HASLOH

Das Fest
Ortstermin: Wie sich die CDU im norddeutschen Dorf Hasloh auf die eventuelle Invasion der Facebook-Menschen vorbereitet
Witt sagte der „Hamburger Morgenpost“, dass Facebook „vielleicht doch nicht das Richtige für uns ist“, und versuchte weiter, seine Chefin auf Zypern zu erreichen. Als es ihm endlich gelang und die Einladung vom Netz gehen konnte, zeigte die Gästeliste mehr als 3500 Personen an. Dagmar Steiner, blond, elegant, promovierte Ärztin, sitzt in ihrem Schlamassel in ihrer weißen Küche und sagt, dass es eigentlich gar kein Fehler war, es sollte ja eine öffentliche Veranstaltung sein. Aber was öffentlich sei auf Facebook, darüber müsse man neu nachdenken. Sie sehe da jetzt eine neue Dimension. Sie sagt, sie habe Zeit zum Überlegen gehabt in den letzten Tagen, wer diese Leute sein könnten, die so etwas machen, sie kam auf drei Typen: „Die Politischen. Die Spaßvögel. Die Unruhestifter“. Und wenn sie an Letztere denkt, an manche Leute in Hamburg und deren Hang zum Unruhestiften, dann wird ihr „schon mulmig zumute“. Wenn die nach Hasloh kämen. Es wäre nicht schön. Hasloh besteht aus viel rotem Klinker, aus Ein- und Zweifamilienhäusern, besteht aus Grün, das man mit Kühen und Pferden teilt, und aus Verbotsschildern, die Hunden untersagen, auf Rasenstreifen zu kacken. Es wirkt friedlich, aber ziemlich friedlich wirkte auch Thessas Hamburg-Bramfeld, bevor es an ihrem Geburtstag von etwa 1500 Gästen besucht wurde; bevor es zu Schlägereien, brennenden Mülltonnen, Festnahmen kam. Es könnte sein, dass die Internetmenschen kommen, sich beim Netto-Supermarkt mit Nordgold Pilsener und Oldesloer Weizenkorn versorgen, und danach sieht Hasloh aus wie Hamburg-Bramfeld nach Thessas Party. Es könnte, das ist das Schwierige, aber es muss nicht. Eine schwebende Drohung, keiner weiß, wie ernst sie gemeint ist, gerade deswegen wird die wirkliche Welt nervös. Die Polizei ist involviert, ein Sicherheitsdienst muss möglicherweise engagiert werden, und vielleicht, meint Dagmar Steiner, wird die Frage noch Juristen beschäftigen, wer eigentlich haftet für eine Veranstaltung, die es gar nicht gibt. B������ S���
GREGOR SCHLAEGER / DER SPIEGEL

ie war im Urlaub auf Zypern und gibt einen niedersächsischen CDU-Innenhatte das Handy ausgeschaltet und minister, der sprach als Folge von Thessas war eine Zeitlang ohne Zugang zum Geburtstag davon, man müsse bestimmte Internet. So dauerte es mehrere Tage, bis Facebook-Partys verbieten, und eine CSUDagmar Steiner von den unangenehmen Verbraucherschutzministerin, die sich zu Wort gemeldet hatte mit der Forderung Entwicklungen in ihrer Heimat erfuhr. Dagmar Steiner, CDU-Ortsverbands- nach einem „Internetführerschein“. vorsitzende von Hasloh, ist jetzt zurück Sehr viele junge Menschen auf Facein ihrer auffallend weißen, auffallend book können es nicht leiden, wenn Polimodernen Küche, den ungelesenen Sta- tiker ihnen Vorschriften für ihr Verhalten pel Post noch vor sich, neben sich den im Internet machen wollen, das ist jetzt Stellvertreter mit aufgeklapptem Laptop. das Hasloher Problem. Michael Witt ist derjenige, der die AttaAls Dagmar Steiner vor ein paar Wocken abwehren musste, in ihrer Abwesen- chen ihr Fest auf Facebook stellte, 20. Auheit. Der Kampf geht weiter in 25474 Has- gust, Reiterscheune Hasloh, musste sie loh, Hasloh nördlich von Hamburg, Kreis sich zwischen „öffentlich“ und „privat“ Pinneberg. entscheiden. „Es ist ja nicht privat“, so Der Kampf gegen die Leute auf Facebook. Gegen die Leute im Netz. Vor einer halben Stunde noch stand Witt mit seinem Pausenbrot und ein paar Zeitungen vor seinem kleinen Fachwerkhaus und wollte zu einem Kunden, er vertreibt und installiert Duschkabinen, doch er konnte umdisponieren. Nun ist er wieder im Dienst als Stellvertreter, im Dienst eines CDU-Ortsverbands, der eigentlich nur ein Sommerfest veranstalten wollte, in der Scheune bei einem Laden für Reiterbedarf. Ein Fest für 200 Leute vielleicht, über das dann das „Pinne- Kommunalpolitiker Steiner, Witt: „Es ist ja nicht privat“ berger Tageblatt“ schreiben würde, so wie im vergangenen Jahr. Es kam fand sie. Sie lud also öffentlich ein. Sehr nicht so. viele Menschen fanden die Einladung und Es gibt die Möglichkeit, über die Inter- nahmen sie an, gewissermaßen als Rache netgemeinschaft Facebook zu Veranstal- an den Konservativen. tungen zu laden. Doch man sollte dabei Michael Witt bemerkte das Problem genau aufpassen, ob eine Einladung nur und informierte die Facebook-Gemeinde, an die gerichtet ist, die wirklich kommen dass sie nicht eingeladen sei. sollen, oder an alle 20 Millionen deutschen Die Facebook-Gemeinde verspottete Facebook-Mitglieder. Ein Kästchen ist vor- ihn und seine Chefin mit Sätzen wie „Daggesehen, um zwischen einer öffentlichen mar, geht das klar, dass wir bei dir penund einer privaten Veranstaltung zu un- nen?“, und sagte weiter massenhaft zu. terscheiden; wenn man den Haken aus dieEs ist eine neue Art, Politik zu machen, sem Kästchen nicht entfernt, dann steht die Facebook-Menschen erproben ihre die Einladung als „öffentlich“ im Netz. Macht. Das hessische Dietzenbach hat So erging es dem Mädchen Thessa, das diese Macht zu spüren bekommen, Berversehentlich 20 Millionen Menschen zu lin-Spandau, Freiburg-Vauban, überall seinem 16. Geburtstag einlud. Ein Fehler, dort hatten sich unerwünschte Gäste bei infolgedessen Thessas Wohngegend in der CDU angekündigt und riefen unterHamburg-Bramfeld verwüstet wurde, was schiedliche Grade von Nervosität hervor. Michael Witt sagte die Party ab. anschließend erst die große Politik beschäfWir kommen trotzdem, hieß es im Netz. tigte und jetzt die kleine, in Hasloh. Es
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