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Matthieu Ricard

Glück
Mit einem Vorwort von Daniel Goleman

Aus dem Englischen von Christine Bendner

nymphenburger

Für Jigme Khyentse Rinpoche

© NiL Editions, Paris 2 0 0 3 . Titel der Originalausgabe: »Plaidoyer pour le bonheur«. Hier übersetzt nach »Happiness. A guide to Developing Life's Most Important Skill«, Little Brown and Company 2 0 0 6 . © Für die deutschsprachige Ausgabe nymphenburger in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 2007. Alle Rechte vorbehalten. Schutzumschlag: Atelier Sanna, München Schutzumschlagfoto: Matthieu Ricard © Marion Stalens Lektorat: Michael Wallossek, Rösrath bei Köln Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering Gesetzt aus 10,6/13,8 pt Sabon Druck und Binden: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany ISBN 9 7 8 - 3 - 4 8 5 - 0 1 1 1 6 - 7 www.nymphenburger-verlag.de

Das Glück fällt uns nicht einfach so in den Schoß. Es ist kein Geschenk, das Fortuna über uns ausschüttet und das uns durch eine Wendung des Schicksals wieder genommen wird. Vielmehr hängt es ganz allein von uns ab. Glücklich wird man nicht über Nacht, sondern indem man Tag für Tag geduldig danach strebt. Wir sind unseres eigenen Glückes Schmied. Das erfordert Bemühung und kostet Zeit. Um glücklich zu werden, müssen wir lernen, uns zu ändern. Luca und Francesco Cavalli-Sforza

Inhalt

Vorwort Einführung 1 Eine kurze Betrachtung über das Glück 2 Geht es im Leben darum, glücklich zu sein? 3 Die beiden Seiten des Spiegels - der Blick nach innen und der Blick nach außen 4 Falsche Freunde 5 Ist dauerhaftes Glück möglich? 6 Die Alchimie des Leids 7 Die Schleier des Ego 8 Wenn die eigenen Gedanken zu unserem schlimmsten Feind werden 9 Der Strom der Emotionen 10 Verstörende Emotionen und die entsprechenden Gegenmittel 11 Verlangen 12 Hass 13 Neid 14 Der große Sprung in die Freiheit 15 Eine Soziologie des Glücks 16 Glück im Forschungslabor 17 Glück und Altruismus: Sind wir gütig, weil wir glücklich sind, oder sind wir glücklich, weil wir gütig sind? 18 Glück und Demut 19 Optimismus, Pessimismus und Naivität

9 13 31 43 53 63 75 87 115 137 153 171 195 207 221 225 239 263

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Goldene Zeit, bleierne Zeit, vergeudete Zeit . . . . Eins mit dem Fluss der Zeit Ethik als Wissenschaft vom Glück Glücklich sein angesichts des Todes Ein Weg

321 329 337 355 361 371 373

Noch ein paar Worte zum Schluss Anmerkungen

Vorwort

Als ich Matthieu Ricard in einem Hinterzimmer des Klosters Shechen in Nepals Hauptstadt Kathmandu zum ersten Mal begegnete, beugte er sich gerade über den Monitor eines Computers. Aufmerksam beobachtete er die Arbeit einer Gruppe von Mönchen, die von langen, nach traditioneller Art mittels Holzmodeln bedruckten Textseiten eifrig jedes Wort in ein speziell für die tibetische Schrift ausgelegtes Computerprogramm eingaben. Die riesigen Stapel vergilbten handgeschöpften Papiers zwischen handgeschnitzten Buchdeckeln wurden in ein elektronisches Speichermedium von der Größe einer Handfläche kopiert. Das digitale Zeitalter hatte auch ins Kloster Einzug gehalten. Jetzt können alle Menschen, die Zugang zu einem Computer haben, auf jene Texte zugreifen, die jahrhundertelang in den Einsiedeleien und Klöstern der abgelegenen Hochtäler Tibets wie ein Schatz gehütet wurden. So trug Matthieu dazu bei, die Weisheit früherer Zeiten für die moderne Welt zu bewahren. Matthieu scheint die Idealbesetzung für diese Aufgabe zu sein. Seine Ausbildung gehört zum Besten, was die moderne Welt zu bieten hat. Der Titel »Doktor der Biologie« wurde ihm am renommierten Institut Pasteur verliehen, wo ein Nobelpreisträger sein wichtigster Mentor war. Dennoch verbrachte er mehr als ein Vierteljahrhundert als buddhistischer Mönch im Himalaya und lebte dort bei vollkommen verwirklichten tibetischen Meistern. In jüngerer Zeit habe ich mit Matthieu im Kontext des »Mind and Life «-Instituts zusammengearbeitet, das den 9

Dialog zwischen Naturwissenschaftlern und buddhistischen Gelehrten fördert. Dieser kontinuierliche Austausch hat zu erstaunlichen Ergebnissen geführt, die uns zeigen, wie Meditation die Restrukturierung des Gehirns in der Weise steuern kann, dass sie die für Mitgefühl und ähnlich positive Emotionen zuständigen Gehirnareale stärkt. Auf diesem Gebiet ist Matthieu ein Experte, der seinesgleichen sucht. Ich hatte Gelegenheit, ihm bei der Arbeit mit Professor Richard J. Davidson, dem Leiter des Instituts für neurowissenschaftliche Untersuchungen emotionaler Zustände (Laboratory for Affective Neuroscience) an der University of Wisconsin in Madison zuzusehen. Damals arbeiteten die beiden gerade an einer Reihe von Testverfahren zur Untersuchung von Menschen mit fortgeschrittener Meditationserfahrung. Matthieu war nicht nur ein überaus kompetenter Mitarbeiter, wenn es darum ging, die sinnvollsten Testmethoden zu ermitteln, sondern auch die erste Versuchsperson. Zu diesem Zweck legte sich Matthieu in die Röhre eines Magnetresonanztomografen (MRT), auch Kernspintomograf genannt. Bei den hochmodernen Geräten, die für dieses bildgebende Verfahren entwickelt worden sind, rotieren riesige Magnete um den Körper der zu untersuchenden Person. Ein Magnetresonanztomograf liefert exakte Abbildungen des Gehirns (oder anderer innerer Gewebsstrukturen und Organe). Viele Menschen begeben sich jedoch nur ungern in diese enge Röhre, und manche werden sogar von klaustrophobischen Panikattacken heimgesucht, weil sie sich in der monströsen Maschine gefangen fühlen. Matthieu hielt es dort insgesamt über drei Stunden aus und durchlief währenddessen verschiedene Stadien der meditativen Erfahrung: innere Sammlung, Visualisierung und Entwicklung von Mitgefühl. 10

Der Psychoanalytiker C. G.« Diese Reaktion auf eine Erfahrung. Bei den Treffen des »Mind and Life«Instituts. Doch lächelnd und guter Dinge kletterte er aus dem Gerät. wie ich feststellen konnte.Am Ende der strapaziösen Sitzung eilten wir ein wenig besorgt in den Untersuchungsraum. einer Fähigkeit. in reichem Maß. Dies sei ein Mensch. Neben außerordentlichem Gleichmut zeichnen ihn Scharfsinn und ein rasches Auffassungsvermögen in allen Situationen aus. Genau darin besteht Matthieus Rolle. um uns vor Augen zu führen. der in die Tiefen der Seele einund dann wieder auftaucht. zeugt von einem besonderen Geisteszustand. Bei diesen Anlässen erläutert Matthieu häufig die buddhistische Sichtweise mit einer ganzheitlichen Intelligenz. Sein Kommentar: »Das war wie ein kleines Retreat. Beide Strömungen gehen hier eine nahtlose Verbindung ein. konnte ich das miterleben. ja sogar mit Freude. zu begegnen. welch immense Möglichkeiten ihr innewohnen. dem Auf und Ab des Lebens mit Gleichmut. wie Matthieu die Tortur überstanden hatte. Und über solche Lebensfreude verfügt Matthieu. Seine spielerische Leichtigkeit im Umgang mit der Welt der Wissenschaft und der Philosophie kommt in diesem Buch ebenso zum Ausdruck wie seine tiefe Vertrautheit mit den Weisheitsüberlieferungen des Buddhismus. die spirituelle und wissenschaftliche Paradigmen mühelos miteinander verbindet. um zu sehen. Jung hat die Rolle eines »gnostischen Mittlers« einmal folgendermaßen beschrieben. 11 . die von den meisten Menschen wohl als äußerst nervenaufreibend empfunden würde. bei denen der Dalai Lama gemeinsam mit einer Gruppe von Experten jeweils ein bestimmtes wissenschaftliches Thema aus allen Blickwinkeln beleuchtet.

weil unser Abflug sich endlos verzögerte. Andererseits bietet er uns keine Patentlösungen an.und Glück wirkt ansteckend. solches Glück zu erfahren. bringt unsere Alltagsvorstellungen von Freude ins Wanken und spricht sich mit überzeugenden Argumenten dafür aus. »Spaß zu haben«. wie jeder von uns die Fähigkeit entwickeln kann. Letztlich erhalten wir eine verlässliche Orientierung. und sie befürwortet eine altruistische Haltung anstelle von ichbezogener Bedürfnisbefriedigung. die ich kenne . Dafür sorgte allein schon die Freude. nach einer Zufriedenheit zu streben. Dabei gewinnen wir inspirierende Einblicke in die Funktionsweise des Geistes und können Strategien zum Umgang mit besonders problematischen Emotionen erlernen. Ein paar Tage. die darauf abzielt.und die daraus entstehenden Erkenntnisse sind nicht nur inspirierend. von denen maßgeblich abhängt. bei der es nicht in erster Linie darauf ankommt. Stattdessen geht er jenen Zusammenhängen auf den Grund. da er nur allzu gut weiß. nachdem meine Frau und ich Matthieu zum ersten Mal begegnet waren. Daniel Goleman 12 . Er ist zweifellos einer der glücklichsten Menschen. ergab es sich. Die Auffassung von Glück. waren die Stunden des Wartens vorüber. sondern zugleich von großem praktischem Wert. in Matthieus Nähe zu sein. dass die Schulung des Geistes viel Mühe und Zeit kostet. dass wir am Flughafen von Kathmandu mehrere Stunden miteinander verbrachten. ob wir glücklich sind oder leiden. die Voraussetzungen für echtes Wohlbefinden zu schaffen. Doch ehe wir uns versahen. die Matthieu hier in großer Klarheit vor uns ausbreitet. Darüber hinaus macht Matthieu deutlich.

ein sinnloses Leben. und um Sinngebung durch Einsicht und Herzensgüte. Meine Jugend war alles andere als langweilig. etwas Gutes oder Schönes aufzugeben.Einführung Wenn ich frühmorgens auf der Wiese vor meiner Einsiedlerhütte sitze. Die stille Schönheit der Landschaft wird ganz natürlich und übergangslos eins mit dem Frieden in mir. was ich wirklich wollte. Hatte ich der westlichen Welt entsagt? Entsagung ist. die beim Sonnenaufgang erglühen.Freiheit von geistiger Verwirrung und den Problemen. Das wäre ja wirklich töricht! Vielmehr geht es darum. wusste ich ganz genau. Anderseits hatte ich keine Ahnung. Ich kann mich noch genau an die Aufregung erinnern. was ich nicht wollte . als ich mit sechzehn die 13 . Denn hier geht es nicht darum. die aus einer selbstbezogenen Haltung resultieren. zumindest was den buddhistischen Sinn des Wortes angeht. an dem ich vor fünfunddreißig Jahren über die Zellteilung geforscht und an der Kartierung von Genen auf dem Chromosom des Bakteriums Escherichia coli gearbeitet habe. Das klingt nach einer ziemlich radikalen Kehrtwendung. habe ich über Hunderte von Kilometern hinweg die in den Himmel ragenden Gipfel des Himalaya vor Augen. Es geht um Freiheit und Sinngebung . ein vielfach missverstandener Begriff. Hier bin ich wirklich weit weg vom Institut Pasteur. Als ich zwanzig war. um sich stattdessen entschlossen in Richtung derjenigen Dinge zu bewegen. sich frei zu machen von unbefriedigenden Lebenserfahrungen. die wirklich wichtig sind.

habe ich aufgesaugt. das ich selbst sehr gerne mag. das er sprach. der unter seinem Schriftstellerpseudonym Jean-Frangois Revel zu einer der Säulen des intellektuellen Lebens in Frankreich wurde. in dem meine Eltern sich bewegten. einem seiner damals weniger bekannten Werke. die später buddhistische Nonne wurde. Mario Suares. mich mit einem meiner Freunde. für den sie viele Theaterkulissen gemalt hat. dem verzweifelten Philosophen. darunter Andre Breton. Er schrieb mir ein Autogramm in eine Kopie der Partitur von Agon.« In dem großen Kreis von Intellektuellen. Dieses Buch hielt sich ein ganzes Jahr lang in den Bestsellerlisten der USA. Poesie und menschlicher Wärme. und vielen anderen. Jedes Wort. Die Widmung lautete: »Für Matthieu . Im Jahr 1970 schrieb mein Vater das Buch Uns hilft kein Jesus und kein Marx. Meine Mutter. und Igor Strawinsky zum Mittagessen zu treffen. Mein Vater. Ich begann meine berufliche Laufbahn im Jahr 1967 als junger Forscher am Institut Pasteur. war mit großen Persönlichkeiten des Surrealismus und der zeitgenössischen Kunst befreundet. einem Journalisten. Henri Cartier-Bresson. und zwar im Zell14 . Leonora Carrington und Maurice Bejart. das ich besonders gern mochte. Yahne Le Toumelin.Agon. herrschte an faszinierenden Begegnungen kein Mangel. dem »Auge des Jahrhunderts«.Möglichkeit hatte. eine bekannte Malerin voller Lebensfreude. der Portugal vom Joch des Faschismus befreit hat. in dem er seine Ablehnung von politischem wie religiösem Totalitarismus zum Ausdruck brachte. organisierte unvergessliche Abendessen mit den großen Denkern und kreativen Köpfen seiner Zeit: zum Beispiel Luis Bunuel oder Emmanuel Cioran.

Skifahren.unter anderem mit Jacques Monod und Andre Lwoff. dem Segler und Navigator Jacques-Yves Le Toumelin. der erst kurz zuvor den Medizin-Nobelpreis verliehen bekommen hatte.Abenteurer. Er stellte mir viele außergewöhnliche Menschen vor . Mystiker. Forschungsreisende. die jeden Tag am Gemeinschaftstisch in einer Ecke der Bibliothek gemeinsam ihr Mittagessen zu sich nahmen. Und während des Sommers war ich viel auf dem Meer unterwegs: mit Freunden meines Onkels. dass ich ein Cembalo bauen wolle: ein Traum. Die Winter verbrachte ich damit. der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine der ersten Weltumsegelungen auf seinem dreißig Fuß langen Segelboot unternommen hatte.1 Das Fotografieren lernte ich von einem Freund. Segeln und Ornithologie. und vielen anderen Wissenschaftlern aus aller Welt. Mit zwanzig veröffentlichte ich ein Buch über Zugvögel und andere nomadisierende Tierarten. der mir aber zumindest einen Platz in einem der begehrtesten Labors eingebracht hat. Astrologen und Metaphysiken Eines Tages wollte er einen seiner Freunde 15 . und war so manches Wochenende mit dem Aufspüren von Lappentauchern und Wildgänsen in den Sümpfen von Sologne und an den Stränden des Atlantiks beschäftigt. weil er gehört habe. sondern auch. Meine anderen Vorlieben waren Astronomie. der professionell wild lebende Tiere fotografierte. den ich letztlich nie verwirklicht habe. Dort arbeitete ich mit den großen Namen der Molekularbiologie zusammen . mich habe er nicht nur aufgrund meines Universitätsabschlusses angenommen. Er hatte einem gemeinsamen Freund anvertraut.genetik-Labor von Frangois Jakob. die Skihänge der heimischen Alpen hinunterzurasen. Frangois Jakob betreute nur zwei Doktoranden.

und Mohandas Gandhi inspiriert. wie ein erfülltes Menschenleben aussehen kann. ihre Lebensweise zu ändern. nach Indien zu ziehen. Und etwas verschlug 16 . So beschloss ich 1972 im Alter von sechsundzwanzig Jahren.« Mein Leben war also wirklich spannend. die meinen Weg gekreuzt hatten. wissenschaftlichen und intellektuellen Fähigkeiten waren sie. So wie Glenn Gould hätte ich gerne Klavier gespielt. Wie war ich an diesen Punkt gelangt? Die eindrucksvollen Persönlichkeiten. am Fuß des Himalaya. keinen Deut besser oder schlechter als jeder von uns. Trotz ihrer künstlerischen.besuchen. fand allerdings an dessen Wohnungstür in Paris nur einen Zettel vor: »Muss dich dieses Mal leider versetzen. Entschlossenheit und Lebensfreude anbelangt. Alles änderte sich. Mit zwanzig hatte ich eine Reihe von Dokumentarfilmen meines Freundes Arnaud Desjardins über die großen spirituellen Meister gesehen. Sie lebten jetzt als Flüchtlinge in Indien und Bhutan. genauer gesagt nach Darjeeling. bin zu Fuß nach Timbuktu unterwegs. Auf der menschlichen Ebene hingegen wollte ich überhaupt nicht werden wie sie. als mir das Leben in Paris mal wieder zum Hals heraushing. verfügten alle über eine ganz spezielle Begabung. was Selbstlosigkeit. als ich ein paar bemerkenswerte Menschen traf. Weltoffenheit. die allein durch die Kraft ihrer menschlichen Eigenschaften andere dazu bringen konnten. um dort bei einem großen tibetischen Meister zu lernen. oder Schach wie Bobby Fisher. doch etwas Wesentliches fehlte einfach. Vor diesen Begegnungen hatten mich vor allem die Schriften von großen Persönlichkeiten wie Martin Luther King jr. die ein lebendiges Beispiel dafür waren. die nach dem skrupellosen Einmarsch der Chinesen aus Tibet fliehen mussten. oder Baudelaires poetisches Talent besessen.

dass ich eine Wirklichkeit entdeckt hatte. strahlten sie doch alle eine verblüffend ähnliche innere Schönheit. ich sammelte mich einfach in seiner Gegenwart und versuchte zu erkennen. Die Möglichkeit. ihm eine Richtung und einen Sinn geben konnte. Sokrates zu begegnen. Um die unerschöpflich tiefe Weisheit. reichen Worte einfach nicht aus. was man im Allgemeinen meditieren nennt. Mir wurde bewusst. wie er da mit dem Rücken vor einem Fenster saß. Im Laufe meiner darauf folgenden Reisen nach Indien. wie wichtig diese Begegnung mit Kangyur Rinpoche gewesen war. die ich zwischen 17 . Drei Wochen lang saß ich ihm von morgens bis abends gegenüber und hatte den Eindruck. regelrecht die Sprache: So unterschiedlich ihre physische Erscheinung auch sein mochte. die Heiterkeit und das Mitgefühl zu beschreiben. Doch unversehens tauchten da zwei Dutzend solcher Menschen direkt vor meinen Augen auf. was hinter dem Vorhang meiner Gedanken lag. Platons Dialogen zu lauschen oder zu Füßen des heiligen Franz von Assisi zu sitzen. Doch erst nach meiner Rückkehr aus Indien.mir. Wie soll ich meine erste Begegnung mit Kangyur Rinpoche im Juni 1967 in einer kleinen Holzhütte. mich zu entscheiden: Ich würde nach Indien fahren. das den Blick auf ein Wolkenmeer freigab. Mit anderen Worten. beschreiben? Er strahlte eine solche Güte aus. aus dem die majestätischen Gipfel des Himalaya bis zu einer Höhe von über 7000 Metern aufragten. hatte ich nicht. Ich brauchte nicht sehr lange. begriff ich. als ich sie in diesen Filmen erblickte. während meines ersten Jahres am Institut Pasteur. die von ihm ausgingen. um sie zu treffen. ich täte das. tiefes Mitgefühl und Weisheit aus. nur wenige Meilen von Darjeeling entfernt. die mein ganzes Leben inspirieren.

eine an Bedeutungsgehalt reiche Philosophie und spirituelle Praxis. Vielmehr handelte es sich um eine facettenreiche. Mein Vater war ziemlich verärgert und enttäuscht. die zu echter innerer Transformation führte. eine altruistische Lebenskunst. dass ich jedes Mal. derart abrupt abbrach.«2 Obwohl wir uns jahrelang selten sahen .1967 und 1972 jeweils im Sommer unternahm. sich blind einem Glauben zu ergeben. deren Anfänge seiner Ansicht nach so vielversprechend waren. denn sein unverfälschter und geradliniger Ansatz hebt ihn positiv von anderen religiösen Lehren ab und hat ihm den Respekt einiger der anspruchsvollsten westlichen Philosophen eingebracht. die jemals unsere Beziehung überschattet haben. und wenn ihn Journalisten nach mir fragten. verlangte nie danach. mein europäisches Leben komplett hinter mir ließ. pragmatische Wissenschaft des Geistes. wenn ich in Darjeeling ankam. fiel es mir nicht schwer. stellte ich fest. und deshalb wollte ich nichts überstürzen. Doch obwohl ich mehrere Jahre wartete. Darüber hinaus nahm er als überzeugter Agnostiker den Buddhismus nicht besonders ernst. dass ich meine Karriere. sagte er: »Die einzigen Wolken. jene Entscheidung zu treffen.« Was ich in den Lehren der buddhistischen Überlieferung fand.er besuchte mich in Darjeeling und später in Bhutan blieben wir einander nahe. wo ich wirklich sein wollte. Nach meiner Rückkehr ans Institut Pasteur eilten meine Gedanken dagegen das ganze Jahr über ständig in den Himalaya. meine Doktorarbeit fertigzustellen. obwohl er einmal schrieb: »Ich hatte nichts gegen ihn. waren die des asiatischen Monsuns. In den letzten fünfunddreißig 18 . die ich seither nie bereut habe: dorthin zu gehen und da zu leben. Mein Lehrer Kangyur Rinpoche hatte mir geraten.

als empirische Suche nach der Wahrheit. es ging eigentlich über das. Zwar sind. Ja. gesunde Denkweise und zugleich das lebendige Beispiel derer. Achtsamkeit und selbstlose Liebe. durch die man dauerhaftes Glück erreicht. Damals lernte ich auch meinen zweiten wichtigen Lehrer kennen. manche Menschen von Natur aus glücklicher als andere. Ich bin auch Menschen begegnet. kam hier auf stimmige Weise zusammen: eine tiefgründige. wie ich sie verstehe . was ich tue «-Attitüde. Alles. eine unablässige Schulung des Geistes und die Entwicklung einer Reihe von menschlichen Qualitäten wie etwa Geistesruhe. danach weiter in einer kleinen Einsiedlerhütte direkt oberhalb des Klosters. was mir helfen konnte. das ich inzwischen im Alltag in Asien vorwiegend spreche. Weit und breit nicht die geringste Spur von dieser »Tu nur. einen Weg zu einem erfüllten Leben zu finden.Jahren habe ich mich nie im Widerstreit zur wissenschaftlichen Geisteshaltung befunden. dennoch ist dieses Glück gefährdet und bleibt unvollständig . die in Wort und Tat Weisheit verkörpern. ist eine Kunst. hinaus: Sie waren von ihrer tiefen Einsicht in die Wirklichkeit und die Natur des Geistes durchdrungen und begegneten zugleich ihren Mitmenschen und anderen empfindenden Wesen voller Güte und Wohlwollen. aber bloß nicht. Dilgo Khyentse Rinpoche. studiert und meditiert. Ich blieb weitere sieben Jahre in Darjeeling. was wir normalerweise als »glücklich« bezeichnen. die so viele Suchende auf der ganzen Welt entmutigt. Es erfordert ständiges Bemühen. Ich lernte Tibetisch. die dauerhaft glücklich waren. auch das habe ich gelernt. mit dem ich dreizehn unvergessliche Jahre in 19 . Dort habe ich bis zu Kangyur Rinpoches Tod im Jahr 1975 in seiner Nähe gewohnt. was ich sage.eine Lebensweise zu pflegen.

und nicht wie eine Million Tibeter an Hunger und Verfolgung gestorben waren hatten fünfzehn oder gar zwanzig Jahre in Arbeitslagern zugebracht. war er für alle. Als ich also anfing. die überlebt hatten . Als ein Mensch. traf ich immer Menschen. Meditierende. und später in Bhutan. Ich diente auch als Khyentse Rinpoches Dolmetscher und reiste mit ihm nach Europa und nach Tibet. der Weisheit und des Mitgefühls. In Tibet standen nur noch Ruinen. wurde er auch zu einem Lehrer und Vertrauten des Dalai Lama. Gelehrte. als er nach dreißig Jahren im Exil zum ersten Mal in das Land der Schneeberge zurückkehrte. Im Jahr 1979 begann Khyentse Rinpoche mit dem Bau eines Klosters in Nepal. um das tibetische Erbe zu bewahren. die ihm begegneten.vom König von Bhutan bis zum einfachsten Bauer . hatte kein Radio und wusste wenig von dem. und viele Menschen. Sechstausend Klöster waren zerstört worden. Er war einer der großen Erleuchteten seiner Zeit. Seit Khyentse Rinpoches Tod im Jahr 1991 habe ich fast ununterbrochen dort 20 . dessen innere Reise zu den tiefsten Ursprüngen des Wissens geführt hatte. was draußen in der Welt vor sich ging. Von allen . um bei ihm zu lernen. eine Quelle der Güte. führte ich ein einfaches Leben. In einem nicht enden wollenden Strom kamen andere spirituelle Lehrer und Schüler zu ihm. die wandelnde Schatzkammern des Wissens waren und mir bei unklaren Textstellen weiterhelfen konnten. Künstler. Ich bekam alle paar Monate einen Brief.Bhutan und Indien verbrachte.verehrt. Philanthropen und viele andere strömten scharenweise ins Kloster Shechen. In Indien. Khyentse Rinpoches Rückkehr war wie ein Sonnenaufgang nach einer langen finsteren Nacht. tibetische Schriften in westliche Sprachen zu übersetzen.

der dafür bekannt war. Zum Glück fand das Zusammentreffen in meinem Revier statt. gnadenlos zu demontieren. Dort nahmen wir auch unsere Gespräche auf: anderthalb Stunden am Morgen und eine Stunde am Nachmittag. die Auffassungen anderer. denn ich fürchtete. geholfen. Bei einem Mittagessen schlug die Verlegerin meinem Vater verschiedene Buchideen vor.« Damit sei die Sache erledigt. und wir verbrachten zehn Tage in einer Herberge im Wald über dem Kathmandu-Tal. Gespräche mit meinem Vater zu führen und diese als Buch zu veröffentlichen. die er für falsch hielt.« Von da an sollte es aus und vorbei sein mit meinem ruhigen. Ich nahm den Vorschlag nicht besonders ernst und antwortete: »Dagegen hätte ich nichts einzuwenden. während er sich weiter den kulinarischen Genüssen widmete. dass mein Vater. Als ich von seiner Antwort erfuhr. dachte ich. mich komplett auseinandernehmen würde. Mein Vater 21 . Mein Vater kam nach Nepal. dem Abt des Klosters. Den Rest des Tages streiften wir gemeinsam durch die Wälder. dass mein agnostisch eingestellter Vater einem in Buchform veröffentlichten Dialog mit einem buddhistischen Mönch zustimmen würde. Doch als die Verlegerin ihm beim Nachtisch den Dialog vorschlug. die Vision unseres Lehrers zu verwirklichen. denn ich konnte mir einfach nicht vorstellen. Aber da hatte ich mich geirrt. Eines Tages erhielt ich einen Anruf aus Frankreich und wurde gefragt. auch wenn der Mönch sein eigener Sohn war. die er prompt alle ablehnte. ob ich bereit sei. anonymen Leben. erstarrte er und antwortete nach ein paar Sekunden des Schweigens: »Das kann ich nicht ablehnen. war ich ein wenig beunruhigt. Fragen Sie mal meinen Vater.gelebt und seinem Enkel Rabjam Rinpoche.

Zugleich machte mir diese Episode jedoch bewusst. denn am Ende des ersten Tages schickte er unserer Verlegerin Nicole Lattes ein Fax. manche Ideen. und es wurde in einundzwanzig Sprachen übersetzt. Allmählich dämmerte mir auch. dass ich bald über mehr Geld verfügen würde. mit anderen teilen zu können.« Ich hatte meinerseits eine lange Liste von Themen zusammengestellt. Ich wurde zu unzähligen Fernsehshows eingeladen und in einen Strudel von Medienaktivitäten hineingezogen. Einerseits war ich glücklich darüber. und sagte: »Sieh mal. als ich mir jemals vorgestellt hatte. rief er aus: »Aber das ist ja alles. die Tage vergingen. auf der er noch ein paar unbehandelte Themen gefunden hatte. Ich war noch derselbe Kerl. die ich sehr schätzte und die mein Leben so sehr bereichert hatten. um ihr mitzuteilen: »Es läuft gut. Da ich nicht vorhatte. und bei unserer letzten Sitzung kam er mit der Liste an. worüber die Philosophen in den letzten zwei Jahrtausenden diskutiert haben!« Wie dem auch sei. die Debatte werde vielleicht nicht seinem intellektuellen Niveau entsprechen. Das war eine ziemliche Umstellung. darüber haben wir noch gar nicht diskutiert. In Frankreich wurden über 350 000 Exemplare gedruckt. plötzlich aber zu einer Person des öffentlichen Interesses geworden.« Unser Buch mit dem Titel Der Mönch und der Philosoph war im Handumdrehen ein Erfolg. nachdem ich all die Jahre in Indien mit 50 Dollar im Monat ausgekommen war. Als er zum ersten Mal einen Blick darauf warf. mir ein großes Haus mit Swimmingpool zu kaufen. beschloss ich. in welchem Maß Berühmtheit etwas künstlich Herbeigeführtes ist.muss wohl etwas besorgt gewesen sein. wir machten weiter. alles Geld aus dem Erlös und den Rechten für dieses und alle folgenden 22 .

Nepal und Indien zu bauen und zu betreiben. Dem Vorschlag des berühmten Astrophysikers Trinh Xuan Thuan von der University of Virginia. Das geschah in zwei Schritten: Im ersten Schritt ging es um Physik und die Beschaffenheit der äußeren Wirklichkeit. mehr als dreißig Kliniken und Schulen in Tibet. Wir trafen uns schließlich 1997 in der Sommeruniversität von Andorra. die humanitäre Projekte und Bildungsprogramme in Asien durchführt. da ich schon lange viele Fragen in Bezug auf die Natur der äußeren Welt .die Welt der Phänomene . die ich gerne an einen Physiker richten wollte. inspiriert durch meinen Abt Rabjam Rinpoche gelungen. Sind Atome »Dinge« oder lediglich »beobachtbare Phänomene«? Hält die Vorstellung von einem »Ursprung« des Universums einer gründlichen Analyse stand? Gibt es eine konkrete Wirklichkeit hinter dem Schleier der äußeren Erscheinungen? Ist das Universum ein Zusammenspiel aus »sich wechselseitig beeinflussenden Geschehnissen« oder besteht es aus »voneinander unabhängigen Entitäten«? Wir entdeckten verblüffende Ähnlichkeiten zwischen der Deutung der Quantenphysik im Sinn der Kopen23 . Während langer gemeinsamer Spaziergänge durch die majestätische Landschaft der Pyrenäen führten wir einige höchst faszinierende Gespräche. Zusammen mit ein paar engagierten ehrenamtlichen Freunden und großzügigen Gönnern ist es uns.gesammelt hatte. Humanitäre Projekte sind seither zu einem zentralen Thema in meinem Leben geworden. einen Dialog über Buddhismus und Wissenschaft zu führen.Bücher einer Stiftung zu spenden. Und dann wandte ich mich wieder der Wissenschaft zu. im zweiten um die Kognitionswissenschaften und die Natur des Geistes. konnte ich nicht widerstehen. Nach dieser Entscheidung fiel eine Last von mir ab.

Geleitet wurde die Veranstaltung von Daniel Goleman. unter anderen Francisco Varela. hatte mir stets gesagt. Davidson und Paul Ekman. ethischen und menschlichen Aspekte der Wissenschaft.nicht nur für das Verständnis des menschlichen Geistes. war dann die Mitarbeit an wissenschaftlichen Studien über den Kern der buddhistischen Praxis: die Umwandlung. Francisco hatte zusammen mit dem amerikanischen Geschäftsmann Adam Engle das »Mind and Life«Institut gegründet. Damals ging es um das Thema »destruktive Emotionen«. zu fördern und zu organisieren. um in diesem Rahmen Begegnungen zwischen hochrangigen Wissenschaftlern und dem Dalai Lama. ein Pionier auf dem Gebiet der Neurowissenschaften. sondern auch für die konkrete Durchführung wissenschaftlicher Experimente. Weitere Treffen folgten. Der nächste Schritt. An den Konferenzen des »Mind and Life «-Instituts in Dharamsala. nahm ich im Jahr 2000 erstmals teil. Richard J.hagener Schule und der buddhistischen Sicht der Wirklichkeit. Offenheit und den von Herzen kommen24 . oder Transformation. mit dem ich immer noch voll beschäftigt bin. Bei diesem Dialog ging es vorrangig um die philosophischen. Denn darin liege ein ungeheures Potenzial . des Geistes. Die fünftägige Gesprächsreihe war gekennzeichnet durch große Klarheit. es gelte den Weg der Zusammenarbeit zwischen den Naturwissenschaften und den buddhistischen Meditierenden zu beschreiten. Es war ein wirklich faszinierendes Treffen mit einigen der führenden Wissenschaftlern auf diesem Gebiet. Mein inzwischen verstorbener spiritueller Freund Francisco Varela. und daraus entstand schließlich das Buch Quantum und Lotus. der von jeher großes Interesse an wissenschaftlichen Fragen hatte. dem Hauptaufenthaltsort des Dalai Lama in Indien.

um einen besonderen Beitrag zum Wohl der Menschheit zu leisten. Wir planten. und vielleicht sogar das Gehirn selbst verändert haben? Die praktische Umsetzung solcher Studien war schon immer einer von Franciscos Träumen gewesen. diese einmalige Gelegenheit zu nutzen. der mit dem Thema hundertmal besser vertraut war als ich. nach nahezu dreißig Jahren wieder in die Welt der Wissen25 . wie man mit Emotionen umgehen kann. und indem ich mich auf das aus den Wissenschaftlern und mehr als fünfzig Zuhörern bestehende Publikum konzentrierte. Denn es machte mich ein wenig verlegen. dies in Gegenwart des Dalai Lama zu tun. darzulegen. dass ein gemeinsames Forschungsprojekt daraus hervorgehen würde.den Wunsch. die buddhistische Auffassung zu den verschiedenen Möglichkeiten. was ich von meinen Lehrern gelernt hatte. Die Geschichte dieser fortdauernden Zusammenarbeit. Ich war gebeten worden. Also schlüpfte ich im Geist in meine gewohnte Rolle des Dolmetschers. mit Emotionen umzugehen. Gut zehn Jahre lang hatte ich immer wieder einmal als Französisch-Dolmetscher für den Dalai Lama gearbeitet. In Kooperation mit Richard Davidson und Paul Ekman wurde ein Plan für das weitere Vorgehen ausgearbeitet. versuchte ich die Essenz dessen zu vermitteln. Im Laufe der Konferenz zeichnete sich ab. in die ich inzwischen eng eingebunden bin. um an ihnen die Auswirkungen dieser langjährigen geistigen Schulung zu studieren. Wie würde sich ihre Fähigkeit. können Sie in Daniel Golemans Buch Dialog mit dem Dalai Lama . Es war schon ein aufregender Schritt für mich.Wie wir destruktive Emotionen überwinden können und im Kapitel 16 des vorliegenden Buches nachlesen. Ich fühlte mich wie ein Schuljunge vor einer Prüfung. Menschen mit langjähriger Meditationserfahrung in Forschungslabors einzuladen.

Ich war wirklich gespannt. die innere Schönheit derer. Außerdem wollte ich sehr gerne herausfinden. warmherzige Atmosphäre. und die äußere Schönheit ihrer Welt durch Bilder mit anderen teilen und dadurch vielleicht ein wenig Hoffnung wecken zu können in Bezug auf die Möglichkeiten. In den vergangenen Jahren habe ich mich außerdem immer intensiver mit der Fotografie beschäftigt und fünf Fotobände veröffentlicht. in vollen Zügen genossen. zu erfahren. dass wir an der Schwelle zu bahnbrechenden Forschungsergebnissen stehen. die der menschlichen Natur innewohnen. Weshalb also jetzt ein Buch über Glück? Am Anfang stand ein typisches Beispiel für die sogenannte »französische Ausnahme«. in der die Zusammenarbeit hier erfolgt. Einige französische Intellektuelle betrachten Glück mit Geringschätzung und vertreten ihre Meinung dazu sehr lautstark. Ich schätze mich glücklich. ob die Resultate innerhalb einer Gruppe von erfahrenen Meditierenden ähnlich ausfallen würden und inwiefern sie sich von den Resultaten bei meditativ ungeübten Menschen unterscheiden würden. Jetzt. mit denen ich zusammenlebe.schaft zurückzukehren . ob die neuesten wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden wohl Aufschluss darüber geben könnten. Auf Anregung einer französischen Zeitschrift habe ich mich mit einem von ihnen 26 . zum Zeitpunkt der Veröffentlichung erster wissenschaftlicher Dokumentationen zu diesen Studien. bin ich davon überzeugt. Seither habe ich die inspirierende. inwieweit verschiedene Meditationszustände wie das ruhige Verweilen in einsgerichteter Meditation oder das Entwickeln von Mitgefühl ihren unverkennbaren Ausdruck in den Gehirnstrukturen finden.noch dazu in Zusammenarbeit mit so herausragenden Wissenschaftlern.

In Boulevardzeitungen werden häufig die Ansichten bestimmter Personen zum Thema Glück abgedruckt. Richard Davidson und Alan Wallace zwei Tage in der wilden Küstenlandschaft im Norden Kaliforniens. Dieses Thema. Inspiriert durch die analytische und kontemplative Wissenschaft des Geistes. wie etwa die einer französischen Schauspielerin. Ein Jahr lang las ich alles über Glück und Wohlbefinden. was ich nur in die Finger bekommen konnte . wo wir einen Artikel mit dem Titel »Emotionen und Wohlbefinden aus buddhistischer und psychologischer Sicht«3 verfassten. die sagte: »Für mich besteht Glück darin. widersprachen einander häufig. die ich dank der Güte meiner Lehrer kennengelernt hatte. und sie schienen mir reichlich vage oder oberflächlich. so war mir bewusst geworden. und verwarfen den Gedanken. ist derart bedeutsam für das menschliche Leben. Die oben genannten Intellektuellen bekräftigten. dass es eine umfassende Untersuchung verdient. und so weiter. zu klären.« Oder etwa: »Spazieren gehen im Schnee unter sternenklarem Himmel«. In der Zwischenzeit verbrachte ich mit Paul Ekman.und natürlich auch das Leid besteht und wodurch beides zustande kommt. an Glück seien sie nicht interessiert. einen Teller mit leckeren Spaghetti zu essen. löste es landesweite Diskussionen aus. die ich fand. Naturwissenschaftlern und sogar in der Regenbogenpresse. dass es sich hierbei um eine Fertigkeit beziehungsweise eine Lebenskunst handeln 27 . Sozialpsychologen. sollte ich je wieder ein Buch schreiben. Die vielen Definitionen von Glück. unternahm ich also den Versuch.auseinandergesetzt und anschließend gedacht.in den Werken von westlichen Philosophen. worin wirkliches Glück . dann würde es mindestens ein Kapitel zum Thema Glück enthalten. Als das Buch in Frankreich erschien.

Ein Autor schrieb einen Artikel.das fällt mir ein. Ich war ein typischer junger Pariser Student. Das Leben zu vereinfachen. Freude. um die Welt zu verändern. aber das Kloster Shechen in Nepal bildet weiterhin meinen Lebensmittelpunkt. Mein Leben ist zwar hektischer geworden. In einer anderen Zeitschrift erschien ein Artikel mit dem Titel »Die Hexer des Glücks«. was tatsächlich gut für uns ist.das war für mich mit Sicherheit die lohnendste aller Unternehmungen. sich selbst zu verändern. Vor mir liegt zweifelsohne noch ein langer Weg mit praktischen Übungen und manchen Mühen. was wirklich wichtig ist und uns dauerhaft Erfüllung. um ihm seine Quintessenz abzugewinnen . der sich die 28 . während ich ein Resümee ziehe in Bezug auf dieses Buch hatten die Worte Glück und Güte keine große Bedeutung für mich. Nach einem schrecklichen Monat in Paris mit hitzigen Debatten und viel Medienrummel fühlte ich mich wie ein in seine Einzelteile zerlegtes Puzzle. Und vereinfachen bedeutet nicht. die Leute nicht länger mit den »schmutzigen Machenschaften des Glücks« zu behelligen. Gelassenheit.könne. Nach wie vor verbringe ich zwei Monate pro Jahr in meiner Einsiedlerhütte mit Blick auf die Gipfel des Himalaya. die man erlernen und in der man sich schulen kann. Doch ich genieße diese Reise in vollen Zügen. in dem er mich aufforderte. Nur zu gerne kehrte ich wieder in die Berge Nepals zurück. Als ich zwanzig war . vor allem aber den durch nichts zu ersetzenden Segen selbstloser Liebe bringt. bevor ich wahre innere Freiheit erlangen werde. wo ich die Teile wieder zusammenfügen und ganz werden konnte. Es bedeutet. aufgeben zu müssen. sondern herauszufinden.

davon hatte ich damals keine genaue Vorstellung. hatte allerdings keine Ahnung. Aber wie ich mein Leben führen sollte. dass in seinem Leben Weisheit und Mitgefühl den Ton angeben. dass in mir und anderen ein Potenzial vorhanden war. kein »buddhistisches« Buch im Gegensatz zu einem »christlichen« oder »agnostischen« Buch. der sich ein bisschen mehr Lebensfreude wünscht und zugleich möchte. Fünfunddreißig Jahre später liegt immer noch ein langer Weg vor mir. im Mai 68 in der Nähe der Sorbonne Barrikaden baute und demonstrierte. Deshalb ist dieses Buch. sondern für das Herz und den Verstand eines jeden Menschen. Daher ist es auch nicht für die »Buddhismus«-Regale in den Buchläden bestimmt. aber zumindest ist mir die Richtung klar. das sich auf fruchtbare Weise entfalten konnte.Filme von Eisenstein und den Marx Brothers ansah. Ich habe es aus dem Blickwinkel einer weltlichen. und ich genieße jeden Schritt auf diesem Weg. wie ich dieses Potenzial verwirklichen sollte. »säkularen« Spiritualität geschrieben .ein Thema. außer jeden Tag aufs Neue zu improvisieren. das auch dem Dalai Lama sehr am Herzen liegt. 29 . Ich spürte zwar irgendwie. Musik machte. obwohl von buddhistischem Geist erfüllt. ansonsten gerne Sport trieb und die Natur liebte.

was das Glück eigentlich sei. hat mir einmal von einer Unterhaltung erzählt. Auf ihre Äußerung: »Ich will glücklich sein« hatte sich zunächst betretenes Schweigen breitgemacht. müsste er zunächst wissen. was sie mit dem Leben anfangen sollten. »wird gewöhnlich verwendet. Jean-Jacques Rousseau Eine gute Bekannte aus den USA. schreibt Henri Bergson.. dass sich jemand mit deiner Intelligenz nicht mehr vom Leben wünscht. anderen Menschen helfen. Dann fragte eine ihrer Freundinnen: »Wie kann es sein. eine jener Vorstellungen. Abenteuer erleben. als Fotoredakteurin sehr erfolgreich.. Kinder bekommen.Kapitel 1 Eine kurze Betrachtung über das Glück Jeder Mensch will glücklich werden. wie ich glücklich sein will.1 31 . um das Ziel aber zu erreichen. . Es gibt so viele Möglichkeiten. die kurz nach der Abschlussprüfung an ihrem College im Freundeskreis stattfand. sein Glück zu finden: Man kann eine Familie gründen. die wir Menschen absichtlich unbestimmt gelassen haben. inneren Frieden finden. Alle stellten sich damals die Frage. als glücklich zu sein?« Worauf meine Bekannte erwiderte: »Ich habe nicht gesagt. ich möchte wirklich glücklich werden im Leben.« Das Wort Glück. damit jeder Einzelne sie auf seine ureigene Weise interpretieren kann«. Aber was ich letzten Endes auch tun werde. Karriere machen. um ein komplexes und unbestimmtes Phänomen zu beschreiben.

wie sehr die betreffende Person das Leben mag. Für Immanuel Kant muss Glück rational und ohne jede persönliche Färbung 32 .4 Hierbei handelt es sich vielleicht um einen dauerhafteren Zustand. und unzählige Philosophen haben die ihren beigesteuert. das sie führt«. in dem Freude uns unmittelbar möglich scheint. um einen Wirklich-keitsaspekt. »dass ein Mensch strahlt vor Freude über seine Existenz insgesamt oder über den lebendigsten Teil seiner aktiven Vergangenheit. Für den Philosophen Robert Misrahi bedeutet Glück dagegen.2 Diese Definition unterscheidet jedoch nicht zwischen tiefer innerer Zufriedenheit und der bloßen Wertschätzung äußerer Lebensumstände. die uns. flüchtiges Gefühl. Andre Comte-Sponville sagt dazu: »Mit ›Glück‹ meinen wir jeden Zeitraum. Für den heiligen Augustinus ist Glück »ein Jubilieren in der Wahrheit«.Ginge es um ein mehr oder weniger nebensächliches Gefühl.«5 Ist Glück eine Fertigkeit.3 Solches Glück muss zwangsläufig flüchtig und von Umstän-den abhängig sein. von dem die Qualität jedes einzelnen Augenblicks in unserem Leben abhängt. dann wäre es im Grunde ja einerlei. realen Gegenwart oder vorstellbaren Zukunft«. in dem ein Mensch die allgemeine Qualität seines gegenwärtigen Lebens insgesamt positiv bewertet. mit anderen Worten. Doch weit gefehlt: Hier geht es um ein Lebensgefühl. haben wir sie erst einmal erworben. ob die Definition des Wortes »Glück« vage bleibt. durch die Höhen und Tiefen des Lebens trägt? Man kann sich tausenderlei Gedanken über das Glück machen. die es ermöglichen«. die sich nur allzu oft unserer Kontrolle entziehen. dessen Intensität und Dauer von der Verfügbar-keit jener Ressourcen abhängt. Für manche Menschen ist Glück nur »ein momentanes. Was genau ist also »Glück«? Soziologen definieren Glück als »den Grad.

sein. wie sie dies angesichts eines Kitschromans tun würden. noch 33 . rümpfen sie die Nase. Diese unterschiedlichen Facetten reichen. anstatt einen echten und intelligenten Versuch zu wagen. dass die Menschen es inzwischen meiden. Von ihrem Panzer intellektueller Selbstgefälligkeit geschützt. sie sind zu stark an bestimmte Ereignisse oder Situationen gekoppelt. das uns die Medien anbieten? Ist sie das Resultat unserer gescheiterten Bemühungen. lässt sich streiten«. ein intensives Vergnügen. »aber die volkstümliche Vorstellung davon unterscheidet sich von derjenigen der Philosophen. einen fröhlichen Tag oder auf einen magischen Moment reduziert werden. für sich genommen. wahres Glück zu finden? Sollten wir uns besser mit dem Unglück abfinden. ein Aufflackern der Freude. Glück kann nicht auf ein paar angenehme Empfindungen. Was hat zu dieser Geringschätzung geführt? Ist sie die Antwort auf das künstliche Glück. ein flüchtiges Gefühl von Heiterkeit.beim Lächeln eines Kindes oder bei einer guten Tasse Tee nach einem Waldspaziergang? Wie bereichernd oder tröstlich solche echten Glücksmomente auch sein mögen. »Über die Frage. was Glück ist.« Wurde das Wort »Glück« so überstrapaziert. schrieb Aristoteles. das wir empfinden können . das Glück aus dem Leid herauszuschälen? Was ist mit dem einfachen Glück. als dass in ihrem Licht unser ganzes Leben erstrahlen könnte. während es für Marx mit Wachstum durch Arbeit zu tun hat. angewidert von den Illusionen und Banalitäten. die ihnen dabei in den Sinn kommen? Auch nur über die Suche nach Glück zu sprechen grenzt für manche Leute schon an Geschmacklosigkeit. der uns unerwartet aus dem Labyrinth unseres Daseins heraushebt.

lachen. wie wir sie betrachten. sondern ein nicht zu übertreffender Seinszustand. Ein Vorgeschmack von Glück Obwohl Berta Young schon dreißig war. die Art und Weise. Mit Glück meine ich hier das tief empfundene Gefühl eines auf innerem Reichtum. ja Überfluss beruhenden Wohlbefindens. Was kann man machen. durch die sich wahres Glück auszeichnet. über das Straßenpflaster hüpfen. eine flüchtige Emotion oder Stimmung. einfach ohne Grund.. anstatt zu gehen.absoluter Glückseligkeit! . Dieses ist nicht einfach nur ein angenehmes Gefühl. . einen Reifen drehen. als hätte man plötzlich ein großes Stück von dieser leuchtenden Spätnachmittagssonne verschluckt. das einem besonders gesunden Geist entspringt. das in der Brust ein feuriges Gefühl hervorruft und einen kleinen Funkenregen in jede Zelle.ohne Grund .. oder stehen bleiben und .erfasst wird. etwas in die Luft werfen und wieder auffangen. Seligkeit6 34 . um uns einen angemessenen Eindruck von jener tiefen und dauerhaften Erfüllung zu vermitteln. Glück beinhaltet aber auch. jeden Finger und jede Zehe sendet? Katherine Mansfield. können wir hingegen jederzeit ändern. wenn man dreißig ist und beim Einbiegen in die eigene Straße unversehens von einem Gefühl der Glückseligkeit . die Welt auf eine bestimmte Art und Weise deuten zu können. Denn die Welt zu ändern mag schwierig sein.nicht aus. wo sie lieber rennen möchte. gab es in ihrem Leben immer noch Augenblicke wie diesen.

Von Zukunftsplänen unbelastet. die sie an einem schönen Ort in der Natur erlebt haben. unberührte Natur. Man ist einfach. Der gemeinsame Nenner bei all diesen Erlebnissen scheint die vorübergehende Abwesenheit von inneren Konflikten zu sein. Diese Atempause. dem Spiel von Licht und Schatten in einem Wald bei Sonnenschein. Die betreffende Person fühlt sich im Einklang mit sich und der Welt. Man begnügt sich mit dem schlichten Akt des Gehens. aus dem jedes Gefühl von Dringlichkeit. weilt der Geist im gegenwärtigen Moment und ist nicht länger damit beschäftigt. dieser Moment. gewichen ist. der sie entgegengefiebert hatten. hier und jetzt. wird als tiefer Frieden empfunden. Gedankengebäude zu errichten. eine Auf35 . vom Ufer eines stillen Sees oder von einem nächtlichen Spaziergang durch eine verschneite Landschaft unter sternenklarem Himmel.Bitten Sie eine beliebige Anzahl von Menschen. Wieder andere werden über einen Moment des friedlichen Beisammenseins mit ihrer Familie oder einem geliebten Menschen sprechen. Andere werden von einem lange herbeigesehnten Ereignis berichten: einem mit Bravour bestandenen Examen. einer Begegnung. oder über eine Situation. oder von der Geburt eines Kindes. in der sie jemanden glücklich machen konnten. Bei einem Menschen. Bei einer solchen Erfahrung. Ihnen einen Augenblick »vollkommenen« Glücks zu beschreiben. von emotionaler Bedrängnis. Einige werden von Momenten tiefen Friedens erzählen. von einem am Horizont aufragenden Berggipfel. nehmen wir als Beispiel einen Spaziergang durch stille. Für wenige Augenblicke sind alle Gedanken an die Vergangenheit verschwunden. hegt man keine besondere Erwartung. der ein Ziel erreicht. frei und offen. einem triumphalen Erfolg im Sport.

während sie herüber36 . Nach einiger Zeit tauchte eine Bekannte am Rand der riesigen Wasserlache auf. diesen Atempausen in unserem endlosen Ringen. welche Umstände diesen begünstigen. einen Zustand der Gnade. löst sich die innere Spannung. und der grenzenlosen Ausdehnung des äußeren Raumes. an dem ich auf der Treppe zu unserem Kloster saß. Das darauf folgende Gefühl der Befreiung wird als tiefe innere Ruhe wahrgenommen.gäbe gemeistert oder einen Sieg errungen hat. Die Monsunstürme hatten den Vorplatz in eine Art Schlammsee verwandelt. unter der er lange Zeit stand. Sie können uns einen Eindruck vom Zustand wahrer Erfüllung vermitteln und uns helfen. frei von jeder Erwartung oder Angst. ein flüchtiger Augenblick. der nur aufgrund ganz bestimmter äußerer Umstände zustande kommt. betrachtete die Szenerie angewidert und beklagte sich. Wir nennen das einen magischen Moment. Trotzdem können wir etwas lernen aus diesen flüchtigen Momenten. und wir hatten einen kleinen Trampelpfad aus Ziegelsteinen angelegt. Diese beiden Zustände unterscheiden sich in ihrer Tragweite. Dauer und Tiefe. den man durch ein Nadelöhr sieht. Aber diese Erfahrung ist lediglich ein Vorgeschmack auf das Glück. Ein Seinszustand Ich erinnere mich an einen Nachmittag. keinem Wandel unterworfenen inneren Frieden des Weisen so groß wie derjenige zwischen dem winzigen Ausschnitt des Himmels. zu erkennen. Und doch ist der Unterschied zwischen diesen vorübergehenden Glücksmomenten und dem dauerhaften.

die sie 1986 bei ihrem ersten Besuch in Tibet mit einem Mann gehabt hatte. Ein paar Minuten später kam Raphaele. die dort mit ihm arbeiten mussten. und bot mir etwas Tee an. eine andere Bekannte. als sie hinzufügte: »Das Großartige am Monsun ist. sie mit meiner schweigenden Sympathiebekundung ein bisschen zu trösten. »Hopp. und hüpfte über den Ziegelsteinpfad durch das morastige Gelände. nickte ich freundlich. Ihre Augen strahlten. den er in einer großen Thermoskanne dabeihatte.« Zwei Menschen. Doch trotz seiner furchtbaren 37 . zwei Sichtweisen. der während der chinesischen Invasion Schreckliches durchmachen musste. in der Hoffnung. hopp«. sechs Milliarden Menschen. wirklich ein zauberhafter Mensch. der seinerzeit im DrakYerpa-Tal gebaut wurde. Wir lachten viel. »Er lud mich ein. Er war dazu verurteilt worden. Dann erzählte er mir. denn fast das ganze Jahr über führte das Flussbett kein Wasser! Alle seine Freunde. verdrehte sie die Augen und sagte: »Igitt! Und wenn ich nun in diesen widerlichen Dreck gefallen wäre? In diesem Land ist alles so schmutzig!« Da ich sie gut kannte. sechs Milliarden Welten. Immer mehr Kinder kamen herbei und starrten uns verwundert an. Steine für einen Damm zu hauen. bis sie mit dem Ausruf: »Was für ein Spaß!« trockenes Land erreichte. Viel ernster hatte mir Raphaele einst von einer Begegnung erzählt. Der Damm war vollkommen nutzlos. dass es dann keinen Staub gibt. über jeden einzelnen Ziegelstein. Und er stellte mir Fragen über Fragen. hopp. Bei mir angelangt.kam. dass die chinesischen Besatzer ihn zwölf Jahre lang gefangen gehalten hatten. auf einer Bank neben ihm Platz zu nehmen. sang sie dabei vor sich hin. starben einer nach dem anderen an Hunger und Erschöpfung. Zum ersten Mal überhaupt sprach er mit einem Menschen aus dem Westen.

verzweifelt weder angesichts einer Katastrophe. .. In jedem Augenblick. bedeutet dies. Ich bin schon tausend Mal in tausend Konzentrationslagern gestorben. Es gibt keine Neuigkeiten. auf welcher Seite des Gefängniszauns man sich befindet. Das alles kenne ich. wie jemand. Er kann seine Erfahrungen in großer Gelassenheit durchleben. dem innerer Frieden zuteil geworden ist. daran anzuhaften. noch verleitet Erfolg ihn zu Hochmut..«7 Bei einer öffentlichen Veranstaltung in Hongkong stand einmal ein junger Mann auf und fragte mich: »Können Sie mir einen einzigen Grund nennen. An diesem Abend fragte ich mich beim Einschlafen. Für ihn ist es kein »harter Schlag«. der so viel gelitten hatte. Wie einschneidend äußere Umstände auch sein mögen. dass sich ein Abgrund von Leid auftut. Hat man jeden Beweggrund weiterzuleben verloren. Und dennoch empfinde ich dieses Leben als schön und sinnvoll. warum ich weiterleben sollte?« Dieses Buch unternimmt einen bescheidenen Versuch. spielt es mit Sicherheit keine Rolle. Er verfällt nicht in Depressionen. Ein Jahr vor ihrem Tod in Auschwitz schrieb die bemerkenswerte junge Holländerin Etty Hillesum: »Wenn man ein inneres Leben hat. das Leben zu lieben. wenn die Dinge eine ungünstige Wendung nehmen und er mit Missgeschicken konfrontiert wird. denn er weiß und versteht.« Ein Mensch. dass Erfahrungen flüchtig sind und es keinen Sinn macht. Auf die eine oder andere Weise weiß ich schon alles. denn sein Glücksempfinden ruht auf einem soliden Fundament. Denn Glück besteht vor allem darin. so glücklich wirken konnte. die mich beunruhigen könnten. auf diese Frage zu antworten. Leid 38 . die vor Güte strahlten.Geschichte war nicht die geringste Spur von Hass in seinen Worten oder seinen Augen.

etwa von Hass. Solange wir Sklaven jener Unzufriedenheit und Frustration sind. dass wir den Widrigkeiten des Lebens einen blauäugigen Optimismus oder eine künstliche Euphorie entgegensetzen wollen. Glück ist auch kein erhabener Zustand. den es um jeden Preis aufrechtzuerhalten gilt. welche hingegen nähren sie? Wenn wir die Welt mit anderen Augen zu sehen beginnen. Diese Einsicht bildet die Grundvoraussetzung für ein lebenswertes Leben. das Leben durch eine rosarote Brille zu betrachten oder die Augen vor dem Leid und der Unvollkommenheit der Welt zu verschließen. müssen wir mehr über die Funktionsweise des Geistes und über die Natur der Dinge in Erfahrung bringen. ich bin glücklich. sich immer wieder zu sagen: »Ich bin glücklich. 39 . Vielmehr verlangt es von uns. Und es geht auch darum. läuft das keineswegs darauf hinaus. die ihn ansonsten im wahrsten Sinne des Wortes vergiften.« Genauso gut könnte man die Wand einer Ruine neu streichen. die unserer inneren Verwirrung entspringen. Bei der Suche nach dem Glück geht es nicht darum. Die Frage lautet also: Welche Geisteszustände rauben uns Lebensfreude. Denn im Grunde geht Leid immer Hand in Hand mit einer falschen Wahrnehmung der Wirklichkeit. Fanatismus und zwanghaften Vorstellungen aller Art. zu lernen. ihre tatsächliche Beschaffenheit. ist es sinnlos. Um das zu erreichen.ist genau wie Glück im Wesentlichen ein innerer Zustand. dass wir den Geist von toxisch wirkenden Einflüssen reinigen. wie man die Dinge relativieren und die Kluft zwischen den äußeren Erscheinungen und der Wirklichkeit verringern kann.

der im Buddhismus Unwissenheit genannt wird. unbeeinträchtigt durch die gedanklichen Projektionen. Etty Hillesum bringt das mit wenigen Worten auf den Punkt: »Das große Hindernis ist immer die Erscheinung und nie die Wirklichkeit. sondern eine Einsicht in die wahre Natur der Dinge.handelt es sich keineswegs um einen Grundzustand des Daseins.8 Vergängliches betrachten wir als etwas Dauerhaftes. das sie wahrnimmt. dass Dinge »gut« oder »schlecht« sind. erscheint uns als ebenso konkret und real. Unsere Alltagserfahrung sagt uns. halten wir für Glück: das Verlangen nach Reichtum.auf Sanskrit Samsara . mit denen wir sie überlagern. Macht. sondern um ein geistiges Universum. dass sie uns betrügt«.«9 Bei der Welt von Unwissenheit und Leid . autonomer Gebilde oder Begebenheiten wahr. Und das »Ich«. Ruhm und die Befriedigung unserer Vergnügungssucht. denen wir Eigenschaften zuordnen. Mit »Wissen« meint der Buddhismus nicht die Aufnahme und Bewältigung einer Unmenge von Informationen.Wirklichkeit und Erkenntnis Was meinen wir mit Wirklichkeit? Im Buddhismus steht das Wort für die wahre Natur der Dinge. Aus Gewohnheit nehmen wir die Außenwelt als eine Reihe getrennter. die zur Quelle von Leid werden. Dieser Irrtum. Letztere lassen eine Kluft zwischen unserer Wahrnehmung und der Wirklichkeit entstehen und führen zu einem Dauerkonflikt mit der Welt. die im Allgemeinen Leid zur Folge haben. das auf unsere fehlerhafte Realitätswahrnehmung zurückzuführen ist. 40 . »Wir interpretieren die Welt falsch und sagen. führt zu starken Reaktionen von Anhaftung und Ablehnung. die ihnen nach unserer Überzeugung von Natur aus innewohnen. schrieb Rabindranath Tagore. und Dinge.

immun gegenüber den Kräften von Ursache und Wirkung.die Hauptursache unseres Leids . deren Abglanz sich in all unseren Gefühlszuständen zeigt. und sich wieder auflöst. das sich auf die wahre Natur der Dinge und Lebewesen bezieht. Mit Einsicht ist hier kein philosophisches Gedankengebäude gemeint.zu überwinden. nichts existiert für sich und aus sich selbst. So entsteht Einsicht. in wechselseitiger Abhängigkeit voneinander. Vielmehr entspringt sie einer Grundhaltung. Unwissenheit bedeutet in diesem Zusammenhang. so wie jedes Sesamkörnchen von Öl durchtränkt ist. die all unseren Erfah41 . ermöglicht uns ein sinnvolles. Wie ein Regenbogen. sind weder eigenständig noch dauerhaft. Wenn wir dieses Grundprinzip erst einmal verstanden und verinnerlicht haben. Alles ist Beziehung. die Inbesitznahme dieses verborgenen Schatzes. nach und nach unsere geistige Blindheit und die durch sie hervorgerufenen störenden Emotionen . weicht die fehlerhafte Wahrnehmung der Welt einem angemessenen Verständnis. Jedes Wesen trägt das Potenzial zur Vervollkommnung in sich. Das ist der sicherste Weg zu innerem Frieden und echter Selbstlosigkeit. wie ein Bettler.Die Welt der Erscheinungen wird durch das Wechselspiel unzähliger. der sich bildet. wenn einer der für seine Entstehung maßgeblichen Faktoren verschwindet. der nichts weiß von dem unter seiner schäbigen Hütte vergrabenen Schatz. Es gibt eine Ebene der Existenz. wenn die Sonne durch eine Regenwand scheint. sich dieses Potenzials nicht bewusst zu sein. sich ständig verändernder Ursachen und Bedingungen hervorgebracht. die es uns ermöglicht. Die Verwirklichung unserer wahren Natur. erfülltes Leben. existieren die Phänomene dieser Welt prinzipiell in Form eines wechselseitigen Bedingungsverhältnisses.

so tief. Sukha bezeichnet jenen Zustand dauerhaften Wohlbefindens. unverzerrt. dass es. Zugleich bezeichnet sukha die Weisheit. außerdem die Freude. wie sie ist .wie das gewaltige Reservoir stillen Wassers unterhalb einer sturmgepeitschten Oberfläche«.10 Das Sanskrit-Wort für diesen Seinszustand heißt sukha.ohne Schleier. der sich einstellt. 42 . die von uns auf andere ausstrahlt.rungen von Freude und Leid zugrunde liegt und sie zugleich in sich birgt: ein Glück. wenn wir uns von geistiger Blindheit und quälenden Emotionen befreit haben. und schließlich die Güte. sich der inneren Freiheit zu nähern. wie Georges Bernanos schrieb. die uns die Welt sehen lässt. »von nichts berührt werden kann .

auf Abstand zu halten. 43 . was Glückseligkeit schafft. Ist sie hingegen nicht da. in der Hoffnung. auf der Suche nach Abenteuer oder inmitten unserer Alltagsroutine streben wir alle danach. Denn ist sie da. dass sie uns und anderen Erfüllung und Wohlbefinden bescheren werden. glücklich zu sein? Wir müssen uns also kümmern um das. besitzen wir alles. Epikur Wer will schon leiden? Denkt irgendjemand morgens beim Aufwachen: »Ach. gekonnt oder ungeschickt. Aber auf welche Weise wir das Glück auch suchen. das wir stets um seiner selbst willen wählen und nicht als Mittel zu einem anderen Zweck.Kapitel 2 Geht es im Leben darum. um ihrer teilhaftig zu werden. An jedem Tag unseres Lebens finden wir tausend verschiedene Mittel und Wege. ob wir es nun Freude oder Pflicht nennen . unsere Lieben zu schützen und diejenigen. voller Leidenschaft oder in aller Ruhe. Dennoch verwechseln wir so oft echtes Glück mit der bloßen Jagd nach angenehmen Gefühlen. könnte ich doch heute bloß den ganzen Tag leiden?« Bewusst oder unbewusst. glücklicher zu sein und weniger zu leiden. dann tun wir alles. Wir investieren Zeit und Energie in diese Bemühungen.ist nicht letzten Endes Glück das Ziel aller Ziele? Aristoteles bezeichnete es als das einzige Ziel. intensiv zu leben. Bande der Freundschaft und Liebe zu knüpfen. unser Leben zu bereichern. die uns schaden könnten.

sondern sein Pflichtgefühl. wenn wir allen Schwierigkeiten und Hindernissen zum Trotz durch langfristige Anstrengung ein als lohnend erachtetes Ziel erreicht haben. glücklich zu sein. komme in seinen Überlegungen überhaupt nicht vor. weiß im Grunde nicht. die persönliche Verantwortung für seine Familie. Oft haben wir einfach falsche Vorstellungen davon. Der tibetische Meister Chögyam Trungpa erläutert: »Wenn wir von Unwissenheit sprechen. seinen Mitarbeiterstab. die wir empfinden. Wir erleben dann ein Gefühl innerer Ausgeglichenheit. wie dieser Zustand des Wohlbefindens zu erreichen sei. Er sucht sein Glück lediglich unter einem anderen Namen. seine Arbeit und die Menschheit allgemein. aus dem Bett.Wer Gegenteiliges behauptet. uns zum Vorteil zu verändern. nicht der Wunsch. meinen wir nicht Dummheit. auf. Der Harvard-Professor Stephen Kosslyn. weist zweifellos bestimmte Aspekte von wahrem Glück. Auf eine bestimmte Art ist Unwissenheit sogar sehr intelligent. Allerdings handelt es sich um Einbahnstraßen-Intelligenz . Indem er seine »Pflicht« tut . einer der führenden Wissenschaftler im Bereich der Erforschung von Visualisierungsprozessen. sukha. wonach er sucht. Das Wort »Glück«. die nur in der einen Richtung 44 . hat einmal zu mir gesagt.und sogar. dass Entbehrungen und Leid den »Charakter formen« -. wenn er morgens die Augen aufschlage. Zwar hegen wir den Wunsch. strebt auch ein solcher Mensch eindeutig nicht nach persönlichem Unglück oder nach Unglück für die Menschheit. so betonte er. Darin liegt die Tragik. wenn er überzeugt ist.eine Intelligenz. Aber denken wir ein wenig darüber nach: Die Befriedigung. ihn treibe. doch die Unwissenheit macht uns einen Strich durch die Rechnung.

und manche von ihnen sind offenbar zutiefst überzeugt. Und ebenso ist ein Mensch. verzweifelt auf der Suche nach Glück.in völliger Unkenntnis seiner wahren Natur. Aber Böswilligkeit. die beste aller Welten schaffen zu wollen. Wie können wir diese grundlegende Unwissenheit überwinden? Allein durch Ehrlichkeit und aufrichtige Selbsterforschung. die von ihnen verübten Scheußlichkeiten seien gerechtfertigt: Ihren egoistischen Impulsen folgend. selbstgerechter oder überheblicher Mensch. unvoreingenommen und systematisch jeden einzelnen Aspekt des eigenen Leids und jenes Leids.«1 Einem buddhistischen Lexikon zufolge ist Unwissenheit gleichbedeutend mit dem Unvermögen. So behaupten zum Beispiel die Befürworter ethnischer Säuberungen. mag dies auch total widersinnig und krank erscheinen. Dabei gilt es zu verstehen. Analyse besteht darin. für die es zwei Möglichkeiten gibt: Analyse und Kontemplation. die wahre Natur der Dinge sowie das für Glück und Unglück maßgebliche Gesetz von Ursache und Wirkung zu erkennen. fanatischer. statt einfach zu sehen. Das heißt. für ihre Untaten eine Art Anerkennung. blindlings nach Glück . Nichtsdestoweniger strebt auch ein grausamer. wir reagieren ausschließlich auf die eigenen Projektionen. welche Gedanken. Verblendung. einer eingehenden Betrachtung und Bewertung zu unterziehen. selbst wenn er noch so weit vom Weg abgekommen ist. das wir anderen zufügen. säen sie Tod und Verderben und erwarten obendrein. Worte und Handlungen unweigerlich Schmerz 45 . um unerträglicher Qual ein Ende zu setzen. der Selbstmord begeht. Verachtung und Überheblichkeit können niemals der Weg zu echtem Glück sein.funktioniert. was da ist.

Für manche von uns mag das ein Leben sein. unsere Liebe zum Leben zu nähren.und Leid verursachen und welche von ihnen wohltuend sind. deren Kraft ausreicht. sagte einmal zu mir: »Wenn du zwischen der vorherigen und der nächsten Dosis nicht ein bisschen 46 . Folgender Wunsch: »Möge in meinem Leben und dem meiner Mitmenschen jeder Augenblick von Weisheit. entdecken wir vielleicht. worauf es uns ganz besonders ankommt. Das ist die Grundvoraussetzung für einen solchen Ansatz.ein Leben. etwas nicht in Ordnung ist.als würden wir eine innere Landschaft betrachten um herauszufinden. viel Freizeit oder . all den anderen Wünschen und Bestrebungen zugrunde liegender Wunsch derjenige nach einer inneren Zufriedenheit ist.etwas bescheidener . dass unser wichtigster. die uns Freude bereiten. Für andere geht es vielleicht darum. fruchtbarer Weiterentwicklung und innerem Frieden zeugen!« Am Leid Gefallen finden? Ein Pariser Jugendlicher. Im Unterschied dazu erheben wir uns beim kontemplativen Ansatz für einen Moment über den Strudel der eigenen Gedanken und schauen still nach innen . gesellschaftlichen Erfolg. und den brennenden Wunsch verspüren. wie wir leben und handeln. Wenn wir noch weiter in uns gehen. in dem uns nicht unnötig viel Leid widerfährt. mit dem ich über Drogen sprach. das wir in jedem Augenblick intensiv ausleben und in dem wir all die Köstlichkeiten ausprobieren. uns zu ändern. dass mit der Art und Weise. bestimmte Ziele zu erreichen: eine Familie. Doch jede dieser Formeln greift zu kurz. Aber zunächst einmal müssen wir natürlich erkennen.

interessiert mich nicht. Daran zu arbeiten. weil es eine »Lebendigkeit.« Von diesem Standpunkt aus plädiert er also für den flüchtigen Sinnestaumel und tut die Suche nach tiefem und dauerhaftem inneren Frieden als Utopie ab.«2 Was für ein verrücktes Karussell: Hier. hole ich es mir. weißt du den Unterschied gar nicht recht zu schätzen. strebt man diese nicht um ihrer selbst willen an. Auch wenn es nicht echt ist und jedes Mal ein bisschen schwächer wird. dass es kein Ziel an und für sich ist. der sich mit dem Hammer auf den Kopf schlägt. Kurzum: Dauerhaftes Glück ist demnach langweilig. Darüber hinaus wirkt es dadurch so anziehend. wenn er damit aufhört. Wir schätzen solche Kontraste vielleicht. Für die Momente der Euphorie nehme ich schon in Kauf. sondern weil sie als eine Art Kontrastprogramm die Verheißung von Veränderung in sich tragen. wenn es zwischendurch immer wieder »lausige« oder unglückliche Phasen gibt. . nehme ich ihn eben an. bevor du dein Glück genießen kannst! Das erinnert an den Geisteskranken.. sondern uns immer die Hoffnung auf etwas (auf Glück. um sich besser fühlen zu können. luziferische Intensität hat. dass ich innerlich glücklich und zufrieden bin. Doch obwohl das Leben vielleicht ein bisschen abwechslungsreicher wird. weil es immer gleich bleibt. weil sie dem Leben ein wenig Würze geben. Da ich meinen Schmerz nicht loswerden kann. Das ist zu schwierig und dauert mir zu lange. eine äußerst verlockende.abstürzt. Leid demgegenüber interessanter.. Aber wer möchte 47 . Ich will mein Glück sofort haben. weil es stets Abwechslung bietet. genauer gesagt) lässt. dass es mir in der Zwischenzeit ziemlich dreckig geht. Für den Autor Dominique Noguez ist Leid interessanter als Glück. noch ein bisschen mehr Schmerz.

sollten wir die Worte des römischen Philosophen Seneca verstehen: »Zu leiden schmerzt vielleicht. den wir ein Leben lang einatmen. sondern dass wir nur glücklich sein wollen. ist tief im Wesen des Menschen begründet. um uns mitfühlend für jene zu öffnen. dass er uns gar nicht bewusst ist. was wir brauchen. die unweigerlich in Frustration endet. Er ist die treibende Kraft hinter all unserem Handeln. und nur in diesem. Unsere Natur verlangt es von uns«. »der Wunsch. In diesem Sinn. in einen Gewinn ummünzen. aber es ist kein Übel. während wir uns zugleich darüber im Klaren sind. die ebenso leiden wie wir . Kant 48 . jeden Gedanken. Dieser Wunsch motiviert so selbstverständlich jede unserer Handlungen. da wir es nicht vermeiden können. ja vielleicht sogar klug.« Es ist kein Übel.oder mehr. den berechtigten Wunsch nach innerer Erfüllung mit einer Utopie zu verwechseln. ähnlich wie der Sauerstoff. Die älteste. schrieb der heilige Augustinus in De beata vita (Vom glücklichen Leben). dass es an und für sich nie etwas Gutes ist. jedes Wort.wirklich Augenblicke der Freude gegen Augenblicke des Leids eintauschen? Wäre es da nicht eine bessere Idee. ohne je einen Gedanken daran zu verschwenden. um glücklich zu sein Sich Glück als die Verwirklichung all unserer Wünsche und Träume vorzustellen bedeutet. indem wir daraus lernen und uns verändern. wenn wir es. glücklich zu sein. selbstverständlichste und zuverlässigste Konstante in dieser Welt ist nicht bloß. Leid als Hilfsmittel für die innere Transformation zu nutzen. Alles. dass wir glücklich sein wollen. Im Gegenteil.

als ich jemals brauchen werde. Chico. in ihrem ganzen »Ausmaß« und in ihrer vollen »Dauer«3. genauso wahrscheinlich. Ein gutes Beispiel dafür. Tatsache ist. mit allem. den ich einmal in einem Gangsterfilm gehört habe: »Ich will. Wenn unser Leben hin und her pendelt zwischen Hoffnung und Zweifel. die Befriedigung all unserer Wünsche erreichbar wäre. Wenn er behauptet. für den »sich alles seinem Willen und seinem Wunsche gemäß entwickelt«4. zu Gleichgültigkeit. was in ihr ist. und immer noch nicht glücklich bin. im Idealfall. was mir zusteht. Überdruss und Depression führen. was wir brauchen. um glücklich zu sein. würde uns das nicht glücklich machen. ob es so etwas wie Glück überhaupt gibt. wenn er sagt: »Glück ist die Befriedigung all unserer Wünsche« in ihrer ganzen »Vielfalt«. aufgrund welcher geheimnisvollen Prozesse denn alles nach unseren Wünschen und unserem Willen ablaufen könnte.« »Was steht dir zu. muss Glück ja ein Ding der Unmöglichkeit sein. ob die Befriedigung all unserer Wünsche und Launen uns nun glücklich machen würde oder nicht.verweist Glück von vorneherein in die Sphäre des Unerreichbaren. Wieso Depression? Könnten wir uns selbst davon überzeugen. dass wir ohne Weisheit und inneren Frieden nichts von dem besitzen. sondern nur zur Entstehung immer neuer Wünsche oder. Mann?« »Die Welt. Das erinnert mich an einen Dialog. können wir dieses Leben Stück für Stück vergeu49 . dann ließe uns das Zerplatzen dieser Illusion daran zweifeln. Begierde und Überdruss.« Selbst wenn. Wenn ich mehr besitze. wie sehr wir uns in Bezug auf die Ursachen des Glücks täuschen können. Aufregung und Langeweile. dass Glück der Zustand eines Menschen sei. müssen wir uns fragen.

dass wir unser persönliches Glück vernachlässigen sollen. nicht die Befriedigung des unerschöpflichen Verlangens nach äußeren Dingen. Indem wir andere glücklich machen.5 Selbst wenn äußerlich alles auf ein glückliches Leben hinzuweisen scheint. Kurzum: Ziel des Lebens ist es. machen wir uns selbst glücklich.den. ist Egoismus besonders unfruchtbar. ohne irgendwo anzukommen. Das bedeutet keineswegs. die mit Liebe für alle 50 . Figur oder ein anderes Persönlichkeitsmerkmal ins Schwärmen zu geraten. mehr oder weniger blindlings Gebrauch machen. Glück ist ein Zustand innerer Erfüllung. schrieb Romain Rolland. »Wenn selbstsüchtiges Glück das einzige Ziel im Leben ist. Vielmehr sollten wir den tief empfundenen eigenen Wunsch. müssen wir lernen. in jedem Augenblick unseres Daseins Sinn und Erfüllung zu erfahren. ohne es überhaupt zu merken. das Leben zu lieben. über die eigene Augenfarbe. Das sollten wir unbedingt verstehen. Sich selbst zu lieben heißt im Grunde. in jedem Augenblick einen Zustand tiefen Wohlbefindens zu erfahren und einer Weisheit teilhaftig zu werden. unser Glück zu schmieden. uns selbst zu lieben. wird das Leben bald ziellos«. von denen wir in dem Bestreben. Um andere lieben zu können. Damit ist nicht gemeint. falls wir uns vom Glück der anderen abkoppeln. gebührend anerkennen. können wir nicht wirklich glücklich sein. Das eigene Verlangen nach Glück ist ebenso berechtigt wie das eines jeden anderen Menschen. Hängt unser Glück vom Glück der anderen ab? Unter all den unbeholfenen und übertriebenen Methoden und Wegen. mal hierhin und mal dorthin rennen.

um allein und in Stille herauszufinden. die Welt zu erleben. Und falls Sie es einem Zustand des Geistes verdanken. Eine solche Liebe bedeutet. Darin besteht die unwandelbare Einfachheit eines herzensguten Menschen. die allen Menschen ohne Unterschied ein sinnerfülltes Leben wünscht. sollten Sie überprüfen. wie sich dieser noch weiter kultivieren lässt. Wahres Glück beruht auf jener Herzensgüte.frei von Eigeninteresse und ohne eine große Sache daraus zu machen.Wesen einhergeht. zurückzuführen? Falls Ihr Glück auf äußeren Umständen beruht. ÜBUNG: Untersuchung der Glücksursachen Nehmen Sie sich einen Moment Zeit. 51 . inwieweit auf diese Verlass ist. stets für andere da zu sein . was Sie wirklich glücklich macht. können Sie sich fragen. Hängt Ihr Glück hauptsächlich von äußeren Umständen ab? Wie viel davon ist auf Ihre innere Haltung und Ihre Art und Weise.

temporär und meistens trügerisch. was wir brauchen«. nehmen unseren Platz in der Gesellschaft ein und arbeiten daran. Wie kann es sein. dass wir dies total falsch einschätzen? Weil wir nicht wissen. rennen ihm jedoch in die Arme. Andererseits können wir unter widrigsten Umständen inneren Frieden erleben. Wir sehnen das Glück herbei. Wir fürchten das Leid. tut sich zwischen Wunsch und Wirklichkeit eine tiefe Kluft auf. Wir können »alles haben. wie wir vorgehen sollen. ein materiell abgesichertes Leben führen zu können . um glücklich zu sein. äußere Um53 . Die Vorstellung. Tibetisches Sprichwort Obwohl jeder von uns auf die eine oder andere Weise glücklich sein will.Kapitel 3 Die beiden Seiten des Spiegels der Blick nach innen und der Blick nach außen Das Glück außerhalb von uns zu suchen gleicht dem Warten auf Sonnenschein in einer nach Norden gelegenen Höhle. befände es sich für immer außerhalb unserer Reichweite.reicht das für eine Definition von Glück? Nein. Unsere Wünsche sind grenzenlos und unsere Kontrolle über die Welt ist begrenzt. gründen Familien. und dennoch zutiefst unglücklich sein. obwohl es eigentlich ein innerer Zustand ist. Wäre es mit einem äußeren Umstand gleichzusetzen. kehren ihm indes den Rücken. Wir schließen Freundschaften. Darin besteht die menschliche Tragödie. Wir suchen das Glück in der Außenwelt.

