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Samstag/Sonntag, 9./10. April 2011 HF2 Süddeutsche Zeitung Nr.

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DIE SEITE DREI

Der Patron der Verfassungsgerichte: Peter Häberle, 76, daheim. Hier saßen seine Schüler, und hier trug auch der blendende Doktorand Karl-Theodor zu Guttenberg überzeugende Thesen vor. Foto: Alessandra Schellnegger

Verfassungsänderung
In stürmischen Zeiten setzte sich der Rechtsgelehrte Peter Häberle stets an den geliebten Flügel, um sich zu sammeln.
Seit sein Doktorand Karl-Theodor zu Guttenberg ihn täuschte, spielt der Professor keinen Ton mehr. Ein Besuch in Bayreuth.

Von Heribert Pran tl seltenes Bild der „Geburt der Venus“, se geöffnet, als „Guatsle“ bietet er sie minar, der Lehrstuhl, das Institut ist ihm hungsprozessen der amerikanischen und „Häusle“ ist darauf abfotografiert, offen-
schlägt einen Bogen zurück zu Sokrates dem Besucher an. Familienersatz, nein mehr, es ist ihm der europäischen Verfassung fasziniert bar von Google Street View, einem Unter-
Bayreuth – Nein, bitte nicht gleich mit und geht dann, mit ausgreifendem Weil er ein großer Europäer ist, weil er mehr als Familie. Eltern und Geschwister Häberle als Thema immer noch. Er nehmen, gegen das er jüngst auf der
Guttenberg beginnen. Guttenberg erst Schritt, über Montesquieu und Rousseau, überall in Europa gelehrt, weil er interna- in einer normalen Familie kann man sich schwärmt von der Originalität dieses An- Staatsrechtslehrertagung noch wortge-
später, erst am Ende eines langen Ge- hin zum großen Haus Europa: Das ist sein tionale Zusammenarbeit vorgelebt hat, nicht aussuchen. Bei einer wissenschaftli- satzes, als habe er für eine Minute verges- waltig argumentiert hat, ein Pfeil ist auf
sprächs. Der junge Guttenberg war doch Ziel, das ist das Ziel seines Lebens. ist sein Häusle ein Europahäusle. In jeder chen Familie ist das anders. Der Meister sen, was dann daraus wurde: absichtliche die Eingangstür des Häusles gemalt, und
nur einer von so vielen Studenten und Über Europa, über die Europäische Ecke hängt Europa. Da ist seine „Philoso- kann sich seine jungen Leute auswählen, Täuschung. Häberle will diese Absicht im- dazu hat der Absender den Satz geschrie-
Doktoranden und Habilitanden, die im Rechtskultur und Verfassung hat Peter phenecke“, gerahmte Stiche von Platon, und sie können entscheiden, ob sie sich mer noch nicht ganz glauben, obwohl das ben: „Wie viel hat der Baron bezahlt?“
Laufe vieler Jahre hier im Musikzimmer Häberle schon nachgedacht und geschrie- Sokrates, Cicero und Co.. Da ist die Juris- ihm anschließen. Häberle hat seine jun- für die Untersuchungskommission ein- Das bringt Häberle nun völlig außer
des Professors saßen, um alle paar Mona- ben, als dies noch ein Exotenfach war, als ten-, Dichter- und Forscherecke; gerahm- gen Leute in seinen Rechtsseminaren ge- deutig ist. „Bis heute glaube ich“, sagt Hä- Fassung, es bricht ihm die Stimme: ein sol-
