„Bei all ihrer schicken Magerkeit, strahlte sie eine Haferflocken-Gesundheit aus, eine Seifen- und ZitronenReinlichkeit, und auf ihren Wangen lag eine raue Röte. Sie hatte einen großen Mund und eine Stupsnase. Eine Sonnenbrille verbarg ihre Augen. Es war ein Gesicht, das nicht mehr ganz in der Kindheit zuhause war und schon einer Frau gehörte.“ So beschreibt Truman Capote seine unsterbliche Heldin Holly Golightly. Die fast Neunzehnjährige, die voller Lebenshunger vom Land in die große Stadt ausgerissen ist, hat nichts außer ihrer Erscheinung und ihrer Ausstrahlung, die sie befähigt, mit Männern zu spielen und sich gewissermaßen aushalten zu lassen. Manchmal befällt sie, die im Partytrubel von New York so unschuldig glänzen kann, aber das „rote Elend“, Katzenjammer und Weltschmerz, Angst und Verlorenheit, spürt sie innere Leere und Einsamkeit. Dann hilft nichts anderes mehr, als auf die Fifth Avenue zu Tiffany zu fliehen, dem berühmten Juwelier. Der Schimmer der Diamanten beruhigt Holly und gibt ihr die Sicherheit zurück, im New York zu Beginn der vierziger Jahre zu bestehen. Ihr Nachbar, ein junger Schriftsteller, beobachtet ihr krauses Leben, er liebt ihre Schlagfertigkeit, ihre originelle, von Fremdwörtern gespickte Sprache, ihre Lust am witzig parlierenden Dialog. Manchmal aber spielt sie Lieder, „bei denen man sich fragte, wo sie die gelernt hatte … rauzärtliche, umherirrende Melodien mit Worten, die nach Südstaaten-Nadelwäldern oder der Prärie schmeckten.“ Eines Tages ist sie weg, übrig bleibt nur ihr namenloser Kater, auf dessen Suche sich der Erzähler begibt …

Truman Capote, eigentlich Truman Streckfus Persons, wurde am 30. September 1924 in New Orleans geboren. 1934 verließ er den Süden, als die Mutter den Kubaner Joseph Capote heiratete und nach New York zog. Dort stieg er mit Hilfe von Oona O’Neill und Gloria Vanderbilt in die höhere Gesellschaft ein. Achtzehnjährig begann er beim New Yorker als Redaktionsgehilfe. 1945 hatte er mit Erzählungen in diversen Zeitschriften Erfolg. 1946 bekam er den O. Henry-Preis für „Miriam“, zwei Jahre später mit „Shut a Final Door“ noch einmal. Der Roman „Andere Stimmen, andere Räume“ wurde zur Sensation, Capote war 23 Jahre alt. Nach „Die Grasharfe“ wurde er in eine Reihe mit William Faulkner und Carson McCullers gestellt. Capote reiste nun jahrelang durch Europa. „Frühstück bei Tiffany“ sicherte den Ruhm. Mit „Kaltblütig“ schuf er 1966 ein Grundbuch des „New Journalism“, den sechs Jahre recherchierten Tatsachenroman über den Mord an einer Familie in Kansas. Danach folgten Drogenexzesse, Nervenzusammenbrüche, sogar Gefängnisaufenthalte, Capote war ausgebrannt. 1975 publizierte er Kapitel des Schlüsselromans „Erhörte Gebete“, in dem er Geheimnisse der High Society ausplauderte, die deshalb die Beziehungen zu ihm abbrach. Das führte zu Depressionen und neuen Abstürzen. 1981 erschienen letzte Erzählungen „Musik für Chamäleons“. Am 25. August 1984, von Drogen, Halluzinationen und Kliniken zermürbt, starb Truman Capote in Los Angeles an einer Überdosis Tabletten.

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Truman Capote Frühstück bei Tiffany ROMAN Aus dem Amerikanischen neu übersetzt von Heidi Zerning .

copyright renewed 1986 by Alan U. Der vorliegenden Ausgabe liegt die Textfassung der im Kein & Aber Verlag erschienenen Neuübersetzung zugrunde.Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. an imprint of Random House Publishing Group. Copyright © 2006 by Kein & Aber Verlag Zürich Titelfoto: Getty Images / Paramount Pictures Autorenfoto: Getty Images / Ray Fisher Klappentext: Dr. a division of Random House. Manfred Zech Herstellung: Hermann Weixler. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnbdnbb. Harald Eggebrecht Gestaltung: Eberhart Wolf Grafik: Dennis Schmidt Projektleitung: Dirk Rumberg Produktmanagement: Sabine Sternagel Satz: vmi. 1984 by Truman Capote. 1958 and copyright renewed 1978. 1951. Titel der amerikanischen Originalausgabe: Breakfast at Tiffany’s. Ulm Printed in Germany ISBN 978-3-86615-501-5 . Random House. Schwartz This translation published by arrangement with Random House. New York Lizenzausgabe der Süddeutschen Zeitung GmbH. 1979.de abrufbar. München für die SüddeutscheZeitung | Bibliothek 2007 Copyright © 1950. Thekla Neseker Druck und Bindearbeiten: Ebner & Spiegel. 1956. Inc.

über Holly Golightly zu schreiben. meine erste. der ich sein wollte. Es kam mir zu jener Zeit nie in den Sinn. bei all ihrer Düsternis war sie dennoch eine eigene Wohnung. der betrieb gleich um die Ecke in der Lexington Avenue eine Bar. Die Wände waren nur verputzt und hatten die Farbe von Kautabakspucke. der an heiße Tage in der Eisenbahn erinnert. alles. zu den Häusern und ihrer Umgebung. sogar im Badezimmer. Holly 7 . was ich brauchte. vollgestopft mit Möbeln vom Dachboden. um der Schriftsteller zu werden. darunter ein Sofa und Polstersessel. ihre Wohnung lag direkt unter meiner. wo er früher gewohnt hat. bezogen mit jenem kratzigen roten Samt. hingen uralte. so fand ich. Trotzdem geriet ich jedes Mal in Hochstimmung. wenn nicht durch ein Gespräch mit Joe Bell die Erinnerungen an sie wieder lebendig geworden wären. was er immer noch tut. und es fiele mir wahrscheinlich auch jetzt nicht ein. Das einzige Fenster blickte auf eine Feuertreppe. und meine Bücher waren da und Becher mit Bleistiften zum Anspitzen. den es immer wieder zu den Orten hinzieht. Holly Golightly war damals eine Mieterin in dem alten Sandsteinhaus.I ch bin jemand. wenn ich den Wohnungsschlüssel in meiner Tasche spürte. braunfleckige Kupferstiche von römischen Ruinen. So steht in der Upper Eastside das Haus aus rotbraunem Sandstein mit meiner allerersten New Yorker Wohnung während der ersten Kriegsjahre. Und Joe Bell. Überall. Sie bestand aus nichts weiter als einem Zimmer.

aber eigentlich waren wir nie besonders gute Freunde. dass es nicht einfach ist. es liegt daran. dass er Junggeselle ist und zu viel Magensäure hat. Our Gal Sunday (eine Familienserie. sondern beide nur Freunde von Holly Golightly. Hin und wieder sprachen wir uns. Nachrichten für uns entgegenzunehmen. mit dem einen oder dem anderen verwandt zu sein. mit ihm ins Gespräch zu kommen. wenn man nicht seine Steckenpferde teilt. wusste ich deshalb. das gibt er selber zu. und während der Fahrt dachte ich sogar. sondern um zu telefonieren: während des Krieges war es schwer. und bis vor einer Woche hatte ich Joe Bell seit Jahren nicht mehr gesehen. und wenn ich in der Gegend war. jedenfalls nicht immer. sie könnte dort sein. Und unmöglich. die er sich seit fünfzehn Jahren anhört) und Gilbert und Sullivan – er behauptet. Jeder. ich weiß nicht mehr.und ich. zu denen Holly gehört. nicht auf einen Drink. mit welchem von beiden. Als am vorigen Dienstag spätnachmittags das Telefon klingelte und ich »Hier ist Joe Bell« hörte. auch wenn er sie nicht erwähnte. Natürlich ist das alles lange her. Joe Bell hat kein einfaches Naturell. sieben Mal am Tag dorthin. er sagt. der ihn kennt. Andere sind: Eishockey. schaute ich in seiner Bar vorbei. wir gingen beide sechs. Bei strömendem Oktoberregen nahm ich mir ein Taxi. wird bestätigen. sondern nur sagte: »Kannst du rasch mal hier vorbeischauen? Es ist wichtig«. dass es sich um Holly drehen musste. Außerdem war Joe Bell so nett. was in Hollys Fall keine kleine Gefälligkeit war. wobei sich seine Krächzstimme vor Aufregung überschlug. 8 . denn sie bekam haufenweise welche. ich würde Holly Wiedersehen. Weimaraner Jagdhunde. einen privaten Telefonanschluss zu ergattern.

Während ich das Ergebnis trank. wenn ich nicht gerne deine Meinung hören würde. Was ganz Neues. kann ich nicht direkt sagen. sonst niemand. was er zu erzählen hatte. »selbstverständlich hätte ich dich nicht hergelotst. Yu9 . in einer Nische. sagte er und mixte halb Wodka. In der Bar von Joe Bell geht es im Vergleich zu den meisten anderen Bars in der Lexington Avenue ziemlich ruhig zu. sagte er und steckte eine Gladiole tief in die Vase. sagte ich. als sei er unsicher. Er ist ein kleiner Mann mit vollem.« »Aus Kalifornien«. umringt von Photos aller Eishockeystars. ich mach dir einen Cocktail.« »Du hast was von Holly gehört?« Er spielte mit einem Blatt. die Joe Bell höchstselbst mit hausfraulicher Sorgfalt arrangiert. halb Gin. Dann: »Erinnerst du dich an einen gewissen Mr. Sie brüstet sich weder mit Neonlicht noch mit einem Fernseher. lang gezogener Kopf würde zu einem hoch gewachsenen Mann wesentlich besser passen. mich bestens an Mr. kein Wermut. kräftigem weißem Haar. Yunioshi? Einen Herrn aus Japan. und sein knochiger. ich weiß nicht. Was er übrigens gerade tat. Etwas sehr Merkwürdiges ist passiert. steht immer eine große Vase mit frischen Blumen. Zwei alte Spiegel geben das Wetter draußen auf der Straße wieder. als ich hereinkam. »Was von ihr gehört. Ich meine. Deshalb will ich ja deine Meinung hören. lutschte an einem Tums-Kaubonbon und überlegte. Aber es ist merkwürdig. sein Gesicht scheint immer sonnengebräunt zu sein. »Selbstverständlich«. stand Joe Bell da. Komm.Aber nur der Wirt war da. und hinter dem Tresen. Nennt sich Weißer Engel«. I. wie er darauf antworten sollte. Y. jetzt wurde es sogar noch röter.

seine Augen verengten sich. die Haare glatt und kurz geschnitten wie bei einem jungen Mann. denn er war Holly Golightly zum Verwechseln ähnlich. Auf den ersten Blick ähnelte er den meisten primitiven Schnitzereien. den Kopf eines Mädchens. ob du weißt. Er ist Photograph bei einer Illustrierten. seinen Tums zu zerkauen. an einen Clownsmund erinnernd. obwohl aus verschiedenen Winkeln aufgenommen: ein hoch gewachsener.« Was den Tatsachen entsprach. die glatten Holzaugen zu groß und schräg in dem spitz zulaufenden Gesicht. »Woher weißt du das?« »Hab’s bei Winchell gelesen. »Bring mich nicht durcheinander. mehr oder weniger die gleichen. wen ich meine. graziler Neger in einem Kalikohemd hielt mit scheuem. Und was meinst du wohl. was hältst du davon?«. der Mund breit und übergroß. Y. sagte Joe Bell. Er zog die Kasse auf und holte einen gelben Umschlag heraus. So. Yunioshi kommt gestern Abend hier reingeschneit? Seit über zwei Jahren hab’ ich den nicht mehr gesehen. »Na. zumindest so ähnlich. zufrieden mit meiner Verblüffung. regloses Ding ihr sein konnte. Und wer anders als ebenderselbe Mr. und in der Zeit unserer Bekanntschaft bewohnte er das Atelier im obersten Stock des Sandsteinhauses. Ich wollte nur wissen. 10 . wo der in den zwei Jahren war?« »In Afrika. »Hast du das hier auch bei Winchell gelesen?« In dem Umschlag steckten drei Photos.« Joe Bell hörte auf. einen geschnitzten länglichen Kopf. aber dann doch nicht.nioshi erinnernd. aber eitlem Lächeln eine seltsame Holzskulptur ins Bild. wie ein dunkles. I.

Er sagte: »Also der Japs sagt so«. und erzählte folgende Geschichte: Am ersten Weihnachtsfeiertag war Mr. Er hatte schon beschlossen. Yunioshi mit seiner Kamera durch Tococul gekommen. Yunioshi war jedoch fest entschlossen. bloß diese Skulptur. nur eine Ansammlung von Lehmhütten mit Affen dazwischen und Geiern auf den Dächern. Mr. nichts konnte ihn umstimmen. Woraufhin er den Mädchenkopf gezeigt bekam: und das Gefühl hatte. ein paar Brocken Eng11 . als er plötzlich einen Neger vor einer Hütte hocken und Affen auf einen Spazierstock schnitzen sah. wie die Schnitzerei entstanden war. und die Begebenheit wurde mit Hilfe von Afrikanisch. Junge«. in Erfahrung zu bringen. Yunioshi war beeindruckt und wollte weitere seiner Arbeiten sehen. Mr. Ein Pfund Salz und zehn Dollar. vergleichbar der Hand auf dem Herz) und sagte nein. und er schlug mit der flachen Hand auf die Bar. East Anglia. Der kleine Japs wusste. sobald er sie gesehen hat. S-Stamm. so erzählte Joe Bell. er sei in einen Traum geraten. dass sie’s ist. sagte er und drehte eins der Photos um. So sicher wie das Amen in der Kirche.« »Hör mal. weiterzuziehen. Aber das kommt aufs selbe raus. Aber als er anbot. »das ist sie.« »Er hat sie gesehen? In Afrika?« »Na ja. ein Dorf irgendwo im Nirgendwo und ohne Belang. umschloss der Neger mit der hohlen Hand seine Geschlechtsteile (offenbar eine zärtliche Geste. Lies selbst«. Auf der Rückseite stand geschrieben: Holzschnitzerei. erster Weihnachtsfeiertag 1956. eine Armbanduhr und zwei Pfund Salz und zwanzig Dollar. ihn zu kaufen. Tococul. Das kostete ihn sein Salz und seine Uhr.»Das sieht aus wie sie.

»Ich weiß. dessen Matte teilte. das glaub ich nicht. als spürte er. während die junge Frau. der hat sich landauf.« »Sie hat Afrika wahrscheinlich nie betreten«. wie vielen« – er zählte an den Fingern ab: sie langten nicht – »Jahren. Und der geschnitzte Kopf: ich betrachtete wieder die Photos. Sie muss ja reich sein. Eine junge Frau und zwei Männer. Wo ist sie?« 12 . sie ist reich. Man muss reich sein. landab nach ihr erkundigt. wie sie aufgetaucht ist. »Mit den beiden Männern.« »Allein oder mit den beiden Männern?« Joe Bell schloss kurz die Augen.« Dann war es. um sich so in Afrika rumzutreiben. »Also. waren gezwungen. nehm ich an. auf einem Pferd davongeritten. »Eins musst du zugeben. Aber niemand sonst hatte sie je gesehen. wie meine eigene Enttäuschung sich auf ihn übertrug. Ich hoffe nur. das ist die einzige konkrete Nachricht von ihr seit ich weiß nicht. nach Afrika zu gehen.lisch und Zeichensprache geschildert.« Er zuckte die Achseln.« »Und dann?« »Dann nichts. mehrere Wochen lang in einer isolierten Hütte zu liegen. trotzdem konnte ich sie mir dort vorstellen. und der Japs. sagte ich und glaubte es. »Du weißt doch so viel. sagte Joe Bell prüde. Aber allem Anschein nach war im vergangenen Frühjahr eine berittene Gruppe von drei Weißen aus dem Busch aufgetaucht. aber dass sie’s so weit getrieben hat. »Irgendwann ist sie genau so verschwunden. Na. sie nahm’s nicht so genau. es sah ihr ähnlich. Die Männer. die bald Gefallen an dem Holzschnitzer gefunden hatte. und er wehrte sich dagegen. beide mit fieberroten Augen und Schüttelfrost. das glaub ich nicht«.

wie aufmerksam ich ihn ansah.»Tot. aber ich fand es besser. »Hältst du mich für plemplem?« »Ich habe nur nicht gewusst. einen flachen kleinen Hintern. sagte er und ergriff mein Handgelenk. irgendein mageres Mädchen. hätte ich sie gesehen. desto schwerer wird es. so. einen Mann wie mich. und am zehnten Januar werde ich siebenundsechzig. Ich sah auf die Uhr. das schnell und gerade geht …« Er schwieg. und in all den Jahren hält er nach einer Person Ausschau. sie ist verheiratet und ruhiger geworden und vielleicht genau in dieser Stadt. Nimm mal einen Mann. sagte er und schüttelte den Kopf. Ich glaube. Ich kann mich nicht erinnern. tat es mir leid. einen Mann. »Ich will dir auch sagen. Gedanken in die Tat umzusetzen. Es ist eine merkwürdige Tatsache – aber je älter ich werde. Ich meine. dass ich sie anrühren wollte. desto häufiger scheint mir diese Seite der Dinge durch den Kopf zu gehen. viel13 . Sogar in meinem Alter. dass ich an diese Seite der Dinge nicht denke.« Er überlegte kurz.« Und ohne zu lächeln. Oder im Irrenhaus. folgert daraus nicht. der jetzt seit zehn oder zwölf Jahren durch die Straßen läuft. Oder verheiratet. als würde ihm plötzlich bewusst. »Warte«. warum nicht. »Sicher hab ich sie geliebt. Wenn sie in dieser Stadt wäre. Je älter man wird. Ich hatte nichts vor. der gern läuft. dass ich als junger Spund so oft daran gedacht habe. »Nein«. Er sammelte die Photos ein und steckte sie wieder in den Umschlag. nämlich alle zwei Minuten. dass du in sie verliebt warst. Aber nicht so. es brachte ihn in Verlegenheit. fügte er hinzu: »Nicht. und keine ist je sie. zu gehen. dass sie nicht da ist? Ich sehe andauernd Teile von ihr.« Sobald ich das gesagt hatte.

Es ist eine Straße mit Bäumen. Man kann jemanden lieben.« Zwei Männer kamen in die Bar. dass alles im Kopf eingesperrt bleibt und zur Last wird. um zu gehen. Das Sandsteinhaus steht mitten in einer Häuserzeile. also bog ich um die Ecke und ging die Straße hinunter. gleich neben einer Kirche. Und ich schwöre. nur noch Nebel war davon in der Luft.« »Ja«. der ein Freund ist. Aber« – er schenkte sich ein Schnapsglas voll Whisky ein und leerte es in einem Zug – »ich werde mich nie lächerlich machen. eine schicke schwarze Tür hat die alte mit Mattglas ersetzt. Immer wenn ich in der Zeitung davon lese. »Einfach fort. Er ergriff wieder mein Handgelenk. weiß ich. deren blaue Turmuhr die Stunden schlägt. Joe Bell folgte mir zur Tür. elegante Fensterläden rahmen die Fenster ein.« Draußen hatte der Regen aufgehört. einem Fremden. und der Regen hatte sie glitschig gemacht. sagte er und machte die Tür auf. und graue. mit Holly ist mir so was nie in den Sinn gekommen. Niemand von frü14 . »Glaubst du das?« »Dass du sie nicht anrühren wolltest?« »Ich meine das mit Afrika. man ruschte auf ihnen aus. ohne dass es so was ist.leicht liegt es daran. die im Sommer kühle Muster auf dem Pflaster bilden.« In diesem Augenblick konnte ich mich beim besten Willen nicht an die Geschichte erinnern. in der das Sandsteinhaus steht. sah nur vor mir. wie sie auf einem Pferd davonritt. aber jetzt waren die Blätter gelb und fast alle abgefallen. dass ein alter Mann sich lächerlich gemacht hat. Es ist seit meiner Zeit herausgeputzt worden. und es schien der richtige Augenblick zu sein. »Jedenfalls ist sie fort. es liegt an dieser Last. Man hält sich fern wie gegenüber einem Fremden.

wurde ich davon wach. dass in dem Namensschlitz des Briefkastens. in der Ecke: auf Reisen. Yunioshi die Treppe hinunterrief. schallte seine Stimme von oben bis unten durchs Haus. eine Koloratursängerin mit belegter Stimme. die jeden Nachmittag im Central Park Rollschuh lief. ich muss schlafen«. eine sonderbare Karte steckte. das tut mir leid. nur noch Madame Sapphia Spanella.« »Ich arbeite. bitte einen Schlüssel machen lassen. nicht böse zu sein« – ihre Stimme kam näher. als mir auffiel. »Miss Golightly! Ich muss protestieren!« Die antwortende Stimme.« »Aber ich verliere sie alle. Sie müssen sich bitte. und darunter. Ich hab den verflixten Schlüssel verloren. war auf alberne Art jung und machte sich über sich selbst lustig. auf Reisen. 15 . dass Mr. weiß ich. »Ach. es war schon weit nach zwölf. »Aber immer klingeln Sie bei mir …« »Ach.« »Sie können nicht immer wieder bei mir klingeln. Herzchen. schrie Mr. bitte nicht böse sein. Es quälte mich wie eine Melodie: Miss Holiday Golightly. die vom Fuß der Treppen emporstieg. aufgebracht und streng. Yunioshi. der zu Wg. weil ich die Stufen hochgegangen bin und mir die Briefkästen angesehen habe. der mich zum ersten Mal auf Holly Golightly aufmerksam machte. Sie lieber kleiner Mann: ich tu’s auch bestimmt nicht wieder. Und wenn Sie mir versprechen. Ich wohnte seit ungefähr einer Woche in dem Haus. Es war einer dieser Briefkästen. Dass sie noch da wohnt. 2 gehörte.her wohnte mehr dort. Da er im obersten Stock wohnte. Eines Nachts. Darauf stand ziemlich Cartier-förmlich gedruckt: Miss Holiday Golightly.

gerade weit genug. um zu sehen. Die Art. und die kunterbunten Farben ihrer Jungshaare. erreichte jetzt den Absatz.« Inzwischen war ich vom Bett aufgestanden und hatte die Tür einen Spalt weit geöffnet. und sie trug ein enges. eine Seifen. leuchteten im Licht der Treppenlampe. Ein Mann folgte ihr hinauf. Es war ein Gesicht. von denen wir gesprochen haben. sagte er und machte seine Tür zu. »Irgendwann«. »Wann?«. Ich schätzte sie auf irgendetwas zwischen sechzehn und dreißig. Sie war immer noch auf der Treppe. goldbraune Strähnen. Das Mädchen lachte. vernuschelte sie die Antwort. Eine Sonnenbrille verbarg ihre Augen. Sie hatte einen großen Mund und eine Stupsnase. Ich ging hinaus in den Flur und beugte mich über das Treppengeländer. schlichtes schwarzes Kleid. die ihren Hals wie ein Reif umschloss. schwarze Sandaletten und eine breite Perlenkette. »dann lasse ich Sie vielleicht die Aufnahmen machen. und auf ihren Wangen lag eine raue Röte. wie seine plumpe Hand ihre Hüfte umfasste. Es war ein warmer Abend. das nicht mehr ganz in der Kindheit zu Hause war und schon einer Frau gehörte. weißblonde und gelbe Streifen. ohne gesehen zu werden. Bei all ihrer schicken Magerkeit strahlte sie eine Haferflocken-Gesundheit aus.sie stieg die Treppe hinauf –. beinahe Sommer. »Jederzeit«. störte 16 . wie sich herausstellte. Yunioshis Schweigen hören: weil es nämlich von einer hörbaren Veränderung der Atmung begleitet wurde.und Zitronen-Reinlichkeit. stand sie zarte zwei Monate vor ihrem neunzehnten Geburtstag. Sie war nicht allein. Ich konnte Mr. fragte er.

