1 FRANZ VON SALES GEISTLICHE GESPRÄCHE

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Deutsche Ausgabe der

VON WERKE DES HL. FRANZ V ON S ALES

Band 2

Nach der vollständigen Ausgabe der

OEUVRES DES SAINT FRANÇOIS DE SALES
der Heimsuchung Mariä zu Annecy (1892-1931)

herausgegeben von den Oblaten des hl. Franz von Sales P. Dr. Franz unter Leitung von P. Dr. F ranz Reisinger OSFS.

3 F ranz von Sales

GEISTLICHE GESPRÄCHE

ranz-Sales-V F ranz-Sales- V e r l a g

4 Das Original hat den Titel: ENTRETIENS DE SAINT FRANÇOIS DE SALES. Aus dem Französischen übertragen hat es r. Franz P. D r. F ranz Reisinger OSFS. unter Mitarbeit von Schwestern der Heimsuchung zu Zangberg. Zangberg .

Mit Erlaubnis der Ordensoberen. Die Kirchliche Druckerlaubnis erteilte das Bischöfliche Generalvikariat Eichstätt am 9. Februar 1951

ISBN 3-7721-0001-5 2. Auflage 2002 © Franz-Sales-Verlag, Eichstätt Alle Rechte vorbehalten. Gesamtherstellung: Brönner & Daentler, Eichstätt

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V o r w o r t
Der zweite Band der deutschen Ausgabe der Werke des hl. Franz von Sales trägt den Titel „Geistliche Gespräche“. Über Titel, Ursprung und Inhalt des Buches informiert die Einführung. Hier sei nur kurz erwähnt, warum die „Geistlichen Gespräche“ als zweiter Band der gesammelten Werke des Heiligen erscheinen. Maßgebend dafür war nicht nur die zeitliche Aufeinanderfolge der Übersetzungen, sondern auch der Inhalt der „Gespräche“, der gewissermaßen den Übergang von der „Philothea“ zum „Theotimus“ bildet, vom Lehrer der Aszetik zum Meister der Mystik. In den „Gesprächen“ gibt es noch viele handfeste Belehrungen und Mahnungen, aber auch schon Weisungen, die bereits in das Gebiet der Mystik fallen. Der vorliegenden Übersetzung liegt der vom Kloster der Heimsuchung von Annecy im Jahr 1930 herausgegebene Text zugrunde. Die große 26-bändige, authentische Ausgabe der Werke des Heiligen hielt noch am alten Text fest, den die hl. Johanna Franziska von Chantal im Jahr 1629 veröffentlicht hatte, der vieles ausließ, was der Heilige gesagt, und manches aus anderen Schriften des Heiligen hinzufügte. Dieser Text ist jetzt durch die von der Heimsuchung zu Annecy 1930 herausgegebene Fassung überholt, die vom selben Kloster als „vollständig und endgültig“ erklärt wurde; sie enthält ohne Kürzungen, ohne Retusche und ohne Zusätze alles, was die Hörerinnen des Heiligen niedergeschrieben haben. Die erste Auflage der hier gebotenen Übersetzung erschien bereits 1939, ein Neudruck davon 1949. Die unverändert hier vorliegende dritte Auflage (11.-13. Tausend) erscheint nun im Rahmen und mit der Ausstattung der 12 Bände umfassenden deutschen Ausgabe der Werke des Heiligen, die der Franz-Sales-Verlag in rascher Reihenfolge herausgeben wird. Wir hoffen, daß auch dieser Neudruck wieder zahlreiche geneigte Leser finden wird. Eichstätt, den 17. Oktober 1957. P. Dr. Franz Reisinger.

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Zur Einführung
Franz von Sales ist, ohne es zu wissen und zu wollen, der Urheber der „Geistlichen Gespräche“. Er hat davon, außer einigen Notizen für das 1. Gespräch, nichts verfaßt. Seine geistlichen Töchter, die Schwestern der „Heimsuchung Mariä“, schrieben die schlichten, ungezwungenen Unterredungen nach, die er mit ihnen im Sprechzimmer oder im Garten des Klosters hielt. Die Ehrfurcht, die sie vor ihrem Vater hatten, trieb sie an, sie mit der größten Genauigkeit aufzuzeichnen und, soweit es an ihnen lag, nichts daran zu ändern. Meistens hatte der Heilige das Gesprächsthema nicht vorbereitet. Man fragte ihn, unterbrach ihn auch oft mit Fragen und er antwortete schlicht, herzlich, oft in fein ironischer Weise, wenn die Fragen gar zu naiv waren. Das alles ist uns in den Gesprächen erhalten geblieben. Die Sammlung dieser Unterredungen ist also kein lang durchdachtes, wohlvorbereitetes Werk. Sie hat dafür den Reiz des Unmittelbaren, des Lebens, der ungeschminkten Wahrheit. Man hat mit Recht gesagt, daß sie sich von den anderen Werken des Heiligen unterscheide wie ein Photoschnappschuß, der das Leben einfängt, von einer Atelierphotographie, wo alles genauer, geordneter, würdevoller, aber weniger lebendig ist. In den anderen, von ihm sorgfältig vorbereiteten Werken wird der ganze Gegenstand, den er behandeln will, von allen Seiten beleuchtet und systematisch beschrieben. Hier vernehmen wir dagegen die großen seelischen Anliegen, die ihm auf der Seele brennen, die seine Seele so erfüllen, daß er von ihrer Fülle mitteilen muß, die ihn so bedrängen, daß er in diesen wunderbaren Improvisationen immer wieder auf sie zurückkommen muß. Wenn ein Buch den Titel „Geist des hl. Franz von Sales“ verdient, so wohl eher dieses als die Sammlung von Anekdoten über den Heiligen, die sein Freund, der Bischof Camus, hinterlassen hat. Wenn man die Gespräche in ihrer ganzen Tragweite verstehen will, muß man Einblick in die Anfänge des Ordens von der Heimsuchung haben, weshalb wir hier zunächst einen kurzen geschichtlichen Überblick darüber bringen.

„T I . D i e „T ö c h t e r d e r H e i m s u c h u n g M a r i ä “
1. Der Grundgedanke der Genossenschaft
Mehrere Jahre schon trug sich der hl. Franz von Sales mit dem Gedanken, eine neue religiöse Genossenschaft zu gründen. Verschiedene Beobachtungen und Erfahrungen hatten ihn dazu geführt. Als Bischof und gesuchter Seelenführer hatte er Einblick in viele Klöster gewonnen und gesehen, wie manche

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von ihnen trotz einer ursprünglich sehr strengen Regel von ihrer ehemaligen Größe herabgesunken waren. Er fragte sich, ob nicht gerade dieses Übermaß an Kasteiungen am Verfall der Ordensdisziplin schuld gewesen sei, nachdem die Begeisterung der Anfänge verflaut war. Als Seelenführer kannte er manche edlen Seelen, Mädchen von schwacher Konstitution oder ältere Frauen und Witwen, denen der Zugang zum klösterlichen Leben in den eifrigen Klöstern verflossen war, weil sie für die Kasteiungen, Fasten, Nachtwachen, für das lange Chorgebet, wie sie damals in allen klösterlichen Regeln vorgeschrieben waren, nicht die nötige körperliche Kraft besaßen. Er fragte sich, ob denn das Streben nach Vollkommenheit im gottgeweihten Stand denen verschlossen bleiben sollte, die wohl eine starke Seele aber keinen kräftigen Leib hatten. – Diese Erwägungen ließen in ihm den Entschluß zur Gründung einer neuen religiösen Genossenschaft reifen und bestimmen auch deren Grundgedanken: 1. Das Wesentliche des Ordenslebens sollte festgehalten und bis zu seinen letzten Folgerungen geführt werden. Die Aufgabe seiner Töchter sollte sein, sich der „Vollkommenheit der göttlichen Liebe“ im vollen Sinn des Wortes hinzugeben. 2. All das, was körperlich schwachen und älteren Frauen nicht möglich wäre, sollte von der Regel ausgeschlossen bleiben, also alle schweren körperlichen Bußwerke und das zu sehr anstrengende Brevier, wofür das kleine Muttergottesoffizium gebetet werden sollte. An Stelle der körperlichen Abtötung sollte eine um so gründlichere innere Losschälung treten. Es war ein ganz neuer Ordenstyp, den der Heilige schuf, allerdings im Einklang mit seinen Überzeugungen vom Wesen des geistlichen Lebens überhaupt (s. Anleitung 3,23). – Der Gedanke dieses neuen Ordens reifte in ihm zu immer größerer Klarheit aus, je mehr er sich in die große Seele vertiefte, die dazu berufen war, die Stifterin und Mutter desselben zu werden. 2. Die ersten „Töchter der Heimsuchung Mariä“ Johanna Franziska von Chantal 1 entstammte einer angesehenen Beamtenfamilie von Dijon in Burgund. Innige Liebe verband sie mit dem Mann, mit dem sie sich in ihrem 20. Lebensjahr vermählte und dem sie vier Kinder schenkte, – bis ein Jagdunfall ihr Familienglück zerbrach. Sie war mit 29 Jahren

1 vgl. Andrè Ravier, Johanna Franziska von Chantal. Ihr Wesen und ihre Gnade. Eichstätt 1992, Franz-Sales-Verlag.

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Witwe und widmete sich jetzt ganz ihren Kindern, den Armen und Gott. War sie bisher eine rechtschaffene Christin gewesen, so begann sie nun die Pfade der Heiligkeit zu beschreiten. „Durch die blutige Bresche dringt Gott in ihre Seele ein“ (Bremond). Ihre ersten Schritte waren allerdings in Dunkel gehüllt, das ein unwissender Seelenführer zunächst nur noch undurchdringlicher machte. Im Jahr 1604, zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes, begegnete sie dem hl. Franz von Sales und wenige Monate darauf wählte sie ihn zu ihrem Seelenführer. In wunderbaren Briefen, die uns zum Teil erhalten sind, und in längeren Unterredungen formte nun der Heilige diese große Seele, er löste das Netz engmaschiger Bestimmungen, in das ihr früherer Seelenführer sie eingezwängt, und gab ihr die großen Richtlinien des geistlichen Lebens. – Seit ihrer Witwenschaft beherrschte Johanna die Sehnsucht nach einem Leben völliger Hingabe an Gott im heiligen Ordensstand. Sie schreibt davon schon 1604 an ihren heiligen Seelenführer. Dieser ließ sie zunächst warten. Erst im Jahr 1607 gab er ihr in einer denkwürdigen Unterredung seine Absichten kund. – Zwischen dem Plan des Heiligen und dessen Erfüllung türmten sich aber vorerst schier unüberwindlich erscheinende Hindernisse, die aber durch offensichtliches Eingreifen der göttlichen Vorsehung nach drei Jahren beseitigt waren. Johanna Franziska von Chantal war bereit für ihre große Aufgabe, Stifterin und Mutter des Ordens der Heimsuchung zu werden. Fräulein von Brechard war unweit Monthelon zuhause, wo die Frau von Chantal die meisten Jahre ihrer Witwenschaft verbrachte. Ihrer Mutter von frühester Kindheit an beraubt, von ihrem Vater verstoßen, hatte sich das schöne, fromme Mädchen bald an die heiligmäßige Nachbarin angeschlossen. Sie hatte wenig Unterricht in den heiligen Wahrheiten der Religion genossen, aber die göttliche Liebe bemächtigte sich ihrer und entfachte in ihr einen wunderbaren Leidensmut, verbunden mit hochherziger Nächstenliebe. Mit Begeisterung nahm sie die Einladung des hl. Franz von Sales an, sich dem beginnenden Orden anzuschließen. Fräulein von Favre, die zweite Gefährtin der Heiligen, schien zunächst einen anderen Lebensweg einschlagen zu wollen. Sie war die Tochter des Jugendfreundes des Heiligen, des Senatspräsidenten und berühmten Rechtsgelehrten Favre. Das schöne, intelligente, verwöhnte, umschmeichelte Mädchen liebte über alles die Freiheit; deshalb sagte ihr die Ehe ebensowenig zu wie das Kloster. Sie tanzte leidenschaftlich gern, und beim Tanz traf sie der Strahl der Gnade. Franz von Sales war von ihrer Kindheit an ihr Seelenführer gewesen; er hatte sie gelehrt, inmitten der Vergnügungen hie und da an Gott zu denken; sie tat es auch einmal, da sie von allen bewundert mit dem Statthalter von Savoyen tanzte. Die

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Nichtigkeit ihres Handelns kam ihr bei diesem Gedanken plötzlich zum Bewußtsein und ihr Entschluß war gefaßt, von jetzt an nur mehr für Gott zu leben. Sie teilte diesen Entschluß dem Heiligen mit. So wurde das 18 jährige Mädchen auserkoren, eine der Grundsäulen des neuen Ordens zu sein. Als Vierte gesellte sich zu ihnen ein armes, ungebildetes aber ganz reines und in den Dingen Gottes wohl bewandertes Mädchen, Anna Jaqueline Coste. Der Heilige hatte sie 14 Jahre vorher kennen gelernt, als er in Genf weilte, um die Bekehrung des Patriarchen der kalvinischen Irrlehre, Beze, anzubahnen. Sie war im Gasthof, in dem der Heilige abgestiegen war, als Zimmermädchen beschäftigt und war ihrem katholischen Glauben, dessen Ausübung in Genf unter Todesstrafe verboten war, treu geblieben. Der Heilige gab ihr in seinem Hotelzimmer die heilige Kommunion und blieb fortan ihr Seelenführer. Im Jahr 1608 schrieb er Frau von Chantal: „Ich muß Ihnen die Freude erzählen, die ich letzten Sonntag empfand. Ein Bauernmädchen, aber ganz adelig dem Herzen und Streben nach, bat mich nach der heiligen Beichte, sie als dienende Schwester in die Genossenschaft aufzunehmen, die ich gründen wolle. Ich fragte sie, woher sie dies habe, da es ja noch ganz in Gott verborgen ist. ‚Von niemandem,‘ antwortete sie, ‚aber ich sage ihnen, was ich denke.’ Mein Gott, sagte ich mir, hast Du denn Dein Geheimnis diesem armen Dienstmädchen geoffenbart?“ So kam sie denn „und diente Gott in der Person den ersten Schwestern der Genossenschaft“. 3. Das Noviziatsjahr der ersten Schwestern So waren die ersten Mitglieder des Ordens bereit. Am 6. Juni 1610 betraten sie das kleine ärmliche Haus am Rande der Bischofsstadt Annecy, das von einer Garten und Weingarten verbindenden Galerie den Namen „Haus der Galerie“ führte. Der Heilige gab seinen ersten Novizinnen noch nicht die endgültigen Regeln. Wie alles Lebendige sollte der Orden sich selbst unter Gottes Führung zu seiner endgültigen Form weiterentwickeln. Seine Grundgedanken gibt er in einem Briefe wieder: „Wir beginnen mit der Armut. Unsere Genossenschaft soll reich nur an guten Werken werden. Ihre Klausur wird sein, daß kein Mann ihr Haus betreten soll, außer in den Fällen, wo es auch bei den reformierten Klöstern erlaubt ist. Auch Frauen dürfen das Haus nicht ohne Erlaubnis des geistlichen Oberen betreten. Die Schwestern dürfen das Kloster nach dem Noviziat zum Zweck der Krankenpflege verlassen. Sie sollen das kleine Offizium singen, um dabei ihrem Geist eine heilige und göttliche Erholung zu geben. Außerdem geben sie sich verschiedenen Übungen hin, insbesondere dem heiligen Herzensgebete“ (Brief vom 24. 5. 1610)

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Die genaue Beobachtung der Vorschriften, die ihnen ihr Gründer gegeben, war ihre erste Sorge. So schreibt die hl. Johanna von Chantal: „Seit dem ersten Tage, da wir uns ins Kloster zurückgezogen hatten, befolgten wir genau, was man uns vorgeschrieben hatte. Der Heilige prägte uns eine solche Liebe zur vollkommenen Genauigkeit und Einfachheit ein, daß wir beim geringsten Fehler Gewissensbisse empfanden. Es kann nicht mehr Offenherzigkeit, Unschuld und heilige Freude geben, als sie unter diesen lieben Seelen herrschte. Es läßt sich gar nicht sagen, wieviel Gnaden Gott diesen lieben Seelen schenkte; man sah in dieser kleinen Gemeinde einen Eifer für die genaue Beobachtung der Regel, einen Gebetsgeist, eine kindliche Geradheit und Unschuld, eine Liebenswürdigkeit, Sanftmut und heilige Freude in den Gesprächen und eine herzliche Einigkeit unter ihnen, daß es eine paradiesische Wonne war, in diesem Haus zu weilen. Unser heiliger Stifter besuchte uns oft, hörte unsere Beichten und hielt uns geistliche Vorträge, um uns die wahre Vollkommenheit zu lehren ...“ Zu den vier ersten Schwestern gesellten sich im Laufe des Jahres vier weitere: Das 16jährige Fräulein Claudia Franziska Roget, eine zarte Blume, die Gott bald heimholen sollte, Frl. Peronne Maria von Chatel aus Chambery, die schon im Noviziat mit besonderen Gebetsgnaden beschenkt wurde und eine der Säulen des Ordens werden sollte, Frl. Margarete Milletot, Tochter eines Parlamentsrates von Dijon, und die 17jährige Adriana Fichet, die, mit einem seltenen Gedächtnis ausgestattet, bis in ihr hohes Alter die lebendige Überlieferung des Ordens sein durfte. 4. Die erste heilige Profeß So nahte der 6. Juni 1611 heran, den der Heilige als Profeßtag seiner ersten Schwestern bestimmt hatte. Die heilige Profeß nahm der heilige Bischof selbst ab. In seiner Ansprache verglich er die drei Schwestern mi den drei Weizenkörnern, die einer ganzen Gegend Brot gegeben hatten. Nachher „opferten und weihten die drei Schwestern ihre Seele, ihren Leib und den Gebrauch ihrer Güter Gott und Unserer Lieben Frau, damit alles zu seiner Ehre nach den Regeln der Genossenschaft verwendet werde.“ – Franz von Sales wollte zunächst „kein anderes Gelöbnis als das des hl. Petrus, da ihn der Herr dreimal seine Liebe beteuern ließ“. Die Liebe zum göttlichen Bräutigam „sollte die Stelle der Gelübde einnehmen, damit sich an ihnen das Wort des Apostels bewahrheite, daß das Band der Liebe das Band der Vollkommenheit ist“ (Satzungen in der ersten Form).

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5. Die ersten Jahre der Genossenschaft von der Heimsuchung zu Annecy Wie der hl. Franz von Sales keine feierlichen Gelübde und überhaupt kein Gelübde ablegen ließ, so verzichtete er auch auf die strenge Klausur zugunsten der Nächstenliebe. Es durfte zwar kein Mann das Kloster betreten, außer in den vom Kirchenrecht vorgesehenen Fällen, Frauen aber durften in bestimmten Fällen im Kloster wohnen, auch wenn sie nicht in dasselbe eintreten wollten, und zwar Witwen, die sich aus dem Weltgetriebe entfernen wollten, ohne schon ins Kloster eintreten zu können, ferner auch Frauen, die sich für einige Tage geistlicher Erneuerung zurückziehen wollten, um sich auf die Generalbeichte vorzubereiten. Die Schwestern selber verließen während des ersten Profeßjahres zu bestimmten Zeiten das Kloster, um Werke der Nächstenliebe zu üben. Schon im Jahr 1607, also drei Jahre vor der Gründung der Heimsuchung, schrieb Franz von Sales am 16. August an Frau von Chantal: „Wissen Sie, wie ich gerne den Streit zwischen Marta und Maria geschlichtet hätte? ... Ich möchte, daß meine Töchter ihre Zeit teilten, einen guten Teil den äußeren Werken der Liebe und den besseren Teil dem innerlichen Werk der Beschauung widmeten“ (Brief vom 6. 5. 1610). Aus diesem Text geht hervor, daß Franz von Sales die Krankenbesuche seinen Töchtern wohl als wichtige, aber nicht als erste Aufgabe zugedacht, daß ihre Hauptaufgabe vielmehr sein sollte: „Töchter der göttlichen Liebe“ zu sein, d. h. daß sie sich vor allem dem beschaulichen Gebet widmen sollten. Die weitverbreitete Ansicht, der Heilige habe dasselbe bei der Gründung der Heimsuchung gewollt, was sein Freund, der hl. Vinzenz von Paul, später durch die Gründung der Barmherzigen Schwestern verwirklicht hat, ist also ein Irrtum. Das innerliche Leben wuchs in den Töchtern des Heiligen so an Tiefe, der Gebetsgeist nahm allmählich so sehr Besitz von diesen eifrigen Seelen, daß sich die Gemeinde unter Gottes Gnadenführung von selbst zum rein beschaulichen Leben hinwandte, und wie die hl. Johanna von Chantal rückblickend feststellt, die Schwestern eines Tages sich ganz umgewandelt fühlten und sich nach der Klausur sehnten (Briefe der Heiligen II, 306). Als der Erzbischof von Lyon die Einführung der Klausur wünschte, widerstrebte ihm daher hierin weder der Stifter noch die Gemeinde, die von Gott selbst in diese Richtung geführt worden war. Geniale Menschen, besonders wenn sie Heilige sind, werden naturgemäß von kleinen Geistern bekrittelt. Man nannte das neue Kloster, das so wenig Strengheiten übte, das Kloster von Jesu Kreuzabstieg und seine Bewohner Rosenwassernonnen. Man tadelte den „unvernünftigen“ Bischof, daß er einen Orden ohne materielle Mittel gründete und darin kränkliche Frauen aufnahm.

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Andere wieder stießen sich an der Jugend der Schwestern und den häufigen Besuchen des Heiligen und beschimpften den Heiligen und die Schwestern aufs Flegelhafteste. Als eine junge Witwe eintrat, drohte sogar ihr Verehrer, das Kloster zu stürmen, und lärmte eine ganze Nacht hindurch vor demselben, warf Fenster ein, rüttelte an den Toren mit einer Meute von verkommenen Menschen und ließ erst ab, als er sah, daß sich im Kloster niemand und vor allem nicht seine Angebetete um ihn kümmerte. In dem Jahr nach der Profeß der ersten Schwestern verdoppelte sich fast ihre Schar. Am 25. Januar traten zwei Kandidatinnen ein, die bald zu den bedeutendsten Schwestern des Ordens zählen sollten, Frl. Marie Amata de Blonay und die schöne 20jährige Joly von La Roche, früher Freundin des Fräuleins Favre, über deren Frömmigkeit sie sich in ihrem Übermut lustig machte, um dann selber von Gott geangelt zu werden. Im Sommer kam noch Frl. Maria Rosset, deren außerordentliche Gebetsgnaden und Ekstasen bald alle in Erstaunen versetzen sollten. Andere Novizinnen meldeten sich an. Das Klösterlein von der Galerie wurde bald zu klein. Frau von Chantal kaufte also am See beim Dominikanerkloster ein größeres Haus und übersiedelte dorthin am 30. Oktober 1612 mit 14 Ordensfrauen. Da das Haus aber zu klein war, mußte man zum Bau eines größeren Klosters schreiten, wogegen sich heftige Widerstände erhoben. Man bewarf sogar die Arbeiter mit Steinen, versteckte ihr Werkzeug, überschwemmte Teile des Bauplatzes. Eines Tages meldete man dem Heiligen, daß ein Wütender mit einer Hacke die Wehr niederschlagen wolle. Der Heilige eilte herbei und mahnte ihn ruhig aufzuhören, und als er sich darum nicht kümmerte, nahm er ihm mit festem Griff die Hacke aus der Hand. Unter solchen Schwierigkeiten wurde der Bau ausgeführt. Gegen Ende des Jahres 1614 wurde die Kapelle feierlich eingeweiht und Anfang des Jahres 1615 konnten die Schwestern, jetzt 26 an der Zahl, in das neue Haus einziehen. Das Kloster der Heimsuchung stand innerlich und äußerlich gefestigt da. Es war jetzt bereit, seine Töchter in die weite Welt hinauszuschicken. 6. Die Heimsuchung Mariä als klausurierter Orden Lyon war die erste Stadt, die einen Ableger des Mutterklosters von Annecy erhalten sollte. Die hl. Johanna von Chantal kam dort am 1. Februar 1615 mit drei Schwestern an, nachdem der Erzbischof der Stadt, Kardinal Marquemont, den hl. Franz von Sales um eine Niederlassung seiner Genossenschaft gebeten hatte.

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Die Gemeinde in Lyon wetteiferte bald an Eifer mit der von Annecy. Der Kardinal aber, der die Heiligkeit der Schwestern bewunderte, war mit vielen ihrer Regeln und Gebräuche nicht einverstanden. Ordensfrauen ohne Klausur, ohne Gelübde, die die Kranken besuchten, kein Brevier beteten und Witwen aufnahmen, konnte er nicht begreifen. Ein reger Briefwechsel mit Franz von Sales setzt ein; die beiden Oberhirten besuchen sich gegenseitig. In einem Promemoria faßt der Kardinal Marquemont seine Wünsche zusammen; Franz von Sales antwortet ihm am 2. Februar 1616. In unwesentlichen Dingen gibt er nach; er wünscht zwar, daß die Heimsuchung eine Genossenschaft mit einfachen Gelübden bleibe, ist aber bereit, sich damit abzufinden, wenn sie zu einem Orden mit feierlichen Gelübden erhoben werden sollte. Er nimmt die Klausur an, weigert sich aber unbedingt, das kleine Offizium mit dem Brevier zu vertauschen und die Witwen abzuweisen. Da gab es für ihn kein Nachgeben, weil sonst das eigentliche Ziel seiner Ordensgründung zerstört worden wäre. Man ersieht daraus, was von der Legende zu halten ist, Franz von Sales habe schließlich einen ganz anderen Orden gegründet, als er vorgesehen hatte. – In allem Wesentlichen ist Franz von Sales doch seinem ersten Plan treu geblieben; er hat nur Unwesentliches oder schon durch die Entwicklung Abgestorbenes fallen lassen. Seine Gründung war so weit gediehen, daß er um die päpstliche Genehmigung ansuchen konnte. Paul V. antwortete ihm am 23. April 1618 durch eine Bulle, in der er dem Bischof von Genf die Vollmacht erteilte, seine Genossenschaft als Orden zu errichten, die Dispens vom Brevier für sieben Jahre gab, die dann von Papst Urban VIII. für ewige Zeiten erteilt wurde, und Regeln und Satzungen des neuen Ordens guthieß. Vom Jahr 1616 an verbreitete sich die „Heimsuchung“ in geradezu wunderbarer Weise. Sechs Jahre später, beim Tod des Heiligen, zählte sie 13 Klöster. Im Todesjahre der hl. Johanna von Chantal, im Jahr 1641 bereits 87 Niederlassungen, vor Beginn der französischen Revolution 146, heute 182 Klöster, davon 12 im deutschen Sprachgebiet.

II. Entstehung der „Gespräche“
Der Heiland hat nicht nur den Massen gepredigt, die ihn umdrängten, viele seiner Unterweisungen waren dem engeren Kreise seiner Jünger und dem engsten seiner Apostel gewidmet. Ihnen erklärte er die Geheimnisse des Himmelreiches, ihnen, seinen „Freunden“, teilte er mit, was der Vater ihm gegeben. So predigte wohl auch der hl. Franz von Sales oft in der Kirche der Heimsu-

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chung wie in vielen anderen Kirchen die großen Lehren des Christentums. Zwei dieser Predigten sind in den Gesprächen wiedergegeben (als 3. und 20. Gespräch). Er sagte von sich selber, daß er bei diesen öffentlichen Predigten gleich einem Barbier seine Hörer mit Düften besprengen, von trostreichen Wahrheiten rede und auf der Flöte spiele, während er bei den intimen Unterredungen mit seinen Töchtern wohl mehr den Wundarzt mache und mit Messer, Umschlägen und Pflaster arbeite (17. Gespräch). Während der zwei Jahre, die die Heimsuchung das Haus der Galerie bewohnte, kam der Heilige sogar bei schlechtem Wetter, bei Regen und Schnee, mindestens zwei- oder dreimal wöchentlich, las die heilige Messe, hörte die Beichte der Schwestern, bestimmte die verschiedenen Gebräuche (s. S. 111) und hielt ihnen, wenn er Zeit dazu hatte, seine Unterweisungen. – War das Wetter schön, versammelte man sich im Garten. Der Heilige kam mit einem geistlichen Begleiter, man brachte ihm einen Stuhl, die Schwestern setzten sich ringsum auf den Rasen. Dann begann er in seiner langsamen, ruhigen Art. Ein Beispiel, wie solche Besprechungen begannen, gibt uns das 23. Gespräch (S. 315). „Als er eintrat, sagte er: Guten Abend, meine lieben Töchter, ich komme, um noch ein Weilchen mit euch zu plaudern ... Was haben wir uns noch zu sagen? Wohl nichts mehr. Freilich, Frauen wissen immer noch etwas. Wir wollen aber keine langen Einleitungen machen. Bitte setzen Sie sich, unsere Schwestern stehen immer noch.“ – Dann stellte oft eine Schwester eine Frage (s. S. 40, 65, 78 usw.), oder es war ihm vorher eine Frage oder eine Reihe von Fragen vorgelegt worden, die er entweder einzeln beantwortete (s. S. 241) oder von denen er eine auswählte, um sie ausführlich zu behandeln (s. S. 148). Oft auch unterbrachen ihn die Schwestern mit Fragen oder Einwendungen, die er sofort beantwortete, oder von denen er eine auswählte, um sie ausführlich zu behandeln (s. S. 158). Es kam schon auch vor, daß ein Gewitter losbrach und alle zwang, sich in das Haus zu flüchten, wo dann der Heilige ruhig weiter sprach. – Man versammelte sich auch zuweilen im Zimmer der Oberin. Mutter Fichet erzählt: „Unser Vater hat uns dort mehrere geistliche Unterweisungen gegeben. Da er damals an der ‚Abhandlung über die Liebe Gottes‘ arbeitete, fragten ihn unsere ersten Mütter, was er seit seinem letzten Besuch geschrieben habe. Er sagte es ihnen und gab ihnen dann schöne Belehrungen ... In diesem Zimmer nahm er auch Abschied von uns, als er nach Chambery ging. 1 Er sprach uns vom

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Im Jahr 1612 zu den Fastenpredigten.)

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bereitwilligen Gehorsam und von der Achtung, die wir unseren Oberen entgegenbringen sollen“ (Ausg. Annecy 6, 10 f). Von den uns erhaltenen Gesprächen wurden die beiden Teile des 1. Gespräches und das 11. im Haus der „Galerie“ gehalten (s. auch S. 418). Als dieses zu klein geworden und die Gemeinde vorläufig in das Haus am Kanal gezogen war, hielt der Heilige die kleinen Versammlungen im Sprechzimmer. So war es auch später überall, besonders seit die Heimsuchung ein klausurierter Orden geworden war. Das Sprechzimmer lag nahe an der Straße, und so konnte es vorkommen, daß der Lärm der Kinder auf der Straße so laut hineinschlug, daß der Heilige die Schwestern ersuchen mußte, ihre Fragen lauter zu stellen (s. S. 322). Es kam wohl vor, daß er die Tür des Sprechzimmers schließen wollte, dann aber wieder auf seinen Platz zurückkehrte und sagte: „Draußen ist eine Menge Kinder, die mich so lieb anschauen, daß ich nicht den Mut habe, ihnen die Tür vor der Nase zu schließen.“ Der Heilige wollte zunächst nicht, daß sich die Schwestern schriftlich Notizen vom Gehörten machten. Er meinte, sie könnten alles in der „Abhandlung über die Gottesliebe“ lesen. Der Inhalt dieses Buches wird wohl meistens den Gegenstand der Besprechungen bestimmt haben. Jedenfalls begannen die Schwestern bald verschiedene, für sie besonders wertvolle Belehrungen aufzuzeichnen. Die Schwester Fichet schrieb die ersten Gespräche aus dem Gedächtnis nach. Bald gesellte sich zu ihr die Schwester Claude Agnes Joly de la Roche, die nach dem Zeugnis der hl. Johanna von Chantal „mit einem so glücklichen Gedächtnis ausgestattet war, daß sie alles, was der Heilige gesagt hatte, noch einige Tage nachher wortwörtlich wiederholen konnte“ (Ausg. Annecy 6,12). Ihrer sorgfältigen Nachschrift verdanken wir die Gespräche aus dem Jahr 1615 (2, 8, 9), 1616 (10) und 1617 (17, 22), dann die Gespräche aus dem Jahr 1618 (3, 4, 12, 14, 16), aus dem Jahr 1619 (3, 21) und aus dem Jahr 1620 (6, 7, 15). In die an Gesprächen ärmere Zeit fällt die Fertigstellung der „Abhandlung über die Gottesliebe“, die jeden freien Augenblick des heiligen Bischofs erforderte; deshalb verschonte die hl. Johanna von Chantal den Heiligen mit der Bitte um Vorträge und mahnte auch ihre Töchter, auf die viele Arbeit ihres Vaters Rücksicht zu nehmen (s. Ausg. Annecy 6, 13). Die Schwester de la Roche reiste im Juli 1620 von Annecy ab, um das Kloster zu Orleans zu gründen. Bei diesem Anlaß gab der Heilige den Schwestern die schönen Aufmunterungen des 6. Gespräches (S. 87 ff). Ihre Nachfolgerin im Nachschreiben der Gespräche war die Schwester Marguerite Marie Michel, die ebenfalls ein außerordentliches Gedächtnis besaß. „Man las ihre Nachschrift in der Gemeinde vor, jede Schwester durfte ihre Bemerkungen

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dazu machen; aber fast nie hatte man irgend etwas dem hinzuzufügen, was sie geschrieben hatte“ (s. Ausg. Annecy 6, 15). Wir können wohl annehmen, daß man auch bei ihrer Vorgängerin und in Lyon so verfahren hat, sodaß eigentlich die ganze Gemeinde die genaue Nachschrift der Schwester verbürgte. Ihr verdanken wir die Gespräche aus dem Jahr 1621 (18, 19) und eines von 1622 (5). Die Schwestern von Lyon endlich sammelten mit größter Genauigkeit die Antworten und Aussprüche, die uns im 23. und 24. Gespräch erhalten sind. Selbstverständlich wurden die Nachschriften der Gespräche abgeschrieben und den verschiedenen Klöstern des Ordens zugeschickt. In der Korrespondenz der hl. Johanna von Chantal wird das oft erwähnt (s. Ausg. Annecy 6, 14 f). Schon im Jahr 1624, zwei Jahre nach dem Tod des Heiligen wurden die Gespräche in jedem Kloster einmal jährlich im Speisesaal vorgelesen (ebd. 6, 16). Im selben Jahr denkt die hl. Johanna Franziska von Chantal daran, sie abdrucken zu lassen (ebd. 6, 17). Die vielen Arbeiten und Reisen hinderten sie an der Verwirklichung ihres Planes, bis sie plötzlich im Jahr 1628 erfährt, daß die Gespräche von einem Kloster an Freunde ausgeliehen worden waren und in Druck erscheinen sollten. Tatsächlich erschien das Werk im Mai 1628 in Lyon. Als die Heilige es in Händen hatte, war sie entsetzt, sowohl über die vielen den Sinn ganz entstellenden Druckfehler, wie auch über die Freiheit, die sich die Drucker nahmen, vieles zu veröffentlichen, was nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war und von dieser verkehrt verstanden werden mußte. Mit der gewohnten Energie betrieb sie also eine Neubearbeitung der Gespräche und den Druck derselben, die dann im Jahr 1629 unter dem Titel „Die wahren geistlichen Gespräche des seligen Franz von Sales ...“ in Lyon bei Coeurssilly erschien. Diese Ausgabe der Gespräche wurde dann ungezählte Male nachgedruckt und in die meisten europäischen Sprachen übersetzt. Die hl. Johanna von Chantal und ihre Berater gingen bei der Bearbeitung der Gespräche nach folgenden Grundsätzen vor: 1. es mußte alles ausgemerzt werden, was bei solchen, die dem Orden nicht gewogen waren, Anstoß erregen konnte; 2. mußte die Ausdrucksweise verfeinert werden. Die familiären Ausdrücke mußten verschwinden; 3. sollte durch Hinzufügung von größeren Abschnitten aus den übrigen Werken des Heiligen das Buch an Majestät und Erhabenheit gewinnen. – Den ersten zwei Grundsätzen ist ein großer und dazu noch der lebendigste, unmittelbarste Teil des Textes zum Opfer gefallen, der 3. Grundsatz hat zum Einschub von größeren Stellen aus Predigten und Briefen des Heiligen (etwa einem Achtel des Textes) geführt und dazu, daß aus geistlichen Plaudereien Konferenzen gestaltet wurden und somit der wahre Charakter der Gespräche verwischt wurde.

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Zur Zeit der hl. Johanna von Chantal mochte es wohl nicht angebracht sein, die Gespräche anders herauszugeben, als sie es getan hat. Heute ist der hl. Franz von Sales Kirchenlehrer, der Orden der Heimsuchung einer der angesehensten Orden der Kirche; außerdem steht uns heute der Sinn weniger nach Erhabenheit als nach Wahrheit und Leben. Es war somit zu erwarten, daß man jetzt wieder auf den ursprünglichen Text zurückgehen und alle Zusätze und Abänderungen entfernen würde. Das geschah in der großen Ausgabe von Annecy im Jahr 1895 nur zum Teil in den Fußnoten und im Anhang, wurde aber in der neuesten, von der Heimsuchung von Annecy als „vollständig und endgültig“ erklärten Ausgabe von 1933 1 nachgeholt, die auch von uns übersetzt wurde.

III. Inhalt der Gespräche 2
Der Rahmen der Gespräche ist sehr weit gespannt. Er umfaßt nicht nur die eigentlichen Übungen des Ordenslebens, in das der Heilige seine Töchter einführen wollte, sondern das geistliche Leben überhaupt im weitesten Sinne des Wortes, dessen wesentliche Gesetze ja im Ordensleben gleiche Geltung haben wie im Leben der Frommen in der Welt. 1. Das „Stirb und werde“ gilt ja für alle, die dem göttlichen Meister folgen wollen, der gesagt hat: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lk 9,23). Das leider heute ganz abgegriffene und in seiner Bedeutung verengte Wort „Abtötung“ ist eine schwerwiegende Angelegenheit für jeden Christen und natürlich in erster Linie für die Ordensleute, die mit dem Christsein ganz Ernst machen wollen. Das muß auch die Absicht sein, wenn man ins Kloster geht; jedenfalls aber muß dies das eine große Ziel sein, wenn man im Kloster bleiben will: „Uns niederreißen, uns kreuzigen, oder vielmehr uns von Gott niederreißen und kreuzigen lassen, damit er uns dann auch neu aufbaue als lebendige Tempel seiner göttlichen Majestät“ (S. 306). „Wer bei uns eintritt, kommt ja nur, um sich abzutöten. Das Kreuz, das wir auf der Brust tragen, erinnert uns ständig daran“ (288). „Wir müssen sterben, damit Gott in uns lebe. Es ist unmöglich, die Vereinigung der Seele mit Gott auf einem anderen Weg als auf dem der Abtötung zu erreichen. Die Worte ‚man muß absterben’ sind bitter; dieser
1 Entretiens de Saint François de Sales, d’après les anciens manuscrits, publiés par la Visitation d’Annecy, Annecy 1933. 2 Das Verzeichnis aller in den Gesprächen behandelten Fragen ist in der Inhaltsangabe und im Register gegeben. Hier war man nur bestrebt, die große Linie der Gedankengänge des Heiligen in seinen Gesprächen herauszuarbeiten.

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Zur Einführung

Bitterkeit folgt aber eine große Süße auf dem Fuß; denn dieses Sterben vereinigt uns mit Gott. Der alte Adam ist kein Gefäß für den edlen Wein der göttlichen Liebe und muß daher zertrümmert werden“ (308). So kommt denn der Heilige zu seinen Töchtern und zeigt ihnen, was sie an sich zertrümmern, worin sie sich absterben sollen. Predigt er in ihrer Kirche, dann zeigt er vor allem die Schönheit der Tugend und lockt zum Gotteslob. Sitzt er aber in ihrer Mitte, dann arbeitet er dort als Chirurg, schneidet, brennt, legt Umschläge und Pflaster auf die Wunden seiner Töchter, auch wenn es ihnen weh tut (240 f). Denn man kommt nicht schon als Heiliger ins Kloster, sondern um heilig zu werden. Sind auch alle noch so guten Willens, so bleiben ihnen doch so manche Fehler, selbst den Oberinnen. Und der Heilige zählt sie in seiner lieben, fein ironischen Weise auf. Man könnte aus den „Gesprächen“ eine ganze Blütenlese kleiner Schwächen zusammenstellen, 1 wie sie sich auch in den eifrigsten Klöstern und bei den frömmsten Seelen finden. Er unterscheidet aber wohlweislich zwischen Neigungen und Anhänglichkeit (109), zwischen dem, was sich in den unteren, den Sinnen verhafteten Schichten der Seele abspielt (Gefühle, Neigungen, Abneigungen), und dem, was in den höheren, von der Vernunft erleuchteten und vom freien Willen geleiteten Zonen des Seelenlebens vor sich geht (s. 43, 48 usw.), zwischen den Fehlern, die aus diesen niederen Seelenschichten hervorbrechen, unseren schwachen Willen niederringen oder auch uns überrumpeln, bevor wir nur die Zeit haben, sie zu bemerken, – und den Fehlern, die tiefer sitzen, die unseren Willen zum bewußten Komplizen haben, von denen man nicht lassen will oder gegen die man zum mindesten nicht den Mut und die Entschiedenheit aufbringt, die zu ihrer Überwindung notwendig wären. Wir sind Menschen, auch im Kloster, auch die Oberen sind es, auch die Heiligen waren es (Franz von Sales führt oft Fehler von Heiligen an und kommt damit den Forderungen zuvor, die man heute an Heiligenleben stellt); deshalb werden wir immer Fehler der ersten Art begehen. Damit müssen wir uns abfinden und dürfen nicht den Mut verlieren. – Andererseits heißt es aber: 1. Sein Leben lang mit aller Entschiedenheit kämpfen, um jede Anhänglichkeit zu Sündhaftem in uns auszumerzen, ja uns all dessen zu entäußern, woran unser Herz hängt, weil wir Gott nur allein anhangen dürfen (43 ff, 109 ff), – 2. seine Leidenschaften und Launen im Zaum halten, sie durch die Vernunft
1 s. Jacques Leclercq, Saint François de Sales, Docteur de la perfection, Paris 1928, S . 157-184.

Zur Einführung

19

in ihre Schranken zwängen, damit der Glaube und die Vernunft uns führe und nicht blinde Mächte der Stimmungen und Leidenschaften uns hin- und herzerren (S. 51 usw.). Deshalb brauchen wir eine starke, hochherzige Frömmigkeit, deshalb muß unsere Frömmigkeit auch innerlich sein (42 f), d. h. wir müssen alles mit der Vernunft (42 f, 50 ff), nicht mechanisch tun, deshalb gibt es keine Demut, die nicht zugleich von der Hochherzigkeit begleitet ist (78 f), deshalb die energische Ablehnung alles Weichlichen, alles Rührseligen, aller Verzärtelung seiner selbst und der anderen (61, 209 ff), deshalb die betonte Forderung einer die äußere Haltung wie das Seelenleben bestimmenden Beherrschtheit (120 ff), daher die nur nebensächliche Bedeutung des Gefühlslebens, auch des religiösen Gefühlslebens, der „Tröstungen“ und geistlichen Freuden, da nicht diese, sondern Vernunft und Glaube uns zu führen haben (48, 52, 102 usw.). 2. So muß man also sich absterben, damit Gott in uns lebe (308). Das Sterben ist die Vorbedingung, das Leben in und für Gott, die restlose Hingabe an Gott ist das Ziel, die Hauptaufgabe unseres Lebens. Sich Gott hingeben heißt nicht mehr die Launen und Leidenschaften, sondern nur mehr Gottes Willen gelten lassen und mit aller Liebe und Sorgfalt alles tun, was er durch seinen in den Geboten, Räten, Regeln, Eingebungen ausgesprochenen Willen verlangt. Es heißt das für Ordenspersonen, die ihre Regeln aufs gewissenhafteste befolgen (187 ff) und den Gehorsam ganz heilig nehmen, ihn aus Liebe, ohne Rücksicht auf die Person des Oberen, bereitwillig und beharrlich erfüllen, weil man in ihm Gottes Willen sieht (29 ff); es heißt das für alle, die Gebote des Herrn, besonders das der Nächstenliebe bis in die letzten Feinheiten üben (65 ff, 116 ff, 224 ff). Sich Gott hingeben heißt ferner mit ganzer Seele dem zustimmen, was Gott in seinem göttlichen Wohlgefallen in uns und um uns zuläßt (42 ff), alles Widerwärtige mit allen Umständen und Begleiterscheinungen willig annehmen (44 ff, 104 usw.), nicht verzärtelt und empfindlich sein (209 ff), in allem zur Verfügung der göttlichen Vorsehung stehen, „nichts verlangen, nichts abschlagen“(104 ff), unser ganzes Vertrauen auf Gott setzen (40 ff, 60 ff), so bei allem sorgfältigen Mühen um unsere Vollkommenheiten doch sorglos sein, weil man alles Gott überläßt, von dessen Gnade man alles erwartet, und deshalb nicht ängstlich besorgt ist um Mittel, heilig zu werden, sich nicht immer umsieht, welche Fortschritte man gemacht hat, sondern einfach und schlicht seine Pflicht tut und alles übrige Gott überläßt (60 ff, 98 ff, 174 f, 191 ff). Das ist die heilige Einfachheit, der die ganze Liebe des Heiligen gilt, Gott und sonst nichts, oder vielmehr Gott und alles in und für Gott.

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I N H A LT S - Ü B E R S I C H T
Vorwort Zur Einführung 1. G e s p r ä c h : Die Verpflichtung der Satzungen unddie Eigenschaften der Frömmigkeit I. Die Verpflichtung der Satzungen 5 6

29 29

1. Aus Verachtung fehlen ist schwere Sünde und wird von Gott schwer bestraft. – 2. Wann Verachtung, – 3. dann immer Sünde. – 4. Kennzeichen der Verachtung. – 5. Verachtung nur einiger Regeln. – 6. Gott verhüte dies. – 7. Übertretung aus Schwäche. – 8. Aus Vergeßlichkeit. – 9. Aus Liebe beobachten.

II. Die Eigenschaften der Frömmigkeit
1. Innerlich, – 2. stark, – 3. hochherzig.

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III. Liebe zur Genossenschaft 2. G e s p r ä c h : Vertrauen und Hingabe I. Vertrauen und Kenntnis der eigenen Armseligkeit II. Hingabe unser selbst

1. Sich entsagen und Gott hingeben, nichts vorbehalten. – 2. Gottes ausgesprochener Wille und der Wille seines Wohlgefallens. – 3. Wo man dem einen wie dem anderen nachkommen muß (Bsp. Krankheit). – 4. In Widerwärtigem, in der Abneigung. Verhalten bei Abneigungen. – 5. Innerliche Haltung einer Gott hingegebenen Seele. – 6. Vertrauen der Gott hingegebenen Seele. – 7. Kann der Wille ganz absterben? – 8. Das Gebet der Ruhe in einer vollkommenen Seele. – 9. Der Grund unseres Vertrauens.

3.

G e s p r ä c h : Predigt am Oktavtag der unschuldigen Kinder I. Gleichmut beim ständigen Wechsel der Dinge

49 50

1. Die wechselnden Launen beim Wechsel der Dinge durch Vernunft überwinden. – 2. Auch im geistlichen L eben sich von der Vernunft beherrschen lassen. – 3. Gleichmut. – 4. Bsp. der heiligen Familie. – 5. Sofort und ohne Bedenken gehorchen. – 6. Gelassenheit von Josef und Maria.

II. Die Führung unserer Vorgesetzten hochschätzen!
1. Von Gott uns gegeben. – 2. Die geistlichen „Gehilfinnen“ – 3. Warum der Herr sich nicht selbst um seine Familie annimmt. – 4. Die Rangordnung in der heiligen Familie.

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Inhaltsübersicht 4.-6. Gespräch
III. Vertrauen auf die Vorsehung
1. Die Sorge um uns dem Herrn überlassen. – 2. Auch um das geistliche Leben. – 3. Sorgfältiges Mühen und Sorglosigkeit. – 4. Beim Gehorsam keine Widerrede. – 5. Einfach gehorchen, auch wenn uns ein Amt gegeben wird.

21
60

4.

G e s p r ä c h : Herzlichkeit und Geist der Demut A. Herzlichkeit I. Worin besteht die herzliche Liebe?

65 65

1. Freundschaft setzt Vernunft voraus, – 2. und eine gewisse Übereinstimmung. – 3. Sie wurzelt im Herzen. – 4. Begleiterinnen der Liebe, die Freundlichkeit und Geselligkeit.

II. Liebe ohne ungeziemende Vertraulichkeit, heilige Liebe 70 III. Einige Fragen 70
1. Über das Lachen. – 2. Über die Abneigung. – 3. Alle mit gleicher Liebe lieben. – 4. Kindliches Vertrauen zu ihnen hegen. – 5. Bei Verstößen dagegen nicht verzagt sein.

B. Vom Geist der Demut
1. Was der Geist der Demut ist. – 2. Lachen bei Schuldbekenntnis. – 3. Über Fehler anderer nicht denken noch reden. – 4. Wie man Demutsgesinnung erlangt. – 5. Vieles nur Anregung nicht Pflicht. – 6. Innige Liebe.

74

5.

G e s p r ä c h : Die Tugend der Hochherzigkeit

78

1. Demut und Hochherzigkeit. – 2. Ohne Hochherzigkeit keine echte Demut. – 3. Demütig sein heißt auf Gott vertrauen. – 4. Reue muß Vertrauen und Hochherzigkeit einschließen. – 5. Darf man niemals zweifeln, tun zu können, was verlangt wird? – 6. Keine Rührseligkeit! – 7. Zu hoher Vollkommenheit berufen! – 8. Verhalten bei geistlicher Dürre und Dunkelheit. – 9. Wann Zorn zu beichten ist.

6.

G e s p r ä c h : Über die Neugründungen und die Tugend der Hoffnung

87

1. Abrahams Hoffnung. – 2. Apostelamt und Apostelverdienst der Schwestern. – 3. Mut und Gottvertrauen! – Nichts verlangen, nichts abschlagen! – 4. Keine Trennung, alle gehen und alle bleiben. – 5. Zum Gehen wie zum Bleiben ist Tugend notwendig. – 6. Nicht grübeln, ob man die Fähigkeit für ein Amt besitzt. – 7. Wohlgerüche der Tugend verbreiten.

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7.

Inhaltsübersicht 7.-10. Gespräch
G e s p r ä c h : Die drei Geistlichen Gesetze I. Ich will mich Gott hingeben, wie er sich mir hingibt 97 98

Einleitung: Die Gesetze der Tauben. 1. Sich Gottes Fürsorge überlassen. – 2. Seine Pflicht tun, keine Wünsche. – 3. Keine Geschäftigkeit. – 4. Keine Sorge um unseren Fortschritt. – 5. Den Heiligen fehlten viele Mittel zur Heiligkeit. – 6. Fühlbarer Eifer nicht notwendig.

II. Je mehr du mir nimmst, desto mehr gebe ich dir
1. Ijob. – 2. Von Gott die Mittel zur Vollkommenheit sich nehmen lassen. – 3. Unser Kreuz tragen. – 4. Auf geistliche Freuden verzichten.

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III. Nur ein Lied: „Der Name des Herrn sei gebenedeit!“
Schluß: Inhalt der Gesetze ist die Liebe.

106

8.

G e s p r ä c h : Loslösung von „Mein und Dein“

109

1. Hängen am „Mein und Dein“ kommt von Selbstüberschätzung. – 2. Den Eigenwillen im gemeinsamen Willen aufgehen lassen. – 3. Diese Loslösung bis ins Einzelne vollziehen. – 4. Verhalten bei Tadel. – 5. Alles freudig tun. – 6. Verhalten bei Versuchungen. – 7. Stufen der Loslösung. – 8. Loslösung von äußeren und leiblichen Gütern, von Herzensgütern und vom Ruf. – 9. Losschälung von lieben Menschen. – 10. Tugend ist nichts Schreckliches. – 11. An keinem Fehler hängen. – 12. Verehrung für Obere und Vertrauen zu ihnen.

9.

G e s p r ä c h : Die Liebe zu den Geschöpfen

116

1. Natürliche und übernatürliche Liebe. – 2. Trotz Widerstrebens Liebe bezeigen. – 3. Wir meinen jemand für Gott zu lieben. – 4. Uns freuen, wenn andere eine Tugend üben. – 5. Die Glocke, Gottes Ruf. – 6. Unnütze Worte. – 7. Wir wissen nicht um unseren Fortschritt. – Demut und Liebe.

10. G e s p r ä c h : Über die Bescheidenheit
Einleitung: Die vierfache Bescheidenheit.

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I. Der äußere Anstand
1. Wichtige Tugend. – 2. Zeit und Ort bestimmen ihre Übung (Arsenius).

II. Die geordnete innere Haltung
1. Innere Ruhe und Beherrschung, – 2. Beherrschtheit des Verstandes. – 3. Viele Worte machen. Äußerer Anstand beim Beten. – 4. Nichts Gemachtes!

III. Bescheidenheit im Reden und Umgang

127

Inhaltsübersicht 11.-13. Gespräch
IV. Bescheidenheit in der Kleidung Anhang: Verschiedene Fragen
1. Was tun, wenn uns ein Tadel ärgert? – 2. Gebet, Zerstreutheit. – 3. Wie man zur Gottesliebe kommt. – 4. Wie man Gott und den Oberen einfach und rein gehorchen lernt. – 5. Dürfen Obere etwas gegen Gottes Gebote verlangen? – 6. Wie man Entschlüsse festigt. – 7. Bestimmte Gedanken bei Weihwasser usw. – 8. Vorsätze, die man wahrscheinlich nicht halten wird. – 9. Einfalt oder Liebe?

23
128 128

11. G e s p r ä c h : Der Gehorsam
1. Was Gehorsam ist. – 2. Seine Eigenschaften, Bsp. beharrlichen Gehorsams (Pachomius). – 3. Versuchungen gegen den Gehorsam. – 4. Unseren Verstand in Zucht halten. – 5. Beispiel des Herrn. – 6. Hochherziges geistliches Leben. – 7. Geschmeidigkeit. – 8. Die Liebe gibt den Dingen den Wert. – 9. Darf man besondere Gebete verrichten?

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12. G e s p r ä c h : Die Tugend des Gehorsams
1. Die 3 Arten und die 3 Eigenschaften des Gehorsams. – 2. Die 3 Bedingungen des blinden Gehorsams. – 3. Erste Bedingung: Man gehorcht nur, wenn nichts gegen Gottes Gebote befohlen wird, – 4. sieht aber nicht auf die Person des Befehlenden. – 5. Zweite Bedingung: Man fragt nicht nach Absicht und Zweck des Befehles. – 6. Man fragt nicht nach Mitteln, den Befehl auszuführen. – 7. Der rasche, bereitwillige Gehorsam. – 8. Der beharrliche Gehorsam. – 9. Der Wert des Gehorsams. – 10. Lohn des Gehorsams.

140

Anhang: Verschiedene Fragen
1. Ist man unter Sünde verpflichtet, alles zu tun, was angeordnet ist? – 2. Muß man jede Verfehlung gegen den Gehorsam beichten? – 3. Wie kann man den Gehorsam lieben lernen? – 4. Darf man beim Oberinnenwechsel Vergleiche anstellen? – 5. Darf man sich über Obere abfällig äußern? – 6. Darf man den Gehorsam leichter nehmen, wenn man lange im Kloster ist? – 7. Darf man über Demütigungen mit Schwestern sprechen? – 8. Überwindung des eigenen Urteils. – 9. Soll man einander auf Fehler aufmerksam machen? – 10. Auch auf Fehler beim Chorgebet?

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13. G e s p r ä c h : Über die Einfachheit
1. Das Wesen der Einfachheit. – 2. Eine rein christliche Tugend. – 3. Sie hält das Sorgen um die Mittel nach Vollkommenheit fern. – 4. Sie schließt die anderen Beweggründe aus. – 5. Sie verträgt sich mit der Klugheit; – 6. verlangt nicht, daß man seine Leidenschaften offenbare. – 7. Sie kommt nicht auf das Geschehene zurück. – 8. Sie verschweigt nichts der Oberin. – 9. Einfachheit im Gespräch. – 10. Über-

173

24

Inhaltsübersicht 14.-16. Gespräch

läßt den Ausgang der Vorsehung. – 11. Antwortet wahrheitsgemäß. – 12. Unsympathischen Menschen Beweise der Liebe geben? – 13. Von Fehlern anderer die Oberin benachrichtigen? – 14. Soll die Oberin tadeln? – 15. Die Oberin auf ihre Fehler aufmerksam machen? – 16. Sich von der Oberin einfach führen lassen? – 17. Nur eine Liebe, Gott. – 18. Klugheit in der Welt. – 19. „Klugheit der Schlange“.

14. G e s p r ä c h : Über den Geist der Regel I. Vom Ordensgeist überhaupt
1. Geist des Elija. – 2. Der Geist der verschiedenen Orden. – 3. Gemeinsames Ziel, gleiche Mittel; die Gelübde.

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II. Geist der Heimsuchung
1. Demut und Sanftmut. – 2. Nicht mehr tun. – 3. Die Regel ganz pünktlich beobachten. – 4. Was nicht zur Regel gehört. – 5. Deswegen nicht ärmer an Verdienst. – 6. Länger im Chor bleiben. – 7. Dasselbe tun wie die Gemeinde. – 8. Liebe zur Regel. – 9. Beispiel: Maria und Jesus. – 10. Treue aus Liebe. – 11. Keine Ausnahmen für die Kräftigen. – 12. Die Darstellung Jesu im Tempel.

15. G e s p r ä c h : Über Selbstverzärtelung und Eigensinn I. Ist es gegen die Vollkommenheit, an der eigenen Ansicht zu hängen?
1. An der eigenen Ansicht hängen. – 2. Vorgesetzte müssen sich ein Urteil bilden. – 3. Menschen, die am Urteil hängen. – 4. Wie Überwinden? – 5. Das innerliche Gebet. – 6. Verzicht auf eigene Ansicht.

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II. Selbstverzärtelung
1. Affektive und effektive Liebe. – 2. Wir lieben auch uns auf diese zwei Weisen. – 3. Die Schwester mit dem beschämenden Gebrechen. – 4. Nicht alle kleinen Beschwerden der Oberin vortragen. – 5. Wenn eine Schwester sich nicht ausspricht. – 6. Seelische Verweichlichung. – 7. Einfachheit mit der Oberin. – 8. Nicht weich sein. – 9. Mürrische Oberinnen. – 10. Schmeicheln. – 11 Tatliebe und Gefühlsliebe.

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III. Verschiedene Fragen
1. Entbehrungen annehmen. – 2. Wenig haben wollen. – 3. Essen, was vorgesetzt wird. – 4. Bitten um das, was man braucht. – 5. Aufpassen, ob einer Schwester etwas fehlt? – 6. Der Oberin eine feinere Serviette? – 7. Einfachheit und Hochherzigkeit.

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16. G e s p r ä c h : Über die Nachgiebigkeit und den göttlichen Willen I. Nachgiebigkeit gegen Vorgesetzte und Untergebene
1. Der ausgesprochene Wille Gottes und der Wille seines Wohlgefallens. – 2. Gegen andere nachgiebig sein, – 3. wenn ihr Wille natürlichen Neigungen entspringt.

224 224

Inhaltsübersicht 17.-18. Gespräch
II. Über die Beichte
1. Ehrfurcht vor Beichtvätern. – 2. Rat gegen die Regel. – 3. Über Beichtväter sich nicht beklagen. – 4. Rechenschaft bei der Oberin. – 5. Genauigkeit bei der Beichte. – 6. Bei der Beichte aufrichtig und einfach sein. – 7. Ehrfurcht vor den Predigern.

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III. Abtötung der Eigenliebe
1. Nach Liebkosungen der Oberin verlangen. – 2. Die zweifache Liebe und Meinung. – 3. Abtötung lieben, keine Weichlichkeit.

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17. G e s p r ä c h : Verschiedene Fragen
Einleitung: Barbier und Wundarzt.

240 241

I. Über die Abneigungen
1. Beichtväter, die nicht wissen, was Abneigung ist. – 2. Was Abneigungen sind. – 3. Darf ich anderen ausweichen? – 4. Mittel gegen die Abneigung, die Ablenkung.

II. Beklagen bei Mitschwestern III. Über die Bücher, die man uns zu lesen gibt IV. Über die Ohrenbläserei V. Fehler von Mitschwestern und Vorgesetzten VI. Die Oberin im Sprechzimmer VII. Wie man den Geist der Heimsuchung bewahren kann

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18. G e s p r ä c h : Was beim Abstimmen über die Einkleidung und Profeß der Schwestern zu beachten ist I. Über den Beruf 258
1. Warum viele ins Kloster gehen. – 2. Was Beruf ist. – 3. Wenn der Wunsch wankt. – 4. Wie Gott beruft.

II. Eigenschaften, die für die Zulassung notwendig sind
1. Für die erste Aufnahme ins Kloster. – 2. Für die Aufnahme ins Noviziat. – 3. Für die Zulassung zur Profeß.

270 275

III. Fragen der Schwestern
1. Eine verdrossene Novizin, – 2. über jeden Tadel aufgeregt, – 3. die den Eintritt bereut, – 4. die über alles lacht. – 5. Wie man Charaktere unterscheiden kann. – 6. Darf man eine Novizin auf die Probe stellen? – 7. Wenn sie die Eltern gedrängt haben? – 8. Die nicht herzlich ist? – 9. Mit der Oberin über die Novizinnen sprechen? – 10. Denen die Pflicht schwer ist, – 11. die heimgehen möchten, – 12. die der Oberin zuliebe handeln, – 13. die taub sind, – 14. die schmeicheln, – 15. die viel krank sind.

26

Inhaltsübersicht 19. Gespräch-24.
283

19. G e s p r ä c h : Über die heiligen Sakramente
1. Was sie sind und bewirken. – 2. Vorbereitung. – 3. Aufopferung der heiligen Kommunion. – 4. Gewinn aus den heiligen Sakramenten. – 5. Öftere Kommunion. – 6. Wenn man über uns spricht. – 7. Keine Ängstlichkeit. – 8. Das heilige Offizium.

20. G e s p r ä c h: Predigt am Fest des hl. Josef 21. G e s p r ä c h: Über die Absicht beim Eintritt ins Kloster
1. Verkehrte Absichten. – 2. Niederreißen und kreuzigen lassen. – 3. Uns absterben. – 4. Gewissenhafte Beobachtung der Regel. – 5. Leidenschaften überwinden. – 6. Die anderen nicht überflügeln wollen. – 7. Glücklich sein. – 8. Öfter kommunizieren als die Gemeinde?

291 305

22. G e s p r ä c h: Die fünf Stufen der Demut 23. G e s p r ä c h: Letzte Unterredung unseres seligen Vaters über verschiedene Fragen der Schwestern von Lyon I. Die Vorgesetzten II. Wunsch nach Ämtern und Wünsche überhaupt III. Richtig beichten IV. Mahnung und Tadel
Gegenwart Gottes. – Nichts verlangen, nichts abschlagen.

313 315 315 316 323 327

24. Antworten und Aussprüche unseres seligen Stifters, gesammelt im Kloster zu Lyon
1. Seelenfrieden. – 2. Oberinnenwechsel. – 3. Eine Generaloberin? – 4. Irdische Angelegenheiten. – 5. Verköstigung des Beichtvaters. – 6. Armut und Einfachheit. – 7. Über die Oberinnen. – 8. Das kleine Offizium. – 9. Beichte der Unvollkommenheiten. – 10. Reueakt. – 11. Rekreation. – 12. Gedanken über andere. – 13. Gutes verschweigen. – 14. Gebet. – 15. Gegenwart Gottes. – 16. Furcht vor dem Tod; Befriedigung beim Essen. – 17. Schlaf beim Gebet. – 18. Vorbereitung auf die heilige Kommunion. – 19. Läßliche Sünden. – 20. Kommunion. – 21. Treue. – 22. Unvollkommenheiten anderer. – 23. Oberin. – 24. Gebet. – 25. Rekreation. – 26. Einfachheit. – 27. Versuchungen. – 28. Verzichten. – 29. „Nichtkönnen“. – 30. Sitzen beim Gebet. – 31. Grübeln. – 32. Führung. – 33. Bedürfnisse des Leibes. – 34. Wunsch nach Regeltreue. – 35. Gefühl der Befriedigung. – 36. Längere Gespräche. – 37. Demut. – 38. Helfen können. – 39. Liebe. – 40. Ungern von sich reden. – 41. Keuschheit. – 42. Wort Gottes. – 43. Gott dienen. – 44. Geistige Nahrung aus dem Glauben. – 45. Freude und Bitternis. –

330

Inhaltsübersicht 25.-Schluß
46. Erniedrigung. – 47. Alles zur Ehre Gottes. – 48. Ruhig bleiben. – 49. Eigensinn. – 50. Kleinliche Wünsche. – 51. Kranke. – 52. Gehorsam. – 53. Nur Gott dienen. – 54. Achtung gegen alle. – 55. Predigt und Beichte. – 56. Ausbreitung des Ordens. – 57. Geist Gottes. – 58. Geduld. – 59. Vertrauen zur Oberin. – 60. Uneheliche Kinder. – 61. Chorgebet. – 62. Zuwenig essen. – 63. Mit Lust essen. – 64. Launenhafte Schwestern. – 65. Gebrechliche.

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25. G e s p r ä c h: Was der selige Vater der Schwester Claudia-Simplicienne gesagt hat

350

26. G e s p r ä c h: Auszug aus der Geschichte der „Galerie“ 352 Anmerkungen Namenregister 355 366

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Vorwort

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E S L E B E J E S U S!

1. Gespräch Verpflichtung Eigenschaften Die Verpflichtung der Satzungen und die Eigenschaf ten der Frömmigkeit 1

I.
1. Die Regeln und Satzungen verpflichten an sich weder unter schwerer noch läßlicher Sünde; sie sind den Mitgliedern der Genossenschaft nur zu ihrer Leitung und Richtschnur gegeben.2 Würde man sie aber freiwillig, mit Absicht und aus Geringschätzung übertreten oder den Schwestern und Weltleuten Ärgernis geben, so würde man sich ohne Zweifel eines schweren Fehlers schuldig machen; 3 denn wie könnte man den von schwerer Schuld freisprechen, der so weit geht, Göttliches zu entehren, seinen Stand zu verleugnen, den Orden zu erschüttern und die Früchte des guten Beispiels und Wohlgeruches der Heiligkeit zu vergeuden und zu verderben? Wer so mit Überlegung die Regel verachtet, den wird Gott gewiß schwer strafen, vor allem mit der Entziehung der Gnadengaben des Heiligen Geistes, welche für gewöhnlich jenen genommen werden, die von ihren guten Vorsätzen ablassen und von dem ihnen von Gott vorgezeichneten Weg abweichen. 2. Die Verachtung und Mißachtung der Regel und Satzungen oder irgend eines anderen guten Werkes läßt sich auf Grund folgender Erwägungen feststellen: Aus Verachtung vergeht man sich gegen eine Vorschrift, wenn man sie nicht nur freiwillig, sondern vorsätzlich verletzt oder außer acht läßt. Denn wenn man sie aus Unachtsamkeit, aus Vergeßlichkeit übertritt oder von einer leidenschaftlichen Aufwallung überrumpelt wird, so ist die Sache anders zu beurteilen. Es ist z. B. verboten, ohne Erlaubnis die Pforte zu überschreiten. Wenn nun die Pförtnerin Fremde einläßt und dabei, ohne überlegt zu haben, hinausgeht oder wenn sie Vater oder Mutter unerwartet vor der Pforte sieht und in freudiger Erregung auf sie zueilt, ohne an die Vorschrift zu denken, so verletzt sie die

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1. Verpflichtung der Satzungen

Regel gewiß nicht aus Verachtung. Die Verachtung schließt ja einen wohlüberlegten Willen ein, der unbedingt entschlossen ist zu tun, was er vorhat. Wer also aus Verachtung eine Vorschrift verletzt oder aus Verachtung ungehorsam ist, der ist nicht nur ungehorsam, sondern der will es sein; er setzt nicht nur einen Akt des Ungehorsams, sondern er handelt in der Absicht, ungehorsam zu sein. – Es ist verboten, außer den Mahlzeiten zu essen: Ißt also eine Schwester dann Birnen, Aprikosen oder anderes Obst, so fehlt sie gegen die Regel und begeht einen Ungehorsam. Ißt sie, verlockt vom Genuß, den sie sich verspricht, so ist sie nicht ungehorsam aus Widerspenstigkeit, sondern aus Genäschigkeit. Ißt sie aber, weil sie die Regel geringschätzt und sie weder beobachten noch sich ihr unterwerfen will, dann fehlt sie aus Mißachtung der Regel und aus reinem Ungehorsam. Wenn jemand gegen den Gehorsam fehlt, weil er etwas nicht lassen kann oder weil ihn ein leidenschaftliches Aufwallen übermannt, so wäre er froh, wenn er seine Leidenschaft befriedigen könnte, ohne ungehorsam zu sein. Der eine hat Lust, jetzt zu essen, zugleich tut es ihm aber leid, sich dabei gegen den Gehorsam zu verfehlen. Der andere aber, der aus Verachtung und vorsätzlich ungehorsam ist, dem ist es nicht unangenehm, ungehorsam zu sein, sondern er hat Freude daran. Bei dem einen folgt der Ungehorsam auf die Tat oder begleitet sie, beim anderen geht der Ungehorsam der Tat voraus, er ist ihre Ursache, ihr Beweggrund, er äußert sich allerdings hier in der Naschhaftigkeit. Wer entgegen den Vorschriften ißt, begeht als Folge oder Begleiterscheinung einen Ungehorsam, obgleich er ihn vermeiden möchte, wenn er anders seine Eßlust befriedigen könnte. So möchte sich auch der Trinker nicht betrinken, tut es aber trotzdem. Wer jedoch in Verachtung der Regel oder aus Ungehorsam ißt, will den Ungehorsam, sodaß er die Tat weder vollbringen würde, noch Lust dazu hätte, wenn ihn nicht der Wille zum Ungehorsam antriebe. So ist also der eine ungehorsam, weil er etwas will, das er nicht haben kann, ohne sich gegen den Gehorsam zu verfehlen; der andere hingegen will dasselbe nur, weil er sich damit gegen den Gehorsam verfehlen kann. Dem einen unterläuft der Ungehorsam bei seinem Tun, obwohl er ihm gerne ausweichen würde. Der andere sucht ihn und setzt die Tat nur um des Ungehorsams willen. Der eine sagt: Ich bin ungehorsam, wenn ich diese Aprikose esse, ich kann sie ja nicht essen, ohne ungehorsam zu sein. Der andere sagt: Ich esse sie, weil

1. Verpflichtung der Satzungen

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ich ungehorsam sein will, und ich erreiche das, wenn ich esse. Im ersten Fall sind Ungehorsam und Mißachtung der Regel die Folge der Tat, im zweiten Fall sind sie ihr Beweggrund. 3. Solch ausdrücklich gewollter Ungehorsam, solche Verachtung guter und heiliger Dinge gehen aber niemals ohne Sünde ab, zum mindesten nicht ohne läßliche Sünde. Das gilt auch für all das, was uns nur anempfohlen wird; wir können diese Ratschläge auch außer acht lassen und etwas anderes wählen, ohne Gott damit zu beleidigen; aber mit Geringschätzung und Verachtung uns darüber hinwegsetzen, das können wir nicht, ohne dabei Gott zu beleidigen. Obwohl wir nicht verpflichtet sind, jegliches Gute aufzugreifen, so müssen wir es doch achten und hochschätzen: wir dürfen es vor allem nicht geringschätzen und heruntersetzen. Wer also die Regeln und Satzungen aus Verachtung verletzt, der hält sie für verächtlich und unnütz, und das ist eine große Überheblichkeit und Frechheit. Wer sie wohl für unnütz hält, sie aber trotzdem nicht befolgen will, der gibt sein Vorhaben, das Streben nach der Vollkommenheit, auf, zum großen Schaden des Nächsten, der Anstoß und Ärgernis nimmt; er widersetzt sich der Gesellschaft, bricht das der Genossenschaft gegebene Versprechen und zersetzt ein Ordenshaus – alles grobe Verfehlungen. 4. Zur genauen Unterscheidung, ob ein Ordensmitglied aus Verachtung und Ungehorsam gegen die Regel verstößt, seien folgende Kennzeichen dafür gegeben: 1. sich über die Zurechtweisung lustig machen und keinerlei Reue zeigen; 2. in den Fehlern verharren, ohne sich zu bessern; 3. die Zweckmäßigkeit der Regel oder des Befehles bestreiten; 4. andere zu den gleichen Übertretungen zu bewegen versuchen und ihnen die Angst davor ausreden mit der Begründung, daß es sich nur um ganz ungefährliche Kleinigkeiten handle. Diese Kennzeichen sind jedoch nicht so untrüglich, daß sie nicht auch anderen Ursachen als nur der Verachtung entspringen könnten; es kann z. B. sehr wohl vorkommen, daß sich jemand über den Tadler lustig macht, weil er ihn selbst geringachtet, oder daß einer aus reiner Schwäche in einem Fehler verharrt oder aus Trotz und Zorn aufbegehrt oder daß jemand andere zu gewinnen sucht, um für seinen Fehler Mitschuldige zu haben und sich selber so zu entlasten. Immerhin kann

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1. Verpflichtung der Satzungen

man unschwer aus den Umständen erkennen, ob das alles von der Verachtung herrührt; denn letzten Endes sind Frechheit und offensichtliche Ungebundenheit die gewöhnlichen Folgen dieser Verachtung. Und wer sie im Herzen trägt, der wird sie auch bald im Mund führen, wie jener, den David sprechen läßt: „Wer ist unser Gebieter?“(Ps 12,5). 5. Ich muß noch ein Wort beifügen über eine Versuchung, die uns in dieser Sache begegnen kann: es mag nämlich vorkommen, daß jemand nur eine oder zwei Regeln verletzt, die ihm weniger bedeutsam erscheinen, alle anderen aber beobachtet und sich deshalb nicht für ungehorsam oder ungebunden hält. Mein Gott, welche Selbstüberhebung! Denn was der eine geringschätzt, wird von anderen hochgeschätzt – und umgekehrt. Und so wird die eine Schwester die eine Regel umgehen, die andere wird wieder eine andere Regel übertreten, eine dritte wird sich um diese Vorschriften nicht kümmern, eine vierte um jene nicht, und so reißt die Zuchtlosigkeit ein. Wenn sich der menschliche Geist nur von seinen Neigungen und Abneigungen bestimmen läßt, was kann da anderes herauskommen als ein ewiges Hin- und Herschwanken und alle möglichen Fehler. Gestern war ich heiter gestimmt, da fiel mir das Stillschweigen schwer und der Versucher raunte mir zu, es habe gar keinen Wert. Heute bin ich traurig gestimmt, gleich wird er mir weismachen, daß Ablenkung und Unterhaltung erst recht wertlos seien. Gestern, da ich in gehobener Stimmung war, freute mich das Singen, heute bin ich verdrossen und mag nicht singen. Solche Beispiele ließen sich noch viele anführen. Wer also glücklich sein und nach der Vollkommenheit streben will, der muß sich daran gewöhnen, nach der Vernunft, der Regel und dem Gehorsam zu leben, nicht aber nach Neigungen und Abneigungen; er muß alle Regeln hochschätzen und, wenigstens dem höheren Willen nach, auch lieben. Denn verachtet er heute die eine, so verachtet er morgen die andere und übermorgen die dritte, und ist einmal das Band der Pflichttreue gerissen, dann bröckelt nach und nach alles ab, was vorher zusammengehalten wurde, und geht zugrunde. 6. Gott verhüte, daß jemals eine Tochter der Heimsuchung so weit vom Weg der Gottesliebe abirre und aus Ungehorsam, Halsstarrigkeit und Herzenshärte bis zur Verachtung der Regeln hinabsinke. Was könnte ihr Schlimmeres und Traurigeres widerfahren? Noch dazu gibt es so wenige Regeln, die dem Orden ausschließlich zu eigen sind. Die meisten von ihnen, ja fast alle, sind entweder ganz allgemeine Vorschriften,

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die auch Weltleute beobachten müssen, wenn sie nur in etwa gottesfürchtig und rechtschaffen leben wollen, oder es sind Regeln, die die einzelnen Ämter oder die selbstverständliche Zucht und Ordnung eines Ordenshauses betreffen. Hat also eine Schwester einmal eine Abneigung oder einen Widerwillen gegen die Satzungen und Vorschriften des Ordens, so möge sie sich verhalten wie auch bei anderen Versuchungen; sie soll den Widerwillen mit der Vernunft und mit einem festen und guten Vorsatz, gefaßt im oberen Teil der Seele, bekämpfen, bis Gott ihr mit seinem Trost zu Hilfe kommt und sie gleich Jakob, der von seiner Reise müde und erschöpft war (Gen 28,11 f), erkennen läßt, wie die Regeln und die von ihr gewählte Lebensweise die wahre Himmelsleiter sind, auf der sie, ähnlich wie die Engel auf der Jakobsleiter, zu Gott emporsteigen durch die Demut. 7. Wenn es aber geschehen sollte, daß sie nur aus Schwachheit – nicht aus Widerwillen – die Regeln übertreten, so sollen sie sich sogleich vor Unserm Herrn verdemütigen, ihn um Verzeihung bitten, ihren Vorsatz, gerade auf diese Vorschrift recht genau zu achten, erneuern, sollen sich vor jedem Kleinmut, jeder Unruhe des Geistes hüten und mit erneutem Vertrauen auf Gott in seine heilige Liebe flüchten! Verletzungen der Regel, die nicht einem beabsichtigten Ungehorsam und nicht einer Mißachtung, sondern der Nachlässigkeit, Trägheit, Schwäche oder einer Versuchung entstammen, können und müssen als läßliche Sünden gebeichtet werden oder als Handlungen, bei welchen sich doch eine läßliche Sünde vorfinden könnte. Obgleich nämlich die Regel an sich nie unter Sünde verpflichtet, kann doch eine solche vorliegen auf Grund von Nachlässigkeit, Trägheit, Übereilung und ähnlicher Fehler. Es kommt selten vor, daß wir etwas für unseren Fortschritt Heilsames freiwillig unterlassen, ohne zu fehlen, besonders wenn wir aufgefordert und berufen sind, es zu tun. Eine solche freiwillige Unterlassung kann nur von Nachlässigkeit, von ungeordneter Anhänglichkeit oder vom Mangel an Eifer kommen. Wenn wir schon von jedem unnützen Wort Rechenschaft geben müssen (Mt 12,36), um wie viel mehr von jeder unbeachteten Aufforderung der Regel, die wir auf diese Weise für uns nutzlos und fruchtlos gemacht haben. 8. Ich habe gesagt, daß die Unterlassung des Guten, das uns zum Fortschritt dienen könnte, selten ohne Beleidigung Gottes abgehen wird. Es kann nämlich vorkommen, daß man das Gute nicht freiwillig unter-

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1. Verpflichtung der Satzungen

läßt, sondern weil man es vergessen hat oder nicht daran dachte oder irgendwie überrumpelt wurde. Dann ist aber das keine Sünde, weder eine große noch eine kleine, es sei denn, die Sache ist so wichtig, daß wir zur Aufmerksamkeit verpflichtet sind, um sie ja nicht zu vergessen oder außer acht zu lassen. Wenn z. B. eine Schwester das Stillschweigen bricht, weil sie an etwas anderes und nicht an das Schweigen denkt oder weil das Verlangen, etwas zu sagen, sie überrascht und ihr das Wort einfach entschlüpft, bevor sie daran denkt, es zu unterdrücken, so sündigt sie zweifellos nicht. Das Stillschweigen an sich ist nicht so wichtig, daß man so ängstlich besorgt sein müßte, es ja nicht zu vergessen. Man soll sich ja im Gegenteil während des Stillschweigens mit frommen und heiligen Gedanken befassen; vergißt man in der Aufmerksamkeit auf diese Gedanken, daß man das Stillschweigen halten muß, so kann doch dieses Vergessen, das einer so guten Quelle entspringt, nicht schlecht sein und ebensowenig seine Folge, die Verletzung des Stillschweigens. Vergäße aber eine Schwester auf die Betreuung einer Kranken, die dadurch in Gefahr käme, und wäre ihr dieser Dienst in der Weise aufgetragen, daß man sich auf sie verlassen hätte, so wäre es keine Entschuldigung, wenn sie vorbringen wollte: „Ich habe nicht daran gedacht, ich habe es vergessen!“ Denn diese Sache ist so wichtig, daß man alles daran setzen muß, sie nicht zu vergessen; vergißt man sie trotzdem, so ist dies nicht entschuldbar, da eine so wichtige Angelegenheit vollkommene Aufmerksamkeit erforderte. 9. Man darf wohl annehmen, daß die Liebe in dem Maße, als sie in den Seelen der Töchter dieser Kongregation wächst, diese auch immer sorgfältiger und genauer in der Beobachtung ihrer heiligen Vorschriften machen wird, obgleich sie an sich weder unter schwerer noch unter läßlicher Sünde verpflichten. Verpflichteten sie unter Todesstrafe, mit welcher Gewissenhaftigkeit würde man sie doch da beobachten! Nun ist aber „die Liebe stark wie der Tod“ (Hld 8,6), also ist auch ihr Antrieb zur Durchführung eines Vorsatzes ebenso stark wie die Androhung der Todesstrafe. Und weiter heißt es im Hohelied: „Der Liebeseifer ist stark und fest wie die Hölle.“ Deshalb werden die eifrigen Seelen in der Kraft dieses Eifers genau so viel, ja noch mehr tun als in der Furcht vor der Höllenstrafe. Angespornt durch die sanfte Gewalt der Liebe, werden also die Schwestern dieser Kongregation mit der

1. Eigenschaften der Frömmigkeit

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Gnade Gottes die Regeln ebenso gewissenhaft beobachten, als wenn sie dazu unter der Strafe ewiger Verdammnis verpflichtet wären. Sie werden immer im Gedächtnis bewahren, was Salomo im Buch der Sprüche (19,16) sagt: „Wer das Gebot achtet, bewahrt seine Seele, und wer seinen Weg vernachlässigt, wird sterben.“ Dieser „Weg“ aber ist für die Schwestern die Lebensweise, zu der Gott sie berufen hat.

II
Die Eigenschaften der Frömmigkeit4
Die Schwestern werden sich ganz besonders bemühen, in ihrem Herzen eine innerliche, starke und hochherzige Frömmigkeit zu nähren. 1. Ich sage: innerlich, sodaß ihr Wille mit den äußeren guten Handlungen, großen wie kleinen, übereinstimmt. Nichts geschehe gewohnheitsmäßig, vielmehr sei an allem der Wille mit seiner Wahl und Zustimmung beteiligt. Wenn auch zuweilen auf Grund der Gewohnheit die äußere Handlung der inneren Zustimmung vorauseilt, so muß diese doch sofort nacheilen. Habe ich mich äußerlich vor meinem Oberen verneigt, bevor ich mich innerlich vor ihm gebeugt habe durch meine demütige Bereitwilligkeit, ihm zu gehorchen, so muß diese innere Haltung die äußere begleiten oder ihr wenigstens nachfolgen. Die Töchter des Ordens von der Heimsuchung haben wenig äußere Vorschriften, wenig Kasteiungen, wenig Zeremonien, wenig Chorgebet: So sollen sie also ihre Herzen bereitwillig und liebend dazu stimmen, sollen das Äußere aus dem Inneren erklingen lassen und das Innere durch das Äußere steigern. Glut erzeugt Asche, – Asche aber hütet die Glut. 2. Die Frömmigkeit der Schwestern muß stark sein: 1) um die Versuchungen zu ertragen, die denen niemals erspart bleiben, die ernsthaft Gott dienen wollen; 2) um die Verschiedenheit der Gemüter, wie sie so in der Genossenschaft zusammenkommen, zu ertragen; und das ist für einen schwachen Geist beinahe die härteste Probe; 3) stark, um die eigenen Unvollkommenheiten zu ertragen, ohne dabei die Ruhe zu verlieren; 4) stark, um die eigenen Unvollkommenheiten zu bekämpfen; wie wir nämlich eine zähe Demut brauchen, um bei der Fülle unserer Un-

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1. Eigenschaften der Frömmigkeit

zulänglichkeiten nicht den Mut zu verlieren, sondern voll Vertrauen auf Gott zu bauen, so brauchen wir auch einen gewaltigen Mut, um eine ganz gründliche Besserung und vollkommene Läuterung in Angriff zu nehmen; 5) stark, um das Gerede und Urteil einer Welt zu verachten, die es nie lassen kann, an den frommen Genossenschaften herumzunörgeln, besonders bei Beginn ihres Bestehens; 6) stark, um sich unabhängig zu machen von Neigungen, Freundschaften und Liebhabereien, ihnen nicht nachzugeben, vielmehr im Licht der wahren Frömmigkeit zu wandeln; 7) stark, um nicht von Herzenszärtlichkeiten und Tröstungen abzuhängen, mögen sie von Gott oder von den Geschöpfen kommen, damit wir nicht darein verstrickt werden; 8) stark, um einen ständigen Krieg zu führen mit unseren bösen Neigungen, Launen, Gewohnheiten und Wünschen. 3. Die Frömmigkeit muß endlich hochherzig sein, 1) um sich über Schwierigkeiten nicht zu wundern, sondern inmitten derselben an Mut zu wachsen. Der hl. Bernhard sagt: „Nur der ist wahrhaft tapfer, dessen Mut an Mühen und Hindernissen wächst“ (Epist. 256 ad Eugen, § 1); 2) um den höchsten Gipfel der christlichen Vollkommenheit erklimmen zu wollen, trotz all unserer gegenwärtigen Unvollkommenheiten und Schwachheiten, indem sie sich gleich der Braut im Hohelied in absolutem Vertrauen auf das göttliche Erbarmen stützt und zum göttlichen Freunde spricht: „Ziehe mich und ich werde laufen im Wohlgeruche deiner Salben“ (Hld 1,3). Damit will sie sagen: Aus mir selber kann ich mich nicht zu dir hinbewegen, ziehst du mich aber, so kann ich zu dir hineilen. Der göttliche Freund unserer Seelen läßt uns oft an unseren Armseligkeiten kleben, damit wir erkennen, daß unsere Befreiung allein von ihm kommt, und uns dann diese Freiheit als ein kostbares Angebinde seiner Güte teuer sei. Wie also die hochherzige Frömmigkeit nie aufhört, Gott zu bitten: „Ziehe mich,“ so hört sie auch nie auf, diesen Lauf hochgemut zu erstreben, zu erhoffen, zu ersehnen, nach den Worten: „Wir werden dir nacheilen.“ Man darf nicht betrübt sein, wenn man dem Heiland nicht sogleich eilends folgt, sofern man nur immer bittet: „Ziehe mich,“ und den Mut hat, zu versichern: „Ich werde laufen.“ Denn wenn wir auch jetzt noch nicht laufen,

1. Eigenschaften der Frömmigkeit

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so genügt es, daß wir mit Gottes Hilfe laufen werden. Setzt sich doch diese Kongregation gleich allen anderen nicht aus vollkommenen Menschen zusammen, sondern aus solchen, die vollkommen werden wollen; nicht aus solchen, die schon laufen, sondern die laufen wollen, also lernen wollen, zuerst Schritt vor Schritt zu setzen, dann rascher zu gehen, dann zu eilen und endlich zu laufen. 3) Diese hochherzige Frömmigkeit verachtet keinen und schaut ohne Aufregung ruhig zu, wie der eine langsam seines Weges zieht, der andere läuft oder gar fliegt, je nach den Einsprechungen und dem Maße der göttlichen Gnade, die er erhält. Der hl. Paulus gibt den Römern die Ermahnung: „Der eine glaubt, alles essen zu können, ein anderer, der schwach ist, ißt Gemüse: So soll, wer ißt, den nicht verachten, der nicht ißt; und wer nicht ißt, den nicht richten, der ißt. Jeder tue nach seiner Erkenntnis: Wer ißt, esse im Herrn, und wer nicht ißt, tue so im Herrn, und beide sagen: Gott Dank“ (Röm 14,2 ff). – Die Regel läßt im Schuldbekenntnis eine gewisse Freiheit. Manche Schwestern werden daran ihren Nutzen finden, andere wieder nicht. Es sollen also jene, die ihr Schuldbekenntnis ablegen, die nicht verachten, die es nicht tun, und umgekehrt. – Desgleichen ist das Geißeln nicht Vorschrift. Einigen Schwestern kann es nützlich sein, andere wieder fühlen sich dazu weniger angetrieben. – Die Regeln schreiben nicht viel Fasten vor. Es kann aber wohl dieser oder jener Schwester aus besonderen Gründen befohlen werden, mehr zu fasten. Dann sollen aber die Fastenden nicht die Essenden verurteilen, noch die Essenden die Fastenden. Und so soll es in allem gehalten werden, was weder geboten noch verboten ist. Jede handle nach ihrer Erkenntnis, das heißt: Jede gebrauche ihre Freiheit, richte keine, die es anders macht, und stelle auch ihre Art und Weise nicht als die beste hin. Denn es kann sehr wohl sein, daß ein Essender in gleichem Maße oder noch mehr seinem eigenen Willen entsagt als ein Fastender, und einer, der sein Schuldbekenntnis nicht ablegt, sich im gleichen Grad selbst verleugnen wie der andere, der seine Schuld bekennt. 4) die hochherzige Frömmigkeit verlangt nicht nach Gefährtinnen für ihr Tun, sondern nur für ihre Absicht, die ja einzig nur auf die Verherrlichung Gottes und den Fortschritt des Nächsten in der Gottesliebe gerichtet ist; sie ist zufrieden, wenn man nur diesem Ziel zugeht, und kümmert sich nicht um den Weg, den man geht. Sie ist zufrieden, wenn der Fastende nur Gott zuliebe fastet und der Essende nur Gott

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1. Eigenschaften der Frömmigkeit

zuliebe ißt. Sie will also die anderen nicht zu sich herüberziehen, sondern sie geht einfach, demütig und ruhig ihres Weges. Und käme es vor, daß jemand Speise zu sich nähme, nicht aus Liebe zu Gott, sondern aus Lust am Essen, oder daß jemand die Geißelung unterließe, nicht aus Liebe zu Gott, sondern aus Abneigung gegen die Bußübung, so dürften jene, die es anders machen, doch nicht richten, sie müßten still und liebenswürdig ihren Weg gehen, ohne die Schwachen zu verurteilen oder zu verachten. Sie mögen bedenken, daß sie vielleicht bei anderen Gelegenheiten ihren eigenen Neigungen und Abneigungen gegenüber ebenso weichlich sind wie diese. Allerdings müssen jene, die mit solchen Neigungen und Abneigungen behaftet sind, sich wohl hüten, in ihrem Reden und Verhalten irgend ein Mißfallen darüber zu äußern, daß die anderen es besser machen. Das wäre eine grobe Ungehörigkeit. Sie sollen vielmehr im Bewußtsein ihrer eigenen Schwachheit zu den Tugendhafteren mit heiliger Ruhe und herzlicher Hochschätzung aufschauen. So wird dann ihre Schwäche, aus der die Demut erblüht, ihnen ebenso fruchtreich sein, wie es die Tugendübungen für die anderen sind. Wird dieser Punkt gut verstanden und beobachtet, so bleibt in der Kongregation der Geist eines wunderbaren Friedens und einer lieblichen Milde erhalten. Möge Marta recht tätig sein, ohne dabei Magdalena zu tadeln. Magdalena ihrerseits gebe sich der Beschauung hin, ohne verächtlich auf Marta herunterzusehen; denn Unser Herr tritt für die ein, die getadelt wird. 5) Wenn aber solche Schwestern, die Abneigung gegen gute, fromme und bewährte Dinge empfinden oder sich zum weniger Guten hingezogen fühlen, mir Gehör schenken wollen, so werden sie sich Gewalt antun und gegen ihre Abneigungen und Begierden so viel als möglich angehen, um wahrhaft zur Herrschaft über sich selbst zu gelangen und Gott mit großer Selbstüberwindung zu dienen. Sie werden ihrem Widerstreben widerstreben, sich der eigenen Widersetzlichkeit entgegenstellen, sich von ihren Zuneigungen abwenden, von ihren Abneigungen ablenken, in allem und über allem die Vernunft herrschen lassen, besonders dann, wenn Zeit zum Überlegen ist. Endlich werden sie sich bemühen, ein gefügiges, lenkbares Herz zu haben, das sich gerne in allem Erlaubten unterordnet und anpaßt, das bei jeder Gelegenheit Gehorsam und Liebe bekundet und so der Taube gleicht, deren Gefieder alle Sonnenstrahlen auffängt und widerspiegelt. Selig die biegsamen Herzen, denn sie werden nie brechen!

1. Liebe zur Genossenschaft

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III.
Die Töchter der Heimsuchung werden von ihrer kleinen Genossenschaft immer sehr demütig reden und werden hinsichtlich Ansehen und Ehre jeder anderen Kongregation den Vorzug geben, doch keiner an Liebe. Sie werden, wo immer sich Gelegenheit bietet, gerne bezeugen, wie glücklich sie sich in diesem Beruf fühlen. Auch eine verheiratete Frau muß ja ihren Gatten jedem anderen Mann in der Liebe vorziehen, auch wenn sie vor anderen Männern eine größere Achtung hat. Ein jeder liebt sein Vaterland mehr als die anderen Länder, wenn er vielleicht auch andere höher einschätzt, und jeder Lotse liebt das Fahrzeug, das er führt, mehr als alle anderen, mögen diese auch wertvoller und besser ausgestattet sein. Wir wollen freimütig zugeben, daß die anderen Ordensgemeinschaften besser, reicher und vortrefflicher sind, allein sie sind uns deshalb weder liebenswerter noch erstrebenswerter, da der Herr bestimmt hat, daß diese Kongregation unser Vaterland und unser Schifflein sei, und weil er wollte, daß wir ihr unser Herz angelobten. So frage man einen, wo denn ein Kindlein am sichersten geborgen wäre und am besten die ihm zukommende Nahrung fände, und er antwortet: Im Schoß, an der Brust der Mutter; denn obwohl es einen schöneren Schoß und eine bessere Milch geben kann, gibt es doch für das Kind nichts Geeigneteres und nichts Liebenswerteres. Das Nest der Schwalbe paßt besser für sie als das des Paradiesvogels.

40 2. Gespräch rtrauen Ve r trauen und Hingabe 1

I.
Frage: Kann eine Seele, die ihre Armseligkeit tief empfindet, mit großem Vertrauen zu Gott gehen? Antwort: Die Seele, die ihre Armseligkeit erkennt, darf nicht nur ein großes Vertrauen auf Gott haben, sondern sie kann überhaupt kein wahres Vertrauen haben, wenn ihr diese Erkenntnis fehlt. Gerade das Erkennen und Bekennen unserer Armseligkeit führt uns bei Gott ein. Die großen Heiligen wie Ijob, David und alle anderen begannen ihre Gebete mit dem Bekenntnis ihrer Armseligkeit und Unwürdigkeit. Es ist also zu unserem Heil, wenn wir uns arm, klein, verächtlich und der Gegenwart Gottes unwert fühlen. Das bei den Alten so berühmte Wort „Erkenne dich selbst“ (Ausspruch des Sokrates nach der Inschrift zu Delphi) bezieht sich wohl zunächst auf die Erkenntnis der Größe und Vortrefflichkeit der Seele und warnt uns davor, sie durch Handlungen, die ihres Adels unwürdig sind, zu erniedrigen und zu entweihen. Aber es will auch auf unsere Unwürdigkeit, Unvollkommenheit und Armseligkeit bezogen sein: je mehr wir nämlich unsere Armut und Schwäche erkennen, desto mehr werden wir uns der göttlichen Güte und Erbarmungen überlassen. Zwischen der Barmherzigkeit und der Armseligkeit besteht ja eine so starke Bindung, daß sich die eine ohne die andere nicht auswirken kann. Hätte Gott den Menschen nicht erschaffen, so wäre er gewiß ganz und gar gut gewesen, aber er hätte sein Erbarmen nicht durch die Tat bewiesen, da Barmherzigkeit sich nur am Erbarmungsbedürftigen auswirken kann. Ihr seht: je mehr wir unsere Armseligkeit anerkennen, desto mehr Grund haben wir, unser Vertrauen auf Gott zu setzen, da wir in uns selbst nichts haben, worauf wir bauen könnten. Das Mißtrauen gegen uns selbst entspringt der Erkenntnis unserer Fehlerhaftigkeit. Es ist sehr gut, sich selber nicht zu trauen, aber was würde das nützen, wenn man nicht zugleich sein ganzes Vertrauen Gott schenkte und sich seinen Erbarmungen überließe? Ich setze voraus, daß von uns niemand Zweifel oder Mißtrauen an Gottes Erbarmen hinsichtlich des ewigen Heiles hegt, sondern daß es

2. Vertrauen

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sich nur um eine gewisse Scheu und Scham dem Herrn gegenüber handelt. Wir sind zuweilen untreu, haben aber gelesen, daß große Seelen, wie die hl. Katharina von Siena und die heilige Mutter Theresia, wenn sie in einen Fehler gefallen waren, große Beschämung darüber empfanden, und da macht uns die Eigenliebe weis, daß wir es ebenso machen müßten, und legt uns Worte in den Mund wie: „Ach Herr, niemals werde ich es wagen, mich Dir zu nahen, denn ich bin überaus erbärmlich ...“ usw. Dies aber ist nichts anderes als Befriedigung der Eigenliebe, die uns zum Narren hält. Ich leugne nicht, daß eine maßvolle Beschämung gut sein mag; es entspringt der Vernunft, daß wir uns nach einer Beleidigung Gottes ein wenig aus Demut zurückziehen und schämen, wie wir ja auch einem Freund, den wir beleidigt haben, nur mit einer gewissen Scham gegenübertreten. Aber wir dürfen es dabei nicht bewenden lassen, denn die Tugenden der Demut, der Erniedrigung und Beschämung sind nur Mittel zum Zweck; wir müssen durch sie zur Vereinigung unserer Seele mit Gott hinansteigen. Es wäre nichts Besonderes, sich seiner selbst zu entäußern und sich zu erniedrigen (was durch diese Akte geschieht), wenn wir uns damit nicht ganz Gott hingeben, wie es uns der hl. Paulus im Kolosserbrief lehrt: „Ziehet den alten Menschen aus und den neuen an“ (3,9 f). Wir dürfen nicht entblößt bleiben, wir müssen uns mit Gott bekleiden. Wir treten gleichsam einen Schritt zurück, um uns dann umso kräftiger durch einen Akt der Liebe und des Vertrauens in Gott hineinzustürzen. Unsere Beschämung darf weder trübselig noch aufgeregt sein. Die Eigenliebe führt zu solcher Unruhe; man ärgert sich über seine Fehler aus Eigenliebe und nicht aus Liebe zu Gott. Ihr sagt, daß ihr ein solches Vertrauen nicht fühlt. Trotzdem dürft ihr diese Akte nicht unterlassen, ihr sollt vielmehr zum Herrn sagen: „Obgleich ich gar kein Vertrauen zu Dir fühle, so weiß ich doch, daß Du mein Gott bist und daß ich Dir ganz zu eigen bin, weiß, daß ich allein auf Deine Güte vertraue, und so überlasse ich mich gänzlich Deinen Händen!“ Das Erwecken solcher Akte liegt stets in unserer Macht; fallen sie auch schwer, unmöglich sind sie nicht; gerade bei solchen Gelegenheiten, in solchen Schwierigkeiten müssen wir dem Herrn unsere Treue beweisen. Wenn wir solche Gebete auch ohne Lust und Befriedigung verrichten, so soll uns das nicht kümmern, sind sie doch dem Herrn nur umso wohlgefälliger. Sagt auch nicht, daß ihr sie nur mit den Lippen sprecht und sie also nicht wahr seien; denn wäre das Herz

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2. Hingabe

nicht dabei, so würden die Lippen die Worte nicht formen. Habt ihr also gebetet, dann bewahrt den Frieden, achtet nicht weiter auf eure Unruhe und sprecht zum Herrn von etwas anderem. Hiermit beschließen wir diese erste Frage. Es ist also gut, sich zu schämen, wenn wir unsere Armseligkeiten und Unvollkommenheiten erkennen und fühlen. Aber wir dürfen nicht dabei stehen bleiben und noch weniger dürfen wir mutlos werden, müssen vielmehr in heiligem Vertrauen unser Herz zu Gott erheben. Der Grund zum Vertrauen liegt ja in ihm, nicht in uns; wenn wir uns auch ändern, er ändert sich nie und ist immer gleich gut und barmherzig mit uns, ob wir schwach und unvollkommen oder stark und vollkommen sind. Ich pflege zu sagen: unsere Armseligkeit ist der Thron der göttlichen Barmherzigkeit. Je größer also unsere Armseligkeit, desto größer unser Vertrauen. Das Vertrauen ist das Leben der Seele, nimmst du ihr das Vertrauen, so jagst du sie in den Tod.

II.
Gehen wir jetzt zur zweiten Frage über: zur Hingabe unser selbst und zu den Übungen einer Gott ganz hingegebenen Seele. 1. Es handelt sich da um zwei Tugenden, von denen die eine das Ziel der anderen ist: Sich entsagen und sich Gott hingeben. Seine Seele Gott hingeben und sich selbst verlassen heißt nichts anderes, als den eigenen Willen hingeben und aufgeben, um ihn Gott zu schenken. Wie gesagt, würden uns ja Entsagungen und Selbstaufgabe wenig nützen, geschähe es nicht, um mit der göttlichen Majestät völlig eins zu werden. Nur in dieser Absicht dürfen wir diesen Verzicht vornehmen, sonst wäre er umsonst getan, wie jener der alten Philosophen, die alles und sich selbst aufgegeben haben, nur um sich der Philosophie hinzugeben. So z. B. der berühmte Epiktet, der seinem Stand nach ein Sklave war; man wollte ihm um seiner großen Weisheit willen die Freiheit schenken, er aber wollte sie nicht, er leistete den höchsten Verzicht und blieb freiwillig Sklave und dies noch dazu in so großer Armut, daß man nach seinem Tod nur eine Lampe bei ihm fand, die als einziges Stück aus der Hinterlassenschaft eines so großen Mannes um teures Geld verkauft wurde. Wir aber wollen uns selbst und alles hingeben, nur um uns Gott zu überlassen und uns seiner Güte anheimzustellen.

2. Hingabe

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Viele sagen zum Herrn: Ich überlasse mich Dir und behalte mir nichts vor; wenige aber tun das auch wirklich. Eine solche Hingabe wird nämlich nur dann wahrhaft durchgeführt, wenn wir ganz gleichmütig ohne Unterschied alles hinnehmen, was immer uns auch die göttliche Vorsehung schicken mag: Glück oder Leid, Gesundheit oder Krankheit, Reichtum oder Armut, Achtung oder Verachtung, Ehre oder Schmach. Das ist aber nur vom höheren Teil der Seele zu verstehen; denn der niedere Teil der Seele und die natürliche Neigung werden sich zweifellos stets mehr von der Ehre als von der Verachtung, mehr vom Reichtum als von der Armut angezogen fühlen, obwohl jedermann weiß, daß Verachtung, Niedrigkeit und Armut Gott wohlgefälliger sind als Hochschätzung und Überfluß. 2. Um diese Hingabe zu betätigen, müssen wir dem ausgesprochenen Willen Gottes und dem Willen seines Wohlgefallens folgen.2 Dem ersten unterwerfen wir uns, dem zweiten gegenüber sei unsere Haltung gleichmütige Gelassenheit. Gottes Willen ist ausgesprochen in seinen Räten und Eingebungen, in unseren Regeln und in den Anordnungen unserer Vorgesetzten. Der Wille seines göttlichen Wohlgefallens zeigt sich in Dingen und Geschehnissen, die wir richtig voraussehen können. So weiß ich zum Beispiel nicht, ob ich morgen sterbe oder nicht; werde ich aber sterbenskrank, dann ersehe ich daraus, daß es Gott so wohlgefällt; ich überlasse mich also seinem Wohlgefallen und sterbe gern. Ebensowenig weiß ich, ob in diesem Jahr die Ernte verhagelt wird oder nicht; sollte dies aber geschehen, so ist es Gottes Wohlgefallen. Noch einige Beispiele, die uns vertrauter sind und unserem Stand mehr entsprechen. Es kann vorkommen, daß ich an meinen geistlichen Übungen gar keine Freude habe; sicher ist das der Wille Gottes, ich werde mich also zwischen Freude und Trostlosigkeit in völligem Gleichmut halten. Man gibt einer Schwester einen Habit, der ihr nicht so gut paßt wie der, den sie gewöhnlich trägt. Die Kleidermeisterin hat es mit ihr gut gemeint, es ist also der Wille Gottes, daß sie dieses Kleid trägt, und sie muß es mit Gleichmut annehmen. Man reicht dir im Refektorium eine Speise, die nicht so gut schmeckt; es ist dies sicher Gottes Zulassung; du mußt also gleichmütig davon essen, ich meine, dem Willen nach. – Das gleiche gilt von der Herzlichkeit und den Freundschaftsbezeigungen: erweist sie dir jemand nicht, so denke, daß Gott dies so zuläßt und daß die Betreffende etwas Besseres zu tun hat. Warum soll sie auch daran den-

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2. Hingabe

ken, mit dir besonders lieb zu sein? Ist sie aber freundlich mit dir, so sieh auch darin Gottes Wohlgefallen und danke ihm für diese kleine Freude, die er dir bereitet. 3. Es gibt Fälle, in denen wir dem ausgesprochenen Willen Gottes und zugleich auch dem göttlichen Wohlgefallen nachkommen müssen: Wenn ich jetzt z. B. einen heftigen Fieberanfall bekäme, müßte ich daraus entnehmen, daß Gott Wohlgefallen daran hätte, mich in Krankheit ebenso gelassen zu finden wie in Gesundheit. Zugleich aber ist es sein ausgesprochener Wille, daß ich einen Arzt rufe und alle erforderlichen Heilmittel, die ich nur anwenden kann, auch anwende (ich meine nicht die teuersten, sondern die gewöhnlichen und gebräuchlichsten). Gott gibt uns ja seinen Willen kund durch die den Arzneimitteln innewohnende Heilkraft, auf die uns die Heilige Schrift an mehreren Stellen hinweist, und die Kirche legt uns die Pflicht auf, davon Gebrauch zu machen. Tun wir das, dann warten wir in heiligem Gleichmut ab, ob die Krankheit das Heilmittel überwindet oder das Heilmittel die Krankheit. Wollte uns der Herr Gesundheit und Krankheit zur Wahl vorlegen und sagen: „Wählst du die Gesundheit, werde ich dir auch nicht ein Fünklein meiner Gnade entziehen, wählst du die Krankheit, werde ich dir keinen Funken hinzugeben, mehr Freude aber machst du mir, wenn du die Krankheit wählst“ – wollte er so sagen, so würde eine ganz in die Hand Gottes hingegebene Seele ohne Zaudern die Krankheit wählen, und zwar nur deshalb, weil etwas mehr vom göttlichen Wohlgefallen in ihr ist. Ja, müßte sie ihr ganzes Leben auf dem Krankenlager verbringen und könnte sie nichts anderes mehr tun als leiden, so würde sie um nichts in der Welt sich etwas anderes wünschen. Die Heiligen im Himmel sind so völlig eins geworden mit dem Willen Gottes, daß sie lieber den Himmel verlieren und in die Hölle hinabsteigen würden, wenn dies Gott auch nur ein wenig wohlgefälliger wäre. 4. Diese Selbstentäußerung umfaßt auch die Hingabe an Gottes Wohlgefallen in jeder Versuchung, in jeder Trockenheit, bei jeder Abneigung, bei jedem Widerwillen, in all dem Widerwärtigen, das im geistlichen Leben vorkommen kann. Die Seele sieht nichts anderes mehr als dieses göttliche Wohlgefallen, wenn ihr dergleichen ohne eigene Schuld, ohne Sünde zustößt. Wenn wir den Abneigungen nicht nachgeben, sind sie für uns ein Leiden, das wir tragen müssen wie jedes andere. Sobald sie in uns aufsteigen, müssen wir aber nach ihrer Quelle suchen, denn oft entspringen

2. Hingabe

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sie unserer Unvollkommenheit. Das Übel ist leichter zu heilen, wenn man es kennt; hat man es also erkannt, dann gilt es, die Leidenschaft, die ihre Quelle ist, einzudämmen. Empfinden wir gegen jemand eine Abneigung, so müssen wir vor allem darauf sehen, dieser Person gegenüber nicht weniger, sondern mehr Akte der Nächstenliebe zu setzen, ihr Gefälligkeiten zu erweisen, sie ins Gespräch zu ziehen, mit ihr freundlich zu sein, – also nicht nur keine Abneigung fühlen lassen, sondern ihr noch mehr entgegenkommen als sonst. So erweisen wir uns treu und gehorsam gegen Gott und seinen ausgesprochenen Willen. Was könnte dich auch hindern, dieser Schwester zu versichern, daß sie dir lieb ist wie dein eigenes Leben, daß du darunter leidest, gegen sie eine Abneigung zu fühlen? So etwas darf man aber nur einer Profeßschwester sagen; denn einer Novizin wäre ein solcher Gedanke vielleicht unerträglich. Bei einer Profeßschwester dagegen wäre es sehr bedauerlich, wenn sie ihrer Mitschwester bei dem Eingeständnis ihres Kummers und ihrer Abneigung nicht herzlich und verständnisvoll entgegenkäme, da jene doch so vertrauensvoll zu ihr kommt, keine Schuld an der Abneigung trägt und davon befreit sein möchte, wenn es Gott so gefiele. – Hat man diese Mittel angewandt, so möge man sich nicht mehr darüber ängstigen; man trage willig sein Leid, ohne Verlangen, davon befreit zu werden, und ergebe sich in Gottes heiligen Willen, der uns diese Prüfung zugedacht hat. Es kommt auch zuweilen vor, daß man nicht gegen die Personen Abneigung empfindet, sondern gegen ihr Tun. Solche Abneigungen sind nicht die schlimmsten, immerhin sind sie eine Unvollkommenheit; denn wenn jemand etwas tut, was nicht recht ist, so muß man mit ihm Mitleid haben, nicht Abneigung gegen ihn. Wer z. B. viel auf Reinlichkeit hält, fühlt sich von einer unreinlichen Person abgestoßen, und wird ihr wegen ihrer Unsauberkeit schwerere Vorwürfe machen als wegen einer schweren Sünde. Ein solches Vorgehen ist gewiß nicht in Ordnung. – Fühlt man sich gleichmäßig von allem abgestoßen, was Gott beleidigt, dann ist wohl der echte Eifer die Quelle dieser Abneigung; es wäre aber trotzdem gefährlich, die Abneigung gegen die Sache auf die Person zu übertragen. Das zerstört zwar die Liebe nicht, nimmt ihr jedoch die herzerquickende Anmut. Ich will damit nicht sagen, daß wir bei einer starken Abneigung mit der gleichen Freudigkeit reden können wie bei einer herzlichen Freund-

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2. Hingabe

schaft. In solchen Fällen vermag man wohl zu reden und alles zu tun wie sonst, aber es liegt nicht in unserer Macht, dabei eine ebenso freundliche Miene zu zeigen, als hätten wir keine Schwierigkeiten. Ähnlich ergeht es ja auch schwermütigen Menschen. Sie können wohl singen, spazieren gehen, in der Erholungszeit mitreden, aber es fehlt ihnen dabei das Liebenswürdige und das freundliche Wesen heiterer Menschen. Es wäre auch gar nicht angebracht, dies von den einen wie von den anderen zu verlangen. Wenn sich unsere Abneigungen nur darin äußern, daß man in Gesprächen mit dem Gegenstand der Abneigung nicht ganz so fröhlich ist oder ihm nicht so frei in die Augen schauen kann, so ist dies nicht so schwer zu nehmen. Man hat dann wohl Grund, sich darüber zu demütigen und sich für gering zu achten, aber man braucht es nicht zu beichten. Ebensowenig ist es Sünde, wenn ich gezwungen bin, den Gegenstand meiner Abneigung auf einen Fehler aufmerksam zu machen, und dabei etwas ungeduldig werde trotz meines Vorhabens, es mit Liebe zu tun; es wird wohl fast jedem so gehen. Ein schlichter Akt der Demut vor Gott genügt dann, um diesen Fehler wieder gutzumachen. Hält aber die Abneigung an und lassen wir uns vor ihr zu entsprechenden Handlungen und Worten hinreißen, dann ist dies bestimmt als schlecht zu bezeichnen: denn wenn das Herz den Weg zum Mund gefunden (Mt 12,34; 15,11 und 18-20), so ist dies ein Zeichen, daß der Wille schuldig ist, daß er die erste Regung nicht unterdrückt hat. 5. Jetzt möchtet ihr noch gerne wissen, womit sich die ganz in Gottes Hand hingegebene Seele innerlich beschäftigen soll? Sie tut nur das eine: sie weilt bei ihrem Herrn, sie kümmert sich um nichts mehr, weder um Leib noch Seele. Ihre Barke segelt unter dem Schutz der göttlichen Vorsehung; warum dann sich sorgen, was aus ihr wird? Der Herr, dem sie sich ganz anheimgegeben, sorgt ja hinlänglich für sie. Damit will ich jedoch nicht sagen, daß wir uns nicht um die Dinge kümmern sollen, die uns obliegen. Hat z. B. eine Schwester den Garten zu besorgen, so darf sie nicht sagen: „Ich brauche mich nicht darum zu kümmern, der Herr wird es schon recht machen!“ Es geht auch nicht an, daß die Oberin oder die Novizenmeisterin unter dem Vorwand, sie hätten sich ganz Gott hingegeben und alles seiner Sorge anheimgestellt, es unterlassen, die Anweisungen zu lesen, die sie für die Durchführung ihrer Ämter benötigen.

2. Hingabe

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6. Ihr habt mir soeben gesagt, es gehöre großes Vertrauen dazu, sich so ganz restlos der göttlichen Vorsehung zu überlassen. Das ist wohl wahr. Wenn wir aber auf alles verzichten, dann sorgt der Herr für alles und lenkt alles. Wenn wir uns hingegen etwas vorbehalten, weil wir es ihm nicht anvertrauen wollen, so läßt er es uns, wie wenn er sagen wollte: Wenn du dich für so klug hältst, dies ohne mich tun zu können, dann mach es nur allein, du siehst dann schon, wie weit du damit kommst. Die Gott geweihten Seelen im Ordensstande müssen restlos auf alles verzichten. Die hl. Magdalena, die sich dem Willen des Herrn ganz anheimgegeben hatte, saß zu seinen Füßen und lauschte seinen Worten (Lk 10,31). Hörte der Meister zu reden auf, so hörte sie auf zuzuhorchen, rührte sich aber nicht und blieb bei ihm. So hat auch die ganz Gott hingegebene Seele nichts anderes zu tun, als in Gottes Umarmung zu ruhen, wie ein Kind im Schoß der Mutter. Stellt sie es auf den Boden, damit es laufe, so läuft es, bis die Mutter es wieder auf den Arm nimmt. Und will die Mutter das Kind tragen, so läßt es auch dies geschehen. Es weiß nicht, wohin es geht, und denkt auch nicht daran, es läßt sich einfach tragen, wohin die Mutter will. Die Seele, die in allem Gottes Wohlgefallen liebt, macht es auch so, sie läßt sich tragen, schreitet aber zugleich auch voran, da sie mit großer Sorgfalt das ausführt, was Gottes ausgesprochener Wille von ihr verlangt. 7. Ihr fragt jetzt, ob es denn möglich ist, daß unser Wille so ganz in Gott erstirbt, daß wir dann gar nicht mehr wissen, was wir wollen oder nicht wollen. Antwort: Wir mögen noch so sehr an Gott hingegeben sein, unsere Selbständigkeit und unser freier Wille verbleiben uns doch immer noch und immer wieder wird ein Wunsch, ein Begehren in uns aufsteigen, Aber dann ist das kein unbedingter Wille, kein fester Wunsch, denn sobald eine ganz dem Wohlgefallen Gottes hingegebene Seele Wünsche und Verlangen wahrnimmt, läßt sie dieselben im Willen Gottes ersterben. 8. „Ihr möchtet auch wissen, ob eine noch sehr unvollkommene Seele während der Betrachtung ihre Zeit nützlich verbringt, wenn sie ganz einfach auf die göttliche Gegenwart hinmerkt. Antwort: Die Seele darf ruhig in diesem Zustand verbleiben, wenn Gott sie in denselben versetzt; denn es geschieht nicht selten, daß der Herr auch Seelen, die noch nicht ganz geläutert sind, diese Ruhe und Stille schenkt. Während sie aber noch der Reinigung bedürfen, müssen

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2. Hingabe

sie dafür außerhalb der Betrachtungszeiten die zu ihrer Besserung nötigen Erwägungen und Überlegungen machen. Denn wenn Gott sie auch noch so sehr gesammelt hält, so bleibt ihnen dennoch genug Freiheit, mit dem Verstand über verschiedene gleichgültige Dinge nachzudenken. Warum also sollten sie nicht die Übung der Tugenden überdenken und ihre Vorsätze fassen können? Es gibt sehr vollkommene Menschen, denen Gott niemals solche Wonne und Ruhezustände schenkt; sie tun alles nur mit dem höheren Teil ihrer Seele und mit Gewalt; nur mit der höchsten Spitze ihrer Vernunft lassen sie ihren Willen im Willen Gottes ersterben. Und dieses Sterben ist der Tod am Kreuz (Phil 2,8), der viel erhabener und hochherziger ist als jener andere Tod, den man mehr ein Entschlafen als ein Ersterben nennen kann. Die Seele, die das Schifflein der göttlichen Vorsehung bestiegen, läßt sich ruhig auf den Wellen dahintragen, gleich einem Menschen, der schlafend auf ruhiger See dahinfährt und trotzdem vorwärts kommt. Dieses friedliche Sterben ist ein Gnadengeschenk, das andere ist Verdienst.3 9. Und nun möchtet ihr noch wissen, auf welchem Grund sich unser Vertrauen aufbauen soll. Es muß auf die unendliche Güte Gottes und auf die Verdienste des Leidens und Sterbens Unseres Herrn Jesus Christus gegründet sein, mit der Voraussetzung unsererseits, daß wir den festen, unabänderlichen Entschluß in uns tragen, Gott ganz anzugehören und uns in allem ohne jeden Vorbehalt seiner Vorsehung zu überlassen. Es wäre unvernünftig, Gott zu sagen: „Ich vertraue auf Dich, will Dir aber nicht ganz angehören.“ Beachtet aber wohl, ich sage nicht, man müsse diesen Vorsatz fühlen, aber haben muß man ihn und wissen, daß man ihn hat. Wir dürfen uns nicht darum kümmern, ob wir etwas fühlen oder nicht, da die meisten unserer Gefühle und Befriedigungen nur Auswüchse unserer Eigenliebe sind. Wir dürfen auch nicht meinen, daß wir bei all dieser Hingabe und Gleichmütigkeit niemals einen Wunsch haben werden, der dem göttlichen Willen entgegen ist, oder daß unsere Natur niemals widerstreben wird. Dies wird immer wieder vorkommen, denn für gewöhnlich versteht der niedere Teil der Seele nichts von den Tugenden, die im höheren ihren Sitz haben. Man darf sich darum nicht kümmern und nicht hinschauen, was er will, sondern muß trotz allem den göttlichen Willen umfangen, um ganz eins mit ihm zu sein. Nur wenige Menschen gelangen zu diesen Höhen vollkommenen SichVerlassens; aber nach diesen Höhen verlangen, das müssen wir alle, ein jeder nach seinen schwachen Kräften und Fähigkeiten.

49 3. Gespräch Predigt am Oktavtag der Unschuldigen Kinder1
Wir feiern die Oktav vom Fest der Unschuldigen Kinder und lesen mit der Kirche im Evangelium des Tages, daß „der Engel des Herrn“ dem glorreichen hl. Josef „im Traumgesicht“ gebot, „das Kind und seine Mutter“ zu nehmen und „nach Ägypten“ zu fliehen. Herodes verteidigte seine Herrschaft mit eifersüchtiger Sorge. Er hatte Angst, der Herr würde sie ihm nehmen, deshalb trachtete er ihm nach dem Leben. Als die Weisen nicht mehr nach Jerusalem zurückgekommen waren, nahmen Furcht und Wut in ihm so überhand, daß er den Befehl gab, alle Knäblein unter zwei Jahren zu töten. So vermeinte er die Sicherheit zu haben, daß der Herr auch darunter sein werde und ihm seine Herrscherwürde nicht verloren gehe. Dieses Evangelium ist überreich an schönen Gedanken. Ich bin überzeugt, daß ihr bei der Betrachtung dieses Festes schon auf so manches gekommen seid. Bei der Fülle seines Inhaltes könntet ihr aber doch Verschiedenes übersehen haben. Ich will nicht diesem oder jenem Gedanken nachgehen, den ihr vielleicht übergangen habt, ich will auch nicht alles erwähnen, was man noch etwa herausholen könnte, das würde zu viel Zeit nehmen; ich möchte euch ganz einfach jetzt das sagen, was Gott mir eingeben will. An einem Gemälde, auf dem ein Mensch in Lebensgröße oder ein Riese im Kampf abgebildet ist, sind die einzelnen Personen besser zu sehen als bei einem Bild, das etwas Kleines oder auch einige kleine bewegte Gegenstände darstellt. Bei einem kleinen Bild braucht man lange, bis man jede Stellung und Wendung, jede Falte und jedes Fältchen, jeden Geisteszug und jede kleine Einzelheit gesehen hat, und man wird immer wieder etwas Neues daran entdecken. Beim großen Gemälde hingegen kann man leicht schon auf den ersten Blick alles überschauen. Nun, bei den Glaubensgeheimnissen, die den Herrn, Unsere Liebe Frau, den hl. Josef, die Hirten, die Anbetung der Weisen offenbaren, sehen wir die in der Darstellung ausgedrückten Geheimnisse leicht auf den ersten Blick. Anders auf dieser gedrängten Darstellung der vielen Kindlein, die fast einem Ameisenhaufen gleichen. Hier kann man nicht leicht alles sogleich sehen; so oft man das Geheimnis betrachtet, wird man immer wieder etwas Neues entdecken.

