Sagen aus Deutschland

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Mit über 400 Sagen eine der umfangreichsten Sammlung deutscher Sagen nach Bundesland sortiert.

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Inhalt
Sagen aus Bayern.................................................................................................14 Das Goldlaiblein.............................................................................................15 Der Schatz auf dem Hohenbogen.................................................................16 Der Schimmelturm zu Lauingen...................................................................20 Der Schmied von Mitterbach........................................................................22 Der betrügerische Anwalt von München....................................................27 Die "wilde Jagd" bei Lengenfeld.................................................................28 Die 'lange Agnes' im Walde bei Furth........................................................29 Die Burgruine Rabenschaichen bei Kempten............................................30 Die Wirtin von Schweinau.............................................................................32 König Watzmann.............................................................................................33 Otto Seemoser, der Torwart zu Freising....................................................35 Schloß Leuchtenberg in der bayerischen Oberpfalz.................................36 Sagen aus Brandenburg ......................................................................................38 Das gefangene Lüchtemännchen im Havelland........................................39 Der Schmied von Jüterborg..........................................................................41 Der Teufel und die Holzhauer am Zootzen................................................43 Der Teufel zu Spandau..................................................................................45 Der Trümmelmann des Alten Fritz..............................................................46 Der unfehlbare Schuß im Prenzlauer Stadtwald.......................................49 Die Erlösung des Großmütterchens in Gransee .......................................50 Die Roggenmuhme .........................................................................................52 Die Teufelsmühle bei Neu-Brandenburg....................................................53 Die drei Linden auf dem Heiligen-Geist-Kirchhof zu Berlin..................55 Die verwunschene Prinzessin auf den Müggelbergen..............................57 Markgraf Hans auf der Jägersburg im Regenthinsee..............................59 Spuk in Tegel...................................................................................................61 Sagen aus Franken...............................................................................................62 Albrecht Dürer - Dürers Adel ......................................................................63 Das Stundenhorn ............................................................................................65 Das Brettener Hundle....................................................................................66 Das Christusbild in der Neumünsterkirche zu Würzburg........................67 Das Drudendrücken in Nürnberg ................................................................68 Das Gänsemännlein.......................................................................................70 Das Nassauer Haus........................................................................................71 Das Reierer Freßglöcklein in Würzburg ....................................................72 Das Vesperläuten zu Aub..............................................................................73 Das zerhackte Lederkoller............................................................................74 Der Burggraf wird eingemauert ..................................................................75

Der Dudelsackpfeifer.....................................................................................77 Der Friedensschuß.........................................................................................80 Der Goldene Ofen ..........................................................................................82 Der Hausgeist zu Nürnberg..........................................................................84 Der Heiltumsstuhl...........................................................................................86 Der Hohlweg neben dem fünfeckigen Turm...............................................88 Der Kaiser in der Wirtsmütze.......................................................................90 Der Kaiser und der Landstreicher...............................................................93 Der Kreis aus freier Hand ............................................................................94 Der Neptunbrunnen........................................................................................96 Der Nußkaspar von Nürnberg ......................................................................99 Der Pudel am Tiergärtnertor.................................................................... 105 Der Ring im Brunnengitter........................................................................ 107 Der Schuß nach dem eisernen Christus................................................... 109 Der Schwedenkrug...................................................................................... 111 Der Teufelsstein auf der Rhön................................................................... 113 Der Totenschädel......................................................................................... 114 Der Turm des Rathauses von Rotenburg................................................. 115 Der tiefe Brunnen........................................................................................ 116 Die Barthelversetzer ................................................................................... 118 Die Eidechse................................................................................................. 120 Die Fliege auf der Leinwand..................................................................... 121 Die Leidensstationen von St. Johannis.................................................... 122 Die Schwesternglocken von Aschaffenburg ............................................ 124 Die Schützenliesel........................................................................................ 125 Die Sensenschmiede von St. Jakob........................................................... 133 Die Sonne Italiens....................................................................................... 139 Der feine Pinsel ........................................................................................... 140 Die Steckenreiter......................................................................................... 141 Die Toten wollen ihre Ruh' ........................................................................ 143 Die Totenmesse ............................................................................................ 144 Die Wette mit dem Teufel ........................................................................... 146 Die Wurstpredigt......................................................................................... 149 Die betenden Pferde.................................................................................... 154 Die blaue Agnes........................................................................................... 156 Die dicken Türme ........................................................................................ 160 Die schwarze Kuh in Schlottenhof bei Arzberg...................................... 161 Die verwunschene Jungfrau auf Schloß Schönstein bei Röttingen..... 162 Dr. Schildkrot und das Zwölfbrüderhaus................................................ 166 Ein Schusterjunge kommt in den Kaiserpalast....................................... 168

Ein Zirkelschmied bekommt keine Königstochter, aber ein schlauer Pater einen Bischofshut.............................................................................. 170 Ein guter Schütze......................................................................................... 172 Eine unglückliche Hochzeit auf der Burg................................................ 174 Goldsuchende Venediger im Fichtelgebirge........................................... 176 Hans Stark .................................................................................................... 178 Kaiser Karl ist unterwegs... ....................................................................... 179 Notburga in Hochhhausen am Neckar..................................................... 180 Peter Henlein................................................................................................ 183 Peter Vischer und seine Söhne.................................................................. 184 Serpentina von Dinkelsbühl....................................................................... 186 So benimmt sich kein geborener König................................................... 191 Till Eulenspiegel als Professor der Medizin........................................... 192 Veit Stoß - Der Todesblick......................................................................... 194 Veit Stoß........................................................................................................ 196 Vom Fischfangen in Pillenreuth............................................................... 197 Vom Heiligen Deokarus............................................................................. 198 Vom Heiligen Egidius................................................................................. 199 Vom Heiligen Laurentius mit seinem Rost.............................................. 201 Vom Männlein laufen.................................................................................. 204 Vom Siechenkobel........................................................................................ 206 Von der Nürnberger Freiung..................................................................... 207 Von der närrischen Gusterti...................................................................... 209 Von der schönen Frau Huli aus Hasloch................................................ 212 Warum abends um neun Uhr die grossen Glocken läuten................... 215 Welche Blume ist es gewesen? .................................................................. 218 Wer trägt da eine Kanone spazieren?...................................................... 219 Wie der Friedhof von St. Johannis enstanden ist................................... 222 Wie der König Wenzel getauft wurde....................................................... 223 So benimmt sich kein geborener König................................................... 225 Wie der Teufel den Schusserbuben geholt hat........................................ 226 Wie die Nürnberger das große Spital bekamen...................................... 227 Schöne Hoffräulein gehen in die Klause................................................. 229 Wie die große Linde in den Burghof kam................................................ 231 Wie es dem Klösterlein weiter ergangen ist............................................ 234 Sagen aus dem Harz ......................................................................................... 235 Das Mädchen von der Quästenburg bei Roßla...................................... 236 Das Mädchen von der Wegsmühle ........................................................... 238 Der Schäfer von Wernigerode und der Alte aus dem Berg .................. 242 Der Weinkeller von der Himmelspforte bei Wernigerode .................... 244 Der starke Zwerg auf dem Kyffhäuser..................................................... 248

Die Entstehung der Bergwerke zu Rammelsberg................................... 250 Die Fahrt nach dem Brocken.................................................................... 253 Die Roßtrappe.............................................................................................. 255 Die fleiße Liese in Claustal........................................................................ 258 Die weiße Jungfrau in der Burg................................................................ 260 Osterode........................................................................................................ 261 Frau Holle als Ehestifterin in Andreasberg............................................ 263 Sagen der Hansestädte..................................................................................... 265 Dat lütte Rümeken ....................................................................................... 266 Der Graf, der nicht verwesen durfte ........................................................ 268 Der Lübecker Freiheitsbaum..................................................................... 270 Der Meerweizen........................................................................................... 271 Der Meerweizen........................................................................................... 272 Der Nachtwächter und die Gans............................................................... 273 Der Schatz..................................................................................................... 274 Der Teufel als Schatzhüter......................................................................... 276 Des Teufels Kapelle..................................................................................... 279 Des Teufels Stiefel ....................................................................................... 280 Die Elbgeister............................................................................................... 284 Die Gluckhenne............................................................................................ 286 Die Saake...................................................................................................... 287 Die sieben Faulen........................................................................................ 289 Ein Verbündeter des Teufels...................................................................... 290 Hahl awer!.................................................................................................... 291 Henkersnot.................................................................................................... 294 Klaus Störtebeker und Godeke Michels................................................... 296 Moder Dwarksch......................................................................................... 301 Rebundus....................................................................................................... 303 Spökenkieken................................................................................................ 305 Würfelspiel mit Gespenstern...................................................................... 306 Sagen aus Hessen.............................................................................................. 308 Das Schicksalsstübchen auf dem Burgberg ............................................ 309 Der Fluch des Fremdlings zu Gießen...................................................... 311 Der Hexenritt bei Dieburg......................................................................... 313 Die Erlösung suchende Jungfrau von Auerbach.................................... 314 Die Jungfern von Döngessee..................................................................... 316 Die Moorjungfern auf der hohen Rhön.................................................... 317 Doktor Aphrasterus..................................................................................... 318 Frau Holles Gericht über den Honighof am Hirschberg ..................... 321 Rodenstein und Schnellerts........................................................................ 324 Sagen aus Mecklenburg................................................................................... 327

Böser Mainachtzauber bei Schwerin....................................................... 328 Das Petermännchen von Schwerin........................................................... 330 Das Riesenkönigsgrab bei Melkhof.......................................................... 334 Das spukhafte Weib zu Rittermannshagen.............................................. 336 Der Pfingsttänzer von Kessin.................................................................... 338 Der Werwolf von Klein-Krams.................................................................. 340 Der gefangene Teufel von Dreilützow ..................................................... 343 Die Himmelfahrtstänzer vom Tannenkrug bei Dassow ........................ 345 Die Kaienmühle bei Rostock...................................................................... 346 Die Unterirdischen im Lindenberg bei Penzlin...................................... 348 Die Wundereiche bei Stäbelow................................................................. 350 Die rote Ilse von Parchim.......................................................................... 352 Teufelsbesuch in Großen- Methlind ......................................................... 354 Sagen aus Niedersachsen................................................................................. 356 Camper Stör ................................................................................................. 357 Das Bullenmeer im Saterland.................................................................... 358 Das Riesenfräulein von der Lauenburg bei Heyen................................ 359 Das Steenhuus bei Bunde........................................................................... 360 Das Unwetter................................................................................................ 361 Das liebe Brot .............................................................................................. 363 Das taube Tal bei Winkel an der Aller..................................................... 364 Der Bauer, der die Grenzsteine versetzt hat........................................... 367 Der Brautstein bei Lüchow........................................................................ 368 Der Geist von Ramsloh............................................................................... 369 Der Gevatterbrief vom Schalksberg bei Gilde....................................... 371 Der Huckup von Hildesheim...................................................................... 373 Der Rattenfänger zu Hameln..................................................................... 375 Der Rosenstrauch zu Hildesheim.............................................................. 377 Der Sonntags-Buttfang von Butjadingen................................................. 378 Der Teufel als Schatzhüter bei Bremen ................................................... 380 Der Teufel und der Pastor von Bockhorn ............................................... 383 Der böse Graf von Wildenfels ................................................................... 385 Die 'Waldridersken'..................................................................................... 386 Die Dambecksche Glocke in Röbel.......................................................... 389 Die Glocken von Debberode...................................................................... 390 Die Springwurzel auf dem Köterberg bei Holzminden......................... 391 Heinrich der Löwe....................................................................................... 393 Zwölf ungerechte Richter........................................................................... 398 Zwei Juister kommen in den Himmel ....................................................... 400 Zwerge in den Schweckhäuser Bergen.................................................... 401 Sagen aus der Pfalz........................................................................................... 403

Der Nonnenfels bei der Hartenburg......................................................... 404 Der Pfeilschuß auf den Ritter von Than .................................................. 406 Der Rabe auf der Burg Stolzeneck ........................................................... 408 Der Riesenstein bei Heidelberg ................................................................ 410 Der Ritter vom Huneberg........................................................................... 411 Der arme Fiedler unserer lieben Frau im Dom zu Mainz.................... 413 Der weiße Peter auf der Wachtenburg .................................................... 417 Die Lilie zu Altenbaumberg....................................................................... 420 Die Wolfskirche bei Bosenbach................................................................ 423 Eine Luftfahrt von Pirmasens nach Gersbach........................................ 424 Franz von Sickingen auf Ebernburg und der Geist vom Rotenfelsen. 426 Kaiser Rudolfs Ritt zum Grabe ................................................................. 428 Sagen aus Pommern ......................................................................................... 429 Der Fünflöcherstein bei Zarrentin........................................................... 430 Der Klabatermann in Pommern................................................................ 431 Der Klabautermann.................................................................................... 432 Der Kornwucherer ...................................................................................... 449 Der Mägdesprung auf dem Rugard.......................................................... 450 Der geizige Graf von Eberstein................................................................. 451 Die Glocken im schwarzen See bei Wrangelsburg................................ 452 Die Prinzessin Svanvithe und die Schätze unter dem Garzer Wall auf Rügen............................................................................................................. 453 Die goldene Henne in Vineta..................................................................... 455 Die sieben eingemauerten Bauern zu Turow.......................................... 456 Die vier Rappen........................................................................................... 457 Sankt Nikolaus in Greifswald.................................................................... 459 Schatzgräberei in Bartelshagen................................................................ 460 Sagen aus Posen................................................................................................ 461 Das Hollenweibchen von Nemmersdorf .................................................. 462 Der Tanz mit dem Teufel zu Danzig......................................................... 463 Der Topich vom Swenty-See bei Osterode.............................................. 464 Die Riesen von Insterburg.......................................................................... 465 Die Seejungfrauen im Tilsiter Schloßteich.............................................. 466 Die Unterirdischen und das Glück eines Bauern................................... 468 Die Unterirdischen und der Graf zu Eulenburg..................................... 469 Ein Meisterschuß im Kampf um die Marienburg................................... 471 Riesenwerke im Kurischen Haff ................................................................ 476 Sagen aus dem Rheinland................................................................................ 477 Das Gnadenbild zu Klausen...................................................................... 478 Das Haus der Frau Richmut zu Köln....................................................... 480 Der Kalkbrenner aus Birkenfeld und der Teufel.................................... 482

Der Mäuseturm ............................................................................................ 484 Der Mäuseturm bei Bingen........................................................................ 486 Der Riese im Treiser Schock ..................................................................... 489 Der Schmied und die Zwerge von Müngsten.......................................... 491 Der Traum vom Glück auf der Brücke zu Koblenz................................ 493 Der Wechselbalg von Schalken................................................................. 495 Der heilige Mauritius auf dem Speicher zu Georgsweiler................... 497 Die Johannisopfer zu Schönrath............................................................... 499 Die Jungfrau am Drachenfels ................................................................... 500 Die Neunhollen in Georgsweiler.............................................................. 502 Loreley........................................................................................................... 505 Zwerge als Hirten am Niederrhein........................................................... 508 Sagen aus dem Saarland .................................................................................. 509 Das Hufeisen auf dem Breitenstein.......................................................... 510 Der Bausmärten von Schwemlingen........................................................ 512 Der Riese Kreuzmann auf dem 'großen Stiefel' bei Ensheim............... 515 Der Saarfischer von Leukergrub und die Glocken in der Saar........... 517 Der Teufel als Wildsau............................................................................... 519 Der Teufel und der Fuhrmann von Weiten ............................................. 520 Der Teufelsschornstein auf dem Eisenkopf bei Saarhölzbach............. 522 Der Wallerbrunnen bei Saarbrücken....................................................... 524 Der ewige Jäger von Bliesbolchen........................................................... 525 Der unheimliche Jäger von St. Ingbert.................................................... 526 Die Heinzelmännchen von Serrig ............................................................. 528 Die Teufelsbeschwörung in der Düppenweiler Mühle.......................... 530 Die guten Zwerge von Ensheim................................................................. 532 Sagen aus Sachsen............................................................................................ 533 Das Kegelspiel der Querxe in Neustadt................................................... 534 Der Basilisk in Torgau............................................................................... 535 Der Lindwurm von Syrau........................................................................... 536 Der Pumphut im Vogtland......................................................................... 538 Die Buschweiblein....................................................................................... 540 Die Elbjungfrau von Magdeburg.............................................................. 542 Die Geisterkatze von Magdeburg ............................................................. 544 Hexen in der Walpurgisnacht in der Lausitz.......................................... 545 Sagen aus Schlesien.......................................................................................... 547 Das 'Hoawiif' in Brüssow........................................................................... 548 Das Bild in der weißen Kapelle zu Oberglogau..................................... 550 Der betrogene Teufel .................................................................................. 552 Die Zwergenhochzeit auf Schloß Bünau.................................................. 553 Die sieben Riesen im Spitzberge zu Schwiebus...................................... 554

Die tapferen Weiber zu Gleiwitz............................................................... 556 Die treue Bergmannsbraut......................................................................... 558 Die wiedergefundene Glock e von Glatz .................................................. 560 Erlösung eines Ritters und einer Jungfrau in Neudorf......................... 561 Petrus und der Teufel.................................................................................. 564 Rübezahl-Legenden..................................................................................... 566 Von den Irrlichtern bei Alt-Bielitz............................................................ 569 Sagen aus Schleswig-Holstein ........................................................................ 571 Das Haus mit neunundneunzig Fenstern bei Witzwort......................... 572 Der Bau der Laurenzi-Kirche auf der Insel Föhr.................................. 573 Der Geist auf Blangenmoor....................................................................... 575 Der Schimmelreiter vom............................................................................. 578 Eidelstedter Deich....................................................................................... 579 Der Wassermann in der Mühle zu Steenholt........................................... 580 Der Werwolf von Hüsby ............................................................................. 582 Der Wode ...................................................................................................... 583 Der alte Jakob.............................................................................................. 585 Der liebe Gott und der Teufel.................................................................... 587 Der unerfahrene Teufel .............................................................................. 589 Der versöhnte Niss auf Stapelholm.......................................................... 590 Die Abfahrt der Zwerge aus den Hüttemer Bergen............................... 592 Die Kartenspieler von Stellau................................................................... 594 Die Sage vom Pfennig-Pfuhl bei Dahme ................................................. 595 Die Teufelskatze........................................................................................... 598 Die Zahlen Eins bis Sieben ........................................................................ 599 Die Zwergenschmiede im Hüggel bei Osnabrück.................................. 604 Die rote Jacke.............................................................................................. 606 Geisterbanner auf Satrupholm.................................................................. 608 Graf Rudolf auf der Bökelnburg ............................................................... 611 Inge von Rantum und der Meermann auf Hörnum................................ 614 Knaben entscheiden einen Rechtsfall bei Tondern................................ 616 Pidder Lüng.................................................................................................. 618 Sagen aus Schwaben........................................................................................ 628 Das Bleichebrückle zwischen Löffingen und Rötenbach...................... 629 Das Galgenbrünnele von Geißlingen....................................................... 630 Das Hornberger Schießen.......................................................................... 631 Das Rockenweiblein bei Schloß Eberstein im Schwarzwald................ 632 Das Schrättele von Obersdorf im Allgäu................................................. 635 Das hochmütige Schloßfräulein von Steinen.......................................... 636 Das kopflose Weiblein zu Münsingen...................................................... 637 Der Geisterbaum von Altdorf.................................................................... 638

Der Haalgeist von Schwäbisch-Hall........................................................ 639 Der Müller von Göttelfingen..................................................................... 640 Der Popele von Hohenkrähen................................................................... 641 Der Riese Romeias von Villingen............................................................. 646 Der Schmied von Hechelbach................................................................... 649 Die Glocke von Wunnenstein..................................................................... 651 Die Hexenversammlung bei Zavelstein.................................................... 653 Die Wallfahrt zweier Schwaben nach Compostella............................... 654 Die Wurmlinger Kapelle............................................................................ 656 Die drei Jungfrauen vom Mummelsee bei Seebach............................... 658 Die goldene Windfahne auf der Güssenburg bei Giengen ................... 659 Die schöne Melusine und das Schloß Staufenberg................................ 663 Hexentanz auf dem Heuberg in der Schwäbischen Alb........................ 665 Käsperle von Gomaringen......................................................................... 666 Kloster Allerheiligen im Schwarzwald..................................................... 668 Sagen aus Thüringen........................................................................................ 670 Betrüger und Bedrücker............................................................................. 671 Christiane von Lasberg .............................................................................. 673 Das Faust-Gäßchen zu Erfurt ................................................................... 674 Das Heufuder ............................................................................................... 675 Das Jagen im fremden Walde.................................................................... 676 Das Kristallsehen........................................................................................ 678 Das Leichentuch.......................................................................................... 679 Das Mäuselein.............................................................................................. 681 Das Schloß am Beyer.................................................................................. 682 Das Teufelsbad............................................................................................. 684 Das Waldweiblein von Wilhelmsdorf....................................................... 685 Das erschrockene Wichtel von Gössitz.................................................... 686 Der Advokat.................................................................................................. 687 Der Erdspiegel............................................................................................. 688 Der Farnsame und der Mann aus Berka................................................. 690 Der Graf von Gleichen............................................................................... 691 Der Höselberg.............................................................................................. 692 Der Pfarrer von Rosa ................................................................................. 693 Der Riesenfinger.......................................................................................... 694 Der Riesenfinger auf dem Hausberg an der Saale................................ 695 Der Schnupftabaksmann............................................................................ 696 Der Wartburger Krieg................................................................................ 698 Der hart geschmiedete Landgraf.............................................................. 702 Der wilde Jäger und sein Gefolge in den Zeitzer Wäldern .................. 704 Der wilde Jäger jagt die Moosleute......................................................... 707

Der zu Ruhla hartgeschmiedete Landgraf.............................................. 708 Die Erdhenne................................................................................................ 710 Die Hexenbälge............................................................................................ 711 Die Jungfrau mit dem Bart ........................................................................ 712 Die Krone des Otternkönigs...................................................................... 713 Die Rosen...................................................................................................... 714 Die Saalenixe................................................................................................ 715 Doktor Faust in Erfurt................................................................................ 716 Doktor Luther zu Wartburg ....................................................................... 718 Ein Hexenzug................................................................................................ 719 Erlöste Feuermänner.................................................................................. 720 Farnsamen.................................................................................................... 721 Feuerbeschwörer......................................................................................... 722 Frau Holla und der treue Eckart .............................................................. 723 Frau Perchta und die Heimchen im Saaletal.......................................... 724 Georg Kresse................................................................................................ 726 Kinder angelernt.......................................................................................... 727 Koppy............................................................................................................. 729 Lindwürmer .................................................................................................. 731 Ludwig ackert mit seinen Adligen............................................................. 732 Ludwig der Springer................................................................................... 734 Luthers Widersacher................................................................................... 736 Mißglückte Schatzhebung........................................................................... 737 Nonnenprozession....................................................................................... 738 Pölsmichel..................................................................................................... 739 Riese und Drache ........................................................................................ 740 Vertreibung der Pest................................................................................... 741 Wie Ludwig Wartburg überkommen ........................................................ 742 Zauberkräuter kochen................................................................................. 743 Zwergenkegel............................................................................................... 745 Sagen aus Westfalen......................................................................................... 746 Bielefeld......................................................................................................... 747 Das Dorf Eine .............................................................................................. 748 Das Gelübde der Geister............................................................................ 749 Das Hillertsloch........................................................................................... 750 Das Hufeisen auf dem Überwassers-Kirchhofe ..................................... 751 Das Stift Gevelsberg.................................................................................... 752 Das alte Schloß zu Raesfeld....................................................................... 753 Das eingemauerte Kind.............................................................................. 754 Das unheimliche Feuer............................................................................... 755 Das weiße Mütterchen................................................................................ 756

Der Berggeist ............................................................................................... 757 Der Bremmenstein....................................................................................... 758 Der Durant ................................................................................................... 759 Der Eichbaum zu Strohen.......................................................................... 760 Der Geist am Meer ...................................................................................... 761 Der Geisterschimmel .................................................................................. 762 Der Glockenguß zu Attendorn ................................................................... 763 Der Hase im Wege....................................................................................... 765 Der Heidemann............................................................................................ 766 Der Herr von der Wewelsburg .................................................................. 767 Der Kirchturm in Gildehaus...................................................................... 769 Der Kärrner zu Gesicke in Westfalen ...................................................... 771 Der Name der Stadt Unna.......................................................................... 772 Der Rentmeister Schenkewald................................................................... 773 Der Sarg in der Küche................................................................................ 775 Der Teufel in der Davert ............................................................................ 776 Der Zehn-Uhrs-Hund zu Wiedenbrück .................................................... 777 Der böse Geist.............................................................................................. 778 Der ewige Jude ............................................................................................ 779 Der westfälische Pumpernickel................................................................. 780 Die Braut als Hexe ...................................................................................... 781 Die Eggester Steine..................................................................................... 783 Die Kartause bei Nottuln........................................................................... 785 Die Sage von dem Fräulein von Rodenschild......................................... 786 Die Steine in der Davert............................................................................. 788 Die Teufel im Wartturm bei Beckum........................................................ 789 Die Westfalen ............................................................................................... 790 Die alte Linde zu Laer ................................................................................ 791 Die beiden Schwestern................................................................................ 792 Die beiden heiligen Ewalde....................................................................... 793 Die geheime Richtstätte zu Horst.............................................................. 795 Die reitenden Hexen.................................................................................... 797 Die ungetaufte Glocke................................................................................ 798 Eine Hexenverbrennung............................................................................. 799 Festgebannt.................................................................................................. 801 Geisterhund.................................................................................................. 802 Geistersagen aus Lippe.............................................................................. 803 Heybrock....................................................................................................... 805 Hostienwunder............................................................................................. 806 Iserlohn.......................................................................................................... 807 Jungfer Eli .................................................................................................... 808

Magd holt Feuer.......................................................................................... 810 Marienmünster............................................................................................. 811 Minden........................................................................................................... 813 Spuk in der Brennerei ................................................................................. 814 Spukende Nonnen........................................................................................ 816 Spukgeschichten aus Wildeshausen.......................................................... 817 Spukhund....................................................................................................... 819 Timmermanns »Skitz" ................................................................................. 820 Weking in der Babilonie............................................................................. 821 Zirkzirk .......................................................................................................... 823

Sagen aus Bayern

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Das Goldlaiblein
Einst hüteten am Ochsenkopfe zwei Knaben und ein Mädchen die Schafe. Die Knaben waren Kinder wohlhabender Landleute; des Mädchens Eltern aber waren arm. Die kleinen Gefährten erzählten sich allerIei Geschichten. Da gesellte sich zu ihnen ein graues Männlein, das aufmerksam ihren Gesprächen zuhörte. Endlich sprach es: "Ihr seid gute Kinder. Darum will ich auch nicht von euch gehen, ohne euch zu beschenken." Es zog aus der Tasche drei Laiblein Brot und gab jedem Kind eines. Darauf entfernte es sich. Die beiden Knaben lachten über das ärmliche Geschenk und achteten es nicht wert. Der eine nahm sein Laiblein und warf es auf die Erde. Es hüpfte den Berg hinab, bis es sich zwischen struppigem Gebüsch verlor. Da sprach der andere Knabe: "Halt, mein Laiblein muß das deinige suchen!" und warf es ebenfalls auf die Erde. Es nahm denselben Weg wie das erste. Nun wollten die leichtsinnigen Knaben auch das Mädchen bereden, das Geschenk wegzuwerfen. Die Kleine aber hüllte es eilig in ihr Schürzlein und sprach: "Wie wird es meine Eltern freuen, wenn ich ihnen etwas mit nach Hause bringe!" Als sie aber heimkam und man das Brot aufschnitt, siehe, da war ein Klumpen Gold hineingebacken, und Reichtum zog ein, wo sonst Mangel herrschte. Als die beiden Knaben von dem Glück ihrer Gefährtin hörten, gingen sie zurück, um die verschmähten Geschenke des grauen Männleins zu suchen. Allein es war vergeblich.

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Der Schatz auf dem Hohenbogen
Seit alters geht die Mär, daß viele Klafter unter dem Burgstallberg in einem kupfernen Kessel ein reicher Schatz verborgen sei. Alle hundert Jahre einmal wird ein Mensch geboren, der ihn unter gewissen Bedingungen zu heben vermag. Ein Hirt von Schwarzenberg, der eines Tages seine Herde auf der sogenannten kleinen Ebene am Fuße des Burgstallkegels weidete, soll so ein Mensch gewesen sein. Als er abends die Tiere eintreiben wollte, vermißte er ein junges Rind; nach einigem Suchen hörte er es hoch oben im Walde Laut geben. Er stieg eilig den Burgstall hinan und war schon nahe dem Gipfel, als plötzlich eine wunderschöne, aber seltsam und fremdartig gekleidete Jungfrau vor ihm stand und ihn mit schmeichelnder Stimme anredete: "Du kommst zu guter Stunde hierher. Wisse, daß es in meiner Hand liegt, dich zum reichsten Mann im Land zu machen. Ich kann dir offenbaren, auf welche Weise du den unter unseren Füßen vergrabenen Schatz zu heben vermagst." Der Hirt. den beim ersten Anblick der Erscheinung ein heimliches Grauen beschlichen hatte, faßte Mut und entgegnete, er sei bereit, nach ihrer Unterweisung zu handeln. Freudig fuhr die Jungfrau fort: "Finde dich heute über acht Tage zu Beginn der Mitternachtsstunde am Fuß des Burgstalls ein, zwei Priester mögen dich begleiten, welche die Beschwörungsformeln zu sprechen wissen. Ihr werdet den Schatz oben auf dem Gipfel des Berges liegen sehen. Schreitet nur mutig drauflos und laßt euch nicht irre machen, was immer euch auch in den Weg treten mag, sähe es auch noch so schrecklich aus; denn es ist nur ein Blendwerk des Bösen, der euch weder an Leib noch an Seele schaden kann. Bist du dann an die Schatztruhe herangekommen, so greife mit beiden -16-

Händen keck in den Goldhaufen hinein, und er ist dein für immer. Aber wehe mir, wenn du dich durch die Künste des Satans zu feiger Flucht bewegen ließest, wehe mir! Ich müßte dann wiederum hundert Jahre umherirren und könnte nicht zur ewigen Ruhe ein gehen. Sieh dir dieses zarte Reis hier an!" dabei wies sie auf ein dem Boden entsprossenes Ahornbäumchen, "es muß zu einem starken Baum heranwachsen, aus seinem Stamm müssen Bretter geschnitten und diese zu einer Wiege gefügt werden; der Knabe, der in dieser Wiege ruhen wird, muß zum Mann geworden sein, dann erst darf ich wieder auf Erlösung hoffen. Gedenke der unaussprechlichen Leiden einer armen Seele, erbarme dich meiner, wie du willst, daß Gott der Herr sich deiner erbarme, und erlöse mich!" In den letzten Worten der Jungfrau lag der Ausdruck eines so herzzerreißenden Jammers, daß der Hirte davon aufs tiefste ergriffen wurde. Mehr der Wunsch, so große Pein zu lindern, als die Begierde nach den verheißenen Reichtümern trieb ihn an, das Wagnis der Schatzhebung zu unternehmen. Eben wollte er der Jungfrau seinen Entschluß kundgeben, als sich ihre Gestalt in leichten Nebelflor auflöste, den der Abendwind über dem Gipfel des Burgstalls in nichts zerstäubte. Aus dem Gebüsch aber, an dem sich die Erscheinung gezeigt hatte, kam das verlorene Rind hervor und folgte dem Hirten willig auf den Weideplatz hinab. Am nächsten Morgen hatte der Hirt nichts Eiligeres zu tun, als nach Neukirchen zum Kloster der Franziskaner zu gehen und dem Pater Guardian den wunderbaren Vorfall zu berichten. Dieser hielt mit andern Patern Rat, was in der Sache zu tun sei, und man kam zu dem Entscheid, daß es sich hier um die Erlösung einer armen Seele und einen Triumph über den Satan handle, wozu die Diener der Kirche hilfreiche Hand bieten -17-

müßten. Zwei Mönche erhielten den Auftrag, sich durch Beten und Fasten zu dem heiligen Werk vorzubereiten. Zur bestimmten Stunde trafen die Priester und der Hirt am Burgstall zusammen; eben schritten sie über den Weideplatz hin, als die Turmuhr zu Neukirchen die elfte Stunde anzeigte. Mit dem letzten Schlag loderte auf dem Gipfel des Burgstalls eine hohe Flamme empor, und die Mönche erkannten dies als das Zeichen, daß der Schatz sich aus dem Erdinnern erhoben habe. Nachdem sie den Hirten gewarnt hatten, nicht von ihrer Seite zu weichen, schickten sie sich an, dem bösen Feind tapfer zu Leibe zu rücken. Aber kaum hatten sie einige Schritte bergan gemacht, als im Wald ein seltsames Leben rege wurde. Eulen und Fledermäuse flatterten den nächtlichen Wanderern in dichten Schwärmen entgegen, von allen Seiten wurde aus dem Unterholz Totengebein auf sie geworfen, und grinsende Schädel kollerten unter ihren Füßen hin. Die frommen Söhne des heiligen Franziskus ließen sich von diesem Spuk keineswegs beirren, sondern drangen, mit lauter Stimme Beschwörungsformeln hersagend, rastlos voran. Schon mochten sie die Hälfte des Weges zurückgelegt haben, als der bisher mondhelle Himmel sich plötzlich verfinsterte und ein Sturm losbrach, der den ganzen Berg zu erschüttern schien. Die Blitze fuhren hageldicht hernieder, der Donner krachte Schlag auf Schlag, die Gießbäche stiegen im Nu, brausten über ihre Ufer und wälzten mannshohe Fluten gegen die drei Männer herab. Diese meinten, bis an den Hals im Wasser zu waten; aber wie sie näher zusahen, fanden sie, daß nicht ein Faden ihres Gewandes naß war. Darum achteten sie auch nicht weiter darauf, als ihnen noch allerlei andere Schreckbilder, bald tierähnlich, bald menschlicher gestaltet, in den Weg traten. Endlich erreichten sie den Gipfel, ohne daß ihnen ein Haar gekrümmt worden wäre. Hier sahen sich wenige Schritte vor sich, hell von der noch immer lodernden Flamme erleuchtet, ein kesselartiges Gefäß, -18-

das bis zum Rande mit funkelnden Goldmünzen gefüllt war. Eben wollte der Hirt vortreten, um, wie ihm die Jungfrau geboten, den Schatz zu erfassen, da wankte der Boden unter ihm, und von unterirdischer Kraft gehoben, wich ein mächtiger Felsblock polternd von seinem Platze. Aus der Öffnung, die sich gebildet hatte, kroch ein scheußlicher Lindwurm hervor und ringelte seines Leibes endlos gestreckte Glieder dreimal um den Gipfel des Burgstalls herum, einen furchtbaren Schutzwall vor dem Goldkessel auft ürmend. Das Erscheinen dieses Ungeheuers setzte den Mut der guten Mönche auf eine zu harte Probe. Sie glaubten sich schon von den scharfen Zähnen des Drachen gepackt und fielen mehr als sie liefen den steilen Abhang hinunter. Dem Hirten, der sich von seine n geistlichen Helfern verlassen sah, blieb nichts übrig, als ihnen zu folgen. Wohl vernahmen sie hinter sich die Stimme der Jungfrau, die unter klagenden Rufen zum Ausharren mahnte, aber die Flüchtenden waren nicht mehr zum Stehen zu bringen. Nur einmal hatte der Hirt es gewagt umzuschauen und dabei gesehen, wie der Gipfel des Berges sich spaltete und in seinem weiten Riß die Schatztruhe verschlang. Darauf erhob sich ein tausendstimmiges Geheul, daß dem erbleichenden Jüngling schier das Blut in den Adern gerinnen wollte. Es war das Hohngelächter der Hölle. Der Schatz von Hohenbogen aber wurde nie gehoben.

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Der Schimmelturm zu Lauingen
In Lauingen an der Donau, der Heimatstadt des weisen Albertus Magnus, kam einst in der Brunnengasse ein prächtiges weißes Füllen zur Welt. Mit der Zeit wurde aus dem Füllen ein Roß, fünfzehn Schuh lang und im Springen und Laufen ohne seinesgleichen. Von keinem Menschen ließ es sich zäumen als von einem alten, verkrüppelten Knecht namens Stephan, dem man in Lauingen das Gnadenbrot gab. Dieser hatte den Schimmel sehr lieb, striegelte ihn fleißig und führte ihn gern vor, wenn Neugierige kamen, ihn zu beschauen. Damals erkrankte der Bürgermeister der Stadt schwer, und es war kein Arzt in ganz Lauingen anzutreffen. Da hieß es: "Wenn wir nur den Pater Severin aus dem Heiligenkreuzkloster zu Donauwörth da hätten, der könnte wohl helfen, wenn noch zu helfen ist. Aber die Zeit, ihn zu holen, ist zu kurz. Der Bürgermeister wird nicht mehr viele Schöpplein trinken. " Sogleich erbot sich Stepha n, mit seinem Schimmel den Arzt herbeizuholen. Doch als er zum Dillinger Tor hinausreiten wollte, stand ein Heuwagen unter dem Tor, der zu breit geladen hatte und nun weder vor- noch rückwärts konnte und solcherart das Tor versperrte. Doch Stephan besann sich nicht lange. Er wandte seinen Schimmel zur Seite, gab ihm die Sporen und sprang mit einem gewaltigen Satz über die Stadtmauer hinweg. Und ehe die Nacht einbrach, war Stephan wieder in Lauingen, den heilkundigen Mönch hinter sich auf dem Roß. Der Schimmel aber konnte den Weg von Lauingen nach Donauwörth und wieder zurück nur deshalb in so kurzer Zeit zurücklegen, weil er zwei Herzen hatte.

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Zur Erinnerung an diese wundersame Begebenheit ließen die Lauinger den großen Schimmel an den Hofturm malen und nennen diesen seither den "Schimmelturm."

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Der Schmied von Mitterbach
Vor vielen Jahren lebte zu Mitterbach ein Schmied, der hielt sein Hauswesen schlecht instand und vertat alles in Trunk und Spiel. Er wußte sich bald nicht mehr zu helfen und rief den bösen Feind um Beistand an. Dieser stellte sich ungesäumt ein, und der leichtfertige Schmied verschrieb sich ihm mit Leib und Seele; mit seinem eigenen Blut unterfertigte er den Vertrag: der Teufel solle ihn haben, wenn der Böse ihm nur drei Jahre lang in allem zu Willen sei. Der Mitterbacher schwelgte nun in Lust und Freuden und warf das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinaus, so daß sich die ganze Nachbarschaft höchlich darob wunderte. Doch bald war die bedungene Zeit um, und Luzifer kam abends in des Schmiedes Stube und machte Miene, sich auf die Ofenbank zu setzen. Aber die Schmiedin wollte dies nicht zulassen, sondern brachte mit zierlicher Höflichkeit einen gepolsterten Stuhl aus dem schönen Stüble herbei. Luzifer fragte nach ihrem Ehegatten. Die Schmiedin erwiderte, ihr Mann schlage den Rossen des Wirtes in der Schenke Eisen auf. Das war aber nur Weiberlist; denn in seiner großen Angst und Not hatte der Schmied seiner Ehegesponsin das Geheimnis seines Vertrages geoffenbart. Des Schmiedes Ehefrau trug nun dem Bösen gut Essen und Trinken auf und sandte den Gesellen nach dem Schmied, ihrem Mann, der sich indessen bei einem alten Großmütterlein im Dorfe Rat holte. Diese war eine kluge Frau, eine bekannte Wahrsagerin und mit allerlei Zauberkünsten vertraut. Der Mitterbacher kam schließlich fröhlichen Mutes nach Hause und ging den Satan höflich an, seine Lebensfrist zu verlängern. Der aber schlug das Verlangen rundweg ab und mahnte den Schmied zum Aufbruch. Als beide hinter dem Haus durch den -22-

Garten gingen, wo die Kirschbäume voll reifer Früchte hingen, bewog der Schmied den Teufel, auf einen Baum zu steigen und ihm als letzte Gunst einige Kirschen zu brocken. Der Teufel wollte, nachdem er genug abgepflückt zu haben wähnte, wieder vom Baum herabsteigen, aber siehe da! inzwischen hatte der Schmied mit einer weißen, wundertätigen Kreide, die ihm die kluge alte Wahrsagerin gegeben hatte, einen Kreis um den Baum gezogen - und der Satan saß wie angepicht auf dem Aste. Da rief ihm der Schmied zu, er solle den Vertrag herabwerfen, dann wolle er ihn loslassen. Der Höllenfürst wollte dieser Aufforderung lange nicht nachkommen. Endlich schleuderte er dem harrenden Mitterbacher eine falsche Urkunde herab. Doch dieser erkannte den Betrug, und so mußte der Teufel fletschend und heulend und unsäglichen Gestank verbreitend viele, viele Stunden auf seinem luftigen Sitz verbringen. Indes nahte die Geisterstunde ihrem Ende, und der Teufel geriet in Gefahr, seine Herrschaft auf immer zu verlieren. Das machte ihn mürbe, wie man leicht begreifen wird. Er drehte sich ein Hörnlein ab, nahm daraus ein vergilbtes Zettlein Pergament und warf es dem Schmied zu, der das Schriftstück als die echte Handschrift erkannte, worauf er den Vertrag in tausend Fetzen zerriß. Dann zog er einen Kreis mit schwarzer Kreide, die von seltsamer Wunderkraft war. Der Satan aber fuhr wie der Wind, großen Gestank verbreitend, sogleich in alle Lüfte davon. Aber wer sich einmal mit der Hölle eingelassen hat, der ist ihr verfallen und vermag sich nimmer loszumachen. So erging es auch dem Mitterbacher. Er verschrieb sich dem Teufel zum zweitenmal, doch diesmal nahm der betrogene Satan sich wohl in acht, neuerlich geprellt zu werden. Nach Ablauf der Zeit bat der arme Sünder, es möchten ihm nur noch drei irdische Wünsche erfü llt werden, weil er nun doch sein liebes Weib und seine Kinder verlassen müsse; seien die Wünsche erfüllt, dann zöge er gern mit fort in die Hölle. Und mit seinen Bitten vereinte die Frau ihr Flehen, und die jungen, rotbäckigen Töchterlein des -23-

Schmiedes streichelten dem Geißfuß die haarige Wange und drangen bittend in ihn. Da wurde der alte Griesgram weichherzig und konnte nicht mehr widerstehen. Der erste Wunsch aber lautete: über Nacht sollten alle Felder, Wiesen und Gründe des Schmiedes mit einer Mauer aus Quadersteinen umgeben sein, zehn Schuh hoch und fünf Schuh dick. Diesem kühnen Begehren wurde völlig entsprochen; denn als der Mitterbacher morgens aufstand und in seinem Besitztum umherwanderte, sah er eine so starke, prächtige Mauer, wie man sich,s kaum denken kann. Hierauf bestieg der Schmied seinen Schimmel. Der lief so schnell wie ein Lauffeuer; der Schmied aber trug dem Teufel auf, so eilig den Weg vor ihm zu pflastern und hinter ihm wieder aufzureißen, als er reite. Auch dies Verlangen wurde erfüllt, obgleich der Mitterbacher ritt, bis der Gaul verendet hinfiel. Nun wußte der Schmied nicht mehr, was er noch wünschen könne, und ging deshalb zu der weisen Frau im Dorfe. Diese sagte ihm, er möge dem Teufel eine Locke der krausen Haare seines Kopfes zum Geradeschmieden geben. Da zupfte sich der Schmied, froh, solche Auskunft erhalten zu haben, eine Locke aus und gab sie dem Luzifer zum Geradeschlagen. Dieser klopfte gewaltig auf das Haar los, bis er die Unmöglichkeit des Beginnens begriff. Voll Ärger und Verdruß fuhr der Teufel unter lauten Drohungen davon. Der Mitterbacher aber, verblendet und frech gemacht durch die wiederholte unverhoffte Rettung, verschrieb sich zum dritten Male dem Teufel und mußte nach Ablauf der Frist ohne Gnade und Barmherzigkeit in die Hölle hinab. In der Hölle gibt es einen Ort, wo nur solche Menschen hinkommen, die auf der Welt niemand erschlagen, keinen Raub noch andere schwere Verbrechen begangen, sondern nur in Trunk, Spiel und bei anderer Kurzweil ihre Tage verbracht -24-

haben. Dort sitzen die lustigen Brüder in einer pechschwarzen Rauchkammer, die gar unheimlich von Spanlichtern erhellt ist. Diese Männer trinken Bier und Schnaps, schnupfen, rauchen, spielen Karten, streiten, raufen, werden wieder gut mitsammen, singen und schnaderhüpfeln. Doch einschenken und Span putzen müssen die Teufel. Diese aber zwicken in ihrer angeborenen Bosheit manchmal die Spieler mit glühenden Zangen und tun ihnen sonst allerlei Übles an; die geplagten Häftlinge aber können sich dagegen nicht wehren und auch keine Rache nehmen an den boshaften Plagegeistern. Als die Bewohner der Rauchkammer nun den Mitterbacher, der einen Schnappsack, wohlgefüllt mit seinem Handwerkszeug, über den Rücken geworfen trug, mit dem Oberteufel hereinkommen sahen, waren alle freudig bewegt, weil sie schon gar manches lustige Stücklein von jenem Schmied gehört hatten. Der Schmied aber setzte sich gleich an einen Tisch und begann nach tapferem Begrüßungstrunk ein Spielchen zu machen. Aber bald geriet er mit den Teufeln in Streit, die auch ihn mit ihren Teufeleien nicht verschonten. Da griff der ungebärdige Mann nach seinem guten Hammer, schlug die Hörnleinmänner tüchtig nieder und brachte sie alle nach mannhaftem Kampf in seinem Schnappsack unter, wo er sie mit seiner Beißzange noch gehörig zwickte. Die Teufelchen schrien um Gnade; der Fürst der Hölle aber entließ den Schmied schleunig, weil er so gewalttätig war. Stolz warf der Mitterbacher den Sack mit den kläglich zugerichteten Teufeln in eine Ecke, sagte den fröhlichen Kameraden ein freundliches Lebewohl und ging rasch von dannen, in den Fäusten Hammer und Zange haltend. Der Mitterbacher ging nun geradewegs dem Himmel zu und klopfte da nach seiner Art mit dem Hämmerlein an die Pforte. Aber St. Petrus öffnete nicht. Da wurde der Schmied zornig, drückte die Tür mit Gewalt ein, warf Petrus die Himmelsleiter hinab und drang bis vor Gottes Angesicht. Gott aber rief ihm zu: "Weiche, -25-

Verworfener, und wandere in alle Ewigkeit! Du gehörst nicht in den Himmel, taugst nicht in die Hölle und kannst nimmer zur Erde zurückkehren. " Seitdem wandert der Schmied von Mitterbach umher, man weiß nicht wo, doch muß er wandern in alle Ewigkeit.

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Der betrügerische Anwalt von München
Vor vielen Jahren starb zu München ein Advokat, der sein Leben lang ein arger Rechtsverdreher und Beutelschneider gewesen war. Er hatte sich nie ein Gewissen daraus gemacht, Witwen und Waisen um ihr gutes Recht zu bringen, wenn er dafür bezahlt wurde. Nach seinem Tode trug sich etwas ganz Absonderes zu. Nachdem der Leichnam aufgebahrt war und man zwei Lichtlein angezündet und ein Kruzifix dazwischen gestellt hatte, gingen die Leute, wie es Brauch war, aus und ein, den Toten anzuschauen. Geweint hat aber niemand. Vor dem Hause waren viele Menschen versammelt, murmelten dies und das, und Gott wolle seiner armen Seele gnädig sein. Auf einmal rauschte etwas durch die Luft, zwei großmächtige Raben flogen ans Fenster und hackten so lange mit ihren Schnäbeln drauflos, bis die Scheiben klirrend in Trümmer gingen und zum Erstaunen des Vo lkes - ein schwarzer Vogel aus dem Zimmer herausflog. Während die Menge auseinanderstob, flogen die drei Raben davon. Im Totenzimmer waren plötzlich die Lichter erloschen und das Kruzifix umgestürzt. Gleich darauf soll auch der Leichnam über und über schwarz geworden sein. Angsterfüllt vor all dem Geschehen, ging niemand hinter dem Sarg, als der gewissenlose Anwalt zur letzten Ruhe bestattet wurde.

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Die "wilde Jagd" bei Lengenfeld
Zwischen Lengenfeld und Stoffen am Lech liegt auf einer hohen Ebene eine wilde, weite Ödung. Über diesem Gebiet tollt die wilde Jagd immer am wütendsten, und dort verweilt sie am längsten. Einst wanderte ein Mann aus Hofstätten über dieses unwirtliche Feld. Es dunkelte schon. Da vernahm er aus der Ferne ein Heulen und Sausen, als wo lle sich ein furchtbarer Sturm erheben. Sobald er stehenblieb und sich umsah, kam die "Wilde Jagd" in den Lüften daher, und da er, ganz erstarrt vor Schrecken, vergaß, sich sogleich auf den Boden zu werfen, hoben ihn die wilden Jäger leicht vom Erdboden auf und rissen ihn im Zuge mit sich fort. Viele Wochen war er der Erde entrückt, kein Mensch wußte, wohin er gekommen war, und seine Leute hielten ihn schon für tot. Da auf einmal kam er wieder zurück, aber er wußte nicht, wo er gewesen, und wie er daher kam. Sein Sinn war ganz verwirrt; es schwindelte ihn, wenn er an sein Abenteuer dachte, und allen Leuten wurde schwindlig, wenn sie ihn davon reden hörten. Zeit seines Lebens blieb der Mann still und in sich gekehrt, zeigte weder Freude noch Trauer und verbrachte seine Tage in stumpfem Hinbrüten. Hütte und Herberge sind heute aus diesem Gebiet verschwunden. Wildnis wuchert über felsigem Grund.

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Die 'lange Agnes' im Walde bei Furth
Im Wald zwischen dem Grenzstädtlein Furth und dem Markte Eschelkam quillt unfern des Fußpfades ein Brünnlein aus dem Boden, das beim Volk seit altersher verrufen ist. Niemand wagt es, nach dem Abendläuten ihm nahe zu kommen. Denn dort treibt seit undenklichen Zeiten die "Lange Agnes" ihr Unwesen. Wer eine Sünde begangen, namentlich aber ungerechtes Gut an sich gebracht hat, über den gewinnt das boshafte Gespenst Macht und den drangsaliert es in empfindlicher Weise. Die Marter besteht darin, daß die "Lange Agnes" ihr Opfer in die Wasser des Brünnleins taucht und ihm dann den Kopf mit Bürste und Stahlkamm bearbeitet, daß Haut und Haare abgehen möchten. Es wird erzählt, die "Lange Agnes" sei in ihrem Leben ein bitterböses, habgieriges Weib gewesen, von hochgestreckter, hagerer Gestalt, und habe sich so ganz und gar in die Sorgen um das Zeitliche versenkt, daß sie sogar den Tag des Herrn nicht heilig gehalten habe. Oft sah man sie an hohen Festtagen im Bach stehen und ihre Wäsche schwemmen. Von diesem sündhaften Tun konnte sie weder durch die Ermahnungen ihrer Angehörigen noch durch die Strafreden des Pfarrherrn abgebracht werden. Ihres verstockten Sinnes wegen wurde ihr nach dem Tode die Ruhe der Seligen versagt, und sie muß bis zum Tage des Gerichtes an jenem Brünnlein als Gespenst umgehen. Man soll das Klopfen ihres Waschbleuels in der Geisterstunde eine halbe Meile weit durch den Forst erschallen hören, wobei sich in dieses Geräusch das Gekrächze von Nachtvögeln unheimlich einmengt.

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Die Burgruine Rabenschaichen bei Kempten
Wenn man auf der Straße von Kempten nach Memmingen das Anlehen Hirschdorf hinter sich hat, sieht man, etwa eine Viertelstunde Weges unterhalb dieses Dorfes, neben der Straße am nahen Waldsaum eine zerfallene Burgruine, über die junge Birken und Tannen emporragen. Daneben liegt ein Weiler, von mehreren zerstreuten Häusern gebildet, der bis auf den heutigen Tag den Namen von dieser Burg Rabenschaichen trägt. Hier hauste in alten Zeiten ein gewalttätiger Ritter, der Schrecken der ganzen Gegend. Zogen die Ulmer Kaufleute mit ihren Waren aus Welschland vorbei, so lauerte Kuno mit seinen wilden Gesellen im Gehölz, plünderte die Reisenden aus oder ließ sich das Weiterziehen mit blankem Gold bezahlen. Seine Untertanen bedrückte er auf alle erdenkliche Weise; kam ein Bettler an die Schloßpforte, so hetzte er seine zottigen Rüden auf ihn und sah mit Hohngelächter zu, wenn sie den Armen übel zurichteten. Das unrecht gewonnene Gut wurde dann in schwelgerischen Gelagen verpraßt, wobei die geraubten Weinfässer, wenn sie ihres feurigen Inhalts entleert waren, unter dem Gejauchze der Zechenden in den Burggraben hinabgerollt wurden. Viele Jahre trieb der Ritter das wilde Raubhandwerk, fragte nicht nach Gott und nach den Menschen, und so kühne Abenteuer er auch unternahm, immer kehrte er siegreich von seinem Strauß heim, so daß es ringsum hieß : Ritter Kuno hat seine Seele dem Teufel verschrieben, deshalb richtet niemand etwas gegen ihn aus. Plötzlich starb er jedoch um die Mitternachtsstunde, nachdem er von einem blutigen Raubzug heimgekehrt war. Seine Spießgesellen trugen den Leichnam in das oberste Gemach, von dessen Söller sonst Ritter Kuno nach vorüberziehenden Kaufleuten auszuspähen pflegte. -30-

Während die Gesellen dann im Erdgeschoß über der Teilung der angehäuften Schätze haderten und lärmten, erscholl plötzlich um die Zinnen der Burg das kreischende Gekrächze einer Schar Raben, die bald durch die geöffneten Fenster in das Totengemach hineinflogen und unter gräßlichem Geschrei das Antlitz des Verstorbenen mit wütenden Schnabelhieben zerfetzten. Die Totenwächter vermochten die schwarzen Gesellen erst zu verscheuchen, nachdem das Gesicht des aufgebahrten Ritters gänzlich zerfleischt war. Die Zechenden im Hof ergriff kalter Graus; sie ahnten Gottes Strafgericht, verteilten die geraubten Güter teils unter die Armen, teils an Kirchen; das Raubnest aber überlieferten sie den Flammen, die die Burg bis auf die Grundmauern verzehrten. Nur wenige Trümmer und der Name der Burg Rabenschaichen - erinnern an den einstigen Glanz dieser Stätte.

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Die Wirtin von Schweinau
In Schweinau lag die Frau eines Wirtes, der nebenbei auch Metzger und Milchmann war, in den letzten Zügen. Sie war ihr Leben lang habsüchtig und geizig gewesen und blieb es auch noch auf ihrem Sterbelager. Anstatt an den Tod zu denken und sich auf das Jenseits vorzubereiten, hatte sie noch über allerlei Hausgeschäfte mit ihrem Gesinde zu reden. Eben war gemolken worden, und die Milch sollte zum Bäcker gebracht werden, da rief sie unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte: "Bub, in die Maß Bäckermilch gehört immer ein Glas Wasser!" Nach diesen Worten verschied die Frau. Bald darauf ging,s im Hause um. Alle Dienstboten sahen die Frau, nur ihr Mann nicht, obwohl er es wünschte. Endlich wurde er einmal nachts durch leises Stöhnen und Winseln aus dem Schlaf geweckt, und als er aufstand, sah er sein Weib, wie es leibte und lebte, im großen Lehnstuhl hinter dem Ofen sitzen. Es hatte ein großes Tuch in der Hand, womit es beständig seine tränennassen Augen trocknete. "Liebes Weib", fragte der Mann erschrocken, "warum kannst du die ewige Ruhe nicht finden?" Darauf entgegnete die Frau: "An der Fleischwaage ist ein Haken, der ist zu schwer. Was ich für deine Kinder beiseite gelegt habe, das nimm aus der Truhe und gib es den Vormundskindern. Diese beiden Vergehen kannst du noch gutmachen. Daß ich aber beim Milchschank immer den Daumen ins Maßblech gehalten habe, kannst du nimmer gutmachen, und deswegen habe ich keine Ruhe im Grabe." Und so muß es wohl sein, denn noch immer will man in Schweinau das Jammern und Wimmern der Verstorbenen aus Grabestiefe hören.

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König Watzmann
Vor undenklichen Zeiten herrschte im Berchtesgadener Land ein mächtiger König namens Watzmann. Der finstere Tyrann liebte weder Menschen noch Tiere, seinem grausamen Herzen war es eine Lust, die Menschen zu quälen und die Tiere zu martern. Darum war auch die wilde Jagd sein höchstes Vergnügen. Dort umgab ihn Rüdengebell und Hörnerschall, daß die Wälder davon widerhallten. Doch nicht allein er, auch sein Weib und seine Kinder fanden große Lust an der wilden Hetzjagd, wenn die dampfenden Rosse unter ihnen zusammenbrachen und das totgehetzte Wild von den Hunden zerfleischt wurde. So ging es Tag und Nacht, ohne Rast und Ruh, über Stock und Stein, bergauf und bergab, und keine Schonung gab,s für die Saat des Landmanns. Lange Zeit frönten der König und die Seinen dieser teuflischen Lust, doch endlich ereilte das himmlische Strafgericht die gottlosen Frevler. "Halloh, hinaus zur wilden Jagd!" tönte es einst wieder durch den Schloßhof; die Hörner schallten, die Rüden bellten, und bald ging es mit Weib und Kindern wieder dahin in wildem Zug. Im Dämmerlicht gewahrte der König ein Mütterlein, die Enkelin auf dem Schoß, und lenkte sein Pferd so hart vor die Hütte hin, daß Reiter und Roß die Greisin traten. Und als der Bauersmann und sein Weib wehklagend aus der Hütte kamen, um die sterbende Mutter im Hause hinzubetten, da hetzte der König die schnaubenden Rüden auf die Ärmsten, daß auch sie unter den Zähnen der Bestien ihr Leben ließen. Lachenden Blicks sah der König zu, und mit ihm lächelten grausam die Gattin und die Kinder, wie sich Menschen sterbend in ihrem Blute wanden. Da hob das Mütterlein mit brechendem Blick die zerfleischte Rechte empor und stieß noch im Sterben einen gräßlichen Fluch über den König und die Königin mit ihren sieben Kindern aus, daß sie die Strafe der Gottheit erreiche und in Felsen verwandle. -33-

Und die Erde erbebte, der Sturmwind brauste, als wäre das Weltende nah; Feuer sprühte aus dem Schoß der Erde und verwandelte den König, Gattin und Kinder in riesige Felsen. So steht König Watzmann mit Frau und sieben Kindern zu Stein geworden in der felsigen Wildnis und blickt als ewiges Wahrzeichen herab ins Berchtesgadener Land.

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Otto Seemoser, der Torwart zu Freising
Rechts beim Eingang in den Freisinger Dom befindet sich der Grabstein des bischöflichen Torwarts Otto Seemoser, auf dem er lebensgroß mit einem Laib Brot abgebildet ist. Dieser alte Diener war ein Wohltäter der Armen. Nur spendete er oft reichlicher, als sein Herr, der Bischof Gerold, es wünschte. Einmal begegnete ihm Gerold, als er eben drei Brote, die er unter dem Kleide barg, den Armen zutragen wollte. Der Bischof fragte, was er da trüge. "Steine!" entgegnete der betroffene Torwart. Und siehe! Die Brote waren in Steine verwandelt, als er sie vorzeigen mußte. Danach aber, als die Gefahr vorüber war, wurden sie wieder zu Broten.

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Schloß Leuchtenberg in der bayerischen Oberpfalz
König Heinrich der Vogler befand sich einst mit seiner Tochter Jutta und einigen seiner Hofjäger auf der Hirschjagd. Die Prinzessin sprengte auf ihrem flinken Rosse einem flüchtigen Reh nach und kam im Eifer der Verfolgung von der Jagdgesellschaft ab. Tage, Monate, Jahre vergingen. Alles Suchen nach der Prinzessin war vergeblich. Als der königliche Vater nach Jahren wieder jagend durch den Wald streifte, in dem er einst seine Tochter verloren hatte, und es schon Abend geworden war, leuchtete ihm auf einmal mitten im Wald ein Licht entgegen. Er ging drauf zu und sah, daß es aus einer Burg kam. Der König bat um Einlaß. Welche Freude überraschte ihn da! Seine Tochter Jutta war Burgherrin und mit dem Ritter Gebhard glücklich verheiratet. Zum Andenken an dieses freudige Erlebnis hieß man die Burg von nun an "Leuchtenberg. " Doch nicht alle Burgfrauen auf Leuchtenberg waren so glücklich wie Prinzessin Jutta. Die Frau eines späteren Burggrafen war von einer fast krankhaften Neugierde geplagt. Der Burggraf drohte ihr mit dem Tode, wenn er sie wieder auf frevelhaftem Fürwitz ertappe. Um sie auf die Probe zu stellen, kleidete er sich als Bote und brachte einen Brief an den Schloßherrn mit dem Vermerk, er dürfe nur vom Grafen persönlich geöffnet werden. Doch die Neugierde der Schloßfrau war stärker als die Angst vor der Drohung. In Gegenwart des Boten erbrach sie das Siegel und öffnete den Brief. Sie wurde dafür zur Strafe des "Igelsitzens" verurteilt. Nach ihrem Tode befahl der Burgherr, ein Steinbild anzufertigen, das eine auf einem Igel sitzende Frau darstellt. Drunter ließ er die Inschrift anbringen: Das macht mein Fürwitz, Daß ich auf dem Igel sitz. -36-

Dieses Bild wurde den Besuchern der Burg Leuchtenberg noch lange gezeigt.

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Sagen aus Brandenburg

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Das gefangene Lüchtemännchen im Havelland
Einst wollte ein Hirt abends seine Herde von der Weide heimtreiben. Als er nahe bei seinem Dorfe Ferchesar im Westhavellande war, bemerkte er, daß ihm eine Kuh fehle. Sofort kehrte er um und suchte, konnte sie aber nicht finden. Ermüdet setzte er sich auf einen Baumstumpf und zündete seine Pfeife an. Da schwirrte plötzlich eine Schar von Lüchtemännchen (Irrlichtern) heran und umringte ihn von allen Seiten. Anfangs sah er ihnen ruhig zu; als sie ihn aber gar zu dicht umschwärmten, fürchtete er, sie würden ihm das Haar versengen, und schlug mit seinem Stock um sich. Aber je heftiger er dareinhaute, desto ärger trieben sie es. Als er sich ihrer gar nicht mehr erwehren konnte, griff er mit der Hand in den Schwarm und haschte eins von den Lichtlein. In demselben Augenblick war die ganze leuchtende Schar verschwunden, und der Hirt hatte kein Lüchtemännchen, sondern einen Knochen in der Hand, den er mit nach Hause nahm. Andern Tags fand er auf der Weide die verirrte Kuh wieder. Als er aber abends heimkehrte, war die ganze Dorfstraße voll von Lüchtemännchen, die ihn umringten wie am Tag vorher. Aber es waren ihrer noch viel mehr, und sie riefen ihm zu: "Gib uns unsern Kameraden wieder, sonst stecken wir dir dein Haus in Brand." Vergebens beteuerte der Hirt, er habe nur einen Knochen mitgenommen; sie drohten ihm noch ärger. Da eilte der Hirt ins Haus und hielt den Knochen auf der flachen Hand zum Fenster hinaus. Mit einemmal war es wieder ein Lüchtemännchen, das sich, von den andern umringt, ins Freie schwang, und bald war die ganze Schar hüpfend und springend zum Dorfe hinaus.

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Der Hirt aber hat von dieser Zeit an keine Hand mehr gegen ein Lüchtemännchen gehoben, so viele er ihrer auch fernerhin antraf.

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Der Schmied von Jüterborg
Zu Jüterbog lebte einmal ein Schmied, der ein sehr frommer Mann war. Eines Abends, ganz spät, trat ein alter Mann ins Haus, der recht würdig aussah, und bat ihn um ein Nachtquartier. Der Schmied war zu jedermann immer freundlich und gütig; er nahm den Fremden gern auf und bewirtete ihn nach Möglichkeit. Als der Gast am nächsten Morgen weggehen wollte, dankte er seinem Wirt herzlich und sagte, der Schmied solle drei Bitten tun, diese wolle er ihm gewähren. Da bat der Schmied zuerst, daß sein Stuhl hinter dem Ofen, auf dem er abends nach der Arbeit auszuruhen pflege, die Kraft bekomme, jeden ungebetenen Gast so lange festzuhalten, bis ihn der Schmied selbst loslasse; zweitens, daß sein Apfelbaum im Garten die Hinaufsteigenden nicht herablasse; drittens, daß aus seinem Kohlensack keiner herauskomme, den er nicht selbst befreie. Diese drei Bitten gewährte der Fremde und ging darauf fort. Nicht lange nachher, kam der Tod und wollte den Schmied holen. Dieser aber bat ihn, er möge sich doch ein wenig auf seinem Stuhle ausruhen, da er sicher von der Reise sehr ermüdet sei. Da setzte sich denn der Tod nieder, und als er nachher wieder aufstehen wollte, saß er fest. Nun bat er den Schmied inständig, er möge ihn doch wieder befreien, doch dieser wollte lange nichts davon wissen; endlich verstand er sich dazu unter der Bedingung, daß der Tod ihm noch zehn Jahre schenke. Damit war der Tod zufrieden. Der Schmied löste ihn von seinem Sitz, und der ungebetene Gast entfernte sich. Als die zehn Jahre um waren, erschien der Tod wieder. Da erklärte ihm der Schmied, er sei bereit mitzugehen, doch solle der Tod erst noch auf den Apfelbaum im Garten steigen und -41-

einige Äpfel herunterholen, sie würden ihnen auf der weiten Reise gut schmecken. Das tat der Tod und saß wieder fest. Nun rief der Schmied seine Gesellen herbei, die mit schweren eisernen Stangen gewaltig auf den Tod losschlagen mußten, daß er Ach und Weh schrie und den Schmied flehentlich bat, er möge ihn doch freilassen, er wolle von nun an gern ausbleiben. Als der Schmied hörte, daß der Tod ihn ewig leben lassen wollte, hieß er die Gesellen einhalten und entließ seinen Besucher von dem Baum. Der Tod zog glieder- und lendenlahm davon und kam nur mit Mühe vorwärts. Da begegnete ihm unterwegs der Teufel, dem er sogleich sein Leid klagte; aber der Satan lachte ihn aus, weil er so dumm gewesen sei, sich von dem Schmied täuschen zu lassen, und meinte, er würde bald mit dem Schmied fertig werden. Darauf wanderte der Teufel in die Stadt, klopfte bei dem Schmied an und bat, er möge ihm Herberge für die Nacht geben. Nun war,s aber schon spät; der Schmied weigerte sich, den Teufel einzulassen, und erklärte, er könne die Haustür nicht mehr öffnen; wenn er jedoch zum Schlüsselloch hereinfahren wolle, so möge er nur kommen. Das war nun dem Teufel ein leichtes, und sogleich huschte er hindurch. Der Schmied war aber klüger gewesen als der Teufel; er hatte innen seinen Kohlensack vorgehalten, und als nun der Teufel darin saß, band er den Sack schnell zu, warf ihn auf den Amboß und ließ seine Gesellen wacker draufloshämmern. Da flehte der Teufel jämmerlich, sie möchten doch aufhören; aber die Gesellen ließen nicht eher nach, als bis ihnen die Arme von dem Hämmern müde waren und der Schmied ihnen endlich das Ende befahl. Der Schmied ließ den Teufel nun frei; doch mußte er bei dem gleichen Loch wieder hinaus, wo er hereingeschlüpft war. Fortan trug der Teufel kein Verlangen mehr, noch einen zweiten Besuch beim Schmied von Jüterbog zu machen. -42-

Der Teufel und die Holzhauer am Zootzen
Als die Holzhauer aus einem Dorfe am Zootzen eines Morgens in den Wald kamen, um sich an ihre Tagesarbeit zu machen, fanden sie das tags zuvor aufgeschlichtete Holz umgestoßen. Ärgerlich beschuldigten sie die Knechte des Dorfes, ihnen diesen Schabernack gespielt zu haben. Sie setzten das Holz wieder auf, fanden es aber am nächsten Morgen wieder umgestoßen. Nun beschlossen sie, daß einer von ihnen die nächste Nacht Wache halten solle, um die Übeltäter auf frischer Tat zu ertappen. Da sich aber niemand freiwillig meldete, wurde gelost. Das Los traf einen bärenstarken Mann, der erklärte, er habe sich schon melden wollen; nun sei es gut, daß ihn das Los getroffen habe. Als er dann des Nachts Wache stand, zündete er sich ein Feuer an und begann aus Langeweile Holz zu spalten. Zwischen zwölf und ein Uhr tauchte plötzlich ein kleines rotes Männchen - es war der Teufel - neben ihm auf und fragte neugierig: "Warum setzt du denn da immer einen Keil in die Spalte? Kannst du das Holz nicht mit den Händen auseinanderreißen? " Der Holzhauer antwortete mit der Gegenfrage: "Kannst du es denn?" Der Kleine erwiderte, ja, das könne er. Da wählte der Holzhauer einen starken Eichenklotz aus, schlug mit der Axt hinein und setzte einen Keil in die Spalte; darauf stieß er mit der Axt gegen den Keil, um diesen ordentlich zu lockern. Als nun der Kleine den Klotz auseinanderreißen wollte, zog der Holzhauer flugs den Keil aus der Spalte und klemmte dem Männchen die Finger ein. Verzweifelt schrie da der Kleine: "Setz, doch den Keil ein! Setz, doch den Keil ein!" Aber er war gerade an den Rechten gekommen; denn der Holzhauer packte einen Prügel und hieb tüchtig auf den Kleinen ein. Der Teufel aber schrie weiter: "Setze doch den Keil ein!" -43-

Doch je mehr er brüllte, desto kräftiger schlug der andere zu und knirschte dabei: "Wirst du uns noch einmal das Holz umstoßen? " Nach vielen Anstrengungen gelang es dem Teufel endlich, seine Finger aus der Klemme zu ziehen und seinem Widersacher durch die Flucht zu entrinnen. Aus sicherer Entfernung aber schrie er zurück: "Nun stoße ich euch das Holz erst recht um." Am andern Morgen erzählte der Holzhauer seinen Kameraden wie es ihm in der Nacht ergangen sei, und machte den Vorschlag, an jedes Klafter Holz einen Klotz mit einem Keil zu stellen. Als nun der Kleine in der folgenden Nacht wieder erschien, um sein Mütchen zu kühlen, erblickte er den Klotz an dem ersten Klafter und rief: "Huh, da ist der Klotz!," wobei er sich seine in der vorigen Nacht zerschundenen Finger besah. Darauf eilte er weiter zum zweiten Klafter; auch hier fand er einen Klotz und ebenso an den andern Holzstapeln. Da bekam es der Teufel mit der Angst zu tun, drehte sich um und lief schleunig davon, ohne jemals wiederzukommen. Die Holzstöße im Wald hatten von nun an Ruhe vor ihm.

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Der Teufel zu Spandau
Im Jahre 1595 zeigten sich zu Spandau, Friedeberg und an anderen Orten viele vom Teufel Besessene. Deshalb wurden auf kurfürstlichen Befehl allgemein Betstunden abgehalten. Zu Spandau, oder wie man damals sagte Spandow, war die Anzahl derer, die vom Teufel geplagt wurden, besonders groß, und die Spandauer hatten sich das wohl selber zuzuschreiben, meinten die Anrainer; denn in Spandau war es allgemein der Brauch, daß man die Verwünschung aussprach, der Teufel möge einen holen, wenn das, was man sage, nicht wahr sei. Auch fluchte man damals, wenn man einem andern Übles wünschte, es möchten ihm ganze Fässer und Scheffel voll Teufel in den Leib fahren. Darauf wurden dann viele Bürger, junge und alte, vo m Satan besessen und von Teufeln gequält. Diese schrien: "Ihr habt uns gerufen, wir haben kommen müssen. " Aber auch früher schon, geht die Sage, hatte es dem Teufel in Spandau sehr gut gefallen; denn bereits im Jahre 1584 war er vor die Stadt gekommen und hatte dort als reicher Händler große Kragen feilgehalten und zahlreichen Zulauf gehabt. Die Käufer aber waren nachher alle vom Teufel geplagt worden, bis es nach langwierigen Beschwörungen gelang, die Teufel aus den Besessenen wieder auszutreiben.

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Der Trümmelmann des Alten Fritz
Der Alte Fritz hatte einen Trümmelmann (Trommler), den er sehr hochschätzte; denn solange dieser die Trommel rührte, war,s eine Lust im Feld zu stehn. Zuletzt freilich nützten dem König auch seine Siege nichts mehr, denn das Geld ging ihm aus; er trug schon löcherige Stiefel, in die das Wasser hineinlief, und stieg deshalb lieber nicht mehr vom Pferde. Eines Tages ließ der König den Trümmelmann zu sich rufen und sprach zu ihm: "Trümmelmann, du mußt mir einige Scheffel Gold herschaffen, kieke mal, wo du die herkriegst!" Der Trümmelmann machte ein trauriges Gesicht, dann aber fiel ihm ein, daß man dem alten Amtmann von Chorin, einem argen Geizhals und Zauberer, der weder Frau noch Kinder hatte, nachsagte, er habe ungezählte Fässer Goldes in heimlichen Kellern lagern. Trümmelmann machte sich also auf den Weg. Als er in Chorin anlangte, sah er die Arbeitsleute des Alten sich keuchend bei der Ernte abmühen, denn dem hartherzigen Amtmann ging nichts schnell genug. Trümmelmann stellte sich hin und begann seine Trommel zu schlagen. Gleich bei den ersten Wirbeln belebten sich die Mienen und die Glieder der Arbeiter, und bald lief die Arbeit dahin, als regten sich hundert unsichtbare Hände. Ein solcher Schwung gefiel dem Amtmann, und er überlegte, wie er die wunderbare Trommel an sich bringen könne. Bei Nacht schlief der Trümmelmann nach schlechtem Abendessen in der Bräustube. An diese stieß eine kleine Kammer, die durch eine schmale offene Spalte mit seinem Schlafraum in Verbindung stand. Der Amtmann hatte ihm streng verboten, hier einzutreten. Gegen Mitternacht erwachte der Trümmelmann von dem Geräusch schlürfender Schritte in dieser Kammer. Dann hörte er eine schwere Tür gehen, und dampfe Kellerluft drang bis zu ihm -46-

hin. Nach einiger Zeit schien sich die schwere Tür wieder zu schließen, und die Schritte entfernten sich. "Ha," dachte Trümmelmann, "das muß ich untersuchen!" Leise betrat er die Kammer, schlug mit seinem Zunder Licht und trommelte sachte mit den Trommelstöcken die Wände entlang. Auf einmal wich ein Teil der Wand zurück, und eine steile Treppe zeigte sich, die in einen Keller hinunterführte, wo mehrere Reihen von Fässern übereinanderstanden. Hier also war der Schatz! Der Trümmelmann stieg vorsichtig die Stufen hinab und versuchte, eine s der Fässer zu bewegen; aber er war es nicht imstande, denn so groß war sein Gewicht. Am nächsten Morgen geschah alles wie Tags zuvor. Der Amtmann benahm sich noch ungeduldiger, und Trümmelmann mußte trommeln, bis ihm die Hände erlahmten. Endlich - schon stieg der Vollmond herauf - war die Arbeit getan, die letzte Fuhre, ein Fuder Erbsen, in die Scheuer gebracht. Der geizige Amtmann aber kümmerte sich nicht mehr um seinen treuen Helfer und bot ihm nicht einmal ein Abendbrot. Da las Trümmelmann mit knurrend em Magen voll Ärger die Erbsen auf, die beim Einfahren der letzten Fuhre zur Erde gefallen waren, um sich daraus selbst ein Gericht zu bereiten. Als er aber die Bräustube betrat, wo er die vorige Nacht geschlafen hatte, schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. Rasch eilte er in die Nebenkammer, ließ die Wand zurückweichen und streute auf der Treppe, die zum Keller führte, vorsichtig einen Teil der Erbsen aus. Dann kochte er sich die übrigen und legte sich zur Ruhe nieder. Alles geschah wie in der vorigen Nacht. Aber auf die schlürfenden Schritte und das Ächzen der Tür folgte diesmal ein dumpfer Fall. Dann war alles still. Als Trümmelmann Nachschau hielt, fand er den Alten am Fuß der Treppe tot liegen.

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Nun war der König Erbe des einsamen, kinderlosen Geizhalses. Trümmelmann wollte gleich in aller Früh fort, um es dem König zu melden. Doch gerade als er seine Kammer verließ, hörte er Pferdegetrappel, und bald stand der Alte Fritz mit wenigen Getreuen selbst vor ihm und rief: "Trümmelmann, es steht schlecht, vielleicht kannst du noch helfen, her mit dem Geld und deiner Trommel !" Da berichtete Trümmelmann, was er erlebt hatte. Neun volle Wagen Gold konnte der König aus dem Keller wegschaffen lassen, und nun nahm der Krieg bald eine bessere Wendung und fand schließlich sein Ende. Der Alte Fritz kannte nunmehr keine Geldsorgen.

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Der unfehlbare Schuß im Prenzlauer Stadtwald
Im großen Prenzlauer Stadtwald war einmal ein Jägersbursche bedienstet, der auch das entfernteste Ziel nie verfehlte. Einst traf er im Wald den Prenzlauer Pfarrherrn, und sie gingen eine Weile mitsammen weiter. Im Gespräch fragte der Pfarrer den Jägersburschen, ob er denn wohl auch ein sicherer Schütze sei. "Wie ich schieße, will ich Ihnen gleich zeigen", antwortete der Bursche. "Sehen Sie dort den Raben fliegen? " Der Pfarrer bejahte, bemerkte aber zum Jäger, daß es doch schier unmöglich sei, aus solcher Entfernung einen Vogel zu treffen. Der Jägerbursche lächelte, murmelte ein paar Worte in fremder Sprache und riß das Gewehr an die Backe. Der Schuß krachte, und der Rabe fiel wie ein Stein zur Erde. Stolz auf sein Werk wandte sich der junge Forstmann wieder zu dem Pastor, gewahrte aber, daß dieser sehr ernst, fast verstört aussah. "Nun," fragte er heiter, "gefiel Ihnen der Schuß?" "Der Schuß war gut," gab der Pfarrer zur Antwort, "aber, mein Sohn, ist dir auch die Bedeutung des Spruches bekannt, den du gebraucht hast?" "Nein," sagte der Forstgehilfe, "was er bedeutet, weiß ich nicht. Ich habe ihn von einem alten Jäger gehört, der ihn wohl selbst nicht verstand." "So höre," erwiderte der Pfarrherr ernst, "ich werde dir den arabischen Spruch verdeutschen, er lautet: Teufel, komm, halt mir das Tier; Ich gebe dir Leib und Seele dafür." Als der Jägersbursche das hörte, wurde er leichenblaß. "Bei Gott," rief er, "das habe ich nicht gewußt." Dann nahm er seine Flinte und zerschlug sie am nächsten Baum. Er hat nie wieder einen Schuß abgegeben. -49-

Die Erlösung des Großmütterchens in Gransee
Wer vor langen Jahren auf der Straße von der Stadt Gransee nach dem Dorf Schönermark wanderte, konnte, wenn er das alte Stadttor im Rücken hatte, gleich zur Linken mitten in Gärten ein kleines Gehöft erblicken, unansehnlich und zerfallen. In der ganzen Stadt war das Gerücht verbreitet, daß es dort spuke, und jedermann scheute sich, in dieser Gegend zu wohnen. Eines Tages ließ sich ein junges, armes Brautpaar trauen. Die Hochzeit wurde gefeiert, aber nirgends in der Stadt war eine Wohnung zu finden, wo die jungen Leute hätten unterkommen können. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als das verrufene kleine Haus zu beziehen. Lange wohnten sie darin friedlich, nichts geschah; weder bei Tag noch bei Nacht trat etwas Auffallendes ein. Da, eines Abends, tat sich die Tür auf, und herein trat ein altes Mütterchen mit einem Schemel und einem Spinnrocken in den Händen, setzte sich am Kaminfeuer nieder und begann zu spinnen, ohne ein Wörtchen zu sagen. Nach ein paar Stunden erhob sich die alte Frau und ging stillschweigend, wie sie gekommen, wieder zur Tür hinaus. Anfangs erschraken die jungen Leute über die Erscheinung; als sich aber der merkwürdige Besuch Abend für Abend wiederholte, gewöhnten sie sich daran und blieben ruhig beieinander an ihrem Tische sitzen, während die Alte am Kamin ihren Faden spann. Nur eins wunderte die beiden, daß nämlich die Frau auf keine ihrer Fragen antwortete, sondern immer schwieg, als ob sie nichts hörte. Einmal ging der junge Mann in die Stadt; es war gegen Abend, und seine junge Frau bat ihn, recht bald wiederzukommen. "Nun, du wirst dich doch nicht fürchten?" erwiderte der Gatte.

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"Großmütterchen" - so pflegte nämlich das Ehepaar die Alte zu nennen, sooft von ihr die Rede war - "Großmütterchen ist ja bei dir." Mit diesen Worten verließ der junge Ehemann die Stube. Die Frau blieb zurück, setzte sich am Tisch nieder und schaute unverwandt der Arbeit des Mütterchens zu, das auch heute wieder erschienen war. Plötzlich rief sie: "Großmutter, Ihr spinnt ja nach links herum!" "Meine Tochter," gab ihr die Alte zurück, "ich danke dir; mit diesen Worten hast du mich erlöst. Zum Lohne aber für die Wohltat, die du mir erwiesen hast, tue ich dir kund, daß hier unter diesen Steinen, auf denen mein Schemel und mein Spinnrocken stehen, ein Topf mit vielem Gelde verborgen liegt. Grabe ihn aus, doch so, daß dein Mann nichts davon sieht, und verbirg ihm das Geheimnis, das ich dir anvertraut habe, bis zum dritten Tag; dann wird euch der Schatz zu glücklichen Leuten machen. " Damit ergriff das Mütterchen Schemel und Spinnrocken und verließ das Zimmer, um nie wieder zu erscheinen. Das junge Ehepaar aber gelangte von da an zu Wohlstand und Glück.

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Die Roggenmuhme
Wenn das Getreide am höchsten steht und die sommerliche Mittagshitze sich über Feld und Wiese ausbreitet, dann geht die Roggenmuhme über Land. Unsichtbar schwebt sie einher, und wenn sie Kinder am Rande des Kornfeldes sieht, die Mohn- und Kornblumen suchen, dann lockt sie das ahnungslose Völkchen immer tiefer in das wogende Meer der Halme. Wehe den Kleinen, die ihr folgen! Bald schlagen die Halme über den Köpfen der Kinder zusammen, sie werden von unerträglicher Müdigkeit befallen und sinken mit glühend heißer Stirn und brennenden Wangen in dem lispelnden Gewoge zu Boden. Deshalb sind die Mütter ängstlich bedacht, ihre Kinder an Julitagen nicht aufs Feld zu schicken; denn die Roggenmuhme sitzt auf der Lauer.

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Die Teufelsmühle bei Neu-Brandenburg
Unweit Neu-Brandenburg lagen vor alters nicht weit voneinander in einem großen, finsteren Laubwald zwei Wassermühlen. Die eine davon hieß die Teufelsmühle, weil der leibhaftige Teufel darin wohnte. Dieser hatte mit dem Besitzer der andern Mühle einen Pakt abgeschlossen, wonach der Müller dem Teufel an jedem ersten Ta im Monat eine Seele abliefern mußte. Der Müller erfüllte seinen Vertrag pünktlich. Bald aber war er in den allerärgsten Verruf geraten, denn alle seine Gesellen waren regelmäßig nach kurzer Zeit immer wieder spurlos verschwunden. Eines Tages kam ein Müllerbursch aus dem Schwabenlande zu ihm gewandert. Er hatte keinen Heller mehr im Beutel und war ganz abgerissen, deshalb suchte er um jeden Preis Arbeit. Der Müller nahm ihn auch sofort auf und gab ihm bekannt, daß er am Ersten jedes Monats eine Fuhre Sägespäne zu fahren habe. Der Geselle erklärte sich bereit, diese Arbeit zu übernehmen, und fuhr am andern Tag, der gerade der Monatserste w mit ar, seiner Ladung zur Teufelsmühle hinab. Als er dort angekommen war, trat ein Herr in weitem Mantel vor das Haus und befahl ihm, die Sägespäne in eine tiefe Grube zu werfen, die im Hof ausgehoben war. In diese Grube hatte der Teufel früher stets unversehens die Gesellen hineingestürzt, wenn sie sich zum Abladen arglos dem Rand der Grube genähert hatten. Der Müllergeselle, der schon vieles von der Mühle und ihrem Bewohner gehört hatte, weigerte sich, die Fuhre abzuladen, weil er dazu nicht gedungen sei. Wohl oder übel mußte sich jetzt der Teufel selbst an die Arbeit machen. Kaum bückte er sich jedoch über das tiefe Loch, um einen Armvoll Sägespäne hinunterzuwerfen, als der schlaue Schwabe ihn fix beim Schopf faßte und kopfüber hinabwarf.

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Gleich darauf stieg aus der Grube ein greulicher Schwefeldampf empor, und mit donnerndem Geprassel brachen die Mühle und alle Gebäude des Gehöfts zusammen; von dem Teufelssitz blieb nichts übrig. Eine Rauchsäule erhob sich über den Trümmern und senkte sich dann in die Grube, in die der Teufel gestürzt war. Der mutige Müllergeselle zog leichten Herzens mit seinem Gespann von dannen, der Teufel aber war von da an um seine Beute geprellt.

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Die drei Linden auf dem Heiligen-Geist-Kirchhof zu Berlin
Auf dem Kirchhof des Hospitals zum Heiligen. Geist in Berlin standen vor vielen Jahren, wie ältere Leute noch von ihren Vorfahren gehört haben mögen, drei große Linden, die mit ihren dichten Kronen den Raum weithin überschatteten. Das Wunderbarste an diesen Bäumen aber war, daß sie mit den Kronen in die Erde gepflanzt waren und dennoch ein so herrliches Wachstum erreicht hatten. Dieses Wunder hatte die göttliche Allmacht bewirkt, um einen Unschuldigen vom Tode zu erretten. Vor vielen Jahren lebten nämlich zu Berlin drei Brüder, die einander mit der herzlichsten Liebe zugetan waren und mit Leib und Leben für einander einstanden. Doch ihr Glück wurde plötzlich durch einen Vorfall gestört, den sich keiner hätte je träumen lassen. Obgleich alle drei bisher einen vollkommen unbescholtenen Lebenswandel geführt hatten, wurde doch einer von ihnen des Meuchelmordes angeklagt und sollte den Tod erleiden, weil alle Umstände die ihm zur Last gelegte Tat wahrscheinlich machten. Sämtliche Unschuldsbeteuerungen waren erfolglos geblieben. Noch saß der junge Mann im Gefängnis, als eines Tages seine beiden Brüder vor dem Richter erschienen und jeder von ihnen sich des begangenen Mordes bezichtigte. Kaum hatte dies der zum Tod Verurteilte vernommen, als auch er, obzwar schuldlos, die Tat eingestand, da er erkannte, daß seine Brüder ihn nur retten wollten. So standen nun statt eines Täters auf einmal deren drei vor Gericht; jeder behauptete mit gleichem Eifer, er allein habe den Mord begangen. Da wagte der Richter nicht, den Urteilsspruch an dem ersten vollstrecken zu lassen, sondern legte den Fall noch einmal dem -55-

Kurfürsten vor. Dieser verordnete, daß hier ein Gottesurteil entscheiden solle. Er befahl daher, jeder der drei Brüder möge eine junge, gesunde Linde mit der Krone ins Erdreich pflanzen, so daß die Wurzeln nach oben stünden; wessen Baum dann vertrocknen würde, den hätte Gott selbst dadurch als Täter bezeichnet. Dieses Urteil wurde beim Anbruch des Frühlings vollzogen und, siehe da! nur wenige Wochen vergingen, und alle drei Bäume, die man auf dem Heiligen-Geist-Kirchhofe angepflanzt hatte, bekamen frische Triebe und wuchsen bald zu kräftigen Bäumen heran. So war denn die Unschuld der drei Brüder erwiesen, und die Bäume haben noch lange in üppiger Kraft an der alten Stelle gestanden, bis sie endlich verdorrten und anderen Platz machen mußten.

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Die verwunschene Prinzessin auf den Müggelbergen
Seltsame Geschichten von einem merkwürdigen Stein auf den Müggelbergen sind in der Gegend von Köpenick im Umlauf. Die Müggelheimer erklären zwar, der Stein sei zersprengt und die Teile zum Bau ihrer Brunnen verwendet worden. Der Felsblock habe der Teufelsaltar geheißen, und an der Stelle, wo er gelegen, lodere oft ein Feuer auf, das so hell leuchte, daß man es sogar in Müggelheim sehe. Sobald man aber in seine Nähe komme und nur ein lautes Wort spreche, so verschwinde es. In Köpenick dagegen behaupten die Leute, der Stein, den man hier den Prinzessinnenstein nennt, liege noch auf einem Vorberg in der Nähe des Teufelssees, der ringsum von dunklen Fichten und Moorgrund umgeben ist. Das Wasser dieses Sees ist von fast schwarzer Farbe, und obgleich er nur klein ist, hat man sich doch bisher vergeblich bemüht, ihn zu ergründen. Der Stein soll an Stelle eines prächtigen Schlosses liegen, in dem einst eine schöne Prinzessin gewo hnt habe, die nun verwunschen und mit dem Schloß in den Berg versunken sei. Sie kommt jedoch zuweilen wieder zum Vorschein; unter dem Stein sei nämlich eine Öffnung, und von da führe ein Weg tief in den Berg hinein; daraus sieht man sie abends als altes Mütterchen am Stabe gebückt hervortreten. Andere Leute haben sie auch, namentlich um die Mittagszeit, als schönes Weib am Ufer des Teufelssees sitzen sehen, wie sie sich im Wasser beschaute und ihre langen Haare kämmte. So sah sie einst ein kleines Mädchen aus Köpenick, das in der Nähe mit ihrer Mutter Beeren gesucht und dabei die Mutter verloren hatte; weinend war die Kleine dann im Wald umhergeirrt. Da hatte die Prinzessin das Mädchen mit sich in ihr Schloß -57-

hinuntergenommen und reich beschenkt nach kurzer Zeit wieder heraufgebracht. Sieht man die Jungfrau am Abend aus dem Berge hervorkommen, so trägt sie ein Kästchen, das leuchtendes Gold enthält; das soll der erhalten, der sie dreimal um die Kirche von Köpenick herumträgt und sich dabei nicht umsieht; dadurch wird sie erlöst. Einen Burschen hat,s einmal nach dem Golde gelüstet, und er hat das Wagestück unternommen. Er hob die Prinzessin auf den Rücken, denn sie war federleicht, und schritt mit ihr nach Köpenick. Aber je mehr er sich der Stadt näherte, desto schwerer wurde die Bürde; doch er hielt tapfer aus und kam endlich mit ihr ans Ziel. Nun begann er seinen Umgang um die Kirche. Da erschienen plötzlich Schlangen und Kröten und allerhand scheußliche Tiere mit feurigen Augen; koboldartige Wesen stürzten wild hinter dem Burschen her und bewarfen ihn mit Holzblöcken und Steinen. Aber er ließ sich durch all diese Schrecknisse nicht beirren und schritt mutig vorwärts. So hatte er schon den dritten Umgang begonnen und seine Aufgabe fast vollendet, als ihn ein grellroter Schein blendete, der so fürchterlich war, als stünde ganz Köpenick in Flammen. Da vergaß der junge Mensch das Verbot und sah sich um; doch im selben Augenblick war alles verschwunden, und ein heftiger Schlag raubte ihm das Leben. Die Jungfrau aber harrt weiter des Mannes, der sie dereinst aus ihrer Verbannung erlösen werde, doch hat seit langem niemand mehr die Prinzessin erblickt.

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Markgraf Hans auf der Jägersburg im Regenthinsee
Markgraf Hans, von dem man sich in der Neumark vielerlei Geschichten erzählt, besaß ein altes Schloß auf einer Insel des Regenthinsees, die Jägersburg. Die Schweden haben es später zerstört, und kein Stein ist mehr auf dem andern geblieben. Wer in trockener Jahreszeit an der Stätte des alten Schlosses steht, bemerkt dicht unter dem Wasserspiegel des tiefen Sees, nicht weit von der Insel nach Norden zu, einen langen Wall. Mit diesem hat es folgende Bewandtnis: Markgraf Hans war ein frommer Herr, der Teufel aber ließ nichts unversucht, ihn in seine Gewalt zu bekommen. Er erbot sich einmal, wenn der Markgraf sich ihm mit Leib und Seele verpfänden wolle, dem Schloßherrn einen Damm vom Ufer bis zum Schloß zu bauen. Der Markgraf, der einen Damm nach dem Nordufer wohl brauchen konnte, war schließlich zu dem Bunde bereit, doch stellte er dem Teufel die Bedingung, der Damm müsse in einer Nacht bis zum Hahnenschrei fertig sein. Im stillen aber dachte er, dies sei auch dem Teufel unmöglich. In der Nacht begann nun der Böse sein Werk, und dabei halfen ihm so viele höllische Geister, daß der Bau ungemein schnell vor sich ging. Um Mitternacht war schon mehr als die Hälfte des Dammes fertig. Als der Markgraf das schnelle Wachsen des Teufelswerkes sah, erschrak er und wandte sich in seiner Angst an seinen Kutscher um Hilfe. Der Kutscher war nämlich ein schlauer Mensch und wußte auch hier bald Rat. "Ich werde dafür sorgen," beruhigte er den Markgrafen, "daß der Hahn eine Stunde früher kräht," und übte sogleich das Kikeriki, daß er es bald so gut konnte wie ein Hahn. Um ein Uhr schlich er zum Hühnerstall und fing zu krähen an. Da erwachte der Hahn und begann laut seinen Morgengruß, noch ehe der -59-

Teufel sein Werk zu Ende gebracht hatte. Der Markgraf aber jubelte laut und lachte den Teufel aus. Als der Höllenfürst erkannte, daß er sein Spiel verloren habe, machte er sich mit seiner ganzen Helferschar auf und fuhr wütend durch die Lüfte über die Wälder davon. Dabei entstand ein so heftiger Sturmwind, daß die Kiefern sich bogen, die Äste brachen und die Stämme krüppelig wurden. Noch nach vielen Jahren konnte man an diesen Bäumen, die im Wachstum zurückblieben, die Richtung erkennen, in der die höllischen Geister mit ihrem Anführer davongeflogen sind.

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Spuk in Tegel
Tegel ist ein ehemaliges Jagdhaus des Großen Kurfürsten, das zum Unterschied vom nahe gelege nen Dorf gleichen Namens Schloß Tegel heißt. Hier war ein Poltergeist zu Hause, der Tag und Nacht lärmte und den Bewohnern keine Ruhe ließ. Zunächst war der Geist nur durch sein Lärmen lästig, schließlich aber fing er an, die Leute mit Steinen zu bewerfen. Da diese glühend heiß waren, vermutete man, daß das Gespenst seine Wurfgeschosse direkt aus der Hölle beziehe. Manchmal knallte der Geist mit Peitschen in den Räumen des Schlosses; auch mit den Eßwaren trieb er Schindluder und machte sie häufig ungenießbar, mit dem Feuer aber ging er ganz gefährlich um. Hie und da konnte man ihn sehen. Bald zeigte er sich als kleines Männchen, dann war er wieder riesengroß, einmal sah er wie ein schwarzer Kobold aus, dann wieder wie ein weißgrauer Dunst. In ganz Berlin kannte man ihn, in allen Kreisen der Gesellschaft sprach man von diesem unheimlichen Spuk. Alle Versuche, ihn zu vertreiben, blieben lange Zeit erfolglos. Endlich verschwand er und zeigte sich nicht mehr. Goethe erinnert im Faust spöttelnd an diesen Spuk : Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel, Wir sind so klug, und dennoch spukt's in Tegel.

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Sagen aus Franken

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Albrecht Dürer - Dürers Adel
Albrecht Dürer, der große Nürnberger Maler, war beauftragt, die Wände des großen neuen Rathaussaales zu schmücken. Tag für Tag arbeitete der Meister an dem »großen Triumphzug des Kaisers«. Kaiser Maximilian war gern in Nürnberg, und kam auch einmal in den Rathaussaal, um Albrecht Dürer bei seiner Arbeit zu besuchen. Sie sprachen über die Figuren und der Kaiser lobte manches, wünschte aber eine Figur ein wenig anders, als der Maler sie dargestellt hatte. Dürer ließ eine Leiter bringen, stieg rasch hinauf und warf die Figur nach der Beschreibung des Kaisers rasch mit Kohle an die Wand. Dabei schwankte die Leiter, so daß der Kaiser Sorge bekam, sie könnte fallen. Da rief der Kaiser einen Pagen und hieß ihm, dem Meister die Leiter zu halten. Der junge Edelmann aber hob seinen Kopf, verneigte sich vor dem Kaiser, und sagte: »Soll ich, ein Edelmann aus bestem Stand, einem bürge rlichen Meister dienen? Das sollen die Diener tun! " Der Kaiser runzelte die Stirne. Rasch griff er selbst nach der schwankenden Leiter und sagte zu dem eitlen Tropf: »Was der Kaiser tut, wird Euch nicht Unehre machen! Auf dieser Seite ich, auf der dort Ihr." Als der Künstler, Albrecht Dürer, wieder herabgestiegen war, wandte sich der Kaiser noch einmal zu dem jungen Herrn und zu seinem adeligen Gefolge und sagte: »Albrecht Dürer ist in seinem Reich der Kunst ein Herr und Fürst wie keiner in der Welt! Aus hundert stolzen Edelleuten kann ich keinen Dürer machen. Aber wenn ich will, aus jedem meiner Untertanen einen Edelmann! " Dann wandte er sich an Dürer: »Knie nieder!« Der Kaiser zog sein Schwert und sprach: »Dulde diesen Schlag und fürder keinen mehr! -63-

Steh' auf als edler Ritter des Heiligen Römischen Reiches! Du sollst deinen Namen behalten wie bisher. Denn du hast ihn selber durch deine große Kunst geadelt! Deine Farbe soll himmelblau sein, mit drei silbernen Schilden zum Zeichen deiner Kunst deines Fleißes und deiner Bescheidenheit!«

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Das Stundenhorn
In alter Zeit gab es auf den Nürnberger Kirchen und Türmen noch keine Uhren mit Schlagwerken. Weil es aber auch noch keine Taschenuhren gab, richteten sich die Nürnberger, wie damals alle Welt, nach der Sonne. Ab er da gab es manche Meinungsverschiedenheiten. Und es war nicht leicht, die Zeit für ein Zusammentreffen auszumachen. Einmal während eines glänzenden Reichstages im Jahre 1487 war Nürnberger voll von Fürsten, Rittern und ihren Knechten. Der Markgraf von Ansbach hatte allein 700 Berittene dabei. Die Fremden waren in der Stadt einquartiert. Da gab es Feste und Turniere, aber jeden Tag mußte man auf Leute warten, die zu spät kamen. Da gab der Kaiser Friedrich III den Befehl, auf dem Sinwellturm ein großes zinnernes Horn anzubringen, das aussah wie eine große Orgelpfeife und das man mit einem Blasbalg treten konnte. Ein Mann wurde auf dem Turm angestellt, der mußte alle Stunden das Horn blasen. Die tiefe Orgelstimme den "Stundenhorns" klang über die ganze Stadt hin und über die Mauern hinaus bis in die Wälder. Von da an konnte keiner der Herren und keiner der Knechte mehr sagen, wenn er zu spät kam: "Ich habe nicht gewußt, wie spät es war!"

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Das Brettener Hundle
Vor langer Zeit war Bretten einmal belagert worden. Der Feind hatte die Stadt ringsum eingeschlossen und ließ nichts herein und nichts heraus. Bald gab es in Bretten nur wenig mehr zu essen, und die Not wurde täglich größer. Da beschloß der Rat, die Belagerer durch eine List zum Abzug zu bringen. Ein runder Mops - man sagt, er habe dem Schultheissen gehört wurde recht fett gefüttert und dann zum Tor hinausgelassen, damit der Feind glaube, in Bretten gebe es noch genug zu essen. Als die Feinde das fette Hundle zum Tor heraus "quaddeln" sahen, glaubten sie wirklich, die Brettener müßten noch Nahrung im Überfluß haben, wenn sie sogar die Hunde so mästen könnten, und sie zogen ab. Damit aber niemand ihnen nachsagen könne, sie hätten keinen Schwanz von Bretten mit heimgebracht, schnitten sie dem Hund das Schwänzle ab. Die Bürger aber errichteten dem Hündchen ein Denkmal, das heute noch an der Kirche zu sehen ist.

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Das Christusbild in der Neumünsterkirche zu Würzburg
Ein Dieb stieg einst in die Neumünsterkirche zu Würzburg ein. Er hatte bemerkt, daß ein Christusbildnis in der Kirche mit einer kostbaren goldenen Kette geziert war, die ein frommer Gläubiger zur Erfüllung eines Gelübdes gestiftet hatte. In ernster Ruhe verharrte der Gekreuzigte, die Arme fest an den Kreuzesstamm geheftet. Strafend schienen die Augen der heiligen Gestalt den Kirchenräuber anzuschauen; aber der Dieb ließ sich nicht schrecken. Er nahte dem hölzernen Bild und streckte gierig die Hand nach der Goldkette aus. Da ließ das Bild seine Arme vom Kreuzesstamm los und umklammerte den Dieb. Dieser war aufs höchste erschrocken. Er ächzte und winselte wie ein Fuchs im Eisen; aber niemand hörte ihn; denn das Kruzifix stand in der unterirdischen Krypta der Neumünsterkirche. Doch als dem Dieb die Umklammerung schier unerträglich wurde, stieß er gellende Hilferufe aus. Endlich hörten die Leute sein Geschrei. Man nahm den Verbrecher fest, band ihn und brachte ihn in sicheren Gewahrsam. Noch ein zweites Wunder geschah: die Arme des Gekreuzigten blieben in der gleichen Lage, auch als sie den Dieb losgelassen hatten, wie bei der Umfassung ausgestreckt, und so wird das Bild bis in unsere Zeit gezeigt und angestaunt.

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Das Drudendrücken in Nürnberg
Ein Schuster zu Nürnberg hatte einst einen neuen Gesellen bekommen. Das war ein frischer Bursche von kräftiger Gestalt und gutem Aussehen. Etliche Wochen verstrichen, da begann dieser Schustergeselle abzumagern, daß er für alle, die ihn vorher gekannt hatten, jämmerlich anzuschauen war. Besonders des Morgens schlich er matt und mühselig in die Werkstätte zur Arbeit und bekam noch dazu Scheltworte von seinem Meister oder Stichelreden von den übrigen Gesellen zu hören. Als dem Burschen endlich das Gespött der andern zu arg wurde, rückte er einmal mit der Sprache heraus und erzählte, daß er bei Nacht von einer Drude, einer schlimmen Hexe, gedrückt werde und es im Haus nicht mehr länger aushalten könne. Nun meinte der Obergeselle, dem wäre abzuhelfen, er wisse ein unfehlbares Mittel, das dem geplagten Kameraden Ruhe verschaffen werde. Der Schustergeselle tat, was ihm der andere auftrug. Des Nachts nämlich stellte er sich schlafend und horchte, als es Zwölf geschlagen hatte, ob sich die Drude einstellen werde. Auf einmal hörte er etwas vor der Tür rauschen, als ob Papier zusammengedrückt würde; dann war es einen Augenblick still, und plötzlich vernahm er ein lautes Blasen vom Schlüsselloch her. Das war der Augenblick, in dem die Drude zu nahen und sich mit einem Plumps auf ihn zu werfen pflegte. Diesmal aber kam ihr der Schustergeselle zuvor und warf blitzschnell sein Kopfkissen auf den Boden. Sodann machte er gleich Licht, um die Hexe zu sehen, die nun, wie man ihm gesagt hatte, auf dem Kopfkissen sitzen sollte. Da lag aber nichts als ein winziges Strohhälmchen, das er sogleich zerknickte und beim Fenster hinauswarf.

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Am nächsten Morgen fand man die alte häßliche Nachbarin des Schusters, so berichtet die Sage, mit gebrochenem Bein auf der Straße liegen.

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Das Gänsemännlein
Hinter der Kirche "Unserer lieben Frauen" steht ein kleiner Brunnen. Er zeigt einen Bauern, wie man ihn auf dem Nürnberger Markt oft sehen kann. Der Bauer trägt zwei Gänse unter seinen Armen. Es sind ganz besondere Gänse; denn sie speien aus ihren Schnäbeln frisches, helles Wasser in das Becken; das unter ihnen angebracht ist. Das "Gänsemännlein" so heißt der Brunnen soll ursprünglich gar nicht für diesen Platz gegossen worden sein. Der Rat wollte eigentlich ein Bild der Heiligen Magdalis haben; aber der Meister hatte soviel anderes zu tun, dass er zu diesen kleineren Auftrag nicht kann. Endlich gab er dem Rat als Ersatz sein Gänsebauern. Es gab zwar Stimmen, die an dieser heiligen Stelle keine so einfache, gewöhnliche Figur aus dem Volk sehen wollten; aber weil der Künstler ein großer Meister - es war Pankraz Labenwolf und das Gänsemännlein ein wirklich feines Kunstwerk war, waren sie schließlich doch alle zufrieden.

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Das Nassauer Haus
Nicht weit von der Lorenzerkirche, am Rand des Lorenzerplatzes, steht ein hohes Haus, das wie ein kleines Schlößlein aussieht. Die einen sagen, König Adolf von Nassau hätte es gebaut, andere behaupten, es sei ein altes Nürnberger Patrizierhaus; wieder andere erzählen aber, daß es gar ein Castell gewesen sei, das mitten in der Stadt als wehrhafter Turm aufgerichtet worden sei. In Wirklichkeit war das heutige Nassauerhaus im Besitz einer alten Nürnberger Ratsfamilie, namens Ortlieb. Die Familie war reich und hatte so viel Geld, daß sie nicht nur ihr Haus innen und außen aufs feinste schmücken und einrichten konnte, sondern darüber hinaus noch Geld übrig hatte, um es in der Stadt und außerhalb auszuleihen gegen guten Zins. Sogar dem Kaiser soll sie Geld geliehen haben. Die kleine Balustrade oben in einem der obersten Stockwerke, an der man viele farbige Wappen sehen kann, erzählt davon, wie die Ortlieb dem König Sigismund einst 1500 rheinische Goldgulden geliehen haben, und wie der König ihnen dafür die deutsche Kaiserkrone als Pfand gegeben hat. Damals wurde für die Krone der kleine Balkon gebaut. Von dort oben soll sie dem Volk gezeigt worden sein.

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Das Reierer Freßglöcklein in Würzburg
Im Reierer Kloster versah einmal ein Sakristan die kirchlichen Geschäfte, der nie gerne gebetet hatte; doch sobald es zum Essen ging, war er immer der erste. Mittags um zwölf mußte er das "Ave Maria" läuten, aber er hat es nie ganz ausgeläutet: das letzte "Gegrüßet seist du, Maria" ließ er jedesmal weg, damit er ja bald zum Essen komme. Lange Jahre trieb er es so fort. Doch als er dann auf dem Totenbett lag, beichtete er diese Unterlassung. Zur Strafe dafür mußte er nach seinem Tode so lange als Geist umgehen, bis sein Nachfolger, der neue Sakristan, alle "Gegrüßet seist du, Maria" nachgeholt hatte. Deshalb war dieser genötigt, viele Jahre länger zu läuten. Das Glöcklein aber, das so hell klingt, daß man's unter allen Glocken von Würzburg heraushört, nannte man von der Zeit an s' Reierer Freßglöcklein. Immer noch, wenn mittags um zwölf Uhr das Glöcklein ertönt, sagen die Leute zueinander: "Hörst es, s' Reierer Freßglöckle läutet."

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Das Vesperläuten zu Aub
Nahe bei Aub liegt die Ruine der Burg Reichelsberg. Hier hauste in alten Zeiten ein Rittergeschlecht. Noch sieht man verschiedene Gewölbe, den Burghof, die Burgkapelle und andere Reste des Baues. Einmal, an einem rauhen Winternachmittag, ging ein Burgfräulein von Reichelsberg in den Wald hinunter, um sich mit einem Ritter zu treffen, den sie liebte. Aber sie verfehlte den Weg und fand den Erwarteten nicht. Mittlerweile brach der Abend an, ein dichtes Schneegestöber hüllte Wald und Feld ein, und alle Wege waren im Nu verschneit. Das arme Fräulein fand den Rückweg in die Burg nicht mehr. In ihrer Angst rief sie immer wieder laut um Hilfe. Aber kein Mensch regte sich, kein lebendes Wesen ließ sich blicken, auch die Tiere des Waldes hatten sich in ihre Verstecke zurückgezogen. Fürchterlich heulte der Sturm, eisige Kälte drang dem zitternden Fräulein bis auf die Knochen. In dieser Not flehte die Arme zum Himmel und bat Gott inständig, sie doch aus ihrer jammervollen Lage zu retten und ihr ein Zeichen zu geben, damit sie einen Ausweg aus dem Elend finde. Während sie noch schluc hzend im Schnee kniete, hörte sie von einem nahen Dorf her eine Glocke läuten. Neue Hoffnung zog in das Herz des verzweifelten Fräuleins, freudig ging sie dem Schalle nach und kam auch bald an die Gollach, an der entlang der Weg nach der Burg Reichelsberg führte. Diesen Weg kannte sie; nun war sie gerettet. Voll Dankbarkeit gelobte sie, ein Geläute zu stiften, das in Aub aufgehängt werden sollte. Und heute noch ertönt der Schall dieses Glöckleins allabends um sieben Uhr von Martini bis zu Petri Stuhlfeier. Der helle Klang hat schon manchem verirrten Wanderer auf den richtigen Weg geholfen. -73-

Das zerhackte Lederkoller
Der Schwedenkönig Gustav Adolf wollte keinen Panzer anziehen. Er wollte auch keinen Schild und sagte, wenn man ihm von den Gefahren des Kampfes erzählte: »Gott ist mein Schild«. Er trug wie seine einfachen Soldaten ein ledernes Koller, das gegen Stiche und Hiebe immerhin eingen Schutz bot. Gustav Adolf war immer einfach gekleidet. So trug er, solange er in Deutschland war, ein altes Lederkoller, das von Hieben und Stichen zerhackt und zerfetzt war und das Sonne und Regen unansehnlich gemacht hatten. In Nürnberg war ein berühmtes Zeughaus, in dem die schönsten Panzer ausgestellt waren, die es überhaupt auf der Welt gab. Da sah man mit Silber und mit Gold eingelegte, prächtige Rüstungen. Als der König zu diesen schönen Waffen kam, sagte einer der Herren, die ihn führten: »In diesen Rüstungen haben manch tapfere Männer und große Helden um Ehre und Heimat gekämpft doch ist wohin in keiner ein so unvergleichlicher Recke gesteckt, wie in dem zerhackten Lederkoller das Eure Majestät tragen.« Diese Worte waren ein wenig dick aufgetragen; aber der König ärgerte sich nicht. Am andern Tag kam ein Paket zu dem Zeugmeister der Stadt Nürnberg und drinnen lag der alte, zerhackte Lederkoller des Königs Gustav Adolf. Viele Jahre lang hat man das Lederkoller des Schwedenkönigs im Nürnberger Zeughaus gezeigt.

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Der Burggraf wird eingemauert
Auf dem Nürnberger Burghügel standen drei Burgen: Die Kaiserburg, die Burggrafenbur g und die Hasenburg. Die Kaiserburg diente den deutschen Königen und Kaisern zum Aufenthalt, wenn sie sich in der Stadt aufhielten. Die Hasenburg war das Wohnhaus der Herren von Hase, die erblich den Torschutz der Kaiserburg verliehen bekommen hatten. Die Burggrafenburg war die Wohnung der Vögte, die für den Kaiser die Burg schützten, das Gebiet des sog. Nordgaues verwalteten und die Zehnten einzogen. Als die Stadt Nürnberg Reichsstadt geworden war, war dem Burggrafen ausdrücklich das Recht genommen, sich in innere Nürnberger Verhältnisse einzumischen. Trotzdem versuchten die Burggrafen immer wieder in der Stadt zu bestimmen. Die Nürnberger aber wehrten sich mit großer Ausdauer dagegen. So gab es zwischen den Nürnbergern und den Burggrafen immer wieder Streit. Als Kaiser Karl IV. den Burggrafen von Nürnberg, Friedrich V, seinen Schwiegersohn, gar zum Reichsfürsten ernannt hatte, da wurde der Stolz des Herren noch größer und die ganze Schar um ihn herum sah mit Spott und Verachtung auf die "Spiessbürger" und "Pfefferbälge" der Reichsstadt herunter. Die burggräflichen Knechte zogen oft nachts in die Straßen der Stadt hinunter und johlten und schrien, läuteten an den Glocken der Häuser, schlugen mit ihren Lanzen an die Haustore und trieben sonst noch allerlei Schabernack. Wenn der Rat der Stadt sich deswegen beim Burggrafen beklagte, dann wurde er abgewiesen und verhöhnt. Da wandten sich die Nürnberger schließlich an den Kaiser und erbaten die Erlaubnis, um die Burg des Grafen eine Mauer bauen zu dürfen, deren Tore in der Nacht versperrt wurden, damit die Knechte nicht mehr in die Stadt kommen und dort Unfug stiften könnten. Der Kaiser gab gegen gute Bezahlung die Erlaubnis. -75-

Als der Burggraf einmal für längere Zeit fortgeritten war, machte sich die ganze Bürgerscha ft daran und baute innerhalb von 14 Tagen eine Mauer auf, die ganz eng um die Burggrafenburg herumlief. Das war im Jahr 1372. Als der Burggraf von seiner Reise zurückkam, fand er seine Wohnung und seinen Hof von dieser Mauer umgeben und die Tore verschlossen. Er mußte den Nürnberger Stadtwächter an dem Tor zu seiner Burg um Durchlaß bitten. Da war der Burggraf zornig. Er verlangte, dass die Nürnberger auf der Stelle die Mauer abrissen, und, als die sich auf den Kaiser beriefen, sagte er: "Kaiser hin, Kaiser her! Ich will die Mauer nicht leiden" Der Kaiser war sein Schwiegervater; aber Friedrich V., der zornige Burggraf, erreichte nichts bei ihm. Im Groll ritt er vom Kaiserhof und wollte einen Krieg anfangen. Der Kaiser aber wußte, dass die Nürnberger keinen Krieg führen wollten und machte ihnen einen Vorschlag zur Vermittlung. Die Nürnberger überlegten sich, dass ein Krieg ihnen großen Schaden tun würde und waren bereit, 5000 Gulden für die Mauer zu bezahlen. Sie versprachen auch, dass sie das Tor in Friedens zeiten abhängen wollen, damit der Burggraf mit seinem Gesinnte ungehindert jederzeit durchreiten könnte. Nur für den Kriegsfall und für anderen Unfrieden ließen sie sich ausdrücklich das Recht bestätigen das Tor wieder einzuhängen. Von da an gefiel es den Burggrafen nicht mehr auf der Nürnberger Höhe wo sie solange fürstlich gewohnt hatten. Sie zogen nach Kadolzburg, wo sie ungehindert aus ihrem Schloß aus- und einreiten konnten, wann sie wollten.

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Der Dudelsackpfeifer
In den ersten Jahren des 15. Jahrhunderts war die Pest in Europa. Wer von der Krankheit gepackt wurde, bekam plötzlich am ganzen Körper schwarze Punkte. Und wenn diese Zeichen zu sehen waren, starb der Mensch meist nach ein paar Stunden. Die Pest wanderte durch die Länder von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt; wenn sie irgendwo auftrat, flohen die Menschen in schrecklicher Angst, und weil jedesmal schon eine Anzahl angesteckt waren, wurde gerade durch diese panische Flucht die Pest nach allen Seiten ausgebreitet. Auch in Nürnberg starben damals ganze Straßen aus. Die Kranken lagen hilflos dort, wo sie gerade ohnmächtig geworden waren: in ihren Stuben, auf den Treppen, in den Straßen und an den Brunnen. Jeden Tag fuhr einmal der Pestwagen vorbei und der Kutscher lud die Toten auf, wie er sie fand, oder wie sie ihm gemeldet wurden. draußen vor der Stadt war ein großes Loch gegraben; in das wurden die Toten hineingeworfen, wie sie waren. Kein Mensch konnte in diesen Tagen daran denken, die Toten zu waschen oder besonders zu kleiden, sie in Sarge Zu lege n oder eine regelrechte, feierliche Beerdigung zu halten. In diesen Tagen lebte ein Musikant in Nürnberg, der in den Wirtschaften bei Wein und Bier den Dudelsack blies und von dem lebte, was ihm die Zecher zuwarfen. Er war aber selber ein guter Trinker, und alles, was er da verdiente, nahm den Weg durch seine Gurgel. Er war lustig und guter Dinge den ganzen Tag und ließ sich auch von der Pest nicht schrecken. Einmal war es wieder recht lustig gewesen im Wirtshaus. Der Musikant hatte gedudelt und ein paar Gläslein zuviel erwischt. -77-

Als sein Geld aus war, und er nach Haus wanken wollte, kam ihm die frische Luft zu gewaltig über den Kopf, und er blieb übervoll wie er war - mitsamt seinen' Dudelsack mitten auf der Straße liegen. Kurze Zeit, nachdem er sich an dem harten Ort zum Schlafen gelegt hatte, fuhr der Pestwagen vorbei. Der Fuhrmann hielt das betrunkene Pfeiferlein, das wie leblos auf der Straße lag, für einen, den die Pest umgebracht hatte, nahen ihn auf und schob ihn ohne langes Besinnen zu den andern Toten auf seinen Wagen. Damals waren die Straßen in Nürnberg noch nicht so gut gepflastert wie heute. Da waren Rinnen und Löcher. Und als der Wagen nun so dahinholperte, wachte der Pfeifer auf. Da sah er sich unter lauter Pesttoten auf den Wagen, vor dem alle Menschen davon liefen, damit sie nicht angesteckt würden! Er rief, aber niemand hörte ihn. Er wollte abspringen, aber die große Last der Toten, die nach ihm aufgeladen waren, lag über ihm und er konnte sie nicht abwerfen. Da kam ihm das Mundstück von seinem Dudelsack ins Gesicht. Er faßte es mit dem Mund und fing zu blasen an: ein lustiges Stückelten nach dem andern. Der Kutscher vorn auf seinem Bock hörte die Töne hinter sich. Er fragte bei sich: "Seit wann blasen die Toten den Dudelsack?" Er schlug auf seine Tiere ein und in rasender Fahrt kam er draußen an' Massengrab an. Als er die Toten in die Grube warf, hörte er noch immer die lustigen Töne, die gar nicht passen wollten zu seinem traurigen Geschäft. Da stand das Pfeiferlein auf und jagte damit dem Kutscher noch einmal einen Schrecken ein. Der Fuhrmann und der Pfeifer dachten, dass es nicht länger als ein paar Tage dauern werde, bis die Pest das Pfeiferlein doch ins Massengrab hole. Der Dudelsackpfeifer ging aber wieder ins Wirtshaus und wartete dort bei lustigen Tönen und bei manchen Tänzeln, was kommen sollte. Doch es kam nichts. Der Dudelsackpfeifer blieb frisch und gesund und war einer von den Wenigen, die noch am Leben waren, als die Pest erlosch. Dort, -78-

wo der Platz vor der Heilig-Geist-Kirche eine kleine Ausbuchtung macht zum Eingang des Heugässleins und der Ebnersgasse, da steht ein Brünnlein. Auf dem aus Erz gegossen der lustige Dudelsackpfeifer steht.

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Der Friedensschuß
Wir wissen heut' wie die Menschen sich nach langen Kriegen nach dem Frieden sehnen können. Das war nach dem dreißigjährigen Krieg vor über 300 Jahren nicht anders. Endlich war der Vertrag in Münster und Osnabrück zustande gekommen. Der Krieg sollte in Deutschland gänzlich aufhören. Da freute sich alles. Ein Fest nach dem andern wurde gefeiert. Das schönste, prächtigste und berühmteste aber war das große Friedensfest in Nürnberg. Das gab der schwedische Obergeneral Pfalzgraf Karl Gustav von Zweibrücken im großen Rathaussaal am 16. September 1649. Mit Lorbeer und Palmen war der Saal geschmückt. Der Boden war mit Binsen bestreut, 200 Wachskerzen leuchteten ringsum. Bald nach Mittag versammelten sich droben die Fürsten und Herren. Aber auch das Volk in den Straßen sollte etwas abbekommen. Ein großer hölzerner Löwe wurde ins Saalfenster gestellt. Der spie aus seinem Rachen roten und weißen Wein zur gleichen Zeit, eine gute Stunde lang. Das gab drunten ein Stoßen und Drängen, ein Rufen und Schimpfen und ein Gelächter, daß die großen Herrn an den Saalfenstern eine gute Unterhaltung hatten. Danach saß man schön nach Rang und Würden geordnet im Saal und ließ sich sechs Gänge der Festmahlzeit aus 600 Schüsseln, die aufgetragen wurden, gut schmecken. Die besten Früchte, feines Zuckerwerk und Marzipan bildeten den Nachtisch. Liebliche Düfte wurden im Saal verbreitet. Springbrunnen von Rosenwasser sprangen. Dazu gab es guten Wein, soviel und von welcher Sorte man wollte. Trompeten und Pauken begleiteten die Trinksprüche und draußen auf der Burg brummten die Feldschlangen und Kanonen einen kräftigen Baß dazu. Als unter Lachen und fröhlichen Scherzen die Nacht gekommen war, da kam das Ende des Festes heran. Auf einmal -80-

klang eine tiefe Kommandostimme durch den Saal: »Morgen, ihr Kriegsgenossen und Kameraden, sind wir in alle Welt verstreut und begegne n uns nie wieder! Wollen wir doch vor unserer Trennung noch einen Umzug halten durch den Saal als unser letztes kriegerisches Manöver!« Die alten Krieger stellten sich mit Freuden noch einmal auf, ehemalige Feinde und Freunde in einer Reihe, die Generäle und Obersten aller Länder, die am Krieg beteiligt waren. Dann begannen sie mit heller Musik ihren letzten Kriegsmarsch zwischen den Tische und Bänken des Saales. Und als ein donnerndes Halt das Ganze zum Stehen brachte, da riß der schwedische Oberst Wrangel seine Pistole von der Seite und rief mit dröhnender Stimme über die Versammlung: »Der Friede ist geschlossen; so hab ich ferner keine geladene Wehr nötig: Friede und Freude dem deutschen Land immerdar." Da krachte der Schuß, und die Kugel flog klirrend durch die Scheibe des hohen Saalfensters. Der Oberst hatte in seinem Eifer ganz vergessen, dass er nicht draußen im Feld, sondern im schön verzierten Rathaussaal war. Der Schuß soll der letzte im ganzen dreißigjährigen Krieg gewesen sein.

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Der Goldene Ofen
Dort, wo heute noch der Gasthof "Zum deutschen Kaiser" steht war früher ein wunderschönes Patrizierhaus. Weil die Rosenhart -so hiessen die Besitzer früher her Glockengießer gewesen waren nannte man ihr Haus nur den Glockenstuhl. Die Leute waren reich und sammelten die allerschönsten Möbel und die allerwertvollsten: Kleinodien. Sie ließen sich auch einen wunderschönen Ofen bauen der war mit schönen Bildwerken überall verziert; die 12 Aposteln waren darauf zu sehen. Der Ofen hieß in der Stadt nur der "goldene Ofen". Er war so schön daß ihn später ein bayerischer König in sein Schloss geholt haben soll. Einmal waren spanische Soldaten in Nürnberg einquartiert Sie waren wild, praßten viel und drangsalierten die Nürnberger Bürger, wo sie konnten. Da war auch ein spanischer Soldat im "Glockenstuhl untergebracht. Der war anders als seine Kameraden, und weil er in dem Haus gut verpflegt und gut behandelt wurde, war er dankbar und ließ seinen Quartierleuten nichts geschehen. Der brave Spanier kam einmal abends noch in die Schenke, in der die Soldaten zusammenkamen. Da hörte er, wie seine Kameraden miteinander ausmachten daß jeder in derselben Nacht zu einer festgesetzten Stunde seinen Quartierherrn ermorden und das ganze Haus ausplündern solle. Sie zwangen jeden, der dabei war, bei seinem Eid zu versprechen, daß er keinem Menschen etwas sagen wolle. Der Spanier kam nach Hause, ging in sein Zimmer und dort unruhig auf und ab. Er hätte gerne seine freundlichen Wirte gewarnt, aber er nahm seinen Eid ernst und fürchtete sich vor der Strafe des Himmels. Da sah er den goldenen Ofen in seinem Zimmer stehen. Er machte die Tür auf und rief laut hinein: "Ofen merk auf! ich will dir etwas sagen, was du nicht vergessen darfst. Es sind nur noch -82-

ein paar Stunden; da werden alle Hauswirte von den spanischen Soldaten umgebracht. Ich hab' schwören müssen, daß ich es keinem Menschen sage. Aber du, goldener Ofen, bist ja kein Mensch!" Der Hauswirt aber saß mit seiner Familie unten vor dem Kamin in seiner Wohnstube. Laut drangen die Worte aus dem Kamin heraus. Der Herr verstand sie sofort, lief zum Rat und teilte mit, was er gehört hatte. Schnell wurde die Bürgerwehr zusammengerufen, und alle Spanier wurden gezwungen, noch in der gleichen Nacht die Stadt zu verlassen. Das geschah im letzten Augenblick. In manchen Häusern hatte das Plündern schon begonnen, an dem berühmten goldenen Ofen war auch schon mancher Schaden geschehen.

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Der Hausgeist zu Nürnberg
Zu Nürnberg ist es Brauch, jährlich wenigstens einmal das ganze Haus von oben bis unten zu reinigen, "stöbern" wie die Nürnberger sagen. Das sollte nun auch in einem Hause der Laufergasse geschehen, während der Herr und die Frau auf einer Reise abwesend waren. Vorher hatten sie der Magd den Auftrag gegeben, alles fleißig zu stöbern bis auf eine Kammer unter der Stiege, die verschlossen bleiben sollte. Als nun die Herrenleute abgereist waren, wurde die Magd von Neugier geplagt, was denn wohl in der Kammer sein könne, die sie nicht aufschließen durfte. Kaum war sie am Abend mit dem Stöbern fertig, ließ sie ihrem Verlangen freien Lauf. Die Kammertür war mit einem großen alten Schloß versperrt, auf dem drei weiße Kreuze mit Ölfarbe gemalt waren. Die Magd probierte nun alle Schlüssel, doch keiner wollte passen. Endlich fand sich noch ein ganz verrostetes Ding, womit sich das Schloß aufsperren ließ, so daß sie die Tür öffnen konnte. Eine finstere Kammer voll Staub und Moder tat sich vor der Magd auf, so daß sie sich gar nicht hinein getraute. In der Mitte des Raumes lag ein großer grauer Pelz auf dem Boden. Während die neugierige Person verwundert darauf hinblickte, begann sich der Pelz plötzlich zu regen und wurde immer größer und größer, so daß das Mädchen, von Entsetzen gepackt, davonlief. Da ertönte hinter ihr ein schallendes Gelächter, das der zitternden Magd in alle Glieder fuhr. Als die Herrschaft nach einiger Zeit wieder nach Hause kam, erzählte die Magd mit ängstlicher Stimme, was vorgefallen war. Da wurde der Herr zornig und jagte die Magd aus dem Dienst, denn sie hatte einem Geist die Freiheit gegeben, der vormals das Haus beunruhigt hatte und durch einen Geistlichen in die Kammer gebannt worden war. Nun trieb das Gespenst aufs neue -84-

sein Unwesen im Hause und gab seine Schadenfreude allenthalben durch schallendes Gelächter zu erkennen. Es währte viele Jahre, bis es glückte, den Hausgeist von der Laufergasse endgültig zu bannen.

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Der Heiltumsstuhl
Nicht weit vom schönen Brunnen stand ein großes Haus mit einem schönen geschmückten, alten Erker. Von diesem kleinen Erker aus wurden jedes Jahr vierzehn Tage nach Karfreitag die Heiltümer des Reiches, die Reichskleinodien, dem Volk gezeigt. Es waren die alten Schätze des Kaiserreichs: Die goldene Reichskrone mit Edelsteinen und Perlen verziert, zwei goldene Zepter, der goldene Reichsapfel, das Schwert Kaiser d. Gr., das Schwert des hl. Moritz, zwei violettseidene Unterkleider, ein weißseidenes Oberkleid, die Gugel Karls d. Gr., d. h. eine Kapuze aus roter Seide, dazu ein Mantel (Pluviale) aus purpurgefärbter Seide, der mit Goldstickerei und Perlen besetzt war, zwei Paar purpurne Handschuhe, rotseidene Strümpfe, Gürtel, Sporen, Schuhe usw., lauter Dinge, die zur Kleidung des Kaisers gehörten. Bei dem Schatz war auch noch die heilige Lanze, mit der dem Heiland am Kreuz die Seite durchstochen worden sein soll, ein Nagel vom Kreuz, ein Holzstück vom Kreuz selber, ein Stückeln des Tischtuchs, auf dem das Abendmahl gehalten worden war, fünf Dornen aus der Dornenkrone, ein Span von der Krippe, ein Zahn von Johannes dem Täufer. Alle diese wunderbaren Dinge wurden also j des Jahr dem e Volk vom Heiltumsstuhl aus gezeigt, und die Menschen strömten an diesem Tag von weit her um alles zu sehen. Die Heiltümer des Reiches wurden im Jahre 1424 von Kaiser Sigismund der Stadt Nürnberg zur ewigen Verwahrung übergeben. Damals zogen die Hussiten durchs Land. Darum war es nicht leicht, den Schatz ungestört von Ofen in Ungarn bis nach Nürnberg zu bringen. Nicht mehr als sechs durften davon wissen. Man nahm für die Reise einen ganz gewöhnlichen Wagen und als Behälter einen Kasten, sodaß jedermann meinte, -86-

darin seien Fische. So kam der Schatz nach Nürnberg. Dort freilich wurde er mit großer Pracht empfangen. Zwei Tagereisen vor Nürnberg wurde der Zug angehalten und eine feierliche Prozession vorbereitet. Männer und Frauen, geführt von den Geistlichen und vom Rat, zogen den Heiltümern weit vor das Frauentor hinaus entgegen. Der Fuhrmann schaute nicht schlecht; denn er wußte nichts davon und hatte keine Ahnung, was für ein kostbares Gut er gefahren hatte. Die Heiltümer wurden auf einen mit Purpur ausgeschlagenen Wagen umgeladen und so in die Stadt geführt. Hinten und vorne auf dem Wagen saßen junge, schöne Knaben als Engel verkleidet mit brennenden Kerzen. Die Obersten des Rates gingen nebenher. Die Ratsmitglieder und das Volk folgten in langem Zug. Es ging zur neuen Spitalkirche; dort wurden die Kleinodien in einer großen, eichenen, mit Silber überzogenen Kiste aufgehoben. Die silberne Kiste war aber wieder in einem hölzernen Kasten, der auf den Seiten mit Engeln bemalt war. Später hing man die Lade an großen eisernen Stangen über dem Altar auf. Die Kleinodien selber aber waren in der Kapelle über der Sakristei aufbewahrt Als die Franzosen im Jahr 1796 in die Nähe von Nürnberg kamen, wurde der ganze Schatz nach Wien gebracht, wo er bis zum Jahr 1938 blieb. Damals wurde er nach Nürnberg zurückgebracht und in der St. Katharinenkirche aufbewahrt.

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Der Hohlweg neben dem fünfeckigen Turm
Die Burggrafen von Nürnberg hatten den Auftrag, die Kaiserburg zu hüten und die Rechte des Kaisers in der Stadt und um die Stadt herum zu wahren. Ein Wohnrecht in der Kaiserburg hatten sie nicht. Seit dem Jahr 1191 ist die "Burghut" an das Haus Hohenzollern gekommen. Viele Jahrhunderte sassen die Hohenzollern dort oben neben dem fünfeckigen Turm als die Vögte der Burg. Von da aus erwarben sie sich durch Heirat, durch Lehen und durch Kauf andere Gebiete und schönere Schlösser, z. B. in Ansbach und in Kadolzburg, aber auch in Kulmbach und in Bayreuth. Nachdem die Nürnberger ihre Grenzmauer um die Burggrafenburg gezogen hatten, gefiel ihnen die Wohnung in dem engen alten Nürnberger Schloß nicht mehr. Der Burggraf Friedrich VI. hatte eine Fehde mit dem Herzog von Bayern in Ingolstadt, Ludwig dem Bärtigen. Ein Amtmann wohnte in dem alten Burggrafenschloß in Nürnberg. Im Jahr 1420, im Oktober, zogen in der Nacht die Kriegsknechte des bayerischen Herzogs mit ihrem Führer, Christoph Layminger, dem Amtmann des Schlosses in Lauf, nachts in aller stille heran, kamen mit starker Macht über die Mauer und überrumpelten die Besatzung des Burggrafenschlosses. Trotz des strömenden Regens brannte die Wohnung des Burggrafen vollständig nieder. In der gleichen Nacht war auf dem Nürnberger Rathaus ein großes Fest mit Tanz und Schmaus und aller Lustbarkeit gewesen. Vor lauter Freude am Fest und vor Sturm und Regen hatte kein Mensch in der Stadt den feindlichen Überfall bemerkt, bis die Flammen aus den Häusern schlugen. Später behauptete der Burggraf Friedrich VI., dass der Rat der Stadt von dem Überfall gewußt und deswegen Tanz und Lustbarkeit auf dem Rathaus veranstaltet hätte, damit die Nürnberger Bürger nichts merken sollten. Manche behaupteten -88-

auch, damals hätten einige Nürnberger Bürger von der Stadt aus an der Gewalttat teilgenommen. Aber zu beweisen war nichts, und darum konnte auch niemand angeklagt werden. Die Burg lag in Trümmern. Der Burggraf Friedrich VI. bekam vom Kaiser die Markgrafschaft Brandenburg und war weit entfernt von Nürnberg mit aller seiner Kraft beschäftigt. Dort in Brandenburg brauchte er viel Geld. Da boten ihm die Nürnberger Ratsherrn an, gegen 120000 Gulden seine Burg über der Stadt Nürnberg mit allen Türmen, Mauern, Gebäuden mit allen Hofrechten, mit der Freiung und mit den Rechten auf die beiden Reichsforste von St. Sebald und St.Lorenz an die Stadt Nürnberg zu verkaufen Mit Freuden ging der Markgraf darauf ein und nahm das Geld in Empfang. Später hat es freilich viel Streit um diesen Kaufvertrag gegeben. Der fünfeckige Turm ist der letzte Rest von der großen Burggrafenwohnung. Auf der anderen Seite steht noch die Walb urgiskapelle und eine große dicke Mauer gegen die Kaiserburg zu. Wer heute zur Burg hinaufgeht, muß neben dem fünfeckigen Turm durch einen Hohlweg gehen, der rechts und links mit Mauern verkleidet ist. In den Hügeln hinter diesen Mauern zu beiden Seiten des Hohlweges liegen die Trümmer der zerstörten Burggrafenburg. Die Nürnberger Buben steigen immer wieder einmal auf die Burg hinauf und gehen über die Schutthügel neben dem Hohlweg. Dabei stampfen sie mit den Füßen und bleiben stehen; dann heben sie den Finger und sagen: "Horch, da klingt's hohl!"

