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Gott und die Welt - Benedikt XVI

Gott und die Welt - Benedikt XVI

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Gott und die Welt von Kardinal Joseph Ratzinger, jetzt Papst Benedikt XVI.
Gott und die Welt von Kardinal Joseph Ratzinger, jetzt Papst Benedikt XVI.

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12/14/2012

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Jesus wird auch als der »neue Adam« bezeichnet. Er sei Mittler

und Erfüller der ganzen Offenbarung. Kann man denn in wenigen

Sätzen sagen, was mit Christus Neues in die Welt gekommen ist?

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Greifen wir das Bild vom »neuen Adam« auf. Adam ist zunächst

die Chiffre für den Anfang des Menschseins, für den Stammvater.

Wenn nun Christus der »neue Adam« genannt wird, ist damit

gesagt, daß der eigentliche Beginn kommt. Der damalige Beginn

ist demnach ein Vorentwurf auf Christus hin und erklärt sich auch
erst von ihm her. Von daher können wir ruhig sagen, daß in Jesus –

gerade weil er nicht nur Mensch ist, sondern Gottmensch – das

Maßbild des Menschseins an sich gesetzt ist, dazu berufen, in die

Einheit mit Gott hineinzugelangen.

Die Originalität Jesu sollte man nicht nur an einzelnen Worten
oder Taten messen. Das Kreuz ist in der Form neu, wie er es

annimmt und leidet. Die Auferstehung ist neu. Schon die Geburt

aus der Jungfrau ist neu (auch wenn es Mythen gibt, die darauf
zugehen). Die Botschaft der Gottes- und Nächstenliebe als der
Fülle des ganzen Gesetzes, oder dann die Eucharistie, in der er
sich von seiner Auferstehung her mitteilt – das alles sind große

Neuheiten, die er in die Welt trägt. Sie alle reflektieren das Neue

schlechthin: daß Gott nämlich nicht mehr jenseits ist; daß Gott

nicht mehr nur der ganz Andere und Unbegreifbare ist, sondern

daß er auch der ganz Nahe, der mit uns identisch Gewordene
ist, der uns anrührt und den wir anrühren, den wir empfangen

können und der uns empfängt.

Insofern ist die eigentliche Originalität Jesu eben er selbst – als

Einssein von Gott und Mensch.

Dieser Gott und Mensch sagt freilich auch: »Ich bin gekommen,

um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde

schon brennen!« Und weiter: »Meint ihr, ich sei gekommen, um

FriedenaufdieErdezubringen?Nein,sageicheuch,nichtFrieden,

sondern Spaltung.«

Das ist ein gewaltiges Wort. Wenn er vom Feuer spricht, meint er

zunächst seine eigene Passion, die ja eine Passion der Liebe und

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insofern ein Feuer ist; der neue Dornbusch, der brennt und doch

nicht zerstört; ein Feuer, das weitergegeben werden soll.

Jesus kommt nicht, um es uns bequem zu machen, sondern er

wirft Feuer in die Erde, das große, lebendige Feuer der göttlichen

Liebe, die der Heilige Geist ist, Feuer, das brennt. In einem von

Origenes überlieferten apokryphen Jesuswort heißt es: »Wer mir

nahekommt, kommt dem Feuer nahe.« Wer demnach in seine

Nähe kommt, muß bereit sein, sich brennen zu lassen. Wir sollten

diese Aussagen gerade heute einem nichtssagenden, banalisierten
Christentum entgegenstellen, das möglichst anspruchslos und be-

quem sein will. Christentum ist groß, weil die Liebe groß ist. Es

brennt, aber das ist kein Zerstörungsfeuer sondern eines, das hell

macht, rein, frei und groß. Christsein ist daher das Wagnis, sich

diesem brennenden Feuer anzuvertrauen.

Wir haben das andere Wort von Jesus: »Frieden gebe ich euch,
meinen Frieden gebe ich euch, und nicht wie die Welt ihn gibt,

gebe ich ihn euch.«

Beide Worte müssen zusammengehalten werden, um den Sinn
von Gottes Rede aufleuchten zu lassen. Christus ist der, der den

Frieden bringt. Und ich würde sagen, dies ist das übergeordnete

Wort. Aber wir verstehen diesen von Christus gebrachten Frie-

den nur recht, wenn wir ihn nicht banal als Sich-vorbei-Mogeln

an dem Schmerz auffassen, oder an der Wahrheit und an den

Auseinandersetzungen, die sie mit sich bringt.

Wenn eine Regierung jeden Konflikt vermeiden wollte und es je-

dem recht machen will, oder auch wenn ein einzelner Mensch das

tut, dann funktioniert gar nichts mehr. Und so ist es auch in der
Kirche. Wenn sie nur auf Konfliktvermeidung ausgeht, damit ja

bloßnirgendwoAufregungenentstehen,dannkanndieeigentliche

Botschaft nicht mehr zum Ziel kommen. Denn diese Botschaft
ist eben auch dazu da, mit uns zu streiten, den Menschen aus

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der Lüge herauszureißen und Klarheit, Wahrheit zu schaffen. Die

Wahrheit ist nichts Billiges. Sie ist anspruchsvoll, und sie brennt

auch. Zur Botschaft Jesu Christi gehört eben auch die Herausfor-

derung, die wir in diesem Streit mit seinen Zeitgenossen finden.

Hier wird eine verkrustete Form von Glaube, ein selbstgerechter
Glaube, nicht bequem übertüncht, sondern es wird der Streit da-

mit aufgenommen, damit die Verkrustung aufgebrochen und die

Wahrheit zum Ziel kommen kann.

Hat der Friede, den Jesus Christus bringt, zunächst einen streitba-

ren Charakter?

ErüberführtunsjedenfallsunsererLügen.Erziehtunsausunserer

Bequemlichkeit heraus in den Kampf, in das Leiden der Wahrheit

hinein. Nur so auch kann der wirkliche Friede gegenüber dem

Scheinfrieden entstehen, hinter dem sich dann Heuchelei und Kon-

flikte aller Art verbergen.

Das Wort vom Feuer gehört dem größeren Friedenswort Jesu zu,
aber es zeigt zugleich, daß der wirkliche Friede streitbar ist. Daß

die Wahrheit das Leiden und auch den Streit wert ist. Daß ich

nicht die Lüge hinnehmen darf, damit Ruhe ist. Denn nicht Ruhe

ist die erste Bürger- und Christenpflicht, sondern das Stehen zu
dem Großen, das Christus uns geschenkt hat, und das zu einem
Leiden, zu einem Kampf bis zum Martyrium hin werden kann –

und gerade so friedensstiftend ist.

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