Es war wieder eine dieser eiskalten Winternächte.

Minutenlang stand ich am offenen Fenster und blickte über die schneebedeckten Baumwipfel. Jeder Atemzug gefror zu Eis. Kopfleere. Ja, ich hatte den finalen Blues. Jäh wurde ich von einem Plätschern aus meinen nicht vorhandenen Gedanken gerissen „Ach ja!“. Ich schloss das Fenster und eilte ins Bad. Das Badewasser war übergelaufen. Beim hastigen Zudrehen der altmodischen Kräne streifte ich eine der zahllosen Kerzen am Wannenrand. Sie fiel ins Wasser. Schon wollte ich nach ihr greifen, als im selben Moment mein Telefon klingelte. Auf dem Weg ins Schlafzimmer rutschte ich auf dem nassen Kachelboden aus. Im letzten Moment konnte ich mich an der Garderobe fangen. Mein langer, schwerer Baumwollmantel fiel dabei zu Boden. „Hallo?“ – keine Antwort, scheinbar niemand am anderen Ende der Leitung. >>Klick<< - Besetztzeichen. Ich nahm einen weiteren, großen Schluck aus meinem Whiskyglas. Der Anruf hatte ein Räderwerk in meinem Kopf in Gang gesetzt. Schon lange hatte mein Telefon bisher geschwiegen. Wer wollte mich ausgerechnet in dieser Nacht – und um diese Uhrzeit- wohl so dringend erreichen? Oder war es nur ein Zufall, ein „Falsch Verbundener ohne Benehmen“? Trotz feuchter Augen musste ich leicht schmunzeln. Aber ich wollte nun nicht mehr länger zögern, solange ich noch den Mut hatte. Ich wischte mir eine kleine Träne von der linken Wange, ließ den Drink auf dem Nachttisch stehen und begab mich wieder ins Badezimmer. Ich wollte gerade nach einem Handtuch greifen, da zerriss ein erneutes schrilles Lebenszeichen des Apparates die Stille. Ein kurzer Bauchschmerz, zwei Finger der Nerven in meiner Magengrube. Diesmal war jemand am anderen Ende: „Du musst kommen!“, säuselte eine Frauenstimme – leise und angenehm. „Wohin kommen? – Mit wem spreche ich?“ Wieder Besetztzeichen. Nach ein paar Sekunden legte auch ich auf. Ratlosigkeit, Stille… Das Räderwerk in meinem Kopf lief heiß. Eigentlich wollte ich am Ende des Wege keine Ablenkung, keine Störung. Ich lief auf und ab: Schlafzimmer – Diele, Diele – Schlafzimmer, und zurück. Ich zermarterte mir das Hirn. Wer war diese Frau? Die helle, sanfte Stimme war mir unbekannt. Vielleicht hatte sich die Anruferin wirklich nur verwählt. Aber zweimal? Ungewöhnlich, wirklich seltsam! Ich bekam Gänsehaut. Dann fiel mir der Stöpsel wieder ein. Mein Plan schwamm immer weiter Richtung Abfluss. Ich hastete zur Wanne, griff ins Wasser nach der Kette… Was jetzt geschah, hatte ich beinahe schon erwartet: Erneutes Klingeln des Telefons. Rasch stöpselte ich den Verschluss wieder ein und eilte zur Hörmuschel. Nichts, nur Rauschen. Dann vernahm ich wieder diese für mich plötzlich unendlich süße Stimme: „Du musst kommen – Bistrot D´Espoir, im 5ten Arrondissement! Du weißt schon wo, François. Komm schnell, ich warte auf dich!“. Aufgelegt. Ich erstarrte. Der Vermittlungston kam nun von weit entfernt, wie aus einer anderen Welt. Noch eine Weile verharrte ich mit dem Hörer am Ohr. Dann legte ich ihn daneben. „Woher kennt sie meinen Namen?“, fuhr es mir durch den Kopf. Wieder Gänsehaut. Ziemlich verdaddert genehmigte ich mir einen weiteren Schluck Whisky. „Was habe ich schon zu verlieren?“, drehten sich meine Gedanken. Einsamkeit ist wie ein Krebsgeschwür, das die Seele zerfrisst. Aber noch war ich nicht tot.

