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Gott und die Welt - Benedikt XVI

Gott und die Welt - Benedikt XVI

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Gott und die Welt von Kardinal Joseph Ratzinger, jetzt Papst Benedikt XVI.
Gott und die Welt von Kardinal Joseph Ratzinger, jetzt Papst Benedikt XVI.

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Christus sagt: »Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kom-

men zu euch wie (harmlose) Schafe, in Wirklichkeit aber sind
sie reißende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.

Erntet man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen?

Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor, ein schlechter Baum

aber schlechte.« Das klingt wie eine Anweisung gegen Sekten und

Häresien.

So kann man es auch hören. Auch das ist zunächst eine einfache

Regel. Es war ja gerade dies eine Zeit vielfacher Wanderphilo-
sophen, Quacksalber, Erlösergestalten. Sie alle versprachen das

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Heil und den richtigen Weg, wollten den Menschen schöntun und

scheinbar das Gute und das Richtige bringen, und doch ging es
ihnen oft nur um den eigenen Gewinn. Sie sind reißende Wölfe,

die zerstören.

Vor diesen »Quacksalbern des Heils« warnt Jesus. Er sagt, der

Maßstab ist: Wie lebt er denn selber? Wer ist er eigentlich? Welche

Frucht bringt er, und welche Frucht entsteht in seinen Zirkeln?
Prüfe das, dann siehst du schon, worauf es hinausläuft. Dieser

in den Augenblick hineingesprochene praktische Maßstab reicht

aber wieder in die große Perspektive der Geschichte hinein. Den-

ken wir an die Heilsprediger des vergangenen Jahrhunderts, ob es

nun Hitler ist oder ob es marxistische Heilsprediger sind, die alle

kommen und sagen, wir bringen euch jetzt das Richtige. Sie treten

in gewisser Hinsicht wie fromme Schafe auf und sind letztlich die

großen Zerstörer.

Aber es reicht noch weiter, es betrifft auch die vielen kleinen Heils-

prediger, die falschen Propheten, die jedem sagen, ich habe den

Schlüssel, so sollst du es machen, dann wirst du möglichst schnell

glücklich,reichunderfolgreich.Jesusfordertunsdenengegenüber

zum Geist der Unterscheidung, zur Vorsicht vor solchen Heilsver-

sprechungen auf. Nicht hereinzufallen, sondern die Wachheit der

Vernunft,dieNüchternheitzubewahren,undsichnichtfürirgend-
welche Bewegungen, die schön ausschauen und am Ende ins Leere
münden,oderdieinZerstörungenausgehen,fangenzulassen.Vor

allen Dingen will er, daß wir immer wieder nach den Konstanten
des Gotteswortes, nach den Früchten fragen.

Gilt das auch für Bewegungen innerhalb der Kirche?

Das gilt immer, daß die Früchte ein Maßstab sind. In der Kirche

wird man vor allen Dingen danach schauen müssen, ob jemand

nur sich selber verkündigt, mir seine privaten Ansichten aufdrän-

gen will. Oder ob er die Demut hat, sich in den Dienst des Glau-

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bens der Kirche zu stellen und zum Diener des gemeinsamen, des
einen Wortes zu werden.

Es gibt in der Bergpredigt noch viele solcher Lebenshilfen. Einen

letzten Satz hieraus möchte ich gerne noch anfügen. Jesus sagt
etwas, was schwer zu verstehen und noch schwerer zu befolgen

ist: »Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.« Und
dann heißt es weiter, Gott lasse »seine Sonne aufgehen über Bösen

und Guten, und er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte«.

Die Feindesliebe ist wirklich ein großer, neuer Schritt. Hier wird

der Geist der Rache von uns weggenommen. Wir sollen im Feind

den Menschen, das Geschöpf Gottes, erkennen. Das bedeutet
nicht, daß wir das Böse wehrlos an uns ergehen lassen müssen.
Wohl aber, daß wir in unserem eigenen Tun diesen tieferen Re-

spekt vor ihm wahren. Daß wir versuchen, auch für den Feind das

Gute zu erreichen, ihn zu dem Guten zu bringen, letzten Endes
auf Christus hin zu orientieren. In diesem Sinn ist das Gebet für
ihn bereits eine grundlegende Komponente, durch die wir ihm
wohltun. Indem wir vor Gott positiv für ihn einstehen und dar-
um ringen, daß er nicht mehr Feind sei, sondern daß er aus der

Haltung der Feindschaft heraustrete, verändern wir bereits unser

inneres Verhältnis zu ihm.

