P. 1
Archäologie der westlichen Slawen

Archäologie der westlichen Slawen

|Views: 5,007|Likes:
Published by TARIH
Archäologie der westlichen Slawen: Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa (Erganzungsbände Zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 61) (German Edition)
By Brather, Sebastian


* Publisher: Walter de Gruyter
* Number Of Pages: 449
* Publication Date: 2009-12-15
* ISBN-10 / ASIN: 3110206099
* ISBN-13 / EAN: 9783110206098



Product Description:

The present volume provides an overview of the present state of knowledge of the archaeology of the Early and High Middle Ages. A comprehensive account is given of the most recent reinterpretations - dendrochronology, interpretations from cultural history and historical modelling. The main focus is on the history of culture, settlement, society and economy of the Western Slavs between the Elbe/Saale and the Vistula. Brief summaries of the historical framework and the history of 'Slavic Archaeology' contextualise these aspects. Access to many detailed questions is provided by a thematically arranged bibliography.



Rezension:

Angesichts eines begrenzten Korpus an Schriftquellen ist jede Beschäftigung mit dem frühen und hohen Mittelalter des östlichen Europa in hohem Maße auf die Erkenntnisse der Archäologie angewiesen. Diese hat in den vergangenen Jahrzehnten in zahllosen Sondierungen, Rettungsgrabungen und teilweise recht umfangreichen Ausgrabungscampagnen immer wieder interessante, mitunter aufsehenerregende Funde und Befunde zu Tage gefördert. Mit zunehmend verfeinerteren Methoden und sich wandelnden Fragestellungen hat sie unsere Kenntnis von der materiellen Kultur der slawischen, baltischen und finnougrischen Völker im östlichen Mitteleuropa und darüber hinaus erheblich erweitert. Eindrucksvolle Ausstellungen wie jüngst "Europas Mitte um das Jahr 1000" (mit einem ebenso voluminösen wie prachtvollen dreibändigen Text- und Katalogwerk; vergleiche Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 50/2001, 457) haben inzwischen auch ein breiteres Publikum mit diesen archäologischen Errungenschaften bekannt gemacht.

Woran es bislang - zumindest in der deutschsprachigen Literatur - hingegen gemangelt hat, war eine konzise, übersichtliche und gut geschriebene Einführung, die in Kenntnis sowohl der älteren grundlegenden Literatur als auch des aktuellen slawisch- und westsprachlichen Forschungsstandes eine Zwischenbilanz der archäologischen Erforschung des frühen und hohen Mittelalters im östlichen Mitteleuropa bietet.

Sebastian Brather hat diese Zusammenfassung nun vorgelegt. Was sie auszeichnet ist nicht nur eine solide, präzise Darstellung der Fakten, sondern auch ein hohes Methodenbewusstsein, das sich unter anderem in einer traditionskritischen Erörterung der Geschichte der 'slawischen Altertumskunde' und ihrer Slawenbilder (Kapitel 1, 9-29) sowie in einer expliziten Darlegung der methodischen Grundlagen (Kapitel II, 31-50) ausdrückt. Die erfreulich nüchtern-vorsichtige Einschätzung der spezifischen Erkenntnismöglichkeiten der Archäologie bleibt ein Grundton auch der weiteren Darstellung. Diese beschreibt nach einer knappen Entfaltung des historischen Rahmens (Kapitel III, 51-87: Herkunft und Einwanderung der Slawen, Merowinger- und Karolingerzeit, westslawische Reichsbildungen, Ostsiedlung des 12./13. Jahrhunderts) 1. die Siedlungsverhältnisse (Kapitel IV, 89-161: Haus, Hof und Dorf, Burgwälle und Befestigungen, Siedlungen 'frühstädtischen' Charakters, hoch- und spätmittelalterliche Städte), 2. die Wirtschaft (Kapitel V, 163-253: Landwirtschaft und Ernährung, Hauswerk und Handwerk, Austausch und Handel) und 3. die Gesellschaft (Kapitel VI, 255-354: Bestattung und Grab, Bevölkerung, Kleidung und Schmuck, Waffen und Kriegführung, Sozialstruktur, Religion und Mythologie). Stets um zurückhaltende Datierungen, eine realistische Einschätzung der 'Repräsentativität' der jeweils vorgestellten Quellen bemüht und mit einer guten Portion berechtigter Skepsis gegenüber 'ethnischen' Deutungen ausgestattet, zeichnet
Archäologie der westlichen Slawen: Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa (Erganzungsbände Zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 61) (German Edition)
By Brather, Sebastian


* Publisher: Walter de Gruyter
* Number Of Pages: 449
* Publication Date: 2009-12-15
* ISBN-10 / ASIN: 3110206099
* ISBN-13 / EAN: 9783110206098



Product Description:

The present volume provides an overview of the present state of knowledge of the archaeology of the Early and High Middle Ages. A comprehensive account is given of the most recent reinterpretations - dendrochronology, interpretations from cultural history and historical modelling. The main focus is on the history of culture, settlement, society and economy of the Western Slavs between the Elbe/Saale and the Vistula. Brief summaries of the historical framework and the history of 'Slavic Archaeology' contextualise these aspects. Access to many detailed questions is provided by a thematically arranged bibliography.