„Ja, ich werde hingehen, ich werde jetzt hingehen!“. Ich verlor keine Zeit, denn immerhin hatte die geheimnisvolle Fremde gesagt, dass ich sofort kommen müsse. Eilig zog ich meinen dicken Pullover über und suchte Handschuhe und Schal zusammen. Mein langer, dunkelblauer Mantel lag immer noch am Boden.

Als ich das Treppenhaus verließ, kam mir das Schneegestöber am Place Vendôme wie eine eiskalte Mauer entgegen. Schon nach wenigen Metern war meine Brille so dermaßen zugeschneit, dass ich nichts mehr sehen konnte. Also steckte ich sie in die Manteltasche. Ich verließ den Platz und bog in die Rue Chevalier ein. Verdammt! – Weit und breit kein Taxi! Die Metro Station „Place De La Concorde“ war nicht weit von der Rue De L´Ange, wo sich das mir bekannte Bistrot befand. Obwohl ich auch ein kleines Auto besaß, hatte ich für fast alle Fahrten innerhalb des Stadtkerns stets meine Jahreskarte im Portefeuille. Wie alle Pariser wissen, ist U-Bahn-Fahren um diese Uhrzeit allerdings nicht ganz ungefährlich. Aber ich hatte keine Angst – jetzt nicht mehr! Der Boden war glatt und eigentlich trug ich kein passendes Schuhwerk, also musste ich langsam gehen. Der Wind peitschte die weihnachtlich eluminierten, kahlen Äste der Straßenbäume. Nach einem kurzen Fußweg ereichte ich den Metro Eingang. Der typische, warme Hauch abgestandener Luft mit dem mir vertrauten, leichten Geruch nach faulen Eiern wehte mir entgegen. Der Bahnsteig war verwaist: nicht einmal ein Clochard oder ein einsamer Musikant waren zu sehen. Zu leer, selbst für die schon fortgeschrittene Stunde. Ich musste mich setzen, malte mir immer wieder in Gedanken aus, wie die unbekannte, hoffentlich schöne Frau wohl aussähe - und wie alt sie sei. Was hatte sie mir zu sagen? Meine Fantasie ließ einen regelrechten kleinen Film vor meinem geistigen Auge ablaufen. Und so verpasste ich auch fast die Ankunft der Linie 6. Die Türen öffneten sich mit dem bekannten Zischen. Als ich einstieg, fielen mir die zahlreichen Mitreisenden auf: Alte und Junge, Schwarze und Weiße, Frauen und Kinder. „Kinder? – Merkwürdig, es musste fast Mitternacht sein…“ Etwa 12 Personen saßen und standen mit mir im Abteil, aber niemand würdigte mich auch nur eines Blickes - als wäre ich Luft. Schon im Vorbeigehen war mir noch etwas Seltsames aufgefallen: Ihre Augen waren starr nach vorne gerichtet. wie im Koma. Aber sie schliefen nicht. Ihre Blicke waren irgendwie leer. Das machte mir Angst. Aber nicht für lange, denn bald verschwamm die Umwelt, und ich verfiel wieder in meinen Autismus, zurück in mein ganz persönliches „Kopfkino“. Doch hin und wieder streifte mein Blick das Haltestellen-Diagramm: Gare Du Nord – noch drei Stationen. Langsam aber sicher wisch mein Dämmerzustand einer Aufregung. Mein Puls beschleunigte sich. Gemischte Gefühle, meine Hände wurden feucht. Auf der Rue De L´Ange angekommen schlug mein Herz bis zum Hals. Es hatte aufgehört zu schneien. Die orangen Vorhänge und die gedämpfte Beleuchtung schafften eine anheimelnde Atmosphäre und vermittelten schon von außen ein Gefühl der Wärme. Die Luft im Espoir war mir vertraut. Doch heute Nacht mischte sich neben dem Tabakrauch und dem Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee auch noch das Aroma von Zimt. Das Bistrot war noch gut besucht und die Gäste plauderten in gemütlicher Runde. Doch nach wem sollte ich eigentlich Ausschau halten? Ich wusste ja nicht, wie die mysteriöse Unbekannte aussah. Mein Blick schweifte umher. Die meisten Frauen hier waren in Begleitung. „Sollte ich womöglich umsonst gekommen sein?“, dachte ich, schon ein wenig enttäuscht. Ich ging zum Tresen, schnappte mir einen Hocker und wollte gerade einen Drink ordern, da sah ich sie: Sie saß in der hinteren Ecke an einem der kleinen Rundtische, direkt neben dem Christbaum. Die kitschigen, blinkenden Lämpchen des Plastik-Weihnachtsbäumchens spiegelten sich im hellen Blond ihrer engelhaften Lockenmähne. Sie hatte ein rundliches, aber schlankes Gesicht. Ihre stramme Oberweite bildete einen erotisierenden Kontrast zu ihrer schmalen Taille. Sie trug eine weiße, aufgeknöpfte Bluse, darunter ein leichter, schwarzer Rolli und ein Lack-Korselett. Ihre langen, schlanken, aber nicht dürren Beine wurden von grauen Nylons umschmeichelt und sie trug – für die Jahreszeit eigentlich unüblich- schwarze Lackpumps. Ihr Look war sexy und gewagt, wirkte erstaunlicherweise hier aber nicht nuttig. Ich stand auf und bewegte mich in ihre Richtung. Während ich näher kam, suchten ihre nagellackbewährten, schmalen Finger in einem silbernen Etui nach einer Zigarette. Lässig steckte sie sich die lange Kippe zwischen ihre dunkelrot bemalten, vollen Lippen, die mich sowohl ein bisschen an die junge Brigitte Bardot wie auch an die Schauspielerin Angelina Jolie erinnerten. Blitzschnell zückte ich mein Feuerzeug. Sie hielt ihres bereits in der Hand, aber ich kam ihr zuvor. Das Feuer meiner Flamme funkelte in ihren smaragdgrünen Augen. „Danke!“. Sie lächelte. „Endlich, François! Komme mir schon vor wie eine Korbflechterin, bei den vielen Abfuhren, die ich heute schon an einsame Herzen verteilt habe.“ „Woher kennen wir uns?“, fragte ich.