Mr. Schatz. Ich bin bei allen beliebt. Aber jetzt gute Nacht. dass seine dicken Lippen sich an ihrem Nacken zu schaffen machten. ein Mann in einem Nadelstreifenanzug mit Schulterpolstern und einer verwelkenden roten Nelke im Knopfloch. Sid Arbuck. Arbuck. »Ja. Schatz!«. Gerade als er unten ange17 . Du magst mich doch. Endlich jedoch. schließlich ging er mehrere Schritte zurück.« Mr. Du magst mich doch. kramte sie auf der Suche nach dem Schlüssel in ihrer Handtasche und kümmerte sich gar nicht darum. sondern aus ästhetischen Gründen.« Er klopfte sanft an die Tür. in vornübergebeugter und drohender Haltung. sagte er. »He. als die Tür fest zugemacht wurde. dann lauter. von dir gemocht zu werden? Du magst mich doch.« »Ich bete Sie an. Schatz. das Gesicht voller Höhensonne und die Haare voller Pomade. alles deine Freunde.« »He. für fünf Leute. die ich noch nie gesehen hatte? Gibt mir das nicht das Recht. denn sie machte ihm die Tür vor der Nase zu. als sie den Schlüssel gefunden hatte und ihre Tür aufschloss. drehte sie sich kameradschaftlich zu ihm um: »Vielen Dank. nicht aus moralischen. Arbuck schaute ungläubig drein. mich nach Hause zu bringen. als wollte er sie einrennen. Harry?« »Harry war der andere. Ich bin Sid. lass mich rein. Schatz. Arbuck. Hab ich nicht die Rechnung bezahlt. Schatz. Als ihre Wohnungstür erreicht war. Er war klein und breit. Doch stattdessen stürmte er die Treppe hinunter und schlug mit der Faust gegen die Wand. Herzchen – das war sehr lieb. Mr.mich irgendwie.

wenn ein Mädchen ein bisschen Kleingeld für die Damentoilette haben möchte«. Man hätte sie für ein Photomodell oder vielleicht für eine junge Schauspielerin halten kön18 . »Ach. oder ich nehme an. bei mir zu klingeln. die Blau. denn im Laufe der nächsten Tage gewöhnte sie sich an. und ein konsequenter guter Geschmack bestimmte die Schlichtheit ihrer Kleidung. Yunioshi. »Das nächste Mal. damit ich auf den Summer drückte. Mr. ging die Tür des Mädchens auf. Da ich nur wenige Freunde hatte und keine. manchmal um zwei. aber sie schien mich nie richtig zu sehen. drei oder vier Uhr morgens: es kümmerte sie nicht im Mindesten. überhaupt nicht spaßend. Aarrbuck …« Er drehte sich um. ein Telegramm. und stets rief Miss Golightly hinauf: »Tut mir leid. Sie ging nie ohne Sonnenbrille.kommen war. dass sie es war. die so spät vorbeikommen würden. Und das. dass sie nicht mehr bei ihm klingelte. und sie streckte den Kopf heraus. zu welcher Stunde sie mich aus dem Bett holte. wusste ich immer.und Grautöne ohne Glanz. Allerdings ging ich die ersten paar Male an die Tür. es könnte eine schlechte Nachricht sein. obwohl wir auf der Treppe und auf der Straße direkt aneinander vorbeigelaufen waren. ein erleichtertes Lächeln ölte sein Gesicht: Sie hatte nur Spaß gemacht. die sie selbst so zum Leuchten brachten. rief sie. »hören Sie auf meinen Rat. aus der Befürchtung.« Natürlich waren wir uns noch nie begegnet. Herzchen – hab den Schlüssel vergessen. der die Haustür freigab. sie war immer sehr gepflegt. Herzchen: geben Sie ihr nicht bloß zwanzig Cent!« Sie hielt ihr Versprechen gegenüber Mr.

wechselten sie sich darin ab. Ich ging die Third Avenue hinunter zur Fifty-first Street. und ihr Gesichtsausdruck. von gesprächigen Papageien bewohnt zu werden. Aber der Preis betrug dreihundertfünfzig Dollar. die sich danach sehnten. Aber wenn Miss Golightly außer als Türöffner von meiner Existenz keinerlei Notiz nahm. Durch die Beo19 . eine Moschee mit Minaretten und Bambusgemächern. für keins von beidem genug Zeit blieb.und Nachtablauf zu urteilen. den ich bewunderte: ein Palast von einem Vogelkäfig. natürlich Miss Golightly. weil ich in einem so piekfeinen Etablissement dinierte. der zu Besuch weilte.nen. Auf dem Heimweg fiel mir eine Schar von Taxifahrern auf. Hin und wieder lief sie mir außerhalb unseres Viertels über den Weg. keiner davon Mr. ins »21« ein. J. die sich vor P. wo sich ein Antiquitätengeschäft befand mit einem Gegenstand im Fenster. versetzte der Erregung. Einmal lud mich ein Verwandter. ein unbewusstes Gähnen. saß Miss Golightly und kämmte sich träge. An einem anderen Abend mitten im Sommer trieb mich die Hitze aus meinem Zimmer hinaus auf die Straßen. einen Dämpfer. in aller Öffentlichkeit. auch wenn alle mit ihm austauschbar waren. die ich verspürte. die Waltzing Matilda schmetterten. so wurde ich im Laufe des Sommers ein Experte für ihre. schwebte in ihren Armen umher wie ein Seidentuch. nach ihrem Tages. die Haare. offenbar angezogen von einer fröhlichen Gruppe whiskyäugiger australischer Offiziere. und dort. Während sie sangen. Clarke’s Saloon versammelt hatten. umgeben von vier Herren. und das Mädchen. Arbuck. an einem bevorzugten Tisch. mit einem Mädchen über das Kopfsteinpflaster unter der Hochbahn zu wirbeln. nur dass ihr.

und einsam und liebe. die in jenem Sommer neu und überall zu hören waren. ja. und manchmal sang sie auch dazu. stellte ich mich still ans Fenster. Sang mit der heiseren. und dieses schien ihr das Liebste zu sein. Rauzärtliche. umherirrende Melodien mit Worten. die nach Südstaaten-Nadelwäldern oder der Prärie schmeckten. Gelegentlich holte ich mir im Vorbeigehen ein Lesezeichen heraus. Will nimmer sterben. Sie kannte alle Musicalhits. Sie spielte sehr gut. Will immer nur wandern durch des Himmels grüne Auen. besonders gern mochte sie die Songs aus Oklahoma. gebrochenen Stimme eines heranwachsenden Jungen. wo sie selbst eigentlich herkam. einem rot getigerten Kater. Eines davon ging: Will nimmer schlafen. saß dann zusammen mit der Katze. dass sie eine esoterische Zigarettenmarke namens Picayunes rauchte. denn oft sang 20 . draußen auf der Feuertreppe und schlug mit dem Daumen die Gitarre. Reiseprospekten und Horoskopzeichnungen bestand. und dass ihr vielfarbiges Haar zum Teil selbsterzeugt war. Aus derselben Quelle ging hervor. die am häufigsten auf diesen Streifen vorkamen. dass sie stapelweise Feldpostbriefe erhielt. Denk an und fehlst mir und Regen und schreib bitte und verdammte und gottverdammte waren die Wörter. Immer wenn ich diese Musik hörte. An Tagen mit starkem Sonnenlicht wusch sie sich die Haare. Aber es gab Augenblicke. Cole Porter und Kurt Weill. dass ihre regelmäßige Lektüre aus Boulevardzeitungen.bachtung des Mülleimers draußen vor ihrer Tür entdeckte ich. Außerdem hatte sie eine Katze und spielte Gitarre. Die waren immer zu Streifen zerrissen wie für Lesezeichen. während ihre Haare trockneten. da spielte sie Lieder. wo sie die gelernt hatte. von Hüttenkäse und Toast Melba lebte. bei denen man sich fragte.

die beißen. »Ich meine. wobei mir völlig schnurz ist. er ist süß. das ich aber noch nie zuvor erlebt hatte. was sie wollte. von dem ich gelesen und über das ich geschrieben hatte. sagte sie und stieg von der Feuertreppe ins Zimmer. er denkt. zum Teufel mit ihm. erst im September. Der Morgenrock war alles. dass ich ein Gefühl von Unbehagen nicht verstehen konnte. Das Gefühl. Das Gefühl. etwas geisterhaft Graues war kurz zu sehen: ich verschüttete den Whisky. wenn er nicht betrunken ist. bis ich mein Herz klopfen hörte.sie es lange nachdem ihre Haare trocken waren.« Sie schob einen grauen Flanellmorgenrock von der Schulter. beobachtet zu werden. das Fenster zu öffnen und Miss Golightly zu fragen. Ich glaube. was er denkt. dann sind es Männer. »Ich habe einen ganz schrecklichen Mann unten«. den vino zu schlucken. oh Gott. quel Biest! Wenn ich eines hasse. bin ich einfach aus dem Fenster geklettert. irgendwann wird 21 . Es dauerte ein Weilchen. wenn ein Mann beißt. um mir den Beweis dafür zu zeigen. irgendwann wird er müde. welches sich verstärkte. was passiert. was sie anhatte. Es war ein Gefühl. lange nachdem die Sonne untergegangen war und in den Fenstern elektrisches Licht aufschien. Dann: plötzlich wurde ans Fenster gepocht. »Tut mir leid. ich bin im Badezimmer. jemand ist im Zimmer. aber wenn er erst mal anfängt. Aber mit unserer Bekanntschaft ging es nicht voran. nach Hause gekommen und mit einem Bourbon-Schlaftrunk und dem neuesten Simenon zu Bett gegangen: so rundum meine Vorstellung von Gemütlichkeit. an einem Abend. Ich war im Kino gewesen. bis ich mich dazu überwinden konnte. durch den bereits die ersten kleinen Wellen herbstlicher Kühle rollten. wenn ich Sie erschreckt habe. Aber als das Biest so lästig wurde.

er einschlafen, mein Gott, muss er auch, acht Martinis vor dem Essen und genug Wein, um einen Elefanten zu waschen. Hören Sie, Sie können mich rauswerfen, wenn Sie wollen. Reichlich unverschämt von mir, hier so reinzuplatzen. Aber die Feuertreppe war verdammt eisig. Und Sie haben so gemütlich ausgesehen. Wie mein Bruder Fred. Wir haben immer zu viert in einem Bett geschlafen, und er war der Einzige, bei dem ich mich in einer kalten Nacht ankuscheln durfte. Übrigens, haben Sie was dagegen, wenn ich Sie Fred nenne?« Sie war inzwischen mitten ins Zimmer gekommen, wo sie stehen blieb und mich musterte. Ich hatte sie noch nie ohne ihre Sonnenbrille gesehen, und jetzt wurde deutlich, dass darin eingeschliffene Gläser sein mussten, denn ohne sie blinzelten ihre Augen taxierend wie die eines Juweliers. Es waren große Augen, ein bisschen blau, ein bisschen grün, gesprenkelt mit winzigen braunen Tupfen: vielfarbig wie ihre Haare; und wie ihre Haare verstrahlten sie ein lebhaftes, warmes Licht. »Wahrscheinlich halten Sie mich für sehr unverfroren. Oder très fou. Oder so was.« »Überhaupt nicht.« Sie schien enttäuscht zu sein. »Doch, das tun Sie. Das tun alle. Ich hab nichts dagegen. Es ist nützlich.« Sie setzte sich in einen der wackeligen roten Samtsessel, zog die Beine hoch und schaute sich im Zimmer um, wobei sie die Augen noch stärker zusammenkniff. »Wie können Sie das ertragen? Das ist ja ein Gruselkabinett.« »Ach, man gewöhnt sich an alles«, sagte ich und ärgerte mich über mich selbst, denn eigentlich war ich stolz auf die Wohnung. »Ich nicht. Ich werde mich nie an irgendwas gewöhnen. Alle, die’s tun, könnten genauso gut tot sein.« Ihre 22

tadelnden Augen betrachteten wieder das Zimmer. »Was machen Sie hier den ganzen Tag?« Ich zeigte zu einem Tisch, auf dem sich Bücher und Papiere stapelten. »Ich schreibe.« »Ich dachte, Schriftsteller wären ziemlich alt. Sicher, Saroyan ist nicht alt. Ich hab ihn auf einer Party kennengelernt, und er ist eigentlich überhaupt nicht alt. Also wenn er«, sagte sie nachdenklich, »sich den Schnurrbart kürzer schneiden würde … übrigens, ist Hemingway alt?« »In den Vierzigern, würde ich denken.« »Nicht schlecht. Männer erregen mich erst, wenn sie über zweiundvierzig sind. Ich kenne eine blöde Ziege, die mir immer wieder sagt, ich müsste zum Seelenklempner; sie sagt, ich habe einen Vaterkomplex. Das ist natürlich merde. Ich habe mir einfach angewöhnt, ältere Männer zu mögen, und das war das Klügste, was ich je getan habe. Wie alt ist W. Somerset Maugham?« »Ich weiß nicht genau. Über sechzig.« »Nicht schlecht. Ich bin noch nie mit einem Schriftsteller im Bett gewesen. Nein, Moment: kennen Sie Benny Shacklett?« Sie runzelte die Stirn, als ich den Kopf schüttelte. »Komisch. Er hat fürchterlich viel fürs Radio geschrieben. Aber quel rat. Sagen Sie, sind Sie ein richtiger Schriftsteller?« »Das hängt davon ab, was Sie unter richtig verstehen.« »Na, Herzchen, kauft irgendjemand das, was Sie schreiben?« »Noch nicht.« »Ich werde Ihnen helfen«, sagte sie. »Doch, das kann ich. Denken Sie bloß an all die Leute, die ich kenne, die ihrerseits Leute kennen. Ich werde Ihnen helfen, weil Sie wie mein Bruder Fred aussehen. Nur kleiner. Ich hab ihn 23

nicht mehr gesehen, seit ich von zu Hause weggegangen bin, da war ich vierzehn und er schon eins achtundachtzig. Meine anderen Brüder sind eher so groß wie Sie, also kleine Stöpsel. Es war die Erdnussbutter, die Fred so groß gemacht hat. Alle hielten es für verrückt, wie er sich mit Erdnussbutter vollgestopft hat; ihn kümmerte nichts auf der Welt, nur Pferde und Erdnussbutter. Aber er ist nicht verrückt, nur lieb und verträumt und schwer von Begriff; er war seit drei Jahren in der achten Klasse, als ich abgehauen bin. Ich hoffe bloß, die Armee ist großzügig mit ihrer Erdnussbutter. Wobei mir einfällt, ich sterbe vor Hunger.« Ich zeigte auf eine Schale mit Äpfeln und fragte sie gleichzeitig, wie und warum sie so früh von zu Hause weggegangen war. Sie sah mich verständnislos an und rieb sich die Nase, als juckte sie: eine Geste, die ich nach vielen Wiederholungen als ein Zeichen dafür erkannte, dass ihr etwas zu weit ging. Wie viele Menschen mit einer ausgeprägten Neigung, freiwillig vertrauliche Informationen anzubieten, machte sie alles, was einer direkten Frage, einem Festnageln gleichkam, argwöhnisch. Sie biss in einen Apfel und sagte: »Erzählen Sie mir etwas, was Sie geschrieben haben. Die Handlung.« »Das ist eine der Schwierigkeiten. Was ich schreibe, lässt sich nicht so ohne weiteres erzählen.« »Zu unanständig?« »Vielleicht gebe ich Ihnen mal eine Erzählung zu lesen.« »Whisky und Äpfel passen zusammen. Gießen Sie mir welchen ein, Herzchen. Dann können Sie mir eine vorlesen.« Sehr wenige Autoren, besonders nicht die unveröffentlichten, können einer Einladung widerstehen, vorzulesen. 24

bedeckte ein verräterischer Film ihre Augen. ob sie die Schuhe kaufen sollte. »Ist das das Ende?«. ich hatte sie am Tag zuvor beendet. fragte sie und wachte auf. worum zum Teufel geht es dann?« Aber ich hatte keine Lust. Aber Geschichten über Lesbierinnen langweilen mich zu Tode. die Erzählung vorgelesen zu haben. mit etwas zittriger Stimme durch eine Kombination aus Lampenfieber und Begeisterung: es war eine neue Erzählung. »Also Lesbierinnen selbst mag ich. hirnlose Angeberin abzutun. die zu dieser Bloßstellung geführt hatte. und jedes Mal zog sich mein Herz zusammen. »wenn es darin nicht um zwei kesse Väter geht. Während ich las. Herzchen«.Ich goss uns beiden einen Whisky ein. zwang mich jetzt. Holly als unsensible. Dieselbe Eitelkeit. Sie zerpflückte die Zigarettenstummel im Aschenbecher. als ich endlich ihr Interesse gewonnen zu haben schien. sagte sie. Lehrerinnen. mit anonymen Briefen einen Skandal auslöst. Also wirklich. von denen die eine. durch die weitere Peinlichkeit zu verschlimmern. Sie suchte nach weiteren Worten. Sie zappelte herum. warf ich hin und wieder einen verstohlenen Blick auf Holly. als sehnte sie sich nach einer Feile. »Übrigens«. schlimmer noch. als die andere sich verlobt. sie zu erklären. Sie machen mir überhaupt keine Angst. Ich kann mich einfach nicht in sie hineinversetzen. als überlegte sie. sagte sie. und das unvermeidliche Gefühl der Unzulänglichkeit hatte sich noch nicht einstellen können. »kennen Sie zufällig irgendwel25 . ließ mich in einem Sessel ihr gegenüber nieder und begann. sie betrachtete ihre Fingernägel. den Fehler. die sie in einem Schaufenster gesehen hatte. der die Heirat verhindert. Sie handelte von zwei Frauen. weil ich völlig ratlos dreinschaute. die sich ein Haus teilen.

es scheint sie anzuspornen. »Das ist ja grauenhaft. Meistens heiraten Lesbierinnen nur einmal. die ganze Arbeit zu tun. Ich bin schrecklich unordentlich. ich muss auch ein Stück weit andersrum sein. aber ich kann mir einfach kein Dienstmädchen leisten. Nehmen Sie nur den Einsamen Reiter. sagte sie und setzte sich stöhnend wieder hin. Es scheint sehr viel Ansehen mit sich zu bringen. hinterher Mrs. Ich hatte in Hollywood eine Mitbewohnerin. Eine Sonnenaufgangsbrise plusterte die Vorhänge. Das ist nicht wahr!« Sie starrte den Wecker auf dem Tisch an. »Es kann nicht halb fünf sein!« Das Fenster wurde blau. aber eines muss ich ihr lassen. um nicht neugierig zu sein. »Welcher Tag ist heute?« »Donnerstag. Alle sind das: ein Stück weit. die hat in Wildwestfilmen mitgespielt.che netten Lesbierinnen? Ich suche eine Mitbewohnerin.« Ich war müde genug. im Gegenteil.« »Donnerstag. »Mein Gott«. Sowieso zu heißen. und Lesbierinnen sind eigentlich wunderbare Hausfrauen. Na und? Das hat noch keinen Mann abgeschreckt. man braucht sich nie darum zu kümmern. um des Namens willen. auszufegen oder den Kühlschrank abzutauen oder die Wäsche wegzubringen. die ist zum zweiten Mal verheiratet. und alle nannten sie den Einsamen Reiter.« Sie stand auf. Und natürlich bin ich das. Ich legte mich aufs Bett und schloss die Augen. Natürlich haben viele Leute gedacht. Trotzdem war es unwiderstehlich: »Was ist so grauenhaft am Donnerstag?« 26 . sie lieben es. Lachen Sie nicht. sie war besser als ein Mann im Haus.

»Alle Besucher geben sich wirklich Mühe. und das wäre mir viel lieber. die die Frauen mitbringen. und ich liebe sie dafür. wann er kommt. auch die alten und die ganz armen. ich würde aussehen wie schwindsüchtig. Es müsste traurig sein. Nur dass ich nie genau weiß. aber das ist es nicht. Am Donnerstag muss ich nämlich den Acht-Uhrfünfundvierzig erwischen. wie eine verfallende Mietskaserne. Die nehmen es sehr genau mit der Besuchszeit. Ich muss unbedingt wach bleiben«. Man kann auch um zwei hin. man könnte meinen. bis darauf rote Rosen erblühten. besonders die farbigen. es gibt gleich Eiscreme. aber er legt Wert darauf. so gut wie möglich auszusehen. er sagt. und die Kinder können sich draufstellen.« »Da gebe ich Ihnen Recht. und das ist so lieb. finsteres Geflüster durch ein Gitter. und das wäre ganz gemein: man kann einfach nicht mit grünem Gesicht in Sing-Sing erscheinen. Stellen Sie sich das vor.« Meine Wut auf sie wegen meiner Erzählung ebbte ab. Mittagessen um elf. sie fesselte mich wieder. da27 . Ich liebe auch die Kinder. sie geben sich die größte Mühe. sagte sie und kniff sich in die Wangen. wenn man also um zehn da ist. Jedenfalls ist es nicht wie im Film: Sie wissen schon. Kinder dort zu sehen. nur einen Tresen zwischen uns und denen. Es gibt kein Gitter. schön auszusehen und auch gut zu riechen. ich meine. Ich meine die Kinder. um zu schlafen. und manchmal ist es auch so im Besucherraum. sie haben Schleifen im Haar und blank geputzte Schuhe. wie die Frauen ihre hübschesten Sachen tragen. das richtet ihn für den ganzen Tag auf. bleibt einem eine Stunde.»Nichts. bevor die armen Männer zum Mittagessen müssen. »es bleibt nicht genug Zeit. dass ich morgens komme. es ist ganz rührend. wie auf einem Fest.

»Ich sehe sie im Zug. sie haben sich so viel zu erzählen aufgehoben. was das angeht. Er heißt Sally Tomato. Aber 28 . Deshalb möchte ich. aber er ist ein lieber alter Mann. Nicht ausdrücklich. und ich spreche besser Jiddisch als er Englisch. sie freuen sich so. Was ich am liebsten mag. Natürlich war er nie mein Liebhaber. Hören Sie zu. Holly musste sich mit dem Versuch zufrieden geben.« »Das weiß ich. wie der Fluss vorbeizieht. Schlafen Sie ein. sagte sie und nahm sich noch einen Apfel. sich zu sehen.« Sie kaute stumm an ihren Haaren. ob das ganz korrekt wäre. er sagt.mit sie umarmt werden können. Ich bin nicht sicher. als er schon im Gefängnis saß. er betet jeden Abend für mich. »Die haben mir nicht verboten. werde ich Ihnen von Sally erzählen. schrecklich fromm. »Ich halte Sie wach. Es interessiert mich.« Sie steckte eine Haarsträhne in den Mundwinkel und kaute nachdenklich darauf herum. ich habe ihn erst kennengelernt. Sie lachen immer wieder und halten sich bei den Händen. Sie sitzen still da und schauen. braucht man sich nur vorzubeugen. Und es ist komisch. und um sich zu küssen. dass Sie einschlafen. Fred«. Denn wenn ich weitermache. »dass Sie in den Zeitungen von ihm gelesen haben.« »Bitte. »Kann sein«. Hinterher ist es anders«. sagte sie. es jemandem zu erzählen. sagte sie mit dem Mund voll Apfel. Vielleicht können Sie es in einer Geschichte mit anderen Namen und so weiter unterbringen. es kann gar keine Langeweile aufkommen. Ohne seine Goldzähne würde er aussehen wie ein Mönch. »Sie müssen die Hand aufs Herz legen und Ihren Ellbogen küssen …« Vielleicht können Schlangenmenschen ihren Ellbogen küssen.

›Herzchen. wenn ich mich zurückerinnere. meine Schulden einzutreiben. Ich hab ihm gesagt. Aber ich bin das Risiko eingegangen und hab mich mit diesem Rechtsanwalt verabredet (wenn er überhaupt einer ist. die um die Ecke: hat nie mit irgendwem geredet. dann wird mir klar.jetzt bete ich ihn an. Er hat mich gefragt. wie ein Mann. Da stand drin. das Kaufhaus Bergdorf versucht. Der ist faulig«. um etwas zu meinen Gunsten zu erfahren. ich sollte mich sofort an ihn wenden. wie es mir gefallen würde. schließlich besuche ich ihn seit sieben Monaten jeden Donnerstag. was ich bezweifle. und er will sich immer im Hamburger-Himmel mit einem treffen: weil er nämlich so dick ist. stand einfach da. und ich glaube. nur ein Telefon mit Auftragsdienst. die Schwarze Hand. sagte sie und warf den Rest des Apfels aus dem Fenster. denn gleich nach seiner Verurteilung (Joe Bell hat mir sein Photo in der Zeitung gezeigt. »Übrigens. er kann zehn Hamburger verdrücken und zwei Schalen mit eingelegtem Gemüse und einen ganzen Zitronenbaiserkuchen). Er ist immer in Joe Bells Bar gekommen. da er gar kein Büro zu haben scheint. wie genau er mich beobachtet haben muss. Ich hab damit gerechnet. wenn ich von ihm kein Geld dafür kriegte. die Mafia. ich würde sogar hinfahren.« »Haben Sie gedacht. ich bin keine Kran29 . der nur in Hotelzimmern lebt. aber nur vom Sehen. jemand hätte Ihnen eine Million vermacht?« »Überhaupt nicht. All solch Quatsch: aber er hat fünf Jahre bekommen) kam das Telegramm von seinem Rechtsanwalt. ich kannte Sally schon. Sie haben die falsche Miss Golightly erwischt. Aber es ist komisch. einen einsamen alten Mann aufzuheitern und gleichzeitig hundert Dollar die Woche einzustecken.

Nur Nachrichten. Mr. mit einem Gang zur Damentoilette kann man genauso viel verdienen: jeder Mann mit ein bisschen Geschmack gibt einem fünfzig fürs Klo. »In den Gesetzesbüchern steht bestimmt was über eine falsche Identität.« »Oh.« Sie lächelte. Sie können in große Schwierigkeiten geraten«. fragte sie ernsthaft. die ich bei dem Auftragsdienst 30 .« »Ich weiß nicht. es geht nicht. Sie sind schließlich nicht seine Nichte. denn inzwischen war der Morgen im Zimmer. »Wieso?«. »Ach. sagte ich und knipste eine Lampe aus. Aber dann hat er mir gesagt. dass irgendwer einen Gefangenen besucht. die nebenbei Nummern schiebt. ich lüge?« »Zum einen. und ich verlange immer noch Taxigeld. Ich bin angeblich seine Nichte. wenn ich ihn jede Woche einmal besuchen würde. sie wurde nicht mehr gebraucht. das lassen die nicht zu.« »Ich glaube. das tun die auch nicht. »Sie glauben. und Tauben gurgelten auf der Feuertreppe. O’Shaughnessy schickt es mir in bar. Die haben einen Heidenaufstand gemacht. Er hat gesagt. sein Rechtsanwalt. es war zu romantisch. der liebe alte Sally hätte mich schon lange à la distance bewundert. also wäre es doch eine gute Tat. sein Klient ist Sally Tomato. sobald ich den Wetterbericht hinterlasse. Da konnte ich nicht nein sagen. das sind noch mal fünfzig. Und was ist mit diesem Wetterbericht?« Sie hielt kurz die Hand vor ein Gähnen.« »Und das ist so einfach? Für eine Stunde Unterhaltung gibt er Ihnen hundert Dollar?« »Er nicht.kenschwester. Es hört sich nicht richtig an. das ist nichts.‹ Ich war auch nicht von seinem Honorarangebot beeindruckt.

dem Freitag. »Armer Fred«. als sie die Hand auf meinen Arm legte. »Wo bist du. »Haben Sie was dagegen? Ich möchte mich nur einen Moment ausruhen. Mille tendresse – Holly. Bitte verzeihen Sie gestern Nacht. damit Mr. »ich hasse Schnüffelnasen. die volle Stunde. hingekritzelt mit einer kapriziös ungeschickten Kindergartenhandschrift: Vielen Dank. Ich werde Sie nicht mehr behelligen.S. Fred? Es ist so kalt. atmete schwer und regelmäßig. nach Hause kam. ›Auf Kuba ist ein Wirbelsturm‹ und ›Es schneit in Palermo‹. dann legte sie sich neben mich. was ich sagen soll. »Warum weinen Sie?« Sie schrak zurück. auf Reisen: und auf der Rückseite stand. »ich passe schon seit langer Zeit auf mich selber auf. Sally sagt mir. P. lieber Fred. sagte sie und kam ans Bett. Schlafen Sie. ach. Also sagen wir jetzt kein Wort mehr. »Verdammt noch mal«. Es war sechs. mit ihrer Karte: Miss Holiday Golightly.hinterlasse. doch sie tat es nicht. um mich ja nicht zu wecken.« Das Morgenlicht schien sich in ihr zu brechen: als sie die Bettdecke bis an mein Kinn hochzog. eine warme. Herzchen«.« Ich tat so. als ob. Der Wind riecht nach Schnee. flüsterte sie. Sie waren ein Engel in allem. Die Glocken im Turm der Kirche nebenan schlugen die halbe Stunde. schimmerte sie wie ein durchsichtiges Kind.« Dann ruhte ihre Wange an meiner Schulter. Ich 31 . feuchte Last.« Als ich am nächsten Tag. sagte sie und ging zum Fenster und der Feuertreppe. eine zarte Berührung. setzte sich auf. und sie schien zu mir zu sprechen. Sachen wie. Keine Sorge. O’Shaughnessy sicher sein kann. fand ich vor meiner Wohnungstür einen Luxuspräsentkorb von Charles & Co. dass ich da war.

