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Der Notenvampir
Schumann, Robert (18L0-1856)
Hunderte von Mythen und Märchen, die sich anmutig wie Myrtenkr?inzchen und hartnäckig wie Kletterefeu um die Häupter großer Personen der Weltgeschichte ranken, hat man im Laufe der Zeit schon gehörig entlauben müssen. Nicht genug damit, daß inzwischen wirklich jeder weiß, daß Shakespeare nicht Shakespeare war, sondern die erfundene Galionsfigur eines geheimen, verschlafenen englischen Penn-Clubs mit Namen S.H.A.K.E.S.P.E.A.R.E. Oder daß Jesus Christus drei Jahre vor Christi Geburt das Licht der Welt erblickte und damit irgendwie nicht ganz er selbst gewesen sein kann. Und erst das Entsetzen der Bevölkerung von Mallorca, als sich herausstellte, daß George Sand nicht der Ehemann der Friederike Chopin war, sondem umgekehrt! Dieser zwar traurigen, aber notwendigen Tradition der schonungslosen Enthüllung folgend, muß man auch Robert Schumann vom Höckerchen schubsen, und das tut uns viel mehr weh als ihm, derur der Mann genießt die Gnade der frühen Geburt und kriegt nichts mehr davon mit. Dabei hat wohl niemand es so dringend verdient wie gerade er, dazu gezwungen zu werden, seine Lorbeerblättchen nachträglich wieder herauszurücken und die aus fremder Leute Gefieder herausgerupften Federn den rechtmäßigen Besitzern zurückzuerstatten. Das große Zauberwort, welches mit Schumann in unmittelbare Verbindung gebracht werden muß, heißt >Mystifikation<. Also Verschleierung von Tätsachen, Geheimhaltung der eigenen Person, Verdrehung der Wahrheit, Tarnung mit Hilfe von erfundenen Gestalten, Spielerei mit Rätseln, Auftritte inkognito, anonyme Verleumdungen und Drohungen, Verdummung der Angehörigen sowie der restlichen Menschheit - und insbesondere die böswillige Manipulation seiner Gattin, Clara Wieck. In jener vampirhaften psychischen Ausbeutung seiner Gemahlin liegt der wahre Schlüssel zu all seinem Ruhm: welch grausam-bittere lronie! Dies soll nicht etwa nur bedeuten, daß Schumann Clara als seine Muse mißbrauchte (das tut schließlich jeder Mann). Es heißt schlicht und ergreifend, daß der Claralose Schumann keine blasse Ahnung von Musik hatte, außer ein wenig Notenlesen und dilettantischem Klimpem, und daß er ohne Clara ein unbedeutendes, nichtssagendes Leben hätte führen müssen. Nicht einmal in seiner hübschen, gemütlichen Lieblingsheilanstalt hätte er sterben dürfen ohne Clara! Es schmerzt zutiefst (gerade in unserem Zeitalter der Lieblosigkeit und des Verfalls der britisch-sittlichen Monarchie), eine als mustergültig und ergreifend romantisch verklärte eheliche Verbindung wie die von Robert Schumann und
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Clara Wieck im grellen Neonlicht der Fakten zu beleuchten und nicht llinger bei wärmendem Kerzenschein. Doch es geht nun einmal nicht anders. Eine einzige, wenn auch winzige Kleinigkeit bereits läßt den hochfliegenden Schwärmer ziemlich unsacht zu Boden plumpsen: Schumann befand sich anderthalb Jahre in der von ihm gewöhlten, offenen Heilanstalt zu Endenich bei Bonn, untemahm zahlreiche ausgedehnte Spaziergänge und Kurzreisen und empfing so manchen Gast. Er war demnach nur mäßig verblödet zu jener Zeit-kaum mehr als außerhalb der Klapsmührle. Clara kam während dieser speziellen Szene-ihrer ach so vorbildlichen Ehe nur ein einziges Mal zu Besuch. ZweiTage später war der Gatte tot ... Nun ja, wie der Zufall eben so spielt. Apropos >Szenen einer Ehe<. Robert Schumanns wirkliche Begabung lag in der lnszenierung und dramaturgischen Aufbereitung seines an sich todlangweiligen Lebens. Darin war er der unumstrittene Meister, denn immerhin schaffte er es mit links, sich und seine farblose Existenz bereits im ersten Jahrzehnt des Tonfilms auf Zelluloid bannen zu lassen, ganz abgesehen von den unzähligen Buchautoren, die darauf bestanden, ihm schwarz auf weiß einen Heiligenschein zu verpassen. Die vier grundlegenden Elemente seines Lebensweges bestechen durch ihre absolute melodramatische Perfektion jeden Dichter und jeden Regisseur, wobei letztere Berufsgruppen nur leise in ihr Schnupftüchlein schluchzen dürfen, weil ihnen in ihren wildesten Fantasien niemals etwas annähernd Schönes eingefallen wäre. Sie wissen ja nicht, daß Schumann selbst lediglich nach einem fräh ausgeklügelten Drehbuch gelebt hat (so wie andere nach Diät), sich allerdings strengstens an den einmal erwählten Bauplan haltend. Illusionen waren ihm das tägliche Brot, mit welchem er seine Umwelt fütterte. Man muß ihm zugestehen, daß sein Script alles vor ihm und nach ihm Dagewesene schlägt, von Doktor Schiwago bis Vom Winde verweht (inklusive Fortsetzung). Die vier Zutaten sind a) das Scheitem aller Virtuosenpläne nach einer Verletzung der Hand, b) der Kampf um eine Geliebte, die der böse Vati ums Verrecken nicht hergeben will, c) das häusliche Glück mit vielen Kinderlein, d) das sanfte Verdämmern in der Heilanstalt. Das ist noch echte Biedermeier-Idylle, insbesondere Punkt d. Da kommt unsereins nicht mit. Schumann selbst wäre nicht mitgekommen, wenn er nicht höllisch aufgepaßt und jeder Regie-Möglichkeit anständig nachgeholfen hätte. Wo der begnadete Mensch lenkt, spielt das Schicksal nur eine sehr untergeordnete Rolle. Was den Schumann-Unkundigen in musikalischer Hinsicht als erstes überraschen dürfte, ist die Tatsache, daß Robert nicht nur kein Noten-Wunderkind war (in einer Z,eit, als man ununterbrochen über Wunderkinder stolperte), sondem das bürgerlich-obligatorische Erlernen des Klavierspiels mehr oder minder passiv