„Ach, eigentlich noch überhaupt nicht. Aber dazu bist Du ja jetzt hier!“, zwinkerte sie mir zu. „Wer hat dir meine Nummer gegeben?“ „Ein Engel hat sie mir geschickt“, antwortete sie in verschwörerischem Ton und leerte den Rest ihres Martinis. „Ja, ja ein Engel… Nein, sag schon – oder ist das hier >>Versteckte Kamera<<?“. Ich konnte es immer noch nicht fassen. „Anatolio, mach uns ma´ zwei Martini!“, rief ich zum Patron hinüber. „Danke, und noch etwas: Der Gentleman genießt und schweigt“, flüsterte sie mit einem völlig entwaffnenden Lächeln im Gesicht. Ich holte uns die Drinks und setzte mich dann zu ihr. Nachdem ich mir auch eine Zigarette angesteckt hatte, kamen wir ins Gespräch. Ich erfuhr, dass sie Gabrielle hieß. Sie musste Ende zwanzig sein. Hätte ich meine Traumfrau schaffen können, ich glaube, sie hätte genau so ausgesehen. Auch Stimme und Bewegung hätte ich mir nicht anders gewünscht. Aber immer, als ich das Thema auf ihre „Einladung“ oder mögliche gemeinsame Bekannte lenken wollte, wisch sie mir aus. Einmal strich sie mit Zeige- und Mittelfinger über meine Lippen: „Psst! Nicht fragen. Diese Nacht ist viel zu kurz.“ Irgendwann, so gegen 2 Uhr morgens waren wir dann die einzigen Gäste bei Tony. Bis dahin hatten wir über „Gott und die Welt“ geplaudert. Im Laufe der Unterhaltung erfuhr ich auch, dass sie in der Modebranche arbeitete. Irgendwann hatte ich es dann aufgegeben nach dem „Wie“ und „Warum“ zu fragen. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Liebe auf den ersten Blick? Aber auch Gabrielle registrierte nun, dass der Wirt uns zwar nicht herauskomplimentieren wollte, aber doch müde aussah. Sie blickte mich an, es war fast wie Telepathie. „Zahlen, bitte! Alles zusammen.“, winkte ich Tony zu. Sie sah mir tief in die Augen. „Also, zu mir können wir nicht gehen“, meinte sie fast traurig. „Kein Problem, kommst halt mit zu mir!“, strahlte ich sie an. Sie sagte nichts, lächelte nur. „Ach, Anatolio, rufst du uns bitte noch ein Taxi?“. Ich sah in zwei zuckersüße, hellgrüne Frauenaugen. Ich war der glücklichste Mann der Welt! Zuhause angekommen machten wir es uns gemütlich. Wir nahmen noch ein oder zwei Drinks, ich legte eine nette CD ein und dann kam das, was unweigerlich folgen musste: Uns überkam die Leidenschaft! Schon bald war der Weg ins Schlafzimmer übersät mit Kleidungsstücken, einige waren zerrissen. Wir liebten uns göttlich – es hatte in der Tat etwas überirdisches, und beinahe animalisches. Wir waren wie schwerelos. Doch irgendwann, nach schier unzähligen Entladungen der Extase, merkte ich, dass meine Liebste müde wurde, und auch ich war schläfrig. Zwar überglücklich, aber mit Lidern schwer wie Blei, legte ich meinen Arm um Gabrielle, drehte den Kopf und starrte wie hypnotisiert auf die Flamme der Kerze. Nach einer Weile schien diese größer zu werden. Meine Gedanken zerflossen. Es wurde schwarz. Schon nach kurzer Zeit erwachte ich wieder. Ich spürte erneut ein Licht, versuchte die Augen zu öffnen, doch sie blieben verschlossen. Um mich herum war nur Wasser, warmes Wasser. Ich versuchte zu atmen, doch es ging nicht. Komisch, keine Panik. Wieder das Licht, es kommt näher – es ist so schön.

