brown lachte. „Nein, Tess. Es ist das Mindeste, was ich als Entschädigung für dich tun kann. Oder gäbe es Problem mit der Schule? Mit Privatlehrern?“ „Nein. Samstags habe ich keinen Unterricht.“ „Okay, dann werde ich nochmals mit deinem Vater sprechen. Kay, Schatz, könntest du bitte den Tagungsraum vorbereiten?“ „Klar, Mum. Helft ihr mir?“ Ich nickte. Der Gedanke, eine ganze Nacht über mit Kay zusammen sein zu können, setzte in mir Glückgefühle frei, die ich lange nicht mehr gespürt hatte. Im Grunde sogar sehr lange nicht mehr. Auch wenn es nur ein paar Sekunden wären, es wäre Sekunden, in denen ich vergessen konnte. In denen
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ich vergessen konnte, was in dieser Villa geschehen, wie Papa gestorben war, wie ich die Cola bezahlen muss, wann und wo ich wieder zur Schule gehen werde. Ich bin frei, wenn sie mich berührt, frei, wenn sie einfach nur in meiner Nähe ist, dass ich ihren warmen Atem auf meiner Haut spüren, das

Flattern ihrer dunklen Wimpern hören kann. Verheißungsvoll spreizte Tess die Lippen, ein wenig

enttäuscht, die beiden Jungen, die ihr nun eine Kusshand zu warfen, verlassen zu müssen. Dennoch folgte sie Kay und mir, drängelte sich zwischen uns, ihre Arme um unsere Schultern gelegt. „Dann lasst uns mal aufräumen.“ Kay breitete die Decke auf dem rot karierten Teppich aus. „Fertig!“ „Fertig!“, pflichtete ich ihr lachend bei, mit dem Rücken einen Tisch gegen die Wand drückend, die in einem warmen Gelb-orange gestrichen worden war. Als hätten wir uns abgesprochen, schossen unsere Köpfe zu dem anderen Mädchen herum, das damit kämpfte, einen Kasten Wasser in den Raum zu schaffen, hatte. den Das Josefine Brown

großzügiger

Weise

spendiert

Wiederauftauchen

ihrer Tochter musste sie derart glücklich stimmen, dass es sogar ihren ansonsten oftmals geradezu krankhaften,

egoistischen Geiz verdrängte. So bemerkte sie zudem nicht einmal mehr, dass zum die größten von Teil ihr auf herbei getragenen Weise

Nahrungsmittel

mysteriöse

verschwanden. Auch mochte sie den zerbeulten Laster nicht realisieren, der vor dem Hotel parkte. Vielleicht aber sah Kays Mutter all dies, konnte sie jedoch keinen Reim darauf machen. Wer wusste dies schon? Ich jedenfalls wusste es nicht.
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„Tess, bist du fertig?“, erkundigte sich Kay. Das Mädchen zog eine Grimasse. Entkräftet schwang es sich auf einen der Tisch und tupfte sich mit dem Ärmel seines TShirts den Schweiß von der Stirn. „Und wie fertig ich bin!“, stöhnte es und ließ sich vollenden auf den Rücken fallen, die Arme ausgebreitet. Ich kicherte, Kay stimmte mit ein, wofür wir beide einen beleidigten Blick kassierten, der Bänder sprach. „Du bekommst gleich auch einen großen Lolli, Tess AnnCaroline.“, stichelte ich sie an. „Sag niemals diesen Namen!“, fauchte sie, sprang auf und gestikulierte mir drohend mit dem Finger, wobei sie ein paar Schritte auf uns zu machte. „Niemals, kapiert?“ „Natürlich, Tess Ann-Caroline.“ „Ich hasse dich!“ Wütend drehte sie sich weg. Als wir ihr folgten, hob sie abwehrend die Hände. „Lasst mich in Ruhe!“, rief sie zu einem Teil ernst, zum anderen belustigt. Dann stürzte sie zur Türe hinaus, die hinter ihr zu fiel. Ich wollte ihr nachlaufen, um mich zu entschuldigen, doch Kay hielt mich an der Schulter zurück. „Lass sie. Sie wird darüber hinweg kommen müssen. Glaubst du nicht, wir sollten einmal nach Mathieu und den anderen sehen? Sonst haben sie nachher den leckeren Pudding ganz alleine gegessen!“ „Du sagst mir aber nicht erst jetzt, dass in dieser gelben Schüssel Pudding war, oder?!“ Als sie mir die Frage mit einem Nicken bestätigte, jagte ich augenblicklich davon.

„Pudding! Ich will Pudding!“ Ein älteres, gut gekleidetes Ehepaar, welches mir in den Weg trat, schüttelte irritiert den Kopf, flüsterte etwas in einer fremden Sprache.
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Heiße Zeigen

Luft der

schlug

mir Uhr

entgegen. im

Obwohl

die

silbernen sieben

riesigen trug

Eingangsbereich bereits

erst

anzeigten,

der

Himmel

sein

rötliches

Abendkleid. Wie Schleifer warf die untergehende Sonne ihre Schatten auf den kleinen Laster, aus dem nicht das kleinstem Geräusch nach draußen auf den Parkplatz drang. Scheinbar mochte Amani die anderen angewiesen haben, sich ruhig zu verhalten, aus Angst, ein Hotelgast könnte auf sie

aufmerksam werden und sich im schlimmsten Fall über sie beklagen. Vorsichtig ließ ich meinen Blick umherschweifen und, als ich mir sicher war, dass mich niemand beobachtete, öffnete ich die Plane und starrte in die elf mir

wohlbekannten Gesichter. „Tim, Kay! Kommt rein!“ Dominique, die in diesem

Augenblick das Essen gerecht zu verteilen versuchte, winkte mir verschwörerisch zu. „Ist noch Pudding da?“ „Ja, ein Rest. Warum?“ „Weil Tim Angst hat, sein Pudding hätte Beine bekommen und würde ihm weglaufen.“, antwortete Kay, wobei sie sich

atemlos auf einer Holzkiste neben Suleika nieder. „Wenn das so ist.“ Kichernd hielt Dominique mir die

Schüssel hin. Ohne Besteck. Dies war der Anfang eines amüsanten Abends, wie jeder von uns ihn seit langem nicht mehr erlebt hatte. Von unseren Decken am Boden aus, erzählten wir einander Witze und

Geschichten, aßen dabei mit den Finger, die wir anschließend gierig ableckten. Obwohl es kaum ausreichte, um gesättigt zu werden, fühlte bei ich mich, wie sich Jesus von Nazareth haben

vielleicht

seinem

letzten
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Abendmahl

gefühlt

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musste: Irgendwie verraten von der Welt, aber beschützt von dem kleinen Kreis Freunde um mich herum. „Hast du Lust, spazieren zu gehen?“ Kay beugte sich etwas vor, um mir dies ins Ohr zu flüstern. Kurz überlegte ich. Im Grunde aber wollte ich Farajis ich Geschichte mich, den weiterhin lauschen, besten

dann

entschied

Wunsch

meiner

Freundin zu erfüllen. Unseren letzten gemeinsamen Abend. Der Gedanken daran schnürte meinen Hals zu, sodass ich kaum Luft bekam. Hastig verbahnte ich ihn in den hintersten Winkel meines Gedächtnisses. Nicht jetzt. Noch war dieser Abend nicht vorbei. In gebührendem Abstand folgte ich ihr über den Parkplatz ins Hotel hinein, dann durch das Le Mercure, ein

klimatisiertes Restaurant mit einem atemberaubenden Blick auf die tropischen Pflanzen im Garten des Hauses.

Größtenteils europäische Urlauber speisten an luxuriösen, holzfarbenen Tischen im sanften Licht der Abenddämmerung. Leise klang Musik aus der Bar Sio unmittelbar daneben, in der ein afrikanischer Künstler auf seiner Gitarre spielte. Auch Tess entdeckte ich unter den Anwesenden. Angeregt

unterhielt sie sich mit den beiden Jungen, die sie bereits von dem Nachmittag her kannte. Dabei genoss sie es

sichtlich, derart umschwärmt zu werden. Ich gönnte es ihr. Wie lange hatte sie unter ihrem Vater gelitten? Immer alleine, mit Ausnahme von Kalli, der sich nun gähnend unter dem Tisch räkelte. Kays beschleunigte ihre Geschwindigkeit, sodass es mir

schwer fiel, ihr zu folgen. Die Umgebung blendete ich völlig aus - bis das Mädchen plötzlich anhielt. Neben ihr verlief der 50 Meter lange, in ein bläuliches Licht getauchte Pool,
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der von einem gefliesten Weg umrundet wurde. Die Liegen musste jemand nach Ende der Badezeit feinsäuberlich alle in eine Richtung gedreht haben, denn nicht ein einziger dieser blauen Stühle war abgewandt. „Tim…“ Kay drehte sich auf der Zehnspitze ihrer Sandalen um ihre eigene Achse, wobei sie beinahe das Gleichgewicht verlor, hätte ich sie nicht in letzter Minute festgehalten.