Rezension:

Angesichts eines begrenzten Korpus an Schriftquellen ist jede Beschäftigung mit dem frühen und hohen Mittelalter des östlichen Europa in hohem Maße auf die Erkenntnisse der Archäologie angewiesen. Diese hat in den vergangenen Jahrzehnten in zahllosen Sondierungen, Rettungsgrabungen und teilweise recht umfangreichen Ausgrabungscampagnen immer wieder interessante, mitunter aufsehenerregende Funde und Befunde zu Tage gefördert. Mit zunehmend verfeinerteren Methoden und sich wandelnden Fragestellungen hat sie unsere Kenntnis von der materiellen Kultur der slawischen, baltischen und finnougrischen Völker im östlichen Mitteleuropa und darüber hinaus erheblich erweitert. Eindrucksvolle Ausstellungen wie jüngst "Europas Mitte um das Jahr 1000" (mit einem ebenso voluminösen wie prachtvollen dreibändigen Text- und Katalogwerk; vergleiche Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 50/2001, 457) haben inzwischen auch ein breiteres Publikum mit diesen archäologischen Errungenschaften bekannt gemacht.

Woran es bislang - zumindest in der deutschsprachigen Literatur - hingegen gemangelt hat, war eine konzise, übersichtliche und gut geschriebene Einführung, die in Kenntnis sowohl der älteren grundlegenden Literatur als auch des aktuellen slawisch- und westsprachlichen Forschungsstandes eine Zwischenbilanz der archäologischen Erforschung des frühen und hohen Mittelalters im östlichen Mitteleuropa bietet.

Sebastian Brather hat diese Zusammenfassung nun vorgelegt. Was sie auszeichnet ist nicht nur eine solide, präzise Darstellung der Fakten, sondern auch ein hohes Methodenbewusstsein, das sich unter anderem in einer traditionskritischen Erörterung der Geschichte der 'slawischen Altertumskunde' und ihrer Slawenbilder (Kapitel 1, 9-29) sowie in einer expliziten Darlegung der methodischen Grundlagen (Kapitel II, 31-50) ausdrückt. Die erfreulich nüchtern-vorsichtige Einschätzung der spezifischen Erkenntnismöglichkeiten der Archäologie bleibt ein Grundton auch der weiteren Darstellung. Diese beschreibt nach einer knappen Entfaltung des historischen Rahmens (Kapitel III, 51-87: Herkunft und Einwanderung der Slawen, Merowinger- und Karolingerzeit, westslawische Reichsbildungen, Ostsiedlung des 12./13. Jahrhunderts) 1. die Siedlungsverhältnisse (Kapitel IV, 89-161: Haus, Hof und Dorf, Burgwälle und Befestigungen, Siedlungen 'frühstädtischen' Charakters, hoch- und spätmittelalterliche Städte), 2. die Wirtschaft (Kapitel V, 163-253: Landwirtschaft und Ernährung, Hauswerk und Handwerk, Austausch und Handel) und 3. die Gesellschaft (Kapitel VI, 255-354: Bestattung und Grab, Bevölkerung, Kleidung und Schmuck, Waffen und Kriegführung, Sozialstruktur, Religion und Mythologie). Stets um zurückhaltende Datierungen, eine realistische Einschätzung der 'Repräsentativität' der jeweils vorgestellten Quellen bemüht und mit einer guten Portion berechtigter Skepsis gegenüber 'ethnischen' Deutungen ausgestattet, zeichnet

More info:

Published by: TARIH on Feb 23, 2011
Copyright:Attribution Non-commercial

Availability:

Read on Scribd mobile: iPhone, iPad and Android.
download as PDF, TXT or read online from Scribd
See more
See less