über sich ergehen ließ, ohne je aus seiner Apathie zu erwachen. Einen wahren Berufenen stellt man sich irgendwie anders vor: Der braucht keine Lehrer, keine

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Noten, nicht einmal ein Instrument, wenn die göttliche Gabe ihn durchglüht. Neun Jahre Unterricht bei einem netten alten Organisten namens Kuntsch hinterließen weder Spuren noch Eindrücke; nachdem Schumann jedoch die Blüte seiner Popularität erreicht hatte, war sich Kuntsch ganz sicher, daß dieser Dings, dieser Wiehieß-er-noch-gleich schon immer den Anflug des Genialischen mit in sein Klavierstübchen gebracht hatte und den begeisterten Lehrer so bezauberte, daß dieser vor Aufregung meist darüber einschlief. Die eigentliche - und einzige - Liebe des Robert Schumann gehörte der Literatur. Sein Herr Papa besaß eine Buchhandlung in Zwickau, welches nicht nur am hintersten Ende der damaligen Welt, sondern auch im Nichts-und-Niemandsland von Sachsen lag.ZumAusgleich gab es dort furchtbar viel Landschaft und enorn viel Z,eit zum Lesen. Vater Schumann hatte neben literarischem auch verlegerisches Blut in den Adern; beide Blutgruppen vererbte er Robert, seinem Jüngsten. Robert wollte Dichter werden, nicht Musiker. Zumindest steht in dem Tagebuch, das der Sechzehnjährige anlegt, noch kein Wort übers Klavierspielen, dafür eine Menge über den von ihm gegründeten literarischen Verein für Halbwüchsige. Robert möchte alle Gattungen persönlich ausprobieren, beginnt Dramen, Romane, Gedichte, bis er jäh erkennt, daß das wahre und einzig würdige schriftstellerische Genre das Fragment ist, der großangelegte Zwei-Seiten-Entwurf ohne Fortsetzung. In dieser Sparte bringt er es dann auch zu echten Meisterleistungen. Doch die Hauptsache ist, daß im Kreise des ihm, dem Gründe1 an den Lippen hängenden Vereins ausgiebig darüber diskutiert wird. Nur im Fragment steckt schließlich die Möglichkeit zum wirklich Großen, selbst wenn man beschließt, sie nicht zu nutzen. Die literarische Vereinsmeierei unter dem Deckmäntelchen des Verschwörerisch-Geheimnisvollen bleibt Roberts Steckenpferd. Er folgt darin - und das erweist sich als folgenschwer für alle unfreiwillig an seinem Leben Beteiligten dem Beispiel eines gewissen Jean Paul und besonders der Vorgabe E.T.A. Hoffmanns. Die Art und Weise, wie sowohl Hoffmarurs irdische Existenz als auch seine Erzählungen das Schumannsche Lebensdrehbuch beeinflußten, erscheint nachgerade unheimlich, gelinde gesagt. Zuerst ist noch Jean Paul an der Reihe mit dem Angeschwärmt-Werden: Schumann identifiziert sich mit dem Kerl bis zur Selbstaufgabe seiner Persönlichkeit, schwafelt >jean-paulisch<, schreibt jean-paulische Fragmente, denkt angeblich jean-paulisch (was niemand beweisen kann); die Hektoliter von Bier, die er schluckt, säuft erjedenfalls ganz und gar aufjean-paulische Art. Die Bayreuther Mädchen, die er nach des Meisters Tod dem Vorbild zu Ehren anbetet, verführt er nach jean-paulischer Manier, obwohl sich kein Geringerer als Dietrich Fischer-Dieskau himself für Roberts Jungfräulichkeit während dieser Epoche verbürgt. Sein Woft steht allerdings gegen das von Schumann, welcher von >Pussaden< spricht, sogar von >Fingerübungen, Doppelschlägen und Ton106

leitern unter Röcken<. Wem soll man nun glauben, dem Experten oder dem Dilettanten?