te von den echten oder vermeintlichen die Europäische Union noch EWG hieß, te Stiche unter anderem von Alexander testet, er hat sie Vorträge halten und dis- berle, „dass Guttenberg die Übersicht ver- cher Vorwurf ihm, der sein Leben lang,
Fortschritten ihrer Arbeit zu berichten – und die Juristen in Brüssel noch nicht von Humboldt und dem preußischen kutieren lassen. Wenn sie sich da bewähr- loren hat in den Zitaten, Kopien und dem anders als die meisten Kollegen seiner
und um dann, um halb vier Uhr nachmit- über einen Grundrechtekatalog, sondern Staatsreformer Karl August Freiherr von ten, schenkte er ihnen schier grenzenloses Selbstgeschriebenen“. Das sei furchtbar Branche, kein einziges Gutachten gegen
tags, wenn ihr Vortrag das verdiente, den über die Milchquoten für die Bauern in Hardenberg. Er lässt raten, wer auf dem Vertrauen und Fürsorge; und er sorgte genug. Alles andere kann sich der Gelehr- Geld geschrieben hat, weil er sich seine
Meister auf seinem täglichen Spazier- Deutschland und Frankreich diskutier- jeweiligen Bild zu sehen ist und freut sich dann dafür, dass sie Erfolg haben. te nicht erklären, will er sich nicht erklä- geistige Unabhängigkeit bewahren woll-
gang zu begleiten. Der führt zwar nur um ten. Die vielen Auflagen von Häberles Bü- sehr, wenn man es weiß. Die stolze Präsen- Andreas Voßkuhle hat das erlebt: Als ren, ist für ihn unvorstellbar. Es ist ein te! Und nun musste er, Millionen Mal ge-
die Reihenhäuser am Ortsrand von Bay- chern zur Europäischen Verfassungsleh- tation dieser kleinen Ausstellung wäre Häberle den Studenten Voßkuhle im Se- ehrloser Bruch mit all dem, was er stets druckt und gesendet, hören, sehen und le-
reuth, ist aber gleichwohl mehr als ein re pflastern den Weg zum Haus Europa, die Gelegenheit, endlich über den ande- minar als klugen Kopf ausgemacht hatte, zu lehren versucht und in seinen „Pädago- sen, dass da wohl ein konservativer Pro-
Spaziergang. Er ist ein Ausflug, ein Erleb- machen ihn zur neuen Via Appia. ren Freiherrn zu reden, den Doktoran- rief er ihn zu sich und sprach mit ihm gischen Briefen“ geschrieben hat. fessor einem prominenten Gesinnungsge-
nis, eine Exkursion, eine Tour d’Horizon Sein eigenes Häuschen ist bescheiden, den, der auch hier im Sesselchen des Mu- über die ferne Zukunft – Dissertation, Ha- Er hätte es merken müssen! Er sagt das nossen einen Gefallen getan habe.
durch die Wissenschaften; denn der alte er selbst nennt es „Schrebergartenhäus- bilitation. Da hatte Häberle das sichere nur als Frage, immer wieder: „Hätte ich Häberle? Konservativ? Ein Irrtum. Er
Herr ist ein Polyhistor, ein Genius Univer- le“, und es sieht auch ein wenig so aus. Es Gespür für die Gaben des jungen Voßkuh- es merken müssen?“ war Assistent bei Horst Ehmke, bevor die-
salis. ist ein kleines Reihenhaus, dessen beson- Ein Feuerlöscher war im Auto le, aber der fühlte sich von der Erwartung Er kennt die Antwort, gibt sie sich aber ser für die SPD ins Bundeskabinett ging.
