Alan Aldridge

Fungel
Hüter des Waldes

Verfasst mit Steve Boyett und illustriert zusammen mit Maxine Miller und Harry Willcock
Aus dem Englischen von
Sybil Gräfin Schönfeldt, Ulrike Becker und CIaus Varrelmann
(OMNIBUS)

Gescannt vom Orkslayer

DER AUTOR Alan Aldridge, geboren 1944, schuf sich in der Zeit der Londoner »swinging sixties« einen Namen als äußerst produktiver und origineller Designer und arbeitete für die Beatles, die Rolling Stones, Pink Floyd, Cream und The Who. 1968 wurde er Berater der Beatles-Firma »Apple Corps((. Anfang der siebziger Jahre begann Aldridge mit der Arbeit an seinem ersten Kinderbuch, »Der Schmetterlingsball«, das ein großer internationaler Erfolg wurde. Weitere Bücher folgten. Daneben arbeitet er immer wieder für die Musikszene sowie für Film und Fernsehen. Seit 1981 lebt er in Los Angeles.

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Inhalt

Wanderer zwischen den Welten 3
Reise ohne Raum 26
Zwergeltung 29
Schwere Last 38
Überstürzte Flucht 48
Zurück in den Minen 58
In der Tabakkneipe 68
Das Land des Tausendrauchs 81
Knie in die Höh! 89
Mathemagie 99
Der Berg der Toten 103
Unheimliche Begegnungen 113

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Wanderer Zwischen zwei Welten

Es gibt Orte auf Erden, die noch keines Menschen Fuß betrat. Nicht viele Orte und selbst diese werden weniger mit jedem Tag. Aber manche überdauern, weit verstreut und wie im tiefsten Sack der Erdkugel: verschlossene Schluchten und schwimmende Inseln, zugewucherter Urwaldboden und fruchtbare Täler im Kranze von Gletscherbergen. Dort sonnen sie sich in unvermuteter Abgeschiedenheit, einsam, aber nicht verlassen. Um die Erde kreisen Satelliten, abwärts gewandt fotografieren und zeichnen sie lautlos jeden Quadratmeter Wolke, Land und sogar Meeresboden auf, Gott gleiche Späher, deren kalte, schlaflose Augen tagtäglich Millionen von Fotos knipsen. Sie erblicken die Wälder, aber sie nehmen die Bäume nicht wahr. Auf dem südöstlichen Antlitz Nordamerikas ist eine freundliche Altersfalte auf der Landkarte der Menschen als Appalachen bekannt. Im äußeren Süden dieses Gebirgszuges strich Fungel, der Waldzwerg, am sanft ansteigenden Ufer eines klaren Talsees lautlos durch das üppige Unterholz. Es war der Tag der herbstlichen Tagundnachtgleiche, der einzige Tag, den sich Herbst und Sommer ehrlich teilen, und Fungel war zwischen den wild wuchernden rosigen und purpurroten Azaleen und Rhododendren unterwegs, bestimmte Kräuter und Pilze fürs Abendessen zu sammeln, zu dem er sich die wenigen Freunde eingeladen hatte, die ihm noch im Tal des lächelnden Wassers geblieben waren. Der Tag war unnatürlich heiß - ganz unvernünftig-unzeitgemäß, wie Fungel fand. Die Jahreszeiten schienen neuerdings außer Rand und Band geraten zu sein, die Sommer jedes neuen Jahres noch schwüler und drückender, die Winter noch kälter und länger. Der Kampf der grünen gegen die weiße Welt schien bis zu jeder Schneeschmelze erbitterter zu werden, sein langer und traumloser Winterschlaf in jedem Winter ein paar Tage länger zu währen, und wenn er erwachte, war sein dichtes Fell stumpf, und durch den Fettverlust in diesem vierteljährigen Schlaf schlotterte es ihm in immer ärgeren Falten am Leibe. An diesem heiteren Nachmittag fühlte sich Fungels glattes dunkles Fell in seinem selbst gewebten Anzug jedoch vor lauter Hitze wie eingesperrt, während er sich lautlos durch den dicken grünen Berglorbeer und das alles erstickende Filzkraut am Ufer schob. Das lautlose Verschmelzen war ihm schon seit langem zur Gewohnheit geworden. So wie er schützende Sprüche sang, wenn er sein Heim verließ oder zu Bett ging, so war ihm das leise Schreiten in einer Welt, die sich rascher verwandelte als er selbst, zum festen Bestandteil seines Alltags geworden. Was ist nur mit der Erde los?, fragte sich Fungel oft, wenn die Jahreszeiten Kopfstand machten und sich immer toller austobten, ehe sie die nächste an die Reihe ließen. Na ja, philosophierte er, während er am Ufer entlang zu einer ganz bestimmten Pflanze weitertrottete, die, wie er wusste, hier ganz in der Nähe wuchs, hast du mit dem Wetter was, wirst du, wett ich, selber nass. Er blieb vor einem dicken, fetten Rohrkolben stehen, der sich vor ihm neigte, und er kniete sich nieder, um ihn genau zu untersuchen. Die gedrungenen Finger seiner Hand mit derartig dunklen und harten Nägeln, dass sie eher Krallen glichen, fuhren über den Pelz des Kolbens, und dann beschnupperte und beschnüffelte er ihn mit seiner Borstenschnauze und überlegte, wie er die zarten Stängel kochen wollte: in Ringe geschnitten und in einer Spur Walnussöl sautiert oder mit ein paar Holzäpfeln geschmort - um jeden seiner wenigen Freunde zu beeindrucken, musste es etwas Besonderes sein. Fungel schloss die Augen und spürte den Geist des Rohrkolbens an seinen Lippen. Sein Gemüt füllte sich mit der Wärme des Rohrkolbenlebens, hier in der Sonne mit Wachsen verbracht und mit dem Drängen der Wurzeln in der kühlen Erde, mit dem Saugen des Saftes, der nach des Mondes Zauber stieg und schwoll, und mit dem Ausatmen der reinen Luft für alles Getier - ein Leben, das ein schlichtes Dasein war. »O Geist des Rohrkolbens«, summte er, »gönn mir deine Gegenwart und gewähr mir deine Hilfe, sodass du und ich uns vereinen.« Die Luft über dem Rohrkolben begann zu schimmern. Mein lieber Zauberer, erklang es freundlich in Fungels Kopf, was darf ich dir bieten? »Wenn's gestattet ist«, erwiderte Fungel, »ein paar von deinen Stangelchen, um meine Mohrrubensuppe aufzuputzen, denn ich habe heute gute Freunde aus nah und fern zum Abendessen ein geladen.« Die schimmernde Luft ließ ein lieblich lächelndes Antlitz erahnen. Dann füg's zu dem Fest, lieber Zwerg, zu dem ich gern das Meine dir gebe. »O Geist des Rohrkolbens, ich danke, dass du von deinem Über-fluss mir abgibst, und ich wünsche dir und den Deinen das Beste.« Fungels Hände zogen uralte Zeichen durch die Luft. Dann

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schnitt er sich rasch ein halbes Dutzend Kolben ab und fuhr in seiner Feinschmeckersuche fort. Während er sich die Schnauze mit einem pelzigen Kolben rieb, glitt er rasch und lautlos durch dichte Rhododendrondickichte und dachte dabei über den Appetit seiner zukünftigen Gäste nach. Er dachte an Ka, der immer so laut und poltrig zum Essen erschien - also Ka brauchte rohe, erdhafte Speise, Pilze mit ihrem Moder am Stiel und Regenwurmergezappel. Er war schließlich ein Gnom und kroch in der Erde herum - wer wollte ihm da seinen unterirdischen Geschmack vorwerfen? Fungel blieb vor einem Busch mit Heckenrosen stehen, die zart und fast schon verblüht waren. Und Emma, was mochte Emma schmecken? Schwer zu sagen, denn Emma Kluge war ein rauer Klotz, an dem man sich Splitter reißen konnte, wenn man nicht aufpasste. Sie war die letzte der Kluges in diesem Tal, so wie Fungel der letzte der Fuchswitze war. Und weil die seit Generationen währende Fehde zwischen den Kluges und den Fuchswitzen um die Vorherrschaft im Tal noch zu keinem Ende gekommen war, würde es keiner verlassen, so lange der andere noch blieb. Emma war nicht das erste Mal bei Fungel zum Essen eingeladen und sie hatte immer ihre unvergleichlichen Eichelbrote mitgebracht. Aber gekommen war sie eigentlich nur, weil sie Fungels Vater Wuschel so zärtlich liebte und den wahren Schatz seiner Geschichten aus den alten Zeiten, bevor die Europaonier angefangen hatten, Americka zu überwuchern. Fungel rief sich wieder in Erinnerung, wie zierlich und manierlich Emma zu essen pflegte, was für winzige, würzige Häppchen sie nahm, am liebsten Grünzeug, Tunken und knusprige Süßig keiten, die auf der Zunge zerschmolzen, sodass sie überlegen musste, ob sie überhaupt etwas geschluckt hatte. Fungel lächelte, während er den samtigen Duft der Heckenrosen einsog. Also: schon verrückt, bei Emma an so etwas wie zierlich zu denken! Er zog sich von den Rosen zurück, die schon dem Winter entgegenwelkten, und schaute sie voller Strenge an: »Was gibt's denn da zu lachen, etwa über mich, he?«, fragte er. »Ich stelle ein Essen zu sammen und das braucht seine Zeit, und ich wäre euch wirklich verbunden, wenn ihr euch nur um eure Angelegenheiten kummert und nicht um meine.« Aber er lächelte dabei und segnete die Rosen und stellte sich so, dass sein Schatten von ihnen wich und sie das letzte warme Licht des schwindenden Tages trinken konnten. Fungel hielt sich im breiten Schattensaum unter den Trauerweiden, die über das Seeufer hingen, und drang dann tiefer ein in das dichte Laubwerk der Wälder. So heiß und hell der Tag auch sein mochte, im Walde gab es Stellen, die die Sonne niemals traf. Unter denn Dach der mächtigen Aste von Eiche und Kastanie, Lorbeer und Fichte, zu hohen Gewölben verschränkt, beherbergte die feuchte, dunkle Erde des tiefen Waldes allerlei Leben, das nur im Schatten heimisch war und nur in Schlamm und Moder Wurzeln schlug. Die Luft dieses dunklen, fruchtbaren Ortes besaß ihren eigenen Geruch: ein schwüler Duft von Jelängerjelieber und wilden Winden, beschwert von einer Mischung des schwarzen, zerfallenden feuchten Laubes. Und genau hierher strebte Fungel, um nach ganz besonderen Zutaten zu suchen: machtvolle Kräuter als Gift und Gewürz, heilkräftige Borken und Wurzeln für die Wunden des Leibes und der Seele, Tau, aus Blütenglocken gesammelt, im Nacht­ dämmer und auf der Spur des vollen Mondes, Tau, den die Erdleute in ihrer uralten Sprache »Tränen der Sterne« nennen. Aber das Allerbeste breitete sich wie eine Stadt aus Sonnenschirmen in einem winzigen Tal zwischen den Wurzeln der Bäume aus - Pilze, reglos in Ringen wie Modelle von den Monumenten von Fungels Ahnen, vor Aonen erbaut und längst versunken. Einige hatten Kappen wie große braune Untertassen auf fleischigen Lamellen, andere waren rot gefleckt und sahen richtig kunstlich aus, mit Häuten, die wie Quallen in der Tiefsee leuchteten. »Dunnerblomster!«, murmelte Fungel befriedigt. Er ließ sich zwischen den Pilzen auf die Knie nieder und nahm den Rucksack ab. Ihm war dieser geheime Garten mit Zauberpflanzen, die aus dem Moder brachen, ein heiliger Ort. Die Pilze leuchteten schwach in der Dämmerung, begleitet vom Zirpen der Grillen und dem Quaken der Frösche. Wenn er es nicht schon gewusst hätte, wäre es Fungel schwer gefallen zu sagen, ob es Tag war oder Nacht, so dicht wölbte sich das Blätterdach über seiner spitzen grünen Mütze (die Fungel wie alle Zwerge deshalb trug, weil er glaubte, dass sie seinen Geist direkt und dicht in den Kosmos trichterte). Auf den Knien also, mit kerzengeradem Rücken, die dicken Hände auf den gedrungenen Hüften, den Rucksack zur Seite, nahm Fungel das ganze Wachsen und Werden um sich herum wahr, ein Spiegel des sprießenden Lebens. In seinen Schnurrbarthaaren knisterte die Kraft, die die Luft in diesem abgeschlossenen, dumpfigen Dom erfüllte, schwer vom schimmligen Geruch des Welkens und Vergehens. Nach zehn tiefen Atemzügen berührte er die Wunschfeder an seiner Mütze und sprach dann: »O Geist der Pilze, gönn mir deine Gegenwart und gewähr mir eine Gnade.« In der Mitte des Pilzringes schwoll die Luft zu einer Säule und wogte und wallte hin und her. Pilze sind merkwürdige Kreaturen, ihrer Natur nach eigenartig und fremd in Form und Seele, und die sanfte

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Gegenwart, die er auf der dunklen Lichtung verspürte, ließ merkwürdige Bilder entstehen: Mondlicht, ein Geruch von Stärke, Wonne am Verfall. Der Geist schwieg. Daran war Fungel gewöhnt, doch er fühlte seine Zustimmung, und als er die Pilze, die er haben wollte, zu ernten begann, sprach er über jeden einen Segensspruch, ehe er ihn aus der Erde drehte. Die Giftigen ließ er für die Schildkröten zurück, die sie überaus schätzten. Als Fungel auf seinem Heimweg den Schutz des Waldes verließ, sah er, dass die Sonne gerade die Zacken der Berge berührte, und er setzte seinen prall gefüllten Rucksack ab, um seine liebste Ta­ geszeit zu genießen, wenn sich nämlich das Auge des Sonnenunterganges schließt, um die Geister des Zwielichts zu entlassen, die nur in diesem flüchtigen Augenblick leben, der Tag und Nacht ver­ bindet. Ringsherum spürte Fungel den Wechsel des Lichtes, den sanften Zauber der Sonne, der das Land verwandelte. Ihre Strahlen zerschellten am Bergesrand und streuten die Goldsplitter auf be bende Blätter, tauchten graue Felsen in goldenes Braun und ließen auf einem Eisvogel, der im Fluss plantschte, Quecksilber aufblitzen. Fungel schloss die Augen und konnte dennoch die sinkende Sonne sehen, spürte sie dort draußen brennen, unbeschreiblich weit entfernt; fühlte das Land, auf dem er stand, um sich herum schwingen, spürte die Drehung der Erde unter seinen beschuhten Füßen. Jahreszeiten und Räder, dachte er, alles beruht auf dem Rad, folgt dem Dreh. Sterne und Planeten, Geburt und Leben und Tod. Er lächelte. Auch der Löffel, mit dem ich in meiner Suppe rühre. Er spürte eine widerstrebende Störung in der Luft, schwach, aber scharf, wie die kleinen Wellen, die eine plötzliche Böe auf den See bläst. Er spürte ein Prickeln in seinem Daumen, sah Mücken, die sich über der ebenholzdunklen Fläche des Sees zu tanzenden Wolken sammelten, und dachte: Sehr merkwürdig. Regen zur Nacht, wenn ich mich nicht irre. Mach mich lieber auf die Socken. Hoch oben im Blauen war etwas wie eine Wolke, aber so gerade wie ein mit einem Lineal gezogener Strich und von der untergehenden Sonne vergoldet. Während Fungel diese Erscheinung noch mit schärferen Sinnen als den Augen verfolgte, wurde sie immer länger. Fungel spürte das schneidende Ding aus Metall, das den Strich am Himmel zog. Er spürte auch die schweigenden Dinge, die sich hoch oben im Himmel drehten und auf ihn hinabblickten. Sie waren Teil einer anderen Welt, die ihn erst vor kurzem zu beschäftigen begonnen hatte, aber er spürte ihre Ge­ genwart genauso, wie er die Bewegung eines Grillenbeines kannte oder das Kriechen der Würmer im Lehm, wie er wusste, dass die Bäume Licht trinken und dass sie langsam und geduldig wachsen. Fungel verspürte ein merkwürdiges Flattern in seinem Inneren, den Flügelschlag von etwas, das gleichzeitig beruhigend und Besorgnis erregend war. Da bahnt sich ein Wandel an, dachte er. Viele Wege berühren und trennen sich heute und hier. Und deshalb war er schließlich da. Die Sonne sank hinter den Bergen. Fungel schlug die Augen auf. An diesem Tag, an dem sich die Jahreszeiten berührten, verfolgte er, wie der Tag in die Nacht verblutete, und dachte: Gut getroffen. Die Wolken über ihm veränderten die Farbe: von Gold Über Gelb zu Orangefarben und Zimt, und zwischen jedem Hundert gab es immer tiefere Schattierungen. Je dunkler sie wurden, desto heftiger schien die folgende Farbe zu sein. War dies noch etwas, was sich geändert hatte? Fungel war sich nicht sicher, aber es kam ihm so vor, als ob die Sonnenuntergänge vor vierzig oder fünfzig Jahren nicht so blutrot gewesen wären, kein so düsteres Rotbraun und kein so glühendes Ziegelrot gehabt hätten. Er seufzte. Aber das kommt alles so allmählich, dass ich vielleicht Gespenster sehe. Die Wolken säumten sich langsam mit Grau. Fungel sprach einen Segensspruch über die scheidende Sonne und schulterte seinen Rucksack, der voll von Pilzen, Gräsern, Minze, Dill und Kamille war. Er schob die pelzigen Arme unter die kräftigen Riemen aus Weidenrinde, ging unter dem Gewicht des Rucksackes in die Knie und stieg ins Tal hinab. Die Schatten der Berge wurden lang und schnappten wie die Reißzähne eines Mauls nach ihm. Nach einem Dutzend Schritte blieb er stehen. Neben seinen Stiefeln glänzte etwas im Grase. Fungel bückte sich und hob es auf. Ein Zylinder aus dünn gehämmertem Metall lag da, weiß, mit einem Muster in Rot und Blau; an einem Ende hatte er ein Loch, das wie eine dicke Träne geformt war. Fungel hielt das Ding an die Nase und beschnupperte es. Igittigitt! So was wie Bier, aber scheußlich und scharf. Ein Menschending war das. Aber noch hatte kein Mensch seinen Fuß in Fungels Tal gesetzt - das hätte er sofort gespürt -, also musste es ein diebischer Zwerg oder anderes Kroppzeug verloren haben. Fungel hätte den Behälter am liebsten zerdrückt und mit Entschuldigungen und Segenssprüchen für die Erde verscharrt, die ihn umgeben und im Laufe der Jahrhunderte zersetzen würde, aber er

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wusste, dass sein Freund Ka solche Gegenstände sammelte - obgleich sich Fungel nicht erklären konnte, aus welchen Granden. Deshalb leerte er ihn vollständig, damit das grässliche Bier seine mit so viel Sorgfalt beschafften Zutaten nicht verdarb, stopfte das Ding dann in seinen Sack und stieg weiter zu Tal. Auf dem Weg nach Hause begegnete Fungel, der den Kopf noch voll von bitter-süßen Gedanken hatte, dem Rat der Waldleute. Eine Delegation bewegte sich auf Fungels Heim zu: Waldelfen, ein Zwölfender, ein Teufelchen, mehrere Karnickel, Heinzel und Nisse, Füchse und Wichtelmanner, ein hochmütiger Waschbär, ein halbes dutzend Zwerge, ein wohl erzogenes Stinktier, ein Rudel Trolle und ein Riese. Dieser, gewaltig und eindrucksvoll, war ein bekehrter Fleischfresser, und Fungel hatte ihn schon ein- oder zweimal flüchtig gesehen, wie er Kaninchen streichelte, fast ohne Reue. Eine Elster ließ sich auf seiner stämmigen Schulter nieder. Schon als er die Gruppe begrüßte, war Fungel die Bedeutung ihres Auftrages klar. Waldwesen wohnen in wortloser Gemeinschaft, einverstanden mit ihrer Rolle im großen Tanz von Leben und Tod, aber sie treten nur selten gemeinsam auf. Als sich Fungel ihnen näherte, blieben sie auf dem Weg stehen, und es entging dem Waldzwerg nicht, dass ihre Gesichter so ernsthaft waren wie die Gebetbücher der Menschen. »Einen Gruß jedem und allen an diesem schönen Abend«, sagte Fungel, »und was treibt euch mit einer so ernsten Miene zu meiner Tür?« Sie warfen sich unruhige Blicke zu. Fungel wartete geduldig, denn er begriff, dass sie ihn brauchten, und es fällt den meisten Geschöpfen schwer, einen Zauberer um etwas zu bitten. Nachdem sie nun genug Blicke gewechselt und auffordernde Geräusche von sich gegeben hatten, stellte sich heraus, dass einer der Zwerge zum Sprecher bestimmt worden war. Uniroyal, dachte Fungel, dem der Name des Zwerges wieder einfiel, komischer Name für ein Waldwesen. Dann erinnerte er sich, dass der Zwerg ein Flickschuster und Tüftler war, der es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, nächtliche Streifzüge in die Randgebiete des Landes No zu unternehmen und Gummireifen zu klauen, die er in seiner Werkstatt in Stücke schnitt und damit Schuhe besohlte. Sein Geschäft war zu einer Goldgrube geworden. Und wahrhaftig, überlegte sich Fungel, die einzigen Stiefelträger, die mit Uniroyal, dem Flickschuster, keine Geschäfte machten, waren die Waldzwerge. Als waschechte Traditionalisten hielten sie sich an gewachstes Leinen, um ihre Füße vor Dornen und Nesseln zu schützen, und pfiffen auf solch fortschrittliches Material. Der Zwerg hätte sich natürlich auch Michelin oder Goodyear nennen können, was auch stattliche Namen waren, und eine Zeit lang hatte Firestone einen gewissen Reiz auf ihn ausgeübt. Aber Uniroyal! Was für ein Klang, wie großartig! Uni heißt eins und dazu noch Royal! »Der königliche Eine« - wer konnte dem widerstehen? »Ahem, ahem«, machte der Zwerg und hob die knorrige Faust zum Munde, um sich höflich zu räuspern. »Guten Abend, Herr Fungel, edler Herr.« »Ich wünsche dir auch einen guten Abend, Meister Schuster.« Uniroyal schien diese unerwartete Ehrenanrede zu behagen. »Eh, also, wir alle - will sagen: Wir und die Leute aus der Umgebung, für die wir hier stehen, also wir sind nämlich wachsendem Druck und unerträglichem Mangel an Lebensqualität durch die zunehmende Expansion des Reiches der menschlichen Kreaturen ausgesetzt.« »Was er damit sagen will«, unterbrach ihn ein Elf, »die aus dem Lande No rücken uns zu dicht auf die Pelle.« Uniroyal nickte. »Und kein Tag vergeht«, fuhr er mit wachsendem Mute fort, »an dem nicht einer der Unsrigen aus seinem Heim vertrieben wird, ohne Kündigung oder Vorwarnung. Und wofür?«, fragte er aufgebracht. »Budicken«, sagte der Riese. »Fabricken«, verbesserte ein Troll. Das Stinktier schaute traurig zu Boden. »Mehr Hektar, als ich Haare habe - zu flachem, glattem Zeug gemacht, das man nicht pflügen und bepflanzen kann«, sagte Uniroyal, »und Flüsse, keinen Siebenmeilenstiefelschritt von hier entfernt, nichts als schlammige Pfützen, in denen mehr Müll treibt als Fische. Da kann man eher mit Bienen gurgeln als daraus noch trinken.« Der Hirsch ließ sein mächtiges Geweih sinken. »Auch dir werden sie auf die Pelle kriechen, Fungel«, sagte Uniroyal, »wart's nur ab. Zaubersprüche? Na schön, aber eines Tages wirste aufwachen, und mit einem Plumps sitzt eine von den Budickenfabricken mitten in deinem Tal, und dazu so ne breite laute Straße auf Säulen, eh du auch nur deinen Zauberstab gezückt hast.« Die Füchse schüttelten betrübt den Kopf. »Was zu viel ist, ist zu viel«, sagte ein Troll. Die anderen Tiere stimmten zu und machten ihrem Arger und ihren Ängsten Luft. Fungel ließ sie einen Augenblick gewähren, denn sie waren auch zu ihm gekommen, um ihm diesen Arger und seine

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Ursachen zu enthüllen, aber als solche Wörter wie Widerstand und Revolution und Wiedergutmachung ertönten, hob er die Hände und bat um Schweigen. »Meine eigene Familie«, sagte er, »hat vor solchen Machenschaften, wie ihr sie beschreibt, buchstäblich die Flucht ergriffen. Sie ist nach Westen gezogen, in die tiefen, dunklen Wälder.« »Na ja«, grollte der Riese, »wir sind nicht so gut gestellt wie ihr Waldzwerge.« In seinem Hass verriet sich wieder seine Kindheit als Fleischfresser. »Wir sitzen hier fest. Zeit und Raum - alles futsch.« Für einen Riesen war dies fast eine richtige Rede, denn die meisten Rie senUnterhaltungen sind so kurz und knallhart wie der Schlag mit einer Keule übern Schädel. Fungel runzelte die Stirn. »Der Schutz dieses Tales ist seit langem meine Aufgabe gewesen, und ich habe immer freudig meine Pflicht denjenigen gegenüber erfüllt, die darin leben.« »Ja, aber was ist mit der Welt?«, fragte ein Elf. »Das übersteigt ein wenig meine Fähigkeiten«, erwiderte er, »mein Abwehrzauber hat ihnen die Bagger zerstört, die Himmelsrichtungen durcheinander gebracht und die Spaten verbogen, und das hat uns eine Weile geholfen verborgen zu bleiben.« Er machte eine hilflose Geste. »Aber schon mein alter Herr und Meister hat mich gelehrt, dass es keinen Zauber auf der Welt gibt, um die Flut zu bannen. Und worüber ihr euch beklagt, das ist eine Flut, eine Menschenflut. Ich bin hier geblieben, während mich meine Familie verlassen hat, weil diesem Land meine Liebe gehört und weil es mein Lebenswerk ist. Aber über das hinaus, was ich bereits getan habe und was ich schon weiß, kann ich keine Lösungen bieten. Habt ihr nicht Molom angerufen und ihm von euren Sorgen erzählt?« Die Waldwesen warfen sich wieder Blicke zu. »Das haben wir natürlich«, entgegnete der Zwerg, »aber entweder schenkt uns Molom keine Beachtung oder wir können ihn nicht erreichen.« »Molom schenkt euch keine Beachtung?« Fungel war Überrascht. »Das hab ich noch nie gehört, dass er sich nicht um die Sorgen der Waldleute gekümmert hätte. « Der Zwerg zuckte die Schultern. »Wie auch immer, wir haben unsere eigene Lösung finden müssen.« »Die würde ich nun gern hören«, antwortete Fungel. »Du bist die Lösung«, sagte der Zwerg. Fungel war verwirrt. »Aber ich habe euch doch gerade gesagt -« Uniroyal zeigte mit dem Zeigefinger auf ihn. »Du, Fungel Fuchswitz, belesener Gnol und hochgebildeter Waldzwerg, Schamane und Hüter dieses Tals, du gehst mit Wörtern so flüssig um wie die Froschin mit ihrem Laich. Deshalb, viellieber und edler Herr, musst du unser Botschafter sein.« »Botschafter?« Fungel wusste nicht, ob ihm der Klang dieses Wortes gefiel. Aber Uniroyal nickte schon eifrig. »Unsretwegen musst du eine diplomatische Mission zum Lande No unterneh men und dich dort mit dem König der Menschen persönlich treffen. Du musst ihm sagen -« »König . . . der Menschen?« Fungel sah etwas grün aus. »Mich mit dem König der ... « »Ja, mit ihm treffen«, fuhr Uniroyal fort, »und ihm sagen, er soll nicht bei uns im Trüben fischen, dann tun wir es auch nicht.« Fungel schaute von einem finsteren Gesicht ins andere. »Aber, aber... wir Waldzwerge haben den Kontakt mit ihnen schon vor langem aufgegeben. Die Dunklen, die Cherokees, sind in diesen Bergen unsere Freunde gewesen - wir haben Friedenszei chen ausgetauscht -, bis die mondf arbenen Menschen sie nach Westen vertrieben und wir beschlossen haben uns zu verbergen. Sie wissen gar nicht, dass wir noch hier sind, und genau das gefällt mir.« »Das sind noch gute Zeiten gewesen«, seufzte ein Wichtel, »sie haben am Abend ein Schüsselchen Milch vor ihre Tür gestellt und wir haben ihnen rund um ihre Blockhütten das eine oder andere gerichtet.« »Und ich hab Mittagessen bekommen«, erinnerte sich ein Heinzelmann, »auch auf einem Teller, aber auf einem großen, neben dem Feuer. Ah, das hat gut geschmeckt. Und nur für ein paar ge flickte Stiefel und gespültes Geschirr. Das war, glaub ich, ein ganz guter Handel für beide Seiten.« »Aber Tatsache ist doch, dass sie nicht mehr an uns glauben«, wandte ein Elf ein, »ich kann mich nicht mehr dran erinnern, wann ein Menschenwesen das letzte Mal einen Elfen bei der Aussaat im Mondschein zu Hilfe gerufen hätte oder eine Fee wegen eines Wunsches.« Einer der Zwerge schüttelte betrübt den Kopf. »Wir haben immer Wickelkinder vertauscht, ihr wisst schon, Wechselbälger. Haben sie uns wupps aus der Wiege geschnappt und eins von unsern drin gelassen. Eine Art von Austauschpro gramm, könnte man sagen. Nur - die von heute taugen gar nichts mehr, machen nur Unfug und plappern von TV und Video und anderem Zeug. Also, die schmeißen wir gleich wieder zurück in ihre Betten, ohne Erinnerung an ihren Besuch bei uns. Wir wollen sowieso ganz damit aufhören.« »Aber wenn ihr bedenkt, weswegen ihr zu mir gekommen seid«, wandte Fungel ein, »dann find ich, ihr müsstet glücklich sein, dass keiner an euch glaubt. Wenn ich meinen Schädel in das Land No stecke und die da drüben höflich bitte, uns in Ruhe zu lassen, dann stoß ich sie ja erst mit der Nase auf uns! «

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Fungel sah aus ihren niedergeschlagenen Gesichtern die Hoffnung schwinden und spürte ihre Enttäuschung in sich selbst. »Das Problem ist wirklich da«, sagte er, um ihr Vertrauen wie­ derzugewinnen, »aber eure Lösung macht mich ganz kribbelig. Nicht meinetwegen«, setzte er hastig hinzu, »sondern wegen des Schicksals des Tales. Scheint mir am besten zu sein, wenn ich mir einen anderen und gescheiteren Weg zu unserer Sicherheit einfallen lasse. Und beim nächsten Vollmond werde ich mit Molom selber sprechen und ihn euretwegen um Hilfe bitten. Kommt also nach zwei Vollmonden wieder zu mir, dann werd ich euch alles sagen. Wir werden sehen, welcher meiner Vorschläge euch gefällt oder ob ihr dann immer noch möchtet, dass ich zum Lande No auf­ breche - also, wir werden auf jeden Fall unsere Sorgen zusammenwerfen, und was wir dann entscheiden, das wird auch sicher ausgeführt. Ihr habt mein Wort, dass ich all mein Wissen und meine Weisheit darauf richten werde, diesen Knoten zu losen.« Uniroyal schaute auf seine großen Füße hinunter. »Na gut, Kameraden«, sagte er zu den anderen, »das muss reichen.« Sie nickten und schluckten Fungels Vorschlag, aber sie waren ganz offensichtlich enttäuscht, dass es nicht auf der Stelle eine Losung gab. Als sich die Delegation wieder abwandte, hob der Riese ein junges Karnickelchen auf und streichelte sein seidenweiches Fell mit seinen großen warzigen Fingern. »Eines Tages«, sagte er, »wird's keine Wälder mehr geben, in die du reinrennen kannst.« Und weg waren sie, wobei die Gummireifensohlen von Uniroyals Stiefeln laut und enttäuscht über den Boden schrappten. Auf dem restlichen Heimweg schwirrten Fungel allerlei wüste Vorstellungen durch den Kopf: eine riesige Luftbrücke, über die die Waldleute nach Westen flogen; machtvolle Zaubersprüche, die das ganze Tal unsichtbar machten; Verträge mit den menschlichen Wesen, die das Tal als Heiligen Grund auswiesen (Aber was ist mit der Welt, Fungel ?, hörte er wieder die Elfenstimme fragen) - doch all diese großartigen Entwürfe verblassten vor den letzten Worten des Riesen, Worte, die Fungel wütend, hilflos und traurig machten. Er war ihr Schamane und sie hatten Hilfe von ihm verlangt. Er durfte sie nicht im Stich lassen. Fungel griff sich eine Hand voll stachliger Buchenhütchen, die unter einer Buche verstreut lagen. Er pulte die Bucheckern heraus und aus ihnen die süßen Kerne, die er knabberte, während er bei den letzten Schritten über die Ereignisse des vergangenen Tages nachdachte. Heim - Heim kann für einen Waldzwerg vieles bedeuten. Da sie nach der Zerstörung ihres Heimatlandes über die ganze Erde verstreut wurden, lernten die Zwerge, viele Orte als Heim zu bezeichnen. Höhlen und Wälder und Wüstensand; Schächte und Grashütten und Bäume. Wo sie ihr Heim aufschlugen, dort entstanden die Sagen von den Kleinen Leuten, ob das nun die Heinzelmänn­ chen in Deutschland waren oder die Leprechauns von Irland. In Hindustan sind sie die Buamanus, in Japan tragen sie den Namen Ainu, die Kleinen Leute von Hokkaido. Indien kennt sie als Silvestras, und in Ceylon sind sie Nittawo, das kleine verirrte Volk. Aber Zwerge sind sie alle miteinander. Auf einer Lichtung am Rande eines runden Sees malten Fungels Hände uralte Zeichen zu seinen Worten: »Hokuspokus in Gefahren, lös den Spruch des Unsichtbaren! « Plötzlich war Fungels kleines Boot aus Weidengeflecht zu sehen, das in seinem wasserdichten Uberzug wie eine große Walnussschale aussah. Das Boot war vor Fungels Lösespruch weder un­ sichtbar gewesen noch nicht vorhanden. Der Zauber, mit dem er es umgeben hatte, glich dem, mit dem er sein Haus schützte - glich genau genommen allen Abwehrsprüchen, die das ganze Tal be­ schützten. Sie alle wirkten dadurch, dass sie das Auge von dem Gegenstand, um den es ging, einfach ablenkten. Das kleine Boot war vorhanden; solange der Zauberspruch wirkte, konnte man es nur nicht ansehen. Fungel hatte erst mühsam gelernt, dass in Sachen Zauberei das Einfachste das Allerbeste ist. Fungel warf den schweren Rucksack ab und trat vorsichtig mitten in das Weidenboot. Er setzte sich so, dass er das Ufer sah, und begann zu der Insel zu paddeln, die, dicht mit Bäumen bestanden, mitten in dem runden See lag. Wenn man den See mit einem Auge verglich und die Insel mit seiner Iris, so war Fungels Heim die Pupille. Und von der Abgeschlossenheit dieses Ortes aus hielt Fungel Wacht über das Tal. Am Ufer der Insel zog er das Boot halb aus dem Wasser und schulterte den Rucksack. Seine Hände schrieben wieder Zeichen in die Luft, und er sang seinen Spruch, der den Schutz der Unsichtbarkeit wiederherstellte. Fungel schlug einen Pfad ein, der zum Herzen des Inselwaldes führte und den kein ungeübtes Auge hätte ausmachen können. Fungel näherte sich dem verwitterten Stumpf einer Eiche aus ur alter Zeit. Er ließ die Hand über den Stumpf gleiten und murmelte, bis er den Schutzbann unter den Händen

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weichen spürte. Er packte den Stumpf am einen Ende, stemmte ihn hoch und öffnete dabei ein Tor, hinter dem ein Gang hinunter in die Dunkelheit führte. Denn Fungels Haus war klug mit Unsichtbarkeit versehen, ein Iglu aus Stein, unter dem hohlen Stumpf in die Erde gebaut. Selbst ohne Zaubersprüche wäre es schwer auszumachen gewesen. Nicht nur die Eiche selbst ist ein Baum des Schutzes und der Kraft, auch jeder Granitblock seines Heimes war vor gut tausend Jahren von seinen Ahnen aus den höchsten Gebirgen herbeigeschafft worden und passte so haarscharf an seinen Nachbarn, dass man nicht einmal die feinste Klinge hätte dazwischenschieben können. Eintausendundachtzig Felsblöcke (für Fungel eine Zauberzahl, denn sie stellte den Mond und die Yin-Seite der Zwer­ gennatur dar: Weisheit, Einfallskraft, die Gabe wahrzusagen und unmittelbare Erkenntnis), dick mit Moos und scheckiger Flechte überwuchert. Auf die Rückseite der geheimen Tür waren Sonnen geschnitzt und kunstvolle Gewinde und Spiralen, um das Gebäude darunter noch mehr zu beschützen. Fungel blieb einen Augenblick neben der Tür stehen und warf, eh er eintrat, einen letzten Blick in die Runde. Über ihm waren die schwärzlichen Wolken in Aufruhr. Fungel stellte befriedigt fest, dass seine Ankündigung des Regens erfüllt werden würde. Er liebte den Regen, schlief gerne bei seinem Trop fen und Prasseln ein und wurde in einer frisch gewaschenen Welt wieder wach. Aber seine Befriedigung wandelte sich rasch in Verstörung. Die Wolken ballten sich nicht für einen Regenguss zusammen, sie kochten wahrhaftig wie ein quellender Brei. Und sie schienen etwas zu suchen. Fungels Gesicht, noch eben im Glück des Feierabends, nahm einen besorgten Ausdruck an. Er spürte etwas in der grauen Schwere der Wolken, eine Absicht. Der Sturm, nahm er wahr, kam nicht aus dem Norden oder Suden oder Osten oder Westen, sondern aus allen vier Himmelsrichtungen gleichzeitig. Die wogenden Wolken rasten zu einer ge meinsamen Mitte, als ob ein Mahlstrom den Himmel entleerte. Doch trotz ihrer wilden Wirbel sahen sie so fest wie fliegende Wackersteine aus. Aus allen vier Himmelsrichtungen gleichzeitig! Das gefiel Fungel ganz und gar nicht. Trotzdem: Hast du mit dem Wetter was, wirst du, wett ich, selber nass. Was war also zu tun? Am besten hinein und Klappe zu. Hab schließlich Gäste und Vorbereitungen zu treffen. Über dem flüssigen Himmel des Sees flatterten Fledermäuse zwischen den Weiden wie die Fetzen eines alten Lappens. Fungel klappte die Tür zu. Hinter ihm grollte der erste Donner. Düfte und Dämpfe! Die ganze Luft ein delikates Durcheinander! Hätte nicht der Regen die verlockenden Schwaden aus Fungels Küche heruntergedrückt, so hätte man Fungels Heim in dieser Nacht trotz aller Abwehrzauber allein mit der Nase entdeckt. In der Küche hätte man denken können, der König der Zwerge selbst hätte sich zum Essen angesagt, so fuhrwerkte Fungel herum. Wie ein Feinschmeckerkoch und ein Zirkusjongleur zugleich saus te er herum, sammelte seine Gerätschaften zusammen, Töpfe und Schüsseln, hackte und würfelte, wiegte und hüpfte und zeigte sich als Meister der plötzlichen Eingebung. Wolln mal sehen, was soll es denn werden? Walnusssuppe oder Ringelblumenauflauf mit Kastaniengelee oder vielleicht alles beides? Und wie soll ich denn diese Rohrkolben machen? Dämpfen oder braten, kochen oder dünsten oder vielleicht mit Löwenzahnblättern schmoren? Ach, ich weiß schon: Ich mach mich einfach dran und schau zu, was meine Hände beschließen. Und Fungels Hände flatterten wie Vögel, die seinen runden stämmigen Körper umkreisten. Er hackte wilde Zwiebeln und knetete Teig (darf nicht vergessen, den Quittenhonig heiß zu machen, wenn das Küchelchen zum Tee gelingen soll!), eine Hand löffelte Saft in Saucen, die andere rührte um und führte den hölzernen Löffel zu gespitzten Lippen, die pusteten und probierten. Seine Stirne runzelte sich, als ob es um die wichtigsten Fragen der Welt und des Universums ginge. Nein, nein, mehr Meerrettich, um der Sauce Pfiff zu geben! Schon wirbelten seine Arme wieder ins Volle. Sein dickbäuchiger Tonofen war schwanger von frisch gebackenen Wohlgerüchen und einem süßen Hauch von Pinienzapfenasche. Um Fungels Haupt herum wurde die Luft dunstig, als ob sein rasender Verstand gewitterte. Und die ganze Zeit waren Fungel seine Gäste gegenwärtig. Sie waren das Sieb, durch das er jede Zutat seines Festmahls filterte. Ihre Vorlieben und ihr Widerwillen, der Gedanke an Gerüche, die ein zurückhaltendes Lächeln auf Emmas Gesicht zaubern oder Ka wegen eines nie gerochenen Aromas verwirren würden, das lenkte seine flinken Hände, während er klopfte und knetete und Schaum schlug und die Zutaten seines Festmahls zur Tagundnachtgleiche zum Lobe des Herbstes und der Ernte und zur Vorbereitung auf den langen kalten Winterschlaf mischte. Fungel hatte aber auch beschlossen, dass dies ein Abschiedsfest werden sollte.

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Abschied? Ja, und es war ein trauriges Lebewohl, denn Fungel liebte sein Heim am See. Das Auge, das über das Land blickte, war ein Spiegel seiner Seele. Er hatte hier seit seiner Kindheit gewohnt, mit seinem Bruder Fifferling und Mama und Papa und so vielen anderen Zwergenf amilien und Sippen, dass es ganz unwahrscheinlich schien, dass er und Emma, alle beide gleich dickköpfig, die letzten beiden Waldzwerge im ganzen Tale waren. Dieses Land war Fungels Tagebuch: An diesem Felsen hatte er sich den Schädel blutig geschlagen und war heim zu seiner Mutter gelaufen. Eine ferne Erinnerung nur noch an tröstende Hände und eine heitere Stimme. Auf jener Lichtung hatten sich die Sippen an jedem ersten Mai getroffen und Markt gehalten, und auf derselben Lichtung hatte ein neu ernannter Schamane namens Fungel Fuchswitz ziemlich nervös die Hochzeitszeremonie für seinen ebenso nervösen Bruder Fifferling mit einer hold errötenden Belinda Brombeere vollzogen ­ mit der armen, verlorenen Belinda. Dieser Alte Weidenkopf grünte weise und mit starkem Herzen über dem Grab von Willi Wetterborke, Fungels Lehrer, und der letzte wahre Schamane der Fuchswitze, der plötzlich an einer Vergiftung dahingeschieden war, lang bevor sein Lehrling, noch im Flegelalter, bereit gewesen wäre, ihm den Stab aus der Hand zu nehmen. Der Alte Weidenkopf war dort gewachsen, weil in jedes Waldzwergengrab ein Weidensamen gelegt wird, und in diesem ganzen behüteten Inseltal kannte Fungel jeden Einzelnen beim Namen, kannte sein Rauschen und Knarren und jede Wurzelfaser - lebendige Zeichen vergangener Leben. Noch weitere Blätter aus Fungels Tagebuch hatten sich im ganzen Tal verstreut: der weit ausladende Kastanienbaum, unter dem Fungel in geliehenen, stibitzten und erbettelten Büchern gelesen und studiert hatte, um etwas vom vergessenen Wissen der Altvorderen zuruckzugewinnen; oder ein versengter Rasenfleck, wo ihm vor vielen, vielen Jahren die erste Beschwörung missglückte. Fungel liebte dies lebendige Tagebuch seines ganzen Lebens, aber noch mehr liebte er seine Freunde und Familienangehörigen, und als ihm klar geworden war, dass die gierigen Fangarme des unersättlichen Landes No nicht nur die Ränder ihres so teuren Tales berührten, sondern dass sie es unausweichlich überziehen und schließlich ersticken würden, begann er darüber nachzudenken, das Land zu verlassen, das die Waldzwerge seit unzähligen Generationen das ihrige genannt hatten. In den letzten Jahren hatten andere, mehr zur Vorsicht neigende Zwerge sich von ihren Wurzeln getrennt und waren nach Westen gezogen, einschließlich seiner nächsten Verwandten. Fungel war der letzte der FuchswitzFamilie. Sein Vater Wuschel, sein Bruder Fifferling, seine Nichte und sein Neffe, Quittegelb und Erbsengrun - sie alle waren zu anderen Zwergen gezogen, die schon vor ihnen geflohen waren. Fungel hatte sie vor ihrem Aufbruch zum Mount Shasta gesegnet und die Hoffnung ausgesprochen, dass ihre Befürchtungen grundlos seien. Viele Jahrzehnte hatte Fungel damit zugebracht, eine Ahnung vom Land und seinen Gerüchen und Geschmäckern, von Licht, Laut und Bewegung zu bekommen. Das Huschen der Feldmäuse und die Zufriedenheit der Baumgeister waren ebenso ein Teil von ihm geworden wie die Schwielen und Wülste auf seinen stumpfen Fingerspitzen, und jedes zusammengeknüllte Stück Einwickelpapier, jede leere Geschosshülse und jede Zigarettenkippe, die er entdeckte, bestätigten die bittere Wahrheit, dass auch er eines Tages Abschied nehmen musste. Und jetzt konnte er noch nicht einmal einen Sonnenuntergang ohne solchen Sorgenmüll betrachten, der ihm die Freude dämpfte! Vielleicht hatte sein Bruder doch Recht gehabt. Die Nacht vorm Aufbruch seiner Verwandten war ein zugleich trübseliges wie freudiges Ereignis gewesen, tränenreich und beschwingt von Gelächter, rauschender Musik und einem Chor von Abschiedsgrüßen. Fungel hatte das Fest der Abreise so ähnlich vorbereitet wie das, mit dem er heute Abend alle Hände voll zu tun hatte. Damals hatte er Emma Kluge gebeten, ihm dabei zu helfen, die große Menge an Nahrungsmitteln angemessen zu versorgen und zu verarbeiten und ihm vor allem beizustehen, einen heiteren, wohlgemuten Ton zu finden, der der Familie in Erinnerung bleiben würde, wenn sie in der kommenden Nacht in ihren lautlosen Lunavögeln nach Westen aufbrechen würden. Emma war Fungels nächste Nachbarin - wobei sich das »nächste« auf die Entfernung bezieht und nicht auf die Verwandtschaft. Sie wohnte ein dutzend Siebenmeilenschritte entfernt in einem wirklich makellosen und sehr Raum sparend entworfenen Haus, das nicht im Geringsten mehr an die dumpfe, feuchte Schlucht erinnerte, die es einmal gewesen war. Der Rest des Kluge-Clans hatte die uralte Fehde mit den Fuchswitzen wegen der Fürsorge für das Tal aufgegeben und war auch nach Westen gezogen. Ein schrecklicher Verlust hatte sie schließlich dazu bewogen, die Auseinandersetzung zu beenden: Der jüngste der Kluges, Emmas kleiner Bruder Kratzer, hatte sich über die Schutzsprüche hinausgewagt, die das Tal umschlossen. Das hatten schon viele Kinder der Zwerge versucht, denn die Verlockung war so groß, dass man ihr erliegen musste. Aber Kratzer hatte sich allein hinausgewagt und gleich jenseits des Schutzbannes war er in einen verrosteten Nagel getreten. Innerhalb eines Tages hatte sein Fuß eine schlimme Farbe angenommen und zwei Tage später war er gestorben. Die

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Kluges beriefen ein Sippentreffen ein, bei dem beschlossen wurde, dass es nun reichte. Sie wollten das Tal den Fuchswitzen überlassen und sich selbst einen Ort suchen, an dem sie in Sicherheit leben konnten. Nur Emma, stolz und störrisch, hatte sich geweigert mitzugehen. Trotz dieser ganzen unerfreulichen Geschichte hatte Emma Fungels Vater herzlich geliebt und jahrelang süße Kuchelchen und Eichelbrot für eine von Wuschels berühmten Warum-Geschichten gebacken. Emmas Lieblingsgeschichte hieß: »Warum die Kröte Flecken kriegt« und sofort danach kam: »Warum die Schnecken Häuser tragen«. Jenes Essen war ein Fest und ein Vollbauchmahl für die Fuchswitzfamilie gewesen, und danach hatte Fungel in seinem schnuckeligen Wohnzimmer bei der gemütlich gedämpften Glut des Flackerfeuers manches muntere Lied auf seiner Mandolaute zupfen müssen, um ihr träges Blut und ihre Verdauung wieder in Schwung zu bringen. In einem gepolsterten Lehnsessel, der so uppig poliert war, dass das Holz im Kaminfeuer wie dicker Sirup glänzte, saß Fifferling. Er hatte sich einen Stock aus Rohrkolben an den Unterarm gehängt, trat mit dem einzigen Fuß den Takt und klapperte mit Löffeln, die er sich zwischen die Finger geklemmt hatte, dagegen. Emma klatschte eine zweite Stimme dazu, achtete aber genau und kritisch auf Fungels Spiel. Fungel spürte ihre Aufmerksamkeit ganz genau, und er ließ seine Melodie ungestüm und kunstvoll verschränkt erklingen - genau genommen eine Gigue. Wenn er in seine Schöpfung nicht so versunken gewesen wäre, hätte er sie sicher getanzt. Doch die Finger seiner Linken flogen wie flatternde Pirole über das Griffbrett, während die seiner Rechten wie Männer in einem Wettrennen auf einem treibenden Baumstamm über die Saiten rasten. Es war ein Wunder, dass die ver­ witterte alte Mandolaute unter der Flut der Töne nicht einfach barst und in Stücke sprang. Quittegelb und Erbsengrün, Fungels Nichte und Neffe, schlugen vor den erwachsenen Waldzwergen ihre Kapriolen. Sie wirbelten herum und verbeugten sich und knicksten und ließen sich vom Gewebe der Töne einhüllen, die unter Fungels Händen der Mandolaute entsprangen. Erbsengrün trug eine lächerliche Menschenkappe, die ihm zu groß war und deshalb aussah, als schmelze sie auf seinem Schädel. Sie bestand ganz und gar aus blauem Stoff, einem halbmondförmigem Schirm und einem harten Knopf obendrauf. Der junge Waldzwerg hatte gesehen, wie sie Morchel, dem Moosmann, eines Abends aus einer Schachtel gerutscht war, als Morchel aus der Tür der Tabakkneipe herausge­ taumelt kam. Das war für die Kinder ein streng verbotener Platz. Erbsengrün war jedoch fest davon überzeugt, dass der geheimnisvolle Moosmann sie im Lande No erobert hatte, während einer seiner sagenhaft gefährlichen und verstohlenen Raubzüge in das Land des Tausendrauchs, und welcher Zwerg hätte ihm etwas anderes erzählen können. »Ich schwör dir, der Hut hat einem Men­ schenzauberer gehört«, pflegte Erbsengrün zu behaupten und auf die Zauberrune zu zeigen, die vorne befestigt war. Für Erbsengrün war diese Kappe ein so gefährlich menschliches Ding, dass es für ihn schon ein Zeichen von trotzigem Aufruhr war, wenn er sie sich auf den Schädel setzte. Weil Erbsengrün selber trotzig war, ließ er sich kaum ohne diese Kappe sehen, obgleich er dafür ziemlich viel Spott erntete. Fungel konnte sich noch daran erinnern, wie er seinem Neffen einstmals angeboten hatte, ein Heilmittel aus Lavendel und Rosmarin zu brauen, das das Nachwachsen von Körperfell förderte, denn dass er immer diese Kappe trug, konnte sich Fungel nur damit erklären, dass Erbsengrün vorzeitig glatzköpfig geworden war. Fungel nun vergaß bald Emmas Blicke, die auf ihm ruhten. Träumerisch in sein Spiel versunken, fühlte sich Fungel als Teil der musikalischen Unterhaltung mit den Geistern der Bäume, aus deren Holz seine feine Mandolaute entstanden war. Kiefer und Eiche waren sorgsam geschnitten, gerundet und zusammengefügt worden, aus Brettern von Bäumen, die Fungel selber ausgewählt und mit einem Segensspruch versehen hatte, be vor er sie verwendete. Wenn er spielte, fühlte er oft das Wesen jener Bäume, hörte sie mitsingen in einer Melodie von absteigenden Wurzeln und aufstrebendem Laubwerk - Musik der Erde und des Himmels. Bald darauf fühlte er, wie die Musik seine Hände lenkte - denn manchmal entstand sie so und nicht anders -, und zwar zu einem Abschluss hin. Und während er sich in einem lustvollen Tempo wiegte, packte er schließlich den Hals der Mandolaute mit der Linken und schlug mit der Rechten vier rauschende Akkorde, die die anderen zum Schweigen brachten. Mit offenem Munde lauschten sie den unverhüllten Leidenschaften, von der die Töne kündeten - alle, außer Erbsengrün. Er hatte einen Topf vom Haken an der Kette über Fungels Herd genommen, tanzte um ihn herum und schlug ihn wie ein Wilder. Als die letzten Töne von Fungels Schlussakkord an die Mauern geprallt und im Flammen­ geknister erstorben waren, hampelte Erbsengrün in seiner albernen Menschenkappe ungerührt weiter herum und trommelte einen Rhythmus, der weit von dem in Fungels Musik entfernt war. Mit fest geschlossenen Augen trommelte und wiegte er sich hin und her. »Erbsengrün«, sagte Fifferling von seinem Sessel aus mit milder Stimme.