Wie dem auch sei - in seinem achtzehnten Jahre jedenfalls folgt Schumann, wenn auch erfolglos und ohne zu erröten, den konkreten Spuren seines anderen literarischen Leitstems, der immerhin viel mehr mit Musik zu tun hat als Jean Paul, aber genauso tot ist. E.T.A., bekanntermaßen begnadeter Dichter, Musiker, Maler und Opernkomponist, wirkte zwischendurch auch als begnadigter Jurist. Zwar ist die Jurisprudenz keine richtige Wissenschaft, doch geeignete Vertreter derselben verstehen sich auf die schöne Kunst, Dichtung und Watrheit besser und nachhalti9et ztr verdrehen als jeder Poet (lediglich etwas trockener). Schumann, der nach dem Tode seines Vaters nicht mehr weiß, in welcher Sparte er genialer wirken kann - Literatur oder Musik -, schreibt sich, scheinbar auf Drängen der Mutter und Brüder, an der Leipziger Uni ein: juristische Fakultät natürlich. Nun ist er weg von zu Hause, in einer großen Stadt ohne Aufpasser, und hat alle 7-eit der Welt, weiter mit sich zu ringen, ob er lieber schreiben oder komponieren soll. Es darf nämlich nicht gänzlich unerwähnt bleiben, daß am Grunde einer schimmligen Kiste auf dem Zwickauer Dachboden, neben der Gedichtfragment-Spickzettel-Sammlung, ein loses Blatt mit irgendeinem Psalm begraben liegt, den er mit zwölf Jahren verbrochen hat. Angeblich beweist das Ding seine überragenden kompositorischen Fähigkeiten, doch mit der einmaligen Demonstration seines Könnens schien Robert vollauf zufrieden. Er war halt von Anfang an ein ziemlich fauler Sack. Anders als E.T.A., der erst Richter wurde und sich danach hauptberuflich ausruhte, kürzte Robert die Prozedur des Studiums auf sehr zweckmäßige Weise ab, indem er, wie sein Busenfreund Emil Flechsig bestätigt, nach der Immatrikulation kein einziges Mal einen Hörsaal betrat. (Allerdings ist auch von einem etwaigen bestandenen Examen bei Flechsig keine Rede. Trotzdem hat Schumann später den Ehrendoktor der Uni Jena verpaßt bekommen, nachdem er selbst den diesbezüglichen Antrag stellte; offenbar ging das damals ebenso leicht vonstatten wie heute die Wühltisch-Verramschung von Bundesverdienstkreuzen.) Was macht ein Student, wenn er - wie im Falle Schumann - gerade nicht büffelt? Er schließt sich einer Schlagenden Verbindung an, kann sich aber wegen seiner Abneigung gegen spitze Gegenstände nicht recht durchscNagen. Vor lauter Elend wendet er sich mal wieder der Musik zu, denn eine gewisse Agnes Carus, von Beruf Professorengattin, schleppt ihn regelmäßig zu ihren Hausmusiken, wo sie singt. Robert liebt Agnes abgöttisch, was er später takfvollerweise auch Clara erzählt, der er übrigens bei eben diesen Hausmusiken das erste Mal begegnet. Sie ist neun und dem Heiratsalter somit nicht mehr fern. Robert macht sich für den späteren Gebrauch hierüber eine mentale Notiz, nimmt aber sonst kaum welche von Clara. Dafür nimmt er Unterricht bei Vater Wieck, welche ihm beide bald stin-