Ein Wesen öffnete die Tür. dass sie zum Äußersten gegriffen und sich einen Haustürschlüssel besorgt hatte. ich sah und hörte nichts mehr von ihr. und während ein Tag nach dem anderen verstrich. was ich mir leisten konnte. Sein kahler. ohne diese hinzugefügten Zentimeter hätte man ihn für einen Gnom halten können. an eine Welt. sommersprossiger Schädel war übergroß: daran saßen zwei spitz zulaufende. Können Sie heute Abend so um 6 auf einen Drink vorbeischauen? Ich wartete bis zehn nach sechs. begann ich. Aber offenbar hatte sie es ernst gemeint. Am nächsten Morgen belohnte sie mich mit einer zweiten Notiz in dieser Laufställchen-Schrift: Vielen Dank. Jedenfalls klingelte sie nicht mehr bei mir. Eine beunruhigende Einsamkeit trat in mein Leben. einem Sträußchen Straßenhändler-Veilchen. dass Sie mich daran erinnert haben. in der Männer für die Damentoilette fünfzig Dollar herausrücken. an Sing-Sing und Sally Tomato.antwortete: Doch. so hartnäckig heim. zuckerfreie Diät. Spätestens am Mittwoch suchten mich Gedanken an Holly. Er roch nach Zigarren und nach Knize-Parfüm. dass ich nicht arbeiten konnte. wahrhaft koboldhafte Ohren. Er hatte Pekinesenaugen. noch fünf Minuten zu vertrödeln. gegen sie einen an den Haaren herbeigezogenen Groll zu hegen. und ich nahm an. Seine Schuhe wurden von hohen Hacken geziert. als würde ich von meinem besten Freund vernachlässigt. Das fehlte mir regelrecht. dann zwang ich mich. erbarmungslos und leicht hervor32 . die ich schon länger kannte: die kamen mir jetzt vor wie eine salzlose. bitte und ließ diese Nachricht an ihrer Tür mit dem. Am Abend hinterließ ich in ihrem Briefkasten eine Nachricht: Morgen ist Donnerstag. aber sie weckte keinen Hunger nach Freunden.

Der Mann räusperte sich. um ihn zu entwarnen. seine Wangen waren grau von Nachmittagsbartwuchs. auf einer anderen eine Lampe. Ich erwärmte mich sofort für dieses Zimmer. sogar wenn sie genug Kies hat. Ein Bücherregal. Unglaublich. »Hier kommen viele her. sagte er und zeigte mit einer Zigarre zu dem Geräusch von zischendem Wasser in einem anderen Zimmer. Aber die Kleine weiß nicht zu leben.« »Sie kennen sie also noch nicht lange?« »Ich wohne oben drüber. und sein Händedruck war fast pelzig. »Haben Sie denselben Grundriss?« »Viel kleiner. das die Wand bedeckte. wie ein 33 . »Werden Sie erwartet?« Mein Nicken genügte ihm nicht. metallischen Rhythmus.« Seine Sprechweise hatte einen abgehackten. als sei jemand gerade erst eingezogen. ich mochte das Unstete daran. Kennen Sie die Kleine schon lange?« »Nicht sonderlich. »Die Kleine ist unter der Dusche«. erkundende Einschnitte vor. Haarbüschel sprossen aus seinen Ohren und seiner Nase. man erwartete den Geruch von feuchter Farbe. Koffer und unausgepackte Kisten waren die einzigen Möbel. die nicht erwartet werden. ein Liberty-Telefon. Auf einer befanden sich die Zutaten für Martinis. »Die reinste Bruchbude. wirkte. Hollys roter Kater und eine Vase mit gelben Rosen. Das Zimmer.« Diese Antwort schien Erklärung genug zu sein. Seine kalten Augen legten mich auf den Operationstisch. weil es keine Sitzgelegenheiten gab).quellend. in dem wir standen (und wir standen.« Er schnippte Asche auf den Fußboden. nahmen glatte. prahlte mit einem halben Brett voll Literatur. Die Kisten dienten als Tisch.

alle mögen sie. sie war nicht davon begeistert. Also zum Beispiel – wer ist sie so. Bringen Sie sie dazu. Man kann sie ihr nicht ausreden. Aber ich will Ihnen die Wahrheit sagen. selbst der hat das Handtuch geworfen. aber es gibt viele. Benny Polan.« »Sie haben Unrecht. als Sie Zehen haben: und diese Mädels. und sie serviert einem auf silbernem Tablett gequirlte Kacke. die sie nicht mögen. denn sie ist ein echter falscher Fünfziger. sagte er. Ich bin sensibel. Ich hab’s öfter passieren sehen. an das sie glaubt. an den sie glaubt. Sogar zu dem berühmten. Ich mag die Kleine wirklich. sagte er. Sie glaubt all den Quatsch. als wollte er etwas Ungreifbares zermalmen – »Ideen. Man muss sensibel sein. um Sinn für sie zu haben: eine poetische Ader. Sie ist meschugge. »was meinen Sie: ist sie’s oder ist sie’s nicht?« »Ist sie was?« »Ein falscher Fünfziger.Fernschreiber. Sie ist ein falscher Fünfziger. deshalb. die kurz in der Zeitung stehen wird. der überall geachtete Benny Polan hat’s versucht. sie zu Seelenklempnern zu schicken. Mann. diese« – er ballte die Faust. Ihnen einiges von dem Zeug zu erzählen. »ich mag die Kleine. sie zu heiraten. Verstehen Sie mich recht«.« 34 . Ich hab’s mit Tränen in den Augen versucht. wenn sie am Grunde eines Röhrchens Veronal ihr Ende gefunden hat. Benny hatte im Sinn. Aber andererseits haben Sie Recht. Sie ist kein falscher Fünfziger. der nur Deutsch spricht. also hat Benny Tausende dafür ausgegeben. Versuchen Sie’s mal bei Gelegenheit. Man kann sich ihretwegen das Hirn zermartern. Man kann’s ihr nicht ausreden. Ich mag sie. die waren noch nicht mal meschugge. »Na«. wenn man hinschaut? Streng genommen eine.« »Das würde ich nicht denken.

Und noch mit sehr viel Jugend vor sich.»Aber jung. Aber das war vor Dr. Wie sich herausstellte. Sie treibt sich jeden Tag auf der Pferderennbahn rum. sie ist die Mieze von einem Jockey. Holly war kein Star. J. dass ich seinen Namen kannte. Sie interessiert mich: beruflich. da gab’s eine Zeit. Sie hatte was am Laufen. vielleicht weiß sie es selbst 35 . und ich tat ihm den Gefallen. sogar wenn sie den Mund aufmacht und man einfach nicht weiß. Ich kriege raus. Und meine Vermutung ist. wo sie herkommt. »Ich war der Erste. Aber wenn man aus so was aussteigt. »O. die waren an ihr interessiert. sie kommt rüber. dann ist man ein für allemal draußen. Ich weiß es jedenfalls immer noch nicht. haben Sie wieder Unrecht.« »Wenn Sie Zukunft meinen.« Er zeigte mit der Zigarre auf sich selbst. denn ich war derjenige. der sich für sie stark gemacht hat. J. sie lebt mit dem Hänfling zusammen. drüben an der Westküste. es machte mir nichts aus. Sicher. Und die Rainer war ein Star. Draußen in Santa Anita. wenn du dich nicht mit der Sittenpolizei unterhalten willst: das Mädel ist nämlich erst fünfzehn. war er Agent für Hollywoodschauspieler. dass keiner je erfahren wird. Da hätte sie das richtig große Geld machen können. nur dass ich noch nie etwas von O. Also vor ein paar Jahren. Ich muss es wissen. sie hätte das große Geld machen können. Ich biege dem Jockey bei: Lass die Finger von ihr. wo’s anders aussah. Berman.« Er erwartete. Sie ist nie über Standphotos hinausgekommen. Berman gehört hatte. Wassells Flucht aus Java. Sogar wenn sie so starke Gläser trägt. dem sie aufgefallen ist. Aber sie hat Stil: sie hat Klasse. ob sie vom platten Land kommt oder aus Oklahoma oder von sonst wo. Fragen Sie Luise Rainer. Sie ist solch eine gottverdammte Lügnerin.

schon gar nicht mehr. Aber wir haben ein Jahr gebraucht, um ihr diesen Akzent auszutreiben. Wie wir’s schließlich geschafft haben, wir haben ihr Französischstunden gegeben: nachdem sie Französisch nachahmen konnte, hat’s nicht mehr lange gedauert, und sie konnte Englisch nachahmen. Wir haben sie auf den Margaret-Sullivan-Typ getrimmt, aber sie hatte auch selbst einige Tricks drauf, die Leute waren interessiert, wichtige Leute, und um das Maß vollzumachen, will Benny Polan, ein geachteter Mann, sie heiraten. Was kann ein Agent sich Besseres wünschen? Dann peng! Dr. Wassells Flucht aus Java. Haben Sie den Film gesehen? Cecil B. DeMille. Gary Cooper. Himmelarsch. Ich reiße mich in Stücke, alles ist festgezurrt: sie werden mit ihr Probeaufnahmen für die Rolle von Dr. Wassells Stationsschwester machen. Eine von seinen Stationsschwestern jedenfalls. Dann peng! Das Telefon klingelt.« Er nahm einen Telefonhörer aus der Luft und hielt ihn ans Ohr. »Sie sagt, hier ist Holly, ich sage, Schatz, du klingst so weit weg, sie sagt, ich bin in New York, ich sage, was zum Teufel machst du in New York, wo Sonntag ist und du morgen die Probeaufnahmen hast? Sie sagt, ich bin in New York, weil ich noch nie in New York war. Ich sage, setz dich ins nächste Flugzeug und komm zurück, sie sagt, ich will das nicht. Ich sage, was denkst du dir dabei, Puppe? Sie sagt, man muss es wollen, um gut zu sein, und ich will das nicht, ich sage, was zum Teufel willst du dann, und sie sagt, wenn ich’s herausfinde, wirst du der Erste sein, der’s erfährt. Verstehen Sie jetzt, was ich meine: gequirlte Kacke auf einem silbernen Tablett.« Der rote Kater sprang von der Kiste herunter und rieb sich an seinem Bein. Er schob den Schuh unter den Kater und schleuderte ihn fort, was abscheulich von ihm war, 36

allerdings schien er den Kater gar nicht zu bemerken, sondern nur seine eigene Verärgerung. »Das will sie also?«, sagte er und breitete die Arme aus. »Irgendwelche Leute, die nicht erwartet werden. Von Trinkgeldern leben. Sich mit Nieten rumtreiben. Na, vielleicht kann sie ja Rusty Trawler heiraten. Soll man ihr dafür einen Orden verleihen?« Er wartete und starrte mich finster an. »Tut mir leid, den kenne ich nicht.« »Wenn Sie Rusty Trawler nicht kennen, dann wissen Sie nicht viel von der Kleinen. Schade«, sagte er und schnalzte in seinem riesigen Kopf mit der Zunge. »Ich hatte gehofft, vielleicht haben Sie Einfluss. Können mit der Kleinen Klartext reden, bevor’s zu spät ist.« »Aber Sie haben doch behauptet, es ist schon zu spät.« Er blies einen Rauchring, ließ ihn zergehen und lächelte; das Lächeln veränderte sein Gesicht, sodass etwas Sanftes darauf geschah. »Ich könnte den Karren wieder flottmachen. Wie ich Ihnen schon gesagt habe«, sagte er, und jetzt klang es ehrlich, »ich mag die Kleine wirklich.« »Was für Skandalgeschichten erzählst du herum, O. J.?« Holly platschte ins Zimmer, nur mit einem Handtuch bekleidet, das sie sich mehr oder weniger umgewickelt hatte, und hinterließ auf dem Boden nasse Fußstapfen. »Nur das Übliche. Dass du meschugge bist.« »Das weiß Fred schon.« »Aber du noch nicht.« »Zünd mir eine Zigarette an, Herzchen«, sagte sie, rupfte sich die Badekappe vom Kopf und schüttelte ihre Haare aus. »Dich meine ich nicht, O. J. Du bist ein Ferkel. Du sabberst sie immer voll.« 37

Sie hob den Kater hoch und schwang ihn sich auf die Schulter. Er blieb dort hocken wie ein Vogel, die Pfoten in ihren Haaren verhakt, als seien sie Strickgarn; und doch, trotz dieser possierlichen Pose war er ein grimmiger Kater, mit dem Mördergesicht eines Piraten; ein Auge war klebrig-blind, das andere funkelte voll finsterer Taten. »O. J. ist ein Ferkel«, sagte sie zu mir und nahm die Zigarette, die ich angezündet hatte. »Aber er weiß schrecklich viele Telefonnummern auswendig. Wie ist die von David O. Selznick, O. J.?« »Hör auf.« »Das ist kein Witz, Herzchen. Ich will, dass du ihn anrufst und ihm erzählst, was Fred für ein Genie ist. Er hat haufenweise absolut großartige Geschichten geschrieben. Du musst nicht rot werden, Fred: Du hast nicht gesagt, dass du ein Genie bist, ich hab’s gesagt. Komm schon, O. J. Was wirst du tun, um Fred reich zu machen?« »Vielleicht lässt du mich das mit Fred klären.« »Denk dran«, sagte sie, als sie uns verließ. »Ich bin seine Agentin. Ach, noch was: wenn ich rufe, komm und mach mir den Reißverschluss zu. Und wenn einer klopft, lass ihn rein.« Es klopfte nicht nur einer, es klopften viele. Innerhalb der nächsten Viertelstunde machte sich in der Wohnung ein Herrenabend breit, wobei einige der Herren Uniform trugen. Ich zählte zwei Marineoffiziere und einen Luftwaffenoberst; aber sie gerieten bald in die Unterzahl gegenüber ergrauenden Ankömmlingen jenseits der Wehrpflicht. Bis auf den Mangel an Jugend hatten die Gäste nichts miteinander gemein, sie schienen Fremde unter Fremden zu sein; und auf jedem neuen Gesicht, das ein38

unter die Menge. während seine Lippen. machte Leute miteinander bekannt und bediente das Grammophon. der Rest um Baseball. sein Gesicht. mehr als die Hälfte der Bücher darin drehten sich um Pferde. zum Versohlen einladenden Hintern zu kaschieren. Berman. wenn auch ständig bereit zu Geschrei und Wutanfällen. Es war. was wahrscheinlich stimmte. als sei er geboren worden und habe sich dann ausgedehnt. Nach dem anfänglichen Stirnrunzeln mischten sie sich jedoch. durch die er aus dem Rahmen fiel. ohne zu murren. Er war ein über vierzig Jahre altes Kind. Gerechterweise muss jedoch er39 . Bald fiel mir einer davon besonders auf. Ich strandete am Bücherregal. besonders O. das nie seinen Babyspeck abgelegt hatte. Hollys Freunde in Augenschein zu nehmen. J. wobei seine Haut so faltenlos geblieben war wie ein aufgeblasener Luftballon. Es war vielmehr sein Verhalten. süßen Schmollmündchen geschürzt waren. machte sich die Enttäuschung breit. was mir genug Gelegenheit gab. der sich gierig auf alle Neuen stürzte. um zu vermeiden. winzigen Zügen. Sein Körper wies nicht die geringste Andeutung von Knochen auf. zu einem verwöhnten. denn er benahm sich. gefüllt mit hübschen. konservierte Kleinkinder sind gar nicht so selten. hatte etwas Unbenutztes. schon andere dort zu sehen. Jungfräuliches an sich: es war. seinen fetten. Ich heuchelte Interesse an dem Riecher für Pferde und wie man ihn entwickelt. als sei es seine Party: Wie ein rühriger Krake mixte er Martinis.trat. obwohl es einem begabten Schneider fast gelungen war. Doch es war nicht seine Erscheinung. als hätte die Gastgeberin ihre Einladungen auf einem Zickzackkurs durch etliche Bars ausgeteilt. mit mir über meine Hollywood-Zukunft reden zu müssen. eine Null.

sondern auch zu einem Millionär und einer Berühmtheit gemacht hatte. Ein eifersüchtiger Mann hätte die Beherrschung verlieren können. alles im Alter von fünf Jahren. der sich zum Feuersturm ausgewachsen hatte. wie sie im Zimmer umhersegelte. Im Jahre 1908 hatte er beide Eltern verloren. sie habe an Bord seiner Jacht eine Meuterei angezettelt. wobei sein Hauptvorwurf darin bestand. die Schadenersatzkosten nach sich ziehen. als er. veranlasste. Trawler scheiden lassen.wähnt werden. Der Mann hieß Rutherfurd (»Rusty«) Trawler. mit der einen Hand den Kater haltend. Seitdem war er ein Dauerbrenner der Sonntagsbeilagen gewesen. dass ihm die meisten seiner Tätigkeiten von der Gastgeberin selbst befohlen wurden: Rusty. doch die andere frei. Seine erste Frau hatte sich mitsamt ihrer Abfindung zu einem Rivalen von Father Divine verfügt. die mit seiner Aussetzung 40 . noch im Schuljungenalter. so hatte er seine Eifersucht gut im Griff. der Luftwaffenoberst trug einen Orden. so. der auf Hochglanz poliert wurde. dass sein Patenonkel-Vormund der Homosexualität angeklagt und in Gewahrsam genommen wurde. würdest du bitte. Rusty. Er selbst hatte sich dann von der letzten Mrs. Danach sicherten ihm eine Heirat und eine Scheidung in der Boulevardpresse einen Platz an der Sonne. Falls er sie liebte. mit einer ganzen Mappe voll Anschuldigungen von der Art. aber die dritte war im Staate New York gegen ihn vor Gericht gezogen. Von der zweiten Frau scheint nichts überliefert zu sein. sein Vater war einem Anarchisten zum Opfer gefallen und seine Mutter einem Schock. welches doppelte Unglück Rusty nicht nur zu einer Waise. um Krawatten zu richten oder Schuppen von Schultern zu entfernen. würde es dir was ausmachen.

ich würde vergessen. falls Hitler es nicht tat. Ich sagte: »Wie lautete diese Woche der Wetterbericht?« Sie zwinkerte mir zu. dass sie je Sally Tomato erwähnt hatte. Rusty Trawler und Holly Golightly amüsieren sich prächtig in der Uraufführung von One Touch of Venus. aber Baseball kann ich nicht ausstehen«. »Ich hasse Baseballreportagen im Radio. Es gibt so wenige Dinge. während sie mir über die Schulter spähte. und im Unterton ihrer Stimme teilte sie mir mit. aber es war nicht lustig gemeint. warum Winchell ihn immer als Nazi bezeichnete. Holly näherte sich mir von hinten und erwischte mich bei folgender Lektüre: Miss Holiday Golightly von den Bostoner Golightlys macht jeden Tag zu einem Festtag für den 24-karätigen Rusty Trawler. fragte sie und rückte ihre Sonnenbrille zurecht. oder bist du bloß ein Baseballfan?«. über die Männer reden können. dass er Versammlungen in Yorkville besuchte. zusammen mit Ausschnitten aus Klatschkolumnen. Obwohl er seitdem Junggeselle geblieben war. »Bewunderst du meine Presse. einem weiteren Band aus Hollys Bücherregal. Wenn ein 41 . das und die Tatsache. sie zu heiraten. so hieß es. zumindest soll er ihr ein Überseetelegramm geschickt haben mit dem Angebot.auf den Dry Tortugas endete. aber ich muss sie mir anhören. das gehört zu meinen Studien. war der Grund. Das. »Ich bin sehr für Pferde. den sie offenbar als Sammelalbum benutzte. Diese Dinge wurden mir nicht erzählt. Ich las sie in dem Baseballführer. hatte er offenbar vor dem Krieg Unity Mitford einen Heiratsantrag gemacht. Zwischen den Seiten steckten Reportagen aus Sonntagsbeilagen. sie wünschte. sondern eine Warnung. sagte sie.

»Aber er hat nicht ganz Unrecht. um an mir ein paar Verbesserungen vorzunehmen: Ich wusste verdammt genau. J. Nicht weil sie mir die Rolle gegeben hätten. Er kann dir wirklich helfen. wusstest du seine Hilfe nicht sonderlich zu würdigen. Fred. »Geh rüber zu ihm und mach ihn glauben. Und wie kommst du mit O. Ich meine damit nicht. sagte sie und warf Berman quer durchs Zimmer einen liebevollen Blick zu. dass er nicht komisch aussieht. und gut gewesen wäre ich auch nicht. gehen angeblich Hand in Hand. oder weil ich gut gewesen wäre: Ich hätte sie nicht bekommen.« »Ich glaube dir.« Sie schien ratlos.Mann Baseball nicht mag. fettes Ego haben. dabei ist es in Wirklichkeit unbedingt notwendig. dann wahrscheinlich. Wenn ich ein schlechtes Gewissen habe. dann bin ich sowieso in Schwierigkeiten: er mag keine Mädchen. ist es zu peinlich. dass ich was dagegen 42 . voran?« »Wir haben uns in gegenseitigem Einvernehmen getrennt. Aber was habe ich ihm zu bieten. Ich habe bloß auf Zeit gespielt. wogegen ich überhaupt nicht geträumt habe. Es ist zu schwer. und wenn man intelligent ist.« »Er ist eine Chance für dich.« »Wie ich höre. bis ich sagte: »Doktor Wassells Flucht aus Java.« »Reitet er immer noch darauf herum?«. überhaupt kein Ich zu haben. weil ich ihn habe weiterträumen lassen. ich müsste ein schlechtes Gewissen haben. dann muss er Pferde mögen. glaub mir. und wenn er beides nicht mag. Meine Komplexe sind nicht minderwertig genug: Filmstar sein und ein dickes. das er als Chance für sich betrachten würde?« Sie blieb dabei. ich werde nie ein Filmstar.

Sie sehen erst bei sehr alten Frauen richtig gut aus. Aber ich habe kein Recht. wo ich und das ganze Drumherum zusammengehören. sagte sie mit Blick auf meine leeren Hände. ich habe den Ort gefunden. weiße Haare und Diamanten. hätt ich gern mein Ego mit dabei. sagte sie und kitzelte seinen Kopf. Ich kann’s gar nicht erwarten. bevor man vierzig ist. Das liegt durchaus auf meiner Marschroute. »Nicht. Knochen und Falten. »Armes Schwein«. »Es muss sein wie bei Tiffany«. dahin zu kommen. Aber ich weiß. Man ist 43 . ihm einen zu geben: Er wird warten müssen. wie das sein muss. Diamanten zu tragen. und selbst dann ist es gewagt. sagte sie. bis er jemandem gehört. »Rusty! Bringst du meinem Freund einen Martini?« Sie hielt immer noch den Kater im Arm. Ich bin mir noch nicht sicher. dass ich mir was aus Schmuck mache. Aus Diamanten schon.hätte. Ich möchte immer noch ich selbst sein. bis ich weiß. und eines Tages werd ich versuchen. das graue Elend ist. weil man zu dick wird oder es zu lange regnet. und ich bin’s auch. Maria Ouspenskaya. »armes Schwein ohne einen Namen. Weißt du. »Nein. kennst du die Tage. wo das sein wird. Aber deshalb bin ich nicht verrückt nach Tiffany. aber wir gehören einander nicht: er ist unabhängig. wenn ich eines schönen Morgens aufwache zu einem Frühstück bei Tiffany. Wir haben eines Tages am Fluss irgendwie miteinander angebandelt. Aber es ist geschmacklos. wo du das rote Elend hast?« »Genau wie das graue Elend?« »Nein«.« Sie lächelte und ließ den Kater fallen. sagte sie langsam. reich und berühmt zu sein. Du brauchst ein Glas«. Ich möchte nichts besitzen. aber wenn das passiert. dass er keinen Namen hat. Es ist ein bisschen unbequem.

er gab ihn mir. Rusty meint.« »Na schön. Ich habe ein Stück Land am Meer gesehen. Eine wunderbare Gegend. Manche nennen es Angst.« »Damit hab ich’s probiert. dort kann einem nichts Schlimmes zustoßen. Hast du das Gefühl schon mal gehabt?« »Ziemlich oft. die verschiedenen Farben darin. Angst. Ich hab’s auch mit Aspirin probiert. und alles sieht so vornehm aus. Das beruhigt mich sofort. aber davon muss ich nur kichern. um Pferde zu züchten. und man schwitzt wie ein Schwein. verkündete er. Aber was macht man dagegen?« »Ein Schnaps hilft. Fred kann gut mit Pferden umgehen. Aber das fiese rote ist schrecklich. Ich hab herausgefunden. hatten eine weitblickende Schärfe angenommen. dass etwas Schlimmes passieren wird. Bloß. »Ich habe Hunger«. Man fürchtet sich. das Beste ist. in ein Taxi steigen und zu Tiffany fahren.traurig. nicht bei diesen freundlichen Herren in ihren schönen Anzügen und diesem wunderbaren Geruch nach Silber und Krokodillederbrieftaschen. ich soll Marihuana rauchen.« Rusty Trawler kam mit einem Martini. und ihre Augen. Wenn ich im richtigen Leben mal einen Ort finde. aber man weiß nicht. die Grautöne und die blauen und grünen Tupfen. wenn Fred und ich …« Sie schob die Sonnenbrille hoch. »Ich bin mal nach Mexiko gefahren. aber man weiß nicht. zurückgeblieben wie alles Übrige an ihm. das ist alles. und das hab ich eine Weile lang getan. klang wie das nervtötende Greinen eines kleinen 44 . ohne mich anzusehen. wo ich mich so fühle wie bei Tiffany. dann werde ich Möbel kaufen und dem Kater einen Namen geben. da ist es so still. Ich habe gedacht. und seine Stimme. vielleicht nach dem Krieg. wovor man sich fürchtet. was.