Dicht drückte ich sie an meine Brust. Ich erwartete, dass sie mich von sich stieß, aber stattdessen verlagerte sie ihr Gewicht zur Seite des Pools. Schwankend wurde ich im Kampf um meinen Balance besiegt, denn, als ich das nächste Mal etwas realisierte, tauchte mein Kopf durch die glatte

Wasseroberfläche. Für Sekunden verschwanden die Klänge der Musik, das Rauschen der Bäume, es wurde totenstill. Ich konnte nicht mehr sehen. Nur ein verschwommenes Blau.

Explodierend Luftblasen strichen über meine Wangen. Wo ist Kay? Mein Blick schweifte hektisch über das Becken, während ich zurück zum Beckenrand kraulte. Sie kann nicht schwimmen, schoss es mir durch den Kopf. „Kay? Kay!“, brüllte ich. Keine Antwort, kein Lebenszeichen. Im Begriff

zurückzutauchen, drückte mich jemand unter Wasser. „Glaub ja nicht, ich hätte nichts gelernt, wenn ihr am Fluss wart.“ Das Mädchen klammerte sich mit einer Spur von Respekt an den Beckenrand, schien aber ansonsten munter. „Wenn das so ist.“ Ich zuckte die Schultern, umklammerte, ohne dass sie hätte reagieren können, ihre Taille und warf sie ein Stück weiter ins Wasser, immer darauf bedacht, sie jederzeit hinaus zu ziehen, für den Fall, dass sie in Panik geriet.

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Wie ein Küken in einer Schüssel Wasser ruderte sie wild mit den Armen. In Gedanken zählte ich bis drei, dann kraulte ich zu ihr herüber und zog sie an meiner Hand an den

Beckenrand zurück. „Alles okay?“, fragte ich besorgt, als sie zu husten begann. Bitte, lass mich keinen Fehler gemacht haben. Nicht bei diesem Mädchen, das niedlicher ist, als Strupi, mein Meerschweinchen, damals als es gerade einmal ein paar Wochen alt war und noch ganz weiches Fell hatte… Tim, sie ist dein bester Kumpel! Sie muss so etwas

wegstecken können. „Du bist gemein.“, erwiderte sie in einem bemühten,

ernsten Tonfall, der ihr misslang. Ich schüttelte mein nasses Haar. „Ich weiß. Aber du wehrst dich auch nicht.“ Sie wiegte den Kopf. „Ich…“ Furchtvoll blickte sie auf die glatte Wasseroberfläche, stellte sich vor, wie es wäre,

darin zu ertrinken, erdrückt von den Tonnen von Wasser über ihr. „Keine Angst. Ich bin ja bei dir. Es tut mir Leid. Ich hätte es nicht tun dürfen.“ „Warum?“ „Warum?“ „Weißt du, ich hatte überhaupt keine Angst… Jedenfalls nicht mehr so viel. Weil ich wusste, du würdest mich nicht im Stich lassen. Ich konnte sogar schwimmen.“, erklärte das Mädchen stolz und ließ ihre Hand einige Mal auf das Wasser klatschen, als wolle sie es schlagen. Ich tat es ihr gleich. Immer größer werdende Kreise zogen, wölbten sich,

verschwanden.

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„Warum kannst du nicht hier bleiben?“, fragte Kay nach einer Weile. Ich sah sie nicht an, starrte nur in das tiefe Wasser. Warum kannst du nicht hier bleiben? Ja, warum? Warum konnte ich es nicht? Ich wäre bei Kay, so wie ich es mir damals in den Fängen des Meisters oft gewünscht hatte. Aber

irgendetwas in mir drängte mich dazu, diese Menschen nach Spanien zu führen. Ohne mich würde sie… „Sie können nicht ohne dich in See stechen, nicht wahr?“ Erstaunt schüttelte ich den Kopf. Woher weiß sie, woran ich denke? Das Mädchen zog sich lächelnd am Beckenrand entlang zu einer Leiter, um den Pool endlich zu verlassen. Nass hing seinem Wickelrock und Top von seinem Körper herab. Nur die linke Sandale, die fehlte. Kurzerhand tauchte ich unter und nach dem dritten Versuch entdeckte ich ihre verschwommen Umrisse. „Du bist viel zu lieb, Tim. Ständig sorgst du dich um alle anderen um dich herum. Bloß um dich selbst, sorgst du dich nie.“, flüsterte sie auf einer Liege ich hockend, um ihre

Kleidung

auszuwringen.

Nachdem

ebenfalls

die

Leiter

hinaufgeklettert war, setzte ich mich neben sie. „Ist das schlecht?“ Schweigen. „Nein.“, meinte Kay nach einer Weile, „Nein. Das ist es, was ich so sehr an dir mag.“ Zögerlich näherten sich ihre Lippen meinen, doch kurz vor der Berührung wandte sie sich errötet ab. Verdammt, was ist die Liebe für eine blöde Erfindung! Wer diese Art von Gefühl in einen Menschen eingebaut haben musste, weil er es für eine großartige Idee hielt, musste seinen Spaß an diesem Spiel haben. Ich hatte
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in der Schule hoch und heilig geschworen, dass mich diese komische Liebe niemals fangen könnte, nachdem ich wochenlang einer meiner damaligen Freunde dahin schmelzen gesehen

hatte, wenn eines der Mädchen ihm einen Zettel mit einem Filzstift „HDL“ zuwarf. Weil ich für sie viel zu schnell wäre. meines Schließlich Alters. war ich also einer hätte der ich schnellsten mir Sorgen Läufer machen

Warum

sollen, wenn ich einfach davon rennen kann? Doch nun hatte sie mich doch bekommen, schätzte ich, denn seltsamerweise mochte ich Kay anders als Tess oder Reni. Anders, vielleicht war dies der richtige Ausdruck dafür. Denn anders ist nicht falsch. Anders ist… anders. Verschieden halt. Oh Mann! Warum kann man nicht wenigstens davor verschont bleiben. Kay ist doch dein allerbester Kumpel, ausgeschlossen, dass… Nein, Tim. Hör endlich auf damit! Du bist zu langsam gewesen, nicht schnell genug. Und nun verlässt du dieser Mädchen. Für immer vielleicht. Sagen Nein, wir für für ein immer paar klingt Jahre. so Ein lange, paar so Mal

unendlich.

Silvester feiern. Ja, das klingt so, als wäre ich nur kurz weg. Als käme ich wieder. Und dann wäre ich wie Papa. Älter, nicht mehr zehn, sondern ein starker Mann. Mit einem Auto, einem Porsche Cabrio in Stahlblau. „Wollen obgleich wir ich heiraten?“, mich im fragte ich Kay unvermittelt, können

selben

Augenblick

Ohrfeigen

hätte. Tim, du bist ein Junge. Jungen fragen nicht, ob sie ein Mädchen heiraten will - vor allem nicht, wenn es der beste Kumpel ist! Verfluchter Mist! „Ja.“, entgegnete sie grinsend. Mädchen antworten nicht auf solche Fragen von Jungen - vor allem nicht, wenn es die ihres beste Kumpel ist! Zweifach verflucht Mist!
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„Okay.“ „Okay... Und jetzt?“ „Weiß nicht.“, gestand ich achselzuckend. „Ich habe so etwas noch nie gemacht.“ „Ich auch nicht.“ „Hm… Dann sind wir jetzt einfach verheiratet.“ „Okay.“ Kay legte den Kopf schief, aber ich boxte sie lediglich liebevoll in die Seite, woraufhin sie, ohne zu zögern, mit ihrer kleinen Fäusten konterte. Außer Atem und prustend

landeten wir gemeinsam auf der Liege, als plötzlich ein zornig dreinschauender Bademeister vor uns stand, der uns befahl, wegen der Nachtruhe augenblicklich in den

Tagungsraum zurückzugehen. Da keiner von uns beiden unsere müde war, beschlossen Familie wir zu

einstimmig,

nochmals

afrikanische

besuchen, doch mit Ausnahme des alten Mannes, der gegen die Wand gelehnt vor sich hinstarrte, schlief diese bereits. Lautlos glitt ein Gebet von seinen wulstigen Lippen. Völlig vertieft in seinem Gespräch mit Mawu, der Göttin der Ewe, realisierte zurückgezogen er nicht hatten einmal und uns mehr, nun dass wir die zu Plane unserem

erschöpft

Schlafnest begaben. Das Letzte, was ich spürte, bevor ich einschlief, war Kays Hand, die die meine kurz drückte.

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15. Kapitel
Eine Ratte schwamm und aufgedunsen an Glanz zwischen den vom Salz der

zerfressenen

längst

verlorenen

Rümpfen

Schiffe in dem öligen, schwarzen Wasser - obwohl man dieses Gemisch dort unter dem Steg nicht einmal mehr Wasser hätte nennen dürfen. Der moderne Denn Tiefseehafen das von Lomé Togo ist gilt von als großer eine

Bedeutung.