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3. Gleichmut

I.
So komme ich also zum Evangelienbericht und knüpfe an die Erwägung des großen hl. Chrysostomus an, der bei der Erklärung dieses Evangeliums von der Unbeständigkeit allen Geschehens im irdischen Leben spricht. Wie überaus nützlich ist es doch, wenn man sich dies vor Augen hält. Tut man es nicht, so wird man leicht verzagt und sonderlich, unruhig und launisch, unbeständig und wankelmütig in seinen Entschlüssen. 1. Wir möchten, daß es auf unserem Weg weder Schwierigkeiten noch Widerwärtigkeiten noch Plagen gäbe. Wir wünschten uns Freude ohne Rückschlag, immer Gutes ohne Böses, Gesundheit ohne Krankheit, Ruhe ohne Mühen, Frieden ohne Aufregung. Welch ein Unsinn! Man verlangt Unmögliches, denn die ungetrübte Reinheit gibt es nur im Paradies: Das Gute, das Ausruhen, die Freude, alles ist nur im Himmel ganz rein, ohne jegliche Beimischung von Unruhe und Leid. Dagegen weist die Hölle Schlechtigkeit, Verzweiflung, Aufruhr und Unrast in ebenso unverfälschter Reinheit auf, ohne daß dort irgend etwas Gutes, irgendwie Hoffnung, Ruhe und Frieden zu finden wären. In diesem vergänglichen Leben gibt es aber nichts Gutes, dem nicht Böses auf dem Fuß folgte, keinen Reichtum ohne Sorgen, kein Ruhen ohne Plage, keine Freude ohne Leid, keine Gesundheit ohne Krankheiten. Kurzum, alles ist miteinander vermischt, es ist ein ständiges Auf und Ab, Hin und Her. Gott wollte den Wechsel der Jahreszeiten: auf den Sommer sollte der Herbst, auf den Winter der Frühling folgen, damit wir einsehen, daß in diesem Leben nichts von Bestand, nichts „von Dauer“ (Koh 2,11) ist und alles Zeitliche ständig in Fluß, den Veränderungen und dem Wechsel unterworfen. Aber wie gesagt, weil man sich dieser Wahrheit so wenig bewußt ist, deshalb die wechselnden Launen und Stimmungen. Man hört eben nicht auf die Vernunft, die Gott uns verliehen, und doch macht gerade sie uns Gott ähnlich, weil ihr Unwandelbarkeit, Beständigkeit und Festigkeit zu eigen sind. Als Gott sprach: „Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis,“ gab er ihm zugleich die Vernunft und den Gebrauch derselben, damit er denken, überlegen, das Gute vom Bösen unterscheiden und die Dinge nach ihrem Wert wählen oder ablehnen könne. Die Vernunft stellt uns über die Tiere und macht uns zum Herrn

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über sie. Nachdem Gott unsere Stammeltern erschaffen hatte, übergab er ihnen die Herrschaft über „die Fische des Meeres und die Tiere der Erde“ (Gen 1,28-30) und deshalb auch die Kenntnis jeder Tierart, sowie die Mittel, über sie zu herrschen, ihr Herr und Gebieter zu sein. Gott hat den Menschen nicht nur darin begünstigt, daß er ihm die Herrschaft über die Tiere übertragen hat durch die Vernunft, die ihn gottähnlich macht; er hat ihm auch Macht gegeben über jede Art von Geschehnissen und Ereignissen. Man sagt, daß der Weise, also der Mensch, der sich von der Vernunft leiten läßt, der Sternenwelt gebietet. Das soll heißen, daß er bei den mannigfachen Vorkommnissen und Ereignissen durch den Gebrauch der Vernunft fest und unbeirrt bleiben wird. Ob Regen oder Sonnenschein, ob Windstille oder Sturm, was kümmert es den Weisen? Er weiß, daß hienieden nichts „von Dauer“ ist, daß hier nicht die Ruhestätte ist. Unverzagt harrt er in Kümmernis des Trostes; gefaßt wartet er in Krankheit die Gesundung ab; sieht er aber den Tod nahen, dann preist er Gott, weil er nach diesem Leben die Ruhe der Ewigkeit erhofft. Kommt die Armut zu ihm, so grämt er sich nicht, denn er weiß, daß im Erdenleben Reichtum mit Armut wechselt. Wird er mißachtet, so ist er sich bewußt, daß Wertschätzung ein wetterwendisch Ding auf Erden ist und oft in Schande und Verachtung umschlägt. Kurz, in guten wie in schlimmen Tagen hält er unerschütterlich, beständig und entschieden an seinem ernsten Entschluß fest, nur nach dem Genuß ewiger Güter zu streben und zu verlangen. 2. Aber nicht nur die flüchtigen, körperhaften Dinge sind unbeständig und immer in Umwandlung begriffen; dasselbe ist auch vom Verlauf des geistlichen Lebens zu sagen. Festigkeit und Stetigkeit sind hier um so notwendiger, je höher das geistliche Leben über dem sterblichen und körperlichen Leben steht. Es ist ganz verkehrt, frei von Launen sein zu wollen, solange wir nicht der Vernunft folgen und gehorchen. Man kann oft hören: „Schauen Sie nur, jetzt ist dieses Kind noch so klein und hat doch schon den Gebrauch der Vernunft.“ So haben zwar viele den Gebrauch der Vernunft, lassen sich aber nicht von ihr leiten. Gott gab dem Menschen die Vernunft, damit sie ihn führe, aber die meisten lassen die Herrschaft nicht ihr, sondern den Leidenschaften, obwohl diese doch nach der von Gott gewollten Ordnung der Vernunft gehorchen sollten. Ich will mich noch einfacher ausdrücken: Die meisten Weltkinder lassen sich von ihren Leidenschaften statt von der Vernunft beherrschen

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und leiten; deshalb sind sie auch meist verschroben, launisch und wetterwendisch. Haben sie Lust, früh aufzustehen oder spät zu Bett zu gehen, so handeln sie nach dieser Lust. Wollen sie einen Ausflug machen, dann stehen sie in aller Herrgottsfrühe auf; wollen sie ausschlafen, dann bleiben sie eben liegen. Wollen sie zeitig zu Mittag oder zu Abend essen, dann essen sie zeitig; wollen sie spät essen, essen sie spät. – Aber sie folgen ihren Launen nicht nur in diesen Dingen, sondern auch in ihrem Umgang: wer ihnen paßt, dem passen sie sich an, den anderen aber nicht. Sie lassen sich von ihren Neigungen, Sympathien und Leidenschaften fortreißen und man findet unter Weltkindern nichts Schlimmes daran. Die Welt hält solche Menschen weder für verschroben noch für launisch, solange sie niemand sonderlich lästig fallen. Und warum nicht? Aus dem einfachen Grund, weil das unter Weltkindern ein weitverbreitetes Übel ist. Im Ordensstand aber darf man sich von seinen Leidenschaften ganz und gar nicht bestimmen lassen. Man darf dies um so weniger, als die „Regeln“ alle äußeren Übungen, wie das Beten, Essen, Schlafen regeln, alle anderen Tätigkeiten durch den Gehorsam oder durch das Glockenzeichen festgelegt sind und man im Kloster immer denselben Umgang hat, da doch alle immer beisammen bleiben müssen. Worin äußert sich also bei uns diese wetterwendische und unbeständige Gesinnung? Im Wechsel der Stimmungen, Launen und Wünsche. Jetzt bin ich heiter gestimmt, weil mir alles nach Wunsch geht, gleich darauf bin ich traurig, weil mir wider Erwarten etwas Unangenehmes widerfahren ist. Nun, es kann dir doch nichts Neues sein, daß es hier auf Erden keine reine Freuden gibt und immer ein Tropfen Bitterkeit dabei ist und daß dieses Leben reich an derlei Zwischenfällen ist. Heute freut dich das Beten, du fühlst dich wie neu belebt und willst ganz entschieden und ganz eifrig Gott dienen. Morgen ist es dir schwer und schon ist der ganze Schwung dahin und du seufzest: Ach, ich bin so müde, so mutlos! Sag mir: Du willst doch der Vernunft folgen? Nun, wie urteilt sie? Gestern war es schön, Gott zu dienen, also ist es heute auch recht schön. Es ist ja immer derselbe Gott, gleich wert des Dienstes, ob es uns schwer fällt oder ob es uns freut. Heute wollen wir dies, morgen das. Heute sehe ich eine Person etwas tun, was mir an ihr gefällt, ein andermal aber mißfällt es mir derart, daß ich sie kaum mehr anschauen kann. Heute ist mir ein Mensch sehr lieb, ich unterhalte mich überaus gern mit ihm, morgen geht er mir auf die

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Nerven. Und warum eigentlich? Ist er heute weniger angenehm als gestern? Wir wollen doch auf die Vernunft hören. Sie sagt uns aber, daß wir diesen Menschen schon deshalb lieb haben müssen, weil er das Abbild der göttlichen Majestät ist, somit uns sein Umgang jetzt ebenso freuen soll wie sonst. Trifft das nicht zu, so hat das seinen Grund darin, daß wir uns von unseren Neigungen, Leidenschaften und Gefühlen leiten lassen und so das von Gott in uns gelegte Gesetz umstoßen, das alles der Vernunft unterstellt. Denn lassen wir sie nicht über unsere Seelenkräfte, Fähigkeiten, Neigungen, Leidenschaften und Gefühle, kurz, über unser ganzes Innenleben herrschen, was wird dann die Folge sein? Ein fortwährendes Auf und Ab, Hin und Her, ein stetes SichÄndern, die Herrschaft der Launen. Heute werden wir tapfer sein, morgen feige, flüchtig und faul; heute fröhlich, morgen trübsinnig. Eine Stunde lang werden wir ruhig sein, dafür zwei Tage lang aufgeregt – und unser Leben vergeht im Nichtstun und Zeitvergeuden. 3. Es ist also diese erste Erwägung eine Anregung und Aufforderung, über das Wechselvolle, Schwankende und Unbeständige sowohl in den leiblichen wie in den geistlichen Dingen nachzudenken, damit uns etwaige Überraschungen nicht kopfscheu machen und der Wechsel der Dinge uns nicht zum Stimmungswechsel verleite. Gott hat uns mit Vernunft begabt, ihr müssen wir willig gehorchen, müssen entschieden, beharrlich und unbeeinflußbar an unserem einmal gefaßten Entschluß festhalten, haben wir uns doch vorgenommen, Gott treu, beherzt, glühendeifrig und hochgemut zu dienen und niemals davon abzugehen. Hätte ich jetzt Menschen vor mir, die das Gesagte nicht so ohne Weiteres verstehen, so würde ich mir alle Mühe geben, es ihnen ganz klar zu machen. Euch aber habe ich, wie ihr wißt, bei jeder Gelegenheit den heiligen Gleichmut als die eigentliche, unumgänglich notwendige Tugend des Ordensstandes besonders ans Herz gelegt.2 Alle Ordensstifter haben darauf hingearbeitet, den Stimmungen und der Geistesverfassung ihrer Söhne und Töchter diese Stetigkeit und Festigkeit mitzuteilen. Deshalb haben sie Vorschriften, Statuten und Regeln aufgestellt, die den Ordensmitgliedern gleichsam als Brücke dienen sollten, von der Stetigkeit ihrer Vorschriften und Übungen hinüber zu finden zu der so liebenswerten und erstrebenswerten Stetigkeit der Seelenverfassung inmitten der Unstetigkeit der Dinge unseres leiblichen wie geistlichen Lebens.

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4. Der große hl. Chrysostomus sagt: O Mensch, du ärgerst dich, weil dir nicht alles nach Wunsch geht. Schämst du dich nicht, etwas haben zu wollen, was nicht einmal der Familie des Herrn beschieden war, in deren Leben immer alles anders kam. Unsere Liebe Frau erhält die Botschaft, daß sie vom Heiligen Geist einen Sohn empfangen werde – Unseren Herrn und Heiland! O diese Freude, dieses Frohlocken in dem heiligen Augenblick der Menschwerdung des Ewigen Wortes! Nach einiger Zeit bemerkt der hl. Josef, daß sie Mutter wird, er weiß, daß es nicht durch ihn ist. O dieser Kummer für ihn, diese Herzensnot! Und was für ein Weh, was für eine Bitternis in der Seele Unserer Lieben Frau, als sie gewahrte, daß ihr Gemahl daran war, sie zu verlassen. Ihre Bescheidenheit ließ es ja nicht zu, dem hl. Josef zu offenbaren, welche Ehre und Gnade ihr von Gott zuteil geworden war. Wie froh waren bald darauf wieder beide, als der Engel kam, dem hl. Josef das Geheimnis entschleierte und dieser furchtbare Sturm wieder vorüber war. Als Unsere Liebe Frau ihren Sohn gebar, kündeten Engel seine Geburt, Hirten und Weise kamen, ihn anzubeten. Stellt euch den Jubel und die Herzensseligkeit der Eltern vor! Aber es dauert nicht lange, da sagt „der Engel des Herrn“ zum hl. Josef „im Traum“: „Nimm das Kind und seine Mutter“ und „fliehe nach Ägypten, denn Herodes will das Kind töten“ (Mt 2,13). Da hätten Unsere Liebe Frau und der hl. Josef schon Grund gehabt, sich zu grämen. Der Engel behandelt ihn wie einen richtigen Ordensmann: „Nimm das Kind und seine Mutter,“ sagt er, „und fliehe nach Ägypten und bleibe dort, bis ich es dir sage.“ Was bedeutet das wohl? Hätte da der hl. Josef nicht erwidern können: „Du heißt mich gehen, hat denn das nicht bis morgen Zeit? Wohin soll ich in der Nacht gehen? Es ist nichts vorbereitet. Wie soll ich das Kind fortbringen? Sind meine Arme kräftig genug, es auf der ganzen Reise zu tragen, oder meinst du, die Mutter solle es abwechselnd mit mir tragen? Siehst du denn nicht, wie zart sie ist? Ich habe für die Reise weder Pferd noch Geld. Und gerade nach Ägypten soll ich gehen? Weißt du denn nicht, daß die Ägypter die geschworenen Feinde der Israeliten sind? Wer wird uns dort aufnehmen?“ Diese und ähnliche Einwände hätten wir wohl vorgebracht. Er aber sagt kein Wort, entzieht sich dem Gehorsam nicht, geht noch zur selben Stunde und tut alles, was ihm der Engel aufgetragen. 5. Über diesen Auftrag läßt sich viel Schönes sagen. Das erste, was er uns lehrt, ist, sofort und ohne Bedenken zu gehorchen. Der Faule über-

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legt hin und her und spricht wie der hl. Augustinus vor seiner Bekehrung (Bek 8,5): Ich möchte doch noch etwas zusehen; „noch ein wenig“; ich werde mich dann schon bekehren. Der Heilige Geist duldet aber keinen Aufschub, er verlangt ein rasches Eingehen auf seine Einsprechungen. Unsere Faulheit richtet uns zugrunde, sie ist schuld daran, daß wir immer sagen: „Morgen fange ich an, mich zu bessern.“ Ja, warum denn nicht sofort anfangen, warum nicht jetzt, da Gott uns lockt und drängt? Warum? Ja, weil wir uns derart verzärteln, daß wir alles scheuen, was uns aus der vermeintlichen Ruhe aufstören könnte, aus einer Ruhe, die doch nichts anderes ist als Stumpfheit und Faulheit. In diesem Zustand wollen wir einfach auf gar nichts eingehen, was uns lockt, aus uns herauszugehen. Wir machen es da genau so wie der Faule, der sich beklagt, daß man ihn bewegen will auszugehen, und sagt: Was soll ich denn da draußen, „ein Löwe ist auf dem Weg“ (Spr 22,13; 26,13), und „auf den Straßen“ sind Bären, die mich gewiß auffressen werden. Wie verkehrt ist es, Gottes Boten – seine Einsprechungen – mehrmals vergebens an der Tür unseres Herzens klopfen und pochen zu lassen, bevor wir uns entschließen, aufzumachen und ihn einzulassen. Ist nicht zu befürchten, daß wir Gott damit zum Zorn reizen und ihn zwingen, uns unserem Schicksal zu überlassen? 6. Beachten wir auch, wie ruhig, unerschütterlich und gelassen Maria und Josef blieben, obwohl ihr Leben eine bunte Aufeinanderfolge trüber und froher Tage war. Haben wir dann einen Grund, uns darüber aufzuregen und zu wundern, wenn wir im Haus Gottes, in der Ordensgemeinde dasselbe finden, was auch in der heiligen Familie nicht fehlte, in der heiligen Familie, wo doch die Beharrlichkeit, Festigkeit und Zuverlässigkeit selber in der Person des Herrn ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatten? Man muß sich das immer wieder vorsagen und vorstellen, damit es uns ganz fest in die Seele geprägt bleibe. Wenn auch die Dinge in buntem Wechsel aufeinander folgen, so darf dies Seele und Geist keineswegs verleiten, wechselnden Launen nachzugeben. An der Launenhaftigkeit sind ja nur die ungeordneten Leidenschaften, Neigungen und Anhänglichkeiten schuld, die doch keine Gewalt über uns haben sollten. Wir dürfen uns von ihnen nicht aufstacheln lassen, etwas, und wäre es noch so geringfügig, haben zu wollen, zu tun oder zu lassen, was in Widerspruch steht mit dem, was uns die Vernunft Gott zuliebe tun oder lassen heißt.

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3. Geistliche Gehilfinnen

II.
Nun komme ich zum 2. Punkt unserer Evangelienbetrachtung: „Der Engel des Herrn“ sagt zum hl. Josef: „Nimm das Kind ...“ usw. 1. „Der Engel des Herrn.“ Wir wollen ein wenig bei diesem Wort stehen bleiben, wollen bedenken, wie hoch wir die Hilfe, den Beistand und die Führung jener schätzen sollen, die Gott uns an die Seite gegeben, damit wir unter ihrem Schutz sicheren Fußes auf dem Weg zur Vollkommenheit vorankommen. Ich möchte zunächst bemerken, daß die Bezeichnung „Engel des Herrn“ hier nicht im gleichen Sinn gebraucht wird wie dann, wenn wir vom Engel dieses oder jenes Menschen sprechen, denn dann meinen wir damit den Schutzengel, der sich im Auftrag Gottes um uns annimmt. Der Herr, der König und Heerführer der Engel, bedarf aber keines Schutzengels, bedurfte seiner auch nicht während seines Erdenlebens. Mit dem Ausdruck „Engel des Herrn“ ist vielmehr jener Engel gemeint, der bestimmt war, Familie und Haus des Herrn zu schützen und ihm und der Allerseligsten Jungfrau zu dienen. 2. Ich möchte hier eine schlichte Anwendung des eben Gesagten geben. Man hat dieser Tage die Ämter und auch die geistlichen „Gehilfinnen“3 gewechselt. Welche Aufgabe hat nun eine solche „Gehilfin“ und warum wird sie einer jeden an die Seite gegeben? Der hl. Gregor sagt: „Wenn wir unser Vorhaben, unsere Seele zu retten und heilig zu werden, entschieden und beharrlich durchführen wollen, müssen wir es in dieser armseligen Welt machen wie Menschen, die über eine Eisfläche gehen. Sie nehmen einander bei der Hand oder beim Arm, damit, wenn der eine ausgleitet, der andere ihn noch aufhalten könne und sie sich so gegenseitig stützen.“4 Unser Leben gleicht einem solchen Gehen über vereistes Land. Alles, was uns da in den Weg kommt, kann uns Anstoß sein, das Gleichgewicht zu verlieren und hinzufallen: bald ist es ein Ärger, bald ein Gerede, bald schlechte Laune, in der uns kein Mensch etwas recht machen kann. Dann wieder ekelt uns der Beruf an, weil wir in einem Anfall von Schwermut glauben, daß wir doch nichts leisten. Kurz, alles Mögliche kommt da in unserer seelischen Kleinwelt vor. Der Mensch ist ja eine Welt im Kleinen, besser gesagt, eine kleine Welt für sich; denn alles, was im Weltall zu sehen ist, gibt es auch da: Unsere Leidenschaften z.

3. Geistliche Gehilfinnen

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B. gleichen vernunftlosen Tieren; ebenso haben die Sinne, die Neigungen, die Gefühle, die Kräfte, die Fähigkeiten unserer Seele, jedes seine besondere Bedeutung, worauf ich jetzt nicht näher eingehen kann. – Ich will also den Gedanken, den ich auszuführen begonnen hatte, wieder aufnehmen: Wir bekommen „Gehilfinnen“, damit wir schön auf dem Weg bleiben und nicht hinfallen, oder wenn wir auch fallen, mit ihrer Hilfe gleich wieder aufstehen. Mit diesen Gehilfinnen müssen wir ganz offen, herzlich, aufrichtig und vertrauensvoll sein, denn Gott hat sie uns gegeben, damit wir im geistlichen Leben vorankommen. Wir müssen mit ihnen umgehen wie mit unseren Schutzengeln und sie auch für solche halten. Unsere Schutzengel sind ja beauftragt, uns mit ihren Einsprechungen zu Hilfe zu kommen, in Gefahren zu beschützen, die Fehler zu rügen, den Tugendeifer zu schüren. Weiter ist es ihre Aufgabe, unser Beten und Bitten zum Thron der Güte und des Erbarmens, zum Herrn emporzutragen und dann uns die Bestätigung zu überbringen, daß er unsere Gebete angenommen hat. Endlich vermittelt uns der Schutzengel auch die Gnaden, die Gott uns durch seine Fürsprache und Fürbitte geben will. Nun, die geistlichen „Gehilfinnen“ sind unsere sichtbaren Schutzengel. Was der unsichtbare gute Geist in der Seele wirkt, das tut der sichtbare gute Geist vor unseren Augen; auch er macht uns auf die Fehler aufmerksam, muntert uns auf, wenn wir daran sind zu erlahmen und zu erliegen, feuert uns an, damit wir unser Ziel, die Vollkommenheit, erreichen, gibt uns Ratschläge und Winke, damit wir nicht fallen; sind wir aber in einen Fehler gefallen, so richtet er uns wieder auf. Und sind wir verdrossen und verekelt, so hilft er uns diese Plage geduldig ertragen, betet zu Gott um Kraft, daß wir uns geduldig weiterplagen wollen, und um die Gnade, der Versuchung nicht nachzugeben. Ihr seht also, wie hoch ihr den Beistand und die Fürsorge eurer sichtbaren Schutzengel schätzen sollt. 3. Ich frage mich ferner, warum wohl der Herr, die ewige Weisheit, sich nicht selbst um seine Familie annimmt? Ich meine, warum wohl setzte er nicht selbst den hl. Josef und seine überaus geliebte Mutter in Kenntnis von all dem, was ihnen bevorstand? Hätte er nicht seinem Pflegevater ins Ohr flüstern können: „Wir wollen nach Ägypten ziehen und dort einige Zeit bleiben!“ Es steht ja fest, daß Jesus den vollen Gebrauch der Vernunft besaß vom Augenblick an, da ihn die Allerseligste Jungfrau in ihrem Schoß empfing. Wenn er auch nicht reden wollte, bevor es an der Zeit war, wenn er dieses Wunder auch nicht wirken

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3. Geistliche Gehilfinnen

wollte, so hätte er es doch geistigerweise seiner heiligsten Mutter oder dem hl. Josef mitteilen können. Warum tat er es nicht? Warum überließ er dies lieber dem Engel, der doch weit unter Unserer Lieben Frau stand? Auch das hat sein Geheimnis. Der Herr wollte dem hl. Gabriel in keiner Weise vorgreifen, war doch dieser Engel vom himmlischen Vater beauftragt, der glorreichen Jungfrau das Geheimnis der Menschwerdung zu verkünden und gleichsam als Haushofmeister der heiligen Familie darüber zu wachen, daß bei den verschiedenen Ereignissen nichts an das neugeborene Kindlein herankäme, was ihm das Leben kosten könnte. Darum auch veranlaßte er den hl. Josef, es eilends nach Ägypten zu bringen, damit es der Grausamkeit des Herodes entgehe, der ihm nach dem Leben strebte. Der Heiland wollte nicht selbständig sein, er wollte sich tragen lassen, gleichviel, von wem und wohin, als ob er sich selbst für zu wenig klug gehalten hätte, sich und seine Familie zu führen. Und so läßt der Herr den Engel frei schalten und walten, einen Engel, der weder an Weisheit noch an Wissenschaft auch nur von weitem an die göttliche Majestät herankommen konnte. Wir aber, wir getrauen uns zu behaupten, daß wir uns sehr wohl selber führen könnten, daß wir die von Gott uns zugeteilten Führer und sichtbaren Engel nicht mehr brauchen, wir wagen es, ihre Hilfe abzulehnen, weil wir an ihrer Fähigkeit, uns zu betreuen, zweifeln? Sagt mir doch, stand denn der Engel über dem Herrn oder über Unserer Lieben Frau? Hatte er mehr Verstand, mehr Urteil? Auf keinen Fall! War er geeigneter oder mit besonderen Gnaden ausgestattet? Auch das ist nicht denkbar, denn der Herr war Gott und Mensch zugleich, somit war auch Unsere Liebe Frau als die Mutter Gottes reicher an Gnaden und Vollkommenheiten als alle Engel insgesamt. Und dennoch: Der Engel befiehlt und Jesus und Maria gehorchen. 4. Betrachtet auch die Rangordnung, die in dieser Familie eingehalten wird. Jedermann weiß, daß die Mutter Gottes über dem hl. Josef stand, daß sie mehr Einsicht und Eignung besaß, der Familie und dem Haus vorzustehen, als der hl. Josef. Trotzdem wendet sich der Engel für alles, was auf der Hinreise wie auf der Rückreise zu geschehen hatte, und für alles andere nicht an die Mutter Gottes, sondern an den hl. Josef. Scheint uns das nicht eine Taktlosigkeit gegen die Herrin des Hauses gewesen zu sein, die sie gewiß war, da sie doch das Kleinod des ewigen Vaters auf den Armen trug. Hätte sie nicht Ursache gehabt, wegen dieses Vorgehens und dieser Behandlung beleidigt zu sein? Hät-

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te sie nicht zu ihrem Gemahl sagen können: „Warum soll ich nach Ägypten ziehen, da es mir mein Sohn nicht geoffenbart und auch der Engel nicht gesagt hat?“ Aber Unsere Liebe Frau sagt kein Wort, es kränkt sie nicht, daß sich der Engel an den hl. Josef wendet, sie gehorcht ganz einfach, weil sie weiß: Gott hat es so angeordnet. Sie fragt nicht nach dem Warum, es genügt ihr, daß Gott es so haben will und daß es ihn freut, wenn man ohne Wenn und Aber gehorcht. Sie hätte sagen können: „Ich stehe doch höher als der Engel und der hl. Josef.“ Sie sagt aber nichts, denkt nicht einmal daran. Seht, Gott behandelt gerne die Menschen so, um sie zu lehren, ganz heilig, ganz aus Liebe zu gehorchen. Der hl. Petrus war ein derber, ungeschlachter Mann, ein alter Fischer aus niederem und unangesehenem Stand. Der hl. Johannes hingegen war ein feiner, junger Mann, freundlich, liebenswürdig und gebildet, während Petrus ungebildet war. Und doch will Gott, daß gerade der hl. Petrus die anderen führe und daß er der Hirte aller werde; er will, daß der hl. Johannes unter denen sei, die vom hl. Petrus geführt werden und ihm gehorchen. Wie merkwürdig ist doch der menschliche Geist! Er will sich nicht dazu aufschwingen, die verborgenen Geheimnisse Gottes und seinen heiligen Willen anzubeten, wenn er nicht in etwa auch das Warum versteht. „Aber ich habe doch mehr Wissen und mehr Erfahrung“, und weiß Gott, was man noch alles vorbringt. Einwände, die nur zu Unruhe, Verdrossenheit und zu verbitterten Reden führen. „Warum gibt man mir dieses Amt? Warum hat man das jetzt gesagt? Warum weist man der Schwester gerade diese Arbeit zu und nicht eine andere?“ Wie traurig! Wenn man schon einmal alles kritisch untersucht, dann ist man auf dem besten Weg, den Herzensfrieden zu verlieren. Gott will es so – das ist Grund genug und muß uns genügen. – „Wer aber bürgt mir dafür, daß es Gottes Wille ist?“ – Wir möchten, daß Gott uns alles in vertraulicher Mitteilung offenbare. Erwarten wir denn, daß er uns seinen Willen durch einen Engel wissen lasse? Das tat er nicht einmal bei Unserer Lieben Frau, wenigstens nicht im vorliegenden Fall. Er ließ ihr vielmehr seinen Willen durch den hl. Josef sagen, dem sie gleichsam als ihrem Vorgesetzten unterstellt war. Wir möchten zu gerne, daß Gott selbst uns belehrt über dies und das, sodaß er uns Kenntnis gebe in Ekstasen, Verzückungen und Visionen. Weiß Gott, was für dummes Zeug wir uns da einbilden, statt uns demütig von jenen, die Gott uns an die Seite gegeben, den lieblichen und allgemeinen Weg heiliger Füg-

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3. Vertrauen auf die Vorsehung

samkeit führen zu lassen, ihren Weisungen zu folgen und die heilige Ordensregel zu beobachten. So wollen wir denn nicht über die Fähigkeit jener nachgrübeln, denen wir Gehorsam schulden; es mag uns genügen zu wissen, daß Gott unseren Gehorsam fordert. Dann werden wir unsere Seele dazu bringen, ganz schlicht den beseligenden Weg heiliger und friedlicher Demut zu gehen, wodurch wir Gott unendlich wohlgefällig werden.

III.
Wir kommen zum dritten Punkt unserer Evangelienbetrachtung: „Nimm das Kind und seine Mutter und fliehe nach Ägypten und bleibe dort, bis ich es dir sage.“ 1. Wahrhaftig, des Engels Rat ist kurz und bündig; er behandelt den hl. Josef ganz wie einen guten Ordensmann: „Geh jetzt und komm erst wieder, wenn ich es dir sage.“ Die Art und Weise, wie der Engel mit dem hl. Josef verfährt, ist die dritte Lehre für uns: Wir sollen für die Fahrt auf dem Meer der göttlichen Vorsehung weder Brot noch Ruder noch Segel noch Steuer noch irgendwelche Vorräte mitnehmen, sondern die Sorge um uns und unsere Angelegenheiten ganz dem Herrn überlassen, ohne Wenn und Aber, ohne Angst vor dem, was vielleicht vorkommen könnte. Der Engel sagt ganz einfach: „Nimm das Kind und seine Mutter und fliehe nach Ägypten!“ Er sagt nichts über den Weg, nichts von den Reisevorräten, nichts über das genaue Ziel, er sagt nicht, wer sie in Ägypten aufnehmen werde noch wovon sie dort leben sollten. Hätte da der hl. Josef nicht widersprechen und fragen können: „Gleich soll ich gehen? Eilt denn das so?“ Ja, es muß jetzt sein. Dieses Jetzt lehrt uns das Sofort, das der Heilige Geist von uns fordert, wenn er uns zuruft: „Auf, auf! Heraus aus dir selber, heraus aus deinen Unvollkommenheiten!“ Der Heilige Geist mag eben kein Aufschieben, kein Zuwarten leiden. Seht doch, wie Gott mit Abraham, dem Vater und Vorbild vollkommener Ordensleute, umgeht: „Ziehe weg aus deinem Land und von deiner Sippe“ (Gen 12). „Wie meinst Du, Herr? Ich soll die Stadt verlassen? Sag mir doch, soll ich nach Osten oder nach Westen gehen?“ So hätte Abraham fragen können. Aber er erlaubt sich keine Widerrede, weigert sich nicht, verläßt seine Heimat und geht, wohin Gottes Geist ihn führt.

3. Vertrauen auf die Vorsehung

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Der hl. Josef hätte zum Engel auch sagen können: „Du heißt mich das Kind und seine Mutter nehmen und fortziehen, dann sag mir doch auch, woher ich für sie zu essen bekomme: du weißt ja, daß ich kein Geld habe.“ Nichts von all dem sagt Josef; er überläßt alles dem lieben Gott, der schon dafür sorgen wird. Und Gott sorgte auch für sie, er half, wenn auch nicht in reichem Maße, doch immerhin soweit, daß Josef mit Hilfe seiner Arbeit und mildtätiger Menschen seinen bescheidenen Lebensunterhalt finden konnte. In ähnlicher Weise sind auch alle Ordensleute der altchristlichen Zeit herrliche Vorbilder des Gottvertrauens. Sie waren davon überzeugt, daß Gott ihnen alles zum Leben Notwendige verschaffen würde, und überließen sich so gänzlich der Fürsorge der göttlichen Vorsehung. 2. Aber nicht nur für das zeitliche Wohl müssen wir uns der göttlichen Vorsehung überlassen, sondern auch und besonders für unser geistliches Leben, für das Streben nach Vollkommenheit. Das übertriebene Sorgen um das eigene Ich bringt um den inneren Frieden, macht launisch und wetterwendisch. Wir halten alles für verloren, wenn uns etwas gegen den Strich geht, wenn wir uns nicht ganz vollkommen sehen oder uns bei ganz geringen Fehlern ertappen. Ist es denn etwas so Besonderes, wenn wir auf dem Weg zur Vollkommenheit hin und wieder stolpern? – „Aber ich bin so erbärmlich, so voller Fehler!“ Siehst du es ein? Dann danke Gott für diese Erkenntnis und jammere nicht so viel. Wohl dir, wenn du erkennst, daß du ganz armselig bist! Danke Gott für diese Einsicht, sei nicht so weich mit dir selbst und laß das Klagen über deine Schwäche. Verweichlichen wir unseren Körper, so widerspricht dies der Vollkommenheit, aber noch mehr widerstrebt ihr die Verzärtelung der Seele. – „Ach, ich bin dem Heiland so untreu und habe daher keine Freude mehr am Beten.“ – Jammerschade, gewiß! – „Aber ich muß so oft die Freuden Gottes entbehren, es scheint mir daher, daß der Gott aller Freuden mir nicht gut ist.“ – Schön gesagt! Gibt denn Gott denen, die er lieb hat, immer nur Freuden? Waren je reine Geschöpfe würdiger, von Gott geliebt zu werden, als Maria und Josef? Wurde je eines mehr von Gott geliebt als diese beiden? Schaut, ob sie immer nur Freuden hatten! Gab es je ein tieferes Leid als das des hl. Josef, da er wahrnahm, daß Maria Mutter geworden und ohne sein Zutun? Groß war sein Kummer und seine Herzensnot, auch darum so groß, weil ja die Liebe die heftigste der Leidenschaften ist und die Eifersucht der Gipfel allen

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3. Vertrauen auf die Vorsehung

Leides, – wie ja auch die Braut im Hohelied (8,6) sagt: „Stark wie der Tod ist die Liebe.“ Die Liebe bringt in der Seele dieselben Wirkungen hervor wie der Tod im Leib. Der Eifer aber, die Eifersucht „ist hart wie die Hölle“. Denkt euch also hinein in das große Weh des armen hl. Josef, denkt euch aber auch hinein in das Herzeleid Unserer Lieben Frau, als sie merkte, welche Meinung er von ihr haben mußte, der ihr und dem auch sie so teuer war. Die eifernde Liebe zehrte an ihm, er wußte sich keinen Rat; es schien ihm das Beste, sie stillschweigend zu entlassen, denn Vorwürfe wollte er ihr keine machen, dafür war sie ihm zu lieb und hatte er sie zu hoch geschätzt. „Ja, ich leide aber so sehr unter meinen Versuchungen und Unvollkommenheiten!“ – Das glaube ich gerne. Aber sagt, ist das zu vergleichen mit dem Kummer des hl. Josef und Unserer Lieben Frau? Und selbst wenn, hätten wir überhaupt ein Recht zu klagen und zu jammern, da auch der hl. Josef sich nicht beklagt und nichts anmerken läßt? Er sagt kein einziges bitteres Wort, ist nicht unfreundlich mit Unserer Lieben Frau, tut ihr nichts zuleide, sondern trägt still seinen Kummer und hat nur die Absicht, sie zu entlassen. Weiß Gott aber, was er ihr alles hätte antun können! Du sagst: „Diese Person ist mir so unsympathisch, ich muß mich so überwinden, um mit ihr nur zu reden; alles was sie tut, ärgert mich.“ – Das hat nichts zu sagen; auf keinen Fall darf man ihr den Widerwillen merken lassen. Was kann sie dafür? Lernen wir uns benehmen wie Unsere Liebe Frau und St. Josef. Bewahren wir bei allem, was uns gegen den Strich geht, die Ruhe und lassen wir Gott sorgen; er wird den Kummer wegnehmen, wenn er es für gut findet. Unsere Liebe Frau hätte es in der Hand gehabt, den Sturm zu beschwichtigen; sie wollte es aber nicht tun und überließ lieber den Ausgang dieser Angelegenheit ganz einfach der göttlichen Vorsehung. 3. Wie verschieden, ja förmlich in schriller Dissonanz klingen doch an der Laute Baß und Diskant, die tiefste und höchste Saite, und wie notwendig ist es, sie aufeinander abzustimmen, soll das Lautenspiel Wohlklang besitzen. Mit der Laute unserer Seele ist es nicht anders; da müssen auch zwei dissonierende Saiten auf einander abgestimmt werden; Sorgfältiges Mühen und Sorglosigkeit um die eigene Vervollkommnung, für die wir Gott ganz sorgen lassen wollen.5 Ich will damit sagen: Wir sollen für unsere Vervollkommnung jene sorgfältige Mühe verwenden, die Gott von uns verlangt, aber trotzdem das Sorgen um unsere

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Vollkommenheit Gott überlassen. Gott will, daß wir mit ruhiger und gelassener Sorgfalt alles tun, was unsere Vorgesetzten für gut finden, und daß wir immer gewissenhaft auf dem Weg vorwärtsgehen, den Ordensregel und Gehorsam uns weisen, – für alles Übrige aber uns seiner väterlichen Fürsorge überlassen und, soweit es möglich ist, den Seelenfrieden bewahren, denn „im Frieden ward bereitet Gottes Ort“ (Ps 76,3), d. h. in einem zur Ruhe gekommenen und ruhegesättigten Herzen. Ihr wißt ja, wenn es auf einem See ganz windstill geworden ist und kein Lüftchen die Wellen kräuselt, dann spiegelt sich in einer wolkenlosen Nacht der ganze Sternenhimmel so schön klar darin ab, daß es scheint, als sähet ihr die Pracht über euch nun zu euren Füßen: so vermag auch die Seele das Bild Unseres Herrn in sich aufzunehmen, wenn es in ihr windstill geworden, d. h. wenn keine unnütze Sorge, keine Laune, keine Verstimmung sie stört und beunruhigt. Doch wenn die Stürme der Leidenschaft sie verwirren, trüben und aufwühlen, wenn sich die Seele von ihnen beherrschen und nicht die Vernunft Herr sein läßt, – dann wird die Seele niemals der glatte Spiegel sein können, auf dem das so schöne und so liebenswürdige Antlitz unseres gekreuzigten Herrn und all seine herrlichen Tugenden erscheinen, und niemals wird sie sein Brautgemach werden. Wir wollen also die Sorge um uns dem Belieben der göttlichen Vorsehung überlassen, dabei aber redlich und schlicht bemüht sein, uns nach besten Kräften zu bessern, sorgsam darauf bedacht, daß nichts unsere Seele verwirre noch aus der Ruhe bringe. 4. Nun noch ein Wort zum Auftrag, so lange in Ägypten zu bleiben, bis durch den Engel die Weisung zur Rückkehr kommt. Auch da fragt der hl. Josef nicht: „Wann, Herr, wirst Du mir dies sagen?“ Er belehrt uns damit, daß wir bei Anordnungen nicht fragen sollen, auf wie lange Zeit sie gelten, sondern uns einfach an die Ausführung machen und den vollkommenen Gehorsam Abrahams nachahmen. Als Gott ihm befahl, seinen Sohn zu opfern, kam weder Widerrede noch Klage über seine Lippen, er führte vielmehr den Befehl Gottes augenblicklich aus. Daher gab ihm Gott auch einen Erweis seiner besonderen Huld. Er begnügte sich mit seiner Willensbereitschaft und ließ ihn einen Widder finden, den er dann an Stelle seines Sohnes auf dem Berg opferte.

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3. Vertrauen auf die Vorsehung

5. Zum Schluß möchte ich noch darauf aufmerksam machen, wie einfach der hl. Josef dem Engel gehorchte, als ihm dieser befahl, nach Ägypten zu ziehen. Hätte er nicht gut sagen können: „Du trägst mir auf, das Kind fortzubringen, um es hier einem Feind zu entziehen, dabei gibst du uns aber tausend Feinden preis, da wir doch Israeliten sind.“ Der Heilige aber grübelt nicht über den Befehl nach und zieht ganz ruhig und vertrauensvoll nach Ägypten. Wir müssen es auch so machen. Überträgt man uns ein Amt, so wollen wir nicht sagen: „Mein Gott, ich bin so unüberlegt, ich werde nichts als Dummheiten machen“; oder: „Ich bin jetzt schon so zerfahren, wie wird das erst werden, wenn ich Pförtnerin bin, wo man an der Pforte doch alle möglichen Neuigkeiten hört. Dürfte ich aber in meiner Zelle bleiben, o da könnte ich so zurückgezogen sein; nichts würde da meine Ruhe und Sammlung stören.“ Geht nur in aller Einfalt nach Ägypten, mitten unter die Feinde, die ihr dort finden werdet! Gott, der euch dorthin sendet, wird euch behüten, und ihr werdet nicht getötet werden. Bleibt ihr aber im Land Israel, wo der Feind eures Willens herrscht, werdet ihr sicher des Todes sein. – Sucht man sich selber Ämter und Beschäftigungen, so ist zu befürchten, daß man dann seinen Pflichten nicht genügen wird. Übergibt man uns aber ein Amt, eine Beschäftigung im Gehorsam, dann nehmen wir es doch ohne Widerrede an! Gott ist mit uns: er läßt uns dann für unsere Vervollkommnung mehr gewinnen, als wenn uns dieses Amt nicht übertragen worden wäre. Ich erinnere euch an den Ausspruch des hl. Kassian, den ihr schon gehört habt, aber gewiß noch einmal mit Nutzen vernehmen werdet: „Zur Tugend gehört nicht, daß uns die Gelegenheiten zum Fall in die entgegengesetzten Fehler mangeln. Es ist nicht gesagt, daß ich geduldig und sanftmütig bin, wenn ich den Umgang mit den Menschen meide. So bin ich z. B., als ich ganz allein in meiner Zelle war, in so heftigen Zorn geraten, daß ich beim Feuermachen den Stahl auf den Boden geworfen habe aus Wut darüber, daß das Werg nicht Feuer fangen wollte.“ Ich muß nun Schluß machen. Ich lasse euch beim Heiland in Ägypten zurück. Ich meine, und andere denken das gleiche, er wird wohl schon damals, wenn er mit der ihm vom hl. Josef aufgetragenen Arbeit fertig war und Zeit dazu hatte, kleine Kreuze zusammengenagelt haben zum Zeichen, wie sehr es ihn nach seiner letzten Stunde, der Stunde der Welterlösung verlangte. Es lebe Jesus!

65 4. Gespräch Herzlichkeit und Geist der Demut 1
Herzlichkeit Unsere Mutter2 fragt: Was haben die Schwestern zu tun, damit ihre Liebe zueinander bei aller Herzlichkeit nicht in unschickliche Vertraulichkeit ausarte? Eigentlich geben die Regeln hierüber schon genügend Aufschluß. Unsere Mutter wird aber wahrscheinlich wissen wollen, wie diese uns so sehr empfohlene Herzlichkeit beschaffen sein soll. – Über diese erste Frage müssen wir uns vor allem klar werden; dann wird es uns auch leichter, in die zweite Frage, das Maßhalten in den Äußerungen der Herzlichkeit, Licht zu bringen.

I.
Dem Wunsch unserer Mutter willfahrend, wollen wir also zunächst das eingehender besprechen, was in den Satzungen wohl ganz gut, aber nur in großen Linien festgelegt ist. Worin besteht die herzliche Liebe, die die Schwestern untereinander pflegen sollen? 1. Da müssen wir vor allem wissen, daß Herzlichkeit einfach das Wesen aufrichtiger, wahrer Freundschaft ist. Diese kann es aber nur zwischen vernunftbegabten Wesen geben, wie für ihr Entstehen und ihr Fortdauern nur Vernunftgründe maßgebend sein können. Liebe zueinander haben auch Tiere, Freundschaft jedoch nicht, weil sie vernunftlose Wesen sind. Sie lieben sich, weil sie ihrer Natur nach zusammenpassen. Ja, sie können sogar Menschen lieben, das beobachten wir oft genug. Einige Schriftsteller wußten darüber Merkwürdiges zu berichten. So hing z. B. ein Delphin sosehr an einem Kind, daß er bei dessen Tod auch einging. – Trotzdem kann man dies nicht Freundschaft nennen, denn zur Freundschaft gehört sowohl Gegenseitigkeit der Liebe wie auch Vernunft als das Band der Freundschaft. Ich betone das, weil es Menschen gibt, die Freundschaften schließen, ohne die Vernunft dabei zu befragen. Solche Beziehungen verdienen aber den Namen Freundschaft nicht, weil sie kein edles Ziel verfolgen und nicht von der Vernunft geleitet sind. So kommen z. B. im Fasching übermütige Burschen zusammen, trinken einander Bruderschaft zu und gebär-

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4. Herzlichkeit

den sich, wie wenn sie große Freunde wären. In Wirklichkeit sind sie es nicht. Was sie verbrüdert, sind Verrücktheiten und nicht die Vernunft, ohne die es keine echte Freundschaft geben kann. 2. Die Erfahrung lehrt uns, daß zur Freundschaft außer der Vernunft noch eine gewisse Übereinstimmung in Beruf, Ideal oder Veranlagung gehört. Die festeste und echteste Freundschaft ist doch wohl die zwischen Brüdern. Darum nannten sich auch die Christen der Urkirche Bruder und Schwester. Als später die ursprünglich so warme Bruderliebe im christlichen Volk erkaltete, entstanden die Orden, deren Mitgliedern es zur Pflicht gemacht wurde, sich Brüder und Schwestern zu nennen. Sie sollten damit zeigen, daß sie herzliche und aufrichtige Freundschaft füreinander empfänden oder zum mindesten anstreben wollten. Weder die Liebe des Vaters zu seinem Kind, noch die Liebe des Kindes zum Vater ist Freundschaft. Die Liebe ist hier grundverschieden; es fehlt die Beziehung, von der wir eben sprachen. Die Liebe der Eltern ist getragen von Würde und Autorität, die der Kinder erfüllt von Ehrfurcht und Untertänigkeit. Unter Geschwistern hingegen ist die Liebe aufeinander abgestimmt, da auch die Lebensverhältnisse zusammenstimmen. Damit ist dann auch eine feste, dauernde und gediegene Freundschaft gegeben, die mit keiner anderen verglichen werden kann. Alle anderen Arten von Freundschaft sind entweder ungleich oder künstlich herbeigeführt. Das gilt z. B. von den Beziehungen der Eheleute untereinander, die durch schriftliche, notariell beglaubigte Verträge oder einfach durch mündlich gegebenes Versprechen zustandekommen. Hierher gehören auch jene Freundschaften zwischen Weltkindern, die aus materiellem Interesse oder gar aus leichtfertigen Gründen geschlossen werden und meist in die Brüche gehen. Die Freundschaft unter Brüdern hingegen hat Bestand, weil nichts Gemachtes dabei ist, daher ist sie auch vorbildlich. Aus diesem Grund nennen sich auch die Ordensleute Brüder und Schwestern, ihre Liebe verdient wirklich Freundschaft zu heißen und ihre Freundschaft ist nicht gewöhnlich, sondern herzlich. 3. Ihr fragt aber nun: Was ist eigentlich herzliche Freundschaft? – Ich antworte: Es ist eine Freundschaft, die im Herzen wurzelt. Die Liebe hat ihren Sitz im Herzen. Wir können die Mitmenschen nie zu viel lieben und somit auch in der Liebe nie die Grenzen der Vernunft überschreiten, sofern die Liebe wirklich im Herzen wurzelt; die Äußerungen der Liebe allerdings können verkehrt, übertrieben und unvernünftig

4. Herzlichkeit

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sein. Der glorreiche hl. Bernhard sagt: „Das Maß der Liebe zu Gott ist Liebe ohne Maß.“ Und weiter sagt er: Setze der Liebe keine Schranken, lasse sie ihre Äste breiten, so weit sie nur kann. Was für die Gottesliebe gilt, das gilt auch für die Nächstenliebe; doch muß die Liebe zu Gott den Ton angeben, muß den höchsten Rang einnehmen. Tut sie das, dann dürfen wir unseren Mitmenschen so viel Liebe schenken, als wir nur immer haben. Es darf uns nicht genug sein, sie nach göttlichem Gebot nur zu lieben wie uns selbst; wir müssen sie mehr lieben als uns selbst; das ist das Gebot der Vollkommenheit, so lehrt es uns das Evangelium: „So, wie ich euch geliebt habe, sollt auch ihr einander lieben,“ (Joh 13,34; 15,12) sagt der Herr. In die Worte, „wie ich euch geliebt habe“, muß man sich recht hineinversenken: Sie bedeuten, daß ihr einander mehr lieben sollt als euch selbst. Der Herr hat ja die Menschen immer sich selbst vorgezogen; er handelt auch jetzt immer wieder so, sooft wir ihn in der heiligen Kommunion empfangen, sooft er uns da zur Speise wird. Daher verlangt er auch von uns eine so große Liebe, daß wir immer die anderen uns selbst vorziehen. Alles hat er für uns getan, was er nur tun konnte, nur das eine: sich dem ewigen Verderben anheimgeben, das tat er nicht, hat es weder tun dürfen, noch tun können, weil er nicht sündigen konnte; nur das Sündigen führt ja zum ewigen Verderben. – Weil er alles für uns getan, deshalb will er, daß auch wir so viel füreinander tun, als wir nur können; – das gehört einfach zur Vollkommenheit – ausgenommen das eine: die ewige Seligkeit verlieren wollen. Von diesem allein abgesehen, sollen wir uns den Nächsten und vor allem unseren Mitschwestern niemals versagen, sollen vielmehr immer bereit sein, alles für sie zu tun und zu erleiden, was immer es sei. So fest und treu und herzlich soll unsere Freundschaft sein. 4. Diese herzliche Liebe muß zwei Tugenden als Begleiterinnen haben, die Freundlichkeit und die Geselligkeit. Die Freundlichkeit breitet eine gewisse Liebenswürdigkeit über die sachlichen und geschäftlichen Beziehungen aus, die Geselligkeit macht uns zuvorkommend und angenehm im zwanglosen Verkehr wie in der Unterhaltung. Jeder Tugend entsprechen, wie schon öfter erwähnt wurde, zwei einander entgegengesetzte Laster. Die Freigebigkeit kann in Verschwendung ausarten oder in Geiz und Knauserei ersticken. Verausgabt sich ein Mensch über seine Verhältnisse, so ist er ein Verschwender, gibt er weniger, als er hergeben könnte, dann ist er ein Geizhals und Knauser. Auch die Tugend der Freundlichkeit steht zwischen zwei Lastern, dem

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4. Herzlichkeit

düsteren Ernst und der steifen Würde einerseits und der übertriebenen Zärtlichkeit und der Schmeichelzunge andererseits. Die Tugend der Freundlichkeit hält die goldene Mitte. Sie versteht sich zu Zärtlichkeiten nur da, wo sie ihr angebracht erscheinen, und bewahrt dabei in Anpassung an die betreffende Person oder an die jeweiligen Umstände eine feine Zurückhaltung. Ich bin schon dafür, daß man auch zärtlich sei, – ich meine das im Ernst, nicht im Scherz, – und zwar dann, wenn eine Schwester krank oder traurig ist oder wenn sie einen Kummer hat; es tut ihr dann so wohl, wenn man recht lieb mit ihr ist. Wollen wir bei einer Kranken unser gewohntes ernstes Gesicht machen und mit ihr nicht freundlicher umgehen, als wenn sie gesund ist, so wäre das verkehrt. Im allgemeinen aber soll man mit Liebkosungen nicht so verschwenderisch sein, mit zuckersüßen Worten nicht so herumwerfen und den Nächstbesten förmlich damit bombardieren. Verzuckerte Speisen widerstehen einem, weil sie zu süß und fad schmecken. Genau so zuwider wird ein Zuviel an Zärtlichkeiten. Sie verfehlen ihren Zweck, man kümmert sich nicht um gedankenlos gegebene Liebeserweise. Wollte man auf Speisen eine ganze Hand voll Zucker oder Salz streuen, so würden sie versalzen oder zu süß und deshalb ungenießbar; sind sie aber im rechten Verhältnis gesalzen oder gezuckert, so schmecken sie gut und regen den Appetit an. So haben auch Liebenswürdigkeiten, die klug und maßvoll gewährt werden, ihr Gutes und wirken wohltuend. Nun zur Tugend der Geselligkeit. Sie verlangt, daß man zu heiligem, maßvollem Frohsinn seinen Teil beitrage und sich an der Erholung und an den zwanglosen Unterhaltungen, die unseren Mitmenschen Freude und Entspannung geben, gerne beteilige. Wir dürfen also den anderen nicht lästig fallen, weil wir dabei düster oder verdrießlich dreinschauen oder uns weigern, in der Erholungszeit fröhlich mitzutun; – auch nicht wie Pedanten alles austüfteln und jedes Wort hundertmal im Mund herumdrehen, damit es ja genügend überlegt sei und nicht am Ende angefochten werden könnte. Solche Leute haben bei jeder Rede und Handlung Angst vor der Kritik; sie erforschen andauernd ihr Gewissen, nicht um zu wissen, ob sie Gott beleidigt, sondern ob sie jemand Anlaß gegeben hätten, von ihnen eine geringere Meinung zu haben. Deshalb mag sie niemand leiden; ihr Verhalten ist genau das Gegenteil von Geselligkeit, denn diese Tugend verlangt ein offenes und freundliches Wesen, sie will, daß man gerne alles tue, um den Mitmenschen zu helfen und ihnen Freude zu bereiten.

4. Herzlichkeit

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Von der Geselligkeit haben wir auch schon im Gespräch über die Bescheidenheit3 gesprochen; somit will ich mich nicht lange dabei aufhalten. – Es ist sehr schwer, ins Schwarze zu treffen, auch wenn man gut zielt und gut schießt. Aber das ist sicher, hinzielen müssen wir aufs Schwarze, auf den Kern der Tugend, die wir über alles lieben sollen, ob es sich um Demut, Herzlichkeit oder eine andere Tugend handelt. Treffen wir aber nicht gleich ins Schwarze, so sollen wir uns darüber nicht wundern und dürfen die Flinte nicht ins Korn werfen; wenn wir nur wenigstens die Scheibe treffen und der Schuß möglichst nahe beim Schwarzen sitzt. Selbst die Heiligen haben nicht alle Tugenden vollkommen getroffen. Der Herr und Unsere Liebe Frau allein waren in jeder Tugend gleich vollkommen. Die Heiligen haben die Tugenden sehr unterschiedlich geübt. Wie verschieden im Charakter waren z. B. der hl. Augustinus und der hl. Hieronymus. Das zeigt sich deutlich in ihren Schriften. Wer war milder als der hl. Augustinus? Alles, was er geschrieben, atmet Sanftmut und Güte. Wie unerbittlich streng, ich möchte fast sagen rauhborstig war dagegen der hl. Hieronymus! Schaut ihn nur an mit seinem langen Bart, in der Hand einen Stein, mit dem er sich die Brust zerschlägt! Und in seinen Briefen wettert er eigentlich fast immer. Und doch war der eine wie der andere außerordentlich tugendhaft. Augustinus zeichnete sich durch Milde, Hieronymus durch Strenge aus; sie besitzen nicht diese zwei Tugenden in gleichem Maße, sind aber trotzdem große Heilige. Auch die heiligen Apostel Paulus und Johannes waren große Heilige, aber auch nicht gleich milde und gleich streng, sie waren ja von ganz verschiedener Gemütsart, das sieht man in ihren Schriften. Der hl. Johannes ist ganz Sanftmut und Innigkeit. „Meine Kindlein,“ so schreibt er stets in seinen Briefen, liebt er doch seine Christengemeinde überaus zärtlich. Die Liebe des hl. Paulus zu seinen Gemeinden war wohl nicht so zärtlich, dafür aber stark und unerschütterlich. Wundern wir uns also nicht, wenn wir nicht alle gleich sanft und gleich milde sind. Die Hauptsache ist, daß wir den Nächsten mit dem Herzen lieben, daß wir ihn lieben, wie der Herr uns geliebt hat; d. h. also, daß wir ihn mehr lieben als uns selbst, daß wir ihn in allem unserer eigenen Person vorziehen und ihm nichts abschlagen, was ihm dienen könnte. Nur das eine, wie gesagt, dürften wir nicht tun: uns ihm zuliebe dem ewigen Verderben preisgeben. Nehmen wir auch ruhig alle Gelegenheiten wahr, unsere Liebe nach außen zu bekunden, und

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4. Herzlichkeit

passen wir uns dem Mitmenschen an, wann immer es vernünftigerweise erforderlich oder nützlich erscheint. Freuen wir uns mit den Fröhlichen und weinen wir „mit den Weinenden“ (Röm 12,15).

II.
Ich komme nun zum zweiten Teil unserer Frage: Wir sollen den Mitschwestern unsere Liebe zeigen, ohne dabei ungehörig vertraulich zu werden, wie es in der Ordensregel heißt. Wie soll man sich also da verhalten? Vor allem so: es muß über unserer Vertraulichkeit und unseren Freundschaftserweisen der Schimmer der Heiligkeit liegen, wie dies der hl. Paulus in seinen Briefen mit den Worten andeutet: „Grüßet einander mit heiligem Kuß“ (Röm 16,16; 1 Kor 16,20; 2 Kor 13,12). Es war damals so Brauch, daß Freunde sich bei einer Begegnung mit dem Kuß begrüßten; auch der Herr paßt sich seinen Aposteln gegenüber dieser Sitte an. Das ersehen wir aus dem Verrat des Judas, der den Kuß mißbrauchte, um den Herrn zu überliefern. „Den ich küssen werde, der ist’s; den ergreifet“ (Mt 26,48 f). Die Ordensleute begrüßten einander ehedem mit den Worten: „Deo gratias“ und gaben so ihrer Freude, sich zu sehen, Ausdruck. Damit wollten sie sagen: Dank sei Gott für die Freude, dich zu sehen, mein lieber Bruder. Zeigen wir also meine lieben Töchter, den Mitschwestern ruhig, daß wir sie lieb haben und gern mit ihnen zusammen sind; geben wir aber diese Freundschaftserweise immer auf heilige Weise, sodaß dabei Gott nicht beleidigt, sondern verherrlicht und gepriesen werde. Der hl. Paulus lehrt uns, der Liebe heiligen Ausdruck zu geben, er will sie aber auch liebenswürdig ausgedrückt haben, so wie er z. B. den Römern schreibt: „Grüßet“ mir den und den, „er weiß“, daß er mir teuer ist,„... grüßet jenen anderen, den ich wie einen Bruder liebe, grüßet seine Mutter, die auch die meine ist ...“ (Röm 16,5-13).

III.
Einige Fragen 1. Sie fragen mich, meine Tochter, ob Sie im Chor oder im Speisesaal, wenn die anderen lachen, mitlachen sollen, nachdem man Sie auch sonst schon zu ernst findet. Sie glauben gegen die Herzlichkeit zu ver-

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stoßen, wenn Sie nicht mittun? – Nun, im Chor darf man überhaupt nicht lachen, das ist ganz und gar nicht der Ort dafür. Wenn aber im Speisesaal alle lachen, dann würde ich mitlachen. Lacht aber ein Dutzend Schwestern nicht mit, dann halte ich es mit diesen. 2. Nun gleich hier noch ein paar Worte über die Abneigung. Wir haben ja schon öfter darüber gesprochen, ich kann mich also kurz fassen. Ist uns jemand nicht so sympathisch, so können wir auch in sein Lachen nicht so herzlich einstimmen; und wenn wir nicht gut beisammen sind, so ist es uns auch nicht möglich, so heiter zu sein, das braucht uns nicht zu wundern. Freilich, ein wenig lächeln können und sollten wir schon in solchen Fällen; jedenfalls dürfen wir nicht abweisend und zugeknöpft sein, wenn man mit uns spricht. Gelingt uns wenigstens das, dann dürfen wir schon ganz zufrieden sein, denn es ist nicht so einfach, ein freundliches Gesicht zu zeigen, wenn wir leidenschaftlich erregt sind; vor allem ist es dann schwer, wenn uns jemand zuwider ist oder wenn wir uns nicht wohl fühlen. Doch über diese Dinge haben wir schon so oft gesprochen, deshalb genügt dieser Hinweis: Richten wir uns auf dem Weg zur Vollkommenheit ganz nach dem höheren Seelenteil und kümmern wir uns nicht um die Erregung im niederen Seelenteil, sonst kommen wir aus den Sorgen und Aufregungen niemals heraus und bleiben immer auf derselben Stelle kleben. Lassen wir die niedere Seele brummen, überhören wir ihre Wünsche, hören wir nur auf die Vernunft, die uns zuredet, uns in allem und bei allem zu überwinden, damit wir Gott wohlgefallen und zugleich die Ordensregel halten, die uns zu herzlicher Liebe verpflichtet. 3. Nun möchtet ihr auch noch gerne wissen, ob ihr einer Schwester, die ihr um ihrer Tugendhaftigkeit willen höher schätzt, auch mehr Liebe zeigen dürft. Ich antworte: Wir dürfen und müssen den Tugendhafteren wohl mehr wohlgefällige Liebe zuwenden, aber nicht mehr wohlwollende Liebe, dürfen ihnen um ihrer Tugendhaftigkeit willen auch nicht mehr Liebe zeigen als den anderen. Aus zwei Gründen dürfen wir das nicht tun: 1) weil der Herr das auch nicht getan hat, denn er scheint im Gegenteil die Unvollkommenen lieber gehabt zu haben als die anderen, sagt er doch: Ich bin nicht gekommen für „Gerechte“, sondern für „Sünder“ (Mt 9,13). Nicht die Menschen, die uns mehr Freude als Mühe machen, müssen wir herzlich lieben, sondern gerade jenen, die uns besonders brauchen, müssen wir nicht nur helfen, wir sollen ihnen auch

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besondere Liebe erweisen; zeigen wir doch damit, daß wir die wahre Nächstenliebe üben. Wir müssen uns den Bedürfnissen des Nächsten anpassen. Im übrigen aber müssen wir gegen alle gleich liebevoll sein, denn der Herr hat nicht gesagt: Liebt die Tugendhafteren, sondern „liebt einander so, wie ich euch geliebt habe“ (Joh 13,34; 15,12), macht keinen Unterschied, schließt keinen aus und wäre er noch so unvollkommen. 2) Wir können nicht beurteilen, wer vollkommener, wer an Tugenden reicher ist. Darum dürfen wir auch nicht dem einen mehr Liebe zeigen als dem anderen, noch uns verleiten lassen, die einen mehr als die anderen zu lieben. Der Schein trügt und oft halten wir jemand für tugendhaft, der es in den Augen Gottes ganz und gar nicht ist. Nur er allein kennt die Menschen. Es kann sein, daß ihr an einer Schwester oft einen groben Fehler oder so manche Unvollkommenheit bemerkt, und doch ist sie vor Gott tugendhafter und Gott wohlgefälliger als andere, weil sie trotz all ihrer Fehler tapfer bleibt und sich, auch wenn sie noch so oft stolpert, weder irre noch ängstlich machen läßt; tugendhafter und Gott wohlgefälliger auch wegen der Demut und der Liebe zu Verdemütigungen, die sie aus ihren Fehlern schöpft. Ja, wohlgefälliger und lieber als eine andere mit vielleicht einem Dutzend erworbener oder angeborener Tugenden, die dabei aber weniger oft auf die Probe gestellt wird, sich weniger plagen muß, somit vielleicht auch weniger Mut und Demut hat, weil sie seltener fällt. Der hl. Petrus ließ sich oft zu Fehlern hinreißen, weil er sich von seinem Temperament und seinen Leidenschaften tragen ließ (ich spreche von der Zeit vor der Herabkunft des Heiligen Geistes, nicht von der Zeit nachher), und trotzdem wählte ihn der Herr zum Haupt der Apostel, zeichnete ihn vor allen anderen aus und bestimmte ihn zu seinem Nachfolger, weil er sich durch seine Fehler nicht entmutigen ließ und sich darüber auch nicht wunderte. Deshalb hat auch niemand ein Recht zu sagen, der hl. Petrus hätte weniger Liebe als der hl. Johannes oder einer der anderen Apostel verdient oder wäre weniger tugendhaft und Gott weniger wohlgefälliger gewesen. Die beiden angeführten Gründe müssen uns also bestimmen, alle unsere Mitschwestern mit gleicher Liebe zu empfangen. Sie sollen alle merken, daß wir sie recht von Herzen lieb haben. Dann werden auch besondere Liebesworte und Freundschaftsbeteuerungen so gut wie überflüssig. Besondere Sympathie für einen Menschen macht die Liebe nicht

4. Herzlichkeit

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vollkommener, setzt sie im Gegenteil vielleicht schon bei ganz geringfügigen Anlässen großen Schwankungen aus. Verspüren wir aber doch einen Drang in uns, die eine oder andere Schwester lieber zu haben, so sollen wir darüber hinweggehen und vor allem ihr nichts davon sagen. Denn nicht aus Neigung sollen wir den Nächsten lieben, sondern weil er tugendhaft ist oder es zu werden verspricht. Tun wir für unsere Mitmenschen in leiblicher wie in seelischer Hinsicht, was wir nur können; beten wir für sie und seien wir stets von Herzen hilfsbereit, dann beweisen wir am besten, daß wir sie wirklich von Herzen lieb haben. Eine Freundschaft, die sich in schönen Worten erschöpft, hat wenig Wert; das ist nicht Liebe, wie sie der Herr uns erwiesen. Ihm war es nicht genug, uns nur in Worten seiner Liebe zu versichern, er ging weit darüber hinaus; er erbrachte den Beweis seiner Liebe durch all das, was er für uns getan hat. 4. Nun noch dies: Herzliche Liebe ist ohne kindliches Vertrauen nicht denkbar; beide Tugenden gehören aufs innigste zusammen. Wenn ein Kind eine schöne Feder oder sonst etwas Neues hat, gibt es keine Ruhe, bis alle Spielkameraden das Ding bewundert und sich mitgefreut haben. Tut ihm der Finger weh oder hat es eine Wespe gestochen, dann müssen alle mit ihm jammern und jedem, der ihm in den Weg kommt, klagt es sein Leid, jeder muß es bemitleiden und auf den wehen Finger blasen. Freilich sollen wir Großen es nicht den Kleinen in allem nachmachen. Ich will mit diesem Vergleich nur sagen, daß die kindliche Zutraulichkeit uns weitherzig machen soll. Wir sollen unsere kleinen Kostbarkeiten und bescheidenen geistlichen Freuden herzeigen und mitteilen und nicht so ängstlich darauf aus sein, unsere Fehler zu verbergen. Wer allerdings große Gnaden empfangen hat, das Gebet der Ruhe oder ähnliches, soll sich dessen nicht rühmen. Was aber die bescheidenen geistlichen Freuden und Güter betrifft, so möchte ich schon, daß ihr weder spröde noch zugeknöpft seid, sondern daß ihr euch mit kindlichem Vertrauen aussprecht, ohne euch hervorzutun noch herauszustreichen. Was unsere Fehler angeht, so soll es uns nicht darum zu tun sein, sie zuzudecken. Damit, daß wir sie nicht sehen lassen wollen, werden wir weder in den Augen der Schwestern fehlerlos sein, noch werden unsere Fehler damit geringer. Sie werden vielleicht sogar schlimmer und gefährlicher, als wenn sie offensichtlich wären und uns zur Beschämung dienten.

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Seien wir also weder erstaunt noch kleinmütig, wenn wir uns vor den Augen der Schwestern bei Fehlern und Unvollkommenheiten ertappen, seien wir vielmehr froh, wenn man uns so sieht, wie wir wirklich sind. Ja, ich habe einen Fehler, eine Dummheit gemacht, das ist wahr, aber ich habe sie vor Schwestern gemacht, die mich herzlich lieb haben; sie werden mich und meinen Fehler wohl ertragen, sie werden gegen mich nicht aufgebracht sein, sondern mir Mitleid entgegenbringen. Dieses Vertrauen zu den Mitschwestern wird noch mehr zur Herzlichkeit und zur Seelenruhe beitragen. Wir kommen ja so leicht aus der Fassung, wenn wir merken, daß andere eine noch so kleine Schwäche an uns finden, wie wenn unser Versagen etwas Besonderes wäre. 5. Zum Schluß unseres Gespräches über die Herzlichkeit noch ein Gedanke, den wir festhalten wollen: Kommt es vor, daß wir einmal nicht so liebenswürdig waren, so sollen wir uns darüber nicht aufregen und auch nicht meinen, daß wir überhaupt keine herzliche Liebe hätten. Wir haben sie trotzdem. Vereinzelte Verstöße machen den Menschen noch nicht schlecht, vor allem dann nicht, wenn er den guten Willen hat, sich zu bessern. Vom Geiste der Demut 1. Unsere Ordensregeln schreiben vor, alles im Geist der Demut zu tun. Ihr fragt mich, was das bedeutet. Es ist dies etwas ganz Wichtiges. Bevor ich es aber etwas näher erkläre, muß ich zum besseren Verständnis etwas vorausschicken. Zwischen Hochmut an sich, Gewohnheitshochmut und Gesinnungshochmut oder Hochmutsgeist ist ein Unterschied. Ein einzelner Akt des Hochmuts ist Hochmut an sich; setzt man oft und bei jeder Gelegenheit Akte des Hochmuts, so ist man dem Gewohnheitshochmut verfallen. Geist und Gesinnung des Hochmuts ist es aber, sich im Hochmut zu gefallen und Gelegenheiten dafür zu suchen. In der Demut gibt es die gleichen Unterschiede: Demut an sich ist verschieden von der Gewohnheit der Demut und der Gesinnung, dem Geist der Demut. Irgend einen Akt der Demut setzen, heißt sich verdemütigen. Solche verdemütigenden Akte immer wieder bei jeder Gelegenheit setzen, das heißt, sich die Demut angewöhnt haben. An der Demut Gefallen haben, Verdemütigungen und Verachtung überall suchen, sodaß bei al-

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lem, was man tut, es die erste Absicht ist, sich zu verdemütigen und sich zu erniedrigen, und die Gelegenheiten dazu freudig aufgreifen, ganz vertraut damit sein, das ist Gesinnungsdemut, der Geist der Demut. Alles im Geist der Demut tun, heißt also: sich keine Gelegenheit zur Verdemütigung und Erniedrigung entgehen lassen. 2. Es wird gefragt, ob man gegen die Demut fehlt, wenn man über das Schuldbekenntnis (die „Kulp“) einer Mitschwester oder über die Fehler der Vorleserin lacht. – Nein, gewiß nicht. Denn, meine lieben Töchter, für den Lachreiz können wir nichts, können auch nichts dagegen machen, weil wir nicht im voraus wissen, wann wir lachen und zum Lachen gereizt werden. Der Herr konnte nicht lachen, weil es für ihn keine Überraschung gab, er wußte alles schon im voraus. Lächeln allerdings konnte er schon, das tat er aber ganz bewußt. Narren lachen bei jeder Gelegenheit, sie denken nicht voraus und so kommt ihnen alles überraschend. Der Weise aber lacht nicht so leicht, weil er denkt und die Dinge kommen sieht. 3. Wir verletzen also die Demut nicht, wenn es beim Auflachen bleibt und wir über den Anlaß dazu nicht weiter nachdenken und auch darüber nicht mit anderen reden. Das dürften wir nämlich nicht tun, vor allem dann nicht, wenn es sich um Fehler anderer handelt. Solch ein Verhalten stünde ja auch in Widerspruch mit der Frage, die ihr einmal gestellt, was man tun müsse, um vom Nächsten eine gute Meinung zu bewahren oder zu erhalten. Diese kann man ja nur erhalten oder bewahren, wenn man auf dessen Tugenden schaut und seine Fehler nicht beachtet. Solange wir nicht durch ein Amt verpflichtet sind, uns mit ihm zu befasssen, sollen sich weder unsere Augen noch unsere Gedanken mit seinen Fehlern beschäftigen: „Die Liebe flieht das Böse,“ sagt der heilige Apostel Paulus (1 Kor 13,5). Wir wollen alles, was unsere Mitschwestern tun, nur im bestmöglichen Sinn deuten und nie einen Verdacht aufkommen lassen. In zweifelhaften Fällen wollen wir davon überzeugt sein, daß wir nichts Schlechtes bemerkt haben, daß vielmehr unsere eigene Unvollkommenheit uns auf einen solchen Gedanken gebracht hat; so schützen wir uns dann gegen die so gefährliche und ganz zu verabscheuende Sünde des freventlichen Urteils. Der hl. Josef ist auch hierin ein schönes Vorbild; er sah diese so heilige Jungfrau Mutter werden und wußte nicht, wie dies geschehen war. Er wollte aber über sie kein Urteil fällen, sondern überließ dieses Gott allein. – Wo etwas offenkundig schlecht ist,

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soll es uns leid tun; wir wollen uns dann der Fehler unserer Mitschwestern schämen, wie wenn sie unsere eigenen wären, und Gott ebenso inständig bitten, daß er ihnen helfe, sich zu bessern, als ob wir selbst diese Fehler begangen hätten. 4. Haben wir nun alles besprochen? Wie man zu dieser Demutsgesinnung kommt, wollt ihr noch wissen? Ja, meine lieben Töchter, nur durch das Hineinversenken in die Schönheit und in den Wert dieser Tugend, damit wir Lust bekommen, sie immer und überall beharrlich zu üben. Es gibt ebensowenig ein Geheimmittel, sie zu erwerben, wie bei anderen Tugenden, die man sich auch nur durch oft wiederholte Tugendakte aneignen kann. 5. Zu guter Letzt möchte ich noch bemerken, daß alles, was ich nun gesagt, nicht als Verpflichtung, sondern nur als Anregung aufzufassen ist. Wir sprachen z. B. neulich davon, daß man Gerichte in der Reihenfolge essen solle, wie sie verabreicht werden. Das ist nun nicht so streng zu nehmen. Wird als erster Gang Milchbrei gegeben, eine Schwester ißt ihn aber nicht gern so heiß, dann darf sie ruhig warten, bis er abgekühlt ist. Und wer ihn nicht lauwarm mag, weil er dann an Kleister erinnert, der soll ihn ruhig heiß essen. Beklagen wir uns nur nicht über den Vater, daß er dies und das haben will, denn der arme Vater will durchaus nicht haben, daß wir uns die Zunge verbrennen. Also einfach sein! Hat eine Schwester gegen manche Speisen einen Widerwillen, so braucht sie nicht alles wahllos zu essen, sie soll dann einfach von dem herausnehmen, was sie vertragen kann. So tut also jede Schwester gut, wenn sie sich an das Gesagte hält; verpflichtet dazu ist keine. 6. Das gilt auch für die Liebe, die wir, wie gesagt, allen Schwestern in gleicher Weise entgegenbringen sollen, selbstverständlich soweit es uns möglich ist. Mit ganz derselben Innigkeit auch die zu lieben, die uns weniger nahe stehen oder nicht so zu uns passen wie jene, für die wir Sympathie fühlen, liegt nicht in unserer Macht. Der große hl. Bernhard macht über die Psalmworte: „Ecce quam bonum“ (Ps 132, 1 f) folgende Betrachtung: Wie wertvoll ist es, sagt er, wenn Brüder in Eintracht beisammen wohnen, denn diese Eintracht ist kostbar gleich dem Salböl, das über das Haupt des Hohepriesters Aaron ausgegossen wurde, bereitet aus den köstlichen Spezereien. Er vergleicht also die Liebe der Ordensleute untereinander, ihre innige Verbundenheit, mit dem kostbaren Salböl und die verschiedenen Tugenden der einzelnen Ordensmitglieder mit den Spezereien in die-

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sem Öl. Denn da ist wohl keiner, der nicht trotz all seiner Armseligkeit einige Tugenden gleich wohlriechenden Spezereien besäße. Diese Tugenden insgesamt werden durch die herzliche Liebe zu einer einzigen, die ob ihres wunderbaren Wohlgeruches wert befunden wird, gleich kostbarem Salböl über das Haupt des Hohepriesters – Unseres Herrn Jesus Christus – ausgegossen zu werden, und eine unaussprechliche Süße ausströmen. Sie macht die Schwestern, die in dieser begehrenswerten Einheit zusammengeschlossen sind, dem Herrn unendlich wohlgefällig und ihrer Berufung überaus würdig. Alles zur Ehre und Verherrlichung Jesu Christi, der Allerseligsten Jungfrau Maria und des glorreichen hl. Josef!

78 5. Gespräch Tugend Hochherzigk zigkeit Die Tugend der Hochher zigkeit1

5. Hochherzigkeit

1. Ihr möchtet wissen, was Starkmut und Hochherzigkeit ist. Bevor ich darauf eingehe, will ich zuerst noch eine andere Frage beantworten, die mir schon oft gestellt worden ist, worin nämlich die vollkommene Demut besteht. Die Lösung dieser Frage führt uns dann auch zum Verständnis der beiden Tugenden Starkmut und Hochherzigkeit, ohne die man keine Tochter der Heimsuchung sein kann. Demut also heißt offenherzig eingestehen, daß man ein reines Nichts ist und sich selbst auch so einschätzt. Um dies recht zu verstehen, muß man wissen, daß wir zweierlei Güter besitzen: die einen sind in uns und von uns, die anderen sind wohl in uns, aber nicht von uns. Ich sage: Güter, die von uns sind; das heißt aber nicht, daß sie nur von uns stammen und nicht von Gott; aus uns selbst haben wir ja nichts und sind nichts als Armseligkeit. Güter von uns heißt vielmehr: Güter, die Gott so tief in uns hineingelegt, daß sie von uns zu kommen scheinen wie z. B. Gesundheit, Reichtum, erworbene Kenntnisse, Schönheit und dergleichen mehr. Demut duldet nun nicht, daß wir uns dieser Güter wegen höher einschätzen, daß wir uns ihrer rühmen; sie sind ihr gleich nichts. Das ist auch durchaus vernünftig, sind sie doch vergänglich, veränderlich, ein Besitz von heute auf morgen; ihretwegen sind wir Gott auch nicht wohlgefälliger. – Wie wenig kann man sich auf Reichtum verlassen, der von Zeitumständen, von der Witterung und Ähnlichem abhängt. Und Schönheit? Wie schnell ist sie zerstört! Ein kleines Geschwür im Gesicht und aller Reiz ist dahin. Und Wissen? Eine kleine Störung im Gehirn – und alles, was wir wußten, ist vergessen und entschwunden. Die Demut legt also mit Recht auf alle diese Güter keinen besonderen Wert. Je mehr sie uns demütig und bescheiden macht dadurch, daß wir unser Nichts erkennen und uns dazu bekennen, desto mehr bringt sie uns durch die niedere Einschätzung der Güter, die in uns und von uns sind, zu einer höheren Bewertung jener, die wohl in uns aber nicht von uns sind. Diese Güter sind: Glaube, Hoffnung, das bißchen Liebe, das in uns ist, ferner jene von Gott verliehene Fähigkeit, uns durch die

5. Hochherzigkeit

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Gnade mit ihm zu vereinigen, bei uns auch der Beruf, der uns, soweit es in diesem Leben möglich ist, die Gewißheit der ewigen Herrlichkeit, des ewigen Glückes verleiht. Die also aus der Demut kommende Wertschätzung der Güter: Glaube, Hoffnung und Liebe ist die Grundlage der Hochherzigkeit.2 2. Seht, mit den Gütern, die in uns und von uns sind, beschäftigt sich die Demut; mit den anderen die Hochherzigkeit. Demut traut sich selber nichts zu, sie weiß sich arm und schwach. Hochherzigkeit dagegen sagt mit dem Apostel Paulus: „Ich vermag alles in dem, der mich stärkt“ (Phil 4,13). Demut flößt Mißtrauen zu sich selber ein, Hochherzigkeit Vertrauen auf Gott. Ihr seht, daß die beiden Tugenden Demut und Hochherzigkeit unzertrennlich zusammengehören. Es gibt Menschen, die in falscher und kindlicher Demut das Gute, das sie haben, nicht sehen wollen. Sie haben unrecht; man muß die Güter, die von Gott kommen, erkennen, achten und hoch in Ehren halten; man darf sie nicht auf eine Stufe stellen mit den Gütern, die in uns und von uns sind, darf sie nicht unterschätzen. Nicht nur die wahren Christen haben immer erkannt, daß wir von den zwei Arten Gütern in uns die eine betrachten sollen, um uns zu verdemütigen, die andere, um Gott zu verherrlichen, der sie uns geschenkt; auch die Philosophen haben dies erkannt, denn der Satz: „Erkenne dich selbst“ ist nicht nur von unserer Geringheit und Armseligkeit zu verstehen, er gilt genau so gut für die Hoheit und Würde unserer Seele. Gott hat ja in seiner Güte die Seele befähigt, sich mit der Gottheit zu vereinigen, und einen gewissen Trieb in uns hineingelegt, der uns nach dieser Vereinigung, in der unsere ganze Seligkeit liegt, sehnen und streben läßt. Demut ohne Hochherzigkeit ist zweifellos falsche Demut. Wohl soll sie bekennen: Ich bin nichts und kann nichts, aber dann sofort der Hochherzigkeit das Wort lassen, die sagt: Unmögliches gibt es für mich nicht, wird es auch nie geben, denn ich vertraue auf Gott, er vermag alles. Getragen von solchem Vertrauen, macht sie sich mutig an alles, was man sie tun heißt und was man ihr rät, wäre es auch noch so schwer. 3. Ich versichere euch, eine solche Seele hält es nicht für unmöglich, sogar ein Wunder zu tun, wenn es im Gehorsam von ihr verlangt würde. Wenn sie sich mit heiliger Herzenseinfalt an ihre Aufgabe macht, wird Gott eher ein Wunder tun als ihr die Fähigkeit zur Ausführung dieser Aufgabe versagen, da sie ja nicht auf ihr eigenes Können baut, sondern

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infolge der hohen Meinung handelt, die sie von den ihr zuteil gewordenen Gaben Gottes hat. Sie sagt sich: Wenn Gott mich schon zu einem so hohen Stand der Vollkommenheit berufen hat, daß es hienieden keinen höheren gibt, was kann mich daran hindern, ihn auch zu erreichen, habe ich doch die Zuversicht, „daß, der das gute Werk angefangen,“ es auch „vollenden wird“ (Phil 1,6). Seid aber darauf bedacht, das alles ohne Überhebung zu tun; wir können sehr wohl auf Gott vertrauen und zugleich aus Furcht zu fallen recht auf der Hut sein. Gerade dieses Gottvertrauen soll uns dazu bewegen, uns in acht zu nehmen, sowie wachsam und sorgsam alles aufzugreifen, was unsere Heiligung fördert und uns vorwärts bringt. Demütig sein heißt nicht nur, sich mißtrauen, es heißt auch: auf Gott vertrauen. Aus diesem Mißtrauen gegen uns und die eigene Kraft erblüht das Vertrauen auf Gott, aus diesem Vertrauen wiederum die Hochherzigkeit, von der wir reden. Die allerseligste Jungfrau gibt uns hierin ein sehr bedeutsames Beispiel: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn,“ so nennt sie sich selber. Das ist ein Akt allergrößter Demut. Er ist umso größer, als sie ihre Niedrigkeit den Lobsprüchen des Engels entgegenhält, der ihr verkündet, daß sie die Mutter Gottes wird und das Kind in ihrem Schoß „Sohn des Allerhöchsten“ genannt werden soll, ja allen Lobpreisungen und dieser unausdenkbar hohen Würde ihre Geringheit und Unwürdigkeit gegenüberstellt, da sie sich als die „Magd des Herrn“ bezeichnet. Nachdem sie aber so der Demut Genüge getan, schwingt sich ihre Seele allsogleich zu einem herrlichen Akt der Hochherzigkeit auf – beachtet das wohl – und sie spricht: „Mir geschehe nach deinem Wort!“ Sie wollte damit sagen: Schau ich auf das, was ich aus mir selber bin, so muß ich meine Untauglichkeit für eine solche Gnade bekennen; schaue ich aber auf das Gute in mir, das ich von Gott habe, und auf den hochheiligen Willen Gottes, der in deinen Worten ausgesprochen ist, so glaube ich, daß es sein kann und sein wird. So antwortet sie denn ohne das geringste Bedenken: „Mir geschehe nach deinem Wort.“ 4. Wenige erwecken Akte der Reue so, wie sie sein sollen. Wohl demütigen wir uns vor der göttlichen Majestät, schämen uns auch ob unserer großen und vielfachen Untreue; wir kommen aber zu keinem Akt des Vertrauens, der unseren Mut zu beleben vermag kraft der festen Hoffnung, daß uns Gott in seiner Güte die Gnade geben wird, nunmehr gewissenhafter zu sein und seiner Liebe treuer zu entsprechen. Auf

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diesen Akt des Vertrauens müßte sogleich der Akt der Hochherzigkeit folgen, etwa in dieser Weise: Ich weiß gewiß, daß die Gnade mir nie fehlen wird, und deshalb glaube ich auch, daß Gott nicht zulassen wird, daß ich der Gnade nicht entspreche. – Man kann nun einwenden: „Wenn ich mich der Gnade entziehe, wird sie mir entzogen.“ – Das ist freilich richtig. – „Jedoch, wenn ich mich ihr bisher so oft entzogen, wer gibt mir Gewißheit, daß es in Zukunft nicht wieder geschehen wird?“ – Die hochherzige Seele redet nicht so, sie sagt vielmehr: „Nein, ich werde Gott nicht mehr untreu sein.“ Sie ist sich ja ihres festen Willens bewußt, nicht mehr untreu zu werden; somit unternimmt sie furchtlos alles, ohne irgend etwas auszunehmen, was sie als Gott wohlgefällig erkennt. Und während sie all dies unternimmt, ist sie davon überzeugt, auch alles zu können, zwar nicht aus sich, sondern aus Gott, auf den sie ihr ganzes Vertrauen wirft, für den sie alles tut und in Angriff nimmt, was ihr aufgetragen oder geraten wird. 5. Ihr fragt, ob ihr also niemals daran zweifeln dürft, wirklich alles ausführen zu können, was man von euch verlangt. Ich antworte mit Nein. Die Hochherzigkeit verbietet es. Allerdings müssen wir hier, wie ich schon oft erklärt habe, den Unterschied zwischen dem höheren und niederen Seelenbezirk zu Hilfe nehmen. Im höheren Seelenteil dürfen wir nicht zweifeln. Es ist sehr wohl möglich, daß im niederen Seelenteil eine Menge Bedenken auftauchen und es uns schwer wird, das übertragene Amt anzunehmen. Die hochherzige Seele lacht aber über all das und kümmert sich nicht darum, sie macht sich in aller Einfachheit ans Werk und läßt sich das Gefühl der Unfähigkeit in keiner Weise anmerken, weder durch ein Wort noch durch irgend eine Handlung. – Wir anderen aber sind nur allzu gern bereit, allen zu zeigen, daß wir sehr demütig sind und eine recht geringe Meinung von uns haben usw. Das ist aber nichts weniger als Demut. Echte Demut fügt sich dem Urteil jener, die uns nach Gottes Willen führen sollen. In der „Anleitung zum frommen Leben“ habe ich ein sehr beachtenswertes Beispiel angeführt, das gut hierher paßt: König Ahas (Jes 7,312) war in große Furcht geraten, denn zwei andere Könige, die Jerusalem belagerten, hatten ihm einen blutigen Krieg aufgezwungen. Da befahl Gott dem Propheten Jesaja, zu Ahas zu gehen und ihn in seinem Namen zu trösten, ihm den Sieg und den Triumph über seine Feinde zu verheißen. Und Jesaja sagte zu Ahas: „Erbitte von Gott ein Zeichen am Himmel oben oder unten in der Tiefe des Meeres,“ er wird es dir ge-

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ben. Ahas aber zweifelte an der Güte und Freigebigkeit Gottes und sagte: Nein, „ich werde“ das nicht tun, ich will „den Herrn nicht versuchen“. Der Bösewicht sagte das aber nicht aus Ehrfurcht vor Gott, er sagte es im Gegenteil, weil er Gott, der in jener Zeit durch Wunder verherrlicht werden wollte, die Ehre verweigerte. Er lehnte es ab, sich ein Zeichen zu erbitten, wie Gott ihm angeboten hatte, und beleidigte so Gott, weil er dem Propheten, der zu ihm gesandt worden war, Gottes Willen kundzutun, den Gehorsam verweigerte. Wir dürfen also nie daran zweifeln, daß wir auch ausführen können, was man von uns verlangt, denn unsere Vorgesetzten wissen, was wir zu leisten imstande sind. – Ihr meint, daß eure Oberen von so mancher eurer Unzulänglichkeiten und von euren großen Mängeln keine Ahnung haben und nur nach dem äußeren trügerischen Schein urteilen. – Nein, man braucht euch keinen unbedingten Glauben zu schenken, wenn ihr in einem Anfall von Mutlosigkeit von eurer Armseligkeit und von euren vielen Mängeln redet, wie man euch ja auch nicht für vollkommen zu halten braucht, wenn ihr nicht von euren Fehlern sprecht. Jeder ist doch gewöhnlich so, wie er sich gibt. Die Tugend offenbart sich in der Treue, sie zu üben, unsere Schwächen kommen auch in unseren Handlungen zum Vorschein. Wer nicht gerade verschlagen ist, wird wohl kaum seine Vorgesetzten täuschen. Ihr sagt aber, es hat doch Heilige gegeben, die sich gegen die ihnen zugedachte Aufgabe ganz entschieden gesträubt haben. Gewiß, das taten sie aber nicht nur auf Grund ihrer niederen Selbsteinschätzung. Sie schlugen vielmehr die Ämter hauptsächlich deshalb aus, weil sie sahen, daß man sie ihnen auferlegen wollte nur wegen äußerer Tugendübungen wie Fasten, Almosen, Bußübungen und Kasteiungen, daß man sich aber dabei nicht auf die echten innerlichen Tugenden stützte, die sie unter ihrer Demut zu verbergen und zu verstecken wußten; sie wurden von Leuten gesucht und überlaufen, die sie nur vom Hörensagen kannten. – In ähnlichen Fällen könnte schon ein Widerstand berechtigt sein. Wißt ihr aber, bei wem? Nun z. B. bei einer Schwester aus dem Kloster zu Dijon, der eine Oberin von Annecy, ohne sie je gesehen und gekannt zu haben, befehlen wollte, das Amt einer Oberin anzutreten. Eine Schwester des hiesigen Klosters aber dürfte sich im höheren Teil ihrer Seele nie bemüßigt fühlen, Gegengründe vorzubringen, weil ihr diese Ernennung widerstrebt. Sie müßte vielmehr dieses Amt so seelenruhig und tapfer auf sich nehmen, als wenn sie sich ganz dafür geeig-

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net hielte. Aber ich merke schon die List der Eigenliebe: Wir haben Angst, aus dieser Sache wenig ehrenvoll hervorzugehen, wir sind so sehr auf unseren guten Ruf erpicht, daß wir in unserem Amt schon gleich Meister sein wollen, denen niemals etwas daneben geht, beileibe nicht einfache Lehrlinge. 6. Ihr versteht nun wohl im Großen und Ganzen, was Starkmut und Hochherzigkeit ist; zwei Tugenden, die wir so gerne hier sehen möchten, damit all die kindischen Fadheiten und Rührseligkeiten von hier verschwänden, die uns auf dem Weg zur Vollkommenheit nur aufhalten und am Vorwärtskommen hindern. Der Nährboden für diese Weichlichkeiten sind die sinnlosen Grübeleien, die man besonders gerne anstellt, wenn man auf seinem Weg in einen Fehler hineingestolpert ist. Ganz fällt man ja hier durch Gottes Gnade nicht, wir haben es wenigstens noch nicht gesehen, es kommt nur vor, daß man strauchelt. Statt sich nun ganz ruhig zu demütigen und wieder mit neuem Mut zu erheben, grübelt man über seine Armseligkeit nach und bemitleidet sich: „Ach, wie elend bin ich daran, ich bin wirklich zu nichts nutz.“ Schon kommt die Mutlosigkeit dazu und man sagt sich: „Es hat keinen Sinn, daß ich mir noch Hoffnung mache, es wird ja doch nichts mehr aus mir. Wozu soll man sich mit mir noch abgeben, es ist ja doch nur verlorene Zeit!“ Wir möchten dann fast, daß man uns wirklich stehen ließe, wie wenn man davon überzeugt wäre, daß mit uns nichts zu machen ist. Mein Gott, wie fern liegen doch alle diese Dinge einer hochherzigen Seele, die die richtige hohe Einschätzung der ihr von Gott gewordenen Güter besitzt! Sie regt sich weder über die Schwere noch über die Größe der Aufgabe auf, noch über die lange Zeit, die sie erfordert, noch über die Verzögerung der Vollendung des Werkes, das sie unternommen hat. 7. Die Töchter der Heimsuchung sind alle zu einer hohen Vollkommenheit berufen; das, was sie unternommen haben, gehört zum denkbar Höchsten und Größten. Sie wollen ja nicht nur mit dem göttlichen Willen ganz eins werden, – denn das sollen alle Christen anstreben – sie wollen auch noch in Gottes Wünschen und Absichten aufgehen, sogar bevor sie ihnen bekannt sind. Und könnten sie sich noch etwas Vollkommeneres ausdenken, gäbe es eine noch höhere Stufe der Vollkommenheit als das Aufgehen in Gottes heiligem Willen, in seinen Wünschen und Absichten, so würden sie auch das sicher anstreben, sind sie ja ihrem Beruf nach zum Höchsten verpflichtet. Es muß also

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hier der Geist einer kraftvollen und hochgemuten Frömmigkeit herrschen, wie ich schon oft betont habe. 8. Eine hochgemute Seele nimmt ferner geistliche Dürre ebenso willig entgegen wie die Wonnen geistlicher Freude, innere Schwierigkeiten, Trostlosigkeit und Niedergeschlagenheit, so erdrückend sie auch sein mögen, ebenso willig wie feurige Begeisterung, begleitet von sichtbarem Erfolg, von innerlicher Ruhe und von Seelenfrieden. Sie weiß ja, es ist ein und derselbe Herr, der ihr Freuden wie Leiden schickt; sie weiß, es ist dieselbe ganz große Liebe, die ihn dazu treibt, da er sie durch Seelenleid und Geistesnacht zu einer hohen Vollkommenheit emporreißen will, zum Verzicht auf alle geistlichen Freuden in dieser Welt. Sie ist davon überzeugt, daß er, der sie jetzt dieser geistlichen Freuden beraubt, sie ihr im Himmel auf ewig wiedergeben wird. Ihr sagt, daß ihr während dieser geistigen Dunkelheit nicht imstande seid, solchen Gedanken nachzugehen; es scheint euch, als könntet ihr dem Heiland kein einziges Wort sagen. – Ihr sagt ganz richtig: es scheine euch, denn in Wirklichkeit ist es nicht so. Das Konzil von Trient hat dahin entschieden und wir müssen es glauben: Gott zieht sich nie ganz zurück, seine Gnade verläßt uns nie ganz, sodaß wir immer beteuern können, daß wir trotz all der inneren Verwirrung ganz nur ihm gehören und ihn nicht beleidigen wollen. Freilich spielt sich das alles nur im höheren Teil der Seele ab, der niedere merkt von diesem Vorgang nichts. Da ist es immer noch Nacht, und so wird die Seele unruhig und hält sich für minderwertig; sie fängt dann an, sich zu bemitleiden, als ob dies etwas besonders Klagenswertes wäre, wenn wir einmal der geistlichen Freude beraubt sind. Ach, bedenken wir doch, wie unvergleichlich schwer sich Unser Herr und Meister von inneren Leiden quälen lassen wollte! Hört, was er am Kreuzesstamm ausruft: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen!“ Tiefste Not umfängt ihn, nur die Spitze seiner Seele ist noch nicht in Qual getaucht. Nur mühsam spricht er, aber er spricht doch zu Gott und zeigt uns so, daß es auch uns in solcher Lage nicht unmöglich sein wird. Man fragt, was in solcher Gemütsverfassung das Bessere ist, mit Gott von seinem Leid und Elend oder von Anderem zu sprechen. Ich antworte: In dieser Verfassung und auch in anderen Versuchungen ist es besser, das Gemüt zu beruhigen, den Geist von seinem Leid und von seiner Unruhe abzulenken und daher mit Gott von anderen Dingen als von

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seinem Leiden zu reden. Handeln wir anders, so vergrößern wir nur das Leid durch dieses weichliche Bemitleiden unser selbst; wir können ja naturgemäß unser Leid nicht ansehen, ohne über uns selbst Mitleid zu empfinden. Ihr meint, wenn ihr auf euer Leid nicht achtet, dann werdet ihr auch nicht daran denken, mit dem Heiland darüber zu reden. Was verschlägt’s? Wir machen es geradeso wie ein Kind, wenn es eine Biene gestochen hat. Gleich läuft es zur Mutter, die es bemitleiden und selbst auf sein Wehweh blasen muß, das es ja schon längst nicht mehr spürt. So laufen auch wir zur Würdigen Mutter, um ihr zu klagen, daß wir so schwer leiden; wir vergrößern noch unser Leid, während wir die kleinste Einzelheit erzählen, ohne auch nur den geringsten Umstand zu vergessen, der uns ein wenig Mitleid eintragen könnte. Was sind das doch für Kindereien! Sind wir in irgend einer Sache untreu gewesen, dann gestehen wir es ruhig ein; haben wir uns nichts vorzuwerfen, so sagen wir das auch mit wenigen Worten und ohne Übertreibung, weil wir ja unseren Vorgesetzten Offenheit schulden. 9. Da sagt eine Schwester, es kämen ihr Bedenken, wenn sie eine zornige Aufwallung oder irgend eine andere Versuchung nicht beichtet. Nun, wenn man dem Beichtvater eine Übersicht über sein Seelenleben geben will, ist es wohl gut, auch dies zu berichten, aber nicht als Stoff für die Beichte, sondern um darüber belehrt zu werden, wie man sich bei solchen Schwierigkeiten verhalten soll, vorausgesetzt, daß man nicht ganz sicher weiß, ob man nicht doch ein wenig eingewilligt hat. Denn wollte man beichten, daß man zwei Tage lang stark zum Zorn versucht war, aber nicht nachgegeben hat, dann würde man ja keine Sünde bekennen, sondern einen Tugendakt. – Aber ich weiß nicht recht, ob ich nicht vielleicht doch nachgegeben habe. – Nun, dann untersucht man reiflich, ob ein Zweifel begründet ist. Vielleicht hat man sich während dieser zwei Tage eine Viertelstunde lang weniger gut gehalten. Ist es so, dann sagt man ganz einfach, daß man eine Viertelstunde lang im Unterdrücken des Zornes nachlässig war. Daß die Versuchung zwei Tage anhielt, braucht man nicht zu sagen, es sei denn, daß man von seinem Beichtvater einen Rat wünscht oder eine eingehendere Rechenschaft ablegen will; dann ist es gewiß vorteilhaft, davon zu sprechen. Bei gewöhnlichen Beichten bleibt es aber besser unerwähnt, denn das Reden darüber dient meist nur der eigenen Befriedigung. Und fällt es etwas

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5. Hochherzigkeit

schwer, darüber zu schweigen, so nehme man das hin wie alles andere, was sich nicht ändern läßt. Es lebe Jesus, die glorreiche Jungfrau und der große hl. Josef!

87 6. Gespräch Tugend Über die Neugründungen und die Tugend der Hoffnung.1

1. Unter den Tugenden, welche die Heiligen dem Patriarchen Abraham nachrühmen, hebt der hl. Paulus besonders die Hoffnung hervor: Abraham „hoffte wider alle Hoffnung“, sagt der Apostel im Römerbrief (4,18). Gott hatte ihm verheißen, daß er seine „Nachkommenschaft mehren“ werde „wie die Sterne des Himmels und den Sand am Meer“ (Gen 15,5; 22,17). Und dennoch gibt er ihm den Befehl, seinen Sohn Isaak zu töten (Gen 22,2). Abraham verliert die Hoffnung nicht; „wider alle Hoffnung“ hofft er, daß Gott sein Wort halten werde, auch wenn er den Sohn tötet, wie ihm befohlen wird. Wahrlich eine starke Hoffnung, für die der Vater keine andere Stütze hat als eben das Wort Gottes. Ja, ein Felsengrund ist Gottes Wort; denn es trügt nicht. Abraham zieht also fort, den Willen Gottes zu tun, und er tut es mit einer Einfachheit, die ihresgleichen sucht. Gott hatte ihm vorher den Befehl gegeben, aus seinem Land, von seiner Sippe weg an den Ort hinzuziehen, den er ihm angeben werde (1.Mos12,1); er kennzeichnet diesen Ort nicht näher, damit Abraham sich einfach blindlings der göttlichen Vorsehung überlasse. Abraham hatte kein Bedenken geäußert, kein Wort der Widerrede gesagt. So auch jetzt nicht, da ihm Gott befahl, Isaak zu opfern. Während die beiden nun drei Tage und drei Nächte dahinzogen, fragte Isaak, der das Holz für das Brandopfer trug, den Vater, wo denn das Schlachtopfer sei. Abraham antwortete: „Gott wird dafür sorgen, mein Sohn“ (Gen 22,6-8). Was für ein Glück wäre es doch für uns, wenn auch wir uns daran gewöhnen könnten, unser Herz, sooft es erregt ist, mit diesem „Gott wird dafür sorgen“ zu beruhigen, um dann ebenso frei von Angst, Aufregung und Unrast zu sein wie Isaak, der nichts mehr erwiderte, weil er fest glaubte, daß Gott „dafür sorgen“ würde, wie der Vater gesagt. Ja, Gott verlangt von uns schon ein ganz großes Vertrauen auf sein väterliches Sorgen, auf seine göttliche Fürsorge. Aber warum sollten wir ihm nicht vertrauen, da er noch keinen getäuscht? Es hat noch keiner sein Vertrauen auf Gott gesetzt, ohne reiche Frucht dieses Gottvertrauens zu empfangen. Ich sage dies hier für uns, denn bei Welt-

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kindern ist das Vertrauen oft vermessen und daher in den Augen Gottes wertlos. Bedenken wir, was unser Herr und Meister die Apostel lehrt, um sie zu diesem reinen und liebenden Vertrauen zu erziehen: „Als ich euch aussandte ohne Beutel und Tasche,“ ohne Geld, ohne Mundvorrat und Kleider, „hat euch etwas gemangelt?“ Und sie antworten: „Nichts!“ (Lk 13, 35). Also „sorgt euch nicht um das, was ihr essen und trinken, noch was ihr anziehen mögt“ (Lk 12,22). Und wo immer ihr hinkommt, „sorgt auch nicht, was ihr vor den Obrigkeiten“ und den hohen Herren reden sollt; denn immer und überall wird euch der himmlische Vater mit allem versorgen, „wessen ihr bedürft“ (Lk 12,10; Mt 10,20). Sorgt euch also nicht, was ihr reden sollt. Nun sagt da eine Schwester: „Ja, ich bin aber so ungebildet, ich kann mit so hohen Herrschaften nicht umgehen, ich weiß und kann nichts.“ – Kümmere dich nicht darum! Geh nur und vertrau auf Gott. Er hat doch gesagt: Und selbst wenn „ein Weib ihres Kindes vergäße, so werde ich doch deiner“ nicht vergessen. Er hat uns in sein Herz hineingebettet und „in seine Hände hineingeprägt“ (Jes 49,15 f). Glaubt ihr denn, daß Er der für „die Vögel des Himmels und die Tiere der Erde, die nicht säen und nicht ernten“ (Mt 6,26; Lk 12,24), so gut sorgt, je vergäße, den Menschen, der sich ganz auf ihn verläßt, mit allem zu versorgen, wessen er bedarf? Den Menschen, dem er die Fähigkeit gegeben, mit ihm, dem höchsten Gute, vereint zu werden? 2. Meine lieben Schwestern, für euren Abschied scheinen mir das die rechten Gedanken! Wohl steht euch Frauen die Apostelwürde nicht zu, aber zum Apostelamt seid ihr befähigt, da ihr doch Apostelverdienste ernten könnt. Das Wort: „Verdienst“ möchte ich freilich unter uns nicht viel gebrauchen; als Aufmunterung zum Guten widerstrebt es mir; darum sage ich lieber: auch ihr könnt Gott in gewissem Sinne ebensoviele Dienste leisten und ebensoviel zu seiner Verherrlichung beitragen, wie die Apostel. Meine lieben Töchter, ihr habt wahrlich allen Grund, euch von Herzen darüber zu freuen, daß sich Gott euer für ein so hervorragendes Werk bedienen will; ihr habt allen Grund, euch als hochgeehrt von seiner göttlichen Majestät anzusehen, da Gott von euch dasselbe erwartet, was er auch von seinen Aposteln verlangt und wozu er sie in die Welt ausgesandt hat, dasselbe, wozu der Herr selbst in die Welt gekommen ist. Er kam, den Menschen „das Leben“ zu geben (Joh 20,21). Und nicht nur einfach „das Leben“, sondern ein „überreiches“,

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ein besseres Leben durch die Gnade, die er ihnen schenken will. Die Apostel wurden mit dem gleichen Auftrag in alle Welt gesandt, denn der Herr sprach zu ihnen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“; geht, bringt den Menschen das Leben (Joh 20,21). Es soll euch aber nicht genug sein, daß sie durch die Lehre, die ihr ihnen mitteilen werdet, ein reicheres Leben gewinnen. Sie werden das Leben haben, wenn sie an meine Worte glauben, die ihr ihnen erschließt; sie werden das Leben in reicher Fülle besitzen, wenn ihr ihnen meine Lehre vorlebt. Kümmert euch nicht darum, ob euren Mühen die reiche Ernte beschieden wird, die ihr erwartet. Von euch verlangt man nur das Bestellen des ausgedorrten, unfruchtbaren Erdreiches, nicht den Ertrag. Man fragt nicht, ob ihr geerntet, sondern nur, ob ihr euch um sorgfältige Aussaat bemüht habt. Meine geliebten Töchter, auch ihr werdet jetzt, gleich den Aposteln, hierhin und dorthin entsandt, damit die Seelen „das Leben haben“ und ein reiches Leben erwerben. Was wird denn eure Aufgabe sein? Anderen Menschen Kenntnis zu geben vom Vollkommenheitsstreben in eurer Genossenschaft und durch diese Kenntnis viele für eure Lebensweise zu gewinnen. Aber sagt mir, wenn ihr auch nicht predigt, noch die heiligen Sakramente spendet, noch von Sünden lossprecht, wie die Apostel getan, teilt ihr nicht dennoch den Menschen das Leben mit? Oder besser gesagt, spendet ihr nicht das Leben so und sovielen jungen Seelen, die von eurem Beispiel angezogen vielleicht jetzt nach Hunderten ins Kloster kommen, – Seelen, die draußen in der Welt zugrunde gegangen wären, nun aber im Himmel einmal ewig, ewig selig sein werden? Seid ihr ihnen nicht Mittlerinnen zu diesem Leben, das vollkommener und Gott wohlgefälliger ist und das sie mehr und mehr befähigen wird, in Gottes Güte vollkommener aufzugehen? Ihr werdet sie ja in der echten und reinen Gottesliebe unterweisen und damit zu jenem überreichen Leben hinführen, das Christus den Menschen gebracht hat: „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu bringen, und was will ich anderes, als daß es brenne?“ (Lk 12,4). Und anderswo (Lev 5,12): „Das Feuer auf dem Altar soll immerfort brennen,“ es darf niemals ausgelöscht werden. Er will also, daß auf dem Altar unseres Herzens immerfort das Feuer seiner Liebe lodere. Der Herr macht euch zu Aposteln; die Apostelwürde fällt euch zwar nicht zu, aber die Apostelarbeit und das Apostelverdienst. Was für eine große Gnade ist das, meine lieben Schwestern! Ihr werdet zwar nicht

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predigen, das ist nicht Sache der Frauen, wenngleich die hl. Magdalena und ihre Schwester es getan; dafür leistet ihr aber, wie ich soeben ausgeführt habe, apostolische Tätigkeit in der Ausbreitung eurer Kongregation und der klösterlichen Lebensweise. 3. So geht denn, das auszuführen, wozu euch Gott berufen hat. Geht voll Mut! Geht in aller Einfalt! Überfallen euch Ängste, dann ruft eurer Seele zu: „Gott wird dafür sorgen“ (Gen 22,8). Quält euch der Gedanke an das eigene Unvermögen, so flüchtet zu Gott, vertraut euch ihm an! Die Apostel waren fast alle ungelehrte Fischer; Gott heiligte aber jeden nach der ihm zuerteilten Aufgabe. Vertraut auf ihn, stützt euch auf die göttliche Vorsehung und fürchtet euch vor nichts! Sagt nicht: „Mir fehlt die Gabe der geschickten Rede!“ Es liegt nichts daran. Geht ruhig voran, ohne euch abzusorgen, ohne darüber nachzugrübeln; Gott wird euch zu rechter Zeit sagen, was ihr reden, er wird euch zeigen, was ihr tun sollt. Fehlt es euch an Tugend oder seht ihr keine an euch, so seid nicht darum bekümmert. Wenn ihr im Gehorsam und zur Ehre Gottes daran geht, Seelen zu führen oder eine andere Aufgabe zu bewältigen, dann wird auch Gott für euch sorgen, ja er ist dann geradezu verpflichtet, euch alles zu geben, was ihr für euch selber und für die Seelen braucht, die er euch anvertrauen wird. Was ihr da unternehmt, ist freilich eine Sache von hoher Wichtigkeit und weittragender Bedeutung; es wäre aber falsch, am glücklichen Gelingen zu zweifeln. Ihr tut es ja im Gehorsam und nicht aus eigenem Antrieb. Grund zur Furcht müßten wir nur dann haben, wenn wir Ämter und Würden inner- oder außerhalb des Ordens angestrebt und auch infolge unserer Bemühungen erhalten hätten. Ist dies aber nicht der Fall gewesen, dann wollen wir demütig unseren Nacken unter das Joch beugen und gerne die Bürde auf uns nehmen. Demütigen wir uns, denn das dürfen wir nie unterlassen; bauen wir aber immer auf die Akte der Demut die Tugend der Hochherzigkeit auf, sonst sind sie wertlos. Es liegt mir außerordentlich viel daran, euch diese ungemein wertvolle Parole ins Herz hineinzugraben: Nichts verlangen – nichts abschlagen! Nehmt an, was man euch gibt, und verlangt nicht, was man euch nicht gibt. Handelt ihr so, dann „werdet ihr Ruhe finden für eure Seele“ (Mt 11,29). Ja, meine lieben Schwestern, festigt euer Herz in dieser heiligen Gelassenheit, nehmt alles an, was man euch geben wird, und verlangt nicht nach dem, was man euch nicht geben will. Mit einem Wort, laßt alles Wünschen, übergebt vielmehr euch und all eure An-

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gelegenheiten ganz und gar der göttlichen Vorsehung. Laßt sie mit euch schalten und walten, wie sie will, so wie die Kinder sich ganz dem Belieben ihrer Amme überlassen. Mag euch die Vorsehung auf den rechten oder linken Arm nehmen, laßt sie tun, was ihr beliebt; Kindern ist dies ja auch ganz gleichgültig. Mag sie euch hinlegen oder aufheben, laßt sie nach ihrem Gutdünken handeln. Sie ist eine gute Mutter und weiß besser als ihr selbst, was euch frommt. Damit will ich sagen: Läßt euch die göttliche Vorsehung Leiden, Widerwärtigkeiten und Prüfungen zukommen, so weist sie nicht ab, nehmt alles gerne, ruhig und in Liebe an. Schickt sie euch keine Leiden, läßt sie auch keine an euch herankommen, dann wünscht sie nicht und verlangt nicht danach. Dasselbe gilt für geistliche Freuden; nehmt sie dankbar an, wenn sie euch zufließen, sehnt euch aber nicht danach, wenn sie ausbleiben. Bemüht euch vielmehr, soweit es möglich ist, euer Herz in der steten Bereitschaft zu halten, alles willig hinzunehmen, was euch die göttliche Vorsehung schickt. Wir dürfen nicht vergessen, daß in uns ein doppelter Wille ist. Den einen, der zur Sinnlichkeit hinzieht, dürfen wir nicht einmal beachten. Verlangt man im Orden etwas von uns, was Gefahren in sich birgt, z. B. das Amt einer Oberin anzunehmen, so lehnen wir es nicht ab. Verlangt man es nicht von uns, so sehnen wir uns auch nicht danach. Haltet es so in allem. Wer nicht schon selber die Erfahrung gemacht hat, glaubt es nicht, wie viel man mit diesem „Nichts verlangen – nichts abschlagen“ für seine Seele gewinnt. Man verliert dann nicht seine Zeit mit Herumsuchen nach immer neuen Mitteln zur Vollkommenheit, sondern hält sich einfach und gewissenhaft an die, die man auf seinem Weg findet. 4. Wie ich so an euren Abschied dachte und an den unvermeidlichen Schmerz, der damit für euch verbunden ist, kam mir der Gedanke, euch etwas zu sagen, was diesen Schmerz doch etwas lindern könnte. Gewiß will ich damit nicht sagen, daß ihr nicht ein wenig weinen dürft. Ihr könnt ja eure Tränen nicht zurückhalten. Seid ihr doch so lange friedlich und liebevoll vereint gewesen im gleichen Tun und Lassen, – und das hat eure Herzen so aneinander gekettet, daß eine Trennung euch fast undenkbar dünkt. Nun, meine lieben Töchter, dieser Abschied ist auch keine Trennung, denn alle zieht ihr hinaus und alle bleibt ihr hier. Die Fortziehenden

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verweilen hier in den Zurückbleibenden und diese ziehen hinaus in der Person der Scheidenden. Diese durch die Liebe hervorgebrachte heilige Einheit ist eine der wesentlichen Früchte des Ordenslebens. In diesem innigen Einssein werden die vielen Herzen ein Herz, werden die vielen Glieder ein Leib (Apg 4,32). Der Ordensstand bildet aus allen Ordensleuten eine solche Einheit, daß sie alle zusammen wie eine Ordensperson sind. So seid ihr, meine lieben Schwestern, alle Oberin in der Person der Oberin, Köchin in der Person der Köchin, Sakristanin in der Person der Sakristanin, und so ist es mit allen Ämtern. Die Laienschwestern singen das Offizium in der Person der Chorschwestern und diese richten die Speisen her in der Person jener, die dafür bestimmt sind. Warum ist das so? Nun, aus dem einfachen Grund, weil die einen nicht das Offizium singen könnten, wären die anderen nicht bei der Hausarbeit. Gäbe es keine Küchenschwestern, so müßten eben die Chorschwestern kochen. Und wäre die eine Schwester nicht die Oberin, so wäre es eben eine andere. Genau so bleiben also die Fortziehenden hier und die Hierbleibenden ziehen fort. Denn könnten die zum Fortreisen bestimmten Schwestern es nicht tun, so müßten statt ihrer jene fortziehen, die jetzt dazu bestimmt sind, hier zu bleiben. Aber vor allem gehen oder bleiben wir ebenso gerne, meine lieben Töchter, weil wir die absolute Gewißheit haben, daß es sich zwischen uns nur um eine räumliche Trennung handelt, da wir im Geiste unlöslich vereint sind. Was bedeutet räumliche Trennung? Einmal müssen wir voneinander gehen, ob wir wollen oder nicht. Zu fürchten wäre nur das eine, daß die Herzen nicht mehr zueinander fänden, daß keine Einigkeit der Seelen zustande käme. Wir aber, wir werden nicht nur immer ganz innig miteinander verbunden bleiben, sondern vielmehr durch das zarte und innige „Band der Liebe“ immer noch mehr ein Herz und eine Seele sein, und je mehr wir in der Vollkommenheit vorankommen, umso inniger wird diese unsere Verbundenheit. Je mehr wir der Vereinigung mit Gott fähig geworden, desto mehr werden wir ja auch untereinander eins sein. Jede heilige Kommunion macht diese Einigung vollkommener, weil wir durch die Vereinigung mit dem Heiland zu einer immer festeren Einheit werden. Darum wird auch der Empfang des Himmelsbrotes, dieses anbetungswürdigen Sakramentes, Kommunion, also Vereinigung genannt. Zwischen den Mitgliedern ein und desselben Ordens herrscht auch vollkommene Gemeinschaft, sodaß nicht nur die zeitlichen, sondern auch

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die geistlichen Güter gleichsam zusammengeworfen und Gemeingut aller werden. Die Ordensleute haben keinen persönlichen Besitz, da sie freiwillige Armut gelobt haben. Auch die Tugenden, guten Werke und Verdienste des einzelnen gehören allen insgesamt; ein jeder hat Anteil daran, wenn er nur in der Liebe bleibt und sich treu an die Regeln des Ordens hält, in den Gott ihn geführt hat. Wer also in der Küche oder sonst irgendwo beschäftigt ist, obliegt auch dem beschaulichen Gebet in der Person der betenden Mitschwestern, und wer sich gerade ausruht, hat Anteil an der Arbeit der Schwester, die im Gehorsam arbeitet. Seht, meine lieben Töchter, so ist dieses „Fortziehen und doch Hierbleiben“gemeint. Jetzt begreift ihr auch, warum ihr alle nicht nur heute, sondern bei allen Gelegenheiten tapfer gehorchen, aus Liebe gehorchen sollt. Haben doch die Zurückbleibenden Anteil an der Arbeit und den Früchten der Reise jener, die fortziehen, und die Scheidenden teilen die Ruhe und Beschaulichkeit der Mitschwestern, die daheimbleiben. 5. Meine lieben Töchter, zum Gehen wie zum Bleiben habt ihr viele Tugenden und großen Tugendeifer nötig. Die einen brauchen Mut und Gottvertrauen, damit sie gern und demütig das tun, was Gott jetzt von ihnen haben will. Sie werden so manchesmal Heimweh haben nach dem Haus, das ihre erste Heimat war, nach den Schwestern, die sie so lieb hatten, nach dem Gedankenaustausch, der ihnen so wohlgetan; sie werden Heimweh haben nach den Eltern, Verwandten und Bekannten, kurz nach all den Dingen, an denen unsere Natur zeitlebens hängt; sie werden sich zurücksehnen nach der ihnen so lieb gewordenen Geborgenheit. Aber auch die Schwestern, die hier bleiben, brauchen viel Mut, damit sie die Fügsamkeit, die Demut und die Gelassenheit beharrlich üben; Mut ferner zur ständigen Bereitschaft, auch ihrerseits hinauszuziehen, wenn der Ruf an sie ergeht. Ihr seht ja selbst, meine geliebten Töchter, daß unsere Kongregation wächst und die Niederlassungen sich mehren. Deshalb müßt ihr auch in allen Tugenden wachsen, müßt die Tugendakte vermehren und euren Mut stählen, um fähig zu werden, nach Gottes Willen Verwendung zu finden. Wenn ich so an die ersten Anfänge unserer Kongregation zurückdenke, scheinen sie mir die Geschichte Abrahams widerzuspiegeln. Gott hatte ihm verheißen, seine „Nachkommenschaft zu mehren wie die Sterne des Himmels und wie den Sand am Meer“. Dennoch befiehlt er ihm, den Sohn zu opfern, durch den ja gerade die Verheißung erfüllt

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werden sollte. Er aber zweifelt nicht, er „hofft wider alle Hoffnung“ und diese Hoffnung war nicht vergebens. – Nun, als die drei ersten Schwestern sich hier zusammenfanden, um die Lebensweise zu beginnen, die ihr jetzt führt, war es schon von Ewigkeit her der Plan Gottes, ihre „Nachkommenschaft“ zu segnen und in außerordentlicher Weise zu „mehren“. Wer hätte aber damals auf einen solchen Gedanken kommen können? Dachten wir uns doch, daß die Schwestern hier in diesem Häuschen, abgeschlossen von der Welt, für die Welt gestorben sein sollten. Und so wurden sie geopfert, vielmehr, sie opferten sich freiwillig. Gott freute aber dieses Opfer so sehr, daß er den Schwestern nicht nur ein neues „Leben gab“, sondern ein so „überreiches“ Leben, daß sie es mit der Gnade Gottes sogar noch anderen Seelen mitteilen können, wie wir es nun sehen. Bei diesen drei ersten Schwestern muß ich lebhaft an jene drei Getreidekörner auf dem Wagen des Triptolemus denken. Sie waren mit dem Stroh, das zur Verpackung der Waffen diente, in ein getreideloses Land gekommen. Dort säte man sie aus, sie gingen auf und vermehrten sich in solchen Mengen, daß schon nach wenigen Jahren überall Getreide angebaut werden konnte. Der liebe Gott hat nun in seiner Fürsorge diese drei Schwestern gleich Getreidekörnern mit seiner Segenshand in die Erde der Heimsuchung gesenkt, und nachdem sie dort einige Zeit der Welt verborgen waren, haben sie nun, wie wir sehen, viel Frucht gebracht; so viel Frucht, daß anscheinend bald alle Länder daran Anteil haben werden. Glücklich die Seele, die sich in Wahrheit und bedingungslos dem Dienst Gottes weiht; Gott läßt nicht zu, daß ihr Leben unfruchtbar und unnütz sei. Für ein Nichts, das sie aus Liebe zu Gott verläßt, wird ihr unermeßlicher Lohn in diesem Leben wie im Jenseits. Was für eine Gnade, wenn er sich unser bedienen will, um den Seelen zu helfen, die er so innig liebt, für deren Erlösung er so viel gelitten. Das ist eine ganz unvergleichlich hohe Auszeichnung, an der uns außerordentlich viel gelegen sein muß. Dient also eifrig den Seelen, scheut weder Arbeit, noch Mühe, noch Opfer! Für alles wird euch reichlicher Lohn. Aber nicht die Belohnung soll die treibende Kraft sein, sondern der Wunsch, Gott zu gefallen und ihn zu verherrlichen. 6. So zieht denn hin! Haltet tapfer fest an euren Übungen; untersucht nicht lange, ob ihr für die Aufgaben, die man euch zuweist, die nötigen Fähigkeiten besitzt. Es ist viel besser für uns, wenn wir sie an uns nicht

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sehen; wir bleiben dann demütig, überschätzen unsere Kraft nicht, überheben uns nicht und verlassen uns dafür um so mehr auf Gott. Bewähren wir uns in der Tugend, die wir gerade besonders brauchen, dann dürfen wir sicher sein, daß Gott uns zur rechten Zeit auch das Nötige gibt. Lassen wir alles Wünschen und Befürchten, überlassen wir uns dafür ganz der göttlichen Vorsehung, damit sie mit uns mache, was sie will. Wozu eher das eine als das andere wünschen? Sollte uns nicht alles gleichviel wert sein? Ihm angehören, seinen Willen lieben, das genügt, um ihm zu gefallen. Ich für meinen Teil verstehe nicht, warum wir uns zu einer Arbeit lieber hergeben als zur anderen, – im Kloster schon gar nicht. Der Gehorsam macht doch jedes Amt, jede Tätigkeit, jede Verrichtung in Gottes Augen gleich angenehm und gleich wertvoll. Hätten wir die Wahl, so müßten wir gerade die niedrigsten Arbeiten am liebsten tun, und wenn es die ekelhaftesten wären. Haben wir aber nicht die Wahl, dann tun wir alles gleich gern. Ist unser Amt ehrenvoll in den Augen der Welt, dann bleiben wir klein vor Gott. Und dünkt unser Amt der Welt verächtlich, dann sei es uns ein Ehrenamt vor Gott. Meine lieben Töchter, bewahrt meine Worte mit Liebe und Treue, ob sie nun eure seelische Haltung oder die äußeren Übungen betreffen. Wollt nur das, was Gott für euch will, und nehmt alle Äußerungen und alle Wirkungen dieses göttlichen Willens liebevollen Herzens entgegen, ohne euch um etwas anderes zu kümmern. 7. Was soll ich euch sonst noch sagen, meine lieben Schwestern? Liegt doch unser ganzes Glück in dieser Hingabe an Gottes Willen. Ich will mit einem Bild aus dem Alten Testament schließen: Die Israeliten waren lange Zeit ohne König gewesen, nun wollten sie plötzlich einen Herrscher haben. O kurzsichtiger Menschenverstand! War denn das Volk führerlos gewesen, hatte nicht Gott sich seiner angenommen, es geführt und verteidigt? Jetzt kamen sie zu Samuel, dem Propheten, und dieser versprach, einen König von Gott zu erbitten. Darob erzürnt, ließ aber der Herr den Israeliten sagen, daß sie den König zwar haben sollten, aber dieser werde sie mit Herrschergewalt regieren und ihre Söhne und Töchter wegnehmen; die Söhne werde er als Köche, Soldaten und Hauptleute verwenden, die Töchter als Köchinnen und Salbenbereiterinnen. Meine lieben Töchter, in ähnlicher Weise verwendet auch der Herr die Seelen, die ihm dienen wollen. In der Ordensgemeinschaft gibt es verschiedene Ämter und Berufe; ich möchte nun meinen, daß Gott die

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fortziehenden Schwestern dazu bestimmt hat, wohltuende Salben zu bereiten. Ja, gewiß! Er hat euch beauftragt, die Tugenden, die in eurer Kongregation gepflegt werden, gleich lieblichen Wohlgerüchen zu verströmen. Die Mädchen lieben Wohlgerüche gar sehr. Die Braut im Hohelied vergleicht den Namen ihres Bräutigams mit einem „Öl“, das überaus angenehmen Duft verbreitet, so köstlich ist er, daß „die Mägdlein“ ihm nacheilen (Hld 1,2). Verbreitet also, meine geliebten Schwestern, wo immer ihr hinkommt, die Wohlgerüche echter Demut, Sanftmut und Liebe, damit die Seelen, angelockt vom Duft, euch nacheilen und eure Lebensweise annehmen. Dann werden auch sie schon hier in der Zeit heiligen Herzensfrieden und liebegesättigte Ruhe genießen und in der Ewigkeit die Seligkeit ohne Ende. Eure Kongregation wurde neulich so trefflich mit einem Bienenstock verglichen. Ja, sie ist ein Bienenstock, der schon mehrere Schwärme ausgesandt hat. Ein Unterschied ist aber doch dabei: Das neue Bienenvolk fliegt aus, sich ein neues Reich zu gründen. Es wählt sich eine neue Königin, für die es kämpft und arbeitet. Ihr, meine lieben Töchter, zieht zwar in ein neues Bienenhaus, das heißt ihr gründet eine neue Niederlassung, doch euer König bleibt derselbe, es ist der gekreuzigte Herr Jesus Christus, unter dessen Herrschaft ihr überall wohl geborgen seid. Er bleibt euer König, solange ihr ihn haben wollt. Seid also unbesorgt, nichts wird euch fehlen. Sorgt nur dafür, daß ihr in der Liebe und Treue wachset. Haltet euch dicht an seiner Seite, dann wird alles recht werden. Laßt euch alles von ihm lehren, laßt euch in allem von ihm beraten. Er ist der treue Freund, der mit euch gehen wird, der euch lenken wird, der sich um euch annehmen wird. Von ganzem Herzen bitte ich ihn um diese Gnade.