DenHinweisaufeinenGott,dergroßzügigauchdenBösendieGa-
ben der Schöpfung zuteilt, gibt es auch in der Antike. Er wird dort

zum Teil als ein Beispiel für die Gleichgültigkeit Gottes gegenüber

Gut und Böse verwendet. Jesus hebt ihn auf eine andere Ebene,

indem er darin die weitreichende Güte Gottes zeigt, der jeden ins

Gute hineinbringen möchte, jedem die Chance gibt, jeden mit dem

Guten versorgt. Und auch da, wo er uns sozusagen züchtigt, tut

er es, damit wir Hörende werden. Er als der Schöpfer kann ja gar

nicht anders, als die Seinigen zu lieben und zu wünschen, daß sie

den Weg finden. Für ihn ist jede Art von Rache völlig undenkbar.

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Wenn man nun an diesem Berg gesessen und Jesus zugehört hat
und alles bedacht hat, und wenn man ein wenig erschöpft, aber
auch glücklich ist, wenn man nun weiß, wir stammen nicht von
dieser Welt und wir bleiben auch nicht hier, kein einziger von

uns, gibt der Meister seinen Zuhörern gewissermaßen noch Brief

und Siegel für das Gesagte. Es seien keine üblichen Tips und

unverbindliche Ratschläge, meint er, dafür könne er garantieren:

»Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein

kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute.«

Und der andere baut auf Sand, und das wird dann, wenn der

großeSturmkommt,weggeschwemmt.Dassolide,fundierteHaus

steht auf Felsengrund. Das entspricht dem, was wir vorhin in der

Johannes-Stelle hörten: Wer mit dem Evangelium lebt, wer das
Experiment wagt, wer wirklich auf dieses Wort baut, der weiß,

daß er guten Grund gewählt hat.

Hier bildet sich allerdings noch eine andere Assoziation. Das Wort

von dem Haus auf dem Felsgrund erscheint ja in dem Gespräch
mit Petrus wieder, wo Christus sagt, er baut das Haus – seine
Kirche – auf dem Felsengrund. Insofern kann uns dieses Wort

auch daran denken lassen, daß wir nicht alleine bauen sollen. Wer

sein Leben nur als sein Privatwohnheim erbauen will, hat sich

bereits von dem Felsen entfernt. Das Leben bauen, heißt eigentlich

immer mit-bauen. Mitbauen an dem einen Haus Gottes, das auf

dem Grund seines Wortes steht und uns daher die sichere Bleibe

gibt.

Man könnte endlos über das Leben reden, wie man es anstellt

und gut macht und frei und auch spaßig und spannend. William

Shakespeare, offensichtlich ein Katholik, hat das Rad des Lebens

intensiv durchlebt. Die Titel seiner Stücke lesen sich dabei wie ein

symbolhafter Lebenslauf, von »Viel Lärm um nichts« über »Maß

für Maß« bis hin zu »Ende gut, alles gut«. Als guter Pädagoge

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gab er am Schluß eine Empfehlung ab, so etwas wie die Essenz

seiner irdischen Erkenntnis: »Buy terms divine in selling hours of

dross«, »Kauf Gotteszeit, verkauf Stunden trüber Erdenzeit.«

Es ist ein weises Wort, wie man es von einem großen Mann er-

wartet. Die bestgenutzte Zeit ist die, die sich ins Bleibende hinein

wandelt; ist jene Zeit, die wir von Gott empfangen und wieder an

Gott zurückgeben. Eine Zeit, die an ihm vorbeigeht, die verfällt

nur und wird zur reinen Vergänglichkeit.

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