Und wer Glück hatte, konnte über dem noch dunklen Pariser Morgenhimmel sogar zwei Sternschnuppen sehen…

Epilog: 2 Tage später erschienen auf Seite 3 der Pariser Tageszeitung Le Monde folgende zwei Artikel: Sie lesen sich wie folgt:

GROSSBRAND AM PLACE VENDÔME Paris In einem Mietshaus am Place Vendôme kam es in den frühen Morgenstunden des 20.12. zu einem fatalen Brand. Zwei Bewohner erlitten teils schwere Rauchvergiftungen, ein 62jähriger Mann zog sich Verbrennungen zweiten Grades zu, und ein Mieter konnte nur noch tot aus seinem Appartement auf der 4. Etage geborgen werden. Kurioserweise aber befand sich der 35jährige Mann zum Auffindungszeitpunkt in der Badewanne. Zunächst gingen Polizei und Feuerwehr von einem Tod durch Ersticken aus. Alarmiert wurde

die Spurensicherung jedoch durch Schnittverletzungen im Bereich der Handgelenke. Außerdem wurden am Körper Spuren von Blut gefunden. Der Leichnam befindet sich zurzeit zur gerichtsmedizinischen Untersuchung in der Charité. Es wird noch überprüft, ob der Mann auch Alkohol bzw. Sedative zu sich genommen hatte Da das Feuer aller Wahrscheinlichkeit nach durch das veralttete Sicherungssystem des Hauses hervorgerufen wurde, kann Brandstiftung oder ein Fremdverschulden wohl ausgeschlossen werden. Die Untersuchungen dauern noch an. C. Beaumont FOTOMODELL SPRANG VON BRÜCKE Paris Gegen 5.30 Uhr fanden am Mittwoch Passanten den leblosen Körper des Pariser Top-Models Gabrielle Mouton unter der Brücke Pont-Neuf im 5. Bezirk. Noch auf dem Weg ins Spital erlag die 29Jährige ihren schweren Verletzungen. Ob das Fotomodell depressiv war, konnte vor Redaktionsschluss noch nicht festgestellt werden. Es wurde kein Abschiedsbrief gefunden. Deshalb ist derzeit noch offen, ob es sich um einen Unfall, Suizid oder ein Verbrechen handelt. Der Sprecher der Polizei wollte sich zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht weiter äußern. Die „Le Monde“ wird Sie aber über die Hintergründe auf dem Laufenden halten. P.M. Passant

(c) 2005 by Francis Craig

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