Transitland

internationale Drehscheibe für den Drogenschmuggel. Nun erinnerte ich mich an den Artikel in der Zeitung, den ich einmal aus Langweile verständnislos überflogen hatte. Weil Papa stolz darauf war, dass ich mich für die Welt der Erwachsenen interessierte, hatte versucht, mir all dies zu erklären, doch erst jetzt, als ich Teil dieses Artikels wurde, verstand ich seine Worte. „Das Schiff liegt dort drüben vor Anker.“, erklärte Sir Scott, wobei er mir leicht die Kiste, die er trug, in den Rücken stieß, damit ich weiterging. Gemeinsam mit den anderen sechs Kamikazemitgliedern hatte der Meister in den frühen Morgenstunden vor dem Hotel

Sarakawa auf mich gewartet, um uns persönlich zu dem Schiff zu führen. Wie Kay vermutete, tat er dies wahrscheinlich nicht aus Freundlichkeit, sondern vielmehr aus dem Interesse daran, zu wissen, dass wir dieses Land wirklich endgültig verließen. Unbehagen keimte ihn mir auf. Ein unbestimmtes Gefühl begleitete mich über den Steg zu einem kleinen,

motorisierten Boot hinüber, welches zwischen zwei weiteren Schiffen seiner Größe angekettet war. Man hatte es auf den

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Namen Kamikaze 08 getauft, dessen verblasste Buchstaben sich sowohl an der Seite als auch am metallischen Heck erhoben. „Unser Schiff.“, flüsterte Reni gebannt ihrer Mutter ins Ohr. Fasziniert ließ sie die Lebensmittel fallen und stürmte über eine winzige Brücke auf das hölzerne Decke. Die anderen Togolesen anderen lachten verschmitzt, ihre neue wobei Hoffnung sie einer nach Nur dem ich

ebenfalls

betraten.

rührte mich nicht, blieb bewegungslos am Kai stehen, ohne meinen Blick von dem Boot abzuwenden. Unser Schiff. Aber würden wir damit die zu Spanien gehörenden, 3000 Kilometer entfernten Kanarischen Inseln erreichen können? Diese Frage beschäftigte mich seit einigen Stunden und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr begann ich, an meiner

Entscheidung zu zweifeln. Vor allem nachdem Kay mir von ihrem Albtraum erzählte hatte, in dem ein Schiff in den Fluten des Meeres versank, seine Besatzung mit sich in die Tiefe riss und nie wieder auftauchte. Für immer verschluckt von den tausenden, Milliarden Tonnen von Wasser. „Tim! Worauf wartest du denn noch? Komm endlich!“, brüllte Kassian über die Reling, hinter der auch Mathieu Kopf

schüttelnd auftauchte. Geh schon, Tim. Es ist dein Schiff, es gehört dir, dir alleine. Aber erneut ließ dieses unbestimmte Gefühl jede

meiner Bewegungen zu Stein erstarren. Du kannst es nicht. Du kannst es einfach nicht. Mein Blick wanderte über die

strahlenden Gesichter der Kamikazemitglieder, die die Daumen hoben, zu Maurice Scott, der mir beiden Hände auf die

Schultern legte, damit ich gezwungen war, ihm in die Augen zu sehen. „Versprich mir, dass du diese Menschen sicher nach Spanien bringst. Du bist immer ein starker Junge gewesen,
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Tim.

Genau

wie

dein

Vater.

Selbst

wenn

du

mir

diese

vermutlich nie glauben wirst, aber ich werde dich vermissen. In den letzten Monaten habe ich durch dich so viel Neues gelernt. Danke.“ Sich eine Träne aus dem Augenwinkel

reibend, fiel er mir um den Hals, als sei ich sein Sohn, der für längere Zeit verreiste. „Danke, Sir.“, entgegnete ich, dem Meister ausweichend. Ich fühlte mich von ihm bedrängt, vor allem wenn man

bedachte, dass dieses Mensch uns derart lange in seinen Klauen quälte und mich im Grunde längst hätte töten wollen, wäre nicht dieser… unglückliche Unfall passiert. Hatte

dieses Erlebnis tatsächlich seine Sicht auf ein Leben in Freiheit verändert? Seltsamerweise bezweifelte ich dies,

obgleich ich nicht wusste, weshalb. Im Augenblick schien mir all dies auch völlig gleich. Es gäbe kein Zurück. Nie mehr. Ich versank in ihren blauen, geheimnisvoll Augen. Immer tiefer sank ich herab zum Grund, umschwärmt von tausenden leuchtenden Seesternen. „Kay…“ Unbeholfen kitzelte ich sie unter dem Kinn, damit sie lachte. Aber dieses Mal blieb ihr trauriger Blick starr an mir hängen. Kalt, bemüht, wenig Gefühl in ihre Stimme zu legen, erwiderte sie leise: „Tim, du musste nichts sagen…“ Weiter kam sie nicht. Die Tränen, die über ihre rosigen Wangen liefen, unterdrückten jedes ihrer Worte. „Ich werde dich vermissen.“, formte ihre glänzend roten Lippen immer wieder. „Ich werde dich vermissen.“ Ihr zarter Körper

zitterte. Ihre Knie drohten, nachzugeben, doch, bevor sie auf den verschmutzen Boden sinken konnte, presste ich sie fest an meine Brust. Ich würde meine beste Freundin nicht loslassen. Selbst dann nicht,
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wenn

uns

zwei

Raketen

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auseinander reißen wollten. Einmal hatten sie es geschafft, damals in jenem Dorf in Kpalimé, aber nochmals würde sie es nicht schaffen. Denn ich würde mich verbissen dagegen

wehren… Ich würde… „Wir sind mit dem Einladen fertig.“ „Das Schiff legt gleich ab, mein Junge. Du solltest dich beeilen.“ „Tim! Kommst du?“ Wild wirbelten die Stimmen in meinen Kopf durcheinander. Eindrücke prasselte auf Gerüche, mich Geräusche, nieder, Berührungen ich mein -, alles kleines

sodass

Schwesterchen plötzlich nicht mehr spürte. Entsetzt schlug ich die Augen auf. „Kay? Ich möchte dir noch etwas sagen.“ Ich möchte dir sagen, dass ich dich mehr liebe als nur einen besten Kumpel. Aber diese Worte erklangen lediglich wie

dumpfe Silben in meinen Gedanken. Es war zu spät. Amani zerrte mich von dem Mädchen weg zur Brücke, obwohl ich mich dagegen zu wehren versuchte. Nein, sie ist meine Freundin! „Du musst sie loslassen, Tim.“, raunte er mir zu, aber ein letztes Mal schüttelte ich ihn ab, stürzte zum Kai zurück. Ich bleibe hier, ich werde nicht fortgehen. Nicht… Die immer noch weinende Kay Linn starrte in das schwarze Wasser. Als ich ihre Schulter streifte, drehte sie

überrascht den Kopf. In diesem Moment berührten sich unsere Lippen. Leicht lagen sie aufeinander, leicht und warm. Der süßliche Geschmack ihres Himbeerbonbons füllte meinen

Mundraum, kitzelte in meinem ganzen Körper. In meinen Ohren konnte ich das gemeinsame Schlagen unserer Herzen hören. Poch, poch. Ganz leise und harmonisch, als wären wir eins. Zwei Seelen, die einander glich wie zwei Schokoladentafeln
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derselben Marke, derselben Sorte. Erst langsam tauchte ich aus diesem Traum auf und die Erkenntnis traf mich wie einen Blitz. Ich hatte Kay geküsst! Meinen besten Kumpel! Gott, wie konntest du nur? Küssen ist doch etwas für Ältere, für Mamas und Papas! Als ich mich entschuldigen wollte, legte Kay sacht ihren Zeigefinger auf meine noch feuchte

Unterlippe. Sie lächelte kopfschüttelnd. „Du musst nichts sagen.“, wiederholte sie, „Ich bin dir nicht böse… deswegen, denn…“ Stöhnend packte Amani meinen Arm und riss mich endgültig von meiner besten Freundin fort. Dieses Mal war meine

Gegenwahr sinnlos, ich zu schwach. An Bord des Schiffes angelangt, legte dieses bereits vom Kai ab. Entsetzt rannte ich zur Reling. Es waren nur wenige Meter. Wenn ich nun sprang, könnte ich es schaffen. Knochen Auch wenn du dir dabei in

vermutlich Gedanken.

sämtliche

brichst,

ergänzte

ich

Das schottische Mädchen inmitten der winkenden Erwachsenen zwinkerte mir zu, wobei sie den Kuscheltierlöwen hochhielt, den ich ihm geschenkt hatte, damit dieser mich ebenfalls verabschieden konnte. Der zweite Teil meines Lebens, den ich in diesem Land zurücklassen musste. Dass du mir gut auf sie aufpasst, wies ich ihn tonlos an. „Komm zurück!“, schrie meine beste Freundin, die über den Kai hinter dem Schiff her rannte. „Komm zurück irgendwann!“ Ich nickte. Ja, ich werde zurückkommen. Bestimmt. GroßesTogo-Ehrenwort. Versprochen. Irgendwann würden wir beide

einander wieder sehen. Vielleicht nicht jetzt, vielleicht erst in ein paar Jahren, aber irgendwann, irgendwann ja. Seufzend starrte ich, die Reling umklammert, zurück, bis ich
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realisierte, dass nun auch der wichtigste Mensch in meinen Leben verschwunden war.

