Offener Brief des ehemaligen Vize-Präsidenten der Universität Bayreuth Über die Ohnmacht des Gejagten

I.
5 Der Jagdinstinkt ist nach wie vor im Menschen verankert. Beherrscht wird auch noch die Technik der Gruppenjagd, die dem Menschen am Anfang seiner Zeit das Überleben sicherte. Aber Tiere jagen wir in dieser Form nicht mehr; die Hetzjagd ist als unwaidmännisch und nicht tierschutzgerecht verboten. Heute sind es Menschen, denen wir in Gruppen nachstellen. Ausgelöst werden diese Jagden in der Regel nicht durch eindeutige Kenntnisse, sondern in der Regel durch Spekulationen und Vorverurteilungen. Und im Gegensatz zur Wildjagd gibt es dabei weder Regeln noch Grenzen. Findet die Jagd im Internet statt, dann müssen die Jäger nicht einmal ihr Gesicht zeigen oder ihren Namen nennen; sie können einfach „Spaß“ haben und sich stark fühlen im Kollektiv der Jagdgesellschaft. Dass dabei am Ende ein Mensch auf der Strecke bleibt, interessiert sie nicht, vielleicht wird es ihnen nicht einmal bewusst; sie müssen ihm ja nicht in die Augen sehen. Damit eröffnet das Internet eine neue Dimension der Jagd auf Menschen. Besonders gerne jagt man Menschen, die sich exponiert haben, Menschen, die eine Aufgabe für die Gemeinschaft übernommen und damit den Anspruch erhoben haben, anderen etwas sagen zu dürfen. Mit anderen Worten: Menschen, die im Verdacht stehen, sich für etwas Besseres zu halten. Aber was auch immer die Motive des Einzelnen sein mögen: Hat die Jagd begonnen, ist kein Platz mehr für verantwortlichen Umgang mit der Beute. Dabei hatte man vom Internet eine „Gegenöffentlichkeit“, eine andere Art von veröffentlichter Meinung erwartet, wie es der durch die „klassischen Medien“ geprägte mainstream ist. In Diktaturen hat sich diese Hoffnung auch erfüllt, mit erstaunlich positiver Wirkung. Nicht so in freiheitlichen Rechtsstaaten wie Deutschland. Hier verstärken sie die „klassischen Medien“ gerade auch in den Fällen, in denen es um „Enthüllungen“, um Bloßstellung von angeblichen oder tatsächlichen Fehlleistungen von Personen, vor allem von Politikern, geht. Es ist wie ein „Zangenangriff“, der den Raum zur Gegenwehr so eng macht, dass der Betroffene aufgeben muss. So geschehen im Fall zu Guttenberg – ein Lehrbeispiel für den bedauerlichen Zustand unserer Zivilgesellschaft.

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II.
30 Ganz schuldlos ist das Opfer der letzten Treibjagd nicht. Herr zu Guttenberg hat bei seiner Doktorarbeit Regeln der Wissenschaft verletzt; das ist kein Kavaliersdelikt. Aber er hat dafür bezahlt. Die Universität entzog ihm den Doktortitel und er legte alle seine politischen Ämter nieder, auch das Amt des Verteidigungsministers. Wer ein wenig Anlage zum Mitgefühl besitzt, kann sich denken, dass dies noch die geringsten Opfer waren, die erbracht werden mussten. Die Peinlichkeit der öffentlichen Bloßstellung, der Verlust von Ansehen und die Betroffenheit der Familie waren vermutlich die bei weitem größere Strafe. Wer noch mehr Strafe fordert, sollte sein Koordinatensystem überprüfen. Schon aus menschlichem Anstand sollte man Herrn zu Guttenberg wieder ein normales Leben gönnen. Fazit: Die Jagdgesellschaft könnte sich zum Imbiss zurückziehen. Aber die Internet-Gemeinde senkt den Daumen - die Beute ist noch nicht erlegt genug. Herr zu Guttenberg ist nach wie vor beliebt, er hat noch Ehre, auch eine funktionierende Familie, eine Zukunft, vielleicht sogar in der Politik! Also gehen die Recherchen weiter; man sucht nach bislang nicht entdeckten „Schwachpunkten“, in der Hoffnung, ihn noch tiefer in den Sumpf der Anschuldigungen zu drücken und auf möglichst lange an den Pranger zu fesseln. Ist das die neue Kreativität, sind diese „Enthüller“ die Gestalter unserer Zukunft? Mit notwendiger oder gar redlicher Aufklärung und legitimer Kritik jedenfalls hat dies alles nichts zu tun. Es ist schlicht ein „Nachtreten“, und jene, die jede neue Meldung aus dem Internet aufnehmen und vermarkten, sind