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Bumm, bumm-bumm, peng, trommelten Erbsengruns Hände. »Noch unter dem Zauber meines Spiels«, bemerkte Fungel und lächelte. »Unter einem Zauber, ja, Bruder«, entgegnete Fifferling, »aber die Musik stammt nicht von dir ­ Erbsengrün! « Erbsengrün riss die Augen auf. Seine Hand erstarrte mitten im Schwung zum Topfe, den er umklammert hielt. Er schaute im Zimmer umher und schien, als er plötzlich wieder zu sich kam, zu schrumpfen. Emma versteckte ihr Lächeln hinter der Hand, aber es funkelte noch in ihren strahlenden Augen. Wuschel schüttelte den Kopf und schnalzte wissend. »Bringen wir's hinter uns«, sagte Fifferling. »Hinter uns bringen?«, fragte Erbsengrün mit Unschuldsmiene. »Was hinter uns bringen?« »Erbsengrün!« Fifferlings Gesicht, sonst trotz aller Sorgen und Mühsal stets zu einem Lächeln bereit, blieb ernst und streng. Fungel umarmte seine Mandolaute. Erbsengrün ließ den Kopf sinken, bis man unter dem Halbmondschirm und dem gestickten Hexenzeichen auf seiner Menschenkappe nichts mehr von seinem Antlitz sehen konnte. Lang sam stellte er Fungels Topf wieder auf den Boden und hob eine Hand an sein Ohr. Da heraus zog er einen merkwürdigen Gegenstand, eine Art Fingerhut, fleischfarben und mit einer Schnur, die sich in seinem Kittel verlor. Quittegelb stand neben ihrem Bruder, ebenfalls mit gesenktem Kopf und nervös verschränkten Fingern. Erbsengrün zog an der Schnur, bis ein Kasten zum Vorschein kam. Dieser bestand aus einem Material, das nicht in ihrem Tal zu finden war. Es war ein schlichtes schwarzes, scharfkantiges Ding und hatte überall Ecken und Knöpfe. Erbsengrün hielt es einen Augenblick in die Höhe, nur widerwillig bereit, sich von dem Ding zu trennen, dann drückte er es seinem Vater in die ausgestreckte Hand. Das Feuer schien über Erbsengruns Verlegenheit zu kichern. Als er den Gegenstand in seiner knorrigen Hand hielt, senkte sich Trauer auf Fifferlings Miene. Zum ersten Mal nahm Fungel die tiefe Erschöpfung seines Bruders wahr und die Spur der Jahre, die sich auf seinem Gesicht abzeichnete. Fifferling war jünger als Fungel, wirkte aber weitaus älter. »Ich nehme an, das hast du von diesem Taugenichts von einem Gnom«, sagte Fifferling. »Ka ist kein Taugenichts«, widersprach Erbsengrün sanft. »Nein, nicht gänzlich«, stimmte sein Vater zu, »aber er ist ein Gnom und kein Waldzwerg, und was für ihn taugt, ist nicht immer für unsere Kinder geeignet, deren Eltern sie lieber redlich und ehrlich nach unserer Art aufwachsen sehen möchten und nicht -«, er hielt den Kasten hoch, von dem der Fingerhut an seiner Kordel baumelte, »­ als Abklatsch der Menschenwesen.« Er klopfte auf seinen linken Oberschenkel, der wie abgeschnitten über dem Knie endete. »Oder hast du ganz und gar vergessen, wie dein Vater die Gesellschaft seines Beines verlor, nur weil er sich im Lauf der Jahre daran gewöhnt hat?« Erbsengrün schüttelte den Kopf und machte ein beschämtes Gesicht. Genauso wenig hatte Fungel jene Nacht vergessen, als Belinda, Fifferlings heiß geliebte Frau, an Fungels Haustür gebum mert hatte, Fiff erling halb tot an sie gelehnt. Sein Bein war schwer verletzt gewesen, der Stumpf mit einem durchgebluteten Verband umwickelt. Obgleich er viele Kuren und Heilmittel kannte, war Fungel kein Arzt. Aber der beste Heiler unter den Zwergen, Chicoree Langpelz, war schon vor Jahren mit der gesamten Langpelzfamilie nach Westen geflohen, nachdem ein einziges Flugzeug tief über das Tal geflogen war - mochte ihm Fungel auch noch so sehr versichern, dass die Schutzsprüche auch nach oben wirkten. Weil Fungel nun der einzige Schamane des Tales war, wenn auch ein unvollkommener, wurden die Schwerkranken und die Schwerverletzten auf direktem Wege zu ihm gebracht. In schrecklicher Eile hatte Fungel damals Heiltränke und Salben für seinen Bruder zubereitet und sich geweigert zu schlafen oder zu ruhen, bis er sicher sein konnte, dass Fifferling den nächsten Morgen erleben würde. Als er schließlich alles getan hatte, was in seinen Kräften stand, und als Fifferling in tiefem Schlaf in Fungels Bett lag, gönnte sich Fungel den Luxus nachzufragen, was geschehen war. »Er hat auf der Metallstraße gestanden, das war's, Fungel«, sagte Belinda und pustete den Dampf von einem Beruhigungstee, den Fungel "r sie aufgegossen hatte. »Sie läuft am Fuß des Gebir ges entlang, zwei Metallstraßen, mit Planken aneinander gehämmert.« »Die kenne ich«, hatte Fungel gesagt, »und jede zweite Nacht kreischt dort ein Ungeheuer aus Eisen vorbei.« »Ja, und heute Nacht ist es deinem armen Bruder übers Bein geraten. « Belindas Augen hatten sich beim Erzählen verdunkelt. »Er ist dort unten gewesen, neugierig, und hat sich umgeschaut«, fuhr sie fort, »du weißt ja, wie er ist.« Das wusste Fungel ganz genau. In jener Zeit war Fifferling von allen Gegenständen der Menschen wie besessen. Er sammelte ihre Gerätschaften und Kästen und brachte sie wieder in Gang (ob gleich ihm der Zweck ihrer Funktion oft ein Geheimnis blieb), und ihre festen Handwerkszeuge benutzte er,

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um für andere Zwergensachen herzustellen. Er war sehr geschickt - ein Tüftler, wie die Waldzwerge solche Leute nannten -, und die Eisenbahngleise stellten eine dauernde Verlockung für ihn dar, weil er neben ihnen nämlich vielerlei Menschenkram finden konnte, der aus dem das Land No durchquerenden kreischenden Metallschiff auf Rädern stammte. Fungel hatte es schon längst aufgegeben, Fifferling zu bitten, sich nicht mehr dorthin zu begeben. Und jetzt das! »Sein Fuß war zwischen den Planken festgeklemmt«, fuhr Belinda fort, »und er hat dran gerissen, und ich hab gezogen, aber er war nicht rauszukriegen. O Fungel, es war, als ob sie ihn haben wollte, die Straße selbst! Das Eisen hat unter seinen Füßen zu singen begonnen, und wir konnten hören, wie es von weit, weit entfernt herankam. Sein Knöchel war verdreht, und er hat gezappelt wie ein gefangenes Karnickel, und dann kam das Ding da angebraust, mitten in dem heißen Atemdampf, wie von einem bösen Zauber beschworen, und... und ... « Fungel hatte sie umarmt und ihr Fell gestreichelt. »Ist schon gut«, hatte er ihr beruhigend gesagt, »Fifferling wird wieder gesund werden.« Belinda war nun schon sieben Jahre tot, niedergestreckt von der Kugel eines Bärenjägers. Er betrachtete den verheilten Stumpf am Bein seines Bruders. Während sich der betrübte Waldzwerg in seinen dick gepolsterten Sessel sinken ließ und immer noch das beschlagnahmte menschliche Musikgerät in der Hand hielt, dachte Fungel wieder an jene Nacht, in der sich die Besessenheit seines Bruders gewandelt hatte. Fungel kannte die geheime Furcht in Fifferlings Augen, die jedes Mal aufflackerte, wenn seine kluge und wissbegierige Tochter Quittegelb ihren Großvater Wuschel anbet­ telte eine der beiden Geschichten »Warum die Menschen ihr Fell verloren« und »Warum die Menschen die Wälder verließen« zu erzählen. Da war so viel Trauer und immer ein Stich in der alten Narbe, wenn Erbsengrün sein Herz so sehr an Menschenkram hängte. Fifferling war jedoch gutmütig und nicht im Stande, denen, die er ehrlich liebte, lange gram zu sein. Statt Erbsengrün wegen des Menschenkastens zu schelten, blieb seine Stimme freundlich, während er sagte: »Dies gehört zu den Sachen, die uns für immer und ewig von hier vertreiben.« Er schüttelte den Kasten, schaute sich mit einem wissenden Blick für die anderen Erwachsenen im Zimmer um und setzte hinzu: »Uns, die wir noch übrig sind. Kannst du das begreifen, mein Sohn?« »Das ist doch nur Musik, Papa«, antwortete Erbsengrün mit einer Stimme, so leise wie ein Wispern. Fifferling schaute Fungel Hilfe suchend an. »Es ist nicht die Musik, mein Junge«, antwortete Fungel über seine Mandolaute hinweg, »es ist das Ding, das sie hervorbringt. Du solltest dich lieber nicht von solchem weltlichen Tand verleiten lassen.« Er schlug einen Akkord. »Sei selber in der Welt, lass die Welt nicht in dir sein.« Er lächelte freundlich und zwinkerte. »Ja genau, darum geht es«, stimmte Fifferling erleichtert zu, »im Müll der anderen zu leben, mag sich für Gnome wie Karbol Erdenwurm schicken.« Er richtete sich in seinem Sessel auf und krümmte einen Daumen zu seiner Brust. »Wir aber sind Gnole und Waldzwerge, Erbsengrun. Aus der ältesten Rasse der Zwerge. Verstanden?« »ja, Papa.« »Dann war der Fall ja erledigt. Du gibst jetzt Ka seinen Menschenkasten zurück und dann Schwamm drüber, verstanden?« Auf Fungels Vorschlag hin kletterten die Kinder aus der Klapptür heraus und gingen auf die Suche nach dem Alten Weidenkopf, um den Baum um Weisheit zu bitten. Ob sie nun den alten Weidenbaum am anderen Ende der Insel wirklich befragten oder nicht: Fungel wusste, dass zumindest sein Neffe dankbar die Gelegenheit ergriff, um allein sein zu können, denn in einem be­ stimmten Alter müssen alle Kinder die Erwachsenen verfluchen können, die sie noch nicht verstehen. Nachdem sie verschwunden waren und die schützende Eichentür wieder hinter ihnen zugeklappt war, ließ Fungel einen Poker im Kaminfeuer heiß werden und trug ihn in die Küche, um allen noch einen Schluck Bier zu wärmen. Als er es in Becher goss, die alle wie Schwäne geformt waren, die ihren Kopf unter die Schwinge gesteckt hatten und deren Hälse als Griffe benutzt wurden, hörte Fungel die Stimme seines Vaters aus dem Wohnraum. »Und bei wem sehe ich den Menschenhammer immer aus der Hosentasche baumeln, he?« Wuschel schlug sich auf die Knie und keckerte vor Vergnügen. »Das ist nicht das Gleiche, Papa«, sagte Fifferling. Fungel in seiner Küche schmunzelte, als er den heißen Poker in das Bier tauchte, dass es aufzischte. Das ist die Alchemie in Familien, dachte er, in einem Nu verwandelt sie einen besorgten Vater in einen widerspenstigen Sohn. Er stellte die Becher zusammen. »Ehrlich gesagt«, fuhr Fifferling fort, »seine Generation ist ganz anders als die davor. Ganz verrückt auf Menschenwörter und Al­ tertumer.« Er nahm Fungel einen Becher Bier ab. »Ah, Segen über dich, mein Bruder, und lang möge dein Schornstein rauchen.« Er nahm einen Schluck.

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»Und wer war der kleine Hosenmatz von einem Zwerg?«, fragte Wuschel, während er seinen Sohn betrachtete, »der wie am Spieß schrie, als er seine Musikdose, die man aufziehen konnte und auf deren Deckel klitzekleine Menschenfigürchen tanzten, zerbrochen hatte?« Fifferling rutschte unbehaglich in seinem Sessel hin und her. Seine Finger spielten mit dem Stockgriff. »Kann ich mich nicht dran erinnern«, sagte er. »Kann sich nicht dran erinnern!«/ heulte Wuschel. »Deine Augen sind zwei Tage lang wie die Brunnlein geflossen!« Fungel versteckte sein Lächeln hinter dem Becher und nahm einen Schluck Heißbier, wobei ihm wieder vor Augen stand, wie sein kleiner Bruder mit den winzigen mechanischen Figuren he­ rumgetanzt war. »Aaaah«, machte Fifferling und beschloss das Thema mit einem mächtigen Schluck Bier. Danach wischte er sich die Schnauze mit seiner Hand ab und rief, um von etwas anderem zu sprechen: »Also Emma, mein Herzchen! Wann kommst du denn endlich zur Vernunft und verduftest mit dem Rest von uns nach Westen?« Ein kurzes, unbehagliches Schweigen breitete sich aus. Fifferling hatte es natürlich gut gemeint, aber im Hinblick auf die gerade beigelegten Konflikte zwischen den Kluges und den Fuchswitzen und zwischen Emma und ihrer eigenen Sippe wurde die alte Fehde plötzlich wieder allzu spürbar. Emma begriff jedoch das freundschaftliche Gefühl hinter der Bemerkung und beschloss, es nicht falsch zu verstehen. »Vielleicht, wenn ich keine Wahl mehr habe«, sagte sie, »im Augenblick muss ich noch Gelee aus Beeren kochen und ein paar Reihen hacken. Und ich sehe keinen Grund, meine eigenen Felder brachliegen zu lassen.« »Ach, arme Emma!«, erwiderte Fifferling. »Das ist alles nur, weil du nichts von dem gesehen hast, was mich endgültig von hier vertreibt. Hat dir Fungel nicht erzählt, was ich gesehen habe?« Emma warf Fungel einen Blick zu. »Was Fungel Fuchswitz erzählt oder nicht, das ist seine eigene Angelegenheit.« »Na gut, dann werd ich's dir erzählen«, sagte Fifferling, »weil es nämlich das Ding ist, was uns unser schönes Tal für immer verlassen lässt, und was euch brave Leute an diesem Abend auf die Beine gebracht hat, um uns Fuchswitzen einen herzlichen Abschied zu sagen. Allen Fuchswitzen, außer Fungel natürlich.« Als einzige Erwiderung auf diese überschwängliche Rede hob Fungel den Becher in einem verlegenen Salut. »Also, Emma Kluge, ich werd dir die Wahrheit verraten«, fuhr Fifferling fort, »ich hab nämlich mit meinen eigenen Augen ein grauenhaftes Wunder gesehen, ja, wahrhaftig, und zwar die ganze Welt, die sich in die Oberfläche des Mondes verwandelt hat. Nur, es war kein Zauber, der sie verwandelt hat, und Feuer war es auch nicht. Wenigstens kein Feuer, das wirklich brannte.« Fifferling gab ein verächtliches Schnauben von sich. » Es hat gehackt und es hat gesummt und gesägt und gezerrt und zerbrochen und zersplittert. Aber gebrannt hat es nicht, o nein!« Fungel schwieg beharrlich und starrte in das knisternde Feuer. Er hatte die Geschichte schon einmal gehört, aber irgendwie stiegen jetzt bei der Erzählung seines Bruders Flammen vor seinen Augen auf. »Menschen?«, fragte Emma mit einer plötzlich ganz kleinen Stimme. »Was denkst du denn!« Fifferling schüttelte den Kopf. Er schwenkte den Becher zu Fungel. »Prost!«, sagte er mit schwerem Spott. Fungel schwieg, denn er wusste, dass der Bruder nur durch seine Verbitterung den Schmerz über Fungels Weigerung, mit ihm nach Westen zu reisen, zeigen konnte. »Ach, Emma, mein Mädchen«, fuhr Fifferling traurig fort, »du hättest die Bäume hören sollen. Sie beteten und flehten und schrien, und sie schüttelten sich sogar und winkten und beugten sich, aber all diese verbrecherischen Pfuscher und Tölpel konnten nur ihre eigenen Maschinen hören! Wie das Siegesgeschrei von Feiglingen!« In der gelben Flamme beschwor Fungel die Erinnerung seines Bruders an das Heulen des eisernen Teufels über das Land, über die Schienen, über das Bein. »Alle Bäume?«, flüsterte Emma entsetzt, »aber sicherlich hat es doch einen Sinn gehabt, so etwas ­ so etwas ... « Sie war nicht im Stande, ein Wort zu finden, das zu solchen Taten passte. »Oh, das hatte schon einen Sinn«, erklärte Fifferling, »paar Tage später, da hat's im kahlen Tal nur so gewimmelt von den Menschenwesen. Hunderte und Aberhunderte, wie die Ameisen, wenn sie Honig riechen. Und jeder hat so eine Krachmaschine bei der Hand gehabt oder drin gesessen. Nnn! Rrr! Bumm bumm bumm! Hat mich ganz weich gemacht, dieser Lärm, das kann ich dir sagen. Tagelang hat das gedauert und auch den letzten Fuchs vertrieben und die Frösche und die Grillen und die Vögel, und als alles vorbei war, wupps, haben diese hölzernen Kästen auf der Erde gestanden, wie Pickel auf meinem Po, mit Verlaub.«

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Emma wurde rot, nahm aber mit einem Nicken seine Entschuldigung an. »In dem einen Augenblick ist da ein Wald und im nächsten« - Fifferling hob die Schultern, als ob es keine Hoffnung gäbe - »eine Stadt gestrichen voll von Leuten.« »Von Menschlingen«, murmelte Emma ergeben. »Und keine fünfzehn Meilen weg von der Stelle, wo ich sitze«, beendete Fifferling seine Geschichte. »Wenn du aber meinen Bruder rechnen hörst, dann ist es, als ob sie sich alle auf der anderen Seite der Erde drängelten und wir hier herrlich und in Freuden in unseren kleinen Häuschen. Pah!« »Das hab ich nie behauptet, mein lieber Bruder«, sagte Fungel sanft und dachte dabei an die Zurückhaltung seines kleinen Bruders, als er, Fungel, zum neuen Schamanen der Sippe erwählt wor den war, und er stellte fest, dass eine Spur jener alten Eifersucht immer noch durchklingen konnte. »Jeder hier weiß, dass dich nur die Vernunft zum Fortziehen leitet. Und du hast eine Familie, Fiff erling. « Emma senkte den Kopf. »Das Lied von der Gerechtigkeit klingt anders, wenn dir diese Teufel plötzlich vor der eigenen Haustür herumtanzen«, sagte Fifferling bitter, »und sie klopfen nicht mal an, bevor sie reindran geln! « Er lachte lustlos. »Höchstwahrscheinlich werden sie dich mit der Schnauze in einem Buche schnappen! Es ist schön und gut, wenn man sich zu Salben und Säften und Schnepfen und Schwa­ den von rotem Rauch zurückziehen kann, aber die tagtäglichen Pflichten sind eine andere Sache, Fungel. « »Das mag ja sein«, erwiderte Fungel, »aber bis dahin ist es meine eigene Haustür, und dieses Tal ist mir beides, Weib und Kind.« Fifferling machte ein verblüfftes Gesicht. Dann arbeitete er sich aus dem Sessel heraus und stützte sich schwer auf seinen Stock. Mit der freien Hand fuhr er über seinen geflickten und fadenscheinigen Anzug. »Fungel, Fungel«, sagte er und Fungels Augen verschleierten sich bei dem beschämten Ton in seines Bruders Worten. »Vor unserm Vater und beim Andenken an unsere Mutter: Es tut mir entsetzlich Leid, was ich gesagt habe. Das war falsch, ich hab Unrecht und ich will dir jetzt was sagen: An dem Tag, an dem der Ruß auf deinen Herd regnet, weil dir Fremde oben auf dem Dach herumtrampeln, sollst du eine Zuflucht neben unserer eigenen haben. Das ist ein Versprechen von deinem Bruder und keiner könnte dir ein besseres geben.« Fungel umarmte seinen Bruder herzlich. Eine Weile standen sie so vorm Feuer, und das war der wahre Augenblick ihres Abschieds: glücklich in der Liebe des anderen und betrübt über die Trennung, so wie es bei jedem guten Abschied geht. Kurz darauf rappelte sich Wuschel auf seine müden alten Füße und sagte, sie sollten sich jetzt lieber auf den Weg machen. Fungel begleitete den Rest der Fuchswitze ein letztes Mal zum Ufer seiner kleinen Insel. Abermals umarmte er seinen Bruder. Er segnete Quittegelb und Erbsengrun und befahl ihnen, bei ihrer gefährlichen Reise nach Westen auf ihren Vater aufzupassen. Wuschel betrachtete seinen Sohn. In seinen weisen alten Augen tanzte das Wissen und die Kunde von Zeit und Raum und Märchen und Sagen, und in ihren Blicken ging so vieles zwischen ihnen hin und her, dass jedes Abschiedswort den Sinn nur verwischt hätte. Als Fungel zurückkehrte, hatte Emma schon die Reste des Abschiedsfestes aufgeräumt. Fungel dankte ihr mit großem Ernst, denn er wusste, dass sie ihn in ihrer treuen Freundlichkeit so schnell wie möglich seiner Einsamkeit überlassen wollte. Sie schlug einen Abendtee aus, indem sie sagte, sie hätte zu Hause noch allerlei zu erledigen und müsste Nüsse für die Eichhörnchen herauslegen, die des Morgens immer an ihrer Tür saßen und bettelten. Fungel ging der Abschied von der Familie so durch den Kopf, dass er gar nicht merkte, wie traurig auch Emma war. Bald darauf saß er vor dem Feuer, allein mit seinen Gedanken in seinem be haglichen Heim aus eintausendundachtzig Steinblöcken und hundertmal so vielen freundlichen Erinnerungen. Am nächsten Morgen hatte Fungel die Überreste von Erbsengruns Kappe in der Asche seines Herdes entdeckt. Nun, da die Saucen simmerten und die Brote bräunten und die Aufläufe in der Küche dufteten, alles bereit für das Fest der Tagundnachtgleiche, nun legte Fungel grüne Scheite für ein langsames, würziges Feuer auf den Herd, wo, wie er merkte, wohl noch die Asche von Erbsengruns Kappe lag. Und während das Licht der Flammen seine Wangen so rot wie wilde Äpfel färbte, dachte er an die Liebe und die Sorgen dieses bitter-süßen Tages. So weit ist es also gekommen, dachte er verloren, Fungel richtet ein Abschiedsfest für die wenigen Freunde aus, die ihm noch geblieben sind. Und was hat den Ausschlag gegeben? Ein leerer Metallbehälter, der fun kelnd im Gras lag, leichter als eine Eierschale und mörderischer als das Auge eines Wolfes. So hatte er das Was entschieden, aber noch nicht das Wann. Denn es blieb noch das Problem zu lösen, das ihm der Rat der Waldleute vorgetragen hatte, als dieser ihn heute aufsuchte. Fun gel war

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der Hüter dieses Landes, und es würde ihm nicht einmal "r die Dauer des Flügelschlags einer Mücke einfallen, die Seinen im Stich zu lassen oder einen einzigen Schritt zurückzuweichen. Erst würde er bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten gehen, um jedem und allen Lebewesen, die zurückgeblieben waren, ihre Sicherheit zu garantieren. Außerdem - wenn er das Tal verließ, würde das auch bedeuten, dass er es Emma als einziger Hüterin überließ. Und sollte eine Kluge die letzten Ansprüche auf das Tal behalten? Nach allem, was seit Generationen zwischen ihren Familien geschehen war? O danke, nein! Fungel würde nicht weichen, bis der Sturm des menschlichen Fortschritts ihn entwurzelte. Und was dann? Seien wir doch einmal ehrlich, Fungel: Selbst im Exil im eigenen Land - gefangen, gewissermaßen in deiner eigenen Seele - bist du so sicher, dass du dies hier verlassen kannst? Dies ist dein Heim. »Ach, jetzt reicht es mir aber mit diesen Gedanken«, sagte er laut, »bald treffen die Gäste ein, mitten in dieser scheußlichen Nacht, und sie kommen zu einem Fest, nicht zu einer Beerdigung. Es hat wirklich keinen Sinn, ein Mahl mit solch dunklen Gedanken zu würzen. Nicht in dieser Nacht der Tagundnachtgleiche.« Er begann seinen bereits fleckenlosen Wohnraum zu säubern, fegte wie ein Wirbelwind über Teppiche, staubte die Gesimse ab, hob jede Schüssel in Tiergestalt und jede Vase hoch, um darunter zu wischen. Er zündete lange Kerzen aus Bienenwachs an und steckte sie in Kerzenhalter, die wie Hummer geformt waren. Dann trug er diese hin und her, um Weihrauchstäbchen in Gefäßen zu entzünden, die wie kleine Mäuse aussahen, die in den fleckenlosen Ecken hockten. Er staubte den alten Lackkasten ab, in dem auf einem Stück Samt die Pfeilspitze eines Cherokeepfeils lag, ein Friedenszeichen aus uralter Zeit. Er rückte die alte, eingerahmte Landkarte an der Wand über seinen Musikinstrumenten - Holzflöten, Dudelsäcke, Zimbeln, Basslauten und eine Zugposaune - millimetergenau gerade (die Landkarte, das sollte man vielleicht erwähnen, zeigte einen Kontinent im Atlantischen Ozean zwischen Europa und Nordamerika und war, lange bevor die Ziegel der Pyramiden in der Sonne Ägyptens dorrten, gezeichnet worden). Aus Gewohnheit fuhr Fungel mit den Fingern an der Tür entlang, die hinunter zu seiner Bibliothek führte, und spürte, wie der Abwehrzauber, mit dem er sie geschützt hatte; sanft unter seiner Hand verging. Donner ließ das Haus erbeben. Im Esszimmer übte Fungel seine Fähigkeit, Dinge mit dem Willen zu bewegen. Er deckte den Tisch, ohne Geschirr oder Besteck zu berühren, er leitete sie stattdessen nur mit seinen Gedanken an Ort und Stelle. Es erforderte freilich mehr Kraft, als wenn er den Tisch mit der Hand gedeckt hätte, aber ohne standige Übung behält man keine Fähigkeit. Er ließ eine Gabel fallen, aber wenn man bedachte, was ihm auf der Seele lag, war das kein Grund, sich zu schämen. Auf jeden Fall erinnerte es ihn wieder an die Zeit vor Jahren, als er es zum ersten Mal ausprobiert hatte: Damals hatte er kurz entschlossen auf dem Fußboden gegessen, denn dort war endlich alles gelandet. Er zupfte das bestickte Tischtuch ein kaum merkliches Stückchen zurecht und richtete die dekorativen Teller noch einmal aus. Als er schließlich zufrieden war, trat er vom Tisch zurück und schaute zur Decke empor. Selbst durch die dicke Schicht Steine hörte er den Regen trommeln. Fungel schloss die Augen, holte tief Atem, und schon füllte sich sein Geist mit dem Abbild des Tals, das von dicken Sturmwolken zugedeckt war, die wie Schwämme über einer Schüssel ausgedrückt wurden. Das unbehagliche Gefühl, das der Sturm in ihm geweckt hatte, blieb jedoch. Fungel schlug die Augen auf und schaute sich um: das Essen warm und die Küche rosig von der Glut des Herds; Wohnzimmer makellos, nur darauf wartend, regennasse Reisende in dieser dun klen und stürmischen Nacht wieder aufzuwärmen; ausgelatschte Hausschuhe, die wie gestrandete Flundern aussahen, einladend dicht am Kamin; alles trocken und gemütlich und es brauchte zur Vollkommenheit nur die Anwesenheit von Emma und Ka. Sie hätten eigentlich schon da sein sollen. Na ja, durch den Sturm würden sie sich wohl verspäten. Noch kein Grund zur Beunruhigung. Doch da ihn die Zeit so drängte, machte er sich trotzdem Sorgen. Konnte er, Fungel, ein Zauberer, das Datum irgendwie verwechselt haben. War heute gar nicht die Tagundnachtgleiche? Ach, mach dich doch nicht lächerlich! Trotzdem... Er überprüfte die Papyruskalenderrolle an der Wand, um sich zu vergewissern, fuhr rasch mit den Augen über das Chaos der Zeichen und Zahlen, die wie Spinnenspuren aussahen und in altertümlicher Handschrift geschrieben waren. Ja, heute war der Tag. Hatten dann die anderen das Datum vergessen? Ganz gewisslich nicht, die herbstliche Tagundnachtgleiche war ein zu wichtiger Wendepunkt des Jahres. Und außerdem: Kluge oder nicht, welcher Waldzwerg in der Geschichte hätte je ein Freibier verpasst?

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Nach einer Weile ging Fungel hinauf, um zu sehen, was der Sturm jetzt machte. Als er die schwere eichene Klapptür seines Baumstumpfs hochstemmte, wurde er von der Gewalt des Windes fast aus seinem Haus gefegt. Er riss ihm die Tür aus der Hand und ließ sie mit Donnergetöse auf den Stumpf krachen, während der Sturm sich heulend hineinstürzte. Fungel war im Nu nass bis auf die Knochen. Im Augenblick, in dem die Tropfen ihn berührten, spürte er die Bedrohung. Der Regen war warm wie Blut und die Tropfen prasselten ihm wie Nägel auf die Haut. Wo sie sein Fell durchnässten, brannte seine Haut, als wäre sie über einen Fels geschürft. Nachdem der heiße Regen Fungel überschüttet hatte, entstand eine Atempause, in der das Sturmgeheul, das durch die Bäume brauste, zu einem zufriedenen Seufzer verklang und der Wolken bruch in Nieselnebel überging. Das geschah innerhalb von Sekunden. Fungel kam es so vor, als ob die Regentropfen, die ihn getroffen hatten, Späher gewesen wären, die nun allesamt einer gewaltigen Macht hinter dem Sturm ihre Meldung machten. Und als ob diese Macht aus den hunderttausenden von nassen Nachrichten über Fungel die Schlüsse für ihre nächsten Schritte zöge. Sehr merkwürdig! Fungel trat aus dem sicheren Schutz seines Eingangs heraus und warf einen wachsamen Blick über den See. Die Atempause des Sturmes erlaubte ihm, ein gutes Stück des Tals zu erkennen, und was er dort sah, raubte ihm die Fassung. Der ganze Himmel war stockfinster. Das Herz des Wirbels war schwarz wie die Nacht und vollkommen leer. Graue Wolkenfetzen schnappten wie beutegierige Wölfe nach seinem Saum. Während Fungel sie noch betrachtete, klopfte die Öffnung des Strudels wie eine widerliche Wunde des Himmels und senkte sich, sodass sie - nur ein paar Meilen entfernt - fast über den Talboden strich. Dort wohnt Emma, dachte Fungel voll Schrecken. Doch so rasch sich der suchende Strudel gebildet und gesenkt hatte, so rasch wurde er wieder hochgesaugt und verschwand in nördlicher Richtung. Auf der Suche. Der Sturm begann wieder mit seinem Geistergeheul. Der Regen wurde dichter: vom Nebel zum Getröpf el, dann zum Wolkenbruch. Fungel klappte die Tür zu und sah den Riss, den der Sturm verursacht hatte. Nicht schlimm, konnte an einem anderen, trockenen Tag leicht geflickt werden. Da Fungel weder Schloss noch Riegel be saß, weil diese Dinge seiner Welt unbekannt waren, wiederholte er seinen kräftigsten Schutzspruch und schuffelte hinunter zur warmen, trockenen Höhle seines Heims. Während er zum Wascheschrank in seinem Schlafzimmer trippelte, zog er sich schon die Kleider aus und griff sich ein Handtuch, um sich die versengenden Regentropfen abzurubbeln. Der heiße Regen war auf seiner Haut schon kühl geworden. Fungel zog sich frische trockene Sachen an und hängte die nassen an der Tür der Vorratskammer auf. Als er sich umdrehte, sah er eine Bewegung unter dem Teppich vor seinem Kamin. »Dunnerblomster! «, rief er aus und schlug die Hand vor den Mund. Der Teppich begann sich auf und ab zu wölben, als ob er von unten geklopft würde. Und dann drang eine tiefe und kehlige Stimme darunter hervor, keuchend und heiser: »Verflixt und zugenäht, Fungel Fuchswitz, hast doch deine Sessel wahrhaftig wieder auf deinen mottenzerfressenen Teppich gestellt! Weg damit, sonst fress ich mich durch ihn durch, und du musst dir - nen neuen kaufen, um dir deine kümmerliche Hütte noch mehr zu verschandeln! « Was darauf folgte, erstickte, falls es Wörter gewesen waren, in lauten Kauund Krachgeräuschen. Fungel stürzte sich hastig auf seinen honigfarbenen Teppich und schob einen Weidensessel beiseite. Der Teppich rüttelte und schüttelte sich jetzt wie das Fell einer ängstlichen Hündin. Fungel schlug eine Ecke zurück, und es zeigten sich zwei Pfoten mit zugespitzten, tastenden Fingern, die so an den Enden der schaufelnden Arme saßen, dass sie mehr mumifizierten Wurzeln glichen als Gliedern. Ein erdverkrusteter knubbeliger Kopf tauchte auf. Das große Maul spuckte Krümel aus, um sagen zu können: »Was stehst du da rum, du dämlicher Zwerg. Her mit deiner Pfote!« Fungel packte die moos- und flechtenbewachsenen Arme und zog. Aus dem Lande der Würmer und Wurzeln gab die Erde zogernd einen Gnom frei, der sich Karbol Erdenwurm nannte. Er war von schwerer, fassförmiger Gestalt und prustete und schnaubte wie ein asthmatischer Wasserkessel. Er schüttelte den Kopf, der wie eine verkehrt aufgesetzte Runkelrübe aussah, und öffnete den breiten Schlitz seines lippen- und zahnlosen Mundes. »Besten Dank«, sagte er mit einer Stimme, die wie ein Steinschlag rumpelte. Fungel wartete geduldig ab, während Ka auf den Boden stampfte und sich die Erdkrumen vom Körper schüttelte. Danach trat der Zwerg auf Fungels Teppich - der übrigens nicht im Geringsten mottenzerfressen war, sondern fleckenlos rein und sauber geklopft.

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Ka ließ die kleinen schwarzen Augen, die in seinem zerknitterten Gesicht lagen, durch den Raum wandern. Die Nüstern seines gewaltigen Riechorgans weiteten sich, eine krallenf ingrige Hand wischte geistesabwesend einen Regenwurm beiseite, der über den Zwergenbauch krabbelte. Es war nicht ganz klar, ob Ka nackt oder bekleidet war, so scheckig und schrundig war seine erdfarbene Haut mit ihren Moospolstern und den Flechtenflecken. Das war übrigens der Grund, warum die Waldzwerge die Gnome, ihre Vettern, gern aus Spaß die »Flickenteppiche« nannten. Fungel schlug den Teppich zurück und schob den Sessel an seinen richtigen Platz. Dann wandte er sich mit ernster Miene an den Gnom. »Was hältst du davon, bei anderen Leuten an die Tür zu klopfen, Ka?«, erkundigte er sich. Ka legte einen gedrungenen Finger an die Backe, als ob er daruber nachdenken müsste. Schließlich erwiderte er Fungels Blick. »Wurd mich in Stumpf und Stiel schämen, wenn ich so was täte! «, rief er aus, woraufhin sich die beiden unter den dünnen hellblauen Rauchfäden des Holzfeuers in eine Umarmung stürzten und einander dabei in einer Art und Weise die Hände schüttelten und auf die Schulter klopften, dass es an ein Handgemenge grenzte. Ihre tanzenden Schatten huschten wie im Ringkampf über die Wände. Man hätte denken können, Ka und Fungel hätten sich seit Jahren und nicht erst vorige Woche das letzte Mal gesehen, und das wäre auch nicht falsch gewesen, denn für gute, treue Freunde ist eine Woche Trennung so lang wie ein Jahr. Fungel eilte in seine Küche, um für Ka einen Begrüßungsschluck zuzubereiten. Eine gehörige Portion Wein mit einem gehäuften Esslöffel Herdasche verrührt, bis er wie Flussschlamm war. Fun gel reichte Ka diesen flüssigen Brei, den er insgeheim als MischMatsch bezeichnete, und hob dann seinen eigenen Becher -- ohne Asche, wie man vielleicht schnell noch erklären sollte. »Hoch die Tassen!«, scherzte Ka. Er warf seinen Kopf zurück und schlürfte am Becher wie ein Jungvogel, der um einen zappelnden Wurm bettelt. »Prost«, murmelte Fungel trocken, etwas zu spät, aber nicht unfreundlich. »Ah, danke verbindlichst«, erwiderte Ka und wischte seinen gewaltigen Mund mit der Rückseite seines schmutzigen Arms, wodurch er sich derartig verschmierte, dass es aussah, als hätte ihm jemand einen Schnurrbart aufgemalt. »Lang möge dein Schornstein rauchen, lieber Fungel«, sagte er segnend. »Noch einen Schluck?«, fragte Fungel. Ka starrte verblüfft in seinen leeren Becher. »Du meine Güte - schon leer!« Fungel nahm ihm den leeren Becher mit einem vergnügten und wissenden Schmunzeln ab. Während Fungel den nächsten Misch-Matsch zubereitete, schaute sich der Gnom in dem musterhaft sauberen Wohnzimmer um. »Aah, das ist wirklich das Schöne: Wenn man sich gute Freunde einlädt, muss man vorher nicht so lange schrubben und aufräumen, damit sie sich gemütlich fühlen«, stellte Ka fest. Fungel, der in der Küche den Wein eingoss, wurde zwar rot, lächelte jedoch insgeheim. »Ich muss mich auch entschuldigen, dass ich so spät komme«, fuhr Ka fort, »besonders nach deiner freundlichen Einladung. Und Segen über dich, dass du mich reingezogen hast.« Fungel glitt ins Wohnzimmer und reichte Ka einen zweiten fischförmigen Becher Aschenwein, den Ka mit einem Nicken und einem durstigen Aufblitzen seiner kleinen schwarzen Augen entgegennahm. »Aber auf dem Weg hierher bin ich da unten auf die versteinerten Knochen von einem alten Ungeheuer gestoßen, und du weißt ja, wie ich die liebe. Ich hab mich drum herum gerobbt und hab die Form und die Größe gemessen, und du kannst mich auf den Kopf stellen, wenn das nicht größer war als dein ganzes Haus! Ich mein, das muss ein Fisch gewesen sein. Aber wie kannst du dir das erklären, ein Fischungeheuer hoch oben in diesen Bergen und in längst vergangener Zeit, Fungel? « »Diese Berge hier haben früher unter dem Meer gelegen«, antwortete Fungel, »so wie die Berge im Heimatland meiner Leute heute ein Heim für Fische sind.« »Ach, so war das also?« Ka war offensichtlich beeindruckt. »Na denn Prost!«, sagte er und kippte seinen Aschenwein auf die übliche Art und Weise mit einem einzigen Schluck. Dann wischte er sich abermals mit seinem verschmierten Arm über das Maul. »Also, einen Knochen habe ich auf jeden Fall mitgebracht, falls bei dir das Futter knapp wird.« Ka klopfte auf das Netz neben seinem gewaltigen Trommelbauch. »Lass mich mal sehen. Nanu, wo hab ich denn heute Abend meinen Kopf?« Er schaute bekummert zu Fungel hinüber, der ihn amüsiert betrachtete. »Muss ihn beim Wühlen verloren haben. Wirklich ein Jammer. Kann man so gute Suppe von kochen.« »Das spielt keine Rolle«, sagte Fungel, »hier gibt's genug anderes, sodass dir der Knochen von dem toten Monsterfisch gar nicht fehlen wird. Und zu entschuldigen brauchst du dich gar nicht, nachdem sich Emma ganz offensichtlich auch durch den Sturm verspätet.« Ka hustete. »Da über der Erde braut sich wohl ein Sturm zusammen, was? Hab mich schon gewundert, was das für ein Lärm war. Muss ein ganz schön kräftiges Lüftchen sein.«

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Er schüttelte den Kopf. »Wie ihr Oberirdischen so was aushaltet, kann ich ganz und gar nicht verstehen. Stürme und Hagel und Schnee und Wind. Dürre und Fröste und Springfluten. Sonnen brände und Frostbeulen und alles Mögliche sonst. Nee, danke bestens. Ich sage immer, ich brauch nichts als die tiefe dunkle Erde rund um meinen Kopf herum. In der Erde weiß man wenigstens, wo man steckt, Fungel, und darauf kannst du dich verlassen.« »Drauf, drüber oder drunter«, erwiderte Fungel weise, »bleib immer klug und munter. « »So redet ein kluger Mann«, stimmte Ka zu, »und ich rede jetzt auch kein Wort mehr Über. . . « Der Satz blieb unvollendet, weil Kas große Nase plötzlich zu schnüffeln begann. Fungel konnte fast die Duftschwaden der gekochten Früchte, den würzigen Dampf der Brühen und die ande ren verlockenden Gerüche und Dämpfe sehen, die sich wie zarte Fäden in den Tiefen seiner Nasenlöcher verloren. »... Futter?«, beendete Ka den Satz, die Stimme ganz klein und kindlich, von komischer Hoffnung erfüllt. »Futter genug, um eine ganze Sippe abzuspeisen«, bestätigte Fungel, »und dich vielleicht auch, wenn ich Glück hab. Aber du und ich, wir sind ja wohlerzogene Herren und warten gern mit un serm Wein am Kaminfeuer, bis mein anderer Gast eintrifft. Das ist, glaub ich, das Allerbeste.« »Ach Fungel, du tust hungrigen Zwergenleuten wahrhaftig Verbrecherisches an!«, grummelte Ka. »Aber vielleicht könnte ich noch ein Plätzchen in meinem Herzen entdecken, um dir zu ver zeihen ­ falls dein Futter auch nur halb so gut schmeckt, wie es riecht.« »Wahrscheinlich muss sich dein Herz nach genug Platz umsehen«, antwortete Fungel, »denn wenn mein Fraß in deinem Fass verschwindet, dann wird kein Platz mehr übrig sein.« Ka warf den Kopf zurück, um zu lachen, wurde jedoch von einer donnernden Detonation unterbrochen, die jeden Ziegel des Schornsteins klappern ließ. »Verflixt, das war aber dichte bei! «, rief Ka. »Klingt so, als ob der Teufel da oben Kegel spielt.« Seine Stimme wurde winselnd. »Glaubst du nicht, dass wir in meinem Loch vielleicht doch sicherer wären ... « Fungel legte seinem Freund eine Hand auf den Arm. »Es ist in Ordnung, Ka. « Ka nickte zweifelnd. Wo er die Stirn runzelte, schoben sich win­ zige Gebirgszüge hoch. Die beiden schwiegen einen Augenblick und lauschten dem Knistern des Feuers, das mit dem Sturm draußen kämpfte. Als Ka merkte, wie sehr sich Fungel um seinen letzten Gast Sorgen machte, säuselte der Gnom: »Wie wär's denn mit einem Rätsel? Ich hab ein paar gute von den alten Scherzbolden drüben in der Tabakkneipe.« »Tabakkneipe!« Fungel wurde ernst und streng. »Kannst du nichts Besseres mit deiner Zeit anfangen, als sie mit diesen Gaunern zu verplempern, die dort herumhängen? Wie der Schwamm an alten nassen Balken, so sind sie, schlimmer noch, viel schlimmer als ... als ... « Er stotterte, weil ihm nichts einfiel, was schlimmer wäre als die Burschen in jener Kneipe. Ka aber beachtete ihn gar nicht, sondern starrte zur Decke. »Also, warte mal einen Moment ... «, sagte er. Seine harte Pfote strich nachdenklich über sein verhorntes vielfaches Doppelkinn. »Nee, der nicht«, murmelte er, »aber vielleicht der? Ach nein, das fragt man keinen Freund. Aha!« Er schlug sich auf den Schenkel. »Jetzt hab ich's: Welches Haus hat keine Tür?« Fungel mochte kaum seinen Ohren trauen, denn dieses Rätsel war sogar älter als der versteinerte Fisch, den sein Freund vorhin gefunden hatte. Aber ihn rührte der Versuch des Zwerges, ihn von seiner Sorge abzulenken, und deshalb tat er so, als ob er nachdachte. »Ein Haus ohne Türen?«, murmelte er. »Gibst du auf?«, fuhr ihm Ka dazwischen, und eh' Fungel auch nur Luft holen konnte, bellte Ka schon die Antwort: »Das Kernhaus eines Apfels! Hast du's? Kapierst du's? Oh, oh, oh!« Und voll Wonne über seine eigene Gescheitheit schlug er sich wieder auf die Schenkel. »Geschickt«, schmollte Fungel. »Wieso geschickt?«, fragte Ka. »Gescheit!« »Nein: geschickt. Wer ist geschickt?«, fragte Fungel listig und brach nun seinerseits in ein hohes trillerndes und selbstzufriedenes Gelächter aus. »Wer ist geschickt?«, murmelte Ka und lutschte an seiner Daumenkralle. »Der Bote!«, rief Fungel und erstickte fast vor Lachen. »Der Bote ... der Bote . . . « Da fiel bei Ka der Groschen, und er fing auch zu lachen an, wirklich zu lachen, wobei sein ganzer Leib ins Schüttern und ins Wanken geriet. Zuerst bibberte sein großer Bauch, der dann wie ein Vulkan ein Lachen aus dem Zwergenmaul herauspoltern ließ, das in seiner Wildheit zu dem Wolkenbruch passte, der Fungels Haus umtobte. Als er wieder sprechen konnte, sagte Ka: »Gut, aber jetzt hab ich ein Rätsel, das wird deinen Grips ganz schön zwicken und zwacken. Also, was ist das: Im Lenz erfreu ich dich, im Sommer kühl ich dich, im Herbst ernähr ich dich, im Winter wärm ich dich.«