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16. Kapitel
Auf dem Rücken liegend lauschte ich dem Rauschen des

Motors. Über mir spannte sich wie ein Tuch der Nachthimmel, unter mir das schwarze Wasser, welches das Schiff von dem Land dort drüben in weiter Ferne trennte. Beinahe bildete ich mir ein die Lichter der Stadt San Pedro, Elfenbeinküste, sehen zu können, obwohl dies unmöglich schien. Seufzend beugte ich mich über den Plastikeimer, in dem sich ein großer Teil meines Mageninhaltes angesammelt hatte. Die drei Tage auf hoher See mochte nicht auch nur meine übrigen

Orientierung

beeinträchtigen,

sondern

alle

Funktionen meines Körpers. Röchelnd spie ich in den Eimer, wobei ich mich an der Reling hochzog, um ihn über dem Meer zu entleeren. Doch sodass mein ich Gleichgewichtssinn zurücktaumelte, war alles ebenfalls doppelt

angegriffen,

sehend. Schwindel erfasste mich und hätte Dominique mich nicht besorgt aufgefangen, wäre ich vermutlich gestürzt.

Behutsam legte mich die junge Afrikanerin auf die Decke zurück, tätschelte mir den Kopf. „Alles wird wieder gut. Ruhe dich erst einmal aus.“ Dann half sie der schwach fluchenden Tess neben mir auf. Ich hasse es, seekrank zu sein, hörte ich das Mädchen

stöhnend, bevor auch es sich erbrach. Ob es den übrigen Passagieren ebenso erging wie uns beiden, wusste ich nicht. Auch wusste ich nicht, wer das neun Knoten, umgerechnet 16,2 km/h schnellem Schiff steuerte, denn soweit ich mich

erinnern konnte, war niemand an Bord, der Erfahrungen als Kapitän gesammelt hatte. Zu Beginn unserer Reise hatte

Faraji das Boot lenken wollen, aber als dieses sich nun
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langsam fortbewegte, hatte Amani angeordnet, einen neuen zu suchen. Seither mochten wir etwa 780 Kilometer zurückgelegt haben, obwohl es mir aufgrund der Übelkeit weitaus mehr vorkam. Am vierten Tage hatte sich mein Körper an die ungewohnten und neuen Gegebenheiten angepasst, sodass zum ersten Mal wieder den Drang Nacht verspürte, gelang zu es etwas mir, zu mich oder essen. Trotz zu ich der den sie

unruhigen

langsam wo

Nahrungsmitteln

bewegen

dort,

vermutete hätte. Die Erkenntnis traf mich wie einen Schlag in den Magen. Doch es war nicht die Tatsache, dass ich seekrank war, die mich dazu veranlasste, mich über die

Reling zu beugen, um zu erbrechen, sondern vielmehr der Schock. Obwohl wir erst vor vier Tagen in See gestochen waren und noch mindestens Atlantik drei oder vier weitere bis hier wir

draußen

auf

dem

ausharren

musste,

spanisches Festland erreichten, mochten unsere Vorräte zu Neige gehen. Hektisch schüttelte ich einen Wasserkanister nach dem anderen. Spärlich lief einigen Tropfen in meinen Mund. Sicherlich ein Irrtum. Amani hatte die übrigen

Kanister bestimmt zu einer anderen Stelle schaffen lassen, als ich schlief. Dennoch, gleich wie sehr ich mir dies

einzureden versuchte, ahnte ich, dass Scott für uns noch ein letztes Ass im Ärmel gehabt hatte, einen letzten durchaus geglückten Spielzug. Wie konnte ich nur so dumm sein und diesem Menschen trauen!? Es hätte mir auffallen müssen. Es hätte… „Tim? Weiß du, wo das Wasser ist?“ Reni lehnte mit einer grob zusammengeflickten Puppe im Arm gegen die

Kapitänskajüte. Ihr rotbräunlich schimmerndes, langes Haar
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fiel geflechtet über ihre schmalen Schultern. Sie wirkte so zierlich, wie sie da stand, oberkörperfrei nur in ihrem bunten Wickelrock. Und sie braucht das Wasser. Dringend. „Nein, aber ich werde Amani danach fragen. Warte, ich bin gleich wieder da.“, log ich, wobei ich mich an der Kleinen vorbei drückte, um unseren Führer zu suchen. Denn Amani war derjenige, der für mich noch eine Art Überblick hatte, den wir übrigen längst verloren haben mussten. Kurz lugte ich durch die verschmierte Scheibe der Kajüte, in der ich den Afrikaner Inneren vermutete. mit seinem Tatsächlich am Steuer unterhielt stehenden er sich im

Schwiegervater.

Kassian hockte in einer Ecke und spielte mit dem Gameboy, den ich ihm ausgeliehen hatte. Er schien von der Diskussion, die seine Familie führte, vollkommen unberührt. Für einen Moment zögerte ich, ob ich mich einmischen sollte, entschied mich aber mit dem flüchtigen Blick auf einen der Kanister, Amani schnellstmöglich davon zu berichten. Je früher, desto besser. Vielleicht würden wir den Kurs noch ändern können und spätestens am nächsten Morgen irgendwo in Liberia an Land gehen. Was dort wäre mit uns als illegale bei dem Einwanderer Gedanken, zu

geschehen

würde,

egal.

Denn

verdursten… „Amani, Richard? Wir…“ Als mich die beiden erstaunt

ansahen, biss ich mir auf die Zunge. Wie um alles in der Welt sollte ich ihnen sagen, dass…? „Wir haben ein Problem. Ein ziemlich großes Problem.“ Komm endlich zur Sache, Tim. Doch bevor ich fortfahren konnte, vernahm ich an Deck einen plötzlichen, Blickfeldes entsetzten bemerkte zu ich Boden Aufschrei. Renis ging.
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Im

Winkel die wo

meines den

Mutter, Dort,

neben

Wasserkanistern

ihre

Tochter

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gestanden hatte. Ohne mir weitere Beachtung zu schenken, stieß Amani mich zu Seite, drängelte sich durch die Menge der anderen Passagier zu der Frau, die den Kopf des kleinen Mädchens in ihren Schoss legte. Beschwörend flüsterte sie etwas, strich ihm immer wieder das Haar aus der Stirn. Mach die Augen auf, Reni. Los, mach endlich die Augen auf,

bettete ich, als ich mich ebenfalls neben ihr niederkniete. Aber aus ihrem Mund rann lediglich eine durchsichtige

Flüssigkeit. Vor Minuten hatte sie noch mit mir gesprochen. Was war bloß geschehen? Ihre dunkle Haut fühlte sich seltsam an, heiß und… und ausgetrocknet! Verwunderte ließ ich meinen Blick umherschweifen, der plötzlich an einem Eimer hängen blieb, der umgekippt in einer Lache lag. Dessen Inhalt

musste sich vor nicht allzu langer Zeit auf dem hölzernen Untergrund verteilt haben. Wasser? Die Kanister mochte alle leer gewesen sein. Trotz der misstrauischen Augenpaare im Rücken kroch ich zu der Lache herüber, tauchte meinen Finger in die Flüssigkeit. Es war Wasser… Sehr, sehr salziges

Wasser! Und Reni, Reni hatte es getrunken. Im Zweifelsfalle drei Viertel des Eimers. Entsetzt fuhr ich zu dem kleinen, immer schwächer atmenden Mädchen herum. Sie würde

austrocknen, bekäme sie nicht bald etwas zu trinken. „Holt Wasser!“, schrie ich aufgeregt, doch als sich

Suleika in Bewegung setzte, realisierte ich die Ironie, die das Leben meiner Freundin bestimmte. Sie hatte Wasser

getrunken, damit der sie quälende Durst aufhörte und nun drohte sie, an diesem zu ersticken. Und ich konnte nichts dagegen tun. Ich fühlte mich vollkommen hilflos, alleine gegen Gottes ungerechte Welt.