08/19/2014

pdf

text

original

Anthropomorphe Götter lassen sich bei den Slawen insgesamt erst seit dem
10. Jahrhundert eindeutig fassen. Der Kontakt zu den benachbarten Kulturen
scheint hierfür förderlich gewesen zu sein. Es entstanden vermutlich die
„Götzen“ als Abbilder der menschenähnlich gedachten Götter. Verehrt wur-
den wie in anderen vergleichbaren Gesellschaften die natürlichen Elementar-
kräfte, d.h. Wasser (Quellen), Feuer, Bäume (Eichen – Herbord II,2) und der-
gleichen, deren Wohlwollen große Bedeutung für das Überleben der Gesell-
schaften besaß. Sie geboten über Wind und Wetter, Ernte und Krankheit,
Nachwuchs und Existenz. Der häufig erwähnte ostslawische Viehgott Volos ,
der mit diesen Elementarkräften in Verbindung zu bringen wäre, scheint aller-
dings erst aus der Vermengung mit dem christlichen St.-Blasius-Kult hervor-
gegangen zu sein. Ob ältere religiöse Vorstellungen animistischen Charakter
besaßen oder die Bestattungssitten eschatologische Auffassungen belegen, läßt
sich aus archäologischer Sicht nicht entscheiden.
Im Osten galt der Donnergott *Perun als Hauptgott, im Westen der Son-
nengott*Svarog /Svaroûic . Auch hierbei scheinen Übertragungen aus den
Nachbarräumen eine Rolle gespielt und die unterschiedliche Akzentuierung
mit herbeigeführt zu haben (Thor und Axtsymbol?). *Perun und *Svarog
dürften beide etymologisch etwa „strahlender Spender“ bedeuten und auf die
segnende Wirkung Bezug nehmen. Wieviele Götter es insgesamt gab, läßt sich
nicht verläßlich sagen. Denn zahlreiche angebliche Götternamen scheinen auf
ein Mißverständnis christlicher Beobachter zurückzugehen. Sie stellen viel-
mehr oft Epitheta bzw. Attribute eines Gottes dar; beispielsweise bezeichnet
der ostslawische Daûbog den „spendenden Gott“, und daraus läßt sich eine
religiöse Grußformel „Gott gebe dir (Glück)“ ableiten, die sich noch im rus-
sischenspasibo (danke) wiederfindet. Ob sich diese Beinamen auf einen Gott
bezogen (und insofern auf monotheistische Vorstellungen zurückgehen) oder
dennoch auf ein Pantheon verweisen, entzieht sich der Beurteilung. Es lassen
sich auch keine Göttergenealogien erschließen.
Zwischen unterer Elbe und unterer Oder, dem äußersten Nordwesten des
slawischen Siedlungsraumes, vollzog sich eine gesonderte Entwicklung. Nur
hier entstanden „Tempel“, in denen das göttliche „Idol“ aufgestellt, Kultzube-

321

hör (u.a. Waffen) aufbewahrt und Orakel durchgeführt wurden (Abb. 84).
Wohl nicht in, sondern neben dem eigentlichen Stettiner Tempelbau „häuften
sie nach Vätersitte nach dem Gesetz der Zehntung die gewonnenen Reichtü-
mer und Waffen ihrer Feinde auf und was von Schiffsbeute oder auch im
Landkampf erworben war. Auch stellten sie dort die goldenen oder silbernen
Becher auf, aus denen die Edlen und Machthaber zu weissagen, zu schmausen
und zu zechen pflegten, damit sie an dem Tage der Festlichkeiten wie aus
einem Heiligtum herausgetragen werden“ (Herbord II,32)60

. Diese Tempel
dienten (im Unterschied zu christlichen Kirchen oder islamischen Moscheen)
nicht als „Gebetshäuser“. Denn nur die Priesterschaft hatte wohl Zutritt zum

Abb.84. Verbreitung von „Tempelbauten“, großer hölzerner Götterfiguren und sog. „Perun’-
Heiligtümer“ in Ostmitteleuropa. „Tempel“ aufgrund schriftlicher Quellen belegt bzw.
unsicher; aufgrund archäologischer Quellen wahrscheinlich bzw. unsicher; %%%%% Funde
großer hölzerner „Götterfiguren“; „Perun’-Heiligtum“. Die Interpretation der archäologi-
schen Funde und Befunde ist oft problematisch, so daß hier nur die relativ gesicherten Orte
kartiert sind (zusammengestellt nach Die Slawen in Deutschland [Nr. 48] 316 Abb.154;
SÓupecki [Nr. 642] Abb.105)

60

Zitiert nach Herrmann [Nr. 22²] 222.

