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»Wir sind nur Unsere Freundschaft entwickelte auch eine


gute Freunde!« geistliche Dimension. Michael war gebildet und
liebte Theologie, und ich kannte mich auf
von Jennifer Graham diesen Gebieten auch gut aus. Wenn Michael
mit mir die Geschichte, die Werte und die
„Die Aufmerksamkeit, die mein Kollege mir Symbole des christlichen Glaubens diskutierte,
schenkte, war schön – ein bisschen zu schön.“ forderte ich ihn mit Fragen heraus: „Ja, aber ist
Eine Frau schreibt über komplizierte Emo- das biblisch oder nur Tradition?“ oder
tionen und harte Entscheidungen an ihrem „Welchen Einfluss hat das auf das alltägliche
Arbeitsplatz und in ihrer Ehe. Leben eines Christen?“. Er begann die prak-
tische Anwendung in seine Theorien zu
Ich sah auf und merkte, dass Michaels warme integrieren – und ich lernte mehr über das
braune Augen auf mir ruhten. In seinem Erbe der Kirche. Die Beziehung zu Michael
Gesichtsausdruck las ich eine intensive Zärt- war erfrischend und bereicherte mein Leben.
lichkeit. Eine Zärtlichkeit, die weit über das Mein Mann Jon war zwar intelligenter als
hinausging, was sein durfte. Ich war erschrok- Michael, aber mit ihm diskutierte ich nicht so
ken, als hätte ich ihn dabei erwischt, wie er gern, weil er immer „gewinnen“ wollte. Was er
eine geheime Seite seiner Seele offenbarte. als belebende Debatte ansah, fühlte sich für
Und plötzlich bekam ich es mit der Angst zu mich wie ein Streit an. Also hörte ich auf,
tun. Ich schaute weg. Obwohl Michael mir an Themen aus Philosophie oder Theologie mit
dem großen Konferenztisch direkt gegenüber Jon zu diskutieren. Wir sprachen nur noch
saß, sah ich ihn für den Rest der Besprechung über Probleme mit den Kindern und andere
nicht mehr an. Aber ich konnte mich auch nicht stressige Themen. Diese Diskussionen führten
auf die Finanzberichte konzentrieren. Zwei uns meist in emotional gegensätzliche Rich-
Gedanken kamen mir in den Sinn: Ein pa- tungen und ich hatte immer mehr das Gefühl,
nisches „Oh nein, ich hatte Recht, er fühlt wie dass wir nicht mehr harmonierten. Ganz
ich!“ und ein bedrückendes „Guter Gott, warum anders die Diskussionen mit Michael: Auch bei
kann mein Mann mich nicht mal so anschau- den heikelsten Punkten hörte er zu und lächel-
en?“. In dem Jahr, das ich mit Michael zusam- te und antwortete schließlich möglichst über-
mengearbeitet hatte, war er mir ein guter legt und zurückhaltend – auch wenn er eine
Freund geworden. An meinem ersten Arbeits- komplett andere Meinung hatte. Während mein
tag hatte mein Chef ihn als „bestes Mitglied Mann unterschiedliche Meinungen als Heraus-
unseres Teams“ vorgestellt. Zuerst fühlte ich forderung ansah, selbst als Sieger aus der Dis-
mich eingeschüchtert. Aber Michael und ich kussion hervorzugehen, konzentrierte Michael
stellten fest, dass wir im selben Jahr unse- sich darauf, meine Position zu verstehen. In
ren Uni-Abschluss gemacht hatten. Unsere Michaels Gegenwart fühlte ich mich bestätigt,
Freundschaft wuchs, indem wir über die wertgeschätzt und herausgefordert.
typischen Alltäglichkeiten unserer Generation Ich weiß nicht, wann mir bewusst wurde, dass
redeten. Wenn wir eine Pause von der Arbeit ich Michael zu sehr mochte. Ich mochte ihn
brauchten, sprachen wir über alte Fernseh- mehr, als es gut war für mich – und für ihn. Ich
shows, Filme und besondere Ereignisse und glaube, die Wirklichkeit holte mich ein, als ich
schwelgten in Erinnerungen. Irgendwann be- eines Morgens aufwachte, nachdem ich im
wegten wir uns von den trivialen Themen zu Traum gesehen hatte, wie Michael mich
den persönlichen. Ich erfuhr von der Unsicher- anlächelte. „Herr, das ist lächerlich“, betete ich.
heit, die Michael empfand, weil er adoptiert „Ich liebe meinen Mann. Ich habe nie eine
war, weil er ein Farbiger war und weil er in Affäre gehabt. Außerdem arbeiten Michael und
einer Arbeiterfamilie aufgewachsen war und ich für eine christliche Organisation.“ Ich redete
nun einen Bürojob hatte. Im Gegenzug lernte mir ein, dass nichts an unserer Freundschaft
Michael meine Ängste und Enttäuschungen unangemessen sei. Ich dachte, es wäre ver-
kennen. Er hörte zu und verstand – und half rückt von mir zu glauben, dass Michael sich
mir, meinem Ärger Luft zu machen. von mir genauso angezogen fühlte wie ich von
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ihm. Aber nun erschütterte Michaels Blick mein gezogen als zu anderen. Wie können wir also
Leugnen. wissen, wo die Grenze ist? Ein erstes Signal