Er erzählt dabei so witzig und skurril, derer Vorzug darin liegt, dass Häberle zu stets dabei – damit im Notfall und dem Anspruch des Meisters erst ein- nicht. Er, der die Rechtsvergleichung als Er ist ein Freigeist, einer mit vielen Freun-
wie einst Jean Paul geschrieben hat. Jean Fuß zu seiner Arbeit gehen kann. Seit sei- mal schrecklich überfordert; er hatte ja „fünfte juristische Auslegungsmethode“ den, die politisch eher rechts stehen, und
Paul, der Dichter zwischen Klassik und ner Emeritierung als Bayreuther Univer-
kein Manuskript verbrennt. noch nicht einmal den großen Schein im einführte, hat die Arbeit nicht verglichen noch mehr Freunden, die politisch eher
Romantik, hat, wie Peter Häberle, in Bay- sitätsprofessor leitet er die „Forschungs- öffentlichen Recht gemacht und floh da- mit anderen, er hat sich täuschen und links stehen. Häberle hat, es ist lange her
reuth gelebt und gewirkt; und er hat, wie stelle für Europäisches und Vergleichen- sikzimmers saß. Der Meister will aber im- her von der Uni Bayreuth nach München. blenden lassen von der vermeintlichen und fast vergessen, einmal einen der kon-
heute Häberle, bei den einen höchste Ver- des Verfassungsrecht“, die er mit den Gel- mer noch nicht, er redet über seine jüngs- Als er Jahre später, nun schon junger Pro- Noblesse des Doktoranden. Der hatte servativsten und elitärsten Zirkel aufge-
ehrung, bei den anderen Kopfschütteln dern aus dem Max-Planck-Forschungs- ten Monografien und über den „göttli- fessor, wieder in Häberles Seminar kam, viel, sehr viel abgeschrieben aus dem brochen, den es in Deutschland gab: die
geerntet. Über Jean Paul hat Arno preis finanziert; da sitzen auch seine letz- chen Mozart“, der ihm früher immer ge- hörte er dort den fulminanten Vortrag ei- grauen Schrifttum, aus Zeitungs- und Vereinigung der deutschen Staatsrechts-
Schmidt einmal gesagt, er sei „einer unse- ten Doktoranden, dort sammelt und stu- holfen hat, sich Sorgen von der Seele zu nes Freiherrn, der über seine Erfahrun- Zeitschriftenartikeln, aus Vorträgen, aus
rer Großen, einer von den zwanzig, für die diert er, mit unbändiger Leidenschaft, spielen. Diesmal aber geht es nicht. gen im ersten Jahr als Bundestagsabge- Ausarbeitungen des wissenschaftlichen
ich mich mit der ganzen Welt prügeln die Verfassungen der Welt. Er verblüfft Seit dem 16. Februar, seitdem die Plagi- ordneter berichtete. Mitte der neunziger Dienstes – nur wenig aus echter Fachlite- Am Freitag flieht er vor der
würde“. Andreas Voßkuhle, der Präsi- seine Kollegen bei Tagungen gern mit ei- atsvorwüfe gegen Guttenberg zum ersten Jahre war der „Student namens zu Gut- ratur, die dem Experten geläufig ist. Verzweiflung. Dorthin, wo
dent des Bundesverfassungsgerichts, sagt nem Zitat aus einer afrikanischen oder Mal in der Zeitung standen, hat er nicht tenberg“ erstmals ins Häberle-Seminar Selbst von seinem Doktorvater Häberle
über Häberle etwas Ähnliches: Er sei südamerikanischen Verfassung. Zuletzt mehr musiziert. Er schwärmt von den klei- gekommen. Und er sei „von Anfang an ei- hat er abgeschrieben, freilich nur die Fuß-
man ihn verehrt: nach Spanien.
„wohl einer der fünf größten Staatsrechts- hat er Albanien, Polen, Estland und die nen Konzerten, die er hier in seiner Woh- ner meiner besten“ gewesen, so glaubte noten, aber die gleich blockweise.