Du weißt. Du weißt. was der Arzt gesagt hat. wohin du willst. der Dankbarkeit auf sein Gesicht rief. Kannst du nicht sehen. gehen wir essen. Lass uns gehen.« »Na. dass sie seine Frage nicht beantwortet hatte. als sei es ein Ritual: »Liebst du mich?« Sie tätschelte ihn. »Du liebst mich nicht«. »Liebst du ihn?« »Ich hab dir gesagt: Man kann sich dazu bringen.« Sie sprach leise. warum hält er dann daran fest?« »Schalte mal deinen Kopf ein.« »Wenn sie so scheußlich war. die eine seltsame Röte der Freude. »Niemand liebt Ungezogenheit. dass Rusty sich in Windeln viel wohler fühlt als in einem Rock? Das ist die Wahl. konnte ich nicht umhin.« »Ja. Außerdem hatte er eine scheußliche Kindheit. Trotzdem fuhr er fort. und ich habe Hunger. sie daran zu erinnern. »Mach dich wieder an die Arbeit. was der Arzt gesagt hat. die ihm bleibt. aber in ihrem Tonfall lag eine Gouvernantenandrohung von Strafe. sei artig. Er wollte mich mal mit einem Buttermesser 45 . was er hören wollte: Es schien ihn zu erregen und gleichzeitig zu entspannen. und da ist er sehr empfindlich.« Offensichtlich hatte sie das gesagt. der Holly Vorwürfe machte.Bengels. Ich weiß. als seien sie allein. jeden zu lieben.« »Nach Chinatown?« »Aber es gibt keine süßsauren Schweinerippchen. dann mach hier Schluss.« »Rusty. was der Arzt gesagt hat. Rusty. klagte er.« Während er zufrieden watschelnd zu seinen Pflichten zurückkehrte. Rusty. »Es ist halb acht. Und wenn ich so weit bin.

sagte sie.« »Ich meine. während ich mir den Kopf nach einem Aufschub zerbrach. Dann fiel mir ein: »Warum auf Reisen?« »Auf meiner Karte?«. dass er reich ist. er ist harmlos. väterlichen Lastwagenfahrer einen Hausstand gründen.« Sie zuckte die Achseln. Du wirst dich mit O. anfreunden. »Ich tue übrigens nicht so.« Ich zögerte. Gott sei Dank wirst du Mr. eine 46 . diese Karten zu bestellen. Nur provozierend. Die sind von Tiffany. Und jetzt«.« Sie hob eine Augenbraue. was weiß ich. Jedenfalls war es reine Geldverschwendung. er spielt mit Mädchen wie mit Puppen. Aber ich hatte das Gefühl. wo ich morgen wohnen werde? Also habe ich ihnen gesagt.« Sie langte nach meinem Martini. sie leerte das Glas in zwei Schlucken und nahm meine Hand. J. wenigstens eine Kleinigkeit zu kaufen. aus dem Takt gebracht. er soll erwachsen werden. als wüsste ich nicht. Sogar in Mexiko hat Land seinen Preis. bloß weil ich ihm gesagt habe. »knöpfen wir uns O. vor. »Hör auf. »Findest du es komisch?« »Nicht komisch. ich schuldete es ihnen. »Schließlich.erstechen. dich zu sträuben.« Ein Ereignis an der Tür kam dazwischen. Es war eine junge Frau.« »Gott sei Dank. Trawler nicht heiraten. sich bekennen und mit einem netten. fragte sie. Bis dahin habe ich ihn am Hals. aber das geht schon. und sie kam herein wie ein Windstoß. J. sie sollen auf Reisen hinschreiben. den ich nicht angerührt hatte.« »Wenn das auf die meisten Männer zuträfe. wäre ich Gott alles andere als dankbar.

ihre schwankende Höhe zu erreichen. Die drückten die Wirbelsäule durch und zogen den Bauch ein. »Ihr Jungs seid mir doch nicht b-bböse. sagte sie und drohte mit einem Finger.« Sie beugte sich zu O. »Aber sicher«. und ihre Lippen waren straff wie eine gespannte Schnur.« 47 . während sie voranschritt.« Holly sagte ihr: »Es ist keiner da. Holly sagte: »Was machst du denn hier?«. b-b-bloß keine Umstände. Ich war oben und hab mit Yunioshi gearbeitet. Schatz. rasch eine Flasche zu holen. Hortest hier all diese b-b-bezaubernden M-M-Männer!« Sie war weit über einen Meter achtzig groß. »Für mich einen Bourbon. Berman hinunter. ob sie einen Drink gebrauchen konnte. J. Weihnachtssachen für Harper’s Baba-zaar. es gab einen allgemeinen Wettbewerb. dass ich so in eure P-P-Party reinplatze?« Rusty Trawler kicherte. Ich trinke auch Ammoniak. »Ich bin Mag W-W-Wildwood aus Wildw-w-wood. Schatz?« Sie verstreute ringsum ein Lächeln. Arkansas. Schatz«. und fragte sie. »N-N-Na. größer als die meisten Männer im Raum. »du elender G-G-Geizdrachen. Aber du klingst so böse. »gib dir meinetwegen keine Mühe. sagte sie und gab ihr einen leichten Schubs. »Ach was.« Worauf der Luftwaffenoberst sich erbötig machte. Da gibt’s v-v-viele hohe Berge. Holly. als wollte er ihre Muskeln bewundern. sagte sie.Sturmböe aus Schals und klimperndem Gold. »H-HHolly«. Er drückte ihren Arm. nichts. der wie viele kleine Männer in der Gegenwart großer Frauen einen sehnsüchtigen Schleier in den Augen hatte. Ich kann mich selbst mit allen bekannt machen.

dass Rivalen sie abklatschten. wurde die Wirkung durch eine Übertreibung der Mängel erzielt. dann. »Das«. wo das K-K-Klo ist?«. weil sie gesagt hatte: »W-W-Weiß jemand. ein eng anliegendes. Haare. Sie weiß. und außerdem. Um das zu veranschaulichen: Berman brauchte die Hilfe Umstehender. weckte es in männlichen Zuhörern Beschützergefühle. bestimmt echt. Sie war ein Triumph über die Hässlichkeit. Dieses Stottern war überhaupt das Meisterstück. In ihrem Fall. sie schmückte sich damit durch kühne Betonung. Sogar das Stottern. ihrer Selbstsicherheit zum Trotz. denn es brachte zuwege. so hoch. dass ihre Banalitäten irgendwie originell klangen. was Berman an Beinarbeit aufbot. und wenn nur. Ihr Erfolg war begreiflich. das Verhungerte ihres Mannequingesichts betonten. bot er ihr seinen Arm. um sie selbst hinzugeleiten. ihrer Körpergröße. wo es ist. die ihre gestotterten Witze aufpickten wie Popcorn. sie konnte nur mit einer Badehose bekleidet an den Strand gehen. im Gegensatz zu der gewissenhaften Methode des schlichten guten Geschmacks und der wissenschaftlich untermauerten Körperpflege. der oft mehr betört als wahre Schönheit. Sie ist schon mal hier gewesen. dass ihre Fußgelenke wackelten. aber trotzdem ein wenig übertrieben. den Kreis schließend. Doch schließlich verlor er sie in einer Quadrille an Partner. und nachdem Mag Wildwood das Zimmer 48 .« Sie leerte gerade Aschenbecher. flaches Oberteil.Man musste es schon einen Tanz nennen. um zu verhindern. Absätze. war in einen Vorteil verkehrt worden. die ihm auf den Rücken klopfen mussten. »wird nicht nötig sein. das man Tauben hinwirft. die straff zurückgezogen waren und dadurch das Hagere. weil er eigentlich paradox ist. sagte Holly. das signalisierte. die ihre Körpergröße unterstrichen.

Ein Marineoffizier. sie sieht gesund aus. die Gespräche. Der Luftwaffenoberst machte sich aus dem Staub. »würdest du nicht sagen. indem sie ihn in eine Ecke drängte. Sie ließ ihren Zorn an allen aus. Eis holen. fragte sie besorgt. mehrere schluckten.« Sie schwieg lange genug. Man sollte meinen. sie sieht sauber aus?« Jemand hustete. verhielten sich wie grünes Holz. sagte sie ohne das geringste Stottern. vielmehr seufzte: »Es ist wirklich sehr traurig. Würdest du nicht«. ohne sich ihre Telefonnummer geben zu lassen. »Weißt du. Sie erheiterte Rusty Trawler. mit ihm essen zu gehen. dass es deutlicher zutage tritt. »haben ja so viele dieser Mädchen aus den Südstaaten dasselbe Leiden. Und da Gin und Raffinesse sich zueinander verhalten wie Tränen und Wimperntusche. was mit dir passieren wird?«. verflüchtigten sich ihre Reize umgehend. Plötzlich war sie blind vor Wut. Sie forderte einen Mann in den Fünfzigern auf. Sie sagte Berman. Und so sauber. sagte Holly.verlassen hatte. Das ist das Merkwürdigste daran. Aber weiß Gott.« Sie schauderte leicht und ging in die Küche. mehrere Herren gingen. Sie erklärte ihre Gastgeberin zu HollywoodAbfall. leerte sie noch einen und sagte. Mag Wildwood konnte es nicht verstehen. und das brachte das Fass zum Überlaufen: er hatte sie doch eingeladen. Hitler habe vollkommen Recht. die sie begann. der Mag Wildwoods Glas gehalten hatte. sie qualmten. »Aber schließlich«. um die Anzahl der fragenden Gesichter zu ermitteln. aber niemanden im Besonderen. wollten aber nicht brennen. es waren genügend. während sie ihm den Rücken kehrte. »Und so geheimnisvoll. stellte es hin. »Ich 49 . dieses abrupte Fehlen von Wärme bei ihrer Rückkehr. Noch unverzeihlicher. sich mit ihr zu prügeln.

Sie wohnt im Winslow.« »Nein. Steh schon auf«. damit sie ihn in Ruhe genießen konnte.« »Du bist ein Engel. Verlang Mag Wildwood. aber sie enttäuschte ihn. und schlug der Länge nach hin wie eine gefällte Eiche. »Du bist eine Pest. dass ihr Puls kräftig und ihre Atmung regelmäßig war. Fred. Sie lag einfach in tiefem Schlummer. Sie sagte: »Gehn wir in den Stork. einen Arzt zu holen. war schlimmer als aller Groll. ja? Steck sie in ein Taxi. Auf eine Nasevoll«. indem sie zu Boden glitt.« Sie waren fort. Am folgenden Nachmittag stieß ich mit Holly auf der Treppe zusammen. Aber eine Untersuchung ergab. den ich empfand. Die Reste der Party warteten an der Tür. Sie erhob sich aus eigener Kraft und starrte aus schwindelnder Höhe zu mir herunter.werde dich in den Zoo bringen und an den Yak verfüttern. Mein erster Gedanke war. aber sie gab mir keine 50 . die lange Latte in ein Taxi verfrachten zu müssen.« Ich schloss daraus. Regent 4-5700. sagte sie und eilte mit einem Päckchen aus der Apotheke an mir vorbei. ging ich. Wohn im Barbizon. sagte Holly und zog sich Handschuhe an. Aber sie löste das Problem selbst. »Jetzt ist sie am Rande einer Lungenentzündung. bitte. wo sie sitzen blieb und vor sich hin summte. Die Aussicht. dass Mag Wildwood sich immer noch in ihrer Wohnung befand.« Er schien durchaus dazu bereit zu sein. warf Holly mir einen flehentlichen Blick zu. »Sei ein Engel. Und dazu noch das rote Elend. Fred. Mit einem Kopf wie eine Eckkneipe. »Also weißt du!«. und als die Pest sich nicht rührte. Nachdem ich ihr ein Kissen unter den Kopf geschoben hatte.

der Fahrer half ihm. Dann verdunkelte sich das Bild und wurde gleichzeitig klarer. Schüchternheit. ihr überraschendes Mitleid zu erkunden. Hinzu kamen als Verzierung ein englischer Anzug. eine Vollkommenheit auf. die Sonne schien kräftig. und ich sah ihn auf meinem Weg hinaus. aber als wir es schließlich geschafft hatten. Er traf in einem Taxi ein. Ihre frisch gewaschenen Haare hingen glatt herunter. Für Rusty spricht zumindest eins. ihre Zehennägel zu lackieren. denn wir blieben einander lange unverständlich. Es war gegen Abend. Beide waren beschäftigt. Es dauerte eine Weile. Mag sprach: »Wenn du mich fragst. Der Sonntag war ein Spätsommertag. mit dem Kater zwischen ihnen. hast du wirklich Sch-SchSchwein. einen Pullover zu stricken. Holly und Mag hatten sich dort auf einer Decke niedergelassen. seinen Irrtum zu korrigieren. wie ein Apfel. wie etwas von der Natur genau richtig Erschaffenes. als ich essen ging. denn er erkundigte sich nach Miss Wildwood. für einen Südamerikaner noch untypischer. Er war mit Sorgfalt konstruiert worden. eine Apfelsine. zahlreiche Koffer ins Haus zu schleppen. sein brauner Kopf und seine Stierkämpferfigur wiesen eine ganz bestimmte Präzision. Holly damit. war ich entzückt.Gelegenheit.« 51 . ein frisches Parfüm und. Im zweiten Ereignis des Tages spielte er auch eine Rolle. das Fenster stand offen und ich hörte Stimmen auf der Feuertreppe. Das gab mir etwas zu kauen: Sonntag früh waren meine Kiefer erschöpft. Mag damit. Er ist Amerikaner. Zuerst landete ein Südamerikaner vor meiner Tür: fälschlich. Im Laufe des Wochenendes wurde das Geheimnis noch unergründlicher.

ist er’s.« »Das geht mir nicht so. Und er ist ziemlich dumm.« »Und wenn der vorbei ist.»Na und?« »Schatz.« »Na. je dümmer. Direkt im Zentrum von Wildwood steht ein Denkmal von Großpapa Wildwood. Es heißt. dass er schrecklich gut aussieht.« »Fred ist auch Soldat«. dann nichts wie weg hier. wo ich stehe. Möglich wär’s schon. oder?« Holly sagte »Hmm« und fuhr dem Kater mit ihrem Lackpinsel durch die Schnurrhaare. Stolz darauf.« »Was ist das: eine Werbeveranstaltung für Kriegsanleihen?« »Ich möchte nur. Wir sind im Krieg. Deswegen bedaure ich das mit José. Ich weiß einen Witz zu schätzen. aber es ist schlechter Geschmack. sagte Holly. der für dich und mich und uns alle kämpft. dass er je zum Denkmal wird. Er möchte schrecklich gern drin sein und hinausschauen: jeder.« Sie legte ihr Strickzeug hin. aber darunter bin ich ein e-eernsthafter Mensch. neigt dazu.« »Fred ist der Junge von oben? Ich wusste gar nicht. Nicht dumm. »Wenn ich 52 . dass du weißt. »Aber ich bezweifle. desto tapferer. dumm auszusehen. Die Männer in meiner Familie waren große Soldaten. Amerikanerin zu sein. dass er Soldat ist. Jedenfalls ist das ein anderer Fred. der sich die Nase an einer Glasscheibe plattdrückt. Aber dumm sieht er aus.« »Sehnsüchtig. das zu sagen. »Du findest doch auch.« »Du nennst dein eigen F-F-Fleisch und B-B-Blut dumm?« »Wenn er’s ist. Ich bin st-st-stolz auf mein Land. Fred ist mein Bruder. Ein Junge.

Da ist solch ein Abgrund zu überqueren.« »Gut. Und es ist nicht so. »Ich hab gefragt …« »Hab’s gehört. Was sonst noch?« Mag nahm ihre gefallene Masche auf und fing von vorn an. »Ja. dass ich dir’s nicht sagen möchte. Du hast uns doch zusammen gesehen. Das ist die richtige Einstellung. José dazu zu bringen. Müsste er?« Dann fügte sie tadelnd hinzu: »Aber er lacht. Sechstausend Meilen.« »Warum in aller Welt sollen die P-P-Portugiesisch unterrichten? Das spricht doch kein Mensch. zwei links. und ich kann die Sprache nicht …« »Geh zu Berlitz. Im Bett. sie fasste die Bewertung als ein Kompliment auch für sich selbst auf. Ist doch völlig sinnlos für einen Mann. Und selbst B-B-Brasilianerin zu werden. Aber es fällt mir schwer. dass er die Politik vergisst und Amerikaner wird.« »So. so was werden zu wollen: P-P-Präsident von Brasilien. »Ich muss wahnsinnig verliebt sein. eins rechts. Ich mag Männer.« »Nein. Meinst du. Er lacht. Nein. einen B-BBrasilianer zu heiraten. Ich reite nicht gern auf diesen Dingen herum. die die komische Seite sehen. meine einzige Chance ist.mich nur an den Gedanken gewöhnen könnte. »Beißt er?« »Dich. Kannst Recht haben. Er beißt nicht. die meisten bestehen nur aus Ächzen und Keuchen. mich daran zu erinnern. Nicht 53 . ich bin wahnsinnig verliebt?« »Beißt er?« Mag ließ eine Masche fallen.« Sie seufzte und griff wieder zu ihrem Strickzeug.« Mag zog ihre Klage zurück.

Was ist falsch daran. das Licht anzulassen.« Sie zog den Pullover in die Länge und warf ihn hin. würde ich sagen. Sie gehen mir aus dem Kopf wie ein Traum. kriegt er einen Teller voll kalter Nudeln.« »José hat sich bisher noch nicht beklagt«. »Aber was soll’s? Pullover in Brasilien. Herzchen. jedenfalls viele.« »Es mag normal sein. José bestimmt. und wenn du ihn nicht mal anschauen magst. Quatsch.« Holly lehnte sich zurück und gähnte. versuch. Ich bin überzeugt. Die ist greifbarer. Aber wenn ich ein Mann auf dem Weg ins Bett wäre. den man mag. Das liegt in meinem Charakter. um die übrigen Schnurrhaare des Katers rot zu lackieren. dass ich in weniger als drei Monaten zehn Paar karierte Socken gestrickt habe? Und das ist der zweite Pullover. Ich bin ein sehr-sehr-sehr konventioneller Mensch.« »Gut.« 54 .« »R-R-Red leiser.« »Ach. »Da muss es auch mal Winter werden.« »Bitte versteh mich. gründlich anzuschauen? Männer sind schön. das ist die n-n-normale Haltung.« Holly schwieg. würde ich lieber eine Wärmflasche mitnehmen. Holly. Ich bin ein warmherziger Mensch.« »Du kannst unmöglich in ihn verliebt sein. Ist dir klar. Beantwortet das deine Frage?« »Nein. dann.so wie du. Weil ich kein Teller voll kalter N-N-Nudeln bin. sich einen Mann. sagte sie selbstzufrieden und ließ die Stricknadeln im Sonnenlicht aufblitzen. »Und außerdem bin ich in ihn verliebt. Ich müsste T-T-Tropenhelme stricken. Wenn du dich nicht erinnern kannst. »Pass auf. aber ich bin lieber natürlich. Du hast ein warmes Herz.

Das hätte mein Interesse länger fesseln können. »Ah. sagte sie. war die Karte an Hollys Briefkasten geändert und ein Name hinzugefügt worden: Miss Golightly und Miss Wildwood reisten jetzt zusammen.« »Ja«. und sie hatten. Es ist wunderbar. die Absicht. Es kam mir vor. Ich traute meiner Stimme nicht zu. Urwald. Veröffentlichen: das bedeutete drucken. Ich musste es jemandem erzählen: So stürzte ich. dass ich keine Ratschläge wollte. Er kam von einer kleinen Universitätszeitschrift. streckte ich ihr den Brief entgegen. sobald sie mit verschlafen blinzelnden Augen an die Tür kam. nur dass in meinem eigenen Kasten ein Brief lag. dass ihr ein Fehler unterlaufen war. sagte Holly mit einer Schläfrigkeit. dass sie kein Honorar zahlen konnten. »Ich würde denen das nicht erlauben. immer zwei Stufen auf einmal. Das könnte mir gefallen. ich verstehe. die ganz und gar nicht schläfrig war.« Als ich am Montag hinunterging. als hätte sie genug Zeit gehabt. 55 . sagte sie gähnend. wenn die nichts dafür bezahlen«. U-U-Urwald. Hitze. »Besser ich als du. Sie gefiel ihnen. komm rein«. um die Morgenpost zu holen. bis sie ihn schließlich zurückgab.« »Besser du als ich. sondern Glückwünsche: ihr Mund verzog sich von einem Gähnen zu einem Lächeln. Na. sie zu veröffentlichen. der ich eine Erzählung geschickt hatte. von der Neuigkeit zu berichten. Vielleicht erklärte mein Gesicht. Schwindlig vor Aufregung ist keine bloße Redewendung. um sechzig Seiten zu lesen.»Es regnet. Regen. die Treppe hoch und hämmerte an Hollys Tür.« »Hitze. obwohl ich Verständnis dafür aufbringen musste. das weiß ich.

sie ist ein recht erfolgreiches Mannequin: Ist das nicht phantastisch? Aber das ist gut so«. und dazu ein recht protziges: helles Holz. »… Und weißt du. dass Mag Wildwood eingezogen war. dann ist das Zweitbeste eine absolut doofe Nuss. denn dann kann man ihr die Miete aufhalsen und sie die Wäsche holen schicken. Obwohl es einen winzigen Größenunterschied gibt: ich würde sagen. doch das Schlafzimmer enthielt immerhin ein Bett. was sie sagte. und war das nicht praktisch? Denn wenn man schon eine Mitbewohnerin braucht und sie keine Lesbierin ist. »Dann kommt sie mir wenigstens tagsüber nicht so in die Quere. Sie ließ die Badezimmertür auf und unterhielt sich von dort aus mit mir. nämlich ein Doppelbett. zu ihren Gunsten. sagte sie. aber das Wesentliche war: vermutlich wusste ich schon.« Ihr Schlafzimmer stand im Einklang mit ihrem Salon: Es bot dieselbe Umzugsatmosphäre. gesteppter Satin. alles gepackt und aufbruchsbereit. Im Salon gab es keine üblichen Möbel. Ich zieh mich an und führ dich zum Essen aus. als sie aus dem Badezimmer humpelte und einen Strumpf am Halter festmachte. über einen Kopf. Nachdem 56 . der spürt. was Mag war. zwischen dem Rauschen und Brausen ging das meiste von dem. Netter Bursche.»Wir kochen eine Kanne Kaffee und feiern. Und an der Männerfront sollte es auch keine allzu großen Probleme geben. das Zimmer war übersät wie der Umkleideraum einer Mädchenturnhalle. dass Holly ein Wäscheproblem hatte. Wo zum Teufel …« Sie lag auf den Knien und stocherte unter dem Bett. Es war ohne weiteres zu erkennen. Kisten und Koffer. Sie ist verlobt. verloren. Nein. wie die Habseligkeiten eines Verbrechers. dass ihm das Gesetz auf den Fersen ist.

Ein schöner Tag mit der Schwungkraft eines Vogels. Blätter schwammen auf dem See. Denn Holly hatte mich nach meiner 57 . als ich mit Holly auf dem Geländer der Bootshausveranda saß. Zu Beginn tranken wir Manhattans bei Joe Bell und. Wirklich. der Herbst scheint die Jahreszeit des Neubeginns. und legte ihre Hand unter mein Kinn. rannten wir auf den Wegen lachend und singend zu dem alten. Der April hat mir nie viel bedeutet. »ich freu mich wegen der Geschichte. wie sie es fertigbrachte. hölzernen Bootshaus. musste sie nach einer Bluse stöbern. Champagnercocktails aufs Haus. dieses Gefühl hatte ich.« Dieser Montag im Oktober 1943. einem Gürtel. Sie sagte: »Hör zu«. Danach schlenderten wir zur Fifth Avenue. und der Rauch. am Ufer fachte ein Parkwächter ein Feuer aus welkem Laub an. gelassen und makellos. sie könne nicht ertragen. Hinterher. war die einzige Trübung in der zitternden Luft. Wir aßen in dem Restaurant im Central Park zu Mittag. unter Umgehung des Zoos (Holly sagte. sondern vielmehr eine mir zu Ehren veranstaltete Feier zu sein. der aufstieg wie Indianersignale. als sei sie von Kleopatras Leibdienerinnen umsorgt worden.sie gefunden hatte. das inzwischen verschwunden ist. wo eine Parade stattfand. ein Paar Eidechsenschuhe. irgendetwas in einem Käfig zu sehen). aus einer solchen Unordnung schließlich so hervorzugehen: verwöhnt. das Stampfen der Militärkapellen und der militärischen Füße schienen nichts mit dem Krieg zu tun zu haben. des Frühlings zu sein. und es blieb ein Rätsel. Die Fahnen im Wind. Ich dachte an die Zukunft und sprach von der Vergangenheit. als er von meinem Glück hörte. was sie suchte.

dass sie sich seit ihrem vierzehnten Lebensjahr allein durchgeschlagen hatte? Sie rieb sich die Nase. eine impressionistische Schilderung.« Den Rest des Nachmittags über pendelten wir hin und her und schwatzten widerwilligen Lebensmittelhändlern Dosen mit Erdnussbutter ab. Sie erzählte auch von ihrer eigenen. wenn auch von ganz anderer Art. Das andere nicht. das stimmt. denn es war darin nahezu lustvoll vom Baden und vom Sommer. von Weihnachtsbäumen. also führte ich sie dorthin. wie Holly es nicht war. »Aber trotzdem. und ihr gefiel seine Eigenart. aber verschwommen. und nie und nimmer das Umfeld eines Kindes. fragte ich.oder Ortsangaben. Herzchen. packte sie meinen Arm: »Komm. dass ich damit nicht wetteifern wollte.« Als wir bei einem Woolworth vorbeikamen.Kindheit gefragt. Oder. die letzte aus einem Feinkostgeschäft in der Third Avenue. sagte sie und zog mich in das Warenhaus. es ist und bleibt ein Käfig. seine phantasievolle Pracht. Es befand sich ganz in der Nähe von dem Antiquitätenladen mit dem palastartigen Vogelkäfig im Schaufenster. hübschen Vettern und Festen die Rede: kurzum. wo sich sofort Augen auf uns zu richten schienen. »Doch. die Dunkelheit brach herein. als stünden wir schon unter Ver58 .« Sie sprang vom Geländer herunter. Aber im Ernst. wir stehlen was«. du hast aus deiner Kindheit solch eine Tragödie gemacht. einer kriegsbedingten Mangelware. um ihn ihr zu zeigen. bevor wir ein halbes Dutzend Dosen zusammenhatten. als man erwartete. das von zu Hause fortgelaufen war. »Jedenfalls erinnert mich das daran: ich muss Fred Erdnussbutter schicken. stimmte es etwa nicht. glücklich auf eine Weise. ohne Namens.

bis wir zu Hause waren. Draußen rannten wir ein ganzes Stück. wenn ich nach Hause kam. Die Verkäuferin war gerade mit einer Gruppe von Nonnen beschäftigt. aber meistens. aber auch. oder wenn sie in den Park reiten gegangen war. was sie hin und wieder tat. stand Holly gerade erst auf. um in Übung zu bleiben. Außer am Donnerstag. Ich fragte sie. »Los. und meistens gesellten sich auch Mag Wildwood und der schöne Brasilianer da59 . ich glaube. gelegentlich unternahmen wir etwas. So einfach war das. Was unseren Tagesablauf. Denn gegen Ende des Monats fand ich Arbeit: was gibt es da hinzuzufügen? Je weniger. »Ich meine. aber im Großen und Ganzen ist die Erinnerung falsch.« Sie umstrich einen Ladentisch voller Pappmachékürbisse und Halloween-Masken. ob sie schon oft gestohlen hatte. Aber hin und wieder tu ich’s immer noch. weil. sei kein Feigling. um es dramatischer zu machen. dann ergriff sie meine Hand. und wir gingen hinaus. wie ich entdeckt hatte. sie wählte eine andere aus und setzte sie mir auf. die Masken aufprobierten. Manchmal schaute ich kurz vorbei und teilte ihren Wachmacherkaffee mit ihr.« Wir trugen die Masken. Wenn ich was haben wollte. Sie ging ständig aus. desto besser. extrem verschieden machte. dass sie notwendig war und von neun bis fünf dauerte. Holly nahm eine Maske und setzte sie sich auf. nicht immer mit Rusty Trawler. ich musste einfach. erfolgreicher Diebstahl in Hochstimmung versetzt. außer vielleicht. während sie sich für den Abend zurechtmachte. »Früher ja«. Hollys und meinen. In meiner Erinnerung habe ich viele Hierhin-unddorthin-Tage mit Holly verbracht: und es ist wahr. ihrem Sing-Sing-Tag.dacht. sagte sie.