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Der Kaiser in der Wirtsmütze
Im Jahre 1274 hielt Kaiser Rudolf von Habsburg seinen ersten Reichstag, die deutschen Fürsten waren vollzählig erschienen. Alle freuten sich, das nun wieder ein Mann da war, der die Verbrecher und Unruhestifter im ganzen Lande mit starker Hand strafen und überall für Recht und Ordnung und Frieden sorgen konnte. Zu dem Reichstag waren auch viele Kaufleute gezogen; sie hatten in einem grossen Markte ihre prächtigsten Waren ausgestellt und hofften, dass die reichen, hohen Herren ihnen abkauften, und sie grossen Gewand mit heimbrächten. Einer von den Kaufleuten hatte seinem Wirt 200 Mark feines Silber (das sind ungefähr 16 000 Mark) in einem geblümten Sack zum Aufheben gegeben. Als er das Geld wieder haben wollte, leugnete der freche Wirt alles ab und behauptete: "Ich weiss von keinem geblümten Geldsack! Ich hab kein Geld von dir bekommen, so geb ich dir auch keines zurück!" Der Kaufmann hatte dem Wirt vertraut und weder Schein noch Zeugen, so dass der Richter seine Klage abweisen musste; in seiner Verzweiflung glaubte der Mann, dass sein sauer erspartes Vermögen verloren sei. Da gab ihm einer den Rat: "Wen dich doch an den Kaiser! Wir haben jetzt wieder einen Helfer gegen Raub und Unrecht!" Der Kaufmann folgte dem Rat und hatte es nicht zu bereuen. Gnädig hörte ihn der Kaiser an und versprach ihm seine Hilfe. Bald darauf liess der Kaiser eine Anzahl Bürger aus der Stadt, darunter den diebischen Wirt, zu sich auf die Burg einladen, alle kamen in ihren schönsten Gewändern. Besonders der Wirt hatte sich herausgeputzt. Das schönste an seiner Kleidung war eine prächtige mit feinstem Pelzwerk besetzte Mütze. Die hielt der Wirt bescheiden in der Hand, drehte sie aber immer so, dass man ihre Fracht von allen Seiten bewundern konnte. Der Kaiser liebte kostbare Pelze und als er die Mütze sah, rief er im Spass: "Solch eine schöne Mütze -90-

wäre auch für den Kaiser nicht zu schlecht und müsste ihm gut stehen!" Er nahm sie lachend, setzte sie sich auf den Kopf und ging zum Spiegel, um sich darin zu besehen. Dann unterhielt er sich mit anderen Bürgern und ging endlich, als ob er die Mütze ganz vergessen hätte, ins Nebenzimmer. Keiner der Bürger durfte den Saal verlassen. Die Wache hatte strengsten Befehl, darauf zu achten. Kaiser Rudolf nahm im Nebenzimmer die Mütze ab, rief seinen zuverlässigsten Diener und schickte ihn mit der Mütze in das Haus des Wirts. Dort musste er der Wirtin die Mütze ihres Mannes zeigen und sagen: "Schickt doch eurem Mann rasch durch mich den geblümten Geldsack, er braucht ihn sehr notwendig." Die Frau kannte die Mütze ihres Mannes sogleich und glaubte, dass der Bote von ihm komme. Ohne Bedenken übergab sie ihm den Geldsack. Der Kaiser liess den Kaufmann rufen und zeigte ihm den Sack. Der erkannte ihn auf den ersten Blick und konnte ihn und sein Geld so richtig beschreiben, dass der Kaiser sicher war: das war der wahre Besitzer des Geldes! Dann kehrte der Kaiser zu seinen Gästen zurück. Er unterhielt sich mit ihnen und besonders mit den Wirt freundlich und lange Zeit. Darüber freute sich der eitle Wirt und sein Gesicht strahlte vor Stolz. Da plötzlich wurde der Kaiser sehr ernst und sprach von der Klage des Kaufmanns. Scharf blickte er dem Wirt in die Augen, so dass er bald rot, bald blass wurde in seinem schlechten Gewissen. Aber immer noch rief er: "Ich weiss nichts von einem geblümten Geldsack; ich hab kein Geld bekommen!" Aber seine Stimme war nicht mehr so frech, sondern zitterte ein wenig. Da liess ihm der Kaiser den Geldsack vor Augen ha lten und gleichzeitig trat von der anderen Seite der Kaufmann aus dem Nebenzimmer herein. Da erschrak der Wirt und sah sich -91-

entdeckt. Er stürzte dem Kaiser zu Füssen und bat um Gnade. Der Kaiser war auch gnädig; er strafte den Dieb nicht, wie es sonst üblich war, mit dem Tode, sondern er befahl ihm, ein grosse Summe Geldes zu zahlen. Der Kaufmann aber bekam seinen geblümten Geldsack mit seinem Vermögen zurück; er reiste fröhlich weiter und rühmte, wohin er immer kam, den weisen, gerechten und hilfsbereiten Kaiser Rudolf.

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Der Kaiser und der Landstreicher
Kaiser Rudolf von Habsburg zog einmal zur Kirche. An der Kirchentür aber trat ihm ein Bettler entgegen. Abgerissen und mager. Er faßte den Kaiser am Gewand und sagte: "He, Bruder, nicht so schnell, ich bin auch noch da!" Die Begleiter des Kaisers wollten den Bettler wegziehen aber der Kaiser sprach: "Laßt ihn!" Und zu dem Bettler gewendet: ,Wie kommst du darauf, mich deinen Bruder zu heißen?" Der Bettler aber lachte: "Stammst du nicht auch, wie ich, von Eva und Adam?" Und als der Kaiser mit dem Kopf nickte fuhr er fort: Siehst du, so sind wir also Brüder, und es ist ein schweres Unrecht, dass du in der Pracht daherkommst und jeden Tag Essen und Trinken die Fülle hast, während ich, dein armer Bruder, nur das habe, was die guten Leute mir schenken. Du kannst die Schande nur dadurch gutmachen, dass du alles, was du hast, mit mir, deinem Bruder, teilst!" Da lachte der Kaiser und sagte: "Mein Lieber, du hast recht Ich muß jetzt in die Kirche. Geh einstweilen, während ich bete, nach Haus und hol dir einen Sack!" Während der Kaiser mit seinem Gefolge in die Kirche trat, eilte der Bettler nach Hans und holte sich einen großen, weiten Sack. Er konnte ihn gar nicht groß genug finden. Und als der Kaiser wieder aus der Kirche kam, stand da der Bettler mit seinem Sack und öffnete ihn weit und breit, so gut er konnte. Der Kaiser aber warf einen Heller hinein. Ein kleines Kupferstücklein! Und als der Bettler fragend zum Kaiser aufsah, da rief der: "Schau dich um, das sind alles deine Brüder und drüben in der Stadt und draußen in der Welt, Brüder landauf und landab! Wenn alle kämen und mit mir teilen wollten, kam auf keinen mehr als ein Heller. Und wenn dir jeder von den Brüdern einen Heller gibt, dann bist du bald so reich wie ic h!"

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Der Kreis aus freier Hand
Willibald Pirckheimer saß mit Dürer in dessen Haus zusammen in einer fröhlichen Versammlung. Man redete von den Künstlern des Auslandes und von ihren sonderbaren Bräuchen. Da erzählte Pirckheimer eine Geschichte Vor wenigen Jahren wurde in Rom die neue Peterskirche mit Wandgemälden geschmückt. Der Papst wollte den besten Künstler beauftragen und ihn unter allen Bewerbern herausfinden. Darum schickte er einen seiner Herren bei allen berühmten Meistern in ganz Italien herum und bat, sie sollte ihm Probezeichnungen liefern. Wer die beste Zeichnung lieferte, sollte die Arbeit bekommen. Jeder Maler gab sich Mühe, etwas Schönes für den Heiligen Vater zu zeichnen. Der Beauftragte des Papstes kam auch nach Florenz zu dem berühmten Maler Giotto und richtete seine Bestellung aus. Giotto besann sich kurz, nahm dann ein Blatt, tauchte seinen Pinsel ein und zeichnete damit einen Kreis, ohne abzusetzen Dann überreichte er das Blatt dem Herrn. Der aber war nicht zufrieden und wollte eine bessere und schönere Zeichnung. Giotto aber sagte: »Geht herum bei allen berühmten Künstlern! Keiner kann euch eine solche Probe liefern wie die!« Als der Papst die Probezeichnungen durchsah, erkannte er die große Geschicklichkeit, mit der der Kreis gemacht war, und entschied, daß Giotto der geschickteste und beste Maler sei und daß er die Winde der Peterskirche schmücken solle. So erzählte Willibald Pirckheimer in der fröhlichen Versammlung im Hause Albrecht Dürers. Da sprachen die Herren hin und her und meinten: »Der Kreis kann ja recht gut gewesen sein! Aber wenn der Papst den Zirkel genommen hätte, dann wäre doch herausgekommen, daß er da und dort nicht ganz genau und richtig gewesen ist.« Dürer sagte kein Wort, nahm -94-

eine Kohle aus dem Kamin und zog damit auf der Wand einen Kreis. Dann sagte er, indem er einen Punkt in die Mitte setzte: »Meßt nach, da darf kein Fehler drin sein!« Sie holten einen Zirkel und fanden den Kreis wirklich tadelfrei.

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Der Neptunbrunnen
Die Nürnberger wollten einen schönen grossen Brunnen haben, wie er in Italien auf den Platzen stand. Mit Wasserspeiern, mit Nixen, Pferden und Götterbildern! Das Geld wurde zusammengebracht und der Brunnen bei einem grossen Künstler in Auftrag gegeben. Es dauerte auch gar nicht lange, da war das Kunstwerk fertig. Der Meer- und Wassergott Neptun stand mit seinem Dreizack mitten unter seinen dienstbaren Geistern. Da sah man riesige Rosse mit breiten Flossen statt Hufen und dazwischen wunderschöne nackte Wassernixen. Als die Ratsherrn den Brunnen in der Werkstatt des Künstlers besichtigten, gefiel er ihnen über die Massen. Das ganze Kunstwerk sollte von Springbrunnen übersprüht sein, und besonders sollten aus den Mäulern der Rosse breite Wasserstrahlen herausschießen. Als aber der Brunnen auf dem Marktplatz gestellt war, an die Stelle eines kleinen Brünnleins das früher dort gewesen war, da zeigte sich, dass das Wasser des Brünnleins für solche Wasserkünste nicht reichte. Die Springbrunnen wollten nicht springen, und statt der breiten Wasserstrahlen aus den Mäulern der Rosse sah man dort nur ständig Tropfen stehen und herabfallen, so dass es aussah, als hätten die armen Tiere einen jämmerlichen Schnupfen. Ganz Nürnberg hat darüber gelacht. Und das Gelächter wurde so laut, dass der Rat nach einigen Tagen den Brunnen wieder wegbringen ließ. So erzählt uns die Sage. Die Wirklichkeit war anders. Das Morden, Brennen, Sengen, verwüsten und plündern des 30 jährigen Krieges war zu Ende. Die Glocken läuteten Frieden. In den Jahren 1649 und 50 kam man endlich zusammen, um die Friedensverhandlungen, die man in Münster und Osnabrück begonnen, in unserer Heimatstadt abzuschließen. Deutschland atmete auf, endlich war man so weit. -96-

Wahrhaftig ein Grund, das Friedensfest auch gebührend zu feiern. Der schwedische Gesandte gab ein prächtiges Festmahl im Rathaussaal, während der kaiserliche Beauftragte General Ottavio Piccolomini, den uns Schiller in seinem "Wallenstein" so lebensnah gestaltet hat, ein Fest mit Tanz und Feuerwerk auf dem Schießplatz von St. Johannas veranstaltete. Piccolomini war es, welcher dem Rat der Stadt den Vorschlag machte, die Erinnerung an den Friedensschluß durch ein prächtiges Denkmal für alle Zeiten festzuhalten. Nürnberger Künstler, der Bildhauer Georg Schweigger, der Goldschmied Christoph Ritter und drei andere schlugen dem Rat vor, einen mächtigen Brunnen im Stil der damaligen Zeit auf dem Marktplatz zu errichten. Dem Schönen Brunnen drohte Gefahr. Die schlanken Pfeiler, die Spitzbogen mit den Verzierungen waren dermaßen verwittert, dass der Rat der Stadt sich mit den' Gedanken trug, ihn abzubrechen. Auch fürchtete man, ob für 2 Brunnen genügend Wasser zugeleitet werden könnte. Die Künstler gingen frisch ans Werk, bald waren die Brunnenfiguren und die Steine für den neuen Brunnen fertig im Städtischen Bauhof der Peunt. In Deutschland lagen aber damals Handel und Wandel darnieder. Nicht mehr wie früher brachten die hochbepackten Kaufmannswagen der Patrizier Nürnberger Tand in ferne Länder. Nürnberg verarmte zusehends Es fehlte sogar an Geld, den alten Schöne n Brunnen auszubessern und den neuen "Peuntbrunnen", wie er im Volksmund bald hieß, aufzustellen. Fremde Höfe wollten gar zu gern die Not der arm gewordenen Stadt ausnützen und wirklich, die Not war so groß geworden, dass der russische Zar Paul I.1797 das Kunstwerk gegen die damals bedeutende Summe von 66000 Gulden erhielt. Wohlverpackt wanderten die Bronzefiguren Neptuns und seines ganzen Hofstaates nach Rußland, wo sie im Park des kaiserlichen Schlosses Peterhof aufgestellt wurden. -97-

Um die Wende des letzten Jahrhunderts aber schenkte ein Bürger unserer Stadt, der Geheime Kommerzienrat Ludwig Gerngross, Nürnberg, eine Nachbildung des verkauften Brunnens. 1902 sprangen zum ersten Mal die Fontänen, ein schönes Bild inmitten der buntfarbigen Blumenstände und keineswegs den Schönen Brunnen beeinträchtigend. Und dennoch trugen in sinnloser Verblendung die Nazi später den Brunnen ab und stellten ihn auf dem Marienplatz und dann im Stadtpark auf.

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Der Nußkaspar von Nürnberg
Wenn man von Nürnberg aus nach Norden schaut, so stellt sich dem Auge das berühmte Knoblauchland dar. Dort liegen mehrere anmutige Dörfchen, die von den Nürnbergern eifrig besucht werden. In einer dieser Ortschaften lebte vor vielen Jahren ein Bäuerlein, 'Nußkaspar' genannt, weil auf seinen Bäumen die schönsten Nüsse wuchsen. Er trieb wie seine Nachbarn Gärtnerei und verlegte sich vorzüglich auf den Anbau von Knoblauch. Allein dem guten Mann mißglückte fast alles, was er unternahm. Bald wurde er durch bedeutende Verluste in Schulden gebracht, bald von den Nachbarn bestohlen, dann wieder vernichteten Wind und Wetter seine Garten und Feldfrüchte, oder böse Buben holten ihm die Nüsse von den Bäumen. Dieses andauernde Mißgeschick verdroß den Bauern endlich und nahm ihm die Lust, sich ferner zu plagen, zumal da er bemerkte, wie bei den Nachbarn alles aufs beste gedieh und ihr Wohlstand täglich zunahm. Daher wurde er nach und nach in der Ausübung seines Gewerbes lässiger, fluchte mehr als er betete, und ergab sich zuletzt dem Trunke, so daß er meistens, wenn er mit Knoblauch und anderen Gemüsen zur Stadt gefahren war, leicht an Geld, dafür aber mit schwerem Kopf nach Hause zurückkehrte. Durch diesen Lebenswandel wurde nicht nur sein Körper, sondern auch sein Vermögen so zerrüttet, daß er mehrfach Geld aufnehmen mußte, schließlich von seinen Gläubigern hart bedrängt wurde und zu ihrer Befriedigung zuletzt bald ein Grundstück, bald irgend etwas aus seinem Hausrat zu veräußern genötigt war. Wieder einmal war der Nußkaspar am letzten Tag des Jahres wie so oft bis zum späten Abend in der Stadt geblieben, hatte sich einen tüchtigen Rausch angetrunken und taumelte nun den -99-

Burgweg hinauf. Unweit der Stelle, wo Christus am Ölberg abgebildet ist, setzte er sich auf einen beschneiten Steinblock, um auszuruhen, und schlief ein. Die Zerrbilder getäuschter Hoffnungen umgaukelten ihn in wüsten Träumen, so daß er öfters auffuhr und gräßliche Flüche ausstieß. Eben zeigte die Glocke vom nahen Sebaldusturm den Eintritt der Geisterstunde, als er abermals in die Höhe fuhr und in einem Zustande zwischen Schlaf und Wachen zähneklappernd vor sich hinmurmelte: "Will mich Gott nicht retten, so muß mir der Teufel helfen! " Mit diesen Worten erwachte er, rieb sich die Augen und wollte aufstehen, allein ein gewaltiger Schrecken warf ihn auf seinen kalten Sitz zurück; vor ihm stand ein Mann in Jägertracht, der ihn anredete: "Ei, Alterchen, was treibst du hier in der frostigen Winternacht?" Kaspar fragte gähnend: "Wo bin ich, Herr, und was wollt Ihr von mir?" Darauf erwiderte der Jäger: "Ich hörte im Vorübergehen, daß du Hilfe brauchst, und ich will sie leisten, wenn es in meinen Kräften steht, aber - ich will von dir darum gebeten sein." Kaspar schilderte nun unter beständigen Verwünschungen seine traurige Lage, fiel auf die Knie und rief in unbegreiflicher Herzensangst: "Ich flehe Euch fußfällig an, helft mir, helft mir, und wäret Ihr der Böse selbst; mir gleich, wenn mir nur geholfen wird; denn Gott hat mich ohnedies verlassen. " "Nun wohl," entgegnete der Fremde, "wenn du mir versprichst, weder deinem Weib noch einem anderen Menschen auch nur eine Silbe davon zu verraten, so will ich dein Beschützer sein und dir helfen. Kehre getrost heim, pflücke von dem großen Nußbaum. der in der linken Ecke deines Gartens steht, so viel Nüsse, als dir beliebt; diese werden sich in Gold verwandeln und dich instand setzen, nicht nur deine Schulden zu -100-

bezahlen, sondern auch ohne Mühe und Arbeit gut leben zu können. Doch wisse, geht nur ein Wort von meinem Angebot über deine Lippen, so sinkst du in deine frühere Armut zurück, wirst ein Raub der Verzweiflung und sollst auch im Grab keine Ruhe finden. Du mußt dann in jeder Silvesternacht deinem Grabe entsteigen und hier an dieser Stelle goldene Nüsse feil halten; ja, du wirst auch andere noch mit ins Verderben hinabziehen, und deine Seele ist mir verfallen. " Mit diesen Worten verschwand die geheimnisvolle Erscheinung. Daß der freundliche Helfer der leibhaftige Gottseibeiuns war, ist leicht zu erraten. Kaspar war demnach in sehr schlimme Hände gefallen. Er taumelte noch halb trunken mit schlotternden Knien nach Hause. Sein Weib, das ohnehin zur Sorte jener Menschen gehörte, denen Zanken und Murren zur zweiten Natur geworden ist, empfing ihn vom Bett aus mit heftigen Scheltworten. Er aber blieb ruhig und dachte: "Schrei nur, du Zankteufel, soviel du willst; habe ich einmal die goldenen Nüsse, dann wirst du schon anders singen!" Damit nahm er eine Laterne, zündete das Licht an und schlich in den Garten hinaus. Hier stellte er sich vor den bezeichneten Baum und schielte hinauf, um zu sehen, ob die Nüsse wirklich von Gold seien. Endlich bestieg er zagend den Baum, griff zitternd nach einer der Früchte, füllte dann so schnell als möglich alle Taschen damit, und siehe, die Nüsse waren reines, funkelndes Gold. Darauf versteckte er seinen Schatz in der Scheune und ging zu Bett. Bei Tagesanbruch stahl sich der steinreiche Ehemann, dessen Gewissen nun schon eingeschläfert war, still weg zum Geschenke des höllischen Jägers, um es teilweise in der nahen Stadt in Geld umzusetzen. Sodann zahlte er seine Schulden und lebte herrlich und in Freuden.

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Aber dieses Glück sollte nicht lange dauern; denn der gute Nußkaspar vergaß im Taumel der Ausschweifungen nur zu bald, was er dem Teufel versprochen hatte. In einem traulichen Stündchen beichtete er seiner Frau, die sich durch den unvermuteten Wohlstand vollständig mit ihm ausgesöhnt hatte, den ganzen Hergang der Sache. Als er aber am nächsten Morgen sein Geld herbeiholen wollte, da war der Beutel federleicht und enthielt statt harter Taler nur Kohlenstaub, und anstatt der goldenen fanden sich nur natürliche und größtenteils wurmstichige Nüsse im Schrank. So von der Höhe des Glückes in das bitterste Elend hinabgeschleudert, wurde dem Kaspar das Leben eine unerträgliche Last. Der Teufel hielt besser Wort als Kaspar; denn es ging alles in Erfüllung, was er für den Fall des Wortbruches vorausgesagt hatte. Als der Silvesterabend wieder anbrach, stand wirklich zur Mitternachtszeit ein kleines Bäuerlein in der Tracht der Knoblauchhändler mit einem Korb am Ölberg und ächzte unter verzweifeltem Händeringen: "Kauft Nüsse, kauft Nüsse!" Viele Jahre nach diesem Ereignis saßen am Silvesterabend mehrere Bürger nicht weit vom Ölberg im Gasthaus zum Burggrafen bei einem Krug Weizenbier. Unter diesen war auch ein redseliger Zinngießermeister, der wegen seiner Klugheit in großem Ansehen stand. Die Unterhaltung drehte sich um die alte Sage vom Nußkaspar am Ölberg. "Aberglaube, heidnische Finsternis!" eiferte Meister Zinngießer, der Wortführer. "Wer wird so albern sein, an Teufel und Geister zu glauben? " "Was, Nachbar?" fiel ihm ein belesener Zirkelschmied in die Rede, "habt Ihr denn nicht gelesen, daß Doktor Martin Luther dem Teufel das Tintenfaß nachgeworfen hat? Ist Euch nicht bekannt, daß der Satan Jesum in Versuchung führte?" "Das ist etwas anderes," unterbrach ihn der Zinngießer, und gerade als er weiterreden wollte, erscholl von der Wanduhr die -102-

zwölfte Stunde. Da schlug der Meister unwillig auf den Tisch und schrie : "Damit ihr aber seht, daß an der ganzen Sache nichts ist und jeder ein Narr, der so unsinnige Dinge glaubt, so wollen wir auf den Ölberg gehen, um uns zu überzeugen, ob der Nußkaspar wirklich seine Nüsse feilhält. Mein Hab und Gut setz, ich daran, daß ich euch auslachen werde." Hierauf nahm er seine Pelzmütze und eilte der Türe zu; doch von den übrigen Gästen hatte keiner Lust, ihn zu begleiten. Stockfinster war's, und nur der schimmernde Schnee erleuchtete die Umgebung. Da kam es dem Zinngießer wirklich so vor, als ob er in der Nähe des Ölberges die Gestalt eines Menschen wahrnehme, und er blieb stehen. Es fröstelte ihn, aber die Vorstellung, von den Freunden verspottet zu werden, wenn er unverrichteter Dinge zurückkäme, flößte ihm Mut ein; er wollte der Sache auf den Grund gehen. Also schritt der Zinngießer langsam näher und rief mit lauter Stimme: "Wer da?" - Keine Antwort! - Plötzlich stand ein kleines unheimliches Wesen ganz nahe vor ihm, stierte ihn mit Grabesaugen an und deutete mit dem Zeigefinger der rechten Hand in den vor ihm stehenden Korb. Unser Zinngießer stand wie an den Boden gewurzelt und kreischte mit kaum verständlichen Lauten : "Alle guten Geister loben Gott den Herrn!" Fast besinnungslos griff er sodann in den Korb, nahm daraus, was er mit seinen zehn Fingern fassen konnte, und stürzte ohnmächtig zusammen. Als er wieder zur Besinnung gekommen war, blickte er um sich. Aber er sah kein Wesen mehr, weder vor noch hinter sich. Jetzt faßte er wieder Mut und schämte sich seines Schreckens. Doch welches Erstaunen trat an die Stelle der Furcht, als er auf den schneebedeckten Boden blickte und ihm glänzendes Gold -103-

entgegenfunkelte! Schnell raffte er die goldenen Dinger zusammen und eilte dem Burggrafen zu. Die Gesellschaft begrüßte ihn, als wäre er von den Toten auferstanden, und war sehr gespannt zu hören, was er erlebt habe. Und der Meister erzählte sein Abenteuer, indem er zum Beweis einige goldene Nüsse aus der Tasche nahm und auf den Tisch hinrollte. Da war auf einmal alle Großsprecherei verstummt; denn nicht ohne heimliches Grauen sah man die glänzenden Beweise vor Augen. Der Zinngießer aber entfernte sich bald und suchte freudetrunken sein Nachtlager auf. Allein der Schlaf floh ihn diese und noch manch andere Nacht; denn ihn quälten Zukunftspläne und die Sorge um die Vermehrung des unheilvollen Geldes. Mit seinem Glück war zugleich das Unglück in seine vier Wände eingezogen. Aus dem zufriedenen Meister war ein griesgrämiger Sauertopf geworden. Durch unkluge Unternehmungen verlor er manches schöne Kapital, und nach wenigen Jahren bewahrheitete sich an ihm das Sprichwort: Wie gewonnen, so zerronnen. Doch als er immer ärmer wurde, machte die Not seinem jammervollen Leben ein Ende. Und es erfüllte sich des Teufels Vorhersage, der Nußkaspar werde auch noch andere mit ins Verderben ziehen.

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Der Pudel am Tiergärtnertor
Es war mitten in der Nacht. Ganz Nürnberg schlief. Nur die Bäcker waren wach und fleissig bei ihrem Geschäft. In der Bäckerei am Tiergärtnertor war ein Geselle mit dem Lehr jungen dabei, den Teig zu kneten für die Feiertagswecken. Dabei wurde es dem Gesellen heiß, und er schickte den Lehrbuben hinaus in die Nacht zum Brunnen, daß er ihm ein Krüglein Wasser hole. Der Bub nahm den Pudel mit, damit doch jemand bei ihm war in der stockfinsteren Nacht Wie der Lehrbub aus der Tür ging, sprang der Pudel über den Platz am Tiergärtnertor voraus. Drüben plätscherte der Brunnen. Langsam ging der Lehrbub hinüber, stelle seinen Krug unter das Brunnenrohr, und als er voll war, nahm er ihn und wollte zurückkehren. Aber der Pudel war verschwunden. Der Lehrbub pfiff, doch der Hund kam nicht zurück; wie von weitem hörte man nur sein Bellen; aber das war nicht mehr auf dem Platz! Das Bellen klang ganz hohl, wie wenn der Pudel ins Tiergärtnertor hineingelaufen wäre. Aber das Tor war doch die ganze Nacht fest verschlossen. Da konnte doch kein Hund hinein! Das dumpfe Bellen klang wieder. Der Lehrbub ging hin und sah, dass das Tor offen war! Schnell lief er in seine Backstube und erzählte, dass das Tiergärtnertor offen sei. Der Geselle ging mit. Sie gingen in das Tor und in den langen Gang hinein mid suchten den Hund. Der knurrte und bellte und heulte. Als sie zu ihm hinkamen, fanden sie daß er einen Mann an seinen Kleidern festhielt. Der Geselle und der Lehrbub packten den Mann und zogen ihn durch den Gang rückwärts durchs Tor auf den Platz. Sie riefen die Wache und erzählten, wo sie ihn gefunden hatten. Und als sie mit der Laterne ihm ins Gesicht leuchteten war das der Losunger Anton Tetzel! Einer der reichsten und vornehmsten Ratsherrn der Stadt! -105-

Der Bürgermeister wurde geweckt; der Rat zusammengerufen. Da gestand der gefangene Ratsherr, daß er mit dem Ansbacher Markgrafen ausgemacht habe, in der Nacht heimlich das Tiergärtnertor zu öffnen und die feindlichen Kriegsknechte einzulassen. Der Pudel war ihm nachgelaufe n als er eben von dem inneren Tor durch den finsteren Gang zum äusseren Tor schlich, um auch das zur festgesetzten Zeit zu öffnen. So ist die Stadt Nürnberg durch einen Bäckerbuben und einen Pudel vor einem schweren Unglück bewahrt worden. Anton Tetzel wurde schwer gestraft. Er musste auf Lebzeiten ins Gefängnis. Und der Zugang zu seinem Kämmerlein wurde vermauert, damit er niemals lebendig herauskommen sollte.

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Der Ring im Brunnengitter
Um das große Wasserbecken am schönen Brunnen ließ der Rat ein hohes, schmiedeeisernes Gitter anfertigen, damit niemand das Wasser verunreinigen könne. Er übertrug die Arbeit dem Meister Koehn. Der arbeitete mit seinem Lehrling und seinen Gesellen lange Zeit an dem Gitter; denn er wollte ein großes Kunstwerk daraus machen. Der Lehrling stammende von armen Leuten; aber er war ein fleißiger und begabter Bursch. Zwischen dem Lehrling und der Meisterstochter hatte sich etwas angesponnen. Sie sahen sich gern und fanden auch immer wieder Gelegenheit, länger als bloß zum Handgeben zusammenzusein. Der Meister wollte aber nicht haben, daß seine Tochter an so einen armen Schlucker geriete, drum fuhr er grob dazwischen. Er nahm sich den Burschen beiseite: "Daraus wird ein für allem nichts! So wenig wird etwas daraus, wie du es fertig bringst, dass die Ringe am Brunnengitter sich drehen Können! " Es verging einige Zeit, da mußte der Meister verreisen. Als er wiederkamen, fand er im Brunnengitter einen Ring, der sich nach allen Seiten drehte. Man konnte aber ringsum an den Gitterstäben keine Stelle sehen, an denen das Eisen aufgeschnitten war. Nun wird die Geschichte verschieden weiter erzählt: die einen sagen, der Meister hätte dem Burschen seine Tochter gegeben; die andern aber meinen, der Bursche hätte die Meisterstochter nachher gar nicht mehr gewollt, sondern sei in Nacht und Nebel davongegangen und hätte nur den beweglichen Ring im Brunnengitter als ein Andenken an sich und seine Liebe zurückgelassen. Das Gänsemännlein Hinter der Kirche "Unserer lieben Frauen" steht ein kleiner Brunnen. Er zeigt einen Bauern, wie man ihn auf dem Nürnberger Markt oft sehen kann. Der Bauer -107-

trägt zwei Gänse unter seinen Armen. Es sind ganz besondere Gänse; denn sie speien aus ihren Schnäbeln frisches, helles Wasser in das Becken; das unter ihnen angebracht ist. Das "Gänsemännlein" so heißt der Brunnen soll ursprünglich gar nicht für diesen Platz gegossen worden sein. Der Rat wollte eigentlich ein Bild der Heiligen Magdalis haben; aber der Meister hatte soviel anderes zu tun, dass er zu diesen kleineren Auftrag nicht kann. Endlich gab er dem Rat als Ersatz sein Gänsebauern. Es gab zwar Stimmen, die an dieser heiligen Stelle keine so einfache, gewöhnliche Figur aus dem Volk sehen wollten; aber weil der Künstler ein großer Meister - es war Pankraz Labenwolf und das Gänsemännlein ein wirklich feines Kunstwerk war, waren sie schließlich doch alle zufrieden.

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Der Schuß nach dem eisernen Christus
Vor dem Neutor, neben der kleinen Kirche ›Zum Heiligen Kreuz‹, steht ein Wirtshaus, das im Nürnberger Volksmund nur das ›Kreuzle‹ heißt, wurden einmal im Schwedenkrieg neue Söldner angeworben, die zur Besatzung für die benachbarten Schanzen bestimmt waren. Ungefähr 50 Soldaten saßen dort. Sie tranken und würfelten, sie fluchten und prahlten, daß es laut über die Straßen schallte. Jeder erzählte, was für Heldentaten er schon getan. Der größte aller aber war ein Riesenkerl mit starken Knochen, mit schwärzlichen Gesicht und tiefliegenden, stechenden Augen. Der schrie immer wieder: »Ich nehm's mit jedem auf. Mir ist kein Franzose, kein Schwede, kein Bayer zu stark!" Um neun Uhr abends kamen die Streifen und geboten das Ende der Zeche. Das Wirtshaus wurde geräumt und die angeheiterten Soldaten zogen miteinander die Straße entlang der Schanze zu. Dabei mußte man am Johannisfriedhof vorbei. Der nächste Weg wäre mitten durch den Friedhof gegangen. Die Kameraden aber wollten einen weiten Bogen außen herum machen. Da rief der Riesenkerl: »Feiglinge, ihr fürchtet euch sogar noch vor den Toten! Ich fürchte mich nicht vor Tod und Teufel. Auch vo r dem Herrgott fürchte ich mich nicht!« Und als einer von den andern ihm die Hand auf die Schulter legte und sagte: »Nimm nur dein Maul nicht gar so voll!«, da schrie er, daß seine Stimme kreischte: »Seht ihr dort der gekreuzigten Christus? Ich hab' keine Angst, ich schieß auf ihn und, daß ich ihn treff', das weiß ich!« Da rief einer der Kameraden aus dem Dunkel heraus: »Ein Geldstück gilt's! Du Prahlhans läßt es wohl bleiben!« Alle lachten, daß es über den Platz hallte. Aber der Betrunkene stürmte vorwärts auf das Kreuz zu. Erst lachten die Kameraden noch und rissen ihre Witze; dann aber wurden sie still und warteten. - Wirklich der -109-

Riesenkerl hob seine Pistole, richtete sie auf die Stirn des Heilands und schoß. Ein furchtbarer Schlag folgte. Ein Schrei war zu hören, der aus dem Mund des Schützen kam. Allen erstarrte das Blut in den Adern. Da sah man im Dunkel den Riesenkerl zusammenstürzen. Voll Entsetzen liefen die Soldaten in die Nacht. Sie kamen zur Schanze und meldeten der Wache, was geschehen war. Der Kommandant sandte eine Streife, und die fand den Soldaten, die Pistole in der Hand, tot liegen. In seiner eigenen Stirne saß die Kugel, die er auf den Heiland gerichtet hatte. Von der Tafel über dem Haupt des Gekreuzigten war sie zurückgesprungen! Heute noch zeigt man in der Tafel ein Loch, das von der Kugel herstammen soll.

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Der Schwedenkrug
Es war einmal ein Nürnberger, der hatte lange Jahre unter schwedischen Fahnen gedient, noch ehe Gustav Adolf nach Deutschland gekommen war. Gustav Adolf kannte ihn; denn er hatte sich im Kampf gegen die Russen und Polen, gegen die Dänen und Litauer so ausgezeichnet, dass er ihn gut im Gedächtnis behalten hatte. Der Nürnberger hatte seinen Abschied genommen und hatte am Bergauerplatz eine Wirtschaft gekauft, die man ›Zur goldenen Ente‹ hieß. Als der König mit seinem Heer in Nürnberg einritt, wurde er von einer großen Menge herzlich begrüßt. Darunter war auch der alte schwedische Söldner, der jetzt Nürnberger Gastwirt war. Gustav Adolf erkannte seinen alten tapferen Soldaten auf den ersten Blick, ritt auf ihn zu, reichte ihm die Hand fragte ihn, wie es ihm ginge, und lud im zum Mittagessen ins Lichtenhofer Schlößlein ein wo der König Quartier genommen hatte. Bei dem Mittagessen gab es, es viel das Herz begehrte, und der Wirt ließ es sich auch gut schmecken. Am Ende sagte noch der König, der gerade besonders gnädig war: »Jetzt erbitte dir noch einen besonderen Gnadenbeweis von mir!« Da bat der Wirt zur goldenen Ente, daß der König Gustav Adolf ihm die hohe Ehre gönne, einmal in seiner kleinen Wirtschaft kurze Einkehr zu halten. Der König Gustav Adolf wunderte sich über den bescheidenen Wunsch, versprach aber dann, zu kommen, so bald er Zeit dafür hätte. Und wirklich schon nach einigen Tagen erschien der König mit einigen Offizieren ließ sich ein gutes Essen und Wein auftragen, den er aus einer großen zinnernen Kanne trank. Dann spielte er sogar mit seinem einstigen Soldaten, dem jetzigen Gastwirt ›Zur goldenen Ente‹ eine Partie Schach. Die Schachfiguren aber waren aus Blei von Schwedenkugeln gegossen. -111-

Der Wirt freute sich über die Gnade des Schwedenkönigs; aber sie soll auch seinem Geschäft genutzt haben. Er soll zwei große Bilder haben malen lassen zur Erinnerung an seine Dienstzeit im schwedischen Heer, und viele Bekannte und Fremde sollen nachher gern zu ihm in die Gaststube gekommen sein, um sich die Schachfiguren aus Schwedenkugeln, den zinnernen Krug, aus dem der König Gustav Adolf getrunken, und den Stühle haben zeigen lassen, auf denen die hohen Herren damals gesessen waren. Später hieß man die Wirtschaft nach der zinnernen Kanne, aus der Gustav Adolf getrunken haben soll, ›Zum Schwedenkrug‹.

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Der Teufelsstein auf der Rhön
Als der Teufel einst wahrnahm, daß man auf der Milseburg eine Kirche errichte, versprach er einem Bewohner der Gegend, ihm ein Wirtshaus zu bauen, und dieser gelobte dem Satan dafür sich und seine Seele, wenn er das Wirtshaus wenigstens einen Tag eher vollende, als die Kirche gebaut sei. Da aber beim Bau des Milseburgkirchleins der heilige Gangolf selbst behilflich war, und auf dessen Gebet die Steine sich schneller fügten als auf des Teufels Flüche, so wurde das Kirchlein fertig, als der Teufel eben mit dem letzten Stein für das Wirtshaus durch die Lüfte geflogen kam. Kaum sah er, daß er seine Wette und obendrein eine Seele verloren habe, so schleuderte er den mächtigen Felsstein auf das Wirtshaus herab und zertrümmerte den ganzen Bau. Man kann die Spuren heute noch sehen. Die Felsen liegen dort übereinander wie gespaltene Eichenstämme in einem wirren Holzha ufen.

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Der Totenschädel
Auf einem Grabstein, nicht weit von der Johanniskirche nach Osten zu gelegen, ist, wie auf vielen andern, ein Bild aus Erz befestigt. Man sieht da einen Totenkopf auf zwei über Kreuz gelegten Knochen. Der Unterkiefer kann hin- und herbewegt werden, und in der Schädeldecke sieht man die Platte von einem eingeschlagenen Nagel. Vor vielen Jahren wohnte einmal in Nürnberg ein reicher alter Mann, der eine junge Frau geheiratet hatte. Viele fröhliche Menschen kamen in sein Haus. Darunter auch ein feiner junger Herr. Plötzlich starb der alte Mann in einer Nacht ganz rasch und unvermutet, ohne dass er zuvor krank gewesen war. Seine junge Frau war am Grab ganz aufgelöst vor Schmerz und Kummer und wollte sich gar nicht trösten lassen. Bald darauf aber heiratete sie den jungen feinen Herren, der so oft in dem Haus ihres verstorbenen Mannes verkehrt hatte. Jahre und Jahrzehnte waren vergangen. Niemand dachte mehr an den plötzlichen Tod des alten Herrn. Da war wieder einmal ein Glied der Familie gestorben. Die Familiengruft mußte geöffnet werden. Da sahen die Totengräber in der Gruft einen noch ganz wohlerhaltenen Totenschädel liegen; aber er lag nicht ruhig da, sondern sein Unterkiefer bewegte sich immer hin und her. Sie schauten nach und fanden, dass Ungeziefer und Würmer dort in Mengen sassen; aber wie sie den Schädel schon wieder hinlegen wollten, bemerkte einer den langen Nagel, der in dem Schädeldach steckte. Da konnte man sehen, warum der alte Herr so plötzlich gestorben war. Das Gericht erfuhr davon. Eine Untersuchung wurde geführt; aber man konnte nichts herausbringen, denn die Frau des ermordeten alten Mannes, gegen die man gleich Verdacht hatte, war mit ihrem zweiten Mann weggezogen, und niemand wußte, wohin.

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Der Turm des Rathauses von Rotenburg
Als das Rathaus zu Rothenburg mit seinem hohen, schlanken Turme fertig gebaut war, fand sich auch bald ein Paar Störche ein, das sich auf der Spitze des Turmes ein Nest errichtete; denn von dieser Höhe aus ließ es sich leicht in die weite Luft hinausschwingen. Sooft nun der eine der beiden Turmwächter auf den Steinkranz des Turmes stieg, um nach Feinden und Gefahren auszuspähen, hatte er seine Freude an den Tieren. Der andere Wächter hatte ein rohes, zänkisches Weib, das mit ihrem Mann zu oberst auf dem Turme wohnte. Die Frau ärgerte sich über die Unreinlichkeit der Tiere, und als sie erst Junge ausgebrütet hatten, die zuweilen eine halbe Schlange oder Kröte auf den Turmkranz fallen ließen, da verlangte sie von ihrem Mann mit keifenden Worten, er möge die jungen Tiere aus dem Nest stoßen, was dieser auch tat. Aber es dauerte nicht lang, so kam der alte Storch mit einem Feuerbrand im Schnabel geflogen, den er in sein Nest warf. Das Feuer griff vom Nest auf den Turm über, und das dürre Holzwerk geriet schnell in Flammen. Der böse Wächter vermochte nicht zu entrinnen und verbrannte samt seinem Weibe; der gute hingegen stieg auf eines der alten Steinbilder hinaus, die man heute noch sieht, und rettete mit Mühe sein Leben. Das Innere des Turmes brannte gänzlich aus, doch blieben die festgefügten Mauern stehen bis auf den Steinkranz, an dessen Stelle später ein eiserner kam.

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Der tiefe Brunnen
Auf der Burg ist ein 70 Meter tiefer Brunnen. Gefangene sollen ihn in mehreren Jahrzehnten gebaut haben. Unten steht immer frisches Wasser mehrere Meter hoch und über der Wasserfläche sieht man von oben her rechts und links zwei dunkle Öffnungen in dem Felsen, durch die der Brunnen gemeisselt ist. Die zwei dunklen Öffnungen führten zu unterirdischen Gängen, die hinuntergingen zum Rathaus und hinunter in den Burggraben und unter dem Burggraben hindurch hinaus in den Wald und noch, wer weiss wohin. Das weiss ja jeder, dass die ganze Nürnberger Stadt und besonders der Burgberg mit unterirdischen Gängen nach allen Seiten durchwühlt ist. Im letzten Krieg hat ein Baumeister dort bombensichere Unterstände für die gesamte Altstadt für 50000 Menschen gerichtet Damals kamen die Nürnberger oft in diese unterirdischen Gänge. Heute sind sie wieder wohl verschlossen, damit sich kein Gesindel darinnen festsetzen kann. In alten Zeiten soll einmal in Nürnberg ein Mann wegen mancher Verbrechen zum Tode verurteilt worden sein. Aber der Verurteilte bat so jämmerlich um sein Leben, dass die Ratsherren Mitleid bekamen. Er rief: "Sperrt mich ein, so lang ihr wollt, verbannt mich, wohin euch einfällt, mauert mich meinetwegen ein, nur tötet mich nicht" Endlich beschlossen die gestrengen Ratsherren, ihm eine Gelegenheit zu geben, durch die er sich retten könnte. Man rief ihn herein und sagte zu ihm: "Wenn du es wagst, in den Tiefen Brunnen hinuntersteigen und durch die unterirdischen Gänge durchzuwandern, so weit du kannst, vielleicht hinaus bis zum Karlsberg bei Poppenreuth, wo der alte Kaiser Karl der Große sich noch verbergen soll, und wenn du davon gute und wahrhafte Nachricht bringst dann soll dir das Leben geschenkt sein!" Der Mann war es zufrieden. Er -116-

wurde noch in der Nacht hinaufgebracht zur Burg und in den Brunnen hinabgelassen. Dort begann er seine Wanderung: Eine Stunde wanderte er mit seiner Fackel durch den langen Gang; da kam er an eine großes, offenes Tor. Es war von Eisen, stand aber weit offen, sodass er hineinschauen konnte in einen grossen Saal. Da saß der alte Kaiser Karl auf einem steinernen Stuhl vor einem steinernen Tisch und ringsum sassen die Herren mit reichen, prächtigen Gewändern. Und wirklich, da sah er es selbst! Dem Kaiser war sein mächtiger, weisser Bart mitten durch den Tisch gewachsen. Auf einmal bewegten sich die Gestalten. Einer nach dem andern sah sich nach ihm um. Er erschrak heftig und wollte voll Entsetzen davon laufen. Aber gerade noch fiel ihm ein, dass er ja einen Beweis brauchte, wenn er sein Leben retten wollte. Er sah einen glänzenden Stein am Boden liegen, hob ihn rasch auf und steckte ihn ein. Dann lief er, so schnell er konnte, zurück, dorthin, wo er seine Wanderung begonnen hatte. Er wurde heraufgezogen und musste nun den Ratsherren erzählen was er gesehen hatte. Man wollte ihm nicht glauben, aber als er den glänzenden Stein aus der Tasche zog es war ein Diamant -, da schenkte ihm der Rat das Leben.

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Die Barthelversetzer
Wenn man sich über einen Wöhrder ärgert (Wöhrd ist eine Vorstadt von Nürnberg und seine Kirche ist dem Heiligen Bartholomäus geweiht), dann sagt man zu ihm: ,,Du elender Barthelversetzer, du" Aber dann muß man sich in acht nehmen; denn das Wort schlägt dem ins Blut Und manche Rauferei im Wirtshaus oder bei der Kirchweih hat angefangen mit dem "Barthelversetzer". "Warum heißt man denn die Wöhrder Barthelversetzer?" Die Wöhrder waren immer arme Leute und die reichen Nürnberger haben sie deswegen immer von oben herunter angeschaut. Ihre Kirche war klein und kümmerlich, und auch die Messgeräte und Messgewänder waren nicht die wertvollsten. Reiche Nürnberger Bürger, auch manche Wöhrder, denen es gelungen war, sich in Nürnberg selbst seßhaft zu machen, und dort zu Vermögen gekommen waren, stifteten den Wöhrder ihre schöne Kirche und manches wertvolle Gerät. So stiftete Ludwig Schott, der lange Jahre in Wöhrd draußen Richter war, gar eine Statue des Heiligen Barthel aus reinem Silber. Das Bild war fast eine Elle hoch und fünf Pfund schwer. Neun Mark Silber wurden dazu verwendet, im Wert von vielen tausend heutigen Mark. Die Wöhrder waren stolz auf ihren silbernen Barthel, und damit jeder ihren Reichtum sehen könne, lieBen sie ihn das ganze Jahr hindurch frei und offen auf dem Altar stehen. Da war aber einmal ein Mesner, der Emblems Fritz, der hatte jahrelang die Kirche und auch all das wertvolle Gerät versorgt; aber eines Tages war er verschwunden. Und mit ihm 500 Gulden und alles Kirchensilber. Der silberne Barthel war auch nicht mehr da. Die Wöhrder suchten in der Kirche, im Mesnerhaus und sonst überall, aber der Barthel blieb verschwunden, genauso wie der Emblems Fritz:. Und das schönste war: das schwere Postament, auf dein der Barthel stand, war auch nicht mehr da. Die Wöhrder -118-

dachten: Wenn der Emblems Fritz mit all unsern schönen Sachen in die weite Welt gelaufen ist, dann hat er den schweren Barthel sicher: nicht weit mitgenommen. Und sie fragten ringsherum in allen Pfandhäusern, bei allen Geldverleihern und Schacherern, ob niemand ihren silbernen Barthel gesehen habe. Und wirklich, draußen in Schanktisch, da fand sich der Barthel. Der Emblems Fritz hatte ihn dort versetzt. Die Wöhrder sammelten überall, lösten ihren Barthel ein, und waren froh, daß ale ihn wieder hatten. Aber von jetzt an stellten sie ihn nicht mehr frei und offen auf ihren Altar. Das ganze Jahr über ist er in einer eisernen Truhe aufgehoben und nur bei der Kirchweih wird er dem Volk gezeigt und dabei scharf bewacht. Die bösen Leute aber sagen: Die Wöhrder versetzen ihren Barthel immer das ganze Jahr hindurch und bloss zur Kirchweih lösen sie ihn für einen Tag aus, damit niemand etwas davon merkt.

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Die Eidechse
Nicht weit vom Pfarrhaus v St. Johannis, in der Nähe der on Holzschuher- Kapelle, ist ein Grabstein auf dem Johannisfriedhof, der ein schönes erzgegossenes Bild zeigt. Unter dem Laub, das kunstvoll gegossen ist, ist ein kleines Eidechslein, das beweglich hin- und hergeschoben werden kann. Ein schlafendes Kind ist daneben zu sehen. Das Eidechslein hebt seinen Kopf und schaut neugierig auf das Kind hin. "Großmutter, was soll denn das Eidechslein bedeuten? " "Das ist eine traurige Geschichte! - Da ist einmal ein Kind in einem schönen Haus in Nürnberg drinnen aufgewachsen, ein lustiges Mädchen, das keine Geschwister hatte. Seine Eitern waren reich und wohnten in einem schönen, prächtigen Hans, bei dem ein großer Garten war mit vielen Bäumen, Büschen und Blumenbeeten. In dem schönen Garten hat das Mädchen den ganzen Nachmittag gespielt und hatte einen Schmetterling gejagt, bis es ganz müde war. Dann hatte es sich auf das Gras hingelegt und war eingeschlafen. Dabei Stand ihm der Mund ein wenig offen. Als einmal hat der Gärtner drunten im Garten ein wildes Schreien gehört. Es war das fröhliche Mädchen. Es hielt seinen Leib und jammerte) was es konnte. Die Doktoren kamen. Aber es half nichts mehr. Nach wenigen Stunden mußte es sterben. Und schuld war ein Eidechslein, das dem Kind durch den offenen Mund hereingekrochen war. Drum haben die traurigen Eltern auf dem Grabstein ein schlafendes Kind und das Eidechslein unter den Blättern von einem Künstler abbilden lassen.

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Die Fliege auf der Leinwand
Albrecht Dürer wollte einmal einen seiner italienischen Malerfreunde besuchen. Er fand ihn aber nicht in seiner Werkstatt, hatte auch gerade kein Papier zur Hand, um ihm einen Brief zu schreiben. Da nahm er einen Pinsel und ging an das Bild, das eben auf der Staffelei stand, und malte eine Fliege darauf. Dann ging er fort. Der Maler kam zurück, ging an sein Bild, und als er da eine Fliege sitzen sah, schlug er mit der Hand danach, und setzte sich dann zum Essen. Nach einer Viertelstunde wollte er an die Arbeit gehen; da saß am gleichen Fleck wieder eine Fliege! Ärgerlich schlug er noch einmal danach, um sie zu verscheuchen. Sie blieb aber hartnäckig sitzen. Da sah er näher hin und merkte den Scherz. Da rief er aus : »Da muß der Dürer hier gewesen sein! Meine hiesigen Malerfreunde hätten mich nicht so täuschen können! "

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Die Leidensstationen von St. Johannis
Vom Johannisfriedhof bis zum Tiergärtnertor führt eine gerade Straße. Sie heißt heute die Burgschmiedstraße. Dieser Weg führte in alter Zeit über freies Land, denn Häuser gab es damals vor den Mauern der Stadt nur ganz wenige. Heute freilich ist die Gegend dort bebaut. Wer in die Straße zum St. Johannisfriedhof hinunterwandert, sieht auf der rechten Seite alle paar hundert Meter in die Hausmauern eingelassen, schöne Bildwerke aus Stein gehauen, auf denen von der Hand eines großen Künstlers (Adam Kraft) das Leiden des Herrn Christus in Stationen abgebildet ist. Auf jedem Stein steht unten dran in römischen Buchstaben und in römischen Ziffern, so daß es nur schwer zu lesen ist, wie weit das Geschehnis, das auf dem Stein abgebildet ist, vom Pilatushaus entfernt war. Als Pilatushaus zeigt man ein großes, festes Gebäude innerhalb des Tiergärtnertor, an dessen Ecke ein grser gepanzerter Ritter zu sehen ist. Es war einmal ein Nürnberger Kaufmann, der in seinem Leben viel Geld und viel Ehren gesammelt hatte. Er wollte seinen Reichturn für eine fromme Stiftung verwenden und wollte auf dem Weg zum Johannisfriedhof Leidensstationen des Herrn Christus aufrichten lassen. Aber es lag ihm daran, daß die Bildwerke genau an die richtigen Stellen kamen. So ist er ins heilige Land gefahren, hat dort Golgatha und das Haus des Pilatus und den Weg sich zeigen lassen und hat nach den Nachrichten genau abgemessen, wo und in weichem Abstand vom Pilatushaus jedesmal die traurigen Geschichten geschehen sind. Er schrieb sich die Zahlen seiner Schritte genau auf und verpackte alles, so gut er konnte. Auf der Rückfahrt aber kam ein Sturm. Das Schiff wurde hin und her geworfen und das Gepäck, das auf Deck aufgestapelt -122-

war, rollte über den Schiffsrand ins Wasser. Als Martin Ketzel, so hieß der reiche Mann, nach Nürnberg zurückkam, war er traurig; denn der eigentliche Zweck, weswegen er nach Jerusalem gereist war, war nicht erreicht. Drum beschloß er bald darauf, noch einmal ins heilige Land zu fahren. Er maß die Strecken noch einmal ab und schrieb alles genau auf. Und diesmal kam er gut mit allem nach Nürnberg. Deshalb kann man heute auf den Steinbildern die genauen Entfernungen vom Pilatushaus lesen, die Martin Ketzel, der reiche, fromme Nürnberger Kaufmann, mit seinen eigenen Schritten gemessen hat.

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Die Schwesternglocken von Aschaffenburg
In der Pfarrkirche zu Sankt Agatha in Aschaffenburg hingen einst zwei Glocken, die eine hieß Marianne, die andere Susanne. Beide waren aus Silber. Im Dreißgjährige n Kriege raubten die Schweden eine der beiden silbernen Glocken, luden sie auf ein Schiff und wollten sie den Main hinabführen. Als sie an den Stadtausgang kamen, nämlich zu dem Felsen, auf dem heute ein Pavillon weit ins schöne Tal blickt und wo einstens die Stadtmauer gegen den Main verlief, da sprang die Glocke mit einemmal aus dem Schiff in den Main, und dort liegt sie jetzt unten auf dem Grunde des Flusses. Sooft die Glocke "Marianne" der Kirche Sankt Agatha geläutet wird, ruft sie deutlich wahrnehmbar: Bimbam, bimbam, Wo ist die Schwester Susann? Eine feine Stimme aus der Tiefe des Flußbettes antwortet dann: Bimbam, bimbam, da bin ich, Schwester Mariann! Diese Worte hören freilich nur die Sonntagskinder, die frommen Herzens und gläubigen Sinnes sind. Ein Liedchen von der "Susanne" singen aber heute noch alle kleinen Kinder : Kling, klang glorian! Unsere Schwester Susann Liegt im Main Beim grauen Stein Kehrt nimmer heim. Kling, klang!

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Die Schützenliesel
Die Schützenliesel war eine wohlbekannte Gestalt in Nürnberg noch um das Jahr 1820. Undenkbar war es dem Bürger, daß Weihnachten kommen konnte, ohne daß auf dem Kindlesmarkt die Schützenliesel ihren Stand am Krebsstock aufgeschlagen hätte.. Schon mehrere Wochen zuvor sah man die Alte dort hinter einem weiß gedeckten Tischlein sitzen, worauf in Reih und Glied ein ganzes Heer von selbstgefertigten Zwetschgenmännern stand; alle überragte ein großer Zwetschgenmann, der stets in der Mitte paradierte und einen französischen Soldaten in voller Armatur vorstellte. Den aber verkaufte die Liesl nie, er wurde allabendlich eingepackt, um am anderen Morgen wieder dort zu stehen. So blieb die Liesl auch ihrer Tracht getreu. Noch im hohen Alter sah man sie, selbst bei grimmiger Kälte, mit ihrer weißen, immer frisch gestärkten Rassapasserihaube sitzen. Trat ein Käufer an ihren Stand, der gewillt war, sie erzählen zu hören, was gar nicht selten geschah, so durfte er nur fragen was der große Zwetschgenmann koste. Da fing die Liesl unter Weinen und Schluchzen an, ihre Lebensgeschichte zu erzählen auf eine wunderliche Weise, mit vielen französischen Brocken vermischt. Gewöhnlich war die Einleitung: "Nix, nix, mon mesiö Mon Scherschang! Mon ami! Den verkaf i niet - 0, mon dieu! 0, mon dieu, man pauvre ami Scherschang!" - Nun, diese, der armen Schützenliesel Lebensgeschichte ist es, die ich erzählen will. Die ganze Jakobiterei stand bei den Nürnbergern in nicht besonders gutem Ansehen; das Handwerk der Pauterles, Bahknupfmacher und Hornpresser, die dort hinter der Mauer ihre Werkstätten hatten, roch man ganze Straßen weit. Das Übelste im Viertel, der Schandfleck, war der Sehützenhof in der "Loudergass". "Du mit dem Schützeng'sicht," sagte der alte Nürnberger, wollte er jemand gar arg schimpfen. Die Schützen, worunter man aber nicht Büchsen- oder Armbrustschützen verstehen darf, waren -125-

lange Zeit die niedrigste Klasse von Menschen in Nürnberg, sie standen noch weit unter den verrufenen Stadtknechten. Sie waren ehrlos, allgemein verachtet. Man brauchte sie nur zu den niedrigsten Geschä ften, als Handlanger der Henker und zum Hinwegschaffen von Selbstmördern oder Verunglückten, kein Bürger konnte von den Schützen vor Gericht geladen werden. Von ihren Vorgesetzten wurden sie mit du angeredet. Kein ehrlicher Mensch, nach damaligen Begriffen bürgerlicher Ehre, mochte sich mit ihnen verschwägern, so konnten sie nur unter sich Ehebündnisse eingehen. Ein eigener Hof in der Ludergasse war ihnen zum Wohnen angewiesen. Bei alledem waren die Schützen, was man so heißt, doch gute Christen; sie besuchten fleißig ihre Kirche, das war die Suden im HeiliggeistSpital; auch eine Schule ausschließlich für die Schützenkinder wurde im Spitalhof errichtet. Die Schützenkleidung war von derbem, grauem Tuch, ohne jeden Ausputzt. Ihr Ursprung ist unbekannt. Im Volksmund hatte sich über sie folgende Sage erhalten: Nach einer Pest und Hungersnot in Nürnberg sollen mehrere verarmte, auswärtige Familien die nachgesuchte Aufnahme in die Stadt um die Bedingnis erhalten haben, daß sie die gemeinsten und niedrigsten Arbeiten verrichten würden. Die Schützen hatten mit dem Henker, dem Fallmeister und deren Knechten im Wirtshaus einen abgesonderten Tisch und tranken aus Gefäßen ohne Deckel. Im Ofenloch, einer Wirtschaft in der Johannisgasse, konnte man sie finden. Einmal, so um die Jahrhundertwende, sahen sie im Schützenhof eine ganz seltene Erscheinung. Ein bildhübsches Mädchen von zehn bis Zwölf Jahren ging dort aus und ein, sang und tanzte in der Gasse und war fröhlichen Mutes. Es war aber kein Schützenkind, es wußte auch niemand, woher es kam, aber die Schützen behielten das Kind bei sich, weil es so fröhlich und wohl anzusehen war. Wer wollte lang Nachforschungen darüber anstellen, woher es stammen konnte?

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Niemand mochte mit den unehrlichen Leuten Verkehr haben, keiner kümmerte sich draußen darum, was die im Schützenhof unter sich trieben. So blieb das Mädchen im Hof und wuchs dort zur Jungfrau auf; wo man sie in der Stadt kannte, hieß sie kurzweg Schützenliesel Für die jungen Handwerksgesellen war es verlockend genug, wenn die schöne Schützenliesel zur Abendzeit mit ihrem Strickstrumpf um den Stock ging. Sehnsüchtig. oder neugierige, manchmal auch freche Blicke trafen sie überall Einst tanzte man am Jakobskirchweihtag auf dem Plätzchen bei der Kirche. Die Liesl stand von ferne und sah bedrückt auf die fröhlichen Platzmädchen, die da tanzten und sprangen, wie jede das Geschenk von ihrem Platzknecht den Umstehenden entgegenschwang. Eben als sich die Liesl umdrehen und heimwärts gehen wollte, kam ein Bäckerknecht auf sie zugesprungen. Der war fremd und wußte nicht, daß das liebe Mädchen für unehrlich galt Ein so Schönes Mädchen, dachte er, darf nicht zusehen, die muß mit um den Baum tanzen. Er packte sie, und wenn die Liesl sich auch sträubte, es half nichts, mit ein paar kräftigen Rucken war das Paar mitten unter den Tanzenden. Schon einmal hatte der fremde Geselle mit der Schützin den Baum umkreist, da verstummte die Fiedel mitten im Stück. Der Musikant und die Tänzer hatten die unehrliche entdeckt. Alles wich zurück, als ob ein Aussätziger gewagt hätte, mit zu tanzen. Dann fielen böse Worte, sie hörte noch aus dem Durcheinander "Verdammtes Schützenluder" kreischen; da lief sie davon in den Hof, und lange ließ sie sich draußen nicht wieder sehen. So oft auch die Kirchweih wiederkehrte, die Liesl kam nimmer; sie mied überhaupt die ganze Nachbarschaft und ging nur aus, wenn es nimmer anders zu machen war. Die Schützen trieben neben ihren fragwürdigen "Ämtern" noch verschiedene unzünftige Handwerke. Der eine war ein Altreißer oder Hafenbinder, ein anderer versorgte die Schuhmacher mit den Unentbehrlichen Holzzwecken, andere machten Lichterbäume, die, seit der Weihnachtsbaum aufkam, niemand -127-

mehr kennt, Goldengel, Hadlrutn und Zwetschgenmänner. Im Winter vergoldeten sie Hasel- und andere Nüsse. Die Liesl brachte es bald zur Meisterschaft in vielen solchen Künsten, das schönste aber waren ihre Zwetschgenmännlein. Von den Schützen wollte sie keinen zum Mann haben, denn im stillen hoffte sie immer auf einen ehrlichen Mann, wenn sie auch darüber schon in die Jahre kam, wo sich die Kunden vom Markt verlaufen, wie unsere Alten sagten. Doch die Zeit, die alles bringt, aber auch heilt und vergessen läßt im ewigen Wechsel, brachte auch der armen Liesl einen Mann. Die Franzosen durcheilten ganz Deutschland und auch in die damals noch freie, aber verarmte, vor dem Bankrott stehende Reichsstadt Nürnberg kamen sie in Haufen. Es waren in Nürnberg einst deren so viele, daß oft bei einem nicht allzu wohlhabenden Bürger drei bis vier Mann lagen- und als immer wieder Nachschub kam, ging en nicht anders, auch zu den Armen im Schützenhof wurde ein Franzose ein Sergeant, gesteckt. Marodig) hungrig, mit zerfetzter Montur und keinem ganzen Hemd auf dem Leibe zog er in den Schützenhof ein. Doch schon nach etlichen Tagen sah man ihn ausrücken, gewaschen, geflickt, in ganzer Montur und mit heilen Schuhen. Wem der Franzose am meisten seine Verwandlung zu danken hatte, wird nicht schwer zu raten sein. Auch denke ich nicht sagen zu brauchen, wie die Verständigung zwische n der Liesl und dem Franzosen vor sich ging, denn Liebe vermag alles. Im Schützenhof lebten nun zwei recht glückliche Menschen; die Liesl mit Ihrem Herzenssschatz, dem Franzosen. Sonntags sah man die beiden miteinander "auf das Lande" spazieren gehen. Die Liesl erschien mit ihm immer recht zierlich und sauber, sie drehte sich am Arm ihres Franzosen wie der Nachmittagskaffee im schönsten Kochen. Es war ein malerisches Bild. Die Liesl in ihrer großen, gestärkten, blendend weißen Rassapasseriehaube, mit den schönen schwarzen Schmachtlocken an den Schläfen, der kurzen, groß geblumten Kattunschaube und einem bunten -128-

Kattunkamisol war wirklich adrett. Ihre kleinen Füße, in weißen Strümpfen mit gestickten Zwickeln, in zierlichen und hohen Stöckelschuhen steckend, setzte sie beim Gehen auswärts, nach französischer Manier, ganz so, wie es die Damen in der Heimat des Franzosen hielten. Der Franzose, war nicht minder herausgeputzt. Angetan mit dem Seitengewehr, trug er noch einen zierlichen Spazierstock in seiner Linken; im Mundwinkel einen kleinen tönernen Pfeifenstummel, einen so genannten Nasenwärmer. Am Brustlatz hing ein hübscher Tabaksbeutel, gefüllt mit aromatischem Kraut, das die Nürnberger "Lauswenzel" für Wenzeslaus nannten. Ein lebendiges Eichhörnchen saß bald auf einer seiner Schultern, bald auf dem Arm der Braut; es war an einem feinen Kettchen aus Messing angelegt. Viele Französische Soldaten führten solch ein Tierchen mit sich; es sollte Glück bringen, und sie erzählten allerlei Wunderliches darüber. Beinahe sechzehn Wochen hatte der Franzose Quartier im Schützenhof. Im stillen bedauerten die Nachbarn das überglückliche Mädchen denn über Nacht konnte Marschordre kommen, und die schöne Zeit war dann wohl für immer vorüber. Wirklich kam auch bald das Gefürchtete, doch freudig begrüßt von den Bürgern Nürnbergs, die schon lange saure Gesichter schnitten. Die Franzosen zogen ab. Doch die Heiratslustige hatte lange zuvor ihre ?Pläne gemacht und allerlei geschickte Vorbereitungen tu gutem Gelingen. Kein einziger französischer Soldat war mehr in der Stadt, nur im Schützenhof saß noch einer und schusterte in einer Altreisser- Werkstatt, als wäre er dort geboren. Die Liesl hatte den großen Napoleon um einen Soldaten geprellt. Im Stadtregiment wußte kein Mensch davon. Schon Wochen vor dem Abmarsch hielt die Liesl ihren Franzosen versteckt; der Sergeant des Kaisers hatte sich in den Gesellen des Schuhflickers verwandelt. Der Liesl schien diese -129-

Abgeschlossenheit auch aus anderen Gründen gut und heilsam, hatte sie doch noch vieles an ihm zu bessern. Er war nicht wenig verwildert, und weil es die Liesl für nötig hielt, mußte er auch ihrem Gott sich näher bringen, denn fluchen und gotteslästerliche Reden führen, das durfte ihr zukünftiger "ehrlicher" Mann nimmermehr. Bei jeder Gelegenheit sagte sie ihm, er könne doch deutlich genug sehen, wie gut es Gott mit ihm bisher gemeint habe; schon längst könnte er draußen auf der Landstraße verkommen liegen oder in fremder Welt auf dem Schlachtfeld geblieben sein. Der Franzose mußte sich bequemen, den Morgen- und Abendsegen mit zu beten, und durfte bei dem Mittagsgebet nimmer auf die Seite gehen, und an den Fenstern mit den Fingern zu trommeln, bis das Gebet vorüber war, wie er es anfangs gehalten, als er in den Hof kam. Als keine Gefahr des Entdecktwerdens sich zeigte, mußte ihr Schützling auch Sonntags mit in den Sudenbetsaal gehen. Der Geistliche dort gab sich alle Mühe, der Liesl Herzenswunsch, sie mit ihrem Franzosen ehelich zu machen, durchzusetzen. Am ersten Pfingstfeiertag in früher Morgenstunde setzte sich ein gar seltsamer Zug vom Schützenhof nach dem Heiliggeist-Spital in Bewegung; es war der Brautzug der Schützenliesl. Lautlos zog man dahin; keine Glocke ward gezogen, auch die Türmer bliesen nicht, was nur bei ehrlichen Leuten damals üblich war. Voran schritt die Braut, geführt von den Schützenweibern, alle, so wie sie es eben konnten, als das beste geschmückt, dann kam der Franzose. Seinen Anzug zu beschreiben, ist nicht möglich, es war eben alles von den Schützen zusammengesteuert. Sie hatten unter anderem auch das Recht, die Kleider der Selbstmörder und Delinquenten an sich zu nehmen, und so mag der Bräutigam recht wacker, wenn auch ein wenig wunderlich, ausgesehen haben. Die Trauung war kurz, wie sich's für solche Leute damals ziemte, nach Beendigung des Gottesdienstes zog die ganze Schar nach Mögeldorf. Dort war Kirchweihtag, und da -130-

dachte man die Hochzeit nach Gebühr mit Essen, Trinken und Tanz zu feiern. Es ging auch alles gut und gar ab; doch der Abend nahte, und man mußte n och vor Torschluß in der Stadt sein, um nicht in Strafe zu fallen. Mit einem Menuett, allein getanzt von Braut und Bräutigam, sollte die Feier ein Ende haben. Damals zogen preußische Werber in den Städten und mehr noch auf den Dörfern herum. Zur späten Abendzeit übten sie in den Wirtshäusern ihre Pfiffe und Schliche, um dem König Mannschaften zu dingen, wobei es nicht immer säuberlich, aber zuzeiten gewalttätig und unmenschlich genug herging. Viele von ihnen führten große, wohlabgerichtete Hunde mit sich, englische Schweisshunde oder Bullenbeisser; und einer dieser scharfen Tiere gab den Anlaß zu einem bösen Handel, der zur wüsten Balgerei ward, in die zuletzt alle Gäste hineingerieten, wie das so geht, halb mit und ohne Absieht und Willen. Die Schützen hatten einen Kreis um die Tanzenden gebildet. Einer dieser Werberhunde durchbrach, wie man später sagte, auf einen Hetzruf, den Kreis und riß die Braut zu Boden. Die Schützen warfen sich auf den Hund und schlugen ihn tot, da liefen die Werber mit Geschrei zusammen, und es gab einen grimmen Tanz. Der Bräutigam riß einem der Preußen den Säbel aus der Hand und verteidigte sich und seine Braut; er suchte sich einen Weg nach dem Gartenausgang zu sichern, was auch gelang. Von da aus ging die Rauferei den Berg hinunter auf die Wiese, und dort umgab die Streitenden finstere Nacht. Da hörten, die noch oben waren, einen gellen Schrei; die Werber stoben auseinander. Nun lief alles hinunter. Auf der Wiese im hohen Gras lag der Bräutigam und regte kein Glied mehr; sie hatten ihm den Leib durchstochen. Die Liesl warf sich zu ihm auf die Erde; bald waren ihre Hände voll Blut, sie sah sie an und lachte, hell und laut wie ein Kind über ein Spielwerk. Der Franzose war tot, die arme Liesl wahnsinnig. Die Schützen trugen das Irre Weib und den Toten in die Stadt. Auf

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dem Studentenplätzlein, hinter dem St. Rochuskirchhof, begruben die Schützen tags darauf den Franzosen. Die Liesl ging lange Zeit wirr herum. Körperlich erholte sie sich langsam wieder, aber in ihrem Kopf kam es nie mehr zur Ordnung wie vorher. Lange Jahre lebte sie noch im Schützenhof in der Ludergasse; jedes Jahr hockte sie auf dem Kindlesmarkt mit ihren drolligen Zwetschgenmännern, die vor sich an einem kleinen Tischchen auf einem roten Decke aus gezacktem Glanzpapier schöne messingene oder zinnerne Ringlein mit farbigem Glas liegen hatten. Auf dem Tisch des großen Zwetschgenmannes in französischer Uniform lagen zwei Ringe ohne Stein. Um das Jahr 1820 starb sie, und man sagt, sie ruhe auf dem Studentenplätzlein auf dem Rochus bei ihrem ehrlichen Mann, ihrem "pauvre ami sergeant".

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Die Sensenschmiede von St. Jakob
Im 13. Jahrhundert war eine Siedlung von Sensenschmieden außerhalb der Nürnberger Stadtmauern neben dem weissen Turm um die Kapelle von St. Jakob herum. Die Sensenschmiede waren hitzige Leute. Sie gehörten nicht zur Nürnberger Bürgerschaft, sondern waren nur Schutzverwandte, d. h. sie durften sich neben der Mauer ansiedeln und konnten sich im Notfalle hinter die Mauen zurückziehen, wenn ein Feind allzu nahe herankam. Ihr ständiger Umgang mit scharfem, hartem, langem Eisen machte sie Stolz und heftig. Dabei waren sie aber fürsorgliche Vater und hingen an Weib und Kind. Jeder, der einem der ihren zu nahe trat, mußte sich sehr in acht nehmen, auch wenn er zum Herrenstande gehörte; sonst ging's ihm schlecht. Die Sensenschmiede wurden durch ihre Fürsorge für Weib und Kind und durch ihre Hitzigkeit einmal zu einer schweren Bluttat verführt, von der noch mancher Alte erzählt. Es war in der Zeit, als die Wölfe im Reichswald überhand genommen hatten. Niemand außer den Herren durfte jagen im Wald So wurden die Untiere immer zahlreicher und frecher. Der Wald war damals größer und dichter als heute. Viele Laub Bäume, besonders Eichen und Linden, standen darin. Draußen in Wald lebten die Zeidler, d. h. Bienenzüchter, ein Völklein, das dem Kaiser selber untertan war, sein eigenes Zeidlergericht in Feucht hatte, in kleinen Dörflein und Einzelhöfen mitten im Wald lebt und jedes Jahr den Honig beim Burggrafen für die kaiserlich Tafel und bei den Lebküchnereien der Nürnberger Stadt abliefert Damals gab es ja im ganzen Abendland noch keinen Zucker. Was an Zucker durch die Kaufleute über Arabien und Venedig nach Deutschland kam, war teuer und mußte oft mit Gold aufgewogen( werden. Selbst für die reichsten und größten Herren war der Zucker für täglichen Gebrauch unerschwinglich. So mußten der Kaiser und sein Hof, -133-

wenn sie ihre Speisen süßen wollten und das wollten sie oft Honig dafür nehmen. Den Honig aber liefert die Zeidler aus dem Reichswald um Nürnberg herum und deswegen waren sie angesehen und besonders geschätzt beim Kaiser bei allen Herren und sogar bei den Nürnberger Bürgern, denn die hatten durch ihre Lebkuchenbäckereien, zu denen sie Honig brauchten, bei dem allgemeinen Mangel an Zuckerwaren, einen sehr großen Verdient. Im Oktober des Jahres 1264 - es war gerade wieder eine Zeit, in der ganze Rudel von Wölfen die Gegend unsicher machten kam ein Zeidler mit seiner Frau, mit einer schweren Honiglast beladen, nach Nürnberg. Ihre Hütte draußen im Wald mit ihren beiden Kindern Emma und Wolfgang hatten sie allein lassen müssen. Sie hatten streng befohlen, daß Wolfgang die Türe nicht öffnen und besonders auf sein kleine Schwesterlein Emma acht geben solle. Dafür hatten die Eltern versprochen, daß sie den Kindern Lebküchlein aus der Stadt mitbrächten. Die Kinder spielten in der Hütte bis gegen Abend. Da kam der Sohn eines anderen Zeidlers, der genau so alt war wie Wolfgang, d. h. etwa zehn Jahre, und in der Nähe wohnte. Er klopfte an das Fenster und es gelang ihm wirklich, den Wolfgang aus der Hütte herauszulocken. Die Tür blieb offen stehen und das vierjährige Schwesterlein lief dem Bruder nach ins Freie. Wie sie so spielten, hörte man plötzlich ein Fauchen in der Nähe, dann ein Bellen, zwei Wölfe sprangen daher. Der Nachbarsbub kletterte geschwind auf einen Baum und rief dem Wolfgang zu: "Schnell, Wolfgang, komm auch herauf zu mir, sonst fressen dich die Wölfe!" Aber Wolfgang erschrak bis ins Herz hinein. Er dachte zuerst an sein kleines Schwesterlein, nahm es auf den Arm und rannte, so schnell er konnte, auf die nahe Haustür zu. Und fast waren sie hineingekommen! Auf der Schwelle packte ihn ein Wolf an der Schulter und riß ihn zu Boden. Gleich darauf bissen die scharfen Zähne in seinen Leib und rissen ihm die Eingeweide heraus. Der andere Wolf biß einstweilen das -134-

kleine Mädchen unbarmherzig. Es rief noch ein paar mal: "Vater, Mutter, lieber Gott!" Zuletzt wimmerte es nur ein wenig. Die hungrigen Wölfe fraßen solange, bis nur noch die blutigen Knochen übrig waren. Da kamen die Eltern durch den Wald daher gewandert. Mit lautem Schreien verscheuchten sie die Wölfe. Sie sahen wohl die Knochen vor der Haustür liegen, dachten aber nicht daran, dass das ihre lieben Kinder seien. Sie suchten im ganzen Haus und riefen immerzu: "Emma, Wolfgang! Wo seid ihr denn? Kommt her! Die Wölfe sind fort. Wir haben euch Lebküchlein mitgebracht!" Da hörten sie drunten an der Haustüre die Stimme eines Knaben. Aber es war nicht ihr Wolfgang, sondern der Nachbarsbub, der vom Baum heruntergeklettert war und den armen Zeidlersleuten von dem Tod der Kleinen erzählen mußte. Am Tag darauf, als der Burggraf Friedrich mit seiner Gemahlin, mit seinen sechs Kindern und seinem Gefolge bei Tische saß, entstand auf einmal großer Lärm an der Saaltüre. An den Wachen verbei bei, die sie aufhalten wollten, stürzte der Zeidler mit seiner Frau Die arme Mutter warf die blutigen Knochen ihrer Kinder auf den Boden vor die Gesellschaft hin und der Vater schrie: "Herr Reichsvogt, da ist meine letzte Steuer. Es sind meine Kinder! Gesten haben sie die Wölfe zerrissen, während ich und mein Weib euch den Honigzehnten brachten." Erst war die ganze Tafelrund ganz erstarrt vor Schreck. Dann stand die Burggräfin auf und tröstete die arm Mutter; die Herren aber machten sogleich aus, daß sie am andern Tag eine große Wolfsjagd im Reichswald halten wollten, um da Untier auszurotten Am frühen Morgen bliesen die Hörner zur Jagd. Unter den sechs Kindern des Grafen Friedrich waren zwei junge Herrlein. Hans war 18 und Sigmund 16 Jahre alt. Beide waren schlank und kräftig herangewachsen; sie waren gut geübt in den Waffen und hattet schon oft bewiesen im Kampf und im Turnierspiel, daß sie Mut und Entschlossenheit besassen. Die -135-

grösste Freude war für die bei den jungen Herren, wenn sie im groBen Reichswald Bären und Wölfe jagen durften. Die beiden waren auch heut mit großem. Eifer dabei, und als die Jagd voranging, ritten sie allen voraus. Sie waren unbesorgt, wenn auch. am Morgen beim Auszug plötzlich ihre Mutter, die Burggräfin, bleich und mit rot geweinten Augen erschienen war und ihren Mann herzlich gebeten hatte die beiden Söhne nicht mit zur Jagd ziehen zu lassen. Sie habe einen so schrecklichen Traum gehabt. Die beiden hatten ihre Mutter ausgelacht: ,Sei doch nicht abergläubisch!" Und auch der Burggraf Friedrich hatte sie beruhigt: ,'Dein Traum kommt nur von dem Schrecken und der Aufregung durch die beiden Zeidlersleute gestern mittag. Fürchte dich nicht, ich werde auf die beiden Jungen aufpassen, so gut ich kann!" Die Hunde wurden losgelassen und im scharfen Ritt ging es den Teilen des Waldes zu, wo die Wölfe gemeldet waren. Viele Tiere wurden erlegt. Noch ehe die Sonne untergegangen war, waren achtzehn Wölfe und dazu sechs Eber, fünf Hirsche, zehn Füchse erlegt. Auf einer Waldwiese neben dem Schlößlein Lichtenhof wurde ein Tisch aufgeschlagen. Dort sammelten sich alle Jäger zum festlichen Schmaus. Der Weinbecher kreiste, fröhliche Lieder erklangen und in munteren Gesprächen ging die Zeit bis zum Abend hin. Burggraf Friedrich hatte schon an die in ängstliche Mutter Botschaft gesandt von dem guten Verlauf der Jagd. Als aber die Sonne unterging, mahnte er zum Aufbruch. In der Abenddämmerung kamen sie an die Stadtmauer. Der Vater ritt mit dem Gefolge gleich zur Burg; die Söhne ritten mit einigen Knechten zu einem Jagdschlößlein beim weissen Turm, um dort die Jagdbeute unterzubringen. Dabei mußten sie durch die Siedlung der Sensenschmiede reiten. Die beiden Junker waren bereits am Schlößlein angekommen und dort abgesessen. Da erscholl weit hinter ihnen in der Vorstadt der Sensenschmiede ein grässliches Geschrei; bald darauf war eine große Menschenmenge auf der Strasse und schob sich dort hin -136-

und her. Keiner wusste was geschehen war. Jeder fragte, aber keiner konnte Antwort geben. Die beiden Burggrafen warfen sich auf ihre Pferde und brachen sich Bahn durch die Menge. Plötzlich waren sie umringt von einem Haufen rußiger Sensenschmiede die mit Eisenstangen, mit Sensen und mit Beilen unter wildem Fluchen und Geschrei auf die Junker eindrangen. Sie kamen bis zum Tor eines Hauses. Da lag auf einer Bahre der blutige Körper eines Knaben. Die Mutter schrie wie wahnsinnig und warf sich über den Leichnam ihres Kindes und der Sensenschmiede Burkhard, der Vater, schwang ein schweres Beil gegen die beiden jungen Herrn. Die fragten umsonst, was denn das alles zu bedeuten habe. Die paar Knechte, die mit den Junkern die Jagdbeute in das Schlößlein hatten bringen sollen, wehrten mit starken Schlägen den wildenten Haufen ab und auch die Prinzen hatten ihre Schwerter gezogen. Burkhard war bereits so schwer getroffen, dass er am Boden lag und ringsherum lagen bald noch mehr. Aber die Sensenschmiede waren in zu grosser Übermacht. Nach tapferer Gegenwehr wurde 'Sigmund, der jüngere Sohn, von einem riesigen Schmied vom Pferde heruntergerissen und zusammengeschlagen. Hans wollte seinem Bruder zu Hilfe kommen. Plötzlich aber merkte er, dass sein Pferd an dem Bruder vorbei dahinstürmte. Mitleidige Leute hatten dem Pferd einen Hieb versetzt um den Junker zu retten. Aber schnell war er eingeholt und im nächsten Augenblick von den Schmieden ebenfalls umgebracht. Jetzt erst kam den wütenden Schmieden die Besinnung zurück. Ihr Gewissen erwachte. Ringsum hörte man Jammern der Reue und des Mitleids. Dann liefen die Leute auseinander. Keiner wollte mehr dabei gewesen sein. Die Knechte legten die Leichen ihrer jungen Herren auf ihre Spiesse, und traurig bewegte sich der Zug der Nürnberger Burg zu. Jetzt erfuhr man auch, wie es zu der furchtbaren Bluttat gekommen war: Bei der Rückkehr durch die Vorstadt der -137-

Sensenschmiede hatten die Troßknechte die Hunde, die noch von der Jagd her wild und hitzig waren an zu langen Leinen geführt. Da dass ein vierjähriges Knäblein, der kleine Sohn des Meisters Burkhard, unter der Haustür, von seiner Mutter gegen den kühlen Abend vorsorglich in ein Wolfsfell eingewickelt. Kaum hatten die Hunde den Wolfspelz erblickt, da sprangen sie darauf los, und noch ehe die Troßknechte die Leinen angezogen hatten, hatten sie den "Wolf" gepackt und zerrissen. Es war aber das kleine Sensenschmiedsbüblein. Noch ehe die Knechte oder sonst irgend jemand zur Hilfe kommen konnte, war das Unglück schon geschehen Und gleich darauf hatte die hitzigen Sensenschmiede die furchtbare Wut gepackt. Als der Zug mit den ermordeten Junkern auf die Burg kam, war dort der Schrecken groß. Die Ritter und die Knechte gerieten in den wildesten Zorn. Gleich machten sie sich auf, der Vorstadt der Sensenschmiede zu, um die Übeltäter furchtbar zu bestrafen. Aber der Burggraf Friedrich eilte ihnen nach und drunten auf der Pegnitzbrücke konnte er den Zug aufhalten. So weh ihm sein Herz tat, Er wollte nicht, daß noch weiteres Blut vergossen werde. Er versprach, daß er selbst ein strenges Strafgericht über die Schuldigen halten wolle. Die Sensenschmiede aber warteten nicht auf die Folgen ihrer Bluttat. Als am nächsten Morgen Ritter und Knechte des Burggrafen vor den weissen Turm ritten, um die Schuldigen ausfindig zu machen, war die Vorstadt verlassen. Die Sensenschmiede waren noch in derselben Nacht mit Weib und Kind aufgebrochen und nach Donauwörth gezogen. Dort waren sie vor Strafe und Rache des Burggrafen sicher. In St. Jakob, neben. dem weisen Turm, liegen die Gebeine der beiden Junker Hans und Sigmund begraben.

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Die Sonne Italiens
Albrecht Dürer war schon ein großer berühmter Künstler, als er endlich einmal nach Italien reisen konnte. Er wanderte dort von Stadt zu Stadt, betrachtete die Kunstwerke und wurde überall von den Malern mit großen Ehren empfangen Alle bewunderten seine große Feinheit und Genauigkeit in der Beobachtung und Schilderung der Natur. So kam es, daß sich Dürer in Italien sehr wohl fühlte. Es war warm in Italien, aber besonders warm wurde es Dürer ums Herz, weil er so viel Freundlichkeit und soviel Verständnis fand. Als er endlich nach neun Monaten wieder nach Norden reisen mußte, rief er aus: »O, wie wird mich nach der Sonne frieren!«

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Der feine Pinsel
Giovanni Bellini, ein berühmter Künstler aus der italienischen Stadt Venedig, war gegen Dürer besonders freundlich. Mehrmals besuchte er ihn bei seiner Arbeit, lobte seine Bilder und wunderte sich besonders über die Feinheit der Pinselstriche. Als er sich verabschiede, bat er Dürer, daß er ihm als Zeichen seiner Freundschaft einen Pinsel gäbe, mit denen man so wunderbar feine Haare malen könne. Dürer griff eine Handvoll gewöhnlicher Pinsel, die da herumlagen, und hielt sie ihm hin: »Bitte, wählt Euch einen, wenn ihr sie nicht alle mitnehmen wollt!« Bellini aber sagte: »Nein, solche Pinsel hab' ich selber! Ich möchte nur den Pinsel, mit dem Ihr die langen feinen Haare malt!« Dürer sagte: »Ich habe keine andern Pinsel« Als er sah, dass Bellini ungläubig lächelte, ging er hin und malte der Jungfrau Maria, die er gerade auf der Staffelei hatte, mit einem ganz gewöhnlichen Pinsel eine so wunderbar weiche Haarlocke, die aus so haarfeinen Strichen gemalt war, dass Bellini es endlich glaubte. Aber er erzählte hinterher immer wieder: »Ich hätte es nie geglaubt, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte!"

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Die Steckenreiter
Oktavio Piccolomini, der Herzog von Amalfi, war das Oberhaupt der Reichskommision, die in Nürnberg die Friedensbedingungen, auf die man sich in Münster und Osnabrück geeinigt hatte, bis ins einzelne und kleinste ausarbeiten sollte. Er war zwar ein großer Herr; aber er hatte niemals etwas gegen Spiel und Scherz einzuwenden. Da war es einmal einem Spaßvogel eingefallen, bei den Nürnberger Kindern ein Gerücht auszusprengen, daß jeder, der am nächsten Sonntag auf einem Steckenpferd vor Piccolominis Haus gerit ten käme, einen Taler kriegen sollte. Der Samstag kam, und kaum war die Kirche zu Ende, da kamen auch schon die Buben in hellen Haufen dahergeritten. Sie lachten und lärmten und galoppierten auf ihren Steckenpferden an den Fenstern des Herzogs vorbei. Piccolomini wunderte sich über den Lärm, machte sein Fenster auf, und schaute hinaus. Da grüßten ihn die Reiter und die Pferde mit fröhlichem Schreien und Wiehern. Und er sah, wie aus allen Gassen und Straßen noch neue Reiter dazukamen, bald einzeln, bald in ganzen Zügen. Der Herzog hatte großen Spaß an dem Aufzug und schickte einen Diener hinunter: Was das denn bedeute? Da kam der Schwindel heraus! Der Herzog lachte über den Scherz, winkte der ganzen munteren Schar freundlich zu und ließ dann durch einen Diener verkünden, daß er heute leider auf den Besuch nicht vorbereitet gewesen sei; sie sollten nur am nächsten Sonntag noch einmal kommen, da wolle der Herzog sein unfreiwilliges Versprechen freiwillig einlösen. Die Buben schrien und jubelten, und mit Springen und Lachen zogen sie davon. Acht Tage später kamen die Steckenpferdreiter wieder vor das Haus des Herzogs; diesmal in noch viel größerer Menge. Wieder hatte der Herzog großen Spaß an ihnen. Er hatte in der -141-

Zwischenzeit silberne Münzen prägen lassen, die aber nicht rund, sondern viereckig waren. Auf der Vorderseite sah man einen Buben auf dem Steckenpferd, mit der Peitsche in der Hand und der Jahreszahl 1650. Auf der Rückseite sah man den Reichsadler und ein Hoch auf den damaligen Kaiser Ferdinand III. Jeder Steckelesreiter bekam so einen Taler. In mancher Nürnberger Familie wird die Münze heute noch aufbewahrt.

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Die Toten wollen ihre Ruh'
Es ist noch gar nicht so lang her, da wohnte ein Student in Zirndorf, der gar zu neugierig war. Man hatte ihm auf der Schule erzählt, daß droben auf der alten Veste eine solch furchtbare Schlacht getobt hatte zwischen Wallensteinern und Schweden, und daß dort so viele Tote weit verstreut im Wald begraben lägen! Da dachte er nach alten Resten zu graben. Mit Spaten und mit Schaufeln stieg er hinauf auf den Berg und grub ein tiefes Loch heraus. Dann stieß er plötzlich auf einen unterirdischen Gang. Vorsichtig kletterte er hinunter und fand einen Weg in der Finsternis zwischen Steinen und Sand, bis er auf einmal vor einer schweren eisernen Türe stand. Der Student schüttelte an den Pfosten. Er wollte genau wissen, was hinter der Tür war. Und wie er so rüttelte, gab's auf einmal einen Schlag, und die Tür sprang ganz von selber auf. Da stand vor ihm in grünlichem Schein ein Mann mit einem Totenschädel; trug die Uniform eines schwedischen Soldaten. Der hob seine Hand als wollte er nach dem Studentlein greifen. Der Bursch lief aber was er konnte. Das Gespenst kam hinter ihm her. Mit Gestolper und Fallen und mit großer Angst kam der Bursch durch sein Loch ins Freie, sprang hinunter über den Hang in das Städtlein und kam zu seinen Eltern. Dort erzählte er voll Schrecken und ganz verwirrt, was er droben auf dem Berg erlebt hatte. Als er in sein Zimmer kam, stand das schwedische Gerippe hinter seinem Bett und als der Junge in schwerer Krankheit fieberte, da meinte er, daß das Gespenst mit seinen langen Knochenfingern nach ihm greife und ihm das Herz aus der Brust reiße. So mußte der Student aus Zirndorf seine Neugier büßen; denn die Toten wollen ihre Ruh'.

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Die Totenmesse
In der Nähe von St. Lorenz stand bis zum Jahr 1945 ein großes Haus, das der Familie Imhoff gehörte Dort lebte einmal eine Frau, die frühzeitig Witwe geworden war, und ihr ganzes Leben lang schmerzlich um ihren verstorbenen Mann trauerte. Damals war um die Lorenzkirche herum noch ein grosser Friedhof. Man mußte also, wenn man zur Kirche ging erst an den vielen Gräbern vorbei. Die Witwe ging täglich zur Kirche. Viele Jahre hindurch besuchte sie die Frühmesse in der Lorenzkirche, die wenigstens im Herbst und Winter noch vor Tagesanbruch dort stattfand. Einmal - es war am Allerseelentag, am 2. November - wachte sie nach unruhigem Schlummer auf. Sie glaubte, die Glocke zur Messe rufen zu hören. Hinter den Wolken stand der Vollmond am Himmel, go glaubte sie, der Tag komme schon heran. Rasch zog sie sich an, warf ihren Mantel um, und eilte durch den Friedhof hinüber in die Kirche. Die Türen standen weit offen und drinnen war die Messe schon im Gange. Viele Andächtige knieten in den Bänken und die Frau nahm still ihren Platz ein. Der Geistliche, der die Messe las, kam ihr so bekannt vor. Als er sich umdrehte, merkte sie, daß es der Pfarrer war, der vor einigen Monaten draußen auf dem Friedhof begraben worden war. Und wie sie voll Schreck sich zur Nachbarin wendet, um ihr zu erzählen, was sie da bemerkt hat, da sieht sie, daß neben ihr, hinter ihr, rings um sie herum lauter Menschen saßen, die schon längst begraben waren. Da kam ihre Jugendfreundin leise zu ihr her gegangen, die auch schon lange gestorben war, und flüsterte ihr ins Ohr: "Klara, geh so schnell du kannst, aus der Kirche. Du hast die Totenmesse gestört. -144-

Wenn sie dich bemerken, dann werden sie dich in Stücke reissen. Leise stand Frau Klara auf und schlich auf die offene Tür zu. Die Toten hatten ihre Köpfe alle zum Gebet gesenkt. Es war ihr aber doch, als wäre hinter ihr ein Huschen und Schleichen, und als sie über den Friedhof kam, waren alle Gräber offen. Atemlos erreichte sie ihre Schwelle. Da schlug es 1 Uhr. Ohnmächtig sank sie zusammen. Am andern Morgen fand man sie dort. Sie erzählte, was sie erlebt hatte, und erinnerte sich daran, daß sie in der Nacht im Schrecken ihren Mantel hatte liegen gelassen. Die Diener gingen, um ihn zu suchen. Sie fanden den Mantel nicht mehr; aber auf jedem Grab lag ein Fetzchen davon.

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Die Wette mit dem Teufel
Auf der Burg von Nürnberg steht ein alter, dicker Turm; er heißt der Heidenturm. In ihm stehen zwei Kapellen übereinander. Die untere finster und niedrig, mit dicken, schweren Sandsteinsäulen; die obere hell und freundlich, mit schlanken, hohen Marmorsäulen. Eine von den vier Marmorsäulen in der oberen Kapelle trägt einen sonderbaren Ring. Wie kommt der Ring an die Säule? War sie vielleicht einmal gesprungen, und musste der Sprung mit dem Ring überdeckt werden? Ja, so war es; aber das ist eine schreckliche Geschichte. Der Kaiser hatte sich eine Burg auf den Nürnberger Felsen gebaut. Die finstere, alte Kapelle gefiel ihm nicht. Sie hatte auch nicht genug Raum für seine Ritter und war für seine Diener; drum ließ er über die alte Kapelle eine neue, schönere, hellere, geräumigere bauen. Der Schlosskaplan bekam den Auftrag und den strengen Befehl, die neue Kapelle mit Marmorsäulen aufzurichten. Der Kaiser zog nach diesem Befehl in ferne Länder und verlangte zum Schluß noch, dass die Kapelle genau über ein Jahr fertig sei. Da wolle er mit dem Bischof das neue Gotteshaus festlich einweihen. Der Schlosskaplan ließ den besten Baumeister kommen, den er kannte, und beriet mit ihm den Plan. Aber Marmorsäulen konnte der Baumeister nicht herbeischaffen. Die Wege waren zu schlecht, und in der Nähe waren weit und breit keine Marmorsäulen aufzutreiben. Das Jahr ging dahin, das Gebäude der Kapelle war fertig gestellt; das Gewölbe trug sich selbst, so kunstvoll hatte der Baumeister es gebaut Der Altar war aufgerichtet, die Fenster, die Emporen, die Bänke mit kunstvollen Verzierungen versehen. Aber die Säulen fehlten immer noch. -146-

Einige Tage vor der festgesetzten Einweihung der Kapelle fiel dem Schlosskaplan die Sorge schwer aufs Herz. Der Kaiser hatte seine Ankunft von Regensburg her durch einen reitenden Boten angesagt und hatte mitteilen lassen, dass er den Bischof zur Weihe gleich mitbringe. Er hoffe, dass die Kapelle schön geworden sei, und dass besonders die bestellten Marmorsäulen das neue Gotteshaus prächtig ausschmückten. Der Kaplan fürchtete den Zorn des Kaisers. Unruhig ging er die Treppen der Burg auf und ab, irrte durch den Burghof oder sah vom Turm hinüber über die Wälder in die Richtung, aus der Zug des Kaisers zu erwarten war. Woher sollte er die Marmorsäulen nehmen? Was würde der Kaiser sagen, wenn die gewünschten Säulen fehlten? Solche Gedanken ließen ihn nicht mehr los und verfolgten ihn bis in den Schlaf hinein. Ein ungeheurere Donnerschlag weckte ihn. Verstört fuhr er in die Höhe. Er sah aber nichts Besonderes: nur drüben in der Ecke stand ein Mann bescheiden an der Wand. Er trug das Kleid eines Baumeisters. Seinen grossen Hut hatte er in der Hand, trat auf den Kaplan, der wieder in sein Bett zurück gesunken war, zu und sagte: "Deine Sorgen kennt ich genau. Ich will dir die vier Marmorsäulen noch heute aus Rom herschaffen, wenn du willst." "Ich kenn dich, du bist der Teufel. Mit dir will ich nichts zu tun haben", schrie der erschreckte Kaplan. Der Baumeister blieb eine Weile ruhig. Dann aber trat er näher heran und sagte leise: "Kaplan, du bist doch ein gescheiter, studierter Mann. Du kannst eine Messe lesen wie Wasser; du brauchst nicht länger als eine 1/4 Stunde dazu." Trotz alles Schreckens schmunzelte der Kaplan geschmeichelt. Der Baumeister aber fuhr fort: "Ich will mit dir eine Wette machen. Bis du fertig bist mit dem Lesen der Messe, will ich dir die vier Säulen aus Rom über die Berge herschaffen. Wenn du in der Zeit, in der ich die vier Säulen, eine nach der andern, in deine Kapelle bringe, zu Ende kommst, dann gehören die Säulen dir, und ich will keinen Lohn dafür haben. -147-

Bist du aber nicht fertig, dann mußt du deine Seele geben." Der Kaplan überlegte. Italien war so weit, und die Säulen waren so schwer, und viermal nach Italien hin- und herfliegen, das brauchte Zeit. Er setzte sich auf in seinem Bett und rief: "Teufel, ich wag's! Die Wette gilt. Du darfst aber nicht fort, ehe ich mit meiner Messe angefangen habe." Der Baumeister war's zufrieden. Bescheiden stand er da und wartete, bis der Kaplan aus dem Bett gefahren war, seine Kleider angelegt, sein Messgewand übergezogen und sich von der Burgwache einige Wachmänner als Ministranten geholt hatte. Erst als das Glöcklein erklang, machte er sich auf. Und nun kam ein Gewitter, wie man es noch nicht gehört hatte. Donner krachten und knatterten, Blitze flammten taghell auf, Regen und Hagel schossen prasselnd herunter. Der Kaplan aber las seine Messe mutig weiter. Aber kaum hatte er begonnen, kam der Teufel schon mit der ersten Säule herein. Noch ehe er zur Hälfte fertig war, stand bereits die zweite Säule an ihrem Platz und bald darauf stand schon die dritte Säule. Die Donner Schläge wurden immer furchtbarer, die Blitze immer greller. Die Wachsoldaten lagen bewußtlos am Boden und der Kaplan selber spürte, dass er nicht mehr sprechen konnte; seine Zunge war so schwer, sein Kopf ganz wirr. Da öffnete er in seiner Angst die Arme und rief: "Ite, missa est, Dominus vobiscum!" Dann sank auch er bewußtlos auf die Altarstufen. Der Teufel aber hatte im Hereinfahren nur die letzten Worte der Messe gehört. In furchtbarer Wut warf er die Säule mitten in die Kapelle, sodass sie auseinander sprang. Erst nach Stunden kam der Kaplan wieder zu sich. Er ließ seinen alten Baumeister kommen, und in kurzer Zeit war die vierte Säule zusammengesetzt und an ihren Platz gestellt. Der Sprung war durch den Ring verdeckt Und als der Kaiser und der Bischof kamen, konnten sie die Pracht der neuen Kapelle und besonders die schlanke Schönhe it der Marmorsäulen nicht genug loben. -148-

Die Wurstpredigt
"Wenn man nach dem abergläubischen Verhalten vieler urteilen sollte, so würde das Christentum nicht sowohl ein Gottesdienst als eine Furcht vor dem Teufel sein." Anonymus von 1790. "Mach keine Wurstpredigt", war eine Redensart, die unsere alten Nürnberger oft genug im Mund führten; das sollte bedeuten, kurz und bündig herausbringen, was einer zu sagen hatte, gradaus und ohne alle Umschweife. Nun kann einer ja glauben, dass es doch recht gleichgültig sei, woher so ein altes Wort kommen mag; wer aber einmal erfahren hat, dass ein jedes Wort seine besondere Geschichte hat, lehrreich oder erbaulich, je nachdem, der wird es verstehen, dass ich oft bei vielen alten Leuten herumfragte, was sie darüber wußten, und es gäbe selber eine stattliche Wurstpredigt, wenn ich das alles erzählen wollte. Ob es nun so ist oder nicht, und ob die Redensart wirklich ihren Ursprung daherschreibt, scheint wenig nach der Wahrheit, trotzdem aber will ich die Geschichte aufschreiben, die man mir einmal zum besten gab, als ich bei den Bauern in Grossreuth einen Alten fragte, ob er nicht wüßte was es zu bedeuten hat, wenn zu einem gesagt wird, er solle keine Wurstpredigt halten. Als sich die Geschichte begeben, war der Aberglaube bei uns noch auf tausend Arten im Schwang, und mit Hexen, Gespenstern oder dem Teufel in irgendeiner Gestalt hatten besonders die Bauern genug zu schaffen. Einmal gab die Leibkuh blaue Milch oder gar keine, oder es kam auch Blut aus dem Euter; das konnte nicht auf richtige Art zugehen, und es kam nur darauf an, den Zauberer oder die Hexe ausfindig zu machen, was nicht so schwer fiel, als man denken sollte, denn alte Leute gab es überall und nicht allzuviele; da kam es bald zu Tag, wer solchen Zauber machte und zum Schaden der andern trieb. -149-

Darüber, dass alte Weiber hexen konnten, brauchte sich keiner erst lang zu besinnen, das war seit Alters gewiß, und es gab auch Mittel, herauszubringen, von wem das Unheil kam. Man ließ die Kuh ihr Wasser in einen Topf abschlagen, wobei drauf zu achten war, dass beileibe nichts daneben ging, rührte den Urin mit einem alten Besen wohl um und goß ihn in Teufels Namen mit Topf und Besen ins Feuer. Das machte vor allem einen Wunderbaren Gestank im Haus, und manchem alten Weib im Dorf kam wohl ein Zittern an, so sie das roch denn nun mußte die Hexe den Grind bekommen. Und so kam's heraus, wer solchen Unfug trieb. Ein ebenso sicheres Mittel, die Hexe zu erkennen, war dies. Man molk die verzauberte Kuh, kochte die Milch in einer Eisenp fanne und schlug die Kuh weiblich mit einem tüchtigen Dornstecken; am andern Tag lief dann die Hexe mit zerkratztem Gesicht herum, man brauchte nur die alten Weiber anzusehen, um die Hexenmeisterin zu erwischen In einem Buch von 1790 gegen , „Aberglauben sind falschen Wahn" dessen Verfasser sich nicht nennt, fand ich den Satz:: „Das Dasein des Teufels leugnen, ist Unglaube; ihm diejenige Macht über die Geschöpfe zuschreiben, die man ihm so allgemein einräumt, ist Irrglaube.“ - - "Man rede von Gottes Allmacht, von seinen Strafen, dass es bei ihm stehe, glücklich oder unglücklich zu machen, man wird höchstens einen Seufzer Hören, der übrigens keine Unruhe verursacht Aber man fange vom Teufel an, rede von Bezauberungen durch ihm und von seinen Verwüstungen; sage, er habe jenem den Hals umgedreht, jenen in die Luft geführte und unter grauslichem Geschrei zerrissen - und man wird es von ganzen Herzen glauben und erschrecken. Beweist dies, dass man den Teufel mehr fürchtet als Gott? Der Teufel aber kann uns ohne Gottes Zulassung nicht schaden; denn er ist unter Gott und kann ohne Gott nie seine Absichten erreichen. "

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Doch da muß ich mir selber sagen, kurz zu sein, keine Wurstpredigt zu halten, und so soll meine Geschichte ihren Anfang nehmen. In der uralten romanischen Kapelle im Heidentum wurde vor langer Zeit für das Bauernvolk und die Gärtner hinter der Veste Gottesdienst gehalten. Aber nur alle zwei Wochen predigte der Pfarrer am Sonntag schon früh vor Tag; zwischenhinein versah damals den Dienst ein zahnloser Mesner, der zudem ein schlimmer Stotterer war, der jedes Wort zweimal sagte, manchmal, wenn er seinen bösen Tag hatte, wohl auch öfter, hinten im Gaumen eine Weile dran herumkaute, bis er es glücklich herausbrachte; da seine Zuhörer nicht verwöhnt waren, so ging das lange Jahre so, und wenn nichts geschehen wäre, wovon ich erzählen will, so wären die Bauern bis an seinen Tod deshalb nicht ausgeblieben. Es war auch nicht seine Sache, eine freie Predigt zu halten, wie der Pfarrer, er saß da und las, so gut es ging, aus einer riesigen Postille, und wenn es nicht so recht fort wollte, schob er ungeduldig die runde Hornbrille auf der Nase bin und her oder hustete, was ihm viel leichter ankam als reden. Im Spätherbst, wenn es morgens lange dunkel blieb, und im Winter stand vor der Postille eine große Laterne mit einem kümmerlichen Gollicht, das kaum armlang um das Buch her so trüben Schimmer warf, das es in der alten, engen Kapelle so finster wie in einer Gruft war. Damals war in der Frühe das Neutor wie auch das Vestnertor geschlossen, und die Bauern kamen zum Tiergärtnertor herein, gingen die Stufen zum Oelberg hinauf, am Fuß der Burg bin, den steilen Bimmelsweg zur Kapelle im Heidenturrn. Da war weder Licht noch Pflaster und der ganze Weg schon unheimlich genug für abergläubische Gemüter, die an allen Ecken und Enden zu gruseln genug fanden; auf der Burg zumal trieben sich nicht nur zur heiligen Zeit ganze Rudel Geister um. In einer Kapelle zeigte man eine Säule mit einem Eisenring. Der Teufel hatte die Säulen aus Italien geholt für den frommen Erbauer, mit dem er um die Seele gewettet hatte; wenn der Mönch einschlief, -151-

bevor der Teufel mit der letzten Säule durch die Luft kam, war er ihm verfallen. Als der Satan den frommen Mann betend fand, warf er wütend die Säule zu Boden; man mußte sie mit Eisen zusammenfügen. Auch am Himmelstor, durch das man von unten her gehen mußte, war es nicht geheuer. Als der stotternde Mesner wieder einmal an der Reihe war, hatte es tagelang geregnet, und die Bauern kamen durch den tiefen Schmutz zum Gottesdienst. Heute waren ihrer viele, so daß sie den dunklen Raum bald bis in die Winkel füllten, wo keiner den andern mehr am Gesicht erkannte. trübselig schien das Gollicht auf die Postille, und der Mesner begann nach einigen Anläufen den dreiundzwanzigsten Psalm Davids zu lesen. Als er zum vierten Vers kam, war es schier zum Verwundern, denn er sagte in laut und ganz ohne Stocken, mit großen Gottvertrauen. Es war die schöne Stelle des gläubigen, tiefen Bauens auf Gott, der dem Christenmensche n ein gewaltiger Stecken und Stab im finstern Tal der Welt ist. Dann las er aus dem dicken Buche kräftige Worte, wie sie der Pastor Hartkopf von Sankt Jakob nicht stärker gesagt hätte, denn heut war sein guter Tag. "Um der Menschen Gunst gib ich gar nicht und will deshalb allein auf Deine gar große Macht und Gewalt vertrauen, die da erschrecklich groß ist gar über die massen stark über alle Geist Himmels und der Erden. 0 allerliebster Vater, Du Licht der Blinden, Stab der Lahmen, De lässt uns Übel mit widerfahren; 0 großer Fürst, Deine wunderbare Majestät behüt uns von allen giftigen Seuchen, hitzigen Leibschäden und anderen gefährlichen Krankheiten und widerwärtigen Zufällen, also dass uns weder Glück noch Unglück, weder Gesundheit noch Trübsal, weder Armut, weder Tot noch Leben von Dir lieber Vater mögen absondern. Auf der Kanzel sah man einen dunklen Fleck, der sich bin und wieder bewegte. Ehe die andern hinsahen, flog ein großer, schwarzer Vogel auf den Tisch neben die Postille und schrie: "Halts Maul! -152-

Mach ka Wurstpredig. Alter Schmarrer!" Der Mesner fuhr auf, warf den Tisch mit der Postille um, die Laterne fiel auf den Steinboden und erlosch. "Gelobt sei Jesus Christus," stotterte der Mesner. "Der Teufel, der Teufel!", brüllten die Bauern, stießen einander über den Haufen und keilten und balgten sich an der Kapellentür; Mannsleute und Weiber mit hochgerafften Röcken rannten durch den tiefen Kot den Himmelsweg hinunter über die Burgstrasse und den Oelberg fort. Über ihre Köpfe weg flatterte ein Rabe und blieb oben auf dem Himmelstor sitzen, dort hörten ihn die letzten und der schlotternde Mesner, den sie übel zerstoßen hatten, nochmal krächzen: "Mach' ka Wurstpredig! Mach' ka Wurstpredig' Der vermeintliche Teufel war eine zahme, sprechende Dohle, die dem alten Türmer auf dem Sinwellturm entflogen war, das Licht hatte sie in die Kapelle gelockt; den Spruch hatte sie vom Türmer gelernt, der ihn oft genug seiner schwatzhaften Frau zurief. Seitdem dies geschehen, wird im Heidenturm kein Gottesdienst mehr gehalten, denn keiner der Bauern ließ sich mehr dort sehen; sie hielten es als Christen nicht damit, Gott mehr zu fürchten als den Teufel.

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Die betenden Pferde
Der Haupteingang in die Lorenzkirche ist zwischen den beiden grossen Türmer. Das Tor selber ist mit den schönsten Figuren aus Stein geschmückt. Die stellen die ganze Biblische Geschichte dar, für alle die Menschen, die nicht lesen können. Über dem Portal aber ist eine wunderschöne grosse Rosette aufgebaut, die in der ganzen Welt berühmt ist. Gegenüber dem Haupttor der Lorenzkirche, hart am Rand des früheren Lorenzerfriedhofs, stand ein grosses, alte Patrizierhaus, das Nassauer Haus. Unten hatte es einen tiefen Keller mit breiten Gewölben; hinten waren grosse Stallungen angebracht und oben türmte sich Stockwerk über Stockwerk mit groBen Zimmern, in denen das schönste Möbelwerk, die feinsten Teppiche und die wertvollsten Gefäßes und Kleinodien aufgehäuft waren. Im Nassauer Haus wohnte ein reicher Mann. Dem waren Frau und Kinder vom schwarzen Tod genommen worden, und seitdem lebte er einsam in seinen grossen Räumen. Als er alt und schwach geworden war, wurde er immer einsamer. Viele nahe und ferne Verwandte kamen in sein Haus und wohnten da. Er liess sie speisen und tränken; aber sonst kümmerte er sich nicht viel um sie. Er ging den Menschen aus dem Wege, weil er ihnen nicht traute. Aber zwei Pferde hatte er, zwei Braune; die hatte er germ. Mit denen fuhr er am liebsten in einer kleinen Kutsche hinaus vors Tor bis zum Waldrand; dort stieg er aus, lieB seine beiden Rösslein grasen, legte sich selber auf die Wiese und schaute in den Himmel. Dann kamen wohl die beiden guten Tiere, stiessen mit ihrer Schnauze nach ihm, und wenn er sie mit seiner Hand auf den Hals tätschelte und gute Worte sagte, dann schauten sie ihm mit ihren treuen Augen so herzlich an, dass er merkte, sie wollten ihm vergelten, dass er ihnen ein guter Herr war.

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Der reiche Mann starb. Die Verwandten konnten ihn nicht schnell genug aus dem Haus haben und setzten die Beerdigung schon auf den nächsten Morgen fest. Zur Totenwache hatte aber keiner Zeit. Sie holten sich die Schlüssel und kramten in allen Truhen und Schränken und suchten nach Geld und anderen Schätzen. Und weil keiner genug kriegen konnte, so fingen sie untereinander Streit an, und schlugen sich. Am anderen Morgen kam das Totenfuhrwerk und holte den reichen Mann ab. Er lag so, wie er gestorben war, in seinem Sarge. Nicht einmal die Hände hatten sie ihm gefaltet. Der Sarg wurde geschlossen und hinüber gebracht in den Friedhof. Als die Glocke zur Beerdigung läutete, regnete es. Ein kalter Wind blies die Regentropfen den Menschen ins Gesicht. Der Pfarrer ging langsam herüber zu dem offenen Grab, neben dem der Mesner und die vier Träger standen. Der Pfarrer wartete, aber es kam kein einziger, der den armen reichen Mann zum Grab begleiten wollte. So hielten die Sechs miteinander eine kleine Beerdigung. Als der Pfarrer zu Ende war - seine Predigt war kurz - da betete er über dem Sarg. Plötzlich hörten die Sechs ein Wiehern über ihren Köpfen. Sie sahen in die Höhe; da schauten aus dem obersten Stockwerk im Nassauer Haus zwei braune Pferdekoepfe heraus. Ihre Hufe lagen auf der Fensterbrüstung wie zum Beten übereinandergelegt Und als der Pfarrer weiter betete, blieben sie droben still, und schauten mit ihren treuen Augen herunter auf das Grab, als wollten sie sagen: wenn dich auch alle Menschen verlassen haben, wir armen, dummen Tiere haben nicht vergessen, dass du so gut mit uns warst.

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Die blaue Agnes
Heute noch steht auf der Burg der Sinwellturm (sin-well ganz rund); die Nürnberger nennen in einfach den Simpel. Das ist der Turm, nach dem der Nürnberger zum Spaß fragte: "Welcher Turm ist zugleich der dickste und der dünnste von allen Nürnberger Türmen?". Das ist der Sinwellturm, denn er steht auf einem breiten Felsen, und so ist er unten der dickste von allen Türmen. Er selbst ist aber viel dünner als die andern Türme. Daher ist er zugleich der dickste und der dünnste. In seinem Innern ist nur eine enge Wendeltreppe, die in vielen Windungen und unzähligen Stufen hinaufführt bis zur Plattform, über der ein Stübchen für den Türmer gerichtet war. Dort wohnte Jörg Kohler, der Wächter, viele Jahre. Frau und Kinder waren ihm gestorben, und er lebte wie ein Einsiedler da droben in luftiger Höhe als Höchster der Stadt. Wenn es brannte, blies er das Feuerhorn, und sein Horn war gewöhnlich das erste von allen Turmwächtern, wenn irgendwo eine Flamme aufzüngelte. Er vertrieb die Zeit am Webstuhl und verdiente manchen Kreuzer damit. Er webte ein grobes Leinen und konnte es mit schöner, blauer Farbe färben. Wenn er einen Packen fertig hatte, dann stieg er hinunter und verkaufte drunten sein "Selbstgewobenes". Von dem Geld, das er dabei bekam, kaufte er allerhand ein, was er sich wünschte für seine Einsamkeit da droben, und dann stieg er wieder in seine Einsiedelei hinauf. Als er wieder einmal mit seiner Last aus der Stadt heraufgestiegen kam und das hohe Stiegenhaus durch den Gang betrat, hörte er droben in der Finsternis ein menschliches Wimmern. Erschrocken blieb er stehen. Aber als das Wimmern wiederkam, stieg er mutig weiter und fand droben vor der verschlossenen Tür seines Kämmerleins ein kleines Mägdlein liegen. Er öffnete die Tür, machte Licht und sah, dass es ein armes Wesen war, halb verhungert, die Kleider -156-

zerrissen. Mit letzter Kraft war es die steilen hohen Treppen hinaufgekrochen und konnte nicht mehr weiter. Jörg Kohler nahm das Mägdlein behutsam in seinen Arm, trug es in seine Kammer und bettete es dort weich. Es hatte die Augen aufgeschlagen, und seine zitternde Angst rührte den rauhen, alten Einsiedler. Der Jörg hatte manch guten Bissen und auch ein wenig Wein in der Stadt gekauft und in seinem Packen heraufgetragen. Er rieb dem Kind die Schläfen ein und gab ihm ein wenig zu knabbern. Bald wurde das Mägdlein munter. Es wußte aber seinen Namen nicht. Auch konnte es nicht sagen, wer seine Eltern waren. Es erzählte nur, dass es von bösen Leuten, die sich "Christen" nannten, aus der Heimat vertrieben und nun mit Eltern und Bekannten nach langem Wandern hierher nach Nürnberg gekommen war. Da war es den Eltern und den andern noch schlechter gegangen und das Kind war davongelaufen und hatte sich irgendwo verkrochen. Jörg merkte, dass es ein Judenkind war. Es hatte so freundliche Augen und sein Gesichtlein war schmal, aber feingeschnitten. Er beschloß, es bei sich zu behalten und nannte es Agnes. Jahrelang wußte kein Mensch von seinem Schatz. Das Kindlein blieb droben auf dem Turm und kam nie herunter in die Stadt. Jörg besorgte alles. Das Mägdlein wuchs heran, wurde 8, 10, 15 Jahre alt und erblühte schließlich zu einer wunderschönen Jungfrau. Der alte Einsiedler hatte nichts anderes, was er ihr als Kleid geben konnte, als seine selbstgewebte Leinwand. So trug das Mädchen nichts als blaue Kleider. Weil sie aber blond war, so standen ihr die Kleider besonders gut und es wollte später gar nichts anderes mehr tragen. Allmählich freilich sprach es sich herum, dass bei dem alten, weißhaarigen Jörg ein schönes, blondes Mädchen hauste, und man erzählte da und dort von der schönen, blauen Agnes. Das störte aber die beiden nicht Sie lebten glücklich zusammen, als wären sie wirklich Vater mit Tochter. Ungefähr zehn Jahre waren vergangen, seit Jörg das Mädchen im Dunkeln -157-

vor seinem Stübchen gefunden hatte. Agnes war ein fröhlicher Mensch. Von früh an hörte man ihre Lieder vom Turm herunterklingen. Dann saß sie am Spinnrad und später webte sie mit großem Geschick. "Was machst du Agnes, wenn ich einmal gestorben bin, es wird nicht mehr lange dauern?" "Sei unbekümmert! Hat mich Gott to weit geführt, wird er für mich auch weiter einen Weg leiten!" Agnes fiel ihrem treuen, väterlichen Freud weinend um den Hals und bat ihm: Sprich nicht von deinem Sterben, Vater. Bleib bei mir. Ich werde für dich sorgen, soviel ich kann" Als Jörg ganz alt geworden war, mußte Agnes für ihn hinuntersteigen in die Stadt und den Barchent verkaufen und dafür das Notwendige fürs Leben einhandeln. Dadurch wurde sie immer mehr in der Stadt bekannt Eines Nachts aber brach ein schwerer Brand in der Stadt aus. Alle Türmer hatten geblasen, nur der Sinwellturm blieb aus. Als der Brand gelöscht war, mußten ein paar Knechte hinaufsteigen und nachsehen, warum denn der Ruf des Feuerhorns vom Sinwellturm nicht erklungen war. Der "Feuerherr" (das war der Oberste der Feuerwehr in der Stadt) hatte sie geschickt Die Knechte fanden den alten Jörg tot Sein ganzes Stüblein war sonst in Ordnung und so als hätte eben jemand aufgeräumt. Die blaue Agnes aber war verschwunden, und niemand hat sie mehr gesehen. Nun beschloß der Rat, dass die Wache auf dem Sinwellturm nicht mehr besetzt werden sollte. Es wollte sich keiner finden, der bereit war, so weit von allen Menschen weg in die Einsamkeit zu ziehen. Fast 50 Jahre war kein Wächter mehr dort droben. Als aber im Jahre 1632, wie die Schweden im Land waren, wurde der Wächterposten neu besetzt, da war die "blaue Agnes" wieder da. Man hörte ihre Schuhe den Treppen auf- und ablaufen. In der Nacht hörte man ihre lustigen Liedchen und das -158-

Schnurren ihres Spinnrades. Zu sehen bekam man die Agnes nur selten. Aber wenn der Wächter einmal sich hingelegt hatte und gegen die Vorschrift seines Dienstes eingeschlafen war, dann kam die blaue Agnes und rüttelte ihm wach. Das ließ sich der Türmer gefallen. Außerdem waren die Treppen und das Zimmer jeden Morgen sauber gekehrt mit gewischt Aber bald erschien die blaue Agnes auch auf den andern Türmen und besuchte, warnte und bediente die Wächter der Stadt. Man hörte sie überall herumschleichen und geschäftig alles in Ordnung bringen, was durcheinander geraten war. Jeden großen Brand zeigte sie den Wächtern schon ein paar Tage vorher an. Sie hatte verschiedene Mittel, diese zu warnen: Bald läutete die Feuerglocke leise in der Nacht, ohne dass jemand den Strick berührt hatte; bald schwang das Feuerhorn an der Wand langsam hin mit her; bald blieben einmal alle Uhren stehen. So soll es noch heute sein. Die blaue Agnes ist der Schutzgeist aller Türme.

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Die dicken Türme
Die Nürnberger Mauer war so dick, der Graben so tief und die Nürnberger Türme so hoch und stark, daß kein Feind wagte, die Stadt anzugreifen. Da kam die Zeit, dass man Kanonen gießen konnte, die man weither über Land fuhr. Der Markgraf Albrecht Alcibiades hatte auch Kanonen dabei, und als er draußen auf dem Rechenberg sich lagerte, schob er von dort lange Zeit in die Stadt. Sehr zum Ärger der Nürnberger, die gar nichts dagegen machen konnten. Die Nürnberger hatten zwar eine ganze Anzahl Kanonen, die standen hinter den Mauern und konnten nicht hinausschießen. Der Rat aber wagte nicht, die Kanonen aus der Stadt hinauszufahren und draußen vor den Toren aufzufahren. Dort hätten sie frei schießen Können, aber es wäre schwer gewesen, sie gegen einen Überfall der markgräflichen Reiter zu schützen. So mußten denn die Nürnberger Kanonen hinter den Mauern und hinter den geschlossenen Toren stehen und die Nürnberger mußten ertragen, daß die markgräflichen Kanonen ohne Erwiderung in die Stadt hereinschossen. Als der Markgraf abgezogen war, ließ der Nürnberger Rat schleunigst vier starke Türme an der Stadtmauer mit dicken Mänteln aus Steinquadern umgeben. Oben in der Höhe wurde eine breite Plattform gerichtet, wo man Kanonen aufstellen konnte. Vier solche dicke Türme, die heute noch das Wahrzeichen von Nürnberg sind, wurden damals gebaut.

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Die schwarze Kuh in Schlottenhof bei Arzberg
Unweit des Städtchens Arzberg liegt das ehemalige Kloster Schlottenhof. In dem Stall des dortigen Ritterguts stand vor Zeiten eine schwarze Kuh. Sie sah aus, als wäre sie durch anstrengende Feldarbeit sehr ermüdet; die Augen standen ihr hervor, und ihr Körper war stets mit Schweiß bedeckt. Da es seit jeher hieß, wenn nicht eine schwarze Kuh auf dem bestimmten Platze stünde, würde der Stall von einer Seuche heimgesucht werden, sah man darauf, daß stets eine zweite schwarze Kuh zugegen war, im Falle die erste eingehen sollte. Einmal geschah es, daß die schwarze Kuh plötzlich in den Boden versank. Als das Tier wieder emporgehoben war, fand man, daß die Kuh auf einer eisernen Tür gestanden hatte, die eine tiefe Höhlung überdeckte. Darauf wurde die Öffnung mit einer neuen Tür versehen, und die Kuh nahm wieder den gewöhnlichen Platz ein. Zur Zeit eines Herrn von Benkendorf, dessen Nachkommen den Schlottenhof noch heute besitzen, ging die schwarze Kuh ein, und da keine andere bereitgestellt war, mußte ihr Platz im Stall unbesetzt bleiben. Der damalige Pächter ersuchte zwar seinen Herrn um eine neue schwarze Kuh, der Gutsbesitzer aber erklärte, ärgerlich über das Drängen des Pächters, er wolle den Schaden tragen, der aus dem Fehlen einer schwarzen Kuh entstehe n würde. Bald darauf erkrankte sämtliches Vieh des Pächters und war in kurzer Zeit verendet. Herr von Benkendorf hatte großen Schaden, ließ sich nunmehr herbei, wieder eine schwarze Kuh zu beschaffen. Von da an blieb alles Vieh gesund.

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Die verwunschene Jungfrau auf Schloß Schönstein bei Röttingen
Etwa ein halbes Stündlein von Röttingen an der Tauber gegen Stalldorf zu, liegt ein Waldgebiet, das den Namen Schönstein führt. Dieser Wald bildete vor Zeiten die Grenzmarkung eines Dorfes, das einstmals hier stand ; noch heutzutage findet man im Gestrüpp Spuren vom Mauerwerk, deutlich sind die Gewölbe eines Schlosses zu erkennen. Wie das Dorf zugrunde ging und weshalb die Gemeinde sich auflöste, ist unbekannt. Ein großer Teil der Bewohner ist nach Röttingen gezogen. Vom Schloß Schönstein weiß die Sage allerlei zu berichten. Vor vielen Jahren lebte ein schöner junger Schäfer in der Gegend, der seine Herde oft in der Nähe des schon damals verfallenen Schlosses weidete. Eines Abends hörte er den traurigen Gesang einer zarten Frauenstimme aus dem Innern der Burg dringen. Aber vergebens spähte er nach allen Seiten aus, um die Sängerin dieser zarten Lieder zu entdecken. Die Stimme ließ sich mehrere Abende nacheinander hören, bis der Hirt einmal aus seinem Versteck das holde singende Fräulein auf dem Gemäuer des Schlosses wandeln sah. Anstatt aber beherzt zu ihr zu gehen, ergriff der gute Schäfer, von heimlicher Furcht überfallen, die Flucht, eilte geraden Weges nach Hause und berichtete dem Pfarrer seines Ortes, was er soeben erlebt hatte. Der Geistliche sprach ihm Mut zu und gab ihm den Rat, sollte er noch einmal die Erscheinung sehen, möge er sogleich auf sie zugehen, sie in Gottes Namen anrufen und fragen, was ihr Begehr sei und wie man ihr helfen könne. Der Jüngling versprach, das gute Werk zu vollbringen, betete inbrünstig zu Gott um Beistand und zog am nächsten Morgen guten Mutes mit seiner Herde in die Nähe des alten Gemäuers. Es währte nicht allzulange, da ließ sich der traurige Gesang -162-

wieder vernehmen, und bald zeigte sich auch die gleiche Frauengestalt, in ein weißes Gewand gehüllt und von einem weißen Schleier umflattert. Nun faßte sich der Jüngling ein Herz, schritt auf die Gastalt zu und fragte sie im Namen Gottes, wie er ihr helfen könne. Das Fräulein antwortete, sie sei hierher verbannt und müsse einen großen Schatz hüten, bis ein unschuldiger Jüngling käme und sie erlöse. Zu diesem Werk habe sie ihn auserkoren, er möge den Mut nicht verlieren, sich aber auf einen harten Kampf gefaßt machen. Am Walpurgistag solle er wieder kommen, jedoch seine Herde daheim lassen, dann müsse er, ohne sich umzusehen, entschlossen nach der Burg eilen, dürfe sich aber durch keine Trugbilder und Erscheinungen abschrecken lassen, sondern möge kühn von ihrem Hals einen Schlüssel nehmen. Damit sei das Werk ihrer Erlösung vollbracht, ihm aber werde ein reicher Schatz zufallen. Der Jüngling versprach, diese Worte genau zu befolgen. Darauf verschwand das Fräulein sogleich von der Mauer. Der junge Schäfer aber machte sich nachdenklich auf den Rückweg und berichtete seinem Pfarrherrn, was vorgegangen war. Dieser ermunterte ihn aufs neue, nur den Mut nicht zu verlieren; denn er könne ein gutes Werk vollbringen und noch dazu für sich und seine armen Eltern reichlichen Lohn gewinnen. Als schließlich der festgesetzte Tag herangekommen war, machte sich der Schäfer, nachdem er sich noch durch Buße vorbereitet hatte, beherzt auf den Weg, dem Schönsteiner Schloß zu. Kaum näherte er sich dem Gehölz, da stieg plötzlich ein mächtiger Geier vor ihm auf und umkreiste sein Haupt mit wildem Gekreisch und Flügelschlag. Doch der Schäfer ließ sich dadurch nicht aufhalten, still und vertrauensvoll ging er seines Weges weiter. Gleich darauf sprang ein gräßlicher Wolf, die Zähne fletschend, vor seinen Weg, während sic h eine grüne Schlange neben ihm auf dem -163-

Boden hinringelte und in den Lüften das "wilde Heer" mit Höllenlärm vorbeibrauste. Gleichzeitig rollte der Donner, zuckten die Blitze neben und über ihm, und wildes Gewürm umkroch seine Füße, daß er meinte, keinen Schritt weiter tun zu können. Doch all diese Schrecknisse vermochten den Mut des Jünglings nicht zu erschüttern; wacker schritt er aus, auf die Jungfrau zu, die er auf einmal auf dem Gemäuer droben stehen sah. Aber, o Graus! Um ihren Hals wanden sich zwei scheußliche Schlangen, die zischend um sich züngelten und den goldenen Schlüssel mit ihren Ringelleibern festhielten. Aus diesem Knäuel giftigen Gewürms sollte der Jüngling den Schlüssel nehmen! Dazu gehörte mehr als der Mut eines Menschen! Schon war der junge Schäfer nahe daran, wieder umzukehren, als ein Blick auf die arme, still duldende Jungfrau sein Herz noch einmal mit frischem Mut und neuem Mitleid erfüllte. So wagte er, den - letzten Schritt zu tun : schon streckte er seine Hand aus, den Schlüssel vom Hals des Fräuleins zu nehmen, da fuhr eine Schlange zischend und Feuer sprühend auf ihn los, der Jüngling taumelte zurück, und im gleichen Augenblick waren Schlangen und Schlüssel verschwunden, und die Jungfrau stand allein und wehklagend vor dem betäubten Schäfer. Darauf hob sie eine Eichel vom Boden auf, stampfte diese mit den Füßen in die Erde und rief: "Ich pflanze diese Eichel, aus ihr wird ein gewaltiger Baum werden, den man dereinst fällen wird. Aus seinen Brettern wird eine Wiege gefertigt, in dieser Wiege wird ein Knäblein liegen, dieses Knäblein wird nach Jahren zum Jüngling heranreifen, und dann erst wird dieser Jüngling mich dereinst erlösen! " Nach diesen klagenden Worten verschwand die Jungfrau. Der arme Schäfer aber stand wie vernichtet verlassen im Wald und dachte schmerzerfüllt an die unglückliche Jungfrau und an sein entschwundenes Glück. Oft hat er nachher seine Herde an dem -164-

Schönstein geweidet, aber die Jungfrau hat er, wie die Sage vom Schloß Schönstein berichtet, nie wiedergesehen.

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Dr. Schildkrot und das Zwölfbrüderhaus
Neben dem Lauferschlagturm stand ein großes breites Haus mit vielen Sälen und Zimmern. Bis 1945 war es ein Schulhaus. Vor 400 Jahren aber ist es gebaut worden als fromme Stiftung von Männern, die mehr gekonnt hatten als Brot essen. Der eine hat Erasmus Schildkrot geheißen. Er soll aus England gewesen sein und die Kunst verstanden haben, wie man Gold macht. Er war aber kein Zauberer wie manche, die mit Teufelskünsten so was zustande bringen, sondern ein frommer Mann, der Kirchendienste tat in der Frauenkirche und bei St. Egidien. Er hatte ein Gelübde getan, daß er, wenn seine Kunst gut fortgehe, von seinem Gewinn Almosen an die Armen verteilen und eine Klosterzelle bauen wolle. Er wartete aber mit seiner Stiftung nicht bis zu seinem Tod, sondern nahm schon, solang er lebte, zwölf alte arme Männer an, denen er täglich Geld und gutes Essen ins Haus schickte. Dafür sollten die Alten der Reihe nach alle Gottesdienste in der Stadt besuchen und für den Wohltäter beten. Wenn sie krank waren, wurden sie auf Schildkrots Kosten sorgfältig und gut gepflegt und mit allem versorgt, was ihnen ihre Krankheit bessern und erleichtern konnte. Schildkrot wurde immer reicher und hinterließ, als er starb, ein großes Vermögen von Geld und Gold. In seinem Testament hatte er bestimmt, daß man den zwölf alten Männern zur Heimstätte eine Zelle bauen solle. Deshalb kaufte Matthias Landauer, ein Freund des Engländers, ein Stück von dem alten Stadtgraben zwischen dem Lauferschlagturm und dem Schwabenberg, auf dem die ›sieben Zeilen‹ stehen. Er lies den Graben ausfüllen und dann auf den gewonnenen Platz das ›Zwölfbrüderhaus‹ stellen, mit einer Kapelle. Matthias Landauer, der Testamentsvollstrecker von Dr. Schildkrot, hat wohl von ihm, der in seinem Haus seine Versuche gemacht -166-

hatte, manches gelernt. Auch er wurde reich, und viele Stiftungen haben seinen Namen nicht vergessen lassen.

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Ein Schusterjunge kommt in den Kaiserpalast
Meine Grossmutter erzählte weiter. "Die Nürnberger haben gesagt, ein solches Schwein, wie der Wenzel bei seiner Taufe gewesen ist, ist er sein Lebtag geblieben; er war aber auch kein Königssohn! Der Kaiser Karl war unterwegs, als seine Frau Anna, die Kaiserin, in der Nürnberger Burg in die Wehen kam. Es ging schneller, als jeder dachte, und eilig musste eine Wehmutter aus der Stadt geholt werden. Man fand schliesslich eine in der Nähe der Burg, die gerade einem Jungen, dem Sohn eines ehrsamen Schustermeisters, geholfen hatte, auf die Welt zu kommen. Sie eilte die Treppen hinauf in die Burg und fand die Kaiserin in Tränen. Dort war das Kind schon angekommen und war ein Mädchen. Niemand hatte es bisher gesehen; denn die Kaiserin war ja allein gelegen, weil ihre Dienerin nach der Hebamme gelaufen war. Als die Wehmutter den Kummer der Kaiserin sah und hörte, dass es deswegen war, weil wieder eine Prinzessin und noch immer kein Kaisersohn geboren worden war, da machte sie der armen Kaiserin den Vorschlag: "Da drunten liegt ein wunderschöner, kräftiger Junge. Tauscht doch einfach! Kein Mensch wird etwas davon merken. Ich trage die Prinzessin schnell hinunter und hole den Buben herauf!" Die Kaiserin, die vor dem Zorn ihres Mannes Angst hatte, war einverstanden und nach einer Viertelstunde waren die Kinder getauscht. Die Schustersfrau hatte zuerst nic ht tauschen wollen; aber als sie gehört hatte, dass ihr kleiner Sohn einmal Kaiser werden sollte, da hat sie schliesslich zu dem Handel ja gesagt. Am andern Morgen krachten die Kanonen von der Burg zum Zeichen, dass dem Kaiser ein Sohn geboren war. Es war ein grosses Kind. Mehr als 9 Pfund schwer. Der Kaiser liess es in seiner Freude auf dem Nürnberger Marktplatz in Gold aufwiegen und schickte 9 Pfund 363 Gramm reines Gold an das Münster von Aachen, um damit dem ganzen Volk zu zeigen, daß der kleine Kaisersohn Anspruch auf den Thron Kaiser Karls -168-

des Großen hatte. Der Kaiser ließ den jungen Prinzen von den besten Lehrmeistern erziehen; aber er soll nicht viel gelernt haben. Schöne Kleider und gut zu essen waren ihm das Liebste. Arbeiten mochte er überhaupt nicht, und die Bücher waren ihm gar ein Greuel. Und wie er später König geworden, war er auch kein richtiger König; kein Mensch kann aus seiner Haut !

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Ein Zirkelschmied bekommt keine Königstochter, aber ein schlauer Pater einen Bischofshut
Elisabeth - so hiess das kleine Mädchen, das zu den Schusterleuten gekommen war auf Bitte der Kaiserin, - wurde ein schönes Mädchen. Sie war grösser als ihre Eltern und ihnen gar nicht ähnlich. Aber so etwas kommt ja vor! Weil sie gar so schön war, verliebte sich ein Zirkelschmied in sie, er wollte sie zur Frau haben. Der Vater, der ehrsame Schuhmachermeister, wollte die "Else" dem braven Zirkelschrnied geben, aber seine Frau, die Meisterin, wollte es absolut nicht haben. Immer wieder sagte sie: Die Else ist zu Besserem geboren; die kann doch keinen Zirkelschmied heiraten! " Aber wenn der Mann weiterfragte, gab sie keine Antwort. Als aber ein guter Freund des Schusters, der Pater Hiarius von St. Egidien, die Frau umstimmen wollte, da gestand ihm die Meisterin, daß die Else gar nicht ihre und ihres Mannes Tochter, sondern ein Kind des Kaisers sei, die Kaisertochter aber könne doch nicht mit einem Handwerker verheiratet werden. Der Pater war ein kluger Mann und hatte ehrgeizige Pläne im Kopf. Das Geheimnis, das er da erfahren hatte, kam ihm gerade recht. Er reiste nach Prag und brachte es fertig, dass er den König Wenzel unter vier Augen sprechen konnte. Da erzählte er, was er von der Schusterin von Nürnberg erfahren hatte. Erst brauste der König auf. Er war ein jähzorniger Mann. Er wollte den Pater töten lassen. Aber bald wurde er wieder friedlich und wie der Pater ihm schwur, daß kein Mensch von der Geschichte etwas erfahren hätte und dass er niemand etwas sagen wollte, da liess er ihn am Leben und machte ihn schliesslich sogar zum Bischof und zu einem von seinen Ratgebern. Elisabeth die Schusters-Else, wurde an den Kaiserhof gebracht. Wenzel machte sie zu einer Gräfin von -170-

Rothkirch, schenkte für Dörfer und Schlösser und verheiratete sie schliesslich mit einern seiner Adeligen am Kaiserhof. Bei der Hochzeit wunderte sich jeder, dass Elisabeth dem verstorbenen Kaiser Karl IV. so ähnlich sah als Wenzel bald darauf auf die Nürnberger Burg kam, liess er seine Mutter heimlich aufs Schloss holen und fragte sie selber aus. Und die Neugier plagte ihm so, dass er auch seinen Vater kennenlernen wollte. Er soll als Mönch verkleidet, in einer Kutte in das Haus seiner Eltern gekommen sein und lange Zeit mit seinem Vater, dem Schuhmachermeister, gesprochen haben, ohne dass der wusste, dass er mit dem König und zugleich mit seinen eigenen Kind sprach. In Nürnberg hat sich später niemand gewundert, dass Wenzel niemals ein richtiger König geworden ist, und dass ihm Fressen und Saufen lieber war als Regieren und Gerichthalten über die Bösewichter. Seine Herrschaft ist ja auch so zu End gegangen, wie es zu ihm gepasst hat. Er hat sein Königreich für 10 Fuder Wein an den Pfalzgrafen verkauft."