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ken, denn sie bedeuten Arbeit mit einem großen A. Robert möchte richtig studieren, in der weiten Welt, in Heidelberg. Und tatsächlich >schmeckt< ihm hier das >Jus< exzellent, wie er der besorgten Mama schreibt. Nur versteht er unter >Jus< keineswegs das Studienfach, sondern Fruchtsäfte allerArt wie Champagrrer, Bier, Punsch und Rum, die seine geistigen Kräfte zur vollsten Entfaltung bringen. Seinem Tagebuch entnehmen wlr, daß er zum regelrechten Kampftrinker avancierte, der es schaffte, während des gesamten Jahres 1830 immerhin zwei oder drei Tage nüchtern zu bleiben. Ansonsten ist er >knill<, wie er es nennt, also so stockbesoffen, daß seine Kumpane ihn morgens meist wie ein Paket vor seiner Tür ablegen. Bei einem wunderschönen Ausflug in die Natur bricht wieder das literarische Genie aus ihm hervor; alle sind blau, auch der Kutscher, dessen Zustand er in anmutigen Worten beschreibt: >>... er lag in seiner Gotze<<. Jene lebensnahe Schilderung, die obendrein echt sächsisches Flähr ausstrahlt, legt Zeugnis von Schumanns feinsinnig-romantischer Poesie ab. Wtihrend einer Italienreise, die künstlerisch ganz ohne Nachwirkungen bleibt, sammelt Robert einen einzigen riesigen Eindruck aus der Musikwelt. Diese Impression, obschon mit einer Rossini-Aufführung in der Scala verbunden, läßt keine Rückschlüsse in Sachen Oper zu. Es ist die Sängerin, der Robert mit Leib und Seele verfüllc Giuditta Pasta, genannt >pasta asciutta<, für ihre Freunde schlicht >die Nudel<. Dann aber geht es Schlag auf Schlag, musikalisch gesehen. Bei dem Rechtsgelehrten Thibaut hat Robert ausgiebig studiert, streng nach dessen Buch >Die Reinheit der Tonkunst<. Im Hause Thibaut macht er begeistert im Liederverein mit, denn das Liederliche kommt seiner natürlichen Begabung sebr entgegen. Daß der junge Mann für Jura ungeeignet ist, versteht sich von selbst; daß er auch mit der Musik schiefliegt, sagt ihm Thibaut nicht. Schumann darf regelmäßig an den Donnerstagskonzerten teilnehmen, denn donnerstags bleibt Thibaut in der Uni und braucht demnach nicht zuzuhören. Robert sitzt wieder öfter vor dem Klavier und spielt sogar ab und zu. Er brütet über Entwürfen und Fragmenten (siehe oben). Er hat das Gefühl, dasZntsg zum Komponieren zu besitzen, und schreibt an Wieck in Leipzig: >Wüßten Sie, wie es in mir drängt und treibt und wie ich in meinen Symphonien schon bis op. 100 gekommen sein körmte, hätte ich sie aufgeschrieben.<< Zum Komponieren gehört leider meist auch das Aufschreiben, welches mitArbeit verbunden ist; immerhin aber hatte Robert zu just jenem Zeitpunkt bereits sein Opus I (in Worten: Eins) vollendet, >Abegg-Variationen< geheißen. Als ob das etwa nichts wäre! Thibaut lobt den Liederjan schließlich weg, und Wieck richtet das seinige an, indem er Robert und dessen Mama im Zustande geistiger Umnachtung verspricht, den Taugenichts in einen Künstler zu verwandeln, >leidenschaftlicher als Moscheles und großartiger als Hummel<<. Keiner weiß, was der Vergleich bedeuten soll; aber Hummel konnte schon damals sehr schöne Porzellanfiguren brennen.
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Robert Schumann selbst hat inzwischen sehr wohl begriffen, daß er für das Virtuosentum völlig unbegabt und zudem viel zu faul ist. Die ersten Monate in Wiecks Hause (er nistet sich bei seinem Lehrer ein und bekommt Kost, Klavier und Logis) scheint er zu klimpern wie ein Bekloppter, natürlich nur, wenn man seine Anwesenheit am Pianoforte auch wahrnimmt. Aus dieser Zeit stammt die Legende mit dem vor lauter Arbeitsübereifer abgeklemmten Finger, die wie folgt geht: Robert bemerkt, daß der Mittelfinger der rechten Hand noch schneller, noch beflissener spielt als die anderen und will dem Racker Einhalt gebieten, um die Kleinen auch zum Zuge kommen zu lassen. Deshalb bindet er ihn fest. Das Blut staut sich, der Finger kriegt keine Luft mehr, er bäumt sich noch einmal in Todesagonie in seiner Schlinge aufund - stirbt. Danach gereicht er höchstens noch zur Zierde des Besitzers, wenn überhaupt, denn er bleibt leichenblaß bis an sein Ende. Das soll angeblich der Auslöser für Roberts ersten bildschönen Zusammenbruch gewesen sein. Bei jedem anderen, richtigen Musiker wäre man mehr als bereit, solch eine Story unbesehen zu glauben. Nicht so bei Robert dem Faulen, der seiner Mama lange vor dem >Unglück< schrieb: >>An den reinen Virtuosen denke ich nicht - das ist ein sawes, undankbares Leben.<< Und später: >>Wegen des Fingers mache Dir keine Unruhe! Komponieren kann ich auch ohne ihn, und als reisender Virtuose würde ich kaum glücklich sein.<< Das klingt alles recht nett, nur - komponieren konnte er noch nie ... Aber er hat ja Clara, und zwar mit Haut und Haaren, denn er versteht es, dem Mädchen die gart.z;e Fingergeschichte in die kleinen Schuhe zu schieben. Es stimmt: Schumann opfert in voller Absicht einen Finger, um Clara lebenslang gefügig zu machen. Als älterer Spielgefährte Claras und ihrer beiden Brüder tollt er mit den dreien herum, erzählt Mdrchen ... und stellt sich nur zu bereitwillig als Partner für Claras Lieblingsspiel zur Verfügung: >Katzenwiege<. Altere

Menschen (d.h. Leute über dreißig) erirurem sich vielleicht noch an dieses Fädchengewirr: Zwischen den Daumen und kleinen Fingem des einen Spielers wird ein Netzwerk gesponnen, das der andere mit den Mittelfingern abnehmen und kunstvoll verändern soll. Ein Kätzchen fände mühelos in diesem Gespinst Platz - Schumanns dicker rechter Mittelfinger aber nicht. Er spielt trotzdem weiter, bis der Finger erst blau, dann schwarz, dann tot ist. Augenscheinlich kann ihn Claras anschließendes gutgemeintes Geschenk nicht über seinen f,rngerlosen Zustand hinwegtrösten, nämlich die weitgehendst unbekannt gebliebene Komposition mit dem Titel >Variationen über ein Neunfingerfaultier<. Die eigentliche Ursache für Roberts hinterhältig ausgeklügelten Plan, das Spiel mit der unschuldigen Seele eines zarten, hochbegabten, beinahe heiratsfähigen Kindes, liegt wieder einmal viel tiefer. Es ist mithin an der Zeit, zu E.T.A. Hoffmann, Schumanns Vorbild zurückzukehren, den er auch oder besser gerade in Verbindung mit Clara gnadenlos zu imitieren sucht.
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Wem bis zum Zeitpunkt des Fingerhakelns das Leben und Wirken Schumanns blaß, nichtssagend und verworren vorkam, der hat mit diesem Eindruck völlig recht. War Robert S. bis dato ein streunender Bluthund auf der Suche nach einem unbekannten Knochen, der sein Bein mal hier, mal don hob, um wahllos Zeichen seiner Existenz zu hinterlassen, so hat die Kreatur, die er von nun an sein wird, das Opfer seiner Träume gefunden: Clara. Es ist bezeichnend, daß er vor seinem Einswerden mit dieser armen Dulderin aussclrließlich Stückchen schreibt, die etwas mit Maskierungen nJ tvn haben - schließlich liegt der Bösewicht auf der Lauer. Seine >Papillons<, knappe, rasch vorüberziehende Neglig6-Fetzchen von Melodien (so kurz, daß sie schon wieder futsch sind, bevor man etwaige andere Schöpfer ausmachen kann), sind Figuren eines musikalischen Romans, die sich zu einem Maskenfest versammelt haben. Sie huschen dahin, bis die Morgenglocken dem trunkenen Trubel ein Ende bereiten. Der >Carnaval< von 1834 ist ebenfalls, wie Robert selbst zugibt, ein >Maskenroman<, in dem alle möglichen zwielichtigen Gestalten besoffen herumtaumeln, die nicht erkannt werden wollen und die