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Fungel starrte in das Feuer und sagte langsam und versuchsweise: »Im Lenz erfreut mich der blaue Himmel, aber im Winter.. . « Ka konnte ein Grinsen nicht verbergen, und Fungel wusste, dass er auf der falschen Spur war. »Tja, im Herbst - das war der Apfel«, überlegte Fungel laut. »Gibst du auf?«, fragte Ka hoffnungsvoll. In Wahrheit beunruhigte ihn die tiefe Versunkenheit des Waldzwergs. Fungel bat mit einer Handbewegung um Ruhe. »Nachdenken kann dir gar nicht helfen«, behauptete Ka. Der Lenz, der Sommer, der Herbst. Das kannte er alles so gut wie seinen eigenen Namen, den wahren und den geheimen. Er war der Einzige von allen Geschöpfen, der das Wesen des Fruh lings und das des Winters kannte. Fungel fühlte sich genasführt. Schließlich seufzte er und sagte: »Du hast gewonnen.« Ka kicherte vor Freude über seinen Sieg. »Das ist der Baum!« Fungel stöhnte, während Ka wie ein riesenhaftes fröhliches Baby in seinem Sessel hin- und herschaukelte und ohne aufzustehen einen kleinen Siegestanz mit seinen knubbeligen Hinterpfoten tanzte. Fungel ging, immer noch kopfschüttelnd, in die Küche, um den Kessel aufzusetzen. Das Kichern seines Freundes folgte ihm. Während er die Teesachen auf ein Tablett stellte, überlegte er, was er mit Emma machen sollte. Ihr entgegengehen? Ohne sie anfangen? Die Sachen für den nächsten Tag beiseite räumen, kam ganz und gar nicht in Frage; am Fest einer Wende etwas zu verschwenden, ging nicht nur Fungel gegen die Natur - es richtete sich genau genommen gegen die Natur selber. Der Tag bezeichnete den Anfang der Ernte, den Beginn des großen Vorratsammelns, mit dem sich die Zwerge auf den langen Winterschlaf vorbereiteten. Das Fest bezeichnete diesen Übergang von der Fülle des Herbstes zu den mageren Tagen des Winters, und es war ein Zeichen des Dankes für den reichen Segen, den die Erde bot. Sich vor diesem Tribut an dem Tage zu drücken, an dem man ihn zu leisten hatte, wäre ein Schlag in das Gesicht des Herbstes gewesen und ein schlimmes Vorzeichen für den wartenden Winter. Obgleich Fungel und Emma keine Busenfreunde waren, hatte doch ihre Zuneigung zu seinem Vater Wuschel beide im Lauf der Jahre dazu gebracht, freundliche Nachbarschaft miteinander zu halten. Wenn sie auch nicht ungeduldig auf die nächste Einladung bei Fungel gewartet hatte, so würde sie ihn doch nicht im Stich lassen. Indem er die Möglichkeiten gegeneinander abwog, während er darauf wartete, dass das Zischen des Kessels zum Pfeifen wurde, nahm Fungel eine Musik wahr - oder zumindest etwas, das Mu sik ähnelte und aus dem Wohnzimmer hereindrang. Ka hatte sich Fungels verstaubte Laute von der Wand genommen und schlug die Saiten. Der Gnom summte zu jedem rauen Akkord, wobei er seine Krächzestimme mit den Dissonanzen in Harmonie zu bekommen versuchte. Ob zufällig oder mit Absicht, in dem Augen­ blick, in dem der Kessel zu pfeifen begann, fiel Ka in sein Schrillen ein. Der Pfiff stieg zu einem gleichmäßig hohen Ton an und Kas Stimme folgte ihm getreulich. Ohhhhh -« Fungels Lachen lenkte Ka vom Ofen ab. Nun rauschte im Wohnzimmer ein Akkord auf »Fungel, Fungel, fixes Jungel, was wächst auf deinem Beet? Da wächst nur das, was wachsen will, und wer's nicht passt, der geht.« Fungels Gelächter blies den Dampf vom Wasser, das er in schön geformte Becher goß. Einer stellte eine Eule dar, der andere eine Katze. Er senkte Teekugeln mit Hagebutten in das Wasser und trug das Tablett mit allem ins Wohnzimmer, wo Ka ihm selbstgefällig entgegenlachelte. »Also wirklich: bravo, bravo!«, sagte Fungel trocken. »Noch `ne Strophe?«, fragte Ka. Fungel reichte Ka die Katze mit Griff, die aus ihrem gebrannten Kopf dampfende Gedanken entließ. »Ach, ich glaube, eine zweite Strophe würde die ganz besondere Wirkung der ersten verderben«, entgegnete er. Ka strahlte, hörte jedoch jählings wieder auf. Sein Blick glitt ab auf den Boden. »Oh, du bist schon ein durchtriebener Schlaufuchs und glatt wie ein Gartenzwerg, Fungel Fuchswitz, und du wirst noch sehen, wie weit du damit kommst! « »Das mag ja sein«, stimmte Fungel zu, der mit seiner Teekugel im Eulenbecher wie mit einer Angel spielte, »aber ich bin auch kein Ohrpfuscher.« Ka reckte sich, nicht im Geringsten beleidigt, um die Laute wie­ der an ihren Platz zu hängen. »Weiß ich, weiß ich, aber abgesehen von deinem Spiel: Ein leerer Bauch macht nicht gern Musik!« Er knackte voll Vorfreude mit den Gelenken. »Und abgesehen von...« »Kein Wort, mein Freund«, sagte Fungel, der sich unterdessen entschieden hatte, »eröffnen wir die Festrunde!«

20

»Dann man los«, erwiderte Ka, schon vom Esstisch aus, wo er bereits mit Messer und Gabel in der Hand saß. Ka fummelte mit den Fingern vor seinem fetten Bauch herum, während Fungel in einem schlichten Gebet für das Essen dankte und für die Fülle der Natur, die es darstellte. Ka kam es länger vor als die Jahreszeiten, denen es gewidmet war, denn der Zauberer dankte den Jahreszeiten und den Geistern aller Zutaten - auch den Geistern der Bäume, aus deren Holz die Schüsseln und Gabeln und auch der Esstisch selber bestanden. Endlich aber vollführte Fungel die alte Geste des Segens ­ und in den nächsten Stunden fanden alle weiteren Unterhaltungen nur zwischen Messern und Gabeln statt. Sie schwatzten und funkelten zwischen Puddings und Pasteten, sie halfen den Zwergen, auf Trompetenpilzen zu blasen, und diese sangen zur Dickmusik mit Wasserspatzen, Blindhuhn und Plockfinken um die Wette, jagten Schusterbuben und Ofenkater und kümmerten sich einen Schmarren um Knodl und Kolatschen. Sie häuften Laubfrösche und eine Kröte im Loch auf Gold und Silber und landeten zwischen Bettelmann und Himmelreich. Schließlich verstummte der emsige Chor der Bestecke. Fungel und Ka musterten sich quer über den Tisch hinweg und begannen plötzlich zu lachen! Das tat weh, o wie tat es weh, mit so voll gestopften Mägen von Herzen zu lachen, und keiner hätte auch genau erklären können, weshalb er lachte. Vielleicht weil sie ein kleines Wunder vollbracht hatten: Zwischen ihnen hatte sich das Essen auf dem Tisch getürmt und sie hatten alles weggeputzt und reingeschaufelt. Ka blickte auf seinen blanken Teller, auf dem ein allerletztes Grünzeug lag. Er deutete darauf, auf diese winzige Insel, und stieß einen schwachen Seufzer aus, während er sich den prallen Bauch rieb. Langsam hob er die Gabel, um auch die allerletzte Bohne zu verschlingen. »Lass es sein, lass es!«, sagte Fungel, der immer noch lachte. »Es kann der letzte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt!« Die Gabel blieb mitten in der Luft schweben. Fungel sah, wie sich Ka alle möglichen gastronomischen Dammbrüche ausmalte, dann senkte er betrübt die Gabel. »Ein Jammer, das verderben zu lassen! «, sagte er. Das ließ Fungel von neuem in Heiterkeit ausbrechen. Als sie sich beruhigt hatten, stemmten sie ihre runden Leiber hoch und wälzten sich ins Wohnzimmer, wo sie sich schwer in die Sessel fallen ließen, um sich vorm Feuer der Verdauung hinzuge­ ben, Bauch an Bauch wie zwei Haselmäuse, so rund und fett wie Butterkugeln. Ka sah weniger wie ein Gnom aus als vielmehr wie ein Bauch, der mit einem Gnom verbunden war, und was Fungel anbelangte, so hatte er das Gefühl, als ob ihm sein Sessel enger wäre als zuvor. Sie saßen eine Weile in vollkommen zufriedenem Schweigen da, ließen ihren Magen über die Vorteile der Mahlzeit grummeln, während Funken wie Glühwürmchen zwischen dem Holzrauch sprühten. Normalerweise leben Zwerge in Todesangst vorm Feuer, aber Ka wusste genau, dass Fungels Kamin vollkommen sicher war. Erst als die aufgetürmten Holzscheite zu Asche zerfielen, erwachten die beiden Gesellen wieder aus ihrer Träumerei. Fungel benutzte die Gelegenheit, um ihre Becher wieder mit Bier zu fül len, und setzte einen Teller mit getrocknetem Kürbis zwischen sie, der mit ein wenig Ahornsirup gewürzt war. Wortlos prostete er Ka zu, dann kniete er sich nieder und blies in die Glut. Wärme wurde wieder geweckt, und er ließ sich neben dem Gnom nieder, der, während er in die Glut starrte, immer niedergeschlagener geworden war. Ka griff abwesend nach einem Stück gesiruptem Kürbis, das er sich zierlich in die schrundige Höhle seines Maules warf. »Aaah, Fungel, alle meine Tunnel gegen Nester in Bäumen, wenn du dich heute nicht tausendfach übertroffen hast. So ein Schleckermahl, das war eine Wonne für wunde Ohren, da gibt's gar nichts.« Fungel sah jedoch, wie sich die Miene seines Freundes verändert hatte. Sein großer Mund war nicht mehr von Lachfalten umgeben, sondern ließ die Winkel traurig hängen. Sein Gesicht, nun ohne allen Schalk und Lachfalten unter den kleinen dunklen Augen, kam ihm so ernst vor wie ein Bär auf Honigjagd. Fungels Augenbrauen sträubten sich vor Mitgefühl. Er war freilich an Kas wetterwendische Launen gewöhnt, denn Gnome wechseln sie mit dem Wind, und ihre Herzen bewölken sich mehr bei einem Gewitter, das durchs Gemüt und nicht über den Himmel zieht. »Verrat mir, was dir an der Seele nagt, alter Freund«, sagte er sanft. Ka zierte sich gehörig und brauchte seine Zeit, bis er seinen voll gefüllten Bauch gemütlich untergebracht hatte. Schließlich aber begann er zu sprechen und sein Ton war scharf. »Fungel, ich hab mir die ganze Zeit auf die Zunge gebissen - wenn nicht deine Leckerbissen darüber gewandert sind -, aber jetzt ist meine Kehle gut geölt, und mein Mut ist befeuert von dei nem guten Schlammwein, und ja, ich gebe zu, dass mich etwas bedrückt. Aber ich muss gleich hinzufügen, etwas, was du wahrscheinlich privat nennen würdest. «

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Für Ka war das eine ungewöhnliche Offenheit, und während Fungel das Gesicht des alten Gnoms musterte, blitzte in seinen schwarzen Funkelaugen einen Augenblick lang der Verdacht auf, ob er nicht in ein Wortgefecht verwickelt werden sollte, nach dem er nur noch stotternd und mit einem dummen Gesicht dastehen würde. Aber die brütende Miene seines Gastes verriet keine Hinterlist und ohne Rücksicht auf seine Müdigkeit erwiderte Fungel: »Ich hab die Ohren schon gespitzt, Ka, spuck's aus.« »Du hast also die Absicht, das Tal zu verlassen?«, platzte Ka ohne Umschweife heraus. »Packst Herd und Heim und lässt deine Freunde im Stich?« Er spuckte diese Wörter wie Gift aus, das ihm lange am Herzen genagt hatte. Die Frage traf Fungel wie ein Stich und einen Augenblick war er vollkommen verwirrt. Das also hatte den ganzen Abend lang darauf gelauert, in Ordnung gebracht zu werden. »Über kurz oder lang werd ich's müssen, Ka«, entgegnete Fungel schließlich. »Meine Familie ist schon seit zwei vollen Monden fort und ich habe seitdem nichts von ihnen gehört. Und dann gibt's hier so was -«, er griff sich den Metallbehälter vom Regal, den er bei Sonnenuntergang im Grase gefunden hatte. »Ich weiß, du bist scharf auf solche Sachen, Ka, aber wenn man den Schrott auf seinem eigenen Rasen findet, so schwirren einem schon ein paar Gedanken wie Hornissen im Kopf herum.« Er reichte Ka den Gegenstand. »Von so was hab ich schon ein- oder zweihundert«, murmelte der Gnom ohne große Begeisterung, während er Fungel die Dose abnahm. »Kann man schöne Becher draus machen, wenn man das Oberteil abreißt. Na, danke schon.« Er richtete den Blick von der Dose wieder auf Fungel. »Es schmeckt mir trotzdem nicht, dass du abhauen willst.« Fungel seufzte. »Das haben wir doch sicher schon ein- oder zweimal durchgesprochen, Ka.« »Und auch nach ein oder zwei Malen schmeckt's mir nicht besser«, erwiderte Ka. »Zuerst waren es die Bärlapps, dann die Maßliebs, schließlich die Muddeltiere, Hokuspokus verschwindibus! Dann die Familie Königskerzen - ausgepustet wie nichts, die Sippe der Nieswurze - hatschi und weg! Und selbst der alte Puschelfuß, der Einsiedler, hat sich auf die Socken gemacht. Alle Zwerge sind verschwunden, alle ab nach Westen in ihren wackligen Klapperkasten.« »Fast alle«, berichtigte Fungel. »Na wenn schon«, erwiderte Ka, »sie sind auf jeden Fall weg wie die Zugvögel, wie die Wildgänse. Nur: Gänse kommen zurück.« Er wiegte betrübt sein Haupt. »Und jetzt auch noch du, lässt mich gänzlich im Stich: Ich seh's in deinen Augen und es ist wirklich ein Jammer. Du und diese Hexe drüben im Rumpelstilztal. « »Hexe?«, fragte Fungel verblüfft. »Welche Hexe?« »Welche Hexe! Dein Gast, der nicht da ist, natürlich. Emma Kluge - die für sich alleine lebt und mit den Geistern Umgang hat!« Darüber musste Fungel nachdenken. Emma Kluge, eine Hexe? Der Gedanke besaß eine gewisse Wahrscheinlichkeit, das musste er zugeben. Und außerdem war es Karbol Erdenwurm, der diese Behauptung aufstellte. Deshalb fragte Fungel: »Wer sagt das denn?« »Klatsch in der Tabakkneipe!«, erwiderte der Gnom mit Nachdruck. »Ach so! Na, dann ist es ja beschworen und besiegelt, wie? Laut Klatsch in der Kneipe ist Emma Kluge eine Hexe!«, sagte Fungel verächtlich. »Ich hätt's dir fast abgenommen, wenn du mir nicht deine Quelle verraten hattest.« Ka wand sich wie ein Wurm unter einem aufgeklappten Stein. Er hatte ja gewusst, dass es ein Fehler war, die Kneipe zu erwähnen. Fungel hatte oft genug gesagt, was er von dieser Bierothek hielt. »Ein gewisser Troll«, sagte Ka vorsichtig, »will's auf seinen Eid nehmen, dass er deine Jungfrau Kluge mit eigenen Augen gesehen hat, wie sie dem Vollmond Teufelszeichen aufs Gesicht geschrie­ ben hat! « Damit faltete er befriedigt die Arme. »Sie ist nicht meine Jungfrau Kluge«, sagte Fungel ärgerlich, »und wenn jeder, der den Vollmond begrüßt, schon zum Teufel gehört, dann sind wir alle ... « »Ein Gnom, den ich kenne«, fuhr Ka fort, »sagt, er hätte sie gesehen, wie sie den Nebel von den Wiesen pflückte und zu Geistern spann mit grünen Lippen.« »Aha, man muss also nur Blumen beim Morgentau pflücken und schon bist du ein Zauberer! « Ka war jetzt aber in Schwung gekommen und fuhr unbeeindruckt fort: »Sie kann jemandem Schmerzen bereiten, wenn sie in dessen wächsernes Abbild Nadeln steckt.« »Ha! Jetzt weiß ich endlich, woher der Wind weht. Dich zwickt und zwackt es irgendwo, und deshalb muss sie aus böser Absicht Nadeln stecken!« Ka grinste verschlagen und seine Stimme wurde glatt und kläglich. »Komisch, dass du das erwähnst, aber in der letzten Zeit haben mir meine alten Knochen wahrhaftig übel mitgespielt. Ehr lich.« Sein Ton wurde honigsüß. »So oder so«, winselte er, »ich glaub, du bist in sie verknallt, Fungel. « Fungel lachte. »Verknallt! Nimm ein Bad, du krümliger Erdenkriecher! Ich hab dich öfter hier in meine vier Wände zum Essen geladen, als ich zählen kann, und ich bin nicht in dich verknallt, da kannst du Gift drauf nehmen!«

22

»Topp, dann hast du wohl Recht, Fungel. Wir wollen kein Wort mehr darüber verlieren.« Das Grinsen blieb ihm aber trotzdem in den Mundwinkeln sitzen. Fungel gab ein verärgertes Grunzen von sich und räumte Kas Becher wieder weg, um deutlich zu zeigen, dass er die Sache für abgeschlossen hielt. »Noch einen letzten Schluck, um dein Blut wieder aufzuwärmen, und dann schick ich dich heim«, sagte er und ging mit schlurfenden Schritten in die Küche. »Bier hilft mir«, rief Ka hinter ihm her und seine Stimme triefte wie Sirup, »aber "r dich müsste es was anderes sein.« Er schüttelte den Kopf und fuhr fort: »Ein Jammer, dass du nicht besser mit ihr zurechtkommst, wo sie doch das einzige weibliche Zwergenwesen im Umkreis von dreitausend Meilen ist oder so ... « Fungel gab keine Antwort, aber Ka konnte erkennen, dass der Pfeil sein Ziel erreicht hatte. Er schämte sich etwas, weil er seinen Freund so vergrätzte, und das auch noch nach dem schmatzhaf testen Fraß seines Lebens. Um also etwas von der guten Stimmung zu Beginn des Abends zurückzuholen, rief Ka seinem Freund, der ein Heißbier wärmte, zu: »Mandrake, der alte Mogler, hat mich neulich abends besucht und einen tollen Witz über die Menschlinge erzählt. Kennst du den vielleicht?«, und dann schraubte er die Stimme in die Höhe und machte Fungel nach: »Nein! Ach, spann mich bitte nicht auf die Folter, Ka!« Der Gnom verrenkte den Hals und versuchte zu sehen, ob Fungel zuhörte. »Na gut, dann erzähl ich ihn dir!«, antwortete sich Ka wieder selber. »Es muss da also eines von diesen menschlichen Wesen gegeben haben, der hat Enoch geheißen, und er ist grade in ein neues Haus gezogen, und dann trifft er seinen Kumpel Eli, und der fragt, wie es ihm gefällt. >Ach<, sagt er, das Haus ist ein Traum, aber der Bursche nebenan, der hält sich Hühner, - nen ganzen Hinterhof voll Hähne und Hennen. Und jeden Morgen in aller Herrgottsfrü , so um vier Uhr herum, da fangen die an zu kakeln und zu spektakeln, dass die Toten davon wach werden könnten, und ich kann bei dem Gegacker nicht mehr schlafen.< >Tja<, sagt sein Freund Eli, >das ist wirklich ein Problem.<« Ka schaute wieder, ob Fungel absichtlich nicht reagierte oder so tief in seine eigenen Gedanken versunken war oder ob ihn der Zwerg einfach nicht hören konnte. »Paar Tage später«, fuhr er mit erhobener Stimme fort, »fragte Eli Enoch, ob er sein Problem jetzt gelöst hätte. >Hab ich<, sagt Enoch, >Hab sie ihm einfach abgekauft. Jetzt kakeln und spektakeln sie in meinem Garten und er kann nicht schlafen.< « Schweigen. Ka schlug sich auf die Knie. »Und er kann nicht schlafen!«, wiederholte er und lachte laut und künstlich. Fungel starrte zur Decke empor. »Hör nur den Wind«, sagte er, »der Sturm wird immer schlimmer.« Er drehte sich um und schaute Ka an, und der Gnom kam sich wirklich albern vor, denn Fungel hatte nicht an Klatsch und Tratsch über Zwergendamen gedacht und auch nicht schlicht nur schlechte Laune gehabt. Er war wegen Emma tief besorgt. Denn wenn ein Zwerg das Fest der Tag­ undnachtgleiche verpasst, muss etwas Ernstes vorliegen. Kein Sturm und keine andere Naturgewalt könnte ihn fern halten. Fungel war jedoch fest davon überzeugt, dass es nicht nur am Sturm lag. Ka, der sich jetzt richtig elend fühlte, rappelte sich aus seinem Sessel heraus. »Ich will dir was sagen, Fungel«, sagte er, sehr viel munterer, als er sich fühlte, »ich geh mal raus und schau mich nach ihr um. Wahrscheinlich sitzt sie sicher unter einem Baum, um das Schlimmste abzuwarten. « »Und da soll ich dich auch noch rauslassen?«, fragte Fungel. Er schüttelte den Kopf. »Nicht nötig.« »War ja auch gar nicht draußen«, beharrte der Zwerg, »drunter würd ich sein. Buddel mich durch den Boden wie ein Fisch durch das Wasser, und von Zeit zu Zeit steck ich den Kopf raus und schau nach, was los ist. Werd im Handumdrehen wieder hier sein, mit ihr.« Fungel dachte nach. Es behagte ihm ganz offensichtlich nicht, noch einen seiner Freunde bei diesem merkwürdigen Wetter unterwegs zu wissen. »Sieh mal«, drängte Ka, »ich würd mich doch ohnehin bald auf die Socken machen und du willst in die Falle. Da kann ich mich doch auf dem Heimweg ein bisschen umschauen, oder?« Fungel nickte langsam, weil es an diesem Vorschlag nichts auszusetzen gab. Er umarmte Ka und verabschiedete ihn mit einem so ernsten und innigen Segensspruch, dass er auf Ka wie ein Alarmsignal wirkte. Aber er dachte: Versprechen müssen gehalten werden und es war, wie gesagt, ohnehin sein Heimweg. Nach diesem Abschied schlug Ka ohne weitere Worte den Teppich zurück und buddelte sich kopfüber in das Loch, aus dem er aufgetaucht war, während Fungel zurückblieb und aufräumte. Fungel kniff die Kerzen aus und schuffelte mit müden Füßen im Zimmer hin und her. Da er todmüde war, schwor er sich, morgen früh gleich als Erstes das Geschirr zu spülen und Kas Erdloch zu verschließen.

23

Was war das für ein Tag! Ein Tag der Höhepunkte. Ein Tag zwischen den Dingen. In ein und demselben Augenblick stand ich zwischen Sommer und Herbst, zwischen Tag und Nacht, zwischen schönem Wetter und dräuendem Sturm, zwischen einer Zeit der Fülle und einer Zeit des Vorrates, zwischen Heimat und Fremde. Und dann schließlich der Grund für dieses Abschiednehmen: Weil ich im selben Augenblick auch am schwindenden Rande meines Landes stand und am nachdrängenden Rande des anderen: des Landes der Menschen, des Landes No. Er stocherte mit dem Poker in der Kaminasche, um die letzte Glut zu ersticken. Da ließ ihn ein Geräusch im Schornstein innehalten. Ein geisterhaftes, herzzerreißendes Klagen ließ ihm eine Gänsehaut über Arme und Rücken laufen. Da oben hat sich was gefangen, dachte er, ihm fielen wieder die Worte seines Bruders ein. »An dem Tag, an dem dir der Ruß vom Schritt der Fremden auf deinen Herd regnet . . . « Abermals entließ der Abzug ein jammerndes Seufzen, und Fungel begann sich schon erleichtert zu fühlen, weil es so offensichtlich der Wind war, der in der Esse heulte, und das hatte nichts ... Ruß rieselte aus dem Rauchfang heraus. Fungel griff wieder nach dem Poker und spannte sich wie eine Feder. Kratzen von Krallen und schwaches Rascheln. Fungel merkte, wie verkrampft er den Poker umklammerte, und ließ ihn sinken. Er wusste genau, dass Worte mächtiger waren als jedes kalte Stück Eisen - wenn er noch Zeit hatte, sie auszu sprechen. Ohne Vorwarnung war die ganze Herdstelle ein schwarzes Geflattere. Fungel holte Luft, um seinen Zauberspruch zu singen, aber das kreischende Gespenst machte einen Satz und ließ den Ruß aus sich regnen. Fungel taumelte zurück und stürzte mit einem Schrei zu Boden, wobei ihm heiße grobe Klauen in den Mund gerieten. Wie wild schüttelte er den Kopf, umflattert von Schwärze und betäubt von schrillem Geschrei. Er kämpfte gegen die Klauen, die sich in das zarte Innere seines Mundes krallten. Fungel starrte dem Wesen in die Augen. Diese drohten sonnengolden und dämonisch über einem hackenden Schnabel. Die zweite Klaue packte seinen Kittel. Das reicht!, dachte Fungel, packte das Wesen und zerrte. Die Klauen gaben nach. Fungel richtete sich auf und öffnete den Mund, um einen mächtigen Zauberspruch loszulassen, der das schwarz gefiederte Ungeheuer in Bettfedern verwandeln sollte. In seinen Händen hielt er eine zu Tode erschrockene Eule. »Dunnerblomster! « Fast zu Tränen erleichtert, streichelte und klopfte er den rußgeschwarzten Vogel mitten auf dem Fußboden im Wohnzimmer, summte und brummte, während das verängstigte Geschöpf allmählich aufhörte zu zappeln und Fungel spüren konnte, wie ihm wieder Ruhe und Frieden durch die Glieder strömten. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass der Vogel nicht verletzt war, begann Fungel zu kichern. Arme Eule! Hatte in dem Astloch einer alten hohlen Eiche auf der Insel Zuflucht gesucht und war stattdessen in eine schwarze, verrußte Hölle geraten! Denn Fungel hatte den Rauchfang ebenso wie seine Haustür kunstvoll versiegelt. Arme, verrußte Eule! Ihre Klauen waren auf dem verrußten Gemäuer ausgerutscht, sodass sie herabgeflattert war, zu ihrem Glück nur in die heiße Asche. Als er spürte, dass sich der Schreck der Eule legte, wischte ihr Fungel den Schmutz aus den versengten Federn und wusch ihr die Brandflecken aus. »Hier aus der Gegend bist du wohl nicht«, bemerkte Fungel, »denn ich möcht wetten, dass ich hier jede Eule kenne. Was hat dich denn in dieser wilden Nacht so weit von zu Hause wegge trieben, hm?« Er fütterte die Eule mit eingeweichtem Maisbrot und Wasser und setzte den schweren Vogel dann auf ein Brett. »Also, mein Kind«, sagte er sanft und füllte seine Stimme mit Einschlafzauber, »heute Nacht wird nicht mehr gejagt.« Er streichelte der Eule die Nackenfedern mit der Rückseite eines Fingers. »Schlaf gut die ganze Nacht und beim Licht des nächsten Tages bring ich dich wieder auf deinen Weg. « Noch während er sprach, hatte die Eule ihre müden Augen geschlossen. Fungel ließ die Eule schlummern und warf einen Blick auf das Durcheinander in seinem Wohnzimmer. Jetzt war zu dem Geschirr und Kas Loch noch der Ruß gekommen, als ob Frau Holles dunkle Schwester einen Sack mit schwarzem Mehl über alles ausgeschüttelt hätte. Fungel seufzte. Morgen, dachte er. Heute hab ich den Kopf mit anderen Dingen als mit Hausputz voll. Fungel wusch sich rasch und bürstete sich das Fell zur Nacht. Dann kniete er in seinem Schlafzimmer nieder und sang einen Dank in den seltsamen und verschränkten Sätzen der Sprache eines Landes, das lange versunken war. Er schuf eine Zaubermauer, einen mächtigen Wall gegen die Schrecken der Nacht, die irdischen und die des Geistes. Dazu zeichnete er beim Singen kunstvolle Zeichen in die Luft und allmählich sickerte wässriges Licht in die Dunkelheit seines Raumes. Ein blasser, leuchtender Nebel schien aus Fungels Innerem aufzusteigen, bis er von immer größer werdenden Kreisen umgeben war, wie ein Fisch, der den glatten Glanz des Wasserspiegels

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durchbricht. Der blaue Nebel schwebte empor, schlug Wellen an den Wänden und hatte bald die ganze Kammer erfüllt. Kurz bevor er in das weglose Reich des Schlafes sank, hörte Fungel einen fernen Schrei. Er fuhr wie ein Hieb durch die Nacht, von irgendwo weit jenseits des Tales, ein Schrei voll Not und Todesangst. Fungel lauschte, innerlich bebend. Er wusste, dass die Nacht die Zeit des Jagens und des Tötens und des Fressens war, eine Zeit für gierige Fänge, in der kleine Leben aufgestöbert werden und nur mit einem Winseln oder einem erstickten Klagelaut ihr Ende finden, dem das Knirschen der Knochen folgt. Fungel kannte sein Land auch bei Nacht. Dieses Flattern der Fledermausschwingen und jenes Wühlen von Maulwurf und Wurm, jeden Ruf der Eule, all das Trippeln und Trappeln und das Geheul im tiefsten Wald - aber in seinem ganzen Leben hatte er noch keine so unverhüllte Wildheit und keinen so unirdisch schrecklichen Schrei gehört. Da fiel ihm der Ruß wieder ein, der aus seinem Rauchfang geregnet war, und er dachte an das alte Zwergensprichwort: »Fällt der Ruß aus dem Kamin, zieht's den Alten zu dir hin.« Auf den Ruß war die Eule gefolgt, vielen ein Unglückszeichen und ein Bote des nahen Todes. Und das alles in seinem Wohnzimmer! Aber auch in die Landschaft der Träume hatte er Hüter gesetzt, die ihn beschützten, und im Schimmer ihres Lichtes, das Fungels Schädel sanft umstrahlte, kuschelte er sich endlich in die Kissen. Er rollte sich wie ein Ungeborenes ein und schlummerte weg, begleitet von der letzten Ahnung des schrecklichen Schreis.

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Reise ohne Raum
Dunkel war von Dunkel verborgen. Fungel fiel.
In Schweigen eingehüllt, stürzte er in eine sternenlose Leere. Er konnte nicht sagen, ob seine Augen
offen waren oder geschlossen. Für das, was ihm die Leere gönnte, hätte er keine Augen ge braucht.
Keine Glieder, kein Herz, keine Lungen. Da war nur Fungel, nichts was ihn umfing.
Ihm schien, als hörte er Stimmen, die wie das Kreischen einer gequälten Geige klangen, aber ohne
Hinweis für seine Sinne konnte er nicht sicher sein, ob die Stimmen aus dem Innen oder Außen
stammten. Er spürte jedoch eine Gegenwart, als sei das ganze Garnichts nur eine Tintenflasche in
der Kralle einer schattenhaften geistigen Kraft.
Und von unter dem Fundament der Leere - der flüchtige Eindruck eines Gelächters.
Blasses Licht schmolz unter ihm, wurde heller, bis zwei gelbe Kreise wie wachsende Sonnen
leuchteten. Fungel fühlte eine Beschleunigung - ein Schwindelgefühl.
Geschlitzte Pupillen zersprengten die Sonne und verwandelten sie in ungezähmte wilde Augen.
Fungel zwang seinen Willen, die Augen zu schließen, aber sie gehorchten ihm nicht. Er bemühte sich
sie zu bedecken, aber seine Hände folgten ihm nicht. Er versuchte seinen Kopf abzuwenden, aber
eine sanfte Stimme erklang ihm wie eine lautlose Drohung im Kopf: Du musst das sehen.
Jenseits der Leere ein flüchtiger Eindruck von Schwingen, die sich spreizten.
Fungel fühlte sich schwach und nackt in einer Blase des Alls, die kaum dem Chaos widerstand, das
sie umschloss und zu zerstören suchte.
Um die schlitzäugigen Sonnen herum wurde die Dunkelheit dichter. Ein dumpfes rotes Licht begann
in ihr zu brodeln. Ein Gesicht nahm Gestalt an. Eine schreckliche dräuende Maske, aus den ältesten
Urängsten entstanden, aus der Fucht vor dem verzehrenden Feuer, vor dem Raubtier, das sich hinter
dem Leben des Feuers, hinter der Flut des Lebens verbirgt.
Es schaute ihn an, und der Blick war wie Krallen, die ihm quer übers Herz kratzten.
Sein linkes Auge wurde zu Kristall, feuerrot, mit listigen Facetten, die so viel Licht schluckten, wie sie
widerspiegelten. Das rechte Auge schwirrte und wurde eine Welt, von einem Firmament umgeben,
über einem himmelblauen Ozean und Hügelketten.
Mit Wolken betupft, die gegen Abend segelten, war sie auf ihrem Sockel im Antlitz der Leere
herzzerreißend schön und schrecklich zerbrechlich. Bei ihrem Anblick stiegen Fungel sehnsüchtige
Tränen in die Augen.
Das Kristallauge glühte.
Das rechte Auge war mit aschenem Grau verschmiert, das den Globus verheerte, bis er leer, kalt und
tot um sich selber kreiste. Eine Wüstenei.
Lederne Schwingen breiteten sich übers All.
Funkelnder Kristall und tote Welt wichen gelben geschlitzten Ziegenaugen.
Darunter klappte das tückische Maul auf und enthüllte Reißzähne, aufgereiht wie Bergeszacken.
Fungel stürzte in die Schlucht des Rachens. Schwefelatem fuhr heiß über ihn. Baphomet, flüsterte es
in seinem Kopfe.
Die Berge trafen sich knirschend, als sich das Maul schloss, um ihn zu verschlingen.
Die Leere kehrte zurück. Fungel fiel
­ - um mit einem Knall auf seinem Schlafzimmerboden zu landen. Er wachte mit einem heiseren Keuchen auf. Sein Herz raste wie ein Echo auf den Aufprall seines Sturzes. Verstört schaute er sich um und nahm das flackernde blaue Schutzlicht in sich auf, das seinen Raum erfüllte. Direkt über sich sah er, wie das blaue Licht zuckte. Auch als er hinschaute, ließ es nicht nach. Fungel streckte die Hände vor sich aus. Du liebe Güte, ich zittere ja am ganzen Leibe wie ein Saugling nach seinem ersten Fußmarsch! Seine Hände hoben sich zu seinen Wangen und wurden feucht. Was soll denn das bedeuten? Also, so was, ich bin ja nass, wie aus dem Wasser gezogen, von Kopf bis Fuß! Er schaute sich in seinem friedlichen Raum um. Steinkrüge standen im beschützenden Licht wie kühle graue Wächter da, sie bargen in ihren Bäuchen gemahlenen Eichelkaffee, Beberitzensaft und Ingwerwurzeln. Ein Regal über seinem Bett stand voller Heilmittel: smaragdf arbene Phiolen, die genug Tinkturen und Tränke enthielten, um die Schmerzen einer ganzen Stadt zu stillen. Man soll sich an den alten Zwergenaberglauben halten, dachte Fungel: »Kräuter überm Bett, im Haus, treibt das Weh im Schlaf dir aus. « Hehehe! Mein Traumweh heute Nacht war wohl eher ein Wehweh, zu stark für die Kräuter. Er schlotterte vor Kälte auf dem Dielenboden. Der Schrecken in der Nacht hat mich kälter gemacht als eine Träne im Auge einer Kröte. Blöder Vergleich!

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Er packte seinen Fuß und rieb eine pelzige Beule über seiner Hüfte. Aus dem Bett zufallen!, dachte er in unbestimmter Verwun derung. Wie ein dummes kleines Kind, aus dem Bett und plumps - und nichts dazwischen. Von einem Haken, der wie ein Reiherschnabel geformt war, nahm er seinen reich gefältelten Morgenrock und zog ihn an, wobei dieser leise raschelte. Er wickelte sich die Schärpe um den Bauch, der vom Festessen immer noch prall war, und verließ den Ort der gestörten Bettruhe, um sich in der Küche eine Tasse Karnillentee als Schlaftrunk aufzugießen. Dämpfe werden mit Dämpfen bekämpft, hatte ihm Vater Wuschel beigebracht, und das war wahr. Ach, mein Vater, dachte Fungel verloren, wo steckst du wohl in dieser scheußlichen Nacht? Die Eulenbesucherin saß auf ihrem Brett und schlief, wobei sie sich unruhig bewegte. Geistesabwesend sprach Fungel im Vorbeigehen einen Segensspruch für den Nachtvogel und die aufgeregte Eule wurde ruhig und schlief wieder fest ein. Der Kessel war wie eine fette Katze geformt, die auf dem Rücken lag. Während er ihn füllte und auf dem wieder angezundeten Herd zurechtrückte, tätschelte Fungel den dicken Kessel bauch und sagte: »Hier sind deine Nachtgespenster, du alter Waldzwerg.« Er kicherte leise. Die Kesselkatze begann zu fauchen und Fungel nahm sie vom Feuer. Da schoss ihm ein scharfer Schmerz durch den Arm und er musste den Kessel sofort wieder absetzen. Er verdrehte den Arm, um die Krämpfe zu lindern, und sprach einen Zauberspruch, um die Muskeln zu lockern. Seine Arme, genau genommen sein 00 ganzer Körper, wie er jetzt bei einer Überprüfung seines Leibes merkte, fühlte sich so abgenutzt wie ein einjähriger Stiefel an seinem tausendsten Tag an. Er war wirklich abgewetzt und ausgelaugt, womit man ja auch rechnen musste, bei all dem Schuften und Schleppen... Nee, warte mal, das stimmt nicht! Ich hab heut Abend nicht mehr getan, als gekocht und gegessen. Es war ja in meinem Traum, dass ich die Glieder nicht mehr regen konnte, nicht einmal die Augen schließen. Ja, das stimmte. Im Traum war er wie eine Marionette gewesen, eine nachgiebige Hülle namens Fungel, von fester Lederfaust geführt. Und Fungel hatte sich gegen den stählernen Griff des Pup penspielers gewehrt, der ihn so fest gehalten hatte, aber all seine Anstrengungen waren für nichts und wieder nichts gewesen... Ich will mich mit einer Rostklinge rasieren, wenn mir nicht alle Muskeln am ganzen Leibe gerade deshalb so verkrampft und versteift sind. Das war schon richtig, aber selbst wenn er im Traume festgehalten wurde, konnte er doch wohl im Bette um sich schlagen? Selbst in den Klauen eines einfachen Nachtmahrs hätte ihn die Schutzbeschwörung, die er jede Nacht wieder aufbaute, tief im Herzen der Sicherheit gehalten. Wie sein einfacher Zauber um sein kleines Boot, wie die Beschwörung, die seine Eichentür befestigte, die Schutzhülle, die Fungel jeden Abend um sich selbst webte, um die Aufmerksamkeit von sich abzulenken. Das war der stärkste Zauber, den Fungel nur vorsichtig anzuwenden wagte, damit er nicht ins Gegenteil umschlug, nämlich: alle Aufmerksamkeiten gerade auf sich selber zu lenken (denn es gibt welche, die können, wenn sie das rechte Wissen haben, Zaubersprüche wie Leuchttürme ausmachen), und obgleich die Schutzbeschwörung sehr stark wirkte, war sie nicht fehlerlos. Jedes Geschöpf oder jedes Ding, das nur fest entschlossen war, ihn zu finden. .. ... würde es auch schaffen. Fungels Nackenfell sträubte sich. Er dachte an das zitternde Zucken im Zauber an der Decke, dicht über seinem Bett. Wie die letzte Spur von etwas, das ins Wasser gesprungen war. Hineingesprungen... Oder herausgefallen? Fungel schwenkte die Hände, als ob er Rauch wegwedeln wollte. Ach, das ist unsinnig, dachte er. Ein Stück Stinkekäse liegt dir auf dem Magen und lässt dich Nachtgespenster sehen, und dann findest du hier unheilvolle Zeichen. Hat dir dein eigener Papa nicht erzählt, dass man bei Nacht in den Schatten des Laubes nie freundliche Gesichter sieht, weil dein Gemüt des Nachts nicht nach freundlichen Gesichtern Ausschau hält? Genauso ist es mit den Nachtgespenstern, Fungel. Da braut sich ein Sturm zusammen, da sind Freunde unterwegs, und da hat es wirklich keinen Sinn, sich vom Stinkekäse wahrsagen zu lassen! Er nickte sich selber zustimmend zu, während er kochendes Wasser aus seinem katzenförmigen
Kessel in den fischförmigen Be cher goss. Das sind die Dämpfe, die du brauchst, mein Freund. Als
Nächstes suchst du in der Unordnung im Wohnzimmer nach bösen Vorzeichen!
Er lächelte, behütet von seiner Umgebung, und dachte, wie .das Vertraute Vertrauen hervorbringt.
Voll Zuversicht trug er seinen Tee aus der Küche durch das kalte Wohnzimmer in das Schlafzimmer.
Auf dem Teppich vorm Kamin hatte der Ruß dort, wo er mit der erschrockenen Eule gerungen hatte,
die Form eines groben fünfzackigen Sterns angenommen.

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Fungel runzelte die Stirn. Also, das ist ja merkwürdig! Abwesend ließ sein Finger die Teekugel wie eine Fliege im Fischmaul seines Bechers tanzen. Er warf der Eule auf ihrem Brett einen Blick zu. Küh les blaues Licht aus Fungels Schlafzimmer zeigte die tiefe Zufriedenheit auf des Vogels Federmiene. Schläft jetzt, bemerkte Fungel. Aber die alte Eule war doch ziemlich unruhig, als du aus deinem Schlafzimmer gekommen bist, ganz verwirrt und durchgeschüttelt, oder was? Oder wie? ? Als ob sie etwas geweckt hätte. Bevor er zurück in sein Schlafzimmer ging, warf Fungel einen letzten Blick in die Runde. Wohnzimmer dunkel und ruhig, schiefergraue Reste der Holzscheite im Kamin. Ein Denkmal des Wohlbehagens, das es davor verbreitet hatte. Zum ersten Mal, so weit er zurückdenken konnte, war da in Bezug auf sein Heim ein Hauch von Unsicherheit, die Fungel im Hinterkopf saß. Noch nie in seinem Leben hatte er die Ecken nach hu schenden Schatten abgesucht und sich dabei ertappt, wie er die Ohren nach ungewohnten Geräuschen spitzte. Fungel hatte das Gefühl, als sei bei ihm eingebrochen worden. Dies ist doch mein Zuhause!, dachte er ärgerlich. Es schaut über mein ganzes Tal, aber jetzt ist jemand hier eingedrungen und hält Aus­ schau durch mich! Fungel wandte sich plötzlich um und starrte die Eule an. »Jemand ist in mein Heim eingedrungen ... «, überlegte er laut. Er verdrehte sinnend den Kopf, sah dabei selbst wie eine Eule aus. »Die Nacht ist dein Nest, Eule«, dachte er laut, »und diese Augen lassen sich nicht viel entgehen. Hast du mir dann meine schlimmen Träume gesandt?« Er näherte sich der Eule. Streckte einen Finger aus. Senkte ihn. »Was hab ich nur in mein Haus gelassen?«, fragte er sich. Die Eule schlief weiter. Na ja, in so einer Nacht kann ich dich ja nicht einfach rausschmeißen, nur weil ich aus dem Bett gefallen bin. Aber morgen wirst du wieder auf dem Weg zurück zu dem Baum sein, den du dein Heim nennst, und dafür wirst du mir meins lassen, besten Dank im Voraus. Überspült vom blauen Licht seines Schlafzimmers, sang er noch einmal den Zauberspruch, um alle Beschwörungen zu kräftigen. Dann setzte er sich aufs Bett und trank seinen Schlummertrunk, wobei er den Blick auf die Stelle an der Decke richtete, wo das Licht gezuckt hatte. Die Stelle lag direkt da, wo er neben dem Bett gelandet war. »Also, Fungel, alter Zwerg«, sagte er laut, »du warst kein echter Zauberer, wenn du Zeichen übersähest, die so klar wie Regenwasser sind. Das erste Tageslicht, denke ich, sieht uns über den Büchern sitzen und bei einem Spruch für den Herrn der Träume.« Er schaute zur Decke hinauf. »Und alles, was sich in meinen vier Wänden heimisch niederlässt, putzt sich gefälligst die Schuhe auf der Matte ab. Ich werd das überprüfen!« Aber seine Angeberei klang ihm hohl in den Ohren. Er hatte schließlich jemanden angesprochen, der seine so sicheren Abwehrmaßnahmen durchbrochen und wie eine Puppe mit ihm gespielt hatte. Er warf sich hin und her, bis der starke Tee endlich seine Wirkung zeigte, und dann schlief Fungel ein - wenn auch nicht so unbeschwert wie vorher.