97 7. Gespräch Die drei geistlichen Gesetze
Die Heilige Schrift berichtet, daß die Tochter Jiftachs sich von ihrem Vater eine Frist von zwei Monaten ausbat, um ihre Jungfrauschaft zu beweinen, bevor sie zum Tod geführt würde. Seitdem ist es unter den Töchtern Israels Brauch, alljährlich an bestimmten Tagen den Tod der Tochter Jiftachs zu beweinen (Ri 11,30-40). Und wollte man sie um den Grund ihres Wehklagens fragen, so würden sie sagen: Wir weinen, weil einstmals um dieselbe Zeit die Tochter Jiftachs geweint hat. Wir feiern alljährlich mit festlicher Freude den Tag der heiligen drei Könige und halten am althergebrachten frohen Brauch fest, uns an diesem Tag einen König zu wählen.1 Fragte man uns, warum wir das tun, so würden wir antworten: Wir geben unserer Freude Ausdruck, weil sich einst am selben Tag Unsere Liebe Frau und glorreiche Herrin über die Ankunft der heiligen drei Könige gefreut hat, die aus weiter Ferne gekommen waren, ihren Sohn anzubeten als den erhabenen Herrn und König der Welt. Heuer hat also mich das Los getroffen, euer König zu sein. So will ich euch denn schnell meine Gesetze geben, da doch meine Königswürde mit der Festoktav erlischt. – Sie haben für euch Geltung, bis ihr im nächsten Jahr von einem neuen König wieder neue Gesetze erhaltet. Als ich so hin- und herdachte, welche Gesetze ich wohl erlassen könnte, da fiel mein Blick auf das Evangelium des heutigen Tages, das die Taufe Jesu im Jordan und die Herabkunft des Heiligen Geistes in Gestalt einer Taube schildert. Ich überlegte, daß der Heilige Geist die Liebe des Vaters und des Sohnes ist und daß ich euch daher auch Gesetze geben muß, die ganz Liebe sind, Gesetze, die ich doch den Tauben entlehnen darf, da der Heilige Geist die Gestalt einer Taube angenommen hat – und Seelen, die der göttlichen Majestät dienen wollen, reinen, liebenden Tauben gleichen, weshalb im Hohelied die Braut auch oft „Taube“ genannt wird. Wie jedes Tier folgt auch die Taube ihren Gesetzen, die aber bei ihr ganz Liebe zu sein scheinen. Es ist eine Freude, sie zu beobachten. – Wie schön ist z. B. ihr Gesetz der Reinlichkeit. Gibt es ein reinlicheres Tier als die Taube? Wenn auch der Taubenschlag noch so schmutzig ist, eine unsaubere Taube hat man noch nicht gesehen, ihr Gefieder ist

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immer glatt und glänzend. Wie sagt uns doch auch ihr Gesetz der Einfalt zu, so sehr, daß der Heiland sie als Vorbild aufstellt: „Seid einfältig wie die Tauben und klug wie die Schlangen“ (Mt 10,16). Wie anziehend ist ihr Gesetz der Sanftmut; sie kennen nicht Gift und Galle. – So befolgen sie noch viele liebliche Gesetze, die für Seelen, die Gott im Kloster dienen wollen, recht nützlich wären. Es wird euch aber kaum darum zu tun sein, Gesetze, die ihr schon erhalten habt, neuerdings zu bekommen. So habe ich heute für euch nur drei Gesetze ausersehen, die euch einen großen Gewinn bringen werden, wenn ihr sie gut beobachtet, die auch der betrachtenden Seele ungemein zusagen, da sie ganz Liebe sind und das Feinste vom Feinen für die Vollkommenheit des geistlichen Lebens. Es sind sozusagen drei Geheimnisse und besonders wertvoll als Mittel für das Vollkommenheitsstreben, weil sie jenen, deren Lebensaufgabe gerade dieses Streben ist, weniger bekannt sind. Wie lauten also diese drei Gesetze?

I.
Das erste, das ich vorhabe, euch zu geben, heißt: lch will mich Gott hingeben, wie er sich mir ganz hingibt. 1. Betrachtet die Taube: Sie hat nur das eine Verlangen, alles für den Tauber zu tun: Sie denkt nicht an sich; sie weiß nur das eine: „Mein Geliebter ist ganz mein und ich bin ganz sein“ (Hld 2,16; 6,2; 7,10), er denkt stets an mich und ich verlasse mich auf ihn. Ich bin seiner sicher. Mag er fliegen, wohin er will, ich glaube an seine Liebe und Treue, ich überlasse mich ganz seiner sorgenden Liebe. Vielleicht habt ihr gesehen, wenn auch nicht beachtet, daß die Taube, wenn sie brütet, nie die Eier verläßt, bevor die Jungen ausgeschlüpft sind. Auch dann fliegt sie noch nicht vom Nest fort, sondern betreut die Jungen, solange sie es nötig haben. Sie holt nicht einmal für sich selber Futter, sondern überläßt diese Aufgabe dem Männchen, das sie treulich umsorgt, ihr nicht nur Körner, sondern auch Wasser im Schnabel bringt, damit sie nicht verdurstet; es nimmt sich rührend um sie an, damit ihr ja nichts abgehe. Es ist auch noch nie vorgekommen, daß eine Taube während der Brutzeit verhungert ist. Die Taube tut also alles dem Tauber zuliebe: Sie brütet die Eier aus und zieht die Jungen auf, während der Tauber sei-

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nerseits die Taube versorgt, die ihm alle Sorge um sie überläßt. Sie will nichts weiter, als ihm gefallen; er will nichts weiter, als sie versorgen. Dieses erste Gesetz, alles nur für Gott zu tun und ihm alle Sorge für uns zu überlassen, ist ebenso schön wie wertvoll für uns. Es gilt nicht nur für das zeitliche Leben, – hier ist es für uns ja eine Selbstverständlichkeit, – sondern auch für das geistliche Leben, für den Fortschritt der Seele in der Vollkommenheit. Seht, die Taube entfernt sich nicht von den Eiern, sie tut nur das, was der Tauber von ihr will, und der Tauber lohnt es ihr, indem er für sie sorgt, sodaß ihr nichts abgeht. – Wollten wir es doch auch so machen und alles für den Heiligen Geist, den Geliebten unserer Seele tun, wie glücklich könnten wir dann sein! Er würde so gut für uns sorgen; ja, je vertrauensvoller wir uns seiner Fürsorge überließen, desto aufmerksamer würde er uns mit allem versorgen, wessen wir bedürfen. Wir bräuchten keine Angst zu haben, daß uns je etwas abginge, er liebt ja mit unendlicher Liebe die Seele, die sich ihm ganz überläßt. – Die Taube, die ihren Tauber für sich sorgen läßt, lebt so glücklich, friedlich und ruhig dahin. Aber tausendmal glücklicher ist die Seele, die den Heiligen Geist für sie und für alles, was sie braucht, sorgen läßt, sie ist nur von dem einen Gedanken beseelt, dem Geliebten ihrer Seele zu gefallen, indem sie seine Gaben hütet und mit ihnen wirkt. Schon hier auf Erden wird ihr eine so köstliche Ruhe und Stille zuteil, wie sie die Welt nie geben könnte, ein Friede, der ein Vorgeschmack jenes Friedens im Himmel ist, wo sie in bräutlicher Umarmung die ganze Wonne der Vereinigung mit ihrem Gott genießen wird. 2. Die Taube brütet auf den Eiern, bis die Jungen ausgeschlüpft sind. So müssen auch wir unsere Vorsätze hüten und warm halten, bis sie ihre Wirkungen zeitigen, – und unter ihnen besonders einen Vorsatz, der in seiner Bedeutung alle anderen überragt und deshalb besonders gepflegt und umhegt zu werden verdient, wenn wir dem Heiligen Geist, dem Bräutigam unserer Seelen, der ganz Liebe und Güte für uns ist, gefallen wollen. Ich meine damit den Wunsch, der uns beseelte, als wir in den Ordensstand eintraten, das Verlangen nach Vollkommenheit, das ein Ast am Baum der Gottesliebe, ja ein Ast in seiner Krone ist. Dieses Verlangen darf aber nicht über die Mittel hinausgehen, die unsere Regeln und Satzungen vorschreiben. Sie weisen uns den Weg zur Vollkommenheit, die zu erstreben wir uns verpflichtet haben. So wollen wir denn dieses große Vorhaben unser Leben lang hüten und

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pflegen, damit unsere Seele sich umgestalte zu einem Geschöpf, ähnlich ihrem Vater, der die Vollkommenheit selber ist. – Dabei wollen wir aber den Tauben gleich auf unseren Eiern bleiben, d. h. uns mit den Mitteln begnügen, die uns für unsere Vervollkommnung vorgeschrieben sind, und alles Sorgen um uns dem Heiligen Geist, dem einzig Geliebten unserer Seele überlassen, der nicht zulassen wird, daß uns etwas von dem abgehe, was notwendig ist, um ihm wohlzugefallen. Wie traurig ist es, Seelen zu sehen, – und leider gibt es deren viele, – die nach Vollkommenheit streben wollen, es aber für das Wichtigste halten, recht viele und vielerlei Wünsche zu hegen. So fahnden sie nach allen möglichen Mitteln, versuchen bald dies, bald das, sind immer unzufrieden und kommen nie zur Ruhe. Kaum haben sie einen Wunsch, so lassen sie ihn auch schon wieder fallen und greifen einen anderen auf. – Die Hennen legen ein Ei nach dem anderen, brüten keines aus und so bekommen sie keine Küchlein. Die Tauben hingegen brüten ihre Eier aus und versorgen die Jungen, bis sie flügge sind und sich ihr Futter selber holen können. Und haben die Hennen einmal Küchlein, dann tun sie ganz aufgeregt und glucksen und lärmen in einem fort, während die Tauben sich ruhig und still verhalten, nicht gurren und nicht herumflattern. – So gibt es auch Menschen, die bei jedem ihrer Vorsätze ein großes Getue machen, ihn jedermann sagen müssen und jeden Nächstbesten fragen, ob er nicht neue Mittel wisse, um heilig zu werden. Kurz, vor lauter Reden über die Mittel zur Vollkommenheit vergessen sie ganz auf das wichtigste aller Mittel: Still sein und auf ihn sein ganzes Vertrauen werfen, der allein dem, was sie angebaut und gepflanzt haben, das Gedeihen geben kann (1 Kor 3,6 f). 3. Alles Gute in uns hängt von Gottes Gnade ab, auf sie müssen wir daher auch unser ganzes Vertrauen setzen. Menschen aber, die immer in fiebriger Hast sind, um soviel als möglich zu leisten, scheinen mehr auf ihre eigene Arbeit und auf diese vielen Übungen zu bauen. Sie glauben nie genug getan zu haben, – und damit haben sie eigentlich recht, nur dürfen sie dabei nicht die Ruhe verlieren, müssen alles mit recht liebevoller und gewissenhafter Sorgfalt tun und dabei immer von der Gnade und nicht von den Übungen und deren Erfolg abhängig bleiben, d. h. nicht den Erfolg von ihrer Arbeit allein, ohne Gottes Gnade, erhoffen. Seelen, die auf der Suche nach Vollkommenheit so geschäftig tun, scheinen nicht zu wissen oder vergessen zu haben, was ihnen der Pro-

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phet Jeremia zuruft: „Du armer Mensch, du rühmst dich deiner Arbeit und deines Fleißes. Weißt du nicht, daß du wohl den Acker bestellen, pflügen und die Saat ausstreuen sollst, daß aber Gott den Pflanzen das Wachstum gibt, daß ihm der befruchtende Regen und die reiche Ernte zu verdanken ist? Du magst wohl die Pflanzen begießen, es wird dir aber nichts nützen, wenn Gott nicht deiner Arbeit seinen Segen gibt. So verdankst du die Ernte nicht deinem Schweiß, sondern seiner Güte; von ihr mußt du dich also ganz abhängig fühlen“ (Jer 5,24; 9,23; 12,13). Unsere Pflicht ist es freilich, gut zu arbeiten, der Erfolg unserer Arbeit aber steht bei Gott. „Gott hat sein Mühen geehrt und ihm reiche Frucht geschenkt“ (Weish 10,10), so läßt uns die Kirche am Fest der heiligen Bekenner singen, damit wir einsehen, daß wir ohne die Gnade nichts können, daß wir von uns nichts erwarten dürfen und allein auf die Gnade vertrauen müssen. Nur keine aufgeregte Hast bei unserer Arbeit! Sie wird gut ausfallen, wenn wir uns bemühen, sie in aller Ruhe eifrig und gewissenhaft zu tun, nicht von ihr den Erfolg erwarten, sondern von Gott und seiner Gnade. 4. Sorgen wir uns doch nicht ängstlich darum, ob wir vorwärts kommen und wie viele Fortschritte wir im Seelenleben machen. An dieser ängstlichen Besorgnis hat Gott keine Freude; sie ist nichts als eine Befriedigung der Eigenliebe, dieses Plagegeistes, der weiß Gott was alles tun will und doch nichts fertig bringt. Eine einzige Arbeit, in aller Gemütsruhe verrichtet, ist wertvoller als viele Arbeiten, bei denen wir uns überstürzen. Die Taube will nichts weiter, als in aller Einfalt die ihr zukommende Pflicht erfüllen; alles andere überläßt sie ihrem Gefährten. Eine Seele, die Gott liebt, wendet mit der Einfalt der Taube und ohne Hast die Mittel an, die ihr zur Erlangung der Vollkommenheit vorgeschrieben sind. Sie schaut nicht nach anderen aus, und wären sie auch noch so wertvoll. Sie weiß: Mein Geliebter denkt für mich, darauf verlasse ich mich; er sorgt für mich, also vertraue ich auf ihn; er liebt mich, ich liebe ihn und darum bin ich ganz sein. Kürzlich fragten mich fromme Klosterfrauen: „Mein Gott, was werden wir wohl in diesem Jahr alles tun? Voriges Jahr haben wir dreimal wöchentlich gefastet, dreimal uns gegeißelt. Da müssen wir doch in diesem Jahr um einiges mehr tun; einmal, um Gott für das vergangene Jahr zu danken, dann aber auch, damit wir in der Gottesliebe wachsen.“ Darauf erwiderte ich: „Ihr sagt ganz richtig, ,einiges mehr‘, aber

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nicht in dem Sinn, wie ihr es meint. Nicht die Übungen der Frömmigkeit müssen wir vermehren, sondern wir müssen unsere Übungen mit vermehrter Vollkommenheit verrichten, d. h. wir müssen dabei immer mehr unserem Bräutigam vertrauen und uns selbst mißtrauen. Voriges Jahr habt ihr dreimal in der Woche gefastet und dreimal euch gegeißelt; wolltet ihr nun diese Übungen verdoppeln, so ginge das heuer gerade noch. Was aber macht ihr dann im nächsten Jahr? Da müßte eure Woche entweder neun Tage haben, oder ihr müßtet zweimal an einem Tag fasten.“ Was für ein Unsinn, sich nach dem Martyrium in Indien zu sehnen und dabei die Standespflichten zu vernachlässigen! Aber auch welche Selbsttäuschung, mehr essen zu wollen, als man verdauen kann! Wir sind gar nicht imstande, all das Viele zu verdauen, das wir in Angriff nehmen, weil wir zu wenig innere Wärme haben. Und trotzdem wollen wir diese ängstliche Hast, recht viel zu tun, nicht ablegen. – Viele geistliche Bücher, vor allem die Neuerscheinungen lesen, viel und schön über Gott und geistliche Dinge reden, um uns, wie wir sagen, zur Frömmigkeit anzuregen; – alles ganz recht! – Viele Predigten anhören, recht oft Vorträge halten – das begeistert! – Sehr oft kommunizieren, noch öfter beichten, Kranke pflegen, recht schön über alles reden, was in unserer Seele vorgeht, um so unser eifriges Verlangen, so schnell als möglich heilig zu werden, kundzutun – ist das nicht alles recht geeignet, das Ziel, das wir uns gesteckt haben, auch zu erreichen? Ja gewiß, aber nur solange wir im Rahmen des Gehorsams und in voller Abhängigkeit von der Gnade Gottes bleiben, d. h. solange wir unser Vertrauen nicht auf all diese Dinge setzen, so gut sie auch sein mögen, sondern nur auf Gott, der allein unserem Arbeiten den Erfolg geben kann (2 Kor 9,10; 1 Tim 6,15). 5. Meine lieben Töchter! Schaut euch einmal das Leben der großen heiligen Ordensleute genauer an. Wie war z. B. der hl. Antonius seiner hohen Heiligkeit wegen überaus geehrt von Gott und den Menschen! Hat er so viel gelesen, häufig kommuniziert und viele Predigten gehört? O nein! Er hat ganz einfach alles den heiligen Einsiedlern abgeschaut, dem einen die Enthaltsamkeit, dem anderen das Beten, und hat so gleich einer emsigen Biene überall den Blütenstaub der Tugenden eingeheimst, um daraus den Honig eines erbaulichen, heiligen Lebens zu bilden.

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Und der hl. Paulus, der erste Einsiedler, hat er seine Heiligkeit in frommen Büchern gefunden? Er hat überhaupt kein Buch besessen. Oder hat er so oft kommuniziert und gebeichtet? Nur zweimal in seinem Leben! Dann hat er vielleicht recht viele Vorträge und Predigten gehört? O nein, er hat in der Wüste keinen Menschen zu Gesicht bekommen; nur einmal besuchte ihn der hl. Antonius, und das kurz vor seinem Tod. Wißt ihr, wie er heilig geworden ist? Er ist dem Ruf Gottes gefolgt, hat nicht rechts und nicht links geschaut, sondern das, was er einmal begonnen, auch beharrlich durchgeführt. Und hatten die großen Heiligen, die sich der Führung des hl. Pachomius unterstellten, Bücher, hörten sie Predigten? Nichts von all dem. Und Vorträge? Dann und wann einen. Beichteten und kommunizierten sie oft? An Hochfesten. Wohnten sie vielen heiligen Messen bei? Nur an Sonn- und Feiertagen, sonst nicht. Wie nur konnten dann diese Heiligen mit so karger geistlicher Nahrung ihre Seele gesund, kräftig und mutig entschlossen erhalten, um die Tugenden zu erringen und auf das Ziel, das sie sich gesteckt, hinzuarbeiten? Und wir, die wir so reichlich mit allem versorgt sind, kommen trotzdem von Kräften, d. h. unser Tugendstreben ist kraftlos und saftlos. Und werden einmal die geistlichen Freuden spärlicher, dann fehlt uns gleich jede Lust und Energie zum Ruf des Herrn. – Wir müssen es doch diesen heiligen Ordensleuten gleichtun, müssen eifrig und demütig unsere Pflicht, d. h. das, was Gott unserem Stand entsprechend von uns haben will, erfüllen, nur an das denken, was er von uns haben will, und dürfen uns ja nicht einbilden, wir könnten bessere Mittel finden, um vollkommen zu werden. 6. Da höre ich nun den Einwand: „Sie sagen, wir sollen unserer Pflicht eifrig obliegen. Wie kann ich dies aber, da ich ja nicht eifrig bin?“ Nun, du wirst eben keinen fühlbaren Eifer haben, denn diesen gibt Gott, wem er will, wir können ihn uns nicht nach Belieben geben. – Das gleiche gilt von der „demütigen“ Pflichterfüllung. Da darf man sich auch nicht entschuldigen und sagen: „Ich besitze die Tugend der Demut nicht, es liegt nicht in meiner Macht, sie zu haben“; der Heilige Geist, der die Güte selbst ist, gibt sie dem, der darum bittet (Lk 11,13). Ich sprach hier nicht vom Gefühl der Demut, vom Gefühl der Geringheit, das uns antreibt, uns in allem so liebenswürdig zu verdemütigen. Ich spreche vielmehr von jener Demut, die uns die eigene Erbärmlichkeit erkennen und die erkannte Niedrigkeit lieben läßt. Das ist die wahre Demut!

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Früher hat man lange nicht so viel studiert wie heutzutage. Auch die großen Heiligen, wie der hl. Augustinus, der hl. Gregor, der hl. Hilarius, haben nicht so viel studiert. Sie haben so viel geschrieben und gepredigt, ihre Ämter nahmen sie so sehr in Anspruch, daß ihnen keine Zeit für das Studium blieb. Dafür aber hatten sie ein großes Vertrauen auf Gott und auf seine Gnade und ein großes Mißtrauen gegen sich selbst. Sie erachteten sich für nichts, bauten nicht auf eigenen Fleiß und eigene Arbeit und taten all das Große, was sie geleistet; allein im Vertrauen auf Gottes Gnade und Allmacht. „Durch Dich, o Herr, arbeiten wir und so arbeiten wir für Dich. Du segnest unser heißes Bemühen, Du gibst den Erfolg.“ So sprachen die Heiligen, und deshalb zeitigten ihre Schriften und ihre Predigten auch wunderbare Erfolge. Wir aber bauen auf unsere schönen Worte, auf unsere Redekunst, auf unser Wissen, und so zerstiebt unser Bemühen wie Seifenblasen und unser ganzer Erfolg ist Selbstgefälligkeit. Zusammenfassend wiederhole ich das erste Gesetz: Wir müssen uns Gott hingeben, alles für ihn allein tun, jede Sorge um uns ihm überlassen, der sich mit unvergleichlicher Fürsorge unser annehmen wird. – Je aufrichtiger und tiefer unser Vertrauen zu ihm ist, um so eingehender ist seine Sorge für uns.

II.
1. Als zweites Gesetz wollte ich euch ein Wort geben, das in der Sprache der Tauben ungefähr so lautet: „Je mehr du mir nimmst, desto mehr gebe ich dir.“ Wie ist das zu verstehen? Sowie die Täublein anfangen groß zu werden, nimmt der Besitzer des Taubenschlages sie weg, und sogleich legt die Taube wieder Eier für eine neue Brut. Läßt man ihr aber die Jungen, so beschäftigt sie sich so lange mit ihnen, daß sie die Nachzucht vernachlässigt. „Je mehr du mir nimmst, desto mehr gebe ich dir.“ Ich will euch den Sinn dieses Sätzleins an einem Beispiel erklären. Der große Gottesdiener Ijob, den der Herr mit eigenem Mund rühmt (Ijob 1,6; 2,3; 42,7 f), brach unter all dem vielen Mißgeschick, das ihn traf, nicht zusammen. Je mehr Gott ihm nahm, desto mehr schenkte er ihm wieder. Was hätte er in guten Tagen nicht alles getan? Wie viele Werke der Nächstenliebe! Er selbst zählt sie auf: „Ich war ,Fuß dem Lahmen‘, d. h. ich ließ ihn tragen oder setzte ihn auf meinen

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Esel, auf mein Kamel. Ich war ,Auge dem Blinden’ (Ijob 29,15 f), d. h. ich ließ ihn führen. Ich sorgte für die Hungrigen und bot den Bedrängten Zuflucht!“ – Dann ist er bettelarm geworden. Aber er klagte nicht, daß Gott ihm die Mittel entzogen, Gutes zu tun, er sagte mit der Taube: „Je mehr du mir nimmst, desto mehr gebe ich dir.“ Freilich nicht Almosen, denn er besaß nichts mehr, dafür aber den Akt der Ergebung und Geduld beim Verlust aller seiner Kinder und seines ganzen Besitzes. Und damit tat er mehr als mit allen seinen großen Werken der Nächstenliebe zur Zeit seines Wohlstandes, und dieser einzige Akt der Geduld machte ihn Gott wohlgefälliger als all die Werke der Nächstenliebe, denn bei ihnen allen war ihm keine so starke und hochherzige Liebe vonnöten, wie bei diesem einen Akt der Geduld. 2. Um also dieses zweite so liebenswürdige Gesetz zu beobachten, müssen wir es machen wie die Tauben: wir müssen uns vom Herrn und Meister die Täublein – das sind die Mittel zur Verwirklichung unserer Wünsche – ruhig wegnehmen lassen, und wären sie auch noch so gut. Mag er sie uns nehmen, wann immer er will, wir wollen nicht klagen, wollen uns auch nicht über ihn beklagen, als ob uns ein Unrecht geschähe. Wir haben dann nicht unsere Wünsche und Übungen zu verdoppeln, wohl aber die Gewissenhaftigkeit, mit der wir sie verrichten. Dann werden wir gewiß mit einem einzigen Akt mehr gewinnen als mit hundert anderen, die wir nach eigener Wahl und Lust setzen. 3. Von seinem Kreuz will uns der Heiland nur ganz wenig auferlegen, er läßt es uns nur am Balkenende anfassen und tragen und verlangt so gewissermaßen geehrt zu werden, wie die Hofdamen, denen man die Schleppe trägt. Unser Kreuz aber, das er uns auf die Schulter legt, sollen wir ganz tragen – was wir leider nicht tun. Denn schon geben wir alles verloren, wenn er uns die bislang gewährte Freude an unseren Übungen nimmt. Wir meinen, er entzöge uns mit der Freude auch die Mittel, unser Vorhaben durchzuführen. 4. Schaut euch einmal eine Seele an, die in Zeiten innerer Freude schön bei ihren Übungen wie eine Taube bei ihren Eiern geblieben ist. Sie hat den teuren Geliebten für alles sorgen lassen. Ihr Beten war ein einziges Verlangen, ihm zu gefallen, sie war in seiner Gegenwart ganz Seligkeit, ganz Versunkenheit, sie überließ sich seiner Sorge in liebender Hingabe. – Wie lieb und schön ist doch das alles! Wahrhaftig hübsche Taubeneier! – Und wenn wir nun auf die Früchte sehen, auf die Täublein? Was tat eine solche Seele nicht alles! Werke der Nächsten-

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liebe in reicher Fülle. Ein bescheidenes Wesen vor den Leuten, das alle erbaute (Phil 4,5); alle, die sie sahen und kannten, bewunderten sie. „Die Abtötungen,“ sagt sie, „fielen mir damals leicht, sie waren mir eine Wonne, das Gehorchen ein Vergnügen. Kaum ertönte das erste Glockenzeichen, so sprang ich schon auf, ich benützte jede Gelegenheit zu einem Tugendakt und es war in mir eine große Ruhe, ein tiefer Friede. – Jetzt aber widert mich alles an, ich bin wie ausgedörrt, ich kann fast nicht mehr beten, und so habe ich auch keine Lust mehr, an mir zu arbeiten, und mein früherer Eifer ist mir ganz abhanden gekommen; kurz, Frost und Rauhreif haben meine Seele heimgesucht.“ – Ja, das wundert mich nicht. Schaut nur, wie sie sich über ihr Mißgeschick beklagt. Die Unzufriedenheit steht ihr auf dem Gesicht geschrieben; sie läßt den Kopf hängen, ist verdrossen, wie geistesabwesend und verstört. Die Arme! Das kann man nicht mit ansehen; man muß sie fragen, was sie hat. „Was ich habe? Ach, ich kann nicht mehr, mir ist alles zuwider, nichts freut mich mehr, ich bin voll Unruhe.“ – Aber welcher Unruhe voll? Es gibt doch eine Unruhe, die zur Demut und zum Leben führt, und eine, die zur Verzweiflung und zum Tod treibt. -„Ich kann Ihnen nur sagen, ich bin so durcheinander, daß ich gar keinen Mut mehr habe vorwärtszustreben.“ – Gott, wie kann man doch so weichlich sein! Wenn einmal die Freude fehlt, ist auch schon der ganze Mut dahin. So darf man es nicht machen. Je mehr geistliche Freude Gott uns nimmt, desto mehr eifrige Treue geben wir ihm. Ein Akt der Treue in geistlicher Dürre wiegt mehr als viele Akte in Gefühlsüberschwang. Zu diesem einen Akt gehört eine stärkere Liebe, wie ich schon vorhin an Ijob gezeigt, wenn wir auch meinen, diese Liebe wäre weniger innig und weniger befriedigend. „Je mehr du mir nimmst, desto mehr gebe ich“; das also ist das zweite Gesetz. Es ist mein sehnlichster Wunsch, daß ihr es befolgt.

III.
Und das dritte Gesetz der Tauben: Ihr Gurren hat nur eine Melodie, sie ist ihr Freudengesang und ist auch ihr Klagelied. Diese Melodie singen sie, wenn sie betrübt auf einem Baum sitzen und den Jungen nachtrauern, die das Wiesel oder Käutzchen geholt hat (denn nur der Herr des Taubenschlages darf die jungen Täublein aus dem Nest nehmen), – diese eine Melodie singen

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sie aber auch dann, wenn der Tauber sich ihnen nähert und sie sich darüber freuen. Es ist immer dasselbe Gurren in Lust wie in Leid. Diese eine einzige Haltung für die Freude wie für den Schmerz wünsche ich auch euch, meine lieben Schwestern; ich meine, euer Geist soll in allem den heiligen Gleichmut bewahren; ich sage: der Geist, denn Stimmung und Neigung können nicht gleich bleiben. Ich möchte, daß ihr euch um das ganze Getue des niederen Seelenbereiches überhaupt nicht kümmert. Dieser stiftet ja all die Unruhe und Launenhaftigkeit an, wenn der höhere Seelenteil nicht seine Pflicht tut, wenn er nicht der überlegene bleibt. Darum muß dieser höhere Seelenteil, wie es im „Geistlichen Kampf“ heißt, Wachposten aufstellen, die nach den Feinden Ausschau halten, sonst wird er überrumpelt von den Umtrieben und Angriffen des niederen Seelenteiles, der sich unserer Sinne, Neigungen und Leidenschaften bemächtigt, um uns zu befehlen und unter seine Gesetze zu zwingen. – Im höheren Seelenbereich heißt es also fest und entschlossen sein, um nach dem Tugendleben zu streben, wie es unser Beruf fordert, und den Gleichmut zu wahren in guten wie in schlimmen Tagen, in der Wonne wie im Leid, im Licht wie im Dunkel, in Dürre wie im Überschwang. Auch hier ist uns Ijob wiederum Vorbild. Eine einzige Melodie durchzieht sein Lebenslied: „Der Name des Herrn sei gebenedeit!“ (2,10). Das ist das Liebeslied seiner Dankbarkeit, da Gott seinen Besitz vermehrt, ihm viele Kinder schenkt, ihm alles gibt, was eines Menschen Herz nur wünschen kann. Das ist das Liebeslied seiner Klage in äußerster Bitternis: „Der Name des Herrn sei gebenedeit!“ Er singt es in seinen Leiden wie in seinen Freuden. „Wir haben das Gute aus der Hand des Herrn empfangen, warum sollten wir das Böse nicht hinnehmen? Der Herr hat mir Kinder und Besitztum gegeben, der Herr hat es mir wieder genommen, sein heiliger Name sei gebenedeit.“ (1,21) – Immer nur die eine Melodie. „Der Name des Herrn sei gebenedeit!“ O, wie teuer war doch Gott diese heilige, keusche und liebende Seele! Meine geliebten Töchter, möchten doch auch wir alles aus der Hand des Herrn annehmen, das Gute wie das Böse, Freud wie Leid, dabei immer den Gesang der Liebe anstimmen: „Der Name des Herrn sei gebenedeit!“ und ihn auf der gleichen Melodie heiliger Gelassenheit singen. Sind wir so glücklich, in diesem Sinn zu handeln, dann wird ein großer Friede in uns sein. Wir wollen nicht den Menschen gleichen, die den Kopf hängen lassen, wenn die innere Freudigkeit fehlt, und gleich

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wieder trällern, wenn sie wieder da ist. So machen es ja auch die Affen, die bei trübem Wetter trübsinnig und gereizt sind, bei schönem Wetter wie toll auf und ab hüpfen und sich herumtreiben. Nun habe ich als euer König meine Gesetze erlassen. Wie Liebe nur ihr Inhalt ist, so verpflichtet dazu auch wieder nur die Liebe. Es wird uns also die Liebe zu unserem Herrn und Heiland anfeuern, diese Gesetze zu beachten und sie zu erfüllen, damit wir mit der Taube im Hohelied dem Bräutigam unserer Seele sagen dürfen: „Mein Geliebter ist ganz mein und ich bin ganz sein.“ Ihm allein will ich gefallen, er geht mir nicht von der Seite in zärtlicher Sorge, ich schmiege mich an ihn in innigem Vertrauen. Haben wir in diesem Leben sorglich alles für den Geliebten unserer Seele getan, dann lohnt er uns die Treue und sorgt für unseren Anteil an seiner Glorie. Dort in der Ewigkeit schauen wir dann die Seligkeit all der Seelen, die ganz in ihrer Pflicht aufgegangen sind und sich ganz Gott hingegeben haben, dem allein ihr Mühen galt. Sie haben um sich und ihre Vollkommenheit nicht ängstlich und unnötig gesorgt, wie wir das tun. Und so ist die Frucht all ihrer Mühen unbeschreiblich süße Ruhe, unaussprechlicher Friede, denn ewig ruhen sie an der Brust des Geliebten. Auch die Seligkeit jener Seelen, die das zweite Gesetz erfüllten, wird groß sein. Sie ließen sich ja von ihrem Herrn und Heiland alle ihre Täublein wegnehmen und waren darüber nicht ärgerlich und nicht trostlos. Hochherzig sagten sie: „Je mehr du mir nimmst, desto mehr gebe ich dir. Ich bleibe dir kindlich ergeben, auch wenn es dir gefällt, mir alles zu nehmen.“ Je bereitwilliger wir auf die Freuden verzichten, die wir in unseren geistlichen Übungen gerne finden möchten, und je treuer wir sie trotz Ekel, Kälte und Dürre verrichten, desto mehr dürfen wir im Himmel Gott preisen und verherrlichen. – Und wir werden umso jubelnder dereinst dort oben in unvergänglicher Wonne das Lied: „Lob und Preis sei dem Herrn“ (Offb 5,9-13; 7,12) singen, je freudiger wir es hier in diesem sterblichen und vergänglichen Leben trotz Bitterkeit, Entbehrungen und Ekel angestimmt haben in liebenswürdiger Gelassenheit, die wir recht sorgsam bewahren wollen. Amen.

109 8. Gespräch Loslösung von „Mein und Dein“1
1. Das kleinliche Hängen am „Mein und Dein“ ist noch ein Überbleibsel von der Welt, die nichts Kostbareres kennt und darin ihr höchstes Glück sieht. Ursache ist die Selbstüberschätzung. Wir halten uns für etwas so Hervorragendes, daß alle Dinge für uns im Wert steigen, wenn sie mit uns in Berührung kommen, aber im Wert sinken, wenn sie unseren Mitmenschen dienen, für die wir eben nicht viel übrig haben. Wären wir demütig, wären wir losgelöst von uns selbst und überzeugt, daß wir vor Gott ein Nichts sind, dann würden wir es für ganz unwichtig halten, ob die Sachen uns gehören, ja wir würden es uns zur Ehre anrechnen, Dinge zu benützen, die anderen gedient haben. Wie in allem, so muß man auch hier unterscheiden zwischen Neigung und Anhänglichkeit.2 Wo es sich nämlich um eine bloße Neigung handelt, liegt kein Grund zur Beunruhigung vor; es hängt ja nicht von uns ab, ob wir schlechte Neigungen haben oder nicht. – Ein Beispiel: Beim Wechseln der Kleider3 bekommt eine Schwester einen minderen Habit. Fühlt sie darüber eine kleine Verstimmung, so ist dies noch keine Sünde, vorausgesetzt, daß sie es im höheren Seelenbereich gerne annimmt. Das gleiche gilt auch von anderen ähnlichen Gefühlen, die in uns aufsteigen. Wenn man mir z. B. hinterbringt, daß jemand über mich geschimpft hat – oder wenn mir etwas in die Quere kommt, dann steigt wohl der Zorn in mir auf, das Blut kocht und alles empört sich in mir; schaue ich aber dabei auf den Heiland und bete für den, der mich gekränkt hat, so habe ich in keiner Weise gesündigt. Selbst wenn noch tagelang nachher immer wieder bittere Gedanken gegen diese Person in mir auftauchen, so brauche ich mir nichts vorzuwerfen, wenn ich nur von Zeit zu Zeit diese Gedanken ablehne; denn es liegt nicht in meiner Macht, diese Gefühle zum Schweigen zu bringen. – Würde aber die oben erwähnte Schwester ihrer Verstimmung über das minder gute Kleid, das sie erhalten hat, nachgeben, so wäre das ohne Frage ein großer Fehler, denn ihr Verhalten wäre Untreue gegen Gott und gegen ihre Verpflichtung, nach Vollkommenheit zu streben. 2. Ein solches Versagen kommt dann vor, wenn der eigene Wille nicht im gemeinsamen Willen aufgegangen ist, wie es doch Pflicht eines jeden Menschen ist, der in ein Kloster eintritt. Es sollte für jede Schwester

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etwas ganz Selbstverständliches sein, ihren eigenen Willen draußen zu lassen und nur mehr nach dem Willen Gottes zu leben. Glücklich die Seele, die keinen anderen Willen mehr hat als den der Ordensgemeinde, die alles eigene Wollen Tag für Tag aus dem gemeinsamen Wollen schöpft.4 In diesem Sinn müssen wir auch das Heilandswort: „Sorgt nicht ängstlich für den morgigen Tag“ (Mt 6,34) verstehen. Es bezieht sich nicht nur auf Nahrung und Kleidung, sondern auch auf die geistlichen Übungen. – Fragt euch also jemand: „Was wollt ihr morgen tun?“, dann sollt ihr antworten: „Heute tu ich das, was mir für heute aufgetragen ist; was ich morgen tun werde, weiß ich nicht, weil mir nicht bekannt ist, welchen Auftrag ich morgen erhalten werde.“ Wer so handelt, kann sich über nichts ärgern; denn wo diese echte Gelassenheit herrscht, kann es keine Unzufriedenheit und keine Vergrämtheit geben. Freilich, in fünf Jahren lernt man dies nicht, man braucht schon seine zehn Jahre dazu. Wundern wir uns also nicht, wenn unsere Schwestern noch nicht so weit sind; sie sind aber alle aufrichtig gewillt, diese Tugendhöhe zu erreichen. – Bestünde jedoch eine Schwester auf diesem „Mein und Dein“, so müßte sie es sich schon außerhalb der Klosterpforte holen, denn innerhalb des Klosters kommt so etwas nicht in Frage. 3. Die Loslösung vom „Mein und Dein“ muß jedoch nicht nur im großen und ganzen, sondern bis ins einzelne durchgeführt werden. Es ist recht einfach zu sagen: „Ich trete ins Kloster der Heimsuchung ein.“ Und heißt es dann, man müsse sich selbst verleugnen und den eigenen Willen aufgeben, so antwortet man recht schön: Ja, man wolle es gerne tun. – Aber wenn es ernst wird, wenn der Verzicht im einzelnen von uns verlangt wird, dann gehen die Schwierigkeiten an. Darum erwäge man wohl alles, was den eigenen Stand betrifft, und alles, was damit zusammenhängt. Ist man leidenschaftlich erregt, so soll man ja nichts aus diesem Zustand heraus tun. Kommt aber doch eine kleine Entgleisung vor, – werfen wir z. B. verärgert einen Federhalter hin – so ist das noch kein Stoff für die Beichte; man bekenne es der Oberin und nehme sich das nächste Mal besser zusammen, sonst leistet man seinen Schwächen freiwillig Vorschub. Wir müssen alles in Ehren halten und hochschätzen, was zur Ordensgenossenschaft gehört, und damit auch alle Abtötungen und alle

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Andachts- und Frömmigkeitsübungen, soweit sie mit dem Geist unserer Kongregation übereinstimmen und von den Vorgesetzten gutgeheißen werden. Es kann nun vorkommen, daß die eine oder andere Schwester infolge einer schlechten Geistesverfassung gegen gewisse Übungen Abneigung empfindet. So stößt sich vielleicht eine Schwester daran, daß man den Boden küßt, eine andere, daß man sich seiner Fehler anklagt; es wäre aber eine geradezu unglaubliche Anmaßung, diese Übungen deshalb geringzuschätzen und zu bekritteln, und es stünde nicht gut mit der, die das täte. Bei uns kommt ja auch so etwas nicht vor. Ich habe noch immer die Beobachtung gemacht, daß Lässigkeit und Mutlosigkeit die Ursachen sind, warum geistliche Personen so weit herabsinken. Lässige Menschen können sich zur Selbstüberwindung nicht aufschwingen, haben auch kein Verlangen danach, von anderen dazu angeregt zu werden. Deshalb sehen sie es auch nicht gern, wenn andere sich überwinden. – Mutlosigkeit wieder führt zu fadem Gejammer: „Mein Gott, wie schwer ist das doch! Nie ist man fertig! Immer wieder gibt es etwas anderes! Immer wieder heißt es von neuem anfangen!“ – So dürfen wir uns nicht verhalten. Man darf nicht seinen Neigungen und Abneigungen folgen; vielmehr sollen uns die Vernunft und die Weisungen der Vorgesetzten Führer auf unserem Weg sein. 4. Wie aber sollen wir uns verhalten, wenn wir getadelt und gedemütigt werden? Ja, würde man uns schon zwei Stunden vorher darauf vorbereiten, so wäre es ein Leichtes, die Demütigung ruhig hinzunehmen. Tritt sie aber plötzlich an uns heran, so ist es sehr schwer, gelassen zu bleiben. – Abtötungen, die wir uns selber wählen, machen uns, selbst wenn sie uns noch so sehr gegen die Natur gehen, keine Schwierigkeit, weil sie unserer Eitelkeit schmeicheln. Wir müssen aber auch jene, die uns von den Vorgesetzten auferlegt werden, in Demut und Ehrfurcht entgegennehmen; denn Gott schickt sie uns, sie liegen im Plan der göttlichen Vorsehung; aus Liebe werden sie uns auferlegt. Wir müssen dies jedenfalls voraussetzen, es ist nicht unsere Sache, darüber zu urteilen, ob Leidenschaft dabei mit im Spiel war oder nicht. Kommt uns aber solches in den Sinn, so müssen wir es tragen wie jedes Leid, in aller Ruhe und mit dem Blick auf Gottes Hand, die es uns auferlegt. Denn ist Gott auch nicht der Urheber des Übels, – nämlich dieser Leidenschaft – so nimmt er es doch in seine Hand, da es schon so kommen sollte, und legt es uns auf das Haupt, um uns durch das Ertragen dieses Leides Gelegenheit zu Verdiensten zu geben.

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5. Greifen wir freudig alles auf, was uns vorwärts bringen kann, und seien wir froh, wenn wir sehen, daß auch unsere Mitschwestern ihrerseits alles tun, um in der Vollkommenheit vorwärts zu kommen. Wir müssen all das hoch in Ehren halten; denn solche kleine, anscheinend wenig wertvolle Übungen sind nützlicher als große. Zu großen Taten ist selten Gelegenheit, die kleinen aber begegnen uns zu Hunderten. Verwenden wir viel Sorgfalt und Liebe auf diese kleinen Dinge, z. B. daß wir leise reden, leise gehen, uns sauber und nett anziehen. Diese Dinge haben ihre Bedeutung: wenn z. B. eine Schwester die Tür zuschlägt oder so laut durch die Gänge geht, daß es nur so hallt, dann stört sie wohl Schwestern, die gerade beten; wenn eine Schwester unordentlich oder schlampig gekleidet ist, so reizt sie andere zum Lachen oder lenkt sie von Gott ab, schadet ihnen also, usw. Das alles ist vom Übel. Unsere Liebe soll ja immer in Tätigkeit sein, um uns soviel als möglich gegenseitig Gutes zu tun, da wir ja alles gemeinsam besitzen. Auch der Heiland ist unser gemeinsamer Besitz. Er will nicht, daß ihn jemand für sich allein habe, er will vielmehr dermaßen den Einzelnen angehören, daß er zugleich gemeinsamer Besitz aller sei – und dermaßen will er gemeinsamer Besitz aller sein, daß er doch jedem im einzelnen angehöre. 6. Wird man von einer Versuchung überfallen, die in Gefahr zu sündigen bringt, so beteure man oft, – besonders wenn die Versuchung anhält – daß man nicht zustimmen und Gott nicht beleidigen will, und bezeuge das auch noch anders, dadurch z. B., daß man den Boden küßt, die Hände zum Himmel hebt, Stoßgebetlein zum Heiland spricht und dergleichen mehr tut. Auf diese Weise kommt man zur Ruhe und quält sich nicht mit dem Gedanken, am Ende doch eingewilligt zu haben: bei der Gewissenserforschung erinnert man sich dieser äußeren Handlungen und hat dann, soweit es hienieden möglich ist, die Gewißheit, der Versuchung nicht nachgegeben zu haben. 7. Die echte Loslösung vollzieht sich stufenweise: Erste Stufe: wir müssen die Loslösung lieben lernen; dazu führt uns die Betrachtung ihrer Schönheit; die zweite Stufe ist der Entschluß, der dieser Liebe entspringt, denn wir entschließen uns leicht zu etwas, was wir lieben; die dritte Stufe endlich ist, daß wir sie vollziehen – und das ist nun wohl schwer.

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8. Wir müssen uns von drei Arten von Gütern loslösen: von den Gütern, die außer uns liegen, von jenen, die ihren Sitz im menschlichen Leib haben, und von jenen, die unser Herz betreffen. Zu den äußeren Gütern gehört alles, was wir beim Eintritt ins Kloster draußen in der Welt gelassen haben: Elternhaus, Verwandte usw. Wir lösen uns von ihnen los, wenn wir sie dem Heiland zurückgeben und nach dieser Übergabe das Maß der Liebe, das wir diesen Gütern weiter bewahren sollen, von ihm erbitten. Wir dürfen nicht lieblos werden, noch braucht unsere Zuneigung eine ganz gleichmäßige oder gar gleichgültige zu sein. Zu den Eltern und den eigenen Kindern5 soll sie tiefer als zu den anderen und so den verschiedenen Menschen gegenüber richtig abgestuft sein; den Rang aber bestimmt die Tugend der Liebe. Zu den leiblichen Gütern gehören Schönheit, Gesundheit und dergleichen Dinge mehr. Auch auf sie muß man verzichten. Und so fragt man den Spiegel nicht mehr, ob man schön sei, fragt nicht nach Gesundheit oder Krankheit; der höhere Wille wenigstens tut das nicht. Freilich, die Natur wehrt sich dagegen und zettert manchmal, vor allem dann, wenn man in der Vollkommenheit noch nicht weit voran ist. Man bleibt also in kranken Tagen so zufrieden wie in gesunden und nimmt die Arzneien und die Speisen, wie sie uns vorgesetzt werden; – ich meine selbstverständlich das alles vom vernunftmäßigen Handeln, ich kümmere mich ja nicht um die Neigungen. Dann gibt es noch all das, was seinen Sitz im Herzen hat; die Seelenfreuden und süßen Gefühle des geistlichen Lebens. Diese sind an sich gut. Warum aber dann sich ihrer entäußern? – Wir müssen es trotzdem tun. Wir wollen sie in die Hände des Herrn legen, daß er damit nach seinem Gutdünken verfahre; wir wollen uns seinem Dienst hingeben, ganz gleich, ob wir uns ihrer erfreuen oder nicht. Es gibt aber auch noch andere Güter, die weder zu den äußeren, noch zu den leiblichen, noch zu den inneren gehören, ich meine jene, die von der Meinung der Mitmenschen abhängen: Ehre, Hochschätzung, Ruf usw. Auf das alles müssen wir vollständig verzichten. Wir wollen keine andere Ehre als die Ehre unserer Kongregation, in allem nur die Verherrlichung Gottes zu suchen; wir wollen keine andere Hochschätzung, keinen anderen Ruf als den unserer Gemeinde, in allem zur Erbauung zu dienen. 9. Begegnen wir lieben Menschen, so freuen wir uns, sie zu sehen. Zeigen wir ihnen, daß wir sie gern haben, so ist das kein Verstoß gegen

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8. Mein und Dein

die Losschälung, solange wir im Gefühl und in dessen Äußerungen Maß halten und solange das Herz diesen Menschen nicht nachläuft, wenn sie abwesend sind. Wie auch sollten Dinge, die wir vor uns haben, nicht auf unser Gemüt wirken? Das wäre genau so, als wollten wir zu einem Menschen, vor dem ein Löwe oder Bär steht, sagen: „Du darfst keine Angst haben.“ Wir können also über die Begegnung mit einem lieben Menschen gar nicht anders als erfreut und glücklich sein, und da dies dem Willen Gottes entspricht, leidet unsere Tugend keinen Schaden. Ja, es ist nicht einmal gegen die Losschälung, wenn ich traurig bin, daß eine beabsichtigte Begegnung, die für mich wertvoll und zugleich zur Ehre Gottes gewesen wäre, nicht zustande kommt. Ich darf mich auch bemühen, die Hindernisse zu beseitigen, die dieser Zusammenkunft entgegenstehen, nur darf ich mich dabei nicht von der Aufregung übermannen lassen. 10. Ihr seht also, daß es um die Tugend gar nicht etwas so Schreckliches ist. Das meint man nur immer, weil man von ihr eine ganz falsche Vorstellung hat und weil man sich einbildet, der Weg zum Himmel wäre ungeheuer schwierig. Die das meinen, irren sich und haben unrecht. Hören wir, was David zum Herrn sagt: Dein Gesetz ist überaus mild und leicht, es ist „süßer als Honig“ und „Honigseim“ (Ps 119,103; 19,11; 119,4). Ganz die gleiche Ansicht müssen wir von unserem Stand haben, daß er nämlich nicht nur gut und schön, sondern auch überaus anziehend und liebenswert ist. Haben wir diese Überzeugung, dann werden wir alles, was zu unserem Stand gehört, mit großer Liebe tun. 11. Meine lieben Schwestern! Man wird nie zur Vollkommenheit gelangen, solange man noch an einem Fehler, und wäre er noch so klein, ja sogar nur an einem unnützen Gedanken hängt. Man glaubt nicht, wie sehr dies der Seele schadet; erlaubt man nämlich dem Geist, bei unnützen Gedanken zu verweilen, so kommt er bald ganz von selbst auf schlechte Gedanken. Deshalb glatt abscheiden, sobald Schlechtes im Anzug ist, und wäre es noch so gering! Ist es wirklich wahr, daß wir keinerlei Anhänglichkeiten mehr haben, wie es uns zuweilen scheint? Prüfen wir uns doch darüber. Sag mir, wie handelst du, wenn du gelobt wirst? Unterstreichst du diese Anerkennung nicht mit diesem oder jenem Wort, das du hinzufügst, oder forderst du nicht das Lob heraus, indem du scheinheilig sagst, daß Gedächtnis und Geist nicht mehr so gut arbeiten, sodaß du dich im Reden schwerer tust als früher? Spürt man da nicht gleich, daß du nur

8. Mein und Dein

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hören willst: „Nein, Sie sprechen im Gegenteil noch immer ganz ausgezeichnet!“ Durchsucht also euer Gewissen nach allen Selbstgefälligkeiten. Es ist gar nicht so schwer, sie zu finden. Es braucht euch bloß etwas in die Quere zu kommen, dann merkt ihr gleich, wie es steht. Bleibt ihr gelassen, ob ihr das Vorhaben ausführen könnt oder nicht, dann seid ihr frei von Anhänglichkeit; werdet ihr aber erregt, dann wißt ihr gewiß, daß euer Herz daran hängt. Unsere Liebeskräfte sind ungemein kostbar, da sie in ihrer Gesamtheit nur der Gottesliebe dienen sollen. Wir müssen daher sorgfältig bedacht sein, sie nicht auf wertlose Dinge zu verschwenden. Eine einzige Sünde, die wir aus Anhänglichkeit an einen Fehler begehen, wirft uns weiter zurück als hundert Fehler, an denen wir nicht hängen, die wir ohne Überlegung begehen. 12. Wir schulden unseren Vorgesetzten mehr Ehrfurcht und Hochschätzung als unseren lieben Schutzengeln, die wohl Gottes Gesandte sind; unsere Oberen aber sind Gottes Stellvertreter. In diesem Sinn sagt der Heiland: „Wer euch hört, der hört mich, wer euch verachtet, der verachtet mich“ (Lk 10,16). Ihr fragt, was zu tun ist, wenn eine Schwester mit der Oberin oder der sie vertretenden Assistentin nicht über ihr Inneres sprechen kann, weil sie das Vertrauen nicht aufbringt. – Nun, da tut die Oberin am besten, der betreffenden Schwester bereitwillig zu gestatten, sich der Schwester anzuvertrauen, die sie sich dazu wünscht und erbittet. Die Oberin wird sich nichts anmerken lassen, sie wird im Gegenteil erfreut sein, daß es Gott gefiel, ihr eine Arbeit abzunehmen. Für die Schwester freilich wäre ein solches Verhalten gleichbedeutend mit einer sehr großen Unvollkommenheit, denn sie soll in der Oberin Gott sehen, in einer einfachen Schwester braucht sie das aber nicht in diesem Maße zu tun.

116 9. Gespräch Die Liebe zu den Geschöpfen 1
1. Manche Liebe erscheint in den Augen der Menschen groß und herrlich, die in den Augen Gottes nichtig und wertlos ist, und zwar deshalb, weil solche Freundschaften nicht auf der echten Liebe, auf Gott, gegründet sind (Joh 4,8 f), sondern auf gewissen natürlichen Bindungen und Neigungen beruhen oder auf Eigenschaften, die den Menschen lobenswert und angenehm erscheinen. Dagegen gibt es wieder Freundschaften, die bei Weltmenschen für gering und gehaltlos gelten, vor Gott aber gehaltvoll und wertvoll sind, weil Gott ihr Inhalt und Ziel ist und kein persönliches Interesse dabei im Plan ist. Jede Liebestat gegen Menschen, die man so uneigennützig liebt, ist unendlich wertvoller, da ja alles allein nur für Gott getan wird. Beruht aber die Liebe auf einer natürlichen Zuneigung, so sind alle Dienstleistungen und Aufmerksamkeiten viel weniger wert, weil sie uns Freude und Befriedigung bereiten und daher mehr aus diesem Antrieb denn aus wahrer Liebe zu Gott erwiesen werden. Die rein natürlichen Freundschaften haben auch deshalb geringeren Wert, weil sie nicht von Dauer sind. Aus nichtssagenden Gründen angeknüpft, lockern sie sich, sobald es eine Probe zu bestehen gilt, und gehen in die Brüche. Eine Freundschaft aber, die aus Liebe zu Gott gepflegt wird, bewährt sich, weil eben Gott ihr festes und unveränderliches Fundament ist. Die hl. Katharina von Siena drückt das schön in einem Vergleich aus. Sie sagt: „Füllst du ein Glas an einem laufenden Brunnen und trinkst daraus, ohne es vom Wasserstrahl wegzunehmen, so magst du trinken, soviel du willst, das Glas wird nie leer. Ziehst du es aber vom fließenden Wasser weg, dann ist es leer, sobald du getrunken hast, was drinnen war.“ Bei den Freundschaften ist es nicht anders: Solange sie vom Quell gespeist werden, trocknen sie nie aus. 2. Selbst Freundschaften und Zeichen der Liebe, die wir gegen alle Lust für Menschen aufbringen, die uns unsympathisch sind, haben mehr Wert und gefallen Gott besser als alles, was wir aus sinnlicher Zuneigung tun. Ein solches Verhalten ist nicht doppelzüngig und nicht unwahr, denn nur die niedere Seele fühlt das Widerstreben, und diese Akte der Liebe werden von der Seele auf Grund der Vernunft, ihrer vornehmsten Kraft, gesetzt. Wenn also der Mensch, mit dem ich recht

9. Liebe zu den Geschöpfen

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herzlich bin, z. B. wüßte, daß ich mit ihm so bin, weil er mir unsympathisch ist, so bräuchte er das nicht übel zu nehmen, er möge es vielmehr schätzen und Beweisen natürlicher Zuneigung vorziehen. Für eine Abneigung kann man ja nichts; sie ist an sich noch nicht schlecht und wird es erst, wenn wir unter ihrem Einfluß handeln. Abneigungen sind vielmehr ein Mittel, viele schöne Tugenden zu üben. Der Heiland selbst dankt es uns mehr, wenn wir trotz äußersten Widerstrebens zu ihm gehen, um seine Füße zu küssen, als wenn wir es mit innerlicher Befriedigung tun. Selig daher, wer nichts Liebenswürdiges an sich hat; denn er weiß, daß die Liebe, die ihm zuteil wird, großen Wert hat, weil Gott ihr Urgrund ist. 3. Wir meinen oft, einen Menschen für Gott zu lieben, und doch lieben wir ihn für uns selbst. Wir geben vor, ihn seiner Tugenden wegen zu lieben, dabei ist aber die Befriedigung, die uns sein Umgang gewährt, der wirkliche Grund unserer Liebe. Freilich, eine Seele, die voll Eifer und guten Willens zu dir kommt, alle deine Ratschläge getreu befolgt, beharrlich und ruhig den Weg geht, den du sie weist, ist doch eine weit größere Befriedigung für dich als eine ständig beunruhigte und zerfahrene Seele, die den Weg des Guten nur zaudernd geht und der du hundertmal dasselbe sagen mußt. Zweifellos freust du dich mehr über die eifrige Seele, und so liebst du sie also nicht für Gott, sonst müßte dir ja die saumseligere, die genau so gut sein Eigentum ist, lieber sein, gerade weil an ihr mehr für Gott zu tun ist. Freilich gebührt mehr Liebe einer Seele, in der mehr von Gott ist, d. h. mehr Tugend zu finden ist, durch die wir ja an den göttlichen Eigenschaften teilhaben. Würdet ihr z. B. einen Menschen sehen, der tugendhafter ist als der geistliche Vater, so müßtet ihr ihn auch mehr lieben; trotzdem gebührt aber auch dem geistlichen Vater viel Liebe, da er ja euer Vater und Seelenführer ist. 4. Wir sollen das Gute an unseren Mitmenschen lieben, wie das Gute an uns selbst; das gilt besonders für Ordensleute, denen alles Gemeingut sein muß. Seien wir also nicht traurig, wenn eine Schwester eine Tugend auf unsere Kosten übt. Ich treffe z. B. an der Tür mit einer jüngeren Schwester zusammen und lasse ihr den Vortritt. Ich übe mich in der Demut und sie übt sich in der Einfachheit, wenn sie vorausgeht und dann bei passender Gelegenheit mir die Tür zuvorkommend aufmacht. – Ich bringe einer Schwester einen Stuhl oder überlasse ihr meinen Platz. Da soll die betreffende Schwester nun über meinen klei-

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9. Liebe zu den Geschöpfen

nen Gewinn froh sein und sich denken: die Gelegenheit zu einem Tugendakt ist mir zwar entgangen, ich freue mich aber, daß meine Mitschwester ihn üben durfte. Durch diese Freude hat man dann sogar einen Anteil an ihrem Gewinn. Aber nicht nur Traurigkeit soll uns ferne sein, wenn eine Mitschwester die Tugend übt und nicht wir; wir sollen sogar bereit sein, alles Erdenkliche dazu beizutragen, bis zu unserer Haut, wenn dies notwendig wäre. Wenn nur Gott dabei verherrlicht wird; das Wie und Durchwen ist Nebensache. Ja, es muß uns so sehr Nebensache sein, daß wir dem Heiland auf die Frage: „Wem möchtet ihr die Gelegenheit zu diesem Tugendakt zukommen lassen?“ – antworten könnten: „Herr, jener Schwester, die Dich am meisten verherrlicht!“ Haben wir nicht die Wahl, dann soll es unser Wunsch sein, selber die Tugend zu üben, da wohlgeordnete Liebe bei sich selbst beginnt. Müssen wir jedoch eine Gelegenheit ungenützt lassen, dann seien wir froh, begrüßen wir es freudigst, wenn diese Tugendübung einer anderen zufällt; so ist uns dann wirklich alles zum „gemeinsamen Besitz“ geworden (Apg 2,44; 4,32). Das gleiche gilt für die zeitlichen Güter. Ist im Haus das Notwendige vorhanden, dann soll es uns gleichgültig sein, ob wir oder andere es beschafft haben. Entdecken wir aber noch so etwas wie Anhänglichkeit an diese Dinge, dann ist das ein Beweis, daß das „Mein und Dein“ noch nicht überwunden ist. 5. Ertönt die Glocke, das Zeichen für den Gehorsam, so soll es unsere Überzeugung sein, daß der Herr uns ruft. Wir müssen da sofort aufstehen, selbst wenn wir gerade für Gott beschäftigt wären. Eine junge Frau läßt auch alles liegen und stehen, wenn der Mann sie ruft, sie eilt zu ihm auch dann, wenn sie gerade für ihn beschäftigt ist. Zwar ist ein kleines Zögern noch keine Untreue, aber es ist doch gewissenhafter und Gott sehr wohlgefällig, wenn man nicht zögert. Es gibt viele Dinge, die man unterlassen kann, ohne zu sündigen, deren Übung aber echte Tugend ist, z. B. nicht laut reden, leise gehen, die Augen nicht herumschweifen lassen, zur Rekreation beitragen – und ähnliches, was zur religiösen Haltung und zur Eingezogenheit gehört. 6. In unseren Klöstern mit guter Observanz werden wenig unnütze Worte geredet. Gewiß sagt man nicht immer nur das Notwendige, aber es hat doch immer irgend einen Zweck, sei es, man teilt einfach seine Gedanken mit, um andere zu unterhalten, sei es, man spricht, um zur Erholung und zum Gespräch beizutragen, wie es jede Schwester tun soll – und so ist dieses Reden kein unnützes Geschwätz, weil es der

9. Liebe zu den Geschöpfen

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Erholung und damit einem nützlichen Zweck dient. Würde aber eine Schwester außerhalb der Erholung, zu einer Zeit, da man über geistliche Dinge sprechen soll, etwa einen Traum erzählen, so wäre dies gewiß ein unnützes Geschwätz. Ebenso, wenn man etwas mit vielen überflüssigen Worten erklärte; es wäre freilich keine Sünde, wenn sich die Betreffende in ihrer Unwissenheit nicht besser ausdrücken könnte. 7. Wir selber werden niemals erkennen können, wie es um unsere Vollkommenheit steht. Es geht uns da wie den Reisenden zur See, die nicht wissen, ob sie vorwärts kommen oder nicht. Der Kapitän aber, der sich auf die Kunst der Schiffahrt versteht, der weiß es. Wir können wohl den Fortschritt der anderen beurteilen, unseren eigenen aber nicht. Von unseren guten Werken können wir nicht mit Sicherheit sagen, ob wir sie vollkommen getan; das würde sich auch nicht mit der Demut vertragen. Die Tugendhaftigkeit der Mitmenschen können wir also schon beurteilen, wir dürfen uns aber nicht verleiten lassen, mit Bestimmtheit den einen für besser zu halten als den anderen, denn der Schein trügt. Wer in den Augen der Welt sehr tugendhaft ist, der ist es in den Augen Gottes vielleicht weniger als ein anderer, der sehr fehlerhaft zu sein scheint. Demut ist nicht nur liebevoll, sie ist auch zart und schmiegsam. Liebe ist Demut, die zur Höhe steigt, Demut ist Liebe, die sich niederneigt. Demut hat ihre höchste Stufe erklommen, wenn der Eigenwille erloschen ist; die Demut erfüllt „jegliche Gerechtigkeit“ (Mt 3,15).

120 10. Gespräch Über die Bescheidenheit1

10. Bescheidenheit

Ihr möchtet wissen, was Bescheidenheit ist? Nun es gibt vier Arten von Bescheidenheit: 1. der äußere Anstand, 2. die wohlgeordnete innere Haltung, 3. die Wohlerzogenheit in Rede und Umgang, 4. die Wohlanständigkeit in der Kleidung. Unter Bescheidenheit im vorzüglichen Sinn des Wortes verstehen wir in besonderer Weise den äußeren Anstand. Das Gegenteil dieser Bescheidenheit ist Ausgelassenheit in Bewegung und Betragen, also Ungeniertheit einerseits und Geziertheit, Affektiertheit andererseits. Zur zweiten Art der Bescheidenheit gehört die innerliche Vornehmheit im Denken und Wollen. Das Gegenteil davon ist einerseits ungeordnete Wißbegier, die alles Mögliche anfängt und nichts durchführt; andererseits das Gegenteil davon: ein nicht minder gefährlicher Stumpfsinn, eine gewisse Interesselosigkeit, die von Vollkommenheit und allem, was damit zusammenhängt, nichts wissen will, die aber auch nichts lernen will. Zur dritten Art der Bescheidenheit gehört die Wohlerzogenheit in Rede und Verkehr, also im Umgang mit dem Nächsten. Das Gegenteil dieser Art von Bescheidenheit ist einerseits linkisches, schwerfälliges Wesen, das hindert, zur allgemeinen Unterhaltung etwas beizutragen; andererseits Redseligkeit, die niemand zu Wort kommen läßt. Zur vierten Art der Bescheidenheit gehört die Wohlanständigkeit in der Kleidung; das Gegenteil davon ist Unsauberkeit einerseits und Putzsucht andererseits. Sagt mir also: Von welcher Art Bescheidenheit soll ich nun reden?

I.
1. Die erste Art der Bescheidenheit, der äußere Anstand ist aus verschiedenen Gründen eine überaus wichtige Tugend; vor allem deshalb, 1) weil sie uns eine große Selbstbeherrschung auferlegt. Keine Tugend verlangt solche Achtsamkeit; aber gerade darin, daß sie uns immer in Zucht hält, liegt ihr hoher Wert. Denn alles, was uns im Zaum

10. Bescheidenheit

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hält, damit wir für Gott leben können, ist unendlich verdienstvoll, wenn ich auch hier unter euch das Wort „Verdienst“ nicht gerne gebrauche – ich meine es aber im Sinne von „Gott wohlgefällig“. 2) weil sie uns die Selbstbeherrschung nicht nur manchmal auferlegt, sondern immer und überall, allein und mit anderen und in allen Lagen, selbst beim Schlafen. Ein großer Heiliger gab einem seiner Jünger den Rat, sich im Gedanken an die Gegenwart Gottes züchtig zur Ruhe zu begeben und sich dabei so zu benehmen, als wenn Unser Herr noch als Mensch wie vor seinem Leiden und Sterben unter uns wandle und ihm befehle, sich jetzt vor ihm schlafen zu legen. Der Heilige fährt fort: „Wenn auch dein leibliches Ohr ihn nicht hört, dein leibliches Auge ihn nicht sieht, verhalte dich trotzdem so, als nähmest du ihn mit den Sinnen wahr, denn er ist in der Tat bei dir und schaut dich an, auch während du schläfst.“ Mein Gott! Wie bescheiden und sittsam würden wir zu Bett gehen, wenn wir den Heiland sehen könnten! Gewiß würden wir ganz fromm die Arme über der Brust kreuzen. Die Bescheidenheit hält uns also stets in Zucht im Gedanken an die Engel, die immer um uns herum sind, und im Gedanken an Gott, der überall gegenwärtig ist, vor dessen Augen wir uns immer bescheiden verhalten wollen. 3) weil sie soviel zur Erbauung des Nächsten beiträgt. Ich kann euch sagen, daß die einfache äußere Bescheidenheit schon viele Menschen zu Gott zurückgeführt hat. So hat einmal der hl. Franziskus eine ganze Schar junger Leute an sich gezogen, bloß weil er in überaus bescheidener Haltung die Stadt durchwanderte, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Wegen seines bescheidenen Wesens allein folgten sie ihm und baten ihn, sie zu belehren. Neulich machte mich ein Kapuzinerpater auf einen Ordensbruder, der ihn begleitete, aufmerksam und sagte mir: „Schauen Sie, dieser Bruder predigt nicht und spricht fast mit niemand, er führt ein ganz zurückgezogenes Leben, und doch hat er gerade mit seiner Bescheidenheit schon viele Menschen angezogen und dem Orden zugeführt.“ Die Bescheidenheit ist eine stumme Predigt. Der hl. Paulus legt sie den Philippern ganz besonders ans Herz. Er schreibt ihnen: „Eure Bescheidenheit werde allen Menschen kund“ (Phil 4,5). Und zu seinem Schüler Timotheus sagt er, der Bischof müsse geschmückt sein, zwar nicht mit Seidengewändern, wohl aber mit der Bescheidenheit (1 Tim 3,2). Durch sein bescheidenes Auftreten wird er jeden ermutigen, sich ihm vertrauensvoll zu nähern; sein Benehmen

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10. Bescheidenheit

wird weder ungeschlacht noch leichtfertig sein, sodaß es die Weltkinder zwar wagen, zu ihm zu gehen, ihn aber dabei doch nicht für einen ihresgleichen halten. 2. Zeit, Ort und Personen bestimmen die Übung der Bescheidenheit. Wer z. B. während der Rekreation ebenso ernst bliebe wie außerhalb derselben, würde der nicht unangenehm auffallen? So manche Bewegung und Gebärde wirkt außerhalb der Rekreation unpassend und ist es doch während derselben ganz und gar nicht. Wer bei einer ernsten Beschäftigung lacht oder sich gehen läßt, wie man das zur Zeit der Rekreation sehr wohl tun darf, der würde mit Recht für leichtfertig und unbescheiden gehalten. Man muß auch stets bedenken, wo man ist, mit wem man verkehrt, in welcher Gesellschaft man sich befindet, und vor allem kommt es auf die Personen an. Anders sieht die Bescheidenheit einer Frau in der Welt aus, anders die einer Klosterfrau. Ein Mädchen draußen in der Welt, das mit niedergeschlagenen Augen einherginge, würde man ebenso ungünstig beurteilen wie eine Klosterfrau, die ihren Blick umherschweifen ließe. Was bei dem einen Bescheidenheit ist, kann bei dem anderen das Gegenteil sein, je nach seinem Stand. So gut bejahrten Menschen würdevolles Benehmen steht, bei jüngeren würde es affektiert wirken; ihre Haltung muß schlicht und demütig sein. Ich will euch etwas erzählen, was ich dieser Tage gelesen habe. Der Kaiser Theodosius wollte als frommer Katholik seinen Sohn zu einem würdigen Thronfolger heranbilden. Er wandte sich deshalb an den heiligen Papst Damasus mit der Bitte, einen Erzieher zu suchen, der dieser Aufgabe gewachsen wäre. Damasus schickte ihm Arsenius. Nach einigen Jahren aber bekam dieser, der beim Kaiser in selten hoher Gunst stand, das Hofleben mit all seinem Tand satt. Es hinderte ihn zwar niemand, ein frommes Leben zu führen, aber er konnte sich so wenig an die Luft und an das Treiben bei Hof gewöhnen, daß er beschloß, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen und zu den Wüstenvätern zu gehen. Er führte dieses Vorhaben sofort aus. Die heiligen Einsiedler-Väter hatten schon viel von der hohen Tugend des Arsenius gehört, sie freuten sich deshalb sehr, ihn in ihrer Mitte zu haben. Arsenius schloß sich besonders zwei Vätern an, von denen der eine Pastor hieß, und trat mit ihnen in freundschaftliche Beziehung. Eines Tages hatten sich alle Väter zu einer geistlichen Konferenz versammelt (das war schon zu allen Zeiten unter frommen Leuten Brauch). Einer der Mönche machte nun den Oberen darauf aufmerksam, daß Arsenius

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die Gewohnheit habe, die Beine übereinander zu schlagen, und sich also unschicklich benehme. Der Obere erwiderte: „Ja, das habe ich schon bemerkt, Arsenius ist aber ein so vortrefflicher Mann, der sich in der Welt tadellos gehalten; diese Gewohnheit hat er vom Hof mitgebracht.“ Es tat dem Oberen leid, Arsenius wegen einer so geringfügigen Sache, in der von Sünde gar keine Rede sein konnte, zu tadeln, er wollte ihm aber diese Untugend doch gerne abgewöhnen, gerade weil sie die einzige an ihm war. Da sagte Pastor: „Vater, seien Sie unbesorgt, das kann man ihm schon sagen: er wird sogar sehr dankbar dafür sein. Vielleicht machen wir es so, wenn es Ihnen recht ist: Morgen, wenn wir alle beisammen sind, setze ich mich auch so hin und Sie geben mir vor allen Vätern einen Verweis; dann hört er, daß man so nicht dasitzen darf.“ Als Pastor nun zurechtgewiesen wurde, warf sich Arsenius auf den Boden und bat um Verzeihung, denn er habe diesen Verstoß immer gemacht, auch wenn der Vater es nicht gesehen habe, denn es sei das seine gewöhnliche Haltung bei Hof gewesen. Arsenius bat um eine Buße, die ihm jedoch nicht auferlegt wurde. Von diesem Tag an saß er nie mehr mit gekreuzten Beinen da. An dieser Erzählung ist verschiedenes lehrreich: 1. Die Klugheit und feine Zurückhaltung des Oberen, der wegen einer so geringfügigen Sache Arsenius nicht mit einem Verweis kränken wollte und doch einen Weg suchte, ihm die Untugend abzugewöhnen. 2. Die peinliche Sorgsamkeit aller, auch die geringste Unschicklichkeit zu bannen. 3. Die Gutartigkeit des Arsenius, der sich zu seinem Fehler bekannte; sein beharrlicher Wille, diesen Fehler abzulegen und eine solche Kleinigkeit zu unterlassen, die bei Hof gang und gäbe war, bei den Mönchen jedoch Anstoß erregte. – Und noch etwas können wir aus dieser Erzählung lernen: Nicht erstaunt zu sein, wenn wir uns noch mit einer Gewohnheit aus der Zeit unseres Weltlebens behaftet sehen, da ein so großer Mann wie Arsenius nach so langer Gemeinschaft mit den Wüstenvätern nicht ganz frei davon war. Man legt seine Unvollkommenheiten nicht so schnell ab. Wundern wir uns also nicht, wenn wir noch recht viele haben. Die Hauptsache ist, daß wir den Willen haben, sie abzulegen. Nein, meine Tochter, es ist kein liebloses Urteilen, wenn ich den Verweis auf mich beziehe, den die Oberin einer anderen für einen Fehler, den ich auch mache, deshalb erteilt, damit ich mich bessere, ohne daß sie mich direkt tadelt. Wir werden uns dann tief verdemütigen, wenn wir gewahren, daß sie unsere Empfindlichkeit kennt und recht

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gut weiß, daß uns ein direkter Verweis verletzen würde. Diese Verdemütigung wollen wir innig lieben. Wir täten gut daran, wie Arsenius offen einzugestehen, daß wir den gleichen Fehler auch machen, – vorausgesetzt, daß dies in aller Ruhe und Gelassenheit geschieht.

II.
Von den anderen Arten der Bescheidenheit möchtet ihr also auch etwas wissen? 1. Nun, wie der äußere Anstand den Körper, so beeinflußt die wohlgeordnete innere Haltung – die zweite Art der Bescheidenheit – die Seele. Der äußere Anstand bestimmt die Bewegungen, Gebärden und das äußere Verhalten, vermeidet Ungeniertheit und Ausgelassenheit ebenso wie Affektiertheit. Die innere Bescheidenheit sorgt für die Ruhe und Beherrschtheit unserer seelischen Kräfte, also des Verstandes und Willens; sie versagt dem Verstand ungeordnete Wißbegier – ihn zügelt sie ja mit besonderer Sorgfalt, – und verweigert dem Willen seine zahllosen Wünsche, damit er sich nur auf das eine Notwendige werfe, von dem es heißt: „Maria hat den besten Teil erwählt, der ihr nicht wird genommen werden“ (Lk 10,42); und dieses eine ist: Gott gefallen wollen. Marta ist uns ein Beispiel für die Unbescheidenheit des Wollens, denn sie überstürzt sich, beansprucht die ganze Dienerschaft, rennt hin und her vor lauter Eifer, für den Herrn ja alles recht schön und tadellos zu machen. Sie kann sich in der Bereitung der Speisen gar nicht genug tun, so reichlich und gut möchte sie den Herrn bewirten. – So springt auch der Wille, wenn er von der Bescheidenheit nicht im Zaum gehalten wird, von einem Gegenstand zum anderen, um sich zur Gottesliebe anzufeuern, und sucht nach immer neuen Mitteln, Gott zu dienen. Und doch gehört nicht so viel dazu: Sich eng an den Herrn halten und wie Maria zu seinen Füßen sitzen, ihn um seine Liebe bitten, das ist mehr wert, als lange darüber nachzustudieren, wie und womit wir seine Liebe gewinnen könnten. – Durch die Bescheidenheit wird so der Wille auf die unserem Stand entsprechenden, die Gottesliebe fördernden Übungen und Mittel festgelegt. 2. Diese innere Bescheidenheit arbeitet, wie gesagt, hauptsächlich an der Unterwerfung des Verstandes und dies vor allem deshalb, weil die uns angeborene Neugierde eine Feindin alles gründlichen Wissens ist; wer neugierig ist, nimmt sich nicht die Zeit, etwas gründlich zu lernen.

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– Dann bekämpft die Bescheidenheit auch die entgegengesetzten Fehler, nämlich Stumpfsinn und Gedankenfaulheit, die selbst notwendigem Wissen abhold sind. Diese Verstandeszucht ist für unsere Vollkommenheit von hoher Bedeutung, weil der Wille, sosehr er auch an einer Sache hängt, doch von ihr abgebracht wird, wenn der Verstand ihm das Anziehende einer anderen Sache zeigt. Ein Ordensmann fragte einmal den großen hl. Thomas, wie er zu hoher Gelehrsamkeit gelangen könne. „Wenn du nur ein Buch liest,“ antwortete der Heilige. Kürzlich las ich in der Regel, die der hl. Augustinus für seine Klosterfrauen verfaßte, daß die Schwestern nur jene Bücher lesen sollten, die sie von der Oberin erhalten. Die gleiche Vorschrift gab er auch seinen Mönchen, denn er wußte nur zu gut, wie schädlich die Neugierde ist, immer wieder anderes zu hören als das, was zum Dienst Gottes notwendig ist, und das ist gewiß nicht viel. Sucht also nicht neugierig alles Mögliche zu wissen, haltet euch vielmehr in aller Einfachheit an die Beobachtung der Regel, dann dient ihr Gott auf vollkommene Weise. Die geistlichen Konferenzen und die Predigten, die ihr hört, wollen ja nicht immer nur belehren, sondern sie wollen vor allem der Erholung und Belebung des Geistes dienen. Um Gott zu lieben, braucht man nicht gelehrt zu sein. Der hl. Bonaventura, dessen Fest wir heute feiern, sagte einem Ordensmann: „Ein einfaches Weiblein kann Gott genau so gut lieben, wie der größte Gelehrte.“ Viel tun macht vollkommen, nicht aber viel wissen. Da ich gerade von dieser Neugierde, immer neue Mittel der Vollkommenheit ausfindig zu machen, spreche, fallen mir zwei Klosterfrauen aus zwei strengen Orden ein, die ich beide gekannt habe. Die eine hatte sich die Ausdrucksweise der hl. Theresia vor lauter Lesen in ihren Schriften derart angeeignet, daß sie eine hl. Theresia im Kleinen zu sein schien. Sie selbst hielt sich auch dafür. Sie prägte sich alles, was die hl. Theresia in ihrem Leben getan, so in die Phantasie ein, daß sie wirklich glaubte, dasselbe durchzumachen wie ihr Ideal, sogar die „Geistesspannungen“ und „Fähigkeitsunterbrechungen“, wie die hl. Theresia sie hatte. Andere wieder beschäftigen sich so eingehend mit dem Leben der hl. Katharina von Siena oder gar jener von Genua, daß sie sich für die reinsten Katharinen halten. Diese frommen Seelen sind bei ihrer eingebildeten Heiligkeit wenigstens noch zufrieden; freilich ist dieses ihr Befriedigtsein ein Wahn. – Die zweite der genannten Klosterfrauen war von ganz anderer Gemütsart. Gerade wegen ihrer uner-

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sättlichen Gier nach immer neuen Mitteln und Wegen zur Vollkommenheit blieb sie immer unbefriedigt. Sie gab sich alle Mühe voranzukommen, meinte aber, es müsse immer noch einen besseren Weg geben als den, den sie geführt wurde. So lebte die eine selbstzufrieden in eingebildeter Heiligkeit und war wunschlos glücklich; die andere war unzufrieden, weil sie nichts von ihrer Vollkommenheit sah, und sehnte sich immer nach anderem. Die Bescheidenheit aber hält die goldene Mitte und beschränkt die Wißbegier auf das Notwendige. 3. Gewiß, meine liebe Tochter, das Viele-Worte-machen, wenn es mit wenigen auch gesagt werden kann, ist Unbescheidenheit und somit selbstverständlich zu unterlassen, besonders in dem Fall, von dem Sie sprechen, wenn man sich nur entschuldigen will. Ganz abgesehen von dem Fehler gegen die Bescheidenheit ist es noch ein weiterer Fehler, nicht als fehlerhaft und unvollkommen erkannt werden zu wollen. Das ist gegen die Demut, denn Demut liebt die Verdemütigung. Noch ein Wort über den äußeren Anstand, von dem wir schon gesprochen. Man glaubt nicht, wie er zur wohlgeordneten inneren Haltung und zum inneren Frieden beiträgt. Das zeigt sich vor allem beim Beten. Alle heiligen Väter, die auf das Gebet so großes Gewicht gelegt haben, sind der Ansicht, daß eine fromme Haltung, wie Knien, Händefalten, die Arme über der Brust kreuzen, viel ausmacht. Diese Haltung verhilft uns in ungeahnter Weise, in Gottes Gegenwart gesammelt und auf ihn konzentriert zu bleiben. 4. Ihr möchtet gerne wissen, ob es ein Verstoß gegen die Bescheidenheit ist, wenn man den Kopf senkt oder schief hält oder die Augen verdreht. Dazu sage ich: Geschieht es unwissentlich und ohne die Absicht, damit eine besondere Frömmigkeit zu betonen, dann ist nichts dabei. Wir müssen aber jede affektierte Haltung vermeiden, denn alles Gemachte muß uns bis in die Seele hinein zuwider sein. Es darf kein „Sanctificetur“ geben ohne „nomen tuum“, d. h. man muß es sorgfältig meiden, den Frommen zu spielen, wie ich es selber einmal gemacht habe. – Das lustige Geschichtlein kann ich hier ruhig erzählen, es paßt gerade so schön her. Als Studentlein hier in Annecy hatte ich den brennenden Wunsch, heilig und vollkommen zu werden. Ich bildete mir ein, daß ich, um mein Ziel zu erreichen, beim Gebet den Kopf schief halten müsse, denn ein anderer, ein heiligmäßiger Student, tat das auch. Ich führte das eine ganze Zeit lang durch, – heiliger bin ich davon aber nicht geworden.

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Doch zurück zu meinem Gegenstand: Manche nennen diese zweite Art Bescheidenheit eine ständige Wachsamkeit des Geistes, ein geflissentliches Bemühen, den Geist in den Grenzen der Bescheidenheit zu halten, sodaß man nur einfach das Notwendige wissen will und jede Neugierde nach anderem unterdrückt.

III.
Die dritte Art der Bescheidenheit betrifft das Reden und den Umgang. Worte, die außerhalb der Erholung unpassend sind, sind es zur Zeit, da sich der Geist mit gutem Recht erholen und entspannen soll, durchaus nicht. Es wäre sehr anmaßend, da nur von hohen und erhabenen Dingen reden und hören zu wollen, denn die Bescheidenheit betätigt sich, wie schon gesagt, verschieden, je nach Zeit, Umständen und Personen. Darüber las ich neulich etwas vom hl. Pachomius. Bevor er sein Mönchsleben in der Wüste begann, hatte er schwere Versuchungen zu bestehen. Der Teufel erschien ihm oft und in vielerlei Gestalt. Der Biograph des Heiligen berichtet: „Als Pachomius eines Tages in den Wald zum Holzfällen ging, stürzte ein Rudel höllischer Geister auf ihn los, um ihn zu erschrecken. Sie stellten sich wie bewaffnete Wachposten vor ihm auf und riefen einander zu: ,Platz da für den Heiligen!‘ Pachomius erkannte den Teufel und durchschaute sein Machwerk. Er lächelte und sagte: ,Spottet nur, ich werde doch noch heilig.‘ Als der Teufel sah, daß er Pachomius weder überrumpeln noch verzagt machen konnte, nahm er sich vor, ihn mit einem Scherz zu fangen, nachdem Pachomius sich das erstemal über ihn lustig gemacht hatte. Er band also eine Menge dicker Stricke an ein Baumblatt fest. Die Teufel hingen sich daran und zogen aus Leibeskräften und schrien und schwitzten, als ob sie sich furchtbar plagen müßten. Als der Heilige aufschaute und diesen Humbug sah, stellte er sich den Heiland am Baum des Kreuzes hängend vor und machte das Kreuzzeichen. Als der Teufel merkte, daß Pachomius seine Aufmerksamkeit auf die Frucht des Baumes richtete und nicht auf sein Blatt, schlich er bestürzt und beschämt davon.“ „Weinen hat seine Zeit und Lachen hat seine Zeit, Schweigen hat seine Zeit und Reden hat seine Zeit“ (Eccles 3,4 f) – das lehrt uns dieser große Heilige mit seinem Verhalten in Versuchungen. Diese Bescheidenheit bestimmt unsere Art zu reden, damit sie angenehm sei, nicht zu laut, nicht zu leise, nicht zu langsam und nicht zu hastig. Sie hält immer die

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10. Bescheidenheit

Mitte, läßt auch andere zu Wort kommen, unterbricht nicht, was nach Geschwätzigkeit aussieht, redet aber auch mit und stört die Unterhaltung weder durch Unbeholfenheit noch durch Blasiertheit.

I V. V.
Die vierte Art der Bescheidenheit bezieht sich auf die Kleidung. Darüber wäre zu sagen, daß man sich vor Unsauberkeit und Schlamperei ebenso in acht nehmen soll wie vor dem anderen Extrem, der übertriebenen Sorgfalt, die darauf ausgeht, sich herauszuputzen und wie „aus dem Ei geschält“ zu sein. Der hl. Bernhard tritt sehr für die äußere Sauberkeit ein und sieht in ihr einen Beweis für die Seelenreinheit. In Bezug auf die Sauberkeit befremdet uns etwas im Leben des hl. Hilarion, tat er doch einem Edelmann gegenüber, der ihn aufgesucht hatte, den Ausspruch: „Am Kleid eines Büßers dürfe man sich keine Sauberkeit erwarten.“ Er wollte damit sagen, daß unser Leib nur ein übelriechender, verpesteter Kadaver sei, an dem man keine Sauberkeit zu suchen habe. Der Heilige ist in diesem Ausspruch gewiß bewunderungswürdig, aber nicht nachzuahmen. Man soll nicht übertrieben reinlich, man darf aber auch gewiß nicht unsauber sein. Der hl. Hilarion sprach eben zu einem Höfling, dem er die Verweichlichung ansah, und so fühlte er sich, wie mir scheint, veranlaßt, etwas derber zu reden. Wer ein krummes Bäumchen gerade machen will, der richtet es nicht nur auf, der biegt es auch nach der entgegengesetzten Seite, damit es wieder in seiner ursprünglich geraden Richtung wächst. – So viel nun über die Bescheidenheit; ich glaube, daß ich alles deutlich genug erklärt habe. Verschiedene Fragen 1. Ihr möchtet gerne wissen, was ihr tun müßt, um einen Tadel nicht unangenehm zu empfinden und dann nicht bitter zu werden. Das Aufsteigen einer zornigen Regung und das Aufwallen des Blutes können wir nicht hindern. Seien wir froh, wenn wir eine Viertelstunde vor dem Tod diese vollkommene Beherrschtheit erreicht haben. Aber auf eines müssen wir sorgfältig achten, daß sich, sobald der Aufruhr verebbt ist, keine bitteren Gedanken festsetzen, die es uns erschweren, mit der Person, die uns zurechtgewiesen, ebenso zutraulich, lieb und

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ruhig zu reden wie vorher. – Ihr sagt, daß ihr diese Gedanken weit fortjagt und sie doch immer wieder zurückkommen. – Ja, meine lieben Töchter, ihr macht es eben vielleicht so, wie die Bürger einer Stadt bei einem nächtlichen Aufruhr: sie verjagen wohl die Aufständischen, werfen sie aber nicht zur Stadt hinaus, und so können sie sich in den Gäßchen und Winkeln bis zum Morgen versteckt halten, fallen dann über die Bewohner her und überwältigen sie. Ihr verjagt die Verstimmung über die Zurechtweisung, aber nicht so energisch und gründlich, daß sich nicht ein Rest davon irgendwo in einen Winkel eures Herzens hineinverkriechen könnte. Ihr wollt zwar nicht verstimmt sein, aber doch von eurer Meinung nicht abgehen, daß die Zurechtweisung nicht am Platz war oder in der Leidenschaft oder wer weiß warum erteilt wurde. Seht ihr denn nicht, wie der Aufständische über euch herfallen und euch unerhört quälen wird, wenn ihr ihn nicht sofort weit davonjagt? Was ist in solcher Lage zu tun? Sich eng an den Heiland anschmiegen und von ganz anderen Dingen mit ihm reden. – Wenn sich aber das Gefühl nicht beschwichtigen läßt, vielmehr die Gedanken auf das erlittene Unrecht geradezu hindrängt? – Ach Gott! Das ist dann wirklich nicht der geeignete Augenblick, dem Gefühl beizubringen, daß der Tadel notwendig und angebracht war, und seine Zustimmung zu verlangen. Nein, das kommt erst dann, wenn die Seele wieder besänftigt und beruhigt ist. Während des inneren Aufruhrs sollen wir nichts sagen und nichts unternehmen, so sehr wir uns auch dazu berechtigt glauben, sondern nur zäh an dem Vorsatz festhalten, uns ja nicht mitreißen zu lassen. In einer solchen Gemütsverfassung finden wir nämlich immer genug Gründe für unseren Ärger, sie kommen uns massenhaft in den Sinn. Wir dürfen aber nicht auf einen einzigen von ihnen hören, so glaubhaft sie scheinen. Halten wir uns, wie gesagt, eng an Gott, verdemütigen wir uns zuerst vor der göttlichen Majestät und dann reden wir mit Gott von etwas ganz anderem. Aber merkt wohl auf diesen Rat, den ich immer gern wiederhole, weil er so nützlich ist: Ihr müßt euch ruhig und friedlich verdemütigen, nicht verärgert und aufgeregt. Das ist ja so oft unser Unheil, daß unsere Demuts-Akte vor Gott grimmig und verdrossen sind. Die Folge davon ist, daß unser Geist sich nicht beruhigt und diese Demuts-Akte ohne Frucht bleiben. Verdemütigen wir uns also vor der Majestät Gottes mit ruhigem Vertrauen, dann wird die Verstimmung weichen und unser Gemüt wird sich wieder aufheitern und beruhigen. Wir werden dann

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auch die Nichtigkeit all dieser Gründe einsehen, die Eigenwille und Eigenliebe uns einflüstern, und werden mit den Menschen, die uns tadelten, ebenso unbefangen reden wie zuvor. – Ihr überwindet euch schon, sagt ihr, und redet mit ihnen, aber wenn das Gespräch nicht so ausfällt, wie ihr es euch wünscht, dann kommt die Versuchung zur Bitterkeit wieder. – Seht, das kommt von denselben üblen Ursachen, die ich schon angeführt habe. Es kann euch doch ganz gleich bleiben, ob man so oder so mit euch redet, wenn nur ihr eure Pflicht tut. Wenn man es so recht bedenkt, so gibt es wohl keinen Menschen, dem ein Tadel nicht zuwider wäre. Nach 15 Jahren eines ganz heiligmäßigen Lebens in der Wüste wurde dem hl. Pachomius von Gott geoffenbart, daß er eine große Anzahl Seelen gewinnen werde und viele sich in der Wüste unter seine Führung begeben würden. Einige Ordensleute waren schon bei ihm, darunter auch sein älterer Bruder Johannes, den er als ersten aufgenommen hatte. Pachomius vergrößerte nun auf diese göttliche Mitteilung hin das Kloster und ließ viele Zellen bauen. Sein Bruder, der seine Gründe nicht kannte, verwies es ihm in seiner Liebe zur heiligen Armut mit heftigen Worten. Er fragte ihn, ob er wohl auf diese Weise dem Heiland nachzufolgen glaube, der während seines Erdendaseins „nichts“ hatte, „wohin er sein Haupt legen könnte“. Er dagegen lasse ein so großes Kloster bauen und verschwende außerdem seine Zeit. Noch viele andere Vorwürfe fügte er hinzu. Pachomius empfand trotz seiner großen Heiligkeit diesen Tadel so schmerzlich, daß er sich abwenden mußte, um sich seinen Ärger nicht anmerken zu lassen. Er ging dann weg, warf sich vor Gott auf die Knie, bat ihn um Verzeihung und klagte ihm, daß er nach so vielen Jahren der Wüsteneinsamkeit immer noch so unbeherrscht war, wie er meinte. Er betete dann so innig und so demütig, daß ihm die Gnade zuteil wurde, nie mehr in Ungeduld zu fallen. Selbst der hl. Franziskus2 brauste noch gegen Ende seines Lebens einmal auf. Er arbeitete im Garten und setzte Kohlpflänzchen. Ein Bruder sah, daß er es falsch machte, und beredete es ihm. Darüber geriet Franziskus, der schon so viele Ekstasen gehabt und mit dem Heiland in innigster Vertrautheit verkehrte, so viel schon zur Ehre Gottes getan und so oft sich überwunden hatte, in so heftigen Zorn, daß ihm beinahe ein Schimpfwort entschlüpfte. Schon wollte er es aussprechen, hielt es aber gerade noch zurück und stopfte sich eine Handvoll Mist in den Mund mit den Worten: „Da, du böse Zunge, ich werde es

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dir austreiben, deinen Bruder zu beleidigen.“ Und kniefällig bat er dann diesen Mitbruder um Verzeihung. Dürfen wir uns da wundern, daß wir aufbrausen möchten, sobald uns jemand tadelt oder widerspricht? Wir müssen aber auch dem Beispiel dieser Heiligen folgen, die sich sofort überwanden, der eine, indem er zum Gebet seine Zuflucht nahm, der andere, indem er seinen Mitbruder gleich um Verzeihung bat. Beide gaben ihren Gefühlen in keiner Weise nach, sondern überwanden sie, und so war der Tadel ein Gewinn für sie. Ihr sagt, daß ihr die Zurechtweisung gutwillig annehmt und billigt, sie gerecht und berechtigt findet, daß ihr euch aber der Oberin gegenüber befangen fühlt, weil ihr sie verstimmt oder ihr Anlaß zu Ärger gegeben habt. Und darum traut ihr euch nicht mehr zu ihr, obwohl ihr die Demütigung, die euch der Fehler eingetragen hat, liebt. – Nun, meine lieben Töchter, da steckt die Eigenliebe dahinter. Ihr wißt wohl noch nicht, daß unser Inneres eine Art Kloster ist. Die Eigenliebe ist da Oberin; sie legt also die Bußen auf. Und die Buße für den begangenen Fehler ist eben gerade diese Hemmung, ist die Angst, eure Oberin am Ende doch verstimmt zu haben und deshalb von ihr weniger geschätzt zu werden, als wenn ihr den Fehler nicht begangen hättet. – Ich glaube damit denen, die eine Zurechtweisung erhalten, genug gesagt zu haben. Nun noch ein Wort für diejenigen die Zurechtweisungen erteilen. Wer zu tadeln hat, muß taktvoll den rechten Augenblick abwarten; auch darf er sich weder gekränkt noch erstaunt zeigen, wenn die Zurechtweisung unangenehm empfunden wird. Jeder Tadel schmeckt bitter. Aber nun genug darüber. 2. Was wollt ihr noch wissen? Wie ihr so ganz gerade auf Gott zugehen könnt, ohne nach rechts und links zu schauen? Meine Töchter, diese Frage ist mir sehr lieb, weil die Antwort schon darin enthalten ist: Ganz gerade auf Gott zugehen und nicht nach rechts und links schauen, wie ihr sagt, so muß man es machen. Aber das wolltet ihr eigentlich nicht gefragt haben, ihr meintet vielmehr: wie ihr euch so tief in Gott festigen könnt, daß nichts euch von ihm zu lösen, nichts euch wegzulocken vermag. – Zwei Dinge gehören dazu: Sterben – und in den Himmel kommen. Dann erst können wir nie mehr von Gott getrennt werden, dann erst werden wir unlöslich ihm anhangen und ganz eins mit ihm geworden sein. – Aber auch das war es nicht, was ihr eigentlich wissen wollt, sondern ihr wünscht euch ein Mittel, daß keine Fliege, d.

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h. auch nicht die geringste Zerstreuung euren Geist von Gott abziehe. – Erlaubt einmal, meine Töchter, nur die Sünde trennt euch von Gott, nicht aber eine Mücke, eine Zerstreutheit, wie ihr meint. Kraft unseres am Morgen gefaßten Vorsatzes, mit Gott vereint zu sein, uns seiner Gegenwart bewußt zu sein, bleiben wir in seiner Gegenwart, bleiben es auch dann, wenn wir schlafen, weil wir ja alles in seinem Namen tun und um seinen heiligen Willen zu erfüllen. Mir ist, als hörte ich seine göttliche Güte sagen: „Schlaft nur, ruht euch aus, mein Auge wacht über euch, ich behüte und verteidige euch gegen den ‚brüllenden Löwen, der umhergeht und euch verschlingen möchte‘ “ (1 Petr 5,8). Seht also, wie gut es doch ist, sich sittsam schlafen zu legen. Der bewußte Wandel in der Gegenwart Gottes ist das Mittel, alles recht zu machen; denn wer bedenkt, daß Gott ihn anschaut, der wird nicht sündigen können. Selbst läßliche Sünden sind nicht imstande, uns von Gott abzubringen. Wohl halten sie uns auf dem Weg ein wenig auf, aber sie führen uns davon nicht weg. Und noch viel weniger vermögen dies einfache Zerstreuungen, wie ich es schon in der „Anleitung“ erklärt habe. Unser Gebet ist trotz unserer Zerstreutheit Gott nicht weniger angenehm und uns nicht weniger nützlich. Es hat vielleicht gerade deshalb, weil wir uns Plagen müssen, mehr Wert, als wenn wir mit Tröstungen überhäuft wären; nur dürfen wir nicht freiwillig und vorsätzlich bei den Zerstreuungen verweilen, müssen sie vielmehr beharrlich abweisen. Das gleiche gilt von der Schwierigkeit, uns tagsüber auf Gott und himmlische Dinge zu konzentrieren. Wir müssen uns alle Mühe geben, unseren Geist gleichsam festzuhalten, wir dürfen ihm nicht erlauben, Insekten und Schmetterlingen nachzujagen. Wir müssen mit ihm umgehen, wie eine Mutter mit ihrem Kind. Das Büblein möchte so gern allen Schmetterlingen nachlaufen, um sie zu fangen. Die Mutter aber hält es am Arm und sagt: „Schau, Kind, wenn du den Schmetterlingen nachläufst, wirst du dich erhitzen und krank werden; bleib schön bei mir!“ Das Büblein bleibt so lange bei der Mutter, bis es wieder einen Schmetterling sieht, dem es gleich nachlaufen möchte, wenn die Mutter es nicht neuerdings festhielte. Was kann man da machen? Nichts, als Geduld haben, sich die Mühe nicht verdrießen lassen, denn wir plagen uns ja aus Liebe zu Gott. Wenn ihr vorhin sagtet, daß ihr nicht zu Gott gelangen könnt und daß er euch daher weit weg zu sein scheint, so wolltet ihr wohl damit sagen, wenn ich euch recht verstehe, daß ihr seine Gegenwart nicht spürt. In

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Gottes Gegenwart sein und Gottes Gegenwart fühlen, ist nämlich zweierlei. Das meintet ihr wohl, nicht wahr? – O meine Töchter, nur Gott kann uns das Gefühl seiner Gegenwart schenken, aus uns selbst können wir das Gefühl nicht haben. Ihr fragt, wie ihr es machen sollt, um immer die große Ehrfurcht vor Gottes Gegenwart zu bewahren, da ihr diese Gnade doch gar nicht verdient. – Da könnt ihr nichts anderes tun als, wie ihr es selbst sagt: bedenken, daß er Gott ist und wir ganz armselige Geschöpfe, die einer solchen Ehre nicht wert sind. So beschäftigte sich der hl. Franz von Assisi eine ganze Nacht lang mit der Frage: „Wer bist Du und wer bin ich?“ – Ihr seht, eure Fragen enthalten alle schon ihre Antwort. 3. Ihr wollt wissen, wie ihr zur Gottesliebe kommen könnt. Nun, ich sage euch darauf: Ihr müßt Gott lieben wollen. Statt lange zu fragen und zu grübeln, wie ihr euren Geist an Gott binden könnt, beschäftigt euch immerwährend mit ihm. Glaubt mir, das ist von allen Wegen der kürzeste zum Ziel. Je ausgegossener wir sind, desto zerfahrener und desto unfähiger sind wir, uns in ihn zu versenken, uns mit ihm zu vereinigen, der uns ganz und ungeteilt besitzen will. Es gibt Seelen, die vor lauter Überlegen, wie sie es machen sollen, überhaupt zu nichts kommen. Die Vollkommenheit unserer Seele besteht in der Vereinigung mit Gott, die wir nicht erreichen mit Viel-Wissen, wohl aber mit Viel-Tun. Gehen wir daher mit recht großer Einfachheit an diese heilige Aufgabe heran. Wer sich nämlich fortwährend nach dem kürzesten Weg in die Stadt erkundigt, dem kann es widerfahren, daß er später hinkommt als andere, die auf der Straße geblieben sind, weil der eine sagt: Sie gehen falsch, Sie machen einen Umweg; der andere: Sie müssen zurückgehen und dann in den und den Weg einbiegen. Man kehrt dann um und geht daher wieder zurück, und so kommt man nicht vorwärts, wenn man viel fragt. Wer nach dem Weg zum Himmel gefragt wird, hat eigentlich ganz recht, wenn er so antwortet wie jener, der gesagt hat: wenn Sie dahin gehen wollen, dann müssen Sie immer geradeaus gehen, immer einen Fuß vor den anderen setzen, dann kommen Sie schon hin, wohin Sie wollen.“ So sagt man also den vollkommenheitsdurstigen Seelen: Bleibt einfach immer auf der Straße eures Berufes. Kümmert euch mehr darum, eure Pflicht zu tun, als immer nach dem kürzesten Weg zu fragen.

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Erlaubt mir aber, euch aufzudecken, wo ihr mit euren Fragen hinauswollt. Ihr hättet zu gern, daß ich euch einen ganz fertigen Weg zur Vollkommenheit zeige, eine so gut ausgearbeitete Vollkommenheitsmethode, daß ihr sie gleichsam nur aufzusetzen bräuchtet wie euren Schleier. Ihr möchtet ganz mühelos vollkommen werden. Es hat euch nicht so recht gepaßt, daß ich sagte: dies und das müßt ihr tun; das war es nicht, was ihr eigentlich hören wolltet; ich hätte euch die Vollkommenheit ganz fertig servieren sollen. Ja, wenn ich das zustande brächte, dann wäre ich der vollkommenste Mensch der Welt; könnte ich sie anderen so ohne weiteres verleihen, so würde ich sie zu allererst mir selber geben. – Man hält die Vollkommenheit oft für eine Kunst, die man sich mühelos aneignen könne, sobald man hinter ihr Geheimnis gekommen ist. Das ist aber ein Irrtum. Streben wir die Vereinigung mit dem vielgeliebten Heiland an, dann müssen wir uns beharrlich in der Liebe üben, müssen treu alles aus reiner Liebe tun – das ist das Geheimnis. Wohlgemerkt: Mit diesem Üben und Tun meine ich nur das höhere Seelenleben. Achten wir so wenig auf Widerwillen und Widerstreben im niederen Seelenteil, wie Wanderer auf fernes Hundegekläff. Wer bei einem Festessen jedes Gericht verkostet und von allen Speisen nascht, verdirbt sich den Magen, verbringt eine schlaflose Nacht und erbricht in einem fort. Seelen, die alle Methoden und Mittel, die vollkommen machen oder machen könnten, kennen und ausprobieren wollen, ergeht es nicht anders. Ihr Wille hat nicht genug Wärme, all diese Mittel durchzuarbeiten und anzuwenden; daher dann die Beschwerden und Verstimmungen, die das stille und friedliche Beisammensein mit dem Heiland stören und so um das eine Notwendige bringen, das „Maria erwählt“ (Lk 10,42) und das ihr nicht genommen werden wird. 4. Nun zu eurer Frage, wie ihr zu einem ganz einfachen, reinen Gehorsam gegen Gott und die Vorgesetzten kommt. Die Frage ist gut gestellt, sie enthält bereits die Antwort. Einfach gehorchen heißt folgen mit der einfachen Absicht, Gott und der Oberin zu gehorchen. Zu dieser einfachen Absicht können noch Beweggründe hinzukommen; ihr tut z. B. den Willen Gottes, weil ihr wißt, daß euer Lohn ewig sein wird, ferner weil die Ungehorsamen Gott nicht schauen werden. Das alles ist an sich gut, aber weder einfach noch rein, die Absicht ist vermischt und verdoppelt. Gehorcht ihr der Oberin aus Liebe zu Gott und zugleich, um ihr zu gefallen und von ihr geschätzt zu werden, so ist

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das kein reiner Gehorsam aus Liebe zu Gott. Der Wunsch, der Oberin zu gefallen, bringt uns sehr häufig um das Verdienst des Gehorsams und um den Seelenfrieden. Sehen wir nämlich, daß sie mit uns unzufrieden ist, so beunruhigen wir uns und sind verstört, als ob von der Zufriedenheit der Oberin unser ganzes Glück abhinge. Und wir sollten doch die Verdemütigung freudig annehmen und innig lieb haben. Eine Seele, die nichts den Vorgesetzten, sondern alles ganz treu nur Gott zuliebe tut und grundsätzlich nur Gott in den Vorgesetzten sieht, o die würde sich selber die größte Wohltat erweisen, denn Zweck und Ziel solch reinen Gehorsams sind Gott außerordentlich angenehm. Dieses Wohlgefallen Gottes sollen wir im Auge haben und nicht den Lohn. Haben wir diese Gesinnung, dann sind uns alle Vorgesetzten gleich lieb, weil wir in einem jeden nur Gott sehen. 5. Meine Mutter, Sie fragen, ob die Vorgesetzten berechtigt sind, von ihren Untergebenen Dinge zu verlangen, die den Geboten Gottes oder der Kirche widersprechen. – Nein, das dürfen sie nicht; auch nicht, um sie zu prüfen. Denn die Autorität der Ordensoberen untersteht den Geboten der Kirche, wie die Gebote der Kirche ihrerseits den Geboten Gottes untergeordnet sind, d. h. den Geboten Gottes unterstehen. Ich weiß schon, daß einige Obere derartiges verlangt haben. Ich möchte aber meinen, daß aus Einfältigkeit befohlen und gehorcht wurde, und das mag beide Teile entschuldigen. Hätten sie es besser verstanden, so hätten sie es nicht getan, auch nicht tun dürfen. Die Ordensoberen dürfen ihre Untergebenen aber je nach Notwendigkeit von gewissen Geboten der Kirche dispensieren, wenn sie vom Papst die entsprechende Vollmacht haben.3 Eine Oberin bemerkt z. B., daß einer kränklichen Schwester das Fasten nicht gut bekommt. Sie kann und soll dieser Schwester für den einen oder anderen Tag das Fasten ruhig untersagen; vom ganzen vierzigtägigen Fasten kann freilich nur der Beichtvater dispensieren; und vom Genuß der verbotenen Fleischspeisen nur eine höhere Instanz. – Es kommen aber der Oberin Bedenken, ob die Schwester wirklich so kränklich ist, daß sie nicht fasten kann. – Nun, hinsichtlich des Fastens braucht man gewiß nicht engherzig zu sein; besser mehr Liebe als mehr Strenge, das ist auch der Wunsch der Kirche. Glaubt aber die Schwester, ganz gut fasten zu können, so kann sie es der Oberin einfach sagen; und besteht die Oberin darauf, daß sie nicht faste, dann soll die Schwester ohne Bedenken eben nicht fasten. Läßt sie ihr aber die Wahl, so mag sie tun, was sie will.

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Man darf sehr wohl am Morgen und im Laufe des Tages zwei oder drei Scheiben Brot mit etwas Wein genießen, ohne damit das Fasten zu brechen. Wer jedoch ohne Notwendigkeit etwas zu sich nimmt, der verfehlt sich zwar gegen die Mäßigkeit, nicht aber gegen das Fastengebot. Man muß aber wohl immer um die Erlaubnis zu dieser Stärkung bitten. Meine lieben Töchter, angenommen, ihr fühlt euch einmal an einem Fasttag nicht wohl und macht, ohne es zu wollen, ein verdrießliches Gesicht, hättet aber auch kein Bedürfnis, etwas zu essen – nun, da rate ich euch, nehmt statt zwei Bissen Brot und zwei Schluck Wein zwei Prisen guten Mut und Kraft, damit die Mitschwestern an eurem schlechten Aussehen nicht erschrecken und selber krank werden. Um euch zu zeigen, daß die Kirche in ihren Geboten keineswegs starr ist, sage ich euch noch mehr: Eine Schwester ist z. B. an einem Feiertag krank; zwar hat sie nur einen Anfall von Fieber, aber er kommt gerade in der Zeit der heiligen Messe; die Kranke kann während dieser halben Stunde scheinbar ganz gut allein bleiben. Da dürft ihr nun die heilige Messe ruhig drangeben, um bei der Kranken zu bleiben, obwohl ihr gewiß nichts zustoßen wird, wenn sie allein bleibt. Bei all diesen Dingen soll man immer eher in der Liebe übertreiben, vor allem beim Fasten, und das um so mehr, wenn man statt dessen eine Arbeit aus Nächstenliebe auf sich nimmt. 6. Ihr fragt, meine lieben Töchter, wie ihr es machen sollt, um eure Entschlüsse zu festigen und ihnen den Erfolg zu sichern. Das beste Mittel ist, sie in die Tat umzusetzen. Ihr klagt aber, daß ihr so schwach seid und trotz eures Vorsatzes immer wieder in den Fehler fallt, den ihr ablegen wollt, und bei der nächsten Gelegenheit schon wieder auf der Nase liegt. Ihr wollt wissen, warum wir so schwach bleiben? – Weil wir uns der schädlichen Speisen nicht enthalten. Wir machen es da wie einer, der sein Magengeschwür wegbringen will, der auch den Arzt befragt, den Rat aber, dieses und jenes nicht zu essen, weil es Beschwerden und Schmerzen verursacht, nicht befolgt. Ja, genau so machen wir es: Wir möchten z. B. Zurechtweisungen gern hinnehmen, zugleich aber auch bei den Vorgesetzten schön dastehen. Seht, das ist einfach Unsinn! Das geht nicht. Solange ihr euren Geist mit Selbstliebe füttert, werdet ihr Tadel niemals tapfer und starkmütig ertragen. – „Ich möchte schon gesammelt sein,“ sagt die eine, „kann aber das zwecklose Grübeln nicht lassen.“ Nun, das gibt es auch nicht. – „Mein Gott, so gern

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würde ich meine Übungen treu und gewissenhaft machen,“ sagt die andere, „aber so mühsam sollten sie halt nicht sein: mit einem Wort, ich möchte jede Arbeit schon fertig vorfinden.“ – Nun, so etwas wird es in diesem Leben nie geben, hier werden wir immer zu arbeiten haben. Ich habe euch schon früher einmal gesagt, daß das Fest Mariä Reinigung keine Oktav hat. Wir müssen zwei gleich feste Vorsätze fassen: Nicht unruhig werden, wenn wir das Unkraut in unserem Garten wuchern sehen – zugleich aber den Mut haben, es ausreißen zu wollen. Die Eigenliebe stirbt nicht, solange wir leben, und sie bringt immer wieder ihr Unkraut hervor. Ab und zu in eine läßliche Sünde fallen, heißt nicht auch schon schwach sein, wenn wir nur sofort wieder aufstehen, wenn sich unsere Seele nur sofort wieder zu Gott hinwendet und sich ganz ruhig vor ihm verdemütigt. Wir dürfen nicht glauben, in diesem Leben ohne läßliche Sünde durchkommen zu können. Unsere Liebe Frau allein hatte dieses Vorrecht. Die läßliche Sünde hält uns, wie gesagt, ein wenig auf, bringt uns aber nicht vom Weg ab; ein einfacher Aufblick zu Gott tilgt sie. Wenn gesagt wird, daß der bischöfliche Segen und das Weihwasser die läßliche Sünde tilgt, so meint man damit nicht, daß dies durch die Kraft des Segens geschieht, sondern weil man ihn mit demütiger Gesinnung empfängt und seinen Geist dabei auf Gott hinwendet. 7. Ihr möchtet wissen, ob ihr beim Nehmen des Weihwassers immer gewisse Gedanken fassen sollt, die man in den Büchern findet. Nun, was in diesen Büchern steht, brauchen solche nicht zu tun, die so weit sind, daß ihr Geist bei jeder Gelegenheit sich Gott in beschaulicher Liebe zuwendet. Wollten solche Seelen all diese möglichen Übungen machen, so würde die Einfachheit ihres Seelenlebens darunter Schaden leiden. Wer eine Erwägung über das Weihwasser machen wollte, wenn er es nimmt, und eine Erwägung über das Kreuz, sooft er es grüßt, und dann eine andere über das allerheiligste Altarssakrament und eine über das Kreuzzeichen und so fort – oder wer z. B. während der heiligen Messe das ganze Leiden Christi von Anfang bis zu Ende durchbetrachten wollte, wie hätte der noch Zeit, einen Liebesakt zu erwecken oder einen Vorsatz zu fassen, was doch weit nützlicher ist? Die Absicht, in die Kirche zu gehen, um Gott anzubeten, begreift alle diese einzelnen Erwägungen in sich. Während der heiligen Messe dann diesen oder jenen Affekt, zu dem ihr euch gerade angeregt fühlt, festhalten, das ist eine sehr gute Art, der heiligen Messe beizuwohnen. Die vielen Erwägungen

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zersplittern nur die Geistes- und Herzenskräfte, lenken sie ab und hindern sie, einfach zu bleiben. Aber gerade diese liebeerfüllte Einfachheit liebt Gott an den Seelen so sehr. Die vielen einzelnen Erwägungen sind ganz gut für jene, die noch nicht zu Besserem vorgedrungen sind – sie halten dann ihren Geist in Zucht. 8. Ihr möchtet noch wissen, ob ihr selbst dann Vorsätze fassen sollt, wenn ihr schon von vornherein wißt, daß sie meist nicht zur Ausführung kommen. Gewiß! Nur nie aufhören, Vorsätze zu machen, selbst dann, wenn wir jetzt schon wissen, daß wir sie im gegebenen Moment unmöglich durchführen können. Gerade weil wir uns zu schwach fühlen, sie erfolgreich zu verwirklichen, müssen wir sie energisch fassen und dazu dem Heiland sagen: ich kann das zwar nicht aus eigener Kraft tun oder aushalten, aber ich freue mich darüber, denn Deine Kraft wird es in mir vollbringen (2 Kor 12,8 ff). So gestärkt und gestützt geht dann mutig in den Kampf und zweifelt nicht an eurem Sieg. – Der Heiland geht mit uns um, wie der Vater, die Mutter mit dem Kind. In einer weichen Wiese, im hohen Gras oder im Moos lassen sie es allein gehen, denn es kann sich da nicht weh tun, wenn es hinfällt. Auf schlechten und gefährlichen Wegen aber tragen sie es sorglich auf dem Arm. – Wir konnten schon oft beobachten, daß eine Seele feindlichen Großangriffen unerschrocken standgehalten hat und Siegerin geblieben, bei kleinen Scharmützeln aber unterlegen ist. Und warum? Weil der Heiland sie allein ließ, da er wußte, daß sie sich bei einem Fall nicht sehr weh tun werde. Wenn sie aber bei schweren Versuchungen in Gefahr stand, in den Abgrund hinabzustürzen, da stand er neben ihr und zog sie mit seiner allmächtigen Hand vom Abgrund zurück. – Die hl. Paula entsagte großmütig der Welt, sie zog von Rom fort, verzichtete auf alle Annehmlichkeiten; selbst die zärtliche Liebe zu ihren Kindern war nicht imstande, sie von ihrem Entschluß, alles für Gott zu verlassen, abzubringen. Und doch ließ sie sich nach so vielen Beweisen hoher Tugend noch hinreißen, auf ihr eigenes Urteil zu hören, und wollte sich der Ansicht heiligmäßiger Persönlichkeiten nicht fügen, die ihr nahelegten, ihr allzu strenges Fasten etwas zu mildern. Hieronymus findet, daß sie hierin zu tadeln sei. 9. Meine lieben Töchter! Die Frage, ob ihr euch für die Liebe oder für die Einfachheit entscheiden sollt, wenn zwischen beiden Tugenden zu wählen ist, kann man leicht beantworten. Die Liebe ist die erste Tugend, der alle anderen unterstehen. In dem Fall aber, den ihr als Bei-

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spiel anführt, ist der Einfachheit der Vorzug zu geben. Denn es ist kein Mangel an Liebe, eine Schwester zum Aufstehen zu veranlassen, damit ihr den Platz, der euch angeboten wird, einnehmen könnt. Selbst dann, wenn es für die eine Schwester unbequem ist aufzustehen, oder wenn es zu eng wird, sollt ihr den angebotenen Platz nicht ausschlagen, sondern euch freuen, daß ihr der Schwester Gelegenheit zu einem Liebesdienst gebt. Ihr fragt, was ihr tun sollt, wenn eine Schwester bittet, ihr möchtet ihr eine Arbeit abnehmen, die ihr jedoch nur auf Kosten eurer eigenen Arbeit übernehmen könnt. Habt ihr z. B. das Abendessen zu bereiten und es wird nicht rechtzeitig fertig, wenn ihr tut, um was sie euch bittet, so ginge diese Hilfsbereitschaft auf Kosten des Gehorsams und der Liebe. Dazu dürft ihr euch aber unter keinen Umständen hergeben. In einem solchen Fall antwortet der betreffenden Schwester ruhig: „Wenn Sie so lange warten können, bis ich meine Arbeit getan habe, helfe ich Ihnen gern, jetzt aber kann ich nicht.“ Ist eure Arbeit jedoch nicht so eilig, dann sollt ihr sie sofort unterbrechen um der Liebe und Hilfsbereitschaft willen und tun, worum man euch gebeten hat. Zusammenfassend möchte ich nun sagen: Alles, was ich in dieser Unterredung gesagt habe, betrifft Feinheiten im Vollkommenheitsstreben. Es soll daher auch keine, die sie angehört, darüber betrübt sein, wenn sie diese Höhe der Vollkommenheit noch nicht erreicht hat, da wir doch alle mit Gottes Gnade frohen Mutes dahin streben wollen. Amen.