tatsächlich niemand erkennt. Aber nicht genug mit den Verkleidungen: Die >Davidsbündlertänze< (immerhin schon op. 6!) stellen nach Roberts Worten >Totentänze, Veits-, Grazien- und Koboldstänze< dar, bei denen es hinterher wieder niemand gewesen sein will, außer vielleicht den Davidsbündlern, einer von Schumann gegründeten öffentlich-geheimen Clique von >Neuerem< oder >Neueren< oder was auch immer. (Die Ziele dieser Bande waren relativ unklar, besonders den Mitgliedern selbst. Manche Freischärler wußten nicht einmal, daß sie Davidsbündler waren - z.B. Beethoven, der längst tot war und posthum zum Ehrenmitglied ernannt wurde, oder Chopin, der Schumann überhaupt nicht leiden konnte, was der Kerl einfach nicht akzeptierte.) Festzuhalten wäre höchstens, daß die Davidsbtindler ein Vorbild in E.T.A.s Werk haben, den >Serapionsbrüdem<, und daß auch ihr Ringelreihen ein >Nachtstück< ist, bei dem erst der Glockenschlag die aufdringlichen freien Geister vertreiben muß. Nach der Anlehnung an weitere Phantasie- und Nachtstücke Hoffmanns bekennt Schumann Farbe in seinem Werk >Kreisleriana<, wo er sich, für jedermann sichtbar, hinter einem Kater namens Murr versteckt. Hoffmanns Kapellmeister Kreisler (Untertitel: >Lichte Stunden eines wahnsinnigen Musikers<) teilt sich ein Doppelleben mit dem Katzenvieh, so wie Schumann zum selbstemannten Doppelgänger Hoffmanns heranreift. Und böse Doppelgänger sind Hoffmanns Stlirke ... Das wohl berühmteste und unheimlichste Prachtstück von Nachtstück, den >Sandmann<, bezieht Robert folgerichtig auf sich selbst, Vater Wieck und dessen Wunderkind Clara. Schon aus Offenbachs Oper kennt man das holde Geschöpf Olimpia, welches von seinem Professoren-Vater, der dabei fast vor Stolz platzt, dem musikbegeisterten Publikum vorgestellt wird. Anders als in der Oper kann E.T.A.s Olimpia nicht nur gottserbärmlich kreischen, sondern ausgesprochen takt110

voll dazu Klavier spielen! Natürlich sieht sich Robert in der Rolle des jungen Studenten, der von Wiecks präpariertem, dressierten kleinen Wunderwerk der Spieltechnik ebenso in den Bann geschlagen werden soll wie die anderen Philister. (>Philister< war Roberts Lieblingsausdruck und bezog sich auf alle, die seine Musik nicht mochten, selbst als er noch keine geschrieben hatte.) Aber Robert ist mit dem Szenario vertraut, wie er glaubt, und läßt sich nicht becircen von dem Kinder-Automaten: Es kann und darf nicht sein, daß ein neunjähriges Gör besser spielt als er und obendrein angeblich eigene Kompositionen vorträgt. Sofort sucht der Eingeweihte nach den geheimen Mechanismen, die der Vater, Claras Klavierdrahtzieher, betätigt, um sein Geschöpf zum Klingen zu bringen. Alle Welt mag verblendet sein; Robert ist es nicht, wenn er auch den Trick noch nicht herausbekommt. Aber etwas später kehrt er wieder und schleimt sich ins Wiecksche Haus
ein, diesmal allerdings aus völlig anderen Beweggrtinden - er hat erkannt, daß er persönlich eine Flasche ist, wenn auch eine begabte, und daß er den verdammten kleinen Automat für seine eigenen Zwecke umprogrammieren muß, will er es in dieser Welt zu etwas bringen. Das Clara-Ding muß dem Schöpfer-Vater abspenstig gemacht werden. Er selbst, Robert, wird die Fäden derMarionette in die Hand bekommen und sie für sich springen lassen! Deshalb auch die Geschichte mit der Katzenwiege. Leider funktioniert die Fingerabwürge-Geschichte nicht zu seiner Zufriedenheit, denn Robert verliert den Faden der Handlung schnell wieder. Er gleitet ihm aus den tauben Händen, weil er - o Schreck - plötzlich einsehen muß, daß das Balg sehr wohl ein Eigenleben entwickelt hat, einen Willen, Wünsche und überhaupt eine Menge Zeug, das weiblichen Wesen (ob nun maschinell oder natürlich hergestellt) nicht guttut. In einer Sache denkt Clara so wie ihr Vater und andere Mädchen: Sie will gut versorgt sein, wenn sie einmal heiratet. Schumann schreibt ihr in einem Brief sehr zuversichtlich von seinem bevorstehenden Wahnsinn, der jeden Moment zu