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Zwergeltung

Karbol Erdenwurm grub sich emsig unter dem See zu Fungels Haus hindurch, wobei er unaufhörlich vor sich hin fluchte: Das ist vielleicht ein Zwickezwacke-Zwerg, der mir die eigenen Löcher - zack ­ hinter der Hacke verrammelt, kaum dass ich weg bin! Lebt in der Mitte vom See, als ob er selber eine Insel war - und die einzige Tür liegt auch noch - platsch - mitten im Tageslicht! Diese verdammte Sonne, knallt runter und brät ein armes Gnomenluder wie mich, bis ich am Rande Blasen schlage. Puh - Freunde zu haben, das ist manchmal wirklich eine Prüfung! Und so weiter und so weiter, während seine Maulwurfspfoten die Erde mit einer solchen Geschwindigkeit wegschaufelten, dass es einen schon beeindrucken konnte. Ka hatte ebenso wie Fungel gelernt, seine unterirdischen Wanderungen so unauffällig wie möglich zu betreiben, denn in den vergangenen Jahren war das Gerumpel, das ihn so anlockte, in den meisten Fällen das massive Graben und Stampfen, das zum Bau der Fundamente für neue Menschenhäuser gehörte, und leider nicht das fröhliche Gangegraben seiner Artgenossen. Ka war seit vielen Jahren auf keinen andern verwandten Zwerg gestoßen, und jedes Mal, wenn er die Schallwellen durch die Erde dröhnen hörte, pflegte er sich hoffnungsvoll zu ihrer Quelle durchzubuddeln. Aber wenn er sie dann geortet hatte, landete der alte Gnom jedes Mal nur in einer riesigen Baugrube voll Maschinen, die gruben, baggerten, die Erde hoben und feststampften, und wenn Ka dann aus seinem hastig geschaufelten Gang hinausschaute, spürte er den Schmerz der Einsamkeit, der sich wie ein Splitter wieder ein Stück tiefer in sein Herz bohrte. Die feuchte Erde, die unter seinen Schaufelpfoten nachgab, wurde trockener, je weiter er vorankam, was bedeutete, dass er sich jetzt unter der Insel und nicht mehr unter dem See befand. Seine harten, spitzen Krallen kratzten an Felsgestein und er wich leicht zur Seite aus. Wanderer auf der Erde finden ihren Weg durch Landmarken - links bei diesem alten Baum, rechts bei dem Licht, Halt vor dem blauen Haus. Genauso machen es die Zwerge, nur: Ihre Landmarke ist die Erde selbst. Ka erkannte den Geruch und Geschmack und das Material der Erdkrumen, der Wurzeln und Felsen und der Risse von Erdbeben wieder. Als seine Pfoten auf die Pfahlwurzel einer bestimmten Eiche stießen, begann er senkrecht nach oben zu buddeln. Bald darauf begann er laut und heiser zu fluchen. Er würde ihn in die Pfanne hauen, wenn dieser verdammte mottenzerfressene Teppich nicht haargenau auf der gleichen Stelle läge wie in der vorigen Nacht! Ka schaufelte sich zum Wohnzimmer durch, aber diesmal stand kein Fungel bereit, um ihm herauszuhelfen. »Fungel!«, rief er und schaute sich um. Das Wohnzimmer war blitzsauber - außer dort natürlich, wo er gerade hereingekommen war. Man hätte vom Fußboden essen können, aber Ka war ohnehin nicht heikel. »Fungel! Verflixt, gleich bist du platt wie eine von den Menschenwanzen, jawohlja! So klein mit Hut! Hör mal, ich komm doch nicht den ganzen Weg angewetzt und du bist auf und davon! Fuuungel!« Ka fuhr herum, weil er ein Geräusch hörte. Die Tür, die zu Fungels unterem Raum führte, schwang nach innen auf. Von unten fiel ein blauer Glanz auf die Türöffnung und die ersten Stufen, die hi­ nunterführten. Ka runzelte die Stirn. »Kommst du endlich runter?«, erklang es von unten, »oder spielst du in meinem Wohnzimmer Denkmal?« Ka schaute sich um. »Hehe! Das tat die Bude etwas aufputzen«, murmelte er, während er sich zur Tür wandte. Sie fiel hinter ihm von selber zu und Ka stieg eine lange und gewundene Holztreppe hinunter. Der blaue Glanz von Fungels Schutzbeschwörung wurde bei jedem Schritt heller, und die lose Erde, die er noch auf seinem Leib trug, platzte und staubte in diesem Energiefeld ab. In Fungels Zauber fühlte er sich unbehaglich und unsicher und alles mögliche andere, was auch mit »un-« beginnt. Nach der letzten Treppenkehre stieß Ka auf Fungel in seinem Arbeitszimmer, und da blieb er stehen. Der Raum lag in kühlem blauem Licht gebadet. Dicke Wurzeln schraubten sich wie leben dige Stalaktiten aus der Decke und wanden sich wie Venen die Wände herab. Bücher gab's überall im Überfluss: Sie steckten in Ledereinbänden, in kräftigen Regalen, sie stapelten sich wie schiefe Säulen auf Pult und Tisch und Fußboden, lagen dort eng geschichtet wie Bücherharmoniken nebeneinander. Und fest eingewickelte Schriftrollen, mit seidenen Bändern gebunden, steckten wie kostbare Weinflaschen in sechseckigen Fächern. Pergamentfolianten, Bücher in brüchigem Leder, Bücher mit Holzrücken und Angeln und winzigen Schlössern - selbst, was Ka erfreut konstatierte, ein zerfleddertes Taschenbuch, von Menschen gemacht. Gerade dieses Buch hatte Ka vor langer Zeit entdeckt, als er auf einen Haufen von verscharrtem Müll gestoßen war (und Müll ist für einen Zwerg das Gleiche wie ein Schatz), und er hatte es sofort Fungel geschenkt, weil er wusste, wie sehr sein alter Freund die Bücher liebte, wie obskur sie auch sein mochten.

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Im Lauf der Jahre hatte sich Fungel mühselig die größte Buche­ rei zusammengesammelt, die es in der Zwergenheit jemals gegeben hat - fast einhundert Bücher. Zu den kostbaren Stücken aus Willi Wetterborkes Erbschaft hatte er sich von allen Zwergensippen, die im Tal verstreut lebten, Bücher zusammengebettelt, ausgeliehen und eingetauscht. Wer sich von einem Buch nicht trennen wollte, den überredete er, dass er ihm erlaubte, es in seinen eigenen vier Wänden abzuschreiben, weil er bedrucktes Papier und Pergament über alles schätzte und liebte. Fungel hockte vor einem riesigen geschnitzten Pult, dessen Platte auf dicken Wurzeln ruhte, die wie muskelbepackte gekreuzte Arme aus der Wand ragten. Das Pult bestand aus Weide, dem weisesten aller Hölzer. In den Rand waren Tierköpfe und Zwergengesichter geschnitzt, kunstvolle Muster und Sinnbilder und uralte rechteckige Runen. Fungel hockte auf einem hohen Sitz und schaute durch eine metallgefasste Brille auf ein bebildertes Buch, das auf dem Pult lag. Aufgeschlagen war es fast halb so groß wie der Zwerg. Auf einer Wurzel neben dem Pult hockte eine Eule. Ka beäugte sie misstrauisch. »Karbol Erdenwurm«, sagte Fungel, ohne von dem Buch aufzublicken, »willkommen in meinem Wurzelwinkel.« »Besten Dank, Fungel«, begann Ka, »und gut, dass wir uns sehen, denn ich muss dir sagen. . . « Fungel bedeutete ihm jedoch zu schweigen, und obgleich Ka fast platzte, um seine Neuigkeiten loszuwerden, musste er doch stehen bleiben, von einem Fuß auf den anderen treten und seinen Freund betrachten, der jetzt nach oben schaute, als ob er mit aller Kraft versuchte sich an etwas zu erinnern. Er runzelte dabei die Stirn und seine Lippen bewegten sich lautlos. Er lernt einen Zauberspruch auswendig, das ist es, dachte Ka und fühlte sich ganz eingeschüchtert. Es ist ja schön und gut, wenn man weiß, dass der liebste Freund, den man hat, ein Zauberer und Schamane ist - aber es ist etwas ganz anderes, wenn man ihn in seiner geheimen Kammer über Büchern brüten sieht, die älter sind als die Erinnerung von Americka. Fungel? Der ZwickezwackeZwerg, der den schmatzhaftesten Schlammwein oberhalb der Erde mischt, und Fungel Fuchswitz, ein Weiser und Schamane? Ka konnte nicht lange auf einer Stelle stehen und schweigen, und deshalb bewegte er sich in der Klause lautlos hin und her, schnalzte aber nur leise, weil er merkte, wie tief versunken Fun gel an seinem Pult saß. Er warf einen flüchtigen Blick in das aufgeschlagene Buch: Die Buchstaben hatten für ihn keine Bedeutung, und die Zeichnungen - ein flammendes Schwert, ein Teufelsgesicht mit einem Funkelstern auf der Stirne - bereiteten ihm kein großes Vergnügen. Neben dem Pult waren ungefähr ein dutzend Bücher gestapelt und Ka konnte die Titel entziffern. Sie lauteten: Vom Ursprung des americkanischen Übels; Das Zauberbuch der Zwergentraume; Verwandlungen und Beschwörungen. Und schließlich: Aufstieg und Fall des Atlantischen Reiches, mit einem Nachwort über die Besitzer bestimmter Kristalle. Hmhm. Gelehrtes Zeugs. Bücher mit solchen Titeln würd ich gar nicht erst aufschlagen. Während Fungel noch beschäftigt war, trat Ka an die Fächer mit den Schriftrollen. Ka besaß einen Instinkt für Altertümer und liebte sie auch, und deshalb wusste er, als er die Rollen in ihren Fächern sah, dass sie mit Weisheit gefüllt waren und zu den ältesten Dingen von Menschenhand gehörten, auf die er je gestoßen war. Erfreut reckte er sich empor, um danach zu greifen. Da hielt er inne. Er runzelte die Stirn. Er hielt die Hand vor sich hoch und bewegte sich von den Bücherfächern fort. Dann fand er sich dicht beim Eingang vom Wurzelwinkel, wo er sich den Kopf kratzte. Also hör mal, was hab ich denn grade... Nanu, da sitzt ja Fungel an seinem Pult und liest! Sieht ganz geschäftig aus. Na, dann guck ich mal in der Klause rum, bis er Zeit für mich hat, dann... Hallo, was haben wir denn hier? Rollen? Schöne alte Rollen, alte aufgerollte Rollen, und da soll mich doch wer mit dem Klammerbeutel pudern, wenn die Fächer nicht mindestens so alt wie die Rollen wären! Würd ich mir gern einmal anschauen. Ehrlich. Fungel hat sicher nichts dagegen, wenn ich nur... Und schon stand er wieder an der Tür vom Wurzelwinkel und kratzte sich den Schädel. Also, was wollte ich denn grade... ? Nanu, da sitzt ja Fungel an seinem Pult, grinst übers ganze Gesicht, als ob ich grade einen tollen Witz erzählt hätte! Tja, hab ich vielleicht ja getan. Kommt mir so vor, als ob ich mich an irgendwas Komisches erinnerte, obwohl... Fungels Lächeln war freundlich. Und als er zu reden begann, klang seine müde Stimme amüsiert, aber nicht spöttisch. »Hat keinen Sinn, zwischen meinen Rollen herumzustöbern«, erklärte er dem verstörten Zwerg. »Du wirst nur jedes Mal wieder am Fuß der Treppe landen und dir den Schädel genauso kratzen, wie du es jetzt tust.« Ka schnippte mit den Fingern. »Das ist es gewesen!«, sagte er triumphierend, »hab mir deine Rollen angeschaut!« Er runzelte die Stirn. »Nur... hab ich nicht grade ... ?« Fungel schmunzelte schwach und hatte Mitleid mit dem armen, verwirrten Gnom. »Auf ihnen liegt ein Zauberspruch«, sagte er, »ein Spruch des Vergessens. Jeder, der sie auch nur zu berühren versucht,

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dem reisst der Faden, und er vergisst alles, was er will. Bist du nicht schon mal in deine Speisekammer gegangen, um dir einen Happen zu holen, und dann hast du plötzlich dagestanden, hast dir den Schädel gekratzt und den Kopf zerbrochen, weswegen du um Himmels willen hergekommen bist?« »Hab keine Speisekammer«, bekannte Ka. »Ist ja egal, aber glaub mir, es ist genau das gleiche Gefühl, und so binde ich die Erinnerung, um alle meine gebundenen Bücher zu schützen.« Ka nahm das so hin, obgleich Fungel genau sah, dass er es nicht ganz begriff. Er stand nur da und nickte, und nach einem Augenblick begann seine Aufmerksamkeit schon wieder abzuschweifen und er starrte verstört in die Klause. Fungel seufzte. Die unangenehme Seite dieses Schutzspruches bestand darin, dass die Betroffenen überhaupt nicht mehr wussten, was sie wollten, nicht nur im Hinblick auf das Herumstöbern in anderer Leute Bücherregalen. Fungel schlug sein gewaltiges Buch zu und schaute dem verdutzten Gnom ins Gesicht. »Was Neues, Ka?«, drängte er sanft. »Neues?« »Du bist doch Emma suchen gegangen, weißt du noch?« »Donnerlittchen, Fungel, bin ich wirklich! « Doch dann riss ihm der Faden wieder. »Und?« Fungel war von den langen Nachtstunden des konzentrierten Studierens erschöpft, und jetzt machte ihn sein Freund ganz kribbelig, obgleich er genau wusste, dass es seine eigene Schuld war, weil er seine Zaubersprüche nicht ganz genau gesetzt hatte. »Und was, Fungel?«, fragte Ka. »Und was für Nachrichten von Emma!«, bellte ihn Fungel fast an. »Oh!«, machte Ka, dem ein Licht aufging. »Ah! Ja richtig! Jetzt fällt's mir wieder ein!« Er schnippte mit den Fingern - und dann erstarrte er, mit aufgeklapptem Maul und einem hochgereckten Finger, der zur Decke deutete. Plötzlich wurde seine Miene aufgeregt. »Giblins! Darum bin ich ja gekommen, das wollte ich dir sagen. Giblins! « »Oh, ich kann sie schon riechen«, sagte Fungel. Gnom und Waldzwerg knieten hinter einem Brombeerbusch. Vor ihnen lag ein Stück nackter Fels, halb von Efeu, Flechten und Ranken bedeckt. Ka legte einen rauen Finger an sein gewaltiges Riechorgan. »Hab's dir doch gesagt! Diese Nase hat mich noch niemals falsch gelenkt. Ich hab sie riechen können, ohne einen Fuß hineinzusetzen!« »Wenn die Giblins wirklich in Emmas Haus sind, dann könnte sie ein Blinder mit dem Krückstock riechen«, sagte Fungel. »Ich hab gehört, selbst Stinktiere kreischen vor Entsetzen und nehmen Reißaus, wenn sie Giblins wittern«, sagte Ka. »Das will ich nicht bezweifeln.« Fungel stand auf und schulterte seinen Packen. »Na gut, dann wollen wir mal reinschauen«, sagte er. Ka zerrte ihn zurück, die kleinen Knopfaugen weit aufgerissen. »Bist du verrückt? Da sind die Giblins drin!« Er schnüffelte bedeutungsvoll. »Dann hat es sowieso keinen Sinn, hier herumzuschleichen, oder?«, fragte Fungel. »Schleichen oder mit Donnergepolter auftreten, die Kerls preschen so und so mit eingelegter Lanze auf dich los, gleichgültig, was du machst. Das ist Tatsache, das muss man schlucken, und deshalb wär ein Zauberspruch, der uns beim Handeln hilft, das Gescheiteste, wie?« Damit marschierte er so kühn auf die Felslichtung wie ein Frosch, auf den die Fliegen warten. Ka knirschte mit seinen spitzen Zähnen. Sein empfindliches Fell der Sonne auszusetzen und zu riskieren, dass es hart wie Stein gebacken würde, war schon Opfer genug, da musste man nicht noch mutwillig die Giblins einladen, einem das Fell über die Ohren zu ziehen, um einen Stein zu wickeln und in den See zu schmeißen - nur, um das Platschen zu hören -, nee, also wirklich nicht. Ka hatte einmal einen wutentbrannten Giblin den Schädel gegen einen Apfelbaum rammen sehen, nur weil ihm ein Apfel genau auf den scheußlichen Kopf gefallen war. Hat dem armen alten Herrn Baum sicher mehr weh getan als dem Giblin, dachte er, während er sich widerwillig erhob, um Fungel zum verborgenen Eingang von Emmas Höhle zu folgen. Und ich gehe jede Wette ein, dass der Baum den Stromer absichtlich hat gegen den Stamm krachen lassen, nur damit er abhaut und seine Blätter endlich wiederfrische Luft atmen können! Er versuchte vergeblich die Sonne dadurch abzuwehren, dass er die Hände über den Kopf hielt, und rannte hinter Fungel her. Is ja deine eigene Schuld, Karbol Erdenwurm, schalt er sich selbst, dein Vati hat dir immer gesagt, du sollst deine Nase nicht in fremde Gänge stecken Fungel stand vor dem rankenumsponnenen Felsen. Irgendwo dort unter dem grünen Blätterteppich, das wusste er ganz genau, lag der Eingang zu Emmas Heim. Aber es hatte gar keinen Sinn he­ rumzustochern, jedenfalls nicht, wenn - wie Ka behauptete - drinnen die Giblins warteten.

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Er nahm die Witterung auf. Ja, das war ein unverkennbarer Gestank nach Fäulnis - wie wochenalte Tomaten, die in sauer gewordener Milch in der Sonne vor sich hin schimmeln. Wenn keine Giblins in der Nähe waren, dann hatten sie sich wenigstens hier aufgehalten. Fungel konzentrierte sich auf die Tür und hielt nach verräterischen Zeichen des Eingangs Ausschau. Eine besonders prächtige rote Blüte fesselte seine Aufmerksamkeit, und er ertappte sich dabei, wie er sie fasziniert betrachtete, die zarten Umrisse ihrer samtigen Blütenblätter in sich aufnahm, den sanften Übergang von einer Farbe in die andere. »Wartest du auf `ne schriftliche Einladung?«, fragte Ka neben ihm. Fungel schüttelte den Kopf. Worauf wartete er wirklich? Seine Finger trommelten auf seinen Oberschenkel. Hmmm. . . Er starrte wieder den überwucherten Felsen an und abermals lockte die leuchtende Blüte sein Auge. So hübsch, so unpassend zwischen den Flechten und Ranken... »Fungel! « Kas heiseres Wispern brachte ihn wieder zu sich. »Was?«, fragte Fungel benommen. »Jetzt stehste hier schon volle fünf Minuten«, meckerte der Gnom, »in der Zeit hatt ich uns schon rein- und rausgebuddelt, noch mit 'ner Pause dazu fürn Butterbrot und ein Spiel Wurfpfeile. Wolln wir rein oder wolln wir die Aussicht bewundern?« Fungel zog die Stirn kraus. Die Aussicht bewundern? Er wandte sich wieder den kahlen Felsen zu. »Also, da laust mich doch der Affe!«, rief er aus. »Der Eingang ist verzaubert! Wer hier den Eingang sucht, der findet sich plötzlich wieder, wie er die Blume anglotzt, als ob er eine Biene im Blütentraum der ersten Liebe wäre!« Ka machte ein selbstgefälliges Gesicht. »Hab dir ja gesagt, dass sie 'ne Hexe ist«, bemerkte er. Fungel nickte. »Mag sein«, antwortete er, »aber wer Bescheid weiß, der findet den Weg um die verzauberte Tür herum - das ist so leicht wie Federlesen auf einem Olif ant. « Ka grinste. »Hab doch gewusst, dass ich mich auf dich verlassen kann, Fungel«, sagte er. Dann runzelte er die Stirn. »Nur, was ist ein Olifant?« Fungel winkte ihm, still zu sein, und blätterte auf der Suche nach dem entsprechenden Zauberspruch im Geiste die Seiten um. Ah, da hätten wir's! Er suchte auf dem Boden nach einem frisch abgeworfenen Kiefernzapfen und schwenkte ihn langsam im Kreis über den Felsen. Dazu murmelte er: »Kiefernschätzchen, liebster Freund, zeig den Eingang - ungesäumt!« Mit einem leisen Rascheln teilten sich die Ranken wie ein Vorhang und enthüllten eine Kassettentur. Fungel dankte dem Geist des Kiefernzapfens und legte ihn sachte auf die fruchtbare Erde unter der Sonne, wo er wachsen konnte. Und er wuchs wirklich, wuchs im Lauf vieler Jahre zu einem mächtigen Kiefernvater, alleinstehend und stark, und ließ seine Zapfen auf eine weit und breit wunderbar gepflegte Rasenfläche fallen, während ringsherum Menschen mit Eisenschlägern kleine weiße Bälle über die bewachsenen Hügel schlugen. Aber jener Tag war noch Jahre und Jahre entfernt. Gerade jetzt berührte Fungel die Tür. In dem Augenblick, in dem seine Finger den Kontakt herstellten, schlitzte ihm der Giblingestank die Schleimhaut seiner Nase wie ein Messer auf. Der Stein ließ in Fungels Schamanenhand die Erinnerung daran zurück, dass er trotz Emmas Schutzzauber erbrochen wurde, denn jede Gewalt hinterlässt eine Spur. Fungel war auf das Schlimmste vorbereitet, als er auf den Rand der Ranken drückte, die die Tür umrahmten. Ein Teil schwenkte nach innen wie geölt. Es war eine Steintür, so klug gebaut und aus balanciert, dass ein Kind sie mit einer einzigen Hand hätte aufstoßen können - obgleich sie mehr als eine Tonne wog -, wenn es die richtige Stelle kannte. Ein fast spürbarer Geruch drang aus der kleinen Höhle empor. Es roch wie ein Schlachthaus voll schmutziger Windeln, vor einem Hintergrundaroma aus faulen Eiern mit Zwiebeln, die einem direkt vor der Nase gerieben werden. Lecker - für einen Giblin. Ohne einen Blick zurück trat Fungel ein. Ka hinter ihm zögerte - er war sich nicht sicher, was die ärgere Aussicht wäre: mit Giblins zusammenzustoßen oder ihre Ausdünstungen einatmen zu müssen. Aber Fungel ist schon drin, und es hat keinen Sinn, einem Freund den Rücken zu stärken, wenn der Rücken längst woanders ist, und wenn sich da was Böses zusammenbraut, braucht so ein halb blinder Waldzwerg gehörigen Schutz. Ka machte drei tiefe Atemzüge, hielt nach dem letzten die Luft an und folgte Fungel in die Tiefe. In der Höhle war es nicht im Geringsten duster. Im Gegenteil, es war verblüffend hell und luftig; Fensteröffnungen im Fels waren draußen von klug angeordneten Ranken wie durch Jalousien ge­ schlossen. So war das strahlende Sonnenlicht durch das Grün gefiltert und gefärbt, was es viel heimeliger machte. Fungel und Ka blieben gespannt und wachsam stehen und schauten sich um. Nichts verriet die Anwesenheit von Giblins, aber dass sie da gewesen waren, war leicht zu beweisen, denn es hing nicht nur ihr Gestank in der Luft, Emma Kluges Heim lag in

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Trümmern. Weidenstühle waren umgekippt, ein Sofa ebenfalls, aufgeschlitzt und die Füllung quoll heraus. Krüge und Gläser aus Emmas Speisekammern waren zerschlagen, der Inhalt überallhin ausgekippt. Kunstvoll bestickte Gardinen waren von den Wänden gerissen und zerfetzt. Fungel fühlte sich entsetzt und wütend. »Hier, schau dir mal das an«, flüsterte Ka mit zusammengepressten Lippen, um nicht atmen zu müssen. Aus den Scherben .. auf dem Boden zog er die Überreste einer Maispuppe, eine kleine Figur aus den getrockneten Blättern und dem Kolben. Fungel schloss die Augen und ließ die Finger leicht auf der Puppe ruhen. Im gleichen Augenblick spürte er die vorwurfsvolle Grammatik des Zaubers, der sie umhüllte. Ein einfacher, kunst voller Zauber für die Fruchtbarkeit des Gartens. Fungel bewunderte die Klugheit, die gerade in der Einfachheit des Spruches lag, so wie ein Schriftsteller die elegante Prosa eines anderen bewundern mag. Offensichtlich steckte mehr in Emma Kluge, als ihr Äußeres vermuten ließ. »Du hast die feinere Nase, Fungel«, sagte Ka, »kannst du sagen, wie lange sie schon hier weg sind?« Fungel schloss die Augen und atmete tief ein. Der Geruch, der in seine Nasenlöcher drang, war überwältigend, beschwor das Bild von wimmelnden Maden auf grünem Fleisch. Er bekämpfte den Brechreiz, der ihn würgte, und richtete den Geist auf die Stärke und Konzentration des Geruches. »Fast zwölf Stunden, nehm ich an«, sagte er. »Etwas weniger als das, sonst hätten wir hier unten nicht so lange atmen können, wie wir es jetzt schon tun.« »Wer will denn atmen?«, zischte Ka und schaute sich in dem zerstörten Heim um. »Was wolln wir machen? Hinter ihnen her?« Fungel nickte. »Ein Giblin lässt sich leicht verfolgen«, sagte er, »ich kann nur nicht verstehen, warum sie sie überhaupt mitgenommen haben. Hast du je davon gehört, dass Giblins Leute entführen, Ka?« Der Gnom schüttelte seinen Zottelkopf. »Sie ziehen ihnen das Fell ab und essen sie an Ort und Stelle auf und schmeißen den Rest weg, den sie nicht kauen können«, sagte er, »und das ist nicht sehr viel. Also, einmal hab ich einen von diesen Räubern gesehen, wie er hinter einem armen kleinen ... « »Das reicht, danke schön«, sagte Fungel. Dann kniff er die schwarzen Augen zusammen und schaute sich um. Das beklagenswerte Durcheinander verriet immer noch, was für ein wohl versorgtes und gemütliches Heim dies gewesen war und wie viel Zeit und Mühe Emma Kluge darauf verwandt hatte, aus einer kalten Höhle ein molliges Zuhause zu machen. »Hallo«, sagte Ka, »da ist ja der Musikkasten, den ich dem kleinen Erbsengrun gegeben habe! « Er hielt einen Kasten in die Höhe, etwa so groß wie eine Handfläche, an dem ein fleischfarbener fin­ gerhutförmiger Stöpsel an einer Schnur baumelte. »Fifferling hat ihn nicht haben wollen«, sagte Fungel, »er muss ihn Emma gegeben haben, bevor sie alle weg sind.« Er berührte den Musikkasten, aber er gab nur noch die Andeutung einer ge spenstischen, wiegenden Musik von sich. Für Fungel verbanden sich andere Erinnerungen mit diesem Kasten aus Menschenhand, sehnsüchtige Erinnerungen an seinen Neffen und seinen Bruder. Zwischen Büchern, denen der Rücken abgerissen war, lag ein zerbrochener Tonkrug. Silbernadeln waren zwischen die Titel geglitten: Kreuzwege; Das Buch der Schatten; Werden und Wachsen und Wunder; Heilen und Hexen; Weisheit und weise Wege ­ Weisheit, dachte Fungel. Weise Frau. Nun, manche Leute meinten, das sei eine Hexe... Kas Gezischel riss ihn aus seiner jähen Angst. »Darauf ist sie wahrscheinlich in der Walpurgisnacht herumgeritten«, sagte der Gnom gerade und hielt einen Besen mit einem zerbrochenen Stiel in die Höhe. Fungel betastete das Holz und die Besenreiser und befreite dadurch eine Erinnerung an das Ende der Besenstange, die auf das Auge eines Giblins gezielt hatte, an den Griff, mit dem sie freund lichen Händen entwunden und über einem knochigen Knie zerbrochen wurde. Die Berührung von Vorhangfetzen beschwor das Bild, wie diese von den rankenverhangenen Fenstern abgerissen, in Streifen geschnitten und fest um Arme und Beine gewickelt worden waren. »Sie haben sie gefesselt«, sagte Fungel schließlich, »eingebrochen und gefesselt und weggeschafft.« Er schüttelte verstört den Kopf. »Hab ich noch nie gehört, dass Giblins Gefangene nehmen«, sagte Ka und sah mehr denn je so aus, als ob er am liebsten kopfüber in seinen sicheren Tunnel zurückwollte. »Hätten sich wohl auch nicht die Mühe gemacht, wenn sie nicht was von ihr gewollt hätten«, sagte Fungel, »was bedeutet, dass sie vermutlich noch lebt.« Ka strahlte. »Hör mal, das ist aber `ne saubere Beweiskette, Fungel! « Dann verdüsterte sich sein Gesicht wieder. »Möchte nur wissen, was sie von ihr wollen«, murmelte er nachdenklich.

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Fungel warf sich seinen Packen wieder über die Schulter. »Machen uns am besten auf die Socken, um es selber rauszufinden«, sagte er. »Auf die Socken?« Das hässliche Gesicht wurde wieder hoffnungsvoll. »Also, das ist wirklich 'ne gute Idee, Fungel. Ich spring mal rüber in die Tabakkneipe und treib ein paar gute Kumpel auf, die uns -« Fungel machte jedoch schon die Tür auf. »Keine Zeit mehr dafür«, sagte er, »liegt ein schönes Stück Arbeit vor uns.« Ka blieb etwas zurück und verfolgte, wie Fungels Gestalt als Schattenriss vor der späten Nachmittagssonne davoneilte. »Wir?«, murmelte er niedergeschlagen. Trotzdem folgte er seinem Freund hinaus und ließ die letzte Frage in der verpesteten Luft schweben. Als Ka Fungel wieder eingeholt hatte, war der Waldzwerg gerade beim Schnuppern. »Dahin geht unser Weg«, sagte er und wies nach Osten. Als Antwort deutete Ka auf die Sonne hinter ihnen, die dicht über den Hügeln stand. »Dahin geht unser Licht«, sagte er. »Unser Licht!«, rief Fungel aus. »Seit wann ist denn aus dir ein Sonnenanbeter geworden, Herr Zwerg?« »Seitdem mein früherer Freund seinen früheren Verstand verloren hat und ganz drauf versessen ist, sich von Räubern zu einem Räuberschnitzel verhackstücken zu lassen«, erwiderte Ka. »Quatsch«, antwortete Fungel. Sie kabbelten sich weiter, während sie ununterbrochen nach Osten marschierten. Nachdem sie dem grässlichen Gestank wie einer Fährte aus Findlingen gefolgt waren, stießen Fungel und Ka gegen Mitternacht auf das Lager der Giblins. Sie krochen durch Büsche und Bäume, bis sie das Licht des Lagerfeuers sahen, dann schlugen sie einen Bogen und befanden sich schließlich direkt im Windschatten des Lagers. Das war taktisch zwar klug, nasenmäßig aber kaum erträglich. Langsam schoben sie sich so dicht heran, bis sie einen guten Überblick hatten. Die vier Fieslinge saßen auf ihren Schlafsäcken rund um ein kleines Feuer herum. Sie waren selbst für Giblins abstoßend hässlich, was ungefähr so hässlich ist, wie etwas überhaupt nur werden kann, ohne schon lange verdorben zu sein. Einer der Giblins hatte einen dicken, warzigen Glatzkopf mit herausquellenden Augen und sah wie eine Kröte aus. Auf seinen Knien lag eine gut gearbei­ tete Keule, auf deren Schaft menschliche Buchstaben eingelassen waren. Der Zweite war ein Buckliger mit misstrauischer Miene und Stacheln auf dem Rücken wie ein Stachelschwein. An einer Kordel trug er eine Scheibe um den Hals, die das Licht vom Lagerfeuer in allen Regenbogenfarben widerspiegelte. Der Dritte hob mit einer Pfote, die in einem zerfetzten Handschuh steckte, eine blanke Kaffeekanne hoch, die aus einer menschlichen Fabrik stammte, und goss tintenschwarzen Kaffee in einen Metallbecher, den er zu seiner langen, spitzen Rattenschnauze hob. Er reichte die Kaffeekanne dem vierten Giblin, dessen Krähenvisage sich zu einem gierigen Grinsen verzog, während er sich die Kaffeekanne unter den Schnabel klemmte und den Kaffee direkt in die Kehle kippte. »Aaaah! Das kocht mir die Eier, und wie, und wie!«, krächzte Krähe und stellte die Kanne aufs Feuer zurück. »Nicht heiß und nicht stark genug, wenn du mich fragst«, mäkelte das Stachelschwein. »Hab ich nicht«, entgegnete Krähe und grinste, als Kröte und Ratte hämisch lachten. Kröte langte hinter sich und zog eine bunt beklebte Flasche hervor. Er biss den Kronenkorken ab und spuckte ihn neben das Feuer, wo er gegen die säuberlich abgenagten Knochen eines klei nen Waldtieres kullerte. Der Kronenkorken war noch nicht zur Ruhe gekommen, da hatte Kröte schon die Flasche geleert und leckte die schaumbedeckte Innenseite mit seiner langen, dünnen Zunge trocken. »Hehehe«, sagte Krähe und richtete sich halb von seinem Schlafsack auf, »da haste was vor uns versteckt!« »Hab ich gar nicht«, erwiderte Kröte, »du hast deinen Anteil schon hinter die Binde gekippt.« Er rülpste laut. »Nicht schlecht, Herr Specht«, bemerkte Ratte. Er zog sich die Handschuhe aus, um sich die Pfoten am Feuer zu wärmen. »Besten Dank«, erwiderte Kröte. Er biss den Hals der leeren Flasche ab und begann ihn genüsslich zu zerkauen. »Wenn ich meinen Anteil schon verputzt habe«, fragte Krähe misstrauisch, »wie kommt's dann, dass ich mich nicht dran erinnern kann?« Kröte schluckte runter. »Dass du dich nicht dran erinnern kannst«, erwiderte er philosophisch, »zeigt nur, wie viel du gesoffen hast.« Stachelschwein und Ratte kicherten hinter ihren Pfoten, während Krähe in tiefes Grübeln versank. »Hab Kohldampf«, sagte Kröte, um zu einem anderen Thema zu kommen. »Hast doch gerade gefressen!«, erwiderte Stachelschwein. Kröte deutete auf die Knöchelchen neben dem Feuer. »Das war kein richtiges Futter.« Er hielt die Reste seiner Bierflasche in die Höhe. »Und das hier auch nicht.« Seine Miene wurde plötzlich listig, er schaute nach rechts und links, ob auch

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keiner lauschte, und beugte sich dichter zu den anderen. »Kann gar nicht einsehen, warum wir uns dieses fette kleine Stück Zwergenbraten nicht jetzt auf der Stelle teilen sollten«, sagte er verschwörerisch, »solln recht lecker schmecken.« »Stimmt«, sagte Ratte. Er begann seine Laufschuhe mit den Kreppsohlen aufzuschnüren. »Aber wir solln sie doch Vixen bringen, damit sie den Alten Knauser rufen kann, und wir solle sie heil und lebendig abliefern.« Er zog die Schuhe aus und stellte sie neben das Feuer. Man konnte fast die Wellen des Gestankes sehen, die von seinen Füßen aufstiegen, selbst die Flammen schienen zur Seite zu flackern, als er seine Zehen spielen ließ. »Er will doch nur einen Zwerg«, wandte Kröte ein, »wir konnten einen neuen fangen.« »Und wenn er gerade sie will?«, widersprach Stachelschwein. »Du hast doch bei ihr all die Zauberbücher und Beschwörungen gesehen. Sie könnte genau das sein, was der Alte Knauser sucht.« Er spielte mit der Scheibe, die ihm vom Halse hing. Sie blitzte im Licht wie ein geheimnisvoller Signalspiegel, der Regenbogenmel­ dungen aussendet. »Also ehrlich«, sagte Krähe, »wegen ein bisschen Magenknurren will ich nicht mein Fell riskieren.« Kröte runzelte die Stirn und dachte nach. Plötzlich strahlte er. »Und wie wär's mit einem einzigen Schenkelchen?«, fragte er hoffnungsvoll. »Ein Happen für die kleinen Giblins daheim, wie?« Neben Kröte bäumte sich der Schlafsack wie ein Riesenwurm. Kröte schwang lässig die Keule und versetzte dem Schlafsack einen Hieb. »Hör lieber auf mit dem Gezappel«, warnte er, »sonst kriegste `ne Beule in den Briezel, so groß, dass er aussieht wie 'ne Beule mit Brägen.« Der Schlafsack lag wieder still. Fungel und Ka schauten sich fassungslos an. Emma! Eingewickelt in den Schlafsack! Fungel winkte zum Rückzug vom Lager der Giblins und sie krochen leise zurück. »Wir beide, Ka«, flüsterte Fungel, »wir müssen sie hier rausholen.« »Aber sie sind vier und wir sind zwei«, jammerte der Zwerg, »das mag ich gar nicht haben.« »Das können wir nicht ändern«, antwortete Fungel, »aber mehr als vier sind sie auch nicht. « Der Gnom warf den Kopf zurück, um über Fungels füchsischen Witz loszulachen, der Waldzwerg aber legte dem Freund die Hand auf den Mund. Ka nickte und die Hand verschwand. Fungel ließ sein Bündel von der Schulter rutschen und begann darin herumzukramen. »Also«, jammerte Ka, »wenn du Heilmittel für alle Situationen in deinem Beutel hast, warum ziehst du dann nicht einfach ein riesengroßes Loch heraus und lässt die vier Fieslinge hineinpurzeln?« »Wenn ich ein Loch in meinem Rucksack hätte, das dafür groß genug wäre«, erwiderte Fungel ernsthaft, »dann würden mein Beutel und ich zu allererst reinfallen.« Ka war sich nicht sicher, ob ihn Fungel nicht auf den Arm nahm. Er kniff die kleinen Augen zusammen. »Wenn du einen Plan hast, Fungel Fuchswitz«, sagte er, »dann verrätst du ihn mir doch, nicht wahr? Ein Freund kämpft sehr viel lieber an deiner Seite, wenn er weiß, dass ihm keine Überraschungen blühen.« Fungel nickte. »Klar wie Kloßbrühe«, sagte er, »aber du hast mich in die Klemme gebracht, Ka, denn ich muss gestehen, dass ich überhaupt keinen Plan habe. Man kann nur mit dem arbeiten, was man hat.« Er wurde nachdenklich. »Und genau genommen: mit dem, was deine Feinde haben.« Diese Erkenntnis heiterte ihn etwas auf und er beugte sich zu Ka und flüsterte: »Und was sie haben, das ist ...« Krähe versuchte eine seiner Menschenzigaretten gegen eine von Krötes Bierflaschen zu tauschen, aber Kröte wollte davon nichts wissen. Er biss der nächsten Flasche den Verschluss ab und spuckte ihn aus, sodass er gegen die vielen anderen klimperte. »Sargnägel, das sind diese Dinger«, bemerkte Kröte selbstgerecht, »damit will ich nischt zu tun haben.« Er kippte sein Bier und biss dann den Fla­ schenhals ab. »Aber ich nehm eine«, sagte Ratte. Krähe entblößte seine langen Zähne. »Dann kannst du dir den Schwanz mit Haken statt mit Krallen kratzen.« »Ach wirklich?« Ratte stand auf und schwenkte eine verrostete Machete. Krähe stand ihm gegenüber. »Jawohl, und ob!« Er zog einen schwarzen Griff aus dem Gürtel und schüttelte ihn und plötzlich war es eine Messerklinge. »Leute, Leute!«, grölte Kröte und rappelte sich taumelnd auf die Füße. »Lasst uns doch diese Kriegsbeile echt und ehrlich wieder begraben!« Er grinste, seine vorquellenden Augen funkelten im Feuer und er rieb sich gierig die Pfoten. »Was haltet ihr denn davon, wenn wir unsere Differenzen wie zivilisierte Menschen bei einem leckrigen Zwergenschinken bereinigen?« Gerade in diesem Augenblick gellte ein geisterhafter Schrei aus dem Walde.

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Die Giblins fuhren herum wie ein Mann. Aller Streit und Zank war vergessen. Man mochte gegen sie sagen, was man wollte, aber sie waren durch und durch Profis. »Was war das?«, flüsterte Stachelschwein, der von den Vieren am schlechtesten hörte. In seiner Hand lag eine Schleuder mit einer halbzölligen Stahlkugel, schussbereit im Leder, das mit einem Stück Gummischlauch befestigt war. »Klingt mir wie ein Spuk«, sagte Ratte. »Pffh«, spottete Krähe, »bin noch nie auf einen Spuk gestoßen, den ich nicht selber gemacht hätte«, prahlte er. Da erhob sich das unirdische Heulen abermals. Und da begannen sich die Dinge hinter ihnen, ums Lagerfeuer herum, zu regen und zu bewegen. Die Kaffeekanne hob sich in Höhe der Fiesling köpfe und schwenkte die Tülle wie eine Nase in ihre Richtung. Zwei Kronenkorken schwebten als Augen daneben. Die löchrige Decke glitt vom Boden und umschlang das Unterteil der Kaffeekanne wie eine Kutte. Die Handschuhe und Schuhe, die sich Ratte ausgezogen hatte, rutschten der unheimlichen Gestalt als Hände und Füße an Ort und Stelle. Während die vier Giblins noch auf das Geistergeheul aus dem Walde lauschten, begann die gliederlose Gestalt sich auf sie zu zu bewegen. »Huu! Huhu!« Ka heulte wie ein echtes Ungeheuer im Walde. Von der Lichtung her konnte man die Stimmen der Fieslinge hören. »Was war das?« »Klingt mir wie ein Spuk ... « Ka grinste über seine eigene Geisterleistung. Er schielte hinter einem Busch hervor, um sich zu vergewissern, ob alles nach Plan lief. Ja genau, da war Fungel und schlich sich hinter den abge­ lenkten Giblins heimlich und leise zum Lagerfeuer. Während er den Willenszauber aufrecht erhielt, der den Popanz in Bewegung setzte, war sein Gesicht vor Anspannung ganz starr, auch jetzt noch, wo er sich den Giblins näherte. Ka warf wieder den Kopf zurück, um zu heulen. »Ahuu! Ahuu! Gicks!« Er war schon ganz heiser geworden und begann zu husten. Von der Lichtung ertönten die Stimmen der Fieslinge. »Wenn das ein Spuk ist, dann hat er Husten! « »Nie und nimmer ist das ein Spuk, du Ochsenfrosch! Was glaubst du denn, Ratte?« »Klingt mir mehr nach Gnom! « »Jawohl!«, sagte Ka und begann zu buddeln. Ratte, Stachelschwein, Kröte und Krähe schauten am Rande der Lichtung in die Dunkelheit. Hinter ihnen band Fungel den Schlafsack auf, in dem Emma steckte, während der Popanz, dem der Dampf aus der neugierigen Nase stieg, während er sie mit Kronenkorkenaugen anstarrte, noch unbemerkt neben den Giblins stand. Krähe hob sein Klappmesser. »Ich schau mich lieber mal um«, verkündete er. Er warf einen Blick auf die Gestalt rechts neben sich. »Ihr passt auf das Lager auf, während ich - aaah! « Der Popanz war in ihrer Mitte. Die Fieslinge flatterten vor Schreck und zerstreuten sich. Stachelschwein zielte mit seiner Schleuder auf den Eindringling, spannte das Gummi und ließ los. Die Stahlkugel flog durch die Decke und knallte Stachelschweins Freund Kröte gegen die Stirn. Kröte verdrehte verwirrt die Augen. Er senkte seinen Baseballschläger und fuhr sich mit der Hand an die Stirn. »Tja«, sagte er sachlich, und dann sackte er zusammen wie ein von der Schleuder getroffener Giblin, was er ja auch war. Ratte griff den Popanz mit geschwungener Machete an. Die Popanzfigur schwankte zu ihm hin und Ratte schlug zu. Die Machete zerspaltete die Kaffeekanne unterhalb der Tülle und der heiße Kaffee verbrühte ihn. »Getroffen!«, johlte Ratte. »Getroffen, getroffen!« »Du Idiot«, krächzte Krähe. Er hüpfte an Ratte vorbei und packte die Decke. »Das ist die Kaffeekanne!« Da sah er aus dem Augenwinkel, wie sich etwas bewegte, fuhr herum und erkannte Fungel, der Emma aus dem Schlafsack half. »Zwerge!«, bellte er. »Waldzwerge!« Aber die anderen hatten die Flucht ergriffen. Der Popanz stürzte zu einem Haufen zusammen, als Fungels Konzentration unterbrochen wurde. Fungel und Emma rannten los - aber sie war den ganzen Tag fest im Schlafsack eingewickelt gewesen und konnte sich nur unter großen Schwierigkeiten bewegen. Fungel warf einen Blick zurück. Krähe stürzte hinter ihnen her und schwenkte den Baseballschläger, den er der ausgepunkteten Kröte entrissen hatte. Sein Gefieder war gesträubt und seine schwarzen Augen weit aufgerissen. Er sah groß und schrecklich aus und krächzte wie ein rostiges Eisentor. Fungel drängte Emma vorwärts. Wenn sie es nur bis zum Wald schafften, dann konnten sie sich verstecken. Zwerge sind im Verstecken besonders gut. Nur zwanzig oder dreißig Schritt, dann wären sie im dichten Unterholz. Doch das Fußgetrappel hinter ihnen rückte näher, sie würden es kaum schaffen.

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Ein Spruch, ein Wort, ein Zauber, ein Stein zum Schmeißen - alles! Aber die Willensanstrengung, die
Verfolgungsjagd und die Mühe, Emma vorwärts zu stoßen, waren zu viel für seine Konzentration.
Fungel blickte sich um.
Drei Schritt hinter ihm schwang Krähe das Schlagholz. Dann stürzte Krähe.
Und stürzte immer tiefer.
Fungel blieb stehen, und dann eilte er mit Emma zu dem Loch zurück, in das der Fiesling gefallen
war. Tief unter ihnen lehnte Ka und fuchtelte versuchsweise mit dem Baseballschläger in der Luft
herum. »Richtig schön zum Schädelknacken, dies Ding hier«, bemerkte der Gnom.
Von Krähe aber keine Spur.
Einen Augenblick herrschte Stille, dann brachen Fungel und Emma in Gelächter aus. Sie lachten so,
dass sie sich hinsetzen mussten, und lachten im Sitzen noch weiter. Bis Fungel endlich wieder
sprechen konnte, half er seinem Freund Ka aus dem Loch. »Mir scheint«, sagte Fungel, »dass
wenigstens du immer deine eigenen Löcher bei dir hast!«
Ka grinste. »Löcher liegen mir am Herzen«, sagte er, was die Waldzwerge nur noch einmal loslachen
ließ.