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Ein guter Schütze
Gustav Adolf war von München nach Nürnberg gezogen und hatte sich dort verschanzt. Sein großer Feind Albrecht von Wallenstein, der Friedländer, kam von Böhmen her mit einem großen Heer und setzte sich nicht weit von der Stadt entfernt, auf einem Hügel, die ›Alte Veste‹ genannt, mit seinem Heer fest und war nicht mehr zu vertreiben. Monatelang standen sich die beiden großen Heere gegenüber und taten sich Schaden, wo sie konnten. Bei Doos, zwischen Nürnberg und Fürth, war eine große Brückenschanze, die war von der Nürnberger Bürgerwehr besetzt. Dort standen auch ein paar Kanonen, die mit großen Kugeln hinüberschossen zur Alten Veste. Ein besonders guter ›Grobschütze‹ war der Konstabler Beizleuter. Einmal um die Mittagszeit, als die Alte Veste besonders schön beleuchtet vor den Nürnberger Soldaten stand, suchte Beizleuter mit seinem Fernrohr den ganzen Berg vor ihm ab, ob er nicht den Wallenstein, den Führer der Feinde, selber irgendwo entdecken könnte. Er war bekannt dafür, daß er seine Kanone auf den Mann einrichten und dann treffen konnte. Den Feldherrn Wallenstein aber konnte er nie zum Schuß kriegen. Wie er so suchte mit seinem Rohr, da sieht er plötzlich Wallenstein mit seinen Herren Obersten oben an der Spitze des Hügels um einen steinernen Tisch sitzen. Schüsseln wurden aufgetragen und die Herren tafelten dort nach Herzenslust. Beizleuter nahm einen Papierstreifen und schrieb darauf ›Des Friedländer Kopf‹, klebte ihn auf eine dreißigpfündige Kanonenkugel, steckte die in das Kanonenrohr, zielte, bis er den Wallenstein genau auf dem Korn hatte, nahm dann seinen Luntenstock und ließ es Krachen. Als er sein Fernrohr zur Hand nahm, sah er, daß die Herren drüben alle vom Tisch aufgesprungen waren, daß aber die Kugel nicht mitten ins Ziel getroffen hatte. Ärgerlich ging er, da sein Dienst zu Ende war, nach Haus. -172-

Beizleuter war nicht lange zu Hause. Da kam ein Bote vom Rat, der ihn kommen ließ. Dort wurde ihm mitgeteilt, das von Wallenstein aus dem Lager auf der Alten Veste ein Schreiben gekommen sei. Der Generalissimus wolle den Grobschützen gerne kennenlernen, der ihm heute den Löffel fast aus dem Mund geschossen habe. Der Rat solle ihn morgen früh um neun an die Lagerlinie bei der Alten Veste schicken. Wallenstein wolle ihn dort bei der großen Linie persönlich erwarten! Weil aber der Rat fürchtete, daß der Wallensteiner den Nürnberger auf diese Weise ihren besten Konstabler wegschnappen wolle, beriet man, was man tun könnte. Schließlich hieß man den Meisterschützen einen groben Bauernkittel anziehen und gab ihm einen Brief des Rates an Wallenstein mit, in dem stand, daß der Rat für den Konstabler eine Bürgschaft verlange; sonst wolle man den Wunsch des Generalissimus gerne entgegenkommen. Der Friedänder stand schon vor der festgesetzten Zeit an der großen Linie und wartete. Als er den Mann im Bauernkittel kommen sah statt des erwarteten Konstablers, war er schon ärgerlich. Er riß das Schreiben auf und sagte dann als er es gelesen hatte, zu dem Offizier, der ihn begleitete: »So geht als Geisel mit. Heut nachmittag um drei Uhr will ich noch einmal an derselben Stelle auf den Schützen warten! " Die beiden, der Offizier und der Mann im Bauernkittel, machten sich also auf den Weg. Unterwegs kamen sie ins Plaudern und der Offizier sagte, daß er selber den Teufelskerl kennenlernen möchte, der seine Kugel nur um Haaresbreite an des Friedländer Kopf vorbeigejagt hätte. Bald kamen sie an die Nürnberger Linie, wo der Oberst Leubelfing beide in Empfang nahm. Als er durch den Offizier hörte was Wallenstein aufgetragen hatte, sagte er zu ihm: »Ihr könnet gleich wieder umkehren, eine Bürgschaft ist nicht mehr nötig. Der Wunsch Wallenstein ist schon erfüllt; denn der Bote hier im groben Bauernkittel war der gute Kanonier« -173-

Eine unglückliche Hochzeit auf der Burg
Im Burghof der alten Kaiserburg in Nürnberg neben der großen alten Linde führt eine steinerne Treppe an der Außenwand hinauf zum großen Festsaal. Die Treppe war früher aus Holz und ist erst nach einem furchtbaren Unglück aus Stein aufgehört worden. Da wurde einmal eine Doppelhochzeit in der Kaiserburg gefeiert: der junge König Heinrich, der Sohn Kaiser Friedrichs II., wurde mit Margareta von Österreich und Herzog Heinrich von Österreich mit Agnes von Thüringen vermählt. Zu der Hochzeit der zwei jungen Heinriche waren aus dem ganzen Reich Herren und Frauen eingeladen worden; auch der Erzbischof von Köln sollte kommen. Der alte Erzbischof wurde aber unterwegs von seinem Neffen, einem Grafen von Altena, Überfallen und totgeschlagen. Niemand weiß mehr genau, warum. Man erzählt nur, daß die Begleiter des Erzbischofs mit der schrecklichen Nachricht nach Nürnberg kamen und zum Beweis die blutigen Kleider mitbrachten. Mitten in die fröhliche Feier hinein kam die schreckliche Kunde. Zornig fuhr der junge König Heinrich - er soll erst fünfzehn Jahre alt gewesen sein auf und wollte auf der Stelle drunten am Hof unter der großen Linde ein furchtbares Gericht über die Mörder halten. Unter den Gästen waren aber einige, die meinten, man müßte die Angeklagten erst selber hören, ehe man sie verurteilen könne. Heinrich wollte davon nichts hören. Weil aber die ganze Gesellschaft vorher lustig getrunken hatte, kamen sie in Streit. Einige rissen die Schwerter aus der Scheide. Man rannte auf die Holztreppe und draußen entstand ein großes Gedränge. Da brach die Treppe zusammen. 56 wurden erschlagen, 22 davon waren aus dem Adel oder Mönche und Geistliche. Viele waren nur verwundet und konnten mit Mühe unter den Trümmern herausgezogen werden. -174-

Mancher starb noch nachher an den Wunden.

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Goldsuchende Venediger im Fichtelgebirge
Viele Männer aus Welschland, besonders aus Venedig, kamen einst in die deutsche n Berge, um wertvolle Metalle, vor allem Gold, zu suchen. Ein Venediger, der häufig im Fichtelgebirge anzutreffen war, kehrte oft bei einem Landmann in Wülfersreuth ein. Dieser nahm ihn stets gastfreundlich auf und bot ihm, was er vermochte. Einstmals nun erschien der Venediger wieder, diesmal allerdings um für immer Abschied zu nehmen. "Ich kehre jetzt in meine Heimat zurück, um die Früchte meiner langjährigen Mühen in Ruhe zu genießen," sagte er, "und werde wohl nie mehr deine gastliche Schwelle überschreiten. Wenn du jedoch einst irgend ein Anliegen auf dem Herzen hast, so komm zu mir in das ferne Venedig, und ich will dir in deiner Not helfen. Ich glaube, wir werden uns wiedersehen." Damit schied er. Und siehe, nach Jahren zogen schwere Wolken über das kleine Haus des bescheidenen Mannes aus dem Fichtelgebirge, so daß der besorgte Bauer keine andere Hilfe aus Not und Sorgen mehr wußte, als bei seinem Freund in Welschland vorzusprechen. Da machte er sich nun auf, wanderte gegen Süden und erreichte glücklich die große Stadt am Meer. Dort wurde ihm aber bange, als er die weiten Straßen und Plätze sah; wie wollte er da seinen Freund ausfindig machen? Den Namen hatte er längst vergessen. Während er jedoch in halber Verzweiflung die prächtigen Häuser ringsum anstaunte, rief plötzlich eine Stimme aus einem herrlichen Palast: "Hanns! Hanns!" und ein reichgeschmückter, vornehmer Mann stürzte heraus und umarmte den verblüfften Bauern. War das der Venediger in den schlechten schwarzen Kleidern, den er einst beherbergt hatte? Er war es und hatte ihn in seiner Fichtelberger Tracht sogleich wieder erkannt. Und der -176-

vornehme Mann führte den armen Besucher in die herrlichen Säle, die von Pracht und Reichtum glänzten. Dem bedrückten Waldbewohner war es, als träume er. Der Venediger vergalt nun alles tausendfach, was ihm der arme Gebirgler einst Gutes getan hatte. Reich beschenkt kam dieser in seine bescheidene Heimat zurück und führte von nun an ein sorgenfreies Leben.

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Hans Stark
Am alten Weinmarkt steht ein hohes Haus, das Starckenhaus geheißen. Dort im obersten Stockwerk soll eine heimliche Goldmacherwerkstatt gewesen sein. Der Rat der Stadt hatte streng verboten, Gold zu machen. Und mancher ist auch deswegen bestraft worden. Einmal aber soll der Rat selber einem Nürnberger Bürger, Hans Stark, den Auftrag gegeben haben, nachzusehen, was an der Goldmacherkunst wäre. Man baute ihm in sein hohes Haus einen besonderen Herd und eine ganz kleine Küche dazu. Damit keiner merken sollte, was er suchte, gab man an, er müsse für den Rat allerlei künstliches Feuerwerk machen für Kriegszwecke, und das müsse streng geheim bleiben. Hans Stark hat lang herauszufinden versucht, wie man Gold macht; aber am Schluß war's ›lauter Nichts‹!

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Kaiser Karl ist unterwegs...
Karl der Große sitzt draußen bei Wetzendorf in seinem Karlsberg und wartet, bis die Not des Reiches hin ruft. Jedes Jahr aber in der Walburgisnacht (1. Mai) macht er sich mit seinem ganzen Gefolge auf und zieht durch ein großes Tor, das sich knarrend vor ihm öffnet, durch den unterirdischen Gang hinüber zum Tiefen Brunnen unter der Burg. Dort tränkt er seine Rosse und kehrt dann zurück in seinen Saal, in dem er wartet, bis das neue Jahr vergangen ist. Da hören die Leute dann von droben ein Knarren und ein Stampfen von Pferdehufen und halblaute Stimmen aus dem Brunnen heraufklingen und dann sprechen sie zueinander: "Heute ist der alte Kaiser mit seinen Treuen wieder unterwegs."

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Notburga in Hochhhausen am Neckar
Im siebenten Jahrhundert herrschte im Neckartal der Frankenkönig Dagobert der Erste, der auf der Burg Hornberg residierte. Er hatte eine schöne Tochter namens Notburga. Damals waren die Bewohner dieser Gegend ebenso wie der König selbst noch Heiden, die fromme Notburga aber hatte sich zum Christentum bekehrt. In jener Zeit führte der Wendenfürst Samo mehrmals Krieg gegen das Frankenreich. Er hatte von der Schönheit Notburgas gehört und war in Liebe zu ihr entbrannt, ja, er kam sogar nach Hornberg selbst und warb um die Hand der königlichen Jungfrau. Dagobert war bereit, dem Wendenfürsten seine Tochter zur Frau zu geben, schon um des lieben Friedens willen, den er dadurch für sein Land zu gewinnen hoffte. Aber Notburgas frommes Herz wollte von der Verbindung mit dem heidnischen Wenden nichts wissen. Dem lärmenden Fest, das zu ihrer Verlobung gefeiert wurde, blieb sie fern und verharrte indes im Gebet in ihrer Kammer. Doch aus Angst, zur TeiInahme am Fest schließlich gezwungen zu werden, floh sie plötzlich auf göttliche Weisung aus dem väterlichen Schloß und eilte an den Neckar. Von Kindheit an hatte Notburga eine Hirschkuh gepflegt und behütet. Diese stand nun plötzlich vor der zagenden Jungfrau und schaute wie weisend nach der Felswand am anderen Neckarufer. Notburga setzte sich auf den Rücken des Tieres, das sogleich mit seiner Last ans andere Ufer des Flusses schwamm. Dort suchte die Jungfrau, der Hirschkuh folgend, Zuflucht in einer Höhle. Sie löschte ihren Durst an einer Quelle, und die Hirschkuh brachte ihr täglich das Essen, das sie in der Schloßküche zu Hornberg holte. So lebte Notburga längere Zeit in stiller Abgeschiedenheit. -180-

In Hornberg wußte man nicht, wo sich des Königs Tochter aufhalte. Doch der Küchenmeister merkte mit der Zeit, daß Speisen fehlten, und suchte dem Dieb auf die Spur zu kommen. Schließlich entdeckte er, daß eine Hirschkuh Speisen holte und mit ihnen an den Neckar lief. Von nun an beobachtete er das Tier und sah, wie es mit den Speisen täglich über den Neckar schwamm und in einer Höhle am andern Ufer verschwand. Er meldete das sonderbare Verhalten der Hirschkuh dem König. Dieser begab sich mit dem Küchenmeister über den Fluß und fand seine Tochter in der Höhle. Gerührt durch den Anblick dieser dürftigen Behausung, in der sein Kind schon so lange wohnte, bat der König seine Tochter, mit ihm ins Schloß zurückzukommen. Notburga aber folgte dem Wunsche ihres Vaters nicht, sondern flehte ihn an, allein in der Höhle bleiben zu dürfen. Über diese Widersetzlichkeit wurde König Dagobert zornig. Er packte die Prinzessin am Arm, um sie gewaltsam aus der Höhle zu ziehen. Aber, o Wunder, er hielt den Arm allein in seinen Händen, Notburga fiel, aus schwerer Wunde blutend, bewußtlos zu Boden. Ergrimmt verließ Dagobert die Höhle. Als Notburga wieder zu sich kam, sah sie eine Schlange neben sich in der Sonne ruhen, die ein Krönlein auf dem Kopf trug und ein Kräutlein im Munde hatte. Damit heilte das Mädchen die Wunde. Der König aber war durch das furchtbare Erlebnis so gebrochen, daß er sogleich aus seinem Schlosse fortzog. Notburga lebte noch viele Jahre in ihrer Höhle, von den Umwo hnern sehr verehrt. Sie bewog viele Leute, zum Christentum über zutreten. Als sie dann ihr Ende nahen fühlte, bat sie, man möge ihren Leichnam dereinst auf einen Wagen laden, diesen mit zwei -181-

weißen Stieren bespannen, die noch kein Joch getragen hätten, und die Tiere frei ziehen lassen. An der Stelle, wo sie halten würden, solle man sie begraben und über ihrem Grab ein Kirchlein erbauen. Bald darauf schlossen sich ihre Augen zur ewigen Ruhe. Alle Glocken der Kirchen ringsum läuteten von selbst, als der Leichenzug sich in Bewegung setzte. Die Stiere hielten in Hochhausen, wo heute die Kirche sich erhebt. Dort steht, in Stein gehauen, über Notburgas Grab ihr Standbild. Die Gestalt weist nur einen Arm auf, ihr Haupt ist mit der Königskrone geschmückt. Neben der Jungfrau ist die Schlange mit dem Heilkräutlein im Munde dargestellt.

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Peter Henlein
In Nürnberg wohnte ein Schlosser namens Peter Henlein. Der hatte sein Lebtag immer gern über die Zeit hinaus getüftelt und gebastelt an eigenen Dingen. Einmal hatte er sich eingeschossen, Tag und Nacht gefeilt, gehämmert und geklopft und kein Mensch wußte, was er da machte. Die Nachbarn ringsherum wunderten sich und fragten seine Frau, die Schlossermeisterin; aber auch die wußte nichts. Man horchte an den Fenstern und an der Tür; aber man wurde nicht klug. Da erzählte man in der ganzen Stadt: »Der Henleins Peter ist verrückt geworden! Er ist ein Narr!« und seine Frau weinte sich die Augen rot, weil sie es doch glaubte, was alle sagten! Aber es dauerte nicht lang, da ging die Tür auf und der Peter Henlein kam mit einem kleinen eiförmigen Ding heraus; das tickte und klopfte, als wäre es lebendig. Obendrauf aber sah man ein kleines Zifferblatt wie bei einer Uhr. Damit ging der Peter aufs Rathaus, zeigte es den Herren, und durfte bald darauf seine neue Erfindung öffentlich ausstellen. Es war das ›Nürnbergisch Ei‹, eine Uhr, die man bequem in die Tasche stecken konnte.

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Peter Vischer und seine Söhne
Peter Vischer hatte in Nürnberg nach dem Vorbild italienischer Meister eine Erzgießerwerkstatt eingerichtet, und seine Söhne halfen ihm dabei. Da war der junge Peter, ein frischer, fröhlicher, aber ein wenig eigensinniger und jähzorniger, junger Bursch. Da war der fleißige Hans. Daneben stand Hermann Vischer. Ein besonders feinsinniger, träumerischer Mensch, der einmal in Italien gewesen war. Alle zusammen arbeiteten sie an den unzähligen Bildwerken des Sebaldusgrabes. Die schönsten sollen von Hermann Vischer sein. Hermann soll von seinen Brüdern, aber auch von seinem Vater, nicht zum Besten behandelt worden sein. Man lachte über ihn, weil er immer so versunken war in seine Träume. Und besonders der Vater war unzufrieden mit ihm, weil er neue Wege ging in seiner Kunst Da soll einmal ein Mädchen aus vornehmem Stand dem Hermann begegnet sein, das er über alles lieb gewann. Aber in damaliger Zeit konnte kein Mensch dran denken, daß ein vornehmes Fräulein sich mit einem bürgerlichen Sohn eines Erzgießers verbinden würde. So blieb Hermann allein. Aber wir haben vielleicht ein Bild von seiner Liebe in den Leuchterweiblein am Grab des Sebaldus. Da sitzt ein schönes Mädchen es ist eine Seejungfrau und hält eine Kerze in die Höhe. Sie ist ganz bei der Sache und schaut nicht rechts und links. Auf einem zweiten Bildwerk sehen wir das Leuchterweiblein immer noch bei der Sache, aber von hinten kommt eine Schlange dahergekrochen. Auf dem dritten Bildwerk ist die Schlange schon näher gekommen. Da wendet sich das Weibchen und vergißt seine Kerze. Voll Neugier schaut sie der Schlange in die glühenden Augen.

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Beim vierten Bildwerk aber hat sich das Weiblein wieder seiner Kerze zugewandt und hält sie wie vorher eifrig und unverwandt, als wäre nichts gewesen. Das Weiblein, das wir viermal abgebildet finden, soll also ein Bildnis der Liebsten des Hermann Vischer sein. Hermann soll bald, nachdem er seine Arbeiten am Sebaldusgrab beendet hatte, den Tod gefunden haben. Es war im Winter. Hermann ging in einer engen Nürnberger Straße. Da kam ein Schlitten dahergejagt. Ein herrschaftlicher Kutscher vorn auf dem Bock und hinten im Sitz ein schönes Fräulein. Hermann soll wie gebannt stehen geblieben sein, sodaß die Pferde ihn umstießen und die Schlittenkufen über ihn hinweggingen. Man sagt, daß das Fräulein, welches sich über Hermann Vischer beugte, bittere Tränen geweint habe.

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Serpentina von Dinkelsbühl
Vor vielen hundert Jahren war in dem Städtchen Dinkelsbühl ein reicher Hopfenhändler ansässig, der einen braven, gut gearteten Sohn hatte. Der Jüngling wies neben seiner reinen Seele auch ein sehr angenehmes Äußeres auf und wurde deswegen nur der "schöne Heinrich von Dinkelsbühl" genannt. Zur gleichen Zeit lebte in Dinkelsbühl ein sehr stolzer, hochmütiger Bürgermeister, der ein liebliches, wohlgesittetes Töchterlein besaß, das Serpentina hieß. Diese beiden jungen Leute waren einander sehr zugetan, aber sie hatten keine Hoffnung, je als Brautpaar vor den Altar zu treten, weil der Bürgermeister jeden Freier für seine Tochter abwies; denn keiner dünkte ihn vornehm und reich genug, sein Schwiegersohn zu werden. Daher getraute sich auch der schöne Heinrich nicht, seinen Wunsch laut werden zu lassen; nur seinem Vater, der sein ganzes Vertrauen besaß, offenbarte er seine geheimsten Gedanken. Der Vater beruhigte ihn lächelnd : "Lieber Heinrich, wenn du keine andere Sorge hast als diese, so kann ich dir helfen. Der Bürgermeister ist weiter nichts als stolz und vornehm und bildet sich wunderviel auf seinen Titel ein. Nun aber weiß ich, daß er unersättlich habgierig ist; habe ich keine vornehmen Ahnen aufzuweisen, so besitze ich doch tausend Schock harte Taler, die unsre Ahnen ersetzen sollen. " Gesagt, getan! Der Hopfenhändler warf sich in seinen Feststaat, zog seinen hellblauen Samtrock mit den großen silbernen Knöpfen an, nahm seine silbernen Schnallen und ging, das silberbeschlagene spanische Rohr unter dem Arm, nach dem Hause des Bürgermeisters. Hier brachte er seinen Antrag vor. Der Bürgermeister war außer sich vor Freude und willigte sogleich ein, seine Tochter mit dem Sohn des Hopfenhändlers zu verloben, weil er diesen -186-

als den reichsten Mann der ganzen Gegend kannte und der schöne Heinrich ein wohlerzogener Jüngling war. Demnach verlangte er, daß die Sache sogleich richtig gemacht werde. Niemand war vergnügter als Heinrich und Serpentina, und schon wurden alle Anstalten zur Hochzeit getroffen, als mit einem Male ganz unerwartet Heinrichs Vater am Schlagfluß starb. Heinrich, der sich bisher gar nicht um das Geschäft des Vaters gekümmert hatte, war sehr bestürzt, weil er in dessen Geschäftsbüchern nichts fand als ein Verzeichnis aller ausstehenden Gelder und Schulden, aber kein Geld und keine Schulddokumente. Wie vom Blitze getroffen, stand nun der arme Heinrich da; ein Gläubiger nach dem andern kam und machte seine Forderung geltend. Heinrich konnte nicht bezahlen, und bald wurde der verstorbene Hopfenhändler als Betrüger ausgeschrien. Dies konnte dem Bürgermeister nicht verborgen bleiben; er kündigte deshalb Heinrich die Heirat auf. Bald war es so weit, daß das Haus des Hopfenhändlers verkauft werden sollte, damit man die Schulden bezahlen könnte. Dem unglücklichen Heinrich blieb nichts anderes übrig, als sein Glück in der Welt zu suchen. So gut es ging, beschleunigte er seine Abreise aus der Vaterstadt, wo er nun das allgemeine Gespräch des Tages war. Schon am nächsten Sonntag hörte die schöne Bürgermeisterstochter in ihrem herrlich vergitterten Kirchstuhl tränenden Auges die Bitte des Predigers auf der Kanzel für einen Jüngling, der auf Reisen gehen wolle. Bereits am nächsten Morgen wanderte der schöne Heinrich unter den Segenswünschen seiner geliebten Serpentina aus Dinkelsbühl fort und nahm seinen Weg nach dem benachbarten Hesselberg. Von dort wollte er nach Nürnberg reisen. Auf dem Hesselberg machte er noch einmal halt. Wehmütig blickte er auf die Türme seiner Vaterstadt hinab und sagte in Gedanken seiner heißgeliebten Serpentina ewiges Lebewohl. Er setzte sich auf den Stein eines alten Gemäuers und sah dabei ein wunderschönes Schlänglein, das über und über himmelblau war, -187-

einen goldenen Gürtel um den Leib und eine kleine goldene Krone auf dem Kopfe trug. Da das Schlänglein ihn zutraulich anschaute, fing Heinrich an, es zu streicheln, dann aber fiel ihm wieder seine geliebte Serpentina ein, und er rief dreimal : "Serpentina!" Mit einemmal verschwand die Schlange, und eine blühende Jungfrau in himmelblauem Seidengewande, einen goldenen, edelsteindurchwirkten Gürtel um den Leib und eine goldene Krone auf dem Haupt, stand vor ihm und fragte ihn, was sein Begehren sei. Heinrich erschrak über die Erscheinung nicht wenig und meinte, er habe sie nicht gerufen. Die Jungfrau aber erwiderte: "Hast du nicht dreimal mich bei meinem Namen Serpentina gerufen?" Und nun setzte sie sich zu ihm auf den Stein und bat ihn, ihr seine Geschichte zu erzählen. Nachdem Heinrich sein Schicksal berichtet hatte, erklärte Serpentina : "Gottlob! Wenn es weiter nichts ist, so will ich dir helfen. " Sie befahl ihm, ihr zu folgen. Sogleich stieß sie mit dem Fuß an einen großen Stein, und augenblicklich öffnete sich eine Tür. Heinrich stieg mit der Jungfrau eine lange Treppe hinab; nachdem sie ein finsteres Gewölbe durchquert hatten, kamen sie in einen großen Saal. Hier berührte die Jungfrau eine Marmorsäule, und augenblicklich war der Saal von vielen brennenden Wachskerzen erleuchtet. Von da führte ihn die Jungfrau in einen zweiten Saal, der noch köstlicher als der erste war. An den Wänden standen mehrere große Kisten; sie öffnete eine davon, und Heinrich sah, daß sie mit schweren Goldstücken angefüllt war. Nun befahl die Jungfrau ihrem Begleiter, sein Felleisen auszuleeren und mit Gold zu füllen, soviel er zu tragen vermöge. Dann nahm sie aus einem Kistchen einen herrlichen Myrthenkranz, der aus -188-

goldenen Ranken verfertigt und mit blitzenden Edelsteinen besetzt war, und eine lange Schnur von schönsten orientalischen Perlen und sagte: "Nimm diesen Schmuck und gib ihn deiner Braut als Hochzeitsgeschenk; es ist der Brautschmuck meiner seligen Mutter. Mit dem Golde aber löse dein väterliches Erbe aus!" Heinrich dankte der Jungfrau auf das innigste. Nun bat er sie noch, ihm doch auch die Geschichte des versunkenen Schlosses zu erzählen. Sie begann: "Mein Vater war Ritter Arno, der weit und breit bekannt war, und hauste auf diesem Schlosse. Er führte ein ausschweifendes Leben und vergaß sich soweit, daß er mit dem Fürsten der Hölle einen Bund schloß, der ihm auch ungeheure Reichtümer verschaffte, wofür er ihm seine Seele verschrieb. Als dies meine selige Mutter erfuhr, betete sie unaufhörlich für meinen Vater zu Gott. Damals kam ich zur Welt. Da erschien meiner Mutter die Himmelskönigin und sprach: 'Wenn deine Tochter nie der Liebe eines Mannes folgen, sondern ihr Leben Gott und der Kirche weihen wird, so soll dein Gemahl von der Verdammnis erlöst sein.' Meine selige Mutter gelobte dies der heiligen Jungfrau, aber ich hielt, als ich erwachsen war, nicht Wort, sondern schenkte mein Herz dem Ritter Benno von Lenkersheim, als ich sechzehn Jahre alt war, und an dem Tage, an dem wir uns verlobten, spaltete sich der Berg und verschlang das Schloß mit allem, was es enthielt. Meinen Vater entführten höllische Geister in die Lüfte, ich aber wurde in eine Schlange verwandelt und dazu verdammt, so lange hier auszuhalten, bis die Kiste geleert sein wird, aus der du soeben das Gold genommen hast. Mir aber ist jedes Jahr nur auf einige Augenblicke vergönnt, menschliche Gestalt anzunehmen und guten Menschen zu helfen, die ohne ihr Verschulden in Not geraten sind. Nun kehre in deine Vaterstadt zurück, morgen wird dein elterliches Haus versteigert; verwende das Gold, um damit die Gläubiger deines Vaters zu bezahlen, und nimm wieder Besitz von deinem -189-

väterlichen Erbe! Dann geh in das Zimmer deines Vaters, dort hängt ein altes Ölgemälde an der Wand; rücke es weg, und du wirst dahinter einen gemauerten Schrank finden, in dem alle in dem Geschäftsbuch deines verstorbenen Vaters eingetragenen Schuldscheine enthalten sind; damit wird dann auch die Ehre deines Vaters wiederhergestellt sein; für mich aber laß hundert Seelenmessen lesen und bezahle eine jede mit einem Goldstück." Nach diesen Worten führte ihn die Jungfrau wieder aus der versunkenen Burg hinaus, und sogleich war die Öffnung samt der Erscheinung verschwunden. Heinrich wanderte nun getrosten Mutes seiner Vaterstadt zu, nahm sein väterliches Erbe in Besitz und führte Serpentina, die schöne Bürgermeisterstochter, als seine Gattin heim. Beide führten die glücklichste Ehe. Als sie starben, stifteten sie ein Waisenhaus und verordneten, daß die Waisenkinder alle Jahre an dem Todestag der Stifter einen frohen Festtag feiern sollten, den man später das "Kinderfest zu Dinkelsbühl" nannte.

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So benimmt sich kein geborener König
Der König Wenzel hat später viel Unglück über sein Haus und über das ganze Reich gebracht. Er war ein Säufer und ein Luderjahn. Wie ihn einmal der König von Frankreich in die Stadt Reims eingeladen hatte und ihn zum Festessen abholen wollte, da lag der König Wenzel sinnlos besoffen auf dem Ruhebett und konnte nicht mitkommen; bei dem Festessen drauf war dann sein Stuhl leer. Damals schämten sich alle Deutschen für den König Wenzel; aber schon früher erzählte man in Nürnberg eine Geschichte, dass Wenzel gar nicht ein Sohn Kaiser Karls IV. war, sondern ein einfacher Schusterjunge.

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Till Eulenspiegel als Professor der Medizin
Till Eulenspiegel kam auch einmal nach Nürnberg. Er hatte sich mit einer großen Perücke, mit einem samtenen Barett und mit einem schwarzen Mantel zu einem berühmten Doktor der Medizin verkleidet Er ging geradewegs auf das berühmte, große Nürnberger Spital zu und besuchte den Bader, der die vielen Kranken im Haus versorgen mußte, und von dem jeder wußte, daß er lieber hinter dem Becher saß, als seiner Arbeit nachging. Der Professor der Medizin bot an, daß er alle Kranken, die damals im Spital lagen, in ganz kurzer Zeit so heile, daß sie freiwillig das Haus verließen. Mit Freuden ging der Bader darauf ein. Man versprach dem Herrn Professor 200 Goldgulden, wenn ihm sein Werk so gelinge, wie er es angekündigt hatte. Seine Bedingung war nur, daß er mit jedem Kranken einzeln unter vier Augen sprechen könne. Der Professor ging also von Bett zu Bett und flüsterte den Kranken ins Ohr: ,,Ich will euch allen helfen. Ich brauch dazu nur eine Kleinigkeit, ein Pulver, das man aus getrocknetem Menschenfleisch machen muß. Ich will mich also nachher auf den Tisch stellen und rufen: ,,Wer laufen kann, der soll so schnell wie möglich das Spital verlassen! " Aus dem letzten aber will ich dann das Pulver machen, mit dem ich den andern helfe." Die Kranken waren voller Angst, aber keiner konnte mit dem andern reden; denn der Professor hatte streng befohlen, daß alles geheim bleiben müsse, weil er sonst überhaupt niemandem helfen könne. Am andern Morgen kam der Professor, stieg auf den Tisch und rief: ,,Wer gesund ist, soll das Spital sofort verlassen!" Da sprangen die Kranken, was sie konnten, nach der 'Tür und auch die Schwachen und Lahmen krochen und humpelten, so schnell sie konnten, die Treppe hinunter und hinaus zum Tor. -192-

Jedermann wunderte sich: das Spital war leer. In den Sälen war kein einziger Kranker mehr, und man zahlte dem Till die Summe von 200 Goldgulden aus. An diesem Tag wollte der Bader seinen Abendschoppen ein wenig früher anfangen; aber wie er zur Haustüre hinausging, da hing vor seiner Nase der schwarze Mantel unter dem Barett mit der weißen Perücke des Professors. Ein Stück Papier war dabei; auf dem stand gemalt: Eine Eule neben einem Spiegel. Da wußte der Bader, was es geschlagen hatte, und vor ihm stand dichtgedrängt, Kopf an Kopf, die ganze Schar seiner Kranken; die wartete auf den Professor, daß er ihnen helfen sollte. Der war aber über alle Berge. So blieb dem Bader nichts übrig, als die Kranken alle wieder in ihre Stuben zu lassen, und so kam es, daß er an diesem Tag seinen Abendschoppen nicht früher anfangen konnte, sondern viel später als sonst.

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Veit Stoß - Der Todesblick
An den Bildwerken von Veit Stoß ergreift ganz besonders ›das brechende Auge im Tod‹. Nur ein Mensch, dem das Sterben einmal bis ins Herz gegangen ist, kann den Tod so tief erfassen und so ergreifend darstellen. Veit Stoß soll einmal krank an den Augen gewesen sein. Und weil ihm in Nürnberg niemand helfen konnte, ging er zu den weisen und frommen Mönchen nach Kloster Heilsbronn. Viele Wochen mußte er eine Binde vor den Augen tragen und wie blind im Klostergarten hin- und hertappen. Als der Winter vorbei war, erlaubten ihm seine Ärzte, daß er abends, wenn die helle Sonne untergegangen war, sich hinaussetzte auf die Bank vor der Tür, damit er sich Dämmerlicht seine Augen langsam an das Licht gewöhnen könnte. In dieser Zeit hatte er sich angefreundet mit einem lieben, jungen Mädchen, das ihn in den Wochen seiner Blindheit oft führte, und das sich nun auch gerne zu ihm setzte, wenn er abends in der Dämmerung vor der Klosterpforte saß. Das Kind fragte und fragte und fand kein Ende. Und der Meister suchte zu antworten, was er wußte, und erzählte von der großen Nürnberger Stadt, von den Herren dort, von den Künstlern, von den kunstvollen Handwerkern und von den Gebäuden und Brunnen, von den Mauern und Türmen. Das Mägdlein hörte ihm jedesmal aufmerksam zu, bis die Abendglocke es heimrief. Einmal saßen sie wieder draußen vor der Klosterpforte, da hörte man drüben im Ort großen Lärm. Die beiden Söhne des Markgrafen waren gekommen und schrien und lärmten, daß es durch den Abend schallte. Sie spielten im Hof ihres Schlößchens, kletterten auf die Mauer und schossen mit ihren Armbrüsten und warfen die Steine mit Schleudern nach Vögeln. Gerade als das Mädchen dem Veit Stoß wieder die Binde von -194-

den Augen genommen hatte, weil das Licht nun nicht mehr zu grell war, da brach es plötzlich mit einem lauten Schrei zusammen. Blut floß über ihr Gesicht und ein Stein fiel vor ihr nieder. Einer der jungen Markgrafensöhne hatte das Mädchen mit einem Schleuderstein so an die Stirn getroffen, daß es bald darauf starb. Veit Stoß hob das Mädchen auf und legte es auf die Bank. Es konnte aber nicht mehr sprechen. Es sah nur den Meister traurig an. Die bitteren Schmerzen liefen wie Wellen über ihr sanftes Gesichtlein. Schwere Atemstöße und Seufzer kamen ihm aus der Brust. Dann brachen ihm die Augen. So hat Veit Stoß den Tod gesehen und so hat er ihn abgebildet daß es jeden, der seine Bilder sieht, ans Herz greift.

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Veit Stoß
Veit Stoß, der große Bildschnitzer, soll ein Nürnberger Kind gewesen sein. Manche behaupten, er sei in Krakau geboren. Später aber mußte er in ferne Lande wandern, so daß niemand mehr wußte, wohin er geraten war. Und das kam so: Der junge Veit Stoß war in schlechte Gesellschaft geraten. Jeden Tag ging er ins Wirtshaus und trank mit seinen Kameraden bis in den Morgen. Weil er aber nichts vertrug, stieg ihm der Wein in den Kopf. Seine Kameraden lachten ihn aus und freuten sich, wenn er den Verstand recht gründlich verloren hatte. Als er wieder einmal weit über seinen Durst getrunken hatte und nicht mehr gerade stehen konnte, da trieben seine Freunde wieder ihren Schabernack mit ihm. Plötzlich wurde der Veit zornig und riß in seinem Rausch sein Messer heraus und stieß es einem von den Spaßvögeln ins Herz. Der fiel tot um. Als Veit zu sich gekommen war, mußte er so schnell wie möglich aus den Mauern der Stadt fliehen. Seine Freunde halfen ihm dazu. Es war ein großer Jammer; denn viele hatten schon erkannt, was für ein großer Künstler der junge Stoß einmal werden konnte. Damals zog Veit Stoß nach Krakau und blieb dort mehr als ein Jahrzehnt. Erst als man ihm wegen des Totschlages in seiner Jugend Straflosigkeit durch den Rat zusicherte, soll er nach Nürnberg zurückgekehrt sein.

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Vom Fischfangen in Pillenreuth
Die Nürnberger hatten einmal einen großen Krieg mit Albrecht Achilles, dem Markgrafen von Ansbach. Der Krieg hatte schon lang gedauert, und viele Nürnberger Dörfer waren schon in Flammen aufgegangen. Die Stadt hatte ihre Bürgerschaft mit Waffen versehen und, so gut sie es konnte, in ihrem Gebrauch geübt. Der Markgraf Albrecht Achilles lachte aber über die Nürnberger ,,Pfefferbälge" und glaubte nicht, daß sie richtig kämpfen könnten. Einmal kam ein spöttischer Brief an den Rat der Stadt Nürnberg vom Markgrafen, in dem stand, dass er bei Pillenreuth, zwei Stunden gegen Katzwang, sein Lager aufgeschlagen habe und die dortigen Weiher der Nürnberger ausfischen wolle. Die ,,Pfefferbälge" sollten doch kommen und die Fische mit aufessen! Er wolle die Nürnberger herzlich empfangen! Der Nürnberger Rat war zornig und wollte sich nicht länger foppen lassen. Die Bürgerwehr wurde zusammengerufen. Die Waffen wurden .hergerichtet, und dann zog die große Schar aus den Toren hinaus, dem frechen Markgrafen entgegen. Die Ansbacher dachten nicht daran, daß die Nürnberger die Einladung ernst nehmen könnten, und zogen ohne viel Wachen und Sicherungen mit ihrem Heer und einer Anzahl von Wagen mit Fischkästen durch den Wald. Da wurden sie von den Nürnbergern überfallen. Die Ritter und Knechte wehrten sich tapfer; aber es half ihnen nichts. Das Heer der Ansbacher wurde zerschlagen, und am Abend brachten die Nürnberger drei Paniere (Fahnen), eine Anzahl Geschütze, 80 Ritter und 172 Knechte von diesem ,,Fischzug" mit nach Haus. Man erzählt, daß sogar der Markgraf selber schon gefangen war, daß ihn aber der Nürnberger Feldhauptmann, Kunz Kaufungen, gegen seine Pflicht und gegen seinen Eid wieder freigegeben habe. -197-

Vom Heiligen Deokarus
"Großmutter, wer ist aber der andere Mann, der da droben steht?" "Das ist der Heilige Deokarus. Deokarus hat in derselben Zeit wie der Heilige Sebaldus in der Nähe von Nürnberg gelebt, gepredigt und das Christentum verbreitet. Er war ein frommer Mann und ist begraben worden in dem Städtlein Herrieden an der Altmühl. Wie Kaiser Ludwig der Bayer im 14. Jahrhundert Herrieden verbrannt hatte, gab er der Kirche von St. Lorenz ein Säcklein mit 39 Knochen vom Heiligen Deokarus, die in einem silbernen Sarg aufgehoben waren. Jetzt wohnt der Heilige Deokarus mit dem Heiligen Laurentius zusammen in der Kirche. Da haben sie beide Platz genug und da kann der Deokarus dem Laurentius in allem helfen. "

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Vom Heiligen Egidius
Wer war denn der Heilige Egidius? "Egidius war ein Mann aus Griechenland. Seine Eltern waren reich; aber als sie starben, verteilte Egidius sein ganzes Erbe unter die Armen und wanderte arm in der Welt umher. Er lebte nur von dem, was ihm fromme Leute schenkten. Da zog er von einem Land ins andere und kam auch nach Gallien, in das heutige Frankreich. Der Bischof von Arles nahm ihn auf und dort konnte er einige Jahre ohne Sorgen leben; dann aber zog er wieder hinaus in die Welt, und weil die Menschen oft zornig wurden, wenn er sie um eine Gabe bat, ging er in die Einsamkeit. In einem finstern Wald suchte er sich eine Höhle und lebte dort nur von dem, was er im Walde fand. Der Tag verging ihm mit Beten und frommen Übungen und mit Nachdenken über die Ratschlüsse Gottes, über Welt und Menschen. Viele Jahre lebte er da draußen in der Einsamkeit, nur mit Tieren des Waldes zusammen. Damals hatten die Könige von Gallien Hausmeier; das waren mächtige Herren, die für die Könige im ganzen Reich regierte Kriege führten, Gericht hielten, Bischöfe ein- und absetzten und von allen Menschen gefürchtet wurden. Karl Martell, einer der Hausmeier der fränkischen Könige, der seinen Beinamen davon hatte, weil er das Heer der Mauren, das in Gallien eingebrochen war, wie ein Hammer zusammengeschlagen hatte, hielt einmal eine große Jagd in den weiten Wäldern, in denen der Heilige Egidien hauste. Die Hunde hatten ein schönes, großes Reh aufgejagt und Karl Martell folgte dem Tier, so schnell er konnte. Er wurde bei der Jagd immer hitziger; aber er konnte das Reh nicht erreichen. Da gerade als er glaubte, es erlegen zu können, schlüpfte es in ein Höhle hinein. Karl Martell stieg zornig von seinem Pferd, nahm seinen Spieß und wollte eben in die Höhle treten. Da kam ihm ein grosser, alter Mann entgegen.

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Schneeweißes Haar und ein langer, weiser Bart, dazu ein freundlicher Glanz auf seinen Gesicht ließen bei Karl Martell den Zorn verfliegen. Der ehrwürdige Greis sprach in ernstem, feierlichem Ton: "Tapferer Jäger schenkt dieser Rehgeiss das Leben. Sie gibt mir, einem frommen Klausner jeden Tag ihre Milch zur Nahrung. Du findest draußen im Wald andere Tiere genug" Karl Martell stellte seinen Jagdspiess beiseite und fragte den frommen Mann, der seine Hand wie schützend auf den Kopf des Rehes gelegt hatte: Woher kommst du? Was tust du hier?" Der Heilige Egidius erzählte gern von seinem Leben, und als Karl Martell weiter fragte, merkte er bald, daß Egidius nicht nur ein frommer, sondern auch ein weis er Mann war. Die Jagdgenossen fanden den stolzen Hausmeier so ins Gespräch vertieft mit dem Heiligen Egidius, daß er alles ringsum vergessen hatte. Nicht lange blieb Egidius mehr in seiner Höhle bei den freundlichen Tieren des Waldes. Karl Martell hatte ein neues Kloster gebaut und brauchte dafür einen tüchtigen Abt. Der mächtige Hausmeier zog selbst in den Wald hinaus, um den Heiligen Egidius zu bitten, dass er das hohe Amt übernehme. Und der Heilige Egidius wurde ein berühmter Abt, der die Mönche in seinem Kloster mit Frömmigkeit und Milde, aber wenn es nötig war, auch mit Ernst und Bestimmtheit regierte.

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Vom Heiligen Laurentius mit seinem Rost
"Großmutter, was hat denn der Mann da auf dem Altar für eine komische Leiter in der Hand?" "Dummer Bub, das ist doch keine Leiter, das ist ein Rost!" "Was ist denn ein Rost, Großmutter?" "Hast noch nie gesehen, wie im Bratwurstglöcklein die Bratwürste gebraten werden?" "Die ganz kleinen? " "Ja!" "Aber was tut denn der Mann da droben mit so etwas? Will der auch Bratwürste braten? " "Geh, red' nicht so dumm! Hör' lieber zu! Der Heilige Laurentius war ein frommer Mann. In Spanien war er geboren. Er ist durch die Länder gezogen und hat überall das Christentum gepredigt. Das war in der Zeit, in der die meisten Menschen auf der Welt noch Heiden waren. Der Laurentius ist auch nach Rom gekommen, und dort haben die Christen ihn zum obersten Geldverwalter für ihre Gemeinde gemacht. Da hat er vielen armen Menschen helfen können; aber sein Geld war immer zu früh zu Ende. So hat er immer wieder gesammelt und gesammelt, um den Armen zu helfen. Der Kaiser von Rom Valerianus hat er geheißen - war auch noch ein Heide. Der hat immer Geld gebraucht und hat sich's geholt in seinem Reich, wo er's gefunden hat. Wie der Kaiser gehört hat, dass der Laurentius Geldverwalter der Christen ist, hat er ihn kommen lassen und zu ihm gesagt: "Die Schätze von den andern Göttern habe ich mir schon geholt. Jetzt kommt dein Gott dran. Geh und bring mir die Schätze von deinem Gott. Morgen lieferst du mir alles bis auf den letzten Pfennig ab, und wenn ich merke, dass du mich betrogen hast, dann lasse ich dich umbringen! Laurentius

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schwor: "Ich hab kein Geld und alle Christen und die Christengemeinde haben auch kein Vermögen! " Aber der Kaiser wollte nichts hören. Da bat endlich der fromme Mann den Kaiser: "Ich bitte um drei Tage Frist, damit ich alle Schätze aufsuchen kann" Der Kaiser war's zufrieden und Laurentius kam am dritten Tag wieder zum Kaiserpalast. draußen auf dem großen Platz standen aber all die Armen, die zur römischen Christengemeinde gehörten. Der ganze Platz war voll. Da standen arme Witwen und Waisen und daneben saßen Lahme auf dem Boden; Blinde und Taube waren auch darunter, und viele waren krank. Aber alle waren sie vor dem Kaiserhaus zusammengekommen. Laurentius ging in den Palast hinein zum Kaiser und sagte: "Komm' heraus und schau dir die Schätze unseres Gottes an." Der Kaiser stand auf von seinem Thron, schmunzelte und ging hinter Laurentius her. Wie er aber mit ihm draußen auf der Altane stand und all die jämmerlichen kranken, zerlumpten Menschen da drunten auf dem Platz stehen und kauern sah, da fragte er: "Was soll das heißen?" Laurentius aber sagte, und machte mit seinem Arm einen großen Bogen: "Das sind die Schätze unseres Gottes. Andere Schätze hat er nicht." Da wurde der Kaiser zornig. Er rief nach seinen Soldaten und ließ den Laurentius binden. "Du hast mich verspottet; das sollst du mir grausam büßen!" rief er. Er ließ ihm die Kleider vom Leib reißen, ließ ihn grausam peitschen, mit langen Stricken, in die große Eisenhaken hineingebunden waren, und dann ließ er ihn auf einem großen eisernen Rost, so wie du ihn da oben siehst, anbinden. Dann wurde ein gewaltiges Feuer angeschürt und der Rost mit dem Heiligen Laurentius darauf gelegt. Laurentius hatte große Schmerzen, aber er biß die Zähne zusammen und wollte sich nichts merken lassen.

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Nach einiger Zeit schaute der Heilige Laurentius, der auf seinem Rost über dem heißen Feuer angebunden war, dem Präfekten ins Gesicht und sagte zu ihm: "Laß mich wenden! Auf der einen Seite bin ich jetzt genug gebraten!" Und als man ihm gewendet hatte, da betete er für den Präfekten, für seine Christen und für alle Einwohner der großen Stadt Rom, bis er gestorben war. Noch vor seinem Tod aber dachte Laurent ius inmitten seiner Qual an die vielen Sünden der Menschen und die ganze Last fiel auf ihn. Bittere Tränen vergoß er. Nicht über sich, sondern über die sündige Welt. Die heißen Tränen des Laurentius wurden an den Himmel verpflanzt als fliegende Sterne. Du kannst sie jedes Jahr am 10., 11. und 12. August sehen, wie sie vom Himmel fallen. Die glühenden Funken sind die Tränen des hl. Laurentius, die er bei seinem Tod über die sündigen Menschen geweint hat.

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Vom Männlein laufen
Kaiser Karl IV. hatte auf dem neue n Marktplatz in Nürnberg der "Lieben Frau", der Jungfrau Maria, eine schöne Kirche bauen lassen. Als sie fast fertig war, hielt der Kaiser einen großen Reichstag in Nürnberg. Das war Im Jahr 1356. Der Reichstag verlief glänzend. Die Fürsten und Herren und Vertreter der Städte einigten sich, und es wurde die große neue Verfassung für das deutsche Reich beschlossen. Die neuen Bestimmungen über die Kaiserwahl, über die Rechte der Kurfürsten und über die Regierung des ganzen Reiches wurden aufgeschrieben in der "Goldenen Bulle", nach der die neue Reichsverfassung ihren Namen bekam. Als das Werk zu Ende gebracht war, und der Reichstag entlassen werden konnte, stiftete der Kaiser zur Erinnerung an dieses Werk eine große kunstvolle Uhr für die Frauenkirche auf dem Marktplatz. Über dem Hauptportal sollten die Kurfürsten und der Kaiser in einem künstlichen Uhrwerk dargestellt werden. Der Schlossermeister Heuß erdachte und baute das Werk, und Lindenast lieferte kupfergetriebene Figuren dazu. Auf dem Thron :saß Kaiser Karl in voller Pracht. Wenn es mittags 12 Uhr war, dann ging oben an der Uhr ein Tor auf; da erschien erst ein Herold; dann folgten vier Posaunenbläser und darauf kamen die sieben Kurfürsten mit den Reichskleinodien. Die Posaunenbläser setzten die Posaunen an den Mund, die Kurfürsten nahmen vor dem Kaiser zierlich ihre Hermelinmützchen ab, dann kam der Tod mit einer grossen Sense und schlug an der Glocke die Stunden an. Darauf verschwand der ganze Zug wieder im Innern der Uhr. Im Laufe der Jahrhunderte verrostete die Uhr; die Figuren zerbrachen und mußten durch hölzerne ersetzt werden, die viel steifer waren und ihr Mützchen nicht mehr abnehmen konnten. -204-

Aber bis heute in der Nürnberger Altstadt stehen viele Bewunderer, die gerade vorbeigehen jeden Mittag um 12 Uhr auf dem Marktplatz und sehen hinauf zum Kaiser Karl, der noch immer dort droben sitzt, und schauten zu, wie die Männlein laufen.

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Vom Siechenkobel
In der alten Zeit, als noch die Pest alle zehn Jahre in Nürnberg wütete und jedesmal Hunderte von Einwohnern ins Grab brachte, als noch der Aussatz im Land war und den Menschen langsam die Gliedmaßen wegfraß, da wußte man noch keine andere Hilfe gegen solche schweren Krankheiten und ihre Ansteckung, als die Menschen draußen vor der Stadt unterzubringen, damit ihre Berührung und ihr Atem möglichst weit von den andern Menschen weggebracht wurden. Deshalb baute man draußen, mehr als tausend Meter vor dem Neutor, einen Siechenkobel, d. h. ein Haus, in dem die Kranken schlecht und recht untergebracht waren, in dem sie von frommen Männern und Frauen, die der Welt abgesagt hatten, verpflegt und versorgt wurden, und von wo sie bei Todesstrafe nicht mehr in die Stadt kommen durften. Sie bekamen ihr eigenes Kirchlein, das dem heiligen Johannes geweiht war, die St. Johanniskirche. Der Siechenkobel wurde immer wieder zu klein und mußte erweitert und neu aufgebaut werden. Auch die Kirche von St. Johannis war erst ein kleines Kapellchen und mußte allmählich immer größer werden, um die Kranken aus dem Siechenkobel aufnehmen zu können. Damals war der Weg nach St. Johannis gemieden. Kein Mensch ging ohne Not dort hinaus; denn keiner wollte sich eine Krankheit holen, die durch den Hauch und durch die Luft übertragen wurde.

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Von der Nürnberger Freiung
Zwischen der Burggrafenburg und der Kaiserburg stehen zwei dicke Mauern mit großen Tore Dazwischen ist ein schmaler Weg, der nach oben zu gegen Süden auf einen freien Platz unterhalb vom Sinwellturm hinausführt er Platz heißt "Freiung". Man hat von dort einen wunderschönen Blick über die Nürnberger Altstadt. Früher war hier der Ort, an dem einem Menschen, der bis dahin gekommen war, nichts mehr geschehen durfte. Kein Stadt- und kein Landgericht durfte ihn greifen und niemand ihn fangen. Der "Reichsschultheiss" schätzte die Geflüchteten und urteilte nach seinem eigenen Recht über die Menschen, die auf die Freiung gekommen waren. Er hatte auch das Recht, die Verfolgten unter dem Schutz der kaiserlichen Macht frei zu sprechen, sodaß auch anderen Orten ihnen nichts mehr geschehen konnte. Jeder, der das Gesetz der Freiung brach und dort gegen einen geflüchteten Menschen eine Gewalttat beging, wurde bestraft mit Abhauen der rechten Hand; denn die Freiung stand unter Königsbann! Damit jeder gewarnt war, hatte der Kaiser an allen Eingängen und Ecken Warnungstafeln angebracht; auf denen war ein Henker mit einem roten Mantel zu sehen; der hieb einem Mann dem das Schwert zerbrochen auf den Boden lag, die rechte Hand ab. Der rote Henkersmantel auf den Tafeln leuchtete schon von weitem. In der Stadt Nürnberg gab es noch zwei Freistätten: in St. Egidien und bei den "deutschen Herren". Bis zum Jahr 1341 wurde das Asylrecht streng eingehalten. Dann aber hat der Kaiser andere Bestimmungen gegeben. Mörder sollten künftig weder auf der Freiung noch in St. Egidien noch bei den "deutschen Herren" Schutz genießen. Andere Verbrecher, aber auch Menschen, die wegen Schulden verfolgt waren und -207-

deswegen auf die Freiung flüchteten, sollten von nun an nicht länger als drei Tage und Nächte Freiung und Frieden haben.

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Von der närrischen Gusterti
Die erste Köchin im Nürnberger Spital hieß mit Nachnamen Gustert. Wie sie mit Vornamen geheisen hat, weis niemand mehr. Sie war geizig, kommandierte die alten und kranken Leute herum und gönnte ihnen nichts Gutes. Dafür nannten sie die Leute ,,die närrische Gusterti". Ihr Geiz wurde mit der Zeit immer schlimmer und machte sie zur Betrügerin: sie lies sich neben dem Löffel, mit dem sie auf Ratsbefehl an die Alten und Kranken die Speisen austeilen sollte, einen zweiten Löffel machen, der viel kleiner war. Einmal kamen ein paar Ratsherrn in das Spital und gingen in die Küche. Dort fanden sie den kleinen Löffel. Der Stadtpfleger packte ihn und warf ihn zum Fenster hinaus in die Pegnitz und sagte: ,,Der ist des Teufels!" Die Gusterti schrie: ,,Ich auch." Und sprang dem Löffel nach. Kein Mensch hat sie lebend mehr gesehen. Aber von da an war in der Nacht im Spital keine Ruhe mehr. Auf den Gängen hörte man ein Schlurfen und Kettenschleifen. In der Küche klapperte und rumorte es. Die Treppen knarrten und immer wieder wurde eine Tür zu einem Krankensaal aufgerissen und die Stimme von der närrischen Gusterti schrie herein: ,,Laßt fei' den klan' Löffel liegen! Nehmt den großen" Die alten Leute bekamen große Angst; sie beschwerten sich; aber niemand konnte ihnen helfen. Das ging so lang weiter, bis einmal die närrische Gusterti dem Nachtwächter das Horn aus der Hand riß und laut schrie, daß es über den Hof und durchs ganze große Haus schallte: ,,Laßt fei' den klan' Löffel liegen! Nehmt 'n großen" Da endlich beschloß der Rat, etwas gegen den Spuk zu tun und schickte den Henker mit seinem Henkersknecht, dem ,,Löwen". Die beiden fingen den Geist in einem Sack, nahmen ihn auf den Buckel, und trugen ihn hinaus in den Wald. Hinter Fischbach, auf den hohen Bühl, wo die -209-

großen Fichten stehen, da hingen sie den Sack auf den allerhöchstens Baum, und von da an war Ruhe im Spital. Seitdem geht der Geist da droben am Hohen Bühl um. Kinder und Frauen, die zum Schwarzbeerpflücken oder zum Schwammerlsuchen in die Gegend kommen, die sehen von weitem eine Frau in großer weißer Schürze hinter den Büschen stehen; einen Schöpflöffel mit langem Stil schwingt sie in der Hand. Wenn man aber dann nach ihr sucht, ist sie verschwunden. Man kann sie nirgends finden; nur manchmal schreit es hinter einem dicken Baum hervor: ,,Laßt fei' den klan' Löffel liegen, nehmt 'n großen!" Manchmal ruft es auch, wenn einer sich verirrt hat, aus einern Busch heraus: "Bist du von Wöhrd? Bist du von Wöhrd?" Dann muß man sagen ,,Ja". Dann kommt die Gusterti mit ihrer weisen Schürze und ihrem großen Löffel hinter dem Busch vor und zeigt einem den Weg, daß man ihn nicht mehr fehlen kann. Besonders den Kindern ist sie gut. Sie bringt sie nicht nur auf den rechten Weg, wenn sie sich verlaufen haben, sondern sie zeigt ihnen auch die schönsten Plätze, wo Beeren oder Pfiffer wachsen, und wenn sie Holz sammeln, dann schüttelt sie Ihnen die Bäume, daß die dürren Äste nur so herabprasseln wie die Zwetschgen, wenn man den Baum schüttelt. Besonders die Wöhrder Kinder kennen sie gut und verlassen sich ganz auf sie. Wenn die Kleinen ihre Eltern im Wald verloren haben, dann schreien sie: ,,Gusterti, Gusterti! Wo is meine Mutter?" Dann sagt die Gusterti: ,,Geh her, Wackela! jetzt gehst da runter und dort drunten bei dem Büschlein gehst rechts um, dann siehst dei Mutter schon. " Es gibt aber immer wieder Lausbuben, die wollen genauso, wie sie die Menschen tretzen das Gleiche mit den Geistern tun. Die schreien in den Wald hinein: ,,Wastl Köchin Wastl Köchin" Dann dürfen sie aber laufen und schauen, dass sie einen Kreuzweg erwischen, sonst kommt ihnen die Gusterti über den Kragen und rüffelt sie, dass sie nicht so schnell darauf -210-

vergessen. Immer wieder aber hört man durch den Wald rufen: ,,Lasst fei' die klan' Löffel liege n! Nehmt 'n großen!".

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Von der schönen Frau Huli aus Hasloch
Frau Huli ist der Sage nach eine holde, schöne Frau, in langes weißes Gewand mit weißem Schleier gehüllt, der ihr manchmal das Gesicht verdeckt. So erscheint sie in der Maingegend unweit Hasloch. Dort wohnt sie im Unteren Berge. Sie hilft gern frommen Mädchen und Frauen auf dem Feld, beim Spinnen und bei anderen häuslichen Arbeiten. Besonders mit alten, schwachen Frauen meint sie es gut. Wo sie geht, ist es strahlend hell in der finstersten Nacht; so leuchtet sie oft Verirrten und geleitet sie aus Bedrängnis und Not. Nahe dem Mainufer, am Fuße des Unteren Berges, liegt ein flacher Stein, der "Frau-Huli-Stein." Hier ruhte Frau Huli aus, wenn sie ermüdeten Mädchen die Gras-, Streu- oder Holzlast getragen hatte. Weil sie aber jedesmal an der gleichen Stelle Rast hielt, drückten sich im Laufe der Zeit von den Füßen der Körbe, den "Kötzenstollen," Löcher in den Stein. Wer aber Frau Hulis Gebote nicht erfüllt oder ihre Hilfe verschmäht, dem tut sie ganz gewiß einen Schabernack an, daß er sein Lebtag dran denkt. Die alte Klara Behringer aus Hasloch, das "Klärle," trug einmal ihren Vettern, bei denen sie im Hause lebte, das Essen zu; die Männer arbeiteten im Wald am Unteren Berg. Dort, wo der Weg steil emporführt, konnte sie vor Müdigkeit fast nicht mehr weiter. Da kam Frau Huli aus ihrem Berg und erbot sich, der Alten den schweren Korb zu tragen. Klärle wollte aber nichts davon wissen und meinte, sie werde schon allein mit ihrem Korb fertig werden, sie habe i n so lange getragen, da h werde sie ihn auch noch länger tragen können; und überhaupt wolle sie mit Hexen nichts zu tun haben. In demselben Augenblick war Frau Huli verschwunden, Klärle aber wußte plötzlich gar nicht mehr, wo sie war; sie kam vom -212-

Weg ab, kletterte ganz irre über Felsen und Steinhaufen und fand keinen Ausweg mehr. Die Vettern sahen den Vorfall von weitem mit an und sprachen untereinander: "Was hat denn nur heute unser Klärle vor?" Als sie aber ganz gefährliche Pfade zu wählen schien und sich durch das dichteste Dorngestrüpp drängen wollte, schrien ihr beide aus Leibeskräften zu: "Klärle, wo ,naus?" Da kam die Alte wieder zu sich, der Zuruf hatte den Zauber gebrochen. Sie erkannte sogleich, wo sie hingeraten war, und begriff nunmehr, warum sie durch Dornen und Nesseln geführt wurde. Es ist wohl zu verstehen, daß Klärle sich vornahm, ein andermal klüger zu sein und Frau Huli nie wieder durch ein Schmähwort zu kränken. Ob sie Gelegenheit hatte, ihren Vorsatz auch auszuführen, darüber weiß man nichts zu berichten. Schlimmer erging es einem Manne aus Röttbach, der unterwegs im Wirtshaus zu Hasloch sitzengeblieben war und sich betrunken hatte. Als er endlich weitertorkelte, war es schon ganz dunkel. Der Weg führte stellenweise so nahe am Fluß entlang, daß einer leicht in den Main hätte fallen können. Auf einmal aber war es ganz hell vor ihm, so daß er das kleinste Steinchen auf der Straße sah. Das Licht spendete Frau Huli. Aber der Betrunkene schrie sie an: "Fort, du Lumpenmensch, du Hexe! Habe ich dich gerufen, mir zu leuchten?" Da war es gleich wieder finstre Nacht um ihn, und im Nu hatte er den richtigen Weg nicht mehr unter den Füßen. Plötzlich tat es hinter ihm einen Plumpser, als ob der ganze Untere Berg in den Main stürzte. Der Schrecken machte den Mann ganz nüchtern. Er erkannte gleich, wo er sich befand: auf dem "Frau-Huli-Stein." Noch einen Schritt weiter, und er lag im Main. Da machte er, daß er fort kam, aber nicht nach Faulenbach, wo er hinmußte, sondern -213-

zurück nach Hasloch in das Wirtshaus, das er vor kurzem verlassen. Die Wirtsleute sahen ihm gleich an, daß etwas Schreckliches geschehen sei. Der Röttbacher getraute sich nicht mehr allein durch den Wald und bat sich einen Mann zur Begleitung aus. Als er zu Hause anlangte, legte er sich ins B und stand wahrhaft nicht mehr ett auf; schmerzhaftes Nervenfieber überfiel ihn, eines Tages trat der Tod ein.

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Warum abends um neun Uhr die grossen Glocken läuten
Am Marktplatz in Nürnberg standen eine Reihe von schönen Häusern, in denen die reichsten und vornehmsten Nürnberger Familien, die Patrizier, wohnten. In einem solchen Haus war es schöner als im Kaiserpalast. Da waren die besten Möbel, die feinste Wäsche, die herrlichsten Kleinodien. So reich waren die Nürnberger Patrizier. Die besten Speisen kamen auf ihren Tisch. Damals gab es noch keinen Zucker in Deutschland, drum mussten die Herren Honig nehmen, wenn sie ihre Speisen süssen wollten. Der Honig aber wurde draußen im Reichswald von fleißigen "Zeidlern" so hiess man damals die Bienenzüchter - in hohlen Bäumen gewonnen. Zu jener Zeit hatte man noch keine Bienenstöcke. Der Reichswald war in damaliger Zeit noch viel grösser und viel dichter als heute. Es gab nur wenig Wege darin und wer sich einmal verirrt hatte, fand nur schwer heraus. Besonders, weil viele Sümpfe immer wieder den Weg versperren. Viel Wild, auch viele Wölfe, gab es in den alten Zeiten. Als einmal eine Patrizierfamilie am Frühstückstisch saß, sagte der Hausherr ärgerlich: "Der Honig ist auch schon wieder zu Ende. Das wird wieder lange dauern, bis unser Zeidler neuen Honig aus dem Wald hereinbringt." Der junge Sohn des Herrn sagte: "Da kann ja ich hinausgehen und ein Töpflein Honig holen." Der Herr war zufrieden, und wirklich machte sich der Bursche auf und wanderte den bekannten Weg hinaus zu dem Zeidlergütlein, das seinem Vater gehörte. Noch am Vormittag kam er draußen an, aß dort ein wenig und machte dann von dort aus einen Spaziergang in den Wald, weil gerade ein so schöner Frühlingstag war. Die Salweiden blühten, die Vögel sangen überall. Ein warmer Wind mit kräftigen Düften zog durch den Wald. Der junge Bursch ließ seinen Mantel auf dem -215-

Zeidlergütlein. Er wollte ihn nach dem Spaziergang zum Heimweg in die Stadt wieder abholen. Fröhlich wanderte er in den Wald hinein. Er freute sich an dem grünen Gras, das die Bächlein entlang schon mächtig herauswuchs Die Sonne schien warm auf eine Lichtung. Dort setzte er sich nieder und, weil er von seinem weiten Weg müde geworden war, schlief er dort ein. Als er auf wachte, war die Sonne schon im Untergehen; es war kühl. Er sprang erschrocken auf und wollte rasch zurücklaufen; aber bald merkte er, daß er den Weg verloren hatte. Es wurde rasch dunkel. Die Dornen zerrissen ibm seine Kleider und seine Haut. Er mußte immer wieder durchs Dickicht schlüpfen. Es wurde finsterer und finsterer. Großen Sümpfen mußte er ausweichen. Schließlich blieb er stehen und horchte. Aber alles blieb stumm. Kein Hundebellen, kein Hähnekrähen, kein Rufen von Menschen konnte er hören nur das Rauschen des Windes in den Zweigen und das Knacken von alten Ästen und - war da nicht das Bellen eines Wolfes? Zu Hause war man in großer Sorge. Als der Junge am späten Nachmittag noch immer nicht nach Haus gekommen war, hatte man einen Boten nachgeschickt; der brachte nach Einbruch der Dunkelheit die Nachricht von dem Zeidlergut, daß der junge Herr einen Spaziergang in den Wald gemacht habe, wie es nun immer dunkler wurde, dachte der Vater mit Schrecken daran, daß erst vor wenigen Wochen bei einer Wolfsjagd 20 Wölfe erlegt worden waren. Der angesehene Patrizier ging zu den Geistlichen von St. Sebald und St. Lorenz und bat in seiner Angst um seinen Sohn, daß die Herren die großen Glocken läuten ließen. "Vielleicht", so dachte er, "wird mein Sohn da draußen im Wald die Richtung finden, wenn er die Glocken hört." Weil der Vater so herzlich bat, und weil er ein so angesehener Mann war, ließen die Herren -216-

alle Viertelstunden abwechselnd bei St. Sebald und dann wieder bei St. Lorenz die großen Glocken läuten. Und wirklich, der Bursch im Wald hörte das Läuten. Er ging der Richtung nach und kam so nach Gleißhammer. Dort war weit draußen vor den Mauern der Nürnberger Stadt ein Schlößlein, das einem anderen Patrizier gehörte. Dort wurde der Junge gut aufgenommen. Man gab ibm einen Mantel und ließ einen Wagen anspannen, damit er ohne weitere Gefahr nach Hause komme. Als der Sohn glücklich wieder bei Vater und Mutter angekommen war, da war die Freude groß und der Vater gelobte in seinem Glück, daß er so viel Geld für die Kirchen von St. Sebald und St. Lorenz stiften wolle, als nötig sei, um jeden Abend um 9 Uhr die Glocken läuten zu lassen. Mancher Wanderer im Reichswald hat seitdem die Glocken gehört und dadurch den Weg in die Stadt gefunden.

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Welche Blume ist es gewesen?
Von Matthäus Landauer wird aber noch eine Geschichte erzählt: Landauer ist ein armer Kupferschmiedsgeselle gewesen und hat nicht viel Gutes gehabt. Er stand bei einem geschickten Meister für geringen Lohn in Dienst konnte aber auch das bißchen, das er verdiente, nicht zusammenhalten. An einem Sonntag war er wieder nach Mögeldorf gegangen und hatte, wie schon oft, seinen ganzen Wochenlohn vertrunken. Auf dem Heimweg schlief er auf einer Wiese ein, und da träumte ihm von einer Blume, die alles zu Gold machen konnte. Auf der Wiese um ihn herum – so träumte er – wuchsen solche Blumen zu Hunderten und Tausenden. Als Landauer aufgewacht war, pflückte er viele Blumen, die um seinen Schlafplatz herum wuchsen, und schmückte sein Hutband damit. Dann ging er heim und, weil es schon Morgen war, gleich an seine Arbeit. Wie er sich über den Kupferguß beugte, fielen ihm ein paar Blumen hinein. Und sieh, – als der Guß kalt geworden war, war er zu lauter Gold geworden. Er ging schnell damit zum Meister, aber der verstand mehr von Kupfer als von Gold, jammerte über den verdorbenen Guß und verlangte von Landauer, daß er ihm den ganzen Guß ersetze. Das mute er auch tun: Landauer aber ging mit ein paar Pfund zum Goldschmied; der fand, daß es reines Gold war. Darauf ließ der arme Kupferschmiedsgeselle Roß und Wagen kommen und fuhr mit seinem Gold vors Rathaus und ließ Geld daraus schlagen. Da sprach die ganze Stadt von seinem Glück; aber nachmachen konnte es keiner, nicht einmal er selber. Denn er wußte ja nicht, welche von den Blumen, die damals von seinem Hut fielen, daran schuld waren.

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Wer trägt da eine Kanone spazieren?
Erich Rinköping hat der Mann geheißen, von dem ich heut erzählen will. Er war ein Schwede und kam im Jahr 1632 mit König Gustav Adolf nach Nürnberg. Damals wurden rings um die Stadt herum große, feste Schanzen aufgeworfen, so auch die Sternschanze an der Brückenstraße. Alle Soldaten und die ganze Bürgerschaft, außer Geistlichen mit Ratsherren, halfen fleißig mit. Ringsherum wurden schwere Kanonen in die Schanzen gestellt. Die zwei kunstvollsten und festesten Schanzen waren die ›Sternschanze‹ und die ›Bärenschanze‹ genannt. In der Sternschanze stand auch eine schwere Kanone. Und der Mann, der diese Kanone bediente, der sie putzte und lud, der mit ihr zielte und schoß, war eben Erich Rinköping. Eimal war in einer Wirtschaft beim Jakobsplatz eine lustige Gesellschaft von schwedischen Soldaten beisammen; die sangen und lachten und erzählten und fanden kein Ende. Erich Rinköping saß dabei und vergaß ganz, daß er von 10 bis 12 Uhr in derselben Nacht noch an seiner Kanone in der Sternschanze Wache stehen sollte. Er hatte aber auch allen Grund zu solchem Vergessen; denn ein neuer Söldner war aus Schweden angekommen und hatte ihm nicht nur Nachricht von seiner Braut Jutta, sondern auch eine weiche duftige Locke von ihr mitgebracht. Als zehn Uhr herankam, konnte er nur noch mit Mühe stehen und gehen; und seine Kameraden mußten ihn zu seiner Wache führen. Draußen war es stockfinster, kein Mond schien; nur die Sterne glitzerten kalt und hämisch herunter. Erich wurde es bald langweilig. Er wehrte sich lang gegen die Müdigkeit, indem er hin und her ging an seiner großen Kanone. Als die Müdigkeit immer stärker wurde, fühlte er in seiner Tasche eine Flasche Enzianschnaps aus seiner Heimat. Er nahm einen tüchtigen Schluck und noch einen, dann wieder einen, und -219-

bald darauf lag er auf der Lafette des Geschützes in tiefem Schlaf. Um zwölf Uhr sollte er abgelöst werden. Die Runde kam und fand Erich schlafend, und ehe er noch richtig wach geworden, hatte man ihm schon die Hände gefesselt. Die Disziplin im schwedischen Heer war über alle Maßen streng. Am andern Tag wurde der Gefangene an seine Kanone geführt und dort, wo er seine Pflicht vergessen hatte, erschossen und an derselben Stelle gleich begraben. In der nächsten Nacht kam von 10-12 Uhr ein riesiger, starker Finnländer am gleichen Platz auf Posten. Der war ein tapferer Soldat und hatte in mancher Schlacht seinen Mut bewiesen aber, noch eh' es Zwölf Uhr ausgeschlagen hatte und die Runde zur Ablösung zu ihm gekommen war, rannte der alte Soldat wie besessen durch die Schanze und schrie so laut, daß die ganze Wachmannschaft alarmiert war. Er wurde zum Offizier geführt und, an allen Gliedern zitternd, erzählt er: Mit dem ersten Schlag der Mitternacht sprang ein schwarzer Hund mit Augen wie Feuerkugeln an mir hinauf, und dann keuchte der Rinköping, mit einem Kanonenrohr auf der Schulter, zu mir herauf und drohte mir mit dem Finger. - Weil der Finnländer seinen Posten verlassen hatte, sollte auch er mit dem Tod bestraft werden, und wurde gefesselt ins Gefängnis geführt. In der nächsten Nacht hatte man nun einen ganz besonders verlässigen Mann herausgesucht; der ließ sich auch, als Erich Rinköping um Mitternacht wieder erschien, nicht schrecken. Er hob seine Pistole und schoß Erich mitten ins Herz. Im nächsten Augenblick apportierte der schwarze Pudel die Kugel, und Rinköping stand unerschüttert da und drohte mit seinem Finger. Da war auch bei diesem Mann der Mut zu Ende. Auch er lief, was er laufen konnte, und verließ seinen Posten. Der Offizier ließ ihn deswegen in Ketten legen und meldete die Sache seinem Vorgesetzten. In der nächsten Nacht wurde ein Korporal mit vier Mann an das Geschütz gestellt und kurz vor 12 Uhr erschien noch ein höherer Offizier dazu. Aber auch diesmal -220-

kam's nicht anders. Als die Glocken Mitternacht schlugen, stand zum Schrecken von allen Rinköping mit seiner Kanone auf der Schulter am alten Platz. Er salutierte, wie es sich gehörte, vor seinem Vorgesetzten und auch der Pudel sprang wedelnd um den Offizier herum. Der ging schleunigst weg und auch der Korporal mit seinen vier Mann blieb nicht an dem verfluchten Platz, sondern alle rannten, was sie konnten, hinunter ins Innere der Schanze. Da faßte man die Sache anders an. Erich Rinköping wurde ausgegraben und in geweihter Erde im Friedhof bestattet. Die Kanone wurde gegen eine andere umgetauscht. Als in der nächsten Nacht wieder ein Unteroffizier mit vier Mann an dem Platz als Wache aufgezogen war, blieb Rinköping aus und ist seitdem nie mehr erschienen.

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Wie der Friedhof von St. Johannis enstanden ist
Auch in Nürnberg wurden früher die Toten um die Kirche herum begraben. So waren um St. Sebald und um St. Lorenz herum große Friedhöfe. Als aber im Herbst des Jahres 1475 wieder einmal die Pest in Nürnberg ausgebrochen war und ein schreckliches Sterben um sich griff, da wagte sich niemand mehr in die Kirche, weil man fürchtete, daß der Pesthauch aus den Gräbern aufsteige, die um die Kirchen herum lagen. Ja damals waren sogar manche vornehme Herrn in der Kirche selber begraben worden. Da beschloß der Rat ein allgemeines Verbot: Alle, die an der Pest gestorben waren, sollten ohne Ansehen der Person nicht mehr in der Stadt begraben werden dürfen. Draußen um die Johanniskirche herum wurde ein weiter Raum abgesteckt und feierlich eingesegnet als Ruhestätte für alle, die an der Pest gestorben waren. Ungefähr 40 Jahre später wurden dann die Nürnberger Friedhöfe für immer aus der Stadt hinaus in das Land vor den Mauern verlegt. Der Friedhof von St. Lorenz kam zur Kapelle des Heiligen Rochus vor dem Spittlertor und der Friedhof von St. Sebald nach St. Johannis. Noch heute kann man an den großen Nürnberger Kirchen die Reste der alten Grabmäler sehen, die vom Friedhof als letzter Rest übriggeblieben sind. Auf dem Johannisfriedhof aber sind die groBen Nürnberger vom Anfang des 16. Jahrhunderts begraben: Albrecht Dürer, Hans Sachs und viele andere, deren Gräber einfach und ohne viel Schmuck daliegen, die aber doch immer mit Ehrfurcht bewahrt und der Jugend gezeigt werden.

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Wie der König Wenzel getauft wurde
Einmal ging meine Grossmutter mit mir in die Sebalder Kirche. Ich war noch ein kleiner Stöpsel und hielt mich fest an ihrer Hand und, wenn die anders beschäftigt war, an ihrem Rock. "Schau, das ist der Wenzelstein!" sagte meine Großmutter. Ich schaute mich überall um, auf dem Fussboden und an den Kirchenwänden und schließlich an der Decke, konnte aber keinen "Stein" sehen. Da sagte auf einmal die Grossmutter: "Ach, du dummer Bub, wo schaust du denn hin? Da ist er doch, der Wenzelstein." Und sie deutete auf einen grauschwarzen, aus Erz gegossenen Taufstein, der gerade vor mir stand. Ein grosser Deckel war über dem Kessel angebracht, und alles war schön verziert. "Da drinnen ist der König Wenzel getauft worden!", sagte meine Großmutter. "Aber es ist schlecht ausgegangen damals. Der Kaiser Karl hat seinen ersten Sohn, den Wenzel, in der Kirche hier taufen lassen und hat dazu Kurfürsten und Bischöfe und viele Geistliche eingeladen aus aller Welt. Ein Reichsfürst hatte den kleinen Wenzel auf einern blauseidenen Kissen in die Kirche tragen müssen; das Kissen hatte goldene Franzen und das Taufbecken war neu gegossen, zum ewigen Andenken an den Wenzel; und es hat eingeweiht werden sollen mit der Taufe des kleinen Prinzen. Aber wie man den Kleinen ausgewickelt hatte und ihn in das Wasser hineinsteckte, das wohl ein wenig gewärmt war, da - passierte dem kleinen Wenzel ein kleines Unglück! Der Bischof, der den Kleinen taufte, erklärte, daß man in einem solch beschmutzten Wasser den Prinzen nicht taufen könnte, und verlangte ein neues Taufwasser. Die Amme aber, die den Kleinen trug, verlangte, daß das Wasser gewärmt werde. Der Kaiser war zornig und verlangte, dass das warme Wasser so schnell wie möglich herbeigeschafft werde. In der Kirche es war in den ersten Märztagen und noch reichlich kalt - stand einstweilen die erlauchte Gesellschaft um den Neugeborenen Taufstein herum -223-

und wartete und fror. Da war man beim Anheizen in der Pfarrerswaschküche etwas hastig und unvorsichtig - kurz die Waschküche fing Feuer, und gleich darauf stand der ganze Pfarrhof von St. Sebald in Flammen. Mit grosser Mühe wurde das Feuer am Weitergreifen gehindert und schließlich gelöscht nachdem das ganze Gehöft niedergebrannt war. Endlich brachte man doch das nötige warme Wasser daher und die Taufe konnte stattfinden. Schließlich war der Kaiser wieder zufrieden und draußen auf dem Marktplatz und in den Nürnberger Strassen war am Nachmittag ein grosses Fest. Die adeligen Herren führten ein Turnier vor mit ihren prächtigen Panzern und geschmückten Pferden. Die Bürger bekamen Wein, soviel sie wollten, und mächtige Ochsen wurden auf den Plätzen für das Volk gebraten. Acht Tage lang durfte in Nürnberg damals nichts gearbeitet werden, und die ganze Zeit sorgte Kaiser Karl IV. für gutes Essen und Trinken. Aber mancher der dabei war, hob den Finger, zuckte die Achseln und machte ein sorgenvolles Gesicht. Bei der Taufe des kleinen Wenzel hat es ein Unglück gegeben! Das bedeutet nichts Gutes für den Wenzel und nichts Gutes für das deutsche Reich!"

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So benimmt sich kein geborener König
Der König Wenzel hat später viel Unglück über sein Haus und über das ganze Reich gebracht. Er war ein Säufer und ein Luderjahn. Wie ihn einmal der König von Frankreich in die Stadt Reims eingeladen hatte und ihn zum Festessen abholen wollte, da lag der König Wenzel sinnlos besoffen auf dem Ruhebett und konnte nicht mitkommen; bei dem Festessen drauf war dann sein Stuhl leer. Damals schämten sich alle Deutschen für den König Wenzel; aber schon früher erzählte man in Nürnberg eine Geschichte, dass Wenzel gar nicht ein Sohn Kaiser Karls IV. war, sondern ein einfacher Schusterjunge.

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Wie der Teufel den Schusserbuben geholt hat
Auf dem Lorenzer Platz gegenüber der grossen Kirche, nach Norden zu, stand bis zum 2. Weltkrieg das Lorenzer-Schulhaus. Grosse Treppen waren vor der Tür, auf denen sprangen die Jungen und Mädchen hinauf und hinunter. Nach der Schule wurde auch in alter Zeit auf den Strassen geschussert. Da liefen die Buben hinter den kleinen Steinkugeln her und jeder paste genau auf, daß der andere nicht "beschummelte". Da war einmal ein Bub, der hat auch nach der Schule - Buch und Tafel hatte er unter dem Arm gehabt - mit seinen Kameraden auf der Strasse geschussert. Es war ein böser Bub, der immer gleich geflucht und geschimpft hat, wenn nicht alles nach seinem Kopf gegangen ist. Und beschummelt hat er auch, wo er gekonnt hat. Einmal haben ihn seine Kameraden dabei erwischt. "Nein", hat er gerufen, "ich hab nicht beschummelt! Es war alles richtig! Wenn's nicht wahr ist, soll mich gleich der Teufel holen!" Da war auf einmal ein Brausen in der Luft; alle Buben haben den Kopf eingezogen. Der Teufel kam daher gefahren. Er hat den kleinen, frechen Kerl am Kragen gepackt und davon getragen. Seine Tafel, sein Buch sind ihm aus den Händen gefallen, und droben auf dem Nassauer Haus, auf einer von den grossen Stangen, da siehst du noch sein Hütlein, das ist dort droben hängen geblieben. Am Brünnlein neben dem Nordturm kannst du das Bild von dem bösen Schusserbuben anschauen, wie ihm der Teufel beim Kragen hat!

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Wie die Nürnberger das große Spital bekamen
Im Plobenhof (an der heutigen Museumsbrücke) wohnte in alter Zeit die Familie Groß, die zu den Nürnberger "Geschlechtern", d. h. zu den Familien gehörte, die Nürnberg regierten. Hinter ihrem Haus war ein großer Garten mit schönen alten Bäumen, der bis hinunter an die Pegnitz ging. Heinz Groß hatte einen häßlichen Ausschlag. Das Volk von Nürnberg nannte ihn deshalb nur den "grindigen Heinz". Er ließ sich deshalb nicht gern auf den Straßen sehen. Er ließ sich auch nicht in den Rat aufnehmen, obwohl er sonst ein gescheiter und achtbarer Mann war. Dafür arbeitete er viel in seinen großen Garten Einmal im Sommer des Jahres 1320 hatte er lange gearbeitet, hatte gejätet und gegraben, war m üde geworden und hatte sich schließlich unter eine große Linde zum Schlafen gelegt. Da sah er sich im Traum in seinem Garten gehen und dabei fand er einen großen Schatz. Weil er kein Werkzeug dabei hatte, konnte er ihn nicht heben. Er wollte schnell ins Haus laufen, um eine Schaufel zu holen. Damit er aber den Platz wiederfinde, streute er 23 Lindenblätter auf den Boden. Dann eilte er fort. Und wachte auf. Er lag noch unter dem Lindenbaum, aber der Traum ließ ihn nicht los. Er stand auf und ging nachdenklich im Garten auf und ab. Da kam er an die Stelle, an der er vorhin im Traum den Schatz gesehen hatte und da lag ein Häuflein Lindenblätter an derselben Stelle genau so, wie im Traum. Jetzt eilte er wirklich ins Gartenhaus, holte Schaufel, Spaten und Hacke und grub unter den Linienblättern nach. Es dauerte auch gar nicht lange, da kam er mit seinem Werkzeug auf eine schwere Truhe, die ganz voll mit Gold- und Silbermünzen und prächtigen Kleinodien gefüllt war. Ehe er angefangen hatte zu graben, hatte er aber den ganzen Schatz, den er hier finden werde, den Armen gelobt. -227-

Der "grindige Heinz" hat sein Versprechen gehalten. Der Rat der Stadt Nürnberg erlaubte ihm, daß er den gefundenen Schatz zur Gründung eines großen Spitals verwende. Der "grindige Heinz" kaufte das kleine Jungfrauenklösterlein, das den Namen "Zum Himmelsthron" trug. Die Nonnen wanderten nach Gründlach. Dann hieß er den Platz freimachen und holte sich Baumeister für seinen Plan. Aber bald sah er, daß der Baugrund in Nürnberg für ein so großes Haus, wie er es bauen wollte, nicht ausreichte. Nirgends war Raum genug. Da ließ er sich vom Rat die Erlaubnis geben, den Bau über der Pegnitz aufzurichten. Der Rat gab die Genehmigung; bald wölbten sich große Tore, unter denen die Pegnitz in zwei Armen dahinfließen konnte und auf diesem Grund wurde nun das große Spital gebaut. Der grindige Heinz wurde aber auch für seine gute Tat belohnt. Bisher hatte kein Arzt ihn von seinem häßlichen Ausschlag befreien können. Aber unter den alten Frauen, die zuerst ins Spital aufgenommen wurden, war auch eine, die von Krankheit und Gesundheit und von Heilküsteten aller Art mehr verstand als andere Menschen. Sie gab dem Heinz eine Salbe, die ihn in ein paar Monaten von seinem Ausschlag befreite. Jetzt fing ein neues Leben an. Er ging auf die Straße, suchte die Gesellschaft der Menschen und wurde bald in den Rat der Stadt gewählt. Kaiser Ludwig der Bayer soll mit ihm besonders befreundet gewesen sein. Er besuchte ihn oft, und wenn er in Nürnberg war, stieg er im Plobenhof zum Quartier ab. Ludwig der Bayer hat dem Heinz Groß und seiner Familie auch ein Wappen verliehen. Auf dem Wappen sollen 23 Lindenblätter mit einem Hügel zu sehen sein, zum Gedächtnis an den Traum im großen Garten.

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Schöne Hoffräulein gehen in die Klause
KIRCHE UND KLOSTER PILLENREUTH Kaiser Ludwig der Bayer war mit seinem ganzen Hof nach Nürnberg gekommen. Die Stadt wollte zeigen, wie reich sie war, und gab ein Fest nach dem andern. Da wurde geschmaust und getrunken, da wurde getanzt und gesprungen, und jedermann, die edlen Frauen und die großen Herren, hatten alles, was sie sich nur wünschten. Mitten zwischen den Festen kam eine Schar von Hoffräulein der Kaiserin zum Kaiser und bat, man möchte ihnen doch erlauben, von jetzt an aller Welt ade zu sagen, und ihnen draußen im Nürnberger Wald eine Klause bauen, wo sie künftig andächtig und gottselig leben könnten. Ludwig war überrascht; denn es waren die schönsten von den Hofdamen darunter. Aber er konnte nichts dagegen sagen. Am Nachmittag ritt er hinaus in den Wald, um einen schönen Platz für das Frauenklösterlein zu suchen. Von Eibach aus ritt er nach Süden durch die Lach und, wie er unter einer hohen Eiche dahinritt, hörte er auf einmal ein ganz liebliches Singen. Er suchte den Vogel im Baum, der ein so wunderschönes Stimmlein hätte; aber er konnte nichts sehen als nur das Bildnis des gekreuzigten Herren am Stamm. Kein Vogel war weit und breit. Aber das Klingen war immer noch zu hören. Da sprang er vom Pferd, verehrte das Wunder und hieb mit dem Schwert ein Zeichen in den Baum, damit er ihn wiederfände. Ein paar Tage später schickte der Kaiser Arbeiter in den Wald; die fällten um die große Eiche herum die Bäume, zogen die Wurzeln aus der Erde, hieben Balken zu, und bald stand dort ein hölzernes Kirchlein mit einem geräumigen Haus für dreizehn Klausnerinnen (12 Schwestern und eine Vorsteherin). Weil der Wald um das Bild herum gerodet worden war, hieß das Klösterlein bald ,,Bildenreuth". Heute haben die Nürnberger -229-

vergessen, woher der Name kommt, und schreiben den Namen ,,Pillenreuth". - Bald darauf haben Nürnberger Bürger für das Kloster so viel gestiftet, daß man die Kirche und das Wohnhaus in Stein auffuhren konnte. In der Nähe liegen große Fischteiche, die gehörten dem Kaiser. Ludwig der Bayer schenkte den frommen Frauen von Pillenreuth den Zehnten aus seinen Fischteichen.

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Wie die große Linde in den Burghof kam
Kaiser Heinrich II. war ein gar frommer Kriegsmann. Er tat niemand Unrecht, nicht Freund und nicht Feind, und jedermann wußte, dass er nur zu Felde zog, wenn es zur Hilfe für sein Volk und zur Wiederherstellung des Rechts im Reich nötig war. Der Krieg war ihm verhaßt, dagegen liebte er die Jagd, und drum kam er gern nach Nürnberg, weil es in den tiefen Wäldern um die Burg herum viel Wild gab, Hirsche, Rehe und Sauen, Bären und Wölfe in Mengen. Einmal war wieder eine große Jagdgesellschaft hinausgezogen, diesmal in die Wälder südlich der Stadt. Gedankenvoll ritt der Kaiser dahin; denn seine Gemahlin, die fromme Kunigunde, die er innig liebte, hatte ihn flehentlich gebeten: "Reit heut nicht hinaus, sondern bleib daheim in der Burg! Ich hab so einen bösen Traum gehabt" Sie hatte geweint vor Sorge und Angst um ihn und seine Gesundheit, er aber hatte gelacht: "Soll ich all die Herren umsonst bestellt haben? Und sollen an die Treiber draußen im Wald ohne Jagd wieder heimgehen? Nein, nein! Beruhige dich! Ich bin hier und im Wald in Gottes Hut!" So war er weggeritten und hatte noch gesehen, wie sie ihm in Tränen lächelnd mit ihrem seidenen Tüchlein nachgewinkt hatte, solange sie ihn sehen konnte. Daran dachte der Kaiser Heinrich. Dann aber schüttelte er sich und lachte, gab seinem schweren Roß die Sporen und setzte sich an die Spitze der Gesellschaft im munteren Trab ging es immer tiefer hinein in die hohen Gewölbe der Eichen und Linden, die dort standen, und unter denen man in langer, grasiger Bahn hinter dem fliehenden Wild herreiten konnte. Da sprang eine schöne, große Hirschkuh vor dem Kaiser aus dem Gebüsch und setzte in langen Sprüngen vor Ihm her. Der Kaiser gab mit hellem Ruf dem Pferde die Sporen und jagte hinter ihr her weiter und weiter nach Süden zu. Das -231-

Gefolge blieb weit zurück und verlor den Kaiser aus den Augen. Der aber jagte und seinem Pferd unaufhörlich hinter der Hirschkuh her und konnte sie nicht erreiche n. Auf einmal war das Tier vor seinen Augen verschwunden; er jagte weiter da stutzte sein Pferd und sprang erschreckt zurück. Mit Mühe nur konnte der Kaiser sich im Sattel halten im unvorhergesehenen Sprung seines Pferdes. Zornig gab er ihm die Sporen. Umsonst, es stieg steil in die Höhe erschreckt vor einem alten, schwarzen Baumstumpf, den der Blitz geschwärzt hatte. Vorbei an dem schwarzen Lindenstamm, aus dem nur noch wenige grüne Blätter austrieben, schaute der Kaiser in einen tiefen Abgrund. In den wäre er sicher gestürzt, wenn sein Pferd nicht vor dem Blitz geschwächten Lindenbaum erschrocken gestutzt hätte. Der Kaiser brach zur Erinnerung ein Lindenzweiglein ab und steckte es auf seinen Hut Spät in der Nacht erst kam der Jagdzug heim zur Nürnberger Burg. Die Kaiserin hatte in großer Angst gewacht und gewartet, und als der Kaiser in den Burghof hereinritt, ging Kunigunde ihm entgegen und rief: "Warum kehrst du heute so spät zurück:, du böser Mann?" Da beugte sich der Kaiser herab zu ihr, zog seinen Hut, nahm das Lindenzweiglein herunter und reichte es ihr mit den Worten: "Die Linde, an der das Zweiglein gewachsen ist, hat dir heute das Leben deines Mannes gerettet". Und er erzählte ihr, wie es ihm ergangen war. Am andern Morgen pflanzte Kunigunde das Zweiglein in die Mitte des Burghofes, und dort grünte es weiter und wuchs und wurde ein mächtiger Lindenbaum, der den ganzen Hof beschattete. Fast tausend Jahre stand dort der Baum. Ich selber hab ihn noch stehen sehen, mehr als eine Klafter breit, gänzlich h ohl, aber ringsum mit grünen Blättern. Ein schwerer Gewittersturm mit zündendem Blitzstrahl stürzte ihn in einer Nacht. Meine Kinder konnten noch die angekohlten Reste am alten Platz sehen. Meine Enkel sahen auch das nicht mehr. Aber

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Ich kann ihnen den Ort noch zeigen, wo die alte, große Burglinde von Nürnberg stand.

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Wie es dem Klösterlein weiter ergangen ist
Heute findet man draußen, mitten im Wald, nur noch Trümmer der alten Klostermauern. Efeu wächst dicht an den alten Steinen hinauf, und wer will, kann draußen im alten Klostergarten im Frühjahr noch die schönsten Veilchen pflücken. Die alte Kapelle steht noch da; sie ist aber ein Kuhstall. Schon seit dem Jahr 1552 ist das Klösterlein zerstört. Damals haben die frommen Frauen den Ort verlassen und sind niemehr dahin zurückgekehrt. Das kam so: Ein anderer Ansbacher Markgraf, Albrecht Alcibiades, führte ebenso wie sein Urahne, Albrecht Achilles, mit den Nürnbergern Krieg Er zog mit seinem Heer durch das Nürnberger Gebiet und brannte alle Dörfer nieder, die er erreichen konnte. Er selber hatte versprochen: ,,Ich will den Nürnbergern so einheizen, daß auch die Engel die Füsse anziehen werden müssen!" Der Zug der Ansbacher kam an Pillenreuth vorbei, und dabei wurden das ganze Kloster ausgeplündert und alle Gebäude niedergebrannt. Die Schwestern waren schon vorher geflohen und hatten im KIarakloster in Nürnberg Aufnahme gefunden.

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Sagen aus dem Harz

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Das Mädchen von der Quästenburg bei Roßla
Im Harz, nicht weit von Roßla und Wallhausen auf dem Quästenberg, der früher Finsterberg hieß, stehen die zerfallenen Reste einer Burg. Das Dorf Quästenberg aber, das am Fuß dieses Berges liegt, soll vorzeiten eine Stadt gewesen sein. Einst ging das Töchterlein eines Burgherrn aus der Burg hinaus, um auf den Wiesen Blumen zu pflücken; dabei geriet es in den Wald, der die Wiesen rings umgibt. Als das Mädchen nicht heimkehrte, entstand in der Burg große Sorge. Die ganze Familie und die Dienerschaft machten sich auf, das Kind zu suchen. Indessen hatte ein Köhler im tiefen Wald das Mädchen schon gefunden, wie es gerade harmlos aus seinen Blumen einen Kranz wand. Der Mann hatte aber von dem Kind nichts über seine Herkunft erfahren können. Deshalb hatte er es in seine Hütte mitgenommen, ihm zu essen gegeben und es bei sich behalten. In diese stille Waldeinsamkeit drang keine Kunde von der Sorge und dem Suchen, die dem verlorenen Kinde galten, bis einige Leute von Roda, einem mansfeldischen Dorfe, das Mädchen einmal auf einer Wiese im Wald wieder beim Kranzwinden trafen und von ihm zu der Köhlerhütte geleitet wurden. Diese Leute wußten von dem Verlust des Kindes, fragten den Köhler, wie er zu dem Kind gekommen sei, und erfuhren von ihm, daß er das kleine Mädchen im Walde allein aufgefunden habe. Nun eilten alle mit dem Kind nach der Finsterburg, und der Köhler trug den Kranz, den es gewunden hatte. Einen solchen Kranz nannte man aber damals Quäste. Auf der Burg herrschte große Freude über die Wiederkehr des Kindes. Der Ritter schenkte dem Köhler und den Einwohnern von Roda die Wiese, auf der man sein Töchterlein wiedergefunden hatte, und ordnete ein Volksfest an, das alle -236-

Jahre am Tag der Auffindung des Kindes, am dritten Pfingsttag, abgehalten werden sollte. Das Fest besteht heute noch. Die Burschen des Dorfes richten auf der Anhöhe über dem Ort einen starken, entästeten Eichenstamm auf. Aus Birken- und Buchenzweigen wird ein großer Kranz gefertigt und am Stamme befestigt. Rechts und links davon hängen aus Laub gewundene Quästen. Auch im Gottesdienst wird an diese Begebenheit erinnert. Der Ritter aber nannte seine Burg von da an Quästenburg.

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Das Mädchen von der Wegsmühle
Auf der Wegsmühle diente vor langer Zeit ein großes, starkes und schönes Mädchen. Eines Abends spät kam ein Mann in die Mühle, der einen vollen Hedesack (Hede = Werg, Abfall von Flachs) trug. Ob er nicht in der Mühle im Stalle übernachten könne, fragte der Mann. Beinahe wäre es ihm gestattet worden, denn der Müller tat manchem Armen Gutes. Aber er wollte an diesem Abend mit seiner Frau in ein Dorf zu Verwandten gehen, wo man ihn zu einer kleinen Lustbarkeit eingeladen hatte; es war nämlich gerade Fastnacht. Da machte es sich nicht gut, daß der Fremde in der Mühle blieb, weil das Mädchen ganz allein zu Hause war. Nun erklärte der Mann, er wolle ins nächste Dorf zurückgehen, seinen Hedesack aber auf der Mühle in den Kuhstall stellen, damit er ihn nicht wieder zurückschleppen müsse; am nächsten Morgen werde er ihn dann abholen. Das sei ihm ganz recht, meinte der Müller. Der Harzker stellte also seinen Hedesack. in den Kuhstall und ging fort; eine Weile darauf entfernten sich auch der Müller und die Müllerin. Als aber das Mädchen nach einiger Zeit im Kuhstall ihre Arbeit verrichtete, bemerkte es beim Melken, daß der Hedesack, der in der Ecke lehnte, bald groß und bald klein wurde und sich auf und nieder bewegte. Da lief die Magd geschwind ins Haus und holte eine geladene Flinte heraus, die in der Stube an der Wand hing. Mit der Flinte in der Hand trat sie vor den Sack hin und rief: "Wer da?" Sie erhielt aber keine Antwort und drückte ab. Ein Aufschrei erscholl aus dem Hedesack, und als das Mädchen ihn aufband, schwamm da ein großer Mann in seinem Blut, der hatte ein Messer und eine Pfeife neben sich liegen. Der Mann winselte, daß er nun vor Gottes Richterstuhl treten solle, und bekannte, daß ihrer zwölf Brüder seien, die alle das -238-

Räuberhandwerk betrieben. Zehn davon hätten in der Nacht hier einbrechen wollen, der elfte, das sei der jüngste, der sitze in der Räuberhöhle bei der steinalten Mutter, die ihn nicht fortlassen wolle. Er selbst sei der zwölfte, ihn hätten sie in einen Sack gebunden und das große Messer neben ihn gelegt, damit er den Sack zur rechten Zeit durchschneiden und heraussteigen könne. Dann habe er vor die Öffnung der Mühle, wo der Mühlbach durchs Haus geht, hintreten und den andern pfeifen sollen. Die elf Räuber lägen schon draußen vor der Mühle versteckt und lauerten nur auf den Ton seiner Pfeife. Das Mädchen möge im Dunkeln rasch entfliehen und die Mühle ihrem Schicksal überlassen, sonst sei es verloren. Dann starb er. Entfliehen aber konnte das Mädchen nicht, denn der Müller hatte die Hoftür zugeschlossen und den Schlüssel eingesteckt, damit die Magd nicht auf ihn und seine Frau in der Nacht zu warten brauche und damit sie selbst, wenn sie heimkehrten, aufschließen könnten. Das Mädchen überlegte nun, was zu tun sei, nahm das große Räukermesser und die Pfeife und ging damit in die Mühle hinein. Dann trat sie vor die Öffnung in der Mühle und blies in die Pfeife. Plumps erklang es vom Wasser, und halb schwamm, halb watete der Kerl, der den Hedesack getragen hatte. Es war der Räuberhauptmann selbst, bald darauf streckte er seinen häßlichen Kopf unter der Mühlschwelle herein. Den packte die Magd nun bei den Haaren, fesselte ihn und legte ihm eine Schnur um den Hals, so daß er nicht schreien konnte, und zog ihn dann vollends herein. Nachher blies sie wieder auf der Pfeife. Ein Plumpser, und schon kam der zweite Räuber daher, dem es nicht anders erging als dem ersten. So lockte das Mädchen alle zehn Räuber unter die Schwelle der Mühle. -239-

Als der Müller mit seiner Frau nach Hause kam, fand er das Mädchen ganz verstört und mit Blut befleckt in der Stube sitzen. Nachdem die Magd den Müllersleuten den ganzen Vorfall erzählt und die dingfest gemachten Räuber gezeigt hatte, wurde das tapfere Mädchen als Retterin der Mühle gepriesen. Sie lebte nun in der Mühle hinfort mehr als Freundin denn als Magd und wurde weit und breit berühmt wegen ihrer Heldentat. Es fanden sich auch junge Burschen aus dem Dorfe ein, die sie gerne gefreit hätten. Das Mädchen aber war eigenwillig und erklärte, es wolle keinen andern zum Manne haben als den, der verspreche, nach ihrer Pfeife zu tanzen, womit sie die Räuber herbeigelockt habe. Und weil sie so schön war, fand sich zuletzt in der Mühle ein feiner Herr aus der Stadt ein; der ging auf Freiersfüßen, war sehr reich und hielt um das Mädchen an. Sie wollte zuerst auch von ihm nicht viel wissen, aber er machte ihr die kostbarsten Geschenke, und der Müller und die Müllerin sagten, der Mann müsse einen großen Goldkasten zu Hause stehen haben, und wer da einmal hineingreifen dürfe, sei wohl sein Leben lang glücklich zu preisen. Und so fand sich das Mädchen mit dem Gedanken ab, den Städter als ihren Verlobten anzusehen. Eines Tages erklärte der fremde Bräutigam, er wolle das Mädchen einmal in der Kutsche abholen und ihm sein Haus zeigen, wie prächtig es sei. Der Müller gab die Erlaubnis, daß das Mädchen mit ihm fahren dürfe. Dieses selbst hatte anfangs wieder keine rechte Lust, mit dem Bräutigam, den es nicht liebte, zu fahren, doch war es neugierig, einmal sein Hauswesen zu sehen, und darum setzte es sich in die Kutsche. Der Fremde fuhr nun mit dem Mädchen in den Wald. Als sie mitten im Forst waren, ließ er den Kutscher, der ein Lohnfuhrmann war, halten und hieß das Mädchen mit ihm aussteigen. Den Fuhrmann hatte er schon vorher gut bezahlt und ihm mitgeteilt, was er im Wald tun solle. Darum schlug der Kutscher nun auf seine Pferde ein, jagte davon und ließ das -240-

Mädchen mit dem Fremden im Wald stehen. Nun griff der ungestüme Freier das Mädchen hart an, und weil er stärker war als sie, so mußte sie ihm folgen, und er schleppte sie in eine Räuberhöhle. Da saß die steinalte Mutter der elf Räuber, die das Mädchen zur Strecke gebracht hatte. Der Fremde aber sagte, er sei der zwölfte Bruder und habe seiner Mutter geschworen, die andern elf Brüder an ihr zu rächen; darum habe er sich verkleidet und sie hierher gelockt. Hier müsse sie nun sterben. So mutig das Mädchen auch war, diese Not ging über ihre Kraft; sie weinte und klagte und bat den jüngsten Bruder der Räuber um ihr Leben. Dieser hätte sie gerne leben lassen, denn ihre Schönheit hatte schon längst sein Herz betört. Weil die alte Mutter das merkte und das Mädchen sich erbot, die Wirtschaft in der Höhle zu führen und das Weib des jungen Räubers zu werden, so beschlossen Mutter und Sohn, die Gefangene am Leben zu lassen. Aber das stolze Mädchen konnte es nicht verwinden, daß es die Frau eines Mordgesellen sein sollte. Als der junge Räuber einmal schlief, verließ es den Wald und kehrte wieder zu dem Müller zurück. Dieser rief die Obrigkeit herbei, und das Mädchen führte die Häscher zur Räuberhöhle. Dort fanden sie die Alte dicht vor der Höhle, weil sie vor Altersschwäche nicht hatte entfliehen können, nahmen die Häscher sie und ihren Sohn mit und ließen ihnen die gerechte Strafe zuteil werden. Das Mädchen aber erhielt alle Schätze, die sich in der Räuberhöhle vorfanden. So war sie nun steinreich geworden. Von den Burschen aus dem Dorf aber, denen sie früher sehr schnöde begegnet war, fand sich kein Bewerber um sie wieder ein, weil sie drei Tage bei dem jungen Räuber in der Höhle verbracht hatte. So lebte das Mädchen weitbekannt und sehr reich, aber einsam bis an ihr Ende.

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Der Schäfer von Wernigerode und der Alte aus dem Berg
Unweit der Stadt Wernigerode befindet sich in einem Tal eine Vertiefung im steinigen Boden, die das Weinkellerloch genannt wird. Darin sollen große Schätze aufgestapelt sein. Vor vielen Jahren weidete ein armer Schäfer, ein gutmütiger, stiller Mann, in jenem Tal seine Herde. Einmal gegen Abend trat ein Greis zu ihm und sprach: "Komm mit mir, ich will dir Schätze zeigen, wovon du dir nehmen kannst, soviel du Lust hast." Der Schäfer überließ dem Hund die Bewachung der Herde und folgte dem Alten. Sie gingen nicht weit, da öffnete sich plötzlich der Boden vor ihnen; sie traten ein und stiegen in die Tiefe, bis sie zu einem Raum gelangten, worin ungeheure Reichtümer an Gold und edlen Steinen aufgetürmt lagen. Während sich der Schäfer einen Goldklumpen wählte, ertönte eine unsichtbare Stimme, die sprach : "Bringe das Gold dem Goldschmied in die Stadt, der wird dich reichlich bezahlen." Darauf geleitete ihn sein Führer wieder zum Ausgang. Der Schäfer tat, wie ihm geheißen war, und erhielt von dem Goldschmied eine Menge Geld. Erfreut brachte er es seinem Vater. Dieser redete ihm zu, nochmals in die Tiefe zu steigen. "Ja, Vater," erwiderte der Schäfer, "ich habe außerdem meine Handschuhe unten liegenlassen. Geht mit mir, wir wollen sie holen! " In der Nacht machten sich beide auf den Weg, fanden die Stelle und die Öffnung im Boden und gelangten auch zu den unterirdischen Schätzen. Es war noch alles so wie das erstemal, -242-

auch die Handschuhe des Schäfers lagen da, wo er sie hingelegt hatte. Beide füllten so viel in ihre Tasche n, als sie tragen konnten, und eilten dann wieder ins Freie. Hinter ihnen schloß sich der Eingang mit lautem Krachen. In der folgenden Nacht wollten sie es zum drittenmal wagen; lange suchten sie hin und her, konnten aber den Eingang nicht mehr finden. Plötzlich trat ihnen der alte Mann entgegen und sagte zum Schäfer: "Hättest du deine Handschuhe nicht mitgenommen, sondern unten liegenlassen, so würdest du auch diesmal den Eingang gefunden haben, denn dreimal sollte dir die Schatzkammer offenstehen. Nun aber ist dir der Eingang auf immer verschlossen. " Der Schäfer hatte nicht gewußt, daß Geister nichts behalten dürfen, was irdischen Menschen gehört, sonst hätte er seine Handschuhe sicher wieder unten liegenlassen.

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Der Weinkeller von der Himmelspforte bei Wernigerode
Ein Förster zu Öhrenfeld wollte seine silberne Hochzeit feiern und hatte sich dazu hinreichend mit Wein versorgt; da sich aber mehr Gäste einfanden, als er erwartet hatte, ging sein Wein schon sehr früh zur Neige; deshalb schickte er seine Dienstmagd noch um elf Uhr nachts zu dem Weinhändler in Wernigerode, gab ihr das Rechnungsbüchlein mit und hieß sie so viel Wein von der kürzlich gelieferten Sorte mitbringen, als sie in ihrem Korb tragen könne. Das Mädchen, des Weges nicht sehr kundig, fragte, wo sie denn hingehen solle. Der Förster aber antwortete ärgerlich: "Geh in die Himmelspforte!" So hieß eine alte Klosterruine, die in der Nähe lag. Das Mädchen nahm das für Ernst, schwang ihren Tragkorb auf den Rücken und trollte in die Nacht hinein nach der Himmelspforte. Sie war noch nicht weit gekommen, da sah sie ein Licht brennen, schritt darauf zu und traf eine einfach gekleidete Frau, die eine Laterne in der Hand hielt und einen Schlüsselbund an der Seite trug; sie stand vor einer offenen Kellertür. Das Mädchen nahm an, das sei die Ehefrau des Weinhändlers und brachte ihr Anliegen vor, ihrem Herrn von dem letzterhaltenen Wein so viel Flaschen zu schicken, als sie tragen könne. Die Frau entgegnete kein Wort, schloß die Kellertür auf, ging voran und winkte dem Mädchen zu folgen. Sie stiegen viele Stufen hinab, durchschritten ein langes Kellergewölbe und blieben endlich vor einem alten, verschimmelten Faß stehen. Hier zapfte die Frau einige Flaschen Wein ab, packte sie in den Korb und half dem Mädchen, diesen auf den Rücken zu nehmen. Nun reichte die Magd das Büchelchen hin und bat die Frau, den Preis für die Flaschen einzuschreiben. Diese aber -244-

schob das Buch unwillig zurück und schüttelte verneinend den Kopf. Das Mädchen dachte, auch gut; lief über die Treppen hinauf, wünschte gute Nacht, erhielt aber keinen Dank und eilte nach Hause. Der Förster, der sie nicht so bald wieder zurückerwartet hatte, fragte sie verwundert: "Wo hast du denn den Wein hergeholt, daß du schon wieder hier bist?" Die Magd antwortete: "Wie Ihr mir befohlen habt, in der Himmelspforte." Der Förster glaubte, das Mädchen wolle ihn zum besten halten, fragte noch einige Male, erhielt aber immer die gleiche Antwort. Er meinte daher, das Mädchen habe auf dem Weg von dem Wein gekostet und sei nun etwas betrunken, und da er überdies von den Gästen in der Stube verlangt wurde, ließ er die Sache für diesen Abend auf sich beruhen. Am andern Morgen nahm er die Magd wieder ins Gebet, diese aber beharrte bei ihrer Aussage und erzählte den ganzen Hergang der Sache, wie es sich zugetragen hatte. Der Förster wußte nicht, was er davon denken solle, um so mehr, als der Wein viel besser geschmeckt hatte als der frühere, ja, er glaubte überhaupt noch nie einen so guten Tropfen getrunken zu haben. Er schickte also einen Boten nach Wernigerode zu dem Weinhändler und ließ fragen, ob vorige Nacht seine Magd dort den Wein geholt habe. Als der Bote mit der Nachricht zurückkehrte, niemand sei dort gewesen, kam dem Förster die Sache bedenklich vor. Er schickte deshalb nach dem Pastor und dem Lehrer, nahm einige Bauern und Jägerburschen mit, und so zog der ganze Schwarm unter Führung des Mädchens nach der Himmelspforte. Dort fand man zwar noch die Ruinen eines im Bauernkrieg zerstörten Klosters, aber weder von der Kellertür noch von der seltsam gekleideten Frau war eine Spur zu sehen.

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Seitjener Zeit wurde die Himmelspforte und besonders die Klosterruine, die schon lange bei den umwohnenden Bauern verrufen waren, noch mehr gemieden; jedem klopfte das Herz hörbar in der Brust, wenn er an den Mauerresten vorüberging, jeder erwartete, daß die Kellertür sich öffnen und die seltsame Frau hervortreten würde; doch hat sich seit jenen Tagen nichts Ähnliches mehr ereignet.

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Der starke Zwerg auf dem Kyffhäuser
In Sondershausen lebte vor vielen Jahren ein Müller namens Lau, der die Wippermühle von der Stadt gepachtet hatte. Er war ein großer, kräftiger Mann, stark wie ein Bär, und hatte am Hofe zu Potsdam bei den langen Grenadieren gedient. Einmal fuhr Lau mit seinem Mühlknappen nach dem Kyffhäuser, um sich einen Mühlstein zu holen. Er selbst stieg einen Fußsteig hinan und ließ den Knecht auf dem Fahrweg nachkommen. Die Sonne war schon untergegangen, als er oben bei dem alten Turm anlangte. Da stolzierte auf einmal ein dicker, stämmiger Zwerg hinter dem Turm den Berg herauf, zeigte dem Müller eine Höhle, die kaum groß genug war, einen Dachs aufzunehmen, und verlangte, daß er sich da in die Höhle hineinarbeiten und ihm helfen solle, einen Stein loszubrechen, der sie beide glücklich mache n werde. Der Müller aber hatte keine Lust dazu und schlug das Ansinnen ab. Da wurde der Zwerg grob und fing an zu schimpfen und zu drohen. Doch der Müller war nicht faul und knallte dem Wicht eins hinter die Ohren. Der Knirps aber hängte sich dem Manne wie ein Bleiklumpen an den Hals und warf ihn auf die Erde, daß ihm alle Rippen krachten. Der Müller kriegte den Kleinen zwar wieder herum, aber der Zwerg umfaßte ihn wie eine Kneifzange und zwickte ihn derart, daß er laut aufschreien mußte. Es gab eine Rauferei, wie sie der Müller noch nie mitgemacht hatte, bis er schließlich ganz ermattet war. Da kam gerade noch zur rechten Zeit der Mühlknappe herbei. Dieser schlug mit seinem Stock auf den Angreifer los, daß die Splitter flogen. Nun erst ließ der Zwerg von dem Müller ab und -248-

verschwand wie ein Regenwurm in einem Loch, das kaum eine Spanne groß war. Dem Müller taten alle Glieder weh, und er war am ganzen Leib voll blauer Flecken. Noch mehr ärgerte ihn aber, daß er, der bärenstarke Mann, dem kleinen Knirps fast unterlegen wäre; aber was war zu machen? Er lud mit seinem Knappen den Mühlstein auf und fuhr heim. Der starke Zwerg aber war seither nicht mehr zu sehen.

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Die Entstehung der Bergwerke zu Rammelsberg
In alter Zeit herrschte auf dem Brocken die Zauberjette. Elf jungen Mädchen oblag die Pflicht, sie zu bedienen. Einst waren zwei Ritter auf dem Brocken vom Weg abgekommen. Der eine von ihnen hieß Otto, der andere Ramme. Schon mehrere Tage waren sie umhergeirrt, aber sie fanden keinen Ausweg aus der Wildnis. Plötzlich stürzten mitten im Wald mehrere Männer auf sie zu. Es waren Räuber, die sich auf der Flucht vor ihren Verfolgern nach dem Brocken durchgeschlagen hatten. An diese Bande mußten die Ritter sich anschließen, wenn sie in dem wilden Gebiet ihr Leben erhalten wollten. Alle versprachen einander, sich gegenseitig zu helfen. Zunächst galt es, eine Unterkunft zu suchen. Deshalb gruben sie in den steinigen Boden eine Höhle. Was sie aber am ersten Tag gearbeitet hatten, war tags darauf zusammengefallen. Die Männer konnten nicht begreifen, wieso das geschehen war. Am zweiten Tag arbeiteten sie trotzdem an der Höhle weiter. Aber diesmal stellten sie zwei Räuber als Wache davor. Aber alles, was sie unter Tags gebaut hatten, war am nächsten Morgen wieder auseinandergerissen. In der dritten Nacht wachten die beiden Ritter mit dem Räuberhauptmann zusammen. Gegen Mitternacht sah der ältere der beiden Ritter, Ramme, elf Mädchen daherkommen. Jede von ihnen hatte einen kleinen Hammer und klopfte damit an den Pfeiler, den die Räuber als Stütze der Höhle gebaut hatten. Darauf floß alles auseinander wie Wasser. Ritter Ramme aber zog sein Schwert, packte eines der Mädchen und fragte sie, warum sie ihre Arbeit vernichte. Aber niemand antwortete; auch auf die zweite Frage blieb es still. Erst als der Ritter zum drittenmal fragte, entgegnete das Mädchen, es könne ihm den -250-

Grund nicht angeben, er solle es zur Herrin des Berges begleiten, dort werde er Weiteres erfahren. Beide Ritter folgten nun dem Mädchen. Sie wurden in eine große steinerne Höhle an der Nordwestseite des Brockens geführt. Die Höhle war groß und schön wie ein fürstliches Schloß. Drin trafen sie die Zauberjette. Auf die Frage der Ritter, warum sie Befehl zur Vernichtung ihrer Arbeit gebe, erhielten sie den Bescheid, auf dem Brocken sei der Bereich der Zauberjette, und sie wolle allein im Berge herrschen. Wollten die Ritter in ihren Dienst treten, so sei sie mit deren Bleiben einverstanden; sie werde dann auch die Räuberbande dulden. Die Ritter entschlossen sich, bei der Za uberin zu bleiben. Nach einiger Zeit machten die beiden Ritter eine merkwürdige Beobachtung: die Macht der Zauberin wurde täglich schwächer. Sie war nämlich, bevor sie die Dienste der Ritter angenommen hatte, jede Nacht um zwölf Uhr zum Wolfsbrunnen geeilt, der unten am Brocken liegt, und hatte dort drei Handvoll Wasser getrunken. Daher rührte ihre Zauberkraft. Dies hatte sie aber, seit die Ritter bei ihr waren, versäumt. Deshalb nahm ihre Kraft fortwährend ab. Als die Zauberjette merkte, daß sie dem Tode nahe sei, zeigte sie den Rittern all ihre Schätze. Fünf ihrer Dienerinnen ließ sie frei. Dann holte sie eine Flasche und einen goldenen Becher, um noch einmal auf das Wohl der Ritter zu trinken. Während der Ritter Ramme gerade zum Trinken ansetzte, trat aus dem Hintergrund der Höhle ein alter Mann hervor und rief: "O du alte Zauberjette, nun sind die zwölf Jahre um, für die du mich in den Schlaf gezaubert hast." Der Ritter Ramme ließ vor Schrecken den Becher zu Boden fallen: in dem alten Mann erkannte er seinen Vater. Dieser sagte zu ihm: "Ich bin dein Retter, mein Sohn; denn was du hättest trinken sollen, ist das übelste Gift." Darauf zog der Sohn sein Schwert und schlug der Zauberjette den Kopf ab. Ein furchtbares Krachen im Berge entstand. Der -251-

schwarze Hund, der eben noch in der Höhle gekauert war, winselte auf und zog sich zurück. Nun kamen auch die Räuber angesprungen. Da verwandelte sich der Hund in einen alten Mann, der aufatmend jubelte: "Gott sei gelobt! Das bedeutet für mich die Erlösung, ich habe jetzt nichts mehr zu bewachen, alles ringsum gehört nun euch. " Auch heute noch sind die Goslaer Bergwerke tätig, die Schätze der Zauberjette zu heben.

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Die Fahrt nach dem Brocken
Es war einmal ein junger Mann, der sich mit einem hübschen Mädchen verlobt hatte. Nach einiger Zeit fiel dem Bräutigam das merkwürdige Verhalten seiner Braut und deren Mutter auf. Beide waren nämlich Hexen. Als nun der Tag kam, an dem die Hexen nach dem Brocken ziehen, stiegen die beiden Frauen auf den Heuboden, nahmen ein kleines Gla s und tranken daraus, dann waren sie auf einmal verschwunden. Den Bräutigam, der ihnen nachgeschlichen war und sie beobachtet hatte, lockte es, auch einmal einen Schluck aus dem Glas zu tun. Er nahm es und nippte ein wenig daran; da war er mit einemmal auf dem Brocken und sah, wie seine Braut und deren Mutter mitten unter den Hexen tollten, die um den Teufel tanzten, der in ihrer Mitte stand. Nachdem der Tanz zu Ende war, befahl der Teufel, daß jede ihr Glas nehme und trinke, und gleich darauf flogen sie nach allen vier Windrichtungen auseinander. Der Bräutigam aber stand mutterseelenallein auf dem Brocken und fror, denn es war eine kalte Nacht. Ein Glas hatte er nicht mitgenommen, und so mußte er den Rückweg zu Fuß antreten. Nach einer langen beschwerlichen Wanderung kam er endlich wieder bei seiner Braut an; aber diese war sehr zornig, und auch die Mutter zankte mit ihm, weil er aus dem Glas getrunken hatte. Mutter und Tochter kamen endlich überein, den Bräutigam in einen Esel zu verwünschen, was denn auch geschah. Der arme Bräutigam war nun ein Esel geworden und trabte betrübt von einem Haus zum andern, wobei er sein trauriges ija, ija schrie. Da erbarmte sich ein Mann des Esels, nahm ihn in seinen Stall und legte ihm Heu vor; aber der Esel wollte begreiflicherweise -253-

nicht fressen und wurde nun mit Schlägen aus dem Stall getrieben. Nach langem Umherirren kam das Langohr wieder einmal vor das Haus seiner Braut, der Hexe, und schrie recht kläglich. Die Braut sah ihren vormaligen Bräutigam, der als Esel mit gesenktem Kopf und herabhängenden Ohren vor der Tür stand. Da bereute sie, was sie getan hatte, und sprach zum Esel: "Ich will dir helfen, du mußt aber tun, was ich dir auftrage: Wenn ein Kind getauft wird, so stelle dich vor die Kirchentür und laß dir das Taufwasser über den Rücken gießen, dann wirst du wieder in einen Menschen verwandelt werden. " Der Esel folgte dem Rat seiner Braut. Am nächsten Sonntag wurde ein Kind getauft; da stellte sich der Esel vor die Kirchentür. Als die Taufhandlung vorbei war, wollte der Küster das Taufwasser wegschütten, aber der Esel stand ihm im Wege. "Geh, alter Esel!" meinte der Küster, aber der Esel wich nicht. Da wurde der Küster ärgerlich und goß dem Tier das Wasser über den Rücken. Nun war der Esel erlöst und verwandelte sich wieder in einen Mann; dieser eilte zu seiner Braut, heiratete sie und lebte fortan recht glücklich mit ihr.

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Die Roßtrappe
Die Roßtrappe nennt man einen Felsen mit einer ovalen Vertiefung, die einige Ähnlichkeit mit dem Abdruck eines riesenhaften Pferdehufs hat. Dieser Fels liegt in dem hohen Vorgebirge des Harzes, hinter Thale, und viele Reisende pflegen ihn -- besonders der schönen romantischen Aussicht wegen -- zu besteigen. Über das Entstehen jener Vertiefung erzählt die Volkssage : Vor tausend und mehr Jahren, lange bevor auf den umliegenden Bergen Raubritter die Hoymburg, die Lauenburg, die Stecklenburg und die Winzenburg erbauten, war das ganze Land rings um den Harz von Riesen bewohnt. Diese kannten keine Freude als Raub, Mord und Gewalttat. Fehlte es ihnen an Waffen, so rissen sie die nächste sechzigjährige Eiche aus und fochten damit. Was sich ihnen entgegenstellte, schlugen sie mit ihren Keulen nieder. lin Böhmerwald hauste zu der Zeit ein Riese, Bodo genannt, ungeheuer groß und stark, des ganzen Landes Schrecken. Vor ihm beugten sich alle Riesen in Böhmen und Franken. Aber die Königstochter vom Gebirge der Riesen, Emma, vermochte er nicht zu seiner Liebe zu zwingen. Hier half nicht Stärke, nicht List. Einst sah Bodo die Jungfrau jagend und sattelte sogleich seinen Zelter, der meilenweite Fluren in Minuten übersprang. Er schwur bei allen Geistern der Hölle, diesmal Emma zu fangen oder zu sterben. Schneller als ein Habicht fliegt, sprengte er heran. Und fast hätte er sie erreicht, bevor sie es merkte. Doch als sie ihn, zwei Meilen von sich entfernt, erblickte und ihn an den Torflügeln eines zerstörten StädtIeins, die ihm als Schild dienten, erkannte, da wendete sie schnell ihr Roß. Es flog, von ihren Sporen getrieben, vonBerg zuBerg, von Klippe zu Klippe, durch Täler und Moräste und Wälder, daß, von dem Hufschlag getroffen, die -255-

Buchen und Eichen wie Stoppeln umherstoben. So flog sie durch das Thüringer Land und kam in das Gebirge des Harzes. Oft hörte sie einige Meilen hinter sich das Schnauben von Bodes Roß und trieb dann den nimmermüden Zelter zu neuen Sprüngen an. Jetzt stand ihr Roß, sich verschnaufend, auf dem furchtbaren Fels, der heute Hexentanzplatz heißt. Angstvoll blickte Emma, zitternd blickte ihr Roß in die Tiefe hinab. Denn mehr als tausend Fuß fiel senkrecht, wie ein Turm, die Felsmauer zum grausenden Abgrund ab. Tief unter sich hörte sie das dumpfe Rauschen des Stroms, der sich hier in einem furchtbaren Wirbel dreht. Der entgegenstehende Fels auf der anderen Seite des Abgrundes schien ihr noch weiter entfernt als der Strudel und kaum für einen Vorderfuß ihres Rosses Raum zu haben. Da stand sie zweifelnd. Hinter sich wußte sie den Feind, den sie ärger haßte als den Tod. Vor sich sah sie den Abgrund, der seinen Rachen weit vor ihr auftat. -- Jetzt hörte Emma von neuem das Schnauben von Bodos keuchendem Roß. In der Angst ihres Herzens rief sie die Geister ihrer Väter um Hilfe, und, ohne sich länger zu besinnen, drückte sie ihrem Zelter die langen Sporen in die Seiten! Und das Roß sprang! Sprang über den tausend Fuß tiefen Abgrund hinweg, erreichte glücklich die spitze Klippe und schlug seinen Huf vier Fuß tief in das harte Gestein, daß die stiebenden Funken wie Blitze das ganze Land umher erhellten. - Das ist jener Roßtrapp! Die Länge der Zeit hat die Vertiefung kleiner gemacht, aber kein Regen kann sie ganz verwaschen. Gerettet war Emma! Doch die schwere goldene Krone, der Königstochter fiel, während das Pferd sprang, von ihrem Kopf in die Tiefe hinab. Bodo, der nur Emma, und nicht den Abgrund sah, sprang der Fliehenden auf seinem Streitroß nach und stürzte in den Strudel des Stroms, dem er den Namen Bode gab. Hier soll er, in einen schwarzen Hund verwandelt, die goldene Krone der Prinzessin bewachen, damit kein Beutegieriger sie aus dem -256-

wirbelnden Schlund heraufhole. Otmar

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Die fleiße Liese in Claustal
Vor langer Zeit lebten in Claustal zwei arme Mädchen. Sie hatten weder Vater noch Mutter noch hilfreiche Verwandte und mußten sich früh schon durch ihrer Hände Arbeit kümmerlich fortbringen. Weil aber damals Frauenarbeit an Haushalt und Spinnrad gebunden war, suchten sie mit Spinnen ihr tägliches Brot zu verdienen. Diese Geschwister glichen einander wie Strohhalm und Ähre, die ja auch aus der gleichen Wurzel stammen. und doch ganz verschieden geartet sind. Die eine der Schwestern war hochfahrend und dumm, die andere voll Versonnenheit und Versponnenheit; war jene schwatzhaft und faul, so verrichtete dagegen diese emsig und still ihre Arbeit. Wenn die Fleißige um elf Uhr nachts ihr Spinnrad in die Ofenecke rückte, so hatte die Faule schon ein paar Stunden gefeiert oder geschlafen. So kam Ostern ins Land. Am Vorabend dieses Festes saß die fleißige Liese wie immer am Rad und spann ihren Rocken auf; der glatte Faden rann ihr fließend aus den Fingern. Die Faule dagegen hielt es bei der Arbeit nicht aus; sie lief den Burschen nach und sprang mit ihnen um die Osterfeuer. Der Türmer sang eben die elfte Stunde über die schweigsamen Dächer, da klinkte die Haustür, und herein trat eine schöne Frau, ganz weiß gekle idet. Sie trug lange goldene Haare und hielt einen vollen Rockenstock in der Hand, den man in dieser Gegend auch "Diesse" zu nennen pflegte. Er war so weiß wie Silber und glänzte wie Seide. Die schöne Frau grüßte mit ernstem Nicken, trat näher, prüfte das Garn des Mädchens, das soeben den letzten Flachs als Faden auf ihre Rolle auflaufen ließ, und sagte lobend :

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"Fleißige Liese, Leer ist die Diesse, Fein fühlt sich der Faden, Bist wohl geraten" Dann rührte sie mit der Silberdiesse an das Spinnrad des Mädchens, lächelte ihm zu und verließ die Kammer. Es war die Frau Holle. Die Liese legte sich bald danach zu Bett. Aber einschlafen konnte sie erst, als die Schwester endlich von ihrem nächtlichen Ausgang zurückkam. Lachend warf sich die schöne Törin auf ihr Lager und prahlte wunders, was die Liese an diesem Abend versäumt und verloren habe. Als nun die Ostermorgensonne durchs Fenster schien, da erwachte die Liese zuerst. Sie rieb sich verwundert die Augen, denn vom Morgenstrahl funkelte ihr Spinnrad wie Gold und blitzte, daß die ganze Kammer hell wurde. Schnell sprang sie aus dem Bett und prüfte mit ihrem Finger den goldenen Glanz, hob auch das Rad vom Boden. Aber es wog schwer und war von der Diesse bis hinunter zum Tretbrett aus gediegenem Gold. Und der Faden, den sie am Osterabend gesponnen hatte, erglänzte wie Seide. Sie haspelte ein Gebind nach dem andern, es hing je zehn und zehn nebeneinander. Aber die Rolle blieb voll, und das Garn wollte kein Ende nehmen. So hatte sie denn eine doppelte Quelle des Wohlstandes als Lohn für die treue, gediegene Arbeit. Nun zerrte auch die Faule begierig ihr verstaubtes Spinnrad hervor. Aber wo sonst der ungesponnene Flachs auf der Diesse saß, raschelte nun graues Stroh. Und als sie in böser Ahnung schnell nach ihrem Leinenschatz in der Truhe kramte, fand sie statt der schönen, gewebten Ballen nur Häcksel und Stroh. Darum sagt man noch heute im Harzland: Am Ostersonnabend muß die Diesse leer sein, sonst kommt Frau Holle und bringt Häckerling. -259-

Die weiße Jungfrau in der Burg

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Osterode
Am Ostersonnabend trug ein armer Leinweber ein Stück Leinen nach Claustal, um es zu verkaufen. Da er sich dabei verspätet hatte, blieb er dort über Nacht. Am andern Morgen in aller Frühe machte er sich auf den Heimweg. Als die Sonne aufging, war er schon über die Vorstadt von Osterode, die Freiheit genannt, hinaus und näherte sich der Söse. Da erblickte er eine weißgekleidete Jungfrau mit einem Bund Schlüssel am Gürtel. Sie wusch sich im Fluß. Weil sie seinen Gruß so freundlich erwiderte, faßte der Weber Mut und fragte: "Ei, seid Ihr schon so früh aufgestanden und wäscht Euch am Flusse?" "Ja, das tue ich an jedem Ostermorgen," antwortete sie. "Da bleibe ich jung und schön. " Der Leinweber sah, daß sie eine schöne Lilie an der Brust trug. Er wunderte sich sehr darüber, weil doch zur Osterzeit noch keine Lilien blühen. "Ihr habt wohl einen schönen, warmen Garten, daß es bei Euch schon Lilien gibt," forschte er weiter. "Komm nur mit," entgegnete die Jungfrau, "ich zeige ihn dir." Sie führte den Leinweber zu den Trümmern der Burg Osterode. Diese nahmen sich an jenem Morgen gar seltsam aus. Eine eiserne Tür war sichtbar, die der Weber noch nie bemerkt hatte, so oft er auch vorbeigekommen war. Davor blühten drei Lilien. Die Jungfrau pflückte eine und schenkte sie dem Weber. "Nimm sie mit nach Hause und verwahre sie gut," sagte, sie. Der Weber steckte sich die Blume an den Hut. Als er aber wieder aufschaute, waren Jungfrau und Tür verschwunden; die alte Burgruine sah wieder aus wie sonst. Da machte sich der Mann eilends davon. -261-

Als er daheim die Iilie seiner Frau zeigte, meinte diese : "Das ist keine gewöhnliche Lilie, es ist eine goldene Blüte. Du hast die Osterjungfer gesehen. " Ja, da brauchte sich der Mann nicht mehr zu wundern, daß ihm unterwegs der Hut so schwer geworden war. Nach der Kirche trug er die Blume gleich zum Goldschmied. Dieser machte große Augen, als der arme Mann das glänzende Ding auspackte. Er sagte: "Du, die Blume ist aus dem feinsten Gold und Silber, das es gibt. Die ganze Stadt Osterode hat nicht Geld genug, sie dir zu bezahlen. " Die Geschichte von der wundersamen Blume wurde bald im ganzen Orte bekannt, und auch dem Rat kam sie zu Ohren. Dieser ließ den Leinweber vorladen, und er mußte erzählen, wie sich alles zugetragen hatte. "Du mußt deine Blume dem Herzog verkaufen," meinten die Ratsherren. Sie fertigten ihm ein Schreiben aus, worin der ganze Hergang der Begebenheit ausführlich und säuberlich aufgezeichnet war. Nun reiste der Leinweber ins Hoflager. Der Herzog fand den größten Gefallen an der Blume. "Bezahlen kann ich dir die Lilie freilich auch nicht," sprach er zum Leinweber, "aber ich will dir und den Deinen einen jährlichen Betrag aussetzen, daß ihr für euer ganzes Leben versorgt seid." Die Blume wurde von der Herzogin nur an hohen Festtagen getragen. Der Herzog aber nahm zur Erinnerung drei Lilien in sein Wappen auf; sie sind heute noch darin zu sehen.