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„Wir haben kein Wasser mehr.“, meldete Suleika tonlos und sprach somit das aus, wozu ich nicht fähig gewesen sein mochte, bevor es zu spät war. Nein, es ist noch nicht zu spät! Noch nicht! Irgendetwas mussten wir doch für Reni tun können. Irgendwas! Ich war kein Arzt, ich hatte verdammt noch mal keine Ahnung, aber ich wusste, ich würde das

kleinen Mädchen nicht im Stich lassen. Ohne Punkt und Komma erklärte ich der Menge in knappen Worten, weshalb die

Jüngsten unter ihnen mit dem Tod rangen, als plötzlich Panik ausbrach. weil Fassungsloses jeden Gejammer. Wütende die Beschimpfungen, für sich

jeder

verdächtigte,

Vorräte

beansprucht zu haben. Nur Reni lag da, völlig regungslos im Schoss ihrer Mutter, konnte nicht mehr fluchen, nicht mehr weinen, bloß schlafen. Verzweifelt klopfte ich auf ihren Rücken, als könne ich so das Salz aus ihrem Körper prügeln. Wach auf, Reni. Bitte, wach auf. Ihre Puppe, die sie immer noch im Arm hielt, rollte zur Seite. Ihr Herz hatte

aufgehört zu schlagen. Nein, wach endlich auf! Ohne es zu beabsichtigen, drückte ich auf ihre Oberkörper. Einmal

leicht, dann etwas fester. Immer darauf bedacht, ihr keine Rippe zu brechen. So hatte ich es im Fernsehen gesehen - nur mit dem Unterschied, dass in dem flimmernden Kasten niemand wirklich Hilfe benötigte. Plötzlich fiel ein Schatten auf mein Gesicht. Der alte Mann ohne Namen kniete sich vor mir nieder, stieß die ängstliche Mutter und mich fort, um das Ohr auf Renis Oberkörper zu legen. Traurig schüttelte er den Kopf. Nein! Obwohl ich in diesem Augenblick verstanden, dass es vorbei war, wollte ich es nicht wahrhaben. Verzweifelt versuchte ich noch einmal, sie wieder zu beleben, betend,

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dass

sie

endlich

die

Augen

öffnete.

Aber

diese

blieben

verschlossen. Kein Herzschlag, kein Lebenszeichen. Auch das kleinen, fröhliche Mädchen, welches niemals die Hoffnung aufgeben hatte, befreit zu werden, gleich, ob es in Gefangenschaft aufgewachsen war, hatten die Todesengel zu sich in den Himmel geholt. Warum? Gott verdammt warum? Den Kopf in die Hände gestützt, starrte ich fassungslos in die sich unter mir schäumenden, wölbenden Fluten des

Atlantiks. Reni war weg; die Wellen hatten ihren in ein Tuch eingehüllten, kleinen Körper fort getragen. Ob an Land oder nur noch weiter auf den Ozean heraus entgegen der Grenze des Horizontes, wäre vollkommen gleich, denn sie würde es nicht spüren. Weder die Einsamkeit, die sie umgab, noch die Kälte. Nichts mehr. Und daran war ich alleine Schuld, weil ich sie nicht gerettet hatte. Sicherlich hätte es einen Weg gegeben. Es musste einen Weg gegeben haben, doch diesen hatte ich nicht genutzt. Ich war dafür verantwortlich, dass ihre

Mutter nun dort drüben neben der leeren Orangenkiste am Boden kauerte, nach ihrem Kind weinend, flehend, dass dieses zurückkäme. Warum? Gott verdammt warum? Das quälende

Bewusstsein, für etwas Schreckliches Rechenschaft ablegen zu müssen, ließ mir zum wiederholten Male diese Frage vor Augen erscheinen. Wie Neonleuchtreklamme, eine Irrfahrt durch eine längst verlassene Stadt mit demselben Schild an jeder Ecke, in jedem Schaufenster: Warum? - Du bist schuld, Tim. Gott verdammt warum? - Du bist Schuld. Und ich könnte es nie wieder gutmachen. Ich hatte sie sterben lassen an diesem 7. August, dem ersten Samstag das des Monates, der an dem wir

eigentlich

Gbagba-Za,

Erntedankfest
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Ewe

feiern

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wollten. Doch seit Reni… Nein, ich durfte diesen Gedanken nicht zu Ende führen. Glücklicherweise lenkte mich Tess ab, die plötzlich neben mich trat. „Amani hat mich gebeten, nach dir zu sehen. Ähm… Alles in Ordnung?“ Sie machte ein trauriges Gesicht. Da sie als blinde

Passagierin an Bord gelangt war, wurde sie vor allem in unserer momentanen wenn Die Situation auch von oftmals dass sie dem Großteil der -

Afrikanerin diskriminiert.

unbeabsichtigt die Tochter

Tatsache,

jenes

Mannes war, der uns gequält hatte, verstärkt dies zudem. Immerhin hatte sie in den vergangen Tagen trotz ihrer

Krankheit einige der Nahrungsmittel für sich beansprucht, die jetzt der Gesamtheit fehlten. Umgerechnet hätten wir ohne sie jeder im Durchschnitt etwa einen halben Liter

Wasser und ein paar Brote mehr essen und trinken können, doch das Ergebnis, oder dass wir alle gemeinsam bliebe entweder

verhungern

verdursten

würden,

unverändert.

Lediglich der Zeitpunkt verschöbe sich um einen Tag nach hinten. „Dumme Frage, schätze ich.“, fügte das Mädchen zögerlich hinzu. Ich hatte sie noch nie derart verunsichert erlebt. „Nein, schon gut.“ „Es tut mir Leid, was mit der Kleinen passiert ist. Ich habe sie kaum gekannt, aber nett war sie. Hat mich gestern noch mit ihrer Puppe getröstet, als…“ Sie unterbrach sich hastig, beobachtete die Wellen. „ Vergiss es.“ „Ich weiß, was du meinst.“ „Okay, gut, dann werde ich jetzt… Ähm… gehen.“
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Vorsichtig schlich sie zu dem besorgten Amani herüber, der versuchte, einen Konflikt zwischen Suleika und ihrem Freund Faraji zu lösen. Dabei schien er mit der Situation völlig überfordert, denn er konnte nichts mehr tun, um seine

Mitreisen zu ermutigen. Diejenigen, die eine Orange mehr gegessen haben, würden nicht einfach beim nächsten Mal auf eine verzichten. Denn es gab nichts mehr, worauf sie hätte verzichten müssen: Unsere Kanister, Kisten, Kartons waren leer.

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17. Kapitel
Menschen wissen, wenn ein Todesengel über ihnen die Arme ausbreitet, um sie in Empfang zu nehmen. Menschen wissen, wenn sie sterben. Die Passagiere der “Kamikaze” wusste dies ebenfalls, als die erste Welle gegen ihr Schiff schlug. Es war der 8. August, genau einundzwanzig Uhr fünfzehn, an dem sich die vielen Adern dieser Welle wie Bleistifte durch ein Papierboot zu bohren versuchten. Meerwasser prasselte wie der Speichel des Himmels auf ihre Köpfe herab. Erst wenig, langsam, schwach, plötzlich immer mehr, immer schneller,

immer kräftiger. Blitze zuckten über die schwarzen Wolken. Es setzte zu regnen ein. Dann traf die zweite Welle auf das Schiff. Blind kroch ich über das schwankende Boot, rutschte auf dem nassen Holzboden ab. Da wir alle zu sehr mit dem Streit um die Nahrungsmittel beschäftigt waren, hatte niemand von uns die drohende Wolkenwand bemerkt, die sich rasend von Osten näherte. Aber selbst wenn wir die Gefahr rechtzeitiger wahrgenommen hätten, wäre unser Schicksal trotzdem besiegelt gewesen. Denn wo sollte unser kleines Schiff Schutz suchen? In gewisser Weise ähnelten wir einem Kaninchen auf einer Lichtung, welches der Jäger längst im Visier gehabt hat. Die Glasscheibe der Kajütentür barst, Splitter schnitten mir ins Fleisch. Qualvoll riss ich den Mund auf, doch bevor ich schreien konnte, füllte er sich mit Meerwasser. Salzige Tränen rannen über meine Wangen, vermischten sich mit Blut. Wild flatterte die togolesische Flagge am Heck im

aufkommenden Sturm. Ihr Schatten huschte über die Gesichter der in Panik versetzten Menschen, die wie Gespenster in
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ihren durchnässten Gewändern über das Deck irrten. Durch die zerbrochene Fensterscheibe konnte ich Richard ausmachen, der das Steuer fest in seinen Händen hielt, jedoch nicht gegen das Kippen ankämpfte. In einem Fünfzigrad-Winkel neigte sich das Schiff. Wasser flutete über die Reling. Kanister und andere lose Gegenstände rollten über das Deck, fielen in die Dunkelheit herab. Nicht einmal der Aufprall, mit dem sie versanken, war zu hören. Schliddernd rutschte auch ich dem Abgrund entgegen, mit Händen und Beinen strampelnd, Augen und Mund geschlossen. Warmes Erbrochenes tropfte von meinen Mundwinkel in den Atlantik. Plötzlich wurde das Boot

zurückgeworfen. Alles wirbelte durcheinander, drehte sich. Chaos. Ich sah nichts, spürte nur das Brennen der

Schnittwunden, sonst nichts. Gott, lass es endlich vorbei sein. Doch anstatt meine Bitte zu erhören, spülte mich eine Welle erneut über das Deck. Kullernd wie ein altes Rohr krach ich mit dem Rücken gegen die Außenwand der Kajüte. Schmerzen blieb ich jagten auf durch dem meinen Körper. Völlig was entkräftet mit mir

Bauch

liegen.