Religion und Mythologie

322

Gesellschaft

„Allerheiligsten“. Diese Besonderheit der slawischen Welt wird ebenso wie
die überlieferte Verehrung des Pferdes in Stettin, Arkona und Rethra (Her-
bord II,32–33, III,6; Saxo Grammaticus XIV,39; Thietmar von Merseburg
VI,23–24) und die vielköpfigen Götter häufig auf „keltische“ Traditionen zu-
rückgeführt, doch sind Ort und Zeitpunkt einer möglichen Vermittlung völlig
offen. Denn zwischen keltischem und slawischem Kulturraum klafft eine
kaum zu überbrückende räumliche und zeitliche Lücke. Aushilfsweise wer-
den dann die Sudeten und Karpaten angeführt, aber gerade dort finden sich
keine derartigen Befunde. Hier spielen noch inzwischen überholte Vorstellun-
gen zur slawischen Einwanderung und deren Frühdatierung eine Rolle, deren
Erklärungskraft somit gering bleibt.
Archäologisch sind „Tempel“ bislang erst ab dem 10. Jahrhundert zu bele-
gen, dendrochronologische Anhaltspunkte weisen sogar eher in dessen zweite
Hälfte. Entsprechende Befunde, mitunter nicht unstrittig, stammen aus Groß
Raden (Abb. 85), Parchim, Ralswiek und Wollin, Starigard/Oldenburg, Ber-
lin-Spandau, Usadel und Feldberg (?). Soweit erkennbar, wurden diese Tem-
pel nicht in derselben Art wie die Wohnbauten errichtet, sondern statt dessen
besondere Bauformen bevorzugt. Für eine nördliche Beeinflussung könnte
die Stabbohlenkonstruktion der Kultbauten von Groß Raden und Parchim
sprechen, wobei beide mit und ohne Dach rekonstruiert werden können. Der
Befund ist aufgrund der Zerstörung des Baus nicht eindeutig. Vielleicht zeigte
auch der von Saxo Grammaticus (XIV,39) beschriebene Tempel von Arkona
skandinavische Züge, doch sind von diesem leider keine Reste erhalten, weil
die entscheidenden Partien des Geländes längst in die Ostsee gespült wurden.
„Inmitten der Burg ist ein ebener Platz, auf dem sich ein aus Holz erbauter
Tempel erhob, von feiner Arbeit, ehrwürdig nicht nur durch die Pracht der
Ausstattung, sondern auch durch die Weihe des in ihm aufgestellten Götzen-
bildes. Der äußere Umgang des Tempels erstrahlte durch seine sorgfältig gear-
beiteten Skulpturen; er war mit rohen und unbeholfenen Bildwerken ver-
schiedener Art geschmückt. Für den Eintretenden war ein einziger Eingang
offen. Das Heiligtum selbst war von zwei Einhegungen umschlossen. Die äu-
ßere, aus Wänden zusammengefügt, war mit einem purpurnen Dach bedeckt;
die innere, auf vier Pfosten gestützt, erglänzte statt der Wände durch Vorhän-
ge; dieser Teil hatte außer dem Dach und dem wenigen Tafelwerk mit dem
äußeren nichts gemein“.61

Herbords Schilderung Stettins zufolge (II,32; vgl.
Ebo III,1) standen neben dem „Tempel“ mehrere Versammlungsgebäude.

61

Zitiert nach Herrmann [Nr. 627] 179.

323

Abb.85. Der „Tempel“ von Groß Raden im Ausgrabungsbefund. Zu erkennen sind der Grundriß der
Anlage und zahlreiche umgestürzte „Kopfbohlen“, die den Innenraum umgaben. Der Zugang ins In-
nere erfolgte von Südwesten. Ob der Bau tatsächlich überdacht war, wie es die Rekonstruktion an-
nimmt, ist umstritten. – M. 1:125 (nach Schuldt [Nr. 639] 36 Abb.32)

324

Gesellschaft

Weitere Tempel sind für Gützkow (Herbord III,7), Wolgast (Herbord III,6)
und Rethra (Thietmar von Merseburg VI,17) bekannt.
Die Elbslawen entwickelten offensichtlich unter dem Eindruck der Kon-
frontation mit dem Christentum neue Vorstellungen.62