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Frau Holle als Ehestifterin in Andreasberg
Drei Andreasberger Mädchen, die alle schon einen Bräutigam hatten, gingen eines Sonntagsnachmittags in den Wald nach dem Ort, der heute noch "Die drei Jungfern" heißt. Dort setzten sie sich ins Moos unter jungen Tannen und schwatzten von ihrem Schatz und von der Hochzeit. Als nun eine von ihnen zufällig aufschaute, verstummte sie plötzlich. Die andern blickten auch hin und bemerkten schaudernd, wie über die Tannen hinweg das greuliche Gesicht einer Frau zum Vorschein kam; die Haare hingen ihr lang über die Schultern und den Nacken hinab; halb gutmütig, halb zornig glotzte sie bald das eine, bald das andere Mädchen an. Auf einmal begann die Erscheinung zu reden, daß es den Mädchen kalt über den Rücken lief. "Welche von euch dreien," sagte sie, "heute nacht zwischen elf und zwölf Uhr nach dem Hahnenklee kommt und ihn scheuert, die soll bald ihren Bräutigam heiraten." Nach diesen Worten löste sich das Gesicht in Dunst und Nebel auf. Als die Mädchen sich von ihrem Schrecken erholt hatten, wanderten sie nach Hause und verabredeten unterwegs, sie wollten sich alle drei um halb elf Uhr oberhalb Andreasberg treffen und tun, was Frau Holle gesagt hatte; denn sie hatten den sehnlichen Wunsch, möglichst bald zu heiraten. Sie machten sich denn auch zur vereinbarten Stunde mitsammen auf den Weg. Die Nacht war dunkel und unheimlich, es schienen weder Mond noch Sterne, die Eulen schrien so schaurig, in der Ferne donnerte es, man sah aber keinen Blitz. Stumm schritten die drei Mädchen dahin; ihr Ziel war der Hahnenklee. Als die nächtlichen Wanderer die Stelle erreichten, die man das "Gesehr" nennt, seufzte das eine Mädchen: "Nein, ich gehe nicht weiter!" kehrte um und trat eilends den Heimweg an. Nicht lange danach machte es die zweite ebenso. Die dritte aber -263-

dachte: "Und wenn es mir das Leben kostet, ich gehe und tue, was mir befohlen ist!" Sobald sie auf dem Hahnenklee angekommen war, machte sie sich gleich an die Arbeit. Da stand auf einmal wieder Frau Holle neben ihr und meinte freundlich lächelnd: "Du hast Wort gehalten, ich halte auch Wort. Bald wird dich dein Bräutigam zum Altar führen; die beiden andern kriegen nie einen Mann." Mit dem letzten Wort war sie auch schon wieder weg. Als das Mädchen nach Hause ging, kam der Mond aus den Wolken heraus und schien ihr hell auf den Heimweg. Das Mädchen, das auf dem Gesehr umgekehrt war, besaß einen Bergmann zum Bräutigam. Am folgenden Tag brachte man ihn zerschmettert nach Hause; er war im Schacht verunglückt. Das Mädchen aber starb drei Tage danach vor Gram und wurde an der Seite ihres Liebsten begraben. Der Bräutigam des zweiten Mädchens hatte in den Krieg ziehen müssen; er fiel wenige Wochen später, und auch sie hat tatsächlich nie geheiratet. Das dritte Mädchen aber, das den Hahnenklee gescheuert hatte, feierte bald Hochzeit. Als die Vermählten dann an der Festtafel beisammensaßen, erschien Frau Holle zum drittenmal; sie guckte über den Ofen herüber und reichte dem Gast, der zunächst saß, eine silberne Wiege für das Brautpaar. Und wie man das Geschenk genauer besah, war es. ganz voll blanker Andreasberger Silbergroschen. Seitdem heißt es in Andreasberg, wenn ein Mädchen keinen Mann bekommt: Es muß den Hahnenklee scheuern. Und wo man in den Häusern noch die alten Öfen hat, die zwei Stuben nebeneinander heizen, daß man darüber hinwegsehen kann, sagt man, wenn jemand überhebliche Worte spricht: "Schprich sachte, de Frau Holle horcht!"

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Sagen der Hansestädte

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Dat lütte Rümeken
»Dat lütte Rümeken« zu Hamburg ist das Heiligengeistfeld in St. Paull bis zur Grenze von Altona. Von ihm erzählt man sich folgende Geschichte: Jedesmal, wenn der lebenslustige Graf Otto von Schauenburg, der zu Pinneberg residierte, auf seiner Vogtei Ottensen Recht gesprochen hatte, stärkte er sich im Hamburger Ratskeller. Einmal dehnte sich die Zecherei so lange aus, daß er die Stunde, da alle Stadttore fest verschlossen werden, verpaßte. Die Ratsherren aber wußten ihrem Ehrengast das Unglück so vergnüglich vorzustellen, daß er sich nicht weiter darum sorgte und der Einladung des Bürgermeisters, bis zum Morgen in seinem Haus Herberge zu nehmen, gern nachkam. Als nun der Graf dort angelangt, siehe da steht eine prächtige Tafel mit Speisen und herrlichsten Weinen zum Abendimbiß bereit, und die Frau Bürgermeisterin kredenzt dem hohen Gast den Goldpokal. Sie ließ es sich angelegen sein, den Grafen in fröhlicher Rede so zu vergnügen, daß er von all den guten Dingen sehr lustig wurde. Und als nun der reichliche Wein auch sein Bestes tat, da ist die schöne Bürgermeisterin mit lieblichen Worten den Grafen angegangen, daß er ihr doch das kleine Räumchen schenken möge, »dat lütte Rümeken« zwischen dem Millern- Tor und dem Bach, der zur Elbe läuft, weil die Hamburger Frauen gern im Stadtgebiet ihr Linnen bleichen wollten. Und da sie so artig bat und der Graf ein ritterlicher Herr war, der einer bittenden Frau, zumal wenn sie schön war, nichts abschlagen konnte, er auch nicht gewahr wurde, daß das gewünschte kleine Räumchen eigentlich ziemlich groß sei - so beschied er das Ansuchen günstig. Und da zufällig ein Notar anwesend war und gleich eine Abtretungsurkunde darüber abfassen konnte, unterschrieb der Graf Otto flugs und fröhlich den Brief und setzte sein Siegel dazu, worauf der Wein nach -266-

getanen Staatsgeschäften noch besser mundete, bis der Graf vom Bürgermeister und Notar, nicht ohne deren tätige Beihilfe, zu Bett geleitet wurde. Andern Morgens, als er heimkehrend über das abgetretene »lütte Rümeken« ritt, verwunderte er sich sehr über dessen Umfang, aber er war ein edelmütiger Herr, der fröhliche Schwänke wohl leiden konnte, darum lachte er über die List seiner Gastfreunde, die er nun wohl verstand, und ließ die Sache gut sein. Und wenn er später, wie noch oft geschah, nach Hamburg zu Weine und Biere ritt, so nahm er sich besser in acht und verpaßte niemals wieder die Stunde des Torschlusses. Und hat der schönen Bürgermeisterin lächelnd gesagt: um das ganze Hamburger Linnenzeug zu bleichen, möchte sie wohl seine ganze Herrschaft Pinneberg für ein - lüttes Rümeken ansehen und ihm fördersamst abschwätzen.

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Der Graf, der nicht verwesen durfte
Einst lebte in Lübeck ein reicher und mächtiger Graf, der sich aber durch sein schlechtes Betragen den Fluch seiner sterbenden Eltern zugezogen hatte. Aber das wußten nur die wenigsten, und er selbst suchte sein Gewissen in rauschenden Festen zu betäuben. Allein kaum ein Jahr nach dem Tode seiner Eltern starb auch er und wurde in der Katharinenkirche beigesetzt. Fünfzig Jahre später öffnete man zufällig seinen Sarg und fand seinen Leichnam unverwest. Das Gerücht von dieser seltsamen Begebenheit drang weit in die Ferne, und kein Fremder verließ Lübeck, bevor er nicht den unverwesten Grafe n gesehen hatte. Nun saßen einmal in einem Wirtshaus bei der Katharinenkirche lustige Zechbrüder beisammen und prahlten mit ihrem Mut und ihrer Unerschrockenheit. In das Gespräch mischte sich auch die Schenkmamsell, und indem sie alle zu übertrumpfen suchte, vermaß sie sich, den Körper des Grafen aus der Kirche zu holen. Die Wette wurde gemacht, das Mädchen verschaffte sich den Eingang zur Totenkapelle und kam bald mit ihrer unheimlichen Last zurück. »Da habt ihr den Grafen«, rief sie lachend, »zurückbringen könnt ihr ihn selbst! Die Wette habe ich gewonnen!« Die Gesellen aber zitterten wie Espenlaub, und keiner wollte sich der unangenehmen Aufgabe unterziehen. Da baten sie das Mädchen, ihnen das Geschäft abzunehmen, und gegen ein gutes Stück Geld zeigte sie sich auch willig und trug den Grafen zurück. Aber kaum hatte sie ihn in seinen Sarg gebettet, als der Tote sich aufrichtete und sie anredete: »Jetzt habe ich dir einen Gefallen getan, nun tue du mir wieder einen als Gegendienst! « Zu Tode erschrocken, nickte die Dirne. »Geh hinter den Altar«, fuhr der Tote fort, »und bitte meine Eltern um Vergebung!« Das Mädchen tat's zitternd, aber eine Stimme antwortete ihr: »Nie und nimmermehr!« Auf den Wunsch des -268-

Grafen bat sie dann noch einmal, und wieder wurde sie abschlägig beschieden. Erst, als sie zum dritten Male bat, rief die Stimme so laut, daß das Gewölbe widerhallte: »Nun, so sei er verweset!« Das Mädchen eilte so schnell wie möglich aus der Kirche, aber als man am nächsten Morgen nach dem Grafen sah, war er in Staub zerfallen.

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Der Lübecker Freiheitsbaum
Einmal lagen die Lübecker mit den Dänen in harter Fehde. Krieg ist nicht jedermanns Sache, und so waren in der Stadt, besonders unter den Schonenfahrern, viele Bürger, die geneigt waren, sich dem Dänenkönig zu eigen zu geben. Nun gab es aber eine Prophezeiung in der Stadt: solange der große Rosenbusch an der Marienkirche grüne und blühe, solange werde Lübeck frei bleiben, und darum willigte der Rat auch nicht in einen voreiligen Friedensschluß, sondern es wurde wacker weitergefochten. Aber eines Morgens war der Rosenbaum welk und abgestorben, der doch am Abend zuvor noch so herrlich geblüht hatte, und als man zusah, hatte eine Maus ihr Nest an seine Wurzeln gelegt, und ihre Jungen hatten die Wurzeln durchgenagt und den Baum zuschanden gemacht. Bald darauf mußte sich Lübeck den Dänen ergeben. Als die Stadt aber wieder kaiserfrei wurde, ließ der Rat den Rosenbaum samt der Maus in der Marienkirche hinter dem Chor in Stein hauen, zum Wahrzeichen, daß oft aus kleinen Ursachen über Nacht ein großes Unglück entsteht.

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Der Meerweizen
Wenn die Bremer Schiffer nach Amsterdam fahren, kommen sie an einer Stelle vorbei, - es soll bei Harlingen sein - wo Weizen im Meer wächst; die Ähren kommen ganz goldgelb aus dem Wasser hervor, aber es sind keine Körner drin. War nämlich mal in dieser Gegend eine reiche Frau, die war so reich, daß sie gar nicht dachte, sie könne je arm werden. Da kam nun einmal einer ihrer Schiffer aus der Ostsee, der hatte Weizen geladen und sie fragte ihn, auf welcher Seite er ihn eingeladen habe, und als er ihr antwortete: »Auf dem Backbord«, sagte sie, so solle er ihn auf dem Steuerbord wieder ausschütten. Da warnte er sie denn, sie solle sich nicht versündigen, es könne ihr noch schlecht ergehen, sie aber zo g einen Ring vom Finger und sagte, indem sie ihn ins Meer warf: »So wenig, als ich diesen Ring wiederbekommen kann, so wenig kann ich auch je arm werden!« und ließ den Weizen ins Meer schütten. Andern Tages schickt sie ihre Magd auf den Markt, einen Schellfisch zu kaufen, und als diese ihn zu Hause aufschneidet, so liegt der Ring drin; und da hat's denn nicht lange gewährt, so ist die Frau ganz arm geworden, so arm, daß sie zuletzt nicht mehr soviel hatte um ihre Scham zu bedecken. An der Stelle aber wo sie den Weizen ins Meer schütten lassen, wächst er noch fort bis auf den heutigen Tag.

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Der Meerweizen
Wenn die Bremer Schiffer nach Amsterdam fahren, kommen sie an einer Stelle vorbei -- es soll bei Harlingen sein --, wo Weizen im Meer wächst. Die Ähren kommen ganz goldgelb aus dem Wasser hervor; aber es sind keine Körner drin. Es war nämlich einmal in dieser Gegend eine reiche Frau, die war so reich, daß sie gar nicht dachte, sie könne je arm werden. Eines Tages kam nun einer ihrer Schiffer von der Ostsee. Dieser hatte Weizen geladen, und die Frau fragte ihn, auf welcher Seite er ihn eingeladen habe. Als er ihr antwortete: "Auf dem Backbord", sagte sie, so solle er ihn auf dem Steuerbord wieder ausschütten. Da warnte er sie, sie solle sich nicht versündigen, es könne ihr noch schlecht ergehen. Sie aber zog einen Ring vom Finger und sagte, indem sie ihn ins Meer warf: "So wenig ich diesen Ring wiederbekommen kann, so wenig kann ich auch je arm werden!" Dann ließ sie den Weizen ins Meer schütten. Anderntags schickte sie ihre Magd auf den Markt, einen Schellfisch zu kaufen, und als diese ihn zu Hause aufschnitt, lag der Ring drin. Da währte es denn nicht lange, und die Frau wurde ganz arm, so arm, daß sie zuletzt nicht mehr so viel hatte, um sich zu kleiden. An der Stelle aber, wo sie den Weizen hatte ins Meer schütten lassen, wächst er noch fort bis auf den heutigen Tag.

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Der Nachtwächter und die Gans
Einem Nachtwächter begegnete auf einem Kreuzweg eine Gans, so groß und schwer, wie er sie noch in seinem Leben nicht gesehen hatte. Das wird einen herrlichen Sonntagsbraten geben, dachte er, und da sich das Tier nicht greifen lassen wollte, so holte er aus mit seinem Stock und schlug ihr ein Bein ab. Jetzt nahm er seine Beute unter den Arm und brachte sie nach Hause zu seiner Frau. Die war sehr erfreut über den unverhofften Fang und setzte die verwundete Gans, die auch vor Kälte zitterte und halb erfroren schien, einstweilen hinter den Ofen, der noch etwas warm war, auf einen Stuhl, damit sie sich im Lauf der Nacht etwas erholen sollte. Als der Wächter aber mit seiner Frau am folgenden Morgen in die Stube trat, erschraken sie sehr, als sie hinterm Ofen eine wohlbekannte vornehme Dame fanden, welche jammerte und wehklagte, daß sie vergangene Nacht ein Bein gebrochen. Da ging der Nachtwächter in sich und schaffte die Verwundete ohne Aufsehn nach ihrer Wohnung, und er hat nie nachher bereut, daß er den ganzen Vorfall verschwiegen und keiner Seele erzählt hat, denn die Dame wollte um alles in der Welt nicht bekannt sein.

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Der Schatz
In der Glockengießerstraße, hinuntergehend linker Hand, einige Häuser abwärts vom Glandorpen Hof, hatte vor hundert und etlichen Jahren ein alter Geizhals gewohnt, der so viel Geld zusammengescharrt, daß er damit nicht zu bleiben gewußt; dennoch hatte er keinem auch nur einen Pfennig gegönnt. Wenn er nun seine Kisten soll angesehn, schnitt es ihm durchs Herz, daß seine Erben, arme aber fröhliche Leute, nach seinem Tod alles an sich nehmen sollten, und so hat er ein gutes Teil im Hofe vergraben; aber da er plötzlich krank geworden, hat er sehr getobt und sich gewünscht: der Teufel solle sein Erbe sein. Als er nun bald danach gestorben, hat man fleißig gesucht und alles umgekehrt, jedoch kein Geld gefunden: dergestalt daß leicht zu erkennen war, der Teufel sei des reichen Mannes Erbe geworden. Dennoch hat der den Kasten aus dem Hofe nicht wegnehmen können, weil ein Stein darauf gelegen, der mit einem Kreuz bezeichnet war. Nun wohnte in diesem Jahr im gleichen Hause ein Brauer, der sich mit Mühe ernähren konnte, nebst seinem Weib und seinem Sohn, welcher beständig krank darnieder lag. So kömmt eines Tages ein fremder Mann und spricht zu ihm: daß auf dem Hofe ein großer Kasten mit Geld stehe, den er heben könnte, wenn er nur gewillt sei; wodurch er von aller seiner Not befreit wäre. Darüber ist der Brauer sehr froh und geht mit dem Fremden heimlich in den Hof; der zeigt ihm den Ort, und wie er den Stein wegnehmen müsse, um an den Schatz zu kommen. Das tut er auch; wie er aber mit dem Stein aus der Grube steigt, kömmt seine Frau gelaufen und schreit: »Ach, lieber Mann, was ist doch unserm Sohn widerfahren, daß er im Bett liegt und den Kopf in den Nacken verdreht!« Der Mann läßt den Stein sofort auf den Boden fallen und läuft der Frau entgegen; sogleich aber

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hat der Fremde den Kasten genommen und ist nach dem Stall zu gegangen und verschwunden. Darüber sind die guten Leute heftig erschrocken: wie sie aber in die Stube kommen, wo der Sohn gelegen, ist er im Begriff aufzustehn, und von Stund an gesund, wie andere, und auch ein feiner Mann geworden, der sein Leben lang seine Eltern ernährte. Etliche aber sagen, der Teufel habe nicht alles fortgebracht, und es liege dort noch ein Schatz, dem er nicht allein beikommen könne.

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Der Teufel als Schatzhüter
In Niedervielande bei Bremen wohnte ein Bauer, der sehr reich war. Der Überfluß machte ihm aber große Sorgen, denn ringsum war Krieg, und jeden Tag konnten räuberische Horden auch auf seinen Hof kommen. Da dachte er mit allem Fleiß daran, sein Gut vor den Räubern zu schützen und beschloß, es dem Schoß der Erde anzuvertrauen. Er hatte aber einen jungen Knecht, den er aus Mitleid in seine Dienste genommen, da er arm und elternlos war. Als nun an einem Sonntag der Bauer alle seine Leute in die Kirche geschickt hatte, um unbeobachtet seine Absicht ausführen zu können, versteckte sich der Knecht in der Scheune, weil er sich schämte, in seinen schlechten Kleidern in den Gottesdienst zu gehen. Gerade die Scheune hatte der Bauer zum Versteck seiner Habe ausersehen, und so konnte der Knecht, der im Heu ganz verborgen war, gut beobachten, wie sein Herr zuerst ein großes Loch grub, immer tiefer und tiefer, bis es mannstief war, wie er dann in einem großen kupfernen Kessel Gold und Silber, Münzen und Gefäße in gewaltigen Mengen hinabsenkte, wieder zuschaufelte und den Boden einebnete und dann den Teufel zu des Ortes Hüter bestellte, dergestalt, daß in sieben Jahren niemand den Schatz heben dürfe, und wer dann käme ihn zu holen, dürfe kein anderer sein als seiner Tochter Bräutigam: der solle nicht graben mit Spaten oder Schaufel, sondern müsse den Kessel mit silbernem Fuhrwerk, vor das lebendige, beflügelte Feuer gespannt sei, zu Tage fördern. Jedem Unbefugten, der sich daran wagte, möge der Böse den Hals brechen. Als der Bauer seinen Spruc h getan, schwirrte eine große Fledermaus durch die Scheune, umkreiste dreimal in schnellem Fluge den Mann und den Schatz und verschwand im Augenblick. Der Bauer nickte befriedigt und ging seiner Wege.

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Der Bursche konnte dieses Erlebnis nicht vergessen; wo er ging und stand, lag ihm der Schatz im Sinn und wie er seiner habhaft werden könne. Er nahm seinen Abschied von dem Bauern, ging zur See und wurde ein schmucker und starker Mann, aber als die sieben Jahre zu Ende gingen, hielt es ihn nicht länger auf dem Schiff, und er machte sich auf und wanderte seinem Heimatdorf zu. Dort kannte ihn längst keiner mehr, aber er erfuhr bald im Wirtshaus, daß sein Bauer vor kurzer Zeit gestorben sei; nun lebe die Familie in großer Not, denn mit dem Reichtum des Alten scheine es nicht weit her gewesen zu sein - in seinem Nachlasse habe sich weder Gold noch Silber gefunden. Der Bursche ging bald auf den Hof, fand alles, wie man es ihm geschildert hatte und wurde, da die verwaiste Tochter sich seiner noch gern erinnerte, dort ein häufiger Gast, bis er den Mut fand, um das schmucke Mädchen zu freien, das ihn nicht abwies. Nun hätte er in aller Ruhe mit seinem zur See erworbenen Gute seinen Haushalt als ein vermögender Mann beginnen können, aber der Schatz lag ihm im Sinn, und er trachtete danach, wie er ihn heben könne. Da träumte er einmal, die Scheune stehe in Flammen, und als er genauer hinsah, war es ein roter Hahn, der auf dem Strohdach stand und mit den Flügeln schlug. Der flog einen Augenblick hernach von seinem hohen Standpunkt herab, setzte sich auf eine umgestürzte Pflugschar auf dem Hofe, pickte mit dem Schnabel und scharrte mit den Füßen daran und gebärdete sich ganz, als wolle er den Pflug in die Höhe richten und mit sich führen. Lange Zeit verstand der Bursche diesen Traum nicht, aber plötzlich kam ihm ein guter Gedanke. Er fuhr ungesäumt zu einem Goldschmied in die Stadt und bestellte einen silbernen Pflug, den er sofort mit blanken Talern bezahlte; nach acht Tagen schon konnte er ihn holen, und nun machte er sich sofort ans Werk. In der nächsten Nacht, sobald die Glocke zwölf

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geschlagen, machte er sich auf, unter dem rechten Arm den Silberpflug, unter dem linken einen prächtigen roten Hahn. Vor der Scheune spannte er den Hahn vor den silbernen Pflug, öffnete das Tor und fuhr nach der Stelle, wo der Schatz verborgen lag, und obgleich kein Mondschein in die Scheune fiel, war es doch kerzenhell darin, denn der Pflug leuchtete hell, und der Hahn glänzte wie Feuer und Flammen. Schweigend ging er daran, im Kreise zu ackern und die Erdschollen zur Seite zu pflügen, und obwohl ein Gebrause und schreckliches Stimmengewirr anhob, vollbrachte er in tiefster Ruhe sein Geschäft, bis er an den Deckel stieß und den Schatz in all seiner Herrlichkeit gehoben hatte. Dann nahm er alles, packte es in Körbe und lief damit in den Hof, es zu bergen. Da machten die Leute freilich große Augen und freuten sich des wiedererrungenen Gutes, und im Herbst gab es eine lustige Hochzeit. Der Silberpflug blieb dann lange Zeit ein Wahrzeichen der Familie, bis er im Schwedenkrieg verlorenging.

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Des Teufels Kapelle
Bald nach der Grundsteinlegung der Lübecker Marienkirche versammelte der Baumeister alle seine Gesellen um sich, ermahnte sie zum Eifer und zur Nüchternheit, und bat sie stets eingedenk zu sein des heiligen Werkes, das sie zur Ehre Gottes errichteten, und darum auch das Singen unheiliger Lieder zu vermeiden. Sie gelobten es, und als das fromme Werk nun begonnen war, geschah es, daß der Teufel an den Neubau kam und sich in der Meinung, hier werde ein Weinhaus gegründet, nach dem Zwecke des Baues erkundigte. Da mußte er erfahren, daß hier eine Kirche erstehen sollte, und gerade wollte er mit Fluchen anheben, als ihm der Meister ein Kreuz vorhielt, daß er davonfliegen mußte. Da eilte er erzürnt zum Brocken, suchte sich einen der größten Felsblöcke aus und wollte das Werk zertrümmern. Aber die Handwerker sahen ihn kommen, und ein junger Geselle rief: »Herr Düwel, witt he dat blieven la'n, diewell wir enen Utweg ha'n; Is wör beter, he vergleek sick mit uns in Göde, als dat he sick erst mit den Wurf bemöhte!" Der Teufel willigte unter der Bedingung ein, daß für ihn eine Kapelle, ein Weinhaus, eingerichtet werde. Den Stein warf er von sich; hart neben der Kirche schlug er ein tiefes Loch, das die Bauleute mit einem Gewölbe bedeckten und so den Ratsweinkeller gründeten. Der soll denn dem Teufel auch gute Dienste erwiesen haben, denn seine geschwärzten Räume waren weit mehr besucht als die helle, freundliche Kirche.

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Des Teufels Stiefel
Vor vielen Jahrhunderten kam aus dem Pommerland ein Schustergesell nach Hamburg, der hieß Hans Radegast. Weil gerade das Schusteramt viele Gesellen verloren hatte, die vom Morgensprach-Herrn wegen Aufsässigkeit zum Wandern verurteilt waren, fand Hans Radegast in der Herberge gleich Arbeit, ohne daß man ihn um Geburtsbrief und Wanderbuch befragte. Weil er nun ein geschickter anstelliger Gesell war, behielt ihn der Meister gern und dachte nur bei sich: der Hans Radegast sieht zwar aus wie ein Wende und ist aus Pommerellen eingewandert, wo auf einen Deutschen zehn Wenden kommen, aber da er seine Sache versteht und sich stille hält, so will ich fünf grade sein lassen; war meiner Großmutter zweiter Mann doch auch ein Wende, und wenn sie's im Amt gewußt hätten, wäre ich nimmer Meister und Bürger geworden. Hans Radegast aber wußte sehr wohl, daß er ein Wende war, und hätt's nicht verbergen können, weil er kein brieflich Zeugnis hatte, als echt, recht und Deutsch geboren, und man sah's seinem Gesicht auch gleich an, daß seine Mutter eine wendische Hexe konnte gewesen sein. So lange er unter den Pommerellen gewesen war, hatte ihn das nicht bekümmert. Als er aber nach Lübeck und von da nach Hamburg kam und unter den Deutschen lebte, da wurde er seines Unglücks bewußt, dieweil er so viel vernahm von der Wenden Bosheit und Grausamkeit, und wie sie vordem gegen das Christentum und in Hamburg mit Brennen, Morden, Rauben und Plündern gewütet und keinen Stein auf dem andern gelassen hatten, so daß ein ingrimmiger Haß entstanden war gegen alles wendische Wesen, der noch Jahrhunderte lang sich vererbte von Vater auf Sohn und Enkel - so daß in deutschen Städten ein Wende war wie ein Ausgestoßener und Verfehmter.

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Und als er beichten ging zum Pfaffen, konnte er's nicht lassen, denn sein Geheimnis drückte ihn, als wenn es Sünde und Blutschuld wäre, und er offenbarte ihm, wenn er's gewiß niemandem weiter sagen wolle, so müsse er's bekennen: er wäre wendischer Abkunft. Und der Pfaffe hat sich bekreuzigt und lange besonnen, dann hat er gesagt, ein Verbrechen wär's zwar eigentlich nicht, das Wendentum, aber schön wär's auch nicht, und wovon er ihn absolvieren sollte, das wüßte er nicht, er möchte nur hingehen und sehen, wie er sich fromm und ehrlich durch die Welt schlüge, und still sein Unglück tragen. Nun wäre das wohl so gegangen, aber Hans Radegast warf sein Auge auf eine feine Jungfer, die wollte er heiraten, und zuvor Meister und Bürger dieser Stadt werden. Das Geld dazu hatte er sich schon erspart. Altflicker oder Schuhknecht hätte er leichter werden können, aber dann hätte ihn die feine Jungfer nicht genommen, die trug einen hohen Sinn und wollte nur einen Meister haben, woran sie auch merken konnte, ob er ein Wende sei oder nicht. Als er sich aber bei dem Morgensprach-Herrn meldet und tut seinen Spruch und begehrt das Amt, da treten die Alterleute auf und fragen nach dem Geburtsbrief und sagen's ihm auf den Kopf zu, daß er ein Wende sei, der in kein zunftmäßig Amt kommen und das Bürgerrecht nimmer gewinnen könne. Und da half kein Bitten und Flehen, die Alterleute wollten's nicht, und die Amtsrolle und Artikel zeigten's, daß sie im Recht waren. Und Hans Radegast kam in Zorn deshalb und vermaß sich, er wäre kein Wende und der beste Schuster in Hamburg und verstünde mehr als alle Meister, darum müßte er ins Amt und Bürgerrecht; und vermaß sich so sehr, daß er als Meisterstück alles zu machen verhieß, was die Alterleute von ihm fordern würden. Darauf dann die Alterleute, um seiner zu spotten und sein zudringlich Begehren gänzlich abzuweisen, ihm gesagt: falls er über Nacht bis Sonnenaufgang ein makellos Paar Reiterstiefel ohne irgendeine Naht machen könne, so solle -281-

er ins Amt kommen und Meister werden, ihrethalben auch zum Bürgerrecht gelangen. Würd's aber hernach entdeckt, daß er doch ein Wende oder Slawe war, so würde es ihm gehen wie dem Hans Swinegel 1466, dem sein fälschlich erworbener Bürgerbrief wieder abgenommen worden war. Und als er nun gegen Mitternacht still und allein in der Kammer saß und bei seinem unmöglichen Unterfangen schier verzweifelte, da haben ihn Ehrsucht und Weltlust geblendet, daß er den Teufel rief, ihm beizustehen, und das Werk, dessen er allein nicht mächtig, zu vollbringen. Und der Teufel, der allemal erscheint, wenn ein junges Blut ihn nur an die Wand malt, kommt angeflogen mit Sausen und Brausen durchs Fenster herein, gehörnt, mit Pferdefüßen, ein scheußlich Ungetüm, davor ein anderer als Hans Radegast sich entsetzt hätte; aber das Wendenblut fürchtet solchen Satansspuk nicht und willigt ein, ihm seine unsterbliche Seele zu verschreiben und fortan den Namen Gottes nicht mehr zu nennen, da er ihm sonst sofort verfallen sein soll. Und als der Pakt geschlossen, setzt sich der Teufel flugs oben auf den Tisch und gebraucht Pfriemen und Pechdraht, als wäre er niemals was anderes als ein Schuster gewesen, und ehe der Hahn den Tag ankräht, ist das Stiefelpaar fertig, von braunem Leder, und nirgendwo ist eine Naht zu sehen, worauf der Teufel wieder mit Saus und Braus verschwindet. Und als andern Tags die Alterleute kamen und die Stiefel besahen und keine Naht daran fanden, entsetzten sie sich und mußten ihr Wort einlösen, und Hans Radegast als Meister anerkennen. Und obwohl er nun ins Amt gekommen ist, so hat's ihm doch nicht geholfen, denn als er vor dem Rat den Bürgereid leisten will, und vergißt seinen Pakt und spricht die Worte aus: »alse my Gott helpe und syn hilliges Wort«, da fällt plötzlich ein Donner und Wetter vom Himmel mit Dampf und Rauch, und Hans Radegast ist stracks nach Nennung des Namens Gottes zu Boden geschlagen und nimmer wieder aufgestanden. -282-

Und als die Herren des Rats sich von ihrer Bestürzung erholt und durch ihre Diener den toten Mann haben aufheben lassen, da hat er das Gesicht im Nacken gehabt und die Zunge schwarz zum Halse herausgereckt, so daß jeder mit Entsetzen gesehen, daß den wendischen Mann der Teufel geholt. Die ungenähten Stiefel wurden durch einen geschickten geistlichen Teufelsbanner exorzisiert und mit Weihrauch besprengt; sie haben lange Zeit hoch oben an einem Pfeiler im Dom gehangen. Als der Dom zerstört wurde, kamen sie ins Artilleriezeughaus im Bauhof, wo sie bis vor wenigen Jahrzehnten zu sehen waren.

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Die Elbgeister
Vor mehreren hundert Jahren war die Stadt Hamburg nicht wie jetzt gegen die andringenden Fluten geschützt, sondern von den Häusern bis zum Flußbett zog sich eine breite Niederung hin. Diese wurde häufig überschwemmt, namentlich im Frühjahr oder im Herbst, wenn heftige Regengüsse eintraten und Nordweststürme die Fluten aus der Nordsee in die Elbe trieben. Durch den mitgeführten Sand wurden die Niederungen nach und nach unfruchtbar. Von diesen Niederungen wird erzählt, daß sich die Elbgeister auf ihnen versammelten, um zu beraten, wie sie den Menschen Schaden zufügen könnten. Die Menschen waren den Elbgeistern verhaßt, weil sie durch die Schiffe in das Reich der Geister einzugreifen versuchten. Die Überschwemmungen währten fort. Wenn sie auch nicht viel Schaden anrichten konnten, da das Land unbebaut war, das von ihnen betroffen wurde, so ging diese Strecke den Menschen doch verloren. Da kam ein kluger Mann auf den Gedanken, den Elbgeistern diese Niederungen abzuringen. Er schlug vor, sie durch Erdwälle vor den Fluten zu schützen. Sein Vorschlag fand Beifall, und bald sah man viele Menschen beschäftigt, die schützenden Deiche aufzuwerfen. Die Elbgeister kamen jeden Abend und sahen sich das Beginnen der Menschen an. Sie konnten sich nicht erklären, wozu diese Arbeit dienen sollte, und spotteten darüber. Endlich waren die Deiche fertiggestellt, und getrost sahen die Bewohner einer Überschwemmung entgegen. Ein heftiger Weststurm trat ein und trieb die Wellen zu außerordentlicher Höhe. Aber der Deich setzte ihnen kräftigen Widerstand entgegen, und die Niederungen blieben verschont. Als die Elbgeister dies -284-

bemerkten, sahen sie sich überlistet. Sie versuchten mit heftigen Stürmen und Hochfluten das Werk der Menschen zu zerstören, aber ihr Mühen war vergeblich. Nur an einer schwachen, dem Ansturm besonders ausgesetzten Stelle gelang es. Am nächsten Morgen aber sprang der Wind nach Osten um, das Wasser lief ab, und die Bewohner konnten ihren Deich nicht nur ausbessern, sondern bedeutend verstärken. Von nun an begann ein fortgesetzter Kampf mit den Elbgeistern. Immer wieder versuchten diese, das Werk der Menschen zu zerstören. Verschiedene Male ist es ihnen gelungen, im Jahr 1825 und teilweise in den siebziger Jahren in Billwerder. Noch heute sollen sich die Elbgeister in Gestalt von Eulen auf dem Deich aufhalten, der heute Billwerder- Deich heißt, früher aber den Namen Eulendeich führte.

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Die Gluckhenne
Über dem zweiten Bogen des Rathauses der Stadt Bremen findet sich ein Steinbild: eine Gluckhenne mit ihren Küchlein, und es gilt dies als eins der Wahrzeichen unserer Stadt. Von seinem Zustandekommen aber wird gesagt, daß vor Zeiten ein Häuflein flüchtiger Menschen den Strom herabgekommen sei; sie hatten vor ihren mächtigen und beutegierigen Nachbarn weichen müssen und lagen nun mit ihren armen Kähnen im Fluß und suchten einen Ort, an dem sie ihre Hütten aufschlagen könnten. Aber es war schon Abend und spät geworden, ohne daß ein Zeichen geschah und ihnen wies, daß sie mit Glück bleiben könnten. Da, in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne, gewahrten sie eine Henne, die sich und ihren Küchlein einen Ruheplatz suchte für die Nacht; sie lief am Ende einen kleinen H ügel hinan und duckte sich mit ihren Kleinen in das hohe Heidekraut. Das nahmen die Flüchtlinge für ein gutes Zeichen und schlugen auf diesem Hügel ihre Hütten auf. So wurde der erste Grund zu der Stadt Bremen gelegt, und da die Ankömmlinge alles Fischer waren, drum ist das Fischeramt das älteste in der Stadt. Die Henne mit ihren Küchlein aber setzte man im Bilde an den zweiten Rathausbogen.

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Die Saake
Die Bremer Saake ist keineswegs, wie man nach dem Sprachgebrauch annehmen sollte, irgendein menschliches Wesen, das sich bösen Künsten und der Zauberei ergeben hat, sondern ein grauenhafter Spuk, ein mitternächtlicher Unhold. Es ist ein tückisches Scheusal, das träge in irgendeiner dunklen Ecke oder hinter dem Vorsprung eines Hauses hingestreckt liegt, bis jema nd arglos die Straße herunterkommt, dem es sich in Blitzesschnelle auf den Rücken schwingt, um sich von ihm tragen zu lassen, bis der Unglückliche zu ersticken droht oder bewußtlos niedersinkt. Es hat aber die Saake größere Gewalt über böse, frevelhafte Menschen als über den Gerechten. Weshalb es auch jedem frommen Mann, der in ruchloser Gesellschaft bei Bier und Wein sitzt bis in die späte Nacht, geraten sein mag sich nicht hinreißen zu lassen durch gottlose Reden der andern, sondern seine Zunge im Zaum zu halten. Denn man kann der Saake nicht ausweichen, weil sie unsichtbar ist, außer daß ihr Augenpaar in der Dunkelheit schimmert wie glühende Kohlen. Wer ihr aber einmal in die Feueraugen geschaut hat, dem ist es nicht mehr möglich zu entrinnen, seine Füße stehen festgewurzelt am Boden, und er kann sich nicht eher von der Stelle bewegen, als bis er fühlt, daß der Spuk sich um seine Schultern und Hüften gelegt hat, wie ein schwerer Kornsack. Dann mag er fortarbeiten mit seiner Last in Schweiß und Todesangst. Und so ist es vor diesem nichts Seltenes gewesen und hat manchen rechtschaffenen Bürger getroffen, daß er, vom Schütting, wo in frühern Zeiten eine Weinschenke war, vom Fulbras auf der Wachtstraße, oder aus dem Ratskeller kommend, wo er lustig und guter Dinge gewesen, und ohne die mindeste Ahnung des Unheils, das ihn erwartete, in aller Zucht und -287-

Ehrbarkeit ein Glas nach dem andern zu Leibe gesetzt hatte beim ersten Kreuzweg spürte, wie es ihn mit Zentnerschwere überkam und in die Beine schoß, daß er sich kaum noch aufrecht zu erhalten vermochte auf seinen Füßen. Und die Häuser und Straßen fingen an zu tanzen und zu springen und sausten zuletzt wie toll und töricht um ihn her im Kreise, so daß er die Richtung verlor, nicht wußte woher noch wohin, und aufs Geratewohl fortschob, bis ihm der Schweiß von Stirn und Wange lief. Dabei lagen ihm allerlei Steine im Wege, groß und klein, die er sah, und er mußte die Füße hoch in die Höhe heben, wenn er hinüberschreiten wollte. Und es kamen ihm wiederum alle Augenblicke Steine und Spitzen in die Quere, die er nicht sah, so daß er darüber stolpern mußte, bis er endlich erschöpft und von der schweren Last, die er zu tragen hatte, überwältigt zu Boden sank und die Besinnung verlor, bis etwa ein vorübergehender Nachtwächter oder ein anderer guter Mann ihn wieder emporrichtete. Da erinnerte er sich denn deutlich, daß er die Saake habe tragen müssen, und erkannte mit Erstaunen, daß er seit den fünf Stunden sich noch keine zwanzig Schritt vom Weinkeller entfernt habe. Mit solc hen Fährlichkeiten hatte der zu kämpfen, welcher mit der Saake zu tun hatte. Daher ist es leicht erklärlich, wie alle Welt eine solche Angst und Scheu vor dem Ungetüm hatte, daß es gemieden wurde wie die Pest und der Tod.

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Die sieben Faulen
Als Bremen noch nicht gebaut war, befanden sich in jener Gegend nur Kohlhöfe und Ackerland. Aber die Ländereien waren nur von mittelmäßigem Ertrage; denn ein großer Teil bestand aus Sandboden, und die niedrig gelegenen Striche waren der Überschwemmung durch die Weser ausgesetzt. Da hielt sich denn, wenn auch der Fluß schon längst in seine Ufer zurückgetreten war, das Wasser in den Niederungen bis tief in den Sommer hinein, und giftige Dünste, ausgebrütet von den heißen Sonnenstrahlen, verpesteten die Luft. Darum wurde die ganze Gegend sehr wenig bewohnt, und nur die ärmeren Bürger, für die eine Wohnung in der eigentlichen Stadt zu teuer war, hatten sich hier angesiedelt. Vor vielen, vielen Jahren nun wohnte daselbst ein Mann, welcher, nach der Größe seines Grundbesitzes zu rechnen, sehr reich hätte sein müssen, der aber dennoch der ärmste unter allen seinen Nachbarn war. Denn seine Kohlstücke waren die dürrsten und sandigsten und sein Grasland fast das ganze Jahr hindurch Sumpf, so daß er nur in sehr trockenen Jahren auf eine kleine ,Heuernte rechnen durfte. Deswegen hielt er auch keine Kuh, sondern begnügte sich mit einer Ziege, obgleich ihre Milch für seinen Hausstand bei weitem nicht ausreichte. Es war freilich bei ihm von Gesinde keine Rede, aber sein Hausstand war nichtsdestoweniger bedeutend zu nennen. Denn er hatte sieben Söhne, einen größer und stärker als den andern. Die schlenderten den ganzen Tag umher, schauten ins Wasser und sahen nach Wind und Wetter, und wenn sie am Mittage zu Hause ankamen, hatten sie Hunger wie die Wölfe; denn nichts in der Welt schärft so sehr die Eßlust wie der Aufenthalt in freier Luft und am fließenden Wasser.

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Ein Verbündeter des Teufels
Einst fuhr ein Bremer Marktvogt mit einer Ladung Heringe von Enkhusen nach Bremen. Als er sah, daß der Wind günstig war, erkundigte er sich bei dem Schiffer, ob Taue und Segel fest wären, und als der Schiffer dies bejahte, gebot er ihm, sich nur ruhig hinzulegen: er wolle einstweilen am Steuer stehen. Der nahm das Anerbieten zu Dank an, und als der Marktvogt dem Schiffsknechte ein Gleiches zumutete, ging auch der zur Ruhe. Aber wie groß war die Verwunderung am folgenden Tage, als der Schiffer mit seinem Knecht aufstand und sah, wie das Schiff in der Schlachte in Bremen vor Anker lag! Eine tüchtige Fahrt in einer einzigen Nacht! Davon wurde viel gesprochen. Es war unzweifelhaft, daß der Marktvogt einen Bund mit dem Teufel habe. Er konnte auch die Nestel knüpfen, und als er deswegen verklagt wurde, stellte er es nicht einmal in Abrede. Da wurde er auf Geheiß des Rates der Stadt am Pranger mit Ruten gestrichen und auf ewig aus der Stadt verwiesen, bei Todesstrafe. Denn er war ein Verbündeter des Teufels und ein arger Zauberer, ohne Frage.

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Hahl awer!
Zwei Bauernburschen, denen des Glücks zu Hause nicht gedeihen wollte, kamen nach Bremen und suchten allda ihr Heil zu machen; der jüngere wurde bei einem reichen Bürger ein Gärtner und heiratete nach einiger Zeit die Tochter des alten Fährmanns am Punkendeich, dessen Nachfolger er auch wurde. Der ältere aber wurde Packknecht bei einem Kaufmann, stieg auf zum Buchhalter und zum Mann der reichen Pflegetochter, wurde reich und groß. Jedoch der Ehrgeiz ließ ihm keine Ruhe, so daß ihm Weib und Kinder und der Reichtum nicht genügten, aber da ihm sein Reichtum Ansehen verschaffte und die Stelle des Stadtrichters zufällig zu vergeben war, seine Unparteilichkeit außer Zweifel stand und sein Vermögen die sicherste Bürgschaft für seine Unbestechlichkeit zu gewähren schien, wählte man ihn in dieses Amt. Er nahm es mit Ernst und Würde wahr und niemand hatte Ursache, sich über seine Entscheidungen zu beschweren. Als einige Jahre hingegegangen waren, vereinigten sich die Melker auf dem Werder und forderten von dem FährmannBruder eine Herabsetzung des Fährgeldes nach dem Werder. Was sie dem alten Fährmann bewilligt hätten, sei freiwillig geschehen. Da trat der Fährmann vor den Bruder Richter und überreichte ihm die Beweise, daß er in seinem Recht sei. Der Richter fürchtete aber, man könne ihn für parteiisch halten, wenn er dem Bruder Recht gäbe, und setzte das Fährgeld auf die Hälfte herab. Da erschrak der Bruder Fährmann, denn dieses Urteil verkürzte ihm seine Haupteinnahme und stürzte ihn in Not, und er rief aus: Das ungerechte Urteil wird dir auch noch im Tod keine Ruhe lassen. Der Bruder Richter, der bei diesem Wort erkannte, wie ungerecht er eben gewesen war, erhob sich, um dem Fortgehenden nachzueilen, aber nach wenigen Schritten erbleichte er und sank zum Schrecken aller tot zu Boden. -291-

Nach seinem Tode hatte sein Weib an ihrem reiche n Hause keine Freude mehr und sie verkaufte es. Den Käufer aber reute bald sein Geld, denn wenn er aus dem Fenster auf die Straße schaute, so stand der tote Richter hinter ihm und blickte ihm über die Schulter. Oder er zeigte sich unvermutet in der Küche und im Keller und erschreckte die Hausbewohner. Da ließ man einen gelehrten Kapuziner kommen, der bezwang den toten Richter und brachte ihn am Abend trotz allen Widerstrebens auf einen bereitgehaltenen Wagen. Der fuhr zum Ostertor, und als sie am Rathaus vo rüberkamen, da rief es mit schrecklicher Stimme dreimal aus dem Wagen: Richter, richte recht! Je näher sie aber dem Ostertor kamen, desto schwerer wurde der Geist, denn er wollte nicht zur Stadt hinaus, bis die Pferde schließlich standen. Aber der Kapuzine r ließ aus dem Marstall Vorspann kommen, und nun ging es rasch zum Tor hinaus nach dem Schwarzen Meer und der Pauliner Marsch. Dort wurde der tote Richter hin verbannt mit der Bedingung, daß er nicht eher wiederkommen dürfe, ehe er nicht den Sumpf mit eine m Siebe ausgeschöpft und das Gras auf der Wiese bis auf den letzten Halm gezählt habe. Dort aber neckte und quälte der Verbannte alle, die sich seinem Ort nahten. Da sich nun niemand mehr auf die Pauliner Marsch getraute und er ja in die Stadt der Bedingung wegen nicht rückkehren konnte, versuchte er nach dem Werder auszuweichen. Als der Bruder Fährmann am Morgen sein Schiff betrat, um die Melker überzusetzen, stand unter ihnen mit abgewandtem Gesicht ein prächtig angezogener Mann. Und als er drüben angekommen war und das Fährgeld heischte, raffte sich jener Mann empor, schoß jäh an ihm vorüber und rief aus: Der letzte Mann bezahlt die Fähr! Da erkannte der Fährmann, wen er übergesetzt hatte und die Melker schrien, er möge sie um Gotteswillen gleich wieder zurückführen. Der Bruder Richter aber übte nun hier seine Neckereien und Quälereien, wie vordem auf der Pauliner Marsch. Als aber der Winter kam und es auf dem Werder -292-

einsamer wurde und das Wasser die Landschaft weit und breit überströmte, da verlangte es ihn zurück auf die Marsch. Er trat also ans Ufer und rief den Fährmann: Hahl awer! Der kam, als er den aber erkannte, der am Ufer stand, da wandte er die Fähre und entwich. Jener hat später noch sehr oft gerufen; aber dem Fährmann war der Ruf bekannt und er ließ sich nicht täuschen, und ebensowenig nach ihm seine Kinder und Nachfolger. So muß nun der Verbannte, den man um seines Rufes willen den Hahl-awer nennt, für immer auf dem Werder bleiben. Und heute noch ziehen sich die Anwohner am Punkendeich die Bettdecke über die Ohren, wenn sie vom Werder herüber den Hahl-awer hören.

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Henkersnot
In Bremen, sagt man, sei in den Hexenzeiten ein Tischler gewesen, der wohnte an der Hukpforte, und ein Schiffer, der von seinem Fahrzeug hinter der Mauer an dem Hause vorbei heimging, wunderte sich, am späten Abend noch Licht darin zu sehen. Er fand in der Fensterlade ein Astloch und als er durch dieses spähte, wurde er gewahr, wie der Tischler zwei dünne Stäbchen kreuzweise übereinander legte und sie mit einem kupfernen Nagel zusammenheftete. Dabei schaute er ab und zu in ein Buch, das auf dem Tische lag, und in dem er leise murmelnd las. Am selben Abend hatte ein Ratsherr, der den Bau des Rondel auf dem Schwanengatt beaufsichtigte, das Unglück, daß ihm ein schon vorher entzündetes Auge auslief. Das vernahm der Schiffer und er reimte sich das so zusammen, daß der Tischler es mit seinem Schlag auf den Nagel ausgeschlagen habe. Und obwohl dieser behauptete, er habe nichts Unrechtes getan, sondern nur Tischlerwerk verrichtet und dabei seiner Gewohnheit nach ab und zu einen Vers in der Bibel gelesen, und man könne ja bei ihm Nachsuche halten, so würde man in seinem Hause nichts Arges finden. Das geschah auch und man fand wirklich das Gerät, in dem die Stäbchen mit dem Kupfernagel la gen, und außer der Bibel sonst kein Buch im Hause, aber man meinte, die dienstbaren Geister hätten das Buch umgewandelt und aus dem Höllenzwang eine Bibel gemacht. So wurde er als ein offenbarer Hexer, der unter Beschwörungen den Leuten mit einem kupferfarbenen Nagel die Augen ausschlug, zum Tode verurteilt. Der Scharfrichter aber war krank und elend und sein Knecht verließ ihn, weil er auch den Meister für einen Teufelsbündner hielt. Und als dieser das Schwert erhob, ging es ganz wunderlich zu, denn er sah nicht nur einen Hals und Kopf vor sich, sondern -294-

sieben, und wußte nicht, welches der rechte sei, und schlug erbärmlich drauf los, so daß er den Kopf erst nach mehreren Schlägen abzubauen vermochte. Das Volk aber schrie aufgebracht gegen ihn und wäre er nicht ohnmächtig zu Boden gesunken, hätte man ihm gewiß was angetan.

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Klaus Störtebeker und Godeke Michels
Woher Störtebeker stammt, weiß niemand recht. Einige sagen, er sei in Ostfriesland geboren, aber die meisten berichten, er sei eines Edelmanns Sohn aus Halsmühlen bei Verden an der Aller. In seinen jungen Jahren hat er lustig gelebt, hat Fehden ausgefochten, gerauft, geschmaust und gezecht und danach in Hamburg mit andern wilden Gesellen so lange bankettiert und gewürfelt, bis er Hab und Gut verpraßt hatte. Und wie ihm nun zuletzt die Hamburger seiner Schulden halber sogar das ritterlich Gewand und Rüstzeug genommen und ihn der Stadt verwiesen haben, da ist er unter die Vitalienbrüder gegangen und ein Seeräuber geworden, wie vor ihm noch keiner gewesen ist. Deren Anführer war damals Godeke Michels (nach heutiger Art zu sprechen: Gottfried Michaelsen), ein tapferer gewaltiger Mann, auch guter Leute Kind, über dessen Heimat sich Holstein, Mecklenburg, Pommern und Rügen streiten; andere aber nennen eine verfallene Burg bei Walle im Verden'schen als seinen Geburtsort. Der hat den neuen Genossen mit Freuden aufgenommen; und nach abgelegten Proben seiner Kraft (denn er hat eine eiserne Kette wie Bindfaden zerreißen können) wie auch seiner Unerschrockenheit und Tapferkeit, hat er ihm gleich ein Schiff unterstellt und hernach den Oberbefehl über die ganze Brüderschaft mit ihm geteilt. Und weil der neue Genoß, der seinen adligen Namen abgelegt, so ganz unmenschlich trinken konnte, daß er die vollen Becher immer in einem Zuge ohne abzusetzen hinunterstürzte und dies Becherstürzen täglich unzählige Male wiederholte, so nannte man ihn den Becherstürzer, oder plattdeutsch Störtebeker. Als die Raubgesellen einstmals die Nordsee recht leer geplündert hatten, fuhren sie nach Spanien, um dort zu rauben. Störtebeker und Godeke Michels machten wie immer gleiche -296-

Teile der Beute, nur die Reliquien des heiligen Vincentius, die sie aus einer Kirche genommen, behielten sie für sich und trugen sie seitdem unter ihrem Wams auf der bloßen Brust. Und daher ist's gekommen, daß sie hieb- und schußfest gewesen sind; kein Schwert und Dolch, keine Armbrust, Büchse oder Kartaune hat sie je verwunden, geschweige denn töten können - so ging die Sage. Und nach ihrer Vertreibung aus der Ostsee haben sie von ihren Schlupfwinkeln auf Rügen und andern Orten lassen müssen. Darauf haben sie aber in Ostfriesland gute Freunde gewonnen und dort ihren Raub bergen und verkaufen können. Besonders bei Marienhave haben sie viel verkehrt und dort gibt's noch viele Erinnerungen an Störtebeker. Der Häuptling, Keno ten Brooke, wurde sein Schwiegervater, denn dessen schöne Tochter verliebte sich in den kühnen mächtigen Mann und folgte ihm auf sein Schiff und in sein schwankend' Reich. Wenn Störtebeker Gefangene machte, die ein Lösegeld versprachen, so ließ er sie leben. Waren sie aber arme Teufel und alt oder schwächlich dazu, wurden sie gleich ohne weiteres über Bord geworfen. Erschienen sie ihm jedoch tüchtig und brauchbar, so machte er erst eine Probe mit ihnen. Wenn sie nämlich seinen ungeheuren Mundbecher voll Wein in einem Zuge leeren konnten, dann waren sie seine Leute, dann nahm er sie als Gesellen an. Die es aber nicht konnten, die wurden auch abgetan. Störtebeker und Godeke Michels haben zuweilen Reue über ihr Leben gefühlt. Und deshalb soll jeder von ihnen dem Dorn zu Verden sieben Fenster, zur Abbüßung ihrer sieben Todsünden, geschenkt haben; das Störtebeker'sche Wahrzeichen, zwei umgestürzte Becher, ist in einem dieser Fenster angebracht. Auch Brotspenden an dortige Arme haben sie gestiftet. Und hierin finden viele eine Bestätigung der Angabe, daß beide Verden'sche Landeskinder gewesen seien. -297-

Als Störtebeker endlich gefangengenommen worden war, machte man in Hamburg, kraft des vom Kaiser verliehenen Blutbannes über Seeräuber, kurzen Prozeß mit den Piraten. Störtebeker saß in einem Keller des Rathauses, der »Störtebeker's Loch« genannt worden ist. Die Sage erzählt: Als man sein Todesurteil ihm verkündet, hat er nicht gern daran gemocht und hat für Leben und Freiheit dem Rat eine goldene Kette geboten, so lang, daß man den ganzen Dom, ja die Stadt damit umschließen könne; die wolle er aus seinen vergrabenen Schätzen herbeischaffen. Der Rat aber hat solch Anerbieten mit Entrüstung von sich gewiesen und der Justiz freien Lauf gelassen. Schon folgenden Tags fand die Hinrichtung auf dem Grasbrook statt. Das Volkslied sagt, daß diese 72 wilden verwegenen Gesellen, die ihrer Bitte gemäß im besten Gewand so stattlich und mannhaft hinter Trommlern und Pfeifern in den Tod geschritten, von den Weibern und Jungfrauen Hamburgs sehr beklagt seien. Der Scharfrichter Rosenfeld enthauptete sie und steckte ihre Köpfe auf Pfähle hart am Elbstrande. Der Sage nach durchsuchten die Hamburger Störtebeker's Schiff besonders eifrig nach seinen ungeheuren Schätzen. Außer einigen Pokalen und anderem Gerät fanden sie aber anfangs nichts, bis endlich ein Zimmermann, der mit der Axt zufällig gegen den Hauptmast schlug, eine Höhlung darin entdeckte, welche voll geschmolzenen Goldes war. Von diesem Schatz wurden die beraubten Hamburger Bürger entschädigt und die Kosten des Kriegszuges bezahlt. Von dem Überrest aber, so heißt es, ließ der Rat eine schöne goldene Krone für den St. Nicolai-Kirchturm anfertigen. Aber noch war Godeke Michels mit dem Rest der Vitalienbrüder zu vertilgen. Gleich nach Störtebeker's Hinrichtung liefen die Hamburger wieder in die Nordsee aus, um ihr Werk zu vollenden.

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Wiederum war es Simon von Utrecht auf seiner bunten Kuh, dem nach den alten Berichten der Preis auch dieses Seezuges gebührt, der mit völliger Niederlage der Piraten endete. Unter den 80 nach Hamburg gebrachten Gefangenen war Godeke Michels mit seinem Unterhauptmann Wigbold, einem gelehrten Magister der Weltweisheit, der seinen Stand auf dem Rostocker Katheder mit dem Schiffskastell vertauscht hatte. Auch diese 80 Seeräuber wurden ebenso wie ihre früheren Spießgesellen auf dem Grasbrook enthauptet. Die Sage geht noch weiter: Als der ehrbare Rat, welcher der Hinrichtung beigewohnt, die schwere Arbeit des Scharfrichters wahrgenommen, da habe er ihn teilnehmend gefragt: ob er ermüdet sei? Darauf soll Rosenfeld grimmig gehohnlacht und trotzig gesagt haben: es sei ihm nie wohler gewesen, und er habe genug Kraft, um noch den ganzen Rat ebenfalls zu köpfen. Wegen dieser höchst verbrecherischen Antwort sei der Rat sehr entsetzt gewesen und habe den Kerl sofort entlassen. Störtebeker's Andenken haben noch verschiedene in Hamburg als Kuriositäten und Merkwürdigkeiten aufbewahrte Dinge frisch erhalten. Eine kleine Flöte oder Pfeife, mit der er auf dem Schiff im Sturm oder Kampf seine Signale gegeben, soll früher nebst dazu gehöriger silberner Halskette in der Kämmerei gewesen sein. Eine 19 Fuß lange eiserne Kanone (sogenannte Feldschlange) sowie Störtebeker's Harnisch hat man im vormaligen Zeughaus aufbewahrt. Das Richtschwert Meister Rosenfeld's kann noch jetzt im Arsenal des Bürger- Militairs gesehen werden. Als größte Merkwürdigkeit Hamburgs aber und als zweites Wahrzeichen der Stadt (das erste und älteste war der Esel mit dem Dudelsack im Dom) galt der sogenannte Störtebeker, ein silberner Becher, aus dem er getrunken haben soll. »Wer nach Hamburg kommt, und sollte nicht in die Schiffer-Gesellschaft gehen, damit er aus Störtebeker's und Godeke Michels Becher trinke, und seinen Namen in das bei dem Becher befindliche -299-

Buch schriebe, der wäre nicht in Hamburg gewesen«, heißt es in einem alten Buch, betitelt: Die lustige Gesellschaft. Auf dem Becher, der etwa 1/4 Elle hoch ist und vier Bouteillen faßt, ist eine Seeschlacht dargestellt, die mit dem andern Bildwerk darauf Störtebeker's Leben andeuten soll. Er ist aber, wie schon die darauf eingegrabenen schlechten hochdeutschen Verse lehren, später angefertigt, und sicher nicht von ihm gebraucht gewesen. Er befindet sich jetzt im Schiffer- Armenhaus.

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Moder Dwarksch
In alten Zeiten lebte in dem Keller an der Ecke des Kohlmarkts eine wohlhabende Familie; die war fromm und gottesfürchtig, außer der Frau, die aller Bosheit voll und mächtig gewesen. Diese hat endlich nur noch in ihrem großen ledernen Lehnstuhl am Ofen gesessen und Tag und Nacht die Leute gequält und durch schändliche Reden geärgert. Es half auch nicht, daß man getreue Nachbarn, gute Freunde, den Beichtvater, ja die hochweisen Herren selber dazu gerufen: es hat sie keiner in ihrem Wesen ändern können. Nachdem sie nun ihren Mann unter die Erde, ihre Kinder aber zur Verzweiflung gebracht, hat sie auch daran glauben müssen und ist dahingefahren. Als aber am Abend nach dem Begräbnis die Haut verzehrt (das Leichenmahl gehalten) wird, ist der lederne Lehnstuhl auch wieder besetzt; Moder Dwarksch ist wieder da, treibt mit Schelten und Schimpfen die Gesellschaft wie Spreu auseinander und hat ihr Wesen vor wie nach, nur daß sie noch gelber und verschrumpelter und unheimlicher ausgesehn. Vergebens suchte man sie durch kluge Frauen, durch den Schäfer, durch den Wasenknecht, durch einen frommen Mönch zu bannen: sie saß nach wie vor in ihrem Lehnstuhl und wurde nur grimmiger. Endlich ist ein Schneider aus Pommern eingewandert, der was konnte. Er sprach: wofern man ihm ein gut Stück Geld verehren wollte, sei er wohl im Stande, der Sache ein Ende zu machen. Als man ihm solches mit Freuden bewilligt, hat er der alten Hexe Leibgericht ausgekundschaftet, welches Speckpfannkuchen mit Schnittlauch gewesen; läßt alsbald deren zwölf der schönsten in der Herberge zum großen Christoffer backen und um Mitternacht auf einem neuen zinnernen Teller bereit halten. Dann versperrt er die Tür mit einem großen -301-

Hopfensack, in dessen Grund er die blanke Schüssel m den it Speckpfannkuchen setzt, und spricht seinen Spruch. Da ist Moder Dwarksch alsbald vom Lehnstuhl auf- und in den Hopfensack gefahren und über die Speckpfannkuchen hergefallen: der kluge Schneider aber schnürt den Sack zu und trägt ihn in die Grönauer Heide, wo er die Alte mit dem stärksten Zwange bannt. Seitdem hat nun Moder Dwarksch ihr Wesen dort getrieben: den Leuten die Wege verrannt, den Sand aufgeblasen, falsche Lichter gezeigt, sie durch Notrufe und Geheul verstört und sich an die Wagen gehängt, daß sie nicht durchkommen konnten. Besonders aber hat sie alle, die Speisen bei sich geführt, verfolgt, und mit Speckpfannkuchen gar ist die Heide nicht zu passieren gewesen. Einer aber, der es um Mitternacht dennoch gewagt, ist anderen Tags mit umgedrehtem Genick aufgefunden.

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Rebundus
Wenn in alten Zeiten ein Domherr zu Lübeck bald sterben sollte, so fand sich morgens unter seinem Stuhlkissen im Chor eine weiße Rose, daher es Sitte war, daß jeder, wie er anlangte, sein Kissen umwendete, zu schauen, ob diese Grabesverkündigung darunter liege. Es geschah, daß einer von den Domherren, namens Rebundus, eines Morgens diese Rose unter seinem Kissen fand. Er nahm sie behend weg und steckte sie unter das Stuhlkissen seines nächsten Beisitzers, obgleich dieser scho n darunter nachgesehen und nichts gefunden hatte. Rebundus fragte darauf, ob er nicht sein Kissen umkehren wolle? Der andere entgegnete, daß er es schon getan habe; aber Rebundus sagte weiter, er habe wohl nicht recht hingeschaut und solle noch einmal nachsehen, denn ihm bedünke, es habe etwas Weißes darunter geschimmert. Hierauf wendete der Domherr sein Kissen und fand die Grabblume; doch er sprach zornig, das sei Betrug, denn er habe gleich anfangs genau hingeschaut und unter seinem Sitz keine Rose gefund en. Damit schob und stieß er sie dem Rebundus wieder unter sein Kissen, dieser aber wollte sie nicht wieder sich aufdrängen lassen, so daß sie einer dem andern zuwarf und ein Streit und heftiges Gezänk zwischen ihnen entstand. Als sich das Kapitel ins Mittel schlug und sie auseinanderbringen, Rebundus aber durchaus nicht eingestehen wollte, daß er die Rose als erster gehabt, sondern auf seinem unwahrhaftigen Vorgeben beharrte, fing endlich der andere, aus verbitterter Ungeduld, an zu wünschen: »Gott wolle geben, daß der von uns beiden, welcher Unrecht hat, statt der Rose in Zukunft zum Zeichen werde, und wenn ein Domherr sterben soll, in seinem Grabe klopfen möge, bis an den jüngsten Tag! « -303-

Rebundus, der diese Verwünschung wie einen leeren Wind achtete, sprach freventlich dazu: »Amen! Es sei also!" Als nun Rebundus nicht lange danach starb, hat es von dem Tage an unter seinem Grabstein, so oft eines Domherrn Ende sich nahte, entsetzlich geklopft, und es ist das Sprichwort entstanden: »Rebundus hat sich gerührt, es wird ein Domherr sterben!« Eigentlich ist es kein bloßes Klopfen, sondern es geschehen unter seinem sehr großen, langen und breiten Grabstein drei Schläge, die nicht viel weniger krachen, als ob das Wetter einschlüge oder dreimal ein Kartaunenschuß geschehe. Beim dritten Schlag dringt über dem Gewölbe der Schall der Länge nach durch die ganze Kirche mit so starkem Krachen, daß man denken sollte, das Gewölbe würde ein- und die Kirche übern Haufen fallen. Es wird dann nicht bloß in der Kirche, sondern auch in den umstehenden Häusern vernehmlich gehört. Einmal hat sich Rebundus an einem Sonntag zwischen neun und zehn Uhr mitten unter der Predigt geregt und so gewaltig geschlagen, daß etliche Handwerksgesellen, welche eben auf dem Grabstein gestanden und die Predigt angehört, teils durch das starke Erbeben des Steins, teils aus Schrecken, nicht anders herabgeprellt wurden, als ob sie der Donner weggeschlagen hätte. Beim dritten entsetzlichen Schlag wollte jedermann zur Kirche hinaus fliehen, in der Meinung, sie würde einstürzen, der Prediger aber ermunterte sich und rief der Gemeinde zu, dazubleiben und sich nicht zu fürchten; es wäre nur ein Teufelsgespenst, das den Gottesdienst stören wolle, das müsse man verachten und ihm im Glauben Trotz bieten. Nach etlichen Wochen ist des Dechants Sohn verblichen, denn Rebundus tobt auch, wenn eines Domherrn naher Verwandter bald zu Grabe kommen wird.

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Spökenkieken
Als in Lübeck der schwarze Tod wütete, geschah es, daß die Mönche des Burgklosters in große Not kamen, weil neben vielen anderen Brüdern auch ihr Koch der Pest zum Opfer fiel. In ihrer Verlegenheit baten sie einen Laien, ihnen auszuhelfen, und der erklärte sich auch bereit, für die Mönche zu kochen. Da er ein beherzter Mann und bei den Ordensleuten schnell beliebt war, ersuchten sie ihn, während einiger Nächte die Wache mit ihnen zu teilen. Auch hierzu war er gern bereit. Wie er nun in der zweiten Nacht wachte, glaubte er zum offenen Fenster herein eine Stimme zu hören: »Bereite das Mahl für die Brüder, die wandern wollen! « Zuerst sehr bestürzt, faßte sich der Koch rasch und fragte, wieviele denn deren seien. »Es sind sechsunddreißig«, erwiderte die Stimme. Über diese Worte dachte der Koch noch eine Weile nach, dann ging er zum Krankensaal. Da bot sich ihm ein seltsames Bild. Sechsunddreißig Mönche standen in der Mitte des Saales, alle in schneeweißen Gewändern, das Antlitz verhüllt. Wenige Tage später starben in der Tat sechsunddreißig Mönche an der Pest. Sie wurden auf dem gemeinsamen Friedhof begraben.

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Würfelspiel mit Gespenstern
Im Ratskeller zu Bremen gab es früher eine abgelegene Ecke, die hieß »das schwarze Loch«. Damit hatte es eine seltsame Bewandtnis. Hier pflegten nämlich die Spieler zu sitzen, und mancher Fluch war da schon zur rauchgeschwängerten Decke gestiegen. An einem Silvesterabend saßen da einmal vier Spieler und würfelten, darunter ein ehrsamer Schmiedemeister. Sie hatten schon viele Stunden gespielt, und der Schmiedemeister hatte fast all sein Geld verloren. Aber er wollte nicht aufhören, auch nicht, als sein junges Weib ihn bat, heimzukommen; er dachte, ein neues Spiel könne ihm wiederbringen, was er in früheren darangegeben. Schließlich rückten auch seine Mitspieler vom Tische ab und wollten nicht mehr mittun, meinten wohl gar, ihr Kamerad sei betrunken und mahnten zum Aufbruch. Da faßte den Meister der Zorn, er begann zu fluchen und rief, wenn die Lebenden nicht mit ihm spielen wollten, sollten's die Toten tun, er habe noch ein Leben zu verspielen! Indem schlägt's zwölf, krachend springt der Fußboden auf, und aus der Tiefe steigen Gerippe, mit Tüchern bekleidet, beinerne Würfel und Becher in der Hand. Alle fliehen entsetzt, nur der Meister bleibt aufrecht sitzen und wird von den Toten zum Spiel aufgefordert: einen Ring gegen sein Leben setzen sie. Der Meister willigt ein. Ein Gespenst nimmt die Würfel und wirft. Nichts! »Topp«, ruft der Meister, »es gilt!« und greift nach den Würfeln. Kaum hat er geworfen, höhnt eine laute Stimme: »Nichts! «, ein dröhnender Schlag erschüttert das Gemach, alle fliehen. Als sie nach einiger Zeit wiederkehren, ist der Schmied verschwunden, sein Weib liegt bewußtlos auf der Erde. Bald darauf starb sie am Wahnsinn. Der Rat ließ kurze Zeit darauf das schwarze Loch zumauern. -306-

Doch sollen die Seelen der Spieler noch heute keine Ruhe haben und gelegentlich an die Wand pochen, namentlich wenn Spieler zu lange beim Würfelspiel oder bei den Karten sitzen.

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Sagen aus Hessen

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Das Schicksalsstübchen auf dem Burgberg
Zwei Knaben hatten sich im Eifer der Jugend bis an die Ruinen einer alten Ritterburg hinaufgespielt und suchten dort zwischen Brombeerranken und moosigen Felstrümmern ihr Versteck. Noch atemlos vom Aufstieg entdeckten sie eine eisenbeschlagene Pforte unter einer halbverschütteten Treppe, nahmen sich ein Herz und hängten sich an die schwere Klinke. Knarrend wich die Tür ihrem vereinten Druck, und während sich ihnen das Netz einer Spinne über Gesicht und Haare klebte, traten sie beklommenen Mutes in den dämmerigen Raum. Hier fanden sie alles so überraschend niedlich und wohlgeordnet, von der dunklen Holzdecke bis zu den Truhen, steifen Stühlen und bunten Fensterscheiben, daß sie auch beim Anblick der Frau, die weiß gekleidet am Spinnrad saß, kein Grauen empfanden. Die Gestalt winkte die Knaben freundlich heran, fragte sie nach ihren Eltern, wobei sie mitleidig nickte, als sie vom frühen Tod des Vaters hörte; denn die Knaben waren die Söhne einer armen Witwe. Zutraulich erzählten sie von der häuslichen Armut und von dem fleißigen Tagewerk der Mutter, von Schule, Dorf und ihren kleinen Abenteuern, daß die Alte recht ihre Freude daran hatte. So schenkte sie denn jedem zum Abschied eine Handvoll Flachsknoten, strich ihnen über die blonden Schöpfe und hieß sie mit freundlichem Gruß wieder gehen. Es war spät geworden, und die Mutter hatte schon sorgenvoll in der Haustür gestanden, als die Jungen endlich, noch ganz erfüllt von dem seltsamen Vorfall in der alten Burg, der Mutter schmeichelnd um den Hals fielen. Sie erzählten ihr das wunderbare Erlebnis und zeigten die schönen Samenknöpfe. Die Mutter ahnte gleich, welche Bewandtnis es mit diesen Gaben habe, und verschloß das Geschenk der Frau Holle in ihrer Lade. -309-

Am nächsten Morgen waren die Knoten in lauter blanke Dukaten verwandelt. So arm die Frau auch war, dies Geld legte die sorgsame Mutter zurück; denn ihre Jungen sollten einmal was Rechtes damit beginnen. Solcherart hatten die Brüder bisher ein gleiches Geschick. Aber sie waren doch allzu verschieden geartet. Der ältere strebte einem ehrsamen Handwerk zu und lernte seinem Meister mit Fleiß die Geheimnisse seiner Kunst ab. Der jüngere machte sich lieber bequeme Tage. So kam die Zeit der Wanderschaft heran. Der ältere ließ sein Vermögen zu Hause in Mutters Kasten, tat sich fleißig in der Welt um, lernte noch manchen Kunstgriff in seinem Handwerk dazu, war tüchtig und sparsam und kehrte drei Jahre später geachtet als Meister zurück. Der jüngere Bruder zog auch in die Welt, steckte aber das Gold der Frau Holle in die Tasche, lebte auf großem Fuß und hatte sein Geld bald in lustiger Gesellschaft vertan. Als er dann unbelehrt zurückkam, dachte er: "Gleich gehst du wieder ins Schicksalsstübchen und holst dir Nachschub," lief auf den Burgberg, suchte in allen Winkeln die verborgene Kammer, rief nach der Spinnerin und wollte und wollte nicht unbeschert weichen. Als er aber gar nicht aufhörte mit seinem Bettelgeschrei, knallte ihm plötzlich eine Backpfeife in das Gesicht, daß ihm alle Sinne vergingen und er den Abhang hinunterkollerte. Zu Hause erschien ein roter Fleck auf der geschlagenen Wange; der wollte vor keiner Seifenlauge vergehen und hat sich auch auf Kinder und Kindeskinder fortgeerbt als ein Zeichen der Torheit.

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Der Fluch des Fremdlings zu Gießen
Auf dem sogenannten Trieb bei Gießen, rechts von der Straße nach Grünberg, sah man noch vor wenigen Jahren eine Fläche von vielen Morgen, die mit Eichen bepflanzt war; aber merkwürdigerweise hatten die Bäume alle keine rechte Kraft, keinen frischen Saft, und ihre Wipfel waren dürr. Das war einem Fluch zuzuschreiben, der auf den Bäumen lag. Vor vielen, vielen Jahren, so berichtet die Sage, tauchte nämlich ein fremder Mann in Gießen auf, der weinend und wehklagend sein Weib und seine Kinder suchte. Damals muß ein unglückseliger Rat In der Stadt geherrscht haben; denn anstatt dem Manne in seiner Verzweiflung beizustehen, beschuldigte man ihn, er habe Weib und Kinder getötet. Als er die Tat bestritt und seine Unschuld beteuerte, wurde er auf die Folter gespannt. Um von der Qual befreit zu werden, gestand er im höchsten Schmerze, er habe es getan, was er in Wirklichkeit nie ausgeführt hatte. Nach dem Geständnis wurde der Fremde sofort auf den Richtplatz hinausgeführt. Bevor ihm dort,die Augen verbunden wurden, beschwor er aufs neue seine Schuldlosigkeit und rief: "Und zum Zeichen meiner Unschuld werdet ihr sehen, wie diese Eichbäume von heute an gipfeldürr werden; daraus mögt ihr dann erkennen und mir glauben, daß ihr unschuldig Blut vergossen habt." So starb der Fremdling und wurde unter dem Galgen begraben. Wenige Tage nachher schon bewährte sich des Mannes Unschuld auf eine erschütternde Weise; denn die von ihm gesuchte Frau kam auf einmal mit ihren Kindern daher, um nach dem vermißten Vater zu forschen. Da entstand große Trauer in der Stadt. Man gab dem Hingerichteten sofort ein ehrliches Begräbnis, der Frau und ihren Kindern aber wurde das Bürgerrecht gewährt. Damit war aber die Tat nicht gesühnt. Und als es Frühling wurde, da schlugen alle Bäume in und um -311-

Gießen aus, nur die Eichen kränkelten, manche starben sogar ab, und wie viele man auch nachpflanzte, nicht eine gedieh. So schwer lastet der Fluch des Fremden auf diesen Bäumen.

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Der Hexenritt bei Dieburg
Vor Münster bei Dieburg steht ein Kreuz, dort hatten drei Burschen in der Walpurgisnacht drei Eggen zusammengestellt und sich darunter versteckt, um die Hexen zu sehen. Diese kamen wirklich nach einiger Zeit durch die Luft dahergeritten. Neugierig starrten die Burschen den Hexenzug an, plötzlich rief einer von ihnen den anderen zu: "Schaut, die alte Glasern ist auch dabei! Seht nur, wie spaßig sie daherreitet!" Da hielt die alte Glasern an und schrie: "Ich hack, mein Beil in den Eggenbalken." Zugleich ertönte ein Schlag, der Bursche schrie laut auf, und seit dieser Zeit war er an einem Beine lahm. Nun ging er zum Pfarrer und erzählte ihm alles. Dieser meinte: "Ich weiß dir keinen anderen Rat, als dein Leid ein Jahr lang zu tragen; aber komm am Abend vor der nächsten Walpurgisnacht wieder zu mir, dann will ich dir sagen, wie dir geholfen werden kann." Als der Bursche im folgenden Jahr an dem bestimmten Abend erschien, empfing ihn der Pfarrer: "Jetzt stelle die Eggen wieder zusammen, wie sie im Vorjahr gestanden haben, lege dich darunter, und wenn du die alte Glasern vorüberziehen siehst, dann bitte sie dreimal um Gottes willen, sie möge dich von deinem Übel befreien. " Der Bursche tat, wie ihm der Pfarrer geraten hatte, und als er zum drittenmal bat, sprach das Weib: "Hier hab, ich vor einem Jahr mein Beil eingehackt, das will ich wieder mitnehmen." In diesem Augenblick fühlte der Bursche einen Ruck in seinem Bein, und von dieser Stunde an konnte er wieder gehen wie früher.

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Die Erlösung suchende Jungfrau von Auerbach
Auf einer Wiese bei Auerbach unweit von Lorsch hütete einst ein Knabe die Kühe seines Vaters. Wie er so müßig dastand und an gar nichts dachte, fühlte er auf einmal einen sanften Backenstreich von einer weichen Hand. Als er sich erschrocken umwandte, stand eine wunderschöne Jungfrau vor ihm, ganz weiß gekleidet, und redete ihn an. Aber der Bub tat vor Schreck einen Schrei, als ob er am Spieße stäke, und rannte davon, nach Auerbach zu. Nach einiger Zeit war er wieder mit seinem Vieh auf jene Wiese gezogen und stand in der heißen Mittagsstunde träumend am Waldesrand. Da raschelte es am sonnigen Rain, als schlüpfe eine Eidechse ins Gebüsch. Der Knabe blickte hin und sah eine kleine Schlange, die eine blaue Blume in ihrem Mund trug und zischte : "Guter Junge, erlöse mich! Mit dieser Blume öffnest du im alten Schloß Auerbach die verfallenen Keller und die Fässer voll Gold, und alles ist dein. Nimm die Blume! Erlöse mich!" Aber der Bub schauderte; er hatte all sein Lebtag noch keine Schlange reden hören. Schleunig lief er davon, als ob der wilde Jäger hinter ihm her wäre. Als der Spätherbst kam, hütete er an der gleichen Stelle das Vieh, und da empfing er wieder einen sanften Backenstreich und sah im Umdrehen wie einst die weiße Jungfrau, die ihn flehend ansprach: "Erlöse mich! Erlöse mich! Ich will dich reich und glücklich machen. Du allein kannst es, nur du allein. Ich bin verwünscht umherzuirren und kann nicht eher zur Seligkeit eingehen, bis aus jenem Kirschkern, den ein Vöglein einst auf diese Wiese fallen ließ, ein Kirschbaum groß gewachsen war, dann -314-

abgehauen und aus ihm eine Wiege gemacht ist. Das erste Kind, das in dieser Wiege geschaukelt wird, kann mich erlösen, indem es mit der blauen Blume, die ich in der Hand halte, zur Burg hinaufgeht und dort die unterirdischen Schätze hebt. Du bist das Kind, das in einer solchen Wiege gelegen ist." Als der Bub diese Worte hörte, zitterte er, und es lief ihm eiskalt über den Nacken; er bekreuzigte sich und schüttelte den Kopf. "Weh mir, wehe!" rief da die Jungfrau. "So muß ich wieder hundert Jahre harren und wandeln; weh auch dir, weil du kein Herz hast, darum sollst du auch keines finden!" Dann gab sie einen lauten Schmerzensschrei von sich und verschwand. Der Hirtenbub aber ging von diesem Tag an still und bleich umher; er hat nicht mehr lange gelebt. Dort bei Auerbach ist es auch sonst nicht geheuer. Über das Flüßchen, den Auerbach, führt eine Brücke. Als einst ein Bauer darüberschritt, hörte er im Wasser niesen, und zwar dreimal hintereinander, und dreimal sprach er: "Helf dir Gott!" Plötzlich stieg die Gestalt eines Knaben aus dem Wasser und rief: "Gott danke dir, du hast mich erlöst. Darauf habe ich dreißig Jahre gewartet." Ein anderer Bauer hatte auch oberhalb der Brücke dreimal niesen - hören, zweimal hatte er "Helf dir Gott!" gerufen. Weil aber niemand einen Dank zurückrief, schrie er beim drittenmal : "Hol dich der Teufel!" Da ist das Wasser aufgewallt, die Fluten erfaßten den scheltenden Bauern, und dann ist es ringsum wieder ganz stille geworden. Seit diesem Tage hat man nichts Ähnliches mehr von der Auerbacher Brücke gehört.

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Die Jungfern von Döngessee
Bei dem Dorf Dönges in Hessen liegt der Dönges- oder Hautsee, der an einem bestimmten Tag im Jahr eigenartig rot wird. Als Ursache erzählt man sich folgendes: Als einst im Dorf Dönges Kirmes war, erschienen zwei fremde, schöne Jungfrauen, die mit den Bauernburschen tanzten und sich lustig unterhielten, aber um Mitternacht dann verschwunden waren, während doch jeder Kirmes Tag und Nacht fortdauert. Am andern Tag waren sie wieder da, und ein Bursche, der es gern gesehen hätte, wenn sie noch geblieben wären, nahm einer von den beiden Jungfrauen während des Tanzes die Handschuhe weg. Die beiden Mädchen tanzten nun wieder weiter, bis Mitternacht herannahte; da wollten sie fort; nun suchte die eine in allen Ecken nach ihren Handschuhen. Als sie diese nirgends finden konnte, irrte sie mit ängstlicher Miene umher. Kaum aber hatte es während des Suchens Mitternacht geschlagen, liefen beide in größter Angst fort, eilten geradewegs nach dem See und stürzten sich in das Wasser. Am andern Morgen war der See blutrot, und diese Färbung wiederholte sich von da an jedes Jahr am gleichen Tag. An den zurückgebliebenen Handschuhen aber waren kleine Kronen zu sehen.

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Die Moorjungfern auf der hohen Rhön
Wo jetzt auf der Hohen Rhön das Schwarze Moor liegt, erhob sich vor undenklichen Zeiten eine schöne Stadt, die später in die Erde versank, weil die Einwohner ein gottloses, lasterhaftes Leben führten. An Stelle der Stadt breitete sich ein unergründlicher, tiefer schwarzer See aus, der aber nach und nach bis auf einige dunkle Löcher von einer dichten Moordecke überzogen wurde. In der Tiefe des Moores jedoch ist das Leben noch nicht erstorben. Wenn die Bewohner des versunkenen Ortes nach ihrer Kirche eilen und dort reuevoll um Vergebung beten, dann braust es im Moor gewaltig, und schwarzes, schlammiges Wasser gärt aus dem Boden. Manche, die sich am Rande des Moores niederlegten, um in die Stille der Landschaft zu horchen, haben bisweilen noch die Turmuhr schlagen und die Hähne aus der Tiefe krähen hören. Nur drei Jungfrauen aus dem versunkenen Ort durften manchmal aus der schlammigen Tiefe des Moores emporkommen. Sie wurden in der Umgegend die Moorjungfern genannt und erschienen regelmäßig beim Kirmestanz in Wüstensachsen. Als sie aber dort einmal über die Zeit zurückgehalten wurden, verließen sie traurig den Tanzplatz, und am andern Morgen war einer der Teiche blutrot gefärbt. Die Moorjungfern hat seitdem niemand mehr auf der Kirmes gesehen. Sie schweben nur noch zur Nachtzeit mit anderen Bewohnern der versunkenen Stadt als Irrlichter über dem geheimnisvollen Moor.

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Doktor Aphrasterus
Doktor Aphrasterus war ein grundgescheiter Mann. Seine Kunst und sein Wissen hatte er sich auf folgende Weise angeeignet: Er wanderte einmal im Walde umher; da hörte er unter einem Baum ein klägliches Wimmern und Stöhnen. Verwundert sah er nach, was das sein könne, fand aber nichts. Endlich schien es ihm, als töne die Stimme aus der Erde hervor, und als er mit seinem Stock ein wenig herumstocherte, kam eine Flasche zum Vorschein; darin stöhnte es kläglich. Neugierig öffnete Aphrasterus die Flasche. Gleich drang ein weißer Rauch heraus, der immer dichter wurde, und als er entwichen war, sprang aus dem Rauch ein riesiger Kerl, der schrie: "Jetzt bist du mein!" Der Doktor Aphrasterus ließ sich aber nicht erschrecken, sondern sprach: "Jawohl, das bin ich, wenn du mich alle Zauberkunst der Welt lehren willst." "Da hast du sie", rief der Riese und warf ihm ein paar Zauberbücher vor die Füße. "Du bist ein drolliger Kauz" meinte der Doktor, "ich möchte nur wissen, wie du in die Flasche hast kriechen können. " "Du hast ja gesehen, wie ich herauskam", erwiderte der Kerl. "Das warst du nicht, das war nur Dampf und Rauch", widersprach der Doktor. "Ich will dir's noch einmal vormachen", entgegnete der Kerl grinsend und wurde wieder zum Rauch, der in die Flasche schlüpfte. Nun war aber der Doktor rasch zur Hand, setzte den Stöpsel auf die Flasche und drückte sie so tief, als er nur konnte. Er kümmerte sich auch nicht um das klägliche Geschrei des Kerls, der in der Flasche steckte. Darauf packte Aphrasterus die Zauberbücher z usammen und eilte nach Hause. Nun lernte er -318-

bald das Goldmachen, das Verwandeln und viele andere zauberhafte Dinge, die ihn zu einem reichen, angesehenen Mann machten. Eine Kunst, die er jetzt wußte, war ihm besonders lieb: er konnte sich nämlich gegen alles Gift sichern und dadurch am Leben erhalten. Oft sagte er zu seinem Diener: "Es gibt nur ein Gift, das mich töten kann, das ist das Magnetgift." Lange Zeit lebte Doktor Aphrasterus hoch angesehen in Ruhe und Frieden. Doch eines Tages kam ein anderer Zaub erer in die Stadt, mit dem er bald in Streit geriet. Da suchte der Fremde ihn auf alle mögliche Art zu vergiften, aber Aphrasterus lachte darüber, trank und aß all das Gift wie den besten Wein und die schmackhafteste Speise. Endlich, als kein Mittel dem Doktor ans Leben ging, brachte ihm sein Gegner heimlich, ohne daß der Doktor etwas davon merkte, das Magnetgift bei. Aphrasterus spürte es bald in seinen Eingeweiden; da griff er zu seiner Pistole, lud sie mit einer Kugel und schoß sie durch das Fenster ab. Sodann rief er seinen Diener und sprach: "Lauf schnell an das andere Ende der Stadt, wo der Zauberer wohnt, und frage, wie es ihm geht." Der Diener eilte so rasch er konnte und brachte die Antwort zurück, der Zauberer sei von einer Kugel getroffen worden, man wisse aber nicht, wer es getan habe. "Ich will dir sagen, wer es war: ich hab's getan", sprach Aphrasterus und gab dem Diener seine Zaubermixturen mit dem Befehl sie in den Rhein zu werfen, denn er fühlte sich seinem Ende nahe. Der Diener ging wohl an den Rhein, warf aber die Gläser nicht ins Wasser, sondern steckte sie ein, um später von der Kunst seines Herrn zu profitieren. Als er zurückgekehrt war, fragte der Doktor: "Hast du alles ins Wasser geworfen? " "Ja", antwortete der Diener." "Was hast du denn an dem Wasser bemerkt?" -319-

"Nichts", sagte der Diener." "Willst du wohl schnell die Gläser ins Wasser werfen, oder möchtest du, daß ich dich erschieße, wie ich jenen Zauberer erschossen habe?" rief der Doktor in höchstem Zorn. Da lief der Diener, was er laufen konnte, an den Rhein und warf die Gläser in das Wasser, das sogleich unruhig wurde und gewaltige Wellen zu schlagen begann. Als der Mann dies seinem Herrn meldete, lobte er ihn und schenkte ihm soviel Geld, daß der Diener auf Lebenszeit genug daran hatte. Zwei Stunden später hatte Doktor Aphrasterus sein Leben beendet.

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Frau Holles Gericht über den Honighof am Hirschberg
Der Honighof lag in einem gesegneten Talgrund. Hier hatten die Regenströme der Urzeit den fruchtbaren Basaltschlamm vom Hirschberg hergeschwemmt. Da schoß das Gemüse im ungedüngten Feld üppiger empor als sonstwo im gedüngten Boden. Darum war auch der Honigbauer der reichste Mann im ganzen Land, und von ihm ging das Gerede: "Dem Honighofer trägt jede Kuh zwei Kälbchen und jeder Halm zwei Ähren. Und wenn seine Säue auf Bratwürsten herumlaufen wollten, so wäre es ihm eben recht." Doch leicht verhärtet der Reichtum das Menschenherz; je mehr der Bauer besaß, desto mehr wollte er. In schlimmen Jahren war wohl dieser und jener zu ihm gekommen und hatte den Vetter im Honiggrund um ein Darlehen angesprochen. Aber der Bauer hatte immer kalt zur Antwort gegeben: "Wer was hat, hat's auch verdient. Nur schlechtes Blut verludert sein Gut!" Und wenn die Bedrängten es noch einmal wagten, bei ihm vorzusprechen, rief er seinen Söhnen mit rauher Stimme zu: "Hetzt doch die Hunde auf das Gelumpe!" Bald traute sich kein BittstelIer mehr auf den Hof, um Trost oder Hilfe zu holen. Die Söhne aber gerieten dem Alten nach. Es waltete nur noch eine fühlende Seele in jenem Haus, seit die Bäuerin unter der Erde lag: das war die Tochter des Bauern. Sie durfte aber jede gute Tat nur im Verborgenen tun und weinte oft über den verhärteten Sinn der Männer. Einmal war der Bauer mit seinen Söhnen ausgeritten, das Vieh zu suchen, das sich auf ferne Weiden verloren hatte. Der Himmel lachte über dem leuchtenden Frühlingstag, das Mädchen saß ganz allein vor der Haustür und schälte Kartoffeln. -321-

Ruhe lag über dem ganzen Hause. Da schlurfte ein altes, zerlumptes Mütterchen den Wiesenpfad heran. Mühsam stützte es sich auf die Krücke, reckte die dürre Bettelhand aus dem dürftigen Ärmel und keuchte zum Erbarmen. Das Mädchen stellte den Korb beiseite, strich sich die Schürze glatt, lief flink in das Haus und schnitt ein stattliches Stück vom Brotlaib herunter; dann gabelte sie eine Wurst aus dem Rauchfang. Dieses Frühstück trug sie der Alten zu. "Lohn's Gott!" stammelte die Alte - da stand auch schon der Bauer mit seinen Söhnen im Hof. Brennend rot vor Zorn schlug er der Tochter mit der Faust ins Gesicht. Dann rannte er in den Stall, löste den Bluthund und hetzte ihn auf das zitternde Weiblein. "Pack dich, pack dich, die Wegweiser beißen!" schrie er hohnvoll. Aber der Köter zog den Schweif ein, winselte jämmerlich und duckte sich furchtsam zu Boden. Im selben Augenblick löste sich die Fremde in wirbelnden Rauch auf, flog hoch und immer höher, bis an den Himmel, wo sie sich in einem Wolkenballen verlor. Die Sonne verdunkelte sich vor dem schwarzen Gewölk, das sich einem Sargdeckel gleich über das fruchtbare Tal legte. Aus dem Schatten aber zuckten Blitze, krachten die Donner, als solle der ganze Hirschberg bersten. Ein Blitz zündete, und die lohende Flamme fraß um sich, bleckte, schmatzte und prasselte im Gebälk. Wie goldener Schnee stoben die Feuerflocken im Sturmwind daher, zernagten die stolzen Giebel, fraßen das Holzwerk, und bald war der ganze Honighof ein glühende s Flammenmeer, das den geizigen Bauern und seine Söhne unter den stürzenden Trümmern begrub. Als die Nachbarsleute mit Leitern und Eimern kamen, den Brand zu löschen, fanden sie nur noch glosende Trümmer und Asche und Rauch vor, Frucht, Vieh und Menschen waren

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verbrannt; aber unter dem Birnbaum lag friedlich schlummernd die Tochter des Bauern. Neben ihr stand eine weiß gekleidete Frau, aufrecht und streng. Sie hielt die Hände schützend über das Mädchen gebreitet, daß alle Funken von ihr wichen. Als aber die Bauern näher traten, da löste sich die Gestalt in Wolken und Rauch auf. Nun wußten die Leute, dies war Frau Holles Gericht über den Honighof. Der Ort blieb völlig öde, kein Mensch wollte auf der verfluchten Stelle mehr bauen, auch nicht die Tochter, die allein von der Sippe noch am Leben war. Sie zog in das Dorf, wo sich ein ordentlicher Bursche um sie bewarb. Dort hatte sie eine glückliche Mutterhand, und auf allem, was sie berührte, lag Segen. Denn sie blieb ihrem Herzen treu bis an ihr seliges Ende.

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Rodenstein und Schnellerts
Auf der Bollsteiner Höhe im Odenwald ist ein Bergvorsprung, den man "Schnellerts" nennt. Im Mittelalter stand dort eine Burg. Jetzt sind nur noch wenige Ruinenreste vorhanden. Diese Burg ist in der Sage viel verbunden mit einer andern Feste des Odenwalds, dem "Rodenstein." Die Odenwälder erzählen, daß in den Trümmern der Schnellertsburg ein Geist hause, der immer, wenn vom Rhein her ein Krieg drohe, sich rege und mit großem Gefolge, Iärmend wie der wilde Jäger, nach dem Rodenstein abziehe. Sobald die Kämpfe vorüber seien, kehre der Geist mit großem Getöse wieder nach dem Schnellerts zurück. Eine Ballade Josefine Scheffels, der Mutter des bekannten Dichters. J. V. von Scheffel, weiß darüber zu berichten: Horch auf, was klirrt an Riegel und Gruft? Was zischt und sauset durch die Luft ? Das muß der wilde Jäger sein, Er zieht vom Schnellert zum Rodenstein, Hussa, zum Rodenstein. Im Schnellert, da schlief er manch ein Jahr, Reibt sich nun wieder die Augen klar. Die Friedensburg steht öd und leer, Der Jäger zieht mit dem Geisterheer, Zieht mit dem Geisterheer. Er reitet voran auf schwarzem Roß, Hallo! wie saust ihm nach der Troß! Es rauscht und spricht - es pfeift und knallt, Daß drob ertönt der Odenwald, Der weite Odenwald. Der Jäger auf dem Rappen fein, Das ist der Ritter von Rodenstein. Und wenn er durch die Lüfte fegt, Ist,s Zeit, daß man die Schwerter regt, Daß man die Schwerter regt !

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In der schlichten Volksüberlieferung aber wird der Ritter meist "Schnellertsherr" genannt. Von ihm erzählt die Sage : Viele Wanderer, die den Schnellerts bestiegen, hörten dort einen lieblichen Gesang, und zwar waren es gewöhnlich Kirchenlieder, die sie vernahmen. Diese Töne schienen aus dem Berg zu kommen, doch ist es nie jemand gelungen, in das Innere des Berges zu dringen. Oft krähte auf dem Gipfel des Berges, da, wo die Ruinen der Burg sich erheben, dem Menschen unsichtbar, der Hahn, und dieser ungewöhnliche Schrei auf Bergeshöhen hat schon manchen sehr erschreckt. So waren einmal Leute zu einer Holzversteigerung droben versammelt, und eben bot der Förster eine Fuhre aus, als der Hahn krähte. Großer Schrecken fuhr den Bietern in die Glieder, im Nu war der Platz leer, und selbst der Förster hatte nicht den Mut zu bleiben. Ein Förster in Stierbach erwartete eines Tages seinen Vorgesetzten zu einem forstlichen Geschäft. Da tiefer Schnee lag und der Oberförster lange auf sich warten ließ, glaubte der Förster zuletzt, sein Vorgesetzter werde nicht kommen, und ging nach Hause. Dort schaute er noch ein paarmal durch das Fenster, von dem aus man eine Seite des Berges übersehen konnte, und bemerkte endlich einen Reiter der auf dem gewöhnlichen Burgweg ritt. Im festen Glauben, es sei der Oberförster, warf der Förster die Büchse um und eilte dem Reiter entgegen. Doch zu seinem größten Erstaunen sah er ihn nicht mehr, fand auch nicht die geringste Spur eines Pferdehufes im Schnee. So blieb für ihn kein Zweifel, daß er den Berggeist von Schnellerts gesehen habe. Eine Frau aus der Haal, einem Hof in der Nähe des Schnellerts ging spätabends noch außerhalb des Hauses umher. Da kam es ihr vor, als ob sie jemand stark anhauche. Als sie sich umschaute, bemerkte sie, daß sie unter dem Hals eines Pferdes stand, auf dem ein Reiter saß. -325-

In ihrer Angst betrachtete sie weder Pferd noch Reiter näher, sondern lief in die Stube zurück. Hier sagten ihr die Hausleute, es habe soeben dreimal derart an einen Pfosten geschlagen, daß die Fenster klirrten. Dies pflege der Schnellertsgeist zu tun, wenn er durch die Haal fahre. Als die Leute herausliefen, gewahrten sie nichts mehr, hörten aber am andern Morgen, wie der Geist, vom Rodenstein kommend, auf den Schnellerts zurückfuhr. Die Hofreite in Brensbach, durch die der Geist aus dem Schnellerts seinen Zug genommen haben soll, liegt im obern Teil des Ortes. Der Besitzer der Hofreite, durch dessen Scheuer der Berggeist zu ziehen pflegte, beabsichtigte einmal, am Morgen vor Tagesanbruch über Feld zu fahren. Er bat daher seine Frau, sie möge früh aufstehen, um ihm sein Frühstück zu bereiten. Als er dann am andern Morgen auf dem Weg zum Pferdestall durch die Küche ging, sah er zu seiner Verwunderung ein großes Kohlenfeuer auf dem Herd. Nachdem er die Pferde gefüttert hatte, mahnte er seine Frau, jetzt aufzustehen, da sie noch Feuer genug auf dem Herd habe. Als aber die Frau aufgestanden war und die Morgensuppe kochen wollte, fand sie keinen Funken Feuer mehr vor. Die frische Glut, die der Bauer gesehen hatte, stammte von dem wilden Heer, das in der Nacht in der Küche gewirtschaftet hatte. Es war gar nichts Seltenes, daß die Geister nachts in diese Küche einkehrten, Kessel über das Feuer hingen und kochten, weiters auch Schüsseln und Teller nahmen und Mahlzeit hielten. So trieb es der wilde Geisterzug zwischen Schnellerts und Rodenstein lange Jahre, und das Volk weiß noch heute manches darüber zu erzählen.

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Sagen aus Mecklenburg

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Böser Mainachtzauber bei Schwerin
In einer klaren Mainacht ging ein Bote von Sternberg nach Schwerin. Sein Weg führte ihn durch die Ortschaft Jülchendorf. Wer des Weges kundig ist, wird wissen, daß sich in der Nähe dieses Ortes ein Eichengehölz befindet, in dem ein verhältnismäßig hoher Berg liegt. Als der Bote in die Nähe dieses Berges kam, richtete er zufällig seine Blicke nach dem Gipfel und bemerkte mit Staunen eine große Menschenmenge, die, wie es schien, dort ein Trinkgelage abhielt; denn der Bote vernahm ein Gläsergeklirr, daß es im Wald widerhallte. Dem wackeren Mann wurde ganz unheimlich zumute. Nachdem er sich einigermaßen von seinem Schrecken erholt hatte, näherte er sich leise der Gruppe auf dem Berg, um diesem Treiben zuzuschauen. Was seine Aufmerksarnkeit am meisten fesselte, war eine mächtige Riesengestalt, deren Stimme wie das Rollen des Donners klang. Wer beschreibt aber das Entsetzen des armen Boten, als es plötzlich durch die Eichen rauschte und der Riese, den er soeben noch auf dem Berge gesehen hatte, in seiner ganzen Größe vor ihm stand! Er glaubte nichts anderes, als daß seine letzte Stunde geschlagen habe. Um so mehr wunderte sich der Brave daher, als der Riese ihn statt dessen mit folgenden Worten anredete: "Alter, du bist hungrig und durstig, willst du mitessen und trinken, so komm und schlage die Aufforderung nicht ab!" So blieb ihm nichts übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Zögernd folgte er dem Riesen. Als sie auf dem Gipfel des Berges angelangt waren, mußte der Bote sogleich Platz nehmen. Vor ihm häuften sich die besten Speisen, und kleine -328-

daumenlange Geschöpfe standen zu seiner Aufwartung bereit. Bald hatten sie ihn mit allem versehen, und er brauchte nur zuzugreifen. Der Bote nahm Messer und Gabel zur Hand, aber, siehe da! er vermochte sie nicht zu heben obgleich sie nur die gewöhnliche Größe hatten. Das verdroß ihn, und schon wollte er sich entfernen, da nahte sich ihm ein altes, häßliches Weib, das dem Anschein nach aus seinem Dorf war, und raunte ihm ins Ohr: "Der dir gegenübersitzt, hindert dich daran, Messer und Gabel zu gebrauchen. Speie ihm ins Gesicht, und es wird dir gelingen! " Kaum hatte der Mann dies getan, als ihn plötzlich ein Sturmwind faßte und ihn den Berg hinunterwarf, daß er fast die Glieder gebrochen hätte. Reisende, die an der Stelle vorüberkamen, fanden ihn und brachten ihn in die nächste Stadt, wo er lange krank lag. In der Folgezeit ging der Bote stets mit geheimem Grauen an dem Gehölz vorüber, vor allem aber hütete er sich, diesen Weg zur Nachtzeit zu betreten.

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Das Petermännchen von Schwerin
Dort, wo heute das Schweriner Schloß aufragt, stand einst die Tempelburg eines Heidengottes, der weithin in der ganzen Umgebung verehrt wurde. Als dann die Boten des Christenglaubens durchs Land zogen, floh der Heidengott in die Tiefen des Weltmeeres, ließ aber seine Diener, die Geister, zurück. Doch das Heiligtum am Schweriner See zerfiel, und nun wichen auch die getreuen Helfer ihres heidnischen Herrn und nahmen ihren Wohnsitz im Petersberg. Das Petermännchen war das einzige, das auf seinem alten Platz ausharrte. Das Männchen zeigte sich den Menschen in den verschiedensten Gestalten. Manchmal erschien es als alter Mann mit runzeligem Gesicht, dessen weißer, wallender Bart bis zur Brust reichte. Sein langer schwarzer Rock mit engen Ärmeln ging bis zu den Füßen. Um den Hals hatte es einen weißen Kragen geschlungen, und auf dem Kopf saß eine runde Kappe. Ein anderes Mal erschien das Petermännchen als mittelalterlicher Reitersmann mit flottem Schnurrbart. Es trug dann ein kurzes Wams und hohe Reiterstiefel mit Sporen, einen Degen und einen Federhut, und ein Schlüsselbund klirrte an seinem Gürtel. Das Männchen wechselte gern die Farbe seiner Kleidung: meist ging es im grauen Gewande umher; gab es Krieg, so war es mit einem roten Kleid angetan; starb jemand, so sah man es kohlschwarz gekleidet. Doch sosehr das Petermännchen in solchen Äußerlichkeiten Abwechslung liebte, blieb es doch stets sich selbst und seinem innersten Wesen gleich. Es diente seinem Schloßherrn mit unermüdlicher Treue, ließ fremden Eindringlingen seinen Unwillen fühlen, strafte schlechte Menschen und belohnte die guten. Daß dem Petermännchen die unrechtmäßigen Herren zuwider waren, erfuhr Wallenstein. Als dieser auf dem Schweriner -330-

Schloß eingetroffen war und alles besichtigt hatte, gefiel es ihm so gut, daß er sich dort häuslich einzurichten gedachte. Aber er hatte nicht mit der Feindseligkeit des Petermännchens gerechnet. Sobald sich der große Feldherr ermüdet zur nächtlichen Ruhe begeben hatte, plagte und zwickte ihn der Hausgeis, die ganze Nacht hindurch. Bald warf er die Stühle um, bald zog er dem Schläfer die Bettdecke weg und fegte damit im Zimmer herum. Der ohnehin sehr abergläubische Herzog befürchtete ein Unglück und rief seinen Sterndeuter und Vertrauten Seni. Obwohl dieser den Feldherrn beruhigte, so ließ sich der Friedländer doch sein Nachtlager in einem andern Flügel des Schlosses bereiten. In der nächsten Nacht erwachte Wallenstein aus tiefem Schlaf. Im Gemach ließ sich ein gleichmäßig schnarrendes Geräusch hören. Das Mondlicht flutete in den Ra um; bei dessen unsicherem Schimmer gewahrte der erschrockene Herzog, wie sich das Petermännchen ihm mit drohend gezücktem Schwert näherte. Wallenstein streckte wie zum Schutz der Erscheinung den Arm entgegen. In demselben Augenblick löste sich das große Bild des rechtmäßigen Herzogs, das über dem Bett an der Wand hing, vom Nagel los und begrub den Feldherrn unter sich. Petermännchen aber verschwand hohnlachend. Wallensteins Diener, durch den Angstruf seines Herrn aufgeschreckt, stürzte herein und befreite seinen Herrn von der Last des Bildes. Schon am nächsten Tag verließ Wallenstein Schwerin und betrat das verwünschte Schloß nie wieder. Schlechtigkeiten ließ das Petermännchen auf keinen Fall ungestraft hingehen. Einmal wurde im Schloß ein bedeutender Diebstahl an Schmucksachen verübt. Der Verdacht fiel auf einen alten Diener, der sofort ins Gefängnis geworfen wurde. Nur Petermännchen kannte den wahren Täter. Er besuchte daher den unschuldigen Häftling, tröstete ihn und brachte ihm gute Speisen und warme Decken. Dem Dieb aber setzte er übel zu und riß von -331-

den gestohlenen Sachen ein Stück nach dem andern aus der Tasche und streute sie hinter ihm her, so daß andere Leute es sahen und die Wahrheit bald ans Tageslicht kam. Daß das Petermännchen Standhaftigkeit, Fleiß und Treue belohnte, erfuhr auch ein junger Gardist, der in den inneren fürstlichen Gemächern Wache hielt. Mit großen Augen betrachtete der arme Soldat die vielen Kostbarkeiten, die in den Räumen herumstanden. Gern hätte er sich das eine oder andere Stück angeeignet. Das Petermännchen beschloß, die Treue und Ehrlichkeit des jungen Kriegers einmal auf die Probe zu stellen. Der Kleine erschien daher plötzlich in dem Zimmer und redete dem Soldaten, der zunächst nicht wenig erschrak, mit eindringlichen Worten zu, doch einige der schönen Sachen in die Tasche zu stecken und mit sich nach Hause zu nehmen; niemand werde es merken. Der junge Mann aber weigerte sich entschieden und war trotz allem Zureden nicht zu bewegen, das Geringste zu entwenden, vielmehr forderte er seinen Versucher auf, ihn in Ruhe zu lassen und sich zu entfernen. Das Petermännchen freute sich herzlich über die Festigkeit und Treue des Soldaten; es belohnte ihn deshalb und bat ihn zugleich, sobald er abgelöst sei, ihm einen Gefallen zu erweisen; dabei sei gar keine Gefahr zu befürchten, wohl aber ein schöner Verdienst zu erwarten. Der Soldat willigte ein und trat, sobald er frei war, mit seinem merkwürdigen Begleiter eine seltsame Wanderung an. Der Zwerg führte ihn durch mancherlei unterirdische Gänge und Gemächer, die er mit einem Schlüssel öffnete, den er an seinem Gürtel trug. Zuletzt machten sie in einem großen Saal halt. Hier reichte das Petermännchen dem Gardisten ein altes Schwert und sprach zu ihm: "Sieh hier dieses Schwert! Ein Ahnherr des Wendenfürsten Niklot stieß es in blinder Wut einem alten Priester des Christengottes ins Herz. Unschuldiges Blut klebt an der Waffe und wird so lange dran haften, bis es der Hand eines reinen Christenjünglings gelingt, die Klinge vom -332-

Blut zu reinigen. Du weißt ja mit Waffen umzugehen; mach mir das Schwert blank, ganz blank; dort auf dem Tisch findest du alles, was zu deinem Werk erforderlich ist." Der junge Mann machte sich sogleich an die ihm vertraute Arbeit, die ihm auch vortrefflich von der Hand ging; denn bald blitzte und funkelte die alte Waffe, daß es eine rechte Freude war. Nur ganz unten an der Spitze des Schwertes haftete noch ein Rostflecken. Deshalb fing der Soldat aufs neue zu putzen an, um auch diesen zu beseitigen. Mit sichtlicher Freude sah das kleine Männchen dem eifrigen Bemühen des Jünglings zu, dem es schließlich gelang, auch den letzten Flecken bis auf einen winzigen Punkt zu entfernen. "Nur noch eine kleine Weile, mein Sohn!" rief das Petermännchen aufmunternd dem Krieger zu. - Plötzlich krachte ein gewaltiger Donnerschlag, der Geist versank in die Erde, dem Soldaten aber schwanden die Sinne. Als er später, wie aus einem Traum erwachend, wieder zu sich kam, befand er sich allein wohl und gesund im Schloßhof. In seiner Tasche aber fühlte er etwas Schweres; es waren drei Stangen reinen Goldes, der Lohn des guten Petermännchens für den ihm geleisteten Dienst.

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Das Riesenkönigsgrab bei Melkhof
Zwischen Wittenburg und Hagenow liegt das Dorf Helm, das ehemals eine große Stadt gewesen sein soll, und zwar zu der Zeit, als noch Riesen die Gegend bevölkerten. Der Riesenkönig hatte von dem großen Reichtum der Stadt gehört und rückte mit einem Heere gegen sie heran. Die Helmer wehrten sich tapfer, aber sie mußten sich schließlich doch in ihre Mauern zurückziehen. Der Riesenkönig aber war im Kampfe gefallen und wurde in einen goldenen Sarg gebettet, den man wieder mit einem kupfernen und endlich mit einem eisernen umschloß. Nicht weit von Melkhof liegt er unter dem Hügel begraben, der unter dem Namen Trünnelberg bekannt ist. Mancher Schatzsucher hat den Sarg schon zu heben versucht, aber der Teufel selbst hält Schildwache davor. Nur einmal ist es mehreren Bauern aus der Umgebung gelungen, den Schatz zu erblicken. Und das ging so zu: Ein wandernder Scha tzgräber war nach Melkhof gekommen und hatte diesen und jenen beredet, in Gemeinschaft mit ihm den Schatz zu heben und zu teilen. In einer Johannisnacht ging die Arbeit vor sich. Eine Wünschelrute wurde mitgenommen und von dem Geisterbanner um und über den Berg getragen. Oben auf dem Scheitel des Hügels neigte sich die Rute, dort lag der Schatz. Vor dem Beginn der Schatzgräberei ließ sich der Mann von jedem einzelnen hoch und heilig versprechen, während der Arbeit kein Sterbenswörtchen zu sagen; denn das kleinste Wort bricht auch den mächtigsten Zauber. Dann flüsterte der Schatzgräber seine Zauberformel, und die Arbeit begann. Schon nach einer Stunde klapperten die Schaufeln auf dem eisernen Sarg. Dieser wurde eilig von der ihn umschließenden Erde befreit und mit armdicken Tauen umspannt. Bisher war -334-

alles in bester Ordnung vor sich gegangen. Keiner der Schatzsucher hatte ein Wörtchen gesprochen, und kein Hund mit tellergroßen Augen oder ein anderes gespenstisches Wesen hatte sie gestört. Die Bauern erfaßten die Taue und Hebel, ein kräftiger Ruck folgte, und der Schatz begann sich zu heben - da erschien der leibhaftige Teufel. "Dat is min un blift wo't liggt!" sagte er kurz und herrisch. "Dreck is din!" gab ihm ein naseweiser Bursche zur Antwort. Das war aber, was der Beelzebub gewollt hatte, das vereinbarte Schweigen erschien unterbrochen. Sarg und Teufel verschwanden, die Grube stürzte krachend ein. Es ist das letzte Mal gewesen, daß Schatzgräber versucht haben, den dreifachen Sarg des Riesenkönigs zu heben.

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Das spukhafte Weib zu Rittermannshagen
Drei Müllergesellen, die in der Faulenrostschen Mühle arbeiteten, gingen einst, nachdem sie Feierabend gemacht hatten, nach dem "Kruge" zu Rittermannehagen. Als sie spätabends wieder heimkehrten und gerade bei einem Kreuzweg angelangt waren, rief der eine Geselle dem anderen zu: "Kik dort sitt!" Die beiden andern Gesellen aber, die nichts Besonderes wahrnehmen konnten, fragten ihren Kameraden - der ein Sonntagskind war - was er denn eigentlich sehe. "Dor bi'n Durnbusch sitt 'n oll Wif", erwiderte der Geselle, und damit ging er, da er ein beherzter Bursche war, dreist auf den Dornbusch zu, um das dort hockende alte Weib anzureden. Kaum aber war er bei dem Gebüsch angelangt, so vernahmen die beiden zurückgebliebenen Gesellen einen gellenden Schrei. Entsetzen erfaßte sie, und eilends ergriffen sie die Flucht. Erst einige Stunden später kam ihr Kamerad in der Mühle an. Er war am ganzen Leib infolge der Anstrengung naß und konnte sich vor Mattigkeit kaum aufrecht halten. Am andern Morgen erzählte er seinen Gesellen, daß das alte Weib ihm sofort auf den Rücken gesprungen sei und ihm jämmerlich zugesetzt habe. Trotz alles Rüttelns und Schüttelns sei es ihm erst kurz vor der Mühle gelungen, das Scheusal wieder loszuwerden, das sich so fest, als sei es angewachsen, an seinen Rücken geklammert habe. Von nun an konnte der Müllergeselle nie wieder des Abends unangefochten nach Rittermannshagen gehen; denn jedesmal sprang ihm das alte Weib auf den Rücken. Zuletzt erschien sie sogar bei der Mühle und wartete dort auf den Gesellen, oder sie rief ihm auch, wenn er des Nachts mahlte, er solle doch zu ihr herauskommen. Dem so geplagten Müllergesellen wurde -336-

endlich die Sache zu bunt. Er schnürte sein Bündel, nahm den Wanderstab und reiste in die weite Welt hinaus. Die beiden andern Müllergesellen aber blieben von dem nächtlichen Spuk verschont.

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Der Pfingsttänzer von Kessin
Zu Kessin war lustiger Pfingsttanz. Das Bier schmeckte gut, und die Freude war groß. Unter den Tänzern befand sich auch ein fröhlicher Bauernknecht, der sich aus einem entfernten Dorf eingefunden hatte. Als es gegen Mitternacht ging, machte sich der Junge auf den Heimweg. Umsonst suchten die Burschen und Mädchen des Ortes ihn zu bewegen, doch noch auf dem Tanzboden zu bleiben; er ließ sich nicht halten und ging fort. Die Nacht war stockdunkel. Aber der Knecht blieb ganz nüchtern und schritt sicher dahin. Auf einmal tat sich der Himmel flammend auf, und alles weithin war taghell erleuchtet. Schwer rollte der Donner, dann herrschte wieder tiefste Dunkelheit. Doch der Knecht ging ruhig und ohne Furcht seines Weges weiter. Plötzlich hallten Tritte neben ihm, und im Dunkel der Nacht bemerkte er die verschwommenen Umrisse einer langen Gestalt, die neben ihm einherwanderte. Der fremde Mann grüßte ihn nicht, und der Knecht beachtete den Langen nicht weiter. Kurz darauf näherten sich die beiden Wanderer einem schmalen Steg. Da fing der lange Kerl zu reden an und fragte: "Wie willst du denn da hinüberkommen? " "Der Nase nach. Ist's deine Sorge?" antwortete der Knecht in landesüblicher Derbheit und schritt über den Steg. Der Lange folgte. Nach einer Weile erreichten sie ein umzäuntes Gehöft. Wieder, erkundigte sich der Fremde: "Wie willst du da hinüberkommen? " "Geht dich das an?" gab der Knecht zurück, "jedenfalls ohne; dich! " und stieg über den Zaun. Der Lange folgte hinter ihm drein. -338-

Bald darauf lag ein Haus vor ihnen, das verschlossen schien. Der, Lange meinte wiederum: "Wie willst du da hineinkommen? " "Du wirst mir jedenfalls nicht aufmachen!" erwiderte der Bursche und klopfte ans Fenster. Im Stübchen zündete eine alte Frau Licht an, humpelte zur Tür hin und schloß auf. Das war die Mutter des Burschen. Sie hieß ihren Sohn freundlich willkommen. Der Fremde war unaufgefordert mit in die Stube hineingegangen. Da sagte der Bursche zu seiner Mutter : "Ach, Mutter, da ist ein fremder Mann, dem ist nicht recht wohl; geht doch zum Nachbarn hinüber, zum Herrn Pastor, und sagt, er möge gleich kommen und den Fremden mit Gottes Wort trösten. " Da zuckte es dem Langen durch Mark und Bein; er hörte auf, lang zu sein, wurde immer kleiner und kleiner, und endlich kroch er wie ein Mäuslein unten durch die Türspalte ins Freie, und - weg war er. Der Knecht und seine Mutter aber dankten Gott, daß sie diesen unheimlichen Gast losgeworden waren, der dem Burschen auch nie wieder unterkam.

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Der Werwolf von Klein-Krams
In der Nähe von Klein-Krams bei Ludwigslust gab es in früheren Zeiten ausgedehnte Waldungen, die so reich an Wild waren, daß die Herzöge oft diese Gegend aufsuchten, um große Treibjagden abzuhalten. Bei diesen Jagden ließ sich fast jedesmal ein Wolf blicken, der aber nie von den Schützen erlegt werden konnte, selbst wenn das Tier in größte Schußnähe kam. Ja, die Jäger mußten es sogar mit ansehen, daß der Wolf vor ihren Augen ein Stück Wild raubte und - was ihnen höchst merkwürdig schien - damit ins Dorf lief. Nun geschah es einmal, daß ein Ludwigsluster Husar durch das Dorf reiste und hier zufällig das Haus eines Mannes namens Feeg betrat. Bei seinem Eintritt in das Gehöft rannte eine Schar Kinder mit heftigem Geschrei aus dem Haus und stürmte auf den Hof hinaus. Als der Husar die Kinder nach der Ursache ihres tollen Treibens fragte, erzählten sie ihm, daß außer einem kleinen Knaben von der Feegschen Familie niemand zu Hause sei, aber daß der Knabe wie gewöhnlich, wenn niemand von den Seinen anwesend sei, sich in einen Wolf verwandelt, vor dem sie fliehen müßten, weil er sie sonst beißen würde. Bald darauf erschien auch der gefürchtete Wolf. Sogleich hatte er seine Wolfsgestalt abgelegt. Der Husar wandte sich sofort an das Kind und fragte, was es mit dem Wolfsspiel für eine Bewandtnis habe; der Knabe aber wollte nicht mit der Sprache heraus. Doch der Husar ließ nicht locker, und endlich gelang es ihm auch, den Knaben zum Reden zu bringen. Nun erzählte der Kleine, seine Großmutter habe einen Riemen, sobald er sich diesen umschnalle, dann sei er augenblicklich ein Wolf. Der Husar verlangte nun von dem Knaben, er möge doch einmal als Werwolf erscheinen. Der Junge weigerte sich -340-

anfangs, doch endlich erklärte er sich dazu bereit, wenn der fremde Mann zuvor auf den Heuboden steige, damit er vor dem Wolf sicher sei. Der Husar stimmte zu und zog zur Vorsicht die Leiter, mittels der er auf den Heuboden gestiegen war, mit hinauf. Kaum war das geschehen, so lief der Knabe in die Stube und kam bald darauf als junger Wolf wieder zum Vorschein, der alle, die sich auf der Diele befanden, vom Hause hinausjagte. Nachdem dann der Wolf in die Stube gelaufen und als Knabe wieder zurückgekommen war, stieg der Husar vom Heuboden herab und ließ sich von dem Jungen den zauberischen Gürtel zeigen, woran er aber nichts Besonderes entdecken konnte. Der Husar traf bald darauf einen Förster in der Nähe von Kleinkrams, dem er sein Erlebnis im Feegschen Hause mitteilte. Der Förster, der bei den großen Treibjagden immer dabeigewesen war, dachte bei dieser Erzählung sofort an jenen unverwundbaren Wolf. Er meinte nun, den Werwolf erlegen zu können, und sprach darum bei dem nächsten Treiben zu seinen Freunden, während er eine Kugel von Silber in den Lauf seiner Flinte schob: "Heute soll mir der Werwolf nicht entgehen!" Seine Gefährten sahen ihn verwundert an. Er aber erzählte nichts weiter. Darauf begann das Treiben, und es währte nicht lange, so zeigte sich auch wieder der Wolf. Viele von den Jägern schossen auf ihn, aber er blieb unverletzt. Endlich kam das Raubtier in die Nähe des Försters. Dieser streckte ihn mit eine Schuß zum Boden. Der Wolf stürzte getroffen, alle sahen es, trotzdem sprang er gleich wieder auf und lief mit Windeseile ins Dorf, die Jäger hinter ihm drein. Doch der Werwolf war schneller als sein Verfolger und entschwand ihnen auf dem Feegschen Hof. Als sie das Haus durchsuchten, fanden sie im Bett der Großmutter den Wolf, -341-

dessen Schwanz unter der Bettdecke hervorragte. Der Werwolf war niemand anderer gewesen als Feegs Großmutter. Sie hatte in ihrem Schmerz vergessen, den Riemen abzulegen, als sie ins Bett kroch, und hat so ihr Geheimnis verraten. Seit dieser Zeit hatte die Werwolfsplage in Klein-Krams ihr Ende gefunden.

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Der gefangene Teufel von Dreilützow
Auf dem Wege von Dreilützow nach Wittenburg mußte man früher an einem dichten Buschwerk vorbei, das hart an der Landstraße wuchs. Hier trieb seit jeher der Teufel sein Wesen. Jeder, der vorüberging, ohne ein Vaterunser gebetet zu haben, wurde vom Bösen angehaucht, daß er eine dicke Backe bekam oder es vor lauter Ohrensausen kaum aushielt. Zogen Pferde oder Kühe vorüber, so trieb der Teufel mit ihnen anderen Schabernack, indem er sie lahm oder hinkend machte, den Kühen wohl auch die Milch abzapfte. In Dreilützow wohnte damals em Bauer, der ganz besonders viel von dem Bösen zu leiden hatte, da sein Vieh oft an dem Gebüsch vorbei mußte. In seiner Not beschloß das Bäuerlein, den Teufel mit List zu fangen. Eines Tages nahm er sein Hausgesinde mit und grub mit den Leuten in der Nähe des Busches eine tiefe Grube. Da er gehört hatte, daß der Teufel besonders lüstern nach Eierspeisen sei, mußte seine Frau einen tüchtigen Stapel fetter Pfannkuc hen backen. Als die Grube fertig war, schickte er seine Leute nach einer nahen Wiese, wo sie sich verbergen mußten, schärfte ihnen aber vorher ein : "Sobald ich rufe, kommt eilends her mit tüchtigen Prügeln!" Nun nahm der Bauer einen großen Sechsscheffelsack, legte die Pfannkuchen hinein und spannte den Sack weit auf. Es währte auch nicht lange, so kam der Teufel aus dem Gebüsch und fuhr, vom Geruch des Pfannkuchens angelockt, in den Sack hinein. Rasch band der Bauer den Sack zu. Auf seinen Ruf eilten seine Leute mit festen Knütteln herbei, und nun ging's an ein Dreschen, daß der Teufel drinnen im Sack sich wie ein Wurm krümmte. Endlich verlegte sich der Böse aufs Bitten und versprach allen goldene Berge, ja noch mehr, wenn sie nur aufhören wollten. Aber der schlaue Bauer ließ sich nicht betören. Er wußte, daß -343-

der Teufel nimmer hält, was er verspricht. Er wurde mit dem Sack in die Grube geworfen, und eine Schaufel voll Erde nach der andern fiel auf den Sack, bis die Grube ganz ausgefüllt war. Da steckte nun der Teufel im Sack, und über ihm türmten sich wohl acht Fuß Erde. Wie lange er darunter gelegen ist, wird nicht erzählt, aber die Gegend um Dreilützow hat der Teufel von da an gemieden.

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Die Himmelfahrtstänzer vom Tannenkrug bei Dassow
Auf einem öden Fleck z wischen Dassow und Schlutup soll früher einmal ein Gasthaus gestanden sein, das nach dem benachbarten Tannenwald "Tannenkrug" hieß. Darin ging es oftmals recht wüst und lärmend zu, besonders an Sonn- und Feiertagen. So war es auch einst an einem Himmelfahrtstag. Nachmittags stellte sich ein Geiger ein, und es wurde tüchtig getanzt. Eine halbe Stunde später näherte sich der Schenke ein Mann, in dem man einen Geistlichen erkannte. Dieser wollte einen Sterbenden im nahen Dorf aufsuchen. Nun forderte der Geiger die Anwesenden auf, den Tanz einzustellen, bis der Pastor vorüber sei. Aber die Menge lachte den Musikanten aus und nötigte ihn, einen neuen Tanz zu spielen. Doch die wilde Ausgelassenheit sollte nicht mehr lange dauern. Denn plötzlich zog ein Gewitter auf, und ein furchtbarer Donnerschlag krachte. Der Geiger warf seine Fidel fort und rannte erschrocken ins Freie. Kaum aber war er fünfzig Schritt weit gekommen, als ein Blitzstrahl niederzuckte und der "Tannenkrug" samt all seinen Gästen in die Erde versank. Zitternd erreichte der gerettete Geiger sein Dorf. Vom "Tannenkrug" aber hatte sich keine Spur mehr erhalten.

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Die Kaienmühle bei Rostock
An das Tor der Kaienmühle bei Rostock klopfte vor vielen Jahren abends in der Dämmerstunde ein Wanderbursche, der den Meister um Arbeit ansprach. Da der Müller gerade einen Gehilfen brauchte, wurde der Geselle sogleich angenommen. Nachdem der Bursche zu Abend gegessen hatte, wies ihm der Meister seine Schlafkammer, wohin sich der Geselle auch bald begab. Hier traf er den zweiten Müllerburschen, der ihm sofort seine Freude kundgab, daß er jetzt nicht mehr auf der Mühle zu sein brauche, "denn", fügte er hinzu, "auf der Mühle ist es nicht geheuer." Auf die Frage des Gesellen, was denn dort los sei, erzählte er, daß er nachts bei seinem Umgang durch die Mühle wiederholt eine weiße Gestalt gesehen habe. Der neue Geselle nahm sich vor, gleich in der ersten Nacht der Sache auf den Grund zu gehen. Er begab sich an die bezeichnete Stelle, und richtig - die Gestalt war wieder da. Der Müllergehilfe rief: "Alle guten Geister loben den Herrn! " "Ich auch", erwiderte die Gestalt. "Halt!" dachte der Müller, "vom Bösen ist sie nicht", und fragte nun die Erscheinung weiter aus. Da erfuhr er denn, daß sie einst ein reisender Müller gewesen, der dicht bei der Mühle erschlagen und an der Hecke, die sich um das Haus zog, eingescharrt worden sei. Die Gestalt forderte den Gesellen auf, dafür zu sorgen, daß der Leichnam in geweihter Erde seine Ruhe finde; zum Zeichen dafür, daß er das tun wolle, möge der Geselle ihr die Hand geben. Dagegen sträubte sich jedoch der Müller; da bat ihn der Geist, er möge doch nur sein Kleid berühren. Dies tat der Geselle, und sofort war das Gewand an der erfaßten Stelle pechschwarz. Nachdem der Erschlagene dem Gehilfen noch mitgeteilt hatte, daß er das -346-

Geld für die Beerdigung in seiner Rocktasche trage, war er verschwunden. Am andern Morgen erzählte der Geselle seinem Meister den Vorfall. Sie gruben an der bezeichneten Stelle nach und fanden auch bald den Leichnam, der deutliche Merkmale eines gewaltsamen Todes an sich trug. In der Rocktasche steckte ein Louisdor, von dem sich die Kosten des Begräbnisses auf dem Biestower Friedhof leicht bestreiten ließen. Seit dieser Zeit wurden die Müller auf der Kaienmühle von keiner Erscheinung mehr belästigt.

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Die Unterirdischen im Lindenberg bei Penzlin
Nahe bei Penzlin lag ein Hünengrab. Einst kamen zwei Leute aus Zahren, die von Penzlin heimkehrten, bei dem Grab vorbei. Der eine von ihnen hatte sehr großen Durst und wußte sich nicht zu helfen, weil auf dem Wege von Penzlin nach Zahren kein Wirtshaus und auch keine Quellen anzutreffen waren. Als er sich nun dem Lindenberg näherte, hörte er drinnen eine prächtige Musik, als ob zum Erntebier aufgespielt würde, und zwischen dem Gebüsch schien Licht zu blinken. Weil der Mann wußte, daß in dem Berg Unterirdische wohnten und die Leute der Oberwelt damals noch auf vertrautem Fuß mit den Kleinen im Berg drunten lebten, so dachte er, hier könntest du wohl etwas für den Durst bekommen. Während nun sein Gefährte weiterwanderte, ging er um den Berg herum, um den Eingang zu suchen. Als er aber sah, daß all sein Bemühen vergeblich sei, rief er dem lustigen Völklein drinnen laut zu: "Heft ji nich eens to drinken, mi döst't ok gor to dull." Kaum hatte er dies gesagt, als auch schon ein kleiner Mann mit einem prächtigen Krug neben ihm stand und ihm freundlich zu trinken bot. "Da", sagte er, "drink, äwer kik jo nich in den Kroog!" Der Mann aus Zahren ließ sich dies nicht zweimal sagen, und es schmeckte ihm gar köstlich, denn in dem Krug war ein feiner Trunk von köstlichem Geschmack. Während er aber so trank, flüsterte ihm der Versucher zu: "Lauf mit dem Krug davon, es gibt seinesgleichen nicht, und mit dem Kleinen da wirst du schon fertig werden. " Als sich der Mann nun umsah und nur den einen Zwerg gewahrte, lief er, da er nichts Arges ahnte, mit dem Krug davon. Aber der Unterirdische erhob sofort ein großes Geschrei, und gleich wimmelte die ganze Schar der Kleiden aus dem Berge -348-

heraus und hinter dem Spitzb uben her. Aber so eilig auch die Bestohlenen trippelten, ihre kurzen Beinchen vermochten doch nicht, mit den langen und schnellen Läufen des Diebes Schritt zu halten, geschweige denn, ihn einzuholen. Es war indes einer unter den Zwergen, der hatte zwar nur ein Bein, als er aber rief: "Een Been loop!", da griff er mit dem einen Bein wacker aus, war bald seinen Genossen weit voraus und setzte dem Räuber heftig nach. Er war ihm auch schon ziemlich nahe; denn seine Gefährten feuerten ihn fortwährend an und schrien: "Brooder Eenbeen, lop doch!" Als sie aber dicht vor Zahren an den Kreuzweg kamen und der Einbeinige den Flüchtling fast schon eingeholt hatte, sprang der Verfolgte mit einem Satz über den Weg und war in Sicherheit, denn darüber hinaus durfte ihm der Einbeinige aus der Unterwelt nicht folgen. Als der Zwerg nun sah, daß sein Schatz für immer dahin sei, rief er dem Entkommenen nach: "Du magst den Krug nun behalten und immerfort daraus trinken, denn er wird nie leer werden, aber hüte dich hineinzusehen!" Der Mann, froh, seinen Raub geborgen zu haben, eilte nun heim und bewahrte das wunderbare Gerät sorgfältig auf. Es war so, wie "Bruder Einbein" gesagt hatte. Er konnte daraus trinken, so oft er Durst hatte, und trank auch fleißig, ohne Schaden zu leiden, vielmehr bekam ihm der Trunk außerordentlich gut. Als es aber den Krug schon viele Jahre gebraucht hatte, plagte ihn doch einmal die Neugierde, er blickte in das Gefäß und sah auf dem Grunde - eine große, häßliche Kröte. Nun war aber auch alles aus. Die Kröte war mit einemmal verschwunden, der Krug war leer, der Mann aber siechte in kurzer Zeit elend dahin. Die älteren Bewohner der umliegenden Dörfer halten die Umgebung des Lindenberges noch immer für nicht recht geheuer. So soll es vielen Leuten besonders zur Nachtzeit dort nicht gut ergangen sein; sie verirrten sich, obwohl sie den Weg genau kannten. Die Unterirdischen waren auf die Menschen böse. -349-

Die Wundereiche bei Stäbelow
Zwischen dem Hof Fahrenholz und dem Dorf Stäbelow steht eine alte, ehrwürdige Eiche. Der Stamm des Baums zeigt etwa drei bis vier Meter über dem Erdboden eine Öffnung, die so groß ist, daß sogar Erwachsene durchkriechen können. Einst herrschte bei dieser "Krupeiche" täglich ein reges Leben. Aus nah und fern eilten Kranke in Scharen herbei; arm und reich, jung und alt, Leute, denen kein Arzt mehr helfen konnte, machten hier einen letzten Heilungsversuch. Am meisten kamen Gichtkranke. Sobald die Sonne untergegangen war, stiegen die Kranken auf einer Leiter zur Öffnung empor und krochen gläubigen Herzens hindurch. Sofort fühlten sie sich wie neugeboren, kletterten behend auf der andern Seite des Baums herab und begaben sich freudig nach Hause. Eines Tages erschien auch die Frau eines Landvogts, die von jahrelanger Krankheit heimgesucht war. Alle Mittel der berühmtesten Ärzte hatten ihr nicht geholfen. Ihr Leiden schien unheilbar. In ihrer Verzweiflung ließ sie sich gläubigen Sinnes zu der Wundereiche fahren, kletterte mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte die Leiter empor, quälte sich durch die Öffnung hindurch und kam wie so viele vor ihr zum großen Erstaunen der Zuschauer gesund auf der andern Seite des Baums herunter. Mit heißem Dank gegen Gott sprang sie wieder in ihren Wagen, fuhr freudig nach Hause und fiel jubelnd in die Arme ihres hocherfreuten Gatten. Noch vielen Kranken wurde solch wunderbare Heilung zuteil. Aber eines Tages half das Durchkriechen durch den Baum nicht mehr. Das kam so : Ein Handwerker hatte den Auftrag, eine bequeme Treppe zur Öffnung im Baum anzubringen. Dabei führte er allerlei gotteslästerliche Worte im Mund, ja, er fluchte -350-

und entweihte die Eiche in unflätiger Weise. Seither ist die Wunderkraft des Baums gebrochen. Keine hoffnungsvollen Kranken umlagern den Baum, niemand kriecht mehr durch seine Öffnung. Doch manchmal soll man jetzt den Bösen um den Stamm herumtänzeln sehen; höhnisch grinst er die Vorübergehenden an.

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Die rote Ilse von Parchim
Vor langen Zeiten wohnte auf dem Brook in Parchim ein boshaftes Weib, das man allgemein "dei ror Ils" oder "dei Wäderhex" nannte. Ihren wahren Namen kannte niemand. Rote Ilse aber hieß sie deshalb, weil man sie stets mit einem auffallend roten Tuch umhergehen sah. Sie war in Parchim eingewandert, hatte sich ein Häuschen gekauft und sann nur darauf, mit ihrer Hexenkunst Unheil zu stiften. Wiewohl die verbrecherische Natur des Weibes allgemein bekannt war, wagte doch niemand, die rote Ilse bei Gericht anzuzeigen; man fürchtete ihre Rache. Doch die Stunde der Vergeltung sollte bald schlagen. In dem Dorf Slate bei Parchim lebte nämlich damals ein Schäfer, der ebenfalls manches von der schwarzen Kunst verstand, ohne aber ein Hexenmeister zu sein; denn er gebrauchte sein Wissen nur zu guten Zwecken. Alle, die von der roten Ilse bedrängt wurden, wandten sich hilfesuchend an den Schäfer. Dieser ließ sich von dem Treiben der Hexe erzählen und erfuhr, daß sie abends als dreibeiniger Hase bei der Hintertür ihres Hauses hinauslaufe, dann die Elbe durchschwimme und endlich nach der Dagekuhl, einem kleinen Gehölz, eile. Als der Hirt dies hörte, sagte er: "Sobald ihr abends den dreibeinigen Hasen bemerkt, ruft mich! " Nach wenigen Tagen schon war das sonderbare Tier auf dem wohlbekannten Weg zu sehen. Sofort wurde der Schäfer benachrichtigt. Er ergriff auf der Stelle seine Flinte, die er vorher mit einer aus Brot gekneteten und durch einen Zauberspruch geweihten Kugel geladen hatte. Dann rannte er spornstreichs zur Dagekuhl und traf dort richtig mit der verwandelten Hexe zusammen. Diese suchte sofort zu entfliehen und hopste, so schnell es ihre Dreibeinigkeit erlaubte, davon. Doch sie konnte dem Jäger nicht entrinnen. Denn als der Schäfer sein Gewehr auf den Hasen abgefeuert hatte, lag plötzlich die -352-

Hexe blutend unter einem Baum. Mit ihren blutunterlaufenen Augen und dem zahnlosen Mund grinste sie den Schäfer auf abscheuliche Weise an. Dieser aber band ihr die Hände und führte sie in die Stadt. Das Gericht sprach das Urteil: Ins Feuer mit ihr! Als die Hexe aber zum Scheiterhaufen geführt wurde, versuchten ihre Hexenschwestern, sie noch zu retten. Schon war der Holzstoß auf allen Seiten angezündet, da fiel plötzlich ein so starker Regenguß, daß das Feuer schnell erlosch. Doch der Schäfer wußte auch hier Rat. Er gebot, eine Bibel herbeizuschaffen. Sobald diese dem Weib unter die Füße gelegt war, loderte das Feuer wieder gewaltig empor und hatte bald den Holzstoß samt der Hexe verzehrt. Die Bibel aber wurde nachher wieder unversehrt aus der Asche hervorgezogen.