Gleich,

geschehen würde, ich konnte nicht mehr. „Tim!“ Tränenblind grunzte ich leise, bäumte mich schwach auf. Ein Blitz schoss über den Himmel, gefolgt von einem tiefen Donnergrollen. Dadurch motiviert, zu töten, erfasste eine drei Meter Welle das Boot, ließ es auf sich reiten, nur um abschließend über ihm zusammenzubrechen. Als sich das Wasser für einen neuen Angriff zurückzog, war Suleika

verschwunden, die mir hat aufhelfen wollen. Sekundenspäter verlor auch Faraji den Halt, der sich an die Reling

gegenüber gekrallt hatte. Im Sturz wurde er hart von einer Orangenkiste am Kopf getroffen, woraufhin sein entsetztes
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Brüllen nach seiner Freundin augenblicklich erstarb. Er war tot, noch bevor er mit weit ausgebreiteten Armen in der Finsternis aufschlug. Nein! Verzweifelt klammerte ich mich an allem fest, was sich mir bot, fand… nichts! Nichts als Leere. Wind strich an meinen Wangen vorbei. Irgendwo - ich konnte nicht einmal mehr die Richtung ausmachen - schrien Menschen. Der Klang ihrer panischen Stimmen brannte sich wie ein Tinitus in mein Gehör. Als könne ich gegen den Fall ankämpfen, versuchte ich in den zwei Sekunden, die ich in der Luft verbrachte, wie ein Vogel mit den Armen zu rudern. Nur fliegen, fliegen konnte ich nicht. Fest presste ich die Lider aufeinander. Unter mir rauschten die Wellen wie eine Herde wild gewordener Stiere… Die brutale Kälte des Atlantiks war das Erste, was ich spürte, als mein, zu einem Stein gewordener Körper durch die Wasseroberfläche stieß. Wie ein Hammerschlag trieb sie mir die Luft aus der Lunge, hüllte mich in Eis, schleuderte meine Gefühle fort. Ich spürte mich selbst nicht mehr, nicht mehr das Kribbeln, nicht mit dem die Bläschen auf meine Lippen der

berührten,

mehr

den

Druck

meinen

Ohren,

entstand, als ich immer weiter in die Dunkelheit herab sank. Hier unten war es tot. Lautlos, still. Um mich herum alles schwarz. diesen Salzwasser entsetzt füllte aufriss. meinen Mundraum, sodass ich

Hoffnungen,

jemals

wieder

aufzutauchen und so etwas wie Wärme zu empfinden, hatte ich nicht, aber einen noch kläglichen Rest an Überlebenswille. Und dieser winzig kleine, klägliche Rest war stark. Du musst atmen, Tim. Meine Lungen in waren meinen bereits Adern. zum Atme. Zerreisen Langsam einen

gespannt. vollführte

Blut ich

pochte einen

schwachen
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Brustbeinschlag,

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zweiten, einen dritten. Doch jedes Mal wurde ich von einer eisernen Klaue zurückgezogen. "Lasst mich los!", schrie ich tonlos, lasst mich endlich los! Ich hatte keine Kraft mehr, ich musste Kay aufgeben, würde ich war kurz davor, ohnmächtig zu

werden.

ich

niemals

wieder

sehen.

Schockiert

schlug ich mit den Armen um mich. Nein, Tim, kämpfe. Kämpfe weiter. So schwer kann es nicht sein, diesem Meer zu

entkommen. Es hat keine Augen, keine Ohren, keine Nase. Es kann dich nicht riechen, hören, sehen. Erneut unternahm ich einen Versuch, als ich plötzlich kurz vor dem Auftauchen das Bewusstsein flatterten. verlor. Du Meine es… weit Nein, aufgerissenen meine Lungen Lider waren

schaffst

ausgepumpt, alle Wärme aus meinem Körper gewichen. Schwach machte ich einen letzten Brustarmzug. Verloren… Ob mich Haie ausfressen würden? Oder mich andere Fische in Stücke rissen? Wäre ich jetzt in den Fluten ertrunken, wäre dem sicherlich so gewesen. Aber seltsamerweise hörte ich einen

verzweifelten Ruf. Um diesem zu antworten, klappte ich den Mund auf, wieder zu, auf. Erstaunt bemerkte ich, dass der Widerstand des Wassers fehlte, und da wurde mir bewusst, ich hatte es geschafft. Irgendwie. Irgendwie, egal wie, ich

hatte es geschafft. Japsend schnappte ich nach Luft, legte mich dabei auf den Rücken, Meine damit mich die Wellen meine nicht Lippen

sofort

übermahnten.

Zähne

klapperten,

waren blau. Ich zitterte am ganzen Körper und könnte ich nicht meine bloßen Füße sehen, würde ich behaupten,

tatsächlich zu einer Eisskulptur geworden zu sein. In weiter Ferne vernahm ich ein tiefes Raunen, Rufe. Langsam glitt ich auf den Bauch. Hilfe! Hierher! Die dünne Kleidung bauschte sich unter Wasser auf, erschwerte mir das Schwimmen. Salz
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brannte in meinen Augen, die ich zusammenkniff, um besser meine Rettung auszumachen. Dabei winkte ich, erwiderte die Rufe. Hilfe! Ich bin hier! Hierher, hallo! Beinahe senkrecht geneigt, kippte die Kamikaze zur Seite. Ihr Todeskampf war entschieden, sie geschlagen. Und plötzlich erkannte ich,

dass es keine Rettung gäbe. Ich konnte immer noch nicht begreifen, vielleicht wollte ich es auch gar nicht. Vielleicht wollte ich nicht einsehen, dass ich sterben würde. Hier draußen, einsam, verlassen, alleine. Aber… Die ungeheure Kraft der Welle, die entstand,

als sich das stolze Schiff langsam auf dem Grund zu Bett legen wollte, zog mich mit in die Tiefe. Für einen

Augenblick hatte ich das Gefühl, nun wäre tatsächlich alles vorbei, doch die Angst, im Himmel gefangen zu werden und nie wieder zurück auf diese an der Erde zu können, spritzte versuchte um mir mir ich, einen

Adrenalin. meine

Zurück

Wasseroberfläche niederzukämpfen,

aufsteigende

Panik

Überblick zu verschaffen. Obwohl mir dies kaum gelang und ich immer hektischer mit den Armen zu rudern begann,

erkannte ich zu meinem Glück in einiger Entfernung einen länglichen Schatten. Hoffnungsvoll kraulte ich gegen die

Wellen auf ihn zu, schrie dabei um Hilfe. Hallo? Ist hier jemand? Hallo! Keine Antwort. Tess? Mathieu? Amani,

Dominique? Irgendwer? Bitte… Keine Antwort, keine Reaktion. Verzweifelt klammerte ich mich an den Gegenstand, bei dem es sich wohl um ein Brett handeln musste. Leise heulte der Wind, besänftigte die wütenden, Unheil bringenden Fluten, als wolle er sagen, dass es ihm Leid täte. Doch dadurch erwachte die Kamikaze dennoch nicht zu neuem Leben. Auch nicht Suleika oder Faraji.
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Kopf und Hände auf das Brett gelegt, den restlichen Körper im Wasser hängen lassend, aus Angst, dass Stück Holz könne unter meinem Gewicht sinken, schloss ich erschöpft die

Augen, obgleich ich wusste, dass es ein tödlicher Fehler wäre, einzuschlafen. Ich dachte an Mama und Papa. Trieb ziellos dahin. Dachte an Kay. Ob meine beste Freundin jemals davon erfährt, dass unser Schiff gesunken ist? Hoffentlich nicht. Sie soll sich keine unnötigen Sorgen machen müssen, sondern glücklich sein. Einfach nur glücklich in einer

gerechten Welt, die es nicht gibt. Die Erinnerung an Kay erweckte in mir neuen Überlebenswillen. Ich will sie wieder sehen. Schließlich hatte ich ihr dies versprochen. Und

Versprechen sind nicht zum Brechen da. Vorsichtig tauchte ich die rechte Hand ins Wasser, dann die linke. Wie groß ist der Atlantik? Ein paar tausend Meilen? Egal, ich werde bis zum Ende dieses Universum schwimmen, wenn es erforderlich wird. Mama und Papa, euch treffe ich später. Und die gute, alte Oma auch. Meine Beine unterstützten die Armbewegungen, jedoch nur langsam, um Kraft zu sparen. Da ich keinerlei Orientierung mehr besaß, entschied ich mich zunächst zu der Stelle zurück gelangen, wo die Kamikaze verschluckt worden war. Vielleicht wäre ich nicht alleine. Immer wieder brüllte ich um Hilfe, rief die Namen der anderen. Lauschte dem

schwach Südostwind, dem Rauschen der nun milden Wellen. Im Mondschein erkannte ich zwei regungslose Menschenkörper. Ein Bild des Grauens. Renis Mutter lag auf dem Rücken, die Augen starr. Als ich sank sie ihre zögernd Leiche antippte, in die ertrank sie. herab,

Bewegungslos

Finsternis

obgleich ich verzweifelt versuchte, sie festzuhalten. „Es… Es hat keinen Sinn, Tim…“, flüsterte eine heisere Stimme.
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Der alte Mann ohne Namen schüttelte schwach atmend den Kopf. Glücklich, nicht alleine zu sein, paddelte ich auf die Kiste zu, die er zitternd wie einen Schatz umklammerte. Eine Weile trieben wir schweigsam auf den Wellen, horchten dem