für mich war, dass ich mit Michael über alles
Warnsignale reden konnte. Auch wenn es in unseren Ge-
In der nächsten Woche erhielt ich die Bestä- sprächen nie um Sexuelles ging, so sprach ich
tigung dafür, dass ich aufpassen musste, um doch mit ihm über Dinge, die ich nie mit mei-
nicht den Halt zu verlieren. Eine neue Be- nen anderen Arbeitskollegen besprochen hät-
kannte, Teresa, berichtete mir, dass sie gerade te. Noch deutlicher wurde dies, als ich darüber
daran arbeitete, ihre Ehe neu aufzubauen. nachdachte, wie anders meine Gespräche mit
Eine Ehe, die fast zerbrochen wäre, als sich Michael aussehen würden, wenn mein Mann
vor einigen Jahren Teresas Freundschaft mit mit dabei wäre. Ich musste mir eingestehen,
einem Mann aus ihrer Gemeinde zu einer dass ich mich unwohl und untreu fühlen würde,
Affäre entwickelt hatte. „Woher weiß ich, dass wenn Jon wüsste, wie tief ich Michael Einblick
so eine Freundschaft zu eng wird?“ Ich ver- in mein Leben gab.
suchte beiläufig zu klingen, aber ich stotterte,
als ich zugab: „Ich glaube, ich fühle mich zu Körpersprache
einem Kollegen sehr hingezogen.“ „Wenn du Ich richtete nicht nur meine Haare, wenn
schon denkst, dass du ihm zu nahe gekommen Michael in der Nähe war, ich wandte mich ihm
bist, dann ist es wahrscheinlich auch so“, ant- auch immer sofort zu, wenn er in mein Büro
wortete Teresa ironisch. „Eins der Zeichen, kam. Wenn mein Rock ein bisschen hochge-
das ich ignoriert habe, war, dass wir beide rutscht war, zog ich ihn herunter, oder ich
ständig miteinander Witze gemacht haben. Wir zupfte an meiner Bluse herum, um das De-
haben die anderen in der Gruppe ignoriert. Ich kolletee besser zu bedecken. Auch wenn ich
erinnere mich daran, dass er mich sogar meine Haut versteckte – ich war mir meiner
einmal nach einem Treffen des Kirchenvor- Haut bewusst, wenn er im Raum war. Wenn
stands aufhielt und sich bei mir für die Auf- Michael und ich miteinander sprachen, wurden
merksamkeit bedankte, die ich ihm geschenkt meine Gesten ausladender und mein Gesicht
hatte. Keiner von uns hätte zugegeben, dass ausdrucksvoller. Wir hatten einen intensiveren
wir offensichtlich miteinander flirteten.“ Hm. Augenkontakt, als Menschen ihn normaler-
Das war für mich kein Thema. Michael und ich weise in alltäglichen Gesprächen haben. Und
waren immer in Sitzungen zusammen, aber wir ich ertappte mich dabei, dass ich meine Augen
verhielten uns professionell. Aber ihre näch- interessiert aufriss als Reaktion auf seine
sten Worte ließen das Blut in meinen Adern Worte.
gefrieren.
Die Gedanken machen Überstunden
„Außerdem fiel mir auf, dass ich mehr auf mein Als Michael und ich uns näher kamen, dachte
Aussehen achtete, wenn er in der Nähe war.“ ich manchmal über ihn in meiner Freizeit nach.
Ich wurde rot. Wenn Michael in mein Büro Ich ließ nicht zu, dass ich darüber nachsann,
kam, strich ich mir immer die Haare aus dem wo er jetzt war, was er tat oder wie er mit
Gesicht. Ich setzte mich gerade hin und seinen Kindern spielte. Aber ich merkte, dass
achtete darauf, dass ich gut aussah, wenn ich er meine Gedanken beschäftigte, weil ich oft
ihm begegnete. Als ich darüber nachdachte, über ihn sprach. Ich erwähnte ihn immer öfter,
fand ich einige weitere Anzeichen dafür, dass ja zitierte ihn sogar gegenüber meinem Mann.
sich zwischen uns eine unangemessene Eines Tages erzählte ich Jon eine Michael-
Intimität entwickelt hatte. Hier vier dieser Geschichte“ – etwas, das ich lustig fand, weil
Anzeichen: ich Michael so gut kannte. Aber die Pointe kam
nicht an. Nach und nach war es mir peinlich
Einblick ins Leben und unangenehm, wenn ich Michaels Namen
Alle unsere Beziehungen haben einen unter- erwähnte. Das passierte nie, wenn ich Anek-
schiedlichen Grad an Nähe. Und natürlich füh- doten über andere Kollegen erzählte.
len wir uns zu manchen Menschen stärker hin-
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Emotionale Intimität wenn wir nicht auf unser Herz aufpassen – und
Auch wenn ich mir nie vorstellen konnte, auf unser Leben. Und auch emotionale Seiten-
körperliche Intimitäten mit Michael auszu- sprünge sind Sünde. Wenn wir uns bewusst
tauschen, bin ich zu der Überzeugung gelangt, machen, dass auch wir der Versuchung erlie-
dass emotionale Intimität genau so gefährlich gen können, können wir konkrete Schritte
ist, weil sie subtiler ist. Und wie es bei Teresa gegen die lockenden verbotenen Früchte
war, kann emotionale und geistliche Intimität gehen.
zu körperlicher Intimität führen. Hier einige Punkte, die mir geholfen haben:

Ich freute mich immer mehr darauf, mit Michael Ich distanzierte mich von Michael.
über meine Enttäuschungen und Herausfor- Michael und ich sind nie zusammen in die
derungen zu sprechen. Ich sah ihn als emo- Kantine oder nach der Arbeit zusammen essen
tionalen Unterstützer an – vor allem seitdem gegangen. Aber in der Zeit, die wir auf der
Jon und ich uns so oft stritten. Manchmal Arbeit allein miteinander verbrachten, haben
freute ich mich auf die Arbeit, weil ich wusste, wir uns fast so aufeinander konzentriert, wie
dass ich dort mit Michael reden konnte. Ich wir es bei einem Rendezvous getan hätten.
suchte Gelegenheiten um mit ihm zu quat- Also bemühte ich mich weniger Gründe zu
schen und hatte dabei oft Themen im Hinter- finden, um ihn auf dienstliche Belange anzu-
kopf, die ich mit ihm besprechen wollte. Und sprechen. Da wir dazu tendierten, im persön-
wenn Michael sich einen Nachmittag oder Tag lichen Gespräch länger zu reden und mehr
frei nahm, dann empfand ich ehrlich gesagt persönlich Themen anzusprechen, benutzte
eine gewisse Enttäuschung. Mein Körper war ich immer öfter das Telefon, um ihm eine
meinem Mann treu, aber mein Herz begann dienstliche Frage zu stellen, anstatt ihn in sei-
untreu zu werden. Ich sah in Michael einen nem Büro aufzusuchen oder in meins einzu-
Menschen, der meine emotionalen Bedürfnisse laden.
erfüllen konnte und mir intellektuell ein Gegen-
über war. Nach und nach wurde ich sogar von Ich erwähnte absichtlich unsere Ehe-
seinem Zuspruch und seiner Ermutigung ab- partner.
hängig, wenn ich frustriert war oder die Pro- Ich hatte Michaels Frau ein bisschen kennen
bleme mit meinen Kinder unerschöpflich gelernt und betonte ihm gegenüber, wie sehr
schienen. ich sie für ihre Fähigkeiten, ihr Aussehen oder
ihre Intelligenz bewunderte. Auch wenn ich Jon
Einen Schritt zurückgehen. Michael gegenüber nie direkt kritisiert hatte,
Also was sollten wir tun, wenn wir glauben, erwähnte ich immer öfter, wie sehr ich ihn
dass eine Beziehung zu einem Menschen des schätzte und redete über seine guten Seiten.
anderen Geschlechts zu eng wird? Zuerst Außerdem bemühte ich mich unsere Unter-
einmal flirten wir nicht, schenken der Person haltungen einzuschränken, unsere Gespräche
nicht zu viel Aufmerksamkeit und lassen un- auf die Arbeit zu konzentrieren und weniger
sere Gedanken nicht zu sehr um sie kreisen. auf private Themen – auch nicht auf die Erin-
Und wir lernen auf unsere Körpersprache zu nerungen an unsere High-School-Zeit.
achten. Auf einer tieferen Ebene lernen wir uns
selbst und Gott gegenüber ehrlich zu sein. Ich betete.
Irgendwann denken die meisten von uns: „Das Ich begann mich mehr auf Gott auszurichten,
würde mir nie passieren …“ Vielleicht erinnert indem ich ihn um Weisheit und Stärke bat,
uns deshalb Paulus daran: „Wer meint, er damit mein Herz nicht mehr Einfluss habe als
stehe, mag zusehen, dass er nicht falle.“ (1. mein Kopf. Wenn ich an Michael denken
Korinther, Kapitel 10, Vers 12). Wir können es musste, bat ich Gott um Hilfe, meine Gedan-
uns nicht leisten, naiv zu sein – oder dumm. ken auf etwas anderes zu lenken. Ich las Bibel-
Auch verheiratete Christen können sich außer- verse nach, die die Grundlage meiner Treue zu
halb ihrer Ehe verlieben. Daraus können hand- Gott und zu Jon gebildet hatten.
feste außereheliche Beziehungen werden,
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Ich arbeitete an der Beziehung zu meinem Jennifer Graham ist das Pseudonym einer
Mann. amerikanischen Autorin. Der Artikel erschien
Ganz bewusst versuchte ich, theologische zuerst in „Marriage Partnership“. Übersetzung:
Themen locker und humorvoll mit Jon zu Bettina Wendland
diskutieren. Ich machte mir dabei klar, dass es
nicht seine Absicht war zu streiten, sondern
eine interessante Diskussion zu führen. Ich
sorgte dafür, dass es in unseren Gesprächen
nicht immer nur um die Kinder ging und zeigte
mehr Interesse an seiner Arbeit. Ich wurde
zärtlicher zu ihm. Ich drückte meine Wert-
schätzung aus und schenkte ihm Anerkennung
für das, was er tat. Und ich sprach mit ihm
ganz offen über meine Bedürfnisse.