Die Götter erlangten
als Gegengewicht zu den christlichen Schutzheiligen eine neue Bedeutung,
und sie wurden – als „Stammesgötter“ (Thietmar von Merseburg VI,25) – zu
Garanten eigenständiger Existenz der heidnischen Gesellschaften. Ältere Vor-
stellungen und Entwicklungsansätze bildeten wichtige Anknüpfungspunkte,
doch erst die politische Situation des 10. Jahrhunderts forcierte diese Ent-
wicklung, die auch die entscheidenden Grundlagen für die wichtige Rolle des
Lutizenbundes in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts schuf.
Eine Reihe von Namen dieser Stammesgötter ist überliefert, doch handelt
es sich auch hierbei oft um Epitheta, sofern sie sich nicht wie der bei Olden-
burg angebetete Prove (Helmold von Bosau I,84) oder der Garzer Porovit
einer etymologischen Analyse entziehen. Der Jarovit Usedoms und Havel-
bergs ist dem Wortsinn nach der „mächtige“ oder „strenge“ Gott, der in Plön
verehrtePodaga ebenfalls der „Mächtige“, der im Umfeld Magdeburgs er-
wähntePripegala der „Schützende“, der in der Knytlingasaga auftauchende
Pizamar der „Unermeßliche“, der SvÄtovit Arkonas der „helle“ oder „strah-
lende Gott“ (ähnlich in Personennamen wie Svjatopolk), ebenso der *Sva-
rog /Svaroûic der Lutizen. Der in Garz angebetete Rujevit geht auf den
„Stammesnamen“ der Rügenslawen zurück, der bei Lutizen und Abodriten
vorkommendeRadegost war eigentlich eine Örtlichkeitsbezeichnung (Thiet-
mar von Merseburg VI,23) und kein Gottesname (wie Adam von Bremen
II,21, irrtümlich annahm63

), und bei dem in Brandenburg/Havel und Stettin
ansässigenTriglov handelt es sich etymologisch wohl ursprünglich um das
Appellativ einer dreiköpfigen Götterfigur, das (sekundär) zum göttlichen Bei-
namen avancierte. Neben einem keltischen Einfluß für die verbreitete gött-
liche Mehrköpfigkeit wird auch ein Reflex auf die christliche Dreifaltigkeit
angenommen, ohne daß eine begründete Entscheidung bislang möglich wäre.
Sollten die aufgeführten Epitheta den Blick nicht gänzlich verstellen, ist wohl
kein reicher Polytheismus der frühmittelalterlichen Slawen zu erkennen,
sondern von einer allmählichen Ausdifferenzierung der Götterwelt auszuge-

62

Vgl. Brun von Querfurt; Thietmar von Merseburg II,23–24; Adam von Bremen II,21;
Wolfger monachus Prieflingensis II,11.12.16; Ebo III,1; Herbord II,32, III,6; Helmold
von Bosau I,52; Olaf Thordarson (Knytlingasaga) 121–122; Saxo Grammaticus XIV,39.

63

Auf diesen Irrtum Adams geht der gebräuchliche Name „Rethra“ für das zentrale Heilig-
tum der Lutizen zurück, das korrekt Radegost oder Riedegost heißt.

325

hen.64

Allerdings sind weitere „Lokalgötter“ zwar erwähnt, aber von den
Chronisten namentlich nicht genannt worden.
Nicht wenige anthropomorphe Holzfiguren sind bei archäologischen Aus-
grabungen zutage gekommen (Abb. 86), hauptsächlich wiederum bei den Elb-
slawen (Neubrandenburg-Fischerinsel, Altfriesack, Groß Raden, Behren-
Lübchin, Ralswiek, Raddusch). Verbreitung der Tempel und der Holzfiguren
fallen zusammen und belegen einen tieferen Zusammenhang; wahrscheinlich
standen die „Götterbildnisse“ innerhalb der Kultbauten, wenn auch die
Fundumstände der Figuren selbst dies nicht belegen. Saxo Grammaticus be-
schrieb für das Innere des Tempels von Arkona ein „gewaltiges Götterbild,
den menschlichen Körper an Größe weit übertreffend, wunderlich anzusehen
durch seine vier Köpfe und ebensoviel Hälse … In der Rechten hielt [die Fi-
gur – S. B.] ein Trinkhorn, aus verschiedenen Metallen gebildet, das der Prie-
ster jährlich neu zu füllen gewohnt war, um aus der Beschaffenheit der Flüs-
sigkeit die Ernte des kommenden Jahres zu weissagen … Nicht weit davon
hingen Zaum und Sattel und … ein Schwert von ungeheurer Größe, dessen
Scheide und Griff, abgesehen von dem sehr schönen Treibwerk, das silberne
Äußere auszeichnete“ (XIV,39).65