lehrer nach dem Zweiten Weltkrieg“. Ukraine bei der Entwicklung neuer Ver- nung gegeben hat, zuletzt vor Weihnach- der Professor bis vor kurzem. Der junge Häberle ist bekannt dafür, dass er gute lehrer. Professoren und Privatdozenten
Peter Häberle ist ein schwäbisch spre- fassungen beraten. ten. Guttenberg war auch dabei. Adlige schloss sich also der Wissen- Noten gibt. Das ist wohl seine Belohnung aus Deutschland, Österreich und der
chender Weltgeist, der aber gern in der Der Rechtsgelehrte Peter Häberle, vor Häberles ehemalige Assistenten, die schaftsfamilie Häberle an. Das gefiel Hä- dafür, dass sich die Doktoranden der Mü- deutschsprachigen Schweiz, die dort
Provinz lebt, der nach Bayreuth ging bald 77 Jahren geboren in Göppingen als Häberlianer, sitzen in zahlreichen Univer- berle – und das gefiel Guttenberg. he und Mühle seiner Seminare unterzo- nicht zur Aufnahme vorgeschlagen oder
„nicht wegen, sondern trotz Richard Wag- Sohn eines musikalischen Mediziners, ist sitäten als ordentliche Professoren. Sie Guttenberg saß bescheiden, ein wenig gen hatten. Er hat also ein ordentliches trotz Vorschlags nicht aufgenommen wer-
ner“, und der eine Gabe hat, die nur weni- ebenso beredt wie sparsam, er hält das halten zu ihm, sie besuchen ihn immer kokett und den Lehrer gebührend bewun- Erstgutachten zu Guttenbergs Arbeit ge- den, sind beruflich erledigt. Die Konser-
ge Gelehrte haben: Er kann begeistern, Geld zusammen, wie er seine Familie zu- wieder, nicht nur an runden Geburtsta- dernd auf dem Sesselchen im Musikzim- schrieben, acht Seiten lang, mit ganz vie- vativen wollten Anfang der neunziger
sammenhält, die keine klassische, son- gen, wo sie ihm dicke Festschriften wid- mer, wenn er alle acht, neun Monate – wie len Verweisen darin auf bestimmte Stel- Jahre, also lang nach den Studentenunru-
dern eine wissenschaftliche Familie ist, men. Sie können Abende lang eine Anek- es alle Doktoranden Häberles machen len der Doktorarbeit: summa cum laude. hen von 1968, einen Professor erledigen,
Der Mann, der ihn hinterging, bestehend aus seinen Studenten, Semina- dote nach der anderen erzählen über ih- müssen – ein neues Kapitel seiner Arbeit Dieses Votum stand wohl schon vorher der seinerzeit als Jurastudent zum Vorle-
hat ihn bisweilen auf seinen risten, Doktoranden und Habilitanden. ren Meister; eine der schönsten ist die: vorstellte. Er las nicht, er trug den Inhalt einigermaßen fest, es war ja schon alles sungsboykott aufgerufen hatte. „Uner-
Sie sind Schüler, seine Jünger, er ist ihr Wenn er bei ihnen im Auto mitfuhr, muss- vor. Bei solchem Vortrag vermag kein Zu- längst mündlich superb vorgetragen, der träglich“ sei es, jemanden aufzunehmen,
Spaziergängen begleitet. Lehrer und Meister. Ihm ist das meisterli- te stets ein Feuerlöscher mitgeführt wer- hörer ein Plagiat zu erkennen, nicht ein- Gutachter hatte den Autor und sein Werk der „die Freiheit der wissenschaftlichen
che Etikett nicht erst im Alter aufgeklebt den, damit im Fall des Falles kein Manu- mal ein Weltgeist, zumal dann nicht, schon so lange gekannt, zu lange wahr- Lehre bekämpft“ habe. Bei den national-
mehr noch, er kann beseelen, für die Wis- worden. In den sechziger Jahren war er skript verbrennt. Sie halten ihm so die wenn ein Politiker vorträgt, der es ge- scheinlich. Altersmilde kam dazu und die sozialistisch belasteten Professoren hatte
senschaft, für die Abenteuer des raum- das Wunderkind des Rechts, in den siebzi- Treue, wie er selbst seinen früheren Leh- wohnt ist, fremde Texte vorzutragen. Der Freude darüber, dass der prominente Poli- man in den fünfziger Jahren solche Beden-
greifenden Denkens, und ja, auch das, für ger Jahren der Superstar der deutschen rern die Treue hält: Günter Dürig, der Weltgeist war geschmeichelt ob der Ge- tiker es geschafft hatte; und irgendwo ken nicht gehabt. Mit Vehemenz und Er-