Ich suchte mir eine Gesprächspartnerin.


Auch wenn es mir lächerlich vorkam: Ich
musste meiner besten Freundin erzählen, dass
ich mich in einen Arbeitskollegen verliebt hatte.
Indem ich meine Gefühle formulierte, musste
ich mich mit ihnen auseinander setzen. Ich
brauchte ihre Gebete, ihre Ermutigung und
dass sie mich ganz genau kennt.

Es wäre leichter gewesen, wenn diese Schritte


dazu geführt hätten, dass ich Michael nicht
mehr mochte – oder zumindest zu der Über-
zeugung gekommen wäre, dass er nichts Be-
sonderes ist. Ich kann aber nicht sagen, dass
er nun nicht mehr attraktiv war für mich – ganz
im Gegenteil. Aber nun empfand ich nicht mehr
eine emotionale Sehnsucht, sondern vielmehr
einen gesunden Respekt.

Einige Monate später endete meine Anstel-


lung. Am letzten Tag arbeitete ich lange, räum-
te mein Büro auf und sortierte Unterlagen.
Michael machte wie gewöhnlich Überstunden.
Er kam für eine letzte dienstliche Frage in mein
Büro. Dann stand er dort und sah still zu mir
herüber.
"Ich weiß nicht, was ich sagen soll", meinte er
schließlich stotternd. "Ich werde unsere
Gespräche vermissen." "Das werde ich auch",
sagte ich mit einem Lächeln und wählte
sorgfältig die richtigen Worte. "Es hat Spaß
gemacht. Ich bin sicher, unsere Wege werden
sich irgendwann wieder kreuzen."
Als ich zu meinem Auto ging, hatte ich ein
reines Gewissen. Und ich dankte Gott dafür.