erwarten sei; doch das hat Clara eigentlich nicht gemeint mit dem Wort >Zukunftsaussichten<. Sie kann sich nicht so recht über Roberts Versprechen freuen, auch dann nicht, als er ihr aufs Butterbrot schmiert, sie sei immerhin schuld an seinem Finger und der geplatzten Virtuosenkarriere. Obwohl Robert nicht Orgel spielt, zieht er nun alle Register, denn er muß das widerspenstige
Etwas in den Griff kriegen. So spielt er ein anderes Weib gegen Clara aus, ein älteres und abgebrühteres, welches ebenfalls bei Wiecks Wohnung bezieht: Emestine von Fricken. Als Clara auf Toumee geschickt wird, weil der Papa die von Robert ausgehende Gefahr erkennt, nicht aber dessen Plan, wirft sich Schumann flugs auf Emestine und verlobt sich mit ihr. Bei ihrer Rückkehr wird Clara fürchterlich eifersüchtig. Schwuppdiwupp löst Robert die Verlobung und wirft sich auf Clara, die jetzt alles mit sich geschehen läßt. Zynisch erklärt Schumann: >>Ernestine mußte kommen, damit wir vereint wurden.<< Wie wahr! Interessant
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erscheint dann auch die sagenhafte Schnelligkeit, mit der sich Emestine zurückzieht, ohne zu maulen, sowie ihre anschließende Hilftstellung beim Kampf des Paares gegen Vater Wieck. Ernestine hatte vorher immer wenig Geld besessen, was natürlich gar nichts besagen soll ... Jetzt kommt es zum Duell Schumann-Vater Wieck, Usurpator gegen Schöpfer. Clara möchte sich mit dem Vater, der sie so gut dressiert hat, nicht überwerfen und gibt das Robert deutlich zu verstehen. Robert, seit längerem erfolgreicher Herausgeber einer schöngeistigen Zeitschrift, weiß, daß er endgültig über Clara triumphieren wird, wenn der Vater ihren Liebling meucheln zu wollen scheint. Er intrigiert folglich gegen sich selbst, benutzt die eigenen Zeitungspseudonyme sowie diverse Davidsbündler für seine Zwecke (unter ihnen einen Herrn >Serpentinus<, einen wahrhaft lächerlichen Schlangenmenschen). Und Robert gewinnt: Clara prozessiert mit ihm gegen den Vater und heiratet ihren neuen Herrn und Meister. Clara hat damit ein für alle Mal verspielt, im wahrsten Sinne des Wortes. Robert kennt nur ein einziges Ziel - er muß an die kostbaren Noten in Claras Kopf herankommen und sie verwerten, ohne Clara wissen zu lassen, daß sie die Urheberin seiner >Werke< ist. Zunächst einmal muß er sie ans Haus ketten; also macht er ihr ein Kind. Clara ist ganz erstaunt, wie schnell so etwas geht und wie furchtbar es sich auswirkt. (Danach kommen in schneller Folge sieben weitere Sprößlinge.) Schon zuvor, am Tage ihrer Vermählung, hat er ihr das kostbarste Hochzeitsgeschenk abgeknöpft, einen von dem berühmten Klavierbauer Conrad Graf ausdräcklich der Gattin verehrten Flügel. Schumann allein darf darauf klimpem, Clara notiert beträbt: >Nicht ein Stündchen am ganzen Tag findet sich für mich!<< und >>Er ist kalt gegen mich.<< Doch die häusliche Harmonie ist perfekt, wenn Clara, wie Robert befriedigt notiert, Goethes Leben liest und Bohnen schneidet. Bohnenschneiden und Goethe - das hält auf die Dauer ja kein Mensch aus! Offensichtlich bewacht Robert den Flügel Tag und Nacht und schläft auch darin, denn er sagt einmal, das Klavier werde ihm langsam zu eng. Die Konzertreisen würde Robert seiner Frau sehr gem verbieten, nur - er ist dauernd pleite, und sie kann damit Geld verdienen. Im Endeffekt jedoch liefern ihm gerade die verhaßten Tourneen den lange vergeblich gesuchten Schlüssel zu Claras Noten. Robert beklagt sich nämlich bitterlich, daß er inkognito herumsteht oder -sitzt, während man Clara umjubelt, daß er sogar gefragt wurde, ob er auch etwas mit Musik zu tun habe! Zum Großherzog von Oldenburg darf er nicht mit hinein (nicht mal zum Dienstboteneingang), und als Clara dem russischen Zaren zwei Stunden vorspielt, drückt sich Robert allein draußen im Schnee vor dem Winterpalais herum, schnattert vor Kälte und flucht. Vor lauter Langeweile fängt er an zu zeichnen: Fragmente natürlich. Aus lauter Mitleid begeht Clara den letzten großen, verhängnisvollen Fehler.