während ich auf einen FifthAvenue-Bus wartete. was hauptsächlich an Ybarra-Jaegar lag. wie er es zu Hause getan hätte. um ein Mädchen aussteigen zu lassen. Ich erkannte sie erst. ob ich zugeben sollte. als sie schon die Tür passiert hatte. im El Morocco überleben. sie in den richtigen Rahmen zu stecken. dessen Name José Ybarra-Jaegar lautete: seine Mutter war Deutsche. Menschen einzuordnen. er war ansehnlich. Er war intelligent. das die Stufen der Stadtbibliothek in der Fortysecond Street hinaufrannte. die irgendwie irgendwas mit wichtigen Regierungsgeschäften zu tun hatte und ihn an mehreren Tagen in der Woche nach Washington führte. Ich ließ mich von der Neugier zwischen den Löwen hindurchführen und überlegte auf dem Weg. Wie konnte er dann eine Nacht nach der anderen im La Rue. war er unfähig. der in ihrer Gesellschaft so fehl am Platz wirkte wie eine Geige in einer Jazzkapelle. oder einen Zufall vortäuschen sollte. ihm lag offensichtlich viel an seiner Arbeit. sondern versteckte mich ein paar Tische 60 . Am Ende tat ich weder das eine noch das andere. Das würde vieles erklären. in den Ohren das Wildwood-G-G-Geschwätz und vor den Augen Rustys aufgedunsenes Babypopo-Gesicht? Vielleicht. Hollys Zielstrebigkeit erklärt den Rest. dass ich ihr gefolgt war.zu. Als Quartett klangen sie ein wenig unrein. was verzeihlich war. denn Holly und Bibliotheken waren nicht leicht miteinander in Verbindung zu bringen. sah ich ein Taxi auf der anderen Straßenseite halten. deshalb mussten alle Amerikaner so ziemlich im selben Licht beurteilt werden. wie die meisten von uns in einem fremden Land. Spät eines Nachmittags. und auf dieser Grundlage kamen ihm seine Begleiter wie erträgliche Vertreter des Lokalkolorits und des Nationalcharakters vor.

was. Das hatte Mildred Grossman mit Holly Golightly gemein. Sie eilte von einem Buch zum nächsten. mit den stumpfen Augen. trotzdem machte sie hin und wieder. wie plötzlicher Reichtum. immer mit gerunzelter Stirn. die andere zu einer schrägen Romantikerin. verweilte zwischendurch auf einer Seite. den fleckigen Fingern. Erde und Luft konnten nicht gegensätzlicher sein als Mildred und Holly. wohl der Form halber. um deren spezifisches Gewicht zu schätzen. Sie würden sich nie ändern. Der Gedankenfaden. die sich nie ändern würden. es ist etwas ganz Natürliches. als sei die Schrift verkehrt herum. zu einem Mangel an Ausgewogenheit führt: die eine hatte sich zu einer kopflastigen Realistin verfestigt. die immer noch nach al61 . das ich in der Schule gekannt hatte. die immer noch die Speisekarte auf die Nährwerte hin studierte. Sie hielt einen Bleistift über einem Blatt Papier bereit – doch nichts schien ihr Interesse zu wecken. und hier waren zwei Menschen. eine Streberin namens Mildred Grossman. Mildred: mit dem feuchten Haar und der fettigen Brille. die Frösche sezierten und Streikposten Kaffee brachten. und Holly. doch in meinem Kopf wurden sie zu siamesischen Zwillingen. musste ich an ein Mädchen denken. der sie zusammengenäht hatte. eifrig Notizen. Während ich sie beobachtete. Mildred. Ich stellte mir beide in einem Restaurant der Zukunft vor. denn ihr Charakter war ihnen zu früh gegeben worden. die sich den Sternen nur zuwandten. wo sie hinter ihrer Sonnenbrille und einem Wall aus Literatur saß. den sie aufgehäuft hatte. alle paar Jahre unterzieht sich sogar unser Körper einer Generalüberholung – ob wünschenswert oder nicht. dass wir uns verändern. lief so: die durchschnittliche Persönlichkeit formt sich des Öfteren um. So.weiter im Lesesaal.

Holly schlug vor. der auf der Rockefeller Plaza zu sehen ist. auf dem ihre Bücher verblieben waren. was sich ihrer Meinung nach für eine Bibliothek geziemt. wie sie diesen Baum in die Wohnung bugsiert haben. Am Heiligabend gaben Holly und Mag eine Party.lem gierte. schlenderte ich zu ihrem Tisch hinüber. was darauf stand. als ich zu mir kam. durchs Leben gehen und schließlich auch daraus hinaus. Mit dem Donnervogel nach Süden. und war aufs Neue davon überrascht. Sie würden mit demselben entschlossenen Schritt. Es war nach sieben. Die obersten Zweige wurden von der Zimmerdecke geknickt. der von jenen Abgründen zur Linken kaum Notiz nimmt. Brasiliens Brauchtum. früher zu kommen und den Baum schmücken zu helfen. Wir stießen auf unser Werk an und Holly sagte: »Schau mal im Schlafzimmer nach. sie entsprachen meinen Vorstellungen. rasch zu Woolworth zu laufen und Luftballons zu stehlen. jedenfalls war er nicht viel anders als der Weihnachtsriese. sie zog sich die Lippen nach und hübschte ihre Erscheinung von dem. Ich weiß immer noch nicht.« 62 . wo ich war. was sie tat: und die verwandelten den Baum in ein ansehnliches Schmuckstück. Außerdem hätte man ein Rockefeller sein müssen. was sie fürs Colony passend fand. um ihn zu schmücken. erschrak ich. Holly bat mich. Da ist ein Geschenk für dich. Es würde nie anders sein. die unteren reichten von Wand zu Wand. denn er sog Christbaumkugeln und Lametta auf wie schmelzenden Schnee. Holly dort zu sehen. Die politischen Bewegungen in Lateinamerika. Solche tiefgründigen Betrachtungen ließen mich vergessen. weil ich mich im Halbdunkel der Bibliothek wiederfand. Als sie gegangen war. Und so weiter. mit Hilfe von einem Schal und Ohrringen zu dem auf.

»Ich fürchte. nach Marokko und in die Karibik. du willst ihn haben. Doch ich denke selten daran. Holly war keine Frau. nach Nantucket. es ist nicht viel«. aber ich dachte. Mag 63 . Ich habe ihn nach New Orleans geschleppt. dass es Holly war.« »Das Geld! Dreihundertfünfzig Dollar!« Sie zuckte die Achseln. sagte sie und tippte auf die Beule in meiner Tasche. in einem Koffer oder einer Hotelschublade zurückgelassen. als ich. Aber wenigstens war er von Tiffany. als sie in der Universitätszeitschrift erschienen war. die irgendetwas behalten konnte. mitten auf dem Bett und mit einer roten Schleife drum herum. »Gib her«. Berman und meine Erzählung. Aber der Vogelkäfig ist immer noch bei mir. aber sie streckte die Hand aus. denn zu einem bestimmten Zeitpunkt entschied ich mich. die ihn mir geschenkt hat. Versprich mir. von der ich Holly ein Exemplar gegeben hatte. den schönen Vogelkäfig sah. Du musst mir aber was versprechen.Ich hatte auch eins für sie: ein kleines Päckchen in meiner Tasche. »Ein paar zusätzliche Gänge zur Damentoilette. J. die im Auge unseres Wirbelsturms kreisten. Irgendwann im Februar hatte Holly mit Rusty. das sich noch kleiner anfühlte.« Ich wollte sie küssen. gehörten der Vogelkäfig und O. und das war es auch nicht: ein Sankt-Christophorus-Anhänger. dass du nie ein Lebewesen hineintun wirst. »Aber Holly! Wie entsetzlich!« »Ich bin völlig deiner Meinung. durch ganz Europa. das zu vergessen: wir hatten ein schweres Zerwürfnis. und bestimmt hat sie diesen Anhänger inzwischen verloren. und zu den Dingen.

Wir konnten ihren Gestank nicht aushalten. und sie hatte sich wunderbar amüsiert: »Zuerst waren wir in Key West. seine Luftballons eingeschrumpelt wie die Euter einer alten Kuh. und stell dir vor. Sonnenbrand. und obwohl ich mir weder aus den einen noch den anderen viel mache. Ein als Möbelstück erkennba64 . Ekelhaft: nichts als Blasen und Zitronenöl. der will nur die Einzelheiten hören. warte. bis du Rio siehst. aber dem macht das nichts aus. da war er. Er sagt.« Wir befanden uns im Wohnzimmer. setze ich mein Geld schon jetzt auf Havanna. dass ich die ganze Zeit mit José geschlafen habe. aber was mich anbelangt. Als wir dann wieder nach Key West kamen. war Mag natürlich überzeugt. Rusty auch. auf der Leinwand. Unsere Auseinandersetzung ereignete sich bald nach ihrer Rückkehr. bis ich mich mit Mag ausgesprochen habe. Wir hatten einen unwiderstehlichen Reiseführer. weil ich ihn gar nicht unübel fand. aber dann ist er eines Abends mit uns in einen Pornofilm gegangen. immer noch den größten Teil des Raumes einnahm. Sie war braun wie Jod. war die Mischung absolut faszinierend: also haben wir unter dem Tisch gefüßelt. Die Situation war ziemlich angespannt. und Rusty hat sich mit ein paar Matrosen angelegt oder die sich mit ihm. der riesige Weihnachtsbaum. das meiste an ihm Neger und der Rest Chinese. Also haben José und ich die beiden im Krankenhaus gelassen und sind nach Havanna gefahren. wo.und José Ybarra-Jaegar eine Winterreise angetreten. jedenfalls wird er für den Rest seines Lebens ein Stützkorsett tragen müssen. obwohl es fast schon März war. das Haar von der Sonne zu einer geisterhaften Farbe gebleicht. inzwischen braun und geruchlos. Verbrennungen ersten Grades. Die liebe Mag ist auch im Krankenhaus gelandet.

Neger und kleine Kinder: wen kümmert das?« »Mr. Herzchen. und Holly. J. Ich hab ihr einfach gesagt – aber weißt du: ich hab mich angestrengt. Deiner Meinung nach. vielleicht lohnt es sich. warum sie losgezogen ist und sich dieses Feldbett besorgt hat? Eins musst du mir lassen: ich bin immer für eine Überraschung gut.« »Und ob sie das geglaubt hat. Sei ein Schatz. sagte sie ohne zu zögern. Er meint. die Öl auf ihrer Haut verteilte. 65 . und reib mir den Rücken mit Sonnenöl ein. Beschreibungen.« Während ich ihrer Bitte nachkam. sagte ich leise. Zitternde Blätter. du bist auf dem Holzweg. »Und du hast sie überzeugt?« »Dass ich nicht mit José geschlafen habe? Ja. und hör zu. Was meinst du wohl. Das bedeutet einem nichts. Ich hab die Geschichte zweimal gelesen. Kleine Gören und Nigger. dass ich andersrum bin. ich hab ihm deine Geschichte in der Zeitschrift gegeben. das was bedeutet.« »Stürmische Höhen«.« »Das kann sie unmöglich geglaubt haben. sagte sie: »O.« Meine Hand. Berman ist in der Stadt. »Von etwas. klar. dass es klang wie ein verzweifeltes Geständnis – ihr einfach gesagt. schien ein Eigenleben zu besitzen: Sie sehnte sich danach. »Gib mir ein Beispiel«. die bemüht war. Aber er sagt. hatte sich unter einer Höhensonne darauf ausgestreckt. sich zu heben und mit Wucht auf ihrem Hintern zu landen. Berman offenbar nicht. dir zu helfen.« »Und ich bin ganz seiner Meinung.rer Gegenstand hatte sich in dem Zimmer eingefunden: ein Feldbett. Er war ziemlich beeindruckt. ihr tropisches Aussehen zu bewahren.

« »So hören sich deine Geschichten auch an. mein Herz zitterten. Wir wollen verschiedene Dinge. Oder mit Berman. »Oh nein.« »Ich vergleiche mich nicht mit dir. das würde mir nicht leid tun.« »Es wird dir leid tun.« Ihre Muskeln verhärteten sich. meine Hand. sagte sie. »Aber es ist üblich. Ich bedaure nur. süße Cathy. Ich hab ihn zehnmal gesehen.« 66 .« »Willst du Geld verdienen?« »So weit geht meine Planung nicht. Mein Gott. sagte ich mit deutlicher Erleichterung. dass du dein Geld an mich verschwendet hast: Rusty Trawler ist eine zu schwere Art. bevor man sich das Recht dazu herausnimmt. »Aber das ist kein Vergleich. Du hast eine teure Phantasie. sehr.« »Tut mir leid. ich hab geheult wie ein Schlosshund. »Jeder muss sich irgendwem überlegen fühlen«.« »Ach«. »ach«. sie fühlte sich an wie von der Sonne erwärmter Stein.Der Drang in meiner Hand geriet langsam außer Kontrolle. es zu verdienen. einen kleinen Beweis dafür zu erbringen. Als hättest du sie geschrieben. mit ironisch ansteigender Stimme. Deshalb kann ich mich nicht überlegen fühlen. das wollte ich. Das wolltest du doch vorhin tun: ich hab’s an deiner Hand gespürt.« Ja. als ich die Ölflasche wieder zuschraubte. Du redest von einem Geniestreich.« »Ja. wenn du mich schlägst. nicht? Meine wilde. ohne das Ende zu kennen. Ich will dir mal was sagen: du solltest lieber Geld verdienen. und jetzt willst du’s auch. Nicht viele Menschen werden dir Vogelkäfige kaufen. »den Film.

ihre nackten Brüste waren in dem Höhensonnenlicht von kaltem Blau. die sich über die ganze Nacht hinzögen und die Sicherheit sowie die geistige Gesundheit der Nachbarn stark beeinträchtigten. eine Blenderin mit nichts dahinter«: jemand. sie darin zu unterstützen. Dachte ich jedenfalls. Obwohl ich es ablehnte. »Man braucht ungefähr vier Sekunden. Dir gebe ich zwei. Wenn sie zu Joe Bell hereinkam. so Madame Spanella. um von hier zur Tür zu gehen. Ziemlich kleinlaut rettete ich ihn und trug ihn in mein Zimmer zurück. die am Rande des Bürgersteigs die Müllabfuhr erwartete. dass Miss Golightly des Hauses verwiesen wurde: sie öffne. eine Kapitulation. an den ich nie wieder das Wort richten würde. Eines Tages ließ Madame Sapphia Spanella. bis ich am nächsten Morgen auf dem Weg zur Arbeit den Käfig auf einer Mülltonne hocken sah. Jedenfalls eine ganze Weile lang. die ihr Leben vergeudete. war ich im Stillen der Meinung. »eine ungebildete Angeberin. ging ich hinaus. die Koloratursängerin und Rollschuhenthusiastin. holte den Vogelkäfig.Sie setzte sich vom Feldbett auf. entschied ich. dass Madame Spanella allen 67 . der Unmoral Tür und Tor und sei die Veranstalterin geselliger Zusammenkünfte. Sie war. Auf der Treppe gingen wir gesenkten Blickes aneinander vorbei. zu unterschreiben. ihr Gesicht. unter den übrigen Mietern des Sandsteinhauses eine Unterschriftenliste herumgehen mit der Bitte. Das war das. brachte ihn hinunter und ließ ihn vor ihrer Wohnungstür stehen. Und ich tat es auch nicht. die nichts an meiner Entschlossenheit änderte. Holly Golightly gänzlich aus meinem Leben zu verbannen.« Ich marschierte schnurstracks nach oben.

Er zeigte keinerlei Absicht. Dann. wusste ich. und als der April auf den Mai zuging. zu dem Hamburger-Himmel Ecke Seventy-ninth und Madison. spät in jenem Frühjahr. als lese er Blindenschrift. Aber ihre Beschwerde blieb erfolglos. ohne mich umzudrehen. lehnte an einem Baum und starrte zu Hollys Fenstern hoch. unsere Fehde lange genug zu unterbrechen. Als ich zur Ecke ging und mich nach Osten wandte. Er trug einen alten. Es war nichts Neues. dass zu Hollys Besuchern auch verdächtige Subjekte zählten. es war nur anständig. sah ich den Mann wieder. ein sehr ausgefallener Mann auf. ganz im Gegenteil. bei Holly zu klingeln. War er von der Kriminalpolizei? Oder ein Mafioso. drangen durch die offenen Fenster der warmen Frühlingsnächte die Partygeräusche. trostlosen Augen. schweißfleckigen grauen Hut. aber eines Tages. auf dem Weg zum Essen. Finstere Vermutungen schossen mir durch den Kopf. und sein billiger Sommeranzug in hellem Blau hing ihm zu weit um die hageren. Jemand Anfang fünfzig mit hartem. Am selben Abend. die lauten Grammophonklänge und das Martinigelächter aus Wg. fuhr er immer wieder mit dem Finger über die erhaben geprägten Buchstaben ihres Namens. der ihren Briefkasten untersuchte. auf sie angesetzt wegen ihres Sing-Sing-Freundes Sally Tomato? Meine zärtlicheren Gefühle für Holly wurden von der Situation wiederbelebt. schlaksigen Glieder. Langsam. wettergegerbtem Gesicht und grauen. dass sie überwacht wurde. Er stand auf der anderen Straßenseite. fiel mir. als ich durchs Vestibül des Sandsteinhauses ging.Grund zur Klage hatte. seine Schuhe waren braun und nagelneu. spürte ich die Aufmerksamkeit des Mannes auf mir ruhen. dass er mir 68 . um sie zu warnen und ihr zu sagen. 2.

»ich brauche einen Freund.folgte. Sie war so abgenutzt wie seine ledrigen Hände und zerfiel schon fast. aber als sie kam. er tippte auf das pummelige Mädchen. Sieben Personen waren auf dem Bild. »Und 69 . Will immer nur wandern durch des Himmels grüne Auen. der hatte den Arm um die Hüfte eines pummeligen. sagte er. Das Pfeifen ging weiter über die Park Avenue und die Madison hinauf. ebenso wie das brüchige. alle auf der einsackenden Veranda eines kahlen Holzhauses gruppiert und alles Kinder. »Das ist sie …«. unscharfe Photo. Nicht irgendein Lied. als ich an einer Ampel auf Grün wartete. ländlicher Sprechweise. Will nimmer sterben. »Entschuldigen Sie«. dass sie endlich gestellt worden war. Er bestellte sich eine Tasse Kaffee. »Schönes Tier haben Sie da«. »Sohn«. Einmal. Der Hamburger-Himmel war leer. das mit der Hand die Augen gegen die Sonne abschirmte. er schien erleichtert zu sein. blonden kleinen Mädchens gelegt. wie er sich bückte. das er mir gab. die Holly manchmal auf der Gitarre spielte: Will nimmer schlafen. Stattdessen kaute er auf einem Zahnstocher herum und musterte mich in dem Wandspiegel vor uns. Denn ich konnte ihn pfeifen hören. Er roch nach Tabak und Schweiß. rissige. bis auf den Mann selbst. beobachtete ich aus dem Augenwinkel. sagte er und zeigte auf sich selbst. sondern die wehmütige Präriemelodie. sagte ich zu seinem Spiegelbild. sagte er zu dem Besitzer in heiserer.« Er holte eine Brieftasche hervor. »aber was wollen Sie?« Die Frage brachte ihn nicht in Verlegenheit. »Das bin ich«. rührte er sie nicht an. um einen räudigen Spitz zu streicheln. Trotzdem setzte er sich an dem langen Tresen direkt neben mich.

in dem stand.« Ich betrachtete wieder »sie«: Ja. Der Mann war natürlich geistig verwirrt. Ich bin ein müder Mann. eine rudimentäre Ähnlichkeit zwischen Holly und dem blinzelnden. hab ich mir eine Busfahrkarte gekauft. Und größer. Doc Golightly. Sie war mal Lulamae Barnes. Hab auch eine kleine Farm. »das ist ihr Bruder Fred. Deren eigne heißgeliebte Mutter. die entschlief am 4.« »Ihren Kindern?« »Das sind ihre Kinners«. Im selben Augenblick wurde mir klar.« »Nun. War«. Die sind ja älter als sie. Seit fünf Jahren such ich meine Frau.das hier«. Tierarzt. Juli. Lulamae gehört nach Hause zu ihrm Mann und ihm Kinners. »ich habe nicht behauptet. fügte er hinzu und zeigte auf eine flachshaarige Bohnenstange. meine heißgeliebte Frau. Ich bin Pferdedoktor. Ich bin ihr Mann. doch. zwei barfüßige Mädchen und zwei Jungs in Overalls. »Sie heißt nicht Holly. Sohn. »bis sie mich geheiratet hat. sagte er und verlagerte den Zahnstocher in seinem Mund. wer der Mann sein musste. warum lachen Sie?« Es war kein richtiges Gelächter: es waren die Nerven. Jesus sei ihrer Seele gnädig. dem 70 . jetzt sah ich es. sagte er und schrie fast. »Aber Holly kann nicht die Mutter dieser Kinder sein. »Das ist nicht zum Lachen. dass es ihre leiblichen Kinners sind. Als ich den Brief von Fred bekam. wo sie ist. Er meinte die vier übrigen jungen Gesichter auf dem Bild.« Er zwinkerte. Sohn. er klopfte mir auf den Rücken. Bei Tulip in Texas. pausbäckigen Kind. sagte er mit vernünftiger Stimme. »Sie sind Hollys Vater. er runzelte die Stirn. Sohn«. Ich trank ein wenig Wasser und verschluckte mich.

»Hat uns allen das Herz gebrochen. was sie will. Sie hat uns allen das Herz gebrochen. »Dabei hatte sie keinen Grund dazu. Hühner. Das Jahr der Dürre. Aber bei Lulamae war das anders. Es war zu unwahrscheinlich. die war außergewöhnlich.« Er trank einen Schluck von seinem kalten Kaffee und blickte mich mit forschendem Ernst an. Vielleicht weiß ein normales Mädel mit vierzehn noch nicht so recht. Nellie war’s. da ging sie auf die vierzehn zu. Sohn. ob sie vom platten Land kommt oder aus Oklahoma oder von sonst wo. wie ich sage?« Ich glaubte ihm. J. Als ich Lulamae geheiratet hab. Unsre eignen Kühe.Unabhängigkeitstag. die ihm anfangs in Kalifornien begegnet war: »Man weiß einfach nicht. Lulamae konnte sich einen schönen Tag machen: vorm Spiegel posieren und sich die Haare waschen.« Man konnte Berman keinen Vorwurf daraus machen. als sie zu uns kamen. Was eine ganze Ecke anders war. als sie einfach so auf und davon ist. Nellie war’s. das war im Dezember 1938. Die wusste sehr wohl. was sie tat. zweifeln Sie noch an meinen Worten? Glauben Sie. ich hab zwei kleine 71 . Die ist eines Morgens zu mir gekommen und hat gesagt: ›Papa. als sie versprochen hat. die haben ihre Töchter getan. es ist so. Bermans Beschreibung von der Holly. um nicht den Tatsachen zu entsprechen. außerdem passte es genau zu O. unsren eignen Garten. Derweil ihr Bruder sich zu einem Riesen ausgewachsen hat. nicht erraten zu haben. diese Frau ist richtig dick geworden. »Nun. dass sie eine Kindfrau aus Tulip in Texas war. Schweine: Sohn. als sie einfach auf und davon ist«. 1936. Die Hausarbeit. wiederholte der Pferdedoktor. die sie ins Haus gebracht hat. meine Älteste. meine Frau zu sein und die Mutter meiner Kinners.

Beine wie Streichhölzer und Zähne so wacklig. eine ganze Rotte.Wilde in die Küche gesperrt. der Vater auch – und alle Kinners. Als Erstes jeden Morgen geh ich raus und pflücke Blumen. Sie hatte keinen. Ich hab ihr das Gitarrespielen gezeigt. wie sie Milch und Puteneier gestohlen haben. Sie brauchte nicht den kleinen Finger krumm zu machen. Mit was Klugem zu sagen zu jedem Thema: besser als das Radio. Ich hab für sie eine Krähe gezähmt und der beigebracht. »Sie ist aufgegangen wie Hefeteig und hat sich zu einer richtig hübschen Frau entwickelt. Sie hatte gute Gründe. die überall rausstehen. Sie nur anzusehen. nichtsnutzigen Leuten hundert Meilen westlich von Tulip gelebt. Doc? Ich bin noch nie verheiratet gewesene Na. Rippen. Gesprächig wie eine Schnatterente. dass diese Frau nicht glücklich gewesen ist!«. Auch lebhaft. als ich ihr einen Heiratsantrag gemacht habe. aus diesem Haus wegzulaufen. So was Jämmerliches hat noch keiner gesehn. Was war: ihre Mutter ist an TB gestorben. An dem Abend. drückte die Fingerspitzen auf die geschlossenen Augen und seufzte. die haben bei üblen. sagte er herausfordernd.‹ Das waren Lulamae und Fred. hat mir Tränen in die Augen getrieben. Ich hab sie draußen erwischt. Das war ihr Zuhause. da hab ich geweint wie ein kleines Kind. dass sie nicht mal Brei kauen können. sind zu verschiednen üblen Leuten gesteckt worden. meins zu verlassen. »Erzählen Sie mir ja nicht. Sie hat gesagt: ›Aber was weinst du denn so. außer um ein Stück Kuchen zu 72 .« Er stützte die Ellbogen auf den Tresen. Lulamae und ihr Bruder. ich musste lachen und hab sie gedrückt und geherzt: noch nie verheiratet gewesen!« Er kicherte und kaute kurz auf seinem Zahnstocher. ihren Namen zu sagen. »Wir alle haben sie abgöttisch geliebt.