« 1 Wie oft müssen wir noch hören. und verwenden eine Menge Zeit darauf. wird mit Sicherheit ein unsanftes Erwachen erleben. Wie sagte der Dalai Lama doch einst: »Wenn ein Mann. die letztlich für die Qualität unseres Lebens entscheidend sind.« Diese Bemerkung eines Wissenschaftlers auf der Höhe seines Schaffens. um gesund zu bleiben. Wer so denkt. Welche sonderbare Unentschlossenheit. den eigenen Wohlstand zu mehren und die gesellschaftliche Stellung zu verbessern. tun jedoch andererseits so wenig. der gerade ein Luxusappartement im 100. Stock eines nagelneuen Gebäudes bezogen hat. Krankheit und Tod können uns in jedem Augenblick heimsuchen. aus dem er hinausspringen kann. eines bodenständigen und aufgeschlossenen 54 . dass Macht auch den rechtschaffensten Menschen verdirbt. die eigentliche Essenz von Freude und Leid. größeren Komfort zu haben. Begierde und Hass zu erfassen. zutiefst unglücklich ist. Misserfolg. dass Ruhm die Privatsphäre zunichte macht. und an der Grenze unseres Verstandes verlässt uns der Mut. Angst oder Gleichgültigkeit hält uns davon ab. in dem Versuch. um die inneren Voraussetzungen zu verbessern. wird er einzig und allein nach einem Fenster Ausschau halten. ist naiv. Trennung. diese innere Welt zu erforschen.stände allein könnten uns Glück garantieren. dass wir uns mit Geld kein Glück kaufen können. Wir trainieren in Fitnesszentren. Ein japanischer Astronom gestand mir einmal: »Der Blick nach innen erfordert sehr viel Mut. Wir gehen bereitwillig ein Dutzend Jahre zur Schule und danach noch ein paar weitere auf die Universität oder in eine Berufsausbildung. nach innen zu blicken? Die Furcht vor dem Unbekannten ist groß. In diese Dinge investieren wir sehr viel Energie.

dass du wahres Glück und echte Erfüllung finden wirst. Qualität oder Stabilität der äußeren Umstände unter Kontrolle zu bekommen.Mannes. was ich dort entdecken könnte. der Philosoph und praktizierende Buddhist Alan Wallace. das ein faszinierendes Forschungsprojekt zu sein versprach? Marc Aurel schrieb: »Blicke in dein Inneres! Da drinnen ist eine Quelle des Guten. Macht.«2 Das gilt es zu lernen. und wenden uns unwillkürlich nach außen. ein löchriges Fass zu füllen. kannst du dir genauso gut viel Glück in der Lotterie des Lebens wünschen. wie wir sie lösen können. Mein Freund.« Warum sollte er vor etwas zurückschrecken. welche äußeren Umstände uns glücklich machen könnten. dennoch ist es uns nie möglich. die beste Versicherung abschließt. Die Suche nach vorübergehendem Wohlbefinden mag zwar gelegentlich von Erfolg gekrönt sein. Das gilt für fast alle Lebensbereiche: Familie. Luxus. Ein kalifornischer Jugendlicher hat mir kürzlich erzählt: »Ich will nicht in mich hineinschauen. dir einen hervorragenden Ruf erarbeitest. Gesundheit. Wir verbringen unser Leben damit. ein großes Haus kaufst. die Quantität.«3 Wenn wir unsere Zeit mit dem Versuch verschwenden. haben wir keine Ahnung. uns vorzustellen. Die Macht der Gewohnheit sorgt dafür. Behelfslösungen zusammenzuschustern. eine berufliche Spitzenposition erreichst falls das deine Ziele sind. hat das so formuliert: »Falls du darauf setzt. Ich habe Angst vor dem. vernachlässigen wir die Methoden. wenn du den vollkommenen Partner triffst. Wenn uns innere Konflikte in Verwirrung stürzen. und versuchen. vor 55 . ein dickes Auto fährst. hat mich fasziniert. Vergnügen. Wohlstand. dass wir diese Lebensweise ganz normal finden: »So ist das Leben« wird dann zu unserem Wahlspruch.

das er sich selbst gegeben hatte: Er werde eine Million Dollar sparen. in alle Welt reisen zu können. es zu mehren. Zehn Jahre später besaß er nicht eine. Status und Macht. die unter solchen Bedingungen leben. steht am Ende unweigerlich die Enttäuschung. arbeiten wir. dann seine Arbeit aufgeben. Zugang zu Bildung und Wissen zu haben. dass wir nicht klar zu erkennen vermögen. Und wie stand es nun um sein Glück? Die Antwort war kurz und bündig: »Ich habe zehn Jahre meines Lebens vergeudet. Haben wir es schließlich verdient. In der Hoffnung. so viel wie möglich zum Wohlergehen der Mitmenschen beizutragen und die Umwelt zu schützen. bei guter Gesundheit möglichst lange zu leben. Soziologische Untersuchungen ganzer Bevölkerungen zeigen eindeutig. Schuld daran ist in erster Linie der Umstand. Ein Freund aus Hongkong erzählte mir einmal von einem Versprechen. Wer würde sich etwas anderes wünschen? Doch wenn wir all unsere Hoffnungen ausschließlich an der Außenwelt festmachen. frei zu sein in einem Land.allem aber eine Lebensführung. dass es höchst wünschenswert ist. Vergnügen. sind wir wie besessen von der Idee. dass Menschen. um glücklich 56 . dass Geld uns glücklicher machen wird.« Wir streben nach Wohlstand. sondern drei Millionen. in dem Frieden und Gerechtigkeit herrschen. über ausreichende Mittel für den eigenen Lebensunterhalt zu verfügen. Niemand würde bestreiten. um möglichst viel Geld zu verdienen. leiden wir. welche Faktoren Glück und welche Faktoren Leid verursachen. durch die es uns möglich wird. um das Leben zu genießen und auf diese Weise glücklich zu werden. Und wenn wir es verlieren. das Glück in uns selbst zu finden. zu lieben und geliebt zu werden. ihr Leben mehr genießen.

»Glück kultivieren?«. So verfehlen wir das Ziel. um diese Voraussetzungen zu erkennen.. Villette Charlotte Bronte vertritt ihre Ansicht zwar witzig und geistreich. Welch trostlose Auffassung: eine Anleitung. den Mitteln hinterherzujagen. muss jeder von uns Achtsamkeit walten lassen. würde man das 57 . und was bleibt. Können wir Glück kultivieren? »Kultivieren Sie Ihr Glück!« . ist ein Gefühl tiefer Unzufriedenheit. antwortete ich dem Doktor kurz: » Wie stellt man das an?« . Glück ist doch keine Kartoffel. Diese Verwechslung von Mittel und Zweck ist eine der größten Fallen auf dem Weg zu einem sinnerfüllten Leben.«4 Ist Glück hingegen ein von inneren Voraussetzungen abhängiger Zustand. diese oder jene Richtung einzuschlagen. Glück wird uns nicht geschenkt und Leid nicht aufgezwungen. denn glücklich sein könne man nur als Nebenprodukt von etwas anderem. Charlotte Bronte. Aber irgendwann vergessen wir den eigentlichen Zweck und vertun unsere Zeit damit. dennoch wäre es schade. wie man sich um jeden Preis auf Trab hält. Wir stehen in jedem Augenblick am Scheideweg und müssen uns entschließen. die man in die Erde pflanzt und düngt. Anschließend gilt es dann dafür zu sorgen.. dass sie auch tatsächlich eintreten.zu werden. man solle nicht an das eigene Glück denken. In der Formulierung des Ökonomen Richard Layard liest sich das wie folgt: »Manche Leute sagen.

durch aufrichtiges Bemühen im Laufe seines Lebens kontinuierlich Fortschritte zu machen. Wenn wir über Jahre hinweg beharrlich versuchen. unsere Gedanken zu bändigen. die meisten von uns nicht einmal 1. um diese menschlichen Qualitäten zu entwickeln. um es mit den Worten eines französischen Autors zu sagen. Wir staunen. warum sich dann andererseits die Mühe machen. »Kultur« oder »persönliche Weiterentwicklung« völlig bedeutungslos. »Ausbildung«. die Entwicklung des Selbst sei eine nie endende Aufgabe«. negativen Emotionen Einhalt zu gebieten und positive zu nähren. aber der Geist ist weit flexibler. würden Begriffe wie »Lehrzeit«. wenn ein Sportler es schafft. »auf Kriegsfuß mit der Vorstellung.5 Müssten wir grundsätzlich von langfristigen Projekten aller Art Abstand nehmen. die zunächst unerreichbar schienen. Und wenn wir aus diesem Grund den spirituellen Weg verwerfen. wie wir wissen.Transformationsvermögen des Geistes unterschätzen. Seltsamerweise stehen viele moderne Denker. etwas über die Welt zu lernen? Der Erwerb von Wissen ist ebenfalls eine nie endende Aufgabe. wo doch. die doch die Qualität unserer gelebten Erfahrung bestimmt? Ist es bes58 . werden unsere Bemühungen zweifellos zu Ergebnissen führen. aber jeder von uns verfügt über das Potenzial. Im Hinblick auf körperliche Leistungen stoßen wir schnell an Grenzen. dass dies überhaupt möglich ist. würden wir nicht glauben. wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen. vernachlässigen aber unsere innere Transformation. 2. Wieso sollte es beispielsweise Grenzen für Liebe und Mitgefühl geben? Vielleicht bringen wir unterschiedliche Voraussetzungen mit.50 Meter schaffen.50 Meter hoch zu springen. Warum akzeptieren wir diese. Bücher zu lesen. Hätten wir es nicht im Fernsehen gesehen.

uns selbst so zu lieben. sich einfach treiben zu lassen? Werden wir damit nicht eine Bruchlandung erleben? Müssen wir uns damit abfinden. ist der bequeme Weg. Viele Anleitungen zum Glücklichsein bestehen darauf. wäre es natürlich besser. unsere schlechten Gewohnheiten in hübsches Geschenkpapier einzuwickeln? 59 . Würden wir bloß davon ablassen. unsere Unzulänglichkeiten ebenso zu akzeptieren wie unsere positiven Eigenschaften. ein Kompromiss. die ständig zwischen Befriedigung und Verlangen. spontan zu leben. und wir könnten jedem Tag zuversichtlich und gelassen entgegensehen. Bedeutet es. wie wir nun mal sind. Begeisterung und Gleichgültigkeit hin und her schwingt? Sich mit dieser Perspektive abzufinden. Dabei kommt es allerdings entscheidend darauf an. so zu sein. zu Tode gelangweilt oder voller Selbsthass zu verbringen. so erklären sie. Ruhe und Aufregung. während man seinen Impulsen und Neigungen freien Lauf lässt. Aber ist diese Sicht der Dinge mehr als ein Versuch. wir seien von Natur aus eine Mischung aus Licht und Schatten und müssten einfach lernen. unserer Natur freien Lauf zu lassen . wäre ein Großteil unserer inneren Konflikte schon gelöst. Vor diese Wahl gestellt. um wirklich glücklich zu sein. auf einer Schaukel zu sitzen. müssten wir nur lernen. ja eine Art Kapitulation. wie wir sind? Nichtsdestoweniger sind einige Leute der Ansicht. was mit »wir selbst sein« gemeint ist.sie zu unterdrücken werde das Problem nur vergrößern. gegen eigene Beschränkungen anzugehen.ser. Am besten sei es. statt unsere Tage in ständiger Ungeduld.

indem man mit zwei Fingern ein bisschen auf der Klaviatur herumklimpert. um diesen Bann auszusprechen: >So bin ich eben. wie sich das Leben ohne sie anfühlen würde. Eine derart nachlässige Haltung wird kein einziges ernstliches Problem lösen. der bleibt gewöhnlich. obgleich sich ihnen Gelegenheit bietet. nehmen wir die unterschiedlichsten Projekte in Angriff. dass sich diese Eigenschaften im Laufe der Zeit schon von allein einstellen werden beziehungsweise so wichtig gar nicht sein können.Es mag schon sein. dass wir uns kaum vorstellen können. geduldiger und bescheidener zu werden«. Ständig beschäftigen uns irgendwelche Ziele. zögern wir und sagen uns. Aber wir hängen dann auch in unseren üblichen Gewohnheiten fest. da wir bis heute ja recht gut ohne sie ausgekommen sind. Dagegen kann ich nichts tun. die zu lange in einem Käfig gelebt haben und wieder in ihn zurückkehren. Wer könnte Mozart spielen. Glück ist eine Fertig60 . Wir haben uns so an unsere Unzulänglichkeiten gewöhnt. dass wir uns vorübergehend von innerer Spannung befreit fühlen. Bei dem französischen Philosophen Alain heißt es: »Man muss fürwahr kein Zauberer sein. Dabei mangelt es uns ja keineswegs an der notwendigen Energie. selbstloser. ohne systematisch und ausdauernd zu üben? Man erlernt es bestimmt nicht. unseren »natürlichen« Impulsen nachgeben.<«6 Wir sind wie Vögel. weil sie nachts lange aufbleiben und vor der Morgendämmerung erwachen. fortzufliegen. Bei der Aussicht auf Veränderung ist uns ganz flau zumute.« Aber wenn uns einmal der Gedanke in den Sinn kommt: »Ich sollte versuchen. Denn wer . Ein tibetisches Sprichwort lautet: »Sie haben den Sternenhimmel als Hut und den weißen Schnee als Stiefel.wie gewöhnlich er selbst ist. wenn wir »uns ausleben«.

Ein persisches Sprichwort lautet: »Geduld verwandelt das Maulbeerblatt in Seide. wird die Zeitspanne der inneren Sammlung länger und der Geist klarer. können Sie eine etwas entspanntere Sitzposition einnehmen und die Blickrichtung leicht nach unten korrigieren. Stellt sich dagegen innere Unruhe ein. aber auch Ihr Atem oder Ihre Gedanken. Es kann ein Gegenstand in Ihrem Zimmer sein.wie ein Schmetterling. Sobald das geschieht.keit. bringen Sie die Aufmerksamkeit jedes Mal wieder zu dem Bezugsobjekt Ihrer geistigen Sammlung zurück . 61 . nehmen Sie einfach eine aufrechtere Haltung ein und richten den Blick ein klein wenig nach oben. Wenn Sie schläfrig werden. der sich immer wieder auf einer Blüte niederlässt. Indem Sie damit fortfahren. damit innere Spannungen sich lösen können» In der beschriebenen Weise Aufmerksamkeit und Achtsamkeit entwickeln zu können ist ein wertvolles Hilfsmittel für alle anderen Formen von Meditation. eine bestimmte Lebensweise. um die Achtsamkeit wieder zu erhöhen. um von deren Nektar zu saugen. Aber Fertigkeiten müssen erlernt werden. Nach kurzer Zeit wird der Geist unweigerlich abschweifen.« ÜBUNG: Aufmerksamkeit entwickeln Setzen Sie sich in Meditationshaltung still hin und richten Sie Ihre ganze Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Objekt.

so besagt ein hinduistisches Sprichwort. die ihm zunächst ähnlich scheinen mögen. einem bestimmten Ort oder Zeitpunkt. Macht und Heldentum sucht. Ruhm. Ihrer Natur nach ist sie instabil. zwischen Glück und bestimmten Umständen zu unterscheiden. Dilgo Khyentse Rinpoche Wollen wir herausfinden.Kapitel 4 Falsche Freunde Wer sein Glück in Vergnügungen. ästhetischer oder intellektueller Reize. das unmittelbare Resultat bestimmter sinnlicher. und die so hervorgerufene Empfindung wird schon bald neutral oder gar unangenehm. Die flüchtige Erfahrung des Vergnügens ist abhängig von äußeren Umständen. »Vergnügen«. Glück und Vergnügen: Die große Verwechslung Glück und Vergnügen zu verwechseln ist ein besonders weit verbreitetes Missverständnis. Reichtum. Durch Wiederholung kann sie fad werden oder zu Überdruss führen. Eine köstliche Mahlzeit zu genießen ist 63 . das einen Regenbogen einzufangen versucht. »ist bloß der Schatten des Glücks«. welche äußeren Faktoren und inneren Einstellungen wahres Glück begünstigen und welche ihm abträglich sind. müssen wir zunächst lernen. ist so naiv wie ein Kind. um ihn wie einen Mantel zu tragen. in Wirklichkeit aber doch etwas ganz anderes sind.

Einem Bach-Präludium verzückt zu lauschen erfordert ungeteilte Aufmerksamkeit. die mit wahrem Glück unverein64 . Und diese kann man. deren Wachs aufgezehrt wird. so gering sie auch sein mag. Gewalt. Auf Kosten eines anderen Menschen kann man sich zwar vergnügen. jedoch niemals echte Erfüllung erfahren. meist auf uns selbst beschränkte Erfahrung. nicht endlos aufrechterhalten. indem man sinnliche Freuden gibt und empfängt. Gier und anderen Geisteszuständen verbunden sein. und bedingt durch vielfache Wiederholung wird diese langweilig. Vergnügen oder Lust kann mit Grausamkeit. weil die Hitze unangenehm wird. würde sie unerträglich werden. sobald man sie anzündet. aber schon kurze Zeit später müssen wir uns davon entfernen. wird uns übel. Essen wir dann noch weiter. Daher kann es leicht in Egoismus umschlagen. Nach einer Weile setzt eine gewisse Ermüdung ein. Wären wir gezwungen. Dieses kann aber nur dann die Ich-Grenzen transzendieren und zu echtem Glück beitragen. Es gleicht einer Kerze. Dasselbe gilt für ein schönes Kaminfeuer: Wenn wir aus der Kälte hereinkommen. zu geben. ist es reines Vergnügen. beide Personen Freude beziehungsweise Vergnügen empfinden. Aber wenn wir satt sind. In der Intimität einer sexuellen Begegnung können natürlich. sich daran zu wärmen. beruht. und die Musik verliert ihren Zauber. und manchmal beeinträchtigt es dann das Wohl anderer Menschen. wenn es im Wesentlichen auf Gegenseitigkeit und dem altruistischen Wunsch. Beim Vergnügen treten Abnutzungserscheinungen auf. sie tagelang anzuhören. wird sie uns gleichgültig. Fast immer ist es mit einer Aktivität verbunden.ein echtes Vergnügen. Hochmut. Vergnügen ist außerdem eine ganz individuelle.

Ähnliche Tendenzen treten zutage. oder wie Schnee. ein tief im Innern gründender 65 . wenn ein Geschäftsmann sich am Ruin eines Konkurrenten ergötzt. als sie halten. geradezu mechanische Jagd nach sinnlichem Vergnügen ist ein weiteres Beispiel dafür. wie der Dichter Robert Burns in Tarn O'Shanter beschreibt: Vergnügungen sind wie Mohnblumen. kaum gepflückt. Die fieberhafte. Dieses Gefühl des Erfülltseins wird einem mit der Zeit zur zweiten Natur. die. »Vergnügen ist das Glück der Verrückten. Manche Menschen finden sogar Gefallen daran. keineswegs von diesen ab. manchmal morbide Zustände einer Hochstimmung. Wahres Glück ist nicht an eine Aktivität gebunden. sich an anderen zu rächen oder sie zu quälen. der in einen Fluss fällt. ihre Blätter verlieren. Vergnügungen versprechen oft mehr. wie Befriedigung Hand in Hand gehen kann mit zwanghaftem Verhalten und schließlich mit Ernüchterung. Sie verwandelt sich nicht in ihr Gegenteil. während Glück das Vergnügen der Weisen ist«. sondern hält an und wächst mit der Dauer der Erfahrung. einen Moment lang weiß . obgleich sie ebenfalls von äußeren Umständen beeinflusst sein kann. Mit wirklichem Glück haben sie ebenso wenig zu tun wie die kurzen Augenblicke einer positiven Euphorie. sondern ein Seinszustand. Aber das sind nur flüchtige.bar sind. schrieb der Romanautor und Kritiker Jules Barbey d'Aurevilly. ein Dieb sich über seine Beute freut oder Zuschauer einer Corrida den Tod des Stieres bejubeln. Im Unterschied zum Vergnügen hängt eine wirkliche Glückserfahrung.dann für immer dahin.

was dieser im Wege stehen könnte. sobald der Kontakt abbricht. die innere Freiheit einschränkt. wie der Geist arbeitet. in der Gesellschaft bei. trägt spontan zum Frieden in seiner Familie. Es kommt immer darauf an.emotionaler Gleichgewichtszustand. solange wir in Einklang mit der Natur des Geistes bleiben. Wenn Vergnügen. dass wir vergnügliche Erfahrungen und schöne Erlebnisse meiden sollten. Damit einhergehend stellt sich ein subtiles Verständnis ein. die von innen nach außen strahlt. Vergnügen wird nur dann zu einem Hindernis. seiner Nachbarschaft und. ist das eine nicht des anderen Feind. dauerhaftes Glück. zwischen Vergnügen und Glück besteht keine unmittelbare Verbindung. getrübt durch Anhaftung. 66 . Diese Unterscheidung soll keineswegs nahelegen. wenn es das innere Gleichgewicht stört und zur zwanghaften Jagd nach Befriedigung verkommt oder eine Aversion gegen alles auslöst. wenn es die Umstände erlauben. sich die Freude an einer herrlichen Landschaft. ohne es zu überschatten. Eines seiner wesentlichsten Merkmale ist Selbstlosigkeit. der in sich selbst Frieden gefunden hat. Kurzum. empfinden wir sukha. kann Vergnügen dem Glück zusätzlichen Glanz verleihen. Es gibt keinen Grund. in einem Zustand des inneren Friedens und der Freiheit. wie die Erfahrung beschaffen ist. stellt es ein Hindernis dar auf dem Weg zum Glück. Obwohl zwischen Vergnügen und Glück wesentliche Unterschiede bestehen. statt in Selbstbezogenheit zu verharren. Während gewöhnliches Vergnügen durch den Kontakt mit angenehmen oder erwünschten Objekten ausgelöst wird und endet. an einem Bad im Meer oder am Duft einer Rose zu versagen. Ein Mensch. Wird es jedoch im gegenwärtigen Moment erfahren. sodass Gier und Abhängigkeit entstehen.

Staunen (über etwas Verwunderliches oder Bewunderungswürdiges oder etwas. denn es wird. nicht vor Glück. die wir mittels der fünf Sinne erleben: Vergnügtheit (von Kichern bis zu dröhnendem Lachen). wie der Psychologe Paul Ekman gezeigt hat. Zufriedenheit (eine stille Form der Erfüllung). das unser Verständnis übersteigt).. sich auf eine Definition für »Glück« zu verständigen..«1 Wir haben gesehen. und haben versucht. die Bedeutung von echtem Glück einzukreisen. Ekstase 67 . die nicht das Geringste mit der heiteren Gelassenheit echten Glücks zu tun haben. mit Gefühlen assoziiert. Erregung (als Reaktion auf etwas Neues oder eine Herausforderung). der sich in den nächsten Moment ausdehnen kann und so ein Kontinuum entstehen lässt.. Erleichterung (die auf ein anderes Gefühl wie Angst. Innere Freude äußert sich aber nicht unbedingt in Überschwang. das man als Lebensfreude bezeichnen könnte. Wahres Glück strahlt spontan als Freude nach außen. sondern in tiefer Dankbarkeit für den gegenwärtigen Moment.Glück und Freude Der Unterschied zwischen Glück und Freude ist feiner. wie schwierig es sein kann. das vom Überschwang und der Aufgeregtheit der Freude oft weit entfernt ist. Und es gibt auch ein stilles Glück. So betont Christophe Andre in seinem Werk über die Psychologie des Glücks: »Es gibt ungesunde Formen von Freude. Vor Freude springen wir in die Luft. aber bei Weitem nicht alle Formen der Freude rühren von sukha her. die so unterschiedlich und vielfältig sind wie die Freuden. Sukha kann durch unerwartete Freude gewiss verstärkt werden. .. Das Wort Freude ist ähnlich unbestimmt. Schadenfreude zum Beispiel. Anspannung oder sogar Vergnügen folgt). .

All diesen Empfindungen wohnt eine Form der Freude inne.oder Glückseligkeit (durch die wir außer uns sein können vor Entzücken). soll sie um es mit den Worten Corneilles auszudrücken .ein »Aufblühen des Herzens« sein. Herzensgüte. Jubel (über die Bewältigung einer schwierigen Aufgabe oder die Vollbringung einer wagemutigen Heldentat). heitere Freude.Schadenfreude (das Sich-Ergötzen am Leid eines anderen Menschen. müssen sie frei von jedweder negativen Emotion sein. Ausdruck tief gehenden Wohlbefindens und großen Wohlwollens). Kommt es zu einem Wutausbruch oder tritt Neid zutage. spiegeln sich in einem bestimmten Gesichtsausdruck und einem spezifischen Klang der Stimme wider. die nach außen strahlt) und die strahlende Freude spiritueller Verwirklichung (eine stille. muss sie noch mit anderen Aspekten wirklichen Glücks einhergehen: geistiger Klarheit. Großzügigkeit oder großen Mitgefühls wurden). Egoismus oder Hochmut einschleichen. Letztere ist eher ein andauernder Zustand als eine flüchtige Emotion. Soll die Freude dauerhaft sein und wachsen. erhebende Gefühle (wenn wir Zeuge eines Aktes großer Güte.2 Ferner könnten wir noch anführen: begeisterte Anteilnahme (am Glück der anderen). dem allmählichen Nachlassen der 68 . beispielsweise bei einem Racheakt). Im Allgemeinen zaubern sie ein Lächeln aufs Gesicht. Um aber an echtem Glück teilzuhaben oder zu diesem beizutragen. und wenn sich Anhaftung. Dankbarkeit (die Würdigung einer selbstlosen Handlung. strahlender Stolz (wenn etwa unsere Kinder eine besondere Auszeichnung erhalten haben). wird sie langsam erstickt.die ungesunde Variante . Entzücken (tiefe Zufriedenheit. erlischt die Freude sogleich. deren Nutznießer man ist) und .

negativen Emotionen und dem Verschwinden egoistischer Launen. den Blick nach innen . kein bisschen Leerlauf. eine so fieberhafte Suche nach intensiver Erfahrung könne zu dauerhafter Erfüllung und Lebensqualität beitragen.zu richten. fragen sie besorgt. Wir glauben. die Teilnehmer könnten nicht die geringste Lücke im Reiseablauf ertragen. erscheint naiv. Ob es sinnvoll ist. Echte. »Steht zwischen fünf und sieben wirklich gar nichts auf dem Programm?«. mit innerer Freiheit einhergehende Erfüllung zu empfinden kann ebenfalls jedem Augenblick unseres Daseins Intensität verleihen .auf uns selbst . Wir schwelgen in der Vergangenheit oder spekulieren endlos über die Zukunft. Wie es scheint. unsere Innenwelt zu erkunden. haben mir erzählt. In ihr wird 69 . fürchten wir uns davor. die Studienreisen durch Asien organisieren.eine notorische Hyperaktivität ohne Pause. Nehmen wir uns schließlich aber doch einmal die Zeit. Zu glauben. Ein randvoller Terminkalender als Gewähr dafür. Leb' dich aus! »Sich ausleben« ist zum Leitmotiv des modernen Menschen geworden .das hat allerdings eine vollkommen andere Qualität. ohne ständige Aktivität wäre unser Leben sterbenslangweilig. Es ist eine funkelnde Erfahrung inneren Wohlbefindens. Freunde. solange es nur intensiv ist. Wir sind ganz und gar auf die Außenwelt fixiert. auf ihre Wahrnehmung mit den fünf Sinnen. spielt keine Rolle. dass wir auf keinen Fall ganz uns selbst überlassen bleiben. dann handelt es sich meist um Tagträumereien und Fantasien.

Ich bin einmal einer berühmten taiwanesischen Sängerin begegnet. Bei Lottogewinnern hat man festgestellt. welche Schönheit jedem Ding innewohnt. so stellen wir uns vielleicht vor. sich in Selbstlosigkeit und heiterer Gelassenheit zu üben und das Beste.sichtbar. welchen Widerwillen Ruhm und Geld in ihr auslösen. den gegenwärtigen Moment zu genießen. und spontan ausrief: »Wäre ich doch bloß nie berühmt geworden!« Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt. Ein künstliches »Hoch« Durch plötzlichen Ruhm oder plötzlichen Reichtum. heranreifen zu lassen . Der verstor70 . Diese Erfahrung bedeutet. aber bereits ein Jahr später wieder auf ihr normales Zufriedenheitsniveau zurückgefallen sind. dass die meisten kurz nach ihrem Hauptgewinn eine Phase der Hochstimmung erleben.sich selbst zu verändern. die mir unter Tränen erzählte. würden auf einen Schlag all unsere Wünsche und Träume wahr werden.der Gewinn des Lotto-Jackpots zum Beispiel . dass ein unerwarteter Glücksfall . wie glücklich oder unglücklich die Betreffenden sich fühlen. was man in sich trägt.3 Mitunter hat sich der vermeintlich so beneidenswerte Glückstreffer sogar destabilisierend auf das Leben des »glücklichen Gewinners« ausgewirkt. damit die Welt sich zum Besseren verändert. sich aber langfristig kaum darauf auswirkt. bereit ist. dass man es versteht. Aber in den meisten Fällen ist die Befriedigung durch solche Errungenschaften nur von kurzer Dauer und trägt nichts zur Steigerung unseres Wohlbefindens bei.zu einer vorübergehenden Anhebung des »Wohlfühl-Quotienten« führen kann.

sie ging in feine Restaurants. wie raffiniert die heutige Konsumgesellschaft uns mit immer neuen Kreationen unermüdlich Pseudo-Freuden vorgaukelt.« Es besteht eindeutig ein Unterschied zwischen echter Freude. Ein Jahr nach dem großen Gewinn litt sie unter Depressionen. obwohl sie am liebsten »Fisch und Chips« aß. sie kaufte sich ein elegantes Auto. sie kaufte sich ein Haus in einer vornehmen Wohngegend und fühlte sich plötzlich von ihren Freunden abgeschnitten.bene Psychologe Michael Argyle hat den Fall einer vierundzwanzig jährigen Engländerin beschrieben. da er ja nicht in dauerhafter Zufriedenheit wurzelt. sie kaufte sich Berge von Kleidern. Die nicht enden wollende Flut generalstabsmäßig geplanter und durchgeführter Werbekampagnen soll uns in einem emotionalen Spannungszustand halten. von denen die meisten im Schrank hängen blieben. Ein tibetischer Freund betrachtete einmal nachdenklich die blinkenden Leuchtreklametafeln in New York und sagte: »Sie versuchen. die durch eine vorübergehende Erregung der Sinne hervorgerufen wird.4 Wir alle wissen. die einen Jackpot von über einer Million Pfund Sterling gewonnen hatte. der zu einer Art geistiger Betäubung führen kann. ihr Leben war leer und bar jeder inneren Zufriedenheit. und jener Euphorie oder Hochstimmung. unseren Geist zu stehlen. dem natürlichen Ausdruck von Wohlbefinden. Sie gab ihre Arbeitsstelle auf und fühlte sich bald zur Langeweile verdammt. Auf jeden oberflächlichen Nervenkitzel folgt. 71 . unweigerlich die Enttäuschung. obwohl sie nicht fahren konnte.

ein andermal hingegen nicht die geringste. gilt es zwischen Leid und Niedergeschlagenheit . Den Zustand der Niedergeschlagenheit hingegen erzeugen wir selbst. Das SanskritWort dukkha. um die Welt zumindest von einem dieser überflüssigen Leben zu befreien. Dass jedes Lebewesen. Gegenbegriff zu sukha. hier zu sein . Dass wir alle bloß ein Haufen widerwärtiger Leben seien. angeekelt von uns selbst.Leid und Niedergeschlagenheit Ebenso. Leid erleiden wir. Dass wir nicht den geringsten Grund hätten. lediglich ein leeres Gefäß. Ich hatte die diffuse Idee. unglücklich zu sein . die Welt sei ohne uns besser dran. die schließlich zu Lebensverneinung führen kann . von unbestimmten Ängsten geplagt. Eine angeborene 72 . ... was es bedeutet.dem Gefühl.. dass es nichts bedeute. Auch ich war überflüssig. das Leben sei. über die wir manchmal eine gewisse Kontrolle haben.. sondern steht für eine grundlegende Anfälligkeit für Kummer und Schmerz. zu leben.. Sartre legte dem Helden seines Romans Der Ekel folgende unerquicklichen Worte in den Mund: Hätte mich jemand gefragt. .5 Die Überzeugung. mich umzubringen. verwirrt.. . wie wir zwischen Glück und Vergnügen unterschieden haben. beschreibt nicht bloß eine unangenehme Empfindung. weil man keinen Sinn darin sehen kann. nicht lebenswert. sich überflüssig fühle. ist ein häufiges Selbstmordmotiv.zu unterscheiden.keiner von uns. dann hätte ich guten Gewissens geantwortet.der Empfindung. Leid kann durch vielerlei Dinge verursacht werden.

Die meisten beurteilten ihre Lebensqualität positiv.6 Da der Geist die Instanz ist. der Verlust eines geliebten Menschen.Behinderung. denn hier geht es um die Art und Weise. ist jedoch nicht notwendigerweise mit diesem verbunden. fällt es in seine Verantwortung. Niedergeschlagenheit kann natürlich mit körperlichem oder seelischem Schmerz zusammenhängen. wie wir Leid erfahren. dass ein Jahr nach Auftreten der Lähmung nur noch zehn Prozent der Befragten ihr Leben als furchtbar empfanden. obwohl sie in der Mehrzahl direkt nach dem Geschehnis an Selbstmord gedacht hatten. ihre Wirksamkeit und trägt dazu bei. ändert sich unsere Stimmungslage und damit unsere ganze Lebenshaltung. die wir nicht unter Kontrolle haben. eine Erkrankung. die Leid in die Empfindung »ich bin unglücklich« übersetzt. Und indem wir flüchtige Emotionen anders wahrnehmen. 73 .also Menschen. die den meisten von uns zu schaffen machen. Daran kann man sehen. in Bezug auf die Vorstellung von eben diesem Leid ebenfalls die Fäden in die Hand zu nehmen. Eine Untersuchung unter Quadriplegikern . bei denen eine Querschnittslähmung sich auf alle vier Gliedmaßen erstreckt .ergab. dass bereits eine geringfügige Änderung unserer Denkweise. dass ein Mensch auf bestmögliche Weise gedeihen und sich entfalten kann. Eine solche »Therapie« erweist bei jenen Leiden. Sich unglücklich zu fühlen ist allerdings etwas ganz anderes. der Ausbruch eines Krieges oder eine Naturkatastrophe .all das sind Dinge. unserer Wahrnehmung und Interpretation der Welt unser Leben erheblich verändern kann. der durch äußere Umstände hervorgerufen wurde.

Vermochte sie Ihnen ein Gefühl von Zufriedenheit. Rufen Sie sich in Erinnerung. welchen bleibenden Eindruck diese Erfahrung hinterlassen hat und wie der Gedanke daran noch heute ein Gefühl von Zufriedenheit in Ihnen hervorruft. Vergleichen Sie die Qualität dieses Zustands mit der eines flüchtigen sinnlichen Genussempfindens. als Sie still die Gegenwart eines geliebten Menschen oder den Anblick einer wunderschönen Landschaft genossen haben. 74 . wie Ihnen zumute war. Lernen Sie Wertschätzung für diese Momente tiefen inneren Wohlbefindens zu entwickeln. solche Erfahrungen nach Möglichkeit weitergehend zu entfalten und zu vertiefen. und seien Sie bestrebt. als Sie einen anderen Menschen glücklich gemacht. wie Sie diese zunächst genossen haben. die Ihnen sinnliches Vergnügen bereitet hat. in der Sie innerlich Freude oder echtes Glück empfunden haben. Ihre Empfindung dann aber allmählich schwächer wurde und sich vielleicht sogar in Gleichgültigkeit oder Überdruss verwandelt hat. Besinnen Sie sich darauf.ÜBUNG: Zwischen Glück und Vergnügen unterscheiden Denken Sie an eine Situation. von dauerhafter Erfüllung zu vermitteln? Lassen Sie nun eine Situation Revue passieren. Rufen Sie sich beispielsweise in Erinnerung. Vergegenwärtigen Sie sich die ganze Intensität der Erfahrung.

in denen die Menschen nicht allzu sehr von schwierigen Lebensbedingungen oder politischer Unterdrückung betroffen sind. Mahatma Gandhi Jeder von uns ist irgendwann schon einmal Menschen begegnet. müssen wir unsere Kräfte in erster Linie auf die Verwirklichung einer von innen ausgehenden Reform konzentrieren. 75 . Und sofern das eine korrekte Auffassung von Freiheit ist. wie Robert Misrahi schreibt. die meisten der Befragten angeben. dass man einfach nicht darüber hinwegsehen kann. haben Umfragen gezeigt. dass in Ländern. sie hätten tief im Innern zu einem Glück gefunden. das von allen äußeren Ereignissen und Situationen unberührt bleibe. erklären manche von ihnen unumwunden. Dieses Glück spiegelt sich in all ihren Gesten. deren Leben bei jedem Atemzug von Glück erfüllt ist. »Glück die Form und der übergeordnete Sinn eines Lebens.1 Obwohl ein solcher Zustand dauerhafter Erfüllung selten ist. mit ihrem Leben zufrieden zu sein (75 Prozent in den hoch entwickelten Ländern). Ohne sich dabei selbst sonderlich wichtig zu nehmen. und ihre Worte scheinen von dieser Glücksempfindung mit solcher Kraft durchdrungen zu sein. das sich als erfüllt und sinnvoll betrachtet und sich auch so erfährt«.Kapitel 5 Ist dauerhaftes Glück möglich? Äußere Freiheit werden wir lediglich in dem Maß erreichen. in dem wir zum betreffenden Zeitpunkt innere Freiheit entwickelt haben. Für solche Menschen ist.

uns im tiefsten Inneren unglücklich zu fühlen. zu hinterfragen. im Laufe vieler Jahre befragter Menschen widerspiegeln. weil die materiellen Lebensbedingungen in diesen Ländern normalerweise hervorragend sind. Wenn wir. Bis zum Alter von fünfunddreißig Jahren haben 15 Prozent der Nordamerikaner bereits eine schwere Depression durchgemacht. erklären. bewahrt uns das jedenfalls keineswegs davor. Und sie 76 . Andererseits steht diese Zufriedenheit auf überaus wackeligen Beinen. dass sie anfällig für das latente Leid sind. Tatsache ist.Es wäre sicher kontraproduktiv. Fällt nur eine dieser äußeren Bedingungen unversehens weg . Untersuchungen und Umfragen zu ignorieren. Seit 1960 hat sich die Scheidungsrate in den USA verdoppelt. mit unserem Leben zufrieden zu sein (diesen Studien zufolge leben demnach in der Schweiz die meisten »glücklichen« Menschen). dass ihre durchschnittliche Lebenszufriedenheit relativ stabil bleibt. das ihnen jederzeit widerfahren kann. das Leid sei überall auf der Welt allgegenwärtig. während zugleich die angezeigten Fälle von Vergewaltigung um das Vierfache und die Gewaltdelikte Jugendlicher um das Fünffache gestiegen sind. bedeutet das aber nicht. sondern.2 Die Diskrepanz zwischen äußerem und innerem Wohlergehen erklärt den scheinbaren Widerspruch zwischen einigen dieser Untersuchungsergebnisse und der buddhistischen Behauptung. dass alle Menschen ständig leiden. welche die Meinungen Hunderttausender.beispielsweise durch den Verlust eines geliebten Menschen oder des Arbeitsplatzes beginnt das Gefühl von Glück und Zufriedenheit rasch zu bröckeln. welche Art von Glück die Betreffenden meinen. Wenn wir von der Allgegenwart des Leids sprechen. weil es keinen objektiven Grund zur Klage gibt. Aber es ist durchaus sinnvoll.

dass wir unglücklich sind.«3 Freud schreibt: »Was wir im strengsten Sinne des Wortes Glück nennen. wenn er zusammenbrach.allerdings extremes . er sei während einer Vernehmung gezwungen worden. bevor er wieder auf die Füße gezerrt wurde. erzählte mir. wird von der plötzlichen Befriedigung aufgestauter Bedürfnisse ausgelöst. die bewirken.bleiben anfällig. Glück wird so nur als ein Moment trügerischer Ruhe inmitten eines Sturms betrachtet. tagelang reglos auf einem Stuhl zu stehen.«4 Wenn das Leid nachlässt oder kurzfristig aufhört. die man als positiven Kontrast zum Leid erlebt.. für ihn eine wunderbare Erleichterung.. der viele Jahre in einem chinesischen Konzentrationslager in Tibet verbringen musste. 77 . Obgleich das vielleicht ein . solange sie nicht die Geistesgifte beseitigen. dass er diese Jahre der Gefangenschaft und Folter allein aufgrund seines stabilen inneren Wohlbefindens überlebt habe. Es kann also naturgemäß nur ein vorübergehendes Phänomen sein. . Ist Glück eine Verschnaufpause vom Leid? Viele Menschen betrachten Glück nur als eine vorübergehende Atempause. waren diese kurzen Augenblicke. Einer meiner Freunde. wird durch den Kontrast die darauf folgende Phase als »glücklich« erlebt. wies mein Freund mit großem Nachdruck darauf hin. in denen er auf dem eiskalten Zementboden lag. Befriedigung und Zufriedenheit sind letzten Endes nur eine Unterbrechung von Schmerz und Entbehrung. Jedes Mal. das aus der Unterbrechung eines leidvollen Zustands resultiert. Für Schopenhauer ist »alles Glück negativ.Beispiel für ein Glücksempfinden ist.

Vielleicht denken Sie jetzt. Trotzdem wurde sie von einem Dieb entwendet. die auf ihren Bänken zusammengepfercht waren oder auf dem Boden saßen. ich fühlte mich unendlich leicht und empfand ein überwältigendes Gefühl von Glück und Freiheit. Dann wurde jedoch. Zu allem Überfluss hatte ich hohes Fieber und Rückenschmerzen. mein Waggon gar nicht an den Zug angehängt. Ich hatte einen Sitzplatz reserviert .eigentlich eine gute Idee angesichts einer 36-stündigen Reise.Weit weniger düster ist meine Erinnerung an eine Zugfahrt durch Indien. und der 78 . Bei Einbruch der Dunkelheit bemerkte ich. und die Reisenden hatten ihr Gepäck. Da lag ich nun. die ich unter ziemlich schwierigen und chaotischen Bedingungen unternahm. doch ich war geistig ganz klar. festgezurrt und gesichert. eingehüllt in meinen Schlafsack. in dem es weder Abteile noch Fensterscheiben gab. was passiert war. einen wegen seiner Banditen berüchtigten Landesteil. beobachtete ich Hunderte von Passagieren. In einer Holzkoje zwischen einem halben Dutzend frierender Mitreisender eingezwängt (es war Januar). in der Dunkelheit ihr Gepäck zu bewachen. die verzweifelt versuchten. der sie anscheinend mithilfe eines Hakens von der Nachbarkoje aus an sich gebracht hatte. und lauschte dem Fluchen der Reisenden. sodass ich mich schließlich in einem restlos überfüllten Ersatzwagen wiederfand. Wir fuhren durch Bihar. so gut es ging. dass ich überhaupt nicht aufgebracht war .im Gegenteil. Aufgrund meiner Erfahrung mit Indienreisen hatte ich meine Aktentasche mit dem Laptop und der Arbeit eines ganzen Monats in einer scheinbar sicheren Ecke der oberen Pritsche verstaut. ich müsse wohl im Fieberwahn gewesen sein. und dann fiel auch noch das Licht für mehrere Stunden aus. wie ich feststellen musste. Plötzlich stellte ich fest.

dass ich in der Dunkelheit in lautes Gelächter ausbrach. einem Geisteszustand. in einem dauerhaften Glückszustand zu leben. aber sie sind belanglos im Vergleich zu echtem Wohlbefinden. setzt es voraus. indem er 79 . gibt es im Grunde nichts. sondern die Erfahrung einer tiefen Gelassenheit. die Freud nach Ansicht des Psychologen Martin Seligman »in die Psychologie des 20. jener Zustand inneren Friedens. was uns davon abhalten kann. wie wir gesehen haben. Unglücksursachen zu erkennen und zu beseitigen. die Welt und der Mensch seien von Grund auf böse. Solche Erfahrungen halfen mir zu erkennen. in dieser Welt glücklich zu sein. scheint es unter dem Einfluss der Vorstellung gekommen zu sein. es zu erreichen. Wir können die Existenz angenehmer und unangenehmer Umstände nicht leugnen. Jahrhunderts eingeschleppt hat«. einem Zustand innerer Freiheit. Das war eindeutig kein Fall von »Glücksgefühl durch Erleichterung«. Diese Überzeugung entspringt größtenteils der Vorstellung von der Erbsünde. Wenn Glück tatsächlich in einer bestimmten Lebenseinstellung besteht. Zur Verneinung der Möglichkeit. den man nur in sich selbst finden kann und der daher auch von äußeren Umständen völlig unabhängig ist. Da echtes Glück sich keineswegs auf eine momentane Befreiung vom Auf und Ab des Lebens beschränkt. wird es zu unserem vorrangigen Ziel. dass es auf jeden Fall möglich ist. Es war ein Augenblick des »Loslassens«. die durch besonders unangenehme äußere Umstände nur noch stärker ins Bewusstsein trat.Kontrast zwischen der äußeren Situation und meinem Gefühl erschien mir so grotesk. Sind wir erst einmal zu dieser Überzeugung gelangt. dass wir die maßgeblichen Unglücksursachen beseitigen: die Unwissenheit und die Geistesgifte.

Nur zwei der 36 Exponate waren Themen gewidmet. um damit den Narzissmus ihrer Mutter und den Alkoholismus des Vaters zu kompensieren. das von Soziologen als »BöseWelt-Syndrom« bezeichnet wird. Doris Kears Goodwin. Drogenhöhlen in New York und anderen negativen Seiten dieser Welt. Seligman zitiert die Biografin von Franklin und Eleanor Roosevelt. jeder Akt der Güte oder Großzügigkeit entspringe im Grunde einem negativen Impuls. 80 . dass Stärke und andere innere Qualitäten negativen Beweggründen entspringen«. dass das permanente Bombardement mit schlechten Nachrichten durch die Medien und die Darstellung von Gewalt als ultimative Konfliktlösung zu einem Phänomen beiträgt. Mafia-Verbrechen in Palermo. Ein einfaches Beispiel für dieses Phänomen konnte ich im Jahr 1999 auf der Visa pour l'Image. einem internationalen Fotojournalismus-Festival in Perpignan beobachten. die ein positives Licht auf die menschliche Natur warfen. der zufolge die First Lady einen Großteil ihres Lebens der Unterstützung farbiger Mitbürger gewidmet habe.5 Wir wissen auch. der Wissenschaft.die gesamte Zivilisation (einschließlich der modernen Ethik. dass Eleanor Roosevelt aus reiner Freundlichkeit und Güte gehandelt haben könnte! Für Seligman und seine Kollegen aus dem Bereich der Positiven Psychologie »gibt es nicht den Hauch eines Beweises. Diese Auffassung hat viele zeitgenössische Intellektuelle zu der absurden Schlussfolgerung verleitet. nicht ein einziges Mal die Möglichkeit in Betracht. so Seligman. der Religion und des technischen Fortschritts) einfach als komplexen Abwehrmechanismus gegen infantile sexuelle und aggressive Impulse und die damit einhergehenden inneren Konflikte definierte. Goodwin zieht. Die 34 anderen handelten von Krieg. an dem ich als Aussteller teilnahm.

dass es Sinn macht.«6 Hier scheint es sich allerdings um ein Beispiel zu handeln. aber wie kann man es in die Praxis umsetzen? Der amerikanische Psychiater Howard Cutler schreibt in Die Regeln des Glücks: »Ich gewann die Überzeugung. einen Klumpen Kohle zu bleichen. die mit 81 . Mit anderen Worten: Sie lässt uns daran zweifeln. damit er im eigenen Glanz erstrahlt. der Mensch sei von Grund auf böse. dass der Dalai Lama gelernt hatte. Aber in Wirklichkeit ist der Dalai Lama kein Einzelfall. wäre das ebenso sinnlos wie der Versuch. bevor sie überhaupt begonnen hat.Das »Böse-Welt-Syndrom« stellt schon die bloße Möglichkeit der Verwirklichung von Glück in Frage. wie ich es noch bei keinem anderen Menschen beobachtet hatte. Die Schlacht scheint bereits verloren. wie unerreichbar sein Zustand uns auch erscheinen mag. Die Überzeugung. Wenn der Botschafter zur Botschaft wird In der Theorie klingt das ja ganz gut. führt zu einem pessimistischen Blick auf das Leben und lässt uns am Sinn unseres Strebens nach Glück zweifeln. das irgendwie ein wenig außerhalb unserer Möglichkeiten liegt. Ich selbst habe fünfunddreißig Jahre lang nicht nur unter Weisen und spirituellen Meistern gelebt. wenn der Mensch sich um die Verwirklichung seines Potenzials zu eigener Vervollkommnung bemüht. mit einer Empfindung der inneren Erfüllung und einem Grad an Gelassenheit zu leben. sondern auch unter ganz »gewöhnlichen« Menschen. Denn wollte man versuchen. etwas grundlegend Böses zu läutern. den man poliert. Andererseits kann man die Verwirklichung des tief in uns vorhandenen menschlichen Potenzials mit einem Goldklumpen vergleichen.

Der Weise und die durch ihn verkörperte Weisheit sind kein unerreichbares Ideal. Und genau diese Beispiele brauchen wir als Bezugspunkte im Alltag. obwohl sie zu etwas Seltenem geworden ist. sollen wir keineswegs in Bausch und Bogen verdammen. dann muss Glück möglich sein. Weil er vollkommen glücklich ist. Für mich ziehe ich aus Alans Bericht vor allem diese eine Lehre: Wenn der Weise glücklich sein kann. die das dynamische Wechselspiel von Glück und Leid durchschaut haben. außergewöhnliche Fälle zu bestaunen oder die sogenannte Überlegenheit einer bestimmten spirituellen Richtung . Mein Freund Alan Wallace berichtet von einem ihm wohlbekannten tibetischen Einsiedler. er lebe seit zwanzig Jahren in einem Zustand »fortwährender Glückseligkeit«. Erfreulicherweise ist die Vorstellung vom glücklichen Weisen weder der westlichen noch der modernen Welt fremd. Diese Menschen müssen für sich selbst nichts mehr erreichen und stellen sich deshalb ganz in den Dienst der anderen. da so viele Menschen glauben. Das Leben. Weil er nichts 82 .gegenüber anderen Richtungen kundzutun.7 Es geht hier nicht darum. Der Philosoph Andre Comte-Sponville drückt es so aus: »Der Weise erwartet oder erhofft nichts mehr. braucht er nichts. Ein ganz wesentlicher Punkt. der ihm ohne den leisesten Hauch von Anmaßung (er lebte friedlich in seiner Einsiedelei und bat niemanden um etwas) erzählte. sondern erkennen. enorm profitieren können.gelassener Heiterkeit und Freude die Wechselfälle des Lebens meist gut überstehen. sondern ein lebendiges Beispiel. dass wir von der Weisheit jener Menschen.in diesem Fall des Buddhismus . wahres Glück sei unerreichbar. wohin die eigene Entwicklung gehen kann. das wir führen. um besser zu verstehen.

den Speer zu werfen. zumindest in der westlichen Welt. Aus der Einsiedelei ins Büro Jetzt sagen Sie vielleicht: »Finde ich ja alles ausgesprochen interessant. Sie müssen nicht Andre Agassi heißen. der uns alle betrifft. um Freude am Tennisspielen zu haben. ist er vollkommen glücklich. aber wir können lernen. die sich von den Lebensbedingungen der Einsiedler und Weisen ganz erheblich unterscheiden? Dessen ungeachtet ist der Weise von großer Bedeutung für unser Leben. die Vorbilder. dass die Vorstellung vom weisen Menschen heutzutage. Weise ist man nicht bei der Geburt. um mit Begeisterung ein Musikinstrument zu spielen.«8 Solche Eigenschaften fallen einem allerdings nicht in den Schoß. der jedem von uns offensteht und auf dem jeder Schritt unser Leben bereichert. wonach wir streben. im Beruf stehe und die meiste Zeit unter Bedingungen lebe. wo ich Familie habe.braucht. In jedem Bereich menschlicher Aktivität gibt es Inspirationsquellen. und es darin zu einiger Geschicklichkeit bringen. Werden die großen Künstler. Er ist auf einem Weg vorausgegangen. An wem aber liegt es. denn er weckt eine Hoffnung: Er zeigt mir. indem sie uns in beispielhafter Weise einen Eindruck davon vermittelt. aber was nützt es mir im Alltag. man wird es. deren Vollkommenheit uns nicht entmutigt. sondern im Gegenteil unsere Begeisterung entfacht. etwas Altmodisches an sich zu haben scheint? Wir sind für diesen Mangel verantwortlich. Nicht jeder kann Olympiasieger im Speerwerfen werden. wohin ich mich entwickeln könnte. oder Louis Armstrong. die Helden nicht dafür geliebt und verehrt? 83 .

Das tun mehr Menschen. Mit Kontemplation meine ich nicht einfach nur einen Moment der Entspannung.traurigen oder freudigen . die in der Realität unseres Alltags verankert ist. Wir können damit eine innere Transformation in Gang bringen. die Geistesgifte von uns fernzuhalten. Die positiven Auswirkungen einer solchen Lebensweise machen die kleinen Probleme. wie es zunächst vielleicht klingt. der hinter den . dass es uns dabei gut 84 . lernen wir. wie Gedanken auftauchen. wenn man sich jeden Tag ein bisschen Zeit zum Meditieren nimmt. mehr als wett. wie Gedanken entstehen. zu beobachten. und den Zustand der Gelassenheit und Einfachheit wahrzunehmen. Wie ein feiner Duft lagen sie über den täglichen Aktivitäten und verliehen ihnen eine völlig neue Qualität. enorm zugute. Als ich noch am Institut Pasteur gearbeitet und mitten im Getriebe des Pariser Lebens gesteckt habe. um die positiven Auswirkungen dieser Übungen zu erfahren und ihre Segnungen schätzen zu lernen. Haben wir erst einmal ein wenig inneren Frieden gefunden. Es ist überaus lohnend. die es uns bereitet. obwohl sie ein Familienleben führen und beruflich eingespannt sind. ein paar Minuten Meditation in unserem Tagesablauf unterzubringen. unser Privatund Berufsleben so zu gestalten. Und es kann schon eine ernst zu nehmende spirituelle Übung sein. die ich mir täglich für meine Kontemplationsübung frei hielt. Das ist gar nicht so schwierig. Indem wir durch die Erforschung des eigenen Geistes allmählich besser begreifen. fällt es uns viel leichter. kamen mir die wenigen Momente. sondern eine Wendung des Blicks nach innen.Spirituelle Praxis kann uns sehr weit voranbringen. als Sie vielleicht glauben. Sie müssen nur ein bisschen Zeit investieren.Gedanken stets gegenwärtig ist.

sind auf natürliche Weise offener für andere und besser gerüstet für die Launen des Lebens. in Kontakt zu kommen. damit sich ein stabiles Gefühl des 85 . brauchen wir nicht mehr so sehr auf der Hut zu sein. seine Fähigkeiten und Begabungen zu entfalten und jeden Augenblick seines Lebens als vollkommen erfüllt zu erleben. Dazu der Humangenetiker Luca Cavalli-Sforza und sein Sohn Francesco: Unsere innere Freiheit kennt keine anderen Grenzen als die. mit diesem Potenzial. Versuchen Sie. Mitgefühl und inneren Frieden. Dieses Potenzial gilt es zu entwickeln und zur Reife zu bringen. Und wenn wir uns frei machen von all den Unsicherheiten und Befürchtungen. ihm helfen. Wenn Individuen sich ändern. Die Entscheidung liegt ganz bei uns. Kein Staat. keine Kirche und kein Diktator können uns zwingen. indem sie ihr Bewusstsein zur Reife bringen. Sie kann einen Menschen verwandeln. Und in dieser Freiheit steckt auch große Kraft. menschliche Qualitäten zu entwickeln. die wir selbst ihr auferlegen oder auferlegen lassen.geht. die uns im Innern beschäftigen (und oft mit einer übermäßigen Ichbezogenheit einhergehen). das wie ein kleines Goldstück stets in Ihrem Herzen und Ihrem Geist gegenwärtig ist. ändert sich auch die Welt.9 ÜBUNG: Kleine Einführung in die Meditation Ungeachtet der äußeren Lebensumstände ist in Ihnen ein Wachstumspotenzial vorhanden: für Herzensgüte. denn die Welt besteht aus Individuen.

tun Sie es mit möglichst geradem Rücken. sie zu unterdrücken. so wie das Meer bei Windstille zur Ruhe kommt. Versuchen Sie weder. Üben Sie regelmäßig. Das ist der Beginn der Meditation. Anfangs haben Sie vielleicht den Eindruck. noch sollten Sie ihnen Nahrung geben. dass Ihre Haltung bequem. aber stabil ist. und achten Sie darauf. kümmern Sie sich nicht darum. dass die Gedanken. ohne sich dabei anzuspannen. Ob Sie nun mit gekreuzten Beinen auf einem Kissen oder. lassen Sie die Gedanken kommen und gehen. Setzen Sie sich still hin. und atmen Sie ganz natürlich. zu einem tosenden Wasserfall anschwellen. damit wird der Geist mühelos ruhig. den Oberschenkeln oder im Schoß ruhen. Beobachten Sie. die entstehen. um die Wärme und Freude zu genießen.Wohlbefindens einstellen kann. anstatt zur Ruhe zu kommen. Halten Sie den Blick ein wenig in den vor Ihnen befindlichen Raum gerichtet. In einem ersten Schritt sollten Sie sich mehr mit dem eigenen Geist vertraut machen. konventioneller. wie die Gedanken kommen und gehen. auf einem Stuhl sitzen. die der Wind bewegt. Genau wie bei anderen Fertigkeiten bedarf es einiger Übung. Beobachten Sie einfach. Nehmen Sie sich am Ende der Übung ein wenig Zeit. Bald verschwinden sie wieder im Ozean. Die Hände können auf den Knien. 86 . Nach einiger Zeit werden Ihre Gedanken einem friedlich dahingleitenden Fluss gleichen. Wenn sich neue Gedanken regen wie Wellen. wie sie auftauchen. Das geschieht allerdings nicht von allein. sobald der Geist ein wenig zur Ruhe kommt.

Ist es nicht beklagenswert. den angesehensten Gelehrten und geachtetsten Weisen. in denen die gesamte Geschichte der Welt vom Anbeginn der Schöpfung bis zu Ihrer Thronbesteigung enthalten ist.« »36 Bände«. und die beiden wurden zu unzertrennlichen Freunden. wie ich zu handeln habe. damit ich daraus die notwendigen Lehren ziehen kann und weiß. müssen wir jeden Augenblick nutzen. schreibe du mir bitte die gesamte Geschichte der Welt und der Menschheit auf. sagte er. rief der König aus. 87 . Fünf Jahre später sprach er stolz im Palast vor. um sein Werk zu präsentieren. »hier sind 36 Bände. mein Königreich zu verwalten und mich außerdem um meine 200 Königinnen zu kümmern. sich von Leid zu befreien. Als der Prinz den Thron bestieg.« Der Freund des Königs sprach mit den berühmtesten Historikern. »Majestät«. um sie zu finden.Kapitel 6 Die Alchimie des Leids Sofern es eine Möglichkeit gibt. Nur ein Narr will weiter leiden. wenn jemand wissentlich Gift zu sich nimmt? Der Siebte Dalai Lama Vor langer Zeit wurde der Sohn eines persischen Königs zusammen mit dem Sohn des Großwesirs aufgezogen. »wie soll ich je Zeit finden. sie zu lesen? Ich bin viel zu sehr davon in Anspruch genommen. sagte er zu seinem Freund: »Während ich mich um die Angelegenheiten des Königreichs kümmere.

Sein Freund fand ihn auf einem Hügel in der Wüste. in Ruhe an deinem Werk zu arbeiten. Manche sterben direkt nach ihrer Geburt.« Zwei Jahre später kehrte der Freund mit zehn Bänden in den Palast zurück. überall auf der Welt. habe ich über Steuern und ihre Eintreibung debattiert. Aber als der Freund zum Palast zurückkehrte. 88 . die Geschichte der Menschheit?« Sein Freund blickte ihm fest in die Augen. sie zu studieren.« Nach zwei weiteren Jahren war auch das geschafft. Während du damit beschäftigt warst. Bitte bringe mir eine zehnmal kürzere Fassung. bis er ein einziges Buch fertiggestellt hatte.« Der Sohn des Wesirs begab sich auf den Heimweg und überarbeitete sein Werk drei weitere Jahre lang. Auch der Freund war nicht mehr jung. und kurz. »Nun?«. Majestät. Aber der König führte gerade Krieg gegen den Herrscher des Nachbarreichs. das die Quintessenz der zehn Bände beinhaltete. zehn Bände zu lesen? Bitte kürze deine Weltgeschichte noch einmal. sagte er: »Sie leidet. von wo aus er seine Truppen befehligte. die Menschen leiden. Ein weißer Haarkranz umrahmte sein faltiges Gesicht. »Während wir hier miteinander reden. bringe mir eine Zusammenfassung deines Werks. fand er den König schwer krank und unter furchtbaren Schmerzen leidend im Bett. »Du Glücklicher konntest dir die Zeit nehmen. mein Freund. Wie soll ich da Zeit finden. flüsterte der im Sterben liegende König.. stehen die Geschicke unseres Reiches auf dem Spiel.. bevor der König seinen letzten Atemzug tat.Bitte. Aber nun war der König gerade damit beschäftigt. Ich werde mir dann einen Abend lang Zeit nehmen. in jedem Augenblick.« Ja. Gesetze zu erlassen. ».

zurückgewiesen. in siedendes Wasser geworfen oder bei lebendigem Leib gehäutet. Andere werden verlassen. Meeren und am Himmel. werden von Felsen erschlagen oder von Fluten fortgeschwemmt. Es ist eine Realität. Manche Menschen sterben an Hunger. Und nicht nur die Menschen leiden. schwere Lasten tragen. Jede Sekunde werden Zehntausende von ihnen von Menschen getötet. Dummheit oder aufgrund von Ehrgeiz. gefoltert. wenn 89 . Habgier. Auch wenn uns der Gedanke daran überwältigt und wir uns ohnmächtig fühlen angesichts von so viel Schmerz und Leid . betrogen. auf ihre Knochen. Ein nicht abreißender Strom von leidenden Menschen bevölkert die Krankenhäuser. Weil man auf ihr Fleisch aus ist. Savannen. verstoßen. in Netzen erstickt. Die Sterbenden müssen ihre Schmerzen ertragen und die Überlebenden ihre Trauer. ohne Hoffnung auf Heilung. Das sind nicht nur Worte. in spitzen Eisenfallen gefangen. die einen wesentlichen Bestandteil unseres Alltags ausmacht: Tod. Manche werden aus Hass. Mütter verlieren ihre Kinder. ihr Fell. ihre Haut. andere kommen durch Feuer um. die Vergänglichkeit aller Dinge und Leid. Ein Tier frisst das andere. Kälte. Jede Sekunde werden Menschen ermordet. verstümmelt. werden sie gequält. Andere müssen vonseiten ihrer Besitzer endlose Qualen leiden.es würde von Feigheit oder Gleichgültigkeit zeugen. Wieder andere werden gejagt. Erschöpfung. auf Moschus. in Schlingen erdrosselt. Manche Menschen leiden ohne Hoffnung auf Behandlung. Kinder ihre Eltern. von ihren Lieben getrennt. Elfenbein. in den Wäldern. Manche werden behandelt. ihr ganzes Leben in Ketten verbringen. Stolz oder Neid getötet. aus dem Wasser gefischt. in Stücke gehauen und in Dosen gefüllt.manche direkt nachdem sie geboren haben. geschlagen.

da wird eines der Kinder plötzlich von einer Schlange gebissen. hinter Sorglosigkeit und Spaß. Die unterschiedlichen Arten von Leid Der Buddhismus spricht vom alles durchdringenden Leid. das Leid durch Veränderung mit einer köstlichen Mahlzeit. vom Leid durch Veränderung und von der Vervielfältigung des Leids. Das Leid durch Veränderung beginnt als Vergnügen und endet im Schmerz. um es zu lindern. Dann unterscheiden wir zwischen sichtbarem Leid. Das alles durchdringende Leid ist noch nicht ohne Weiteres als solches erkennbar. Demnach können wir die drei Arten des Leids auch in Hinblick darauf unterscheiden. der sich auf einem Geschwür gebildet hat. Verborgenes Leid steckt hinter scheinbarem Vergnügen.wir die Augen davor verschlössen. und das sich vervielfältigende Leid mit dem Aufbrechen eines Abszesses. wie leicht oder schwer sie zu erkennen sind. verborgenem Leid und unsichtbarem Leid. Ein Feinschmecker nimmt erlesene Speisen zu sich. auf 90 . und schon wenige Augenblicke später wird er aufgrund einer Lebensmittelvergiftung von Krämpfen geschüttelt. Mit dem Leid sollten wir uns intensiv auseinandersetzen und alles in unserer Macht Stehende tun. Sichtbares Leid ist überall offenkundig. Das sich vervielfältigende Leid steht in Zusammenhang mit zunehmendem Schmerz. Eine Familie ist zu einem fröhlichen Picknick auf dem Land zusammengekommen. Menschen tanzen vergnügt auf einem Volksfest. die mit Gift versetzt ist. Das allgegenwärtige Leid lässt sich mit einer grünen Frucht kurz vor dem Heranreifen vergleichen.

Nichts von alledem ist unserem Frühstücksei anzusehen. Es lässt sich nicht so leicht lokalisieren wie ein schmerzender Zahn. Diese Art von Leid kann uns praktisch jederzeit treffen. damit sie schneller wachsen und mehr Eier legen. Und dann gibt es noch das Leid. Es sendet keine Signale aus und hindert uns nicht. was wir eigentlich zu tun oder lassen hätten. Männliche Küken werden unmittelbar nach dem Schlüpfen von den weiblichen getrennt und landen direkt im Fleischwolf. die sich vom magischen Spiel der Erscheinungswelt vereinnahmen lassen und an der Überzeugung festhalten. Menschen und Dinge seien von Dauer und blieben unberührt von jenen Veränderungen. denn es ist Bestandteil unserer täglichen Routine. Was könnte harmloser sein als ein gekochtes Frühstücksei? Den Hühnern auf dem Bauernhof geht es vielleicht gar nicht so schlecht. sodass sie einander immer wieder die Federn ausreißen. macht uns blind für das. Worte und Taten Glück bringen. wie wir in Unwissenheit und Selbstsucht gefangen bleiben.einmal geht das Festzelt in Flammen auf. aber wir sollten einmal einen kurzen Blick auf die Käfighaltung werfen. Diese Verwirrung und die mit ihr einher91 . damit unsere Gedanken. Die Beengtheit in den Legebatterien macht sie aggressiv. Solch unsichtbares Leid ist am schwersten zu erkennen. die auf einem Mangel an Urteilsvermögen und an Weisheit beruht. den Anforderungen des Alltags gerecht zu werden. das mit ganz gewöhnlichen Aktivitäten verbunden ist. weil es der Blindheit des eigenen Geistes entspringt. statt Schaden anzurichten und Leid zu verursachen. Allerdings bleibt es jenen verborgen. Die Hennen werden Tag und Nacht unter künstlichem Licht gemästet. denen tatsächlich alles unterworfen ist. Unsere Verwirrung. und es setzt sich so lange fort.

Egoismus oder das Gefühl. 92 . Man könnte also meinen. auf Herrscher Heilige.nicht einmal einer von der Winzigkeit einer Nadelspitze . Die Allgegenwart und das Ausmaß dieses Leids. führen uns die eigene Ohnmacht vor Augen. das gar kein Ende nehmen will. Auf Propheten sind Weise gefolgt. üben auf Schmerz und Leid ebenso viel Anziehungskraft aus wie ein Magnet auf Eisenspäne. ganz zu schweigen von Eifersucht. doch wenn die von ihr gegründeten Hospize heute verschwänden. im Zentrum der Welt zu stehen daher der Begriff »egozentrisch« ist der Ursprung für einen Großteil unserer kontraproduktiven Gedanken. von zwanghaftem Verlangen bis hin zu Hass. bleibt nicht ein einziger Ort . Deshalb bezeichnen wir diese dritte Form von Leid als »unsichtbar«. aufgrund welch subtiler Zusammenhänge Glück und Leid entstehen. Im Kreislauf von Tod und Wiedergeburt. Und in den angrenzenden Stadtvierteln sterben die Menschen wie eh und je auf dem Gehsteig. aus dem überall vorherrschenden Leid gebe es kein Entrinnen. heißt es in buddhistischen Texten.vom Leid ausgenommen. lägen die Kranken wieder auf den Straßen. Egoismus oder Selbstsucht in all ihren Formen. das auch für uns selbst zur Ursache von Schmerz und Leid wird.gehenden Tendenzen veranlassen uns immer wieder aufs Neue zu einem Verhalten. Um diese verhängnisvolle Fehleinschätzung korrigieren zu können. aber die Ströme des Leids fließen nach wie vor. als hätte es diese Einrichtungen nie gegeben. Mutter Theresa hat sich fünfzig Jahre lang für die Sterbenden von Kalkutta abgerackert. Vermögen wir im Anhaften am Ich die Ursache dieses Leids zu erkennen? Gewöhnlich nicht. müssen wir aus dem Traum der Unwissenheit erwachen und verstehen lernen.

Denn nach buddhistischer Auffassung ist die Welt ohne Anfang und ohne Ende. Und tatsächlich verhält es sich ja folgendermaßen: Überall auf der Welt. Dessen ungeachtet hat diese Sicht der Dinge im Buddhismus nicht zu der . weil keinesfalls aus nichts plötzlich etwas werden kann. Trennung von unseren Lieben.Krankheit. Im Endeffekt kann aber ebenso wenig etwas zu nichts werden. Konfrontationen mit dem.von zahlreichen westlichen Philosophen vertretenen . ist auch Leid zu finden . Tod. dass uns solche Aussichten in Verzweiflung stürzen. und so weiter. was wir fürchten. wird es immer geben. so der Buddhismus. Einen realen Anfang kann es deshalb nicht geben. Jeder Einzelne hat jedoch die Möglichkeit. Mangel am Lebensnotwendigsten. erzwungene Koexistenz mit unseren Unterdrückern. Alter. noch schlimmer.Auffassung geführt. weil wir sie nicht ertragen können? Die Ursachen des Leids Kann man auf irgendeine Weise dafür sorgen. entmutigen oder. Im Hinblick auf die Menschheit als Ganzes können wir nicht erwarten. Nichts ist lediglich ein Wort. abstumpfen und gleichgültig werden lassen? Werden wir an dieser Sicht der Dinge unweigerlich zugrunde gehen. sich davon zu befreien. Aus einer bloßen Vorstellung kann indes kein greifbares »Etwas« hervorgehen. mit dessen Hilfe wir uns die Abwesenheit oder auch die Nichtexistenz weltlicher Phänomene vorstellen können.Dürfen wir aber zulassen. dass das Leid einfach aus der Welt verschwindet. wo Leben existiert. dass das Leid ein Ende nimmt? Leid als allgemein anzutreffendes Phänomen. Leid sei 93 .

treffe uns zufällig und habe mit uns persönlich nichts zu tun. Nur wenn wir uns über die Beschaffenheit dieser Ursachen im Unklaren sind. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Sind Menschen unglücklich. Blumen könnten am Himmel wachsen. Leid sei unvermeidlich. wer sich darüber aufregt. wie der Dalai Lama sagt. um es weniger zu spüren. Das Gesetz von Ursache und Wirkung wäre völlig bedeutungslos . wie es nun einmal ist. beginnen wir daran zu zweifeln. der auf die Vorstellung hinausläuft. Glück hingegen unerreichbar. es einfach so hinzunehmen.alles könnte aus allem hervorgehen. Dann wäre man besser beraten. dass diesem Zustand des Unglücklichseins abgeholfen werden kann. weil es Ausdruck des göttlichen Willens oder eines anderen übergeordneten Prinzips sei und sich deshalb für immer unserer Kontrolle entziehe. an den Strand zu gehen und ein schönes kühles Bier zu trinken!« Denn ließe sich dem Leid ohnehin nicht abhelfen. könnten wir uns aus diesem Zustand niemals befreien. Das würde keinen Sinn machen. einfacher. würde ja. und es wäre dann. einfach an etwas anderes zu denken. Unglück habe keine erkennbare Ursache. Der zweite Irrtum ist die unbegründete Annahme. Licht könnte Dunkelheit erzeugen. Ließen die Ursachen des Unglücklichseins sich nicht beeinflussen und verändern. Der erste Irrtum besteht in der Vorstellung. Der dritte Irrtum beruht auf einem falsch verstandenen Fatalismus. über die Ursachen unseres Leids nachzudenken. so hat das Ursachen.unvermeidbar. und sich davon abzulenken. 94 . die Wirkung sei ungeachtet der Ursache ohnehin immer dieselbe. es nur noch verschlimmern. die man erkennen und beeinflussen kann. »sich gar nicht erst die Mühe zu machen. Es wäre besser.

Welches Inferno wird nicht durch einen Funken ausgelöst.Doch alles. wie mutig wir sind. die Ursachen des Leids zu untersuchen und sich Schritt für Schritt von diesen zu befreien. aufzugeben. der Eitelkeit oder . hat eine Ursache. gab er im Wildpark vor den Toren Varanasis seine erste Unterweisung. Er lehrte dort die vier edlen Wahrheiten. was geschieht. der Feindseligkeit. Als zweite lehrte er die Wahrheit von den Ursachen des Leids 95 . selbstsüchtige und fehlgeleitete Wünsche.noch grundlegender . Die vier Wahrheiten vom Leid Vor über 2500 Jahren. welcher Krieg nicht durch Gedanken des Hasses. Da es aber veränderlichen Ursachen entspringt. Wie groß die Aufgabe ist. Jedem von uns steht die Möglichkeit offen. ist Unglück selbst der Veränderung unterworfen und kann transformiert werden. sich in den Dienst der anderen zu stellen und zu dem vorzudringen. was das Menschsein eigentlich ausmacht. nachdem der Buddha unter dem Bodhi-Baum die Erleuchtung verwirklicht hatte. Entscheidend ist. die Schleier der Unwissenheit zu lüften. die ins Unglück führen. der Angst oder der Habgier? Welcher innere Schmerz wuchs nicht auf dem fruchtbaren Boden des Neids. Jeder von uns ist dazu imstande. Es gibt also weder ursprüngliches noch ewiges Leid. sondern auch in den bereits beschriebenen. subtileren Formen. weil nichts vollkommen eigenständig und unveränderlich existieren kann. sieben Wochen. ist zweitrangig. Die erste ist die Wahrheit vom Leid nicht nur in seinen offenkundigen.der Unwissenheit? Jede zur Wirkung werdende Ursache muss veränderlich sein.