Zähneklappern des anderen, sodass ich trotz der Müdigkeit wach blieb. Wie lang konnte ein Mensch frieren, bis sein Wärme vollständig aus allen Zellen seines Körpers gewichen wäre? Ein paar Stunden vielleicht, schätze ich, um mir Mut zu machen. „Wo sind Je nachdem, wie dick sein Fell war. die anderen?“ Die Frage erklang als Echo in

meinem Gedanken. Wo sind die anderen? Wo sind die anderen… die anderen? Dabei war dieser Einwurf lediglich einer, der den Frieden spaltete. Denn solange niemand antwortete,

bliebe mir die Hoffnung. Der alte Mann wich meinem Blick aus, starrte auf die sich sanft wölbende Wasseroberfläche. Aus seinem leicht geöffneten Mund qualmte sein im Mondlicht sichtbarer Atem Vorsichtig hauchte er unterschiedlich große Kreise in die alte Nachtluft, sodass ich annahm, er habe mich nicht verstanden. Doch dann plötzlich schoss ein Kopf ruckartig zu mir herum. Sekunden beäugte er mich durch seine glasigen, fast grauen Augen, die Brauen ein Stück

hochgezogen. „Sie sind tot. Alle samt.“ Entgeistert schüttelte in den Kopf. Nein! Und möglich. Alle samt tot. Ausgeschlossen. Sicher haben sie es geschafft und der Afrikaner hatte sie lediglich nicht bemerkt.

Bestimmt waren wir getrennt worden und trieben verstreut herum. Denn das Meer war groß. So groß. „Richard wollte das Steuer nicht loslassen.“, fuhr der Alte tonlos fort. „Selbst, als das Schiff sank und er nicht
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mehr hätte tun können. Seine Kinder Dominique und Kassian blieben bei ihm. Amani ebenfalls. Dieses Mädchen… Die

Tochter des Sirs…“ Er unterbrach sich. Nicht auch noch Tess. Bitte… „Was ist mit ihr?“ Bitte, sie ist nicht tot. Gott, lass sie nicht in der Kajüte gewesen sein, als das Schiff von den Fluten verschluckt wurde. „Ich weiß es nicht.“, erwiderte der Togolese zu meiner Erleichterung, „Da war ein Hund, der durch das zerbrochene Fenster stürzte. Kalli, hat sie geschrien. Völlig panisch. Ich hatte ihre Schultern umklammert, um sie zu beruhigen, aber ich konnte sie nicht aufhalten, als sie ebenfalls

losließ, um ihrem Tier zu helfen. Wie im Affekt löste auch ich das Seil, mit dem ich mich gesichert hatte. Im Fall bemerkte ich eine weitere Gestalt. Einen Jungen. Doch, was nach dem Aufprall mit ihm geschah, kann ich dir nicht sagen. Nur, dass kurz danach der Todeskampf unseres Schiffes

beendet war und dass es die anderen mit sich in die Tiefe zog. Sie hatten keine Chance mehr. Faraji nicht. Suleika nicht. Amani nicht. Dominique nicht. Kassian nicht. Richard nicht. Renis Mutter mochte es wohl noch geschafft haben, aber sie konnte nicht schwimmen. Und ich nehme an, die

beiden anderen Kinder und Jabali ebenfalls nicht. Es tut mir Leid.“ Den Kopf gesenkt faltete er die Hände zum Gebet und murmelte unverständlich etwas auf Ewe. Ich selbst tat es ihm gleich. Gott, was hast du mit ihnen gemacht? Sie alle haben dir gedient. Alle samt ehrliche, wenn auch arme Togolesen… meine Freunde. Dir haben sie gedient, obgleich sie litten. Unter Hunger, unter Krankheit, unter dem Tod ihrer Familie. Warum hast du sie zu dir in den Himmel geholt, jetzt, wo ihr Traum greifbar wurde? Wieso hast
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du

sie

nicht

zu

einem

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früheren Zeitpunkt von ihrem Leid befreit? Ich kann dich nicht verstehen. Damals, Gott, habe ich dir geschworen, für Gerechtigkeit zu kämpfen. Leichtsinnig habe ich angenommen, du würdest mich dabei trotz unserer Feindschaft

unterstützen, weil es auch in deinem Interesse sein musste, Menschen zu helfen. Doch scheinbar irre ich wie in sehr vielen Dingen. Vermutlich lerne ich nie dazu. Gott,

allmächtiger Vernichter, meine Familie, Oma, Mama und Papa sind Gläubige. Jeden Sonntag waren wir in der Kirche, vor jedem Mahl haben wir gebetet und vor dem zu Bett gehen ebenfalls. Abends wenn ich müde bin, zehn Englein mit mir schlafen gehen… die Wo ist deine Mannschaft? Wo sind Wo die die

Verteidiger,

die

bösen

Träume

vertreiben?

Stürmer? Wo bist du Gott? Wo bist du? Schaust du bei einem Glas Blutorangensaft von deinem hohen Trainerstuhl auf das Feld herab, ohne einzugreifen? Wie soll ich dir vertrauen, wenn du das Spiel aus dem Gleichgewicht bringst? Nun gut, ich persönlich vertraue dir nicht mehr. In deinem Namen, bitte beschütze Amani, der immer ein guter Anführer und sicherlich auch ein wunderbarer Vater und Mann für Dominique gewesen wäre. Beschütze Kassian, meinen Freund, der oft das aussprach, was wir übrigen nicht taten. Faraji und Suleika, die mit ihrer Eleganz Probleme für Sekunden einfach fort wichen konnten. Bewahre auch ihren Frieden. Und den von Renis Mutter, die das aufgeweckte, kleine Mädchen zur Welt gebracht hat, das uns selbst in schwierigen Zeiten durch sein Unwissen ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Den von Richard ebenfalls, der nie die Vorstellung von Freiheit

losgelassen hat, und den von…

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„Jabali!“ Der erstaunte Aufschrei riss mich jäh aus meinen Gedanken. Verwirrt ließ ich meinen Blick durch die Schwärze der Nacht gleiten, als sich tatsächlich grobe, unförmige Bewegungen Körper vor uns abzeichneten. Hautfarbe beim Zunächst für den hatte ich den

aufgrund

seiner aber der

Schatten er

eines

Monsters

gehalten, Jabali,

Nähern

wirkte Wächter

durchaus Hauses

menschlich.

großwüchsige

des

Scott, hob grüßend die zitternde Hand. „Mawu sei Dank, dass wir euch finden.“ Wir? Dies musste bedeuten, dass noch jemand anders den Untergang des Schiffes überlebt hatte. Für einen Augenblick vergaß ich unsere missgünstige Lage. Strahlend vor Glück trommelte ich mit den tauben Fingern auf das Holz. „Wir? Wer ist wir?“, fragte ich von Spannung erfüllt. Noch bevor Jabali antworten konnte, tauchten hinter ihm zwei, mir wohlbekannte Gestalten auf. „Mathieu! Tess!“ Freudig machte ich den beiden auf dem Brett Platz, damit sich diese

festhalten konnten. Ich wusste es. Ich wusste, sie waren nicht tot. Ein forscher Seitenblick jedoch verdeutlichte mir zu meinem Entsetzen, dass es nicht mehr lange dauern würde, fände uns nicht bald jemand. Obwohl uns das sterbende Schiff nicht mit in die Tiefe gezogen haben mochte, nagte dennoch die Kälte an uns wie eine Ratte an einem Stück Brot. Es war eine Frage der Zeit und des Willens, wie lange jeder

Einzelne ihr fortlaufen konnte. Da die anderen drei bereits ein größeres Stück hatten schwimmen müssen, zerrte der Tod deutlicher an ihren Kräften, als es bei dem alten Mann und mir der Fall war. „Timothy…“ Zaghaft berührten Mathieus Finger meine Wangen, doch ich spürte sie kaum. „Vielleicht vergesse ich es, wenn
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wir in Spanien sind. Und damit du mich nicht in meiner Hängematte störst… Ich war dabei, als dein Papa starb.“ Entsetzt fuhren die Blicke zu meinem besten Freund herum, der eine Grimasse schnitt. Dabei zuckte sein zerfallenes Gesicht immer wieder, seine Mundwinkel hoben sich

unregelmäßig. Schon damals, als wir im Sand gesessen und die Orange geschält hatten, beschlich mich das Gefühl, als er dass der

afrikanische

Waisenjunge

mehr

wusste,

preisgeben

wollte. Viel mehr. Woher kannte er den Namen Scotts, ahnte, dass dieser ein Häscher war, ein böser Mensch? Das wirst du noch früh genug herausfinden. Nun war es beinahe zu spät. „Hat mein Dad etwas damit zu tun gehabt?“, raunte Tess am anderen Ende des Brettes. Die Hand des britischen Mädchens umklammerte den Hals eines erfrorenen Hundes. Ob es merkte, dass Kalli ebenfalls längst von den Todesengeln geholt