Gut mit Pferden. die ich ihr geschenkt hab. kam er zu mir. was sie getan hat.« Er schien mich zu 73 . was in Lulamae gefahren ist. »Fred war bei uns. Sir«. Wir verließen zusammen das Lokal und liefen hinüber zur Park Avenue. Lulamae. windiger Abend.« Er blieb vornübergebeugt und schwieg. Aber seit Fred bei der Armee ist. und nach Hause gekommen. hat er wieder was von ihr gehört. Eines Tages ist sie einfach weitergelaufen. ihr tut leid. Die pompösen Photos. Zwei Meilen. Im Wald. Während ich bezahlte. Neulich hat er mir ihre Adresse geschrieben. die sind dran schuld. Jeden Tag ist sie ein bisschen weiter gegangen: eine Meile. Im Hof. sagte er und räusperte sich. Ich weiß. bis ich sagte: »Aber was ist mit ihrem Bruder? Er ist nicht fortgegangen?« »Nein. bis die Armee ihn geholt hat.« Er legte wieder die Hand über die Augen. die Straße runterzulaufen. Das Schweigen zwischen uns ging weiter. Den ganzen Sommer lang hab ich sie gehört. sie will nach Hause. Das hat sie dann angestiftet.essen. die sie gesehen hat. und nach Hause gekommen. Er konnte sich nicht erklären. Ein guter Junge. von denen sie gelesen hat. Ich weiß. Die Träume. elegante Markisen flatterten in der Brise. Oder sich die Haare zu kämmen und sich alle diese Illustrierten kommen zu lassen. Also bin ich hergekommen. Wir müssen für hunnert Dollars Illustrierte im Haus gehabt haben. als lauschte er den Lauten jenes lange vergangenen Sommers. um sie zu holen. Wieso sie ihren Bruder und ihren Mann und ihre Kinners verlassen hat. Ich brachte der Kassiererin unsere Rechnungen. sein Atem ging rauh. Im Garten. ist wild geworden und davongeflogen. Den ganzen Sommer lang hat der verdammte Vogel gerufen: Lulamae. Wenn Sie mich fragen. »Die Krähe. Es war ein kühler.

hatte ihre ergötzlichen Aspekte. staubte sich die Ärmel ab und zog seine Krawatte fest.fragen. Wir rauchen die Friedenspfeife morgen. sagte sie mit leiser. Aber als ich die stolzen. einverstanden?« »Sicher. Denn ich will sie nicht überraschen. »Er hat dir das erzählt«. zitt74 . »Ich hab’s viel zu eilig. schämte ich mich meiner Vorfreude. als wir die Vortreppe des Sandsteinhauses erreichten. meiner Meinung nach werde er Holly oder Lulamae etwas verändert finden. du Idiot«. Sie öffnete sofort die Tür. dass ich hier bin. hoffte ich. wie der Texaner Mag und Rusty und José die Hand schüttelte. »Ich hab Ihnen gesagt. ernsten Augen von Doc Golightly und seinen schweißfleckigen Hut sah. die braunen und grauen und grünen Punkte wie Diamantensplitter. denn sie wollte gerade ausgehen – weiße Satintanzpumps und Parfümwolken kündeten von festlichen Absichten.« Sie nahm ihre Sonnenbrille ab und blinzelte mich an. Wenn du morgen noch hier bist. am Fuß der Treppe zu warten. ob ich auch so dächte. zu beobachten.« Die Vorstellung. Holly war allein. denn die Aussicht. Ich sagte ihm. Es war. Sie nicht erschrecken. war noch ergötzlicher. und als ich über mir ihre erleuchteten Fenster sah. »Hören Sie. Er folgte mir ins Haus und bereitete sich darauf vor. Seien Sie mein Freund: sagen Sie ihr. Deswegen hab ich mich zurückgehalten. um mich jetzt zu versöhnen. Golightly mit ihrem Ehemann bekannt zu machen. ich brauche einen Freund. Lulamae. »Seh ich ordentlich aus?«. sagte sie und schlug spielerisch mit ihrer Handtasche nach mir. sagte er. ihre Freunde würden da sein. »Ach. flüsterte er. als seien ihre Augen zerschmetterte Prismen. Sohn«. Mrs.

als könne sie ihn nicht unterbringen. »Meine Güte. »Fred! Wo bist du. schüchtern und mit hängenden Ohren. Dann stand er vor ihr. Mein Gott. Jauchzer erleichterten Gelächters schüttelten ihn. Sein Kopf tauchte über dem Geländer auf. Bell. Das kann nicht rechtsgültig gewesen sein. Das Himmelreich. »Hallo. »Meine Güte. Auch Madame Sapphia Spanella schienen sie nicht zu bemerken. Ganz verstört um die Augen. »Mensch. wiederholte sie glücklich. als habe sie Angst. begann er und zögerte.« »Scheiden lassen? Natürlich hab ich mich nie von ihm scheiden lassen.« Holly klopfte an ein leeres Martiniglas. Doc«. Wo ist er?« Sie rannte an mir vorbei in den Flur. ihre Finger erprobten die Wirklichkeit seines Kinns.riger Stimme. sondern als ziehe sie sich in ein Schneckenhaus der Enttäuschung zurück. »Hallo. die ihre Tür aufriss und schrie: »Ruhe! Eine Schande. denn sie starrte ihn leer an.« Holly berührte sein Gesicht. »Noch zwei. nahm die Bestellung 75 . Wie damals. in dessen Bar wir saßen. sagte er. Kleines«. Lulamae. »Ach. als er sie in einer rippenbrechenden Umarmung von den Füßen hob. als ich dich zum ersten Mal gesehn hab. Lulamae«. Gehen Sie woanders anschaffen. »Fred!«. Liebling?« Ich hörte Doc Golightlys Schritte die Treppe heraufkommen. rief sie die Treppe hinunter.« Joe Bell. seine Bartstoppeln. als ich mich an ihnen vorbeidrückte und zu meinem Zimmer hinaufging. bitte. sagte sie sanft und küsste ihn auf die Wange. nicht. und Holly wich vor ihm zurück. liebster Mr. Doc«.« Beide nahmen keine Notiz von mir. ich war doch erst vierzehn. »geben sie dir hier nichts zu essen? Du bist ja nur Haut und Knochen.

Mr. welches Vertrauen er Vögeln und kleinen Kindern und solchen empfindlichen Geschöpfen geben kann.widerstrebend auf. bleich und ziemlich verquollen im Morgenlicht. Ich habe Doc immer in meine Gebete eingeschlossen. sagte sie zu ihm und vertraute mir an: »Jedenfalls nicht. Aber du weißt nicht. ich würde mit ihm mitfahren. laut der schwarzen Mahagoniuhr hinter der Bar. Außerdem bin ich noch gar nicht im Bett gewesen«. Zum ersten Mal. »Ja. Für dich hat er vielleicht alt und heruntergekommen ausgesehen. ich bin keine vierzehn mehr.« »Kann schon sein«. und er hatte uns schon drei Runden serviert. so dreckig zu grinsen!«. um zu schlafen. »Ich muss übel aussehen. Und jemandem. Bell. Doc liebt mich wirklich. sagte sie. der einem je Selbstvertrauen gegeben hat. Ich lächle. ich musste. seit ich sie kannte. ich bete tatsächlich. sie glättete ihre zerzausten Haare. Es war noch nicht Mittag. hellte sich auf. »Aber es ist Sonntag. Obwohl ich ihm immer wieder gesagt habe: Aber. weißt du.« »Ich grinse nicht dreckig. und ihr Gesicht. Aber wer würde das nicht? Wir haben den Rest der Nacht damit zugebracht. wie liebevoll er ist.« Sie wurde rot und wandte schuldbewusst den Blick ab. Und ich liebe ihn auch. Doc. Am Sonntag gehen die Uhren langsamer. beschwerte er sich und biss knirschend auf einen Tums. dem schuldet man viel. forderte sie und drückte heftig ihre Zigarette aus. uns auf einem Busbahnhof herumzudrücken. und ich bin nicht 76 . sich zu rechtfertigen: »Na ja. deren Farben schimmerten wie eine Haarwaschmittelreklame. Hör bitte auf. Du bist eine höchst erstaunliche Person. »Ihr macht ja ganz schön früh ein Fass auf«. schien sie das Bedürfnis zu spüren. Doc hat gedacht.

desto stärker werden sie. Bell.Lulamae. »Verlieben Sie sich nie in ein wildes Geschöpf.« Sie sah auf die Uhr. Dann in den Himmel.« »Sie ist betrunken«. in den Wald zu laufen. Oder auf einen Baum zu fliegen. »Inzwischen muss er schon in den Blue Mountains sein. So werden Sie enden. »Lass uns dem Doc auch viel Glück wünschen«. und das war etwas. Aber das Schreckliche daran ist (und das ist mir klar geworden. Bell«.« Joe Bell stellte verächtlich die frischen Martinis vor uns hin. was ich meine. »Aber Doc hat gewusst. »Halbwegs«. informierte mich Joe Bell. Am Ende stehen Sie da und schauen in den Himmel. und er hat mir viel Glück gewünscht. Wenn Sie nicht aufpassen und sich in ein wildes Geschöpf verlieben. Mr. Mr. Ich stehle immer noch Puteneier und renne durch Dornengestrüpp. Wir haben uns die Hand gegeben und uns in die Arme genommen. Bloß jetzt nenne ich’s das rote Elend. liebster Doc – es ist 77 . »Das war Docs Fehler. Einen Habicht mit einem verletzten Flügel. Ich habe es ihm ganz sorgfältig erklärt.« »Wovon redet sie eigentlich?«. Dann auf einen höheren Baum. sagte sie und stieß ihr Glas an meines. gestand Holly. Bis sie stark genug sind. ich bin’s. riet Holly ihm. Einmal einen ausgewachsenen Rotluchs mit einem gebrochenen Bein. »Viel Glück: und glaub mir. das er verstehen konnte. Aber man darf sein Herz nicht an wilde Geschöpfe verlieren: je mehr man es tut. erkundigte sich Joe Bell bei mir. Holly erhob ihren Martini. Er hat immer wilde Geschöpfe nach Hause geschleppt. als wir da herumstanden).

erneut einer Form disziplinierten Lebens unterworfen zu sein. Bloß ein Land.besser. den ich lesen konnte. ich läge unter den Rädern des Zuges. lautete: Rutherfurd »Rusty« Trawler. bevor ich die Schlagzeile entdeckte. meine Arbeit verloren. Aus einem ganzen Kopf voll von Gründen. Ich hatte Holly seit unserem betrunkenen Sonntag in Joe Bells Bar eigentlich nicht mehr gesehen. Ich wünschte. der steinreiche Dandy. schien es unmöglich. dem oft vorgeworfen wird.« TRAWLER HEIRATET VIERTE. wieder Arbeit zu finden. ich kehrte zurück von einem entmutigenden Bewerbungsge78 . Ich war in der UBahn irgendwo in Brooklyn. um es hier zu erzählen. so. Eingeengt von meiner möglichen Einberufung einerseits und meinem Mangel an Berufserfahrung andererseits. hatte verdientermaßen und wegen eines komischen Vergehens. und da ich erst vor kurzem der Reglementierung einer Kleinstadt entronnen war. mit den Nazis zu sympathisieren. als ich die Schlagzeile sah. zu kompliziert. Der einzige Teil des Artikels. Die Zeitung mit dieser Balkenüberschrift gehörte einem anderen Fahrgast. Holly hatte ihn geheiratet: so. brachte mich der Gedanke. dass ich weiterlesen mochte. ist gestern nach Greenwich durchgebrannt. Solch ein leerer Ort. Die dazwischenliegenden Wochen hatten mir meinen eigenen Fall von rotem Elend beschert. als dort zu leben. in den Himmel zu schauen. wo der Donner grollt und Dinge verschwinden. zur Verzweiflung. so trüb. um die schöne … Nicht. Außerdem zeigte meine Wehrdienstbehörde ein ungemütliches Interesse an mir. Das brachte mich nämlich in eine U-Bahn in Brooklyn. Aber das hatte ich mir schon gewünscht. Zum einen war ich gefeuert worden.

spräch mit einem Redakteur der inzwischen eingegangenen Abendzeitung PM. Wenn Holly diesen »grotesken Embryo« heiraten konnte. dass ich mir für den Rest des Heimweges ein Taxi nahm. »Laufen Sie«. sagte sie. Als seien in Hollys Wohnung die Tiger los. Oder. wie ich früher einmal in die nicht mehr ganz junge farbige Köchin meiner Mutter verliebt war und in den Briefträger. aus den Bergen von Arkansas stammende Miss Margaret Thatcher Fitzhue Wildwood zu ehelichen. Die Schlagzeile verstärkte meinen Wunsch ins Dringliche. Als ich auf meinem Bahnhof angekommen war. beruhte meine Empörung ein wenig darauf. wer Rustys Angetraute war: um die schöne. Sie ermordet jemanden! Jemand ermordet sie!« Es hörte sich ganz danach an. So. zusammen mit der Großstadthitze des Sommers. hatte mich in einen Zustand nervlicher Apathie versetzt. ich läge unter den Rädern des Zuges. »Die Polizei holen. und in eine ganze Familie namens McKendrick. von vielen Titelseiten her bekannte. Denn ich war in sie verliebt. und die Frage liegt nahe. dass ich selbst in Holly verliebt war? Ein wenig. der mich auf seine Runden mitnahm. Madame Sapphia Spanella begegnete mir händeringend mit weit aufgerissenen Augen im Vestibül. zerreißender Papiere. kaufte ich eine Zeitung. Mag! Meine Knie wurden vor Erleichterung so weich. und entdeckte. Ein Tumult zerbrechenden Glases. All das. Auch diese Art von Liebe erzeugt Eifersucht. als ich wünschte. Daher meinte ich es mehr als nur halb ernst. dann mochten die endlosen Marschkolonnen des Unrechts auf dieser Welt ruhig über mich hinwegtrampeln. jenen Satz zu Ende lesend. zu Boden fallender Gegenstän79 .

»Halten Sie den Mund«. »Hier herein.de und umstürzender Möbel. Dann hörte ich unten Madame Spanella einem Neuankömmling befehlen. und meine Anstrengungen. Dr. kreischte Madame Spanella und stieß mich. »Sagen Sie der Polizei. blieben unbeantwortet. »und gehen Sie mir aus dem Weg.« Ich lief.« Es war José Ybarra-Jaegar. Er sah ganz und gar nicht wie der elegante brasilianische Diplomat aus. hineingelassen zu werden. aus dem Weg zu gehen. zerbrochenen Lampen und Grammophonplatten. die ein einziges Trümmerfeld war. »Laufen Sie«. kahlen Zweige spießten in einem Durcheinander aus zerrissenen Büchern. sondern verschwitzt und angsterfüllt. aber nur nach oben bis zu Hollys Tür. und zwar buchstäblich: seine braunen. Goldman«. wurde ihr gesagt. Mord und Totschlag. sagte er und winkte einem Mann. Hörte völlig auf. die Polizei zu holen. folgte ich ihnen in die Wohnung. Ich hämmerte dagegen und erzielte zumindest ein Ergebnis: der Lärm legte sich. führten lediglich zu einer geprellten Schulter. was mir unnatürlich vorkam. Aber in all dem Getöse waren keine streitenden Stimmen zu hören. Ich trat auf Hol80 . Und schloss mit seinem Schlüssel die Tür auf. Sogar der Eisschrank war geleert und sein Inhalt durchs Zimmer geschleudert worden: rohe Eier glitten an den Wänden herab. der ihn begleitete. Aber meine Bitten. Da niemand mich daran hinderte. Im Schlafzimmer verursachte mir der Geruch zertrümmerter Parfümflaschen Brechreiz. Er gebot auch mir. die Tür aufzubrechen. Endlich war der Weihnachtsbaum entblößt worden. und inmitten der Trümmer schleckte Hollys namenloser Kater ruhig an einer Milchpfütze.

der Rahmen entzwei. nicht wahr? Schlafen.lys Sonnenbrille. »Bitte. eine starre Gestalt auf dem Bett. Am Meer. die Gläser schon zersplittert. genug. »Sie trauert nur?« »Hat doch gar nicht weh getan.« José zog sich ins Wohnzimmer zurück. sagte sie und jammerte wie ein erschöpftes. Sie möchten sich schlafen legen.« »Mit Pferden am Meer«. bei dem ich’s je durfte. dass Holly. »Alles tut weh. erwiderte der Arzt kurz angebunden. wo er seine üble Laune an der auf Zehenspitzen herumschnüffelnden Madame Spanella ausließ. wobei sein mühsames Englisch der Frage eine unabsichtliche Ironie verlieh. Wo ist meine Brille?« Aber sie brauchte sie nicht. Ganz müde. um den Arzt anzuschauen. Vielleicht lag es daran. beharrte José. drohte sie. Ihre Augen fielen von selber zu. als er sie mit portugiesischen 81 . »lassen Sie mich mit der Patientin allein. José so blind anstarrte und den Arzt nicht zu sehen schien. »Schlafen«. »Ihre Krankheit ist nur Trauer?«. Mich in kalten Nächten ankuscheln. »Fassen Sie mich nicht an! Ich hole die Polizei«. Sir«. nicht wahr?«. erkundigte sich der Arzt und tupfte selbstgefällig Hollys Arm mit einem Stückchen Watte ab. Sie kam ein wenig zu sich. Ich hab ein Stück Land in Mexiko gesehen. blass vom Anblick der Nadel. sie lag auf dem Fußboden. José wandte das Gesicht ab. sang der Arzt sie in den Schlaf und wählte aus seiner schwarzen Tasche eine Spritze. »Er ist der Einzige. der ihr den Puls fühlte und säuselte: »Sie sind eine müde junge Dame. Mit Pferden. »Sie trauert nur?«.« Holly rieb sich die Stirn und hinterließ einen Blutfleck von einer Schnittwunde am Finger. quengeliges Kind. fragte er.

als der Kummer kam. Dann ich kriege Angst. Es war ein Telegramm aus Tulip.« Es schien ihn zu erleichtern.« »Rusty?« Ich hatte die Zeitung noch bei mir und zeigte ihm die Schlagzeile. sie brechen uns das Herz. wenn wir die ganze Zeit wollen. »Ach. meine Arbeit. Die Flasche. Er zog in Erwägung. enthielt trockenen Wermut. »Das«. Doch dann lud er mich auf einen Drink ein. »Als der Kummer kam. Texas: Erhielt Nach82 . Führt sich auf wie wahnsinnig.« Seine Blicke eilten suchend über den Wust auf dem Fußboden. Ich eile einen Arzt holen. die wir finden konnten. vertraute er mir an. »Es ist nur eine Frage der Trauer«. erst wirft sie Glas mit Schnaps. die eigenen Habseligkeiten zu demolieren ist schließlich eine Privatangelegenheit.« »Aber warum?«. Rusty und Mag. Sie zertrümmert alles. dass ich keinen Grund für einen »Skandal« sah. erklärte er fest. Die Bücher. Eine Lampe. auch mich hinauszuwerfen.Flüchen zur Tür hinaus peitschte. dass sie durchbrennen. sagte er. Ich versichere Ihnen: wir haben gerade gelacht. Die einzige heile Flasche.« Er grinste ziemlich verächtlich. »Ich habe Sorge«. Wir lachen darüber: wie sie denken. »Warum bekommt sie wegen Rusty einen Anfall? Ich an ihrer Stelle würde feiern. wollte ich wissen. das kann Skandal auslösen. »Ich habe Sorge. Ich darf keinen öffentlichen Skandal haben. »Sie tun uns großen Gefallen. das. er hob ein zusammengeknülltes gelbes Papier auf. wenigstens entnahm ich das seinem Gesichtsausdruck. Das ist zu heikel: mein Name.

Trotzdem war sie ziemlich oft allein. wenn sie ihre wöchentliche Fahrt nach Ossining unternahm. aus dem Besitz von William Randolph Hearst. düstere gotische Lehnstühle. einen Waring-Küchenmixer und ei83 . das nicht gemerkt hatte. im Gegenteil. dass der Frühling kam und ging. unzählige Reproduktionen aus dem Metropolitan Museum (darunter eine chinesische Skulptur einer Katze. dass sie das Interesse am Leben verloren hatte. Juli. mich Fred zu nennen. Eine heftige. sie schien zufriedener. plötzliche. sie nahm zu. denn José blieb an drei Tagen der Woche in Washington. sein Name ersetzte den von Mag Wildwood auf dem Briefkasten. Holly sprach nie wieder von ihrem Bruder: nur noch ein einziges Mal. Sie kleidete sich ziemlich nachlässig: den Lebensmittelladen suchte sie im Regenmantel auf. Was nicht heißen soll. José zog in die Wohnung ein. ohne etwas darunter. Ihre Haare wurden dunkler. all die warmen Monate hindurch hielt sie Winterschlaf wie ein Tier. ganze Borde voll klassischer Schallplatten. als ich sie je gesehen hatte. im Ganzen glücklicher zu sein. Juni. Außerdem hörte sie auf. sie kaufte die komplette Reihe der Modern Library. un-Holly-hafte Begeisterung fürs Häusliche führte zu mehreren un-Holly-haften Anschaffungen: auf einer Parke-Bernet-Auktion erwarb sie einen Jagdgobelin mit einem röhrenden Hirsch sowie. Während seiner Abwesenheit empfing sie niemanden und verließ selten die Wohnung – außer donnerstags. zwei unbequeme.richt Fred in Übersee gefallen stop dein Mann und deine Kinder beklagen mit dir gemeinsamen Verlust stop Brief folgt stop in Liebe Doc. die ihr eigener Kater hasste und anfauchte und schließlich zerbrach).

Auch sagte sie jetzt selten einen Satz. das für mich genauso nervtötend war wie für sie. warum dich das überrascht. ein ordentlicher Salat. denn wann immer ich sie besuchte. ein Martyrium. Wer hätte sich je träumen lassen. überforderten sie. dass ich ein so großes Naturtalent bin? Vor einem Monat hab ich noch nicht mal Rühreier zustande gebracht. Doch José hatte nie von Heirat gesprochen. gefüllt mit Feigen und Datteln) und anderen zweifelhaften Zusammenstellungen (Hühnchen und Safranreis mit Schokoladensoße: »In Südostasien Tradition. in ihrer winzigen Schwitzkasten-Küche herumzumanschen: »José sagt. serviert in AvocadoSchalen). Ich möchte mindestens neun ha84 . Ich freue mich. ich koche besser als das Colony. das weiß man doch«). Herzchen.nen Dampfkochtopf sowie eine Bibliothek von Kochbüchern. Nicht un peu bisschen. Das gab sie zu. Einfache Gerichte. Ebenso wie ihre Bemühungen. wenn es an die Süßspeisen ging – trotzdem kreierte sie einmal etwas namens Tabak Tapioka: am besten bleibt es unbeschrieben.« Was sich übrigens nicht geändert hatte. Rezepten aus Neros Zeiten (gebratener Fasan. Die kriegsbedingte Rationierung von Zucker und Sahne erlegte ihrer Phantasie Beschränkungen auf. Ich versteh gar nicht. Stattdessen labte sie José und manchmal auch mich mit ausgefallenen Suppen (Cognacgeschwängerte Schildkrötenbouillon. kreisten unaufhörlich Linguaphon-Schallplatten auf dem Grammophon. dass ich schwanger bin. Sechs Wochen überfällig. bin ich. das Portugiesische zu meistern. Ja. Mich hat’s nicht überrascht. der nicht mit »Wenn wir erst verheiratet sind …« oder »Wenn wir erst in Rio leben …« begann. ein Steak. »Aber schließlich weiß er. Sie verbrachte ganze Hausfrauennachmittage damit.

dass ihr schieres Rattentum eine gewisse Faszination besaß. bitte lach nicht – aber ich wünschte. In Wirklichkeit aber hab ich neulich Abend mal alle zusammengezählt und bin nur auf elf Liebhaber gekommen – nicht eingerechnet irgendwas. dass sie eine Kapelle bilden können. wenn du Doc zählen willst. Oder Rose Ellen Ward. Ich bin sicher. und er steigt ungefähr fünfzig Mal am Tag in die Badewanne: Männer sollten ein bisschen riechen. was passiert ist. Elf. einige davon werden ziemlich dunkel ausfallen – José hat eine Spur von le nègre. noch Jungfrau gewesen. ist José meine erste Nicht-Ratten-Romanze. Ich habe mich irgendwie in Selbsthypnose versetzt. Er schwindelt immer mal wieder. dass du ihn liebst. für José. Die haben sich schon so oft die Pauken und Trompeten geholt. du kannst nicht mit einem Mann vögeln und seine Schecks einlösen und nicht wenigstens zu glauben versuchen. leuchtend grünen Augen? Ich wünschte. Macht mich das zu einer Nutte? Schau dir Mag Wildwood an. denn das zählt einfach nicht. er ist nicht meine Vorstellung vom absoluten finito. und ihm ist wichtig. dass sie das behaupten. Nicht mal bei Benny Shacklett und all diesen Ratten. Ich meine. ich wäre für ihn. Er ist zu zim85 . Bis auf das: einige von ihnen mögen eine ehrliche Zunge haben. Oh. aber alle haben ein unehrliches Herz. wie manche Leute behaupten: ich nehme den Schweinen nicht übel. Natürlich habe ich nichts gegen Nutten. Nicht. Ich hab das nie getan. was die Leute denken. bis ich fand. ich nehme an. schließlich habe ich mich immer sehr locker gegeben. Eigentlich. Oder Honey Tucker. bevor ich dreizehn war. du bist schon darauf gekommen? Was mir recht ist: was kann niedlicher sein als ein Negerbaby mit schönen.ben. dass ich solche Heerscharen vernascht hätte. bis auf Doc.

nur kein Feigling. und ich sehe ihn nicht gern rennen. wenn er rennt. du. Nein. ich habe meine Horoskope weggeworfen. Wenn ich die freie Wahl unter allen Lebenden hätte. wo ich eine ganz gute Vorstellung davon habe. Denn ich liebe José – ich würde aufhören zu rauchen. Jetzt. kein Heuchler. Sei alles. ich würde die Münzen auf den Augen eines Toten stehlen. wenn er sich auszieht. Noch was. was ich meine. Gut? Ehrlich ist eher das. das würde zum Gelingen des Tages beitragen –. der kommt schon eher hin. wenn er mich darum bäte. wenn man gut ist. bloß dass ich’s kaum noch habe. Es ist langweilig. er kann mich aus dem roten Elend rauslachen. Ich bin unbedingt dafür. Die Garbo wäre mir jederzeit recht.perlich. Nicht ehrlich vor dem Gesetz – ich würde ein Grab ausrauben. um der Mann meiner Träume zu sein. wenn er isst. zu vorsichtig. du willst dich mit einem Rennpferd zusammentun. dann würde ich mir nicht José aussuchen. wenn du ankämst und sagtest. kein 86 . Liebe sollte erlaubt sein. und auch dann ist es nicht so grässlich. Nehru. dass ich Veronal schlucken oder mich zu Tiffany schleppen muss: ich bringe seinen Anzug in die Reinigung oder mache gefüllte Champignons und fühle mich prima. außer manchmal. er dreht mir immer den Rücken zu. Wendell Willkie. und er macht zu viele Geräusche. komm her. sondern mir selbst gegenüber. Er ist freundlich. Ich muss einen Dollar für jeden gottverdammten Stern in dem gottverdammten Planetarium ausgegeben haben. wenn ich dächte. ich meine es ernst. würde ich deine Gefühle achten. denn er sieht irgendwie komisch aus. aber Gutes widerfährt einem nur. Warum nicht? Jeder Mensch sollte einen Mann oder eine Frau heiraten dürfen oder – hör mal. was das ist. nur mit den Fingern schnippen und sagen müsste.

