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DER STANDARD 28.05.2011 ALBUM Walter Gröbchen 14.000 Zeichen

Postings sind der neue Punk
Einst gefürchtet als Großinquisitoren im Namen von Geschmack und Kultur, sind Musikjournalisten heute in der Defensive. Denn die Kritiker der Kritiker werden – vornehmlich online – mehr, lautstärker, zudringlicher, selbstgerechter, lästiger. Gibt es eventuell auch positive Aspekte? „There must be some way out of here Said the joker to the thief There’s too much confusion I can’t get no relief... “ (Bob Dlylan, „All Along The Watchtower“) Wenn dieser Tage, da allerorten – zuvorderst in den Medien – Wallfahrten zum Heiligen Bob unternommen wurden und werden, Zweifel aufkämen an der ungebrochenen Relevanz von Robert Allen Zimmerman, der unter dem Pseudonym Bob Dylan zur Ikone aufstieg: ein Blick in die Weiten des Internet würde Skeptiker zu Gläubigen bekehren. Augenblicklich. Vollständig. Denn selbst ein Interview mit einem weithin unbekannten kanadischen Literaturprofessor zum ewigen Reibebaum Dylan bringt es da auf über vierhundert Einträge und Postings im Online-„Standard“. Im kleinen Österreich, fernab aller Popkultur-Crossroads! Und das ist im zuständigen Ressort, fragen Sie mal nach in der Redaktion, wahrlich nicht oft der Fall. Ein hinlänglich aufreizender Text der deutschen Autorin und Sängerin Christiane Rösinger auf „Spiegel Online“ („His Bobness, die große Nervensäge“) zum siebzigsten Geburtstag des SongPoeten zeitigt locker ein paar hundert „Likes“. Und mehr als eine Handvoll Tweets. Selbst ein schlichtes „Happy Birthday!“ auf Facebook – eventuell verknüpft mit einem Link zu einem YouTubeVideo, das eine wackelige Live-Aufnahme eines nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich und ideell weit entfernten Darstellers des eigenen Legendenstatus zeigt – provoziert in diesem Kontext Reaktionen en masse. Von beseeltem Gleichschwang bis zur wütenden Geisteraustreibung. Stösst man gar auf ein launig hingerotztes Statement á la „Bob Dylan ist fad“, implodiert die Kettenreaktion aus Ablehnung und Zustimmung und Ablehnung der

Zustimmung (et vice versa ad infinitum) schlußendlich mit einem leisen Knall 2.0. Bob Dylan hört man dazu im Hinterzimmer lachen. Lauthals. Aber lassen wir das. Schliesslich steht hier nicht der grauhaarige Joker im Populärkultur-Casino zur Debatte. Sondern die Frage, was Leser, Hörer, Seher, User – nicht wenige davon „Fans“, also Fanatiker im weiteren Sinn – antreibt, ihre Einschätzungen, Vorlieben und Überzeugungen vor sich herzutragen wie eine Monstranz bei einer mittelalterlichen Kirchenprozession. Oder was Journalisten dazu bringt, Bekenneraufsätze zu veröffentlichen, die sich zwar zumeist kurzweilig lesen, letztlich aber nur die individuelle Verknüpfung der eigenen Biographie und Provinz-Sozialisierung mit der globalen Pop-Historie dokumentieren. Die These lautet: weil die Selbstdarstellung zwar einerseits zur Profession gehört. Seit je her. Andererseits aber auch zur Obsession mutiert ist. Der Treibsatz dafür: Social Media, Internet-Plattformen und -Foren, Blogs, ja, das World Wide Web generell. Das Hickhack, das dort übl(ich)erweise an explizite Meinungsäusserungen anschliesst wie das Amen im Gebet, dokumentiert sowohl die (in jeder Hinsicht) unauflösbare Verzahnung des Ich mit dem Wir, des Individuums mit der Masse – als auch die unterhaltsame Verzweiflung, die in jeglicher Anstrengung steckt, diesem Umstand zu entfliehen. Die aller-kurzweiligsten, weil textlich kürzesten, pointiertesten und ungeniertesten Anstrengungen kennen wir unter dem Begriff „Posting“. „Postings sind der neue Punk!