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augenscheinlich besessen von dem dringenden Begehren, den Menschen zu Guttenberg selbst (und seine Familie) zu treffen und zu desavouieren, ihn gesellschaftlich zu vernichten. Dabei kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier die Person (auch) zum Mittel eines Zweckes gemacht werden soll, um eine bestimmte Weltanschauung und eine bestimmte politische Richtung zu beschädigen. Herr zu Guttenberg war einfach zu erfolgreich, als dass man ihn wieder in die Politik lassen dürfte. Der Triumph, ihn „gestürzt“ zu haben, muss nachhaltig gesichert werden. Wer also ruft zur Ruhe? Wer sagt, wann genug genug ist? Ich hätte mir gewünscht, dass es die Wissenschaftsgemeinde ist, in erster Linie natürlich die Universität Bayreuth. Leider aber kam hier nichts. Im Gegenteil.

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III.
Nun will ich einräumen, dass mir eine völlig unvoreingenommene Beurteilung des Verhaltens der Bayreuther Universität schwer fällt. Immerhin ist es nicht nur „meine“ Universität, der ich mich als Emeritus verbunden fühle. Darüber hinaus war ich auch Mitglied des Strukturbeirats für die Universität und habe unter anderem als Vizepräsident in der Gründungsphase über zehn Jahre meines Lebens alles getan, um dieser Universität, und nicht zuletzt der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, einen guten Start zu ermöglichen. Von einer Universität, der man sich auf diese vielfältige Weise verbunden fühlt, verlangt man viel, so wie man sich auch von einem Freund mehr erwartet als von einem Fremden. Die zügige Aberkennung des Doktortitels war richtig und unumgänglich. Eine Universität hat dafür zu sorgen, dass ihre Mitglieder die wissenschaftlichen Regeln befolgen, und sie muss Verstöße ahnden. Was aber danach kam, lässt sich nicht mehr verstehen, auch wenn bei vielen Kollegen Enttäuschung herrschen mag und dieses Gefühl leicht in Ärger und vielleicht sogar in Wut umschlagen kann. Die Worte der Frau Bundeskanzlerin, sie hätte Herrn zu Guttenberg nicht als Wissenschaftlichen Assistenten, sondern als Minister eingestellt, führten überdies zu einer Verschärfung der Lage, weil sich die Wissenschaftsgemeinde dadurch herabgesetzt sah, in besonderem Maße natürlich die Universität Bayreuth. Trotzdem hätte man der Tatsache Rechnung tragen müssen, dass mit der Aberkennung des Doktortitels das Verhältnis der Universität mit Herrn zu Guttenberg sein Ende gefunden hat. Offen stand nur noch die Frage, ob und inwieweit es notwendig erscheint, Konsequenzen für die Promotionsordnungen zu ziehen. Weitere Untersuchungen über das Verhalten des Doktoranden waren nicht nur überflüssig, sie standen der Universität auch nicht zu und verletzten wichtige rechtsstaatliche Prinzipien.. Schon allein für die Beratungen in einer offiziellen universitären Einrichtung über die mögliche Täuschungsabsicht fehlte der öffentlich-rechtlichen Körperschaft Universität jegliche Zuständigkeit; denn Herr zu Guttenberg war schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ihr Mitglied. Zu allem Unglück wurden dann auch noch laufend Informationen über die geheimen (!) Beratungen der Kommission, die kaum von jemand anderen als von Kommissionsmitgliedern stammen konnten, an die Presse weiter gegeben und prompt veröffentlicht. Der Vorgang ist unerhört und mehr als peinlich. Erst recht durfte natürlich der Kommissionsbericht in dem Teil, der die Frage einer Täuschung behandelt, nicht veröffentlicht werden. Dass Herr zu Guttenberg sich durch vielfältigen Druck (auch von Seiten der Universität Bayreuth) und abzusehende umfassende Indiskretionen gezwungen sah, der Veröffentlichung letztlich zuzustimmen, rückt das ganze Verfahren noch mehr ins Zwielicht. Und zu welchem Ergebnis ist nun die Universitätskommission gekommen? Bislang liegt lediglich eine Presseerklärung der Universität vor, die aber die Eckpunkte der Entscheidung wieder geben dürfte, so dass sich der Grad der Plausibilität erkennen lässt. Nach den zahlreichen Verfahrensfehlern zu Lasten des Herrn zu Guttenberg ist das Ergebnis wie zu erwarten war: die Täuschungsvorsatz wird bejaht. Die Begründung freilich ist fadenscheinig. Dass die Dissertation Fremdtexte enthält, wussten wir schon. Nicht nur Herr zu Guttenberg, sondern ebenso sein Doktorvater, haben aber immer wieder mit sehr guten Gründen beteuert, dass ein Vorsatz, jemanden zu täuschen, nicht vorlag bzw. nicht sichtbar ist. Darauf wird in der Presseerklärung mit keinem Wort eingegangen. (Man darf gespannt sein, ob der Kommissionsbericht dazu etwas verlauten lässt.) Indizien, die nach