Was nicht fromm ist. wenn er nicht in der Stadt war (ich hatte Antipathien gegen ihn entwickelt und benutzte selten seinen Namen). wird eines dieser Schiffe mich zurückbringen. Häufig. die sich vom Ende des Sommers bis in den Anfang eines neuen Herbstes erstreckten. diese Lichter. so. Herzchen – gib mir meine Gitarre. keine Nutte: Ich hätte lieber Krebs als ein unehrliches Herz. vielleicht weil unser Verständnis füreinander inzwischen jene innige Tiefe erreicht hatte. den Fluss – ich liebe New York. welche die spektakuläreren. irgendetwas jeden87 . wo zwei Menschen öfter schweigend miteinander kommunizieren als mit Worten: eine liebevolle Stille ersetzt die Spannungen. sondern nur praktisch. die nicht völlig zwanglosen Unterhaltungen und Unternehmungen. erinnere ich mich nur undeutlich. dann schlenderten wir über die Brooklyn Bridge.Schwindler in Gefühlsdingen. sagte sie: »Eines schönen Tages.« An diese letzten Wochen. einmal liefen wir das ganze Stück bis nach Chinatown. die – im oberflächlichen Sinne – dramatischeren Augenblicke einer Freundschaft hervorbringen. wie zum Meer strebende Schiffe zwischen den Steilklippen der brennenden Silhouetten hindurchfuhren. und ich singe dir einen fado in absolut perfektem Portugiesisch. Krebs kann dich unter die Erde bringen. kauften ein paar Lampions und stahlen eine Schachtel Räucherstäbchen. ein Baum oder eine Straße oder ein Haus. mich und meine neun brasilianischen Rangen. Ach. und auf der Brücke. während wir zusahen. an denen wir weniger als hundert Wörter wechselten. aßen gebratene Nudeln. verbrachten wir ganze Abende miteinander. obwohl es mir nicht gehört. wie mir etwas gehören muss. aber das andere tut’s mit Sicherheit. Denn sie müssen das sehen. scheiß drauf. nach vielen Jahren.

und hätte folglich nicht die Gelegenheit gehabt. der morgendlichen Runde des Briefträgers freudig entgegensah. herbstlich. aus dem Hafen dampfte mit schrillenden Schiffssirenen und Konfetti in der Luft. als sie mich unten vorfand. während sie. weil ich zu ihm gehöre. eine Tatsache. »Wir landen kurz in Miami und flie88 . alle einander ähnlich wie ein Blatt dem anderen: bis zu einem Tag. dass ich die Absicht habe. Zufällig fiel er auf den 30. mit ihr reiten zu gehen. Aber da ist ein Pferd. wie flach er war. »Glaub ja nicht.falls.« »Verabschieden?« »Samstag in einer Woche. um zu zeigen. dunstig. in Erwartung der Glückwünsche meiner Familie in Form einer Postanweisung. diese letzten Tage. die keine Auswirkungen auf die Ereignisse hatte. das zu mir gehört. Wenn ich nicht im Vestibül herumgestanden hätte. der keinem sonst in meinem Leben glich. sagte sie. meine liebe alte Mabel Minerva – ich kann nicht fort. Ich ging sogar hinunter und wartete auf ihn. durch meine Erinnerung.« Ziemlich in Trance ließ ich mich von ihr die Straße hinunterführen. mir das Leben zu retten. »Los. sie klatschte sich auf den Bauch.« Und ich sagte: »Halt bloß den Mund«. »Wir bewegen zwei Pferde durch den Park.« Sie trug eine Windjacke. dann hätte Holly mich nicht gebeten. die glitzernde Reisende mit sicherem Ziel. September. ohne mich von Mabel Minerva zu verabschieden. außer dass ich. meinen Geburtstag. komm«. José hat die Flugscheine gekauft. Jeans und Tennisschuhe. Und so treiben die Tage. den Erben zu verlieren. denn ich fühlte mich zu meinem Ärger ausgeschlossen – ein Schleppkahn im Trockendock.

Wenn und falls die Hochzeit stattfindet. Deshalb warten wir damit. Denn früher oder später könnte es Ärger geben. Über die Anden. Wenn sie rauskriegen. Als wir im Taxi durch den Central Park fuhren. es ist das Beste so. den Tag zu ruinieren? Es ist ein schöner Tag: lass ihn in Ruhe!« 89 . dass ich das Land verlasse. Und. Taxi!« Über die Anden. Tomato.« Ich wollte unfreundlich sein. »weißt du. Er schien sich sogar« – sie runzelte die Stirn – »zu freuen. sagte sie und seufzte. gefährliche Gipfel hinweg. dass mich irgendjemand vermissen wird. Auch Joe Bell. dass ich nicht seine Nichte bin. schwebte einsam über schneebedeckte. »Du kannst auch von mir ein Geschenk erwarten. »Er wird mich schon heiraten. Der arme Mr. was ist mit. Der dicke Rechtsanwalt.« »Ich habe den alten Sally geliebt«. bis wir in Rio sind. war er ein Engel. Wie Sally. In bar.gen von da mit einer anderen Maschine weiter. ach – Millionen. Was wird mit. In der Kirche. Er hat gesagt. dass du schon verheiratet bist?« »Was ist denn mit dir los? Versuchst du. kam es mir so vor. als flöge auch ich. Ein Hochzeitsgeschenk von Sally. »Aber das kannst du nicht machen. O’Shaughnessy. Und im Kreise seiner Familie. Über das Meer. dass ich ihn seit einem Monat nicht mehr besucht habe? Als ich ihm gesagt habe.« Sie lachte. dass ich weggehe.« »Ich werde dich vermissen.« »Ich glaube nicht.« »Weiß er. also O’Shaughnessy hat mir fünfhundert Dollar geschickt. Schließlich. Du kannst nicht einfach abhauen und alle verlassen. Ich habe keine Freunde.

»Es ist phantastisch. »Siehst du?«. 90 . Ich habe dir gesagt. schwarz-weiße Stute mit hin und her schaukelndem Rücken aus: »Keine Sorge. als wir durch den Verkehr am Central Park West trotteten und in einen Reitweg einbogen. um mich und meine selbstmitleidige Verzweiflung zu vergessen. Es kann nicht rechtskräftig gewesen sein.« Was in meinem Fall eine notwendige Garantie war. Windwogen fluteten uns entgegen. das in entblätternden Windstößen tanzte. um zufrieden zu sein. Sehr sanft begannen die Pferde zu traben. rief sie. auf der bist du sicher wie in einer Wiege. denn Pony-Rundritte für zehn Cent auf den Jahrmärkten meiner Kindheit bildeten meine gesamte Erfahrung mit Reittieren.« Sie rieb sich die Nase und sah mich von der Seite an. wir tauchten in Teiche aus Sonnenlicht und Schatten. Holly suchte mir eine alte. dass ihr etwas bevorstand. er ist inzwischen von einem Fernsehstudio verdrängt worden – befand sich in der West Sixty-sixth Street. das die Führung übernahm.« Der Reitstall – ich glaube. als ich die kunterbunten Farben von Hollys Haaren im rotgelben Laublicht aufleuchten sah. dass es nicht rechtskräftig war. und Lebensfreude. lebendig zu sein. Plötzlich.»Aber es ist absolut möglich …« »Es ist nicht möglich. ein Hochgefühl. Holly half mir in den Sattel und schwang sich dann auf ihr eigenes Pferd ein silbriges Tier. gesprenkelt mit Herbstlaub. »Ein Wort davon zu einer Menschenseele. und ich häng dich an den Zehen auf und mach aus dir Schweinefutter.« Und plötzlich war es das. schlugen uns ins Gesicht. was sie für ihr Glück hielt. durchschoss mich wie ein Schluck flüssiger Stickstoff. liebte ich sie genug.

die mit quietschenden Reifen auswichen. wie sie mir nachjagte. Fiel hinunter 91 . so dass ich kaum noch an ihr befestigt war. die nächste brachte eine Farce in finsterer Verkleidung. Statuen sausten vorbei wie geölte Blitze. sowohl Stadtstreicher als auch normale. Bäume. Johlend und fluchend warfen sie mit Steinen nach uns und schlugen mit Ruten auf die Hinterteile der Pferde ein. außerdem hatte sich ein berittener Polizist der Jagd angeschlossen: von beiden Seiten her nahmen ihre Pferde meine durchgegangene Stute in die Zange und zwangen sie.Das war die eine Minute. Alter. Der Himmel wankte. Taxis. brr!« und »Spring ab!« Erst später erinnerte ich mich an diese Stimmen. schoss dann den Weg hinunter und schleuderte meine Füße aus den Steigbügeln. sie schwankte wie ein Hochseilartist. die Cowboy-Geräusche. brüllten: »Die Zügel anziehen!« und »Brr. wie Wilde aus einem Hinterhalt im Urwald. Vorbei am Duke-Haus. ohne mich je ganz einzuholen. am Frick-Museum. Männer. Und erst jetzt fiel ich endlich von ihrem Rücken. Aber Holly gewann an Boden. erhob sich auf die Hinterhand und wieherte. im Augenblick selbst nahm ich nur Holly wahr. stürzte eine Bande von Negerjungen aus dem Gebüsch entlang des Weges. um ihre Schützlinge vor unserem furchterregenden Heranpreschen zu retten. die schwarz-weiße Stute. Busse. ein Teich mit Spielzeug-Segelbooten. Denn mit einem Mal. Kindermädchen hasteten. dampfend stehenzubleiben. Meins. Ihre Hufe schlugen Funken aus den Kieselsteinen am Boden. und mir immer wieder Ermutigungen zurief. vorbei am Pierre und am Plaza. Weiter ging’s: durch den Park und hinaus auf die Fifth Avenue: in wildem Galopp durch den Mittagsverkehr.

Der Polizist grummelte und schrieb in ein Notizbuch. Eine Menschenmenge versammelte sich. sagte sie mit den Fingern auf meinem Handgelenk. Und vielen Dank. grinste und sagte. Sieh mich an. Holly steckte mich in ein Taxi. Bist du sicher? Sag mir die Wahrheit. »Ehrlich. dass ich gerührt und zugleich verlegen war. und ich fiel in Ohnmacht. so weiß vor Sorge. ein Trio verschwitzter Gesichter. Ich liebe dich. »Herzchen. Dass du mir das Leben gerettet hast.« Sie küsste mich auf die Wange.« »Nein.« Das Problem war. Am selben Abend schmückten Photos von Holly die Titelseite der Spätausgabe des Journal-American und die der Morgenausgaben sowohl der Daily News als auch des Daily Mirror. Wie fühlst du dich?« »Gut.und rappelte mich wieder auf und stand da. Dann vervierfachte sie sich. Sie betra92 . gleich darauf war er höchst teilnahmsvoll. ich konnte sie nicht sehen. Ich fühle überhaupt nichts. Außer dass ich mich schäme. Einzigartig. Du bist wunderbar. du Schafskopf. »Dann muss ich tot sein.« »Verdammter Idiot. Du hättest tot sein können. er werde dafür sorgen. dass unsere Pferde zurückgebracht würden. Die Veröffentlichungen hatten nichts mit durchgegangenen Pferden zu tun.« »Aber du hast überhaupt keinen Puls«. wo ich mich befand. denn ich sah mehrere Hollys.« »Bin ich aber nicht. Ich meine es ernst.« »Bitte. nicht ganz sicher.

einer weiblich. FILMSCHÖNHEIT IN U-HAFT (Daily Mirror). nicht milderten. Die Beamten Patrick Connor und Sheilah Fezzonetti (l. identifiziert als Oliver »Pater« O’Shaughnessy (der sein Gesicht hinter einem Filzhut verbarg). Die Bildunterschrift lautete: Die zwanzigjährige Holly Golightly. Hier. VERHAFTUNG MORPHIUM SCHMUGGELNDER SCHAUSPIELERIN (Daily News). die relevanten Stellen: Die Mitglieder der Nachtclubschickeria wurden heute von der Verhaftung der entzückenden Holly Golightly überrascht. 3. eingeklemmt zwischen zwei Kripobeamten.) bringen sie auf das Revier in der 67th Street. um 14. dem zwanzigjährigen Hollywoodsternchen und oft abgelichteten Juwel des New Yorker Nachtlebens. schnappte die Polizei Oliver O’Shaughnessy. einer männlich. und r.00 Uhr. Der Artikel. die derangierte Frisur und eine Picayune-Zigarette. wohnhaft im Hotel 93 . mit einem Photo von einem Mann. Zur selben Zeit. Siehe Artikel auf S. ist laut Staatsanwalt die Schlüsselfigur eines internationalen Rauschgiftsyndikats verbunden mit Unterweltboss Salvatore »Sally« Tomato. Windjacke und Jeans) für ein abgebrühtes Gangsterliebchen: ein Eindruck. die aus einem mürrischen Mund hing. erstreckte sich über drei ganze Spalten.fen ganz etwas anderes. den die Sonnenbrille. HEROINRING AUSGEHOBEN. wie die Schlagzeilen verdeutlichten: LEBEDAME IN RAUSCHGIFTSKANDAL VERHAFTET (Journal-American). In diesem lasterhaften Zusammenhang sprach sogar ihre Kleidung (sie trug immer noch ihr Reitkostüm. etwas gekürzt. Das bemerkenswerteste Photo erschien in der News: Holly beim Betreten des Polizeireviers. 52. Filmsternchen und Nachtclubstammgast.

welcher derzeit in Sing-Sing eine fünfjährige Strafe wegen politischer Bestechung absitzt … O’Shaughnessy. geleitet von dem einschlägig bekannten Mafia-Führer Salvatore »Sally« Tomato. die »Verbindungsfrau« zwischen dem eingesperrten Tomato und seiner rechten Hand O’Shaughnessy war … Miss Golightly soll sich als Verwandte von Tomato ausgegeben und ihn allwöchentlich in Sing-Sing besucht haben. dass die blonde und berückend schöne Schauspielerin.Seabord. der in Verbrecherkreisen wechselnd als »Pater« und »Il Padre« bekannt ist. ist aus zuverlässigen Quellen zu erfahren. Beiden wird von Staatsanwalt Frank L. nähere Einzelheiten zu 94 . das bis ins Jahr 1934 zurückreicht. als er aus einem HamburgerHimmel in der Madison Avenue kam. Miss Golightly. weiterhin einen weltweiten Rauschgifthandel zu dirigieren mit Außenposten in Mexiko. Teheran und Dakar. weil er auf Rhode Island unter dem Deckmantel einer Nervenklinik namens »Das Kloster« ein Bordell betrieben hatte. noch vor kurzem die ständige Begleiterin des Multimillionärs Rutherfurd Trawler. Aber die Staatsanwaltschaft weigerte sich. West 49th Street. Auf diesem Wege war Tomato. Tanger. wurde in ihrer luxuriösen Wohnung in einem mondänen East-Side-Viertel verhaftet … Obwohl die Staatsanwaltschaft noch keine Anklage erhoben hat. ein seines Amtes enthobener Priester. als er zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde. hat ein Strafregister auf zuweisen. der angeblich 1874 in Cefalu auf Sizilien das Licht der Welt erblickt hat. wichtige Rollen in einem internationalen Rauschgiftring zu spielen. Donovan zur Last gelegt. und bei diesen Gelegenheiten versorgte Tomato sie mit verschlüsselten Botschaften. in der Lage. Sizilien. die sie dann O’Shaughnessy übermittelte. Kuba. die bisher noch nicht straffällig geworden ist.

all diesen Beschuldigungen anzugeben oder sie auch nur zu bestätigen … Nach einem heißen Tip hatte sich eine große Schar von Reportern am Revier in der East 67th Street eingefunden. Und billiger. mes chères. ob sie selbst regelmäßig Rauschgift zu sich nehme.« … Dann. Das ist nicht halb so zerstörerisch wie Weinbrand. meine Lieben. Es macht mich wütend. O’Shaughnessy. »Fragen Sie mich ja nicht.) Ja – ich habe Sally Tomato besucht. Mr. worum es hier geht«. ein untersetzter. wie diese gemeinen Leute ihn verfolgen. Leider ziehe ich Weinbrand vor. als ein Reporter fragte. »Ich hab’s mal mit Marihuana probiert. Nein. »Parceque je ne sais pas. mich mit Sloan’s Heilöl einzureihen und ins Bett zu bringen. Er ist ein sensibler. sagte sie den Reportern. eine fürsorgliche Krankenschwester. um über die Einlieferung des angeklagten Pärchens zu berichten. Was ist daran falsch? Er glaubt an Gott. Ein reizender alter Mann. auch wenn männlich mit Hose und Lederjacke bekleidet. genau wie ich. wirkte relativ unbesorgt. Holly. rothaariger Mann. eine grazile Augenweide. Sondern in meinem Badezimmer. Und zwar einmal jede Woche. Tomato hat mir gegenüber nie von Rauschgift gesprochen. saß auf dem Badewannenrand und wartete darauf. Ich ertränkte meine Reitschmerzen in einer Wanne voll mit kochend heißem Wasser. versetzt mit Epsomer Bittersalz.« In diesem Bericht findet sich ein besonders grober Fehler: Sie wurde nicht in ihrer »luxuriösen Wohnung« verhaftet. Jemand klopfte an 95 . (Denn ich weiß es nicht. frommer Mensch. verweigerte jeden Kommentar und trat einem Pressephotographen in die Leiste. unter dem Zwischentitel GIBT EIGENE RAUSCHGIFTSUCHT ZU: Miss Golightly lächelte. Doch Miss Golightly.

drang ins Badezimmer ein und richtete einen Finger erst auf Hollys. kesser Vater. während die Beamten sie die Treppe hinunterstießen. gelang es Holly. einer davon eine Dame mit dicken blonden Zöpfen. folgte ich dem Polizeieinsatz bis auf den Treppenflur. dass ihr Kopf sich auf dem Hals verdrehte und die Flasche mit Heilöl aus ihrer Hand flog. dann auf meine Nacktheit.die Wohnungstür. trompetete Madame Spanella. 96 . hineintrat und mir beide große Zehen fast abtrennte.« Natürlich nahm ich an. aber ein grimmiges Vergnügen straffte die Züge seiner Begleiterin – sie ließ eine Hand auf Hollys Schulter plumpsen und sagte mit einer überraschenden Kleinkinderstimme: »Komm mit.« Worauf Holly ihr frech entgegnete: »Fass mich nicht mit deinen Baumwollpflückerpfoten an. wo sie in tausend Scherben zerbrach – in die ich. »Sehen Sie. gefolgt von zwei Kripobeamten in Zivil.« Der männliche Beamte schien peinlich berührt zu sein: von Madame Spanella und von der Situation. So kräftig.« Was die Dame ziemlich erzürnte: sie versetzte Holly eine kräftige Ohrfeige. dass Madame Spanella dahintersteckte: sie hatte schon mehrmals die Polizei gerufen. Du machst einen Ausflug. Was für eine Hure sie ist. krummbeiniger. »Da ist sie: die Gesuchte!«. auf den Fliesenboden. Schwester. mich zu instruieren. rief Holly: »Herein!« Und herein kam Madame Sapphia Spanella. Da die Tür nicht abgeschlossen war. die um ihren Kopf gewunden waren. du krepeliger. »bitte füttere den Kater. »Denk dran«. um das Kampfgetümmel zu bereichern. als ich aus der Badewanne hüpfte. Nackt und eine Spur blutiger Fußabdrücke hinterlassend.

bis am Abend Joe Bell bei mir erschien und mit den Zeitungen fuchtelte. Er war zu aufgeregt. Aber mir fiel niemand ein. dass die Verhaftung fürchterliche Folgen haben konnte. sie kann zehn Jahre kriegen. mich finster anstarrend. Unten in seiner Bar brachte er mich in der Telefonzelle unter und stellte mir einen dreifachen Martini und ein großes Branntweinglas voll Münzen hin. er tigerte im Zimmer umher und schlug die Fäuste gegeneinander. Dann sagte er: »Glaubst du. das ist mies von dir. Ich kam nicht auf die Idee. um vernünftig zu sprechen.« Er warf einen Tums in seinen Mund und kaute. José war in Washington. Joe Bell musste mir helfen. es stimmt? Sie ist in diese üble Geschichte verwickelt?« »Ja. wie? Verdammt. Komm runter in die Bar. Botschaften überbracht und dergleichen …« Er sagte: »Du nimmst das ganz schön gelassen hin. wo er dort zu erreichen war. Aber sie hat’s getan. schon. während ich die Berichte las. Oder mehr. dass sie wissentlich darin verwickelt war. Diese reichen Kerle. als zermalmte er meine Knochen. »Junge. als ich mir leisten kann.um sich über Holly zu beschweren. an den ich mich wenden konnte. wir hängen uns ans Telefon. »Du kennst ihre Freunde. Du Dreckskerl!« »Moment mal. und ich hatte keine Ahnung. Und du willst ihr Freund sein. Unser Mädel wird bessere Anwälte brauchen.« Ich hatte zu starke Schmerzen und war zu wackelig. Rusty Trawler? Nicht diesen Mistkerl! Nur: welche anderen Freunde von ihr kannte ich? Viel97 . um mich allein anzuziehen.« Er riss mir die Zeitungen weg. darauf herum. Ich habe nicht gesagt.

könne er eine Nachricht entgegennehmen? Joe Bell brüllte in den Hörer: »Das ist dringend. als sie sagte. verkündete er. Trawlers Butler – Mr. Ich verlangte eine Verbindung mit Crestview 5-6958 in Beverly Hills. Berman bekomme gerade eine Massage und könne nicht gestört werden: versuchen Sie es später. es gehe um Leben und Tod. der Nummer.leicht hatte sie ja Recht. J. dass sie M-M-Morphinistin ist und nicht mehr Moral hat als eine läufige Hündin. Berman gegeben hatte. Leben und Tod. seien beim Dinner. dass ich mit der früheren Mag Wildwood sprach – oder ihr vielmehr zuhörte: »Sind Sie verrückt?«. doch nein. Trawler. wir werden jeden verklagen. fiel mir der alte Doc unten in Tulip. Joe Bell war in Rage – ich hätte sagen sollen. warum ich ihn anrief: »Wegen der Kleinen. Ich rief wieder in Kalifornien an. unsere Namen mit dieser a-a-abscheulichen und ver-verkommenen Person in Verbindung zu bringen. Texas. Mr. die Leitungen waren besetzt. »Mein Mann und ich. Wir werden jeden verklagen. sie habe eigentlich keine. die sich meldete. J. der …« Als ich auflegte. der versucht. ja? Ich weiß schon. wenn ich ihn anrief. Holly würde es nicht gefallen. und Mrs. Iggy ist der beste Anwalt in ganz 98 . sagte. raunzte er und bestand darauf. sie würde mich dafür ermorden. und als schließlich O. Und mein Mann ist absolut meiner Meinung. fragte sie. Mister. hatte ich so viele Martinis intus. die mir die Fernauskunft für O. Berman am Apparat war. dass er mir sagen musste. Zuerst sprach ich mit Mr. dass ich es bei Rusty versuchte. Ins Gefängnis. blieben besetzt. da gehört sie hin.« Mit dem Resultat. ein. Ich habe immer gewusst. Ich hab schon mit Iggy Fitelstein gesprochen. Die Person.

Er hatte ein hübsches Gesicht. auch nicht am nächsten Morgen. ständig zum Schuster und zur Reinigung getragen hatte. und damit war ich offenbar entlassen. wo sie ist! Sie wartet«. Sie ist verrückt. Also genau genommen schulde ich ihr gar nichts. kümmre dich drum. verstehen Sie? Jedenfalls ist die Kaution nur auf zehntausend festgesetzt. Ein falscher Fünfziger. Ybarra-Jaegar Sie geschickt?« »Ich bin der Cousin«. Aber ein echter falscher Fünfziger. »Ach. den er gerade gepackt hatte.New York.« Aber das war sie nicht. ich schulde der Kleinen was. Und ich sagte. »Wo ist José?« Er wiederholte die Frage. und er widmete sich wieder seinen Kammerdienertätigkeiten. Keine Sorge. und er war nicht allein: ein Mann stand da. Der Kater war im Schlafzimmer. überzeugt. dass es so war: »Hat Mr. Wir hielten uns gegenseitig für Einbrecher und wechselten ungemütliche Blicke. 99 . Ich hab gesagt. die Schuhe und Anzüge. über einen Koffer gebeugt. nur halt meinen Namen da raus. als ich hinunterging. Da ich keinen Schlüssel für die Wohnung hatte. Na ja. Iggy. die José bei Holly aufbewahrte. schick mir die Rechnung. um den Kater zu füttern. als übersetzte er sie in eine andere Sprache. benutzte ich die Feuertreppe und verschaffte mir durch ein Fenster Zutritt. außerdem enthielt der Koffer. die sie in Ordnung gehalten. sagte er. wenn sie schon wieder zu Hause ist. sagte er mit vorsichtigem Lächeln und gerade noch verständlichem Akzent. und ähnelte José. Iggy holt sie bis heute Abend raus – würde mich nicht wundern. lackierte Haare. die Garderobe. als ich durchs Fenster einstieg.