140 11. Gespräch Der Gehorsam 1
1. Der Gehorsam ist eine sittliche Tugend, die zur Gerechtigkeit gehört. Es gibt sittliche Tugenden, die mit den theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe so viel Ähnlichkeit haben, daß sie theologische Tugenden zu sein scheinen, wie z. B. Buße, Frömmigkeit, Gerechtigkeit und Gehorsam. Der Gehorsam betätigt sich gegen Vorgesetzte, Gleichstehende und Untergebene. Gegen die letzteren ist er jedoch weniger Gehorsam zu nennen als vielmehr Demut, Sanftmut und Liebe. Wer demütig ist, hält alle anderen für besser und verhält sich deshalb zu ihnen wie zu Höherstehenden. Es ist notwendig, ja eine Forderung der Gerechtigkeit, daß wir jenen Menschen gehorchen, die Gott über uns gestellt hat, um uns zu leiten, und zwar müssen wir gehorchen mit völliger Unterwerfung des Willens und Verstandes. Wir betätigen diesen Verstandesgehorsam dann, wenn nicht nur unser Wille den Befehl annimmt und billigt, sondern auch der Verstand ihn anerkennt, höher wertet und ihn für besser findet als alles, was uns in dieser einen Sache befohlen werden könnte. Man hat dann eine so große Freude am Gehorchen, daß man sich geradezu danach sehnt, immer nur gehorchen zu dürfen, damit ja alles im Gehorsam geschehe. Und das ist der Gehorsam der ganz Vollkommenen, den ich euch wünsche. Er ist entweder ein freies Gnadengeschenk Gottes oder eine erworbene Tugend, die wir uns erst nach langer Zeit mit viel Mühe, mit zahllosen und unablässig wiederholten, mit großer Anstrengung vollzogenen Akten des Gehorsams aneignen, wodurch er dann zu einer Gewohnheit wird. Von Natur aus wollen wir befehlen und sträuben uns gegen den Gehorsam; trotzdem eignen wir uns aber zum Gehorsam gut, zum Befehlen hingegen schlecht. 2. Zum einfachen Gehorchen gehören drei Dinge: 1) Dem Befehl zustimmen, den Willen ruhig beugen und sich gern befehlen lassen. Denn gehorchen lernen wir ebenso wenig, wenn niemand uns befiehlt, wie sanftmütig sein, wenn wir allein in der Wüste sind. 2) Sofort gehorchen. Das Gegenteil davon ist Faulheit oder geistliche Traurigkeit. Nur selten wird ein trauriger Mensch rasch und gewissen-

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haft ausführen, was befohlen ist; deshalb lautet auch der theologische Ausdruck für Faulheit geistliche Traurigkeit. Sie ist der Feind alles tapferen und raschen Gehorchens. Auf Flüssen kommt man am besten in einem Schiffe vorwärts und im Leben am sichersten mit dem Gehorchen. 3) Beharrlich gehorchen, also nicht nur zustimmen, nicht nur eine Zeit lang gehorchen, sondern auch andauernd gehorchen, denn wer ausharrt, erlangt die Krone (Mt 10,22; 24,13). Zu allen Zeiten gaben uns die Heiligen wunderbare Beispiele der Beharrlichkeit. Besonders im Leben des hl. Pachomius finden wir deren schöne. Manche Mönche harrten ihr Leben lang mit unglaublicher Geduld bei ein und derselben Beschäftigung aus. Jonas, einer der Wüstenväter, tat sein Leben lang nichts anderes als Matten flechten. Er hatte darin solche Übung, daß er sogar daran arbeitete, während er im Dunkeln betete und betrachtete; das eine störte das andere nicht. Er starb auch bei dieser Arbeit; man fand ihn tot in hockender Stellung, die Matte am Knie befestigt, und so mußte man ihn auch ins Grab hineinbetten. – Das ganze Leben im Gehorsam eine geringe Arbeit tun, ist eine große Demutstat; denn es kann doch immer wieder der Gedanke kommen, daß man auch zu Großem fähig wäre. Die Beharrlichkeit – die dritte Bedingung des einfachen Gehorsams – ist wegen der Flatterhaftigkeit und Unbeständigkeit des menschlichen Geistes am schwersten zu erfüllen. Denn heute tun wir eine Arbeit gern, morgen können wir sie schon nicht mehr ansehen. Wollten wir allen Einfällen unseres Geistes folgen und wäre dies möglich, ohne Anstoß zu erregen und Schande auf uns zu laden, dann erlebten wir nichts als fortwährende Veränderungen. Heute wäre man Jesuit, morgen Kapuziner und übermorgen wieder auf der Suche nach irgend etwas anderem. Dieser oder jener Ehemann, der sein Leben lang mit seiner Frau in gutem Einvernehmen gelebt hat, hätte sicher ein dutzendmal die Frau gewechselt, wenn er gekonnt hätte. Wir würden wahrhaftig noch Vater und Mutter wechseln, wenn es ginge, so sonderbar ist die Unbeständigkeit des menschlichen Geistes. Aber trotzdem müssen unsere erst gefaßten Entschlüsse solche Kraft haben, dieser Unbeständigkeit Einhalt zu gebieten. 3. Bei Versuchungen denke man an die Schönheit, Vortrefflichkeit und Verdienstlichkeit des Gehorsams, sowie an den Nutzen, den er uns bringt. So werden wir wieder Mut fassen und die Schwierigkeit über-

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winden. Das gilt für solche Seelen, die im Gehorsam überhaupt noch nicht recht gefestigt sind. Bei einfachen Gefühlen des Widerwillens oder des Ärgers über einen Befehl genügt es, wenn man einen Akt der Liebe zu Gott erweckt und sich dann einfach an die Arbeit macht. Damit meine ich nun nicht Gefühle der Liebe – denn diese liegen nicht in unserer Hand und sind auch nicht notwendig – ich meine vielmehr Akte der Liebe, die mit dem Verstand erweckt werden und ihren Sitz in der höchsten Seelenspitze haben. So müssen echte Dienerinnen Gottes vorgehen, sonst wandeln sie falsche Wege. Solange wir an diesen kleinen geistlichen Süßigkeiten und Leckereien hängen und uns nicht dazu entschließen, Gott einfach mit festen Vorsätzen zu dienen, bringen wir es weder zu echten Tugenden noch zu einer wirklichen Liebe. Als ich einmal mit einem Bekannten auf der Straße ging, zeigte er mir jemand, der gerade vorüberging, und sagte: „Sehen Sie diesen Herrn? Ich fühle mich zu ihm ungewöhnlich stark hingezogen. Ich habe aber noch nie mit ihm gesprochen, werde es auch nicht tun, ich weiche sogar jeder Gelegenheit aus, so gut ich kann.“ – „Warum tun Sie das,“ fragte ich ihn , „wenn Sie ihn doch so gern haben?“ – „Ja, sehen Sie, wenn ich ihn anspreche, dann könnte er vielleicht anders antworten, als ich es mir einbilde, oder er könnte etwas tun, was mir nicht gefällt, und dann wäre es mit meiner Zuneigung vorbei.“ Ihr seht an diesem Vorfall, wie die Liebe immer wieder Störungen ausgesetzt ist, wenn sie von Kleinigkeiten abhängt. Auf Abneigungen und Schwierigkeiten sollen wir gar nichts geben. Die Hauptsache ist, daß die Spitze unseres Geistes immer auf seinen höchsten Gegenstand gerichtet ist. Selbst dem Heiland blieben sie während seines Leidens nicht erspart. Er hatte einen entsetzlichen Widerwillen gegen das Sterben, wie er selbst bekannte. Aber in der höchsten Spitze der Seele war er ganz eins mit dem Willen seines Vaters und alle anderen Regungen waren nur ein Sich-Aufbäumen der Natur. 4. In körperlichen und äußeren Dingen beharrlich sein, ist eigentlich noch leicht. Beharrlich sein im Geistlichen ist hingegen schwerer, weil es uns nicht leicht fällt, unseren Verstand in Zucht zu halten. Er ist das Letzte an uns, was wir fügsam machen können. Und doch ist es notwendig, unsere Gedanken so im Zaum zu halten, daß sie auf gewisse Gegenstände gerichtet bleiben, z. B. bei gewissen Tätigkeiten oder Tugendübungen beharren, die man uns aufgegeben hat, und daß wir unseren Geist für die ganze Zeit, für die sie uns geboten werden, darauf festle-

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gen. Setzen wir freilich mit einer Übung nur für kurze Zeit aus, so ist dies noch kein Verstoß gegen die Beharrlichkeit, vorausgesetzt, daß wir sie wieder aufnehmen und nicht ganz aufgeben. Desgleichen ist es auch noch kein Mangel an Gehorsam, wenn er die eine oder andere Eigenschaft nicht aufweist, denn wir sind auf das Wesentliche der Tugenden verpflichtet, nicht auf jede ihre Eigenschaften. Gehorchen wir also widerwillig und sozusagen nur durch unseren Stand gezwungen, so wäre der Akt des Gehorsams auf Grund unseres am Anfang gefaßten Vorsatzes doch gut. Er würde aber an Wert und Verdienst unendlich gewinnen, wenn die drei genannten Bedingungen hinzukämen. Denn was wir im Gehorsam tun, hat großen Wert und wäre es an sich noch so unbedeutend. 5. Der Gehorsam ist eine so vortreffliche Tugend, daß der Herr sein ganzes Leben im Gehorsam leben wollte. Er hat es oft wiederholt, daß er „nicht gekommen“ sei, seinen „Willen zu tun“ (Joh 4,34; 4,30; Hebr 10,9). Und der Apostel sagt vom Herrn, daß er „gehorsam war bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,8). Er wollte zu den unerschöpflichen Verdiensten seiner vollkommenen Liebe noch die unerschöpflichen Verdienste vollkommenen Gehorsams hinzufügen. Die Liebe ist eine Forderung der Gerechtigkeit. Darum ist auch Schuldenzahlen dem Almosengeben vorzuziehen; ein Akt des Gehorsams ist mehr wert als ein Akt der Liebe aus eigenem Antrieb. 6. Das geistliche Leben in diesem Haus muß ganz hochherzig sein, ganz unabhängig von jeder Zärtelei, von Lust und Unlust und fühlbaren Freuden. Schwierigkeiten, Abneigungen und Widerwillen schaden uns keineswegs und darum sollen wir auch nicht davon befreit werden wollen. Wird uns etwas befohlen, was ganz gegen die Natur geht, und wir gehorchen trotzdem mit der Kraft einer rein verstandesmäßigen Liebe, so ist dieser Akt zweifellos viel verdienstvoller, als wenn wir ihn ohne Widerwillen verrichteten. Diesen Mangel können wir aber einbringen, indem wir mit großer Liebe gehorchen; wohl ist bei dieser Handlung dann das Verdienst der Selbstbeherrschung weggefallen, weil uns das Gehorchen nichts kostete, dafür hatten wir es aber bei früheren Gelegenheiten, wo wir uns Gewalt antun mußten. Man kann nicht zweimal ernten. 7. Unter den Begriff des Gehorsams fällt auch die Geschmeidigkeit, sich dem Willen anderer zu fügen. Es ist dies eine sehr liebenswürdige

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Tugend; wir sind dann wie Wachs in den Händen anderer, stets bereit, den Willen Gottes zu tun. Ein Beispiel: Eine Schwester begegnet mir, die mich ersucht, irgendwohin zu gehen. Gott will also, daß ich tue, was die Schwester wünscht; wenn ich nun etwas dagegen einwende, ist es Gottes Wille, daß sie nachgibt. Das gilt für alle belanglosen Dinge. Wollten aber dann beide nachgeben, so schaue man, was das Vernünftigere und Bessere ist, und führe es dann ganz einfach aus. Man muß da verständig handeln; es wäre verkehrt, eine notwendige Arbeit zu unterbrechen und dafür Belangloses, das man von uns wünscht, zu tun. Habe ich etwas vor, was mir viel Selbstüberwindung kostet, und eine Schwester rät mir davon ab oder schlägt mir etwas anderes vor, so verschiebe ich, wenn möglich, meine erste Absicht, tue das, was sie wünscht, und führe mein Vorhaben später aus. Kann ich es aber nicht aufschieben und ist das, was die Schwester von mir haben möchte, nichts Notwendiges, so bleibe ich bei dem, was ich angefangen habe. Bittet eine Schwester um eine Gefälligkeit und man zeigt ihr im ersten Augenblick ein Widerstreben, so darf die betreffende Schwester darüber nicht verstimmt sein, sie soll tun, als hätte sie nichts gemerkt, und soll auch die Bitte nicht zurücknehmen. Wir können es nicht hindern, daß Gesichtsfarbe, Augen und Haltung den Kampf verraten, der sich im Innern abspielt, obwohl man ja der Vernunft folgen und der Schwester die Gefälligkeit erweisen will. Diese Boten kommen, ohne daß man sie ausgesandt hat; und schickt man sie fort, so scheren sie sich meist nicht darum. Warum auch sollte die Schwester dann nicht annehmen wollen, daß man ihr die gewünschte Gefälligkeit erweist? Bloß weil sie mir den Widerwillen angemerkt hat? Es soll ihr lieb sein, daß die andere Schwester dabei etwas für ihre Seele gewinnt. – Man sage auch nicht, daß man lästig zu fallen fürchte. – Das ist nur wieder die Eigenliebe, die das verursacht; sie verträgt es nicht, auch nur im geringsten für lästig gehalten zu werden; ich kann es ja nicht hindern, daß solche Gedanken in mir aufsteigen, aber hören darf ich nicht auf sie. – Wenn jedoch die andere Schwester die verräterischen Zeichen noch bestätigt und sagt, daß sie den Gefallen nicht tun mag, dann soll die Schwester, wenn sie der anderen gleichgestellt ist, nur ganz ruhig sagen, daß sie dann darauf verzichtet. – Freilich, wer in Amt und Stellung ist, darf nicht nachgeben, sondern muß die Untergebenen dazu bringen, sich zu beugen … Ich darf mich aber nicht entmutigen lassen und glauben, von einer Schwester nichts mehr verlangen zu dürfen,

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selbst wenn sie mir etwas glatt verweigert und ihren Widerwillen offen gezeigt hat; ich darf mich auch an ihrer Unvollkommenheit nicht stoßen, denn heute muß ich sie ertragen, morgen muß sie mich ertragen; heute hat sie keine Lust, mir einen Dienst zu erweisen, ein andermal wird sie es recht gern tun. Hätte ich allerdings den Eindruck, daß die Schwester in ihrer Geistesbildung noch nicht so weit ist, so würde ich abwarten, bis sie etwas bereitwilliger geworden ist. Wir alle müssen die Fehler der anderen ertragen können und dürfen uns darüber nicht wundern. Sind wir auch selbst einmal eine Zeitlang in keinen Fehler gefallen, so kommt doch wieder eine Zeit, da wir in einem fort fallen und einen groben Fehler nach dem anderen begehen werden. Diese Fehler sollen uns auch wieder Nutzen bringen, indem sie uns offenbaren, wie wenig wir wert sind. Wir müssen es dann geduldig hinnehmen, wenn wir noch nicht so schnell vollkommen werden, aber immer frohen Mutes alles tun, was wir nur tun können, um uns zu bessern. In Versuchungen, die eine Gefahr zur Sünde sind, dürfen wir es machen wie der hl. Paulus und Gott bitten, uns davon zu befreien. Dreimal hat er den Herrn angefleht, daß der „Stachel im Fleisch“ weichen möge, und wenn der Herr ihm nicht geantwortet hätte, so hätte er beharrlich weiter gebetet. Nachdem der Heiland ihm aber gesagt: „Es genügt dir meine Gnade, denn die Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung“ (2 Kor 12,9), war trotz des Kampfes eine große Ruhe in ihm. So wird Gott in unseren Versuchungen – und hätten wir deren noch so viele und vielerlei – verherrlicht, solange wir ihn nicht beleidigen. Denn gewaltig stark muß seine Gnade und Macht sein, da sie uns bei all unserer Schwachheit aufrecht hält und uns die Kraft gibt, vollkommen zu werden. Solange wir aber in unseren Fehlern stecken bleiben, schmälern wir darin die Ehre Gottes. Diese Biegsamkeit, die sich gerne dem Willen anderer fügt, erwirbt man, indem man während der Betrachtung häufig Akte williger Annahme alles dessen erweckt, was kommen mag – und dann diese Gesinnung bei den Gelegenheiten, die sich darbieten, durch die Tat bestätigt. Es genügt nicht, wenn man nur vor Gott sich von allem loslöst; das spielt sich ja nur in unserer Phantasie ab und ist nicht schwer. Aber wenn wir es wirklich tun müssen, wenn wir uns Gott hingegeben haben und nun ein Geschöpf kommt und etwas von uns verlangt, das ist schon etwas ganz anderes – und dann heißt es sich als tapfer erweisen.

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Diese liebenswürdige Nachgiebigkeit dem Nächsten gegenüber ist eine kostbare Tugend. Sie ist das Symbol des Gebetes der Einigung. Dieses Beten ist nichts anderes als ein vollständiges Verzichten auf uns selbst, um uns ganz Gott hinzugeben. Wenn die Seele in Wahrheit sagen darf: Herr, ich habe nur mehr Deinen Willen, dann ist sie mit Gott ganz eins geworden. Und wenn wir unseren Willen aufgeben, um den Willen des Nächsten zu tun, dann sind wir mit dem Nächsten ganz eins geworden, was aus Liebe zu Gott geschehen muß. 8. Es kommt oft vor, daß eine schwächliche und wenig begabte Person, die nur kleine Taten vollbringen kann, diese mit so viel Liebe tut, daß sie an Wert weit über großen und erhabenen Taten stehen. Bei großen findet man weniger Liebe, weil sie große Aufmerksamkeit erregen und darüber viel geredet wird. Wird aber ein großes Werk mit ebenso viel Liebe getan wie ein kleines, dann sind Verdienst und Belohnung nur umso größer. Mit einem Wort, die Liebe gibt den Werken den Wert, darum müssen wir das Gute aus Liebe zu Gott tun und das Böse aus Liebe zu Gott meiden. Gute Handlungen, die uns nicht befohlen sind, die also nicht der Gehorsam verdienstlich macht, kann die Liebe dann verdienstlich machen. Im übrigen können wir trotzdem alles im Gehorsam tun, weil Gott uns alle Tugenden geboten hat. – Mit einem Wort: Guten Mut haben und nur von Gott abhängen! – Das ist das Kennzeichen der Töchter der Heimsuchung, daß sie in allem nur auf Gottes Willen schauen und ihm folgen. 9. Ihr fragt, ob ihr während des Stillschweigens bei der Arbeit das Ave Maris Stella oder Veni Creator oder andere Gebetlein verrichten dürft, wenn ihr euch dazu angeregt fühlt. Das könnt ihr ohne weiteres tun, es ist gut so zu beten und verdienstlich wie andere kleine gute Werke, wie z. B. das Küssen eines Andachtsbildchens und dergleichen mehr. Nur dürfen diese kleinen Sachen nicht auf Kosten eines größeren Werkes gehen. Ein Beispiel: Ihr möchtet gerne vor dem Allerheiligsten drei Vaterunser zu Ehren der allerheiligsten Dreifaltigkeit beten, – da ruft man euch ab. Ihr müßt sogleich gehen und zu Ehren der Allerheiligsten Dreifaltigkeit dann statt dieser drei Vaterunser das andere verrichten. Für manche Seelen sind diese Dinge nützlich, andere wieder brauchen sie nicht. Es gibt im Garten vielerlei Kräuter, und wenn auch eines das beste von allen ist, so ist damit nicht doch gesagt, daß man nur dieses zum Kochen verwendet.

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Das gleiche wäre über die anderen Tugendakte, Stoßgebetlein und Kniebeugen zu sagen. Wenn man sie auch gewissenhaft einhalten muß, so darf man sich doch nicht binden, im Tage oder während einer bestimmten Zeit so und so viele zu machen, ohne es der Oberin zu sagen. Habt ihr den Eindruck, daß der Heilige Geist euch zu diesen Übungen oder zu sonstigen Gebetlein angeregt hat, so wird es ihm recht sein, wenn ihr um Erlaubnis dafür bittet, ja sogar wenn ihr sie unterlaßt, falls euch die Erlaubnis dazu verweigert wird. Denn nichts ist ihm wohlgefälliger als der klösterliche Gehorsam. So könnt ihr also niemand versprechen, so und so viele Vaterunser für ihn zu beten. Bittet man euch darum, so sagt ganz einfach, daß ihr erst die Erlaubnis einholen müßt. Empfiehlt man sich aber nur eurem Gebet, so antwortet, daß ihr diesem Wunsch gern nachkommen werdet, und betet sogleich für den Betreffenden. Mit den heiligen Kommunionen ist es nicht anders, denn ihr dürft sie für niemand ohne Erlaubnis aufopfern. Wenn ihr aber gerade zur heiligen Kommunion geht und es kommen euch vor der heiligen Kommunion die großen Anliegen des christlichen Volkes in den Sinn, so dürft ihr sie schon Gott vortragen und ihn um seine Hilfe bitten; das ist keineswegs verboten; im Gegenteil, euer Gebet gefällt Gott umso mehr, je allgemeiner es ist. Wollt ihr aber die heilige Kommunion in einer ganz bestimmten Meinung empfangen, dann müßt ihr erst um Erlaubnis bitten, außer es handelt sich um eure eigensten Bedürfnisse, z. B. um die Kraft in Versuchungen oder um eine Tugend zu erbitten.

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Tugend Die Tugend des Gehorsams1
Zuerst möchte ich sagen, daß mir schon gestern Abend einige Fragen vorgelegt wurden, von denen zwei sich auf dasselbe bezogen, nämlich, was Herzensruhe, was Seelenfrieden sei und wie man dazu gelange. Auf diese Fragen gehe ich heute nicht ein. Eine andere lautete: ob es erlaubt ist, sich bei den Schwestern auszusprechen, wenn man von der Oberin oder Novizenmeisterin gedemütigt worden ist. Eine Schwester möchte, daß ich ihr ein Mittel angebe, um das eigene Urteil zu vernichten; eine andere, daß ich vom Eifer und Vertrauen spreche, mit dem die Schwestern sich gegenseitig auf Fehler aufmerksam machen sollen. Zuletzt kam unsere Mutter mit dem Wunsch, etwas über den Gehorsam zu hören. Da ihrem Alter und ihrer Würde als Mutter der Vorzug gebührt, habe ich mich dafür entschieden, in dieser Unterredung zuerst diese Frage zu behandeln. 1. Es gibt drei Arten des religiösen Gehorsams; von einem anderen als dem religiösen Gehorsam will ich ja nicht sprechen: 1) der alle Christen gleicherweise verpflichtende Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes und der Kirche; 2) der klösterliche Gehorsam, der sich nicht nur an die Gebote Gottes hält, sondern darüber hinaus noch die evangelischen Räte befolgt. Er steht höher als der gewöhnliche Gehorsam aller Christen; 3) der Gehorsam aus Liebe. Das ist der vollkommene Gehorsam, und von ihm will ich reden. Es ist der Gehorsam, den der Heiland uns in seinem ganzen Leben vorgelebt hat. Die Heilige Schrift ist unendlich reich an herrlichen Beispielen solchen Liebesgehorsams. Ihr werdet sie besser verstehen, wenn ich die Eigenschaften und Bedingungen dieses Liebesgehorsams erklärt habe. Die Väter haben ihm verschiedene Eigenschaften zugeschrieben, von denen ich drei herausgreife: Wer aus Liebe gehorcht, gehorcht 1. blind, 2. rasch, 3. beharrlich. 2. Zum blinden Gehorchen gehören drei Bedingungen: 1) er schaut nicht auf die Person des Oberen, sondern allein auf seine Autorität;

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2) er fragt nicht nach den Gründen und Beweggründen, die den Oberen veranlassen, dies oder jenes zu befehlen. Es genügt ihm zu wissen, daß der Befehl gegeben wird. 3) er fragt nicht lang, wie er den Befehl ausführen kann; er macht sich ganz einfach daran in der Überzeugung, daß der Befehl von Gott kommt und folglich Gott ihm auch die Möglichkeit zur Ausführung geben wird. Statt sich lang zu besinnen, wie er es tun soll, handelt er ganz einfach. Sehen wir uns nun die erste Eigenschaft dieses Gehorsams aus Liebe, der dem klösterlichen Gehorsam gleichsam aufgepfropft ist, etwas näher an. 3. Der Gehorsam ist erstens blind, wenn man sich in aller Einfalt daran macht, alles mit Liebe zu tun, was uns befohlen wird, unbekümmert darum, ob die Anordnung richtig oder falsch gegeben ist, vorausgesetzt natürlich, daß der Befehlende das Recht zu befehlen hat und der Befehl selbst die Vereinigung unserer Seele mit Gott fördert;2 wenn dies nicht zutrifft, gibt es keinen Gehorsam. Manche haben sich von dieser Eigenschaft des Gehorsams ein ganz falsches Bild gemacht; sie glaubten, er bestünde darin, daß man unterschiedslos jeden Befehl ausführen müsse, selbst dann, wenn er in Widerspruch mit den Geboten Gottes und der Kirche stünde. – Das wäre doch Wahnsinn. Stimmt ein Befehl nicht mit den Geboten Gottes überein, so haben die Vorgesetzten kein Recht, ihn zu erteilen, und die Untergebenen keine Verpflichtung, ihn auszuführen; sie würden sich sogar einer schweren Sünde schuldig machen, wenn sie gehorchten. Ich weiß nun wohl, daß es Menschen gegeben hat, die sich durch den Gehorsam zu Handlungen verleiten ließen, die den Geboten Gottes entgegen zu sein schienen. Ihre Triebfeder war dabei dieser Gehorsam aus Liebe, der nicht nur auf die ausdrücklichen Befehle, sondern auch auf die Ratschläge und Wünsche der Oberen eingeht. – Es haben sich Menschen in den Tod gestürzt, weil sie sich dazu so stark von Gott angetrieben fühlten, daß sie keinen Widerstand leisten konnten. Im 2. Buch der Makkabäer (14,37-46) wird erzählt, daß ein gewisser Rasi, vom Eifer für Gottes Ehre erfaßt, sich freiwillig der Verwundung und dem Tod ausgesetzt, und da er schwer verwundet war, seine Eingeweide aus der Wunde gezogen und vor dem Feind in die Luft geschleudert habe. – Die hl. Apollonia stürzte sich ins Feuer, das die Feinde Gottes und des Christentums für sie vorbereitet hatten. – Der hl. Ambrosius

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erzählt die Geschichte dreier Mädchen, die, um ihre Keuschheit zu bewahren, in einen Fluß sprangen und in den Fluten untergingen. Sie hatten allerdings ihre Gründe, dies zu tun, die ich hier nicht des langen und breiten auseinandersetzen kann. – Das alles dürfen wir wohl bewundern, aber nicht nachmachen. Und es bleibt dabei: Unser Gehorsam darf nicht so blind sein, daß man glaube, Gott wohlgefällig zu handeln, wenn man gegen sein Gebot geht. Der Gehorsam aus Liebe setzt voraus, daß man den Geboten Gottes gehorcht. 4. Man nennt diesen Gehorsam einen blinden, weil man sich da jedem Oberen in gleicher Weise unterwirft, ohne auf das Äußere, das heißt, ohne auf die Person zu schauen. Alle Väter wenden sich scharf gegen die Ordensleute, die ihren Oberen keine Achtung entgegenbringen, weil sie weniger begabt als sie selber sind. Sie fragen: Warum habt ihr den vorigen Oberen gehorcht? Etwa Gott zuliebe? O nein! Ist denn der jetzige Obere nicht genau so gut Stellvertreter Gottes wie sein Vorgänger? Gewiß ist er es; Gott befiehlt durch seinen Mund und gibt seinen Willen durch die Anordnungen des Oberen kund. Ihr gehorcht, weil ihr euch zu den Vorgesetzten hingezogen fühlt? Ach, da tut ihr um kein Haar mehr als die Weltleute, die nicht nur jenen gehorchen, die sie lieben, sondern in ihrer Liebe keine Befriedigung fänden, wenn sie nicht auch auf deren Wünsche und Neigungen eingingen. So muß man es auch machen, wenn man echten Gehorsam üben will, sowohl den Vorgesetzten wie Gott gegenüber. Die Heiden geben uns bei all ihrer Bosheit doch staunenswerte Beispiele solch blinden Gehorsams: Der Teufel redete zu ihnen durch verschiedene Götzenbilder, Bildnisse von Ratten, Hunden, Löwen, Schlangen und dergleichen. Und die armen Menschen glaubten an all das und gehorchten ohne Unterschied ebenso Statuen von Hunden wie von Menschen, die es ebenfalls gab. Und warum das? Weil sie eben in diesen verschiedenen Standbildern Götter sahen. Der hl. Petrus schärft uns den Gehorsam gegen die Vorgesetzten ein, wenn er sagt: „Unterwerft euch; ich sage noch mehr: Unterwerft euch den Vorgesetzten auch dann, wenn sie schlecht sind“ (Petr 2,18). Der hl. Paulus ist uns dafür ein Vorbild. Als er eines Tages vor den Hohepriester geführt wurde, schlug einer der Umstehenden ihn frech auf den Mund. Paulus, der sich ungerechterweise geschlagen sah, schalt diesen kraft seiner apostolischen Gewalt und sagte: „Dich wird Gott

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schlagen, du übertünchte Wand.“ Als er aber hörte, daß dieser Mann Auftrag und Amt vom Hohepriester hatte, bereute er seine Worte und sagte zum Beweise seines Bedauerns: „Ich wußte“ das „nicht“; wir Christen sind angehalten, jeden zu achten, der über uns gesetzt ist. Der Heiland, Unsere Liebe Frau und der hl. Josef haben uns auf ihrer Reise nach Betlehem gezeigt, wie man gehorchen muß. Als der Kaiser den Befehl erlassen hatte, daß alle Untertanen sich zur Volkszählung an ihren Geburtsort begeben müßten, machten sie sich auf den Weg und gehorchten, obwohl der Kaiser ein Heide und ein Götzenanbeter war. Der Heiland wollte uns damit zeigen, daß wir nicht auf die Person des Befehlenden schauen sollen, sofern er nur das Recht zu befehlen hat. Die Heilige Schrift berichtet, wie gesagt, so manch staunenswertes Beispiel des blinden Gehorsams. Von allen ist besonders eines sehr beachtenswert, wenn auch wenig bekannt: Ich meine die Geschichte vom Gelähmten (Lk 5,17-26). Ich habe sie so gern, weil dieser Mann mit unvergleichlicher Einfachheit alles mit sich geschehen ließ. 5. Gehen wir jetzt zur zweiten Eigenschaft des blinden Gehorsams über. Hat der Gehorsame einmal gelernt, nicht mehr auf die Person zu schauen, sondern sich jedem Oberen, wie er auch sein mag, zu fügen, dann geht er noch einen Schritt weiter und bemüht sich, die zweite Bedingung zu erfüllen: er gehorcht, ohne nach der Absicht und nach dem Zweck des Befehles zu fragen. Der Befehl ist gegeben, das genügt ihm, er untersucht nicht, ob er richtig oder falsch, berechtigt oder unberechtigt ist. Der Gelähmte, den ich soeben erwähnte, war schon seit langem krank und alle Mittel halfen nichts. Seine Freunde sprachen unter sich darüber und meinten, wenn der Herr ihn sähe, könnte er ihn gewiß heilen. Und sie beschlossen, ihn bei Gelegenheit zum Heiland hinzutragen. Eines Tages nun benachrichtigte man sie, daß Jesus in ein Haus hineingegangen und dort zum Mahl eingeladen sei. Jesus saß also dort, umringt von einer Menge Volkes; sein Ruf als Wundertäter war so groß, daß alle kamen, um ihn zu sehen oder von ihm geheilt zu werden. Um den Gelähmten nun zum Heiland bringen zu können, gebrauchten seine Freunde eine List: Sie trugen den Kranken auf das Dach des Hauses, deckten es ab und ließen ihn mit Stricken gerade vor Jesus hinab. Und der Herr machte ihn sogleich gesund. Er tat das, weil er den großen Glauben des Gelähmten und die Freundesliebe dieser guten Leute sah.

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– Aber wißt ihr, was mir an diesem Beispiel noch besser gefällt und was so gut zu unserem Thema vom blinden Gehorsam paßt? Es ist die überaus große Einfalt des Gelähmten in seinem Gehorsam. Hätte er nicht mit Recht sagen können: „Was macht ihr denn da mit mir? Wenn ihr mich auf das Dach hinaufbringt, so kann das mein Tod sein! Was habe ich euch denn getan, daß ihr mich so quält?“ – Er hätte vollauf recht gehabt, sich auf einen schlimmen Ausgang dieses Wagnisses gefaßt zu machen. Aber nichts von all dem. Das Evangelium berichtet kein Wort, daß er so etwas gesagt hätte; er ließ vielmehr alles mit sich machen, obwohl ihm dieser Gehorsam das Leben hätte kosten können. – Berühmt ist auch diese Begebenheit aus dem Leben des Patriarchen Abraham: Gott sagt zu ihm: Abraham, „ziehe hinweg aus dem Land und von deiner Sippe,“ das heißt, ziehe fort aus deiner Stadt. „und komme in das Land, welches ich dir zeigen werde“ (Gen 12,1). Hätte Abraham da nicht sagen können: „Ach Herr, du heißt mich die Stadt verlassen, sag mir doch, welche Richtung ich einschlagen soll.“ Er sagt aber kein Wort, fragt nicht, ob er den richtigen Weg geht, sondern zieht dorthin, wohin Gottes Geist ihn führt. – So führt auch der wahrhaft Gehorsame keine derartigen Reden, sondern macht sich ganz einfach ans Werk und will nichts weiter als gehorchen. Sein Wohlgefallen am blinden Gehorsam zeigt uns der Herr bei der Bekehrung des hl. Paulus: Er rief ihn beim Namen, schleuderte ihn zu Boden und nahm ihm das Augenlicht. Seht, er wollte ihn zu seinem Apostel machen, deshalb brachte er ihn zu Fall; er sollte demütig und gefügig werden. Deshalb machte er ihn auch blind und befahl ihm dann, in die Stadt zu Hananias zu gehen und alles zu tun, was dieser ihm sagen werde. Warum aber sagt ihm das der Herr nicht selber, warum schickt er ihn dorthin, nachdem er ihm doch eben die Gnade erwiesen, ihn anzureden, um ihn zu bekehren? Paulus aber tut, was ihm befohlen. Das, was Hananias ihm sagen sollte, hätte der Heiland sehr wohl besser sagen können. Jesus aber wollte, daß wir an diesem Beispiel leichter begreifen lernen, wie lieb ihm der blinde Gehorsam ist; es scheint ja, als habe er Paulus nur deshalb blind gemacht, um ihn zum wahren Glauben zu bringen. Als der Blindgeborene vor dem Heiland stand, erbat er sich nicht die Heilung, sondern der Heiland fragte ihn, ob er sehend werden wolle: „O ja, ob ich will, ich bitte Dich innig darum.“ Da „bereitete“ der Heiland „einen Teig und bestrich damit die Augen des Blinden und

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befahl ihm, sich im Teiche Schiloach zu waschen“. Hätte sich da der Kranke nicht über ein solches Mittel wundern können und sagen: „Mein Gott, was machst Du da mit mir? Wäre ich nicht schon blind, dann müßte ich es jetzt werden. Und im Teich soll ich mich waschen? So bringe mich hin, Du siehst doch, daß ich da nur hinkommen kann, wenn man mich führt.“ Der Mann aber gehorcht ganz einfach, er hat keine Bedenken, er macht sich auf den Weg und kümmert sich nicht darum, ob er dazu auch fähig ist (Joh 9,1-12). Der wahrhaft Gehorsame traut sich alles zu, was man von ihm verlangt, weil er überzeugt ist, daß alle Befehle von Gott kommen oder doch von ihm eingegeben sind, somit wegen der Allmacht dessen, der gebietet, nicht unausführbar sein können. Der aussätzige Syrer Naaman (2 Kön 5,9-11) suchte Elischa auf, damit dieser ihn heile; denn alles, was er bisher versucht hatte, um geheilt zu werden, hatte nichts genutzt. Er wußte, daß Elischa große Wunder wirkte, und so machte er sich auf den Weg. Als er dort angelangt war, schickte er einen seiner Leute zu dem Propheten hinein mit der Bitte, herauszukommen und ihn zu heilen. Elischa aber trat nicht heraus, sondern ließ dem Naaman durch seinen Diener oder Schüler Gehasi sagen, er solle sich siebenmal im Jordan baden, dann würde er geheilt sein. Da ward Naaman zornig und sprach: „Sind denn die Flüsse meiner Heimat nicht ebenso gut wie die Wasser des Jordan?“ und er wollte sich nicht darin baden. Seine Leute redeten ihm aber zu, doch ja zu tun, was der Prophet so ausdrücklich befohlen habe, umso mehr, als es leicht durchführbar sei: „Hätte er etwas sehr Schwieriges verlangt,“ sagten sie, „so wäre das schließlich eher ein Grund, nicht zu gehorchen.“ Naaman ließ sich von seinen Leuten überzeugen, er badete sich siebenmal, wie ihm befohlen, und wurde gesund. 6. Nun zur dritten Eigenschaft des blinden Gehorsams: Er bedenkt sich nicht lange und fragt auch nicht lange nach Mitteln und Wegen, den Befehl auszuführen. Er weiß, daß die Ordensregeln und die Anordnungen der Oberen der Weg zu Gott sind, und so schlägt er ihn in aller Einfalt des Herzens ein, ohne darüber nachzugrübeln, ob er es vielleicht nicht doch besser anders mache. Er gehorcht, und das genügt, um Gott zu gefallen, dem zuliebe er ja in aller Einfachheit und in aller Liebe gehorcht. 7. Der Gehorsam aus Liebe hat, wie gesagt, noch eine zweite Eigenschaft: er handelt rasch. Schon immer hat man den Ordensleuten einge-

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schärft, daß der flinke Gehorsam wesentlich zum guten Gehorsam gehöre und nur so das Gelübde vollkommen durchgeführt werden könne. An dieser Art und Weise zu gehorchen wollte Elieser die Braut erkennen, die Gott für den Sohn seines Herrn erkoren (Gen 24,14-22): „Die ich bitten werde: Gib mir zu trinken, und die mir dann sagt: Nicht nur dir, sondern auch deinen Kamelen will ich Wasser geben, die erkenne ich als die Braut, die des Sohnes meines Herrn würdig ist.“ Und während er dies erwog, sah er die schöne Rebekka, das Hirtenmädchen, kommen, das dann eine Prinzessin werden sollte. Elieser sah sie in ihrer ganzen Schönheit und Anmut am Brunnen stehen; sie schöpfte Wasser, um ihre Schafe zu tränken. Da brachte er seine Bitte vor und das Mädchen antwortete in seinem Sinn: „Ja gern, und nicht nur dir, auch deinen Kamelen will ich zu trinken geben.“ Seht, wie eilfertig und liebenswürdig sie ist. Großzügig scheut sie keine Mühe, denn für all die vielen Kamele, die Elieser mitgeführt hatte, mußte sie viel Wasser schöpfen. Kein Zweifel, ein mißmutiges Gehorchen stößt ab. Da gibt es manche, die wohl gehorchen, aber so lässig und unfreundlich, daß sie das Verdienst ihres Gehorsams damit stark vermindern. Gehorsam und Liebe gehören so eng zusammen, daß sie voneinander nicht zu trennen sind. Die Liebe läßt uns rasch und mit froher Miene gehorchen. Ist die Sache, die befohlen wird, noch so schwer, so wird sie doch mit Liebe in Angriff genommen, wenn aus Liebe gehorcht wird. – Zur Demut gehört auch der Gehorsam; wer demütig ist, liebt es über alles, sich unterzuordnen, und deshalb haben die Gehorsamen es überaus gern, wenn man ihnen befiehlt. Bevor der Befehl noch ganz ausgesprochen ist, bevor sie noch wissen, wie er ausfällt, ob nach ihrem Geschmack oder nicht, nehmen sie ihn an, begrüßen ihn, heißen ihn freudig willkommen und er ist ihnen überaus teuer. Ich will euch aus dem Leben des hl. Pachomius ein Beispiel solch raschen Gehorchens erzählen. Pachomius hatte unter seinen Mönchen einen, der Jonas hieß und außerordentlich tugendhaft und vollkommen war. Er hatte den Garten zu besorgen, in dem ein Feigenbaum mit wunderschönen, verlockenden Früchten stand. Dieser Baum war nun für die jungen Ordensleute eine Versuchung und immer, wenn sie daran vorüberkamen, schielten sie ein bißchen nach den Feigen hin. Eines Tages ging Pachomius im Garten spazieren, und als er zu dem Baum hinüberschaute, sah er oben in den Zweigen den Teufel sitzen und so begehrlich auf die Feigen herunterschauen, wie die Ordensbrüder hin-

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aufzuschauen pflegten. Sogleich rief der große Heilige den Bruder Jonas zu sich her und befahl ihm, den Feigenbaum am nächsten Tag in aller Frühe umzuhauen; denn er wollte seine Mönche zur Abtötung der Sinne nicht weniger sorgfältig erziehen als zur Ertötung der ungeordneten Leidenschaften und Neigungen. Da sagte Jonas: „Ach, habt ein wenig Nachsicht mit den jungen Leutchen, mein Vater! Was wollen Sie, es sind ja gute Kinder, die schließlich auch eine Freude haben müssen. Für mich will ich den Baum gewiß nicht stehen lassen.“ Und damit sagte er die Wahrheit, denn schon 75 Jahre war er im Kloster und hatte noch nie eine Frucht verkostet, den Mitbrüdern gegenüber war er aber damit sehr freigebig. Darauf sagte der hl. Pachomius in aller Ruhe: „Nun gut, mein lieber Bruder, du hast weder einfach noch sofort gehorchen wollen; ich will wetten, daß der Baum gehorsamer ist als du.“ Und wirklich, am nächsten Tag war der Baum ganz dürr und trug nie mehr Früchte. Der Herr hat uns sein Leben lang viele Beispiele solch schnellen Gehorchens gegeben. Wer hat sich je so willig und so geschwind dem Willen eines jeden gefügt? Denn es genügt einem liebreichen Herzen nicht, nur das zu tun, was befohlen ist und gewünscht wird, es will auch rasch gehorchen. Kaum ist ein Befehl ausgeführt, sehnt sich das liebende Herz schon wieder nach einem neuen. – David sprach bloß den einfachen Wunsch aus, „Wasser aus der Zisterne in Betlehem“ zu trinken, und schon eilten drei Helden schnurstracks durch das feindliche Heerlager und holten den Trunk (2 Sam 23,15-16). Sie waren sofort bereit, den Wunsch des Königs zu erfüllen. – Ebenso rasch handelten viele Heilige, wenn es galt, auf die Anregungen und Wünsche des Königs aller Könige einzugehen. Hat der Heiland z. B. der hl. Katharina von Siena befohlen, den Eiter von der Wunde jener armen Frau, die sie pflegte, mit der Zunge wegzulecken? Hat der Heiland dem hl. Ludwig aufgetragen, mit Aussätzigen aus einer Schüssel zu essen, damit diese sich überhaupt zu essen getrauten? Diese Heiligen waren in keiner Weise verpflichtet, derartige Dinge zu tun. Sie wußten aber, daß der Heiland die Selbstverleugnung liebt, – er hat seine Vorliebe dafür oft genug ausgesprochen – und so taten sie alle diese Dinge, obwohl ihre Sinne sich dagegen sträubten, und taten es mit großer Liebe. Wir sind verpflichtet, dem Nächsten in äußerster Not beizuspringen, darüber hinaus besteht für uns kein Gebot; weil jedoch Almosengeben ein Rat des Herrn ist, spenden manche, so viel sie nur können. Diesem Gehor-

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sam gegenüber den evangelischen Räten ist der liebevolle Gehorsam aufgepfropft, der sogar auf die Wünsche und Absichten Gottes und der Vorgesetzten mit größter Gewissenhaftigkeit eingeht. Hier möchte ich aber jene vor einer Täuschung bewahren, die immer darauf aus sind, zu suchen, was Gott oder die Vorgesetzten gern haben möchten oder gerne sähen, und so ganz außer Atem kommen. Das hieße gewiß seine Zeit vergeuden. Während ich nämlich darüber nachsinne, was Gott jetzt von mir haben möchte, versäume ich es, mich bei ihm ganz ruhig und friedlich aufzuhalten, was er doch jetzt von mir wünscht, sonst hätte er mir etwas anderes zu verstehen gegeben. Wer von Stadt zu Stadt eilen wollte, um sie alle nach Hilfsbedürftigen zu durchsuchen und ihnen nach dem Wunsch des Heilands beizustehen, könnte doch nicht allen helfen, denn während er den Armen in der einen Stadt beisteht, muß er die Armen der anderen Stadt vernachlässigen. Seien wir also auch darin ganz einfach, geben wir Almosen, wo sich Gelegenheit bietet, und laufen wir nicht alle Straßen und Häuser ab, weil da irgendwo ein Bedürftiger sein könnte. Wenn ich merke, daß die Oberin etwas gerne haben möchte, dann verhalte ich mich ebenso: ich gehe sofort darauf ein und untersuche nicht, ob sie es vielleicht lieber hat, wenn ich etwas anderes tue; ich bringe mich ja sonst um die köstlichsten Früchte des liebenden Gehorsams: um die Herzensruhe und den inneren Frieden. 8. Die dritte Eigenschaft ist die Beharrlichkeit. Der Herr hat uns diese Beharrlichkeit im Gehorchen ganz besonders eindringlich gelehrt. Das bestätigt der hl. Paulus mit den Worten: „Er war gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,8). Dieses „bis zum Tod“ besagt, daß der Herr sein ganzes Leben lang gehorcht hat, ja schon im Mutterschoß, da er sich von Nazaret nach Betlehem tragen ließ. Fast möchte mir scheinen, als wäre er in seinem Sterben noch gehorsamer als am Anfang seines Lebens. Bewegte er doch auf den Armen seiner Mutter Händlein und Füßlein und versuchte das Gehen. Bei seinem Tod aber regt er sich nicht mehr, sondern stirbt unbeweglich aus Gehorsam. So sieht man ihn sein Leben hindurch andauernd gehorchen. Er gehorcht den Eltern, er gehorcht auch vielen anderen, ja selbst gottlosen Menschen. Mit einem Akt des Gehorsams tritt er ins Leben, mit einem Akt des Gehorsams vollendet er sein irdisches Leben. Für diesen beharrlichen Gehorsam gibt uns der schon erwähnte gute Bruder Jonas zwei schöne Beispiele. Wohl tat er damals nicht, was der

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hl. Pachomius von ihm verlangte, aber trotzdem war er ein sehr vollkommener Ordensmann. Gerade in Anbetracht seines beharrlichen Gehorsams möchte es uns scheinen, als hätte ihm der hl. Pachomius die Erhaltung des Feigenbaumes nicht abschlagen sollen, denn vom Tag seines Eintrittes ins Kloster bis zu seinem Tod war und blieb er Gärtner. In den 75 Jahren seines Ordenslebens vertauschte er dieses Amt mit keinem anderen. Das zweite Beispiel beharrlichen Gehorsams gab er, indem er sein Leben lang nur Matten aus Binsen und Palmblättern flocht, wenn er gerade im Garten nichts zu tun hatte. Er starb mitten in dieser Beschäftigung, und man fand ihn tot zusammengekauert, die Matte noch auf den Knien. Diese Arbeit war ihm so zur Gewohnheit geworden, daß er ganz gut zugleich dabei betrachten konnte. Es ist ein Beweis von hoher Tugend, so beharrlich bei ein und derselben Beschäftigung auszuhalten. – Es gehört nichts dazu, einen einmaligen Auftrag fröhlich auszuführen, besonders wenn man ihn gern tut. Wenn es aber heißt: das mußt du jetzt dein Leben lang immer tun, das ist schwer und da kann man sich bewähren. 9. Das wäre es nun, was ich über den Gehorsam sagen wollte. Dazu noch dies: Die Tugend des Gehorsams hat einen so hohen Wert, daß sie der Liebe ebenbürtig zur Seite steht. Diese beiden Tugenden geben allen anderen Tugenden überhaupt erst Wert und Bedeutung; ohne die Liebe und ohne den Gehorsam sind sie alle so gut wie nichts. Habt ihr diese beiden, dann habt ihr alle, fehlen sie euch, dann fehlen euch alle. Sehen wir jetzt vom allgemein verpflichtenden Gehorsam gegen die Gebote Gottes ganz ab und reden wir nur vom klösterlichen Gehorsam. Eine Ordensperson, die nicht gehorcht, hat überhaupt keine Tugend. Gerade der Gehorsam macht uns eigentlich erst zu Ordensleuten; er ist ja die dem Ordensleben eigene und eigentümliche Tugend. Selbst das Verlangen nach dem Martyrium aus Liebe zu Gott hat ohne den Gehorsam gar keinen Wert. Das hat ein Schüler des hl. Pachomius an sich erfahren. Ich erzähle so gern etwas von diesem Vater, weil er ein großer Heiliger und Vater der Ordensleute war. Sein Biograph oder er selbst berichtet: Eines Tages bat ein junger Mann, ins Kloster aufgenommen zu werden. Es wurde ihm gewährt, er bestand das Probejahr in vorbildlicher Demut und hielt beharrlich durch. Überall sind ja die Novizen im Noviziatsjahr so tüchtig. Man sieht es ihnen an, wie sie die Abtötung so schön üben, die Augen so sittsam senken. Um nun auf unsere Geschichte zurückzukommen: Der junge Ordensmann begab

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sich nach seinem Probejahr zum hl. Pachomius und sagte: „Mein Vater, ich bitte Euch demütig, innig für mich von Gott die Erfüllung eines Wunsches zu erbitten.“ – „Schon gut, mein Sohn, den Wunsch aber mußt du mir sagen.“ – „Mein Vater, ich bitte Euch, Ihr müßt mir versprechen, darum zu beten und auch die Mitbrüder zum Beten aufzufordern.“ – Der gute Vater drängte darauf zu wissen, was das für ein Wunsch sei, und endlich gestand der junge Mönch, daß er sich das Martyrium wünsche und ohne diese Erfüllung nie glücklich sein könne. Der Vater trachtete, diesen Eifer zu mäßigen; je mehr er sich aber bemühte, desto hitziger verlangte der junge Ordensmann danach. Da meinte der hl. Pachomius: „Mein Sohn, besser im Gehorsam leben und Tag für Tag in fortwährender Selbstverleugnung sich und seinen Leidenschaften absterben, als sich das Gehirn zu zermartern. Genug erduldet, wer sich selbst verleugnet. Ein Leben lang beharrlich gehorchen, ist ein größeres Martyrium, als durch einen einzigen Schwertstreich getötet werden. Lebe getrost weiter, mein Sohn, bring deinen Geist zur Ruhe und schlage dir diese Gedanken aus dem Kopf.“ Der junge Bruder aber versicherte, daß der Heilige Geist ihm diesen Wunsch eingegeben; mit unvermindertem Eifer hielt er daran fest und drängte den guten Vater, um die Erfüllung seines Herzenswunsches beten zu lassen, worauf der gute Vater von der Sache nicht mehr sprach. Nach einiger Zeit kam für den jungen Ordensmann erfreuliche Nachricht. Sarazenen drangen bis auf einen Berg nahe beim Kloster vor. Der hl. Pachomius rief nun den Bruder zu sich und sagte: „Mein Sohn, jetzt ist für dich die heißersehnte Stunde gekommen. Begib dich in aller Frühe auf diesen Berg zum Holzfällen.“ Außer sich vor Freude machte sich der Bruder auf den Weg, er jubelte und sang Lob- und Dankeshymnen, daß Gott ihm die Ehre erweisen wolle, aus Liebe zu ihm sterben zu dürfen. Er ahnte nicht im geringsten, was sich nun gleich ereignen sollte. Als die Räuber seiner gewahr wurden, gingen sie schnurstracks auf ihn los und packten ihn. Einige Zeit hielt er sich tapfer und sagte immer nur: „Ich will nichts anderes als für meinen Gott sterben,“ und dergleichen mehr. Die Sarazenen schleppten ihn nun vor ihr Götzenbild, damit er es anbete. Da er sich feurig und entschieden weigerte, Gott zu beleidigen, machten sie Anstalten, ihn zu töten. Aber als sie ihm das Messer auf die Brust setzten, rief der arme, in seiner Einbildung so tapfere Mönch aus: „Ach, ich bitte euch, tötet mich nicht, ich will tun, was ihr wollt, habt Erbarmen mit mir! Ich bin noch so jung,

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laßt mir noch das Leben!“ Schließlich betete er den Sarazenengott an, worauf die Räuber ihn verlachten, gründlich verprügelten und ins Kloster zurückschickten. Er kam dort blaß und zitternd, mehr tot als lebendig an und wurde vom hl. Pachomius, der ihm entgegenkam, mit den Worten begrüßt! „Nun, mein Sohn, wie geht es dir, warum so verstört?“ – Da warf sich der Bruder, der es in seinem Hochmut nicht ertragen konnte, sich in eine schwere Schuld verstrickt zu sehen, ganz beschämt und zerknirscht auf die Knie und bekannte seine Schuld. Der gute Vater half ihm sogleich, hieß alle Brüder für ihn beten und mahnte ihn selbst, Gott um Verzeihung zu bitten. Er brachte dann die Seele dieses seines Sohnes wieder in Ordnung und gab ihm folgenden guten Rat: „Eines bedenke, mein Sohn: Besser ist der bescheidene Wunsch, sich der Gemeinde einzufügen, die Regeln recht getreu zu beobachten und nur das anzustreben und zu wollen, was zu dieser Treue gehört, als große Wünsche hegen und in der Einbildung Wunderdinge vollbringen, die uns nur aufgeblasen machen, uns verleiten, andere geringzuschätzen, uns selbst aber zu überschätzen. Siehe, mein Kind, im Schatten heiligen Gehorsams lebt es sich so gut. Warum ihm entfliehen, um nach scheinbar Vollkommenerem auszuschauen? Du wärest nicht so tief gefallen, wenn du, statt den Tod zu suchen, dir lieber täglich abgestorben wärest. Doch Mut, mein Sohn, sei darauf bedacht, von nun an immer im Gehorsam zu leben! Glaub mir, Gott hat dir verziehen.“ – Der junge Ordensmann befolgte des Heiligen Rat und lebte fortan sein Leben lang in tiefer Demut. Der Gehorsam ist nicht weniger verdienstlich als die Liebe. Denn ein „Becher frischen Wassers“ einem Dürstenden liebend gereicht (Mt 10,42; Mk 9,40), ist den Himmel wert. Der Heiland selbst sagt es. Und was ihr im Gehorsam tut, das ist ebenso verdienstlich. Gott freut sich über das Geringste, was ihr im Gehorsam tut; eßt ihr im Gehorsam, so hat das mehr Wert als alles Fasten der Einsiedler, wenn es nicht im Gehorsam geschieht; ruht euch im Gehorsam aus und euer Ausruhen ist verdienstlicher und Gott wohlgefälliger als Arbeiten außerhalb des Gehorsams. Mein Gott! Wie ist das Leben der heiligen Väter doch so reich an schönen Beispielen gewissenhaften Gehorsams in unscheinbaren Dingen! Da trägt z. B. einmal der hl. Franziskus einem Bruder auf, Kohlsetzlinge nach oben zu pflanzen. Der Bruder gehorcht ohne weiteres

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und seine Pflanzen gedeihen so schön wie sonst; seht, so segnet Gott die Gehorsamen. Es wäre ohne Zweifel eine große Unvollkommenheit, bei so geringfügigen Dingen zu widersprechen, wenn sie uns befohlen werden. Sie sind ja besonders geeignet, uns in demütiger Gesinnung zu erhalten. Der Gehorsam als wesentlicher Bestandteil der Demut liebt es ja gerade, zu den niedrigsten Diensten befohlen zu werden, obwohl es eigentlich für den Gehorsam nichts Geringes und Unwichtiges gibt, weil er in allem ein wirksames Mittel sieht, sich mit Gott zu vereinigen und dem Heiland zu gleichen, der den Gehorsam so sehr liebte, daß er nach den Worten des hl. Bernhard dem Gehorsam sein Leben hinopferte. 10. Und was wird uns dafür zuteil, wenn wir diesen liebevollen Gehorsam gewissenhaft üben? – so hör ich euch fragen. Was wird uns zuteil, wenn wir diese drei Bedingungen erfüllen: wenn wir blind gehorchen, unbekümmert darum, wer befiehlt, wozu und warum befohlen wird, – vorausgesetzt, daß der Befehlende das Recht dazu hat; wenn wir uns dabei nicht zu viel um die Mittel kümmern, das auszuführen, was befohlen wird, sondern einfach an die Aufgabe herantreten im Vertrauen auf Gott, der uns die Aufgabe gestellt hat und auch die Möglichkeit geben wird, sie auszuführen; wenn wir rasch gehorchen und wenn wir beharrlich gehorchen; nicht nur eine Zeit lang, sondern unser Leben lang? Was also wird dem zuteil, der so glücklich ist, es so zu machen, wie ich eben sagte? Es wird ihm die Seelenruhe, der dauernde innere Friede zuteil; er ist ja aller Rechenschaft über sein Tun enthoben, weil er alles im Gehorsam gegen die Regeln und die Vorgesetzten tut. Was nämlich die Regel angeht, so liebt, schätzt und ehrt sie der Gehorsame über alles, weil sie der rechte Weg ist, um zur Vereinigung seines Geistes mit Gott zu gelangen. Er geht also niemals von diesem Weg und auch niemals vom Gehorsam ab, weder in Dingen, die nahegelegt oder geraten, noch in Dingen, die befohlen werden. Der wahrhaft Gehorsame wird wohl über manche Gedanken Rechenschaft geben müssen, nicht aber über seine Handlungen, die er im Gehorsam getan. Er fühlt sich sorglos und ruhig wie ein Kind auf den Armen der lieben Mutter, das keine Angst hat vor dem, was vielleicht kommen könnte. Alles ist ihm recht, ob die Mutter es auf dem rechten oder auf dem linken Arm trägt. Ja, genau so macht es der Gehorsame: ob man ihm dies oder das befiehlt, er beunruhigt sich nicht; wenn man ihm nur überhaupt sagt, was

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er zu tun hat, wenn er nur gehorchen darf, dann ist er schon zufrieden. Und diesen gehorsamen Seelen kann ich im Namen Gottes das Paradies dereinst im ewigen Leben, wie auch schon hier im zeitlichen Leben zusichern. Doch genug davon. Fragt, wenn ihr noch etwas wissen wollt. Sind euch über diesen Gegenstand Schwierigkeiten in den Sinn gekommen, so könnt ihr sie jetzt vorbringen.

Verschiedene Fragen 1. Ihr fragt, ob ihr unter Sünde verpflichtet seid, alles zu tun, was die Vorgesetzten anordnen, ob ihr also auch in dem, was die Oberin euch bei der Rechenschaft zu eurer Besserung anrät, einen Befehl sehen müßt. – O nein, meine lieben Töchter, es ist keine oder höchstens eine kleine Sünde, aus Vergeßlichkeit oder sonstwie einen Auftrag nicht auszuführen, außer es handelt sich dabei um eine Sache von größter Wichtigkeit. In diesem Fall freilich müssen wir unser Gedächtnis anstrengen, damit wir ja den Auftrag nicht vergessen; desgleichen wenn es um Dinge geht, die die Ordnung im Haus betreffen. Wenn es sich da auch um einen weniger wichtigen Auftrag handelt, z. B. allabendlich die Lichter auszulöschen, würde doch eine Schwester, die darin nicht gehorcht, Gott beleidigen. Den Auftrag zuweilen vergessen, ist an sich noch nicht schlimm; jedoch aus Nachlässigkeit oder sonst aus irgend einem Grund gewohnheitsmäßig den Auftrag nicht ausführen, das wäre Sünde. – Ich gehe noch weiter und sage: Ich bin unter schwerer Sünde verpflichtet, täglich das Offizium zu beten. Nun kommt es vor, daß ich abgehalten werde, die Komplet zu gewohnter Stunde zu beten, und ganz darauf vergesse. Erst am nächsten Tag fällt mir ein, daß ich sie nicht gebetet habe. Das ist nun keine Sünde und ich brauche es nicht zu beichten; die Sache war nicht so wichtig, daß ich mir immer hätte vorsagen müssen: Ich habe die Komplet noch nicht gebetet und muß es noch nachholen. Die Gebote Gottes und der Kirche sind nicht so hart, wie man meint; sie sind keine Fessel für den Geist, wie man oft glaubt. Das Gesetz Gottes ist ganz Liebe und überaus milde, wie der Psalmist oft beteuert (119, 98, 104). Unfreiwillige Zerstreuungen machen unser Beten und das Offizium in Gottes Augen nicht weniger wohlgefällig; das gilt auch

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für das Einschlafen beim Beten, wonach ja auch eine von euch gefragt hat. Wir sind wegen unfreiwilliger Zerstreuungen keineswegs verpflichtet, das Offizium noch einmal zu beten, auch dann nicht, wenn uns der Schlaf dabei für kurze Zeit übermannt hat; vorausgesetzt, daß wir nicht einen großen Teil verschlafen haben und daß wir uns bemühen, wach zu bleiben. Freilich, Nachlässigkeit dabei wäre schon zu beichten. Angenommen, ich bin zu Beginn des Offiziums mit ganzer Seele beim Gebet und nehme mir vor, es pflichtgemäß recht gut zu beten. Mitten darin werde ich schläfrig und rezitiere oder singe meinen Teil einen oder zwei Psalmen hindurch so recht und schlecht. Was kann man dagegen machen? Man soll es auch nicht beichten, weil man es doch ebensowenig vermeiden kann wie die Zerstreuungen, die über uns kommen. Da sagt eine Schwester, daß ihr der Artikel der Regel,3 der die Schwestern verpflichtet, einander in Liebe auf ihre Fehler aufmerksam zu machen, etwas unangenehm ist und sie sich deshalb nicht genau daran halte, weil es sich doch nicht um Wichtiges handle. – Dazu sage ich Ihnen, meine lieben Töchter: Wenn Sie vielleicht auch nicht eigentlich unter Sünde dazu verpflichtet sind, so doch auf Grund der Liebe, die Sie zu der Regel hegen sollen. Die Liebe zu den Regeln ist aber zweifellos von allergrößter Wichtigkeit und jede Schwester soll sich oft und oft des Tages mit inniger Liebe in diese Regeln hineinversenken. Gerade die Regeln, die uns zuwider sind und deren Beobachtung uns unangenehm ist, müssen wir besonders gewissenhaft halten und so dem Heiland zeigen, daß wir ihn wirklich lieben. Das gleiche gilt für die gegenseitige Abneigung. Hat z. B. eine Schwester eine Antipathie gegen eine ihrer Mitschwestern, dann muß sie gerade mit dieser ganz besonders lieb sein, um die Abneigung auf diese Weise zu überwinden; sie darf keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ihr Aufmerksamkeiten zu erweisen. Ich komme auf das oben Gesagte zurück. Ich möchte wirklich nicht, daß ihr die Seele mit leeren Skrupeln einengt. – Darum will ich eure vorige Frage noch etwas eingehender beantworten. Nicht immer haben die Vorgesetzten und die Beichtväter die Absicht, ihre Untergebenen zu dem, was sie auferlegen, auch zu verpflichten. Wollen sie verpflichten, dann gebrauchen sie den Ausdruck: „Ich befehle Ihnen“ oder „Tun Sie das im Gehorsam“; und dann sind die Untergebenen dazu unter Sünde verpflichtet, auch wenn es sich um weni-

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ger schwerwiegende Dinge handelt. Die Vorgesetzten und Beichtväter geben nämlich ihre Weisungen auf eine dreifache Art: Als Befehl, als Rat oder als Empfehlung. Das ist auch bei den Konstitutionen und Regeln so. Da heißt es z. B.: Die Schwestern können das tun – die Schwestern tun das – die Schwestern hüten sich, das zu tun. Das eine sind Ratschläge, das andere Befehle. Eine Schwester, die sich nicht an die Ratschläge und Weisungen halten wollte, würde sicher gegen den Liebesgehorsam handeln; führt sie aber doch die Befehle sehr gewissenhaft aus, so kann man ihr keinen Vorhalt machen, da sie ja tut, wozu sie verpflichtet ist. Allerdings bleibt es schwerlich dabei, denn nur zu bald fällt in große Fehler, wer es mit kleinen nicht genau nimmt. Gewiß sind Sie, liebe Tochter, nicht dazu verpflichtet, die Schwestern auf ihre Fehler aufmerksam zu machen, außer Sie sind damit ausdrücklich beauftragt. Die Regel sagt ja nur: „Sie können“, aber daneben gibt es, meine liebe Tochter, ein Gebot Gottes, das uns gebietet, einander zurechtzuweisen, und dieses göttliche Gebot steht an Autorität über der Regel. Es verpflichtet allerdings nur bei Sünden, denn man würde den anderen lästig fallen, wollte man sie auf alle kleinen Unvollkommenheiten, die uns allen auf Grund unserer Gebrechlichkeit anhaften, aufmerksam machen. Doch zurück zu unserem vorigen Gedanken: Ich bitte euch, was für ein kläglicher Eifer, was für eine kärgliche Liebe zu Gott wäre doch das, wenn wir gerade nur das tun wollten, was uns befohlen ist, und nicht mehr? Gewiß würde der nicht verdammt, der die Gebote Gottes hält und nichts darüber hinaus tut. Damit würde er jedoch beweisen, daß er sich an die Gebote Gottes nicht aus Liebe zu Gott hält, sondern aus Liebe zu sich selbst, damit er nicht verdammt werde. Das ist gerade so, als wenn sich einer rühmen wollte, kein Räuber zu sein. Nun, bist du kein Räuber, so wirst du wohl nicht gehängt, das ist aber auch alles. – Ihr haltet euch an die Gebote Gottes, die euch auferlegt sind: gut, man wird euch also nicht aus dem Kloster entlassen, aber auch bestimmt nicht für eifrige Dienerinnen Gottes, sondern für Mietlinge halten, wenn ihr nicht mehr tut. Einen Diener, der seinem Herrn genau nur die Arbeit leistet, für die er eingestellt worden ist, würde man einen ungehobelten Burschen nennen und sein Herr würde ihm, wenn er ihn nicht überhaupt fortjagt, sagen: Du arbeitest nur das, was abgemacht war,

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und ich zahle dir auch nur, was wir abgemacht haben, du bekommst keinen Pfennig mehr. 2. Sie sagen, Schwester, daß Sie gerne bereit sind, jedem Rat, ja selbst jedem Wink zu folgen, aber nun wissen möchten, ob Sie es beichten müssen, wenn Sie sich nicht so genau daran halten, wie an die Befehle. – Sie brauchen da nichts zu beichten. Wenn ein Mann zu mir zum Beichten kommt und sich anklagt, daß er spielt und für gewöhnlich dabei ins Fluchen kommt, weil er jähzornig ist, dann verbiete ich ihm im Namen Gottes, weiterhin zu spielen. Er ist verpflichtet, sich an mein Verbot zu halten. Frage ich ihn aber: Fluchen sie beim Spielen immer? und er antwortet: Nein, für gewöhnlich nicht, – dann rede ich so mit ihm: „Mein Sohn, ich rate dir, laß das Spielen sein, es ist ein sinn- und zweckloser Zeitvertreib.“ Der Mann ist aber dann nicht unter Sünde verpflichtet, sich daran zu halten. Und wenn ich in der Art eines Hinweises sage: „Sie sollten besser nicht spielen, mein lieber Freund,“ – denn ich bin nicht verpflichtet, ihm das Spielen ganz zu verbieten, wenn es ihm nur selten zustößt, daß er zornig wird und flucht, – dann ist er durchaus nicht verpflichtet, das Spielen aufzugeben. Das gilt in gleicher Weise auch von allem, was die Vorgesetzten zwar nicht befehlen, aber raten und nahelegen. Wir wollen freilich vollkommen werden und deshalb müssen wir alles schätzen und alles aufgreifen, was geeignet ist, uns mit der göttlichen Majestät zu vereinigen und zu verbinden, – was ja unserer Seele einziges Verlangen und das Ziel all unserer Handlungen sein soll. Wir verletzen zwar das Gelübde des Gehorsams nicht, wenn wir Rat und Weisung nicht befolgen, aber wir handeln gegen den Liebesgehorsam, den wir uns ja aneignen wollen, wir, die wir zur „Heimsuchung“ gehören. Gott behüte uns davor, so feige zu werden, daß wir diesem Liebesgehorsam aus dem Weg gehen! 3. Sie möchten wissen, wie eine Seele, die gar keine Liebe zum Gehorsam hat, diese erlangen kann. – Aber, meine liebe Tochter, da gibt es nur eines: sich recht bemühen, ihn zu lieben. Damit will ich sagen: Wird Ihnen etwas befohlen, dann nehmen Sie den Befehl mit Freuden an, liebkosen, küssen Sie ihn förmlich; und beim nächsten Befehl machen Sie es wieder so und beim übernächsten wieder und so bei allen. Gehen Sie damit um, wie mit etwas sehr Kostbarem und Schönem. Schauen Sie auf das hohe Gut, das Ihnen durch den Gehorsam zuteil wird, nämlich auf die Vereinigung mit Gott. Gehen Sie so mit jeder Anordnung

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der Oberen vor, und es wird Ihnen dann diese Liebe zum Gehorsam gleichsam in Fleisch und Blut übergehen. 4. Sie fragen, ob man beim Wechseln der Oberin nicht denken darf, daß die neue Oberin weniger fähig ist und sich weniger auf die Führung der Schwestern versteht als ihre Vorgängerin. – Nun, wir können es gewiß nicht verhindern, daß uns solche Gedanken kommen, aber wir dürfen uns nicht bei ihnen aufhalten. Wenn Bileam von einer Eselin auf den rechten Weg gewiesen wurde (Num 22,28-30), dann haben wir doch allen Grund anzunehmen, daß Gott, der uns diese Oberin gegeben, auch dafür sorgen wird, daß sie uns nach seinem Willen führe, wenn auch vielleicht nicht nach unserem Willen. Gott selbst hat uns ja die Verheißung gegeben, daß der wirklich Gehorsame keine Irrwege geht (Spr 21,28). Gewiß wird das jenen nicht zustoßen, die unterschiedslos die Weisungen einer jeden von Gott über sie gesetzten Oberin befolgen. Und selbst wenn die Vorgesetzte ganz unwissend wäre und die Untergebenen in ihrem Unverstand abschüssige und gefährliche Wege führte, werden die Untergebenen, die sich in alles gehorsam fügen, was nicht offensichtlich gegen die Gebote Gottes und der Kirche verstößt, niemals in die Irre gehen, das kann ich euch zusichern. Die Heilige Schrift sagt: „Der Gehorsame wird von schönen Siegen berichten können“ (Spr 21,28); das heißt, er wird aus allen Schwierigkeiten, in die er im Gehorsam gerät, siegreich hervorgehen und von allen noch so gefährlichen Wegen, die er im Gehorsam geht, in Ehren zurückkehren. Das wäre schon eine seltsame Weise zu gehorchen, wollte man nur einer Oberin folgen, die uns gefällt. Heute habe ich eine Oberin, die schön ist oder wegen ihrer Fähigkeiten und Tugenden sehr geschätzt wird, und gehorche ihr gerne. Morgen habe ich eine häßliche und weniger angenehme Oberin und mag ihr nicht gehorchen. – Nun, Sie sagen, daß Sie jener Oberin genau so gut gehorchen wie der anderen, aber daß Sie das nicht so schätzen, was sie sagt, und daß Sie ihr nicht so gern gehorchen. – Mein Gott, beweist das nicht, daß Sie der einen Oberin durchaus nicht rein nur aus Liebe zu Gott, sondern aus Sympathie gehorchen, sonst würden Sie auf das, was die andere sagt, ebensoviel geben und es genau so gern befolgen. Ich meine das natürlich nur für den höheren Bereich der Seele, wie ich es schon oft gesagt habe und nicht oft genug sagen kann, weil man es schon sehr beachten muß. In diesem Haus muß der höhere Seelenteil das Wort haben und nicht der niedere, also nicht die Sinne und Neigun-

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gen. In meinem niederen Seelenleben fühle ich gewiß mehr Befriedigung, wenn ich den Auftrag einer Oberin ausführe, die mir sympathisch ist, als wenn ich einer Oberin folgen soll, zu der ich mich ganz und gar nicht hingezogen fühle. Wenn nur das Höhere in meiner Seele in diesem Fall gleich willig gehorcht, dann ist es schon recht; denn der Gehorsam ist wertvoller, wenn er uns schwer fällt; da beweisen wir, daß wir aus Liebe zu Gott und nicht uns zuliebe gehorchen. So gehorcht man ja gewöhnlich in der Welt; der Gehorsam Gott zuliebe aber ist sehr selten und wird nur im Kloster geübt. Wären die Vorgesetzten aus Wachs oder Tonerde, sodaß wir sie nach unserem Belieben kneten und formen könnten, so würde uns das wohl passen; wir würden sie dann nach unserem Geschmack ummodeln, damit sie uns das befehlen, was wir möchten. 5. Ihr fragt, ob es denn niemals erlaubt sei, sich abfällig zu äußern, wenn eine Oberin Erlaubnisse nicht so leicht erteilt wie die andere, – und ob man darüber nachdenken und sich aussprechen darf, warum wohl diese Oberin Anordnungen trifft, die ihre Vorgängerin nicht getroffen hat. – Nein, meine Töchter, derartiges ist nie erlaubt. Wir müssen alles gutheißen, was die Vorgesetzten tun, befehlen, verbieten, wenn es nicht offensichtlich in Widerspruch mit den Geboten Gottes steht; denn in diesem Fall darf man weder zustimmen noch folgen. Im übrigen haben die Untergebenen stets zu glauben und ihr eigenes Urteil dahin abzuändern, daß die Oberen ihre Sache recht machen und ihre guten Gründe haben, warum sie es so machen. Sonst macht ihr euch selber zu Oberen und die Oberen zu Untergebenen, da ihr in deren Sache die Untersuchungsrichter spielt. Wie oft kommt es vor, daß ein Papst etwas verbietet, was sein Nachfolger wieder anordnet! Wäre es da an uns zu fragen: Warum macht er das? O nein! Niemals! Wir haben uns ganz einfach unter das Joch des Gehorsams zu beugen in der Überzeugung, daß jeder Papst für seine Anordnung gute Gründe hatte, wenngleich sie sich widersprechen. 6. Was meinen Sie da? Ob eine Schwester, die schon viele Jahre im Kloster ist und dem Orden große Dienste geleistet, es mit dem Gehorchen, wenigstens in minder wichtigen Dingen, nicht etwas leichter nehmen darf? – Das wäre genau so, als wollte ein Steuermann, der sein Schiff nach langem und angestrengtem Bemühen durch gefahrvolle Stürme glücklich in den Hafen gebracht hat, im Augenblick der Landung sein Schiff zerschlagen und sich selbst ins Meer stürzen. Hielte man

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einen solchen Menschen nicht für verrückt? Denn wenn das seine Absicht war, dann hätte er sich nicht so plagen brauchen, um sein Schiff in den Hafen zu steuern. Eine Klosterfrau, die gut angefangen hat, hat damit noch nicht alles getan, sie muß ausharren bis ans Ende. Sagen wir doch ja nicht: Eine so große Genauigkeit ist nur Sache der Novizen. Wenn auch in allen Klöstern die Novizen sehr genau und eifrig sind, dann besagt das nicht, daß die Profeßschwestern weniger dazu verpflichtet wären, sie sind es ja gerade und nicht die Novizen. Diese sind gewissenhaft und treu im Gehorsam, damit sie der Gnade der Profeß gewürdigt werden; die Profeßschwestern sind aber durch ihre Gelübde dazu verpflichtet. Es genügt nicht, sie abgelegt zu haben, um Ordensfrau zu sein; man muß sie auch halten. Sonst wären sie ja um kein Haar anders als die Leute, die am Ostertag ganz zerknirscht dreinschauen, weil sie gerade gebeichtet haben, aber am folgenden Tag wieder dieselben Weltkinder sind wie zuvor. Eine Ordensperson, welche meint, sich irgendwie gehen lassen zu dürfen, weil sie Profeß gemacht hat oder schon lange im Orden ist, würde sich gewaltig täuschen. Der Herr hat bei seinem Sterben, da er alles mit sich tun ließ, den Gehorsam noch gründlicher geübt als in seiner Kindheit. Denn auf dem Schoß seiner Mutter zappelte er doch noch mit Ärmchen und Beinchen, wenn seine liebe Mutter ihn wickeln wollte; am Kreuz aber bewegte er sich nicht und ließ sich ruhig ans Kreuz schlagen, wie die Schergen es wollten. Soweit genug über den Gehorsam und über die Mittel, ihn liebzugewinnen. 7. Nun zur Frage, die mir gestern Abend vorgelegt wurde: ob sich die Schwestern gegenseitig sagen dürfen, daß sie von der Oberin oder der Novizenmeisterin aus irgend einem Grund recht gedemütigt worden sind. Nun, man kann darüber auf verschiedene Weise reden: Die 1. Weise: Die Schwester kommt und sagt: „Mein Gott, liebe Mitschwester, wie hat mich doch unsere Mutter gerade gründlich gedemütigt!“ Und sie freut sich, daß die Oberin sie nicht geschont, sondern ihr die Wahrheit gesagt und daß sie damit für ihre Seele etwas gewonnen hat. Sie trägt also ihre Freude zu einer Mitschwester, damit sie ihr helfe, Gott für die Demütigung zu preisen. Die 2. Weise: Die Schwester redet darüber, um sich zu erleichtern. Sie findet die Demütigung oder Zurechtweisung recht schwer und schüt-

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tet ihr Herz bei der Mitschwester aus, damit diese sie ein wenig bemitleide und ihr so helfe, ihr Leid zu tragen. Diese Weise, darüber zu reden, ist aber schon weniger erträglich als die vorige, weil es eine Unvollkommenheit ist, sich zu beklagen. Die 3. Weise, die ganz zu verwerfen ist: Die Schwester spricht sich verärgert und trotzig darüber aus und wirft der Oberin vor, daß sie im Unrecht sei. Ich glaube, daß so etwas in diesem Haus mit der Gnade Gottes nicht vorkommt. Was die erste Weise betrifft, so ist an sich noch nichts Schlimmes dabei, wenngleich es viel besser wäre, überhaupt nicht darüber zu reden, sondern sich mit Gott allein darüber zu freuen. Die zweite Weise, sich auszusprechen, kann ich nicht gutheißen, denn da wir uns beklagen, verlieren wir das Verdienst der Demütigung. Wißt ihr, was wir tun sollten, wenn wir getadelt und gedemütigt werden? Wir sollten mit beiden Händen nach dieser Verdemütigung greifen, wie nach etwas ganz Kostbarem, sie am Herzen bergen und liebevoll umfangen. Aber wenn nun eine Schwester kommt und sagt einer anderen: „Jetzt habe ich mich gerade bei unserer Mutter ausgesprochen und bin genau so trocken wie vorher; man sollte sich wirklich nur an Gott halten; Menschen können halt doch nicht trösten; da komme ich jetzt von der Mutter noch trauriger heraus, als ich vorher war“, – so sollte die andere Schwester ganz ruhig antworten: „Wenn Sie schon sagen, man sollte sich recht an Gott halten, warum haben Sie das nicht getan, bevor Sie mit unserer Mutter gesprochen? Sie wären dann sicher nicht darüber unbefriedigt, daß Sie bei ihr keinen Trost gefunden haben.“ Sagt, meine lieben Töchter, ist das die rechte Art, sich an Gott zu halten? Nehmt euch in acht! Wenn ihr Gott sucht, weil die Menschen euch enttäuschen, könnte er sich am Ende nicht finden lassen wollen, denn er will, daß wir ihn vor allem anderen und unter Hintanstellung alles anderen suchen. – „Ich suche den Schöpfer, weil die Geschöpfe mich unbefriedigt lassen!“ – Aber der Schöpfer verdient es sehr wohl, daß ich alles um seinetwillen verlasse, und er will es, daß wir so handeln. Kommen wir von der Aussprache bei der Oberin ganz unbefriedigt zurück, ohne auch nur ein Tröpflein Trost mitbekommen zu haben, dann sollen wir unsere Trockenheit so behutsam vor uns hertragen wie einen kostbaren Balsam, – so, wie ich es für die Affekte beim Gebet geraten habe. Ja, wie kostbares Öl sage ich, damit wir ja recht achtge-

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ben, diesen Himmelsbalsam nicht zu verschütten – denn Gott beschenkt uns mit dieser so wertvollen Gabe, damit unsere Seele zum Trost für die Erquickung, die wir in den Worten der Oberin entbehren mußten, mit köstlichem Duft erfüllt würde. Da ist aber noch etwas dabei zu bedenken: Es kann sein, daß wir zur Aussprache ein Herz so kalt und trocken wie Stein mitbringen, das man nicht mit dem Tau des Trostes erfrischen und erquicken kann, weil es für die Worte der Oberin einfach nicht empfänglich ist. Mögen diese Worte noch so passend sein für das, was eure Seele gerade braucht, ihr empfindet sie doch nicht so. – Ein andermal ist dagegen euer Herz weich und aufgeschlossen und schon ein paar Worte, die für euren Fortschritt weit weniger bedeutsam sind als die letzthin gesprochenen, spenden euch Trost, weil euer Herz eben empfänglich war. Ihr glaubt wohl, die Vorgesetzten brauchen nur die Lippen zu öffnen und schon fließen Trostworte in die Seele einer jeden, die zu ihnen kommt. Nein, so einfach geht das nicht. Sie sind ebensowenig immer in der gleichen Stimmung wie auch die anderen Menschen. Glücklich, wer sich inmitten aller Ungleichheit der Dinge den heiligen Gleichmut erhalten kann. Bald sind wir in freudiger Stimmung, bald wieder so trocken, daß es uns außerordentlich schwer fällt, Trostworte zu finden. 8. Nun möchtet ihr noch wissen, wie ihr das eigene Urteil am besten zum Schweigen bringen könnt. – Ich antworte: Schneidet ihm jedesmal das Wort ab, sooft es sich zum Herrn aufspielen möchte, und bedeutet ihm, daß es nur Knecht ist. Nur durch unermüdlich wiederholte Tugendübungen erwerben wir die Tugenden. Wohl hat Gott einige wenige Seelen in einem Augenblick in den Besitz aller Tugenden gesetzt; die hl. Katharina von Genua z. B. wurde von ihrem Beichtvater in einem Augenblick so gründlich bekehrt, daß eine fromme Seele, die in derselben Stadt wohnte, sich nicht genug wundern konnte, wie schnell sie alle ihre Unvollkommenheiten abgelegt hatte. Und Katharina konnte sich nicht genug über diese Person wundern, die nach langjährigem Bemühen, sich zu bessern, noch nichts erreicht hatte. Packt euch die Lust zu urteilen, ob eine Sache richtig oder falsch angeordnet ist, so verbietet eurem eigenen Urteil jeden weiteren Gedanken. Und sagt man euch, daß ihr es auf diese Weise machen sollt, dann überlegt nicht lange, ob man es nicht besser auf eine andere Weise machen könnte, sondern tut einfach, was man gesagt hat. – Verlangt man von euch eine bestimmte Übung, so erlaubt eurem Urteil nicht zu

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prüfen, ob sie für euch paßt oder nicht. Macht euch darauf gefaßt, daß euer Urteil sich sehr oft nicht fügen wird, wenn ihr auch das ausführt, was man von euch verlangt hat. Es wird der Anordnung oft nicht zustimmen, und das ist gewöhnlich die Ursache, weshalb wir uns so schwer den Anordnungen unterwerfen. Verstand und Urteil machen dem Willen vor, daß diese Arbeit nicht notwendig sei oder daß man sie auf eine andere als die angegebene Art machen sollte; so kann sich der Wille dann nicht mehr unterordnen. Der Wille gibt ja immer auf die Gründe des eigenen Urteils mehr als auf andere. Jeder hält sein eigenes Urteil für unfehlbar. Es ist mir noch niemand begegnet, der nicht viel auf sein Urteil gehalten hätte, außer zwei Menschen, von denen der eine in dieser Stadt lebt, während ich vom anderen nicht weiß, wo er sich jetzt aufhält. Diese beiden haben mir gestanden, daß sie kein Urteil hätten. Einer von ihnen hat mich einmal aufgesucht und um Auskunft in einer Angelegenheit ersucht, weil er, so sagte er, kein Urteil habe und sie daher nicht verstehe, – was mich sehr wunderte. In unseren Tagen hat ein berühmter Gelehrter ein herrliches Beispiel der Überwindung des eigenen Urteils gegeben. In einem Werk, das er verfaßt hatte, fand der Heilige Vater Papst Klemens VIII. irrige Stellen vor und schrieb ihm, er möge sie aus seinem Buch herausnehmen. Wohlgemerkt, der Papst fand nichts Häretisches darin, sondern nur einige irrige Begründungen. Als nun der Gelehrte das päpstliche Schreiben erhielt, unterwarf er sein Urteil so vollkommen dem Willen des Heiligen Vaters, daß er nicht einmal eine Erklärung zu seiner Rechtfertigung abgeben wollte, sondern ohne weiteres glaubte, im Unrecht und von seinem Urteil irregeführt worden zu sein. Er verlas von der Kanzel das Schreiben des Papstes, zerriß sein Buch und erklärte, daß der Papst mit seinem Urteil ganz recht habe, daß er damit ganz einverstanden sei und den väterlichen Verweis, dessen er gewürdigt worden sei, von Herzen dankbar annehme als durchaus berechtigt und noch viel zu milde, denn er verdiene, streng bestraft zu werden; er begreife nicht, wie er so verblendet sein konnte, sich in einer offensichtlich so verwerflichen Sache von seinem eigenen Urteil täuschen zu lassen. Zu dieser Erklärung war er keineswegs verpflichtet. Der Papst hatte nichts dergleichen von ihm verlangt, sondern nur die Streichung gewisser Stellen. So gab er bei dieser Gelegenheit einen Erweis seiner hervorragenden Tugend und der Überwindung des eigenen Urteils.

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Menschen mit abgetötetem Urteil sind recht selten. Zugeben, daß ein Befehl gut ist, ihn als etwas sehr Gutes und Nützliches lieben und schätzen, das widerstrebt dem eigenen Urteil und die meisten sagen: Ich will es ganz gern so machen, wie Sie es haben wollen, doch fände ich es besser, wenn man es anders machte. Ach, was tut ihr da? Wenn ihr so eurem eigenen Urteil Nahrung gebt, dann wird es euch trunken machen; denn zwischen einem Betrunkenen und einem von seinem Urteil ganz eingenommenen Menschen ist kein Unterschied; man kann weder den einen noch den anderen zur Besinnung bringen. Als David und seine Leute einst in der Wüste ganz erschöpft waren, sandte er zu Abigajil, damit sie ihren Mann veranlasse, ihm und seinen Soldaten Lebensmittel zu schicken. Davids Leute, die mit Abigajil gegangen waren, fanden ihren Mann betrunken. Als er vernommen, was David begehrte, redete er wie ein Mensch im Rausch und weigerte sich, etwas herzugeben; er warf David vor, daß er nun komme, um auch ihn zugrunde zu richten, wie die anderen, nachdem er das früher Zusammengestohlene aufgegessen habe. Davids Leute berichteten, was sich zwischen ihnen und dem Betrunkenen abgespielt hatte, worauf David ausrief: „So wahr Gott lebt, das soll er mir bezahlen, ich habe ihm seine Herden gerettet und er erkennt das Gute, das ich ihm erwiesen, nicht an.“ Abigajil erfuhr, was David im Sinn hatte. So ging sie am nächsten Tag mit Geschenken zu ihm, um seinen Zorn zu besänftigen, und sprach: „Herr, was willst du mit einem Betrunkenen anfangen? Gestern im Rausch sprach mein Mann böse Worte, weil er betrunken und verrückt war. Kämst du heute zu ihm, so hieße er dich sicher herzlich und mit allen Ehren willkommen. Besänftige deinen Zorn, Herr, lege nicht Hand an ihn, denn du würdest es dein Leben lang bereuen, einem Narren etwas angetan zu haben.“ Diese Entschuldigung paßt auch auf jene Menschen, die von ihrem eigenen Urteil ganz berauscht sind, denn sie haben den Gebrauch der Vernunft so wenig wie Betrunkene. So sei man also ernsthaft darauf bedacht, alle Erwägungen des eigenen Urteils gleich abzuschneiden, besonders, wenn es um den Gehorsam geht. 9. Nun wollt ihr noch wissen, ob ihr darauf große Sorgfalt verwenden sollt, einander liebevoll und vertrauensvoll auf die Fehler aufmerksam zu machen. – Natürlich sollt ihr das! Denn wie könnte ich einen Fehler an meiner Schwester sehen und ihr nicht mit einem Hinweis helfen wollen, ihn zu entfernen? Ist sie freilich schlecht aufgelegt oder traurig

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gestimmt, so wäre dies nicht der rechte Augenblick, sie auf ihre Fehler aufmerksam zu machen und zurechtzuweisen. Sie würde es wohl dann nicht gut aufnehmen. – In einem solchen Fall muß man eben ein wenig warten und dann wieder mit Vertrauen und Liebe darauf zurückkommen. Sagt mir eine Schwester verärgerte Worte, ist aber sonst sanftmütig, dann sag ich ihr mit Vertrauen, daß sie nicht so handeln sollte. Sehe ich aber, daß es besser ist, jetzt nichts zu sagen, weil die Schwester erregt ist, dann trachte ich, das Gespräch geschickt auf einen anderen Gegenstand zu bringen. 10. Ihr dürft auch gewiß auf die Fehler aufmerksam machen, die beim Chorgebet vorkommen, obwohl das eigentlich Sache der Assistentin ist. Laßt die Schwester nicht eine Woche lang den gleichen Fehler machen! Wenn ihr merkt, daß die Assistentin das erstemal noch nichts gesagt hat, dann macht beim zweitenmal die Assistentin darauf aufmerksam. Ich halte es für besser, mit der Assistentin zu reden als mit der betreffenden Schwester, – obgleich man das ruhig in aller Liebe tun kann, wenn man will. Hat die Assistentin sie bereits aufmerksam gemacht, dann wird es ihr kaum schwer fallen, Ihnen das ruhig zu sagen, denn sie braucht nicht gar so wortkarg zu sein. – Ihr befürchtet, daß ihr die Schwester einschüchtert und sie dann vor lauter Angst erst recht Fehler macht, wenn ihr diese so oft beredet. Mein Gott, so eine Meinung sollt ihr von unseren Schwestern hier nicht haben. Ja, Mädchen in der Welt draußen werden verwirrt, wenn man ihre Fehler erwähnt. Bei unseren Schwestern kommt das nicht vor, denn sie lassen sich gerne demütigen, sie lieben ihre eigene Niedrigkeit und beunruhigen sich darüber gar nicht. Sie sehen vielmehr darin nur einen Ansporn, noch eifriger und sorgfältiger an ihrer Besserung zu arbeiten, nicht um einem Tadel auszukommmen, – denn ich nehme an, daß sie alles liebend annehmen, was sie in ihren eigenen Augen verächtlich und gering macht – sondern um ihre Aufgabe umso besser zu erfüllen und für ihren Beruf immer geeigneter zu werden.

173 13. Gespräch Über die Einfachheit 1
Wir sprechen heute über die Einfachheit. Sie ist eine so wichtige Tugend, daß unsere Mutter den Wunsch äußerte, ich möchte sie zum Gegenstand einer eigenen Unterredung machen, obwohl ich schon oft über diese Tugend gesprochen habe; und wenn es auch hier in diesem Haus vielleicht nicht so notwendig ist wie anderswo, so will ich trotzdem ihrem Wunsch willfahren. Ich werde wohl manches, was ich früher schon gesagt, wiederholen, aber das kann nicht schaden. 1. Bevor wir uns nun ausführlicher über die Tugend der Einfachheit unterhalten und den Schwestern Gelegenheit geben, darüber Fragen zu stellen, müssen wir uns zuerst über das Wesen dieser Tugend klar werden. Ihr wißt, daß man z. B. ein Kleid einfach nennt, wenn es weder gestickt noch gefaltet noch bunt ist. So sagen wir auch: Diese Person ist einfach gekleidet, wenn ihr Kleid keinen besonderen Aufputz, keine sichtbar gelegten Falten hat oder dafür nicht zweierlei Stoff verwendet wurde. Das verstehen wir unter einem einfachen Kleid. So ist auch die Einfachheit im geistlichen Leben nichts anderes als ein reiner, einfacher Akt der Liebe, der nur eines bezweckt: Die Liebe zu Gott zu erringen. Unsere Seele ist dann einfach, wenn wir in allem, was wir tun oder anstreben, einzig nur das wollen. Überaus lehrreich ist in dieser Hinsicht die uns allen vertraute Geschichte der hl. Maria und Marta, als sie den Herrn zu Gast hatten. Seht, Marta hatte die gewiß lobenswerte Absicht, den Herrn aufmerksam zu bedienen; trotzdem wurde sie vom göttlichen Meister getadelt, weil sie im Herrn doch mehr den Menschen sah und meinte, er gleiche den anderen, denen eine Speise, ein Gericht nicht genügt, weshalb sie in ihrer Aufregung Orangen, Zitronen, Essig und alles mögliche zusammensuchte. So trübte sie die erste, einfache Absicht, Gott zu lieben, durch verschiedene kleine Nebenabsichten, und deshalb tadelte sie der Herr: „Marta, Marta, du sorgst und kümmerst dich um viele Dinge,“ obwohl „nur eines notwendig“ ist, eben das, was Maria „erwählt hat und ihr nicht wird genommen werden“ (Lk 10,3-42). Diese ganz einfache Liebe, die uns bei allem, was wir tun, nur auf eines hinsehen und hinzielen läßt, nämlich auf das Verlangen, Gott zu gefal-

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len, das ist Marias Teil, das ist das eine Notwendige, das ist die Einfachheit, die mit der Liebe unzertrennlich verbunden ist, da sie nur auf Gott schaut und keinen egoistischen Nebengedanken duldet. Andernfalls würde sie aufhören, Einfachheit zu sein, denn sie kann irgend eine Rücksicht auf Geschöpfe nicht ertragen, nur Gott findet Einlaß bei ihr. 2. Die Einfachheit ist eine rein christliche Tugend, denn die Heiden, selbst solche, die wie Platon und Aristoteles recht gut über andere Tugenden zu reden verstanden, kannten sie ebensowenig wie die Demut. Über die Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Klugheit und Standhaftigkeit schrieben sie schöne Abhandlungen; von der Einfachheit und Demut wußten sie aber nichts zu sagen. Wäre der Herr nicht selbst vom Himmel herabgestiegen, die Menschen über diese beiden so notwendigen Tugenden zu belehren, so hätten sie diese niemals kennen gelernt. „Seid klug wie die Schlangen“ – sagt der Herr zu seinen Aposteln, – seid aber auch „einfältig wie die Tauben“ (Mt 10,6). Damit wollte er sagen: Lernt von den Tauben Gott in aller Einfachheit lieben, d. h. das Wachsen in der Gottesliebe in aller Einfalt des Herzens fördern und bei allem, was ihr tut, nur ein Motiv, nur ein Ziel haben. Und nicht nur diese Einfalt in der Liebe lernt von der Taube, – denn sie hat nur einen Tauber, für den sie alles tut, sie will nichts, als ihm gefallen, sie fürchtet nichts, als ihm mißfallen, – lernt auch von ihr, eure Liebe ganz einfach auszudrücken und zu zeigen, – denn sie tut nicht weiß Gott was alles, ist nicht überschwenglich in ihren Zärtlichkeiten, sie gurrt nur leise dem Tauber zu, fühlt sich in seiner Liebe geborgen und ist zufrieden, bei ihm sein zu dürfen. 3. Die Einfachheit hält von der Seele alles Sorgen und Bemühen um vielerlei Mittel und Übungen, Gott zu lieben, fern. So manche Seelen sind immer auf der Suche danach und suchen doch umsonst; sie meinen, nicht eher ruhig sein zu können, als bis sie den Heiligen alles nachgemacht haben. Wie bedauernswert sind doch solche Menschen! Sie plagen sich, die Kunst der Gottesliebe ausfindig zu machen, und wissen nicht, daß diese nur darin besteht, ihn eben zu lieben. Sie fahnden nach geheimen Rezepten, um die Liebe zu Gott zu gewinnen, während doch Einfachheit das ganze Geheimnis ist. Wenn ich sagte, es gibt keine Kunst der Gottesliebe, so will ich damit nicht die Bücher verurteilen, die von der „Kunst, Gott zu lieben“ handeln und einen solchen Titel führen. Diese Bücher lehren ja nur, daß die ganze Kunst darin besteht, sich daran zu machen, Gott zu lieben,

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das heißt: Das zu tun, was ihm wohlgefällt; denn nur auf diese Weise kommt man zur Gottesliebe. Freilich muß auch das in aller Einfachheit, ohne Hast und Unruhe geschehen. 4. Die Tugend der Einfachheit erfaßt tatsächlich alle Mittel, die jedem entsprechend seinem Beruf vorgeschrieben sind, um zur Gottesliebe zu gelangen. Sie achtet aber darauf, daß dabei das Ziel – die Gottesliebe – nie dem Auge entschwinde; sie will, daß beim Streben nach der Gottesliebe kein anderer Beweggrund mitspiele als eben das Ziel, die Liebe zu Gott. Die Einfachheit wäre ja sonst nicht vollkommen einfach. Sie duldet keine andere Rücksicht als die der reinen Gottesliebe, und wäre sie noch so vollkommen. Gott lieben ist ihr einziges Verlangen. Ein Beispiel: Eine Schwester geht zum Chorgebet und wird gefragt: „Wohin gehen Sie?“ – „Zum Chorgebet.“ – „Warum gehen Sie, warum jetzt und nicht später?“ – „Weil die Glocke gerufen hat und weil es bemerkt wird, wenn ich fehle.“ – Der Zweck des Chorgebetes – nämlich Gott zu loben – ist durchaus gut, der Beweggrund aber ist nicht einfach, denn die Einfachheit verlangt, daß ich nur von dem Wunsch, Gott zu gefallen, beseelt bin und keine Nebenabsicht habe; das gilt in allen Dingen. 5. Bevor wir weitergehen, möchte ich noch auf einen Irrtum hinweisen, in dem jene befangen sind, die da meinen, die Einfachheit vertrage sich nicht mit der Klugheit und diese beiden Tugenden seien einander entgegengesetzt. Das ist ein Irrtum. Die Tugenden stehen niemals im Gegensatz zueinander, sie gehören vielmehr aufs innigste zusammen. Die Tugend der Einfachheit steht im Gegensatz zum Laster der Hinterhältigkeit, der Quelle aller Spitzfindigkeiten. Die Schlauheit, Lüge und Bosheit verbinden sich in ihr, um alles mögliche zur Irreführung anderer zu erfinden und sie dahin zu bringen, wo man sie haben will. Sie sollen glauben, daß man nicht mehr weiß, als man sagt, daß man nichts anderes empfindet und denkt, als man ausspricht. Das ist eine Art, sich zu geben, die zur Einfachheit in vollstem Gegensatz steht, denn Einfachheit ist Übereinstimmung von innerer Gesinnung und äußerem Verhalten. 6. Das ist jedoch nicht so zu verstehen, daß wir unsere Gemütsbewegungen und Leidenschaften nicht verbergen dürfen. Es ist nicht gegen die Einfachheit, ein freundliches Gesicht zu machen, wenn wir erregt sind. Man muß die Vorgänge im niederen Seelenbezirk von denen im höheren Seelenbereich wohl unterscheiden. Ihr seid z. B. jetzt wegen eines Tadels oder wegen einer Widerwärtigkeit sehr erregt. Euer

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Wille hat aber damit nichts zu tun, die Bitterkeit bleibt nur im niederen Seelenbezirk haften; der höhere Seelenbereich will davon nichts wissen, sondern ist mit diesem Vorfall einverstanden, willigt ein und heißt ihn gut. Wir sagten vorhin, daß die Gottesliebe unverwandt auf das Ziel hinschaut, das sie erreichen will: auf die Gottesliebe. Die Gottesliebe verlangt aber von uns, daß wir unsere bitteren Gefühle zurückhalten, beherrschen und abtöten, und gewiß nicht, daß wir sie zur Schau tragen und offenbaren. Es ist also nicht gegen die Einfachheit, wenn wir bei Widerwärtigkeiten nach außen heiter sind. Aber nun sagt man: „Täusche ich dann nicht die anderen, die mich für tugendhaft halten werden, wo ich doch so unbeherrscht bin?“ Nein; – aber der Gedanke, was man von euch sagen, von euch denken könnte, der ist gegen die Einfachheit. Wir stellten ja fest, daß diese nur ein Ziel hat, Gott zufrieden zu stellen und die Geschöpfe nur insoweit, als es die Gottesliebe verlangt. 7. Hat die einfache Seele einmal getan, wozu sie sich verpflichtet glaubte, dann kommt sie nicht mehr darauf zurück. Stellen sich eitle Gedanken ein, was man wohl von ihr denken oder reden mag, so weist sie diese sofort ab; sie verträgt nichts, was sie ablenken könnte von dem Vorhaben, ihre ganze Aufmerksamkeit auf Gott gerichtet zu halten, um in seiner Liebe zu wachsen. Die Meinung der Menschen berührt sie nicht, sie bezieht ja alles auf Gott. 8. Das gleiche gilt hinsichtlich eurer Frage, ob es erlaubt ist, aus Klugheit der Oberin etwas zu verschweigen, besonders dann, wenn es sie oder uns aufregen könnte. Wenn ich einfach bin, dann überlege ich nur, ob es angebracht ist, das oder jenes zu sagen oder zu tun, und verschwende keine Zeit an den Gedanken, ob die Oberin sich aufregen könnte oder ob ich mich aufregen werde, wenn ich ihr sage: Ich habe das und jenes von Ihnen gedacht. Ist es für mich notwendig, daß ich rede, dann rede ich, gehts, wie es will. Habe ich meine Pflicht getan, dann brauche ich mich um das Weitere nicht zu kümmern, Gott will es nicht. Man braucht die Aufregung nicht so zu fürchten, weder bei sich noch bei anderen; sie ist ja an sich keine Sünde; im „Geistlichen Kampf“ heißt es sogar, daß man zuweilen den Anlaß dazu aufsuchen soll, um sich zum Kampf zu stählen. Ich weiß z. B., daß ich in der und der Gesellschaft Worte hören werde, die mich ärgern und aufregen; statt nun wegzubleiben, gehe ich hin, bewaffnet mit großem Vertrauen auf

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die göttliche Vorsehung, sie wird mir die Kraft geben, meine Natur, die ich bekämpfen will, zu besiegen. Die Aufregung berührt ja nur den niederen Seelenbereich; also liegt kein Grund zum Erstaunen oder zur Furcht vor, vorausgesetzt, daß wir nicht auf sie achten und nichts von ihr wissen wollen, das heißt, daß wir ihrem Einfluß nicht unterliegen; denn einwilligen dürfen wir auf keinen Fall. Woher meint ihr wohl, daß die häufige Aufregung kommt? Woher anders als vom Mangel an Einfachheit. Statt sich mit Gott zu befassen und mit dem, was uns ihm wohlgefällig macht, beschäftigt man sich mit der Frage: „Was wird man da sagen, was wird man da denken?“ „Wenn ich das aber der Oberin sage, dann bin ich noch aufgeregter als zuvor.“ – Gut, wenn ihr nichts sagen wollt, wenn keine Notwendigkeit dazu besteht und ihr auch keine Belehrung über diese Handlung braucht, dann entschließt euch rasch und verliert keine Zeit mit dem Nachdenken: Soll ich oder soll ich es nicht sagen? Es wäre sinnlos, unter dem Vorwand der Klugheit stundenlang Erwägungen über jede Kleinigkeit anzustellen. „Wenn ich der Oberin alle Gedanken sage, die mich am meisten demütigen, dann bin ich nachher erst recht traurig.“ – Sie fragen also, meine liebe Tochter, ob es angebracht oder notwendig ist, der Oberin gerade die Dinge zu sagen, die am meisten demütigen? Ich möchte meinen, daß ihr euch gerade über diese aussprechen sollt, nicht über die belanglosen, die das Gespräch nur in die Länge ziehen. Und fühlt ihr euch daraufhin nicht erleichtert, dann kommt das nur vom Mangel an Selbstverleugnung. Wozu das verschweigen, was mich besonders demütigt, und das berichten, was mir keinen geistigen Gewinn bringt? Der Einfachheit ist es allein um die Gottesliebe zu tun. Am sichersten aber finden wir die Gottesliebe bei der Selbstverleugnung. Im gleichen Maße, wie wir uns selbst verleugnen, nähern wir uns der Gottesliebe. – Ihr fürchtet, die Oberin zu demütigen oder aufzuregen? O, kümmert euch doch nicht darum! Denn Oberinnen müssen vollkommen sein oder wenigstens wie Vollkommene handeln. Darum haben sie ein offenes Ohr für alles, was man ihnen sagt, und hören es an, ohne es besonders schwer zu nehmen. Die einfache Seele mischt sich nicht in die Angelegenheiten anderer ein; sie kümmert sich nur um sich selber und auch das nur insoweit, als es notwendig ist. Unnütze Gedanken weist sie immer und sofort ab. Die Einfachheit hat eine große Ähnlichkeit mit der Demut, die von allen Menschen gut und nur von sich gering denkt.

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9. Nun möchtet ihr gerne wissen, wie man zu dieser Einfachheit, zu Unbefangenheit und Freimut in Gesprächen und in der Erholungszeit kommt, da doch jeder Mensch wieder anders ist und es gar nicht möglich ist, daß alle mit unseren Worten einverstanden sind und sie gutheißen. Das wäre freilich schön, wenn wir unsere Worte jedem Empfinden und jedem Temperament anpassen könnten, sodaß es gar keinen Widerspruch gäbe. Das wird aber niemandem gelingen; wir brauchen uns darum auch nicht zu bemühen; es ist gar nicht nötig. „Muß ich aber nicht jedes Wort, das ich zu sagen habe, vorerst genau überlegen, damit ich ja niemand kränke?“ – Durchaus nicht, wenn Sie sich nur an das Regelbuch halten, nur das sagen, was am Platz ist und was zur Unterhaltung und Aufheiterung beiträgt. Käme Ihnen der Wunsch, etwas zu sagen, was nicht damit übereinstimmt, dann müßten Sie sich zurückhalten, da die Einfachheit sich in allen Dingen an das Gesetz der Liebe hält. Bei aller Harmlosigkeit muß man doch wissen, was man sagt, darf nicht ins Blaue hinein reden und alles sagen, was einem in den Sinn kommt. „Da ist aber vielleicht eine etwas melancholische Schwester neben mir, die mir nicht gern zuhört, und ich möchte mich doch unterhalten.“ – Meine Tochter, beachten Sie das lieber gar nicht! Was sollten Sie auch machen? Heute ist jene ernst oder melancholisch, ein andermal sind Sie es selbst; jetzt ist es an Ihnen, die Unterhaltung für Euch beide zu besorgen, ein andermal ist es an ihr. Das wäre eine schöne Geschichte, wollten wir nach ein paar fröhlichen Worten alle Schwestern der Reihe nach anschauen, ob sie mitlachen und einverstanden sind, und dann, weil eine nicht mittut, uns grämen und meinen, daß unsere Worte mißfielen oder mißverstanden wurden. Nein, so dürfen wir es nicht machen; wo solche Beobachtungen angestellt werden, da steckt die Eigenliebe dahinter. Von Einfachheit ist dann keine Rede mehr. 10. Eine Seele, die einfach ist, läuft nicht jedem Wort und jeder Handlung nach, sie überläßt den Ausgang der göttlichen Vorsehung, der sie sich mit ganzer Seele hingegeben hat; sie wendet sich nicht nach rechts und nicht nach links, sie geht einfach geradeaus. Und findet sie eine Gelegenheit, eine Tugend zu üben, so greift sie diese sorgsam auf und sieht in ihr ein geeignetes Mittel, sich ihrem Ziel, der Gottesliebe, zu nähern, doch tut sie das in aller Ruhe; sie schätzt keine Gelegenheit gering und läßt auch keine vorübergehen, aber sie schaut nicht ängstlich danach aus und überstürzt sich nicht, sie zu suchen. Sie verhält

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sich ganz still, sie ruht im festen Vertrauen, daß Gott um ihre Sehnsucht, ihm zu gefallen, weiß, und das genügt ihr. Wie aber lassen sich zwei so entgegengesetzte Dinge miteinander vereinen? Auf der einen Seite sagt man uns: Ihr müßt euch sehr eifrig um eure Vollkomenheit, um den Fortschritt bemühen, – auf der anderen Seite verbietet man uns, darüber nachzudenken? Seht doch die Schwäche des menschlichen Geistes. Immer muß er übertreiben. Verbietet man einem jungen Mädchen, nach Einbruch der Dunkelheit auszugehen, so wird es sich über die Härte seiner Mutter beklagen, die es gar nicht ausgehen läßt. – Es wurde ihr nur untersagt, abends fortzugehen, sie aber redet, wie wenn man ihr überhaupt jeden Ausgang verboten hätte. – Eine andere singt zu laut, man macht sie darauf aufmerksam und sie antwortet: „Jetzt singe ich aber so leise, daß man mich gewiß nicht mehr hört.“ – Eine andere, der man sagt, daß sie zu schnell gehe, geht daraufhin so langsam, daß man ihre Schritte zählen kann. – Was ist da zu machen? Man muß es mit Geduld tragen, vorausgesetzt, daß man diesen Fehlern keine Nahrung gibt und sie nicht aus Eigensinn begeht. Man kann nicht immer geradeaus gehen; hie und da wird man stolpern oder etwas zur Rechten oder zur Linken abweichen; – wenn man nur so schnell als möglich wieder gerade vor sich hingeht, dann darf man schon ganz zufrieden sein. Wir haben diesen Fehler von unserer guten Mutter Eva. Sie tat dasselbe, als der Teufel ihr einflüsterte, sie solle doch von der verbotenen Frucht essen. Sie übertrieb in ihrer Erwiderung und sagte, Gott habe verboten, die Frucht anzurühren, wo er doch nur das Essen dieser Frucht untersagt hatte (Gen 3,3). 11. Sie möchten gerne wissen, meine liebe Schwester, ob Sie in aller Einfalt antworten sollen, wenn eine Schwester fragt, ob Sie wegen etwas, was sie Ihnen gesagt oder was sie getan hat, getadelt worden seien? – Die Schwester sollte diese Frage überhaupt nicht stellen; halten Sie aber die Schwester für so gefestigt, daß ihr Vertrauen nicht leidet, dann sagen Sie ihr, wie es ist, und antworten ganz einfach mit Ja, natürlich nur, wenn es auch wahr ist. Bitten Sie aber die Schwester zugleich, sich trotzdem stets unbekümmmert Ihrer zu bedienen; Sie wären ihr dankbar dafür. Scheint es Ihnen aber, als würde sie daraufhin etwas mißtrauisch, so können Sie ihr ruhig eine ausweichende Antwort geben, damit sie sich wieder getraue, Sie um einen Dienst zu bitten. 12. Manche Leute sind der irrigen Ansicht, es sei Verstellung und Hinterlist, Menschen, die uns unsympathisch sind, Beweise herzlicher

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Liebe und freundschaftlicher Gesinnung zu geben. Das stimmt aber nicht. Für die Abneigung können wir nichts, sie hat ihren Sitz im niederen Bereich der Seele, der Wille weist sie hinaus, sie läßt sich aber nicht hinauswerfen. Die Beweise der Liebe, die wir jenen geben, die uns zuwider sind, setzen wir aber, weil uns die Vernunft dazu antreibt, die uns vor Augen hält, wie notwendig Abtötung und Selbstverleugnung sind. Wir handeln also nicht gegen die Einfachheit, obwohl unser Gefühl nicht mit Wort und Tat übereinstimmt, denn wir verleugnen diese Gefühle, als wären sie uns fremd, wie es ja auch wirklich ist. Wie unsinnig handeln dagegen die Weltleute, wenn sie sich mit ihrer angeblichen Offenheit brüsten, weil sie ihre Feinde schief ansehen, – und das gerade und ehrlich heißen! Wir sind z. B. auch nicht unaufrichtig, wenn wir uns den Anschein geben, eine Sache, die uns sehr liegt, nicht gern tun zu wollen, – ich meine, wenn es gilt, einer Schwester, wie Sie sagen, eine Arbeit zu überlassen, die ihr Freude macht, während es Ihnen zugleich eine Überwindung kostet, sie nicht machen zu dürfen. Der Wunsch, diese Arbeit zu bekommen, regt sich ja im niederen Seelenbereich, während der höhere es vorzieht, nicht sich selbst, sondern der Schwester eine Freude zu machen. Wir dürfen nie vergessen, daß die Vorgänge im niederen Seelenbereich und in den Sinnen gar keinen Platz in unserer Überlegung haben dürfen, geradeso, als sähen wir sie überhaupt nicht. Was wäre noch über die Einfachheit zu sagen? Wir müssen ja auch ein Wort über die Klugheit sagen. Das tun wir nachher, die Einfachheit brauchen wir ja mehr als die Klugheit. 13. Wenn wir hin und her überlegen, ob die Fehler, die wir eine Mitschwester machen sehen, schwer genug sind, um die Oberin davon in Kenntnis zu setzen, so ist das gegen die Einfachheit. Sagt doch, ist denn die Oberin nicht fähig, selber zu überlegen und zu beurteilen, ob ein Tadel angebracht ist oder nicht? Es ist doch etwas anderes, als wenn ihr mit jemand darüber sprechen würdet, der nichts dagegen machen kann. – „Aber was weiß ich, warum die Schwester das getan hat, sie hatte vielleicht eine ganz gute Absicht?“ – Das kann schon sein. Aber die Tat, war sie recht oder unrecht? – „Dem äußeren Anschein nach war sie unrecht.“ – Warum sollten wir sie dann nicht vorbringen? Wir haben ja nicht die Absicht, sondern die Tat zu melden. Warum also sich beunruhigen?

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Sie denken, meine liebe Tochter, es sei nicht der Mühe wert, wegen einer Kleinigkeit die Schwester aufzuregen. Vielleicht tut sie es von selber nicht mehr. – All das heißt nicht einfach handeln, denn die Regel verpflichtet euch, an der Besserung der Schwestern durch Ermahnungen mitzuarbeiten, sie verpflichtet euch aber nicht zu peinlichem Hin- und Herüberlegen, als wenn die Ehre der Schwester davon abhinge. Ich gehe sogar so weit zu sagen: Wüßte ich, daß diese Schwester in ihrer Aufregung über meine Meldung oder über den veranlaßten Tadel eine läßliche Sünde begehen werde, dürfte ich doch nicht davon absehen. Und ich dürfte das schon gar nicht, bloß weil ich weiß, daß sie sich darüber aufregen wird. Denn das ist ja an sich keine Sünde, sondern kann erst Sünde werden, wenn es schlechte Wirkungen zeitigt. – Darauf müßt ihr freilich achten, daß ihr den richtigen Zeitpunkt wahrnehmt, denn es ist gefährlich, den Tadel gleich auf der Stelle auszusprechen. Wenn ich voraussehe, daß die Schwester nach einer kleinen Weile in einer besseren Verfassung sein wird, so muß ich selbstverständlich warten. Sonst aber müssen wir in aller Einfachheit, ohne Bedenken das ausführen, wozu wir vor Gott verpflichtet sind; denn selbst wenn sich die Schwester nach dem Tadel oder nach der Mahnung aufregt, kann ich nichts dafür, ich bin auch nicht schuld daran, sondern einzig und allein die Unbeherrschtheit der Schwester. Und wenn sie daraufhin eine läßliche Sünde begehen sollte, so kann diese der Anlaß sein, verschiedene andere Sünden zu vermeiden, die sie begangen hätte, wenn sie in ihrem Fehler stecken geblieben wäre. 14. Nein, meine Tochter, die Oberin soll von einem Tadel nicht deshalb absehen, weil der Schwester die Zurechtweisung zuwider ist. Sie wird uns wahrscheinlich zeitlebens zuwider bleiben; denn die Liebe zur Verdemütigung geht dem Menschen gegen die Natur, aber der Wille darf diese Abneigung nicht begünstigen, er hat die Verpflichtung zu lieben. Die Regeln sagen ausdrücklich, daß ihr auf den Fehler unter vier Augen aufmerksam machen könnt, wenn er verborgen geblieben ist. – „Aber da sieht man uns dann miteinander reden und dann werden wir dafür getadelt.“ – Sicher, denn die Schwestern, die euch beisammen sehen, wissen ja nicht, worum es sich handelt. Aber was liegt daran? Ihr werdet getadelt: Gott sei dafür gepriesen! So erhaltet ihr eine Verdemütigung und ihr sollt euch darüber freuen, daß ihr getadelt werdet, wenn ihr Gutes tut. Denn dann gehört ihr gewiß zur Partei des Hei-

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lands, der niemals etwas Böses getan und doch für einen Übeltäter zum Tod verurteilt werden wollte. Die einfache Seele nimmt diese Verdemütigung in aller Liebe an als wirksames Mittel, um dem Ziel ihrer Sehnsucht wieder näher zu kommen, mit dem Heiland ganz eins zu werden durch eine völlige Übereinstimmung des Lebens und Handelns mit dem seinen. 15. Ihr möchtet wissen, ob ihr die Oberin auch dann auf die von den Schwestern an ihr bemerkten Fehler aufmerksam machen sollt, wenn sie nicht zeigt, daß sie damit einverstanden ist. Selbstverständlich! Die Oberin braucht auch ihr Einverständnis nicht zu zeigen. Wozu denn aufpassen, ob sie es billigt oder nicht? Sie hört euch an, merkt auf das, was ihr sagt, das genügt doch? – „Sie sagt mir nicht, ob sie es für gut empfindet, daß ich geredet habe.“ – Das ist doch ganz gleich. Ihr habt eure Pflicht getan, worum kümmert ihr euch noch? – „Sie meint aber vielleicht, ich hätte es nicht aus Liebe, sondern aus einem anderen Grund gesagt.“ – Meine lieben Töchter, das sind lauter Winkelzüge, die gar nicht zur Einfachheit passen, da sich diese ja nur um den Heiland kümmert. Doch weiter! 16. Ich weiß nicht, was unsere gute Mutter jetzt gerne hätte, aber es wird schon so sein, wie ihr sagt; wir wollen über die Einfachheit sprechen, mit der man seine Seele von Gott und von seinen Vorgesetzten leiten lassen soll. Es gibt Seelen, die, wie ihr sagt, so selbstsicher sind, daß sie sich nur vom Geist Gottes leiten lassen wollen. Alles, was sie sich einbilden halten sie für Eingebungen und Regungen des Heiligen Geistes, der sie bei der Hand nimmt und bei allem, wie sie meinen, führt, wie man Kinder führt. Da täuschen sie sich aber gewaltig. Ich bitte euch, gab es je eine auffallendere Berufung als die des hl. Paulus? Der Heiland selbst rief ihn an, um ihn zu bekehren. Trotzdem wollte er ihn nicht selber unterweisen, sondern schickte ihn zu Hananias: „Geh, du wirst einen Mann finden, der dir sagt, was du tun sollst“ (Apg 9,4-7). Daraufhin hätte Paulus fragen können: „Herr, warum sagst du mir das nicht selber?“ Er fragt aber nicht, sondern tut ganz einfach, was der Herr ihm aufgetragen hat. – Und da bilden wir uns ein, daß wir bei Gott in noch höherer Gunst stehen als der hl. Paulus, und meinen, er wolle uns selber führen, ohne sich dabei eines Geschöpfes zu bedienen? Da war einmal ein junges Mädchen, das sich diese Idee in den Kopf gesetzt hatte. Ihr Seelenführer hat es mir selber erzählt. Sie bildete sich

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ein, sie dürfe nur das tun, was der göttliche Bräutigam ihrer Seele sage oder eingebe. Das brachte die Mutter des Mädchens in große Schwierigkeiten. Sagte sie z. B. der Tochter, sie sollte jetzt in die heilige Messe gehen oder zum Essen kommen, so bekam sie die Antwort: „Das tue ich dann, wenn mein göttlicher Bräutigam es haben will.“ So sollte man also bei allem immer erst auf die Stimme des göttlichen Bräutigams warten! Nun, meine lieben Töchter, für uns ist die Stimme des göttlichen Bräutigams der Gehorsam. Was außerhalb dieses Gehorsams liegt, ist alles Täuschung. „Mein Gott, ich fühle mich zu einer so großen inneren Einfachheit hingezogen, und jetzt reißt man mich heraus, um mit den anderen alles mitzumachen, z. B. was das Direktorium für die verschiedenen Übungen bestimmt.“ Sicher werden wir nicht alle den gleichen Weg geführt, doch nicht jeder braucht den Weg, auf dem Gott ihn haben will, auch zu kennen, das ist Sache der Vorgesetzten, denen Gott Gnade dafür gibt. Sagen wir nur nicht: Sie kennen uns nicht genug. Wir müssen glauben, daß sie uns kennen. Gehorsam und Fügsamkeit sind immer die untrüglichen Zeichen echter Eingebung. „Bei den Übungen, die man mich jetzt machen läßt, empfinde ich gar keine Freude, während die anderen für mich so trostreich gewesen sind.“ – Das ist schon möglich. Der Wert unseres Handelns bemißt sich aber nicht nach dem geistlichen Freudengefühl. Wir dürfen uns nicht an unsere eigene Befriedigung anklammern; das hieße nur nach den Blüten und nicht nach den Früchten greifen. Ihr habt mehr Gewinn davon, wenn ihr den Weisungen der Vorgesetzten folgt, als wenn ihr euren inneren Trieben nachlauft. Aus diesen schießt meist nur Eigenliebe empor, die unter dem Deckmantel des Guten sich nur in eitler Selbstüberhebung gefällt. Kein Zweifel! Das Wohl unserer Seele hängt davon ab, ob wir uns vom Heiligen Geist uneingeschränkt führen und beherrschen lassen. Gerade das will die wahre Einfachheit, die uns der Heiland so sehr ans Herz legt: „Seid einfältig wie die Tauben,“ sagt er zu den Aposteln, und weiter: „Wenn ihr nicht einfach werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich meines Vaters eingehen“ (Mt 18,3). 17. Solange ein Kind noch ganz klein ist, ist es ganz Einfachheit, es hat nur eine einzige Erkenntnis: Die Mutter; nur ein Verlangen: die

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Brust der Mutter. An diese Brust gelegt und gebettet, ist es wunschlos. Die vollkommen einfache Seele hat auch nur eine Liebe: Gott. Und diese Liebe hat wiederum nur ein Verlangen: Ruhen an der Brust des himmlischen Vaters, dort als wahrhaft liebendes Kind wohnen, dem guten Vater alles Sorgen um das eigene Wohl überlassen. Sie ist nur noch auf eines bedacht: Sich dieses heilige Vertrauen zu erhalten. Wohl sieht sie sich vieler Tugenden und vieler Gnaden bedürftig, aber kein übermäßiges Verlangen beunruhigt sie, noch hastet sie ängstlich nach Vollkommenheit. Sie übersieht nichts, was sich ihr am Weg bietet, sie hält sich aber nicht damit auf, sich anderer als der zur Vollkommenheit vorgeschriebenen Mittel zu bedienen. Wozu auch nach Tugenden verlangen, die wir doch nicht anwenden können? Sanftmut, Liebe zur Verdemütigung, Demut, zarte Liebe und Herzlichkeit gegen den Nächsten sind im Verein mit dem Gehorsam jene Tugenden, die wir alle für gewöhnlich üben sollen. Wir haben oft Gelegenheit, sie anzuwenden; darum müssen wir sie fleißig üben. Um Tugenden wie die Standhaftigkeit und Freigebigkeit brauchen wir uns nicht zu sorgen, weil wir vielleicht niemals in die Lage kommen, sie zu üben. Deshalb sind wir doch nicht weniger hochherzig und großmütig. 18. Zum Schluß möchte ich noch zusammenfassend sagen, daß ich unterscheide zwischen den Leuten, die in der Welt leben (ich meine die frommen Laien) und den Schwestern der Heimsuchung. Die frommen Laien bedürfen der Klugheit, um ihren Besitz zu vermehren, ihre Familie zu ernähren, sonst könnten sie ihren Verpflichtungen nicht genügen. Und wenn sie sich dabei auch weit mehr auf die göttliche Vorsehung als auf den eigenen Fleiß stützen sollen, so dürfen sie doch ihre Angelegenheiten nicht vernachlässigen. Die Schwestern der Heimsuchung hingegen müssen alle persönlichen Sorgen in die Hand Gottes hineinlegen. Ich meine das nicht nur für die äußeren Dinge, für die leiblichen Bedürfnisse, sondern vor allem für den inneren Fortschritt. Sie mögen es der göttlichen Güte überlassen, ihnen geistliche Güter, Tugenden und Gnaden zu geben, so wie es ihr gefällt. Ganz in der Hand der göttlichen Vorsehung sein wollen, das ist ihre Klugheit. 19. Die Tiere, die am klügsten sind, – es gibt nämlich eine natürliche und eine übernatürliche Klugheit – sind auch die weniger edlen, die feigsten und furchtsamsten. Der Fuchs, der so durchtrieben und schlau ist, ist auch furchtsam. Der Hase, der den hetzenden Hunden so ge-

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schickt auszukommen weiß, daß sie ihn nicht erwischen, ist furchtsam. Die Ameise ist ungemein klug und umsichtig. Selbst der Hirsch ist trotz seiner Größe furchtsam und deshalb durchtrieben und schlau. Der Löwe hingegen, dieses königliche Tier, geht im Gefühl seiner Tapferkeit in aller Unbefangenheit seinen Weg, und darum schläft er genau so ruhig mitten auf der Straße wie in einer Höhle. Und auch das Kamel geht einfach seines Weges, obwohl es so stark und kräftig ist, daß es sich ruhig ein ganzes Haus aufladen ließe und es forttrüge. – Von den kleinen Tieren sind die Tauben und Schäflein ganz einfältige Geschöpfe, sodaß man sie liebhaben muß. Zu guter Letzt noch ein Wort über die Klugheit der Schlangen. Sage ich etwas über die Einfalt der Tauben, dann hält man mir gewiß gleich die Schlangen entgegen. Schon manche fragten, welche Schlange wohl gemeint sei, von der wir die Klugheit lernen sollen. Als Mose die Israeliten in die Wüste führte, wurden viele von kleinen Schlangen gebissen und viele Menschen starben, weil die Heilmittel fehlten. Da erbarmte sich der Herr und befahl dem Mose, eine eherne Schlange aufzurichten, damit jeder, der gebissen worden, geheilt würde, wenn er sie anschaue (Num 2,18 f). Nun, die eherne Schlange, die in der Wüste an einem Pfahl aufgerichtet wurde, ist ein Sinnbild unseres Herrn und Meisters, der auf dem Kalvarienberg am Kreuzespfahl erhöht werden sollte und so die Klugheit der Schlange in wunderbarer Weise zur Schau trug. Die Schlange legt ihre Haut ab, wenn sie alt geworden ist. Vielleicht können wir auch darin einen Vergleichspunkt sehen. – Der Herr legte seine ganze Herrlichkeit ab, denn er wurde „den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit“ (1 Kor 1,23); uns gläubigen Christen aber wurde er zur Erbauung, er wurde unser Erlöser, das Ziel all unserer Liebe; er wurde uns der gütigste Arzt für alle unsere Gebrechen. Schauen wir auf zu ihm, der da am Kreuz hängt, dann werden wir nicht sterben! Dieser Aufblick heilt unsere Wunden. Wir können die Worte des Heilands: „Seid klug wie die Schlangen“ auch in diesem Sinn verstehen: Seid klug, wie die Schlange es ist, die den Leib preisgibt, wenn sie angegriffen wird, um den Kopf zu retten. Wir sollen es auch so machen, wir sollen, wenn nötig, alles preisgeben, damit wir den Heiland in uns retten, d. h. die Liebe zu ihm, die gleichsam das Haupt unserer Seele ist, denn Christus ist „unser Haupt“ und wir sind „seine Glieder“ (Eph 4,15; Kol 1,18; 1 Kor 6,15). *

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Und nun wollen wir auch die Klugheit üben, indem wir diese Unterredung beenden; ich fürchte, die Schwestern zu lange aufzuhalten. Nur dies noch: Ich möchte, daß ihr das eine nicht vergeßt: Es gibt zwei Arten von Klugheit: die natürliche und die übernatürliche. Die natürliche Klugheit ist zu verwerfen und auszumerzen; sie ist nicht gut, sie flößt uns eine Menge kleinlicher Erwägungen und Vorsichtsmaßregeln ein, die ganz unnütz sind und den Geist von der Einfachheit abziehen. Die echte Tugend der Klugheit müssen wir zweifellos pflegen, denn sie ist das übernatürliche Salz, das allen anderen Tugenden Geschmack und Würze gibt. Wir in der Heimsuchung haben sie in der Weise zu pflegen, daß die Tugend des kindlichen Vertrauens über allem steht. Wir wollen mit einfachem Vertrauen in den Armen unseres Vaters und unserer lieben Mutter ruhen, in der vollen Überzeugung, daß der Heiland und Unsere Liebe Frau als unsere Mutter uns stets beschützen und in mütterlicher Sorgfalt behüten; sind wir doch hier vereint, sie zu ehren und ihren Sohn, der unser guter Vater und gütigster Heiland ist, zu verherrlichen. Alles zum Ruhme und Lobpreis unseres Herrn Jesus Christus, der allerseligsten Jungfrau und des glorreichen hl. Josef!