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Schwere Last

Die gute Laune, die Emma und Ka bei ihrem verspäteten Festmahl hoch oben im Esszimmer zeigten, war kaum ein Trost für Fungel, während er unten in seinem Wurzelwinkel vor sich hin brütete. Gewiss war er glücklich, dass Emma heil und gut heimgekehrt war. Aber nachdem sie alle im Morgengrauen zu Fungels Heim zurückgetrottet waren und den ganzen Tag durchgeschlafen hatten, war Fungel mit vielen ungelösten Fragen aufgewacht, die nun an ihm nagten. An diesem Abend hatte Emma ihre Zauberkünste an den Resten vom großen Festmahl bewiesen und sie und Ka hatten sich den Bauch voll geschlagen. »Gestern Abend hab ich für dich mitgeges­ sen«, erklärte Ka, »deshalb hast du eigentlich nichts verpasst.« »Dann futterst du also heute Abend nur für dich?«, wollte Emma wissen. Ka guckte verdutzt. »Wieso... du bist doch hier!«, erwiderte er. Fungel hatte sich nicht zu ihnen gesellt. Er entschuldigte sich vielmals mit dringlichen Verpflichtungen, bestand aber darauf, dass sie sein Heim als das ihre betrachteten. So saß er also an seinem weisen Weidenpult, achtete kaum auf die schwachen Klänge der Musik, die von seinen Gästen oben im Wohnzimmer herabrieselten, sondern grübelte nur über die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden nach: ein unnatürlicher Sturm; der Einbruch eines Nachtmahrs; eine Eule mit unbekannter Herkunft; Emmas Entführung durch die Giblins. Jedes einzelne dieser Ereignisse wäre an sich schon bemerkenswert gewesen. Aber alle vier, die innerhalb von Stunden aufeinander folgten - das musste Fungel ein Vorzeichen nennen. Aber falls es ein Zeichen war, so kam es ihm zu gewaltig und zu unbestimmt vor, als dass er es erkennen konnte. Er musste einen Schritt weiter zurückgehen, um dieses große Bild betrachten zu können. Er brauchte Rat - weisen Rat. Und von wem konnte er einen besseren bekommen als von einem Weisen? Er brauchte Molom. Da Fungel nicht lange fackelte, wenn er sich erst mal entschieden hatte, schritt er zur Tat. Als Erstes dämpfte er das Zauberlicht im ganzen Raum und beschränkte es auf eine einzige Lampe, die sein Pult beleuchtete und so zu einer Insel der Konzentration machte. Als Nächstes holte er ein altes, in Leder gebundenes Buch aus dem Regal, das Ka gestern so gereizt hatte. Der Abwehrzauber, mit dem Fungel seine unschätzbaren Bücher schützte, hatte keine Wirkung auf ihn selbst. Und so zog er das Buch vorsichtig heraus und trug es mit großer Ehrfurcht zu seinem geschnitzten Pult. Fungel legte die Hände flach auf den Deckel. Er schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf seinen Atem, um den Geist von allen schweifenden Gedanken und Ablenkungen zu reinigen. Erst als er spürte, dass sein Kopf so leer war wie eine Leinwand, die auf die Farbe wartete, schlug Fungel bedächtig das Buch auf. Es war ein Grimoire, ein Zauberbuch. Seine Herkunft und seine Sprache waren der Welt längst verloren, unter Atlantis begraben, Jahrtausende bevor die Römer ihre Verben zu konjugieren begannen. Die uralten Runen waren von einer Hand niedergeschrieben worden, die längst zu Staub zerfallen war, auf Pergament von einem Tier, das ausgestorben war, und nach besonders ehrfürchtigen Riten und Regeln vollendet. Es gab Sprüche zum Schutz des Besitztums und zur Verlangerung des Lebens; Sprüche, mit denen man Gegenstände wiederfinden konnte, die man in der Kindheit verloren hatte, und mit denen man andere verlieren konnte, die man als Erwachsener nicht loswurde; Zaubersprüche, die so verletzlich waren, dass sie schon durch die Beschreibung litten, weshalb wir davon auch Abstand nehmen. Zwischen diesen vielen verschiedenen Zaubersprüchen fanden sich auch Beschwörungen. Und unter den Beschwörungen war eine, mit der man Molom aus der weiten Tiefe rief. Molom war nicht nur das Wesen, das ihm wahrscheinlich helfen konnte, Fungel hatte auch ein oder zwei Hinweise darauf, dass der Elementargeist zumindest bei den letzten Vorgängen seine Hände im Spiel gehabt hatte. Die Waldgeschöpfe verehrten Molom, der als Herr der Bäume und als Geist des Waldes ihr Beschützer war. Die Eulen, so hieß es, seien Moloms Boten und er könne die Geschichte der Reisenden im raunenden Winde lesen. Bevor er sich in die Wörter der Beschwörung vertiefte, las Fungel die genauen Anweisungen ebenso sorgfältig. Heute Nacht stand der Herbstmond am Himmel und das war gut. ja... unge trübtes Wasser war leicht zu beschaffen (obgleich nicht mehr so leicht wie früher). Zwölf Eicheln mit der Asche eines Feuers vermengt, in Eintracht entzündet, mit Kalk gemischt und in einen linnenen Beutel gefüllt. Eicheln war wirklich leicht, und Fungels Herdfeuer brannte immer in Eintracht. Kalk? Musste noch in seinem Gartenschuppen sein, wo er Samen und Setzlinge aufhob. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Beschwörung selbst. Nicht nur die Wörter mussten richtig ausgesprochen werden. Jede Betonung jeder Silbe, selbst die Pausen zwischen den Sätzen

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mussten perfekt sein, wenn Fungel nicht buchstäblich die Tür der Erde zu einer gewalttätigen Welt öffnen wollte, in der Schrecken und Chaos herrschten. Und nicht nur das, sondern die ganze Wiedergabe der Beschwörung hatte im tiefen Ernst zu geschehen, denn einen Elementargeist mit dem eintönigen Geleiere eines gelangweilten Schulkindes zu rufen, würde den Zorn dieses Geistes heraufbeschwören. Das Gefühl hinter den Wörtern war genauso wichtig wie die Wörter selbst - was immer in der Welt der Wörter gilt, in der man so leicht ausrutschen kann. Fungel schlug das Grimoire zu, ließ eine Hand darauf ruhen und legte die andere auf das Weidenpult, dankte ihm für seine Weisheit und dann stellte er das Buch achtsam an seinen Platz auf dem zaubergeschützten Regal zurück. »Fungel«, rief Ka aus, »wird ja auch allmählich Zeit, dass du aus deinem Loch gekrochen kommst! Wenn du nicht aufpasst, bleibst du zwischen den Blättern stecken!« Er schlug sich auf die Knie und heulte vor Lachen. »Wie wär's denn jetzt mit einem Tanzchen, he?« Ka sprang auf und fasste Fungel an den Händen, der gerade erst die Treppe heraufgestiegen kam und sich die Augen rieb. Fungel blieb still stehen, während der Zwerg zu hüpfen und zu springen und vor ihm zu tanzen begann. »Los, komm schon!«, rief Ka und schaute sich im Zimmer um. »Wo bleibt denn die Musik?« Es gab keine Musik und Fungel mochte nicht tanzen. Die Freude verschwand aus Kas Gesicht. Er blieb nach dem letzten Satz stocksteif stehen, die Hände mit den scharfen Krallen hatte er auf den breiten Hüften. Sein lippenloser Mund war fest zu sammengepresst. Er stieß einen langen, verzweifelten Seufzer durch die Nase aus. »Was ist denn mit dir los, Fungel? Jeden Tag bist du jetzt sauertöpfisch und trubetimplig. Da muss man selber ganz schön munter sein, um deine Gesellschaft auszuhalten.« Er starrte seine spitzen Krallen an. »Ganz schön miesepetrig, kann ich dir sagen.« »Ka -«, sagte Emma mit ruhiger Stimme, als sie aus der Küche kam. Der Gnom schaute sie an, noch ein bisschen mürrisch, wie ein Kind, das mit der Hand in der Zuckerdose erwischt worden ist. »Ach, ich hab gedacht, ich sprech für uns alle«, sagte er zu seiner Verteidigung. »Lass ihn in Ruhe, Ka«, sagte Emma und schaute nicht Ka an, sondern Fungel. Seit sie bei Fungel angekommen waren, kam ihm Emma etwas zurückhaltend vor, nicht undankbar, aber vielleicht etwas bedrückt, weil sie hatte gerettet werden müssen. Sie hielt ihm einen Jutesack hin. »Das hab ich für dich herausgesucht«, sagte sie. Er nahm ihr den Sack ab und schaute hinein. Eine Flasche Wasser und ein Leinenbeutel, der zwölf Eicheln, Asche und Kalk enthielt. Fungel schaute Emma überrascht und dankbar an. Da reichte sie ihm einen zweiten Leinwandbeutel, der mit einem roten Band zugebunden war. »Etwas Eichelbrot«, erklärte sie, »wirklich nichts Besonderes.« Fungel nahm das noch warme Bündel und legte es in seinen Rucksack. Sein Blick sagte ihr, dass er es dennoch für etwas Besonderes hielt. »Emma«, begann er, »woher hast du gewusst, dass... Vielleicht sollte ich sagen ... « Aber er tat es denn doch nicht, denn irgend etwas an Emma bewirkte, dass er eine linke Zunge bekam und ins Stottern geriet. »Ich brauch nicht zu wissen, was jemand vorhat«, sagte Emma, »nur, was er braucht.« Etwas an ihrem Ton sagte Fungel, dass er mit keinen weiteren Erklärungen zu rechnen hatte. »Wird heute Nacht spät werden«, sagte Fungel, »hat keinen Sinn, dass ihr wartet. Bis dahin bitte ich euch nur, nicht aus dem Haus zu gehen, bis ich weiß, was hier in unserem Tale läuft. Und meine Speisekammer, Badewanne und Wäsche werden auch nicht besser, wenn sie nie benutzt werden, tut euch also keinen Zwang an.« Er schritt zu der Leiter, die zu seiner Haustür führte. Mit einem Fuß auf der untersten Sprosse blieb er noch einmal stehen. »Emma, Ka«, sagte er und machte bei jedem Namen, den er nannte, eine Geste, »mögt ihr beide gesegnet sein und behütet in meinem Herz und Heim.« Eh sie etwas erwidern konnten, war er die Leiter hinauf gekrabbelt und verschwand in dem pechschwarzen Walde seiner Insel. Der Herbstmond war eine von Fungels liebsten Jahreszeiten. Er wusste, dass der Mondschein reflektiertes Sonnenlicht war, aber diese Kenntnis verminderte für ihn nicht die Macht des Mondes. Sie steigerte diese im Gegenteil noch, denn das Gold der Sonne heilt und glättet, während das Silber des Mondes schärft und verwandelt. obwohl er so weit entfernt war, vollführte der Mond eine besondere Art der Alchemie: Er machte Silber aus Gold. Und so wie die Sonne die Pflanzen aus der Erde zog, so ließ der Mond die Wogen des Meeres schwellen. Das Licht des vollen Mondes verwandelte das Tal in ein unterseeisches Königreich. Wiegende Zweige wurden treibende Algen, Büsche riesige Anemonen. Schatten wurden krasser und versil berte Tiere huschten wie Silberfische im gescheckten Tanz von Licht und Schatten.

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Fungel wanderte durch die schwarz-weiße Landschaft seiner Insel. Am Himmel, der immer wieder zwischen den Gewölben der Bäume aufleuchtete, erhaschte Fungel einen Blick auf das Gesicht des Zwerges im Mond, was ihn stets mit Genugtuung erfüllte. Wenn er so zum herabschmunzelnden Herbstmond hinauflächelte, konnte man kaum unterscheiden, wer wessen Antlitz widerspiegelte. Der Wald war ein Flickenteppich aus Nachtblau und geschmolzenem Silber. Fungel folgte weder Pfad noch Fährte, sondern ließ sich nur von einem tiefen und angeborenen Wissen um die Insel führen, und so tauchte er bald auf der Lichtung auf. Vor schwankenden Schatten stand der Alte Baum - das nackte Gerippe einer verwitterten Eiche, aller Rinde, selbst der Moospolster beraubt. Seinem vermoderten Stamm entrangen sich die verrenkten Glieder der Aste und verzweigten sich immer mehr zu verkrümmten Fingern, die sich vergeblich nach fernen Sternen reckten, wie ein letzter verzweifelter Griff nach Licht und Leben. Vom höchsten Zweig bis zur Wurzelspitze war der Baum vom Blitzstrahl versehrt und versengt - ein Todesstreich für einen Baum und als Zeichen gefährlicher Mächte gemieden von Vogel und Fledermaus, Wespe und Raupe. Auf totem Holz wollte sich keiner niederlassen. Der Alte Baum stand einsam da, umgeben vom üppigen Grün des lebendigen Waldes, und Fungel liebte ihn aus ganzem Herzen. Jeder Baum war eine Brücke zwischen Erde und Himmel, aber der Alte Baum vereinigte alle vier Elemente. Seine Zweige griffen nach der Luft, während der Stamm, vom Blitze verbrannt, mit weit verzweigten Wurzeln in der Erde ankerte und vom Wasser des Sees kostete, der die Insel umgab. Erde, Luft, Feuer und Wasser: In diesem uralten Wesen trafen sich alle. Neben den knorrigen Wurzeln der alten Eiche setzte Fungel sein Bündel ab. Er säuberte den Baum und die Erde um den Baum herum von welkem Laub und abgebrochenen Zweigen und ließ sich dann im Schneidersitz auf der bloßen Erde nieder, den Rücken an das morsche Holz gelehnt. Dort nahm er seinen Abendimbiss ein - Emmas Eichelbrot. Allem Anschein nach war er ein einsamer Esser, der sich dem bescheidenen Vergnügen eines einfachen Mahles im Freien mit Wonne hingab. Und wie fast bei allem, was Fungel betraf, war da wieder mehr, als das Auge wahrnahm. Während er friedlich kaute, leerte er seinen Geist von allen Ablenkungen und ließ die Erde, die ihn rings umgab, seine beruhigten Räume erfüllen. Das glich dem Zustand, in dem er das Grimoire in seinem Wurzelraum studiert hatte. Bald gab es nichts mehr als Nacht und Fungel, Mondschein und Alter Baum. Nachdem er das leckere Brot aufgegessen hatte, sandte er Emma einen wortlosen Segensspruch. Dann faltete er sorgfältig das Tuch wieder zusammen, in dem das Brot gewesen war, und legte es in sein Bündel. Bevor er sich nun an die Vorbereitungen machte, gestattete sich Fungel, einen Augenblick nur, sein lebendiges Dasein vor diesem wundersamen alten Baum zu genießen. Die Welt ist so schön, dachte er, und die Zeit so gelassen. Das war ein Augenblick, den er niemals vergessen würde und den er mit niemandem teilte. Er gehörte ihm allein. Dann war es Zeit für den Anfang. Karbol Erdenwurm sah Nesseln - und flüchtende Spinnen - vom Netz ihrer Wurzeln aus. Er klaubte sich Spinnenfäden und Flugsamen vom Gesicht, schüttelte sich Erdkrumen vom Schädel und schaute sich um. Er befand sich dicht unter der Kuppe eines kleinen Hügels, der im Mondlicht lag. Ganz in der Nähe stand ein alter Gespensterbaum, davor, auch im Mondlicht, ein Zwerg. Ka duckte sich und prüfte, ob er im Windschatten war. Hätte keinen Sinn, Fungels Riechorgan zu reizen. Ka konnte sehr viel weiter sehen als dieser kurzsichtige Waldzwerg, aber Fungel konnte dafür den Morgenhauch einer Mücke wittern. Ka sah, wie Fungel um die alte Eiche Eicheln säte, wobei er etwas sang, was Ka nicht verstehen konnte. Als er keine Eicheln mehr hatte, öffnete Fungel einen Beutel und begann mit bloßen Händen etwas zu verstreuen und danach sprenkelte er Wasser aus einer Flasche darauf und hörte die ganze Zeit nicht auf zu murmeln. Das versetzte Ka in ziemliche Verwirrung, und es verstärkte noch die Sorgen, die er sich wegen Fungel machte. Eine Aussaat bei Mondschein war ja noch vernünftig, aber einen gemütlichen Abend und die wenigen Freunde, die dazu gehörten, deshalb im Stich zu lassen - sie nicht einmal um Beistand zu bitten oder um die Begleitung ihrer guten Gedanken bei Saat und Tat -, das nagte ganz einfach an Ka. Fungel ist in letzter Zeit zu oft alleine, dachte Ka, deshalb nimmt er Freundschaft so leicht. Ich sollte das wissen, denn ich bin selber viel alleine. Aber mich würde keiner ertappen, wie ich bei Mondschein tote Bäume pflege, wenn mir in meinem Wohnzimmer freundliche Hände heitere Musik spielen! Jetzt zog Fungel mit einem dürren Zweig Zeichen in die feuchte Erde. Ka schüttelte den Kopf. Richtig traurig ist das, dachte er. Fungel steht neben dem Baum. Barfuß. Die Zehen wie Wurzeln über der Erde, die das saubere Feuchte wittern. Verdreht, die Finger wie Zweige, die nach dem Monde greifen. Glatt, denn Fell und Borke umschmeichelt die nährende Luft. Seine Wurzeln in der Erde trinken Wasser, sein Fell im

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Winde trinkt Luft. Baum und Fungel, Fungel und Baum, Fleisch in Laub und Zeit verwandelt. Saft strömt wie Blut durch die Adern im Holz seines Leibes. Er hebt die verzweigten Finger der Hände und singt: »Molom, Molom, Vater der Bäume, Wächter des Windes, Sprachrohr des Windes, Herzgeist des Windes, enthülle dich meinen Augen, auf dass ich dich sehe, Molom, tritt herfür aus deinem Versteck. Erhebe dich, Baal Molom, Baal Molom, erhebe dich! Dich rufe ich an: Geist der Abendröte, Engel des Windes, uralter Alter, dich rufe ich an.« Der Vollmond hüllt den Alten Baum in seinen Schein. Der Wind schläft ein. Das Brandungsrauschen in Fungels Ohren ist ein träger Pulsschlag in seinem Geäder. Die Schlage seines Herzens: langsam, ganz langsam. Er spürt den metallenen Geschmack der Gefahr. Am Rande seines Bewusstseins beben gewaltige Kräfte - ein leichtes Rühren an die Säulen der Wirklichkeit und sie werden ihn verschlingen. Er aber ist Holz und Stein. Vor ihm ein Nachtfalter, Flügel, die langsam durch die Lüfte pflügen, dann stillstehen, wie erstarrt im Bernstein aus uralter Zeit. Fungels Herz schlägt einmal. Mondlicht, grellweiß, bleicht das Land zu Schnee, zeigt grausam Verfall von Zeit und Dasein. Laub schrumpft in Zweige, Zweige schrumpfen in Aste, in Stämme, in Eicheln, zu Samen. Glühwürmchen kriechen in Puppenhüllen, um unbekannt zu entkommen, als Wurm. Blüten vergehen zu Knospen, in Stiele, zu nichts. Fungels Herz schlagt abermals. Die Sterne: schwarze Löcher in glühender Luft. Sternbilder verschieben sich zu neuen ohne Namen, Sternenlicht, älter als die Augen von Mensch oder Zwerg. Kometen kreisen mit wachsen den Schweifen rückwärts um die Sonne. Milchstraßen verdichten sich, rasen zusammen in des Universums gefährliche Nähe. Der leuchtende Mond sinkt sanft. Sein Pockengesicht wird blank und silbern, derweil es den Himmel erfüllt, bis jeder Winkel in Fungels Geist von funkelndem Lichte erstrahlt. Sein Herzschlag setzt aus. Das Universum: ein Nichts aus schneeweißem Mondschein. Und schwarze Blitze durchzischen den Himmel. Um ihn herum schwere Tropfen und Regen, die die schlichte Landschaft enthüllen, in der Fungel sich findet - eine Lichtung mit grünem Gras, das einfach endet. Der Horizont ist weit entfernt, hundert Meilen und mehr in jegliche Richtung, wohin die Erde kreist in die endlose weiße Leere. Da gibt es keinen Wind, keinen Vogelgesang, kein Tier schreit und kein Käfer summt. Da ist nur die kleine Wiese, wie eine Bühne, begrenzt vom aufgeblähten Antlitz des Monds. Fungel wartet. Ka wusste nicht, was er machen sollte. Fungel schien mit einem verdammten Baum zu reden. Auf jeden Fall stand der kleine Waldzwerg auf der Lichtung unter ihm da, hatte die Hände in die Höhe gereckt und sang in einem bestimmten Rhythmus. Ka fing an auf dem kleinen Hügel gereizt hin und her zu rennen, wobei er sich nicht mehr darum kümmerte, ob ihn Fungel sah oder nicht. Was sollte er nur machen? Fungel musste den Verstand verloren haben! Ka und Fungel waren seit Ewigkeiten zusammen. Gnom und Waldzwerg waren zwei vollkommen verschiedene Geschöpfe, aber ihre Freundschaft hatte sie so zusammengeschmiedet, dass Unterschiede nichts mehr ausmachten. Einer nahm die Verschrobenheiten des anderen ohne Einwand hin - denn Ka war fest davon überzeugt, dass er fast so viele verrückte Eigenheiten hatte wie Fungel. Ka wusste genau, dass Fungel Umgang mit Baumgeistern hatte - genau genommen mit den Geistern aller Dinge in seinem Tal. Er hatte gesehen, wie Fungel an seinen Zaubersprüchen arbeitete und seine Zaubertränke braute - und wenn er sich recht erinnerte, so hatte er bei diesem oder jenem geholfen. Aber nun bei Vollmond Kreise in Dreck malen und vor toten Bäumen Gedichte säuseln, das war ein bisschen zu viel! Das war wie das komische Gequatsche, das die Quasselkoppe in der Tabakkneipe von sich gaben und worüber man vor Lachen schreien konnte. Aber hier handelte es sich um Fungel, und Ka hatte mit eigenen Augen... Nur: Fungel war nicht mehr da. Ka erstarrte mitten im Schritt. Wo eben noch die Lichtung ge­ weben war, lag nun ein genau abgezirkeltes reines Schwarz. Wie ein Loch, dort in die Welt gestanzt, wo Fungel gewesen war. Kein Baum, keine Lichtung und auch kein Fungel mehr. Ka setzte sich hin und umklammerte seine hornigen Knie. Also, dachte er, das ändert natürlich alles.

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In diesem Moment innerhalb eines Augenblicks steckt Fungel in einer Phase, losgelöst von Raum und Zeit. Draußen heulen befreite Furien und entfesselte Mächte, drinnen bereitet sich der Zwerg in seiner Zerbrechlichkeit auf eine Rolle in seinem kleinen Drama vor, das auf einer Bühne zwischen zwei Welten spielt. Schon wehen und weben silberne Fäden aus Licht vor ihm, als ob sie vom Monde hingen. Sie beginnen dichter zu werden, wie Nebel, wenn er in anderen Nebel wallt. Sie verflechten sich zu einem Stamm mit faserigen Enden wie Wurzeln am Boden und Zweige am Haupt, bis vor Fungel eine baumgleiche Gestalt, spindeldürr und skelettartig, vorm endlosen Himmel des Mondes entsteht. Sie sieht so aus, als ob etwas Lebendiges die Gestalt des Alten Baumes angenommen hätte, knorrig und knotig vom Kopf bis zu den Füßen. Dieser andere Alte Baum hat ein Pflanzengesicht, ein unendlich geduldiges Gesicht, weise und traurig von der langsam wachsenden Weisheit, die sich in Schichten auf die Baumgedanken legt, so wie die Ringe die Jahre zählen. Ein Wurzelbart rahmt dieses Gesicht, älter als irdische Erinnerungen, und die verzweigten Haare sind seine Krone. Molom. Sie schauen sich an diesem zeitlosen Ort ins Gesicht, Waldzwerg und Elementargeist, dicht wie die Karnickel zusammengedrängt. Der Zwerg fühlt in der Gegenwart des mächtigen Geistes Ehrfurcht und Scheu, aber auch eine ungeheure Befriedigung, weil ihm die Beschwörung richtig gelungen war. Und auch Furcht bei Moloms Erscheinen, denn ein Wort zu viel, und Fungel hätte Gestalten beschworen, die weitaus fürchterlicher waren. Fungel schaut Molom in die leeren Augenhöhlen und findet einen Funken Wiedererkennen, aber keinen Gruß. Man kann sich Molom nähern, aber man lernt ihn niemals kennen. Er denkt, aber er fällt kein Urteil. Er ist anders. Molom richtet seinen tiefen und leeren Blick auf die endlose Glätte des Mondes, die ihr Himmel ist. Wenn er spricht, knarrt seine Stimme wie Segelschiffe, die auf einer ruhigen Dünung tanzen. »Lieber Zwerg«, sagt er, »armer Zwerg.« Eine Zwergenhand hebt sich und deutet auf den silbernen Deckel des Himmels. Der riesige Schatten einer Eule flattert über den Mond. »Wisse«, sagt Molom, »dass Molom auf deine Welt lauscht, wenn er die Stimme des Windes hört. Die Mündungen der Flüsse bringen ihm ihren Geschmack. Die Eule schaut aus über das Land und ist mein Auge, das darüber steht. Um Beute gebracht, schläft sie in meinen Augen und erzählt mir ihre einfachen, hungrigen Träume.« Die dürre Hand senkt sich und Moloms einsamer Blick richtet sich auf Fungel. »Gleich dir, Zauberer, fliegt die Eule mit einem Flügel in deiner und einem in meiner Welt. Diese Eule habe ich dir als meinen Boten geschickt, aber -«, er seufzt tief, »sie ist nur ein launisches Luftschiff und leicht zu verstören, dennoch sind wir Freunde«, setzt er mit leiser Melancholie hinzu. »Du hast mir eine Botschaft geschickt, Großer Molom?«, fragt Fungel verlegen. »Ich habe es versucht, durch meinen Gesandten, die Eule. Ich kenne deine Versuche, mich zu beschwören, braver Zauberer, so wie ich mir auch der hoffnungslosen Lage meines Waldes und seiner Kinder bewusst bin, die dem schrecklichen Ansturm dieser nackten Affen widerstehen müssen, deren Hände klüger geworden sind als ihr Verstand. Aber es braut sich ein Krieg zusammen zwischen den Reichen der Schatten, und es war mir zu gefährlich, mich zu enthüllen.« »Krieg?« Fungel spürt einen kalten Hauch. Molom nickt langsam. Seine großen Arme breiten sich weit aus. »Ich habe diesen schwachen Ort außerhalb des Raums geschaffen, damit wir uns eine kurze Zeit außerhalb der Zeiten treffen können. Es ist gefährlich und ich kann nicht lang verweilen, aber es ist wichtig, dass wir zueinander kommen, ohne entdeckt zu werden. Unsere Welten kommen an einen Kreuzweg, Fungel, und der Weg, den du einschlägst, kann über das Schicksal beider entscheiden. « »Ich!« Fungel erschrickt. »Der Widerhall des noch schwebenden Kampfes wird auch in deiner Welt gespürt, Fungel, denn wie unten so oben. Der Wind, der Fluss, die Eule - ich lausche und schmecke und sehe das Land und weiß, dass es von Dämonen bedrängt wird. Und weil das Land in deinem Herzen liegt, kleiner Zwerg, weiß ich auch, dass du von dämonischen Träumen bestürmt wirst. Zuvorderst in deinem Geiste steht ein Wort, das ist der Schlüssel zu allem, was dich so sehr verstört und quält, dass du die Gefahr nicht scheust, mich zu rufen. Nicht wahr?« Fungel nickt. »Und das Wort, tapferer Zwerg?« »Baphomet«, flüstert Fungel. »Baphomet«, wiederholt Molom. »Ein altes Wort.« Er hält inne und in dieser Stille spürt Fungel ganze Weltgeschichten an Erinnerungen in dem unerforschlichen Geiste von Molom aufsteigen. »Du hast mich beschworen und du bist ein Zauberer«, fährt Molom fort, »du bist bewandert im überlieferten Wissen jenes versunkenen Landes, aus dem einst deine Vorfahren kamen.« War das eine Frage? Fungel sagt nur: »Ich weiß ein wenig über sie.« »Kennst du die Geschichte von dem dunklen Stein Baphomet, dem Stein, der eine Seele hat?«

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Fungel neigt den Kopf und erwidert: »Nur diese Sage, Großer Molom: Es war einmal ein Krieg in den Sternengefilden über der Erde. Es tobte eine große Schlacht um die Vorherrschaft der Kräfte des Lichtes und der Finsternis. Der dunkle Feind und sein rebellisches Gefolge wurden besiegt und aus den Sternengefilden getrieben. Während des Kampfes schlug ein Engel mit seinem Flam­ menschwert dem Tier die Krone ab, in welcher sich der lapis exilis - das Kronjuwel Baphomet, schwärzer als das Herz des Tieres, das ihn getragen hatte - befand. Vom Schwerthieb aus der Fassung gerissen, fiel der Stein durch die sieben Himmelsringe über den unermesslichen Abgrund, so wie der dunkle Feind, der nach ihm greifen wollte, bis der dunkle Kristall auf der Erde landete und wie eine hungrige Klinge in das verdammte Land meiner Ahnen fuhr.« Fungel zögert. So viel Kunde, so viele einander widersprechende Schriftrollen und Geschichten, die jenseits dieses Augenblicks weiterführen. »Danach ist vieles ungewiss. Ich weiß, dass der Stein von den Menschen, die dort lebten, gefunden und benutzt wurde, aber die Überlieferungen sind bruchstückhaft und dunkel, als ob man sich große Mühe gegeben hätte, die Erinnerung an jene Zeit zu verwischen.« Fungel schaut zu Molom empor. »Was ich sonst noch weiß, stammt aus Geschichten, die hoch geschätzt werden, aber verworren und widersprüchlich sind, sodass sich kein klares Bild formen kann.« »Das ist eine Legende aus der Zeit vor meiner Art«, erwidert Molom.. »keiner kann ihre Wahrheit bestätigen. Aber das spielt keine Rolle. Du hast das Wissen. Jetzt wirst du auch die Wahrheit haben ­ denn beides ist nicht immer ein- und dasselbe.« Damit streckt er einen Finger seiner Zweigenhand aus und zeichnet langsam einen Kreis zwischen sich und Fungel in die Luft. Sowie der Kreis vollendet ist, wird die Luft in seinem Inne ren vollkommen schwarz. Schon beginnen Bilder auf der Scheibe Gestalt anzunehmen, und Fungel schaut zu, wie sich eine vergessene Geschichte eines versunkenen Landes vor ihm entfaltet. Ka rutschte mit Hangen und Bangen den Hügel hinab. Das schlug wahrhaftig dem Fass die Krone ins Gesicht: in ein Loch zu laufen, das eben noch dein verrückter bester Freund gewesen war, der mit einem Baum geredet hat. Er blieb hinter einem Busch hocken und spähte dahinter hervor. Wo eben die Lichtung gewesen war, dehnte sich nun ein rundes Loch, so schwarz wie ein Tintenteich. Ich glaub, das ist der gespenstische Alte Baum, dachte Ka. Er war früher bei seinen Wühlereien schon einmal auf diesen Baum gestoßen, denn trotz seines alten verwitterten Stammes waren die Wurzeln des Alten Baumes fest und kräftig und tief. Neugierig geworden, hatte sich Ka einmal tiefer gebuddelt, um herauszubekommen, wie weit sie reichten. Das hatte er niemals erfahren, denn obwohl er den ganzen Tag senkrecht nach unten gegraben hatte, war er nicht auf das Ende der Wurzeln gestoßen, und schließlich hatte er erschöpft aufgegeben. Und Gift will ich nehmen, wenn diese seltsame grauliche alte Eule, die Fungel gestern Nacht reingelassen hat, nicht genau dieselbe ist, die in diesem seltsamen Baum haust! Oh, das ist ein schlechtes Zeichen, ganz bestimmt. Ka verfluchte Fungels Torheit und kam hinter seinem Busch hervorgekrochen. Das Herz schlug ihm im Halse, während er sich dem Rande des schwarzen Loches näherte. Da war überhaupt nichts zu sehen. Ka schaute dem Nichts ins Gesicht, das ihm so erschien, als ob der Tod Gestalt angenommen und diese Lichtung für sich beansprucht hätte. Zu Kas Füßen war das Gras säuberlich abgeschnitten, als wäre die Wiese mit einer großen Schere aus der Welt herausgeschnitten worden. Ka kauerte sich wie ein Mann aus der Vorzeit an den Rand der Welt. Und jetzt begann sein eigener Kampf mit den Dämonen: Sollte er Fungel folgen oder nicht? Die schwarze Scheibe in der Luft zwischen Fungel und Molom füllt sich mit dem Bild eines geschliffenen Kristalls, der aus der Erde ragt. Ein Mann kommt gegangen, stolpert darüber, wischt die Erde ab, beginnt dann mit beiden Händen zu wühlen. Er trägt das goldgesäumte Gewand eines weisen Zauberers. »Theverat«, ertönt Moloms Flüstern hinter der Scheibe in der Luft, »Ratgeber von Königen und Zaubermeister des Hohen Rats. « Der Stein liegt schließlich frei, ein länglicher Kristall mit rotem, kaltem Funkelglanz. Während Theverat ihn untersucht, blitzt von den geschliffenen Flächen ein Widerschein in seinen Augen. Er verbirgt den Kristall in den Falten seines Gewandes und eilt von dannen. Das Bild verwackelt und verschwimmt wie die Wasseroberfläche eines Sees, wird dann wieder glatt und zeigt den Palast des Zaubermeisters Theverat. Darin ist ein düsterer Raum, der von Sprüchen und Riegeln verrammelt ist, und in diesem Raum befindet sich Baphomet. Er glitzert und glänzt auf einem Piedestal, das

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mit Runen und Abwehrzeichen beschriftet ist. Tagelang sitzt der Zaubermeister Theverat vor dem Kristall und liest in alten Büchern. Er verbrennt Räucherwerk und schreitet in zeremoniellen Schritten hin und her, während er vor dem Stein seine Beschwörungen singt. Wieder verschwimmt die Szene, wird abermals klar und zeigt einen gewaltigen Marmortempel. Der düstere Kristall schlägt rhythmisch im Herzen dieses Tempels. Um ihn herum die Stadt, ein großartiges Zentrum von Handel und Forschung, unerschöpfliche Quelle von Licht und Energie, an die gewaltige Unternehmen unter einem Himmel angeschlossen sind, an dem es von flinken Flugmaschinen nur so wimmelt. Gewaltige Schiffe gleiten wie schnelle Delfine aus dem Hafen und wieder hinein, wo sich die schweren Ladungen von selber auf den Docks zu stapeln beginnen. Die Kraft, die alles antreibt, ist Baphomet, der große Edelstein. Tief unten in seiner Kammer sitzt Theverat und beschwört und studiert und ruft an. Sein Herz ist selbst so kalt und hart und hungrig geworden wie der Stein, der es angesteckt hat. Vor dem Hohen Rat der Könige und Ratgeber schwingt Theverat hochtrabende Reden über seine Pläne, auch die am meisten verborgenen Energiequellen des Steins anzuzapfen - und wird abgelehnt und entlassen. In der Nacht taucht Theverat vor dem mächtigen Stein im Marmorhof auf und er vollführt mit seinen Anhängern düstere Rituale. Das Herz des Steins schlägt im schwarzen Licht, und die Kraftströme, die von ihm ausgehen, werden ebenfalls dunkel und beben von gewalttätiger Kraft. Die Scheibe schlägt Wellen, und Fungel schaut voller Verzweiflung auf die Stadt in der Vorzeit. Aus dem Walde geraubt, den Verstand durch genetische Chirurgie verstärkt, schuften Zwerge in Ketten und unter der Knute eines Mannes, um einen neuen Tempel für den Stein zu erbauen. In den verschmutzten Straßen brüten Seuchen und Hunger. Die königlichen Flugmaschinen tragen nun das Siegel der Priester vom Schwarzen Kristall und steigen nur noch auf, um das furchtsame Volk zu überwachen. Auf seinem Thron aus Obsidian sitzt der neue König Theverat und brütet und plant den Aufstieg des Steins - und damit seinen eigenen. Er ist nur noch ein bleicher Schatten des guten Schama nen, der er einst war, und obgleich er noch die Gewänder des edlen Zaubermeisters trägt, ist sein Herz in ein dunkleres Kleid gehüllt. Er ist allein in seiner großen Kammer und er spielt mit der Erdkugel, fährt mit gierigen Fingern über die großen Länder. Sein eigenes Inselreich ist ihm zu klein für seinen Ehrgeiz und für Baphomet, den Stein. Er verlangt nach mehr. Ein letztes Mal nähert sich Theverat dem Stein in seinem Tempel. In frevelhaften Zeremonien versucht er die volle Energie von Baphomet als große und fürchterliche Waffe freizulassen, um die Herrschaft über die ganze Welt zu erringen. Theverat aber ist ein zu schwaches Gefäß, um diese unermessliche Kraft in Kanäle zu lenken und er wird bei seiner eigenen Entfesslungstat getötet. Ein Feuerball lässt das Land zerbersten. Der Ozean selbst weicht zurück. Entsetzt sieht Fungel die Zerstörung seiner ursprünglichen Heimat. Nur Stunden vor der Sintflut, die das Land verschlingt, fliehen die guten Zauberer, die Propheten und ihre Vertrauten, die Zwerge. Flüchten sich auf große Schilfboote, die vom Winde angetrieben werden und nicht von den schrecklichen Kräften, die so plötzlich die Welt verändert haben. Sie werden an alle Küsten zerstreut, nach Osten und Westen geblasen, nach Agypten und Americka. Die Wogen des Atlantiks schlagen über dem zerstörten Tempel von Baphomet zusammen - aber der Tempel ist leer, der Stein von seinem Piedestal verschwunden. Wieder wird die Scheibe vor Fungels Augen schwarz. Moloms Finger zeichnen ihren Umriss nach und die Scheibe verschwindet. Schweigend betrachtet Molom Fungel, während der Zwerg in sich hineinsinken lässt, was er sah. »Nun kennst du also die Wahrheit«, sagt der Elementargeist schließlich. Fungel fühlt sich innerlich beben vor Angst. Dies ist ein gewaltiges und dunkles Geschäft, größer und viel weiter wirkend als ein unnatürlicher Sturm oder der Einbruch eines Nachtgespenstes oder einer entführten Waldzwergin. Reicht auch weit über eine Fürsprache für das Parlament der Tiere hinaus. Er hat Molom gerufen und damit den Deckel von der schweren und schrecklichen Bürde des Wissens zurückgestoßen. Etwas in ihm wehrt sich: Nein, o nein. Ich bin zu klein, um dies zu ertragen. Aber der weise Zauberer, den er lange und mühsam in sich entwickelt hat, weiß die noch schwerere und schrecklichere Wahrheit: Der Deckel, der sich über dem Wissen öffnet, kann nie wieder zu geschlagen werden. Wie ein sehr viel weniger belasteter Waldzwerg noch vor ein paar Tagen gesagt hatte: »Hast du mit dem Wetter was, wirst du, wett ich, selber nass.« So bittet Fungel also um den Rest der Bürde, indem er Molom fragt: »Was ist aus dem Stein Baphomet geworden?« »Er wurde geraubt«, erwidert Molom, »während der großen, überstürzten Flucht aus dem untergehenden Land und er wurde mit vielen anderen Altertümern der Weisheit und der Macht ah

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nungslos nach Americka gebracht.« »Americka!«, ruft Fungel aus. »Der Stein ist hier?« »Eure Überlieferungen berichten von der großen Bücherei in der tiefsten Tiefe einer Bergeshohle, die all das gerettete Wissen und die Überreste aus dem versunkenen Land enthält.« Fungel nickt. Das gehört zu seinen größten Wünschen: die Lage dieser legendären Bücherei zu entdecken. All die ursprünglichen Bücher, all das verlorene Wissen der alten Schriftrollen sollen sich dort befinden, eine Million Schlüssel, die nur darauf warten, eine Million geheimer Türen zu öffnen. Der Traum eines Lebens - von tausend Leben! »Die Bücherei ist nur ein Bruchstück des großen Schatzes, der dort von den sterbenden Zaubermeistern aufbewahrt wurde«, fährt Molom fort, »der Stein wurde dort von ihren Dienern, den Zwergen, niedergelegt, die viel vom Wissen ihrer Meister aufgenommen haben.« Fungel macht ein niedergeschlagenes Gesicht. »Sie haben die Höhlen mit starken Sprüchen versehen«, fährt Molom fort, »und sie blieben dort im Lande, während die Zaubermeister, von Krankheit befallen und von der Reise geschwächt, weiter nach Süden wanderten, auf der Suche nach einem milden Klima, in dem sie es aushalten konnten. Die zurückgelassenen treuen Zwerge jedoch - deine frühesten Vorfahren in Americka - hörten nie wieder etwas von den Zaubermeistern, deren weiteres Geschick unbekannt ist, obgleich es im südlichen Americka überall steinerne Zeichen von ihnen gibt.« »Und Baphomet?«, fragte Fungel. »Der Stein blieb mit den Büchern und anderen Überresten in der Höhle versiegelt. Weil die großen Zaubermeister niemals aus dem Exil zurückkehrten, schwand im Lauf der Generationen die Fähig keit deiner Leute, Fungel, denn wenn auch ein zauberkundiges Geschlecht, so waren sie doch nur Lehrlinge jener Weisen, wegen derer Erbschaft sie zurückgeblieben waren, und die sie hüten wollten. Die Waldzwerge verbreiteten sich über das ganze Gebirge und gaben viele Geschichten vom versunkenen Land und der großen Flucht von einer Generation zur nächsten weiter. Unglücklicher­ weise wurden die Geschichten im Lauf der Jahre verwässert, es entstand ein Durcheinander aus Sage und Wissen und die geheime Höhle wurde den Sagen zugerechnet. Ihre Lage ist auf keiner Landkarte verzeichnet, durch keine Rune überliefert und durch keine andere Kunde. Und der einzige Punkt auf der ganzen Welt, der auf die Lage hinweist, ist eine Steinsäule, ganz versteckt beim Tumulus, dem Berg der Toten. Auf diesem Steinmal stehen Runen, aber nur der richtige Zauber entschlüsselt ihren Sinn. « Das Licht wird matter und wieder hell, während der Schatten der Eule über den Mond flattert. »Das ist die Geschichte«, sagt Molom, »unverändert seit Ewigkeiten - bis jetzt.« »Und was hat sich geändert?«, fragt Fungel, nicht ganz sicher, ob er es wirklich wissen will. »Ein unnatürlicher Sturm, der Einbruch eines Nachtmahrs, die Entführung eines Zwerges«, singt Molom, »der Geist des Zaubermeisters Theverat ist frei in deinem Land.« »Theverat! Aber ich habe doch gesehen, wie er in derselben Sintflut, die er verursacht hat, untergegangen ist!« »In Fleisch und Blut«, stimmt Molom zu, »aber sein Geist, entstellt und gestärkt durch die verzehrende Macht von Baphomet, betrat das Land als Wiedergänger. Jetzt ist er ein Dämon gewor den, hat sich von jenem verruchten Orte wieder erhoben und ist besessen von dem Wunsch, den Stein zu finden und seine Kräfte zu entfesseln.« »Aber warum jetzt?«, fragt Fungel verwundert. »Er hat zehntausend Jahre gehabt, in denen er die ganze Welt durchsuchen konnte. Warum taucht er jetzt in meinem Tale auf?« Als Antwort greift Molom tief in eine Spalte seines alten Leibes und zieht einen hölzernen Gegenstand heraus, den er Fungel reicht. Fungel dreht und wendet das schlanke, geschwungene Stück Holz in den Händen. Es fühlt sich sehr alt an und kommt ihm irgendwie bekannt vor. »Während Baphomet dem Blick und der Erinnerung verschlossen im Herzen der Berghöhle lag, konnte den Stein keiner finden«, fährt Molom fort, »aber es hat sich etwas verändert, die Welt selbst. Die Erde gehört jetzt den nackten Affen. Im Lauf ihrer Geschichte haben sie sie nach ihrem Gefallen geändert, ohne auch nur einen Gedanken an die Folgen und Wirkungen zu verschwenden. Sie haben vergessen, die Welt als einen Ort zu betrachten, den sie mit vielen teilen müssen. Sie begreifen die Erde nicht mehr als kunstvolles Gewebe mit so fest verflochtenen Fäden, dass man keinen entfernen kann, ohne die anderen zu stören. Es ist, als ob sie sich gegen Arkadien, den Garten von einst, verschworen hätten. Und sie haben uns verraten, Fungel, sie stehen im Krieg mit uns. Oh, wie ich sie hasse!« Die Höhlen seiner Augen ziehen sich zusammen. »Die Menschlinge sind unbarmherzig und verheerend rücksichtslos und ihre Raubzüge finden im ganzen Gewebe des Daseins einen Widerhall. Theverat, der merkt, wie

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blindlings die Menschlinge seine Arbeit verrichten, ist aufgewacht, um die Sache selbst in die Hand zu nehmen.« Molom hält eine verwitterte Hand in die Höhe. »Aber auch ich fühle diesen Widerhall. Ich weiß, dass der Stein bald ans Licht gebracht werden wird. Ich weiß, dass Theverat ihn verzweifelt sucht.« Die Hand senkt sich wieder. »Er sucht sich Waldzwerge aus, weil sie die Hüter des Steins waren und ihm einen Hinweis geben können, wo er zu finden ist. Aber entwest, wie er wurde, kann er nicht mehr durch das Leben auf der sonnigen Erde reden und hören und sich bewegen. Er muss deshalb seine Kreaturen ins Tageslicht schicken, damit sie für ihn die Arbeit tun. Giblins, Zwerge, Hausgeister aus dem Reich der Schatten. Die Nacht jedoch ist Theverats Element, und wenn er gerufen wird oder durch Zauber und Ahnliches Einlass gewinnt, dann schweift er frei darin umher.« Molom ballt beide Hände zu hölzernen Fäusten. »Genau die Charaktereigenschaften, die die Menschlinge dazu brachten, ihren Krieg gegen den Garten von einst zu führen, haben sie fast dazu gebracht, Baphomet wieder in die Welt zu holen.« Molom deutet auf das geschwungene Stück Holz in Fungels Hand. »Das ist ein Bein des Piedestals, auf dem einst Baphomet, der Kristall, zu liegen pflegte.« Fungel kommt es plötzlich so vor, als habe er einen Zweig aufgehoben und dann entdeckt, dass es eine Giftschlange ist. »Dass dieser Gegenstand aus der Erde aufgetaucht ist«, fährt Molom fort, »lässt Theverat vermuten, dass Baphomets Zeit anbricht. Das Ding ist von Menschenbaggern ausgegraben worden - Waffen in ihrem Krieg - und von einem Waldgeist namens Rosskopf gefunden worden, der glücklicherweise einer meiner Verbündeten ist. Er fand es dicht beim Fuße eines Berges, keine drei Tagesreisen von deinem Tale entfernt.« Ka unterbrach seinen vorsichtigen Weg um das schwarze Loch herum. Hatte er etwas vernommen? Hatte ein Zweig geknackt, hatte Laub geraschelt - hatte er einen Schritt gehört? Er hielt den Atem an und schloss die Augen, um besser lauschen zu können. Nichts. Ein Jammer, dass Fungel nicht da war. Wenn er auch schlechter als eine Schildkröte sah, so konnte er doch eine Kerze riechen, die in der Sonne brannte! Als kein weiteres Geräusch erklang, nahm Ka seinen Weg am Rande der Schwärze wieder auf, prüfte, ob es eine Möglichkeit gab, anders als wie ein Fuchs in dieses Loch zu schlüpfen. Das nämlich ähnelte ihm zu sehr einem tollkühnen Sprung von den Klippen. Er hatte schon vorsichtig eine Hand ausgestreckt, und während seine Finger ins Nichts stießen, spürte er, dass der Rand dort, wo die Schwärze begann, so kalt war, dass ihm das Mark in den Knochen erstarrte. Schleunigst riss er den Arm zurück und schlug ihn sich an die Seite, um wieder Gefühl in die Finger zu bekommen. Nee, danke schön, das war wohl nichts. Wieder blieb er stehen. Diesmal war es kein Laut, sondern ein Geruch - den er auch erkannt hätte, wenn seine Nasenlöcher mit Lumpen verstopft und mit Wachs versiegelt gewesen wären. Giblins! Ganz in der Nähe und überall um ihn herum, nach dem wachsenden Gestank zu schließen. Und ich schleiche auf Zehenspitzen um eine dicke Blase aus Garnichts herum und hab nicht mal einen Stein bei der Hand. Oh, Fungel! Wenn wir das überleben, dann könnt ich mich selber umbringen! Er schaute sich um. Wo soll ich denn hin? Mein Loch ist da drüben auf dem Hügel, verflixt. Gebüsch ­ zu weit weg und auch kaum ein Schutz. Kein Platz zum Buddeln, außer ­ Außer dem schwarzen Nichts vor seiner Nase. Oh, der Gedanke, der sich wie eine Blüte in seinem Hirn entfaltete, behagte ihm ganz und gar nicht. Aber was soll's, dachte Ka, vor mir Teufel und hinter mir Teufel, da kann ich genauso gut springen. Er holte tief Luft und bereitete sich auf den Sprung ins Schwarze vor. Das Mondlicht flackert. Fungel schaut auf und sieht, dass sich schwarze Risse über das Antlitz des Himmels ziehen. »Kleiner Waldzwerg«, sagt Molom, »dein Wille, der diesen schwachen Ort, an dem wir uns treffen, geschaffen hat, wird müde, so kann ich dir nur das Wissen vermitteln, das dir bei dei ner Mission helfen wird, und dann müssen wir wieder in unsere eigenen Reiche zurückkehren.« »Meine Mission?«, fragt Fungel. Ein alter verkrüppelter Finger deutet auf ihn. »Du musst das versteckte Steinmal beim Tumulus der Toten suchen und seinen Zauber lösen, damit du die verlorene Bücherei deines Volkes fin dest. Du musst den Stein Baphomet finden, eh ihn die Menschlinge entdecken, und ganz bestimmt vor Theverat. « »Aber... aber -« »Baphomet wäre die letzte und äußerste Waffe im Arsenal der Menschlinge, Fungel, denn die Geschichte der nackten Affen er­

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zählt immer wieder, dass sie mit ihren Händen zerstören, eh sie mit ihren Köpfen begreifen. Wenn die nackten Affen den Stein finden, werden sie die Erde zerstören, aus Versehen oder mit Absicht.« Molom seufzt. »Wenn sie sich nur selber zum Verschwinden brächten, ohne die anderen zu beeinträchtigen, würde ich das als Sieg bezeichnen. Die Waldleute würden auf ihren Gräbern tanzen und kein einziges Tier würde seine Trauer zum Mond hinaufheulen, wenn es sie nicht mehr gäbe.« Er schaut kummervoll zum Himmel. »Die Arbeit von zahllosen Jahrhunderten in den Regenwäldern würde nicht mehr innerhalb von Stunden vernichtet werden; die steinernen Wogen der Berge, in Aonen gefaltet, würden nicht mehr geschliffen und gesprengt, damit ihre Häuser ihnen einen besseren Ausblick bieten über das Land, das fortgeschaufelt und mit Steinen zugeschüttet worden ist, um Platz für diese kummerlichen Behausungen zu machen« - Faust aus Zweigenfingern -, »die nach nichts aussehen, wie die ganze Welt um sie her, als wollten sie verkünden: Hier sind wir! Die nackten Affen! Und wenn ihr gescheit seid, so haltet ihr euch von uns fern! Reißt euch am Riemen, haltet die Klappe, vielleicht findet ihr ja noch eine Nische in unserer Welt, wo ihr in unserem Müll hausen könnt.« Fungel erschrickt vor Moloms Leidenschaft. »Wenn aber Theverat den Stein findet, wird alles nur noch schlimmer«, fährt Molom fort, »denn er war Baphomets letzter Herr und Meister, und er wird ihn mit einer bösartigen Genauig keit lenken und leiten können, die kein Mensch übertrifft. Er wird die Welt und alles andere in Besitz nehmen und unterwerfen. Mensch und Zwerg werden sich unter seiner Knute ducken massen. Dein Angsttraum war eine Vision, kleiner Waldzwerg - eine Vision von der Welt unter Theverat. Du musst den Stein entdecken, Fungel!« Fungel starrt ihn erstaunt an. »Aber, aber, ich will das gar nicht!«, platzt er heraus. »Und du wirst ihn nicht besitzen«, erwidert Molom, »denn du bist nicht stark genug, um ihn handhaben zu können oder zu zerstören. Vor mir aber ist der Stein verborgen und von diesen Bereichen aus kann ich ihn nicht suchen. Theverat wütet durch die un­ sichtbaren Gefilde, und meine Bemühungen, Baphomet zu suchen, würden ihn nur anstacheln. Nein, du musst ihn suchen, kleiner Zauberer. Wie der Wind, wie der Fluss, wie die Eule wirst du meine Augen und Ohren in der Welt sein, während ich meine Kräfte nutze, um mich Theverat in den Weg zu stellen. Such den Stein, Fungel, und dann ruf mich wieder, dann werde ich ihn zerstören. Und dabei halten wir auch noch die Menschlinge bei ihrem Raubzug durch den Garten auf und besiegen den Dämon Theverat in meiner Welt und in eurer.« Moloms ausgebreitete Äste und Wurzeln werden neblig, glühen auf und vergehen, wie sie entstanden. »Bei dieser Mission kann dir keiner aus meiner Welt helfen, kluger Zauberer.« Das leuchtende Geflecht von Moloms Zweigen und Wurzeln beginnt seinen Stamm so aufzulösen, als sei es ein Garnknäuel von der Farbe des flackernden Mondes, das aufgewickelt wird. Nur wenig bleibt von Molom übrig. Seine Stimme kommt aus dem aufsteigenden Nebel. »Guter Zauberer, halte dein Wissen bereit und dein Herz rein, denn das ist jetzt deine einzige Rüstung.« Das Gras zu Fungels Füßen wird braun und verwelkt. »Meine guten Wünsche dir und deiner Aufgabe«, kommt der letzte schwache Hauch von Moloms Stimme, »denn der Preis einer Tat ist oft ihr einziger Geselle. Lieber Zwerg. Armer Zwerg.« Und weg ist er. Ein ruhiges Zwischenspiel auf dieser Bühne zwischen den Welten. Fungels Herz beginnt wieder zu schlagen. Alles um ihn herum ist in Fetzen - Himmel des Mondes und Flecken von Gras, sie zerfallen, während die Kräfte, die von Fungels schwindender Energie zusammengehalten werden, die zer brechliche Kugel seines Willens nicht mehr halten können. Der Mond wich zurück, bekam wieder seine Pockennarben, bis er an seinem alten Platz am Himmel stand. Der knorrige Baum, ein Schattenriss davor, Fungels Bündel an seinen Stamm gelehnt. Fungel fühlte sich erschöpft. Die Beschwörung hatte das letzte bisschen von der Energie gekostet, die er so sorgfältig vorbereitet und aufgebaut hatte. Heim, dachte er, in ein warmes Bett fallen und kein Gedanke mehr an Steine und Dämonen, bis ich wieder aufgewacht bin. Bevor er aber an Heimkehr denken konnte, musste er seine Kräfte und seine Gedanken wieder sammeln. Seine körperliche Rückkehr in die Welt war nur ein Teil dieses Vorgangs; er musste auch die geistige Reise zu Ende führen. So blieb er in Meditationsstellung sitzen und atmete tief, um sich wieder mit Fungel zu füllen, mit seinem eigenen Ich. Er war so tief in Meditation versunken, dass er überhaupt nicht merkte, welche Rachegötter sich auf ihn zubewegten. Denn quer über die Lichtung kam Karbol Erdenwurm linkisch und ungelenk angetrampelt, dicht hinter ihm die wilde Jagd der Giblins.