Stolz und vielen anderen Geisteszuständen. ohne das Gefühl der 96 . Darin besteht die dritte Wahrheit. unglücklich zu sein . bedarf es einer klaren Unterscheidung zwischen Niedergeschlagenheit . der sogar unter günstigen äußeren Bedingungen anhält. Arglist. indem wir mithilfe unserer Praxis den Weg beschreiten. dass wir: • • • • das Leid erkennen. Letztere hängen von äußeren Umständen ab. In wenigen Worten zusammengefasst. Und als vierte lehrte er die Wahrheit von dem Weg. um die grundlegenden Ursachen des Leids zu beseitigen. kommt es darauf an. auf dem sich dieses Potenzial verwirklichen lässt. während Niedergeschlagenheit ein Zustand tiefer Unzufriedenheit mit dem Leben ist. Da sich diese Geistesgifte beseitigen lassen. seine Ursache beseitigen und ihm ein Ende bereiten. dass man physisch oder psychisch leiden kann .Unwissenheit führt zu Begierde. Der Weg beinhaltet jenen Prozess. bei dem man alle geeigneten und verfügbaren Mittel einsetzt. wie wir zwischen innerem Glück und äußerem Vergnügen unterschieden haben.dem Gefühl. die das eigene Leben ebenso vergiften wie das unserer Mitmenschen. kann das Leid ein Ende nehmen.und vorübergehendem Unbehagen oder zeitweiligen Sorgen.zum Beispiel traurig sein -. Wenn sich widrige Umstände in Leid verwandeln Ebenso. Auf der anderen Seite kann man nicht oft genug wiederholen.

wenn die natürlichen Ereignisse von Leben und Tod ihren Lauf nehmen. Für andere da zu sein. derartige Dinge einfach so hinzunehmen? Wen würde das nicht berühren. so fragen Sie jetzt vielleicht. sollte ich denn nicht am Boden zerstört sein. der am Flughafen von Delhi arbeitet. dass ich angesichts Tausender ziviler Kriegsopfer. und sei er der gelassenste aller Weisen? Worin besteht denn der Unterschied zwischen dem Weisen und dem gewöhnlichen Menschen? Der Erstgenannte empfindet bedingungslose Liebe für die Leidenden und kann alles in seiner Macht Stehende zur Linderung ihres Schmerzes tun. Aber wie. Wir sprechen hier von zwei Erfahrungsebenen. An der Oberfläche tobt vielleicht ein Sturm. wenn ich dort vorbeikomme. aber in der Tiefe bleibt das Meer stets ruhig. Der Weise bleibt immer mit der Tiefe verbunden. die man mit den Wellen an der Oberfläche und den Tiefen des Ozeans vergleichen kann. dass es sterben wird? Wie sollte es möglich sein. nicht aufgewühlt bin? Soll ich etwa gar nichts mehr empfinden? Was könnte mich je dazu bringen. wenn mein Kind krank ist und ich weiß. das auf innerem Frieden und Selbstlosigkeit beruht. das macht hier den entscheidenden Unterschied. trinken wir eine Tasse Tee zusammen und unterhalten uns über alle möglichen phi97 . Ein Mensch. die deportiert oder verstümmelt werden. ohne dass seine erleuchtete Sicht der Dinge ins Wanken gerät. einem Sikh mit schönem weißem Bart.tiefen Erfüllung zu verlieren. steht auf verlorenem Posten. Seit ein paar Jahren bin ich mit einem Mann jenseits der sechzig befreundet. der jedoch nur die Oberfläche kennt und der Tiefe nicht gewahr ist. Jedes Mal. ohne sich der Verzweiflung anheimzugeben. wenn er von den Wellen des Leids erfasst wird.

was geschehen war. der Anfang des 20. weil mir sein Tod so ungerecht erscheint. Schließlich nahm einer der Schüler all seinen Mut zusammen und berichtete dem 98 . in dem noch nie jemand gestorben sei. der sie mit Worten voller Liebe und Weisheit tröstete.losophischen und spirituellen Themen. Er hatte eine Familie und empfand sein Leben lang eine tiefe Zuneigung zu seiner Frau. Der Buddha sagte ihr.« Trotzdem kann man die Welt an sich nicht als ungerecht bezeichnen. den Jungen wieder zum Leben zu erwecken. Da sie sich an seine Aussagen erinnerten. kehrte sie zum Buddha zurück. Ich kann es nicht verstehen.die Unbeständigkeit aller Dinge ist ein natürliches Phänomen. wo wir ein paar Monate zuvor aufgehört hatten. Ich erzählte meinem Freund auch die Geschichte von Dza Mura Tulku. und ich kann es auch nicht akzeptieren. einem spirituellen Meister. Nachdem die Frau alle Häuser des Dorfes aufgesucht und erkannt hatte. Jahrhunderts in Tibet gelebt hatte. Besorgt eilten die Freunde und Schüler des Meisters an seine Seite. dass er sie nicht lange überleben könne. dazu benötige er eine Handvoll Erde von einem Haus. Eines Tages sagte er zu mir: »Vor ein paar Wochen ist mein Vater gestorben. sollte sie einmal vor ihm sterben. Nichts unternahm er ohne sie und sagte oft. dass keines vom Tod verschont geblieben war. zum Buddha kam und ihn anflehte. die. wagte keiner. Und dann starb sie plötzlich. und Vergänglichkeit . vom Schmerz über den Tod ihres Sohnes überwältigt. Denn sie spiegelt einfach nur die Gesetze von Ursache und Wirkung wider. Ich bin völlig verzweifelt. So behutsam wie möglich erzählte ich ihm die Geschichte von der Frau. wobei wir jeweils da wieder an das Gespräch anknüpfen. die von dieser erwidert wurde. ihm zu erzählen.

empfand er bestimmt tiefe Trauer. zu ihrem Sohn. weicht der Kummer allmählich dem Verstehen und einem Gefühl inneren Friedens. Die befürchtete Reaktion blieb indes aus. welches so weit gehen kann. dass seine Frau gestorben war. Das ist die größte Anerkennung. du würdest mir eine besondere Ehre erweisen. still für die Verstorbene zu beten und ihr dieses Gebet zu widmen. Deshalb ist es besser. Doch die Liebe zu seiner Frau wäre nicht wertvoller geworden. wenn du viel Aufhebens um meinen Tod machst. anstatt unvorbereitet davon getroffen zu werden und der Ver99 . »Glaube nur nicht. dass man monate. dass der Tod Bestandteil des Lebens ist. hängt also stark von unserer inneren Haltung ab. bevor sie starb. Wie oft habe ich euch das gesagt? Sogar der Buddha musste die Welt verlassen. mit denen wir in diesem Leben wahrscheinlich konfrontiert werden und von denen einige. sich innerlich auf die leidvollen Ereignisse vorzubereiten.« Diese Worte sprach eine Mutter wenige Augenblicke. erfülltes Leben. Wie wir diese Wellen des Leids erleben. zeugt keineswegs von großer Liebe. die du mir als Mutter zollen kannst. wenn er zugelassen hätte. Krankheit und Tod. sondern von einem Anhaften.oder jahrelang wie gelähmt ist. Der Meister blickte sie ruhig an und sagte: »Warum schaut ihr so verstört drein? Lebewesen und Dinge sind vergänglich. dass ihn die Verzweiflung überwältigte.« Da er seine Frau so sehr liebte. Führe einfach weiterhin ein gutes. Für ihn war es wichtiger. Wenn wir akzeptieren lernen. wie beispielsweise Alter. das weder uns selbst noch dem anderen guttut.Meister so taktvoll wie möglich. unvermeidlich sind. Das quälende Festhalten an einer Situation oder von der Erinnerung an einen lieben Verstorbenen.

dann wird uns eines Tages schon der kleinste Vorfall unermesslichen Kummer bereiten. Da sich dieses Gefühl immer stärker einprägt. und der Frieden wird keinen Raum in uns haben. wie schwerwiegend oder tragisch sie auch sein mögen. und wir werden voller Bitterkeit gegen unser Schicksal aufbegehren . damit wir uns. und schon wird er uns zuteil? Wohl kaum. ohne emotional abzustumpfen. wo wir ganz und gar am Sinn des Lebens zweifeln.bis zu dem Punkt. uns diesen inneren Frieden zu wünschen. den wir uns nur durch geduldiges Bemühen zu Eigen machen können. Und ist der Geist erst daran gewöhnt. in Angst und Schrecken versetzen. sich bloß immer mit dem Schmerz zu befassen. Wenn wir uns von persönlichen Problemen. Reicht es. Auch unseren Lebensunterhalt verdienen wir ja nicht einfach durch Wunschdenken. Ein körperlicher oder seelischer Schmerz kann heftig sein. den wir durch andere Menschen oder durch Geschehnisse erleiden. verschlimmern wir die Probleme nur und fallen unseren Mitmenschen zur Last. ohne weniger liebevoll und weniger selbstlos zu sein. fällt es uns viel leichter. ohne unsere positive Einstellung zum Leben zu zerstören. Ein gewisses Maß an innerem Wohlbefinden zu entwickeln ist sehr wichtig. 100 . was uns widerfährt. mit der Tiefe unseres Seins verbinden können. überwältigen lassen. Er bedeutet einen geistigen Reichtum. Mit dem inneren Frieden verhält es sich nicht anders.zweiflung anheimzufallen. Sobald wir inneres Wohlbefinden erreicht haben. auch angesichts schwieriger äußerer Umstände innerlich stark zu bleiben oder bald wieder Kraft zu schöpfen. Sämtliche Manifestationen erscheinen uns zunehmend in einem feindseligen Licht. wird uns schließlich alles.

Andererseits kann es passieren. Zunächst wirkten sie völlig apathisch. Bulgarische und chinesische Waisenhäuser. Infolgedessen fällt es ihnen entsprechend schwer. Allerdings entwickeln einige von ihnen eine heilsam wirkende und Kraft verleihende Fähigkeit. in denen die Kinder vom Betreuungspersonal kaum berührt werden. Mit eigenen Augen habe ich bei Kleinkindern aus nepalesischen Waisenhäusern erstaunliche Veränderungen gesehen. liefern bekanntermaßen den traurigen Beweis. lebhaften Kindern entwickelt. sich nicht unterkriegen zu lassen. diese Geschehnisse in persönliche Stärken verwandeln und ihren Weg durchs Leben finden. anderen Menschen wirklich zu vertrauen. Im Innern einen Ort des Friedens und der Liebe zu finden ist für sie sehr schwierig. Doch dank intensiver. liebevoller Betreuung durch emotional zugewandte Pflegeeltern haben sie sich innerhalb weniger Monate zu wundervollen. ob und in welchem Maß wir in der frühen Kindheit Liebe und Zuwendung erhalten. Es ist wissenschaftlich erwiesen.Verletzte Seelen Manche Menschen haben in der frühen Kindheit so wenig Liebe und so viel Leid erfahren. geschweige denn Liebe und Zuwendung erhalten. dass Neugeborene und Säuglinge in sehr hohem Maß der liebevollen Zuwendung bedürfen. ja »abwesend«. inwieweit wir später selbst Liebe zu geben und zu empfangen vermögen und inwieweit wir zu inne101 . Der Umstand. mit deren Hilfe sie aus schwierigen Situationen weniger verletzt hervorgehen. beeinflusst also sehr stark. dass sie ihre Verletzungen sehr lange in persönliche Beziehungen hineintragen. dass tiefe Verletzungen zurückgeblieben sind. um sich möglichst gut entwickeln zu können. dass sich das Gehirn eines vernachlässigten Säuglings nicht normal entwickelt.

er ist übermäßig grüblerisch. die zuerst von Mary Ainsworth1 beschrieben und von Phil Shaver und Kollegen auf Jugendliche und Erwachsene2. sondern auch die Bereitschaft. »zwanghaft autonom« und nicht besonders fürsorglich. Auch mit Stress kann sie im Allgemeinen gut umgehen. Laut Shaver und Kollegen beeinflusst der emotionale Stil der Eltern. Eine solche Person ist empfänglich für Gefühle und Erinnerungen. zeigt sich bei einer innerlich »sicheren« Person nicht nur ein hohes Maß an Zufriedenheit und Wohlbefinden. Ein solcher Mensch ist generell misstrauischer.3 angewandt wurden. nimmt bei Meinungsverschiedenheiten keine feindselige Haltung ein und ist kompromissfähig. Eine »ängstliche und unsichere« Person besitzt dagegen wenig Selbstvertrauen und zweifelt an der Möglichkeit. wirkt oft gelangweilt. Ein »unsicherer Vermeider« hält andere Menschen eher auf Abstand. Zur Vermeidung von emotionaler Nähe oder Intimität setzt er entweder auf ängstliche Abwehr oder unterdrückt seine Gefühle und zieht sich in einen »Kokon« der Ichbezogenheit zurück. als sich dem Risiko auszusetzen. insbesondere der Mutter. obwohl sie gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht danach verspürt. Für Gefühle und Erinnerungen ist er unempfänglich. echtem Wohlwollen und echter Zuneigung zu begegnen. den des Kindes 102 . zeigt in hohem Maß »geistige Kohärenz«. Er besitzt eine hohe Meinung von sich selbst.rem Frieden gelangen. erneut verletzt zu werden. abgelenkt. die aber dem eigenen Schutz dient und sich leicht erschüttern lässt. Gemäß der Kategorien. besitzergreifender und eifersüchtiger. anfällig für Depressionen und neigt unter Stress vielfach zu Überreaktionen. Seine nagenden Zweifel beruhen oft auf bloßer Einbildung. auf eine natürliche Art offen und vertrauensvoll auf andere zuzugehen.

der mit erprobten Methoden arbeitet. also helfen? Indem wir ihnen genug Liebe geben. nicht für unsere spirituelle und menschliche Weiter103 . Aus Leid den bestmöglichen Nutzen ziehen Leid ist natürlich nie erstrebenswert. und indem sie sich selbst darum bemühen. Das bedeutet allerdings nicht.ganz entscheidend. Wie können sie sich selbst helfen? Indem sie einen Dialog mit einem menschlichen und warmherzigen Psychologen aufnehmen. dass unsichere. ihre Liebesfähigkeit sowie Mitgefühl und Achtsamkeit zu entwickeln. wenn ihnen Liebe und andere positive Gefühle entgegengebracht werden. dass wir Leid. Gleiches gilt für emotionale Sicherheit und ängstliches Verhalten. dass das Kind dieses Verhaltensmuster durch die Interaktion mit der Mutter »lernt«.4 Wie können wir Menschen. sodass ein wenig Vertrauen und Frieden in ihr Herz einkehren kann. Offenheit und Friedfertigkeit zu entwickeln und der emotionalen Alchimie ihren Lauf zu lassen? Aber sind solche in der frühen Kindheit erworbenen emotionalen Verhaltensmuster als unveränderliche Persönlichkeitsmerkmale für die Ewigkeit in Stein gemeißelt? Glücklicherweise nicht. die tief im Innern verletzt sind. Ist die Mutter eine »Vermeiderin«. Was kann man also Besseres für sein Kind tun. beispielsweise der kognitiven Therapie. als selbst Qualitäten wie Freundlichkeit. Phil Shaver und seine Mitarbeiter haben nachgewiesen. wenn es denn unvermeidbar ist. ängstliche und Nähe vermeidende Personen sich ändern und emotional sicherer werden können. besteht eine zirka siebzigprozentige Wahrscheinlichkeit.

Um seiner teilhaftig zu werden. Finden wir uns aber nach dem simplen Motto: »So ist das Leben nun einmal!« mit ihnen ab. Und dann begriff ich.entwicklung nutzen können. .5 Leidvolle Erfahrungen können unser Lehrmeister sein. Da war nur Liebe. Diese Herzensöffnung machte sich in den folgenden Tagen und Wochen immer stärker bemerkbar. zwischen mir und anderen. dass es Liebe ist. in der keine wirkliche Trennung besteht zwischen Äußerem und Innerem. verzichten wir von vorneherein auf 104 . dem Tod nahe. Ich gelangte in einen Zustand unbeschreiblicher Glückseligkeit. brauchte ich nur die Augen zu schließen . Ein unermessliches Feuer der Liebe loderte in mir. wie oberflächlich viele unserer Alltagsaktivitäten und -bestrebungen sind.. sonst nichts. monatelang unter grausamen Schmerzen gelitten hatte... war er schließlich bereit »loszulassen«. Auf lange Sicht erschließt das Leid uns eine Welt. was die Welt im Innersten zusammenhält und die allen Wesen und Dingen gemeinsame Identität ausmacht. .tiefe und befriedigende Atemzüge lang. worauf es für uns im Innersten wirklich ankommt. Er hörte auf. wie anfällig und zerbrechlich unser Leben ist und vor allem. zwischen Körper und Geist. ein Potenzial. gegen den unstillbaren Schmerz anzukämpfen. das in jedem von uns stets gegenwärtig ist. Leidvolle Erfahrungen halten eine spezielle Lektion für uns bereit: Sie machen uns bewusst. Nachdem der kanadische Psychiater Guy Corneau.. und öffnete sich für die Erfahrung von Gelassenheit und innerem Frieden. sofern wir sie weise zu nutzen verstehen.

bedeutet das keineswegs.sie behindern uns nur nicht länger auf unserem Weg zu innerer Freiheit. wozu wäre es dann gut. Kritik oder »Pech« uns nicht aus der Bahn werfen. Wollen wir uns vom Leid nicht zerstören lassen und es wie einen Katalysator nutzen. die jedem von uns offensteht und verhindern kann. Feindseligkeit. schier unerträglichen Schmerzen umgehen? Auch hier müssen wir wieder zwischen zwei Arten von Leid unterscheiden: dem physischen Schmerz und den körperlichen und seelischen Leidenserfahrungen. Falls schwierige Erfahrungen wie Krankheit.die Möglichkeit der Veränderung. Verzweiflung und Mutlosigkeit von uns Besitz ergreifen. Derselbe Schmerz kann jedenfalls auf sehr unterschiedliche Weise und mehr oder weniger stark erlebt werden. unglücklich sein? Ist hingegen keine Abhilfe möglich. Aus neurologischer Sicht wissen wir. die er hervorruft. dass uns bestimmte Ereignisse nicht treffen oder dass wir solche Hindernisse für immer überwunden haben . unglücklich zu sein?« Mit dem Leid umgehen Wenn es möglich ist. dem sich abhelfen lässt. gilt dies dann auch für körperliche Leiden? Wie können wir mit furchtbaren. Jahrhundert: »Warum sollte ich über etwas. seelisches Leid durch inneren Wandel zu lindern. dürfen wir nicht zulassen. dass die emotionalen Reaktionen auf körperliche Schmerzen von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ausfallen und dass das Schmerzempfinden in beträchtlichem Ausmaß mit dem 105 . Meister Shantideva schrieb im 8. dass das Leid scheinbar unaufhaltsam in Niedergeschlagenheit mündet. dass Angst.

heilsamen Balsam vorstellen. wird auch der geringste Schmerz bald unerträglich. Denn unsere Bewertung des Schmerzes hängt ebenfalls vom Geist ab: Er ist es. Diese Flüssigkeit breitet sich dann im ganzen 106 . wo er diesen allmählich in ein Gefühl des Wohlbefindens transformiert. indem wir uns für Liebe und Mitgefühl öffnen. eine andere hilft uns. und das macht einen großen Unterschied. Im zweiten Fall wahren wir zumindest Würde und Selbstvertrauen. Der Schmerz bleibt . den Schmerz zu meistern. Dieses Ziel können wir auf unterschiedlichen Wegen erreichen. es zu unterdrücken. innere Stärke zu entwickeln. Mutlosigkeit oder einem Gefühl von Ohnmacht reagiert. als gegen ihn zu kämpfen. Bei einer weiteren geht es darum. in Zusammenhang steht. die man in der modernen Psychologie als »Visualisierung zur Veränderung der Schmerzwahrnehmung« bezeichnet. der lindernd wirkt und ins Zentrum des Schmerzes fließt. Die Macht der Bilder Jene mentale Technik. wie können wir dann lernen. dass diese Angst vom Geist Besitz ergreift. Widerstand. sollten wir ihn lieber annehmen.ob wir uns nun völlig entmutigen oder aber nicht unterkriegen lassen. Anstelle von einer Qual erleiden wir so gleich vielerlei Qualen. ist im Buddhismus seit jeher bekannt. Schmerz zu transformieren.aus Angst resultierenden Wunsch. Eine Methode macht sich unsere Vorstellungskraft zunutze. Wenn wir zulassen. Sind wir zu diesem Verständnis gelangt. statt ihm zum Opfer zu fallen? Da wir ihm nicht entrinnen können. der auf Schmerzen mit Angst. Zum Beispiel können wir uns einen Licht verströmenden.

B. eine deutliche Linderung ihres Leidens verspürten. die mit äußeren Bildern oder Objekten. und der Schmerz lässt nach oder verschwindet ganz. Der Unterschied zu den äußerst positiven Resultaten der Visualisierung rührt daher.6 Die Technik der Visualisierung erwies sich in diesem Zusammenhang als effektivste Methode. 91 etc. Diese drei Methoden bringen jedoch eher dürftige Ergebnisse.7 107 . Denkübungen oder einer bestimmten inneren Einstellung arbeiten.) oder den Schmerz bewusst annehmen. Man kann sich beispielsweise eine neutrale Situation vorstellen oder eine angenehme wie den Aufenthalt in einer herrlichen Landschaft. obgleich ihre Wirksamkeit davon abhängt. im Unterschied dazu lediglich sieben Prozent innerhalb der Kontrollgruppe. dass das Erzeugen innerer Bilder die Aufmerksamkeit stärker bündelt und bindet als alle anderen Techniken. mit denen Schmerzpatienten sich von ihren Schmerzen ablenken können: indem sie etwa ihre Aufmerksamkeit auf ein äußeres Objekt richten (beispielsweise eine Diavorführung betrachten). Eine Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse aus etwa 50 wissenschaftlichen Artikeln hat ergeben. worauf die Visualisierung Bezug nimmt. die Zahl 100 schrittweise um die Differenz 3 verringern: 97. 94. eine monotone Übung ausführen (z. dass 21 Prozent der Probanden. dass die Anwendung mentaler Methoden in 85 Prozent der Fälle die Schmerztoleranz erhöht. Es gibt aber noch weitere Methoden.Körper aus. in der keine Visualisierungsübungen durchgeführt worden waren. nachdem sie vier Wochen lang unter Anleitung Visualisierungsübungen praktiziert hatten. Eine Gruppe von Wissenschaftlern hat bei chronischen Migränepatienten herausgefunden.

Aggression oder Habgier. ist der eigene Schmerz 108 . Stellen Sie sich vor. die allem zugrunde liegende Lichthaftigkeit reinen Gewahrseins. niemals die essenzielle Geistesnatur.« Wenn wir so denken. und lassen Sie wieder Frieden in Ihrem Geist einkehren. eine Situation vorzustellen. Machen Sie sich bewusst. In Gedanken sagen wir uns: »Andere Menschen machen Ähnliches durch wie ich und manchmal noch viel Schlimmeres. wie der innere Aufruhr nachlässt. zu erreichen vermögen. Beobachten Sie. Neid. wie Sie innerlich ruhig und gelassen dasitzen und Ihr Geist so offen. indem wir es zu dem Leid aller empfindenden Wesen in Beziehung setzen. Spüren Sie diese Ruhe.ÜBUNG: Visualisierung Versuchen Sie sich beim Auftreten starker Emotionen. Hochmut. wie tief sie auch sein mögen. Ach. die inneren Frieden begünstigt. wie Begierde. Mitgefühl versetzt uns in die Lage. könnten sie doch ebenfalls von ihrem Schmerz und ihrem Leid befreit werden. Die Kraft des Mitgefühls Sich in Mitgefühl zu üben ist eine weitere hilfreiche Methode. um mit emotionalen und körperlichen Erfahrungen von Leid besser umgehen zu können. weit und klar ist wie ein wolkenloser Himmel oder so glatt wie die Meeresoberfläche bei Windstille. mit eigenem Leid besser fertig zu werden. dass Ihre Wunden. Versetzen Sie sich geistig ans Ufer eines stillen Sees oder auf einen Berggipfel mit weitem Ausblick.

Selbst bei unerträglichen Schmerzen können wir uns fragen. zu denen wir fähig sind -. dass hinter dem Schmerz ein ursprüngliches Gewahrsein vorhanden ist. Wir stellen fest. je mehr wir versuchen. Letztlich gelangen wir so zu der Einsicht. unwandelbar und jenseits von Freude und Leid. und wir stellen nicht länger die bittere Frage: »Warum ausgerechnet ich?« Wieso aber sollten wir uns freiwillig mit dem Leid der anderen beschäftigen. 109 . sind wir anfällig und werden leicht zum Opfer der eigenen Verwirrung. zur Linderung des Leids der anderen beizutragen. dass der Schmerz immer weiter an Kontur verliert. können wir uns diese Erfahrung anschauen. Hilflosigkeit und Angst. Depression macht Platz für Liebe und Engherzigkeit wandelt sich zu vorbehaltloser mitmenschlicher Offenheit. An diesem Punkt können wir den Geist entspannen. unser Augenmerk auf ihn zu richten. Innere Stärke entwickeln Wenn wir unter großem körperlichem oder seelischem Schmerz leiden. Nehmen wir hingegen am Leid der anderen stark Anteil. ob sie eine Farbe. wächst unsere Bereitschaft. und wir versuchen. da wir doch alles daransetzen. Denn wenn wir uns einzig und allein mit uns selbst befassen. Form oder andere gleichbleibende Eigenschaften aufweisen. und zugleich verlieren so die eigenen Probleme etwas an Gewicht. Indem wir Mitgefühl und liebevolle Anteilnahme entwickeln . ganz bestimmt nicht.die positivsten Gefühle. so weicht unsere ohnmächtige Resignation dem Mut. dem eigenen zu entgehen? Machen wir es uns dadurch nicht unnötigerweise nur noch schwerer? Nein.nicht mehr so bedrückend.

was ihn letztlich gerettet hat. und er war einer von ihnen. sei er zu seiner Meditationspraxis zurückgekehrt.den Schmerz in diesem Zustand reinen Gewahrseins ruhen zu lassen. habe er seine Peiniger gehasst. Manchmal. Choedrak nach seiner Freilassung untersucht hat. Auf diese Weise vermochte er seinen Lebenswillen aufrechtzuerhalten. räumte Choedrak ein. Nur fünf der Zwangsarbeiter haben überlebt. So sind wir nicht mehr passives Opfer des Schmerzes und können seiner zerstörerischen Wirkung auf unseren Geist Einhalt gebieten oder sie gar rückgängig machen. konnte sie Tag und Nacht vonei110 . Nach der chinesischen Invasion in Tibet wurde Tenzin Choedrak. Albträume und Ähnliches. Choedrak verspürte weder Bitterkeit noch Hass. Nonne und Mitglied der Widerstandsbewegung. Zwanzig Jahre lang wurde er von einem Lager ins andere verlegt. 1959 zusammen mit mehreren Hundert Personen in ein Arbeitslager im Nordosten des Landes gebracht. Nach zwanzigjähriger Untersuchungshaft wurde Ani. das in ihre Zelle drang. so berichtete er weiter.8 Ein auf die Behandlung von Menschen mit posttraumatischem Belastungssyndrom (PTBS) spezialisierter Psychiater. eine tibetische Prinzessin. Ani Pachen hat ebenfalls schier unvorstellbare Qualen erleiden müssen. der Leibarzt des Dalai Lama. der Dr. der Meditation über inneren Frieden und Mitgefühl. dass er bei diesem Patienten nicht das geringste Anzeichen von PTBS entdecken konnte. war erstaunt. zu neunmonatiger Dunkelhaft verurteilt. und oft dachte er. Doch immer wieder.9 Nur durch das Vogelgezwitscher. er müsse vor Hunger oder an den Misshandlungen sterben. strahlte heitere Gelassenheit aus und litt unter keinem der üblichen psychischen Probleme Angstzustände.

von der unserigen abweicht. Noch beeindruckender ist indes. Wenn 111 . Gier und mangelndem Mitgefühl bewusst. wenn man wiederholt gefoltert wird. die aufgrund kultureller und weltanschaulicher Unterschiede. Die hier beschriebenen Menschen sind einfach ein Beleg dafür. Er verlässt die Hütte nie und liegt gewöhnlich auf seiner Matratze auf dem Hüttenboden. Später berichtete sie. aus Tibet gekommen und lebt seitdem in der winzigen Hütte. und die Authentizität dieser Erfahrungen ist weit überzeugender als alle Theorie. die ihn auf dem Rücken mitgeschleppt hatten. Vor vierzig Jahren war er mit anderen Flüchtlingen. welche Lebensfreude er ausstrahlt. dass er noch am Leben ist. zwar nicht im üblichen Sinne des Wortes »glücklich« gewesen zu sein. meditierte über solche Zusammenhänge wie das Gesetz von Ursache und Wirkung oder die Bedeutung von Vergänglichkeit und wurde sich so mehr denn je der verheerenden Konsequenzen von Hass. über die sich endlos diskutieren ließe. finde ich höchst bemerkenswert. Er kam ohne Arme und Beine zur Welt und wohnt am Rand eines Dorfes in einer kleinen Bambushütte. vergegenwärtigte sich ihren spirituellen Meister. Jahrelang haben sie entsprechend gelebt. Bei meinen Besuchen wirkt er stets gelassen. Schon die Tatsache. Wir sprechen hier nicht von einer intellektuellen oder moralischen Haltung. freundlich und unbefangen. Ein weiteres Beispiel: Seit zwanzig Jahren kenne ich einen Mann.nander unterscheiden. während der Haft die wichtigsten Aspekte von sukha weiterzuentwickeln: Sie wandte den Blick nach innen. dass man sukha sogar dann aufrechterhalten kann. nahm immer wieder auf die Meditationspraxis Bezug. dennoch sei es ihr gelungen. der in der Provinz Bumthang im Herzen des Königreichs Bhutan lebt.

Stellen Sie sich vor. die mit etwas Wasser. Er hatte innerlich sein Glück gefunden nichts und niemand konnte es ihm mehr nehmen. Licht verströ- 112 . Aber die Leute sagen. kommen die Leute normalerweise zu ihm. die Ähnliches durchmachen wie Sie . hat ihm manchmal einen Besuch abgestattet. weil es ihnen guttue. dass er diesen mit Sicherheit weniger nötig hatte als die meisten anderen Menschen. erklärt er dann lachend. Weil unser Freund darum bat. Herzensgüte und Mitgefühl mit allen Wesen. Gibt es im Dorf ein Problem. weißen. dass Sie mit Ihrem Atem in Form eines kühlen. wenn er durch Bumthang kam. sagt er. ihm irgendetwas mitzubringen. Gewöhnlich trifft man ein Kind oder eine ältere Person aus dem Dorf bei ihm an. einer Mahlzeit und einem bisschen Dorfklatsch zu ihm gekommen sind. ÜBUNG: Sich im Austausch von Glück und Leid üben Entwickeln Sie als Erstes eine starke Empfindung von Herzenswärme. um eine Lösung zu finden. es sei doch nicht nötig. Dilgo Khyentse Rinpoche. ein wenig Zeit mit ihm zu verbringen. Denken Sie dann an diejenigen. sie besuchten ihn vor allem deshalb. Und sie können ihn jederzeit um Rat fragen.oder vielleicht Schlimmeres. gab Rinpoche ihm dann seinen Segen. »Was könnte ich denn brauchen?«.wir ihm kleine Geschenke wie Nahrungsmittel und warme Decken oder ein Transistorradio mitbringen. mein geistiger Vater. wusste aber.

verspüren Sie große Freude. dass sie bekommen haben. im strahlend weißen Licht Ihres Herzens auflöst. ohne in irgendeiner Weise an ihr anzuhaften. Kraft und Gesundheit senden. dass sie geheilt werden. dass sie überleben. der ihren Schmerz lindert und ihre Hoffnungen in Erfüllung gehen lässt.menden Nektars. all Ihre Freude. die durch die ganze Welt reisen und sich in Kleidung für die Frierenden. die Verwirrung und Geistesgifte dieser Menschen in Form einer dunkelgrauen Wolke in sich aufnehmen. dass aus Ihrem Körper unzählige »Doppelgänger« hervorgehen. Stellen Sie sich vor. stellen Sie sich vor. stellen Sie sich vor. 113 . Falls ihr Leben bedroht ist. Und falls sie unglücklich sind. Falls sie krank sind. in Nahrung für die Hungernden oder in Behausungen für die Obdachlosen verwandeln. die sich. Visualisieren Sie. ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Falls sie arm und hilflos sind. wie die Menschen diesen Balsam. dass die anderen eine Belastung für Sie darstellen. stellen Sie sich vor. Visualisieren Sie beim Einatmen Ihr Herz als strahlend helle Kugel. beim Ausatmen diesen Menschen all Ihr Glück. Während Sie die leidvollen Erfahrungen der anderen in sich aufnehmen und auflösen. was sie benötigen. dass sie jetzt von Freude durchdrungen sind. restlos in sich aufnehmen. dass Sie die Krankheiten. Sie können sich auch vorstellen. Dadurch wird Ihr Leid ebenso transformiert wie das der anderen. stellen Sie sich vor. Nicht einmal ansatzweise haben Sie das Gefühl.

Den eigenen Wunsch nach Wohlbefinden bewusst wahrzunehmen ist eigentlich der erste Schritt zu echter Anteilnahme am Leid der anderen.Die beschriebene Visualisierung ist eine sehr wirkungsvolle Methode zur Entwicklung von Güte und Mitgefühl Auch im Alltag können Sie diese Übung jederzeit durchführen. das eigene Wohlbefinden zu vernachlässigen. Vielmehr soll sie Ihnen helfen. sich für das Wohl der anderen einzusetzen. auf unvermeidbares Leid mit einer veränderten Einstellung zu reagieren. Sie verlangt keinesfalls. 114 . indem Sie dieses in anderem Licht sehen. Außerdem ruft diese Einstellung bei Ihnen eine wesentlich höhere Bereitschaft hervor.

das zwischen einer nicht mehr existierenden Vergangenheit und einer noch nicht existierenden Zukunft thront. Ich preise das alle Wesen einbeziehende Mitgefühl. lassen wir die Welt erstarren. Chandrakirti Ein verwirrter Geist verhindert. indem wir bestimmte Eigenschaften auf die Phänomene projizieren. Schauen wir nach innen. indem wir uns ein »Ich« vorstellen. und stellen diese Überzeugung kaum jemals in Frage. die ihnen ihrer Natur nach keineswegs innewohnen.denken: »Dies ist schön und das ist hässlich«. ohne zu erkennen. dass erst unser Verstand dem Wahrgenommenen diese Eigenschaften überstülpt. einem Schleier gleich. Spontan schreiben wir Menschen und Dingen Eigenschaften zu . welches Verhalten uns hilft. Wenn wir den Blick nach außen richten. dass wir die Wirklichkeit klar erkennen und die eigentliche Natur der Dinge ungetrübt wahrnehmen. dass wir die Dinge so sehen. zu erkennen. Die ganze Welt teilen wir in »erstrebens115 . lassen wir den Geistesstrom gefrieren. Glück zu erfahren und Leid zu vermeiden. Wie Wasser in einem Mühlrad drehen wir uns hilflos im Kreis. Wie selbstverständlich gehen wir davon aus. Dann entwickeln wir die Vorstellung »mein« und klammern uns an die materielle Welt. So sind wir unfähig. wie sie sind.Kapitel 7 Die Schleier des Ego Erst entwickeln wir die Vorstellung von einem »Ich« und klammern uns daran.

Wäre eine bestimmte Sache wahrhaft schön oder angenehm. bestimmte Aspekte von Ereignissen. So wird beispielsweise einem Menschen. die es für den Geist angenehm macht. es zu meiden. Aber die Einsicht. dass wir Menschen und Dingen diese Eigenschaften lediglich zuschreiben. und etwas Hässlichem keine von Natur aus negative Qualität. was in Wirklichkeit ein Netz sich unablässig verändernder Beziehungen ist. voneinander unabhängige Entitäten. um wie viel komplexer sie ist. »Gute«. Wir verhalten uns. Wir neigen dazu. betrachten Vergängliches und Flüchtiges als etwas Dauerhaftes und sehen in dem. Etwas Schönem wohnt nicht von Natur aus eine bestimmte Qualität inne. und schließlich haften wir an diesen Etiketten. Daraufhin etikettieren wir andere als »Feinde«. besäße sie diese Eigenschaften also von Natur aus. also seinem Wesen nach. Situationen und Menschen isoliert zu betrachten und konzentrieren uns auf diese Besonderheiten. den wir als Feind ansehen.wert« und »nicht erstrebenswert« ein.« Würde ein Objekt andererseits unweigerlich. so wäre sie für uns an jedem Ort und zu jeder Zeit etwas Erstrebenswertes. mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem anderen Menschen Zuneigung zuteil. Betrachten wir die Realität jedoch eingehender. und es kann sein. ändert alles. hätten wir allen Grund. als seien 116 . dass wir eines Tages genau mit diesem »Feind« Freundschaft schließen werden. für den Einsiedler eine Ablenkung und für den Wolf eine üppige Mahlzeit. Wird aber irgendetwas auf dieser Welt überall einmütig als schön betrachtet? Dazu heißt es in einem kurzen Verstext aus den Schriften: »Für ihren Liebhaber ist eine schöne Frau ein Objekt der Begierde. Ablehnung oder Abscheu hervorrufen. zeigt sich. »Böse« und so weiter.

Unsere Vorstellungen verfestigen die Dinge künstlich zu isolierten Einheiten.beispielsweise. das durch unsere geistigen Projektionen unaufhörlich in Gang gehalten wird. dem wir sie zuschreiben. So entfernen wir uns von der Wirklichkeit und geraten in das Räderwerk von Anziehung und Abstoßung. kommen darüber hinaus bald Ablehnung und Anziehung ins Spiel: Abgelehnt wird alles. Wenn wir dann feststellen. dass es überaus verletzlich ist und geschützt werden muss.und einem vorgestellten »Selbst«. »ich bin wach« oder »ich friere« . wenn wir denken. Wie das Ego zu etwas scheinbar Konkretem wird Ein Aspekt unserer Verwirrung. In jedem Augenblick zwischen Geburt und Tod durchläuft der Körper unablässig Veränderungsprozesse. das sich durch die Macht der Gewohnheit ausgeprägt hat. wenn es zu Eis gefriert. Dennoch betrachten wir das Selbst hartnäckig als etwas Dauerhaftes. unveränderlichen Kern unseres Wesens. unwillkürlich zutage tretenden »Ich« . und der Geist wird zur Bühne für unzählige emotionale und mentale Erfahrungen. und wir verlieren unsere Freiheit . Wir schreiben ihm bestimmte Eigenschaften zu und betrachten es als eigenständigen. ihm angenehm ist. wohingegen alles. was es erfreut. was das Selbst bedroht. ist das beharrliche Festhalten an der Vorstellung von einer persönlichen Identität: dem Ego.so wie fließendes Wasser erstarrt.Eigenschaften untrennbar mit dem Objekt verbunden. der besonders tief greifende Auswirkungen hat. Im Buddhismus unterscheidet man zwischen einem natürlichen. Einzigartiges und Eigenständiges. sein Selbstvertrauen stärkt und ihm Entspannung oder Wohlbefin117 .

gelingen wird.die Vorstellung. da nichts anderes eine so große. Leben und Sterben uns zutiefst beunruhigen. wer wir sind. Tatsächlich sind wir nämlich von unseren Mitmenschen und der Umwelt in grundlegender Weise abhängig: Wir stehen in einer wechselseitigen Abhängigkeit. die zu ihrer Bewältigung notwendigen inneren Ressourcen frei zu machen. so der buddhistische Philosoph Han de Witt. »Das Ego«. stehen wir nicht mehr in Einklang mit der Wirklichkeit. 118 . zu erkennen und zu würdigen. ein geistiger Rückzug aufgrund von Angst. Das ist etwas ganz anderes als der Rückzug in die Ichbezogenheit. wir seien geschützt. In Wirklichkeit geschieht allerdings genau das Gegenteil. mit der uns das Leben konfrontiert. eine Anziehungskraft auf das Selbst ausübt. wenn wir uns in einer Art Seifenblase . Wahre Furchtlosigkeit erwächst aus der Zuversicht. Unsere Erfahrungen sind lediglich der Inhalt unseres Geistesstroms.den verspricht. Wir erzeugen die Illusion einer von der Welt getrennten Existenz und hoffen.verstecken. Natürlich ist jeder von uns ein in seiner Einzigartigkeit unverwechselbarer Mensch. klammern wir uns an die Einbildung. uns vor dem Leid fürchten. »ist auch eine gefühlsbetonte Reaktion auf unsere Umwelt.dem Ego . oder Geisteskontinuums. und es ist gut. Sobald wir jedoch die Vorstellung von einer Eigenidentität des Selbst stärken und verfestigen . dass es uns in jeder Situation. bedingen einander. ein von anderen getrenntes »Ich« zu sein -.«1 Weil wir vor der Welt und den Menschen Angst haben. durch die tiefe Unsicherheitsgefühle immer weiter aufrechterhalten werden. damit das Leid abwenden zu können. eine furchtsame Reaktion. geradezu magnetische Anziehung auf Leid ausübt wie Ich-Anhaftung und Selbstgefälligkeit.

dass wir uns mit diesem identifizieren und daher fürchten. aber nicht das Transportmedium für eine bestimmte Entität ist. mein Name. die den Boden bereitet für all unsere leidvollen Erfahrungen: entfremdende Gier. es könne verschwinden. Diese ziehen unweigerlich die . meine Freunde die wiederum entweder Besitzwünsche oder aber ein Gefühl von Ablehnung oder Abscheu dem »anderen« gegenüber bewirkt. diesen Geistesstrom mit dem Etikett »ich« zu versehen. Das führt zu einem starken Anhaften an einem »Selbst« und in der Folge zu der Vorstellung von »mein« . Allerdings haben wir uns so sehr daran gewöhnt. 119 . Hochmut oder Selbstsucht.mein Körper. ihre Umgebung beeinflusst und von dieser beeinflusst wird. und Sie werden unsanft aus dem Schlaf gerissen. Hass.und es gibt keinen Grund. springen Sie erbost auf. Von da an nehmen wir die Welt in einer durch den Zerrspiegel unserer Illusionen entstellten Weise wahr.falsche und irreführende . und halten ein Nickerchen. So kristallisieren sich in unserem Denken die Vorstellungen vom »Selbst« und den Anderen heraus. mein Besitz. Diese Kristallisierung von »ich« und »mein« können wir in vielen Alltagssituationen beobachten. Überzeugt. Eifersucht. die sich ausbreitet. was unweigerlich zu Frustration und Leid führt.duale Wahrnehmung der Wirklichkeit nach sich. innerhalb dieses Geistesstroms das Selbst als völlig eigenständige Einheit zu betrachten. das mitten auf einem See dahintreibt. Stellen Sie sich eine Welle vor. mein Verstand. Plötzlich wird Ihr Boot von einem anderen gerammt. Ein Beispiel: Sie liegen friedlich in einem Boot. dass ein ungeschickter oder rücksichtsloser Bootsführer den Zusammenstoß verursacht hat. Wir befinden uns nicht mehr in Einklang mit der wahren Natur der Dinge.

wenn Ihnen jemand einen Schlag versetzt. um diese Unterweisungen zu erhalten! Nach einer Weile wurde mir allerdings bewusst.doch das andere Boot ist leer. wo ich doch so weit gereist war. Der einzige Unterschied zwischen diesen beiden möglichen Reaktionen besteht darin. Ziel der Boshaftigkeit eines anderen zu sein. mir gegenüber so grob und gefühllos sein.anders als meine Wut . der an buddhistischen Unterweisungen teilnahm. ihm ein paar passende Worte zu sagen . während Sie im zweiten erkannt haben. Im weitläufigen Hof unseres Klosters hatten sich Tausende Menschen versammelt und saßen dicht gedrängt auf dem Boden. Einzig und allein mein verletztes Ego schmerzte weiterhin! Ich habe eine Minute unter körperlichen Schmerzen und 59 Minuten unter Ego-Schmerzen gelitten!« Betrachten wir das Selbst als bloße Vorstellung. um es sich auf ihrem Sitzkissen ein bisschen bequemer zu machen. Das Einzige. Als meine Bekannte sich ein wenig hin und her bewegte. ist die Verletztheit des Ego. um bei mehreren Unterweisungen dabei zu sein. um friedlich weiterzudösen. Ebenso wird. dass der körperliche Schmerz . so reagieren wir völlig anders. Ihre Verärgerung darüber lange andauern. als wenn wir in ihm eine autonome 120 . Später sagte sie zu mir: »Eine ganze Stunde lang war ich wütend. Sie lachen über Ihren Irrtum und legen sich wieder hin.schnell nachließ und schon nach kurzer Zeit überhaupt nicht mehr spürbar war. dass der ganze Vorgang nicht auf Ihr »Ich« abzielt. dass Sie im ersten Fall glaubten. Wie konnte jemand. erhielt sie von hinten einen Stoß in den Rücken. noch dazu. Einmal war eine gute Bekannte aus Hongkong zu uns nach Nepal gekommen. was noch schmerzt.bereit. Der physische Schmerz lässt hingegen rasch nach und ist schon bald nicht mehr spürbar.

die wir um jeden Preis schützen und zufriedenstellen müssen. unser Schicksal sei wichtiger und bedeutsamer als das der anderen Menschen. Hätten Sie diese Vase hingegen gerade gekauft und stolz auf Ihren Kaminsims gestellt. seufzen Sie und setzen in aller Ruhe Ihren Weg fort. die das Selbst zum Nabel der Welt macht. dass Mexiko der Mittelpunkt der Welt ist. mit dem Sie nichts Besonderes verbindet. In der Auslage eines Schaufensters betrachten Sie gerade eine schöne Porzellanvase. dass wir auf die eigene Perspektive fixiert sind und hoffen oder. im zweiten gleichgültig und im dritten zutiefst verletzt. Das folgende Beispiel veranschaulicht ebenfalls unser Anhaften an der Vorstellung von »mein«. mit dem Sie die Vase versehen haben.« (Als ich noch ein 121 . Diese falsche Vorstellung von einem realen. oder aber Sie heftig tadelt. Aber wieso sollte tatsächlich das Wohlergehen einer dieser drei Personen über dem der anderen stehen? Die Ichbezogenheit. Bei einem Besuch in Mexiko hat man dem Dalai Lama eine Weltkarte gezeigt und erklärt: »Wenn Sie sich die Lage der Kontinente genau anschauen. noch schlimmer. »O wie schade! Die schöne Vase!«. dass »unsere« Welt gegenüber derjenigen von anderen Menschen Vorrang hat. die uns glauben macht. werden Sie im ersten Fall erfreut sein. Unser Fehler besteht darin.Einheit sehen. hätten Sie entsetzt ausgerufen: »Meine schöne Vase ist zerbrochen!« Der einzige Unterschied ist hier das Etikett »mein«. beinhaltet einen ganz und gar relativen Standpunkt. den Sie nicht ausstehen können. darauf pochen. Wenn Ihr Chef einen Kollegen schilt. nur um sie gleich darauf am Boden in tausend Stücke zerspringen zu sehen. unabhängigen Selbst beruht natürlich auf einer Ichbezogenheit. einen anderen rügt. erkennen Sie. als ein ungeschickter Verkäufer sie umwirft.

« Was soll man mit dem Ego machen? Anders als der Buddhismus beschäftigen sich nur sehr wenige psychologische Therapieansätze mit der Frage. nicht auf. 122 . die kleine Insel Dumet sei der Mittelpunkt der uns bekannten Welt!) Der Dalai Lama erwiderte: »Wenn Sie dieser Logik folgen. als Person zu existieren. Für Menschen aus dem westlichen Kulturkreis. Wie kann es ein Individuum ohne ein »Ich« geben? Ist das nicht eine gefährliche Vorstellung? Besteht dann nicht die Gefahr. in eine Form von Schizophrenie abzugleiten? Ist ein schwaches oder gar fehlendes Ego nicht das Symptom für einen pathologischen Zustand? Muss man nicht eine vollauf entwickelte Persönlichkeit haben beziehungsweise sein. sie hätten ein gespaltenes. schwaches oder defizitäres Ich-Empfinden. Der Gedanke. ein starkes Ego sei unerlässlich. dass man von manchen Menschen mit psychischen Problemen sagt. ist das sicherlich eine neue. wenn ich mein Ego beseitige. die das Selbst als elementaren Baustein der Persönlichkeit betrachten.Kind war. wie man diese Ichbezogenheit verringern kann . bevor man sich vom Ego lösen kann? So in etwa klingen die abwehrenden Reaktionen der meisten Menschen aus der westlichen Welt angesichts solch befremdlicher Vorstellungen. ja subversive Vorstellung. die für den Weisen bis zur völligen Auflösung des Ego geht.eine Reduktion. dass sich Mexiko City im Zentrum von Mexiko befindet. rührt daher. meine Familie im Zentrum des Hauses und dass innerhalb meiner Familie ich das Zentrum der Welt bin. Höre ich. mein Haus im Zentrum der City. hatte mir ein bretonischer Freund erklärt. werden Sie feststellen.

Das Ego kann nur ein künstliches Selbstvertrauen aufbauen. seinem Vater und anderen Menschen seiner Umgebung zu verstehen lernt. Die Ego-Illusion hinter 123 . Erfolg. selbstsicher und in dem Glauben an die eigene Existenz fest verankert ist. Diese zunehmende Bewusstwerdung bezeichnet man als psychische Geburt. wie ein Baby erste Erfahrungen inder Welt macht. wie es die Beziehungen zu seiner Mutter. also auf dem Bild. Eigentlich könnte man sagen. intellektuelle Brillanz. . Im Buddhismus ist echtes Selbstvertrauen die natürliche Qualität der Egolosigkeit. anpassungsfähigen und durchsetzungsfähigen Persönlichkeit? Hier bringt man allerdings Ego und Selbstvertrauen durcheinander.und auf dem. Schönheit. das auf vordergründigen Attributen beruht . Wenn sich die Bedingungen ändern und die Kluft zur Realität zu tief wird. dass es selbst und seine Mutter zwei verschiedene Personen sind. dass die Welt nicht bloß eine Erweiterung seiner selbst ist und dass es der Urheber bestimmter Geschehnisse sein kann. das wir selbst und andere von uns haben. Zurück bleiben Frustration und Leid. dass der Glaube an ein gefestigtes Selbst eines der hervorstechendsten Merkmale unserer Zivilisation ist. die im Idealfall stabil. wie es mit etwa einem Jahr allmählich begreift. Die häusliche und später die schulische Erziehung verstärken diese Vorstellung. Von diesem Zeitpunkt an sehen wir das Individuum als Persönlichkeit. erstarrt das Ego und wird unsicher. die Meinung der anderen etc. Sprechen wir nicht von der Entwicklung einer starken. die sich durch unsere gesamte Literatur und Geschichte zieht. widerstandsfähigen. Körperkraft.Die Kinderpsychologie beschreibt.Macht. Sein Selbstvertrauen schwindet. was unserer Meinung nach die persönliche »Identität« ausmacht.

das zur Entfaltung zu bringen. heißt es weiter. die in der Anonymität wirken. um nicht zu sagen überentwickelten. Echtes Selbstvertrauen erwächst aus dem Gewahrsein einer grundlegenden Geistesqualität und aus der Einsicht. Buddha. und das Leben wäre trist und sterbenslangweilig. könnten wir schwerlich Emotionen verspüren.kurz. Alter und ethnischer Herkunft echtes. dass wir über das Potenzial verfügen. ist zu freiem. Jesus. Nelson Mandela und unzählige unbesungene Helden. sich zumindest teilweise aus der Herrschaft des Ego zu befreien. was im Buddhismus »Buddha-Natur« genannt wird und jedem von uns innewohnt. die mit einem gut entwickelten. Denken Sie einmal an die Menschen in Ihrem Umfeld. unsere Kreativität und unseren Abenteuergeist einbüßen . auf äußerst wackeligen Beinen. Diese Erkenntnis verleiht uns eine weder durch äußere Umstände noch durch innere Unsicherheit zu erschütternde innere Stärke und eine Freiheit. die über Ichbezogenheit und Angst hinausführt. Muss man den Unterschied wirklich erklären? Wem es gelingt. Ego ausgestattet sind. Mutter Theresa. keineswegs auf einem »übergroßen« Ego beruhendes Selbstvertrauen bewiesen haben oder es nach wie vor unter Beweis stellen? Sokrates. der Dalai Lama. sich von einer elementaren Verletzlichkeit zu befreien. so lehrt uns die Erfahrung. Ohne ein ausgeprägtes Ich-Empfinden. unsere Persönlichkeit. Martin Luther King. Bestimmt kennen Sie einige. spontanem Denken und Handeln fähig . Gandhi. weitverbreitete Vorstellung.sich zu lassen bedeutet. die unabhängig von Geschlecht. so eine andere. Und wer sind andererseits die Menschen. Wir würden. das wir aus dieser Illusion beziehen.ganz 124 . In Wahrheit steht das Sicherheitsgefühl.

»dass man bei ihnen kein Ego bemerkt. die von anderen wahrgenommen und geschätzt wird. Ferner weist Ekman darauf hin. und ihre Gegenwart als Bereicherung empfinden. deren Gegenwart einem wirklich zu schaffen machen kann. so Ekman.« Sie strahlen Güte aus. dass sie so wenig Aufhebens um ihren Status oder ihre Berühmtheit . Paul Ekman. um die eigene Person machen. »Personen mit außergewöhnlichen menschlichen Qualitäten zu untersuchen«. Außerdem steht ihr privates Verhalten.im Gegensatz zur ständigen Paranoia. gehört laut Ekman »der Eindruck von Güte. ganz in Einklang mit ihrem öffentlichen Auftreten. Eine so geringe oder gar nicht vorhandene Ichbezogenheit ist. die durch die Launen eines auftrumpfenden Ich-Empfindens heraufbeschworen wird.kurz. mit solchen Menschen zusammen zu sein.«2 Das steht in auffallendem Kontrast zu jenen EgoGroßmeistern. Diese Menschen beeindrucken andere insbesondere dadurch. eine liebevolle Ausstrahlung. Vor allem fällt aber auf. 125 . einer der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Emotionsforschung. anders als bei vielen charismatischen Scharlatanen. kam auf die Idee. ob man ihre Position oder Bedeutung anerkennt«. wie er hinzufügt. auch wenn sie das nicht immer erklären können. Zwischen der theatralischen Selbstinszenierung und gelegentlichen Grobheit eines von wild wuchernder Egomanie geprägten Verhaltens und der warmherzigen Schlichtheit des Egolosen fällt die Wahl wahrhaftig nicht schwer. die diese Menschen miteinander gemein haben. dass andere den natürlichen Wunsch verspüren. Zu den bemerkenswertesten Eigenschaften. »aus psychologischer Sicht höchst erstaunlich«. »Im Wesentlichen strahlen diese Menschen Güte aus. Sie verschwenden keinen Gedanken daran.

schon fühlt es sich wohl. Aaron Beck. emotionale und sonstige Attacken aller Art . die mit Psychopathen gearbeitet haben. und sind vor allem überzeugt. rührt zweifellos daher. um im Leben erfolgreich zu sein. Angst. Ablehnung -. dass wir das Festhalten an dem Bild. sind ebenfalls extreme Egozentriker.Psychopathen. waren betroffen von deren extremer Ichbezogenheit. wenn sie anderen Leid zufügen. etwas Besseres zu sein. je weniger wir von einem Gefühl eigener Wichtigkeit beeinflusst werden. machen wir es zur entscheiden126 . Bedauern zu empfinden. mit der Entschlossenheit verwechseln.Eifersucht. verletzt oder zufriedengestellt zu werden. und ein böser Blick erreicht genau das Gegenteil. man benötige ein starkes Ego. anderen gegenüber natürliche Vorrechte in Anspruch nehmen zu dürfen.«3 Die Vorstellung. Solche Menschen sind ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht. schrieb: »Fachleute. die es unablässig untergraben. unsere innersten Bestrebungen zu verwirklichen. Gier. weil es so verletzlich ist. Aber anstatt es als multiples und flüchtiges Phänomen zu begreifen. innere Stärke zu entwickeln. Ein kleines Lächeln. Das trügerische Ego Im Alltag nehmen wir das Selbst wahr. das wir von uns haben. denen jegliches Einfühlungsvermögen in andere ebenso fehlt wie die Fähigkeit. haben das Gefühl. Das hat einen ganz einfachen Grund: Das Gefühl eigener Wichtigkeit ergibt eine vortreffliche Zielscheibe für verbale. Das Selbst ist immer »da« und bereit. Tatsache ist jedoch. dass es uns umso leichter fällt. der Begründer der kognitiven Therapie.

Um das Täuschungsmanöver des Ego aufzudecken. H .den Bezugsgröße und zur dauerhaften Bastion. Ebenso müssen wir ein wenig Detektivarbeit leisten . dass dieses Selbst nur ein Wort. um sicherzugehen. eine Konvention.nach innen. Unsere Lebensgeschichte? Die Erinnerung an das. stellen wir fest. Mit anderen Worten. müssen Sie in jedes Zimmer. Unser Bewusstsein? Ein kontinuierlicher Strom von Augenblicken. was nicht mehr ist. Doch was trägt unserer Ansicht nach denn eigentlich zu unserer Identität bei? Unser Körper? Eine Ansammlung von Knochen und Muskeln. Sehen wir das Wort »HANS«. eine Bezeichnung ist. freuen wir uns vielleicht und denken: »Ah. Aber das Etikett hält sich selbst für die von ihm bezeichnete Realität. auf den eigenen Geist gerichtete Detektivarbeit -.S. ein Etikett. müssen jedes potenzielle Versteck inspizieren. um herauszufinden. Gründlich und gewissenhaft zu untersuchen gilt es etwas anderes: Wie kommt es eigentlich.N . Unser Name? Mit ihm verbinden wir alle möglichen Vorstellungen unser Erbe. die Sprache und den Verstand anschauen. dass wirklich niemand da ist. Nur dann können Sie sich wieder entspannt zurücklehnen. was sich hinter der 127 . müssen wir wirklich ganz genau hinschauen. unseren Ruf und unsere gesellschaftliche Stellung letztlich aber handelt es sich lediglich um eine bestimmte Buchstaben. Darin liegt das Problem.beziehungsweise Lautfolge. jede Ecke schauen. dass wir tief im Innern dieses starke »Selbst«-Empfinden verspüren? Wenn wir uns den Körper. ich bin gemeint!« Wir brauchen indes bloß ein bisschen Abstand zwischen die Buchstaben bringen. schon haben wir das Interesse daran verloren. Wenn Sie in Ihrem Haus einen Einbrecher vermuten.A . »unser Name« ist nichts weiter als eine im Geist erzeugte Vorstellung.

das noch nicht ins Dasein getreten ist? Weder im Körper noch im Geist kann man das Selbst dingfest machen.allerdings nur als Konvention auf der Grundlage eines wechselseitigen. so wie wir einen Fluss als Ganges oder einen anderen als Mississippi bezeichnen. 128 . Solch ein Selbst verfügt über keinerlei Eigenexistenz. Weder eine kritische Analyse noch eine durch Innenschau unmittelbar gewonnene Erfahrung kann uns wirklich zu der Überzeugung führen. Ein solches Kontinuum existiert. dass das Selbst nur ein Name ist. keine Frage . dass das Selbst weder in einem bestimmten Körperteil beheimatet. dass wir über ein Selbst verfügen. jung oder intelligent halten. existiert aber ebenso wenig außerhalb von beiden. den wir einem Kontinuum gegeben haben. doch besteht auch das Bewusstsein lediglich in einer flüchtigen Abfolge einzelner Bewusstseinsmomente: Unter dem Gesichtspunkt der lebendigen Erfahrung ist der vergangene Bewusstseinsmoment bereits tot (nur der von ihm hinterlassene Eindruck bleibt). die Zukunft ist noch nicht da und die Gegenwart nicht von Dauer. Auch in einer Verbindung aus Körper und Geist besteht es nicht. Wie könnte ein klar umrissenes Selbst existieren? Wie eine Blume in der Luft schwebend zwischen etwas. den ganzen Körper durchdringende Wesenheit ist. Körper und Umwelt bestehenden Bedingungsverhältnisses. das vermeintlich die Grenzen unserer Existenz absteckt. das schon nicht mehr existiert. noch eine diffuse. Allzu gerne glauben wir. Eingehende Analyse bringt uns zu dem Schluss.Illusion jenes Selbst verbirgt. das Selbst sei mit unserem Bewusstsein verknüpft. Im Buddhismus kommt man daher zu dem Schluss. und etwas. Man kann sich selbst für groß. aber weder die Größe noch die Jugend oder die Intelligenz sind das Selbst. zwischen Bewusstsein.

dasjenige. sondern spiegeln auf unterschiedliche Weise das Anhaften an unserer Wahrnehmung von persönlicher Identität. die »Person« und das »Selbst«. geistigen und sozialen Existenz beinhaltet. hat drei Aspekte: das »Ich«. auf den Charakter (»eine nette Person«). Was wir uns unter persönlicher Identität vorstellen. Er beschreibt ein dynamisches. Das »Ich« lebt in der Gegenwart. Urteile und Willensbekundungen. und spiegelt unsere unverwechsel129 . der Gedanken. »Person« kann sich auf den Körper beziehen (»persönliche Fitness«). Diese drei Aspekte unterscheiden sich nicht grundsätzlich voneinander. Es ist die Erfahrung unseres gegenwärtigen Zustands.Die Demontage des Selbst Um das Ganze besser zu verstehen. mit Zukunftsprojektionen zu verbinden. Die bereits angesprochene zeitliche Kontinuität ermöglicht es. Es ist der Sitz des Bewusstseins. auf die sozialen Kontakte (»die Trennung zwischen der persönlichen Sphäre des Privatlebens und dem Berufsleben«) oder auf den Menschen ganz allgemein (»Respekt vor ihrer/seiner Person«). Der Begriff »Person« zeigt. Der Begriff »Person« ist nach Aussage des Neurologen und Psychiaters David Galin umfassender. das denkt: »Ich habe Hunger« oder: »Ich existiere«. sich von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft erstreckendes Kontinuum. sollten wir unsere Betrachtung des Selbst noch ein wenig vertiefen. das verschiedene Aspekte unserer körperlichen. auf intimste Gedanken (»ein ganz persönliches Gefühl«). was uns in der Vergangenheit verkörpert hat. auf welche Weise sich jeder von uns vom anderen unterscheidet.4 Seine Grenzen sind durchlässiger. Es ist das »Ich«.

dauerhaftes »Etwas« vor. der sich von Augenblick zu Augenblick verändert.bleibt seinerseits jedoch intakt. weil das »Ich« nichts anderes ist als die momentanen Inhalte unseres Gedankenstroms. das uns von der Geburt bis zum Tod charakterisiert. »meiner« Organe. sein Selbst sei unversehrt. solange wir diesen einfach als summarische Beschreibung der Beziehung zwischen Bewusstsein. getrennte Einheit betrachten. Wir sprechen von »meinem« Arm und nicht von einer »Verlängerung meines Selbst«. ist das kein hinlänglicher Beleg für seine Existenz. Die Vorstellung. Wenn wir etwas wahrnehmen oder es uns vorstellen. Falls uns ein Arm amputiert wird. wenn man den Körper in Stücke schneidet? Solange wir imstande sind zu denken. Damit sind wir bei Descartes' berühmtem Satz angelangt. liefert allerdings nicht den geringsten Beweis für die Existenz des Selbst.baren Eigenschaften wider. auf dem die gesamte westliche Vorstellung vom Selbst beruht: »Ich denke. sobald wir die Person als autonome. Das Selbst besteht nicht einfach nur in der Summe »meiner« Glieder.« Die Tatsache. Wir stellen es uns als ein unsichtbares. hat das Selbst einfach einen Arm verloren . Ab wann beginnt das Selbst zu verschwinden. »meines« Bewusstseins. ist angemessen und gesund. In Bezug auf das »Selbst« haben wir bereits gesehen. »meiner« Haut. Eine Möglichkeit 130 . dass wir es für unseren innersten Wesenskern halten. die wir mit dem Begriff »Person« verbinden. vielmehr betrachtet es sich als deren alleinigen Besitzer. ist unserer Selbstwahrnehmung zufolge ein Selbst vorhanden. Aber sie wird unangemessen und ungesund. Ein Mensch ohne Arme und Beine fühlt sich in seiner physischen Integrität beeinträchtigt. Indes ist er zweifellos davon überzeugt. dass ich denke. also bin ich. Körper und sozialem Umfeld betrachten.

das Selbst sei vielleicht bloß eine Vorstellung. wie eben beschrieben.. Wenn ich sage: »Jemand hat mich gestoßen«. könnte es nicht in essenzieller Weise Bestandteil von beiden sein. sondern nehme mich selbst als ein einzelnes. .. dass wir lediglich ein Trugbild oder eine Illusion ohne Realitätsgehalt wahrnehmen. gar keine Frage. Ist es einfach. Und außerhalb von Körper und Bewusstsein kann das Selbst sich offensichtlich ebenso wenig befinden.«5 Zweifellos sehen wir das Selbst unwillkürlich als Einheit an . widerstrebt den meisten westlichen Denkern. vollständiges Wesen wahr. Auf der Suche nach dem verlorenen Selbst Wo befindet sich also das Ich? Auf den Körper kann es nicht beschränkt sein. die Summe ihrer Teile.« Der Neurologe Charles Scott Sherrington fügt hinzu: »Das Selbst ist eine Einheit. Der Gedanke. mit einem Namen. Man spricht es als solches an. 131 . nicht mein Körper.also mich. wer ist dann stolz? Mein Bewusstsein ist stolz. haben wir ein großes Problem. von Körper und Bewusstsein unabhängige Entität. insofern ich ein denkendes Wesen bin -.wenn wir jedoch versuchen. andere behandeln es als eins.ist zweifellos. wurde dann mein Bewusstsein gestoßen? Natürlich nicht. Wäre es eine autonome. Es betrachtet sich selbst als eins. es dingfest zu machen. Ist es also auf mein Bewusstsein beschränkt? Auch das ist alles andere als sicher. Denn sage ich: »Ich bin stolz«. auf den es reagiert. kann ich da keine unterschiedlichen Teile erkennen. Descartes erklärt auch hier wieder kategorisch: »Wenn ich meinen Geist betrachte .

bliebe komplett auf der Strecke. als Bezeichnung für einen dynamischen Prozess zu betrachten. 132 . der nicht einmal im Millionsten Bruchteil einer Sekunde derselbe bleibt. und zwar in jedem Augenblick. dass unsere Umwelt im Großen und Ganzen von einem Moment zum anderen unverändert bleibt. wenn wir das »Ich«. Das Selbst ist bloß eine Vorstellung. und uns zu einer abstrakteren Definition hinbewegen. und wenn wir die meisten Dinge so behandeln. der Kontinuität unserer Existenz. das Selbst als Besitzer beziehungsweise als essenziellen Teil von Körper und Bewusstsein zu begreifen. dass wir uns allmählich davon entfernt haben. Es kommt ins Spiel. Mit der Welt ist leichter zurechtzukommen.ihrer Struktur und ihrer Kontinuität? Bezieht sich die Vorstellung vom Selbst einfach auf den Körper und das Bewusstsein als Ganzes? Sie haben vielleicht bemerkt. komplexe Anordnungen zu vereinfachen. dass meine gewöhnliche Wahrnehmung des Körpers und auch diejenige sämtlicher Phänomene lediglich eine Annäherung darstellt. Wie David Galin erklärt. wenn ich ihn als einen Wirbel von Atomen wahrnähme. die die Wahrnehmung der Außenwelt sowie Empfindungen. innere Bilder. als seien sie mehr oder weniger beständig. Emotionen und Vorstellungen beinhalten. Die Vorstellung. wenn wir davon ausgehen. diese seien etwas Dauerhaftes. für eine Reihe sich ständig ändernder Beziehungen. neigen wir tatsächlich von Natur aus dazu. Aber wie leicht vergesse ich. um dann zu folgern. verbinden. die Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks. indem wir »Einheiten« daraus machen. Aus diesem Dilemma führt nur ein Weg: Das Selbst oder Ich als geistige oder begriffliche Zuordnung. was »mein Körper« sei. mit der »Person«. in Wahrheit jedoch alles in Veränderung begriffen ist.

In diesem Sinn verdinglichen wir also das Selbst und die Welt. noch sind sie gänzlich nichtexistent. 133 . In einer Unterweisung des Buddha klingt das folgendermaßen: Wie eine Sternschnuppe. obwohl wir kein Problem damit haben. ist uns unerträglich. eine Flamme. Aus großer Entfernung erscheint die Fata Morgana eines Sees in der Wüste als etwas Reales. Entsprechend heißt es im Buddhismus. die unser Selbstbild ins Wanken bringt.das ruft uns ja auch die eigene Erfahrung immer wieder in Erinnerung. Das Selbst ist keineswegs nichtexistent . das wir von uns selbst haben und aufrechterhalten. Identität . unserer Stellung im Leben. einen Tautropfen. Die kleinste Bemerkung. Wenn Sie auf einem Felsvorsprung stehen. Die Dinge sind weder so. einen Blitz oder eine Wolke so solltet ihr alle Dinge betrachten. ein Trugbild. eines Magiers Zauberkunststück. hat sich tief in unser Denken eingeprägt und beeinflusst unablässig unsere Beziehungen zu anderen. wie sie zu sein scheinen. ohne in einem letztendlichen Sinn über Realität zu verfügen. dass das Selbst ein Trugbild und in Wahrheit weder eigenständig noch dauerhaft ist. wenn in einer anderen Situation dasselbe über jemand anderen gesagt wird. Einer Illusion gleich treten sie in Erscheinung. eine Luftblase. wie einen Traum. aber wir könnten natürlich kein Wasser daraus schöpfen. Vielmehr existiert es als Vorstellung.eine brüchige Erscheinung Zum Begriff »Person« gehört das Bild. Die Vorstellung von unserer Identität.

wenn Masken fallen und wir nicht wissen. gut aussehender.die Maske. Im Allgemeinen haben wir Angst. dass er eine Maske trägt. dass es respektiert und akzeptiert wird. als es in Frage gestellt zu sehen. Wenn ich kein Musiker. starker Mensch mehr bin . uns zu vergewissern. würden Sie wohl die Fassung verlieren. sich in der Welt zu bewegen. welches Etikett wir Personen oder Dingen anheften. in welche Schublade wir sie einsortieren können. Was aber ist von dieser Identität zu halten? Das Wort »Persönlichkeit« ist vom lateinischen Begriff »persona« abgeleitet. Bekämen Sie aber dieselben Beleidigungen von einem anderen Menschen zu hören. Autor. hält uns das keineswegs davon ab. selbst gesetzte Ziele mit großer Entschlossenheit zu verfolgen und unsere Beziehungen zur Welt und zu anderen Menschen jederzeit voll auszukosten .ganz im Gegenteil. uns vom Ego täuschen zu lassen.Schimpfworte in die Bergwelt rufen und kurz darauf das Echo hören.wer oder was bin ich dann? Und doch bietet ein Verzicht auf sämtliche Etiketten und Schubladen die beste Gewähr für Freiheit und ist die flexibelste. bleiben Sie völlig unberührt. und geraten gehörig aus dem Tritt. 134 . kein intelligenter. uns ohne feste Bezugspunkte mit der Welt auseinanderzusetzen. Wenn wir nicht länger bereit sind. und einer aufrichtigen Selbsteinschätzung. Nichts ist schmerzlicher. mit dem die Maske des Schauspielers bezeichnet wurde . werden wir ständig versuchen. vergessen wir oft den Unterschied zwischen der Rolle. unbeschwerteste und freudvollste Art. durch die hindurch (per) die Stimme des Akteurs ertönt (sonat). die wir in der Gesellschaft spielen. Wenn wir ein stark ausgeprägtes Selbstbild haben. Während dem Schauspieler aber bewusst ist.

das wir anderen zufügen. Zu unaufrichtigem und egoistischem Denken. vermag der Geist sie nicht zu überwinden. Ohne einen Gewinn zu erwarten oder einen Verlust zu fürchten. Geringste Rückschläge bringen uns schon aus der 135 . Die Fixierung auf das Bild. ausschließlich um sich selbst zu kreisen. weil sie nicht wirklich existiert. Jedem Menschen und jeder Situation können wir dann mit natürlicher Leichtigkeit. dass sie Ihnen nur guttun kann. den Fluss der Selbstlosigkeit und der Lebensfreude eindämmt und staut. das wir selbst von uns haben. Mit dem Anhaften an der beengten Welt des Ego geht die Tendenz einher. Wohlwollen. besteht ein fundamentaler Zusammenhang. Durch diese gläserne Wand verwirrt und verunsichert. in ihren Auswirkungen dennoch eine Wand. Reden oder Handeln haben wir dann überhaupt keinen Grund mehr.Durch die unsichtbare Wand Wird diese Einsicht in die illusionsgleiche Natur des Ego voraussichtlich meine Beziehungen zu meiner Familie und der mich umgebenden Welt verändern? Würde eine solche innere Kehrtwendung nicht alles aus dem Gleichgewicht bringen? Die Erfahrung zeigt. welche der eigenen Lebenswelt eng bemessene Grenzen setzt. verfügen wir über jegliche Freiheit. der unablässig gegen eine . Der vom Ego dominierte Geist gleicht einem Vogel. zu geben und zu empfangen. aufzugeben und dem Ego all seine Wichtigkeit zu nehmen bedeutet einen unglaublichen Gewinn an innerer Freiheit. Doch unsichtbar ist sie deshalb.für den Glauben an das Ego stehende . Zwischen dem Ego-Anhaften. die unsere Innenwelt aufteilt. innerer Stärke und Gelassenheit begegnen. Sie ist eine Erfindung des Geistes. eigenem Leid und dem Leid.Fensterscheibe fliegt.

Die eigentliche Quelle von Schmerz und Leid tief im Innern kann so nicht versiegen. Der Anblick ihres Leids gibt uns den Mut und die Entschlossenheit. Wenn es dagegen nichts weiter als eine Illusion ist. werden wir dauerhaften inneren Frieden niemals kennenlernen. Durchbrechen wir hingegen die Barrieren des Selbst. welcher Platz dem Ego in unserem Leben zukommt. Vielmehr machen wir einfach nur die Augen auf. dass das Glück einen weiten Bogen um uns macht. dass wir uns das Herz aus dem Leib reißen. dann wäre die Vorstellung. Wäre das Ego tatsächlich unser eigentlicher Wesenskern. uns um andere zu kümmern. Dann hat dieselbe Handvoll Salz auf den Geschmack des Wassers keine Auswirkung. unseren Hoffnungen und Befürchtungen sind wir wie besessen. fällt es uns leichter. 136 . anstatt uns von eigenen Kümmernissen lähmen zu lassen. etwas für sie zu tun. uns von ihm zu lösen. den Geist zur Ruhe kommen zu lassen. Es lohnt sich. kleine Welt des Selbst gleicht einem Glas Wasser. Wir können also getrost ein paar Augenblicke unseres Lebens dafür aufwenden. um durch eigene Untersuchung und unmittelbare Erfahrung herauszufinden. Sobald das Selbst nicht mehr das Allerwichtigste auf der Welt ist.Bahn und entmutigen uns. Von Erfolg oder Misserfolg. und die größte aller Freiheiten wird uns versagt bleiben. das Ego sei von größter Wichtigkeit. wird der Geist zu einem riesigen See. Diese eng begrenzte. Solange unser Leben von dem Gefühl beherrscht wird. Das lässt sich leicht nachvollziehen. und so schaffen wir selbst die Voraussetzungen dafür. in das man eine Handvoll Salz schüttet: Das Wasser wird ungenießbar. mit Angst besetzt. läuft die Befreiung vom Ego keineswegs darauf hinaus.

einen klaren Gedanken zu fassen. Nirgendwo scheint sich ein Ausweg abzuzeichnen. erreichte mich doch kaum etwas von ihrem Licht«. kommen wir manchmal nicht umhin. Unfähig.und unterging.1 Wie quälend die Situation. Obschon ich wusste.Kapitel 8 Wenn die eigenen Gedanken zu unserem schlimmsten Feind werden Wenn wir unglücklich sind. durch einen Misserfolg am Boden zerstört. aus Verzweiflung über eine Trennung. Alain Tief getroffen vom Tod eines unserer Lieben. uns vorzustellen. mein Geist sei wie eingemauert . bestimmte Vorstellungen seien mit Krallen und Stacheln bewehrt. »Ein einziger Mensch hat uns verlassen und die Welt ist leer«. beispielsweise der Tod eines guten Freundes.stets gibt es unzählige Möglichkeiten. dass die Sonne auf. um uns zu quälen. beschleicht uns manchmal das Gefühl.unfähig. ziehen wir uns in uns selbst zurück und fürchten jeden neuen Augenblick. dieser Kummer könne je ein Ende nehmen. schreibt Andrew Solomon. auch sein mag . Glück wird allerdings dann vom 137 . klagte Lamartine. wie wir diese schwere Prüfung erleben können. hatte ich das Gefühl. zu denken. untröstlich angesichts des Leids unserer Mitmenschen oder überwältigt von negativen Gedanken. und wie ein dunkler Schatten legen Kummer und Niedergeschlagenheit sich aufs Gemüt. »Bei dem Versuch. das eigene Leben gerate völlig aus dem Lot. sich irgendwohin zu öffnen.

da brechen sie mit neuer Kraft wieder hervor. Solidarität und den Überlebenswillen anbelangt. sind meist nicht die äußeren Geschehnisse. am Leben zu sein. das nach katastrophalen Ereignissen vielfach auftritt. was Mut. Selbstlosigkeit und gegenseitige Unterstützung tragen maßgeblich zur Linderung des posttraumatischen Belastungssyndroms bei. Oft meinen wir. sie gerade überwunden zu haben. die entsprechenden Emotionen zu bekämpfen oder zu unterdrücken. sie rufen Niedergeschlagenheit und Angst hervor. die sich Lösungsversuchen hartnäckig widersetzen. dass es uns trotz allem gut gehen kann. und jeder Anlauf. So hat sich beispielsweise gezeigt. Solch eine emotionale Notlage erweist sich allen Linderungsversuchen gegenüber als bemerkenswert resistent. die Überzeugung. das innere Gleichgewicht zu wahren. sind nicht unbedingt die großen äußeren Umwälzungen und Katastrophen. Die widerstreitenden Emotionen verschlingen sich miteinander zu »Knoten« in unserer Brust. das Beste im Menschen zum Vorschein. Auch Naturkatastrophen bringen mitunter. Was uns am meisten zu schaffen macht. sie zu überwinden. Unter ihrer Last können wir zusammenbrechen. und die Einsicht. Im Verlauf derartiger innerer Konflikte zerfällt unsere Welt in eine Vielzahl von Widersprüchen. Was uns niederdrückt und es uns unmöglich macht. scheint zum Scheitern verurteilt.Kummer erstickt. Vergeblich versuchen wir dann. dass sämtliche Dinge vergänglich sind. Was ist schiefgegangen? 138 . dass die Selbstmordrate in Kriegszeiten deutlich sinkt. wenn es uns an geeigneten inneren Ressourcen mangelt. sondern die eigenen Gedanken und negativen Emotionen. um bestimmte Grundelemente von sukha aufrechtzuerhalten: die Freude darüber.

und schon bei kürzester Abwesenheit des Partners schießen ihm haufenweise völlig unbegründete Zweifel durch den Kopf. Krebs zu haben. und jeder einzelne von ihnen inszeniert sein eigenes kleines Drama. so erkennen wir ihren maßgeblichen Einfluss auf die Farbgebung und die einzelnen Farbtöne jenes inneren Films. Der Geist sieht sich einem wahren Ansturm ganzer Scharen von Gedanken ausgesetzt. denkt er gleich an ein Flugzeugunglück. ein Lächeln. die ganze Welt sei gegen uns. aber auch bei aufbrausenden. Die eigenen Gedanken entpuppen sich dann als unser Feind. Wenn sie uns das Gefühl geben. das eigentlich einer ganz anderen Person gilt. dabei ihnen und ihren Mitmenschen die Freude am Leben verderben. muss er mit dem Auto fahren.Gedanken können unsere besten Freunde. geht er zum Arzt. nicht das Objekt unserer Begierde. fürchtet er einen Verkehrsunfall. Und in der äußeren Welt ist nichts mehr in Ordnung. kann jede Wahrnehmung.muss er eine Flugreise buchen. die dräuend über ihrem Leben aufziehen. aber auch unser ärgster Feind sein. nicht der unaufrichtige Arbeitskollege 139 . das er zur zunehmend größer werdenden Verwirrung beisteuert. geizigen oder zwangsneurotischen Menschen können die eigenen Gedanken im Alltag wahre Stürme entfesseln. Den Ängstlichen etwa ängstigt fast alles . den wir auf die Welt projizieren. Dem Eifersüchtigen kommen selbst die harmlosesten Reisen des von ihm auserkorenen Menschen höchst verdächtig vor. bereitet ihm Seelenqualen. weil in uns alles in Unordnung geraten ist. Bei ängstlichen und eifersüchtigen. ja schon die bloße Existenz der Welt zur Qual werden. Schauen wir uns die Grundstimmung unserer täglichen Gedanken einmal näher an. Doch nicht unser untreuer Ehemann. wähnt er sich sicher. jede Begegnung.