“ bekam ich folgerichtig zu lesen. Und zwar in der neumodernen Selbsterkenntnis-Arena Facebook, mithin halb unter Freunden (respektive „Freunden“), halb öffentlich. Der Absender der Botschaft war einer der hauptberuflichen PopKritiker der – Sie blättern gerade darin! – österreichischen Tageszeitung „Der Standard“, der offensichtlich knapp zuvor ein paar Watschen im Online-Forum seines Mediums ausgefasst hatte. Natürlich nur virtuell. Aber der gewollt originelle, bisweilen deftig-derbe Ton des Herrn – wenn ich mich recht erinnere, hatte er einige treffliche Anmerkungen zum Line-Up des „Frequency“Festivals gemacht, einer der grössten einschlägigen KommerzVeranstaltungen im weiten Umkreis – schien nicht bei allen Lesern auf Begeisterung gestossen zu sein. Im Gegenteil. Die Empörung brach sich in dutzenden, nein: hunderten Postings Bahn. Ihr Tenor (Ausnahmen bestätigen die Regel): negativ. Doppelminusnegativ. Derart: böse alte Männer verstünden die Welt nicht mehr, der Kritiker sei taub, geschmacklos, verbittert („Gescheiterter Musiker?“), mieselsüchtig oder generell unfähig (eventuell auch alles zusammen), derlei sei eines Qualitätsmedums nicht annähernd würdig… Und so weiter. Und s o fort. Knapp, dass nicht Lynchjustiz angedroht wurde. Einige der Kritiker-Kritiker wüteten absichtsvoll unter der Gürtellinie, andere versuchten es ihrem Haßobjekt gleichzutun und wohlgesetzte Worte zu finden. Worte, die wie Nadelstiche pieksen. Oder wie Axthiebe treffen. Ein kurzweiliges Schlachtfest, diese

Expertenerregung samt postwendender Privaterregung. Business as usual? Faktum ist, dass Journalisten heute nicht mehr im einsamen Kritikerkammerl vor sich hin werken. Oder einen exklusiven Blick aus den Höhen ihres Elfenbeinturms geniessen. Der Leser, Hörer, Seher, User – kurzum: der Medienkonsument – redet mit. Gibt seinen Senf dazu. Reagiert, reflektiert, exzerpiert, analysiert, kommentiert. Gefragt oder ungefragt. Die One-to-many-Kommunikationswege der Vergangenheit gehören mittlerweile wirklich der Vergangenheit an. Und wurden durch einen elektronischen Wirtshaus-Stammtisch ersetzt, an dem jeder zu Wort kommt, der meint, etwas zu sagen zu haben. Oder zumindest etwas sagen zu müssen. Publizistische Publikumsbeschimpfungen ohne Publikumsbeteiligung sind aus der Mode geraten. Kritiker, sagen Kulturwissenschafter, haben ihre Deutungshoheit verloren. Immerhin haben die meisten ihren Job – im engeren Sinn – noch. Den geifernden Unmut, der einem bisweilen in dieser Rolle entgegenschlägt, halte ich für demutsfördernd. Ich zähle nicht zu jenen Schreiberlingen, die trotzig behaupten, es sei unter ihrer Würde (oder jedenfalls nicht gut für’s Seelenheil), auch nur einen Blick in die Online-Foren des „Standard“, der „Presse“ oder „Salzburger Nachrichten“, des ORF oder des Zwerg-BumstiMagazins zu werfen. Und die vox populi solchermassen mit Verachtung strafen. Und beinharter Ignoranz. Kurioserweise dringen dann auf verschlungenen Wegen doch immer wieder Stimmen, Kommentare und Meinungsbrocken zu den sensiblen Geistern vor. Und machen sie ganz unrund. Selten, dass Kritiker auf ihre Kritiker so beherzt kühl (im Sinne von „cool“), ja beinahe freudig erregt reagieren wie der eingangs erwähnte Kollege. „Postings sind der neue Punk!