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Überstürzte Flucht

Was in Dreiteufelsnamen macht Fungel denn da?, dachte Ka, während er wie wahnsinnig auf seinen Freund zuwankte. Denn Fungel saß so stocksteif wie ein Zwilling des Alten Baumes da und starrte mit leerem Blick auf Ka und die Giblins, die hinter ihm her gepoltert kamen. Die Giblins waren Ka jetzt dicht auf den Fersen. Seine Füße klatschten wie Flundern, denn ein Zwerg wie er auf ebener Erde ist wirklich wie ein Fisch ohne Wasser. Fungel zwinkerte nicht einmal. Saß nur da und hielt so etwas Ahnliches wie ein Stuhlbein in der Hand. Ka spürte die plötzliche Zuversicht in sich aufsteigen, dass Fungel schon einen kräftigen Zauberspruch ausklamüsern würde, um die Welt ein für alle Mal von diesem Kroppzeug, diesen verflixten Giblins zu befreien. Und dann aber sauber drauf auf den Dreck! »Gib's ihnen, Fungel! «, krächzte Ka und grinste, während er näher kam. »Zeig's ihnen! « Fungels Lider flatterten, öffneten sich, zeigten aber nur das Weiße seiner Augen, und Ka merkte, dass sich der Zwerg immer noch auf der Rückreise aus dem Unbekannten befand. Fungel hatte keine Ahnung, dass sein Freund auf ihn zustolperte und dass ein geiferndes Rudel Fieslinge dicht hinter ihm herheulte und -hechelte. Von dort oben ertönte ein gellendes Kreischen. Fungel schüttelte den Kopf und plinkerte verzweifelt. Ka machte sich bereit, Fungel zu packen und über die Schulter zu werfen, obgleich er genau wusste, dass durch diese Verzögerung die Giblins wie eine Welle über ihnen zusammenschlagen würden. Ein Wurfgeschoss, eine Bierflasche, zischte an seinem Ohr vorbei und verspritzte ihren Schaum aus dem abgebissenen Hals. Und schon folgten ihr ein Hagel schwerer Knochen von verschiedenen Tieren und ein Topfdeckel. »Urk«, machte Ka. Fungel rappelte sich auf und versuchte sich auf den Beinen zu halten. Sein Körper war wieder in dieser Welt, sein Geist hatte ihn aber noch nicht eingeholt und seine Glieder schlackerten und schlotterten wie bei einem neugeborenen Lamm. Alles in allem bot er einen jämmerlichen Anblick, das Gesicht ganz runzlig, eingefallen und bleich wie ein Bettlaken. Um so schlimmer für Ka, der sich Fungel auf den Rücken packen und versuchen musste, der blutrünstigen Giblintruppe zu entkommen. Aber Freundschaft ist Freundschaft und Ka bückte sich. Da aber spürte er einen Luftzug über dem Kopf, und als er aufblickte, sah er eine bekrallte Gestalt, wie ein lebendiges Stück Nacht, das direkt auf die johlende Schar der Giblins zuhuschte. Eine Eule. Keine Zeit für Fragen: Ka beugte sich vor und packte Fungel. Puh! Mochte er auch klein sein, eine Flaumfeder war er nicht! Also, du und ich, wir stammen ja von Affen ab, die in den Bäumen zu hausen pflegen, und wenn uns die Panik packt, wacht wieder der alte Affe in unserm Schädel auf und will hinauf und ins Sichere klettern. Zwerge aber sind ganz anders. Sie sind so wenig mit den Affen verwandt wie Runkelrüben mit einer Kuckucksuhr. Und wenn einen Zwerg die Panik packt, dann hält er sich wie die Runkelrübe an die Erde. Mit Fungel auf dem Rücken stampfte Ka von der Lichtung, aber keinen Schritt weiter. Fungels Insel war durch Kas häufige Besuche vollkommen durchbohrt und Ka brauchte nur einen dieser Gänge anzuzapfen. Er begann zu schaufeln. Wenn man ihm zuschaute, merkte man voll Bewunderung, dass es nur wenige Geschöpfe auf Erden gibt, die so begabte und gute Graber sind wie die Gnome. Von der Lichtung erscholl das Schuhu der Eule und das Geschrei der Giblins. Ka zerrte Fungel hinter sich her in das Loch und buddelte so hastig, dass die Erde wie Wasser über ihnen nachrieselte. Schneller als Worte sind, hatte Ka den Zugang zu einem seiner alten Tunnel hergestellt und schleppte und zog Fungel zu dem einstmals so sicheren Hafen seines Heims. Ka klappte den Teppich zurück und purzelte in Fungels Wohnzimmer. Emma legte die Giblinpuppe beiseite, an der sie arbeitete, reichte Ka eine Hand und half ihm dann, Fungel aus dem Tunnel zu wuchten. Ohne viel Umstände schafften sie den benommenen und verwirrten Waldzwerg schleunigst ins Bett, und Ka schaute neugierig zu, wie Emma vom Regal mit den Heilmitteln über dem Kopfende von Fungels Bett eine Mischung aus Kamillenextrakt und Holzapfelsaft verquirlte. »Das ist wirklich ein kluger Zaubermeister«, bemerkte Ka, wobei er auf die Phiolen mit Tränken und Tinkturen deutete, »hast du Medizin im Haus, breitet sich kein Wehweh aus.« Emma machte mit der dampfenden Phiole, in der sie die Mischung erhitzt hatte, ein Zeichen über Fungels Kopf. »Pah«, sagte sie, ohne Ka anzublicken, »Aberglaube, Zwerge sind eine aber gläubische Rotte.«

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Emmas Unverblümtheit stieß Ka immer etwas ab - vielleicht weil er selber so grob und poltrig war -, aber er wusste, dass diese zu ihrem Wesen gehörte und versuchte sich davon nicht abschrecken zu lassen. Ka musterte Fungel, der immer noch nicht bei sich war und das geschwungene Stück Holz umklammert hielt ­ ununterbrochen, seitdem sich die Kugel aus Nichts wieder in die Lichtung verwandelt hatte. Emma hatte versucht es Fungel abzunehmen, aber als sie mit der Hand daran kam, fuhr sie zurück,
als ob sie gebissen worden wäre.
»Also«, schnaufte sie, »das ist ja höchst merkwürdig.« Fungel wollte es jedenfalls, auch wenn er
bewusstlos war, nicht loslassen. »Was ist denn mit Fungel los?«, wollte Ka wissen. »Ich bin zu ihm
hin, das Kriegsgeschrei von diesen Fieslingen dicht auf der Pelle, und er - ganz seelenruhig, wie beim
Picknick!«
Emma hielt die Phiole vor Fungels blasses Antlitz. Die dicken weißen Schwaden stiegen dem
schlummernden Zwerg bei jedem Atemzug in die Nasenlöcher. »Oh, er kommt schon in Ordnung«,
antwortete Emma. Fungel hustete, als ob er den Tod im Leibe hätte. »Das seh ich auch«, bemerkte
Ka.
Aber im gleichen Augenblick begann Fungel wieder Farbe anzunehmen. »Das ist die Beschwörung«,
sagte Emma, »die saugt einem das Mark aus den Knochen wie in einem Stundenglas.«
Ka grinste, weil ihm der Klatsch über Emma in der Tabakkneipe einfiel, und begann sie dann zu
fragen, woher sie eigentlich wusste, was eine Beschwörung jemandem antat - aber Emma richtete
sich neben dem Bett auf und stieß einen Pfropfen in die Phiole. Auf ihrer Schulter saß eine zerzauste
Eule. »Grk! «, stieß Ka wie erstickt aus.
»Wieso? Was ist denn jetzt mit dir los?«, erkundigte sich Emma. »Wa, wi, wo kommt die denn her?«,
stieß er mühsam hervor und deutete auf die Eule.
Emma warf der Eule einen Blick zu, als ob es die selbstverständlichste Sache der Welt wäre, dass
diese auf ihrer Schulter saß. Dann schaute sie wieder Ka an, so verwundert, als ob Ka auf ihren
eigenen Köpf gezeigt und gefragt hätte: »Was ist denn das?« »Vermutlich aus einem Ei«, erwiderte
sie.
»Eulen«, sagte Ka und sprach das Wort wie einen ganzen Satz aus, »alte Gespenstervögel!«
»Dann muss ich dir sagen, dass dieser alte Gespenstervögel der Grund ist, warum du heute Abend
bei uns bist und nicht als Festbraten auf dem Tisch von den Giblins und deren entzückenden kleinen
Sprösslingen!« Sie streichelte die Nackenfeder der Eule mit einem Finger.
Ka warf der Eule einen zweifelnden Blick zu. »Na ja - aber warum sieht sie so zerstrubbelt und
zerfleddert aus? Ist sie in der Mauser?«
Emma klang noch etwas strenger. »Sie hat offensichtlich eine kleine Auseinandersetzung mit einigen
Giblins gehabt«, sagte sie, »ganz im Gegensatz zu gewissen anderen, die Reißaus genommen
haben und im Karnickelloch verschwunden sind.«
»Ich hab nicht Reißaus genommen! Ich hab Fungel vor den Giblins gerettet!« Ka kniff die Augen zu
und betrachtete die Eule misstrauisch. »Sag mal, wer hat dir das eigentlich erzählt?«, fragte er.
Emma schaute die Eule nur an, und dann nahm ihr Gesicht einen so duldenden Ausdruck an, dass
Ka ganz genau wusste, mehr als sie schön gesagt hatte, würde sie nicht von sich geben. »Am besten
lassen wir Fungel jetzt schlafen«, sagte sie, »und sehen, was wir für dich tun können.«
Ka hatte nichts dagegen, aus Fungels Schlafzimmer geführt und in Fungels Küche von Fungels
Vorräten den Hunger gestillt zu bekommen.
Keine Plaudertasche, die alte Emma!
Fest umklammert von der schlafenden Hand des Zwergenzauberers: uralte Zellen von totem grauem
Holz. Handgeschnitzt von einem Magier, abgestorben unterdes im Leibe, doch mit schweifender,
greifender Seele. Kunsthandwerker und Werkstück: dem Leben entrissen, verseucht durch die
Bindung an eine düstere Macht jenseits von Geist und Materie. Uralte Zellen von totem grauem Holz.
Relikte.
Blitzableiter. Leuchtfeuer.
Zerfetzt und verwundet unter der Furie des Vollmondes, hielten vier Giblins auf Verfolgungsjagd wie
ein Mann an. Sie standen wie die Statuen eines Alptraums im farblosen Forst, Schnauzen hoch­
gereckt und Nüstern weit offen.
Iiiiirgendwas ...
Ratte bewegte nur die schwarzen Augen, um zu Stachelschwein zu blicken.
Krumm und stachlig, mit aus dem Kopf gequollenen Augen, grinste Stachelschwein lüstern. Mondlicht
glitzerte kalt in seinen Wahnsinnsaugen.
Ihre Führerin, die einer verhungerten Fähe glich, sog schnuppernd die Luft ein. Die Spitze ihrer
Schnauze bebte. Sie schloss die Augen.

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... iiiiirgendwas.
Sie öffnete den Mund. »Runter!«, hauchte sie.
Die Füchsin verstärkte ihren Griff um die Beute: Oh, die Jagd, die Jagd, ich liebe die Jagd! Verfolge
sie, schnapp sie, stopf sie in den Beutel! Kitzle sie den ganzen Heimweg lang mit deinen Zähnen,
dass sie Weh! Weh! Weh! winseln. Aber mehr als das lieb ich -?
Die vier Giblins erstarrten wie gut abgerichtete Jagdhunde und spähten alle in die gleiche Richtung.
- sie aufzustöbern.
»Jagt sie!«, befahl sie und deutete mit einer hornigen, krummen
Kralle auf eine Insel, die mitten im mondbeschienenen See lag wie eine Pupille im Auge.
Die Giblins warfen die Köpfe zum Mond und heulten in seligem Missklang, und das war ein so
grauenhaft siegessicherer Schrei, dass er ein ängstliches Herz schon erstarren lassen konnte.
Fungels Puls schlug schneller.
Er keuchte und setzte sich im Bett auf.
Sein Geist war noch benommen und taub von dem abklingenden Traum eines wilden Schreis.
Etwas versuchte sich aus seinem Griff zu lösen.
Erschrocken blickte er hinab und sah, dass er nur ein Stück Holz in der Hand hielt. Nur ein
geschnitztes Bein. . .
... vom Piedestal, auf dem Baphomet in Theverats Versteck gelegen hat, vor Aonen, auf einem
Erdteil, der nun im schlammigen Bett des Meeres versunken lag.
Erinnerung strömte zurück: wie er Molom beschwor; wie er von dem Kristall Baphomet und seiner
unauflöslichen Bindung an das Geschick von Atlantis erfuhr; wie Theverat nach Zwergen suchte, um
den Stein in seiner alten versteckten Höhle zu finden; wie die Welt in dem Dunkel eines Alptraums
versank, wenn der Kristall ans Licht kam.
Und wie sein Auftrag lautete:
Du musst die versteckte Steinsäule beim Berg der Toten suchen und seinen Zauber lösen, um die
verlorene Bücherei deines Volkes zu finden. Du musst den Stein Baphomet vor den Menschlingen
entdecken und ganz gewiss vor Theverat. Such den Stein, Fungel, dann ruf mich wieder an, und ich
werde ihn zerstören. Wenn wir das tun, halten wir auch die Menschlinge bei der Plünderung des
Gartens auf und besiegen den Dämon Theverat in meiner und in deiner Welt.
»Wenn er besiegt werden kann«, murmelte Fungel in seinem Bett vor sich hin.
Um darauf die Antwort zu finden, gibt's nur einen Weg, Fungel, mein
alter Junge, und der besteht bestimmt nicht darin, dass du zu Hause in deinem Bett herumsitzt.
Er warf die Decken zurück und stand auf. War's erst zwei Nächte her, dass er aus einem Traum in
dieses seltsame Bett gefallen war? Oh, wie sich die Lebensjahre in ein paar ungebärdigen Sekunden
ändern können!
Er hielt inne. Aus einem Traum gefallen... Was, wenn das Ganze - Molom, Giblins und ein alter
unheilvoller Kristall - nichts als eine Serie schlimmer Träume war, das Ergebnis zu üppiger Mahl
zeiten? Seit dem Fest der Tagundnachtgleiche, das stimmte schon, hatte ihm der Schädel gebrummt
und Bauchgrimmen hatte er auch. Konnte alles nur in der letzten Nacht in seinem Kopfe statt­
gefunden haben?
Das geschwungene Bein krümmte sich in seiner Hand.
Emma und Ka befanden sich im Wohnzimmer. Ka fegte den Boden und hielt Selbstgespräche,
während ihm Emma zuschaute. Ihre Haltung war streng und aufrecht, aber weil Ka den Kopf hängen
ließ, konnte er nicht sehen, dass Emma freundlich lachelte.
Das Lächeln verschwand, als sie Fungel sah, der sie von der Tür aus betrachtete.
»Fungel Fuchswitz, du gehst auf der Stelle wieder ins Bett!« Sie ging auf ihn zu. »Keine Zeit, Emma«,
antwortete Fungel, »muss nach Norden, je eher desto besser.«
Emma stützte ihre Hände in die Hüften. »Du willst es mir wohl leicht machen, unangefochtene Hüterin
dieses Landes zu sein, oder?«
Es war das erste Mal, dass dieser alte Sippenstreit offen von einem von beiden erwähnt wurde, und
Fungel fühlte sich peinlich berührt. Sein Gesicht wurde heiß.
»Du bist noch nicht erholt!«, beharrte Emma. »Du kommst keine drei Schritt weit, dann kippst du
einfach um!«
»Hab sowieso keine Zeit zum Laufen«, sagte er.
»Dann willst du wohl fliegen?«, erkundigte sich Ka, auf den Besen gestützt.
Fungel nickte ernsthaft und Ka und Emma wechselten einen Blick.
»Tja«, bemerkte Ka, »das ist ein toller Tag!«
»Molom hat mich mit einem Auftrag betraut«, fuhr Fungel fort. Er hielt ihnen das geschnitzte Holzbein
hin. »Und dies hier sagt mir, dass dunkle Gestalten durch die Nacht lungern, um mich zu finden. Um
uns zu finden.«

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Der Überrest von Baphomets Piedestal wand sich vor ihren Augen langsam wie der abgebrochene Schwanz einer Eidechse. Während Fungel in seinem Wurzelwinkel den Lunavogel für den Start vorbereitete, beharrte Emma darauf, ihn auf seiner Reise nach Norden zu begleiten, um den Berg der Toten zu entdecken und die Steinsäule, die das Geheimnis von Baphomets Lage enthielt. Obwohl es ebenso gefährlich war, sich mit Emma über die Gefahr einer Reise zu streiten wie über diese selbst, bestand Fungel darauf, sein Auftrag sei so gefährlich, dass er ihn allein erledigen müsse. Er sagte Emma, er wolle sie zu Ka bringen, wo sich der Gnom bis zu seiner Rückkehr um sie kümmern könne, und ansonsten wolle er kein Wort mehr hören. Emma war ganz offensichtlich über diese Entscheidung nicht glücklich, aber Fungel etwas auszureden war genauso, als ob man das Gesetz der Schwerkraft auf den Kopf stellen wollte. Sie konnten Fungel also nur helfen, die Bücher und die Schriftrollen und die brüchigen alten Landkarten zusammenzutragen. Ka hörte oben mit dem Fegen auf und kam ebenfalls zur Hilfe hi­ nunter. Er und Emma hasteten in dem voll geräumten Raum umher und suchten alle Einzelheiten zusammen, nach denen Fungel verlangte, während dieser entschlossen seinen Lunavogel fertig machte. Als Ka die Sachen, die er gefunden hatte, zu Fungels Weidentisch trug, schaute er ihm neugierig über die Schulter und musterte die dünnen Streben und Bögen und Riemen des Lunavogels. »Du bildest dir doch nicht ein, dass du das Ding in die Luft kriegst, wie, Fungel?« »Hmm«, machte Fungel und zurrte den Treibriemen des klapprigen Apparates fest. »Ich meine, das ist - also, du weißt ja, es ist nicht meine Art, die Nase in Sachen zu stecken, die mich nichts angehen, aber ... « Ka kratzte sich unbehaglich am Schädel. »Also ehrlich, Fungel, ich hab Billionen Jahre alte Vogelknochen gesehen, die waren wirklich flugfähiger als dieses Ding.« »Hmm«, machte Fungel abermals, während er ehrfürchtig die seidene Hülle von dem seltenen Exemplar eines magnetischen Kristalls entfernte und ihn dann mit Fingerspitzengefühl in sein Lager im hölzernen Schnabel des Lunavogels einrasten ließ. »Hör mal, wenn da der Wind auch nur einmal reinpustet, dann ist das doch Kleinholz!« Ka kam jetzt in Fahrt. »Regen und Nebel machen das Ding schwerer als 'ne trächtige Kuh und genauso gut zum Fliegen! Und wenn du da Schwung gibst mit irgendwas, das dicker als ein Li bellenflügel ist und fester als ein Narzissenblatt, dann wär's vorbei mit Fungel, stimmt das nicht? Und das war wirklich ein Jammer! Einen Augenblick vielleicht in der Luft wie eine Hummel und im nächsten ... « - er schlug die Hände zusammen - » . . . puff ! Der beste Koch im ganzen Tal und fällt einfach aus dem Himmel und lässt seine einzigen Freunde im Stich, lässt sie verkommen und verhungern. « »Hmm«, machte Fungel, griff nach dem Magnetstein, um das magnetische Muster zu ertasten, das in ihn eingebettet war. Dann drehte er den Stein so in seinem Lager, dass er nach dem Magnet feld der Erde ausgerichtet war. Denn die Erde ist ein riesenhafter Magnet und die meisten Geschöpfe sind auf diese Kraftlinien ein­ gestellt: Zugvögel folgen seiner Landkarte, Insekten schwärmen nach seiner geheimnisvollen Musik, Walfische folgen magnetischen Strömen, und ohne die Erde auch nur im Geringsten zu stören oder auszubeuten, hatten Fungels Ahnen und ihre Lehrmeister diese Energieströme so benutzt wie der Habicht die Aufwinde vor den Bergen. Mit Hilfe dieser Kraft ließen sie Schiffe durch Wasser und Luft gleiten, beleuchteten ganze Städte und sagten das Wetter voraus. Ihre Kenntnis und ihre Instinkte waren - wenn auch verwässert, wie Molom sagen würde - auf Fungel gekommen, und in seinem Kopfe tönten diese Kraftlinien so wider wie das Summen einer Hornisse in einer Flasche. »Und was soll aus deinem allerbesten Freund Ka werden, he?«, drängte ihn Ka. Er beugte sich dicht zu ihm und flüsterte: »Und es einer Kluge überlassen, sich um das Tal zu kümmern!« Fungel zögerte. Wie konnte er erklären, dass es viel wichtiger war, Emma in Sicherheit zu bringen, weil er, selbst wenn er seinen Auftrag erfolgreich zu Ende führte, vielleicht nicht zuruckkom men würde und weil jemand über das Wohlergehen des Tales wachen musste. Und wenn er das nicht wäre, wen gäbe es besseres als eine Kluge? Aber bevor er auch nur ein Wort davon sagen konnte, legte Emma ein Bündel Schriftrollen auf Fungels Pult und sagte frohlich: »Hat er es dir noch nicht gesagt, Ka? Wir fliegen mit ihm! « Ka sagte genau einhundertsiebenunddreißigmal nein. Als er damit fertig war, war der Lunavogel startbereit. Emma und Fungel hatten ihn mit Büchern, Schriftrollen und Landkarten beladen und zu der geheimen Kammer unter der Erde gerollt. Alles war fertig. Alles außer Ka.

51

Fungel ging zu ihm zurück. Der Zwerg presste sich in Fungels Wurzelwinkel gegen das Pult und
zitterte wie ein junger Hund im Gewitter. Dieser jammervolle Anblick ließ Fungel zögern. Seine
Hand strich über das alte Bein des Piedestals an seiner Seite. Es zappelte jetzt wie eine Schlange.
Nah, sie sind ganz in der Nähe! Während er das alte verwitterte Holz berührte, konnte Fungel das
Hecheln der Giblins spüren, ihren Hunger, ihren gierigen Drang, ihn zu finden.
»Ka«, sagte Fungel sanft, »wir sind bereit.«
Der Gnom schaute auf. »Wir?« Er stand langsam auf. »Wir! Hast du mich auch nur einmal einen
Hopser machen sehen, Fungel Fuchswitz, Waldzwerg?« Der gewaltige scheckige Schädel wiegte
sich hin und her. Ein Fuß mit kräftigen Krallen stampfte auf den Lehmboden. »Hier gehör ich hin!
Wenn sich jemand gemütlich in der Erde fühlt, will er doch nicht wie ein Ei darauf fallen und zer­
platzen!«
»Ka, die Giblins sind auf dem Weg hierher«, erklärte Fungel, »Giblins - und Schlimmeres. Ich muss
dich und Emma sicher zu deinem Heim bringen und dann muss ich mich selber auf den Weg
machen. Sie werden dich hier aufstöbern, wenn du bleibst.«
»Wer will denn bleiben? Ich mach mich auch auf die Socken, das kannste mir glauben. Ich hab nur
keine Lust, wie ein abgerissener Zweig, der sich für `nen Vogel hält, bis ihm der Erdboden die
Wahrheit sagt, durch die Luft zu flattern!«
»Sie werden dir durch deine Gänge folgen, Ka«, sagte Fungel hartnäckig.
»Also, einem Gnom sollen sie erst mal folgen können, Fungel«, sagte Ka stolz, »und so, wie sie den
Himmel in ihrem Herzen haben, so hat dieser Gnom Erde in seinem Kopf.«
Fungel lächelte und schüttelte voll Bewunderung den Kopf. »Ka, mein Freund, so jemanden wie dich
gibt's kein zweites Mal auf der Welt, das ist wohl die Wahrheit.«
Ka grinste als Antwort. »Auf der Welt und drunter«, korrigierte
er.
Fungel nickte. Sie kamen überein, sich bei Ka zu treffen, und nachdem das entschieden war, fiel kein
Wort mehr darüber, wer
flog und wer buddelte, und mit dem Blick, den sie wechselten, wünschte jeder dem anderen so viel
Glück, wie er brauchte.
Ka schlug die Augen nieder. Tapfer war er, aber Hoflichkeitsfloskeln unter Zeitdruck waren nicht seine
Sache. »Du weißt ja, ich sag immer, also ... unschmeichelhafte Sachen über Emma, Fungel . . . « Er
stotterte. »In Wirklichkeit will ich nur sagen, also, es war eine Schande, wenn sie keine Marmelade
mehr aus Erdbeeren kochen könnte -«
Fungel schmunzelte und legte Ka die Hand auf die huckelige Schulter. »Ich pass schon auf sie auf«,
sagte er. Dann senkte er die Stimme. »Und wenn du dich an den Biestern vorbeibuddelst«, sagte er,
»könntest du mir einen Gefallen tun...«
»Hab dir doch gesagt, dass er nicht kommen würde«, sagte Emma, als Fungel in den Lunavogel
kletterte und sich im Sitz vor ihr zurechtruckelte.
»Musste es trotzdem versuchen«, antwortete Fungel. Er musterte aufmerksam die hölzernen
Versteifungen, die die Decke stützten. Er konnte sie spüren. Und darüber, auf der Erde, hechelnd,
hetzend, heißhungrig und gnadenlos - die Giblins.
»Bist du angeschnallt?«, rief er zurück.
»So fest es geht und ich hab das Gefühl, eine Schlange hätt mich verschluckt«, antwortete Emma.
»Gut.« Fungel warf einen letzten Blick in die Runde. Der kleine Raum lag im schwächsten magischen
Licht. Fungel sang, um die Schutzsprüche zu stärken, die den Eingang seines Heimes schütz ten,
seinen Wurzelwinkel, seine Bücherei und seine ihm so teuren Besitztümer. Sein Herz bebte zutiefst.
So viel, was er zurückließ. So viele Gefahren bei dieser langen Reise, die jetzt begann.
Aber nein. Hatte sein Auftrag nicht schon vor ein paar Nächten begonnen, als er zu einer Reise ohne
Raum aufgebrochen war, jenseits der Mauern des Schlafes?
Wir alle beginnen eine Reise, wenn wir geboren werden, dachte er, so
muss sie mir jetzt nicht als Last erscheinen. Er setzte nur eine Reise fort, die vor vielen Jahren
begonnen hatte, eine Forscherfahrt auf eigenen Pfaden, die von den Zwillingswegen seiner Eltern
abgezweigt waren. Fortschritt und Anhalt im Rad des Lebens, dachte er. Und jetzt rolle ich auf
Baphomet zu, jetzt sollte ich mich auf den Weg machen.
Er griff nach den Steuerrudern und brachte sie in die richtige Stellung.
Er blickte über die Schulter. Ka war ein Gnomenschatten im magischen Dämmerlicht. »Fertig?«,
fragte Fungel ruhig.
»Fertig«, antwortete Emma.
Ka schwenkte das geschnitzte Tischbein. »Fertig und fort mit euch!«

52

Vor Fungel hing ein Seil. Es baumelte von der lehmigen Decke, und Fungel hatte den Lunavogel
direkt darunter aufgebaut, sodass er zu gegebener Zeit bei der Hand sein würde. Jetzt stellte er die
Ruderetten des Lunavogels fest und griff mit der Rechten nach dem Seil.
Tief Atem holen, mitten im Leben, Blut rauscht mir als Strom durch die Adern. Magnetische Ströme
mit Bienengesumm durch die Adern der Erde. Oben der Feind, im Rücken der Freund. Sich des
Atems entladen: Und ich bin in der Mitte. Die Mitte bin ich.
Jetzt, dachte er.
»Jetzt!«, rief er und zog an dem Seil. Die Decke brach zusammen.
»Halt!«
Die Giblins stoppten mitten im Satz.
Der Herbstmond war längst untergegangen und die Nacht pechschwarz. Der Wald auf Fungels Eiland
war ein Gewoge aus Mitternachtsblau und Schwarz.
Vixen stand mit den anderen Giblins auf einer kleinen Lichtung. Der verkrümmte Umriss ihres
erbärmlichen Leibes war nur als
ein Stück Himmel ohne Sterne zu erkennen. Tief in ihrem gallebitteren Herzen spürte sie die Windung
eines Wurms, das Zucken eines alten Verderben bringenden Holzstücks, das sich auf eine dunkle
kristallische Frequenz einstellte, der alles Unirdische nachtens folgte. »Ich kann sie spüren«, flüsterte
sie.
Sie sabberte, während sie die wachsende Erregung ihrer Knechte fühlte, die beim Stöbern
unterbrochen worden waren. Oh, meine Hungrigen, sucht sie! Oh, dies mag ich am meisten. Und ihre
verdrießlichen Lefzen zogen sich über grauem, fleckigem Fleisch zurück und entblößten beim
grausamen Grinsen gelbe zerbrochene Zähne.
Stachelschwein erhob sich zu seiner vollen runden Höhe. Seine Wahnsinnsaugen waren so weit
aufgerissen, dass sie ihm fast aus dem Schädel kullerten. »Da, da!«, winselte er und pochte mit
einem krummen Finger auf den Boden. Glückselig hoppelte er herum und trampelte auf die Erde.
»Hier, hier!« Sein Geifer glitzerte im Licht der Sterne.
Ratte legte ein zerbissenes Ohr auf den Boden und schloss die Augen. Bums. Bumsbums. Aber das
war das tanzende Stachelschwein.
»Hör auf damit!«, fauchte Ratte.
Stachelschwein unterbrach seinen irren Tanz, stieß aber immer wieder den Finger auf die Erde,
während er die andere Hand auf den Mund schlug.
Über seiner unförmigen Pfote glitzerten die Wahnsinnsaugen gefährlich. »Hoho!«, stieß er pfeifend
hervor.
Ratte lauschte.
Hab dir... murmel murmel... nicht kommen würde. Musste murmel.
Bist du murmel murmel?
Murmel murmel murmel wie von einer Schlange verschluckt.
Ratte zeigte beim Grinsen verfaulte Zahnstümpfe. Er deutete nach unten. »Da!«, zischte er.
»Da, da!«, schnatterte Stachelschwein hinter seiner Hand. »Hoho!«
Schwielige Pfoten schlossen sich um Äxte, Pieken, Hämmer und Messer.
»Auf sie drauf!«, befahl Vixen.
Da gab die Erde unter ihren Füßen nach.
»Jetzt!«, rief Fungel und zog an dem Seil.
Die hölzernen Streben gaben dort nach, wo es geplant war. Die Decke der Kammer faltete sich nach
innen und unten. Erde und Steinbrocken und wütende Giblins polterten in das, was jetzt eine Grube
war, aber der Lunavogel, der in der Mitte stand, blieb unberührt.
Fungel murmelte hastig ein uraltes Wort. Der Magnetstein glühte auf.
Der Lunavogel bewegte sich.
Fluchende Gestalten zappelten im Geröll und die Giblins rappelten sich wieder auf die Füße.
»Fungel. ..?«„ flüsterte Emma, während sich verrenkte und aneinandergeklammerte Gestalten rings
um sie herum wie Gespenster in dem magischen Dämmerlicht erhoben.
»Halt dich fest«, war alles, was Fungel antwortete.
Die Giblins stürzten sich auf sie und schwangen ihre Axte, Pieken, Hämmer und Messer.
Emma schaute aus der Grube empor. Die Sterne schienen sehr weit entfernt zu sein.
Der Lunavogel knarrte und bebte und gab ein langes Krachen von sich wie von einem splitternden
Mast - und hob ab!
Und hielt an.
Emma spähte über die Seite.
Ein Giblin, der einem Stachelschwein glich, hatte das linke Rad gepackt. Er grinste mit wild rollenden
Augen zu Emma empor. Von seinem heißen Atem wurde ihr übel.

53

»Noch ehe es Morgen wird, saug ich dir das Mark aus den Knochen«, schnaufte Stachelschwein,
»hm, das ist lecker!«
Emmas Kopf füllte sich mit heißem Blei. »Fuuungel! «, hörte sie sich sagen.
Der Lunavogel hatte backbords Schlagseite, während er sich gegen den Griff des Giblins wehrte.
Fungel hieb mit der Ruderette an der Backbordseite nach unten. Die anderen Giblins waren
unterdessen in Reichweite.
Da erscholl in der Kammer ein durchdringender Pfiff. »Hehehe!«, rief eine wütende Stimme. »Giblins!
Hierher, ihr Stinkepinke!«
Ka trat ins Blickfeld und schwenkte das Piedestalbein. »Hier habt ihr euern Barfußmett!«
Das alte Holz wand sich in Kas Griff.
»Donner und Doria, so scheußliche, schauerliche Untiere hab ich ja noch nie gesehen!«, spottete der
Gnom. »Ihr seht wirklich aus, als ob ihr zweimal >hier< geschrien hättet, als die Hässlichkeit verteilt
wurde!«
Die Giblins wandten sich an den Gnom, nicht nur von seinem Hohn angezogen, sondern von der
unwiderstehlichen dunklen Kraft, die von dem Piedestalbein ausging.
Ka streckte die Zunge raus, hopste auf und ab und gab unanständige Geräusche von sich.
Fungel holte noch einmal mit dem Backbordriemen aus und schlug damit Stachelschweins Arm ab.
Der Lunavogel richtete sich wieder auf und hob den Schnabel begierig in die Luft.
Hinter Ka schrien vier Giblins.
Der fünfte, der wie ein verkrüppelter Fuchs aussah, wirbelte einen Morgenstern an einer Kette und
ließ ihn gegen den Lunavogel krachen. Er wickelte sich um den Schwanz, und die Stacheln schlugen
tief ins Holz.
Vixen sprang zu einer hölzernen Strebe, die aus dem Rand der
Grube ragte, und schlang das andere Ende der Kette darum. Meins! Meins! Meins! Vixen begann die
Kette einzuholen und zog den Lunavogel so herunter, wie ein Seemann den Anker heraufzieht.
Fungel blickte zurück und sah, dass sie wie ein Drachen an der Schnur hingen. Wie ein Drachen?
Er legte die Ruder um und der Lunavogel senkte den Schnabel und ging steil in die Linkskurve.
Fungel hielt die Kette straff hinter sich und flog mit dem Lunavogel an der Holzstrebe vorbei. Da bei
wickelte sich die Kette halb drum herum und klemmte den Giblin ein. Fungel ließ die Hände fest auf
der Ruderette liegen und der zerbrechliche Flugapparat zerrte an der Kette wie ein Hund an der
Leine.
Vixen befreite die Arme und holte die Kette weiter ein, wobei sie Schwung holte und die Kette um die
Holzstrebe schlang, an der sie befestigt war.
Nach drei Zügen waren sie dichter bei dem rasenden Giblin, als Fungel jemals wieder sein wollte. Der
wutspeiende Giblin packte den Schwanz des Lunavogels, wo sich die Stachelkugel ins Holz
gefressen hatte.
Fungel hielt den Lunavogel in Fahrt, zog die Kette sogar noch fester an, und der Giblin kreischte wie
hundert Gabeln, die über hundert Porzellanteller kratzen.
Emma wich auf ihrem Sitz zurück. Der Giblin tobte keine drei Fuß hinter ihr.
»Zieh sie raus!«, rief Fungel und deutete auf die Stachelkugel, die den Lunavogel festhielt. »Zieh sie
raus, dann bist du frei!« Der Giblin aber zerrte nur noch wilder. Die Kette spannte sich jetzt so stramm
um Vixens verrenkten Körper, dass ihr die Augen aus dem Kopf und das Fleisch zwischen den
Kettengliedern hervorquollen - aber trotzdem wollte sie den Kampf nicht aufgeben. Fungel mochte es
kaum glauben: Der Giblin wollte eher festhalten und sein Leben lassen als frei sein.
Der Lunavogel knarzte gefährlich.
»Emma!«, rief Fungel über das brutale Geschrei des Giblins hinweg. »Übernimm die Ruderetten! «
Emma schnallte sich los und sprang praktisch über Fungel hinweg, um die Ruderetten von ihm zu
übernehmen.
Der Lunavogel tanzte, als Fungel absprang.
Als der Giblin den Zwerg auf dem Boden sah, griff er nach der hinteren Höhenflosse und der aus dem
Gleichgewicht gebrachte Apparat schwankte wild. Sein Schwanz krachte und Fungel hörte etwas
brechen.
Fungel hielt sich in respektvoller Entfernung zum Giblin, als er nach der Stachelkugel griff, die sich in
den Lunavogel gebohrt hatte, und zu rütteln begann.
Der Giblin platzte vor Wut. Er ruderte mit den Armen, griff wie wild um sich und geiferte, dass die
Spucke sprühte. Die Kette schnitt der Füchsin tief ins Fleisch, als sie nach Fungel schnappte. Sie
nahm den Tod in Kauf, um ihn zu erwischen.
Die Hand des Giblins umklammerte seine. Das Fleisch fühlte sich wie die Haut einer Schildkröte an,
nur kalt. Die Füchsin kreischte triumphierend, als sie Fungels Handfläche auf die scharfen Spitzen
des Morgensterns presste.

54

Fungel blickte dem Geschöpf in die verrückten Augen.
Der Giblin grinste und zeigte dabei Fänge und Ruinen ihrer geschwärzten Zähne. »Meister! «, rief die
Füchsin, »oh, mein Meister!
Bei meinem Blut, ich rufe dich an!
Mein Herz, mein Haar, meine Augen, mein Hirn, meine Seele - alles gehört meinem Meister, alles!«
Die Luft wurde kalt. Über ihnen ballten sich Wolken zusammen.
»Bei deinem uralten Namen rufe ich dich an, Theverat!
Astaroth, Asmodeus, Astarte ... «
Um sie herum begann die kalte Luft zu schimmern. Fungel wehrte sich, aber im Griff des Giblins lag
die brutale Kraft eines Besessenen. Fungels Herz erstarrte, wenn er an die Gegenwart dessen
dachte, den der Giblin anrief.
Plötzlich krümmte sich die knorrige Pfote des Giblins. Sehnen streckten sich, während sich Finger im
Schmerz verkrampften. Der Giblin schrie und riss die Hand zurück, als ob sie versengt würde. Fungel
zerrte und ruckelte, bis der Morgenstern sich lockerte, aus dem Holz kam und von oben bis unten
eine Schramme über die Seite des Lunavogels riss, der wie eine aufgescheuchte Wachtel aus dem
Loch in die Lüfte schoss.
»Fuuungel! «, rief Emma.
Fungel machte einen Satz und griff nach dem Schwanz des Lunavogels. Er kriegte kaum Luft, so hart
knallte er dagegen, aber er ließ nicht locker. Die Erde rauschte unter ihm zurück.
Fungel klammerte sich mit den Beinen am hinteren Rumpf fest. Als er schließlich mit gespreizten
Beinen auf dem klapprigen Fluggerät saß, sah er noch die schwindende Gestalt des kreischenden
Giblins, der sich von der Kette zu befreien suchte.
»Fungel?« Emma rief ihn mit der ruhigsten Stimme, die ihr zu Gebote stand. »Glaubst du, dass du
hier heraufkommen könntest? Ich hab keine Ahnung, wie man so etwas steuert!«
Fungel rutschte millimeterweise zum Vorderteil des aufsteigenden Lunavogels. Immer ist irgendwas,
dachte er. Als er den Passagiersitz erreicht hatte, ließ er sich hineinfallen und drehte sich um, dann
beugte er sich hinaus und nahm Emma die Ruderetten auf die gleiche Weise ab, wie sie sie von ihm
übernommen hatte. »Kletter über mich rüber und schnall dich an!«, rief Fungel. Die kalte Nachtbrise
kühlte sein Gesicht.
Emma benutzte Fungel als Leiter, um zu ihrem Sitz zuruckzukehren. Fungel machte sich flach, und
als sich Emma wieder angeschnallt hatte, wandte er sich nach Norden.
Die wolkige Nacht war dunkel, wirblig und wunderschön.
Unter ihnen dehnte sich das Tal, üppig und lebendig. Fungel schickte einen wortlosen Segen zu Ka
hinunter. Er machte den unverkennbaren Umriss seiner Insel aus, die unter und hinter ihnen lag. Bin
bald zurück, versprach er.
Das jedoch sollte nicht so sein.
»Emma«, schrie Fungel über die Schulter, »warum hat wohl der Giblin losgelassen? Hatte mich doch
wie eine Fliege im Spinnennetz!«
Er schaute gerade in dem Augenblick zurück, als Emma eine Silbernadel aus der Pfote einer kleinen
Giblinpuppe zog, an der sie bei Kas Rückkehr mit Fungel gearbeitet hatte.
»Hab mir gedacht, das könnt ich gut gebrauchen«, war Emmas einzige Antwort.
Oh, was war das für eine vergnügte Jagd! Zwei von ihnen so weit zurückgeblieben, dass sie
wahrhaftig keine Ehre mit sich einlegen konnten, aber die beiden anderen?
Aah, die beiden anderen!
Ka buddelte einen weiten Bogen, wobei er die Erde so durch die Luft fliegen ließ, dass es schien, als
paddelte eine glückliche Ente durchs Wasser. Er brach durch und kam in einem Tunnel heraus, den
er sich gerade gegraben hatte, kroch dann zurück, grub sich nur so tief ein, um seinen Körper zu
verstecken, und wartete. Stachelschwein und Ratte trabten kreischend vorbei.
Ka tauchte wieder in der Röhre auf und rannte in die Richtung zurück, aus der die Giblins gekommen
waren. Auf dieser Seite war das alte Holzstück so heiß wie fiebriges Fleisch und drehte und wand
sich fast beunruhigend.
»Es ist wie ein Leuchtfeuer in der Nachtfür sie, Ka«, hatte Fungel gesagt, »sie werden ihm folgen,
wohin es sie auch führt. «
Und Fungel hatte gegrinst.
Während er den Gang entlangeilte, grinste Ka immer noch bei dem Gedanken daran. »Ah, das wird
ein Spaß!«, sagte er. Er bog
in einen seiner älteren Gänge - einer, der von Fungels Insel fortführte und unter dem See verlief.
Das Geheul der schnelleren Giblins hallte im Tunnel direkt hinter ihm. Aber gut, sie waren weit
zurück. In seiner Eile hatte Ka jedoch die beiden langsamen Giblins vergessen, und als er jetzt um
eine Ecke bog, rannte er ihnen genau in die Arme.