Dazu Dilgo Khyentse Rinpoche: Diese Gedankenströme und Geisteszustände unterliegen ständig der Veränderung . Was sich dort abspielt. Wir sind ganz genau wie sie. an der Gegenwart haben wir keine Freude. der spielenden Kindern zuschaut. Ein übertriebenes Gefühl von eigener Wichtigkeit liefert das Rohmaterial für solche Knoten und begünstigt ihre Entstehung. dass wir lernen. Wir aber messen ihnen große Bedeutung bei.« schreibt Andrew Solomon. haben diese Knoten in unserer Brust entstehen lassen. wird zur Störung. erweist sich als die Hauptursache für unser Leid. erschauern wir: »Während einer Depression. das wir .den eigenen Projektionen zufolge . indem immer mehr von ihnen entstehen und sich immer weiter verfestigen. das unaufhörliche Rauschen störender Gedanken abzuschwächen. Die Vergangenheit ist mit schmerzlichen Erinnerungen verknüpft.so wie Wolken im Wind ihre Form verändern. Was den Anforderungen des Selbst nicht entspricht. die ungerechtfertigte Anschuldigungen gegen uns erheben. dass ihre Spiele keine große Tragweite haben. und vor dem Leid. noch regt es ihn auf. »existiert in der Gegenwart nichts als die Erwartung künftigen Schmerzes. Sie sind das Produkt der von uns selbst aufgetürmten Gedankengebäude.3 140 . Ein alter Mann. zur Bedrohung oder Beleidigung. weiß sehr wohl. sondern der eigene Geist.in der Zukunft zu erwarten haben. die Illusion hervorrufen. macht ihn weder froh. sie kämen von außen und seien real. Und so besteht ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu innerem Frieden darin. und die Gegenwart als solche existiert überhaupt nicht mehr.«2 Die Unfähigkeit. mit den eigenen Gedanken klarzukommen. während die Kinder alles sehr ernst nehmen.und nicht diejenigen. die in uns.

eine Reise unternehmen und dergleichen mehr. Doch all das bringt ähnlich viel wie ein Gipsverband auf einem Holzbein. wie wir einräumen müssen. das wir mit uns herumtragen. Auf großen Kummer können wir reagieren. und ohne uns jede Aufnahme aus dem Film unseres Lebens einzeln anzuschauen. solange wir sukha nicht erreicht haben.4 Das Naheliegende zuerst Wie können wir mit unseren Emotionen Frieden schließen? Zuerst müssen wir uns der erbarmungslosen Realität des Leids. unser Wohlbefinden dem Sturm unserer Gedanken ausgeliefert. Mit den Worten von Nicolas Boileau: Vergebens flieht er zu Pferd vor seinen Problemen sie sitzen mit im Sattel und geben ihm die Richtung vor.Einem Blatt im Wind gleich bleibt. der gerade von einem Pfeil in die Brust getroffen worden ist: »Aus welchem Holz mag 141 . dass wir in eine andere Stadt ziehen. die für uns zur Ursache von Schmerz und Leid geworden sind. ihn zu vergessen oder uns dadurch abzulenken. indem wir versuchen. Warum ist es in diesem Stadium unnötig. bei den weit zurückliegenden Ursachen des Leids zu verweilen? Der Buddha hat uns das anhand der folgenden Metapher vor Augen geführt: Fragt sich ein Mann. stellen.ohne über die Ereignisse nachzugrübeln. Statt ihm aus dem Weg zu gehen oder es in einer dunklen Ecke des Geistes zu verbergen. sollten wir es zum Gegenstand unserer Meditation machen .

uns diese Empfindung unmittelbar anzuschauen. wenn die Emotion an Kraft verloren hat. löst sie sich allmählich auf . identifizieren wir uns unmittelbar mit jedem Gedanken. gilt es also zunächst. den man für ihn irgendwohin wirft.wie Schnee. um herauszufinden. Werden wir von einem Gefühl des Schmerzes überwältigt.der Pfeil bestehen? Von welchem Vogel stammen die Federn? Welcher Pfeilmacher hat ihn hergestellt? War der Schütze ein guter Mensch oder ein Schurke?« Ganz gewiss wird er sich nicht solche Fragen stellen. die Ursachen. durch die sie ausgelöst wurde. und wir haben die Chance. ohne dass wir uns ihrer überhaupt bewusst sind. wie er den Pfeil aus der Brust herausbekommt. durch welche Gedanken sie ausgelöst oder angefacht wird. geben ihm bereitwillig nach und verstärken ihn durch unzählige emotionale Verstrickungen. Ob es uns gefällt oder 142 . aus dem Teufelskreis der negativen Gedanken auszubrechen. Daher sollten wir uns den Geist selbst ein wenig genauer anschauen. Wenn wir unser Augenmerk dann auf die Emotion selbst richten. der in der Sonne schmilzt. sind die Gedankenströme. immer wieder zum Opfer der eigenen Gedanken zu werden. der jedem Stock hinterherläuft. die pausenlos fließen. nicht mehr als so tragisch empfinden. Was wir als Erstes bemerken. Indem wir das tun. dass stets aufs Neue negative Gedanken auftauchen? Falls wir uns damit abfinden. sondern seine erste Sorge wird sein. sind wir wie ein Hund. Über die Natur des Geistes meditieren Wie können wir verhindern. Außerdem werden wir.

Setzen wir die Selbstbetrachtung des Geistes dann noch weiter fort. ist der westlichen Psychologie zweifellos fremd. ihnen selbst innewohnende Merkmale zu Eigen? Oder können wir sie lokalisieren? Nein. diese einfache.nicht: Unzählige Gedanken.leer von unabhängiger Existenz. Im reinen Gewahrsein erfahren wir den Geist als leer . ist die Qualität des Erkennens. ein von Wut bestimmter Gedanke zum Beispiel? Solch ein Gedanke kann uns leicht überwältigen. Gedanken seien leer. da es selbst dann noch vorhanden ist. Aber was können wir sonst noch über dieses Gewahrsein aussagen? Sind den Gedanken. wenn der Geist keinerlei Gedanken hervorbringt. sie ist das. Erinnerungen und Vorstellungen. offene Präsenz. fast reglos verweilt. Alles. Haben sie eine Farbe? Eine Form? Weder noch. ausgelöst durch Empfindungen. wobei sein Einsichts. was bleibt. Zugleich aber ist jederzeit eine bestimmte Geistesqualität gegenwärtig. gehen uns unaufhörlich durch den Kopf. Welchem Zweck dient sie? Was geschieht denn normalerweise. Dieses Erkenntnisvermögen. können wir als reines Gewahrsein bezeichnen. Diese Vorstellung. Es existiert. ganz gleich. was wir ausfindig machen können. werden wir dieses reine Gewahrsein erfahren. und wir werden sehen. wenn eine starke Emotion oder ein lebhafter Gedanke auftaucht. das allen Gedanken zugrunde liegt. Dinge 143 . mit welchen Gedanken wir uns gerade beschäftigen. die es hervorbringt. die uns verstören. Ihm entspringen dann zahlreiche neue Gedanken. uns regelrecht blind machen und uns dazu veranlassen. wenn der Geist in seltenen Momenten still.oder Erkenntnisvermögen bestehen bleibt. bestimmte. wie aus ihm die Gedanken hervorgehen. jedoch keine an und für sich bestehenden Merkmale. Diese Qualität ist jenes ursprüngliche Gewahrsein.

in dem die vorangegangenen Gedanken verstummt und die nachfolgenden Gedanken noch nicht aufgetaucht sind. können wir den Wutgedanken eingehend untersuchen und dabei entdecken. können Sie sich der Kontemplation über seine Natur widmen. Das zu verstehen. Ausgehend von solch unmittelbarer Erfahrung werden Sie allmählich verstehen. wirklich zu verstehen. Gedanken gehen aus reinem Gewahrsein hervor und werden anschließend wieder von ihm aufgenommen: wie Wellen. unter denen andere Menschen zu leiden haben und die wir vielleicht schon bald darauf bedauern. hat mir bei einem langen Gespräch einige Wochen vor seinem Tod anvertraut. sollten Sie versuchen. lichthaftes Gewahrsein erkennbar. Von da an haben die Gedanken viel von ihrer Macht über uns verloren. sollten Sie sich fragen. in dem der Geist frei und unbelastet ist von allem begrifflichen Denken. Reines Gewahrsein zu erfahren ist zwar nicht leicht. Um sich mit dieser Methode vertraut zu machen. Anstatt diese Lawine loszutreten. einen auftauchenden Gedanken bis zu seinem Ursprung zurückzuverfolgen. die sich im Meer auftürmen und dann wieder darin verschwinden. dass es ihm seit Kurzem gelang. ist gleichbedeutend mit einem großen Sprung in Richtung inneren Friedens. wird reines. 144 . einer der führenden Forscher im Bereich der Kognitionswissenschaften und praktizierender Buddhist. dass er von Anfang an nichts als heiße Luft war. aber möglich. was der Buddhismus unter der Natur des Geistes versteht. Genau in dem Moment. unverfälscht von Vorstellungen und Projektionen.manchmal ausgesprochen aggressiver Natur .zu sagen oder zu tun. wohin er verschwunden ist. In jenem kurzen Augenblick. Und wenn er verschwindet. Mein schmerzlich vermisster Freund Francisco Varela.

Schauen Sie nach. zugleich wach und achtsam. Überdies benötigte er Schmerzmittel nur in sehr geringer Dosierung. Gegenwart oder Zukunft. Versuchen Sie. frei von Gedanken und dennoch vollkommen bewusst: unangestrengt. Verweilen Sie in einem Zustand der Einfachheit. dass er diese meditative Gelassenheit bis zu seinem letzten Atemzug aufrechterhalten konnte. Versuchen Sie.praktisch ständig in diesem Zustand reinen Gewahrseins zu verweilen. wie die Lücke zwischen den Gedanken beschaffen ist. und er empfand sie keineswegs als Hindernis für seinen inneren Frieden. Achten Sie darauf. So hatte er den Eindruck. die körperlichen Schmerzen seien weit weg. die von allen Gedanken frei ist . unbeeinträchtigt durch Gedanken an Vergangenheit. dort eine wache Präsenz zu finden. Dehnen Sie den Zeitraum zwischen dem Verschwinden des einen und dem Auftauchen des nächsten Gedankens ganz allmählich aus. im gegenwärtigen Moment zu verweilen. Seine Frau Amy fügte später hinzu. 145 . frei von Vorstellungen. was hinter dem Vorhang des begrifflichen Denkens steckt. lichthaft.durchscheinend.

erst einmal eingestürzt. Stein um Stein vom Selbst errichtet. Eigene Gedanken und äußere Geschehnisse sind dann wie Sterne. Eine der besten Methoden. dass wir die Fähigkeit. der uns zu schaffen macht. Und jeder Querschläger verursacht zusätzliche Verletzungen. so wird uns nun klar. ganz und gar aus dem Blick verloren hatten. entwickeln und aufrechterhalten.Indem man auf diese Weise den Ursprung der Gedanken beobachtet. Geschehnisse und Gedanken prallen dann von den Wänden unseres eng umgrenzten inneren Gefängnisses immer wieder ab und fallen auf uns zurück. verfehlen die Pfeile des Leids ihr Ziel und verschwinden in der unermesslichen Weite unserer inneren Freiheit. ohne diese Stille im Mindesten zu stören. Nicht nur eine einzige Sehne auf dem Bogen haben Wenn der Schmerz. Unser Leid. bis schließlich keine Wände mehr da sind. verengt sich unser geistiges Universum. dass wir unsere wahre Natur. die hinter dem Nebel der Emotionen stets vollkommen unverändert bleibt. den inneren Horizont zu erweitern. kann man sicherstellen. dass diese sich nicht unablässig immer weiter ausbreiten. die sich auf der still daliegenden Oberfläche eines unermesslich weiten Ozeans spiegeln. dass allmählich eine Empfindung von 146 . um in diesen Zustand zu gelangen. Wenn wir es zum Beispiel zulassen. ist die Meditation über solche Empfindungen. bestand einfach darin. Sind diese Wände. Es ist unerlässlich. Darum sollten wir unseren inneren Horizont so lange erweitern. größer wird. die eine Transformation unserer Geistestrübungen und Geistesgifte in Gang setzen können. von denen negative Emotionen abprallen können.

Ihr Leben hängt ab von diesen wenigen Metern.Liebe und von Mitgefühl für ausnahmslos alle Wesen in unserem Geist Einkehr hält. ist es uns gelungen. und dabei verschmilzt Ihr Geist mit dem lichten. von Emotionen überwältigt zu werden Stellen Sie sich ein sturmgepeitschtes Meer mit haushohen Brandungswellen vor . dass dieser kaum noch wahrnehmbar ist. uns so weit über den persönlichen Schmerz zu erheben. klaren Himmel. die der eigene Geist hervorgebracht hat. die Sie noch von der sich auftürmenden Wasserwand trennen.jede neue noch riesiger als die vorausgegangene. weißblaues Mosaik.rufen Sie sich in Erinnerung. *** Wenn Sie den Eindruck haben. Stellen Sie sich nun vor. dass sie lediglich Phänomene sind. Gleich werden die Wellen Ihr Boot verschlingen. Aus dieser Perspektive bilden die Wellen ein feines. So real die Wellen von Wut oder zwanghaften Vorstellungen auch anmuten mögen . wird die Wärme dieser Empfindung das Eis unserer Frustration sehr wahrscheinlich zum Schmelzen bringen. dass Sie die gleiche Szene aus einem in großer Höhe dahingleitenden Flugzeug beobachten. das kaum merklich auf der Wasseroberfläche tanzt. Aus solcher Höhe in der Stille des Raumes nimmt Ihr Auge diese fast bewegungslosen Muster jetzt wahr. Haben wir diesen Punkt erreicht. wohingegen ihre Sanftheit das Feuer unseres Verlangens abkühlen lässt. Sie tauchen auf 147 .

neidisch oder emotional ausgebrannt. ist der sicherste Weg. in die Schuhe zu schieben. verlieren. sogar die Farbe des Himmels. Wer mit Blumensamen zugleich den Samen giftiger Pflanzen aus148 .alles.und verschwinden anschließend wieder. Warum die ganze Welt in die Verantwortung nehmen? Die Welt und andere Menschen für alles verantwortlich zu machen ist verlockend. Er ist Ausdruck jener defizitären Wahrnehmung der Wirklichkeit. schlecht gelaunt. Auseinandersetzungen mit unserer Frau beziehungsweise unserem Mann . Hinter diesem Reflex steckt allerdings weit mehr als nur der Versuch. dass die Wellen der Geistesgifte alle Kraft. die in Wahrheit vom eigenen Geist abhängen. Worte und Gedanken sollten wir keinesfalls unterschätzen. gewiss. Die Konsequenzen unserer Handlungen. ein unglückliches Leben zu führen. geben wir schnell unserer Umgebung die Schuld. Nur indem wir uns selbst verändern. Unseren Mitmenschen Vorwürfe zu machen und ihnen systematisch die Verantwortung für das Leid. kann zum Ärgernis werden. können wir unsere Welt verändern. Sind wir ängstlich. Spannungen mit Kolleginnen oder Kollegen am Arbeitsplatz. die Sie ihnen zugeschrieben haben. deprimiert. eine plausible Ausrede zu finden. die uns veranlasst. äußeren Objekten bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben. und Sie werden feststellen. das wir erfahren. Warum verharren Sie also auf dem Boot eines von Sorgen geplagten Geistes? Lassen Sie den Geist so weit werden wie den Himmel.

Falls wir zwischen selbstlosem und schädlichem Verhalten hin und her schwanken. und er kam beim Übersetzen tibetischer Texte zum Einsatz.« Irgendwann in den Achtziger jähren hatte ich gerade meinen ersten Laptop bekommen. der bellt. die in uns ein unbewusstes Schattendasein fristen. den mit Leid einhergehenden geistigen Prozess zu untersuchen. während wir mittendrin stecken in der betreffenden Erfahrung. als ich im hintersten Winkel von Bhutan in einem Kloster auf dem Holzboden saß und völlig in meine Arbeit vertieft war. in denen ich die Fassung verloren habe und wütend wurde. dass ich wirklich wütend war. hielt ein Freund es offenbar für einen netten Scherz. Aber in den vergangenen zwanzig Jahren haben mich jene Momente. macht mehr Lärm als hundert ruhige Hunde. mehr über diese verstörende Emotion gelehrt als viele Jahre der Stille. blieb er stehen und erwiderte knapp: »Ein einziger Augenblick 149 . bietet sich uns die beste Gelegenheit. Sie kennen ja sicher das Sprichwort: »Ein einziger Hund. schnell wütend zu werden. in dem wir eine Emotion durchleben. braucht sich nicht zu wundern. ist einfacher als mit solchen Emotionen. sollten wir uns schon einmal auf ein ziemlich extremes Wechselbad von Freude und Leid gefasst machen. Da sah ich rot. Lassen Sie mich das anhand eines persönlichen Beispiels verdeutlichen: Bestimmt habe ich nicht die Neigung. warf ihm einen vernichtenden Blick zu und sagte: »Sollte das etwa witzig sein?« Als er sah. im Vorbeigehen eine Handvoll tsampa (geröstetes Gerstenmehl) auf die Tastatur meines Laptops fallen zu lassen. wenn er schließlich eine sehr gemischte Ernte einbringt.sät. Genau in dem Moment. Mit den verstörenden Auswirkungen einer starken Emotion zu arbeiten. Eines Morgens.

In dem Augen150 . sein Verhalten war zwar nicht besonders klug. dessen von einem weißen Haarkranz umrahmtes Gesicht Frieden. kam eine Frau. Erst Stunden später wurde mir klar. Beim Betreten der Höhle traf er auf einen mit geschlossenen Augen meditierenden. Gelassenheit kultivieren In den Zwanzigerjahren des 19. wie hilfreich für meine Arbeit und wie hochempfindlich der Laptop war. einen Weg aus dieser Verwirrung zu finden. was in ihrem verwirrten Geist vor sich ging. Im Sinne einer konstruktiveren Reaktion hätte ich im ersten Fall meinem Freund erklären können.« Nun. In dem Moment war ich überzeugt. zu mir. meine Wut sei vollauf berechtigt. Auch da habe ich rot gesehen. behutsam dabei zu unterstützen. welch eine zerstörerische Emotion Wut doch ist. um sie. Liebe und Mitgefühl ausstrahlte. indem sie den Geist trübt. in Nepal. dass ein in ganz Tibet wegen seiner Grausamkeit gefürchteter Räuber eines Tages zur Höhle des Einsiedlers Jigme Gyalwai Nyugu kam. und im zweiten Fall hätte ich die Frau an die schlichten Fakten erinnern und den Versuch unternehmen können. Mit vor Wut bebender Stimme forderte ich sie auf zu verschwinden und schubste sie zur Tür hinaus. Ein andermal.der Wut kann Jahre der Geduld zunichte machen. stillen alten Mann. die das Kloster um eine große Geldsumme betrogen hatte. aber im Grunde hatte er Recht. den inneren Frieden beeinträchtigt und uns regelrecht in Marionetten verwandelt. falls möglich. Jahrhunderts geschah es. um dessen karge Vorräte zu stehlen. um mich über ethisches Verhalten zu belehren. zu begreifen.

blick. da etwas aufzubauen. sondern sich auf die grundlegende Güte einzustimmen. ein wertvolles Transformationspotenzial inne. und nachdem er den Weisen um seinen Segen gebeten hatte. Bei der Visualisierung solcher Szenen geht es nicht darum. aus der wir unablässig jene Lebenskraft schöpfen können. kam ihm das friedliche Gesicht des weißhaarigen alten Mannes in den Sinn. mit denen wir konfrontiert werden. eine Energiequelle. Die Kraft der Erfahrung Sobald jener Moment geistiger Blindheit. der Überspanntheit und des Kummers greifbare Gestalt annehmen. die bei jedem von uns im Innersten vorhanden ist. Zugleich wohnt den Schwierigkeiten. wo Gleichgültigkeit oder Apathie dies verhindern. der Begierde. Daraus können wir eine wichtige Lehre ziehen: Niemals sollte man die Macht des Geistes unterschätzen. mögen wir oft kaum glauben. dass eine Emotion derart Besitz von uns ergreifen konnte. wenn er fortan in Versuchung geriet. in dem wir einer starken Emotion völlig ausgeliefert waren. denn er kann zur Ursache dafür werden. sich mit Autosuggestion ein bisschen die Zeit zu vertreiben. die uns befähigt. erneut zum Übeltäter zu werden. vorüber und der Geist von dieser zerstörerischen emotionalen Bürde wieder frei ist. zog er sich zurück. woraufhin er seine finsteren Absichten aufgab. Verwundert beobachtete er den alten Mann eine Weile. Jede Schwierigkeit kann gleichsam zur Wei151 . dass Welten des Hasses. verflog seine Aggression. da der Dieb den Weisen erblickte. Jedes Mal.

die das Leben für uns bereithält. der dann all den Prüfungen. um im Innern einen Korb zu flechten. 152 . Raum bietet.dengerte werden. die wir verwenden.

Sollten wir versuchen. Einem ungestümen Fluss gleich fegen sie ein Leben lang über die Bühne des Geistes und rufen unzählige Zustände von Freude und Leid hervor. Erfüllung und Vollendung bedeutet. dann sind die Emotionen seine Schauspieler. ein aus dem Griechischen stammendes Wort für »Glück« oder »Glückseligkeit«. wieder andere lassen uns innerlich verdorren. auch Gedeihen. andere rauben uns Kraft. Die undurchdringliche Dunkelheit der Illusion hat meinen Verstand mit Blindheit geschlagen. sind Beispiele für förderliche. die das Wohlergehen der anderen im Blick hat. Der tobende Schneesturm des Neids hat mich in Samsara hineingezogen. und wenn ja. Vom Berg des Stolzes bin ich in die niederen Daseinsbereiche hinabgestürzt. Erinnern wir uns daran. diesen Fluss zu bändigen? Ist das überhaupt möglich. zur 153 .Kapitel 9 Der Strom der Emotionen Die lodernden Flammen der Wut haben die Ströme meines Daseins ausgedörrt. das sich im Denken und Handeln ihres Leids annimmt. dass Eudämonie. Der Dämon des Glaubens an das Ego hält mich fest im Würgegriff. wie? Manche Emotionen lassen uns aufblühen. Mitgefühl. Mein Bewusstsein ertrinkt in Sturzbächen des Verlangens. Dilgo Khyentse Rinpoche Wenn die Leidenschaften die großen Dramen des Geistes sind. Liebe.

Schaden anrichten. die für kognitive Abläufe zuständig sind. uns zugleich aber von den destruktiven befreien? Ungeachtet ihrer umfassenden Terminologie zur Beschreibung eines großen Spektrums innerer Vorgänge und Zustände. Diese anatomischen Gegebenheiten stimmen mit der buddhistischen Auffassung überein. Und die meisten emotionalen Zustände. die man in den modernen Kognitionswissenschaften gewonnen hat: Jede Hirnregion. der sich ein emotionaler Aspekt zuordnen ließ. Die für Emotionen zuständigen neuronalen Schaltkreise sind vollständig mit denjenigen verflochten.Entstehung von Glück beitragende Emotionen. besonders auf lange Sicht. stets mit einem wie auch immer gearteten Empfinden. gehen mit schlussfolgernden Denkprozessen einher. dass solche Prozesse nicht voneinander zu trennen sind: 154 . Anstatt zwischen Gedanken und Emotionen zu unterscheiden. Wie können wir die konstruktiven Emotionen nähren. Diese Verknüpfung von Denken und Empfinden in der buddhistischen Vorstellungswelt deckt sich übrigens weitgehend mit den Erkenntnissen über das Gehirn und die Emotionen. Liebe und Hass zum Beispiel. assoziiert werden. bemüht sich der Buddhismus eher um die Klärung der Frage.das eigene und das der anderen und welche. Gier und Hass sind Beispiele für kraftraubende Emotionen. welche Geistesaktivitäten das Wohlbefinden und Wohlergehen fördern . Zwanghaftes Verlangen. kennen die traditionellen buddhistischen Sprachen für »Gefühl« als solches kein Wort. leidvoll oder indifferent.1 Es gibt keine »Emotionszentren« im Gehirn. konnte auch mit kognitiven Prozessen in Zusammenhang gebracht werden. einschließlich des rationalen Denkens. Das ist vielleicht darauf zurückzuführen. sei es freudvoll. dass im Buddhismus geistige Aktivitäten aller Art.

ganz gleich ob in Richtung eines schädlichen. man könnte auch sagen: konstruktiv. beispielsweise Wut oder Eifersucht.Emotionen entstehen im Kontext von Denken und Handeln und so gut wie nie getrennt von den anderen Aspekten unseres Erlebens. steht das Wort Emotion für jeden Gefühlszustand. die Dinge auf eine bestimmte Weise. der zufolge starke Emotionen. das heißt. Worte und 155 . aus einem spezifischen Blickwinkel zu sehen. ohne einen kognitiven beziehungsweise begrifflichen Vorstellungsinhalt auftreten können. Emotion meint nicht unbedingt einen plötzlichen Gefühlsausbruch. einen bestimmten Standpunkt einzunehmen. Stärkt eine Emotion unseren inneren Frieden und erstrebt sie das Wohl der anderen. Bemerkenswert ist. ist sie negativ oder destruktiv. anderen zu schaden. neutralen oder positiven Gedankens. verstört sie uns oder zielt sie darauf ab. so ist sie positiv. diese Definition entspräche eher dem. Am einfachsten können wir eine Unterscheidung zwischen unseren Emotionen vornehmen. was Wissenschaftler als »Emotion« untersuchen. Die Wirkung der Emotionen Abgeleitet vom lateinischen Verb emovere (»sich bewegen«). Im Hinblick auf das Resultat orientieren wir uns an einem einzigen Kriterium: ob wir durch unsere Handlungen. Emotionen konditionieren den Geist und veranlassen uns. dass dies im Widerspruch zur freudschen Theorie steht. indem wir die zugrunde liegende Motivation (also die Geisteshaltung und die Zielsetzung) und die letztlich zustande kommenden Resultate untersuchen. der den Geist bewegt. Bringt eine Emotion uns hingegen aus dem Gleichgewicht.

jemanden zu verletzen. Neugier und Liebe sind typische Beispiele für Emotionen der Annäherung. Emotionale Zustände werden üblicherweise auf zweierlei Art beschrieben: Man unterscheidet zwischen eigentlichen Emotionen (z. Ekel. durch die Straßen zu marschieren. Wut. Annäherung/Vermeidung etc.Gedanken für uns selbst wie auch für andere Wohlergehen oder Leid bewirken. Die zweite verursacht nichts als Leid.). Menschen aus Sklaverei und Unterdrückung zu befreien.B. von denen man annimmt. und motiviert uns. um die Welt zum Vorteil zu verändern. Darin unterscheidet sich beispielsweise die Empörung über eine Ungerechtigkeit von einer Wut. Angst und Abscheu für jene der Vermeidung. sie seien für diese Emotionen grundlegend (z. angenehm/unangenehm. Lust etc.« Der wissenschaftliche Standpunkt Nun die Auffassung der Kognitionswissenschaftler Paul Ekman und Richard Davidson: Die Bewertung einer Emotion als wohltuend oder schädlich entspricht nicht der unter den Psychologen mehrheitlich vorgenommenen Einteilung der Geisteszustände.. selbst wenn er wütend ist. Sie will ungerechte Zustände so schnell wie möglich beenden oder jemandem bewusst machen.B. ein Mensch ohne Mitgefühl kann töten. die dem Wunsch entspringt.).1 156 . Der tibetische Dichter Shabkar hat gesagt: »Ein mitfühlender Mensch ist gütig. Angst. dass er sich auf einem Irrweg befindet. Die erstgenannte Emotion hat dazu beigetragen. während er lächelt. ferner zwischen Dimensionen.

Das Ziel besteht nicht darin. oder uns auf irgendeine Weise bedroht. sind der Auffassung. Versorgung der Nachkommen. Beziehungen zu Konkurrenten und Räubern. dass sie zu unserem Überleben beitragen. die Emotionen einfach in positive und negative einteilen. sobald man eine Emotion bemerkt. Keiner dieser Theoretiker hat angedeutet. dass Wut oder irgendeine andere menschliche Emotion. alle negativen Emotionen seien schädlich für uns selbst oder für andere. Während die meisten von ihnen einräumen. sondern in der Steuerung des Erlebens und Handelns. indem sie uns dabei unterstützen.beziehungsweise sie zu überwinden. werden keineswegs bestimmte Emotionen per se als destruktiv betrachtet. unsere Ziele zu erreichen. die sich im Laufe der Evolution herausgebildet hat. indem der eifersüchtige Rivalen auf Abstand hält und die Überlebensaussichten der eigenen Nachkommenschaft erhöht. ihre Entstehung und Entwicklung beruhe auf dem Umstand. rasch ein Hindernis zu überwinden.Bei denselben Autoren heißt es weiter: Selbst diejenigen Theoretiker.nicht einmal vom Hass . das uns vielleicht davon abhält. Wut kann uns helfen. die Emotionen aus dem Blickwinkel der Evolution4 erforschen. sich von einer bestimmten Emotion zu lösen . im Kontext der heutigen Lebensweise womöglich keine geeignete Ausdrucksform mehr ist. unterstellen nicht. dass Emotionen bei manchen Gelegenheiten destruktiv sein können. Und doch sind 157 . der den Zusammenhalt eines Paares zu gewährleisten hilft. die großen Herausforderungen des Lebens zu bestehen: Fortpflanzung. Eifersucht kann man beispielsweise als Ausdruck eines uralten Instinktes verstehen.3 Psychologen.

hat schon Aristoteles erklärt. die in keinem Verhältnis zu den Umständen steht. wenn die oder der Betroffene eine angemessene Emotion mit unangemessener Intensität ausdrückt. Wütend werden kann jeder.6 Für Autoren. Ähnlich verhält es sich. Das ist wirklich keine Kunst. die sich mit der Frage beschäftigen. wann ein emotionaler Zustand dysfunktional ist. kann der Ärger der Eltern einen erzieherischen Wert haben. sollten Sie darüber besser lachen.«8 Zweitens ist ein emotionaler Zustand dysfunktional. wie Andrew Solomon schreibt. 158 . sind zwei Faktoren ausschlaggebend.7 Erstens wird ein emotionaler Zustand dann als dysfunktional oder schädlich betrachtet.5 Im Rahmen einer Studie nahmen 255 Medizinstudenten an einem Persönlichkeitstest teil. dass bei den aggressivsten Probanden Herzkrankheiten fünf Mal häufiger aufgetreten waren als bei den weniger reizbaren. dass Feindseligkeit der Gesundheit schadet. die in angemessenem Verhältnis zu den Umständen steht. Wenn ein Kind etwas Unsinniges tut.sich alle einig. mit dem untersucht wurde. Dreht Ihnen ein kleines Kind eine lange Nase. dass notorische oder akute Gewalttätigkeit pathologisch ist. und räumen ein. mit Trauer: »Trauer ist eine Depression. Aber »aus den richtigen Gründen auf die richtigen Personen und auf die richtige Weise und im richtigen Moment und für die richtige Zeitspanne« wütend zu werden ist nicht so leicht. als traurig oder wütend zu sein. in welchem Ausmaß sie feindselig eingestellt sind. Fünfundzwanzig Jahre später stellte sich heraus. wenn die zum Ausdruck kommende Emotion der jeweiligen Situation unangemessen ist. Blindwütiger Zorn oder Hass sind dagegen völlig unangemessen. Depression ist Trauer.

dass reale Situationen nicht immer so simpel sind. Vielmehr gilt es zu lernen. dass man ein bedrohliches Individuum außer Gefecht setzen kann. wie wir das innere Erleben der betreffenden Emotion und ihren Handlungsausdruck angemessen steuern können. Man kann auch ohne die geringste Spur von Hass sehr bestimmt auftreten und entschlossen handeln. um ihn außer Gefecht zu setzen. ohne einer nicht gerechtfertigten brutalen Gewalt freien Lauf zu lassen. wie man zu einer Neu159 . wollte er deutlich machen. was wohl die beste Reaktion wäre. In einem halb ernsten. hat man in der Psychologie stets größeren Wert darauf gelegt. Feindseligkeit muss beispielsweise so kontrolliert werden. ihm über den Kopf streichen und mich um ihn kümmern.« Obgleich ihm selbstverständlich bewusst war. Ekman und Davidson kommen zu folgendem Schluss: »Statt die Aufmerksamkeit auf eine bewusstere Wahrnehmung des eigenen Geisteszustands zu richten. halb scherzhaften Tonfall antwortete er: »Ich würde ihm in die Beine schießen. um eine gefährliche Person unschädlich zu machen. wie man es im Buddhismus tut. dass entschlossenes Handeln genügt. Im Buddhismus geht man allerdings noch weiter und sagt: Feindseligkeit ist immer negativ.Von der äußeren Situation einmal ganz abgesehen. zu lernen. besteht unser Ziel im Umgang mit den Emotionen nach Ansicht dieser Psychologen nicht darin. Der Dalai Lama wurde einmal gefragt. sondern der Lösung eines Problems abträglich ist. weil sie Hass schürt und aufrechterhält. sich von einer Emotion vollständig zu befreien beziehungsweise sie ganz und gar zu überwinden. eine feindselige oder hasserfüllte Reaktion hingegen nicht nur sinnlos. und dann würde ich zu ihm hinübergehen. wenn jemand in einen Raum eindringen und die Anwesenden mit einer Pistole bedrohen würde.

in deren Folge die Gedanken gewöhnlich von unserem Geist Besitz ergreifen. Bei dieser Methode.einschätzung der jeweiligen Situation gelangen beziehungsweise das emotionale Verhalten und den Gefühlsausdruck kontrollieren (steuern) kann. auf welche Weise Gedanken entstehen und sich entwickeln. liegt das Augenmerk hauptsächlich auf dem gegenwärtigen Moment. die einige Ähnlichkeiten mit der im Westen von Aaron Beck entwickelten kognitiven Therapie und dem auf Achtsamkeit beruhenden Stressbewältigungsprogramm von Jon Kabat-Zinn aufweist. Fixierungen und Blockaden aus der Vergangenheit bewusst zu machen. dem Patienten Neigungen und Geschehnisse. um allmählich zu lernen. Es gilt also einen Gedanken nach dem anderen zu »bearbeiten«: zu untersuchen. Für unser geistiges Wohl ist es demnach wichtig. ein erhöhtes Gewahrsein für das Entstehen der Gedanken zu entwickeln. Beim nächsten Gedanken gehen wir in gleicher Weise vor. noch während man es zeichnet. statt den Endlosfilm unserer psychischen Vorgeschichte aufzurollen und zu analysieren. und so weiter. 160 . aufmerksam zu beobachten. Dadurch wird es ermöglicht.9 Die Psychoanalyse versucht. bereits wieder verschwindet. über ihre engen Grenzen und Beschränkungen hinauszugehen.so wie ein auf die Wasseroberfläche gezeichnetes Bild. Aus buddhistischer Perspektive kommt es entscheidend darauf an. wie Gedanken entstehen. Der Buddhismus vertritt diesbezüglich eine andere Position. sie schon im Moment ihres Auftauchens zu befreien und so die Kettenreaktion zu unterbrechen. einen von Wut bestimmten Gedanken unmittelbar im Moment seines Entstehens als solchen zu erkennen und ihn dann gleich im nächsten Moment wieder aufzulösen . die zu neurotischen Seelenqualen führen und ein normales Funktionieren in der Welt nicht zulassen. und zu lernen.

spielt es kaum noch eine Rolle. Wenn wir uns tatsächlich darauf verstehen.Geschehnisse der Vergangenheit können wir niemals wirklich zu neuem Leben erwecken. Stimmungen und Neigungen durch die Ansammlung einer Unmenge dieser. Und wie es um diese lebendige Erfahrung . wie 161 . denn die Stunden werden selbst für sich Sorge tragen«. von Augenblick zu Augenblick auftretenden Gedanken herausgebildet haben. in dem sie auftreten. sich von solchen Leid erzeugenden Gedanken immer wieder aufs Neue schon in dem Moment zu befreien. So wie sich unsere Emotionen.steht. in dem sie Gestalt anzunehmen beginnen. welche Begebenheiten der Vergangenheit möglicherweise ihr Auslöser waren. Lebendig sind diese Begebenheiten nur noch durch den prägenden Einfluss. riet Lord Chesterfield einst seinem Sohn. uns von all den Geistesgiften bereits im selben Moment zu befreien.sie mag höchst erfreulich sein oder uns schwer zu schaffen machen . Jahrhunderts hatten sich erst wenige Wissenschaftler mit der Frage beschäftigt. die hier wirklich zählt. Auf dem Weg zu einer positiven Psychologie Bis in die Achtziger)'ahre des 20. Darüber hinaus wird durch die Fähigkeit. ihrer Entstehung die Grundlage entzogen . können sie durch einen achtsamen Umgang mit eben solchen Gedanken allmählich auch wieder transformiert werden. Das ist der beste Weg zu einer Schritt für Schritt eintretenden Veränderung. ist die Frage. »Kümmere dich um die Minuten.bis solche Gedanken schließlich gar nicht mehr auftauchen. den sie auf unsere gegenwärtige Erfahrung ausüben. Das ist in diesem Zusammenhang der springende Punkt.

der frühere Präsident des Amerikanischen Psychologenverbands (American Psychological Association) 1998 mit einer Gruppe von Kollegen das Zentrum für Positive Psychologie gegründet. Ziel der von dieser neuen Wissenschaftlergeneration vertretenen Positiven Psychologie ist die Erforschung und Verstärkung jener positiven Emotionen. 1969 hat der Psychologe Norman Bradburn nachgewie162 . Angstzustände und Depressionen Bezug nahmen. Schließlich hat Martin Seligman.man die positiven Aspekte unseres Charakters fördern kann. Eine anhand von Psychological Abstracts10 vorgenommene Analyse der seit 1887 von Psychologen veröffentlichten Bücher und Artikel in Fachzeitschriften hat 136 728 Titel ermittelt. die viele Menschen in ihrer Lebensführung beeinträchtigen oder sie sogar völlig lahmlegen. die auf Wut. emotionale Dysfunktionen und pathologische Geisteszustände zu korrigieren. die psychologische Forschung über den althergebrachten Ansatz hinaus zu erweitern und. Es war ein Versuch. dass Glück nicht einfach nur in der Abwesenheit von Unglück besteht. ist selbstverständlich ein wichtiges und notwendiges Unterfangen. die es uns ermöglichen. die sich auf Freude. Zugleich sollte man jedoch auf gar keinen Fall die Tatsache aus den Augen verlieren. wo immer möglich. Zufriedenheit oder Glück bezogen!11 Psychologische Probleme zu behandeln. um dort die entsprechenden Studienbereiche zusammenzufassen. hingegen nur 9510 Titel. bessere Menschen zu werden und mehr Freude am Leben zu haben. Mehrere Gründe rechtfertigen einen solchen Ansatz. So können wir vielleicht zunächst von einem pathologischen zu einem sogenannten »normalen« Zustand gelangen und uns dann von diesem zu einem »optimalen« Zustand weiterentwickeln.

dass uns ein größeres Spektrum an Gedanken und Handlungsoptionen in den Sinn kommt .sen. hinzukommen. erweitern positive Emotionen unser Denk. Nach Überzeugung dieser Wissenschaftler bietet die Entwicklung solch positiver Emotionen einen unbestreitbaren evolutionären Vorteil. positive Emotionen zu entwickeln. werden positive Emotionen zum Ausgangspunkt einer sich spiralförmig fortsetzenden Aufwärtsbewegung. unseren Mitmenschen von Nutzen zu sein (die Entwicklung und praktische Umsetzung von Selbstlosigkeit). Laut Barbara Fredrickson von der University of Michigan. Beseitigt man lediglich Trauer und Depression. sind dadurch nicht zwangsläufig Freude und Glück gewährleistet. »indem sie das Durchhaltevermögen stärken 163 . dass angenehme und unangenehme Emotionen in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen entstehen und deshalb auch separat untersucht werden müssen. Vielmehr muss zu dieser Unterlassung ein entschiedenes Bemühen. Daher besteht nicht nur die Notwendigkeit. die oft dazu führt. Anteilnahme. einer Mitbegründerin der Positiven Psychologie.unter anderem solche der Freude.und Handlungsrepertoire. Die Unterdrückung von Schmerz führt nicht automatisch zu Wohlbefinden. anderen Schaden zuzufügen (Ausschluss einer böswilligen oder feindseligen Haltung). Im Unterschied zur Depression. Darüber hinaus kommt es ganz entscheidend darauf an. dass wir uns unablässig im Kreis drehen. reicht das nicht aus. denn sie sorgen dafür. Wir können hier noch einen Schritt weiter gehen: Wenn wir davon Abstand nehmen. da sie uns zu einem erweiterten intellektuellen und emotionalen Horizont und zu größerer Offenheit für neue Ideen und Erfahrungen verhilft. Zufriedenheit und Liebe. sich von negativen Emotionen zu befreien.

wie sie tatsächlich ist. sie zu sehen. Denken wir an Hass. Tatsächlich entscheidet jedoch der Geist darüber. Durch diese falsche Wahrnehmung tut sich eine Kluft auf zwischen der Erscheinung der Dinge und ihrer eigentlichen Beschaffenheit. zu denen sie uns veranlassen. als würden 164 . ob diese Menschen oder Dinge »attraktiv« oder »abstoßend« sind. während es durch Ablehnung beziehungsweise Hass dämonisiert wird. wie Menschen mit den Widrigkeiten des Lebens zurechtkommen. der uns »von innen her Schmerz und Leid bereitet«. unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit so zu verzerren. liebevolle und verständnisvolle Gedanken Freude und Mut. Außerdem führen sie uns auf den Weg der Nächstenliebe und des Mitgefühls. Verstörenden Emotionen wohnt obendrein die Tendenz inne. dass Attribute wie Schönheit oder Hässlichkeit den Menschen oder Dingen von Natur aus innewohnen. Diese Emotionen machen uns glauben.und Einfluss darauf nehmen. verwirrten und verstörten Geisteszustand. dass wir außerstande sind. gewöhnlich darauf angelegt.«12 Was wir mit »negativen« Emotionen meinen Das tibetische Wort nyön-mong (Sanskrit: klesha) verweist auf einen quälenden. Darüber hinaus sind die Handlungen und Worte. lässt uns so denken und handeln. sie öffnen den Geist und verschaffen uns innere Freiheit. Eifersucht oder zwanghafte Verhaltensmuster: Im Moment ihres Auftretens fühlen wir uns augenblicklich zutiefst unwohl. Sie trübt und verschleiert unser Urteilsvermögen. Im Unterschied dazu machen uns gütige. Anhaftung idealisiert ihr Objekt. andere zu verletzen.

diese weiterentwickelte Fähigkeit dann auch wirklich in die Tat umzusetzen.diese Eigenschaften sich keineswegs zum Großteil daraus ergeben. und sie stärkt unsere Entschlossenheit. die Entstehung und Entwicklung unserer Geistes165 . dass wir das uns umgebende Leid nicht lindern können. wie wir die Menschen und Dinge betrachten. Positive Emotionen und andere positive Geistesfaktoren hingegen fördern gedankliche Klarheit und die Präzision unserer logischen Schlussfolgerungen. gilt das als etwas Negatives. Im Rahmen dieser Untersuchung ist es notwendig. unser Glück und dasjenige aller übrigen Wesen miteinander verknüpft . die Natur der Emotionen bis in subtile Feinheiten hinein zu erkennen und zu beurteilen. anderen zu helfen. selbst wenn Letztere uns kurzfristig Freude und Vergnügen bereiten.eine Vorstellung. welche Formen geistiger Aktivität zu Wohlbefinden führen und welche Leid verursachen. Deshalb sollten wir unbedingt versuchen herauszufinden. Wenn wir zum Beispiel an einer klugen. Umgekehrt stellt unsere Frustration oder auch Trauer darüber. aber boshaften Bemerkung unseren Spaß haben. die mit der Realität in Einklang steht. denn sie gibt Anstoß zu einer selbstlosen Weiterentwicklung unserer Fähigkeit. Dazu müssen wir lernen. In der ersten Phase dieser Untersuchung gilt es herauszufinden. da sie auf einer genaueren Realitätswahrnehmung beruhen. In jedem Fall aber sind Innenschau und Selbstbeobachtung hier die am besten geeigneten Untersuchungsmethoden. die alle Wesen. wie die Emotionen entstehen. während eine egoistische Haltung den Graben zwischen uns und anderen Menschen immer weiter vertieft. Selbstlose Liebe zeugt von Einsicht in die enge Wechselbeziehung. für unser Streben nach sukha keineswegs ein Hindernis dar.

Diese immer wieder aufs Neue notwendige Analyse ist der entscheidende erste Schritt zur Transformation eines verstörten Geisteszustands. die zu Glück und Zufriedenheit beitragen. Diese Geistesschulung ist nicht allzu weit entfernt von jener Vorstellung einer »dauerhaften. können wir sehr wirkungsvoll untersuchen. verlangt der Buddhismus. dass wir uns konsequent darin üben. die auf William James. die Wut und Eifersucht zu haben scheinen. Ziele zu erreichen. zurückgeht. die uns wünschenswert oder attraktiv erscheinen. haben buddhistische Meditierende feststellen können. Kurzfristig können uns bestimmte Geisteszustände wie Gier. der Geist klar und gesammelt ist. wenn man sie aus der evolutionären Perspektive der Arterhaltung betrachtet. Sobald durch die Meditationspraxis unser begriffliches Denken zur Ruhe gekommen. den Begründer der modernen Psychologie. Feindseligkeit und Neid helfen.aktivität aufmerksam zu beobachten. Außerdem bedarf es einer achtsamen Unterscheidung zwischen destruktiven Emotionen und solchen.13 Aber während James sich fragte. willentlich gesteuerten Aufmerksamkeit«. öb es möglich sei. Auf lange Sicht behindern diese Emotionen jedoch die eigene Entwicklung ebenso wie 166 . Zu dieser Form der meditativen Versenkung gehören unter anderem eine Stabilisierung der Aufmerksamkeit und eine Steigerung der gedanklichen Klarheit. Wir haben in diesem Zusammenhang ja schon über die Vorteile gesprochen. Damit das selbst gesteckte Ziel erreicht werden kann. diese willentlich herbeigeführte Aufmerksamkeit auch nur länger als ein paar Sekunden aufrechtzuerhalten. dass man sie sehr weitgehend entwickeln kann. wie die Emotionen und andere Geisteszustände beschaffen sind. den Blick nach innen zu richten.

zu verletzen oder sonstigen Schaden zuzufügen) und grundlegende Unwissenheit (durch die unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit beeinträchtigt und verzerrt wird). die mit etwa sechzig negativen Geisteszuständen in Zusammenhang gebracht werden. Das beginnt mit der Erkenntnis. Das gilt insbesondere für jene drei Geisteszustände oder -prozesse. die zur inneren Transformation führen. Für unser Streben nach Glück und Gelassenheit bedeutet jedes Auftreten von Aggression oder Eifersucht einen Rückschlag. die als die hauptsächlichen Geistesgifte angesehen werden: Verlangen (im Sinn von Habgier oder quälender Begierde). Hass (der Wunsch. die allerdings im Einzelnen nicht beschrieben werden. Die überlieferten Schriften nehmen auch auf »84 000 negative Emotionen« Bezug. dass bestimmte Geisteszustände ungeachtet ihrer Intensität oder ihres Entstehungskontextes Leid bewirken. Das sind die fünf schlimmsten Gifte. dass unsere Methoden zur geistigen Transformation an die enorme Vielfalt der geistigen Neigungen und Veranlagungen angepasst werden müssen. Was den Umgang mit Emotionen anbelangt. Daher spricht der Buddhismus von den »84 000 Pforten«. 167 . Im Allgemeinen zählen im Buddhismus Stolz und Neid ebenfalls dazu.diejenige der anderen. kennt der Buddhismus nur ein Ziel: die Befreiung von den grundlegenden Ursachen des Leids. Doch die symbolisch gewählte Zahl verweist auf die Komplexität des menschlichen Geistes und macht uns klar.

Spüren Sie. Gehen Sie offen und ehrlich der Frage nach. Wenden Sie nun. Mit »betrachten« ist hier gemeint. den »Blick« nach innen. Werden Sie gewahr. Aber lassen Sie auch nicht zu. die Augen leicht geöffnet. auf das Ein.und Ausströmen des Atems. was für Sie im Leben am 168 . Achten Sie einfach weiter auf den Atem. bietet. wie das Durcheinander der Gedanken sich allmählich legt und lichtet. statt Ihre Aufmerksamkeit auf all das zu richten. der eine schöne Wiese entdeckt und sich für eine Weile auf ihr niederlässt. was sich vor Ihnen abspielt. Tauchen Gedanken auf. den bestmöglichen Gebrauch von ihm zu machen. dass es immer mehr werden. Lassen Sie den Geist sanft zur Ruhe kommen . Achten Sie. wie Sie zur Ruhe kommen. Führen Sie sich zugleich vor Augen. aber nicht verspannten Haltung. dann versuchen Sie nicht.wie ein ermüdeter Reisender. dass Sie den Geist als solchen betrachten. und »betrachten« Sie den Geist. jedoch keine Gedankeninhalte. Vergegenwärtigen Sie sich dann mit einem Empfinden tiefer Wertschätzung. was Sie sehen oder hören können. dass dieses kostbare Leben nicht ewig dauern wird und es ganz entscheidend darauf ankommt.ÜBUNG: Zur Ruhe kommen und nach innen schauen Setzen Sie sich bequem hin. jedem von uns. während Sie etwa fünf Minuten lang ruhig und natürlich atmen. den Körper in einer aufrechten. sie zu unterdrücken. wie kostbar das menschliche Dasein ist und welche außerordentlich großen Entfaltungsmöglichkeiten es Ihnen.

Beziehen Sie am Ende der Meditation alle Lebewesen in Gedanken. 169 . diese Gedanken weiterhin täglich zu hegen und zu pflegen. damit es Ihnen wirklich gut geht und Sie ein sinnerfülltes Leben führen können? Wenn Ihnen klar geworden ist. mit ein. Nehmen Sie sich vor. welche Faktoren in Ihrem Leben zu wahrem Glück beitragen. stellen Sie sich vor. Was müssen Sie erreichen und was müssen Sie ablegen.meisten zählt. die Ausdruck reiner Güte sind. dass all diese Faktoren in Ihrem Geist prächtig gedeihen. sich nach und nach aufs Schönste entfalten.

ohne dass im Geist auch nur die leiseste Spur zurückbleibt. sind weder mutig noch klug. ohne unempfänglich für die Welt zu werden oder Gefahr zu laufen. dass ich zu ihrem Sklaven geworden bin? In meinem Herzen verschanzt. daher gebe es über171 . die den inneren Konflikt aufrechterhalten. Im Idealfall sieht das jedoch ganz anders aus: Wir sollten zulassen können. Sie seien etwas ganz Natürliches. dass das Leben für uns an Fülle und Reichtum verliert? Falls wir solche Emotionen lediglich in die Tiefen des Unbewussten verbannen. werden sie bei der erstbesten Gelegenheit mit neuer Kraft von dort wieder auftauchen und weiterhin jene Tendenzen verstärken. Besitz von uns zu ergreifen. Hass und andere Emotionen dieser Art sind meine Feinde.Wut. dass negative Emotionen entstehen und wieder vergehen. schlagen sie nach Belieben zu. Habgier . Wie kann es also sein. Doch sie haben weder Arme noch Beine.Kapitel 10 Verstörende Emotionen und die entsprechenden Gegenmittel Begierde. Gedanken und Emotionen werden dann nach wie vor auftauchen. Schande über meine lächerliche Langmut ihnen gegenüber! Shantideva Wie können wir den verstörenden und zerstörerisch wirkenden Emotionen ihre Macht nehmen. Leid verursachende Emotionen . könnte man einwenden. uns jedoch nicht mehr überfluten: Und sie werden dann außerstande sein. Eifersucht.seien doch in Ordnung.

bis sie wieder verflogen sind? Die Erfahrung zeigt. durch den die allgemeine Reizbarkeit und die Neigung zum Jähzorn umso mehr verstärkt werden. Aber eine Krankheit ist ebenfalls ein natürliches Phänomen. dass solche Emotionen. Die Spirale der Emotionen Warum können wir die negativen Emotionen nicht einfach sich selbst überlassen. Ein Beispiel: Lässt man der Wut. die unser »geistiges Immunsystem« schwächen. Die Ergebnisse verschiedener psychologischer Untersuchungen widerlegen die Vorstellung. wie eine unbehandelte Infektion immer stärker um sich greifen. ruft das tendenziell einen Zustand psychischer Instabilität hervor. die Geistesgifte. dass er durchaus berechtigt ist. wenn man ihnen freien Lauf lässt. Denn unsere innere Verwirrtheit.haupt keinen Grund. Könnte es vielleicht gar sein. Auf der anderen Seite kann dauerhaftes inneres Wohlbefinden nur auf dem Boden von Weisheit und heilsamen Emotionen gedeihen. dass diese negativen Emotionen tatsächlich so etwas wie Krankheiten sind? Auf den ersten Blick mag dieser Vergleich allzu weit hergeholt erscheinen. die leidvollen Geisteszustände. bei genauerem Hinschauen erweist sich allerdings. wann immer sie sich regt. Gegen Leid verursachende Emotionen. freien Lauf. etwas gegen sie zu unternehmen. rühren meist von einer ganzen Reihe verstörender Emotionen her. etwas zu unternehmen ist also genauso legitim wie die Behandlung einer Erkrankung. Dennoch finden wir uns nicht einfach mit ihr ab oder heißen sie gar als wünschenswerten Bestandteil unseres Daseins willkommen. das ungezügelte Herauslassen 172 .

2 Verhaltensforscher sind außerdem in verschiedenen Studien zu dem Ergebnis gelangt. wie sie zur Linderung des Leids. Unterdrückte Emotionen können. Außerdem wird diese Schwelle allmählich niedriger. während sie sich erhöht.3 Dagegen sind übermäßig gefühlsbetonte Menschen angesichts leidender Mitmenschen meist mehr mit der eigenen Verstörtheit befasst als mit der Frage. ohne sie zu unterdrücken). ein emotionales Gleichgewicht aufrechtzuerhalten (indem sie ihre Emotionen zu regulieren vermögen. sobald wir in Rage geraten. sobald die emotionale Aufladung eine kritische Schwelle erreicht. dass wir unsere Gefühle unterdrücken sollen. einhergehend mit ständigem Leid. zugleich das höchste Maß an Selbstlosigkeit an den Tag legen. sie zugleich aber unangetastet in einem dunklen Winkel unseres Geistes wie eine Zeitbombe weiterticken lassen. denen es am besten gelingt. wenn wir einen offenen Wutausbruch vermeiden. dass die Menschen. Und um jeden Preis sollten wir vermeiden. Wenn wir ihre Äußerungen verhindern. wenn sie erleben. In der Folge entsteht. denen wir dann jedes Mal ausgeliefert sind. Physiologisch betrachtet verringert sich die arterielle Spannung.1 Wenn wir generell zulassen.negativer Emotionen bewirke. so bestätigen Psychologen. beitragen können. psychisch wie physisch schwerwiegenden Schaden anrichten. sodass der Wutausbruch immer schneller eintritt. dass sich unsere negativen Emotionen entladen. ist das nicht nur ein Notbehelf. unsere Emotionen gegen uns selbst 173 . was gemeinhin als schlechte Laune bezeichnet wird. entwickeln wir Gewohnheiten. dass andere leiden. dass sich aufgestaute Spannungen vorübergehend lösen. das sie erblicken. Das bedeutet jedoch keineswegs. sondern auch eine ausgesprochen ungesunde Lösung.

Können wir uns von negativen Emotionen befreien? Vielleicht halten Sie Unwissenheit und negative Emotionen für einen integralen Bestandteil des Geistesstroms. dass sich unendlich viele Gesichter zeigen. dann wäre es die ganze Zeit über zu sehen. Die Beschaffenheit des Spiegels ermöglicht es. beinhaltet keinerlei Hass oder Verlangen. Ein Wutausbruch kann einen tödlichen Schlaganfall nach sich ziehen. das Entstehen der Gedanken und liegt ihnen allen zugrunde. von denen allerdings keines zum Spiegel gehört. Dennoch ist keiner der Gedanken ein wesensmäßiger Bestandteil dieser ihm zugrunde liegenden Geistesnatur. Wenden wir den Blick nach innen. einen angemessenen Dialog zwischen unserem Verstand und unseren Emotionen herbeizuführen. in ursprünglichem Gewahrsein besteht . Der grundlegendste Aspekt des Geistes. Ein Spiegel beispielsweise reflektiert wütende wie auch lächelnde Gesichter. sich davon zu befreien. In gleicher Weise ermöglicht diese fundamentale Geistesqualität. In solchen Fällen ist es uns nicht gelungen. Wäre das wütende Gesicht Teil des Spiegels.zu richten.das wir an anderer Stelle als die »lichthafte« Qualität des Geistes bezeichnet haben -. die Lichthaftigkeit des Geistes. 174 . oder wir können uns in zwanghaftem Verlangen verzehren. sodass der Versuch. der in reinem Erkenntnisvermögen. Emotionen ungezügelt und in extremer Form zum Ausdruck zu bringen kann andererseits ebenfalls gravierende Auswirkungen auf unser Befinden haben. einem Kampf gegen einen Teil Ihrer selbst gleichkäme. und es könnten sich unmöglich noch andere Gesichter widerspiegeln.

In der Tat geht es bei der Meditation nicht darum. gemeinhin ebenfalls mit »Meditation« übersetzt. den als Gegenmittel dienenden positiven Emotionen. Und das Sanskrit-Wort bhavana. Das tibetische Wort gom. zunichte gemacht werden können. um eine neue Art und Weise. das gewöhnlich mit »Meditation« übersetzt wird. dass kein Hass in Ihnen ist.mit Herzensgüte als Gegenmittel zu Hass beispielsweise -. Damit das geschehen kann. sondern um ein »Sichvertraut-Machen« mit einer neuen Sicht der Dinge. Um sie wirklich überwinden zu können. die von ihrem Gegenteil. mit deren Hilfe man diese Arbeit an den negativen Emotio175 . nach und nach mit jedem einzelnen Gegenmittel vertraut machen . bedeutet »Kultivierung«. bedeutet in einer etwas präziseren Übersetzung »sich mit etwas vertraut machen«.so wird ganz im Gegenteil deutlich. dass die Leid verursachenden Emotionen unserem Wohlbefinden tatsächlich abträglich sind. bis es Ihnen zur zweiten Natur wird. müssen Sie sich. Diese Einschätzung beruht nicht auf einer dogmatischen Unterscheidung zwischen Gut und Böse. um einen neuen Umgang mit den eigenen Gedanken. dass die negativen Emotionen vorübergehende geistige Vorgänge sind. Der Buddhismus lehrt verschiedene Methoden. müssen wir zunächst einmal erkennen. still im Schatten eines Baumes zu sitzen und sich eine kleine Verschnaufpause vom Alltagstrott zu gönnen. nachdem Sie zu dieser Einsicht gelangt sind. die Menschen wahrzunehmen und die Welt zu erleben. Einzig und allein aufgrund der Einsicht in die schädlichen Auswirkungen der verstörenden Emotionen können wir diese indes nicht überwinden. sondern auf der Beobachtung der kurz.und langfristigen Auswirkungen bestimmter Emotionen auf uns selbst und andere.

Bei dem Philosophen Alain heißt es dazu: 176 . Die dritte nutzt die rohe Kraft der Emotion als Katalysator für die innere Wandlung. Die zweite hilft uns. Die Anwendung von Gegenmitteln Die erste Methode beinhaltet die Neutralisierung von Geistesgiften mithilfe eines bestimmten Gegenmittels. die Emotion zu entwirren oder zu »befreien«. jedoch ist es ein Ding der Unmöglichkeit. dass im Geist keinesfalls zur selben Zeit zwei völlig konträre Prozesse ablaufen können. Alle drei Wege verfolgen dasselbe Ziel: uns zu helfen.nen angehen kann. ein Schlangenserum verabreicht. Diese beiden Impulse sind ebenso unvereinbar wie Feuer und Wasser. Zwischen Liebe und Hass zum Beispiel können wir unter Umständen schnell hin und her pendeln. nicht länger Opfer von widerstreitenden Emotionen zu sein. von den Umständen und von der Fähigkeit der oder des Betreffenden. Befreiung und Nutzung. indem wir sie uns unmittelbar anschauen und sie sich im Moment ihres Entstehens auflösen lassen. im selben Augenblick den Wunsch zu verspüren. oder wie man die verätzende Wirkung einer Säure mit einer Lauge neutralisiert. um das lebensbedrohliche Gift zu neutralisieren. sie anzuwenden. Die Wahl der Methode hängt vom Zeitpunkt ab. ähnlich wie man etwa jemandem. Das ist prinzipiell unmöglich. jemanden zu verletzen und ihm Gutes zu tun. In diesem Zusammenhang verweist der Buddhismus darauf. Die erste Methode beinhaltet die Anwendung eines spezifischen Gegenmittels gegen die jeweilige negative Emotion. der von einer gefährlichen Giftschlange gebissen wurde. Die drei wichtigsten sind: Gegenmittel.

zum Wohl der anderen zu handeln. allmählich auch negative Emotionen wie Hass. erkennen Sie zunächst einmal an. indem Sie den Geist an selbstlose Liebe gewöhnen. weil beide Gemütszustände unmöglich gleichzeitig. kann sie nicht zur Faust ballen.«4 Auf entsprechende Weise verbannen Sie. und schließlich verschwindet dieser Wunsch ganz. anderen zu schaden. Je mehr Herzensgüte wir also entwickeln. dass Sie glücklich sein wollen. sondern nur abwechselnd bestehen können. den Hass zu unterdrücken. verringert sich in dem Maß. 177 . der Wunsch. bis Ihnen diese Qualitäten zur zweiten Natur werden. in dem wir diese Liebe in uns wachsen lassen. Da selbstlose Liebe dem Hass unmittelbar entgegenwirkt. Fremde und Feinde. sondern den Geist auf etwas diametral Entgegengesetztes auszurichten: auf Liebe und Mitgefühl. Indem Sie sich so in einer altruistischen Geisteshaltung üben. und im nächsten Schritt beziehen Sie in diesen Wunsch Ihre Lieben und schließlich alle Menschen ohne Ausnahme mit ein Freunde. Diese Gegenmittel sind für Geist und Seele das Gleiche wie Antikörper für den physischen Körper. Es geht nicht darum. desto weniger Raum bleibt dem Hass in unserer Seelenlandschaft. Darum ist es wichtig. Einer traditionellen buddhistischen Praxis folgend.»Die eine Bewegung schließt die andere aus: Wer jemandem freundlich die Hand entgegenstreckt. können Sie sich dauerhaft vor einer notorisch feindseligen und aggressiven Haltung schützen. zunächst einmal die Gegenmittel zu jeder negativen Emotion kennenzulernen. Damit einhergehend entwickeln Sie die echte Bereitschaft. um sie anschließend kultivieren zu können. Nach und nach wird Ihr Geist von Selbstlosigkeit und Wohlwollen durchdrungen sein.

dass das Verlangen und sein Verbündeter. oder ihnen gegenüber gleichgültig werden. das Vergnügen. Verlangen kann uns im schlimmsten Fall derart umtreiben. Hier besteht die Falle darin. Verlangen kann sich nur dann voll ausprägen. Doch wenn wir die unerfüllbaren Anforderungen. Aber die seidenen Fäden des Verlangens. können wir sie sogar noch mehr lieben und uns aufrichtig darum kümmern.dahinschmelzen wie Schnee in der Sonne. je mehr wir uns wehren. desto zwanghafter jagen wir ihr nach. sollten uns jedoch von destrukti178 . die aufgrund unseres Anhaftens entstehen. nicht so hässlich daherkommen wie der Hass. nicht länger auf unsere Mitmenschen projizieren. können sich diese zwanghaften Verhaltensmuster auflösen . Wenn wir dagegen den Geist nach innen wenden. Im Gegenteil. mit denen wir unser Leben teilen. bis es ganz und gar von unserem Geist Besitz ergriffen hat. dass es ihnen gut geht. Dazu brauchen wir keineswegs in Passivität zu verharren.Ebenso wenig können Gier oder Verlangen gleichzeitig mit innerer Freiheit bestehen. die umso enger wird. Und je mehr uns die Befriedigung versagt zu bleiben scheint. ziehen sich schon bald enger zusammen: Das daraus gewobene anschmiegsam weiche Gewand wird zur Zwangsjacke. diejenigen zu lieben. dass wir ständig auf der Suche nach Befriedigung sind. die anfangs so leicht und zart wirken. Und was die Wut anbelangt: Sie kann durch Geduld neutralisiert werden. Verstehen Sie das nicht falsch: Wir sollen beileibe nicht aufhören. sie machen einen außerordentlich verführerischen Eindruck. nach Befriedigung um jeden Preis. wenn wir ihm freien Lauf lassen. indem wir über die destruktiven Seiten des Verlangens meditieren und inneren Frieden entwickeln.

Diese Verhaltensaspekte können zur gleichen Zeit vorhanden sein wie Hass.« Wir können tiefe Liebe für einen Partner empfinden und ihn gleichzeitig verachten. weil er uns betrügt. Verlangen und besitzergreifendes Verhalten einher . Wir können sehr wohl lieben und gleichzeitig Neid oder Eifersucht verspüren. wenn uns jemand Schaden zufügen oder etwas zuleide tun will.. Doch ohne jeden Zweifel gibt es Gedanken beziehungsweise Emotionen. Großzügigkeit und Geiz. besteht Liebe in dem Wunsch.ven Emotionen tunlichst nicht überwältigen lassen. Sie besteht in einer besonnenen Reaktion (im Unterschied zu einer unvernünftigen Reaktion) auf die starken negativen Gedanken und Emotionen.aber sie sind nicht Liebe. die geliebte Person möge glücklich sein und verstehen. die in der Regel auftauchen. Zwar gehen mit Liebe oft Anhaften. Wenden wir den Blick 179 .. Menschliche Emotionen aber sind ihrer Natur nach ambivalent. eine heile Idealwelt. weil dieser keinen Gegensatz zu ihnen bildet. Neid und Freude. Wahre Liebe und Hass können nicht gleichzeitig existieren. die völlig unvereinbar sind: Hochmut und Demut. würde das hier Gesagte ja ausgezeichnet passen. Unsere Empfindungen sind so komplex und vielfältig. Aber handelt es sich hier wirklich um Liebe? So wie wir sie definiert haben. dass wir durchaus in ein und demselben Moment widerstreitende Emotionen empfinden können. innere Ruhe und Aufgeregtheit. . Zwischen diesen Gegensätzen kann keine Ambivalenz bestehen. weil Liebe das Glück des anderen wünscht und Hass sein Unglück. Dazu der Dalai Lama: »Geduld gewährleistet den inneren Frieden angesichts der Widrigkeiten des Lebens.«5 Nun werden Sie vielleicht einwenden: »In eine perfekte Welt. welche Faktoren für dieses Glück ursächlich sind.

über kein eigenständiges Dasein. Die natürlichen Geistesaktivitäten zu unterdrücken ist weder möglich noch erstrebenswert. Emotionen im Moment ihres Auftretens befreien Die zweite Methode wird im Buddhismus als Befreiung bezeichnet. Im buddhistischen Sprachgebrauch sagt man in diesem Zusammenhang.nach innen. wollte man versuchen. Ihnen bleibe gar keine andere Wahl. sondern einfach über die Natur der betreffenden Emotion meditieren? Angenommen. stellen wir fest. das von einer grundlegenderen Ebene aus auf sämtliche Geistesgifte einwirkt. anders ausgedrückt. die sie mindern. ja ein ungesundes Unterfangen. gegen jedes einzelne Geistesgift mit dem spezifischen Gegenmittel anzugehen. die unsere Lebensfreude steigern. wenn wir eine destruktive Emotion nicht mithilfe des gegenteiligen Geisteszustands .etwa Wut mithilfe von Geduld . sie seien »leer«. sie verfügten. unterscheiden. Es handelt sich lediglich um einen Gedanken. Sie werden von einer alles überrollenden Welle der Wut erfasst und überwältigt. und jenen. Wenn wir unsere Emotionen untersuchen. Aber schauen Sie einmal genau hin. seine Gedanken zu unterdrücken. Und es wäre ein sinnloses. Sie haben den Eindruck. Was würde geschehen. dass sie ein dynamischer Strom von Geistesaktivitäten ohne eigene Substanz sind.neutralisieren. Wenn Sie beim Aufziehen eines Gewitters eine 180 . wenden wir dabei ein einziges Gegenmittel an. so können wir zwischen den Emotionen. als sich von dieser Welle fortreißen zu lassen. Denn statt zu versuchen.

wie eine Welle. Ohne sie zu untersuchen. und die Kette der trügerischen Vorstellungen ist unterbrochen. woran man sich festhalten könnte . Erkennt diese Leerheit 181 . einige Augenblicke dort verweilt und sich dort anschließend auch wieder auflöst. dass man meinen möchte. Khyentse Rinpoche sagt dazu: Bedenkt. Sie ist ein vorübergehender Zustand. nichts. Taucht ein Gedanke auf. den sie auf unser Leben ausübt. Wut kann man mit hohem Fieber vergleichen. man könne sich draufsetzen. ganz nahe an die Wolke heranzukommen. mit dem man sich nicht identifizieren muss. und wohin geht sie? Genau wissen wir nur.nur Wasserdampf und Luft. Er verliert dann augenblicklich seine Macht. gibt es da in Wahrheit nichts. Wenn wir die Wut eingehend untersuchen. Er existiert nicht als etwas Eigenständiges. desto schneller löst sie sich unter Ihrem Blick auf. dass sie aus dem eigenen Geist hervorgeht. dass Wut über keinerlei eigene Substanz verfügt. Gelingt es Ihnen hingegen. die sich im Meer auftürmt und dann wieder darin aufgeht. wie entsteht sie. Woher kommt die Wut.dicke schwarze Wolke am Himmel sehen. dass ein Gedanke bloß das flüchtige Zusammentreffen unzähliger Faktoren und Umstände ist. bleiben wir allerdings auf das Objekt unserer Wut fixiert und werden von zerstörerischen Emotionen überwältigt. verliert sie rasch all ihre Macht über uns. wie Raureif unter Einwirkung der Sonnenstrahlen. Gelangen wir hingegen zu der Einsicht. erkennt sogleich seine Leerheitsnatur. wodurch sich der tyrannische Einfluss erklären ließe. den nächsten Gedanken auszulösen. finden wir nichts Substanzielles. Je länger Sie die Wut auf diese Weise betrachten. wirkt sie so massiv.

Die Befreiung erfolgt spontan. die Wut löst sich auf wie jene Zeichnung auf der Wasseroberfläche. Damit wir uns anspornen. bevor sie den Geist überwältigen. müssen wir ihre Substanzlosigkeit unmittelbar im Moment ihres Entstehens erfassen. Vielmehr ziehen sie vorüber. Gedanken im Moment ihres Entstehens zu beobachten und sich dann sogleich wieder auflösen zu lassen.6 Das nennt man im Buddhismus die Befreiung von Wut im Augenblick ihres Entstehens durch Einsicht in ihre Leerheit. Meist allerdings wird diese Möglichkeit für uns erst ersichtlich. für einen Augenblick im entspannten Geist zu verweilen: So bleibt die natürliche Klarheit des Geistes ungetrübt und unverändert. ohne eine Spur zu hinterlassen wie ein Vogel am Firmament. Diese Methode kann bei allen Geistesgiften angewendet werden. Sie hilft uns. nachdem der entscheidende Moment bereits vorüber ist. Aber daran führt kein Weg vorbei: Um Wut aufzulösen. können wir viel leichter unser eigener Herr bleiben und im Alltag viel besser mit konfliktträchtigen Emotionen umgehen. 182 . dass die Gedanken in gewohnter Weise zu einem reißenden Strom zwanghaften. repressiven Verhaltens anschwellen. Leid zu verursachen. Haben wir es uns erst einmal zur Gewohnheit gemacht.der Gedanken . Diese Einsicht macht es dann schlicht und einfach unmöglich.und gestattet ihnen dann. Wenn wir in der beschriebenen Weise verfahren. wachsam zu sein. und hart an uns arbeiten. eine Brücke zwischen der Meditationspraxis und unseren Alltagssorgen zu bauen. von der ich bereits an anderer Stelle gesprochen habe. haben wir unsere Wut nicht unterdrückt. sondern ihr einfach jede Möglichkeit genommen.

Dadurch wird eine Kettenreaktion in Gang gesetzt. wie eine Marionette der zerstörerischen Emotionen zu denken und zu handeln. aus zahlreichen Elementen oder Akkorden bestehen. ist es dennoch möglich. die positiven Facetten einer im Allgemeinen als negativ betrachteten Emotion zu erkennen und zu nutzen. Dem Verlangen wohnt ein Element von Glückseligkeit inne. die der Neid oft mit sich bringt. und vielfach hilft sie uns. Hindernisse zu überwinden. welch bitteres Leid wir bereits über uns und andere gebracht haben. dem Neid ein Handlungsantrieb. Denn wodurch erhält eine Emotion letztlich ihren schädlichen Charakter? Durch die Art und Weise. Wut beispielsweise veranlasst uns zum Handeln. So schwierig es auch sein mag. Konzentration und der Antrieb zu einer wirkungsvollen Umsetzung enthalten . dem Stolz ein Element von Selbstvertrauen. die an und für sich nicht unbedingt Schaden anrichten. das nichts mit Anhaften zu tun hat. In ihr sind auch Elemente wie Klarheit. dass sie ähnlich wie Klänge. der nicht mit jener ungesunden Unzufriedenheit verwechselt werden sollte. Die transformative Kraft der Emotionen nutzen Die dritte Methode zur Neutralisierung der Geistesgifte ist besonders subtil und raffiniert. Bei eingehenderer Beobachtung unserer Emotionen stellen wir fest. indem wir zugelassen haben. wie wir uns mit ihr identifizieren und an ihr haften. ohne in Hochmut umzuschlagen.Elemente. in deren Verlauf der ursprüngliche Funke von Klarheit und Zielgerichtetheit 183 . das stark sein kann. diese unterschiedlichen Aspekte voneinander zu trennen.sollten wir uns vergegenwärtigen.

die Emotionen selbst wirken dann ähnlich wie ein Katalysator. dass wir die Sprache der Emotionen in hohem Maß beherrschen.zu Wut und Feindseligkeit wird. ohne in ihnen. Die verstörende Wirkung ist den Emotionen ja keineswegs von Natur aus zu Eigen. Wenn wir lernen. Was uns trägt. müssen wir keine äußeren Gegenmittel mehr anwenden . Wenn es uns gelingt. helfen uns einzugreifen. das sie zu spüren bekommt. ohne ihnen zum Opfer zu fallen. wenn wir uns also auf die Eigenschaften fixieren. zuschreiben. anders ausgedrückt. Und das geschieht. dem Versuch. von dem wir gesprochen haben. ist das Wasser selbst. Das reine Gewahrsein. Trotzdem. und es uns ermöglicht. weil sich unsere Perspektive ändert. von den negativen Aspekten fortgerissen. wenn der Prozess der »Fixierung« in Gang gesetzt wird. Und bezogen auf die Emotionen heißt das: Wir müssen sie uns im positiven Sinn zunutze machen können. diese Fixierung zu vermeiden. ans Ufer zu schwimmen. schwimmen können müssen wir allerdings. ist als solches weder gut noch schlecht. werden wir die Natur des Geistes allmählich 184 . Gedanken werden erst dann zur Störung. ein Juwel zu ergattern. die wir aus der Meditationspraxis gewinnen. wenn wir ins Meer fallen. das sich auf dem Kopf einer Schlange befindet. die Quelle aller gedanklichen und emotionalen Prozesse. Diese Praxis setzt voraus. der uns vom Einfluss der zerstörerischen Anteile befreit. gleicht einem Spiel mit dem Feuer oder. Doch in dem Moment. Die Fähigkeiten. in dem wir uns mit ihnen identifizieren und an ihnen festhalten. unterzugehen. bevor die Kettenreaktion ausgelöst wird. die wir dem Objekt der betreffenden Emotion und dem Selbst. erscheinen sie uns so. Den Ausdruck starker Emotionen zuzulassen.

wie die Einsicht in die Leerheitsnatur der Gedanken jedes Geistesgift neutralisieren kann. in der richtigen Dosierung. wie sich negative Emotionen auch auf positive Weise nutzen lassen. ein Ziel Zunächst haben wir gesehen. Und auch das angestrebte Resultat ist identisch: nicht zum Opfer der Geistesgifte und des durch sie verursachten Leids zu werden. die entwickelt wurden. diese unterschiedlichen Ansätze stünden in Widerspruch zueinander. 185 . scheitern wir hingegen. Und schließlich können wir die Giftstoffe analysieren und einzelne Bestandteile isolieren. können uns die negativen Aspekte der Wut überwältigen und noch stärker von uns Besitz ergreifen. Doch das scheint nur so. und dieses dann so stabilisieren. wobei wir womöglich entdecken werden. Wir können Gegenmittel einsetzen. um die Auswirkungen bestimmter Giftstoffe zu neutralisieren. In Analogie dazu könnte man sich auch unterschiedliche Vorkehrungen vorstellen. dass sie sich. was uns für solche Gifte anfällig macht. Wir können auch herausfinden. beispielsweise ein geschwächtes Immunsystem. dass unsere Widerstandskraft gegen sämtliche Giftstoffe zunimmt. um keine Vergiftung durch eine giftige Pflanze zu erleiden. Denn bei den drei Methoden handelt es sich einfach um unterschiedliche Herangehensweisen an ein und dasselbe Problem. als Heilmittel einsetzen lassen. Drei Methoden. und zu guter Letzt. wie wir jeder negativen Emotion mit ihrem spezifischen Gegenmittel entgegenwirken können.immer besser verstehen. Man könnte meinen. sodann.

dass das Ego leer ist von unabhängiger Existenz.aber nur durch die Weisheit.Entscheidend ist auf jeden Fall. solange er die Tür zur Freiheit öffnen kann.7 Wir sind dann völlig unzugänglich für alles. was uns zu der Einsicht verhelfen könnte. denn wie wir gesehen haben. Jede dieser Methoden gleicht einem Schlüssel. Und ein Gedanke. nicht unter Kontrolle gehalten werden können. 186 . existiert das Ego lediglich im Sinn einer gedanklichen Unterstellung. Aber ist das überhaupt möglich? Ja. dass das Objekt unserer Wut gar nicht so abscheulich ist. kann aufgelöst werden . und ob dieser Schlüssel aus Eisen. in dem sie sich ausdrücken. die gewahr wird. spielt keine große Rolle. Vielmehr müssen wir dieses Ego-Anhaften auflösen. in der wir allein jene Faktoren wahrnehmen. Uns lediglich von diesen Emotionen frei zu machen. die uns zur Rechtfertigung unserer Wut oder einer anderen starken Emotion dienen. dass wir mit allen drei Methoden dasselbe Ziel erreichen: Wir befreien uns von negativen Emotionen und machen Fortschritte auf dem Weg zur Freiheit von Leid. dass sie uns keinen Raum zur Besinnung lassen und in dem Moment. um uns ein für alle Mal von leidvollen Geisteszuständen zu befreien. wie wir meinen. reicht nicht aus. Emotionen in der Zeit Emotionen können manchmal so stark sein. eine Vorstellung. Paul Ekman erwähnt die »störrische« Phase. Silber oder Gold besteht. Allerdings sollten wir nie vergessen. dass unser EgoAnhaften die Quelle aller verstörenden Emotionen ist.

während in uns selbst ein Gefühl tiefer Unzufriedenheit zurückbleibt. dass sie oder er sich verletzend verhält. bevor sie an die Oberfläche kommen. sind wir in der Lage. Wir sollten wirklich nie die Macht des Geistes unterschätzen. Wir können sie »kommen sehen«. Wir waren überzeugt. All das nimmt der Wütende durch die Brille der Wut wahr und verstärkt diese so noch weiter. der Gier. Zum eigenen Erstaunen wird uns klar. »Gerechter Zorn«. Doch um legitim zu sein. Erst wenn der emotionale Aufruhr sich gelegt hat.«8 In solchen Fällen bleibt eigentlich nur die Möglichkeit. oder eher Entrüstung. Euphorie oder Verzweiflung zu kreieren und sie konkrete Gestalt annehmen zu lassen. seine Heimtücke. in grellem Licht erscheinende Tragödie ab: Lang und breit malt er sich alle Fehler seines Kontrahenten aus. seine Winkelzüge und seinen Spott. die ausschließlich selbstlos motiviert ist. Im Kopf eines wirklich wütenden Menschen spielt sich eine höchst dramatische. nachdem sie abgeklungen sind. hätte sie zumindest mehr Gutes als Schlechtes bewirken müssen. Eifersucht.Alain beschreibt diesen Prozess so: »Die Leidenschaften locken uns in die Falle. an den Emotionen zu arbeiten. und wir können unterscheiden lernen. zu erkennen. wie sehr die Emotionen uns hinters Licht geführt haben. was sie jedoch kaum jemals tut. unsere Wut sei vollkommen berechtigt. In den meisten Fällen wird unsere Wut jemand anderen verletzen. kann den Status quo einer unannehmbaren Situation durchbrechen oder jemandem bewusst machen. kommt überaus selten vor. wie voreingenommen unser Standpunkt war. welche Emotionen Leid verursachen und wel187 . Mit einiger Erfahrung können wir negative Emotionen neutralisieren. Welten des Hasses. Aber solch eine Wut.

da wir nicht gewöhnt sind. in dem sie auftauchen und sich ausdrücken. sondern wie ein freier Mensch. legt Wasservorräte an und bleibt wachsam. Um zu Zeiten von Dürre Waldbränden vorzubeugen. der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Das Leben verliert nichts von seiner Buntheit. Denn er weiß nur zu gut. noch während sie in Entstehung begriffen sind. Dadurch können sie im Geist keine Verwirrung mehr stiften und ebenso wenig Leid bringende Worte und Taten nach sich ziehen. deren Interaktion mit anderen Menschen auf der Grundlage einer fließenderen Wirklichkeitswahr188 .nicht wie ein Tyrann. Auf diese Weise werden. die uns bedrängenden Emotionen »befreit«. wie wir gesehen haben. dass ein Funken leichter zu löschen ist als ein Flammeninferno. schlägt der Förster »Feuerschneisen«. hat innere Befreiung in Bezug auf die Emotionen weder Apathie noch Gleichgültigkeit zur Folge. auf diese Weise mit unseren Emotionen zu arbeiten. mit den Emotionen bereits in dem Augenblick umzugehen. Die oben beschriebenen Methoden können uns zu einem intelligenteren Umgang mit den Emotionen verhelfen.che zum Glück beitragen. der seine Untertanen rücksichtslos und unnachgiebig unter Kontrolle hält. An diesem Punkt treten innere Konflikte in den Hintergrund und lassen Raum für eine große Vielfalt wohltuender Emotionen. sondern lernen sie zu meistern . Diese Methode verlangt allerdings einige Beharrlichkeit. Emotionen. In einer späteren Phase wird uns zunehmendes Verständnis und wachsende Erfahrung in die Lage versetzen. Nur bleiben wir nicht länger Spielball unserer negativen Gedanken. Anders als man meinen könnte. Stimmungen und Neigungen. sodass diese allmählich ihre Macht über uns verlieren.

wird sie sich allmählich auflösen. Sie könnten nicht bewerkstelligen. und unter Umständen haben Sie dann das Gefühl. Vielleicht flammt sie aber auch immer wieder neu auf. springt der Funke über. wenn Sie Ihre Gedanken wieder dorthin richten. diese Erfahrung wieder aufleben zu lassen. Richten Sie einfach. und versuchen Sie. und jedes Mal. dass sie sich nicht zu behaupten vermag und schon bald an Kraft verliert. Dieses Objekt wird gleichsam zur Zielscheibe. weil Ihre Gedanken immer wieder hilflos zum Objekt Ihres Unmuts hingezogen werden. und die Emotion entflammt aufs Neue. Worte und Handlungen Einfluss nehmen. nicht auf den Auslöser der Wut. Ihnen kommt es dann so vor.nehmung erfolgt. statt die Aufmerksamkeit der »Zielscheibe« zuzuwenden. Indem Sie einfach Ihr Augenmerk weiter auf sie richten. 189 . Wenn Wut hochkommt. Ihr Augenmerk auf die Emotion selbst. dass die Wut sich legt. Sie wird wach gehalten. t Emotionen unmittelbar befreien Vergegenwärtigen Sie sich eine Situation. Verbinden Sie sich nicht mit ihr. in der Sie sehr wütend gewesen sind. richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Wut selbst. sondern betrachten Sie die Wut als ein von Ihnen getrenntes Phänomen. als habe sie von Ihnen Besitz ergriffen und Sie seien in einem Teufelskreis gefangen. Von nun an werden Weisheit und Mitgefühl ganz maßgeblich auf unsere Gedanken. Sie werden feststellen.