In Rethra bestand die Götterfigur Adam
von Bremen zufolge (II,21) aus Gold, ihr Lager aus Purpur. Allerdings weisen
diese Berichte märchenhafte Züge auf. Die große Zahl der anthropomorphen
Bretterfiguren in Groß Raden und ähnlich anmutende Überlieferungen „ge-
schnitzter Bilder“ von Göttern, Tieren und Menschen für Rethra und Stettin
(Thietmar von Merseburg VI,17; Herbord II,32) weisen darauf hin, daß es
sich bei ihnen um Votivbilder und nicht um die im „Tempel“ befindliche
Götterfigur selbst handelt. Auch diese „Idole“ sind nach jetzigem Kenntnis-
stand nicht vor dem 10. Jahrhundert aufgekommen; dies gilt ebenfalls für den
ostslawischen Raum.
In denselben Zeitraum gehören auch kleine bronzene „Götterfiguren“, die
im slawischen und skandinavischen Raum entdeckt wurden (Schwedt, Lind-
by, Novgorod, Gatschow, Oppeln), ohne daß klar ist, wo diese Figuren pro-
duziert wurden (Abb. 87). Die Figuren tragen, ebenso wie die Holzfiguren
mit spitzem Kopf, eine Mütze (aber keinen Helm) auf dem Kopf. Ihr kräfti-
ger Schnauz- und Kinnbart verleiht ihnen Kraft und Würde, was durch eine
über den Bart streichende Hand unterstrichen wird. Sie stemmen ihre Arme
in die Seite – eine weder aus antikem noch aus christlichem Zusammenhang

64

Auch das ostslawische Pantheon des späten 10. Jahrhunderts ist ein Konstrukt der Chro-
nisten.

65

Übersetzung nach Herrmann [Nr. 627] 179.

Religion und Mythologie

326

Gesellschaft

Abb.86. Hölzerne „Kultfiguren“. 1 Altfriesack, etwa 1,6 m hoch; 2 Neubrandenburg-Fischer-
insel, etwa 1,8 m hoch. – M. 1:11 (nach Zeitschr. Arch. 5, 1971, 123 Abb.12; Corpus [Nr. 70]
3–74/4)

327

Abb.87. Menschen- und Tierfiguren. 1 Bronzene Figur eines bärtigen Mannes mit Mütze und
in die Seite gestemmten Armen von Schwedt (Höhe ca. 5,5 cm); 2 bronzene Pferdefigur mit
Kreisverzierung und Sattel aus Wollin (11. Jahrhundert); 3 hölzerne Pferdefigur von Oppeln
(10. Jahrhundert). – M. 6:5 (nach Va×á [Nr. 645] 206 Abb.48; 144 f. Abb.33 f.)

Religion und Mythologie

328

Gesellschaft

bekannte Pose. Es scheint sich, wie auch Ebo (Vita Ottonis III,1) angibt, bei
diesen Bronzefiguren wie auch bei einem kleinen „Brettidol“ aus Starigard/
Oldenburg oder der vierköpfigen Figur aus Wollin um eine Art „Taschen-
götter“ zum „privaten“ Gebrauch, quasi als Amulett, gehandelt zu haben. In
ähnlicher Weise sind auch die „Götterbildbeschläge“66

zu verstehen (Abb. 88),
die auf Messerscheiden angebracht waren (Starigard/Oldenburg, Brzeíº Ku-
jawski). Die auf ihnen dargestellten Pferde sind, ebenso wie gleiche Figuren
an formverwandten Zusatzbeschlägen (Schwedt) und Sporen (Lutomiersk)
oder Ohrringen (Stará Kouéim, Lisówek), göttliche Attribute; sie nehmen da-
mit nicht nur auf den aus dem nordwestslawischen Raum bezeugten Pferde-
kult Bezug (Arkona, Rethra), sondern auch auf verbreitete Vorstellungen von
„göttlichen“ Pferden.67
Aus Vorpommern stammen insgesamt vier hochmittelalterliche Bildsteine.
Sie sind im späten Mittelalter sämtlich in Kirchenwände eingemauert worden,
um – so eine verbreitete, aber unbelegte Annahme – die Wirkungslosigkeit die-
ser heidnischen „Götzen“ und die Macht des christlichen Glaubens zu demon-
strieren. Allerdings bleibt bis heute der ursprüngliche Bedeutungshintergrund
der Darstellungen weitgehend unklar; so ist es fraglich, ob sie beispielsweise als
„fürstliche“ Grabsteine anzusehen sein könnten. Die Steine zeigen bärtige, mit
einem Kittel bekleidete, würdevolle Figuren in Frontalansicht – in der Alten-
kirchener Dorfkirche mit einem Füllhorn („Jaromir-“ oder „Svantevitstein“),
in der Bergener St.-Marien-Kirche ist der Stein (der „Mönch“) bereits sehr ver-
waschen, und Details sind deshalb nicht mehr erkennbar. Die beiden Steine
(„Gerovitstein“) in der Wolgaster Petrikirche sind (nachträglich?) „christiani-
siert“, indem über dem Kopf der Figuren, die in der rechten Hand jeweils eine
Lanze (?) halten, ein großes Kreuz angebracht wurde. Auch in technischer
Hinsicht unterscheiden sich die Wolgaster Steine von den beiden aus Rügen,
denn sie sind nicht als Relief, sondern nur in Linien ausgeführt.
Auch eine Priesterschaft, die wohl der Oberschicht zugehörte, läßt sich nur
für die nordwestlichen Slawen erkennen. Offensichtlich bedingten sich Tem-
pel und Priester gegenseitig, gingen vielleicht auch auf gemeinsame Anregun-
gen zurück. Die „Aufgaben“ und „Funktionen“ der Priester scheinen sehr
verschieden gewesen zu sein, doch die Quellen erwähnen nur besondere Be-
gebenheiten: Verwaltung des „Tempelschatzes“ (Arkona [Saxo Grammaticus
XIV,39]), Rechtsfindung in bestimmten Streitfällen, Prophezeiungen für be-