worden war? Selbst falls dem so wäre, würde es niemand zu lassen, dass sein geliebtes Tier im Meer versank. „Nein.“, erwiderte ich an Mathieus Stelle kopfschüttelnd. Tess sollte es nicht wissen. Nicht jetzt, vielleicht

einander Mal. Kays Stimme tauchte in meinen Gedanken auf. Vielleicht einander Mal. Ja, wenn sie dies sagte, klang es voller Hoffnung. Mein leerer Magen flatterte. Der Geschmack von Erdbeeren lag mir auf der Zunge, die bislang nur noch den des Salzes wahrnahm. Kay… „Ich wollte Keenan an seinem Geburtstag unbedingt eine Freude machen. Weil ich am Morgen keinen Fisch gefangen hatte, beschloss ich kurzer Hand flussabwärts mein Glück zu suchen. Dabei musste ich mich verlaufen haben. Schon gut, ich gebe es zu. Mit dir, Besserwisser, wäre das natürlich
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nicht passiert. Jedenfalls bin ich in meinem Eifer einfach weiter gerannt. Bis zu einer Lichtung, auf der dieses Haus mit einer Plantage stand, das aussah wie eine…“ „…Burg?“ „Burg? Was ist denn eine Burg? Egal. Ein tolles Haus. Dort wollte ich einen Fisch für Keenan stehlen, damit endlich einmal jemand meine Fangkünste bewundert. Die riesige Mauer wäre kein Hindernis gewesen. Schließlich bin ich ein guter Kletterer. vorbei? Aber ich die Menschen. dazu Wie sollte ich an denen es zu

Als

mich

durchgerungen

hatte,

versuchen, entdeckte ich… Zarin. Wirklich, er war‟s. Einer der Männer war Zarin. Erinnerst du dich?“ Nach meinem

bestätigenden Nicken fuhr er fort: „Ich habe ihn fragen wollen, ob er mir hilft, einen Fisch zu holen, doch dann ist er verschwunden. Zunächst habe ich mich gewundert, als

plötzlich der Motor des Planwagens startete, in dem ich mich versteckt hatte. So musste ich wahllos mitreisen. In einer Kurve angekommen, stieg Zarin aus, verbarg sich in einem Gebüsch. Aus Angst vor anderen Männer bin ich auf der

Ladefläche geblieben und habe das nun Folgende beobachtet: Ein Cabrio kam, bremste leicht in der Kurve ab. Sein Fahrer war dein Papa, Tim. Zarin bewegte sich langsam. Geschockt realisierte ich die beiden Messer in seiner Hand. Er zielte, zögerte, warf sie dennoch. Alle beide. Und beide trafen. Dann gab es einen fürchterlichen Aufprall. Ich dachte nur, vergiss den Fisch, lauf. Das tat ich auch. So schnell ich konnte.“ Atemlos rang Mathieu nach Luft. Das Sprechen fiel ihm sichtlich schwer, sodass lediglich die dumpfen Schatten

seiner letzten Worte in meinem Gehör erklangen.
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Zitternd wollte ich ihm auf die Schultern klopfen, als sein Kopf plötzlich widerstandslos nach vorne sackte und beinahe auf dem harten Holz aufgeschlagen wäre, hätte der alte Mann diesen nicht vorher aufgefangen. „Mathieu! Hey, Mathieu!“ „Was… was ist mit ihm?“, erkundigte sich die entgeisterte Tess leise. Niemand antwortete ihr. Der Alte flüsterte Jabali etwas ins Ohr, woraufhin Hände bester wir dieser des mit traurigen vom den Brett Tiefen Gesicht löste. des die

festgefrorenen versank Mathieu! mein

Jungen in ihm

Sofort Meeres.

Freund müssen

Nein,

helfen.

Großes-Spanien-

Ehrenwort. Er muss es schaffen. Es ist sein Traum. Ohne zu zögern, tauchte ich unter, fingerte blind nach seiner Hand, um ihn zurückzuholen. Salz brannte in meinen Augen. Schwarz, überall schwarz. Mathieu, Mathieu! In Spanien ist alles

bunt. Sonnenschirme, Strand, Meer. Komm zurück. Ich bin dir nicht böse. Niemals! Du bist doch mein Freund. Lass uns für immer Freunde sein, ja? Doch, als ich versuchte, weiter in das Herz des Ozeans vorzubringen, T-Shirts Mathieu! Dort zerrte mich etwas an ist am die nicht

klammen

Stoff

meines Nein,

zurück unten

Wasseroberfläche. Spanien.

Schwach strampelnd klammerte ich mich an das Brett. Tränen rannen mir über die Wangen. Wie durch eine zerschlagene Fensterscheibe betrachte ich die drei übrigen Menschen. Ihre weißen Gesichter verschwammen vor meinen Augen, wurden in tausend Stücke eines Mosaiks zerschlagen. In der Dunkelheit erkannte ich, dass auch Jabali seine Schwimmhilfe losließ.

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„Mir ist so kalt… So… so kalt.“, hörte ich Tess in weiter Ferne säuseln. Väterlich küsste der alte Mann der Tochter des Monsters die Stirn. „Mawu möge dich beschützen.“ Mit einem

absichtlich gewählten, beruhigenden Unterton drückten seine Hände dabei die ihre. „Euch… euch beide.“ Die Klauen der Kälte, die dort untern lauerte, zupfte immer kräftiger an seinem Gewand. Die von ihm in die Luft geblasenen Ringe wurden unregelmäßiger, bis sie vollständig verschwanden. Es ging alles derart schnell, dass ich es kaum begreifen konnte. Wir sind zu erschöpft, um zu trauern. Zu erschöpft, um wahrzunehmen, wie jeder unserer Freunde von uns geht… bis wir schließlich selber gehen, jeder für sich an einen

unbestimmten Ort. Ob ich zu Mama und Papa in den Himmel komme, obwohl ich ungezogen bin? Und werde ich dort oben Mathieu und Reni und Zarin und die anderen wieder sehen? Verdammt, ich mag kein Weiß, ich hasse es sogar. Ich möchte nicht gehen müssen, möchte hier unter auf der Erde bleiben. Hier unten bei Kay. „Bestimmt kommt bald ein Schiff vorbei.“, flüsterte ich in die Stille hinein, Ozeans als wir inmitten des riesigen, unserem

atlantischen

trieben,

tausende

Meilen

von

Ziel, der Küste Spaniens, entfernt. Es soll der einzige Satz bleiben, der in den nächsten Minuten und Stunden meine blauen Lippen verlässt. Bestimmt kommt bald ein Schiff vorbei. Doch es kommt kein Schiff, weder heute, noch morgen, noch irgendwann. Nie mehr, Kay…

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Epilog
Am 9. August 2004 wurde unmittelbar vor der britischen Atlantikinsel stammenden Sankt Helena Wrackteile Die eines bisher aus Togo

Schiffes

entdeckt.

gefundenen

Flüchtlinge an Bord konnten jedoch nur tot aus den Fluten geboren werden. Unter den Opfern seien, laut Aussage eines Polizisten, auch zwei europäische Kinder, deren Alter auf zehn bis zwölf Jahre geschätzt wird. Die Ursache für die Tragödie ist bislang unklar. Dennoch kann vermutet werden, dass sich das Schiff in einem bereits nicht mehr seetauglichen Zustand befunden

haben musste, als es das afrikanische Festland verließ, und daraufhin in dem gestern wütenden Sturm gekentert war. Obwohl man dem britischen Millionär und Forscher Sir

Doktor Maurice Anthony Scott aufgrund der Telefonnummer, die man bei der Obduktion des toten Junges in dessen Handfläche fand, mit dem Sinken der Flüchtlingsschiffes “Kamikaze” in Verbindung werden. Vierzig Jahre nach der Tragödie erlag Scott einer brachte, konnte diesem nie etwas nachgewiesen

Überdosis eines von seinem eigenen Unternehmen hergestellten Medikamentes, welches vor dem HIV-Virus schützen sollte. Daraufhin beendete der portugiesische Neurologe Vasco

Igmanias als letzter Anhänger des Mannes kurze Zeit später aus Angst vor Enthüllung die Ausbeutung der togolesischen Bevölkerung. Kay Linn Brown erfuhr sie Jahre nie von dem Tod ihres Studium in besten als

Freundes,

obgleich zwei

nach lange
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ihrem

Heilpraktikantin

vergebens

Spanien

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Nachforschungen

anstellte,

bei

denen

sie

ihren

späteren

Ehemann Riccardo O‟ Neil kennen lernte, mit dem sie ein lang ersehntes Leben genoss. Der Kuscheltierlöwe erhielt einen Ehrenplatz neben ihrem Kopfkissen und wenn immer ihre beiden Töchter oder ihre Enkel sie danach fragten, erzählte sie mit einem Strahlen in ihren geheimnisvoll funkelenden Augen von dem kleinen

Jungen, der mit seiner Angst, die aller Übrigen vertrieb. “Stell dir vor, es kann nur einen geben. Aber es wird einen geben. Und dieser eine, der warst du, Tim.”

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