Aber ich hatte nicht den Mut. Sie werden so freundlich sein?« Auf dem Umschlag stand: Für Miss H. Nun. hatte sie mich begrüßt. dass er mich verstand. das hierzulassen für sein Kamerad. ihn in der Tasche zu behalten.Also der Diplomat hatte vor.« Und das war ich auch. ohne es im Mindesten zu wollen. Dort befand sie sich seit dem Abend ihrer Verhaftung. »ich habe den Erben verloren. »Tja. sie bittet mich. einem Zimmer in einem Krankenhaus. beladen mit einer Stange Picayune-Zigaretten und einem Wagenrad aus Herbstveilchen. ausnahmsweise einmal ohne Sonnenbrille. Golightly – durch Boten. Ich setzte mich auf Hollys Bett und drückte Hollys Kater an mich und litt ebenso sehr. Es war der Morgen zwei Tage danach. als ich auf Zehenspitzen an ihr Bett trat. das nach Jod und Bettpfannen stank. und bedauern tat ich es noch weniger. die Augen. sich zu verdünnisieren. klar wie Regenwasser – man mochte nicht glauben. ob ich zufällig etwas von José gehört hätte. oder die Willenskraft. das wunderte mich nicht. »Ja. ich werde so freundlich sein. wie Holly bald selbst leiden würde. Trotzdem.« Der Cousin kicherte. Er schloss den Koffer und holte einen Brief hervor: »Mein Cousine. vanillegelben Haare zurückgekämmt. ich saß an ihrem Bett in einem Zimmer. Herzchen«. 100 . den Brief zu vernichten. als Holly sich sehr zaghaft erkundigte. ich bin überzeugt.« Sie sah aus wie nicht ganz zwölf Jahre alt: die hellen. was für eine herzlose Lumperei: »Dem müsste man das Fell mit einer Reitpeitsche gerben. wie krank sie gewesen war.

böses. einem Trio drillingsartiger Damen. hielt Fred auf dem Schoß. Kein Quatsch.« Und dann fragte sie mich nach José. Holly erklärte das: »Sie glauben. Hat mir die Hölle heiß gemacht. Verstehst du jetzt. Wahrscheinlich hab ich dir noch nie was von dem fetten Weib erzählt. der mich ins Unglück gestürzt hat«. ihnen den Spaß zu verderben. wo ist er hin. das ihr Alter ins Unermessliche steigerte.Doch es stimmte: »Verdammt. Ein Mädchen liest so etwas nicht ohne Lippenstift. was vor uns liegt. Dieser Hohn! Aber das ist alles. der zu ihr durfte. »Herzchen«. mein Freund: diese comédienne. saß in einem Schaukelstuhl und hat schallend gelacht. Da hab ich mich sofort gefragt. J. Sie teilte das Zimmer mit anderen Patienten. warum ich durchgedreht bin und alles kaputt geschlagen habe?« Bis auf den von O. bis mein Bruder gestorben ist. Herzchen. aber genauestens musterten und in geflüstertem Italienisch Vermutungen anstellten. ich wäre fast abgekratzt. die mich nicht unfreundlich. die nur darauf wartet. Berman angeheuerten Anwalt war ich der einzige Besucher. harten Lächeln. was bedeutet das. ein fettes. du bist mein Ruin. rotes Weib.« 101 . Der Kerl. Sie sprechen kein Englisch. das richtigzustellen. sich über uns scheckig zu lachen. wies sie mich an. und da hab ich sie gesehen. und beantwortete meinen Vorschlag. »würdest du die Schublade da aufmachen und mir meine Handtasche geben. kniff sie die Augen zusammen und krümmte ihren Mund zu einem schmalen. Denn ich hatte selbst keine Ahnung von der. Sowie sie den Brief sah. mit: »Das kann ich nicht. Fred ist tot. sie war bei mir im Zimmer und wiegte Fred in den Armen. das fette Weib hat mich fast erwischt. Außerdem würde mir nicht im Traum einfallen.

und nach einem unzufriedenen Blick auf den mangelhaften Zustand ihrer Maniküre. ich beklage die Schande Deiner gegenwärtigen Umstände und bringe es nicht über mein Herz. Sei nicht so eigensüchtig: lies ihn vor. was ich von der Handschrift hielt.« Er begann: »Mein liebstes kleines Mädchen …« Sofort unterbach Holly. tat sich Blau auf die Lider und besprühte ihren Hals mit 4711. Aber himmlisch«. »Lies weiter. Sie wollte wissen. da ich wusste. unexzentrische Schrift. Ich hielt nichts davon: eine enge. Tat einen Zug: »Schmeckt ekelhaft. als ich auf so brutale und öffentliche Weise Kenntnis erhielt. steckte sich Perlen an die Ohren und setzte ihre Sonnenbrille auf. Schließlich bat sie um eine Picayune. Du warst nicht wie andere. »Genau so ist er. wie sehr Du Dich von der Frau unterscheidest. Ich würde ihn auch gern hören. wobei ihr steinernes kleines Lächeln noch kleiner und härter wurde. meine Verdammnis der Verdammnis hinzuzufü102 . sehr gut lesbare.Unter der Anleitung eines Puderdosenspiegels malte und puderte sie jede Spur der Zwölfjährigen aus ihrem Gesicht fort.« »Mein liebstes kleines Mädchen. Sie formte ihre Lippen aus einer Tube und färbte ihre Wangen aus einer anderen. verkündete sie. Sie fuhr mit einem Stift um ihre Augenränder. Doch stell Dir meine Verzweiflung vor. derart gewappnet. Zugeknöpft und verstopft«. Wahrhaftig. in dem ein Schweinehund vorkommt. riss sie den Brief auf und überflog ihn. ich habe Dich geliebt. sagte sie und. mir den Brief zuwerfend: »Vielleicht kannst du den mal gebrauchen – wenn du je einen Liebesroman schreibst. die ein Mann meines Glaubens und meiner Bestimmung hoffen kann. zu seiner Ehefrau zu machen.

dass er ein Feigling ist. Aber möge Gott immer mit Dir und Deinem Kind sein.gen. ach. bedachten mich mit missbilligenden Zungenschnalzern. Und sogar rührend. schönes Kind. verdammt und zugenäht«. Sie beruhigte sich. und die Damen. von seinem Standpunkt aus …« Holly wollte jedoch nicht zugeben. dass irgendjemand auf den Gedanken kam. 103 . Also hoffe ich. Den Schweinehund. aber ihr Gesicht. Hätte ich nicht die Retterin in der Not spielen müssen. »Also gut. Sie schluckte und sagte: »Danke. und du musst verstehen. mich zu verdammen.« »Rührend? Dieses spießige Gewäsch!« »Aber immerhin sagt er. die dich umgibt. die Schuld an Hollys Schmerzenslauten dort suchend. Hollys Herz könnte für mich schlagen. Kein übergroßer King-Kong-Schweinehund wie Rusty. mein Junge. und ich bin ein Feigling. Ich war geschmeichelt: stolz.« »Na?« »In gewisser Weise wirkt er ganz ehrlich. »Ich habe ihn geliebt. Vergiss mich.« Das italienische Trio vermutete eine Krise zwischen Liebenden. als ich ihr noch eine Zigarette anbot. er ist kein Schweinehund ohne Gründe. Wie Benny Shacklett. dass du so ein schlechter Jockey bist. Und danke dafür. Ich bin nach Hause gefahren. Du wirst es nicht über Dein Herz bringen. Ich muss meine Familie schützen und meinen Namen. wo sie ihrer Meinung nach hingehörte. Aber. wenn diese Institutionen ins Spiel kommen. Möge Gott nicht so sein wie – José. gestand es ein. verflixt. dass sie es verstand. trotz der kosmetischen Verkleidung. sagte sie und stopfte sich eine Faust in den Mund wie ein schreiendes Baby. Ich bin nicht mehr hier.

Wir können das nicht als Witz abtun. sei reif. Außerdem. einen erstklassigen Platz in einem erstklassigen Flugzeug habe. Holly«.« Bis dahin hatten wir es vermieden. Aber den Polypen hab ich eine Heidenangst eingejagt. Und weil du so ein guter Freund bist. »Hör mal.würde ich mich immer noch auf den Fraß in einem Heim für ledige junge Mütter freuen. darunter eine wegen Freiheitsberaubung.« Sie rieb sich die Nase und konzentrierte sich auf die Zimmerdecke. Wir müssen uns etwas einfallen lassen.« 104 . Bitte hör auf. sich der trostlosen Wirklichkeit zu stellen. Jawohl. was du zu tun beabsichtigst. Am Samstagmorgen werde ich mich hier verabsentieren und auf die Bank gehen.« »Du bist zu jung. denn sie zeigte. denn ich hab behauptet. ja? Also werde ich wahrscheinlich bis Samstag ruhen. Wo ich. Körperliche Anstrengung. wie gänzlich unfähig sie war. Dann werde ich in meiner Wohnung vorbeischauen und ein oder zwei Nachthemden und mein Mainbocher-Kleid mitnehmen. Ich will wissen. Anschließend werde ich mich nach Idlewild begeben. Holly. »Heute ist Mittwoch. ich kann denen mehrere Klagen anhängen. weil Mademoiselle kesser Vater mich geschlagen hat. über den Ernst ihrer Lage zu sprechen. die hat’s gebracht. den Kopf zu schütteln. und diese scherzhafte Anspielung darauf erschreckte und rührte mich. »Hör mal. Das kannst du nicht machen. sei ein Onkel.« »Holly. um kleinkariert zu sein. sagte ich und dachte: sei stark. Holly. darfst du winken kommen. Außer dass ich dein Freund bin und mir Sorgen mache. Und nicht groß genug. mich mal so richtig ausschlafen. wie du ganz genau weißt. das war alles nur. was geht dich das an?« »Nichts.

wirst du nie mehr nach Hause kommen können. Selbst wenn du es ins Ausland schaffst. die O. Holly. J. Stahlkorridore mit langsam zugehenden Türen. Pech gehabt.s gutes Herz. »Ich hab eine ganz gute Chance. du stehst unter Anklage.« »Na und. Verachte mich nicht. Laut meiner Volkszählung gehört er zu den Bewohnern von Orkus City. Gesegnet sei O. J. Herzchen. ich hab ihm nichts von Rio gesagt – der würde mich an die Polente verpfeifen. scheiß drauf«. Vorausgesetzt. Berman als Kaution gestellt hat. Sie war jedoch beeindruckt. Du bist unschuldig. Ich hab’s mit dem Anwalt durchgesprochen: Oh. Zuhause ist da. »Ach. aber ich hab ihm an der Westküste mal geholfen.« Sie sagte: Hurrahurraa«. nicht geschnappt zu werden. das ist idiotisch. ungeheurer Ehrlichkeit. wo man sich zu Hause fühlt. Du musst es durchstehen. falls du das denkst. Bloß: warum soll ich einen erstklassigen Flugschein verfallen lassen? Der schon bezahlt ist? Außerdem war ich noch nie in Brasilien. und blies mir Rauch ins Gesicht.« Sie legte ihre Hand auf meine und drückte sie mit plötzlicher. sagte sie und drückte heftig ihre Zigarette aus. Schau mal. Wenn sie dich auf der Flucht schnappen. dann buchten sie dich ein und werfen den Schlüssel weg. Außerdem. ebenso wie meine: Eisenzellen.« »Nein. ganz zu schweigen von den Pimperlingen. »Mir bleibt kaum eine Wahl. du hältst la bouche fermée.»Et pourquoi pas? Ich renne José nicht hinterher. um nicht sein Honorar zu verlieren.« »Was für Pillen haben sie dir hier verabreicht? Begreifst du denn nicht. ihre Augen wurden von traurigen Visionen geweitet. in einem einzigen Pokerspiel mehr als zehn Riesen zu gewinnen: wir 105 . Ich suche noch danach.

gegen einen Freund auszusagen. vom La Rue bis zu Perona’s Bar und dem Grill – du kannst mir glauben. Frank E. Es gibt ein Scheinwerferlicht.sind quitt. das war nicht ganz astrein mir gegenüber. Campbell. Selbst wenn die Geschworenen mir einen Tapferkeitsorden verleihen würden. sind ein paar Gratisnummern und meine Dienste als Belastungszeugin gegen Sally – niemand hat die Absicht. das ist nicht alles. wenn sie ihm nachweisen können. das dem Teint eines Mädchens schlecht bekommt. Schwester. gut. in Wirklichkeit sieht’s so aus: alles. sagen wir. mir schwebt nicht vor. der Leichenbestatter.« 106 .« Sie hielt sich den Puderdosenspiegel vors Gesicht. Mein Maßstab ist. und ich würde mich lieber dem fetten Weib überliefern. aber: ich weigere mich. Uh-uh. ihn festzunageln. dann würdest du begreifen. wie mich jemand behandelt. hätte ich in dieser Gegend keine Zukunft: überall würden sie mir die Tür vor der Nase zuknallen. Und wenn du bisher von meinen Talenten gelebt hättest. Während die feine Madame Trawler möseschwenkend bei Tiffany ein und aus geht. Ich mag verderbt bis ins Mark sein. trotzdem ist Sally eine ehrliche Haut. verteilte den Lippenstift auf ihrem Mund mit einem gekrümmten kleinen Finger und sagte: »Um ganz ehrlich zu sein. in einem Schuppen wie dem Roseland mit dem Gesindel von der West Side Schieber zu tanzen. ich wäre ungefähr so willkommen wie Mr. Nein. als den Gesetzeshütern zu helfen. und der alte Sally. Auch nicht. Dann lieber das fette Weib. Schätzchen. er hat mich ein bisschen benutzt. was die Polypen von mir wollen. sie haben nichts gegen mich in der Hand. was für einen Bankrott ich beschreibe. mich anzuklagen. Das könnte ich nicht ertragen. dass er die gute Sister Kenny mit Koks versorgt hat.

Ruf die Times an oder wen immer und besorg mir eine Liste der fünfzig reichsten Männer von Brasilien. und setzte ihre Vorbereitungen fort – wobei sie. entkorkte sie sich. ob durch die Polizei oder Reporter oder andere interessierte Parteien. Die fünfzig reichsten: egal. Den werd ich für die Reise brauchen. welcher Rasse oder Hautfarbe. doch ihr wurde mit einem Thermometer der Mund gestopft. Ich mache keine Witze. schwankte die Stadt unter peitschendem Platzregen. dass es unklug von ihr wäre. Herzchen. den du mir geschenkt hast. spätestens in einer halben Stunde. ob du den Anhänger findest. das muss ich sagen. wogegen es unwahrscheinlich schien. dass die Besuchszeit zu Ende war. Aber Holly kümmerte sich gar nicht um meine fröhliche Überzeugung. dass ein Flugzeug sie durchdringen konnte. ließ sich nicht sagen – nur dass ein Mann. ihr ist keiner gefolgt«. 107 . Also war sie vom Krankenhaus zur Bank gegangen und dann direkt in die Bar von Joe Bell. Und noch was – schau in meiner Wohnung nach. sagte Joe. »Sie meint.« Der Himmel war am Freitagabend rot. dass Holly mich dort so bald wie möglich erwartete. um zu sagen: »Tu mir einen Gefallen.Eine Krankenschwester glitt ins Zimmer und tat kund. mir die Hauptlast aufbürdete. Den Heiligen Christophorus. Holly fing an zu protestieren. dem Abreisetag. Und das zu Recht: es stand unter Beobachtung. das Sandsteinhaus zu betreten. es donnerte. und am Samstag. dass ihr Flugzeug nicht abheben würde. als er mit der Nachricht zu mir kam. manchmal auch mehrere Männer vor der Haustür herumlungerten. Als ich mich verabschiedete. Haie hätten durch die Luft schwimmen können. Denn sie hatte entschieden.

eine traurige Pyramide aus Büstenhaltern und Tanzschuhen und hübschen Dingen. die Tüten platzten. wie ich den Kater transportieren sollte. meisterte ich in kürzester Zeit die Aufgabe. Aber ich hatte keine Ahnung. Mir ist ganz danach. bis mir einfiel. Sie sollte vor sich selbst geschützt werden. es der Polizei zu sagen. Ach ja. wenn ich zurückgehe und ihr ein paar Cocktails mache. die ich in Hollys einzigen Koffer packte. Ich fand sogar ihren Sankt-Christophorus-Anhänger. besonders bei so unfreundlichem Wetter. Zahnbürsten und so Zeug. Egal warum. Vieles blieb übrig. dass sie’s abbläst. »ich weiß nicht. etwas knapp unter fünfhundert Meilen. Aber verdammt noch mal«. und den Kater. denn der Kater hatte die Evakuierung. Und eine Flasche hundert Jahre alten Branntwein: sie sagt. winddurchpustet und selbst außer Puste und pitschnass bis auf die Knochen (dazu zerkratzt bis auf die Knochen. aber ich bin früher mal von New Orleans zu Fuß bis nach Nancy’s Landing in Mississippi gelaufen.und mitbringen sollte ich: »Ihren Schmuck. Vielleicht. und 108 . ihre Ausgehutensilien zusammenzutragen.« Die Feuertreppe zwischen Hollys Wohnung und meiner hinauf und hinunter stolpernd und schliddernd. nicht günstig aufgenommen). vielleicht kriege ich sie so betrunken. Die Gitarre füllte sich mit Regen. was ich in Papiereinkaufstüten verstauen musste. ihn in einen Kopfkissenbezug zu stopfen. Das war ein harmloser Witz im Vergleich zu meinem Marsch zur Bar von Joe Bell. Ihre Gitarre. Sie will den Kater haben. sagte er. ob wir ihr überhaupt helfen sollten. du wirst sie ganz unten im Korb mit der schmutzigen Wäsche finden. Alles stapelte sich auf dem Fußboden in meinem Zimmer. Regen weichte die Papiertüten auf.

Gott sei Dank hab ich nie die Truhe dafür gekauft. als erwartete sie. Sie entkorkte die Branntweinflasche und sagte: »Die sollte eigentlich Teil meiner Aussteuertruhe sein. die sie als Erste bemerkte.« Je mehr sie ihm um den Bart ging (»Ach. der Kater kratzte und kreischte – aber das Schlimmste war. Hast du den Branntwein mitgebracht?« Und der freigelassene Kater sprang auf ihre Schulter: sein Schwanz schwang wie ein Taktstock. Wenn Sie zur Hölle fahren wollen. Mr. mich abzufangen und einzusperren. Mit dem Gedanken. der ekstatische Musik dirigiert.« Eine Falschaussage: denn Sekunden. Wollen Sie nicht mit ihr anstoßen?«). dass wir uns an jedem Hochzeitstag ein Gläschen genehmigen würden. dachte ich: mein Gott. »Ich trinke nicht auf Ihre Dummheiten. hielt eine Limousine mit Chauffeur vor der Bar. Mr. Bell. sagte er. weil ich einer Gesetzesbrecherin Vorschub leistete. Was ich übrigens auch tat. und Holly. Und als ich sah. hob die Augenbrauen. nachdem er sie gemacht hatte. Junge. desto bärbeißiger wurde er: »Ich will nichts damit zu tun haben. wie Joe Bell rot wurde. drei Gläser. einem lustigen Bon-voyage-Humtata. Ohne weitere Hilfe von mir. Die Gesetzesbrecherin sagte: »Du bist spät dran. die nur darauf warteten. ich hatte Schiss. konnte es an Feigheit mit José aufnehmen: in den stürmischen Straßen schien es zu wimmeln von unsichtbaren Einsatzkräften. Bell. Perlen rollten in den Rinnstein: Der Wind peitschte. Holly schien ebenfalls von einer Melodie bewegt zu sein. Sir. er hat 109 . dann ganz allein. Die Dame entschwindet nicht jeden Tag.« »Sie brauchen nur zwei«. dass der Staatsanwalt höchstpersönlich ausstieg.Parfüm ergoss sich aufs Pflaster.

»Adieu«. als müsse er sich übergeben.« Er weigerte sich. und sich in ein enges schwarzes Kleid schlängelte. Sie summte vor sich hin. und außerdem schien Holly zu geistesabwesend für ein Gespräch. während die Limousine durch den nachlassenden Regen nach Norden zischte.wirklich die Polizei angerufen. Wir hörten. und hastete. Sondern dies: »Halten Sie hier«. Auf dem Bürgersteig wurde Abfall aus Obst110 . ein tristes Viertel. Ein wüstes. als sammle sie letzte Eindrücke von einem Schauplatz. das sie bis jetzt noch nicht hatte wechseln können. Der Carey-Chauffeur war ein weltgewandtes Exemplar. sie verfehlten ihr Ziel und landeten auf dem Fußboden. um aus den Fenstern zu spähen. ein schrilles. Für die Fahrt zum Flughafen.« Er kehrte uns den Rücken zu und machte sich an einem seiner Blumenarrangements zu schaffen. befahl sie dem Fahrer. guter Mr. Holly sagte: »Lieber. wie die Tür verriegelt wurde. das Reitkostüm. er nahm sich mit ausgesuchter Höflichkeit unseres liederlichen Gepäcks an und verzog keine Miene. und wir parkten in einer Straße in Spanish Harlem. entschied ich. geschmückt mit Plakaten von Filmstars und Madonnen. sagte er. an den sie sich erinnern wollte. Sehen Sie mich an. Ich hab ihn gemietet. als Holly. ihre Sachen auszog. Er riss die Blumen aus der Vase und warf sie nach ihr. Wir sagten nichts: jede Unterhaltung hätte nur zu Streit geführt. Es war keins von beidem. Bloß einer von diesen Carey-Cadillacs. Sir. ganz als halte sie nach einer Adresse Ausschau – oder. nahm immer wieder einen Schluck aus der Branntweinflasche und beugte sich ständig vor. Bell. zur Herrentoilette. Aber dann verkündete er mit brennenden Ohren: »Das ist nichts weiter.

bis sie antwortete. Wir haben uns nie irgendwas versprochen. »Also das ist wirklich gemein von dir. sagte sie und ließ ihn fallen. stampfte sie mit dem Fuß auf: »Ich hab gesagt. kraulte sie seinen Kopf und fragte: »Was meinst du? Das müsste für einen zähen Kerl wie dich die richtige Gegend sein.« Wir waren einen Häuserblock weit gefahren.schalen und aufgeweichten Zeitungen vom Wind umhergeschleudert. Holly stieg aus dem Auto. »Los. und ihre Stimme versagte. Ihn in den Armen haltend. ein nervöses Zucken. die eine Reihe artig singender Kinder eskortierten. Mülltonnen. Wir haben nie …«. ich rannte ihr hinterher. Aber der Kater war nicht mehr an der Ecke. eine kranke Weiße ergriffen ihr Gesicht. »Ich hab’s dir doch gesagt. Los.« Ich konnte es nicht fassen. Wir sind uns einfach eines Tages am Fluss begegnet: das ist alles. Plötzlich riss sie die Tür auf und rannte die Straße hinunter. Viele andere Katzen-Stadtstreicher. Wir sind alle beide unabhängig. Ratten in rauhen Mengen. niemand. verpiss dich!«. sagte sie. auch wenn der Regen aufgehört hatte und am Himmel blaue Flecken auftauchten. denn der Wind brauste immer noch. sie nahm den Kater mit. mit denen du dich herumtreiben kannst. dann sprang sie ins Auto. hau ab!« Er rieb sich an ihrem Bein. Also verschwinde«. wo sie ihn zurückgelassen hatte. »Ich hab gesagt. Das Auto hielt gerade an einer Ampel. nur ein pinkelnder Betrunkener und zwei Negernonnen. schrie sie. knallte die Tür zu und rief dem Fahrer »Los« zu. und als er nicht weglief. sondern sein Haudegengesicht hob und sie aus gelblichen Piratenaugen fragend anblickte. Andere Kinder 111 . Da war nichts.

der immer noch seine Katze anbot (»Fünfzig Cent. auf und ab rannte und rief: »Du. sie musste sich an meinem Arm festhalten. Miss? Gib mir einen Dollar. sank in den Sitz. »Tut mir leid. wie Holly hierhin und dorthin hastete. Er hat mir gehört. bis ein pickliger Junge mit einer alten Katze am Schlawittchen auf sie zu trat: »Willst du schönes Kätzchen. Wo bist du? Hierher. Das fette Weib. Jetzt ließ sich Holly von mir hinführen. Ich verspreche es. »Aber was ist mit mir?«. selbst wenn mein Leben davon abhinge. Und: FILMSTERNCHEN VON UNTERWELT BESEITIGT. mein Junge. endlich.« Das trieb sie so lange. sie sah an mir vorbei. bis du’s weggeworfen hast. das ist gar nichts. dass ich nicht ausspucken könnte. und sie erschauerte.« Die Limousine war uns gefolgt. um sich anzuschauen. Nicht zu wissen. vorbei an dem Jungen. freudlosen Strich von einem Lächeln. mein Gott. das ist gar nichts.« Dann gab ich ihr ein Versprechen. Denn vielleicht geht das immer so weiter. und Frauen lehnten sich über ihre Fensterbretter. Kater. Nach einiger Zeit berichtete die Presse jedoch: 112 . das ist nicht viel«). Fünfundzwanzig vielleicht? Fünfundzwanzig.kamen aus Häusern heraus. »Ich habe sehr große Angst. Wir haben doch zueinander gehört. An der Tür zögerte sie.« Sie lächelte: diesen neuen. Aber das: mein Mund ist so trocken. »Oh. Ja. Kater. ich würde zurückkommen und ihren Kater auftreiben: »Und ich werde mich auch um ihn kümmern. was dir gehört. Fahrer.« Sie stieg in den Wagen. Auf geht’s.« TOMATOS TOMATE VERSCHWUNDEN. ich sagte. sagte sie im Flüsterton und zitterte wieder. Das rote Elend.

ohne ein Wort von Holly. und bald verkümmerte das Ganze zu einer gelegentlichen Erwähnung in den Klatschspalten. Monate vergingen. Der Besitzer des Sandsteinhauses verkaufte ihre Hinterlassenschaften.MAFIAFLITTCHEN NACH RIO GEFLOHEN. wenn er ein blaues Auge hatte. Sie war mit Bleistift gekritzelt und mit einem Lippenstiftkuss unterschrieben: Brasilien war schauderhaft. Aber hauptsächlich wollte ich ihr von ihrem Kater berichten. Schau mich jedenfalls nach Behausung um ($enor hat Frau. 7 Gören) und werde Dich Adresse wissen lassen. als Sally Tomato in Sing-Sing einem Herzanfall erlag. als etwas Berichtenswertes wurde es nur noch einmal wiederbelebt: am ersten Weihnachtsfeiertag. Nicht Tiffany. um ihre Auslieferung zu erwirken. aber fast. Liebe? Glaub ja. sein Name war Quaintance Smith. weil es darin spukte. mit Filet Mignon. den Gobelin. denn es gab so vieles. sobald ich sie selber weiß. das Bett mit dem weißen Satin. ein neuer Mieter bezog die Wohnung. was mich traurig machte. wo die Trawlers gegenseitig auf Scheidung klagten. wurde nie geschickt. Aber im Frühling kam eine Postkarte. und er empfing ebenso viel Herrenbesuch lautstarker Natur wie Holly – allerdings hatte Madame Spanella in diesem Fall nichts dagegen. dass ich gelesen hatte. Offenbar wurden von den amerikanischen Behörden keinerlei Anstrengungen unternommen. Mille tendresse. und dass ich aus dem Sandsteinhaus auszog. Aber die Adresse. sondern war regelrecht in den jungen Mann vernarrt und versorgte ihn immer. ein ganzer Winter. falls es sie je gab. Ich hatte mein 113 . Buenos Aires dagegen fabelhaft. Bin an Hüften verbunden mit la $enor. ihre kostbaren gotischen Lehnstühle. was ich ihr schreiben wollte: dass ich zwei Erzählungen verkauft hatte.

ich hatte ihn gefunden. . war er es. denn ich war sicher. Ich hoffe.Versprechen gehalten. Wochenlang durchstreifte ich nach der Arbeit die Straßen von Spanish Harlem. und sei es in einer afrikanischen Hütte. dass er irgendwo angekommen war. er war es nicht. doch bei näherem Hinsehen stellte sich heraus. Holly ist es auch. Flankiert von Topfpflanzen und eingerahmt von sauberen Spitzengardinen. Aber eines Tages. wo er hingehörte. sonnigen Wintersonntagnachmittag. dass er jetzt einen hatte. und oft gab es falschen Alarm – ich erhaschte einen Blick auf ein rot getigertes Fell. wie sein Name lauten mochte. sicher. an einem kalten. saß er am Fenster eines warm aussehenden Zimmers: ich fragte mich.