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Sie weiß, daß Schumann sein Leben lang mit übersinnlichen Phänomenen herumexperimentiert hat, Okkultismus und Tischrücken praktiziert (es ist daheim immer Robert, der die Täfel aufhebt) und mit Toten zu kommunizieren sucht. Gewisse musikalische Themen will Schumann direktemang von den Geistern Schuberts und Mozarts empfangen haben. Da meint Clara, es dürfte doch ein kichtes für ihn sein, mit seinem Frauchen in telepathischen Kontakt zu treten, alldieweil sie doch noch nicht so tot sei wie seine anderen Freunde. Sie schlägt vor, daß beide einander allabendlich zu bestimmter Stunde auf einer >Gedankenbrücke< treffen sollen. Robert zeigt sich zu Recht begeistert, hat er doch somit durch Clara selbst die Möglichkeit erhalten, ihren Notenvorrat nicht nur zu lesen, sondem auch anzuzapfen und nach Belieben, mühelos wie nach Diktat, niederschreiben zu können! Was sein Eheweib ihm sonst noch mitzuteilen hat - ob sie etwa Goethe mehr liebt als Schnippelbohnen oder umgekehrt -, ist ihm herzlich schnurz. Von nun an geht es munter voran mit der Komponiererei, besonders weil Claras Verstand immer offen für ihn steht, nicht nur nachts. Sie weiß nur nichts davon. Hurtig purzeln die Noten nur so auf Roberts Papier; manchmal prasseln sie sogar nieder, und er kommt kaum mit bei der Niederschrift. Einmal geht ihm gar die Tinte aus. So schreibt und schreibt er, was er in Claras Gedanken findet: Z,entnerweise Lieder (die er früher gehaßt hat), Oratorien, Kammermusik en masse, doch vor allen Dingen Symphonien. Die erste, >Frühlingssymphonie< genannt, später die berühmte >Rheinische< Sinfonie. Alles wunderbare Sachen. Schumanns Gedanken-Vampi-

rismus verleiht dem Wortpaar Inspiration und Transpiration eine völlig neue Bedeutungsebene. Die einzigen Flops dieser Zeit sind natärlich die wenigen Stücke, die Robert persönlich verbricht, d.h. ohne Vordenker. Übrigens bis auf seine Oper >Genoveva< allesamt Fragmente. Und der Genoveva, die durch ihr Martyrium im tiefen Wald heilig und berühmt wie Mutter Teresa wurde, fehlt bei Schumann unter anderem besagtes Martyrium im tiefen Wald. Das hat er wohl irgendwie vergessen. Trotzdem versucht er weiter, ab und zu etwas Eigenes zu komponieren, was durch die planmäßigen Erfolge seiner Frau Gott sei Dank aufgefangen wird. Manchmal jedoch scheint es die vielbesungene poetische Gerechtigkeit tatsächlich zu geben. Betonung auf >scheint<. Da Schumann zeitlebens ein Dilettant blieb, der sich beim Gedankenlesen und Notenlauschen wie bei der Niederschrift außerordentlich anstrengen mußte, führte der dauemd an Clara begangene geistige Mißbrauch zu deutlichen mentalen Abnutzungserscheinungen bei ihrem parasitären Nutznießer. Er wirkte in Gesellschaft zunehmend abwesender, was durchaus wörtlich zu verstehen ist, weil er sich permanent auf der o.g. >Gedankenbrücke< befand, die langsam ins Schwanken geriet. Etliche Bekannte zeigten sich besttirzt ob der geistlos-geisttötenden Art, wie der weggetretene >Gesprächspartner< sie anglotzte. Wagner beklagte sich über den unmöglichen Menschen, der

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einmal so gut wie stumm fast eine Stunde lang geblieben sei; der Dichter Hebbel, von Schumann eingeladen, saß lange erwartungsvoll ihm gegenüber, bis ihm der Kragen platzte: r'Er sprach nicht und gaffte mich nur an ... Er tat den Mund nicht auf. Da sprang ich wie verzweifelt empor. Auch S. langte nach seinem Hute und begleitete mich [eine halbe Stunde] ... Er ging stumm neben mir her. Ich tat, grim-

mig geworden, desgleichen..< Ganz Offenbach hatte Schumann gerade eine Sendepause, da er auf höheren Empfang geschaltet war. Später klappte es auch mit
dieser lebenswichtigen Frequenz nicht mehr - es scheint, als ob Clara sich damals langsam aber sicher aus der Kommunikation auszuklinken begann. Das Dilemma bestand darin, daß Schumann, der von Natur aus keine musikalischen Fähigkeiten

aufwies (nur die ausgeprägte telepathische), seine Sinfonien selbst dirigieren mußte: Das gehörte zu seinem Job. Er hatte keinerlei Taktgefühl, wie wir wissen, und so hieß es in Düsseldorf bald über ihn: >Wie der schlägt! Wenn er überhaupt
schlägt und nicht schläft! Ein Versager.< Ferdinand David schrieb an Mendelssohn