“, das hat doch was. Für sich. Denn: wie in einem M.C.Escher-Vexierbild gilt es auch dem p.t. Publikum einen Spiegel vorzuhalten. Und die eine oder andere sinnentleerte Fratze und Rumpelstilzchen-Pose zu entlarven. Tja, meine Damen und Herren Leser, Künstler, Labelbetreiber, Fans und Nebenerwerbsexperten: warum lassen Sie sich gar so leicht provozieren? Irritieren? Zu emotionsgeladenem Feedback hinreissen? Es ist ja wohl nicht die Aufgabe eines kritischen Journalisten, alles und jede(n) gut zu finden. Ausschliesslich Fakten zusammenzutragen. Alles bis ins letzte Detail durchzuargumentieren. Oder Seriosität mit Todeslangweile gleichzusetzen. Denn Langeweile ist eine publizistische Todsünde. Eine unterhaltsame Kritik – Unterhaltsamkeit ist die erste Tugend jeglicher Zeilenschinderei – muss auch nicht (pseudo-)objektiv, konstruktiv oder apodiktisch sein. Ein krachender Verriss kann weit erregender, erkenntnisbringender und kurzweiliger ausfallen als das streichelweiche Gegenteil. It’s a tough job but someone’s gotta do it. Lernen wir, uns daran zu ergötzen. Lernen wir zumindest, damit

kühl umzugehen. So wie die Kaste der Kritiker lernen muss, dass sie nicht mehr allein auf weiter Flur den Ton angibt. Sondern hinter jeder Ecke Stachelköpfe, Nadelträger und Cyber-Punks rumlungern. Postings rule OK! Meinem Geschmack nach eröffnet die Möglichkeit der direkten, unmittelbaren, gern auch anonymen Widerrede im ursprünglichen Medium selbst eine neue Dimension. Seien wir uns ehrlich: ohne die kleingeistigen, halblustigen, beleidigten, belehrenden, unsinnig-verqueren und bisweilen auch reichlich dreisten Postings etwa im Online-„Standard“ wäre die Lektüre des eigentlichen Blattes (das ja im Web weitgehend der Papierversion entspricht) nur das halbe Vergnügen. Und der halbe Gewinn. Denn eines ist offenkundig: unter all den öffentlichen Stammtisch-Suderanten, Avatar-Anarchisten, Trollen und ewigen Besserwissern, die sich – natürlich! – in Web-Foren daheim wie bei Muttern fühlen, sind auch genug gescheite, hinterfragende, ergänzende und weiterführende Fakten- und Meinungslieferanten. Mehr als genug. Auch (und erst recht) anonyme. Wenn Identitäts-Camouflage in diesem Zusammenhang per s e fragwürdig ist, müssten auch geheime Wahlen, verdeckte Hinweise, anonyme Anzeigen, letztlich sogar Maskenbälle, Kostümgschnase und Dark Rooms durch die Bank unmoralisch sein. Das ist natürlich Unsinn, weil realitätsfremd. Und der menschlichen Natur zuwiderlaufend. Daß vox populi ungefiltert und ungeschminkt tendenziell dumpf klingt, selbst in avancierteren ASchicht-Medien wie FM4 oder dem „Standard“, ist Standard. Daß hier wirklich grobe, eindeutige Verstösse gegen die guten Sitten und einschlägige Gesetze einer sachten, sensiblen Zensur zum Opfer fallen, auch. Das üblich-üble Geraune von der Hinterbank wird sowieso meist angenehm konterkariert durch sachdienliche Hinweise, auflockernde Ironie und zugespitzte Meinungen, die sonst eventuell wirklich einer Hinsichtl-Rücksichtl-Verzagtheit oder teflonbedampften Karriereplanung zum Opfer fielen… So, where’s the problem? Und natürlich muß ein Journalist, der selbst eine quasi-offizielle Lizenz zur hemmungslosen Verbreitung eigener Subjektivitäten, Einschätzungen und Befindlichkeiten besitzt, nicht nur austeilen, sondern auch einstecken können. Im besten Fall können kritische Leserstimmen ein wichtiges Korrektiv sein. Daß manchem professionellen Schreiberling, der damit die Deutungshoheit verliert und sich pointierter (um nicht zu schreiben: harscher), kompetenter und eventuell gar berechtigter Kritik ausgesetzt sieht, der Reis geht, ist klar. Daß vieles – an Fakten, aber auch an Meinung – nur unter dem Schutzmantel eines Pseudonyms absetzbar ist (der übrigens ja auch nur ein oberflächlicher, vermeintlicher Schutz ist; fragen Sie Ihren Rechtsanwalt!), sollte dito klar sein. Die Lebendigkeit von Foren – die dies ja zumeist auch explizit ermöglichen und gestatten – ist eine Folge davon. Nicht jeder Poster ist ein edler Ritter, der mit offenem Visier in die