14. Geist der Regel 14. Gespräch Über den Geist der Regel 1

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Ihr fragt mich nach dem Geist eurer Regel und wie ihr ihn euch aneignen könnt. Bevor wir diese schwierige Frage beantworten, müssen wir zuerst wissen, was das heißt: den Geist der Regel, den Ordensgeist besitzen. Man hört ja oft sagen: Dieser oder jener Ordensmann lebt ganz nach dem Geist seiner Regel.

I.
Wir entnehmen dem Evangelium zwei Beispiele, die geeignet sind, uns dies verständlich zu machen. Vom hl. Johannes dem Täufer heißt es, er sei „im Geist und in der Kraft des Elija“ gekommen und habe die Sünder, die er „Natterngezücht“ nannte, unerschrocken und streng zurechtgewiesen (Lk 1,17; 3,7; Mt 3,7). Welcher Art war nun diese „Kraft des Elija“? Das war die Kraft, die von seinem Geist ausströmte zur Züchtigung und Vernichtung der Sünder, das war die Kraft, die Feuer vom Himmel fallen ließ zum Verderben und zum Schrecken aller, die sich gegen die Majestät seines Herrn auflehnten: Elija also hatte einen Geist der Strenge. Das zweite unserem Thema entsprechende Beispiel entnehmen wir dem 9. Kapitel des Lukas-Evangeliums (51-56): Als Jesus nach Jerusalem gehen wollte, rieten ihm die Jünger davon ab, die einen zog es nach Kafarnaum, die anderen nach Betanien, und so suchten sie den Herrn dahin zu führen, wo sie hinwollten, – denn nicht erst seit heute wollen die Untergebenen ihre Vorgesetzten führen und ihnen ihren Willen aufdrängen. Der sonst so nachgiebige Heiland aber „härtete sein Antlitz“ und zeigte so seine Entschlossenheit, nach Jerusalem zu reisen, damit die Jünger keinen weiteren Versuch mehr machten, ihn davon abzubringen. Auf dem Weg nach Jerusalem wollte er durch ein Samariterdorf ziehen, aber dessen Bewohner verweigerten es ihm. Darüber ereiferten sich Jakobus und Johannes und gerieten in Zorn, – denn Eifer wird sehr oft für Zorn und Zorn für Eifer gehalten, – was nicht Wunder nimmt, denn sie waren noch nicht in der Gnade gefestigt. Sie waren also über die Ungastlichkeit der Samariter sehr aufgeregt und sagten zum Meister: „Herr, willst Du, so heißen wir Feuer vom Him-

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mel herabkommen,“ um sie zu vernichten und sie dafür zu strafen, daß sie Dich beleidigt haben. Der Herr aber antwortete: „Ihr wißt nicht, wes Geistes ihr seid“ (Lk 9,56). Er wollte sagen: Wir sind nicht mehr in den Zeiten des Elija mit seinem Geist der Strenge. Gewiß, Elija war ein großer Diener Gottes und hatte das Recht zu tun, was ihr gern tätet, doch würdet ihr nicht gut daran tun, ihn nachzuahmen, denn „ich bin nicht gekommen“, um die Sünder niederzuschmettern und zu strafen, sondern sie mit dem Duft der Güte zur Buße und zu meiner Nachfolge zu locken. 2. Das also verstehen wir unter „Geist“. Ich möchte aber, um das Verständnis zu erleichtern, noch einige Vergleiche aus anderen Orden heranziehen, bevor ich vom Geist unserer Genossenschaft zu reden beginne. Die Orden und frommen Genossenschaften sind insgesamt von einem gemeinschaftlichen Geist beseelt; dazu kommt aber noch ein jedem Orden und jeder Genossenschaft eigentümlicher Geist. Allen gemeinsam ist das Streben nach vollkommener Liebe. So wurde es von der Kirche bestimmt und von den Konzilien als unzweifelhafte Lehre anerkannt. Der besondere Geist eines Ordens hingegen ist gekennzeichnet durch die Mittel, die angeordnet sind, um diese vollkommene Liebe, d. h. die vollkommene Vereinigung mit Gott und mit den Mitmenschen, aus Liebe zu Gott zu erreichen. Die Vereinigung mit Gott geschieht durch das Aufgehen unseres Willens in dem seinen, die Vereinigung mit dem Nächsten durch die Milde, die eine Tochter der Nächstenliebe ist. Was ist der besondere Geist der einzelnen Orden? Der Ordensgeist der Kartäuser unterscheidet sich von dem der Jesuiten sehr wesentlich und der Ordensgeist der Kapuziner wiederum von dem der Jesuiten. Der Geist der Kartäuser ist ausgedrückt in ihren Mitteln, zur Vereinigung mit Gott und mit dem Nächsten zu gelangen. Ihr besonderes Vorhaben ist, sich mit Gott durch die Beschauung zu vereinigen. Darum leben sie in der Einsamkeit, verkehren mit Weltleuten so wenig als möglich, ja kommen selbst untereinander nur an bestimmten Wochentagen zusammen. Sie vereinigen sich mit dem Nächsten durch Gebet, indem sie für ihn bei Gott Fürbitte leisten. Der Geist der Jesuiten wieder umfaßt gewiß auch das Streben nach Vereinigung mit Gott und mit dem Nächsten; ihr Mittel dazu aber ist die Tätigkeit und zwar die geistige Arbeit. Sie vereinigen sich mit Gott, indem sie den Nächsten mit ihm vereinigen durch Studium, Predigt,

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Beichthören, Vorträge und ähnliche fromme Werke. Um dies zu erreichen, verkehren sie mit der Welt und haben eine Kleidung, die nicht zu sehr auffällt und auch nicht streng wirkt. Wohl pflegen sie auch das Gebet, um sich mit Gott zu vereinigen, betrachten es jedoch als ihren Hauptzweck, die Seelen zu bekehren und mit Gott zu vereinigen. Der Ordensgeist der Kapuziner ist herb und streng. Er ist, um es genau zu sagen, auch nach außen der Geist vollkommener Verachtung der Welt, all ihrer Eitelkeiten und Sinnlichkeiten. Ich sage: Auch nach außen, denn im Innern sollen alle Orden diesen Geist der Weltverachtung haben. Die Kapuziner wollen also durch ihr Beispiel die Menschen dazu bringen, alles Irdische zu verachten, – darum auch die Armut in ihrer Kleidung, – um sie so zu Gott zu bekehren. Auf diese Weise vereinigen sie sich mit der göttlichen Majestät und auch mit dem Nächsten aus Liebe zu Gott. Dieser Geist der Strenge ist so bezeichnend für sie daß man einem Kapuziner, der etwas Affektiertes an sich oder etwas Geziertes an seiner Kleidung hätte oder der besser behandelt sein wollte als seine Mitbrüder, sofort den Geist des hl. Franziskus absprechen würde. Und ein Kartäuser, dem es nur im geringsten um den Verkehr mit einem Menschen zu tun wäre, selbst in der reinsten Absicht, ja sogar um ihn zu bekehren, der würde sofort etwas von seinem Ordensgeist einbüßen. Ebenso ein Jesuit, der sich in die Einsamkeit zurückziehen und dem beschaulichen Gebet obliegen wollte, abgesehen von der Zeit, die in seiner Tagesordnung dafür vorgesehen, und vom Bedürfnis des einzelnen, das dem klugen Ermessen der Vorgesetzten anheimgestellt ist. Es ist also sehr wichtig zu wissen, wessen Geistes ein Orden oder eine fromme Genossenschaft ist. Man erkennt ihn am Zweck der Gründung und an den Mitteln zur Erreichung dieses Zieles. Einen allgemeinen Zweck haben, wie gesagt, alle Orden; ich spreche aber vom besonderen Zweck, zu dem wir von einer ganz besonderen Liebe beseelt sein sollen und deshalb alles, was ihn erreichen hilft, von ganzem Herzen umfangen müssen. Wißt ihr, was das heißt: Den Zweck einer Ordensgemeinschaft lieben? Das heißt: Sich genau an die Mittel zur Erreichung dieses Zwekkes, also an die Regeln und Konstitutionen halten, pünktlich alles tun, was damit zusammenhängt und was dazu beiträgt, sie immer noch vollkommener zu beobachten. Aber auch darin muß man in aller Einfalt

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vorgehen, d. h. über diese Regeln und Konstitutionen nicht hinausgehen wollen, nicht den Ehrgeiz haben, mehr zu tun, als die Regeln vorschreiben. Denn nicht in der Anzahl der Übungen liegt unsere Vollkommenheit, sie liegt in der Vollkommenheit und Reinheit der Absicht, mit der wir sie verrichten. Wir müssen uns also zunächst den Zweck unserer Genossenschaft und die Absicht unseres Stifters ansehen und dann uns ausführlicher mit den vorgeschriebenen Mitteln befassen, die zur Verwirklichung dieses Zweckes und der Absicht des Stifters führen. Den Zweck unserer Genossenschaft müßt ihr nicht in der Absicht jener drei ersten Schwestern suchen, die den Anfang machten, wie ihr den Zweck des Jesuitenordens ebensowenig in der Absicht sehen dürft, die der heilige Vater Ignatius anfangs gehabt; denn er dachte nicht im entferntesten daran, das zu tun, was er dann später unternehmen sollte. Und dem hl. Franzsikus, dem hl. Dominikus und anderen Ordensstiftern erging es auch so. Gott, dem es allein zukommt, solche fromme Vereinigungen ins Leben zu rufen, ließ sie werden, was sie jetzt sind. Glauben wir nur ja nicht, daß die Menschen von selbst auf den Gedanken gekommen wären, eine so vollkommene Lebensweise, wie es die klösterliche ist, anzunehmen. Nein, auf Gottes Eingebung hin sind die Regeln aufgestellt worden und diese Regeln sind das Mittel zum Ziel, das alle Ordensleute gemeinsam haben: Die Vereinigung mit Gott und die Vereinigung mit dem Nächsten aus Liebe zu Gott. 3. Jeder Orden hat seinen besonderen Zweck und besondere Mittel, um diese Vereinigung zu verwirklichen. Sie alle haben auch ein gemeinsames Mittel, zu dieser Gottvereinigung zu gelangen, und das sind die Gelübde. Wir alle wissen, daß Reichtum und irdischer Besitz eine gewaltige Anziehungskraft haben und daß die Seele sozusagen zersplittert wird durch zu große Anhänglichkeit an diese Güter, durch die Sorge, sie zu erhalten und sie zu vermehren, da man ja nie mit dem, was man hat, zufrieden ist. Die Ordensleute brechen aber mit all diesen Dingen dadurch, daß sie Armut geloben. Desgleichen kehren sie sich von allen fleischlichen Genüssen und aller Sinnenlust, von allen erlaubten und unerlaubten sinnlichen Vergnügungen durch das Gelübde der Keuschheit ab, das ein überaus wirksames Mittel ist, um sich besonders innig mit Gott zu vereinigen. Die sinnlichen Freuden schwächen und lähmen ja gewaltig die Geisteskräfte und verschwenden Herz und Liebe,

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die Gott allein gebühren. Wir aber geben ihm unsere ganze Liebe, es genügt uns nicht, nur die Welt zu verlassen, wir wollen aus uns selbst heraus durch den Verzicht auf die vergänglichen Freuden des Fleisches. – Noch vollkommener aber wird unsere Vereinigung mit Gott durch das Gelübde des Gehorsams, denn hier raffen wir unsere Seele mit all ihren Fähigkeiten, Neigungen und Wünschen zusammen, um uns nicht nur dem unmittelbaren Willen Gottes, sondern auch dem Willen der Vorgesetzten zu unterwerfen, deren Wille ja stets als Gottes Wille zu betrachten ist. Das ist schon ein schwerer Verzicht, weil unsere Eigenliebe fortwährend kleine Schößlinge der Eigenwilligkeit treibt. – Sind wir durch diese drei Gelübde von allem losgelöst, dann ziehen wir uns in das Innerste unserer Seele zurück, um uns mit der göttlichen Majestät ganz rückhaltlos und vollkommen zu vereinigen.

II.
1. Schauen wir uns jetzt den Zweck an, der für die Gründung des Ordens der Heimsuchung bestimmend war: Er ist gleich im ersten Satz der Konstitutionen ganz klar ausgedrückt.2 Die Kenntnis des Zweckes bringt euch zur Erkenntnis des besonderen Ordensgeistes der Heimsuchung. Ich habe immer dafür gehalten, daß der Geist der Heimsuchung ein Geist tiefer Demut gegen Gott und Sanftmut gegen den Nächsten ist. Je weniger körperliche Strengheiten, desto mehr Herzensgüte. Alle Väter haben erklärt: Wo die Strenge körperlicher Kasteiungen fehle, müsse man eine umso größere geistige Vollkommenheit pflegen. Hier in diesem Haus müssen also Demut und Güte die Strengheiten in den Klöstern der Karmelitinnen, Klarissinnen und anderer ersetzen. Wenngleich Kasteiungen an sich gut und Mittel zur Vollkommenheit sind, so wären sie doch für dieses Haus nicht gut, weil sie gegen den Zweck unserer Genossenschaft gehen, der im Regelbuch festgelegt ist. Der Geist der Milde ist so ausgesprochen der Geist der Heimsuchung, daß jeder, der mehr Kasteiungen, also mehr Fasten und Geißelungen usw., einführen wollte, als jetzt bei uns vorgeschrieben ist, den Orden sofort zerstören würde. Derartiges einführen wollen hieße den Zweck der Gründung vereiteln, also: Die Aufnahme von Kandidatinnen, die nicht kräftig genug sind, die Vereinigung mit Gott auf dem Weg der Kasteiungen – wie andere Klöster sie haben – anzustreben, oder auch dazu einfach nicht berufen sind. Wollten die Kapuziner der

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äußeren Armut, wie der hl. Franziskus sie geübt, einer Armut, die selbst in der Ausstattung der Kirchen Prunk und Seidenornate ablehnt, untreu werden, so würden sie sich von ihrem ursprünglichen Geist lossagen. Nimmt man in einem Kapuzinerkloster solche Ornate an, dann heißt es sofort: Der Ordensgeist ist ihnen abhanden gekommen. 2. Ihr fragt, ob eine gesunde und kräftige Schwester nicht doch mehr strenge Bußübungen verrichten dürfe als die anderen, vorausgesetzt natürlich, daß niemand es merkt. – Dazu sage ich: Welches Geheimnis wird nicht unter dem Siegel der Verschwiegenheit weiter erzählt? Eine sagt es der anderen und dann werden lauter Orden im Orden, lauter kleine Geheimbünde gegründet und alles fällt auseinander. Die heilige Mutter Theresia beschreibt trefflich die üblen Folgen solch kleinlicher Bestrebungen, mehr tun zu wollen, als die Regel vorschreibt und die Gemeinde tut. Sie sagt, das Übel werde besonders groß, wenn die Oberin selbst mehr tun will, denn sobald die Schwestern das gewahr werden, wollen sie es ihr gleichtun; sie finden Gründe genug, um sich von der Richtigkeit ihres Handelns zu überzeugen; die einen treibt der Eifer, die anderen der Wunsch, bei der Oberin gut zu stehen. Für die Schwestern aber, die das nicht mitmachen können oder wollen, ist es eine schwere Prüfung. Mein Gott! Solche Eigenbröteleien darf man im Kloster niemals dulden! Wo eine besondere Notwendigkeit vorliegt, kann man allerdings Ausnahmen zulassen. Wenn z. B. eine Schwester in großer seelischer Bedrängnis oder von einer Versuchung geplagt wäre und sich von der Oberin die eine oder andere Bußübung erbäte, so wäre das nicht als etwas Außergewöhnliches zu betrachten. Bei diesen Dingen muß man die Einfachheit üben, gerade wie bei Krankheiten, wo man auch um die Arzneien bitten soll, von denen man Erleichterung erhofft. Sonst aber würde ich einer Schwester, die so großmütig und tapfer ist, daß sie in einer Viertelstunde vollkommen werden und mehr tun will als die ganze Gemeinde, anraten, lieber demütiger zu werden, sich damit zu begnügen, erst in drei Tagen vollkommen werden zu wollen und mit den anderen Schritt zu halten. – Sind unter euch gesunde und kräftige Schwestern, so freuen wir uns darüber; sie mögen aber trotzdem nicht rascher gehen wollen als die Schwächeren. Der Patriarch Jakob (Gen 32,1-14) gibt uns ein herrliches Beispiel dafür, wie wir uns den Schwächeren anpassen und unsere Kraft bändigen sollen, um mit den Schwächeren Schritt zu halten. Als Ordens-

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leute sind wir doch verpflichtet, in allem, was zur genauen Beobachtung der Regeln gehört, mit der Gemeinde zu gehen. Als der Patriarch mit allen seinen Frauen, Kindern, Knechten und Mägden aus dem Haus seines Schwiegervaters Laban weggezogen war, fürchtete er sich sehr vor der Begegnung mit Esau. Er glaubte, der Bruder zürne ihm noch, was aber nicht mehr der Fall war. Als er so dahinzog, kam ihm Esau entgegen. Der arme Jakob erschrak sehr, denn der Bruder war von einer starken Truppe Bewaffneter begleitet. Als er ihn aber begrüßt hatte, sah er zu seiner Freude, daß ihm Esau wohlgesinnt war. Esau sprach zu Jakob: „Da wir, mein Bruder, nun hier zusammengetroffen sind, wollen wir miteinander gehen und die Reise gemeinsam beenden.“ Darauf erwiderte Jakob: „Mein Herr und mein Bruder (er nannte ihn „Herr“, weil Esau der ältere war), das wird nicht gehen, denn ich habe meine Kinder bei mir, sie würden mit ihren kleinen Schritten deine Geduld allzusehr in Anspruch nehmen und mißbrauchen, für mich aber ist es Pflicht, meine Schritte ihren Schrittchen anzupassen, und auch meine Knechte und Mägde tun das; dazu kommt, daß meine, Schafe erst gelammt haben, die Lämmchen sind noch recht zart, und auch nach ihnen müssen wir uns richten, du aber wärest zu lange aufgehalten.“ Seht, wie gut dieser heilige Patriarch war. Er paßte sich gerne nicht nur dem Schritt seiner Kinder, sondern sogar seiner Schafe an, ritt auch nicht, sondern ging immer zu Fuß. Auf dieser Reise war ihm auch viel Glück beschieden. Gott überhäufte ihn mit Gunsterweisen; mehrere Male sah er Engel und redete mit ihnen, zuletzt auch mit dem Herrn der Engel und der Menschen. Schließlich war er besser daran als sein Bruder Esau, obwohl dieser eine so starke Begleitung hatte und alle sich seinem Schritt anpassen mußten. 3. Wollen wir, daß Gott in seiner Güte unsere Wanderung segne, dann müssen wir uns gern in die genaue und pünktliche Beobachtung unserer Ordensregel fügen; dies jedoch in aller Einfachheit des Herzens und ohne die Übungen zu verdoppeln; denn mehr tun, hieße gegen die Absicht des Stifters und gegen den Zweck der Gründung handeln. Passen wir uns gerne kränklichen Schwestern an, die ja auch aufgenommen werden dürfen. Seid versichert, wir gelangen deshalb nicht später zur Vollkommenheit, sondern es wird uns gerade dies rascher ans Ziel führen, weil wir uns dann bemühen, das Wenige, was wir zu tun haben, so vollkommen wie möglich zu tun. Und das ist es ja, was unsere Werke in

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den Augen Gottes angenehm macht, denn er schaut nicht auf die Menge der Dinge, die wir ihm zuliebe tun, er schaut nur auf den Liebeseifer, den wir dabei haben. Ich meine, wenn wir uns entschließen wollten, die Regel vollkommen zu beobachten, hätten wir gerade genug zu tun und bräuchten uns nicht noch etwas aufladen, da doch die Regel die ganze Vollkommenheit umfaßt. Die heilige Mutter Theresia erzählt von ihren Töchtern, sie seien so gewissenhaft gewesen, daß die Oberinnen genau aufpassen mußten, ja nicht etwas zu sagen, dessen Ausführung nicht gut gewesen wäre, weil sich die Schwestern, ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten, sofort daran gemacht hätten. Um die Regeln noch vollkommener zu erfüllen, hätten sie auch pünktlichst alles gehalten, was nur irgendwie sich darauf bezogen hätte. Eine ihrer Töchter habe einmal den Auftrag einer Oberin nicht verstanden und ihr das auch gesagt, worauf der Oberin der sonderbare Einfall gekommen sei, – man braucht sich nicht darüber zu wundern, daß auch Vorgesetzte zuweilen solche haben, – dieser Schwester zu sagen: „Stecken Sie den Kopf in einen Brunnen, dann werden Sie es gleich verstehen.“ Die Schwester sei sofort weggeeilt und hätte sich wahrhaft in den Brunnen gestürzt, wenn man sie nicht zurückgehalten hätte. Es kostet sicher weniger Mühe, die ganze Regel gewissenhaft zu beobachten, als sie nur teilweise zu halten. Ein Beispiel: Die Regel verlangt zu gewissen Zeiten Stillschweigen. Es ist nun leichter, ständig als nur zeitweise zu schweigen, weil man in diesem zweiten Fall sowohl darauf achten muß, das Stillschweigen zu halten, als auch zu reden, wenn der Ausnahmefall eintritt. Die Liebe gibt uns dann schon ein, wann wir reden dürfen, ohne die Regel zu verletzen. Ich kann euch nicht oft genug sagen, wie wichtig es ist, ganz pünktlich zu sein in den kleinsten Dingen, die dazu dienen, die Regel vollkommen zu beobachten, sogar in den geringsten Zeremonien. Und genau so wichtig ist es, nicht mehr tun zu wollen, als die Regel vorschreibt, und zwar unter gar keinem Vorwand, denn nur so ist es möglich, der Ordensgemeinschaft den vollen und ursprünglichen Eifer zu erhalten. Über die „Regeln“ hinausgehen wollen, hieße den Orden zersetzen und seine ursprüngliche Vollkommenheit zerstören. Die Jesuiten nehmen stets jeden Gehorsam ohne Widerrede auf sich und diese Beharrlichkeit ist es, die dem Orden seine Vollkommenheit erhält. – Ihr fragt, ob es vollkommener wäre, sich der Gemeinde derart anzupassen, daß

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man nicht einmal um Erlaubnis bitte, öfter zu kommunizieren?3 Sicher wäre das vollkommener, meine lieben Töchter. Es sei denn an gewissen Tagen, z. B. am Fest unseres Namenspatrons oder des Heiligen, den wir schon immer besonders verehrt haben; oder in einem besonderen, dringenden Anliegen. Auf vorübergehende fromme Wünsche nach der heiligen Kommunion, die meistens nichts Übernatürliches an sich haben, sollen wir nichts geben. Der Seefahrer gibt auch nichts auf das leise Morgenlüftchen, das nur von den aufsteigenden Dünsten kommt und nicht lange anhält; wenn diese Nebel höher gestiegen sind und sich aufgelöst haben, dann legt sich auch der Morgenwind. Der Schiffer kümmert sich nicht um ihn, hißt auch die Segel nicht, um ihn zu nützen, da es nur ein Landwind ist. Wir sollen auch nicht jeden kleinen Wunsch, der in uns aufsteigt, z. B. jetzt zu kommunizieren, nachher zu betrachten oder anderes zu tun, für einen guten Wind, d. h. für eine Eingebung halten. Denn die Eigenliebe, die nur ihre eigene Befriedigung sucht, hätte die größte Freude an all dem und besonders an diesen kleinen Einfällen, sie würde nicht müde, uns immer neue zu liefern. Heute geht die ganze Gemeinde zur heiligen Kommunion, aber die Eigenliebe flößt einer ein, es sei das Fest eines Heiligen, der sich so sorgfältig auf den Empfang des heiligen Altarsakramentes vorbereitet habe, daß es bei ihrer ungenügenden Vorbereitung nicht angebracht wäre, den Heiland zu empfangen, deshalb sollte sie aus Demut um Dispens bitten usw. Ist es dagegen Zeit, die Demut zu üben, so wird die Eigenliebe ihr wieder große Freudengefühle vorspiegeln und zureden, deshalb um die heilige Kommunion zu bitten. 4. Dinge, die nicht zur „Regel“ gehören, dürfen wir nicht für Eingebung halten; in außergewöhnlichen Fällen erkennen wir allerdings den Willen Gottes, wenn der Drang dazu andauert. Dies traf für die heilige Kommunion bei zwei oder drei Heiligen zu, denen Gott seinen Willen kundgab, die heilige Kommunion täglich zu empfangen. Die Kartäuser sehen in dem Wunsch, zum Heil der Seelen als Prediger verwendet zu werden, eine große Versuchung. Es darf keiner von ihnen glauben, Gott einen großen Dienst zu erweisen, wenn er unter dem Vorwand, daß außer dem Abt niemand etwas davon erfahre, meint, draußen in einem Dorf mit Erfolg predigen, Seelen für Gott gewinnen und so seine Ehre vermehren zu können. Er wäre auch dann im Unrecht, wenn er sich sehr dazu eignete und der Ansicht wäre, das von

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Gott verliehene Talent nicht vergraben zu dürfen. Wäre auch die Absicht noch so gut und fromm, ihre Ausführung wäre doch nicht gut, da sie gegen den Brauch und die Lebensweise des Ordens verstößt. Ich halte es für einen sehr großen Akt der Vollkommenheit, sich in allem der Gemeinde anzupassen und niemals aus eigenem Belieben eine Ausnahme zu machen. Abgesehen davon, daß man so mit seinen Mitmenschen ganz eins ist, verbirgt man sich selber damit auch seinen Fortschritt in der Vollkommenheit. Auf dem Gipfel der Vollkommenheit steht die Seele, wenn sie die Herzenseinfalt pflegt, sodaß sie nur auf Gott schaut, innerlich gesammelt und ganz auf das eine gerichtet ist, die Regel so treu und vollkommen als möglich zu beobachten, ohne sich in Wünschen oder in Versuchungen, mehr zu tun, zu erschöpfen. Eine solche Seele will weder Ausgezeichnetes noch Außergewöhnliches leisten und nichts tun, was ihr die Hochschätzung von Seiten der Geschöpfe einbringen könnte. Sie bleibt klein für sich und weiß nichts von Selbstzufriedenheit, glaubt sie doch, nichts Besonderes zu tun, da sie nicht aus eigenem Wollen heraus handelt und nicht mehr tut als die anderen und die ganze Gemeinde. Sie selbst sieht nichts von ihrer Heiligkeit, aber Gott sieht sie und freut sich ihrer Herzenseinfalt, mit der sie sein Herz entzückt, da sie sich ihm hingibt. Eine solche Seele weist kurzerhand alle Einfälle der Eigenliebe ab, die ja eine außerordentliche Freude an großen und glänzenden Unternehmungen hat, um höher geschätzt zu werden als andere. Deshalb fühlt sie auch nicht viel Befriedigung über ihre Handlungen, erfreut sich aber trotzdem einer großen Herzensruhe und eines großen inneren Friedens. 5. Wir dürfen ja nicht meinen, wir wären ärmer an Verdienst, weil wir nicht mehr als die anderen tun und nur mit der Gemeinde gehen. O nein! Denn nicht die Menge der Werke, Bußübungen und Kasteiungen macht uns vollkommen und Gott wohlgefällig, sondern die reine Liebe, die uns dabei erfüllt. Die Vollkommenheit besteht nicht in den Kasteiungen, wenngleich diese ein gutes Mittel zur Vollkommenheit und auch an sich gut sind. Für uns aber sind sie nicht gut, weil sie nicht in unseren Regeln enthalten sind und nicht dem Ordensgeist entsprechen. Vollkommener ist es, sich ganz einfach an die Regeln und an die Gemeinde zu halten. Ich versichere euch, eine Schwester, die sich in den Grenzen der Regeln

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hält, wird in kurzer Zeit einen weiten Weg zurücklegen und allen Mitschwestern durch ihr gutes Beispiel sehr viel nützen. Das habe ich an zwei Ordensgenerälen der Kartäuser bestätigt gefunden. Der eine ist schon gestorben; ich hatte ihn in Paris kennen gelernt. Er führte ein sehr strenges Leben, aß meist nur Brot und trank nur Wasser. Der andere, der noch lebt, tut nichts Besonderes, er hält sich an das, was die Gemeinde tut. Beide sind heiligmäßige Priester, aber man hat mich dessen versichert, daß der zweite bei seinen Mitbrüdern viel geschätzter und beliebter ist und daß sein gutes Wesen und sein den anderen gleichförmiges Leben mehr erbaut als die Strenge des anderen. – Wenn wir rudern, dann muß es im Gleichtakt geschehen. Nicht der wird getadelt, der träge, sondern der nicht im Takt rudert. So muß man auch die Novizen alle gleichmäßig erziehen und belehren und alle das Gleiche machen lassen, damit sie richtig rudern; alle werden es freilich nicht gleich vollkommen machen; daran läßt sich aber nichts ändern. 6. Sie sagen, daß Sie an Festtagen aus Abtötung noch ein bißchen länger im Chor bleiben, weil Ihnen die zwei oder drei Stunden, die Sie mit den anderen dort sind, schon zu lange dauern. – Dazu sage ich: Man kann es nicht als allgemeine Regel der Vollkommenheit ausgeben, daß man gerade das, was einem zuwider ist, tun, und was man gern tut, unterlassen müßte. Hat z. B. eine Schwester Freude am Chorgebet, so wäre es falsch, wenn sie davon wegbliebe unter dem Vorwand, sich abtöten zu wollen. Übrigens darf man ja an den Festtagen zu bestimmten Zeiten tun, was man will, man kann also dann auch seiner Andacht folgen. Freilich, wenn man schon drei oder mehr Stunden mit der Gemeinde im Chor war, dann ist wohl zu befürchten, daß diese Viertelstunde, die man aus Abtötung zugibt, ein Bröcklein für die Eigenliebe ist. Nun, wenn man sie schon nicht umbringen kann, muß man ihr doch wohl ein bißchen was geben. 7. Nun möchtet ihr wissen, ob ihr euch nicht besser nach der Gemeinde richtet und während der heiligen Messe den Rosenkranz betet, statt anderes zu tun. Sicher handelt ihr gut, wenn ihr euch der Gemeinde anpaßt und der heiligen Messe in derselben Weise beiwohnt wie die anderen, – denn in der Heimsuchung soll doch alles einheitlich gemacht werden, – außerdem befolgt ihr so den Rat des hl. Bernhard, der sagt, daß wir bei den gemeinschaftlichen Gebeten unsere Aufmerksamkeit auf die Absicht richten sollen, die ihrer Einsetzung zu Grunde

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lag. Und auf die Frage, was besser sei für solche, die verstehen, was sie im Offizium beten: die Aufmerksamkeit auf Gott zu richten oder dem Sinn der Worte zu folgen, die sie aussprechen, sagt er: Er wäre dafür, auf den Sinn zu achten, denn damit passe man sich der Absicht dessen an, der die Worte auf göttliche Eingebung geschrieben habe. Ich schließe mich dieser Meinung sehr gerne an. Ich bin schon immer der Ansicht gewesen, daß wir im heiligen Meßopfer die darin enthaltenen Geheimnisse betrachten sollen, wie es im Artikel des Direktoriums vom heiligen Meßopfer gesagt ist. Wohl habe ich der Philothea die Freiheit gelassen, das nach Gutdünken zu tun oder nicht zu tun und während der heiligen Messe innerliche oder mündliche Gebete zu verrichten; das tat ich aber, weil ich ja diese Philothea nicht immer kenne. Es scheint mir aber besser, so wie es angegeben ist, dem heiligen Meßopfer zu folgen, weil es auch mit der Absicht der Kirche besser übereinstimmt. 8. Endlich, meine lieben Töchter, müssen wir auch eine ganz große Liebe zu unserer Ordensregel haben, weil sie das Mittel ist, durch das wir zu unserem Ziel gelangen; sie führt uns mit Leichtigkeit zur vollkommenen Liebe, d. h. zur Vereinigung mit Gott und mit dem Nächsten. Und nicht nur das, sie ist auch das Mittel, die Mitmenschen mit Gott zu vereinigen. Das tun wir, indem wir ihnen den Weg dorthin weisen, der so milde und leicht ist. Es wird doch keine Kandidatin wegen ungenügender Körperkräfte zurückgewiesen, wenn sie nur guten Willen mitbringt, nach dem Geist der Heimsuchung zu leben, also nach dem Geist der Demut gegen Gott und dem Geist der Sanftmut gegen den Nächsten. Und dieser Geist ist es, der uns mit Gott und mit dem Nächsten vereint. Durch die Demut werden wir eins mit Gott, indem wir genauestens auf seinen Willen achten, der in den Regeln ausgesprochen ist. Wir müssen die heilige Überzeugung haben, daß sie durch seine Eingebung aufgestellt wurden, da sie von der heiligen Kirche angenommen und vom Heiligen Vater, dem Papst, bestätigt worden sind; das sind untrügliche Zeichen dafür; und deshalb müssen wir die Regel nur um so inniger lieben, müssen sie dreimal täglich ans Herz drücken in einem Akt des Dankes an Gott, der sie uns gegeben. Die Tugend der Milde verbindet uns mit dem Nächsten; sie drängt uns, in unserem Leben und Treiben und allen Übungen uns pünktlich genau an die Regel zu halten, ohne mehr oder weniger tun zu wollen, als die

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Gemeinde tut und uns den Weg vorschreibt, den Gott uns gehen heißt, – dabei alle unsere Seelenkräfte zu gebrauchen und daraufhin zu richten, daß wir alle Übungen so vollkommen als möglich tun. – Wenn ich gesagt habe, daß man nicht nur die Regeln pünktlich beobachten soll, sondern auch alles, was irgendwie nur im geringsten damit zusammenhängt, so möchte ich gewiß nicht für skrupelhaftes Herumtüfteln eintreten. O nein! So habe ich das nicht gemeint. Ich meine die Gewissenhaftigkeit der keuschen Braut, die sich nicht damit begnügt, alles zu vermeiden, was dem göttlichen Freunde mißfällt, sondern nach besten Kräften alles tut, was ihm auch nur im geringsten wohlgefällig sein könnte. 9. Es dürfte vielleicht ganz gut sein, wenn ich euch da einige bedeutsame Beispiele bringe, damit ihr verstehen lernt, wie angenehm Gott dieses vollständige Sich-Einfügen in die Gemeinde ist. Was meint ihr wohl, meine lieben Töchter, warum hat der Herr und seine heiligste Mutter sich dem Gesetz der Darstellung im Tempel und der Reinigung unterworfen? Nun, aus welch anderem Grund, wenn nicht aus Liebe zur Allgemeinheit? Dieses Beispiel allein schon dürfte genügen, um die Ordensleute anzueifern, sich in allem gewissenhaft an die Gemeinde zu halten und niemals davon abzugehen. Weder das Kind noch die Mutter waren dazu verpflichtet; das Kind nicht, weil es Gott war, die Mutter nicht, weil sie ganz rein, ja die Reinheit selbst war. Sie hätten sich ruhig ausnehmen können, niemand hätte es gemerkt. Die allerseligste Jungfrau hätte doch nach Nazaret, statt nach Jerusalem gehen und das Geld, mit dem sie die Turteltauben kaufte, einem Armen geben können. Meint ihr nicht, daß dies besser gewesen wäre? Aber sie tat es nicht. Sie schloß sich ganz einfach der Allgemeinheit an, wie wenn sie gesagt hätte: Das Gesetz kommt zwar weder für meinen Sohn noch für mich in Betracht, wir unterstehen ihm nicht; da jedoch alle Menschen daran gebunden sind, so wollen auch wir uns gerne fügen, um uns allen anzupassen und nichts Besonderes zu haben. Sagt nicht der heilige Apostel Paulus: Der Herr „mußte in allem den Brüdern gleich werden, die Sünde ausgenommen“ (Hebr 2,17; 4,15). Waren sie vielleicht aus Angst vor einer Übertretung des Gesetzes so genau? Nein, es gab ja keine Gesetzesverletzung für sie; es war vielmehr die Liebe zum himmlischen Vater, die sie antrieb. 10. Man kann nicht das Gebot lieben, wenn man nicht den liebt, der es erlassen. Je mehr wir den Gesetzgeber lieben und achten, desto genauer beobachten wir seine Gebote. Die einen sind mit eisernen Ketten

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daran gefesselt, die anderen mit goldenen. Damit will ich sagen: Viele Weltleute halten die Gebote Gottes aus Furcht vor der Verdammnis, sie gehorchen aus Zwang und nicht aus Liebe. Die Ordensleute hingegen und jene, die sich um die Heiligung ihrer Seele kümmern, sind mit goldenen Banden, d. h. mit den Banden der Liebe daran gebunden. Sie lieben die Gebote, halten sie aus Liebe und befolgen auch die evangelischen Räte, um die Gebote noch gewissenhafter zu erfüllen. In den Psalmen Davids heißt es: Gott hat „anbefohlen“, daß seine „Gebote streng zu halten“ seien von allen, die ihn lieben (Ps 119,4). Da seht ihr, wie viel ihm an der gewissenhaften Beobachtung liegt! Und gewissenhaft sind auch alle wahrhaft gottliebenden Seelen, denn sie hüten sich nicht nur vor einer Verletzung des Gesetzes, sie vermeiden sogar den Schein einer Untreue gegen das Gesetz. Darum sagt der Bräutigam im Hohelied (5,12) von der Braut, sie gleiche der Taube, die sich gerne an sanft dahinfließenden, kristallklaren Wassern aufhält. – Ihr habt vielleicht schon bemerkt, daß sich Tauben an solchen Wassern am sichersten fühlen, weil sie darin den Schatten der Vögel sehen, die sie fürchten, und sobald sie diesen Schatten sehen, davonfliegen und nicht überrascht werden können. Der göttliche Bräutigam will damit sagen: So flieht auch meine Braut schon den Schatten einer Untreue gegen meine Gebote und braucht nicht zu fürchten, ein Opfer des Ungehorsams zu werden. Wer im Gelübde des Gehorsams darauf verzichtet, seinen Willen in an sich gleichgültigen Dingen zu tun, beweist damit zur Genüge, daß er sich gern in wichtigen und gebotenen Dingen fügt. Wer erlaubtem Reichtum entsagt, zeigt damit, daß er sich nicht mit unerlaubtem besudeln will. Die Apostel verzichteten bereitwillig nicht nur auf erlaubten, sondern sogar auf notwendigen Besitz, damit sie das Gebot des Herrn, allen Erdengütern zu entsagen, noch gewissenhafter erfüllen könnten. Wir sollten es mit der Beobachtung der von Gott gegebenen Gebote und Regeln schon sehr genau nehmen und uns besonders in allem genau an die Gemeinde halten. 11. Sagen wir doch nicht, wir seien nicht verpflichtet, uns an die Regel oder an die besonderen Befehle der Vorgesetzten zu halten; sie seien nur für die Schwächlichen erlassen, wir aber seien kräftig und kerngesund. Oder umgekehrt: Der Befehl gelte nur für die Kräftigen, wir aber seien nicht dazu verpflichtet, weil wir schwächlich und kränklich sind. Mein Gott, nur das nicht in einer Gemeinde! Seid ihr kräftig,

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dann werdet, ich bitte euch darum, schwach, um euch nach den Kränklichen zu richten; seid ihr schwächlich, dann seid bemüht, euch den Kräftigen anzupassen. Der große Apostel Paulus sagt: „Allen bin ich alles geworden, um alle zu gewinnen. Wo ist einer schwach und ich wäre es nicht auch?“ (1 Kor 9,22). Mit den Starken bin ich stark. „Wer von meinen Brüdern erleidet Ärgernis, ohne daß ich brennenden Schmerz empfinde?“ (2 Kor 11,29). Bin ich mit Schwächlichen zusammen, dann passe ich mich gern den für sie notwendigen Erleichterungen an, damit sie sich getrauen, das zu tun, was ich auch tue. Bin ich bei Kranken, dann gehe ich mit ihnen um, wie eine liebevolle Amme mit ihrem kranken Kind; sie streichelt ihm das Köpfchen, damit es einschlafe. Und mit den Starken bin ich ein Riese, um sie zu Großem mitzureißen. Merke ich, daß mein Bruder an etwas, was ich tue, Anstoß nimmt, dann unterlasse ich es lieber und von Herzen gern, obwohl es mir erlaubt ist und ich in keiner Weise sündige; ist es mir doch so sehr um seinen Frieden, um seine Herzensruhe zu tun. Die Liebe zu Gott war es, die den hl. Paulus antrieb, sich einem jeden anzupassen, um „alle“ für Christus „zu gewinnen“ (1 Kor 8,13). Da höre ich euch sagen: „Ja, aber gerade jetzt in der Erholungszeit hätte ich eine so große Lust zu beten, um mich aufs innigste mit der unendlichen Güte zu vereinigen“; oder: „Mein Gott, so gerne möchte ich jetzt zu Ehren Unserer Lieben Frau den Rosenkranz beten! – Darf ich nicht denken, daß die Regel über die Erholung nicht für mich gilt, da ich doch schon fröhlich genug bin?“ Nein, so etwas darf man weder denken, noch viel weniger sagen; wenn die eine oder andere Schwester auch vielleicht eine Erholung nicht so nötig hat, so soll sie diese doch für jene mitmachen, die sie brauchen. „Gibt es denn im Kloster gar keine Ausnahmen?“ „Verpflichten die Regeln unterschiedslos?“ Selbstverständlich! Gewiß, es gibt Gesetze, die sozusagen rechtmäßig ungerecht sind. In der Fastenzeit z. B. ist jeder verpflichtet zu fasten; scheint euch das nicht ungerecht, daß man dieses allgemeine Gebot durch besondere Erlaubnisse und Dispensen für jene mildert, die es nicht halten können? Genau so ist es im Kloster: Das Gebot gilt für alle gleich, niemand darf sich eigenmächtig davon befreien; die Vorgesetzten mildern aber die Strenge des Gesetzes je nach den Bedürfnissen des einzelnen. Der Gedanke, daß die Schwächlichen dem Orden weniger nützen als die Starken und Gesunden, daß sie weniger tun und sich weniger Ver-

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dienste erwerben und deshalb auch vom Heiland geringeren Lohn empfangen, – dieser Gedanke darf gar nicht aufkommen; denn alle ohne Unterschied tun den Willen Gottes. – Die Bienen sind ein Beispiel für das Gesagte: Den einen obliegt die Bewachung und Reinigung des Stokkes; den anderen die fortwährende Arbeit des Einheimsens. Die Bienen, die zuhause bleiben, fressen nicht weniger Honig als die anderen, die ihn mühsam in den Blüten sammeln. Das ist auch ganz in Ordnung, denn die Tierchen, die im Bienenkorb bleiben und nur wenig zu tun haben, sorgen dafür, daß sich die Spinnen nicht in den Waben der Sammlerinnen breit machen. Scheint euch nicht, als hätte David (1 Sam 30,23-25) ein ungerechtes Gesetz erlassen, als er festsetzte, daß die Männer, die beim Gepäck bleiben mußten, den gleichen Anteil an der Beute haben sollten wie jene, die in den Kampf zogen und verwundet heimkehrten? Nein, das Gebot war gerecht, denn die Leute hüteten das Gepäck derer, die in den Kampf zogen, und die Kämpfenden fochten für die, die auf das Gepäck aufpaßten: Sie verdienten also alle den gleichen Lohn, weil sie alle unterschiedslos dem Willen des Königs gehorchten. Nicht das Werk an sich ist verdienstlich, sondern die Liebe und die Hingabe, mit der wir es ausführen. 12. Noch ein Wort zur Darstellung des Herrn im Tempel. Seht doch, wie einfach und bereitwillig sich das heilige, herrliche Kind in die Arme des überglücklichen hl. Simeon legen läßt! Es weint nicht und äußert keinerlei Widerstreben, vom Herzen seiner lieben Mutter weggenommen zu werden, wo es ihm so unbeschreiblich wohl war. Was für eine Wonne, ich bitte euch, wenn die heiligste Jungfrau ihm die Brust reichte und die süßen Tropfen in den Mund des Kindes träufelten, wenn sie dabei liebeglühende Seufzer über das kleine Heilandsherz hinhauchte und der Erlöser zum Dank dafür die Augen aufschlug und sie anschaute! Und unter diesen Blicken, diesen Flammen seiner Liebe, zerschmolz ihr fast das Herz. O, es entschuldige sich doch keiner mehr, er sei nicht würdig, zum Tisch des Herrn zu gehen: „Mein Gott, wie sollte ich Nichtswürdige mich getrauen, den Heiland so oft zu empfangen, wie die anderen? Mein Gott, ich wage es nicht einmal, im Gebet zu ihm heranzutreten!“

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– Was für ein Irrtum! Ihr seht doch, daß der Herr sich von seiner liebsten Mutter, der ganz Reinen, der Makellosen, wegnehmen und in Simeons Arme legen läßt!

204 15. Gespräch Selbstverzär zärtelung Über Selbstver zär telung und Eigensinn 1
Wir wollen zuerst das Kreuzzeichen machen und dann auf die zwei Fragen eingehen, die mir vorgelegt wurden, dies jedoch in aller Kürze, damit wir alle Fragen besprechen können, die die Schwestern noch stellen wollen.

I.
Die erste der beiden Fragen lautet: Ist es sehr gegen die Vollkommenheit, an der eigenen Ansicht zu hängen? Antwort: 1. Eigene Ansichten haben oder nicht haben ist an sich weder etwas Gutes noch etwas Schlechtes, es ist einfach etwas ganz Natürliches. Jeder hat seine Ansichten. Solange wir an diesen nicht hängen und sie nicht lieben, solange sind sie auch kein Hindernis für die Vollkommenheit; erst die Liebe zur eigenen Ansicht ist ihr ganz und gar entgegen. Wenn es so wenig vollkommene Menschen gibt, so hat das, wie ich schon oft gesagt habe, seinen Grund darin, daß die meisten Menschen so sehr an ihrem Urteil hängen und es so hoch einschätzen. Viele verzichten auf den eigenen Willen, die einen aus diesem, die anderen aus jenem Grund, und das nicht nur im Kloster, sondern sogar bei Hof. Ein Hofbediensteter wird den Befehl seines Fürsten immer ausführen, – den Befehl gutheißen, das wird er aber nur höchst selten. Er wird sich im Stillen sagen: „Ich tue schon, was Sie mir sagen, auch so, wie Sie es haben wollen, aber ...“ Man hat immer ein Aber, und dieses Aber heißt so viel wie: ich weiß es besser. Es ist ganz klar, meine lieben Töchter, daß man so die Vollkommenheit nicht erwerben kann; denn das zeitigt für gewöhnlich nur Unruhe, Gereiztheit und Unzufriedenheit und steigert nur die hohe Meinung, die wir schon von uns haben. Wir dürfen also die eigenen Ansichten weder lieben, noch ihnen großen Wert zumessen. 2. Gewisse Menschen jedoch sind verpflichtet, sich ein Urteil zu bilden, so z. B. die Vorgesetzten, die für andere verantwortlich sind, die Bischöfe und alle jene, die andere zu leiten haben. Die anderen sollten es aber nur tun, wenn es der Gehorsam von ihnen verlangt, sonst verschwenden sie die Zeit, die sie gewissenhaft bei Gott verbringen sollten.

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Wenn Leute über alles mögliche ihr Urteil abgeben und darüber lange Betrachtungen anstellen, so muß man denken, daß sie auf ihre Vervollkommnung kein großes Gewicht legen und ihre Zeit sinnlos vergeuden. Bei Vorgesetzten dagegen, die bei Dingen, die ihnen vorgelegt werden, keine Entscheidung treffen und die Gründe für und wider nicht prüfen und überdenken wollen, muß man annehmen, daß ihnen die notwendigen Fähigkeiten für ihr Amt fehlen. Vorgesetzte, die sich zu nichts entschließen können, machen einen peinlichen Eindruck. Aber auch Vorgesetzte dürfen sich nicht selbstgefällig auf ihre Ansicht versteifen und daran hängen, wenn sie nach Vollkommenheit streben wollen. Wenn der große hl. Thomas, dieser tiefste aller Denker, einen Lehrsatz aufstellte, dann bewies und erhärtete er ihn mit ganz stichhaltigen und unanfechtbaren Beweisgründen. Teilte trotzdem jemand diese seine Ansicht nicht oder widersprach er ihm, so war der Heilige weder gekränkt, noch ließ er sich in einen Streit ein, sondern nahm es ganz ruhig hin und zeigte so, daß ihm an seiner Ansicht nicht viel gelegen war. Er ging zwar davon nicht ab, überließ es aber dem einzelnen, sie anzunehmen oder nicht, erfüllte seine Pflicht und kümmerte sich dann um nichts mehr. – Die Apostel pochten auch nicht auf ihre Meinung, nicht einmal in den so wichtigen Angelegenheiten der Kirche. Hatten sie in einer Sache Bestimmungen getroffen, so fühlten sie sich durchaus nicht verletzt, wenn andere darüber ihre Ansicht sagten und einige sich sogar weigerten, ihr Urteil anzunehmen, obwohl es richtig und gut begründet war. Sie gingen zwar von ihren Urteilen nicht ab, wollten sie aber niemand mit Streit und Zank aufdrängen. Wer als Vorgesetzter alle Augenblicke anderer Meinung wäre, dem würde man den für sein Amt notwendigen Ernst und die erforderliche Klugheit absprechen. Wer aber, ohne durch ein Amt dazu verpflichtet zu sein, von seinen Ansichten nie ablassen, sich über alles mögliche Urteile bilden, sie hartnäckig verteidigen und als allein richtig um jeden Preis durchsetzen wollte, müßte für eigensinnig gehalten werden. Denn es ist ganz sicher, daß die Liebe zu den eigenen Ansichten in Eigensinn ausartet, wenn man sie nicht gewissenhaft überwindet und rücksichtslos ausmerzt. Das können wir sogar bei den Aposteln beobachten. Es ist bemerkenswert, daß durch Gottes Fügung viele Großtaten der Apostel unbekannt geblieben sind, dagegen die Meinungsverschiedenheit zwischen dem großen hl. Paulus und dem hl. Barnabas, also eine Unvollkom-

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menheit der beiden Apostel, aufgezeichnet wurde. Gewiß hat der Herr in weiser Voraussicht es so gewollt „zu unserer Belehrung“ (Röm 15,4). – Paulus und Barnabas waren zusammen ausgezogen, das Evangelium zu verkünden, und hatten einen Verwandten des Barnabas, den jungen Johannes Markus, bei sich. Da stritten nun die beiden Apostel miteinander, ob sie den Johannes Markus weiter mitnehmen sollten oder nicht, und da sie sich darüber nicht einigen konnten, trennten sie sich (Apg 15,37-40). Sagt doch, dürfen wir uns dann noch über die Fehler, die unter uns vorkommen, aufregen, wenn die Apostel auch Fehler begangen haben, wie hier, da sie an ihrer Meinung starrköpfig festhielten und jeder recht behalten wollte? 3. Es gibt Menschen, die sonst recht tüchtig und gut sind, aber an ihren Ansichten derart hängen und sie für so sicher halten, daß sie niemals davon abgehen wollen. Man muß sich sehr in acht nehmen, solche Menschen um ihre Meinung zu fragen, wenn sie nicht darauf gefaßt sind; antworten sie rasch und ohne genügende Überlegung, so ist es dann fast unmöglich, sie zur Erkenntnis und zum Eingeständnis ihres Irrtums zu bringen. Sie werden alle möglichen Beweise zusammensuchen, um ihre Meinung als die allein richtige zu verteidigen, und sich so immer mehr in ihre Ansicht verbohren. Man wird sie nur dann davon abbringen können, wenn sie wirklich allen Ernstes nach Vollkommenheit streben. Es gibt aber auch erleuchtete Geister und große Menschen, die von dieser Schwäche frei sind und gerne von ihren Ansichten abgehen. Sind sie auch noch so sicher, setzen sie sich doch nicht zur Wehr, wenn man ihnen widerspricht und ihre Ansicht nicht annimmt. So verhielt sich auch, wie ich vorher angeführt habe, der große hl. Thomas. – Eigene Ansichten zu haben, ist also, wie ihr seht, etwas ganz Natürliches. Menschen mit schwermütigem Temperament beharren steifer auf ihrer Meinung als heitere Menschen mit fröhlichem Temperament, die sehr leicht beeinflußbar und leichtgläubig sind. Die große hl. Paula hielt hartnäckig an den Kasteiungen fest, die sie sich in den Kopf gesetzt hatte, statt gehorsam darauf zu verzichten; andere große Heilige waren der Ansicht, man müsse Gott zuliebe den Leib mißhandeln, und weigerten sich, dem Arzt zu folgen und für die Erhaltung des vergänglichen und sterblichen Leibes etwas zu tun. Trotz ihrer Unvollkommenheit waren diese Menschen doch große Heilige und Gott besonders wohlgefällig. Daraus ersehen wir, daß wir uns über Unvollkom-

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menheiten und über Neigungen, die nicht zur Vollkommenheit passen, nicht aufzuregen brauchen. Freilich dürfen wir auch nicht eigensinnig darauf bestehen. Das war ja an der hl. Paula und an anderen Heiligen tadelnswert, daß sie so hartnäckig auf ihrer Ansicht bestanden, obwohl es sich dabei nur um Geringfügiges handelte. Wir anderen aber dürfen uns eine Meinung nie so fest in den Kopf setzen, daß wir nicht, wenn nötig, gerne davon abgingen, gleichviel ob wir uns ein Urteil bilden müssen oder nicht. Wer von seinem Urteil eingenommen ist, sucht unablässig nach stichhaltigen Gründen, seine Auffassung zu stärken, was ja ganz natürlich ist; es ist aber trotzdem eine große Unvollkommenheit, sich so gehen zu lassen. Sagt doch selber: Ist das nicht unnütze Zeitvergeudung, besonders wenn man nicht verpflichtet ist, sich ein Urteil zu bilden? 4. Sie möchten wissen, womit Sie diese Neigung überwinden können. – Damit, daß Sie ihr jede Nahrung entziehen. – Kommt euch der Gedanke: Das oder jenes werde falsch gemacht, man täte besser, es so zu machen, wie ihr es euch gedacht, – so weist diese Gedanken ab und sagt euch: „Was habe ich mich darum zu kümmern, diese Angelegenheit geht mich doch nichts an!“ – Es ist immer besser, sich auf diese Weise ganz einfach abzuwenden, als nach Gründen zur Widerlegung unserer Ansichten zu suchen. Unser Verstand, der ja von seiner eigenen Ansicht eingenommen ist, würde uns sicher auf eine falsche Fährte führen, und statt die vorher gefaßte Ansicht zu widerlegen und zu vernichten, im Gegenteil Gründe vorführen, um sie zu stützen und als richtig zu erweisen. Es ist, wie gesagt, immer besser, seine Meinung gering zu achten, sie gar nicht ansehen zu wollen, und sobald man ihr Auftauchen bemerkt, sie fortzujagen, so daß man nicht einmal recht weiß, was sie eigentlich wollte. Nein, meine Töchter, so streng brauchen Sie nicht mit sich sein, daß Sie gleich die erste Regung der Freude verhindern wollen, wenn man Ihre Meinung annimmt und befolgt. Das geht wohl nicht anders. Halten Sie sich aber nicht dabei auf, danken Sie Gott dafür und gehen Sie dann darüber hinweg. Sie brauchen sich darüber ebensowenig zu ängstigen wie über das schmerzliche Gefühl, das Sie überkommt, wenn man Ihre Ansicht nicht annimmt und nicht befolgt. Fordert die Nächstenliebe oder der Gehorsam, daß wir über irgend etwas unsere Ansicht äußern, so müssen wir es tun, aber es soll uns gleichgültig bleiben, ob man sie annimmt oder nicht.

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Zuweilen müssen wir uns auch zu den Meinungen der anderen äußern und auch die Gründe für unsere Ansicht auseinandersetzen; das hat aber immer in aller Bescheidenheit und Demut zu geschehen, ohne daß man irgendwie Mißachtung der Ansicht anderer zeigt oder seine Meinung mit Streit und Zank durchzusetzen sucht. Sie fragen, ob man dieser Unvollkommenheit nicht neue Nahrung gibt, wenn man mit jenen, die unserer Meinung beistimmten, darüber zu reden sucht, obwohl die Angelegenheit schon erledigt und keine Entscheidung mehr zu treffen ist. – Wer kann daran zweifeln, meine liebe Tochter, daß dies unsere schlechte Neigung nährt und folglich eine Unvollkommenheit ist? Man beweist damit offenkundig, daß man sich der Meinung der anderen nicht gefügt hat, sondern immer noch die eigene vorzieht. Ist die aufgeworfene Frage einmal entschieden, dann soll man nicht mehr darüber nachdenken, noch darüber reden, außer es handelte sich um etwas sehr Schlimmes. In diesem Fall muß man schon nach einer Möglichkeit suchen, die Ausführung hintanzuhalten oder, wenn die Sache schon geschehen ist, sie in etwa wieder gutzumachen. Man müßte aber mit aller Liebe vorgehen, damit jede Aufregung vermieden und das, was zuerst für gut und recht befunden wurde, nicht verächtlich gemacht werde. 5. Das beste Mittel gegen den Eigensinn ist, wie ich schon vorher mit anderen Worten gesagt habe: alles ausschlagen, was uns in dieser Hinsicht in den Sinn kommt, und etwas Gescheiteres tun. Was gäbe doch das, wenn wir achthaben wollten auf all die Meinungen und Ansichten, die uns das eigene Urteil bei jeder Gelegenheit und bei jedem Anlaß einredet? Wir würden von Nützlicherem und für unser Vollkommenheitsstreben Geeigneterem abgelenkt werden und uns unfähig machen, das innerliche Gebet zu pflegen. Haben wir einmal unserem Geist erlaubt, sich mit solchen Nichtigkeiten abzugeben, so verliert er sich immer mehr darin und bringt Meinung über Meinung, Gründe über Gründe hervor, die uns dann beim Beten unerhört belästigen. Das Gebet ist ja nichts anderes als die völlige Hinwendung unseres Geistes und aller seiner Fähigkeiten zu Gott. Lassen wir den Geist unnützen Dingen nachjagen, dann wird er immer ungeschickter und unfähiger für die Betrachtung der Geheimnisse, in die wir uns versenken sollen. 6. So viel also zu eurer ersten Frage, die uns darüber aufgeklärt hat, daß es nicht gegen die Vollkommenheit ist, eigene Ansichten zu haben, wohl aber, diese zu lieben und folglich großes Gewicht darauf zu legen.

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Würden wir nicht viel auf unsere Ansichten geben, dann wären wir auch nicht so verliebt in sie und nicht so eingenommen von ihnen; dann würden wir uns auch nicht viel darum kümmern, ob sie sich durchsetzen oder nicht, und das Sätzlein: „Mögen die anderen meinen, was sie wollen, ich aber ...“ wäre uns nicht so geläufig. Wißt ihr, was dieses „ich aber“ bedeutet? Ich gebe nicht nach, ich bleibe bei meinem Beschluß und bei meiner Ansicht. Das eigene Urteil ist, wie ich schon oft gesagt habe, das letzte, was wir aufgeben. Und doch ist gerade dieses Aufgeben, dieses Verzichten auf die eigene Meinung eine der wichtigsten Voraussetzungen, um zur wahren Vollkommenheit gelangen zu können. Wir werden sonst nie demütig; Demut bewahrt uns ja davor und verbietet uns, auf uns und auf das, was uns betrifft, Wert zu legen. Wenn wir diese Tugend nicht eifrig und gerne üben, dann werden wir uns stets für besser halten, als wir sind, und auch von anderen so angesehen werden wollen.

II.
Nun aber genug über diesen Punkt. Wenn ihr nichts mehr zu fragen habt, dann gehen wir zur zweiten Frage über: Ist es ein großes Hindernis auf dem Weg zur Vollkommenheit, wenn man sich selber verzärtelt? 1. Damit ihr dies versteht, erinnere ich euch an etwas, was ihr schon längst wißt: Es gibt zwei Arten von Liebe; die affektive und die effektive Liebe, also die Liebe des Gefühls und die Liebe der Tat. Das gilt in gleicher Weise für die Gottesliebe wie für die Nächstenund Selbstliebe. Von der Gottesliebe reden wir aber jetzt nicht, sondern nur von der Nächstenliebe und Selbstliebe. Die Theologen gebrauchen gern einen Vergleich, um den Unterschied zwischen der Gefühls- und Tatliebe recht deutlich zu veranschaulichen: Ein Vater hat zwei Söhne. Der eine davon ist noch ein Kind, ein herziges, zartes Büblein, der andere ist erwachsen, ein strammer und tapferer Soldat. Der Vater liebt die beiden Söhne mit einer sehr großen, aber nicht mit der gleichen Liebe. Das Büblein liebt er mit einer überaus zärtlichen und gefühlsmäßigen Liebe. Seht doch, was das Herzenssöhnchen alles mit ihm machen darf: Vaters Bart um den Finger wickeln, drehen und kämmen. Und der Vater verhätschelt es, drückt es zärtlich an sich, hält es im Arm, nimmt es auf den Schoß und küßt

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und küßt es immer wieder. Hat eine Biene das Kind gestochen, dann bläst der Vater auf das Weh solange, bis der Schmerz vorbei ist. Würde der große Sohn von einigen Dutzend Bienen gestochen, so würde der Vater keinen Finger rühren, obwohl seine Liebe zu ihm überaus stark und echt ist. Schaut, wie verschiedenartig diese Vaterliebe ist! Wie zärtlich ist die Liebe des Vaters zu seinem kleinen Buben, und doch hat er jetzt schon die Absicht, ihn einmal fort zu den Malteser-Rittern zu geben, während er den älteren zu seinem Erben bestimmt. Er liebt den erwachsenen Sohn mit größerer Tatliebe, den kleinen mit größerer Gefühlsliebe. Er liebt beide Söhne, liebt sie aber auf verschiedene Art. 2. Wir lieben uns selber auch auf verschiedene Weise, denn unsere Selbstliebe ist sowohl eine Tat- als auch eine Gefühlsliebe. Die Tatliebe beherrscht die Großen, die Machthungrigen, die Geldgierigen, die Besitz um Besitz zusammenraffen und nie genug haben. Andere lieben sich wieder eher mit einer mehr sentimentalen Liebe, sie gehen sehr zärtlich mit sich um und tun nichts, als sich verhätscheln, verpäppeln und pflegen. Immer sind sie voller Angst, daß ihnen etwas schaden könnte. Es ist geradezu ein Jammer! Sind sie krank, dann ist kein Mensch so krank wie sie, und hätten sie auch nur einen wehen Finger; sie fühlen sich gleich ganz elend. Keine andere noch so schwere Krankheit ist so schlimm wie die ihrige, es können gar nicht genug Ärzte herbeigerufen werden, um sie wieder gesund zu machen. Solche Menschen doktern fortwährend an sich herum. Im Glauben, sich ihre Gesundheit zu erhalten, verlieren sie diese und ruinieren sich. Sind aber andere krank, dann ist das gar nichts. Nur sie sind bemitleidenswert. Wie können sie doch rührselig über sich selber weinen und wie beglückt wären sie, wenn sie auch ihre Besucher zu Mitleidstränen rühren könnten! Es liegt ihnen nichts daran, ob man sie für geduldig hält, wenn man sie nur für recht krank und leidend ansieht. – Das ist doch eine echte Kinderunart und – darf ich es sagen? – auch Frauenschwäche! Weibische und willensschwache Männer handeln freilich auch so, aber nicht Männer mit Herz und Mut! Ein gesunder Kopf gibt sich mit derlei Albernheiten, mit solch abgeschmackter Selbstverzärtelung nicht ab, da dies auf dem Weg zur Vollkommenheit nur aufhält. – Verträgt dann ein solcher Mensch überdies nicht, daß man ihn für weibisch und verzärtelt ansieht, dann ist er es erst recht. 3. Auf der Rückfahrt von Paris hatte ich in einem Kloster ein Erlebnis, das gut hierher paßt. Obwohl ich auf der ganzen Reise mit vielen

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sehr tugendhaften Seelen zusammengekommen bin, hat mir doch keine Begegnung so viel Freude gemacht wie diese; sie war mir ein großer Trost. Ein außerordentlich gutes, williges und gehorsames Mädchen2 machte in diesem Kloster gerade sein Probejahr. Alle notwendigen Voraussetzungen für eine Heimsuchungsschwester waren gegeben. Unglücklicherweise bemerkten die Schwestern an ihr eine kleine Schwäche, einen körperlichen Fehler und es stiegen Zweifel auf, ob man sie behalten solle. Die Oberin war diesem Mädchen sehr zugetan, es tat ihr leid, es fortschicken zu sollen. Die Schwestern stießen sich jedoch sehr an diesem körperlichen Gebrechen. – Diese Meinungsverschiedenheit wurde mir nun auf meiner Durchreise unterbreitet und man wollte sich für das entscheiden, was ich für gut finden würde. So wurde das brave Mädchen, das aus gutem Hause ist, zu mir geführt. Sie kniete sich hin und sagte: „Hochwürdigster Herr, es ist schon so, ich habe dieses Gebrechen, das recht beschämend für mich ist“; – sie nannte es dabei in aller Einfalt mit lauter Stimme. – „Die Schwestern haben ganz recht, wenn sie mich nicht aufnehmen wollen, ich gebe zu, daß ich mit diesem Fehler unerträglich bin. Trotzdem bitte ich Sie inständig, seien Sie mir gewogen! Ich versichere Ihnen, wenn die Schwestern mich aufnehmen und mir gegenüber Barmherzigkeit walten lassen, dann werde ich alles tun, um ihnen nicht lästig zu fallen. Ich bin gerne bereit, den Garten zu besorgen oder irgend eine andere Arbeit zu machen, die mich von den Schwestern fernhält, sodaß ich ihnen nicht unangenehm werde ...“ – Wahrlich, dieses Mädchen war nicht verzärtelt! Ich konnte nicht anders, ich mußte ihr sagen, daß ich gerne den gleichen Fehler hätte und dazu den Freimut, ihn vor aller Welt mit der gleichen Einfachheit einzugestehen, wie sie es eben getan. Sie hatte keine solche Angst, geringgeschätzt zu werden, wie manch andere sie haben, sie war für ihre Person nicht so empfindlich, sie ließ sich nicht in selbstgefällige und zwecklose Grübeleien ein, wie: „Was wird die Oberin sagen, wenn ich das oder jenes mit ihr bespreche? Wenn ich mir eine kleine Erleichterung erbitte, dann wird sie mich gewiß für zimperlich halten.“ – Und warum dürfte sie das nicht von Ihnen denken, wenn es wahr ist? – „Aber wenn ich es ihr sage, dann macht sie eine so zugeknöpfte Miene, als wenn es ihr unangenehm wäre.“ – Nun, wenn die Oberin den Kopf voll hat, dann kann es schon sein, daß sie darauf vergißt, Ihnen freundlich zuzulächeln oder zärtlich zuzureden, wenn

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Sie ihr Ihr Leid klagen. Und das – sagen Sie – ärgert Sie und nimmt Ihnen das Vertrauen, mit Ihren Schwierigkeiten zu ihr zu kommen. – Mein Gott, liebe Töchter, sind das doch Kindereien! Ihr müßt da ganz einfach handeln. Selbst wenn ihr von der Oberin oder der Novizenmeisterin einmal oder sogar öfter nicht so empfangen worden seid, wie ihr es gerne gehabt hättet, so dürft ihr das nicht schwer nehmen und daraus schließen, daß es immer so sein wird. Wer weiß, vielleicht flößt ihr der Herr etwas von seinem Geist der Milde ein, damit sie das nächstemal, wenn ihr zu ihr kommt, liebenswürdiger ist. 4. So empfindlich sollen wir nicht sein, daß wir immer alle unsere kleinen Beschwerden vortragen: Das bißchen Kopfweh oder Zahnweh, das wohl bald vorüber ist. Wolltet ihr das Gott zuliebe aushalten, dann bräuchtet ihr es nicht zu sagen, denn das tut man bloß, um ein wenig bemitleidet zu werden. – Sie meinen, daß Sie zwar der Oberin oder der Schwester, die Ihnen ein Linderungsmittel geben kann, nichts sagen, weil Sie es Gott aufopfern wollen, mit anderen Schwestern aber leichter darüber reden. Ja, meine liebe Tochter, wenn Sie wirklich, wie Sie sagen, die Schmerzen Gott zuliebe ertragen wollen, dann werden Sie überhaupt mit keiner Schwester darüber reden. Sie wissen ja, daß die Schwester sich verpflichtet fühlen wird, die Oberin auf Ihre Unpäßlichkeit aufmerksam zu machen. Damit kommen Sie dann doch – und zwar auf einem Umweg – zu einer Erleichterung, die Sie besser auf geradem Weg und ganz einfach von der Schwester erbeten hätten, die sie Ihnen geben darf. Sie wissen doch, daß nicht jede Schwester, der Sie Ihr Kopfweh klagen, Ihnen die Erlaubnis zum Schlafengehen geben kann. Warum sagen Sie es ihr dann? Doch bloß deshalb, weil Sie – wenn auch vielleicht unbewußt, – von dieser Schwester ein bißchen bemitleidet werden wollen, – was der Eigenliebe so wohl tut! – Sprechen Sie allerdings nur gelegentlich davon, wenn die Schwestern sich nach Ihrem Befinden erkundigen, dann ist weiter nichts dabei, vorausgesetzt, daß Sie nicht übertreiben und nicht jammern, sondern schlicht die Wahrheit sagen. Sonst aber hat man es nur der Oberin oder der Novizenmeisterin zu sagen. Sie fürchten, weich zu werden, wenn Sie mit Ihren Schwierigkeiten zur Oberin gehen? – Nun, dann sagen Sie eben nichts, solange es nicht notwendig ist, das heißt, solange es nicht schlimmer wird. Ich kann den Brauch der Karmelitinnen nur gutheißen, daß die Schwestern ihre klei-

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nen Beschwerden nur der Oberin, die Novizen nur der Novizenmeisterin sagen. Ihr dürft keine Angst haben, zu den Vorgesetzten zu gehen, auch wenn diese die Fehler etwas scharf rügen. Sie werden dann auch in Zukunft zu euch Vertrauen haben und euch auch weiterhin diesen Dienst erweisen. Geht also immer zu ihnen, wenn euch etwas fehlt, und sagt es ihnen in aller Einfalt. Daß Sie darüber lieber mit Schwestern sprechen, denen es nicht zusteht, Ihrem Übel abzuhelfen, das glaube ich Ihnen gerne. So beklagt jede die arme Schwester, eine jede bemüht sich, ihr ein Heilmittel zu verschaffen. Reden Sie aber nur mit der Schwester, die sich um Sie anzunehmen hat, so müßten Sie sich in Abhängigkeit begeben und tun, was sie Ihnen anordnet. Und gerade dieser so segensreichen Abhängigkeit gehen wir gern aus dem Weg, denn die Eigenliebe ist immer hinter uns her, um uns zu schulmeistern und unseren Willen zu beherrschen. – „Ja, wenn ich aber der Oberin sage, daß ich Kopfweh habe, dann wird sie mich ins Bett schicken.“ – Nun, was machts? Ist das Kopfweh nicht so heftig, dann könnten Sie doch der Oberin ganz einfach sagen: „Würdige Mutter, so schlimm scheint es mir nicht zu sein.“ – Und wenn Sie trotzdem zu Bett geschickt werden, dann gehen Sie in aller Einfalt, die wir ja jederzeit und bei allem üben müssen. In aller Einfalt wandeln, ist ein Gott wohlgefälliger und ganz sicherer Weg. 5. Was meinen Sie da, meine liebe Tochter, ob Sie einer Schwester entgegenkommen sollen, die den Mut oder das Vertrauen nicht aufbringt, sich über ihren Kummer oder ihre Unpäßlichkeit auszusprechen, aber schwermütig wird, wenn sie sich nicht ausspricht, wie Sie aus Erfahrung wissen; – oder ob Sie zuwarten sollen, bis sie von selber kommt? – Man wird da jeden Fall für sich prüfen müssen. In gewissen Fällen wird man gut tun, dieser Schwäche Rechnung zu tragen; man wird dann die Schwester rufen und sie fragen, was ihr fehlt. Ein andermal wieder wird man besser tun, diesen Launen nicht nachzugeben und die Schwester einfach stehen zu lassen. Das heißt dann so viel wie: „Wenn Sie es nicht über sich bringen, um ein Mittel gegen Ihr Leid zu bitten, dann müssen Sie es eben tragen; Sie verdienen es nicht anders.“ 6. Seelische Verweichlichung ist noch unausstehlicher als körperliche. Leider wird sie gerade von geistlichen Personen am meisten gepflegt und großgezogen; sie möchten ohne Anstrengung mit einem Schlag heilig sein; ja, sie möchten sogar verschont bleiben von allen Kämpfen,

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welche das Niedere in unserer Seele mit seinem Widerstreben gegen alles, was der Natur entgegen ist, heraufbeschwört. Und doch müssen wir, ob wir wollen oder nicht, unser Leben lang den Mut für diese kleinen Scharmützel aufbringen, wollen wir nicht im Vollkommenheitsstreben Schiffbruch erleiden. Es liegt mir viel daran, daß ihr sehr genau unterscheidet zwischen dem, was im höheren und dem, was im niederen Seelenbereich vor sich geht, und daß ihr euch auch über die Erzeugnisse des niederen Seelenlebens, selbst über die schlimmsten, nicht wundert. All das kann uns ja nicht aufhalten, solange wir in den Höhen unserer Seele fest entschlossen sind, auf dem Weg zur Vollkommenheit wacker auszuschreiten. Nur dürfen wir unsere Zeit nicht damit verlieren, über die eigenen Fehler zu klagen oder beklagt werden zu wollen, – als ob unsere Mitmenschen nichts anderes zu tun hätten, als in den Jammer über unsere Armseligkeit und über unseren langsamen Fortschritt einzustimmen. Das gute Kind, von dem ich euch vorhin erzählte, hat mir von ihrem Gebrechen ohne Weichlichkeit, mutig und gerade gesprochen, was mir ausnehmend gefallen hat. Uns aber tut es so wohl, über unsere Fehler zu weinen, und die Eigenliebe kommt dabei so gut auf ihre Rechnung! -Wir müssen viel hochherziger sein, meine lieben Töchter, dürfen uns durchaus nicht wundern, daß wir alle möglichen Unvollkommenheiten an uns haben, und trotzdem den herzhaften Mut aufbringen, alle unsere schlechten Neigungen, Stimmungen, Launen und Sentimentalitäten zu verachten und bei jeder Gelegenheit dagegen anzukämpfen. Begehen wir aber trotzdem hie und da einen Fehler, dann meine lieben Töchter, nur nicht stehen bleiben, sondern seinen ganzen Mut zusammennehmen, um tapfer weiterzugehen, bei der nächsten Gelegenheit treuer zu sein und so wieder ein Stück auf dem Weg zu Gott und in der Selbstverleugnung vorwärts zu kommen. 7. Was meinen Sie da, liebe Tochter? Wie Sie sich verhalten sollen, wenn die Oberin fragt: was Sie haben, daß Sie so schlecht ausschauen, Sie aber nicht recht wissen, was Sie antworten sollen, weil Ihnen verschiedene unangenehme Dinge im Kopf herumgehen? – Sagen Sie dann ganz einfach: „Es geht mir so Verschiedenes durch den Kopf, ich weiß aber nicht, was ich eigentlich habe.“- Sie fürchten, die Oberin könnte dann meinen, Sie hätten kein Vertrauen zu ihr. – Kümmern Sie sich nicht um das, was sie meint oder nicht meint. Wenn Sie Ihre Pflicht tun, wozu sich dann ängstigen? Solche Gedanken: „Was wird man sagen,

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wenn ich dies oder jenes tue; was wird die Oberin denken?“ usw. sind ganz gegen die Vollkommenheit, wenn man ihnen nachgeht. Vergeßt nicht, daß ich niemals die Vorgänge im niederen Seelenbereich meine, um den ich mich nicht kümmere. Ich rede das Höhere in der Seele an, wenn ich sage, man müsse dieses „Was wird man sagen; was wird man denken?“ verachten. Solche Fragen steigen in euch auf, wenn ihr bei eurer Rechenschaft3 zu wenig von euren besonderen Fehlern gesprochen habt. Da denkt ihr dann: Die Oberin wird sagen oder meinen, ich wollte ihr etwas verschweigen. Nun, man muß bei der Rechenschaft ebenso einfach sein wie bei der Beichte. Oder fragt ihr euch bei der Beichte: Was wird mein Beichtvater sagen oder denken, wenn ich das oder jenes beichte? Sicherlich nicht! Mag er denken oder sagen, was er will, mir genügt, daß er mir die Lossprechung gegeben hat und daß ich meine Pflicht getan habe. Und auch nach der Beichte ist keine Zeit zum Nachgrübeln, ob man auch alles gut gesagt habe; diese Zeit ist vielmehr dazu gegeben, daß man ruhig und aufmerksam bei Gott weile, mit dem man wieder ausgesöhnt ist, und daß man ihm für alle Wohltaten Dank sage; wir brauchen durchaus nicht darüber nachzustudieren, ob wir etwas vergessen haben. Ebensowenig brauchen wir dies nach der Rechenschaft vor der Oberin zu tun; wir sagen in aller Einfachheit, was wir glauben sagen zu müssen, und nachher denken wir nicht mehr darüber nach. Ginge man allerdings zur Beichte ohne Gewissenserforschung, weil man fürchtet, das oder jenes zu finden, das man dann beichten müßte, so wäre das gewiß eine ungenügende Vorbereitung. Ebenso wäre es unrecht, wollte man vor der Rechenschaft sich nicht erforschen oder wollte man sich gar zerstreuen, um sich dann nicht mehr zu erinnern, was man getan hat. 8. Man darf nicht so weich sein und der Oberin alles sagen, mit allem zu ihr laufen wollen und schon beim geringsten Leid, das vielleicht in einer Viertelstunde vorüber ist, um Hilfe rufen. Man soll vielmehr lernen, diese Kleinigkeiten, gegen die man nichts machen kann, hochherzig zu ertragen. Diese wechselnden Stimmungen, Launen und Wünsche sind ja meist nur Auswüchse unserer unvollkommenen Natur, die einmal schwermütig ist, dann wieder geschwätzig, dann wieder so verschlossen, daß man kaum ein Wort hervorbringt, – alles Armseligkeiten, denen wir eben in diesem vergänglichen und flüchtigen Leben unterworfen sind.

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Sie sagen, meine Tochter, daß Sie sich bei der Oberin über dieses Ihr Leid aussprechen müssen, weil Sie sonst Ihre Aufmerksamkeit nicht auf Gott lenken können. – Nein, dieses Leid beraubt Sie nicht der Aufmerksamkeit auf Gottes Gegenwart, sondern nur der süßen Gefühle, die Sie sonst dabei empfunden haben. Wenn es nichts anderes als das ist, wenn Sie – wie Sie sagen – den Mut und den guten Willen haben, Ihr Leid zu tragen, ohne eine Erleichterung zu suchen, dann tun Sie sehr gut daran, es so zu machen, auch wenn Sie dabei nicht ganz frei von Unruhe sind, solange diese nur nicht zu groß wird. – Beraubt Sie aber das Leid wirklich der Möglichkeit, nahe bei Gott zu sein, dann müssen Sie zur Oberin gehen, nicht um sich Erleichterung zu verschaffen, was an sich auch nicht schlimm wäre, sondern um wieder näher zu Gott zu kommen. 9. Bittet ihr die Oberin um eine Unterredung, und sie antwortet: „Tun Sie, was Sie wollen“, so ist das allerdings sehr bedauerlich. Ihr müßt dann, da man es euch überläßt, nach Gutdünken zu handeln, überlegen, ob es besser ist, das Betreffende zu tun oder nicht, und euch dann für etwas entschließen, um keine Zeit zu verlieren. Sie fragen, liebe Tochter, was man tun soll, wenn die Oberin ein so unfreundliches Wesen hat, daß die Schwestern, die etwas mit ihr besprechen oder um eine Erlaubnis bitten wollen, von ihr mürrisch empfangen werden und sich nicht mehr getrauen, mit ihren Nöten zu kommen. Dürfen sich dann die Schwestern an die Stellvertreterin wenden, mit der Begründung, die Oberin nicht immer plagen zu wollen, nicht zuletzt aber auch, um von der Stellvertreterin eine Erlaubnis zu erhalten, die die Oberin vermutlich nicht geben würde? – O nein, meine liebe Tochter, so etwas darf man nicht tun, es müßte denn sein, daß die Oberin sehr stark in Anspruch genommen ist und man recht ungelegen käme. Ebenso braucht man die Oberin, wenn sie bei der Gemeindestunde abwesend ist, nicht um die Erlaubnis bitten, aus derselben herauszugehen. – Sich an die Oberin nicht wenden wollen, weil sie unfreundlich ist, ist das nicht eine große Weichlichkeit? Gewiß handelt die Oberin schlecht und zeigt sich sehr unvollkommen, wenn sie die Schwestern, die zu ihr gehen, immer unfreundlich empfängt. Das soll aber die Schwestern nicht abhalten, ihre Pflicht ganz einfach zu tun und zu dieser Oberin als zu ihrer Mutter mit kindlichem Vertrauen zu gehen. – „Sie schlägt mir aber meist alles ab.“- Das macht nichts, man muß sie trotzdem weiter fragen, was man tun soll. Der Gedanke,

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Sie wären ihr lästig, ist jedenfalls unnütz. Sie müssen sich ihn aus dem Kopf schlagen. – „Sie ist aber nur mit mir so.“ – Das ist schon möglich! – „Sie mag mich halt nicht!“ – Seht, auf das habe ich schon gewartet! – Daß wir doch immer und überall ein Stelldichein mit unserem lieben Ich haben müssen! Nie hat uns die Oberin lieb genug, nie schätzt sie uns genug, und davon hängt doch soviel für unsere Freudigkeit ab! – Aber was liegt denn daran, ob sie uns mag oder nicht mag, wenn wir nur ihr gegenüber unsere Pflicht tun? – Ich will nicht sagen, meine liebe Tochter, daß wir von der Oberin in verächtlichem Ton sagen sollen, daß uns nichts daran liege, ob sie uns mag oder nicht; wenn wir das sagen, so soll es mit Verachtung unser selbst sein, mit der Absicht, dieses lächerliche Bedürfnis nach Liebe zu überwinden. Wann sollten wir uns denn abtöten, wenn nicht immer da, wo uns etwas gegen die Natur geht? Meine lieben Töchter, wir müssen dem Opfer die Haut abziehen, wenn wir wollen, daß es Gott wohlgefällig sei. So mußte es im Alten Bunde (Lev 1,1-6) mit jedem Opfertier geschehen, bevor es Gott dargebracht wurde. Auch unser Herz ist erst dann so recht geeignet, der göttlichen Majestät als Dankopfer dargebracht und geschenkt zu werden, wenn es die alte Haut, d. h. die schlechten Gewohnheiten, Neigungen und Abneigungen, die überflüssigen Anhänglichkeiten an unser eigenes Ich und unseren Eigenwillen abgelegt hat. „Aber ich habe einen so großen Widerwillen, jetzt zur Oberin zu gehen, weil ich vermute, daß sie mich demütigen wird!“ – Nun, das ist ja gerade das, was wir brauchen, denn wenn wir einen Akt der Selbstverleugnung trotz großen Widerstrebens setzen, kommen wir einen großen Schritt in der Vollkommenheit voran. Ja, das wäre schon recht schön, wenn man es so einrichten könnte, daß die Oberin immer Honig auf den Lippen hätte und ihn nur so in die Herzen aller, die mit ihr reden wollen, träufeln könnte, und wenn das immer so wäre! – „Was sie mir sagt, das kann mich dann, wenn es mir so schwer ums Herz ist, kein bißchen trösten; vielleicht kommt es daher, daß sie mit mir nicht so liebenswürdig umgeht, wie ich es wünsche.“ – Sicherlich kommt es daher; was kann man da machen? Man muß sich über so etwas wie über Kindereien lustig machen. Sind wir getröstet, dann danken wir Gott dafür. Sind wir es nicht, danken wir ihm ebenfalls und wundern uns nicht über diese kleine Verschrobenheit. Gleichwie die Schwestern sich vertrauensvoll an die Oberin wenden sollen, auch wenn sie Widerwillen empfinden, so soll auch die Oberin

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ihrerseits nicht aufhören, den Schwestern Befehle und Aufträge zu geben, auch wenn diese ihren Widerwillen zeigen; – außer sie bemerkt an einer Schwester eine so große und heftige Abneigung, daß sie es für gut findet, mit dem Tadel noch zu warten; denn man muß ja nicht immer so streng sein. Mein Gott, die Schwestern dürften sich glücklich schätzen, wenn sie eine Oberin hätten, die sie nicht liebt. Freilich wird das nie vorkommen, denn die Oberin liebt ja immer ihre Schwestern mit der Tatliebe, von der wir gesprochen. Sie wird also in Ausübung ihres Amtes den Schwestern soviel Gutes tun, als sie nur kann, wie es ja ihre Pflicht ist. Ich spreche aber jetzt von der gefühlsmäßigen, zärtlichen, liebkosenden Liebe. Je weniger uns die Oberin auf diese Art liebt und je weniger wir uns mit dieser Art von Liebe befassen, desto mehr Zeit haben wir, uns in Gott zu versenken, was doch unsere Hauptsorge sein muß. 10. Meine liebe Tochter, Sie ärgern sich darüber, daß jene Schwester sich immer an die Oberin anschmiegt und der Liebe zu ihr gar so zärtlichen Ausdruck gibt? – Sehen Sie denn nicht, daß Sie sich nur deshalb ärgern, weil Sie eifersüchtig sind? – Das sei nicht der Grund, sagen Sie. Sie können nur die abgeschmackten Zärtlichkeiten nicht leiden? – Nun, deshalb brauchen Sie noch keine Abneigung gegen die Schwester zu haben; vor allem dürfen Sie einer Abneigung nicht nachgeben; schütteln und rütteln Sie Ihre Seele, um sie davon abzulenken. Die Schwester folgt jetzt vielleicht ein bißchen zu viel ihrer Neigung, morgen werden Sie es bei Gelegenheit vielleicht genau so machen; haben Sie also Nachsicht mit ihr. Wir müssen gegen all diese Verkehrtheiten, wie Laune, Ärger, Abneigung, genau dasselbe Mittel anwenden, das ich euch für den Verzicht auf die eigene Meinung – unserer zuerst besprochenen Frage – geraten habe: Den Geist von diesen Dingen ablenken und mit Gott von etwas ganz anderem reden. Die Liebe zur eigenen Meinung kann uns in Sachen des Glaubens zur Häresie führen und tief unglücklich machen. So erging es jenen Engeln, die zu sehr an ihrer Anschauung hingen, sie wären mehr, als sie in der Tat waren, und diese ihre Ansicht mit solcher Zärtlichkeit liebten und mit solcher Hartnäckigkeit aufrecht hielten, daß aus herrlichen Engeln ewig verdammte Teufel wurden, die nun ewig am Bösen hängen und sich nie mehr davon losmachen können, während die Engel, die sich Gott unterwarfen, sich ihm sosehr angeschlossen haben, daß sie nie mehr von ihm getrennt werden können, und nachdem sie mit der

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Schärfe ihres Verstandes die Tiefe der Wahrheit erfaßt haben, nie mehr davon abgehen werden. – Wie wir also lernen müssen, den eigenen Ansichten zu entsagen, so müssen wir auch lernen, uns über die Launen hinwegzusetzen und uns über sie lustig zu machen. Wir dürfen uns nicht darüber grämen, noch soweit vom Gleichmut entfernt zu sein, dessen Besitz wir anstreben. In diesem Leben werden wir ihn nie vollkommen erreichen, da diese Gnade den Seligen im Himmel vorbehalten ist. Wenn er aber auch hienieden in vollendeter Vollkommenheit nicht erreichbar ist, so wollen wir uns doch bemühen, den höchstmöglichen Grad dieser Tugend zu erlangen. 11. Was wäre nun noch zu sagen über diese Verweichlichung des Geistes und des Leibes? Selbst ganz geistliche Menschen lieben sich mit der oben erwähnten Tatliebe. – Wir sagten von den Weltleuten, daß sie ein hohes Maß dieser Liebe für sich aufbringen, denn sie verlangen mit leidenschaftlichem Ehrgeiz nach so viel irdischem Besitz und nach so viel Ehren, daß sie nie zufrieden sind. Aber auch Menschen, die willens sind, Gott so treu als möglich zu dienen, sind nicht frei von Ehrgeiz, der sich allerdings im Verlangen nach inneren Gütern, nach hoher Tugend äußert. Es kommt aber nun vor, daß die Gefühlsliebe, die ja über die geistlichen Menschen mehr vermag als über die Weltleute, sie veranlaßt, mit diesen Wünschen herumzutändeln, statt sich der sorgfältigen und mühevollen Arbeit hinzugeben, die das Streben nach ihrem Ziel erfordert, weil es ihnen schwer fällt, sich so oft zu überwinden. Unseren Widersprüchen widersprechen, unseren Neigungen abgeneigt sein, unsere Gefühle unterdrücken, auf unsere eigene Meinung verzichten – das alles kann die gefühlvolle, sentimentale Liebe, die wir für uns hegen, nicht zulassen, ohne Ach und Weh zu schreien. Und das ist die Ursache, daß wir untätig bleiben.

III.
Verschiedene Fragen 1. Sie fragen, meine liebe Tochter, ob man, um die heilige Armut zu üben, darauf bedacht sein müsse, die kleinen Entbehrungen wie sie eben kommen, gerne anzunehmen. – Ich habe dies schon in der „Anleitung“ den Laien empfohlen. Umsomehr müssen es die tun, die das Gelübde der Armut abgelegt haben. Das wäre eine angenehme Armut oder viel-

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mehr keine Armut, wenn uns nichts abginge. Man darf sich über diese Gelegenheiten, etwas zu entbehren, selbstverständlich nicht beklagen. Damit würden wir ja beweisen, daß wir darüber ungehalten sind und unsere Pflicht gegenüber der Armut nicht erfüllen. Kein Geld haben, wenn man keines braucht und einem nichts abgeht, das nenne ich nicht arm sein. Der glorreiche hl. Augustinus sagt in unseren Regeln: „Anspruchslos sein ist besser als viel besitzen“ (9.Kap.). Es gibt sicher genug Leute, denen immer etwas mangelt, weil sie eben so viele Bedürfnisse haben, daß es ein wahrer Jammer ist. Diese Leute sind wirklich arm, wenn sie sich nicht alles leisten können, – denn sie leiden Mangel an dem, was sie nicht haben, aber, wie sie meinen, notwendig brauchen. Was ich in der „Anleitung“ gesagt habe, ist auch für die Ordensleute, ausgenommen einige Kapitel, wie die über die Ehe, die Tänze, Spiele und ähnliche. Ich lade auch die Philothea ein, alle Gelegenheiten zur Übung der tatsächlichen Armut liebend aufzugreifen. Wenn wir immer alles zu haben trachten, was uns nur irgendwie notwendig erscheint, werden wir von der heiligen Armut nichts verspüren. Ich für meinen Teil möchte nicht um etwas bitten, was ich entbehren kann, es sei denn, daß meine Gesundheit dabei ernstlich Schaden litte. Wenn mich z. B. friert, oder wenn mein Habit zu kurz ist oder nicht gut sitzt, so würde ich mir gar nichts daraus machen. Gäbe man mir aber Schuhe, die so eng sind, daß ich zehn Minuten brauche, sie anzuziehen, so würde ich lieber um andere bitten, als jeden Morgen damit Zeit zu verlieren. Wenn aber ein Kleidungsstück schlecht sitzt und mich ein wenig wund reibt oder weh tut, dann würde ich nichts sagen. Was das Frieren betrifft, so soll man zu große Kälte nicht aushalten wollen; das schadet der Gesundheit und ist also zu unterlassen. 2. Ich möchte auch hier wiederholen, was ich schon zweimal oder dreimal in unseren französischen Klöstern gesagt habe: Wer vollkommen werden will, soll wenig haben wollen und nichts verlangen. Sich nach diesem Grundsatz richten, heißt freilich recht arm sein. Ich versichere euch aber, daß darin eines der großen Geheimnisse der Vollkommenheit liegt; freilich ist es so verborgen, daß nur wenige Menschen darum wissen, oder wenn sie darum wissen, keinen Nutzen daraus ziehen. Ich für meinen Teil würde nichts verlangen, wenn ich eine Ordensperson wäre und die gleiche Gesinnung hätte wie jetzt, denn ich verlange nichts vom Herrn und will auch nichts verlangen. Manche bitten um

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Kreuze; der Herr könnte ihnen – wie sie meinen – gar nie genug geben, um ihrem Eifer zu genügen. Ich bitte nicht um Kreuze, halte mich aber bereit, die Kreuze, die Gott mir schicken will, so geduldig und demütig, als ich nur kann, zu tragen. Und wäre ich im Kloster, würde ich es nicht anders machen: Ich würde um nichts bitten, außer ich wäre krank; denn Kranke sollen ruhig um alles bitten, was sie brauchen. Ich würde auch nicht bitten, kommunizieren zu dürfen, ausgenommen an jenen Tagen, wo es Brauch ist, darum zu bitten, wie bei der Einkleidung, bei der Profeß und am Fest des heiligen Namenspatrons.4 Um Nadel und Faden würde ich bitten, wenn man mir eine Näharbeit auftrüge; denn der Auftrag zum Nähen verpflichtet mich, um das zu bitten, was ich dazu brauche. Nein, meine liebe Tochter, um Demütigungen würde ich nicht bitten, hielte mich aber bereit, die Demütigungen, die mir erteilt würden, gut anzunehmen. Ich würde so ruhig meine Wege vorangehen, ohne meine Zeit mit Wünschen zu vertändeln. Sie handeln nicht schlecht, wenn Sie bitten, den Teig kneten zu dürfen, da Sie sich stark genug fühlen; ich aber würde es zwar gerne tun, wenn man es von mir verlangte, sonst aber möchte ich nicht daran denken. Auch trüge ich lieber ein kleines Strohkreuz, das mir auf die Schultern gelegt würde, ohne daß ich es wählte, als ein großes Kreuz, das ich mir mit großer Mühe selber aus dem Wald geholt und an dem ich recht schwer schleppen müßte. Ich glaube, daß ich dem lieben Gott wahrscheinlich mit dem Strohkreuz lieber bin als mit dem anderen großen, das ich mir mit vieler Plage und vielen Schweißtropfen selber gezimmert habe. Denn dieses selbstgewählte Kreuz tragen, ist eine größere Befriedigung für die Eigenliebe, die ein großes Gefallen an dem hat, was sie sich selber zurechtlegt, während es ihr nicht gefällt, sich einfach führen und leiten zu lassen. Und gerade das wünsche ich euch vor allem, ebenso daß ihr ganz einfach tut, was die Regel und die Satzungen vorschreiben und die Vorgesetzten anordnen, dann aber euch um alles andere nicht kümmert, sondern euch nur so nahe als möglich bei Gott haltet. 3. Sie fragen, meine liebe Tochter, ob Sie eine Speise, die Sie gerne essen, für gewöhnlich an sich vorübergehen lassen sollen, da ich doch vorher gesagt habe, man müsse sich beharrlich abtöten. – Ich würde es an Ihrer Stelle nicht tun, denn wir sind verpflichtet, uns an das Wort des Herrn zu halten: „Esset, was man euch vorsetzt“ (Lk 10,8), – also nicht

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zu wählen. Setzt man mir etwas vor, was mir schmeckt, dann esse ich es und danke Gott dafür; bekomme ich nichts davon, dann mache ich mir nichts daraus. – Werden aber zwei Gerichte verabreicht, dann esse ich das, was auf meiner Seite liegt, nach Appetit und Bedürfnis, vom anderen aber nehme ich nichts, auch dann nicht, wenn es mir besser schmekken sollte. Habe ich Ekel vor einer Speise, dann wähle ich das, was ich essen kann; im übrigen aber suche ich nichts heraus, sondern esse ohne Wahl, was aufgetragen, und in der Reihenfolge, wie es aufgetragen wird. 4. Von der Armut sagte ich vorhin, es sei gut, in kleinen Dingen Notwendiges gerne entbehren zu wollen, ohne sich zu beklagen und ohne das Fehlende zu wünschen oder zu verlangen. Wer das aber nicht so machen will, kann ruhig um das bitten, was er braucht; die Regeln erlauben es ja und es ist auch nicht gegen das Gelübde der Armut, wie ihr meint, paßt aber freilich nicht gut zur Armut und auch nicht zur Vollkommenheit. Es ist also an sich nicht schlimm, so für sich zu sorgen, wenn man nur nicht zu sehr auf seine Bequemlichkeit schaut und sich in den Grenzen der Regel hält. Wir kommen dann allerdings um viele Gelegenheiten, Tugenden zu üben, die gerade für unseren Stand wichtig wären. 5. Nein, meine liebe Schwester, die Liebe verlangt nicht, daß ihr aufpaßt, ob nicht am Ende dieser und jener Schwester etwas abgeht, außer euer Amt verlangt es. Bemerkt ihr aber, daß eine Schwester etwas notwendig braucht, dann sagt es ganz einfach der Oberin, ohne die Sache zu vergrößern oder zu verkleinern, sondern genau so, wie wenn sie euch selber anginge. 6. Sie fragen, ob Sie gegen die Regel verstoßen, wenn Sie der Oberin eine feinere Serviette und nicht die nächstbeste geben, wie man es bei den anderen Schwestern macht. Nun, wenn Sie es bisher so gemacht haben, so ist das nicht schlimm, aber tun Sie es in Zukunft nicht mehr. Die Oberin hat schon bestimmte Ehrungen; man nennt sie Mutter, sie hat die Befugnis zu befehlen und anzuordnen, die Schwestern gehorchen ihr. Darüber hinaus aber soll es nichts besonders für sie geben, wie es in den Satzungen heißt, außer sie braucht es notwendig; in diesem Fall erhalten es die anderen Schwestern ja auch. 7. Wir müssen jetzt schließen und so empfehle ich euch zu guter Letzt noch die Einfachheit und Hochherzigkeit. Nur immer voran auf dem Weg der Vollkommenheit! Laßt euch von keinem Hindernis aufhalten, komme es von innen, also von unseren eigenen Unvollkom-

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menheiten und unbeherrschten Leidenschaften, oder komme es von außen! Woher die Schwierigkeiten und Prüfungen auch kommen mögen, – wir wollen nicht müde werden, alles zu tragen und zu ertragen aus Liebe zu Unserem Herrn und Heiland. Ihm sei Dank, Ehre und Preis durch alle Ewigkeit. Amen!

224 16. Gespräch Über die Nachgiebigkeit und den göttlichen Willen 1

I.
Ich beginne mit der Antwort auf folgende Frage, die mir auf diesem Zettelchen gestellt wurde: Worin besteht der feste Entschluß, in allem den Willen Gottes zu sehen und zu tun? Können wir den Willen Gottes im Willen der Vorgesetzten und der Untergebenen auch dann sehen, wenn diese sich offensichtlich von ihren angeborenen oder durch Gewohnheiten gewordenen Neigungen beeinflußen lassen? 1. Beginnen wir also mit den ersten Worten der Frage: Ihr müßt wissen, daß der feste Wille, den Willen Gottes ausnahmslos in allen Dingen zu tun, im Gebet des Herrn, im Vater unser ausgesprochen ist, in den Worten, die wir täglich beten: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“ (Mt 6,10). Der göttliche Wille stößt im Himmel auf keinerlei Widerstand, alles ist ihm untertan, alles gehorcht ihm. Wir beten nun, daß es auch mit uns so werde, und wir versprechen dem Herrn, so handeln zu wollen, seinem Willen keinen Widerstand zu leisten und ihm in allem ganz gefügig sein zu wollen. Ich meine, das schon im Buch von der „Gottesliebe“ sehr eingehend erklärt zu haben. Um aber eure Bitte zu erfüllen, will ich auch hier noch einiges darüber sagen. Unter dem Willen Gottes verstehen wir seinen ausgesprochenen Willen und den Willen seines Wohlgefallens. Der Wille Gottes tut sich uns in vierfacher Weise kund: 1) in den Geboten Gottes, 2) in den Geboten der Kirche, 3) in den Räten, 4) in den Einsprechungen. Unter die Gebote Gottes und der Kirche muß jeder Christ seinen Nacken beugen; jeder muß sich ihnen gehorsam fügen. In diesen Geboten spricht sich der Wille Gottes ohne Einschränkung aus und fordert, daß wir gehorchen, wenn wir gerettet werden wollen. Die Beobachtung der Räte empfiehlt er uns nur; er fordert sie nicht bedingungslos von uns, legt uns aber seinen Willen in Form eines Wunsches nahe. Wir verscherzen uns also seine Liebe nicht, trennen uns auch nicht von ihm, wenn wir nicht den Mut aufbringen, die Räte zu erfüllen. Wir dürfen auch gar nicht einmal alle Räte befolgen wollen,

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sondern nur jene, die unserem Stand entsprechen; denn manche sind einander so entgegengesetzt, daß es ganz unmöglich ist, den einen zu befolgen, ohne sich zugleich der Möglichkeit zu berauben, den anderen zu erfüllen. Es ist z. B. ein evangelischer Rat, alles zu verlassen und ganz arm dem Herrn nachzufolgen; es ist auch ein evangelischer Rat, den Bedürftigen zu borgen und Almosen zu geben. Wie aber könnte, wer all seinen Besitz auf einmal hergeschenkt hat, noch etwas ausleihen und Almosen geben, wo er doch nichts mehr hat? Wir sollen also die Räte befolgen, die Gott von uns geübt haben will, und nicht meinen, wir müßten alle befolgen, die er gegeben. Für uns sind die Regeln jene Räte, denen wir zu folgen haben; das heißt, unsere Regeln enthalten alle für uns in Frage kommenden Räte. Wir haben gesagt, daß Gott uns seinen Willen auch noch in den Einsprechungen kundgibt. Das ist wohl richtig, aber er will nicht, daß wir selber beurteilen, ob das, was wir im Innern vernehmen, sein Wille ist oder nicht ist; ebenso will er nicht, daß wir aufs Geratewohl den Einsprechungen folgen. Er will auch nicht, daß wir darauf warten, bis er selbst uns seine Wünsche zu verstehen gibt oder einen Engel zu unserer Unterweisung schickt. Es ist vielmehr sein Wille, daß wir uns in zweifelhaften und zugleich wichtigen Dingen an jene wenden, die er aufgestellt hat, uns zu führen, und daß wir uns in allem, was den seelischen Fortschritt angeht, ihrem Rat und ihrer Ansicht gänzlich unterordnen. Außer diesem ausgesprochenen Willen Gottes gibt es noch den Willen seines Wohlgefallens. Auf diesen müssen wir schauen in allen Vorkommnissen, also bei allem, was uns begegnet: In Krankheit und Tod, in Trübsal und Freude, in guten wie in schlimmen Tagen, kurz in allem, was unvorhergesehen an uns herankommt. Und wir müssen allzeit bereit sein, uns diesem Willen Gottes zu fügen, in angenehmen wie in unangenehmen Lagen, in Freud wie in Leid, im Leben wie im Sterben, in allem, was nicht offensichtlich gegen den ausgesprochenen Willen Gottes ist; denn dieser geht immer vor. 2. Damit kommen wir zum zweiten Teil der Frage. – Kürzlich habe ich im Leben des großen hl. Anselm etwas gelesen, was ich euch erzählen muß; ihr versteht dann gleich besser, was mit diesem Willen des Wohlgefallens gemeint ist. Dieser Heilige war als Prior und als Abt bei allen ungemein beliebt, weil er gegen alle, selbst gegen Fremde, so gefällig und nachgiebig war. Bat man ihn: „Nehmen Sie doch etwas heiße Sup-

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pe, das ist gut für Ihren Magen“ – so aß er sie. Kam ein anderer und sagte: „Die Suppe tut Ihnen nicht gut, Sie dürfen sie nicht essen,“ so ließ er sie sofort stehen. Er fügte sich in allem, was nicht offensichtlich gegen Gottes Willen war, dem Willen seiner Mitbrüder, die sicherlich oft genug ihren natürlichen und gewohnheitsmäßigen Neigungen folgten, und sogar dem Willen der Weltleute, die mit ihm machten, was sie wollten. Wenngleich nun alle den Heiligen überaus liebten, so waren doch nicht alle mit dieser großen Willfährigkeit und Nachgiebigkeit einverstanden. Schließlich wollten einige seiner Mitbrüder ihm Vorstellungen machen und ihm sagen, daß sie das nicht für recht hielten. Sie begannen also: „Vater, wir alle, die Ihrer Leitung unterstehen, lieben und schätzen Sie. Erlauben Sie uns jedoch, die wir Sie noch mehr als alle anderen lieben, Ihnen sagen zu dürfen, daß Sie viel zu gefällig und gefügig sind und aller Welt zu Willen. Wir möchten meinen, daß Sie mehr Würde wahren und vielmehr Ihre Untergebenen dazu bringen sollten, sich Ihrem Willen zu beugen, statt immer allen nachzugeben, wie Sie es tun.“ Darauf antwortete der Heilige: „Wißt Ihr wohl, meine lieben Kinder, warum ich das tue? Ich denke an die Worte des Heilands, der uns befohlen hat, den Nächsten so zu behandeln, wie wir behandelt zu werden wünschen (Mt 7,12; Lk 6,31), und deshalb kann ich nichts anderes tun. Ich möchte, daß der Herr meinen Willen tue, und so erfülle ich gerne den Willen meiner Mitbrüder und aller Mitmenschen, damit es Gott gefallen möge, zuweilen das zu tun, was ich gerne hätte. – Noch ein zweiter Gedanke leitet mich dabei: Ich kann, abgesehen vom ausgesprochenen Willen Gottes, seinen Willen, d. h. den Willen des Wohlgefallens nur durch die Vermittlung des Nächsten erfahren. Gott spricht nicht direkt mit mir, noch weniger läßt er mir seinen Willen durch einen Engel mitteilen; die Tiere, die Bäume, die Pflanzen, sie alle reden nicht. Es kann mir also nur der Mensch den Willen Gottes kund tun, und so halte ich mich so weit als möglich daran. Gott hat mir befohlen, den Nächsten zu lieben; es ist aber ein großes Werk der Nächstenliebe, die Einigkeit untereinander zu erhalten, und dazu weiß ich mir kein besseres Mittel als große Güte und Nachgiebigkeit. Über alles, was wir tun, soll daher diese liebenswürdige und demütige Nachgiebigkeit gebreitet sein. Der Hauptgrund für mein Verhalten ist jedoch die Überzeugung, daß Gott mir seinen Willen durch den Willen meiner Mitbrüder zu verstehen gibt. Ich gehorche also Gott, sooft ich in irgend einer Sache nachgebe. – Übrigens, hat

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nicht der Herr gesagt: ‚Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen.‘ (Mt 18,3)? Wundert euch also nicht, wenn ich lenksam und nachgiebig bin wie ein Kind; tue ich doch damit nur, was mir der Herr befohlen hat. Ob ich mich schlafen lege oder aufbleibe, ob ich Suppe esse oder nicht, ob ich dableibe oder dorthin gehe – das alles ist mehr oder minder nebensächlich; in solchen Dingen aber unnachgiebig sein, das wäre keine kleine Unvollkommenheit.“ Seht, meine lieben Schwestern, wie sich der hl. Anselm in allem fügt, was nicht gegen die Gebote Gottes und der Kirche oder gegen seine Regeln ist. – Der Gehorsam geht ja immer vor; ich denke nicht, daß man ihn auf Grund seiner Nachgiebigkeit hätte dazu bringen können, etwas gegen Gottes Gebot oder gegen die Regeln zu tun. Das gewiß nicht. Aber sonst war Nachgiebigkeit in allem und gegen alle sein oberster Grundsatz. Nachdem der große hl. Paulus ausgerufen, daß ihn nichts „von der Liebe Christi scheiden könne“, weder Tod noch Leben, weder Engel noch Hölle (Röm 8,35-38), sagt er, daß er nichts Klügeres wisse, als „allen alles“ zu sein (1 Kor 9,22; 2 Kor 12,15 f), „mit den Fröhlichen sich zu freuen, mit den Weinenden zu weinen“ (Röm 12,15), mit den Dürstenden zu trinken und mit jedem eins zu werden. Dieses Weinen „mit den Weinenden“ heißt nun freilich nicht, daß ich mit verweichlichten Menschen, die sich immer bejammern, auch mitweinen müsse, noch, daß ich mich betrinken müßte mit denen, die es tun. Denn wenn ich auch mit solchen, die es gerne hätten, trinken soll und darin auch den Willen Gottes sehe, so darf ich doch dabei die Grenzen des Anstandes und der Mäßigkeit nicht überschreiten. Muß ich mir also denken, daß Gott diesem Menschen eingegeben hat, mich zum Trinken aufzufordern? Gewiß nicht, aber er gibt mir ein, auf seinen Willen einzugehen und folglich zu trinken. Es ist der Wille Gottes, daß ich trinke, wenn es auch nicht sein Wille war, daß man mir zu trinken anbot. Eines Tages schaute ein Kind dem hl. Pachomius zu, wie er Matten flocht, – der Heilige hatte damals Kinder um sich gesammelt, um sie im Glauben zu unterrichten – und sagte plötzlich: „Vater, das ist ja falsch, das macht man anders.“ Obwohl nun der Heilige die Arbeit ganz recht gemacht hatte, stand er doch sogleich auf, setzte sich zu dem Kind hin, das ihm nun seine Art zu flechten zeigte. Da sagten einige

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seiner Mitbrüder: „Jetzt haben Sie einen doppelten Fehler gemacht, Vater: Sie taten diesem Kind den Willen und setzten es damit der Gefahr der Eitelkeit aus; und dann verderben Sie Ihre Arbeit, denn auf Ihre Art wird sie schöner.“ Der Heilige antwortete: „Meine Brüder, wenn Gott auch zulassen sollte, daß dieses Kind ein wenig eitel wird, dann gibt er mir vielleicht dafür ein wenig Demut und dann kann ich auch diesem Kind davon geben. Die Matten einmal anders zu flechten, ist nicht schlimm, aber schlimm wäre es, auf das Wort des Heilands zu vergessen: ‚Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder,‘ so einfach, demütig und fügsam wie sie, ‚werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen.‘ Wie wertvoll ist es doch, wenn man so fügsam und gegen jedermann nachgiebig ist!“ Aber nicht nur die Heiligen, auch der Heiland selber hat uns diese Nachgiebigkeit gelehrt in seinen Worten wie in seinen Taten. Was bedeutet der Rat, sich selbst zu verleugnen, anderes, als bei jeder Gelegenheit auf den eigenen Willen, auf das eigene Urteil verzichten, um dem Willen Gottes zu folgen, – was anderes, als sich allen in allem zu fügen, ausgenommen dort, wo man Gott beleidigen würde? 3. Aber da sagt man mir: „Ich sehe doch ganz deutlich, daß man das von mir aus rein menschlichen Gründen verlangt und daß dieser Wunsch einer natürlichen Neigung entspringt, also nicht von Gott der Oberin oder meiner Mitschwester eingegeben wurde, da sein Ursprung doch eine natürliche oder durch Gewohnheiten gewordene Neigung oder sogar eine Leidenschaft ist.“ – Nein, Gott hat es ihr selbstverständlich nicht eingegeben, aber von Ihnen will er, daß Sie tun, was man von Ihnen verlangt. Tun Sie es nicht, dann werden Sie Ihrem Entschluß, Gott in allen Dingen zu gehorchen, untreu und vernachlässigen folglich die pflichtgemäße Sorge um Ihre Vervollkommnung. Man sei also stets bereit, das zu tun, was man von uns haben will, damit der Wille Gottes geschehe, solange es nicht gegen Gottes ausgesprochenen Willen ist, den er uns auf die oben erwähnte vierfache Weise kund gibt. Der Wille der Geschöpfe tritt an uns heran auf dreifache Art: als Leid, als Freude, unbegründet und grundlos. Wenn Mitmenschen von uns etwas wollen, was wir als unangenehm empfinden, so braucht es viel Starkmut, um dann ihren Willen zu erfüllen; ist er doch unserem Willen entgegen, der so ungern einen Widerspruch erträgt. Trotz allen Starkmutes bleibt es für gewöhnlich doch eine harte Buße, den Willen der Vorgesetzten zu tun, und was noch

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härter ist, sich dem Willen der Gleichgestellten und Untergebenen zu fügen, denn zumeist ist uns, was sie wollen, zuwider. Wir müssen es also als Opfer und als Prüfung hinnehmen, wenn wir ihren Willen zu erfüllen haben. Den Willen unserer Mitmenschen zu erfüllen, wenn er uns Freude macht, dazu braucht es keine Aufmunterung. Mein Gott, in angenehmen Dingen gehorchen wir gewiß gern, ja wir kommen diesem Willen zuvor, wir bieten uns an. So werdet ihr mich auch gewiß nicht fragen, ob ihr euch diesem Willen fügen sollt, darüber zweifelt ja niemand. Ihr möchtet aber wissen, wie ihr euch verhalten sollt, wenn man von euch etwas verlangt, was ungelegen kommt und wo ihr die Gründe nicht wißt, warum das von euch verlangt wird. Seht, meine Schwestern, hier gilt es zu zeigen, ob man Gottes Willen erfüllen will. Man wird sich fragen: Warum soll ich eher den Willen der Mitschwester als meinen tun? Stimmt denn in dieser Kleinigkeit mein Wille weniger mit dem Willen Gottes überein als der ihrige? Was für einen Grund habe ich, das, was sie mich tun heißt, mehr für eine Einsprechung zu halten als das, was ich eben zu tun beabsichtige? Meine teuren Schwestern, hier gibt uns die göttliche Güte Gelegenheit, den Preis der Nachgiebigkeit zu gewinnen. Wenn wir immer wüßten, warum man uns etwas anschafft, warum man uns bittet, dies und das zu tun, dann hätten wir wenig Verdienst dabei; auch fiele es uns nicht besonders schwer, wir wären vielmehr von Herzen gern bereit dazu. Kennen wir aber die Gründe nicht, so widerstrebt unser Wille und unser Urteil bäumt sich dagegen auf. Das alles aber müssen wir dann in kindlicher Einfalt überwinden, müssen uns an die Arbeit machen, ohne viel zu grübeln und ohne die Gründe für und wider zu erwägen. – Ich weiß, es ist der Wille Gottes, daß ich den Willen des Nächsten meinem Willen vorziehe; also mache ich mich daran, ohne viel zu überlegen, ob ich auch wirklich den Willen Gottes erfülle, wenn ich mich diesen Befehlen oder Wünschen unterwerfe, die vielleicht Leidenschaften oder natürlichen Neigungen entspringen oder vielleicht doch der Vernunft und göttlichen Einsprechung. Geht es um Kleinigkeiten, so handle man in aller Einfalt. Was hätte es für einen Sinn, wenn man eine Stunde lang herumsinnieren wollte, ob es Gottes Wille ist, daß man die Suppe esse oder nicht, oder daß man trinke, wenn man dazu aufgefordert wird, oder es besser bleiben lasse,

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um Buße zu tun usw.? Derlei Kleinigkeiten sind das Überlegen nicht wert, vor allem dann nicht, wenn ich sehe, daß ich dem Nächsten damit einen Gefallen tun kann. Auch in wichtigen Dingen verliere man keine Zeit mit Überlegungen, sondern unterbreite sie den Vorgesetzten, um von ihnen zu hören, was man zu tun habe; man verschwende dann keinen Gedanken mehr daran, sondern bleibe bei der Meinung der Vorgesetzten, die Gott uns gegeben, damit sie uns zur vollkommenen Liebe führen. Wenn wir so dem Willen des Nächsten nachgeben und jedem unserer Mitmenschen gefügig sein sollen, dann doch vor allem dem Willen unserer Vorgesetzten, in denen wir Gott sehen müssen, dessen Stellvertreter sie ja auch sind. Selbst wenn es vorkäme, daß natürliche oder durch Gewohnheiten gewordene Neigungen, ja sogar Leidenschaften die Ursache ihrer Befehle oder Tadel wären, so dürften wir uns nicht darüber wundern, denn sie sind Menschen wie alle anderen und daher auch Neigungen und Leidenschaften unterworfen. Und wäre ein Befehl oder Tadel tatsächlich in der Leidenschaft gegeben worden, so dürften wir trotzdem darüber nicht urteilen, selbst wenn der Beweis auf der Hand liegt, sondern müßten ruhig und willig gehorchen und den Tadel demütig annehmen.*

II.
Nun wollen wir diesen Gegenstand verlassen und etwas über das Beichten sagen. 1. Vor allem möchte ich, daß man den Beichtvätern mit großer Ehrfurcht begegne. Wir haben die Pflicht, das Priestertum hoch in Ehren
* Die Ausgabe 1933 bringt auf S. 525 noch folgenden Einschub zu dieser Stelle: Die Eigenliebe empfindet es sehr bitter, immer wieder Schwierigkeiten zu begegnen. Mein Oberer oder meine Oberin ist schwermütig veranlagt, und sobald ich herzhaft lache, heißt es: „Sagen Sie einmal, worüber lachen Sie eigentlich?“ – Sonderbare Frage, warum ich lache? Nun, weil ich vergnügt bin! – Hat die Oberin ein sanguinisches Temperament und ich lache nicht, dann fragt sie gleich: „Warum lassen Sie den Kopf hängen?“ – Ist das nicht unausstehlich? Nichts ärgert nämlich den Melancholiker mehr, als wenn man ihn fragt, warum er den Kopf hängen lasse, weil er ja gewöhnlich dafür keinen vernünftigen Grund angeben kann.