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Teufelsbesuch in Großen- Methlind
Auf dem Hofe Großen-Methlind wohnte vor vielen Jahren ein alter, geiziger Pächter, der in Zeiten, wenn die Feldfrucht rar war, sein Korn nicht auf den Markt brachte, sondern wucherisch auf dem Schüttboden versperrte. Viel Gold und Silber hatte der Geizhals in Kisten und Schränken aufgehäuft; hart war sein Herz gegen Untergebene und Arme, und viele Stunden des Tages verbrachte er mit Kartenspiel. Einstmals an einem Pfingstmorgen, während die Leute zum Gotteshaus eilten, wanderte er aufs Feld hinaus, um die Saat zu besehen und den erhofften Gewinn zu berechnen. Während der Geist des Alten in Zahlen schwelgte, kam ihm auf der Landstraße ein Gefährt mit schwarzen, hochbäumenden Rossen entgegen. Neben dem Alten hielt es an, und ein finsterblickender, hochgewachsener Mann entstieg dem Wagen. Ein roter Mantel hing ihm weit über die Füße herab, und dreieckig war sein Hut. "Habt ihr Korn zum Verkauf?" fragte der Fremde den Pächter; "ich gebe Euch doppelte Preise." "Wenn's so ist", erwiderte der Alte, "läßt sich darüber reden. Kommt mit und eßt bei mir!" Beide gingen zusammen fort. Als sie auf den Hof kamen, flogen die Hühner und Enten mit Geschrei davon, als ob ein Raubvogel niederstoße, und der Hofhund knurrte und heulte abwechselnd. Doch die Männer betraten die Stube. "Ein solcher Gast muß herrlich bewirtet werden", dachte der Landmann und ließ große Schüsseln mit Fleisch und kräftiges Bier auftragen. Der Fremde aber setzte sich zum Mahle, neckte die aufwartende Magd ungebührlich und riß ihr die Schürze ab. Dabei fiel aus seiner Hand ein Messer nieder. Das Mädchen -354-

bückte sich, um es aufzunehmen; da erblickte sie an den Beinen des Fremden einen Pferdeund einen Hühnerfuß! Erschrocken eilte sie zur Hausfrau hinaus; diese meldete es dem Manne. In aller Eile wurde der Geistliche des Dorfes geholt. Dieser kam, die Bibel unter dem Arme. Doch höhnisch rief ihm der Fremde entgegen: "Was willst du von mir? Dich kenne ich. Du stahlst als Knabe deinem Mitschüler ein Messer." Der Geistliche wich beschämt und verwirrt zurück, der Fremdling aber ließ sich unter vielen Gotteslästerungen das Mahl weiter gut schmecken. Inzwischen ließ man im Wagen auch den Geistlichen aus dem nahen Brudersdorf holen. Dieser betrat mit der Bibel in der Hand die Stube. "O weh, o weh!" begann der Fremde zu jammern und starrte bedrückt in eine Ecke der Stube, "erbarme dich meiner!" "Du kommst mir nicht anders aus dieser Stube hinaus", sprach der Geistliche, "als durch diese Tür und bei dieser Bibel vorbei. " Plötzlich erhob sich draußen im Hof ein Tosen, als ob ein Sturm sich erhebe. Ein blauer Nebel sammelte sich über dem Hause. Den Leuten wurde bange, und sie baten die Geistlichen um ihre Hilfe. "Nun", rief einer der beiden, "so öffnet das Fenster! Fahre aus, du böser Geist!" Da fuhr's mit gewaltigem Krachen hinaus wie ein Sturmwind; das Fenstergebälk war ausgerissen, der Nebel verschwunden, und auf dem Scheunengiebel, dem Haus gegenüber, saß der Böse und stieß ein gellendes Lachen aus. Dann war er verschwunden. Der einstens so geizige Pächter aber wurde von dieser Zeit an ein frommer Mann.

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Sagen aus Niedersachsen

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Camper Stör
Eier in Senfsoße nennt man in Jever "Camper Stör". Als die Stadt Campe einst einen neuen Bürgermeister bekommen sollte, wollten die Bürger der Stadt seine Einsetzung mit einem Festmahle feiern. Hierzu gehörte aber auch Fisch, und sie veranstalteten einen Fischzug, bei welchem sie denn auch einen großen Stör fingen. Doch ein Fisch ist nur gut, wenn er frisch ist. Darum setzten sie den Stör, bis sie ihn brauchten, wieder in das Wasser, worin sie ihn gefangen hatten. Damit sie ihn dann wiederfinden könnten, banden sie ihm eine Glocke um. Als der Tag da war, an dem der neue Bürgermeister eingesetzt werden sollte, rüsteten sie das Mahl. Für den Fisch bereiteten sie eine schmackhafte Senfsoße zu und gingen dann zum Wasser, um den Stör zu fangen. Aber sie konnten die Glocke nirgends finden, und der Stör blieb ungefangen und ungegessen. Damit nun die schöne Tunke nicht umkommen sollte, taten die Camper harte Eier hinein. Seitdem nennt man dies Gericht dort, wo man die Geschichte kennt, "Camper Stör"

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Das Bullenmeer im Saterland
Im Saterland war einmal der Teufel in einen Mann gefahren. Der Besessene machte so viel Lärm, daß es seine Leute nicht mehr mit ihm aushalten konnten. Deshalb ließen sie den Pastor holen, der damals in Ramsloh seinen Sitz hatte. Anfangs gab es große Mühe, dem Teufel an den Leib zu rücken, aber schließlich meisterte ihn der Pastor doch. Damals stand gerade ein Bulle im Haus. Als der Teufel nun herausgetrieben war und den Pastor fragte, wohin er sich nun begeben solle, flog es diesem unversehe ns aus dem Mund : "Meinetwegen kannst du in den Bullen fahren. " Kaum hatte der Pastor dies gesagt, saß der Teufel auch schon in dem Stier. Dieser riß Joch und Kette gleich in Stücke und trat die verschlossene Stalltür kurz und klein. Dann rannte der Bulle geradeaus ins Moor und gelangte an einen großen See. Blindlings rannte er in das Wasser und ertrank. Seit dieser Zeit heißt das Meer, das oberhalb von Hollen liegt, das Bullenmeer. Der Teufel aber soll in Gestalt eines Bullen noch immer dort spuken.

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Das Riesenfräulein von der Lauenburg bei Heyen
Südlich vom Dorf Heyen in Braunschweig zeigen Gräber und Schutthaufen im Walde die Stelle an, wo vor alters die Lauenburg stand. Auf dieser Feste wohnten einst Riesen. Eines Tages ging das Riesenfräulein spazieren und kam auch ins Wesertal hinunter. Da trat es mit einem Schritt über den Strom und war nun im Kemnader Felde. Dort sah es einen Bauern, der seinen Acker pflügte. Das niedliche Ding gefiel dem Mädchen. Es bückte sich und tat den Mann samt Pflug und Pferden in seine Schürze. Voller Freuden eilte es dann nach der Burg zurück. Hier öffnete das Mädchen die Schürze und stellte seinen Fund auf den Tisch. Hierauf holte es eilig Vater und Mutter herbei und rief: "Seht, was ich mitgebracht habe! Dort unten im Tal mußte ich über ein Wässerlein treten, und da fand ich dieses niedliche Spielzeug. " Der Vater aber tadelte mit ernster Miene: "Das ist kein Spielzeug für dich. Trag alles schnell wieder zurück auf das Feld! Wenn nicht das Volk der Zwerge arbeitet im Tal, So darben auf dem Berge wir Riesen bei dem Mahl. " Das Riesenfräulein machte zwar eine betrübte Miene, aber es brachte alles wieder an seinen früheren Ort.

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Das Steenhuus bei Bunde
In der Nähe des Marktfleckens Bunde in Ostfriesland steht noch heutigentags ein alt es Haus, das jedes Kind unter dem Namen "Steenhuus" kennt. Dort wohnte vor vielen Jahren ein Fräulein, das schön von Angesicht war, aber ein eiskaltes Herz hatte. Ein junger Ritter warb um sie, aber umsonst, und als all seine Bitten vergeblich blieben, nahm er das Kreuz und zog ins Gelobte Land, um dort Ruhe von seiner Liebe zu finden. Nun lebte damals eine alte Frau in Bunde, die wußte um den Schmerz des Junkers, fühlte Mitleid mit ihm und beschloß, ihm zu helfen. Sie braute einen Liebestrank, den sie dem Fräulein heimlich zu trinken gab, und schrieb an einen Balken des Steenhuuses sieben Zauberzeichen. Das geheimnisvolle Mittel wirkte, und bald verzehrte sich das Fräulein in Liebe nach dem Ritter, spähte alle Tage nach dem Süden, ob er noch nicht käme, und als sie hörte, er habe im fernen Land den Tod gefunden, ertrug sie den Schmerz nicht und folgte ihm bald in den Tod. Aber die Arme fand im Grab keine Ruhe; allnächtlich wanderte sie durch das Steinhaus, viele Leute haben sie gesehen. Einmal aber kam doch die Zeit, wo sie von ihrer ruhelosen Wanderung erlöst wurde. Der neue Besitzer des Steinhauses wollte seinen Torf einlagern, kam dabei auf den Dachboden und erblickte das Zauberzeichen im Balken. Er dachte an seinen kleinen Sohn und sagte: "Daar hett de dumme Junge sien Kreienpooten ook an de Balke margelt. Gien Schwien kann se lesen, und doch is de Bengel all'n half ja bi't Schriefen", und löschte die Zeichen aus. Seit dieser Zeit hat das Fräulein Ruhe im Grabe, niemand hat sie je wieder gesehen. -360-

Das Unwetter
Zu Harmsdorf -- das liegt bei Oldenburg -- hatten sie mal vor Jahren einen trockenen Sommer, daß die Bauern sich nichts so sehr wünschten als ein bißchen Regen. Denn auf den Feldern verdorrte das Korn und vertrockneten die Kartoffeln, und das Vieh hatte nichts mehr zu fressen. Nun kamen die Bauern eines Abends im Krug zusammen und besprachen sich, was wohl zu machen wäre, damit sie ein Unwetter bekämen. Der eine meinte dies und der andere das. In der Stube saß ein Fremder -- ein richtiger Spaßvogel --, der beabsichtigte, über Nacht zu bleiben, und hörte, was die Bauern miteinander redeten. Da sagte er zu ihnen: "Ja, wenn't wider nis is as dat, dar kann ick raden." Sie sollten einen nach Oldenburg zum Apotheker schicken, der hätte Unwetter zu verkaufen. " Dat is awer ari dür", setzte er hinzu. "Ünner hunnert Mark is dat wul ne to hebbn. " Die Bauern aber waren über diesen Rat sehr froh und sprachen: "Oh, dat wulln we dar je gern anwen'n. " Sie legten zusammen, und am anderen Morgen schickten sie einen Knecht los. Als der Knecht zum Apotheker kam, fragte ihn der, was er haben wollte. "Ja", sagte der Knecht, "de Harmsdörper Bur'n hebbt mi herschickt, ick schull vör hunnert Mark Unwedder hal'n. " "Na", meinte der Apotheker, "aus Harmsdorf bist du? Aus dem warmen Lande, wo der Schleifstein unterm Giebel gedreht wird und wo der Hund mit dem Schwanz bellt? Ja, da weiß ich schon Bescheid, dann komm mal in einer halben Stunde wieder." Der Apotheker ging indessen in seinen Garten, fing einen großen, dicken Brummer und setzte ihn in eine kleine Schachtel. Als der Knecht wiederkam, gab der Apotheker ihm die Schachtel und sagte: -361-

"Öffne aber die Schachtel nicht eher, als bis du in Harmsdorf ankommst. Sonst wird das Unwetter schon vorher herausfliegen. " Der Knecht bezahlte die hundert Mark und machte sich mit seinem Unwetter auf den Heimweg. Unterwegs blieb er stehen und holte die Schachtel aus der Tasche. Er hielt sie ans Ohr und hörte es drinnen schnurren und brummen. I, dachte er, wo schull so'n Unwedder wul utsehn? Muß doch einmal tokiken. Er öffnete die Schachtel ein klein wenig, und brr! schnurrte der Brummer heraus. Erst brummte er dem Knecht ein paarmal um den Kopf herum, und dann war er weg. Der Knecht lief hinterdrein und rief und winkte. "Na Harrnsdörp to! Na Enhus nich! Man ümmer na Harmsdörp to!" Als der Knecht zu Haus ankam, fragten ihn die Bauern sogleich, ob er das Unwetter bekommen hätte. Ja", sagte er, "kregen heff ick wat. Awer dat's mi ünnerwegens weg flagen. Ers wull't na Enhus to. Aber ick röp immerlos achteran. Un do kreg dat toletz den Dreih hier na Harmsdörp to." Der Knecht war noch gar nicht lange zu Hause, da zog es schwarz herauf, blitzte und wetterte und begann ganz gefährlich zu regnen. Und es regnete und regnete einen Tag nach dem andern und wollte gar nicht mehr aufhören. Da meinten die Harmsdorfer, so viel Unwetter hätten sie für ihre hundert Mark nicht nötig gehabt. Und wenn noch mal eine solche Trockenheit über sie käme, dann wollten sie nicht mehr als fünfzig Mark anwenden.

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Das liebe Brot
Bei Galhus im Gute Schackenburg ist eine tiefe Wiese. Ein Mädchen holte aus der Stadt Mögeltondern für seine Mutter Brot. Es hatte kurz zuvor sehr geregnet, und das Mädchen war geputzt und hatte neue Schuhe an; denn es war Sonntag. Als es nun an eine Pfütze kam, legte es die Brote hinein und trat darauf, um trocknen Fußes hinüberzukommen. Aber die Brote wichen unter den Füßen des Mädchens, und es versank vor den Augen der Leute, die herbeiliefen, um es zu retten. Das war allen, die das sahen, eine Warnung, niemals das liebe Brot zu verachten.

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Das taube Tal bei Winkel an der Aller
Nahe den grünen Wiesen der Aller liegt unweit des Dorfes Winkel zwischen Gifhorn und Brenneckenbrück ein Tal, das ist öd und unbewohnt. Rundumher hält die Heide den Sand fest, und das Moos bändigt ihn; in dem "tauben Tal" aber liegt der Sand lose da oder fliegt, wie der Wind es will. Mehr als einmal hat der Förster Föhre und Birken dort gepflanzt, um den Sand an Ort und Stelle zu bannen, es ist aber nichts von den jungen Setzlingen übriggeblieben. Sie wuchsen ein Weilchen kümmerlich fort und gingen dann ein. Denn das Tal ist verflucht für immerdar, weil unschuldig Blut dort geflossen sein soll. Kein Bauer geht zur Nachtzeit gern daran vorbei. Gesichter von Verstorbenen umschweben den Mensche n, der dies Tal betritt, und unheimliche Schatten folgen ihm. Ein Knecht, der an Gott und den Teufel nicht glaubte und ein heimlicher Wilderer war, paßte in einer hellen Nacht dort auf einen weißen Rehbock, der sich in dem Tal aufhielt. Das Tier stand dicht vor ihm, und der Mann schoß zweimal auf das Blatt, ohne daß das Tier umfiel. Als er von neuem geladen hatte und anlegte, sahen ihn zwei Menschenaugen so böse an, daß er keine Kraft mehr in den Armen fühlte, sein Gewehr fallen ließ und Hals über Kopf davo nlief. Wie er am andern Mittag seine Waffe wieder holen wollte, war der Lauf durchgebrochen. Wenn es lange gestürmt und geregnet hat, gibt der Sand im Umkreis der vielen hundert kleinen Hügel, die in dem Tale liegen und wie verwahrloste Grabstätten aussehe n, schwarze Scherben; von Aschenurnen und zerbröckelte Backsteine frei, auch hat man gelegentlich eine vom Rost zerfressene Speerspitze und einen silbernen Armring gefunden. Ein Gelehrter, der sich auf solche Dinge verstand, ließ einige der Hügel abgraben, fand aber lange nichts von Bedeutung, bis er -364-

schließlich auf einen Kranz von Steinen stieß. Voll Eifer grub er drauf los, achtete nicht auf die Zeit und arbeitete bis in die Nacht hinein. Da hörte er plötzlich hinter sich jämmerlich husten, und als er sich umsah, stand ein uralter, in Lumpen und Fetzen gehüllter Mann hinter ihm, der ihn um eine kleine Gabe bat. Der Forscher warf ihm: ein Stück Geld in den Hut. Aber als sich der Alte mit einem Händedruck verabschieden wollte, kam dem Gelehrten der Bettler so schmierig vor, daß er ihm die Grabscheitkrücke und nicht die Hand reichte. Das war sein Glück; denn der Bettler war nicht von dieser Welt, und seine Teufelsfinger brannten tief in den Spatenstiel hinein. Einmal gerieten zwei junge Leute, die nachts durch die Heide gingen und vom Wege abkamen, in das taube Tal, gerade als die zwölfte Stunde schlug. Es war Mondschein, und bald erkannten sie mit Schrecken, daß sie an dem Ort waren, vor dem man sie in Brenneckenbrück gewarnt hatte. Als die jungen Leute so dastanden und nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten, kam ein Mann gelaufen, der mit den Händen Raben abwehrte, die nach seinem Kopf hackten; er rannte quer über die Blöße nach dem kleinen See hin, der hinter den Föhren liegt, und stürzte sich mit einem lauten Schrei dort hinein. Zu gleicher Zeit erklang ein Hohngelächter in der Luft, ein glühendes Rad flog über die beiden hin, kreiste über dem Wasser und zersprang in lauter blaue Flammen, die um die jungen Leute einen Tanz aufführten. Diese konnten sich nicht von der Stelle rühren, so viele Mühe sie sich auch gaben. Erst als die erste Mitternachtsstunde vorüber war, bekamen sie wieder Gewalt über ihre Glieder und langten mehr tot als lebendig in Gifhorn an. In dem tauben Tal stand einst ein Bauernhof. Als im Dreißigjährigen Krieg die Schwedischen in der Gegend raubten und brannten, fanden sie zu dem Hof, der gut versteckt lag, nicht hin, bis ihnen seine Lage von einem Knecht verraten wurde, der dort im Dienst, stand und dessen Werbung von der Haustochter -365-

abgewiesen worden war. Die Soldaten brachten alles um, was auf dem Hofe lebte, raubten das Anwesen aus und steckten es schließlich in Brand. Als der Knecht aber seinen Lohn haben wollte, lachten ihn die Soldaten aus und gaben ihm einen alten Strick. Da sein häßlicher Verrat sich in der, Gegend herumgesprochen hatte, wollte ihn kein Mensch mehr in den Dienst nehmen und so ging er unter die Soldaten. Nach vielen Jahren kam der Mann als Krüppel wieder, bettelte eine Zeitlang in Gifhorn herum, bis sich herausstellte, wer er war, und der Büttel ihn aus dem Tore wies. Da humpelte er nach dem abgebrannten Hofe und ertrank in dem See, der dicht daneben liegt. Seitdem liegt der Ort verödet. Der Wind hat den losen Sand über die Stätte des Grauens geweht und ihn so aufgetürmt, daß man lauter Grabhügel zu sehen vermeint. Rundherum wuchert die Heide, grünen die Wiesen, stehen die Föhren im dichten Moos. Die Stelle aber, wo einst der Hof lag, ist unfruchtbar. Die Hitze des Feuers, hat alle Keime weit umher versengt.

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Der Bauer, der die Grenzsteine versetzt hat
In Lichtenberg starb ein Bauer, der die Wannesteine weitergerückt und auf diese Weise sein eigencs Land vergrößert hatte. Dafür -- so erzählte man sich -- mußte er nun zur Strafe des Nachts mit den Grenzsteinen im Arm auf dem Feld umherwandern. Leute, die da noch spät vorbeikamen, sollen ihn stöhnen und rufen gehört haben "Wo sett eck düssene hen? " Einer, der das auch mal vernahm, faßte sich ein Herz und rief ihm zu: "Du ole Karnallje, sett ne dahen, wo je herehalt hast!" Seit der Zeit ist der Spuk verschwunden.

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Der Brautstein bei Lüchow
In der Nähe von Lüchow liegt die Kolborner Heide. Dort steht ein großer Stein, rotgesprenkelt und vier Fuß hoch. Vor vielen, vielen Jahren saß auf diesem Stein ein Ritter mit seiner Braut. Beide nahmen Abschied voneinander; denn der Ritter mußte in den Krieg ziehen. Schmerzlich bewegt bat er die Jungfrau, ihm treu zu bleiben, bis er wiederkomme. Sie gelobte ihm auch Treue mit einem feierlichen Eid. "Wenn ich dir untreu würde", so schwur sie, "soll dieser Stein mein Grabstein werden. " Auf diesen Schwur hin zog der Ritter voll Zuversicht ins Feindesland. Doch die Jungfrau vergaß bald ihren Schwur samt ihrem Bräutigam und schenkte einem andern Mann ihre Gunst. Eines Tages ging sie mit diesem durch die Heide. Ermüdet setzten sie sich auf den Stein, auf dem sie einst dem Ritter immerwährende Treue gelobt hatte. Plötzlich wankte der Stein, die Treulose stürzte herab und wurde unter dem Stein begraben. Ihr Begleiter aber eilte erschrocken davon. Als der Krieg zu Ende war, kehrte der Ritter wieder heim. In treuer Liebe zu seiner Braut suchte er bald den Stein auf, wo ihm seine Liebste Treue geschworen hatte. Doch der Fels wies Blutflecken auf. In banger Ahnung schlug der Ritter mit seinem Schwert auf den Stein. Da sprang ein Blutstrahl heraus, der weithin die Blumen rot färbte. Zugleich drang ein jämmerlicher Schrei aus der Tiefe. Der Ritter erkannte die Stimme seiner Braut und wußte nunmehr, daß sie ihm die Treue gebrochen und ihr Schwur sich furchtbar erfüllt habe. Bestürzt schwang er sich auf sein Pferd und ritt eiligst hinweg. Niemals kehrte er mehr in die Heide zurück. Im Volk aber heißt der Stein heute noch der "Brautstein".

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Der Geist von Ramsloh
Vor gar langer Zeit kam zu Ramsloh im Saterlande ein Mann nach seinem Tode wieder. Er machte den Leuten in dem Hause, wo er gewohnt hatte, so viel zu schaffen, daß sie nicht mehr ein noch aus wußten und den Pastor holen ließen. Dieser befahl dem Geist, er solle sofort zu ihm kommen. Das tat der Mann auch. Da fragte ihn der Pastor: "Warum bist du wiedergekommen? " "Des Stehlens wegen", war die Antwort. "Diebe haben hier nichts verloren, sie sollen in der Hölle bleiben. " "Was willst du denn?" fragte darauf der Geist, "du hast mir nichts zu befehlen, du hast ja selbst eine Ähre gestohlen. " "Das ist nicht wahr! Vielleicht ist sie an meinen Kleidern hängen geblieben, ohne daß ich es gewußt habe, und unwissend sündigt man nicht." "Deiner Mutter hast du einen halben Stüwer (kleine Münze) gestohlen, das weißt du doch noch? " "Das ist wahr, aber dafür habe ich mir ein Büchlein gekauft, um zu lernen, wie ich dich vertreiben kann. " Da wußte der Geist nichts mehr zu sagen und mußte sich gefangen geben. Der Pastor nahm eine kleine Dose aus der Tasche und sprach zu dem Geiste: "Marsch hinein." Als er den Geist in der Dose hatte, ließ er einen Wagen mit vier Pferden bestellen. Da fragte jemand den Pastor: "Was soll das bedeuten? Vier Pferde? Wohin wollt Ihr denn damit?" "Diese Dose soll nach dem Bullenmeer, dort kann sie dem Teufel Gesellschaft leisten. " "Dann ist's ja auch wohl nicht nötig, ein großes Gespann zu holen, dies Zeug kann ich ja selbst hintragen. "

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"Gewiß", meinte der Pastor, "aber Ihr solltet erst einmal diesen Spuk kennen! Es wird uns noch mit den vier Pferden schwer genug werden, bis ans Meer zu kommen !" Unterdessen war der Wagen bereit. Die Dose mit dem Geist kam obenhinauf zu liegen, und nun ging's zum Bullenmeer. Je näher sie kamen, desto schwerer mußten die Pferde ziehen, aber mit vieler Mühe langten sie doch am Bullenmeer an. Nun ließ der Pastor den Geist aus der Dose. Der Geist fragte: "Was soll ich hier tun? " "Heide zählen sollst du!" "Wenn ich das getan habe, was dann? " "Dann sollst du immer wieder von vorne anfangen bis an den Jüngsten Tag. " Seit dieser Zeit läuft der Geist noch immer dort am Meeresstrand umher und zählt Heide, aber nicht jeder kann ihn sehen.

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Der Gevatterbrief vom Schalksberg bei Gilde
Im Schloß auf dem Schalksberg bei Gilde an der Aller war einmal eine Dienstmagd mit Reinemachen beschäftigt, da fand sie, als sie den Kehricht auf den Schutthaufen werfen wollte, in ihrer Schaufel ein kleines Brieflein. Sie stellte den Besen an die Wand und begann zu lesen. In dem Briefe stand geschrieben, sie möge doch morgen bei einem Zwergenkind im Schalksberg Gevatter stehen; es werde ihr Schade nicht sein. Das Mädchen wollte es nicht gerne tun, aber die Herrschaft meinte, sie dürfe den Zwergen ihre Bitte nicht abschlagen, sonst werde sie es vielleicht schlimm entgelten müssen. So ging sie also des Nachts auf den Berg, denn für diese Zeit war sie bestellt worden. Um Mitternacht tat sich der Berg auf, und so beklommen das Mädchen vorher gewesen war, so vergnügt wurde es nun; denn da unten war es prächtig; alles war eitel Gold, und jedermann war freundlich zu ihr. Als die Zwerge dem Kind einen Namen gegeben hatten, legten sie es in eine goldene Wiege, und die Spielleute mußten so lange blasen, bis es wieder eingeschlafen war; dann gab es einen köstlichen Taufschmaus, und schließlich wurde auf einer großen Wiese gesungen und getanzt. Als die Tänzer müde waren, wollte das Mädchen wieder nach Hause gehen, aber die Zwerge baten so lange, bis es noch drei Tage zugab; und alle drei Tage waren lauter Lust und Freude. Als sich die Magd endlich auf den Heimweg machte, schenkten ihr die kleinen Männlein noch viele schöne Sachen und erklärten, die goldene Wiege werde ihr auf ewige Zeiten aufbewahrt bleiben; dann öffneten die Zwerge den Berg und ließen sie hinaus. Die Magd eilte nach Hause, nahm den Besen von der Wand und wollte wieder die Diele fegen. Aber da war das Haus während der drei Tage ganz anders geworden; die Kühe hatten -371-

andere Stimmen und andere Farben, ihr guter Schimmel war fort; und als sie Menschen begegnete, kannte sie niemanden, und alle staunten sie an. Nur ein alter Schäfer in Gilde, der selber nicht wußte, wie alt er war, der kam, als er von dem Mädchen hörte, von der Gilde herüber und meinte, sein Großvater habe ihm einmal erzählt, zur Zeit, als dessen Vater klein gewesen sei, da sei ein Mädchen zu den Zwergen gegangen und nicht wieder gekommen; es müßten etwa dreihundert Jahre her sein. Im selben Augenblick war aus dem Mädchen ein steinaltes Mütterchen geworden, das schwankend zu Boden sank und nach kurzer Zeit verschied. Das Schloß Schalksberg ist jetzt ganz verfallen, alle Zwerge sind fortgezogen; aber die Wiege haben die Kobolde, mit Gold angefüllt, zurückgelassen. Schon viele Leute haben nach diesem wertvollen Schatz gesucht, aber keiner hat ihn gefunden. Einst jedoch, weiß das Volk zu berichten, wird ein Schweinehirt, der letzte Verwandte der Magd, mit seiner Herde des Weges kommen, eine Sau wird die Wiege aus der Erde wühlen, und der Hirt wird für einen Teil des Goldes in Ettenbüttel eine Kirche bauen lassen mit einem Turm, gerade so hoch, wie der vom Schloß Schalksberg früher gewesen ist. Die goldene Wiege wird der Hirt seinem König schenken, und mit dem übrigen Geld wird er sorgenlos leben bis an seinen Tod.

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Der Huckup von Hildesheim
An mehreren Orten in der Umgebung von Hildesheim kennt man den "Huckup". Er ist ein koboldartiges Wesen, das sich mit Vorliebe im Wald aufhält und dort namentlich Leuten, die Holz stehlen, plötzlich auf den Rücken springt und sich bis zum Ende des Waldes tragen läßt. Auch andere Diebe bestraft der Huckup auf diese Weise. In Hildesheim steht ein Denkmal, auf dem der Huckup dargestellt ist. Drunter steht folgende Inschrift, die Apfeldiebe warnt : Junge, lat dei Appels stahn! Süs packe! deck dei Huckup an, Dei Huckup is en starker Wicht, Hölt mit de Stehldeifs bös, Gericht ! Ein Mann suchte im Ziegenberg bei Hildesheim Schwarzbeeren und legte sich gegen Mittag, als alle andern Beerensucher schon wieder nach Söhre hinuntergegangen waren, unter einen großen Baum, um ein wenig zu schlafen. Als er eben die Augen zutun wollte, rie f es hinter ihm: "Hoho! Hoho!" Erschrocken sprang der Mann auf, blickte sich nach allen Seiten um, bemerkte aber außer den summenden Bienen und Käfern ringsumher kein lebendiges Wesen. Nur auf der Spitze des Baumes saß ein Rabe, der fast so groß wie eine G ans war und mit grimmigen Augen auf den Mann starrte, so daß diesem ganz ängstlich zumute wurde. "Ei, du Teufelsvieh!" schimpfte der Beerensucher, "du sollst mich nicht länger im Schlaf stören!",hob einen Stein auf und warf ihn nach dem häßlichen Vogel. Da flog der Rabe mit lautem Gekrächz davon, und der Mann legte sich wieder zum Schlafen nieder. Kaum aber fielen ihm die Augen zu, da rief es wieder hinter ihm: "Hoho ! Hoho!"

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Der Schläfer sprang auf und griff wieder nach einem Stein, aber nirgends war ein Rabe zu sehen. Die heißen Sonnenstrahlen schienen so matt durch das Laub, in dem sich kein Lüftchen regte, und der Ort wurde dem Mann immer unheimlicher. Da dachte er: "Hier ist nicht gut sein", sprach ein Gebet und machte sich auf den Weg nach Söhre. Kaum hatte er ein paar Schritte getan, als ihm etwas mit dem Geschrei : "Hoho! Hoho!" auf den Nacken sprang. Der Mann schüttelte sich, um die Last los zu werden, aber sein Bemühen war vergebens. Wie ein Mehlsack drückte ihn das Gewicht auf den Schultern, der Angstschweiß brach dem Armen aus den Poren, und keuchend schleppte er sich mit seiner schweren Bürde mühsam den Waldweg entlang. Endlich war der Waldrand erreicht, das goldene Kreuz auf dem Kirchturmknauf blinkte dem Geplagten entgegen, und plumps! da fiel ihm etwas von den Schultern. Es war der Huckup gewesen, der mit dem Mann seinen Scherz getrieben hatte.

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Der Rattenfänger zu Hameln
Im Jahre 1284 ließ sich zu Hameln ein sonderbarer Mann sehen. Er trug einen Rock von vielfarbigem, buntem Tuch, weswegen er Bundting geheißen haben soll, und gab sich für einen Rattenfänger aus. Er versprach für einen bestimmten Lohn die Stadt von allen Ratten und Mäusen zu befreien. Die Bürger wurden mit ihm einig und sicherten ihm den verlangten Betrag zu. Der Rattenfänger zog demnach ein Pfeifchen aus der Tasche und begann eine eigenartige Weise zu pfeifen. Da kamen sogleich die Ratten und Mäuse aus allen Häusern hervorgekrochen und sammelten sich um ihn herum. Sobald der Fänger glaubte, es sei keine mehr zurückgeblieben, schritt er langsam zum Stadttor hinaus, und der ganze Haufe folgte ihm bis an die Weser. Dort schürzte der Mann seine Kleider, stieg in den Fluß, und alle Tiere sprangen hinter ihm drein und ertranken. Nachdem die Bürger aber von ihrer Plage befreit waren, reute sie der versprochene Lohn, und sie verweigerten dem Mann die Auszahlung unter allerlei Ausflüchten, so daß er sich schließlich zornig und erbittert entfernte. Am 24. Juni, am Tage Johannis des Täufers, morgens früh um sieben Uhr erschien er wieder, diesma l in Gestalt eines Jägers, mit finsterem Blick, einen roten, wunderlichen Hut auf dem Kopf. Wortlos zog er seine Pfeife hervor und ließ sie in den Gassen hören. Und in aller Eile kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern Kinder, Knaben und Mädchen, vom vierten Lebensjahr angefangen, in großer Zahl dahergelaufen. Darunter war auch die schon erwachsene Tochter des Bürgermeisters. Der ganze Schwarm zog hinter dem Mann her, und er führte sie vor die Stadt zu einem Berg hinaus, wo er mit der ganzen Schar verschwand. Dies hatte ein Kindermädchen gesehen, das mit einem Kind auf dem Arm weit rückwärts nachgezogen war, -375-

dann aber umkehrte und die Kunde in die Stadt brachte. Die Eltern liefen sogleich haufenweise vor alle Tore und suchten jammernd ihre Kinder. Besonders die Mütter klagten und weinten herzzerreißend. Ungesäumt wurden Boten zu Wasser und zu Land an alle Orte umhergeschickt, die nachforschen sollten, ob man die Kinder oder auch nur einige von ihnen irgendwo gesehen habe; aber alles Suchen war leider vergeblich. Hundertunddreißig Kinder gingen damals verloren. Zwei sollen sich, wie man erzählt, verspätet haben und zurückgekommen sein, wovon aber das eine blind, das andere taubstumm war. Das blinde konnte den Ort nicht zeigen, wo es sich aufgehalten hatte, wohl aber erzählen, wie sie dem Spielmann gefolgt waren, das taubstumme nur den Ort weisen, da es nichts gehört hatte und auch nicht sprechen konnte. Ein kleiner Knabe war im Hemd mitgelaufen und nach einiger Zeit umgekehrt, um seinen Rock zu holen, wodurch er dem Unglück entgangen war; denn als er zurückkam, waren die andern schon in der Senkung eines Hügels verschwunden. Die Straße, auf der die Kinder zum Tor hinausgezogen waren, hieß später die bunge- lose (trommeltonlose, stille), weil kein Tanz darin abgehalten und kein Saitenspiel gerührt werden durfte. Ja, wenn eine Braut mit Musik zur Kirche geführt wurde, mußten die Spielleute in dieser Gasse ihr Spiel unterbrechen. Der Berg bei Hameln, wo die Kinder verschwanden, heißt der Poppenberg. Dort sind links und rechts zwei Steine in Kreuzform zur Erinnerung an dies traurige und seltsame Ereignis errichtet. Die Bürger von Hameln haben diese Begebenheit in ihrem Stadtbuch verzeichnen lassen. Im Jahre 1572 ließ der Bürgermeister die Geschichte auf den Kirche nfenstern abbilden.

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Der Rosenstrauch zu Hildesheim
Als Ludwig der Fromme vor mehr als tausend Jahren zur Winterszeit in der Gegend von Hildesheim jagte, verlor er sein mit Heiligtum gefülltes Kreuz, das ihm vor allem lieb war. Er sandte seine Diener aus, um es suchen zu lassen, und gelobte, an dem Ort, wo sie es finden würden, eine Kapelle zu bauen. Die Diener verfolgten die Spur der Jagd im Schnee und sahen bald aus der Ferne mitten im Wald einen grünen Rasen und darauf einen grünenden wilden Rosenstrauch. Als sie näher kamen, bemerkten sie, daß das verlorene Kreuz daran hing. Sie nahmen es und berichteten dem Kaiser, wo sie es gefunden hatten. Sogleich befahl Ludwig, an dieser Stätte eine Kapelle zu erbauen und den Altar dahin zu setzen, wo der Rosenstrauc h stand. Das geschah, und bis auf die heutige Zeit grünt und blüht der tausendjährige Rosenstrauch um die Apsis des Domes und wird von einem eigens dazu bestellten Manne gepflegt. Die Äste und Zweige des Strauches haben sogar die ersten Joche des Kreuzganges bereits umzogen.

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Der Sonntags-Buttfang von Butjadingen
Es wohnte einmal ein Fischer am äußersten Ende von Butjadingen, der schlug eines Sonntagsmorgens alle religiösen Pflichten aus dem Sinn und ging auf Buttfang aus. Als er aber den Deich hinanstieg, tönte gerade die kleine Glocke von der Langwarder Kirche, und zwar so hell, als hinge sie dicht hinter dem Sonntagsfischer. Da bekam es der Mann mit der Angst zu tun, und er dachte bei sich: "Wärest du doch lieber zu Hause geblieben!" Als er aber den Rand des Deiches erreichte und über den Groden (das Außendeichsvorland) und über das Watt hinwegschaute, da stand ein Mann mit einer glühendroten Mütze am Priel (Wasserlauf im Watt). Dieser bückte sich fortwährend nieder und tat die gefangenen Fische in seinen Beutel. Da dachte der Fischer: "Wenn es dem nichts schadet, dann kann es auch bei dir nicht schlecht ausgehen." Er nahm einen Schluck Schnaps gegen das Gruseln, ging den Deich hinab und fischte hinter dem fremden Fischer her. Er hatte Petri Heil und fing Butt über Butt. Der Fremde begab sich immer weiter und weiter gegen das offene Meer hinaus, und der andere folgte ihm nach. Da erklang die große Langwarder Glocke über den Deich, so klar und hell, als ob sie knapp über des Fischers Kopf schwebte. Nun fröstelte den Mann, als wolle ihn das Fieber packen, doch der Fremde winkte ihm zu, er möge ihm getrost nachkommen. Und der Fischer aus Butjadingen nahm noch einen Schluck und fischte hinter seinem Vordermann her, immer weiter und weiter ins weite Meer hinaus, bis es totenstill um ihn wurde. Da tönten beide Glocken über den Deich und das weite Watt, und zwar so deutlich, als hinge ihm eine Glocke vor dem einen Ohr und die zweite vor dem andern.

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Ein Schauer rann dem Fischer über den Rücken, aber der Fremde winkte fortwährend, er solle nur ruhig immer weiter nachkommen. Der Fischer nahm nun den dritten Schluck, aber es half nichts, das Grauen wollte nicht weichen; er trank den ganzen Rest der Flasche aus, aber auch dies war vergebens. Jetzt wurde dem Mann zumute, als hätte er jemanden ermordet und sollte dafür büßen. Er warf den Fischbeutel über die Schulter und lief, was er nur konnte, davon. Mit einemmal drang die Flut hinter ihm her, ohne daß er wußte, wo sie so plötzlich hergekommen war. Die Wasser liefen mit ihm um die Wette. Als er sich umsah, waren die Wogen dicht hinter ihm; nun schlugen sie ihm schon an die Fersen, und bald trat er bis an die Knöchel in die Flut. Kurz darauf reichte ihm das Wasser bis an die Waden, nun bis ans Knie, und von da an war es ihm, als ob er liefe und doch nicht weiter käme. Nun stieg ihm die Flut schon bis an die Lenden - da warf er den Beutel mit Butt weg, streckte Arme und Hände aus und begann zu schwimmen. Und er schwamm, bis das Wasser zu seicht wurde und er wieder laufen konnte. Endlich hatte er festen Boden unter den Füßen. Da rannte der Fischer weiter bis er trockenes Land erreichte und in seinem klitschnassen Zeug oben auf dem Deich stand. Als er sich hier aufatmend nach dem frem den Mann umsah, war dieser verschwunden. "Nun w eiß ich, teuflischer Geselle, wer du gewesen bist", sagte er zu sich selbst, "von nun an gehe ich mein Lebtag nicht wieder Sonntags auf Buttfang aus."

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Der Teufel als Schatzhüter bei Bremen
Im Niedervierlande bei Bremen wohnte einstmals ein Bauer, der sehr reich war. Der Überfluß aber machte ihm große Sorgen, denn ringsum loderte die Fackel des Krieges, und jeden Tag konnten räuberische Horden auch auf seinem Hof eindringen. Da dachte er ernstlich daran, wie er sein Geld und Gut vor den Räubern in Sicherheit bringen könne, und beschloß, seine Schätze in die Erde zu Vergraben. Auf dem Hofe diente ein junger Knecht, den der Bauer aus Mitleid aufgenommen hatte, da er arm und elternlos war. Als nun der Bauer an einem Sonntag das ganze Gesinde in die Kirche geschickt hatte, um unbeobachtet seine Absicht ausführen zu können, versteckte sich der Knecht in der Scheune, weil er sich schämte, in seinen abgetragenen Kleidern den Gottesdienst zu besuchen. Aber gerade die Scheune hatte der Bauer zum Versteck seiner Habe ausersehen, und so konnte der Knecht, der im Heu verborgen lag, genau beobachten, wie sein Herr zuerst ein großes Loch grub, bis es mannstief war, wie er dann in einen weiten kupfernen Kessel Gold, Silber, Münzen und Gefäße in gewaltigen Mengen hinabsenkte, die Grube wieder zuschaufelte und schließlich den Boden einebnete. Er hörte auch, wie sein Herr den Teufel zum Hüter des Ortes bestellte und beschwörend ausrief, niemand dürfe im Verlauf von sieben Jahren den Schatz beheben, und wer dann komme, ihn zu holen, solle kein anderer sein als seiner Tochter Bräutigam; der dürfe aber nicht mit Spaten oder Schaufel graben, sondern müsse den Kessel mit einem silbernen Fuhrwerk, vor welches das lebendige, beflügelte Feuer gespannt sei, zutage fördern. Jedem Unbefugten, der sich an den Schatz wage, möge der Teufel den Hals brechen. Als der Bauer seinen Spruch getan hatte, schwirrte eine große Fledermaus durch die Scheune, umkreiste dreimal in schnellem -380-

Flug den Mann und den Schatz und verschwand wieder. Der Bauer nickte befriedigt und ging seiner Wege. Der Bursche konnte dieses Erlebnis nicht vergessen; wo er ging und stand, lag ihm der Schatz im Sinn, und der Gedanke, wie er seiner habhaft werden könnte, ließ ihn nimmer los. Schließlich nahm er seinen Abschied von dem Bauern, ging zur See und wurde ein schmucker, tüchtiger Matrose. Doch als die sieben Jahre um waren, hielt es ihn nicht länger auf dem Schiffe; er machte sich auf und wanderte seinem Heimatort zu. Dort kannte ihn längst niemand mehr, aber er erfuhr bald im Wirtshaus, daß sein früherer Herr vor kurzer Zeit gestorben sei; nun lebe die Familie in großer Not, denn mit dem Reichtum des Alten scheine es nicht weit her gewesen zu sein; in seinem Nachlaß habe sich weder Gold noch Silber gefunden. Der Bursche sprach bald auf dem Hofe vor, fand alles, wie man es ihm geschildert hatte, und wurde, da die verwaiste Tochter sich seiner noch gern erinnerte, dort ein häufiger Gast. Schließlich fand er den Mut, um das hübsche Mädchen zu freien. Dieses wies ihn nicht ab. Nun hätte der junge Mann mit seinem zur See erworbenen Gut in aller Ruhe seinen Haushalt als ein vermögender Mann beginnen können. Doch der Schatz lag ihm im Sinne, und er sann unablässig darüber nach, wie er ihn heben könne. Da träumte er einmal, die Scheune stehe in Flammen, aber als er genauer hinsah, war es ein großer Hahn, der auf dem Strohdach stand und mit den Flügeln schlug. Im nächsten Augenblick schwang dieser sich von seinem hohen Standort herab, setzte sich auf eine umgestürzte Pflugschar, pickte mit dem Schnabel und scharrte mit den Füßen daran, kurz, benahm sich ganz so, als wolle er den Pflug in die Höhe richten und mit sich führen. Lange Zeit verstand der Mann diesen Traum nicht, doch plötzlich kam ihm ein guter Gedanke. Er fuhr sogleich zu einem Goldschmied in die Stadt und bestellte einen silbernen Pflug, -381-

den er sofort mit blanken Talern bezahlte. Nach acht Tagen schon konnte er ihn holen, und nunging er sogleich ans Werk. In der nächsten Nacht, sobald die Glocke zwölf schlug, machte er sich auf, unter dem rechten Arm den Silberpflug, unter dem linken einen prächtigen roten Hahn. Vor der Scheune spannte er den Hahn vor den silbernen Pflug, öffnete das, Tor und fuhr nach der Stelle, wo der Schatz verborgen lag. Obgleich kein Mondschein in die Scheune fiel, war es doch fast taghell darin, denn der Pflug leuchtete und der Hahn glänzte wie helloderndes Feuer. Schweigend begann der Mann im Kreise zu ackern und die Erdschollen zur Seite zu pflügen. Obwohl ein Gebrause und ein schreckliches Stimmengewirr anhob, verrichtete er in tiefster Ruhe seine Arbeit, bis er an den Deckel des Kessels stieß und den Schatz in all seiner Herrlichkeit gehoben hatte. Dann packte er alles in Körbe und eilte damit in den Hof, um es zu bergen. Nun machten die Leute freilich g roße Augen und freuten sich des wiedergewonnenen Gutes, und im Herbst gab es eine lustige Hochzeit. Der Silberpflug blieb lange Zeit ein Wahrzeichen der Familie, bis er im Schwedenkrieg verlorenging.

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Der Teufel und der Pastor von Bockhorn
Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts lebte zu Bockhorn in der Friesischen Wede ein Pastor namens Grimm, der häufig vom Teufel geplagt wurde. Eines Abends war der Pastor ausgegangen, und seine Magd Margarete war allein zu Hause geblieben. Plötzlich wurde heftig an die Haustür geklopft, und die Magd lief schnell hin, um zu öffnen. Vor der Tür stand der Pastor. Ohne ein freundliches Wort zu sprechen, ging er in seine Studierstube. Der Magd fiel dieses Benehmen auf, sie sagte aber nichts und begab sich wieder an ihre Arbeit. Bald darauf wurde wieder geklopft. Margarete öffnete die Tür, und zu ihrem Schrecken trat abermals der Pastor ein und bot ihr diesmal freundlich guten Abend. Voller Angst erwiderte sie: "Mein Gott, Herr Pastor, ich habe Ihnen ja eben erst geöffnet!" "So, wo ist denn der erste Besucher geblieben?" fragte der würdige Herr. "In der Studierstube", antwortete sie. Der Pastor trat ein, und Margarete stellte sich aus Neugier an die Stubentür, um zu horchen. Da hörte sie, wie die beiden heftig stritten. Der Pastor bewies seine Behauptungen mit Bibelsprüchen und blieb schließlich Sieger; allmählich wurde es still in der Stube, und Margarete schlich sich an ihre Arbeit. Bald kam Pastor Grimm bleich und in Schweiß gebadet heraus und stammelte: "Das war wirklich ein harter Kampf, Margarete; sagen Sie keinem Menschen von dieser teuflischen Begebenheit!"

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Und weil das Mädchen sich an dieses Verbot hielt, hat man nie Näheres in Erfahrung bringen können, was sich hinter der verschlossenen Tür abgespielt hat.

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Der böse Graf von Wildenfels
Zu Wildenfels lebte einst ein böser Graf, der bei seinen Lebzeiten sehr unbarmherzig und geizig war. Während einer großen Notzeit war ihm das Getreide noch nicht teuer genug. Deshalb verkaufte er seine Vorräte nicht, denn er wollte warten, bis die Preise noch weiter stiegen. Da kam ihm aber der Wurm hinein und durchwühlte das ganze Getreide. Auch jetzt gönnte es der Graf niemandem, sondern ließ es fuderweise in die Mulde schütten. Zur Strafe -- so meinen manche Leute -- wurde er nach seinem Tod in ein Pfund Hirse verbannt, und er muß so lange darin bleiben, bis der Haufen, von dem jedes Jahr nur ein einziges Körnchen abfällt, verschwunden ist.

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Die 'Waldridersken'
Bisweilen kommt zu den schlafenden Menschen ein geisterhaftes Wesen, der Alb, legt sich den Schläfern auf die Brust und drückt sie so sehr, daß sie sich nicht regen und kaum noch atmen können. Man nennt diese Wesen in Ostfriesland und Nordoldenburg "Walriderske", anderswo "Nachtmär". Wenn der Mensch vor dem Druck der Walridersken sicher sein will, darf er sich beim Schlafen nicht auf die linke Seite, den Bauch oder den Rücken legen. Ferner muß man das Schlüsselloch mit einem Pfropfen verschließen. Auch kann man sich dieser unholden Wesen erwehren, wenn man die Schuhe beim Zubettgehen so hinstellt, daß die Absätze an der Bettkante stehen. Die Walriderske muß nämlich in die Schuhe des Schläfers steigen, bevor sie ihn vom Fußende des Bettes her anfällt. Wenn aber die Schuhe verkehrt stehen, kann der Geist ihm nichts anhaben und muß den Raum durchs Schlüsselloch wieder verlassen, weil Nachtgeister nichts drehen und umwenden können. Wem es gelingen sollte, das Schlüsselloch zu verstopfen, während die Walriderske in der Kammer ist, der hat sie gefangen. Einmal lag ein kleineres Schiff, das man dort eine "Schnigg" nennt, an der jeverschen Küste vorm Friederikensiel. Bevor der Schiffer mit seinen Leuten zu Bett ging, war er so klug und stellte seine Schuhe verkehrt vor die Koje, damit die Walriderske nicht hineinschlüpfen und ihm nichts anhaben könne. Kaum hatte sich die Schiffsbemannung zur Ruhe begeben, da kam sie auch schon auf einem Besenstiel übers Wasser geritten, polterte von oben in die Kajüte hinein und wollte sich auf dem Schiffer niederlegen. Aber sie wußte nicht, daß er Macht über sie hatte, da seine Schuhe verkehrt vor der Koje standen, und so konnte er sie bei den Haaren ergreifen. Da rief sie: -386-

"Lat mi los min Heer (Haar), Und fatt mi in min Kleer (Kleider)." Der Schiffer war dumm genug, ihr Haar loszulassen und sie bei ihren Kleidern zu packen; damit hatte er die Macht über sie verloren, und sie machte sich los. "Hu hu!" schrie die Walriderske und ritt auf ihrem Besenstiel übers Wasser davon. Als der Schiffer und sein Volk morgens aufstanden, konnte man Blutflecken auf dem Schiffe feststellen. Ein junger Mann hatte viel von den Walridersken zu leiden. Eines Nachts spürte er wieder, wie etwas über seine Füße heraufkroch und ihn drücken wollte. Er ermannte sich, griff zu und erhaschte gerade noch einen Arm, konnte ihn aber nicht festhalten. Die Gestalt verschwand durch das Schlüsselloch in der Tür, von wo sie gekommen war. In der nächsten Nacht nahm er das Ende eines Türriemens in die Hand und wartete, bis die Walriderske kam. Als er sie wieder heranschleichen hörte, zog er den Riemen an, und damit war die Tür versperrt, so daß die Walriderske gefangen war. Als es Tag wurde und Licht in seine Kajüte fiel, sah er auf einem Stuhl ein schönes Mädchen sitzen. Da er noch unverheiratet war, nahm er sie zur Frau, lebte mit ihr mehrere Jahre friedlich und still, und die Ehe war auch mit Kindern gesegnet. Sein Hauswesen führte die Frau zu seiner größten Zufriedenheit, und er fühlte sich recht glücklich bei ihr. Oft bat sie ihren Mann, er möge das Schlüsselloch in der Tür öffnen, oder den Riemen an der Tür nicht mehr festziehen, aber er hütete sich wohl davor. Endlich brachte die Frau ihre herangewachsenen Kinder dazu, daß sie um Mitternacht Schlüsselloch und Riemen frei machten. Doch kaum war dies geschehen, so rief sie "Wat klingen de Glocken, Wat stuvt de Sand, In Engelland " Nun sah der Mann sein Weib, seine Walriderske, nie wieder. Aber solange er lebte, spürte er ihre Nähe und ihr liebreiches Walten. -387-

Unsichtbare Hände hielten das ganze Haus in Ordnung, und jeden Sonnabend fand er seine Kleider und die Wäsche der Kinder gereinigt und geplättet auf den Betten liegen.

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Die Dambecksche Glocke in Röbel
Die Kirche in Dambeck, deren Mauern noch stehen, ist uralt. Der Turm mit den Glocken aber ist in den See gesunken, und da hat man denn vor alter Zeit die Glocken oft am Johannistag aus dem See hervorkommen und sich in der Mittagsstunde sonnen sehen. Einmal hatten einige Kinder aus Röbel ihren Eltern das Mittagbrot aufs Feld hinausgetragen, und als sie an den See kamen, setzten sie sich ans Ufer und wuschen ihre Tücher aus. Da sahen sie denn auch die Glocken stehen, und eines der kleinen Mädchen hing sein Tuch auf einer Glocke auf, um es zu trocknen. Nach einer Weile setzten sich zwei der Glocken in Marsch und stiegen wieder in den See hinunter; aber die dritte mit dem Tuch konnte nicht von der Stelle. Da liefen die Kinder eilig nach der Stadt und erzählten, was sie gesehen hatten. Nun eilte ganz Röbel hinaus, und die Reichen, die die Glocke für sich haben wollten, spannten acht, sechzehn und noch mehr Pferde vor; doch sie konnten die Glocke nicht von der Stelle bringen. Da kam ein armer Mann mit zwei Ochsen des Weges gefahren und sah, was vorging. Sogleich spannte er seine beiden Tiere vor und führte die Glocke ohne alle Mühe nach Röbel. Dort hängte man sie in der Neustädtischen Kirche auf, und jedesmal, wenn ein Armer stirbt, dessen Hinterbliebenen das Geläut mit den anderen Glocken nicht bezahlen können, wird diese geläutet. Ihr Ton geht fortwährend : "Dambeck, Dambeck."

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Die Glocken von Debberode
Wenn man von Wülferode der Landstraße nach Grasdorf folgt, so gelangt man dort, wo der Weg plötzlich in scharfem Winkel nach Westen abbiegt, an eine Wiese, die heute noch zur Pfarre von Kirchrode gehört. An dieser Stelle soll ehemals der Kirchhof des Dorfes Debberode gelegen sein. Debberode war einstens ein blühendes Dorf, aber im Dreißigjährigen Krieg wurde es von räuberischen Soldatenhorden völlig geplündert und ausgebrannt. Und heute geht der Pflug über die öde Stätte, auf der sich einst emsiges und friedsames Leben geregt hat. Die Leute in Wülferode erzählen aber, daß man auf dieser Wiese am Sonntagmorgen die Glocken der untergegangenen Kirche von Debberode hören könne; man muß aber ein Sonntagskind sein und darf auf dem ganzen Weg kein Wort sprechen, wenn man den fernen Glockenklang vernehmen will.

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Die Springwurzel auf dem Köterberg bei Holzminden
Einst hütete ein Schäfer auf dem Köterberg bei Holzminden seine Herde. Als er sich einmal umdrehte, stand plötzlich eine wunderschöne Jungfrau vor ihm und redete ihn an: "Nimm die Springwurzel und folge mir nach! " Diese Wurzel ergriff sogleich der Schäfer. Er ließ nun seine Tiere frei umherlaufen und folgte dem Fräulein. Dieses führte ihn durch eine Höhle in den Berg hinein. Sooft sie zu einer Tür oder einem verschlossenen Gang kame n, mußte der Hirt seine Wurzel vorhalten, und sogleich wurde geöffnet. Beide schritten immer weiter fort, bis sie etwa in die Mitte des Berges gelangten. Dort saßen noch zwei Jungfrauen und spannen eifrig. Der Satan befand sich auch in dem Saal, aber er war machtlos; man hatte ihn unten am Tisch, vor dem die beiden Jungfrauen saßen, festgebunden. Ringsum sah man in Körben gewaltige Mengen von Gold und glitzernden Edelsteinen aufgehäuft liegen. Der Schäfer staunte sogleich die ungeheuren Reichtümer an, seine Führerin aber forderte ihn lächelnd auf: "Nimm dir, soviel du willst!" Ohne Zaudern griff der Mann sofort in den glänzenden Haufen und füllte in seine Taschen, was sie fassen konnten. Als er dann, reich beladen, wieder ins Freie treten wollte, ermahnte ihn die Jungfrau: "Aber vergiß das Beste nicht!" Der Hirt dachte, sie rede von den Schätzen, und glaubte, sich gar wohl mit allem versorgt zu haben. Aber das Fräulein meinte die Springwurzel. Als er nun ohne die Wurzel hinausschritt, die er auf den Tisch gelegt hatte, schlug das Tor krachend hinter ihm zu, hart an seinen Fersen, doch ohne ihm weiteren Schaden -391-

zu tun, obwohl er leicht sein Leben hätte einbüßen können. Die großen Reichtümer brachte der Mann glücklich nach Hause, aber den Eingang zur Schatzkammer konnte er nicht wiederfinden, und auch die Jungfrau zeigte sich ihm niemals mehr.

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Heinrich der Löwe
In Braunschweig steht, aus Erz gegossen, das Denkmal eines Helden, zu dessen Füßen ein Löwe ruht. Im Dom der Stadt aber hängt die Klaue eines Greifen. Darüber erzählt die Sage folgendes: Vor Zeiten zog Herzog Heinrich, der edle Welfe, nach Abenteuern aus. Als er das wilde Meer befuhr, erhob sich ein heftiger Sturm und trieb den Herzog weit vom Lande weg. Lange Tage und Nächte irrte das Fahrzeug auf den schä umenden Fluten umher. Bald ging den Seefahrern das Essen aus. Der Hunger quälte sie schrecklich. In höchster Not beschloß man, Lose in einen Hut zu werfen. Wessen Los gezogen wurde, der sollte sein Leben verlieren und der anderen Mannschaft mit seinem Fleisch zur Nahrung dienen. Willig unterwarfen sich die unglücklichen Männer diesem grausamen Schicksal und opferten für ihren geliebten Herrn und ihre Gefährten Leib und Leben. So konnten sich die übrigen noch eine Zeitlang aufrecht erhalten, immer mit der Ho ffnung, endlich irgendwo Land anzutreffen. Doch das Elend wollte kein Ende nehmen. Zuletzt war nur noch der Herzog mit einem einzigen Knecht übrig, und der schreckliche Hunger quälte weiter. Da sprach der Fürst: "Laß uns losen, und wen es trifft, von dem nähre sich der andere!" Über diese Zumutung erschrak der treue Knecht; doch dachte er, das Los werde ihn selbst treffen, und so ließ er es zu. Aber das Los fiel auf seinen lieben Herrn, den der Diener nun töten sollte. Doch der treue Mann erklärte: "Das tue ich nimmermehr; und wenn alles verloren ist, so habe ich noch etwas anderes ausgesonnen: ich will Euch, lieber Herr, in einen ledernen Sack einnähen, wartet dann, was geschehen wird!" Der Herzog war damit einverstanden. Der Knecht nahm die Haut eines Ochsen, den sie früher auf dem Schiffe geschlachtet -393-

hatten, wickelte den Herzog hinein und nähte die Haut zusammen; doch hatte er das Schwert des Herzogs mit hineingelegt. Bald darauf kam der Vogel Greif geflogen, faßte den ledernen Sack mit seinen Klauen und trug ihn durch die Lüfte über das weite Meer bis in sein Nest. Dort ließ er die Haut liegen und flog zu neuem Fang weg. Mittlerweile faßte Heinrich das Schwert und zerschnitt die Nähte des Sackes. Als die jungen Greifen im Nest den lebenden Menschen erblickten, fielen sie gierig und mit Geschrei über ihn her. Doch Heinrich wehrte sich und erschlug sie alle. Einem der Greifen schnitt er die Klaue ab und nahm sie zum Andenken mit sich. Dann stieg er aus dem Neste heraus, kletterte den hohen Baum hernieder und sah sich nun in einem weiten, wilden Wald. Unschlüssig strich Heinrich eine Weile dahin. Plötzlich bemerkte er einen fürchterlichen Lindwurm, der mit einem Löwen im Kampf lag. Der Löwe schwebte in großer Gefahr zu unterliegen. Weil aber der Löwe als ein edles Tier gilt, der Lindwurm dagegen für ein giftiges, böses Gezücht gehalten wird, säumte Herzog Heinrich nicht und sprang dem Löwen gegen den Lindwurm bei. Der Lindwurm brüllte, daß es fürchterlich durch den Wald erscholl, und wehrte sich lange. Endlich gelang es Heinrich, dem Untier mit seinem Schwert den Todesstoß zu versetzen. Hierauf nahte sich der Löwe dem Herzog, legte sich ihm zu Füßen auf den Boden und verließ ihn von dieser Stunde an nicht mehr. Nun überlegte Heinrich, wie er aus dieser Einöde und aus der immerhin unheimlichen Gesellschaft des Löwen wieder unter die Menschen gelangen könnte. Nach einiger Zeit baute er sich ein Floß aus zusammengelegtem Holz, das mit Reisern durchflochten war, und setzte es aufs Meer. Als der Löwe einmal zum Jagen in den Wald gelaufen war, bestieg Heinrich sein Fahrzeug und stieß vom Ufer ab. Sobald der Löwe aber -394-

zurückkam und seinen Herrn nicht mehr vorfand, eilte er ans Gestade. In weiter Ferne erblickte er das Fahrzeug, sprang in die Fluten und schwamm so lange, bis er das Floß mit dem Herzog erreicht hatte, zu dessen Füßen er sich ruhig niederlegte. Dann fuhren sie längere Zeit zusammen auf dem Meere. Bald überkam sie Hunger und Elend. Der Herzog wachte und betete und fand Tag und Nacht keine Ruhe. Da erschien ihm der Teufel und ließ sich vernehmen: "Herzog, ich bringe dir Botschaft; du schwebst hier in Pein und Not auf dem weiten Meer, während daheim zu Braunschweig: eitel Freude und Jubel herrschen; heute an diesem Abend feiert ein Fürst aus fremdem Land Hochzeit mit deiner Frau; denn die gesetzlich vorgeschriebenen sieben Jahre seit deiner Ausfahrt sind verstrichen, und du giltst als tot." Traurig versetzte Heinrich: "Das mag wahr sein. Doch will ich mich an Gott wenden, der alles zum Guten lenkt." "Du redest zuviel von Gott", erwiderte der Versucher, "der hilft dir nicht aus diesen Wogen des Meeres; ich aber will dich noch heute zu deiner Gemahlin führen, wenn du mein sein willst!" Beide hatten ein langes Gespräch; der Herzog wollte sein Gelübde gegen Gott nicht brechen. Da schlug ihm der Teufel vor, er wolle ihn ohne Schaden samt dem Löwen noch heute abend auf den Giersberg bei Braunschweig tragen und absetzen, dort möge er auf ihn warten; finde er den Herzog nach seiner Rückkehr schlafend, so sei er dem Teufel und seinem Reiche verfallen. Der Herzog, der von heißer Sehnsucht nach seiner geliebten Gemahlin gequält wurde, ging darauf ein und hoffte auf des Himmels Beistand wider alle Künste des Bösen. Sogleich griff ihn der Teufel und führte ihn schnell durch die Lüfte bis vor Braunschweig, legte ihn auf dem Giersberg nieder und rief: "Nun bleib wach, Herr, ich kehre bald wieder!"

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Heinrich aber war aufs höchste ermüdet, und der Schlaf setzte ihm mächtig zu. Der Teufel flog indessen zurück, um, wie er versprochen hatte, auch den Löwen zu holen; es währte nicht lange, so kam, er mit dem treuen Tier dahergeflogen. Als nun der Teufel, noch aus der Luft herunter, den Herzog in Müdigkeit versenkt auf dem Giersberg ruhen sah, freute er sich schon im voraus über seine Beute; doch, der Löwe, der seinen Herrn für tot hielt, fing laut zu brüllen an, daß Heinrich im selben Augenblick erwachte. Der böse Feind sah nun sein Spiel verloren und bereute zu spät, den Löwen herbeigeholt zu haben; er grimmt warf er das Tier aus der Luft zu Boden herab, daß es dröhnte. Doch der Löwe kam glücklich auf den Berg zu seinem Herrn. Dieser richtete sich auf und dankte Gott für seine Rettung, beeilte sich dann aber, weil es schon gegen Abend ging, in die Stadt Braunschweig hinabzukommen. Der Löwe, folgte ihm. Der Herzog wandte sich der Burg zu. Lautes Getöse scholl ihm entgegen. Er wollte in das Fürstenschloß treten, doch die Diener wiesen ihn zurück. "Was soll das Getön und Pfeifen?" rief Heinrich aus. "Sollte doch wahr sein, was mir der Teufel gesagt hat? Ist ein fremder Herr in diesem Haus?" "Kein fremder", antwortete man ihm, "denn er ist unserer gnädigen Frau verlobt, und heute wird ihm das Braunschweiger Land übertragen. " "So bitte ich", sagte der Herzog, "die Braut um einen Trunk Wein, mein Herz ist ganz matt." Da lief einer der Leute zu der Fürstin hinauf und meldete, ein fremder Gast, dem ein Löwe folge, sei erschienen und bitte um einen Schluck Wein. Die Herzogin wunderte sich, füllte einen Becher mit Wein und sandte den Boten damit zu dem fremden Pilger. "Wer magst du wohl sein", fragte der Diener, "daß du von diesem edlen Wein zu trinken begehrst, den man nur der Herzogin einschenkt?" -396-

Der Fremde trank, zog seinen goldenen Ring vom Finger und warf ihn in den Becher, den er der Braut zurücktragen hieß. Als diese den Ring erblickte, worin des Herzogs Schild und Name geschnitten waren, erbleichte sie, stand eilends auf und trat an die Zinne, um nach dem Fremden zu schauen. Sie gewahrte den Mann, der da mit dem Löwen saß. Darauf ließ sie ihn in den Saal bitten und fragen, wie er zu dem Ring gekommen sei und warum er ihn in den Becher gelegt habe. "Von niemand habe ich den Ring erhalten, sondern ich habe ihn selbst genommen, es sind nun mehr als sieben Jahre her; und ich habe ihn hingelegt, wo er billigerweise hingehört." Als man der Herzogin diese Antwort überbrachte, blickte sie den Fremden nochmals an. Da riß sie ein freudiger Schreck fast zu Boden, weil sie ihren geliebten Gemahl erkannte; sie bot ihm ihre weiße Hand und hieß ihn herzlich willkommen. Freude und Jubel erhoben sich im ganzen Saal. Herzog Heinrich setzte sich an den Tisch zu seiner Gemahlin, dem jungen Bräutigam aber wurde ein andres schönes Fräulein aus Franken angetraut. Heinrich regierte noch lange und glücklich in seinem Reich. Als er in hohem Alter starb, legte sich der Löwe auf das Grab seines Herrn und wich nicht, bis auch er verendete. Das Tier liegt auf der Burg begraben, und seiner Treue zu Ehren wurde später eine Säule errichtet, welche die Menschen an Treue und Dankbarkeit mahnt.

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Zwölf ungerechte Richter
In einem ostfriesischen Dorf ging einst der Küster um Mitternacht beim Mondenschein über den Kirchhof. Da hörte er in der Kirche einen Lärm, als würde dort eifrigst gekegelt. Eilends lief er zum Pastor und meldete seine Wahrnehmung. Der Pastor aber lachte ihn aus und schickte ihn weg. In der folgenden Nacht hatte der Küster wieder vor der Kirche zu tun und hörte den gleichen Lärm. Er berichtete es wieder dem Pastor. Dieser konnte nicht mitgehen, weil er sich unpäßlich fühlte, beauftragte aber den Küster, in der kommenden Nacht wieder hinzuhören. Am dritten Abend aber war um Mitternacht der Mond noch nicht aufgegangen, es blieb alles ruhig. Beim nächsten Mondschein um Mitternacht aber hörte der Küster den Lärm von neuem und weckte den Pastor. Dieser ging diesmal mit und nahm den Lärm ebenfalls wahr. Nun schauten Pastor und Küster durch das Schlüsselloch in die erleuchtete Kirche hinein. Dort sahen sie zwölf schwarzgekleidete Männer, von denen sechs mit Totenköpfen kegelten, während die anderen sechs sich bückten und die Kegel aufstellten. Um ein Uhr war alles wieder vorüber. In der folgenden Nacht ging der Pastor mit dem Küster früher an die Kirchentür. Da sahen sie, wie die zwölf Männer einen Sarg hinter dem Altar hervorholten, die Gebeine und zwei Totenköpfe herausnahmen und nun mit diesen kegelten. Das Spiel dauerte wieder bis ein Uhr. Nun befahl der Pastor, der Küster möge dort, wo die Kegel standen, einen Kreis ziehen, darin einen Tisch und einen Stuhl stellen, auf dem Tisch drei Lichter anzünden und zwei Schwerter kreuzweise übereinanderlegen. Dann solle er eine Bibel nehmen, sich während der Geisterstunde auf den Stuhl setzen und im Evangelium des heiligen Johannes lesen. Dies tat der Küster. -398-

Als es Mitternacht schlug, kamen die zwölf schwarzen Männer, holten die Gebeine und die Totenköpfe hervor und wollten kegeln. Aber sie konnten nicht über den Kreis treten und stellten deshalb die Kegel außerhalb des Kreises auf. Doch einmal rollte ein Totenkopf in den Kreis hinein. Die Kegler baten den Küster, ihn herauszugeben. Dieser aber sagte : "Holt ihn doch!" Dreimal baten die Männer, doch der Küster gab keine Antwort mehr. Mittlerweile schlug es ein Uhr und alles war vorüber. Am andern Tag ließ der Pastor den Sarg öffnen. Darin fand sich eine Rolle. Auf dieser stand geschrieben : "HIER RUHEN ZWEI UNSCHULDIG GERICHTETE MÄNNER, UND DIESE SIND BEI GOTT. DIE ZWÖLF RICHTER JEDOCH, DIE SICH HABEN BESTECHEN LASSEN, EIN UNGERECHTES URTEIL ZU FÄLLEN, SOLLEN SO LANGE BEI MONDENSCHEIN MIT DEN KÖPFEN DER BEIDEN MÄNNER KEGELN, BIS SIE DURCH GOTTES WORT VERSCHEUCHT WERDEN." Und so geschah es. Wo aber die Seelen der ungerechten Richter, hingekommen sind, das weiß kein Mensch. Seit dieser Zeit ist von mitternächtlichen Geräuschen in der Kirche nichts mehr zu hören.

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Zwei Juister kommen in den Himmel
Beim heiligen Petrus sind die Leute von Norderney wohl gut angeschrieben, weil sie den Fischfang, St. Peters Beruf, so rechtschaffen und ehrlich ausüben. Auch die Borkumer haben im Himmel ihre Fürsprecher und Freunde, denn sie sind fleißige Landbauern. Die Juister dagegen stehen im Himmel und auf Erden in bösem Ruf; sie betrieben den Strandraub gar zu schlimm und konnten darum nicht in den Himmel kommen. An einem schwülen Sommertag war Petrus an der Himmelstür eingenickt. Da schlichen sich zwei Juister an ihm vorbei und drückten sich still in eine Himmelsecke. Aber St. Paulus erkannte sie gleich und zürnte dem heiligen Petrus, weil er die frechen Strandräuber eingelassen habe. Petrus öffnete die Himmelstür und wartete, ob die beiden nicht freiwillig wieder abziehen würden, denn hinausjagen darf der Himmelspförtner niemand, der einmal im himmlischen Paradies ist. Die Juister aber blieben, und Petrus war sehr bedrückt, weil er so nachlässig aufgemerkt hatte. Schließlich fiel Petrus eine List ein. Als die beiden Juister Strandräuber einmal in seine Nähe kamen, lugte er durch ein Himmelsfenster und tat, als ob er draußen etwas Besonderes sähe. Dann rief er plötzlich mit lauter Stimme: "Schipp an Strand! Schipp an Strand!" "Wo is dat Schipp?" fragten die beiden Juister hocherfreut. Spornstreichs rannten sie zur Himmelstür hinaus, und Petrus schloß vergnügt das Tor hinter ihnen ab. Die Juister aber konnten nicht mehr damit rechnen, nochmals durch eine Unachtsamkeit St. Petris in den Himmel zu kommen.

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Zwerge in den Schweckhäuser Bergen
In den Schweckhäuser Bergen hat es einstmals Zwerge gegeben, die dort in sonderbaren Höhlen hausten. Die Höhlen sind noch in den Bergen vorhanden, sie sollen voll wundervollen Edelgesteins, Goldes und Silbers sein. Da sich aber die Zwerge nicht mehr sehen lassen, sind auch die Höhleneingänge nicht mehr aufzufinden. Vor langer Zeit standen auf den Schweckhäuser Bergen bei dem Herrn auf Schweckhausen ein Hirt und ein Schäfer im Dienst. Der Hirt hatte eine Tochter, der Schäfer einen Sohn, die einander sehr zugetan waren. Zu der Hirtentochter kam öfters ein Zwerg, ungestaltet und häßlich; der wollte sie zur Frau haben und brachte ihr daher immer viele schöne Sachen von Gold und Silber mit. Das Mädchen aber, dem sein Schäfer weit lieber war, wollte von den Werbungen des Zwerges nichts wissen, obwohl er ebenso häßlich wie mächtig war. Die Mutter des Mädchens wünschte gleichfalls nicht, daß ihre Tochter einen Zwerg heirate, und als dieser eines Tages mit noch schöneren Geschenken wieder erschien, erklärte sie ganz offen: "Ihr braucht nicht mehr zu kommen, meine Tochter kriegt Ihr doch nicht zur Frau. " Da antwortete der Zwerg gelassen: "Wenn ich wiederkomme und Ihr wißt bis dahin, wie ich heiße, so will ich von da an ausbleiben und Eure Tochter nicht mehr belästigen. Wenn Ihr aber meinen Namen nicht in Erfahrung gebracht habt, so werde ich wieder vorsprechen und das Mädchen mit Gewalt entführen." Damit ging er eilends fort. Die Hirtenfrau aber hatte den jungen Schäfer schon oft gebeten, er möge doch genau achtgeben, woher der Zwerg komme und wohin er gehe. Der Schäfer hatte auch ihrer Bitte entsprochen, doch immer war der Zwerg zuletzt spurlos verschwunden. An jenem Abend, an dem der Zwerg mit dem -401-

abweisenden Bescheid der Mutter weggegangen war, hütete der Schäfer gerade in den Bergen seine Schafe - die Sonne war schon im Untergehen -, da kam der Zwerg plötzlich wieder daher. Der Schäfer schlich ihm behutsam nach und sah, wie der Zwerg an einen großen Felsblock trat und dort verschwand. Sogleich ging der Schäfer ganz nahe an den Felsen heran und gewahrte eine purpurrote Blume, die herrlich duftete und wie ein Stern leuchtete; aber nirgends bemerkte er einen Eingang in den Felsen. Auf einmal hörte er im Berg ein Klingen wie von Silber und Gold und dazu den Gesang des Zwerges: "Hier sitz ich, Gold schnitz ich. Ich heiße Holzrührlein, Bonneführlein. Wenn das die Mutter wüßt', Ihr Mägdlein sie nimmer vermißt!" Diesen Spruch merkte sich der Bursche, lief s ogleich nach Hause und erzählte ihn noch am selben Abend der Mutter seiner Liebsten. Als nun nach ein paar Tagen der Zwerg wieder erschien und mit recht hämischem Lachen die Hirtenfrau fragte, ob sie denn nun seinen Namen wisse, da erklärte die Frau ganz kurz: "Wie mögt Ihr wohl heißen? Ihr heißt Holzrührlein, Bonneführlein. " Sobald die Frau die Namen ausgesprochen hatte, war der Zwerg verschwunden. Er kam auch nie mehr wieder. Die rote Blume auf dem Steinfelsen hat der Schäfer auch nicht mehr gesehen, aber er hat die Hirtentochter geheiratet und ist bis an sein Lebensende glücklich mit ihr gewesen.

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Sagen aus der Pfalz

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Der Nonnenfels bei der Hartenburg
Einer der Grafen von Leiningen, der auf Hartenburg wohnte, ein rauher Mann von wilden Sitten, besaß eine Tochter mit Namen Adelinde, ein Bild zarter Weiblichkeit und edlen Sinnes. Die Jungfrau hatte ihre Zuneigung einem anmutigen, edlen Jüngling geschenkt, der als Knappe bei ihrem Vater diente. Stilles Glück verklärte die Liebe der beiden jungen Leute, bis dem Grafen das Geheimnis hinterbracht wurde. Adelinde hatte nun die ganze Härte seines Zornes zu tragen; der mit dem Tode bedrohte Knappe mußte fliehen und fiel später im Gelobten Land als Streiter Christi in einem harten Handgemenge. Ein Kreuzfahrer, der die Nachricht vom qualvollen Leben sowie von dem ruhmvollen Tode des Jünglings im heiligen Kampf in die Heimat brachte, hatte den Leib des Gefallenen bei Jerusalem in den Sand gebettet. Adelinde, die sich gegen ihren Willen mit einem ebenbürtigen Freier vermählen sollte, ließ sich in ein Kloster aufnehmen, da die Welt ihr nun kein Glück mehr zu bieten hatte. Sie weinte ihren Schmerz aus und teilte ihre Zeit zwischen Gebet, Wohltun und Pflege der Kranken. Doch ihre teure Heimat konnte die junge Gräfin nicht vergessen; begleitet von einer treuen Freundin, verließ sie heimlich das Kloster und kehrte in das Tal zurück, wo sie ihre glückliche Jugend verlebt hatte. In der Höhle eines Felsens, welcher der Hartenburg gegenüber liegt und noch heute der Nonnenfels heißt, lebten die beiden als Klausnerinnen, ohne daß die Welt ihre wahre Abstammung kannte. Wohl aber verbreitete sich der Ruf der hilfreichen und heilkundigen Nonne, die häufig mit Kräutersammeln beschäftigt war, in der ganzen Umgegend; nur der rauhe Graf beachtete sie nicht. Er lebte für die Freuden der Tafel und der Jagd, bis er einmal auf einem Ritt vom Pferd stürzte und an den Folgen des Sturzes lange schwer darniederlag. Alle Mittel, seine Schmerzen -404-

zu lindern und seine Wunden zu heilen, waren vergeblich. Das hörte auch seine Tochter, die Klausnerin, und dem Drange des Herzens folgend, stieg sie zur Hartenburg hinauf und rettete unerkannt das Leben ihres Vaters. Nach seiner Genesung besuchte der alte Graf die hilfsbereite Nonne in ihrer Klause, erkannte sie aber diesmal und bat sie nach den lebhaftesten Umarmungen, den wüsten Felsen zu verlassen und sogleich mit in das Schloß zu kommen. Ihre Antwort aber war: "Zieht nur hin, lieber Vater, auf Eure Burg! Ich will Euch gern wieder Tochter sein, doch als Klaus nerin." So blieb sie in ihrer Felsenwohnung und widmete auch den Rest ihres Lebens der Nächstenliebe. Heute noch zeigt man den Bildstock, an dem sie ihr Gebet zu verrichten pflegte, und die Vertiefungen im Fels, in denen die Tür ihrer dürftigen Hütte befestigt war.

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Der Pfeilschuß auf den Ritter von Than
Nicht weit von Burg Neudahn lag der Stammsitz der Edlen von Sick. Ein Sprößling dieses Geschlechtes wurde von dem jungen Ritter Walter von Than auf der Jagd getötet; die Tat war nicht mit absicht verübt worden, sondern es lag ein böser Zufall vor. Doch der Ritter erbot sich, eine Geldbuße zu erlegen, wie sie das Gesetz vorschrieb, oder ein Gottesgericht in ehrlichem Zweikampf entscheiden zu lassen. Kunz von Sick, der Bruder des Getöteten, war ein jähzorniger Mann und wollte Blutrache üben; darum wies er das Anerbieten des Thaners trotzig ab. Als Walter einst, nichts Böses ahnend, durch den Forst ritt, kam aus dem Dickicht ein Pfeil auf ihn zugeflogen, der ihn aber verfehlte und in einer Buche haftenblieb. Der junge Ritter nahm den Pfeil und ging damit auf die Burg seines Feindes, als dieser eben viele Gäste um sich versammelt hatte. Er überreichte Ritter von Sick den Pfeil und sagte freundlich: "Ich dachte nicht, daß Ihr Gäste hättet, sonst wär, ich ein andermal gekommen." Dem Hausherrn stieg die Glut des Zornes ins Gesicht; weil er sich aber seiner Tat schämte, suchte er sich zu beherrschen und erwiderte: "Ihr seid mir ein werter Nachbar, nehmt Platz an meinem Tische!" Der Zufall fügte es, daß Walter neben die Tochter des Ritters zu sitzen kam. Schoneta war ein schönes, verständiges und ehrbares Mägdlein, das wohl Mitleid kannte, aber nicht Haß. Der Ritter von Than und Schoneta fanden Gefallen aneinander. Nachdem die Tafel aufgehoben war, sagte Walter zum Burgherrn: "Ich will Euch eine Sühne vorschlagen, die allen Groll zwischen uns tilgen wird: Gebt mir die Hand Eurer Tochter!" Der Alte gehörte zu den Menschen, denen der Wein gute Laune verleiht, auch hatte ihn Walters Edelmut überrascht. Er gab daher nicht nur -406-

sein Jawort, sondern nahm auch zum Andenken an diesen Vorfall einen Pfeil in sein Wappen auf.

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Der Rabe auf der Burg Stolzeneck
Einst zog der Ritter von Stolzeneck ins Heilige Land. Seine Schwester, eine blühende Jungfrau, ließ er unter dem Schutze treuer Diener auf der Burg zurück. Ein Ritter aus der Nachbarschaft verliebte sich in das Burgfräulein und warb um seine Hand. Doch die Jungfrau wies ihn ab und schenkte auch allen späteren Werbungen des Ritters kein Gehör. Erzürnt schwur dieser bittere Rache. Er berannte die Burg, eroberte sie ohne großen Widerstand, da die Hauptverteidiger fern waren, und ließ alle Bewohner töten, nur das Burgfräulein nicht. Als es sich aber nach wie vor weigerte, seine Braut zu werden, befahl er, es in den Turm zu werfen, und ge lobte, das Fräulein dort verhungern und verdursten zu lassen, wenn es ihn nicht erhöre. Auch nach dem zahmen Raben, dem ständigen Begleiter des Fräuleins, hatte der Ritter sein Schwert geschwungen. Doch dieser war ihm entkommen. Täglich stellte sich der Ritter nun beim Gitterfenster am Burgturm ein, wo die Jungfrau schmachtete, und fragte, ob sie ihm noch immer ihr Jawort nicht geben wolle. Doch stets erhielt er die gleiche Absage. Voll Zorn entfernte er sich jedesmal. Am meisten wunderte es ihn, daß das Burgfräulein, dem doch nie eine Speise gereicht wurde, sich noch immer aufrecht halten konnte. Er wußte natürlich nicht, daß der treue Rabe ihr täglich Beeren und Früchte brachte. Auch entwendete der Vogel manchmal in einer Küche eine Schnitte Brot, ein anderes Mal ein Stück Fleisch und legte es seiner geliebten Herrin vor. Jahre vergingen, bis die Kämpfe im Heiligen Lande beendet waren, und nun kehrte der Ritter von Stolzeneck wieder heim. Seine Burg fand er verlassen, auf Bäumen und Dächern lärmte eine Schar Raben. "Schwester, liebe Schwester", rief der Ritter laut, als er über den öden Burghof schritt. Leise antworteten ihm schmerzliche -408-

Laute hinter dem Turmgitter. Nun eilte er dorthin und erfuhr, was geschehen war. Starr vor Entsetzen über diese Untat stand der Heimgekehrte noch am Gitter. Da kam der Urheber all dieses Übels herangeritten, um sich heute das Jawort des Burgfräuleins zu holen. Als er aber den Kriegsmann am Kerkergitter stehen sah, zog er sein Schwert, um den Unbekannten zum Kampf zu fordern. Plötzlich krächzte der Rabe des Burgfräuleins laut auf, flog dem Ankömmling wütend entgegen und hackte auf seine Augen los. Wie eine schwarze Wolke schossen nun all die andern Raben herbei und kratzten dem Bösewicht die Augen aus. Der Frevler stürzte zu Boden, und der Ritter von Stolzeneck stieß ihm sein Schwert in die Brust. Dann öffnete er den Kerker seiner lieben Schwester, die ihm freudetrunken um den Hals fiel. Das Bild des treuen Raben wurde in Stein gehauen und in einem Bogen der Burg angebracht. So verkündet dies Bildnis der Nachwelt die Treue und Liebe des Stolzenecker Raben.

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Der Riesenstein bei Heidelberg
Auf der rechten Neckarseite, oben auf dem Heiligenberg, hausten einst zwei Riesen, Vater und Sohn. Man sah die beiden oft mitsammen über den Berg gehen. Als der Riesenbub größer geworden war, bat er seinen Vater, auch allein weite Wanderungen machen zu dürfen. "Wenn du zeigst, daß du ein Kerl bist und etwas kannst", sagte der Vater, "habe ich nichts dagegen. " Darauf nahm der Vater einen großen Steinblock und schleuderte ihn weithin über den Neckar auf den Gaisberg. "Mach's auch so, wenn du's kannst", bemerkte er zu seinem Sohne. Der junge Riese nahm einen gleichgroßen Felsblock und warf ihn in derselben Richtung, so daß er genau auf den vom Vater geschleuderten Block fiel. Darauf erlaubte ihm der Vater, in die Welt hinauszuwandern. Die Felsblöcke liegen heute noch auf dem Gaisberg übereinander, wie sie einst geworfen wurden. Man nennt sie jetzt: "der Riesenstein".

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Der Ritter vom Huneberg
Auf der Burg Huneberg im Haardtgebirge lebte ein Junker namens Schott. Er war von schöner Gestalt und adeligen Sitten, aber arm, so daß er nicht den Mut fand, um ein Fräulein aus den vielen alten Adelsgeschlechtern der Gegend zu werben. Eines Tages lief er mißmutig im Wald umher; mit einemmal sah er ein altes Männlein am Wege sitzen. "Ich bin hungrig", flüsterte das Männlein, "gib mir etwas zu essen! " Schott langte aus seiner Jagdtasche ein Brot hervor und reichte es dem Alten. Als er ein andermal wieder durch den Forst schweifte, vernahm er ein Geschrei wie um Hilfe. Er eilte darauf zu, aber die rufende Stimme schien sich immer weiter zu entfernen. Endlich fand er unter einem Baum ein schönes Knäblein, das bitterlich weinte. "Mann", bat der Knabe, "bring mich doch nach Hause; ich fürchte mich vor den Wölfen und bin gar so klein. " "Aber wo bist du denn daheim?" fragte der Junker. "Ich will dir den Weg zeigen", erwiderte das Kind und schwang sich hurtig auf des Junkers Rücken. Nun ging's bergauf und bergab, daß dem Ritter der Schweiß von der Stirn rann. Endlich als die Sonne bereits unterging, kamen sie an ein altes steinernes Haus, das mit einem Wassergraben umgeben war, in dem mehrere Schwäne stolz dahinschwammen. "Nun sind wir am Ziel", rief das Knäblein und sprang herab. Aber Schott erschrak nicht wenig, denn das Kind hatte sich ganz verändert und war ein häßlicher Zwerg geworden. "In diesem Hause wirst du eine Nachtherberge finden", erklärte der kleine Unhold, "und auch den Lohn für deine Mühe." -411-

"Aber wer bist denn du? " stammelte der Junker. "Ich bin der Waldgeist", antwortete der Zwerg, "und wer mir Vertrauen schenkt, hat es nie zu bereuen. " Mit diesen Worten verlor sich das kleine Wesen im Gestrüpp. Schott aber schritt festen Trittes über die schmale hölzerne Brücke und klopfte an das Tor des steinernen Hauses. Ein junges, schönes, freundliches Mädchen öffnete ihm die Tür. Es war die einzige Tochter einer betagten Mutter und der letzte Sproß des alten Geschlechtes der Herren von Schwanau, die durch Krieg und anderes Unglück in Armut geraten waren. Dem Ritter gefiel die Jungfrau ganz vortrefflich, und er beschloß, um ihre Hand anzuhalten; doch war er ehrlich und verhehlte seine Armut nicht. Die Mutter erwiderte: "Es ist in unserem Haus eine alte Prophezeiung, die letzte Erbtochter von Schwanau werde zu Reichtum und Ehre gelangen, nur dürfe sie ihren Namen nicht ändern." Der Junker von Huneberg war einverstanden, den Namen Schwanau anzunehmen und das Wappen des Geschlechtes mit dem seinigen zu vereinen. Auf dem Heimweg traf er dann das alte Männlein wieder. Es winkte ihm zu und führte ihn in eine Höhle, in der ein wertvoller Schatz verborgen lag. "Das ist die Morgengabe deiner Braut", lächelte der Zwerg. "Tue immer recht, und euer Glück wird blühen." Schott führte seine schöne Braut heim, und die Worte des Waldgeistes gingen an ihm und seinen Kindern in Erfüllung. Das Geschlecht derer von Huneberg und Schwanau ist heute erloschen. Man weiß nicht einmal mehr mit voller Bestimmtheit zu sagen, wo ihre Schlösser standen.

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Der arme Fiedler unserer lieben Frau im Dom zu Mainz
Unter den kostbaren Weihestücken des altehrwürdigen Domes zu Mainz befindet sich auch ein Bild der Jungfrau Maria, zu deren Füßen die Andacht eines Verehrers ein Paar Pantoffeln aus gediegenem Golde niedergelegt hatte. Darüber berichtet die Sage : An einem rauhen Wintermorgen trat ein armer, schlecht gekleideter und hochbejahrter Fiedler, der schon mehrere Tage, ohne rechten Erfolg seine Weisen in den Straßen von Mainz gespielt hatte, in den Dom, um dem Himmel seine drückende Not zu klagen und von seinem Schöpfer Hilfe und Trost zu erflehen. Er sang sein Gebet in einer schlichten Melodie, die er ohne sonderliche Kunst selbst erfunden hatte, und spielte auf seinem abgenutzten Instrument die Begleitung dazu. Doch jedesmal, wenn er sich an den Himmel wandte, unterließ er auch nicht, das Mitleid der Umstehenden anzurufen. Mich friert so sehr, ich bin so schwach, Alt ohne Trost und Kost, Doch niemand, ach! erbarmt sich mein, Und schützt mich vor dem Frost. Wie anders in vergang,ner Zeit, Da hatt, ich Ruhm und Geld : Wenn meine lust'ge Fiedel klang, War fröhlich alle Welt. Grau und gebückt schleich ich allein, Und niemand hört mich an; Denn jeder ruft: "Gib auf dein Spiel, Du alter, siecher Mann!" Während der Alte dies vor sich sang, blickte er um sich her und sah, daß die Kirche mittlerweile leer geworden war; denn die Kälte hatte die Besucher nach Hause an den warmen Ofen getrieben. Da also niemand mehr in der Nähe war, der den armen Fiedler bemerkt hätte, beschloß er, der Heiligen Jungfrau

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ein Stück auf seiner Geige zu spielen und ihr eines seiner schönsten Lieder zu singen. Gesagt, getan! Er spielte und sang mit solcher Wärme, daß es ihm schien, als wäre seine Jugend zurückgekehrt, als könne er dem Leben wieder froh und hoffnungsvoll entgegenblicken, und die schönsten Farben des Frühlings schmückten sein Dasein. Nochmals kniete er andächtig nieder, sprach ein kurzes Gebet und wollte dann den Dom verlassen. Eben hatte er sich aufgerichtet, siehe! da hob das Bild, vor dem er gekniet und dem zu Ehren er seinen Gesang hatte erschallen lassen, den linken Fuß auf und schleuderte mit einer raschen Bewegung den goldnen Pantoffel, mit dem der Fuß bekleidet war, an die in Lumpen gehüllte Brust des alten Geigers. "Welch ein Wunder, oh, welch Wunder!" rief der Greis erschüttert aus; "die hochgelobte Jungfrau weiß das Flehen eines Armen und sein Streben, ihr Freude zu bereiten, huldreich zu belohnen! " Dankerfüllt pries der alte Mann freudig und in den feurigsten Ausdrücken die himmlische Spenderin und ging dann auf den Markt, um einen Käufer für seinen Schatz zu suchen und aus dem Erlös seiner dringendsten Not abzuhelfen. Einen Tag und eine Nacht hatte er nichts mehr gegessen, der Hunger wühlte in seinen Eingeweiden, und so blieb ihm jetzt keine andere Wahl, als die Gabe mitzunehmen, die ihm die Gottesmutter doch offenbar zur Stillung dieses Bedürfnisses gewährt hatte. Aber ein Goldschmied, dem er den Pantoffel zum Kauf anbot, erkannte denselben sogleich, und in wenigen Minuten war der unglückliche Mann noch übler dran als vorher; denn er befand sich in den Händen der strafenden Gerechtigkeit. In jener Zeit machte man mit jedem Verbrecher, mochte er auch noch so sehr seine Unschuld beteuern, kurzen Prozeß. Die Laune des Richters sprach das Urteil und ließ es auch in ein paar Stunden vollziehen. Insbesondere für das ruchlose Verbrechen eines Kirchenraubes, mit dem der beklagenswerte Greis belastet -414-

war, erschien keine Hoffnung, keine Gnade, kein Aufschob gegeben. Innerhalb einer Stunde sah sich der Häftling gerichtlich verhört, abgeurteilt und auf dem Wege zur Hinrichtung. Die Richtstätte war auf dem Speisemarkt, der gerade den ehernen Toren des Domes gegenüberlag. Vergebens wiederholte der Greis die Erzählung der ganzen Begebenheit, umsonst schwor er, die Wahrheit zu sprechen. Die Richter hörten nicht darauf und hielten seine Beteuerungen für eine unverschämte Lüge. Der arme Geiger hatte nichts mehr zu hoffen, man verkündete ihm, daß er noch vor Mittag sterben müsse. "Wohlan denn!" rief er, schon am aufgerichteten Schafott stehend, "wenn ich hier mein Leben endigen soll, so sei es mir doch erlaubt, nochmals zu den Füßen der Heiligen Jungfrau mein Gebet zu verrichten und nach der Musik meiner alten Fiedel ein Lied anzustimmen. Ich bitte darum in ihrem gebenedeiten Namen - ihr könnt es mir nicht verweigern. " Die Richter schlugen seine Bitte nicht ab; denn es wäre eine ebenso strafbare Ruchlosigkeit gewesen, wenn man sich zwischen einen Verurteilten und die Heilige Jungfrau hätte stellen und sein letztes Gebet verhindern wollen. Streng bewacht, trat der alte Fiedler nun in den Dom, der ihm zum Verhängnis geworden war, und betete kniend am Altare der Himmelskönigin; dann stand er auf und sang vor der Gottesmutter sein Lied. Kaum war es verklungen, so erhob zum Schrecken der Wachen, die den Verurteilten umgaben, das Bildnis seinen rechten Fuß und warf den Pantoffel, der den Fuß schmückte, an die Brust des Greises. Alle Anwesenden bezeugten dies, und niemand konnte leugnen, daß der Himmel sein Zeugnis zugunsten des armen Mannes abgegeben habe. Dieser wurde sogleich von seinen Fesseln befreit und im Triumph vor den Stadtrat gebracht, wo man nach Recht und Pflicht das gesprochene Urteil wieder aufhob und den Alten unverzüglich in Freiheit setzte. -415-

Dann hat der alte Geiger vom Dome zu Mainz, so berichtet die Sage, gegen eine Versorgung für den Rest seiner Tage die goldenen Schuhe der hohen Geistlichkeit übergeben. Die Schatzkammer des alten Domes verwahrt heute noch diesen wertvollen Besitz.

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Der weiße Peter auf der Wachtenburg
Im Tale bei Wachenheim am Fuß der alten Wachtenburg stand einst ein halbzerfallenes Häuschen; darin wohnte ein Mann, den die Leute wegen seiner schneeweißen Haare den "weißen Peter" nannten. Gar oft blieben Vorübergehende stehen und schauten ihm nach; denn es war noch nicht lange her, daß er ergraut war und ein Gesicht voll Schrecken bekommen hatte. All dies geschah in einer Nacht. Wie das zuging, hat er manchmal selbst erzählt. Der weiße Peter war ein armer Schelm, und um seiner Not abzuhelfen, wollte er auf der uralten Wachtenburg Schätze suchen. So stieg er denn einmal um Mitternacht zur Burg hinan. Dort wußte er neben dem Eingang zum Herrensaal ein mit Hecken überwachsenes Pförtchen, von dem aus Treppen unter die Erde führten. An dieser Stelle drang er ein und stieg gar viele Stufen hinab. Nur der schwache Schein seiner Laterne zeigte ihm den Weg durch die halbzerfallenen Gänge. Mit einemmal aber wurde ihm unheimlich zumute, sein Herz pochte laut, und er wünschte wieder im Freien zu sein. Als er schier verzagen wollte, stieß er auf ein buckliges graues Männchen, das eben aus tiefem Schlaf erwacht schien und sich die Augen rieb. Doch war es keineswegs verdrossen, daß Peter es gestört hatte, sondern meinte freundlich: "Dank dir, daß du mich geweckt hast! Schon lange muß ich hier träumen mit all den Rittern dort drinnen im großen Saal." Mit diesen Worten faßte das Männlein den Schatzsucher an der Hand, schritt mit ihm bis zum Ende des Ganges und führte ihn in einen weiten Raum. Darin saßen viele Ritter schlaftrunken an den Tischen, ihre Schwerter und Schilde hatten sie neben sich gelehnt. "Alle diese Männer müssen schlafen", erklärte der Zwerg, "bis ein Mensch mit einem Zauberwort den Wachthund bändigt und -417-

ihm den goldenen Schatz entreißt, den er zu behüten hat. Um zu diesem Schatz zu gelangen, müssen drei Tore, ein eisernes, ein silbernes und ein goldenes, durchschritten werden. Vor dem goldenen Tor liegt der grimmige Hund, der jeden furchtbar angeht. Wehe dem, der dann das Zauberwort nicht weiß! Es heißt "Zufriedenheit". Nimm nun die drei Schlüssel zu den drei Toren, doch vergiß das Zauberwort nicht, sonst schreckt das Hundegebell die Ritter aus ihrem Schlaf, und sie werden dich töten!" Damit gab das Männlein seinem Begleiter einen eisernen, einen silbernen und einen goldenen Schlüssel und verschwand. Peter aber öffnete mit dem eisernen Schlüssel das eiserne Tor, schritt dann durch einen finsteren Gang zu der silbernen Pforte und sah, als er auch diese aufgeschlossen hatte, am Ende des Ganges das goldene Tor erstrahlen. Doch davor lag der grimmige Hund und fletschte sein schreckliches Gebiß. Plötzlich erhob er sich und schickte sich an, auf Peter loszufahren. Den aber überkam eine qualvolle Angst, er wollte das Zauberwort rufen, doch - O Schrecken! - er hatte es vergessen. In seiner furchtbaren Not rannte Peter davon, durch das silberne und eiserne Tor zum Rittersaal. Doch der unheimliche Hund hetzte hinter ihm her, sein schauerliches Kläffen kam näher und näher. Da erwachten die Ritter, griffen zu den Schwertern, als ob der Feind sie überrumpelt hätte, und machten Miene, sich auf Peter zu stürzen. Der stürmte durch die Gänge und wieder die Treppen hinauf zu dem Pförtchen, durch das er unter die Erde gelangt war. Droben blieb er atemlos und halb tot vor Schrecken liegen. So fanden ihn, als der Morgen dämmerte, die Leute. Doch sie erkannten ihn nicht mehr. Hatte er noch gestern ein junges Gesicht und blonde Haare gehabt, so blickte ihnen jetzt ein zerfurchtes Greisenantlitz mit weißem Schopf entgegen. -418-

Auf solche Art war die Schatzsuche Peters mißglückt, er hauste weiter, ein armer Teufel, in seiner alten Hütte am Fuß der Wachtenburg, und die Leute nannten ihn fortab den "weißen Peter".

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Die Lilie zu Altenbaumberg
Zu Altenbaumberg an der Alsenz wuchs alljährlich mitten im Schloßhof an einer Stelle, wo der Boden unheimlich hohl klang, ein Lilienstengel auf, der immer nur zwei Blüten trieb. Selbst das Steinpflaster konnte ihm nicht hinderlich sein, und sooft man ihn auch abbrach, er kam immer wieder. Suc hte man nach der Zwiebel, so fand man im Boden nur Erdreich; aber Modergeruch stieg deutlich daraus empor. Um die gleiche Zeit wohnte in einem kleinen Turmgemach des Schlosses ein uralter Raugraf, der schon über zweihundert Jahre zählte - es war als ob ihn der Tod vergessen hätte. Stumm und taub, konnte er niemand sein Leid klagen, das jedermann in seinen Zügen las. Allabendlich wankte er, auf seinen Stab gestützt, zu der wundersamen Lilie, mit deren Blüten sein langer Bart an Weiße wetteiferte, kniete nieder und weinte bittere Tränen. Da kehrte einmal, als der Greis wieder bei den Lilien weilte und sie mit seinen Tränen begoß, ein Pilger im Schloß ein und wurde von dem Burgherrn, einem jungen Raugrafen, gastlich aufgenommen. Beim Anblick des leidenden Alten sprach der ehrwürdige Wanderer: "Dir soll bald Trost werden, du hast genug gebüßt." Neugierig fragte der Burgherr nach dem Sinn der dunklen Worte. Darauf erzählte der Fremdling: "Vor langer Zeit ging ein Raugraf auf Abenteuer aus. Auf seinen Unternehmunge n lernte er ein ebenso schönes als edles Fräulein kennen und führte es als seine Frau heim. Bald darauf zog er ins gelobte Land zum Kampfe gegen die Ungläubigen. Während seiner Abwesenheit erschien auf Altenbaumberg ein ehemaliger Verehrer der schönen Frau und flehte heiß um ihre Gunst. Doch alle Versuche, ihre Treue zu erschüttern, blieben -420-

vergebens. Da schwur ihr der abgewiesene Ritter Rache und machte sich auf den Weg nach Jerusalem. Er fand dort den Raugrafen und ließ gelegentlich einige Worte über die Untreue seiner Gemahlin fallen. Scheinbar widerstrebend erzählte er dann, daß die schöne Frau einem Burgknappen ihre Liebe schenke. Sogleich verließ der erzürnte Raugraf das Heer der Kreuzfahrer und eilte der Heimat zu. Im Pilgergewand kam er unerkannt auf seine Burg und bis ins Gemach seiner Gemahlin, in dem gerade der bezeichnete Knappe Dienst tat. Der Dolch des wütenden Ritters streckte den Knappen sogleich nieder, und mit einem Schrei des Entsetzens, der dem Rasenden nur die Untreue der Gattin zu bestätigen schien, stürzte auch die Burgfrau erdolcht zusammen. Als bewaffnete Diener herbeieilten, riß der Fremde die Kutte vom Leib und stand als ihr Herr vor seinen Leuten. Sogleich ließ er eine Grube ausheben, die beiden Leichen ohne Sarg und ohne kirchliche n Segen bestatten und befahl, die Öffnung fest zu vermauern. Aber schon am nächsten Morgen bezeugten ihm zwei Lilien über dem Grab die Unschuld der Ermordeten, wofür auch alle Burgbewohner eintreten konnten. Die tiefe Reue des Alten und sein täglicher Gang zum Grabe vermochten bis heute die Greueltat nicht zu sühnen, und so wandelt er seit Jahrhunderten als lebendiger Leichnam umher. Nur wenn ein "glückliches Ehepaar" aus seiner Nachkommenschaft die Gebeine dieser Schuldlosen auf christliche Weise bestattet, löst sich der Fluch. Da sahen sich der Burgherr und seine Gemahlin mit einem seligen Blick an. Sie ließen noch zur selben Stunde die Gebeine der Unglücklichen ausgraben und auf feierliche Weise beisetzen. Sogleich verwelkten die Lilien über der einstigen Ruhestätte. Und als der alte Raugraf wieder in den Schloßhof kam, löste sich das Band seiner Zunge. Freudig erschüttert rief er mit -421-

einem Blick zum Himmel: "Ewiger Richter, sei mir gnädig!" Dann sank er tot nieder. Ein ehrenvolles Begräbnis neben den Opfern seines Jähzornes blieb ihm nicht versagt.

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Die Wolfskirche bei Bosenbach
Zwischen den beiden Dörfern Bosenbach und Friedelhausen liegt hart an der Straße ein Friedhof mit einem alten Turm, die Wolfskirche genannt. Hinter dem Tor an der Mauer gewahrt man ein Raubtier, in Stein gehauen, wie es ein anderes Tier, ein Lamm oder ein Reh zu Boden reißt. Darüber erzählt eine alte Sage: Vom Berghang sprang einst in raschen Sätzen ein Reh ins Tal hinab. Es bebte und zitterte, und seine Blinker irrten hilfesuchend umher. Hinter ihm hetzte ein blutdürstiges Raubtier, ein Wolf, gierig einher. Das Reh setzte über den Bach, der durch das Tal fließt, um so seinem Feind zu entrinnen. Doch der Verfolger jagte dem Reh nach, und das gehetzte Wild strebte nun der anderen Höhe zu. Am Fuße des Berges machte es plötzlich halt, es schien, als wollten seine Kräfte versagen. Zu weit noch war's bis zum nächsten Wald ! Dann raffte sich das Tier noch einmal auf; vor ihm stand ein einsames Kirchlein, in seiner Angst sprang das Reh durch die offene Pforte in das Gotteshaus hinein und sank zu Tod gehetzt am Altare nieder. Doch auch der Wolf machte Miene zu folgen. Wie er aber zum Kirchentor hineinguckte, da wandte er sich plötzlich um und floh mit winselndem Geheul, denn er glaubte einen Jäger mit Pfeil und Bogen zu bemerken, der ihm auf der Spur sei. Das Kirchlein erhielt den Namen "Wolfskirche", und der einsame Turm schaut heute noch weit in die Lande hinein.

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Eine Luftfahrt von Pirmasens nach Gersbach
Landgraf Ludwig IX. von Hessen hielt seine Grenadiere sehr streng, und da gab es wenig oder gar keinen Urlaub. Als er einmal in Pirmasens weilte, kam einer der Grenadiere namens Schubkehl zu ihm und bat, der Landgraf möge ihm doch erlauben, einmal nach Gersbach zu gehen, wo seine Braut wohne, er komme am folgenden Morgen wieder. Der Landgraf war gerade guter Laune und willigte ein. Schubkehl marschierte fröhlichen Mutes die Straße entlang und trällerte ein Liedchen vor sich hin. Da hörte er plötzlich einen Wagen hinter sich herrollen. Es war gerade am letzten Tage des Monats April, am Vorabend der Walpurgisnacht, in der sich die Hexen mit dem Teufel treffen. Der Grenadier drehte sich um und sah zwei feine Herren in dem Wagen sitzen. Als sie näher kamen, fragten sie ihn: "Wohin des Weges, guter Freund?" "Nach Gersbach, mit Verlaub", antwortete er. "Dann braucht Ihr Eure Beine nicht weiter anzustrengen", erwiderten die Herren, "wir fahren auch über Gersbach; wenn Ihr wollt, könnt Ihr einsteigen. " Das ließ sich Schubkehl nicht zweimal sagen; er dankte für die Ehre und sprang mit einem Satz in den Wagen. "Nun weiter, Kutscher, und laßt die Pferde einmal laufen!" riefen die Herren, und da fuhr der Wagen, daß es ordentlich pfiff, er fuhr immer schneller und endlich so schnell, daß dem braven Schubkehl fast Hören und Sehen verging; der Wagen hielt auch nicht an, obgleich er den Weg nach Gersbach schon zehnmal zurückgelegt haben mußte. Als Schubkehl sich hinausbog, um zu sehen, wo er denn eigentlich sei, bemerkte er, daß der Wagen hoch durch die Luft flog und über Dörfer und Kirchturmspitzen wegfegte. -424-

"Ach, Herr und Gott, wo sind wir!" rief er, aber in demselben Augenblick hörte er ein höllisches Gelächter, dann fuhren Baumzweige um seine Ohren und - plumps! lag er mitten in einem Wald. Er schaute sich erstaunt um, rieb seine Arme und Beine, die ihn nicht wenig schmerzten, und versuchte, ob er noch gehen könne. Das gelang ihm mit schwerer Mühe, und so schleppte er sich durch das Gehölz bis er auf freies Feld kam. Dort hütete ein Schäfer seine Schafe. Der Soldat bot ihm einen Gruß und erkundigte sich: "Guter Freund, wie weit habe ich bis Pirmasens?" "Pirmasens?" fragte der Schäfer, "den Namen habe ich noch nie gehört. Geht einmal in das Dorf hinüber und fragt den Herrn Pfarrer, vielleicht weiß er, wo der Ort liegt." Das tat Schubkehl und hörte zu seinem Erstaunen von dem Pfarrer, daß Pirmasens vierzig Stunden entfernt sei. Jetzt erkannte Schubkehl, mit welchem Fuhrwerk er gefahren und daß er auf geradem Weg zum Hexentanz gewesen war. Zurückgekehrt fuhr ihn der Landgraf anfangs zwar hart an, wo er so lange geblieben sei, aber als Schubkehl ihm alles erzählte, verzieh er ihm, weil der arme Grenadier soviel Angst ausgestanden hatte.

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Franz von Sickingen auf Ebernburg und der Geist vom Rotenfelsen
Im Innern des Rotenfelsens, nicht weit von Ebernburg, haust seit alter Zeit ein Berggeist. In mondhellen Herbstnächten treibt er sein Unwesen und verschwindet mit Anbruch des Tages wieder. Der Geist ist nicht böse; nur darf man ihn weder reizen noch necken. Manchmal schwebt er auch auf die Ebernburg hinüber; dann heult der Sturm in Klagetönen um die zerfallene Burg; denn der Geist vom Rotenfelsen trauert um seinen Liebling. Und das war kein anderer als der Ritter Franz von Sickingen. Als Knabe hatte Franz einmal die jähe Felswand erklettert und war dann hart am Rande der grausigen Schlucht eingeschlafen. Es war schon spät in der Nacht. Da trug der Berggeist den Knaben, den die Reisigen seines Vaters und die hörigen Leute des Dörfleins vergebens suchten, in seine kristallene Wohnung. Als Franz erwachte, sah er ringsum eine seltene Pracht. Der Geist schwebte mit freundlichen Gebärden auf ihn zu. Der Knabe aber stand trotzig auf und fragte, wo er sich befinde und wie er hierher gekommen sei. Der Geist erzählte ihm, an welcher gefährlichen Stelle er ihn aufgelesen und wie er ihn gerettet habe. Das ließ sich Franz gefallen, dankte dem Geiste furchtlos, verlangte aber, daß er ihn sogleich zur Ebernburg bringe. Solch Wesen gefiel dem Geiste; er zeigte Franz seine Schätze und lud ihn ein, sich zu nehmen, was er wolle. Der Knabe aber dankte für das Anbot, und bat nur, daß er wiederkehren dürfe. Da gab ihm der Geist ein güldenes Kettlein, woran ein Edelstein hing und sagte: "Sooft du zur Dämmerstunde zu mir willst, nimm den Stein in die Hand, und sogleich werde ich dich hereingeleiten. " Franz legte das Kettlein um den Hals und verbarg es sorgfältig. -426-

Darauf führte ihn der Berggeist sicheren Schrittes die Felswand hinab und nach der Ebernburg hinüber. Dann verschwand er. Wurde der Knabe von seinem Vater auch ungnädig empfangen, so erzählte er doch nichts von dem, was ihm begegnet war. So lebte Franz forthin in steter Gemeinschaft mit dem Geiste im Rotenfelsen. Als er ein mächtiger Rittersmann geworden war, da standen ihm die Schätze des Berggeistes zu all seinen Taten und Zügen offen. Nur einmal warnte ihn der Geist, als er gegen Trier zog, und wandte sich grollend von ihm, weil er dennoch den Zug unternahm. Von da an verfolgte den Ritter das Unglück, bis er von seinen Feinden besiegt wurde und auf seiner Feste Landstuhl den Tod fand. Der Geist trauerte tief um seinen Freund und verschloß sich ein Jahr lang in seiner kristallenen Wohnung. Dann ließ er sich wieder sehen. Er schwebt noch heute um Fels und Burg. Trübe und wolkig ist seitdem sein Gewand, und im Gras am Ufer der Nahe glänzen seine Tränen, die er um seinen Liebling, den letzten Ritter, weint.

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Kaiser Rudolfs Ritt zum Grabe
Kaiser Rudolf von Habsburg, reich an Jahren, war in seinem Schlosse zu Germersheim einstens erkrankt und fühlte den Tod herannahen. Noch am selben Tag, meinten die Ärzte auf des Kaisers Frage, werde die letzte Stunde kommen. "Auf nach Speyer!" befahl da der greise Held, "dort will ich den Tod erwarten. Blast die Hörner und bringt mein Roß!" Und das Tier, das ihn sonst zur Schlacht getragen hatte, bestieg er nun zum letzten Ritt. Von zwei Priestern begleitet, zog Rudolf, mit einem Fuß schon im Grabe, langsamen Schrittes gegen Speyer, um sich mit seinen vornehmen Ahnen zu vereinen, die dort im Dome bereits zur ewigen Ruhe eingegangen waren. Da begannen auf einmal die Glocken dumpf und klagend zu läuten, und wohin der Zug sich bewegte, standen die Leute und weinten und trauerten. Aus den Toren von Speyer eilten Ritter, Bürger und Frauen wehmütig dem Kaiser entgegen, um noch einmal sein mildes Antlitz zu sehen. Der Kaiser trat in den hohen Prunksaal der Burg zu Speyer und setzte sich auf den goldenen Stuhl. Dann begann er für sein Volk zu beten bis zum Augenblick des Scheidens. Um die Stunde der Mitternacht erfüllte mit einem Male ein himmlischer Glanz den Raum: der geliebte Kaiser war entschlafen. Der Dom wurde sein letzter Ruheplatz, und viel Volk drängte sich bei seiner Bestattung. Tief unten in der Gruft der Deutschen Kaiser ruht auch heute noch Rudolfs Sarg.

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Sagen aus Pommern

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Der Fünflöcherstein bei Zarrentin
Vor alten Zeiten hausten an vielen Orten des Pommerlandes Riesen. Sie waren den Bewohnern des Landes zumeist feindlich gesinnt. Vor allem gerieten sie in Wut, wenn Kirchen gebaut wurden. Nahe bei dem pommerschen Dorf Zarrentin liegt ein riesiger Stein. Darin sind fünf Löcher, eigentlich Fingerabdrücke, zu sehen. Als man einst daranging, an dieser Stätte eine Kirche zu errichten, ärgerten sich die Riesen, die bisher dort gewohnt hatten, und zogen sich vor den neuen Be wohnern an die Ostsee zurück. Besonders hatten sie es auf den hohen Kirchturm des Dorfes Sassen abgesehen. Sie beschlossen, ihn mit einem großen Stein einzuwerfen. In der Gegend von Stralsund versammelten sie sich, um dies auszuführen. Einige Riesen wurden besonders gut gefüttert, damit sie fähig seien, den Wurf aus der weiten Entfernung kunstgerecht vorzunehmen. Einer bekam täglich Rindfleisch, ein anderer Schweinefleisch und ein dritter Hammelfleisch. Dem mit Rindfleisch gefütterten gelang der Wurf. Der Turm stürzte ein, der Stein flog aber noch weiter , er liegt heute nahe beim Dorf Zarrentin. Auch die fünf Löcher, die Eindrücke der Fingerspitzen des Riesen, sind noch deutlich zu erkennen.

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Der Klabatermann in Pommern
Sobald ein neues Schiff fertig ist und von seiner Mannschaft übernommen wird, zieht auch, wie die Schiffsleute in Pommern meinen, ein kleiner Geist in das Fahrzeug ein, den die Schiffer den Kalfater oder Klabatermann nennen. Er ist ein guter Geist, der für das Schiff und für die Mannschaft Segen bringt. Nur wenige Leute haben ihn gesehen, denn es bedeutet ein Unglück für den, der ihn wahrnimmt. Die wenigen, die ihn zu Gesicht bekamen, erklärten, er sei kaum zwei Fuß groß, trage eine rote Jacke und habe weite Schifferhosen an, ferner trage er einen runden Hut auf dem Kopf. Man kann den Klabatermann zwar nur selten sehen, aber desto öfter hören, wie er im Schiff arbeitet; denn das tut er unaufhörlich. Überall hilft er bei der Arbeit mit, am Anker, bei den Segeln und besonders im Laderaum, wo er die Ballen nachstaucht und das Schiff an Stellen kalfatert, wo kein Mensch dazukann; daher hat er auch seinen Namen. Er weckt auch den Schiffer, wenn dieser in der Kajüte eingeschlafen ist und das Schiff in Gefahr gerät. Das alles wissen die Schiffsleute recht gut, und wenn sie ihn unten im Raum oder draußen an den Planken hantieren hören, so sagen sie nur: "Hörst du? Da ist er wieder." Manche behaupten, nicht jedes Schiff habe so einen Kalfater, sondern es sei ein besonderes Glück, das nur wenigen Schiffen zuteil werde. Denn ein solches Schiff soll niemals zugrunde gehen.

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Der Klabautermann
Dort, wo die blauen Wogen der Ostsee die schneeweißen Kreideklippen der Insel Rügen umspülen, lag vor langer Zeit, zwischen Felsen eingezwängt, ein einsames, winziges Fischerhaus. Gleich dem Neste der Seeschwalbe war es hoch über dem Meeresspiegel erbaut. Keine noch so hohe Flut vermochte das Bauwerk zu erreichen, und darum konnten seine Bewohner ohne Sorge auf die entfesselten Wogen blicken, wenn der Sturm sie brandend gege n die Felsen schlenderte. Mochten sie sich noch so gierig recken und dehnen, so hoch reichte ihre Macht nicht. Lachend betrachtete Jan Classen, der Fischer, die vergeblichen Anstrengungen des Meeres, sein Heim zu vernichten, und die Wut, mit welcher die Wogen unverrichtetersache schäumend und brausend wieder zurückstürzten. Ja, solch ein Unwetter vom sicheren Ort aus zu beobachten und der Gewalt der Fluten zu spotten, das war Jans größtes Vergnügen. Dann stand er vor seiner Hütte auf dem Felsenvorsprunge, drückte die Lederkappe fest auf den Kopf und stemmte die harten braunen Hände in die Seiten. Sein sonst so gleichgültiges Gesicht schien Leben zu bekommen. In den festen Zügen mit den unzähligen Falten und Runzeln zuckte es wie Wetterleuchten, und seine Augen funkelten vor heimlicher Lust. "Ja, brülle nur, tobe nur", schrie er in das Donnern des Meeres hinein, "mich sollst du nicht verschlingen! Mein Häuschen steht hoch, mein Kahn ist fest, und meine Hand hat Kraft genug, mein Fahrzeug zu zwingen!" "Rede doch nicht so, Mann", mahnte eine tiefe Frauenstimme. In der Tür der Hütte erschien eine hochgewachsene, kräftige Frau; auch ihr Äußeres zeigte, daß ihr harte Arbeit und Kampf mit Wind und Wetter zur Gewohnheit geworden waren. Aus ihren Gesichtszügen sprach ruhiger Ernst. Große blaue Augen blickten treuherzigfreundlich, die gerade, scharfgeschnittene -432-

Nase, der festgeschlossene Mund und das starke Kinn deuteten auf Willensstärke, indessen sich über das gebräunte Antlitz ein Ausdruck von Gutmütigkeit verbreitete. Gekleidet war sie in die dunkle Tracht, welche bei den Frauen Rügens üblich war. Zeugte der Anzug auch von großer Armut, so doch auch wiederum von peinlicher Ordnung und Sauberkeit. Sie war einst ein hübsches Mädchen gewesen, die Helge, und viele junge Männer hatten sich um sie beworben, auch wohlhabendere als Jan Classen. Sie hätte nur zuzugreifen brauchen, und sie wäre des reichsten Bauern Weib geworden und hätte heute in teuren Kleidern mit goldenen Knöpfen einhergehen können. Ihre Mutter hatte ihr vergebens zugeredet, ihr Glück nicht von sich zu stoßen, und hatte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie erfuhr, daß Helge den wilden, unbändigen, jähzornigen Jan heiraten wollte. Dieser besaß nichts als einen Fischerkahn, und ein Häuschen wollte er sich erst von seinen Ersparnissen bauen, die er als Steuermann eines Kauffahrers erworben hatte. Und doch wurde es so. Allgemein bedauerte man, daß die brave Helge eine solche Wahl getroffen hatte, und die Mutter sagte ärgerlich: "Meinetwegen denn, wenn du dir einmal einbildest, daß du den wilden Menschen zähmen willst. Komme mir aber später nicht mit Klagen!" Helge kam nicht mit Klagen, obgleich sie viel unter ihres Mannes Ungestüm und rohem Sinn zu leiden hatte. Aber sie hatte ihn eben lieb und er sie auch. Das Häuschen, welches Jan sich weitab von allen andern erbaut hatte, war wohl klein, doch nett und wohnlich. Helge wußte der sehr bescheidenen Einrichtung eine solche Behaglichkeit zu geben, daß es jedem wohltat, der in die kleine Stube trat. Aber nicht nur ihr kleines Hauswesen hielt sie in Ordnung; sie half ihrem Mann auch tüchtig bei der Arbeit. Sie fuhr mit hinaus zum Fischfang, trocknete und räucherte die -433-

Fische, strickte, flickte und wusch die Netze, kurz: Sie war eine richtige und echte Gefährtin ihres Mannes. Ja, und wenn er es auch nicht laut sagte, er empfand ihren Wert gut und ehrte und liebte sie in seiner barschen Weise. Er gab viel auf ihren Rat und ihre verständige Rede, wenn er ihr auch scheinbar niemals recht gab. Vielleicht hätte sich seine Rauheit noch gemildert, wenn die bunte Wiege, die ihnen als Hochzeitsgabe verehrt worden war, nicht leer geblieben wäre. Doch Jahr um Jahr ging dahin, und das Paar blieb allein. Kein helles Kinderlachen unterbrach die Stille der Hütte, kein Kindesauge strahlte Jan und Helge an. Und sie hätten sich beide unendlich gefreut, wenn ihnen solches Glück beschert worden wäre. So schön das Häuschen gelegen war --- es gewährte einen prächtigen Ausblick auf das weite Meer ---, so gab es dabei doch einen Punkt, über den Helge mit ihrem Manne nie einig wurde, und das war die Nachbarschaft einer wunderbaren QueIle. Unweit der Hütte quoll klares, reines Wasser aus dem Felsen. Es war von einer merkwürdig blaugrünen Farbe, genau wie Seewasser, jedoch von süßem Geschmack. Als munteres Bächlein stürzte es sich über die FeIsen hinab in das Meer, mit dem es sich sofort verband. Jan hatte sein Haus mit gutem Bedacht in die Nähe dieser Quelle gebaut, da Trinkwasser sonst nur aus großer Entfernung zu beschaffen war. Es gab zwar den Herthasee in der Nähe; aber daraus mochte niemand Wasser für den Haushalt schöpfen. Kurze Zeit, nachdem Helge als junge Frau in ihr neues Heim gezogen war, fiel es ihr auf, daß sich in der Quelle jedesmal ein sonderbares Brausen und Rauschen bemerkbar machte, wenn sie ihre Eimer dort füllte. Einigemal war es ihr vorgekommen, als ob ein wunderliches Gesicht sie aus dem klaren Wasserspiegel drohend angeblickt hätte, so daß sie erschrocken zurückfuhr.

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Eines Tages wollte sie eben wieder zur Quelle gehe n, da begegnete ihr der greise Knut, der Ziegenhirt, der wohl mehr als hundert Jahre alt sein mochte. Als er sah, daß die Frau in der Felsenquelle Wasser schöpfen wollte, fiel er ihr entsetzt in den Arm und rief: "Was beginnst du, törichtes Weib, willst du mit aller Gewalt Unheil über dich und deinen Mann bringen? Weißt du nicht, daß diese QueIle der Eingang zur Wohnung des Klabautermanns ist?" "Was sagst du", stammelte Helge erschrocken, "hier wohnt der boshafte Wassergeist, der seine Freude daran hat, wenn die Schiffe ins Verderben stürzen? " "Jaja." Der Alte nickte. "Dein Mann weiß es recht gut; aber in seinem wilden Frevelmut hat er sich fern von allen Menschen trotzig hier angebaut." Helge überlief es eiskalt. Sie überlegte, daß sie ja, ihren ganzen Bedarf an Wasser von jeher aus dieser Quelle geschöpft hatte und daß ihr auch in Zukunft nichts anderes zu tun übrigblieb. Wie, wenn dies nun den Zorn dieses unheimlichen Wasserzwerges erregte, der von den Seeleuten so gefürchtet war? Hatte sie nicht oft erzählen hören, wie der Klabautermann, lachend seine Laterne schwenkend, auf dem Kiel des Schiffes hockte oder in den Rahen umherkletterte, wenn des Wetters Ungestüm das Schiff, das dem Untergang geweiht war, in seinen Fugen erbeben ließ? Wenn der Blitz den Mast zerschmetterte, wenn die wilden Wogen das Steuer entrissen, wenn das unglückselige Wrack dem Untergang nahe war und die Besatzung dem Wellentod entgegensah, dann jauchzte der Klabautermann, und bis zum letzten Augenblick verweilte er auf dem untergehenden Fahrzeug. Versank es endlich in den tosenden Fluten, so war der letzte Ton, der an die Ohren der Ertrinkenden schlug das gellende Gelächter des Klabautermanns. Und aus seinem Bereich war Helge -435-

gezwungen, Wasser zu holen! Natürlich hatte sie diese Tatsache sofort ihrem Manne mitgeteilt und ihn inständig gebeten, sich doch bei all den andern Menschen im Dorf ein neues Häuschen zu bauen. Gern wollte sie alle ihre Ersparnisse hingeben, um nur dieser gefährlichen, unheimlichen Nachbarschaft zu entgehen. Aber da war sie schön angekommen! Jan wollte über Helges Entsetzen schier platzen vor Lachen und rief: "Närrisches Weib, denkst du, ich weiß nicht, wer unser Nachbar ist? Das ist's ja eben, was mir Spaß macht, daß uns der wunderliche Kauz Trinkwasser geben muß, er mag wollen oder nicht. Sei nicht so dumm, dich zu fürchten! Der Klabautermann ist kein so schlimmer Gesell, wie du glaubst. Ich habe Beispiele genug gehört, daß er Schiffer und Fischer sogar beschützt hat." "Um so weniger hättest du seinen Unwillen herausfordern sollen", entgegnete die Frau ernst. "Man muß die Bosheit nie herausfordern und die Gutmütigkeit nicht mißbrauchen. Warum störst du den Wassergeist in der Stille seiner Wohnung? Ich glaube nicht, daß es ihm gefällt, wenn ich den Eimer in die Quelle hinablasse." "Ach, Weibergeschwätz", brummte der Fischer. "Wenn ihm meine Nachbarschaft nicht gefällt, mag er fortziehen!" Helge seufzte. Sie wußte leider schon längst, daß ihr Mann niemals auf vernünftige Vorstellungen hörte, sondern nur seinem Eigenwillen folgte. Seit der Zeit ging sie mit Zagen und Widerwillen nach der Quelle. Viel lieber wäre sie drei Stunden nach dem Herthasee gegangen. Allein dessen Wasser war am Ufer oft trüb und schlammig. Sie schöpfte von nun an mit der größten Vorsicht und vergaß niemals, vorher hinabzurufen: "Bitte erlaube mir, ein wenig Wasser hier zu schöpfen." Alsdann war es ihr, als ob aus dem Wasserspiegel ein runzliges Antlitz zustimmend nickte. Es war an einem sonnigen Sommernachmittag. Das Meer glitzerte ,und glänzte im Sonnenschein und murmelte leise wie ein Waldbächlein. Über ihm wölbte sich tiefblau die -436-

Himmelsdecke. Am Horizont flossen Himmel und Meer so innig zusammen, als ob man dort aus einem ins andere schreiten könnte. Helge war zur Quelle gegangen, hatte aber ihre Eimer hingestellt und saß nun, die Hände über dem Knie verschränkt, nachdenklich auf einem Felsenvorsprung. GedankenvoIl blickte sie in die Ferne. Dort draußen die weißen Punkte waren wohl die Fischerboote, bei denen sich auch Jan befand. Sie fühlte sich heute wieder einmal recht einsam. Die schwüle Stille wirkte niederschlagend auf ihr Gemüt. Es war so leer, so öde um sie. Warum war ihr nur das Glück nicht beschieden, ein Kindlein zu besitzen? Unwillkürlich hatte sie ihren Gedanken Worte verliehen; da, plötzlich ein Schrei, ein Platsch -- und als sie sich erschrocken umsah, bemerkte sie, daß von dem steilen Abhang ein kleines Kind in die Quelle gefallen war. Diese war tief. Rasch und entschlossen beugte sich Helge über den Brunnenrand. In demselben Augenblick tauchte das Kind wieder empor. Sie erfaßte es, und mit einem kräftigen Ruck hob sie es hoch. Es war ein Knabe von vielleicht drei Jahren. Weder der Fall noch das Bad schienen ihm geschadet zu haben; denn er blickte seine Retterin mit hellen Augen an und lachte. Schön war er nicht, das mußte man sagen. Auf einem kleinen, schmächtigen, aber starkknochigen Körper saß ein großer, dicker Kopf, bedeckt mit langsträhnigem schwarzem Haar, das zottig in die breite, niedere Stirn hineinhing. Die gelbe Haut war straff über die hervorstehenden Backenknochen gezogen. Ein breiter Mund mit wulstigen Lippen ließ zwei Reihen mächtiger Zähne erkennen. Eine kleine, plumpe Nase gereichte dem Gesicht durchaus nicht zur Zierde, und nur die beweglichen grauen Augen verschönten dasselbe einigermaßen. Im Grunde bot der Junge den Anblick eines recht häßlichen, kleinen Ungetüms. Er schien überdies auch keineswegs von reicher Herkunft zu sein; denn das einzige

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Kleidungsstück, das er trug, war ein grobwollener, brauner Kittel. Seine krummen Beinchen waren unbedeckt. Was fragt denn aber ein Frauenherz nach Schönheit, wenn sein Mitgefühl für ein hilfsbedürftiges Wesen erweckt wird! Frau Helge trocknete den armen Schelm mit ihrer Schürze ab und fragte ihn besorgt, ob er sich weh getan habe. Da riß der Kleine den Mund weit auf und schrie: "Nein, Purzelbaum 'macht, bums, platsch!" Dabei bezeichnete er den Vorgang so komisch mit Händen und Beinen, daß die Frau mitlachen mußte. Endlich fragte sie den Knaben, der es sich auf ihrem Schoß bequem gemacht hatte: "Wie heißt du denn, mein Söhnchen? Wer sind deine Eltern, und wo wohnst du? " Der Knabe schien aber gar nicht zu verstehen, was die Frau wissen wollte, sondern rief nur, vergnügt mit den Beinen strampelnd : "Bautzmann, Bautzmann!" "Du kannst doch nicht Bautzmann heißen", erwiderte verwundert Helge. Aber: "Oja, oja!" beteuerte der Kleine lachend und zappelnd. Helge überlegte, was sie wohl mit dem Kind anfangen sollte. Es hatte etwas so Fremdartiges an sich und schien durchaus keine Auskunft über seine Angehörigen oder seine Heimat geben zu können. "Willst du mit mir kommen?" fragte sie von neuem, und "ei ja, ei ja! Hunger, essen!" antwortete der Kleine. Das ließ sich die Frau gesagt sein. Rasch füllte sie ihre Eimer, hob den einen auf die Schulter und hieß den Kleinen sich an der Hand festhalten, mit welcher sie den anderen Eimer trug. Hei, wie der Junge mit den krummen Beinchen rennen konnte! Im Häuschen angekommen, holte Helge Ziegenmilch und Brot herzu, um den Hunger ihres Findlings zu stillen. Dieser war auf die Bank geklettert und stemmte die Ärmchen auf den Tisch, als ob er von jeher hier daheim gewesen wäre. In unglaublich kurzer Zeit hatte er die Speisen verzehrt; doch war er nicht so -438-

unbescheiden, noch mehr zu fordern, obgleich sich Helge erbot, ihm noch Milch und Brot zu holen. Er machte es sich bald bequem, streckte sich auf die Bank, legte den Kopf auf den Arm und schlief ein. Kopfschüttelnd betrachtete die Frau den kleinen Schläfer. Er war doch ein gar zu wunderliches Geschöpf. Was würde wohl ihr Mann zu dem kleinen Gast sagen? Es wurde Abend. Helge war mit dem Zubereiten des Abendbrotes fertig und trat hinaus, um nach Jan auszuschauen. Da nahten die Boote schon. Flink lief sie zum Ufer hinab, um beim Landen zur Hand zu sein. Ihr Mann winkte ihr schon von weitem fröhlich zu und rief herüber: "Solchen Fang wie heute habe ich noch nie gemacht. Schau her, Weib, das Boot faßt die Fische kaum!" HeIge schlug die Hände vor Erstaunen zusammen. Da galt es, sich zu rühren, um das Glück richtig zu nützen, damit die schöne Beute nicht verderbe. Vorläufig wurden die Fische in Fässer getan und für die Nacht an einen kühlen Ort gestellt. Morgen in aller Frühe sollte es an das Einsalzen oder Trocknen gehen. Die Sonne war bereits untergegangen, als Jan und Helge in die Stube traten, um sich das wohlverdiente Abendbrot schmecken zu lassen. Erst jetzt fiel es der Frau ein, daß sie ganz vergessen hatte, ihrem Mann von dem kleinen Ankömmling etwas zu sagen. Im Halbdunkel kollerte den Eintretenden ein sonderbares Etwas entgegen. Es war der kleine Junge, welcher ausgeschlafen hatte und nun zum Zeitvertreib Purzelbäume in der Stube schlug. Verwundert prallte Jan zurück; doch Helge erzählte kurz und bündig, während sie die Tranlampe anzündete, wie sie zu dem Kinde gekommen sei. Prüfend betrachtete der Fischer den wilden Knaben. Dann packte er ihn mit raschem Griffe beim Genick, stellte ihn auf die Beine und sagte: "Na, mal still, Knirps, muß doch sehen, was du eigentlich für ein Kerlchen bist." Der guckte ihn von unten herauf mit einer so komisch ernsthaften Miene an, daß Jan in lautes Lachen ausbrach und -439-

rief: "Gelt, Weib, gerade so hätte unser Söhnchen nicht ausschauen sollen. Ich werde morgen nach der Arbeit Umfrage halten, wohin der kleine Schelm gehört. Sollte sich jedoch niemand zu ihm finden, nun, so mag er eben bei uns bleiben." Ein listiger Blick schoß aus des Knaben Augen nach Jan und Helge. Diese jedoch bemerkten es nicht. Helge hob ihn auf die Bank, damit er an der abendlichen Mahlzeit teilnehme. Jans Nachforschungen nach des Kleinen Eltern und Heimat blieben erfolglos, obgleich er sie beharrlich wochenlang fortsetzte. Bautzmännchen zeigte auch gar kein Verlangen, wieder fortzukommen, sondern fühlte sich in Classens Hause ganz heimisch. Helge war dies recht. Sie hatte den Wildfang liebgewonnen. "Er sieht auch gar nicht so häßlich aus, wie es mir anfangs vorkam", sagte sie zu ihrem Mann. Doch dieser schlug ihr lachend auf die Schulter und fügte hinzu: "Weil du dich bereits an den Kleinen gewöhnt hast!" Wochen und Monate gingen dahin. Der Knabe, den man Klaus genannt hatte, weil Bautzmann doch gar zu sonderbar klang, brachte Leben in das eintönige Dasein Jans und Helges. Er tummelte sich auch sorglos außerhalb des Häuschens, kletterte mit den beiden Ziegen um die Wette oder bat den Fischer so lange, bis er ihn mit auf den Fischfang nahm. Dann hockte er auf der Spitze des Kieles, und wenn das Boot auf bewegten Wellen auf und nieder tanzte, schrie er lustig: "Hoioho, hoioho!" Anfänglich war Jan ängstlich gewesen, das Kerlchen könne am Ende ins Meer fallen. Aber diese Sorge schwand bald; denn Klaus klebte wie eine Klette an dem Kahn. Und als er eines Morgens doch ins Wasser purzelte, sah Jan zu seinem höchsten Erstaunen, daß er schwimmen konnte wie eine Wassermaus. Das schien ihm doch nicht mit rechten Dingen zuzugehen, und bedenklich sah er den Jungen von der Seite an, als er wieder im Boot stand und wie ein nasser Pudel das Wasser abschüttelte. -440-

Bald aber beruhigte er sich. Er dachte: Der Klaus ist jedenfalls älter, als wir gemeint haben. Er ist nur so klein, und bei seinem häßlichen Gesicht läßt sich das Alter schwer bestimmen. Es ist schade, daß er darüber keine Auskunft geben kann. Einige Tage später begleitete Klaus seine Pflegemutter, die eine Bütte voll Fische nach dem Markte trug. Unterwegs begegnete ihnen der alte Knut, der Ziegenhirt. Kaum hatte er den Knaben an Helges Seite erblickt, so fuhr er zusammen, als ob ihn eine Natter gestochen hätte. Starr sah er ihn an und hob warnend die Hand in die Höhe. "Woher habt Ihr denn den Jungen, Helge Classen?" rief er aus. "Schafft ihn schleunigst wieder hin, wo Ihr ihn gefunden habt. Denkt an meinen Rat!" Klaus war hinter die Frau getreten und schnitt dem Hirten eine fürchterliche Fratze, wobei er drohend die kleine Faust ballte. Doch dieser ließ sich nicht irremachen, sondern sagte mit erhobener Stimme: "Er scheint aus Holland zu stammen, man hört es an der Sprache. Jaja, dort gibt es Leute, die haben Wohnungen wie die Dachse und Füchse. Nur daß sie mit Wasser gefüllt sind und ihre Ausgänge an den Ufern aller Meere haben, damit sie bei der Hand sind, wenn Sturm und Wetter die Schiffe in Not bringen! " Hätte jetzt Frau Helge Obacht auf ihren Schützling gehabt, so würde sie mit Entsetzen die Veränderung bemerkt haben, die mit ihm vorging. Die Füße schienen vor Wut den Erdboden zerstampfen zu wollen. Die Gesichtszüge waren verzerrt. Aus dem Munde fletschten die Zähne wie bei einem Raubtier, und die Augen schienen Flammen zu sprühen. Von alledem nahm die gute Frau jedoch nichts wahr. Sanft antwortete sie: "Wir haben das hilflose Kind aufgenommen, weil niemand es haben mochte, und bis jetzt haben wir keine Ursache, den armen Schelm wieder fortzujagen. Uns ist endlich ein Kind geschenkt worden, das wir liebhaben können. Nicht w ahr, Klaus, du hast uns auch lieb?" Bei den -441-

freundlichen Worten Helges hatten sich die Mienen des Knaben wieder aufgehellt, und jetzt antwortete er freundlich, nicht ohne einen Seitenblick auf Knut, der mit vorgestrecktem Kopf aufhorchte: "Ja, habe euch lieb; Bautzmann will bei euch bIeiben! " Bei dem Namen Bautzmann zuckte Knut zusammen, fuchtelte nochmals warnend mit seinem Stock in der Luft herum, sagte aber nichts mehr, sondern hinkte davon. So war der Spätherbst gekommen. Das Wetter wurde von Tag zu Tag stürmischer und für die Fischer gefährlicher. Mit Sorge sah Helge oftmals ihren Mann hinausfahren auf die stürmische See. Sein alter Trotz und Übermut, die eine Zeitlang geruht hatten, brachen plötzlich mit Gewalt wieder hervor, und er achtete weder auf Bitten noch auf Warnungen. Seine Lust an der Gefahr überwog alle vernünftigen Vorstellungen. Auch den kleinen Klaus befiel eine merkwürdige Unruhe. Er kam oft den ganzen Tag nicht heim, und Helge lebte in fortwährender Angst, daß ihm ein Unglück widerfahren sei. Seit die schlimme Witterung eingetreten war, durfte er Jan nicht mehr beim Fischfang begleiten. Seine Bitten wurden rauh zurückgewiesen: "Das fehlte mir noch, auf einen unnützen Bengel aufpassen zu müssen, wenn man alle Hände voll zu tun hat, um mit Wind und Wasser fertig zu werden. Warte, bis du groß bist, dann kannst du mir helfen!" Eines Tages rüstete sich Jan wieder zum Fischfang. Der Sturm heulte um die Hütte, als ob alle bösen Geister losgelassen wären. Dichte Nebel verhüllten das Meer. Die Sonne glich einem schwefelgelben Ball, der sich mühsam im Firmament fortwälzte. Als Jan das Boot klarmachte, war ihm Helge gefolgt. Sie war zum Mitfahren fest entschlossen, damit ihr Mann wenigstens jemanden in der Nähe habe, der ihm beistehen könne. Aber barsch und ungestüm hatte dieser ihre Hilfe zurückgewiesen. "Ich bin Manns genug", schrie er ihr zu, "und ich brauche keinen Weiberbeistand. Du willst mich wohl gar retten, wenn es an -442-

Hals und Kragen geht? He? Da müßte ich mich ja schämen und auslachen lassen! Nein, du bleibst daheim. Punktum!" Als Jans Boot in den wallenden Nebelmassen verschwunden war, kehrte Helge tiefbetrübt ins Häuschen zurück. Eben schlüpfte Klaus mit einem listigen Lächeln zur Hintertür hinaus, als die Frau in die Stube trat und sich nach dem Knaben umsah. Es war ihr gar nicht lieb, daß auch er sich bei dem bösen Wetter umhertrieb. Wollte er es ihrem Manne nachtun? Der Tag schlich dahin. Gegen Abend hellte sich der Himmel etwas auf. Heute war Vollmond. In Helges geängstigtem Herzen stieg die Hoffnung auf, daß ihr Mann beim Mondenschein zurückkehren werde, wenn nur das Meer sich erst etwas beruhigte. Auch Klaus war den ganzen Tag nicht heimgekommen. Wo trieb sich nur der Bub umher? Die Frau trat vor die Tür, um nach ihm auszuschauen. Siehe, da nahte der alte Knut. Er winkte und machte schon von weitem allerhand Zeichen, daß Frau Helge mit ihm kommen solle. Ein Schrecken durchfuhr sie. War ein Unglück geschehen? Knut ging eilenden Schrittes den steilen Weg hinab, der in das Tal führte, wo der Herthasee lag. Immer winkend, rief er Helge halblaut zu: "Geschwind, geschwind, daß wir unten sind, wenn der Mond aufgeht. Da werdet Ihr sehen, was Ihr mir nicht glauben wolltet!" Der Frau klopfte das Herz. Was sollte sie nur erfahren? Jetzt waren sie angekommen. Knut faßte sie bei der Hand und zog sie hinter einen Felsvorsprung von dem aus man ungesehen das Tal beobachten konnte. Alles lag still. In wunderlichen Formen und Gestalten wallten die Nebelschleier durcheinander. Ein fahles Licht ließ alles noch unheimlicher erscheinen. Aus dem sumpfigen Boden am Rande des Sees tauchten zahllose Irrlichter auf. Leuchtende Dünste durchzogen die Luft. Es war ein Leben und Treiben, das unheimlich aussah. Plötzlich erschien den Mond über den Hügeln, und sofort veränderte sich das Bild. Den Abhang herab schritt Hertha, eine große -443-

weißgekleidete Frau. Weithin wallte ihr goldblondes Haar gleich einem mächtigen Schleier. Ihre großen blauen Augen strahlten in mildem Glanz; doch über ihrer ganzen Erscheinung lag der Ausdruck tiefer Trauer. Als sie am See angekommen war, umringten sie zahllose weibliche Wesen, die aus den Nebeln entstanden waren. Sie brachten einen goldenen Wagen herbei, den sie vorher im See gewaschen hatten. Aber siehe, er war morsch, und die Speichen seine r Räder waren zerbrochen. Im wogenden Reigen zogen sie den Wagen hinweg, und nun umtanzten Kobolde und Erdgeister die betrübte Frau, die teilnahmslos am Seeufer saß und nach dem stillen Monde blickte. Da veränderte sich das Bild. Mitten auf dem See kam ein sonderbares Wesen in einem Muschelwagen gefahren. Beinahe hätte Helge laut aufgeschrien und "Klaus!" gerufen, wenn ihr nicht zu rechter Zeit Knut die Hand auf den Mund gelegt hätte. Das Männchen sah aber durchaus nicht kindlich aus, sondern trug einen langen, dunklen Bart, auf dem Kopf eine Lederkappe und war nach Art der holländischen Schiffer gekleidet. In der Hand hielt es eine weithin leuchtende Laterne, weIche es lustig im Kreise schwang. Vor der weißgekleideten Frau machte es halt, verneigte sich und schien ihr leise etwas mitzuteilen, wobei es mehrmals nach der Richtung deutete, in der Classens Hütte lag. Ein Schimmer von Heiterkeit überflog Herthas Gesicht, als sie den Kleinen abschiednehmend freundlich grüßte. Dieser lenkte alsbald seine Muschel nach der Mitte des Sees, wo er versank. In diesem Augenblick kamen düstere Wolken und verhüllten den Mond. Im Nu verschwanden auch die übrigen Gestalten auf dem Herthasee sowie Hertha selbst. In der Luft ertönte ein dumpfes, entsetzliches Brausen, und mit doppelter Gewalt brach das Unwetter wieder los. Helge war regungslos. Ihr wirbelte der Kopf von dem Gesehenen. Der Schrecken nahm ihr den Atem und ließ sie keinen Gedanken fassen.