Arena reitet, auch wenn dies wünschenswert wäre. Auch nicht jeder Journalist ist ein nobler Streiter für das Wahre, Gute, Schöne. Sondern oft genug ein übler Propagandaknecht. Oder auch nur ein armes Würschtl, das Zeilenschinderei betreibt, Klischees wiederkäut, fingerfertig die Copy & Paste-Tastenkombinationen bemüht und stupenden Opportunismus zum puren Gegenteil verklärt. Nebstbei: zu Erscheinungen wie jener des öffentlichen Hass-Briefeschreibers Michael Jeannée fielen mir noch ganz andere Prädikate ein. Aber der hat sich ja schon als Kulturjournalist – man schlage seine Einschätzungen des Wiener Aktionismus nach oder halte in der Nationalbibliothek Ausschau nach Konzertkritiken aus seiner Feder – vor Jahrzehnten auf ewig disqualifiziert. Und mit den Kommunikations-Tools der Neuzeit, insbesondere Social Media, hat ein Silberrücken wie Jeannée sowieso nichts am Hut. Weil er damit nichts zu tun haben will. (Daß er damit anno 2011 als Medienprofi offenbar auch nichts zu tun haben muß, ist wieder ein ganz anderes, absonderliches Kapitel... Quod licet bovi, non licet Iovi). Zurück zum Thema: kehrt das Universum 2.0 verstärkt unsere dunkle Seiten hervor? Verleitet uns die – vermeintliche – Anonymität des Web, das überquillt vor „egomanischen Ich-AGs der Blogosphäre, hemmungslosen Dienstleistern (von Pornoindustrie bis Glücksspiel) und Massen von habituellen Selbstvermummern“, wie „Falter“-Herausgeber Armin Thurnher kritisch postulierte, zu frischfröhlichem Heckenschützentum und Darth Vader-Gehabe? Ich sage: nein. Jedenfalls nicht mehr als der Wirtshaustisch, der Schulhof, die Raucherecke im Büro oder die hierorts verhandelte, altbekannte Medien-Bassena. Denn die grosse Artikulationsmaschine Internet ist vor allem eines: ein Spiegel unserer selbst. Unserer wahren Meinungen, Aversionen, Vorlieben, Wünsche und Bedürfnisse. Die sich sonst unter einer – auch i m analogen Alltag oft reichlich dünnen – Schutzschicht zivilisatorischer Etikette verborgen halten. Natürlich ist es nicht immer erfreulich, in diversen Foren, Threads und Print-Extensions mit unverblümtem Feedback konfrontiert zu werden. Einiges davon zielt strikt unter die Gürtelllinie. Aber jeder Leser, User, Empfänger, Urheber (und erst recht jede/r ProfiJournalist/in) wird, einen klaren Kopf vorausgesetzt, Spreu von Weizen trennen können. Und wollen. Folglich üble Anmache, billige Provokation und unsachliches Geraune von der Hinterbank als Entladungen armer Menschenseelen entschuldigen, die für – und somit gegen – sich selbst sprechen. Es gilt die alte Regel: Respekt – also positiv aufgeladenen Neid – muß man sich erst verdienen, Mitleid gibt es gratis. Und das gilt ab sofort bidirektional.
(Der Artikel ist die aktualisierte und erweiterte Zusammenfassung mehrerer Blog-Einträge und eines Beitrags zum „Weißbuch Kulturjournalismus“, herausgegeben von Wolfgang Lamprecht, das dieser Tage im Löcker Verlag erscheint.)

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