55

»Warum hast du mich gerufen?«
»O mein Herr! Sie waren hier! Die Waldzwerge, sie waren hier! Wir haben sie geschnappt! Wir hatten
sie! O Meister, ich möchte dir die Füße lecken, um sie zu kühlen! Die Waldzwerge -«
»Wo sind sie jetzt?«
»Jetzt? Ja, jetzt sind sie ... oben! Oben, oben, oben! O Meister, ich liebe dich, bitte befreie mich,
damit ich deinem Willen folgen kann! Ich wäre glücklich, wenn du dir aus meinem Fell eine Decke
machen würdest, die dich wärmt. Ich würde -«
»Du hast mich hierher gerufen, wo ich meine Gestalt nicht behalten kann, und dennoch sind sie nicht
hier.«
»Ja ... nein! Nicht hier, sondern da! Sie sind da oben! Befreie mich, ich werd sie finden! Ich bring sie
dir in einem Netz, in einer Schnur, in ihrem Blute, bratfertig gebunden für deinen Tisch. Ooh -«
»Ich fühle sie. Sie fliegen.«
»Ja! Sie fliegen hoch oben im Himmel, hoch oben, wo die Vögelchen fliegen!«
»Ich werde sie aus der Luft holen, und du... du wirst da sein, wenn sie auf den Boden krachen -«
»Ja! Wenn sie krachen, wenn sie krachen, wenn sie krachen!« Ein Wahnsinnsgesang.
»- oder ich zerschlag dich in Stücke.«
Wenn Ka sich nicht so in Selbstgefälligkeit geaalt hätte, weil er den beiden flinken Fieslingen
entkommen war, hätte er bemerken
müssen, dass er geradewegs auf die beiden Langsamen zustolperte, denn in der Abgeschlossenheit
der engen Gänge trug ihr Gestank wesentlich weiter als jeder Schrei.
Aber er hatte in Selbstgefälligkeit gebadet und deshalb war er hier: im Angesicht von zwei wütenden,
blutrünstigen, geifernden Giblins in einem tiefen, tropfnassen, glitschigen Gang ohne Aus weg, außer
er rannte den Weg zurück, den er gekommen war. Zwei Giblinaugenpaare glühten vor Hass in der
Finsternis vor ihm. Zwei große gekrümmte Schatten schwollen noch an, als sie sich ihm näherten.
Schwach blitzte Metall auf von einer Machete und einem Bowiemesser.
Ka machte auf dem Absatz kehrt, um den Weg zurückzurennen, den er gekommen war - und sah
wieder vier blutrote Giblinaugen, schmal vor Hass, auf ihn zuhuschen. Die schnelleren Giblins hatten
ihn eingeholt.
Ka tröpfelte kaltes Wasser auf den Kopf.
Der Gang füllte sich mit einem Gestank, der Holz zum Schrumpfen brachte.
Wasser... Holz ...
Ka schaute sich verzweifelt um. Der Tunnelboden war feucht und rutschig und tropfnass.
Verschiedene hölzerne Stempel stützten die Seitenwände ab, seit damals vor langer Zeit, als er sie
zur Verstärkung eingerammt hatte, weil
­ - weil sie unter dem See waren! Da zischte es, als etwas direkt hinter ihm durch die Luft pfiff. Ka sprang an die Tunnelwand, gerade als der Giblin hinter ihm aufschrie und den Schwung seiner Machete änderte. Ka rutschte im Schlamm aus und knallte an die Tunnelwand. Ein Tragebalken war dicht neben seinem Arm. Er packte ihn mit beiden Händen und riss und rüttelte ihn los. »Haaa! «, schrie er tri­ umphierend. Nichts geschah. Vier geduckte Giblins knurrten vor ihm in der Finsternis und jetzt hatte er wirklich keinen Ausweg mehr. Ka umklammerte sein Holzstück. Der Giblin mit der Machete holte aus. Metall schnitt Holz. Wasser tröpfelte dem Giblin auf den Kopf. Es wurde ein Rinnsal. Der Giblin schaute hoch. Er wollte etwas sagen. Der Gang brach ein und der See rauschte nach. Die Luft wurde beißend kalt und turbulent. Der voll beladene Lunavogel wurde so herumgestoßen, dass Fungel seine ganze Konzentration zum Steuern brauchte. Seine Hände waren verkrampft, weil er die Ruderetten so festhalten musste, und seine Arme waren zittrig und müde. Er konnte es sich jedoch nicht leisten, sich auch nur einen Augenblick auszuruhen, denn jedes Mal, wenn er es tun wollte, brachte ein Windstoß oder ein Luftloch das zerbrechliche Fahrzeug ins Schwanken, als ob sie versuchten, ihm die Steuerruder aus dem Griff zu winden. Die wirbelnden Wolken waren undurchdringlich wie ein Schwamm. Es herrschte eine Stimmung, die ihn an den Sturm am Abend der Tagundnachtgleiche erinnerte: eine gierige, suchende Stimmung, ein Gefühl von Gegenwart, von Absicht. Er blickte zu Emma zurück. Sie schaute mit zusammengekniffenen Augen in den beißenden Wind, aber sie äußerte nicht die leiseste Angst oder Klage. Die Wut des Sturmes ballte sich wie ein sprungbereiter Luchs über ihnen zusammen. Emma war noch nie so hoch gewesen, hatte sich noch nie so rasch bewegt und war so heftig herumgewirbelt worden. Es war schrecklich, und bei jedem Knarren des Holzes vom Lunavogel machte ihr Herz einen Satz, und sie war davon überzeugt, dass

56

ihr letztes Stündchen geschlagen hatte. Aber jedes Mal kam das unbeholfene Fahrzeug irgendwie durch. Doch tief in ihrem Innern verborgen, stellte Emma ver­ bläfft fest, war ein kleines Etwas, das bei jedem Satz des Flugzeugs jubilierte und tirilierte. Das ist das Kind in mir, dachte sie, das dies alles für ein Spiel hält, "r ein Blatt aus einer Warum-Geschichte. Oder, überlegte sie, es ist ein altes dunkles Tier, das in jedem ruht und sich an Angst und Gefahren mästet. Kind oder Tier, überlegte sie, was von beiden ist es wohl? Der Lunavogel schmierte nach links ab und stürzte wie ein Stein. Emma, kam es so vor, als ob ihr Magen in ihren Schädel rutschte. Fungel fuchtelte mit den Ruderetten herum. Im ge schnitzten Schiffsschnabel des Lunavogels glühte der Kristall auf, während er sich gegen die wachsende Elektrizität des Sturmes durchzusetzen versuchte, um sich an die verwirrten Kraftlinien zu halten, die zu Ka führen würden. Eine schwarze Gestalt tauchte aus den grauen Wolken auf und flatterte auf sie zu. Emma starrte sie mit offenem Munde an. Sie rief Fungel etwas zu, aber ihre Stimme verlor sich im Heulen des Sturmes. Dicke Wolken türmten sich auf. Blitze zischten. In dem elektrischen Aufleuchten des magischen Lichtes sah Emma, dass ihnen das beschwingte Wesen vertraut war; sie erkannte es als Moloms Begleiter und Boten. Die Eule. Sie glitt durch die stürmische Luft wie ein Messer durch Wasser, ein wunderbares lebendiges Geschöpf, das ohne Mühe und Kraftanstrengung das vollführt, was auch die klügsten Zaubersprüche und Hexenkünste kaum zu Stande brächten. Die Eule glitt dicht an den Lunavogel heran. Fungel sah sie jetzt auch und starrte sie wie etwas Unmögliches an. Unmöglich, eine Eule in der Luft? Was könnte natürlicher sein? Die Eule setzte sich vor den Lunavogel, legte sich rechts in die Kurve und schwebte langsam davon. Fungel mühte sich seinen Kurs zu halten. Blitze zerschnitten die Luft. Nach einem Augenblick kehrte die Eule zurück, setzte sich vor den Lunavogel und schwebte wieder nach rechts in die Kurve. Diesmal folgte ihr Fungel. Die Eule flog nun geradeaus und tiefer, bis der tosende Sturm nur noch ein grauer Teppich über ihren Köp-fen war. Da kurvte sie nach links, nahm wieder ihren Kurs nach Norden auf und Fungel folgte ihr. Emma entspannte sich in ihrem Sitz. Die Eule führte sie durch den Sturm. Alles würde in Ordnung sein. In diesem Augenblick schlug der Blitz in den Lunavogel ein, er brach auseinander und stürzte ab.

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Zurück in die Minen

Nass bis auf die Knochen, müde und erschöpft schleppte sich Ka gerade durch seine schlammigen Gänge nach Hause, als er unter den feinfühligen Sohlen seiner Schaufelfüße ein Beben spürte. Ein schwaches fernes Bums, als ob etwas auf die Erde fiel. Da will ich gleich Willi heißen, wenn ich nicht genau weiß, was das war, dachte Ka, und so erledigt er war, er legte einen Schritt zu. »Da hast du ja vielleicht was Schönes angerichtet!« Die Stimme kam von ganz weit weg. »Und zum Donner, ich hoffe für dich, dass du nur pennst, Fungel Fuchswitz, sonst, sonst -« Fungel schlug langsam ein Auge auf, kniff es aber bei der Standpauke gleich wieder zu. »Sonst was?«, krächzte er. Alle Knochen im Leibe taten ihm weh, besonders aber sein Stolz. Als er sah, dass sein Freund wach und lebendig war, tauschte Ka die mitleidige Miene sofort gegen eine vorwurfsvolle. »Aah - ich weiß schon: Du willst dich tot stellen! Träumst von Einfachheit! Also, bei mir ist nischt zu holen!« Schon während er dies sagte, half er Fungel wieder auf die Füße. Um sie herum prasselte wütender Regen aufs Laub. Fungel klopfte sich ab, tastete sich nach Beulen und Brüchen ab. Sicher viele blaue Flecken, aber nichts gebrochen, dank dichter Zweige und des weichen, nassen Wiesenpolsters. Seine Hände erstarrten. »Emma«, sagte er. »Hab sie beim Lunavogel gelassen, während ich nach dir gesucht habe«, antwortete Ka. Er wurde ernst. »Sie ist verletzt, Fungel.« Sofort humpelte Fungel zum zerschellten Gerippe des Lunavogels. Emma lehnte am Wrack des Schwanzes. Überall lagen Trummer herum; der Lunavogel war wie der Wolkenbruch, der sich jetzt auf sie ergoss, vom Himmel gestürzt. Ka hatte sich offensichtlich zuerst um Emma gekümmert, bevor er Fungel aus der Ohnmacht rüttelte, denn ein wackeliges Schutzdach aus Flügelresten schützte ihr blasses und eingefallenes Gesicht vor dem Regen. Ihr linkes Bein war mit Asten und Ranken geschient. Sie war wach. »Und denk mal, ich fing grade an, Spaß am Fliegen zu haben«, sagte sie trocken, als sie Fungel kommen sah. Sie verzerrte vor Schmerz das Gesicht, aber sie weigerte sich, ihn in der Stimme durchklingen zu lassen. »Oho, Fliegen ist fabelhaft, was?«, stimmte Ka ihr zu. »Und erst mal das Abstürzen! Ein wahrer Heuler! Nur dieses Bums und Aus, das haut mich vom Hocker. « Er kicherte. Fungel starrte auf den nassen Boden. Plötzlich wusste er nicht mehr, was er mit den Händen anfangen sollte. Sie hingen groß und schwer und ungelenk und vollkommen nutzlos am Ende seiner Arme. »Emma... es tut mir so Leid. Ich fühle mich so schrecklich -« »Du machst dir wohl Vorwürfe, Fungel Fuchswitz? Hör bloß auf, dich für alles verantwortlich zu fühlen!«, sagte Emma arger­ lich. »Ich alleine hab mich auf dem Sitz angeschnallt. Ich alleine hab mir dieses Bein hier gebrochen, als ob ich von einer Klippe gesprungen wäre, und ich will keinen einzigen Ton mehr davon hören, Schluss, aus, Ende.« Sie schaute weg. »Hab dir ja gesagt, dass sie in dich verknallt ist«, flüsterte Ka. Fungel wurde rot. Er stürzte sich zum Trost in Tätigkeit: »Also... am besten retten wir alles, was wir schaffen, aus dem Lunavogel und versuchen ihn dann zu tarnen. Und dann müssen wir Emma hier raus und in Sicherheit kriegen. Wie weit ist es von hier bis zu dir?« »Nur ein paar Siebenmeilenschritte«, antwortete der Gnom abwesend. Er starrte die Trümmer des Lunavogels mit der gleichen Mischung aus Staunen und Bewunderung an wie ein Mensch, der entdeckt hätte, dass ein Raumschiff nur aus Pappmaschee besteht. »Würd lieber einen Giblin, der mich angreift, mit einer Hand voll Brombeerranken aufhalten, als in so was fliegen«, murmelte er und stieß zur Bekräftigung gegen eine zersplitterte Latte. »Ach, Übrigens, Giblins«, sagte Fungel, »wie bist du mit ihnen zurechtgekommen?« Ka wandte sich mit einem tragischen Blick an Fungel. »Das ist eine traurige Geschichte«, antwortete er und schüttelte den Kopf, »haben mich erschlagen und aufgefressen. Haben ihr Mütchen an mir gekühlt, nur weil ich einem Freund bei seiner Traumtanzerei bezüglich Flugmaschinen geholfen habe.« Er schüttelte wieder den Kopf und schnaubte. »Eine sehr, sehr traurige Geschichte.« »Ka!« Fungels Stimme klang warnend.

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Der Gnom grinste. »Was bildest du dir denn ein? Es fing ganz entzückend an: Ich trug deinen Zappelstock. Sie folgten mir wie ein Hündchen dem Knochen. Hoho! Ich gab ihnen einen Schubs, ich ließ ihnen ein Bad ein und spülte sie durch den Abfluss!« Er strahlte. »Also wirklich, ein Jammer und eine Schande, dass es keinen Zeugen gab. Ein Heldengedicht hätten sie drüber schreiben können.« Fungel grinste. »Und das Holzbein, das ich dir gegeben habe, damit du sie in die Irre führen kannst?« »Bin's los und auch froh drüber«, entgegnete Ka. »Das war wie ein Arm voll Aale. Ein wahrer Angsttraum, dieses Zappelding mit sich zu schleppen, und mein Kopf brummt mir noch von den ganzen Angstbildern von Schicksal und Zerstörung und Dämonen und lauter anderen schrecklichen Sachen. Jetzt, in diesem Augenblick, hüpft das Schlangenholz wahrscheinlich mopsfidel in einem neuen, unterirdischen Strom und alle Giblins in der Umgebung suchen sich danach die Nase wund.« Fungel klopfte dem Freund auf den Rücken. Aber obgleich er stolz auf Ka war und auch in seiner Schuld stand, weil er die Giblins abgelenkt hatte, musste er doch über das Stück Holz nach denken, das nun in einem unterirdischen Fluss dahintrieb, so voll vom Bösen, das es wie ein Schwamm aufgesaugt hatte, und er machte sich Sorgen, was es von Baphomet verraten könnte, falls es in die falschen Hände fiel. Er war sich auch sehr des Regens bewusst, der sie aufgestöbert hatte, tausend winzige Spione, die sie in jedem Augenblick beruhrten und dabei zuruckschrien: Hier! Hier! Hier! Sie mussten sich schleunigst verstecken. Fungel eilte zum Wrack des Lunavogels und entfernte den magnetischen Kristall aus dem Schiffsschnabel. Dieser Stein war so selten und mächtig, dass er nicht in die falschen Hände fallen durfte. Er band seine tropfnassen Bücher und Landkarten zusammen und kehrte zu Emma zurück. »Oh, Fungel, deine wunderbaren Bücher«, sagte Emma verloren, »und deine Landkarten!« »Wir sind am Leben, Emma, und das ist die Hauptsache«, antwortete Fungel, »Bücher und Landkarten haben keinen Sinn, wenn es keinen mehr gibt, der sie lesen kann.« Er schwang sich den groben Sack mit durchnässten Büchern und Landkarten über die Schulter und lächelte sie traurig an. »Heim«, sagte Ka. »Dicke Handtücher und heißer Würzwein und ein schönes Feuer, das wärmt den Herd und das Herz«, sagte er. »Heim«, murmelte Fungel und überlegte sich, während das warme Wort seine Lippen verließ, wie lange es dauern würde, bevor er sein Heim wiedersah. Fungel und Ka nahmen Emma in die Mitte und brachen nach Norden auf. Es regnete die ganze Nacht. In einem Jahr, das in manchen menschlichen Kalendern mit 1934 bezeichnet war, ließ die KentuckyKohlen-Corporation Schächte in eine vielversprechende Region der südlichen Appalachen treiben. Eine ganze Nation war hungrig und arm: Ihre Bürger brauchten Arbeit und Nahrung und ein unersättliches Tier namens Industrie benötigte Energie. Die Kentucky-Kohlen-Corporation hatte guten Grund zu der Annahme, dass unter den Felsen tausende und abertausende Tonnen von Steinkohle wie ein schwarzer Schatz lagerten und nur darauf warteten, abgebaut und verbrannt zu werden, um die wachsende Gier eines Landes zu befriedigen, das nun seit siebzig Jahren tonnenweise den Schwefel und den Kohlenstoff in die einst klare und saubere Luft blies. Sie bauten auf. Sie verbrannten. Bevor der erste Dreck jedoch wieder abgetragen werden konnte, musste eine ganze Stadt entstehen. Zehntausende von Bäumen wurden aus der Erde gerissen und wie durch einen finsteren Zau ber in Holzhütten und trübselige Aufenthaltsräume verwandelt, ein schäbiges Barackenlager, um die Arbeiter notdürftig unterzubringen. Selbst die Gestalt der Berge war für immer verändert. Sie stießen auf Kohle, aber nicht in den erhofften Mengen. Bergarbeiter starben in den Schächten, die einstürzten, weil stei­ gende Holzkosten die Verantwortlichen an der Anzahl der Stempel hatten sparen lassen; Bergarbeiter mussten die giftigen Gase ungeschützt einatmen und wurden so stocksteif wie die Kohle auf einer Karre heimgeschafft, die von zwei Maultieren gezogen wurde. Bergarbeiter waren billiger und leichter zu ersetzen als Maultiere. Über Tage arbeiteten sich die Söhne der Hauer an den Laufbändern die Finger blutig, wo sie Stein von Kohle zu trennen hatten. Kohle für das Land, das geplagte Land, das auf seinen grünen Ha geln und in seinen grünen Tälern Fördertürme und Dampfbagger tragen musste und schließlich bis ins Herz der Berge unterhöhlt war. Doch schließlich gab es keine Kohle mehr abzubauen. Das Bergwerk wurde geschlossen. Die Menschen verschwanden.

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Und ließen ein verwüstetes Land zurück. Müllberge, die sich selbst entzündeten. Bretterhütten, die zerfielen und verrotteten. Holzstreben, die vermoderten, einbrachen und ganze Gänge ver sperrten. Taue und Trossen von Fahrstühlen, die verrosteten und verfaulten. Handpumpen, die verstopften und versandeten. Eines Tages war ein Gnom namens Karbol Erdenwurm draußen und am Gängegraben. Er trug diesen Namen seit frühester Kindheit, also seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals war Kordelia Erdenwurm zufällig auf eine Kiste gestoßen, die etwas namens Karbolseife enthielt. Sie wusch damit ihren kleinen Sohn, und eines Tages sagte sie zum Scherz, wenn dieses Zeugs Karbolseife wäre, dann müsse ihr süßer kleiner Knuddelknirps das Karbol sein. Der Name blieb an ihm haften. So oder so, ein halbes Jahrhundert nach seiner Taufe war der Gnom mit dem säuberlichen Namen gerade gemütlich am Graben, als er auf einen enormen Schacht stieß. Da gab es senkrechte Röhren und Seitengänge und Vorratsnischen und eiserne Spuren mit Eisenkarren, die vor Rost nur so starrten. Dieser Erdzwerg er­ forschte die Tunnel und stieß auf allerlei Altertümer: knochentrockene Lampen und zerbrochene Helme, Hacken, die wie das Schwert in der Sage vom Fels umschlossen waren, Stiefel und Ringe und tausenderlei anderes nutzloses Zeug. Das Muster ihrer gierigen Gänge im lebendigen Fels zeigte ihm, dass die Menschlinge hinter der Kohle hergewesen waren - warum, in aller Welt, konnte er sich jedoch nicht ausrechnen - und er musste laut lachen. Jeder Trottel hätte doch das wahre Kohlenmeer entdecken können, das keine zwei Buddeltagwerke vom Östlichsten Schacht entfernt nach Osten lag! Aber trotz der hölzernen Stützen, die der Gnom als höchst stümperhaft und gefährlich wackelig einschätzte, waren die Gänge handwerklich gar nicht so schlecht, und wenn man erst mal unten war, entpuppte sich das Bergwerk als eine wirklich gemütliche und geräumige Unterkunft. Ka hatte es zu seinem Heim ernannt. Das Geklapper der leeren Bierdosen hallte laut in dem dunklen Tunnel wider, als Ka sie mit 'einem Fußtritt aus dem Weg bef orderte. Sie folgten den verrosteten Gleisen der alten Grubenbahn, Emma zwischen Fungel und Ka, die sie fast trugen. Fungel mühte sich auf der einen Seite mit Emma ab und auf der anderen mit einem ausgebeulten Sack mit nassen Büchern und Schriftrollen. In diesem Augenblick, dachte er, würde ich all mein Wissen und meine Bücher herzlich gerne gegen eine halbe Stunde vorm Feuer eintauschen. Und wie kalt ist es hier unten! Das kann auch nur ein Gnom als Heim bezeichnen. Er stolperte über eine verrottete Querschwelle. Emma zog scharf die Luft ein, als sie mit dem vollen Gewicht einen Augenblick lang auf ihr gebrochenes Bein plumpste, aber sie verbiss sich den Schmerz. Weil er sie jedoch hielt, spürte Fungel ein Echo des weißheißen Schmerzes, der ihr wie ein Dolch durch das Bein hinauffuhr. Ka hielt an. »Wart mal«, sagte er und legte eine Hand hinters Ohr. »Was ist denn?«, fragte Fungel. »Scht! « Ka blieb mit gerunzelter Stirn reglos stehen. Kas Gehör glich Fungels Geruchssinn: Wenn Fungel den Morgenatem einer Mücke in sieben Meilen Entfernung riechen konnte, so war Ka im Stande, die Würmer in einem anderen Land wühlen zu hören. Fungel und Emma konnten es jetzt aber auch hören: etwas zwischen einem Dröhnen und Summen, noch schwach und fern mit einem geisterhaften Widerhall, immer deutlicher, je näher es kam. Emma kniff die Augen zusammen. »Da«, flüsterte sie und deutete in den Tunnel hinein, aus dem sie gerade gekommen waren. In der Ferne blinkten schwache Lichter. Fungel warf einen Blick auf die verrosteten Eisenschienen und dachte an die Nacht, in der Fifferling sein Bein verloren hatte. »Ka«, begann er nervös, »ob wir nicht lieber -« »Schon in Ordnung«, entgegnete Ka, »wartet nur ab.« Also warteten sie ab. Da tauchte es klirrend und rasselnd aus der Finsternis auf: eine Metallfigur, wie ein Mensch gestaltet. Ihr witzloser Kopf wackelte auf und ab, während sie eine Stange hin und her bewegte, wodurch irgendwie ein flacher Metallschlitten auf den verrosteten Gleisen angetrieben wurde. Dieses Wesen fuhr quietschend und klappernd vor ihnen vor. Ka sprang auf und fummelte im Rücken des metallenen Mannes herum, der sich dabei bückte und wieder aufrichtete, als ob er kitz lig, aber stumm wäre. Im nächsten Augenblick hörte er auf sich zu bewegen und die flache Karre rollte aus. Emma und Fungel schauten mit offenem Munde zu. Ka grinste und faltete die Arme. »Das soll verdammt noch mal -« Fungel warf einen Blick auf Emma. »Ahem. . . Was ist das für ein Ding, Ka?« »Das ist mein mechanischer Mann, Fungel! «, rief Ka, als ob das alles erklärt hätte. »Ich nenn ihn Mechanicki. Hab ihn von Morchel dem Moosmann gegen eine Hand voll Steine eingetauscht, die ganz verkrakelt von so lichten Linien waren.« Er stieß ein frohlockendes

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Lachen aus und schlug die Hände zusammen. »Seht mal, mit diesem Hebel, den ich gerade ausgeschaltet habe, setz ich seine ganze Mechanickigkeit in Gang, und dann kommt er her, von überall. Manchmal bin ich schwer beladen mit allen moglichen guten Sachen, und dann benutz ich ihn und er schleppt mir das Zeugs. Aber manchmal lass ich ihn auch einfach nur hin und her laufen und nie fällt er von den Gleisen oder bleibt stehen. Na, wenigstens fast nie. Läuft mit Batteritzen, tja, so ist das.« »Das ist abscheulich«, sagte Emma. Ka machte ein beleidigtes Gesicht. Sein Ausdruck war so komisch, dass Emma und Fungel trotz allem in Gelächter ausbrachen. Fungel schmunzelte zu dem niedergeschlagenen Gnom empor. »Nun komm schon, alter Zausel«, sagte er, »soll uns doch dein Sowieso, deine verrückte Blechdose, auf unserm Weg begleiten.« Sie hoben Emma auf die Ladefläche, Ka fummelte wieder in der Mechanik des mechanischen Mannes herum, und abermals pumpte das seltsame Gebilde den Hebel hin und her, der die Drai sine in Bewegung setzte, wobei er sich jedes Mal höflich vor der Dunkelheit verneigte, die vor ihnen lag. Sie ließen Emma auf einem großen blauen Sack nieder, der mit Flicken und Stichen verziert und mit kleinen weißen Kügelchen gefüllt war, die wie niemals schmelzende Hagelkörner aussahen. Ka stürzte sich auf eine Konstruktion aus Metallrohren, die auf Rädern montiert waren und zwischen denen ein kleiner Sitz angebracht war. Er kletterte darauf, packte zwei Handgriffe, die aus dem Gestell hervorragten, setzte seine breiten Quanten auf kleine Klötze neben den Rädern und begann wie wild zu strampeln. »Was machst du denn da, Ka?«, fragte Fungel. »Ich mach uns Wärme und Licht«, antwortete Ka. »Auf dem Ding da?« Ka nickte begeistert. »Genau kapier ich das auch nicht, aber ich denk mir das so: Dieses Gestell hier saugt meine Arbeit auf und lässt sie durch die Drähte da fließen, die hinten am Rad dran sind, und dann in diesen Kasten da, den sie Batteritze nennen.« Er nickte zu dem Kasten auf dem Höhlenboden neben dem Radgestell. Ein Gewirr von Drähten führte heraus und hinein, als hätte ihn eine betrunkene Spinne zum Mittagessen einwickeln wollen, dann aber die Lust verloren. »Ich hab einen ganzen Berg von denen, große und kleine«, fuhr der Erdzwerg fort. »Die einzige Quelle, von dem ich sie krieg, ist Morchel der Moosmann und der lässt sie sich ganz schön teuer bezahlen.« Ka sprang pustend und prustend von dem Gestell ab. »So! Schätze, dass sich dieser Kasten genug aus mir rausgeholt hat, um es uns ein bisschen gemütlicher zu machen.« Er sauste zu etwas, das wie eine Vase mit einer Glasblase darauf aussah. Ka drehte seine Hand daneben um und schon lag seine Haupt- und Wohnhöhle in strahlendem Licht. Fungel und Emma schauten sich um. Da waren Kisten und Kästen, Kästen mit Reifen und Kisten mit einer Vorderseite aus Glas; und Stangen und gerundete glatte Sachen, silbern, aber so blank wie Spiegel; es gab Drähte und Glas kolben und Metall und Stoffe, die ihnen vollkommen fremd waren. Sie kannten kaum, was sie sahen, aber jeder Mensch würde sofort leere Tuben und Kühlschränke ohne Türen erkannt haben, Radioapparate in Bakalitgehausen, verbeulte Radkappen, verbogene verchromte Stoßstangen, Schaufensterpuppen und Klobrillen. Ein gesprungener Spiegel auf windschiefen Messingfüßen zeigte das Bild von einem dutzend klatschnasser und verwirrter Zwerge, die alle haargenau Fungels Bewegungen nachäfften. Ein großer Bogen aus irgendeinem glänzenden Papier, zerfetzt und brüchig, war an die felsige Wand geheftet. Fungel konnte nur schwer das verblichene Abbild eines Menschenwesens mit schwarzem Haar erkennen, das ein Instrument wie seine Mandolaute hielt. Unter dem Bild des Mannes waren noch Reste einer Schrift übrig, während rechts und links die abgerissenen Fetzen von der Wand baumelten: VIS PRESLE auptrolle i IVA LAS VEGA Wohin Fungel auch schaute, überall sah er wieder den Behälter aus dünnem Metall, den er Ka in der Nacht der Tagundnachtgleiche gegeben hatte. Hunderte davon. Zehnmal hunderte! Sie waren zu Pyramiden aufgestapelt und für irgendwelche anderen Inhalte zurechtgeschnitten; andere hatten keinen Deckel und keinen Boden mehr, waren aufgeschnitten und flach gestrichen und für noch un­ bekannte Zwecke an Möbelstücke geheftet. An einer Wand stand das Skelett eines Furcht erregenden, längst ausgestorbenen Tieres, aus allen Knochen lückenlos zusammengesetzt und mit den aufgerollten Metallblättern der rot und weißen Behälter umwickelt. Fungel bestaunte sie wie ein Wunder: Wie konnte jemand nur so viele vollkommen gleiche Metallzylinder herstellen und warum? Die Höhle war so von Altertümern voll gestopft, dass sie gar nicht mehr wie eine Höhle wirkte. Fungel hatte noch nie in seinem ganzen Leben und an einem einzigen Ort so viele gerade Linien, rechte Winkel und spiegelblanke Oberflächen gesehen. Es war ein Feenland: funkelnd und glitzernd und wundersam - und der Beweis dafür, dass das Ganze größer sein kann als die Summe seiner

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Teile, denn diese Teile waren nichts als Müll, nicht einmal wirklich anständiger Müll, sondern nur der nutzlose Abfall der menschlichen Kultur. Zusammengenommen hatten sie jedoch ein Leben und einen Glanz aus sich heraus angenommen. Jedes Stück gleichzeitig unabhängig und mit den anderen verbunden, lenkte das Auge von einem unerklärlichen Altertum zum nächsten und führte zu neuen Höhepunkten einer Asthetik des.., nun ja, des Schrotts! Aber so wie wir Menschen aus dem Urschlamm der Meere entstammen, so hatte sich Kas Heim über den Müll hinaus in eine höhere Ordnung entwickelt, in eine Form jenseits des bloßen Schrotts. Ihn als Abfall zu bezeichnen, das wäre genauso, als würde man einen Diamanten als ein Stück Kohlenstoff bezeichnen. Fungel hatte das kaum alles verarbeitet, als Ka schon mit zwei großen Frottiertüchern auf ihn zueilte. Er reichte eins Fungel und das andere Emma. »Bitte schön, bitte schön«, sagte er, »jetzt rub belt euch das kalte, eklige Wasser ab und dann werden wir es gleich gemütlich warm haben.« Fungels Handtuch war dünn und mit einem Zeichen versehen. Er hielt es an zwei Zipfeln in die Höhe und ließ den Rest nach unten fallen. »Bräunen, nicht Brennen!«, stand da in großen braunen Buchstaben. Fungel dachte darüber nach, was das wohl heißen konnte. Er schaute zu Emma hinüber. Auch sie hielt ihr Handtuch vor sich ausgebreitet und betrachtete es mit verwirrter Miene. Es stellte in leuchtenden Farben einen muskelbepackten Menschen in einem hautengen blau-grauen Anzug dar, der dünne, keilförmige Ohren hatte und schmale, ovale Augen und einen schwarzen Umhang, Handschuhe und Stiefel trug. Emma schaute von dem seltsamen Bild zu Fungel empor. »Was hältst du davon, Fungel?« Fungel schmunzelte und zuckte die Schultern. »Ich halte es gar nicht, ich trockne mich damit ab, Emma«, antwortete er. Und genau das tat sie auch. Ka sauste unterdessen in seiner Höhle hin und her, drehte Knöpfe und tippte auf Schalter. Er war ganz offensichtlich aufgeregt, weil er Gäste hatte, und es war genauso offensichtlich, dass er nicht daran gewöhnt war. Während Ka also emsig herumwirtschaftete, irgendetwas über besondere Lichter und Geräusche murmelte, die seine Erfindung waren, trocknete sich Fungel mit seinem großen Frottierhandtuch ab, wickelte dann seine nassen Bücher und Schriftrollen hinein und legte das Bündel beiseite, um endlich Hand an Emmas gebrochenes Bein zu legen. »Gemütlich?«, fragte er, als er vor ihr niederkauerte. »So gut, wie es geht«, erwiderte Emma trocken. Er schaute ihr eindringlich in die Augen, um zu sehen, was sie ihm über ihren Schmerz verrieten. Augen sind wie die Ringe im Stamm eines Baumes, und so wie ein erfahrener Biologe aus die sen Ringen lesen kann, las Fungel die Nachrichten von Weisheit und Freude und Schmerz, die sich im Lauf der Zeit in den Augen einer Person abgelagert haben. Dann legte er die gewölbten Hände sanft auf Emmas gebrochenen Knochen. Er schloss die Augen und konzentrierte sich. Seine Fingerspitzen spürten das Echo von Emmas Herzschlag. Der Bruch war wie ein Signal für die Heilkräfte ihres Körpers. Fungel fühlte durch die Fingerspitzen, hinter seinen geschlosse nen Augenlidern, den Widerhall des Bruches wie einen gerissenen Faden in einem festen Gewebe. Er nickte langsam. Aus dem Beutel, den er als Schamane immer um den Hals trug, nahm er einen kleinen Ballen krauses Moos. Es war noch zart und frisch, denn er ersetzte es jeden Morgen beim ersten Tageslicht, versah es mit einem guten Wunsch und ließ es sich in seinem Schamanenbeutel mit den Tinkturen starker Heilkräuter und mächtiger Fetische vollsaugen. Fungel hielt das Moospolster vor sich und redete es in der Sprache der Moose an, einer Sprache vom feuchten und samtigen Leben, von Bäumen, die Sonne trinken, und von dunkler Kräftigung, von Sommerregen und dem Dunkel des Herbstes. Fungel sprach mit dem Moos und dem Moosgeist, der es hervorgebracht hatte, und dann breitete er das Moos auf Emmas gebrochenes Bein und gebot dem Moosgeist, die Kräfte des Werdens und Wachsens in Emmas Bein zu senden, sodass der Knochen rasch und glatt zusammenwuchs und Emma auch später weder durch Schmerz noch durch eine Behinderung daran erinnert würde. Er wickelte das Moos mit einem abgerissenen Streifen von seinem Büchersack ordentlich auf Emmas Bein fest und schaute sie an. »Danke, Fungel«, sagte sie. »Es war mir ein Vergnügen«, erwiderte Fungel. Er stand verlegen auf und löste den Blick von ihr. »Kann ich dir was sagen, Fungel?« Emmas Ton ließ ihn daran zweifeln, ob er auch hören wollte, was sie zu sagen hatte, aber er wandte sich zu ihr und nickte. »Ich weiß, dass du meinst, ich zeigte dir nicht die rechte Achtung«, sagte sie, »weil du der Zaubermeister des Tales bist und der Schamane, ganz zu Recht -« »Das habe ich nie behauptet«, widersprach er.

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»Das hättest du auch nie tun müssen. Ich will auch nur, dass du weißt - es hat nichts mit dem zu tun, was immer zwischen deiner Sippe und meiner hin und her gegangen ist. Auch nichts damit, dass ich dich nicht für einen guten Zauberer hielte. Es ist nur -« Jetzt wurde Emma verlegen. »Ich kann mich noch so gut daran erinnern, als du und der kleine Fifferling diese wilden Tiere spät in der Nacht noch zum Singen gebracht habt - Luchse und Frösche und Wölfe, als es noch Wölfe gab.« Sie lächelte. »Weißt du noch? Ihr habt sie begleitet, zwei Stunden nach Mitternacht, und die Alteren hätten euch am liebsten alle beide in einen Kerker gesperrt und euch durch die Gitterstäbe gefüttert, aber die Musik war himmlisch!« Fungel lächelte auch bei der Erinnerung und nickte. »Und das andere Mal, als wir eine Dürre hatten und du versucht hast Regen zu machen, wobei uns allen das Fell blau geworden ist?« Nun lächelte Fungel nicht mehr, sondern wurde rot. Emma fuhr eilig fort: »Ich will damit nur sagen, es ist schwer für mich, diese Erinnerungen von dem zu trennen, was du jetzt bist, verstehst du?« Sie rang die Hände. »Ach, ich mache so ein Kuddelmuddel aus -« »Bitte schon!«, kündigte Ka an und stellte einen großen Gegenstand vor ihnen nieder. »Ich nenn das meinen Herd im Kasten, ist das nicht toll?« Es war ein Rechteck aus Metall auf einer Plattform. Eine Schnur führte vom Boden zu der Batteritze, die mit dem Fahrrad verbunden war. Vor dem Rechteck war ein Gitter und dahinter glühten zwei Stangen und strahlten Wärme aus. Fungel schaute den Gegenstand fasziniert an. »Also . . . ich hab vielleicht ein bißchen übertrieben, wegen dem Feuer und so«, sagte Ka beschämt, »ich wollte damit sagen, hier ist Wärme, und ich kann euch knochentrocken kriegen, aber so was wie einen Kamin oder einen Herd hab ich nicht. So was kann ich hier auch nicht haben. « Fungel nickte ergeben. Natürlich, Ka hatte wie alle Gnome Angst vor Feuer, denn wenn einer von ihnen verbrennt, verwandelt er sich in Stein. Es kann schon verhängnisvoll sein, wenn er sich zu lange in der Sonne aufhält. Aber wie sehr hatte sich Fungel auf ein fröhlich knisterndes Feuer gefreut! Im Geiste hörte er seinen Vater sagen: »Wer nichts erwartet, wird niemals enttäuscht.« »Das macht euch im Handumdrehen trocken«, versprach Ka ganz demütig. Fungel hielt die Hand ziemlich misstrauisch dicht an den Herd im Kasten. Obgleich aus Metall, war er mit Papier beklebt, das wie Holz aussah. Fungel kratzte mit einem Fingernagel darüber. Wie komisch, Menschlinge verkleiden Metall, damit es wie Holz aussieht. Als ob sie sich seiner schämten. Trotzdem, warm war warm, wenn auch längst nicht so vergnüglich und gemütlich, wie ein Feuer gewesen wäre. Ich glaub, ich setz mich ein Augenblickchen davor und lass mich trocknen und danach fang ich gleich mit dem Lesen und dem Planen an. Noch während er das dachte, war Fungel eingeschlafen. Unter einem blauen Kranz aus magischem Licht brütete Fungel über brüchigen Blättern, die nach dem Trocknen ganz wellig geworden waren. Die penible Schrift von Zwergen, seit tausenden von Jahren tot, hatte Fungel nach bestem Können und Wissen mit Haft-Sprüchen und sorgfältiger Gründlichkeit bewahrt. Glücklicherweise hatten diejenigen, die seine geliebten Bücher geschrieben hatten, auch die Einbände mit Zaubersprüchen versehen, sodass sie notfalls noch die Erinnerung an den Inhalt bewahrten, falls so ein Unglück über sie hereinbrach wie in der vergangenen Nacht. Die wunderschön illustrierten Wörter und die erlesenen Illustrationen waren verwischt und verlaufen und verblasst, aber immer noch zu entziffern. Allerdings nicht bei dem Licht in Kas Höhle. Die Glaskolben und Röhren, die Ka zur Beleuchtung verwendete, erleuchteten nicht, sondern blendeten. Das kalte weiße Licht sog Fungel die Kon zentration aus den Augen, ließ seinen Blick nach ein paar Stunden angestrengten Lesens verschwimmen und bereitete ihm Kopfschmerzen - was Fungel bisher noch nicht gekannt hatte. Kerzenlicht war dagegen nicht ausreichend. Der Herd im Kasten war nur armseliger Spielkram. Nein, nichts übertraf das magische Licht: blau-weiß und rein, lesefreundlich, heilig hell und milde für die Augen. So knipste er Kas Menschling-Lichter aus und konnte nun wieder stundenlang dahocken und durch die erstarrten Wälder der wiedererstandenen Wörter wandern. So glücklich wie ein Floh auf einem Hund ohne Krallen. Sorgfältig studierte er die alten Landkarten, aufgezeichnet von Gelehrten aus der Zeit seiner Vorväter bei ihren Wanderungen über das östliche Antlitz von Nordamericka, wobei sie den mag netischen Linien gefolgt waren, Leitlinien im Land, Kraftlinien, die die Zwerge Schlangenpower nannten. Fungel notierte alle Informationen, die er von Molom bekommen hatte, und verglich sie gewissenhaft mit seinen Büchern, die Geschichten und Kunde von fernen Zeiten festhielten. Nachdem er zwei Tage lang intensiv geforscht und die Möglichkeiten gegeneinander abgewogen hatte, blieb eine

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einzige Stelle übrig, an der der Berg der Toten liegen konnte. Dort würde er auch den Stein finden, in
dem die Stimme eingeschlossen war, die ihm, befreit, den Weg zu dem Kristall Baphomet weisen
würde.
Ka und Emma kauerten an der anderen Seite der Höhle und starrten wie gebannt auf etwas, das Ka
Geisterglotze nannte. Fungel hatte festgestellt, dass ihn diese Geisterglotze ablenkte. Des halb hatte
er ein Menschlingskissen herubergezerrt und eine hölzerne Spule von der Größe eines kleinen
Tisches zu seiner Seite der Höhle gerollt und sich so eine kleine Studierecke eingerichtet.
Jetzt war er über seine Entdeckung freudig erregt und konnte sie nicht für sich behalten. Vorsichtig
hob er die wiederhergestellte Landkarte auf und trug sie zu Emma und Ka.
Sie saßen vor der Geisterglotze und starrten ihre flimmernde Glasscheibe an. Ihr Anblick bereitete
Fungel Sorgen: Ihre Augen waren glasig und ihr Gesicht schien ohne einen Funken Verstand. Er
schaute selbst auf die Geisterglotze. Das Licht, das durch die Glasscheibe drang, besaß fast die
Farbe des magischen Lichtes, flimmerte jedoch kalt und ohne Gefühl. Über das Glas huschte etwas
wie Schneegestöber und hinter einem eingebauten Gitter erklang ein Geräusch wie zischender
Regen.
»Da!«, sagte Ka und deutete auf das Glas, »ich hab's dir doch gesagt!«
»Ich kann immer noch nichts sehen«, entgegnete Emma. Während sie miteinander sprachen,
schauten sie nicht sich, sondern die Geisterglotze an.
»Verflixt!«, schimpfte Ka, »eben hatt ich's doch!« Er schnickte mit seiner hornigen Hand gegen das
Glas. »Direkt auf der Scheibe, so deutlich wie deine Nase -«
»Was war es denn gewesen?«, fragte Emma.
Ka wurde wütend, weil sie an seinen Worten zweifelte. »Na, ein Gespensterchen«, erwiderte er, »das
ist es doch, was dieser Kasten kann! Er zeigt Gespensterchen! Keine Ahnung, ob er sie in dem
Augenblick einfängt, oder ob es so was wie ein Fenster ist, durch das man in ihr Leben reingucken
kann, aber ich schwör's dir - da! Da!« Er wedelte mit der Hand vor der Scheibe herum. Fungel fühlte,
wie sich ihm das Fell am ganzen Leibe sträubte und ihm ein kalter Schauer das Herz verkrampfte
­ denn auf der flimmernden Scheibe erstand vor seinen Augen das Abbild einer blassen, durch­
sichtigen Hand. Sie griff quer über die Scheibe, hob eine blasse, durchsichtige Tasse auf und führte
sie zum Trinken zu einem blassen, ätherischen Gesicht.
Gleichzeitig wurde das Zischen leiser und eine Stimme drang aus dem Kasten: »... iologischer Anbau.
. . «
Der Geist verschwand und das Zischen kehrte zurück.
Ka klatschte sich auf die Knie und hüpfte auf und ab. »Siehste«, rief er strahlend, »siehste, siehste,
siehste!« Er klopfte dem Kasten zärtlich auf den Kopf. »Geisterglotze! « Sein Ausdruck änderte sich
sofort, als er merkte, dass Fungel die ganze Zeit hinter ihm gestanden hatte. »Fungel«, rief er
dankbar aus, »du hast es doch auch gesehen, nicht?« Sein Blick war komisch hoffnungsvoll.
»Etwas hab ich gesehen«, gab Fungel zu. War Ka aus Versehen in das menschliche Reich der Toten
getappt? Solche Orte sollte man lieber in Ruhe lassen.
Aber Ka strahlte. »Hat auch was gesehen, der alte Fungel, wirklich! Ha!« Und Emma vertraute er an:
»Fungel kann nämlich Damonen aus der tiefen Leere rufen.«
Darauf lächelte Fungel und sagte mit einem Augenzwinkern: »Das kannst du auch, Ka, das kann
jeder. Der Trick ist nur, du musst sie auch dazu bringen, dass sie wirklich kommen.«
Ka tätschelte die Oberseite seiner Geisterglotze, als wäre sie ein Hund vorm Feuer. »Manchmal sind
ganze Geisterchen in diesem Ding, als ob sie so wie du direkt vor meiner Nase stunden!«
»Und woher weißt du, dass sie das nicht tun?«, fragte Emma. Ka ließ die Ohren hängen, während er
darüber nachdachte. »Das weiß ich gar nicht«, gab er zu.
Weil Fungel so begierig gewesen war, ihnen etwas zu sagen, deutete Emma auf die Rolle in seiner
Hand. »Was hast du denn da, Fungel? «
»Hm?« Fungel starrte auf die Geisterglotze. Sie hatte etwas Hypnotisches, bei dem er sich wie ein
junges Kaninchen vor einer Schlange fühlte.
»Ich hab gesagt: Was hast du denn da, Fungel?«
»Oh!« Fungel riss den Blick von der Geisterglotze. »Ich glaub, ich habe den Berg der Toten
gefunden«, sagte er.
»Na, wie schön für dich«, Emma klang nicht sehr begeistert, »und wo liegt er?«
»Etwa drei Tagesmärsche von hier.«
»Drei Tage«, antwortete Emma, »und Märsche.« Sie schüttelte den Kopf und blickte auf ihr
gebrochenes Bein.
»Ist das eine Landkarte?«, wollte Ka wissen.

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Fungel nickte. »Eine alte Karte von der Nordostküste von Americka. Die ersten Zwerge zeichneten
sie gleich nach ihrer Ankunft und sie ist von Erdkundigen jeder Generation wieder nachgezeichnet
worden. Diese hat mein Urgroßvater gezeichnet.«
»Echt?« Ka war tief beeindruckt. »Lass mich mal sehen.«
Im Flimmerlicht der Geisterglotze entrollte Fungel die alte
Rolle. Einem Menschling wäre sie merkwürdig vorgekommen, weil die Alten - die schon lange vor
Kolumbus wussten, dass die Erde eine Kugel war - ihre Karten mit dem Osten nach oben gezeichnet
hatten, weil das die Richtung ist, in die sich die Erde dreht.
Fungels Finger folgten der unterbrochenen Linie eines Gebirgszuges. »Hier ist das Tal«, sagte er.
Sein Finger schob sich weiter nach Osten und ein wenig nach Norden. »Und hier sind wir jetzt, Ka.«
Er klopfte an den Rand der Gebirgskette.
»Dann drück doch nicht so feste drauf«, sagte Ka, »sonst brichste mir noch meinen Tunnel ein.«
Fungel wusste nicht genau, ob sein Freund nur spaßte, deshalb nickte er nur und fuhr fort. Seine
Finger wanderten weiter über die brüchige Karte. »Also von hier aus halte ich mich nach Norden,
durch dieses Tal, durch dieses Waldstück, das da rausragt, durchs nächste Tal und dann zu diesen
Hügeln hinunter.«
Sein Finger hielt an. »Hier liegt der Berg der Toten.«
Ka nahm ihm die Karte ab und runzelte die Stirn, während er las. »Was hast du gesagt, wie neu ist
diese Landkarte?« »Überhaupt nicht neu, Ka.«
Ka nickte. Plötzlich rollte er die Karte auf und reichte sie Fungel mit kaiserlicher Geste zurück. »Tja«,
sagte er abschließend, »da kannste von hier aus nicht hin.«
Aus der Geisterglotze klang die elektronische Stimme einer Frau: »... Supersparen bei unserem
Sommerausverkauf -«
Sie kümmerten sich gar nicht darum. »Wieso denn nicht?«, fragte Fungel. »Wir reisen am Tag, um
Giblins und anderem Gelichter zu entgehen. Die Täler sind eben und glatt. Die Wälder nicht mal am
Rande dicht. Ich muss nur den alten Steinen folgen, die die Richtung markieren -«
Ka aber schüttelte sein gewaltiges Haupt. »Steine gibt's da keine mehr«, sagte er hartnäckig, »selbst
die Wälder sind weg. Fungel, du kannst deine Bücher und Rollen studieren, bis du schwarz
wirst und die Sonne ein Suppenwürfel, aber was in einem Buch steht, das muss nicht auch in
Wirklichkeit so sein.«
»Ich kann dir nicht folgen, Ka.«
»Ich versuch dir zu erklären, dass sich die Landkarten verändert haben. Deine Landkarten nutzen dir
nur noch so viel wie die Warum-Geschichten von deinem Alten.«
»Aber ich liebe die Warum-Geschichten von Wuschel Fuchswitz«, sagte Emma.
Ka nickte. »Weil sie wahr gewesen sind«, entgegnete er, »aber wirklich sind sie nie gewesen, das ist
der Unterschied.«
Fungel versuchte sich nicht davon beeinflussen zu lassen, dass sie von seinem Vater in der
Vergangenheitsform sprachen, so als ob der alte Zwerg mit seinem breiten Lächeln die Erde schon
seit Jahren verlassen hätte. Er erwiderte dagegen: »Eine Karte ist eine Karte, Ka, und so wahr wie
das Land, das sie zeigt. Und diese Landkarte ist wahr, weil sie ... «
» ... von Erdkundigen gezeichnet ist, ich weiß, ich weiß«, unterbrach ihn Ka. »Aber es ist das Land,
das nicht mehr stimmt. Die Menschlinge haben es verändert. Die Wälder sind weg, die Rich
tungssteine sind weg, neue Straßen laufen durch die Täler; wo einst Hügel waren, sind keine mehr;
und neue erheben sich da, wo Gott sie niemals geschaffen hat!«
Fungel dachte an Moloms Worte: »Die ganze Welt hat sich verändert. Die Erde gehört jetzt den
nackten Affen. . . «
»Wie kann das sein?«, fragte er. »Wie kann sich ein Ort so verändern, dass man ihn auf der
Landkarte nicht wieder erkennt?« Ka zuckte die Schultern. »So sind sie eben, Fungel. Du wirst je­
manden brauchen, der dich rüberfuhrt. Die Gegend da, auf die du mit dem Finger gezeigt hast, ist ein
großes wildes Königreich voll Blendwerk und Gefahren, vor denen dich keine Landkarte warnt. Du
brauchst jemanden, der sich dort auskennt.«
»Dann also nicht dich?«, fragte Emma.
»O nein«, antwortete Ka, »da trau ich mich nicht hin, dazu bin
ich zu alt. Da wimmelt es nur so von Düsenkrachern, und wenn die einen erwischen, kannste Gift
drauf nehmen, dass sie dir das Fell vom Leibe sengen. Nee, nee, oben drüber kommt nicht in Frage
und unten drunter ist eine Schweinearbeit, wegen den Quibberklumpen. «
»Quibberklumpen?«, fragte Fungel.
Ka nickte. »Klebrige, schleimige Ekeldinger, die unter dem Land des Tausendrauchs hausen, und
wenn sie rauskriechen, dann fressen sie anständige Leute bis auf die Knochen auf.«
Emma warf einen Blick auf Fungel, der eher neugierig als besorgt wirkte.