Redlichkeit und penible Ehrsamkeit. Er Staatsrechtswissenschaft: Seine Disserta- Großkommentator zur Menschenwürde, schmeidigkeit der Rede und der Grandez- war da vielleicht auch die Bewunderung folg setzte sich damals Häberle für den un-
ist ein Mann von enthusiastischer Ernst- tion über die „Wesensgehaltsgarantie des hat ihn einst, wie Häberle sagt, „freund- za des jungen Herrn. Auf Manieren und des Musikliebhabers Häberle für Gutten- tadeligen Kandidaten ein. Häberle war
haftigkeit, der sich für seine Studenten Artikels 19 Absatz 2 Grundgesetz“ war, schaftlich an die Hand genommen“, und eloquenten Vortrag hat Häberle immer ge- bergs Vater Enoch, den Dirigenten. Dies und blieb für liberale und linke Juristen
zerreißt, der für sie ein Kümmerer ist – wie man heute sagen würde, ein Hammer. Konrad Hesse, einer der prägenden Rich- alles addierte sich zu einer Note, die Gut- wichtig: Er hat ihnen den Weg geebnet, er
mit einem fast kindlichen Vertrauen in Seine Habilitationsschrift über „Öffentli- ter des Bundesverfassungsgerichts, hat tenberg auch ohne Plagiat für diese Ar- hat sie gefördert.
die Menschen, die er gewonnen hat oder ches Interesse als juristisches Problem“ ihm die Welt der Dogmatik eröffnet; Hä- Immer wieder fragt er: „Hätte beit nie hätte kriegen dürfen; es war eher Von Jean Paul, dem geistigen Vorfahr
gewonnen zu haben glaubt, weil sie seine gilt als Offenbarung. Seine späteren Ar- berle sagt gern, dass er „ewig dankbar“ ich es merken müssen?“ die Note für Guttenbergs achtjährige Prä- des Peter Häberle, gibt es eine Schrift, die
Seminare besucht und sich dort ausge- beiten sind nicht mehr so dogmatisch, son- sei, er ist emphatisch. Sein Lehrer Hesse senz und für seine mündlichen Vorträge, „Auswahl aus des Teufels Papieren“
zeichnet haben: „Wenn man den Men- dern kulturwissenschaftlich geprägt. Da ist 2005 gestorben, seitdem besucht der al-
Er selbst kennt die Antwort. die der Abgabe eines Machwerks voraus- heißt. Zu so einer Auswahl ist für den
schen besser behandelt, als er ist, kann haben klassische Juristen die Nase ge- te Häberle regelmäßig dessen Witwe; das gegangen waren. Häberle hatte sich wohl Rechtsgelehrten die Guttenbergsche Text-
man ihn besser machen“, sagt er, und be- rümpft, aber zumal in der lateinamerika- ist Ausdruck bleibender Verehrung und achtet, und er schätzt es noch heute, wenn die Arbeit Guttenbergs als Glanzpunkt collage geworden. Der Ex-Doktorand hat
hauptet, dass er mit dieser Lebensdevise nischen Welt ist Häberle damit zum juris- Achtung. Häberle ist eine treue Seele, sich Mitarbeiter anderer Lehrstühle or- am Ende seiner Laufbahn gewünscht; sie dieser Collage, es ist wie ein frivoler Witz,
immer recht gehabt habe. Nur einmal tischen Heiligen aufgestiegen. und die Hinwendung, die er für seine dentlich bei ihm vorstellen. Er war stolz ist ein Schandfleck geworden. das Motto „E pluribus unum“ vorange-
nicht. Aber darüber, über die „existentiel- Der Patron der Verfassungsgerichte in Lehrmeister ein Leben lang hegt, erwar- darauf, dass er einen Doktoranden aus ad- Guttenberg hat in einem Schreiben an stellt – aus vielem eines. Das Motto steht
le Enttäuschung“, über die „Wunde“ will Rom, Lima und Brasilia sitzt nun in sei- tet er auch von seinen Schülern. Man ist ligem Haus, einen Familienvater mit zeit- Häberle um Entschuldigung gebeten für auf der Dollarnote und auf allen US-Mün-
er noch nicht reden. Er geniert sich. nem Musikzimmer, man blickt von dort Familie. Bei Häberles 70. Geburtstag hat fressendem Beruf für die Wissenschaft das „Ungemach“, so drückte er sich aus, zen und bezieht sich auf Amerika als
Der Mann, der sie ihm zufügte, der ihn in einen pflegeleichten Winzlingsgarten. die Familie nicht nur mit ihm gefeiert und und ihre Mühen begeistern konnte. Nur das er über ihn, die Fakultät und die Uni- Schmelztiegel. Eine Doktorarbeit als
existentiell enttäuschte, hat ihn biswei- Zwei Sesselchen stehen im Zimmer, da- getafelt, sondern auch konzertiert. Der al- einmal hat er ein Guttenberg’sches Kapi- versität gebracht habe. Häberle hat dar- Schmelztiegel?