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Da packte Knut sie am Arm und rief: "Wißt Ihr nun, wen Ihr bei Euch aufgenommen habt? Habt Ihr den Klabautermann erkannt?" HeIge konnte nicht antworten. Sie nickte nur stumm und ließ sich willenlos von dem Hirten hinwegziehen. Es war schwer, das Häuschen zu erreichen; denn die Naturgewalten schienen sich verschworen zu haben, den entsetzlichsten Reigen aufzuführen. Das Meer brüllte und schleuderte Wogenberge brandend gegen die Felsen, als ob es das Eiland vernichten wollte. Jammernd rang Helge die Hände; denn aus diesem Aufruhr der Natur kehrte wohl ihr Mann nimmer zurück. Voll Trotz und sehr befriedigt, sein Weib zurückgewiesen zu haben, segeIte Jan hinaus auf die See. Obgleich Wind und Nebel für den Fischer keine Verbündeten sind, senkte er doch die Netze ins Meer. Er hatte aber heute entschieden Unglück. Zuerst geriet das Netz an eine Klippe, und es war noch gut, daß es völlig zerriß; denn beinahe wäre durch die Gewalt des Rucks das Boot gekentert. Während Jan damit beschäftigt war, das Netz aus dem Wasser zu ziehen, legte sich der Wind in das Segel, und von neuem kam das Schiff in Gefahr umzuschlagen. Jan arbeitete aus Leibeskräften, um das Segel zu reffen; denn der Sturm erhob sich immer mehr. Nur mit äußerster Anstrengung gelang es ihm endlich. Dichter und kälter umgaben die Nebelmassen den einsamen Fischer. Kaum konnte er die blendendweißen Schaumkämme der heranstürzenden Wogen erkennen. Doch der wetterharte Mann verzagte nicht. Mit eiserner Faust hielt er das Steuer und lugte scharf aus, daß er vor dem Winde blieb. Allerdings sagte er sich, daß er auf diese Weise keine Aussicht hätte, wieder in die Nähe der Heimatinsel zu gelangen, sondern vielmehr auf das weite Meer hinaustrieb. Mittag war vorbei, als sich der Wind einigermaßen legte und hier und da ein Riß in der Nebelwand entstand. Eiligst hißte Jan das Segel auf, und durch Kreuzundquerfahrt hoffte er, die Rückkehr noch vor dem -445-

Dunkelwerden bewerkstelligen zu können. Es sollte ihm nicht gelingen. Der Sturm schien nur Atem geholt zu haben; denn als der Abend nahte, erhob er sich mit erneuter Gewalt. Gleichzeitig brach eine dichte Finsternis herein, und der unglückliche Fischer sah sich rettungslos dem empörten Meere preisgegeben. Vergebens kämpfte er mit Aufbietung seiner letzten Kräfte in Todesangst um sein Leben. Längst waren ihm das Spotten und das Trotzen vergangen. Noch einmal durchbrach der Vollmond die Wolken und den Nebel; dann wurde es wieder tiefe Nacht. Stumpf und starr, nur noch krampfhaft das Steuer umklammernd, hockte Jan in seinem Boot. Da, plötzlich, was war das? Welch sonderbarer Lichtschein? Was kauerte denn da vorn auf dem Kiel? Dem Fischer lief es eiskalt über den Rücken, als er erkannte, daß es ein zwerghaftes Männchen mit einem langen Bart war, welches eine Laterne im Kreise schwang und gellend dazu lachte. "Der Klabautermann!" murmelte der erblassende Jan. "Ja, der Klabautermann!" kreischte der Kleine. "Erkennst du mich nicht?" "Klaus, Bautzmann!" rief entsetzt der Fischer. "So ist's", entgegnete der. "Ich bin Helges und dein Pflegesohn. Euch zu prüfen, kam ich in euer Haus. Jetzt siehst du nun, eigenwilliger, hochmütiger Mensch, wohin dich dein wilder Trotz geführt hat." Jan vermochte nicht zu antworten. Seine Zähne schlugen klappernd gegeneinander, und die helle Verzweiflung malte sich auf seinen Zügen. Seine schlotternden Beine trugen ihn nicht mehr. Kraftlos sank er in sich zusammen, und seinen Händen entglitt das Steuer. Hei, wie das befreite Schifflein nun auf den turmhohen Wogen tanzte; ein lustiges Spiel, wenn es nur nicht so verderblich gewesen wäre! Des Fischers Übermut war gebrochen. Er ergab sich in s ein Schicksal und erwartete den Tod, den er selbst heraufbeschworen hatte. "Klaus", bat er mit leiser, demütiger -446-

Stimme, "ich habe mein Los verdient. Wenn es aber noch eine Gnade für mich gibt, so bitte ich dich: Grüße mein armes Weib, tröste sie und verla sse sie nicht!" Der Kleine hob seine Laterne empor und leuchtete dem Mann ins Gesicht. Nachdem er ihn durchdringend angesehen hatte, rief er. "Will sehen, was sich für dich tun läßt." Und für sich setzte er hinzu: "Diese Lehre wird er nicht vergessen!" In demselben Augenblick raste eine Riesenwelle heran, und -- verschwunden war das kleine Fahrzeug mit seinen Insassen. Am andern Morgen ging die Sonne fröhlich und heiter auf, gerade als ob niemals ein Unwetter sie verdunkelt hätte. Das Meer murrte noch ein wenig, die Wellen schlugen noch unruhig gegen den Strand; aber die unendliche Wasserfläche machte einen friedlichen Eindruck. In Classens Hütte war es still. Helge saß vor dem großen Bett, dessen buntgeblümte Vorhänge zurückgeschlagen waren, und blickte besorgt auf ihren Mann, der mit verbundenem Kopf in den Kissen lag und im Fieber irre redete. Sie beachtete die eigene Erschöpfung nicht. Hatte sie doch die ganze Nacht in Sturm und Graus am Ufer gestanden und in Angst auf ihren Mann gewartet. Beim Morgengrauen hatte sie auf einmal ein kreischendes "Hoioho " vernommen. Gleich darauf spülte eine Welle mit dumpfem Krach ein Boot ans Ufer, in dem sich, mit einem Seil an die Ruderbank festgeschnürt, Jan befand. Voll Schreck und doch voll Jubel hatte Helge ihren Mann losgeknüpft. Freilich gab er nur schwache Lebenszeichen von sich und blutete aus einer Kopfwunde; aber die brave Helge hob ihn auf und trug ihn in die Hütte. So befand sich nun der Fischer in treuer Pflege, und nach wenigen Tagen hatte das gute Weib die Freude, ihren Mann genesen zu sehen. -447-

War dies aber noch ihr wilder Jan? Er war wie ausgewechselt. Ernst und sanft, ruhig in seinem ganzen Benehmen, konnte sie ihn kaum wiedererkennen. Er bemerkte das freudige Erstaunen seiner Frau und benützte die erste Gelegenheit, als sie abends bei der Lampe behaglich beisammensaßen, ihr die Erlebnisse seiner letzten Schreckensfahrt zu erzählen. Am Schlusse reichte er ihr die Hand und sagte: "Von nun an will ich ein anderer werden. Nie wieder werde ich mich mutwillig in Gefahr begeben. Wir wollen uns im Dorf bei all den andern Menschen anbauen, dann werden wir auch den Klabautermann in Zukunft nicht mehr belästigen." Wie froh war Helge über diesen Entschluß! Sie erzählte, was sie mit Knut gesehen hatte, und Jan hörte ihr voll Staunen zu. Im nächsten Frühjahr wurde im Dorf ein neues Häuschen erbaut. Es gehörte Jan Classen. Schon im Spätsommer konnte das glückliche Ehepaar einziehen. Hier sollte ihnen auch eine Freude zuteil werden, die ihnen bisher versagt geblieben war; denn im Herbst lag ein prächtiger Junge in der bunten Wiege. Von nun an wurde ihr Glück durch nichts gestört. Den Klabautermann sahen sie nie wieder. Sein Andenken aber hielten sie in Ehren und litten nicht, daß man ihn einen boshaften Wassergeist schalt.

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Der Kornwucherer
Zu Damgarten wohnte einst ein Bürger, Pantlitz geheißen, der durch Kornwucher reich geworden war. Er hatte wieder einmal eine Menge Korn aufgekauft und in der Hoffnung auf teure Zeiten aufgeschüttet. Aber zu seinem Verdruß gab es im folgenden Jahr reichlich Getreide. Als nun Pantlitz während der Erntezeit sein eigenes Korn einfahren ließ, saß er selbst oben auf dem Fuder, und sein Knecht, der den Wagen lenkte, war fröhlich und sang. Pantlitz fragte ihn, warum er so fröhlich sei. Der Knecht antwortete, es wäre ihm lieb, daß die Ernte so gut ausgefallen sei und die armen Leute sich wieder einmal satt essen könnten. So fuhr er munter zu und sang immer lauter. Es verdroß aber den Wucherer, daß der Knecht so sang und daß es ein gutes Jahr geworden war. Und während der Wucherer darüber nachdachte, stürzte er vom Wagen, verfing sich in dem Seil, womit der Weichselbaum gebunden war, und wurde zu Tode geschleift. Der Knecht merkte davon nichts, fuhr lustig weiter und sang dabei. Als er in die Stadt kam, fragten ihn die Leute, was er geladen hätte, er sollte sich doch einmal umsehen. Da wurde er gewahr, daß er die Leiche seines Herrn nachschleppte. So sollte es gerechterweise allen Wucherern ergehen, die an der Not ihrer Mitmenschen Freude haben und nur selber reich werden wollen.

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Der Mägdesprung auf dem Rugard
Auf dem Rugard bei Bergen sieht man einen Stein, in dem ganz deutlich die Spuren eines Frauenfußes und eines Peitschenschlages abgebildet sind. Diese Spuren sollen auf folgende Weise entstanden sein: Dort lebte einst ein Junker, ein gar großer und frecher Mädchenjäger. Der traf einmal bei diesem Stein eine Jungfrau, die er mit seinen falschen Liebesschwüren bestürmte, so daß sie sich seiner kaum erwehren konnte. Als sie nun zuletzt gar keinen Ausweg mehr sah, ihm zu entkommen, sprang sie in ihrer Angst von dem Stein, auf dem sie stand, hinunter in die Tiefe des Tals. Darüber wurde der Junker so zornig, daß er mit seiner Reitgerte auf den Stein schlug. Da war es denn wunderbar, daß nicht nur die Jungfrau unversehrt unten im Tal ankam, sondern daß sich auch die Spur ihres Fußes und die des Peitschenschlages in dem Stein abgedrückt hatten. Jahn

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Der geizige Graf von Eberstein
Unter den Grafen von Eberstein war einstmals ein sehr grausamer und geiziger Herr. Besonders gegen seine Leute war er so schlimm, daß er den Mägden die Hände abhauen ließ, wenn sie nicht genug gesponnen hatten. Oder er ließ sie gar in Flachs einwickeln und so verbrennen. Die armen Leute, die sich Holz aus seinem Walde holten, ließ er in tiefe Gruben werfen, wo sie eines schrecklichen Hungertodes sterben mußten. Seine Frau war fast noch böser als er. Nachdem beide ihre Grausamkeiten lange getrieben hatten, wurde ihr Schloß belagert. Der Graf hatte zwar mehrere unterirdische Gänge angelegt, um auf diese Weise zu entkommen. Aber er wurde samt seinem Weibe doch zuletzt gefangengenommen, zum Tode verurteilt und geköpft. Darauf richtete man zum warnenden Andenken ihre Bildnisse in der dortigen Kapelle auf und schrieb auf das Gestell ihre Freveltaten. Die Bilder stehen noch da; die Schrift aber ist verlöscht. Vor vielen Jahren kamen nämlich eines Tages zwei fremde Herren und baten den Küster, ihnen die Kapelle zu zeigen. Das tat dieser auch. Sobald sie darin waren, schickten sie den Küster fort, er solle etwas für sie holen. Und als der Küster zurückkehrte, war die Inschrift an dem Gestell verlöscht. Die beiden Fremden waren jedoch verschwunden. Man glaubt, es seien zwei Verwandte des Grafengeschlechts aus fernen Landen gewesen.

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Die Glocken im schwarzen See bei Wrangelsburg
Bei Wrangelsburg, Kreis Greifswald, liegt ein See, dessen Wasser kohlschwarz glänzen soll und der unergründlich tief ist , auch die Fische, die in dem See leben, sehen ganz schwarz aus. Der See heißt im Volksmund der Schwarze See. Vor vielen Jahren ist in dem Schwarzen See eine Kirche versunken, und seit der Zeit kann man alljährlich am Johannistag Glockengeläut unter dem Wasser hören. An solch einem Tag lief einst ein kleines Mädchen an den See, um dort die Puppenwäsche zu waschen. Als sie damit fertig war, breitete sie die Wäsche am Ufer zum Trocknen aus, jedoch ein Stück legte sie auf den Bügel einer Glocke. Daneben ruhten aber noch zwei andere Glocken, auf die das Mädchen kein Zeug legte. Als die Mittagsstunde vorüber war, hörte das Mädchen plötzlich, wie eine Glocke laut und deutlich summte: Anne Margarete, Kumm mit in de Deepe (Tiefe)! Darauf antwortete die andere Glocke, auf der die Puppenwäsche lag: Ach ne, Anne Marie, Ick bliew leewer hie! Als das Mädchen zu Hause erzählte, was es gehört hatte, kamen die Leute aus der ganzen Umgegend mit Pferden und Gespannen, um sich die Zauberglocke zu holen und in ihre Kirche zu schaffen. Aber wie sehr sie sich auch abmühten und wie viele Pferde sie auch vorspannten, es gelang ihnen nicht, die Glocke von der Stelle zu schaffen. Man sagt, die Glocke sei mit dem Boden verwachsen, jetzt ist sie außerdem ganz mit Erde bedeckt, so daß man nicht einmal mehr genau die Stelle kennt, wo sie unter dem Hügel liegt. Von Zeit zu Zeit erscheinen immer wieder Leute mit Krampen und Spaten am See, um nach der Glocke zu graben; aber bisher ist alles Nachforschen vergeblich gewesen. -452-

Die Prinzessin Svanvithe und die Schätze unter dem Garzer Wall auf Rügen
Prinzessin Svanvithe, die schöne Tochter des zu Berge n regierenden Königs von Rügen, wurde von boshaften Neidern verleumdet und von ihrem Vater deswegen ins Gefängnis geworfen. Um ihre Unschuld zu beweisen, beschloß die Prinzessin, den Königsschatz unter dem Garzer Wall zu heben. Bei Garz, wo jetzt der Wall über dem See sich erstreckt, hatte vor vielen Jahren ein Schloß gestanden, darin Heiden ihre Götter verehrten. Als die ganze Herrlichkeit zerstört wurde, zog sich der alte Heidenkönig mit seinen unermeßlichen Schätzen in einen aus Marmelsteinen und Kristallen erbauten Saal unter die Erde zurück. Nur nachts zwischen zwölf und ein Uhr erscheint er auf der Oberwelt. Zuweilen umkreist er den Kirchhof, auf dem vor alters Heidengräber gewesen sein sollen. Der dort geborgene Schatz kann jedoch nur von einer Prinzessin gehoben werden, die von den alten Königen abstammt und noch eine schuldlose Jungfrau ist. Svanvithe stieg nun in der Johannisnacht um zwölf Uhr mitternachts mit einer Johannisrute in der Hand auf den Wall und gelangte wirklich zu dem mit vielen Reichtümern gefüllten unterirdischen Saal. Als sie dann aber, mit Schätzen beladen, auf die Erde zurückkehren wollte, sah sie einen großen schwarzen Hund mit feurigem Rachen und funkelnden Augen auf sich losspringen. Da rief sie erschrocken : "Oh, Herr Je. . . !" Im selben Augenblick schlug die Tür zu, und die Prinzessin war nun in dem unterirdischen Gemach gefangen. Sie kann nur erlöst werden, wenn es jemand wagt, zu ihr hinabzusteigen um sie still schweigend an der Hand wegzuführen. Die Erlösung ist schon öfters versucht worden, doch nie mit Erfolg. Zuletzt hatte es ein Schustergeselle gewagt; denn es ging die Mär, ein reiner -453-

Jüngling von vierundzwanzig Jahren könne das gebannte Schloß finden und die gefangene Prinzessin erlösen. In der Johannisnacht begab sich der Geselle auf den Wallberg, und wirklich stand dort das Schloß vor ihm. Mutig schritt er hinein und kam in einen großen Saal. Darin saßen mehrere Frauen um einen großen Tisch; eine von ihnen hatte einen schwarzen Hund auf dem Schoß. Neben den Frauen lage n große Haufen Gold, und ringsum standen viele Kleinodien herum. Die schönste der Jungfrauen, die den Hund auf dem Schoß hielt, winkte den Jüngling zu sich, als ob er sie mitnehmen solle. Er aber wandte sich den Kostbarkeiten zu, die überall herumlagen, nahm einen goldenen Becher und wollte damit hinausgehen. Da entstand hinter ihm ein unheimliches Getöse. In seiner Angst blickte sich der Jüngling um, und sofort schlug die Türe vor ihm zu. Nun mußte auch er im Berg bleiben. So soll es nach ihm noch manchen andern ergangen sein, die die Erlösung der Jungfrau und die Hebung der Schätze versuchten, die heute noch immer auf ihren Befreier harren.

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Die goldene Henne in Vineta
Vor vielen Jahren lebte in Vineta ein altes Mütterchen. Das hatte eine sonderbare Henne, die jeden Tag ein goldenes Ei ins Nest legte. Die Nachbarn wußten das nicht, und darum wunderten sie sich, woher das Mütterchen den großen Reichtum hatte. Einst besuchte es ein entfernter Verwandter; dem erzählte es von dem Huhn. "Oh", sagte dieser, "das mußt du noch schlauer anfangen. Jetzt erhältst du täglich nur ein Ei. BefoIge meinen Rat, und du hast Tag für Tag eine große Menge. Bringe unten in dem Hühnerkorb eine Klappe an. Wenn nun die Henne gelegt hat, so nimmst du ihr heimlich das Ei unter dem Leibe fort. Das Tier wird aufstehen und das Ei begackern wollen. Es findet nichts und legt flugs noch eins, bei dem du es darin wiederum so machst wie beim ersten. Auf diese Weise kannst du so viele Eier erlangen, wie du nur haben willst." Dieser Rat leuchtete dem Mütterchen ein, und da der große Reichtum es ohnedies geldgierig gemacht hatte, ging es sogleich ans Werk und verfertigte die Klappe. Als am anderen Morgen das Huhn sich in den Korb gesetzt hatte und die Frau glaubte, jetzt sei das Goldei gelegt, griff sie eilig durch die Klappe und fuhr dem Tier unter den Leib. Aber sie erwischte kein Ei, sondern einen Zettel. Verwundert zog sie ihn heraus, und da standen folgende Worte drauf: "Du suchst mich zu betrügen; nun straf' ich dir das Lügen! " Kaum hatte sie diese Worte zu Ende gelesen, so stürzte sie auf die Henne, um wenigstens diese zu retten. Aber das Huhn war verschwunden, und mit den goldenen Eiern war es für immer vorbei.

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Die sieben eingemauerten Bauern zu Turow
Im Kreise Grimmen lag ein großes Schloß, Turow geheißen. Rund um dasselbe lief ein tiefer und breiter Graben, der vor vielen Jahren entstanden war, als auf dem Schloß ein adliger Junker namens Bono lebte. Dieser ließ durch seine sieben Bauern, die zum Schlosse gehörten und ihm dienstpflichtig waren, den Graben ziehen. Er hatte ihnen einen guten Tagelohn versprochen, und die sieben Bauern arbeiteten drei volle Jahre daran, alle Tage und mit ihren Frauen und Kindern, damit sie desto eher zu ihrem Lohn kommen möchten. Als sie fertig waren, rechnete der Schloßherr auch alsbald mit ihnen ab. Allein er machte ihnen für Essen und Trinken, das er ihnen gegeben hatte, für Schippen und Spaten, die sie ihm verdorben hätten, und für andere Sachen so viele Gegenrechnungen, daß die Bauern nicht mehr als sieben Schillinge -- also der Mann einen Schilling für alle drei Jahre -herausbekommen sollten. Damit wollten die Bauern nicht zufrieden sein, und sie beschwerten sich bitter bei dem Schloßherrn. Anfangs drohte er ihnen. Auf einmal gab er ihnen jedoch gute Worte und versprach ihnen ihren vollen Lohn. Sie sollten mit ihm in eine Stube kommen, die hinten im Schlosse lag, da wolle er ihnen alles auszahlen. So lockte er sie in die entlegene Stube. Als er die sieben darin hatte, ließ er sie dort lebendig einmauern, und sie fanden allesamt ein jämmerliches Ende. Temme

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Die vier Rappen
Es lebte einst ein hartherziger Edelmann, ein rechter Leuteschinder, der nichts lieber tat, als seine Bauern und Tagelöhner an allen Ecken und Enden zu plagen und zu drücken. Eines Tages ve rsetzte ihn ein geringes Vergehen seines braven Gärtners in den fürchterlichsten Zorn. Er schwur mit tausend Eiden, er wolle den Mann mit Hunden von seinem Hofe hetzen und ihn nie wieder zu Gnaden annehmen, wenn er ihm nicht den großen Baum vor dem Schloß innerhalb von zwei Stunden fällen und vor die Tür schaffen würde. Der arme Gärtner weinte die bitterlichsten Tränen. Niemand durfte ihm helfen. Pferde oder Ochsen standen ihm nicht zu Gebote. Was sein Herr von ihm verlangte, war also ein Ding der Unmöglichkeit. Schon war eine Stunde vergangen, und immer noch saß der unglückliche Mann ratlos unter dem mächtigen Baum, als plötzlich ein Gefährt auf ihn zu fuhr, mit vier kohlschwarzen Pferden bespannt und von einem grauen Männchen mit einem langen Bart geleitet. "Willst du den Baum mit oder ohne Wurzeln auf das Schloß gebracht haben ?" fragte der Graue. Doch ehe er noch die Antwort des Gärtners abgewartet hatte, holte er schon eine hölzerne Hacke hervor und schlug damit rund um den Stamm auf den Erdboden. Sogleich stürzte der Baum um, und nur ein Würzelchen haftete noch im Erdreich. "Die Wurzel mußt du durchschlagen, dazu bin ich nicht imstande", hob das Männchen von neuem an. Der Gärtner gehorchte schweigend und schnitt sie mit der Axt durch. Darauf ergriff der Graue den Baum mit beiden Händen, warf ihn auf den Wagen und trieb die vier Rappen an. Aber die Last war ihnen zu schwer, und sie konnten nicht von der Stelle. Hui, -457-

wie sausten da die Peitschenschläge auf ihre Schenkel und Nacken, und das half auch. Denn nun rasten die Tiere, indem sie helle Feuerflammen aus den Nüstern bliesen, mit dem Wagen den Berg hinauf und durch den Torweg auf den Schloßplatz, wo sie zitternd und bebend vor der Haustür haltmachten. Der Schloßherr schaute gerade zum Fenster heraus, als dies geschah. Vor Schreck war er wie versteinert. "Schöne Pferde, nicht wahr?" rief das graue Männchen zu ihm hinauf. "Hier, die beiden sind dein Vater und deine Mutter, und die Vorderpferde, das sind deine Großeltern. Worin du und dein Weib euch nicht bessert, so werde ich wohl bald mit sechs Pferden fahren! " Sprach's und verschwand, und mit ihm verschwanden die unheimlichen Rappen und der Wagen, so daß allein der entwurzelte Baum vor der Haustür noch an das Ereignis erinnerte. Der Edelmann nahm sich die Sache zu Herzen und wurde von Stund an ein neuer Mensch. Dem Gärtner aber schenkte er seinen Hof zum freien Eigentum, und der war darauf glücklich und zufrieden sein Leben lang.

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Sankt Nikolaus in Greifswald
In einer Kirche von Greifswald stand einst ein hö lzernes Bild des heiligen Nikolaus. Eines Nachts brach ein Dieb in diese Kirche ein, um den Opferstock zu berauben. Da erhob das Bild des Heiligen drohend den Arm gegen den Dieb. Dieser aber ließ sich nicht erschrecken und rief grinsend: "Lieber Sankt Nikolaus, ist das Geld im Kasten dein oder ist es mein? Weißt du was? Wir wollen darum laufen! Wer zuerst zum Opferstock kommt, dem soll das Geld gehören." Dann rannte der freche Dieb eilig durch das lange Schiff der Kirche dem Chor zu - aber siehe da! Das Bild lief auch und stand am Opferstock, als der Dieb hinkam. "Wahrhaftig, Sankt Nikolaus", höhnte der Dieb nun in seiner unerhörten Frechheit, "du könntest wirklich beim Herzog Läufer werden! Du hast gewonnen; aber was in aller Welt nützt dir das Geld? Wäre ich wie du aus Holz und hätte nie Hunger und Durst, so wäre mir gar nicht um das Geld zu tun. Drum hab, ein Einsehen und gönne mir das Geld!" Damit brach er den Opferstock auf, nahm das Geld und eilte fort. Bald darauf starb dieser Dieb und fand ein ehrliches Begräbnis; denn niemand wußte, daß er ein Kirchenräuber war. Aber seine Schandtat fand doch ihre Strafe. Denn kaum war der Dieb beerdigt, so stiegen die Teufel aus der Hölle herauf, rissen seinen Leib aus dem Grabe und warfen ihn zu dem beraubten Opferkasten hin. Dann schleiften sie ihn vor die Stadt und hingen ihn an die Flügel einer Windmühle. Von diesem Augenblick an drehten sich die Flügel dieser Mühle verkehrt herum, solange sie stand, als ein Wahrzeichen des Unrechts, das nie gut tut.

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Schatzgräberei in Bartelshagen
Es mag gut zwei Menschenalter her sein, da beschlossen drei miteinander verschwägerte Bauern in Bartelshagen, Kreis Franzburg, einen Schatz zu heben, der einer alten Sage nach im Markwartbusch, einem kleinen Gehölz, in der Franzosenzeit vergraben worden war. Sie hatten das Geld schon öfter brennen sehen und wandten sich an einen klugen Mann in Saal, der Krankheiten zu kurieren, den Diebssegen zu sprechen und die Wünschelrute zu gebrauchen verstand. Dieser leistete dem Ruf Folge; in einer finsteren Nacht erschien er art Ort und Stelle und postierte die mit Spaten bewaffneten Bauern auf ihre Plätze, damit sie schweigend ihres Amtes walteten. Als sie unermüdlich pausenlos etwa zwei Meter tief gegraben hatten, stießen sie auf etwas Hartes, so daß der Spaten klang. "Dor is dei Kasten! Lat mi!" rief einer der Beteiligten, der im Eifer ganz vergaß,daß er nicht sprechen durfte. In diesem Augenblick fuhr ein Wirbelwind durch die Krone der breiten Ulme, die daneben stand, und drückte die Zweige des Ba umes zur Erde nieder; aus der Erde drang ein furchtbares Getöse hervor, und der Kasten versank krachend in die Tiefe. Alle drei Bauern erhielten einen Schlag ins Gesicht und fielen nieder. Der zauberkundige Mann aber war verschwunden. Nach dem Schatze haben die Bauern nie wieder zu graben versucht.

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Sagen aus Posen

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Das Hollenweibchen von Nemmersdorf
Nun war einmal ein junges Mädchen aus der Stadt erschienen, um in Nemmersdorf die Hauswirtschaft zu erlernen. Das Spinnen ging ihr nicht recht von der Hand, weil sie diese Arbeit nicht von Jugend auf gelernt hatte; bei ihrer Hausfrau aber mußte so fein gesponnen werden, daß man ein Gewinde durch einen Trauring ziehen konnte. Dieses Mädchen aus der Stadt wollte an die Spinnfrauen oder Holleweibchen nicht glauben. Am Lichtmeßabend, als alle andern schon schliefen, stand sie leise auf, reinigte die Schlüssellöcher in Flur und Küche, die die Köchin sorgsam verstopft hatte, damit die Holleweibchen nicht ins Haus schlüpfen könnten, nahm das Spinnrad und legte Flachs auf; kaum lag das Mädchen wieder im Bett, da brauste und sauste es vor den Fenstern, als ziehe die wilde Jagd vorüber. Neugierig eilte das Mädchen wieder in die Küche. Da saß ein kleines graues Wesen am Spinnrad und spann; schon lag eine Rolle des allerfeinsten Garns auf der Erde. Als das Mädchen erstaunt näher schlich, packte das Holleweibchen seine losen Haare und spann sie statt des Flachses. Plötzlich sah das Mädchen eine Sternschnuppe fallen. Es wußte selbst nicht, was es war, und schrie in seiner Angst und Not: "Ach, ach, der Himmel fällt ein!" Darüber erschrak das Holleweibchen und rannte bei der Tür hinaus. Das Mädchen machte sich rasch vom Spinnrad los und zerhackte den Spinnrocken mit einem Küchenbeil in viele Stücke. Als das Holleweibchen nach einiger Zeit wieder zur Tür hereinschaute und das Spinnrad zerschlagen sah, kehrte es um und lief davon. Das Stadtmädchen aber war von nun an von seinem Unglauben geheilt und hat nie mehr versucht, in der verbotenen Zeit, in den Zwölften, den Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig und zu Lichtmeß, zu spinnen oder Flachs aufzulegen. -462-

Der Tanz mit dem Teufel zu Danzig
In Danzig war einst ein Dienstmädchen zum Abendmahl gegangen. Trotz der Warnung ihrer Mutter hatte sie aber am gleichen Abend einen Tanz mitgemacht. Gegen Mitternacht war dann ein feiner Herr im Tanzsaal erschienen und hatte sie zum Tanz aufgefordert. Er hatte schwarze Haare und schwarze Augen. Beim Tanze drehte der fremde Gast das Mädchen immer schneller und schneller im Kreis, so daß die anderen Paare zu tanzen aufhörten und dem wilden Reigen zuschauten. Einer der Musikanten konnte kein Auge von dem Paar abwenden und bemerkte auf einmal entsetzt, daß der Herr einen Pferdefuß hatte. Er machte seine Kameraden darauf aufmerksam, und wie auf Verabredung gingen die Musikanten plötzlich von der lustigen Tanzmelodie in eine geistliche Weise über, und zwar gerade während die Uhr Mitternacht schlug. Da fuhr der Teufel mit seiner Tänzerin in wirbelnder Fahrt durch den ganzen Saal und zum Fenster hinaus, so daß die Scheiben klirrend auf die Straße fielen. Das Mädchen wurde besinnungslos und schwer verletzt auf dem Rasen vor dem Haus aufgefunden. Der Tanzsaal, der bisher gut besucht war, verlor seine Gäste; es war unmöglich, ein junges Mädchen zu überreden, dort wieder zum Tanze anzutreten.

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Der Topich vom Swenty-See bei Osterode
Einst schritt ein ehrsamer Handwerksmann aus dem Dorf Kurken bei Osterode (Königsberg) von Hohenstein heimwärts. Sein Weg führte ihn unmittelbar am Ufer des Swenty-Sees vorbei. Da wandelte den Mann die Lust an, von dem Wasser des Sees zu trinken. Bei jedem Schritt wurde das Verlangen nach einem Schluck Wassers stärker in ihm, so daß er sich endlich entschloß, beim nächsten Uferbaum seinen Durst zu stillen. Bei dem Baum angelangt, sah er auf der in das Wasser hinabreichenden Wurzel Kleider liegen; er vermutete, daß sie einem Badenden gehörten. Verwundert hielt er Ausschau, konnte jedoch kein menschliches Wesen erblicken. Als er sich nun zum Wasser hinabbeugte, um vom Ufer aus das Naß in vollen Zügen zu schlürfen, tauchte plötzlich dicht vor ihm eine. Gestalt aus dem Wasser auf, in der der Handwerker sofort den Topich, den Wassermann, erkannte, weil das Geschöpf ganz und gar nicht wie ein Mensch aussah. Die obere Hälfte des Wesens zeigte einen stark beharrten, menschenähnlichen Körper mit einem hellroten Kopf und flossenartigen Händen; die untere Hälfte lief in einen dunkelgrünen Fischleib mit einer sehr langen Schwanzflosse aus. Als der Wanderer in seiner Todesangst das Kreuzzeichen schlug, verschwand der Unhold, wobei er drohend ausrief, er werde den Mann doch noch einmal holen. Schweißtriefend kam dieser zu Hause an, war aber zunächst nicht imstande, seinen Angehörigen eine zusammenhängende Schilderung seines Erlebnisses zu geben. Erst später erzählte er ihnen von dem seltsamen Vorfall. Einige Jahre darauf hörte man, daß in dem Durchfluß des Swenty- Sees, im Maransefluß, eben dieser Handwerker an einem dunklen Abend ertrunken sei. Der Topich hatte ihn doch geholt. -464-

Die Riesen von Insterburg
In alten Zeiten hausten an einem Fluß in der Gegend des heutigen Insterburg zwei Riesen, die sich von Jagd und Fischerei nährten. Aber der Fluß führte immer weniger Wasser, sein Fischreichtum ließ nach und reichte nicht mehr für den Appetit der beiden Riesen. Deshalb kam es zum Kampf zwischen ihnen, und der jüngere ertränkte den äIteren im Strom. Um den Toten herum schwemmte der Fluß bald Sand und Schlamm an, so daß ein Hügel im Flußbett entstand und der Fluß sich einen andern Weg suchen mußte. Da nahm der jüngere Riese sein Fischzeug und wanderte in ein fremdes Land. Doch nirgends wurde er gern gesehen. Überall war das Land schon verteilt, für ihn blieb kein Stückchen Boden übrig. Bald ergriff ihn das Heimweh, und er zog dorthin zurück, wo er seinen Jugendge fährten getötet hatte. Er selbst war inzwischen alt geworden, doch auch in seiner früheren Heimat hatte sich alles verändert. Statt Wildnis und Einöde breitete sich überall fruchtbares, bebautes Ackerland aus. Da fühlte der Alte, daß die Zeit der Riesen vorbei sei, legte sich auf den Grabhügel seines einstigen Kameraden und starb. Und so wie in jener Gegend war es auch anderwärts: allenthalben starben die Riesen aus, wie die Sage uns zu berichten weiß.

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Die Seejungfrauen im Tilsiter Schloßteich
Ein Bauernsohn aus der Umgebung von Tilsit wurde zum Heer eingezogen; man bestimmte ihn zum Tambour, und ob gern oder ungern, er mußte das Kalbsfell schlagen. Um sich ungestört, in dieser Kunst zu üben, schlich er gewöhnlich hinter einen Busch am Schloßteich. Eines Abends im Sommer begab sich der Soldat mit seiner Trommel wieder dorthin. Da sah er im Teich drei wunderschöne Mädchen baden; ihre Kleider, lange grüne Gewänder und Schleier, lagen am Ufer. Wie der Blitz sprang der Tambour aus dem Gebüsch hervor und raffte die Kleider zusammen. Die Mädchen bemerkten ihn, vor Schrecken laut aufschreiend, schwammen heran und baten ihn, ihnen doch wenigstens ihre grünen Schleier zurückzugeben. Zweien folgte er die Kleider aus, der schönsten Jungfrau brachte er Bauernkleider, das Nixengewand aber verschloß er in einer eisernen Kiste; dann begab er sich wieder in den Dienst; die Nixe wurde demnach seine Hausmagd. Von nun an gedieh alles im Hause aufs beste, es war die ertragreichste Wirtschaft weit und breit. Der Soldat nahm seinen Abschied und feierte Hochzeit mit der Seejungfrau. Viele Leute beneideten den Glücklichen um seine schöne Frau. Nur war sie immer so bleich und blieb am liebsten für sich allein. Abends sang sie im Garten mit lieblicher Stimme rührende Lieder, jedoch in einer Sprache, die niemand verstand. So verstrichen einige Jahre, die Ehe war mit mehreren Kindern gesegnet. Da mußte der Ehemann einmal verreisen. Er übergab seiner Mutter den Schlüssel zu der versperrten Kiste und trug ihr aufs strengste auf, ihn niemand auszuhändigen. Aber die junge Frau bat so inständig, sie wolle noch einmal ihre alten Kleider anziehen, daß die Mutter sich erweichen ließ und die Kiste aufschloß.

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Schnell kleidete sich die schöne Frau an, doch als sie den Schleier übergeworfen hatte, war sie verschwunden. Sie kam auch nicht wieder, auch ihr Mann hat sie niemals mehr gesehen. Nur ihren Kindern war sie - allen unsichtbar - oftmals nahe. Diese spielten am liebsten in der Nähe des Schloßteiches, wo sie häufig in der gleichen Sprache wie einst i re Mutter liebliche h Lieder sangen. Doch die Kinder wurden groß, verließen Haus und Hof. Heute steht nur noch ein Bauernhof - doch liegt er in fremden Händen.

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Die Unterirdischen und das Glück eines Bauern
Ein alter Bauer überdachte zufrieden den guten Ertrag seiner Wirtschaft; der Roggen gab reichliche Frucht, die Kartoffeln und Rüben gediehen prächtig, auch das Vieh war in gutem Stand. Die Bauern aus der ganzen Nachbarschaft wunderten sich, wieso er, der als kleiner, armseliger Knecht in diese Gegend verschlagen worden war, es zu solchem Wohlstand gebracht hatte. Das begriff der Bauer lange Zeit selbst nicht. Schließlich kam er jedoch dahinter. Schon Jahre hindurch merkte der Mann, daß ihm stets, wenn er, schönes weißes Mehl aus der Mühle nach Hause fuhr, einige Metzen Mehl fehlten. Einmal wollte er der Sache doch auf den Grund kommen. Als er eines Tages mit seiner Fuhre wieder nach Hause kam, lud er die Säcke im Hausflur ab, legte sich in der Nähe der Säcke auf die Lauer, schnarchte und stellte sich, als ob ihn die Müdigkeit übermannt hätte. Siehe da, plötzlich tauchte ein ganzes Heer kleiner Männchen unter dem Herde auf und schlich sich durch die halbgeöffnete Tür zu den Säcken heran. Dann begannen die Kleinen flink die Säcke zu öffnen und aus jedem einige Schaufeln Mehl in kleine Beutelchen zu füllen. Darauf banden sie alles wieder zu und verschwanden mit ihrer Beute unter dem Herd. Der Bauer erzählte niemandem, was er gesehen hatte, und dachte: "Laß nur die kleinen Gesellen, auf das bißchen Mehl kommt es nicht an." Diese Nachsicht war der Grund für sein Glück. Sein Reichtum wuchs zusehends, und bald konnte er sich ein Gut kaufen.

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Die Unterirdischen und der Graf zu Eulenburg
In alter Zeit diente bei einem Grafen Eulenburg eine Köchin die sehr fromm war und niemals vergaß, von jeder Mahlzeit einen Löffel voll auf den Herd zu gießen. Die Gräfin fragte oft, warum sie das tue, erhielt aber nie Auskunft; denn die Köchin wußte wohl, daß sie es geheimhalten mußte, wenn sie die Unterirdischen beschenken wollte. Eines Tages war der Graf zu Eulenburg eben in seinem Arbeitszimmer beschäftigt, da sprang plötzlich eines der unterirdischen Wesen auf seinen Schreibtisch, verneigte sich ehrfürchtig und sprach: "Hoher Graf, meine Kameraden wollen hier ein Fest begehen. Du mußt ihnen aber das ganze Schloß einräumen und es samt deinem Gesinde verlassen; denn niemand darf unsere Feier sehen. " Der freundliche Graf bewilligte die Bitte und versprach, seine Familie und sein Gesinde fortzuschicken, nur er selbst sei schon zu alt, um sich noch auf Reisen zu begeben; er wolle sich aber auf dem äußersten Flügel des Schlosses aufhalten und keinen Schritt von dort wegtun. Die Unterirdischen waren damit einverstanden, und der greise Schloßherr hielt gewissenhaft sein Versprechen. Nun war aber zufällig der Haushofmeister um jene Zeit auswärts gewesen und kehrte gerade am Tage des Festes der Unterirdischen von seiner Reise zurück. Weil es schon spät war, wollte er sich leise auf sein Zimmer schleichen. Doch als er am Saale vorbeischlüpfte, kam es ihm vor, als ob Musik ertönte. Auch fiel ein heller Lichtschein durch die Türspalte. Der Haushofmeister dachte, daß etwa die Herrschaft ein Gastmahl gebe, schlich auf den Zehen ans Schlüsselloch, guckte durch und sah das wunderbarste Schauspiel, das man sich vorstellen konnte. Der ganze Saal wimmelte von kleinen Leuten, und die große Köchin stand mit einem der Unterirdischen auf dem -469-

Trauteppich, wo sie eben die Ringe wechselten; sie weinte aber sehr, daß sie einen so kleinen Mann nehmen mußte. Der Hausho fmeister sah eine Weile zu; plötzlich erloschen die Lichter, und das Fest war jählings zu Ende. Noch saß der Graf in seinem Arbeitszimmer, da sprang wieder der kleine Unterirdische aufsein Pult und brachte folgende Beschwerde vor. "Lieber Graf, du hast versprochen, deine Leute fortzuschicken. Dein Haushofmeister hat uns aber belauscht und dadurch unser Fest gestört; deshalb sollen nie mehr als sieben Eulenburgs in deiner Familie leben. Weil du es aber doch ehrlich mit uns gemeint hast, schenke ich dir diesen Ring. Hüte dich, ihn zu verlieren; solange du ihn trägst, soll deinem Haus kein Unheil widerfahren!" Der Graf hatte von der Rückkehr des Haushofmeisters nichts geahnt. Die Voraussage aber, daß stets nur sieben Grafen Eulenburg leben sollten, ist bis zur heutigen Stunde eingetroffen, auch den Ring hütet jeder Stammhalter treulich. Wie nötig dies ist, konnte der alte Graf noch am eigenen Leibe erfahren. Der Schloßherr hatte nämlich die Gewohnheit, wenn er sich wusch, den Ring auf das Waschbecken zu legen. Einmal ging er, ohne ihn wieder anzustecken, in den Schloßgarten. Kaum hatte er das Schloß verlassen, als auch schon das ganze Gebäude in Flammen stand. Und es war sein Glück, daß er sogleich an den Ring dachte, in sein Zimmer stürzte und noch Zeit fand, das Kleinod wieder auf den Finger zu streifen. Darauf erlosch das Feuer sofort.

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Ein Meisterschuß im Kampf um die Marienburg
Es war im Juli des Jahres 1410, als Ulrich von Jungingen, der Hochmeister des Deutschritterordens, von der Marienburg aus zur Verteidigung des Ordenslandes gegen den anrückenden Polenkönig Wladislaus Jagello und dessen Vetter Witowd von Litauen aufbrach und seine Truppen bei Tannenberg zur Schlacht aufstellte. Doch von der Übermacht der Feinde besiegt, mußte er selbst, heldenhaft kämpfend, sein Leben lassen, die Reste des Ordesheeres aber zogen sich in die Feste Marienburg zurück. Ringsum ergaben sich Städte und Burgen dem Sieger, auch die Landesbischöfe huldigten ihm. Der Polenkönig war überzeugt, daß auch die Marienburg kapitulieren würde, wenn er mit seinem gewaltigen Heer dort erschiene. Aber darin hatte er sich getäuscht. Die polnische Vorhut fand die Brücke über die Nogat abgebrochen, alle Häuser in der Umgebung waren niedergebrannt, rings um die Burg glühte noch das Feuer in den Aschenhaufen. Die Polen konnten nur langsam und beschwerlich auf die Burg vorrücken. Auf deren Mauern aber und hinter den Zinnen standen Männer im Harnisch, alle Tore waren fest verschlossen, die Fallbrücken aufgezogen. So mußten der Polenkönig und sein Verbündeter sich zu langwieriger Belagerung der Feste entschließen. Doch schon nach kurzer Zeit spürten die Belagerer Not und Elend. Ihr vereinigtes Heer war zu groß, um auf einem Platz gehörig verpflegt zu werden; Krankheiten wüteten unter den Söldnern, die wochenlang unter freiem Himmel auf engem Raum lagern mußten. Tausende raffte die Ruhr hinweg. Nun wurde der König besorgt und fing an, mit seinen Bischöfen viel zu beten, auf daß Gott sich nicht von ihm wende. Doch das Bitten brachte ihm wenig Trost und Beruhigung. Denn -471-

eine sonderbare Vorstellung hatte Gewalt über seine ängstliche Seele errungen. Das große Bildwerk der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind in der äußeren Chornische der Marienkapelle, das über die Stadt hinaus in das weite Land blickte, konnte er in seinem farbigen Glanze nicht leuchten sehen, ohne von Sorge und Neid ergriffen zu werden, daß der Orden einen so sichtbaren Schutz habe. Tag und Nacht quälte ihn diese Angst. Schließlich sprach er sogar in einer Versammlung seiner Kriegsobersten darüber. "Unsere Kugeln und Schleudersteine sind", so meinte er, "auf jener Seite machtlos, denn die Heilige Jungfrau wehrt sie von den Belagerten ab. Glaubt mir, solange das Bild dort mit der Goldkrone auf dem Haupt ins Land hinausschaut, ist all unser Mühen vergeblich. Die Jungfrau sorgt im Himmel dafür, daß Gott uns nicht erhört." Diese Worte des Königs vernahm Wladislaus, erster Büchsenmeister, ein gewalttätiger, abergläubischer Mensch, den es schon lange kränkte, daß seine Schießkunst von so geringem Erfolg begleitet war. Nun glaubte er zu wissen, worin der Grund dafür zu suchen sei. Immer hatte er seinen Kanonieren aufgetragen, die Kirche und besonders das Heiligenbild zu schonen; jetzt sah er ein, wie sehr er sich durch diese falsche Rücksichtnahme geschadet hatte, und meinte, seines Königs Besorgnis leicht beseitigen zu können. Zu diesem Zwecke stellte er eine mächtige Steinbüchse gerade dem Chor der Marienkapelle mit dem wundertätigen Bild gegenüber auf. Den Schützen, die ihm zur Hand gingen, wurde bange. Sie merkten wohl, was er vorhatte, und warnten ihn ernstlich. Aber er lachte sie aus und höhnte: "Ihr sollt sehen, ihr Narren, daß das Ding dort drüben nur aus Stein und Ziegel zusammengeklebt ist und zerfällt, sobald meine Kugel dagegen fliegt. Wenn einmal -472-

die Marienkrone am Boden liegt, wird der Widerstand ein Ende haben und unser König in die Burg einziehen. Ruft alle herbei, die nun mit eigenen Augen sehen wollen, was geschieht. Manchen guten Schuß habe ich in meinem Leben schon getan, dieser aber soll m Meisterschuß sein. Der König wird mich ein reich belohnen, und ihr sollt nicht leer ausgehen. " Bald lief die Kunde von dem Vorhaben des Büchsenmeisters durchs Lager. Eine große Menschenmenge sammelte sich um die Steinbüchse. Es hieß, der König habe den Schuß befohlen, denn es sei ihm in der Nacht durch einen Engel geoffenbart worden, daß er in die Burg einziehen werde, wenn er das Steinbild in der Nische vernichten und in die Kapelle eine Bresche schießen lasse. Manche schüttelten ängstlich den Kopf dazu, wieder andere hatten gehört, die Ritter hätten mit dem Bild Abgötterei getrieben und seien deshalb vom Papst in Rom verflucht worden. Darum sei es ein gottgefälliges Werk, den Anlaß zu solcher Sünde zu vertilgen. Der Büchsenmeister kümmerte sich wenig um all dies Gerede und um die ängstlichen Gesichter vieler Umstehenden, sondern schüttete grobkörniges Pulver in ein Säckchen, mehr als das doppelte Maß von dem, was sonst zu einem kräftigen Schuß gehörte, packte es fest zusammen und schob es in die weite Öffnung des Rohrs so weit sein nackter Arm reichte. Dann half er mit einer Stange nach und stampfte es ,dreimal fest zusammen. Darauf wählte er unter den Steinkugeln am Boden die schwerste und glatteste und warf sie prüfend in die Luft, um festzustellen, ob sie beim Fall auf die Erde zerspringen würde. Sie bewährte sich, wurde in die Büchse geschoben und mit einem Graspfropfen festgehalten. Nun stellte er sich an das Kopfende des Geschützes und richtete nochmals scharf. Gespannt blickte die Menge bald auf ihn, bald auf das Bild. Plötzlich rief einer: "Das Christuskind hat die Hand aufgehoben und mit dem Finger gedroht. Laß ab, Meister!" Ein anderer äußerte zitternd zu den Nachbarn: "Seht, seht, die Jungfrau -473-

bewegt zornig die Augen!" Es herrschte allgemeine Aufregung. Die meisten wünschten, der Schuß möge unterbleiben. Indes schüttete der Büchsenmeister, ohne sich beirren zu lassen, feines Pulver auf die Platte um das Zündloch, und stellte einen Blechreiter gegen den Wind, damit es nicht verweht werde. Dann ließ er sich die brennende Lunte reichen, klopfte sie ab, rief ein weithin hörbares "Nun gebt acht!" und brachte die feurige Kohle vorsichtig von hinten her an das Pulver. Eine Sekunde herrschte atemlose Stille, dann gab,s einen entsetzlichen Knall, wie man ihn bisher noch nie von einer Steinbüchse vernommen hatte. Eine riesige Pulverwolke hüllte das Geschütz ein, die nur langsam vom Wind fortgetragen wurde. Unversehrt stand das Marienbild. Mit mildem Ernst lächelte die Jungfrau zu dem Kind auf ihrem Arm hinab. Das Rohr des Geschützes aber war geborsten und abgesprengt. Mit geschwärztem Gesicht und verbranntem Haar lag der Büchsenmeister auf dem Boden, deckte die Hände über die Augen und wimmerte kläglich. Einige von seinen Knechten hoben ihn auf und trugen ihn fort. "Um Himmels willen, was ist euch geschehen, Meister?" fragten sie. "Oh, meine Augen, meine Augen!" rief er jammernd; "ich bin blind." Da erfaßte die Menge Furcht und Entsetzen. Viele sanken auf die Knie, erhoben die Hände zu dem Bild und beteten um Vergebung ihrer Sünden. Die meisten rannten eiligst davon und trugen die Schreckenskunde durch das Lager, der Büchsenmeister des Königs sei mit Blindheit geschlagen worden, weil er sich an der Muttergottes versündigt habe. Auch Jagello erfuhr, was geschehen war. Er riß sein Gewand über der Brust auf und rief: "Weh uns, das bedeutet Übel!

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Nun werden unsere Feinde hohnlachen, unsere Freunde aber mutlos werden. Betet, betet, damit wir nicht noch schwerer heimgesucht werden! " In der Burg erfuhr man bald, was vorgefallen war. Auch hier sah man es als Wunder an, daß der Schuß auf das Muttergottesbild sich gegen den frevelhaften Schützen selbst entladen und ihm für immer das Licht der Augen geraubt habe. Das Vertrauen der Belagerten wuchs, sie verlangten zu Ausfällen gegen den Feind geführt zu werden. Dieser zog daraufhin ab, die Marienburg war für immer gerettet.

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Riesenwerke im Kurischen Haff
Eine Riesin, die in Nidden auf der Kurischen Nehrung wohnte, hatte auf der Seite des Haffs in Windenburg einen jungen Liebhaber. Zu diesem pflegte sie durch das Haff hinüber zu waten; denn er konnte es nicht, da er zu klein war. Weil nun das Haff bei Windenburg sehr sumpfige Stellen aufwies, so daß die Riesin dort immer tief einsank, verband sie sich mit dem Teufel; dieser sollte i r helfen, die Stellen trockenzulegen. Sie wollte h eine Schürze voll Sand von der Nehrung hinbringen, er mußte einen Sack voll Steine herbeischaffen. Aber als die Riesin mit ihrer Last durch das Haff watete, rutschte ihr ein Zipfel der Schürze aus der Hand, so daß der Sand ins Haff fiel, und das ist die heutige Sandbank. Der Teufel aber, der den Sack mit Steinen herbeischleppte, merkte nicht, daß ein Loch im Sack war, durch das er den größten Teil der Steine schon unterwegs verlor. Darüber gerieten die beiden in Streit, und die beabsichtigte Zusammenarbeit der Riesin und des Teufels zerschlug sich. Nur die Sandbank und die Steinblöcke blieben und zeugen noch heute, wie das Volk meint, vom einstigen Dasein der Riesen und Teufel.

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Sagen aus dem Rheinland

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Das Gnadenbild zu Klausen
Nicht weit von dem langgestreckten Brauneberg, näher noch dem Moselflecken Piesport, liegt der Wallfahrtsort Klausen. Zu jener Zeit, als der gelehrte Nikolaus Cusanus schon ein berühmter Mann der Kirche und der Wissenschaft war, lebte im Dorfe Esch an der Salm ein frommer Bauer namens Eberhard. Dieser hatte eine besondere Andacht zur Muttergottes; einmal träumte ihm dreimal hintereinander, er müsse der Gottesmutter ein Haus bauen. Man schenkte ihm auch in Trier ein Bild der schmerzhaften Mutter Jesu, ein Glöckchen und einen Leuchterstock. Dann baute er eine kleine Kapelle und sich selbst eine Hütte dabei. Bald erzählte man auch von allerlei Wundern, die dort geschehen sein sollten; der Gnadenort bekam Zulauf, und Eberhard begann eine Kirche zu bauen. Eben damals kam auf einer Reise durch Deutschland der Kardinal Cusanus nach Trier. Als er von den Wundern bei Eberhards Klause erfuhr, meinte er, dies könne nicht mit rechten Dingen zugehen; er reiste hin, schalt den Bauern gehörig wegen seines törichten und abergläubischen Treibens und verbot ihm, mit dem Bau fortzufahren. Als der Kardinal aber weitergereist war und sich in Koblenz bei seiner Schwester aufhielt, wurde er schwer krank. Da hielt ihm seine Schwester vor, er habe vielleicht die Jungfrau Maria böse gemacht, indem er dem Klausner verbot, die Kirche auszubauen. Nun fiel dem Kardinal sein unwirsches Gebaren gegenüber dem frommen Bauersmann schwer aufs Herz; er schickte Boten aus und ließ Eberhard mitteilen, er solle nur weiterbauen; ja, er versprach ihm noch Beihilfe dazu. Bald darauf wurde der Kardinal wieder gesund und konnte seine Reise fortsetzen. Auch der Klausner Eberhard nahm sein Werk wieder auf, und die Bauern aus der Nachbarschaft halfen ihm eitrig dabei. -478-

Nun wollte ihnen Eberhard dafür etwas zugute tun und ließ, da es sehr heiß war, ein Fäßchen Wein von der nahen Mosel holen. Aber das war für die vielen Arbeiter nicht groß genug gewesen, deshalb ging der Wein bald aus. Der fromme Mann hatte zwar einen Boten um ein zweites Fäßchen geschickt, aber dieser blieb lange aus. Als Eberhard nun sah, wie seine Leute Durst litten, eilte er zu dem Gnadenbild und bat : "Meine liebe himmlische Magd! Ich habe das meinige getan, die Reihe ist jetzt an Dir. Hilf mir und den Meinen in dieser Not!" Und wirklich, die himmlische Magd hatte das Gebet des frommen Klausners erhört, das Fäßchen war mit einemmal wieder gefüllt. Das Volk aber erzählt, das Wunder sei weitergegangen. Als das Fäßchen lange, lange nicht leer geworden war, kam Eberhard ein Zweifel, wie lange es noch so fortgehen könne, und neugierig untersuchte er mit einem Maßstab, wieviel Liter noch im Faß seien. Im selben Augenblick aber hörte zur Strafe für seinen Zweifel das Fäßchen zu laufen auf. Heute noch wünscht sich mancher, wenn ihm zum heißen Tagewerk der Trunk abgeht, "Eberhards Fäßchen", so sagen die Moselländer Landsleute.

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Das Haus der Frau Richmut zu Köln
Frau Richmut von Adocht, die Gemahlin eines reichen Bürgermeisters zu Köln, starb und wurde feierlich begraben. Der Totengräber hatte bemerkt, daß die Verstorbene einen wertvollen Ring am Finger trug. Die Goldgier trieb ihn nachts zu dem Grabe, das er heimlich öffnete, um den Ring abzuziehen. Kaum aber hatte er den Sargdeckel aufgemacht, so sah er, daß der Leichnam die Hand zusammendrückte und aus dem Sarg steigen wollte. Erschrocken floh er davon. Die Frau wand sich aus den Grabtüchern, stieg aus dem Grab heraus und ging geradewegs auf ihr Haus zu, wo sie dem Hausknecht rief, er möge ihr schnell die Tür öffnen; dann erzählte sie ihm mit wenigen Worten, was ihr widerfahren sei. Der Hausknecht eilte zu seinem Herrn, und atemlos stammelte er: "Unsere Frau steht unten vor der Tür und will eingelassen werden. " "Ach", erwiderte der Herr, "das ist unmöglich; eher würden meine Schimmel oben auf dem Heuboden stehen. " Kaum hatte er die Bemerkung fallen gelassen, so trappelte es auf der Treppe und dem Boden, und siehe, die sechs Schimmel des Bürgermeisters standen alle oben auf dem Boden beisammen. Die Frau aber hatte nicht augehört zu klopfen; nun glaubte es der Bürgermeister, daß sie wirklich da sei, und ließ sie mit Freuden ins Haus. Wie waren alle glücklich, daß die Frau wieder dem Leben zurückgegeben war. Am nächsten Tag schauten die Pferde noch aus dem Bodenloch, und man mußte ein großes Gerüst aufstellen, um sie unversehrt wieder herabzubringen .

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Zum Gedenken an diesen Vorfall hat man Pferde ausgestopft, die an diesem Haus zum Boden herausschauen. Auch ist Frau Richmut in der Apostelkirche zu Köln dargestellt, wo man überdies einen langen leinenen Vorhang zeigt, den sie nachher mit eigener Hand gesponnen und der Kirche verehrt hat. Denn sie lebte noch sieben Jahre nach den schrecklichen Tagen ihrer Beerdigung.

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Der Kalkbrenner aus Birkenfeld und der Teufel
In Birkenfeld lebte vor langer Zeit in der Achtstraße ein armer Kalkbrenner namens Jakob. Sein Kalkofen befand sich am Palmsberg, am Wege nach Neubrücke, und heute noch heißt die Stelle im Volksmund "Am Kalkofen". In der bittersten Not, als seine zahlreiche Familie schon Hunger litt, entschloß sich der arme Mann in einer schlaflosen Nacht, ein Bündnis mit dem Teufel einzugehen. Dieser fand sich auch schon am folgenden Morgen, als vornehmer Herr auftretend, am Kalkofen ein und versprach, den Kalkbrenner zum reichen Mann zu machen und sein Geschäft glänzend auszugestalten. Als Bedingung stellte er aber, wie bei ihm üblich, daß der Kalkbrenner ihm seine Seele verschreibe, die er nach zehn Jahren abholen werde. Nach langem Zögern ging der Mann auf diesen Vertrag ein. Der Teufel hielt Wort, und das Gold floß dem Birkenfelder in Strömen zu. Nach zehn Jahren fand sich der Teufel auch richtig am Kalkofen ein, um sein Opfer abzuholen. Der Kakbrenner bettelte um weitere zwei Jahre Frist, aber der Teufel ließ sich nur auf zehn Tage Verlängerung ein. Sie vereinbarten nun nach langem Feilschen, daß der Teufel den Kalkbernner nach dieser Frist pünktlich mittags um zwölf Uhr mit einem Sack am Feuerloch seines Kalkofens in Empfang nehmen solle. Als der Tag heranbrach, kam der kluge Birkenfelder mit einem starken jungen Eber über den Zinnerbach zum Palmsberg gegangen. Er führte das halbwilde Tier an einem Strick. Mit Mühe und Not gelang es ihm, den Eber in den Kalkofen zu schaffen und die Tür zu schließen. Zur festgesetzten Stunde traf auch der Teufel mit seinem Sack von Emmerichsberg herkommend, beim Kalkofen ein, freute sich, als er den Höllenlärm, das Poltern, Grunzen und Quieken -482-

aus dem engen Raum heraus hörte, und dachte, es sei der Kalkbrenner, der in seiner Seelenangst solchen Lärm anstelle. Mit großer Vorsicht machte er die Tür des Kalkofens auf und hielt den geöffneten Sack davor; der durch das Feuerspeien wildgewordene Eber war mit einem Satz im Sack, machte aber gleich darauf alle Anstrengung, dem neuen Gefängnis zu entrinnen. Nicht ohne Mühe brachte ihn der Teufel zur Hölle, frohlockend über seinen guten Fang. Doch wie erschraken er und seine Großmutter, als beim Öffnen des Sackes nicht der Birkenfelder, sondern der wilde Eber daraus hervorbrach und rücksichtslos, wie Schweine nun einmal sind, zwischen ihren Beinen hindurch in der Hölle herumsauste und dort eine heillose Verwirrung anrichtete. Seitdem ist man im Reich des Höllenfürsten recht vorsichtig geworden; Kalkbrenner sind dort nicht mehr beliebt, besonders solche aus Birkenfeld. Jakob aber lebte noch viele Jahre in Glück und Zufriedenheit und sah Enkel und Urenkel.

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Der Mäuseturm
Wo aus dem Rheinstrom unterhalb von Bingen weiße Klippen gefahrdrohend emporragen und nur einen schmalen Raum -- das sogenannte Binger Loch -- für die Durchfahrt freilassen, da erhebt sich in der Nähe der Ruine Ehrenfels und unweit des Rheinsteins inmitten der schäumenden Fluten ein finsteres, halbzertrümmertes Gemäuer. Es ist "Hattos Turm". Von Eulen und Fledermäusen umflattert, erscheint er dem Beschauer wie das Haus eines Bösen, wie das Denkmal eines ungeheuren Frevels. "Mäuseturm" nennt die Sage jenes Gemäuer, von dem der Schiffer mit Grauen das Gesicht abwendet. Einst lebte zu Mainz ein Erzbischof namens Hatto, dessen Herz rauh und hart war und unempfänglich gegen die Not der Bedrängten. Um diese Zeit brach am Rhein und rings in der Gegend eine große Hungersnot aus, so daß viele Menschen umkamen. Der Bischof jedoch, dessen Speicher mit Korn gefüllt waren, öffnete diese dem Wucher, aber nicht den Armen seines weiten Sprengels. Als nun die Not seiner Untertanen größer und größer wurde, fielen sie in Scharen zusammen und flehten den gefühllosen Mann um Erbarmen und Nahrung an, und als dies umsonst war, murrten sie und fluchten in ohnmächtiger Wut dem Tyrannen. Und ob sein Herz sich nicht vor Mitleid regte, wurde es doch rege vor Zorn. Er ergrimmte und schickte seine Schergen aus, um die Murrenden zu fangen, sperrte sie in eine große Scheune ein und ließ Feuer daranlegen. Als die Unglücklichen von den Flammen ergriffen wurden und ihr Todesgeschrei bis in den Bischofspalast drang, bis herauf an die Ohren des Unmenschen und aller derjenigen, die mit ihm an der üppigen Tafel saßen, da rief er in teuflischem Hohn: "Hört ihr die Kornmäuslein unten pfeifen ?" Aber still wurde es unten, und die Sonne verhüllte ihr Antlitz. Im Saal wurde es dunkel, und die angezündeten Kerzen -484-

vermochten nicht, die Dämmerung zu durchbrechen, die den finsteren Mann von nun an umlagerte. Und siehe! Im Saal begann es sich zu regen, und aus allen Winkeln, aus den Ritzen des Fußbodens, zu den Fenstern herein und von der Decke herab krochen und liefen Scharen nagender Mäuse und erfüllten alsbald alle Gemächer des Palastes. Ohne Scheu sprangen sie auf die Tische und benagten die Speisen vor den Augen der erstaunten Versammlung. Immer neue kamen hinzu, und nicht die Brosamen auf der Tafel blieben verschont und nicht der Bissen, der zum Munde geführt wurde. Da ergriffen Furcht und Entsetzen alle, die das sahen, und seine Freunde, seine Knechte und Mägde flohen die Nähe des Geächteten. Der Bischof aber wollte entrinnen, bestieg ein Schiff und fuhr den Rhein hinab bis zu jenem Turm, der von den Wellen des Stroms umspült wird. Dort wähnte er sich vor seinen unersättlichen Peinigern sicher. Doch Tausende von Mäusen krochen wiederum mit Gepfeife aus alIen Wänden hervor. Vergebens erstieg er bebend vor Angst, stumm vor Entsetzen die höchste Warte. Auch dahin folgten sie ihm, und heißhungrig fielen sie den unmenschlichen Spötter an. Bald war nichts nichts von ihm übrig. So lautet die Sage von jenem einsamen Turm mitten im Rhein. Reumont

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Der Mäuseturm bei Bingen
Am Eingang zur schauerlichen Felsschlucht, in die sich der Rhein bei Bingen hineinzwängt, erhebt sich auf dem rechten Ufer des Stroms zwischen den Gesträuchen und Weinbergen der Rüdesheimer Höhen die Ruine der stolzen Burg Ehrenfels; inmitten der brausenden Fluten des Rheins aber ragt auf einer Felseninsel ein düsteres Gemäuer empor, das unter dem Namen "Mäuseturm" oder "Hattos Turm" berüchtigt geworden ist. Das alte Bauwerk steht hart bei dem sogenannten Binger Loch, wo der Strom über Klippen rauscht und nur eine enge Durchfahrt freiläßt, die man einst für sehr gefährlich hielt; man glaubte, daß die Trümmer von Fahrzeugen, die das Binger Loch verschlungen, an der Felsenbank von St. Goar wieder zum Vorschein kämen. Aber seit langer Zeit kennt der Schiffer diesen Weg so genau, daß die Durchfahrt nur bei Sturm bedenklich ist; jetzt sind die meisten der gefährlichen Felsen gesprengt. Im Anfang des zehnten Jahrhunderts lebte in jener Gegend ein gewisser Hatto, der durch Wohlleben, Übermut und Hartherzigkeit weithin verrufen war. Der ehrgeizige Mann wurde schließlich zum Erzbischof von Mainz erhoben. Nachdem er jahrelang seines Amtes gewaltet hatte, wurde das gesegnete Land am Rhein von schweren Plagen heimgesucht. Schwüle Hitze brannte die reichen Felder aus; eine starke Wasserflut vernichtete alle Hoffnung auf die Ernte; überall herrschte Not und Teuerung. Nur Hatto spürte nichts davon; denn seine Speicher waren gefüllt, und er scheute sich auch nicht, üblen Getreidewucher mit seinen Vorräten zu treiben. Die Not stieg immer höher, und das arme, ausgehungerte Volk bestürmte den reichen Kirchenfürsten mit der flehentlichen Bitte um Brot. Der hartherzige Mann aber wollte nicht an seine Pflicht erinnert werden und ließ die Armen fortjagen; es seien -486-

nur Müßiggänger, sagte er, die sich ihr Brot auf leichte Art durch Bettel erwerben wollten. Doch nur um so stärker erscholl die Klage, man hörte sogar Worte der Verwünschung, aus der die Verzweiflung zu erkennen war. Denn der Erzbischof hatte sich beim Volke durch Bedrückungen schon längst verhaßt gemacht; immer neue Bittsteller vermehrten die Schar der Flehenden, die schließlich mit Gewalt zu drohen schienen, da er ihrem Flehen kein Gehör schenkte. Hatto sah darin einen Aufstand, rief seine Waffenknechte herbei und befahl ihnen, die frechen Empörer zu ergreifen. Die Söldner stürmten heran und zerstreuten die zusammengerottete Menge nach kurzem Widerstand. Groß war die Zahl derer, die man gefangen ins Schloß führte. "Sie trachten nach meiner Frucht", erklärte Hatto mit bitterem Hohn. "Gut! Man sperre sie in eine der Scheunen!" Die Knechte schleppten die Ärmsten hinein, und der grausame Herr befahl, die Scheune in Brand zu stecken. Bald oderten die Flammen l ringsum empor, und das Klagegeschrei der Unglücklichen, für die jeder Weg zur Rettung verschlossen war, drang zum Himmel. Mit satanischem Gelächter rief der Bischof: "Hört doch, hört, wie die Kornmäuse pfeifen!" Den Aufruhr hatte der Bösewicht nun unterdrückt, der Strafe Gottes aber vermochte er nicht zu entrinnen. Als sich Hatto am Abend nach dem Mahle in sein prächtiges Schlafgemach zurückzog, hörte er plötzlich ein sonderbares Gepolter und ein durchdringendes Pfeifen. Kalter Schauer fuhr ihm durch die Glieder. Mit einemmal sprangen Mäuse aus allen Wänden und Ritzen und fielen über den erschrockenen Mann her. Heulend rief er seine Diener zu Hilfe; aber sie konnten den dichten Haufen der Tiere nicht, abwehren; die Leute bekreuzten sich entsetzt und flohen.

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Endlich warf sich Hatto zu Pferd, eilte mit einem Trupp seiner Knechte stromabwärts und suchte Schutz in der Burg Ehrenfels. Doch die Plagegeister wimmelten auch hier durch das ganze Schloß, ihn mit scharfen, quälenden Bissen verfolgend. Nun erwachte Hattos Gewissen, er fühlte seine Sünde und flehte zum Himmel um Hilfe. Aber die gerechte Strafe, die ihn treffen sollte, war noch nicht vollendet. Er floh daraufhin auf einem Kahn zu dem einsamen Turm, der sich auf der kleinen Rheininsel erhob, und - ließ dort sein Bett an Ketten aufhängen. Aber die Mäuse schwammen durch die Flut, kamen ihm nach, schlüpften durch alle Gitter und Löcher und nagten mit scharfem Biß so lange an seinem Leib, bis der geistliche Würdenträger den Geist aufgab. Ja, selbst sein Name, der in die Tapeten des Gemachs gewirkt war, wurde von den Tieren zernagt. Kaum war dies geschehen, so zerstreute sich das ganze Heer der Mäuse und wurde nicht mehr gesehen. Der Ort aber, wo der Bischof seinen gerechten Lohn gefunden, heißt von jener Zeit an der "Mäuseturm". Noch oft soll bei Nacht, wenn der Sturm braust und die Woge grollt, sein Geist gleich einer grauen Wolke das uralte Gemäuer umschweben; somit hat der Bischof wegen seiner schweren Schuld noch immer nicht die ewige Ruhe gefunden.

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Der Riese im Treiser Schock
Zu jener Zeit, als die Hunnen über den Hunsrück zogen, lebte im Treiser Schock ein wilder Riese in einer tiefen, dunklen Felsenhöhle; ringsumher hatte er große Steinblöcke wie eine Mauer aufgeschichtet. Manchmal spielte er mit schweren Felskugeln Ball oder warf sie vom hohen Berg ins Tal; das tat er besonders gern, wenn Leute dort arbeiteten; die mußten dann jedesmal schleunigst das Weite suchen. Fast täglich jagte der Unhold in den Wäldern; alles Wild, das ihm in den Wurf kam, erlegte er, und wenn ihm dabei ein Mensch begegnete, so mußte der Unglückliche mit ihm jagen, da half kein Bitten und Sträuben. Dann ging's vom Morgen bis zum Abend über Stock und Stein. Waren die armen Leute abends todmüde, so brüllte er sie fürchterlich an, stieß die gräßlichsten Drohungen aus und jagte die Ärmsten, die vor Angst schon mehr tot als lebendig waren, schließlich unter wüsten Flüchen davon. Daher mied jedermann ängstlich den Schockwald, um nur dem Riesen nicht zu begegnen. Nur ein Mann fürchtete den gewalttätigen Unhold nicht; das war ein frommer Einsiedler, der am Südende des Waldes seine Behausung hatte. Der Klausner hatte dreizehn Steinchen, die wunderbar glänzten; wenn man eins davon dem Riesen vor die Augen hielt, wurde er geblend et und konnte einem nichts tun. Wer über den Schock zur Mosel ging, lieh sich bei dem Einsiedler eines von seinen Steinchen aus. Einmal kamen zwölf Männer, denen gab der gottesfürchtige Mann je eins von den Steinchen mit. Nach einer Weile fand sich aber noch ein Junge ein und bat wieder um eins. Da wollte ihm der Einsiedler sein letztes Steinchen zuerst nicht geben; als aber der Junge bitterlich zu weinen anfing, hatte der Alte Mitleid und überließ es ihm.

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Der Junge kam zur Höhle des wilden Mannes. Da trat der Riese plötzlich heraus, brüllte den Knaben an und wollte ihn auf die Jagd mitnehmen. Der arme Kerl erschrak so heftig, daß er das Steinchen fallen ließ; er konnte es nicht wieder finden, sosehr er sich auch mühte. Aber der Riese wurde auf einmal ganz still, machte sich rasch in seine Höhle davon und ließ den Jungen ungehindert weitergehen. Als die zwölf Männer gegen Abend zurückkehrten, war von dem Riesen nichts mehr zu sehen. Während sie noch ganz verwundert mit dem Einsiedler darüber sprachen, kam auc h der Junge dahergelaufen und erzählte schluchzend, wie es ihm mit dem Steinchen ergangen war. Da erkannten alle, daß der Riese durch das Steinchen in seine Höhle gebannt war. Alle Leute in der Gegend dankten Gott, daß sie von der Plage befreit waren, und erbauten mit dem Einsiedler bei der Klause ein Gotteshaus. Später entstand dort ein Hof, der bis auf den heutigen Tag "Gotteshausen" heißt. Auch an der anderen Seite des Schocks wurde ein Bauerngehöft angelegt und nach den Hünen der "Hohnhäuser- Hof" genannt. Das Steinchen liegt immer noch im Schock vor der Riesenhöhle. Wenn dies Wundersteinchen jemand finden und wegnehmen sollte, erscheint der Riese wieder, und es fängt die alte Plage von neuem an.

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Der Schmied und die Zwerge von Müngsten
Bei Müngsten im Wuppertal wohnten Zwerge in steilen Felsen auf dem rechten Ufer des Flusses. Einmal kam um Mitternacht ein Hammerschmied vom Wirtshaus des Weges daher. Als er in die Gegend der Zwerglöcher gelangte, blieb er verwundert stehen; er hörte ganz deutlich helles Lachen und Jauchzen. Und da sah der Schmied auch schon im Mondschein die kleinen Kerlchen zwischen den Bäumen und Felsen herumspringen; manche warfen vor Vergnügen ihre Mützen in die Luft und fingen sie wieder auf, andere tanzten lustig das Flußufer entlang. Auf einmal gab's ein lautes Jammern. Einem der kleinen Schelme war die Mütze in die Wupper gefallen, alle rannten hin und sahen entsetzt, wie das Käppchen fortschwamm. Was sollte der Arme machen? Ohne seine Mütze war er ja kein richtiger Zwerg mehr! Das tat nun dem guten Hammerschmied leid; er stieg ins Wasser, fischte die Mütze heraus und gab sie dem Zwerg, der sich sehr darüber freute. Der Schmied ging nun nach Hause, stellte sich noch Roheisen an den Amboß zurecht, weil er früh an die Arbeit gehen mußte, und legte sich dann zu Bett. Als er aber am andern Morgen die Schmiede betrat, fand er statt des Roheisens den schönsten Stahl vor. Und das ging nun so fort, Nacht für Nacht; bald war er der wohlhabendste Mann in ganz Remscheid. Aber die Neugierde, wie das mit dem Eisen zuging, ließ den Mann nicht ruhen. Eines Abends versteckte sich der Schmied hinter dem Blasebalg; bald hörte er auch ein feines Geräusch, und herein kam der Zwerg, dem er damals geholfen hatte, mit einem Schurzfell angetan, eine silberne Lampe in der Hand. Der Schmied mußte sich bemühen still zu sein, um nicht loszuplatzen, so spaßig sah der kleine Mann aus. Nun holte der Zwerg sein Hämmerchen aus dem Schurzfell und fing an zu hämmern. Die Schläge hörte man kaum, aber das -491-

Eisen dehnte sich wie Wachs, und in wenigen Stunden lag der Stahl fertig da. Nun wollte sich der Hammerschmied auch nicht lumpen lassen; er bestellte bei dem besten Schneider ein goldgesticktes Wämschen für seinen kleinen Gesellen und legte es ihm am Abend, fein verpackt, hin. Das Männchen kam, öffnete vorsichtig das Paketchen und lachte übers ganze Gesicht vor Freude. Schnell hatte es sein graues Röckchen aus- und das neue angezogen, besah sich von oben bis unten und rief: " Wat brukt en Jonker te schlipen, de en ruaden Rock anhett?", und ließ sich seitdem nicht mehr sehen. Einstens sind Zwerge öfters bei Schmieden und anderen Arbeitern eingekehrt und haben ihnen geholfen. Leider sind diese Zeiten verklungen!

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Der Traum vom Glück auf der Brücke zu Koblenz
Ein Bewohner des am Hochwald gelegenen Dorfes AltRinzenberg, hatte einst drei Nächte hintereinander den gleichen Traum; eine Stimme rief ihm zu: Zu Koblenz auf der Brück" Da blüht dir dein Glück. Als der Mann den Traum seinen Verwandten erzählte, drangen diese so lange in ihn, bis er sich nach Koblenz aufmachte, um das Glück zu suchen. Dort begab er sich sofort auf die alte Moselbrücke, an der das Kur-Trierische Schloß stand, und ging hier auf und ab, das Glück erwartend, das sich aber nicht einstellen wollte. Eben gedachte er - denn es war schon gegen Abend - voll Ärger über die unnötigen Ausgaben und die beschwerliche Reise wegzugehen, als ein Soldat, der auf der Brücke Schildwache stand, auf das sonderbare Gebaren des unruhig hin- und hergehenden Bauern aufmerksam wurde, ihn anredete und fragte, was er eigentlich hier suche. "Ach", erwiderte der Bauer, "da träumte mir dreimal hintereinander: Zu Koblenz auf der Brück" Da blüht dir dein Glück. Und nun laufe ich schon den ganzen Tag hier auf und ab, aber vom Glück habe ich noch nichts gesehen. " Da lachte der Soldat und sagte: "Auf Träume darf man überhaupt nichts geben; da träumte ich immer: In Rinzenberg steht in einer alten, zerfallenen Zisterne ein Kessel mit Gold. Aber soviel ich auch gefragt habe, kein Mensch kann mir erklären, wo Rinzenberg liegt, das gibt's ja gar nicht." "Ah", dachte der Bauer, "bläst der Wind daher! Jetzt weiß ich genug." Er verabschiedete sich schnell und machte sich auf den weiten Heimweg. Zu Hause fand er den Schatz richtig an der -493-

bezeichneten Stelle, hob ihn und erbaute weitab von seinem Dorf, am Eberswalde, nahe bei dem damals berühmten Sauerbrunnen, drei schöne Häuser und gründete so NeuRinzenberg, das unter dem Namen Rinzenberg heute noch besteht, während Alt-Rinzenberg verfiel und bald völlig verschwunden war. Im Volk will man noch die Stelle genau wissen, wo der Weiler einstens gestanden war.

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Der Wechselbalg von Schalken
In Schalken war einem jungen Bauer die Frau gestorben und hatte ihrem Mann einen mutterlosen Säugling hinterlassen. Da sah nun niemand recht auf das Kleine, wenn auch die Nachbarinnen zuweilen Nachschau hielten. Eines Tages nahmen die Erdmännchen das Kind mit sich und legten eine alte, zahnlose Zwergin an seine Stelle. Zunächst merkte dies niemand. Das Zwergmütterchen war noch stiller, als das kleine Mädchen gewesen war, und schlief viel; nur wenn man es bekreuzte oder mit Weihwasser besprengte, wimmerte es jedesmal. Als es aber nach geraumer Zeit gar nicht an Gewicht zugenommen hatte, ging der Bauer zu einer vielbefragten Wahrsagerin nach Lindlar und zeigte ihr ein paar Kopfhaare von dem Kinde. Da sagte die Frau sofort: "Das ist ein Wechselbalg, eine Zwergin, die wächst überhaupt nicht, und das rechte Kind ist in der Zwergenhöhle." Und sie belehrte den Bauern ganz genau, was er tun müsse. Als man am nächsten Mittag bei Tisch saß, während der Wechselbalg nahebei in der Wiege lag und wieder tat, als ob er schliefe, klagte der Bauer ganz laut, daß das Kind gar nicht wachsen wolle; ein Mittel werde er noch versuchen, nämlich es diesen Abend wieder taufen zu lassen. Dann ordnete er sogleich alles für die Taufe an, schickte das Gesinde hinaus und schloß hinter ihm zu. Er selbst holte sämtliche Töpfe herbei, stellte sie um den Herd herum und legte quer durchgeschlagene Eierschalen dazu. Dann tat er, als ob er auch hinausgehe, versteckte sich aber im Rauchfang. Als es ganz still und finster geworden war, trippelte aufeinmal etwas durch die Stube zur Stubentür; diese ging auf, und die Kleine wollte bei der Haustür hinaus, um der angedrohten Taufe zu entgehen. Als sie aber die vielen Töpfe und Eierschalen am Herd sah, guckte sie neugierig hinein, zählte sie und rief: -495-

"lch bin so alt Wie der Duisburger Wald, Hab, aber mein Lebtag nicht gesehn So viel, Töpfe am Herd eines Bauern stehn. " Dann lief sie fort. Der Bauer kroch aus dem Rauchfang heraus, holte seine Leute und auch den Pfarrer herbei, und als diese vors Haus kamen, hörten sie von draußen in der Stube drinnen ein Kind weinen. Als sie aber eilig nachsahen, lag in der Wiege des Bauern sein kleines Mädchen, gesund und frisch und schon ordentlich gewachsen, das häßliche Zwergenkind aber war verschwunden. Seit diesen aufregenden Tagen ließ der Vater seinem Kind alle Liebe und Sorgfalt angedeihen.

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Der heilige Mauritius auf dem Speicher zu Georgsweiler
In Büchel wurde vor Zeiten eine neue Pfarrkirche errichtet. Als der Bau fertig war, trug man alle heiligen Geräte und Bilder aus der alten, baufälligen Vikariekirche (Kirche, der ein Vikar vorsteht) zu Georgsweiler in das neue Gotteshaus hinüber. Nur eine Reiterstatue des heiligen Mauritius, die aus Morschweiler stammte, vergaß man. Die Dorfkinder spielten damit und führten das hölzerne Pferd auf den Grasplatz bei der Kirche zur Weide. Eines Abends nahmen zwei Geschwister die Statue verstohlen mit heim. Als sie größer geworden waren und nicht mehr mit dem Pferd des Heiligen spielten, wurde die Statue in den Speicher gestellt und geriet allmählich in Vergessenheit. Da oben in der staubigen Dachkammer zwischen Spinnen und Mäusen mochte es dem Heiligen wenig gefallen. Durch eine Dachlucke konnte er auf die schöne neue Pfarrkirche hinübersehen, während er sich mit einem düsteren Kämmerlein begnügen mußte. Eines Tages nun merkte der Bauer, daß sein Hafer, den er auch auf dem Speicher dem Heiligen gegenüber in einer Ecke aufgeschüttet hatte, bedenklich abnahm. Er dachte, es wären die Mäuse, und hielt sich Katzen. Doch das half nichts. Da meinte er, die Spatzen könnten den Hafer vielleicht gefressen haben, ließ sein Strohdach ausbessern und Drahtnetze vor die Lucken ziehen. Aber der Hafer nahm immer weiter ab. Schließlich versteckte sich der Mann mit zwei Nachbarn auf dem Speicher im Stroh und wachte eine Nacht über, um endlich den Dieb zu erwischen. Da, als es zwölf Uhr schlug, bewegte sich der hölzerne Mauritius, gab seinem Schimmel die Sporen, und das Tier sprang von der Mauer herab, auf der es stand, nach der andern Ecke, mitten in den Hafer hinein, fraß sich dort tüchtig satt und schritt dann gemächlich in seine Ecke zurück. -497-

Roß und Reiter standen dann wieder unbeweglich dort wie zuvor. Am andern Morgen ließ sich der Bauer vom Küster gleich die Kirche aufschließen und trug die Holzstatue auf seinen Armen hinein. So hatte Mauritius wieder einen Aufenthalt, wie er sich für einen Heiligen geziemt, und dem Bauern wurde kein Hafer mehr weggefressen.

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Die Johannisopfer zu Schönrath
Zur Zeit des Grafen Gerhard von Berg hauste zu Schönrath an der Agger Ritter Hans von Schönrath. Er hatte drei Söhne und zwei Töchter, die zur Freude der Eltern heranwuchsen. Es war allen Leuten bekannt, daß zur Zeit der Sommersonnenwende Sankt Johannes drei Opfer fordere, eins im Wasser, eins auf dem festen Boden und eins in der Luft. Ängstlich hatten daher der Ritter und seine Gemahlin ihre Kinder vor diesem Tage gewarnt. Als wieder einma l der Johannistag herangekommen war, verließen die Kinder heiter das Schloß, um im nahen Forst dem gewohnten Spiel nachzugehen. Einer der Söhne gewahrte auf einer hohen Fichte einen Falkenhorst und machte sich sofort daran, das Nest herabzuholen. Die beiden andern schauten ihm nach, bis er sich zur schwankenden Krone in schwindelnder Höhe aufklemmte. In diesem Augenblick brach ein Wolf aus dem Dickicht hervor, ergriff den jüngsten Knaben und lief mit ihm davon. Das gellende Schreien des Geraubten erschreckte den Bruder in seiner luftigen Höhe, die Sinne vergingen ihm, und er stürzte vom Baum hinab. Als der dritte das schreckliche Unglück sah, rannte er wie besessen nach Hause. In seiner Verwirrung lief er nicht über die Brücke in das Schloß, sondern stürzte in den Graben, wo er ertrank. Als man die Knaben vermißte, begann man sie zu suchen und brachte am Abend drei Leichen ins Schloß: aus dem Wasser, dem Forst und aus der wilden, zerklüfteten Schlucht. So leuchten nunmehr zur Sommersonnenwende die Feuer von den Höhen, um niemals mehr St. Johannes zu erzürnen.

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Die Jungfrau am Drachenfels
Unter den Bergen des Siebengebirges hebt sich der Drachenfels mit seinen Ruinen am kühnsten am Rhein empor. In uralten Zeiten, so erzählt die Sage, lag hier in einer Höhle ein Drache, dem die heidnischen Bewohner der Gegend Verehrung erwiesen und Menschenopfer darbrachten. Gewöhnlich wurden dazu Leute ausgewählt, die im Krieg gefangen worden waren. Unter ihnen befand sich einst eine Jungfrau, die sich bereits zum Christentum bekehrt hatte. Sie war von hoher Schönheit, und zwei Anführer stritten sich um ihren Besitz. Da entschieden die Ältesten, daß sie dem Drachen geopfert werde, damit keine Zwietracht unter den Häuptern des Volkes entstehe. In weißem Gewand, einen Blumenkranz im Haar, wurde die Jungfrau den Berg hinaufgeführt und in der Nähe der Felsenhöhle, worin der Lindwurm lag, an einen Baum gebunden. Viel Volk hatte sich in einiger Entfernung versammelt, um dem Schauspiel zuzusehen; aber es waren wenige, die das Los der Armen nicht vom Herzen bedauerten. Die Jungfrau stand ruhig da und schaute mit frommer Ergebung zum Himmel auf. Eben stieg die Sonne hinter den Bergen hervor und warf ihre ersten Strahlen an den Eingang der Höhle. Bald kroch das geflügelte Untier heraus und eilte nach der Stätte, wo es seinen Raub zu finden gewohnt war. Die Jungfrau erschrak nicht, sie zog vielmehr ein Kreuz mit dem Bilde des Erlösers aus ihrem Gewande hervor und hielt es dem Drachen entgegen. Dieser bebte zurück und stürzte mit fürchterlichem Gezische und Dröhnen in den nahen Abgrund. Man hat ihn niemals mehr gesehen. Da eilte das Volk, aufs tiefste ergriffen von dem Wunder, zur Jungfrau hin, löste ihre Bande und sah mit Erstaunen das kleine Kreuz an. Die Jungfrau aber erklärte ihnen die Bedeut ung des -500-

heiligen Zeichens, und alle fielen zur Erde und baten sie, zu den Ihrigen zurückzukehren und ihnen einen Priester zu schicken, der sie unterweisen und taufen möge. So kam das Christentum in die Gegend des Siebengebirges, und bei der Drachenhöhle wurde eine Kapelle erbaut.

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Die Neunhollen in Georgsweiler
Die Neunhollen im Hochpochtner Wald sind in manchen Dingen den kleinen Holz- und Moosleuten ähnlich, von denen besonders in den mitteldeutschen Waldländern viel erzählt wird. Die Neunhollen blieben im Frühjahr und Sommer in ihrem Wald, ging es aber gegen den Winter, so kamen sie heraus und hüpften auf freiem Feld so lange umher, bis der Sturmwind sie aufnahm und über Berg und Tal zu ihrer Winterwohnung wehte, einem alten Bauernhaus in Georgsweiler. Dort huschten sie in die Küche und hockten sich um den Herd. Freilich nur bei Nacht saßen sie dort und hüteten die Glut in der Asche. Bei Tag hielten sie sich in der dunklen, warmen Ecke über dem Backofen auf und schliefen; erst gegen Abend kamen sie hervor und betätigten sich nützlich wie gute Hausgeister. Als kräuterkundige Waldleute machten sie sich bisweilen mit dem alten Bauern einen besonderen Spaß, indem sie ihm heimlich ein paar Blättchen Maikräuter in die Pfeife stopften. "Kathrin, wo hast du denn den guten, Tabak gekauft?" pflegte der Alte dann wohl die Bäuerin zu fragen, ohne zu ahnen, woher dies feine Kraut komme. Um Ostern herum machten sich dann die Neunhollen wieder auf die Reise. Sie befeuchteten zuerst den Zeigefinger mit Speichel und hielten ihn zum Schornstein hinaus, um zu fühlen, woher der Wind wehe. Wenn es dann der richtige war, setzten sie sich frei hin, atmeten tief ein, damit sie recht luftig würden, und im Nu hatte sie der Wind gefaßt und weggeführt. So waren sie manchen Winter in dem Bauernhaus zu Gast gewesen; aber einmal, als sie wieder kamen, war die gute alte Bäuerin nicht mehr da, eine junge Frau führte den Haushalt und wollte von Neunhollen und dergleichen dummem Zeug nichts wissen. Da gaben ihr die Zwerge zunächst eine Lehre. Am Abend hatte die junge Bäuerin Brotteig angerührt für den andern -502-

Tag. Da buken die Männlein des Nachts vierzehn große, runde Brote und stellten sie zum Ausdunsten auf die Treppenstufen. Als nun die Frau am Morgen in der Dunkelheit die Treppe herunter wollte, stolperte sie und sauste über vierzehn Brotlaibe die finsteren Stufen hinab. Und die Brote bumsten unten gegen Tür und Tische, gegen Stühle und Schrank; alles fiel um, das Geschirr kollerte auf den Boden, und die junge Frau lag mitten in dem Wirrwarr und jammerte. Trotzdem hätten die Neunhollen wohl noch bis zum Frühjahr ausgehalten, wäre nicht der Dreikönigstag gewesen. Am Abend dieses Tages kam nämlich eine arme Witwe mit ihrem kleinen kranken Jungen an der Hand; um seine Pelzmütze trug er eine Dreikönigskrone aus Papier und auf seinem Stock einen Blechstern. Der Hunger guckte den beiden aus den Augen. Sie sprachen vor der Tür ein lautes "Vaterunser" und traten dann zaghaft in die große Küche. Als sie da im Schornstein die vielen Schinken, Speckseiten und Würste hängen sahen, sagte die Mutter voll Vertrauen den alten Reim: Stellt die Leiter an die Wand, Nehmt das Messer in die Hand, Laßt das Messer klinken, Schneid't mir 'n Stück vom Schinken! Und der kleine Junge schwang seinen Stab, hustete und plapperte: Ich bin an kleiner König, Gebt mir nicht zu wenig! Aber die Bäuerin machte ein böses Gesicht, riß die Tür weit auf und wies beide hinaus, ohne ein Wort zu reden. Da fingen aber die Neunhollen zu knurren, zu brummen und zu brausen an wie ein Sturmwind, so fürchterlich, daß es die Frau nicht mehr aushalten konnte, angsterfüllt in ihre Kammer lief und den Kopf unters Federbett steckte. Sogleich warfen die Neunhollen allen Speck und Schinken auf den Herd herunter und kletterten dann rasch durch den Schornstein hinaus; es war auch die höchste Zeit dazu, denn hinter ihnen schoß eine gewaltige Flamme empor. Das ganze Dorf lief zusammen, aber es war nichts mehr -503-

zu machen; alle Würste, Schinken und Speckseiten waren verbrannt. Die Neunhollen aber suchten von da an eine andere Winterwohnung auf.

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Loreley
Von Clemens Brentano Zu Bacharach am Rheine wohnt eine Zauberin, die war so schön und feine und riß viel Herzen hin. Und machte viel zu Schanden der Männer rings umher, aus ihren Liebesbanden war keine Rettung mehr. Der Bischof ließ sie laden vor geistliche Gewalt und mußte sie begnaden, so schön war ihre Gestalt. Er sprach zu ihr gerühret: "Du arme Loreley! Wer hat dich denn verführet zu böser Zauberei? " "Herr Bischof, laßt mich sterben ich bin des Lebens müd, weil jeder muß verderben, der meine Augen sieht. Die Augen sind zwei Flammen, mein Arm ein Zauberstab - O legt mich in die Flammen, O brechet mir den Stab!" "Den Stab kann ich nicht brechen du schöne Loreley! Ich müßte denn zerbrechen mein eigen Herz entzwei! Ich kann dich nicht verdammen; bis du mir erst bekennt, warum in diesen Flammen mein eigen Herz schon brennt!" "Herr Bischof, mit mir Armen treibt nicht so bösen Spott, und bittet um Erbarmen für mich den lieben Gott! Ich darf nicht länger leben, ich liebe keinen mehr, den Tod sollt Ihr mir geben, drum kam ich zu Euch her! Mein Schatz hat mich betrogen, hat sich von mir gewandt, ist fort von hier gezogen, fort in ein fremdes Land. Die Augen sanft und milde, die Wangen rot und weiß, die Worte still und milde, die sind mein Zauberkreis. Ich selbst muß drin verderben, das Herz tut mir so weh, vor Schmerzen möcht' ich sterben, wenn ich mein Bildnis seh.

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Drum laßt mein Recht mich finden, mich sterben wie ein Christ. Denn alles muß verschwinden, weil er mir treulos ist." Drei Ritter läßt er holen: "Bringt sie ins Kloster hin! Geh, Lore! Gott befohlen sei dein berückter Sinn. Du sollst ein Nönnchen werden, ein Nönnchen schwarz und weiß. Bereite dich auf Erden zu deines Todes Reis!" Zum Kloster sie nun ritten, die Ritter alle drei, und traurig in der Mitten die schöne Loreley. "O Ritter, laßt mich gehen auf diesen Felsen groß, Ich will noch einmal sehen nach meines Liebsten Schloß. Ich will noch einmal sehen wohl in den tiefen Rhein. Und dann ins Kloster gehen und Gottes Jungfrau sein. " Der Felsen ist so jähe, so steil ist seine Wand, doch klimmt sie in die Höhe, bis daß sie oben stand. Es binden die drei Ritter die Rosse unten an, und klettern immer weiter zum Felsen auch hinan. Die Jungfrau sprach : "Da wehet ein Sege l auf dem Rhein, der in dem Schifflein stehet, der soll mein Liebster sein. Mein Herz wird mir so munter, er muß mein Liebster sein!" Da lehnt sie sich hinunter und stürzet in den Rhein. Die Ritter mußten sterben, sie konnten nicht hinab. Sie mußten all verderben ohn' Priester und ohn' Grab. Wer hat dies Lied gesungen? Ein Schiffer auf dem Rhein, und immer hat,s geklungen von dem Dreiritterstein: Loreley! -506-

Loreley! Loreley! Als wären es meiner drei.

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Zwerge als Hirten am Niederrhein
Am Niederrhein weiß man viel zu erzählen von der Hilfe der Unterirdischen bei der Feldarbeit. Vor allem hüten sie gern das Vieh. Wo Zwerge das Hüten übernahmen, da ging kein Stück der Herde verloren. Man trieb die Tiere nur bis ans Hoftor und brauchte sich nicht weiter um sie zu kümmern. Es war niemand zu sehen, der das Vieh hütete, aber die Tiere gediehen dabei aufs beste, und am Abend wurden sie wieder von unsichtbaren Hirten heimgetrieben, wo die Mägde dann das Weitere besorgten. Man vergaß aber nie, auf den Pfosten des Tores oder der Stalltür ein Näpfchen mit Milch nebst einem Butterbrot oder auch sonstiges Essen zu stellen; all das zurecht Gemachte wurde auch regelmäßig verzehrt. Etwas habe man aber doch von den Zwergen gesehen, meint man in Dierrath - nämlich die zwei ellenlangen weißen Stäbchen der Hirtenzwerge, und es sah wunderbar aus, wenn sich diese Stäbchen, von keinem sichtbaren Wesen gehalten, scheinbar ganz von selbst hinter dem Vieh her bewegten. Ähnliches erzählt man auch von den "Holen" in Hardt bei Wildberg. Alte Leute warnten die Dorfjungen immer davor, mit Steinen zu werfen, wenn Vieh in der Nähe war; einmal traf einer von den Buben, der das Werfen nicht lassen konnte, einen Zwerg am Kopf, so daß ihm das Hütchen herabfiel und er sichtbar wurde. Da nahm der Zwerg seinen weißen Stab und schlug damit den Jungen; dieser erschrak so sehr darüber, daß er fallsüchtig wurde. Das Vieh aber blieb seitdem unbehütet, die Speisenäpfe auf dem Pfosten wurden nicht mehr berührt, und die guten Erdgeister sind seit diesem Vorkommnis dort nicht mehr zu verspüren. -508-

Sagen aus dem Saarland

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Das Hufeisen auf dem Breitenstein
Einst lebte auf Montclair ein mächtiger Graf mit einer wunderschönen Tochter, die an Anmut und Tugend alle andern Ritterstöchter des Saar- und Moselgebiets weit übertraf. Viele Freier fanden sich ein, doch blieb ihr Werben erfolglos; nur ein weither aus deutschen Landen stammender junger stattlicher Rittersmann mit edlem Sinn wußte sich die Gunst des Fräuleins zu erringen. Der Vater hätte es lieber gesehen, wenn seine Tochter einem reichen welschen Ritter die Hand gereicht hätte; doch dieser besaß bei all seinen vielen Gütern und Burgen ein unbeständiges Herz und einen wilden Sinn, was dem tugendsamen Fräulein nicht behagte. Als alle Vorstellungen des Vaters nichts fruc hteten, rief er zornig aus: "Nur jener von beiden Rittern soll dein Gemahl werden, der unter Einsatz seines eigenen Lebens einen Wagen im schnellsten Lauf auf dem Breitenstein wenden kann." Der Graf wußte, daß der Welsche ein ebenso guter Reiter wie tüchtiger Wagenlenker war. Am Entscheidungstage herrschte ein großer Zulauf von nah und fern. Dem Welschen fiel durch das Los die erste Fahrt zu; doch beim Wenden auf dem schmalen Pfad schlug der Wagen plötzlich um, und der Ritter stürzte auf das harte Gestein. Nun kam die Reihe an den jungen Deutschen; als hätte ein unsichtbarer Helfer dem Jüngling zur Seite gestanden, vollendete er unter dem Jubelgeschrei des Volkes die schwere Fahrt, während der welsche Ritter fluchend und tobend vom Breitenstein versehentlich in den schaurigen Abgrund stürzte und in den hochaufspritzenden Wogen der Saar versank. Der junge deutsche Ritter aber führte die Braut heim, und zum Andenken an dieses Begebnis ließ der Graf von Montclair Hufeisen und Radfurche in den Breitenstein meißeln. Wenige -510-

Schritte vom Eingang zu den Ruinen der Burg Montclair, über den Rand eines jäh nach der Saar sich öffnenden Abgrundes hinausragend, findet sich der Gedenkstein.

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Der Bausmärten von Schwemlingen
Vor vielen hundert Jahren stand oberhalb des Dorfes Schwemlingen im Saartal am Fuße des Hardtberges eine Mühle. Das Mühlrad, das der Kohlenbruchbach drehte, hatte nicht nur die Mahlsteine für das Getreide, sondern auch die Schlaghämmer der Ölmühle zu bewegen. Diese Schlaghämmer nannte das Volk die "Bausen". Davon erhielt die Mühle den Namen die "Baus" und der Müller zu seinem Rufnamen den Hausnamen der Mühle. Der letzte Müller in der Mühle am Hardtberg war der Bausmärten, der als Bausmännchen heute noch fortlebt. Von ihm erzählt man: Dem Bausmärten hatte der Erzbischof von Trier, wie seinen Vorfahren seit altersher, die Mühle übertragen. Hier hauste der Märten allein mit seiner hochbetagten Mutter. Redlichkeit jedoch war bei ihm eine seltene Ware; bald fehlte dem einen Bauern das Korn, dem andern das Mehl, die sem der Krug, jenem das Öl. Die Verwünschungen und Klagen der Geschädigten nahmen kein Ende. Und in das Poltern und Klappern der Mühle hinein tönten dann die Mahnworte der Greisin. Aber der Sohn schlug sie alle in den Wind. Doch die geschädigten Bauern brachten ihre Klagen wiederholt beim Erzbischof als Grundherrn vor, bis dessen Geduld erschöpft war. Nach nutzlosen Verwarnungen mußte der Bausmärten die Mühle räumen. Die Mutter erhob ein schreckliches Klagen, weil sie nun in ihren alten Tagen zum Bettelstab greifen müsse. Märten ergrimmte über den Räumungsbefehl und das unaufhörliche Jammern der Alten. Mit grimmiger Miene und wütenden Blicken ging er umher, sagte aber kein Wort. Eines Abends stellte er die Mühle ab und suchte die Dorfschenke auf, -512-

um sich den Zorn und die Sorge um die Zukunft hinwegzuspülen. Erst als die Hähne bereits krähten, kam er von der Wirtsstube heim. Er stieg in die Mühle hinunter, hieß seine Mutter ihm folgen und öffnete die Schleuse, um die Baus in Bewegung zu setzen. Plötzlich faßte er seine Mutter an ihren schwachen Schultern und drückte sie auf den leeren Stein. Mit Wucht sauste der Hammer nieder. Als letzter Laut ertönte ihr Todesschrei - dann war alles wie ausgestorben. Der Müller floh ins Dickicht des Hardtwaldes, die Mühle ließ er weiter bausen. Leute, die zum Ölschlagen in die Mühle kamen und sie leer fanden, suchten im Gewölbe nach und fanden neben dem Hammer die zerschmetterte Leiche der alten Mutter. Von Entsetzen gepackt, rannten sie hinaus. Draußen sprang ihnen unversehens aus dem Gebüsch der Märten entgegen. "Hu- hä kreischte sie noch", rief der Mordbube und rannte den Berg hinauf, wobei er unaufhörlich den Todesschrei der Mutter wiederholte. Als man der Müllerin zum fernen Friedhof St. Gangolf das letzte Geleit gab, sprang der tolle Märten wieder aus dem Gebüsch und drang durch den Zug der Trauergäste ins Mühlgewölbe, immer wieder den furchtbaren Schrei seiner Mutter ausstoßend. Ehe die Versammelten sich gefaßt hatten, stürzte der Märten wieder aus dem Hause, die gänzlich zerschmetterte, blutige Rechte vor sich haltend. Einige beherzte Männer ergriffen ihn, banden das strömende Blut ab und sperrten ihn dann in eine Kammer ein, bis ein Heilkundiger herbeigeholt war. Während der Trauerzug sich in Bewegung setzte, hielten zwei Männer vor der Kammer Wache, wo der Gefangene die zerschlagene Hand in die Höhe hielt und schrie: "Mit dieser hab, ich sie unter die Baus gezogen." Allmählich wurde es aber still. Als dann der Wundarzt zur Stelle war, gab es für ihn nichts mehr zu tun - der Märten war dennoch verschwunden. Alles Suchen half nichts - er blieb verschwunden - Hielt er es mit dem Bösen? -513-

Mancher, der später in der Nähe der Mühle vorbeikam, glaubte, im Dunkel der Bäume sein Gesicht gesehen und aus dem Wald heraus seinen irren Schrei gehört zu haben. Einsam, verrufen stand nun die Mühle am waldigen Hang. Sturm und Regen rissen auseinander, was die Menschen nicht mehr zusammenhalten wollten. In einem Winter brach das Dach unter der Last des Schnees zusammen. Stürme und Wasserfluten ließen mit der Zeit die Mauern einstürzen. Ein Wolkenbruch führte das haushohe Mühlrad zu Tal und schwemmte es in die Saar hinein. Im Welles bei Montclair zerschellte es an einem Felsen. "Die gehn den Welles hinunter", sagen heute noch die Leute im Saartal, wenn in einem reichen Hause Sterben und Verderben eingerissen sind.

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Der Riese Kreuzmann auf dem 'großen Stiefel' bei Ensheim
Auf dem "Großen Stiefel", dem kegelförmigen Berg bei Ensheim, heißt eine Felsplatte noch heute der Riesentisch. Hier hauste vor alten Zeiten der fürchterliche Riese Kreuzmann, der Menschen einfing und die Gefangenen auffraß. Der Unhold war so stark, daß er die dicksten Waldbäume wie Hanfstengel ausriß und Felsenstücke heben konnte, so groß wie kleine Häuser, wie man es noch an dem Riesentisch sehen kann, den er sich hierher setzte. Den im Tal eingefangenen Menschenvorrat, soweit er ihn noch aufsparen wollte, sperrte der Unmensch in einen hölzernen Käfig ein, bis er Hunger bekam. Die unglücklichen Leute sollen in ihrem Gewahrsam so fürchterlich geschrieen haben, daß man es weithin hörte. Doch der Riese höhnte voll Bosheit: "Ei, wie schön meine Vögel pfeifen! " Lange Zeit hatten die Menschen unter diesem Bösewicht zu leiden. Schließlich rafften sich die Bewohner der Gegend auf und beschlossen gemeinsam, den Riesen zu töten. Sie wollten ihn nach seiner Mahlzeit, nach der er gewöhnlich einige Tage fest schlief, aus seiner Behausung ausräuchern. Daher häuften sie Stroh, Reisig und allerlei Holz um seinen Turm und zündeten alles an, um ihn zu ersticken; doch Kreuzmann hielt den Rauch, von dem er wach wurde, nur für dicken Waldnebel. Immerhin mußte er heftig niesen. Davon erzitterte die Erde wie bei einem Erdbeben, so daß die Leute erschreckt den Berg hinabliefen. Als Kreuzmann aus seinem Turm heraustrat, um frische Luft zu schöpfen, merkte er erst, was die Leute angerichtet hatten, und geriet in schreckliche Wut. Er hatte gerade den großen Wetzstein zur Hand, an dem er vor dem Schlachten seiner Opfer die Messer scharf machte. Diesen warf er seinen Feinden mit aller Wucht nach. Sausend -515-

fuhr der Stein durch die Luft, weit über die Menschen hinweg, mit der Spitze in die Erde, wo er noch heute neben dem Bach zu sehen ist. Nun wollte der Riese selbst eilends den Berg hinablaufen, um die Menschen mit Baumstämmen zu erschlagen, aber er stolperte über einen Felsen und stürzte so wuchtig zu Boden, daß er betäubt liegen blieb. Kaum sahen die Menschen seinen Fall, da liefen einige besonders mutige Männer hin und schlugen das Scheusal vollends tot; seinen Le ichnam warfen sie in ein tiefes Loch, auf das sie Stein um Stein wälzten, bis sich ein kleiner Hügel erhob. Darunter liegt der Riese noch heute begraben. Den Hügel aber nennt man auch jetzt noch das Riesengrab.

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Der Saarfischer von Leukergrub und die Glocken in der Saar
Bei Leukergrub ist eine gefährliche Stelle für die Schiffahrt in der Saar. Einstens fuhr ein reichgewordener Schiffer mit seinen Schiffen stets für den Kurfürsten zwischen Saarburg und Trier. Der Fürst hatte drei Glocken in Leuken gießen lassen, Balthasar, Kaspar und Melchior benannt. Sie sollten am Dreikönigstag bereits an ihrem Platze im Trierer Dom hängen und dort dann zum erstenmal geläutet werden. Der Schiffer verpflichtete sich, trotz des Eistreibens im Fluß die Glocken rechtzeitig nach Trier zu bringen. In jungen Jahren hatte der Mann stets das Bild des heiligen Nikolaus an der Grub gegrüßt und jedesmal beim Vorbeifahren seine Mütze gelüftet. Später, nachdem er reich geworden war, unterließ er jeglichen Gruß, und die Niederleuker Jungen riefen, wenn sie ihn sahen: "Die Kaap ab!" - Ein älterer Mann, der sich auch über ihn ärgerte, erklärte: "Laßt ihn gehen! Der heilige Nikolaus wird ihn noch lehren, die Kaap abzuziehen. " Dieser Schiffer lud nun die Glocken für den Kurfürsten von Trier in Leuken auf das Schiff und stieß ab, um in das richtige Fahrwasser zu kommen. Eine mächtige Eisscholle zwängte sich zwischen das Ruder, das Schiff drehte sich, stieß in der Grub auf einen Felsen auf, kenterte, und die Glocken sanken an der tiefsten Stelle in die Saar. Auch den Schiffer erfaßten die Eisschollen, und er ertrank. Er hatte es auch diesmal unterlassen, den heiligen Nikolaus zu grüßen und ihn um eine gute Fahrt anzuflehen. Seitdem sitzt der Schiffer noch immer in der Grub am Grunde des Flusses und muß am Christ- und Dreikönigsfest die drei versunkenen Glocken läuten, weil dann in der Mitternachtsstunde das Wasser in der Grub zu Wein wird. Dieses hehre Wunder soll er durch sein Läuten den Menschen in -517-

Leuken anzeigen. Auch dann, wenn jemand in der Saar ertrinkt und nicht mehr gefunden wird, muß der Schiffer die Glocken läuten, weil dem Ertrunkenen auf der Erde keine Glocke mehr geläutet werden kann. In der Christ- und Dreikönigsnacht aber können die Niederleuker zur Mitternachtsstunde das Geläute vom Fluß her jedesmal leise tönen hören.

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Der Teufel als Wildsau
Ein Bauer aus dem Saarland fuhr einstmals mit einem Wagen voll Kohlen die Staffel hinauf. Sein Bub hockte auf dem Wagen droben, er selber ging nebenher. Ach, es war eine armselige Fahrerei! Je höher sie hinaufkamen, desto langsamer bewegte sich der Wagen vorwärts, und am Ende wollte es überhaupt nicht mehr gehen. Da fing der Bauer zu fluchen an: "Ein Himmelheiligmillionendunnerkeil soll so ein Gefährt verschlagen! Da sieht man,s wieder: Berge nunner helfe all, Heilige drigge, Berge noffer awwer ke Däiwel. " (Bergab helfen alle Heiligen drücken, Bergauf aber kein Teufel.) Das letzte Wort war noch nicht aus seinem Munde, da rauschte es in der Hecke nebenan, eine pechschwarze Riesenwildsau sprang heraus, schoß unter den Wagen und war dann wie ein Ungewitter mit dem Gefährt verschwunden. Wenn man den Bauern damals gestochen hätte, keinen Tropfen Blut hätte er von sich gegeben, so erschrocken war er. Aber, wer meint, er sei ein anderer geworden, der täuscht sich. - "Pferde und Wagen sind beim Teufel", dachte er achselzuckend, "und mein Bub? Soll er dahin sein! Hat der Teufel das Fuhrwerk geholt, kann er auch den Buben mitnehmen. " Doch wie er dann auf die Ebene kam, da stand das Fuhrwerk, als wäre nichts passiert, und der Bauernbub hockte obenauf und kaute vergnügt an seinem Butterbrot. Seit dieser Zeit hat der Bauer dem Teufel keine Vorwürfe mehr gemacht. Sooft er die Geschichte von der Wildsau erzählte, meinte er zum Schluß: "Da seht doch, ihr Leute, der Teufel ist nicht so schwarz, wie er an die Wand gemalt wird."

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Der Teufel und der Fuhrmann von Weiten
In Weiten, Kreis Saarburg, lebte einst ein zugewanderter Fuhrmann, ein wilder Geselle, der lieber Schnaps trank, als zu arbeiten, und mehr fluchte, als betete. Tagsüber schalt er an die hundert Mal, der Teufel möge ihn und seine Pferde holen. Als er wieder einmal an einem Wintertag mit seinem Gespann den steilen Lutwinuswald hinter Keuchingen hinanfuhr und seine Pferde den schwerbeladenen Wagen auf dem glatten Boden nicht vorwärts brachten, hieb er roh mit seinem Peitschenstiel auf die erschöpften Tiere ein und rief: "Da soll euch und mich doch gleich der Teufel holen!" Im selben Augenblick kicherte neben ihm der Neunschwänzige und höhnte, nun müsse der Fuhrmann mit ihm in die Hölle, packte ihn auch trotz allem Widerstreben und fuhr mit ihm durch die Lüfte über die Wälder bis auf den "Teufelsschornstein", Saarhölzbach gegenüber. Dem Fuhrmann drang vor Angst der Schweiß aus allen Poren, und er gelobte, fortan den Schnaps zu meiden, nie mehr zu fluchen und einen anderen Lebenswandel zu beginnen, wenn er nur wieder heil zu seinen Pferden käme. Da fiel sein Blick auf das große Kreuz, das auf der hohen Kuppe bei Saarhölzbach stand. In seiner Not kam ihm der Gedanke, nur das Kreuz könne ihm Erlösung aus den Klauen des Teufels bringen. Mit Mühe machte er sich den rechten Arm frei und bekreuzigte sich. Da heulte der Teufel laut auf und fuhr mit großem Gepolter in die Tiefe hinab, aus der der Schwefelgestank der Hölle heraufzog und den Fuhrmann betäubte, daß er vom Felsen herabfiel und ohnmächtig liegen blieb. Als er wieder zu sich kam, sah er deutlich auf dem Felsen das Zeichen des Teufels das Hufeisen. Mit seinem Taschenmesser meißelte er das Bild der Schnapsflasche daneben. -520-

Seit dieser Fahrt wurde der Fuhrmann ein stiller Mensch. Kein Fluch kam mehr über seine Lippen, und der Schnapsflasche ging er weit aus dem Weg. Der Felsen auf dem Eisenkopf aber weist noch immer die Bilder des Hufeisens und der Schnapsflasche als dauernde Warnungszeichen auf.

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Der Teufelsschornstein auf dem Eisenkopf bei Saarhölzbach
Wandert man von Taben den Fluß entlang weiter bergauf, so kommt man zu dem Eisenkopf, Saarhölzbach gegenüber. Ein Felsblock am Berghang heißt "Deuwelsschurschde". Man weiß, wie der Fels zu dem Namen gekommen ist. In Petschbach lebte vor vielen Jahren ein Schmied, ein großer, starker Mann, der den Amboß mit Leichtigkeit über den Kopf hob. Er war ein arger Raufbold, fluchte wie ein Türke und glaubte weder an Gott noch an Teufel. Woher er gekommen war, wußte man nicht. Als er eines Tages Hufeisen schmiedete, sprang das erste, das er fertig beiseiteschob, mitten entzwei. Da fluchte er laut, nahm ein zweites unter den Hammerschlag, aber auch dieses zersprang. Nun griff er nach einem dritten und schrie wütend: "Wenn auch dies zerspringt, soll mich der Teufel holen!" Tatsächlich, auch das dritte ließ sich nicht schmieden. Im gleichen Augenblick stand der Teufel vor ihm; da besann sich der Schmied nicht lange und erklärte, er wolle mitgehen, aber der Teufel müsse vorher noch ein Probestück ablegen. Der Satan war damit einverstanden; in der Nacht wollten sich beide auf dem Eisenkopf treffen. Der Schmied erwartete den Teufel dort in einer hohlen Buche und hatte seinen schwersten Zuschlaghammer mitgenommen. Auf einmal tat sich die Erde auf, dicker Qualm entstieg dem Boden, und der Teufel erschien. Nun sagte der Schmied zu ihm, er solle in der Zeit von zwölf bis ein Uhr nachts sämtliche Grenzmarksteine der Trierischen Lande zusammentragen und von eins bis drei Uhr alle wieder einsetzen, aber vertauscht sollten sie sein. Da pfiff der Teufel, und aus dem Teufelsschornstein stieg eine Anzahl Gesellen des Schwarzen -522-

heraus; Schlag zwölf Uhr ging die Arbeit los. Bald regnete es Grenzsteine von allen Seiten, und noch vor ein Uhr lagen alle beisammen. Als es aber ans Zurückbringen ging, gab es Streit unter den Teufeln, weil keiner nach den Orten hin wollte, die am weitesten entfernt waren. Unterdessen schaffte der Schmied heimlich einen Stein beiseite, zerschlug ihn mit seinem Hammer zu Staub und trug die Reste eiligst in den nahen Bach. Dann lief er in seine Buche zurück. Kaum war er in seinem Versteck, da kamen auch schon der Teufel und seine Gesellen und wollten ihn holen; denn alle Steine seien verabredungsgemäß versetzt worden. Der Schmied aber erklärte, es fehle noch ein Stein; da merkten die Teufel, was geschehen war, und drangen wütend auf ihn ein. Doch der Schmied war nicht faul und schlug sie mit seinem Hammer auf die Köpfe, daß es wie von Eisen klirrte. Schließlich aber versagten ihm die Kräfte; nun gelobte er in seiner Angst, ein besserer Mensch zu werden, wenn er mit heiler Haut davonkäme. Da tönte von Mettlach her die Turmuhr drei, und mit lautem Gebrüll flohen die Teufel beim Teufelsschornstein hinein und verschlossen die Öffnung mit einem Felsblock. Der Schmied aber sank ermattet zu Boden. Als er sich endlich wieder aufraffte, war er grau geworden. Er wankte zu seiner Hütte, zerstörte seine Behausung, warf das Werkzeug in die Saar und pilgerte ins Heilige Land, um dort bis an sein Lebensende für seinen wüsten Wandel Buße zu tun. Der Berg, auf dem der Schmied den Teufeln die Köpfe gehämmert hat, heißt deshalb heute noch "der Eisenkopf ".

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Der Wallerbrunnen bei Saarbrücken
In längst vergangene n Zeiten soll der wilde Jäger auch über den Städten und Dörfern des Saarlandes seinen gefürchteten Jagdzug abgehalten haben. Man konnte ihn nach der Erzählung alter Saarbrücker deutlich in den Wolken jagen sehen und hörte, wie er den Hunden pfiff und diese ihr Gebell erschallen ließen. Von Zeit zu Zeit verließ er sein luftiges Revier und stieg an das Wallerbrünnchen herunter, um seine Hunde dort trinken zu lassen. Und wenn dann gerade ein Wanderer des Weges kam, so hetzte er sogleich einen Hund auf ihn. Dagegen suchten sich nun die alten Saarbrücker noch weit bis in die Tage unserer Väter hinein zu schützen. Dies geschah, indem sie, sobald sie zum Wallerborn kamen, den Hund mit dem Spruch zu beschwichtigen suchten: Sauf, mei Hinnche, Wallerbrinnche, Hu, hu, hu! Dann liefen die Saarbrücker in beschleunigter Gangart am Brunnen vorüber. Einem Saarbrücker, der einst noch spät am Wallerbrunnen vorbei mußte, sprang eine Katze auf den Rücken, die er trotz aller Bemühungen nicht abschütteln konnte; sie wurde schwerer und schwerer, und der Arme mußte sie tragen, bis sich die ersten Saarbrücker Häuser im Tal zeigten, da war sie plötzlich verschwunden. Das Wasser dieses uralten, sagenumwobenen Borns galt als besonders heilkräftig. So mußte jeden Morgen ein Page vom Saarbrücker Schloß den weiten Weg nach dem Wallerbrünnchen machen; denn der Fürst von Saarbrücken wollte, sobald er aufstand, nur dieses Wasser trinken. Heute noch erfrischt an heißen Tagen das köstliche Naß dieser Quelle den durstigen Wanderer.

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Der ewige Jäger von Bliesbolchen
In der Gegend von Bliesbolchen und Bliesmengen hörte man lange Zeit um Mitternacht in den Lüften ein wildes Treiben: Jagdrufe, Hundegebell und Hörnerschall. Das währte bis zum ersten Hahnenschrei, wo es allmählich wieder still wurde. Jedermann wußte, daß dies der ewige Jäger sei; wer den Tag ruhig vorübergehen ließ, dem geschah kein Leid. Wer aber spottend dem Treiben nachrief, der wurde heftig gestoßen und geschlagen, ohne daß er dabei jemanden gesehen hätte. Heute soll man nur noch in der St.- Hubertus-Nacht den Zug des ewigen Jägers hören. Das Volk weiß von ihm, daß er im Leben ein wüster und roher Geselle war, der sich wenig um Gott und die Welt kümmerte und gerade an Sonntagen die schlimmsten Streiche verübte. Einst war er auch an eine m Feiertag draußen im Feld und störte alles durch sein wildes Jagdgeschrei. Da kam ihm ein Hase in den Weg, dem er lange vergebens nachjagte. Endlich schrie er voller Zorn: "Dich, Teufel, muß ich haben, und müßte ich dir ewig nachlaufen!" Und seit dieser Zeit ging es fort, ohne Rast und Ruh, über Stock und Stein, hoch in den Lüften und tief am Boden durch das Tal der Blies. Zur Strafe für sein gottloses Treiben konnte der Jäger vom wilden Jagen nicht mehr ablassen und hat auch heute noch nicht die ewige Ruhe gefunden.

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Der unheimliche Jäger von St. Ingbert
Ein unheimliches Erlebnis hatten einst zwei Hüttenarbeiter aus St. Ingbert, die sich an einem schichtfreien Tag in den Wald am "Großen Stiefel" begaben, um dort eine Fuhre Dürrholz zu machen. Am östlichen A bhang des Stiefels, ungefähr hundert Schritte von seinem höchsten Punkt entfernt, trafen die beiden einen eichenen Stumpen, der noch auf der Wurzel stand und wohl einige Trag lasten Holz abwerfen mochte. Sie schlugen fleißig drauf los, allein trotz der Schärfe ihrer Äxte ging nicht ein einziger Hieb ins Holz, und unter der Wurzel des Stammes rumpelte und polterte es bei jedem Schlag, als wolle der ganze Berg auf einmal zusammenstürzen. Da wurde den beiden Männern angst und bange, der Schweiß rieselte ihnen von der Stirn, und sie ließen zu gleicher Zeit mit ihren Hieben nach. Als sie sich aber ängstlich verwundert und stumm fragend anschauten, stand urplötzlich eine lange, hagere Gestalt vor ihnen, aus deren geisterhaft fahlgrauem Gesicht zwei funkelnde Augen blitzten. Es war der unheimliche Jäger; er trug einen grauen Rock mit grünem Kragen und ebensolchen Aufschlägen und als Kopfbedeckung einen runden, einseitig aufgekrempelten Hut mit Federn. An der linken Seite hing ein Jagdsack und darunter ein Hirschfänger. Über der rechten Schulter trug er eine schwere Jagdbüchse. Wie vor dem Leibhaftigen ergriffen nun die beiden Holzfäller die Flucht, rannten wie gehetzt den Berghang hinab und trafen unten in der Ebene das Ochsengespann, das sie bei einem Verwandten zum Abholen des Holzes bestellt hatten. Schnell -526-

wandten sie das Fuhrwerk um und zogen unverrichteter Dinge in größter Eile ab mit dem festen Vorsatz, auf dem Stiefel kein Brennholz mehr zu sammeln.

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Die Heinzelmännchen von Serrig
Bei dem gottgesegneten Weindorf Serrig an der Saar gibt es ein Flurstück, das "Im Widderhäuschen" heißt; darin liegt ein mit Steinplatten umstellter viereckiger Platz, der früher ein römisches Familiengrab gewesen sein soll. Das Volk aber weiß es besser: Dort stand das Häuschen, das einstmals den Wichtelmännchen, Witterchen genannt, die im nahen Wald ihr Wesen trieben, als Behausung diente. Diese Witterchen waren ein fleißiges und den Menschen zugetanes Zwergvölkchen, das den Bewohnern von Serrig gar manchen guten Dienst leistete. Alljährlich zur Osterzeit kamen die Zwerglein ins Dorf und benutzten dort, wo der Weg nach Greimerath abzweigt, mit stillschweigender Erlaubnis des Eigentümers ein Haus zum Brotbacken. Dies war für sie eine feierliche Handlung, bei der ihnen kein menschliches Auge zusehen durfte. Und die Serriger ehrten ihren Wunsch, weil sie von den treuherzigen kleinen Leutchen nichts Übles zu befürchten, aber viel Gutes zu erwarten hatten. Einmal aber wurde die junge Frau des Backhausbesitzers vom Teufel der Neugierde derart geplagt, daß sie um jeden Preis das Geheimnis des Brotbackens ergründen wollte. Sie legte sich also in einer Nacht, in der die Zwerge wieder ihr Brot zu backen beabsichtigten, auf die Lauer und harrte mit großer Geduld aus, bis die Brote gar waren. In feierlichem Zuge breiteten die Witterchen sodann die Laibe aus, und der König des kleinen Volkes segnete sie mit den Worten: Gott sei Dank für unser Brot!" Da hielt es die Lauscherin in ihrem Versteck nicht mehr aus, und mit dem Ruf: "Unsern Kuchen auch!" sprang sie mit ihrer alten Laterne mitten unter die erschrockenen Zwerge. Mit einem Schlag erlosch das Licht, die Trägerin stürzte zu Boden, die

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Witterchen aber purzelten kopfüber die Treppe hinunter. Als das Weib sich erhob, waren Brote und Witterchen verschwunden. Seit diesem Ereignis aber ließ sich das emsige Völkchen nicht mehr sehen, es zog aus der Gegend fort, und die Serriger mußten von da an in Feld, Wald und Haus die Hilfe der fleißigen Männlein entbehren.

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Die Teufelsbeschwörung in der Düppenweiler Mühle
Vor langer, langer Zeit diente in der Düppenweiler Mühle ein Knecht, der um jeden Preis reich werden wollte. Er verschaffte sich ein Zauberbuch, über dem ohne Wissen des Priesters die heilige Messe gelesen worden war. Eines Abends setzte sich der Müller mit einigen gleichgesinnten Burschen in eine Kammer der Mühle, um seine Zauberkunst auszuprobieren. In die Mitte der Stube hatten sie eine große Tauchbütte (Färberbottich) gestellt; dann nahmen sie das Hexenbuch und begannen die Zauberformeln zu lesen. Aber der Versuch blieb ohne Erfolg. Da erinnerte sich einer der Burschen daran, daß man Hexenbücher von hinten nach vorn lesen müsse. Kaum hatten sie von rückwärts zu lesen begonnen, so wurde es unheimlich dunkel. Ein gewaltiger Sturm erhob sich. Die Spitzen der Pappeln, die vor dem Hause standen, beugten sich und reichten zum Kammerfenster herein. Dann öffnete sich die Tür, und der Teufel mit dem Pferdefuß trat unter die Gesellen. "Wenn ich euch dieses Gefäß voll Gold zaubern soll, so muß jemand von euch mit mir gehen", verlangte der Satan. Da erschraken alle, und einer, der damit seine Seele retten wollte, rief: "Herr Deuwel, nehmt Euch den Roten da!" und dabei zeigte er auf einen der Gesellen, dessen roter Haarbusch sich vor Schrecken sträubte. "Davor bewahre mich unser lieber Herr Jesu Christ!" schrie der Bezeichnete entsetzt und schlug ein Kreuz auf seine Brust. Im selben Augenblick verschwand der Teufel, und nur ein höllischer Gestank blieb zurück. Der Sturm ließ nach, der Himmel wurde wieder klar, und die Pappeln nahmen ihre gewöhnliche Haltung ein. Die Teufelsbeschwörer aber lagen in tiefer Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kamen, fanden sie die -530-

Tauchbütte wirklich vollgehext, aber nicht mit Goldtalern, sondern voll Pferdemist.