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zu halten. Demnach müssen wir auch den Beichtvätern im heiligen Sakrament der Buße voll Ehrerbietung nahen, wir müssen Engel in ihnen sehen, die von Gott gesandt sind, damit sie uns mit der göttlichen Güte versöhnen. Und nicht nur Engel, sondern auch die Stellvertreter Gottes auf Erden müssen wir in ihnen sehen; auch dann, wenn sich in der heiligen Beichte manchmal Menschliches an ihnen zeigt, wenn sie etwa neugierige Fragen stellen, die nichts mit der Beichte zu tun haben; wenn sie z. B. eure Namen, eure Lebensweise wissen möchten, wenn sie sich erkundigen, ob ihr Bußwerke und besondere Tugendübungen macht und welcher Art sie sind, ob ihr Versuchungen habt, wie es euch im Betrachten geht – alles Fragen, die ich an eurer Stelle ganz einfach beantworten würde, obwohl ich dazu nicht verpflichtet bin. – Nicht angebracht wäre die Antwort: „Darüber darf ich nicht sprechen.“ – Solche Ausreden darf man nie gebrauchen.2 Von euren persönlichen Angelegenheiten könnt ihr in der Beichte sagen, was ihr wollt; fragt man euch über die Schwestern im allgemeinen, so antwortet ganz einfach: daß ihr nicht wißt, welche Bußübungen und Tugendakte sie verrichten. Fragt der Beichtvater, ob äußere Bußübungen gemacht werden, dann antwortet mit Ja. Doch zurück zu dem, was ich vorhin sagte. Fragt er euch etwas, was euch in Verlegenheit bringen könnte, z. B. ob ihr Versuchungen habt, und ihr fürchtet, daß er sich nach Einzelheiten erkundigen werde, dann könnt ihr antworten: „Ja, mein Vater, ich glaube aber, durch Gottes Gnade keine Sünde begangen zu haben.“ Würdet ihr, nachdem ihr eure Sünden gebeichtet, auf die Frage: „Haben Sie sonst noch etwas?“ – antworten: „Ich hätte schon noch etwas auf dem Herzen, mein Vater, aber die Oberin, die Novizenmeisterin, hat mir untersagt, in der Beichte darüber zu reden,“ so wäre das gewiß ganz zu verurteilen. Wer so antwortet, begeht einen Fehler, denn er erweckt beim Beichtvater den Eindruck, als wollte man hier in diesem Haus das Vertrauen der Schwestern ihm gegenüber nachteilig beeinflussen und den Schwestern die Möglichkeit nehmen zu beichten, wie
* Zu dieser Stelle bringt die Ausgabe 1933 folgende Lesart auf Seite 525: Wenn ihr mit der Oberin oder der Novizenmeisterin wegen des Beichtens sprecht und sie sagt: das brauchen Sie nicht erwähnen, so will sie euch ja keinen Befehl, sondern nur einen Rat geben. Die Schwester tut dann gut daran, wenn sie sich beruhigt, ihre Meinung dem Urteil der Oberin unterwirft, ihr glaubt, wenn sie sagt, das brauche sie in der Beichte nicht zu erwähnen, und es folglich auch nicht beich-

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es sich gehört, was ja gar nicht zutrifft.* Der Beichtvater weiß nicht, was die Oberin mit dieser Äußerung bezweckt hat, er kennt weder die Veranlagung noch die Seelenverfassung der Schwestern, und so kann er darin etwas Sündhaftes sehen. In Unkenntnis des Seelenzustandes der Schwester wird er die Oberin für unwissend halten und diese Art, die Schwestern zu leiten, herabsetzen. Es ist außerordentlich wichtig, daß sich die Schwestern vertrauensvoll bei der Oberin oder Novizenmeisterin aussprechen, damit sie lernen, richtig zu beichten. Ich will auch nicht, daß den Schwestern das Vertrauen dazu genommen werde; aber es sollen auch die Schwestern nicht den Fehler machen und sagen, man hätte ihnen verboten, dies und jenes zu beichten, denn eine solche Aussage könnte Ärgernis erregen. Sagt nur dem Beichtvater, wenn ihr es wollt, ganz offen, was euch bedrückt, hütet euch aber, über andere zu sprechen. Das ist ungemein wichtig. Wenn die Beichtväter irgend eine Kleinigkeit wissen wollen, soll man ihnen willfahren und ihre Fragen beantworten, aber dann über diese ihre kleine Schwäche schweigen. Wir haben ihnen gegenüber auch die Pflicht, über alles, was sie uns in der Beichte sagen, zu schweigen, auch ihre Unvollkommenheiten für uns zu behalten und darüber zu schweigen, falls wir solche an ihnen bemerkt haben. Man darf daher auch nicht weitererzählen, was sie uns gesagt haben, außer es handelt sich um etwas sehr Erbauliches; aber sonst sagt man nichts von der Beichte aus. 2. Gibt euch der Beichtvater einen Rat, der sich mit den Regeln oder eurer Lebensweise nicht vereinbaren läßt, so hört ihn ehrerbietig und demütig an; mehr braucht ihr nicht zu tun. Die Beichtväter haben nicht immer die Absicht, uns zu dem, was sie uns sagen, unter Sünde zu verpflichten, ebensowenig wie die Oberen. Nehmt also Ratschläge, die mit den Regeln unvereinbar sind, als bloße Empfehlung hin; ihr braucht sie nicht auszuführen. Im übrigen aber sollt ihr alles, was euch in der Beichte gesagt wird, hochschätzen. Ihr glaubt gar nicht, wie viel jene
tet. – Und fragt dann der Beichtvater: „Haben Sie sonst nichts mehr?“, so darf sie ruhig antworten „Nein“ und braucht sich über diese Antwort nicht zu ängstigen. Die anderen aber, die nicht befriedigt sind, wenn sie nicht auch das, was sie nicht zu beichten brauchen, in der Beichte gesagt haben, sollen es ruhig beichten, wenn sie es wirklich vorziehen, lieber ihrer Eigenliebe als dem Rat der Oberin zu folgen, sollen dann aber nicht vorher sagen, daß die Oberin ihnen verboten habe, es zu beichten.

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Seelen gewinnen, die mit der entsprechenden Vorbereitung und Demut zu diesem Sakrament kommen. Könnt ihr den Rat des Beichtvaters leicht ausführen, z. B. eine kleine Buße, für die ihr Erlaubnis braucht, dann sagt demütig: „Mein Vater, ich werde bitten, diese Buße verrichten zu dürfen.“ Bekommt ihr jedoch eine Buße, die gegen die Regeln ist, dann müßt ihr ganz ruhig sagen: „Mein Vater, ich bitte Sie demütig, mir eine andere Buße zu geben, denn diese ist gegen die Regeln; ich fürchte, den Schwestern damit Ärgernis zu geben.“ Oder wenn er euch auftragen würde, täglich so und so viele Horen oder so und so oft das Brevier zu beten, dann müßtet ihr sagen: „Das kann ich nicht gut machen, weil alle unsere Stunden schon eingeteilt sind.“ 3. Man soll sich über den Beichtvater nie beklagen. Ist euch durch sein Verschulden bei der Beichte etwas Unangenehmes widerfahren, dann könnt ihr mit der Oberin ganz einfach darüber sprechen und sagen: „Meine Mutter, ich möchte, wenn Sie es gestatten, lieber bei einem anderen Priester beichten.“ Das genügt; mehr braucht ihr nicht zu sagen. So stellt ihr den Beichtvater nicht bloß und könnt dann beichten, bei wem ihr wollt. Das soll aber nicht leichtfertig geschehen, wegen geringfügiger und unwichtiger Gründe. Man darf nicht übertreiben! Es wäre gewiß nicht recht, größere Fehler bei der Beichte hinzunehmen, aber ebensowenig würde es sich ziemen, so empfindlich zu sein, daß man Kleinigkeiten nicht ertragen kann. 4. Ihr seid zwar nicht verpflichtet, der Oberin alles zu sagen,3 aber es ist gewiß ein sehr geeignetes Mittel für die Ruhe und den Frieden der
* Die Ausgabe 1933 bringt auf Seite 526 folgenden Einschub zu dieser Stelle: Ein Beispiel: Der Beichtvater behält mich ziemlich lang im Beichtstuhl, und ich bräuchte so notwendig die Zeit für andere Verpflichtungen; dazu wird mich dann vielleicht noch die Oberin demütigen, indem sie mir einen Vorwurf macht, weil ich so lang im Beichtstuhl gewesen bin; sie wird mich vielleicht fragen – ohne eine Antwort zu erwarten –, was ich dort alles zu sagen hatte; und das alles geht mir durch den Kopf, während ich vor dem Beichtvater knie. – Mein Gott, wie kann man nur so empfindlich sein und die Demütigung so wenig lieben, daß man ihr auszukommen trachtet, wo man nur kann! Sie sagen, Sie hätten Angst, die Oberin zu verstimmen. Entschuldigen Sie, meine liebe Tochter, Ihre Eigenliebe übertölpelt Sie da. Sie dürfen nicht meinen, daß die Oberinnen so empfindlich sind. Nein, sie sind es wirklich nicht und sie werden Sie weder drängen noch Ihnen nahelegen zu sagen, was Sie lieber für sich behalten, wenn Sie es ihnen

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Seele.* Wer den Oberen gegenüber Zurückhaltung übt, täuscht sich selbst, denn er hält sich vom Stellvertreter Gottes fern und sucht anderswo etwas, was er doch nicht finden wird. Denn das, was er sucht, hat Gott jenen vorbehalten, die sich willig und freiwillig der Autorität ihrer Vorgesetzten unterwerfen. Warum das Gute in der Ferne suchen, wenn es doch so nahe liegt? Vergeßt aber nicht, was ich euch gesagt: Ihr seid weder gebunden und gezwungen, der Oberin alles zu sagen, noch seid ihr gebunden und gezwungen, dem Beichtvater etwas zu verschweigen, was ihr gerne sagen möchtet, vorausgesetzt, daß ihr nur von eurer Person redet. 5. Dann wollte ich euch noch etwas sagen: Ich hätte gerne, daß die Schwestern der Heimsuchung in der Beichte recht genau auf die einzelnen Sünden eingehen. Das gilt einmal für jene Schwestern, die so erfaßt sind von Gottes Gegenwart, daß sie sich an keine läßliche Sünde erinnern. Das gilt auch für jene kindlichen Naturen, die schon einiges hätten, was sie beichten sollten, sich dessen aber nicht bewußt sind, sondern ganz einfältig und im guten Glauben ihres Weges gehen. Gott! Wie glücklich sind diese Seelen! Eine solche Seele habe ich gekannt; sie war in meinem Alter. Ich glaube, sie hat niemals eine Todsünde begangen. Obwohl sie eine ganz vorzügliche Person war, beging sie doch vor meinen Augen ein paar grobe läßliche Sünden. Als sie dann nachher beichten ging, wußte sie nichts zu sagen. Sie hatte das in aller Naivität getan, ohne dabei etwas Böses zu finden. Ich möchte nun, daß Ihr es so macht: Wer bei der Gewissenserforschung an sich nichts findet, was Gegenstand der Lossprechung wäre, der soll sich über eine bestimmte Sünde aus der früheren Zeit anklagen, aber nicht etwas Allgemeines sagen, z. B. „Ich habe gelogen.“ Es muß hinzugefügt werden, ob aus Eitelkeit, oder um dem Nächsten zu schaden. Ebenso würde es nicht genügen zu sagen: „Ich habe ein paarmal eine Regung des Zornes gehabt“; das ist dann gerade so, als wenn ihr sagtet: „Ich habe ein paarmal eine Regung der Freude gehabt.“ Der Zorn ist eine Leidenschaft genau wie die Freude oder Traurigkeit. Man darf nicht meinen, daß jede Regung des Zornes schon Sünde ist. Für die Aufwallung können wir nichts. Wir bleiben Leidenschaften unterworfen, ob wir wollen oder nicht. Die Kirche, die Kirnicht ganz einfach anvertrauen wollen. Die Oberin wird auch nicht meinen, daß Sie etwas verschweigen, wie Sie befürchten. Und selbst wenn Sie ihr etwas nicht anvertrauen wollten, so dürfte sie deshalb nicht verstimmt sein.

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chenlehrer und die Konzilien haben jene Mönche verurteilt, die das leugneten. Der Zorn ist erst dann Sünde, wenn er ungeordnet ist, wenn er uns zu unbeherrschten Handlungen hinreißt. Die Regungen des Zornes braucht ihr also nicht zu beichten. Wenn der Beichtvater klug ist, wird er euch auf solche Anklagen antworten: „Gehen Sie in Frieden, wenn Sie weiter nichts haben.“ Man muß also etwas angeben, was wirklich Sünde ist. Zum Beispiel: „Ich bekenne, daß ich dies und jenes getan habe, als ich noch in der Welt war.“ Nicht etwa: „Ich habe mich gegen den Gehorsam versündigt,“ sondern angeben, worin der Ungehorsam bestand, ob es in einer wichtigen oder geringfügigen Sache war. Ich möchte, daß ihr euch das gut merkt, denn es ist notwendig, daß ihr es von nun an so macht. 6. Dann auch wünsche ich, daß ihr in euren Beichten ja recht aufrichtig und einfach seid und nie die Liebe verletzt, – ich sage das nicht so leichthin, sondern weil ich es sagen muß. Aufrichtig und einfach ist hier dasselbe: Also die Tatsachen deutlich, ohne Beschönigung und Verstellung darlegen, dessen eingedenk, daß wir mit Gott reden, dem nichts verborgen ist; dabei vor allem auf die Liebe achten, und niemand anderen in die Beichte hineinziehen. Habt ihr euch anzuklagen, daß ihr innerlich oder auch in Gegenwart von Schwestern gemurrt habt, weil die Oberin heftig geworden ist, dann sagt nicht so: „Ich habe gemurrt, weil die Oberin aufgebraust ist,“ sondern: „Ich habe über eine ältere Schwester gemurrt,“ oder einfach: „Ich habe geschimpft.“ Sagt dann noch, ob es für euch allein war oder mit anderen; – ihr könnt euch nicht vorstellen, wie gefährlich und schlimm das ist! Beichtet also eure Sünde, sagt aber nicht, was euch dazu veranlaßt hat. Sagt auch nicht, daß ihr über einen Tadel gemurrt habt, wenn ihr meint, es könnte am Ende auf dem sitzen bleiben, der den Tadel ausgesprochen hat. Wenn auch die Verfehlung, die wir uns Vorgesetzten gegenüber zuschulden kommen lassen, ernster zu nehmen ist, so brauchen wir, besonders bei geringfügigen Angelegenheiten, nicht zu erwähnen, daß es sich um die Person des Oberen gehandelt hat. Kurz, wir dürfen niemals, weder offen noch versteckt, die Fehler anderer in unser Bekenntnis hineinziehen, noch dem Beichtvater andeuten oder zu einer Vermutung Anlaß geben, wer an unserem Fehler beteiligt war. „Ich habe mich geärgert, weil die Oberin mich im Zorn getadelt hat.“ Ähnlich beichten wohl Stubenmädchen, wenn sie sagen: „Ich habe mich geärgert, sooft die gnädige Frau mich zornig angefah-

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ren hat, ohne daß ich ihr Anlaß gegeben habe.“ – Wer recht demütig beichtet: „Ich klage mich des Gedankens an, daß die Oberin mich im Zorn getadelt habe,“ und nicht hinzufügt: „obwohl ich keinen Grund hatte, dies anzunehmen,“ tut Unrecht, denn sie beichtet die Fehler der Oberin und sagt von der eigenen Schuld nichts. Unfreiwillige Gedanken sind ja ebensowenig sündhaft wie die Regungen der Leidenschaften, solange sie sich nicht in sündhaften Worten oder Taten auswirken. Was ich von der Oberin sagte, gilt von allen anderen auch. Alle überflüssigen Anklagen über bittere, eitle, ja sogar schlechte Gedanken lasse man in der Beichte bleiben. Habt ihr euch freiwillig bei solchen Gedanken aufgehalten, dann sagt es gerade heraus; ebenso, wenn ihr freiwillig zerstreut oder beim Offizium unaufmerksam gewesen seid, weil ihr euch anfangs nicht entsprechend gesammelt habt. Wenn das nicht der Fall war, dann braucht ihr nicht zu sagen, daß ihr während des Betens sehr nachlässig gewesen seid, euch gesammelt zu halten. Mit dieser Anklage kann der Beichtvater gar nichts anfangen und es ist sehr wohl möglich, daß ihr euch selber täuscht, denn die Zerstreutheit ist nicht immer selbst verschuldet. Wir müssen uns einfach bemühen, so gut als möglich gesammelt zu bleiben; mißlingt es uns, dann verdemütigen wir uns ganz ruhig, ohne ängstlich nach einer Sünde zu suchen, wo keine da ist. Seid ihr in der Abwehr der Zerstreuungen nachlässig gewesen, dann beichtet es ganz einfach, ohne weitschweifige Vorreden von „Vernachlässigung der Gegenwart Gottes“ usw., was für die Beichte ganz wertlos ist. 7. Noch etwas wünsche ich mir von euch, meine lieben Töchter. Ich möchte, daß man hier im Haus jenen, die das Wort Gottes verkünden – also den Predigern – große Ehrfurcht und Verehrung entgegenbringe. Wir haben auch allen Grund dazu; sind sie doch Himmelsboten, von Gott gesandt, uns den Weg des Heiles zu zeigen. Boten Gottes müssen wir in ihnen sehen, nicht Menschen. Verstehen sie auch nicht wie Engel zu reden, so dürfen wir das Wort Gottes doch nicht weniger demütig und ehrerbietig von ihnen annehmen; denn immer ist es das gleiche Wort Gottes, das reine, das heilige Wort Gottes, ob von Menschen oder von Engeln verkündet. Schon oft konnte ich bemerken, daß man sich für einen Brief, den ich auf schlechtes Papier mit schlechter Schrift schreibe, genau so herzlich bedankt wie für einen, den ich auf gutes Papier recht fein säuberlich schreibe. Warum wohl? Weil der Empfänger nicht auf das Papier schaut,

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das nicht gut, und auf die Schrift, die schlecht ist, sondern auf mich, der ihm schreibt. Mit dem Wort Gottes darf es nicht anders sein. Wir dürfen nicht auf den schauen, der uns das Gotteswort verkündet und erklärt; es soll uns genügen, daß Gott sich dieses Predigers zu unserer Belehrung bedient. Wie dürften wir es nur an Hochschätzung und Ehrfurcht gegen ihn fehlen lassen, wenn Gott ihm die hohe Ehre erweist, durch seinen Mund zu uns zu reden!

III.
1. Was wäre noch zu besprechen? – O nein, meine Mutter, ich halte es für ausgeschlossen, daß es Schwestern gibt, die so sehr nach Liebkosungen der Oberin verlangen, daß sie, sobald die Oberin etwas kühler ist, gleich daraus schließen, sie hätte sie nicht mehr lieb. Entschuldigen Sie, meine Mutter, unsere Schwestern lieben die Demut und Abtötung viel zu sehr, als daß sie gleich unglücklich wären wegen einer leisen, vielleicht ganz unbegründeten Vermutung, nicht in dem Maße geliebt zu sein, wie es sich die Eigenliebe einbildet. – „Ja, ich habe mir aber der Oberin gegenüber etwas zuschulden kommen lassen. Ich fürchte, sie ist mir deshalb böse und mag mich nicht mehr; kurz, sie wird nicht mehr so viel auf mich halten. Und es ist mir doch viel daran gelegen, daß unsere Mutter etwas auf mich hält.“ O meine lieben Schwestern, all diese Ängste sind diktiert von einer gewissen Oberin, die „Eigenliebe“ heißt und euch zuflüstert: „Nein, wie konntest du nur einen solchen Fehler begehen? Was wird unsere Mutter von dir denken, was wird sie sagen? Ach, es wird doch nichts mehr aus mir elendem Geschöpf! Ich werde ihr nie mehr etwas recht machen können!“ – und wie sie alle heißen, diese schönen und billigen Klagen. – Man sagt nicht: „Ach, ich habe Gott beleidigt, ich will mich in seine Barmherzigkeit flüchten und hoffen, daß er mich stärkt,“ – sondern man sagt: „Ich weiß schon, daß Gott gut ist, daß er über meine Untreue gnädig hinwegschaut, er kennt ja unsere Schwachheit so genau; unsere Oberin aber ...“ und dann geht das alte Gejammer wieder von neuem an. Gewiß soll man sich bemühen, den Vorgesetzten zu gefallen. Der hl. Paulus spricht das ganz deutlich aus, wenn er die Knechte ermahnt (es gilt auch den Kindern) und sagt: „Schaut eurem Herrn alles von den Augen ab.“ Er meint damit, man solle trachten, ihm recht zu Gefallen zu sein. Aber „nicht in Augendienerei“ setzt er hinzu: Sie sollen in

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16. Abtötung der Eigenliebe

Abwesenheit ihres Herrn genau so gewissenhaft arbeiten, wie unter seinen Augen, denn Gott, dem zu mißfallen wir uns hüten sollen, sieht sie allzeit. Halten wir uns an diese Mahnung; im übrigen aber seien wir nicht ängstlich besorgt, die Menschen immer zufrieden zu stellen, denn das ist uns nicht möglich. Tun wir unser Bestes, damit wir niemand ärgern. Kommt dies aber trotzdem aus menschlicher Schwäche vor, dann tun wir das, was ich euch schon so oft eingeschärft habe und euch so gern in die Seele schreiben möchte: Verdemütigen wir uns vor Gott, bekennen wir unsere Schwachheit und Gebrechlichkeit und machen wir dann bei der Person, die wir geärgert haben, unseren Fehler durch einen Akt der Demut wieder gut, außer es handelt sich um etwas ganz Geringfügiges. Haben wir das getan, dann können wir ruhig sein. Denn unsere andere Oberin, die Gottesliebe, verbietet uns jegliche Unruhe, sie heißt uns vielmehr nach dem oben erwähnten Akt der Verdemütigung in unser Inneres einkehren, die gesegnete Verdemütigung, die uns der Fehler eingetragen hat, liebevoll umfangen und diese uns sosehr willkommene kalte Miene der Oberin freudig hinnehmen. 2. Wir haben in uns eine zweifache Liebe, eine zweifache Meinung und einen doppelten Willen, – und so darf man sich um alles, was die Eigenliebe, die eigene Meinung und der Eigenwille uns aufschwätzen, nicht kümmern, wenn wir nur die Gottesliebe über die Eigenliebe und die Meinung der Vorgesetzten, ja sogar die der Gleichgestellten und Untergebenen über unsere Meinung herrschen lassen und diese aufs äußerste zurückdrängen. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, unseren Willen nur soweit zu unterjochen, daß wir tun, was man von uns verlangt. Wir müssen auch die eigene Meinung dazu bringen, das, was man von uns verlangt, für berechtigt und vernünftig zu halten. Strafen wir nur alle Gründe, die unser Urteil uns vorlegt, Lügen, wenn es uns weismachen will, daß wir unsere Aufgabe besser auf eine andere Art erfüllen sollten. Wir tun schon gut, unsere Gründe, wenn sie uns gut scheinen, einmal in aller Einfachheit darzulegen, dann müssen wir aber ohne Widerrede nachgeben und damit unser Urteil, das wir ja immer für höchst weise und für unfehlbar halten, zum Schweigen bringen. 3. Mein Gott! Meine Mutter, unsere Schwestern sind so fest entschlossen, die Abtötung zu lieben, daß man seine Freude an ihnen haben wird. Der Trost wird ihnen im Vergleich zu Trübsal, Trockenheit und Ekel

16. Abtötung der Eigenliebe

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wie nichts erscheinen, so sehnlich verlangen sie, ihrem göttlichen Bräutigam ähnlich zu werden. Helfen Sie ihnen dabei, demütigen Sie die Schwestern gründlich und mutig, ohne sie zu schonen, sie wollen es nicht anders. Sie werden von nun an nicht mehr an Zärtlichkeiten hängen, weil das nicht mit der Erhabenheit ihres Berufes in Einklang steht, sie werden sich in Zukunft dem Wunsch, Gott zu gefallen, so bedingungslos hingeben, daß sie auf nichts hinschauen werden, was sie nicht der Erfüllung ihrer Sehnsucht näher bringt. Nur ein verzärteltes Herz und eine weichliche Frömmigkeit läßt sich von jedem kleinen Hindernis aufhalten. Haben Sie keine Angst, meine Mutter, daß solch weltschmerzliches, unfreundliches, fades Getue sich bei uns einnisten könnte. Dazu haben wir gottlob einen zu fröhlichen Mut; wir werden in Zukunft so eifrig sein, daß Sie Ihre helle Freude an uns haben werden. Inzwischen, meine lieben Töchter, wollen wir uns recht um eine reine Gesinnung bemühen, damit wir alles nur zur Ehre Gottes, zu seiner Verherrlichung tun und allein nur von ihm belohnt werden wollen. Hier in diesem Leben wird seine Liebe unser Lohn, drüben in der Ewigkeit Er selbst unsere Belohnung sein! Es lebe Jesus, seine glorreiche Mutter, Unsere Liebe Frau, und der hl. Josef!

240 17. Gespräch Fragen Verschiedene Fragen1
Ich bin immer gerne bereit, euch etwas zu sagen, auch wenn ich mich nicht eigens vorbereitet habe. Aber zuerst wollen wir das heilige Kreuzzeichen machen. Dann möchte ich der Beantwortung eurer Fragen noch etwas vorausschicken: Es kommt nicht selten vor, daß sich jemand getroffen fühlt, wenn ich in meinen Predigten gewisse Laster geißeln muß. Ich beabsichtige das jedoch nicht. – Es könnte auch hier vorkommen, daß Schwestern meinen, ich habe die eine oder andere von ihnen im Auge, wenn ich auf einen Fehler, den sie vielleicht begangen haben, zu sprechen komme. Dieser Meinung möchte ich vorbeugen. Aber wenn ich auch nicht die Absicht habe, jemand persönlich zu treffen, so hätte ich doch eine große Freude, wenn sich jemand getroffen fühlte. So klage ich mich also dessen schon im voraus an. Die Philosophen, vor allem der große Epiktet, machen einen sehr feinen Unterschied zwischen einem Barbier und einem Wundarzt, wenn das auch heutzutage so ziemlich ein und dasselbe ist. Sie betonen diesen Unterschied schon hinsichtlich ihres Arbeitsraumes und sagen: Es ist immer ein Vergnügen, an einem Barbierladen vorbeizukommen, denn ein Knabe spielt da auf der Flöte und der Barbier hat so viele Wohlgerüche in seinem Geschäft, daß es bei ihm immer fein duftet. Aus dem Laboratorium eines Wundarztes hingegen strömen üble Gerüche, man sieht dort nichts als Salben und Pflaster und hört statt des Flötenspieles die Schmerzensschreie der armen Menschen: „Was machen Sie denn da mit mir! Das tut aber weh!“ Freilich, da wird einer geschnitten, dort einer genäht, ein dritter gebrannt und das alles geht nicht ohne arge Schmerzen ab. Und daß ausgekegelte Knochen nicht eingerichtet werden können, ohne daß der Verunglückte aufschreit, das weiß jedes Kind. Ein Barbier jedoch tut keinem weh; am Bart spürt man ja nichts. Meine Töchter, bald bin ich Barbier, bald Wundarzt. Spreche ich vom Altar aus zu euch, dann tu ich euch nicht weh; das habt ihr gewiß schon gemerkt. Da rede ich wegen der Weltleute, die anwesend sind, für gewöhnlich nicht so ungeschminkt von den einzelnen Fehlern wie in unseren Konferenzen, wo wir unter uns sind. Ich schütte dort nur

17. Abneigungen

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Wohlgerüche aus, rede nur von Tugenden und angenehmen, trostreichen Wahrheiten und spiele auf der Flöte, wenn ich euch zum Lobe Gottes auffordere. In unseren traulichen Unterredungen aber bin ich Wundarzt; da komme ich mit Umschlägen und Pflastern, die ich auf die Wunden meiner Töchter lege. Schreien sie dabei auch manchmal „Au“, so höre ich trotzdem nicht auf, das Pflaster auf die Wunde zu drücken, damit es besser halte und sie so geheilt und wieder gesund werden. Muß ich einen Schnitt machen, dann geht das nicht ohne Schmerzen ab; ich lasse mich jedoch nicht erweichen, dafür bin ich ja da. Seht, meine Töchter, so möchte ich mich bei jenen von euch entschuldigen, die sich vielleicht getroffen fühlen werden; ich möchte sie aber nur noch versichern, daß es dann von Herzen gern geschehen ist.

I.
Jetzt schauen wir uns einmal die erste Frage näher an: Es kommt oft vor, daß die Schwestern sich in der Beichte über etwas anklagen, was der Beichtvater nicht versteht, über eine Abneigung zum Beispiel. Was ist da zu tun? 1. Es ist schon richtig, manche Beichtväter wissen nicht im geringsten, was das Wort Abneigung bedeutet. Sie meinen, Abneigung sei Übelwollen; das ist aber nicht wahr, wie wir gleich sehen werden. Es gibt sehr gelehrte Priester, die schon 30 Jahre von Weltleuten Beichte hören, aber weder Töchter der Heimsuchung noch Laienschwestern richtig verstehen, die nach einem innerlichen Leben streben. Es handelt sich eben da um so feine und zarte Dinge, daß sie nur wirklich innerliche Menschen begreifen können. Was soll man da tun? Ich halte es für das Beste, daß die Oberin jene Beichtväter, bei welchen dieser Mangel an Verständnis zu befürchten ist, aufkläre; ist das nicht möglich, so müssen die Schwestern, wenn sie merken, daß der Beichtvater sie mißversteht und die Abneigung für Haß oder Übelwollen hält, was die Schwestern aus dem Zuspruch ersehen können, sich deutlicher ausdrücken und freimütiger sagen: „So ist es nicht, mein Vater, ich glaube, Sie verstehen mich falsch; es ist so und so.“ Nachher können sie dann der Oberin sagen, daß der Beichtvater sie nicht versteht. Damit klagen sie ihn weder einer Unvollkommenheit noch einer Unwissenheit an, denn es ist sehr leicht möglich, daß Beichtväter trotz aller Gelehrsam-

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17. Abneigungen

keit nicht imstande sind, die Schwestern in so feinen Dingen, wo es sich mehr um Unvollkommenheiten als um Sünde handelt, zu verstehen. – Etwas Ähnliches kam mir einmal bei einer Person unter, die bei mir beichtete: Sie klagte sich über etwas an, was ich nicht verstehen konnte, auch schien es mir wenig glaubhaft, daß in einem so vorzüglichen Haus derartiges vorkommen könne. So sagte ich ihr ganz offen, daß ich sie nicht verstehe, und bat sie, sich genauer auszudrücken. Das tat sie und ich erkannte, daß nichts dahinter war. Es liegt mir sehr viel daran, daß die Schwestern recht darauf bedacht sind, sich ganz klar und einfach auszudrücken, um den Beichtvätern solche Verlegenheiten zu ersparen. Die Oberin soll in aller Demut die Beichtväter aufklären, welcher Art die Fehler sind, die die Schwestern aus Abneigung zu begehen pflegen. 2. Diese Abneigungen sind Regungen, die zuweilen von der Natur kommen und ein Gefühl der Unlust gegen jene Menschen auslösen, die uns unsympathisch sind. Sie bewirken, daß wir nicht gern mit ihnen zusammen sind, d. h. nicht so gern wie mit den Menschen, zu welchen wir uns hingezogen fühlen und für die wir Gefühle der Liebe empfinden, weil zwischen ihnen und uns eine gewisse Geistes- und Seelenverwandtschaft besteht. Ein Beispiel mag uns zeigen, wie wir uns ganz natürlich zu dem einen hingezogen, von dem anderen abgestoßen fühlen: Zwei Menschen gehen in ein Gasthaus, wo zwei andere ein Spiel angefangen haben. Unwillkürlich nimmt der eine Stellung für diesen, der andere für jenen und jeder wünscht, daß sein Mann das Spiel gewinne. Warum das? Man hat die Leute nie gesehen, nie von ihnen gehört, man weiß nicht, wer der Bessere ist, – und doch geschieht dies immer wieder. Man muß also annehmen, daß Zuneigung und Abneigung etwas rein Natürliches sind. – Das kann man sogar an den unvernünftigen Tieren beobachten. Macht einmal den Versuch mit einem neugeborenen Lämmchen: Haltet ihr ihm ein Wolfsfell hin, so wird es gleich vor dem Wolf davonlaufen, der doch tot ist, wird zu seiner Mutter flüchten, ängstlich blöken und alles mögliche aufführen, um dem Wolf auszukommen. Führt ihr das Lämmlein aber zu einem Pferd hin, das doch ein viel größeres Tier ist, dann erschrickt es nicht im geringsten, sondern spielt mit ihm. Der natürliche Instinkt führt es eben zum Pferd hin und läßt es den Wolf fürchten.

17. Abneigungen

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Sollen wir uns aus den Abneigungen viel machen? Nein! Nicht mehr und nicht weniger als aus den Zuneigungen; wichtig ist nur, daß die Vernunft die Oberhand behält. 3. Darf ich einer Person, gegen die ich Abneigung empfinde, von der ich aber weiß, daß sie sehr tugendhaft ist und ich viel von ihr lernen könnte, ausweichen und so meiner Abneigung folgen? Auf keinen Fall! Die Abneigung muß der Vernunft weichen, die mich die Gesellschaft dieser Person suchen oder wenigstens friedlich und ruhig bei ihr bleiben heißt, wenn ich mit ihr zusammentreffe. Es gibt Leute, die die Gesellschaft gerade jener Menschen meiden, die ihnen sehr zusagen, aus lauter Angst, sie könnten Fehler an ihnen entdecken, sodaß ihnen dann ihre so schöne Liebe und Freundschaft vergällt würde. – Ich hatte einen Schulkameraden, der von dieser Art war. Er hatte mich sehr gern, ging mir aber, obwohl ich ihm doch nichts zuleide getan hatte, immer aus dem Weg, worüber ich sehr erstaunt war. Eines Tages trafen wir uns dennoch und da gestand er mir, warum er es vermeide, mit mir zusammenzukommen; er fürchte, mich einmal nicht mehr so gern haben zu können wie bisher. Sobald er nämlich an Menschen, die er liebe, einen Fehler oder eine Unvollkommenheit gewahre, und sei es auch nur ein ungutes Wort oder eine unfeine Bewegung, wäre es aus mit dem süßen Zauber der Liebe. 4. Was gibt es aber nun für ein Mittel gegen die Abneigungen, da doch kein Mensch, auch nicht der vollkommenste, davon frei ist? Herbe Menschen empfinden Abneigungen gegen jene, die freundlich sind, und halten sie für weichlich. Und doch ist gerade die Freundlichkeit und Güte eine allgemein beliebte Eigenschaft. Aber gibt es nicht auch Frauen, die gegen Zucker einen solchen Widerwillen haben, daß sie Früchte stehen lassen, nur weil sie gezuckert sind? Hier in diesem Leben ist keiner frei von Abneigungen. Wie bei allen Versuchungen, so ist auch hier Ablenkung das einzige Gegenmittel; man darf nicht daran denken. – Habe ich mit einem Menschen zu tun, der mir zuwider ist, so muß ich meinen Geist davon losreißen, an diese Abneigung zu denken, und tun, als wenn nichts wäre. Leider Gottes möchten wir aber nur zu gern wissen, ob dieser Widerwillen berechtigt ist oder nicht. O, auf derlei Untersuchungen dürfen wir uns nie einlassen. Denn die Eigenliebe – die niemals stirbt – wird uns die Pille so geschickt vergolden, daß wir sie wirklich für gut halten, d. h. sie wird uns vorspiegeln, daß wir unsere guten Gründe haben, der betreffenden Person abgeneigt zu sein. Haben

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17. Beklagen

aber einmal das eigene Urteil und die Eigenliebe diese Gründe gutgeheißen, so wird uns nichts mehr davon abbringen, sie für berechtigt und vernünftig zu halten. Wir müssen in diesen Dingen sehr auf der Hut sein! Es ist dies so wichtig, daß ich etwas ausführlicher darüber reden muß. Wir haben niemals einen Grund zur Abneigung und noch weniger, sie zu nähren. Handelt es sich nur um Abneigungen, so ist es am besten, wenn man ihnen keine Bedeutung beilegt, sondern sich einfach von ihnen abwendet und nichts dergleichen tut. Sieht man aber, daß diese natürliche Regung sich weiter vorwagt und uns davon abbringen will, der Vernunft zu folgen, so müssen wir gerade zur Vernunft unsere Zuflucht nehmen, denn sie ist es, die uns verbietet, unseren Abneigungen, wie jeder anderen schlechten Neigung, Zugeständnisse zu machen, aus Furcht, Gott zu beleidigen. Lassen wir uns von der Abneigung nur so weit beeinflussen, daß wir ein bißchen weniger freundlich sind als mit Personen, die wir sehr gern haben, dann ist das weiter nicht schlimm. Es ist fast unmöglich, sich anders zu verhalten, wenn das Gefühl des Widerwillens gerade sehr stark ist; es wäre auch verkehrt, das zu verlangen. Doch genug über diesen Punkt.

II.
Nun zur zweiten Frage: Darf sich eine Schwester bei einer Mitschwester beklagen, wenn sie von der Oberin oder der Novizenmeisterin oder von irgend einer anderen Schwester eine Kränkung erfahren hat oder bei irgend einem Anlaß enttäuscht wurde? Sollte sie nicht vielleicht besser mit dem Beichtvater oder dem geistlichen Vater darüber reden, wenn es sich um die Oberin handelt, oder mit der Oberin, wenn die Novizenmeisterin oder eine Schwester den Ärger verursacht hat? Mein Gott, es ist recht gefährlich, sich zu beklagen; ich habe schon in der „Anleitung“ (3,3) gesagt: „Gewöhnlich sündigt, wer sich beklagt.“ Sich bei einer Mitschwester über eine andere beklagen und über den Fehler dieser Schwester reden, mit der wir unzufrieden waren, ist bestimmt ganz schlecht. Sich bei der Oberin beklagen – kann schließlich noch den Unvollkommenen zugestanden werden. Wir anderen aber, wir wollen doch nicht so wehleidig sein und jeden kleinen Verdruß, der uns vielleicht ganz unabsichtlich bereitet wurde, der Oberin klagen.

17. Bücher

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Mit dieser Frage wollen wir uns nicht weiter beschäftigen; es genügt uns zu wissen, daß wir uns ohne langes Feilschen einfach bessern müssen, handelt es sich doch hier um etwas sehr Wichtiges.

III.
Wie müssen wir es mit den Büchern halten, die man uns zu lesen gibt? Die Oberin wählt z. B. für eine Schwester die „Nachfolge Unserer Lieben Frau“aus, ein Buch, das ihr nicht gefällt, oder die „Abtötungen“ von Arias oder ein anderes Buch, das zwar schöne Gedanken über die Tugenden bringt, von der Schwester aber sehr ungern gelesen wird und deshalb ihr auch, wie sie meint, keinen Nutzen bringt. Sie liest es dann nur flüchtig und unwillig und kann daher weder Geschmack noch Freude daran haben. Antwort: Diese Unlust kommt daher, weil sie meint, alles was in diesem Buch steht, schon haarscharf zu wissen, und überhaupt lieber die „Abhandlung über die Gottesliebe“ haben möchte oder ein anderes Buch, das von der Gottesliebe handelt. – Ich finde, daß sie ganz recht hat, die Gottesliebe allen Büchern vorzuziehen, denn die Gottesliebe muß uns über alles gehen. Um aber nun auf das zu kommen, was die Schwester mit ihrer Frage wissen wollte, so muß sie sagen: Es ist eine Unvollkommenheit, das Buch, das man uns gibt, nicht lesen oder ein anderes dafür haben zu wollen. Wir beweisen damit, daß es uns mehr um die Befriedigung unserer Neugier als um den seelischen Gewinn zu tun ist. Nicht nur Gesicht und Gehör sind neugierig, auch der Verstand ist es. Lesen wir ein Buch nicht zu unserer Befriedigung, sondern zur Befriedigung unseres Wissens, dann wird uns jedes Buch recht sein; zum mindesten würden wir gerne annehmen, was uns die Vorgesetzten zu lesen geben. Ja, ich gehe noch einen Schritt weiter und versichere euch, daß wir sogar mit einem einzigen Buch zufrieden wären, wenn es nur ein gutes Buch ist und etwas von Gott darin steht. Und enthielte es auch nur das eine Wort: Gott – so wären wir vollauf zufrieden, denn mit diesem Wort hätten wir immer genug zu tun, auch wenn wir es noch so oft lesen. Liest man aus Neugier, so ist dies ein Zeichen, daß man oberflächlich ist und mit dem, was in diesen verschiedenen Büchern über die Tugenden zu lesen war, nicht Ernst machen will.

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17. Ohrenbläserei

Sie schreiben von der Demut und Abtötung, die man doch nicht übt, wenn man die Bücher, die man erhält, nicht gern annimmt. Es ist ein falscher Schluß zu sagen: „Dieses Buch wird mir nicht viel nützen, weil ich es nicht gerne lese.“ „Wie soll mich das Buch interessieren und wie soll ich es lesen, wenn ich es schon ganz auswendig weiß?“ – Das sind doch alles Kindereien! Wir müssen viel großzügiger denken. Wenn man Ihnen ein Buch gibt, dessen Inhalt Sie schon kennen, vielleicht sogar auswendig wissen, so danken Sie Gott! Sie erfassen dann besser, was es vorbringt. – Gibt man Ihnen ein Buch, das Sie schon mehrmals gelesen, dann nehmen Sie es demütig an und seien Sie überzeugt, daß Gott es so haben will, damit Sie Ihre Zeit dazu verwenden, mehr zu tun, als zu lernen, und daß er es Ihnen deswegen ein zweites und drittes Mal gibt, weil Sie beim ersten Mal noch keinen Nutzen daraus gezogen haben. Ein Ordensmann fragte einmal den hl. Thomas von Aquin, – ich habe euch das schon öfter erzählt – wie er ein großer Gelehrter werden könne. Der Heilige antwortete: „Lesen Sie nur ein Buch.“ Uns aber ist es weit mehr um die eigene Befriedigung als um das Wachsen in der Vollkommenheit zu tun, und darin liegt das Übel. Läßt uns die Oberin mit Rücksicht auf unsere Schwachheit einmal die Wahl, dann dürfen wir uns ein Buch heraussuchen, – ganz einfach, wie wir es wünschen. Im übrigen aber sollen wir uns demütig der Anordnung der Vorgesetzten fügen, ob das Buch nach unserem Geschmack ist oder nicht. Regt sich in uns ein Gefühl des Widerwillens, dann dürfen wir es uns nicht anmerken lassen. Halten wir uns an diese Grundsätze, dann werden wir bald nicht mehr sagen: Ich habe keine Lust, das Buch zu lesen, das die Oberin mir gegeben hat.

V. I V.
Man fragt jetzt: Darf man die Namen der Schwestern nennen, die uns eine nachteilige Äußerung der Oberin oder einer Mitschwester hinterbracht haben? Da man alles der Oberin sagen muß, wäre es leicht möglich, daß sie den Namen der betreffenden Schwester wissen möchte. Sollen wir dann sagen, wer es gewesen ist? Nein! Ihr sollt weder den Namen nennen, noch soll die Oberin euch danach fragen. Dieses Hinterbringen ist eine Sünde, unter Umständen

17. Ohrenbläserei

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sogar eine bedeutende Sünde. Es ist verboten, die verborgene Sünde des Nächsten zu offenbaren; eine Unvollkommenheit dürfte man aufdecken, eine Sünde nicht. Nur wer das Amt hat, auf andere aufzupassen und ihre Verfehlungen zu melden, ist von diesem Verbot ausgenommen und darf auf Dinge, die an sich Sünde sind, hinweisen. Wer aber das Amt nicht hat, der darf es nicht tun. – Ihr sagt, es sei für die Oberin eine große Erleichterung, die Namen zu wissen, sie könne dann viel milder zurechtweisen. – Wenn eine Sünde vorliegt, dann ist es besser, die Namen nicht zu nennen und die Mahnung dann an alle zu richten; sind auch nicht alle schuldig, so ist es doch gut, alle zu warnen. Die Schuldigen werden bei dieser allgemeinen Zurechtweisung schon den Teil herausnehmen, der ihnen gebührt. Was ich euch jetzt sage, ist sehr wichtig, – viel wichtiger, als man gewöhnlich glaubt. Hinterbringt ihr, was die Oberin über eine abwesende Schwester gesagt hat, so macht ihr euch damit jener Sünde schuldig, die man Ohrenbläserei, auf lateinisch „susurratio“ nennt, d. h. ihr flüstert eurer Mitschwester die Äußerung der Oberin ins Ohr. Ich muß euch ein bißchen Latein lehren. Susurratio heißt Geflüster, Gemurmel und wird z. B. vom Geräusch gebraucht, das kleine Bäche verursachen, wenn das Wasser über die Steine stürzt, die ihm ein Hindernis bereiten, und Wellchen macht, sodaß es nicht lautlos dahineilen kann wie in großen Flüssen, die so ruhig fließen, daß man die Strömung fast nicht sieht. – Die Weltmenschen kommen nicht mit dem leisen Gemurmel der Bächlein, sondern mit dem Tosen reißender Gebirgsflüsse, die alles mitschwemmen, was ihnen in den Weg kommt. Weltmenschen posaunen oft die Fehler und Sünden ihrer Mitmenschen nur so hinaus; sie säen Zwietracht und sind voll Bosheit und tödlichen Hasses. Sie lassen den Abneigungen, die bei ihnen zu Haß ausarten, freien Lauf und betrüben und quälen ohne Unterlaß, wen sie nicht ausstehen können. Bei geistlichen Personen hingegen wirkt sich eine Abneigung nur in harmlosen Dingen aus; ihnen sind Abneigungen weit mehr Last als Sünde und so ist ihr Lohn größer als ihre Schuld. Meine lieben Töchter, was für ein Recht habt ihr, dieser armen Schwester mit eurem Geflüster das Herz schwer zu machen, da ihr die kränkende Äußerung der Oberin oder einer Schwester hinterbringt? Mein Gott! Wir müssen auf die Herzensruhe und den Frieden einer Mitschwester mehr Rücksicht nehmen und die Fehler unserer Mitmenschen viel sorgsamer zudecken. – Ihr begeht sonst zugleich zwei Feh-

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17. Fehler an Ordensleuten

ler: Ihr redet über die Unvollkommenheit einer Mitschwester und raubt einer anderen die Herzensruhe; und obendrein verfehlt ihr euch gegen die Regel, indem ihr mit einer Schwester allein redet. Wir meiden mit der Gnade Gottes zwar die oben erwähnten schweren Sünden, die in der Welt begangen werden; wir müssen uns aber auch recht gewissenhaft vor diesen kleinen Fehlern hüten, wo es doch ganz an uns liegt, sie zu unterlassen. Begeht Ihre Mitschwester eine Sünde, von der niemand Kenntnis hat, dann helfen Sie ihr, soviel Sie können, sich zu bessern, und weisen Sie sie in schwesterlicher Liebe im Sinn der Regel zurecht. Im übrigen aber dürfen Sie in keiner Weise etwas verlauten lassen, außer dem, was Sie zu tun haben, um den Artikel der Satzungen „Von der Zurechtweisung“ zu befolgen; sonst begehen Sie eine Sünde. Wir dürfen unsere läßlichen Sünden laut und deutlich vor aller Welt bekennen, vor allem dann, wenn wir uns verdemütigen wollen. Schwere Sünden aber dürften wir nicht laut bekennen, weil unser guter Ruf nicht unser alleiniges Eigentum ist. Aus demselben Grund haben wir auch die Pflicht, über die verborgenen Sünden unserer Mitmenschen zu schweigen. Handelt es sich um etwas, was mehrere gesehen haben, dann darf man es den Vorgesetzten schon sagen. Ein Beispiel: Eine Schwester hat sich Ihnen gegenüber in ihren Worten zu leidenschaftlicher Erregung und heftiger Ungeduld hinreißen lassen. War das in Gegenwart anderer Schwestern, so ist es keine geheime Sünde mehr; sie dürfen also mit der Oberin darüber sprechen, damit sie der Schwester helfe, sich darin zu bessern. Das gleiche gilt für all die kleinen Fehler, wie sie so manchesmal vorkommen, z. B. ein leichtes Nörgeln, ein abweisendes Wort, eine kalte Miene, ein Verstoß gegen die Regel und dergleichen kleiner Dinge. Für die groben Fehler muß man sich an den Artikel „Von der Zurechtweisung“ halten.

V.
Die fünfte Frage lautet: Dürfen wir uns wundern, daß unsere Mitschwestern Unvollkommenheiten an sich haben und daß wir solche auch an Vorgesetzten sehen? 1. Was den ersten Teil der Frage betrifft, so ist es ganz klar, daß es uns durchaus nicht wundern darf, wenn wir hier unter uns wie auch in ande-

17. Fehler an Ordensleuten

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ren noch so vorbildlichen Ordensgemeinschaften Unvollkommenheiten wahrnehmen. Kein Orden, auch nicht die „Heimsuchung“, ist so vollkommen, daß nicht ab und zu Fehler vorkämen, und zwar mehr oder minder oft, je nachdem wir eben auf die Probe gestellt werden. Es gehört nicht viel dazu, recht sanftmütig zu sein, wenn einem nichts in die Quere kommt und die Geduld nicht auf die Probe gestellt wird. – Sagt man mir von einer Schwester: „Man hat sie noch nie einen Fehler begehen sehen,“ dann ist meine erste Frage: „Hat sie ein Amt?“ Und hat sie keines, dann gebe ich auf ihre Vollkommenheit nicht viel. Denn es ist ein sehr großer Unterschied zwischen der Tugendhaftigkeit einer solchen Schwester und der einer anderen, deren Tugend sich in äußeren Schwierigkeiten, wie Unannehmlichkeiten und Geschäften, oder in inneren Kämpfen und Versuchungen bewährt hat. Nicht im Frieden erstarkt die Tugend, sondern im Kampf mit den ihr entgegengesetzten Untugenden. Eine Schwester, die in der Welt recht eitel war und jetzt im Kloster von Versuchungen der Eitelkeit geplagt wird, soll sich glücklich schätzen, denn diese Versuchungen sind weit davon entfernt, ihr zu schaden, sie verhelfen ihr nur zu einer echten, gefestigten Demut. Gewiß, sich diese Tugend der Sanftmut mit dem Schwert in der Hand erstritten zu haben, mag ja vorbildlich und sehr erbaulich sein; kommt es aber zur Erprobung, dann könnt ihr es erleben, wie der Sanftmütige aufbraust und so beweist, daß seine Sanftmut nur eine eingebildete, nicht eine kraftvolle und echte Tugend war. Frei von einem Laster sein, heißt noch lange nicht, die entgegengesetzte Tugend besitzen. Manche Menschen scheinen überaus tugendhaft zu sein; in Wirklichkeit besitzen sie keine Tugend, weil sie sich keine durch ihr Bemühen erworben haben. Oft schlafen unsere Leidenschaften nur oder sie sind wie betäubt. Wenn wir nun während dieser Zeit nicht Kraft für die Abwehr und den Kampf aufspeichern, dann werden uns die Leidenschaften besiegen, sobald sie wieder erwacht sind. Wir müssen immer ganz demütig bleiben und dürfen nicht meinen, wir wären auch schon im Besitz jener Tugenden, gegen die wir uns nicht, wenigstens nicht bewußt, verfehlen. Ich wünsche mir, daß die Novizinnen sich nicht um die Fehler der Profeßschwestern kümmern, daß sie vielmehr recht gewissenhaft auf ihre eigenen aufpassen und so gar keine Zeit haben, auf die der anderen zu achten, wenigstens nicht, solange sie im Noviziat sind. Nach dem

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17. Fehler an Ordensleuten

Noviziatsjahr, eigentlich schon gegen Ende desselben werden sie vom Blick auf ihre Fehler abgelenkt, sie werden nicht mehr getadelt und die Leidenschaften schlafen ein. Sie begehen keine groben Fehler mehr und lenken daher ihre Aufmerksamkeit so stark auf Gott, daß sie nicht dazu kommen, die Fehler der Profeßschwestern zu sehen, die sie ja für sehr bewährt halten. Und sehen sie ältere Schwestern in Fehler fallen, so wird bei ihnen Mitleid das Staunen überwiegen. Sie werden die Profeßschwestern für recht gut halten, da sie sehen, wie diese ihnen trotz ihrer Unvollkommenheiten zum großen Glück der Gelübdeablegung verhelfen und mit ihnen ihr Leben lang zusammensein wollen. Viele Leute glauben, daß Menschen, die ihre Lebensaufgabe im Streben nach Vollkommenheit sehen, frei von Fehlern sein müßten. Vor allem Ordensleute müßten es, denn um vollkommen zu werden, bräuchte man doch nur ins Kloster zu gehen. Das ist aber ein Irrtum. Die Ordensgemeinschaften sind nicht eine Vereinigung von Vollkommenen, sondern von Menschen, die den Mut haben, vollkommen werden zu wollen. Vollkommen sein heißt nichts anderes, als den Eifer der Liebe haben, – nicht nur die Liebe, denn die hat jeder, der im Stande der heiligmachenden Gnade ist – den Eifer der Liebe, der uns nicht nur antreibt, unsere Laster auszurotten, sondern auch anfeuert, beharrlich zu arbeiten, um die den Lastern entgegengesetzten Tugenden zu erwerben. Ich will euch etwas erzählen, was ich schon manchmal erlebt habe: Ich sagte zu den Frauen, die aus der Stadt hierher kommen, daß ich gerne etwas von ihnen wissen möchte, sie müßten es mir aber wahrheitsgetreu beantworten. Sie versprachen es. So fragte ich sie, was sie von den Töchtern der Heimsuchung hielten. Die einen sagten ohne Besinnen, sie fänden an ihnen so viel Gutes, wie sie es nie für möglich gehalten hätten. Die anderen antworteten auf die gleiche Frage: Die Regel lesen und die Regel geübt sehen, sei zweierlei. Die Regeln an sich seien Honig und Zucker, seien ganz Milde und Vollkommenheit, an den Schwestern sehe man jedoch so manches Unvollkommene. Ich habe über die Idee, daß die Vollkommenheit der Regeln alle Unvollkommenheiten bei den Schwestern ausschließen sollte, herzlich gelacht. 2. Was ist aber zu tun, wenn wir an den Oberen ebenso Fehler sehen wie an den anderen? Muß uns das nicht wundern? Menschen, die unvollkommen sind, macht man doch nicht zu Vorgesetzten?

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Meine lieben Töchter, wollten wir nur vollkommene Menschen zu Oberen oder Oberinnen wählen, dann müßten wir schon Gott bitten, uns Heilige oder Engel dafür zu schicken, denn unter den Menschen suchen wir sie vergebens. Was man von den Oberen erwartet, ist, daß sie kein schlechtes Beispiel geben, aber man schaut nicht darauf, ob sie frei von Unvollkommenheiten sind, wenn sie nur die notwendigen geistigen Voraussetzungen erfüllen. Es gibt wohl Ordensleute, die sehr vollkommen, aber trotzdem nicht fähig sind, Obere zu sein. Hat der Heiland mit der Wahl des hl. Petrus zum Oberhaupt der Apostel uns nicht selber gezeigt, wie wir über Unvollkommenheiten hinwegschauen sollen? Wir alle wissen, daß der hl. Petrus der am wenigsten vollkommene von allen Aposteln war und es auch nach der Übertragung dieses hohen Amtes geblieben ist. Welch eine Sünde beging er doch beim Leiden und Sterben seines Herrn! Im Gespräch mit einer Magd verleugnete der Unselige seinen geliebten Meister, der ihm so viel Gutes getan. Er redet recht groß und läuft dann davon. Selbst nachdem er den Heiligen Geist empfangen hatte und in der Gnade gefestigt war, ließ er sich einen groben Fehler zuschulden kommen, sodaß der hl. Paulus den Galatern schreibt: „Ich widerstand dem Petrus ins Angesicht, weil er Tadel verdiente“ (Gal 21,11). Wenn nun sogar Petrus, nachdem er den Heiligen Geist empfangen hatte, noch zu tadeln war, wie dürfte es uns wundern, wenn Vorgesetzte noch Fehler machen? Und nicht nur der hl. Petrus war tadelnswert, auch der hl. Paulus und Barnabas waren es, da sie einen kleinen Streit miteinander hatten. Der hl. Barnabas wollte seinen Vetter Johannes Markus zusammen mit den anderen, die das Evangelium predigen sollten, mitnehmen. Paulus, der anderer Ansicht war, wollte das nicht. Barnabas jedoch bestand darauf und nahm Markus mit sich. So trennten sie sich und verkündeten die Frohbotschaft in verschiedenen Ländern (Apg 15,37-41). Gott aber wendete diesen Streit zum Guten, denn so predigte jeder an einem anderen Ort und sie streuten den Samen des Wortes Gottes in verschiedenen Gegenden aus. Glauben wir doch nicht, daß wir uns in diesem Leben frei von Unvollkommenheiten oder gar von läßlichen Sünden halten können! Das ist unmöglich, gleich unmöglich für Vorgesetzte wie für Untergebene, weil wir alle Menschen sind. Es ist notwendig, daß wir uns dessen bewußt bleiben, damit wir uns nicht wundern, noch immer Unvollkommenheiten und läßliche Sünden an uns zu finden.

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17. Fehler an Ordensleuten

Der Herr hat uns gelehrt, täglich zu bitten: „Vergib uns unsere Schuld“ (Mt 6,12), wie es im „Vater unser“ heißt. Keiner darf sich ausnehmen, denn wir alle haben Grund darum zu bitten. Es wäre ein falscher Schluß zu sagen: „Er ist Ordensoberer, also wird er nicht zornig und hat auch sonst keine Unvollkommenheiten an sich.“ – „Er ist Bischof, also lügt er nicht und ist auch nicht eitel.“ – Ihr seid zur Oberin gegangen,* um mit ihr zu reden; diesmal ist sie aber mit euch nicht so herzlich wie sonst. Wahrscheinlich weiß sie vor lauter Sorgen und Arbeit nicht, wo ihr der Kopf steht. Da wundert ihr euch, eure Eigenliebe ist verletzt und ihr geht verstört weg, statt zu bedenken, daß Gott diese kleine Frostigkeit der Oberin zugelassen hat, um eurer Eigenliebe einen Schlag zu versetzen, die erhofft hatte, daß die Oberin recht herzlich mit euch sein und recht liebevoll auf eure Anliegen eingehen würde. Aber freilich, einer Abtötung zu begegnen, wo wir ihr nicht begegnen wollen, das paßt uns nicht. Nun, da geht man halt dann zum lieben Gott und betet für die Oberin oder dankt ihm für diese liebe, bittere Pille. Kurz, meine lieben Töchter, laßt uns doch das Wort des hl. Paulus nicht vergessen: „Die Liebe fahndet nicht nach Bösem“ (1 Kor 13,5). Der Apostel sagt nicht: Die Liebe sieht nicht Böses, sondern er sagt: Fahndet nicht nach Bösem. Mit anderen Worten also: Solange es noch nicht erwiesen, daß das Böse, das die Liebe sieht, auch wirklich böse ist, forscht sie nicht weiter nach und nimmt einfach das Gute an. Das heißt also: Wenn die Liebe Böses sieht, wendet sie sich ab, beschäftigt sich nicht damit und will es nicht beobachten.

* Zu dieser Stelle bringt die Ausgabe 1933 auf Seite 527 noch folgende Lesart: Wenn Sie zur Oberin gehen, werden Sie vielleicht nicht ganz freundlich empfangen, weil sie den Kopf bei Hämmern, Ziegelsteinen und Mörtel hat und sich darum kümmern muß, daß es am Bau vorwärts geht. Was heißt denn dieses „Ach“? Doch nur dies: „Warum lassen Sie mich denn keinen Augenblick in Ruhe, ich habe schon genug anderes zu denken! “ Sie sagt das nicht, Ihre Eigenliebe aber hört es heraus und meint, daß sie es doch denkt. – Und Sie gehen dann ganz gekränkt davon und sagen sich: Was ist doch das für eine Oberin! Nicht einmal reden darf man mit ihr, nein, wie man nur so wenig tugendhaft sein kann! Statt so daherzureden, täten Sie besser, sich zu fragen, was denn Ihre Eigenliebe sich erwartet hat. Wohl das: die Oberin hätte Sie „meine liebe Tochter“ anreden, recht zärtlich mit Ihnen umgehen, und liebenswürdig anhören sollen, was Sie ihr sagen wollten.

17. Fehler an Ordensleuten

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Darf die Oberin merken lassen, wie unangenehm es ihr ist, daß die Schwestern ihre Unvollkommenheiten wahrnehmen? Was soll sie sagen, wenn eine Schwester sich in aller Einfalt eines Gedankens oder Urteils anklagt, das die Oberin einer Unvollkommenheit zeiht, wenn sie z. B. sich anklagt, gedacht zu haben, daß die Oberin im Zorn getadelt hat? – Die Oberin soll sich verdemütigen und sich bemühen, ihre Niedrigkeit zu lieben. Wäre die Schwester dabei etwas aufgeregt, so dürfte die Oberin nichts dergleichen tun, müßte von etwas anderem reden, die Verdemütigung aber sorgsam in ihrem Herzen bergen. Wir wollen uns aber vor den Schlichen der Eigenliebe in acht nehmen, die uns gerne um die Gelegenheit bringen möchte, unsere Unvollkommenheiten zu erkennen und uns zu verdemütigen. Wenn also die Oberin auch den äußeren Akt der Demut unterläßt, um die arme Schwester, die schon aufgeregt genug ist, diesen Gedanken über sie gehabt zu haben, nicht noch mehr aufzuregen, so muß sie sich darüber doch wenigstens innerlich demütigen. – Ist aber die Schwester bei ihrem Geständnis nicht aufgeregt, dann hielte ich es für gut, daß die Oberin, wenn sie gefehlt hat, dies offen zugibt. Hat die Schwester falsch geurteilt, dann möge die Oberin dies in aller Demut sagen, zugleich aber sorgsam die Verdemütigung, daß man sie für fehlerhaft angesehen hat, für sich behalten. Seht, meine lieben Töchter, die Liebe zur eigenen Niedrigkeit, diese unscheinbare Tugend, darf auch nicht für einen Augenblick aus unserem Herzen hinaus, da wir sie jederzeit brauchen, und wären wir der Vollkommenheit noch so nahe. Wir sagten ja vorhin schon, daß die Leidenschaften wieder aufwachen, zuweilen sogar nach einem langjährigen Ordensleben und nach großen Fortschritten in der Vollkommenheit. Das hat man an einem Mönch aus dem Kloster des hl. Pachomius gesehen, der Silvanus hieß und in der Welt Gaukler und Schauspieler von Beruf gewesen war. Nachdem er sich bekehrt hatte und ins Kloster gegangen war, lebte er während seines Probejahres, ja sogar während vieler Jahre ein Leben vorbildlicher Selbstverleugnung und nichts gemahnte mehr an seinen ehemaligen Beruf. Nach 20 Jahren glaubte er, zur Erheiterung seiner Mitbrüder einige Späße vormachen zu dürfen. Er war der festen Überzeugung, die früheren Leidenschaften wären schon so erkaltet, daß sie ihn wohl kaum dazu bringen könnten, die Grenzen einer harmlosen Unterhaltung zu überschreiten. Wie täuschte sich aber der arme Mann! Die Leidenschaft flammte so heftig in ihm

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17. Fehler an Ordensleuten

auf, daß die Spaßmacherei in Ausgelassenheit ausartete, sodaß man beschloß, ihn deshalb aus dem Kloster zu entlassen. Das wäre auch geschehen, wenn sich nicht einer seiner Mitbrüder für ihn eingesetzt und versprochen hätte, daß Silvanus sich gewiß bessern werde. Er besserte sich in der Tat und wurde ein großer Heiliger. Da seht ihr es, meine lieben Töchter, wir dürfen nie vergessen, was wir gewesen, sonst werden wir schlimmer, als wir waren; dürfen niemals meinen, wir wären schon vollkommen, bloß deshalb, weil wir uns keine groben Verfehlungen zuschulden kommen lassen. Auch dürfen wir uns ja nicht wundern, wenn wir Leidenschaften haben; wir werden sie haben, solange wir leben. Jene Mönche, die das Gegenteil behaupteten, wurden vom heiligen Konzil verurteilt und ihre Ansicht als Irrlehre erklärt. Wir werden also stets Fehler machen; wir müssen nur schauen, möglichst wenige zu machen, zwei in fünfzig Jahren, wie es bei den Aposteln in den fünfzig Jahren nach der Herabkunft des Heiligen Geistes war! Und wenn wir auch drei oder vier, ja selbst sieben oder acht Fehler in fünf Jahrzehnten begingen, so wäre das kein Grund, traurig und verzagt zu werden, sondern erst recht Mut und Kraft zu schöpfen, um es wieder besser zu machen. Noch ein Wort an die Oberin: Wie die Schwestern nicht erstaunt sein dürfen, daß die Oberin oder die Novizenmeisterin noch Unvollkommenheiten an sich haben (hat doch auch der hl. Petrus sogar als Hirte der heiligen Kirche und Oberhaupt der ganzen Christenheit einen so groben Fehler begangen, daß er, wie der hl. Paulus sagt, Tadel verdiente), wie also die Schwestern sich nicht über die Fehler der Vorgesetzten wundern dürfen, so dürfen auch die Vorgesetzten ihrerseits nicht erstaunt sein, daß ihre Fehler bemerkt werden, daß die Novizinnen die Unvollkommenheiten der Novizenmeisterin und die Schwestern die Unvollkommenheiten der Oberin sehen. Beide müssen es da machen wie der hl. Petrus, der vom hl. Paulus, seinem Untergebenen, den Tadel ruhig und demütig angenommen hat. Wer ist da wohl mehr zu bewundern? Der hl. Paulus, der den Mut hat, den hl. Petrus zu tadeln – oder der hl. Petrus, der sich demütig zurechtweisen läßt, noch dazu in einer Sache, die er in bester Absicht zu machen glaubte?

17. Die Oberin

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VI.
Gehen wir nun weiter. Sie fragen: Eine Oberin hat die Neigung, sich mit weltlichen Personen abzugeben, in der Absicht, ihnen zu nützen. Sie vernachlässigt dabei aber ein wenig die besondere Betreuung der ihr anvertrauten Töchter oder die häuslichen Angelegenheiten, weil sie zuviel Zeit im Sprechzimmer verbringt. Soll die Oberin da nicht trotz ihrer guten Absicht dieser Neigung Einhalt tun? Antwort: Aufgabe der Oberinnen ist nicht nur, ihren Untergebenen, sondern auch den Menschen außerhalb des Klosters zu nützen. Gerade gegen Weltleute sollen sie ganz besonders zuvorkommend sein und ihnen gern einen Teil ihrer Zeit schenken. – Wie viel aber? Nun, den zwölften Teil, die übrige Zeit gehört dem Haus und der Ordensfamilie. Die Bienen fliegen wohl aus dem Bienenstock heraus, sie tun das aber nur, wenn es notwendig und nützlich ist, auch bleiben sie nie lange fort. Die Bienenkönigin zeigt sich ganz selten und nur dann, wenn ein neuer Schwarm ausfliegt, und da ist sie inmitten ihres Völkleins. Unser Orden, das heißt unsere Kongregation ist ein mystischer Bienenkorb. Himmelsbienen wohnen darin; sie speichern den Honig heiliger Tugenden auf. Die Oberin als die Bienenkönigin muß eifrig dafür sorgen, die Bienen recht eng um sich zu scharen, damit sie lernen, Tugenden gleich Honig einzuheimsen und aufzuspeichern. Trotzdem darf sie es nicht versäumen, mit Weltleuten zu verkehren, wann immer die Notwendigkeit es fordert und die Liebe es verlangt. Wenn z. B. eine Weltdame, die sich bekehren will, der Eitelkeit den Rücken kehrt, um den Weg der Wahrheit und der Frömmigkeit einzuschlagen, so wird sie dazu vielleicht der Hilfe der Oberin bedürfen und von ihr so manchen Wink und Rat brauchen. Wo es aber nicht notwendig ist und die Liebe es nicht verlangt, da fasse sich die Oberin kurz, wenn Weltleute zu ihr kommen. Ich sage: Wo es nicht notwendig ist, denn gewisse angesehene Persönlichkeiten dürfte man nicht verstimmen. Ihr meint, das eifrige Bestreben, der Kongregation Freunde zu gewinnen, wäre ein Grund für die Oberin, lange im Sprechzimmer zu sein. O, dieser Grund ist durchaus nicht so wichtig, wie man wohl annehmen möchte. Läßt sich die Oberin draußen wenig sehen, weil sie im Haus nach dem Rechten sieht, dann darf sie überzeugt sein, daß Gott der Kongregation die notwendigen Freunde zuführen wird. – Es tut ihr aber leid, die

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17. Die Oberin

Unterhaltung abzubrechen, wenn die Glocke ruft, sie fürchtet, die Besucher könnten das übelnehmen. – So ängstlich darf man nicht sein. Wenn es sich nicht um angesehene Persönlichkeiten handelt oder um Leute, die von weit her oder sehr selten kommen, dürfte man vom Offizium oder von der Betrachtung nicht wegbleiben, – außer die Nächstenliebe erfordert es unbedingt. Kommen gewohnte Besuche, Leute, bei denen man sich leicht entschuldigen kann, dann soll man sagen, daß die Oberin beim Chorgebet oder bei der Betrachtung ist, und soll die Leute ersuchen, zu warten oder wiederzukommen. Ich denke, daß eine Oberin so viel als möglich trachten wird, die Zeit der gemeinsamen Betrachtung und des Chorgebetes nicht wegen unwichtiger Besprechungen zu versäumen, weiß sie doch, daß sie Offizium und Betrachtung nachholen muß, soweit es ihr möglich ist. – Nicht nur die Oberin, auch die Schwestern sollen vom Chorgebet wie von der Betrachtung so wenig als möglich wegbleiben; darauf ist sehr zu schauen. Kommt es aus einem wichtigen Grund dennoch vor, so muß man sich bemühen, die Betrachtung nachzuholen, so gut es eben geht. Das Offizium muß auf jeden Fall nachgeholt werden, darüber gibt es keinen Zweifel. Man fragt: Soll man der Oberin nicht einige kleine Besonderheiten zugestehen. z. B. in der Kleidung, im Essen? Diese Frage ist schnell beantwortet: Nein. In keiner Weise, außer sie braucht notwendig etwas Besonderes, dann erhält sie es wie jede andere. Gebührt der Oberin nicht überall ein besonderer Sitz? – Nein, nur im Chor und im Kapitel. Diesen Sitz darf die Assistentin niemals einnehmen, wenn man ihr auch sonst in Abwesenheit der Oberin die gleiche Ehrerbietung entgegenbringt wie jener. Auch im Refektorium ist ein besonderer Sitz nicht nötig, es genügt der gewöhnliche Sitz, wie ihn auch die anderen haben. Wenn auch der Oberin in allem besondere Ehrerbietung gebührt, so soll sie trotzdem möglichst wenig Besonderes haben. Notwendigen Bedürfnissen trage man jedoch Rechnung. Wäre die Oberin zum Beispiel sehr alt, so dürfte man ihr einen Stuhl geben, um es ihr ein wenig zu erleichtern. – Wir müssen sorgfältig alles vermeiden, was den Anschein erwecken könnte, als wären wir mehr als die anderen, ich meine, als wären wir etwas Hervorragendes, etwas Besseres.

17. Beobachtung der Regel

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Die Oberin soll man an ihren Tugenden erkennen und nicht an Sonderheiten, die ganz überflüssig sind, besonders bei den Töchtern der Heimsuchung, die sich die Einfachheit zur besonderen Aufgabe gemacht haben. Solche Ehrungen passen für Klöster, wo die Oberin mit „Madame“ angeredet wird, bei uns braucht es das alles nicht.

VII.
Was wäre noch zu sagen? Wie man den Geist der Heimsuchung bewahren und es verhüten könne, daß er sich verflüchtigt? Das einzige Mittel ist, ihn in der genauen Beobachtung der Regel und darin gut verschlossen aufzubewahren. Ihr sagt, einige hüteten diesen Geist so eifersüchtig, daß sie Außenstehenden nichts davon mitteilen wollen. Da ist die eifersüchtige Liebe zu hoch aufgeschossen und muß gestutzt werden. Ich bitte euch, warum dem Mitmenschen nicht gewähren, was ihm nützen kann? Ich denke anders: Ich möchte, daß alle das Gute an der Heimsuchung kennen lernen. Aus diesem Grund war ich schon von jeher der Ansicht, daß es gut wäre, die Regeln und Satzungen zu veröffentlichen, damit sie viele in die Hand bekommen und daraus Nutzen ziehen. Gebe Gott, meine lieben Schwestern, daß sich viele Menschen fänden, auch Männer, die nach diesen Regeln leben wollen! Dann würde sich bald in diesen Menschen eine innere Wandlung so recht zur Ehre Gottes und zum Heile ihrer Seele vollziehen. Hüten wir den Geist der Heimsuchung ganz gewissenhaft, doch nicht so, daß diese Gewissenhaftigkeit uns hindert, ihn liebevoll und einfach jedem nach seinem Fassungsvermögen mitzuteilen. Habt keine Angst, daß ihr durch eure Freigebigkeit diesen Geist verlieren könntet – die Liebe zerstört nicht, sie vollendet alles.

258 18. Gespräch

18. Über den Beruf

W as beim Abstimmen über die Einkleidung und Profeß der Schwestern zu beachten ist1
Es ist schon lange her, daß einige Schwestern mich gefragt haben, wann man seine Stimme den Kandidatinnen für die Einkleidung und den Novizinnen für die Profeß geben könne. Ich habe bisher nicht daran gedacht, diese Frage zu beantworten, und bin so bis jetzt euer Schuldner geblieben. Heute nun will ich sie beantworten: Man kann für die Einkleidung und Profeß der Schwestern seine Stimme abgeben: 1) wenn sie von Gott wirklich berufen sind, 2) wenn sie die für unsere Lebensweise erforderlichen Bedingungen erfüllen. Wir wollen diese Frage hier unter uns besprechen. Es schien mir angezeigter, sie in einer vertraulichen Unterredung zu behandeln, als in einer Predigt. So können wir darüber freier und ungezwungener reden. Die Novizinnen dürfen beim ersten Teil dabei sein; für den zweiten Teil müssen sie sich bis zum nächsten Jahr gedulden. Wir werden ihn dann wiederholen, wenn es notwendig ist.

I.
Also zum ersten Teil: Es muß die Kandidatin von Gott wirklich berufen sein, wenn man sie in den Orden aufnehmen soll. 1. Wenn ich von Ruf und Berufung spreche, so meine ich damit nicht die allgemeine Berufung, wie es die Berufung zum Christentum ist, die der Heiland an alle ergehen läßt. Ich meine damit auch nicht diese furchtbaren Worte im Evangelium: „Viele sind berufen, wenige aber auserwählt“ (Mt 20,16). Gott beruft alle Menschen zum Christentum, weil er „will, daß alle Menschen selig werden“ (1 Tim 2,4). Es kommen aber nicht alle, die eingeladen sind, und darum sind nur wenige „auserwählt“. Das heißt also: Einige antworten auf Gottes Einladung und folgen ihr. Im Vergleich zu den vielen, an die der Ruf ergeht, kommen aber nur wenige. Es handelt sich hier also um die allgemeine Berufung, eine ganz ernste Angelegenheit.

18. Über den Beruf

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Wir wollen aber von der besonderen Berufung sprechen. „Viele sind“ von Gott in den Ordensstand „berufen“ und doch sind nur „wenige auserwählt“, das heißt, wenige von den Berufenen bleiben dabei und halten aus. Die anderen sind wohl berufen, haben auch einen guten Anfang gemacht, sind aber nicht treu, ihr Leben entspricht nicht dem Wirken der Gnade; sie sind auch nicht beharrlich bemüht, das zu tun, was ihnen den Beruf erhalten, stärken und sichern könnte. Andere wieder waren nicht eigentlich berufen, da sie aber gekommen sind, wurden sie „auserwählt“ und Gott hat ihren Beruf gut und gültig gemacht. Andere wieder gehen ins Kloster aus Trotz und Überdruß, – und obwohl ihr Beruf nicht gut schien, gehörten einige von denen, die mit dieser Gesinnung eingetreten waren, dann doch zu den „Berufenen“ und „Auserwählten“. – Wir werden die einzelnen Fälle nebeneinander stellen und trachten, sie alle zu erkennen, um herauszufinden, was ein echter Beruf ist. Manche auch fühlen sich angetrieben, ins Kloster zu gehen, weil sie draußen in der Welt von einem Mißgeschick oder Unglück getroffen wurden, manche, weil ihnen Gesundheit oder Schönheit fehlt. Oft bewähren sich solche Berufe; zwar ist der Beweggrund an sich nicht rein, Gott benützt ihn aber, um sie in den Ordensstand zu führen. „Gottes Wege sind unerforschlich“ (Röm 11,23). Was ist es doch Wunderbares, Schönes und Liebenswertes um diese Verschiedenartigkeit der Rufe Gottes, der Mittel, deren er sich bedient, um seine Geschöpfe zu berufen; wir müssen sie alle ehren und hochschätzen. Ihr seht jetzt schon, wie schwer und wie wichtig es ist zu erkennen, ob ein Beruf echt ist, – und wir müssen doch vor allem wissen, ob die Kandidatin, die für die Aufnahme vorgeschlagen wird, wirklich berufen ist und ob diese Berufung echt ist. Wie aber können wir unter all den verschiedenen Berufungen und Beweggründen die echten von den falschen unterscheiden und wie sollen wir es anstellen, um nicht getäuscht zu werden? 2. Wirklich eine überaus schwierige und wichtige Sache! Immerhin ist sie aber nicht so schwierig, daß es nicht doch noch Mittel und Wege gäbe, die Echtheit des Berufes zu erkennen. Von den verschiedenen Mitteln, die ich angeben könnte, nenne ich nur das sicherste. Der echte Beruf ist nichts anderes als der entschiedene und beharrliche Wille der berufenen Person, Gott in der Weise, zu der er sie beruft, und an dem

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18. Über den Beruf

Platz, an den er sie ruft, zu dienen. Das ist das sicherste Kennzeichen für die Echtheit eines Berufes. Wenn ich sage: Der entschiedene und beharrliche Wille, Gott zu dienen, so besagt das nicht, daß schon von Anfang an bei allem, was der Beruf von uns verlangt, die Entschiedenheit und Beharrlichkeit so groß sein müsse, daß man ganz frei von Widerwillen, Unlust und Hemmungen zu sein hätte. Ich meine auch nicht, daß diese Entschiedenheit, diese Beharrlichkeit schon derart gefestigt sein müsse, daß sie vor Fehlern bewahrt, so unbeirrbar, daß man in seinem Vorhaben, alle Mittel zu gebrauchen, die zur Vollkommenheit verhelfen, nicht mehr wankelmütig werden könnte. Nein, das will ich durchaus nicht damit sagen, denn jeder Mensch hat unter der Wandelbarkeit und Unbeständigkeit seines Wesens zu leiden. Was er heute liebt, gefällt ihm morgen nicht mehr; kein Tag gleicht dem anderen. Heute gehört seine Liebe der Demut, er nennt sie eine liebenswerte Tugend, ja die schönste und wichtigste von allen und verlegt sich mit aller Kraft darauf. Morgen hält er schon wieder weniger auf sie oder sie ist ihm gleich ganz zuwider. Daß sie eine wichtige Tugend sei, gibt er gerne zu, doch die liebenswerteste sei es nicht, weil man sich zu arg plagen müsse, um sie zu gewinnen, und wenn man sich sehr darum bemüht hat, erst noch keine oder so gut wie keine besäße. Seht, so veränderlich und unzuverlässig sind wir Menschen! Ob unser Wille entschieden und beharrlich ist, dürfen wir also nicht nach diesen verschiedenen Regungen und Vorgängen unseres Seelenlebens beurteilen. Maßgebend ist allein, daß der Wille unerschütterlich fest bleibt, trotz all dieser wechselnden Stimmungen und Vorgänge in unserer Seele am einmal gesteckten Ziel festzuhalten; daß man also auch dann, wenn die Liebe zur Demut erkaltet ist oder man sogar vor ihr Ekel empfindet, nicht aufhört, die Mittel, demütig zu werden, die einem bekannt sind oder empfohlen wurden, anzuwenden. Darin zeigt sich die Beharrlichkeit unseres Willens; wir bedürfen also als Kennzeichen des echten Berufes nicht der fühlbaren, sondern der tatsächlichen Beharrlichkeit, die ihren Sitz in der höheren Schicht unseres Seelenlebens hat. Um zu wissen, ob es Gottes Wille ist, daß wir Ordensleute werden, ist es nicht nötig, daß die göttliche Majestät hörbar zu uns spricht oder einen Engel schickt, uns ausdrücklich den göttlichen Willen zu künden; noch weniger notwendig ist es, darüber irgendwelche Offenbarun-

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gen zu haben. Es bedarf dazu auch nicht der Forschungen eines ganzen Dutzend Professoren der Sorbonne, ob die Eingebung echt oder falsch ist, ob auf sie zu hören ist oder nicht. Wir brauchen nur den ersten Antrieb der Gnade aufzunehmen, darauf einzugehen und uns nicht darüber aufzuregen, wenn später Gefühle der Unlust kommen und die erste Begeisterung erkaltet. Sind wir bemüht, auf das Gute, das uns gezeigt worden ist, entschieden zuzustreben, dann läßt Gott zu seiner Ehre alles wohl gelingen. 3. Was ich da sagte, gilt nicht nur für uns, sondern auch für die Seelen, die noch in der Welt draußen sind und den Wunsch haben, ins Kloster zu gehen. Es soll uns ein Herzensanliegen sein, sie in ihrem heiligen Wunsch zu unterstützen. In ihrer ersten stürmischen Begeisterung erscheint ihnen alles leicht, sie glauben, alle Schwierigkeiten überwinden zu können; stellen sich aber solche ein und fühlen sie außerdem nicht mehr die frühere Begeisterung, dann halten sie schon alles für verloren und meinen, sie müßten alles aufgeben. In dieser Verfassung will man und will doch wieder nicht; was man da an Antrieb fühlt, reicht nicht hin, so glaubt man, um die Welt zu verlassen. – „Ich möchte schon ins Kloster gehen,“ sagt man, – „aber ich weiß nicht recht, ob es der Wille Gottes ist; auch scheint mir der Drang dazu, so wie ich ihn jetzt spüre, nicht stark genug. Er war schon stärker als jetzt; da er aber nicht anhält, möchte ich bezweifeln, daß er echt war. Ich habe eben Zuhause oder irgendwo einmal vom Kloster reden hören und da habe ich dazu Lust bekommen, aber sie ist mir bald wieder vergangen; darum glaube ich, daß es keine Eingebung Gottes war.“ Und so meint man, sich tausendmal prüfen zu müssen, um zu sehen, ob man dieser Eingebung folgen soll oder nicht. Habe ich mit solchen Seelen zu tun, dann wundere ich mich natürlich nicht über ihre Unlust und Ernüchterung, noch weniger aber unterschätze ich deshalb die Echtheit des Berufes. Man muß sich dieser Seelen recht liebevoll annehmen, sie lehren, sich über diese Schwankungen und Rückschläge nicht zu wundern, und ihnen Mut machen, trotz allem fest zu bleiben. Man soll ungefähr so mit ihnen reden: „Das hat nichts zu bedeuten, wenn Sie durch die Worte Ihrer Eltern oder durch sonst irgend jemand zu dem Entschluß gekommen sind, ins Kloster gehen zu wollen. Haben Sie dabei in Ihrem Innern keine Eingebung gehabt, keinen Antrieb verspürt, diesem so großen Gut nachzu-

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gehen?“ – „Ja, schon, aber das hielt nicht lange an.“ – „Vielleicht hielt die Stärke des Gefühls nicht an; aber ist Ihnen nicht doch eine Neigung für den Klosterberuf geblieben? Sie sagen doch selber, daß Sie noch immer ein gewisses Etwas dazu dränge.“ -„Ja, aber dieser Drang scheint mir für einen solchen Entschluß nicht kräftig genug.“ – Zu solchen Seelen sage ich dann: „Kümmern Sie sich nicht um dieses Gefühl und untersuchen Sie das nicht so genau. Bemühen Sie sich mit der Beharrlichkeit Ihres Willens, der ja trotzdem sein Vorhaben und auch die Liebe dafür nicht aufgibt. Seien Sie nur sorgfältig bedacht, Ihr Vorhaben zu pflegen und diesem ersten Antrieb zu entsprechen. Die Frage, woher er gekommen ist, soll Sie nicht kümmern.“ 4. Gott hat viele Mittel und Wege, die Menschen zu seinem Dienst zu berufen. Die Verkündigung des Wortes Gottes, das gleich einem Samen durch den Mund des Priesters in das Erdreich unseres Herzens hineingesenkt wird, ist nicht das einzige Mittel, das Gott anwendet. Hier bei uns ist freilich die Predigt das erste und größte Mittel zur Bekehrung der Irrund Ungläubigen. Durch die Predigt wurden nicht nur viele zum christlichen Leben bekehrt, sondern die Predigt war oft auch der Ruf Gottes zu besonderen Berufungen. – So erging es zum Beispiel dem hl. Nikolaus von Tolentino. Er wohnte der Predigt eines frommen Ordensmannes bei, der über den Martertod des hl. Stephanus sprach. Als er vernahm, daß der Heilige „den Himmel offen“ sah und den Sohn Gottes „zur Rechten seines Vaters stehen“ (Apg 7,55), war er davon so ergriffen, daß er sich sofort entschloß, die Welt zu verlassen. Und von dem Augenblick an hatte er keine Ruhe mehr, bis er sein Vorhaben ausgeführt hatte. Er bat in einem Kloster um Aufnahme, die ihm auch gewährt wurde; er wurde dort ein vorbildlicher Ordensmann, ja lebte und starb wie ein Heiliger. Und gleich ihm sind Unzählige von Gott durch eine Predigt berufen worden. Anderen wieder war das Lesen guter Bücher der Anlaß zum Ruf Gottes; anderen das Hören heiliger Texte aus dem Evangelium. So hörten die Heiligen Franziskus und Antonius diese Worte des Heilands vorlesen: „Gehe hin, verkaufe alles, was du hast, gib den Erlös den Armen und folge mir nach“ (Mt 19,21); und: „Wenn jemand mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir“ (Mt 19,24). Sie verließen daraufhin alles und führten mit bewun-

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derungswürdigem Mut aus, was der Herr ihnen durch das heilige Buch befohlen hatte. Wie viele sind durch das Lesen guter Bücher von Gott berufen worden! Gewiß Unzählige! Ihr habt sicher schon von jenen beiden Edelleuten gehört, die das Leben des hl. Antonius lasen und dabei von Gott so tief ergriffen wurden, daß sie sogleich den Dienst am Hof des irdischen Kaisers aufgaben, um dafür dem himmlischen König zu dienen. Unter all den vielen Büchern hat Ludwig von Granadas „Führer für die Sünder“ schon manchem zum energischen Entschluß verholfen, die Welt zu verlassen und ins Kloster zu gehen; das wurde mir schon des öfteren von Ordensleuten versichert und ich habe selbst schon mit solchen gesprochen, die beim Lesen dieses Buches ihren Beruf gefunden haben. Es ist auch wirklich ein ausgezeichnetes Werk, das viele herrliche und tief zu Herzen gehende Gedanken enthält. Ihr habt doch sicher die Lebensbeschreibung des hl. Ignatius von Loyola, des Stifters und ersten Vaters des Jesuitenordens, gelesen. Auch er wurde beim Lesen eines guten Buches von Gottes Gnade berührt. Er stammte aus sehr vornehmem Hause, war ein tüchtiger Mann im Sinne der Welt und ein tapferer Soldat. Ihm war ein Unglück der Anlaß zur Bekehrung. Eine Kugel zerschmetterte ihm das Bein; er mußte in sein Quartier gebracht und gepflegt werden. In diesem Zustand langweilte er sich und verlangte Kriegsgeschichten zum Zeitvertreib. Man brachte ihm statt dessen eine Heiligenlegende (nicht die von P. Ribadeneira, der damals noch nicht auf der Welt war), die ihn so packte, daß er alles verließ und beschloß, ein Soldat Jesu Christi zu werden. Es war ihm mit diesem Entschluß so ernst, daß er nicht ruhte, bis er ihn ausgeführt hatte. So wurde Ignatius der große Mann Gottes. Andere wieder wurden von Leid und Unglück heimgesucht, das sie gegen die Welt verbitterte, die sie so zum Narren gehalten oder belogen hatte. Empört über diese Schmach und voll Überdruß kehrten sie der Welt trotzig den Rücken. Der Heiland aber bedient sich sehr oft solcher Mittel, um so manchen Menschen, den er auf andere Weise nicht hätte gewinnen können, zu seinem Dienst zu berufen. Wohl ist Gott allmächtig und kann alles, was er will. Da er uns aber einmal den freien Willen gegeben hat, will er ihn uns nicht wieder nehmen. Wenn er uns also dazu beruft, ihm zu dienen, dann will er auch haben, daß wir gern kommen, nicht aber gezwungen und widerwillig. Gehen nun solche Menschen auch zu Gott, weil sie über die Welt, die sie gekränkt, erbost

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sind oder weil sie von Leid und Bitternissen heimgesucht wurden, so schenken sie sich ihm doch in aller Freiheit. Und in der Tat, solche Menschen haben es oft weit gebracht und sind große Gottesdiener geworden, manchmal sogar größere als jene, die aus scheinbar edleren Beweggründen ins Kloster gegangen sind. Ihr kennt gewiß die Geschichte, die Platus2 von einem im Sinne der Welt vollendeten Edelmann erzählt, der eines Tages geschniegelt und „geschneckelt“ auf schön aufgezäumtem Pferd ausritt und nichts anderes im Kopf hatte, als den Damen zu gefallen, denen er den Hof machte. Wie er nun so auf seinem Pferd dahertänzelte, ging dieses durch und warf den Reiter mitten auf der Straße in den Kot, so daß er ganz schmutzig und über und über bespritzt war, als er aufstand. Der arme junge Mann war furchtbar verlegen und schämte sich derart, daß er vor lauter Wut beschloß, ins Kloster zu gehen. „Du trügerische Welt, du hast mich zum Narren gehalten; jetzt halte ich dich zum Narren; du hast mir einen Streich gespielt, nun spiel ich dir einen anderen; ich will nichts mehr von dir wissen.“ – So sagte er und ging wirklich ins Kloster, wo er ein heiligmäßiges Leben führte, obwohl der Ursprung seines Berufes eigentlich ein Ärger war. Andere hatten noch weniger gute Beweggründe. So hörte ich von einem Kapuziner folgenden Fall, der sich in unseren Tagen zugetragen hat, weshalb ich ihn auch gern erzähle. Wir sprachen miteinander über den Beruf, und da erzählte mir der gute Pater folgendes: Ein Herr aus vornehmem Haus, ein gescheiter und gewandter Mann, ging eines Tages auf der Straße an einigen unserer Patres vorüber und sagte zu den ihn begleitenden Herren: „Ich möchte doch gerne wissen, wie diese Barfüßer eigentlich leben. Ich werde mich dort aufnehmen lassen, selbstverständlich nicht, um bei ihnen zu bleiben, sondern nur so für drei, vier Wochen. Ich werde sehen, was sie treiben, und wir können sie dann miteinander richtig auslachen und verspotten.“ Nachdem er diesen Plan ausgeheckt, machte er sich so energisch und zielbewußt an die Ausführung, daß er nicht lange darauf aufgenommen wurde. Die göttliche Vorsehung aber, die sich dieses Mittels bediente, um ihn der Welt zu entreißen, gab ihm einen guten und echten Beruf, indem sie den üblen Zweck in einen edlen und die böse Absicht in eine lautere umwandelte. Er hatte wirklich eine recht schlechte Absicht: Ich bitte euch, was soll denn das heißen, sich in ein Kloster aufnehmen lassen, nur in der Absicht, zu sehen, wie es da drinnen zugeht, um dann wieder auszutre-

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ten und sich mit Freunden darüber lustig zu machen und alles ins Lächerliche zu ziehen? Wahrlich, das wäre ein ganz übler Zweck geblieben, wenn Gott ihn nicht umgewandelt hätte, denn der Junker meinte die anderen dranzukriegen, statt dessen hat Gott ihn drangekriegt; schon wenige Tage nach seinem Eintritt ins Kloster ging eine plötzliche und völlige Wandlung in ihm vor, er blieb dann seinem Beruf treu und wurde ein echter Ordensmann. Ein zweites Beispiel aus unseren Tagen: Der hochwürdige Pater General der Feuillanten, der zweifellos ein hervorragender Priester und heiligmäßiger Mann war, – ich habe ihn persönlich gekannt und auch predigen hören – trat in den Dienst Gottes nicht in ganz uneigennütziger Absicht; er achtete wohl mehr auf die eigene Ehre und den eigenen Vorteil als auf den Dienst Gottes. Er kaufte sich eine Abtei, oder vielmehr sein Vater tat das für ihn. Und doch gab Gott ihm dann alles dazu, was seinem Beruf mangelte; er änderte sein Leben von Grund auf und wurde ein Vorbild an Tugend. Er war es, der seinen Orden reformierte und zu seiner ursprünglichen Vollkommenheit zurückführte. Es gibt auch noch andere, deren Beruf an sich nicht viel besser ist als im oben erwähnten Fall. Dazu gehören jene, die ins Kloster gehen wegen eines körperlichen Gebrechens, etwa weil sie gebrechlich, einäugig oder häßlich sind oder sonst irgend einen körperlichen Fehler haben. Und was noch schlimmer ist, solche Kinder werden zumeist von ihren Eltern ins Kloster gesteckt, weil diese sich ihrer wegen der körperlichen Mängel schämen3 und sich sagen: Für die Welt taugen sie doch nicht, also steckt man sie am besten in ein Kloster, das bedeutet für uns zuhause eine Entlastung. Und daraufhin bemühen sie sich um Pfründen für diese Kinder. Und weil ja der Vater es ist, der sich um sie annimmt, so lassen sich die Kinder bringen, wohin man will, und hoffen, von den Kirchengütern gut leben zu können. In anderen Familien wieder sind recht viele Kinder und die Eltern sagen sich: Wir müssen die Familie verkleinern, wir tun also die jüngeren in ein Kloster, damit die älteren alles haben und sich in der Welt sehen lassen können. Die jüngeren sind gut genug für die Kirche; sie wird schon dafür sorgen, daß es ihnen nicht schlecht geht. Gottes unendliche Güte und Barmherzigkeit aber zeigt sich oft gerade darin, daß er diese an sich keineswegs guten Ziele und Absichten benützt, damit aus diesen Menschen eifrige Diener seiner göttlichen Majestät werden, deren Wunderkraft sich darin kundgibt.

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Der göttliche Bildhauer liebt es also, aus verkrüppeltem, scheinbar ganz unbrauchbarem Holz schöne Bilder zu schnitzen. Wer von der Bildhauerei nichts versteht, wundert sich, wenn man ihm sagt, daß aus dem verkrüppelten Stück, das er in der Werkstatt liegen sieht, ein Meisterwerk entstehen soll; er sagt sich, wenn das wahr ist, wie viel muß da weggehobelt werden, bis ein solches Werk daraus wird. Auch die göttliche Vorsehung macht schöne Kunstwerke zumeist aus verkrüppeltem Holz; heißt doch Gott „die Lahmen und die Blinden“ (Lk 14,21) zum Gastmahl kommen, damit wir einsehen lernen, daß uns zwei Beine und zwei Augen auch nicht in den Himmel helfen; daß es besser, unvergleichlich besser ist, mit einem Bein, mit einem Auge, mit einem Arm in den Himmel einzugehen, als zwei zu haben und verloren zu gehen (Mt 18,8; Mk 9,42). – Menschen, die aus diesen Gründen ins Kloster gingen, haben nicht selten reiche Früchte der Frömmigkeit hervorgebracht und in ihrem Beruf treu ausgeharrt. Andere wieder waren wohl berufen, sie haben jedoch nicht ausgeharrt; eine Zeit lang sind sie dabei geblieben, dann haben sie alles wieder aufgegeben. Wir sehen das an Judas, dem Verräter, von dessen Berufung wir überzeugt sein können. Der Herr selbst erwählte ihn und berief ihn zum Apostelamt, als er sagte: „Ich habe euch erwählt, nicht ihr habt mich erwählt“ (Joh 15,16); denn „niemand kann zu Gott gehen, außer er hat ihn gerufen“ (Joh 6,44). „Ziehe mich, und ich werde dem Geruche deiner Salben nacheilen,“ sagt die Braut im Hohelied (1,3). Mit diesen Worten gibt sie zu verstehen, daß sie nur kommen kann, wenn sie gezogen wird. Wenn der Herr zu seinen Aposteln sagt, daß er sie „auserwählt“ hat, dann nimmt er keinen aus, dann sagt er das von Judas so gut wie von den anderen. Dieser Apostel war also wohl berufen; der Herr konnte sich auch nicht täuschen, als er ihn auserwählte, da er doch die Gabe der Unterscheidung der Geister in höchstem Maße besaß. Wie kommt es nun, daß Judas, nachdem er tatsächlich berufen war, seiner Berufung nicht treu blieb? Seht, er hat eben seine Willensfreiheit mißbraucht, er wollte sich nicht der Mittel bedienen, die Gott ihm seinem Beruf entsprechend gegeben hatte; im Gegenteil, er mißbrauchte sie und wies sie zurück, und so ging er verloren. Das ist ganz sicher: Wenn Gott einen Menschen zu einem Stand beruft, dann verpflichtet er sich auch auf Grund seiner Klugheit und göttlichen Fürsorge, ihm alles Notwendige zu geben, damit er seinen Beruf

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vollkommen erfüllen kann. Beruft er einen Menschen zum Christentum, dann verpflichtet er sich, ihm alles zu geben, damit er ein guter Christ sein könne. Ebenso verpflichtet er sich auch, dem Priester oder Bischof, den er zu diesem Amt beruft, alles dazu Notwendige zu geben. Und beruft er Seelen zum Ordensstand, so verspricht er damit zugleich, sie mit allen erforderlichen Mitteln zu versehen, damit sie in diesem Beruf vollkommen werden können. Wenn ich nun sage: Der Herr verpflichtet sich, so dürfen wir nicht meinen, daß wir ihn dazu verpflichten, wenn wir ins Kloster gehen. Gott können wir keine Verpflichtung auflegen, wie wir es untereinander tun; vielmehr verpflichtet sich Gott selber. Seine unendliche Güte, sein herzliches Erbarmen (Lk 1,7) drängt und treibt ihn dazu. Da er mich zum Ordensmann gemacht, hat sich der Herr verpflichtet, mir alles zu geben, was ich brauche, damit ich auch ein guter Ordensmann werde, nicht weil er müßte, sondern aus Barmherzigkeit, aus liebevollster Fürsorge. Es ist da nicht anders als bei einem König, der seine Soldaten zu den Waffen ruft. Klugheit und Vorsorge fordern, daß er für seine Soldaten auch Waffen bereit halte. Wie könnte er sie auch ohne Waffen in den Kampf schicken? Man würde ihm große Unbesonnenheit vorwerfen, – haben doch alle, als sie auf seinen Ruf kamen, damit gerechnet, daß er sie mit den für den Kriegsdienst nötigen Waffen ausrüsten werde. Hat aber der Landesherr weder für Waffen noch für Munition gesorgt, dann wird gewiß jedermann über ihn lachen. Die göttliche Vorsehung läßt es nie an Klugheit und Vorsorge fehlen, und damit wir dies leichter glauben, hat sie sich selber dazu verpflichtet; wir dürfen also niemals ihr die Schuld geben, wenn wir nicht zurechtkommen. Ich sage: Gott verpflichtet sich, jenen die nötige Hilfen zu gewähren, die er in einen Stand beruft. Damit will ich aber nicht sagen, daß er sie nur da gewährt, wo er sie versprochen hat. Das wäre bestimmt ein Irrtum, denn oft gab und gibt er sie auch, wo er sie weder versprochen noch zu geben sich verpflichtet hat. Ein Beispiel: Da hat einer erfahren, daß eine Pfründe frei geworden oder ein Bischofssitz unbesetzt ist. Er bewirbt sich nun sehr eifrig um diesen Posten und steckt sich hinter alle einflußreichen Persönlichkeiten, damit er ihn vom König bekomme. Schließlich wird er auf Befürwortung verschiedener Leute zum Bischof ernannt. Gott hat ihn also

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nicht an diesen Platz berufen, folglich hat er sich auch nicht verpflichtet, für das zu sorgen, was ein Bischof braucht, um ein guter Oberhirte zu sein, und so gibt er es dann auch nicht jedesmal. Die Freigebigkeit des Herrn ist aber so groß und hochherzig, daß er es zuweilen trotzdem gibt, wie wenn er sich verpflichtet hätte. Jenen, die er berufen, fehlen diese Hilfen niemals. Und was ich da vom Bischof sagte, das gilt für alle Berufe insgesamt. Ferner ist zu bedenken, daß Gott sich nicht verpflichtet hat, den Menschen alles Erforderliche auf einmal zu geben, noch sie in ihrem Beruf mit einem Schlag vollkommen zu machen. Dies anzunehmen, wäre ein Irrtum, denn die Klöster werden nicht umsonst geistliche Heilstätten genannt, was sie in der Tat auch sind. Schon an anderer Stelle habe ich darauf hingewiesen, daß man den Klöstern zu allen Zeiten diesen Namen gegeben und die Ordensleute nach einem griechischen Wort „Ärzte“ nannte, also Leute, die sich in diesen Heilstätten befinden, um nicht nur selber geheilt zu werden, sondern auch andere zu heilen, gleich den Aussätzigen der hl. Brigitta. Wir dürfen also nicht meinen, daß wir schon sofort vollkommen sind, wenn wir ins Kloster gehen. Ich habe schon des öfteren gesagt, daß wir nicht ins Kloster gehen, weil wir vollkommen sind, sondern weil wir es werden wollen. Unsere Kongregation ist ebensowenig wie andere eine Vereinigung von vollkommenen Mädchen und Frauen, sondern von solchen, die nach Vollkommenheit streben, sie ist eine Schule, in die man geht, um die Mittel zum Vollkommenwerden gebrauchen zu lernen. Dazu gehört der starke und beharrliche Wille, uns entsprechend unserem Beruf und der Ordensgenossenschaft, in die wir berufen wurden, zu vervollkommnen. Keineswegs sind also die Traurigen, Weinerlichen und Seufzenden die am sichersten Berufenen, ebensowenig wie es jene sind, die Kruzifixe förmlich verschlingen, die aus der Kirche nicht mehr herauszubringen sind und von einem Kloster ins andere laufen. Auch die nicht immer, die mit großem Eifer anfangen. Um zu erkennen, wer berufen ist, dürfen wir nicht auf die Tränen der Weinerlichen schauen, nicht auf die Seufzer der sehnsüchtig Schmachtenden hören, nicht auf ihre Miene und ihre äußeren Zeremonien gehen; wir müssen vielmehr darauf schauen, ob man den festen und beharrlichen Willen hat, geheilt zu werden, und sich deshalb eifrig um seine geistige Gesundung bemüht. Auch jener Übereifer, dem der Beruf nicht genügt, der sich in zwecklosen und phan-

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tastischen Wünschen verbraucht, ist nicht das Merkmal echter Berufe. Während man sich nämlich damit aufhält, das zu suchen, was oft gar nicht vollkommen ist, unterläßt man das, was uns in unserem Beruf vollkommen machen kann. Ein Beweis dafür ist das Geschick eines jungen Oratorianerpriesters zur Zeit des hl. Philipp Neri. In seinem Feuereifer schien ihm die Lebensweise der Oratorianer nicht vollkommen genug, um diesen Heißhunger nach Heiligkeit zu stillen. Deshalb wollte er in einen wirklichen Orden eintreten. Der hl. Philipp Neri, sein Vorgesetzter, dem dies bekannt war, führte ihn also selbst in ein solches Kloster. Er wußte durch göttliche Einsprechung, daß er dort nicht bleiben würde, und weinte deshalb bitterlich, als er ihn in das Kloster hineingehen sah. Die Mönche meinten, er weine aus übergroßer Freude, und sagten ihm: „Ehrwürdiger Vater, Eure Freude muß aber schon recht groß sein, Ihr tätet gut daran, sie zu mäßigen und die Tränen zurückzuhalten.“ Aber von übernatürlichem Licht erleuchtet, antwortete der Heilige: „Ach, ich weine nicht vor Freude, sondern aus Mitleid mit diesem jungen Priester, weil er seine bisherige Lebensweise mit einer anderen vertauschen will und trotz seiner jetzigen Begeisterung nicht bleiben wird.“ Und es kam, wie der hl. Philipp Neri vorausgesagt. Seht, Gottes Ratschlüsse sind verborgen und geheimnisvoll. Die einen gehen ins Kloster aus Überdruß oder aus Übermut und bleiben, die anderen, die berufen waren und anfänglich einen großen Eifer hatten, enden traurig und lassen alles im Stich. Es ist also gar nicht so einfach zu wissen, ob eine Kandidatin auch wirklich berufen ist und ob man ihr seine Stimme geben kann. Wohl sehe ich an ihr einen großen Eifer. Wird sie aber aushalten? – Das ist ihre Sache. Stellt ihr fest, daß sie den beharrlichen Willen hat, sich behandeln zu lassen, dann gebt ihr eure Stimme. Will sie die Hilfen, die ihr zu geben sich der Herr verpflichten wollte, annehmen, dann wird sie ausharren. Und selbst wenn er ihr diese Mittel nicht versprochen, da er sie ja nicht berufen und sich so auch ihr gegenüber nicht verpflichtet hat, so kann sie doch dieser Hilfen fähig werden. Ist sie aber nur eine Zeit lang treu und tritt dann aus, so ist es zu ihrem eigenen Schaden, ihr könnt nichts dafür, sie ist ganz allein selber schuld. Das wäre nun alles, was ich zum ersten Teil der Frage zu sagen habe. Ich bitte nun die Novizinnen, sich zurückzuziehen und inzwischen für uns zu beten.

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II.
Im zweiten Teil komme ich auf das zu sprechen, was euch Professen angeht, nämlich auf die Eigenschaften, die eine Kandidatin haben muß, um 1) ins Kloster aufgenommen, 2) ins Noviziat aufgenommen und 3) zur Profeß zugelassen zu werden. 1. Was den ersten Punkt, die erste Aufnahme ins Kloster betrifft, so ist darüber nicht viel zu sagen. Denn wie sollte man schon diese Kandidatinnen, die mit ihrem freundlichsten Gesicht eintreten, genügend kennen, wenn sie ins Kloster kommen und die Probezeit machen wollen? Sprecht einmal mit ihnen. Nach ihren Reden werden sie alles tun, was man von ihnen haben will. Sie gleichen den Heiligen Johannes und Jakobus, die auf die Frage des Heilands, ob sie den Kelch des Leidens wohl trinken könnten (Mt 20,22), kühn und frischweg „Ja“ sagten und den Herrn dann in der Leidensnacht doch verließen. Diese Mädchen sind um kein Haar anders: Sie verrichten so viele Gebete und Ehrfurchtsbezeigungen und zeigen so viel guten Willen, daß man sie doch nicht fortschicken kann; und tatsächlich meine ich, daß man für diese erste Aufnahme nicht soviel Umstände zu machen braucht. Ich sage nicht, „man muß“ oder „man darf nicht“, sondern: „ich meine“; ich stehe ja hier nicht auf der Kanzel, sondern wir haben eine ganz einfache Besprechung, bei der jeder seine Ansicht äußern kann. Ich meine dies von der inneren Verfassung; anfangs ist es sehr schwer, sie bei Kandidatinnen, besonders bei jenen, die von weither kommen, zu kennen. Alles, was man tun kann, ist, sich über ihre Herkunft und äußeren Verhältnisse zu erkundigen und sie zur Probe aufzunehmen. Kommen sie aus der Stadt, wo das Kloster ist, dann kann man ihr Verhalten beobachten und durch Gespräche mit ihnen einen gewissen Einblick in ihr Inneres bekommen; aber ich halte dies immer noch für schwierig, denn sie zeigen sich doch immer von der besten Seite. Auf Gesundheit und körperliche Mängel soll man nicht oder jedenfalls nicht viel schauen. Unsere Kongregation darf Kranke und Schwächliche ebenso aufnehmen wie Gesunde und Kräftige, denn sie ist ja zum Teil für solche gegründet worden. Ausgenommen sind nur jene Kranken, die ihr Siechtum unfähig macht, die Regel zu beobachten und zu tun, was der Beruf sonst verlangt. Sonst würde ich keiner, selbst wenn sie nur ein

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Bein, einen Arm hätte oder wenn sie blind wäre, meine Stimme verweigern. Hat sie alle anderen Eigenschaften, die der Ordensberuf erfordert, dann würde ich ihr meine Stimme geben. – Menschliche Klugheit komme mir da nicht mit dem Einwand: wenn aber immer wieder solche Personen anfragen, sollte man sie dann auch noch aufnehmen?“ Ich antworte mit Ja. Wenn sie, wie schon erwähnt, die seelischen Voraussetzungen mitbringen, die für diesen Beruf unerläßlich sind, dann würde ich keine Bedenken tragen. – „Wenn wir aber nur Blinde und Kranke haben, wer soll sie denn dann pflegen?“ – Macht euch darüber keine Sorgen, das wird nie der Fall sein; überlaßt das nur der göttlichen Vorsehung, die schon dafür sorgen und den Beruf auch Kräftigen geben wird, die zur Pflege der anderen notwendig sind. Kommen Kranke, dann sei Gott gepriesen! Kommen Kräftige, dann wollen wir uns freuen. Seht, wenn weltlich Gesinnte, die andere den Klosterberuf ergreifen sehen, zeigen wollen, daß sie diesen Schritt mißbilligen, dann reden sie auch so ähnlich: „Wenn alle Männer und Frauen ins Kloster gehen wollten, wie sollten dann die Menschen weiterbestehen können? Sie wären dann bald ausgestorben. Und wer sollte ihnen Nahrung verschaffen?“ O, die menschliche Klugheit! Sorgt euch doch nicht darum! Das wird es nie geben, denn es werden immer Menschen mehr als genug in der Welt zurückbleiben. Ein junges blindes Mädchen bemühte sich sehr um die Aufnahme in euer Pariser Kloster. Als ich dort war, verwendeten sich verschiedene Leute für sie; sie selbst wäre so gerne eingetreten. Ich hätte auch gewünscht, ihr diese Freude zu machen, denn sie war ein recht gutes Kind, und wenn ihr nicht gewisse notwendige Vorbedingungen gefehlt hätten, hätte ich ihr meine Stimme gegeben, obwohl sie blind war. Im allgemeinen ist über Gebrechen, die an der Beobachtung der Regeln nicht hindern, hinwegzusehen. So viel über die erste Aufnahme. 2. Nun zur zweiten, der Aufnahme ins Noviziat. Ich sehe da keine besonderen Schwierigkeiten. Freilich muß man hier schon genauer prüfen als bei der Aufnahme ins Kloster, weil man auch viel mehr Möglichkeit hatte, Gemütsart, Handlungsweise und Gewohnheiten zu beobachten. Man sieht dann schon, ob eine Kandidatin ein weichliches oder jähzorniges Temperament hat oder zu anderen Leidenschaften hinneigt; das soll aber nicht hindern, sie ins Noviziat aufzunehmen und für ihre Aufnahme seine Stimme abzugeben. Vorausgesetzt ist natürlich immer, daß sie den guten Willen hat, sich zu bessern und unterzuordnen, sowie sich

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der Arzneien und Heilmittel zu bedienen, die sie ganz gesund machen können. Und wenn sie auch gegen diese Medikamente Widerwillen empfände und sie nur unter großen Schwierigkeiten nähme, hat das nichts zu sagen, wenn sie sie nur überhaupt nimmt. Arzneien sind immer bitter, es ist unmöglich, sie mit der Freude zu nehmen, als wenn sie gut schmeckten. Trotzdem wirken sie, und dies umso mehr, je mehr wir uns überwinden müssen und sie uns unangenehm sind. Genau so verhält es sich mit der Postulantin, die ein sehr leidenschaftliches Wesen hat und in ihrem Jähzorn im Tag wohl ein dutzendmal heftig wird. Läßt sie sich trotz dieses Fehlers willig zurechtweisen und demütigen, verabreicht man ihr die geeigneten Heilmittel und sie nimmt sie, wenn auch mit Überwindung und etwas ärgerlich, – so soll man ihr die Stimme nicht versagen, da sie nicht nur den Willen hat, gesund zu werden, sondern auch trotz Widerwillen und Schwierigkeiten die Heilmittel anzuwenden, die man ihr zu diesem Zweck gibt. Andere wieder sind schlecht erzogen, haben unfeine Manieren, ein ungehobeltes und derbes Wesen. Diese haben zweifellos mehr Mühe und Schwierigkeiten als andere, die von Natur aus ein liebenswürdiges und lenksames Wesen haben; sie machen auch mehr Verstöße als die guterzogenen. Ungeachtet dieser Mängel würde ich ihnen aber meine Stimme geben, wenn sie geheilt werden wollen und den festen Willen bekunden, alle Heilmittel anzuwenden, so schwer es sie auch ankommt. Denn solche Naturen machen, nachdem sie sich zuerst viel geplagt, große Fortschritte im Ordensleben, leisten Hervorragendes im Dienst Gottes, ihre Tugend ist mannhaft und echt; die Gnade ersetzt ja, was der Natur mangelt, und zweifellos ist oft da mehr Gnade, wo weniger Natur ist. Man kann also Postulantinnen, die wirklich geheilt werden wollen, seine Stimme für die Aufnahme ins Noviziat geben, obwohl sie schlechte Gewohnheiten und ein unzugängliches, derbes Wesen mitbringen, obwohl ihr Antlitz die vielen leidenschaftlichen Gefühle verrät, die sie bewegen. – Es ist schon so, daß man blaß wird, wenn man erschrickt, rot, wenn man sich über etwas ärgert, und daß der Ärger auch die Tränen in die Augen treibt. – Für die Aufnahme ins Noviziat müssen wir eigentlich nur wissen, ob die Postulantin einen ehrlichen guten Willen hat zu gehorchen und sich zu ihrer Vervollkommnung der Mittel zu bedienen sucht, die man ihr geben wird. Trifft das zu, dann würde ich ihr meine Stimme geben. – Ich meine, damit alles gesagt zu haben, was diese zweite Aufnahme ins Noviziat betrifft.

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3. Nun zur dritten und wichtigsten: Der Zulassung zur Profeß. Hier ist schon viel mehr zu überlegen. Es sind da drei Dinge zu beachten: 1) Die Novizinnen, die zur Gelübdeablegung vorgeschlagen werden, müssen gesund sein; – ich meine damit nicht die körperliche Gesundheit, um die ich mich, außer in besonders beachtenswerten Fällen, nicht kümmern würde; – ich meine vielmehr, daß Herz und Geist gesund sein müssen; daß das Herz bereit sein muß, ein Leben voll Unterwürfigkeit und Fügsamkeit zu führen. 2) Die Novizinnen müssen einen guten Verstand haben. Ich sage guten Verstand, damit meine ich aber nicht die Siebengescheiten, die meist ganz Hochmut und Selbstgefälligkeit sind, die in der Welt draußen richtige Hochmutsbuden waren und jetzt ins Kloster gehen, nicht um demütig zu werden, sondern sozusagen Philosophie und Theologie zu lehren, alles zu dirigieren und zu beherrschen. Vor diesen „großen“ Geistern muß man sich sehr in acht nehmen. Damit will ich nicht sagen, daß man sie abweisen müsse; denn zeigt es sich, daß sie umgewandelt werden können und auch wollen, daß sie sich verdemütigen lassen, dann kann die Umwandlung mit der Zeit und mit der Gnade Gottes schon gelingen, sodaß sie aus Hochmutsbuden, die sie in der Welt waren, nun im Kloster Demutsgefäße werden. Das wird sich auch geben, wenn sie sich gewissenhaft der Mittel bedienen, die man ihnen zu ihrer Heilung gibt. Es ist ja sicher, wer „über weniges getreu“ ist, den setzt Gott „über vieles“ (Mt 25,21 f). Wenn ich also von einem guten Verstand rede, dann meine ich einen guten Hausverstand, nicht zu großartig und nicht zu schwach. Hat eine Novizin solch guten Hausverstand, dann ist das eine wertvolle Mitgift. Solche Menschen leisten viel, ohne sich dessen bewußt zu sein; sie bemühen sich um echte Tugend und gehen in diesem Bemühen ganz auf, sind lenksam und leicht zu führen und haben rasch erfaßt, wie gut es ist, sich führen zu lassen. 3) Drittens ist zu erwägen, ob die Novizin während des Noviziatsjahres sich ernstlich Mühe gegeben, ob sie die Heilmittel, auf die man sie gewiesen und die sie gesund machen konnten, willig angenommen und fleißig angewendet, ob sie opferwillig war, ob sie die Entschlüsse, die sie vor ihrem Eintritt ins Noviziat gefaßt hatte, auch verwertet und ihre verkehrten Anlagen und Neigungen umgewandelt und zu guten gemacht hat, wozu ihr das Noviziatsjahr gegeben wurde. Zeigt es sich, daß sie ihrem guten Vorhaben treu bleibt, daß sie immer den gleich

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festen Willen hat, an ihrer Vervollkommnung weiter zu arbeiten, hat man gemerkt, daß sie daran gearbeitet hat, sich nach den Regeln und Konstitutionen formen und umformen zu lassen, und daß dieser Wille noch anhält, ja daß sie es noch besser machen will, – dann sind alle Voraussetzungen da, daß ihr dieser Novizin eure Stimme geben könnt. Ihr sagt: Man sehe schon, daß die Novizin an ihrer Besserung arbeitet und auch guten Willen hat, aber sie begehe noch häufig grobe Fehler, und ihr möchtet nun wissen, woran ihr erkennt, ob der Wille, sich zu bessern, auch wirklich aufrichtig ist, nachdem sie während des ganzen Noviziatsjahres so oft in Fehler gefallen. Ja, seht, wenn sie auch in diesem Jahr daran arbeiten muß, ihr sittliches Leben und ihre Gewohnheiten umzuformen, so ist damit noch nicht gesagt, daß sie schon gegen jeden Fall gefeit und am Ende dieses Jahres bereits vollkommen sein müsse. Schaut euch doch die religiöse Gemeinde des Herrn, die Apostel, an. Sie waren gewiß alle berufen, sie arbeiteten an der Besserung ihres Lebens, und doch, wie viele Fehler begingen sie nicht nur im ersten, nein auch im zweiten und dritten Jahr noch! Was sagten und versprachen sie nicht alles? Sie wollten mit dem Herrn sogar „in den Kerker und in den Tod gehen“ (Lk 22,23), – und als man ihren guten Meister ergriff, „verließen sie ihn alle“ (Mt 26,56). Auch die drei verließen ihn, denen der Herr, wie mir scheint, am meisten Liebe gezeigt, denen er seine Geheimnisse geoffenbart, die er immer mitgenommen hatte, sowohl auf den Tabor, wie auf den Ölberg. Diese drei Apostel, die für den Kampf mit den eigenen Leidenschaften am widerstandsfähigsten zu sein schienen, haben auch große Fehler begangen. Wie viele allein der so eifrige hl. Petrus! Wie oft riß ihn sein Temperament fort, und doch stieß ihn der Herr deshalb nicht von sich, weil er seinen energischen und beharrlichen Willen, sich zu bessern, kannte. Schon im ersten Jahr seines Noviziates beging der Apostel große Fehler, im zweiten Jahr noch größere und im dritten den schlimmsten von allen: Er verleugnete seinen guten Herrn und Meister! Zum Teil war an diesen häufigen und schweren Verfehlungen sein Wesen schuld. Dem hl. Johannes, der sanfteren Gemütes war, machten Ausbrüche des Temperamentes weniger zu schaffen und doch hat er seinen Meister im Stich gelassen und ist geflohen wie die anderen, wenngleich er auch bald wieder zu seinem Herrn zurückgekehrt ist und ihn von da an nie mehr verlassen hat.

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Der hl. Jakobus hat seinen Meister nicht nur im Stich gelassen, als es zum Sterben ging, er handelte noch schlimmer als die anderen zwei, da er überhaupt nicht mehr zu seinem gefangenen Meister zurückkehrte. Seht, die Fehler, die eine Novizin begeht, sollten also kein Grund sein, sie abzuweisen, solange sie den festen Willen hat, auch wieder aufzustehen, wenn sie gefallen ist, und sich dafür der Mittel zu bedienen, die man ihr jeweils gibt. Damit wäre nun alles über die Voraussetzungen gesagt, die eine Novizin erfüllen muß, wenn sie zur Profeß zugelassen werden soll, und auch, was die Schwestern bei der Stimmabgabe zu berücksichtigen haben. Ich habe nun über diesen Gegenstand nichts mehr zu sagen, außer man stellt mir darüber Fragen.