66

Kartierung: Gabriel [Nr. 497] 193 Abb. 35.

67

Für den osteuropäischen Raum belegen Pferdeamulette ebenfalls eine Verehrung dieses
Tieres (Kartierung: Herrmann [Nr. 467] 32 Abb. 30).

329

stimmte politische Vorhaben (Heerzüge) durch Opfer und Pferdeorakel (Stet-
tin, Arkona [Helmold I,36], Rethra [Thietmar VI,24]), „diplomatische“ Kon-
takte nach außen. Hier scheinen deutlich politische Aufgaben durch.
Die Art und Weise eines Orakels läßt sich Saxo Grammaticus’ Bericht über
Arkona entnehmen: „War nämlich beschlossen, so pflegte man mit Hilfe der
Tempeldiener eine dreifache Reihe von Lanzen vor dem Tempel anzuordnen,
in jeder wurden je zwei mit den Spitzen in die Erde gesteckt und gegeneinan-
der verschränkt. Die Reihen waren durch gleiche Entfernung voneinander ge-
trennt. Während das geschah, wurde nach einem feierlichen Gebet das Roß
vom Priester aus der Vorhalle gezäumt herausgeführt. Falls es die vorgesetzte

Abb.88. Gebrauchsgegenstände mit Darstellungen religiösen Hintergrunds. 1–3 „Götterbild-
beschläge“ als Sonderform der Messerscheidenbeschläge. 1 Starigard/Oldenburg; 2 Brzeíº
Kujawski; 3 Schwedt. – 4 Sporenbügel mit Pferdedarstellungen von Lutomiersk. – M. 1:1
(nach Gabriel [Nr. 497] 186 Abb.33,1–4)

Religion und Mythologie

330

Gesellschaft

Reihe eher mit dem rechten als mit dem linken Fuß überschritt, wurde das als
günstiges Vorzeichen des zu führenden Krieges angenommen; wenn es aber
auch nur einmal den linken dem rechten vorsetzte, so wurde die Absicht über
das anzugreifende Gelände geändert, und nicht eher wurde ein Schiffsunter-
nehmen als sicher vorbestimmt, als bis hintereinander drei Spuren des besse-
ren Auftritts gesehen waren“ (Saxo Grammaticus XIV).68
Interessanterweise wurden Götter wahrscheinlich (fast) ausschließlich männ-
lich gedacht, denn alle Namen – seien es wirkliche Götternamen oder Epithe-
ta – waren maskulin. Bis auf die etymologisch unklare, bei Helmold von
Bosau erwähnte ¦iva als Lebensspender(in) der Polaben um Ratzeburg (und
auch der Lutizen?) sind keine Namen von Göttinnen überliefert. Es läßt sich
kaum entscheiden, ob dies auf eine unvollständige, bruchstückhafte Überlie-
ferung oder aber eine rein männliche Götterwelt hindeutet.
Orte der Götterverehrung waren, abgesehen von den elbslawischen Tem-
peln, bestimmte Plätze in der „freien Natur“. Dies waren nicht unbedingt
„heilige Haine“ (Thietmar von Merseburg VI,37) im wörtlichen Sinne, als die
sie in der Literatur häufig apostrophiert werden. Sie mußten nicht umfaßt
und eingefriedet oder auf andere Weise besonders hergerichtet sein. Es han-
delte sich zunächst um eben jene Orte, an denen die jeweiligen Bewohner ih-
ren oder einen speziellen Gott verehrten – Quellen, ein großer Baum oder
Stein, ein Hügel usw. Der Terminus svÄt bor ist wohl als bor svÄtajego
Boga (Wald des strahlenden Gottes) aufzufassen und stellt mithin eine Meto-
nymie dar. Vermutlich waren dies freigeschlagene Plätze, auf denen Opfer
und Fest als identitätstiftende Rituale vollzogen wurden. Eine spezielle Form
dieser Plätze waren vielleicht kreisförmige, „blütenartige“ Anlagen mit klei-
nen Feuern, wie sie bei Novgorod für *Perun mit 35 m Durchmesser ar-
chäologisch nachgewiesen schien69