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Die guten Zwerge von Ensheim
Zu Anfang des 15. Jahrhunderts stand am Siedelwald bei Ensheim eine Mühle, die dem Kloster Wadgassen gehörte. Der frühere Pächter hatte gut darauf gewirtschaftet, sein Nachfolger aber mußte zugrunde gehen. Die Sage erzählt: Ein Müller war einmal an seine m Weiher beschäftigt, da hörte er plötzlich ein Wimmern, das wie der Hilferuf eines ertrinkenden Kindes klang. Rasch griff er zu und zog ein wunderliches Geschöpf mit dickmächtigem Runzelkopf aus dem Wasser; die Füße des Wesens waren wie die einer Gans. Der Müller pflegte das verunglückte Geschöpf mit aller Sorgfalt im eigenen Hause. Als der Kleine wieder genesen war, führte er seinen Retter zu jener gefährlichen Stelle, an der er fast ertrunken wäre, und zeigte ihm den boshaften Nix, der ihn beim Baden ins Wasser gestoßen hatte. Dieser Unhold war ein großer klotzäugiger Frosch, der sich eilends im Schilf verkroch, als er die beiden herankommen sah. Schließlich rief der Kleine hervor, er sei eines der vielen Zwerglein, die im benachbarten Gumberberg wohnten, und dann war er verschwunden. Der Müller hatte jedoch dem kleinen Zwergenvolk nichts zu Leide getan. Seitdem aber wuchs das Vermögen des Müllers sichtlich an; als steinreicher Mann zog er sich später vom Geschäfte zurück. Sein Nachfolger aber konnte diese Zwerglein nicht leiden, er wollte sie mit Gewalt oder List vertreiben. Statt den Zwergen einen schweren Stein vor eins ihrer Fuchslöcher zu wälzen, schalt er sie "Gänsfüßler!" und gab dem Stein einen Stoß, daß er weit den Berg hinabkollerte, Die Zwerglein schworen ihm ewige Rache, und seither waren Glück und Segen aus seinem Haushalt gewichen. Der Pächter mußte die Mühle verlassen und als armer Mann in die Fremde ziehen. -532-

Sagen aus Sachsen

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Das Kegelspiel der Querxe in Neustadt
Die Zwerge heißen in Sachsen Querxe. Die kleinen Männlein lieben das Kegelspiel. So wanderten einst zwei Neustädter Bürger in einer Sommernacht von Bautzen über den Valtenberg nach Hause. Da hörten sie durch die Stille der Nacht Kugeln rollen, Kegel fallen und lautes Gelächter erschallen. Neugierig gingen sie dem Lärm nach und stießen auf ein Häuflein Querxe, die sich mit Kegelspiel vergnügten. "Spielt mit!" riefen die Kleinen. Die Neustädter ließen sich das nicht zweimal sagen. Spiel folgte auf Spiel, und das gute Bier machte fleißig die Runde. Das waren Kugeln, das war eine Bahn, wie man sie in der ganzen Gegend nicht wieder fand! Nach dem dritten Spiel gingen die Männer heim. Jeder bekam zum Andenken eine Kugel mit. Beim Klunkerförster wären die nächtlichen Wanderer gern eingekehrt, aber dieser war nicht wachzukriegen. Allmählich wurde dem einen der beiden die Kugel zu schwer, und er warf sie in den Folgebach. Aber der andere schleppte seine Kugel bis heim. Später erzählten die beiden im Städtchen ihr Abenteuer, aber kein Mensch wollte ihnen glauben. Zum Beweis suchte der eine die Kugel hervor, und siehe! sie war von Gold. Da griff sich der andere an den Kopf und verwünschte seine Bequemlichkeit. Schnell rannten sie nun zum Folgebach, die weggeworfene Kugel zu suchen, aber sie war weg. Seit dieser Zeit ist der Sand des Baches goldhaltig, und die Neustädter pflegen dem, der ohne Arbeit reich werden will, den Rat zu geben: "Geh zu den Querxen auf den Valtenberg! Die werden dir schon eine goldene Kugel schenken. "

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Der Basilisk in Torgau
Vor vielen Jahrhunderten hauste in einem Brunnen der Stadt Torgau an der Elbe ein schrecklicher Basilisk. Er verpestete mit seinem giftigen Hauch das Wasser aller Brunnen der Stadt. Die Ratsherren setzten hohe Belohnungen aus für den, der die Stadt von dem Ungeheuer befreie. Endlich meldete sich ein Verbrecher, der in der Stadt gefangengehalten wurde und zum Tode verurteilt war. Er hatte einmal in einem Zauberbuch gelesen, wie man Basilisken bekämpfen könne. Vorerst behängte er sich mit mehreren Spiegeln, einen nahm er in die Hand und hielt ihn nach unten. Dann ließ er sich eine lange Leiter bringen und stieg in den Brunnen hinab. Als der Basilisk sein eigenes Bild im Spiegel erblickte, glaubte er, es sei noch ein zweites Ungeheuer im Brunnen, und ärgerte sich so sehr, daß er vor Wut und Neid platzte. Torgau aber war von diesem Augenblick an von dem Übel befreit. Der Verbrecher wurde freigelassen. Zum Andenken an die böse Zeit, die das Ungeheuer über die Stadt gebracht hatte, ließ man im Keller des Rathauses sein Bild in Stein hauen. Dort ist es noch heute zu sehen.

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Der Lindwurm von Syrau
Es mag wohl schon sehr lange her sein, da hauste im Walde von Syrau ein schrecklicher Lindwurm. Der Drache überfiel meuchlings Mensch und Vieh, wie es ihm gerade in den Weg kam. Da sich die Syrauer in ihrer Not nicht anders zu helfen wußten, schlossen sie mit dem Lindwurm einen Pakt, daß er alle Wanderer, die die Straße durch den Wald zögen, fressen dürfe, die Syrauer aber müsse er verschonen. Die Straße war nach kurzer Zeit in der ganzen Gegend verrufen, kein Mensch betrat sie mehr, und der Lindwurm mußte bald Hunger leiden. Da wollte der Drache vom Vertrag nichts mehr wissen und zerriß die Menschen wie zuvor. In Syrau wurde die Kirche nicht leer. Tag und Nacht flehten die Bewo hner des Dorfes den Himmel um Hilfe an und hofften, der heilige Ritter Georg werde den Lindwurm töten. Doch der Helfer zeigte sich nicht. Es kam so weit, daß die Syrauer sich verpflichten mußten, dem Lindwurm täglich einen Menschen auszuliefern. Ein alter, kranker Mann gab freiwillig sein Leben dahin. Weil aber sonst niemand dazu bereit war, wurde gelost, wer das nächste Opfer sein sollte. Einige Leute hatten schon an den schrecklichen Tod glauben müssen, da fiel das Los auf des reichsten Bauern einzige Tochter. Sie war sehr beliebt im Dorf, und überall herrschte großer Jammer über ihr trauriges Schicksal. Das Mädchen hatte aber einen Bräutigam, der den Kopf nicht hängen ließ. Am nächsten Morgen führten die Syrauer das Mädchen auf die Straße hinaus. Aber wie staunten sie! Vom Walde her näherte sich ein Mann, der eine Heugabel trug und den schuppigen Leib des Lindwurms hinter sich her schleifte. Es war des Mädchens Liebster, der in der Nacht das Untier beschlichen und im Schlaf getötet hatte. Wie freute sich da ganz Syrau! -536-

Zum Gedächtnis an die wackere Tat des Burschen bauten die Syrauer eine Kapelle "Unserer Lieben Frau". Die Glocke, die damals in dieser Kapelle erklang, hängt noch heute im Glockenturm zu Syrau.

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Der Pumphut im Vogtland
In Sachsen und weit darüber hinaus erzählt man sich mancherlei Geschichten von einem wandernden Müllerknappen, den man "Pumphut" nannte. Auf seinen weiten Wanderungen zog der Bursche dem Wasser nach von Mühle zu Mühle. Wo es ihm gefiel, da blieb er, und für einen Schnaps machte er den Leuten allerlei ergötzliche Schwänke und spaßige Dinge vor. Nur wo man ihm absichtlich schlechte Kost vorsetzte oder ihn gar hungern ließ, spielte er den Leuten arge Streiche. Sonst war er ein harmloser Geselle. Wenn Pumphut an einen größeren Fluß kam, machte er sich einen Papierkahn, setzte sich hinein und fuhr hinüber. Elbe, Saale und Mulde hatte er auf diese Weise überquert. Zuweilen ritt er auf einer großen Heuschrecke durch die Luft. Bei Dresden setzte Pumphut einmal bei großer Windstille alle Windmühlen in Bewegung, indem er durch ein Nasenloch blies, während er das andere zuhielt. Einige Männer an der Saale verweigerten ihm das übliche Handwerksgeschenk. Diesen leitete er das Wasser ab. Wer ihn aber freundlich aufnahm, dem fehlte es nie an Wasser. Einst wanderte Pumphut im Vogtland an der Burkhardsmühle vorbei. Drin waren viele Gäste, und es ging gar lustig zu, denn ein neues Rad sollte gehoben werden. Das kam dem Pumphut gerade recht, denn einen guten Schmaus und einen festen Trunk hatte er allezeit gern. Er trat auch gleich in die Stube und setzte sich in eine Ecke. Der Müller dachte: " 's ist nur ein wandernder Mühlgeselle", und trug ihm ein Stück Brot auf und ein Glas Branntwein dazu, nicht eben vom besten. Pumphut verzehrte das Gebotene und trollte sich weiter. Als nun aber das Radheben angehen sollte; O weh, da war die Welle viel zu kurz - sie hatte doch eben erst aufs Haar gepaßt! -538-

Nun fiel den Gästen der wandernde Geselle ein, und es ging ihnen ein Licht auf. "Das wird der Pumphut gewesen sein!" meinte einer. "Lauft, was ihr könnt, und bringt ihn wieder her." Ein paar Leute machten sich gleich auf die Beine und sahen bald den Pumphut dahinwandern. Sie liefen, so rasch sie die Füße trugen, konnten ihn aber nicht erreichen. Endlich blieb er stehen und hörte auf ihr Rufen. Doch erst nach langem Bitten ließ er sich bewegen, wieder umzukehren. Ehe er aber in der Mühle ans Werk ging, aß und trank er sich einmal tüchtig satt. Dann ließ er sich zum Rad führen, besah die Welle von allen Seiten, klopfte mit seinem Hütlein dran herum, und, siehe da, auf einmal saß sie in dem Zapfen und paßte wie zuvor. Darüber war große Freude in der Mühle. Pumphut aber wanderte still von dannen und ward seither nicht mehr gesehen.

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Die Buschweiblein
Ein Bauer aus Spitzkunnersdorf pflügte einst gegen Abend noch auf seinem Felde, das am Fuße eines Hügels lag und sich bis an den Busch erstreckte. Da hörte er ein Geräusch und mehrere weibliche Stimmen. Als er sich umsah, dampfte der Gipfel des Berges und eine Menge Holzweiblein wimmelte umher, die backten Kuchen. Der Bauer bat, auch für ihn einen Kuchen zu bereiten. Und siehe da, als er am nächsten Morgen aufs Feld kam, fand er auf dem Raine neben seinem Acker den schönsten Kuchen. Oft ließen die Buschweiblein sich im Dorf blicken und suchten bei einem Bauern Unterschlupf. In Markneukirchen in der Mühle halfen sie tüchtig in der Wirtschaft mit. Sie trugen Wasser und Stroh herbei, stampften Viehfutter und halfen auch beim Füttern. Die Mägde waren froh über die Hilfe der Kleinen, dabei schenkten sie dann und wann ein Stück Brot und einen frischen Trunk. Einst wurde eine neue Magd aufgenommen. Diese fluchte und wetterte bei der Arbeit, daß den Holzweiblein Hören und Sehen verging. Von dieser Zeit an mieden die guten Geister die Mühle. Die Buschweibel, die in den Wäldern am Hohenstein zwischen Graslitz und Markneukirchen wohnten, kamen häufig in die Häuser und baten um Essen. Zum Dank schenkten sie den Leuten einen seltenen, kostbaren Stein oder eine heilkräftige Pflanze. In Steinbach bei Grumbach saß ein solches Buschweibel manch liebes Mal auf der Ofenbank und spann. Wenn es das Gespinst in die Stube warf, mußte man ihm zu essen geben. Bei einer Bäuerin unterhalb des Astberges sprach alle Tage ein Buschweiblein vor, ganz zerrissen und in Lumpen gehüllt. Das half der Frau bei der Arbeit. Wollte die Bäuerin melken, so tat das Weiblein mit und brachte immer mehr Milch als die -540-

Bäuerin. So ging es bei jeder Arbeit; aber das Buschweiblein sprach niemals ein Wort dabei. Wenn die Leute mit der Hausarbeit fertig waren, setzte sich das fremde Weiblein an den Spinnrocken und spann in ganz kurzer Zeit so viel, wie die Bäuerin in zwei Tagen kaum fertig brachte. Darüber freute sich der Bauer, denn sein Hausstand gedieh, so daß er bald seine Schulden bezahlen konnte. Jedesmal wenn es zum Mittag läutete, ging das Buschweibel wieder den Astberg hinauf und verschwand. Nun wollte die Bäuerin dem fremden Weiblein auch einmal eine Freude machen. Sie nähte ein Kleidlein von der selbstgesponnenen Leinwand und schenkte es ihm. Aber da wurde das Buschweiblein ganz traurig und kam nie mehr wieder - die Hilfskraft sollte unbemerkt bleiben!

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Die Elbjungfrau von Magdeburg
Vor einem halben Jahrtausend erschien in Magdeburg an den Markttagen immer ein Mädchen, das so wundervoll und lieblich war, daß jedermann glauben mochte, sie sei nicht irdischer Abstammung. Denn ihresgleichen gab es nirgends. Niemand kannte ihren Namen, noch ihre Herkunft. Sie war von hohem Wuchs, größer als alle anderen Frauen, und von ebenmäßiger Gestalt. Ihre Haare schimmerten goldglänzend und sahen seidenweich aus; sie reichten aufgelöst bis zu den Knöcheln hinab. Die Augen des Mädchens leuchteten wie blinkende Edelsteine. Sie trug gewöhnlich ein blausamtenes Kleid, ganz von der Farbe der blauen Elbflut, und über die Hüften war um das reiche Gewand eine goldgewirkte Schnur geschürzt, welche die Fülle der prächtigen Falten zusammenhielt. Ihr Leib war von einem schilfgrünen Mieder umschlossen, dessen Nähte mit Perlen besetzt und das mit einem Diamanten geschlossen war. Der Stein war so klar und durchsichtig, daß ihn viele Leute nicht für einen Edelstein, sondern bloß für einen Wassertropfen hielten, worin sich der Glanz der Sonne widerspiegelte. Ähnliche Diamanten, oder richtiger gesagt, perlende Wassertropfen, schmückten auch den Saum ihres Kleides. Dieses Mädchen tauchte stets allein auf dem Markt auf, es trug ein Körbchen am Arm, kaufte Obst, Brot und Fleisch und eilte dann wieder zum Stadttor hinaus, ohne daß man wußte, woher sie kam oder wohin sie ging. Die Burschen der Stadt Magdeburg, vornehm und gering, nahmen großen Anteil an dieser holden Erscheinung. Doch keinem gelang es, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Endlich wagte es doch einer von ihnen, als sie wieder einmal mit gefülltem Korb den Markt verließ, ihr durch das Stadttor zu -542-

folgen und sie anzureden. Sie blieb auch stehen, aber auf seine Frage, wer sie sei und ob er sie begleiten dürfe, gab sie ihm eine verneinende Antwort und bat ihn, er möge nicht mehr in sie dringen und sie ihres Weges ziehen lassen. Da sich der Jüngling aber nicht abweisen ließ und ihr viel von seiner heißen Zuneigung vorredete, gab sie zur Antwort, sie sei eine Nixe und wohne tief unten auf dem Grund des Elbstromes bei ihrem Vater und ihren Brüdern, für die sie auf dem Markt einkaufen müsse. Trotzdem ließ sich der Jüngling nicht abhalten, noch weiter in sie zu dringen und sie zu bitten, ihm ihre Liebe zu schenken. Er gelobte ihr auch, wenn sie seine Gattin werde, wolle er von der schönen Erde zu ihr unter die Wellen hinabsteigen und immer bei ihr bleiben. Die flehentlichen Bitten des jungen Mannes rührten die Jungfrau so sehr, daß sie ihm versprach, sie wolle ihre Eltern fragen, ob sie ihn mitbringen dürfe. Er möge genau achtgeben, wenn sie ins Wasser hinabgetaucht sei. Wenn nämlich ein Teller mit einem Apfel auf der Wasserfläche erscheine, dann sei alles gut, dann könne er ihr getrost nachspringen, sie werde ihn in ihren Armen auffangen und zu ihren Eltern und Brüdern führen. Färbten sich aber die Wellen rot, so sei es um sie geschehen und sie habe dann mit ihrem Leben das ihm gegebene Versprechen gebüßt. Denn ihre strengen Brüder hätten sie dann getötet. Noch einmal blickte das Mädchen den Jüngling zärtlich an, dann tauchte sie in die Flut. Schon nach kurzer Zeit wallte es im Strome auf, und das Wasser färbte sich weithin rot wie Blut. Da wußte der Jüngling, daß die Jungfrau von ihren Brüdern mit dem Tode bestraft worden war, und ging tiefbetrübt nach Hause. Die schöne Jungfrau aber wurde von diesem Tage an auf dem Markt nicht mehr gesehen.

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Die Geisterkatze von Magdeburg
Erzbischof Albrecht von Magdeburg, der Bruder Joachims I., hatte einen Kater, der Kurt hieß. Das Tier saß stets neben dem Bischof auf einem samtenen Polster am Tisch. Man setzte dem Kater das beste Fressen v nachts lag er vor dem Bett seines or, Herrn. Er war aber ein böser Geist. Doch das wußte niemand am erzbischöflichen Hof, auch seinem Herrn war es unbekannt, bis es endlich offenbar wurde. Eines Tages hatte der Bischof einen reitenden Boten abgesandt, der sich nach Erledigung von allerlei Geschäften verspätet hatte, so daß er die Nacht auf freiem Feld verbringen mußte. Der Mann band sein Pferd an einen Baum, legte sich daneben zur Ruhe nieder und befahl seine Seele unserm Herrgott. Kaum hatte er sich hingestreckt, schwirrte ein Schwarm Geister auf den Baum; diese stellten untereinander eine Umfrage an, was jeder von ihnen den Tag über aus gerichtet habe. Einer von ihnen aber wollte wissen, wieso es komme, daß der liebwerte Kurt des Erzbischofs heute ferngeblieben sei, ohne freilich hierüber Auskunft zu erhalten. Als die Gespenster mit großem Getümmel wieder abgezogen waren setzte sich der Bote aufs Pferd und ritt trotz Nacht und Dunkelheit weiter. Nach seiner Rückkehr fragte ihn der Bischof am Nachmittag, warum er sich verspätet habe. Nun erzählte der Mann alles, was er gehört hatte und wie sich die bösen Geister auf dem Baum nach dem Kurt erkundigt hatten. Da sprang plötzlich die Katze mit einem Ruck vom Polster in die Höhe und begann greulich zu fauchen und zu miauen, als ob sie den Boten ausschelten wolle. Dann fuhr sie mit einem Satz zum Fenster hinaus und hat sich nie wieder blicken lassen.

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Hexen in der Walpurgisnacht in der Lausitz
In der Walpurgisnacht, auch Walpernacht genannt, ging ein Wanderer bei Hermsdorf (in der Westlausitz) über einen Kreuzweg. Im hellen Mondschein sah er eine Hexe tanzen. Verwundert blieb er stehen und sah ihrem Spiel zu. Als ihn die Hexe gewahrte, schalt sie ihn: "Schau, daß du heimkommst, sonst kannst du was erleben!" Da entfernte sich der Mann. Mittlerweile war es so finster geworden, daß er nicht mehr die Hand vor den Augen sah. Deshalb bemerkte er auch den Wagen nicht, der auf der Straße stand, sondern stieß sich die Deichsel so unglücklich in den Leib, daß er der Verletzung erlag. Am Walperabend (letzte Aprilnacht) suchte man die Ställe gegen die Hexen zu schützen. Schon vorher befahl die Bäuerin der Magd: "Geh in den Wald und hole achterlei Holz, was nicht Baum heißt, das neunte aber muß ein Kreuzdorn sein. Von jedem bringe drei Zweige." Dann ging die Magd und holte Weide, Erle, Buche, Birke, Hasel, aber nicht Birnbaum, Kirschbaum oder ähnliches. Das Holz wurde zu einem Bündel geschnürt und auf den Küchenherd zum Dörren gelegt. Am Walpertag wurde vor Sonnenuntergang abgefüttert und am nächsten Morgen das Vieh vor Sonnenaufgang besorgt. Alle Türen mußten fest verschlossen und mit schwarzer Kohle drei Kreuzchen innen an jede Türe gezeichnet sein. Unten an die Schwelle aber legte man eine Sichel, ein Beil und einen Holunderstengel übers Kreuz. Dann holte die Bäuerin eine Pfanne mit glühenden Kohlen, warf das Bündel achterlei Holz drauf und verräucherte es. War alles getan, so schickte die Bäuerin die Magd nach Sonnenuntergang weg, damit sie zu drei Grundstücken gehe und eine Schürze voll Gras hole. Das war das erste Futter, das die Kühe am nächsten Morgen bekamen.

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Wurde das alles genau befolgt, so war der Stall gesichert und die Kühe gaben das ganze Jahr über reichlich Milch. Solche und ähnliche Geschichten über das Treiben der Hexe n in der Walpurgisnacht gehen noch zahlreich im Volke um.

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Sagen aus Schlesien

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Das 'Hoawiif' in Brüssow
Auf dem Domänenamt Brüssow im Kreis Prenzlau lebte einst eine alte, zänkische Wirtschafterin, die so geizig war, daß sie den Leuten nicht einmal das trockene Brot gönnte. Dazu behandelte sie die Mägde überaus hart und prügelte sie oft unbarmherzig. Einmal ertappte die Alte eine Magd beim Naschen und geriet darüber so heftig in Wut, daß sie das arme Mädchen mit einem schweren Schlüsselbund erschlug. Die Untat kam aber an den Tag, und das böse Weib wurde zum Tode verurteilt. Von dieser Zeit an wollte niemand mehr auf dem Gut wohnen; denn die Alte ging jede Nacht um und trieb zum Entsetzen aller einen greulichen Spuk. Bald hauste sie im Schweinestall, daß alle Schweine ängstlich grunzten und quiekten, bald rumorte sie im Hühnerstall herum, daß alles Federvieh in Angstgeschrei ausbrach; dann wieder lief sie, mit dem Schlüsselbund klirrend und fortwährend "Hoa! Hoa!" rufend, im Hause treppauf, treppab und durch alle Zimmer, daß den Hausbewohnern vor Furcht und Grauen die Haare zu Berg standen. Da kam eines Tages ein reisender Scharfrichter durch das Städtchen; dieser hörte von dem Spuk und erbot sich, gegen Entgelt den bösen Geist zu vertreiben. Als man in seine Forderung einwilligte, stellte er sich, einen Sack über der Schulter und einen Knüttel in der, Hand, des Nachts auf die Lauer. Sobald sich die Alte hören ließ, jagte er sie in den Sack und prügelte sie fürchterlich. Sodann warf er den Sack über die Schulter und trug den Spuk zur Stadt hinaus. Weitab an der Karmzower Grenze liegt ein kleiner, sehr tiefer See, der Ganznow. Dorthin brachte der Scharfrichter das "Hoawiif" und wies ihr den See und seine buschigen Ufer zum ewigen Aufenthalt an. -548-

Seither treibt die Alte dort am Ganznow ihr Unwesen und ängstigt und ärgert die Menschen auf mancherlei Weise. Und wehe dem, der harmlos zum Bade in den stillen, tückischen Ganznow steigt; das Hoawiif zieht ihn an den Beinen in die Tiefe, die Wasser schließen sich über den allzu Wagemutigen, und nicht einmal sein Leichnam wird von den düsteren Fluten des Sees freigegeben. So ist dies scheußliche Weib zur Strafe für ihre Übeltat auf ewig verurteilt, am Ganznowsee zu verweilen und sich ruhelos dort umherzutreiben.

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Das Bild in der weißen Kapelle zu Oberglogau
Auf dem Weg von Oberglogau nach Leobschütz liegt eine kleine weiße Kapelle. Der Wanderer, der dort eintritt, um zu beten, läßt seinen Blick wohl sinnend auf dem Altarbild ruhen. Eine Edelfrau mit ihren Kindern und Dienerinnen ist dort dargestellt. Sie sitzen in einem altertümlichen Reisewagen. Die wild sich bäumenden Pferde rasen vorwärts, vor ihnen schäumen die hochangeschwollenen Fluten eines Flusses. Über allen schwebt in den Wolken das Bild der Gnadenmutter. Früher lag dort, wo die Kapelle jetzt steht, ein dichter, dunkler Wald. Schlecht waren die Wege und schwankend die Brücken, die über den nahen wilden Fluß führten. Durch diesen Wald kam einst die Gräfin Oppersdorf mit ihren Kindern des Weges gefahren. Schon waren sie mit dem schweren Wagen auf den holperigen Wegen bis Mochau gelangt. Da kam, als sie eben den Ort hinter sich ließen, ein heftiges Gewitter heraufgezogen. Gerade bei dem Flusse, der von heftigen Regengüssen hoch angeschwollen war, scheuten die Pferde vor einem grell niederfahrenden Blitz. Sie rasten auf die Fluten zu und ließen sich weder durch Rufe, noch mit dem Zügel bändigen. Hilflos sah die Gräfin sich und ihre Kinder dem schrecklichen Tod des Ertrinkens preisgegeben. In ihrer Verzweiflung zuckte ihr ein rettender Gedanke durch den Sinn: Gelobe Maria, die dir schon so oft geholfen hat, ein Kirchlein, und sie wird dich auch diesmal nicht verlassen! - Und wie von unsichtbaren Händen gehalten, standen die Pferde plötzlich, ließen sich auf den Weg zurückleiten und zogen nun ruhig und sicher den Wagen dem nahen Schlosse zu. Verstört, aber wohlbehalten langten die Gräfin und ihre Kinder nebst den Dienerinnen in düsterer Nacht im Schlosse an. Der -550-

Graf empfing sie erleichterten Herzens. Denn er hatte alle schon lange erwartet und gefürchtet, daß ihnen ein Unglück zugestoßen sei. Nun erzählte ihm seine Gemahlin, wie sie tatsächlich in großer Lebensgefahr geschwebt seien und wie wunderbar sie die Muttergottes daraus gerettet habe. Auch daß sie ein Gelübde getan, dort ein Kirchlein zu bauen, teilte sie ihrem Gatten mit. Der Graf willfahrte dem Wunsch seiner frommen Gemahlin und ließ an der Stelle, wo die Pferde vor den Fluten stillhielten, eine Kapelle erbauen. Zur Erinnerung an diese wunderbare Rettung steht heute noch das Bild am Altar und zeugt von Gottes Macht und Güte.

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Der betrogene Teufel
Der Teufel machte sich früher oftmals auf Erden zu schaffen. Entweder suchte er durch Lug und Trug eine arme Seele für sein Höllenreich zu gewinnen oder er hatte sein Vergnügen daran, harmlose Menschen boshafterweise zu übertölpeln und ihnen so an ihrem irdischen Besitz Schaden zu tun. Manchmal allerdings ist der Teufel dabei auch an den Unrechten geraten und hat sich in seiner eigenen Schlinge gefangen. Einmal ging der Teufel an einem Feld vorbei, auf dem Kartoffeln standen, die gerade in voller Blüte waren. Boshaft wie er war, gedachte der dumme Teufel, ein gutes Geschäft zu machen und den Bauern, dem das Feld gehörte, ein wenig zu begaunern. Er ging also zu ihm und sagte: "Weißt du was? Ich werde dir soundso viel Gulden geben, wenn du mir die Hälfte von deinem Feld überläßt." Der Bauer war einverstanden und unterschrieb den Pakt. Der Teufel aber freute sich über die gute Beute, denn er hatte sich nach dem Unterschreiben all das ausbedungen, was über der Erde wuchs, und der Bauer hatte ja gesagt. Im Herbst machte der Teufel freilich ein langes Gesicht, als er für sich die welken Kartoffelblätter ernten konnte, während der Bauer grinsend die schönen Kartoffeln einheimste. Aber er wollte diesmal klüger sein und schlug dem Bauern einen neuen Vertrag vor. Danach sollte alles ihm gehören, was unter der Erde wachse, der Bauer aber dürfe das nehmen, was über der Erde reife. Der Bauer stimmte zu, säte aber für das kommende Jahr Korn. Als nun die Ernte kam, da hatte der Teufel wieder das Nachsehen. Er durfte die Wurzeln ernten, indes der kluge Bauer das Korn und das Geld einstrich. Darüber soll sich, der Sage nach, der Gottseibeiuns so grimmig geärgert haben, daß er sich seit dieser Zeit dort nicht mehr blicken ließ. -552-

Die Zwergenhochzeit auf Schloß Bünau
Die Schloßherrin auf Bünau lag einst ganz allein in ihrem Schlafgemach. Da sprang plötzlich die Tür auf, und ein kleines Männchen trat zu der Frau ans Bett und fragte bescheiden, ob sie erlauben wolle, daß die Zwerge hier in der Stube Hochzeit hielten; sie würden nicht viel Lärm machen und wenig Raum in Anspruch nehmen; sie wollten zufrieden sein, wenn sie sich nur unter dem Ofen aufhalten dürften. Die Öfen standen nämlich auf geschnitzten Reinen, so daß unter jedem ein hohler Raum war. "Ja, ja, kommt nur und haltet eure Feier!" erwiderte die Frau. Darauf zog das kleine Völklein mit Musikanten, mit dem Brautpaar und den Hochzeitsgästen in das Gemach, und alle aßen, tranken und tanzten unter dem Ofen. Als sie damit zu Ende waren, schritt das kleine Männchen wieder zur Schloßfrau ans Bett, bedankte sich höflich, gab ihr drei Brötchen und sagte : Solange die Brötchen im Besitz deiner Familie bleiben, wird es dir und allen deinen Nachkommen gut gehe n." Die Frau ließ die Brötchen im großen Turm des Schlosses einmauern, und es ist der Familie mehrere Jahrhunderte gut gegangen. Als der Turm aber bei einer Feuersbrunst zerstört wurde und die Brötchen mit verbrannten, änderte sich alles. Es ging der Familie immer schlechter, das Schloß verfiel und öde blickt es heute in die Lande.

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Die sieben Riesen im Spitzberge zu Schwiebus
Das Haus eines reichen Ratsherrn zu Schwiebus wurde einst vom Blitz getroffen; seine ganze Habe fiel dem ausbrechenden Brand zum Opfe r, so daß er nun als armer Mann dastand. Wohl borgten ihm die Schwiebuser Geld zum Bau eines neuen Hauses, aber ein Unglück kommt selten allein; er verdiente fortan so wenig, daß er nicht einmal die Zinsen des geborgten Geldes aufbringen konnte. Verzweifelt wanderte der Ratsherr eines Abends nach den Spitzbergen hinaus, wo er sein trauriges Leben beweinte. Aber während er mit düsterer Miene unter den "dunklen Bäumen dahinschritt, gebot ihm plötzlich eine mächtige Stimme halt, zugleich umlohte ein Feuerschein den Platz, wo er stand. Erschrocken sah sich der Unglückliche nach allen Seiten um. Wie erstaunte er aber, als er im Berg ein mächtiges Tor erblickte und eine wohl sechs Meter hohe Gestalt ihm winkte hineinzukommen. Er tat es. Drinnen fand er alles wohnlich und schön eingerichtet; zuletzt traf er in einem weiten Saal sechs ebenso große Gestalten, wie sein Führer war. Sie luden ihn freundlich ein, Platz zu nehmen, und als sie seine Erlebnisse gehört hatten, beschenkten sie ihn mit einem großen Sack voll Goldstücke, wohl an die vierhundert Taler. Von nun an glückte dem Ratsherrn wieder alles, was er unternahm; er besuchte noch oft seine Wohltäter, die ihn immer freundlich aufnahmen und nur zum Stillschweigen verpflichteten. Das hielt er denn auch; erst auf seinem Totenbette offenbarte er seinem Sohn, wie er zu seinem Reichtum gekommen war. Dieser aber war leichtsinnig und plauderte beim Leichenschmaus das Geheimnis aus. Sofort fühlte er von unsichtbarer Hand einen Schlag gegen seinen Kopf und sank tot zu Boden. -554-

Am nächsten Morgen aber erzählten die Bauern, sie hätten auf der Straße nach Norden sieben ungeheuer große gespenstige Männer gesehen, die schwer beladen klagend und jammernd fremdes Gut fortschafften.

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Die tapferen Weiber zu Gleiwitz
Tm Jahre 1626 wurde die Stadt Gleiwitz schwer belagert. Im August rückte Ernst von Mansfeld vor die Tore, mußte aber nach mehrtägiger Belagerung wieder abziehen. Daß bei der Belagerung der Stadt auch die Frauen wacker mitgeholfen haben, wird durch mehrere Berichte bestätigt, die Art und Weise ihrer Teilnahme ist allerdings sagenhaft ausgestaltet worden. Als die Schweden gegen die Stadt vorrückten, waren beide Tore verschlossen, mit Balken verrammelt und innen stark mit Dünger belegt, damit die Kugeln nicht durchdrängen. Auch die Seitenpforten waren gut versperrt. Als nun die Schweden einen Boten in die Stadt schickten, der beim südlichen Pförtchen Einlaß fand, bemerkte dieser auf dem Weg zum Rathaus in jedem Hausflur einige Tonnen mit Hirse, auf dem Ringe aber waren bewaffnete Männer versammelt, die dem Bürgermeister in Gegenwart des schwedischen Abgesandten mit mutiger Miene erklärten, daß sie sich nie ergeben würden, sie hätten Lebensmittel genug, und die Heilige Jungfrau Maria werde durch ihre Fürbitte bei Gott die Stadt beschützen und ihnen im Kampf beistehen. Nun begann der Angriff. Die Schweden brachten eine Menge Leitern an die Stadtmauer heran; als sie aber aufstiegen, wurde ihnen kochender Hirsebrei samt den irdenen Töpfen auf die Köpfe geschüttet, daß sie mit schrecklichen Brandwunden von den Leitern herabstürzten. Da sich die Bürger der Leitern bemächtigt hatten, versuchten die Feinde, von der Nordseite her der Stadt beizukommen, und zogen am Stadtwall beim weißen Tor vorbei. Vom Tor herab hat damals ein Bürger den Hauptmann der Schweden mit einem silbernen Rockknopf erschossen. Nun wurden die Schweden mißmutig; denn sie glaubten, daß die Gleiwitzer viel Lebensmittel hätten, und da sie auf eine -556-

lange Belagerung nicht eingerichtet waren, zogen sie nach wenigen Tagen ab. Nachdem sich die Feinde zurückgezogen hatten und die Tore wieder geöffnet waren, fanden sich versprengte Landbewohner ein und berichteten, was ihnen die Schweden erzählt hätten: über Gleiwitz sei eine leichte Wolke gestanden, und in dieser habe die Heilige Jungfrau gethront, die über die Stadt ihren großen Mantel ausbreitete; als sie aber beim Sturm auf die Städter schossen, sei die Gottesmutter auf der Mauer erschienen und habe mit ihrem Mantel die Verteidiger gedeckt, so daß keiner getroffen worden sei. In Gleiwitz herrschte nun große Freude. Man gelobte eine Wallfahrt zu unternehmen. Die Bürger verpflichteten sich hiezu durch Ablegen eines Eides in der Pfarrkirche. Dazu mußten die Eltern alle ihre Kinder mitbringen. Am Schluß des Eides mußten sie dann die Kinder bei den Ohren zupfen, und den Müttern war aufgetragen, ihren Säuglingen einen lauten Schrei zu entlocken, um dadurch anzuzeigen, daß es auch Gelöbnis der Kinder sei, diese Wallfahrt alljährlich zu wiederholen. An jener Stelle aber, wo der schwedische Hauptmann erschossen worden war, hat man mitten auf der Landstraße eine Säule errichtet, die erst 1820 beim Bau der neuen Landstraße abgetragen wurde.

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Die treue Bergmannsbraut
Lange ist es her, da lebte in einem Grubenort Oberschlesiens ein sehr schönes Mädchen, das einen Bergknappen von ganzem Herzen gern hatte; auch der junge Mann liebte die schöne Anna über alles. Zutiefst im Wald verborgen lag das kleine Dörfchen, und Schön- Annas Häuschen war das letzte im Ort. Oft saß sie in der Laube vor der Haustür und wartete auf ihren Franz. Sie harrte nie vergebens. Darüber war es Winter geworden und wieder Frühling. Vom Zechenhaus her rief das Schichtglöcklein die Knappen zur Arbeit. In langen Reihen zogen sie zum Schacht, die Grubenlampe vor sich herhaltend. Auch Franz sollte sich ihnen anschließen. Aber noch weilte er bei seiner Braut, wie zur Einfahrt ins Werk gerüstet mit Keilhaue und Lampe versehen. Anna empfand eine unerklärliche Angst, schien es ihr doch, als flackere die Lampe des Liebsten heute gar so trübe. Auch Franz fühlte sich bedrückt und fragte das Mädchen, wie von einer Ahnung ergriffen, ob es um ihn trauern würde, wenn ihn ein Unglück träfe. "Gott möge dich beschützen, Liebster!" rief sie erblassend. "Sollte es aber deine letzte Schicht sein, so will ich auch nicht mehr leben, und Gott möge unseren Seelen gnädig sein!" So schmerzlichen Abschied hatten sie noch nie genommen. In sonderbar ergriffener Stimmung eilte Franz den Kameraden nach. Doch als er hinab in die Tiefe fuhr, wurde er wieder fröhlich; denn er malte sich aus, wie glücklich er mit Anna sein werde. Als er dann allein am Werk saß, knisterte und raschelte es plötzlich um ihn herum, blaue Flämmchen stiegen auf und hüpften um ihn. Dumpfes Krachen ging durch das Gestein, ein banges Grauen ergriff ihn. Und auf einmal barst das "Gebirge", -558-

brach und stürzte zusammen, den jungen Knappen unter seinen Trümmern begrabend. Als der Abend sich niedersenkte und die Sterne am Himmel blinkten, zogen die heimkehrenden Knappen in langen Reihen an Annas Haus vorüber. Das Mädchen stand vor der Haustür, wartete und spähte, aber Franz kam nicht. Endlich trat ein alter Bergmann zu ihr und teilte ihr schonend mit, was in der Tiefe geschehen war. Da wurde das Antlitz des Mädchens weißer als der Schnee, und es schien, als wolle sie zusammenbrechen. Aber nur einen Augenblick. Dann rief sie: "Ich komme, Liebster!" und stürzte an den erschrockenen Knappen vorbei; geradewegs zum Schacht ging ihr Weg. Hier stand sie nur einen Augenblick, noch einmal zu den Sternen blickend und ihre Seele Gott empfehlend, dann verließen sie die Sinne; ohnmächtig stürzte sie zusammen und fiel unglücklicherweise in den Schacht. Es ist lange her, seit das geschehen ist - so erzählte eine alte Frau - aber die Seelen von Franz und Anna finden keine Ruhe, sie irren im Schacht umher, bis Gott sie dereinst heimruft. Oft hört man um Mitternacht ein Flüstern und Raunen im Gestein; wesenlose Gestalten, umwallt von weißen Schleiern, huschen an den erschreckten Knappen vorbei. Diese fahren dann schleunigst aus, sie wissen, es ist die treue Bergmannsbraut und ihr Liebster, die sie vor einem drohenden Unglück warnen. Immer erscheinen sie den frommen Knappen, wenn Gefahr in Verzug ist.

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Die wiedergefundene Glocke von Glatz
Vor vielen hundert Jahren gab es Krieg in Schlesien. Da vergruben die Bewohner von Glatz eine Kirchenglocke auf den Compturwiesen. Nach dem Krieg vergaß man sie. Auf diesen Wiesen hütete in späterer Zeit ein Hirt die Schweine. Als er eines Tages die Herde eintrieb, blieb, ohne daß er es beachtete, ein Schwein auf der Wiese zurück. Tags darauf führte der Hirt sein Borstenvieh auf den gleichen Weideplatz. Da bemerkte er, daß das zurückgebliebene Tier den Boden tief aufgewühlt hatte. In der dadurch entstandenen Vertiefung konnte man den oberen Teil einer Glocke erkennen. Nun erinnerte man sich an die seinerzeit vergrabene Glocke. Freudig gruben die Glatzer Bürger sie vollends aus und führten sie in die Stadt zurück. Aber kein anderes Zugtier als ein Stier vermochte den Wagen zu ziehen, der unter Jubel von der Bevölkerung empfangen wurde. Zur dankbaren Erinnerung an dieses freudige Begebnis hing man in der Pfarrkirche zu Glatz einen Ochsenkopf auf. Die Glocke aber sandte ihre Töne von nun an wieder von der Stelle ins Land, wo sie vor so vielen Jahren erklungen war.

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Erlösung eines Ritters und einer Jungfrau in Neudorf
An der Straße, die von Neudorf über den Übersprung nach Oppeln führt, stand früher ein Gasthaus, in dem durchfahrende Fuhrwerksleute einzukehren pflegten. Die Gastwirtsfrau hatte einen bösen Mann, dessen Seele eines Tages der Teufel holte. Steif und starr blieb der Leichnam plötzlich auf der Diele liegen. Die erschrockene Frau sandte sofort nach dem Arzt. Als dieser eintraf, lag noch ein zweiter Toter da. Keiner wußte, wie er dahingekommen war. Die Leute bemerkten aber bald, daß er einen Pferdefuß hatte und es der Teufel selbst war. Sie gingen dem Satan mit Weihwasser und Kreuz zu Leibe, da verwandelte er sich in einen Strohhalm. Die Wirtin ließ nun ihren toten Mann begraben und führte die Wirtschaft allein weiter. Mit der Zeit stellten sich viele Männer ein und begehrten sie zur Frau; denn sie war sehr reich. Sie aber sagte: "Um meines Josel willen (ihres Sohnes) heirate ich nicht mehr." Eines Tages erschienen ein paar übel beleumundete Burschen in der Schenke und bedrängten die Frau mit Anträgen. Die Wirtin aber wies sie ab: "Gebt euch keine Mühe, ich habe mein Kind und bleibe dem Josel zu Liebe, was ich bin. " Da wurden die Burschen wütend und wollten die Frau erschlagen. Doch sie bat, man möge sie um des Josels willen am Leben lassen. Die beiden Burschen mochten wohl auch vor einem Mord zurückzuschrecken, darum heckten sie einen anderen Plan aus, um sich in den Besitz der Schenke zu setzen.

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"Gut", riefen sie der weinenden Frau zu, "wir schenken dir das Leben, aber nur unter der Bedingung, daß du in der Nacht um zwölf Uhr in das Dorf gehst und das Gerippe, das dort vor der Kirche steht, von seinem Platz hebst." Dieses Knochengerippe stand in schlechtem Ruf: es waren die Überreste eines Ritters, der eine Jungfrau betrogen und verraten hatte und zur Strafe dafür noch nach seinem Tode vor der Kirchentüre stehen mußte, solange, bis ihn jemand erlöste. Das Gerippe war aber versteinert, und niemand konnte es vom Platz rücken oder heben. Die beiden Burschen hofften, die Frau werde vor Furcht sterben, wenn sie des Nachts das Gerippe anfassen müsse. Sie wollten dann die Schenke übernehmen und den kleinen Josel zum Knecht machen. Als die Wirtin ihrem Ansinnen nicht nachkam, hörten sie nicht auf, die Frau zu quälen, indem sie ihr drohten: "Wir erschlagen deinen Josel, wenn du nicht tust, was wir verlangen. " In ihrer Not gab sie endlich nach: "Es ist wohl Sünde, was ihr von mir verlangt, aber um des kleinen Josels willen werde ich es tun." Sie empfahl ihr Kind dem Schutze Gottes und machte sich auf den Weg. Während des Gehens betete sie: "Verzeih mir, Gott, wenn ich unrecht handle, ich tue es um meines Josels willen. " Nach langer Wanderung kam die Frau zur Kirche. Das Gerippe stand vor der Tür und leuchtete grell in der stockfinsteren Nacht. "In Gottes Namen denn", seufzte die Frau und faßte das Gerippe. Und das steinerne Knochengerüst, das bisher noch niemand hatte von der Stelle rücken können, gab nach, herzhaft nahm sie es auf den Rücken und trug es betend um die Kirche. Als sie es aber auf den alten Platz stellen wollte, umschlang das Gerippe sie mit seinen Knochenarmen und raunte ihr hohl in -562-

die Ohren: "Ich erwürge dich, wenn du mich nicht in die Kirche trägst und dreimal mit mir um den Altar gehst." Die arme Frau erschrak heftig, aber es blieb ihr keine Wahl. "Um meines Josels willen folge ich dir", stöhnte sie ergeben und trug das Gerippe in die Kirche. Bei ihrem Eintreten erhob sich ein eisiger Wind, der in der Kirche wild herumfegte und alle Bänke durcheinanderwarf. Die Frau ahnte die Nähe des bösen Geistes und trug zitternd unter beständigem Beten das Gerippe um den Altar. Hinter diesem stand ein schwarzer Sarg, in dem eine Jungfrau aufrecht saß, die in einem Buche las; auf dem Kopf trug sie einen Kranz von schwarzen Rosen. Immer heftiger tobte der Sturm, er fauchte und raste in alle Winkel und wehte der geängstigten Frau kalt ins Angesicht. Aber sie ließ sich trotzdem nicht beirren und legte mit dem Gespenst auf dem Rücken den Weg um den Altar dreimal zurück. Als sie das drittemal vor der Jungfrau stand, erglänzte diese in weißem Licht und streckte sich aus, der Sargdeckel fiel über ihr nieder. Gleichzeitig wurde der Ritter auf dem Rücken der Witwe immer leichter und leichter, bis nur mehr ein Häufchen Asche übrig blieb. Der Sturm in der Kirche legte sich, und der Mond ging auf. In Schweiß gebadet, trat die Witwe den Heimweg an. Zu Hause traf sie die Burschen, wie sie sich über die Tische und Bänke lümmelten; denn sie glaubten sich schon im Besitz der Wirtschaft, da die Frau drei Tage weggewesen war. Als sie nun gesund und heil bei der Tür hereintrat, fielen die beiden Gauner vor Schreck zu Boden. Die Witwe aber lebte nun mit ihrem Josel in Frieden und wurde sehr alt. Die Schenke stand noch mehr als hundert Jahre; ein Blitzstrahl hatte sie schließlich eingeäschert.

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Petrus und der Teufel
Sankt Petrus traf eines Tages bei einer Wanderung auf Erden den Teufel, der ihm seine Begleitung antrug. Petrus wies ihn nicht ab. So zogen sie denn gemeinsam durch die dichten Beuthener Wälder vom Morgen bis zum Abend und kamen schließlich in ein Dorf. Der Weg zweigte hier nach zwei Seiten ab. Von einer Seite her hörte man Kinder weinen, von der anderen scholl lustige Tanzmusik. Petrus fragte den Teufel: "Wohin sollen wir unsere Schritte lenken? " "Natürlich zur Tanzmusik", erwiderte der Satan. Nun gingen sie der Richtung nach, aus der die Tanzmusik erklang, und fanden ein Gasthaus, das voller Menschen war. Der Wirt aber hatte kein Quartier für die beiden. "Wir feiern Kirchweih heut, wollt ihr oben auf dem Zigeunerofen schlafen, dann meinetwegen", sagte er und wies auf den mächtigen Ofen, der in der Schankstube stand. Die beiden Wanderer waren einverstanden und kletterten auf den Ofen. Der Teufel zupfte Petrus am Rock und bat : "Laß mich vorne liegen und lege du dich hinten hin. Du bist müder als ich. Ich möchte noch ein bißchen zusehen. " Petrus tat ihm den Gefallen, nahm seinen Rosenkranz und betete; der Teufel aber erfreute sich an der Lust der tanzenden Bauern. Diese stampften die Dielen und schrien: "Juchhuhu, juchhuhu...!" Auf einmal entstand aus irgendeiner Ursache ein Streit unter ihnen. Es dauerte nicht lange, und die schönste Schlägerei war im Gang.

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Der Teufel hatte seine Freude daran, klatschte in die Hände und schrie: "So ist's recht, immer zu, immer zu! " Das hörte ein Bauer, der gerade seine Hände frei hatte, und rief: "Was schreist du da oben immer zu, na warte..." Mit einem Satz holte er sich den Teufel vom Ofen herunter und prügelte ihn windelweich durch. "So, nun hast du dein 'Immer zu'!" Der Teufel kroch stöhnend auf den Ofen und ächzte: "Petrus, ich hab, nun schon genug gesehen, leg du dichjetzt einmal vorne hin!" Petrus lächelte ein wenig und erfüllte ihm den Wunsch. Inzwischen hatten sich die Bauern wieder versöhnt, tanzten und riefen von neuem: "Juchhuhu, juchhuhu!" Das ging so eine Weile fort. Die Dielen zitterten, die Fenster klirrten von dem Gestampfe der Tänzer, und der Jubel hatte seinen Höhepunkt erreicht. Da stieß einer der Tanzenden an den anderen an, daß er hinfiel. Dieser sprang auf und tobte zornig: "Ein Bein willst du mir stellen, na warte, du Lump!" Bald gab es wieder eine wüste Prügelei. Der Teufel duckte sich und muckste sich nicht. Nachdem die Bauern sich gehörig braun und blau geschlagen hatten und keine Lust mehr verspürten, sich weiter zu unterhalten, meinte einer, sich nach allen Seiten umsehend: "Nun haben sie alle etwas abbekommen! " "Nein", rief ein anderer, "der dort hinten auf dem Ofen liegt, hat noch nichts bekommen. " Da holten sie den Teufel zum zweitenmal herunter und verprügelten ihn, daß es eine Lust war. Ganz zerschlagen kletterte er endlich wieder heulend auf den Ofen und sagte unter Tränen zu Petrus: "Das nächstemal wollen wir doch lieber dorthin gehen, wo die Kinder weinen. "

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Rübezahl-Legenden
Im Riesengebirge wissen die Leute von mehreren Orten zu erzählen, die nach dem Berggeist benannt sind. Da ist Rübezahls Garten, in dem wertvolle Heilkräuter wachsen. Rübezahl wacht sorgfältig über sie und hat schon manchem Wurzelsammler oder gelehrten Botaniker übel mitgespielt, der in seinen Bereich eingedrungen ist, um kostbare Kräuter oder Wurzeln zu holen. Dann trifft man Rübezahls Schatzkammer, seine Kanzel, seine Kegelbahn, seinen Teich, seinen Rosengarten. Dieser hat eine aus Felsblöcken aufgemauerte, kreisrunde Einfriedung. Von seiner Entstehung erzählt man: Eine Komtesse wurde von einem Bären angefallen, aber durch einen Jäger gerettet. Sie verliebte sich in den Jäger. Da aber zwang sie ihr Vater, ins Kloster zu gehen. Aus Gram darüber starb der Jäger. An der Stelle, wo er begraben wurde, legte darauf die Komtesse den Rosengarten an. Viele fremde Leute kamen ins Riesengebirge, besonders Venetianer, um Gold oder wertvolle Metalle zu suchen. Wenn sie die Schätze nicht auf natürliche Weise erlangen konnten, suchten sie sie durch Zauberkünste und Teufelsbeschwörungen vom Berggeist zu erzwingen. Aber sie mußten seinen Zorn in schrecklicher Weise spüren: unter gewaltigem Donnern und Blitzen wandte er sich gegen sie, und oft konnten sie nur mit Müh, und Not unter großem Schrecken ihr Leben retten. Rübezahl aber zeigt sich auch als gutartiges Wesen. Ein Bauer war einst in große Geldnot geraten. In seiner Bedrängnis wagte er es, sich an Rübezahl zu wenden. Er wanderte ins Gebirge, um den Berggeist aufzusuchen. Dieser erschien dem Bauern und fragte ihn was sein Anliegen sei. Darauf antwortete der Bauer: "Ich möchte den Beherrscher des Riesengebirges untertänigst bitten, ob er mir nicht etwas Geld vorstrecken wollte." "Gern", erwiderte der Berggeist, "wieviel brauchst du denn eigentlich? " -566-

Darauf der Bauer: "Großmächtiger Herr, könntet Ihr mir hundert Taler borgen? Ich will sie Euch als ein redlicher Mann übers Jahr hier wieder zustellen. " Hierauf entfernte sich Rübezahl und kam nach einem Weilchen wieder zurück. Er brachte einen Beutel mit vielem Geld, das er dem Bauern lieh. Nach einem Jahr erschien der Bauer von neuem im Gebirge, am gleichen Ort wie im Vorjahr. Dort traf er einen Mann, der ganz anders aussah als jener, der ihm das Geld geliehen hatte. Daher stutzte der Bauer und war nicht sicher, ob es Rübezahl sei. Auf die Frage des Mannes: "Wo willst du denn hin, Bauer?" antwortete er daher "Ich wollte zum mächtigen Herrn des Riesengebirges und ihm, wie ausgemacht, die Taler zurückbringen, die ich im Vorjahr von ihm geliehen bekam. " Darauf erwiderte der verkleidete Geist: "Mein lieber Bauer, der Rübezahl ist schon lange tot; geh mit deinem Geld wieder nach Hause und behalte es." Wer war da fröhlicher als unser Bauer! Gerne trieb Rübezahl mit den Le uten seinen Schabernack. Oft, wenn jemand sich im Walde nicht gut auskannte, begleitete er, als Mönch verkleidet, den Wanderer ein Stück Weges. Im Gespräch bemerkte er dann, der andere könne sich auf ihn verlassen, denn er kenne sich hier im Wald gut aus. Wenn er den Fremden dann auf einen Seitenpfad geführt hatte, von dem aus man sich schlecht zurecht finden konnte, verschwand er plötzlich über die Äste der Bäume und lachte spöttisch. Das klang dann wie das Krächzen eines Raubvogels, der im einsamen Wald plötzlich in die Höhe fliegt, wenn unverhofft ein Wanderer in seine Nähe kommt. Öfters hat Rübezahl arme Leute reich und glücklich gemacht. Einer armen Kräutersammlerin, die sich verirrt hatte, half er auf den richtigen Weg, nahm aber die Kräuter, die sie i Korbe m hatte, heraus und legte ihr Baumblätter hinein. Doch die Frau -567-

fand später wieder die gleichen Kräuter und warf die Baumblätter weg. Einige davon aber waren am Korb hängen geblieben. Als sie dann nach Hause kam, waren alle diese Blätter aus feinem Gold. Gleich ging die Frau in den Wald zurück, um die weggeworfenen zu suchen, fand sie aber nicht mehr. Doch schon die wenigen, die ihr verblieben waren, machten sie reich. In alter Zeit hat man den Rübezahl voll Ehrfurcht angeredet: Domine Johannes. Leute, die höher oben im Gebirge wohnen, wissen dies noch und vermeiden auch heute die dem Berggeist verhaßte Benennung : Rübezahl, die als Spottname gilt - und wohl keineswegs ein harmloser Spott ist. Dem Herrn Johannes hat man zur Zeit der Sommersonnenwende schwarze Hähne geopfert.

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Von den Irrlichtern bei Alt-Bielitz
Bei Alt-Bielitz war ein Sumpf, in dem es früher sehr viel Irrlichter gab. Über sie erzählte ein Mädchen: "Die Irrlichter waren so kleine Dingerchen, und wir haben ihnen oft vom Fenster aus zugesehen. Manchmal war das sehr schön, besonders wenn sie getanzt haben, zu zweien, zu dreien und manchmal auch ein ganzer Kreis. Aber diese Lichter sind noch schlimmer als die Menschen; denn sie, können niemals im Frieden auseinandergehen, und immer hat es eine Rauferei unter ihnen gegeben. Das ist dann schrecklich gewesen. Man hat nur die kleinwinzigen Lichtlein auf einem Knäuel beisammen gesehen; sie sind aufeinander losgefahren, und manchmal hat man einen lauten Schrei gehört, und eins der Lichtlein ist verlo schen. Daraufhin sind gewöhnlich die andern Lichter auf und davon geeilt und es ist eine Weile still gewesen, bis sie wieder zusammengekommen sind." Bei einem Bauern stand ein Kuhhirt im Dienst, den hatte es in allen Fingern gejuckt, die Irrlichter einmal zu ärgern. Eines Abends, gerade als die Lichtlein so schön tanzten, stellte er sich vor die Haustür hin und pfiff ihnen. Da mußte er sich aber beeilen, denn im Hui waren die Irrlichter allesamt vor dem Haus. Sie tobten und schrien, daß den Leuten drin angst und bange wurde. Die halbe Nacht konnten sie nicht schlafen, und kein Mensch wagte sich auch nur einen Schritt aus dem Haus, ein solches Getobe gab's draußen. Der Kuhhirt traute sich von da an niemals mehr am Abend ins Freie hinaus, sondern blieb nunmehr im Hause hocken; denn er wußte, es würde ihm schlecht ergehen, wenn die Irrlichter ihn erwischten. Ja, spaßen durfte man mit den Irrlichtern nicht, aber auch ihnen nachzugehen war gefährlich. Da wäre es einem -569-

Musikanten einmal beinahe schlecht ergangen. Dieser war auf dem Heimweg von der Wilmesauer Kirchweih. Plötzlich stieß er auf ein Irrlicht, das ihn in eine falsche Richtung ablenkte. In seiner Not zog der Musikant seine Fiedel heraus und begann ein geistlich Lied zu spielen. Und wirklich führte ihn das Irrlicht jetzt auf den rechten Weg. Sobald aber das Lied zu Ende war und der Spieler die Fiedel wieder einstecken wollte, geriet das Irrlicht in Zorn, gab dem Mann Rippenstöße und Ohrfeigen und führte ihn ans Wasser, so daß er es vorzog, wieder zu geigen. Stieß er dabei auf ein weltliches Lied, so bekam er den Ärger des Irrlichts sofort wieder zu spüren; drum durfte,er den ganzen Weg nur geistliche Lieder spielen, bis er endlich aufatmend daheim war.

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Sagen aus Schleswig-Holstein

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Das Haus mit neunundneunzig Fenstern bei Witzwort
Bei Witzwort in Nordfriesland freite einst ein armer junger Bauer um die reiche Nachbarstochter; auch das Mädchen sah den Burschen gern, aber ihrem Vater war er zu arm. Da verschrieb sich der Junge dem Teufel, der sollte ihm in einer Nacht bis zum Hahnenschrei ein Haus mit hundert Fenstern dafür bauen. Als aber der Bau dann so grausig schnell in die Höhe wuchs, lief der Arme in seiner Angst zu den Frauen ins Nachbarhaus. Doch des Mädchens Mutter, die zu den beiden Liebesleuten hielt, wußte Rat. Sie eilte in den Hühnerstall und weckte den Hahn, daß er laut zu krähen anfing. Nur mehr ein Fenster fehlte an dem Bau, als der erste Hahnenschrei ertönte. Wutentbrannt fuhr der Teufel zur Hölle; denn er hatte das Spiel verloren. So steht der Bau noch heute mit seinen neunundneunzig Fenstern, ein schöner, großer Hof, er heißt der rote Hauberg. Die hundertste Scheibe hat man oft einzusetzen versucht, aber sie ist immer wieder zerbrochen.

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Der Bau der Laurenzi-Kirche auf der Insel Föhr
Vor vielen, vielen Jahren gab es gewaltig große Menschen, Hünen oder Riesen genannt. Vereinzelt findet man auf der Geest, Steinreste von ihren Grabkammern. In der flachen Marschlandschaft rühren die seltenen Hügel meist von ihren Gräbern her. Als auf Föhr die Laurenzi-Kirche gebaut werden sollte, konnten sich die Bewohner der Insel lange nicht über den Bauplatz einigen. Endlich beschlossen sie, daß der Kirchweg von allen Dörfern gleich lang sein solle. Man suchte also einen Platz zwischen Süderende und Klein- Dunsum und fing an, dort die Kirche zu errichten. Doch was die Bauleute bei Tag aufstellten, das rissen zwei Riesen in der Nacht wieder ab. Sie holten sich die mächtigen Feldsteine, aus denen man die Kirche bauen wollte, und trugen sie mit Leichtigkeit auf ihren A rmen in die Heide südlich von Süderende hinaus und bauten hier nach ihrem Plan die Kirche auf. Als der Bau fast vollendet war und nur noch die letzten Ziegel auf dem Dach fehlten, gerieten die Hünen miteinander in Streit, indem sie bequem zu beiden Seiten des Kirchenschiffes knieten. Anfangs war die Sache recht harmlos, da sie sich über die Kirche hinweg nur bei den Haaren zausten. Als sie aber aufsprangen und einander packten, da hätten sie beim Ringen fast den ganzen Bau wieder umgestoßen. Zum Glück aber dauerte der Kampf nicht lange, denn beide brachten einander tödliche Wunden bei. In zwei großen Wällen östlich der Kirche, die man Riesenbetten nennt, sollen sie begraben sein. Die Kirche, an der die Riesen gebaut hatten, konnte man jetzt mit leichter Mühe fertigstellen, und als man die Entfernung nach den einzelnen Ortschaften ausmaß, da fand man, daß die beiden -573-

Riesen den besten Platz gewählt hatten; denn von dem ersten Bauplatz wäre der Weg nach Hedehusum und Utersum doch zu weit gewesen.

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Der Geist auf Blangenmoor
Auf Blangenmoor bei Eddelak in Süderdithmarschen wohnte vor vielen hundert Jahren ein reicher Bauer namens Buhmann, der zugleich Landmesser war. Der Mann führte ein ruchloses Leben, hatte einen Meineid geschworen, als Armenvorsteher Geld unterschlagen, hatte Land falsch abgemessen und sonst noch allerhand üble Taten verübt. Deshalb fand er nach seinem Tod keine Ruhe im Grab und mußte als Geist auf Erden umherirren. Die Nachbarn konnten nicht schlafen, denn Nacht für Nacht rumorte der Geist in seinem früheren Hause umher. Da riefen sie den Pastor Hellman aus Marne zu Hilfe. Dieser verstand sich darauf, Geister zu bannen. Buhmann erklärte sich auch bereit, aus dem Hause zu weichen, nur bat er, ihn aufs trockene Land zu verweisen und nicht auf die Watten ins Haff. Denn von dort könne man niemals wieder zurückkommen. Der Pastor gewährte diese Bitte und verwies ihn auf die große Heide auf der Geest, wo sich noch viele andere Geister aufhielten. Dort sollte Buhmann einen bestimmten Platz ausmessen. Alle sieben Jahre durfte er um einen Hahnentritt seinem Hause näher kommen. Eben langte der Geist an dem Ort seiner Verbannung an, als ein Bauer von Helserdeich bei Marne mit einer Fuhre Torf von der Geest herunterkam. Buhmann sprang gleich hinten auf. Der Wagen wurde dadurch sehr schwer. Nur mit Mühe kam der Bauer nach seinem Hof. Buhmann aber begann sein Poltern wie früher, ja, er trieb,s noch viel ärger. Man rief wieder den Pastor, der ihn abermals auf die Heide verbannte. Aber der Geist floh nun auf einer Henne nach dem Fahrstedter Deich. Das konnte er, weil der Pastor ihn draußen auf dem Felde zur Rede stellte, was er nicht hätte tun sollen. Doch nicht lange darauf ertappte der Pastor den Geist Buhmanns abermals, und zwar in einer -575-

Wohnstube, und fragte ihn, wie er sich habe unterstehen können, zurückzukehren. Buhmann antwortete, er sei zu Wagen heruntergekommen, das Fahren sei ihm ja nicht verboten gewesen. Da drohte der ergrimmte Pastor, ihn ins Haff zu bannen, wo niemand ihn wieder erlösen würde. Der Geist wurde jetzt frech und versuchte zu zeigen, daß der Pastor auch ein großer Sünder sei: einmal habe er drei Roggenähren abgerissen. Der Pastor antwortete, das sei unversehens mit den Schuhschnallen geschehen, als er durch ein Feld ging. Dann beschuldigte ihn der Geist, daß er einmal einem Bäcker einen Stollen genommen habe, ohne zu bezahlen. Aber der Pastor erklärte, er habe das Geld dafür gleich nachher in die Bäckerei gebracht. "Aber", sagte der Geist, "du hast einmal ein Mädchen geküßt, wozu du kein Recht hast." Der Pastor entgegnete: "Das geschah aus wirklicher Liebe." Nun wußte der Geist nichts mehr vorzubringen, und der Pastor bannte ihn ins Haff und gab ihm auf, den Sand auf den Watten zu zählen. Könnte er einmal damit vor Mitternacht fertig werden, dann solle er frei sein. Draußen im Haff, wo Buhmann umgeht, hausen noch andere Geister, die dorthin verbannt wurden. Die armen Fischer, die auf den Butt- und Krabbenfang ausgehen, sehen sie da oft umherschweben. Den Buhmann, den die Fischer Juchen Knoop nennen, sehen sie meistens an lebensgefährlichen Tiefen stehen. Nähert sich jemand dem Geist, so weicht dieser immer weiter zurück an noch gefährlichere Stellen. Folgt ihm der unvorsichtige Fischer, so läuft er Gefahr, im Schlick und Sand zu versinken, und dann kommt die Flut, und er muß ertrinken. Doch manchmal ist Buhmann auch gutartig: einen Fischer, der an der fallenden Sucht litt und einmal von diesem Übel heimgesucht wurde, als er draußen stand, während gerade die -576-

Flut herankam, trug Juchen Knoop ans Land zurück und rettete ihn so vor dem sicheren Tode. Ein anderes Mal, als unerwartet schnell eine Sturmflut heranbrauste und ein Außendeichshirte sein Vieh nicht mehr rechtzeitig zurücktreiben konnte, rief der verzweifelte Hirt: "Juchen Knoop, Hal uns dat God tohop!" Und wirklich erschien der Gerufene, und im Nu war alles Vieh geborgen. Auch sonst ist Buhmann den Hirten in mancherlei Gefahren beigestanden. So muß der verbannte Geist schon Jahrhunderte sein verdientes Los tragen, und die Menschen am Haff haben es bald zu ihrem Nutzen, bald zu ihrem Schaden am eigenen Leib zu spüren bekommen.

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Der Schimmelreiter vom

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Eidelstedter Deich
Vor langen Jahren setzte in Friesland nach einem strengen Frost im Februar plötzlich warmes Tauwetter ein. Dazu gesellte sich ein furchtbarer Nordwest, der grimmige Wogen und gewaltige Eismassen gegen den Eiderstedter Deich trieb. Die Küstenbewohner; sahen voll Angst dem kommenden Unglück entgegen. In der Nacht war der Deichgraf auf seinem Schimmel mit den Deichleuten zu einer gefährdeten Stelle am Deich geritten und gab ruhig und wohlüberlegt seine Befehle. Aber wenn auch viele fleißige Menschen rastlos arbeiteten, um einen Deichbruch zu verhindern, so mußte der Deichgraf schließlich doch erkennen, daß alle Mühe auf die Dauer vergeblich sein werde. Er befahl, in einiger Entfernung den Deich zu durchstechen und die Wogen einzulassen, damit größeres Unheil verhütet werde. Die Deichleute waren starr vor Entsetzen und weigerten sich, seinem Befehl nachzukommen. Da fuhr sie der Deichgraf zo rnig an: "Ich trage die Verantwortung, ihr habt zu gehorchen. " Mürrisch führten die Leute nun den Befehl aus; als aber die See brausend durch den Deich brach und immer größere Landflächen bedeckte, flammte der Zorn der Menge auf, und man bedrohte den Deichgrafen mit schrecklichen Verwünschungen. Dieser aber gab seinem Schimmel die Sporen, Roß und Reiter stürzten in die Flut und wurden nicht mehr gesehen. Bald schlossen mächtige Eisschollen den Durchstich, auch legte sich der Sturm, und die Wasser traten langsam zurück. Später haben nächtliche Wanderer einen Reiter auf einem Schimmel aus dem Bruch hervorkommen sehen. Das ist der Deichgraf, der noch immer in stürmischen Nächten den Deich entlang reitet, als wolle er die Menschen vor einem nahen Unglück warnen. -579-

Der Wassermann in der Mühle zu Steenholt
In Steenholt lebte einmal ein Müller, der das Unglück hatte, daß ihm alle sieben Jahre seine Mühle abbrannte, immer am gleichen Tag, und zugleich wurden jedesmal auch alle Leute getötet, die sich in der Mühle aufhielten. Nun kam eines Tages ein Müllergeselle daher, der gerne Arbeit haben wollte; doch der Müller meinte warnend, er könne ihm keine Arbeit geben; in zwei Tagen sei es gerade sieben Jahre her, daß seine Mühle niedergebrannt sei, und an diesem Jahrestag werde sie wieder abbrennen. Der Geselle schlug vor, der Müller möge ihm die Mühle schenken, dann werde sie nicht abbrennen. Der Herr erwiderte: "Dat könnt wi versöken. Wenn em de Möl nich upbrennt, so will ik se em schenken, un min Dochter sall he darto hebben!" Als nun die Nacht anbrach, blieb der Müllergeselle ganz allein in der Mühle und verriegelte Fenster und Türen. Schlag zehn Uhr klopfte es an die Tür. Der Müllergeselle wollte niemand einlassen und rief: "Hier wart hüt Nacht allens umbröcht, wat in de Möl is; blif du man buten. " Der Mann draußen widersprach: "Lat he mi man in; kann sin, ik kann hüt Nacht sin Retter warren. " Der Geselle ließ also den Fremden ein und nötigte ihn zu Tisch. Und wie er dann Licht machte, sah er einen Mann eintreten, der einen großen Bären bei sich hatte. Nun schlug es Mitternacht. Da sprang plötzlich die Tür auf und der Waterkärl (Wassermann) tappte herein, splitternackt, und warf zwei große Fische auf den Tisch; diese sollten sie ihm kochen. Sie brachten die Fische also ans Feuer und fingen an, sie zu kochen. Sobald sie gar waren, meinte der Mann mit dem Bären: "Nu mütt ik min Gesellen da ok mit to nödigen", und nahm dem -580-

Bären den Maulkorb ab. Der Bär wollte nun mit dem Wassermann essen, aber dieser war damit nicht einverstanden. Nun begann der Bär mit dem Wassermann zu raufen, kratzte und biß ihn und wurde seiner Herr, so daß der ungebetene Gast zuletzt blutend wieder zum Fenster hinaus mußte. In dieser Nacht brannte die Mühle nicht ab. Der Müllergeselle heiratete die Müllerstochter und bekam die Mühle dazu. Als nun die sieben Jahre um waren, ging der Müllerknecht einmal am Mühlteich spazieren. Plötzlich steckte der Waterkärl den Kopf aus dem Wasser und fragte: "Hest du de grote Katt (Katze) noch, de för säwen Jor bi di weer?" Da erwiderte der Müller: "Ja, de liggt ünnen Awen (Ofen) und hett säwen Junge." Darauf knurrte der Wassermann mißmutig: "So will ik in minen ganzen Läwen nich werrerkamen." (wiederkommen.)

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Der Werwolf von Hüsby
In Hüsby bei Schleswig wohnte eine alte, geizige Frau. Sie setzte ihren Dienstboten wenig zu essen vor, doch Sonntags gab's immer frisches Fleisch. Darüber wunderte sich das Gesinde, denn die Alte kaufte doch niemals solches ein. Ein junges Knechtlein wollte der Frau gern hinter ihre Schliche kommen; er versteckte sich daher einmal auf dem Heuboden, während alle anderen Hausbewohner in die Kirche gegangen waren. Plötzlich bemerkte er, wie die Frau einen Wolfsriemen hervorlangte und umlegte. Gleich wurde sie zum Wolf, lief aufs Feld und kehrte bald mit einem Schaf zurück. "Wenn sie so leicht zum Fleisch kommt", dachte der Junge, "so kann sie es uns wohl auch reichlicher geben." Als die Frau das Fleisch in den Topf steckte und dabei nach ihrer Gewohnheit seufzte: "Ach du leeve Gott, weer ik bi di!" da stellte sich der Junge, als wäre er der Herrgott, und antwortete: "Nu un in Ewigkeit kümmst du nich zu mi!" "Warum denn nich, du leeve Gott?" "Du giffst din Volk nich nog in'n Pott (Topf)." "Ei, so will ik betern mi." "Ja, gewiß, dat rad ik di!" Die Frau legtte von nun an ein viel größeres Stück Fleisch in den Topf. Der Junge konnte aber nicht schweigen und plauderte die Sache im Dorf aus. Als die Frau an einem Sonntagmorgen wieder, zum Wolf verwandelt, ein Schaf holte, paßten ihr die Leute auf. Aber keine Kugel schadete ihr, bis man schließlich eine Flinte mit einer silbernen Kugel lud. Seit der Zeit hatte die Frau ihr Lebenlang eine offene Wunde, die kein Doktor heilen konnte, als Werwolf aber hat sie sich nie mehr gezeigt. -582-

Der Wode
Den Wode haben viele Leute in den "Zwölften" (die Nächte von Weihnachten bis zum Dreikönigsfest) und namentlich am Weihnachtsabend ziehen sehen. Er reitet einen großen Schimmel; ein Jäger zu Fuß und vierundzwanzig wilde Hunde folgen ihm. Wo er durchzieht, da stürzen die Zäune krachend zusammen, und der Weg ebnet sich vor ihm; gegen Morgen aber richten sich die Gehege wieder auf. Manche Leute behaupten, sein Pferd habe nur drei Beine. Er reitet stets die gleichen Wege an den Türen der Häuser vorbei, und zwar so schnell, daß seine Hunde ihm nicht immer zu folgen vermögen; man hört sie keuchen und heulen. Schon manchmal ist einer von ihnen liegengeblieben. So fand man einmal einen von Wodes Hunden in einem Hof in Wulfsdorf, einen anderen in Fuhlenhagen auf dem Feuerherde, wo er sich hingestreckt hatte, ständig heulend und schnaufend, bis ihn am folgenden Weihnachtsabend der Wode wieder mitnahm. In dieser Nacht darf man keine Wäsche im Freien hängen lassen. Die Hunde würden sie zerreißen. Auch soll man nicht backen. Alle Bewohner müssen still zu Hause bleiben. Läßt man die Türen offen, so zieht der Wode durch, und seine Hunde verzehren alles, was sich im Hause Genießbares vorfindet. Einst war der Wode auch in das Haus eines armen Bauern geraten, und die Hunde hatten alles aufgezehrt. Der Arme jammerte und fragte den Wode, wer ihm den Schaden ersetze, den die Hunde angerichtet hätten. Wode antwortete, er werde alles bezahlen. Bald nachher erschien er mit einem toten Hunde und befahl dem Bauern, den Kadaver in den Schornstein zu werfen. Das tat der Bauer, da platzte der Balg, und lauter blanke Goldstücke fielen heraus. Der Wode hat einen bestimmten Weg, den er alle Jahre in den "Zwölften" reitet. Dieser führt rings um Krumesse herum über -583-

das Moor nach Beidendorf zu. Wenn er angebraust kommt, müssen die Unterirdischen flüchten, denn er will sie von der Erde vertilgen. Ein alter Bauer brach einmal spät von Beidendorf aufund wollte noch nach Krumesse gehen, plötzlich bemerkte er, wie die Unterirdischen dahergelaufen kamen. Sie waren aber gar nic ht ängstlich und riefen ganz munter: "Heute kann er uns nichts anhaben, er soll uns nur in Ruhe lassen; er hat sich heute morgen noch nicht gewaschen. " Als der Bauer ein Stück weiter gewandert war, begegnete ihm der Wode und fragte ihn, was die Kleinen gerufen hätten. Der Bauer erwiderte, sie hätten gesagt, er habe sich heute morgen nicht gewaschen und könne ihnen daher nichts Übles antun. Da hielt der Wode sein Pferd an, stieg ab und wusch sich. Dann sprang er wieder auf sein Roß und jagte den Unterirdischen nach. Nicht lange nachher sah der Bauer den Wode wieder zurückkommen; er hatte die armen Kleinen an ihren langen Haaren zusammengebunden und an jeder Seite des Pferdes mehrere von ihnen hängen. So grausam hat Wode die Unterirdischen verfolgt. Heute sind sie alle verschwunden. Deshalb jagt der Wode nun nicht mehr auf der Erde, sondern oben in der Luft. Der Wode ist in Schleswig- Holstein immer noch weithin bekannt; deshalb schließen viele Leute in der Weihnachtszeit die Türen vor ihm zu.

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Der alte Jakob
In alten Zeiten war die ganze Strecke zwischen Schrevendorf und Röpstorf bebaut und ein Dorf. Damals wohnte in Schrevendorf in dem alten Bauernhause nahe am Bornbrook, der früher ein See war, ein Bauer, der hieß der alte Jakob. Als nun einmal um Fastnacht zwei Lübecker Herrn kamen, um die Abgaben zu holen, waren sie im Dorfe gerade im besten Zuge bei der Fastnachtsgilde und dachten nicht ans Bezahlen, sondern trieben mit den Abgesandten ihren Spott. Diese aber wurden ungeduldig. Da sagte der alte Jakob, daß er sie bald bezahlt machen wollte. Er schnitt dem einen seinen langen Bart weg und stopfte den in den Sack des anderen, und dessen Bart keilte er im Pfosten fest; da hatten sie gute Bezahlung. Die Lübecker aber schwuren dafür Rache. Bald kamen ihre Soldaten und brachen das ganze Dorf, Haus bei Haus, nieder. Als sie sich aber auch an des alten Jakobs Haus machen wollten, da trat er in die Tür, hieb seine Axt tief in den Pfosten -- der Hieb ist da noch zu sehen -- und sprach: "Das Haus ist mein, ihr Lübecker Herrn. Und wem das Leben lieb ist, der komme mir nicht heran. So gewiß keiner von euch die Axt da wieder herauszieht, so sicher wird sie jeden treffen, der noch einen Schritt tut." Da wagte niemand, Hand an das Haus zu legen. Die Lübecker zogen wieder davon, und Jakobs Haus steht noch bis auf diesen Tag. jetzt ist neben diesem Hof eine lange schmale Koppel. Man nennt sie heute noch die "Höfe", weil früher dort die Häuser standen. Später kamen Röpstorf und Schrevendorf an einen Herrn von Pogwisch. Der war nicht damit zufrieden, daß die Bauern ihm nur die Hoftage taten, sondern er verlangte alle ihre Ländereien noch dazu. Der alte Jakob aber sagte, er hätte seine Pflicht geleistet, und mehr könnte die Herrschaft nicht verlangen; sein -585-

Land gebe er nicht her. Der Edelmann drohte, aber Jakob gab nicht nach. Da ließ der Herr die Fischteiche öffnen, und Jakobs Haus ward von einem See umgeben. Er aber angelte zum Fenster hinaus, und sooft der Edelmann auch nach Schrevendorf kam und dann von dem Hügel aus, den man noch zeigt, mit Jakob verhandelte, so blieb der doch immer beim alten und gab nicht nach. Da mußte endlich der Edelmann nachgeben und dem Bauern seine Ländereien lassen.

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Der liebe Gott und der Teufel
Unser lieber Herrgott und der Teufel gingen einmal miteinander über Feld. Da begegnete ihnen ein Mann und grüßte höflich. Der liebe Gott dankte ihm und erwiderte freundlich seinen Gruß. Der Teufel jedoch behielt die Hände in der Tasche und streckte die Zunge heraus. Da machte der liebe Gott dem Satan Vorwürfe wegen seiner Unart und fragte, warum er nicht auch seinen Hut abgenommen habe. Der Teufel antwortete, der Gruß habe doch ihm nicht gegolten, sondern dem lieben Gott; wenn er allein gehe, nehme kein Mensch vor ihm den Hut ab, ja, die Leute schimpften oft obendrein noch hinter ihm her. Da erklärte der liebe Gott dem Teufel, wie daß alles nur davon herkomme, weil er immer so böse sei und nur Böses tue. Er möge einmal eine gute Tat verrichten, dann würde es anders werden, meinte der liebe Gott und hielt dem Teufel eine lange Predigt. "Höre", sagte der Teufel, als der liebe Gott fertig war, "tät, ich einmal etwas Gutes, so hättest doch du den Dank davon, und verübtest du etwas Schlechtes, würde ich die Schuld daran haben. " Der liebe Gott wollte das nicht glauben. "Nun", sagte der Teufel, "stoß einmal diese Kuh da in den Graben, dann wollen wir sehen, was weiter geschieht." Der liebe Gott stieß die Kuh, die grasend am Wege ging und einem armen Mann gehörte, in den Graben. Sodann setzten sich die beiden nieder, um zu hören, wie die Sache ablaufen würde. Nicht lange darauf kam der arme Mann und fand seine Kuh im Graben. "Was für ein Teufel hat mir das getan?" rief das Bäuerlein zornig und lief ins Dorf, um Leute zu holen, die helfen könnten, die Kuh aus dem Graben zu ziehen.

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Der Teufel aber fragte den lieben Gott: "Wer hat denn nun die Schuld bekommen?" stieg in den Graben und brachte die Kuh wieder auf die Beine, so daß sie ruhig grasend am Weg ging, als der Mann mit den Helfern ankam. "Nun, Gott sei Dank", rief der Bauer aus, "daß es so gegangen ist!" "Hörst du wohl", sagte der Teufel, "wer erntet nun den Dank?"

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Der unerfahrene Teufel
Der Teufel hat auf Erden oft allerhand ausprobiert. Einmal bekam er Lust, das Zimmerhandwerk zu lernen, und begab sich zu einem Zimmermeister in die Lehre. Er verstand es aber gar nicht, mit dem Handwerkszeug umzugehen. Zuletzt fiel ihm die Queraxt in die Hand, die an beiden Seiten scharf ist. Damit gings dem Teufel aber schlecht. Denn als er einen Balken behauen wollte und die Axt in die Höhe hob, traf er mit der Schneide seine Stirn so, daß er einen blutigen Streifen davontrug. "Wir drehen das Ding einfach um", meinte er knurrend, und kehrte die Axt. Aber als er den zweiten Hieb tat, stand ihm ein blutiges Kreuz auf der Stirn. "Das verwünschte Kreuz", schrie er wütend, "immer bringt es mir Unglück. Da hast du deine Axt", fuhr er den Zimmermann an, legte das Werkzeug hin, und der Teufel kam nie mehr in die Werkstatt. Die Flinte kannte der Teufel früher auch nicht. Da begegnete er einst im Wald einem Wildschützen, der das Gewehr umgehängt hatte. "Was ist das?" fragte er den Schützen. "Meine Tabaksdose", grinste der Mann. "Laß mich auch eine Prise nehmen", bat der Teufel. Der Schütze hielt ihm den Lauf unter die Nase und drückte los. Erschrocken fuhr der Teufel zurück. "Du hast aber einen scharfen Tabak", meinte er kopfschüttelnd und machte sich fort. Er soll keine Prise mehr aus einer ähnlichen Dose verlangt haben.

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Der versöhnte Niss auf Stapelholm
In einem Dorf Stapelholms wurde ein Bauernhof zum Kauf feilgeboten, weil sich seine Bewohner mit dem Niss Puk, dem kleinen Kobold des Hauses, nicht mehr vertrugen. Zeitlich am Morgen, ehe der Tag graute, wann der Hausherr mit seinen Knechten zu arbeiten anfing, brachte der Niss den ganzen Hühnerstall so in Aufruhr, daß niemand im Haus mehr schlafen konnte. Oft zupfte der Puk die Leute bei der Nase oder kniff sie in die Zehen; das Vieh im Stall machte er wild, daß es nachts mit den Ketten laut lärmte, und allerlei anderer Schabernack, den der Zwerg anstellte, war nicht dazu angetan, die Laune der Hausbewohner zu bessern. Darum ließ der Bauer sein Haus feilbieten. Dem Hof des Bauern gegenüber wohnte ein wohlhabendes Ehepaar; sie sprachen über den Hauskauf. Die Frau meinte: "Das Haus wird nicht viel kosten; es wäre gut, wenn du es für unseren Ältesten kaufen wolltest." "Das werde ich wohlweislich bleiben lassen", erwiderte der Mann; "daß wir uns all die Plage auf den Hals hetzen! Das ganze Dorf weiß doch, warum das Haus verkauft wird. Tagsüber Arbeit in Fülle und nachts keine Ruhe!" "Vater", sagte die Frau, "du weißt doch, wie ruhig es bei dem früheren Besitzer war. Jeden Abend wurde dem Niss sein Schüsselchen mit süßer Grütze auf den Heuboden gestellt, und niemand durfte ihm etwas zuleid tun. Da war überall Segen und Wohlstand im Hause. Nachher aber zogen diese Leute ein, die kein Verständnis für, den Puk hatten, und seitdem hat das arme Wesen keine Ruhe mehr; allenthalben machen sie Jagd auf ihn, und die Grütze geben sie ihm auch nimmer. Ist's da ein Wunder, wenn er den Leuten auch manches antut, was ihnen nicht behagt!" -590-

Der Mann überlegte sich die Sache noch einmal, besprach sich wieder mit seiner Frau, und schließlich kaufte er das Haus um einen, Spottpreis. Es hatte sich kein anderer Käufer gemeldet, und der Besitzer wollte es um jeden Preis loshaben. Der neue Eigentümer bezog das Haus nun mit seiner Frau selbst; der Sohn aber sollte den väterlichen Hof übernehmen. Die Frau ließ nun das Haus zunächst reinigen und in den acht Tagen, ehe sie es bezogen, jeden Abend eine süße Grütze mit Butter hinübertragen und auf den Heuboden bringen. Die drei ersten Abende wurde nichts angerührt, an den folgenden aber war immer alles leer gegessen. Als nun am neunten Abend ein Paar weiche Pantoffeln, die sie für den Niss hingelegt hatten, verschwunden war, glaubten sie sicher zu sein" das Wohlwollen des kleinen Wesens gewonnen zu haben; sie bezogen daher am nächsten Tag das Haus und hatten sich nicht getäuscht, denn es gab nie Anlaß, sich über irgend eine Bosheit des Niss ärgern zu müssen. Viele Leute behaupteten sogar, an Winterabenden den Niss mitten unter der Familie, meistens in der kleinen Ecke hinter dem Ofen, gesehen zu haben. Doch verschwand er beim Anblick fremder Gesichter sofort. Im Hause ging weiterhin alles gut, und die Familie lebte in ungestörter Ruhe.

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Die Abfahrt der Zwerge aus den Hüttemer Bergen
In den Hüttemer Bergen in Holstein wohnte vor langer Zeit eine große Menge von Zwergen. Im Kindelberg hat man sie besonders häufig gehört, wie sie butterten, und im Plätenberg bei Wittensee, wie sie miteinander redeten. Aber als die Kirchenglocken ertönten, haben sie alle miteinander die Gegend verlassen. Da zogen die Zwerge nach der Marsch zu, kamen in der Nacht an die Hohner Fähre und wollten sich übersetzen lassen. Die Kobolde weckten den Fährmann; als dieser aber herauskam und niemand zu sehen war, ging er in sein Haus zurück und wollte wieder ins Bett. Da klopften sie noch einmal und eine Weile danach zum drittenmal an, und als der Fährmann nun aufs neue erschien, sah er, wie es vor dem Haus drunter und drüber ging und vor lauter kleinen grauen Leuten nur so wimmelte. Da war einer unter ihnen mit einem langen Bart, der forderte den Fährmann auf, sie alle über die Eider zu setzen; sie könnten nämlich die Glocken und den Kirchengesang nicht länger vertragen und wollten anderswohin. Der Schiffer machte die Fähre los und stellte seinen Hut ans Ufer, wie der Kleine mit dem Bart es ihm aufgetragen hatte. Und nun stiegen sie alle in den Prahm hinein, Männer, Weiber und Kinder, und zwar so viele, daß der Prahm zum Bersten voll wurde. So ging es jedesmal, sooft der Fährmann wieder zurückkam, und er hatte die ganze Nacht nichts anderes zu tun, als hin- und herzurudern, und immer war die Fähre gleich voll. Als er endlich die letzten Zwerge hinübergebracht hatte, sah er, wie das ganze Feld auf der andern Seite von vielen Lichtern flimmerte, die durcheinander hüpften. Die Zwerge hatten nämlich kleine Laternen mitgebracht, die sie nun ansteckten. Am Ufer aber, vor seinem Hause, fand der Fährmann seinen Hut -592-

ganz vollgehäuft von kleinen Goldpfennigen. Denn jeder Zwerg hatte beim Einsteigen einen solchen Pfennig in den Hut geworfen. Dadurch wurde der Fährmann ein steinreicher Mann und blieb es Zeit seines Lebens. Er bedauerte nur, daß er kein zweites Mal Gelegenheit hatte, ein Volk von Zwergen überzusetzen.

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Die Kartenspieler von Stellau
In Stellau lebten drei Brüder in einem Hause; die hatten weder Eltern noch Großeltern, weder Frau noch Kind oder Magd und Knecht bei sich, sie hausten ganz allein. Sie ackerten, melkten, kochten und taten alles ohne fremde Hilfe. Einst, an einem Weihnachtsabend, saßen sie still beieinander; sie wußten nichts zu erzählen und kamen auf den Einfall, sich mit einem Kartenspiel die Zeit zu vertreiben. Ein alter Kne cht, der in der Nähe bedienstet war, einer ihrer wenigen Freunde, kam zu ihnen, und sie fingen das Spiel an. Gewinn und Verlust machte die vier immer hitziger. Sie vergaßen den Weihnachtsabend, spielten die Nacht hindurch, dann den ersten Weihnachtstag, die folgende Nacht und auch den zweiten Weihnachtstag; die Augen fielen ihnen vor Müdigkeit zu, aber an ein Aufhören war nicht zu denken. Da, am Abend des dritten Tages, bekamen sie unversehens einen fünften Mitspieler, ohne daß sie wußten, woher er kam. Nun begann das Spiel erst recht zu rasen. Der Einsatz wurde verdoppelt, verdreifacht, Hab und Gut standen im Spiel; so ging's wieder bis in den hellen Morgen hinein. Da fiel einem der Brüder eine Karte zu Boden, und er suchte unter dem Tisch. Aber entsetzt fuhr er zurück und schrie: "Hilf Himmel, der leibhaftige Satan! " Da verschwand der fünfte Mitspieler, der an seinem Pferdefuß erkannt worden war, mit entsetzlichem Gerassel und ließ einen Gestank zurück, der noch lange nachher nicht aus dem Hause weichen wollte. Die vier Spieler aber gaben alles wieder zurück, was sie aneinander verloren hatten, vergruben das Geld des Teufels und haben seit dem Tage keine Karte mehr angerührt. Die Geschichte wäre nicht ruchbar geworden, wenn sie nicht der alte Knecht einmal verraten hätte. -594-

Die Sage vom Pfennig-Pfuhl bei Dahme
Auf der Burg in Dahme lebte vor vielen hundert Jahren ein mächtiger und reicher Graf. In seiner Jugend zog er einst mit dem Kaiser auf einen Kreuzzug ins Heilige Land. Dort brachten ihm seine Reitersknechte eine junge Sarazenin, die sie gefunden hatten. Der Graf aber schenkte ihr die Freiheit. Zum Dank gab sie ihm ein Kästchen. Darin waren ein Goldpfennig und ein Eisenpfennig. Sie sagte. "Hebe das Kästchen gut auf. Den Goldpfennig gib nur aus, wenn du ein großes Unglück abwenden kannst. Ist aber der Goldpfennig einmal fort, so darfst du dich von dem Eisenpfennig nicht mehr trennen, sonst wird das Unglück noch größer." Nach Jahren kam der Graf wieder in seine Heimat zurück. Da war sein Töchterchen inzwischen zu einer schönen Jungfrau herangewachsen. Das Mädchen war jedoch von einem bösen Zauber befallen. Es tobte jede Nacht, schrie und zerschlug alles, was in seine Hände kam. Der Graf grämte sich sehr um sein Kind und ließ viele berühmte Ärzte kommen, aber keiner konnte es gesund machen. Die Krankheit wurde immer ärger. Und schließlich mußte er die Tochter aus der Burg schaffen lassen. Draußen, weit vor der Stadt, im Walde, ließ er für sie ein Häuschen bauen. Darin wohnte sie mit einer Dienerin und einem alten, treuen Knecht. Nun begab es sich, daß eines Tages ein armer, fahrender Musikant auf dem Dahmer Burghof aufspielte. In der Knechtestube wurde ihm eine gute Mahlzeit gereicht. Beim Essen erzählten ihm die Knechte von der unglücklichen Grafentochter. Da ging der Musikant zum Grafen und sagte: "Ich will Eure Tochter gesund machen, wenn Ihr mir einen Wunsch erfüllt, den ich Euch übers Jahr sagen will, wenn ich wiederkomme." Das sagte der Graf gern zu. Dann erbat sich der Musikant die kleinste Goldmünze, die in der Burg zu finden -595-

war. Es waren aber nur große Goldgulden da. Da fiel dem Grafen das Kästchen aus dem Morgenland ein und der Goldpfennig, der darin lag. Er mußte auch an die Worte der Sarazenin denken. So konnte er den Goldpfennig gern hingeben, um das Unglück von seiner Tochter abzuwenden. Schnell holte er das Kästchen und gab dem Musikanten den kleinen Goldpfennig. Dieser aber stieg damit auf den höchsten Turm der Burg und warf ihn mit mächtigem Schwung durch die Luft gegen Abend, wo eben die Sonne untergehen wollte. Einige Tage darauf kam der alte Knecht aus dem Waldhaus auf die Burg gelaufen und erzählte dem Grafen: "Eure Tochter ist ganz gesund geworden. Sie saß vor drei Tagen beim Sonnenuntergang vor der Türe. Da flog etwas mit hellem Klingen an die kleine Wetterfahne des Hauses. Von dort prallte es ab und fiel dem Edelfräulein in den Schoß. Und das war ein kleines Goldstück. Seit dem Augenblick ist der böse Zauber von Eurer Tochter gewichen. " Nun war große Freude in der Dahmer Burg. Die Grafentochter aber wollte nicht mehr in die finstere Burg zurückkehren. Es gefiel ihr draußen im Walde viel besser. Da ließ ihr der Graf dort draußen ein kleines, prächtiges Schloß bauen, das hieß Güldenpfennig. Ein Jahr darauf kam der Spielmann wieder und forderte seinen Lohn vom Grafen. "Gib mir deine Tochter zur Frau", sagte er. Der alte Graf erschrak sehr. Einen armen Musikanten sollte seine Tochter heiraten? Da schämte er sich. So bot er ihm viel Gold und schöne Pferde an, damit der Musikant von seinem Wunsche lasse. Der aber bestand darauf, daß der Graf sein Versprechen einlösen solle. Da wurde der Graf zornig und ließ den Musikanten aus der Burg jagen. Im andern Jahr aber vermählte er seine Tochter mit einem reichen, jungen Edelmann aus dem Thüringer Land.

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Am Hochzeitstage erschien der Spielmann wieder in der Burg und spielte ein lustig Stücklein auf dem Burghof. Es war indessen niemand in der Burg als eine alte Dienerin, denn alle übrigen waren draußen im Schloß Güldenpfennig, wo die Hochzeit gefeiert wurde. Die Dienerin suchte nach einem kleinen Geldstück, das sie dem Musikanten für sein Spiel schenken konnte. Endlich fand sie ein Holzschächtelchen. Darin lag eine kleine eiserne Münze. Die gab sie dem Musikanten. Der aber stieg mit dem Eisenpfennig auf den Burgturm und warf ihn mit großemSchwung in die Richtung gegen Abend. Er flog klirrend an die Wetterfahne von Schloß Güldenpfennig. In dem Augenblick erscholl ein furchtbarer Donnerschlag, und das Schloß mit der Hochzeitsgesellschaft sank in die Tiefe. Die Stelle aber, wo das Schloß versank, heißt noch heute PfennigPfuhl.

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Die Teufelskatze
Es war einmal ein Bauer, der hatte drei schöne große Katzen. Sein Nachbar kam und bat ihn um eine. Er erhielt sie und setzte sie auf den Boden, um sie einzugewöhnen. Nachts steckte die Katze den Kopf durch die Bodenluke und fragte: "Was soll ich bringen über Nacht?" "Mäuse sollst du bringen", antwortete der Bauer. Da fing die Katze Mäuse und warf sie alle auf die Diele. Am andern Morgen lag die Diele so voll, daß man die Tür gar nicht öffnen konnte, und der Bauer fuhr den ganzen Tag die Mäuse haufenweise weg. Nachts streckte die Katze den Kopf wieder durchs Bodenloch und fragte: "Was soll ich bringen über Nacht?" "Roggen sollst du bringen", antwortete der Bauer. Da schüttete die Katze die ganze Nacht Roggen hinunter, daß man morgens wieder die Tür nicht öffnen konnte. Da merkte der Bauer, daß die Katze eine Hexe war und brachte sie wieder zum Nachbarn. Und daran hat er klug getan; denn hätte er ihr zum drittenmal Arbeit gegeben, so hätte er sie niemals wieder loswerden können. Aber daran tat er nicht klug, daß er nicht das zweite Mal gesagt hatte: "Geld sollst du bringen! " Dann hätte er nämlich so viel Geld gehabt, wie er jetzt Roggen hatte.

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Die Zahlen Eins bis Sieben
In Dithmarschen besaß ein Bauer einst Haus und Hof und dazu so viel Land, daß er mit Weib und Kind gut leben konnte. Lange Jahre war er auch glücklich und zufrieden. Da brach einmal eine Seuche aus, die fast sein ganzes Vieh vernichtete. Doch wußte er sich durch Fleiß und Sparsamkeit über die Not hinwegzuhelfen und schaffte sich bald wieder neues Vieh an. Kaum glaubte der Mann, wieder aufatmen zu können, so kam die Seuche zum zweitenmal und fraß wieder seinen Stall leer. Auch dieses Unglück konnte seine Ausdauer nicht brechen, und er arbeitete sich wieder in die Höhe. Als der Hof aber zum drittenmal von der Krankheit heimgesucht wurde, kam der Bauer in die traurigste Lage. Sorge und Not waren ständig zu Gast; es fehlte an Milch, Brot, Butter und Speck. Die Nachbarn mochte er in dieser schrecklichen Bedrängnis auch nicht um Hilfe bitten; denn bei ihnen stand es nicht besser. Seine Äcker konnte er dieses Jahr nicht bebauen; denn die Pferde, die zur Arbeit nötig waren, lebten ja nicht mehr. Als der Bauer an einem klaren Herbstmorgen, statt zu arbeiten, in düstere Gedanken versunken, durch das Feld ging, schien es ihm, als hätte ihn Gott ganz vergessen. In seiner Trostlosigkeit schlug er die Hände über dem Kopf zusammen, als die Frage vor ihm stand: "Wie ernähre ich diesen Winter Weib und Kind?" Während der Bauer noch mit seiner Verzweiflung rang, gewahrte er plötzlich ein kleines Männchen vor sich, das mit einem grauen Rock bekleidet war und einen dreieckigen Hut auf dem Kopf hatte. Es schaute ihn mit forschenden Blicken an. Verwundert blieb der Bauer stehen, er konnte sich nicht erklären, woher dieses Männchen auf einmal gekommen sei. Schweigend wollte er dann an ihm vorbeigehen. Das Männchen -599-

aber redete ihn an: "Sag mir doch, warum du so traurig bist, lieber Freund! Vielleicht kann ich dir helfen. " "Ach", erwiderte der Bauer, "wie sollst du mir helfen können? " Der kleine Mann ließ aber nicht nach, sondern fragte immer wieder, bis ihm der Bauer den Grund seiner Trauer ausführlich erzählt hatte. Da kniff das Männlein seine klugen Äuglein zu, schnalzte mit den Fingern und rief: "Wenns weiter nichts ist, kann dir geholfen werden. Höre: Ich gebe dir auf fünfundzwanzig Jahre vier Pferde, die mehr arbeiten können, als zehn andere und obendrein nicht gefüttert werden brauchen. Du kannst sie jeden Morgen anspannen und brauchst sie nur abends in den Stall zu führen. Alles übrige besorge ich. In diesen fünfundzwanzig Jahren sollen deine Felder reichlichen Ertrag bringen. Ich stelle nur eine Bedingung: Sobald die Zeit abgelaufen ist, mußt du mir die Antwort auf eine Frage geben, die ich dir jetzt vorlegen werde, oder du selbst bist mir verfallen. " Der Bauer stimmte zu, ohne sich weiter zu bedenken. Er hoffte, während der langen Frist schon die Antwort auf die Frage zu finden. Da fragte der Kle ine : Was bedeuten die Zahlen eins bis sieben? Dies sollst du mir nach fünfundzwanzig Jahren beantworten". Der Kleine hielt seine Hand hin, und der Bauer schlug ein. Dann begleitete das Männlein den Bauern noch bis ans Dorf. Zum Abschied gab er ihm einen vollen Beutel mit Geld, hierauf war er verschwunden. Als der Bauer heimkam, standen vier Pferde im Stall. Die Bäuerin erklärte, ein fremder Knecht habe sie gebracht.

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Nun kehrten Glück und Zufriedenheit aufs neue ins Haus zurück. Kühe wurden gekauft, und der Haushalt kam wieder in Ordnung. Jeden Morgen fuhr der Bauer mit seinen vier Pferden aufs Feld. Die Arbeit ging wundervoll vorwärts. Abends brachte er sie in den Stallund ließ den Kleinen für sie sorgen. Seine Ernte war reichlicher als die seiner Nachbarn. Bald war der Bauer ein vermögender Mann, baute sich ein neues, schönes Haus und kaufte mehrere Grundstücke, so daß sein Hof stark vergrößert war. Fiel ihm einmal die Frage ein, die er beantworten sollte, so dachte er, das hätte wohl noch Zeit, darüber könne er im nächsten Jahr nachdenken, und er schlug sich die Gedanken daran aus dem Sinn. So verfloß die Zeit, und endlich waren vierundzwanzig Jahre herum. Nun gab es keinen Aufschub mehr. Der Bauer begann zu grübeln und zu raten, was wohl die Zahlen von eins bis sieben bedeuten könnten. Doch wie sehr er sich auch quälte, er fand keine Antwort. Darüber wurde er ganz stumm und verdrossen, ja zuletzt krank und elend. Seine Frau und die Kinder sahen dies mit großer Sorge und wollten von ihm wissen, was ihm denn fehle. Er aber schwieg. Doch je näher die Zeit der Beantwortung kam, desto schlimmer wurde es mit dem Bauern. Voll Angst und Unruhe lag er im Bett, Speise und Trank nahm er kaum noch zu sich. Seine Frau und die Kinder blieben ängstlich immer an seiner Seite. Als nun der festgesetzte Tag anbrach und es gegen Mittag ging, schärfte der Kranke seiner Frau aufs dringendste ein, alle Türen und Fensterläden des Hauses zu schließen und niemand einzulassen, der ihn sprechen wolle.

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Plötzlich zog schwarzes Gewölk am Himmel auf, und ein greuliches Unwetter brach los, der Sturm heulte und fauchte, es donnerte und blitzte, und der Regen goß in Strömen vom Himmel. Da pochte es an die Tür, doch niemand öffnete; es klopfte wieder und noch einmal. Schließlich bat eine Stimme vor der Haustür flehentlich um Einlaß und Schutz vor dem Unwetter. Endlich wagte sich die Bäuerin an die Tür. Dort stand ein freundlicher Mann, der gut aussah, in schlichter Kleidung mit einem Stock in der Hand. Er bat inständig um Einlaß und erwähnte im Lauf des Gespräches, daß er auch Kranke zu heilen verstehe. Da ließ ihn die Bäuerin schließlich eintreten. Nun forderte der Fremde die Frau und die Kinder auf, ihn bei dem kranken Mann allein zu lassen, und setzte sich zu dem Bauern ans Bett, tröstete ihn und wußte durch sein Benehmen den Kranken so zu gewinnen, daß dieser ihm unter vielen Tränen den Grund seines Leides bekannte. Da sprach der Fremde: "Guter Freund, Ihr seid leichtsinnig gewesen. Aber ich will Euch helfen. Merkt auf: Eins ist eine Schiebkarre, Zwei eine Karriole, Drei ein Dreifuß, Vier ein Wagen, Fünf die Finger an der Hand, Sechs die Werktage in der Woche, Sieben das Siebengestirn. Und nun steht auf und seid getrost." Der Bauer erhob sich und fühlte sich wieder leicht und wohl; als er sich aber umsah, war der Fremde verschwunden. Da merkten sie, daß es unser Herr Christus selbst gewesen sein müsse, der sich des Mannes angenommen hatte; wo aber der Herr selbst erscheint, da hat der Teufel sein Spiel verloren. Das Unwetter jedoch dauerte noch immer an, ja, es sah aus, als ob es stets arger würde. Und als der Abend anbrach, fuhr mit einem tosenden Wirbelwind der Böse ins Haus und fragte grinsend nach der Bedeutung der Zahlen. Da lachte der Bauer und gab Antwort auf die Frage. Nun konnte ihm der Teufel -602-

nichts anhaben. Fluchend auf den, der ihm sein Spiel verdorben hatte, stürzte der Satan in den Stall, riß die vier Pferde vom Stand und raste mit ihnen durch die Luft davon. Sogleich ging das Unwetter zu Ende. Der Bauer lebte von nun an noch lange Jahre glücklich mit den Seinen, und der Segen des Himmels lag auf allen seinen Werken.

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Die Zwergenschmiede im Hüggel bei Osnabrück
Wer Glück hat, kann noch jetzt hören, daß im Innern der Erde die Werkstätten der Erdgeister sind. Das hört man zu gewissen Zeiten auch in dem großen Struckberg bei Heiligenhafen, wenn man das Ohr auf die Erde legt. Dann vernimmt man Hämmern und Pochen wie in einer Schmiede. Von altersher gelten ja die Zwerge als Meister in der Schmiedekunst. Die Geschmeide, die sie verfertigen, sind besonders begehrt. Im Hüggel, einem Berge zwischen Ohrbeck und Hagen bei Osnabrück, wohnte früher ein Zwergengeschlecht, das die "Sgönauken" hieß. Von diesen ließen sich die Leute in der Umgebung allerhand Geräte schmieden, wie Pflugeisen und Ofenroste, wie man sie dort brauchte, um Holz auf den Herd zu legen; besonders die dreifüßigen Roste waren beliebt, an denen auf der einen Seite ein sitzender Hund als Handgriff angeschmiedet war. Diese hießen deshalb "Feuerhunde". Die Sgönauken waren unsichtbar, und wer etwas bei ihnen schmieden lassen wollte, mußte einen Bestellzettel auf den Tisch legen, der vor ihrer Höhle stand; Wenn der Besteller dann am andern Tag wieder vorsprach, befand sich die Arbeit fertig auf dem Tisch und daneben lag ein Zettel mit dem Preis, der dafür zu entrichten war. Das Geld mußte man auf den Tisch legen. Vor langen Jahren hat auch der Hüggelmeier einmal bei den Sgönauken ein Pflugeisen bestellt. Wie er es nun am andern Tage abholte, da stach ihn der Hafer, und statt das Geld hinzulegen, machte er sich eiligst mit dem bestellten Gerät aus dem Staube, und das war sein Glück! Denn auf einmal kam es wie aus der Hölle ganz fürchterlich hinter ihm her. War es ein glühendes Rad oder ein noch glutheißes Pflugeisen? Er hatte kaum Zeit, sich umzudrehen. Eben war er auf seinem Hof -604-

angelangt und hatte das Tor zugeschlagen, da schoß das feurige Eisen an den Torpfosten, daß es nur so krachte. Die Stelle, wo das Holz versengt worden war, konnte man noch lange sehen. Plötzlich schrie ihm eine Stimme nach: "Diesen Betrug soll der neunte Hüggelmeier noch büßen!" Und so ist es auch gekommen: Unglück über Unglück hat den Hof seitdem getroffen. In letzter Zeit müssen die Hüggelmeier wohl schon über den neunten Sproß hinaus sein, denn Glück und Wohlstand sind auf dem einsamen Hof wieder eingezogen.

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Die rote Jacke
Einst war es Mode geworden, daß alle Männer auf den nordfriesischen Inseln an Sonn- und Festtagen rote Jacken trugen. Nur Paul Modders hatte keine rote Jacke. Ihn, der sonst selbst jedermann zum besten hatte, neckte man deshalb und fragte ihn, warum er denn keine rote Jacke habe. "Ich will keine haben", antwortete er. "Ach hört", hieß es dann, "Paul Modders will keine rote Jacke haben, weil er keine bekommen kann! " Die Sache ärgerte den Schalk. Weil er nämlich nicht richtig arbeiten wollte, hatte er nie Geld in der Hand oder in der Tasche. Er war und blieb ein armer Schlucker, der keine rote Jacke bezahlen konnte. Man hatte ihm also nur die Wahrheit gesagt. Es war aber das erste Mal in seinem Leben, daß er sich recht getroffen und beschämt fühlte. Daher beschloß er, sein Glück anderwärts zu suchen. Er reiste jedoch nicht südwärts wie die übrigen Sylter, wenn sie solches im Sinne hatten, sondern nordwärts und kam so nach der Insel Römöe. Hier fand er indes leider dieselbe Mode, derentwegen er von Sylt geflohen war. Überdies sah er dort das ganze Inselvölkchen in großer Bewegung. Die Römöer stritten sich nämlich -- wie eine Sage erzählt -- über ihre Kirche, und zwar nicht etwa über einen Neubau oder eine Reparatur, sondern über eine Versetzung derselben um einige Ellen nach Süden. Das ganze Römöer Volk war versammelt, damit ein jeder seine Meinung und seine Vorschläge in dieser Sache aussprechen könnte. Allein je mehr Leute zusammenkamen und je mehr Meinungen geäußert wurden, desto weniger konnte man sich einig werden.

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Da trat gerade zur rechten Zeit, als der Streit am hitzigsten war und in eine Prügelei ausarten wollte, ein Fremdling in einer blauen Jacke auf. Es war Paul Modders von Sylt, der unmöglich länger schweigen konnte. Er sprach: "Ihr wollt eure Kirche südwärts rücken. Wohlan, tretet alle an die Nordseite, stoßt und drückt mit ganzer Kraft gegen die Kirche, so muß sie, die von wenigen Menschen gebaut ist, der vereinigten Macht so vieler weichen! Damit wir aber merken, wann die Kirche auf den gewünschten Platz gekommen ist, lege einer von euch seine rote Jacke an die Südseite der Kirche, zwei Ellen von der Mauer entfernt. Wenn die Jacke nicht mehr zu sehen ist, wird die Kirche stehen, wo sie stehen soll." Dieser Rat fand bei dem Römöer Volk ungeteilten Beifall, besonders deshalb, weil er von einem Fremdling kam und weil die Römöer soeben die Erfahrung gemacht hatten, daß sie sich nicht selber zu raten vermochten. Die ganze Inselbevölkerung lief nun nach der Nordseite der Kirche, schob und stieß unter Vergießung vielen Schweißes mit unerhörter Kraftanstrengung gegen die Kirche, und der kluge Ratgeber Paul Modders ging ab und zu nach der Südseite, um nachzusehen, ob die hingelegte Jacke noch sichtbar wäre. Nach einigen Stunden, währenddes sich die Römöer Kopf und Rücken, Hände und Füße wund gestoßen hatten, kehrte Paul Modders wieder zu ihnen zurück. Er erklärte, daß die Jacke nicht mehr sichtbar sei und die Kirche stehe, wo sie stehen solle. Da stürmten alle, der schweren Arbeit müde, nach der südlichen Seite der Kirche. Die Jacke war wirklich nicht mehr zu sehen. Also stand die Kirche, wo sie stehen sollte. Paul Modders hatte jedoch den Römöern zu viel Dummheit zugetraut. Als er frech genug war, am folgenden Sonntag die gestohlene Jacke anzuziehen, sagten alle: "Er hat uns betrogen!" Und der Schalk mußte die Jacke schnell wieder ausziehen und nach seiner Heimatinsel Sylt entfliehen. -607-

Geisterbanner auf Satrupholm
Der Herr von Zago auf Satrupholm war ein ge walttätiger Unhold, grausam gegen seine Dienstboten wie gegen seine Frau. Als er starb, fand sein unseliger Geist keine Ruhe im Jenseits. Gleich nach seinem Tode ging ein unheimliches Poltern und Rumoren im Schlosse an. Das Gespenst tobte in allen Räumen umher, schlug und quälte die Schlafenden und schreckte die zitternden Bewohner des Schlosses allabendlich, kaum daß sich die Dämmerung niedergesenkt hatte. Schließlich berief man einen berühmten Prediger aus Adelbye bei Flensburg, dem es früher schon mehrere Male geglückt war, Geister zu bannen. Er versprach auch auf Schloß Satrupholm Ruhe zu schaffen. Gegen zwölf Uhr nachts begab sich der Geisterbanner mit der Bibel unter dem Arm in das Zimmer, wo sich der Spuk immer zuerst zeigte. Als die Uhr zwölf geschlagen hatte, ließ sich sofort ein schallendes Gelächter vernehmen, und der Geist trat in den Raum. Der Prediger öffnete die Bibel und las die Seiten laut vor, die sonst von Erfolg gewesen waren. Aber der Geist schritt auf ihn zu und schlug ihm das Buch aus der Hand. Der Geistliche mußte froh sein, noch mit heiler Haut davonzukommen. Das spukhafte Wesen im Schloß trieb es darnach doppelt so arg. Man war nahe daran, das Gebäude ganz zu verlassen, als sich noch eben zur rechten Zeit Hilfe ein, stellte. Eines Abends kam ein Student der Theologie im Wirtshaus von Satrup an und bat um Nachtquartier. Nach einigen Ausflüchten gewährte der Wirt dem Studenten seine Bitte. Unter den übrigen Gästen kam bald die Rede auf den Spuk, und einer erzählte alles genau, was bisher geschehen war. -608-

Der Student hatte aufmerksam zugehört. Er erbot sich sogleich, den Spuk zu bannen. Man führte ihn in das gleiche Zimmer, in dem der Prediger vor kurzem seinen Versuch gemacht hatte. Bald erschien der Geist. Der Student, die Bibel in der Hand, erteilte ihm erst eine lange Strafpredigt und stellte ihm alle seine Schandtaten vor. Darauf erwiderte der Geist, wer sich zum Strafprediger erhöht, müsse selbst rein sein; er, der Student, habe einmal beim Bäcker Semmeln gekauft, sei aber, ohne bezahlt zu haben, davongegangen. Der Student griff sogleich in die Tasche und warf dem Geist den schuldigen Groschen zu; darauf mußte dieser schweigen. Nun hielt der junge Mann das Heilige Buch hin und forderte das Gespenst auf, ihm die Bibel aus der Hand zu schlagen; aber der Geist war nicht imstande, dies zu tun, und mußte sich für überwunden erklären; nur eine Bitte brachte er noch vor, nämlich unter der Zugbrücke wohnen zu dürfen. Doch diese Bitte fand kein Gehör; denn der Geist hätte hier sicherlich die Vorübergehenden ständig belästigt, und das wollte der Geisterbanner vermeiden. Es wurde also eine große, hohle Buche nördlich vom Schloß als Verbannungsort ausersehen. Der Kutscher war schon bereit, Geist und Geisterbanner dorthin zu fahren, als dieser den! Wagenlenker vorerst noch befahl, das Hinterrad abzuziehen und in den Wagen zu: werfen. In vollem Galopp gings dann zum hohlen Baum, und der Geist mußte bis dahin die Achse. an welcher das Rad fehlte, tragen. Am Ziel angelangt, trieb der Student das Gespenst, schnell in den Baum hineinzufahren. Seit der Zeit war Ruhe im Schloß. Viele Jahre später wollte ein neuer Besitzer alles Widerratens ungeachtet, den gefährlichen Baum fällen lassen. Aber die Knechte kamen bald wieder zurück und meldeten, daß keine ihrer Äxte in den steinharten Baum dringe. Da erbot sich der Schmied in Ausacker, die Beile zu schärfen. Es gelang nun, den Baum zu fällen; aber kaum stürzte er, als eine ungeheure Schar

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von Uhus und Eulen herbeigeflogen kam und mit entsetzlichem Geschrei und Gekrächze lange die Luft erfüllte. Im Schloß aber hat sich der Spuk nie mehr gezeigt, man weiß auch nicht, wohin der Geist aus dem gefällten Baum entwichen ist.

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Graf Rudolf auf der Bökelnburg
Auf der Bökelnburg saß ein Graf Rudolf und hielt die Dithmarschen alle in schwerer Dienstbarkeit. Die Bauern mußten zum Zeichen ihrer Abhängigkeit am Hals einen Klawen (Joch) tragen, mit dem sonst das Vieh im Stall angebunden steht. Sie mußten den Schimpf dulden. Des Grafen Frau aber, die Walburg hieß, hatte ihn zu dieser Härte angestiftet. Sie trieb ihn auch dazu, daß er noch eine große, ungewöhnliche Abgabe in einem Jahr auflegte, in dem erst der Winter so hart war und die Kälte so grimmig, daß die Vögel in der Luft erfroren und herunterfielen. Darauf folgten Teuerungen und Hungersnot, und Menschen und Vieh starben in großer Zahl. Da hielten die Bauern bei dem Grafen an, daß er ihnen das Korn erließe. Er sah wohl ein, daß doch wenig oder gar nichts einkommen könnte, und erließ ihnen also die Abgabe, doch unter der Bedingung, im folgenden Jahr sie doppelt zu entrichten. Zu dieser Zeit wohnte zwischen Schaafstedt und Eckstedt auf einem großen Hof ein reicher Bauer, ein vornehmer Mann. Den bat der Graf im folgenden Jahr einmal bei sich zu Gast und bewirtete ihn stattlich. Während des Schmauses ließ er Musik machen. Nach einiger Zeit lud ihn der Bauer dafür wieder ein und stellte ein großes Gastgebot an. Wie es früher öfter bei Hochzeiten und Bieren geschah, waren Säcke voll Korn hingestellt und Bretter darübergelegt. Darauf saßen die Gäste. Anstatt des Saitenspiels und der Musik aber ließ der Bauer erst seine Schweine heraus, dann die Schafe, dann das Jungvieh, darauf die Kühe und endlich die Pferde, alle nacheinander. Die trieben mit Springen und Laufen ihre Kurzweil und machten keinen geringen Lärm. Als die Frau des Grafen aber all den Reichtum sah, stiftete sie ihren Mann dazu an, daß er die Pacht ernstlich fordere. Darum hielt er nun auch die Bauern mit Gewalt dazu an, daß sie beide Abgaben, nämlich des vorigen -611-

Jahres nachständige und dieses Jahres fällige Pflicht, eines mit dem andern aufbrächten. Die Bauern aber wurden böse, denn sie hatten gerade erst die ärgste Not überwunden. Daher dachten sie auf Gelegenheit und Mittel, wie sie gleichzeitig ihr Joch ablegen und ihre alte Freiheit wiedererlangen könnten. Das ist ihnen auf diese Weise gelungen: Als sie am Sankt-Martins-Abend (11. November) das Korn auf die Burg bringen sollten, schickten sie erst einige Wagen mit vollen Säcken voran. Auf den ersten aber setzte sich ein Bauer mit seiner schönen Tochter, die der Bökelnburger Herr wohl leiden mochte. Auf den übrigen Wagen verbargen sich starke Männer in und unter den Säcken, und nebenher gingen nicht weniger starke, als wenn sie das Korn abladen wollten. So fuhren sie eilends hintereinander her. Bald war der Burgraum voll, und etliche hielten, wie verabredet war, unter dem Tor, damit dieses nicht gesperrt werden konnte. Als die vorderen Wagen abgeladen wurden und der Graf keinen Arg vermutete, erscholl von den hinteren Wagen her die Losung: "Röhret die Hände! Snydet de Sacksbände!" Da schnitten sich die Verborgenen heraus. Die Wagenführer und die Sackträger rotteten sich mit ihnen zusammen und mit ihren langen Messern bewaffnet, fielen sie über die Leute in der Burg her. Als die Gräfin die Gefahr bemerkte und. nichts Gutes ahnte, sprang sie aus dem Fenster des Schlosses in das fließende Wasser hinein, das bis auf den heutigen Tag nach ihr die Wolbersaue (Walburgsaue) heißt. Den Grafen aber suchte man überall vergebens. Als man nun das Schloß schleifte und zerstörte und schon der dritte Tag da war, beobachtete man, wie die Elster, die der Graf gezähmt t und zur Kurzweil stets bei sich gehabt hatte, vor einem verborgenen Gang saß und immer seinen Namen rief. Da zog man ihn hervor, -612-

erstach ihn und riß vollends alles nieder, daß weiter keine Spur als der große Ringwall übrigblieb.

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Inge von Rantum und der Meermann auf Hörnum
Einst war der Meermann Ekke Nekkepen seines alten Meerweibes Ran überdrüssig geworden und wollte ein schönes junges Menschenfräulein freien. Er ging also auf Hörnum an Land und wanderte in Schiffertracht am Sylter Strand entlang. Gegen Abend begegnete ihm beim Küssetal ein Mädchen, Inge von Rantum geheißen. Der Alte war gleich verliebt in sie und gebärdete sich wie ein Nachtschwärmer. Auf der Stelle begann er um sie zu freien und sagte ihr schmeichelnde Worte. Die Maid wurde verlegen, es bangte ihr vor dem ungebetenen Freier. Der Nix steckte ihr einen goldenen Ring an den Finger, band ihr eine goldene Kette um den Hals und erklärte: "Nun hab ich dich gebunden, nun bist du meine Braut". Die Jungfrau weinte und bat ihn, er solle sie frei lassen, doch gab sie ihm seinen goldenen Ring und seine Kette nicht zurück. Da sprach der Meermann zu dem Mädchen: "Ich mag dich, muß dich haben. Magst du mich, sollst mich kriegen. Willst du nicht, kriegst mich doch. Mittewoch haben wir Gelag. Doch kannst sagen, wie ich heiß, Dann bist du frei und meiner los." Die Jungfrau gelobte, sie wolle am folgenden Abend Bescheid sagen, daraufhin ließ er sie gehen. Im stillen lachte die Maid bei sich: "Ich werde es schon erfahren, wie der Freier heißt!" Doch nirgends, wo immer sie auch fragte, kannte man seinen Namen. Am folgenden Abend ging sie wieder an den Strand und weinte. Bei der Thorsecke auf Hörnum hörte sie im Berg jemanden singen, es war wohl ihres Freiers Stimme: -614-

Heute werd, ich brauen. Morgen werd, ich Backen. Übermorgen will ich Hochzeit machen. Ich heiße Ekke Nekkepen; Inge von Rantum gehört zur Auserwählten - Und das weiß niemand als ich! Als die Jungfrau dies hörte, wurde ihr leichter ums Herz; sie eilte sogleich zum Küssetal, um dort ihren Freier zu erwarten. Nach einer Weile kam er auch; gleich rief sie ihm zu: "Du heißt Ekke Nekkepen, und ich bleibe die Inge von Rantum!" Dann lief die Maid schnell nach Hause samt ihren goldenen Schmucksachen; der Meernix aber hatte das Nachsehen. Seit diesem Geschehen war der Meermann auf alle Rantumer böse und brachte ihnen Unglück und Schaden, wo er nur konnte. Er ließ seine Frau Salz mahlen; das erzeugte einen solchen Wirbel, daß manches Schiff darin versank. Auch der Lärm des Mahlens übertönte so manchen verzweifelten Hilferuf. Von dem vielen Salzmahlen der Meerfrau, so erzählt die Sage, ist zuletzt auch die ganze, weite See salzig geworden.

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Knaben entscheiden einen Rechtsfall bei Tondern
Ein Arm der Widau bei Tondern führt den Namen Renzau, von dem kleinen Dorf Renz, im Kirchspiel* Burkall. Da, wo die Ufer ziemlich hoch und steil zum Fluß abfallen, stürzte einst ein Mann ins Wasser; er wäre ertrunken, wenn nicht ein Bauer, der in der Nähe arbeitete, sein Geschrei gehört hätte und herbeigeeilt wäre. Der wackere Helfer hielt dem mit den Wellen Ringenden eine Stange entgegen, und der Mann half sich daran heraus, stieß sich jedoch dabei ein Auge aus. Darum erschien er auf dem nächsten Gerichtstag, verklagte seinen Retter und verlangte von ihm Ersatz für das verlorene Auge. Die Richter waren ratlos und verschoben das Urteil auf den nächsten Gerichtstag. Aber der dritte Gerichtstermin war da, und der Vogt war noch immer nicht mit sich einig. Mißmutig stieg er zu Pferd und ritt langsam und nachdenklich Tondern zu, wo Gericht gehalten wurde. So kam er nach Rohrkarrberg. Dort saßen drei Hirtenknaben beisammen und berieten eifrig. "Was macht ihr da, Kinder", fragte der Vogt. "Wir spielen Gericht", war die Antwort. "Was habt ihr denn für eine Sache vor?" forschte er weiter. "Wir sitzen zu Gericht über den Mann, der in die Renz gefallen ist", antworteten sie. Da hielt der Vogt sein Pferd an, um auf das Urteil zu warten. Die Jungen kannten ihn nicht und ließen sich daher auch nicht stören. Von ihnen wurde nun zu Recht erkannt, daß der gerettete Mann an der gleichen Stelle wieder in den Fluß geworfen werden solle; könne er sich dann selbst retten, so solle er Ersatz für das Auge bekommen; könne er es aber nicht, so habe der andere gewonnen. Ehe der Vogt weiter ritt, gab er den Jungen -616-

einen schönen Geldbetrag und ritt dann erleichtert nach Tondern. Bei der Gerichtstagung entschied er wie die Hirtenknaben. Der Schurke konnte sich nicht allein retten und mußte ertrinken. Der hilfsbereite Bauer hatte also gewonnen.

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Pidder Lüng
Verheiraten konnte sich keiner der Hörnumer, daran war nicht zu denken. Sie hatten keine ordentlichen Wohnungen und Möbel, kein Vieh, keine Gärten, keine Äcker und konnten sich selber im Winter oft nur notdürftig ernähren und sich im Frühjahr wieder zum Fischfang ausrüsten. Es gebrach ihnen sogar an eigenen Fischerfahrzeugen, Fischerleinen, Netzen und anderen Geräten. Deshalb mußten viele von ihnen für Lohn arbeiten und sich alljährlich als Gehilfen oder Matrosen verdingen, am häufigsten auf Helgoländer Fischerfahrzeugen. Nur Jakob Lüng hatte ein ordentliches Haus und ein freilich altes, aber noch immer starkes und brauchbares größeres Schiff, das er von seinem Vater geerbt hatte. Auch hatte er immer Geld genug, um im Notfalle den übrigen Hörnumer Fischern damit zu Hilfe zu kommen. Im übrigen lebte er mit seiner Frau still und zurückgezogen im Dünental, ging seinen Geschäften als Fischer nach, sprach wenig, kümmerte sich überhaupt selten um das Tun und Treiben anderer Menschen und kam nicht oft nach anderen Gegenden und Dörfern der Insel. Eines Jahres schenkte ihm seine Frau einen kleinen Sohn, den er Peter taufen ließ, der aber von seinen Landsleuten ge wöhnlich Pidder Lüng und später, als er herangewachsen war, wegen der Länge seines Leibes und seiner Glieder oft der lange Peter genannt wurde. Im übrigen gab es für den einzigen Prediger in Rantum, nämlich den Herrn Einerlei, in vielen Jahren auf Hörnum nichts zu tun und keine Gebühren zu erheben. Trauungen und Kindtaufen kamen dort nicht vor, und Beerdigungen pflegten im Meer oder in der Stille auf alten Kirchhöfen in den Dünen zu geschehen. Zur Kirche gingen die Hörnumer Fischer nicht. -618-

Beichte und Ablaß, Heiligen-- und Bilderverehrung waren ihnen vollends zuwider. Fegefeuer und Hölle schienen sie nicht zu fürchten; priesterliche Drohungen und Bannflüche aber verlachten sie. Als der Priester Georg durch Drohungen und Bannsprüche nichts bei ihnen ausrichtete, versuchte er durch Schmeicheleien mindestens einige Opfer und Zehnten von ihnen zu gewinnen. Glatten Worten schienen jedoch die Fischer unzugänglich zu sein. Als der habsüchtige Priester sie wiederholt aufforderte, ihm statt der Geldgebühren einen Teil ihrer gefangenen Fische zukommen zu lassen, konnten sie aber, wie es schien, nicht länger widerstehen und versprachen, ihm zu willfahren. Eines Tages nun kam einer der Fischer mit einem großen, schweren Sack auf dem Rücken zu Herrn Georg und sagte zu ihm, daß er ihn von seinen Kameraden, den Hörnumer Fischern, grüßen und ihm einen Teil ihres Rochenfanges bringen solle. Der Priester wurde froh, gab dem Überbringer einen Trinkpfennig und nahm den Sack in Empfang. Er öffnete ihn, nachdem der Fischer sich schnell wieder entfernt hatte. Allein -- wie war er enttäuscht und erbittert! Der Sack enthielt nämlich lauter "Rochelprotter". Das sind Stacheln von Giftrochen, von Fischen, die damals sehr häufig bei Hörnum gefangen wurden. Das hatte Herr Georg den Hörnumern nicht zugetraut! Sein Ingrimm gegen sie war jetzt grenzenlos. Er sah, daß bei den Fischern mit Güte ebensowenig wie mit Drohungen etwas auszurichten war. So wandte er sich an die Obrigkeit mit der Bitte, Vögte zu entsenden, um die halsstarrigen und unbußfertigen Fischer und Strandräuber auf Sylt zu bändigen. Und siehe, seine Bitte wurde erfüllt. Es waren indessen auch schon zu dieser Zeit in Eiderstedt, auf Nordstrand und Föhr Land-- und Strandvögte angestellt worden. Aber man hatte bisher noch nicht an das abgelegene Sylt gedacht und am allerwenigsten daran, daß in Rantum ein Strandvogt sein müßte. Auf solche Weise bekamen die Sylter ihre ersten Vögte. Von -619-

ihnen heißt es, daß die Leute und besonders die Hörnumer Fischer nichts nach ihnen fragten, ihnen nic ht gehorchen wollten. Doch jetzt erst noch etwas von Pidder Lüng, dem Sohn des Jakob Lüng. Als er noch klein und jung war, hielten die Fischer ihn oft zum besten, um ihren Spaß mit ihm zu haben und sich in müßigen Stunden die Zeit zu vertreiben. Wenn der kleine Pidder zuletzt jedoch merkte, daß die Fischer ihm etwas weisgemacht hatten, lachten sie ihn noch dazu aus. Dadurch wurde der Junge mißtrauisch und glaubte außer seinen Eltern niemandem mehr. Eines Tages hatte er sich ziemlich weit von der elterlichen Wohnung entfernt. Er lag in einem Dünental und pflückte sogenannte Hungerblumen, um damit zu spielen. Da trat ein Mädchen aus NeuRantum von hinten leise zu ihm und hielt ihm die Hände vor die Augen, so daß er nichts sehen konnte. Pidder schrie laut auf und kratzte die Hände des Mädchens. Da zog es die Hände zurück, und er konnte wieder sehen. "Die Blumen, die du gepflückt hast, sind häßlich", sprach das Mädchen. "Nein", antwortete Pidder zornig, "sie sind schön. " "Aber sie riechen häßlich", sprach es weiter. "Nein, sie riechen schön", entgegnete er. "Pidder Lüng, wie bist du noch so klein und schwach", sprach das Mädchen aus NeuRantum. "Nein", rief Peter trotzig, "ich bin groß und stark." "Aber du bist böse." "Nein, ich bin nicht böse." "Wenn du nicht böse bist, so komm her und gehorche mir!" "Ich will nicht." "Aber, Pidder, komm doch, ich will dich waschen, du bist schmutzig." -620-

"Nein, ich bin nicht schmutzig, ich will nicht gewaschen sein. " "Nun, Peter, darf ich denn deine Nase nicht saubermachen? " "Nein!" "Willst du nicht meinen Korb tragen, du eigensinniger Junge?" "Nein, ich will nicht, ich bin nicht eigensinnig." "Will Pidder Lüng denn gar nicht hören? " "Nein, ich will nicht hören! " "Auch nicht gut werden? " "Nein, ich will nicht gut werden! " In solcher Schule wuchs Peter auf. Die Fischer, die ihren Spaß mit ihm hatten, machten ihn mißtrauisch; neckende Mädchen machten ihn eigensinnig. Er war so widerspenstig und hartnäckig geworden, daß er zu allem, was man von ihm verlangte oder worum man ihn bat, niemals ja, sondern immer nein sagte. Nur seiner Mutter, einem weinenden Kinde, der darbenden Armut, dem Jammer und dem Elend der Menschen gegenüber konnte er nicht nein sagen. Da war es, als ob ihm das Herz vor Mitleid brechen müßte. Er war unterdessen groß und stark geworden und half bereits beim Fischfang. Eines Abends --- bei hellem Mondschein und mildem Wetter -- blickte er, in Gedanken vertieft, auf die Stätte, wo einst das Haus seines Großvaters gestanden hatte. Es war um die Zeit, als der Priester Georg besonders ingrimmig gegen die Hörnumer wütete, als er veranlaßte, daß die Vögte kamen, welche die alten Freiheiten und Rechte der Sylter zu unterdrücken strebten. Da schien ihm, als ob eine weinende Gestalt händeringend auf dem Herdsteine des alten, verbrannten Hauses saß. Je länger er die Gestalt anschaute, desto bestimmtere Züge nahm sie an, desto mehr überzeugte er sich, daß er ein wirkliches Wesen vor sich sah. "Wer bist du?" fragte er endlich.

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"Ich bin die Stavenhüterin. Wo rechtschaffene, freie Mensche n wohnten, da bewache ich die Stätte, wo sie geweilt haben, damit der Ort nicht durch Lug und Trug, durch Unrecht und Unterdrückung entweiht werde. Oh, daß Jens Lüng noch lebte!" "Warum?" sprach Peter. "Jens Lüng war mein Großvater." "Ach", sagte das händeringende Weib, "möchtest du ihm ähnlich sein, zu wehren mit festem, männlichem Sinn dem Greuel der Verwüstung, der über Friesland immer mehr hereinbricht. Ach, möchtest du retten an Tugenden und Freiheiten, was zu retten ist, oder, wenn du --- wie ich fürchte --nicht siegen kannst, im Kampf untergehen nach alter Weise. Lewwer duad üs Slaaw! (Lieber tot als Sklave!)" Peter schwur, tief erschüttert: "Ja! Lewwer duad üs Slaaw! Ich will in die Fußtapfen meines Großvaters treten, so gut ich's kann und verstehe !" Darauf verschwand die edle Stavenhüterin. Unterdes gingen Jahre hin und änderten nichts. Eines Tages aber hatte Pidder Lüng, der jetzt schon gegen 26 Lebensjahre zählte, für seine alte Mutter, die wie sein Vater besonders gern Grünkohl aß, obgleich dieses Küchengewächs auf Hörnum nicht gedeihen wollte, eine große Tracht Kohl von guten Freunden auf Westerland geholt und auf seinem Rücken heimgetragen. Die Mutter hatte am folgenden Tage den Kohl gekocht. Alle drei freuten sich auf dieses Gericht und saßen eben rings um den Tisch, um sich den herrlichen Kohl wohlschmecken zu lassen. Da öffnete sich die Tür ihres Hauses, und es trat ein junger Mann in kostbarer Kleidung in die Stube. In seinem Gefolge waren der alte falsche Priester Georg, der Landvogt der Insel und der Strandvogt von Rantum. Der junge Herr grüßte nicht, sondern sagte: "Wohnt hier das Gesindel, welches Gott und der hohen Obrigkeit trotzt?" Peters Mutter ließ vor Schreck den Löffel fallen. Peter selbst zerbrach den seinigen vor Wut und knirschte mit den Zähnen.