III.
1. Sie fragen, was zu tun sei, wenn eine Novizin sich wegen Kleinigkeiten aufregt, wenn sie ganz verdrossen und unruhig ist und in dieser Verfassung keine Freude an ihrem Beruf hat, dann aber, wenn diese Stimmung wieder verflogen und das Gemüt zur Ruhe gekommen ist, das Blaue vom Himmel verspricht. Eine Person, die so wetterwendisch ist, taugt bestimmt nicht fürs Kloster. – Ist es ihr denn gar kein bißchen darum zu tun, geheilt zu werden? Will sie nicht, daß man ihr die Mittel verabreicht, die sie gesund machen können? Wenn nicht, dann muß man ihr die Tür öffnen und sie fortschicken. Sie sagen, man wisse nicht, ob es bei ihr vom Mangel an gutem Willen, gesund zu werden, oder vom Mangel an Verständnis für echte Tugend kommt. – Seht, wenn man sie eingehend darüber belehrt, und sie tut es nicht, bleibt vielmehr unverbesserlich, dann müßt ihr sie fortschicken, weil es ihr sicher nicht an Urteil und Verständnis für die Tugend und für das, was sie zu tun hat, fehlt, sondern am Willen, der weder beharrlich noch entschlossen ist, das für ihre Besserung Notwendige zu tun. Ich würde ihr also meine Stimme nicht geben, weil sie immer den gleich schwankenden Willen zeigt, obwohl sie dazwischen immer wieder goldene Berge verspricht. 2. Sie sagen, meine liebe Tochter, daß einige Novizinnen so empfindlich sind, daß sie sich über den Tadel aufregen und nicht selten davon krank werden.

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Wenn das der Fall ist, dann schickt sie fort, weil sie krank sind und nicht wollen, daß man bei ihnen die entsprechenden Heilmittel anwende. Aus ihrem Verhalten sieht man deutlich, daß sie unverbesserlich sind und eine Heilung nicht mehr zu erhoffen ist. Diese Empfindlichkeit ist ein so schlimmes Übel, daß man alles aufbieten muß, um davon befreit zu werden. Die Weichlichkeit, die körperliche wie die geistige, ist eines der größten Hindernisse im Ordensleben; darum soll man sorgfältig jene ausscheiden, die in hohem Grad mit diesem Übel behaftet sind. Die geistige Weichlichkeit ist noch gefährlicher als die körperliche; der Geist ist ja edler als der Leib, darum wird er auch schwerer gesund, wenn er einmal von dieser Krankheit befallen ist. Und wenn dann die Novizin, die an dieser Krankheit leidet, sich noch dazu das Pflaster nicht auf die Wunde legen ließe, dann würde ich ihr meine Stimme nicht geben. Warum? Weil sie von ihrem Übel nicht befreit und nicht gesund werden kann, da sie sich der Anwendung der entsprechenden Heilmittel widersetzt. 3. Sie möchten wissen, was von einer Novizin zu halten ist, die es immer wieder offen ausspricht, daß sie es bereue, ins Kloster gegangen zu sein. – Verharrt sie in diesem Widerwillen gegen ihren Beruf und in der Reue, ihn gewählt zu haben, und wird sie dadurch auch faul und nachlässig in ihrer Aufgabe, sich im Geist ihres Berufes umzubilden, dann setzt sie nur vor die Tür. Woran ist zu erkennen, ob es sich hier nicht um eine Prüfung oder Versuchung handelt? – Die Frage ist berechtigt, aber nicht so einfach zu beantworten: Man erkennt es am Gewinn, den die Novizin von diesem Widerwillen und Bedauern erzielt, wenn sie sich in aller Einfachheit über diese Vorgänge ausspricht und gewissenhaft die Mittel anwendet, die man ihr dagegen gibt. – Wenn uns Gott Prüfungen schickt, so will er, daß wir dabei etwas für uns gewinnen, und dies trifft immer zu, wenn wir uns gewissenhaft aussprechen und dann einfach glauben und tun, was man uns sagt. Das sind die untrüglichen Kennzeichen, daß die Novizin nur auf ihr eigenes Urteil hört, daß ihr Wille dadurch verführt und verdorben wurde und sich im Widerwillen versteift; dann steht es schlimm und es ist so gut wie gar nicht zu helfen. 4. Sie sprechen von einer Novizin, die über alles lacht, was man ihr sagt. – Nun, Sie müssen sie über den Grund ihres Lachens fragen. – „Sie sagt, sie wisse ihn nicht.“ – Nun, dann weiß ich ihn auch nicht. – Sie sagen, daß sie sich über nichts, was man ihr sagt, wundere, sondern

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immer ihren gewöhnlichen Weg weitergehe. – Dann frage ich: Zieht sie keinen Nutzen aus dem, was man ihr sagt, bessert sie sich nicht, wenn man sie zurechtweist? Hält sie mehr auf ihre eigene Meinung als auf die Hinweise, die man ihr gibt? Bleibt sie darin unverbesserlich? Wenn ja, dann gäbe ich ihr meine Stimme nicht; will sie sich jedoch bessern, will sie geheilt werden, dann würde ich ihr meine Stimme ohne weiteres geben. Sie sagen aber, meine liebe Tochter, diese Novizin schätze alles, was sie tut, so hoch ein, daß alles, was man ihr sagt, sie anscheinend nicht berührt. – Will sie also eine besondere Heiligkeit pflegen und so heilig werden? Nun, vor solchen Heiligkeiten muß man eine heilige Scheu haben! Echte Heiligkeit ist die gewöhnliche, wie die Unseres Herrn und Unserer Lieben Frau. Der wahre Heilige weiß nichts von seiner Heiligkeit, und je heiliger einer ist, desto weniger glaubt er, es zu sein. 5. Sie möchten wissen, meine liebe Tochter, wie Sie die Charaktere unterscheiden können, um dann Ihre Stimme nach bestem Wissen und Gewissen abgeben zu können, denn Sie lernen die Novizinnen ja nur durch die Oberin kennen. Man muß sie fleißig beobachten und schließlich sind Sie doch auch unterrichtet durch das, was im Kapitel besprochen wird. Warum hält man denn Kapitel? Doch deshalb, damit man die Ansichten aller Schwestern höre und dadurch sich selber zu dem entschließen könne, was man zu tun hat. – Sie sagen, daß die Novizin eigensinnig auf ihrem Urteil bestehe und deshalb auch bald eigensinnig auf ihrem Willen bestehen werde. – Will sie sich nicht bessern? Wenn die Novizin, wie Sie sagen, über das Tun und Lassen der anderen ihr Urteil abgibt, dann muß man sie eben lehren, das nicht mehr zu tun, sich lieber selber zu verurteilen und nicht die anderen. Wenn sie nur an anderen genau sieht, was sich gehört und was nicht, an sich selber das aber nicht sieht, was wollen Sie da machen? Das sind eben menschliche Armseligkeiten! Die Oberin und die Novizenmeisterin werden dieser Novizin ja sicher Dank wissen, daß sie über das, was die beiden zu tun haben, so genau Bescheid weiß.4 Man muß ihr aber gründlich klar machen, daß sie sich zu bessern habe, und ihr beibringen, beim Lesen der Ordensregel und Satzungen sich das recht gut zu merken, was sie selbst angeht; sie muß sich auf jeden Fall bessern.

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Sie fragen: Wenn die Oberin und die Novizenmeisterin im Kapitel nichts von den Novizinnen sagen und Sie haben selbst beobachtet, daß die eine nicht sofort gehorcht oder sich sonst gegen die Observanz verfehlt, – ob Sie darüber reden oder ihr die Stimme verweigern sollen. – Seien Sie in dieser Sache recht einfach, meine liebe Tochter, und tun Sie, was Ihr Gewissen Ihnen sagt. Gewiß, auch wenn es sich um Dinge handelt, die an sich nur Kleinigkeiten sind, so muß man sie doch mit großer Sorgfalt und Liebe tun, denn im Kloster ist nichts klein. Wer in den „kleinen“ Dingen der Regel nicht „treu“ ist, wird bald in den „großen“ untreu sein (Lk 16,10). – Man muß eben schauen, ob die Novizin sich nicht bessern will (weil es sich in ihren Augen nur um Kleinigkeiten handelt), ob sie nicht am Ende unverbesserlich ist, denn das wäre sehr schlimm. 6. Meine liebe Tochter, Sie fragen da, ob man eine Novizin auf die Probe stellen darf, indem man ihr etwas recht Demütigendes sagt, etwas, was selbst für die Profeß-Schwestern reichlich schwer zu ertragen wäre. – Sollte vielleicht gar eine Profeß-Schwester einer Novizin mitten in der Erholung einen Faustschlag ins Gesicht geben, nur um sie in der Geduld zu prüfen? – Man kann allerdings die Oberin um Erlaubnis bitten, die Novizin prüfen zu dürfen; es ist immer besser, das nicht aus eigenem Willen sondern im Gehorsam zu tun; es könnte sonst die Gefahr bestehen, daß man wohl andere abtöten möchte, es aber vergißt, sich selbst abzutöten. 7. Sie fragen, ob man eine Novizin auf die Probe stellen darf, wenn man Anhaltspunkte dafür hat, daß sie von den Eltern gedrängt worden ist, ins Kloster zu gehen. Man könnte es tun. Aber selbst wenn sie von den Eltern dazu überredet worden ist, kann der Beruf doch ein guter sein, denn Gott bedient sich, wie wir anfangs schon gesagt, oft solcher Mittel, um seine Geschöpfe an sich zu ziehen. Und hat sie auch beim Eintritt ins Kloster vielleicht keinen rechten Beruf gehabt, so kann ihn Gott doch recht machen. Das eine aber muß man von einer solchen Novizin wissen, ob sie den guten Willen hat, ein Leben vollkommenen Gehorsams und vollkommener Unterwerfung zu führen. 8. Sie möchten wissen, meine liebe Tochter, ob Sie Bedenken tragen sollen, Ihre Stimme einer Novizin zu geben, die nicht liebenswürdig oder nicht mit allen gleich herzlich ist und zeigt, daß sie die eine und andere Schwester lieber hat.

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Man soll bei solchen Kleinigkeiten nicht so streng sein, denn diese Neigungen sind das Letzte, dessen wir uns entäußern. Bis man so weit ist, daß man sich zu einer Schwester nicht mehr hingezogen fühlt als zur anderen und seine Gefühle derart zurückgedrängt hat, daß man von ihnen nichts mehr sieht, dazu braucht es Zeit. Die hl. Paula, die doch eine große Heilige war, liebte ihren Gatten und ihre Kinder überaus zärtlich. Sooft eines ihrer Lieben starb, weinte sie so heftig, daß sie vor Weh zu sterben glaubte. So groß war ihre Liebe und sie vermochte es nicht zu ändern. Trotzdem war sie eine große Heilige und ganz in den Willen Gottes ergeben. 9. Sie möchten wissen, ob Sie mit der Oberin über die Novizinnen sprechen dürfen, über deren Charakter Sie sich nicht klar sind. Das geschieht ja schon im Kapitel, kann aber auch unter vier Augen geschehen. Sie fragen, meine Tochter, was Sie tun sollen, wenn die Meinung der anderen Schwestern dem widerspricht, was Sie wissen, und Sie sich nun gedrängt fühlen zu sagen, was Sie als richtig erkannt haben und was der betreffenden Schwester zum Vorteil gereicht. Sie fragen nun, ob Sie nicht besser schweigen sollten. – O nein, gewiß nicht, auch dann nicht, wenn Ihre Ansicht ganz und gar nicht mit der der Schwestern übereinstimmte und Sie als einzige diese Ansicht hätten; denn das könnte gerade allen helfen, sich für das Richtige zu entscheiden. Der Heilige Geist ist inmitten der Gemeinde und aus der Verschiedenheit der Meinungen heraus entschließt man sich für das, was mehr zur Verherrlichung Gottes zu gereichen scheint. Der Wunsch, die Schwestern möchten doch alle abstimmen wie Sie, muß verachtet und verworfen werden genau wie irgend eine andere Versuchung. Desgleichen darf man nicht sagen oder denken: „Ich möchte jener Schwester meine Stimme schon geben; es wäre mir aber recht, wenn die anderen sie ihr nicht gäben.“ Sie fürchten, daß Ihr Urteil Sie täuscht, wenn Sie eine Ansicht äußern, die der allgemeinen widerspricht? O, verzeihen Sie, meine liebe Tochter, es handelt sich hier nicht um Ihr Urteil. Sie müssen in aller Einfalt und Wahrhaftigkeit sagen, was Gott Ihnen eingibt. 10. Was haben Sie gesagt, meine liebe Tochter? Ich habe nicht gut gehört, die Kinder auf der Straße machen einen solchen Lärm, daß ich nichts verstehe. – Sie sagen also: Eine Novizin erwidere, wenn man ihr

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etwas aufträgt, das sei schwer zu machen; dieselbe Novizin behaupte auch, dieser und jener Punkt der Satzungen sei schwer zu beobachten. Aber sehen Sie, daß sie unterläßt, es auszuführen? – Es macht ja nichts aus, wenn es einem schwer fällt; wichtig ist nur, daß man nicht unterläßt, seine Pflicht zu erfüllen. Manchmal hält man auch die Schwierigkeiten für größer, als sie sind, und es kommt das oft vor. Darum soll man nicht so sehr achten auf das, was die Novizin sagt, als vielmehr auf das, was sie tut. 11. Und Sie, meine Tochter, sagen, daß Sie Klosterfrauen kennen, die den Novizinnen, die austreten wollen, weil sie sich zu diesem Beruf nicht verpflichten können, die weltlichen Kleider nicht geben, obwohl sie des öfteren darum baten. Man lasse sie bis zum 10. Monat ihres Noviziatsjahres warten und entlasse sie erst, wenn sie dann noch auf ihrem Wunsch bestehen; man gestatte ihnen aber zu bleiben, wenn sie sich anders besonnen haben. – Das zweite ist schon recht, nur würde ich die Novizin nicht zwingen zu bleiben, wenn sie vor dieser Zeit gehen will; noch würde ich eine Zeit bestimmen, um sie zu entlassen. Ich würde schon etwas Geduld mit ihr haben und schauen, ob dieser Widerwille gegen das Ordensleben nicht doch noch vergeht. Gewiß, bei manchen ist es nicht so einfach, den Charakter kennen zu lernen, und Sie haben ganz recht, meine liebe Tochter, wenn Sie fragen, ob die Gelübdeablegung in solch einem Fall nicht hinausgeschoben werden dürfte. Ja, das kann man tun, um sich über den Charakter der betreffenden Novizin klar zu werden. 12. Sie fragen, ob man Bedenken haben muß, wenn Novizinnen der Oberin oder der Novizenmeisterin zuliebe ihre Pflicht tun. – Diese Novizinnen haben eine gute Absicht, nur muß man ihnen beibringen, diese Absicht zu reinigen. Es ist manchmal recht gut, wenn man etwas den Vorgesetzten zuliebe tut; später wird man es dann aus reiner Liebe zu Gott tun. In diesem Zusammenhang möchte ich euch erzählen, daß mich neulich eine brave Frau besuchte, die fest entschlossen war, jemand, der sie beleidigt hatte, nicht zu verzeihen. Als ich sie endlich überredet hatte, sich doch auszusöhnen, sagte sie mir, daß sie es nicht Gott zuliebe, sondern mir zuliebe tun werde. Ich hatte große Mühe, sie umzustimmen. – Nun, die Novizinnen, die der Oberin zuliebe ihre Pflicht tun, und zwar eher der einen als der anderen zuliebe, beweisen damit, daß sie es für das Geschöpf, nicht aber für den Schöpfer tun. Würden sie es für ihn tun, dann wären ihnen alle Vorgesetzten gleich

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lieb. Was soll man da machen? Die Absicht wird schon noch ganz rein werden. 13. Sie möchten noch wissen, ob ein Mädchen, das taub ist oder ein anderes derartiges Leiden hat, aufgenommen werden kann. – Ich habe schon gesagt, daß ich wegen körperlicher Mängel, wenn sie nicht sehr hinderlich sind, keine Bedenken habe. Die Taubheit macht freilich eine Person unbelehrbar; es ist schwer, sie zu bessern, man kann ihr ja nicht verständlich machen, was sie zu tun hat. Auf andere körperliche Gebrechen würde ich nicht achten. O, meine liebe Tochter, habe ich’s nicht schon gesagt? Wenn alle Welt ins Kloster ginge, wie sollte da die Menschheit weiterbestehen? Und Sie sagen: Nähme man nur Kranke auf, wer würde sie pflegen? Seien wir nicht gar so klug! Gott wird wohl Starke als Stütze für die Schwachen zu schicken wissen. 14. Nun, meine liebe Tochter, wenn eine Schwester die schlechte Gewohnheit hätte, schön zu tun und zu schmeicheln, so müßte man ihr das verzeihen und sie lehren, es womöglich nicht mehr zu tun. Schauen Sie, Neigungen und Leidenschaften sind nicht so geschwind gebändigt. Allen diesen kleinen Verfehlungen gegenüber müssen wir uns verhalten, wie die Priester im Beichtstuhl. Da kommt ein Mann, der bei mir beichtet und sich anklagt, zweihundertmal geflucht zu haben. Ich rede ihm zu, daß er sich bessern möge; ich sehe, daß er dazu guten Willen hat, und erteile ihm daraufhin die Lossprechung. Wenn er nun ein zweitesmal kommt und sich anklagt, hundertmal geflucht zu haben, dann spreche ich ihn gewiß von seiner Sünde los, denn ich sehe klar, daß er sich gebessert hat, und demnach halte ich ihn nicht für unverbesserlich. – Mit den Novizinnen müssen wir es ebenso machen. Sehen wir, daß sie sich bessern, dann dürfen wir sie nicht abweisen, auch dann nicht, wenn sie immer wieder Fehler machen. Denn sie beweisen durch ihre Besserung, daß sie nicht unverbesserlich sein wollen. 15. Ihr meint, man müßte es sich doch sehr überlegen, einem Mädchen, das kaum gute Eigenschaften mitbringt und zudem viel im Krankenzimmer ist, seine Stimme zu geben, weil man sie weder prüfen noch ihren Charakter kennen lernen kann, wenn sie immer krank ist. Dazu sage ich: Hat sie für diesen Beruf nicht die notwendigen Eigenschaften, dann muß man es sich selbstverständlich sehr überlegen. Aber ich möchte nicht, daß ihr über die körperlichen Mängel lange Erwägungen anstellt, außer sie sind derart, daß sie ein Hindernis für die

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18. Fragen zur Abstimmung

Befolgung der Regel ist. Und was das Kennenlernen des Charakters angeht, so lernt man Temperament und Geist nie besser kennen als in der Krankheit, die ja eine andauernde Prüfung ist. Habt ihr sonst noch etwas zu fragen? Wie spät ist es denn? Habt ihr die Komplet schon gebetet? Wann wollt ihr sie beten? Geht nur, ich fürchte, eine Störung zu verursachen. Und nun, meine lieben Töchter, bitte ich den Heiland innig, euch zu segnen. Gott gewähre euch die Erfüllung all eurer Wünsche und seinen heiligen Frieden. Amen.

283 19. Gespräch Über die heiligen Sakramente 1
1. Bevor wir uns mit der Frage beschäftigen, wie wir uns auf den Empfang der heiligen Sakramente vorzubereiten haben und welche Früchte wir von ihnen gewinnen, müssen wir zuerst wissen, was die Sakramente sind und welche Wirkungen sie hervorbringen. Die Sakramente sind Vermittler der Gnaden, durch welche Gott gleichsam zu uns herabsteigt; wie wir umgekehrt uns in ihn versenken, wenn wir beten; das Gebet ist ja nichts anderes als das Aufsteigen der Seele zu Gott. Jedes Sakrament hat seine eigenen Wirkungen, doch haben sie alle ein und denselben Zweck, ein und dasselbe Ziel: Die Vereinigung der Seele mit Gott. Im Sakrament der heiligen Taufe vereinigen wir uns mit Gott wie das Kind mit dem Vater. In der heiligen Firmung wie der Soldat mit dem Feldherrn; wir werden mit Kraft ausgerüstet für den Kampf mit dem Feind und für den Sieg in allen Versuchungen. Im Sakrament der Buße vereinigen wir uns mit Gott wie Freunde, die sich wieder miteinander versöhnt haben. In der heiligen Eucharistie werden wir eins mit Gott wie die Speise mit dem Körper. Im Sakrament der letzten Ölung vereinigen wir uns mit ihm, wie der aus fernen Landen zurückkehrende Sohn, der bereits einen Fuß auf die Schwelle des väterlichen Hauses setzt und heimkommt zu Vater, Mutter und Geschwistern. Das sind also ganz verschiedene Wirkungen, aber mit dem gleichen Ziel: Der Vereinigung der Seele mit ihrem Gott. Wir befassen uns jetzt nur mit dem heiligen Sakrament der Buße und der Eucharistie. Oft und oft empfangen wir sie, ohne der Gnaden teilhaftig zu werden, die zu jedem dieser beiden Sakramente gehören und die alle erhalten, die sich gut vorbereiten. – Und warum erhalten wir sie nicht? Darüber wollen wir uns jetzt klar werden. Die sakramentalen Gnaden sind tatsächlich an die Sakramente gebunden. Sind wir also beim Empfang der heiligen Kommunion im Stande der heiligmachenden Gnade und im Sakrament der Buße frei von jeder Anhänglichkeit an die Todsünde, dann erhalten wir jedesmal die zu diesen Sakramenten gehörende Gnade, die Sünde zu hassen und sie seltener zu begehen.

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19. Die heiligen Sakramente

Ist unsere Seele aber nicht entsprechend vorbereitet, dann empfangen wir nicht die von der Vorbereitung abhängenden Gnaden, also weder die Kraft, unsere schlechten Neigungen gerade zu biegen, noch den Mut, die Tugenden zu pflegen und vollkommen zu werden. – Wir müssen also wissen, wie wir unsere Seele für den Empfang dieser beiden, wie überhaupt aller Sakramente vorzubereiten haben. 2. Zu dieser Vorbereitung gehört: 1) die reine Absicht, 2) die Aufmerksamkeit, 3) die Demut. Die reine Absicht ist ganz unerläßlich, nicht nur für den Empfang der heiligen Sakramente, sondern für alles, was wir tun. Haben wir beim Empfang der heiligen Sakramente nur im Auge, uns mit Gott zu vereinigen und ihm wohlgefällig zu sein, ohne daß irgend ein selbstsüchtiger Beweggrund mit hinein spielt, dann ist unsere Absicht rein. Diese Reinheit der Absicht kann man daran erkennen, daß ihr ruhig und gelassen bleibt und in die Gefühle der Unruhe und des Ärgers nicht einwilligt, wenn man keine Erlaubnis zur heiligen Kommunion erhält, nach der man sich gerade sehr sehnt, oder wenn man nach der heiligen Kommunion keine freudigen Gefühle empfindet. Ich sage „einwilligt“, weil es leicht ist, daß die Unruhe von selber über euch kommt. Willigt ihr aber in die Unruhe, in den Ärger ein, die in euch wegen der verweigerten Erlaubnis zu kommunizieren oder wegen der geistlichen Dürre aufsteigen, dann ist das ein Zeichen, daß eure Absicht nicht rein war und daß es euch nicht um die Vereinigung mit Gott, sondern um die süßen Gefühle zu tun war; denn die Vereinigung mit Gott vollzieht sich vor allem in der Tugend des Gehorsams. Mit dem ungestümen Verlangen nach Vollkommenheit ist es nicht anders; auch da zeigt sich ganz deutlich die Eigenliebe, die es nicht vertragen kann, daß man noch Unvollkommenheiten an uns bemerkt. Wäre es denkbar, daß wir genau so innig mit Gott vereint und ihm geradeso angenehm wären, wenn wir unvollkommen sind, so müßten wir sogar wünschen, jeder Vollkommenheit bar zu sein. Zur Vorbereitung gehört zweitens die Aufmerksamkeit. Mein Gott! Wie aufmerksam sollten wir doch sein, nicht nur auf die Erhabenheit dessen, was da vor unseren Augen sich vollzieht, sondern auch auf die innere Verfassung, die jedes Sakrament von uns verlangt; so sollten wir zum heiligen Bußsakrament ein Herz voll Liebesreue mitbringen, zur heiligen Kommunion ein Herz voll Liebesglut.

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Wenn ich sage: große Aufmerksamkeit, so soll das nicht heißen, daß wir ganz frei von Zerstreuungen sein müßten, denn das liegt nicht in unserer Macht; freiwillige Zerstreuungen müssen wir allerdings mit größter Sorgfalt meiden. Zur Vorbereitung gehört drittens die Demut. Wir brauchen diese Tugend sehr notwendig, damit uns die Gnaden aus den Sakramenten in vollem Maße zufließen: Je stärker das Gefälle, desto stärker und rascher fließen ja die Wasser. Neben dieser dreifachen Vorbereitung nenne ich noch mit einem Wort die allerwichtigste: Die totale Hingabe unser selbst an das Belieben des göttlichen Willens, sodaß wir unseren Willen und unser Herz restlos seiner Herrschaft unterstellen. Restlos sage ich, denn bei unserer großen Schwachheit behalten wir uns immer etwas vor. Selbst die geistlichsten Menschen „reservieren“ sich etwas, für gewöhnlich das Verlangen nach Tugenden. Bei der heiligen Kommunion sagen sie dem Heiland, daß sie sich ihm ganz und gar übergeben, aber doch um die Klugheit bitten möchten, um ein ehrenvolles Leben führen zu können; – um die Einfachheit aber bitten sie nicht. – Andere beten: „Ich füge mich vollständig Deinem Willen, nur bitte ich Dich um recht viel Mut, damit ich Großes für Dich vollbringen kann“; – aber um Sanftmut, damit sie mit ihren Mitmenschen friedlich zusammenleben können, bitten sie nicht. – Wieder andere beten: „Gib mir doch jene Demut, die geeignet ist, ein gutes Beispiel zu geben“; – die innere Demut aber, jene Demut, die uns die eigene Erniedrigung lieben läßt, die scheinen sie nicht nötig zu haben. – „Mein Gott, ich bin ganz Dein, gewähre mir doch beim Beten immer tröstliche Gefühle“; – ja freilich, süße Gefühle brauchen sie, um zur Vereinigung mit Gott zu gelangen, die sie anstreben! Um Bitternisse und Prüfungen aber bitten sie niemals. – Sich dies und das ausbedingen, so gut es auch scheinen mag, das ist nicht der Weg zur Gottvereinigung. Der Herr, der sich ganz für uns hingegeben hat, will dafür auch unsere ganze Hingabe, damit die Vereinigung unserer Seele mit ihm, mit der göttlichen Majestät noch vollkommener werde und wir dann in Wahrheit mit jenem großen Mann, der einer der vollkommensten Christen war, sagen können: „Ich lebe, doch nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Dazu gehört aber noch ein zweites: Wir müssen unser Herz ganz leer machen, damit es ganz von unserem Herrn und Heiland erfüllt werde. Wenn uns die Gnade der Heiligung vorenthalten wird, – da doch eine

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einzige gut empfangene Kommunion genügt, uns heilig zu machen, – so hat das sicher seinen Grund darin, daß wir den Heiland nicht in uns herrschen lassen, wie er es in seiner Güte wünscht. Er kommt in unser Herz, der Heilige, Vielgeliebte unserer Seelen, und findet es übervoll von Wünschen, Anhänglichkeiten und kleinen Eigenwilligkeiten. Er möchte so gern unseres Herzens Herr und Herrscher sein: So sehnlich wünscht er es; darum auch sagt er zu seiner heiligen Braut: „Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz,“ damit darin nichts gegen meinen Wunsch und Willen Einlaß finde (Hld 8,6). – Ich weiß schon, daß die Mitte unseres Herzens leer ist, das wäre ja sonst auch eine zu große Treulosigkeit. Ich meine damit: Wir haben nicht nur die Todsünde aus dem Herzen hinausgewiesen und hassen sie, wir haben auch alle schlechten Anhänglichkeiten hinausgeworfen. Aber ach! Noch sind alle Ecken und Winkel voll von tausenderlei Dingen, die unwürdig sind, vor diesem höchsten Herrscher zu erscheinen, und die ihm, wie es scheint, die Hände binden und damit die Möglichkeit nehmen, uns die Güter und Gnaden zu schenken, die er uns in seiner Liebe zugedacht, wenn er uns wohl vorbereitet gefunden hätte. So wollen wir unsererseits alles tun, diesem „überirdischen Brot“ (Mt 6,11) einen würdigen Empfang zu bereiten, uns vollständig der göttlichen Vorsehung überlassen, nicht nur für die zeitlichen, sondern besonders für die geistlichen Güter, und alles, woran unser Herz hängt, alle Wünsche und Neigungen dem göttlichen Willen zu Füßen legen, damit ihm alles ganz untertan sei. Seien wir versichert, der Heiland wird seinerseits halten, was er versprochen hat: Er wird uns in sich umgestalten, wird unsere Niedrigkeit erhöhen, bis sie mit seiner Erhabenheit vereint ist. 3. Wir dürfen die heilige Kommunion für bestimmte Meinungen aufopfern; so dürfen wir damit die Bitte verbinden, daß wir selbst oder andere von bestimmten Versuchungen oder Leiden befreit werden oder bestimmte Tugenden erlangen. Freilich müssen wir immer hinzufügen: „Wenn dies die Vereinigung mit Gott fördert,“ – was ja oft nicht zutreffen wird. In leidvollen Zeiten bin ich schließlich doch inniger vereint mit ihm, weil ich öfter an ihn denke. Und was die Tugenden angeht, so ist es zuweilen für mich besser, sie nicht zu haben, als sie zu haben. Wozu auch sollte ich Gott um Tugenden bitten, die ich nicht üben kann, weil mir die Gelegenheit dazu fehlt? Ergibt sich aber einmal die Gelegenheit, so wird der Widerwille, der sich dann einstellt,

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mir eine Demütigung einbringen, – und die Demut ist doch wertvoller als alles andere. Dann auch sollt ihr bei allen euren Bitten und Anliegen, die ihr Gott vortragt, nicht nur an euch selber denken, ihr sollt vielmehr stets in der Mehrzahl reden, wie es der Herr uns im „Vater unser“ gelehrt hat, wo kein „ich“ und kein „mir“ vorkommt. Das heißt also: Wenn ihr für euch um eine Tugend oder Gnade bittet, sollt ihr zugleich die Absicht haben, Gott zu bitten, er möge sie allen geben, die auch diese Tugend oder Gnade brauchen. Dabei sei das Ziel immer eine noch innigere Vereinigung mit Gott. Anders sollen wir überhaupt nichts wünschen und erbitten, weder für den Nächsten noch für uns, denn das ist ja gerade der Zweck, weshalb die Sakramente eingesetzt wurden, und wir müssen damit übereinstimmen, indem wir diesen Zweck beim Empfang der heiligen Sakramente vor Augen haben. Wir dürfen auch nicht meinen, daß wir dabei verlieren, wenn wir für andere beten oder die heilige Kommunion für sie aufopfern. Bieten wir Gott zwar unser Beten oder die heilige Kommunion zur Sühne für die Sünden anderer an, so leisten wir wohl nicht Sühne für unsere eigenen Sünden; aber das Verdienst für das Gebet, für die heilige Kommunion bleibt uns. Wir haben für sie gebetet; dieser Akt der Liebe vermehrt unser Verdienst, hier in diesem Leben sind Gnaden unsere Belohnung, im anderen die Glorie. Ein Mensch, der in keiner Weise daran dächte, für seine Sünden Genugtuung zu leisten, jedoch eifrig darauf bedacht wäre, alles was er tut, aus reiner Liebe zu Gott zu tun, hätte hinreichend genug für sie getan. Denn das steht fest: Wer einen Akt vollkommener Liebe oder einen Akt vollkommener Reue setzt, leistet für alle seine Sünden vollauf Genugtuung. 4. Vielleicht möchtet ihr gerne wissen, woran ihr erkennt, ob ihr vom Empfang der heiligen Sakramente einen Gewinn habt. Ihr merkt es daran, daß ihr in den Tugenden wachset, die den Sakramenten eignen; daß euch z. B. das heilige Sakrament der Buße in der Liebe zur eigenen Niedrigkeit und in der Demut stärkt, in den Tugenden, die Früchte dieses Sakramentes sind. Am Grad unserer Demut erkennt man den Grad unseres seelischen Fortschrittes. Es heißt ja: „Wer sich erniedrigt, wird erhöht werden“ (Mt 23,12; Lk 14,11; 18,14). „Erhöht“ sein heißt höher hinaufgekommen sein. – Werdet ihr durch die heilige Kommunion recht gütig – weil ja die Güte und Liebe dem Altarssakrament

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eigen ist, das ganz Güte, ganz Liebe, ganz Süßigkeit ist, – dann erntet ihr die der heiligen Eucharistie eigentümliche Frucht, und so kommt ihr voran. Werdet ihr aber weder demütiger noch liebevoller, dann verdient ihr, daß man euch dieses Brot entzieht, da ihr nicht arbeiten wollt (2 Thess 3,10). 5. Habt ihr Sehnsucht nach der heiligen Kommunion, dann möchte ich, daß ihr ganz einfach zu den Vorgesetzten geht und darum bittet,2 bereit, in Demut euch zu fügen, wenn euch die Bitte abgeschlagen wird, und aus Liebe zu kommunizieren, wenn sie euch gewährt wird. Selbst dann, wenn es euch eine Überwindung kostet, darum zu bitten, sollt ihr es nicht unterlassen. Wer bei uns eintritt, kommt ja auch nur, um sich abzutöten. Das Kreuz, das man auf der Brust trägt, erinnert uns ständig daran. Käme einer Schwester in der Erkenntnis ihrer Unwürdigkeit der Gedanke, nicht so häufig zu kommunizieren wie die anderen, so darf sie darum die Oberin bitten; sie muß aber deren Urteil in großer Ruhe und Demut abwarten. 6. Hören wir, daß man über uns spricht, etwa von einem Fehler, den wir haben, von einer Tugend, die wir nicht haben, so möchte ich, daß wir uns kein bißchen darüber aufregen, vielmehr Gott danken, daß er uns zeigt, wie wir zu dieser Tugend kommen, wie wir uns den Fehler abgewöhnen können, und sollen dann mutig zu den entsprechenden Mitteln greifen. Wir müssen hochherzig sein, nur Gott anhangen und dürfen uns nicht um das kümmern, was die untere Schicht unserer Seele begehrt. Wir müssen das Höhere in uns zur Herrschaft bringen, denn es liegt in unserer Macht, zu entscheiden, ob wir dem Niedrigen oder dem Höheren in uns zustimmen wollen. Geistliche Freuden und Zärtlichkeiten sollen wir nicht wünschen, da sie uns nicht notwendig sind, um den Heiland inniger zu lieben. Untersuchen wir also nicht lange, ob wir gute Gefühle haben, sondern tun wir das, wozu sie uns antreiben würden, wenn wir sie hätten. 7. Wir sollen auch nicht überempfindlich sein und glauben, wir müßten in der Beichte alles vorbringen, was wir falsch gemacht haben, denn die läßliche Sünde brauchen wir nicht zu beichten, wenn wir nicht wollen; wollen wir uns jedoch darüber anklagen, dann müssen wir auch den entschiedenen Willen haben, uns zu bessern, sonst wäre es ein Mißbrauch der Beichte. Wir brauchen uns also nicht zu ängstigen, wenn

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wir Fehler nicht beichten, weil sie uns nicht einfallen; es ist nicht anzunehmen, daß eine Seele, die ihr Gewissen oft erforscht, größere Fehler nicht merkte und sich nicht daran erinnerte. Über die kleinen Dinge könnt ihr euch mit dem Heiland aussprechen, wenn sie euch einfallen. Ihr fragt, wie ihr euren Akt der Reue machen könnt, ohne viel Zeit darauf zu verwenden. Zu einem guten Akt der Reue gehört so gut wie keine Zeit: Wir werfen uns demütig vor Gott nieder, weil es uns schmerzt, ihn beleidigt zu haben – das ist alles, was wir zu tun haben. 8. Ihr möchtet, daß ich euch noch etwas über das Offizium sage. Schon beim ersten Glockenzeichen müßt ihr euch freudig aufmachen und nach dem Beispiel des hl. Bernhard euer Herz fragen: „Was will ich jetzt tun?“ Aber nicht nur vor dem Chorgebet, sondern vor allen Übungen wollen wir unserem Herzen diese Frage vorlegen, damit wir zu jeder den entsprechenden Geist mitbringen. Denn es geht nicht an, zum Chorgebet in der gleichen Verfassung zu kommen wie zur Rekreation. In die Rekreation bringen wir eine frohe Stimmung mit, ins Chorgebet eine ernste und liebende Gesinnung. Bei den Worten: „Deus in adjutorium meum intende,“ sollen wir uns vorstellen, daß der Herr uns antwortet: „Seid auch ihr bedacht, mich zu lieben!“ Während des Chorgebetes denken wir daran, daß wir dasselbe heilige Amt versehen, dem die Engel im Himmel obliegen. Denn wenn auch in anderer Sprache, so singen wir doch das gleiche Lob und sind in der Gegenwart desselben Herrn, vor dessen Majestät die Engel erzittern. Wer mit einem König spricht, nimmt sich sehr zusammen, damit er ja keine Unschicklichkeit begehe. Wenn er es aber trotz größter Achtsamkeit nicht recht machen sollte, so würde er vor Scham erröten. Wir müssen uns beim Chorgebet ebenso zusammennehmen, müssen vor allem darauf achten, jedes Wort deutlich auszusprechen, und sehr auf der Hut sein, daß wir nichts falsch machen. Ist uns aber trotzdem ein Fehler unterlaufen, dann wollen wir uns nicht wundern, sondern verdemütigen. Wir machen doch so viel verkehrt. So ist es auch nicht erstaunlich, wenn beim Chorgebet zuweilen Fehler vorkommen. Machen wir jedoch mehr Fehler und das immer wieder, dann hat es den Anschein, als wäre uns der erste Fehler nicht sehr leid gewesen. Und doch sollten wir darüber tief beschämt sein, aber nicht wegen der Oberin, die anwesend ist und den Fehler merkt, sondern weil Gott gegenwärtig ist mit all seinen Engeln. Macht man immer wieder den gleichen

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Fehler, so ist das gewöhnlich ein Zeichen, daß man keinen Eifer hat, ihn abzulegen. Und bessert man sich nicht, obwohl man des öfteren auf den Fehler aufmerksam gemacht wurde, dann hat es den Anschein, als verachte man den Verweis. Man braucht sich nicht darüber zu ängstigen, wenn man im ganzen Offizium aus Unaufmerksamkeit zwei bis drei Verse ausgelassen hat, – vorausgesetzt, daß es nicht absichtlich war. Wenn ihr aber einen guten Teil vom Offizium verschlaft, so müßt ihr ihn auch dann nachholen, wenn ihr die Verse, die eure Chorseite trafen, mitgebetet habt. Wenn ihr aber husten und dergleichen notwendige Dinge tun müßt, dann braucht ihr nichts nachholen. Ebenso auch nicht die Zeremonienmeisterin, wenn sie etwas sagt, was sich auf das Chorgebet bezieht, und die Sakristanin, wenn sie ihr Amt ausübt, vorausgesetzt, daß sie dabei den Chor nicht verläßt. Wenn eine Schwester nach Beginn des Offiziums kommt, geht sie an ihren Platz und betet das mit, was die anderen beten; nach Beendigung des Chorgebetes holt sie nach, was vor ihrem Kommen schon rezitiert worden ist, und hört dann auf, wenn sie den versäumten Teil nachgeholt hat. Wart ihr beim Offizium unfreiwillig zerstreut, so braucht ihr es nicht noch einmal zu beten; und wißt ihr am Schluß eines Psalms nicht recht, ob ihr mitrezitiert habt, weil ihr zerstreut gewesen und es nicht gemerkt habt, so braucht ihr ihn nicht zu wiederholen; demütigt euch nur vor Gott und betet dann ruhig weiter. Selbst dann, wenn die Zerstreuung lange gedauert hat, braucht ihr nicht gleich an Nachlässigkeit denken; sie kann uns manchmal das ganze Offizium hindurch verfolgen, ohne daß wir selbst daran schuld sind. Machen wir dann ab und zu vor Gott einen ganz einfachen Akt der Abwehr und ängstigen wir uns nicht, auch wenn die Zerstreuung noch so schlimm wäre. Es liegt mir viel daran, daß ihr euch niemals wegen schlechter Empfindungen ängstigt. Ich möchte, daß ihr euch nur tapfer und beharrlich bemüht, nicht nachzugeben; denn: Eine Regung haben und einer Regung nachgeben ist durchaus nicht dasselbe.

291 20. Gespräch Predigt am Fest des hl. Josef1
Am Fest eines heiligen Bekenners beten wir mit der Kirche: „Einer blühenden Palme gleicht der Gerechte“ (Ps 92,13). Der Palmbaum, wegen der Schönheit und Köstlichkeit seiner Früchte der König der Bäume genannt, hat viele besonders vorzügliche Eigenschaften. Es liegt also sehr nahe, den Gerechten mit der Palme zu vergleichen, denn die Gerechtigkeit eines Menschen zeigt sich in vielerlei Weise. Wenngleich alle Gerechten gerecht sind, so sind doch die einzelnen Akte ihrer Gerechtigkeit recht verschiedenartig. Sie sind versinnbildet durch das Kleid des jungen Josef, das buntgestreift, mit verschiedenartigen Blumen durchwirkt war und ihm bis an die Fersen ging (Gen 37,3; 41,42) Jeder Gerechte ist mit dem Kleid der Gerechtigkeit angetan, das ihm bis an die Fersen geht; d. h. alle Fähigkeiten und Kräfte der Seele des Gerechten sind in Gerechtigkeit gehüllt, sein Äußeres wie sein Inneres ist ganz Gerechtigkeit und alle seine inneren und äußeren Tätigkeiten sind gerecht. Gewiß, jedes dieser Gewänder ist wieder mit anderen Blumen durchwirkt, diese Verschiedenartigkeit beeinträchtigt aber Wert und Schönheit der Gewänder nicht. Die Gerechtigkeit des heiligen Einsiedlers Paulus war sehr vollkommen, obgleich er die Liebe zu den Armen nicht in dem Maße betätigte und nicht die Gelegenheit hatte, ebenso freigebig zu sein, wie der hl. Johannes, der deshalb der Almosengeber genannt wurde; folglich besaß er diese Tugend auch nicht im gleichen Grad wie jener und andere Heilige. Wohl hatte er alle Tugenden, aber nicht alle in gleicher Vollkommenheit. Ein Heiliger zeichnet sich in dieser Tugend aus, ein anderer wieder in jener, – alle sind sie Heilige, aber die Art ihrer Heiligkeit ist verschieden, denn es gibt im Himmel ebenso viele Arten von Heiligkeit wie Heilige. Ich komme nun wieder auf den Palmbaum zurück, auf die vielen Eigenschaften, die er anderen voraus hat, und wähle drei seiner Eigenschaften, die besonders gut auf den Heiligen passen, dessen Fest wir heute feiern und den die Kirche mit der Palme vergleicht. Der hl. Josef ist nicht bloß Patriarch, er ist der Brautführer aller Patriarchen zum himmlischen Hochzeitsmahl; er ist nicht einfach nur Bekenner, er ist

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20. Reinheit des hl. Josef

mehr als das, er ist Bekenner mit allen Würden eines Bischofs, mit dem Heldentum der Märtyrer und aller Heiligen insgesamt. Die Kirche hat also ganz recht, ihn mit dem Palmbaum zu vergleichen, mit dem König der Bäume, dem 1) die Jungfräulichkeit, 2) die Demut, 3) die Standhaftigkeit und Tapferkeit zu eigen sind, drei Tugenden, die der hl. Josef in hervorragender Weise übte. Wollte man Vergleiche wagen, so würden wohl manche die Behauptung verteidigen, daß er in diesen Tugenden alle anderen Heiligen übertroffen habe.

I.
Die Palmpflanze hat zwei Geschlechter, sie ist männlich und weiblich. Der Palmbaum, die männliche Pflanze, trägt keine Früchte. Trotzdem ist sie nicht unfruchtbar, denn die Palme, die weibliche Pflanze, hätte ohne den Palmbaum keine Früchte. Steht nämlich die Palme nicht ganz nahe beim Palmbaum, wächst sie nicht gleichsam unter seinen Augen, dann bleibt sie unfruchtbar und bringt keine Datteln hervor. Steht sie aber bei ihm, sozusagen unter seinen Augen, dann trägt sie viele Früchte. Sie bringt also Früchte hervor, aber auf jungfräuliche Art, denn sie wird vom Palmbaum nicht berührt. Wohl schaut der Palmbaum die Palme an, sie vereinigen sich aber nicht, sie zeitigt ihre Früchte im Anblick, im Schatten ihres Palmbaumes ganz rein und jungfräulich. Er selber gibt von seiner Substanz nichts dazu; trotzdem muß man sagen, daß die Fruchtbarkeit der Palme auch zum großen Teil sein Werk ist, denn ohne ihn trüge sie keine Früchte, sie bliebe unfruchtbar. Die göttliche Vorsehung, die von Ewigkeit her bestimmt hatte, daß „die Jungfrau einen Sohn empfangen“ werde (Jes 7,14), der Gott und Mensch zugleich ist, wollte auch, daß diese Jungfrau vermählt sei. Warum wohl ordnete Gott zwei sich so widersprechende Dinge an, fragen sich die Gottesgelehrten. Die Mehrzahl der Väter erklärt das so: Die Juden hätten mit Unserer Lieben Frau sicher keine Ausnahme gemacht, hätten sie mit Verleumdungen und Schmähungen nicht verschont, sie hätten sich zum Richter über ihre Unschuld aufgeworfen. Das aber sollte ihr erspart bleiben. Dann auch sollte ihre Jungfräulichkeit und Reinheit unversehrt bleiben: dazu mußte die göttliche Vorsehung sie aber dem Schutz und der Obhut eines jungfräulichen Mannes übergeben. „Im Schatten“ einer heiligen Ehe sollte diese Jungfrau ihr Kindlein, diese „süße Frucht“ des Lebens, zur Welt bringen“ (Hld 2,3).

20. Reinheit des hl. Josef

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So war der hl. Josef gleichsam der Palmbaum, der, ohne selber Früchte zu tragen, doch fruchtbar wurde, da er an der Frucht der Palme so großen Anteil hatte. Nicht daß er etwas beigetragen hätte! Er spendete in dieser heiligen Ehe nur den Schatten, der die heilige Jungfrau in der Zeit ihrer Erwartung den Verleumdungen verbarg. Obgleich nun der hl. Josef zu dieser Erwartung persönlich nichts beigetragen hatte, so war er an der heiligen Frucht seiner jungfräulichen Gemahlin doch sehr beteiligt, denn sie war ja sein Eigen, war ganz nahe zu ihm hingepflanzt als wunderliebliche Palme, die nach dem Plan der göttlichen Vorsehung nur unter seinem Schatten und unter seinen Augen Frucht bringen konnte und sollte. Damit will ich sagen: Im Schatten einer heiligen Ehe, die weder in der äußeren noch in der inneren Gütergemeinschaft und Verbindung eine Ehe im gewöhnlichen Sinn des Wortes war. Unsere Liebe Frau hatte am hl. Josef eine große Stütze und Hilfe und er hatte Teil an allen geistigen Gütern seiner vielgeliebten Gemahlin, sodaß er in der Vollkommenheit wunderbare Fortschritte machte. Das kam vom ständigen Beisammensein mit ihr, die alle Tugenden in höchster Vollkommenheit besaß, in einer Vollendung, die kein anderes Geschöpf je erreichen könnte: der hl. Josef kam ihr darin noch am nächsten. Ein Spiegel, der direkt von der Sonne beschienen ist, fängt ihre Strahlen vollkommen deutlich auf. Stellt man diesem sonnenbeschienenen Spiegel einen zweiten gegenüber, so wirft dieser die Sonnenstrahlen ebenso scharf zurück, obwohl er sie nur durch Widerstrahlung empfängt, und man kann nur schwer unterscheiden, welcher Spiegel nun die Sonnenstrahlen direkt und welcher sie durch Widerstrahlung aufnimmt. Unsere Liebe Frau stand als fleckenloser Spiegel der Sonne der Gerechtigkeit gegenüber (Mal 4,2), deren Strahlen unendlich viele Tugenden in herrlicher Vollendung in ihre Seele hineinsenkten – Tugenden, die sich dann im hl. Josef so rein widerspiegelten, daß es fast schien, als wäre er ebenso vollkommen wie die glorreiche Jungfrau, als hätten seine Tugenden die gleiche Größe wie die ihrigen. Doch zurück zur Tugend, von der wir sprachen. Welchen Grad der Reinheit, jener Tugend, die uns den Engeln gleich macht (Mt 22,30; Lk 20,36), haben wir uns beim hl. Josef vorzustellen? Wenn die allerseligste Jungfrau ganz rein und makellos und weiß wie der Schnee (wie es im dritten Responsorium der ersten Nokturn vom Fest der Unbefleckten

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20. Reinheit des hl. Josef

Empfängnis heißt), ja die Jungfräulichkeit selbst war, wie muß dann der gewesen sein, den der ewige Vater zum Herrn ihrer Jungfräulichkeit bestellt hatte, besser gesagt zum Gefährten, denn behüten brauchte sie niemand, sie behütete sich selber; wie groß also muß der hl. Josef in dieser Tugend gewesen sein! Beide hatten sie das Gelübde gemacht, ihr Leben lang jungfräulich zu bleiben. Und nun will Gott, daß sie sich durch das heilige Band der Ehe verbinden, freilich nicht, um das Gelübde zu brechen, oder zurückzunehmen, sondern um es durch diese Verbindung neuerdings zu bekräftigen und einander zu bestärken und zu helfen, diesem heiligen Entschluß treu zu bleiben. In diesem Sinn machten sie auch noch das Gelübde, zeitlebens in ihrer Ehe jungfräulich zu bleiben. In herrlichen Worten schildert der Bräutigam im Hohelied die Lilienreinheit, die schneeweiße und goldene Lauterkeit seiner zärtlichen Beziehungen zur viellieben Braut: „Unsere Schwester ist noch klein und hat noch keine Brüste, was sollen wir mit ihr tun am Tag, da sie umworben wird? Ist sie eine Mauer, so wollen wir auf ihr ein Bollwerk aus Silber errichten, ist sie eine Tür, so verwahren wir sie mit Zederngetäfel oder mit einem anderen unverweslichen Holz“ (Hld 8,8 f). – Hört, was der göttliche Bräutigam von der Reinheit der allerseligsten Jungfrau sagt: „Unsere Schwester ist klein, sie hat noch keine Brüste,“ das heißt, sie denkt noch nicht ans Heiraten. – Man sagt für gewöhnlich: Dieses Mädchen wird groß, es ist Zeit für sie zu heiraten. Von Unserer Lieben Frau aber sagt der göttliche Bräutigam, daß sie nicht daran denke, sich zu verheiraten, Herz und Sinn stünden ihr nicht danach. „Was wollen wir mit unserer Schwester tun am Tag, da man mit ihr sprechen muß?“ Warum dieses: „sprechen muß?“ Redet denn der göttliche Bräutigam nicht immer mit ihr, wann es ihm so gefällt? Das bedeutet also: „am Tag, da man ihr das wichtige Wort, das schwerwiegende Wort sagen muß,“ das Wort vom Heiraten, wo es um die Wahl eines Berufes oder Standes geht, bei dem man dann bleiben muß. „Ist sie ein Turm, so wollen wir auf ihr ein Bollwerk von Silber errichten, ist sie eine Pforte, dann wollen wir dieses Tor nicht erbrechen, wir wollen sie vielmehr mit ,Zedernholz‘, das unverderblich ist, verdoppeln und verstärken.“ Die glorreiche Jungfrau war ein Turm (Hld 4,4; 7,4), dessen Tor sich keinem Feind auftat und keinem Verlangen als dem nach einem Leben vollkommener Reinheit und unversehrter Jungfräulichkeit. – Was werden wir mit ihr tun, denn sie muß verheiratet werden? Er, der ihr den

20. Demut des hl. Josef

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Entschluß eingab, Jungfrau bleiben zu wollen, er hat es so angeordnet. Ist sie ein Turm, „ist sie eine Mauer, dann wollen wir auf ihr ein Bollwerk von Silber errichten,“ das den Turm nicht zum Einsturz bringt, sondern ihn noch mehr befestigt. – Was ist der hl. Josef anderes als dieses starke „Bollwerk“, das um die Gottesmutter aufgerichtet wurde, da sie als seine Frau ihm unterstand und er für sie Sorge trug? So wurde also der hl. Josef über Unsere Liebe Frau gesetzt, gewiß nicht um sie zu veranlassen, ihr Gelübde der Jungfräulichkeit zu brechen, sondern um ihr in diesem Gelübde ein Verbündeter zu sein, damit die Reinheit Unserer Lieben Frau unter dem Schleier und Schatten einer heiligen Ehe und heiligen Seelengemeinschaft in ihrer ganz herrlichen Makellosigkeit erhalten bliebe. So sprach der ewige Vater bei sich: Ist die heiligste Jungfrau „eine Tür“, dann wollen wir nicht, daß sie sich auftue, wollen sie vielmehr verstärken und mit unverderblichem Holz verrammen, d. h. ihr einen Gefährten in der Reinheit an die Seite geben. Dazu bestimmte er den großen hl. Josef, der deshalb alle Heiligen und alle Engel, selbst die Serafim in dieser herrlichen Tugend der Jungfräulichkeit überragen sollte.

II.
Nun kommen wir zum zweiten Punkt, zur zweiten Eigenschaft des Palmbaumes, zur Demut. Obwohl König der Bäume, ist er doch ganz demütig, er versteckt seine Blüte in Blattscheiden oder Kapseln, die wie Taschen aussehen. Bei dieser Eigentümlichkeit der Palme denken wir an den Unterschied zwischen den Seelen, die nach Vollkommenheit streben, den Gerechten also, und den Kindern der Welt. Hat so ein Weltkind, das nur irdischen Gesetzen folgt, einmal einen guten Gedanken oder eine gute Idee, die ihm wertvoll dünkt, oder irgend eine Fähigkeit, dann gibt es keine Ruhe, bis alle, die ihm begegnen, darum wissen. Solchen Weltkindern ergeht es dann wie den Mandelbäumchen, die es im Frühling mit dem Blühen recht eilig haben; kommt Frost über Nacht, dann erfrieren sie und setzen keine Früchte an. Diese Weltkinder, die im Frühling dieses zeitlichen Lebens aus Hochmut und Ehrsucht ihre Blüten leichtsinnig entfalten, laufen stets Gefahr, vom Frost überrascht zu werden, der sie dann um die Frucht ihrer Werke bringt.

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20. Demut des hl. Josef

Die Gerechten hingegen schützen ihre Blüten mit der Demut wie mit einer Blatthülle und verbergen sie soviel als möglich bis zum Sommer ihres Lebens, da Gott, die „Sonne der Gerechtigkeit“ (Mal 4,2), ihre Herzen mächtig durchglutet im ewigen Leben, wo sie auf ewig die köstlichen Früchte der Glückseligkeit und Unsterblichkeit tragen werden. Erst wenn die Glut der Sonne die Blatthüllen sprengt, zeigt die Palme ihre Blüten und dann kommen auch schon die Früchte. Die gerechte Seele macht es nicht anders: Sie hält ihre Blüte, das heißt ihre Tugenden unter der Hülle der Demut verborgen, bis zum Tod. Dann aber sprengt der Heiland die Hülle, die Blüten öffnen sich, werden sichtbar und schon zeigen sich auch die Früchte. Wie treu war doch darin der große Heilige, von dem wir sprechen. Es ist kaum möglich, diese Tugend in ihrer ganzen Größe zu würdigen. In welcher Niedrigkeit lebte er nicht sein Leben lang! Und unter dieser Armut und Niedrigkeit verbarg er seine hohen Tugenden und Würden. Und was für Würden! Erzieher unseres Herrn und Heilands! Und nicht nur das, nein, auch noch sein Pflegevater und dazu noch Gemahl der heiligsten Gottesmutter! O, ganz gewiß werden die Engel, von Staunen hingerissen, in Scharen herbeigeeilt sein, um die Demut des hl. Josef zu bewundern, wenn er das teure Kind bei sich in der ärmlichen Werkstatt hatte, wo er sein Handwerk ausübte, um für den Sohn und dessen Mutter, die da bei ihm waren, Brot zu beschaffen! Kein Zweifel, meine lieben Schwestern, der hl. Josef war tapferer als David, weiser als Salomo und alle anderen, wer sie auch sein mochten, und dennoch mußte er nur Zimmermannsarbeit tun. Wer hätte ohne besondere innere Erleuchtung bei dem armen Zimmermann diese großen Gnadengaben Gottes vermutet, die er so sorgfältig verborgen hielt? Welche Fülle von Weisheit mußte er nicht besitzen, da Gott ihm seinen vielgeliebten Sohn anvertraute und die Leitung der heiligen Familie übergab! Weltliche Fürsten wählen mit der größten Sorgfalt die Erzieher ihrer Kinder; sie wollen nur die Fähigsten dafür haben. Und da sollte Gott nicht den in jeder Hinsicht vollkommensten Mann zum Erzieher seines Sohnes gewählt haben, des an Hoheit und Größe alles überragenden, über alles herrschenden herrlichen Königs des Himmels und der Erde? Er konnte es, also wollte und tat er es. Es ist daher nicht zu bezweifeln, daß der hl. Josef mit allen Gnaden und Gaben ausgestattet war, die zu dieser hohen, vom himmlischen Vater ihm anvertrauten Aufgabe gehör-

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te, zur Obhut über das Geheimnis der Menschwerdung Unseres Erlösers und zur Führung der heiligen Familie, die uns in ihrer Dreizahl ein Bild der allerheiligsten, höchst anbetungswürdigen Dreifaltigkeit ist. Freilich gilt der Vergleich ganz richtig nur für den Herrn, die zweite Person der heiligsten Dreifaltigkeit, da Maria und Josef nur Geschöpfe sind. Wir können aber doch sagen: Die heilige Familie ist die Dreieinigkeit auf Erden, wie es die allerheiligste Dreifaltigkeit im Himmel ist. Maria, Jesus, Josef – Josef, Jesus, Maria, wunderbare, höchst nachahmenswerte und überaus hoch zu verehrende Dreifaltigkeit! Nun versteht ihr schon, wie hoch an Würden, wie reich an Tugenden der hl. Josef war; ihr erinnert euch aber auch, wie er, mehr als man sagen und es sich vorstellen kann, niedergedrückt und gedemütigt worden ist. Ein Beispiel genügt: Er geht in seine Heimat, in seine Vaterstadt Betlehem, und nur er wurde, wenigstens soweit man weiß, an allen Herbergen abgewiesen, so daß er sich gezwungen sah, die Stadt wieder zu verlassen und seine jungfräuliche Gemahlin in einem Stall, bei Ochs und Esel unterzubringen (Lk 2,4 f). Das war gewiß äußerste Niedrigkeit und Verdemütigung! Aus Demut auch wollte er Unsere Liebe Frau verlassen, weil „es sich fand, daß sie empfangen hatte“ (Mt 1,19). Der hl. Bernhard läßt ihn dabei folgendes Selbstgespräch führen: „Ich weiß, daß sie Jungfrau ist, haben wir doch beide Keuschheit und Jungfräulichkeit gelobt; ich weiß auch, daß sie dieses Gelübde niemals brechen wollte, und doch sehe ich sie nun Mutter werden. Wie nur ist Jungfräulichkeit mit Mutterschaft vereinbar und Jungfräulichkeit kein Hindernis für eine Mutterschaft? Mein Gott, sollte sie vielleicht jene ‚Jungfrau‘ sein, von der die Propheten sagen, daß sie ‚empfangen‘ und die Mutter des Messias sein werde? (Jes 7,14) Wenn das der Fall wäre, dann, Gott bewahre, daß ich Unwürdiger bei ihr bleibe! Es ist besser, daß ich bei meiner Unwürdigkeit sie heimlich verlasse und nicht mehr bei ihr wohne.“ Nur eine wunderbar tiefe Demut kann solche Empfindungen auslösen! Solche Demut ließ auch Petrus ausrufen, als er im Schifflein mit dem Heiland war und sich ihm die Allmacht des Herrn im reichen Fischfang offenbarte: „Herr, gehe weg von mir“ (Lk 5,38), denn ich bin nicht wert bei dir zu sein. Werfe ich mich ins Meer, werde ich gewiß zugrunde gehen; Du aber, Du bist allmächtig, Du kannst trockenen Fußes über die Wasser schreiten, darum bitte ich Dich, daß Du von mir weggehen mögest.

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Der hl. Josef war also sehr darauf bedacht, seine Tugenden unter der Hülle der Demut verborgen zu halten; die kostbare Perle der Jungfräulichkeit verbarg er aber besonders sorgfältig. Daher vermählte er sich, damit niemand davon wisse und er, im Schatten der Ehe verborgen, sein jungfräuliches Leben führen könne. Daraus mögen die Jungfrauen und alle, die ein reines Leben führen wollen, lernen, daß es nicht genügt, jungfräulich zu sein, wenn sie nicht zugleich auch demütig sind und ihre Reinheit im kostbaren Schrein der Demut verwahren. Tun sie das nicht, dann wird es ihnen ergehen wie den törichten Jungfrauen, die der Bräutigam von seinem Hochzeitsmahl fortjagte (Mt 25,712), weil sie nicht demütig waren. So mußten sie denn zu den weltlichen Hochzeitsfeiern gehen, wo man auf den Rat des himmlischen Bräutigams nicht hört, der ermahnt, daß man demütig sein, d. h. die Demut üben solle, wenn man zur Hochzeit kommt. Er sagt ja: „Wer zur Hochzeit geht oder eingeladen wird, nehme den letzten Platz ein“ (Mt 26,7). Wir ersehen daraus, wie notwendig die Demut zur Bewahrung der Jungfräulichkeit ist, denn wir werden vom himmlischen Hochzeitsmahl, das Gott den jungfräulichen Seelen in seinen himmlischen Wohnstätten bereitet, ganz sicher ausgeschlossen, wenn wir nicht demütig sind. Kostbare Flüssigkeiten, vor allem wohlriechende Öle, läßt man nicht offen stehen, weil sich sonst ihr Duft verflüchtet und die Fliegen sie verderben und wertlos machen (Koh 10,1). Die gerechten Seelen schützen auch ihre guten Werke gleich wohlriechenden Ölen, weil sie um deren Güte und Wert besorgt sind; sie verwahren sie in einem verschlossenen Gefäß, aber nicht in irgend einem beliebigen, sondern in einem Alabastergefäß. Aus einem solchen Gefäß hat die hl. Magdalena ihr Salböl auf Jesu hochheiliges Haupt ausgegossen (Mt 26,7), da er ihr die verlorene Reinheit wiedergab, – nicht die ursprüngliche, sondern die wiederhergestellte, durch Buße wiedergewonnene Reinheit, die manchmal wertvoller ist als die unversehrte, dafür aber oft auch weniger demütige Jungfräulichkeit. In einem Alabastergefäß also müssen auch wir nach dem Beispiel Unserer Lieben Frau und des hl. Josef unsere Tugenden und alles, was die Menschen an uns schätzen könnten, verwahren und ganz zufrieden sein, im Versteck der Selbsterniedrigung Gott gefallen zu dürfen, bis er selbst uns in Sicherheit bringt, das heißt in die ewige Glorie heimholt

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und dann unsere Tugenden zu seiner Ehre und Verherrlichung offenbar werden läßt. Gab es je eine größere Demut als die des hl. Josef? Ich sehe jetzt von der Demut Unserer Lieben Frau ganz ab, sagten wir doch schon, daß die Tugenden der allerseligsten Jungfrau ihre Strahlen auf die Seele des hl. Josef warfen und so eine gewaltige Zunahme aller Tugenden des Heiligen bewirkten. Das Kleinod, das er bei sich hatte – Unser Herr und Heiland – war zum großen Teil sein Eigen. Er aber verhält sich so bescheiden und demütig, als hätte er gar kein Recht darauf, und doch gehörte nächst der allerseligsten Jungfrau das göttliche Kind vor allem ihm; das kann niemand bezweifeln, da es ein Glied seiner Familie und das Kind seiner Gattin war, die ihm angehörte. Läßt ein Vogel, etwa eine Taube – dieser Vergleich paßt besser zur Reinheit unserer beiden Heiligen – eine Dattel, die sie im Schnabel trägt, über einem Garten fallen, so wird doch niemand behaupten wollen, daß dieses aus der Dattel aufsprießende Palmbäumlein der Taube gehöre und nicht dem Besitzer des Gartens. Wenn nun die Himmelstaube, der Heilige Geist, dieses göttliche Samenkorn über dem verschlossenen Garten fallen läßt – war doch die heilige Jungfrau ein „wohlverschlossener Garten“ (Hld 4,12), ringsum mit dem Gelübde der Jungfräulichkeit und Reinheit wie mit einer Hekke umzäunt, dem glorreichen hl. Josef zu eigen, wie die Gattin dem Gatten zu eigen ist –, wer könnte da bezweifeln, daß die göttliche Palme, die daraus hervorsprießt und Früchte für die Ewigkeit tragen wird, ganz und gar dem hl. Josef gehört? Und dieser große Heilige verliert darüber seine Ruhe nicht, er ist weder stolz noch eingebildet, er wird im Gegenteil immer noch demütiger. Diese zarte Rücksicht und Ehrfurcht für Mutter und Sohn, ein herzerfreulicher Anblick! Da er ihre Würde noch nicht ganz kannte, hatte er es vorgezogen, seine Gattin zu verlassen. Und als dann der Heiland und Unsere Liebe Frau ihm in allem gehorchten und nichts ohne seinen Befehl taten, wie groß war da seine Verwunderung über diese Ehre und wie tief verdemütigte er sich darüber! Das geht über unsere Begriffe. Darum nichts mehr zu diesem zweiten Punkt; denn so viel wir über die Demut dieses glorreichen Heiligen auch sagen könnten, es wäre nichts, verglichen mit dem, was noch darüber zu sagen wäre.

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20. Ausdauer des hl. Josef

III.
Die dritte Eigenschaft oder Eigenart des Palmbaumes ist Tapferkeit, Ausdauer und Kraft, – Eigenschaften, die der hl. Josef in hohem Maße besaß. Der Palmbaum ist kräftiger, widerstandsfähiger und ausdauernder als alle Bäume, darum gilt er auch als der König der Bäume. Er beweist seine Kraft und Standhaftigkeit darin, daß er sich um so höher reckt, je schwerer er beladen ist; darin unterscheidet er sich von den anderen Bäumen und eigentlich von allen Dingen, die sich um so mehr zur Erde neigen, je schwerer ihre Last ist. Die Palme hingegen beugt sich nie, so beladen sie auch sein mag; es treibt sie immer in die Höhe und so steht sie aufrecht, und nichts kann sie daran hindern. – Ihre Tapferkeit, wenn man so sagen kann, kommt darin zum Ausdruck, daß ihre Blätter Schwertern gleichen; sie scheint ebensoviele Schwerter zu tragen, als sie Blätter hat. Man vergleicht also mit Recht den hl. Josef mit der Palme, denn er war immer standhaft, tapfer und ausdauernd. Zwischen Standhaftigkeit und Ausdauer ist ein ebensogroßer Unterschied wie zwischen Kraft und Tapferkeit. – Ein Mensch ist standhaft, wenn er entschlossen und bereit ist, sich gegen die Angriffe des Feindes zu wehren, ohne lange zu zaudern oder mutlos zu werden. – Unter Ausdauer und Beharrlichkeit versteht man hingegen das Aushalten in der Verdrossenheit, die sich bei länger andauernden Leiden und Mühseligkeiten einstellt und eine der größten Plagen ist. Ein Mann ist ausdauernd und beharrlich, wenn er über diese Verdrossenheit so erhaben ist, daß er immer gleichmäßig seinen Willen dem Willen Gottes unterordnet, und sich so andauernd überwindet. – Man ist kräftig, wenn man fähig ist, den Angriffen der Feinde mächtigen Widerstand zu leisten, und tapfer, wenn man sich nicht nur zu Kampf und Widerstand im gegebenen Augenblick bereit hält, sondern auch den Feind angreift, wenn er am wenigsten daran denkt und davon spricht. Unser glorreicher Heiliger besaß all diese Tugenden und übte sie in hervorragender Weise. Als Unsere Liebe Frau in Erwartung war und er nicht wußte, wie das geschehen sein konnte, bewies er da nicht seine Standhaftigkeit? Mein Gott, was für ein Seelenleid, schier brach ihm das Herz! Was für eine Flut von Gedanken! Und doch, er hielt aus: Er klagt nicht, er ist weder grob noch unliebenswürdig mit seiner Gemah-

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lin, er tut ihr nichts zuleide, er ist genau so lieb mit ihr, behandelt sie genau so ehrfurchtsvoll wie immer. Und dann, im Kampf mit dem Teufel und mit der Welt, diesen zwei schlimmsten Feinden des Menschen, wie tapfer und kraftvoll war er da! Er besiegte sie durch die vollendete Demut, die ihn in seinem ganzen Leben beseelte. Der Teufel haßt die Demut glühend, als ob sie daran schuld wäre, daß er nichts von ihr wissen wollte, – wurde er doch wegen seines Stolzes aus dem Himmel gejagt und in die Hölle verstoßen. Er haßt sie so glühend, daß er alles mögliche erfindet und vortäuscht, um nur ja den Menschen von der Liebe zur Demut abzubringen, weiß er doch, daß Gott am demütigen Menschen ein besonders großes Wohlgefallen hat. Wir dürfen also mit Recht sagen: Wer beharrlich demütig bleibt, ist ein tapferer und starker Mensch, denn er überwindet den Teufel und siegt über die Welt, die voll Ehrgeiz, Hochmut und Eitelkeit ist. Wie schwer wurde dieser Heilige in der Ausdauer von Gott und von den Menschen geprüft; in der Ausdauer, die die Verdrossenheit überwindet, diesen inneren Feind, der uns überfällt, wenn Widrigkeit, Demütigungen, Schicksalsschläge – oder wie man es nennen soll – und sonstige unangenehme Vorkommnisse nicht gleich wieder vorübergehen, sondern anhalten. Welche Prüfungen und welche Ausdauer des Heiligen auf der Flucht nach Ägypten! Der Engel befiehlt dem hl. Josef, sich eilends aufzumachen, die Mutter und das göttliche Kind nach Ägypten zu bringen (Mt 2,13 f). Er geht sofort und fragt nicht lange: „Wohin in Ägypten? Welchen Weg soll ich einschlagen? Wie werde ich meine Familie ernähren können?“ Er geht ins Ungewisse, mit seinem Werkzeug auf dem Rükken, um damit im Schweiße seines Angesichtes Brot für sich und die Seinigen zu verdienen. O, wie oft mag Verdrossenheit ihn gequält haben, umso mehr, da der Engel ihm nicht gesagt hatte, wie lange er in Ägypten zu bleiben habe! Er konnte sich also weder häuslich niederlassen, noch in Gemütsruhe dort bleiben, denn er wußte ja nicht, wann der Engel ihm befehlen würde zurückzukehren. Er mag wohl gedacht haben, daß dies vielleicht noch unterwegs sein könnte, denn die Reise dauerte immerhin so lange, daß der Feind, vor dem er fliehen mußte, inzwischen sterben konnte. Der hl. Paulus (Hebr 11,8 f) bewundert ungemein den Gehorsam des Patriarchen Abraham. Gott befiehlt Abraham, aus seinem Land fort-

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20. Ausdauer des hl. Josef

zuziehen (Gen 12,1). Er sagt ihm nicht, wohin er gehen soll, und Abraham fragt nicht: „Herr, Du heißt mich fortziehen, welche Richtung soll ich denn einschlagen?“ Er macht sich einfach auf den Weg und geht, wohin der Geist Gottes ihn führt. O, wie bewunderungswürdig ist doch auch der vollkommene Gehorsam des hl. Josef! Der Engel sagt nicht, wie lange er in Ägypten zu bleiben habe, und Josef fragt nicht. Er bleibt dort fünf Jahre lang, wie die meisten annehmen, und kümmert sich auch nicht um die Heimkehr, denn er weiß gewiß, daß der, der ihn fortziehen hieß, auch sagen werde, wann er heimzukehren habe; und so war er ständig bereit zu gehorchen. Ägypten war für den hl. Josef nicht nur ein „fremdes Land“ (Hebr 11,9), es war auch ein feindliches, denn die Ägypter hatten es nicht verwinden können, daß die Juden einst aus ihrem Land fortgezogen und so viele Ägypter bei ihrer Verfolgung zugrunde gegangen waren. Daß der hl. Josef bei dieser fortwährenden Angst vor den Ägyptern nur zu gerne wieder heimgewandert wäre, das könnt ihr euch denken. Die Ungewißheit der Rückkehr mußte auf seinem Gemüt lasten und ihm das Herz schwer machen. Und doch bleibt er immer derselbe, immer gleich sanft, immer gleich gelassen, immer beharrlich dem göttlichen Wohlgefallen zu Willen, immer bereit, sich in allem von Gott führen zu lassen. Er war ja „gerecht“ (Mt 1,19) und so war sein Wille immer nach dem Willen Gottes gerichtet, immer mit dem Willen Gottes eins, ihm immer gleichförmig, in allen Lagen, in angenehmen und unangenehmen. Daß der hl. Josef sich dem Willen Gottes stets vollkommen gefügt, darüber besteht kein Zweifel. Seht nur, wie der Engel mit ihm umgeht: Er befiehlt ihm, nach Ägypten zu gehen, und Josef geht; er befiehlt ihm zurückzukehren, und Josef kehrt zurück. Gott will, daß der hl. Josef immer arm bleibe – und Armut ist eine der härtesten Prüfungen für uns Menschen –, er aber fügte sich gerne und nicht nur für einige Zeit; er war sein ganzes Leben hindurch arm. Und was für eine Armut war das? Eine überall hinausgewiesene, verachtete, äußerst entbehrungsreiche. – Die freiwillige Armut, wie die Ordensleute sie geloben, hat etwas Liebenswürdiges an sich. Sie hindert sie nicht zu haben und anzunehmen, was ihnen notwendig ist; sie entzieht und verbietet ihnen nur alles Überflüssige. Die Armut der heiligen Familie war nicht von dieser Art: Das war eine unfreiwillige Armut, aber auch eine demütigende, nirgends gern gesehene, äußerst

20. Josef im Himmel

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bittere, aber doch von ihr ungemein geliebte Armut. Jedermann sah im hl. Josef nur den armen Zimmermann (Mt 13,55; Mk 6,3). Obwohl er sich in unsäglicher Liebe abmühte, den Unterhalt für seine kleine Familie zu beschaffen, verdiente er doch nicht so viel, daß nicht notwendige Dinge fehlten. Er fügte sich aber in dieser dauernden Armut und Erniedrigung demütig dem Willen Gottes und ließ sich von Gefühlen der Verdrossenheit, sosehr sie ihm auch zusetzen mochten, weder besiegen noch zerbrechen. Allzeit war seine Gefügigkeit beharrlich und freudig wie alle anderen Tugenden, so übte er auch diese immer vollkommener. Auch Unsere Liebe Frau gewann immer noch mehr Tugenden und Vollkommenheiten, sie schöpfte sie aus ihrem seligsten Kind, das in keiner Tugend mehr wachsen konnte, da es vom ersten Augenblick seiner Empfängnis so war, wie es ist und ewig sein wird (Hebr 13,8). So wuchs, so eilte die heilige Familie in der Vollkommenheit voran, Maria schöpfte sie aus der göttlichen Güte, Sankt Josef wurde sie durch die Mittlerschaft Mariens zuteil.

V. I V.
Was wäre noch zu sagen? Wir dürfen überzeugt sein, daß der glorreiche hl. Josef droben im Himmel viel vermag bei dem, der ihm die hohe Gunst erwies, ihn mit Leib und Seele in den Himmel aufzunehmen,2 was umso wahrscheinlicher ist, als wir ja keine Reliquien von ihm besitzen. Ich möchte meinen, daß man das nicht bezweifeln kann. Wie auch hätte er, der in seinem Leben so gehorsam war, dem hl. Josef diese Gunst vorenthalten können! Wir können uns vorstellen, daß der hl. Josef den Heiland, als er in die Vorhölle kam, mit diesen Worten angeredet hat: „Als Du, o Herr, vom Himmel auf die Erde herniederstiegst, da habe ich Dich in mein Haus aufgenommen, in meine Familie. Weißt Du es noch, o Herr? Und da Du geboren warst, habe ich Dich in die Arme genommen. Jetzt nimm Du mich in die Arme, und wie ich für Dich gesorgt und Dich durch das zeitliche Leben geführt, so sorge Du jetzt für mich und führe mich ein in das unsterbliche Leben!“ Wenn kraft der heiligsten Eucharistie unser Leib am jüngsten Tag auferstehen wird (Joh 6,55) – eine Wahrheit, die wir glauben müssen –, wie könnten wir dann bezweifeln, daß der Heiland den hl. Josef, dem die Ehre und Gnade zuteil wurde, den Erlöser so oft auf den Armen zu tragen, mit Leib und Seele zu sich in den Himmel aufgenommen hat? Und wie

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20. Josef im Himmel

zärtlich wird er ihn umarmt und geküßt haben, um ihn für alle Arbeiten und Mühe zu belohnen! Der hl. Josef ist sicher mit Leib und Seele im Himmel. Wie glücklich wären wir doch, wenn wir uns seine Fürsprache verdienen könnten! Denn weder Unsere Liebe Frau noch der Heiland schlagen ihm etwas ab. Er wird uns durch seine Fürbitte zu großem Fortschritt in allen Tugenden verhelfen, wenn wir nur Vertrauen zu ihm haben, – vor allem aber in jenen Tugenden, die er in so hohem Grad besaß: in der Lilienreinheit des Leibes und der Seele, in der so liebenswürdigen Tugend der Demut; ferner in der Standhaftigkeit, Kraft und Ausdauer, die auch uns zum Sieg über unsere Feinde verhelfen, damit wir uns dann im ewigen Leben der Belohnung erfreuen dürfen, die jenen bereitet ist, die in ihrem Erdendasein dem Beispiel des hl. Josef gefolgt sind. Und diese Belohnung ist keine geringere als die ewige Seligkeit, ist die Wonne der klaren Schau des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

305 21. Gespräch Über die Absicht beim Eintritt ins Kloster 1
Meine lieben Töchter! Unsere gute Mutter legt mir folgende Frage vor: Was für eine Absicht muß man haben, wenn man ins Kloster geht? Das ist wohl die wichtigste, notwendigste und nützlichste Frage, die mir gestellt werden konnte. 1. Meine lieben Töchter! So manche Mädchen gehen ins Kloster, ohne eigentlich zu wissen, warum. Sie kommen da einmal ins Sprechzimmer eines Klosters, an ein Gitter, sehen Frauengestalten mit einem Schleier auf dem Kopf, mit einem heiteren Gesicht, liebenswürdig und bescheiden im Wesen und, wie es scheint, sehr glücklich und zufrieden. Und da kommt ihnen der Gedanke: Mein Gott, wie schön muß es da sein, ich möchte es da wohl auch versuchen! Die Welt zeigt uns ohnedies kein freundliches Gesicht, und wir finden auch da draußen das nicht, was wir wollen. – Eine andere wieder sagt: Mein Gott, wie schön die da drinnen singen! So ein feiner Gesang ist doch etwas Schönes! – Freilich, sie hätte schon recht, ins Kloster zu gehen, um ihre schöne Stimme hören zu lassen. Daheim singt sie an leere Wände hin, niemand hört ihr zu und kümmert sich darum, ob sie schön oder nicht schön singt. Im Chor eines Klosters aber muß sie von allen gehört und beachtet werden. Andere wieder gehen ins Kloster, um dort einen tiefen Frieden, geistliche Freuden und alle möglichen Befriedigungen und inneren Süßigkeiten zu finden und zu genießen. Sie sagen: Mein Gott, die glücklichen Nonnen! Die haben Ruhe vor ihren Eltern, die in einem fort schimpfen. Man kann ihnen nichts recht machen, immer wieder geht es von neuem an. Der Heiland verspricht allen, die die Welt verlassen, um ihm zu dienen, viele geistliche Freuden, – gehen wir also ins Kloster! Seht, meine lieben Töchter, keine dieser drei Absichten taugt etwas. Ein Kloster ist ein Haus Gottes, Gott muß „das Haus“ oder „die Stadt“ bauen (Ps 127,1) und kein anderer; sonst müßte der Bau, auch wenn er schon fertig wäre, niedergerissen werden. – Ich glaube aber gerne, meine lieben Töchter, daß eure Absichten ganz anderer Art sind und daß ihr alle eine reine Gesinnung habt; so wird auch Gottes Segen mit euch sein. 2. Es fallen mir da zwei Vergleiche ein, die mir helfen können, euch verständlich zu machen, worauf eure Absicht gegründet und wie be-

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21. Absicht beim Klostereintritt

schaffen sie sein muß. Ich will aber nur einen dieser beiden Vergleiche erläutern. Gesetzt den Fall: Ein Architekt will ein Haus bauen. Was tut er da? Vor allem zwei Dinge: 1) fragt er sich, für wen das Haus bestimmt ist, ob für einen Privatmann, für einen Prinzen oder für einen König; danach muß er sich richten; 2) rechnet er aus, ob er auch das nötige Geld dazu hat. Wollte er den Bau eines Turmes übernehmen und könnte die Kosten nicht bestreiten, so würde man ihn verspotten, weil er etwas angefangen, was er nicht ehrenvoll zu Ende führen kann; 3) muß er sich entschließen, das alte Gebäude niederzureißen, das dort steht, wo er das neue errichten will. Meine lieben Töchter! Wir wollen einen großen Bau aufführen, wollen Gott ein Haus in uns bauen, wollen, daß er in diesem Haus wohne und wir so sein lebendiger Tempel werden. Da müssen wir nun reiflich überlegen, ob wir dazu auch genügend Mut und Entschlossenheit aufbringen, uns selbst niederzureißen, uns zu kreuzigen, oder besser von Gott uns niederreißen und kreuzigen zu lassen, damit er uns dann auch neu aufbaue als lebendigen Tempel seiner göttlichen Majestät. Ich sage also, meine lieben Töchter, unsere einzige Absicht muß sein, uns so mit Gott zu vereinigen, wie Christus der Herr sich mit Gott seinem Vater vereinigte, da er am Kreuz starb. Ich rede jetzt von der allgemeinen Vereinigung durch die Taufe, bei der alle Christen sich mit Gott vereinigen, wenn sie den von Gott eingeprägten Charakter eines Christen empfangen, der sie verpflichtet, die Gebote Gottes und der Kirche zu halten, gute Werke zu tun und die drei göttlichen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe zu üben, die ihrer durch die Taufe grundgelegten Gottverbundenheit erst den vollen Wert geben. Sie dürfen dann hoffen, in den Himmel zu kommen, wo sie sich auf ewig mit der göttlichen Güte, mit Gott vereinigen werden, weil sie auf Erden die befohlenen Mittel angewandt haben. – Zu mehr sind sie nicht verpflichtet, haben sie doch ihr Ziel, die Gottvereinigung auf der allgemeinen und breiten Straße der Gebote Gottes erreicht, die sie gewissenhaft erfüllt haben. Doch für euch, meine lieben Töchter, liegt die Sache anders: Zu den allgemeinen Verpflichtungen als Christen kommen für euch noch besondere hinzu. Gott hat euch zu seinen Bräuten erwählt, so müßt ihr also wissen, was notwendigerweise zu einer Ordensfrau gehört und was es heißt, Ordensfrau zu sein.

21. Absicht beim Klostereintritt

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Ordensfrau, Religiose sein heißt an Gott gebunden sein durch die ununterbrochene Selbstverleugnung, heißt nur für Gott leben, sodaß Herz, Augen, Zunge, Hände und alles, was unser eigen ist, ohne Ausnahme und immer im Dienst der göttlichen Majestät stehen. Der Orden gibt uns dazu die geeigneten Mittel: Gebet, Lesung, Stillschweigen, innerliche Einkehr durch oftmalige Herzenserhebungen zum Herrn. Weil wir aber dazu nur auf dem Weg der ständigen Überwindung unserer Leidenschaften, Stimmungen, Neigungen und Abneigungen gelangen können, sind wir gezwungen, uns dauernd zu überwachen, um all dies zum Absterben zu bringen. Wißt, meine lieben Töchter, „wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, so bleibt es allein: wenn es aber stirbt, bringt es hundertfältige Frucht“ (Joh 12,24 f). Dieses hochheilige Wort des Herrn ist ganz klar, er selbst hat es gesprochen. Deshalb sage ich euch, die ihr eingekleidet werden möchtet, und euch, meine lieben Töchter, die ihr schon eingekleidet seid und euch nach der Profeß sehnt: Fragt euch öfter, ob ihr entschlossen seid, euch selbst abzusterben. Überlegt es euch wohl, noch habt ihr Zeit genug bis zu dem Tag, da ihr euren weißen Schleier mit dem schwarzen vertauscht. Denn das erkläre ich euch offen: Wer ein rein natürliches Leben führen will, – ich will euch nichts Schmeichelndes sagen – der soll nur wieder hinaus in die Welt zurückkehren; wer aber entschlossen ist, ein übernatürliches Leben zu führen, der möge hier im Kloster bleiben. Das Ordensleben kann ja nur eine Schule der Abtötung und Selbstverleugnung sein, weshalb es uns auch sowohl äußere wie innere Werkzeuge der Abtötung in die Hand legt. 3. Da höre ich euch nun sagen: Ja, mein Gott, das habe ich im Kloster nicht gesucht. Ich habe gemeint, eine richtige Klosterfrau müsse nur gerne beten, brauche nur Visionen, Offenbarungen, Ekstasen haben, Engel in Menschengestalt sehen und gerne fromme Bücher lesen. Wie? In der Welt draußen war ich doch so tugendhaft, so abgetötet, so demütig, daß alle mich geradezu bewunderten. War denn das nicht Demut und Tugend: Mit den Freundinnen recht lieb über fromme Dinge reden, Predigten nacherzählen, zu Hause mit allen freundlich umgehen, besonders dann, wenn niemand widersprochen hat? Gewiß, meine lieben Töchter, das mochte für ein Leben in der Welt ganz schön gewesen sein, das Ordensleben aber verlangt Werke, die „des Berufes würdig“ sind (Eph 4,1), das heißt, es verlangt, daß wir uns in

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21. Absicht beim Klostereintritt

allen Dingen absterben, sowohl in dem, was unserer Meinung nach gut ist, wie auch in allen schlechten und unnützen Dingen. Meint ihr vielleicht, die Mönche in der Wüste seien zu einer so innigen Gottvereinigung gelangt, während sie sich von ihren Neigungen leiten ließen? Sicher nicht; sie haben sich auch in den heiligsten Dingen abgetötet. Obwohl es ihnen eine so große Freude war, die Psalmen zu singen, taten sie es doch nicht zu ihrer eigenen Befriedigung. Sie versagten sich vielmehr auch diese reinen und erlaubten Freuden, um sich schweren und anstrengenden Arbeiten zu unterziehen. O nein, meine lieben Töchter, wenn die Regel vorschreibt, sich zur festgesetzten Stunde Bücher zu holen, so meint sie damit nicht, daß wir um solche bitten, die uns am besten zusagen. Nein, das ist nicht der Zweck dieser Vorschrift, ebensowenig wie der anderen. Eine Schwester fühlt sich, wie sie meint, angezogen zu betrachten, das Offizium zu beten, sich ganz zurückzuziehen; und nun sagt man ihr: „Gehen Sie jetzt in die Küche, tun Sie das und das.“ Scheint es euch nicht, daß das für eine so „fromme“ Schwester eine wenig erfreuliche Kunde ist? Meine lieben Töchter, ich komme immer wieder auf das zurück, was ich schon so oft gesagt habe: Wir müssen sterben, damit Gott „in uns lebe“ (Gal 2,20). Es ist unmöglich, die Vereinigung unserer Seele mit Gott auf einem anderen Weg als auf dem der Abtötung zu erreichen. Die Worte: „Man muß sterben,“ sind bitter; dieser Bitterkeit folgt aber eine große Süße auf dem Fuß, denn dieses Sterben vereint uns mit Gott. Ihr wißt doch, daß kein vernünftiger Mensch „neuen Wein in alte Schläuche“ gießt (Mt 9,17). So ist auch der alte Adam kein Gefäß für den edlen Wein der göttlichen Liebe und muß daher zertrümmert werden. 4. Aber wie macht man das? Wie man das macht, meine lieben Töchter? Indem man die Satzungen pünktlich beobachtet. Ich kann euch von Gott aus die Versicherung geben, daß ihr das Ziel, das ihr anstreben sollt, die Vereinigung mit Gott, sicher erreichen werdet, wenn ihr treu und gewissenhaft tut, was die Satzungen lehren. Achtet wohl darauf, daß ich sage: „wenn ihr tut,“ denn man wird nicht vollkommen, wenn man die Hände in den Schoß legt. Man muß zielbewußt arbeiten, will man sich selbst bezähmen, nach der Vernunft, der Regel und dem Gehorsam leben, und nicht den Neigungen folgen, die man aus der Welt mitgebracht hat. Der Orden erträgt es, daß ihr eure schlechten

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Gewohnheiten, Leidenschaften und Neigungen mitbringt; daß ihr aber danach lebt, das kann er nicht dulden. Er gibt euch Regeln, die für euer Herz die Kelter sind, um alles herauszupressen, was Gott zuwider ist. Lebt also tapfer nach der Ordensregel, dann werdet ihr glücklich sein. Da sagt mir nun eine: „Mein Gott, wie soll ich das nur machen, ich habe nicht den Geist der Regel bekommen.“ Gewiß, meine liebe Tochter, das glaube ich Ihnen gern, ich werde Ihnen dazu etwas erzählen: Als ich in Paris war – wo alles zu haben ist, wie nirgends sonst auf der Welt – und vor allem, als ich bei Hof war, habe ich bemerkt, daß man parfümierte Handschuhe, Federbüsche, Ledertäschchen und sonst noch viele hübsche Sachen kaufen konnte, es wurde aber weder der Geist eurer noch einer anderen Regel irgendwo feilgeboten. Damit will ich sagen, meine liebe Tochter, der Geist der Regel ist nur durch gewissenhafte Beobachtung der Regel zu erwerben. Das gleiche gilt von der Demut und von der Sanftmut, den beiden Grundpfeilern unserer Kongregation. Wenn wir uns tapfer und ernsthaft um diese beiden Tugenden bemühen, dann gibt Gott sie unfehlbar. Glücklich wir, wenn wir eine Viertelstunde vor dem Sterben mit diesem zweiteiligen Gewand angetan sind! Wir haben unser Leben gut genützt, wenn wir bald das eine, bald das andere Stück annähen. Denn dieses Kleid besteht nicht aus einem, sondern aus mehreren Stücken, das heißt aus vielen Akten der beiden genannten Tugenden. 5. Meine Mutter, Sie sagen, daß unsere Schwestern wohl guten Willen haben, aber nicht die Kraft, was sie wollen, auch zu tun; und weil sie ihre Leidenschaften so stark spüren, getrauen sie sich gar nicht anzufangen. – O, nur Mut, meine lieben Töchter! Ich habe euch schon oft gesagt: Das Ordensleben ist eine Schule, in der man seine Aufgaben lernen muß. Der Lehrer verlangt nicht jedesmal, daß die Schüler ihre Lektion tadellos können, er begnügt sich damit, daß sie sich nach Kräften zu lernen bemühen. Machen wir also auch unsere Sache, so gut wir können, dann wird Gott mit uns zufrieden sein, und auch die Vorgesetzten. Habt ihr schon einmal einem zugeschaut, der Fechten lernt? Ihr werdet gesehen haben, daß er oft hinfällt; ebenso fliegt, wer reiten lernt, oft aus dem Sattel. Und doch hält sich weder der eine noch der andere für überwunden und besiegt. Denn das eine oder andere Mal umgestoßen und abgeworfen werden, ist noch nicht gleichbedeutend mit besiegt sein. Eure Leidenschaften bieten euch ab und zu die Stirne und da meint ihr: Ich passe nicht ins Kloster, weil ich so leidenschaftlich bin.

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– Nein, meine liebe Tochter, das ist verkehrt. Der Orden feiert keine Triumphe, wenn er sanfte Gemüter und stille Seelen zu erziehen bekommt; aber temperamentvolle Seelen den Tugendweg zu führen, das ist eine Aufgabe, die ihn freut. Wenn solche Seelen nämlich treu bleiben, dann überflügeln sie die anderen, nachdem sie in heißen Kämpfen eroberten, was jene mühelos besitzen. Man verlangt von euch nicht, daß ihr frei von Leidenschaften seid; das liegt nicht in eurer Macht. Gott will sogar, daß ihr sie bis zum Tod spüren sollt. Er will auch nicht, daß ihr sie nur schwach fühlt; das hieße ja, daß ein Mensch mit schlechten Gewohnheiten nicht für den Dienst Gottes tauge. Die Welt, die das denkt, täuscht sich, denn Gott verwirft nie etwas, wo sich keine Bosheit vorfindet. Ich bitte euch, was kann denn ein Mensch dafür, daß er gerade dieses oder jenes Temperament, diese oder jene Leidenschaft hat? Den Ausschlag geben die Akte, die wir unter dem Druck der Leidenschaften setzen, denn die Akte hängen von unserem Wollen ab. Ohne unsere Einwilligung kann von einer Sünde – die ja freiwillig sein muß – keine Rede sein. Nehmen wir an, es überfällt mich der Zorn, so sage ich ihm: Fort, pack dich, kannst meinetwegen platzen, ich tu doch nicht, was du willst, nicht ein erregtes Wort soll mir entschlüpfen! – Diese Macht hat Gott uns gelassen, sonst hätte er uns ja zu Unmöglichem verpflichtet, wenn er die Vollkommenheit verlangt; und das wäre eine Ungerechtigkeit, die es bei Gott nicht geben kann. Bei dieser Gelegenheit fällt mir etwas aus dem Alten Testament ein, was gerade hierher paßt (Ex 32,26-28). Als Mose vom Berg, auf dem Gott mit ihm geredet hatte, herabgestiegen war, sah er, daß die Israeliten ein goldenes Kalb anbeteten, das sie sich inzwischen gemacht hatten. Da erfaßte ihn heftiger Zorn und Eifer für die Ehre Gottes, und zu Aaron und den Söhnen der Leviten gewendet rief er: „Wer für den Herrn ist,“ der nehme sein Schwert und töte, was ihm entgegenkommt, der schone nicht Vater noch Mutter, nicht Bruder noch Schwester! Es ergriffen also die Söhne der Leviten das Schwert, und wer die meisten tötete, war der Tapferste. Auch ihr, meine lieben Töchter, sollt das Schwert der Abtötung in die Hand nehmen und eure schlechten Leidenschaften töten und ausrotten, und wer von euch die meisten zu töten hat, ist die Tapferste, wenn sie nur mit der Gnade mitwirken will. Diese beiden jungen Mädchen,2 die ich da vor mir sehe, von denen das eine 15, das andere 16

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Jahre alt ist, haben noch wenig Leidenschaften zu töten; ihr Geist ist eben erst erwacht. Die großen Seelen aber, die schon so manche Erfahrung gemacht und von den Wonnen des Paradieses schon einen Vorgeschmack verkostet haben, die müssen ihre Leidenschaften gründlich abtöten und besiegen. 6. Jene Schwestern, die, wie unsere gute Mutter sagt, aus lauter Eifer für ihre Vervollkommnung alle anderen in der Tugend überflügeln wollen, können schon, wenn sie es so haben wollen, mit diesen ungestümen Wünschen ein wenig ihre Eigenliebe befriedigen, – entschieden besser handeln sie aber, wenn sie sich eng an die Gemeinde halten, indem sie die Regeln gut beobachten, denn das ist der gerade Weg zu Gott. Wir draußen in der Welt haben es nicht so gut wie ihr, meine lieben Töchter. Fragen wir nach dem Weg, dann sagt der eine: Da, links! der andere: Da, rechts! Und meistens sagt man uns das Falsche. Ihr aber braucht nichts zu tun, als euch tragen zu lassen. Ihr gleicht Reisenden auf dem Meer. Das Schiff trägt sie, sie ruhen aus und kommen doch vorwärts. Nicht einmal um den rechten Weg brauchen sie sich zu kümmern. Das ist Sache des Steuermanns, der immer den Polarstern vor sich sieht und so weiß, daß er die rechte Richtung hat, weshalb er den Fahrgästen zurufen kann: „Nur Mut! Ihr seid auf dem rechten Weg.“ Folgt furchtlos diesem Polarstern, meine lieben Töchter, es ist der Herr; eure Regeln sind das Schiff und Steuermann sind die Vorgesetzten, die euch oft genug zurufen: „Haltet euch gewissenhaft an die Regeln und Satzungen, dann kommt ihr glücklich ans Ziel, zu Gott; sie führen euch sicher dorthin.“ Wohlgemerkt, ich sage „gewissenhaft und treu“, denn: „Wer seinen Weg vernachlässigt, wird sterben,“ sagt Salomo (Spr 19,16). 7. Meine lieben Töchter, wenn ihr befolgt, was man euch lehrt, dann werdet ihr glücklich und zufrieden sein und schon in diesem Leben einen kleinen Vorgeschmack der Freuden des Paradieses genießen. Und gewährt euch der Herr eine solche innerliche Freude oder Süßigkeit, dann habet acht, daß ihr euch nicht daran hängt. Der göttliche Arzt versüßt die bittere Arznei der Abtötung, die ihr zu eurer Gesundung schlucken müßt, mit etwas Aniszucker; wenn aber der Arzt auch mit eigener Hand überzuckerte Pillen reicht, die Schmerzen der Reinigung kann er dem Patienten nicht ersparen.

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Nun dürfte euch gewiß ganz klar sein, welcher Art eure Absicht sein muß, wenn ihr des Heilands würdige Bräute sein wollt und wenn ihr fähig werden wollt, euch mit ihm am Kalvarienberg zu vermählen. So bringt denn euer Leben und alle eure Handlungen mit dieser Absicht in Einklang und Gott wird euch segnen. Unsere ganze Glückseligkeit hängt von der Ausdauer ab. Darum ermahne ich euch, meine geliebten Töchter, recht von Herzen: Haltet aus! Möge euch die göttliche Güte in diesem Leben mit ihren Gnaden und ihrer Liebe überschütten und die sichere Hoffnung auf die Teilnahme an seiner Herrlichkeit im Jenseits geben. Amen. 8. Meine Mutter, Sie fragen, ob man um Erlaubnis bitten solle, öfter zu kommunizieren3 als die Gemeinde und mehr Abtötungen zu üben, als in der Gemeinde üblich ist. Ich habe die Frage schon früher einmal beantwortet. Wenn ich eine Ordensperson wäre, so würde ich, glaube ich, um gar nichts Besonderes bitten: Weder um Bußhemd noch um Bußgürtel noch um die Geißel noch um außerordentliches Fasten noch um die heilige Kommunion. Ich würde mich damit begnügen, es in allem mit der Gemeinde zu halten. Wäre ich kräftig, so würde ich nicht vier Mahlzeiten nehmen; würde es aber von mir verlangt, so würde ich mich ohne Widerrede fügen. Wäre ich schwächlich und man gäbe mir trotzdem nur eine Mahlzeit am Tag, so würde ich mich mit dieser begnügen und nicht weiter darüber nachdenken, ob ich zu den Kräftigen oder Schwachen gehöre. – Ich will nur wenig, und was ich will, das will ich nur für Gott. Ich habe wenig Wünsche; würde ich aber wieder auf die Welt kommen, dann hätte ich oder vielmehr möchte ich gar keine Wünsche mehr haben. Käme Gott zu mir, um mich mit dem Gefühl seiner Gegenwart zu beglücken, dann würde ich ihm entgegeneilen, ihn zu empfangen und seine Liebe zu erwidern. Besuchte er mich aber nicht, dann bliebe ich, wo ich bin, und ginge nicht zu ihm. Damit will ich sagen: Ich würde nicht auf das Gefühl der Gegenwart Gottes ausgehen, ich würde mich mit dem einfachen Wissen aus dem Glauben begnügen. Gott sei gebenedeit!

313 22. Gespräch Die fünf Stufen der Demut 1
1. Die erste Stufe der Demut ist die Selbsterkenntnis. Wir kennen uns selbst, wenn wir uns bewußt werden, daß wir nichts als Armseligkeit, Erbärmlichkeit und Niedrigkeit sind. Dazu verhilft uns die Stimme des Gewissens und das Licht, mit dem Gott unseren Verstand erleuchtet. Das ist eine ganz gewöhnliche Demut; sie hat wenig Wert, solange sie bei dieser Kenntnis stehen bleibt. Denn es gibt doch wenige Menschen, die so blind sind, daß sie, selbst bei ganz geringem Nachdenken, ihre Niedrigkeit nicht klar sehen. Wenngleich sie nun aber gezwungen sind, sich so zu sehen, wie sie sind, so wären sie doch außer sich, wenn andere sie für das hielten, was sie sind. 2. Weil also dieser erste Grad der Demut, diese Selbsterkenntnis, wenig Wert hat, deshalb müssen wir zur zweiten Stufe emporsteigen: zur Anerkennung unseres Nichts. Etwas erkennen und etwas anerkennen ist nämlich nicht das gleiche. Die Anerkennung unserer Nichtigkeit besteht also darin, daß wir, wo es notwendig ist, das aussprechen und zugestehen, was wir von uns wissen. Selbstverständlich dürfen wir so nur sprechen, wenn wir wirklich von unserer Nichtigkeit durchdrungen sind. – Es gibt so viele Menschen, die nur in ihren Worten demütig sind. Sagen Sie doch der eitelsten Frau oder dem eingebildetsten Mann: „Sind Sie aber ein guter Mensch! Welche Verdienste haben Sie sich da erworben! So etwas Vollendetes macht Ihnen nicht leicht jemand nach!“ – Dann bekommen Sie bestimmt die Antwort: „Mein Gott! Aber ich bin wirklich nichts wert, ich bin nur Elend und Unvollkommenheit.“ – Und doch fühlen sie sich außerordentlich geschmeichelt, daß man sie lobt, und noch mehr, wenn man das wirklich zu glauben scheint, was man ihnen gesagt hat. Solche Worte der Demut kommen nicht aus dem Grund des Herzens, sie liegen nur auf der Zunge. Nehmt ihr solche Leute beim Wort, dann werden sie sich schwer beleidigt fühlen und sofortige Ehrenrettung verlangen. – Gott bewahre uns vor solcher Demut! 3. Die dritte Stufe der Demut besteht darin, daß man seine Armseligkeit und Niedrigkeit dann zugesteht und bekennt, wenn andere sie an uns entdecken. Oft genug gestehen wir, daß wir böse und elend sind, möchten aber um keinen Preis haben, daß ein anderer das von uns

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22. Stufen der Demut

behauptet. Und tut er es, dann sind wir nicht nur darüber unzufrieden, sondern wir fühlen uns verletzt, – das sicherste Zeichen, daß es mit unserer Demut nicht weit her ist. Wir müssen also dann freimütig sagen: „Sie haben recht, Sie kennen mich sehr gut.“ Dieser Grad der Demut steht schon weit höher. 4. Die vierte Stufe der Demut ist Liebe zur Geringschätzung und Freude an Herabsetzung und Erniedrigung. Was hat es denn auch für einen Sinn, andere täuschen zu wollen; das ist gegen alle Vernunft. Nachdem wir einmal offen zugegeben, daß wir nichts sind, sollen wir froh sein, wenn andere das glauben und aussprechen und uns so behandeln, wie wir sind, wie erbärmliche und armselige Menschen. 5. Die fünfte Stufe der Demut, die höchste und vollkommenste, besteht darin, daß man die Geringschätzung nicht nur liebt, sondern danach verlangt, sie anstrebt und aus Liebe zu Gott daran Freude hat. Glücklich, wer diesen Grad erreicht, aber nur sehr wenige kommen so weit. Unser Herr und Heiland möge diese kleine Schar vergrößern durch die 25 und 30 Töchter unserer Kongregation, die ihm geweiht seien! Amen.

315 23. Gespräch Vaters Letzte Unterredung unseres seligen Vaters über verschiedene Lyon, Tage F ragen der Schwestern von Lyon, zwei Tage vor seinem Fest Tod seligen Tod am Fest des heiligen Stephanus 1622 1
Als er eintrat, sagte er: „Guten Abend, meine lieben Töchter, ich komme, um noch ein bißchen mit euch zu plaudern, und dann muß ich Abschied nehmen; der Hof und die Welt entziehen mich euch. Ja, meine lieben Töchter, ich muß wieder fort. Ich habe in dieser Zeit viel Freude mit euch gehabt, sie ist nun zu Ende. Was haben wir uns noch zu sagen? Wohl nichts mehr. Freilich, Frauen wissen immer noch etwas. Mit Gott ist leichter reden als mit den Menschen.“ Darauf unsere Mutter: „Hochwürdigster Vater, wir möchten mit Ihnen reden, damit wir mit Gott reden lernen.“ Er antwortet: „Die Eigenliebe bedient sich dieses Vorwandes. Wir wollen aber keine langen Einleitungen machen. Bitte setzen Sie sich, denn unsere Schwestern stehen immer noch.“

I.
Eine Schwester fragt: „Ist es nicht besser, auf die Tugenden Gottes zu schauen statt auf die der Vorgesetzten und Mitschwestern?“ Er antwortet: „Nein, es ist nicht gegen die Einfachheit, auf die Tugenden der Vorgesetzten und Mitschwestern zu schauen; es ist sogar sehr gut. Jedoch auf ihre Tugenden schauen, um mit der Lupe zu untersuchen, wer am tugendhaftesten ist, um dann zu kritisieren, zu nörgeln und darüber zu tuscheln, das wäre schlimm. Auf die Tugenden der Vorgesetzten und Mitschwestern schauen, um sie nachzuahmen, um uns zu erbauen, das ist etwas ganz anderes. Wenn ihr mit Liebe auf die Tugenden der Vorgesetzten und Mitschwestern schaut, um von ihnen zu lernen, so handelt ihr recht. Gottes Vollkommenheiten sind so über alles erhaben, daß er unserer Schwachheit entgegen kam und Mensch werden wollte, um uns zu zeigen, wie wir es machen müssen, um ihm ähnlich zu werden. Wir tun also gut, auf die Heiligen und ihr Beispiel zu schauen und vor allem auf den König aller Heiligen, unseren Herrn und Heiland,

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23. Wünsche

um ihm nachzufolgen. Der hl. Antonius hat in seinem ganzen Noviziatsjahr nichts anderes getan, als seinen Mitbrüdern die Tugenden abgeschaut und so einer emsigen Biene gleich von jeder Blume den Blütenstaub geholt, den er für sich brauchte. – Die Liebe zu Gott ist von der Liebe zum Nächsten nicht zu trennen; das Beste ist aber immer, auf die Tugenden des Heilands zu schauen.“ Eine Schwester sagt: „Hochwürdigster Vater, manche Schwestern verschauen sich derart in die Tugenden der Vorgesetzten, daß sie diese in einem fort loben und laut bewundern.“ Er fragt: „Wie? Tut man das hier?“ Die Schwester antwortete: „Ja, Hochwürdigster Vater, drei oder vier Schwestern tun das ständig.“ Er antwortet: „Das dürfen Sie nicht dulden, meine liebe Tochter! Merken die Untergebenen, daß die Oberin etwas eitel ist, daß sie Freude daran hat, wenn man ihr schmeichelt, und zeigt, daß man sie liebt, dann tun ihr die Schwestern recht schön, um lieb Kind bei ihr zu sein. Wollte sie aber zu diesem Geschmeichel ein verärgertes und abweisendes Gesicht machen, dann wären die Schwestern nicht so freigebig damit.“ Die Schwester fragt: „Wie sollen wir uns verhalten, Hochwürdigster Vater, wenn man uns lobt?“ Er antwortet: „Geht zum lieben Gott und laßt die anderen stehen. Wenn aber die Oberin eine Untergebene lobt, weil sie etwas gut gemacht hat, dann darf sie die Oberin natürlich nicht stehen lassen. Es ist manchmal am Platz, ein Lob auszusprechen. Die Oberinnen selbst aber sollen nicht zugeben, daß man sie lobe. Wundern braucht man sich über diese Dinge ja nicht, denn wo viele Frauen sind, da wird auch viel geschmeichelt und schöngetan.“

II.
Eine Schwester fragt: „Sich ein Amt wünschen oder unglücklich sein, wenn man keines bekommt, – ist das nicht eine große Schwäche?“ Er antwortet: „Beides ist vom Übel, das Wünschen und das Unglücklichsein. Es ist eine Schwäche, seine Gedanken an derartige Dinge zu verschwenden, besonders dann, wenn es sich um ein ehrenvolles Amt handelt. Ja, uns hervortun zu können, in einem Amt, das uns über die

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anderen stellt, das täte uns so wohl! Zum Beispiel Oberin oder Assistentin sein, sein Licht leuchten lassen, – versteht man sich doch so gut aufs Schalten und Walten!“ Eine Schwester macht den Einwand: „Wenn ich Oberin wäre, dann hätte ich so viel Gelegenheit zur Tugend, zur Liebe und Demut.“ Er antwortet: „Ja, meine liebe Schwester, die Eigenliebe hat es gar zu gern, daß man sieht, wie tüchtig wir sind! Wie ist diese Schwester doch so sanftmütig, seit sie ein höheres Amt hat und niemand ihr widerspricht; ihre Tugendhaftigkeit fällt geradezu auf! Kein Zweifel, mit solchen Gedanken wird die Eigenliebe großgezogen. Der Wunsch nach Ämtern ist etwas ganz Gewöhnliches. Solange sich unser Wille nicht daran beteiligt, ist es nicht schlimm und man lacht am besten darüber. Wer sich Ehrenstellen wünscht und ersehnt, darf sie nicht im Kloster suchen. Die Weltmenschen und die Leute bei Hof sind stets auf der Jagd nach Würden und hohen Stellen, der Hof ist ja auch dafür da. Im Kloster aber solch ehrgeizige Wünsche zu haben, ist ein Zeichen, daß man weder losgeschält noch abgetötet ist. Es gibt auch Seelen, die sich schon vor dem bloßen Wunsch nach Ämtern derartig fürchten, daß sie in ständiger Angst und Aufregung sind; denn während sie sich in der Angst herumquälen, ist ihr Herz allem zugänglich und der Teufel kann mit der Versuchung hinein. Sie gleichen Menschen, die sich vor Dieben fürchten und vor ihnen davonlaufen; sie lassen dabei die Haustür offen, und so kommen die Diebe erst recht und können tun, was sie wollen. Regen wir uns nicht auf, wenn Wünsche in uns wach werden; unsere Natur wird sie hervorbringen, solange wir leben. Fürchten wir uns auch nicht davor, daß sie in uns aufsteigen könnten; wenn nur unser höherer Wille sich entschieden an Gott hält; das ist das Wichtigste. Seien wir mit unserem Herzen bei Gott und vereinigen wir uns mit ihm, statt uns mit unnützen Sorgen aufzureiben. Denn wir sollen nichts verlangen und nichts abschlagen, sondern uns der göttlichen Vorsehung überlassen. Wir sollen uns mit keinem Wunsch befassen, sondern nur damit, was Gott aus uns machen will. Der hl. Paulus überließ sich vom ersten Augenblick seiner Bekehrung an vollständig dem Willen Gottes. Der Herr hatte ihm das Augenlicht genommen und sogleich fragte Paulus: ‚Herr, was willst Du, daß ich tun soll?‘ (Apg 9,6), und alles war ihm recht, was Gott über ihn verfügen würde. – Davon hängt auch unsere ganze Vollkommenheit ab.

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Ihr sollt euch also ehrenvolle Ämter nicht wünschen, ist doch dieser Wunsch ein großes Hindernis für die Vereinigung der Seele mit Gott, dem Niedrigkeit und Demut wohlgefällt.“ Eine Schwester fragt: „Meinen Hochwürdigster Vater nur die ehrenvollen Ämter oder alle Ämter überhaupt?“ Er antwortet: „Der hl. Paulus untersagt es, sich hohe Ämter und hervorragende Stellen zu wünschen. Sich niedere zu wünschen, mag noch angehen, doch ist auch dieser Wunsch verdächtig. Der hl. Paulus warnt seinen Schüler Timotheus unter anderem auch davor, eitle Wünsche im Herzen zu nähren (2 Tim 2,22). Er kannte diesen Fehler nur zu genau und wußte, wie er unseren Fortschritt hemmt.“ Eine Schwester fragt: „Dürfte man sich ein niederes Amt wünschen? Da es doch beschwerlich ist, könnte man mehr für Gott tun und mehr Verdienst sammeln, als wenn man in seiner Zelle bleibt?“ Er antwortet: „Gewiß, meine Tochter. Schon David sagt, daß er ‚lieber der Geringste im Haus Gottes‘ als groß ‚unter Sündern‘ ist (Ps 84,11). Und im 119. Psalm sagt er: ‚Es ist mir heilsam, daß ich gedemütigt ward, damit ich Deine Satzungen lernte‘ (119,71). Und doch ist dieser Wunsch verdächtig, weil er rein menschlichen Erwägungen entspringen kann. Wie wollt ihr wissen, ob ihr dann bei diesem niederen und demütigenden Amt auch die Kraft habt, alle damit verbundenen Erniedrigungen und Demütigungen gern anzunehmen? Sie könnten euch doch sehr bitter werden, sehr zum Ekel. Und selbst wenn ihr euch der Abtötung und Verdemütigung augenblicklich gewachsen fühlt, wie könnt ihr wissen, ob ihr immer die Kraft dazu haben werdet? Der Wunsch nach ehrenden wie nach demütigenden Ämtern ist als Versuchung anzusehen. Immer besser, nichts begehren und dafür bereit sein zu gehorchen. Besser im Gehorsam in seiner Zelle eine kleine Handarbeit machen, lesen oder sonst irgendwie sich beschäftigen; sind wir mit ganzer Liebe dabei, dann haben wir mehr Verdienst als z. B. die Küchenschwester, die sich die Augen verbrennt, ihre Arbeit aber vielleicht nur mit halber Liebe tut. Nicht an der Menge unserer Arbeit hat Gott Freude, sondern an der Liebe, mit der wir arbeiten. Man soll überhaupt nicht darüber nachdenken, bei welcher Arbeit mehr Verdienst ist. Wir besonders sollen nicht darauf achten. Es gefällt mir nicht, wenn man immer auf das Verdienst schaut; die Töchter der Heimsuchung sollen vielmehr alles nur zur größeren Ehre Gottes tun. Könnten wir Gott dienen, ohne ein Verdienst zu haben, – was ja nicht

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möglich ist, – dann sollten wir ihm ohne Verdienst dienen wollen. Wählen wir nämlich das Verdienstvollere, dann besteht die Gefahr, daß wir, – um einen weidmännischen Ausdruck zu gebrauchen – unseren Verstand auf eine falsche Fährte bringen.“ Die Schwester erwidert: „Ich habe das nicht so gemeint, daß man schaut, wo mehr Verdienst ist; ich wollte nur sagen: Es sieht so aus, als könne man bei beschwerlichen Arbeiten mehr für Gott tun, als wenn man in seiner Zelle ist.“ Er antwortet: „Wie ich schon vorhin sagte, nicht die Größe der Arbeit ist es, die Gottes Wohlgefallen erregt, sondern die Liebe, mit der wir sie ausführen. Eine Schwester, die in ihrer Zelle nur eine kleine Arbeit mit großer Liebe ausführt, hat mehr Verdienst als eine andere, die sich schwer abmühen muß, es aber mit weniger Liebe tut. Die Liebe ist es, die unserem Tun Vollkommenheit und Wert verleiht. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Ein Mensch erduldet mit einer Unze Liebe den Martertod für Gott. Gewiß, ein großes Verdienst, denn niemand kann mehr geben als sein Leben. Ein anderer Mensch erträgt einen Nasenstüber mit zwei Unzen Liebe. Er hat viel mehr Verdienst, denn die Liebe gibt den Dingen ihren Wert. Ihr wißt, daß das beschauliche Leben wertvoller ist als das tätige Leben. Ist aber im tätigen Leben eine innigere Vereinigung mit Gott vorhanden, dann ist es kostbarer als das beschauliche. Eine Küchenschwester steht bei den Kochtöpfen am offenen Feuer; sie liebt Gott inniger und tiefer als eine andere, die sich der Beschauung hingibt. Das materielle Feuer schadet nicht ihrer Liebe, ja es hilft ihr im Gegenteil, Gott noch wohlgefälliger zu sein. Es ist gar nicht so selten, daß man bei einer Arbeit mit Gott ebenso vereint ist wie in der Einsamkeit. Ich kann nur immer wieder das eine sagen: Wo mehr Liebe, da mehr Vollkommenheit. Nichts verlangen, nichts abschlagen – das ist das beste. Die Quellen aller Wünsche ist doch nur die Natur. Unter dem Vorwand, für Gott viel leisten zu können, beunruhigen sie nur unser Gemüt und befriedigen die Eigenliebe. – Allerdings, wenn es euch ganz angenehm ist, in eurer Zelle zu bleiben und zu nähen, weil ihr euch aus Mangel an Energie nicht plagen wollt, so verfolgt dieser Wunsch gewiß keinen hohen Zweck. Man soll sich nicht nach seiner Zelle sehnen, wenn man nicht drinnen sein kann, man soll vielmehr das, was man zu tun hat, für Gott tun und alle Wünsche kurz abschneiden. Mein Gott, wann werden end-

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lich unsere Schwestern nicht mehr so viele Wünsche haben, wann werden sie sich nur noch damit befassen, zu tun, was Gott will, und nichts zu wollen, außer was Gott will, dessen Wille uns durch die Regeln und Vorgesetzten kundgetan wird.“ Eine Schwester fragt: „Wenn man es nicht fertigbringt, ein Amt ruhigen Gemütes auszuüben, weil es einem so zuwider ist, soll man mit der Oberin darüber reden oder es einfach annehmen?“ Er antwortet: „O nein, meine Tochter, ihr sollt nichts davon sagen, das wäre gegen die Einfachheit. Ich sage nicht, daß man unter keinen Umständen darüber sprechen soll, aber vollkommener ist es, zu schweigen und sich an die Arbeit zu machen. Denn es besteht die Gefahr, daß uns die Eigenliebe nur aus Angst vor dem Versagen zum Reden bringt, damit man schon darauf vorbereitet sei und wir unsere Entschuldigung haben, wenn wir unsere Aufgabe vielleicht nicht gut erfüllen. Das ist eine gefährliche und verdächtige Sache. Man schiebt die Demut als Vorwand vor, in Wirklichkeit ist aber keine Spur von ihr zu finden; man handelt vielmehr gegen alle Demut. Ich würde jedes Amt, ob ehrend oder verdemütigend, demütig annehmen und antreten, ohne auch nur ein Wort zu sagen, und würde nur dann darüber reden, wenn ich befragt würde. In diesem Fall würde ich offen sagen, wie mir zumute ist, und weiter nichts.“ Eine Schwester fragt: „Aber soll man bei der Rechenschaft der Oberin nicht auch die Gefühle unterbreiten?“2 Er antwortet: „Nun, die Rechenschaft ist etwas anderes. Gewiß sollt ihr eure Gefühle ganz einfach sagen. Was aber all die Kleinigkeiten betrifft, die uns durch den Kopf gehen, so halte ich es für besser, daß dies zwischen Gott und euch bleibt; es ist nicht der Mühe wert, daß man sich dabei aufhält. Werden wir aber ein Gefühl nicht los und verleitet es zu einem Fehler, dann soll man es der Oberin unterbreiten. – Wollte sich in einem Kloster ein jeder die Ämter nach seinem Geschmack wählen, dann könnte eben jeder tun, was er will. Was liegt daran, wenn unser Amt mühevoll ist, die Vorgesetzten haben es uns übertragen und sie sind Gottes Stellvertreter. David sagt: ‚Wie ein Lasttier ward ich vor Dir‘ (Ps 73,22) und trug deine Gebote. Er zeigt uns da, wie wir uns immer und in allem fügen sollen, was uns von Gott und den Vorgesetzten befohlen wird.“ Eine Schwester fragt: „Hemmen uns die Wünsche stark im Fortschritt, auch wenn sie unfreiwillig sind?“

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Er antwortet: „O nein, meine liebe Tochter, unsere Natur wird immer wieder Wünsche hervorbringen. Unfreiwillige Wünsche, Gedanken und Regungen schaden aber unserem Fortschritt nicht. Wir sehen das sehr gut beim hl. Paulus, den ‚ein Stachel im Fleisch quälte‘ und zwar so heftig, daß er den Herrn dreimal bat, davon befreit zu werden. Da hörte er ihn sagen: ‚Es genügt dir meine Gnade,‘ Paulus, ‚denn die Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung‘ (2 Kor 12,7 f), worauf dann St. Paulus in Leid und Versuchung Ruhe und Frieden bewahrte. Was kann es uns machen, Leidvolles zu verspüren, wenn wir nur unsere Pflicht tun! Lassen wir ruhig die Hunde den Mond anbellen, sie können uns nichts antun, wenn wir nicht wollen. Der Herr wollte uns auch darin Vorbild sein, als er am Ölberg zuließ, daß Regungen in ihm aufstiegen, die mit seinem höheren Seelenleben im Widerstreit standen. Obwohl er ganz eines Willens mit seinem himmlischen Vater war, so fühlte er sie dennoch. Zwischen dem Heiland und uns besteht aber ein Unterschied: er wollte all diese Empfindungen ganz freiwillig, rein aus Liebe zu uns fühlen; da er zugleich Gott war, hätte er sich davon freimachen können. Wir aber fühlen sie, ob wir wollen oder nicht, und auch dann, wenn der Wille das Gefühl nicht gutheißt.“ Eine Schwester fragt: „Wäre es nicht besser, sich einfach abzulenken, statt mit dem Verstand zu streiten und sich darauf zu versteifen, der Versuchung Herr werden zu wollen?“ Er antwortet: „Selbstverständlich ist es besser, mit dem Heiland zu reden und auf diese Weise auf andere Gedanken zu kommen, statt mit dem Teufel zu streiten und sich darin zu verbohren. Einfachheit ist immer und in allem vorzuziehen. Wenn z. B. in mir der Wunsch aufstiege, Papst zu werden, und dieser Gedanke mir nicht aus dem Kopf ginge, so würde ich darüber nur lachen und mich davon abzulenken suchen. Ich würde darüber nachdenken, wie schön es im ewigen Leben sein wird, wie Gott aller Liebe würdig ist und wie glücklich die Seelen im Himmel sind, die sich Gottes erfreuen dürfen. So habe ich eine große und edle Ablenkung, denn ich rede mit Gott von seiner Güte und von Ähnlichem, wenn mir der Teufel den Wunsch nach der päpstlichen Würde in den Kopf setzt.“ Eine Schwester fragt: „Muß man sich Vorwürfe machen, wenn man so ein oder zwei Tage lang wenig darauf bedacht war, die Versuchungen abzuwehren, weil man eben so stark mit Gott beschäftigt war?“

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Er antwortet: „Es ist ohne Zweifel besser, meine liebe Tochter, wir halten uns in Gottes Gegenwart, als daß wir über das nachdenken und nachgrübeln, was in uns und um uns vorgeht.“ Eine Schwester fragt: „Wenn Gewissenszweifel aufsteigen, weil Wünsche und Versuchungen lange gedauert haben und der Geist nicht zur Ruhe kommt, darf man dann beichten?“ Er antwortet: „Das können Sie, wenn Sie wollen. Sie können dann sagen: Ich habe zwei oder drei Tage lang eine Versuchung zur Eitelkeit gehabt und weiß nicht recht, ob ich sie abgewehrt habe.“ Eine Schwester fragt: „Hochwürdigster Vater sagen, wir sollen nichts wünschen; sollen wir uns aber nicht die Liebe zu Gott und die Demut wünschen, da doch der Heiland sagt: ‚Bittet, und ihr werdet empfangen, klopfet an, und es wird euch aufgetan?‘ (Mt 7,7; Lk 11,9).“ Er antwortet: „Wenn ich sage: Nichts verlangen – nichts abschlagen, so meine ich das in Bezug auf irdische Dinge, meine Tochter, denn um Tugenden dürfen wir bitten. Wenn wir um die Liebe zu Gott bitten, dann meinen wir damit auch die Demut und alle übrigen Tugenden; sie sind ja nicht voneinander zu trennen.“ Eine Schwester fragt: „Wenn eine Novizin sich gleich beim Eintritt auf dieses ‚Nichts verlangen – nichts abschlagen‘ wirft, ist da nicht zu befürchten, daß sie das mehr aus Feigheit denn aus heiligem Gleichmut tut? Wäre es nicht besser für sie, sich auf die Demut zu verlegen und auf die anderen Tugenden, die ihr nottun?“ Er antwortet: „O nein, meine liebe Tochter, wenn sie auf den Weg des heiligen Gleichmutes gedrängt wird, dann ist nichts zu befürchten; erstrebt sie nur die Gottesliebe, dann übt sie damit auch alle anderen Tugenden und tut alles was notwendig ist, um Gott zu gefallen; die Gottesliebe übertrifft ja alle anderen Tugenden. – Möge es Gott gefallen, daß viele diesen Weg geführt werden. Da sie nur von dem einen Gedanken beherrscht sind, Gott zu gefallen, werden sie alles vollkommen tun und sich nicht darum kümmern, was man von ihnen denkt.“ Eine Schwester fragt: „Folgen wir nicht unseren bitteren Empfindungen, wenn wir uns in der Rekreation nicht neben eine Schwester setzen, die uns zurechtgewiesen hat?“ Er antwortet: „Das hieße gewiß offensichtlich seinen Gefühlen nachgeben. Es gibt Naturen, die sehr leicht weinen, und manchmal sind wir so froh, weinen zu können, besonders beim Oberinnen-Wechsel. Die Trä-

23. Richtig beichten

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nen sollen zeigen, daß man nicht herzlos ist, daß man es schwer empfindet ... Das tut der Eigenliebe so wohl; man soll sehen, daß wir der scheidenden Oberin dankbar sind! – Weibliche Schwäche, weiter nichts!“

III.
Eine Schwester fragt: „Was müssen wir tun, um richtig zu beichten?“ Er antwortet: „Was soll ich euch sagen, ihr wißt es ja längst. Und doch ist es mir ganz recht, daß ihr solche Fragen stellt. Das Beichten ist ja eine äußerst wichtige Angelegenheit. Zu einer richtigen Beichte gehören drei Dinge: 1) Ihr dürft nur deshalb beichten gehen, um euch mit Hilfe der Gnade, die euch in diesem Sakrament zuteil wird, mit Gott zu vereinigen. Die Ordensleute haben da den Weltleuten viel voraus, haben sie doch viel weniger Gelegenheit, sich von Gott zu trennen, denn nur die Todsünde ist die große Trennung von Gott. Die läßlichen Sünden trennen uns noch nicht, wenngleich sie die enge Bindung zwischen Gott und der Seele lockern. Kraft des Bußsakramentes aber nähert sich die Seele Gott neuerdings und wird wieder in den früheren Zustand versetzt. 2) und 3) Ihr müßt in aller Einfachheit und Liebe zur Beichte gehen. Sehr oft aber kommen die Beichtkinder mit einer ganz verwirrten und verworrenen Seele, ohne recht zu wissen, was sie sagen wollen. Und das ist doch so wichtig; denn es ist für den Beichtvater eine Plage, wenn er nichts verstehen kann und nicht klug wird aus dem Beichtkind, das, statt seine Sünden zu beichten, sehr oft beim Beichten sogar noch sündigt. Es werden bei der Beichte vier große Fehler gemacht. 1. Fehler: Man kommt zur Beichte, um dort Erleichterung und Trost zu finden, statt um Gott wohlgefällig zu sein und sich mit ihm zu vereinigen. Wir kommen uns schon so zufrieden vor, wenn wir uns nur alles von der Seele geredet haben und meinen, unsere Seelenruhe, unser Seelenfriede hinge davon ab. – Bei diesen weitschweifigen Aussprachen ist die Gefahr groß, daß wir auch die Fehler anderer hineinziehen, was man schon niemals tun darf. Hier liegt die Gefahr, sich zu verfehlen und selbst in der Beichte zu sündigen. 2. Fehler: Das Beichtkind hält eine fein formulierte Rede, um sich herauszustreichen, tut, wie wenn es in seiner schönen Rede die Fehler übertreiben möchte, beichtet aber dann ganz grobe Fehler und Sünden, als ob es Kleinigkeiten wären. Damit verbirgt es aber dem Beichtvater den wahren Seelenzustand.