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Ansicht der Kommission dagegen sprächen, seien: „Umformulierung der Originaltexte, Umstellung der Syntax, Verwendung von Synonymen sowie einzelne Auslassungen.“ Gerade in dieser Weise verfährt man mit Texten, die man - so könnte man freilich sagen - für seine eigenen hält. Schließlich: Wäre dem Ansehen der Universität, auf das man sich gerne beruft, nicht genüge getan mit der Presseerklärung? Muss jetzt noch unbedingt die Veröffentlichung des gesamten Berichts im Internet folgen? Es wäre anständig gewesen, hätte es die Universität nach dem „entgegenkommenden Verzicht auf seine Persönlichkeitsrechte“ von Herrn zu Guttenberg bei der Presseerklärung belassen. Ich muss offen und öffentlich bekennen: dieser unglaubliche Vorgang erschüttert mich tief, vor allem, weil die Universität auch noch mit zweierlei Maß gemessen und jegliche Fürsorge für den ehemaligen Studenten zu Guttenberg von sich gewiesen hat.

IV.
110 Jeder andere Doktorand wäre unter gleichen Umständen völlig anders behandelt worden. Sicher hätte man auch ihm den Titel entzogen, und vielleicht hätte man Änderungen an der Promotionsordnung erwogen. Aber das wäre, soweit nur irgend möglich, universitätsintern geblieben, um jede zusätzliche Schädigung zu vermeiden. Gewiss: der Politiker ist eine öffentliche Person und in einem solchen Fall ist es unmöglich, die Angelegenheit universitätsintern zu behandeln. Aber auch hier ist es schon aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes, der auch Politikern zusteht, unabdingbar, alles zu vermeiden, was über den Entzug des Titels hinaus schädigen könnte. Darum war man in keiner Weise bemüht. So gerne man sich mit Herrn zu Guttenberg noch im letzten Jahr als Alumni schmückte, so gnadenlos servierte man ihn nunmehr ab. Von Besonnenheit und Umsicht – Tugenden , die man von einem Organ der Universität erwartet muss, war nichts zu spüren.

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V.
120 Neben dem bedauerlichen Zustand unserer Zivilgesellschaft zeigt der Fall sehr deutlich, warum wir in unserem 80 Millionen-Volk so wenig politisch talentierten Nachwuchs gewinnen können. Wer wollte sich schon in dieses „Freigehege“ sperren lassen, in dem man - nach Bedarf – gehetzt und niedergestreckt wird? Die veröffentlichte Meinung ist gnadenlos. Wer vor ihr Tribunal gezerrt wird, ist schon verurteilt; ob schuldig oder nicht, er hat kaum noch eine Chance. Welche talentierte Persönlichkeit, der viele interessante Berufswege offen stehen, sollte noch den Beruf des Politikers wählen? Freiherr zu Guttenberg ist eine solche Persönlichkeit. Er hätte noch viel für unser Land bewirken können und könnte es immer noch. Aber es wäre ihm nicht zu verdenken, wenn er sich den neuerlichen Weg in die Politik nicht mehr zumuten will. Die „causa zu Guttenberg“ könnte genutzt werden, uns endlich darüber klar zu werden, wie wir in Zukunft mit unseren Politikern umgehen wollen. Ohne gegenseitigen Respekt und faires Verhalten, das keinen Zweifel darüber aufkommen lässt, dass es immer nur um die beste Lösung von Problemen und niemals um die Erniedrigung des Andersdenkenden geht, werden wir uns jeder Chance einer guten Entwicklung unseres Landes berauben. Um einer solchen Entwicklung willen, aber auch aus menschlichen Gründen, dürfen wir die Fehler der Politiker nicht überbewerten, auch bei ihnen darf es nicht nur „Buße“, es muss auch „Verzeihung“ und einen Neuanfang geben, so wie wir das bei den vielen eigenen Fehlern erhoffen. Ein Ergebnis der Untersuchungen der Staatsanwaltschaften über eine mögliche Urheberrechtsverletzung steht noch aus. Wie immer die Entscheidung lauten wird: Zu erwarten ist hier eine strikt an der Sache orientierte Behandlung (ohne Ansehen der Person!), denn auf unsere Justiz (zu der ich hier im weiteren Sinne auch die Staatsanwaltschaft zähle) ist Verlass. Das wäre dann wenigstens ein Lichtblick. Der Verfasser ist emeritierter Professor für Öffentliches Recht an der Universität Bayreuth und war Präsident des Bayerischen Senats, einer mitlerweise abgeschaften ständestaatlichen Körperschaft.

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