Indem Sie sich die Erfahrung zunutze machen, die Sie während der Meditationssitzungen gewonnen haben, können Sie versuchen, die Methode zur Befreiung der negativen Emotionen auch auf Alltagssituationen anzuwenden. Mit der Zeit wird dieser Prozess der Entstehung von Wut immer offenkundiger für Sie, und Ihre Reizbarkeit verschwindet. Wenden Sie diese Meditationspraxis auch auf zwanghaftes Verlangen, Neid und andere leidvolle Emotionen an.

Ein langfristiges Unterfangen Die moderne Psychologie hat sich bei der Erforschung der emotionalen Regulationsmechanismen hauptsächlich auf die Frage konzentriert, wie man Emotionen unter Kontrolle bringen und steuern kann, nachdem sie den Geist überflutet haben. Hier hat man anscheinend noch nicht hinlänglich erkannt, welche zentrale Rolle erhöhte Aufmerksamkeit und geistige Klarheit - im Buddhismus »Achtsamkeit« genannt - in diesem Prozess spielen können. Die Emotion im Augenblick des Entstehens erkennen, sodann verstehen, dass sie lediglich ein Gedanke ohne eigene Substanz ist, und zulassen, dass sie sich spontan auflöst, um die Kettenreaktion zu verhindern, die durch die betreffende Emotion normalerweise in Gang gesetzt würde - dies alles sind Kernpunkte der buddhistischen Kontemplationspraxis. Die Meisterung jeder Ausbildung erfordert intensives Üben. Das gilt für die Musik, die Medizin, die Mathematik und viele weitere Bereiche. Dennoch scheint man in der westlichen Welt - abgesehen von der Psychoanalyse, 190

deren Resultate im günstigsten Fall als unsicher zu bezeichnen sind - nicht die Bereitschaft aufzubringen, für eine innere, die emotionalen Zustände betreffende Transformation über einen längeren Zeitraum hinweg beharrliche Bemühungen auf sich zu nehmen. Das Ziel der Psychoanalyse unterscheidet sich allerdings deutlich von denjenigen der Positiven Psychologie und des Buddhismus, die mehr anstreben als eine bloße »Normalisierung« neurotischer Verhaltensmuster. Jener Zustand, der gemeinhin als »normal« betrachtet wird, ist eigentlich nur der Startpunkt, nicht das Ziel. Unser Leben verdient weitaus mehr als das! Martin Seligman hat mir einmal gesagt: »Bestenfalls kann sie [die Psychoanalyse] uns von minus zehn auf null bringen.« Die meisten Therapiemethoden der westlichen Psychologie, die eine dauerhafte Veränderung emotionaler Zustände zum Ziel haben, konzentrieren sich vor allem auf die Behandlung manifester pathologischer Zustände. In einem kürzlich veröffentlichten Artikel von westlichen und buddhistischen Psychologen war Folgendes zu lesen: Mit einigen wenigen bemerkenswerten Ausnahmen darunter die Entwicklung der »Positiven Psychologie« - wurden keinerlei Anstrengungen unternommen, die Entwicklung positiver Denkmuster und emotionaler Qualitäten bei solchen Menschen zu fördern, die nicht an geistigen Störungen leiden. Eine qualifizierende Schulung in praktisch jedem Bereich erfordert beträchtliche Übung. ... Westliche Ansätze, die eine dauerhafte Veränderung der emotionalen Zustände oder Eigenschaften zum Ziel haben, beziehen solche langfristigen, beharrlichen Bemühungen nicht mit ein. Nicht einmal in der Psychoanalyse ist eine jahrzehnte191

lange Praxis, wie sie von den Buddhisten als Voraussetzung für die Entwicklung von sukha betrachtet wird, die Regel.9 Solche Bemühungen sind jedoch überaus wünschenswert. Wir müssen uns von den Geistesgiften befreien und zugleich Geisteszustände kultivieren, die zu einem emotionalen Gleichgewicht und zu einer möglichst fruchtbaren Entwicklung eines wahrhaft gesunden Geistes beitragen. Viele konfliktträchtige Emotionen sind geistige Störungen. Einem von blindem Hass besessenen oder von Neid zerfressenen Menschen - selbst wenn er kein eindeutiger Kandidat für die Psychiatrie ist - zu attestieren, er sei geistig gesund, ist doch nicht gerechtfertigt. Da solche Emotionen für uns zum Alltag gehören, scheint uns jedoch nicht so recht klar zu sein, welche Bedeutung, ja Dringlichkeit die Beschäftigung mit ihnen hat. Deshalb kommt der Geistesschulung in den Augen des modernen Menschen auch nicht der gleiche Stellenwert zu wie der Berufstätigkeit, kulturellen Aktivitäten, Sport und Freizeit. Überhaupt sollten wir begreifen, wie sehr wir uns gegen Veränderungen wehren. Ich spreche hier nicht von der Bereitwilligkeit, mit der unsere Gesellschaft oberflächliche modische Trends aufgreift, sondern von der ungeheuren Trägheit, die wir an den Tag legen, wenn es um eine wirkliche Änderung unserer Lebensweise geht. Meistens wollen wir nicht einmal etwas davon hören, dass es tatsächlich möglich ist, sich zu ändern, und rümpfen stattdessen lieber die Nase über diejenigen, die nach alternativen Lösungen suchen. Niemand will eigentlich wütend, eifersüchtig oder hochmütig sein. Doch jedes Mal, wenn wir diesen Emotionen nachgeben, reden wir 192

uns damit heraus, das sei völlig normal und gehöre einfach zum Auf und Ab des Lebens. Wozu sich also ändern? Sei einfach du selbst! Hab Spaß, leg dir ein neues Auto zu und vielleicht auch gleich einen neuen Liebhaber, nimm dir alles, werde »high« - aber was auch immer du tust, Finger weg von den wesentlichen Dingen, denn das bedeutet echte Arbeit. Diese Einstellung wäre wohl voll und ganz berechtigt, wenn wir mit unserem Los wirklich zufrieden wären. Aber sind wir das? Um ein weiteres Mal Alain zu zitieren: »Die Geisteskranken sind von Bekehrungseifer erfüllt und, vor allem, nicht daran interessiert, geheilt zu werden.« Haben wir indes erst einmal begonnen, den Blick nach innen zu wenden, bemerken wir, dass die Transformation nicht annähernd so beschwerlich ist, wie wir uns das vorgestellt hatten. Im Gegenteil, sobald wir uns entschlossen haben, solch eine innere Metamorphose zu durchlaufen, bereitet uns - auch wenn unweigerlich ein paar Schwierigkeiten auf uns zukommen - diese Arbeit schon bald so viel Freude, dass jeder Schritt uns zu größerer Zufriedenheit führt. In zunehmendem Maß verspüren wir Freiheit und Kraft. Dadurch verlieren unsere Befürchtungen und Sorgen an Gewicht. Das Gefühl von Unsicherheit weicht einem mit Lebensfreude gepaarten Selbstvertrauen, und notorische Selbstbezogenheit wandelt sich zu einem freundlichen Altruismus. Einer meiner verstorbenen Lehrer, Sengdrak Rinpoche, hat über dreißig Jahre lang im bergigen Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet gelebt. Eines Tages berichtete er mir, als er in jungen Jahren mit seinen Retreats begann, habe er eine wirklich schwierige Zeit durchgemacht. Seine Emotionen seien so stark gewesen, dass er glaubte, sie würden ihn noch um den Verstand bringen. Schließ193

lieh aber gelangte er, nachdem er verschiedene Methoden für den Umgang mit den Emotionen erlernt hatte, allmählich in einen Zustand inneren Friedens. Seither bedeutete jeder Augenblick für ihn pures Glück. Und das merkte man ihm an! Er war einer der einfachsten, unbeschwertesten und angenehmsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Ich hatte den Eindruck, dass äußere Schwierigkeiten an ihm abperlten wie Wassertropfen von einem Rosenblatt. Wenn er sprach, funkelten seine Augen vor Freude, und er wirkte derart lebendig und beschwingt, dass es mir manchmal so vorkam, als würde er sich vielleicht im nächsten Moment einem Vogel gleich in die Luft erheben. Bestimmt bereuen nur wenige von uns, Jahre für eine Ausbildung oder für das Erlernen einer wichtigen Fertigkeit aufgewendet zu haben. Warum sollten wir uns also darüber beklagen, dass es viel Zeit und beharrliches Bemühen erfordert, bis wir zu einem ausgeglichenen und wahrhaft mitfühlenden Menschen werden?

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Kapitel 11

Verlangen
Kaum jemals gesellt sich das Glück einfach so zu dem Wunsch, der nach ihm verlangt hat. Marcel Proust Niemand wird ernsthaft bestreiten wollen, dass Verlangen etwas Natürliches ist und dass es für unser Leben eine motivierende Rolle spielt. Allerdings besteht ein entscheidender Unterschied zwischen jenen starken Wünschen, die wir im Laufe unseres Lebens immer wieder verspüren, und einem Verlangen, das allein auf notorischer Gier beruht. Verlangen kann unzählige Formen annehmen: Wir können Verlangen nach einem Glas Wasser haben, nach jemandem, den wir lieben, nach einem Moment inneren Friedens, oder wir können Verlangen danach haben, dass die anderen glücklich sein mögen; ja sogar nach dem eigenen Tod können wir Verlangen haben. Es kann unser Dasein bereichern - oder vergiften. Verlangen kann auch an Reife gewinnen, sich selbst befreien und zu dem starken Wunsch werden, dass wir uns zu einem besseren Menschen entwickeln, zum Wohl der anderen wirken oder ein spirituelles Erwachen erfahren. Unterscheiden sollten wir auf jeden Fall zwischen dem Verlangen, das im Grunde eine blinde Kraft ist, und jenem von einer bestimmten inneren Haltung und Motivation inspirierten Wunsch. Ist die Motivation großherzig und selbstlos, kann sie für uns zur Quelle der besten menschlichen Eigenschaften und größten Errungenschaften werden. Ist sie aber engstirnig und selbstsüchtig, 195

treibt sie nur die Mühle der alltäglichen Aktivitäten an. Diese reihen sich von der Geburt bis zum Tod in ähnlicher Weise aneinander, wie eine Meereswelle auf die andere folgt. Und sie garantieren uns nicht unbedingt ein erfülltes Leben. Sind unsere Beweggründe negativ, können sie verheerenden Schaden anrichten. Selbst ein noch so natürliches Verlangen wird durch Gier, zwanghaftes Verhalten oder totales Anhaften zu einem Geistesgift. Derartiges Verlangen ist umso frustrierender und befremdlicher, weil es nicht in Einklang mit der Wirklichkeit steht. Wenn wir uns von einer Sache oder Person total vereinnahmen lassen, halten wir sie, natürlich zu Unrecht, für etwas hundertprozentig Erstrebenswertes. Sie zu besitzen oder in ihren Genuss zu kommen erscheint uns als absolute Notwendigkeit. Aber nicht nur die Gier selbst wird so zur Quelle von Kummer und Leid. Auch der »Besitz« des erstrebten Objekts kann immer nur unsicher, von mehr oder weniger begrenzter Dauer sein, und er ist ständig gefährdet. Darüber hinaus hat er durchaus illusionären Charakter, da wir über das, was wir zu besitzen glauben, letzten Endes nur sehr geringe Kontrolle haben. Unsere Wünsche unterscheiden sich nach Stärke und Dauer. Ein ganz schlichter und bescheidener Wunsch, etwa der nach einer Tasse Tee oder einer warmen Dusche, wird meist rasch in Erfüllung gehen und bleibt uns nur unter besonders ungünstigen Umständen verwehrt. Bei manch anderem Wunsch - wenn wir beispielsweise eine Prüfung bestehen oder ein Haus kaufen wollen - ist die Verwirklichung mit bestimmten Schwierigkeiten oder Hindernissen verknüpft, die durch Beharrlichkeit und Einfallsreichtum überwunden werden können. Und schließlich gibt es noch grundlegendere Wünsche wie 196

ohne uns auch nur einmal die Zeit zu nehmen. Wollen wir. auf 197 . des Gedankens nicht erwehren. In Hongkong habe ich unter den jungen Börsencracks einige gekannt. Ihre Verwirklichung nimmt eine Menge Zeit in Anspruch. gehe er runter zum Strand. die in Schlafsäcken auf dem Bürofußboden übernachtet haben. immer haben wir Teil an der Dynamik des Verlangens.allerdings ohne großen Erfolg. so hat mir einer von ihnen erzählt. aus tiefster Seele die entscheidende Frage hochkommen zu lassen: »Was ist mir in diesem Leben wirklich wichtig?« Haben wir die Antwort gefunden. Ein bis zwei Mal im Jahr. Auf ihre Weise versuchen auch sie. darüber nachzudenken. welche Wahl wir treffen.und Inanspruchnahme vor oder als liebevollen. ein sehr seltsames Leben zu führen. auf einem funkelnden Spiegelbild. der uns Erfüllung bringt.« Woran fehlt es uns? An klaren Prioritäten? An Mut? Dicht gedrängt sitzen wir auf der Oberfläche der Illusion. das gemeinsame Glück in einer Partnerschaft oder die Ausübung eines Berufs. oder wollen wir einfach Geld scheffeln und einen bestimmten gesellschaftlichen Status erreichen? Stellen wir uns die Beziehung zu einem Partner als gegenseitige Inbesitz. wie er mir sagte. um nicht den Abschluss der New Yorker Börse zu verpassen. glücklich zu sein . welche Ziele wir für den weiteren Verlauf unseres Lebens ins Auge gefasst haben. bleibt immer noch Zeit. um sich an der Schönheit des Meeres zu erfreuen. In solchen Momenten kann er sich.etwa die Gründung einer Familie. dass unser Handeln Freude in unser Leben bringt. damit sie mitten in der Nacht an den Computer eilen konnten. hängt davon ab. Wie viel Lebensqualität wir dadurch gewinnen. »Und trotzdem werde ich am Montagmorgen einfach so weitermachen. gleichberechtigten und selbstlosen Austausch? Doch ganz gleich.

Schon bald weicht sie der Enttäuschung naiver Erwartungen und der Einsamkeit.allzeit bereit. wenn man diese Frage schon im Keim erstickt? Das Räderwerk des Verlangens Das Gieren nach angenehmen Empfindungen kann sich im Geist leicht festsetzen. als den Pfad des Vergnügens zu betreten. Es hat etwas sehr Anziehendes. die mit der Befriedigung der Sinne verbunden ist. erweist sich als ziemlich unrealistisch. uns seine Dienste anzubieten. Denn das Vergnügen ist ausgesprochen entgegenkommend . dass wir dem Verlangen und dem 198 . stets ist sie nur der Ausgangspunkt neuen Strebens.welche Weise wir unser Ziel erreichen wollen. der Unzufriedenheit mit dem eigenen Zustand. Sie geht davon aus. und ist deshalb Leid. und betrachten es daher immer als Leid.«1 Eine zutreffende. flößt Vertrauen ein. wenngleich unvollständige Erklärung. Was sollte es bei einem derart verlockenden Angebot schon zu befürchten geben? Nichts ist einfacher. Die Hoffnung. Der große Pessimist Arthur Schopenhauer hat einst gesagt: »Alles Streben entspringt dem Verlangen oder dem Mangel. Doch die Leichtigkeit dieser ersten paar Schritte hält nicht lange an. Wir sehen. solange es nicht zufriedengestellt wird. Im Gegenteil. Keine Befriedigung ist jedoch von Dauer. und alle etwaigen Bedenken und Zweifel fegt es mit ein paar bestechend wirkenden Fantasien hinweg. wie das Streben überall auf vielerlei Weise behindert wird. Anstrengung und Kampf allenthalben. Aber ist es nicht ein Jammer. dass uns solche Vergnügungen eines Tages dauerhaftes Glück bescheren werden.

heißt es bei Anatole France. insbesondere das sexuelle. Selbst wenn wir von latenten Neigungen beeinflusst werden. Dieses Bild kann bewusst erzeugt werden oder sich unserer Vorstellung scheinbar aufdrängen. wie es entsteht. weil sich das Objekt des Verlangens in unseren Gedanken widerspiegeln muss. einen Klang. quälendes Verlangen zu überwinden. einen Geruch oder Geschmack) oder durch ein inneres Objekt (eine Erinnerung oder einen Tagtraum) angeregt werden. einem inneren Bild. müssen wir erkennen.von einem Gefühl und einer Vorstellung. selbst wenn das Verlangen.im Unterschied zu so elementaren Empfindungen wie Hunger und Durst . Die erste Reaktion beinhaltet ein Aufgeben 199 . eine Berührung. den inneren Dialog zu beschleunigen. begleitet wird. Wenn wir ihm entgehen wollen. kann es ohne inneres Bild nicht zum Ausdruck kommen. aber es geht dem aktiven Verlangen stets voraus. Teil unserer physischen Konstitution ist. Einsicht in diesen Prozess hilft uns. »Verlangen beschönigt die Objekte. deren Qualitäten es übertrieben positiv einschätzt und deren Mängel es übersieht. Die Entstehung dieses Bildes kann durch ein äußeres Objekt (eine Form. es kann sich langsam formen oder blitzschnell. wird man im Allgemeinen das Verlangen entweder befriedigen oder unterdrücken.dadurch sich immer weiter fortsetzenden Leid nicht entkommen können. der es ermöglicht. Verlangen betrachtet Attraktivität als wesensmäßige Eigenschaft einer bestimmten Person. auf denen es sich mit seinen feurigen Schwingen niederlässt«. Ist die Entstehung solcher mit Verlangen verbundenen Bilder im Geist erst einmal in Gang gekommen. Als Erstes müssen wir uns klarmachen. dass jedes leidenschaftliche Verlangen . verstohlen oder offen.

Es ist das genaue Gegenteil selbstloser Liebe und rührt von einem Egoismus her. zu denen es sich hingezogen fühlt. 200 . auf der psychischen wie auf der physischen Ebene. drängen sich uns auf und bewirken einen inneren Druck. Dinge und Situationen. Wir haben unsere Freiheit verloren. sein Glück auf Kosten des oder der anderen schmieden will. wonach uns verlangt. nur in Besitz nehmen und unter Kontrolle bekommen. der im anderen nur sich selbst liebt oder. Solches Verlangen will die Menschen. ist es.« Doch es gibt da ein gewisses Problem: Schluss ist niemals. desto schneller vervielfältigen sich diese Bilder. Von Verlangen zu zwanghaftem Verhalten Das geradezu zwanghafte Verlangen. Gibt man andererseits einem Verlangen nach.der Selbstkontrolle. Die Befriedigung verschafft nur eine Atempause. als würde man sagen: »Warum alles so kompliziert machen? Tun wir doch einfach. Je mehr Salzwasser wir trinken. desto durstiger werden wir. die zweite verursacht einen Konflikt. Haben wir dieses Stadium erst einmal erreicht. Je öfter wir dem Verlangen nachgeben. am Leben eines anderen Menschen teilzuhaben. Zärtlichkeit und die Freude. das mit leidenschaftlicher Liebe häufig einhergeht. Die vom Verlangen ununterbrochen erzeugten inneren Bilder tauchen schon sehr bald wieder auf. Die wiederholte Verstärkung der inneren Bilder lässt Muster von Sucht und Abhängigkeit entstehen. kann alles vergiften: Zuneigung. und damit Schluss. erleben wir Verlangen eher als Knechtschaft denn als Vergnügen. noch schlimmer. Der durch Unterdrückung verursachte innere Konflikt ist immer eine Quelle von Leid.

weil sie ihre Kraft aus allen fünf Sinnen gleichzeitig bezieht: Sehen. Wird der Sog dann aber unversehens stärker. Wenn es an innerer Freiheit mangelt.« Leidenschaft nährt sich von Übertreibung und Illusion und beharrt darauf. dass die Dinge anders sein sollen. Das ähnelt der Wirkung eines Strudels im Fluss: Wir beachten ihn kaum und meinen. setzt eine intensive Sinneserfahrung gleich eine ganze Reihe von Anhaftungsreaktionen in Gang und unterjocht uns dadurch nur umso unbarmherziger. Hören. Intensiver Gefühlszustand. Und was ist mit sexueller Leidenschaft? Vielleicht teilen wir ja die Meinung des Autors und Managers Christian Boiron. mit dem Entzücken eines von Anhaftung und Erwartung freien Geistes. »sexuelle Anziehung [sei] nichts Pathologisches. als sie sind. aber ebenso wenig eine Emotion. Andererseits genießt ein Mensch. ist nicht mehr »in Fluss«. Alain schreibt: »Was bliebe übrig von der Pein des 201 . die ihrerseits das gleiche Verlangen von Neuem auslösen. all diese Empfindungen in der Einfachheit des gegenwärtigen Augenblicks.In einem Lexikon habe ich folgende Definition von »Leidenschaft« gefunden: »Starke. wodurch die innere Freiheit eingeschränkt wird. an dieser Stelle sei das Schwimmen sicher. der das Urteilsvermögen beeinträchtigt. Schmecken und Riechen. Das geistige Universum wird polarisiert. der seine innere Freiheit wahren kann. Zwanghaftes Verlangen erhöht die Intensität und die Anzahl der inneren Bilder. werden wir ohne Hoffnung auf Rettung in ihn hineingezogen.«2 Nichtsdestoweniger löst sie stärkste Emotionen aus. Berühren. ausschließliche und alles vereinnahmende Liebe. Wie eine zerkratzte Schallplatte spielt es endlos immer wieder dasselbe Leitmotiv. Sie ist der normale Ausdruck eines Verlangens wie Hunger und Durst.

Diese Muster rufen einen chronischen. indem es uns zunehmend zur Gewohnheit wird. über die Vergangenheit und die Zukunft zu grübeln?«3 Solche Obsessionen werden überaus leidvoll. ohne es zu mögen. abhängig davon werden . Unersättlichkeit und Erschöpfung zusammensetzt. wie es sein kann.selbst dann noch verspüren wir das Bedürfnis. Es kennt keine Freude. dieses Verlangen zu befriedigen. Wir kommen dann an einen Punkt. Der Drogensüchtige steigert seine Abhängigkeit. unterschiedliche Hirnregionen und neuronale Schaltkreise im Spiel. von Angst bestimmten Leidenszustand hervor. In Wahrheit ist man süchtig nach den Ursachen des Leids. Das macht leichter verständlich. dass wir. wenn uns das damit verbundene Gefühl gar keinen Genuss mehr verschafft. ein bestimmtes Verlangen zu empfinden. der sich zu gleichen Teilen aus Verlangen und Abscheu. darauf deuten wissenschaftliche Studien hin. der Alkoholiker trinkt sich ins Delirium. der zurückgewiesene Liebhaber starrt den ganzen Tag auf das Bild der Geliebten. Das kann auch gar nicht anders sein. Ein weiteres Merkmal zwanghaften Verlangens ist die tief gehende Unzufriedenheit. an dem wir etwas wollen. sind offenbar. Wenn wir etwas »wollen« oder aber etwas »mögen«.abgewiesenen Liebhabers.und noch mächtiger. wenn er einfach aufhören würde. der sich unruhig im Bett hin und her wälzt und in seiner Fantasie hinterlistige Rachepläne schmiedet. die es quälen. geschweige denn Erfüllung. denn das Opfer solch zwanghafter Verhaltensmuster sucht hartnäckig gerade in jenen Situationen Befreiung. die es hervorruft.4 202 . wenn man sie nicht auslebt . wenn man es tut. In der Welt der Obsession sind das Empfinden von Dringlichkeit und dasjenige von Ohnmacht aneinandergekettet.

bei dem Wissenschaftler Ratten Elektroden in ein Hirnareal implantiert haben. dass sie bald alle anderen Aktivitäten. sondern dass die Liebe. Die Vorstellung von einer Liebe ohne Anhaftung ist dem Empfinden abendländischer Menschen allerdings eher fremd. das uns kein Vergnügen mehr bereitet.mit Freunden. der über den Rand des Glases fährt und den Klang erzeugt. einem unkontrollierbaren Bedürfnis. Geliebten 203 . Anhaftung mit dem Finger.Zugleich wünschen wir uns vielleicht. Durch das Drücken einer Taste können die Ratten sich bei diesem Experiment selbst stimulieren. einstellen. Die Jagd nach diesem Gefühl wird zu einem unstillbaren Verlangen. Das erinnert an ein Laborexperiment. das bei Stimulation angenehme Empfindungen hervorbringt. Nicht anzuhaften bedeutet jedoch nicht. unser Leben mit den uns nahestehenden Menschen zu teilen . nicht vor allem Eigenliebe ist. dass wir den anderen weniger lieben. Verlangen. unter der wir leiden. Liebe und Anhaften Wie können wir wahre Liebe von besitzergreifendem Anhaften unterscheiden? Selbstlose Liebe könnte man mit dem reinen Klang eines Kristallglases vergleichen. ohne es oder ihn unbedingt »haben zu müssen«. bis sie vor Erschöpfung tot umfallen. Auf der anderen Seite können wir etwas oder jemanden lieben. einem Verlangen nachzugeben. die wir angeblich für den anderen empfinden. Das Lustgefühl ist so intensiv. frei von dieser Obsession zu sein. Selbstlose Liebe ist die Freude. weil sie uns zwingt. und die Ratten drücken die Taste. einschließlich Nahrungsaufnahme und Sex.

In Nepal 204 . können wir unseren Feind natürlich nicht lieben. und anstatt ihn besitzen zu wollen.und zu ihrem Glück beizutragen. auch wenn sie vielleicht diejenigen. Andernfalls jedoch ist es uns zweifellos möglich. Und allmählich versuchen wir dann. statt sie durch die verzerrende Brille der Ichbezogenheit zu betrachten. mehr wärmt.und Gefährten. Vergleiche hinken immer ein wenig. die Menschen bedingungslos zu lieben. mit der Ehefrau beziehungsweise dem Ehemann . dass er nicht länger leiden muss. sondern glücklich wird! Wie bringen wir diese bedingungslose und unparteiische Liebe mit der Tatsache in Einklang. Sie scheint unterschiedslos auf alle Menschen herab. Wir lieben sie. einen Feind zu lieben? Was uns zunächst wie ein aussichtsloses Unterfangen vorkommen mag. Falls unsere Liebe ausschließlich davon abhängt. eine alle Lebewesen mit einbeziehende Güte zu entwickeln. dass wir über die Möglichkeit verfügen. den Wirkungskreis dieser Liebe zu vergrößern. wie sie sind. dass die eigenen Erwartungen erfüllt und die eigenen Wünsche befriedigt werden. können wir voller Freude seine Liebe empfangen. Wir müssen die Fähigkeit entwickeln. Ist es zu viel verlangt. dieser hier kann uns jedoch zumindest eine annähernde Vorstellung davon vermitteln. selbstlose Liebe beinhaltet das Verlangen. fühlen wir uns für sein Wohlergehen verantwortlich. Das Glück des anderen liegt uns am Herzen. Echte. die ihr gerade näher sind. dass ihnen dieser Wunsch erfüllt werden möge. dass wir zu bestimmten Menschen engere Beziehungen pflegen? Schauen Sie sich die Sonne an. Anstatt ängstlich darauf bedacht zu sein. wie man uns behandelt. beruht auf einer ganz schlichten Beobachtung: Alle Wesen wollen Leid vermeiden und glücklich sein. zu hoffen.

Eine so offene.nennt man beispielsweise alle Frauen. weil egoistische Liebe sich ständig an den Hindernissen stößt. Das Gefühl eigener Wichtigkeit verschwindet. Dennoch gibt es keinen Grund. die älter sind als man selbst »große Schwester« und alle jüngeren »kleine Schwester«. die uns am nächsten stehen. Falls das geschieht. und damit die Angst. Es ist völlig normal. dass manche Menschen unsere Liebe intensiver zu spüren bekommen als andere. in dem sie grundlos den Spielraum der selbstlosen Liebe beschränkt.natürlich können wir unsere Zuneigung und Liebe nicht jedem gegenüber so offen ausdrücken. Dem besitzergreifenden und ausschließenden Verlangen. Solches Anhaften wird zur Quelle von Leid. Selbstlose Liebe ist der höchste Ausdruck einer nicht von den Machenschaften des Ego getrübten und entstellten menschlichen Natur. Aber wir müssen realistisch sein . weshalb eine besondere Beziehung zu einem Freund oder Geliebten unsere Liebe und unser Mitgefühl für alle Menschen einschränken sollte. die sie selbst aufgebaut hat. Die Sonne hört dann auf. in alle Richtungen zu scheinen. dass sich eine Tür in uns öffnet. Sie bewirkt. sprechen wir von Anhaftung. und wird auf einen dünnen Lichtstrahl reduziert. der Obsession und Eifersucht. selbstlose und fürsorgliche Güte schmälert keineswegs die Liebe zu den Menschen. 205 . Sie ist in dem Maß schädlich. sondern verstärkt und krönt sie. Selbstlose Liebe erlaubt uns. voller Freude zu geben und voller Dankbarkeit zu empfangen. kommt in Wahrheit nur in der geschlossenen Welt des Anhaftens eine Bedeutung zu.

kann der Teufelskreis von Rachsucht. die den Täter dazu gebracht hat. uns etwas anzutun. Selten sind wir in der Lage. nimmt der Hass niemals ein Ende«. Wenn uns jemand schlägt. jedem Völkermord und allen Angriffen auf die Würde des Menschen. der ein Verbrechen begeht. hat Buddha Shakyamuni gelehrt. Victor Hugo Das schlimmste aller Geistesgifte ist der Hass. welchen Grad von Zivilisiertheit sie erreicht haben.Kapitel 12 Hass Hass ist der Winter des Herzens. 207 . je nachdem. als Opfer des eigenen Hasses anzusehen. dass der Wunsch nach Rache im Grunde von derselben Emotion herrührt. Vergeltung und Leid nicht durchbrochen werden. wollen wir instinktiv zurückschlagen. »Wenn Hass mit Hass beantwortet wird. einen Menschen. Er ist eine der Hauptursachen menschlichen Unglücks und die treibende Kraft hinter jeder Gewalttätigkeit. weshalb menschliche Gesellschaften ihren Mitgliedern in unterschiedlichem Maß das Recht auf Rache einräumen. Solange der Hass eines Menschen den Hass seines Mitmenschen hervorruft. Toleranz. Vergebung und Verständnis für die Situation des Täters hält man im Allgemeinen nicht unbedingt für angebracht oder gar notwendig. Den Hass aus unserem Geist zu tilgen ist daher ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum Glück. Noch schwerer fällt uns die Einsicht.

Sie zeigt sich auch in der Feindseligkeit. das Bild 208 . dieses geistige Gefängnis. verhöhnt oder ignoriert wird. jemandem zu schaden. Unsere Wahrnehmung. dass man die Fehler oder Verfehlungen der verhassten Person/en größer macht. uns ausschließlich auf die negativen Aspekte einer Person oder Gruppe zu konzentrieren. als sie tatsächlich sind. die Vorstufe zu Hass.«1 Voller Feindseligkeit und Verbitterung schottet der Geist sich in der selbst geschaffenen Wahnvorstellung ab. der den Forderungen des Selbst im Wege steht. die Quelle seiner Unzufriedenheit befinde sich ganz und gar außerhalb seiner selbst.Die hässlichen Fratzen des Hasses Wut. der den Wunsch. ohne Rücksicht auf Verluste jeden aus dem Weg zu räumen. von denen wir heimgesucht werden. Menschen und Ereignisse im Kontext eines viel größeren Geflechts von Ursachen und Bedingungen zu sehen. Wir formen uns ein Bild. Dieser starre Rahmen. Wir versäumen es. sowie in seiner Rachsucht. davon überzeugt. Und sie kann sich bis zum Hass steigern. ist für einen Großteil jenes Hasses und jener Gewalt verantwortlich. folgt dem Impuls. dafür aber heimtückischer und genauso zerstörerisch. ebenso beinhaltet wie die Umsetzung dieses Wunsches. ungerecht behandelt oder bedroht zu werden. Aaron Beck schreibt: »Einseitig vorgeprägte Wahrnehmungen und Vorurteile werden als Reaktion auf reale oder imaginäre Bedrohungen in starre geistige Schablonen gepresst. sei es unmittelbar oder auf Umwegen. mit der das Selbst reagiert. wenn es sich bedroht fühlt. wenn es verletzt. bringt uns dazu. und über die positiven Seiten schlicht hinwegsieht. Hass bringt es mit sich. Bosheit ist weniger gewalttätig als Hass.

unwandelbaren Wesenszügen und verschließen uns so jeder Neubewertung der Situation. Die »bösen« oder »abscheulichen« Eigenschaften. Ihr Gesicht. aber Letztere bricht aus. Verfolgung.von einem niederträchtigen und verabscheuungswürdigen »Feind«. Darüber hinaus kann er der Angst entspringen. unsere Feindseligkeit auszuleben und Rache zu üben. den »alltäglichen« Hass in unserem unmittelbaren Umfeld zu bemerken. Hierin liegt die Ursache für Diskriminierung. An diesem Punkt haben wir das grundlegende Wohlwollen. den ultimativen. wenn wir oder die Menschen. blinde Vergeltung. Ärger. unser persönliches Umfeld. verdinglichen wir zu dauerhaften. Selbstgerechtigkeit kann uns sogar den Eindruck vermitteln. die wir in dem oder den betreffenden Menschen sehen. Bitterkeit. die wir lieben. Vor diesem Hintergrund fühlen wir uns dann berechtigt. sozusagen perfekt verdunkelt und verschleiert. bedroht werden. Wir müssen auch lernen. ihre Angewohnheiten und Eigenarten gehen 209 . Intoleranz. gesetzlich gedeckten Racheakt. sobald die Umstände es erlauben. wenn wir unseren Bruder. Hass äußert sich nicht nur in Form von Wut. indem wir dieses »Böse« ausmerzen. ebenso das Motiv für die Todesstrafe. die Gesellschaft oder die ganze Welt zu »säubern«. Verleumdung und vor allem Unwissenheit. Er ist mit weiteren negativen Emotionen. und diese verallgemeinernde Vorstellung setzen wir dann mit der gesamten Person oder der ganzen Gruppe gleich. Was können wir tun. Arbeitskollegen oder Exmann hassen? Wir sind wie besessen von ihnen. es sei notwendig. Haltungen und Eigenschaften verbunden: Aggression. das uns das elementare Streben jedes einzelnen Menschen nach Glück und Vermeidung von Leid erkennen und wertschätzen lässt. Völkermord.

Unter ihrem Einfluss sehen wir die Dinge völlig verzerrt . die sich erdreisten. das Leben zur Hölle.. uns im Weg zu stehen.Wut oder Hass . Kennen Sie irgend jemanden. Wozu? Selbst wenn wir unserer Wut völlig ungezügelt ihren Lauf lassen.uns nicht aus dem Sinn. von welcher Seite her wir das Problem angehen können: Wenn wir unserer Wut nachgeben. werden schon morgen neue auftauchen. Da immer weniger Menschen Sympathie für uns empfinden.beherbergen. vergessen wir. und selbst unsere engsten Freunde ziehen sich zurück. Einer meiner Bekannten lief regelmäßig vor Wut rot an. wir machen alles falsch. dem das je gelungen ist? Mögen wir heute auch noch so erfolgreich sein im Kampf gegen unsere äußeren Feinde.. Unser innerer Frieden ist dahin. werden wir nicht dafür sorgen können. die mit uns zusammenleben. fühlen wir uns zunehmend einsamer.«2 210 . wütende Blicke zu. wenn nur der Name seiner Exfrau erwähnt wurde. Wir brauchen bloß in uns hineinzuschauen. . die ihn vor zwanzig Jahren verlassen hatte. es zu füttern. Der Dalai Lama erläutert. solange wir diesen inneren Feind . Wir machen den Menschen. dass all unsere Feinde vom Erdboden verschwinden. definitiv aber schaden wir uns selbst. bis sie uns immer unerträglicher erscheinen und bis aufgrund dieser Obsession aus alltäglicher Abneigung regelrechter Verfolgungswahn wird. wir schlafen schlecht. Wenn wir ein Haustier haben.eine Quelle endloser Frustration. schaden wir nicht unbedingt unserem Feind. Die negativen Auswirkungen der Wut sind offensichtlich. wir stoßen unsere Gäste vor den Kopf oder werfen denen.

muss dieser ihn unter Kontrolle bringen und sein Bestes tun. ihn zu heilen. Bei einem Arzt geht man davon aus. Hat er uns erst einmal fest im Griff. dass er seine Patienten nicht verprügelt. Liebe und Mitgefühl zu empfinden. Man muss 211 . sollten wir ihn eher wie einen Kranken betrachten und nicht als Feind. sind wir nicht mehr Herr über uns selbst und außerstande. die so tief gesunken ist. unabhängig von seiner Stärke und seinen Auslösern. Wenn ein geisteskranker Patient den Arzt angreift. ohne dem Wunsch nach Vergeltung nachzugeben. den es zu heilen.Hass wirkt. ohne uns dem Hass anheimzugeben. immer zersetzend. grenzenlose Abscheu empfinden und darüber hinaus tiefe Trauer angesichts des dadurch hervorgerufenen Leids. als jemanden. Unterdrückung und Fanatismus aus tiefstem Herzen ablehnen und alles in unserer Macht Stehende dagegen unternehmen. Man kann für die Untaten. Der Wunsch nach Rache Eines sollte zunächst hervorgehoben werden: Wir können Ungerechtigkeit. Genau in diesem Moment müssen wir ihm mit einer der in Kapitel 10 beschriebenen Methoden zur Auflösung negativer Emotionen Einhalt gebieten. Trauer und Abscheu müssen mit allumfassendem Mitgefühl für die Person einhergehen. Wut und Aggression sehen. nicht zu bestrafen gilt. ohne ihn seinerseits zu hassen. Wenn wir einen Menschen in den Fängen von Hass. die sich ein Einzelner oder eine Gruppe von Menschen hat zuschulden kommen lassen. Grausamkeit. Und doch beginnt der Hass immer erst einmal nur mit einem einfachen Gedanken.

der für die Gefangenen angeboten wurde. sollte in uns die grenzenlose Liebe und das Mitgefühl für alle Wesen steigern. als würde in mir eine Mauer einstürzen. Darin kommt kein billiges Mitleid mit dem Mörder zum Ausdruck. und fing an. sich mit einem Meditationskurs. dass sie von Hass und Unwissenheit frei werden mögen. wie er in zwanzig Jahren sein wird? Wer kann sicher voraussagen. Später berichtete er: »Eines Tages fühlte es sich an. aber auch der grausamste Folterer. Ich erkannte. wie unmenschlich ich gehandelt hatte. die Welt und andere Menschen mit völlig anderen Augen zu sehen.« Im Laufe eines Jahres bemühte er sich.zwischen dem Patienten und seiner Krankheit unterscheiden. statt Hass auf einige wenige hervorzurufen. wurde nicht als grausamer Mensch geboren. dass er sich nicht ändert? Aus den Erzählungen eines meiner Freunde kenne ich die Geschichte von einem der Insassen eines amerikanischen Gefängnisses für Wiederholungstäter. ein wenig die Zeit zu vertreiben. dass ich bis zu diesem Augenblick ausschließlich aufgrund von Hass und Gewalt gedacht und gehandelt hatte . beides nicht miteinander zu verwechseln: die Ablehnung eines verabscheuungswürdigen Verhaltens und die unwiderrufliche Verdammung eines Menschen. Natürlich kommt solch eine abscheuliche Tat nicht von allein zustande. der Gedanke an die Gräuel. und wer weiß. der heute auf die schrecklichste Weise denkt und handelt.fast als wäre ich verrückt gewesen. die einander vielfach sogar im Gefängnis noch umbringen. die andere mit ihren Verbrechen begangen haben. selbstloser zu handeln und seine Mitgefangenen zu einem Gewaltver212 . Dieser Strafgefangene beschloss. sondern unermessliches Mitgefühl für ausnahmslos alle empfindenden Wesen und der Wunsch. Daher ist es wichtig. Kurz. Ich begriff plötzlich.

ist Vergebung keine Nachsicht mit seinen früheren Handlungen. das bei der Katastrophe ums Leben gekommen war. die sie fördern. stellte jemand dem Vater eines dreijährigen Mädchens. Wer sich von jeder Absicht und jeder Bestrebung. sondern eine Anerkennung dessen. auf schwere Straftaten mit Gewalt zu reagieren sei nur »allzu menschlich«. aber sein Wasser auch wieder gereinigt und trinkbar gemacht werden. Ein buddhistisches Sprichwort besagt: »Das einzig Gute am Bösen ist. und wenn sich jemand wirklich geändert hat. ob er sich die Hinrichtung des Haupttäters Timothy McVeigh wünsche. den Gefängnisinsassen normalerweise nicht zugänglich gemacht werden. den darf man als einen neuen Menschen bezeichnen. ist weit verbreitet.« Menschen können sich ändern. Ohne die Möglichkeit des inneren Wandels wären wir hoffnungslos in selbstzerstörerischer Verzweiflung gefangen. weil die Bedingungen. Ein sauberer Fluss kann verschmutzt werden. die Frage. weil man leide und ein Bedürfnis nach »ausgleichender Gerechtigkeit« habe. dass es überwunden werden kann.« Diese Haltung zeugt weder von 213 . Vergebung trägt einfach der Tatsache Rechnung. anderen zu schaden. Wie ein Einzelner kann auch eine ganze Gesellschaft dem Hass zum Opfer fallen. Solche Wandlungsprozesse sind nur deshalb so selten. Seine Antwort lautete schlicht: »Ein weiterer Tod wird meinen Schmerz nicht lindern. Dennoch kann der Hass auch wieder aus dem menschlichen Geist verschwinden. der Hunderte von Menschenleben gefordert hat. uns zu wandeln. Die Ansicht. dass es uns Menschen möglich ist. was er geworden ist.zieht zu bewegen. frei gemacht hat. Aber schließt echte Menschlichkeit nicht hasserfüllte Reaktionen aus? Nach dem Bombenanschlag in Oklahoma City im Jahr 1995.

« Ein paar Monate vor ihrem Tod in Auschwitz schrieb Etty Hillesum: »Wie ich sehe. Ihren kleinen Sohn töten und Ihre sechzehnjährige Tochter entführen würde? So verabscheuenswert und unerträglich eine solche Tat auch ist. wie unerträglich die betreffende Situation für sie oder ihn persönlich ist. Eines Tages erhielt der Dalai Lama Besuch von einem tibetischen Mönch. Seine Folterer hatten ihn mehrmals an den Rand des Todes gebracht. Er fragte ihn. dass das geringste Quäntchen Hass. das wir in die Welt bringen. noch handelt es sich hier um einen faulen Kompromiss. Der Dalai Lama sprach sehr lange mit ihm und war tief bewegt von seiner gelassenen Haltung nach so vielen Jahren des Leids. Wir können absolut sicher sein. Der Mönch antwortete: »Oft hatte ich Angst. meine Folterer zu hassen.«3 Ließe sich eine solche Einstellung aufrechterhalten. Dadurch hätte ich mich selbst zerstört. Warum nicht? Weil sie auf lange 214 . führt kein Weg daran vorbei: Jeder von uns muss in sich hineinschauen und dort all das von Grund auf beseitigen und zunichte machen. wenn ein Verbrecher in Ihr Haus eindringen. Jemand kann sich auf das Schmerzlichste bewusst sein. Ihre Frau vergewaltigen. und zugleich sehen. was er bei anderen glaubt von Grund auf beseitigen und zunichte machen zu müssen. ob er je Angst gehabt habe.Schwäche oder Feigheit. dass ich anfangen könnte. als sie ohnehin schon ist. diese für uns noch ungastlicher machen wird. dass man sich bei der Ahndung eines solchen Verbrechens auf gar keinen Fall von Hass leiten lassen darf. die unausweichliche Frage lautet: »Was tue ich jetzt?« Rache ist in keinem Fall eine angemessene Lösung. der fünfundzwanzig Jahre lang in chinesischen Arbeitslagern interniert gewesen war.

Zahn um Zahn< handeln. dass man das begangene Unrecht entschuldigt. hat sieben Jahre in argentinischen Militärgefängnissen verbracht und wurde dort monatelang in Einzelhaft gehalten.beim Nürnberger Prozess etwa äußerte nur einer der Angeklagten.« Wäre es. dass sein 215 . Autor. beide Rechtsanwälte. Gewalt und Rache immer weiter fortzuführen. nicht besser. In Wahrheit aber beweisen diejenigen.« Das waren beileibe keine gefühllosen Eltern. was ihr unserer Tochter angetan habt. Sie bietet keinen Trost und schürt nur weitere Gewalt. Vergebung bedeutet so gesehen nicht. Oft hat man ihn derart grausam gefoltert. Mathematiker und Psychiater. die frei von Hass bleiben. die ihn vergiften? Selbst wenn solche Kehrtwendungen selten sind . weitaus größeren Mut. wird manchmal als heroisches Verhalten angesehen. Sie schauten den Mördern ihres Kindes in die Augen und sagten: »Wir wollen euch nicht dasselbe antun. Reue über das. Gandhi hat gesagt: »Wenn wir nach dem Prinzip >Auge um Auge. was er angerichtet hatte welchen Grund sollte es geben. dass sie eintreten? Spontan wütend und gewalttätig zu reagieren.Sicht nicht dazu beiträgt. sondern dass man den Gedanken an Rache vollkommen aufgibt. Miguel Benasayag. nicht darauf zu hoffen. wie sinnlos es ist. flog im Jahr 1998 nach Südafrika. wenn jemand uns etwas Schlimmes anzutun versucht. um einem Prozess gegen fünf Jugendliche beizuwohnen. anstatt das Gesetz der Vergeltung anzuwenden. den eigenen Geist von der Bitterkeit und dem Hass zu befreien. Ein amerikanisches Ehepaar. Albert Speer. wird bald die ganze Welt blind und zahnlos sein. die ihre Tochter ohne jeden ersichtlichen Grund brutal auf der Straße getötet hatten. Sie hatten einfach erkannt. dass es uns gut geht. die Verkettung von Hass.

Mitgefühl im buddhistischen Sinn beruht indes auf dem von ganzem Herzen kommenden Wunsch. eine damals übliche Praxis im Umgang mit den Kindern von Regimegegnern. »uns jegliches Gefühl von menschlicher Würde auszutreiben. insbesondere dem Hass. Als Miguel zwanzig Jahre später den General ausfindig gemacht hatte. der sich aller Wahrscheinlichkeit nach seines Stiefsohns bemächtigt hatte. die Weigerung. Mitgefühl für diejenigen zu empfinden. 216 . »Sie haben versucht«. begegnet. mit wie viel Wohlwollen oder Aggression jemand uns selbst oder den Menschen. Im Gegenteil: Menschen. finden am ehesten wieder einen gewissen inneren Frieden.« Seine Frau und seinen Bruder hat man aus einem Flugzeug ins Meer gestürzt. dass sie erkennen mögen. dass alle Wesen ohne Ausnahme vom Leid und seinen Ursachen. Und man kann noch einen Schritt weiter gehen. und Rache den Verbrechensopfern und ihren Angehörigen keineswegs zu innerem Frieden verhelfen. dass nicht enden wollender Hass. die uns nahestehen. die uns schaden. indem man sämtlichen Wesen . Daher fällt es uns außerordentlich schwer. Wissenschaftliche Studien über Vergebung haben gezeigt. welche Faktoren Glück bewirken. erklärte er mir. Ihm wurde klar.alle Kriminellen inbegriffen . Sein Stiefsohn wurde einem hochrangigen Offizier überlassen. zu vergeben. die vergeben können . dass er diesen Mann nicht hassen konnte. dass Hass unter solchen Umständen keinerlei Sinn ergeben und rein gar nichts in Ordnung bringen oder verbessern würde.und zwar in dem Sinn.Körper nur noch ein schmerzender Klumpen Fleisch war. befreit werden mögen. dass sie sich von jeglichem Hass auf den oder die Verursacher ihres Leids lösen -. stellte er fest.wünscht. Unser Mitgefühl und unsere Liebe hängen gewöhnlich davon ab.

die in unseren Augen zu »Feinden« geworden sind.Was die Todesstrafe betrifft. Ihre Abschaffung in Europa hat nicht zu einem Anstieg der Kriminalität geführt. Hass hat verheerende Auswirkungen auf die eigene Psyche. dass sie nicht einmal zu wirksamer Abschreckung taugt. Da eine lebenslange Haft ausreicht. Die Gesellschaft benötigt Vergebung und Heilung. ist die Todesstrafe nichts anderes als eine legalisierte Form der Rache. noch schlimmer. und er bringt uns dazu. Eine Form von Vergebung. um einen Mörder von weiteren Delikten abzuhalten. das Leben anderer Menschen zu zerstören. braucht die Gesellschaft gewiss nicht. jegliche Toleranz. ohne Schwäche zu zeigen . uns den Menschen gegenüber.dem Hass selbst gegenüber ist jede Nachsicht. der unermüdlich Leben beendet und zerstört. ist in jedem Fall ein schweres Vergehen. Einen Menschen zu töten. 217 . Er ist ein hinterhältiger. auf Nachsicht oder gar. gnadenloser und unbeugsamer Feind. so wissen wir. Den Hass hassen Für Hass darf es im Grunde nur ein Ziel geben: den Hass selbst. Gehässigkeit und Feindseligkeit sich nicht ununterbrochen weiter fortpflanzen können. in Geduld zu üben. auf billigender Inkaufnahme des den Opfern zugefügten Unrechts beruht. damit Groll. So angemessen es ist. und ihre Wiedereinführung in einigen amerikanischen Bundesstaaten nicht zu einem Rückgang der Straftaten. gleichgültig ob Mord oder legale Exekution. die auf mangelndem Interesse. Dadurch würde man einer Wiederholung solcher grässlichen Straftaten Tür und Tor öffnen.

dass eine Gesellschaft insgesamt humaner. ihn solltet ihr zerstören. Richtet ihn gegen sich selbst! Euer eigentlicher Feind ist der Hass. den Hass in eine ganz andere Richtung zu lenken. und dieser Prozess beginnt im eigenen Geist.vollkommen unangebracht. die Ächtung von Hass und Rache wie auch die Achtung der Menschenrechte gesetzlich verankert und die Todesstrafe abschafft wird. innere Transformation und Beharrlichkeit sind die einzigen Gegenmittel gegen Hass. dass es keine äußere Abrüstung ohne innere Abrüstung geben kann. Khyentse Rinpoche: »Es ist an der Zeit. Allerdings kann die innere Transformation einer ausreichenden Anzahl von Einzelpersonen dazu führen. Jeder Einzelne muss sich ändern. ist nichts anderes als eine von Unwissenheit und Hass verblendete.«4 Individuelle Achtsamkeit. die der blinden Wut auf einen anderen Teil der Menschheit anheimfällt. das Böse in einem Menschen zu vernichten als den Menschen selbst. Vielmehr müssen wir unmittelbar bis an seine Wurzeln vordringen und ihm jede Grundlage entziehen. wenn man Hass zu unterdrücken versucht oder den Hass eines anderen Menschen erwidert. Wir dürfen jedoch niemals die Tatsache aus dem Blick verlieren. Eine Gesellschaft.« Es macht keinen Sinn. Etty Hillesum hat uns auch dazu etwas mitzuteilen: »Sie sprechen von Vernichtung. aus Einzelpersonen bestehende Gruppe von Menschen. und zwar gänzlich unabhängig von den Umständen. Besser wäre es. Ihr solltet ihn nicht länger gegen die gewohnten Ziele. eure sogenannten Feinde. richten. Das »Böse« ist ein pathologischer Zustand. 218 .

die Dinge mit anderen Augen zu betrachten. und vergegenwärtigen Sie sich ihr Leid möglichst wirklichkeitsgetreu. von Leid frei zu sein. um Leid zu lindern. Beziehen Sie anschließend sämtliche Wesen in dieses Empfinden mit ein. Wir können aber auch Unparteilichkeit in den Blickpunkt der Meditation rücken. Denken Sie an eine Ihnen nahestehende Person. die auf ihre Weise glücklich sind und bewundernswerte menschliche Qualitäten aufweisen. mit deren Hilfe wir lernen. dass Ihr Geist von diesem Empfinden des Mitgefühls ausgefüllt wird. Verweilen Sie so lange wie möglich in der Erfahrung allumfassenden Mitgefühls. Verbinden Sie dieses grenzenlose Mitgefühl mit der inneren Bereitschaft.ÜBUNG Über Liebe und Mitgefühl meditieren Meditation ist eine Methode. Beziehen Sie in 219 . Freuen Sie sich über diese Menschen und ihre Qualitäten. Machen Sie sich bewusst. die leidet. das Leid zu lindern und seine Ursache zu beseitigen. dass alle Wesen danach streben. wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit solchen Menschen zu. Sie dient als Gegenmittel gegen Depression und Neid. Jeder von uns. Lassen Sie zu. und verweilen Sie eine Zeit lang bei diesem Empfinden. alles in Ihrer Macht Stehende zu tun. und verweilen Sie in dieser freudvollen Empfindung. Falls sich während Ihrer Meditation über die unermesslich vielen leidvollen Erfahrungen aller Wesen ein Gefühl von Ohnmacht und Mutlosigkeit einstellt. Schon bald werden Sie den tiefen Wunsch verspüren.

220 . Rufen Sie sich in Erinnerung. und ruhen Sie in dieser alles umfassenden Empfindung selbstloser Liebe. glücklich zu sein und nicht zu leiden. Weisheit und Mitgefühl entwickeln müssen. Geben Sie der Herzensgüte innerlich Raum. wie sehr Sie sich von ihnen bedroht fühlen mögen. auf den innigen Wunsch. so wie ein Vogel zwei Flügel braucht. widmen Sie nun allen empfindenden Wesen all die positiven Erfahrungen. welche Faktoren dieses Glück hervorrufen. dass alle Wesen Glück finden und zugleich erkennen mögen.Ihre Empfindung von Liebe und Mitgefühl in gleicher Weise alle Wesen mit ein . Bevor Sie sich wieder den Dingen des Alltags zuwenden. Ebenso können Sie das Augenmerk auf selbstlose Liebe richten. die Ihnen in der Meditation zuteil geworden sind. dass unabhängig davon. sie alle danach streben. Machen Sie sich klar. Nehmen Sie sich am Ende der Meditation noch eine Weile Zeit.Ihre Lieben. um über die Verbundenheit und wechselseitige Abhängigkeit aller Wesen nachzusinnen. Fremde und Feinde. dass Sie.

der bessere Leistungen bringt 221 . In welchem Licht man ihn auch betrachtet. Neid zeigt sich in milder Bosheit gegenüber einem Kollegen. ja. über die Freude der anderen bestürzt und angesichts ihres Glücks niedergeschmettert zu sein. Wir beneiden andere um ihr Glück. er kommt auch nicht. wie Wut oder »gerechter Zorn«. zerstörerischer Wut. in der Maske des Rächers oder des Rechtschaffenen daher. So wird ihr Glück zu unserem. er schmückt sich nicht mit bunten Federn wie der Stolz. wenn sie glücklich sind? Warum rufen ihre positiven Eigenschaften Bosheit in uns wach? Das Gegenteil von Neid ist die Freude über all die kleinen und großen Freuden. ihnen Glück zu wünschen? Warum ist uns unbehaglich zumute. Die Palette reicht von Missgunst bis hin zu blinder. immer sieht man seine abstoßende Seite. Ist das nicht absurd? Wäre es nicht ganz natürlich. deren man sich im Grunde gar nicht richtig bewusst ist und die sich dann in verächtlichen oder abwertenden Bemerkungen äußern. nicht einmal träge wie die Unwissenheit ist er. Die mildere. die andere erleben.Kapitel 13 Neid Wie erbärmlich ist es doch. Montesquieu Neid: was für eine seltsame Emotion. Neid besitzt nicht die Attraktivität des Verlangens. Neid und Eifersucht gibt es natürlich in allen möglichen Abstufungen. alltägliche Form des Neids schlägt sich in Gedanken nieder. aber gewiss nicht um ihr Unglück.

betrogen worden zu sein? Ja. nicht im Geringsten daran. auf die er neidisch ist.« 222 . In diesem Moment hat er nicht die mindeste Chance. wenn wir deprimiert sind. weiterhin ihren Erfolg. Seine Gekränktheit hindert die Menschen. Nur das Ego kann sich schmerzlich verletzt fühlen. von jemandem hintergangen zu werden.als wir. dem wir uns zutiefst verbunden fühlen. Darüber hinaus haben Neid und Eifersucht für denjenigen. Schon La Rochefoucauld beobachtet in seinen Maximen: »Es steckt mehr Eigenliebe als Liebe in der Eifersucht. Der Eifersüchtige spielt die erlittene Verletzung in Gedanken immer wieder durch und streut ständig neues Salz in die Wunde. Warum lassen wir uns nicht einfach von ihrer Freude inspirieren. in sarkastischen Bemerkungen gegenüber einem Freund. Die Frage. Neid und Eifersucht resultieren aus der elementaren Unfähigkeit. denn solange sie ihn nicht zu gewalttätigem Handeln verleiten. Neid resultiert stets aus verletztem Stolz und ist die Frucht einer Illusion. Reichtum oder Status zu genießen. der sie empfindet. es bricht uns das Herz. die wir uns stellen sollten. oder ihre tadellose Gesundheit. aber das darauf folgende Leid hat seinen Ursprung wiederum nur in Eigenliebe. zugleich etwas Absurdes. die aus dem Gefühl erwächst. glücklich zu sein. selbstverständlich gar nichts. ist er ihr einziges Opfer. wenn wir krank sind. lautet: Was kann uns das Glück der anderen überhaupt nehmen? Nichts. anstatt sie zu einer Quelle der Gehässigkeit und Frustration zu machen? Und wie steht es mit der Eifersucht. sich am Glück oder Erfolg eines anderen Menschen zu erfreuen. Unser Ego kann die gute Stimmung der anderen nicht ertragen. der immer Glück zu haben scheint.

Nur das Ego hat den Nerv. kannst du nicht von ihm erwarten.Angst und Hoffnung. Anteilnahme und selbstlose Liebe für alle Menschen .einschließlich der Rivalin oder des Rivalen . die unweigerlich in ihrem Schlepptau aufkreuzt . das ich nicht habe?<« Natürlich fällt es außerordentlich schwer. Die Ichbezogenheit samt der ganzen Bande. und ein Gefühl der Unsicherheit eng verknüpft. zu sagen: »Dein Glück hängt von meinem ab. entsetzlich zu rächen. Das liefe ja darauf hinaus. dass wir derartige Vorstellungen auf gar keinen Fall »nähren« sollten. uns innewohnt. können wir ihm kaum vorschreiben. Anziehung und Ablehnung ist das größte Hindernis für inneren Frieden. Es ist hilfreich. Sie resultieren unmittelbar daraus.»Die Untreue meines Mannes verletzt mich zutiefst«. die Vorstellungen. zu lieben und inneren Frieden zu erfahren. dass du dich selbst liebst. dass er tut. Es versteht sich von selbst. Mit mangelnder innerer Freiheit sind die Angst. Immer wieder frage ich mich: >Warum nicht ich? Was findet er bei ihr. uns an dem »Eroberer«. verlassen zu werden. dass ein anderer Mensch glücklich ist. die uns so sehr zu schaffen machen. hat mir eine gute Bekannte kürzlich anvertraut. beherzt beiseite zu schieben.« Bei Swami Prajnanpad ist in diesem Zusammenhang Folgendes nachzulesen: »Wenn du jemanden liebst. welches Potenzial. Wenn wir wirklich wollen. »Ich kann die Vorstellung. wie er dabei vorzugehen habe. dass wir vergessen haben.«1 Wenn wir auch nur im Entferntesten klar denken können. unter solchen Umständen Gleichmut zu wahren.zu 223 . sollten wir versuchen. dass er mit einer anderen Frau glücklicher ist. nicht ertragen. was dir beliebt. Und wir sollten uns von dem obsessiven Wunsch frei machen. auf den wir eifersüchtig sind.

Neid und Eifersucht werden uns dann mit der Zeit nur noch wie ein böser Traum vorkommen. 224 .entwickeln. Dieses Gegenmittel wird die Wunde heilen.

freier Meinungsäußerung und der Möglichkeit. Viele Leute verbinden damit die Vorstellung von Handlungsfreiheit. was einem beliebt. ohne dass irgendjemand Einwände dagegen erheben könnte«. deren einziges Ziel die unmittelbare Befriedigung von Wünschen ist. tun und lassen zu können. Herr seiner selbst zu sein. der die lange Wegstrecke durch die Welt des Leids zurückgelegt hat. Und in der Tat besagt eine in der westlichen Welt weit verbreitete Plattitüde. überhaupt glücklich 225 . »Glück wäre für mich die Möglichkeit. Welch eine seltsame Vorstellung! Denn wenn wir das tun. Kann uns anarchische Freiheit. Diese Auffassung siedelt Freiheit allerdings in erster Linie außerhalb von uns selbst an und lässt die Tyrannei der Gedanken völlig außer Acht. Freiheit bedeute.Kapitel 14 Der große Sprung in die Freiheit Welche Erleichterung für den von seiner Bürde gebeugten Menschen. mal in jene Richtung gebogen wird. werden wir zum Spielball jeglichen Gedankens. freier Wahl des Aufenthaltsortes. indem man jeden Impuls auslebt. seine unnütze schwere Last endlich abzulegen. ihre selbst gesteckten Ziele zu verwirklichen. tun zu können.ähnlich wie das Gras auf einer Bergkuppe von dem heftig darüber hinwegpfeifenden Wind mal in diese. Longchen Rabjam Frei sein heißt. ließ eine junge Engländerin in einem Interview der BBC verlauten. der uns. mag er auch noch so wirr sein. in den Sinn kommt . was immer ich will.

wo es langgehen soll in unserem Leben. Und zu wissen. Freiheit in diesem Sinn ermöglicht es uns. die einzuschlagen wir für uns selbst beschlossen haben. uns aus dem unerbittlichen Würgegriff der destruktiven Emotionen zu befreien. während wir zugleich der Richtung treu bleiben. das zu bezweifeln. Rachsucht und wie sie alle heißen . anstatt den durch Gewohnheit und aus geistiger Verwirrung entstandenen Neigungen die Federführung zu überlassen. Hochmut. sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen. die Segel im Wind flattern lässt und das Boot der Strömung überantwortet.machen? Wir haben allen Grund. ist 226 . während an ihrer Stelle Frieden Einkehr hält.Habgier. sprechen wir nicht von Freiheit . denen es immer wieder gelingt. solange sie nicht mit innerem Chaos verwechselt wird. wonach es Verlangen verspürt.aus der Diktatur des Ego. Frei zu sein läuft mit anderen Worten darauf hinaus. Vor allem aber besteht innere Freiheit in der Befreiung aus der Versklavung durch »ich« und »mein« . Frei zu sein heißt. das mit allem auf Kriegsfuß steht. sich all das anzueignen. in dem Schmerz und Leid verfliegen. stillen Raum. Im Unterschied dazu gleicht innere Freiheit einem weiten. Wenn ein Segler das Steuerruder verliert. was ihm nicht in den Kram passt. Lassen wir in unserem Geist die ganze Meute von der Leine . Spontaneität ist eine wertvolle Eigenschaft. Eifersucht. klaren. den Geist unter ihre Kontrolle zu bringen und so seine ursprüngliche Klarheit in mitunter extremer Weise zu trüben und zu verschleiern. werden sie uns sehr bald die Hölle heiß machen. und verzweifelt versucht.wir nennen das »sich treiben lassen«. im Alltag anderen Menschen offen und geduldig gegenüberzutreten. Hier bedeutet Freiheit: das Ruder fest in der Hand halten und Kurs auf das vorgesehene Ziel nehmen.

Die Last der Erschöpfung und Einsamkeit wird plötzlich übermächtig. Man leidet unter der Kälte. von dem Versäumnis. zu erkennen. die im Buddhismus mit dem Begriff »Entsagung« bezeichnet wird . und dieses zu nutzen. das im Grunde genommen einen starken Freiheitsdrang zum Ausdruck bringt. Verirrt man sich hingegen und findet sich dann ohne Orientierung in einem unbekannten Tal oder Waldstück wieder. sondern von gesundem Einsichtsvermögen. zeugt nicht von Schwäche. Da man aber mit jedem Schritt dem Ziel näher kommt.ein oft missverstandenes Wort. dass man weder vollkommen ist noch wahrhaft glücklich. Vielleicht rühren die Angst und die Sorgen mancher Menschen von der Ziellosigkeit ihres Lebens her. die es kostet. in dem es nur 227 . Entsagung gleiche mehr oder weniger dem Abstieg in ein dunkles Verlies. weiterzugehen. der Höhe. die Angst riesengroß und jeder Schritt zur Qual.oder wochenlang zu Fuß unterwegs. will sich nur noch hinsetzen und seiner Verzweiflung anheimgeben. den Schneestürmen. mit Freude verbunden. Die entsprechende Einsicht führt zu einer Neubewertung unserer Prioritäten im Leben und setzt eine Energie frei. Bei Trekking-Touren im Himalaya etwa ist man oft tage. Das Paradox der Entsagung Viele Menschen meinen. verlässt einen augenblicklich der Mut.wahrhaftig etwas ganz Essenzielles. welches Veränderungspotenzial ihnen innewohnt. Man verliert den Willen. das mit Selbstmitleid. dieses Ziel zu erreichen. Sich einzugestehen. Pessimismus oder mangelndem Selbstvertrauen nicht das Geringste zu tun hat. sind die Anstrengungen.

was unablässig neues. das uns innewohnt. Es bedeutet. Eine tibetische Redensart besagt: »Mit jemandem über Entsagung zu sprechen ist so ähnlich. Die nicht enden wollenden Sorgen. als würde man einem Schwein mit dem Stock auf die Nase hauen: Der Betreffende mag es überhaupt nicht. worin diese Ursachen bestehen. Und Askese sei. dass wir uns diejenigen Dinge vorenthalten.noch um eines geht: Askese und Disziplin. uns aus unserer Abhängigkeit von den primären Ursachen des Leids zu befreien. Das wäre doch absurd. den Rucksack für einen Moment abzusetzen. kann es leicht passieren. den Mut aufzubringen. die den Geist bedrückt haben. etwas anders ausgedrückt. der sich frei in die Lüfte schwingt. gleichbedeutend mit dem entmutigenden Verzicht auf alle Freuden des Lebens Askese sei gleichbedeutend mit der Einhaltung einer Reihe von Vorschriften und Verboten. um alles Überflüssige auszusortieren und so die Last zu verringern? Bei Entsagung geht es keineswegs darum. all das hinter sich zu lassen. nicht enden wollendes Leid verursacht. Falls wir uns die Zeit dafür nicht nehmen. sind mit einem Mal verflogen. das Leben zu genießen. dass wir uns selbst an der 228 . wenn die Tür seines Käfigs geöffnet wird. Dazu müssen wir zunächst einmal herausfinden. Wäre es da nicht eine ziemlich pfiffige Idee. die uns Freude bereiten und uns glücklich machen. kann sich frei und ungehindert entfalten. die unsere Freiheit. und ihrer dann im Alltag gewahr werden.« Wahre Entsagung gleicht jedoch eher einem Vogel. Entsagung bedeutet vielmehr. Wir sind wie müde Wanderer. die in ihrem schweren Rucksack ein bunt durcheinandergewürfeltes Gemisch aus Vorräten und Steinen mit sich schleppen. und das Potenzial. beträchtlich einschränken.

Und dabei hat er herausgefunden. der Entsagende hat sich die Zeit genommen. Frei von der Vergangenheit. frei von der Zukunft Eines Tages kam in dem Städtchen Ghoom unweit von Darjeeling ein Tibeter zu einem weisen alten Mann. indem wir die entscheidenden Ursachen übersehen. Und anschließend zählte er alle Befürchtungen und Sorgen auf. uns mit Blick auf bestimmte Aspekte unseres Lebens zu fragen: »Macht mich das wirklich glücklicher?« Im Unterschied zu einer künstlich herbeigeführten Euphorie überdauert echtes Glück die Höhen und Tiefen des Daseins.Nase herumführen. was wir gewöhnlich für Vergnügen halten. Entsagung heißt also nicht. ob es wirklich zu unserem Wohlergehen beiträgt. den Mut und die Klugheit aufzubringen. dass er es gar nicht nötig hat. Der Entsagende ist kein Masochist. das vor 229 . all das. Letztlich bedeutet Entsagung. die ihm in der Vergangenheit zugestoßen waren. einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen. Wer würde denn solch ein Leben führen wollen? Nein. um herauszufinden. Der Tibeter begann zunächst von all den Missgeschicken zu erzählen. Und Entsagung besteht darin. der alles Gute als schlecht ansieht. die ihn im Hinblick auf die Zukunft plagten. an bestimmten Aspekten seines bisherigen Lebens weiterhin festzuhalten. auf Erdbeereis zu verzichten oder sich nach einer anstrengenden langen Bergwanderung keine warme Dusche mehr zu gönnen. bei dem ich damals gerade zu Besuch war. den Blick nach innen zu wenden. Währenddessen briet der Weise auf einem kleinen Kohlebecken. zu allen Annehmlichkeiten Nein zu sagen.

ihm sein Leid zu klagen: »Welchen Sinn macht es. Dabei werden wir weder überheblich. in aller Seelenruhe ein paar Kartoffeln. Überdies verschafft diese Freiheit uns die Möglichkeit. Nach einer Weile sagte er zu dem Besucher. dass wir einen klaren Kopf und sehr viel mehr Lebensfreude haben. ohne jedoch in Passivität oder Schwäche zu verfallen.ihm auf dem Boden stand. als Katalysator für unsere persönliche Entwicklung zu nutzen. Dinge relativ gelassen zu akzeptieren. die es nicht mehr gibt. Dank innerer Freiheit sind wir imstande. sämtliche Lebensumstände. wenn alles in unserem Sinn läuft. die noch gar nicht geschehen sind. keine nützlichen Lehren mehr zu ziehen wissen. der ihm ab und zu eine knusprig gebratene heiße Kartoffel reichte. Wir ersparen uns nur etwas . den Kopf zu zerbrechen?« Verblüfft verstummte der Besucher und blieb still neben dem Weisen sitzen. uns an der lichten Klarheit und Einfachheit des gegenwärtigen Moments zu erfreuen. und über Dinge. der seit seiner Ankunft voll und ganz damit beschäftigt gewesen war. dass wir aus den Erfahrungen. die Sonnenseiten ebenso wie die Schattenseiten des Lebens. noch fühlen wir uns deprimiert. Das versetzt uns in die Lage. Zu den willkommenen Begleiterscheinungen solch einer Freiheit gehört es. mit klarem Kurs in die Zukunft zu steuern.andauernd bedrückt zu sein. die wir gemacht haben. 230 . Und ebenso wenig verlieren wir. nur weil wir uns vollkommen sinnlose Sorgen machen. frei von der Vergangenheit und losgelöst von allen Zukunftserwägungen. sich über Dinge. indem wir uns der Zukunftsangst entledigen. Uns von belastenden Erinnerungen an Vergangenes frei zu machen bedeutet indes nicht. die Fähigkeit. wenn wir mit den Widrigkeiten des Lebens konfrontiert werden.

und Besitzgier und des niemals enden wollenden Verlangens nach Vergnügungen zu hängen. Vereinfachen. sich tatsächlich all der Dinge zu entledigen. vereinfachen«. ist er nicht daran interessiert. solche sorgenvollen Gedanken noch länger aufrechtzuerhalten. sich zu Entsagung zu zwingen. sondern von einer beherzten Lebenseinstellung. sich in Entsagung zu üben.. Er flüchtet nicht vor der Welt. über die er keine Kontrolle hat. der Macht. Sein Ansatz ist betont pragmatisch. denen man entsagen will. dass es nur schadet.Entsagung. ist bestens im Bilde darüber. Zunächst einmal muss man ihre Vorzüge klar erkannt haben. sich grundlos Sorgen zu machen. Da er aber weiß. Hat man einmal davon gekostet. Mit anderen Worten: Man hat ein für alle Mal genug davon. All das zeugt nicht von Schwäche. wie eine Marionette an den Fäden des Egoismus.. Und wenn man daraufhin den Wunsch verspürt. Solch ein Unterfangen wäre von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Wer wahre Entsagung praktiziert. die diesen Weg einschlagen. fällt es einem immer leichter. . Entsagung vermittelt uns auch den köstlichen Geschmack der Einfachheit und des tief gehenden Wohlbefindens. was um ihn herum vor sich geht. Ohnehin kann es niemals darum gehen. heißt es bei dem amerikani231 . Der Balsam der Einfachheit »Wir vergeuden unser Leben mit Belanglosigkeiten. erlebt man Entsagung als einen Akt der Befreiung. Einfachheit und Einsicht Entsagung befähigt diejenigen. ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.

den Strom belangloser Worte einzudämmen.und wie kostbar unsere Lebenszeit ist. es bedeutet. worauf es im Leben ankommt. wie man mit anderen Menschen angemessen spricht . der unablässig aus unserem Mund hervorsprudelt. sich darüber im Klaren zu sein. andere Menschen nicht mehr mit bissigen Bemerkungen zu verletzen. so der Einsiedler Patrul Rinpoche. Ganz im Gegenteil. heißt das beileibe nicht. Entsagung ist gleichbedeutend mit einer Vereinfachung unseres Denkens. Und bei diesen Worten handelt es sich teils nur um nichtssagendes Gerede. Deshalb braucht man sich ja nicht gleich in distanziertes Schweigen zu hüllen. schon weiß man. zunehmend an Freiheit zu gewinnen und zugleich dem subtilsten Aspekt der Trägheit entgegenzuwirken. um uns so von allem überflüssigen Ballast zu befreien. Wenn wir unsere Aktivitäten vereinfachen. wie ringförmig sich ausbreitende Wellen auf einer stillen Wasseroberfläche -. Wer in angemessener Weise spricht.eine nach der anderen. Redens und Handelns. dass wir von nun an auf der faulen Haut liegen. uns selbst dann noch mit tausenderlei belanglosen Aktivitäten abzugeben . Feindseligkeit und Eitelkeit zu schüren beziehungsweise zu verstärken. Und es bedeutet vor allem. Immerhin wäre es aber gut. Neid und Habgier. Unsere Sprache zu vereinfachen bedeutet.sehen Moralisten Henry David Thoreau. teils um Bemerkungen. die darauf abzielen. vermeidet selbstsüch232 . wie einem unter einer regelrechten Sturzflut von Worten zumute ist. wenn wir eigentlich längst wissen. Gewöhnliche Unterhaltungen. Man braucht bloß den Fernseher einzuschalten oder zu einer Grillparty zu gehen. sind oftmals wie »der Widerhall des Widerhalls«. Dieser besteht in der Neigung.

leichten Herzens.. wie er atmet. Wie klares Wasser uns den Blick bis auf den Grund eines Sees ermöglicht. so lässt Einfachheit die Natur des Geistes hinter dem Schleier der rastlosen Gedanken zum Vorschein kommen. Klarheit. weil er nicht den Schein wahren muss. und sie genügt ihm. Frohgemut geht er seines Weges.. .. Der einfache Mensch nimmt sich selbst nicht zu wichtig oder zu ernst. genauso ungekünstelt und unverkrampft. und sie entzückt ihn. unkomplizierter Geist ist ganz und gar nicht mit Einfalt gleichzusetzen. Was ist einfacher als Einfachheit? Was leichter? Sie ist die Wesensqualität der Weisen und die Weisheit der Heiligen. ohne Ziel. So einfach wie die Luft. Lebendigkeit. ist je nach Erfordernis freundlich oder bestimmt. Andre Comte-Sponville hat inspirierende Worte gefunden. Ein einfacher. genauso unangestrengt und uneitel. weil alles vor ihm liegt. Die Welt ist sein Reich. Die Gegenwart ist seine Ewigkeit. Diese Art der Kommunikation erwächst aus einer selbstlosen und besonnenen Geisteshaltung.tige Lügen. .. und nichts zu suchen. der uns von den wesentlichen Dingen ablenkt und nur Unfrieden stiftet. berücksichtigt stets die jeweiligen Umstände. harsche Worte und all den Klatsch und Tratsch. ohne Wehmut. um genau das zu beschreiben: Der einfache Mensch lebt. Einfachheit ist Freiheit. Im Gegenteil. so frei und ungehindert wie die Luft. Wer in angemessener Weise spricht. Er braucht nichts unter Beweis zu stellen. die Einfachheit eines unkomplizierten Geistes spiegelt sich in der Klarheit der Gedanken.1 233 . ohne Ungeduld. mit sich selbst im Reinen.