– doch wird dieser Befund inzwischen als
Überrest von Grabhügeln angesehen. Eine ähnliche, aber ovale und wesent-
lich kleinere Struktur wurde mit etwa 10–12 m Durchmesser im pommer-
schen Trzebiatów ausgegraben. Der nur 2–3 m große Befund von Béeclav-
Pohansko aus dem 10. Jahrhundert besteht aus acht Pfostenlöchern und
einem Palisadenzaun (?) an einer Seite; dies als „Kultstätte“ und damit als
heidnische Reaktion nach dem Zusammenbruch des christlichen Mähren zu
werten, ist gewiß nur eine Möglichkeit der Interpretation. Andere „ringför-
mige“ Strukturen wie in Brodowin bei Chorin und Saaringen/Weseram als
„Kultplätze“ zu deuten, bleibt ohne archäologische Untersuchung spekulativ.

68

Zitiert nach: Die Slawen in Deutschland [Nr. 48] 318.

69

Weitere Befunde liegen aus Bogit (Galizien) und Chodosovi¹i vor.

331

Soweit Schilderungen der religiösen Feste und Opfer vorliegen, beschrei-
ben sie die für den christlichen Beobachter abschreckenden Aspekte (Hel-
mold von Bosau II,12). Menschenopfer, wie sie z.B. die Tötung zweier böh-
mischer Mönche anfangs des 11. Jahrhunderts (Adam von Bremen III,20
schol. [Zusatz] 71) oder des Bischofs Johann von Mecklenburg in Rethra im
Jahre 1066 (Adam von Bremen III,51) darstellte, fanden nur unter außer-
gewöhnlichen politischen Umständen statt (vgl. auch Helmold von Bosau
I,52.108; Thietmar von Merseburg VI,22.24). Daraus läßt sich ihr Ausnahme-
charakter ableiten, was auch die überaus seltenen Funde menschlicher Kno-
chen an diesen Plätzen unterstreichen (Arkona, Ralswiek). Meist dankte man
der göttlichen Gnade wohl mit Ernte- und Tieropfern, die weitere Fruchtbar-
keit und gute Ernten erwirken sollten (Saxo Grammaticus XIV,39, für Arko-
na; Herbord II,14, für Pyritz): „Einmal jährlich nach Einbringung der Ernte
beging die ganze Inselmenge ohne Unterschied vor dem Tempel des Gottes
nach Darbringung von Viehopfern eine festliche Schmauserei im Namen der
Religion“. Beispiele für Schlachtopfer sind rituelle Deponierungen von
Pferdeschädeln und -extremitäten, wie sie in Starigard/Oldenburg ausgegra-
ben wurden. Dabei handelt es sich um ganze Beine im anatomischen Zusam-
menhang, aber auch um Niederlegungen „gesammelter“ Fußknochen, mitun-
ter mit Steinanhäufungen. Inwieweit diese Knochen die Überreste ganzer
Tierfelle darstellen, läßt sich archäologisch nicht verläßlich beurteilen.
Feste waren zugleich hervorragende Gelegenheiten, der versammelten Ge-
meinschaft zur Bekräftigung ihrer Identität zu verhelfen, die gesellschaftliche
Ordnung aufrechtzuerhalten. Orte wie Arkona oder Rethra boten dafür idea-
le Voraussetzungen, waren sie doch Kultzentren für jeweils größere Räume,
ohne daß es sich dabei aber immer um „Stämme“, d.h. ethnisch-politische
Gruppierungen gehandelt haben dürfte. Mit der Stärkung dieser Gemein-
schaften verband sich zugleich eine Bekräftigung der politischen Verhältnisse
und damit eine Stützung „fürstlicher“ Macht. Die Auseinandersetzungen zwi-
schen christlichen „Fürsten“ und „heidnischer Reaktion“ bei den Elbslawen
zeigen, daß Glaubensfragen zugleich Machtfragen waren.

You're Reading a Free Preview

Download
scribd
/*********** DO NOT ALTER ANYTHING BELOW THIS LINE ! ************/ var s_code=s.t();if(s_code)document.write(s_code)//-->