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23. Richtig beichten

3. Fehler: Man beichtet so raffiniert und verschleiert, daß man sich nicht beschuldigt, sondern aus übergroßer Selbstsucht entschuldigt, damit der Beichtvater ja nicht hinter die Fehler kommt. – Das wäre sehr verwerflich, wenn man es absichtlich machte. 4. Fehler: Manche finden eine Befriedigung darin, ihre Fehler zu übertreiben oder aus einem kleinen Fehler einen ganz großen zu machen. Das eine wie das andere ist ein sehr großer Verstoß gegen die Aufrichtigkeit. Ich möchte, daß ihr die Dinge einfach und offen sagt, wie sie sind. Man muß zur Beichte kommen, nur um sich mit Gott zu vereinigen, mit einem ehrlichen Abscheu vor seinen Sünden und mit einem festen Willen, sich mit Gottes Gnade zu bessern.“ Eine Schwester fragt: „Sollen wir den kleinen Gehorsam vom großen Gehorsam unterscheiden und ungefähr so beichten: Ich klage mich an, in einer wichtigen – oder in einer unwichtigen – Sache gegen den Gehorsam gefehlt zu haben, oder sollen wir die Sache einfach so darlegen, wie sie war? Und ist dann der Ungehorsam gegen die Regel und Satzungen auseinander zu halten, da uns doch manche Dinge eindeutig befohlen und manche nur empfohlen sind?“ Er antwortet: „Ihre Frage ist von größter Wichtigkeit. Die Anklage muß klar und so vollständig als nur möglich sein. Ich habe es nie gutgeheißen, daß man sich unklar und verworren ausdrückt; die Dinge sind so darzustellen, wie sie in der Tat sind. Sonst macht ihr es dem Beichtvater schwer; er kann euch nicht verstehen und hält dann kleine Fehler für große. Wenn euer Ungehorsam ein an sich schwerer war, beichtet die Sache ganz einfach so, wie sie sich zugetragen hat. Bei den kleinen Verfehlungen ist es anders. Sagt ihr z. B.: Ich klage mich an, zweimal in kleineren Dingen ungehorsam gewesen zu sein, dann gibt sich der Beichtvater zufrieden, weil er weiß, daß es sich um eine Kleinigkeit handelt. Bei vielen kleinen Verstößen sind die näheren Umstände in Betracht zu ziehen, denn die Regel und die Konstitutionen verpflichten an sich nicht unter Sünde. Also nicht die Regeln und Satzungen machen den Verstoß zur Sünde, sondern die Begleitumstände und die Beweggründe, die auch sonst Ursachen von Sünden sind. Ein Beispiel: Die Glocke – die Stimme Gottes – ruft uns des Morgens zum Aufstehen. Ich bleibe aber noch eine Viertelstunde länger liegen. Da sind nicht die Regeln und Satzungen schuld an der Sünde, sondern die Faulheit, die mich zum Ungehorsam verführt hat. Das sieht jeder-

23. Richtig beichten

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mann auch ein. Und ebenso sicher ist es, meine lieben Töchter, daß die Verstöße gegen die Regel größer sind als gegen die Satzungen. Denn die Regeln sind die Grundpfeiler des Ordens, während die Satzungen nur die Wegweiser und Markierungen sind, damit wir uns genauer an die Regel halten. Die Dinge, die in der Regel und in den Satzungen nur empfohlen sind, braucht ihr nicht zu beichten, da ihre Unterlassung nicht Sünde ist. Immerhin könnte auch da, je nach Umständen, eine Unterlassung Sünde sein, wenn Geringschätzung und ähnliches mitspielt. Die Geringschätzung verursacht überhaupt viele Sünden.“ Eine Schwester fragt: „Soll man das beichten, wenn man sich in der Rekreation von seinem Temperament mitreißen läßt und z. B. in einer leichten Sache oder spaßweise streitet, ohne daß man es merkt, sondern erst später darauf kommt?“ Er antwortet: „O nein, meine liebe Tochter, wenn spaßweise gestritten wird, oder weil man von seinem Temperament überrumpelt wurde, so ist davon nichts zu beichten. Wenn Sie jedoch innerlich nicht nachgeben wollten, dann müßten Sie das in der Beichte sagen. Überraschungsfehler gegen die Regel sind keine Sünde, sind es ebensowenig wie jene Verstöße, die wir machen, weil uns die Leidenschaft überrumpelt. Zur Sünde gehört der vorsätzliche Wille.“ Eine Schwester fragt: „Sollen wir bei der Gewissenserforschung die läßlichen Sünden und die Unvollkommenheiten auseinander halten?“ Er antwortet: „Wer sie auseinander halten kann, für den wäre das entschieden sehr gut meine liebe Tochter. Aber von 200 können das 199 nicht, selbst die heiligsten Seelen kennen sich da nicht aus. Und so kommt man in die Beichte mit einem ganzen Wirrknäuel von Unvollkommenheiten und hält Sünde und Unvollkommenheit nicht auseinander. Das ist dann für den Beichtvater oft sehr schwer, weil er doch wissen muß, was Sünde und folglich Materie zur Lossprechung ist. Ich möchte euch erzählen, wie es mir ergangen ist, als ich die selige Schwester Maria von der Menschwerdung, während sie noch in der Welt war, beichten hörte. Nachdem sie schon drei- oder viermal bei mir gebeichtet hatte, klagte sie sich eines Tages verschiedener Unvollkommenheiten an. Als sie fertig war, sagte ich, daß ich ihr die Lossprechung nicht geben könne, weil ich in ihrer Beichte keine eigentliche Sünde gefunden hätte. Sie war darüber höchst erstaunt, hatte sie doch zwischen Unvollkommenheit und Sünde nie einen Unterschied gemacht. Ich sagte ihr also, sie möge eine Sünde aus früherer Zeit ein-

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23. Richtig beichten

schließen, wie ihr es ja auch tut. Sie dankte mir für die Aufklärung, wußte sie doch bisher nichts von diesem Unterschied. Ihr seht also, daß diese Unterscheidung gar nicht so leicht ist, da selbst diese erleuchtete Seele darüber so lang in Unkenntnis geblieben war. Notwendig ist dieses Auseinanderhalten von Unvollkommenheit und Sünde nicht; diese große Seele ist trotzdem heilig geworden; aber jedenfalls ist es gut, wenn man dazu fähig ist.“ Eine Schwester fragt: „Was ist läßliche Sünde und was ist Unvollkommenheit?“ Er antwortet: „Die läßliche Sünde hängt von unserem Willen ab. Wo kein Wille zu sündigen, da ist keine Sünde. Ein Beispiel: Ich lasse die Oberin ins Sprechzimmer bitten und sage: Ich komme im Auftrag der Prinzessin so und so und überbringe Grüße usw. Habe ich das nun alles frei erfunden und mir nur so zusammenphantasiert, so ist das gewiß an sich nichts Wichtiges; aber weil ich es freiwillig tue, deshalb ist es läßliche Sünde. Einen Fehler unfreiwillig machen, weil wir überrumpelt worden sind, das ist Unvollkommenheit. Zum Beispiel: Ich erzähle in der Rekreation etwas, dabei unterlaufen mir einige Worte, die nicht ganz mit der Wahrheit übereinstimmen; ich merke das jedoch erst, nachdem es heraus ist: Das ist nun keine Sünde, sondern eine Unvollkommenheit, die ich nicht beichten muß, aber beichten könnte, wenn ich sonst nichts hätte. In diesem Fall schließe ich noch eine Sünde aus früherer Zeit mit ein, weil der Beichtvater sonst keine Materie für die Lossprechung hat.“ Eine Schwester fragt: „Dürfen wir zur heiligen Kommunion auch dann gehen, ohne vorher zu beichten, wenn wir uns einer läßlichen Sünde bewußt sind? Hochwürdigster Vater sagten doch, daß die läßliche Sünde zwischen Gott und der Seele eine kleine Trennung schafft.“ Er antwortet: „Sie brauchen deshalb von der heiligen Kommunion nicht wegbleiben, außer Sie wollten aus Demut darauf verzichten.“ Eine Schwester fragt: „Dürfen wir bitten, auch außer der für die Gemeinde bestimmten Zeit zu beichten?“ Er antwortet: „Trifft es mit einem Beichttag der Gemeinde zusammen, dann dürfen Sie darum bitten. Bekommen Sie keine Erlaubnis, dann geben Sie sich zufrieden. Kommt Ihr Gewissen jedoch nicht zur Ruhe, dann dürfen Sie um Erlaubnis bitten, von der heiligen Kommunion wegzubleiben. Das Beichten außerhalb der für die Gemeinde be-

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stimmten Zeit kann ich nicht gutheißen, weil es bei den anderen den Verdacht erwecken könnte, es müsse etwas Besonderes vorliegen.“3

V. I V.
Eine Schwester fragt: „Wenn eine Schwester einen Fehler gemacht hat und ich finde in meiner Lesung gerade etwas, was sich darauf bezieht, – darf ich dann von meiner Lesung berichten, um ihr zu helfen, oder wäre das nicht recht?“ Er antwortet: „Sie tun gut daran, wenn der Eifer Sie treibt, der Schwester zu nützen. Wir sollen dem Nächsten helfen, wo immer wir nur können; auch die Mahnungen verfolgen bei uns diesen Zweck. Es fällt mir da gerade die Geschichte von Arsenius ein. Ihr erinnert euch gewiß noch an die kleine Ungehörigkeit, die er sich zuschulden kommen ließ. Wirklich, die heiligen Väter haben ihn mit einer geradezu bewunderungswürdigen Milde zurechtgewiesen und uns gezeigt, wie liebevoll eine Mahnung gegeben werden soll, besonders älteren Leuten gegenüber. Wenn eine Schwester nicht lernt, ihre Abneigung zu verbergen, so kommt sie um das Verdienst und um die Freuden des schönen Zusammenlebens; sie vernachlässigt auch ihre Pflicht der Gemeinde gegenüber.“ Eine Schwester fragt: Wie soll ich mich verhalten, wenn die Oberin etwas rügt, was ich gar nicht getan habe?“ Er antwortet: „Sie müssen dabei zwei Tugenden üben, meine liebe Tochter. Fragt die Oberin: Haben Sie das getan, meine liebe Schwester? und Sie haben es nicht getan, dann sagen Sie demütig und einfach, wie sich die Sache verhält. Läßt sie sich nicht überzeugen, dann machen Sie also die beiden Tugendakte der Unterordnung und der Erniedrigung, da man doch glaubt, daß Sie es gewesen sind.“ Eine Schwester fragt: „Wenn man sieht, daß die Oberin dies und jenes braucht, sollen wir sie nicht drängen, es zu nehmen, oder sollen wir uns mit dem Gedanken zufrieden geben, daß sie im Geist der Regel selbst um das bitten wird, was sie benötigt?“ Er antwortet: „Dazu sage ich: Es gibt zwei Arten von Oberinnen, meine liebe Tochter. Die einen sind sehr hart und streng mit sich; von diesen dürft ihr euch nicht erwarten, daß sie etwas für sich erbitten.

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23. Letzte Empfehlung

Solche Oberinnen fühlen sich verpflichtet, es mit der Regel sehr streng zu nehmen, sie sind dadurch sehr zurückhaltend. Andere Oberinnen hingegen sind zu weichlich und zu frei und gestatten sich gerne Erleichterungen. Diese braucht ihr nicht zu drängen; es genügt weitaus, wenn man ihnen gibt, was sie verlangen. Ich will euch etwas sagen! Nur wenige Heilige haben mit ihren Tugenden nicht über das Ziel hinausgeschossen. So haben einige auch in der Strenge gegen sich nicht Maß gehalten und nur ganz wenige sind den heiligen goldenen Mittelweg gegangen. So gibt es auch nur wenige Oberinnen, die sich genau in der Mitte halten; die einen sind zu streng, die anderen zu weich.“ * „In allen unseren Häusern ist mir eines aufgefallen: Unsere Schwestern machen keinen Unterschied zwischen der Gegenwart Gottes und dem Gefühl der Gegenwart Gottes. Das ist nicht nur ein großer Fehler, sondern auch große Unwissenheit. Sie meinen, wenn sie Gott nicht fühlen, dann wären sie nicht in Gottes Gegenwart. Seht, wenn ein Mensch den Martertod für Gott erleidet, dabei aber nicht an Gott, sondern nur an seine Qualen denkt, so hat er doch, obwohl er den Glauben nicht fühlt, in Anbetracht seines ersten Entschlusses, für Gott zu sterben, das Verdienst des Martyriums, und er hat eine große Tat der Liebe vollbracht. Die Vereinigung unserer Seele mit Gott, das sei unser einziges Verlangen. Ihr im Kloster habt es gut. Eure Regeln und alle eure Übungen verhelfen euch ununterbrochen dazu; ihr braucht nur mitzutun, ohne die Zeit mit Wünschen zu verlieren.“

*
Als er bemerkte, daß die Leute die Fackeln angezündet hatten, um ihn nach Hause zu begleiten, rief er ganz erstaunt aus: „He, was wollt denn ihr da? Ich könnte die ganze Nacht hier bleiben und auf das Heimgehen vergessen. – Jetzt aber muß ich fort, denn der Gehorsam ruft. Gott befohlen, meine lieben Töchter, ich nehme euch alle im Herzen mit, zugleich aber lasse ich euch mein Herz da als Pfand meiner väterlichen Liebe.“

23. Letzte Empfehlung

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Unsere Mutter bittet noch demütig-innig: „Sagen Sie uns doch noch, Hochwürdigster Vater, was sollen wir uns ganz besonders in die Seele schreiben?“ Er antwortet: „Was soll ich Ihnen sagen, meine liebe Tochter? Mit den beiden Worten: Nichts verlangen – nichts abschlagen, habe ich euch alles gesagt. Was könnte ich euch wohl noch sagen? Ich wüßte nichts anderes mehr. Schaut auf das Jesulein in der Krippe. Es erträgt Ungemach und Kälte und alles, was der himmlische Vater zuläßt. Es weist aber auch die kleinen Erleichterungen, die seine Mutter ihm verschafft, nicht ab. Haben wir je gelesen, daß es seine Händchen nach der Mutterbrust verlangend ausgestreckt? Alles hat es der Sorge und Fürsorge seiner Mutter überlassen. Auch wir sollen nichts verlangen – nichts abschlagen, sondern alles, was Gott schickt, annehmen, Ungemach und Kälte.“ Auf die Frage, ob man heizen solle, antwortete er: „Ist angeheizt worden, dann verlangt der Gehorsam, daß man sich wärme, aber man hüte sich auch hier vor gieriger Hast.“

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24. Antworten und Aussprüche

Aussprüche Stifters, Antworten Antwor ten und A ussprüche unseres seligen Stif ters, gesammelt im Kloster zu Lyon 1
1. Als er das erste Mal zu uns kam, sprach er mit großer Ergriffenheit ungefähr eineinhalb Stunden lang über den Seelenfrieden. Er wiederholte mehrmals, daß man sich über nichts ängstigen dürfe und den Seelenfrieden bewahren solle, was auch immer uns zustoßen möge. Er für seinen Teil würde es vorziehen, nur eine Zimmerecke zur Wohnung zu haben, dort aber in Ruhe zu wohnen, als am Hof mit Ehren und Reichtümern überhäuft zu leben. Er wünschte, hier im Zimmer unseres Beichtvaters zu wohnen. Wir sagten ihm ein paarmal, daß es da für ihn sehr unbequem sei; das ließ er jedoch nicht gelten, denn er habe es dort besser, als er verdiene, und dann sei er doch dort in der Nähe seiner lieben Töchter. Als wir immer wieder betonten, daß dieses Zimmer doch für ihn nicht gut genug wäre, sagte er: „Es ist viel zu gut für mich, macht euch nur keine Sorgen und beunruhigt euch nicht darüber!“ Und dann sagte er noch recht demütig und lieb: „Ich sehe schon, ihr möchtet mich gerne los sein. Aber ich bitte euch, laßt mich doch in diesem Zimmer wohnen. Ich habe es da ganz schön; macht euch also weiter keine Gedanken. In Annecy schlafe ich in einem Zimmer, das zehnmal kälter ist.“ 2. Da er immer wieder vom inneren Frieden sprach, baten wir ihn, uns darüber und über das Verhalten beim Oberinnenwechsel eine eigene Unterredung zu schenken. „Das will ich gerne tun,“ antwortete er darauf, „wir wollen nur noch warten, bis unsere gute Mutter da ist.“ – Er sprach dann sehr eingehend über die Losschälung, die man beim Oberinnenwechsel üben soll. „Viele Tränen,“ sagte er, „die dabei vergossen werden, kommen nur von der Eigenliebe, von der Schmeichelei und von der Angst, man könnte an unserem guten Gemüt und an unserer Liebe zweifeln. Man täuscht da leicht etwas vor, denn Tränen können genauso lügen, wie Worte. Frauen neigen sehr zu solchen Unvollkommenheiten, besonders dann, wenn sie merken, daß die Oberinnen etwas zärtlich veranlagt sind und solche Beweise der Zuneigung gerne haben. Von den vielen Tränen, die aus solchen Anlässen vergossen werden, sind nur die wenigsten echt; eine macht es der anderen nach; das ist halt so Frauenart. – Dieses

24. Antworten und Aussprüche

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Weinen, diese Tränen sind allerdings sehr verdächtig. Unsere Liebe muß kernig sein; sie darf nichts mit Weichlichkeit zu tun haben. Echte Liebe liebt unbeeinflußt von Nähe und Ferne, sie hängt nicht an rein Menschlichem. Die Gnade hat keinerlei Anteil an derlei Dingen. Die Schwestern sollen in der jeweiligen Oberin Gottes Stellvertreterin sehen und sich mit menschlichen Neigungen nicht abgeben, die ja nichts weniger als echte Tugend sind. Und wenn auch die hl. Theresia beim Tod eines frommen Priesters viel geweint hat, so brauchen wir das nicht nachzumachen; nur in ihren Tugenden sind die Heiligen nachahmenswert.“ 3. Wir fragten: „Wäre da nicht etwas zu tun, damit der Geist der Liebe und der Einfachheit unter uns erhalten bleibe und auch die einzelnen Klöster miteinander verbunden wären? Verschiedene Leute meinten, eine Generaloberin würde das am ehesten erreichen.“2 Darauf sagte er mit ungewöhnlicher Bestimmtheit: „Meine Töchter, das waren immer nur rein menschliche Gedanken. Ich habe zwei Tage und zwei Nächte darüber nachgedacht, als unsere Mutter mir schrieb, daß man ihr davon gesprochen habe; aber ich sehe keinen Grund, etwas zu ändern.“ Wir fragten: „Was ist also Ihre Absicht, hochwürdigster Herr?“ Er antwortete: „Wir müssen alles der göttlichen Vorsehung überlassen.“ Das sagte er wiederholt und gab uns deutlich zu verstehen, daß er nichts anderes im Sinn habe. Wir wissen, daß er diese Frage auch mit den Vätern der Gesellschaft Jesu besprochen hat und daß sie der gleichen Ansicht waren. Darüber freute er sich sehr und meinte, in Sachen Gottes gebe es immer Schwierigkeiten. Dann sagte er noch dies: „Das Gedeihen einer Ordensgenossenschaft hängt nicht vom Vorgesetzten ab; die Erfahrung bestätigt uns das immer wieder. Manche Orden hatten Obere, und ausgezeichnete Obere, und haben trotzdem in der Zucht nachgelassen. Die Hauptsache ist die Treue, sich mit Gott durch gewissenhafte Beobachtung der Regeln und Satzungen zu vereinigen; man mag nach anderen Mitteln Ausschau halten, soviel man will, es wird doch nichts die Genossenschaft aufrecht erhalten als die Treue jeder einzelnen Ordensperson in der genauen Beobachtung der Regel.“ – Er fügte noch hinzu, er habe nur den einen Wunsch, daß Gott unseren Klöstern den Geist der Einigkeit und Demut schenken möge. „Die Einigkeit ist eine Frucht der vollkommenen Regeltreue; so wird der Orden nach Gottes Wohlgefallen bestehen.“

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24. Antworten und Aussprüche

4. Wir fragten: „Wie haben wir uns in den irdischen Angelegenheiten zu verhalten? Alles drängt uns, daß wir uns doch damit mehr befassen, mehr Interesse und Liebe dafür aufbringen sollten. Wollen wir uns davon frei machen, so widerspricht uns jedermann. Immer hält man uns die schön gebauten und mit guten Einkünften versehenen Klöster entgegen und wirft uns die Armut unseres Klosters vor.“ Er antwortete: „Es ist wahr, meine lieben Töchter, die Welt fürchtet sich vor der Armut. Was ist da zu machen? Wir müssen ganz einfach zu verstehen geben, daß wir an den Gütern der Welt nicht hängen und ihretwegen den inneren Frieden nicht verlieren wollen.“ In diesem Zusammenhang erzählte man ihm, daß unser Kardinal beim Brand seines Palastes um sein Tafelsilber im Wert von 6000 Talern gekommen sei. Ich meinte, es sei schade um das viele Geld, das wir sehr gut für den Bau der Kirche hätten brauchen können. Darüber war er ungehalten und sagte: „Mein Gott, haben Sie doch keine solchen Wünsche, meine liebe Tochter, nur wenige Menschen finden die Goldader der echten Armut: Nichts wünschen und mit dem Wenigen zufrieden sein, was wir nach Gottes Willen haben. Glücklich die Schwestern, die wirklich arm sind und denen Verschiedenes fehlt! Der Eifer, die Frömmigkeit und der gute Geist der Oberinnen muß alles ersetzen, was nicht schriftlich festgelegt ist. Es geht gegen meine Absicht und meinen Willen, wenn man Schwestern mit Gebrechen nicht aufnimmt: wer da menschliche und natürliche Klugheit walten läßt, zerstört den Geist der Liebe.“ Er sagte auch: „Würde die Aufnahme von Schwestern mit Gebrechen je in unseren Häusern auf Schwierigkeiten stoßen, so würde ich kommen und in den Schlafsälen einen großen Lärm schlagen, damit man erkenne, daß man gegen meinen Willen handelt.“ Wir fragten ihn, ob er dafür sei, daß die Schwestern sich an ihre Eltern wenden, wenn diese reich sind und das Kloster in Geldverlegenheit ist. Er antwortete: „Nein, ich bin nicht dafür. Lieber ist mir, das Kloster ist in Geldverlegenheit und hat nicht alles, was es braucht, als daß die Schwestern sich mit solchen Gedanken beschäftigen, die nur die Eigenliebe nähren. Nicht einmal für die Sakristei will ich es haben, auch wenn sie armselig ausgestattet ist. Geben die Eltern aus freien Stücken etwas her, dann nehmt es demütig an, jedoch ohne darum zu bitten, sogar ohne einen Wunsch zu äußern, es sei denn bei besonderen, ganz seltenen Gelegenheiten. Arm ist immer besser.“

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Wir fragten: „Wenn die Oberin von einer Verwandten aus dem Kloster der Klarissen um ein Almosen gebeten wird, darf sie es ihr geben?“ Er antwortete: „Ja, sie darf das auch einer anderen Schwester erlauben.“ Ich sagte: „Ich mache mir oft Vorwürfe und habe Gewissensbisse, daß ich in zeitlichen Angelegenheiten zu nachgiebig bin. Ich fürchte, daß die Eltern durch meine Schuld ihren Töchtern nicht genug mitgeben und das Haus deswegen arm ist.“ Er antwortete: „Sie brauchen sich deswegen nicht zu beunruhigen. Man verzichtet auf die irdischen Güter, nicht weil man sie geringschätzt und verachtet, sondern weil man davon innerlich losgelöst ist.“ Dann sagte er: „Unsere gute Mutter möchte gerne, daß ich etwas über die Leitsätze des Herrn sage; ich ehre, verehre und achte sie von ganzem Herzen, aber leider befolge ich sie nicht. Gottes Sohn hat gesagt: ,Streitet nicht vor Gericht‘; halte ich mich daran, dann habe ich die ganze Welt gegen mich. Gottes Sohn hat gesagt: ,Will dir jemand deinen Rock nehmen, so gib ihm auch deinen Mantel‘ (Mt 5,40; Lk 6,29). Tu ich das, dann heißt es, das wäre nicht recht, ich behielte gar nichts mehr für mich und wäre schon arm genug. Der Sohn Gottes sagte: ,Wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, so halte ihm auch die andere hin‘ (Mt 5,39; Lk 6,29). Die Welt will davon nichts wissen und nicht die geringste Kränkung ertragen. Der Sohn Gottes sagt: ,Seid sanftmütig‘ (Mt 5,4). Die Welt aber will, daß ich zürne, und tue ich es nicht, dann nennt sie das Dummheit.“ Wir fragten: „Ist es in Ihrem Sinn, hochwürdigster Vater, daß man in allen unseren Häusern Almosen gibt?“ Er antwortete: „Ja, das müssen wir nach den Leitsätzen des Sohnes Gottes.“ Wir fragten: „Auch dann, wenn wir nicht wissen, ob diese Armen wirklich bedürftig sind?“ Er antwortete: „Wir tun auch dann gut daran, Almosen zu spenden.“ 5. Wir fragten: „Sollen wir den Beichtvater verköstigen?“ Er antwortete: „Wenn ich Beichtvater von der Heimsuchung wäre, was ich aber nicht verdiene, – es ist schon wahr, ich verdiene es nicht, könnte mir aber nichts Beglückenderes denken, als Beichtvater in der Heimsuchung und damit allem anderen enthoben zu sein, – wenn ich also euer Beichtvater wäre, würde ich es vorziehen, mich selber zu verköstigen, so gut es eben geht, statt die Klosterfrauen mit der Bereitung der Mahlzeiten zu bemühen und meine Unvollkommenheiten se-

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24. Antworten und Aussprüche

hen zu lassen, wenn ich ein bißchen schwierig bin und mir dies oder jenes nicht paßt oder widersteht. Warum sollten die Dienerinnen Gottes unter meinen Schwachheiten leiden? Es ist für sie doch tausendmal besser, sie bleiben in ihrer Ruhe und Abgeschiedenheit und haben mit diesen Unannehmlichkeiten nichts zu tun. Sehen Sie, meine Tochter, es scheint mir doch sehr wichtig, sich auf die Verköstigung des Beichtvaters nicht einzulassen. Immerhin möchte ich nicht, daß ihr schon mit eurem jetzigen Beichtvater den Anfang macht; er ist so gut und so anspruchslos, daß es nach meiner Ansicht mit ihm keine Unannehmlichkeiten geben wird. Nachdem ihr schon einmal angefangen, ihn zu verköstigen, bleibt dabei, aber bei den anderen müßt ihr schon vorsichtiger sein. Lieber erhöht man ihnen das Gehalt. Ja, es ist schon wahr, meine Tochter, an den Speisen habe ich nie etwas auszusetzen, – höchstens daß sie zu gut sind. Ist das nicht recht, meine Tochter? Sie fürchten, daß den Schwestern übel werden könnte, wenn die Vorspeise aus Resten bereitet ist? Mir wird es übel, wenn ich höre, daß man davon spricht, aber nicht, wenn ich dergleichen esse.“ 6. „Armut und Einfachheit sind euch so dringlich empfohlen und doch gibt es, wie Sie sagen, Schwestern, die mich darin nicht verstehen. Ich sagte in den Satzungen: Der Gemeinde muß sehr viel daran gelegen sein, daß das Amt der Sakristanin mit dem größten Fleiß verwaltet wird (S. 164 ff). Nun verstehen manche Schwestern darunter, man müsse recht besorgt sein, daß in der Sakristei nichts fehle und alle Gegenstände reichlich vorhanden und recht schön seien. – Mein Gott, wie ist es nur möglich, die Dinge so zu verdrehen und seinen Neigungen so stark nachzugeben! Ist es den Schwestern denn gänzlich entgangen, wie sehr die Satzungen die Ruhe und Gelassenheit immer wieder ans Herz legen, sodaß sie uns niemals abhanden kommen darf? Ich habe bemerkt, daß unsere Schwestern in Annecy es lieben, wenn ihnen in ihrem Amt nichts abgeht, falls sie eines haben; haben sie aber kein Amt, dann kümmern sie sich nicht darum. – Ihr müßt zwei Dinge in eurer Sakristei abändern; da doch dieses Kloster unsere zweite Niederlassung ist, möchte ich, daß hier alles so gehalten werde wie in Annecy: 1) Euer Zingulum ist nicht einfach genug, es ist zu schön. Eine Quaste an jedem Ende genügt; die anderen sind überflüssig. 2) Eure Albe ist zu reich mit Borten verziert. Die Ärmel sollen gar keine haben, weder innen

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noch außen; es genügt, wenn solche auf den Nähten angebracht sind, doch auch da sollen sie nur schmal sein. Ich sagte in den Satzungen, daß auf den Altären keine mit Stoff bekleideten Figuren aufgestellt sein sollen, weil sie zumeist sehr schlecht gemacht sind, ferner weil das Nähen ein großer Zeitverlust ist und Frauen sich gern mit solchen Sachen abgeben. Engel und Kerubim dürft ihr unbesorgt aufstellen.“ 7. Wir sagten ihm einmal, daß wir es für eine große Gefahr hielten, wenn Oberinnen kämen, die den Geist der Regel nicht hätten. Er antwortete: „Was könnte man da machen? Wenn sie die Regeln gewissenhaft beobachten, dann wird Gott ihnen mit der Zeit auch den Geist der Regel geben.“ Weiter sagte er: „Wenn eine Schwester zwar sehr tugendhaft aber noch jung ist, tut man trotzdem gut daran, sie zur Oberin zu wählen. Gott hilft den einfachen Seelen, die ihr Vertrauen auf ihn setzen.“ Er fügte hinzu, daß es ihm einen großen Schmerz bereite, wenn man Oberinnen wähle, die für ihr Amt weder die erforderliche Tugend noch die entsprechenden Fähigkeiten hätten. Dann sagte er, es gebe nur wenige Oberinnen, die sich auch mit zeitlichen Angelegenheiten beschäftigen; es sei dies auch gar nicht ihre Aufgabe, man gebe ihnen eine tüchtige Hausmeisterin an die Seite, die ihnen diese Arbeit abnehmen soll. Wir sagten: „Wir möchten meinen, daß Gott uns für die jeweiligen Ämter auch das notwendige Licht gibt, wenn wir nur Vertrauen haben. Wir möchten auch glauben, daß die Liebe alles ist.“ Er antwortete: „Das ist auch so, ihr habt ganz recht. Sind die Oberinnen innig mit Gott vereinigt, dann unterläßt er es bestimmt nicht, sie zu unterweisen.“ Über die Oberinnen, die zu lange im Sprechzimmer bleiben, sagte er: „Damit bin ich gar nicht einverstanden; aber was soll man dagegen tun?“ Wir sprachen von der Amtsniederlegung einer Oberin, die den Schwestern ihres Klosters sehr nahe ging, und erzählten, daß sich diese an das Wort „Schwester“ nicht gewöhnen konnten und sie immer noch „Mutter“ nannten. Er lächelte dazu und sagte: „So sollen sie ihre frühere Oberin meinetwegen Großmutter nennen, wenn sie wollen. Ich kann nichts daran ändern, sehe aber daraus, daß sie die Regeln und Satzungen weder hochachten noch überhaupt beobachten.“ Wir sagten: „Hochwürdigster Vater, wenn Sie uns einmal gesagt haben, wie wir uns bei der Amtsniederlegung und Neuwahl der Vorge-

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setzten zu verhalten haben, dann werden Sie ihre Wunder an uns erleben.“ Er antwortete: „Wunder wirken unsere Worte nicht. Man braucht nur das gewissenhaft durchzuführen, was die Satzungen lehren; sie sagen hinreichend, was zu tun ist; Frauen haben aber so viele kleine Eigenwilligkeiten, denen sie lieber folgen, als daß sie gehorchen. Was kann man da machen? Man muß sie weinen und ihre Anhänglichkeit zeigen lassen; sie meinen ja sonst, man hielte sie für herzlos, wenn sie ihre Liebe nicht äußerten. Weibliche Schwachheiten, weiter nichts! Wir dürfen uns weder durch Worte noch durch Handlungen um die Liebe und Achtung der Geschöpfe bemühen, aber auch nicht anstreben, verachtet zu werden. Wenn uns die Geschöpfe hier auf Erden nicht lieben, dann werden sie uns bestimmt im Himmel lieben, wo wir uns alle wiedersehen werden. Warum ist es uns denn gar so um die Liebe der Menschen zu tun? Nur eines ist wichtig: daß der Schöpfer uns liebt. Seine Liebe ist uns ganz sicher, und das soll uns genügen.“ 8. „Fragt man euch, ob ihr das kleine Offizium immer beten werdet, dann sagt ganz ruhig ,Ja‘, weil ihr hofft, die Erlaubnis, die ihr vom Heiligen Vater schon für 10-12 Jahre habt, für immer zu bekommen. Es ist meine Absicht und mein Wunsch, daß es immer gebetet werde; wäre man aber dagegen, so müßte ich es schon bleiben lassen.“3 9. Wir fragten: „Sollen wir die Unvollkommenheiten beichten oder wäre das verkehrt?“ Er antwortete: „In der Moraltheologie lernt man, daß man sie zwar nicht beichten muß, wohl aber kann, ohne daß dies fehlerhaft wäre. Man hat euch gezeigt, wie ihr es machen sollt: Ihr sagt ganz allgemein eure Fehler, weil ihr oft nicht unterscheiden könnt, was Sünde oder Unvollkommenheit ist. – Für die gewöhnlichen Beichten braucht ihr jedoch nicht mehr als zwei oder drei Unvollkommenheiten zu erwähnen. Bei den außergewöhnlichen und Jahresbeichten ist es auch gut, Unvollkommenheiten zu beichten. Habt ihr euch über nichts anzuklagen, dann gebt eine Sünde aus früherer Zeit an. Wenn wir eine Regung des Ärgers oder der Unlust gehabt und aus dieser Stimmung heraus etwas gesagt oder getan haben, so können wir es beichten, auch wenn es nichts von Bedeutung war; es könnte doch sündhaft gewesen sein, denn unsere Vollkommenheit ist nicht so groß, daß nicht noch Eigenliebe in uns wäre, und diese verleitet uns immer wieder zu Fehlern. Wir dürfen uns also darüber nicht wundern. Man kann es so beichten: ,Es ist etwas

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vorgefallen, was mir nicht paßte, und da habe ich im Ärger oder aus Ungeduld das und jenes getan.‘ – Haben wir uns aber durch diese Gefühle nicht zu Handlungen hinreißen lassen, dann hat man keinen Fehler begangen, sondern hat sogar ein Verdienst.“ 10. Über den Akt der Reue sagte er folgendes: „Er ist dann gut, wenn uns der begangene Fehler leid tut, wenn wir ihn aus tiefster Seele verabscheuen und den Vorsatz fassen, ihn nicht mehr zu begehen. Eine gefühlsmäßige, zu Tränen rührende Reue ist nicht erforderlich; wohl aber ist es notwendig, daß man es bedauert, Gott beleidigt zu haben. Es ist noch kein Zeichen eines schlechten Willens, wenn man immer wieder dieselben Fehler begeht, wenn es nicht freiwillig geschieht. Ein guter Reueakt besteht im festen Vorsatz, Gott nicht mehr beleidigen zu wollen.“ 11. „Unnütze Worte gibt es in der Rekreation nicht; denn alles, was man zur Aufheiterung sagt, ist nicht unnütz. Diese ist uns notwendig, der Geist kann nicht immer angespannt sein. Man läuft sonst Gefahr, mißmutig und schwermütig zu werden. Es liegt auch nichts daran, wenn in der ganzen Rekreation nur über gleichgültige Dinge gesprochen wird; diese Worte wären deshalb nicht unnütz; man braucht nicht immer von ernsten Dingen zu reden. Das Gespräch ist dann heilig und zugleich heiter, wenn nichts Schlechtes dabei vorkommt; wenn man nicht von den Fehlern anderer spricht; – denn das darf man nie, – und wenn nicht Weltliches oder Unpassendes dabei berührt wird. – Sich über eine Schwester ein wenig lustig machen, sie ein wenig aufziehen, ist nicht schlimm, nur darf man sie nicht kränken, denn das ist nie erlaubt. Hat man aber durch ein Wort eine Schwester verletzt, ohne es zu wollen, so braucht man es nicht zu beichten, wenn man es scherzweise gesagt hat. Im Streben nach Vollkommenheit müssen wir ins Schwarze zielen, treffen wir aber daneben, so dürfen wir uns nicht grämen. In der Erholungszeit muß man ganz einfach, schlicht und offen sein und sie gut zu verbringen suchen. Wäre unsere Aufmerksamkeit auf etwas gerichtet, das uns hinderte, die Erholung gut mitzumachen, so müßten wir uns von dieser Sache abwenden. Man braucht sich keinen Vorwurf zu machen, wenn man vergessen hat, die Erholung Gott aufzuopfern; die allgemeine gute Meinung genügt; immerhin soll man trachten, sie zu Beginn der Erholungsstunde zu erneuern. Die Novizen soll man sehr dazu anhalten, denn es ist von

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großer Wichtigkeit, daß sie die Zeit der Erholung in der rechten Weise verbringen.“ 12. „Steigen in uns geringschätzige Gedanken über Mitmenschen auf und weisen wir sie nicht ab, weil wir sie nicht bemerkt haben, so ist das keine Sünde; es genügt, daß wir sie dann abweisen, wenn sie uns zum Bewußtsein kommen.“ 13. „Sie fragen, ob Sie die kleinen Leiden, oder was ein gutes Licht auf Sie wirft, nicht besser verschweigen sollen, weil Sie sich vielleicht nicht richtig ausdrücken und somit – statt sich anzuklagen – dem Beichtvater eher Anlaß geben, Sie zu schätzen. – Meine Tochter, offenbaren Sie sich ganz schlicht und einfach im Guten wie im Schlechten; es darf nur nicht in der Absicht geschehen, geschätzt zu werden. Werden Sie hochgeschätzt, dann nehmen Sie das ebenso ruhig hin, wie wenn Sie geringgeschätzt werden, und verschwenden Sie weiter keinen Gedanken daran.“ 14. „Es macht nichts, wenn man sich hie und da mit sich selber befaßt, wenn es zu dem Zweck geschieht, sich zu verdemütigen und sich die eigene Undankbarkeit vor Augen zu halten; man soll sich dabei aber immer wieder zu Gott hinwenden, denn das ist kein eigentliches Beten, wenn man nur über sich nachdenkt; das Gebet ist ja eine Erhebung des Geistes zu Gott, um sich mit ihm zu vereinigen. Erwägungen müssen wir dann anstellen, wenn der Heiland uns dazu anregt; sonst aber wollen wir trachten, uns der Vollkommenheit auf dem einfachsten Weg zu nähern, und nicht so spitzfindig sein.“4 15. „Wir können uns der Gegenwart Gottes nicht ununterbrochen bewußt sein; das vermögen nur die Engel. Es genügt, wenn wir soviel als möglich daran denken und oft den Geist zu Gott erheben. Eine stets gespannte Aufmerksamkeit auf Gott ist nicht notwendig. Zieht uns unsere Beschäftigung von Gott ab und ist sie notwendig, dann brauchen wir uns nicht zu beunruhigen. Es genügt, alles, was wir tun, einfach und schlicht für Gott zu tun. Selbst wenn man übersehen hätte, vor der Arbeit die gute Meinung zu erwecken, mache man sich keinen Vorwurf, sondern hole sie einfach nach. Die allgemeine Aufopferung am Morgen genügt. Tun wir etwas Gott zuliebe, dann sind wir schon in seiner Gegenwart. Ebenso ist uns seine göttliche Güte gegenwärtig, wenn wir nur das Verlangen haben, in seiner Gegenwart zu sein. Wundern wir uns nicht, wenn wir das Bewußtsein seiner Gegenwart nicht so festhalten können,

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wie wir das gerne möchten. Wir können glücklich sein, wenn wir das heilige Verlangen haben, Gott zu dienen, und brauchen es nicht schwer zu nehmen, wenn wir nicht so die Begeisterung fühlen, die wir uns für seinen Dienst wünschen möchten.“ 16. „Und kommt es euch vor, als ob euch mehr die Furcht vor dem Tod als die Liebe bewegt, eure Unvollkommenheiten abzulegen, so kümmert euch nicht darum; reinigt eure Absicht und alles ist gut. Grübelt nicht viel über die Fehler nach, die ihr in der Erregung begeht, lenkt eure Aufmerksamkeit davon ab! Wir müssen wohl immer in den Herzpunkt der Vollkommenheit zielen, dürfen aber nicht erstaunt sein, wenn wir nicht treffen, wie wir möchten.“ „Die Sehnsucht nach den ewigen Dingen muß Ihr Gemüt, liebe Tochter, mit heiliger Ruhe erfüllen; kümmern Sie sich nicht um die frommen Gefühle; halten Sie sich vielmehr für unwürdig, solche zu haben.“ „Wenn es Ihnen auch scheint, daß Sie beim Essen eine sinnliche Befriedigung empfinden, so ist doch nichts Schlechtes dabei. Geben Sie sich solchen Ängsten nicht hin. Essen Sie Gott zuliebe und bleiben Sie ruhig. Machen Sie das in aller Einfachheit, ohne sich einzubilden, daß der Gehorsam Ihnen nur ein Vorwand sei, um sich zu befriedigen. Ist Ihr Wille nicht dabei, so liegt keine Gefahr vor. Nur keine Spitzfindigkeit!“ 17. „Ich bin niemandem böse, wenn er beim Beten einschläft, wenn man sich nur Mühe gibt, wach zu bleiben. Man muß das in aller Demut ertragen, wie eine Statue vor Gott bleiben und alles annehmen, was er uns schickt. Dem Heiland gefällt es zuweilen, uns während des ganzen Gebetes mit dem Schlafe kämpfen zu sehen, ohne uns davon befreien zu wollen; wir müssen es dann geduldig leiden und die Demütigung liebevoll hinnehmen. Sagt nur nie, daß ihr nichts tun könnt; wir können immer, wenn wir wollen; sonst würde der Heiland Unmögliches von uns verlangen, was er nie tut. Wir vermögen alles mit der Gnade, die uns nie fehlt“ (Phil 4,13). 18. „Um uns auf die heilige Kommunion vorzubereiten, wollen wir uns ganz nahe beim Heiland halten, ihm sagen, wozu die Liebe uns drängt und was er uns eingibt; erwägen und bedenken, daß er Fleisch von unserem Fleisch geworden ist, um eins mit uns zu werden. Und gleich der Braut im Hohelied müssen wir ihn bitten, uns zu küssen ‚mit dem Kuß seines Mundes‘ (Hld 1,1). Das tut er denn auch, wenn er bei uns einkehrt, und dann kann die Seele sagen: Mein Geliebter ist mein und ich bin sein“ (Hld 2,16; 6,2).

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19. „Wir werden niemals ganz frei von läßlichen Sünden sein. Es nützt uns nichts, wenn wir uns wohl selbst der Fehler anklagen, aber keinen Tadel ertragen können. Sträuben wir uns freiwillig dagegen, daß man unsere Fehler sieht, so ist das nur Eigenliebe. Das Gefühl des Widerstrebens allerdings, das in uns aufsteigt, wenn man uns tadelt, hat nichts zu sagen, wenn der Wille fest bleibt, die Demütigung liebevoll anzunehmen. Es ist immer besser, die Seele im Vertrauen auf Gott zu halten als in der Furcht, auch wenn der Zweck der Furcht unsere Verdemütigung wäre. Die Liebe bringt uns genug Demütigungen ein.“ 20. „Meine Tochter, berauben Sie sich nicht der heiligen Kommunion aus Verbitterung. Überkommt Sie dieses Gefühl, dann nahen Sie sich dem Heiland erst recht, um mit ihm im Geist der Sanftmut eins zu werden. Bei manchen Fehlern ist es allerdings angebracht, sich die heilige Kommunion zu entziehen; so z. B. wenn wir durch ein ungeduldiges Wort oder eine jähzornige Handlung Ärgernis gegeben haben.“ 21. „Unsere Seele hält Gott dann die Treue, wenn sie sich seinem Willen vollkommen anheimgegeben hat, alles geduldig annimmt, was seine Güte zuläßt, wenn wir alle unsere Übungen in der Liebe und aus Liebe tun, besonders das Gebet, bei dem wir dem Heiland in vertraulicher Zwiesprache von unseren kleinen Nöten sprechen, sie ihm zeigen und ihm ergeben bleiben in allem, was er mit uns machen will. Wir sind Gott treu, wenn wir gehorsam sind, alles, was man uns befiehlt, gerne tun, auch dann, wenn es uns Überwindung kostet, – wenn wir gewissenhaft auf das Glockenzeichen hin sofort aufstehen, – wenn wir die Zerstreuung beim Gebet und Offizium abwehren; – wenn wir die Reinheit der Gesinnung bewahren; denn nur in einem reinen Herzen wohnt Gott, nicht aber in einem Herzen, das voller Eitelkeit und Selbstherrlichkeit ist. Ein solches Herz straft und züchtigt er vielmehr unerbittlich. Gott hat euch schon in eurer frühesten Jugend zu seinem Dienst berufen, das ist eine große Gnade. Dankt ihm dafür von ganzem Herzen und mit ganzer Seele!“ 22. „Wir dürfen die Unvollkommenheiten anderer nie mit Wissen und Willen betrachten. Das ist etwas sehr Häßliches, meine liebe Tochter. Sehen wir sie aber, ohne es zu wollen, so müssen wir uns davon ganz ruhig abwenden und an den Himmel denken, an die Vollkommenheiten Gottes, des Heilands, der Mutter Gottes, der Engel und Heiligen und dazwischen uns die eigene Nichtswürdigkeit und Niedrigkeit vor Au-

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gen halten. Fallen uns die Unvollkommenheiten der anderen ein, dann müssen wir uns in Grund und Boden hinein verdemütigen und vernichten, müssen einsehen, daß wir nur ein Wurm sind, der kein Recht hat, das Tun und Lassen anderer zu zerpflücken, die noch dazu Bräute des Heilands sind. Halten wir unserem Herzen die eigenen Schwächen vor und weisen wir uns selber zurecht, damit wir künftig besser auf der Hut sind. O, schaut nicht auf die Unvollkommenheiten eurer Mitschwestern, fallt ja nicht in diesen Fehler, denn er verzögert stark eure Vollkommenheit und schadet eurer Seele sehr.“ 23. „Wenn es einer leid tut, nicht genug mit der Oberin oder Novizenmeisterin sprechen zu können, dann rate ich, es ihr zu sagen. Ich für meine Person würde dann um eine ausgiebige Buße bitten. Doch das beste Mittel, solches zu verhindern, ist dies: Gott anhangen und nicht am Geschöpf hängen bleiben.“ 24. „Wir sind dann auf das betrachtende Gebet in der rechten Weise vorbereitet, wenn wir in großer Demut und mit dem Bewußtsein unserer Nichtigkeit kommen, wenn wir den Heiligen Geist um seinen Beistand, den Schutzengel um seine Mithilfe bitten, wenn wir uns während des Betens recht ruhig in der Gegenwart Gottes halten und glauben, daß er mehr als wir selber in uns ist. Und wenn wir auch dabei keine langen Erwägungen und Betrachtungen anstellen, so liegt nichts daran, denn das Gebet hängt weder von Überlegungen noch von Erwägungen ab. Es ist ein einfaches Hinmerken unseres Geistes auf Gott. Je einfacher, je gefühlsärmer unser Geist ist, desto mehr ist es wirklich Gebet. Nur wenige Menschen erfassen diese Wahrheit, besonders wenige Frauen, und doch ist gerade für sie, bei ihrem Mangel an Wissen, das lange Erwägen beim Beten vom Übel. Ich rate schon an, daß man untertags nach Möglichkeit kleine Erwägungen mache, um sich wieder zu sammeln. An seine Sünden soll man während des Gebetes nicht denken; fallen sie uns ein, dann erniedrigen wir uns vor Gott mit einem einfachen Akt der Demut, in den wir alle unsere Sünden einschließen, ohne sie einzeln zu betrachten. Dieser eine Akt genügt. Für gewöhnlich zerstreut uns die Rückerinnerung an unsere Sünden nur. Wenn ihr alles, was ihr tut, für Gott tut, dann seid ihr ständig in der Gegenwart Gottes. Essen, schlafen, arbeiten aus Liebe zu ihm, heißt in seiner Gegenwart sein. Es liegt nicht in unserer Macht, ständig das Bewußtsein der Gegenwart Gottes zu haben, außer diese besondere

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Gnade ist uns zuteil geworden. – Haben wir eine Beschäftigung, die unsere Aufmerksamkeit ganz beansprucht, dann müssen wir ab und zu an Gott denken; vergessen wir es, so müssen wir uns verdemütigen und von der Demut zu Gott emporsteigen und von Gott wieder zur Demut hinabsteigen und mit ihm vertrauensvoll reden, wie ein Kind mit der Mutter, denn er weiß genau, was wir sind.“ 25. „Es wäre verkehrt, während der ganzen Rekreation von weltlichen Dingen oder von sich zu reden. Tut man es das eine oder andere Mal mit ein paar Worten, um eine Schwester zu unterhalten, so braucht man das noch nicht zu beichten.“ 26. „Seid recht eifrig bemüht, die Einfachheit zu üben und eine demütige Gesinnung zu wahren; verschmäht menschliche Weisheit und Klugheit und erfaßt die Weisheit des Kreuzes.“ 27. „Wundert euch nicht über die Versuchungen. Haltet euch für ein reines Nichts; macht euer Herz leer von weltlichen Anhänglichkeiten und prägt den gekreuzigten Herrn Jesus hinein. Dankt ihm für euren Beruf, seid fest entschlossen zu gehorchen, denn möglicherweise werdet ihr niemals befehlen; sagt aber auch nicht wie so manche: ich möchte nicht Oberin sein; bewahrt den heiligen Gleichmut: Nichts verlangen, nichts abschlagen!“ 28. „O, es ist durchaus vernünftig, daß wir auf die Annehmlichkeiten der Welt verzichten, da doch Gott unseretwegen auf seine Herrlichkeit verzichtet hat. So viel Licht habt ihr schon, daß ihr erkennt, worin das Glück eures Berufes besteht.“ 29. „Sagt nie: Das können wir nicht; sagt vielmehr: es scheine euch, ihr könntet es nicht; denn mit der Gnade können wir alles; Gott läßt uns niemals im Stich.“ 30. „Wenn nötig, dürft ihr euch während der Betrachtung schon setzen, aber nicht die ganze Zeit. Nur nicht so weichlich mit sich sein! Das ist gefährlich und schadet uns auf dem Weg des Heiles sehr. Körperliche Krankheiten sind für die Frömmigkeit kein Hindernis, sie fördern uns vielmehr, wenn wir sie aus der Hand Gottes annehmen. Man kann vor den Mitschwestern immer ein heiteres Gesicht zeigen, trotz aller Schmerzen.“ 31. „Meine Töchter, hüten Sie sich vor dem Grübeln! Der Geist Gottes wohnt nicht mit einem Geist zusammen, der alles wissen will, was in ihm vorgeht. Nur Mut: die kleine und kleinmütige Tochter muß noch ganz hochgemut werden und wird dann alle Schwierigkeiten überwinden.

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Wir wollen keine unnützen Tränen vergießen. Wenn wir schon für jedes unnütze Wort Rechenschaft ablegen müssen, dann erst recht für grundlos vergossene Tränen. Nehmen wir uns doch auch vor unnützen Worten in acht; hat man da zwei oder dreimal gefehlt, dann muß man es beichten. Man hat die Gelübde nach den Regeln abgelegt; diese verpflichten aber nicht unter Sünde. Regel und Satzungen sind also nicht Ursache von Sünden. Sie müssen recht tapfer sein, meine liebe Tochter, denn Sie sind eine Tochter des gekreuzigten Heilands. Sie sollen kein anderes Lebensziel kennen als die Vereinigung Ihrer Seele mit Gott. Seid ihr doch glücklich! Eure Regeln und all eure Übungen führen euch zu dieser Vereinigung mit Gott. Bei unseren Schwierigkeiten müssen wir ganz fest bleiben; in diesem Leben werden wir nicht immer im selben Zustand sein; das ist nicht möglich. Das erste Opfer, das wir darbrachten, als wir uns dem Herrn hingaben, behält seine Kraft und genügt, wenn wir auch nicht aufmerksam sind, ihm immer wieder aufzuopfern, was wir tun. Die Gefühle sind nicht notwendig, um zur Vollkommenheit zu gelangen. Der Heiland war auf dem Ölberg gänzlich allen Trostes beraubt und erfüllte doch vollkommen den Willen seines Vaters“ (Mt 26,37-46). 32. „Die gute und echte Führung hängt von der Gnade ab und nicht von der natürlichen Begabung. Die Gnade gibt die nötige Erfahrung in viel vollkommenerer, wenn auch nach außen weniger glänzender Weise als alle menschliche Weisheit und Klugheit, aber darin liegt ja gerade ihr vorzüglicher Wert.“ 33. „Wir müssen den notwendigen leiblichen Bedürfnissen, wie Nahrung, Kleidung, Heizung dankbar und demütig Rechnung tragen, dürfen darüber nicht verstimmt sein noch bei unseren Unpäßlichkeiten bedauert werden wollen. Mögen sich die verzärtelten Weltkinder so benehmen, die Kinder Gottes aber geben sich mit derartigen Weichlichkeiten nicht ab. Die Satzungen sagen Ihnen, was Sie zu tun haben: Bitten Sie ganz einfach und ohne Ängste um das, was Sie brauchen.“ 34. „Ihren Wunsch, die Regeln zu beobachten, müssen Sie recht warm halten, da diese doch ganz Liebe sind. Bleiben Sie sich bewußt, daß die Schwierigkeiten nicht ausbleiben, verlieren Sie aber nicht den Mut,

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vertrauen Sie auf Gott und werfen Sie sich in die Arme der göttlichen Vorsehung. Es gibt keinen sichereren Weg als das Leiden, wenn man es geduldig, sanftmütig und aus Liebe trägt. Im Leiden können wir den Heiland und die Heiligen nachahmen. Wir müssen die Überzeugung haben, daß alles, was wir leiden, vor Gott nicht viel ist, und sollen so wenig wie möglich an unsere Leiden denken.“ 35. „Von dem Gefühl der Befriedigung, das Sie haben, wenn Sie sich notwendige Dinge gönnen, können Sie sich sehr wohl abwenden. Sie machen es dann einfach so, wie jemand, der einen anderen Weg wählt, weil er durch eine schmutzige Straße nicht gehen will. So müssen wir handeln und dann nicht weiter darüber nachdenken.“ 36. „Es ist wohl gut, alle längeren Gespräche abzubrechen, außer jene, die das geistige Wohl betreffen. Freilich, wenn der Vater oder die Mutter ein Gespräch beginnt, dann soll man sie nicht unterbrechen; wenn sie aber ausgeredet haben, soll man ihnen einige gute Gedanken mitgeben, die ihnen Freude bereiten, dabei aber nicht die Überlegenen spielen. Hört ihnen ruhig zu, unterbrecht sie nicht; das wäre nicht in meinem Sinn. Anders ist es bei Leuten, die aus der Welt alle möglichen Neuigkeiten hereintragen, nach denen ihr nicht fragen sollt. Gebt euch Gott anheim, denn die Eltern haben ihre Kinder oft schnell vergessen.“ 37. „Die Demut ist eine so vorzügliche Tugend, daß nur die Heiligen sie vollkommen üben. Sie zieht auch die anderen Tugenden nach sich. Im Geist der Demut handeln heißt, mit seinen Handlungen die Absicht verbinden, sie demütig zu verrichten. So müssen all unsere Handlungen und Werke gestaltet sein, damit wir dem Heiland nachfolgen, der sich erniedrigt hat bis zum Kreuzestod“ (Phil 2,8). 38. „Wir müssen froh sein, wenn wir etwas haben, was den anderen dienen kann, wie z. B. Gegenstände der Sakristei. Mein Gott, leiht sie recht gerne aus! Wenn Gott zuläßt, daß sie dabei Schaden leiden, so wird er euch auch die Mittel schicken, wieder andere zu kaufen. Und das sind so geringe Sachen, daß man sich dabei nicht aufhalten, sondern seinen Geist lieber auf das ewige Leben richten soll.“ 39. „Es ist wohl wahr, daß die Liebe unseren Werken ihren Wert gibt. Gott allein kann die Liebe schenken; erhofft sie mehr von ihm als von euch selbst.“ 40. „Es ist recht so, wenn ihr im Guten wie im Schlechten ungern von euch redet; tut es so wenig wie möglich, das ist das Beste.“ 41. „Der Artikel über die Keuschheit bezieht sich in der Hauptsache

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auf die große Einfachheit und Lauterkeit des Herzens und verbietet besonders die unreinen Gedanken, ich meine natürlich die freiwilligen.“ 42 „Ob das Wort Gottes in gehobener oder schlichter Sprache vorgetragen wird, ist ganz unwichtig, das sind menschliche Bestrebungen, die in allem hoch hinaus wollen.“ 43. „Man muß sich ganz in die Hand Gottes geben und ihm auf die Art dienen, die er will. Sich von Gott und den Vorgesetzten führen lassen, das ist der wahre Eifer.“ 44. „Es ist von großer Wichtigkeit, daß die Schwestern ihre geistige Nahrung den Wahrheiten und Klarheiten des Glaubens entnehmen. Man muß sie dazu erziehen, auch wenn es ihnen schwer fällt. Man darf ihnen nicht erlauben, sich in Schwärmereien und Gefühlen zu verlieren, die alles eher als echte Tugend sind. Viel reden hat gar keinen Wert, handeln muß man, das ist das Wichtige.“ 45. „Ihr seid ins Kloster gegangen aus Liebe zu Gott. Ob euch die göttliche Güte den Weg der Freude oder der Bitternis oder der Verdemütigung führt, jeder sei euch recht. Der eine wie der andere ist verdienstvoll. Sehen Sie, meine Töchter, als die hl. Blandina von den Heiden zu Tod gemartert wurde, sagte sie: ‚Ich bin Christin‘. Auch wir, meine lieben Töchter, sollen in Leiden und Schwierigkeiten immer nur sagen: ,Ich bin Christin‘.“ 46. „Es fällt uns schwer, eine Erniedrigung zu ertragen; wir haben Angst vor Demütigungen, – nun, das sind Unvollkommenheiten, mit denen wir alle behaftet sind. Wir dürfen uns darüber nicht wundern, wollen vielmehr guten Mut fassen, auf Gott vertrauen und nichts anderes wollen, als ihm zu gefallen. Verdemütigungen sind nicht so schlimm, wie man glaubt; sie schaden nicht soviel, wie man meint und wie es scheint; wir dürfen keine solche Angst vor ihnen haben. Schaut den Heiland an, er hat sich so tief erniedrigt bis zum Tod (Phil 2,8) und mit ihm alle Heiligen, die jede Gelegenheit, sich in dieser Tugend zu üben, so eifrig aufgegriffen haben. Freut euch über diese Gelegenheit, nehmt sie gern und liebend an. Heißt die Verdemütigung und Erniedrigung willkommen, liebt sie, umarmt sie gleichsam. Wundert euch nicht über den Hang zur Eitelkeit, wehrt sie nur beharrlich ab. Solange sie euer Tun nicht beeinflußt, ist nichts Schlimmes dabei.“ 47. „Ihr möchtet wissen, wie dieses Wort aus dem Psalm 1, man solle ‚Tag und Nacht das Gesetz des Herrn betrachten‘, zu verstehen ist. Nun, das heißt: wir sollen alles, was wir tun, zu seiner Ehre verrichten und

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unser Herz aufmerksam auf ihn gerichtet halten. Glaubt aber ja nicht, daß ihr deshalb immer auf den Knien liegen müßt!“ 48. „Ihr fragt mich, wie ich es mache, ruhig zu bleiben, während alles in aufgeregter Hast ist. Nun, ich bin nicht auf der Welt, um das Gehetze noch zu vermehren, das schon reichlich genug vorhanden ist. Wenn man mich fragt, wo ich wohne, dann freue ich mich, sagen zu können: Beim Gärtner unserer Töchter der Heimsuchung Mariä.“ 49. „Nur wenige Frauen sind nicht eigensinnig; trifft man einmal eine, die es nicht ist, dann soll sie uns teuer sein. Überkommt uns eine Versuchung zum Neid, weil eine andere Schwester ihre Sache besser macht als wir oder weil sie beliebter ist, dann muß man das Herz zusammendrehen, wie man ein Handtuch auswindet, damit es Vernunft annimmt.“ 50. „Nein, meine Tochter, Sie sollen sich mit kleinlichen Wünschen nicht befassen, sie sind Ihres Herzens nicht würdig und halten es nur ab, sich den gediegenen Tugenden zu widmen. – Und was Ihre Frage über die Kälte betrifft, wissen Sie, was Sie aushalten müssen? – Wenn die Oberin Sie in den Garten schickt, Küchenkräuter zu holen, und es ist so kalt, daß Ihre Finger schier an den Kräutern anfrieren, – auch dann müssen Sie sie holen, da es der Gehorsam fordert.“ 51. „Mit unseren kranken Schwestern müssen wir recht viel Geduld haben und ihnen so viel als möglich Erleichterung verschaffen und ja nicht meinen, es fehle ihnen nicht viel. Es ist nicht an uns, ihren Zustand zu beurteilen.“ 52. „Nicht weil wir schön gesungen haben, werden wir in den Himmel kommen, sondern weil wir gehorsam waren. Gott wird uns beim Gericht nicht fragen, ob wir viel im Chor gebetet, sondern ob wir seinen Willen erfüllt haben.“ 53. „Sie fragen, wie das zu verstehen sei, was die Satzungen sagen: Man dürfe Augen und Worte nur dem Dienst des göttlichen Bräutigams widmen und damit nicht menschliche Stimmungen und Neigungen befriedigen. O, meine Tochter, Sie reden da von einer Vollkommenheit, die nur wenige Menschen üben, obwohl alle es sollten. Sehen Sie, meine Tochter, da sind z. B. zwei Schwestern, die eine haben Sie sehr gern, die andere ist Ihnen nicht sympathisch und deshalb schauen Sie sie auch weniger herzlich an. Würden Sie diese Mitschwester jedoch rein aus Liebe zu Gott lieben, so würden Sie die Ihnen weniger zusagende Schwe-

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ster ebenso herzlich ansehen wie die andere und ihr ebenso alles Liebe und Gute wünschen wie der anderen.“ 54. „Es ist wahr, ich habe alle Menschen sehr lieb, vor allem die einfachen Seelen. Ich bringe allen Achtung entgegen; das lehrt mich der einfache Anstand, und es ist mir ein angeborenes Bedürfnis. Manche Leute meinen, wenn sie zu Amt und Würden gelangt sind, müßten sie von aller Welt entsprechend geehrt werden, und wenn sie Briefe schreiben, dann wollen sie sich nur bei sehr angesehenen Persönlichkeiten mit ‚sehr ergebener‘ oder ‚ergebener Diener‘ unterzeichnen. Solche Unterschiede habe ich nie machen können. Ich unterschreibe mich so bei allen ohne Unterschied, nur bei meinen Dienern Peter und Franz nicht, denn die würden meinen, ich hielte sie zum Narren, wenn ich hinschreibe: ‚Ihr sehr ergebener Diener‘. Ich mache zwischen den Menschen so gut wie keinen Unterschied.“ Wir sprachen von seiner Nachgiebigkeit und fragten ihn, wie er es mache, für alle Menschen so zugänglich zu sein. Er antwortete: „Das fällt mir nicht schwer; es hat mich noch nie gereut, nachgiebig gewesen zu sein, wohl aber, wenn ich es nicht war. Von Natur aus habe ich keinen hartnäckigen Willen, – und übrigens soll man denn nicht den Mitmenschen entgegenkommen? Ich kann das nicht: meinen Willen anderen aufzwingen; sehe ich, daß jemand etwas haben will, dann lasse ich ihn gewähren.“ Ich gab ihm zu verstehen, daß ich gerne so nachgiebig sein möchte wie er, und sagte, daß ich sehr oft gerade dann ins Sprechzimmer gerufen werde, wenn es zum Chorgebet läutet: Sogar am heiligen Weihnachtsfest wäre ich wegen einer geringfügigen und unwichtigen Sache um die Komplet gekommen. Er antwortete: „Das ist echte Nachgiebigkeit; – wie Sie auch jetzt diese Tugend üben, da Sie mit mir beisammen sein wollen.“ Am Stephanstag, während der Non, sprach er uns von der Schönheit dieser heiligen Tugend. Er fügte hinzu: „Man muß die Weltleute lehren, womöglich nicht gerade während des Chorgebetes zu kommen.“ 55. Wir sprachen über Predigt und Beichte. Er sagte: „Ich höre das Wort Gottes sehr gerne, das ist meine einzige gute Seite. Ich begehe beim Beichthören wohl viele Fehler, zwei Fehler aber jedenfalls nicht: ich bin nicht kleinlich und ich verstelle mich nicht.“

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56. Er erklärte mir eines Tages, daß er die Neugründung in Besançon sehr wünsche, und sagte, er freue sich, daß der Orden sich so ausbreite, da die Schwestern so friedlich und herzlich zusammenlebten. 57. Wir sagten ihm einmal, daß wir den lebhaften Wunsch hätten, in unserem Kloster nach seinem Geist zu leben. Er antwortete: „Gott bewahre euch davor! Lebt nach dem Geist Gottes und des hl. Augustinus.“ 58. Als er die Beichte einer Schwester gehört und sich fast anderthalb Stunden mit ihr abgegeben hatte, sagten wir, es sei bewunderungswürdig, mit welcher Sanftmut und Geduld er sich dieser Mühe unterzogen und die Schwester so lange angehört habe. Darauf erwiderte er: „Es ist schon recht. Kranke muß man wie Kranke behandeln. Wenn sie sich aussprechen wollen, sollte man ihnen aber so viel als möglich zu reden verbieten.“ 59. Wir fragten: Ist es im Sinn der Satzungen, der Oberin zu sagen, was man von ihr denkt, Sie schicken uns doch dafür zur „Gehilfin“ der Oberin? Darauf sagte er, er habe dies in die Satzungen nur für jene hineingeschrieben, die nicht das Vertrauen dazu hätten, mit der Oberin selber zu sprechen; – die besten Schwestern seien aber jene, die das größte Vertrauen zeigten. 60. „Ja, meine Tochter, auch uneheliche Kinder dürfen Sie aufnehmen, auch solche, deren Eltern wegen eines schweren Vergehens hingerichtet worden sind; sie selbst können ja nichts dafür.“ – Ich sagte ihm, daß ich mich nicht getraut habe, ein solches Mädchen hier in der Stadt aufzunehmen, ich habe gefürchtet, auf Widerspruch zu stoßen. Worauf er erwiderte: „Warum haben Sie es nicht nach Annecy geschickt?“ 61. „Nein, man darf den Schwestern niemals erlauben, das Chorgebet wegen einer Arbeit zu unterlassen, nicht einmal wegen des Sakristeidienstes. Die Lesung dürften Sie schon eher unterlassen, aber nur selten.“ „Wie glücklich,“ sagte er, „sind doch die Schwestern, die einen großen Eifer zeigen, sich immer und in allem an die Gemeinde zu halten! Gott erweist ihnen damit eine große Gnade. Ich will euch erzählen, was ich einmal mit einem guten Ordensmann erlebt habe, der viele Bußübungen und Kasteiungen über die Gemeindeübungen hinaus auf sich nehmen wollte. Ich sprach mit ihm des langen und breiten von dem Glück, in allem sich an die Gemeinde zu halten, und bat ihn, es doch einmal zu versuchen. Er tat es. Nach einiger Zeit besuchte er mich und dankte mir sehr herzlich, daß ich ihm zu seinem Glück verholfen hätte.“

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62. Wir sagten ihm, daß manche Schwestern von Natur aus sehr wenig essen, für gewöhnlich nur den dritten Teil ihrer Portion; wir meinten, ob wir ihnen nicht energisch sagen sollten, daß sie mehr essen. Er antwortete, es sei besser, sie täten sich eine Zeitlang schwer, um sich daran zu gewöhnen; es sei aber notwendig, weil es ihnen mit der Zeit doch schaden könnte, so wenig zu essen. 63. „Nein, es ist keine Sünde, mit Lust zu essen, das sind Unvollkommenheiten unserer Natur. Man muß die Gier bezähmen und die bitteren Worte wieder gut machen. Ich für meine Person bin kein strenger Kritiker. Der hl. Bernhard sagt, daß sich wenige Menschen in der Führung anderer gleichen, daß aber eine gütige und milde Führung immer vorzuziehen sei. Man mag schauen, wohin man will, immer wieder muß man auf die Sanftmut und Güte zurückkommen.“ 64. „Ich sehe, daß alle Oberinnen die mürrischen und launenhaften Schwestern aus ihren Klöstern weg haben möchten. – Es ist ja menschlich, nur an Angenehmem Freude zu haben. Ich bin aber durchaus der Ansicht, daß man das Tor des Klosters nicht den Schwestern öffne, die in ein anderes Kloster gehen wollen, sondern nur jenen, die es nicht selber wünschen, aber von den Oberen aus wichtigen Gründen in ein anderes Kloster geschickt werden. Sonst würde die geringste Unannehmlichkeit genügen, Schwestern in Unruhe zu versetzen und auf eine falsche Fährte zu locken: statt selber anders zu werden, würden sie meinen, das Heilmittel gefunden zu haben, wenn sie in ein anderes Kloster gingen. Ebensosehr mißfällt mir das Bestreben von Oberinnen, ihre Häuser durch Neugründungen zu entlasten. Das alles kommt vom rein menschlichen Denken und von der Unlust, seine eigene Last zu tragen.“ 65. „Es wird auf immer und ewig mein Wille sein, daß man die mit Gebrechen Behafteten in die Genossenschaft aufnehme, mit Ausnahme der Gebrechen, die in den Regeln und Satzungen angegeben sind. – Nehmt sie auf! Glaubt es mir: die menschliche Klugheit ist der Güte des Kreuzes feind. Nehmt die Krüppelhaften, die Buckeligen, die Einäugigen, ja selbst die Blinden liebreich auf, wenn sie nur eine lautere Gesinnung haben! Denn im Himmel werden auch sie schön und vollkommen sein. Und wenn wir allen, die äußere Unvollkommenheiten an sich haben, beharrlich Liebe erweisen, dann wird uns Gott, aller menschlichen Klugheit zum Trotz, eine ganze Schar Schwestern schikken, die selbst in den Augen der Welt schön und anziehend sind.“

350 25. Vater W as der selige Vater der Schwester Claudia – Simplicien enn Simplicienn e gesagt hat 1
Sie meinen, Sie würden es genau so machen, wie ich, wenn ich im Kloster wäre, meine liebe Tochter. Ja, wie würde ich es denn machen? Ich habe keine Ahnung davon; wie sollte ich das auch wissen? Ich würde es sicher nicht so gut wie Sie machen, bin ich doch ein Hasenfuß, der nichts taugt. Eines aber weiß ich, ich würde mit der Gnade Gottes mich gewissenhaft an alle Tugendübungen und kleinsten Observanzen halten, die im Kloster eingeführt sind, und würde mich bemühen, auf diese Weise das Herz des Heilands zu gewinnen. Ich würde das Stillschweigen beobachten, würde aber auch während des Stillschweigens reden, freilich nur dann, wenn es die Liebe verlangt, sonst nicht. Ich würde stets ruhig und leise sprechen, ja darauf würde ich ganz besonders achten, weil die Satzungen es vorschreiben. O ja, ich glaube schon, daß ich das alles tun würde. Dann würde ich auch die Türen leise auf und zumachen, weil unsere Mutter das so angeordnet hat, denn wir wollen gerne alles tun, was unsere Mutter will. Ich würde im Haus die Augen niederschlagen und leise gehen. Gott und seine Engel schauen uns immerfort zu und haben ganz besonders die Seelen lieb, die ihre Sache recht machen. Ich meine, wenn ich mich dem Heiland schon einmal ganz übergeben habe, wie das bei der Gelübdeablegung geschieht, dann würde ich ihn für mich sorgen lassen und alles, was mich betrifft, ihm überlassen; ich würde, meine ich, mit mir machen lassen, was man will. Bräuchte man mich zu etwas oder gäbe man mir ein Amt, dann würde ich diese Beschäftigung lieb haben und mir die größte Mühe geben, alles recht gut zu machen. Würde mir kein Amt zugeteilt, ließe man mich stehen, dann würde ich mich in nichts hineinmischen und mich nur um das eine kümmern: gewissenhaft zu gehorchen und den Heiland innig zu lieben. Immer und überall würde ich mir die ganz gewissenhafte Beobachtung der Regel und Satzungen recht angelegen sein lassen. O, darin müssen wir so eifrig sein, wie wir nur können, denn dafür allein sind wir doch ins Kloster gegangen wir zwei, nicht wahr? Ich freue mich, daß es eine Schwester Claude-Simplicienne gibt, ich habe sie sehr lieb, meine gute Schwester Claude-Simplicienne. Sie will hier meinen Platz

25. Schwester Simplicienne

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einnehmen und mit jedem Tag will sie ihre Sache besser machen. Nicht wahr, das wollen wir doch, wir zwei? Ja, geben wir uns alle Mühe; wir wollen alles aufs Beste tun. Um aber alles gut tun zu können, wollen wir daran gehen, unsere Stimmungen und Neigungen ehrlich und gründlich zu überwinden; denn nur sie allein hindern uns, unsere Sache gut zu machen. Es soll uns nichts davon abhalten, alles genau zu erfüllen, was die Satzungen vorschreiben; mit der Gnade Gottes können und müssen wir es zusammenbringen; wir dürfen aber nie darüber erstaunt sein und den Mut verlieren, daß wir immer noch Fehler begehen. Das wird immer so sein und Gott läßt es zu, damit wir uns in der Demut üben; von uns aus vermögen wir es ja nicht anders. Ich möchte meinen, daß ich im Kloster auch recht heiter wäre und so froh darüber, daß mir alle Übungen so schön vorgeschrieben sind. Überstürzen würde ich mich aber nie, o nein, ich glaube, ich würde alles in Ruhe machen, nachdem ich mich jetzt schon nie übereile; das eine also hätte ich schon gelernt. Ich würde mich bei jeder Gelegenheit, bei jeder Tugendübung und sogar bei jedem Akt der Demut erniedrigen und für recht gering halten. Und wüßte ich nicht, wie mich erniedrigen, dann soll das ein Grund sein, mich erst recht für klein zu erachten. Ich würde mir die allergrößte Mühe geben, alles, was ich tue, in Gottes Gegenwart zu tun und zwar mit aller Demut und Liebe, deren ich fähig bin. Das lernt man doch hier, nicht wahr? Oder hätten wir vielleicht etwas anderes zu tun? Nein, nur das. Ich würde mich im Vergleich zu den anderen für recht klein und gering halten. Wenn wir auch den Mut gehabt, alles zu verlassen, was wir in der Welt besaßen, mehr Mut noch müssen wir aufbringen, uns selbst zu verlassen. Es war ja recht wenig, was wir in der Welt zurückgelassen; da es aber alles war, was wir haben konnten, so haben wir alles verlassen. Jetzt haben wir nur mehr das zu tun, was in der Regel und in den Satzungen geschrieben ist. Machen wir mit jedem neuen Tag unsere Sache besser! Ich würde auch die Satzungen von der Demut und der Eingezogenheit2 recht oft lesen. Lesen Sie es nicht oft? Wir werden also unser Bestes tun, ich weiß es, und Gott wird uns helfen. Wir sind guten Mutes. Gott sei gebenedeit!

352 26. Auszug aus der Geschichte der „Galerie“1
Als mir der Heiland die unfaßbare große Gnade gewährte, ins Kloster einzutreten, waren unser nicht mehr als sechs Schwestern da. Sie waren Engel an Reinheit und Liebesglut und mit verschiedenen außerordentlichen Gebetsgnaden ausgezeichnet. Sie hätten ganz auf die leiblichen Bedürfnisse vergessen, wenn unser heiliger Stifter nicht ausdrücklich gewünscht hätte, daß wir zu den Mahlzeiten, zur Erholung und zum Schlafengehen auf das erste Glockenzeichen ebenso rasch gehorchten wie zum Aufstehen und zum Chorgebet. Er sagte: „Meine lieben Töchter, derselbe Gott, der euch zur Betrachtung und zum Chorgebet ruft, ruft euch auch zur Erholung und zum Schlafengehen. Und weil ich möchte, daß ihr allen eigenen Wünschen abgestorben seid, deshalb möchte ich euch auch immerfort, Tag und Nacht, von einer tiefen innerlichen Opfergesinnung erfüllt wissen, die bei euch Geißel, Fasten und Bußgürtel ersetzen soll. Ich versichere euch, meine geliebten Töchter unseres gemeinsamen Herrn und Meisters, daß ihr sein Herz mit Freude erfüllen werdet, wenn ihr alle Übungen der Regel gewissenhaft beobachtet, denn sie sind nicht Menschen- sondern Gotteswerk. Ich versichere euch, nichts darin niedergeschrieben zu haben, was nicht der Heilige Geist mir eingegeben hätte. Die erste Eingebung, die er mir zuteil werden ließ, war, hier eine heilige Stätte der Geborgenheit zu bauen für Frauen mit schwachen Körperkräften aber gesundem Geist. Darum möchte ich auch nicht, daß außer den angegebenen Bußübungen noch andere Strengheiten eingeführt würden.“ Es gab zwischen unseren beiden Mitschwestern Favre und Chastel wegen einer Tugendübung eine kleine Meinungsverschiedenheit. Unser heiliger Stifter, dem man nichts verbarg, erfuhr davon. Er kam in die Gemeinde zu einer geistlichen Unterredung und sprach unter anderem auch von der Eintracht, die unter uns herrschen solle. Er wandte sich dann zu unserer Würdigen Mutter und sagte: „Verstehen sich meine Töchter gut und sind sie lieb miteinander? Es könnte doch auch zuweilen ein unfreundliches und weniger höfliches Wort fallen. Man darf sich darüber nicht wundern; ich will euch aber ein Heilmittel dagegen angeben, wenn schon einmal so etwas vorkommt. Die Schwester, die unfreundlich war, kniet sich vor die Schwester hin, der sie wehgetan, und sagt: ,Meine Schwe-

26. Geschichte der Galerie

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ster, ich bitte Sie um Verzeihung und bitte innig Euer Lieb, für meine Besserung zu beten.‘ Fangen wir also gleich mit dieser Übung an. Meine lieben Schwestern Péronne-Marie und Marie-Jaqueline, kommen Sie her, knien Sie sich hin und Schwester Péronne-Marie möge um Verzeihung bitten.“ Das taten sie ohne weiteres und umarmten sich dann herzlich. Darauf sagte der heilige Stifter: „So ist’s recht, ich bin sehr zufrieden mit euch. – Noch eins, meine lieben Töchter, gehen wir mit allen unseren Schwierigkeiten zu unserer Mutter. Selber damit fertig werden wollen, ist nur Zeitverlust, denn in eigenen Angelegenheiten sind wir keine guten Richter. Gehen wir aber zu ihr, dann üben wir die beiden Tugenden, die unser göttlicher Meister so sehr liebt. Er wird uns dann seinen Segen geben auf ewig.“ Einmal hatte unsere Schwester de Chastel bei Tisch einen faulen Apfel gegessen; wir hatten es bemerkt und neckten sie dann in der Erholungszeit. Unser heiliger Stifter erfuhr es und ermahnte uns dann in einer geistlichen Unterredung, im Refektorium die Augen niederzuschlagen, um Schwestern, die solche Abtötungen verrichten wollten, nicht in Verlegenheit zu bringen. Er sagte: „Meine lieben Töchter, ihr sollt euch an den Tugenden eurer Mitschwestern erbauen und nicht darüber lachen und reden; die Eitelkeit könnte sie sonst um ihr Verdienst bringen. Es liegt mir sehr viel daran, daß ihr nicht vom Essen redet; essen wir ganz einfach, was uns vorgesetzt wird, ob es uns schmeckt oder nicht. Wenn nur unser ‚Würmersack‘ sich aufrecht erhält, das genügt. Meine lieben Töchter, ihr sollt große Ehrfurcht vor einander haben. Wenn sich die Väter der Gesellschaft Jesu hundertmal am Tag begegnen, so nehmen sie hundertmal das Birett vor einander ab. Wenn ihr euch begegnet, so braucht ihr nur den Kopf neigen; vor Weltleuten aber macht eine Verbeugung, damit ein größerer Unterschied zwischen den weltlichen und klösterlichen Umgangsformen bestehe. Ist das recht so?“ Alle antworteten: „Ja, Hochwürdigster Vater!“ „Ein Pater aus dem Orden der Feuillanten,“ sagte der Heilige weiter, „der hier durchreiste, erzählte mir, daß es in Italien Klosterfrauen gäbe, die derart an ihren Rosenkränzen, Medaillen, Kapseln und Ähnlichem hingen, daß sie lieber aus dem Kloster austräten, als sich von diesen Dingen zu trennen. Darum dachte ich mir, ihr solltet alles untereinander vertauschen, damit ihr allein nur Gott anhanget. Wir wollen für diesen Tausch den letzten Tag des Jahres wählen, wenn ihr euch auch

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26. Geschichte der Galerie

die Jahresheiligen auslost. Die Väter der Gesellschaft Jesu ziehen jeden Monat einen Schutzheiligen; wir wollen uns damit begnügen, das einmal im Jahr zu tun.“ Mutter Brechard fragte: „Wie machen wir das am besten?“ – Er antwortet: „Ihr nehmt eure Rosenkränze und Kreuze und alles, was vertauscht werden muß, legt sie zusammen und den Namen des Heiligen darauf und dann lost ihr.“ – „Nun noch etwas Wichtigeres, meine lieben Töchter: In manchen Klöstern ist es Brauch, ‚Madame, die frühere Oberin, Madame die erwählte Oberin, Madame hin, Madame her‘ zu sagen; das kann ich nicht ausstehen. Damit es nun bei uns, die wir nur gering sind, keine solchen Titel gebe, machen wir es so: Zu den Zetteln, auf denen die Heiligennamen stehen, wird zugleich auch eine Nummer gesteckt; soviele Schwestern, soviele Zettelchen und Nummern. Dann nimmt jede Schwester ein Los und behält dann für das ganze Jahr den Rang, der ihr zugefallen ist. So werdet ihr dann vollkommen von allem losgeschält sein.“ Nach diesen Worten gab er uns den heiligen Segen und zog sich zurück. Am Tag des hl. Laurentius im Jahr 1612 hielt uns der selige Vater einen kleinen Vortrag. Unsere Würdige Mutter fragte ihn, worin die Liebenswürdigkeit und die Mäßigkeit bestehe. „Liebenswürdig sein, meine liebe Tochter, heißt nach dem hl. Paulus ‚allen alles sein, um alle zu gewinnen‘, heißt, sich der Art und den Stimmungen der einzelnen anpassen; heißt, mit den Trauernden trauern, – denn es wäre sehr unpassend, in Gegenwart eines bekümmerten Menschen zu lachen oder in Gegenwart eines freudig bewegten Menschen ein trauriges Gesicht zu machen. Mäßig ist, wer nur soviel ißt, als er entsprechend seiner Konstitution braucht, und nicht mehr. Die schwermütig veranlagten Menschen essen für gewöhnlich mehr als die anderen. Zum Beispiel: der eine ist sehr durstig, er trinkt zwei Glas Wein; der andere ist nicht so durstig, trinkt aber trotzdem auch zwei Glas. Der zweite verfehlt sich gegen die Mäßigkeit und Genügsamkeit. Das gleiche gilt für das Essen.“

355

ANMERKUNGEN
1. GESPRÄCH
1 Dieses erste Gespräch setzt sich tatsächlich aus zwei Unterweisungen des Heiligen zusammen, wie es ja schon ihr Inhalt zeigt. Die erste über die Verpflichtung der Satzungen hielt der Heilige im Sommer 1611, kurz nach der Profeß der ersten Mütter des Ordens. Der Heilige, der sonst frei sprach, hielt dieses Thema für so wichtig, daß er sich darauf schriftlich vorbereitete. Ein Teil dieser Notizen ist noch erhalten. (Siehe Ausgabe Annecy 6. Band, S. XI). Übrigens weist in diesem Gespräch alles auf die ersten Anfänge des Ordens hin: Das Thema selbst, die Anspielungen auf die Kleinheit und Jugend der Genossenschaft, der Name „Genossenschaft“, den er ihr gibt („Orden“ wurde die Heimsuchung erst später). 2 Das gilt für alle Regeln, ausgenommen jene, die die Gelübde betreffen. Der Heilige hatte aber damals die Unterscheidung nicht zu machen, weil ja die Schwestern der Heimsuchung vorerst keine Gelübde ablegten. Er wollte zunächst „kein anderes Gelübde als das des heiligen Petrus, da ihn der Herr dreimal seine Liebe beteuern ließ“. Die Liebe zum göttlichen Bräutigam sollte die Stelle der Gelübde einnehmen, damit sich an ihnen das Wort des Apostels bewahrheite, daß das Band der Liebe das Band der Vollkommenheit ist (Satzungen in der ersten Form). Später wandelte der Heilige, gedrängt durch den Erzbischof von Lyon, Kardinal von Marquemont, seine Genossenschaft in einen Orden mit feierlichen Gelübden um (Siehe Vorrede zu den Satzungen, deutsche Ausgabe 1931, S. 7-11). 3 Kurz skizziert ergibt die Unterweisung folgenden Inhalt: a) An sich verpflichten die Satzungen nicht unter Sünde. b) Man sündigt aber schwer, wenn man sie aus formeller Verachtung übertritt; ist diese Verachtung nicht so deutlich ausgesprochen, aber doch vorhanden, dann ist zum mindesten eine läßliche Sünde nicht abzuleugnen. c) Freiwillige Übertretungen, nicht aus Verachtung der Regel, sondern aus Schwäche, sind läßliche Sünden, wegen des Motivs, das dazu führt. d) Unfreiwillige Übertretungen der Regel (aus Vergeßlichkeit usw.) sind gewöhnlich keine Sünde. e) Die Liebe muß die gewissenhafte Beobachtung der Regel erzwingen, nicht so sehr die Furcht vor der Sünde und den Sündenstrafen. 4 Der zweite Teil des ersten Gespräches ist eine eigene Unterweisung des Heiligen, die er den Schwestern nach der Mutter Fichet am 10. August 1612 gehalten hat (s. Ausg. Annecy 6, XI Anm.), also ein Jahr später als der erste Teil des Gespräches. Franz von Sales gibt knappe, inhaltsreiche Leitsätze über die Frömmigkeit, wie er sie bei seinen Töchtern haben will: Echt (keine äußeren Handlungen, Gesten ohne inneren Gehalt), kraftvoll, nicht weichlich und verzärtelt; hochherzig, nicht kleinlich, verzagt, engstirnig. – Ist diese Art Frömmigkeit wirklich besonders auf Frauen abgestimmt, wie manche glauben machen wollen?

356

Anmerkungen

2. GESPRÄCH
1 Dom Makey (Ausgabe Annecy 6. Band, S. 473) gibt als Datum dieses Gespräches den Februar 1615 an, wegen der Anklänge an das 9. Buch der Abhandlungen über die Gottesliebe, das der Heilige um diese Zeit niederschrieb. Die hl. Franziska von Chantal fügte in ihrer Ausgabe der Gespräche einen etwas umgemodelten Abschnitt aus einer Karfreitagspredigt des Heiligen ein (Ausgabe Annecy 6. Band, S. 26, 27 – Ausgabe Annecy 10. Band 389391). In der neuesten von der Heimsuchung zu Annecy als definitiv erklärten Ausgabe der Gespräche wurde dieser Abschnitt ausgelassen. – Dieses Gespräch zeigt wieder den positiven Gehalt der salesianischen Aszese. Demut ist notwendig, aber kein Endziel: „Man tritt einen Schritt zurück, um sich dann in Gott hineinzustürzen.“ Demut gilt nur als Grundlage des Vertrauens. Ebenso ist Selbstentäußerung notwendig, aber nicht Zweck an sich. Das Ziel ist die Hingabe an Gott. Man löst sich los von Vergänglichkeit, um sich mit Unvergänglichem zu bekleiden. Deswegen sind Demut und Selbstentäußerung nicht weniger wichtig, sie sind eben die einzige Grundlage, auf der sich das Vertrauen und die Hingabe an Gott aufbauen kann. Der Heilige betont auch immer wieder ihre Notwendigkeit und zwar begnügt er sich nicht mit einzelnen Akten dieser Tugend, sondern fordert konsequent ihre Erfüllung in allen Äußerungen des vielgestalteten Lebens. 2 Wie man sieht, umfaßt die Hingabe an Gott ein passives und ein aktives Element. Man überläßt sich Gottes Willen, läßt ihn mit uns schalten und walten, tut aber zugleich aus Liebe und mit aller Gewissenhaftigkeit alles, was Gott von uns verlangt. So bei den Krankheiten, die man zu heilen sucht, aber zugleich willig erträgt (n. 3), bei den Abneigungen, denen wir uns nicht ganz entziehen können, die wir also als Prüfung ertragen müssen, zugleich aber zu bekämpfen gehalten sind (n. 4), bei unseren Verpflichtungen (n. 5) usw. 3 Franz von Sales spricht hier vom Gebet der Ruhe, das ja im allgemeinen die Frucht des Lebens der Selbstentäußerung ist, nach Franz von Sales aber auch bei noch unvollkommenen Seelen vorkommt und nicht gestört werden soll, – bei solchen aber eine Ergänzung durch Erwägungen über das Tugendleben außerhalb der Betrachtung finden muß.

3. GESPRÄCH
Der hl. Franz von Sales hielt diese Predigt nach den ausdrücklichen Zeugen, den ersten Heimsuchungsschwestern, am 4. Januar 1618 (s. Ausg. Annecy 6, S. 473). 2 Die Tugend des Gleichmutes, die eine ständige Beherrschtheit und Überlegenheit über die wechselnden Situationen und Stimmungen sowie über das Aufwallen der Leidenschaft voraussetzt, also eine durchaus aktive Tugend ist, wird vom hl. Franz von Sales andauernd gefordert. Sie ist eine der Grundhaltungen der salesianischen Seele. Ihre Wurzeln sind der durch den Glauben erleuchtete Verstand (hier legt Franz von Sales darauf den Nachdruck), der nicht die blinden Leidenschaften und unberechenbaren Stimmungen aufkom1

Anmerkungen

357

men läßt, sowie die Hingabe an den göttlichen Willen, die jedes Drängen der Eigenliebe und des Eigenwillens zurückweist, um nur Gottes Willen in den Dingen zu sehen, zu tun und anzunehmen. 3 Einer der in dem Kloster der Heimsuchung üblichen Bräuche. Jede Schwester erhält eine andere Schwester zugewiesen, die ihr im geistlichen Leben hilft, daher der Name „Gehilfin“. Ihre Aufgabe skizziert hier der Heilige. 4 Doctrina S. Gregor. Thaum., Paraphr. in Eccles. 4, 10-12. 5 Die Hingabe an Gottes Vorsehung schließt wohl das ängstliche, hastige Sorgen um die eigene Vervollkommnung, das immer wiederholte ängstliche Suchen nach neuen Mitteln, fromm zu werden, aus, aber keineswegs die gewissenhafte Pflichterfüllung, der sie nur den Stachel der Selbstgefälligkeit nimmt, da sie nicht auf sich, sondern auf Gott baut, den Erfolg nicht vom eigenen Tun und Hasten erwartet, sondern von Gottes Gnade. Dann ist auch der Seelenfrieden gegeben, den nicht Versuchungen, äußere und innere Stürme stören können, sondern nur die ängstliche Hast, die unbezähmten Leidenschaften und vor allem die Ichsucht, wenn man ihr mehr oder minder freien Lauf läßt.

4. GESPRÄCH
1 Nach Dom Makey hat der hl. Franz von Sales dieses Gespräch im Sommer 1618 zu Annecy gehalten (s. Ausg. Annecy 6, 474). Auch in dieses Gespräch hat die hl. Johanna von Chantal Fragmente aus den Predigten des Heiligen eingeschaltet, die aber aus der definitiven Ausgabe 1933 wieder entfernt wurden. 2 Die hl. Johanna Franziska von Chantal. 3 Es steht in dieser Ausgabe als 10. Gespräch und wurde vom Heiligen zwei Jahre vor diesem gehalten.

5. GESPRÄCH
1 Dieses Gespräch ist im Sommer 1622 gehalten worden, also ein halbes Jahr vor dem Tod des Heiligen (s. Ausg. Annecy 6, 474). 2 Auch hier wird die Demut ganz positiv gewertet. Sie ist der Weg zum Vertrauen, auf dem sich die Hochherzigkeit aufbaut. Wie keine echte Demut ohne Gottvertrauen, so auch keine echte Demut ohne Hochherzigkeit.

6. GESPRÄCH
1 Die Abreise der Schwester Claude Agnes Joly de la Roche und ihrer Gefährtinnen, die im Juli 1620 zur Gründung eines Heimsuchungsklosters nach Orleans gesandt wurden, bot dem hl. Franz von Sales den Anlaß zu diesem Gespräch (s. Ausg. Annecy 6, 86 Anm.). Vertrauen auf Gott, Freude, sein Apostel zu sein, Zusammengehörigkeit trotz der Trennung, das sind die Leitgedanken dieses Gespräches. In ihm finden wir zum ersten Mal einen Kernsatz des Heiligen ausgesprochen: „Nichts verlangen und nichts abschlagen“, ein Satz, dem wir noch öfter in den Gesprächen begegnen werden, der die Lehre des Heiligen von der Hingabe an Gott in wenigen markanten Worten zusammenfaßt.

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Anmerkungen

7. GESPRÄCH
1 Dieser Brauch ist weit verbreitet. Vielfach (so in Frankreich, Savoyen usw.) wird er in Familien und Klöstern so geübt, daß eine Bohne in einem Kuchen verborgen wird. Wer das Stück Kuchen mit der Bohne erhält, der ist König. Dieser König wird dann auf mancherlei Weise geehrt. Franz von Sales hatte diesen schönen Volksbrauch in seiner Ordensfamilie eingeführt und die Schwestern pflegten auch ihm ein Stück Kuchen zuzuteilen, um ihm die Möglichkeit zu geben, einmal ihr König zu werden. Das traf im Jahr 1620 zu. Die Gemeinde schickte ihm sofort ihre Ergebenheitserklärung und bat ihn, ihr seine Gesetze zu erteilen. Diese Bitte beantwortete er mit der „Predigt“, die uns hier erhalten ist (Ausg. Annecy 6, 102 Anm.). Franz von Sales bringt hier wieder die großen Anliegen vor, die ihn in der Leitung jener Seelen beschäftigten, die ein Gott hingegebenes Leben führen wollten: Vertrauen auf die Gnade und nicht auf sich selbst; restlose Hingabe an Gottes Vorsehung, schlichte Erfüllung seiner Pflichten und nicht ängstliches Herumschauen nach immer wieder anderen Mitteln der Frömmigkeit; nicht Vermehrung der Übungen, sondern Vertiefung der Gesinnung; Hochherzigkeit und Gleichmut allem gegenüber, was auch kommen mag. – Franz von Sales weiß, wie gerade hochgesinnte Seelen sich in Erregung über ihre Fehler, in brennender Sehnsucht nach geistlichem Fortschritt, in immerwährender Ausschau nach neuen Mitteln und Wegen dazu verzehren. Deshalb führt er sie immer wieder auf den schlichten Weg demütiger, vertrauender und hochherziger Hingabe an Gott und treuer Pflichterfüllung zurück und weist sie auf die Gefährlichkeit dieses unruhigen Hastens, dieser ständigen Aufgeregtheit, in ihrem Seelenleben hin. Er kleidet hier seine tiefen Gedanken in Bilder, die uns heute etwas seltsam anmuten. Wir dürfen aber über dieser bildlichen Einfassung nicht den tiefen Inhalt übersehen, den er übrigens in ungemein prägnanten und einprägsamen Merksätzen, den drei Gesetzen, zusammenfaßt.

8. GESPRÄCH
Dieses und das folgende Gespräch (die in der Ausgabe der hl. Johanna von Chantal zu einem Gespräch zusammengefaßt wurden), sind um das Jahr 1615 gehalten worden (Ausg. Annecy 6, 468 und 473). 2 Diese sehr wichtige Unterscheidung zwischen den Neigungen und Anhänglichkeiten wurde leider von manchen Übersetzern der „Anleitung zum frommen Leben“ nicht beachtet. Von den Anhänglichkeiten kann und muß man sich frei machen, die Neigungen in uns können wir aber nicht auslöschen (Anl. 1,7 ff). 3 In den Klöstern der Heimsuchung liefern die Schwestern zweimal im Jahr ihr Ordenskleid ab und erhalten dafür ein anderes, das sie sich nicht aussuchen dürfen. Sie müssen das Kleid annehmen, das die beauftragte Schwester ihnen gibt, auch wenn es ihnen nicht so gut steht. 4 Aus dieser Stelle wie aus dem ganzen Gespräch ersehen wir, wie weit der Heilige den Begriff der Armut und der damit verbundenen Loslösung von Mein und Dein faßt. Er fordert Loslösung nicht nur vom äußeren Besitz, sondern
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Anmerkungen

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von allem Irdischen, ja sogar von geistlichen Freuden, vom Streben nach eigener Ehre, von unserem eigenen Willen. Hier wie in allen Bezirken des geistlichen Lebens begnügt sich der Heilige nicht mit einigen Übungen, sondern er denkt Gottes Forderungen bis zum Letzten durch und wendet sie auf das Leben bis in dessen letzte Einzelheiten an. Wie der Begriff der Loslösung von Mein und Dein, so wird von ihm auch der damit verwandte Begriff des „gemeinsamen Lebens“ bis in die letzten Folgerungen ausgelegt. Alles ist gemeinsam, nicht nur Haus, Kleidung, Nahrung usw., sondern auch Freuden und Leiden, unser Wille, unsere geistlichen Güter, sodaß man im Kloster nichts sein Eigen nennen darf. 5 Wir dürfen nicht vergessen, daß in der Heimsuchung auch Witwen aufgenommen werden. Die Stifterin, die hl. Johanna Franziska von Chantal, war selbst Witwe, und umhegte auch als Ordensfrau ihre Kinder mit zärtlicher Liebe.

9. GESPRÄCH
Dieses Gespräch wurde von der hl. Johanna von Chantal mit dem vorhergehenden zu einem Gespräch verbunden. Es wurde aber vom Heiligen an einem anderen Tag, wenn auch wahrscheinlich gleichfalls im Jahr 1615, gehalten (Ausg. Annecy 6, 468 und 473).
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10. GESPRÄCH
Dieses Gespräch war in der Auflage der hl. Johanna von Chantal das 9. in der Reihenfolge (wegen der Zusammenlegung der zwei vorhergehenden Gespräche). Es wurde am 14. Juli 1616 gehalten (Ausg. Annecy 6, 473). Die hl. Johanna von Chantal hat in ihrer Ausgabe der Gespräche bedeutende Stellen ausgelassen, dafür aber eine Seite aus einer Predigt des Heiligen eingefügt. 2 Dem hl. Franz von Sales oder auch der Schwester, die dieses Gespräch niedergeschrieben hat, ist hier ein kleiner Irrtum unterlaufen: Es handelt sich bei dieser Begebenheit nicht um den hl. Franziskus, sondern um Barbarus, einen seiner Schüler. 3 Wer vom Fasten dispensieren kann, wird jedes Jahr im Fastenhirtenbrief bekannt gegeben. Die Bestimmungen sind nach Diözesen und Ländern verschieden. Die Oberen haben für gewöhnlich nur die Vollmacht zu erklären, daß das Fastengebot unter diesen und jenen Umständen nicht verpflichtet; die eigentliche Fastendispens kann für gewöhnlich der Ortspfarrer oder in manchen Diözesen auch der Beichtvater geben.
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11. GESPRÄCH
In der Ausgabe der hl. Johanna von Chantal ist es das 10. Gespräch. Nach Dom Makey hielt es der hl. Franz von Sales im Februar 1612, also noch in den Anfängen der Heimsuchung (Ausg. Annecy 6, 473). Die hl. Johanna von Chantal hat in ihrer Ausgabe eine Seite aus zwei anderen Werken des Heiligen eingefügt, dafür Verschiedenes ausgelassen.
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Anmerkungen

12. GESPRÄCH
Der Heilige hielt dieses Gespräch zu Annecy im Jahr 1618, also vier Jahre vor seinem Tod (Ausg. Annecy 6, 474). Die Heimsuchung ist bereits als klausurierter Orden mit feierlichen Gelübden approbiert. – Hat auch der Heilige zugegeben, daß seine Schwestern nun Gelübde ablegen, so will er doch, daß die Liebe der Leitgedanke ihres Lebens und Strebens bleibe. Daher auch hier die starke Betonung der Liebe im Gehorsam. 2 Von einem mechanischen, automatischen Gehorchen kann also keine Rede sein. Die Befehlsgewalt und folglich auch der Gehorsam finden ihre Grenzen 1. in den Geboten Gottes und der Kirche, 2. im jeweiligen Amtsbereich. Der Heilige spricht dem Amtsmißbrauch keinesfalls das Wort. 3 Es handelt sich hier um die 25. Satzung: Von der Zurechtweisung (Aufl. 1928 der Satzungen, S. 121-123).
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13. GESPRÄCH
1 Dieses Gespräch, das nach Dom Makey (Ausg. Annecy 6, 474) aus dem Jahr 1619 stammt, ist in der Ausgabe der hl. Johanna von Chantal das zwölfte. Die Heilige hat große Stücke der Handschrift ausgelassen und dafür einige Stellen aus den Briefen des hl. Franz von Sales in sie hineingefügt, ohne sie zu kennzeichnen. Das Gespräch ist nicht eine wohlgeordnete Abhandlung, sondern eine zwanglose Plauderei, in der der Heilige die Tugend der Einfachheit schildert und ihre Anwendung auf die verschiedenen Lagen des klösterlichen Lebens aufzeigt, zum Teil dazu durch die Fragen seiner Zuhörerinnen angeregt. Die Einfachheit ist eine jener Grundhaltungen der Seele, die der Heilige mit besonderem Nachdruck fordert, weshalb sie auch als eine der salesianischen Grundtugenden angesprochen werden muß. Ein kompliziertes Wesen gegen Gott, Schlauheit, Diplomatie und Unaufrichtigkeit gegen die Oberen und Mitmenschen lehnt der Heilige auf das kräftigste ab. Der Einfachheit, Geradheit und Schlichtheit gehört seine ganze Liebe. Die einfache Seele kennt nur ein Ziel: Gott, die Liebe zu ihm, die Erfüllung seines Willens, das Verlangen, ihn zu erfreuen (Nr. 2). Es ist dies der einzige Beweggrund ihrer Handlungen. Sie scheut jede Nebenabsicht, jeden egoistischen Nebengedanken (1, 4). Ihrer Liebe zu Gott gibt sie auch ganz einfachen Ausdruck, sie tut das, was Gott will, und quält sich nicht um anderes (2, 3), grübelt nicht nachträglich nach, ob alles recht war, was sie getan hat (7), auch nicht, ob sie vorwärts kommt oder nicht (10), tut einfach und schlicht, was Gott will, und überläßt ihm das Gelingen (10). Sie hat nur eine Liebe: Gott, nur ein Verlangen: seinen Willen zu tun (17). Wie ihre Einstellung gegen Gott ganz einfach ist, so auch ihr Verhalten gegen die Mitmenschen. Ihren Vorgesetzten verschweigt sie nichts aus menschlichen Rücksichten (8, 13, 15) und läßt sich von ihnen in aller Herzenseinfalt leiten (16). Mit den Mitmenschen verkehrt sie schlicht und einfach (9), ohne sich allerdings von den Stimmungen mitreißen zu lassen, die ihre Seele in deren Niederungen durchziehen (6, 12), ohne auch die Klugheit außer acht zu lassen, die ja der Einfachheit nicht entgegengesetzt ist (5, 13, 14, 18, 19).

Anmerkungen

361

14. GESPRÄCH
1 Dieses Gespräch, das in der Ausgabe der hl. Johanna von Chantal das 13. ist und dort den Titel „Vom Geist der Regel“ trägt, hat der Heilige nach den Angaben der hl. Johanna von Chantal im Jahr 1618 gehalten (s. Ausg. Annecy 6, 473). 2 Diese ersten Sätze der Satzungen lauten: Viele Jungfrauen und Frauen verlangen auf Antrieb des Heiligen Geistes gar oft nach dem klösterlichen Leben. Wegen ihrer schwächlichen Körperbeschaffenheit oder wegen vorgerückten Alters oder endlich, weil sie sich nicht zur Übung körperlicher Strenge angezogen fühlen, können sie nicht in Orden eintreten, in denen man wie in den meisten bei uns bestehenden reformierten Versammlungen zu schweren äußeren Bußwerken verpflichtet ist ... Damit also solche Seelen künftig hierzulande einen sicheren Zufluchtsort haben, ist diese Versammlung gegründet und so eingerichtet worden, daß keine große Strenge die Schwachen und Kränklichen abhalten kann, in dieselbe einzutreten und sich da ohne Unterlaß der Vollkommenheit der göttlichen Liebe zu befleißen (Satzungen, Ausg. 1928, S. 65-67). 3 Hier ist noch die frühere Gesetzgebung der Orden vorausgesetzt, die die heilige Kommunion nur für bestimmte Tage vorschreibt. Seit Pius X. ist in allen Orden und religiösen Genossenschaften die tägliche Kommunion die Regel. – Deshalb behält das Beispiel, das der Heilige anführt, als Beispiel doch seine ganze Kraft, wenn es auch nicht mehr für die heilige Kommunion gilt, da hier die Regel der Heimsuchung wie aller Orden nach den Kommuniondekreten Pius X. abgeändert wurde. Es gilt eben für die anderen religiösen Übungen, Bußübungen usw., die in der Regel vorgeschrieben sind und die man nicht auf eigene Faust vermehren oder vermindern darf.

15. GESPRÄCH
1 Der hl. Franz von Sales hat dieses Gespräch (das 14. in der Ausgabe der hl. Johanna von Chantal) nach Dom Makey im Jahr 1620 gehalten. – Die hl. Johanna von Chantal hat es ziemlich genau abdrucken lassen, die letzten Seiten ausgenommen (von Nr. 9 dieser Übersetzung ab), die sie ausließ, wofür sie dann den Schluß des folgenden Gespräches einsetzte. 2 Diese Episode ereignete sich im Kloster zu Bourges. Die Kandidatin, von der hier die Rede ist, wurde nach dem Tod des Heiligen auf dessen Anrufung hin von ihrem Gebrechen wunderbar geheilt (s. Ausg. Annecy 6, 254). 3 Die eigentliche Gewissensrechenschaft dürfen die Oberen nicht mehr verlangen (s. Codex Iuris Canonici Can. 630). Eine freiwillige Aussprache über die eigenen Fehler ist weiterhin gestattet, ebenso Fragen der Oberen über die äußere Disziplin, über die Gebetsweise und dergleichen. 4

Vergleiche Anmerkung 3 zum 14. Gespräch.

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Anmerkungen

16. GESPRÄCH
Dieses Gespräch (das 15. in der Ausg. der hl. Johanna von Chantal) stammt nach Dom Makey aus dem Jahr 1618. Die hl. Johanna von Chantal hat in ihrer Ausgabe einige Stücke aus Predigten des Heiligen hineingefügt, den letzten Teil zum vorhergehenden Gespräch geschlagen und Verschiedenes ausgelassen. Die Ausgabe 1933 hat den ursprünglichen Text wiederhergestellt. 2 Im religiösen Unterricht und in der Erklärung der Regel wird in den Klöstern gewöhnlich auch die Beichte behandelt; man erklärt den Novizinnen und Schwestern, was Gegenstand der Beichte ist und was nicht, und wie ihre Beichte beschaffen sein soll. Auf diese Erklärung der Novizenmeisterin und der Oberin, sowie auch auf mögliche private Äußerungen derselben, wenn sie von Schwestern darüber befragt werden, bezieht sich die Bemerkung des Heiligen. 3 In Gewissensfragen darf kein Oberer und keine Oberin Rechenschaft verlangen (s. Codex Iuris Canonici can. 630) und auch keinerlei Druck auf die Untergebenen ausüben, um sie zu erzwingen. In Gewissensfragen ist in erster Linie der Priester zuständig, der Beichtvater und der Seelenführer. Die Kirche läßt in dieser Hinsicht den Ordensschwestern große Freiheit. Natürlich wird eine große Offenheit der Oberin gegenüber immer von größtem Nutzen sein.
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17. GESPRÄCH
Dieses Gespräch (das 16. in der Ausg. der hl. Johanna von Chantal) stammt wahrscheinlich aus den ersten Tagen des Jahres 1617 (s. Ausg. Annecy 6, 470, 473). Die hl. Johanna von Chantal gibt ihm den Titel: „Über die Abneigungen“, der allerdings nur die ersten beiden Fragen betrifft.
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18. GESPRÄCH
Das 18. Gespräch (in der Ausg. der hl. Johanna von Chantal das 17.) stammt aus dem Frühjahr 1621 (s. Ausg. Annecy 6, 474). Die Heilige hat diesem Gespräch nichts hinzugefügt, sie hat es aber bedeutend gekürzt. Die Ausgabe 1933 stellt den ursprünglichen Text wieder her. 2 Ein Jesuitenpater aus Mailand (1547-1591). 3 Dieser und der im nächsten Abschnitt erwähnte Fall ereigneten sich sehr häufig zur Zeit des hl. Franz von Sales. Heute dürften solche Fälle wohl kaum mehr vorkommen. 4 Ist natürlich ironisch gemeint.
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19. GESPRÄCH
Dieses Gespräch (das 18. in der Ausg. der hl. Johanna von Chantal) stammt nach Dom Makey (Ausg. Annecy 6, 474) aus dem Jahr 1621. Die hl. Johanna von Chantal hat es in ihrer Ausgabe fast unverkürzt abgedruckt: sie hat nur eine längere Stelle aus einer Predigt des Heiligen hinzugefügt (Ausg. Annecy 6, 348-351), die vom Betrachten handelt. 2 Zu diesem Abschnitt s. Anm. 3 zum 14. Gespräch S. 361.
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Anmerkungen

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20. GESPRÄCH
Diese Predigt, die eigentlich aus dem Rahmen des Buches fällt, weil sie mit einem Gespräch nichts zu tun hat, sondern eine regelrechte Predigt ist, hat der Heilige wahrscheinlich am 19. März 1622 in Annecy gehalten (s. Ausg. Annecy 6, 474). Die hl. Johanna von Chantal hat sie fast wörtlich aus den Handschriften in ihre Ausgabe übernommen, wo sie das 19. Gespräch bildet mit dem Titel: „Über die Tugenden des hl. Josef.“ Der bildliche Rahmen entspricht dem Zeitgeschmack und den naturwissenschaftlichen Anschauungen jener Zeit. Die Gedanken aber sind von beachtenswerter Tiefe und Feinheit. 2 Es ist dies kein Lehrsatz der Kirche, sondern nur eine fromme Ansicht, die auch noch einige andere Theologen vertreten, z. B. Gerson, Bernhard von Siena und Suarez (s. Josef Seitz, Die Verehrung des hl. Josef, Freiburg 1908, S. 256 und 262; Dict. de Theologie cathol., Paris Letouzey VIII. 1519).
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21. GESPRÄCH
1 Der Heilige hat es in Paris im August 1619 gehalten (s. Ausg. Annecy 6, 474). Die hl. Johanna von Chantal hat es in ihrer Ausgabe nur wenig gekürzt und nichts hinzugefügt. 2 Das Kloster von Paris wurde am 16. Mai 1619 gegründet. Nach dem Noviziatsbuch dieses Hauses waren die Namen dieser zwei jungen Kandidatinnen, die am 25. November 1619 eingekleidet wurden: Maria Katharina Camus und Helene Maria Grison; die erste war bei der Einkleidung 15 Jahre alt, die zweite 16 Jahre und 9 Monate. 3 Zu dieser Frage vergleiche die dritte Anmerkung zum 14. Gespräch S. 361.

22. GESPRÄCH
1 Es dürfte nach der Anzahl der Heimsuchungsschwestern, die der Heilige mit 25 oder 30 angibt, aus dem Jahr 1617 stammen (s. Ausg. Annecy 6, 474). Die hl. Johanna von Chantal hat dieses Gespräch nicht in ihre Ausgabe aufgenommen. In der Ausgabe von Annecy 1895 steht es im Anhang (S. 400-402).

23. GESPRÄCH
Die Überschrift gibt das Datum dieser so schlichten und doch ergreifenden Unterredung an. Wir haben hier die letzten Empfehlungen des Heiligen an seine Schwestern. – Wohl gerade das ungemein Vertrauliche dieses Gespräches hat die hl. Johanna von Chantal veranlaßt, das meiste davon zurückzubehalten. Das 21. Gespräch ihrer Ausgabe, das den Titel „Nichts verlangen“ führt, ist zusammengesetzt aus Teilen dieses hier vorliegenden Gespräches, aus einem Bruchstück des 21. Gespräches (n. 8) und aus Bruchteilen von Predigten des Heiligen. 2 Über die Rechenschaft s. Anmerkung 3 zum 14. Gespräch auf S. 361.
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Anmerkungen

Über diesen Punkt bestimmt jetzt der Codex folgendes: „Wenn eine Ordensschwester um einen aus den Beichtvätern (außerordentlichen oder einen vom Ordinariat für das Beichthören der Ordensschwestern designierten Beichtvater) bittet, so ist es keiner Oberin erlaubt, weder selbst noch durch andere, weder direkt noch indirekt nach dem Grund der Bitte zu fragen, durch Wort oder Tat die Bitte zurückzuweisen oder auf irgend eine Weise zu zeigen, daß sie dies nicht gerne sieht (can. 521. § 3). Schäfer, Das Ordensrecht, Münster 1923 S. 117.

24.
1 In dieser Sammlung haben die Schwestern von Lyon eine Reihe von Antworten niedergelegt, die der Heilige ihnen auf ihre Fragen während des einmonatlichen Aufenthaltes in Lyon (29. Nov.-28. Dez. 1622) vor seinem Tod gegeben hatte. – Die Fragen wurden zum Teil von den Schwestern gestellt, wenn sie im Sprechzimmer den Weisungen des Heiligen lauschten, zum Teil auch von der Oberin oder von anderen Schwestern, wenn sie mit dem Heiligen allein sprachen. – Außerdem wurde in diese Sammlung noch eine Anzahl seiner Aussprüche aufgenommen, die er bei verschiedenen Anlässen getan hatte und die hier lose, ohne inneren Zusammenhang aneinandergereiht sind. – Die hl. Johanna von Chantal hat von dieser Sammlung nur ein Bruchstück für ihr 21. Gespräch übernommen. 2 Der Heilige hatte bestimmt, daß die einzelnen Häuser seines Ordens nur vom Diözesanbischof abhängen sollten. Er hatte sich immer gegen den G e d a n k e n e i n e r Generaloberin gewehrt. Die genaue Beobachtung der Regel, die Überwachung durch den jeweiligen Bischof und eine gewisse Ehrenstellung der „heiligen Quelle“, des Klosters von Annecy, sollten genügen, um alle Klöster seines Ordens in der Treue, im Geist ihrer Regel und in der Eintracht untereinander zu erhalten. Die Erfahrung von drei Jahrhunderten hat dem Heiligen recht gegeben. 3 Der Heilige hatte seinem Orden für das Chorgebet statt des großen Breviers (wie es damals Sitte war) das kleine Offizium Unserer Lieben Frau gegeben. Es erhoben sich dagegen heftige Widersprüche, denen aber der Heilige nicht nachgab. Er erhielt am 23. April 1618 ein Breve des Papstes Paul V., das den Orden für sieben Jahre vom Brevier dispensierte, und er konnte die Erneuerung der Dispens erhoffen. 4 Hier und an anderen Stellen dieser Sammlung (17, 24) spricht der Heilige von der Betrachtung, die er aber immer mit dem Namen „Gebet“ bezeichnet, weil sie wesentlich ein Gebet sein soll, bei dem man sich mit Gott und nicht mit sich selbst beschäftigt, ein Gebet, eine innige Aussprache mit Gott, zu der Erwägungen und Betrachtungen nur als Brücke zu dienen haben.

25.
1 Die Schwester Claude-Simplicienne wurde am 2. Juli 1614 als Laienschwester eingekleidet. Wegen ihres unschuldigen und naiven Wesens war sie dem hl. Franz von Sales besonders teuer. In einem der vertraulichen geistlichen Ge-

Anmerkungen

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spräche, die der Heilige mit der Gemeinde führte, sagte sie ihm, sie möchte alles genau so tun, wie er, wenn er eine Schwester der Heimsuchung wäre. Darauf gab ihr der Heilige diese reizende Antwort, die die hl. Johanna von Chantal zwar nicht in ihre Ausgabe der Gespräche übernommen, aber doch in einer anderen Sammlung abgedruckt hat (s. Ausg. Annecy 6, 397 Anm.). 2 Zwei Kapitel der Satzungen der Heimsuchung (22 und 23; S. 113-119).

26.
1 In den Annalen der Heimsuchung führt das erste Klösterlein, die Wiege des Ordens, den Namen „Galerie“ von einer Galerie, die den Garten mit dem Weingarten des Klosters verband. – Die Schwester Marie-Adrienne Fichet hat die Geschichte der Anfänge des Ordens geschrieben, die mit dem Namen „Geschichte der Galerie“ bezeichnet wurde. – In dem hier mitgeteilten „Auszug“ wird der Ursprung einiger Gebräuche des Ordens erzählt, die für seinen Geist bezeichnend sind.

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