Er ließ sich nieder. um zu vermeiden. Ein Dieb. Jahrhundert. Immer. die er gewonnen hatte. wenn er bei einem Kloster Station machte. Hütten und blieb dort. kam der Dieb im Schutz 234 . Obwohl jedermann wusste. Wenig später warf Patrul sein Bündel über den Rücken.in Höhlen. hatte im Moment kein genaues Ziel und verbrachte eine friedliche Nacht unter dem Sternenzelt. Anstatt in einem Tempel oder auf einem Thron zu sitzen. Nachdem er eingeschlafen war.Ein Wanderer wie kein anderer Nur zu gerne erzähle ich Ihnen eine Episode aus dem Leben von Patrul Rinpoche. bestand am Ende der Unterweisung ein alter Mann darauf. folgte ihm in der Absicht. bevor er sich auf den Heimweg machte. Während seines Aufenthalts schlief er in einer Mönchszelle oder nächtigte unter dem Himmelszelt. ergriff seinen Wanderstab und ging seines Weges. Wäldern. einem tibetischen Einsiedler aus dem 19. Patrul war ohne Begleiter unterwegs. wo es ihm gefiel . saß er lieber auf einem Hügel im Gras. Eines Tages ließ Patrul Rinpoche unweit des Klosters Dzamthang in Osttibet mehrere Tausend Menschen an den Einsichten. die er am Leib trug. Seine gesamte weltliche Habe bestand aus einem Wanderstab. der die Szene beobachtet hatte. das Silber zu stehlen. zu Patruls Füßen ins Gras. einem kleinen Stoffbeutel. Diesen legte der Mann. in dem er seine irdene Teeschale und ein Exemplar des Bodhicharyavatara2 mit sich führte. sowie den Kleidern. dass ihm zu Ehren Vorbereitungen getroffen wurden. so lange es ihm beliebte. teilhaben. kam er unangemeldet. ihm einen Silberbarren zu schenken. dass er niemals Geschenke annahm. Auf den ersten Blick wies nichts an ihm auf einen großen spirituellen Meister hin.

»Was für ein beschwerliches Leben du doch führst. rief er aus: »Warum wühlst du in meinen Kleidern herum?« Der Dieb knurrte: »Jemand hat dir einen Silberbarren geschenkt. Obwohl er es für unwahrscheinlich hielt.der Dunkelheit herangekrochen. habe ich mir bestimmt verdammt schlechtes Karma eingehandelt. wo ich gesessen habe. Doch plötzlich wurde der Dieb nachdenklich: »Dieser Patrul ist kein gewöhnlicher Lama. Den will ich haben!« »Ach du meine Güte«. rief der Einsiedler. nicht wahr? Dabei solltest du doch inzwischen wirklich wissen. Durch die Fummelei des Räubers wach geworden. und du wirst bei Tagesanbruch den Hügel erreichen. Als er ihn schließlich eingeholt hatte. dass ich das Silber nicht bei mir habe.« Der Dieb blieb zwar misstrauisch. wo der Einsiedler ihn hingeschickt hatte. um zu wissen. Tatsächlich.« Reumütig begab er sich auf den Rückweg. dort. Er hat jedes Anhaften überwunden. Was willst du denn nun?« 235 . ging er zurück und suchte den Hügel ab. Da der Dieb darin nichts finden konnte. Kehr' um. um nach dem Lama zu suchen. Dort wirst du das Silber finden. begann er den losen Schafwollumhang des Einsiedlers zu durchsuchen. Durch den Versuch. da lag der Barren schimmernd im Gras. das Silber vorzufinden. ihn zu berauben. Patrul hatte seinen kleinen Stoffbeutel und seine Teeschale in der Nähe abgelegt. dass dieser den Silberbarren nicht bei sich hatte. schalt Patrul ihn aus: »Du schon wieder! Immer auf den Beinen. hatte jedoch lange genug in Patruls Sachen herumgewühlt. indem du wie ein Verrückter durch die Gegend hetzt! Wegen eines Klumpens Silber bist du mir also diesen ganzen Weg hinterhergelaufen! Du armer und beklagenswerter Mensch! Hör' mir zu.

noch mich um Vergebung bitten. den Weg der inneren Transformation zu beschreiten. um sein negatives Handeln zu bekennen. Freiheit beinhaltet auch die Fähigkeit.« Frei für andere Wozu ist eine Freiheit gut. mangelnde Zielstrebigkeit und all diejenigen Gewohnheiten. um dir etwas wegzunehmen. dass wir diese auf die lange Bank schieben. um dem Dieb eine handfeste Lektion zu erteilen. und machten sich auf den Weg. Aber wenn ich daran denke. dass wir. Sei großzügig im Leben. »Weder musst du vor mir etwas bekennen. Dazu müssen wir nicht nur äußere Schwierigkeiten überwinden. Das Silber habe ich ja gefunden.Während sich der Räuber vor Patrul niederwarf. zunächst einmal uns selbst ändern müssen. was passiert war. Als Patrul Rinpoche davon erfuhr.« Einige Zeit später fanden die Leute heraus. die uns ständig von unserer spirituellen Praxis ablenken oder aber bewirken. was du besitzt! Du bist ein wahrhaft weiser Mensch.« Patrul beruhigte ihn. dass ich dich schlagen und dir alles rauben wollte. erflehe den Segen des Buddha und setze seine Lehren in die Tat um. Das genügt voll und ganz. die nur uns selbst zugute kommt? Allerdings trifft es zu. füllten sich seine Augen mit Tränen. Lasst ihn in Ruhe. »Ich bin nicht gekommen. wies er sie mit Nachdruck zurecht: »Wenn ihr diesem Mann etwas zuleide tut. 236 . sondern auch unsere ureigensten Widersacher bezwingen: Trägheit. um anderen besser von Nutzen sein zu können. Ich bitte dich um Vergebung und möchte dein Schüler werden. tut ihr mir etwas zuleide.

Die Schwierigkeiten weichen einer tiefen Zufriedenheit. die zunächst sehr anziehend zu sein scheinen. ist ebenso geschmeidig wie unzerstörbar. 237 . verhält es sich hingegen genau umgekehrt. der furchtsam ist. Die Umstände können leicht einen Menschen verletzen. dessen Rücken verwundet ist. Nach und nach schenkt er uns ein Gefühl der Erfüllung. die der spirituelle Weg und der mit ihm einhergehende. das durch nichts zu ersetzen ist. doch allmählich wird er leichter und inspirierender. verkehren sich Vergnügungen. meist in ihr Gegenteil. Am Anfang ist dieser Weg mitunter beschwerlich. der innerlich ausgeglichen ist. zur Befreiung von Leid führende innere Prozess uns abverlangen.« Das Erreichen eines solchen Zustands verdient in jeglicher Hinsicht die Bezeichnung Freiheit. die wir in einem Zustand der Unfreiheit und des Anhaftens niemals werden finden können.Wie wir gesehen haben. Doch sie haben keine Macht über jemanden. Dazu erklärt ein tibetischer Weiser: »Ein Vogel kann sehr leicht ein Pferd verletzen. Mit den Mühen. Sukha gleicht in gewisser Weise einer ganz speziellen Rüstung.

Kapitel 15

Eine Soziologie des Glücks
Auf viele Fragen zur eigenen Person haben die Menschen sogleich Antworten zur Hand; sie kennen ihren Namen, ihre Adresse und ihre Parteizugehörigkeit. Im Allgemeinen wissen sie allerdings nicht, wie glücklich sie sind, und wenn ihnen diese Frage gestellt wird, müssen sie sich erst eine Antwort ausdenken. Daniel Kahneman Ein Ziel dieses Buches besteht darin, herauszufinden, welche Bedingungen Glück begünstigen beziehungsweise welche Bedingungen unser Glücklichsein be- oder verhindern. Was aber können wir diesbezüglich aus soziologischen und psychologischen Studien lernen, die untersuchen, welche Faktoren auf unsere Lebensqualität Einfluss nehmen? Anfang des 20. Jahrhunderts waren Psychiatrie und Psychologie in erster Linie damit befasst, psychische Störungen und Geisteskrankheiten zu beschreiben, um sie dann nach Möglichkeit auch zu behandeln. Mit der Erforschung des uns innewohnenden Potenzials, das uns in die Lage versetzt, von einem »normalen« Zustand zu einem Zustand größtmöglichen Wohlbefindens zu gelangen, hat sich die Wissenschaft bis vor nicht allzu langer Zeit kaum je beschäftigt. Doch seit die Kognitionswissenschaften und die Positive Psychologie sich eines immer größer werdenden Interesses erfreuen, ändert sich die Situation allmählich. Kommen wir bereits mit unterschiedlichen genetischen Prädispositionen für Glück oder Unglück auf die Welt? Inwieweit wird unser subjektives Befinden von der Erzie239

hung und unseren Lebenserfahrungen negativ oder positiv beeinflusst? In welchem Maß sind wir in der Lage, unsere Charaktereigenschaften zu ändern und auf diese Weise ein Empfinden dauerhafter Zufriedenheit entstehen zu lassen? Welche Geistesfaktoren tragen zu einem solchen inneren Wandel bei? All diese Fragen waren in den vergangenen dreißig Jahren Gegenstand umfassender Untersuchungen. In über siebzig Ländern wurden Hunderttausende von Studienteilnehmern beobachtet und zahlreiche Forschungsergebnisse veröffentlicht.1 Die drei wichtigsten Schlussfolgerungen aus diesen Arbeiten sind: Erstens spielen äußere Bedingungen und andere allgemeine Faktoren - wie Wohlstand, Bildung, gesellschaftlicher Status, Hobbys, Geschlecht, Alter, ethnische Herkunft und so weiter - in diesem Zusammenhang zwar eine gewisse Rolle, machen allerdings nur zehn bis fünfzehn Prozent des variablen Zufriedenheitsfaktors aus.2 Zweitens scheint es eine genetische Veranlagung für das Empfinden von Glück oder Unglück zu geben: etwa 25 Prozent unserer Fähigkeit, Glück zu empfinden, werden, wie es scheint, von den Genen bestimmt. Diese sind hier allerdings eher als eine Art Entwurf zu verstehen, den man in Abhängigkeit von den Umständen anwenden oder auch ignorieren kann. Drittens können wir durch unsere Art, zu denken und zu leben, die Geschehnisse des Lebens wahrzunehmen und auf sie zu reagieren, erheblichen Einfluss auf unsere Erfahrung von Glück oder Unglück nehmen. Glücklicherweise, denn sonst ergäbe es ja überhaupt keinen Sinn, das Phänomen »Glück« zu erforschen oder den Versuch zu unternehmen, dauerhaft glücklicher zu werden. Diese Forschungsergebnisse lassen viele landläufige Glücksvorstellungen in einem zweifelhaften Licht erschei240

nen. Immer wieder haben Schriftsteller und Philosophen sich über die Vorstellung lustig gemacht, ein glücklicher Mensch bleibe gesünder, Optimisten lebten länger und führten ein glücklicheres Leben, und Glück könne man erlernen, als Fertigkeit, als Lebenskunst. Nichtsdestoweniger gelten viele dieser so lange angezweifelten Auffassungen inzwischen als erwiesen.

Die allgemeinen Voraussetzungen für Glück
Viele Untersuchungen befassen sich mit Glück im Sinn von Lebensqualität; genauer gesagt: mit Glück im Sinn einer subjektiven Wahrnehmung der eigenen Lebensqualität. Die bei diesen Erhebungen verwendeten Fragebögen sind einfach, wenn nicht gar vereinfachend. Den Teilnehmern werden Fragen gestellt nach dem Muster: »Sind Sie sehr glücklich, glücklich, ein bisschen unglücklich, sehr unglücklich?« Dann werden die Probanden nach ihrem gesellschaftlichen Status, Personenstand, Einkommen, Gesundheitszustand und einschneidenden Erlebnissen befragt. Später wertet man die Korrelationen dann statistisch aus. Neuere Studien sind so angelegt, dass sie die Gefühle der Menschen im Alltag untersuchen, und zwar in Echtzeit. Laut Daniel Kahneman, einem mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Psychologen, ermöglichen die im Rahmen solcher Studien gewonnenen Daten eine genauere Einschätzung des subjektiven Wohlbefindens, weil sie weniger durch ungenaue Erinnerungen und andere Faktoren verfälscht sind. Diese allgemeinen wissenschaftlichen Untersuchungen haben ergeben, dass die Einwohner der Länder glück241

licher sind, die für ihre Bewohner die Erfüllung der Grundbedürfnisse gewährleisten: ein vergleichsweise hohes Maß an Sicherheit, Autonomie und Freiheit, zudem ausreichende Bildungsmöglichkeiten und Zugang zu Informationen. Und wie zu erwarten, sind Menschen, die in einem friedlichen Umfeld leben, glücklicher. Menschen in Militärdiktaturen sind andererseits, ungeachtet der wirtschaftlichen Bedingungen, generell unglücklicher. Ein Mehr an Glück findet sich bei sozial engagierten und an ehrenamtlichen Projekten teilnehmenden Menschen, ferner bei denjenigen, die regelmäßig einer sportlichen oder musischen Aktivität nachgehen beziehungsweise Mitglieder in Freizeitclubs oder Vereinen sind. Ebenso steht Glück in engem Zusammenhang mit der Aufrechterhaltung und Qualität privater Beziehungen. Menschen, die verheiratet sind oder mit einem Partner zusammenleben, sind im Allgemeinen deutlich glücklicher als Singles, Witwen, Witwer, Geschiedene oder in Trennung lebende Menschen, die allein wohnen. Die Wahrscheinlichkeit von Problemen im sozialen, psychischen oder akademischen Bereich ist bei Kindern getrennter Eltern um das Zweifache erhöht.3 Menschen, die einer bezahlten Tätigkeit nachgehen, sind im Allgemeinen glücklicher als Arbeitslose. Die Sterberate sowie die Fallzahlen bei Krankheit, Depression, Selbstmord und Alkoholismus sind unter Arbeitslosen signifikant höher. Hausfrauen hingegen sind nicht unzufriedener als berufstätige Frauen. Interessant ist außerdem, dass für Ruheständler das Leben nicht unbefriedigender, sondern eher befriedigender wird. Die Älteren empfinden ihr Leben zwar als etwas weniger angenehm als die Jungen, doch erfreuen sie sich insgesamt einer sta242

bileren Zufriedenheit, und die Emotionen, die sie erleben, sind positiver. Das Alter schenkt uns offenbar ein gewisses Maß an Weisheit. Ein tendenziell stärker ausgeprägtes Glück war auch bei tatkräftigen und vitalen Menschen in guter körperlicher Verfassung feststellbar. Hingegen scheint, entgegen einer weitverbreiteten Vorstellung, kein Zusammenhang mit dem Klima zu bestehen. Menschen in sonnigen Regionen sind nicht glücklicher als jene in Gegenden, in denen es viel regnet; einmal abgesehen von pathologischen Phänomenen bei Menschen, die aufgrund der langen Winternächte in nördlichen Breitengraden unter Depressionen leiden. Freizeitaktivitäten erhöhen die Zufriedenheit, insbesondere bei nicht Berufstätigen (Rentnern, Privatiers und Arbeitslosen), unter anderem deshalb, weil diese Menschen ihre Aktivitäten in höherem Maß selbstbestimmt gestalten können. Urlaubsreisen wirken sich auf das allgemeine Wohlbefinden positiv aus. Im Urlaub klagen nur drei Prozent der Menschen über Kopfschmerzen; im Unterschied zu einundzwanzig Prozent der am Arbeitsplatz Befragten. Das gleiche Verhältnis liegt bei Erschöpfungszuständen und Reizbarkeit vor.4 Bemerkenswert ist außerdem, dass das Fernsehen, so beliebt es auch sein mag, nur minimal zur Erhöhung des Wohlbefindens beiträgt. Menschen, die sehr viel fernsehen, sind im Durchschnitt sogar unglücklicher als andere. In den Vereinigten Staaten und in Europa sitzen die Menschen durchschnittlich dreieinhalb Stunden täglich vor dem Fernsehgerät. Das entspricht nach Ablauf von sieben Jahren einem ganzen Jahr TV-Konsum!

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Glück kann man nicht kaufen
Für diejenigen unter uns, bei denen das Geld nicht einmal zur Erfüllung der Grundbedürfnisse reicht und somit zur Überlebensfrage wird, erhöht ein wenig mehr Wohlstand aus leicht nachvollziehbaren Gründen das Zufriedenheitsempfinden. Dennoch - und das wird einige Leute vielleicht überraschen - zeigt sich deutlich, dass die Zufriedenheit oberhalb einer relativ niedrigen Wohlstandsschwelle gleich bleibt, auch wenn das Einkommen weiter steigt. Seit 1949 haben sich die Reallöhne beispielsweise in den Vereinigten Staaten mehr als verdoppelt, während die Anzahl der Menschen, die sich als »sehr glücklich« bezeichnen, nicht nur nicht gestiegen, sondern sogar leicht zurückgegangen ist. Richard Layard von der London School of Economics stellt fest: »Wir haben mehr Nahrung, mehr Kleidung, mehr Autos, ein größeres Haus, mehr Häuser mit Zentralheizung, machen häufiger Urlaub im Ausland, haben eine kürzere Arbeitswoche, eine bessere Arbeit und sind vor allem gesünder. Trotzdem sind wir nicht glücklicher. ... Wenn wir wollen, dass die Menschen glücklicher sind, müssen wir wirklich wissen, welche Bedingungen Glück herbeiführen und wie wir diese Bedingungen herstellen können.«5 Eine der Hauptursachen für Unzufriedenheit ist die Angewohnheit, sich innerhalb der Familie, am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis mit anderen zu vergleichen. Layard erklärt dazu: »Es gibt viele Fälle, in denen sich Menschen trotz der objektiven Verbesserung ihrer Lebensumstände subjektiv schlechter gefühlt haben als vorher. Ein Beispiel ist Ostdeutschland, wo der Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung seit 1990 drama244

tisch angestiegen, das Glücksniveau hingegen deutlich abgesunken ist: Mit der Wiedervereinigung Deutschlands haben die Ostdeutschen begonnen, sich mit den Westdeutschen zu vergleichen statt mit den anderen Ländern des früheren Ostblocks.«6 Die eigene Lebenssituation immer wieder mit der von anderen Menschen zu vergleichen ist eine Art Krankheit, die viel unnötige Unzufriedenheit und Frustration mit sich bringt. Wenn wir etwas Neues bekommen, das uns Vergnügen bereitet, beispielsweise ein neues Auto, sind wir begeistert und fühlen uns ganz obenauf. Aber schon bald gewöhnen wir uns daran, und unsere Begeisterung lässt nach. Kommt dann ein neues Modell heraus, werden wir unzufrieden mit dem, das wir haben, und meinen, erst wieder zufrieden sein zu können, wenn wir das aktuelle Modell bekommen, vor allem wenn andere in unserer Umgebung es bereits besitzen. Wir sind gefangen in der »Anspruchstretmühle« (hedonic treadmill) - ein Begriff, der von P. Brickman und D. T. Campbell geprägt wurde.7 Wenn wir auf einem Lauf band joggen, müssen wir rennen, um auf ein und derselben Stelle zu bleiben. In unserem Beispiel müssen wir also, um einfach nur unser gegenwärtiges Zufriedenheitsniveau aufrechtzuerhalten, ständig auf Trab bleiben, uns neue Konsumgüter anschaffen und uns neue Reizquellen erschließen. Eindeutig kein wirklich beglückender Geisteszustand. Unaufhörlich nach mehr zu verlangen, nur um eine gewisse Zufriedenheit zu wahren, und sich unwohl zu fühlen, wenn es anderen in unserer Umgebung besser geht, hat mehr mit den Geistesgiften - mit Neid, Gier und Eifersucht - zu tun als mit den tatsächlichen Bedingungen, unter denen wir leben. Ein tibetisches Sprichwort besagt: »Zufrieden sein zu können heißt, einen Schatz in 245

in die man immer wieder ein wenig Brennmaterial in Form von leeren Holzkisten oder Kartons nachlegt. ist das der »glücklichen Armen«. um auf dem Rücksitz ihrer uralten Dreiräder Passagiere zu befördern. aber gestresste Menschen. Soziologen versuchen dieses Phänomen damit zu erklären.Familienleben. Eine von Robert BiswasDiener unter den Obdachlosen und Slumbewohnern von Kalkutta durchgeführte Studie hat ergeben. als wesentlich unglücklicher ein. kannte ich viele RikschaWallahs.kaum niedriger war als diejenige von Universitätsabsolventen. dass die gefühlte Zufriedenheit dieser Menschen in vielen Bereichen . mit dem sich schon etliche Psychologen beschäftigt haben. Nahrungsangebot und Lebensfreude .« Andernfalls wollen wir immer mehr und geraten in einen Teufelskreis notorischer Unzufriedenheit. Als ich eine Zeit lang in einem der ärmeren Viertel von Delhi gelebt und dort tibetische Texte gedruckt habe. Die Unterhal246 . In Winternächten stehen sie auf der Straße.den Händen zu halten. die den ganzen Tag in die Pedale treten. die heiterer und sorgloser sind als viele reiche. ethisches Verhalten. Freundschaft. wenn sie Nahrungsmittel oder ähnliche Dinge erhalten. Das ist keine bloße Schönfärberei. Ein interessantes Phänomen. grüppchenweise um kleine Feuerstellen geschart. Männer. die auf den Straßen oder in den Obdachlosenunterkünften von San Francisco leben und im Allgemeinen keine sozialen und emotionalen Bindungen haben.8 Im Unterschied dazu stufen sich Menschen. Außerdem sind sie viel leichter zufriedenzustellen. dass viele der in Kalkutta lebenden Armen die Hoffnung auf eine Verbesserung ihres sozialen und finanziellen Status völlig aufgegeben haben und diesbezüglich daher keine Erwartungen und Befürchtungen mehr hegen.

in seinem ganzen Leben habe er noch nie mehr als 300 Rupien (etwa sieben Dollar) auf einmal besessen. dachte der eine Weile nach und antwortete dann: »Ja. Wahrhaftig kein leichtes Leben. die Blutegel. und diejenigen. blickte dieser Bauer völlig verwirrt drein und sagte. In den USA bezeichnen sich 80 Prozent der Bevölkerung als glücklich! Die Situation ist jedoch bei Weitem nicht so ermutigend.« Obwohl die Schlichtheit eines bhutanesischen Bauern vielleicht nicht so viel Gewicht hat wie die Worte eines großen Philosophen. sonst nichts. Als mein Abt den Alten fragte. wenn ich während des Monsuns durch den Wald gehe. Trotz verbesserter materieller Lebensbedingungen treten Depressionen heute zehnmal so häufig auf 247 . Dennoch kann ich mich des Gedankens nicht erwehren. dass sie aufgrund ihres sonnigen Gemüts und ihrer Unbekümmertheit glücklicher sind als so mancher stressgeplagte Zeitgenosse in einer Pariser Werbeagentur oder an der Börse. wie man angesichts dieser Zahl meinen könnte. denn ich habe mehr verschmäht. ob er irgendwelche Probleme habe. ist dennoch offensichtlich. Dann kauern sie sich auf die Rückbank ihres Dreirads und schlafen.« Diogenes in seiner berühmten Tonne hat dem Vernehmen nach zu Alexander dem Großen gesagt: »Ich bin größer als du. schmettern ab und zu einen Gassenhauer. Als ihm der junge Abt meines Klosters einmal ein neues Hemd und 1000 Rupien geschenkt hat.« »Sonst noch etwas?« »Nein. als du jemals besessen hast. die singen können. dass Glück und Zufriedenheit nicht unbedingt vom Wohlstand abhängen.tungen und Scherze sind derb. In diesem Zusammenhang kommt mir ein alter bhutanesischer Bauer in den Sinn.

Kaufkraft.und zwar bei immer jüngeren Menschen. politischen. heute liegt es bei vierzehn Jahren. sportlichen. liegt sie immer noch weit höher als vor fünfzig Jahren. Wie ist das zu erklären? Richard Layard hat eine Reihe von Studien ausgewertet.kontinuierlich zum Vorteil verändert haben. ungeachtet der Tatsache.9 In den Vereinigten Staaten sind Selbstmorde aufgrund von bipolarer Depression (früher als manische Depression bezeichnet) die zweithäufigste Todesursache bei jungen Mädchen und die dritthäufigste bei männlichen Jugendlichen10. dass zunehmend mehr Menschen allein leben und sich immer weniger in kulturellen. die ausnahmslos darauf hinweisen. humanitären und karitativen Projekten und Vereinen engagieren. es sterben mehr Menschen von eigener Hand als durch Kriege und Mord. Zwischen 1950 und 1980 ist die Anzahl der erfassten Straftaten in den Vereinigten Staaten um 300 Prozent und in Großbritannien um 500 Prozent gestiegen. Zugang zu Bildung und Freizeitangeboten . die unablässige Präsenz von Gewaltdarstellungen in den Medien oder auch der Umstand. Vor vierzig Jahren betrug das Durchschnittsalter beim Einsetzen des ersten depressiven Schubs etwa neunundzwanzig Jahre. das heißt.11 248 . dass sich die äußeren Lebensbedingungen medizinische Versorgung.wie im Jahr 1960 .Verlust an Vertrauen in andere Menschen beispielsweise. In Schweden hat die Selbstmordrate bei Schülern und Studenten seit 1950 um 260 Prozent zugenommen. Zwei Prozent aller Todesfälle weltweit sind auf Selbstmord zurückzuführen. das Auseinanderbrechen von Familien. dass dieser Anstieg auf zahlreiche Faktoren zurückzuführen ist . Obwohl die Kriminalitätsrate seither signifikant gesunken ist.

zum Teil aufgrund des Gefühls der Sinnlosigkeit9.12 Martin Seligman stellte die Hypothese auf. 249 . ist mit Sicherheit in unserer Angewohnheit zu finden. als man selbst«.Der Vertrauensverlust zum Beispiel ist enorm. Meist führen sie jedoch nur zu nervöser Erschöpfung und notorischer Unzufriedenheit. Die meisten Amerikaner sind überzeugt. dass »man heutzutage kaum noch weiß. der jeder Sekunde unseres Daseins eine neue Qualität verleiht. das sich einstellt. die lauten. Bis 1998 ist der Prozentsatz auf 30 Prozent gesunken. Exzesse sollen uns aus unserer Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit reißen. das größer ist. welches ein durch nichts gerechtfertigtes Selbstbewusstsein propagiert. Einer der Gründe. Opferbewusstsein fördert und zu ungezügeltem Individualismus ermutigt. Die Aufregung und das Vergnügen. Auf die Frage: »Glauben Sie. dass die meisten Menschen vertrauenswürdig sind?« haben 58 Prozent der US-Amerikaner und Briten 1960 noch mit »Ja« geantwortet. frenetischen. mitverantwortlich für den ungeheuren Anstieg depressiver Erkrankun-gen in den westlichen Gesellschaften sein könnte. vor allem aber die Früchte jenes inneren Friedens. den gegenwärtigen Moment zu genießen: die Gesellschaft geliebter Menschen etwa oder die friedliche Natur. dass »ein Ethos. wenn man sich nicht mit etwas verbunden fühlt. den Groß-teil unserer Zeit unermüdlich mit äußeren Aktivitäten zu verbringen und unsere Energie für äußere Ziele zu verwenden. statt dass wir lernen. die wir zunehmend intensiver werdenden Sinnesreizen abgewinnen. könnte man aus buddhistischer Sicht noch hinzufügen. einseitig auf physische Reizstimulierung zielenden Formen der Unterhaltung können niemals ein Ersatz für echtes inneres Wohlbefinden sein. wem man vertrauen kann«.

allgemeine Zufriedenheit. Intelligenz. die gemeinsam aufgewachsen sind. Eine Studie. hat Auke Tellegen und 250 . die kurz nach der Geburt voneinander getrennt worden sind. im Hinblick auf aggressive und depressive Verhaltensweisen. sind dann aber unter teils ganz unterschiedlichen Bedingungen aufgewachsen. Interessante Hinweise liefern in diesem Zusammenhang die Untersuchungen bei eineiigen Zwillingen. Solche Studien haben gezeigt. Sie besitzen exakt dasselbe Genom. dem Umfeld und der Erziehung in Zusammenhang stehen? Können ein bestimmtes Umfeld und emotionale Faktoren die genetische Veranlagung beeinflussen? In welchem Maß und wie lange ist unser Gehirn überhaupt zu größeren Veränderungen fähig . dass eineiige Zwillinge. bei denen sie aufgewachsen sind. von denen sie nicht aufgezogen wurden.was in der Forschung gemeinhin als »Plastizität des Gehirns« bezeichnet wird? Solche Fragen sind in wissenschaftlichen Kreisen heiß diskutiert worden.ein Erbfaktor? Werden wir mit einer Veranlagung zum Glücklichsein oder Unglücklichsein geboren? Fallen genetische Faktoren mehr ins Gewicht als psychische. Alkoholismus. mehr identische psychische Merkmale aufweisen als zweieiige Zwillinge. Ebenso sind adoptierte Kinder in psychischer Hinsicht ihren biologischen Eltern. bei der Hunderte solcher Fälle untersucht wurden. die direkt nach der Geburt getrennt worden sind.Glück . Neurosen und viele andere Faktoren. einschließlich jener. Inwieweit gleichen sie sich psychisch? Wir können auch das psychologische Profil von adoptierten Kindern mit dem ihrer biologischen Eltern und ihrer Adoptiveltern vergleichen. die mit frühkindlichen Erlebnissen. viel ähnlicher als den Adoptiveltern.

Kollegen zu der Behauptung veranlasst. dann aber innerhalb der ersten zehn Tage nach der Geburt zu überfürsorglichen Müttern kamen.13 Andere Forscher sehen darin allerdings eine extreme und dogmatische Auslegung der Fakten. die genetisch bedingt überängstlich waren. Wie dieses zum Ausdruck kommt. in Familien. sei zu 45 Prozent erblich bedingt und unsere Gene seien für etwa 50 Prozent unserer gesamten Persönlichkeitsmerkmale ausschlaggebend. die ihnen ständig das Fell leckten und so oft wie möglich Körperkontakt aufnahmen. Die meisten der im Rahmen dieser Studien untersuchten Zwillinge. Und danach blieben sie ein Leben lang inaktiv (es sei denn. sind in gut situierten Familien untergekommen. Die Ergebnisse wären wahrscheinlich deutlich anders ausgefallen. Michael Meaney und seine Kollegen am Douglas Hospital Research Center in Kanada haben an Ratten eine Reihe faszinierender Experimente durchgeführt14 und dabei unter anderem folgenden Nachweis erbracht: Bei Ratten. wenn einige dieser Kinder von ihren Adoptiveltern verwöhnt worden wären. Glück zu empfinden. Nach Ansicht dieser Forscher sind nicht mehr als 25 Prozent der Persönlichkeitsmerkmale genetisch bedingt und stellen lediglich ein Potenzial dar. die sich lange um die Adoption bemüht und sich hervorragend um die Kinder gekümmert haben. hängt dann von vielen anderen Faktoren ab. die Fähigkeit. während ihr Zwillingsbruder oder ihre Zwillingsschwester ein Dasein auf der Straße oder in den Slums gefristet hätte. die direkt nach der Geburt getrennt wurden. die Ratten wurden äußerst traumatisierend wirkenden Situationen ausge251 . wurden (durch einen als Methylation bezeichneten Prozess) die für die Regulation von Stressreaktionen zuständigen Gene blockiert.

Die Wissenschaftler gehen davon aus. wird auch als Aufmerksamkeitsstörung oder Hyperaktivitätsstörung bezeichnet) aufweisen. Umgekehrt zeigte sich beim Nachwuchs wenig fürsorglicher Mütter ein sehr hoher Stresspegel. im späteren Leben mit Stress umzugehen.oder Erwachsenenalter eine Depression zu entwickeln. ein zweifach höheres Risiko besteht. Es hat sich also gezeigt. Unbestreitbar beeinflusst das Maß an Liebe und Zärtlichkeit. dass individuelle Unterschiede in der mütterlichen Fürsorge nicht nur die Fähigkeit des Nachwuchses. Wir wissen. sondern lernen auch schneller und besser. beeinflussen. Das entspricht jedenfalls der buddhistischen Auffassung. Neuere Forschungsergebnisse deuten allerdings darauf hin. dass beim Menschen unter ähnlichen Bedingungen die Kinder wenig fürsorglicher Mütter eine erhöhte Disposition zu aggressivem Verhalten und ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. dass die erhöhte Stressanfälligkeit reversibel ist. dass kleine Kinder vor allem regelmäßige emotionale Zuwendung benötigen. nachhaltig unser Weltbild. Gegenwärtig führen Meaney und andere eine umfangreiche Studie durch. Die von sehr fürsorglichen Müttern aufgezogenen Jungen bleiben nicht nur unter Stressbelastung ruhiger. dass bei Menschen. um die Übertragbarkeit dieser Ergebnisse auf den Menschen zu untersuchen. entwickelt es sich normal. im Teenager. das uns in der frühen Kindheit entgegengebracht wird. und dass viele Straftäter als Kinder unter Liebesentzug gelitten haben und misshandelt worden sind. die in der Kindheit sexuell missbraucht worden sind. Wird ein Junges einer wenig fürsorglichen Mutter von einer fürsorglichen »adoptiert«. 252 . sondern sich auch auf seine Gehirnentwicklung und Lernfähigkeit auswirken. als bei anderen.setzt).

Anscheinend ist ein Mensch umso glücklicher.15 Das gilt insbesondere für Angst. sie seien ein Spielball des Schicksals.wie mit dem Geschlecht. beschreibt die Fähigkeit. eigene Emotionen schnell und klar wahrzunehmen. Laut K. dass ein Individuum sein Leben steuern kann. Doch im Hinblick auf »emotionale Intelligenz« finden wir zwischen glücklichen und unglücklichen Menschen deutliche Unterschiede. dass von den stärker genetisch bedingten Merkmalen manche kaum beeinflussbar zu sein scheinen (zum Beispiel die Veranlagung zu geringerem oder höherem Körpergewicht). anschließend durch Daniel Goleman allgemein bekannt wurde.Im Kontext persönlicher Wandlungsprozesse ist darüber hinaus der Hinweis wichtig.16 Sie sind davon überzeugt. die Emotionen unserer Mitmenschen in zutreffender Weise wahrzunehmen und angemessen auf sie zu reagieren. der von Peter Salowey geprägt und definiert. Aber er steht zugleich auch für die Fähigkeit. Glück.. scheint genauso wenig mit Intelligenz zu tun zu haben .glückliche Menschen stehen der Welt meistens aufgeschlossen gegenüber. Dieser Begriff. sich extrovertiert und Anteil nehmend auszudrücken . Magnus und Kollegen geht Glück Hand in Hand mit der Fähigkeit. während unglückliche Menschen zu der Auffassung neigen. der ethnischen Herkunft oder der Schönheit. während andere durch Lebensumstände und Geistesübungen signifikant verändert werden können.zumindest nicht mit der. je stärker 253 . Pessimismus und . die bei herkömmlichen IQ-Tests gemessen wird .. Persönlichkeitsmerkmale Ob man glücklich ist.

dass der Gesundheitszustand auf unser Glück sehr stark Einfluss nimmt. und sie fördert menschliche Werte wie Barmherzigkeit. was sich gewöhnlich in emotionalen und familiären Problemen ebenso niederschlägt wie in gesellschaftlichem Misserfolg. Interessanterweise machen extrovertierte Menschen im täglichen Leben mehr positive Erfahrungen als introvertierte. egoistisch oder altruistisch. Eine spirituelle Dimension. Und wir könnten überlegen. die uns dem Glück näher bringen als dem Leid. sodass wir unsere Tage im Krankenhaus zubringen müssten. dessen Schlachtruf laute: »Jeder für sich. man brauche im Leben eigentlich gar keine Orientierung. optimistisch oder pessimistisch. Hat unser Leben einen spirituellen Bezugspunkt. können wir uns überdies leichter gegen die zynische Ansicht verwahren.ausnahmslos Faktoren. Ein aufgeschlossener Mensch geht mit schwierigen Situationen geschickter um. Jemand kann eine »Pechsträhne« haben oder das Gefühl. wie ein Magnet Probleme anzuziehen. leidet eher unter Angst. falls wir von einer schweren Erkrankung heimgesucht würden. glücklich zu sein. wie schwer es uns fallen würde. Wer verschlossen und verkrampft ist. Dabei sollte man allerdings nicht aus den Augen verlieren.er sein Umfeld steuernd beeinflussen kann. Aller254 . kann hilfreich sein. was uns letztlich immer wieder in dieselben Situationen bringt: die eigenen Neigungen und Tendenzen. seien sie nun extrovertiert oder neurotisch. und neurotische Menschen machen mehr negative Erfahrungen als emotional stabile. uns Lebensziele zu setzen. wenn es darum geht. ob religiös oder nicht. es sei lediglich ein ichbezogener Kampf.« Man könnte es als Selbstverständlichkeit ansehen. Großzügigkeit und Offenheit .

damit beauftragt. Jahrhunderts geboren wurden. Untersuchungen haben gezeigt. Nachdem man die Nonnen gemäß dem in ihren kurzen Lebensberichten zum 255 . dass dies so nicht zutrifft. dessen wir uns vor der Erkrankung erfreuen durften. Ihr Fall ist deshalb so besonders interessant. Glück und Langlebigkeit D. Danner und Kollegen haben eine Langlebigkeitsstudie mit 178 katholischen Nonnen durchgeführt. während andere nur wenige oder gar keine positiven Gefühle beschrieben hatten. »sehr glücklich« zu sein oder »große Freude« bei der Vorstellung zu empfinden. die alle Anfang des 20. dass der Glücksquotient von Krebspatienten kaum niedriger ist als derjenige der übrigen Bevölkerung. Anschließend wurden Psychologen. die in diesen Berichten zum Ausdruck kommenden positiven und negativen Emotionen auszuwerten. Verzicht auf Tabak und Alkohol. die nichts über die Frauen wussten. der gleiche gesellschaftliche wie finanzielle Status und die gleiche medizinische Versorgung. die gleiche Ernährung. Einige Frauen hatten in ihrem Bericht mehrmals erwähnt. Die Wissenschaftler haben den Lebenslauf analysiert.dings zeigt sich. ins Klosterleben einzutreten und anderen Menschen zu dienen. weil ihre Lebensbedingungen nahezu identisch waren: der gleiche Tagesablauf.17 Die Frauen haben im selben Kloster gelebt und an derselben Schule in Milwaukee Unterricht erteilt. den jede Nonne vor dem Gelübde geschrieben hatte. Selbst unter solchen Umständen erreichen wir bald wieder jenes Glücksniveau. Dadurch wurden viele umweltbedingte Variablen ausgeschaltet.

der intellektuellen Brillanz ihrer Berichte. dass es letzten Endes nur einen vernachlässigbaren Zusammenhang .18 Eine finnische Untersuchung an 96 000 Witwen und Witwern hat in den Wochen nach dem Tod ihres Partners eine Verdoppelung des Sterberisikos ergeben. ihren Zukunftserwartungen oder irgendeiner anderen Bezugsgröße zu ermitteln. Bei einer Zweijahresstudie mit 2000 in den USA lebenden Mexikanern im Alter von mehr als 65 Jahren hat sich herausgestellt. die diese unterschiedlichen Zahlen vielleicht hätten erklären können. mit 85 Jahren noch am Leben waren. wurden die Ergebnisse mit ihrer Lebensdauer verglichen. es scheint. dass glückliche Nonnen länger leben als unglückliche.10 bis 15 Prozent 256 . Dabei stellte sich heraus. Und nun? Wie ist es zu erklären. die hauptsächlich negative Emotionen zum Ausdruck brachten. dass 90 Prozent der Nonnen.Ausdruck kommenden Zufriedenheitsgrad kategorisiert hatte.19 Die erhöhte Anfälligkeit wurde auf eine durch die Trauer bedingte Schwächung des Immunsystems zurückgeführt. ausgeschlossen werden: So war beispielsweise keine Verbindung zwischen der Lebensdauer und der Intensität ihres Glaubens. im Vergleich zu 34 Prozent aus der Gruppe der »Unglücklichsten«. Durch eine sorgfältige Analyse ihrer Berichte konnten andere Faktoren. Kurz. die sich glücklich fühlten und positive Gefühle artikulierten. doppelt so hoch war wie in der Gruppe derjenigen. die zum »glücklichsten« Viertel der Gruppe gehörten. dass die Sterblichkeit unter den Probanden.

logischerweise eine Rolle. kaum von Bedeutung sein. weil wir glücklich sind? Handelt es sich bei Aufgeschlossenheit.zwischen Wohlstand. oder haben wir viele Freunde. viel wichtiger zu sein als die objektiven äußeren Umstände. dessen Hauptziel der Erwerb von persönlichem Reichtum ist. Selbstlosigkeit und Optimismus zum Beispiel . Zwischen Freundschaft und Glück besteht zum Beispiel ein Zusammenhang. weil wir viele Freunde haben. der Wohlstand als zweitrangig betrachtet. dass Menschen länger leben. Niemand kann wirklich und dauerhaft glücklich sein. Das wissen wir. Optimismus und Zuversicht um Ursachen des Glücks oder um seine Manifestationsformen? Trägt Glück dazu bei. 257 . ob es sich um Ursachen oder Folgen handelt. Schönheit und Glücksempfinden gibt? Laut Ed Diener »scheint die Art und Weise. Was die von der Sozialpsychologie beleuchteten Zusammenhänge betrifft.fast zwangsläufig gemeinsam auftreten.21 Eine Menge Geld zu besitzen spielt für das Glück im Leben eines Menschen.Glück. dass einige dieser Attribute . Denn Selbstlosigkeit und Zuversicht sind unerlässliche Voraussetzungen wahren Glücks. wie ein Mensch die Welt wahrnimmt. Aber sind wir nun glücklich. Welche Schlüsse können wir also aus ihnen ziehen? Man könnte die Auffassung vertreten. oder trifft es sich einfach so. dass besonders vitale Menschen auch ein glücklicheres Naturell haben? Solche Fragen lassen sich anhand derartiger Studien nicht beantworten. ist in den meisten Fällen nicht klar. Gesundheit. wenn er extrem egoistisch ist und im Hinblick auf alles und jeden pessimistisch denkt. Hingegen wird dies für jemanden.«20 Außerdem besteht ein Zusammenhang mit den persönlichen Lebenszielen.

weil wir uns bewusst oder unbewusst ständig fragen: »Wird das Bestand haben? Wie lange noch?« Unter Hoffen und Bangen stellen wir uns anfangs die Frage. ganz im Gegenteil. Hervorgehoben wird.Wurden die Probanden der oben genannten Studien eingehender befragt. um glücklich zu sein. Nur ein oder zwei äußere Bedingungen brauchen fortzufallen. schon ist es so weit. Und die Abhängigkeit von solchen Bedingungen ruft Angst und Besorgnis hervor. Information. eine gute Arbeitsstelle. was wir brauchen«. ob es wohl gelingen wird. welche Möglichkeiten jeder Einzelne von uns hat. welche allgemeinen Lebensumstände verbessert werden müssen. auf denen Glück beruht. sagen soziologische Studien kaum etwas aus. Darüber hinaus ist auf dieses »Alles« kein Verlass. sind wir nicht immer glücklich. wenn sie tatsächlich hinfällig geworden sind. Freunde. aus welchen Gründen sie sich als glücklich bezeichnen. diese Bedingungen könnten entfallen. die idealen Bedingungen herbeizuführen. Früher oder später wird es unweigerlich den Weg alles Vergänglichen gehen. Und sie sagen gar nichts darüber. Über die inneren Voraussetzungen. Zugang zu Kultur. so haben sie in erster Linie folgende Glücksfaktoren aufgeführt: Familie. Unterhaltung und so weiter. Auch bei bester materieller Versorgung mit »allem. Andererseits war nur in sehr wenigen Fällen die Rede von einem dem Glück möglichst zuträglichen Geisteszustand beziehungsweise von eigener Arbeit an dessen Verwirklichung. Das Gefühl der Unsicherheit sitzt uns ständig im Nacken. Und am Ende leiden wir. diese Voraussetzungen zu schaffen. Das ist offenkundig. Später bekommen wir es mit der Angst zu tun. und das darauf beruhende Glück wird mit ihm gehen. ein sorgenfreies Leben. damit »für die 258 . und darauf bleibt die Zielsetzung solcher Studien beschränkt.

unter denen Menschen glücklich sind. den Menschen beizubringen. Und wenn wir uns mit den sie beeinflussenden inneren Prozessen auseinandersetzen.«22 Bruttosozialglück Moderne Staaten betrachten es nicht als ihre Aufgabe. das im Februar 2002 in Nepals Hauptstadt Kathmandu stattfand. aber die Suche nach dem Glück kann und darf nicht auf die bloße Arithmetik materieller Lebensumstände reduziert werden. können wir ähnliche Bedingungen für alle herstellen. Wenn es uns gelingt. Bhutans Politik des Bruttosozialglücks (BSG). die Bürger glücklich zu machen. hat der Vertreter Bhutans. die von Vertretern der »hoch entwickelten« Länder mit nachsichtigem Lächeln 259 . Die meisten Wissenschaftler waren sich allerdings über diese Einschränkungen sehr wohl im Klaren. Folgendes erklärt: Ungeachtet des niedrigen Bruttosozialprodukts seines Landes sei er mehr als zufrieden mit dem Bruttosozialglück. sind wir vielleicht in der Lage.Mehrheit das Bestmögliche« erreichbar wird. Ein überaus erstrebenswertes Ziel. eines kleinen buddhistischen Königreichs von der Größe der Schweiz. die Sicherheit zu gewährleisten. um Besitz zu schützen. Sie sind mehr daran interessiert. Luca und Francesco Cavalli-Sforza Bei dem Weltbankforum. die Umstände ausfindig zu machen. wie man Freude am Leben haben kann. So erklärt Ruut Veenhoven: »Die Determinanten des Glücks sind auf zwei Ebenen zu finden: in den äußeren Lebensbedingungen und in inneren Prozessen.12.

Unterentwickelt aus wessen Perspektive? In gewissem Maß gibt es Armut. um Öl zu gewinnen. dem Indikator für den Geldfluss einer Volkswirtschaft. im Laufe der vergangenen dreißig Jahre von 36 Prozent auf 29 Prozent gefallen. in dem Jagen und Fischen flächendeckend verboten sind. weni260 .glücklichem . wurde in den Achtziger) Jahren von König Jigme Singye Wangchuck eingeführt und vom bhutanesischen Parlament ratifiziert. dient beim Bruttosozialglück (BSG) das Glück der Menschen als Indikator für Fortschritt und Weiterentwicklung. Sand auszupressen. könnte man mit dem Versuch vergleichen. In vielen Industrienationen wird wirtschaftliches Wachstum mit Glück gleichgesetzt. dass der Prozentsatz derjenigen Amerikaner. Um die Lebensqualität seiner Bevölkerung zu verbessern. Bhutan ist das einzige Land der Erde. wenn wir unser Glück vom Dow-Jones-Index abhängig machen. weit verstreut über 46 500 km2.oder unverhohlenem Spott betrachtet wird. Doch es ist kein Geheimnis. Bhutan wird oft als unterentwickeltes Land betrachtet. Darüber hinaus wurde ein Gesetz erlassen. Das Glück allein in der Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen zu suchen. ganz in . die sich selbst als »sehr glücklich« bezeichnen. demzufolge ein Anteil von 60 Prozent der Gesamtfläche des Landes bewaldet bleiben muss. Anders als beim Bruttosozialprodukt (BSP). aber völlige Mittellosigkeit oder Obdachlosigkeit sind unbekannt.24 Deshalb werden wir Probleme bekommen.Gegensatz zu den zwei Millionen Jägern in Frankreich. In einer großartigen Landschaft leben. während die allgemeine Kaufkraft in den USA im selben Zeitraum um 16 Prozent gestiegen ist. hat Bhutan die Bewahrung seiner Kultur und Umwelt mit der industriellen und touristischen Entwicklung in Einklang gebracht.

ger als eine Million Einwohner. bloß eine Auswirkung des BSG-Index! 261 . Bildung und medizinische Versorgung stehen unentgeltlich zur Verfügung. aber kein anderes Land kann je wieder werden wie Bhutan.« Vielleicht fragen Sie sich skeptisch. Vieh und einen Webstuhl. beim Ernten oder wenn sie die Straße entlanggehen. »Verschonen Sie mich mit Ihrer Schönfärberei!«. Mitglied der Vereinten Nationen zu werden. Sie würden die Menschen singen hören . werden Sie vielleicht einwenden. sodass die Familienmitglieder den größten Teil ihres Grundbedarfs selbst decken können. Schönfärberei? Nein. Auf dem Land besitzt jede Familie ein Stück Ackerland. der Bhutan geholfen hat.beim Säen. Maurice Strong. pflegte zu sagen: »Bhutan kann werden wie jedes andere Land. ob diese Menschen wirklich glücklich sind. Sie bräuchten sich dort einfach nur mal auf einer Anhöhe ins Gras zu setzen und den aus dem Tal an ihr Ohr dringenden Geräuschen zu lauschen.

Auch ohne über die eigentliche Natur des menschlichen Bewusstseins1 zu spekulieren . leichte Aufgaben aufteilen ließe. dass es bezüglich des Zusammenhangs zwischen Glück und Gehirnfunktionen noch einige offene Fragen gibt. über die der Patient wenig subjektive Kontrolle zu haben scheint und die der Langzeitbehandlung bedürfen. Buddhistisches Sprichwort Bis hierher habe ich mich bemüht. Aber in welchem Maß kann eine Geistesschulung das Gehirn verändern? Wie lange dauert es. mit der wir uns hier zu weit vom Thema entfernen würden ist klar.Kapitel 16 Glück im Forschungslabor Es gibt keine große und schwierige Aufgabe. wie der stimulierende Reiz bestehen bleibt. die unser Glücksempfinden beeinflussen. jene Zusammenhänge zwischen den materiellen und den inneren Voraussetzungen zu beleuchten. bei denen einige der besten Gehirnforscher mit erfahrenen Meditations263 . Beide Zustände halten so lange an.eine Diskussion. Wir wissen. dass viele ernste mentale und emotionale Probleme durch Krankheitsbilder des Gehirns hervorgerufen werden. bis sich solche Veränderungen einstellen und wie weitreichend können sie sein? Neuere Entdeckungen über die »Plastizität« des Gehirns und neue Forschungsprojekte. Ferner wissen wir. die sich nicht in kleine. dass wir bei einer Versuchsperson durch die Stimulation bestimmter Hirnregionen unverzüglich eine Depression oder intensive Lustgefühle auslösen können.

bringen allmählich Licht in diese faszinierenden Fragen. In einem bahnbrechenden Forschungsprojekt haben Fred Gage und Kollegen am kalifornischen Salk-Institut die Reaktionen von Ratten in einem »stimulierenden Umfeld« untersucht. Die Ergebnisse waren bemerkenswert: Innerhalb von nur 45 Tagen hatte sich die Anzahl der Neuronen im Hippocam264 .einem Begriff. Die Nager wurden aus einer leeren Box in einen großen Käfig mit Spielzeug. sich als Reaktion auf unsere Erfahrungen kontinuierlich weiterzuentwickeln.experten zusammenarbeiten. indem es neue neuronale Verknüpfungen schafft. Tunnelsystemen und vielen Spielgefährten umgesetzt. Laufrädern. der Kontaktstellen zwischen den Neuronen. Man wusste lediglich. altersbedingten Verschleiß unterworfen ist. dass größere Veränderungen sich verheerend auf die ungeheuer komplexen Hirnfunktionen auswirken müssten. vorhandene Synapsen stärkt oder neue Neuronen bildet. Heute sind die Hirnforscher völlig anderer Ansicht und sprechen immer häufiger von »Neuroplastizität« . Auch glaubte man. mehr bilden. dem Gehirn eines Erwachsenen bleibe nur noch wenig Spielraum für Veränderungen und es könne keine neuen Neuronen. die sich im Laufe der Kindheit allmählich herausgebildet haben. dass in begrenztem Umfang eine gewisse Stärkung oder Deaktivierung der Synapsen. möglich und das Gehirn einem allmählichen. also Nervenzellen samt ihrer Fortsätze. der die Fähigkeit des Gehirns beschreibt. Die »Plastizität« des Gehirns Noch vor zwanzig Jahren waren die meisten Hirnforscher davon überzeugt.

Untersuchungen mithilfe der Magnetresonanztomografie haben gezeigt. dass bei einem Geigenspieler jene Hirnareale größer werden. In Dialog mit dem Dalai Lama .einem Teil des Großhirns. die zur Überwachung des Wachstums ihres Tumors dasselbe Medikament erhalten hatten. Nach dem Tod dieser älteren Patienten stellte man bei der Sektion des Gehirns fest. dass Neubildungsprozesse im Gehirn ein Leben lang stattfinden können. die schon sehr früh mit der Geigenausbildung begonnen und länger geübt hatten.2 Ist dieses Ergebnis auf Menschen übertragbar? Der Schwede Peter Ericksson konnte die Bildung neuer Neuronen bei Krebspatienten beobachten. dass sich bei ihnen ähnlich wie bei den Versuchsratten im Hippocampus neue Neuronen gebildet hatten. wiesen größere Veränderungen im Gehirn auf.Wie wir destruktive Emotionen überwinden können schreibt Daniel Goleman: »Eine musikalische Ausbildung.3 Inzwischen ist also erwiesen. Menschen.sogar bei älteren Ratten um 15 Prozent erhöht. mit dem man die Bildung neuer Neuronen in Rattenhirnen überwacht hatte. Die 265 . die für die Steuerung der Fingerbewegungen der beim Spiel aktiven Hand zuständig sind. bei der ein Musiker über viele Jahre täglich mit ein und demselben Instrument übt.pus .«4 Bei wissenschaftlichen Untersuchungen an Schachspielern und Olympiateilnehmern wurden hinsichtlich der mit ihrer spezifischen Sportart einhergehenden kognitiven Kapazitäten ebenfalls erhebliche Veränderungen festgestellt. der mit der Verarbeitung neuer Erfahrungen und deren Weiterleitung zwecks Speicherung in anderen Hirnregionen in Zusammenhang gebracht wird . bietet ein anschauliches Modell für >Neuroplastizität<.

Im Herbst des Jahres 2000 hat sich eine kleine Gruppe führender Hirnforscher und Psychologen unserer Zeit Francisco Varela. absichtsvoll und zielgerichtet . M.zu einem fünftägigen Gedankenaustausch um den Dalai Lama versammelt. selbst wenn dies in der neutralen Umgebung einer Einsiedelei geschieht. lautet: Kann eine fruchtbare geistige Entwicklung. Keck Laboratory for Functional Brain Imaging and Behavior an der University of Wisconsin in Madison nachgegangen.zum Beispiel durch jahrelange Meditationspraxis . und des ehemaligen amerikanischen Unternehmers 266 . einem visionären Forscher auf dem Gebiet der Kognitionswissenschaften. Diese Begegnungen sind seit 1985 vom »Mind and Life «-Institute auf Anregung des inzwischen verstorbenen Francisco Varela. Paul Ekman. bedeutende und dauerhafte Veränderungen in den Gehirnfunktionen herbeiführen? Genau dieser Frage ist Richard Davidson mit seinem Forscherteam im W.ins Werk gesetzt. die sich nun für uns daraus ergibt. die nach der Eroberung Tibets durch die chinesische Armee zum Hauptwohnsitz des Dalai Lama und der tibetischen Exilregierung geworden ist. Dies war bereits das zwanzigste Treffen innerhalb einer Reihe bemerkenswerter Begegnungen zwischen dem Dalai Lama und herausragenden Wissenschaftlern. Eine außergewöhnliche Begegnung Angefangen hat alles auf der anderen Seite der Erde in den indischen Ausläufern des Himalaya. Richard Davidson und einige andere . und zwar in jener kleinen Ortschaft.Frage.

die seit zwanzig oder mehr Jahren systematisch und intensiv daran gearbeitet hatten. den buddhistischen Standpunkt in Anwesenheit des Dalai Lama darzulegen. Vier Jahre später. Bis heute haben Richard Davidson und Antoine Lutz.Adam Engle organisiert worden.Wie wir destruktive Emotionen überwinden können auf inspirierende Weise berichtet. der inzwischen zum Madison-Foschungsteam hinzugekommen war. Selbstlosigkeit und inneren Frieden zu entwickeln. menschliche Qualitäten wie Mitgefühl. und mir fiel die heikle Aufgabe zu. wurden mit einer aus zwölf gleichaltrigen Freiwilligen bestehenden Kontrollgruppe 267 . im November 2004. hat die renommierte wissenschaftliche Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences den ersten einer Reihe fortlaufender Berichte über eine Studie veröffentlicht.5 Als persönliche Erfahrungsberichte sind meditative Zustände von jeher beschrieben worden. die man wohl als erste ernst zu nehmende Untersuchung der Auswirkungen einer Langzeitmeditationspraxis auf das menschliche Gehirn bezeichnen kann. wurden einige Forschungsprojekte in Gang gebracht: In deren Mittelpunkt stand die Untersuchung von Menschen. Diese fortgeschrittenen Meditierenden. ein »Test«. ein Schüler Francisco Varelas. zwölf erfahrene. der mich an frühere Prüfungen in der Schule erinnerte. der Überlieferung des tibetischen Buddhismus verbundene Meditierende (acht Asiaten und vier Europäer) untersucht. über die Daniel Goleman in Dialog mit dem Dalai Lama . Hier aber hat man sie erstmals in die Sprache der Wissenschaft übersetzt. Nach dieser bemerkenswerten Begegnung. Das Thema dieses Treffens lautete »Destruktive Emotionen«. die im Laufe von 15 bis 40 Jahren zwischen 10 000 und 40 000 Stunden meditiert hatten.

verglichen. Die Mitglieder der Kontrollgruppe hatten nach einer Einführung in die Meditation eine Woche lang praktiziert.

Meditierende im Forschungslabor
Es traf sich, dass ich das erste »Versuchskaninchen« sein sollte. Für den Versuch wurde ein Ablauf vereinbart, demzufolge der Meditierende zwischen einem neutralen Geisteszustand und verschiedenen meditativen Zuständen wechseln sollte. Für weitergehende Untersuchungen wurden aus den verschiedenen, zu Beginn getesteten Zuständen vier ausgewählt: die Meditation über »selbstlose Liebe und Mitgefühl«, über »gesammelte Aufmerksamkeit«, über »offene Präsenz« und schließlich die »Visualisierung« bildhafter Vorstellungen. Im Buddhismus bedient man sich bestimmter Methoden zur Entwicklung von Güte und Mitgefühl. Dabei versuchen die Meditierenden ein alles umfassendes Empfinden von Wohlwollen entstehen zu lassen, einen Zustand, in dem der Geist von Liebe und Mitgefühl vollkommen durchdrungen ist. Sie lassen reine Liebe und Mitgefühl zum einzigen gedanklichen Bezugspunkt werden: intensiv, tiefgründig, grenzenlos und allumfassend. Obgleich nicht auf bestimmte Personen gerichtet, beinhalten selbstlose Liebe und Mitgefühl die uneingeschränkte Bereitschaft, zum Wohl der anderen zu wirken und bedingungslos für sie zur Verfügung zu stehen. Gesammelte Aufmerksamkeit oder geistige Sammlung erfordert die Ausrichtung der gesamten Aufmerksamkeit auf das gewählte Bezugsobjekt, zu dem der Geist immer wieder zurückkehrt, wenn die Gedanken abschweifen. 268

Diese einsgerichtete Aufmerksamkeit sollte im Idealfall klar, ruhig und stabil sein. Man sollte dabei weder in einen trägen und trüben Geisteszustand absinken, noch sich von aufgewühlten Gedanken forttragen lassen. Als offene Präsenz bezeichnet man einen klaren, offenen, weiten und wachen Geisteszustand, der von keinerlei künstlich, also absichtlich hervorgebrachten Gedanken gestört wird. In diesem Zustand wird der Geist weder in einsgerichteter Sammlung auf etwas Bestimmtes gelenkt, noch ist er abgelenkt. Der Geist verweilt einfach entspannt und vollkommen präsent in einem Zustand reinen Gewahrseins. Wenn Gedanken auftauchen, versucht der Meditierende nicht, sie zu unterdrücken, sondern lässt zu, dass sie sich auf natürliche Weise auflösen. Bei der Visualisierung wird vor dem inneren Auge mit gedanklichen Mitteln ein komplexes Bild hervorgerufen, beispielsweise das einer buddhistischen Meditationsgottheit. Der Meditierende visualisiert zunächst so klar wie möglich jede Einzelheit des Gesichts, der Kleidung, der Haltung und so weiter und überprüft sie nach und nach. Zum Schluss visualisiert er die Gottheit als Ganzes und stabilisiert dieses innere Bild. Diese verschiedenen Meditationen sind Teil der zahlreichen spirituellen Übungen, die ein praktizierender Buddhist im Laufe vieler Jahre regelmäßig durchführt. Auf diese Weise werden diese Geisteszustände immer klarer und stabiler. Im Labor kommen hauptsächlich zwei Methoden zur Untersuchung der Meditierenden zum Einsatz: Das Elektroenzephalogramm (EEG) ermöglicht die akkurate Aufzeichnung von Veränderungen der elektrischen Hirnaktivität, während die funktionelle Kernspintomografie (FMRI) den Blutfluss in verschiedenen Hirnarealen misst 269

und eine äußerst präzise Lokalisierung der zerebralen Aktivitäten ermöglicht. Der Meditierende wechselt zwischen neutralen Phasen, die 30 Sekunden dauern, und 90 Sekunden dauernden Phasen, in denen er einen der oben genannten meditativen Zustände entwickelt. Dieser Prozess wird viele Male wiederholt. Bei den hier durchgeführten Untersuchungen war das Messinstrument mit 256 Sensoren bestückt. Mithilfe dieser Elektroden wurde ein frappierender Unterschied zwischen den Neulingen und den fortgeschrittenen Meditierenden deutlich: Während der Meditation über Mitgefühl zeigte sich bei den meisten erfahrenen Meditierenden ein dramatischer Anstieg der hochfrequenten Gehirnaktivität oder Gamma wellen, und zwar »in einer Art und Weise, wie sie in der neurowissenschaftlichen Literatur noch nie zuvor beschrieben worden ist«, berichtet Richard Davidson.6 Außerdem hat man festgestellt, dass die Bewegung der Wellen weit besser koordiniert oder synchronisiert war als bei den Probanden der Kontrollgruppe, die während der Meditation lediglich einen leichten Anstieg der Gammawellenaktivität aufwiesen. Dies scheint ein Beleg dafür zu sein, dass »das Gehirn auf eine Weise trainiert und physisch verändert werden kann, von der sich heute nur wenige Menschen eine Vorstellung machen können«, und dass Meditierende zu einer intentionalen Steuerung ihrer Gehirnaktivität fähig sind.7 Im Vergleich dazu sind die unerfahrenen Versuchspersonen, die eine Geistesübung durchführen sollen - beispielsweise die Ausrichtung auf ein bestimmtes Objekt oder die Visualisierung eines Bildes -, überwiegend nicht in der Lage, ihre geistige Aktivität auf diese eine Aufgabe zu beschränken. Eine der interessantesten Entdeckungen war, dass die Mönche mit der längsten Meditationserfah270

rung die höchste Gammawellenaktivität hervorgebracht haben. Daraus zog Richard Davidson den Schluss, dass »Meditation die Gehirnfunktionen nicht nur kurzfristig verändert, sondern höchstwahrscheinlich auch dauerhafte Veränderungen herbeiführt.«8 »Wir können nicht ausschließen, dass sich die Gehirnfunktionen der Mönche und Meditationsanfänger schon vorher unterschieden haben«, sagt Davidson, »aber die Tatsache, dass die Mönche mit den meisten Meditationsstunden die deutlichsten Gehirnveränderungen aufwiesen, lässt den Schluss zu, dass diese Veränderungen tatsächlich durch Geistesschulung hervorgerufen worden sind.«9 Diese Vermutung wurde außerdem durch die Tatsache gestützt, dass die Langzeitpraktizierenden sogar in der neutralen Phase vor Beginn der Meditation eine deutlich höhere Gammawellenaktivität aufwiesen. Dazu der Wissenschaftsautor Sharon Begley: »Das eröffnet die verlockende Aussicht, dass das Gehirn wie der Rest des Körpers bewusst verändert werden kann. So wie die Muskeln durch Aerobic in Form gebracht werden können, werden durch die Geistesschulung die grauen Zellen in einer Art und Weise geformt, von der die Wissenschaft gerade eine erste Ahnung bekommt.«10

Eine Landkarte der Freude und der Trauer
An anderer Stelle habe ich bereits erwähnt, dass es im Gehirn genau genommen kein Gefühlszentrum gibt. Emotionen sind komplexe Phänomene - Ausdruck einer Interaktion unterschiedlicher Hirnregionen. Daher macht es keinen Sinn, nach einem »Glückszentrum« oder seinem Gegenteil zu suchen. Dennoch haben die hauptsächlich 271

von Richard Davidson und Kollegen innerhalb der vergangenen zwanzig Jahre durchgeführten Forschungen zutage gefördert, dass bei Menschen, die angaben, Freude, selbstlose Liebe, Anteilnahme oder Begeisterung zu empfinden beziehungsweise sich voller Energie oder besonders lebendig zu fühlen, die Aktivität im linken vorderen Stirnlappen signifikant erhöht war. Andererseits weisen Menschen, die überwiegend »negative« emotionale Zustände wie Depressionen, Pessimismus, Angst und Sorgen erleben und zum emotionalen Rückzug neigen, eine erhöhte Aktivität im rechten vorderen Stirnlappen auf. Vergleichen wir darüber hinaus die Aktivitätsniveaus der linken und rechten vorderen Stirnlappen bei Probanden im Ruhezustand, das heißt in einem neutralen Geisteszustand, stellen wir fest, dass das Verhältnis zwischen den beiden Hirnregionen von Mensch zu Mensch beträchtlich schwankt. Und das ergibt einen recht zuverlässigen Hinweis auf sein Temperament. Menschen, bei denen der linke vordere Stirnlappen üblicherweise eine höhere Aktivität aufweist als der rechte, empfinden meist angenehme Emotionen. Im Unterschied dazu erleben diejenigen, deren rechter vorderer Stirnlappen aktiver ist, häufiger negative Emotionen. Versuchspersonen mit einer Schädigung des linken vorderen Stirnlappens (durch einen Unfall oder eine Erkrankung) sind besonders anfällig für Depressionen, was wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, dass die rechte Seite nicht mehr durch die linke ausgeglichen wird. Diese charakteristischen Eigenschaften sind relativ stabil und manifestieren sich bereits in der frühen Kindheit. Bei einer Studie mit nahezu vierhundert Zweieinhalb)ährigen hat sich gezeigt, dass diejenigen, die sich beim Betreten eines Raumes, in dem sich andere Kinder, Spiel272

Sachen und Erwachsene befanden, ängstlich an ihre Mütter klammerten und nur zögernd mit Fremden Kontakt aufnahmen, eine erhöhte Aktivität im rechten vorderen Stirnlappen aufwiesen.11 Dagegen hat man bei denjenigen Kindern, die sich sicher fühlten, sofort zu spielen begannen und unbefangen und furchtlos Kontakt aufnahmen, eine höhere Aktivität der linken Seite festgestellt. Das Gehirn trägt eindeutig die Signatur von Extrovertiertheit oder Introvertiertheit, was auf eine gewisse Disposition zum Glücklichsein oder Unglücklichsein hinweist. Diesbezüglich heißt es bei Goleman: Diese Ergebnisse sind im Hinblick auf unser emotionales Gleichgewicht von großer Bedeutung: Bei jedem von uns stehen die Aktivität des rechten und des linken vorderen Stirnlappens in einem charakteristischen Verhältnis zueinander; das wie ein Barometer für die Stimmungen ist, die wir Tag für Tag wahrscheinlich erleben werden. Dieses Verhältnis stellt eine Art Basiswert dar; um den sich unsere täglichen Stimmungen bewegen. Jeder von uns besitzt die Fähigkeit, seine Stimmungen zu beeinflussen - wenigsten ein bisschen - und dieses Verhältnis zu ändern. Je stärker es sich nach links verschiebt, desto mehr verbessert sich unsere allgemeine Stimmungslage. Erfahrungen, die unsere Stimmung heben, bewirken zumindest vorübergehend eine solche Verschiebung nach links. So kann man bei den meisten Menschen kleine positive Veränderungen dieses Verhältnisses beobachten, wenn man sie bittet, sich angenehme Ereignisse aus ihrer Vergangenheit ins Gedächtnis zu rufen, oder wenn sie amüsante oder herzerwärmende Filme anschauen.11 273

Was passiert im Fall von Meditierenden, die über einen langen Zeitraum positive Geisteszustände wie Anteilnahme und Mitgefühl kultiviert haben? Vor einigen Jahren hat Davidson die Asymmetrie zwischen dem linken und rechten vorderen Stirnlappen eines älteren tibetischen Mönchs untersucht, der zeit seines Lebens mehrere Stunden pro Tag über Mitgefühl meditiert hatte. Davidson hatte bei ihm eine viel höhere Aktivität des linken Stirnlappens beobachtet als bei irgendjemandem sonst unter den 175 »gewöhnlichen« Versuchspersonen, die bis dahin getestet worden waren. Auch in diesem Fall lagen die bei den Meditierenden gemessenen Werte außerhalb jener statistischen Verteilungskurve, die die Testergebnisse von mehreren Hundert Versuchspersonen repräsentierte. Am erstaunlichsten war der Spitzenwert der sogenannten Gammaaktivität im linken mittleren Gyrus. Davidsons Studien hatten bereits gezeigt, dass dieser Teil des Gehirns im Brennpunkt der positiven Emotionen steht und dass hier kaum Schwankungen auftreten. Aber die Daten, die nun aus den Experimenten mit den Meditierenden gewonnen wurden, waren beeindruckend. Als sie über Mitgefühl zu meditieren begannen, war ein außergewöhnlicher Anstieg in der Aktivität des linken vorderen Stirnlappens zu verzeichnen. Mitgefühl, die aufrichtig Anteil nehmende Aktivität zum Wohl der anderen, scheint eine positive Emotion so wie Freude und Begeisterung zu sein. Dadurch werden die Untersuchungsergebnisse jener Psychologen bestätigt, die darauf hinweisen, dass die selbstlosesten Mitglieder einer Bevölkerung zugleich diejenigen sind, die sich der höchsten Lebenszufriedenheit erfreuen. Mithilfe der funktionellen Kernspintomografie fanden Lutz, Davidson und Kollegen auch heraus, dass die Gehirnaktivität bei Praktizierenden, die über Mitgefühl 274

meditiert haben, besonders im linken vorderen Stirnlappen stark erhöht war. Die Aktivität dieses Hirnareals hat die Aktivität des rechten vorderen Stirnlappens (Sitz von negativen Emotionen und Ängstlichkeit) überlagert, ein Phänomen, das bei einer reinen Geistesaktivität noch nie zuvor beobachtet worden war.13 Die vorläufigen Ergebnisse der von Jonathan Cohen und Brent Field an der Princeton University durchgeführten Studien weisen außerdem darauf hin, dass die Aufmerksamkeitsspanne geübter Meditierender bei unterschiedlichen Aufgaben wesentlich weiter reicht als die von ungeschulten Kontrollpersonen. In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Meditierenden in einem vollkommen ungewohnten Umfeld befanden, ist das umso bemerkenswerter. Sie müssten in der engen Röhre längere Zeit flach auf dem Rücken liegen und durften den Kopf keinen Millimeter bewegen, damit kein Datenverlust entstand. Das hört sich nicht gerade nach einem idealen Meditationsumfeld an. Angenehm überrascht stellte Davidson jedoch fest, dass die Meditierenden nach dieser zermürbenden Prozedur ganz entspannt aus dem Kernspintomografen kamen.

Gesichter lesen
Andere bemerkenswerte Forschungsergebnisse, die Goleman in Dialog mit dem Dalai Lama - Wie wir destruktive Emotionen überwinden können beschreibt, wurden von Paul Ekman berichtet, einem der weltweit führenden Emotionsforscher, der damals das Human Interaction Laboratory der University of California in San Francisco geleitet hat. Ekman gehörte zu der kleinen Gruppe von 275

Wissenschaftlern, die nach Dharamsala gekommen waren und einige Monate zuvor einen der ersten Meditierenden in ihrem Labor beobachtet hatten. In Zusammenarbeit mit diesem Mönch hatte er vier Experimente durchgeführt und bei jedem einzelnen nach eigenen Worten »Dinge entdeckt, die wir noch niemals beobachtet hatten«. Einige dieser Entdeckungen waren laut Ekman so überraschend, dass er sich nicht recht sicher war, ob er sie tatsächlich verstand. Das erste Experiment griff auf ein System zum »Lesen« des Gesichtsausdrucks zurück, der es uns ermöglicht, die unterschiedlichsten Emotionen zu zeigen. Die Entwicklung dieses Systems zählt zu den größten Erfolgen in Ekmans Karriere. Der Versuchsperson wird ein Video vorgespielt, auf dem in sehr rascher Folge eine Reihe von Gesichtern mit unterschiedlichem emotionalen Ausdruck zu sehen sind. Die Serie beginnt mit einem neutralen Gesicht, gefolgt von einem Gesicht, das eine bestimmte Emotion ausdrückt und nur etwa eine dreißigstel Sekunde auf dem Bildschirm bleibt, bevor es wieder von dem neutralen Gesicht abgelöst wird; und so weiter. Der Test besteht darin, während dieser dreißigstel Sekunde die emotionalen Signale von den gerade gesehenen Gesichtern abzulesen: Wut, Angst, Ekel, Überraschung, Trauer oder Freude. Die Fähigkeit, solch einen flüchtigen Gesichtsausdruck zu erfassen, geht mit einer ungewöhnlich stark ausgeprägten Fähigkeit zu Einsicht und Anteilnahme einher. Die gezeigten sechs Mikroemotionen sind universell, biologisch festgelegt und werden überall auf der Welt auf dieselbe Weise ausgedrückt. Goleman stellt fest: »Obwohl beim bewussten Umgang mit dem mimischen Ausdruck von Gefühlen, Ekel zum Beispiel, mitunter große kulturelle Unterschiede bestehen, 276

kommen und gehen diese mimischen Ausdrucksformen mit solcher Geschwindigkeit, dass sie sich sogar dem Einfluss kultureller Tabus entziehen. Mikroemotionen sind ein Fenster zur emotionalen Realität eines Mitmenschen.«14 Bei seinen an Tausenden von Versuchspersonen durchgeführten Untersuchungen hatte Ekman festgestellt, dass die Probanden mit der größten Begabung, Mikroemotionen zu erkennen, zugleich besonders wissbegierig, zuverlässig, leistungsfähig waren und neuen Erfahrungen sehr aufgeschlossen gegenüberstanden. »Ich hatte also erwartet, dass die langjährige Meditationserfahrung« - die sowohl Offenheit als auch Selbstgewahrsein erfordert »ihnen helfen würde, bei dieser Aufgabe besser abzuschneiden«, erklärte Ekman. Es stellte sich heraus, dass zwei von Ekman getestete erfahrene Meditierende aus dem Westen weit bessere Ergebnisse erzielt hatten als die über fünftausend zuvor getesteten Versuchspersonen. »Sie schnitten besser ab als Polizisten, Rechtsanwälte, Psychiater, Zollbeamte, Richter - und sogar Geheimagenten«, jene Gruppe also, die bis dahin die genauesten Ergebnisse geliefert hatte. Ekman hat inzwischen eine interaktive CD entwickelt, mit der jedermann diese Fähigkeit in wenigen Stunden erlernen kann. Aber ohne dieses spezielle Training scheinen nur die Meditierenden über diese besondere Fähigkeit zu verfügen.