über Roberts Proben mit dem Leipziger Gewandhaus-Orchester: >>Der einzige Mensch, der etwas von seinen Bemerkungen verstanden hat, war sein Taktstock, den er beim Sprechen immer vor den Mund hielt, alle übrigen hörten nichts ...<< Robert befaßte sich mit allerlei Hilfsmitteln zur Ubertragung von geistigen Energien, war vertraut mit Mesmerismus, Pendelei usw. Nun sehen wir, daß er als allerletzte Möglichkeit Zuflucht zu einem ordinären Zauberstab nahm, den er wahrscheinlich mit einem Verstärker ausgerüstet hatte. Man hört förmlich seinen Hilfeschrei - >>Erde ruft Clara! Bitte melde dich, Schatz, du mußt auch nie mehr Goethe lesen, ehrlich!<. Aber Clara beginnt den Braten zu riechen, denn der stinkt bereits erb?irmlich. Als zum Schluß Johannes Brahms sich bei Schumanns einquartiert, ist der Ofen bald ganz aus. Brahms findet auch in seinem Stübchen eine Wanze und wird mißtrauisch. Er zeigt sie Clara, die die Zusammenhänge langsam begreift ... Man hat sich oft gefragt, ob Schumanns freiwilliger Abgang in die Heilanstalt etwas mit dem Verhältnis Clara-Brahms zu tun haben könnte. Klar hat es das, nur ist das Erotische gZinzlich nebensächlich, also ob nun Clara den kleinen Felix mit Brahms gebaut hat oder nicht. Schumann hatte zu verschwinden und vor der Welt alle Zweifel und Spuren zu beseitigen. Ergo stellte er sich wahnsinnig, denn so folgte

er einer guten alten Tradition und

muJJte

im nachhinein als übergeschnapptes

Genie gelten. Er war nattirlich nicht die Spur behämmert, d.h. nicht mehr als in seiner Jugend. Als bester Beweis dafür gilt sein Nachwuchs: Alle sechs (Felix, den Benjamin, zählen wir vorsorglich nicht mit) erfreuten sich bester geistiger Gesundheit. Eine so markante Geisteskrankheit wie die (vorgetäuschte) Schumannsche lädt zur Vererbung geradezu ein - bloß wo nichts ist, kann man nichts vererben! Die Flucht in die Klapsmühle muß als brillanter Schachzug gewertet werden, gegen den Clara nicht ankommen konnte. Kinder, Kleintiere und

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Bekloppte waren auch damals unantastbar. Und man erzäihle einmal einem Geisteskranken etwas von >Copyright-Verletzung< ... Ubrigens stellt der von dem großen Manipulator Schumann inszenierte Abgang ein Knallbonbon der obersten Güteklasse dar, weil sich in ihm das MaskeradenMotiv perfekt widerspiegelt. Bekanntlich war dies das einzige Motiv, welches Robert wirklich in Vollendung beherrschte. Kurz nachdem man ihn ertappte, im Februar 1854, simulierte er peinigende Halluzinationen, also Engelsingen, Dämonengeschrei und wahrscheinlich mittendrin wieder Mozart und Schubert. Er heult zur Vorsicht selbst mit, damit jeder mitkriegt, wie es um ihn steht. Und dann, als
er heiser wird, ausgerechnet am Rosenmontag, schleicht er sich aus der Wohnung und stürzt sich so heimlich in den Rhein, daß er sofort von Schiffem gerettet und,

gefolgt von einer lärmenden Karnevalsmenge, nach Hause gebracht wird. Wer jetzt noch anZufalle in Schumanns selbstgemachtem Lebenslauf glaubt, ist selber schuld. Bezeichnenderweise wurde die Krankengeschichte vernichtet . . . Robert führt daraufhin ein recht angenehmes Leben in der Anstalt von Endenich, doch es wurmt ihn, daß er keine Kontrolle mehr über Clara, seinenAutomat, besitzt. Diese, so nimmt er an, wird wohl mittlerweile von Brahms ausgeübt. Er will Clara wiederhaben, die beharrlich wegbleibt, und simuliert einen Hungerstreik. Clara wird gerufen. Sie erzählt darauf die rührende Geschichte, wie Robert von ihrer Hand ein wenig Gelee leckt, von ihrem FingerWein schlürft. Diese dämliche Art der Nahrungsaufnahme ist interessanterweise Claras ldee: Clara hat von ihrem Gatten die hohe Kunst der Verdummung und Verschleierung gelernt. Augenscheinlich spendet sie ihm Nektar und Ambrosia - tatsächlich muß Robert ihr brav aus der Hand fressen. Robert tobt innerlich vor Zom und beschließt, sofort sanft zu entschlafen. Das heißt, eigentlich nicht sofort, sondern zwei Tage später. Außerdem stirbt er gar nicht persönlich. Er weiß schließlich, daß sein Tod für Clara eine große Erleichterung bedeuten würde. Den Gefallen täte er ihr freiwillig niemals. Vor aller Welt will er als tot gelten, doch gleichzeitig muß er daftir sorgen, daß sein Automat weiterhin >seine< Stücke spielt, unter seinem Namen wohlgemerkt. Glücklicherweise (für ihn) findet er einen geeigneten Hoffmannschen Doppelgänger seiner selbst, einen armen lrren, der sich für Robert Schumann hält. Diesem Mann schilden er dessen bzw. seine traurige Lebensgeschichte, worauftrin der Doppelgänger bereitwillig das Zeitliche segnet. Schumann (das Original) ist mithin vogelfrei und wie er dann Clara maskiert und inkognito vierzig Jahre lang zum Spielen zwingt, wissen wir in groben Zügen aus dem Musical >Phantom der Oper<.

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