len auf den Nachmittagsspaziergängen zwischen der Flügel, der der einzige sicht- te Lehrer saß am Liszt-Flügel im Bayreu- tel als völlig ungenügend verworfen. auf nicht reagiert. Ungemach ist ein sehr So etwas lässt den alten Peter Häberle
begleitet. Die Exkursion um halb vier bare Luxus im Haus ist; vor dem unteren ther Steingraeber-Haus, seine Schüler Ansonsten merkte er nicht oder wollte feines Wort für das sehr Unfeine, für den verzweifeln. Er ist am Freitag, diesmal oh-
führt eigentlich nur an oberfränkischen Ende der Klaviatur sitzt der Besucher, und Freunde, wohlbestallte Professoren, im Überschwang von Begeisterung und Vertrauensbruch, für den Missbrauch der ne Feuerlöscher, vor seiner nun schon so
Jägerzäunen und gut beschnittenen Koni- vor dem oberen Ende der Meister. Er sitzt spielten dazu Geige und Klarinette. Vertrauensseligkeit nicht merken, dass Reputation eines großen Juristen. lange währenden Verzweiflung geflohen,
feren vorbei, aber sie beginnt bei Grotius, da im dunklen Anzug und mit festen Der Konstanzer Philosoph Jürgen Mit- der wohlerzogene Adlige den wissen- Peter Häberle hat sich seit der Aufde- dorthin, wo man ihn bewundert und ver-
dem Vater des Völkerrechts, führt zu Goe- Hausschuhen, er ist ein alter Herr, ein telstraß hat ein Buch geschrieben, das schaftlichen Ansprüchen nicht genügte, ckung des Plagiats vor der Öffentlichkeit ehrt: nach Spanien. „Humanista“ nennt
the, findet eine versteckte Abzweigung Grandseigneur, Ehrendoktor der Univer- „Wissenschaft als Lebensform“ heißt. Pe- und dass er Methoden hatte, dies zu ka- versteckt, das Telefon nicht mehr abgeho- man ihn dort und in der lateinamerikani-
zur Verfassung von Guatemala, biegt ein sitäten von Thessaloniki, Granada, Lima, ter Häberle lebt das – Wissenschaft als Le- schieren. Häberle war entzückt vom The- ben, die Tür nicht mehr geöffnet – aber schen Welt. An der Universität Granada
bei der Trajanssäule, macht Halt beim rö- Brasilia, Tiflis und Buenos Aires, er hat ei- bensform, Wissenschaft als Lebensinhalt, ma, das sich sein Doktorand gewählt hat- viele der ungezählten Schmähbriefe denn wird ein rechtswissenschaftliches Insti-
mischen Palazzo Farnese, bewundert ein nen Tee gekocht und eine Schachtel Kek- Wissenschaft als Lebensprinzip. Das Se- te: Der Vergleich zwischen den Entste- doch. Einen zieht er aus dem Stapel: sein tut nach ihm benannt.

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