Die Schreckreaktion
Die Schreckreaktion, einer der primitivsten Reflexe im Reaktionsrepertoire des menschlichen Organismus, löst als Reaktion auf ein plötzliches Geräusch oder einen 277

unerwarteten oder bestürzenden Anblick eine Reihe sehr schneller Muskelkontraktionen aus. Bei allen Menschen kontrahieren unmittelbar dieselben fünf Gesichtsmuskeln, vor allem um die Augen. Der ganze Vorgang dauert nur den Bruchteil einer Sekunde. Wie alle Reflexe ist der Schreckreflex eine Reaktion auf eine Aktivität im Stammhirn, dem primitivsten Teil dieses Organs, und unterliegt normalerweise nicht der bewussten Kontrolle. Nach allen bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen kann kein bewusster Akt den Funktionsablauf, der diesen Reflex steuert, verändern. Die Intensität der Schreckreaktion spiegelt bekanntlich die Intensität von negativen Emotionen wie Angst, Wut, Trauer oder Ekel wider, die der Betreffende in diesem winzigen Augenblick durchlebt. Je stärker die Versuchsperson zusammenzuckt, mit desto höherer Wahrscheinlichkeit erlebt sie negative Emotionen. Um die Schreckreaktion des ersten Meditierenden zu testen, brachte Ekman die Versuchsperson ins Berkeley Psychophysiology Laboratory, das von seinem langjährigen Kollegen Robert Levenson geleitet wird. Gemessen wurden die Körperbewegungen, der Puls, die Transpiration und die Hauttemperatur des Probanden. Außerdem wurde, um die physiologischen Reaktionen auf ein plötzliches Geräusch festzuhalten, der Gesichtsausdruck von einer Kamera aufgezeichnet. Die Wissenschaftler gingen bis an die maximale menschliche Toleranzgrenze: einen sehr heftigen Knall, etwa von der Lautstärke eines nahe am Ohr abgefeuerten Gewehrschusses. Die Versuchsperson wurde zuvor darüber informiert, dass sie innerhalb eines Zeitraumes von fünf Minuten einen lauten Knall hören würde. Man forderte sie auf, die unvermeidlich eintretende heftige Reaktion nach Möglichkeit so weitge278

hend zu neutralisieren, dass sie nicht wahrnehmbar sein würde. Manche Menschen schneiden bei dieser Übung besser ab als andere, aber niemand vermag diese Reaktion vollständig zu unterdrücken - auch wenn er sich noch so sehr bemüht, die Muskelspasmen unter Kontrolle zu halten. Keiner der mehreren Hundert von Ekman und Levenson getesteten Versuchspersonen war das je gelungen. Bei früheren Untersuchungen hatte sich gezeigt, dass sogar Elitescharfschützen der Polizei, die täglich Waffen abfeuern, ein Zusammenzucken nicht vermeiden können. Aber der erfahrene Meditierende war dazu in der Lage. Dazu Ekman: »Wenn er versucht, den Schreckreflex zu unterdrücken, verschwindet dieser nahezu. Wir haben noch nie jemanden getroffen, dem das gelang. Andere Forscher ebenfalls nicht. Das ist eine spektakuläre Leistung. Wir haben nicht die leiseste Ahnung, welche anatomische Besonderheit es ihm ermöglicht, die Schreckreaktion zu unterdrücken.« Im Rahmen dieser Tests hatte der Meditierende zwei Meditationstechniken praktiziert: einsgerichtete Sammlung und offene Präsenz, zwei Methoden, die mithilfe der Kernspintomografie in Madison untersucht worden waren. Mit der offenen Präsenz, so stellte er fest, erzielte er die besten Resultate: »In diesem Zustand versuche ich nicht aktiv, das Zusammenzucken zu kontrollieren, aber die Detonation erscheint mir schwächer, so als würde ich sie aus einiger Entfernung hören.« In der Physiologie des Meditierenden, so Ekman, seien zwar gewisse Veränderungen erkennbar gewesen, jedoch habe sich kein einziger Gesichtsmuskel bewegt. Dazu die Erklärung der Versuchsperson: »Wenn man abgelenkt oder in Gedanken versunken ist, bringt einen der Knall unmittelbar in den gegenwärtigen Augenblick zurück und lässt einen vor 279

versucht zu erfassen. Ruhe statt Rastlosigkeit. die in den altehrwürdigen Texten der Überlieferung als eine »Frucht« der Meditationspraxis beschrieben wird.. Eine Frage drängt sich allerdings aufgrund dieser Forschung [mit Meditierenden] auf: Kann ein Mensch durch eigenes Bemühen auf Dauer positive 280 . und es besteht kein Zweifel daran.. ähnlich wie etwa ein vorbeifliegender Vogel. Mitgefühl statt Hass. wie es normalerweise bei der Schreckreaktion der Fall ist. Blutdruck) im selben Maß angestiegen.Überraschung zusammenzucken. Die Leistung des Meditierenden weist auf ein bemerkenswertes emotionales Gleichgewicht hin . waren seine physiologischen Parameter (Puls. Transpiration. Das zeigt uns. in welchem Maß das Gehirn durch Übung dazu gebracht werden kann. in einem konstruktiven Bereich zu bleiben: Zufriedenheit statt Gier.« Obwohl im Zustand der offenen Präsenz kein einziger Muskel im Gesicht des Meditierenden gezuckt hatte. Aber im Zustand offener Präsenz ist man schon im gegenwärtigen Augenblick und der Knall verursacht nur eine kleine Störung. dass der Körper zwar reagiert und alle Auswirkungen der Detonation registriert hat. der Knall jedoch ohne emotionale Rückwirkung blieb. . schreibt Goleman. dass die Stimmungslage beeinflussende Pillen Millionen von Menschen Trost gespendet haben. Was können wir nun mit alldem anfangen? Die Wissenschaft. Im Westen sind Medikamente das Mittel der Wahl zur Behandlung emotionaler Störungen.jene innere Ausgeglichenheit.

bevor sie dort vorspielt. wie viel Praxis notwendig ist. Vielleicht fragen wir uns. die bemerkenswerten Fähigkeiten einiger weniger Meditierender zu demonstrieren. die jetzt von Antoine Lutz und Richard Davidson untersucht werden. dass man sie ernst nimmt. herauszufinden. Den Großteil ihrer Meditationsschulung haben sie. Es wird nicht mehr lange dauern.16 Wichtig ist. deren Wirkungen noch weiter reichen als diejenige der Medikamente auf die Emotionen?15 Den Kognitionswissenschaftlern geht es bei diesen Untersuchungen eigentlich nicht darum. dass sich der geschulte Geist beziehungsweise das geschulte Gehirn von einem untrainierten physisch unterscheidet. der die nötige Beharrlichkeit und Entschlossenheit mitbringt. haben weit mehr als zehntausend Meditationsstunden hinter sich. hat in der Regel. dass wir unsere Annahmen überdenken. diesen Prozess der Geistesschulung durchlaufen kann. damit das Gehirn solche Veränderungen durchlaufen kann. über zehntausend Übungsstunden hinter sich. im Rahmen intensiver Retreats absolviert. ob jeder Mensch. zusätzlich zur jahrelangen täglichen Praxis. erhöhen werden« erklärt Richard Davidson. Nehmen wir einmal ein anderes Beispiel: Eine Violinistin. bis wir die potenzielle Bedeutung der Geistesschulung verstehen und dadurch die Wahrscheinlichkeit. Vielmehr wollen sie erreichen. was die möglichen Auswirkungen einer Geistesschulung auf die Entwicklung positiver Gefühle anbelangt.Veränderungen in den Gehirnfunktionen bewirken. die zur Ausbildung an einem nationalen Konservatorium zugelassen werden möchte. Die meisten Meditierenden. »Wir haben herausgefunden. zumal im Kontext einer so subtilen geistigen Übung wie der Meditation. 281 .

sind weitere umfangreiche Langzeitstudien über die Auswirkungen der Meditation im Allgemeinen und über die Entwicklung von Güte und Mitgefühl im Besonderen. Alan Wallace in Kürze ein achtmonatiges Retreat mit Meditationsneulingen leiten. Eine von Richard Davidson.»Zehntausend Stunden« hört sich vielleicht entmutigend an und mag den meisten von uns gänzlich unerreichbar vorkommen. Jon KabatZinn und anderen veröffentlichte Studie hat gezeigt. das auf Wunsch des Dalai Lama vom »Mind and Life«Institute in die Wege geleitet und von Paul Ekman in der ersten Phase der praktischen Durchführung geleitet wurde. bei der die Auswirkungen eines dreimonatigen Meditationskurses auf 150 Lehrerinnen untersucht werden. sind beachtenswert. 282 . und die Grippeimpfung vom vergangenen Herbst war am Ende des Trainings um 20 Prozent effektiver als in der Kontrollgruppe. Ein weiteres Forschungsprogramm über die »Entwicklung emotionaler Ausgeglichenheit«. die acht Stunden täglich meditieren und von Wissenschaftlern der University of California in Davis (unweit von Sacramento im Norden Kaliforniens gelegen) beobachtet werden. steht an der University of San Francisco gegenwärtig unter der Leitung von Margaret Kemeny. dass sich im Verlauf eines dreimonatigen Meditationstrainings bei viel beschäftigten Angestellten einer BiotechnologieFirma in Madison die Stirnlappenaktivität signifikant von rechts nach links verschob. Die vorläufigen Ergebnisse dieser Studie. doch es gibt ein paar tröstliche Neuigkeiten. Im neu gegründeten Santa Barbara Institute for Consciousness Studies wird B. Einige Studien sind bereits geplant.17 Was wir nun unbedingt brauchen. Auch das Immunsystem dieser »Meditationslehrlinge« wurde gestärkt.

das ist der entscheidende Punkt. tun wir gut daran. Und den tiefgründigen Methoden.Wenn es Meditierenden möglich ist. könnte das Interesse vieler Menschen für den immensen Wert der Geistesschulung wecken. Die gegenwärtige Zusammenarbeit zwischen Wissen-schaftlern und Meditierenden. das Transformationspotenzial des Geistes nicht zu unterschätzen. zu besseren Menschen zu werden. den Geist so zu schulen. die uns dabei helfen. auch wenn sie die Frucht der über zweitausendjährigen buddhistischen Arbeit an der Erforschung des Geistes sind. sollten wir unbedingt die ihnen gebührende Aufmerksamkeit schenken. dass ihre destruktiven Emotionen verschwinden. Wenn Glück und emotionale Ausgeglichenheit erlernbare Fertigkeiten sind. 283 . könnten bestimmte praktische Elemente eines solchen Meditationstrainings ein wertvoller Beitrag zur Kindererziehung sein und Erwachsenen zu einer besseren Lebensqualität verhelfen. Wenn solche Meditationstechniken tatsächlich wirksam sind und die Grundfunktionen des menschlichen Geistes beeinflussen. sind sie von universellem Wert und müssen nicht unbedingt das Etikett »buddhistisch« tragen.

weil wir glücklich sind. Liverpool. oder sind wir glücklich. alles Anhänger des F.ethnische Herkunft. Nur wenige. 285 . Später liegt derselbe Mann . um sich zu erkundigen. Die Menschen gehen an ihm vorüber. ob sie bei dem »Kranken« stehen geblieben sind. Liverpool. C.1 Wie zahlreiche andere Untersuchungen hat auch diese Studie die Tatsache bestätigt. unabhängig davon. wer nicht die geringste Spur von Bosheit in sich trägt. Er scheint sich unwohl zu fühlen. bleiben stehen. dass altruistisches Verhalten durch ein Zusammengehörigkeitsgefühl erheblich beeinflusst wird. etwa jeder siebte. weil wir gütig sind? Am glücklichsten ist.dasselbe Versuchskaninchen . Diesmal bleiben 85 Prozent der Passanten stehen. einen Freund oder jemanden. um nachzusehen. Am Ende des Weges stellt ein Forscherteam der Universität den Passanten Fragen.Kapitel 17 Glück und Altruismus: Sind wir gütig. Menschen sind viel eher geneigt. der unter den Liverpooler Studenten viele Fans hat und zu den größten Rivalen des Teams von Manchester United zählt. ob es sich um einen Notfall handelt. mit dem sie etwas gemeinsam haben . Nur trägt er diesmal ein Trikot des F. C.auf demselben Rasen. der Hilfe benötigt. Piaton Im englischen Manchester liegt auf dem Campus der Universität gleich neben einem stark frequentierten Weg ein Mann auf dem Rasen. ob ihr Kumpel Unterstützung braucht.

Genau das tut der buddhistische Ansatz. die in der vorausgegangenen Stunde etwas 286 . sind zugleich die selbstlosesten. dann berühren uns ihre Freude wie auch ihr Leid ganz unmittelbar. Das ist mit dem Begriff »universale Verantwortung« gemeint. Die Freuden der Selbstlosigkeit Was hat Altruismus mit Glück zu tun? In einer Reihe von Untersuchungen mit Hunderten von Studenten ist man auf einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Altruismus und Glück gestoßen. so der Befund dieser Untersuchungen. wie jeder Einzelne von uns: Alle Lebewesen wollen Leid vermeiden und Glück erfahren. Um dieses Ziel zu erreichen. Ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl kann man nach und nach auf alle Wesen ausdehnen. wenn wir es hier nicht bei abstrakten Überlegungen und Vorstellungen bewenden lassen. Diejenigen. Umfasst unser Zusammengehörigkeitsgefühl zu guter Letzt alle Menschen. und wir sind offener für unsere Mitmenschen. dass Menschen.2 Wenn wir glücklich sind. Wirklich verstehen können wir das nur. sondern dieses Verständnis verinnerlichen. tritt unsere Selbstbezogenheit in den Hintergrund. Überzeugungen -. Religion. gilt es unbedingt zu verstehen. bis es uns zur zweiten Natur geworden ist. die sich als die glücklichsten Menschen betrachten. zu unterstützen als einen völlig Fremden.Nationalität. dass auf der elementarsten Ebene alle Lebewesen denselben Wunsch hegen wie wir. von dem der Dalai Lama häufig spricht. So hat man beispielsweise herausgefunden. mit dem sie nichts Spezielles verbindet.

Diese Aussage stimmt mit der buddhistischen Auffassung überein.Beglückendes erlebt haben. einem 287 . zweitens aktiv etwas zum Wohl ihrer Mitmenschen beizutragen . Die Wechselbezüglichkeit aller Phänomene überhaupt. einer der Grundpfeiler von sukha. die an Depression gelitten haben. Die aus angenehmen Aktivitäten wie dem Ausgehen mit Freunden. insbesondere aber die wechselseitige Abhängigkeit aller Menschen. stammt eine noch wichtigere Aussage: Anderen Liebe zu schenken und seinerseits Liebe zu empfangen ist ein bedeutender Aspekt der Heilung.Die dunklen Welten der Depression. dass die Freude an einer Handlung. zeigt. Liebe für andere zu empfinden und auszudrücken. hat er Studenten gebeten. dem Pionier der Positiven Psychologie. wie bereits im Kapitel über Emotionen angesprochen. bei der handelnden Person tiefe Zufriedenheit hinterlässt. Die Arbeit von Martin Seligman.und dann bis zur nächsten Unterrichtsstunde einen Bericht darüber zu schreiben. Und von Menschen. bringt es mit sich. Fremden zu helfen. Um seine Hypothese zu überprüfen. Eine akute Depression geht mit der verminderten Fähigkeit einher. dass das eigene Glück eng mit dem der anderen verknüpft ist. dass Selbstbezogenheit die Hauptursache für unser Leid und altruistische Liebe die wichtigste Voraussetzung für wahres Glück ist. eher geneigt sind. schreibt Andrew Solomon in seinem Buch Saturns Schatten . die Ausdruck von uneigennütziger Güte ist. Die Ergebnisse waren frappierend. Die Einsicht in die wechselseitige Abhängigkeit ist. Unser Glück hängt notwendigerweise vom Glück der anderen ab. »Eine Depressionen ist die Flaute der Liebe«. zwei Dinge zu tun .erstens ausgehen und einfach Spaß haben.

unsere Ziele auf Kosten anderer zu erreichen. klare Auffassungen zu diesem Thema 288 . steht unserer »wahren Natur« weit näher als Bosheit. »Anderen etwas Gutes zu tun verschafft . bereitet es den Philosophen kein Problem. so scheint es. die den Mitwirkenden dieses Experiments zuteil wurde.Kinobesuch oder dem Genuss eines Eisbechers resultierende Befriedigung wurde bei Weitem übertroffen von der Freude und Zufriedenheit. Sobald sich die erste freudige Erregung gelegt hat. möglicherweise skeptisch gegenüberstehen. das nicht lange unterdrückt werden kann.im Unterschied zum Vergnügen . aber diese Art von Befriedigung ist kurzlebig und oberflächlich. ganz allgemein freundlicher waren und von ihren Mitmenschen mehr geschätzt wurden. ein gewisses Unbehagen wahrzunehmen. Die Versuchspersonen stellten fest. kommen wir gar nicht umhin. dass sie an diesem Tag anderen besser zuhören konnten. wir können auch eine Art Vergnügen darüber empfinden. Sind wir von Natur aus selbstsüchtig? Während Biologen einer Vorstellung von der »menschlichen Natur«. sie verdeckt ein Gefühl der inneren Unruhe. Gewiss. mit sich selbst in Einklang zu sein. wenn sie anderen etwas Gutes taten. schließt Seligman:3 Man empfindet Befriedigung im Sinn von lang anhaltender Zufriedenheit und dem Gefühl. Erfolgte diese Handlung spontan.tiefe Befriedigung«. nahm der gesamte Tag einen positiveren Verlauf. In Einklang mit dieser Natur zu leben schenkt uns dauerhafte Lebensfreude. Güte. Sich über sie hinwegzusetzen hat hingegen chronische Unzufriedenheit zur Folge. vom »Wesen des Menschen«. motiviert von menschlichen Qualitäten.

für das Überleben und die Fortpflanzung der Spezies von Nutzen sein kann.« In einer solchen Denkweise kommen die für den christlichen Kulturkreis so charakteristische Vorstellung von der Erbsünde und das damit verbundene Schuldgefühl deutlich zum Ausdruck. hätten sie gegenüber den Altruisten eine größere Chance. Da die Träger dieser Gene systematisch ihre Interessen über die der anderen stellten. habe ich mir selbst geholfen. Diese Vorstellung hat in der Tat das westliche Denken erheblich beeinflusst und spielt bis heute selbst unter nichtreligiösen Menschen eine keineswegs zu unterschätzende Rolle. bloß von schönen Gefühlen übertünchte Selbstsucht. die nur mit rück289 . Als er im Alter einmal dabei ertappt wurde. so die Argumentation. dass kooperatives Verhalten. Der Wissenschaftsphilosoph Elliot Sober beispielsweise hat anhand überzeugender Modelle gezeigt. So war der im 17. Zahlreiche Evolutionstheoretiker haben lange behauptet. Jahrhundert lebende englische Philosoph Thomas Hobbes beispielsweise überzeugt. dass vereinzelte selbstlose Individuen. Für ihn war alles. das ja offenkundig altruistisch ist. die für egoistisches Verhalten verantwortlichen Gene würden mit besonders hoher Wahrscheinlichkeit an nachfolgende Generationen weitergegeben. Solche sehr schlichten Behauptungen sind in den vergangenen Jahren ein wenig relativiert worden. zu überleben und sich fortzupflanzen. Menschen seien von Grund auf egoistisch und jede echte Selbstlosigkeit sei dem Menschen wesensfremd.zu äußern. ob er denn nicht gerade eine selbstlose Handlung ausgeführt habe: »Angesichts solchen Elends habe ich mich elend gefühlt. was an Altruismus erinnerte. und man geht heute davon aus. wie er einem Bettler ein Almosen gab. antwortete er auf die Frage. und indem ich ihm geholfen habe.

was echte Selbstlosigkeit kennzeichnet. dass es in der Tat altruistische Menschen unterschiedlicher Art gibt. anderen Gutes zu tun. Die von Batson und seinem Forscherteam durchgeführten Experimente haben gezeigt. um die Hintergründe der auf Empathie beruhenden Hilfsbereitschaft zu untersuchen. die sich auch untereinander bekämpfen und aufgrund dessen allmählich aus der betreffenden Population verschwinden könnten. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen stützen die Empathie-Altruismus-Hypothese. Damit deutlicher erkennbar wird. denen zufolge jedes selbstlose Verhalten lediglich verkappter Egoismus sei. von nichts anderem motiviert als dem Wunsch.«5 Echte Selbstlosigkeit. Die »falschen Altruisten« helfen. weil sie den eigenen Kummer angesichts des 290 . müssen wir verschiedene andere Erklärungen entkräften. Wahre Selbstlosigkeit Die moderne verhaltenspsychologische Forschung zeichnet ein optimistischeres Bild. kann es demnach also .endlich auch aus diesem Blickwinkel . sind sie Egoisten gegenüber.geben.sichtslos egoistischen Menschen in Kontakt kommen.4 Wenn sich solche Altruisten allerdings zu Gruppen zusammenfinden und kooperieren. Alle aufgestellten Egoismus-Thesen konnten hingegen nur vereinzelt gestützt werden. evolutionär gesehen klar im Vorteil. Der Psychologe Daniel Batson schreibt: »Im Laufe der vergangenen fünfzehn Jahre haben andere Sozialpsychologen und ich mehr als zwei Dutzend Experimente durchgeführt. übervorteilt werden und schnell auf der Strecke bleiben.

oder aus einem Wunsch nach Anerkennung. Woher sollen wir wissen. oder um Schuldgefühle zu vermeiden. Forschungsergebnisse weisen darauf hin. ansonsten negativ beurteilt zu werden. wenn jemand anderes das Gleiche getan hätte. Im Unterschied dazu bieten »echte Altruisten« auch dann ihre Hilfe an. ob er sich genauso gefreut hätte. weil sie fürchten. das eigene Leben zu opfern. es kommt sie nicht zu teuer zu stehen). Genau das haben Batson und sein Team mit ihren ausgefeilten Studien deutlich gemacht. nicht die persönliche Befriedigung über die eigene Hilfsbereitschaft. Für einen echten Altruisten zählt nur das Resultat. sich allen 291 . ob ein sogenannter Altruist nur deshalb aktiv wird. als einzugreifen. helfen sie einem Menschen in Not (vorausgesetzt. Aber man kann dieses Beispiel auch in einem weiter gefassten Sinn verstehen. die wirklich bereit sind. Bietet sich ihnen aber eine Möglichkeit. um ihre Kinder zu retten. ein Eingreifen vermeiden könnten.Leids der anderen nicht ertragen können und die eigene emotionale Anspannung lösen wollen.denken wir nur einmal an die vielen Mütter. Denn im Buddhismus lernt der wahre Altruist. den schwer erträglichen Anblick des Leids zu umgehen oder sich. wenn sie sich leicht davonstehlen oder. Wenn ihnen keine andere Wahl bleibt. dass die echten Altruisten in westlichen Gesellschaften etwa fünfzehn Prozent der Gesamtbevölkerung stellen und Altruismus bei ihnen ein dauerhafter Charakterzug ist. aus dem Staub zu machen. Sie helfen auch. um auf seine gute Tat stolz sein zu können? Wir müssen herausfinden. greifen sie nicht häufiger ein als Menschen mit wenig entwickeltem Altruismus.6 Überall auf der Welt gibt es genügend Beispiele für echten Altruismus . ohne unangenehm aufzufallen. ohne Missfallen zu erregen.

sah er. Dola Jigme bahnte sich seinen Weg durch die Menge und rief: »Ich bin der Dieb!« Tiefes Schweigen senkte sich über den Platz. und niemand hätte ihm die geringste Beachtung geschenkt. Was sonst.Wesen gegenüber eine ebenso liebevolle Einstellung zu Eigen zu machen. damit das Leben eines Fremden verschont wurde. Als er näher kam. Jahrhundert gelebt. Dessen ungeachtet zeigt das Beispiel. die Konsequenzen für das zu tragen. Daraufhin starb er auf dem Pferd. der der Welt entsagt hatte. Dola Jigme war ein Mann. was du uns gerade gesagt hast?« Dola Jigme nickte. Der Mandarin. dass dort ein Dieb auf besonders grausame Weise zu Tode gebracht werden sollte: Er sollte ein eisernes Pferd besteigen. auf dem sich viele Menschen versammelt hatten. welch großes Potenzial zu altruistischem Handeln dem menschlichen Geist innewohnt. nicht für eine Familie sorgen musste oder für irgendeinen anderen Menschen verantwortlich war. das man bis zur Rotglut erhitzt hatte. Auf einer Pilgerreise nach China erreichte er eines Tages den Marktplatz einer kleinen Stadt. Er hätte also ohne Weiteres seines Weges gehen können. hat im 19. so zu handeln. könnte Dola Jigme in einem derart grauenhaften Fall zu solchem Verhalten motiviert haben? In jenem Land war er ein Fremder. der die Hinrichtung leitete. Dola Jigme Kälsang. wie Eltern sie ihren Kindern gegenüber an den Tag legen. wenn nicht unermesslich großes Mitgefühl mit dem zum Tode Verurteilten. 292 . und der Dieb blieb verschont. ein tibetischer Weiser. Hier handelt es sich natürlich um einen außergewöhnlichen Fall. Seine bedingungslose Nächstenliebe hat ihn dazu veranlasst. drehte sich zu dem Neuankömmling um und fragte unwirsch: »Bist du bereit.

sollte als Vergeltungsmaßnahme ein Exempel statuiert werden. die seit vielen Jahren meditieren. ruhiger Geist ist viel eher dazu 293 .7 Viel mehr als mit dem Leid des Opfers sind Letztere angesichts fremden Leids damit beschäftigt. von Angst. Dabei war die Wahl auf den Familienvater und neun weitere Häftlinge gefallen. weiter. Damit wir innere Freiheit gewinnen. uns nicht länger durch widerstreitende Emotionen die Hände gebunden sind. der sich bereit erklärte. Gleichgültig. selbstloser handeln als sehr emotionale Menschen. dass selbstlose Liebe und Mitgefühl Fertigkeiten sind. ist der nach Auschwitz deportierte Franziskanerpater Maximilian Kolbe. dass einigen Studien zufolge gerade diejenigen Menschen. sie kann auf jeden Fall gefördert werden. Beklemmung und Verstörtheit beherrschten Emotionen in den Griff zu bekommen. die eigenen. Ihr Schicksal sollte sein. die man im Laufe der Jahre durch Geistesschulung sehr weitgehend entwickeln kann. eindeutig darauf hin. eines aus der jüngeren Vergangenheit.Ein anderes Beispiel. anstelle eines Familienvaters in den Tod zu gehen. Interessant ist in diesem Zusammenhang. Wie wir im Kapitel »Glück im Forschungslabor« gesehen haben. weisen die Ergebnisse neuerer Studien mit Menschen. Ein freier. Menschen können von Grund auf altruistisch . kommen wir auch hier wieder nicht umhin. ob eine solche Haltung Teil unserer Veranlagung ist oder nicht. Nachdem einem anderen Gefangenen die Flucht geglückt war. die ihre Emotionen am besten steuern können. unsere extreme Selbstbezogenheit zu verringern.geprägt worden ist das Wort »Altruismus« erst 1830 von Auguste Comte als Gegenbegriff zu »Egoismus« im Innersten mehr um das Wohl der anderen als um ihr eigenes Wohl besorgt sein. an Hunger und Durst zu sterben.

Noch eine interessante Randnotiz in diesem Zusammenhang: Manchen Menschen. Selbst wenn wir launisch und leicht aufbrausend veranlagt sind. Beschimpfung oder gar Misshandlung des Täters wichtiger zu sein als die Hilfeleistung für das Opfer.weniger grundlegend als Liebe und Zuneigung.das Licht reinen Gewahrseins . als ein unablässig von inneren Konflikten heimgesuchter. eine leidvolle Situation aus einer altruistischen Perspektive zu betrachten. im Geist sich abspielenden Geschehnisse wirft. wie jemand anderes zum Opfer eines Angriffs oder anderweitigen Übergriffs wird. das die Dinge »erhellt«. Gold bleibt Gold Wenn wir den Blick nach innen wenden und den Geist ausgiebig erkunden. die miterleben. Mit Altruismus hat das keinesfalls etwas zu tun. Dieses Erkenntnisvermögen liegt sämtlichen Gedanken zugrunde. Hier können wir außerdem sehen. mit anderen Worten: ein Licht .imstande. bleibt von ihnen aber essenziell ebenso unbeeinflusst wie die Oberfläche eines Spiegels von den in ihm sich spiegelnden Objekten. Dies ist nichts weiter als Wut.auf die äußeren Phänomene und die inneren. dass die negativen Emotionen. wird Wut immer durch ein bestimmtes Ereignis ausgelöst. scheint die Verfolgung. Wut zum Beispiel. eher etwas Nebensächliches sind . dass seine ursprüngliche Natur in jenem grundlegenden Einsichtsoder Erkenntnisvermögen besteht. Meist entstehen sie als Reaktion auf eine Provokation oder eine andere sehr spezifische Begebenheit. sind jedoch keine dauerhaften Geisteszustände. Von 294 . können wir erkennen.

tun sich in der Gesellschaft überaus schwer.pathologischen Fällen einmal abgesehen. dass jemand über einen längeren Zeitraum von Hass erfüllt ist. Aber sie darf stets nur eine Episode sein. erlebt man außerordentlich selten. in Wut geraten. seine Gesundheit oder Freiheit wiederzuerlangen. haben wir das Gefühl. Ein Neugeborenes würde ohne die Zuwendung seiner Mutter nur wenige Stunden überleben. Ständig stehen sie vor Problemen und werden mit leidvollen Erfahrungen konfrontiert. wie man Liebe schenkt. aus der Haut zu fahren. Wir müssen Liebe empfangen. Liebe und Zuneigung sind da viel unentbehrlicher für unser langfristiges Überleben. dass alle Wesen ihrer Natur 295 . Altruismus und Mitgefühl sind demgegenüber weit grundlegendere Geisteszustände: Unabhängig von bestimmten Objekten oder spezifischen Reizen können sie uns im Sinn einer Lebenshaltung oder Seinsweise dauerhaft innewohnen. die ständig kurz davor stehen.zu erleben. diesen Geisteszustand häufiger zu erfahren . in Einklang mit unserer wahren Natur zu sein. indem wir beispielsweise einem Menschen oder einem Tier helfen. und beinahe durch jedes Hindernis. Wut kann uns helfen. Menschen mit einer feindseligen Grundhaltung. Alte und Kranke würden ohne die Fürsorge ihrer Mitmenschen ebenfalls schon bald sterben. Hindernisse zu überwinden. um zu wissen. egal wie geringfügig. ohne dass dieser sich gegen ein bestimmtes Objekt richtet. Handeln wir hingegen spontan uneigennützig. Nach einem Wutanfall sagen wir oft »Ich war außer mir« oder »Ich war nicht mehr ich selbst«. Wie wäre es. oder ihnen gar das Leben retten. wie die illusionären. vom Selbst künstlich errichteten Barrieren verschwinden und das Gefühl der Verbundenheit mit unserem Mitmenschen zum Ausdruck bringt.

wie es der Dichter Tagore ausgedrückt hat. selbst wenn es bei manchen so scheint. ein bekannter Jesuit. in welchem Verhältnis beides zueinander steht: Sie bedingen und verstärken einander. dem Schönen in einem Menschen gelten. Letzten Endes öffnen wir uns ihr . Ich bin zutiefst davon überzeugt. dass der Mensch seinem Wesen nach gut ist. die das Webmuster unseres Lebens entstehen lassen und unsere Lebensweise prägen. Hören Sie. an dem wir sie völlig aus den Augen verloren haben. Gold bleibt Gold. als sei ihr Herz verschlossen und als seien ihre Augen blind.nach voneinander abhängig und aufeinander angewiesen sind? Destruktive Geistesfaktoren sind Abweichungen. Freude und Zufriedenheit stehen 296 .nun kommt immer deutlicher zum Vorschein.bis zu jenem Punkt. Jeder Mensch ist ein Ton im >großen Konzert< des Daseins. immer Ausschau halten nach dem. was die innere Größe und Erhabenheit unseres Gegenübers ausmacht. ungeachtet der Religion. Unsere Mitmenschen.immer. Die destruktiven Emotionen sind nur Schleier. was Pater Pierre Ceyrac mir erzählt hat. Niemand kann dem Ruf der Liebe widerstehen. Unser Blick sollte stets dem Guten.« Über Herzensgüte verfügen und glücklich sein . Doch nichts ist unwiderruflich für immer verloren. selbst wenn es von einer dicken Schmutzschicht überzogen ist. all unsere Mitmenschen. der Herkunft oder der persönlichen Überzeugungen. und sie zeugen beide vom Einssein mit unserer innersten Natur. sind diejenigen. der sich im Laufe der vergangenen sechzig Jahre als Missionar in Indien um dreißigtausend Kinder gekümmert hat: »Trotz allem beeindruckt mich immer wieder die Güte der Menschen. Niemals zerstören. die uns allmählich immer weiter von unserer wahren Natur entfernen .

297 . vertreibt man im Handumdrehen das Leid und sorgt dafür. dass wiederum Güte sich entwickelt. dass dauerhafte Erfüllung an dessen Stelle tritt.in inniger Verbindung zu Liebe und Zuneigung. Indem man Güte entwickelt und sie zum Ausdruck bringt. der natürliche Widerschein innerer Freude. Kummer und Sorgen hingegen gehen mit Egoismus und Feindseligkeit Hand in Hand. Und umgekehrt ermöglicht die allmähliche Verwirklichung echten Glücks.

dass wir aufgehört haben. Welches Bild sollen wir denn in die Welt projizieren? Politiker und Filmstars haben »Medienberater«. noch besser in Erscheinung zu treten. uns noch besser zu präsentieren. das. Eine tibetische Redensart drückt das in folgendem Bild aus: »Das Wasser der guten Eigenschaften sammelt sich nicht auf der Spitze eines stolz in die Höhe ragenden Felsens. über jene Eigenschaften zu verfügen. das wir von uns entwerfen . dass wir uns einbilden. dass wir vernarrt sind in die wenigen guten Eigenschaften. auf dem Boden abgestellt. Selbstgefälligkeit in gesteigerter Form.Kapitel 18 Glück und Demut In einem demütigen Geist verfliegt Stolz wie der Morgennebel. muss man zunächst einmal überzeugt sein. an denen es uns in Wahrheit mangelt.« Und umgekehrt: »Demut gleicht einem Gefäß. Dilgo Khyentse Rinpoche Wie oft im Laufe eines Tages leiden wir unter verletztem Stolz? Stolz. nicht zu wissen. den Regen der guten Eigenschaften in sich aufzunehmen.« In der heutigen Welt ist Demut ein in Vergessenheit geratener Wert. deren Aufgabe einzig die Imagepflege ist: Sie sollen der Öffent299 . bereit ist. die Gültigkeit der Erscheinungswelt zu hinterfragen. beruht darauf. und oft auch darauf. Stolz verhindert jeden inneren Fortschritt.beschäftigt. die wir haben. und stattdessen unaufhörlich nach Wegen suchen. Wir sind derart mit Selbstdarstellung -mit dem Bild. Denn um zu lernen.

Das zeigt. dass man sie fast ins Museum für ausgemusterte. ein möglichst makelloses Image präsentieren. eine Unbefangenheit. einer mit Hilflosigkeit einhergehenden Niedergeschlagenheit. die so selten geworden ist. menschliche Werte stecken könnte? Allzu oft wird »Demut« mit Selbstverachtung assoziiert. Wo bleibt in alledem Raum für Demut.lichkeit ein besonders vorteilhaftes Bild von ihrem Klienten vermitteln. Der wahrhaft demütige Mensch weiß nie. Die spanischen Konquistadoren und ihre Bischöfe 300 . Auf der kollektiven Ebene drückt sich Stolz in der Überzeugung aus. ist solch ein Mensch offen für andere und sieht sich als Bestandteil des aus wechselseitiger Bedingtheit gewobenen Geflechts. Mittelpunkt der Welt zu sein. Kirpal Singh sagt: »Wahre Demut bedeutet Unbefangenheit. wie sehr die positiven Seiten der Demut unterschätzt werden. Diese Haltung dient oft als Vorwand für die »Erschließung« der Ressourcen unterentwickelter Länder.«1 Da er nicht das Gefühl hat. jene Eigenschaft. mit mangelndem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. nichts wert zu sein. In Zeitschriften gibt es immer mehr dementsprechende Seiten mit Aufmachern über »Menschen der Woche« oder Listen derjenigen Personen. die mit einschließt. als Nation oder ethnische Gruppe anderen überlegen zu sein. Mitunter wird dafür sogar das passende Lächeln eingeübt. dass er demütig ist. S. als Hüter der wahren zivilisatorischen Werte dazustehen und »unwissenden« Völkern oder Einzelpersonen dieses »überlegene Modell« mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln aufoktroyieren zu müssen. wenn nicht gar mit einem Minderwertigkeitskomplex oder dem Gefühl. weil aus der Mode gekommene. die gerade »in« oder »out« sind. dass man nicht in der Vorstellung von eigener Demut befangen ist.

die unsere verborgenen Fehler aufdeckt«. wenn sie von außen wahrgenommen wird. In chinesischen Schul. Die unausweichliche Desillusionierung kann zu Selbsthass führen (wenn wir erkennen. dass man ihm einen großen Gefallen tut. hat La Rochefoucauld geschrieben und stößt damit ins selbe Horn wie die tibetischen Weisen. Wird er gelobt.und Lehrbüchern werden die Tibeter weiterhin als rückständige Barbaren und der Dalai Lama als Monster bezeichnet. bevor sie sich daran begaben.haben die riesigen Bibliotheken der Maya und Azteken in Mexiko verbrannt. Wird er kritisiert. Vor allem aufgrund von Stolz war es den Chinesen möglich. die gerne daran erinnern. zu ignorieren. hat er das Gefühl. dass »diejenige Unterweisung die beste ist. dass solch ein. innerer Notstand nicht eintritt. sechstausend solcher Zentren der Gelehrsamkeit dem Erdboden gleichzumachen. Frei von Hoffnung und 301 . sondern die Demut gepriesen wird. dass nicht er. dass sie nützliche Kritik trügerischem Lob vorziehen«. Inwiefern ist Demut eine Voraussetzung für wahres Glück? Hochmütige und narzisstische Menschen zehren von Illusionen. Für einen demütigen Menschen gibt es nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen. Im Unterschied zur Affektiertheit. gründet die Demut ganz natürlich in innerer Freiheit. hat er das Gefühl. die nur Bestand haben kann. »Nur wenige Menschen sind so weise. völlig unnötiger. Kaum ein Dutzend Bände sind übrig geblieben. dass Hunderttausende philosophische Texte in den tibetischen Klöstern aufbewahrt wurden. dass wir den eigenen Erwartungen nicht gerecht werden können) und zu einem Gefühl der inneren Leere. Durch Demut können wir erreichen. die ständig mit der Realität kollidieren. indem man ihn auf seine Fehler hinweist.

Man sollte gar nicht erst versuchen. Auch in der Körpersprache drückt Demut sich als völlige Abwesenheit von Hochmut und Affektiertheit aus. eher zu Aggressivität neigen als der Bevölkerungsdurchschnitt. dessen Äste sich unter dem Gewicht der zahllosen Früchte bis herab zum Boden neigen. sondern ergibt sich aus der klaren Wahrnehmung eines sinnvollen Zieles. einen mit dem Wald bestens vertrauten Waldbewohner zu überreden.Furcht geht der Demütige leicht und unbeschwert durchs Leben. Sozialpsychologische Studien haben ergeben. und dabei bleibt er. Der Hochmütige gleicht da eher einem kahlen.« Diese Konsequenz hat nichts mit Halsstarrigkeit oder Sturheit zu tun. Auf 302 . zu vergeben. der zu einer unüberwindlichen Felswand führt. unfruchtbaren Baum. die sich anderen überlegen fühlen. beurteilen die Fehler ihrer Mitmenschen oft strenger und betrachten sie als weniger verzeihlich. Der demütige Mensch trifft seine Entscheidungen auf der Grundlage dessen. was er für richtig hält. die das Gefühl haben. etwas Besseres zu sein.2 Diese Studien beleuchten auch den Zusammenhang zwischen Demut und der Fähigkeit. innerlich unbeugsam wie der Nacken eines Yaks. In einem tibetischen Sprichwort heißt es diesbezüglich: »Äußerlich ist er sanft wie eine schnurrende Katze. Demut findet man unweigerlich bei einem Weisen: Man könnte ihn mit einem Baum vergleichen. ohne sich Gedanken über sein »Image« oder die Meinung der anderen zu machen. denjenigen Weg einzuschlagen.3 Menschen. Als innere Haltung hat auch die Demut vor allem die anderen und ihr Wohlergehen im Blick. Paradoxerweise stärkt Demut den Charakter. der seine Äste stolz in die Luft reckt. dass Menschen.

Jederzeit ist er aufmerksam und fürsorglich.« Oder: »Ich bin ein verwirklichter Meditierender. den Mönchen des Klosters Unterweisungen zu geben. über welche Einsicht oder Gelehrsamkeit sie verfügen. Als er kurze Zeit später wieder in der Halle auftauchte. Die Begegnung dieser bemerkenswerten Männer war voller Witz und heiterer Einfachheit. Schnurstracks ging er auf sie zu und ließ sich von ihnen durch die Küche führen. von Güte erfüllte Demut dieses auf der ganzen Welt hoch geachteten Mannes sehen. ein paar Köche bemerkt. das sei nur falsche Bescheidenheit oder eine kulturelle Marotte. jedem einzelnen Menschen gegenüber. Menschen aus dem Westen sind oft überrascht. ja amüsant sein. als seien sie sich nicht darüber im Klaren. wenn sie große asiatische Gelehrte oder Meditationslehrer sagen hören: »Ich bin nichts. in der das Europaparlament ihm zu Ehren ein Bankett veranstaltete. kann diese Haltung sehr anrührend. die ihn durch eine halb offene Tür beobachteten.« Sie meinen dann. Im Verlauf des Gesprächs bat Khyentse Rinpoche die Besucher. wie viel mehr es noch zu lernen gilt. und ich weiß nichts. sagte er zum Parlamentspräsidenten und den fünfzehn Vizepräsidenten: »Es riecht gut!« Das war eine schöne Art. Einer der Gelehrten antwortete ganz 303 . Vielmehr zeigt ihnen eben diese Gelehrsamkeit. bei einer so steifen Veranstaltung das Eis zu brechen. Einmal hat er beim Betreten der Halle. Doch in Wahrheit denken diese Weisen einfach nicht: »Ich bin weise.meinen Reisen mit Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama konnte ich mit eigenen Augen die unermessliche. Wenn man das erst einmal verstanden hat.« Ihre Demut sollte man nicht dahingehend missverstehen. So zum Beispiel bei einem Besuch zweier großer tibetischer Gelehrter bei Dilgo Khyentse Rinpoche in Nepal.

304 . fort: »Und er weiß auch nichts!« Für ihn war es ganz selbstverständlich. Und der nickte auch sogleich zustimmend. auf seinen Kollegen deutend. aber ich weiß nichts!« und fuhr dann. dass der andere Gelehrte das Gleiche gesagt hätte.unbefangen: »Oh.

die erste müsse es sein. und bin zu dem Schluss gekommen. Da habe ich mich gefragt. welche Sicht der Dinge denn nun die richtige sei. fremd.Kapitel 19 Optimismus. die uns nun stumpf und eintönig. Plötzlich erschienen mir die Blüten halb welk. ist es nicht mehr ganz stimmig . Alain Eines Morgens betrachtete ich im Hof des Klosters einen Baum mit ein paar roten Blüten und einem Dutzend Spatzen. und das Zwitschern der Spatzen begann. fern und mitunter feindselig erscheint. bekommt alles einen etwas unglaubhaften Beiklang. der Baum nichtssagend und uninteressant. die Welt und ihre Lebewesen spontan anzunehmen und jede aus Selbstbezogenheit resultierende Scheidelinie zwischen uns und der Welt fortzuwischen. Pessimismus und Naivität Der Regen war ihr ebenso lieb wie der Sonnenschein. Halten wir hingegen an einer negativen Wahrnehmung der Phänomene fest. weil sie eine offene. Was ich erblickte. Kurz darauf habe ich meinem Geist eine düstere Stimmung aufgedrängt und alle möglichen negativen Emotionen in mir heraufbeschworen. mir auf die Nerven zu gehen.wir fühlen uns »abgeschnitten« von der Welt. kreative und befreiende Haltung mit sich brachte und größere Zufriedenheit schenkte. deren Anblick das Auge erfreut. ließ mich im Innersten frohlocken und eine unermesslichen Reinheit der Phänomene empfinden. Ihre letzten Gedanken hatten die fröhlichen Farben lieblicher Blumen. Aus dieser Haltung erwächst die Bereitschaft. 305 .

ist der Ansatz des Optimisten tatsächlich wirklichkeitsnäher und pragmatischer. leicht depressive Menschen hätten einen »realistischeren« Blick auf die Welt. aber auch die persönlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten zur Bewältigung von Situationen zu überschätzen. dass der Pessimist mit offenen Augen durch die Welt geht und Situationen klarer einschätzt als der Optimist. wie sie sind«. aber man muss die Dinge sehen. könnte er sagen. während der Optimist ein genialer. denken wir.1 Außerdem befassen sie sich aufmerksam und 306 . dass die objektive. distanzierte und ängstliche Sichtweise des Pessimisten unangemessen ist. dass die Wirklichkeit nicht immer der reinste Spaß ist. dass längere Sonneneinstrahlung das Risiko von Hautkrebs erhöht. »Mag sein. Das scheint darauf hinzudeuten. Weitere Studien haben gezeigt. Zeigt man beispielsweise einer Gruppe von Kaffee trinkenden Frauen aus allen Bevölkerungsschichten einen Bericht über das mit Koffein verbundene Brustkrebsrisiko oder informiert man eine Gruppe von Sonnenbadenden darüber. bei angenehmen Begebenheiten länger zu verweilen als bei schmerzlichen Situationen. Ferner neigen sie dazu. erinnern sich die Optimisten eine Woche später genauer an Einzelheiten des Berichts als die Pessimisten und haben ihr Verhalten häufiger entsprechend geändert.Die unbegründeten Einwände gegen den Optimismus Viele Psychologen waren lange der Meinung. Denn Optimisten tendieren dazu. aber unverbesserlicher Träumer ist. Doch so ist es eben gerade nicht. »Das Leben wird ihn schon bald wieder auf den Boden der Tatsachen bringen«. Geht es um reale Alltagssituationen. früher Geleistetes.

5 Es wurde nachgewiesen. bessere Chancen haben.fast siebzehn zusätzliche Jahre für einen Achtzigjährigen. Vierzig Jahre später zeigte sich. wenn etwas in ihrem Leben schiefgeht.2 So bleiben sie innerlich gelassener als die Pessimisten und sparen sich ihre Kräfte für echte Gefahrensituationen auf.3 Unter neunhundert Patienten eines amerikanischen Krankenhauses. dass die Optimisten durchschnittlich eine um neunzehn Prozent höhere Lebenserwartung hatten als die Pessimisten . depressiv zu werden. sind die Optimisten gegenüber den Pessimisten eindeutig im Vorteil. wie Menschen die Ereignisse in ihrem Leben wahrnehmen. bessere Beziehungen haben. in der Schule. die sie tatsächlich betreffen. wurde eine Langzeitstudie durchgeführt. im gewählten Beruf bessere Leistungen erbringen. beim Sport und in den meisten Jobs erbringen sie schlechtere Leistungen. alle im Jahr 1960 dort eingeliefert beziehungsweise aufgenommen. Viele Studienergebnisse zeigen. dass Pessimisten ein achtfach höheres Risiko haben. dass sie bei Prüfungen besser abschneiden. einen postoperativen Schock zu überleben. Wenn wir beobachten. indem sie Hindernissen mit einer aufgeschlossenen und kreativen Haltung begegnen.gezielt mit den Risiken. dass Pessimismus eine Depression und die anderen genannten Schwierigkeiten verschlimmert und 307 . anstatt sich ständig unnötig über alles Mögliche Sorgen zu machen. den gegenwärtigen Augenblick zu schätzen wissen und ihre Zukunft gestalten. länger und gesünder leben. als man aufgrund ihrer Begabung von ihnen erwarten könnte.4 Darüber hinaus behauptet Martin Seligman. und weniger anfällig für Depressionen und Selbstmordgedanken sind. Der Grad ihres Optimismus und andere psychische Merkmale wurden anhand von Tests und Fragebögen ermittelt.

und so erwartet er stets. verlassen oder übersehen zu werden. ihren Pessimismus durch eine Änderung ihrer Sichtweise zu überwinden. in helle Aufregung zu geraten. Mürrisch. Psychologen beschreiben Pessimismus als »Erklärungsmodell« der Welt.« Der Pessimist dagegen glaubt. es läuft immer auf dasselbe hinaus. reizbar und nervös. das zu »erlernter Hilflosigkeit« führt. das jeweils mit einer bestimmten Situation in Zusammenhang steht. Wenn man solchen Menschen hilft. glücklich zu sein. seine Probleme seien von Dauer: »Solche Dinge lösen sich nicht einfach in Wohlgefallen auf. Zwei Möglichkeiten. sind sie deutlich weniger anfällig für einen depressiven Rückfall. 308 . steht zu Pessimismus in enger Verbindung. hat er weder Vertrauen in die Welt noch in sich selbst. dass sie seine gesamte Existenz bedrohen und er sie nicht kontrollieren kann: »Was soll ich denn dagegen tun?« Ferner ist er davon überzeugt. und erklärt seinen Mitmenschen: »Was ich auch anpacke. Das bekomme ich schon in den Griff . Dafür gibt es klare Gründe.« Und daraus schließt er: »Mir ist es einfach nicht gegeben. der seine Probleme als etwas Vorübergehendes und Beherrschbares betrachtet. Er sagt sich: »Kein Grund. unter dem heute so viele Menschen leiden. herumgeschubst.« Er hat die Vorstellung.nicht umgekehrt. dass mit ihm grundsätzlich irgendetwas nicht stimmt.hat ja sonst auch immer geklappt. die Welt zu sehen Ein Optimist ist ein Mensch. wie er ist. Der Pessimist rechnet immer mit einer Katastrophe und wird zum Opfer seiner notorischen Sorgen und Zweifel.« Das Gefühl der Unsicherheit.

« Während er sich allmählich dem Haus näherte. schrie er ihm entgegen: »Du kannst deinen Wagenheber behalten. Das ist eine Tatsache. wenn es dafür überhaupt keinen Grund gibt. Während er zu dem Haus hochkraxelte. so stellte er fest. auf halber Höhe in einen Hang gebaut. Zu allem Unglück. Und in den meisten Fällen gelingt es ihm auch. Was für ein schändliches Verhalten!« Endlich klopfte er an die Eingangstür. mir einen Wagenheber zu borgen? Es wäre ziemlich schäbig. wenn der Hausbesitzer nicht bereit ist. 309 . wurde er immer wütender. nein. Jedes Mal. ganz gleich. mich hier hängen zu lassen. leitete er seine Antwort automatisch mit einem »Nein. dass er seine Ziele erreichen kann und sie mit Geduld. und als der Hausbesitzer öffnete. »Was ist. was er danach sagte.Hier ein kleines Gleichnis zu diesem Thema: An einem schönen Sommertag hatte ein Autofahrer irgendwo mitten auf dem Land eine Reifenpanne. Es war eine völlig entlegene Gegend. du Mistkerl!« Der Optimist hingegen vertraut darauf. Entschlossenheit und Intelligenz schließlich auch wirklich erreichen wird. mit dem ich oft zu tun hatte. »So etwas würde ich einem Fremden nie antun. begann er nachzudenken. Im Alltag geht der Pessimist selbst dann mit der Erwartungshaltung an die Dinge heran. hatte er keinen Wagenheber dabei. was unseren Unterhaltungen manchmal eine gewisse Komik verlieh. Nach einigen Minuten des Zögerns beschloss der Reisende. Ich erinnere mich an einen bhutanesischen Beamten. dass man ihm eine Abfuhr erteilen beziehungsweise er nichts ausrichten können wird. nein« ein. wenn ich ihm eine Frage stellte. Nur ein einziges Haus war zu sehen. sich dort einen Wagenheber auszuleihen.

Wir können immer etwas verbessern (anstatt am Boden zerstört zu sein. den man kultivieren kann. Bei Alain heißt es: »Wie wunderbar wäre die menschliche Gesellschaft. das Leben zu betrachten. und Glück ein Zustand. weil unser Geist formbar ist. könnte man sich unverzüglich an die Arbeit begeben.« Wären Pessimismus und Leid so unveränderlich wie unsere Fingerabdrücke oder unsere Augenfarbe. halten Sie sich um neun Uhr zur Abfahrt bereit. nicht unbedingt lauthals zu verkünden. den Schaden begrenzen (anstatt alles den Bach runtergehen zu lassen). nein. zu resignieren oder empört zu sein). wäre es sicher feinfühliger. und selbst wenn die Menschen.. statt angesichts der Asche Tränen zu vergießen!«6 Selbst wenn wir schon eine gewisse Neigung mitbringen. Ist Optimismus jedoch eine bestimmte Art und Weise. kann sich diese Sicht der Dinge später noch beträchtlich ändern. nach dem Silberstreifen am Horizont Ausschau zu halten. nach alternativen Lösungen suchen (anstatt uns in Selbstmitleid über unser Scheitern zu suhlen). welche Vorteile eine optimistische Haltung mit sich bringt. würde jeder mit eigenem Holz dazu beitragen.»Meinen Sie. nein.. Hoffnung Ein Optimist sieht überhaupt keinen Sinn darin. unser Weltbild ein wenig in Richtung Pessimismus oder Optimismus beeinflussen. die man sich zu Eigen machen. dass das Feuer weiterbrennt. die uns großziehen. das zunichte Gewordene wiederher310 . . den Kopf in den Sand zu stecken. wir können morgen früh aufbrechen?« »Nein.

die Notwendigkeit anhaltenden Bemühens in die aus unserer Sicht bestmögliche Richtung erkennen (anstatt uns von Unentschlossenheit und Fatalismus lähmen zu lassen) und jeden einzelnen Moment nutzen. Krankheiten. Manche Menschen betrachten die Dinge so wie der australische Farmer. Psychologen definieren Hoffnung als die Überzeugung. die gegenwärtige Situation als Neuanfang betrachten (anstatt unsere Zeit damit zu verschwenden. wie den Einhandsegler Jacques-Yves Le Toumelin. der angesichts seines 1944 von den Deutschen in Brand gesetzten ersten Bootes Rudyard Kipling zitiert hat: »Wenn du siehst. noch einmal ganz von vorne anfangen (anstatt an dieser Stelle einen Schlusspunkt zu setzen). und dich gleich wieder an die Arbeit machen kannst. auf sich allein gestellt. die Welt umsegelt.« Und es gibt andere. dass man Mittel und Wege finden kann. körperliche Einschränkungen und Behinderungen erträglicher macht und die Schmerztole311 . zu handeln und uns inneren Wohlbefindens zu erfreuen (anstatt unsere Zeit damit zu vertrödeln. Es ist bekannt.stellen (anstatt zu sagen: »Jetzt ist alles aus und vorbei!«). bist du ein Mann. mein Sohn. dass Hoffnung bei Sportlern und bei Studenten in Prüfungssituationen leistungssteigernd wirkt. der während der Buschfeuer im Jahr 2001 in einem Radio-Interview gesagt hat: »Ich habe alles verloren und werde mir nie wieder so ein Leben aufbauen können wie zuvor. dankbar zu sein. um uns weiterzuentwickeln.« Umgehend hat er ein neues Boot gebaut und mit diesem. über Vergangenem zu brüten und die Zukunft zu fürchten). der Vergangenheit nachzutrauern und über die Gegenwart zu jammern). wie dein Lebenswerk zerstört wird. seine Ziele zu erreichen und die dazu notwendige Motivation zu entwickeln.

ranz bei verschiedensten Arten von Schmerzen (beispielsweise bei Verbrennungen. Wir sagen uns: »Oh.) erhöht.7 Entschlossenheit Es gibt viele Formen der Trägheit. man kann sie allerdings drei Hauptkategorien zuordnen. aus dem Rennen bereits auszusteigen. das ist nichts für mich. bevor wir auch nur die Startlinie überquert haben. hält er vor allem unter schwierigen Bedingungen länger durch und ist öfter erfolgreich als der Pessimist. schlafen und darüber hinaus so wenig wie möglich tun. verschiebt es aber immer wieder auf später. denen eine solche Einstellung fehlt. Bei der ersten und offensichtlichsten läuft alles auf drei primäre Ziele hinaus: gut essen.« Bei der dritten und bösartigsten Form der Trägheit weiß man zwar. belanglosen Dingen beschäftigt. dass Menschen mit deutlicher Neigung zu einer hoffnungsvollen Grundeinstellung den Kontakt mit einer sehr kalten Oberfläche doppelt so lange aushalten können wie diejenigen.8 312 . Wirbelsäulenverletzungen etc. worauf es im Leben wirklich ankommt. Der Optimist gibt nicht so schnell auf. das übersteigt meine Fähigkeiten bei Weitem. Die zweite und lähmendste bringt uns dazu. Arthritis. während man sich mit tausend anderen. die nichts zur Lösung der Probleme beitragen können. Gestärkt durch die Hoffnung auf Erfolg. in Resignation zu verfallen oder sich vorübergehenden Ablenkungen zuzuwenden. vor Schwierigkeiten zurückzuschrecken. Im Rahmen einer Studie wurde mithilfe einer speziellen Methode zur Messung der Schmerztoleranz nachgewiesen. Der Pessimist neigt dazu.

von den chinesischen Behörden akzeptiert zu werden. müssen Sie damit rechnen. als ob es sich um zwei verschiedene Welten handele. um dort über Möglichkeiten zu sprechen. Der eine meint. dass alles ein gutes Ende nimmt. sodass der Unterricht letztendlich doch auf Chinesisch stattfinden wird. Kurz. Und schließlich dürfen Sie eines nicht vergessen: Ihnen fehlt jede Handhabe. denkt der Optimist. bei jedem Projekt das Scheitern bereits vorhersieht (nicht jedoch die Entwicklungs-. Vor einigen Jahren bin ich nach Frankreich gereist. dass sie sich öffnet. wie wollen Sie eigentlich die Erlaubnis zum Bau einer Schule bekommen? Selbst wenn es Ihnen gelingen sollte. dass sie sich schließt. die Wachstumsmöglichkeiten und den Ertrag . wenn eine Tür quietscht. Außerdem. und Sie werden wahrscheinlich sofort aus dem Land geworfen. sie zu bauen. Etwa fünfzehn Minuten nach Beginn der Veranstaltung sagte jemand Folgendes (und meinte damit mich und einen anderen Teilnehmer): »Sie sprechen über ein und dieselbe Sache. Alles Neue empfindet er als Bedrohung und fürchtet stets das Eintreten einer Katastrophe.« Der erste Redner hatte gesagt: »Zunächst einmal besteht kaum eine Chance. von den Vertragspartnern hintergangen zu werden. alles wird schiefgehen. weil er alles und jeden anzweifelt. und der andere ist überzeugt. einen Unterricht in tibetischer Sprache durchzusetzen. und der Pessimist. ungeachtet der von der chinesischen Regierung auferlegten Beschränkungen in Tibet humanitäre Projekte durchzuführen.die langsam heranreifende Frucht) und in jedem Menschen einen Betrüger oder Egoisten wittert.Der Pessimist zeigt wenig Entschlossenheit.« Ich persönlich empfand die Diskussion als läh313 . die mit den korrupten örtlichen Behörden unter einer Decke stecken.

und mein einziger Gedanke war. erreicht. In vielen Fällen haben unsere Freunde vor Ort die Baugenehmigung erst beantragt. der sich von vorneherein auf zehn Projekte beschränkt. Die meisten Menschen. 314 . Seither haben wir in Zusammenarbeit mit einem besonders engagierten Freund und dank der Unterstützung mehrerer großzügiger Spender sechzehn Gesundheitszentren. Menschen in Not zu helfen. Inzwischen wurden in diesen Einrichtungen Tausende von Patienten versorgt und Schüler unterrichtet. Das trifft natürlich nicht immer zu. acht Schulen und zwölf Brücken gebaut. weil sie diese Projekte in ihre Statistiken aufnehmen können. Schlupflöcher im Netz der Bürokratie ausfindig zu machen und die Projekte in Angriff zu nehmen. Doch selbst dann ist dies noch ein fruchtbarer Ansatz. die sich über das extreme Missverhältnis zwischen der Größe der Aufgabe und den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln kühn hinwegsetzen. die er zielstrebig und engagiert voranbringt. in denen sie sich angesichts der Armut und Unterdrückung zu tatkräftiger Hilfe inspirieren lassen. Malcolm McOdell. Der Pessimist hingegen. weil er wenig Energie in eine Aufgabe steckt. Obwohl die lokalen Behörden anfangs nur zögernd ihre Zustimmung gaben. verwirklicht bestenfalls fünf (und oft weniger). Mag der Optimist beim Blick in die Zukunft auch ein wenig leichtsinnig sein. sind sie jetzt begeistert. die ich immer wieder in Ländern antreffe. als der Bau der Klinik oder Schule schon abgeschlossen war. sind Optimisten. von deren Scheitern er von Anfang an überzeugt ist. so schnell wie möglich von dort zu verschwinden. weil er von hundert geplanten Projekten. Aus unserer Sicht haben wir unser Ziel.mend. Einer meiner Freunde. zu guter Letzt werde schon alles klappen. am Ende fünfzig verwirklichen wird. indem er sich sagt.

erklärt er. völlig unmöglich. Deren Grundlage ist die »anerkennende Befragung«. stelle ich die entscheidende Frage: >Wer von den Anwesenden ist bereit.« Dieser Ansatz ist Lichtjahre von der Vorgehens weise der Bedenkenträger entfernt . einfach alles.leistet gemeinsam mit seiner Frau seit über dreißig Jahren in Nepal Entwicklungshilfe. das Denken wird freier. »beklagen sich die Leute als Erstes über ihre Probleme. wie sie all diese Qualitäten mit vereinten Anstrengungen für ihr Dorf nutzen könnten. Dann sage ich zu ihnen: Moment mal. und die Arbeit beginnt innerhalb weniger Tage.sie erreichen weniger. McOdell konzentriert sich besonders auf die Verbesserung der Lebensbedingungen nepalesischer Frauen. manchmal am Abend um ein Lagerfeuer. in einer weniger guten Qualität und dies weniger schnell. Etwa dreißigtausend von ihnen ist seine Initiative bis heute zugute gekommen. hier und jetzt Verantwortung für diesen oder jenen Teil des Projekts zu übernehmen?< Hände schnellen in die Höhe. Sobald sie einen Plan gefasst haben. welche besonderen Vorzüge und Stärken euer Dorf und jeder Einzelne von euch hat. was positiv in die Waagschale fällt. dass ihr nur Probleme habt. Mit neu erwachter Begeisterung begeben sich die Dorfbewohner dann an die Aufgabe. Wir setzen uns dann zusammen. und die Zunge löst sich. eine Liste zu erstellen. auf der schließlich all ihre Talente und Fähigkeiten aufgeführt sind. 315 . sich auszumalen. eine außerordentlich praktische Anwendung der optimistischen Grundhaltung. Gleich anschließend bitte ich sie. Versprechen werden gegeben. »Immer wenn ich in ein Dorf komme«. Erzählt mal was darüber.

Schlaf. Drogen. keine Reue und keine Schuldgefühle. sich selbst bereitwillig als »bloße Schachfigur im Spiel des Lebens« zu sehen. sich eine neue Lösung auszudenken. nachdem er jede Lösungsmöglichkeit durchdacht und sorgfältig geprüft hat.9 Anstatt sich diesen mit Entschlossenheit zu stellen. dass es nicht funktionieren wird. selbst wenn er zeitweilig Fehlschläge hinnehmen muss. sich auszumalen. finden eine Alternativlösung oder wenden sich einem neuen Projekt zu. sodass sich ihre Probleme häufig wiederholen. sich Illusionen zu machen. sehr schnell das Positive im Negativen zu sehen. dass sich die ganze Welt gegen sie verschworen habe. dass sich wie durch ein Wunder alle Probleme in Wohlgefallen auflösen. verstehen es. einen Schritt zurückzutreten. und ist immer bereit. Gelassenheit Der Optimist kennt. Sie akzeptieren die Fakten. Es ist immer wieder dasselbe.oder Alkoholmissbrauch -. Isolation.Anpassungsfähigkeit Wenn Schwierigkeiten unüberwindlich zu sein scheinen. Sie haben eine fatalistischere Lebenseinstellung (»Ich habe dir doch gleich gesagt. ziehen sie es vor. was ich auch anfange«) und sind nur zu schnell damit bei der Hand. Pessimisten würden sich dagegen den Problemen eher entziehen oder nach irgendeiner Art von Zerstreuung oder Unterhaltung suchen . oder darüber zu klagen. ohne die Last ver316 . zu grübeln. Er weiß. wann es angebracht ist. reagieren Optimisten konstruktiver und handeln kreativer. Aus Erfahrungen zu lernen fällt ihnen schwer. die sie von den Problemen ablenkt.

Nach etwa einer halben Stunde stand ich auf und machte mich in der angenehm kühlen Abenddämmerung mit meiner kleinen Tasche zu Fuß auf den Weg nach Kathmandu. Da saß ich nun auf dem Bürgersteig vor dem Flughafen auf meiner Reisetasche und scherzte mit den Trägern und den Straßenkindern. war gegenstandslos geworden. das durch die Gewässer des Lebens segelt.gangener Fehlschläge mit sich herumzuschleppen. hat mir einmal von folgender Begebenheit erzählt: Er musste einen Flug nach Holland nehmen.« Mir kommt da eine Reise nach Osttibet in den Sinn. der in Nepal lebt. die dort herumstrolchten. aber da war wirklich nichts zu machen. Die Sponsoren hatten eine Halle gemietet und die Veranstaltung in verschiedenen Zeitungen angekündigt. dass der Flug gestrichen worden war und es an diesem Abend auch keinen Ersatzflug geben werde. Seine Zuversicht ist so stabil und widerstandsfähig wie der Bug eines Schiffes. so sagte er mir. Auf der von Schlaglöchern übersäten Straße 317 . »Für die Sponsoren«. Einer meiner Freunde. Sintflutartige Regenfälle hatten infolge der nahezu vollständigen Abholzung des tibetischen Baumbestandes durch die Chinesen zu katastrophalen Überschwemmungen geführt. das ich eben noch vor Augen hatte. denen ich gerade Lebewohl gesagt hatte. Am Flughafen erfuhr mein Freund. Eine tiefe innere Ruhe stellte sich ein. So wahrt er Gelassenheit. Sich vor Sorgen zu verzehren hätte wirklich niemandem etwas gebracht. und das Ziel. Ich empfand eine wundervolle Heiterkeit angesichts dieser Freiheit. Hinter mir lag der Moment des Abschieds von meinen Freunden. bei ruhiger wie bei rauer oder stürmischer See. Sie erwarteten über 1000 Zuhörer. um dort am darauffolgenden Tag einen wichtigen Vortrag zu halten. »hat es mir sehr leidgetan.

Die in der gelbroten Abendsonne erglühenden Felshänge schienen in den Himmel zu wachsen und warfen das Echo des tosenden Wassers zurück. wo man hätte Schutz suchen können. In einer Schlucht führte sie an einem Fluss entlang. Ab und zu stürzte ein Felsbrocken die zerklüfteten Hänge hinunter und krachte auf die Fahrbahn. Sinn Optimismus hat aber auch noch eine tiefgründigere Dimension: Er erfasst das Transformationspotenzial. das ganze Leben sei nicht lebenswert. Einer von uns sagte schließlich zu den Ängstlichsten: »Ihr mögt doch Actionfilme. obwohl es weit und breit nichts gab. und die aufgewühlten Fluten unterhöhlten schnell die einzige noch befahrbare Straße. das jedem Menschen ungeachtet aller äußeren Bedingungen innewohnt. Andere bewahrten Haltung und wollten so schnell wie möglich durchkommen. Der größte Optimismus kommt in der Einsicht zum Ausdruck. Heute ist euer Glückstag ihr dürft in einem mitspielen.kamen wir mit unserem Geländewagen kaum voran. unter erfreulichen wie unter widrigen Umständen. Manche waren so besorgt. Die meisten Brücken waren weggeschwemmt worden. Es war ein guter Test für den Optimismus der Passagiere. dass sie anhalten wollten. Der äußerste Pessimismus zeigt sich in dem Gedanken. reißenden Strom verwandelt hatte. eine Kostbarkeit ist. die sich höchst unterschiedlich verhielten. dass jeder flüchtige Augenblick. Und genau dieses Potenzial verleiht letzten Endes dem menschlichen Leben Sinn.« Wir brachen in schallendes Gelächter aus und fassten neuen Mut. der sich in einen riesigen. Hier handelt es sich nicht um subtile 318 .

stellen Sie fest. sondern um von Grund auf unterschiedliche Arten. Sie können keine bequeme Position einnehmen und Sie haben nur noch Beschwerden und Klagen über die allgemeinen Bedingungen von Flugreisen im Sinn. dass es eine Ewigkeit dauert. ob wir in uns die Erfüllung gefunden haben. Sie sehen das Auf und Ab der Tragflächen und haben schon vor Augen. 319 .Nuancen. dass es gleich zur Katastrophe kommt. Sie ärgern sich darüber. dass die neuen Kollegen Sie nicht mögen oder schätzen werden. Warumhaben Sie sich bloß darauf eingelassen? Sie haben eine Heidenangst. Wenn Sie an Ihren neuen Arbeitsplatz denken. dass Ihr Sitz zu klein ist. Nachdem sich die Turbulenzen gelegt haben. Stellen Sie sich vor. ein und dieselbe Situation aus der Perspektive des Optimisten und des Pessimisten zu erleben. ÜBUNG: Die Wahrnehmung bewusst verändern Experimentieren Sie damit. Sie von den interessantesten Projekten fernhalten und Sie vielleicht sogar hintergehen werden. Sie befinden sich auf einem langen Flug in eine fremde Stadt. wo Sie eine neue Arbeitsstelle antreten werden. die Welt zu betrachten. Plötzlich gerät das Flugzeug in Turbulenzen. die allein inneren Frieden schenken kann. Bestimmt wird die ganze Reise in einer Katastrophe enden. bis die Stewardess endlich mit Ihrem Getränk kommt. sind Sie so gut wie sicher. hängt in hohem Maß davon ab. Welche dieser so grundverschiedenen Perspektiven wir einnehmen.

diese sind Teil der Reise. Sie wissen zu schätzen. und Sie hoffen. Sie freuen sich sehr auf die Abenteuer. dass Sie tüchtige und interessante Kollegen und viele neue Möglichkeiten haben werden. Nehmen Sie die beiden Geisteszustände in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit wahr. und Sie wissen. Lebhaft empfinden Sie die Kostbarkeit jedes vorübergehenden Augenblicks. verspüren Sie Dankbarkeit. gelingt es Ihnen immer wieder. eine Position zu finden. die äußeren Umstände hingegen unverändert geblieben sind.Spüren Sie in die düstere Stimmung hinein. Obwohl Ihr Sitz nicht besonders bequem ist. in der sich die Spannung in Ihrem Rücken und Ihren Beinen lösen kann. die Sie erwarten. dass Sie an diesem Arbeitsplatz eine gute und erfolgreiche Zeit erleben und die nötige Kraft haben werden. dass sie nur durch die eigenen Gedankenprozesse zustande gekommen. obwohl sie so viel zu tun hat und während des Fluges die meiste Zeit auf den Beinen ist. 320 . Nachdem sich die Turbulenzen gelegt haben. dass Sie die restliche Spanne Ihres Lebens auf sinnvolle und konstruktive Weise nutzen können. Sie sind überzeugt. auf das Positive eingestimmten Geisteszustands auf sich wirken. Lassen Sie die Erfahrung dieses regen. alle eventuell auftauchenden Hindernisse zu überwinden. Experimentieren Sie nun mit einer anderen Wahrnehmung derselben Situation: Das Flugzeug gerät in Turbulenzen. und führen Sie sich dabei vor Augen. wie freundlich und hilfsbereit die Stewardess ist. die von solchen Gedanken ausgelöst wird. stellen sich vor.

aber wir vergeuden so viel davon. um auf diese Weise das Webmuster eines sinnvollen Lebens entstehen zu lassen. dass Zeit unser kostbarstes Gut ist. dass wir uns von allem trennen sollen. Wesentliche Dinge aufzuschieben bedeutet immer einen Verlust. ohne dass wir es bemerken. der sehnt sich nach dem Vollmond des Herbstes. Darum ist es so wichtig. sich auf der Suche nach Glück an die Tatsache zu erinnern. Seneca sagt: »Es ist nicht so.Kapitel 20 Goldene Zeit. den wir achtlos durch unsere Finger rinnen lassen. die uns dazu bringen. das wir durch den Schussfaden unserer Tage ziehen. Das bedeutet nicht. unser Leben zu vergeuden. Buddha Shakyamuni Häufig erinnert die Zeit an feinen Goldstaub. dass wir so wenig Zeit haben. was uns etwas bedeutet. dass dann hundert weitere Tage seines Lebens für immer vorüber sein werden. ohne es überhaupt zu bemerken. sondern eher von den Dingen. bleierne Zeit.wie 321 . Gut genutzt ist sie das Weberschiffchen.« Das Leben ist kurz. die schnell schwindet und vergeudet werden kann. ohne dass ihn Angst überkommt angesichts der Vorstellung. womit sie sich schützen kann . Obwohl sie etwas so Kostbares ist. Die uns verbleibenden Jahre oder Stunden gleichen einer kostbare Substanz. hat die Zeit nichts. vergeudete Zeit Wen die Sommerhitze quält.

die ihn befähigen. Rückschläge und manchmal das Leben an sich nicht ertragen kann. Was für ein schrecklicher Ausdruck! Die Zeit wird zu einer langen. das von jedem Passanten weggelockt werden kann. erreichen und sich für das Wohlergehen der anderen einsetzen kann. gleichförmigen Linie. Im Leben eines Einsiedlers ist jeder Augenblick des Tages ein kostbares Gut. um es mit Khalil Gibran zu sagen. am Ende des Lebens nichts zuwege gebracht 322 . am Ende des Jahres. Für andere ist die Zeit nur der Countdown zum Tode. den gegenwärtigen Augenblick voll auszukosten und innere Qualitäten zu entwickeln. Um es mit Herbert Spencer zu sagen: Die Zeit.ein Kind. die Zeit »totzuschlagen«. der Warten. zu »einer Flöte. Für den aktiven Menschen sind es goldene Zeiten. aufbauen. den sie fürchten oder nach dem sie sich vielleicht sogar sehnen. in einer dumpfen Lethargie gefangen zu sein. Das ist goldene Zeit. wenn sie des Lebens überdrüssig geworden sind. und Zeitverschwendung gibt es für ihn nicht. am Ende des Tages. Jeder Moment verstärkt sein Gefühl. in deren Rohr sich das Flüstern der Stunden in Musik verwandelt«. Der Müßiggänger spricht davon. wenn er etwas erschaffen. um seine innere Welt verstehen zu lernen und die Essenz des Lebens wiederzuentdecken. flachen. in sich hineinzuschauen. tötet am Ende sie. Langeweile. die sie nicht totschlagen können. In der Stille seiner Einsiedelei wird er. die ihm trotz der scheinbaren Inaktivität erlaubt. Verzögerung. Wenn wir Zeit als schmerzlich und langweilig empfinden und das Gefühl haben. Sie lastet auf dem Trägen wie ein schweres Gewicht und lähmt jeden. Das ist bleierne Zeit. anderen Menschen wirkungsvoller von Nutzen zu sein. Einsamkeit. Dem Meditativen erlaubt die Zeit.

um die köstliche Klarheit des Augenblicks zu genießen. zeigt das nur. Wer hingegen die wechselseitige Abhängigkeit aller Wesen und Dinge erkennt. die in seine geistige Verwirrung hineindudelt. Jenseits von Langeweile und Einsamkeit Langeweile ist das Schicksal der Menschen.zu haben. Das Leben ist für sie ein einziger großer Tingeltangel. dass wir uns über unser inneres Entwicklungspotenzial nicht im Klaren sind.er hat lange existiert. diesen geistigen Mangelzustand. Würde man behaupten. Jeder Mensch. und sie erschlaffen im gleichen Augenblick. der in einen wütenden Sturm geriet. für die Zeit keinen Wert besitzt. einmal pro Woche ein starkes Empfinden von Einsamkeit zu verspüren. Andererseits nutzt derjenige. Das ist vergeudete Zeit. dass ein Mensch. fühlt sich inmitten einer Menschenmenge einsam. Über solche Menschen schrieb Seneca: »Er hat nicht lange gelebt . ist nicht einsam. der sich von anderen und vom großen Ganzen abschneidet und in der Luftblase des Ego gefangen ist. der Einsiedler zum Beispiel erfährt sich in Einklang mit der ganzen Welt. in dem die Show zu Ende ist. 15 Prozent der Amerikaner geben an. die voll und ganz von Ablenkungen abhängig sind. kennt er nicht. der den unschätzbaren Wert der Zeit erkennt. Für den stets abgelenkten Menschen ist die Zeit wie die süßlich-seicht dahinplätschernde Hintergrundmusik im Einkaufszentrum. Langeweile. jede Pause in der täglichen Routine und Reizüberflutung. Langeweile ist die Krankheit derer. Dasselbe gilt für Einsamkeit. sobald er seine Segel gesetzt 323 .