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Nachdem der langsame, alte Jakob Lüng sich besonnen hatte, antwortete er: "Wir sind kein gottloses Gesindel, sind ehrliche Fischersleute und niemandem etwas schuldig! Wer seid Ihr aber, der Ihr in das Haus eines freien Friesen einzudringe n wagt --wie es scheint, nicht in guter Absicht?" "Wer ich bin, alter Trotzkopf, das will ich dir gleich zeigen. Ich bin von der Obrigkeit hierher gesandt und komme im Namen meines Herrn Vaters, des Amtmanns Henning Pogwisch in Tondern, um euch eures Ungehorsams wegen zu strafen und alles andere trotzige und hochmütige Gesindel auf Sylt zu bändigen. Ihr scheint hier noch keine Ahnung davon zu haben, welche Gewalt die Obrigkeit besitzt noch wie ihr als Untertanen euch gegen sie zu verhalten habt. Das will ich euch lehren, ihr freien friesischen Kohlfresser, die ihr Abgaben mit Rochenstacheln zu bezahlen euch erfrecht!" Den jungen Pogwisch überkam bei diesen Worten eine starke Anwandlung zum Husten und zugleich eine unwiderstehliche Neigung, seinem Spott und seiner hochmütigen Laune Luft zu machen. Er spuckte in dieser Aufwallung in die Kohlschüssel der Friesen. Da war die Geduld des jungen Pidder Lüng, der bisher stillgeblieben war, zu Ende. Glühend vor Zorn stand er auf Er zitterte an allen Gliedern. "Wer in den Kohl spuckt, soll ihn fressen!" rief er, faßte mit riesiger Kraft den Nacken des Pogwisch und drückte ihm das Gesicht in den heißen Kohl, bis der junge Tyrann erstickte. "Um Gott, was machst du?" schrie Herr Georg. Jakob Lüng und seine Frau erblaßten. Die beiden Vögte ergriffen feige die Flucht. Jetzt wurde es draußen lebendig. Die mitgekommenen Fußknechte, Henker und Diener hatten, während das eben Erzählte im Hause Jakob Lüngs vorfiel, sich über die hölzernen, galgenähnlichen Gerüste der Fischer lustig gemacht, woran die Rochen und andere Fische zum Trocknen aufgehängt waren. Spottend sagten sie: "Seht, da sind die Galgen für die -623-

Strandräuber schon fertig!" Dabei hatten sie die ungestalten, übelriechenden Rochen bereits heruntergerissen, um den Fischern Platz zu machen. Doch diese waren noch nicht gefangen und nicht gewillt, sich von einer Handvoll Landsknechte gutwillig greifen und hängen zu lassen. Einer der Fischer rief: "Sie wollen wieder Abgaben haben. Wartet nur, wir bezahlen mit Rochenstacheln!" Die Fischer schnitten eiligst ihren Rochen die stacheligen Schwänze ab, und mit diesen gefährlichen Waffen fielen sie über die Knechte des Amtmanns her, hieben ihnen Köpfe und Rücken wund und jagten sie in die Flucht. Jetzt kamen in großer Angst die Vögte und der Priester aus dem Haus des Jakob Lüng. "Seid ihr blind oder könnt ihr sehen?" riefen die Fischer den Vögten zu. "Wir sind blind und geschlagen; wir sehen nichts!" antworteten die feigen Vögte. "Ich verfluche euch in die Hölle, ihr Heiden!" schrie der Priester. "Aha", riefen die Fischer, "da ist der Herr Pater Gierig auch; den müssen wir blind machen. Doch nein, wir wollen ihm von den Rochenschwänzen die Zehnten geben. Hört, seid nicht karg gegen ihn. Gebt ihm reichlich!" So schrien die erbosten Fis cher einander zu und hieben mit ihren Rochenschwänzen dermaßen auf den falschen Priester ein, daß die giftigen Stacheln ihm die Haut von den Knochen rissen, zum Teil im Fleische steckenblieben und er nur mit genauer Not lebendig nach Rantum zurückkehrte, wo er bald darauf an seinen Wunden starb. So ging es damals auf Hörnum zu! Nach diesem Aufruhr wurde es dort eine Zeitlang sehr still. Pidder Lüng freilich konnte sich viele Jahre nicht wieder auf Sylt sehen lassen. In dem Ewer seines Vaters fuhr er mit einigen Freunden von Hörnum weg, auf die See und in die Fremde. Viele andere Fischer folgten ihm nach. Wenigstens hieß es so. -624-

Als der böse Amtmann erfuhr, wie es seinem Sohn und seinen Dienern auf Sylt ergangen war, wurde er sehr zornig. Er ließ alle Fußknechte, Soldaten und andere Diener aus dem ganzen Amte zusammenkommen und sandte sie mit den strengsten Befehlen nach Sylt, die Hörnumer Fischer und Stranddiebe tot oder lebendig nach Tondern zu bringen. Als diese jedoch auf Sylt ankamen, waren Pidder Lüng und alle anderen Fischer bereits auf das Meer entflohen. Nur einige alte, schwache Leute, unter denen sich auch Jakob Lüng und seine Frau befanden, waren noch auf Hörnum. Als diese erfuhren, daß des Amtmanns Knechte und viele andere Diener und Soldaten gekommen wären, um die Hörnumer Aufrührer zu fangen, mußten auch sie sich zur Flucht rüsten. Jedoch Jakob Lüng wollte nicht. Seine Frau sagte zu ihm: "Wenn die Häscher die Schuldigen nicht finden, so werden sie die Unschuldigen mitnehmen und büßen lassen. Wir mü ssen fliehen. " "Ich mag nicht fliehen. Ich laufe vor niemandem davon", antwortete Jakob. "Aber lieber Mann, sie werden dir das Leben nehmen", sprach seine Frau. "Nun, laß sie, ich bin alt genug zum Sterben", war die Antwort. Als die Frau sah, daß ihr Mann sich nicht zur Flucht bewegen ließ, ging sie hinaus, um mit den Nachbarn zu sprechen und von sich aus die Rettung herbeizuführen. Gegen Abend kehrte sie wieder heim zu ihrem Mann. Als es dunkel geworden war, zündete sie ihre Lampe an und legte ihre Kleider und notwendigsten Sachen bereit. Kaum war sie damit fertig, so wurde heftig an die Haustür geklopft. Die Frau des Jakob Lüng blies schnell die Lampe aus und ging zur Tür, um aufzumachen. Die hereintretenden Männer sprachen harte und rauhe Worte, welche die beiden Eheleute nur teilweise verstanden. Die -625-

Fremdlinge nahmen jetzt mit leichter Muhe den alten, langsamen Jakob gefangen, banden ihm die Hände und führten ihn samt seiner Frau aus dem Hause fort. Die Gesellschaft wanderte in der sehr finsteren Nacht schweigend durch die Dünen nach dem Meer und dann längs des westlichen Strandes nordwärts. Als sie ungefähr drei Stunden gegangen waren, stiegen alle, noch immer schweigend, wieder über die Dünen in das Innere dieses kleinen Gebirges. Sie waren in einer dem alten Jakob Lüng fremden Gegend. Mitten in einem wilden, verborgenen Dünenkessel standen die Reste eines alten, im Sande halb begrabenen Hauses. Hier klopfte man an. Ein kleiner, buckliger Mann, den die Begleiter oder Entführer des alten Ehepaares in der Sylter Sprache anredeten und den sie Pua nannten, öffnete leise die Tür, ließ alle ein und schloß die Tür eilig wieder zu. Jakob Lüng und seine Ehefrau waren gerettet. Am folgenden Morgen stürmten die Tondernschen Häscher und Knechte des Amtmanns nach Hörnum, fanden aber das Nest leer. Sie zerstörten das Haus Jakob Lüngs, nachdem sie es wie auch die übrigen Hütten der Hörnumer geplündert hatten. Darauf begannen sie alle Dörfer, Schluchten und andere verborgene Stätten der Insel sowie viele einzelne Wohnunge n zu durchsuchen. Sie forderten auch alle wohlgesinnten Sylter auf, ihnen zu Hilfe zu kommen. Es waren aber keine ihnen wohlgesinnten Sylter zu finden, mit Ausnahme allerdings des Priesters Georg. Dieser lag jedoch im Sterben und konnte ihnen nichts mehr nützen. Jetzt wollte man die Sylter zu solcher Hilfeleistung zwingen. Allein sie waren und blieben widerspenstig und rührten sich nicht zur Teilnahme an solchem widerwärtigen Geschäft. Sie schienen vielmehr geneigt zu sein, allesamt die Rochenschwänze in die Hand zu nehmen, um sie gleich den Hörnumern zu gebrauchen und die herrschsüchtigen Fremdlinge damit zu verjagen.

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Unterdessen kamen für die Dienstleute des Amtmanns, ehe sie auf Sylt irgendeinen Erfolg hatten, schlimme Nachrichten vom Festland. Als nämlich die Tondernschen Geest-- und Marschharden des Festlandes von den Knechten des tyrannischen Amtmanns entblößt waren, begannen die Bauern auch dort trotzig zu werden. Sie wollten keine Steuern mehr bezahlen und machten Miene, nach Tondern zu gehen, um den bösen Amtmann zu erschlagen. Die Regierung merkte jedoch den Unfrieden und wollte die Grausamkeiten des Amtmanns Pogwisch und seiner Söhne nicht länger dulden. Sie kam deshalb den Bauern zuvor und ließ den Amtmann absetzen und mit seinen Söhnen aus dem Reiche vertreiben.

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Sagen aus Schwaben

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Das Bleichebrückle zwischen Löffingen und Rötenbach
Wenn man die Straße zwischen Rötenbach und Löffingen geht, muß man über ein Brücklein. In der Nähe steht ein Haus, die "Bleiche " genannt, weil in den Wiesen ringsum einst Wäsche gebleicht wurde. Daher hat das Brücklein seinen Namen. Wer abends nach Betzeitläuten darübergeht, kann übles erleben: ein großer schwarzer Hund kommt unter dem Brücklein vor und springt ständig um den Wanderer herum, so daß dieser nicht weiterschreiten kann. Es ist schon vorgekommen, daß Rötenbacher, die abends in Löffingen lange aufgehalten wurden, dann erst gegen Morgen nach Hause kamen.

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Das Galgenbrünnele von Geißlingen
In Geißlingen an der Steig sollte einst ein zum Tod Verurteilter zum Galgen geführt werden. Als der Zug am Richtplatz angekommen war, bat der arme Sünder die Richter, noch einmal zum Volke sprechen zu dürfen. Man gestattete ihm die Bitte. Da versicherte er zum letzten Male seine Unschuld vor allem Volk. "Zum Zeichen dessen wird eine Quelle aus diesem Felsen springen, sobald meine schuldlose Seele in den Himmel eingegangen ist." Kaum hatte der Henker das Urteil vollzogen, da rieselte aus dem Felsen unter dem Galgen ein Brünnlein hervor. Das Volk war erschüttert über dieses wunderbare Zeugnis von der Unschuld des Gerichteten, der Richter aber rief: "Herr, richte mich nicht, wie ich gerichtet habe!" Noch heute läuft ein klares Bächlein vom Galgenberg bei Geißlingen ins Tal, das "Galgenbrünnele".

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Das Hornberger Schießen
Das kIeine Do rf Hornberg im Schwarzwald wollte einstmals ein großes Schießen halten, machte gewaltige Zurüstungen und lud alle Welt zu diesemFest ein. Die Hornberger hatten wirklich auch für alles, was bei einem solchen Schießen erforderlich ist, wohl gesorgt. Nur eins hatten. sie vergessen, das Pulver. Daher sagt, man, wenn eine mit viel Lärm angekündigte Unternehmung leer und erfolglos endet: "Das geht aus wie's Hornberger Schießen!"

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Das Rockenweiblein bei Schloß Eberstein im Schwarzwald
Die hohe Felsenwand im Rücken des Schlosses Eberstein im Murgtale heißt der "Rockenfels". Darin wohnte vorzeiten in einer unterirdischen Kammer ein Bergweiblein. Es war nicht mehr jung, auch nicht schön, aber über die Maßen freundlich und dienstfertig. Oft besuchte es abends die Spinnstuben in der Gegend und erzählte den neugierig Lauschenden seltsame Geschichten, heitere und schaurige. Wo die Alte weilte, ging die Arbeit gut voran. Der Burgvogt, der damals auf Eberstein lebte, war ein harter und finsterer Mann. Täglich zwang er die Mägde bis in die tiefe Nacht hinein zur Arbeit und gönnte ihnen nur wenig Brot und Ruhe. Unter ihnen war auch eine junge, schmucke Dirne namens Klara, ein sehr frommes und ehrbares Kind. Der Schloßgärtner hatte schon längst die Absicht, sie zu seiner Frau zu machen, und auch die Jungfrau hatte ihm ihre Zuneigung geschenkt. Weil sie aber eine Leibeigene von Eberstein war, durfte sie ohne des Vogts Einwilligung nicht heiraten. Dieser aber wußte jedesmal, wenn ihn das Paar um seine Zustimmung bat, eine andere Ausrede, um ihr Glück zu verzögern. Eines Tages, als die arme Magd wieder flehend in ihn drang, nahm er sie ans Fenster und sagte höhnisch, indem er nach dem nahen Friedhof im Tale deutete: "Siehst du dort jenes grünbewachsene Grab neben dem großen Grabstein?" Klara seufzte, helle Tränen liefen ihr über die blühenden Wangen: "Ach, das ist ja das Grab meiner armen Eltern. " "Die Nesseln gedeihen prächtig auf diesem Grabe!" fuhr der Vogt lachend fort. "Es ist davon ganz überwuchert! Nun höre mich an! -632-

Ich habe mir sagen lassen, man könne aus diesem Unkraut einen überaus zarten Faden spinnen, und darum mache ich dir jetzt einen Vorschlag: du sollst mir aus jenen Nesseln ein Stück Leinwand verfertigen, das gerade für zwei Hemden reicht, aber nicht größer und nicht kleiner! Das eine wird dann dein Brauthemd sein, in dem andern soll man mich einst begraben. " Nach diesen Worten ging der Vogt, boshaft kichernd, seiner Wege. Das arme Mädchen stand voll Bestürzung da und wußte weder Rat noch Trost. In der Trauer ihres Herze ns eilte sie dann hinunter zu dem Grabe ihrer Eltern und weinte. Da stand plötzlich das Bergweiblein neben ihr und fragte nach der Ursache ihres Grams. Als Klärchen der alten Frau alles erzählt hatte, verfinsterte sich das sonst so gutmütige Gesicht des Weibleins, und es sagte: "Sei nur ruhig und getrost, es soll dir schon geholfen werden!" Sprach's und riß einen Arm voll Nesseln vom Grabhügel und verschwand. Klara ging mit erleichtertem Herzen zur Ruhe. Kurze Zeit nachher jagte der Vogt in dem Forst über der Murg und kam zufällig auch an den Rockenfels. Dort saß das Bergweiblein am Eingang seiner Höhle und schnellte recht wacker die zierliche Spindel. "Du spinnst dir wohl ein Brauthemd, du graue Schönheit?" lachte der Vogt. "Ein Brauthemd und ein Totenhemd, Herr Vogt", versetzte das Mütterchen. "Du hast da einen gar schönen Flachs, der ist gewiß von irgendwo gestohlen? " "Mit nichten, dort drunten ist er gewachsen auf einem armen Bauerngrab." Den Vogt überlief es kalt. Die Jagd war ihm verleidet, er kehrte sogleich nach Eberstein zurück, mit sich selbst im -633-

Kampf, ob er die Zustimmung zu Klärchens Heirat geben solle oder nicht. So vergingen einige Tage, ohne daß er zu einem festen Entschluß gelangen konnte. Als er eines Abends eben beim vollen Humpen im Rittersaal seine ängstlichen Gedanken niederzutrinken suchte, erschien Klara, zwei schöne Hemden auf dem Arm tragend. "Herr Vogt", sagte sie, "Eurem Verlangen ist nun entsprochen. Hier sind die zwei Hemden aus den Nesseln von dem Grabe meiner Eltern; das eine für Euch, das andere für mich. Jetzt haltet aber auch Euer gegebenes Wort!" "Das will ich, gewiß, das will ich", stotterte der Vogt, dem es ganz unheimlich zumute war, "morgen soll deine Hochzeit sein!" In der Tat gab er auch sogleich dem Schloßgärtner die Erlaubnis zur Trauung und versprach, er werde sich selbst dem Ehrengeleit in die Kirche anschließen. Doch während am folgenden Morgen das junge Paar glücklich am Altar stand, lag der Burgvogt auf der Bahre, mit dem Leichenhemd aus Nesseln angetan. Die Strafe des Himmels hatte den Sünder unmittelbar später ereilt.

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Das Schrättele von Obersdorf im Allgäu
In Obersdorf im Allgäu lebte einst ein Bursche, der des Nachts oft von einem Schratt geplagt wurde. Obgleich er am Abend seine Kammer gut verschloß und selbst das Schlüsselloch zustopfte, kam der Schratt doch immer wieder. Da suchte der Junge die Kammerwand ab und fand in einem Brett ein kleines Astloch. Als nun der Schratt bei Nacht wieder kam, steckte der Jüngling einen Zapfen in das Astloch, damit der Schratt gefangen sei und nicht mehr hinaus könne. Gleichzeitig warf er ein Kissen auf den Boden. Am andern Morgen saß ein schönes Mädchen auf dem Kissen. Sie wußte nicht, wer sie sei und woher sie komme. Da sie aber einen guten Eindruck machte, behielt man sie als Magd im Haus. Sie war stets fleißig und brav, und darum gefiel sie den Leuten gut, vor allem dem Sohn. Der nahm sie bald zu seiner Frau. Beide lebten lange Zeit glücklich miteinander, wenn auch das junge Weib wie an einem heimlichen Gram litt. Da fragte sie ihr Mann eines Tages, warum sie denn so traurig sei. Die Frau antwortete: "Wenn ich nur wüßte, wer ich bin, woher ich stamme und wie ich in dieses Haus gekommen bin." Nun führte sie der Mann in die Kammer, zeigte ihr das Astloch und zog das Zäpflein heraus mit den Worten: "Sieh, da bist du hereingekommen. " Kaum hatte das Weib diese Worte gehört, da fuhr es durch das Astloch hinaus, und das Schrättele kehrte niemals wieder.

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Das hochmütige Schloßfräulein von Steinen
In dem Schlößlein zu Steinen im Wiesental wohnten vor grauen Zeiten die Zwingherren der Gegend. Die Tochter des einen von ihnen fühlte sich so sehr über alles Irdische erhaben, daß sie nicht auf der bloßen Erde in die Kirche gehen wollte; sie ließ sich stets vom Schlößlein bis zum Kirchhof, ja über den Kirchhof selbst bis zum Gotteshaus einen Dielenweg legen, der mit Tuch und Taft bedeckt werden mußte. Aber ihr blieb das Los der Sterblichen nicht erspart: eines Tages wurde sie vom Tode dahingerafft. Nachdem sie gestorben und mit großem Prunk beerdigt war, stand der Sarg am nächsten Morgen außen an der Kirchhofmauer und ebenso die zwei folgenden Tage, obwohl man ihn jedesmal wieder auf dem Gottesacker in die Erde bestattet hatte. Man lud nun den Sarg auf einen zweirädrigen Wagen, spannte zwei junge schwarze Stiere davor, die noch kein Joch getragen hatten, und ließ sie laufen, wohin sie wollten. Stracks gingen die Tiere auf den Häfnetbuck, wo sie im unwegsamen Wald an einer Quelle stehenblieben. Hier nun verscharrte man den Sarg. Jetzt endlich blieb er auch im Boden. Das Fräulein aber findet keine Ruhe im Grab, und die Quelle heißt ihretwegen Junglernbrunnen. Bei Sonnenaufgang kommt es zum Brunnen, um sich zu waschen und zu kämmen. Aber auch Vorübergehende, die schmutzig und ungekämmt waren, hat das Fräulein schon gewaltsam in den Brunnen gezogen und dort mit derben Strichen gekämmt. Beim Schlößlein zeigte es sich bisweilen, wie die Sage erzählt, und pflegt dort im Bach ihr Weißzeug zu waschen.

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Das kopflose Weiblein zu Münsingen
Auf dem Wege zwischen Münsingen und Bonndorf ist es nicht geheuer. Dort kann man zuzeiten ein unheimliches Wesen herumgeistern sehen. Es ist das kopflose Weiblein, das den Kopf unter dem Arm trägt. Es tut niemandem etwas zuleid und geht ruhig neben den Leuten her. Will man sich aber die Gestalt vom Leibe schaffen oder das Weiblein mißhandeln, dann springt es auf die Achseln des Wanderers, packt den Unglücklichen und führt ihn irre. Bei der Kapelle, zugleich dem Markstein zwischen Bonndorf und Münsingen, verschwindet das gespenstische Wesen. Das Weiblein soll zu Lebzeiten ihren Mann umgebracht haben, um einen andern zu heiraten. Weil ihr der Kopf heruntergehörte, muß sie zur Strafe für ihre Missetat mit dem Kopf unterm Arm als Geist umherwandern, bis ein Jüngling, der am Walpurgistag nachts um zwölf geboren wurde, sie an seinem zwanzigsten Geburtstag erlöst. So geht die Sage.

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Der Geisterbaum von Altdorf
In Altdorf bei Ettenheim stand vor vielen Jahren ein großer Bauernhof, in dem niemand wohnen wollte, da Geister darin ihr Unwesen trieben. Der Hof wurde an einen jungen Mann verkauft, der in der Gegend fremd war und von der Geisterplage nichts wußte. Als er dann dahinter kam, welch ungebetene Gäste sein neues Heim beherberge, wandte er alle erdenklichen Mittel an, um die tobenden Geister zu verjagen - doch vergebens. Endlich entschloß er sich, nach Rom zum Papst zu pilgern, um ihm seine Not zu klagen. Der Heilige Vater gab ihm einen Stock und sprach zu ihm: "Auf diesen Stock gestützt, mußt du die Heimreise antreten. Zu Hause aber mußt du ihn in die Erde stecken. " Der Bauer tat wie ihm befohlen ward. In kurzer Zeit wuchs der Stock zu einem mächtigen Baum heran, und von nun an war im Hause Ruhe. Nach einiger Zeit wurde der Hof verkauft, der Baum aber wurde umgehauen. Von diesem Augenblick an regten sich die Geister wieder. Doch dauerte die Plage nur kurze Zeit; denn der Baum schlug bald wieder aus und bannte die Geister abermals in seinen Stamm.

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Der Haalgeist von Schwäbisch-Hall
In Schwäbisch-Hall am Salzbrunnen oder "Haal" trieb einst der Haalgeist sein Wesen. Er zeigte sich immer drei bis vier Tage vor einer Überschwemmung, trug eine Laterne in der Hand, schritt vom Kocher auf die untere Stadt zu und rief mit lauter Stimme : "Raumt aus! Raumt aus!" So weit aber, als der Geist in die Stadt hineinschritt, so weit trat jedesmal in den nächsten Tagen der Kocher über seine Ufer. Der Haalgeist tat niemandem etwas zuleid, wenn man ihm keine Beachtung schenkte. Sobald ihn aber jemand aus Neugier oder Mutwillen anrief, erschien er ihm sogleich in einer schrecklichen Gestalt: als schwarzer Pudel oder als zottiges Kalb mit fenstergroßen, feurigen Augen, so daß den Vorwitzigen Angst und Entsetzen packten. Ganz schlimm erging es einem Salzsieder, der es gewagt hatte, ihn zu necken. Als dieser einmal bei Nacht noch an der Arbeit war, steckte der Haalgeist seine gewaltige lange Nase durch einen Spalt in der Wand des Siedehauses und fragte: "Ist dees nit e Noos?" Der Sieder, nicht faul, füllte rasch ein Gefäß mit siedendem Wasser, goß es dem Haalgeist auf die Nase und rief: "Ist dees nit e Guuß?" Ehe er sich's aber versah, hatte ihn der Haalgeist gepackt und über den Kocher hinüber auf den Gänsberg geworfen und dabei höhnisch geschrien: "Ist dees nit e Wuurf?" Das alte Hall, in dem sich dieser Vorfall ereignet hat, heißt seitdem "das Geisterhall".

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Der Müller von Göttelfingen
Der Müller von Göttelfingen im Schwarzwald hatte bei Lebzeiten viele Leute ums Korn betrogen. Zur Strafe dafür wurde ihm die ewige Ruhe im Grabe versagt, er mußte Nacht für Nacht in der Mühle umhergeistern. Während seiner Beerdigung hatte er mit der Zipfelmütze auf dem Kopf und der Pfeife im Mund aus dem Fenster geblickt und seinem Sarg nachgesehen. Später sah man ihn rauchend hinter dem Ofen sitzen. Um ihn loszuwerden, holten die Leute einen Kapuziner, der ihn bannen sollte. Dieser zog mit Wasser um die in der Stube Anwesenden einen Kreis. PIötzlich hörte man Wagengerassel das Tal herauf und Männerschritte auf der Stiege. Dann erschien der Geist als Pudel. Der Kapuziner wies ihn zur Tür hinaus und befahl ihm, er solle in kleinerer Gestalt wiederkommen. Nun spazierte der Geist als Rabe bei der Tür herein, und schließlich auf des Kapuziners erneuten Befehl verwandelte er sich in einen Käfer. Auf diese Weise konnte der Mönch den Geist in eine Schachtel bannen und forttragen. Der Geist flehte, man möge ihn wenigstens an eine Stelle bringen, von wo aus er die Mühle sehen könne. Darum steckte ihn der Kapuziner unter einen Felsen in der nahen Schlucht. Später brach man aus diesem Felsen Steine, wodurch der Geist wieder frei wurde. Nunmehr spukte er aufs neue in der Mühle, bis ihn der Kapuziner endgültig hinausbannte. Seit dieser Zeit, so erzähle die Sage, fand der Müller von Göttelfingen Ruhe in seiner Grabstätte.

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Der Popele von Hohenkrähen
Eine der lieblichsten Landschaften Badens ist der Hegau. Schaut man vom Stettener Schlößle, dem Neuhewen, nach dem Bodensee zu, so stehen wie Riesen einer uralten Vergangenheit die Hegauberge in greifbarer Nähe. Vom kleinsten, aber steilsten unter ihnen, dem Hohenkrähen, weiß die Sage viel zu berichten. Dort lebte einst, es war wohl zwischen 1200 und I300 n. Chr., ein Mann namens Johannes Christoph Popelius Maier, Burgvogt einer verwitweten Freifrau von Kraien. Seine Gebeine hat man in der Pfarrkirche zu Mühlhausen bei Engen gefunden, die früher gräfliche Grabkapelle war. Aber sein Geist war jahrhundertelang unruhig, bald hilfreich, dann auch wieder boshaft umhergeirrt. Man kennt das Gespenst unter dem Namen: der Popele von Hohenkrähen. Die Hegäuer wissen verschiedene Gründe anzugeben, warum der Burgvogt nach seinem Tode umgehen mußte. Er soll während seines Lebens die Leute geplagt haben und daher im Tode keine Ruhe finden. Einst sprach spätabends am Hohenkrähen ein vorbeifahrender schwäbischer Abt um eine Nachtherberge vor. Diese wurde ihm gastfreundlich gewährt. Nach dem Nachtessen zechten der Burgvogt und der Abt noch lange miteinander. Dabei tranken sie reichlich Hegäuer Wein, wurden lustig und neckten einander. Der Abt war sehr beleibt, Popelius aber klein und mager. Im Wortwechsel brüstete sich der Burgvogt mit seiner Stärke. Der Abt lachte darüber, der Burgvogt könne sich doch nicht seiner Stärke rühmen, er gleiche ja leibhaftig dem Knochenmann und könne durch ein Nadelöhr gezogen werden. Der Burgvogt, der keine Verulkung ertragen konnte, war darüber erbost, sprang von der Tafel auf und befahl, "das wohlbeleibte Pfäfflein" in das Burgverließ zu werfen und es bei Wasser und Brot so lange -641-

gefangenzuhalten, bis es auch so mager geworden sei, daß man es durch ein Nadelöhr ziehen könne. Das geschah: der Abt wurde in Verwahrung genommen, bis er so mager war wie sein ungastlicher Wirt, der Burgvogt. Doch der Abt sann nach seiner Entlassung auf Rache. In seiner Klosterbibliothek fand er ein Zauberbuch. Darin waren verhä ngnisvolle Beschwörungsformeln aufgezeichnet. Der Abt lud einen schrecklichen Fluch auf den Burgvogt. Dieser brach sich bald darauf das Genick und muß seither als Burggeist umgehen, der die ganze Gegend mit seinen Spukereien beunruhigt. Die Äbtissin von Arnptenhausen reiste einmal nach Öhningen, um das zu ihrem Kloster gehörige Weingut zu besichtigen. Als sie am Hohenkrähen vorbeifuhr, drehten sich auf einmal die Räder ihres Wagens nicht mehr. Äußerlich war alles in Ordnung. Man vermutete daher gleich, der Popele habe seine Hand im Spiel. Wohl wußte die Äbtissin, daß ein kräftiges Fluchen gegen den Zauber des Geistes helfe, aber die fromme Frau hatte ihrem Kutscher verboten, während der Fahrt zu schelten. Doch es war an kein Weiterkommen zu denken. In ihrer Verzweiflung rief sie dem Kutscher zu: "Nu, Seppele, so fluch halt mal in Gott's Namen!" Das tat der Kutscher denn auch kräftig, und augenblicklich lief der Wagen weiter. Jeden Sonntag, nachts um zwölf Uhr, kommt der Popele in einem unterirdischen Gewölbe der Burg Hohenkrähen mit vielen Rittern zusammen, um zu kegeln. Die Kegel wie die Kugeln sind aus reinem Gold. Auch am Sonntagmorgen während des Gottesdienstes hat man den Popele schon beim Kegeln beobachtet. Einst sahen ihn um diese Zeit zwei Handwerksburschen im Burggraben Kegel schieben. Als der gespenstische Vogt die Burschen bemerkte, lud er sie zum Spiel ein, und diese weigerten sich nicht lange. Anfangs gewannen sie auch einige Gulden, dann aber verspielten sie den ganzen Gewinn und ihr Reisegeld dazu bis auf den letzten Kreuzer.

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Ärgerlich zogen die Burschen weiter. Unterwegs entdeckte der eine von ihnen eine Kegelkugel in seinem Felleisen, hielt es aber für eine Neckerei seines Kameraden und warf die Kugel weg. Die beiden Burschen kamen bald darauf ins Dorf Mühlhausen am Mägdeberg. Indes der zweite seinen Ranzen abnahm, staunte er nicht wenig, als er obendrauf einen Kegel aus lauterem Golde sah. Gleich wollte er diesen Schatz zu Geld machen, aber niemand im Dorf konnte den kostbaren Kegel bezahlen. Endlich ließ sich einer ein Stück für zweitausend Gulden absägen. Den Rest des Kegels nahm der Handwerksbursche mit nach Schaffhausen und löste dort viele tausend Gulden dafür ein. Voller Neid suchte nun der andere Handwerksbursche nach der weggeworfenen Kugel, aber er konnte sie nirgends mehr finden. - Wenn man seitdem den Popele kegeln sah, hatte immer nur acht Kegel und eine einzige Kugel. Ein Müller aus Radolfzell fuhr einst vom Möhringer Fruchtmarkt heim. Da kam unter der Burg Hohenkrähen ein schlechtgekleideter Wanderer und bat den Müller, ihn bis Singen mitzunehmen. Der Fuhrmann hatte nichts dagegen. Kurz vor Singen mußte der Müller absteigen, da erschrak er aber nicht wenig, als er merkte, wie sein Geldgurt, den er um den Leib trug, ganz leicht geworden war. Mit der unschuldigsten Miene sagte der Fremde: "Geht einmal zurück, vielleicht findet Ihr das Geld wieder." Wirklich, gleich hinter dem Wagen blinkte der erste Taler im Mondschein auf der Straße, einige Schritte weiter lag wieder einer, der letzte fand sich da, wo der Fremde eingestiegen war. Dieser war inzwischen lachend verschwunden. Jetzt merkte der Müller, daß er den Popele auf dem Wagen mitgenommen hatte. Glasträgern und Eierfrauen spielte der Popele oft übel mit. Er verwandelte sich in einen Stock oder Baumstumpf am Weg. Setzten sich die Leute drauf, um auszuruhen, so verschwand er. -643-

Die müden Wanderer aber fielen zu Boden, Gläser und Eier zerbrachen, und Popele lachte boshaft darüber. Dem Torwart von Radolfzell raubte er manchmal die Nachtruhe: er ahmte das Posthorn nach. Wenn dann der Torwart eilig aufstand, um das Stadttor zu öffnen, so verschwand der Popele lachend. Auch der Fischer von Moos wußte vom Popele zu erzählen. In dunklen Nächten hörte er oft rufen: "Hol, Hol", und eilte an die Fähre, weil er meinte, es wolle jemand von dem andern Ufer übersetzen; aber wenn er dann hinkam, war das Schifflein losgebunden, und die Ruder lagen im Wasser. Wenn der Fischer im See bei Nachtzeit seine letzten Netze setzte, so patschte es, als wären die Fische haufenweise im Garn. Sobald er jedoch zur Stelle eilte, fand er die Netze zerrissen, und im Nachtwind erschallte ein schelmisches Gelächter. Jedesmal aber folgte auf einen solchen Spuk ein Unwetter. In Hohenkrähen war einmal eine Magd, die stets beim Melken von der Milch trank. Dabei bekam sie von der unsichtbaren Hand Popeles immer Ohrfeigen. Deshalb kündigte sie ihrer Herrschaft den Dienst auf. Den Grund des Austrittes wollte sie dem Hausherrn freilich nicht nennen. Endlich erklärte sie, sie wolle sich beim Melken nicht länger schlagen lassen. "Dann mußt du etwas Unrechtes getan haben", meinte der Herr, "sonst hättest du keine Schläge bekommen." Die Magd gestand schließlich ihre Schuld und wurde ermahnt, das Milchtrinken in Zukunft zu unterlassen. Das tat sie und hat seitdem keine Ohrfeigen mehr bekommen. Manchen Hegäuern zeigte sich der Popele auch wieder sehr gefällig. Vor allem den Leuten auf dem Bruderhof war er sehr nützlich: er tat alles, was ihm aufgetragen wurde, holte Wasser und Holz in die Küche, warf Stroh und Heu vom Boden herunter, fütterte das Vieh, putzte die Pferde, wendete den Dreschern die Garben -644-

um und langte zu, wo es fehlte. Bei jedem Auftrag aber mußte man sagen: It z,litzel und it z,viel (nicht zuwenig und nicht zuviel), sonst warf er alles Heu vom Boden und schleppte alles vorrätige Holz in die Küche. Zum Lohn für seine Dienste aber mußte man für ihn alle Tage mitdecken, ihm einen besonderen Teller hinstellen und sagen: "Popele, iß auch mit!" Vergaß man den Spruch, so warf er das Gedeck und alle Speisen durcheinander, band das Vieh im Stall los und trieb allerlei Unfug. Ebenso mußte man ihn einladen, wenn man ausfahren wollte: "Popele, fahr auch mit!" Dann setzte er sich hinten auf das hervorstehende Wagenbrett, die "Schnättere", und fuhr mit ins Feld. Wurde er nicht eingeladen, so geschah dem Fuhrwerk gewiß ein Unglück. Nach dem Backen mußte man jedesmal dem ersten Bettler, der ins Haus kam, einen ganzen Laib Brot geben, sonst holte der Popele das übrige Brot und brachte die Küche in Unordnung. Solche Geschichten weiß man vom Popele in Hohenkrähen in Unzahl aus alter Zeit zu erzählen. Wer aber glaubt, daß der spukende Burgvogt auch heute noch sein Unwesen treibe, dem muß gesagt werden, daß der Popele sich schon lange nicht mehr sehen ließ.

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Der Riese Romeias von Villingen
Vor mehr als fünfhundert Jahren lebte in Villingen im Schwarzwald ein Mann von riesenhafter Größe und Stärke namens Romeias, dessen Eltern durchaus nicht über das gewöhnliche Menschenmaß reichten. Wenn Romeias durch die Stadt schritt, konnte er in den zweiten Stock der Häuser sehen. Die drei langen Pfauenfedern, die er auf dem Hut trug, ließen ihn noch größer erscheinen. Eines Tages hatte Romeias auf einen Wagen, der mit zwei Ochsen bespannt war, einige mächtige Baumstämme geladen. Die Ochsen konnten aber die schwere Last nicht fortbringen. Da hob er die Zugtiere zu den Stämmen auf den Wagen und zog das Gespann allein nach Hause. Die Villinger wählten den starken Romeias zum Anführer ihrer Bürgerwehr. In den zahlreichen Streitfällen, die seine Vaterstadt mit Hornberg und Rottweil auszufechten hatte, vollführte der Riese manch wackeren Streich und brachte ansehnliche Beute mit heim. Ein ganz besonderes Kraftstück, das ihm den Ehrennamen "Villinger Simson" verschaffte, vollbrachte Romeias in einem Streit mit den Rottweilern. Bei Nacht watete er durch den Stadtgraben und stand plötzlich mitten auf dem Marktplatz von Rottweil. Die Rottweiler, die den riesigen Streiter schon lange gern gefangengenommen hätten, schlossen sogleich die Stadttore und dachten, nun hätten sie ihn. Romeias aber schritt seelenruhig auf eines der Tore zu, hob dessen Flügel aus den Angeln, nahm den einen auf die Achsel, steckte den andern durch ein Astloch an den Zeigefinger und machte sich damit auf den Heimweg nach Villingen. Dreiviertel Stunden vor Rottweils Toren und Mauern hielt er auf einem Hügel Umschau. Dieser führt heute noch den Namen Guckenbühl. Weit und breit war kein Verfolger zu sehen. Romeias brachte die beiden -646-

Torflügel ungehindert nach Villingen, wo man sie zum Andenken an seine Heldentat an dem neuerbauten oberen Turm anbrachte. Ebenso groß wie die Stärke des Romeias war auch sein Hunger. Einst betrat er eine Stube, in der sich gerade niemand befand, wo aber das Essen für sieben Personen auf dem Tisch stand. Sofort machte sich der Riese über das Mahl und aß alles auf. Als die Leute dann zum Essen erschienen, fragte er, ob nicht bald die weiteren Gänge aufgetragen würden. Schließlich benahm sich Romeias sogar gegen die eigene Obrigkeit ungebührlich. Da sich niemand offen an ihn heranwagen wollte, ersann der Stadtrat eine List, um ihn gefangenzunehmen. Der Bürgermeister gab dem Riesen den Auftrag, eine schwere eiserne Truhe aus dem tiefen Verließ des Diebsturmes heraufzuschaffen, und versprach ihm dafür eine gute Belohnung. Arglos stieg Romeias hinab. Kaum aber hatte er sich von der Leiter entfernt, da zog sie einer der Stadtknechte schnell herauf und schloß den starken Mann damit in den Turm ein, der seitdem Romeiasturm genannt wird. Zur Ernährung des Riesen wurde täglich ein Kalb oder ein Schaf in das Verließ geworfen. Romeias sammelte die abgenagten Knochen, und als er genug beisammen hatte, steckte er sie in die Ritzen und Löcher der Mauer, stieg an ihnen wie auf einer Treppe hinauf, durchbrach die Balkendecke und gelangte bis unter das Dach des Turmes. Dort fand er eine Menge Stroh, drehte daraus ein starkes Seil und ließ sich bei Nacht daran auf die Ringmauer herab. Von hier aus gelang es ihm in der folgenden Nacht, während eines Gewitters aus der Stadt zu entkommen. Romeias begab sich geradewegs vor das befestigte Schloß Busenberg und belagerte es allein so lange, bis es sich ihm ergab. Darauf nahmen ihn die Villinger wieder in Gnaden auf und gewährten ihm bis zu seinem Tode den nötigen -647-

Lebensunterhalt. Sein lebensgroßes Bild wurde später an der Mauer am oberen Tor angebracht.

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Der Schmied von Hechelbach
Der Schmied von Hechelbach war sein Leben lang ein heiterer Geselle und steckte stets voller Listen und Schalkheiten. Er trank auch oft über den Durst und vollführte dann manchmal dumme Streiche. Da geschah es, daß er starb und im Jenseits an die Himmelspforte klopfte. "Wer bist du?" fragte Petrus, der Himmelspförtner. "Ich bin der Schmied von Hechelbach und bitte um Einlaß in den Himmel." Da schlug Petrus das große Buch auf, in dem alle Taten der Menschen verzeichnet stehen, und las nach. Aber je länger er las, desto unwilliger schüttelte er den Kopf und sprach zuletzt: "Fort mit dir! Für Leute deines Schlages gibt es im Himmel keinen Platz. " Doch der Schmied von Hechelbach war keiner von denen, die sich so leicht abweisen lassen, und darum hatte er auch hier sogleich eine List zur Hand. Er stellte sich recht einfältig, gab dem Heiligen freundliche Worte und fragte zuletzt, ob er nicht wenigstens für die guten Handlungen, die er in seinem Leben vollbracht habe, einen Augenblick durch den Türspalt in den Himmel hineinblicken dürfe. Weil der Schmied gar so inständig flehte, wollte Petrus nicht verschlossen bleiben und gestattete es. Kaum aber hatte er die Tür ein wenig geöffnet, so warf der Schmied flink sein Käpplein durch den Türspalt in den Himmelssaal hinein, stellte sich aber so, als wäre es ihm unversehens und vor lauter Staunen über die himmlische Pracht entfallen. Darüber fing er nun zu jammern an und bat, ob er es nicht schnell wieder herausholen dürfe. Petrus erlaubte es ihm.

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Sobald aber der schlaue Schmied zur Tür hineingeschlüpft war, setzte er sich im Himmelssaal auf sein Kapplein und sprach: "Jetzt sitz i auf meinem Gurt, will seah, wer weg mi duet." Im Himmel gibt es nun weder Streit noch Zank, auch keine Gewalttätigkeit. Weil man aber ohne solche den Schmied nicht mehr hätte herausbringen können, und da er auch wirklich auf seinem Eigentum saß, so konnte Petrus nichts anderes tun, als über den schlauen Schmied lachen und ihn auf seinem Platze lassen. So also ist der Schmied von Hechelbach doch in den Himmel gekommen.

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Die Glocke von Wunnenstein
Auf dem Wunnenstein stand voreinst eine Kapelle, die dem heiligen Michael geweiht war. Im Turm der Kapelle hing eine mächtige Glocke. Sooft Hagelschlag oder Ungewitter die Gegend bedrohten, brachten die umwohnenden Landleute die Glocke zum Schwingen, und ihr tönender Klang schützte die Menschen vor Not und Tod. Davon hörten die Heilbronner und hätten daher die Glocke gern an sich gebracht und auf den Turm von St. Kilian gehängt. Die Stiftsdamen von Oberstenfeld, denen damals der Wunnenstein gehörte, verkauften ihnen endlich die Glocke um schweres Geld. Die Leute in den Dörfern rings um den Berg waren betrübt, als sie davon hörten; die von Heilbronn aber zogen hochbeglückt über ihren Kauf mit der Glocke von dannen. Aber wie erstaunten sie, als die Glocke stumm blieb, da der Mesner von St. Kilian sie zum erstenmal läuten wollte. Man ließ Geisterbanner kommen, sang und betete; aber es half alles nichts. Die Glocke blieb stumm. Da gerieten der Rat und die Bürgerschaft von Heilbronn in Furcht und Schrecken; einhellig beschlossen sie, die Glocke so schnell als möglich aus der Stadt hinaus und an ihren alten Ort zu bringen. Aber die Glocke war schwer, zwölf Pferde brachten sie kaum vom Fleck. Nun begegnete dem Zug der Heilbronner ein Bauersmann von Winzerhausen. Der freute sich ganz unbändig, als er die geliebte Glocke wieder zu Gesicht bekam, und erbot sich, sie den Städtern abzunehmen und auf den Berg zu führen. Und siehe, das ging so leicht, daß er sie mit seinen zwei Ochsen ganz ohne Mühe den Berg hinaufbrachte.

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Alles Volk aber war des Jubels voll, als die Glocke dann auf ihrem Turme hing und sie des Schut zes vor Wetternot und Sturmesunbill wieder sicher waren.

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Die Hexenversammlung bei Zavelstein
Zwei Musikanten aus Zavelstein spielten einmal in einem benachbarten Orte auf der Kirchweih und begaben sich nachts noch vor zwölf Uhr auf den Heimweg. Da begegneten ihnen zwei Reiter und forderten sie auf, sie sollten doch mit ihnen gehen. Das taten sie auch. Nicht lange darauf kamen sie in ein vornehmes Wirtshaus, wo Herren und Damen aus goldenen Bechern tranken. Die Spielleute bekamen gleichfalls wohlgefüllte goldene Becher vorgesetzt und mußten dann aufspielen, wozu die ganze Gesellschaft tanzte. Als die Musikanten endlich müde wurden, sagten sie heimlich zueinander: "Wenn wir für unser Spielen nur einen einzigen solchen Becher bekämen!" Heimlich schob jeder bei günstiger Gelegenheit einen Becher in die Tasche. Bald darauf übermannte sie der Schlaf, und sie legten sich in einer Ecke des Zimmers zur Ruhe. Als sie am andern Morgen erwachten, lagen alle oben am Hügel unter dem Galgen bei Weilerstadt. Anstatt der Becher aber hatte jeder den Huf eines Ochsen in der Tasche. Da erkannten die Spielleute, daß sie einer Hexenversammlung aufgespielt hatten, zerschlugen aus Ärger ihre Geigen und haben seit der Zeit nie und nimmer wieder aufspielen wollen.

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Die Wallfahrt zweier Schwaben nach Compostella
Zwei Schwaben, Vater und Sohn, machten sich einst auf, um das Grab des heiligen Jakonus in Compostella, Spanien, aufzusuchen. Sie waren gegen die Unbill des Wetters ausgestattet, wie es für Jakobsbrüder üblich war. Nach langer Wanderung kamen sie endlich in das St.-Jakobs-Münster. In der Stadt fanden sie bei einem Wirt Herberge. In ihrer Meinung, die fromme Einfalt, die ihnen aus ihrer Heimat etwas Selbstverständliches war, sei überall zu finden, vor allem in einer so frommen Stadt, sollten sie sich gründlich täuschen. Der Wirt war sehr freundlich, so daß sie volles Vertrauen zu ihm hatten. In ihrer Harmlosigkeit zählten sie in seiner Gegenwart ihr Reisegeld. Den Wirt aber lockten die Gold- und Silbermünzen, und er sann nach, wie er sie an sich bringen könnte. Die Wallfahrtszeit war um, und die zwei Schwaben machten sich auf den Heimweg. Sie waren noch nicht weit von Compostella entfernt, da wurden sie von bewaffneten Reitern angehalten. Unter ihnen war auch ihr Gastwirt, die andern waren Polizisten. Man warf den Wallfahrern vor, sie hätten dem Wirt einen goldenen Becher gestohlen, und durchsuchte ihr Gepäck. Tatsächlich fand sich der goldene Becher im Ranzen des Vaters. Die Schwaben wurden nach Compostella zurückgebracht und vor Gericht gestellt. Der Vater wurde zum Tod verurteilt. Doch der Sohn bat den Richter, an Stelle seines Vaters gehenkt zu werden; denn ohne den Vater gerate die Familie in größtes Elend. Nach langer Beratung nahm der Richter das Anerbieten des Sohnes an: die Strafe wurde vollzogen. Traurig trat der Vater den Heimweg an, der ihn am Galgen vorbeiführte. Noch einmal schaute er zu seinem jugendlichen Sohn hinauf. Siehe, dieser lebte noch. Vater und Sohn konnten -654-

miteinander reden und sprachen die Hoffnung aus, Gott werde auf die Fürbitte des heiligen Jakobus ihnen doch noch helfen. Eilends lief der Vater zum Richter. Als er mit diesem am Wirtshaus vorbeikam, wo beide gewohnt hatten, betraten sie, einer inneren Stimme folgend, die Schenke; der Wirt saß gerade wohlgefällig beim Essen. Vor ihm stand der goldene Becher mit Wein, auf einer Platte lagen gebratene Tauben. Als der Schwabe erzählte, daß er soeben beobachtet habe, sein Sohn lebe noch, lachte der Wirt laut und meinte: "Du Narr, dein Sohn lebt so wenig, als diese Tauben hier fliegen können. " Im selben Augenblick flogen die gebratenen Tauben von der Platte weg in die Höhe und zum Fenster hinaus. Nun war auch der Richter von der Unschuld der beiden Schwaben überzeugt. Er ließ sofort den Sohn vom Galgen herunterholen. Der Wirt aber wurde vor Gericht gestellt, für schuldig befunden und zur gleichen Strafe verurteilt. Vater und Sohn dankten Gott und dem heiligen Jakobus für ihre Hilfe und machten sich auf den Heimweg. Zu Hause ließen sie den ganzen Vorgang in zwanzig Einzelbildern auf eine große Wandtafel malen. Diese ist, wenn auch ziemlich beschädigt, in der Kirche "Maria unter der Ecke", nicht weit von Peutingen, heute noch erhalten.

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Die Wurmlinger Kapelle
Graf Anselm von Kalw hatte angeordnet, daß man ihn, sobald er gestorben sei, in seinem Sarge von zwei "ungewohnten Ochsen", die noch nie einen Wagen gezogen hätten, sollte fortfahren lassen, und zwar ohne Kutscher. Wo die Ochsen dann stillstünden, dort solle man eine Kapelle bauen und alljährlich den Stiftungstag durch eine heilige Messe und durch ein großes Festessen, das er selbst genau vorgeschrieben hatte, feiern. Dieses Fest wurde später stets am Dienstag nach der großen Kirchweih abgehalten. Der letzte Wille des Grafen wurde genau vollführt. Zwei junge Ochsen fuhren allein mit seiner Leiche von Kalw ab und standen erst auf dem jetzigen Remigiusberge bei Wurmlingen still. Dort wurde dem heiligen Remigius zu Ehren eine Kapelle erbaut, die zwar im Dreißigjährigen Kriege von den Schweden niedergebrannt, später aber wieder hergestellt wurde. Heute ist sie allgemein bekannt durch das Gedicht von Uhland : "Drohen stehet die Kapelle." Auf dem Heimenstein im Neidlinger Tal hauste einst der Riese Heim. Als er eines Morgens aufgewacht war und sein zottiges Haupt zur Höhle hinausstreckte, bekam er plötzlich Lust, auf einem Felsen auf der anderen Talseite ein Schloß zu erbauen. Mit einem einzigen Riesenschritt erreichte er den Felsen an der gegenüberliegenden Talwand. Von dort aus rief er mit dröhnender Stimme ins Tal hinab: "Ihr Menschenzwerglein, wer von euch arbeiten will, der soll zu mir heraufkommen und mir mein Schloß bauen helfen!" Da erschienen Maurer und Zimmerleute, Steinhauer und Schlosser und nahmen die Arbeit freudig auf. Denn der Riese hatte Gold in Fülle und versprach reichlichen Lohn. Bald stand -656-

das Schloß fertig da und schaute stolz vom Reußenstein ins Tal hinab. Bald zeigte sich auch der Riese und beschaute das Werk. Alles war in schönster Ordnung, es gefiel ihm über die Maßen. Nur außen am obersten Fenster im höchsten Turm fehlte noch ein Nagel. Unwillig erklärte er: "Keiner soll seinen Lohn bekommen, ehe der letzte Nagel eingeschlagen ist." Aber niemand wagte es, die schwindelnde Höhe zu erklimmen und den Nagel einzuschlagen. Schließlich versprach der Riese dem Mann, der dies wage, noch besonders reichen Lohn. Da war ein armer junger Schlossergesell aus Neidlingen, der liebte heimlich seines Meisters Tochter. Der Meister wollte sie ihm aber nicht geben, weil ihm der Junge nicht vermögend genug war. Darob brach diesem schier das Herz, und das Leben war ihm verleidet. Da dachte er: "Du solltest doch den Nagel einschlagen, vielleicht gelingt es dir; stürzest du hinab, nun dann ist dein Herzeleid vorüber." So meldete sich der Schlosser bei dem Riesen. Als dieser den mut igen Burschen auf den Turm steigen und ans Fenster treten sah, um hinauszusteigen und den Nagel einzuschlagen, hatte der Riese seine herzliche Freude an ihm, packte den Gesellen fest beim Genick und hielt ihn mit Riesenkraft in die Luft hinaus, so daß der Bursche die Hände frei hatte und unbehindert arbeiten konnte. Als das Werk getan war, lobte der Riese den wagemutigen Gesellen: "Zwerg, das hast du brav gemacht!" und beschenkte ihn reichlich, so daß er nunmehr um seines Meisters Tochter werben konnte und sie zur Frau bekam.

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Die drei Jungfrauen vom Mummelsee bei Seebach
Nahe beim Mummelsee liegt das Schwarzwalddorf Seebach. Dort kamen, wie es an vielen Orten üblich war, an Winterabenden die Mädchen und Burschen des Dorfes in der Spinnstube zusammen. Eines Abends traten drei wunderschöne, weiß gekleidete Jungfrauen in die Spinnstube. Sie hatten hübsche Spinnräder bei sich und baten, mitspinnen zu dürfen. Man hieß sie freundlich willkommen. Die fremden Mädchen trugen durch fröhliches Plaudern viel zur Unterhaltung bei. Doch früher als die Spinnerinnen aus dem Dorf machten sie sich wieder auf den Heimweg. Das bedauerten alle Burschen und Mädchen aus Seebach, am meisten der Sohn eines reichen Bauern, der sich in eine der fremden Jungfrauen verliebt hatte. Man bat die Mädchen, bald wieder zu kommen. Das taten sie auch. Der verliebte Bursche hatte dann zur Vorsorge die Stubenuhr um eine Stunde zurückgestellt, damit die Mädchen länger bleiben sollten. Als es elf Uhr schlug, schickten sich die drei fremden Mädchen zum Aufbruch an. Unterdessen gestand ihnen der Bursche, daß er die Uhr eine Stunde zurückgestellt habe; darüber erschraken die drei Mädchen sehr. Sie schrien auf und eilten fort. Am folgenden Tage bemerkte man im Mummelsee drei große Blutflecken. Oft hörte ma n von nun an auch Klagen, Jammern und Murmeln aus der Tiefe herauf. Den Mädchen war offenbar auf dem Grunde des Sees ein Leid zugestoßen, weil sie erst nach Mitternacht heimgekommen waren. In der Spinnstube von Seebach sah man sie nie mehr.

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Die goldene Windfahne auf der Güssenburg bei Giengen
Nicht weit von Giengen, der einst reichsfreien, jetzt württembergischen Landstadt, erheben sich auf einem Hügel die Trümmerhaufen der Güssenburg, deren dreizehn Schuh dicke Mauern noch heute von ihrer einstigen Stärke zeugen. Besonders im Glanze der Abendsonne sind die Reste der Burg gar malerisch anzusehen. Herr dieser Zwingstätte war im fünfzehnten Jahrhundert Hans Güß von Güssenburg, im Volke ,Mordhans, genannt, und wie dieser Beiname sagt, ein böser und gefährlicher Kumpan. Seine größte Freude war, Kaufleute und Reisende, die ihr Weg an der Burg vorbeiführte, zu überfallen, auszuplündern und gefangen in sein Raubnest zu schleppen. Nur gegen bedeutendes Lösegeld öffnete sich ihnen die Tür des Kerkers wieder, wenn sie dem Ungemach der Gefangenschaft nicht vorher erlegen waren. Die benachbarten Handelsstädte gaben sich alle Mühe, den Bösewicht in ihre Gewalt zu bekommen; doch vergeblich. Zwar war es den Ulmern schon einmal gelungen, ihn gefangenzunehmen, aber der Burgvogt von Güssenburg schickte den Kopf eines zugleich mit mehreren andern Ulmern gefangenen Kaufmannes in die Reichsstadt und ließ dem Rat kundtun, wenn sein Herr nicht binnen achtundvierzig Stunden frisch und gesund auf der Burg eintreffe, werde er alle übrigen Gefangenen töten lassen. Diese Drohung wirkte, und bevor noch die Frist verstrichen war, stellte sich der Mordhans wieder in seinem Schlosse ein und preßte aus den Gefangenen eine solche Summe Geldes heraus, daß er davon auf einem Zinnentürmchen des Schlosses eine Windfahne von lauterem Gold, einen Drachen vorstellend, anbringen konnte. -659-

Ungewarnt und ungebessert setzte er sein ruchloses Treiben fort und achtete nicht der ewigen Wahrheit, daß jegliches irdische Tun seinen Zielpunkt hat, wo es heißt: Bis hierher und nicht weiter! Die Güssenburg war den Lauingern eine recht verdrießliche Nachbarschaft, und die Bürger dieser Stadt knüpften mit den Ulmern und andern insgeheim Unterhandlungen an, das Raubnest zu zerstören. Besonders tätig war bei diesem Unternehmen ein Lauinger, um seiner Profession willen der Schlosserpeter genannt, der lange im Felde gedient hatte und im Gebrauch der eben erst aufkommenden Artillerie und in der Verfertigung von allerlei Waffen und Kriegsmaschinen sehr erfahren war. Der Schlosser stellte eine Maschine her, die er mit feinstem Schießpulver füllte. Damit, schwur er, könne man das ganze Tor der Güssenburg, und wenn es auch noch zehnmal stärkere Eichenbohlen hätte und aus noch mehr Eisen bestünde, gleich einem Garbenbündel über den Haufen werfen. Seinem oft bewährten Wort vertrauend und lüstern nach der im Schloß erhofften Beute, schlossen sich viele Städter ihm an. Und am Vorabend des Tages St. Johannes des Täufers im Jahre 1448 zogen die Bürger von Lauingen zu ihrem Unternehmen aus. Hinter ihnen wurden, damit niemand die bedrohte Burg warnen könnte, die Stadttore geschlossen, und kein Mensch durfte mehr hinausgelassen werden. Auf den Abend folgte eine regnerische, stürmische Nacht; außer der aufgestellten Hochwacht lag auf der bedrohten Burg alles im Schlaf. Den Lauingern war es gelungen, den Burgberg zu ersteigen; an die Mauern der Feste gedrückt, harrten sie der Öffnung des Eingangs, um Brand und Mord hineinzutragen. Behutsam arbeitete der Schlosserpeter an dem Tor, und die Horcher glaubten, das Geräusch von Schrauben zu vernehmen. Es war schon Mitternacht vorüber, als er endlich mit seiner Arbeit fertig -660-

war, hinter den Vorsprung der Mauer eilte und den Wartenden zuflüsterte: "Jetzt gilt's, seid bereit!" Zugleich hörte man ein Geräusch wie von einer ablaufenden Weckeruhr, dann flammte auf einmal eine hellaufblitzende Feuerlohe empor und mit einem gewaltigen Krach flogen die beiden riesigen Torflügel zersplitternd aus ihren Angeln, die Bürger aber stürmten voll Blut- und Beutelust durch die gähnende Öffnung in den Burghofhinein. Sie trafen auf wenig Widerstand, denn die furchtbare Explosion und der unvermutete Überfall hatten alle ihre Bewohner außer sich gebracht. Da die Burg schnell an allen vier Ecken in Brand gesteckt wurde, war das Schreckensschauspiel bald ausgespielt. Weit durch das Brenztal hin verkündeten die auflodernden Türme der Feste Fall und Zerstörung. Der Mordhans war, als er im Hemd, mit einem Streitkolben bewaffnet, auf dem Burghof erschien, gleich im Anfang des Kampfes erschlagen worden, die meisten seiner Leute hatten sich geflüchtet. Als die schwer mit Beute beladenen Bürger sich zum Abzug bereitmachten, fehlte der Schlosser. Er erschien erst spät, nachdem er mehrmals in Gefahr gewesen war, von stürzenden Balken erschlagen zu werden oder im Rauch zu ersticken. Auf seiner Schulter trug er stolz die goldene Windfahne, die er von ihrem Standort heruntergeholt hatte. Mehrere Bürger waren verwundet worden, doch nur ein Mann hatte den Tod gefunden, ein Handwerksgeselle aus einem fernen Ort, um den sich niemand kümmerte. Unter den entflohenen Burgbewohnern befanden sich auch die beiden Töchter des Mordhans, die später jedes Jahr nach der Stätte der elterlichen Heimat wallten und des Vaters Tod und die Zerstörung der Burg bejammerten. Man will gesehen haben, daß sie als Gespenster noch immer in der Nacht vor dem St.Johannis-Tag in den Ruinen umherwandeln. Dort hat man auch -661-

häufig Pfeilspitzen, Nägel und anderes verrostetes Eisenzeug gefunden; drei bis fünf Meter hoch ist der Boden mit Brandtrümmern bedeckt. Die noch stehenden Mauerreste sind zum Teil aus rotem Marmor erbaut, was merkwürdig ist, da es heutzutage in dieser Gegend keinen Marmorbruch mehr gibt. Der Schlosserpeter hätte seine wertvolle Beute oft verkaufen können, aber er erklärte immer: "Nach meinem Tode will ich's dem vermachen, der mir im Leben der liebste war." Und jedermann schmeichelte ihm nun in der Hoffnung, das wertvolle Kleinod zu erben. Doch als er endlich hochbetagt starb, da fand man in seinem Testamente die Widmung, die goldene Windfahne schenke er der Stadt, sie möge diese auf den eben vollendeten Stadtturm hissen lassen. Wenn man jedoch um des edlen Metalls willen Bedenken trage, die Fahne der Unbill des Wetters auszusetzen, so habe er eine gleiche Wind fahne aus Messing eigener Erfindung verfertigt, die von dem Originale kaum zu unterscheiden sei. Eine dieser Windfahnen wurde auf den Turm aufgezogen, ob es aber die echte oder die aus Messing war, konnte man nie erfahren.

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Die schöne Melusine und das Schloß Staufenberg
Im Schloß Staufenberg unweit des Weinortes Durbach wohnte einst ein Amtmann, dessen Sohn Sebald Vogelsteller war. Als der Jüngling wieder einmal im Stollenberger Wald seine Liebhaberei betrieb, hörte er einen lieblichen Gesang. Er ging bergauf den klangvollen Tönen nach. Da erblickte er im Gebüsch ein wunderschönes Weib. Flehend schaute es den herantretenden Jüngling an und rief: "Schon lange harre ich deiner. Ich bin verwünscht. Erbarme dich meiner und erlöse mich! Du brauchst mich nur dreimal dreifach zu küssen, dann bin ich erlöst." Auf Sebalds Frage, wer sie sei, antwortete die Waldfrau: "Ich heiße Melusine und habe einen großen Brautschatz. Wenn du mich erlöst, bin ich mit meinem Schatze dein. Du mußt mich drei Morgen hintereinander, früh um neun Uhr, auf beide Wangen und den Mund küssen. Dann ist die Erlösung vollbracht. Fürchte dich nicht, besonders nicht am dritten Tag! " Melusine trat dann aus dem Busch hervor, und Sebald konnte sie genau betrachten. Sie war sehr schön, blond und hatte blaue Augen, aber keine Finger. Statt ihrer sah man eine trichterförmige Höhlung und an Stelle der Beine Fischschwänze. Sebald gab ihr zunächst die ersten drei Küsse. Darüber war Melusine sehr erfreut und bat ihn, am zweiten und dritten Tag ganz bestimmt wiederzukommen. Dann kroch sie in ihren Busch zurück und sang: Kommt und erlose deine Braut, Hüte dich wohl zu erschrecken! Sebald, nimm dich wohl in acht! Einmal war es recht gemacht. Nun verschwand sie, Sebald ging heim, sagte aber nichts von seinem Erlebnis. Am andern Morgen eilte er in den Stollenberger Wald; Melusine sang wie tags zuvor, und er näherte sich ihr. Diesmal hatte sie jedoch Flügel und einen -663-

Drachenschweif. Trotzdem trat er furchtlos auf sie zu und küßte sie dreimal. Sie bedankte sich wieder wie am ersten Tag und versank in die Erde. Am dritten Tag hatte sie einen scheußlichen Krötenkopf, und ein Drachenschwanz umschlang furchtbar ihren Leib. Da erfaßte Sebald ein Grauen vor dem giftdräuenden Ungeheuer, und er rief abwehrend: "Kannst du dein menschliches Antlitz nicht entblößen, so kann ich dich nicht küssen. " "Nein!" rief Melusine und streckte mit lautem Schrei ihre Arme nach ihm aus. Da floh Sebald, von Entsetzen gepackt, den Berg hinunter. Atemlos kam er bei seinem Vater in der Burg an. Als er nun sein Erlebnis erzählte, wurde er vom Vater wegen seiner Furchtsamkeit gescholten. Zwei Jahre vergingen. Sebald suchte den Stollenberger Wald nicht mehr auf, denn er fürchtete die Rache der von ihm betrogenen Waldfrau. Auf Wunsch seines Vaters heiratete er die Tochter eines Amtsvogtes. Die Hochzeit wurde im Schloß Staufenberg abgehalten. Als aber die Gesellschaft fröhlich beim Schmause saß, spaltete sich die Decke des Saales, und ein Tropfen fiel auf Sebalds Teller. Sebald aber hatte es nicht bemerkt und aß weiter. Da fiel er plötzlich tot nieder. Zu gleicher Zeit zog sich ein kleiner Schlangenschwanz in die Decke zurück. So rächte sich die verzauberte Melusine an dem Mann, der ihre Hoffnung auf Erlösung enttäuscht hatte.

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Hexentanz auf dem Heuberg in der Schwäbischen Alb
Auf dem Heuberger Buckel ist es nicht geheuer. Dort war eins ein uralter Tanzplatz der Hexen, wo sie jeweils in der Freitagnacht reitend zusammnenkamen. Gastgeberin war das "Heuberger Hexle", eine kleine Person mit gewaltigem Kopf, die alle Hexenkünste beherrschte : Wetterbrauen und Viehschlagen, Abwesende prügeln und Wahrsagen. Einmal hörte ein Seebronner auf seinem nächtlichen Heimweg von Rottenburg schöne Musik auf dem Heuberger Turm. Verwundert stieg er hinauf. Im Innern des alten Gemäuers, in dem sonst nur Spinnen von Balken zu Balken ihre Netze webten, prangte ein herrlicher Saal; um köstlich gedeckte Tafeln saß eine vornehme Gesellschaft, andere tanzten zum Klang fröhlicher Musik. Auch der Seebronner wurde gastlich bewirtet und mit Wein und erlesenen Speisen traktiert, die aber nicht gesalzen waren. Lange schaute er vergnügt dem ausgelassenen Treiben zu, bis ihm plötzlich sein Heimweh wieder einfiel. "O Jeses, iatz muaß i aber hoam!" rief er erschrocken. Kaum war ihm das Wort entfahren, da verschwand mit einem Schlag die ganze Herrlichkeit. Er selbst fand sich rittlings auf einem Balken sitzen; Leute, die auf seine Hilferufe herbeikamen, holten den Seebronner schließlich von seinem luftigen Sitz herunter.

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Käsperle von Gomaringen
Kaspar oder Käsperle war ein Vogt in Gomaringen und soll die Gemeinde um viele Ländereien betrogen haben. Deshalb mußte er nach seinem Tode umgehen und spukte in einem Hause unweit des Dorfes. Dort ist er oftmals in seiner weißen Zipfelmütze mit weißen Strümpfen und Schnallenschuhen und mit der Pfeife im Mund gesehen worden. Er klopfte und polterte im ganzen Hause so arg, daß niemand mehr darin wohnen wollte und man es am Ende einem Schreiner umsonst überließ. Besonders unruhig zeigte er sich, als einmal die Frau des Schreiners ein Kind bekam. Er nahm ihr öfters das Kleine weg und trug es unters Bett, tat ihm aber nichts zuleide. Am ärgsten aber lärmte er um Weihnachten. Da sprang er in der Viehkrippe hin und her, daß die Kühe vor Angst brüllten, worüber er jedesmal laut lachte. Ferner band er das Vieh verkehrt an, knüpfte zwei Rinder an einen Strick zusammen und trieb ähnlichen Unfug. Wenn er es zu toll machte, rief der Hausherr wohl: "Jetzt bist aber still!" Dann ging's eine Weile gut. Aber bald unternahm er aufs neue seine Streiche, zog den Knechten, die Futter schneiden wollten, das Heu und Stroh aus der Schneidlade (Strohstuhl), während sie das Messer wetzten, und tat ihnen einen Schabernack um den andern. Um die Jahreswende ging er auch aufs Feld und klopfte beständig an einem Markstein herum, den er wahrscheinlich versetzt hatte. Auch führte er eine große Schnupftabaksdose bei sich, die wie grünes Moos aussah, und hielt sie den Leuten hin. Wollte aber jemand zulangen und eine Prise nehmen, so zog er sie schnell wieder zurück. Als das Haus schließlich abgebrochen und das Holz nach Gomaringen geführt wurde, spottete man über den Käsperle, der nun allein zurückbleiben müsse. Aber als der letzte Wagen mit -666-

Holz abfuhr, saß Käsperle obendrauf, wovon der Wagen so belastet wurde, daß er sich ganz bog, als ob er jeden Augenblick zusammenbrechen wollte. In Gomaringen wagte niemand, den Wagen abzuladen, bis der Geist fortgesprungen war. Sobald aber das Holz verbaut war, stellte sich auch Käsperle im neuen Hause ein und trieb darin sein Unwesen fort, bis sein Grab geöffnet und er unverwest darin gefunden wurde. Da begrub man ihn zum zweitenmal in Gomaringen. Seitdem ist er nicht mehr gesehen worden und wird nun gewiß erlöst sein.

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Kloster Allerheiligen im Schwarzwald
Am Lierbächlein im Schwarzwald sieht der Wanderer heute noch die Ruinen des Klosters Allerheiligen. Vor vielen Jahren war die fromme Stätte blühender Mittelpunkt jener Gegend. Mit dem Kloster war eine Schule verbunden, die weit und breit berühmt war. Einer der Schüler, ein Waisenknabe, stammte aus Straßburg. Seine Mutter hatte ihm vor ihrem Ableben einen Ring geschenkt, den ein funkelnder Rubin schmückte. Der Ring war dem jungen Menschen als Erinnerung an seine Mutter so teuer, daß er ihn immer bei sich trug. Eines Tages hatte sich der Jüngling beim täglichen Spaziergang etwas von seinen Kameraden entfernt und war zurückgeblieben. Als er seinen Mitschülern nacheilen wollte, traf er plötzlich auf ein junges Mädchen, es war dunkelhaarig und von freundlichem Aussehen. Überrascht blieb er stehen und plauderte mit ihm. Als er dann die Klosterschüler wieder eingeholt hatte, blieben seine Gedanken noch immer bei dem fremden, schönen Mädchen. Anderntags schaute er beim Spaziergang wieder nach der Jungfrau aus und traf sie auch wirklich. Täglich richtete es der Jüngling nun so ein, daß er das Mädchen sehen und mit ihm sprechen konnte. Eines Tages schenkte er ihr, um ihr eine Freude zu bereiten und seine Liebe zu bezeugen, den Ring, das teure Erbe seiner Mutter. Von dieser Stunde an trug ihn das Mädchen am Finger. Nach kurzer Zeit trafen sich die beiden wieder im Wald. Verstört berichtete das Mädchen dem Freund, daß ein großer Vogel ihr den Ring fortgetragen habe, als sie das Kleinod beim Händewaschen auf einen Felsblock niedergelegt hatte. Sie zeigte ihm auch das Nest des Vogels auf einer Tanne neben dem Lierbächlein. Sofort erbot sich der Klosterschüler, die Tanne zu erklettern und den Ring zu holen. -668-

Doch als er eben die Hand nach dem Nest ausstreckte. brach der Ast und der Jüngling stürzte herunter. Zerschmettert blieb er auf einem der Felsen im Lierbach liegen. Das Mädchen stieß einen fürchterlichen Schrei aus und rannte zum Kloster, um Hilfe zu holen. Die Mönche kamen, aber sie konnten den jungen Klosterschüler nur als Leic he ins Kloster zurücktragen. Wer aber an jener Stelle am Lierbächlein vorbeikommt, soll heute noch angsterfüllte Rufe und lautes Jammern vernehmen.

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Sagen aus Thüringen

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Betrüger und Bedrücker
Der Zug der betrügerischen Fleischer, Müller, Wirte, Holzdiebe und Bedrücker der Bürger und Bauern ist besonders ansehnlich. Im Floßloch, einer schauerlichen Kluft über Steinbach, nach Liebenstein zu, sitzen drei gebannte Geister und spielen zusammen Karte. Der eine ist ein Gastwirt aus Steinbach, der bei seinen Lebzeiten die Leute mit falschem Gewicht und Gemäß betrog, der andere ein Müller aus Grumbach, der zuviel metzte, der dritte ein Ackersmann aus Schweina, der die Grenzsteine verrückte. Der erstere spukte nach seinem Tode in der Fleischkammer und dem Keller seines Hauses und stöhnte: »Drei Kartel (Nößel) für eine Kanne, drei Viertel für ein Pfund! « Der andere polterte als Geist bei Nacht in der Mühle umher und erschreckte die Kunden. Der dritte wanderte als feuriger Mann an der Grenze seiner Äcker und tückte die Vorübergehenden, so daß sich niemand, sobald es dämmrig wurde, zwischen den Orten Steinbach und Schweina hin und her zu gehen getraute. Alle drei wurden von Jesuiten ins Floßloch gebannt, und weil sie in ihrem Leben gern Karte gespielt hatten, so gab ihnen einer der Geisterbanner eine Karte mit. Da sitzen sie nun und spielen Solo und betrügen sich, werden uneins und zanken sich, daß der Lärm weithin durch den Wald schallt und verspätete Wanderer davor entsetzt fliehen. Manche haben die unheimlichen Spieler beisammen gesehen und wohl auch »Trumpfaus!« heischen hören. Der betrügerische Gastwirt hat aber immer dazwischen gerufen: »Drei Kartel für eine Kanne, drei Viertel für ein Pfund! « Im Walde zwischen Herpf und Melkers, dem Eutel, spukt ein kleines graues Männchen mit Spinnwebegesicht, das Hackmännchen. Es hackt und hackt immerzu und muß bis zum jüngsten Tage hacken, ohne daß auch nur ein einziger Stamm fällt, zur Strafe dafür, daß es einmal an einem Sonntage in den Eutel gegangen ist, um Holz zu stehlen. - Der böse Landrichter Stergenbeck aus Gera -671-

hatte Bürger und Bauern um Hab und Gut betrogen und mußte deshalb geistern. Man sah, wie er um Mitternacht durchs Kirchhofsgatter grinste, und hörte, wie er dabei einem Hunde gleich winselte und bellte, weshalb er dann schließlich durch den Henker an einen entlegenen Ort gebannt wurde. Der ist lange Zeit unbekannt geblieben, bis einmal ein paar Weiber zum Holztage in den Wald gingen und zur Teufelskiefer auf den Kuhtanz kamen. Da haben sie um den Baum unzählige traurig pfeifende Vögel flattern sehen; in den Ästen aber saß niemand anderes als Stergenbeck, der böse Landrichter. Er hatte einen graulichen Mantel an, sein Gesicht war löcherig anzusehen wie vom Krebs zerfressen, und blutig war das Schwert, das er im Gurte trug. Die Weiber sind nach langem entsetzten Irrlaufen von ihren Männern erst spät abends im Türkengraben wieder aufgefunden worden.

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Christiane von Lasberg
Am 16. Januar 1778 ertränkte sich Fräulein Christiane v. Lasberg, weil sie sich von ihrem Geliebten, dem Schweden von Wrangel, verlassen glaubte, in der Ilm bei der Floßbrücke, die damals ein wenig unterhalb der jetzigen Naturbrücke schräg über das Wasser in den Stern des weimarischen Parks führte. Kurze Zeit danach kam ein Bürger abends in jene Gegend. Da sah er am jenseitigen Ufer eine Dame in schwarzseidenem Mäntelchen lustwandeln; bei ihr war ein kleiner Hund, und in der Hand hielt sie eine Gerte, mit der sie im Sande rieselte. Der Mann wunderte sich, zu dieser Zeit eine Frau aus höheren Ständen, denen sie anzugehören schien, dort zu finden. Als er ihr bis auf zwanzig oder dreißig Schritte nahe gekommen war, entschwand sie seinen Augen, und er konnte sie, obwohl er suchte, nicht wiederfinden. Nachdenklich ging er heim und erfuhr, daß es Christel v. Lasberg gewesen sei, die sich in dieser Kleidung ertränkt habe. Auch andere haben ihren Geist dort als weiße Gestalt umherwandeln sehen, und jedermann fürchtete sich, abends allein in die Gegend zu kommen. Goethe, welcher zum Andenken der »armen Christel« dort ein Stück Felsen zum Felsentor aushöhlen ließ, von wo man den Ort ihres Todes übersah, mochte es seinen Dienern nicht verdenken, wenn sie nachts nur zu dreien einen Gang nach seinem Garten hinüber wagten.

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Das Faust-Gäßchen zu Erfurt
Doktor Faust, der große Zauberer, schloß zu Erfurt mit seinen Studenten eine Wette darüber ab, daß er durch ein schmales Gäßchen, in dem zwei Personen, nicht aneinander vorbeigehen konnten, vierspännig mit einem Fuder Heu fahren wolle. Unter dem Zulauf vieler Leute fuhr der berühmte Schwarzkünstler mit vier Ochsen einen großen Wagen voll Heu durch die Schlössergasse bis vor das enge Gäßchen. Dort erhob er seine rechte Hand, in der er seinen Zauberstab trug, und sofort verwandelten sich die Ochsen in vier Mäuse, der Wagen wurde zu einem Strohhalm. Damit fuhr Doktor Faust dann durch das Gäßchen. Am andern Ende, in der Borngasse, wurde aus dem winzigen Gefährt wieder der mächtige Heuwagen von früher, von vier Ochsen gezogen. Doktor Faust hatte damit seine Wette gewonnen. Die schmale Gasse ist nach diesem sagenhaften Geschehen das Faust-Gäßchen benannt.

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Das Heufuder
Faust kam einmal gen Gotha, da er zu tun hatte. Es war im Juni, wo man allenthalben Heu einführte. Da ist er mit etlichen seiner guten Bekannten spazieren gegangen, am Abend, wohl bezecht. Als er nun vor das Tor kam und am Graben spazierte, begegnet ihm ein Wagen mit Heu. Faust aber ging in dem Fahrweg, daß ihn also der Bauer Not halber ansprechen mußte: er sollte ihm ausweichen und sich neben dem Fahrweg halten. Faust antwortete ihm: »Nun will ich sehen, ob ich dir oder du mir weichen müssest! Hast du nicht gehört, daß einem vollen Mann ein Heuwagen ausweichen soll! « Der Bauer ward darüber erzürnet, gab Faust viel trotziger Worte. Der antwortete: »Mach nicht viel Umstände oder ich freß dir den Wagen, das Heu und die Pferd!« Der Bauer sagt darauf: »Ei, so friß meinen Dreck auch!« Faust verblendet ihn hierauf nicht anders, denn daß der Bauer meinete, er hätte ein Maul so groß als ein Zuber und fraß und verschlang am ersten die Pferd, danach das Heu und den Wagen. Der gute Bauer erschrak, eilet bald zum Bürgermeister, berichtet ihm mit der Wahrheit, wie alles ergangen wäre. Der Bürgermeister ging mit ihm, lächelte, diese Geschicht zu besehen. Als sie nun vor das Tor kamen, fanden sie des Bauern Roß und Wagen im Geschirr stehen wie zuvor und hatte ihn Faust nur verblendet.

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Das Jagen im fremden Walde
Friedrich, Pfalzgraf zu Sachsen, wohnte im Osterland bei Thüringen, auf Weissenburg an der Unstrut seinem schönen Schloß. Sein Gemahel war eine geborene Markgräfin zu Stade und Salzwedel, Adelheid genannt, ein junges, schönes Weib, brachte ihm keine Kinder. Heimlich aber buhlte sie mit Ludwig, Grafen zu Thüringen und Hessen, und verführt durch die Liebe zu ihm, trachtete sie hin und her: wie sie ihres alten Herrn abkommen möchte, und den jungen Grafen, ihren Buhlen, erlangen. Da wurden sie einig, daß sie den Markgrafen umbrächten auf diese Weise: Ludwig sollte an bestimmtem Tage eingehen in ihres Herrn Forst und Gebiet, in das Holz, genannt die Reißen, am Münchroder Feld (nach andern, bei Schipplitz) und darin jagen, unbegrüßt und unbefragt; dann so wollte sie ihren Herrn reizen und bewegen, ihm die Jagd zu wehren; da möchte er dann seines Vorteils ersehen. Der Graf ließ sich vom Teufel und der Frauen Schöne blenden, und sagte es zu. Als nun der mordliche Tag vorhanden war, richtete die Markgräfin ein Bad zu, ließ ihren Herrn darin wohl pflegen und warten. Unterdessen kam Graf Ludwig, ließ sein Hörnlein schallen und seine Hündlein bellen, und jagte dem Pfalzgraf in dem Seinen, bis hart vor die Tür. Da lief Frau Adelheid heftig in das Bad zu Friedrichen, sprach: »Es jagen dir ander Leut freventlich auf dem Deinen; das darfst du nimmer gestatten, sondern mußt ernstlich halten über deiner Herrschaft Freiheit.« Der Markgraf erzürnte, fuhr auf aus dem Bad, warf eilends den Mantel über das bloße Badhemd, und fiel auf seinen Hengst, ungewappnet und ungerüstet. Nur wenig Diener und Hunde rennten mit ihm in den Wald; und da er den Grafen ersah, strafte er ihn mit harten Worten; der wandte sich, und stach ihn mit einem Schweinspieß durch seinen Leib, daß er tot vom Pferde sank. Ludwig ritt seinen Weg, die Diener brachten den Leichnam heim, und beklagten und betrauerten ihn sehr; die -676-

Pfalzgräfin rang die Hände, und raufte das Haar, und gebärdete sich gar kläglich, damit keine Inzicht auf sie falle. Friedrich wurde begraben, und an der Mordstätte ein steinern Kreuz gesetzt, welches noch bis auf den heutigen Tag stehet; auf der einen Seite ist ein Schweinspieß, auf der andern der lateinische Spruch ausgehauen: anno domini 1065 hic exspiravit palatinus Fridericus, hasta prostravit comes illum dum Ludovicus. Ehe das Jahr um war, führte Graf Ludwig Frau Adelheiden auf Schauenburg sein Schloß, und nahm sie zu einem ehelichen Weib.

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Das Kristallsehen
Ein Erfurter Ratsprotokoll vom 10. Januar 1588 erzählt folgenden Fall: Dem Pfeifer Jost Voigt, der zugleich Hausmann auf dem Allerheiligen Turme war, wurde aus dem Backofen im Gewölbe des Turmes eine schon gebratene Gans gestohlen. Sein Läutjunge Lorenz rät ihm, zur klugen Frau nach Daberstedt zu gehen und die zu befragen, wer der Dieb sei. Von anderer Seite wird er an die Schucken in der Schmidtstedter Straße verwiesen, die mit Kristallsehen umzugehen wisse. Und die will wirklich im Spiegel des Kristallglases den Dieb erkannt haben, bezeichnet auch dem Pfeifer dessen Persönlichkeit. Aber sie hat einen ganz Unschuldigen getroffen, wie die gerichtliche Verhandlung ausweist. Dieser, aufs höchste beleidigt, schwört, sich an dem Pfeifer zu rächen. Andern Tages geht er zu einer berüchtigten Hexe und bittet sie, ihm dazu behilflich zu sein. Für ein gutes Stück Geld ist die weise Frau bald gewonnen, jenem ein Auge auszuschlagen. Nun beginnt unter allerlei Zurüstungen und geheimen Mitteln die Zauberei. Er muß in seine Haustüre Nägel einschlagen, daran Fäden befestigen und sie straff anziehen. Dann legt er sich auf die Lauer und wartet, bis der Pfeifer Voigt durch die Turniergasse geht. Wie er seiner ansichtig wird, schlägt er den ersten Faden durch. Sofort faßt der Turmwart nach seinem Auge; ihm ist es, als ob es von einem Schusse getroffen worden wäre. Doch ist von einem eingedrungenen Körper ebensowenig wie von einer Wunde zu sehen. Das Auge schmerzt täglich mehr, und nach Verlauf von vierzehn Tagen ist es vertrocknet und ganz blind. Danach kommt es zu einem Prozeß mit Folterung und erpreßtem Bekenntnis, der in einem Hexenbrand endigt.

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Das Leichentuch
Der Schulmeister in Möbisburg ging einmal noch in dunkler Nacht zum Frühläuten in die Kirche. Da lag ein feuriger Hund vor dem Altar. Darüber erschrak der Mann so heftig, daß er den dritten Tag danach starb. Nun mußten zunächst die jungen Burschen der Reihe nach, jedesmal zwei, zur Frühkirche läuten. Da geschah es, daß einmal zwei gute Freunde zusammen auf den Turm gingen. Der eine hatte den andern abgerufen, in der Meinung, daß es bald fünf Uhr sei. Als sie aber den Turm erstiegen haben, schlägt es erst zwölf, und zugleich hören sie ein Geräusch auf dem Gottesacker. Zur Turmluke hinausschauend, erblicken sie im Mondschein einen Fremden, der hastig über die Gräber läuft, auf einem Grabe niederkniet, es aufscharrt, den Toten entkleidet, auf die Achsel wirft und mit ihm von dannen rennt. »Was gilts«, spricht der eine Bursche zum andern, »ich hole mir das Leichentuch da unten.« Der andere sucht ihn davon abzubringen; aber der verwegene Mensch hört nicht, holt das Leichentuch und bringt es auf den Turm. Nach einer Welle kommt der Fremde mit dem Toten auf der Achsel zurück, wirft ihn hin und vermißt, als er ihn wieder ankleiden will, das Leichentuch. Sogleich ruft er zum Turme hinauf: »Gib das Leichentuch zurück! « Weil aber der Bursche nicht Folge leistet, so sehr ihn sein Freund auch bittet, so reißt der Fremde die Turmtür auf und stürmt die Treppe empor. In ihrer Angst kriechen die beiden Burschen unter die Glocke., weil man da vor Gespenstern und allem Bösen sicher ist. Der Fremde rennt und tobt um die Glocke herum, doch ohne sie anzurühren. Weil aber ein kleiner Zipfel des Leichentuches hervorsieht, erfaßt er es und trabt damit die Stufen hinab. Im gleichen Augenblick, als er unten den Toten erfaßt, um ihn zu bekleiden, schlägt die Turmuhr eins. Da sehen die Burschen am Turmloche, wie er Leiche und Leichentuch hinwirft und. -679-

gleich dem Sturmwinde entflieht. Am andern Morgen fand man die Leiche auf dem Gesichte liegend und über sie das Leichentuch gebreitet.

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Das Mäuselein
In Thüringen bei Saalfeld auf einem vornehmen Edelsitze zu Wirbach hat sich Anfangs des 17. Jahrhunderts folgendes begeben. Das Gesinde schälte Obst in der Stube, einer Magd kam der Schlaf an, sie ging von den andern weg und legte sich abseits, doch nicht weit davon, auf eine Bank nieder, um zu ruhen. Wie sie eine Weile still gelegen, kroch ihr zum offenen Maule heraus ein rotes Mäuselein. Die Leute sahen es meistenteils und zeigten es sich untereinander. Das Mäuslein lief eilig nach dem gerade gekläfften Fenster, schlich hinaus und blieb eine Zeitlang aus. Dadurch wurde eine vorwitzige Zofe neugierig gemacht, so sehr es ihr die andern verboten, ging hin zu der entseelten Magd, rüttelte und schüttelte an ihr, bewegte sie auch an eine andre Stelle etwas fürder, ging dann wieder davon. Bald darnach kam das Mäuselein wieder, lief nach der vorigen bekannten Stelle, da es aus der Magd Maul gekrochen war, lief hin und her und wie es nicht ankommen konnte, noch sich zurecht finden, verschwand es. Die Magd aber war tot und blieb tot. Jene Vorwitzige bereute es vergebens. Im übrigen war auf demselben Hof ein Knecht vorhermals oft von der Trud gedrückt worden und konnte keinen Frieden haben, dies hörte mit dem Tod der Magd auf.

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Das Schloß am Beyer
Das verwünschte und versunkene Schloß am Beyer hat einer von Oberalba gesehen, der um Mitternacht da vorüber mußte. Eine Schar wild aussehender Jäger mit langen Bärten und Spinnwebgesichtern saß davor und zechte an einer beleuchteten Tafel. Die bildschöne Tochter des Kuhhirten von Oberalba war einer Kuh gefolgt, die sich schon wiederholt heimlich von der Herde entfernt hatte. Da kommt sie durch das offne Tor des Schlosses und ist kaum in den Hof getreten, als ihr ein stattlicher Junker entgegentritt, sie bei ihrem Namen nennt und mit gar einschmeichelnden Worten fragt, ob sie ihn nicht zu ihrem Eheherrn nehmen und in dem prächtigen Schlosse da wohnen wolle. Das Mädchen betrachtete den schönen Junker und schlug ein. Hocherfreut führte er sie in das Schloß und zeigte ihr all die prachtvollen Gemächer und die kostbaren gold- und silberdurchwirkten Kleider, so daß ihr Herz vor Lust und Freude pochte. Als der Junker dies gewahrte, wiederholte er seine Frage, knüpfte aber diesmal die Bedingung daran, sie müsse fest geloben, ihm eine Reihe von Jahren, es komme was da wolle, durchaus nicht zu zürnen. Das Hirtenmädchen ging auch darauf mit Freuden ein. Sie wurde nun in die kostbaren Gewänder gekleidet und lebte als Edelfrau herrlich und in Freuden. Auch gebar sie dem Junker nacheinander zwei bildschöne Knaben. Sie liebte ihren Eheherrn so sehr, daß sie ihm nicht zürnte, als er ihr die Kinder bald nach der Geburt wegnehmen ließ. Doch als sie den dritten Knaben zur Welt gebracht hatte und ihr auch dieser genommen wurde, da empörte sich aus Liebe zu ihren Kindern ihr Herz, so daß die ihr Gelöbnis vergaß und ihrem Gemahl auf seine Frage, ob sie ihm zürne, ein heftiges Ja zur Antwort gab. Kaum war es über ihre Lippen, als den Junker eine große Traurigkeit befiel. Ihr beiderseitiges Glück, sagte er, sei nun auf -682-

immer dahin. Vor vielen, vielen Jahren wäre das Schloß mit allen Bewohnern verwünscht und verflucht worden. Sie allein, wenn sie ihrem Gelübde treu geblieben wäre, hätte den Bann brechen und ihre drei Kinder zurückerhalten können. Nun aber sei alles verloren. Die Hirtentochter verfiel hierauf in einen tiefen Schlaf, und als sie erwachte, befand sie sich in ihren alten Kleidern einsam im Walde.

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Das Teufelsbad
Auf dem Schneekopf gibt es verrufene Moorlöcher, die Teufelskreise; unter ihnen gilt das Teufelsbad als besonders gefährlich. Kam doch Holz, das man hineingeworfen, in Arnstadt und hineingeschüttetes Blut im Mäbendorfer Felsbrunnen (Haseltal) wieder zum Vorschein. Einst verlief sich in jener Gegend ein Pferd, das einem reichen Filz gehörte. Es wurde überall gesucht und nicht gefunden, und der Eigentümer ging selbst mit, während des Suchens vor sich hinbrummend: »Wo es nur der Teufel hat?« Bis sichs denn fand, nämlich im Teufelsbad. Nur noch der Schwanz guckte heraus. Gern hätte es der Besitzer, wenn auch tot, herausgezogen; das war aber lebensgefährlich, und so schnitt er ihm wenigstens den schönen langen Schweif ab, um die Haare etwa dem Förster zu Schneisschlingen zu verkaufen. Sowie es geschehen war, versank das Pferd vollends. Voll schweren Ärgers ging der Geizhals heim. Als er aber in den Stall kam, siehe, da stand sein verlornes Pferd frisch und gesund darinnen, nur der Schwanz fehlte, den hatte er in der Hand.

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Das Waldweiblein von Wilhelmsdorf
In Wilhelmsdorf hatte sich bei einem Bauern ein Waldweibchen einquartiert, das in der Wirtschaft mehr leistete als die beste Magd. Abends nach der Arbeit saß es immer auf seinem Platz hinter dem Ofen und gab von da aus den Leuten allerlei zum besten. So sagte sie : "Piep dein Brot*), Schäl keinen Baum, Erzähl keinen Traum, Back keinen Kümmel ins Brot**), So hilft dir Gott in aller Not. *) Piepen = mit den Fingerspitzen vor dem Backen ein Kreuzzeichen in das Brot machen. **) Von stark riechenden Würzkräutern wie Kümmel, Lauch, Thymian wollen solche unterirdische Wesen nichts wissen. Aber manchmal mußte sich die Bäuerin auch über das Waldweibchen ärgern; es holte sich, ohne zu fragen, die Klöße aus dem Topf und das Brot aus dem Ofen, alles Schelten und Zanken half nichts. Da meinte die Bäuerin zuletzt, diesen Unfug wolle sie dem Waldweiblein doch austreiben, buk Kümmel in die Brote und piepte sie ganz gehörig. Sobald das kleine Wesen von dem neuen Brot gekostet hatte, wurde es böse, lief aus dem Hause weg in den Wald und schrie dabei: "Sie haben mir gebacken Kümmelbrot, Das bringe diesem Hause lauter Not." Seitdem ging es mit dem Wohlstand der Leute bergab; sie verfielen in Armut und Not und zählten bald zu den ärmsten Leuten im Dorf. Die Bäuerin hat es später noch oft bitter bereut, daß sie den Rat des Waldweibchens nicht befolgte.

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Das erschrockene Wichtel von Gössitz
Eine Bauersfrau aus Gössitz an der Saale war eben dabei, auf ihrer Holzwiese im Schlingengrund den letzten Heuschober auszubreiten, als sie zu ihrem Schrecken oben auf dem Schober ein ganz kleines Männchen sitzen sah; das war nicht größer als eine aufrecht sitzende Katze. Das kleine Wesen wandte der Frau den Rücken zu; diese wagte nicht, das Männchen anzureden, sondern zupfte vorsichtig von hinten mit dem Rechen etwas Heu unten vom Schober weg, dann streifte sie immer mehr Halme heraus und tat das so lange, bis der ganze Schober endlich zusammenbrach und das Männchen mit einem Schrei herunterpurzelte. Da kam aus dem Gehölz ein ganzer Haufe von ebensolchen Männchen herausgelaufen, die mit drohender Miene fragten: "Sag an, sag an, Eckele, hat sie dir was angetan?" Das Wichtel aber krabbelte mühsam aus dem Heuha ufen hervor und schaute verwundert den eingestürzten Schober an. Dann schüttelte es den Kopf und sagte: "Ei, ei! Das Ding fiel nur so ein. Ich purzelte hinterdrein, Da möchte eins nicht schrei'n. Ei, ei! Es ist mir lieb, Daß ich nicht drunter steckenblieb." Und dann lief das Männlein, was es nur laufen konnte, mit seinen Kameraden in den Wald hinein, ohne auf die Bauersfrau weiter zu achten, die lächelnd der hüpfenden Schar nachblickte und dann ruhig mit ihrer Arbeit fortfuhr.

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Der Advokat
Ein Haus in Erfurt gehörte längere Zeit der Familie Dacheröden und wurde durch Besuche Humboldts, Goethes und Schillers besonders denkwürdig; darin wohnte vordem ein Advokat namens Klaus. Der war als ein Wucherer und ungerechter Mensch bekannt und gefürchtet. Man sagte, er sei nur mit Hilfe des Bösen zu seinen Reichtümern und Prozeßerfolgen gekommen. Als Klaus nun alt geworden war, lag der Teufel beständig im Anschlag, damit ihm die Seele des alten Sünders nicht entgehe. Mit großen Feueraugen saß er in der Ecke des Wohnzimmers, nahe beim Ofen und lauerte auf das letzte Stündlein des Übeltäters. Der wurde bei zunehmender Schwäche von seiner Haushälterin genötigt, das heilige Abendmahl zu nehmen, verstand sich auch mit Widerstreben dazu, spie es aber sogleich wieder aus. Während der Feierlichkeit hatte sich der Teufel davongemacht; danach aber war er sofort wieder zur Stelle, drehte dem alten Sünder das Genick um und fuhr mit seiner Seele zum Kamin hinaus.

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Der Erdspiegel
Die Leute im Wippertale sagen, es liege ein Königreich in dem Berge, darauf die Arnsburg stand, oder so viel des Goldes und der Kleinodien, daß damit eines Königsreiches Wert erlangt würde. In zwei steinernen Kisten wäre das alles wohl verwahrt. Nach diesem großen Schatze trugen viele schon Verlangen, unter andern auch eine Gräfin von Schwarzburg. Sie hatte einen Burghauptmann, der ein überaus kluger und weiser Mann war. Er besaß den Erdspiegel, in dem sich alles zeigte, was sich im Innern des Erdreiches und der Berge an edlen Metallen und vergrabenen Schätzen befand. Mit diesem Erdspiegel kam er auf die Arnsburg und sah die Kisten deutlich stehen, merkte aber auch, daß der Schatz so versetzt war, daß es allzu viele Seelen kostete, wenn man ihn heben wollte. Deshalb stand die fromme Gräfin von ihrem Vorhaben ab; die Seelen blieben unverloren und das Königreich im Berge ungefunden. - Den Erdspiegel zu gewinnen, war nicht leicht. Das zeigt die Geschichte eines Mannes aus Salzungen, namens Adam. Er kaufte sich einen kleinen Spiegel mit einem Schieber, ohne beim Krämer zu handeln oder zu mäkeln, und bewahrte ihn bis zum günstigen Zeitpunkte auf. Endlich starb eine Wöchnerin, die am Karfreitag beerdigt -wurde, und nun konnte er ans Werk gehen. Nachts mit dem Glockenschlag elf stand er am Kirchhof, zog die bloßen Füße aus den Pantoffeln, ließ den Mantel zur Erde fallen und schwang sich nackt, den Spiegel in der Hand, über die Mauer. Erreichte das frische Grab der Wöchnerin und arbeitete den Spiegel im Namen des dreieinigen Gottes hinein und zwar das Glas dem Sarge zugekehrt. Mühseliger war sein Rückweg, da er beim Gehen das Grab immer im Gesicht behalten mußte. Doch erreichte er glücklich die Mauer und bald darauf auch seine Wohnung. Als er am dritten Abend wieder beim hellsten Mondschein den Kirchhof in derselben Stunde betrat, war um -688-

ihn plötzlich schwarze Nacht, dann und wann von grellen Blitzen durchzuckt. Auch vernahm er ein unheimliches Geräusch, als ob jemand vor ihm mit einem Besen den Erdboden fege, um ihn von dem Grabe der Wöchnerin abzuleiten. Doch ließ er sich durch das alles nicht irre machen, fand nach einer Weile das Grab und zog, diesmal aber in Dreiteufels Namen, den Spiegel wieder heraus, drückte ihn sorgfältig mit dem Glas auf seinen Leib und trat in gewohnter Weise den Rückweg an. Der Böse suchte ihn zu hindern und den Spiegel zu vernichten. Braun und blau geschlagen, dankte der Mann dem Himmel, als er wieder jenseits der Kirchhofsmauer stand. Doch hatte er nun einen Erdspiegel und wurde durch denselben bald einer der gesuchtesten weisen Männer der Gegend. Keine Hexe, kein Dieb war sicher vor seiner Kunst. Er konnte sie und noch viel mehr in seinem Erdspiegel erblicken.

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Der Farnsame und der Mann aus Berka
Dem Farnkraut werden im Volk allerlei übernatürliche Wirkungen zugeschrieben. Sein Same bringt Glück und macht unsichtbar. Einem Manne aus Berka an der Werra ging es damit gar wunderlich. Sein Fohlen hatte sich im Wald verlaufen; auf der Suche nach dem Tier traf er auf einer Waldwiese unversehens auf reifendes Farnkraut. Etwas von dem Samen fiel ihm in die Schuhe, ohne daß sich irgend etwas Besonderes ereignete. Er lief lange im Wald umher, fand das Füllen aber nicht und kam erst früh am Morgen wieder nach Hause. Dort betrat er die Stube und setzte sich müde und verdrießlich hinter den Kachelofen auf den Lehnstuhl. Frau, Kinder und Gesinde gingen auf und ab, hantierten und plauderten, aber keines sagte guten Morgen zu ihm. Das wunderte ihn. Endlich murrte der Mann: "Ich habe das Fohlen nicht gefunden. " Alle erschraken, niemand wußte, woher plötzlich die Stimme kam. Erstaunt blickten sie einander an, ihn sah niemand. "Ja, Mann, wo steckst du denn?" rief die Frau. Da erhob er sich, trat mitten in die Stube und schalt: "Da bin ich ja, närrische Frau, ich stehe doch vor dir!" Nun erschraken die Seinen noch mehr, denn sie hatten ihn aufstehen und herumgehen hören, sahen aber nichts von ihm. Da merkte der Mann, daß er unsichtbar geworden war, wünschte aber nicht, es zu bleiben. Er erinnerte sich, daß ihm im Wald etwas in die Schuhe gefallen war, das ihn drückte wie Sand. Gleich riß er die Schuhe von den Füßen und klopfte sie aus; da fiel Farnsamen heraus. Der Mann aber stand sogleich, allen sichtbar, vor ihnen.

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Der Graf von Gleichen
Graf Ludwig von Gleichen zog im Jahr 1227 mit gegen die Ungläubigen, wurde aber gefangen und in die Knechtschaft geführt. Da er seinen Stand verbarg, mußte er, gleich den übrigen Sklaven, die schwersten Arbeiten tun: bis er endlich der schönen Tochter des Sultans in die Augen fiel, wegen seiner besondern Geschicklichkeit und Anmut zu allen Dingen, so daß ihr Herz von Liebe entzündet wurde. Durch seinen mitgefangenen Diener erfuhr sie seinen wahren Stand; und nachdem sie mehrere Jahre vertraulich mit ihm gelebt, verhieß sie, ihn frei zu machen und mit großen Schätzen zu begaben: wenn er sie zur Ehe nehmen wolle. Graf Ludwig hatte eine Gemahlin mit zwei Kindern zu Haus gelassen; doch siegte die Liebe zur Freiheit, und er sagte ihr alles zu, indem er des Papstes und seiner ersten Gemahlin Einwilligung zu erwirken hoffte. Glücklich entflohen sie darauf, langten in der Christenheit an, und der Papst, indem sich die schöne Heidin taufen ließ, willfahrte der gewünschten Vermählung. Beide reisten nach Thüringen, wo sie im Jahr 1249 ankamen. Der Ort bei Gleichen, wo die beiden Gemahlinnen zuerst zusammentrafen, wurde das Freudenthal benannt, und noch steht dabei ein Haus dieses Namens. Man zeigt noch das dreischläfrige Bett mit rundgewölbtem Himmel, grün angestrichen; auch zu Tonna den türkischen Bund und das goldne Kreuz der Sarazenin. Der Weg, den sie zu der Burg pflastern ließ, heißt bis auf den heutigen Tag: der Türkenweg. Die Burggrafen von Kirchberg besitzen auf Farrenrode, ihrer Burg bei Eisenach, alte Tapeten, worauf die Geschichte eingewirkt ist. Auf dem Petersberge zu Erfurt liegen die drei Gemahel begraben, und ihre Bilder sind auf dem Grabsteine ausgehauen (gestochen in Frankensteins annal. nordgaviens).

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Der Höselberg
Im Lande zu Thüringen nicht fern von Eisenach liegt ein Berg, genannt der Höselberg, worin der Teufel haust und zu dem die Hexen wallfahrten. Zuweilen erschallt jämmerliches Heulen und Schreien her daraus, das die Teufel und armen Seelen ausstoßen; im Jahr 1398 am hellen Tage erhoben sich bei Eisenach drei große Feuer, brannten eine Zeitlang in der Luft, taten sich zusammen und wieder von einander und fuhren endlich alle drei in diesen Berg. Fuhrleute, die ein andermal mit Wein vorbeigefahren kamen, lockte der böse Feind mit einem Gesicht hinein und wies ihnen etliche bekannte Leute, die bereits in der höllischen Flamme saßen. Die Sage erzählt: einmal habe ein König von Engelland mit seiner Gemahlin, Namens Reinschweig, gelebt, die er aus einem geringen Stand, bloß ihrer Tugend willen, zur Königin erhoben. Als nun der König gestorben war, den sie aus der Maßen lieb hatte, wollte sie ihrer Treu an ihm nicht vergessen, sondern gab Almosen und betete für die Erlösung seiner Seele. Da war gesagt, daß ihr Herr sein Fegfeuer zu Thüringen im Höselberg hätte, also zog die fromme Königin nach Deutschland und baute sich unten am Berg eine Kapelle, um zu beten, und rings umher entstand ein Dorf. Da erschienen ihr die bösen Geister, und sie nannte den Ort Satansstedt, woraus man nach und nach Sattelstedt gemacht hat.

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Der Pfarrer von Rosa
AIs der alte Pfarrer von Rosa eines Abends von seiner Filiale Helmers nach Hause ging, gesellte sich unbemerkt ein unheimlicher Wanderer zu ihm und belästigte ihn mit allerlei spitzfindigen theologischen Fragen. Der Pfarrer beantwortete sie ihm lange geduldig. Aber der Geselle wurde immer dreister und fragte ihn sogar, wie er als Geistlicher es vor seinem Gewissen verantworten könne, einst eine Rübe von einem fremden Acker gestohlen zu haben. Der Pfarrer antwortete zornig, daß er das wegen allzu großen Durstes getan, auch an die Stelle der Rübe sogleich einen Kreuzer in das Loch gelegt habe. Und da er hierauf den frechen Burschen genauer ins Auge faßte, erkannte er endlich, in wessen Gesellschaft er bisher gegangen. Rief also mit lauter Stimme: »Hebe dich weg vor mir, Satanas!« Und sogleich verschwand der Teufel mit einem furchtbaren Knall, ließ aber einen solchen Schwefeldampf zurück, daß der Pfarrer fast erstickte.

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Der Riesenfinger
Am Strand der Saale, besonders aber in der Nähe von Jena, lebte ein wilder und böser Riese; auf den Bergen hielt er seine Mahlzeit und auf dem Landgrafenberg heißt noch ein Stück der Löffel, weil er da seinen Löffel fallen ließ. Er war auch gegen seine Mutter gottlos und wenn sie ihm Vorwürfe über sein wüstes Leben machte, so schalt er sie und schmähte und ging nur noch ärger mit den Menschen um, die er Zwerge hieß. Einmal, als sie ihn wieder ermahnte, ward er so wütend, daß er mit den Fäusten nach ihr schlug. Aber bei diesem Gräuel verfinsterte sich der Tag zu schwarzer Nacht, ein Sturm zog daher und der Donner krachte so fürchterlich, daß der Riese niederstürzte. Alsbald fielen die Berge über ihn her und bedeckten ihn, aber zur Strafe wuchs der kleine Finger ihm aus dem Grabe heraus. Dieser Finger aber ist ein langer schmaler Turm auf dem Hausberg, den man jetzt den Fuchsturin heißt.

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Der Riesenfinger auf dem Hausberg an der Saale
Am Strand der Saale, häufig aber in der Nähe von Jena trieb einst ein wilder, ungebärdiger Riese sein Wesen. Auf den Bergen hielt er seine Mahlzeiten, und ein Teil des Landgrafenberges heißt noch heute der "Löffel", weil er dort seinen Löffel fallen ließ. Der Riese benahm sich auch gegen seine Mutter wüst und aufbrausend, und wenn sie ihm Vorwürfe über sein arges Treiben machte, so schalt und schmähte er sie und ging nur noch wilder mit den Menschen um, die er Zwerge hieß. Einmal, als ihn die Mutter wieder ermahnte, sich zu bezähmen, wurde der Unhold so wütend, daß er mit den Fäusten nach ihr schlug. Aber bei dieser Greueltat verfinsterte sich der Tag zu schwarzer Nacht, ein Sturm zog herauf, und der Donner krachte so fürchterlich, daß der Riese betäubt zu Boden stürzte. Und schon fielen die Berge über ihn her und bedeckten seinen Leib; nur der kleine Finger wuchs ihm aus dem Grabe heraus, das geschah zur Strafe für seine Freveltat. Dieser Finger aber wurde zu einem langen schmalen Turm auf dem Hausberg, den man jetzt den "Fuchsturm" heißt.

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Der Schnupftabaksmann
Vom Schnupftabaksmann, Burgold mit Namen, sind unzählige Stückchen bekannt. Er stammte aus dem Drachenhaus in Windischenbernsdorf und war zur Zeit des Siebenjährigen Krieges Bursche auf einer Schnupftabaksmühle. Danach wurde er Werber, machte aber die abgelieferten Rekruten immer unsichtbar, so daß sie wieder davonlaufen konnten. Später trieb er im Osterland einen bescheidenen Schnupftabakshandel, obgleich er sich Gold und Silber genug hätte verschaffen können. Seiner Frau, die über ihre Armut klagte, zeigte er eine Mulde voll blanker Taler, ließ aber die ganze Herrlichkeit sogleich wieder verschwinden. Er wußte die Glücksnummern der Lotterien, ohne selber Gebrauch von seiner Wissenschaft zu machen. Nur andern teilte er gelegentlich etwas mit. In einem Wirtshaus, wo man ihn immer gut aufgenommen hatte, schrieb er die Glücksnummern der nächsten Lotterie mit Kreide unter das Handtuch an die Wand und lachte den Wirt nachträglich aus, weil der den Wink nicht verstanden hatte. Oft unterhielt er in den Schenken die andern Gäste durch seine Stückchen. So redete er den Ofen in einer wunderlichen Sprache an und brachte ihn dazu, daß er anfing zu wackeln und die Beine zu bewegen. ja, das eine Mal peitschte der alte Zauberkünstler einen Kachelofen mit der Haselgerte aus der Stube hinaus in den Hof, während das Feuer lustig weiterbrannte. Arg gefoppt hat er mal einen Jägerburschen, der von Großebersdorf wegging, einen Hirsch zu schießen. »Du kommst zu balde!« sagte er zu ihm, und wie nun jener einen Hirsch sieht und will eben abdrücken, ist‘s ein Pferd gewesen und ein zweitesmal eine alte Frau mit einem Tragkorbe, so daß er nicht zum Schusse kam. Endlich schießt er doch - aber o Schrecken! Da er hinkommt, hat er keinen Hirsch, sondern jene Frau geschossen! Jetzt naht sich lachend unser Schnupftabaksmann, und im Umschauen liegt -696-

statt der Frau ein wohlgetroffener Hirsch vor ihnen. Ein anderes Mal bat Burgold einen Handwerksburschen, den er bei den vier riesigen Eichen auf den Windischenbernsdorfer Hofwiesen traf, ihm doch einen Stiefel auszuziehen, der ihn gar zu sehr drücke. jener tut‘s; aber nicht nur den Stiefel, nein, das ganze Bein hat er ihm ausgerissen und ist, wie er‘s sieht, entsetzt davongelaufen, so sehr auch der andere hinterher rief. Kaum aber sitzt der Handwerksbursche im Wirtshause zu Windischenbernsdorf, so kommt auch Burgold herein und lacht ihn aus. Freilich hat‘s mit ihm zuletzt kein gutes Ende genommen: er ist hinterm Zaun gestorben.

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Der Wartburger Krieg
Auf der Wartburg bei Eisenach kamen im Jahr 1206 sechs tugendhafte und vernünftige Männer mit Gesang zusammen, und dichteten die Lieder, welche man hernach nennte: den Krieg zu der Wartburg. Die Namen der Meister waren: Heinrich Schreiber, Walter von der Vogelweide, Reimar Zweter, Wolfram von Eschenbach, Biterolf und Heinrich von Ofterdingen. Sie sangen aber, und stritten von der Sonne und dem Tag, und die meisten verglichen Hermann, Landgrafen zu Thüringen und Hessen, mit dem Tag, und setzten ihn über alle Fürsten. Nur der einzige Ofterdingen pries Leopolden, Herzog von Österreich, noch höher, und stellte ihn der Sonne gleich. Die Meister hatten aber unter einander bedungen: wer im Streit des Singens unterliege, der solle des Haupts verfallen; und Stempfel der Henker mußte mit dem Strick daneben stehen, daß er ihn alsbald aufhängte. Heinrich von Ofterdingen sang nun klug und geschickt; allein zuletzt wurden ihm die andern überlegen, und fingen ihn mit listigen Worten, weil sie ihn aus Neid gern von dem Thüringer Hof weggebracht hätten. Da klagte er, daß man ihm falsche Würfel vorgelegt, womit er habe verspielen müssen. Die fünf andern riefen Stempfel, der sollte Heinrich an einen Baum hängen. Heinrich aber floh zur Landgräfin Sophia, und barg sich unter ihrem Mantel; da mußten sie ihn in Ruhe lassen, und er dingte mit ihnen, daß sie ihm ein Jahr Frist gäben: so wolle er sich aufmachen nach Ungarn und Siebenbürgen, und Meister Clingsor holen; was der urteile über ihren Streit, das solle gelten. Dieser Clingsor galt damals für den berühmtesten deutschen Meistersänger; und weil die Landgräfin dem Heinrich ihren Schutz bewilligt hatte, so ließen sie sich alle die Sache gefallen. Heinrich von Ofterdingen wanderte fort, kam erst zum Herzogen nach Österreich, und mit dessen Briefen nach -698-

Siebenbürgen zu dem Meister, dem er die Ursache seiner Fahrt erzählte, und seine Lieder vorsang. Clingsor lobte diese sehr, und versprach ihm mit nach Thüringen zu ziehen, um den Streit der Sänge r zu schlichten. Unterdessen verbrachten sie die Zeit mit mancherlei Kurzweil, und die Frist, die man Heinrichen bewilligt hatte, nahte sich ihrem Ende. Weil aber Clingsor immer noch keine Anstalt zur Reise machte, so wurde Heinrich bang' und sprach: »Meister, ich fürchte, ihr lasset mich im Stich, und ich muß allein und traurig meine Straße ziehen; dann bin ich ehrenlos, und darf Zeitlebens nimmermehr nach Thüringen.« Da antwortete Clingsor: »Sei unbesorgt! wir haben starke Pferde und einen leichten Wagen, wollen den Weg kürzlich gefahren haben. " Heinrich konnte vor Unruhe nicht schlafen; da gab ihm der Meister abends einen Trank ein, daß er in tiefen Schlummer sank. Darauf legte er ihn in eine lederne Decke und sich dazu, und befahl seinen Geistern: daß sie ihn schnell nach Eisenach in Thüringerland schaffen sollten, auch in das beste Wirtshaus niedersetzen. Das geschah, und sie brachten ihn in HelgrevenHof, eh der Tag erschien. Im Morgenschlaf hörte Heinrich bekannte Glocken läuten, er sprach: »Mir ist, als ob ich das mehr gehört hätte, und deucht, daß ich zu Eisenach wäre.« »Dir träumt wohl«, sprach der Meister. Heinrich aber stand auf und sah sich um, da merkte er schon, daß er wirklich in Thüringen wäre. »Gott sei Lob, daß wir hier sind, das ist Helgreven-Haus, und hier sehe ich S. Georgen Tor, und die Leute, die davor stehen und über Feld gehen wollen. " Bald wurde nun die Ankunft der beiden Gäste auf der Wartburg bekannt, der Landgraf befahl den fremden Meister ehrlich zu empfahen, und ihm Geschenke zu tragen. Als man den Ofterdingen fragte, wie es ihm ergangen und wo er gewesen, antwortete er: »Gestern ging ich zu Siebenbürgen schlafen, und zur Metten war ich heute hier; wie das zuging, hab' ich nicht erfahren. « So vergingen einige Tage, eh daß die -699-

Meister singen und Clingsor richten sollten; eines Abends saß er in seines Wirtes Garten, und schaute unverwandt die Gestirne an. Die Herren fragten, was er am Himmel sähe? Clingsor sagte: »Wisset, daß in dieser Nacht dem König von Ungarn eine Tochter geboren werden soll; die wird schön, tugendreich und heilig, und des Landgrafen Schrie zur Ehe vermählt werden.« Als diese Botschaft Landgraf Herrmann hinterbracht worden war, freute er sich und entbot Clingsor zu sich auf die Wartburg, erwies ihm große Ehre und zog ihn zum fürstlichen Tische. Nach dem Essen ging er aufs Richterhaus (Ritterhaus), wo die Sänger saßen, und wollte Heinrich von Ofterdingen ledig machen. Da sangen Clingsor und Wolfram mit Liedern gegen einander, aber Wolfram tat so viel Sinn und Behendigkeit kund, daß ihn der Meister nicht überwinden mochte. Clingsor rief einen seiner Geiste, der kam in eines Jünglinges Gestalt: »Ich bin müde worden vom Reden«, sprach Clingsor, »da bringe ich dir meinen Knecht, der mag eine Weile mit dir streiten, Wolfram.« Da hub der Geist zu singen an, von dem Anbeginne der Welt bis auf die Zeit der Gnaden: aber Wolfram wandte sich zu der göttlichen Geburt des ewigen Wortes; und wie er kam, von der heiligen Wandlung des Brotes und Weines zu reden, mußte der Teufel schweigen und von dannen weichen. Clingsor hatte alles mit angehört, wie Wolfram mit gelehrten Worten das göttliche Geheimnis besungen hatte, und glaubte, daß Wolfram wohl auch ein Gelehrter sein möge. Hierauf gingen sie auseinander. Wolfram hatte seine Herberg in Titzel Gottschalks Hause, dem Brotmarkt gegenüber mitten in der Stadt. Nachts wie er schlief, sandte ihm Clingsor von neuem seinen Teufel, daß er ihn prüfen sollte, ob er ein Gelehrter oder ein Laie wäre; Wolfram aber war bloß gelehrt in Gottes Wort, einfältig und andrer Künste unerfahren. Da sang ihm der Teufel von den Sternen des Himmels, und legte ihm Fragen vor, die der Meister nicht aufzulösen vermochte; und als er nun schwieg, lachte der Teufel -700-

laut, und schrieb mit seinem Finger in die steinerne Wand, als ob sie ein weicher Teig gewesen wäre: »Wolfram, du bist ein Laie Schnipfenschnapf! « Darauf entwich der Teufel, die Schrift aber blieb in der Wand stehen. Weil jedoch viele Leute kamen, die das Wunder sehen wollten, verdroß es den Hauswirt, ließ den Stein aus der Mauer brechen, und in die Horsel werfen. Clingsor aber, nachdem er dieses ausgerichtet hatte, beurlaubte sich von dem Landgrafen, und fuhr mit Geschenken und Gaben belohnt samt seinen Knechten in der Decke wieder weg, wie und woher er gekommen war.

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Der hart geschmiedete Landgraf
Zu Ruhla im Thüringerwald liegt eine uralte Schmiede, und sprichwörtlich pflegte man von langen Zeiten her einen strengen, unbiegsamen Mann zu bezeichnen: er ist in der Ruhla hart geschmiedet worden. Landgraf Ludwig zu Thüringen und Hessen war anfänglich ein gar milder und weicher Herr, demütig gegen jedermann; da huben seine Junkern und Edelinge an stolz zu werden, verschmähten ihn und seine Gebote; aber die Untertanen drückten und schatzten sie aller Enden. Es trug sich nun ein Mal zu, daß der Landgraf jagen ritt auf dem Walde, und traf ein Wild an; dem folgte er nach so lange, daß er sich verirrte, und ward benächtiget. Da gewahrte er eines Feuers durch die Bäume, richtete sich danach und kam in die Ruhla, zu einem Hammer oder Waldschmiede. Der Fürst war mit schlechten Kleidern angetan, hatte sein Jagdhorn umhängen. Der Schmied frug: wer er wäre? »Des Landgrafen Jäger.« Da sprach der Schmied: »Pfui des Landgrafen! wer ihn nennet, sollte alle Mal das Maul wischen, des barmherzigen Herrn! " Ludwig schwieg, und der Schmied sagte zuletzt: »Herbergen will ich dich heut; in der Schuppen da findest du Heu, magst dich mit deinem Pferde behelfen; aber um deines Herrn willen will ich dich nicht beherbergen.« Der Landgraf ging beiseit, konnte nicht schlafen. Die ganze Nacht aber arbeitete der Schmied, und wenn er so mit dem großen Hammer das Eisen zusammen schlug, sprach er bei jedem Schlag: »Landgraf werde hart, Landgraf werde hart, wie dies Eisen!« und schalt ihn, und sprach weiter: »Du böser, unseliger Herr! was taugst du den armen Leuten zu leben? siehst du nicht, wie deine Räte das Volk plagen und mären dir im Munde?« Und erzählte also die liebe lange Nacht, was die Beamten für Untugend mit den armen Untertanen übeten. Kla gten dann die Untertanen, so wäre -702-

niemand, der ihnen Hülf täte; denn der Herr nähme es nicht an, die Ritterschaft spottete seiner hinterrücks, nennten ihn Landgraf Metz, und hielten ihn gar unwert. Unser Fürst und seine Jäger treiben die Wölfe ins Garn, und die Amtleute die roten Füchse (die Goldmünzen) in ihre Beutel. Mit solchen und andern Worten redete der Schmied die ganze lange Nacht zu dem Schmiedegesellen; und wenn die Hammerschläge kamen, schalt er den Herrn, und hieß ihn hart werden wie das Eisen. Das trieb er an bis zum Morgen; aber der Landgraf fassete alles zu Ohren und Herzen, und ward seit der Zeit scharf und ernsthaftig in seinem Gemüt, begunnte die Widerspenstigen zwingen und zum Gehorsam bringen. Das wollten etliche nicht leiden, sondern bunden sich zusammen, und unterstunden sich gegen ihren Herrn zu wehren.

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Der wilde Jäger und sein Gefolge in den Zeitzer Wäldern
Kein vernünftiger Mensch hält sich um die Fastnacht herum in den großen Zeitzer Wäldern bei Nickelsdorf auf; denn um diese Zeit jagt dort der wilde Jäger. Da waren nun doch einmal mehrere Holzhauer ins Dorteldickicht und in den Töpfergraben gegangen und hatten über den alten Aberglauben gespottet, als ihnen ein bejahrter Mann zu baldiger Heimkehr riet. Sie sprachen noch darüber, da stießen sich einige an und deuteten seitwärts. Der dort kam, war niemand anderer als der Mann, von dem eben die Rede gewesen war. Er sah etwas vermoost aus, trug nach Jägerart einen hohen Hut mit einem Pinsel darauf und ein grünes Gewand. Vor sich her aber trieb er mit dem Rufe: Wutsch! Wutsch! ein ganzes Rudel junger, kläffender Hunde. Quer durchs Gehölz stampfte der unheimliche Geselle, kaum zehn Schritt entfernt von den Holzhauern, die vor Angst keinen Laut hervorbrachten; keinem bot der Mann einen guten Tag oder Abend und verschwand dann jählings vor ihren Augen im Wald. Ein armer Schusterjunge aus Willmars, der dem Knieriemen des Meisters entlaufen war, schlich sich nach der Stockheimer Warte, kletterte an einer alten Tanne bis in ein Fensterloch und gedachte, hier den Tod zu erwarten. Um Mitternacht hörte er auf einmal den Wind gar schauerlich heulen. Bald mischten sich auch noch andere Töne in den Sturm, und als der Bursche zur Erde niederblickte, sah er ringsum alles trippeln und trappeln. Es glich einer Flucht, aber er konnte es nicht genau unterscheiden. Kaum war dieses Gewimmel vorüber, so kam ein Trupp großer Hunde herangezogen; danach folgte ein wilder Jäger auf einem Schimmel, nach diesem wieder ein Haufen zu Pferd, Männer und Weiber, alles bunt durcheinander. Sie sangen aber eine gar liebliche Melodie. -704-

Hinter ihnen trabte noch eine Schar lediger Pferde; darauf schloß der Zug wieder mit einem Trupp großer Hunde mit langen, buschigen Schwänzen. Um eins nach Mitternacht war der ganze Spuk vorbei. In einem Haus in Wasungen, worin drei Türen aufeinanderstießen, hielt das wütende Heer in der Neujahrsnacht mit Sang und Klang seinen Durchzug, und deutlich vernahm man dabei die Worte: "Umgürt mich und schürz mich, daß ich auch mitkomm!" Es waren lauter krüppelhafte Gestalten, die dann über die Werra hinüberzogen und dort ihre unbekannten Bahnen weiter verfolgten. Einmal schnitt einer aus dem Heere in jenem Haus einen Laib Brot an, der, soviel auch davon gegessen wurde, sieben Jahre anhielt, bis das Heer seinen Durchzug aufs neue begann. Bei Schwarza ging der treue Eckart dem wilden Heere voraus und forderte die Leute auf, aus dem Wege zu weichen, damit ihnen kein Leid widerfahre. Ein paar Bauernknaben hatten gerade Bier in der Schenke geholt, das sie nach Hause tragen wollten, als der Zug erschien. Die Gespenster nahmen aber die ganze breite Straße ein, da wichen die Jungen mit ihren Kannen abseits in eine Ecke. Bald aber traten verschiedene Weiber aus der vorüberziehenden Rotte, nahmen den Knaben die Kannen aus den Händen und tranken. Die Knaben schwiegen, obwohl sie bangten, mit leeren Krügen nach Hause zu kommen. Da trat sogleich der treue Eckart herbei und sagte: "Das riet euch Gott, daß ihr kein Wörtchen gesprochen habt; sonst wären euch eure Hälse umgedreht worden. Geht nun flugs heim und sagt keinem Menschen von dem Erlebten! Dann werden Eure Kannen immer voll Bier sein." Das taten die Knaben auch, und es war wirklich so: die Kannen wurden nicht leer. Doch nur drei Tage beachteten die Knaben die Mahnung. Dann konnten sie es nicht länger mehr aushalten und erzählten ihren Freunden den Verlauf der Sache. -705-

Da war es aus mit dem Trunk, und die Krüglein versiegten auf immer.

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Der wilde Jäger jagt die Moosleute
Auf der Heide oder im Holz an dunkeln Örtern, auch in unterirdischen Löchern, hausen Männlein und Weiblein und liegen auf grünem Moos, auch sind sie um und um mit Moos bekleidet. Die Sache ist so bekannt, daß Handwerker und Drechsler sie nachbilden und feilbieten. Diesen Moosleuten stellt aber sonderlich der wilde Jäger nach, der in der Gegend zum öftern umzieht und man hört vielmal die Einwohner zu einander sprechen: »Nun der wilde Jäger hat sich ja nächtens wieder zujagt, daß es immer knisterte und knasterte!« Einmal war ein Bauer aus Arntschgereute nah bei Saalfeld aufs Gebirg gegangen zu holzen, da jagte der wilde Jäger, unsichtbar, aber so, daß er den Schall und das Hundegebell hörte. Flugs gab dem Bauer sein Vorwitz ein, er wolle mithelfen jagen, hub an zu schreien, wie Jäger tun, verrichtete daneben sein Tagewerk und ging dann heim. Frühmorgens den andern Tag als er in seinen Pferdestall gehen wollte, da war vor der Tür ein Viertel eines grünen Moosweibchens aufgehängt, gleichsam als ein Teil oder Lohn der Jagd. Erschrocken lief der Bauer nach Wirbach zum Edelmann von Watzdorf und erzählte die Sache, der riet ihm, um seiner Wohlfahrt willen, ja das Fleisch nicht anzurühren, sonst würde ihn der Jäger hernach drum anfechten, sondern sollte es ja bangen lassen. Dies tat er denn auch und das Wildbret kam eben so unvermerkt wieder fort, wie es hingekommen war; auch blieb der Bauer ohne Anfechtung.

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Der zu Ruhla hartgeschmiedete Landgraf
Zu Ruhla im Thüringer Wald liegt eine uralte Schmiede, und sprichwörtlich pflegte man von einem strengen, unbeugsamen Mann zu sagen: er ist in der Ruhla hart geschmiedet worden. Landgraf Ludwig zu Thüringen und Hessen war anfangs ein milder Landesherr. Da begannen die Junker und Edelleute stolz zu werden und ihren Herrn und seine Gebote zu mißachten; aber die Untertanen bedrückten sie in jeder Weise. Einmal ging der Landgraf auf die Jagd und verirrte sich bei der Verfolgung eines Wildes. Es wurde Nacht, er war ganz allein im weiten Wald. Da gewahrte er durch die Bäume hindurch ein Feuer, schritt darauf zu und kam zu einer Waldschmiede, die Ruhla genannt wird. Der Fürst trug einfache Kleider und hatte sein Jagdhorn umhängen. Der Schmied fragte, wer er sei. "Des Landgrafen Jäger", antwortete der späte Gast. Da sprach der Schmied: "Pfui dem Landgrafen!" Ludwig schwieg, der Schmied aber fuhr fort: "Übernachten kannst du bei mir; in dem Schuppen da findest du Heu, dort magst du dich mit deinem Pferde behelfen; aber um deines Herrn willen würde ich dir diesen Dienst nicht leisten. " Der Landgraf ging beiseite, konnte aber nicht schlafen. Der Schmied arbeitete die ganze Nacht, und sooft er mit dem großen Hammer auf das Eisen einschlug, sprach er bei jedem Schlag: "Landgraf, werde hart! Landgraf, werde hart wie dies Eisen!" Dann schalt er: "Du böser, unseliger Herr! Siehst du nicht, wie deine Räte das Volk plagen? " Mit solchen und anderen Worten machte der Schmied die ganze lange Nacht seinem Herzen Luft. Und sooft die Hammerschläge fielen, schalt er den Herrn und hieß ihn hart werden wie das Eisen. Das trieb er bis zum Morgen. Der Landgraf hörte alles, nahm sichs zu Herzen und wurde seit -708-

dieser Zeit besonders ernst in seinem Gemüt. Dann zwang er seine widerspenstigen Junker zum Gehorsam und suchte der Ausbeutung seines Volkes zu steuern. Dagegen wollten sich einige Adelige erheben, sie verbanden sich und wagten es sogar, sich gegen ihren Herrn zu wenden. Doch die Standhaftigkeit und Härte des Landgrafen brachte auch diese bald zur Vernunft, und kein Widerstand erhob sich mehr gegen die Verfügungen des Landesherrn.

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Die Erdhenne
Im Osterland wird viel von den Erdhühnchen erzählt. Wie Lachtäubchen oder auch nur so groß wie Stare, laufen sie durch die Krankenstuben und verkünden mit ihrem Gück, Gück! den nahen Tod. Nach andern Sagen erscheint das Erdhuhn acht bis vierzehn Tage vor einem Todesfall und sieht aus wie eine alte aschgraue, struppige Henne mit kurzem Halse. Um Mitternacht macht es sich eine Öffnung in die Dielen der Stube. Gluckst es nur und flattert neunmal, so wird ein Glied des Hauses tödlich krank; wirft es aber ein Häufchen Erde hügelförmig auf, dann muß jemand sterben.

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Die Hexenbälge
In Frauenbreitungen war eine Hexe, zu der der Teufel immer durch den Schornstein fuhr. Sie kam danach mit einem Balge nieder; der glich dem Vater auf ein Haar: hatte Hörner, feurige Augen, einen Pferdehuf, war am ganzen Körper mit pechschwarzen Haaren bedeckt, doch kaum einen Fuß lang. Die Hexe packte ihn in eine Schachtel, ging nach den Gärten hinterm steinernen Haus und begrub ihn unter einem Birnbaum. Aber ein Maurer hatte es gesehen, macht sich nach Feierabend heimlich hinzu und scharrt die Schachtel wieder heraus. Da er aber den Deckel hebt, Teufel, springt der Bald heraus, tanzt in mannshohen Sprüngen um ihn herum und macht sich davon, dem großen See zu, wo er die Vorübergehenden noch lange gefoppt und geängstigt hat. Der Maurer aber ist bleich und sterbenskrank nach Hause gekommen und in wenigen Tagen eine Leiche gewesen. - Einen andern Hexenbalg hat ein Meininger Wundarzt vertrieben. Er war zu einer Wöchnerin gerufen worden, und sein Weg führte ihn über den Hexenberg bei Maßfeld. Da sieht er drei Hexen auf einem Rasenplatz; die werfen sich einander etwas zu und rufen dabei: »Schick mirs zu!« Der Wundarzt hält mit seinem Rößlein ein Weilchen, dann ruft er: »In Gottes Namen, schick mirs zu!« Da lag ihm auch schon ein Wickelkind in den Armen; von den Hexen aber war nichts mehr zu sehen. Im Hause der Wöchnerin fand er Verwirrung und Traurigkeit; denn das neugeborne Kind war gegen einen scheußlichen Balg vertauscht worden. Doch in dem Augenblick, als er mit dem rechten Kinde ans Lager der Wöchnerin trat, war der Balg verschwunden.

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Die Jungfrau mit dem Bart
Zu Salfeld mitten im Fluß steht eine Kirche, zu welcher man durch eine Treppe von der nahgelegenen Brücke eingeht, worin aber nicht mehr gepredigt wird. An dieser Kirche ist als Beiwappen oder Zeichen der Stadt in Stein ausgehauen eine gekreuzigte Nonne, vor welcher ein Mann mit einer Geige kniet, der neben sich einen Pantoffel liegen. hat. Davon wird folgendes erzählt. Die Nonne war eine Königstochter und lebte zu Salfeld in einem Kloster. Wegen ihrer großen Schönheit verliebte sich ein König in sie und wollte nicht nachlassen, bis sie ihn zum Gemahl nähme. Sie blieb ihrem Gelübde treu und weigerte sich beständig, als er aber immer von neuem in sie drang und sie sich seiner nicht mehr zu erwehren wußte, bat sie endlich Gott, daß er zu ihrer Rettung die Schönheit des Leibes von ihr nähme und ihr Ungestaltheit verliebe; Gott erhörte die Bitte und von Stund an wuchs ihr ein langer, häßlicher Bart. Als der König das sah, geriet er in Wut und ließ sie ans Kreuz schlagen. Aber sie starb nicht gleich, sondern mußte in unbeschreiblichen Schmerzen etliche Tage am Kreuz schmachten. Da kam in dieser Zeit aus sonderlichem Mitleiden ein Spielmann, der ihr die Schmerzen lindern und die Todesnot versüßen wollte. Der hub an und spielte auf seiner Geige, so gut er vermogte, und als er nicht mehr stehen konnte vor Müdigkeit, da kniete er nieder und ließ seine tröstliche Musik ohn Unterlaß erschallen. Der heiligen Jungfrau aber gefiel das so gut, daß sie ihm zum Lohn und Angedenken einen köstlichen, mit Gold und Edelstein gestickten Pantoffel von dem einen Fuß herabfallen ließ.

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Die Krone des Otternkönigs
In Schmalkalden war einer, dem wollte es durchaus nicht glücken. Da hörte er: wer das Krönlein des Otternkönigs bekomme, sei für immer ein gemachter Mann. Das nahm er sich zu Herzen, verschaffte sich ein flinkes Pferd, ritt nach dem Brunnen und breitete das weißleinene Tüchlein aus. Der Otternkönig kam, legte sein Krönlein darauf und ging ins Bad. Wer war nun hurtiger wie der Schmalkalder! Mit dem Krönlein im Tuche ging es auf und davon. Doch bald hörte er einen grellen Pfiff, und im Nu sah er von allen Seiten Schlangen auf sich stürzen. Trotzdem erreichte er glücklich die Stadt und wurde ein reicher Mann; denn er konnte sich von der Krone jeden Tag soviel Gold abschaben, als er nur brauchte. Als er genug hatte, baute er sich einen großen Gasthof und hängte zum Danke eine goldene Krone als Zeichen an das Haus.

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Die Rosen
Der Landgraf war in der Stadt Eisenach gewesen und ging wieder zurück nach der Wartburg. Unterwegs sah er die heilige Elisabeth mit einer ihrer liebsten Jungfrauen stehen; beide kamen von der Burg herab mit allerlei Speisen und Nahrungsmitteln fast sehr beladen, die sie in Krügen und Körben unter ihren Mänteln mit sich trugen und den Armen bringen wollten, die ihrer unten im Tale harrten. Der Landgraf hatte das alles wohl bemerkt und sprach, indem er ihnen die Mäntel zugleich zurückschlug: »Lasset sehen, was ihr da traget!« Dabei wurden aber die Speisen alsbald zu Rosen. Die heilige Elisabeth war darüber so heftig erschrocken, daß sie ihrem Gemahl auf seine Frage und Rede nichts zu sagen vermochte. Dem Landgrafen tat der Schrecken, den er seiner lieben Elisabeth verursacht hatte, gar leid, und schon wollte er freundlich und mit guten Worten ihr zusprechen, als ihm auf ihrem Haupte ein Bild des gekreuzigten Heilands als ein Kopfschmuck erschien, den er vorher nie gesehen hatte. Da wollte er die heilige Elisabeth nicht länger aufhalten; er ließ sie ihren Weg gehen und den Armen und Kranken nach ihrem Gefallen Gutes tun und ging weiter nach der Wartburg.

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Die Saalenixe
Es ist eine allgemeine Sage, daß die Nixe der Saale jedes Jahr an einem bestimmten Tage ihr Opfer haben wolle. Darum vermeiden die Anwohner des Flusses, an diesem Tage zu baden; namentlich unterlassen es die Fischer zu derselben Zeit, ihrem Gewerbe nachzugehen. Schon mancher, der das nicht glauben wollte und darum nicht beachtet hat, mußte seinen Vorwitz mit dem Tode im Wasser büßen. - Ein Fleischer, der vom Paradiese bei Jena nach der Schneidemühle geschwommen war, wurde, als er zurück wollte, bei den Füßen festgehalten und unter das Wasser gezogen. Er rief um Hilfe, und einige weiter unten badende Leute schwammen heran. Sie ergriffen ihn und versuchten durch gemeinsame Anstrengung, ihn loszumachen. Das gelang endlich, und nun sah man an den Beinen den mit Blute unterlaufenen Abdruck zweier großer Krallen. Die Nixe hatte ihn nieder ziehen wollen. - An derselben Stelle wollte ein Maler die Nixe kennen lernen. Er ging deshalb am Ufer hin und her und lockte sie durch Weisen auf der Gitarre, von denen er wußte, daß sie ihr eigen waren. Eines Abends sah er die Nixe in ihrer Schöne hinter sich herkommen, und floh in der Verwirrung nach der Saale zu, wo er verschwand. Sein Gefährte, ein Jenaer Maler, hatte es gesehen, rief und suchte ihn aber vergebens; so auch andere Leute, die dazukamen. Dann eilten sie zum Fischer, der auch sogleich mit seinem Sohne anfing zu suchen, doch wieder umsonst. Erst am andern Tage sahen sie nahe dem Ufer einen Gegenstand gleich einem Hühnerkorbe. Sie ruderten hin und wurden gewahr, daß es die von dem Wasser ausgebreiteten Haare des Malers waren.

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Doktor Faust in Erfurt
Doktor Faust stand zu E