Einsichten. als wenn wir eine Stunde lang im Nachrichten.hatte. sondern die sinnlosen Aktivitäten und das endlose innere Geplapper. von einer Reihe heftiger Windböen hin und her geworfen. Ob wir uns entspannen oder konzentrieren. und. Bei dieser Innenschau gewinnen wir tausend Mal mehr . uns ausruhen oder intensiv arbeiten. vor der Welt die 324 . jeden Tag ein Weilchen mit der Kultivierung eines altruistischen Gedankens zu verbringen und zu beobachten. wie die Gedanken überhaupt entstehen und was sie in Gang hält. Eine Rückkehr zur goldenen Zeit Warum widmen wir uns nicht einmal für wenige Augenblicke am Tag der Innenschau? Kann uns kluge Konversation und ein bisschen gedankenlose Zerstreuung wirklich zufriedenstellen? Wenden wir den Blick nach innen. auf Abwege und in Sackgassen geraten. unter allen Umständen sollten wir in der Lage sein. Diese Art der Ablenkung versetzt den Geist in einen Zustand. den wahren Wert der Zeit zu erkennen. eine lange Reise gemacht hat? Es war keine lange Reise. das nichts zur Erhellung des Geistes beiträgt.und nachhaltigere . in dem die Gedanken unablässig ziellos umherschweifen.«1 Mit »Ablenkung« ist hier nicht der stille und entspannende Waldspaziergang gemeint. ständig in Eile zu sein oder immerfort auf die Uhr blicken zu müssen. sondern nur ein langes Hin und Her.oder Sportteil der Zeitung lesen! Es geht nicht darum. Es lohnt sich. Die Zeit voll und ganz zu nutzen verstehen heißt nicht. sondern ihn in ein erschöpfendes Chaos stürzt. immer nur im Kreis segelte. Da gibt es reichlich zu tun.

beim Anstehen in der Warteschlange oder im Badezimmer meditieren.den wesentlichen Dingen und anderen Aktivitäten. Seien Sie einfach da . und dann unter all den Optionen . und für wie lange? Allzu oft warten wir nur darauf. um in einen Dialog mit uns selbst einzutreten. Die Akteure und die Bühne wechseln. Aber wie tun wir das. auf einer Bergkuppe oder in einem ruhigen Zimmer still hin und schauen. am Computer. dass wir in einen Zustand extremer Weltabgeschiedenheit geraten. Vielleicht halten wir einen kurzen Moment inne.Prioritäten setzen. eine englische Nonne. Das stimmt nicht! Sie können beim Gang über den Flur. was für uns im Leben am meisten zählt. Eher verharren wir im anderen Extrem: null Kontemplation. in dem wir überall von Ablenkungen und Zerstreuungen umgeben sind und bis zum Überdruss Zugang zu allgemeinen Informationen jedweder Art haben. wer wir im tiefsten Innern wirklich sind? Als Erstes sollten wir genau untersuchen. brauchen wir wahrhaftig nicht zu befürchten. die viele Jahre im Retreat verbracht hat.«2 325 . Und da wir in einem Zeitalter leben. wenn persönliche oder berufliche Rückschläge uns dazu bringen. alles »mit anderen Augen zu sehen«. unsere Zeit gut zu nutzen.ohne den inneren Kommentator. indem wir den Blick nach innen richten.Augen zu verschließen. die uns die Zeit rauben . Tenzin Palmo. sie hätten keine Zeit für >Meditation<. schreibt: »Die Leute sagen. Warum setzen wir uns nicht am Ufer eines Sees. doch die Show geht weiter.im gegenwärtigen Moment . dass die schwere Zeit »vorübergeht«. Wir können uns auch manche Momente inmitten unserer Alltagsaktivitäten zunutze machen. um »auf andere Gedanken zu kommen«. beim Warten an der roten Ampel. und halten angestrengt nach irgendeiner Ablenkung Ausschau. sondern darum.

mit jedem Ticken der Uhr kommt der Tod näher. Wenn wir unsere Lebensweise nicht einer gründlichen Prüfung unterziehen. Ein lichtes Gewahrsein der Daseinsnatur inspiriert uns weit davon entfernt. der Moment seines Erscheinens hingegen unvorhersehbar. in allem immer so weiterzumachen wie gehabt. jedem Schritt dem Tod. wie die länger werdenden Schatten des Abends. Wenn wir unser spirituelles Leben auf morgen verschieben.Unsere Zeit ist begrenzt. dass wir keine Wahl haben und dass es einfacher ist. werden sie uns mit Sicherheit nicht aufgeben. stehlen wir uns am Ende selbst jeden einzelnen Tag. Mit jedem Schritt. sondern tatsächlich immer mehr Raum in unserem Leben einnehmen. jeden einzelnen Tag voll und ganz zu leben. Der Tod ist uns sicher. Aber wenn wir sinnlose Zerstreuungen und unfruchtbare Aktivitäten nicht aufgeben. 326 . uns verzweifeln zu lassen -. senkt sich der Tod herab. den wir tun. Er könnte in jedem Augenblick zuschlagen. und wir können nichts dagegen tun. werden wir es als gegeben hinnehmen. Vor 1700 Jahren hat Nagarjuna die folgenden Zeilen niedergeschrieben: Wenn dieses von so vielen Missgeschicken bedrohte Leben vergänglicher ist als ein Luftbläschen auf dem dahineilenden Wasserlauf. Der tibetische Einsiedler Patrul Rinpoche erinnert uns mit einem zweizeiligen Verstext daran: Während dein Leben entschwindet wie die sinkende Sonne. Vom Tag der Geburt an nähern wir uns mit jeder Sekunde.

jede Stunde. Wenn vergangene Gedanken nicht mehr da und künftige Gedanken noch nicht entstanden sind. müssen wir in der Meditationspraxis eine Reihe innerer Qualitäten entwickeln. der vorübergeht. vom Schlaf zu erwachen und.einem lichten Strom geschmolzenen Goldes gleich. sie konstruktiv zu nutzen. zu beginnen. und hält uns davon ab. wieder von Neuem einzuatmen!3 Wenn wir unsere Beziehung zur Zeit auf harmonischere Weise erleben wollen. der Tatsache eingedenk zu bleiben.Wie herrlich ist es dann. den gegenwärtigen Augenblick genießen Lenken Sie die Aufmerksamkeit nach innen. Jeder Tag. Durch eine angemessene Motivation erhält die Zeit eine lebendigere Qualität und gewinnt an Wert. sie unbemerkt verstreichen zu lassen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Anstatt eine endlose Folge von Gefühlen. der auf sein Ziel zusteuert. besteht dann nicht in dem Augenblick dazwischen 327 . Vorstellungen und Gedankenfetzen zu sein. Zielgerichteter Eifer hilft uns. dass verstörende Emotionen von ihr Besitz ergreifen. nachdem man den Atem seinen Lauf hat nehmen lassen. Achtsamkeit hilft uns. ÜBUNG: Den Wert der Zeit zu schätzen lernen. jede Sekunde ist wie ein Pfeil. und entwickeln Sie Wertschätzung für die Reichhaltigkeit jedes einzelnen Augenblicks. wird die Zeit zu reinem Gewahrsein . Innere Freiheit verhindert. dass die Zeit verrinnt.

ohne an irgendetwas festhalten zu wollen . von einer ursprünglichen. wachen und reinen Frische? Verweilen Sie einen Moment darin. 328 .wie ein kleines Kind. das auf eine unermesslich weite Landschaft blickt. klaren.eine Wahrnehmung von Jetztheit.

oder für jemanden. Bergsteiger. Schriftsteller und Handwerker. die reine Freude daran war. der ein Instrument spielt oder in ein Solitärspiel vertieft ist. Schachspieler.Kapitel 21 Eins mit dem Fluss der Zeit Ein gutes Leben ist eines. Jeanne Nakamura und Mihaly Csikszentmihalyi Gewiss hat jeder von uns schon einmal die Erfahrung gemacht. Hunger oder Unbehagen zu verspüren. völlig in seinem Tun aufging und das Bild vollendete. Nach Beendigung der Arbeit erlosch sein Interesse dann aber abrupt. »Flow«. der ohne bestimmtes Ziel mit seinem Segelboot in einer Bucht herumfährt. der mit seiner Arbeit an einem Gemälde gut vorankam. Fasziniert von diesem Phänomen. bei dem man völlig in seinem Tun aufgeht. dass einem Bergsteiger. in dem das Aufgehen in der jeweiligen Tätigkeit mehr zählt als das Endergebnis. Als er in den Sechziger jähren den kreativen Prozess untersucht hat. Es ist offensichtlich. Er hatte sich in einem Zustand des »Fließens« befunden. völlig in einer Tätigkeit. bei denen der entscheidende Anreiz für das. Dasselbe gilt für jemanden. dass ein Künstler. verblüffte ihn die Tatsache. das Erreichen des Gipfels viel weniger bedeutet als die Freude am Aufstieg. der schon ein Dutzend Mal dieselbe Felswand erklommen hat. ohne Müdigkeit. einem Experiment oder einer Empfindung aufzugehen. Diesen Zustand bezeichnet der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi als Fließen. interviewte Csikszentmihalyi viele Künstler. Chirurgen. In 329 . was sie taten.

dass sie sich nur noch an das unglaubliche Gefühl von Entspanntheit erinnere. Er ist nicht nur das Gegenteil von Langeweile und Depression. der mit seinem Tun eins wird und aufgehört hat.«2 Bei William James steht zu lesen: »Meine Erfahrung ist dasjenige. wie viel Aufmerksamkeit man der lebendigen Erfahrung widmet. die exakt unseren Fähigkeiten entspricht. Jeder Handgriff. muss die Aufgabe unsere gesamte Aufmerksamkeit binden und eine Herausforderung sein. sondern auch von Unruhe und Zerstreuung. Es ist. »Ich habe mich gefühlt wie ein Wasserfall. die 1994 bei den Olympischen Winterspielen eine Goldmedaille gewonnen hat. als würde man sein Ego und die Zeit hinter sich lassen. bei der Sache und setzt sein Können hundertprozentig ein. Solange der Zustand andauert. Damit wir in diesen Zustand eintreten können.solchen Momenten »taucht man völlig in eine Aktivität um ihrer selbst willen ein. auch das ein interessanter Aspekt. sich selbst zu beobachten.«3 Ob man in einen »Flow« gelangt. 330 . was man hat. Ist sie zu schwer. In der Erfahrung des »Fließens« entsteht eine Resonanz zwischen der Handlung.«1 Diane Roffe-Steinrotter. verspannen wir uns und werden ängstlich. jede Bewegung und jeder Gedanke ergibt sich unweigerlich aus dem vorhergehenden. und wir sind bald gelangweilt. dem ich bereitwillig meine Aufmerksamkeit schenke. das sie während des gesamten Laufs empfunden habe. lässt unsere Aufmerksamkeit nach. Man ist mit allem. der äußeren Umgebung und dem Geist. ist sie zu leicht. bestätigt. wie beim Jazzspielen. hängt stark davon ab. Es bleibt nichts als die Wachheit des Betreffenden. In den meisten Fällen wird dieser Zustand als optimale und höchst befriedigende Erfahrung erlebt. findet keine Selbstreflexion statt.

und es kann schwierig sein.so als würde ich den Inhalt eines Kruges. dann folgt normalerweise eine Einzelheit mühelos auf die andere. Der Geist ist gesammelt und zugleich entspannt. um die betreffenden Aussagen anschließend mündlich wiederzugeben. Eine Selbstbeobachtung 331 . zwei Augenblicke überhaupt nicht mehr denken. weil man dann diesen Zustand des Fließens besser aufrechterhalten kann. so frei von Gedanken wie ein leeres Blatt Papier. Man muss sich nur an den Anfang und den gedanklichen Faden erinnern. Der Dolmetscher muss zunächst all seine Aufmerksamkeit auf das Gesprochene richten. Ich habe festgestellt. wenn ich in einen Geisteszustand eintauche. verweile ich in einem vollkommen offenen Geisteszustand. was ich gerade gehört habe . wenn man keine Notizen macht. Während der Vortragende spricht. Auf diese Weise kann man einen langen und komplizierten Vortrag ziemlich wortgetreu wiedergeben. Es geht letztlich leichter. ist die Magie dahin. Wenn das passiert. aufmerksam. wieder in Fluss zu kommen. Wird der Fluss der Übersetzung durch eigene Gedanken oder äußere Ereignisse unterbrochen. in einen anderen gießen. der gerade gefüllt worden ist. der dem von Csikszentmihalyi als Flow bezeichneten sehr ähnlich ist. löst er ein Gefühl heiterer Gelassenheit aus. Wenn alles gut geht.Ich persönlich habe das beispielsweise oft beim Dolmetschen für die tibetischen Lehrer erlebt. Dann hört er wieder aufmerksam zu und übersetzt den nächsten Abschnitt. dass ich diese Aufgabe am besten bewältige. und versuche dann wiederzugeben. Das geht dann bis zum Ende eines mehrstündigen Vortrags unablässig so weiter. mein Verstand setzt völlig aus und ich kann für ein. entgehen mir nicht nur ein paar Details. vielleicht für die Dauer von fünf oder zehn Minuten. aber nicht angespannt.

Solche Menschen sind gewöhnlich »neugierig auf das Leben. dessen Fließen man aus einer gewissen Entfernung nicht wahrnimmt. beispielsweise beim Bügeln oder in einer Fabrik am Fließband. und in ihrem individuellen Tempo mit einem Fach ihrer Wahl zu beschäftigen. in Galerien und Museen (beispielsweise beim Getty Museum in Los Angeles) zu einer besseren Präsentation der Ausstellungsstücke beigetragen. jede Erschöpfung ist vergessen und die Zeit fließt unmerklich dahin.so beispielsweise in der Key School in Indianapolis. Laut Csikszentmihalyi kann man bei den alltäglichsten Aktivitäten in den Flow-Zustand kommen. 332 . wie ein Fluss.5 In dieser Schule werden die Kinder darin unterstützt.findet in diesem Zustand praktisch nicht statt. Aber vor allem in Bildungseinrichtungen hat die Berücksichtigung des Flow-Zustands positive Entwicklungen angestoßen . Csikszentmihalyi fand heraus. beharrlich und wenig ichbezogen. ohne zu ermüden. Diese Kinder zeigen viel größeres Interesse am Lernen. und sie lernen mit Vergnügen.«4 Die Berücksichtigung des Flow-Zustands hat in einigen Unternehmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen geführt (unter anderem beim Autohersteller Volvo). Die Besucher werden ganz natürlich von einem Exponat zum nächsten geführt. um im »Flow« lernen zu können. dass manche Menschen leichter in diesen Zustand gelangen als andere. wie es ihnen Freude macht. wie man das Verstreichen der Zeit erlebt. Es hängt ganz davon ab. Umgekehrt kann praktisch jede Tätigkeit ohne den Zustand des Fließens mühsam oder gar unerträglich werden. sodass sie sich von der inneren Belohnung motivieren lassen können. sich so lange.

schau dich um. Wir wollen jeden Schritt genießen und dankbar sein.. Der Spieler. hilft uns. ohne sich zu beeilen. oder den Einbrecher. »vergisst« sich am Roulette-Tisch oder am Einarmigen Banditen.«6 Dem Flow zur vollen Entfaltung verhelfen Die Erfahrung des »Flow«. 333 .beim Sprechen und beim Zuhören. Wenn wir reden möchten. bei jeder beliebigen Tätigkeit beharrlich bei der Sache zu bleiben und immer wieder zu ihr zurückzukehren. ganz im Bann des Spiels. des »Fließens«. bleiben wir stehen und widmen unsere Aufmerksamkeit ganz unserem Gegenüber . Dasselbe gilt für den Jäger. und sieh. Lausche den Vögeln. bis er jedes Zeitgefühl verliert. der seinen Plan akribisch ausführt. die weißen Wolken. Sie kann sich in manchen Fällen aber auch zu einer Gewohnheit oder gar Abhängigkeit entwickeln: Der Flow-Zustand ist nicht immer mit konstruktiven oder positiven Aktivitäten verbunden. wie unsere Schritte immer leichter werden.ÜBUNG: »Achtsames Gehen« praktizieren Die folgende Anleitung stammt von dem vietnamesischen buddhistischen Meister Thich Nhat Hanh: »Einfach um der Freude am Gehen willen gehen. Bei jedem Schritt sind wir präsent. wie wundervoll das Leben ist: die Bäume. . selbst wenn er dabei sein gesamtes Vermögen verspielt. genieße die sanfte Brise. Wir wollen wie freie Menschen gehen und spüren. der sich an seine Beute heranpirscht. Bleib stehen.. der weite Himmel. frei und sicher.

Sie kann negativ sein wie im Fall des Einbrechers. entspannt in einem Zustand permanenten Gewahrseins zu verweilen. Soll sie zu einer dauerhaften Verbesserung unserer Lebensqualität beitragen. unsere Zeit in trübseliger Gleichgültigkeit zu vergeuden.oder positiv. in der Entspannung und Flow zusammenkommen. Solch reines Gewahrsein erfordert keine Selbstbeobachtung. dass er jeder momentanen Erfahrung einen Wert verleiht. Ohne die Notwendigkeit äußerer Aktivitäten können wir lernen. jeden Augenblick wertzuschätzen und ihn so schöpferisch wie möglich zu nutzen.beispielsweise beim Bügeln . Der Wert des Flow-Zustands hängt also davon ab. Entspannung in Form innerer Ruhe.«7 Und er kann äußerst wertvoll sein. Die Meditation über die Natur des Geistes zum Beispiel ist eine in die Tiefe gehende. in immer tiefere. wenn wir etwa an einer Rettungsaktion beteiligt sind oder über Mitgefühl meditieren.wach. sehr fruchtbare Erfahrung. So können wir vermeiden. aber ohne innere Anspannung. welche Motivation uns antreibt. Flow in Form einer klaren. offenen Präsenz .So befriedigend die Erfahrung des »Fließens« auch sein mag . neutral bei einer alltäglichen Tätigkeit . indem er uns hilft. Eine vollkommen lichte Klarheit ist eines der hauptsächlichen Unterscheidungsmerkmale zwischen diesem Geisteszustand und dem gewöhnlichen Flow-Zustand. Wir können uns auch darin üben. verinnerlichte Formen von Flow zu gelangen. muss sie von menschlichen Qualitäten wie Altruismus und Weisheit durchdrungen sein. auch in diesem Zustand verschwin334 . Jeanne Nakamura und Csikszentmihalyi schreiben über den Flow-Zustand: »Sein wichtigster Beitrag zur Lebensqualität besteht darin.letzten Endes ist sie lediglich ein Werkzeug.

Irgendwann erstreckt sich die Erfahrung des meditativen Fließens auf unsere gesamte Wahrnehmung der Welt und ihrer Wechselbeziehungen.und kommen Sie innerlich zur Ruhe. Die Aufmerksamkeit sollte auf nichts Bestimmtes gerichtet sein. ÜBUNG: In den Fluss der »offenen Präsenz« eintauchen Nehmen Sie eine bequeme.einfach nicht berührt werden. dass der erwachte Mensch ständig in einem gelassenen. Achten Sie darauf. Wahrnehmungen ändern nichts an der 335 . wie Sie von Sinneswahrnehmungen. dass keine »Gedankengebäude« entstehen und dass Ihr Gewahrsein klar. aber nicht zerstreut. Erinnerungen und Vorstellungen . Unangestrengt.ohne aktiv den Versuch zu unternehmen. lebendig und allumfassend bleibt. Bleiben Sie entspannt. Das ist keineswegs ein Hindernis für unmittelbare Einsicht in die Natur des Geistes. ruhig und zugleich hellwach. für die »reine Präsenz« des Gewahrseins. Nehmen Sie wahr. sie zu unterdrücken . der Rücken gerade .det die Vorstellung von einem »Selbst« quasi vollständig. Diese Erfahrung ist eine Quelle inneren Friedens und verhilft uns zu Offenheit gegenüber unseren Mitmenschen und der übrigen Welt.die Augen leicht geöffnet. Versuchen Sie dann. aufrechte Meditationshaltung ein . den Geist so weit werden zu lassen wie den unermesslich weiten Himmel. lebhaft klaren und selbstlosen Flow-Zustand lebt. Man könnte sagen. Bleiben Sie entspannt.

lassen Sie zu.allem zugrunde liegenden stillen Weite des Geistes. wie ein auf Wasser gemaltes Bild. Verweilen Sie nach der Übung noch einige Augenblicke in diesem inneren Frieden. dass sie sich von selbst wieder auflösen. 336 . das keine Spuren hinterlässt. Wenn Gedanken auftauchen.

Luca und Francesco 337 . Bedingt durch das Wechselspiel von Ursache und Wirkung. wenn sie darauf zielt.selbstlose oder böswillige . Die . ob man »gut« oder »schlecht« handelt. das wir anderen tun. rechtschaffenes und weises Leben führt. mitfühlender und weiser Mensch wird spontan ethisch handeln. wenn man nicht glücklich ist. weil er oder sie »ein gutes Herz« hat.oder langfristig auch Leid über uns selbst. wenn man aufrichtig das Wohlergehen der anderen im Sinn hat. und als ethisch. anderen Leid zuzufügen. Ein gütiger. das im Buddhismus als Karma bezeichnet wird jene Gesetzmäßigkeiten. so wie ein klarer Bergkristall die Farbe des Stoffes annimmt. rechtschaffenes und weises Leben führen. während das Gute. Epikur Nach welchen Kriterien ist eine Handlung gut oder schlecht? Die buddhistische Ethik bezieht sich nicht nur auf das Tun. ist Ethik daher eng mit unserem Wohlergehen verknüpft. Im Buddhismus gilt eine Handlung als zutiefst unethisch. auf den man ihn legt.Motivation ist also ausschlaggebend dafür. bringen wir damit kurz. Ethik wirkt sich auch auf das eigene Wohlergehen aus: Denn fügen wir anderen Leid zu.Kapitel 22 Ethik als Wissenschaft vom Glück Man kann nicht glücklich sein. wenn man kein schönes. die beste Gewähr für eigenes Wohlergehen ist. sondern vor allem auf das Sein. und man kann kein schönes. die für die Konsequenzen unserer Handlung maßgeblich sind -.

uns selbst und anderen gegenüber eine altruistische und konstruktive Haltung einzunehmen. alle Wesen. die zusammenkommen. wenn wir glücklich sein wollen. In unseren Tagen versuchen Philosophen. Diese Regeln zeigen uns die Konsequenzen unserer Handlungen auf und helfen uns.2 Das Ziel der buddhistischen Ethik besteht ja darin. Andere sehen die Grundlage des sittlichen Verhaltens im Nützlichen nach dem Motto: »Das Beste für die größte Zahl«. von momentanem wie auch langfristigem Leid zu befreien und die Fähigkeit zu entwickeln. dasselbe 338 . Stammzellenforschung und künstliche Verlängerung des Lebens. so erklärt der Dalai Lama. besser auch an andere denken oder ausschließlich an uns selbst?«1 Die ethischen Regeln des Buddhismus dienen als Orientierungshilfe. mit Vernunft und den heute verfügbaren wissenschaftlichen Informationen zur Lösung von Problemen beizutragen.Cavalli-Sforza schreiben dazu: »Ethik ist die Wissenschaft vom Glück. die sie als absolut und allgemeingültig betrachten: das Gute. Politiker und andere. Verantwortung oder Pflicht. die Leid verursachen. andere in ihrem Bestreben zu unterstützen. die erst durch jüngste Fortschritte der Wissenschaft entstanden sind. Sollten wir. Wissenschaftler. Manche Philosophen haben ihre Denkgebäude auf Vorstellungen aufgebaut. wie Umweltmanipulation. »ist ein sinnvolles ethisches System losgelöst von der individuellen Glücks. um über ethische Verhaltensweisen zu diskutieren. Gentechnik.oder Leidenserfahrung kaum vorstellbar«. das Böse. Sie rufen uns in Erinnerung. In der buddhistischen Ethik. diejenigen zu vermeiden. Die monotheistischen Religionen beruhen auf dem Fundament gottgegebener Gebote. uns selbst inbegriffen.

die tief im Geist verankert ist und die es dennoch ein Leben lang zu kultivieren gilt. In diesem Zusammenhang geht es nicht um eine allgemeingültige Definition von »Gut« und »Böse«. Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist eine auf abstrakten Vorstellungen beruhende Ethik kaum von Nutzen. Hierfür gibt es zwei entscheidende Kriterien: die Motivation und die Auswirkungen unseres Handelns. sondern darum. Ein Aspekt des Mitgefühls besteht in der spontanen Bereitschaft. Um das zu erreichen. sein Handeln beruht auf Impulsen.zu tun. ferner eine von Grund auf selbstlose Haltung.«3 Dazu sind Achtsamkeit und Weisheit erforderlich. wann wir mit unseren Handlungen. so wie ein Experte sein Fachwissen verkörpert. haben wir nur wenig Einfluss auf die Entwicklung äußerer Ereignisse. Bei dem Neurowissenschaftler und Philosophen Francisco Varela heißt es. sondern es betrifft das Gewahrsein und die Entwicklung einer mitfühlenden Natur. um wahrzunehmen. Die altruistischen Handlungen ergeben sich aus solchem Mitgefühl ganz von selbst. mit denen er seinem Wesen gemäß auf bestimmte Situationen reagiert. Selbst wenn wir versuchen. zum Wohl der anderen zu handeln. uns eine selbstlose Motivation zu Ei339 . Allerdings können wir uns immer dafür entscheiden. hellwach zu sein. Der Weise ist ethisch oder. sondern Ethik verkörpert. die Auswirkungen unserer Handlungen nach bestem Wissen und Gewissen vorherzusehen. Dabei geht es nicht um das Anwenden von Regeln und Prinzipien. dass ein wahrhaft positiv ausgerichteter Mensch »nicht nach ethischen Prinzipien handelt. Worten und Gedanken andere glücklich machen oder Leid über sie bringen. müssen wir das eigene Glücksstreben mit dem der anderen in Einklang bringen. genauer gesagt.

Ist unser Handeln wirklich von aufrichtigem Mitgefühl motiviert? .gen zu machen. hinter der er her ist. Bleibt unser Mitgefühl auf die eigene Familie.. nachdenken. um es davor zu bewahren.sie hat dem Kind das Leben gerettet. auf Freunde und auf diejenigen beschränkt. was für andere Glück 340 . versteckt hat. mit denen wir uns sehr weitgehend identifizieren können? . und bestrebt sein. wie der Dalai Lama erläutert: »Sind wir aufgeschlossen oder engstirnig? Haben wir die Gesamtsituation in Betracht gezogen oder erwägen wir nur einzelne Teilaspekte? Betrachten wir die Dinge in einer kurzfristigen oder in einer langfristigen Perspektive? . ist sein Verhalten äußerlich betrachtet gewaltlos.. die Wahrheit zu sagen.. Eine grundlegende Frage bleibt natürlich offen: Nach welchen Kriterien beurteilen wir.. könnten wir unmöglich zwischen einer Notlüge und einer böswilligen Lüge unterscheiden. von einem Auto überfahren zu werden. unseren Teil zu einem positiven Resultat beizutragen. Wenn eine Mutter ihr Kind grob vom Straßenrand wegzerrt. nur um Sie übers Ohr hauen zu können.«4 Ethik hat demnach im Wesentlichen mit unserem Geisteszustand zu tun und nicht mit der Form. wo sich die Person. Wir müssen also nachdenken. handelt es sich mit Sicherheit nicht um den geeigneten Moment.. Wenn ein Mörder fragt. nachdenken. Kommt jemand hingegen mit einem gewinnenden Lächeln auf Sie zu und überschüttet Sie mit Komplimenten.. Würden wir nur auf die äußere Manifestation einer Handlung Bezug nehmen. aber seine Absichten sind böswillig. die unser Handeln annimmt. ist diese Handlung nur scheinbar gewalttätig . Dasselbe gilt für aggressives Handeln. Daher müssen wir die eigene Motivation immer wieder hinterfragen.

die vor seiner Tür zu verhungern drohen. Gewalttätigkeit . weil meist von Habgier motiviert und weil jemand auf ungerechte Weise um sein Hab und Gut gebracht wird. In diesen Regeln ist der Weisheitsgehalt vergangener Erfahrungen zusammengefasst. oder geben wir sie ihm nicht und hindern ihn so daran. weil bestimmte Handlungen . das uns erkennen lässt. Aber es sind eben nur Regeln. Das Hauptanliegen dieses Buches bestand ja in der Unterscheidung zwischen echtem Wohlergehen und oberflächlichen Vergnügungen sowie anderen vermeintlichen Formen von Glück. nicht einen Krümel geben würde. Hier lässt uns die Weisheit erkennen. Lügen. Mit alldem soll keinesfalls gesagt sein. Diebstahl ist normalerweise verwerflich.und Leid bedeutet? Geben wir einem Betrunkenen eine Flasche Schnaps. Wenn wir aber bei einer Hungersnot aus Mitgefühl Nahrungsmittel aus dem überquellenden Geschäft eines reichen Geizhalses entwenden. sein eigenes Leben verkürzen? Hier sollte Mitgefühl mit Weisheit einhergehen. Weisheit bezeichnet genau jenes Unterscheidungsvermögen. weil es ihn »glücklich« macht.Stehlen.fast immer Leid verursachen. wann Ausnahmen notwendig sind. Das Gesetz behält im Großen und Ganzen seine Gültigkeit. nicht auf Lehrsätzen. Verhaltensregeln und Gesetze seien überflüssig. der den Leuten. Wie Martin Luther King einst sagte: »Die Unmenschlichkeit des Menschen gegen den Menschen manifestiert sich nicht nur durch die schrecklichen Taten der Bösen. Weisheit beruht immer auf unmittelbarer Erfahrung. was Schmerz und Leid mit sich bringt. aber mitfühlende Weisheit hat der Ausnahme zugestimmt. welche Gedanken und Handlungen zu echtem Glück beitragen und welche es zerstören. ist der Diebstahl in dem Fall nicht verwerflich. son341 . Sie sind insofern gerechtfertigt.

den buddhistischen Ansatz besser zu verstehen. sondern setzt auch voraus.«6 ComteSponville geht noch weiter: 342 . wie demjenigen zumute sein wird. die »selbst« und »andere/s« trennt. welches durch Handeln verursacht würde. wie Dostojewski sagt. der mit unserem Verhalten zurechtkommen muss. Der Standpunkt des anderen Eine Ethik des Mitgefühls kann sich nicht auf Anteilnahme am Leid der anderen beschränken. um die Menschheit zu retten. Andre Comte-Sponville fasst es in der Frage zusammen: »Wenn man einen Unschuldigen verurteilen (oder.« Wenn das durch Unterlassung entstehende Leid größer ist als das. konkret etwas dagegen zu unternehmen. muss man handeln. »Denn wenn die Gerechtigkeit verschwände«. sollte man es dann tun?«5 Die Philosophen sagen Nein. also auch »selbst« und »andere/s«.dern auch durch die lähmende Tatenlosigkeit der Guten. sind auf der Ebene ihrer allem zugrunde liegenden Natur zutiefst miteinander verbunden. Tausend Unschuldige oder einer? Ein klassisches Dilemma hilft uns. Deshalb müssen wir uns in den anderen hineinversetzen und uns vorzustellen versuchen. dass die Barriere. schreibt Kant. nur eine Projektion des Geistes ist. Alle Erscheinungsformen. dass wir unsere Selbstbezogenheit überwinden und verstehen. ja noch nicht einmal auf den Entschluss. »wäre die menschliche Existenz auf der Erde wertlos. ein Kind foltern) müsste.

die wenigen ohne ihre Einwilligung zu opfern. Wir verfallen in 343 . um das Leben anderer Menschen zu retten. und mit gleichem Recht könnte man auch sagen. dass die Entscheidung. prinzipiell akzeptabel sei. sondern darum. versäumt man zu handeln. ob man das akzeptiert. um das Wohlergehen fast aller sicherzustellen. hat in dieser Hinsicht ganz recht: Gerechtigkeit ist mehr wert als Glück oder Effizienz. auch nicht für das Glück der größten Zahl. Allzu leicht kann man hier der Abstraktion zum Opfer fallen... um Tausende Menschenleben zu retten. . Es geht hier jedoch nicht um die Frage. wenn man beschließen würde. was das Leid betrifft. Es geht weder darum. Aber angesichts einer unvermeidlichen Situation ist entscheidend. Die eine Lösung ist so inakzeptabel wie die andere. ob man ein unschuldiges Kind als bloßes Werkzeug benutzen sollte.An diesem Punkt stößt der Utilitarismus an seine Grenze.7 Aber die Gerechtigkeit würde nur geopfert. so viel Leid wie möglich zu verhindern. dass man sich. Wäre Gerechtigkeit bloß eine Übereinkunft der Zweckdienlichkeit. dann wäre es gerecht.. Durch diese Entscheidung wird das Rechtsgefüge nicht zerstört. Genau das jedoch verbietet die Gerechtigkeit oder sollte es verbieten. doch ebenso der Sentimentalität. . für das kleinere von zwei Übeln entscheidet. sie ist besser als beide und darf ihnen nicht geopfert werden. eine Maximierung des kollektiven Glücks. die Vorstellung vom »größten Glück für die größte Zahl« zum Dogma zu erheben.. [John] Rawls. noch die Frage. der sich auf Kant beruft. ein Kind zu opfern. ist das gleichbedeutend mit einer stillschweigenden Verurteilung Tausender Unschuldiger. selbst wenn sie vollkommen unschuldig und schutzlos wären.

»handeln wir immer in der Unmittelbarkeit einer gegebenen Situation.dogmatische Abstraktion. auf der Basis realer. die der jeweiligen spezifischen Lebenssituation entspricht. Deshalb müssen wir alle. muss eine pragmatische Ethik alle Aspekte einer gegebenen Situation mit Weisheit und Mitgefühl in Betracht ziehen. während wir die vielen Hundert Einwohner der Stadt nur als abstrakte Größe betrachten. und vor allem diejenigen. Kommen Selbstsucht und Parteilichkeit ins Spiel.. Eine solche Ethik erfordert in der Tat eine Flexibilität. Wir haben eine Handlungsbereitschaft. dass sie verzerrt und manipuliert wird. wenn wir uns weigern. Daher besteht auch ein hohes Risiko. das Leid der anderen zu lindern. weil sie sich nicht ganz selbstverständlich auf den Buchstaben des Gesetzes beruft und über moralische Codices hinausgeht.. Eine solche Ethik ist eine immerwährende Herausforderung. lebendiger Erfahrung zu argumentieren. die in sich wiederum eine Gefahrenquelle darstellt. . Weisheit und echtes Interesse am Wohlergehen der anderen entwickeln. um einen Menschen zu retten?« Während nur wenige moralische Fragen so dramatisch formuliert werden. tausend Unschuldige zu opfern. die ihren ursprünglichen Zielen zuwiderlaufen. Es ist sentimental. die Recht sprechen. »Im wirklichen Leben«. schreibt Varela. nur weil wir es uns lebhaft vorstellen können.«8 Die Qualität dieser Bereitschaft hängt von der Qualität unseres Wesens und dem Grad der Selbstlosigkeit unserer 344 . kann sie leicht zu negativen Zwecken missbraucht werden. Wir sollten die Fragestellung einmal umkehren: »Ist es akzeptabel. weil sie eine unparteiische und altruistische Motivation sowie den ungebrochenen Wunsch voraussetzt. auf den Tod eines unschuldigen Kindes zu reagieren. Ihre praktische Umsetzung ist deshalb besonders schwierig.

«10 345 . Der Dalai Lama merkt dazu an: »Manchmal müssen wir unmittelbar handeln.«9 Die Idealisierung von Gut und Böse Es gibt zwei ethische Strömungen: Die eine basiert auf abstrakten Prinzipien und die andere auf gelebter Erfahrung. und reine praktische Vernunft setzt nicht voraus. dass diese Unterscheidung zwischen dem Glücksprinzip und dem moralischen Prinzip einen Gegensatz zwischen beiden darstellt. Je spontaner unsere Handlungen. dass wir da. zum Wohl der anderen handeln müsse. mit umso größerer Wahrscheinlichkeit spiegeln sie unsere innere Disposition in jenem Moment wider. Für ihn sind solche menschlichen Emotionen nicht verlässlich. nicht von der Rechtschaffenheit unserer abstrakten moralischen Prinzipien. Er plädiert eher für die Anwendung universaler und unparteiischer moralischer Prinzipien. Er verwirft die Vorstellung. obwohl Glück um seiner selbst willen nicht das Ziel sein kann: »Daraus folgt aber nicht. Immanuel Kant verweist zum Beispiel auf das Pflichtgefühl. Deshalb ist unsere spirituelle Entwicklung von so entscheidender Bedeutung dafür. das Glück außer Acht lassen sollten. wie etwa die pragmatische Ethik des Buddhismus. sondern nur. Für ihn ist Tugend eine Pflicht. dass unsere Handlungen auf einer zuverlässigen ethischen Grundlage beruhen. dass wir jedem Anspruch auf Glück entsagen müssen. die zum Glück der Menschheit als Ganzes beitragen muss. dass man.Motivation ab. motiviert von einem Altruismus. wo die Pflicht ins Spiel kommt. der von Anteilnahme und Mitgefühl getragen ist. das für alle moralischen Fragen letztendlich und absolut maßgebend sei.

die für sich und unabhängig von der Welt der vergänglichen Erscheinungsformen existiert. verinnerlichtes. Utilitarismus . Jahrhunderts und Begründer des Utilitarismus. Alles entsteht im eigenen Geist. die außerhalb von uns existiert. und das Gute ist kein absolutes. verkörpertes. In Liebe und Mitgefühl kommt die wahre Natur aller Lebewesen zum Ausdruck .12 Mit diesem weitaus menschlicheren 346 . der eine abstrakte Konfiguration in ihrem wahren Wesen übertönt.«11 Diese unterschiedlichen Vorstellungen von einem absoluten Guten beruhen im Allgemeinen auf dem Glauben an die Existenz einer transzendenten Größe (Gott.das. was wir als grundlegende Güte bezeichnet haben. Wissen ist situationsbedingt und hängt vom Kontext ab. einem englischen Philosophen des 18. Damit wird das eigentliche Wesen der menschlichen Erfahrung ignoriert.die Ethik des Nützlichen Folgt man Jeremy Bentham. so ist »das größte Glück für die größte Zahl die Grundlage des sittlichen Verhaltens und der Rechtsprechung«. Hier ist das Böse keine dämonische Macht. von uns getrenntes Prinzip. Wie wir gesehen haben. seine Authentizität und sein Kontext sind kein »Lärm«. die Einzigartigkeit des Wissens.Die Schwäche der Pflicht besteht im Zwang zur Allgemeingültigkeit. hat der Buddhismus diesbezüglich eine völlig andere Sicht der Dinge. und 19. Das Böse ist eine Abweichung von dieser grundlegenden Güte und kann korrigiert werden. also darin. Francisco Varela erklärt: »Echtes Wissen ist hauptsächlich konkretes. das Ideal des Guten). gelebtes Wissen. dass sie besondere Fälle unberücksichtigt lässt. Ideale.

Auf lange Sicht besteht der größte Nachteil des Utilitarismus in dem Risiko. geht man im Buddhismus davon aus. ein Krimineller könne sich eigentlich nicht ändern. Letzteres auf das Erstgenannte reduziert. Anstatt sich jedoch auf den Standpunkt zu stellen. dass man sinnliches Vergnügen mit echtem Glücksempfinden verwechselt oder. Aus dieser Perspektive wäre das Einsperren eines Straftäters eher wie ein »Krankenhausaufenthalt« und nicht so sehr im Sinn eines unwiderruflichen Urteils anzusehen. muss er eingesperrt werden. Aber wie löblich und altruistisch seine Ziele auch sein mögen. die durch negative Emotionen hervorgerufen werden. Verurteilung. genauer gesagt. der Utilitarismus gründet seine Analyse auf einer ziemlich verschwommenen Vorstellung vom Wesen des Glücks und wirft oberflächliche Vergnügungen mit tief empfundenem Glück in einen Topf. dass das Gute tief im Innern eines 347 . damit er anderen keinen Schaden zufügen kann. Solange er eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt. Der Buddhismus setzt auf persönliche Veränderung . Das gestattet eine differenziertere Beurteilung der jeweiligen Situation. um den ethisch ausgerichteten Geist durch Weisheit zu befruchten.Ansatz ist der Buddhismus einverstanden. prognostizieren und durch Vorbeugung vermeiden beziehungsweise die davon Betroffenen heilen können. mit dessen Hilfe wir anhand bestimmter Symptome die Probleme und Unannehmlichkeiten.den inneren Wandel -. wodurch sich dieser eine selbstlosere Motivation zu Eigen und von erhöhter Klarheit Gebrauch machen kann. Bestrafung und Rehabilitierung Ethik ließe sich auch als eine Art »medizinischer« Fachbereich betrachten.

wie weitgehend dieses Gute unter Hass. kann nicht ernstlich als eine ethische Handlung betrachtet werden. Das ist »Cowboy-Justiz«. Keine Handlung. der die Gesellschaft beziehungsweise die Gesellschaftsordnung angegriffen hat. selbst wenn es an der Oberfläche entsetzlich Schaden genommen hat. deren Motivation in erster Linie darin besteht.Menschen davon unberührt bleibt. da es dann nicht mehr darum geht. zu töten. wie im Fall der Todesstrafe. Habgier und Grausamkeit verschüttet sein kann. kann er willkürliche. ja sogar absurde Züge annehmen. sondern dem Schuldigen Leid und Schaden zuzufügen und den »Feind«. die Gesamtsumme des verfügbaren Glücks für die betreffende menschliche Gemeinschaft zu maximieren. jemandem Leid zuzufügen oder ihn. verlässt den Boden von Recht und Gerechtigkeit. Folgendes zu verstehen: Die schiere Tatsache seiner Existenz lässt immer die Möglichkeit offen. aus dem Weg zu räumen. Aristoteles war beispielsweise ein Befürworter der Sklaverei . Die Grenzen des Utilitarismus Der Utilitarismus macht sich dafür stark. Bei unkritischer Anwendung kann dieses Maximierungsprinzip tatsächlich dazu führen. Da er aber über keine sinnvollen Kriterien zur Bewertung von Glück verfügt. dass es darunter wieder zum Vorschein kommt. Wer Rache übt. deren extremste Form die Todesstrafe ist. Allerdings ist es viel wichtiger. Unschuldige zu schützen.denn wenn 348 . dass ihm bestimmte Mitglieder der Gesellschaft zum Opfer fallen. Bestrafung sollte auch niemals eine Art Rache sein. keine erleuchtete Lebensweise. Hier wird keineswegs naiv darüber hinweggesehen.

könnte Sklaverei gutheißen. Im Buddhismus. uns in unsere Mitmenschen hineinzuversetzen. Indem er die Gerechtigkeit über das Gute stellt. müssten alle Intellektuellen einer Arbeit nachgehen und auf ihre »erhabenen. eine Lüge zu akzeptieren. schon bevor eigentlich seine Zeit gekommen war. ist eine derart vordergründige Argumentation unvorstellbar. Eine Handlung. Er lehnte die Lehre vom kollektiven Glück als ultimative Rechtfertigung für unser Handeln ab und trat stattdessen für die Respektierung unantastbarer Persönlichkeitsrechte. Das gilt beispielsweise für Kants pathetische Weigerung. kann in Wirklichkeit schlecht sein. außerdem für das Prinzip gleicher Grundfreiheiten und einer fairen Chancengleichheit ein. der sich an die Stelle eines anderen versetzt. Kein einfühlsamer Mensch. idealisiert Rawls allerdings die Gerechtigkeit und wertet das 349 . Aus buddhistischer Sicht stehen diese beiden Begriffe in einem untrennbaren inneren Zusammenhang. Eine besonders schwerwiegende Kritik am Utilitarismus hat der im Jahr 2002 verstorbene amerikanische Philosoph John Rawls formuliert. wenn sie nicht zuerst gerecht ist. die im Rahmen einer dogmatischen Ethik als gerecht betrachtet wird. weil man. Das war eine Entgleisung des Utilitarismus.es keine Sklaven gäbe. Man kann sich von der Gerechtigkeit wohl kaum weiter entfernen. Ihm zufolge ist Lügen. die ein Menschenleben retten könnte. ein Unrecht gegenüber der gesamten Menschheit. Nach Auffassung von Rawls kann eine Handlung nicht gut sein. aus welchem Grund auch immer. wenn man sich das Recht zu lügen herausnähme. der uns ja immer wieder auffordert. die Glaubwürdigkeit jeglicher Rede zerstören würde. Respekt gebietenden Aktivitäten verzichten«.

. denn er geht von der Voraussetzung aus. nach denen wir unser Verhalten ausrichten sollten? Der Philosoph Charles Taylor hat sehr treffend bemerkt: »Viele zeitgenössische Moralphilosophen . Aber ist das wirklich die inspirierendste Quelle für die ethischen Prinzipien. als sich zunächst seinen eigenen Vorteil auszurechnen. der Mensch sei von Grund auf egoistisch und könne gar nicht anders.. mehr auf die Definition der Pflichten als auf die Frage. Da jeder seine eigenen Interessen schützen will. der auf starkem Anhaften an der Vorstellung von einem Selbst beruht. hat niemand einen Grund. und sie lassen keinen Raum für eine Vorstellung vom Guten als Gegenstand unserer Liebe und Treue oder als herausgehobenen Bezugspunkt unserer Aufmerksamkeit und unseres Willens.13 Vielleicht müssen wir die Tatsache akzeptieren. in einen dauerhaften Verlust für sich selbst einzuwilligen. in modernen Gesellschaften allgegenwärtig ist.Gute ab.«14 350 . um für einen Nettoüberschuss an Zufriedenheit zu sorgen. dass ein verschärfter Individualismus. In Abwesenheit starker und dauerhafter wohltätiger Impulse würde kein vernünftiger Mensch eine bestimmte Grundstruktur anerkennen. seine eigene Vorstellung von dem. worin ein gutes Leben bestehen sollte. nur weil sie die Gesamtsumme der Vorteile ungeachtet ihrer dauerhaften Auswirkungen auf seine eigenen Rechte und Interessen maximiert. haben sich mehr auf die Frage nach dem richtigen Handeln als auf diejenige nach dem richtigen Sein konzentriert. was gut ist.

die auf diesem Gebiet größere Fähigkeiten an den Tag legen als der Durchschnittsmensch.15 Man kann ein hervorragender Pianist. was die oder der Betreffende lehrt. Gärtner oder Wissenschaftler und trotzdem launisch und eifersüchtig sein. verfügt über keine solide Grundlage. Mathematiker. wenn man sich persönlich auf diese Entdeckungsreise begibt. aber in der westlichen Welt kann man sogar als großer Moralist angesehen werden. und zu einem solchen Verständnis gelangt man nur. Wir sollten uns hier einfach den buddhistischen Anspruch in Erinnerung rufen. die nur auf Idealen und intellektuellen Vorstellungen beruht und nicht in jedem Punkt von Menschlichkeit. übereinstimmen muss. echter Weisheit und Mitgefühl getragen ist. In unserer modernen Gesellschaft sind solche Vorbilder für ethischen Sachverstand (anders als beispielsweise Vorbilder für sportliche Leistungen) schwerer zu finden. dass die Lebenswirklichkeit eines Menschen mit dem. Sie muss aus tiefstem Verständnis der menschlichen Qualitäten herrühren. 351 .In diesem Zusammenhang heißt es bei Varela: In traditionellen Gemeinschaften gibt es Vorbilder für ethischen Sachverstand (die »Weisen«). Eine Ethik. Das ist einer der Hauptgründe für den nihilistischen Beigeschmack des modernen ethischen Denkens. obgleich man selbst keineswegs nach den eigenen moralischen Grundsätzen lebt. Ethik ist keine gewöhnliche Wissenschaft.

Er schloss daraus. jenen absoluten Verboten unterliegen. Die Forschungen des Philosophen und Neurowissenschaftlers Joshua Green haben gezeigt. die wir von unseren Vorfahren unter den Primaten ererbt haben. wenn wir mit einem ethischen Dilemma konfrontiert sind. die mit emotionalen Reaktionen in Verbindung gebracht werden. ob man das Leben eines unschuldigen Kindes opfern sollte. denen zufolge bestimmte moralische Grenzen . Hirnregionen. Ein Beispiel für solch ein Dilemma war weiter oben die Frage.ungeachtet des ansonsten erreichbaren höheren Guts . die sich ergeben. um viele Menschleben zu retten. dass die mit solchen Entscheidungen einhergehenden Überlegungen eine höhere Aktivität in jenen Hirnarealen auslösen.nicht überschritten werden dürfen. die mit kognitiver Steuerung assoziiert werden. die den Kern solch dogmatischer Sichtweisen wie derjenigen Immanuel Kants bilden. die mit Vernunft und kognitiver Steuerung in Zusammenhang gebracht werden. Dazu müssen wir die starken emotionalen Konflikte bewältigen. wenn die Entscheidung mit einem schmerzlichen Opfer oder einem persönlichen Verlust verbunden ist.16 Diese Hirnregionen stehen in Konkurrenz zu denen. dass die sozialen und emotionalen Reaktionen. sind neueren neurowissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge an der Lösung moralischer Konfliktsituationen beteiligt. eine klare Analyse der Situation und eine wahrhaft selbstlose Motivation.Ethik und die Neurowissenschaften Ein mitfühlender utilitaristischer Ansatz erfordert. bei denen utilitaristische Werte emotional sehr schwierige Entscheidungen notwendig machen. Im Unterschied dazu wird die den altruistischen Utilitarismus kennzeichnende unparteiische Bewertung durch 352 .

praktischer Vernunft basiert. die sich viel später entwickelt haben und eine hochgradige kognitive Steuerung unterstützen. nicht aus einer emotionalen Notlage heraus getroffen werden und durch persönliche Vorurteile getrübt sein sollte.« Das würde die Auffassung bestätigen.Strukturen in den vorderen Stirnlappen ermöglicht. Die Befürworter solcher Ideale haben ihre abgegriffene Formel immer wieder heruntergebetet. über die Jahrhunderte hinweg zu Intoleranz. die den Anspruch erheben. durch Weisheit verstärktem Mitgefühl. dass eine selbstlose ethische Entscheidung. Green bemerkt dazu: »Sollte sich diese Erklärung als richtig erweisen. zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. die anschließend rationalisiert werden. dass utopische Ideale und Dogmen. das Leid der anderen zu verringern beziehungsweise möglichst gering zu halten. die eingehend die beste Möglichkeit erwägt. sondern auf einer Reihe emotionaler Reaktionen. Solltest du dich jedoch weigern. religiöser Verfolgung und totalitären Regimen geführt haben. würde das ironischerweise bedeuten. Ethik in der Krise? Die Menschheitsgeschichte zeigt.« 353 . in zahlreichen Variationen des einen Themas: »Im Namen des einzig wirklichen Gottes werden wir dich zu einem glücklichen Menschen machen. Eine solche utilitaristische Entscheidung entspringt aufrichtigem. dass Kants »rationalistischem Ansatz der Moralphilosophie psychologisch betrachtet nicht auf den Prinzipien reiner. nicht kaltblütiger Berechnung. müssen wir dich zu unserem großen Bedauern umbringen.

können wir wirklich zu Hütern und Erben des Glücks werden. sich an Gesetze mit unumschränktem Geltungsanspruch zu halten. 354 . mit dem Wind wohlwollender Güte im Rücken den endlosen Strom der stets in Wandlung begriffenen Phänomene entlangzusegeln.Außerstande. Weisheit und Mitgefühl zu entwickeln. tappt der moderne Mensch im Dunkeln. die auf den einander widersprechenden Theorien unzähliger Philosophen und Moralisten basiert. durch die Vorstellung einer von Grund auf bösen Menschheit entmutigt und zurückgeworfen auf eine unzuverlässige Ethik. Han de Wit schreibt: »Dieses Fiasko hat das Herz der modernen westlichen Kultur mit einem moralischen Defätismus vergiftet.zieht es dagegen vor.«17 Die Ethik echter Selbstlosigkeit durch die Entdeckungen der Neurowissenschaften auf dem neuesten Stand . Nur wenn wir uns unermüdlich darum bemühen. den göttlichen Geboten entfremdet.

Wenn er kommt. die nicht wissen9 dass sie sterben müssen. ohne dem Leben den Rücken zu kehren? Wie können wir ohne Verzweiflung oder Furcht an ihn denken? Etty Hillesum hat dazu geschrieben: »Wir können nicht voll und ganz leben.«1 Wie wir über den Tod denken. Patrick Declerk Der Tod scheint so fern und ist doch allzeit so nah. andere ziehen es vor. ihn zu ignorieren. und diejenigen9 die vergessen haben. So sicher unser Tod ist. Wenn wir ihn hingegen in unserem Leben willkommen heißen. wachsen wir und bereichern unser Leben.Kapitel 2 3 Glücklich sein angesichts des Todes Vergesst nicht. Fern. kann ihn keine Macht aufhalten. wenn wir den Tod aus dem Leben verbannen. dass sie lebendig sind. weil wir ihn uns immer in irgendeiner fernen Zukunft vorstellen. weil er uns jederzeit treffen kann. keine Schönheit verführen. um unser Leben zu bereichern Wie können wir uns mit dem Tod konfrontieren. nah. so unvorhersehbar ist seine Stunde. Manche Menschen haben schreckliche Angst vor ihm. kein Reichtum beeindrucken. Sich den Tod vergegenwärtigen. nimmt auf unsere Lebensqualität ganz erheblich Einfluss. kann ihn der Wortgewandteste nicht zum Warten überreden. dass es zwei Arten von Verrückten gibt: diejenigen. 355 .

wir lernen. der das Beste aus den wunderbaren Möglichkeiten des Lebens gemacht hat. Wir sind vielleicht gesund. und bewahrt uns davor. irgendetwas zu bereuen haben? Der Bauer. wofür es sich lohnt zu leben. der sein Feld sorgfältig bestellt hat. wie wir uns die Angst vor dem Tod zunutze machen können. Oft kommt der Tod ohne Vorwarnung. bei gutem und schlechtem Wetter gesät und geerntet hat. unsere halb aufgegessene Mahlzeit. unsere unterbrochene Unterhaltung. wie ein Hirsch. die Zeit. bereitet sich jeder auf seine eigene Weise auf ihn vor. Der Tibeter Gampopa hat im 12. die uns bleibt. statt sie zu ignorieren.und wieder andere meditieren über ihn. zielbewusst zu sein. Diese Einsicht hilft uns. unsere Zeit mit sinnlosen Ablenkungen zu vertun. sollten jedoch gewahr sein.« Besser. auf welch brüchigem Boden wir uns bewegen. Nichts zu bereuen? Kann jemand. wertzuschätzen. und am Ende sollten wir glücklich sein. der schwer gearbeitet. muss nichts bereuen. auf halbem Weg sollten wir nichts zu bereuen haben. wie ein Bauer. die Lebenszeit. unsere nicht zu Ende geführten Pläne zurück. Den Tod als Teil des Lebens anzunehmen gibt uns Ansporn. genießen eine leckere Mahlzeit mit unseren Freunden und erleben dennoch vielleicht gerade unsere letzten Augenblicke. wie jemand. bei dem uns die Todesangst auf Schritt und Tritt im Nacken sitzt. Vorwürfe machen werden wir uns wahrscheinlich 356 . Wir brauchen wahrhaftig kein Leben zu führen. Wir lassen unsere Freunde. der eine große Aufgabe bewältigt hat. der einer Falle zu entgehen sucht. er hat sein Bestes getan. Während wir alle uns ihm gleichermaßen stellen müssen. Jahrhundert geschrieben: »Am Anfang sollten wir den Tod fürchten. um jedem flüchtigen Augenblick mit höherer Wertschätzung begegnen und erkennen zu können.

Was nützt es. bedeutet nichts für uns. wenn wir uns mit der Vorstellung quälen. hat er. der in die verdorrte Erde sickert? Wenn ja. liebe Menschen und lieb gewordene Dinge hinter uns lassen zu müssen. worin wir nachlässig gewesen sind. wenn wir da sind. Jemand. 357 . friedvolle Haltung einnehmen. an dem wir am meisten hängen: uns selbst. und uns in den Gedanken über den Verfall unseres Körpers hineinsteigern? Sogyal Rinpoche erklärt: »Der Tod ist die absolute und unvermeidliche Zerstörung von etwas. zu klammern. wie Epikur behauptete. kann in Frieden sterben. einem Tropfen Wasser. die gelöscht wird. keinen Einfluss auf unser Glück: »Der Tod. »Ich werde nichts sein.«3 Wenn der Tod herannaht. ist der Tod noch nicht da. nimmt man am besten eine gelassene. alles wird nichts sein« Gleicht der Tod einer Flamme. um ein besserer Mensch zu werden und zum Wohlergehen der anderen beizutragen. sondern eine selbstlose. ohne uns an Besitztümer und an diejenigen. sind wir nicht da. die wir lieben. dass wir angesichts dieses entscheidenden Übergangs den Geist nicht auf unsere Angst vor dem momentanen Leid richten. die letzten Monate oder Momente in ruhiger Gelassenheit zuzubringen. der größte aller Schrecken. Daher können die Unterweisungen über Egolosigkeit und die Natur des Geistes natürlich eine große Hilfe sein. und wenn der Tod da ist. als in einem von Angst geplagten Zustand. Jedenfalls ist es gewiss vorzuziehen.«2 Was aber. wenn der Tod nur ein Durchgangsstadium ist und der Geist weiterhin unzählige Seinszustände durchlebt? Es ist wichtig. der jede Sekunde seines Lebens genutzt hat.nur für das.

ihn ganz und gar aus dem Bewusstsein zu verbannen. »allein für dich selbst den Rest des Lebens zu reservieren und der Weisheit nur die Zeit zu widmen. Der Tod der anderen Wie können wir mit dem Tod eines anderen Menschen fertig werden? Obwohl sich das Dahinscheiden eines anderen Menschen manchmal wie ein unheilbares Trauma anfühlt. Und wenn er dann kommt. die du nicht für Geschäfte nutzen kannst? Wie spät ist es. um uns vorzubereiten. Da es auf der physischen Ebene unmöglich ist. denn das ist kaum der richtige Zeitpunkt. ziehen wir es vor. wenn wir aufhören müssen zu leben!«4 Wir sollten jetzt anfangen. die Augen vor dem Tod zu verschließen. ihm auszuweichen. ob man sich eventuell auf eine spirituelle Reise begeben sollte. in jedem einzelnen sei358 . um darüber nachzudenken. solange wir noch in guter geistiger und körperlicher Verfassung sind.selbstlose und losgelöste Haltung ein. weil ein »schöner Tod« nicht unbedingt tragische Züge an sich haben muss. Wir sollten auch nicht bis zum letzten Moment warten. nur umso mehr schockiert. In der westlichen Welt sind die Menschen heutzutage nur allzu gerne bereit. zu leben anzufangen. So muss das Sterben weder mit psychischen noch mit physischen Qualen verbunden sein. Wir kaschieren ihn. »Schämst du dich nicht«. schrieb Seneca. könnte man es auch anders betrachten. sind wir innerlich überhaupt nicht auf ihn vorbereitet. verstecken ihn und machen ihn zu einer sterilen Angelegenheit. und wir haben nicht gelernt. Inzwischen ist das Leben Tag für Tag dahingegangen.

kommt der Tod in einer friedlichen Atmosphäre und die Hinterbliebenen sind getröstet. In Tibet zum Beispiel sterben auch heute noch die meisten Menschen im Kreise von Angehörigen und Freunden. Wenn der Tod schließlich 359 . War der oder die Sterbende außerdem ein erfahrener Meditierender. dass Zeit kostbar ist und dass es töricht wäre. macht sich niemand Sorgen um ihn. die von einer Feuerbestattung zurückkehren. sagen oft: »Alles ist wirklich gut verlaufen. dass sich sämtliche Angehörige um ein sterbendes Familienmitglied versammelt haben.ner flüchtigen Augenblicke einen Sinn zu finden. Für uns hat es nur bedeutet. dass er keine Zeit zu verlieren hat. Dieser Tag wird natürlich zum kostbarsten seines Lebens. die in Kathmandu gestorben war .erzählt. sie mit sinnlosen Dingen zu vergeuden. letzte Worte wurden gesprochen. Der Pfarrer gab die Sakramente. weiß er in jedem Augenblick die Fülle des Lebens zu schätzen.einer aus den USA stammenden buddhistischen Nonne. als wäre es sein letzter. So können auch Kinder den Tod als natürlichen Bestandteil des Lebens erfahren. Zeit zu vergeuden. Der Tod des Weisen Der Weise genießt eine ganz besondere Freiheit: Auf den Tod vorbereitet. Früher war es auch in Europa üblich. Menschen. Beim Beobachten des Sonnenuntergangs fragt er sich: »Werde ich morgen früh die Sonne wieder aufgehen sehen?« Er weiß. Ist ein spiritueller Meister zugegen. nie zuvor habe er eine so erhebende Beisetzung erlebt. Er lebt jeden Tag so.« Ein amerikanischer Botschafter in Nepal hat mir nach der Feuerbestattung einer Bekannten .

ohne Anhaften an das. was er zurücklässt. ohne Bedauern. Er verlässt dieses Leben wie ein Adler. Von Tibets großem Yogi Milarepa (1052-1135) ist uns unter anderem der folgende Gesang überliefert: Aus Angst vor dem Tod bin ich in die Berge gegangen. Wieder und wieder habe ich über das unvorhersehbare Eintreten des Todes meditiert und die Festung der todlosen unwandelbaren Natur [aller Phänomene] erobert.zu ihm kommt. Nun bin ich über jegliche Furcht vor dem Tod hinaus. ohne Trauer. stirbt er ruhig und friedlich. 360 . der in den blauen Himmel aufsteigt.

Unser Ziel auf dem spirituellen Weg ist die innere Transformation . kommt Monate oder Jahre später der entscheidende Moment. Lernen wir.in diesem Fall die Schulung des Geistes. uns weiterzuentwickeln. voller Entschlossenheit zu praktizieren. wir vor allem nicht mehr fähig sind. wie es einmal war. dass wir im Moment gar nicht dazu in der Lage sind. frei zu sein! Der Schlüssel zur spirituellen Praxis liegt in der Fähigkeit. Wenn wir uns auf den spirituellen Weg begeben und begonnen haben. in dem wir erkennen. und Hoch361 .mit der Intention. und so leben. Dann kommt der Wunsch auf. Welchen Sinn sollte Askese sonst haben?« Das Wort »Askese« bedeutet »Übung« oder »Schulung« . zum Herrn über den eigenen Geist zu werden. die wir in der Welt zu sehen wünschen.Kapitel 24 Ein Weg Wir müssen die Veränderung sein. wenn es für uns an der Zeit ist zu sterben. um dieses Hindernis zu überwinden. dass andere sich von Leid befreien. dass wir nichts zu bereuen haben. den Geist zu bändigen. »Das Ziel der asketischen Lebensführung«. anderen absichtlich und bewusst Leid zuzufügen. beseelt von dem brennenden Wunsch nach der Verwirklichung einer lohnenden Aufgabe. dazu beitragen zu können. Mahatma Gandhi Wir müssen manchmal wie Forscher sein. Zunächst wird uns vielleicht an dieser Stelle klar. dass nichts mehr ist. so heißt es. »besteht darin.

mut. Neid und Verwirrung nicht mehr die unangefochtenen Herren über unseren Geist sind. mit seinem persönlichen Temperament. es nach außen. Jeder beginnt dort. dem für ihn charakteristischen geistigen Stil. Die Vielfalt der Methoden spiegelt die Verschiedenheit der Menschen wider. den eigenen Überzeugungen. fällt es uns mit der Zeit immer leichter. ob es nicht ausgesprochener Luxus sei. um innere Freiheit zu erlangen. Manch einer mag sich fragen. Leid verursachenden und Schaden anrichtenden Emotionen zu befreien. würden auch Wissenschaftler ihre Forschungsarbeit auf362 . auf die Menschen in unserer Umgebung. wo er gerade steht. Wir sollten uns fragen. sich diese Frage immer wieder aufs Neue zu stellen und zu versuchen. Jeder von uns kann eine für ihn angemessene Methode finden. die uns ungehindert auf dem Weg zur Befreiung vom Leid voranschreiten lässt. Was haben wir erreicht? Sind wir nicht vom Fleck gekommen? Hat es Rückschritte gegeben? Oder haben wir Fortschritte gemacht? Sobald unser inneres Wohlbefinden auf einer stabilen Grundlage ruht. extremer Armut. auf unsere Aktivitäten in der Gesellschaft und die menschliche Gemeinschaft ausstrahlen zu lassen. wo doch so viele andere unter Hungersnöten. Es ist wichtig. ob unsere spirituelle Praxis uns zu besseren Menschen macht und zum Glück der anderen beiträgt. uns innerlich gesammelt und voller Klarheit Antwort darauf zu geben. Es gibt nicht »die eine Methode«. ihr Leid zu lindern? Wenn das möglich wäre. um mit der Arbeit an den eigenen Gedankenprozessen zu beginnen und sich allmählich vom Joch der negativen. dass wir eigenen Schmerz und eigenes Leid überwinden können. Krieg und zahllosen anderen Katastrophen leiden. Warum versuchen wir nicht einfach jetzt sofort. daran zu arbeiten.

geben. Aristoteles hat gesagt: »Unangemessen wäre es. Das Wissen. so wie der Goldschmied das Gold durch Schneiden. meditieren Wie jede Ausbildung führt auch der spirituelle Weg über mehrere Stufen. darauf kommt es an. Und was für einen Sinn hätte es dann. das man nur selten zur Hand nimmt. Der Buddha hat zu den Menschen. die Kranken zu behandeln? Wozu zuerst einmal studieren und auf irgendeinem Fachgebiet zum Experten werden? Dasselbe gilt für den Weg zur inneren Transformation . fünf Jahre lang an einem Krankenhaus zu bauen? Die Verlegung von elektrischen Leitungen und Wasserrohren heilt niemanden. unterzieht sie einer sorgfältigen Prüfung. Zuerst müssen wir die Unterweisungen empfangen und sie anschließend verinnerlichen.« Zuhören. das es braucht. dass das Wissen nicht wie ein schön eingebundenes Buch wird. die seine Schüler werden wollten. Sich mit der Bedeutung immer wieder intensiv auseinanderzusetzen.man darf diesen Prozess nicht dem Zufall überlassen. die Liebe und das Mitgefühl des Weisen können nicht aus dem Nichts kommen.« 363 . die größte und edelste Sache dem Zufall zu überlassen. Untersucht sie. so wie eine Blume nicht einfach vom Himmel herabwachsen kann. um sich nur noch mit Notfällen zu beschäftigen. Erhitzen und Hämmern prüft. Ein Kind wird nicht mit allem Wissen geboren. Warum schlagen wir nicht einfach ein paar Zelte am Straßenrand auf und fangen sofort an. Wir müssen dann darauf achten. gesagt: »Akzeptiert meine Lehre nicht aus bloßem Respekt vor mir. um es aufzuschlagen. denken.

dass wir das Rezept des Hausarztes lediglich neben unser Bett legen oder es auswendig lernen. wenn er fortflattert. wachsamen Geist .Intellektuelles Verstehen genügt nicht. Darin besteht. Geduld. damit die Einsicht zum Bestandteil unseres Geistesstroms wird. aber gelangweilten Schüler machen. Anfangs ist der Geist noch unstet. Toleranz .kurz. eine bildliche oder figürliche Darstellung des Buddha. wie wir gesehen haben. ein Gefühl. So bleibt sie nicht nur Theorie. zu einem für die innere Transformation besser geeigneten Werkzeug. eine Idee. so wie wir einen Schmetterling jedes Mal zur an Nektar reichen Blüte der inneren Sammlung zurückbringen würden. es uns voll und ganz anverwandeln. von der wir dann unser gesamtes Sein durchdringen lassen. Wir können auch meditieren. einer neuen Art. 364 . Wir werden nicht dadurch gesund. So können wir uns mit vielen positiven Eigenschaften . ihn zur Ruhe zu bringen. die anfangs in kurzen. sondern trägt wirklich zu unserer Veränderung bei. aber regelmäßigen Sitzungen praktiziert wird. stabilen. Wir wollen ihn nicht zu einem pflichtbewussten. das sich jeglichem Lernen widersetzt. indem wir den Geist durch innere Sammlung auf ein bestimmtes Objekt stabilisieren: eine Blume. starken. suchen wir in uns selbst nach einer bestimmten Qualität. um Geistesruhe zu erzielen. die Bedeutung des Wortes Meditation: im Sich-vertrautMachen mit einer neuen Lebensweise. sondern zu einem beweglichen. anstatt ihn wie ein verzogenes Kind.vertraut machen und sie durch stetige Meditation immer weiter und tiefer gehend entwickeln. Wir müssen uns das Gelernte zu Eigen machen. seinem Schicksal zu überlassen.Güte. Bei dieser spirituellen Übung. klaren. Doch wir lernen. bis sie uns zur zweiten Natur geworden ist. da zu sein.

Es gibt noch viele andere Meditationstechniken. indem wir uns das . gilt es. Es geht darum. dasselbe Bemühen um Veränderung.Schließlich können wir auch noch. 365 . dieselbe Kontemplation. ohne den Geist auf ein äußeres Objekt oder auf eine Vorstellung zu richten. Meditation ist eine Kunst. als sie eine stetig wiederkehrende Erfahrung derselben introspektiven Analyse beinhaltet. Auf die Meditation folgt die Aktivität. ihre Früchte anderen auch zugute kommen lassen. Liebe und des Mitgefühls erst einmal herangereift. ihren Niederschlag findet? Sind die Samen der Geduld. wenn sie nicht in der Weiterentwicklung unseres gesamten Seins. Was nützt die »großartigste Meditationssitzung«.mehr als großen intellektuellen Elan . Gelassenheit. dass wir zu einer neuen. verbindet sie doch eine Gemeinsamkeit: Allesamt sind sie unterschiedliche Facetten des inneren Transformationsprozesses.und das heißt zugleich: zur Wahrnehmung der Natur des Geistes. neue Fähigkeiten und Qualitäten zu entwickeln.viel Geduld erfordert. Mit anderen Worten: Man setzt das Erlernte im täglichen Leben um. das sich dann in den Dienst der anderen stellen kann. der inneren Stärke. aber wie unterschiedlich sie auch sein mögen. veränderten Wirklichkeitswahrnehmung gelangen . die uns durch den Sinn gehen. einfach über die Natur des Geistes meditieren.als offene Präsenz hinter dem Bildschirm der Gedanken befindliche .reine Gewahrsein unmittelbar anschauen oder indem wir die Gedanken beobachten. Aufrichtigkeit und . Hier geht es nicht um eine blitzartig aufleuchtende Erkenntnis. sondern darum. bis sie zum integralen Bestandteil unseres Daseins geworden sind. die Entschlossenheit. Die Meditation unterscheidet sich von rein intellektueller Reflexion insofern.

brauchen wir allerdings Zeit und die richtigen Bedingungen. Sie sind 366 . dass wir sogar zu schwach sind. denn unsere Gewohnheiten und Neigungen sind hartnäckig. lernen wir auch. Und das muss sich nicht nur in Notzeiten als hilfreich erweisen. So würde es auch ein verwundetes Reh tun: sich im Wald verstecken. wenn wir anfällig für Depressionen sind. In der Hektik des Alltags fühlen wir uns oft so verletzt und ausgelaugt. Das ist kein leichtes Unterfangen. Der Rückzug in die Einsamkeit bedeutet keineswegs.Wie ein verwundetes Reh Um zu dieser Reife zu gelangen. die Stille und Einsamkeit eines abgeschiedenen Ortes zu suchen. die Übungen zu praktizieren. in dem uns die hieraus gewonnene Einsicht und Kraft gegen die Stürme des Lebens wappnen. sondern auch in von Glück und Erfolg begünstigten Lebensabschnitten. sehen wir die Dinge mit anderen Augen. die uns leicht zu Arroganz und Selbstgefälligkeit verleiten. mehr Offenheit und Gelassenheit. Wenn wir für uns inneren Frieden finden. bis seine Wunden geheilt sind. mit größerem Überblick. Feindseligkeit und Neid entstanden. In unserem Fall sind die Wunden durch Unwissenheit. die uns neue Kraft geben würden. Im Gegenteil: Indem wir zu den üblichen weltlichen Aktivitäten ein wenig Abstand gewinnen. dass man an anderen Menschen und ihrem Wohlergehen kein Interesse mehr hat. Diese Zeiten der Einsamkeit sind nur in dem Maß nützlich. Und so entwickeln wir allmählich ein vertieftes Verständnis für die Dynamik von Glück und Leid. Für die Entwicklung und Stabilisierung einer meditativen Praxis und der damit einhergehenden inneren Veränderungen ist es oft hilfreich. ihn mit anderen zu teilen.

um zur Einsicht in die wahre Natur des Geistes zu gelangen. um sich still hinzusetzen und dann den eigenen Geist und die Wahrnehmung der Welt mit klarem Blick zu betrachten. Aber wer ist an Erleuchtung interessiert? Schon das Wort an sich klingt exotisch. Daher ist es nicht verwunderlich. Er widmet sein Leben nicht deshalb der Meditation. Denn das gereicht nicht nur ihm. sondern um das Geheimnis von Glück und Leid zu lüften. Und indem wir unsere getrübte. Doch was zählt. Wohin der Weg führt Jeder Mensch (oder fast jeder) ist an Glück interessiert. Dieser Weg erfordert Geduld. im 367 . dass ein Einsiedler Jahre benötigen kann. ist das Resultat. das sich jedoch immer wieder zusammenrollt. das wir zu glätten versuchen. weil er nichts Besseres zu tun hat oder von der Gesellschaft abgelehnt worden ist.wie zu Rollen aufgewickeltes Papier. vage und abgehoben. reine Luft für jemanden. der lange Zeit die verschmutzte Luft einer Großstadt eingeatmet hat. erscheint in unserer Zeit wenig realistisch. sobald wir es loslassen. Dennoch ist er von der Gesellschaft keineswegs abgeschnitten. Das ist genauso wichtig wie Schlaf für einen erschöpften und übermüdeten Menschen oder wie frische. sondern auch und vor allem seinen Mitmenschen und allen übrigen Wesen zum Segen. Zu erwarten. dass viele Männer und Frauen Monate oder gar Jahre ihres Lebens einer meditativen Praxis widmen.erübrigen. Andererseits kann bestimmt jeder ein paar Minuten pro Tag gelegentlich vielleicht sogar einen oder zwei Tage . da er aus der ältesten Quelle der menschlichen Existenz schöpft.

so wie das Auge seine eigenen Wimpern nicht sehen kann.zugunsten der Einsicht in die wechselseitige Abhängigkeit aller Phänomene. die Wirklichkeit wahrzunehmen. dass das individuelle Selbst und die Erscheinungsformen der Welt letztendlich nicht real sind. der im Buddhismus als höchste Freiheit bezeichnet wird und aus vollkommener Einsicht in die Natur des Geistes und damit zugleich in die Natur der Erscheinungswelt hervorgeht. Die Beeinträchtigungen von Geist und Seele sind gewichen und haben einer klaren Sicht der Wirklichkeit Platz gemacht.wie ein Kind. Der Weise hat erkannt. dass wir ihn nicht sehen können. Etwas anders ausgedrückt. jenseits sich auftürmender Gedankengebäude und sonstiger Verstandeskreationen.Kern illusionäre Art und Weise. ist er beileibe nicht unerreichbar. Vielmehr ist er uns so nahe. So wurde ein Zustand der Nicht-Dualität erreicht. Wie könnte er nicht spontan unermessliches Mitgefühl für all jene empfinden. Darin besteht das eigentliche Problem.unter dem Bann der grundlegenden Unwissenheit . die . sich von Unwissenheit und Unglück zu befreien. ein Zustand. seinen schweren Prüfungen und leidvollen Erfahrungen hilflos ausgesetzt? Obgleich ein solcher Zustand der Erleuchtung von unserem Alltag weit entfernt scheinen mag. finden wir diese buddhistische Vorstellung auch bei Ludwig Wittgenstein: 368 . das sich verlaufen hat. der immun ist gegen negative Gedanken. Erleuchtung ist derjenige Zustand. sich darüber jedoch nicht im Klaren sind. vollständig überwinden. indem wir die Geistesgifte und somit das Leid vertreiben. Die Trennung zwischen Subjekt und Objekt hat sich aufgelöst . durch Samsara irren. Der Reisende ist aus dem Schlaf der Unwissenheit erwacht. dass alle Wesen die Macht haben. erreichen wir höchstes inneres Wohlbefinden. Er versteht.

die uns am wichtigsten sind. Der tibetische Einsiedler und Wanderpoet Shabkar war und ist für seine berührenden Verstexte über Erleuchtung und Mitgefühl bekannt: 369 . der geschrieben hat. wenn wir sie sich selbst überlassen. die der in Verwirrung gefangene Geist wahrnimmt. Doch das geschieht nicht von allein. Wer die wahre Natur der Dinge erkennt. dass »wir alle unvollkommen sterben«. Aus der Milch wird keine Butter. der nur entdeckt zu werden braucht. weil jedes Wesen in seinem Inneren einen Schatz beherbergt. Wir müssen sie bearbeiten. gleicht einem Segler.»Die entscheidenden Aspekte jener Dinge.«1 Erleuchtung ist zweifellos erreichbar. der auf einer Insel aus purem Gold landet: Selbst wenn er nach gewöhnlichen Kieselsteinen suchen sollte. Beide sind Bestandteil der relativen Wahrheit. bleiben uns aufgrund ihrer Einfachheit und Vertrautheit verborgen. sagt der Buddhismus. Anders als Rainer Maria Rilke. Tatsächlich ist jede Stufe dieses Weges ein Schritt in Richtung innerer Erfüllung und tiefer Zufriedenheit. Die spirituelle Reise gleicht einer Wanderung von Tal zu Tal hinter jedem Gebirgspass erblicken wir eine noch grandiosere Landschaft. Jenseits von Glück und Leid Aus der Perspektive der absoluten Wahrheit ist weder Glück noch Leid real. Die Qualitäten der Erleuchtung offenbaren sich uns durch innere Transformation am Ende des spirituellen Weges. wird er keine finden. denn jeder von uns trägt das Potenzial seiner wahren Natur in sich. dass wir alle vollkommen geboren werden.

leeren Himmel gleicht. ganz klar. und die vergiftenden. offen und weit wie der Himmel.Ruhig und gelöst. absoluten Zustand. der einem lichten. alles tritt von selbst in Erscheinung. ganz natürlich: vollkommene Zufriedenheit! Mitgefühl für alle empfindenden Wesen. unermesslicher als der alles umfangende Himmel. Sich selbst überlassen. schmerzlichen Bindungen sämtlich Gebilde des Geistes lösen sich ganz von allein. Samsara und Nirvana. ist er ganz licht. Im funkelnden Glanz dieses Kontinuums bedarf es keiner Anstrengung. einen durch nichts bedingten. Gedanken und Ausdrucksmöglichkeiten. klaren. in diesem Zustand höchster Freiheit. die einst meine Mütter waren. völlig entspannt. betrachtet mit den Augen einer Weisheit. Verweile ich in diesem Zustand. steigt in mir empor das sind nicht nur leere Worte: Von nun an werde ich mich für das Wohl der anderen einsetzen!2 370 . so erfahre ich Freude jenseits von Worten. ganz still. gelange ich in den unermesslichen himmelsgleichen Bereich. werden zum wunderbaren Spiel der Erscheinungen.

Wäre ich als Kind in einen Zaubertrank hineingefallen und seither stets glücklich gewesen. bin Ski gefahren und gesegelt. habe Vögel beobachtet und gelernt. oder gesund bin. wie ich es entfalten könnte. aber dieses Potenzial war zunächst verschwommen und ich hatte keine Ahnung. Sie haben mir vor Augen geführt. zu lesen und zu schreiben.so wie ich sagen kann.Noch ein paar Worte zum Schluss Ich kann wirklich von mir sagen. Als Kind und Jugendlicher habe ich gelernt. Das Wort »Glück« kam in meinem Wortschatz nicht vor. die ebenso weise wie mitfühlend waren. wäre diese Aussage ziemlich uninteressant. Das Glück. Und ich habe meine Familie und meine Freunde geliebt. Denn das gelebte Vorbild sagt mehr als tausend Worte. bemerkenswerten Menschen zu begegnen. dass ich ein glücklicher Mensch bin . Niemals jedoch wäre ich auf die Idee gekommen. wie man fotografiert. Ich nahm zwar ein Potenzial in mir und anderen wahr. ein Instrument gespielt. so gut es mir möglich war. wie man es anstellen muss. 371 . man weiß. das ich heute in jedem Moment meines Lebens verspüre. die Natur geliebt. dass man dauerhaft frei und glücklich werden kann vorausgesetzt. entstand erst im Lauf der Zeit und unter Bedingungen. gab in meinem Fall den entscheidenden Ausschlag. und bewiesen. dass ich in der Lage bin. die Ursachen von Glück und Leid zu verstehen. die dazu beitrugen. was man erreichen kann. das mir wie ein verborgener Schatz erschien. Aber so war es keineswegs schon immer. mich als glücklich zu bezeichnen. Das intensive Gefühl inneren Wohlbefindens.

meinen spirituellen Meistern zu begegnen und ihre Unterweisungen zu erhalten. Die Dinge. Shantideva 372 . Solange der unermessliche Raum Bestand hat und solange es empfindende Wesen gibt. aber die Qualität auch nur eines einzigen Augenblicks in meinem Leben würde dadurch in keiner Weise beeinträchtigt. Kein einziges von ihnen halte ich jedoch für unentbehrlich.und sollte dies nicht der Fall sein. Wirklich unverzichtbar war für mich. sehe ich keinen Grund. mich darüber zu ärgern. habe ich voller Freude an ihrem Leben teil. Bin ich alleine. Bisher hatte ich stets das Glück. Arbeite ich an einem Projekt. weil ich mein Möglichstes versucht habe. wenn es von Erfolg gekrönt ist . Das wünsche ich mir von ganzem Herzen. um das Leid aus der Welt zu verbannen. freue ich mich. Ohne Laptop würde ich vielleicht nicht mehr schreiben und ohne Kamera keine Fotografien mehr machen. möge auch ich ausharren. Das hat mir mehr als genug gegeben. die ich besitze. um darüber bis ans Ende meiner Tage meditieren zu können! Mögen die in diesem Buch zusammengetragenen Anregungen und Ideen allen Wesen als winzig kleine Lichter entlang des Weges zu momentanem und letztendlichem Glück dienen. genieße ich jeden Augenblick. sehe ich als Hilfsmittel an. dass genug zu essen da war und ich ein Dach über dem Kopf hatte. im Retreat oder wo auch immer sonst.Bin ich mit Freunden zusammen.

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