65

»Giblins an der Nase rumzuführen ist ein Kinderspiel«, fuhr Ka fort, »aber so ein alter Kerl wie ich kann gar nicht mehr mit Quibberklumpen fertig werden. Fungel braucht einen Experten.« Er wandte Fungel sein Gesicht zu, das von den dunklen Schatten der Geisterglotze überspielt war. »Du musst zu Morchel dem Moosmann in die Tabakkneipe«, sagte er. Mit schwerem, kummervollem Herzen vertiefte sich Fungel ein letztes Mal in seine alten Bücher und Schriftrollen. Molom hatte gesagt, dass die Menschlinge dicht davor seien, Baphomet selbst zu entdecken. Es war möglich, dass sie ihn vor Fungel entdeckten. Und wenn die Menschen das schafften, dann würde es Theverat erst recht gelingen. Fungel lief ein Rennen gegen die Zeit, und er hatte keine Ahnung, unter welchen Umständen er schließlich - wenn überhaupt! - auf Baphomet stoßen würde. Er sollte Molom anrufen, um den schrecklichen Stein zu zerstören, aber was, wenn er es nicht konnte? Wenn er verletzt wäre oder wenn er einfach keine Zeit mehr hatte? Mit Theverat oder den Menschlingen dicht auf den Hacken konnte es unmöglich sein, eine Beschwörung durchzuführen - besonders wenn Theverats Machenschaften in der Sternenwelt sie so erschwerten wie das vorige Mal. Fungel brauchte eine Absicherung. Er brauchte, falls Moloms Beschwörung nicht mehr gelang, Notmaßnahmen, damit weder Theverat noch die Menschlinge den Stein für sich beanspruchen konnten. Und weil Molom gesagt hatte, dass Baphomets Zerstörung jenseits von Fungels Kräften lag, fiel Fungel nur noch eine einzige Rettungsmaßnahme ein: der Salamander. Fern von Emma und Ka studierte Fungel in aller Gründlichkeit den Zauberspruch, der den Feuergeist beschwor. Niemand rief den Salamander leichtfertig herbei, denn der Preis für die Entfes selung dieser zerstörerischen Gewalt waren immer Leib und Seele des Beschwörers gewesen. Einmal gerufen, heult der Salamander in die Welt und verschlingt alles, was im Bereich seiner Flammen liegt, bis nichts mehr übrig bleibt und er sich selbst verzehrt, um aus seiner eigenen Asche wieder aufzustehen, wenn er das nächste Mal gerufen wird. Den Salamander zu beschwören wäre eine Verzweiflungstat, aber wer wusste, welche Verzweiflung ihn erwartete? Fungel paukte den Feuerzauber auswendig, bis er ihn im Schlafe hersagen konnte. Danach konnte der Zauberer keinen Grund mehr sehen, noch länger bei Ka zu bleiben. Emma ver suchte darauf zu beharren, ihn zu begleiten, doch Fungel würdigte diesen Wunsch nicht einmal einer Antwort. Er starrte nur so lange auf ihr gebrochenes Bein, bis sie den Mund hielt. Obgleich ihn ihre Verletzung quälte (denn trotz all ihrer Einwände fühlte er sich verantwortlich), war er in einem Winkel seiner Seele erleichtert, dass sich die anscheinend unausweichliche Auseinandersetzung daruber, ob sie ihn auf seiner Fahrt begleiten sollte, von selbst erledigt hatte. Er versuchte sich einzureden, dass seine Erleichterung der Vernunft entsprach: Jetzt würde auf jeden Fall einer übrig bleiben, um das Tal zu behüten; sie sei eine unnötige Belastung für seine Reise; sie erhöhte, trotz aller guten Absichten, die Gefahr der Entdeckung, Gefangennahme und von Argerem. Dies war Fungels Aufgabe, Molom hatte Fungel allein die Pflicht übertragen, und es war falsch, jemanden zu bitten, diese Pflicht mit ihm zu teilen, so verlockend der Gedanke sein mochte. Der wahre Grund für seine Erleichterung war jedoch weniger prosaisch. Die letzten Tage hatten ihm bewiesen, dass mehr in Emma steckte, als er bisher geahnt hatte. Sie kannten sich zwar seit vielen Jahren - seit ihrer Kindheit (wie nah und fern ihm das erschien, ein schrecklicher Gedanke) -, doch außer bei Fest- und Zwergenspielen und zufälligen herzlichen, aber zurückhaltenden Begegnungen und besonders wegen Emmas Liebe zu seinem Vater Wuschel, hatte die alte lächerliche Fehde zwischen den Fuchswitzen und den Kluges wie ein Schleier zwischen ihnen gelegen. Jetzt aber hatte Fungel einen Blick hinter die Maske geworfen, hinter der sich Emma vor den Härten und Attacken des Lebens verbarg, und er merkte, dass sein Herz berührt war. Und das war der wahre Grund, warum er so erleichtert war, dass sie ihn auf seinem gefährlichen Wege nicht begleitete. Fungel ließ seine Bücher und Schriftrollen hinter sich und beauftragte Ka mit der Wacht über den magnetischen Kristall, den er aus dem Lunavogel gerettet hatte. Er beleidigte den Freund und seine Selbstlosigkeit nicht dadurch, dass er ihn bat, sich um Emma zu kümmern, er bat ihn nur, ihr jeden Morgen ein frisches Moospolster für ihren Verband zu bringen, und er bat ihn auch, sie moglichst von allen Gefahren fern zu halten, wenn ihr Bein wieder heil war - und das hieß natürlich: Lass sie nicht hinter mir herkommen, Ka! Während er seinen Beutel schulterte und sich für den Abschied rüstete, versuchte Emma mühsam aufzustehen. Fungel war taktvoll genug, nicht dagegen zu protestieren. Sie reichte ihm eine wunderschöne Heckenrose, eine dunkelrote Knospe, fest und prall von Saft. »Sie soll dir Glück bringen«, sagte Emma, »und ich vertraue darauf, dass du sie mir zurückgibst, nach der Jagd über Land.«

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Samtiger Duft stieg ihm in die Nase. Seine Finger schlossen sich um den dornenlosen Stiel. »Ich werde sie am Herzen tragen«, entgegnete er, »und gebe sie dir zurück, wenn ich dich wieder sehe.« Sie nickte. Einen Augenblick lang schauten sie sich in die Augen, so tief und so ungeschützt offen, wie es die Leute nur selten ertragen, und diesmal war es Emma, die ihren Blick rasch abwandte. Ka ließ Mechanicki, den Dosenmann, sich und Fungel den verlassenen Bergwerksschacht zuruckkarren. Fungel versuchte nicht in sein leeres, blödes Blechgesicht zu schauen, während Ka die ganze Zeit seine Mahnungen und Warnungen herunterleierte: »Pass auf, wenn du reingehst, Fungel. Pass auf, wenn du da bist, Fungel. Pass auf, wenn du weggehst, Fungel! Es ist eine wilde Räu­ berhöhle, Fungel, und ein einziges unbedachtes Wort ist genauso, als ob du denen einen Stein ins Gesicht schmeißt. Halt die Augen und die Ohren offen, und pass auf, was du trinkst, und sag dem alten Moosmann, Karbol Erdenwurm hätte dich geschickt. Er ist ein ausgekochter Bursche und er zieht einen gerne über den Tisch. Trotzdem, ich geh jede Wette ein, dass du den Kopf oben behältst. Aaah, die Tabakkneipe. Es läuft mir schon das Wasser im Munde zusammen, wenn ich nur daran denke!« Und so weiter und so weiter, bis sie auf nackten Felsen und blinzelnd im Licht des Tages standen. Fungel kam es so vor, als hätte er die Sonne seit Monaten nicht mehr gesehen, aber Ka drückte sich natürlich in den schattigen Eingang des Schachtes und hielt sich so gut wie möglich dem Lichte fern. »Also, Fungel«, sagte Ka tapfer und gefasst, »du kommst ja bald zu uns zurück, nicht?« Und dann fing er an zu flennen und zu plärren und umarmte Fungel wie eine Mutter, die ihrem einzigen Kind Lebewohl sagt, das zum ersten Mal in die weite Welt hinaus will. Fungel stützte ihn und klopfte ihm auf den Rücken und löste sich schließlich aus seiner Umarmung. »Ich hab das Gefühl, dass du zuerst mal zu dir kommen musst«, sagte er. Ka war vollkommen auf gelöst, aber plötzlich änderte sich seine Miene. »He, da brat mir doch einer einen Storch!«, rief er aus. »Das hätt ich ja fast vergessen.« Er trappelte in den Schacht und kehrte dann mit einem Päckchen zurück. »Hier. Vielleicht kannste das brauchen.« Fungel wickelte einen metallenen Gegenstand aus, der in der Sonne funkelte. Es war kein Silber, aber so etwas Ahnliches. »Was ist das denn. Ka?«, fragte Fungel. »Bestechung«, erwiderte Ka mit breitem Grinsen, »falls der alte Moosmann sich entschließen sollte, dir seinen Dickkopf zu zeigen. Nur ein kleines Mitbringsel, hat für mich und dich gar keinen Wert, aber der Moosmann würde sein Fell dafür geben. Ich hab's schon eine ganze Weile in Vorrat, falls ich von dem alten Zausel etwas brauche, und ich glaube, jetzt ist die Zeit gekommen.« »Oh, herzlichen Dank, Ka«, sagte Fungel. »Nicht dafür, nicht dafür«, antwortete Ka und schwenkte ganz verlegen mit der Pfote, »und hier ist noch was.« Damit reichte er Fungel einen grauen, kastenartigen Gegenstand mit einer Schlaufe, der oben einen Knopf und vorn in der Mitte ein Glasauge hatte. »Das hab ich Lichtkasten genannt«, erklärte Ka. »Du drückst auf den Knopf da, und dann gibt es einen Lichtstrahl von sich, der einen Felsen blenden könnte. Wer weiß, wie dich das retten kann, wenn du es im richtigen Augenblick benutzt. Braucht auch Batteritzen, wie mein Mechanicki, aber pass auf - es braucht eine Weile zwischen den Lichtblitzen und es nutzt sich auch ziemlich rasch ab.« Fungel drehte und wendete den Kasten in den Händen. »Gut, dann werde ich es in guter Gesundheit benutzen«, sagte er. »Und danke auch dafür.« Ka wehrte den Dank ab und Fungel lächelte - liebevoll und traurig - und klopfte dem Gnom abermals auf die Schulter. Er berührte die Wunschelfeder auf seiner hohen Mütze und legte die Hand auf die Heckenrose, die er an seinen Kittel gesteckt hatte. Dann wandte er sich ab und begann nach Norden zu wandern, zu einem dunklen Fichtenwald. Erst als er ein gutes Stück Weges hinter sich hatte, blieb Fungel stehen und dachte darüber nach, ob es wirklich die alte Stammesfehde war, die Emma hatte im Tal bleiben lassen, nachdem alle Zwerge außer ihnen fortgezogen waren. Und woher sie hunderte von Klaftern unter der Erde eine Heckenrose bekommen hatte.

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In der Tabakkneipe

»Bier her, Bier her!« Der trunkene Troll hämmerte mit seinem verdellten Becher auf dem langen Tisch herum. »Bier her oder ich fall um, klabumm!« Er stand auf und grölte: »Bier her, verdammt noch mal!« Die andern Trolle, die neben ihm saßen, kicherten miteinander. Der eine griff abwesend nach oben und zerrte den krakeelenden Troll an seinem kurzen Schwanz wieder runter. Er knallte mit einem Plumps auf die ungehobelte Bank zurück, dass das Holz knackte. Der betrunkene Troll starrte seine Saufkumpane so baff wie ein Kind an, doch der Schwanzzieher schwatzte seelenruhig mit dem Pfeife schmauchenden Halunken weiter, der neben ihm saß und den man kaum Zustimmung nicken sehen konnte, weil der dicke blaue Rauch seine Umrisse vernebelte. Eine schuppige, dicke, vernarbte Pfote tauchte aus den Rauchschwaden auf und knallte eine Münze auf den Spieltisch, wo die Igel gerade aufgeblasen wurden. Ein Croupier mit einer Hakennase nickte und schmiss die Münze zu dem Haufen der anderen, die auf den größeren der quiekenden Igel gesetzt hatten. - Das war der klei­ nere Haufen, weil der größere Igel eine kleinere Vorgabe hatte, was mit der Größe des Unglückstieres zusammenhing. Um den Croupier herum schrie und kreischte die gehörnte, geschuppte und gefiederte Gesellschaft, alle narbenbedeckt und scheußlich. Die grotesken Gestalten wirkten im Wirbel und Ge wölke des blau-grauen Pfeifenrauches verschwommen. Sie feuerten die Spießgesellen an, die in der Enge an den Blasebälgen schwitzten und den Igeln hinterrücks die Luft in den Leib pumpten. Das Zischen der beiden Blasebälge stieg zu einem Pfiff an, die Igel quiekten schrill und die Wetter schrien aus vollem Halse. Puff, der kleinere Igel platzte und feuchte Fetzen regneten auf die Wett­ gesellschaft. Zum Jubelgeschrei der Gewinner kamen die Buhrufe, mit denen sich die Verlierer auf den Gewinnerigel stürzten und auf ihm herumtrampelten. Der Croupier strich ohne hinzusehen den Wettge winn des Pfeifenrauchers ein. Die Blasebalger rubbelten sich trocken. Die Putztruppe, schwarze Wichtel mit Eimern, spülten den Dreck weg. Der Pfeife schmauchende Halunke ließ eine weitere Münze springen. Dieser Entschluss zwang ihn, sich aus der Festung seines Pfeifenrauches, die er um sich errichtet hatte, herauszubeugen und enthüllte dabei ein knolliges Gesicht, das wie Hefeteig in Kieselsteinen gerollt aussah, die breite Fresse quer reingehauen und mit den Stalagmiten und Stalaktiten der verfaulten und verfleckten Reißzähne gespickt. Sein Saufkumpan, der Troll, kümmerte sich um nichts, sondern sabbelte nur unaufhörlich auf seinen nickenden, verräucherten Freund ein. Irgendjemand sang laut und falsch: »Ein Männlein platzt im Walde. . . «, was wieherndes Gelächter hervorrief. Das nächste Paar unseliger Igel wurde herbeigeschafft. Der grölende, trunkene Troll gab es auf, nach mehr Bier zu schreien und drängelte sich stattdessen durch die zehn Reihen randalierender und rülpsender Säufer, die sich vor dem langen L der Bar hin und her schubsten. Ein typischer Abend in der Tabakkneipe. Es war eine Geisterstadt, eine abgestorbene Ansiedlung zerfallener Bretterbuden, die vor langer Zeit hoffnungsvolle Glücksgräber beherbergt hatten, als eine ganze Nation sich gegenseitig Blan­ koschecks ausgestellt hatte, die zerplatzt waren und das Land verarmt hatten. Fungel bahnte sich zwischen den Trümmern einen Weg. Winden und Ranken hatten die Sandwege und die hölzernen Gebäude überwuchert und diese Gebäude waren allmählich in den Boden gemodert. An manchen Stellen war es schwer zu sagen, was da Wald war und was ein Gebäude, denn es sah so aus, als ob das eine gerade in das andere überging. Wer baut so hässliche Häuser, überlegte sich Fungel, lauter Quadrate und rechte Winkel, die dem Land, das sie trägt, so offensichtlich zuwider sind? Sie bauen, als ob sie gerade die Kräfte ver leugnen, die ihre Heime beherrschen - Zeit, Tod, Geburt -, statt sie zu einem Teil ihrer Umgebung zu machen. Selbst im Tode sind ihre Werke noch feindselig. Molom hat Recht, wenn er Angst davor hat, dass solche Kreaturen einen Stein in Besitz nehmen, der so machtig wie Baphomet ist. Er erblickte die Fassade, die ihm Ka beschrieben hatte. Sie hatte einst zu einem Warenhaus gehört, obwohl auch das in Wirklichkeit nicht viel mehr als eine Bruchbude gewesen war. Jetzt war es nur noch eine leere Hülle, von zähen, wilden Ranken zusammengehalten. Aber was bekämpfen ihre Werke?, dachte Fungel, der seinem Gedanken immer noch nachhing, die Welt der Natur oder etwas in ihnen selbst? Ein Trampelpfad führte durch ein Gebüsch aus Brennnesseln und Heckenrosen und um die Ruinen des Ladens herum zu einer schweren Sturmtür. Dahinter... Er schüttelte den Kopf und blieb einen Augenblick hinter einem Baum stehen, um sich zu sammeln. Es wäre nicht sehr klug, wenn er so hineinstürzte. Zuerst musste er Schutzmaßnahmen ergreifen. Dieser Ort war ein Magnet für widerwärtige Typen, und er war ein

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Waldzwerg, und widerwärtige Typen hatten sich in der letzten Zeit zu sehr für Waldzwerge interessiert. Deshalb wob Fungel den Zauber der Unbeschreiblichkeit um sich herum. Er war, wie die meisten seiner Zaubersprüche, das Ergebnis von Sparsamkeit und höchster Wirkung. Obgleich er die Fähigkeit besaß, sein Äußeres vollkommen zu verwandeln - im Auge des Betrachters, wenn auch nicht in Wirklichkeit -, würde so ein Zauber den eigenen Sinn zunichte machen, weil er gerade die Aufmerksamkeit auf sich lenkte, falls jemand nach Zaubersprüchen Ausschau hielt. Das Einfachste aber ist das Allerbeste, und es war leichter und sehr viel praktischer, sich mit einer Aura zu umgeben, die der glich, die auch Emmas Tür beschützte, was selbst ihn für einen Moment verwirrt hatte. Ein Zauberspruch also, der ihn der Aufmerksamkeit entschlüpfen und das Auge abgleiten ließ, ehe es Einzelheiten wahrnehmen konnte. Nachdem er diesen Spruch vollendet hatte, näherte sich Fungel der Sturmtür. Nach welchem Plan er vorgehen wollte, wenn er dort hinuntergestiegen war wie Dante in die Hölle, hatte er nur in groben Umrissen entworfen. Zu viel war ihm unbekannt. Zehn Prozent Inspiration, vierzig Prozent Improvisation und fünfzig Prozent Perspiration, also ehrlicher Zwergenschweiß, so kam man, laut Willi Wetterborke, in der Welt voran, und genau so was hatte ihm auch vorgeschwebt. Er stemmte die Sturmtür auf, wozu er sich bücken musste, und war sofort von dicken Rauchschwaden umhüllt. Wer zuhörte, hätte meinen können, sie beleidigten unaufhörlich den Barmann. »Feuerwasser«, schrien sie, »du Flegel!« - »Einmal gequirlte Jauche, du Hosenstinker! « - »Lütt un Lütt, Kotzbrocken! « In Wirklichkeit aber bestellten sie sich nur etwas zu trinken - jeder nach seinem eigenen Geschmack und alle ihr hochstpersönliches Gift. Und Gift war es wahrhaftig: Einer von den drei Zapfhähnen war mit einem Schädel und den gekreuzten Knochen markiert und die Hälfte der Fässer auch. Rauch kräuselte sich dem Wirt aus Mund und Nasenlöchern wie der Brodem einer Höllenmaschine. Der ganze Raum war ein Tollhaus, ein Stimmengewirr aus freundschaftlichen Flüchen und hasserfüllten Sticheleien, gezischten und laut herausgegrölten Drohungen, aber auch wohlwollendem Gepolter: »Harry! Hab dich ja seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. He, willst du `n Schluck von meinem Fusel? Scheißzeug, sag ich dir.« »Die Einsätze, meine Herren, bitte die Einsätze!« ».. . und wenn du dich hier noch mal blicken lässt, schneid ich dir die Ohren bis zu den Rippen ab, dass du dir für den Rest deiner Tage den Mond mit den Hühneraugen betrachten kannst! « » ... und da sagte der Reisende, nimm doch mein Leben - ich flehe dich an! « » ... und damit willste mich in Angst versetzen? Mann, mit so 'nem Zahnstocher schneid ich mir nicht mal die Krallen! « »Mistvieh!« »Schieb ab, verpiss dich! Verdufte!« Der betrunkene Troll (was zugegebenermaßen keine sehr gute Beschreibung ist, weil mehr oder weniger jeder Troll in der Tabakkneipe ununterbrochen betrunken war, ist und sein wird) pflügte sich vollkommen rücksichtslos mit beiden Ellbogen durch die schimpfenden Kumpane in Fell und Schuppenpanzer, muskelund narbenbepackt oder nur in nackte Haut gehüllt oder von allem etwas, die sich hier Mut antranken. Er schubste sich zur Theke durch, rülpste wie ein Feuer speiender Berg, was in dem allgemeinen Höllenlärm vollkommen unterging, und ließ seine knochenharten Fäuste auf die Theke krachen. Er schrie dem Barmann etwas zu, der entweder mehr als zwei Arme hatte oder sich zumindest so bewegte. »Was ist los?«, rief der Barmann zurück, wobei er große Brocken in einen angeschlagenen Becher löffelte. »Ich hab gesagt«, bellte der Troll, »nischt los heute, was?« Der Barmann, es gab nur den einen, zuckte mit den Schultern und schüttete schwärzliche Eiswürfel in einen Humpen mit abgebrochenem Griff und ließ ihn dann zu den gierig ausgestreckten Pfoten hinter dem verrosteten Geländer schlittern. »Was für 'n Gift soll's sein?«, schrie der Barmann. >>Grog!<<, bellte der Troll. »In Arbeit! « Das befriedigte Grinsen des Trolls entblößte Zähne, die wie umgekippte Grabsteine eines verwüsteten Friedhofs wirkten. »Grog!«, heulte er glücklich und rammte dem buckligen Wichtelmann neben sich freundschaftlich die Ellbogen in die Rippen - was sich Trolle unter freundschaftlich vorstellen und was den Wichtelmann Kobolz schießend und rückwärts auf einen ziemlich unscheinbaren kleinen Burschen krachen ließ, der sofort zu Boden ging. Der Troll streckte seine große Pfote nach ihm aus, schüttelte ihn und stellte den pummeligen kleinen Burschen wieder auf die Füße. »Setz dich! «, bellte er und zerrte einen Barhocker neben sich. »Ich zahl dir deinen Schnaps!« Es kam dem Troll so vor, als ob sein neuer Trinkkumpan zustimmend nickte. Konnte man gar nicht richtig erkennen. Wurde alles so wellig und schwindelig. Rutschten einem die Augen immer quer,

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konnte dem kleinen Kerl gar nicht richtig ins Gesicht gucken. Wenn's ein Kerl war. »Schön guten
Abend!«, brüllte er. Mit seinem Atem hätte er Felsen sprengen können.
»Guten Abend«, erwiderte der Fremde. Komischer spitzer Hut, den er auf dem Schädel hatte.
»Was soll's denn sein?«, fragte der Barmann. Der Gast murmelte etwas.
»Was soll's sein?«, schrie der Barmann.
»Ingwerbier! «, rief der kleine Mann mit dem komischen hohen Hut.
Peng!
Der Schwanengesang des letzten Igels klang so laut, weil es in dem ganzen Raum totenstill
geworden war. Plötzlich war nur noch das Aufsteigen der Rauchwolken zu hören.
»Hab ich mich verhört oder hast du Ingwerbier gesagt?«, fragte der Barmann.
»Ja, bitte«, nickte Fungel.
Die dünnen Augenbrauen des Barmanns schlugen Furchen. Auch er versuchte seinen Blick auf das
Antlitz des Fremden zu heften, doch auch seine Augen hielten nicht mehr still. Sie glitten ihm zur
Seite wie ein Ei im Fett einer Pfanne. »Hat dir das denn deine Mami auch erlaubt, mein
Lämmchen?«, fragte er so süß und lieb wie ein Haifisch.
Die Bar wackelte vor Gelächter. Der Barmann grinste selbstgefällig und quetschte braunes Wasser
aus seinem Putzlumpen in einen Bierseidel. »Ein Schluck aus der Bilge!«, kündigte er an und ließ das
Seidel zu einem zappeligen schwarzen Elf die Theke entlangrutschen.
Als Nächstes füllte er den Krug des Trolls nach, indem er ihn unter ein faules Fass ohne Deckel hielt.
Nicht zu identifizierende Stücke tanzten träge auf der schlierigen öligen Oberfläche.
Der Barmann öffnete den Spund und murmelte »Ingwerbier!« in seinen Bart, während schleimige
Flüssigkeit ins Glas glitschte. Als es voll war, wandte sich der Barmann mit falscher Freundlich keit
und gehässigem Grinsen an Fungel. »Willst du immer noch Ingwerbier, Söhnchen?«, erkundigte er
sich.
Neben Fungel stand der Troll mit seinem Becher in der Boxerfaust, schmunzelte vor sich hin und
verscheuchte weiße Mäuse. »Ach, der will doch kein Ingwerbier! «, brüllte er. »Gib meinem Freund
hier einen Schluck vom Old Pekuliar! «
Peng!
In der Bar herrschte wieder tiefes Schweigen. »Hm.«
Der Barmann trommelte mit den Fingern auf der Theke herum.
Plötzlich grinste er gemein. Er schlug sich in die Hände und rieb sie. »Ein Schluck vom Old Pekuliar«,
sagte er, »schon in Arbeit!« Da lief ein Gemurmel durch den verräucherten Raum. Fungel hörte, wie
das Wort Old Pekuliar fast ungläubig wie bei der Stillen Post von Mund zu Maul und Schnauze ging.
Der Barmann verschwand vor aller Augen, als ob sich eine Falltür unter ihm geöffnet hätte. Dann
ertönte ein ungeheures Gepoltere und Getöse, ein Gemurmel und Gekrächze, ein Knarren und
Krachen und erbärmliches Fluchen. Nach einer Weile tauchte der Barmann wieder auf und trug mit
dem zitternden Todesmut eines einarmigen Mannes, der eine Klapperschlange am Schwanze trägt,
ein Staubgefäß, genau von der Größe einer Flasche.
Diese staubige Flasche hielt er hoch, damit sie alle sehen konnten, und dann zog er mit großem
Theater und Aufwand tief die Luft ein und blies sie kräftig aus.
Der Staub wölkte von der Flasche auf.
Ein Heinzelmann, der rechts neben dem Fremden stand, reckte sich auf Zehenspitzen vor, um die
flirrenden Staubkornerchen, die sich gemächlich auf der Theke niederließen, einzuatmen.
Der trunkene Troll atmete ein paar Staubkörner ein und nieste »Hatschi!« in höchsten Tönen.
Der Barmann fluchte und wischte sich mit seinem Lappen den Rotz ab.
»Pardon«, sagte der Troll verlegen, wischte sich den Rest mit dem Finger weg und leckte ihn ab.
Der Barmann legte den Hals der Flasche an den Rand der Theke und öffnete sie mit der Routine
eines ganzen Lebens und mit einem einzigen Schlag seiner harten, hornigen Hand.
Ihrem Halse entstieg ein gewaltiges Aroma, der geläuterte Odem des Alters.
Der Flaschenkorken klirrte auf den bierfleckigen Boden. Eine verhungerte Töle leckte gierig das
bisschen braunen Rückstand, das sich an der Unterseite des Kronenkorkens angesammelt hatte.
Sofort begannen sich seine Knochen, die unter dem Fell des hageren Leibes zu erkennen waren, zu
rütteln und zu schütteln. Er rollte die Augen wie wild, kippte um, streckte die Beine steif in die Luft und
ein letztes verzerrtes Lächeln lag um seine Schnauze.
Der Barmann suchte einen Becher aus. Er wählte ihn mit Bedacht, als ob ihm eine Vorahnung sagte,
dass dieser Becher für immer und ewig einen Ehrenplatz in der Kneipe finden würde und dass
Trunkenbolde jeder Art, Größe und Überzeugung darauf deuten und sich daran erinnern (oder es
behaupten) würden, wie sie dabei waren, in jener Nacht, in der der Fremde den Old Pekuliar trank.
Kein Becher aus bloßem Glas oder Zinn konnte diesem starken Gebräu standhalten.
Es musste Eisen sein.

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Die Stammgäste schoben sich nach vorne, ganz versessen darauf, keinen Augenblick des bedeutenden Schauspiels zu versäumen, das sich jetzt und hier in der Tabakkneipe anbahnte. Der Barmann griff den Becher mit beiden Händen, hob ihn hoch und setzte ihn ab, als würde er einen Verbrecher mit einem Krummsäbel köpfen. Der Krach, mit dem er auf der verschrammten Theke aufknallte, war wie der Hammerschlag des Donnergottes. Da stand er also: ein reiner Becher - schon das allein ein historischer Moment an diesem Ort. Mit einer königlichen Geste kippte der Barmann die Flasche über ihm um. Alle warteten atemlos. Seltsame Insekten schwirrten um die Erdkugel, schlüpften aus sieben Jahre alten Eiern, wurden und wuchsen und legten selber Eier. In der Tabakkneipe schwebte die Flasche über dem Becher. Im Weltall explodierte ein Stein und sein Licht machte sich auf die zehntausend Jahre lange Reise zur Erde. In der Tabakkneipe hörte man ein einsames Gluckern. Im fernen Japan legte ein Erdbeben die Wolkenkratzer wie Schachtelhalme um. In der Tabakkneipe schwoll am umgekippten Maul einer uralten Flasche ein hellbrauner Tropfen eines zähen Seims. Seltsame Insekten schlüpften und vergingen. Sternenlicht kommt aus fernster Ferne. Die Inseln sind bis zum Grund erschüttert. Der erste längliche Tropfen des Old Pekuliars berührte den Boden des einzigen reinen Gefäßes in der Tabakkneipe. Die aufgeregten Stammgäste schauten gespannt zu, wie sich der Rest aus sich selbst zu einem dicken braunen Faden spann, langsam herabtröpfelte und dabei gerann. Die Neige folgte als dünner Faden, dann als Fädchen, das vom Zug der abgestandenen Luft in der Kneipe beiseite gepustet wurde. Der Barmann drehte geschickt das Handgelenk und das Fädchen riss. Er setzte die Flasche auf die Theke und hielt sich am Rande fest. Fungel griff nach dem Becher. »Na denn - Prost!«, sagte er, legte den Kopf in den Nacken und hob den Becher. Das zähe Gebräu rutschte wie eine gekochte Nacktschnecke abwärts. Fungel ließ eine Weile den Mund offen. Er sah wie ein Schwertschlucker beim Zirkus aus, wie jemand, der eine Schlange ohne Ende verschlingt. Der dicke Strick des Old Pekuliar wurde zu einem Faden, der sich zu einem Fädchen verdünnte, und Fungel drehte das Handgelenk, um das Fädchen zu unterbrechen, und knallte den Becher auf die Theke. Dann nickte er dem Troll zu. »Besten Dank auch«, sagte er. Der Troll konnte nur nicken, mit glotzenden Augen und weit aufgerissenem Maul. Fungel wandte sich von der Theke ab. Nach drei Schritten war er so betrunken wie ein Matrose nach dem Landgang. Zwei Giblins würfelten an der Rückwand der Tabakkneipe. Der eine Giblin glich einem Stachelschwein und der andere sah wie eine Ratte aus. Es hätte keine zwei Gestalten geben können, die besser in dieses wüste Tollhaus gepasst hätten. An der Theke war ein Getümmel entstanden, aber die Giblins kümmerten sich nicht sonderlich darum. Ratte stand bei Stachelschwein mit Schnaps für die nächsten hundert Jahre in der Kreide und versuchte verbissen das Glück wieder auf seine Seite zu zwingen, was, wie alle Narren glauben, von Zeit zu Zeit passieren muss. Stachelschwein gackerte und schwatzte und konnte einem schon, um die Wahrheit zu sagen, auf den Wecker fallen. Ratte versuchte Stachelschwein nicht zu beachten, während er in seinen großen Spinnenpfoten die Würfel schüttelte. Je mehr Stachelschwein von seinem Pech im Spiel faselte, desto verzweifelter versuchte Ratte sein Glück zurückzugewinnen. Er dachte darüber nach, ob Stachelschwein das auch wusste. Er blies seinen glühheißen Atem in seine Faust, weil das Glück brachte, und schüttelte die Würfel, dass sie klapperten. Bei diesem Wurf hatte er Glück. Er konnte es spüren. Manchmal hat man die ses Gefühl - erklären kann man's nicht, es ist nur eine Ahnung von einer bestimmten Sicherheit, wie wenn man das Messer wirft und einfach weiß, dass es ins Herz zischen wird. Oder wenn man den fröhlichen Schritt eines Glückskerls sieht und ganz genau weiß, dass er eine dicke, fette Brieftasche hat. Und so fühlte Ratte jetzt: Der nächste Wurf ist ein Gewinn. Und gewinnen wäre wirklich fabelhaft nach all dem Pech, das er in diesen letzten Tagen gehabt hatte. Herumspazierende Kaffeekannen und entwischte Zwerge, Grund und Boden, der unter ihnen nachgab, und wieder entwischende Zwerge, lange Verfolgungsjagden durch enge Tunnels, wobei sie fast ertranken, und dann auch noch ein Gnom, der sie zum Narren hielt. Noch so ein Mist, und sie würden dem Alten Knauser Rede und Antwort stehen müssen, und das schmeckte wirklich keinem. Denn nach einem Besuch bei ihm war man manchmal nicht wieder zu erkennen. Da brauchte man nur Vixen anzugucken.

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Ratte schüttelte sich. Lieber nicht darüber denken, was aus Vixen geworden war. Lieber an diese Würfelrunde denken, an das sichere Gefühl, das ihm in der Hand summte. Er holte aus, um zu würfeln. Jemand stieß ihn an und er ließ die Würfel fallen. Die Würfel klapperten über den Steinboden. Zwei schwarze Punkte starrten zu Ratte empor wie schwarze Kakerlaken auf weißen Knochen. »Schlangenaugen«, kicherte Stachelschwein. Ratte fuhr herum, wütend und bereit, jedem an die Kehle zu fahren, der ihm die Chance vermasselt hatte, mit Stachelschwein gleichzuziehen - und hielt inne. »Bitte tausendmal um Verzeihung«, murmelte die betrunkene pummelige Gestalt, die ihn angerempelt hatte, tippte sich dann höflich an den hohen, grünen, spitzen Hut und torkelte davon. Es war jedoch nicht dieser Zusammenstoß, warum sich Ratte das borstige Fell am Schädel sträubte, den Hals entlang, über die Schulter und über den ganzen Rücken hinunter. Es war ein Geruch, ein Geruch, ein Geruch... Zwerge. Thorn saß dicht beim Eingang der Tabakkneipe tief im Schatten. Er saß allein und an diesem voll gerammelten Ort war schon die Leere um ihn herum bemerkenswert. So bemerkenswert, da jeder auf seine Weise versuchte ihn nicht anzublicken. Die Augen weigerten sich über seine ledrige Stachelgestalt zu huschen. Allein schon ein flüchtiger Blick auf seine Zotteln und Zacken schien die Pupillen der Betrachter zu durchbohren. Etwas an ihm ließ vermuten, dass sie so wenig gemustert werden mochten, wie sie versuchen würden einen fiebergeschüttelten Hund mit Schaum vorm Maul durch Blicke zu bändigen. Seinem Blick zu begegnen, war wie der Zusammenstoß mit einem Mörder in einer dunklen Gasse. Die Tabakkneipe schloss nie und Thorn saß seit der vorigen Nacht auf diesem Platz, hatte denselben Becher vor sich stehen. Er nahm oft einen kräftigen Schluck, aber der Becher schien sich niemals zu leeren. Er hatte die Gegenwart der Giblins wahrgenommen, als sie hereingekommen waren, um zu trinken und zu würfeln. Gut, gut, die Elemente näherten sich einander. Es war also nur noch eine Frage der Zeit, bevor ­ - der Zwerg hereinkam. Thorn spürte ihn die Stufen herabkommen, bevor er ihn tatsächlich erblickte. Mochte sich der Zwergenschamane auch besonders schlau und witzig mit seinem Zauber der Unauffälligkeit vorkommen - und sicher klappte das auch bei den beschränkten Saufköppen hier in der Bude tadellos -, Thorn aber wusste genau, wonach er Ausschau halten musste. Er war darauf vorbereitet worden. Er war gesandt worden. Der Zwerg ging ahnungslos an ihm vorüber und steuerte auf die Theke zu. Die Giblins würfelten in ihrer Ecke. Thorn leerte seinen Becher und stellte ihn auf den Tisch. Er grinste, und ein Weinglas, das ein Elf neben ihm in der Hand hielt, ging klirrend in Scherben. Zufrieden und erwartungsvoll lehnte sich Thorn in seinem Stuhl zurück und beobachtete alles und wartete. Der Becher vor ihm auf dem Tisch begann sich langsam von alleine zu füllen. In Fungels Kopf schwirrte ein Hornissenschwarm. Sowie der Old Pekuliar seinen Magen erreicht hatte, spürte er, wie er wirkte, wie er ihm das Blut färbte wie ein Teebeutel das Wasser. Der Alkohol raste durch seine Adern zum Schädel und schlug ihm seine chemischen Klauen ins Gehirn. Nach drei Schritten war er sturzbetrunken. Der Raum verwandelte sich in warme Watte: Die Wände begannen sich zu strecken und wie Zerrspiegel in Jahrmarktsbuden zu verlängern. Stützbal ken wurden weich wie Gummi, die Decke senkte sich und glitt ihm zu Füßen, während der Steinboden an seiner Schnauze vorbei in die Höhe schoss und mit dem Dach verschmolz. Festigkeit wurde Vertrauenssache, während um ihn herum ein schimmerndes Meer aus Rauch toste, das mit den fröhlich funkelnden Augen der Trolle, Elfen, Heinzel und Halunken besteckt war. Ein weiterer Schritt und er setzte seinen Körper wieder in Schwung: Er heizte den Kreislauf an und den natürlichen Umwandlungsprozess, der Alkohol in Zucker umsetzte. Beim fünften Schritt war sein Schädel schon wieder klarer, aber er fühlte sich schläfrig. Beim sechsten Schritt hatte er den Kater erwischt. Sein Schädel war für seinen Kopf zweimal zu klein. Die Geräusche um ihn herum waren unnatürlich laut. Es kam ihm so vor, als ob er sein Fell wachsen und seine Augenbälle sich knirschend drehen hören konnte. Beim siebten Schritt rief er die Adrenalinreserven und Mineralstoffvorräte ab, Wasser aus dem Fettgewebe und eine anständige Mischung aus Vitaminen. Beim achten Schritt stieß er an jemanden. Da er sich nicht ablenken lassen wollte, murmelte er nur eine Entschuldigung und schob sich weiter nach hinten. Peng!

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Als er die hintere Hälfte des Raumes erreicht hatte, war er so nüchtern wie ein Waldkauz und so
durstig wie ein Pfeifer, der in der Wüste Salzgebäck gegessen hat.
Er wandte seine nach innen gerichtete Aufmerksamkeit wieder nach außen.
Der Eimertrupp spülte den Igeldreck weg; zwei weitere Igel wurden herbeigeschafft, Geld wechselte
die Hände (oder Pfoten), Flüche wurden ausgestoßen, Getränke gewürzt, finstere Machen schaften
ausgebrütet oder nicht, Taschen wurden ausgeraubt, Meerschaumpfeifen frisch entzündet, Becher
aller Arten zerdeppert, mit Würfeln wurde geklappert, geröstete Rattenschwänze geknabbert, Tunke
geschleckt und verkleckert, Fell wurde aufgeplustert, Tätowiernadeln hinterließen wunderschöne
Wunden und gut geölte Kehlen summten vor sich hin oder schmetterten in allen Tonarten das
Scrumpylied:
»Das ist der allerschönste Schluck - wer einmal säuft, hat nie genug. Wir trinken ihn bei Tag und
Nacht, als Frühstück wird er uns gebracht. Wir schlucken ihn froh
im Bad und am Klo.
Zu Mittag ein Schlückchen, dann schlaf ich ein Stückchen. Ist er schlimm für den Darm, hält den
Grips er mir warm. Scrumpy! Scrumpy!
Das ist der allerschönste Schluck! Und für uns Schurken gut genug. Aus Wurm und Äpfeln destilliert,
mit Rattenaugen nett garniert, aus Abfall, verschimmelt
und von Maden umwimmelt: Scrumpy! Scrumpy!
Das ist der allerschönste Schluck! Wer einmal säuft, hat nie genug!«
Zum Schluss hatten alle mitgesungen und die ganze Tabakkneipe bebte in den Grundfesten. Es war
freilich keine Musik, eher das Geheul eines Rudels kastrierter Wölfe, die ihre Talente an Toten­
gesängen bewiesen. Und Scrumpy wurde zum letzten Schrei der Stunde. Volle Becher flogen von der
Theke über die Köpfe hinweg wie die Wassereimer eines Löschtrupps.
Ja, da ist ein Feuer zu löschen, dachte Fungel, und hier sind sie alle nach Leibeskräften dabei. Doch
je mehr sie drauf kippen, desto mehr brennt es lichterloh.
Eine Hand schlug auf seine Schulter. Er drehte sich um und blickte einem muskelbepackten
Waldschrat mit stämmigen tätowierten Armen ins Gesicht. Hinter ihm ein zweiter, genauso kraft­
strotzend, der sich mit einem verrosteten Bajonett in den nadelspitzen Zähnen stocherte.
Der erste Waldschrat grinste tückisch. »Er will dich sehn«, sagte
er.
Der zweite Waldschrat deutete mit seinem Bajonett auf einen durch einen Vorhang abgeteilten Winkel
im Hintergrund der Kneipe. Fungel erhob keinen Einwand.
Zisch!
Noch mal ins Schwarze, dachte Ratte angewidert, da hab ich mir eingebildet, im Pfeilwerfen war ich
Spitze. Und was stellt sich raus? Dieser Mistfink ist selbst ein Treffer.
»Ich hab's dir doch gesagt, er isses! «, sagte Ratte hartnäckig, während Stachelschwein die
spitzschnabeligen Wurfpfeile aus dem Brett zerrte. »Dieser verschimmelte alte Waldzwerg! Hab ihn
sofort gerochen. «
Stachelschwein hielt Ratte nur wortlos die Pfeile hin. Lackierte, gerupfte und ausgestopfte Kolibris.
Seine verrückten, roten Augen glühten vor Eifer.
Ratte konnte es gar nicht fassen. »Haste denn `ne Ahnung, was uns blüht, wenn wir 'n entwischen
lassen?«, fragte er und nahm die Pfeile. Eine Stachelhand schlug sich ihm in die Schulter und drehte
ihn mit einem Schwung um. »Ich werd dir blühen«, sagte Thorn.
Die toten Kolibris sprangen Ratte aus der Hand und spießten sich selber ins Ziel.
Hinter dem Vorhang war ein enger Flur. Die Waldschrate führten Fungel zu einer Türöffnung, die mit
einem durchsichtigen, von der anderen Seite beleuchteten Tuch verhangen war. Von dort vernahm
Fungel eine merkwürdige Musik.
Der Waldschrat mit den Tätowierungen pochte an den Torrahmen.
»Mmmm«, klang's von drinnen.
Der Waldschrat riss das Tuch beiseite und dicke Schwaden von blau-grauem Rauch wogten in den
Flur.
»Der Kerl, den Sie wollten, Meister«, sagte der Waldschrat. »Mmm.«
Der Waldschrat deutete mit einem krummen Daumen in den Raum. »Will dich jetzt sehn«, sagte er.
Fungel trat ein.
Die Luft war zum Schneiden und ließ ihn husten. Regale waren mit Hauptbüchern voll gestopft. An
einer Wand ein seltsames Gebilde aus Glas, Metall, sich drehenden Scheiben und flackernden
Lichtern. Sah so aus wie etwas, das Ka bei sich zu Hause aufstellen würde, und dorther kam die
merkwürdige Musik.
In dem dichten Rauch war das Schild an der jenseitigen Wand kaum zu entziffern:
Warnung!

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Der Gesundheitsminister: Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit! Darunter stiegen Rauchfäden in der Farbe von Straußenfedern auf, aus einer so gewaltigen Pfeife, dass sie wie ein Möbelstück wirkte. Sie ruhte auf den Dielenbrettern neben einem Schreibpult, auf dem eine batteriebetriebene Colemanlampe brannte, und diese Pfeife war so ausladend und so reich verziert, dass Fungel zuerst gar nicht merkte: Dahinter saß ja jemand! »Soviel ich weiß, hältst du nach mir Ausschau«, polterte eine Stimme. Da erkannte ihn Fungel: Achtung gebietend, erhaben, mit Augen wie Kieselsteine und einer solch geballten Ausstrahlung von Macht, dass er einer Naturgewalt glich, als ob er immer vor handen gewesen wäre und als ob diese Schwächlinge und alles Schwache nur zu seinen Füßen wucherte. »Morchel der Moosmann«, sagte Fungel. »Ich weiß, wer ich bin«, antwortete Morchel mit einer Stimme, die von Hochmut und Sherry troff. Er legte das Mundstück seiner gewaltigen Pfeife beiseite. »Und wenn ich nicht irre, bist du Fun gel Fuchswitz, der Sohn von Wuschel Fuchswitz und Schamane von einigem Ruf. Etwas zu trinken? Ich glaube, dir schmeckt der Old Pekuliar ganz gut. Ein starkes Gebräu, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, altes Haus.« Fungel überlegte fieberhaft. Was hatte es für einen Sinn abzuleugnen, wer er war? »O nein, besten Dank. Das heißt: Ja, ich bin Fungel Fuchswitz, aber ich glaube, ein Old Pekuliar im Leben reicht mir. « Morchel runzelte die Stirn. Seine dicken Finger trommelten nachdenklich auf das Pult. »Larry«, sagte er. Die Portiere wurde beiseite gezogen und ein neugieriger Waldschratkopf erschien. »Zwei Tee«, sagte Morchel. Er musterte Fungel abschätzend. »Lapsang Souchong«, befahl er genauer. Der Waldschrat nickte und zog sich zurück. Morchel sog an der Pfeife und betrachtete Fungel. »Ja, ich weiß in etwa, wer du bist, Fungel Fuchswitz. Es gehört zu meinen Aufgaben, derlei zu wissen. Und du bist entweder tollkühn oder höchst töricht, hierher zu kommen. Soviel ich verstehe, könnte ich eine beträchtliche Summe dafür gewinnen, dass ich dich einer Reihe von ruchlosen Herrschaften aushändige, die sich kürzlich in meinem Etablissement nach dir erkundigt haben. Einige warten schon draußen, während wir uns noch unterhalten.« Fungels Herzschlag raste. »Ich habe keine Ahnung, zu welchem Zweck sie dich haben wollen«, fuhr Morchel fort, »und, um die Wahrheit zu gestehen, es ist mir gleichgültig.« Er sog kräftig an der Pfeife. »Ich bin ein mo derner Geschäftsmann. Ich bin daran interessiert - und das bereitet mir außerordentliches Vergnügen -, selbst das beste Geschäft zu machen.« Er verschränkte die Finger auf dem Pult und beugte sich vor. »Was wünschen Sie von mir, Mister Fuchswitz?«, fragte er. Fungel griff in seinen Kittel und zog seine pergamentene Landkarte heraus. Er zögerte einen Augenblick, ehe er sie aufrollte. Morchel hatte gerade erklärt, er wolle ihn denen mit dem höchsten Angebot ausliefern, es sei denn, Fungel mache ihm ein noch besseres. Konnte er Morchel sein Ziel nennen, ohne verraten zu werden? Ach, entschied er, wenn er mich führen soll, muss ich ihm ja sagen, wohin ich will. Fungel breitete die Landkarte auf Morchels Pult aus. »Ich brauche einen Führer«, sagte er, »zu diesen Hügeln da.« Er tippte auf die Stelle, die den Berg der Toten bezeichnete. »Was für ein amüsanter Bursche«, bemerkte Morchel, der kaum einen Blick auf die Karte geworfen hatte. »Das ist ein überaus machtvoller Ort und du warst wohl beraten, ihn zu meiden. « »Ich habe keine Wähl.« Morchels Lächeln war schlau, aber ganz ohne Humor. »Nun gut«, sagte er, »ich betreibe eine Bar. Ich bin kein Reiseleiter. Außer natürlich, es spränge ein ansehnlicher Gewinn dabei heraus.« Es klopfte am Türrahmen und der Waldschrat namens Larry trat ein. Er trug ein angelaufenes silbernes Teeservice. Er setzte es auf einem Gestell neben Morchels Pult ab, verschwand aber erst, nachdem er Fungel einen forschenden Blick zugeworfen hatte. Fungel griff wieder in seinen Kittel und zog das Päckchen heraus, das Ka ihm vor seinem Aufbruch gegeben hatte. Er legte es auf die Landkarte vor Morchel. Morchel betrachtete es ausdruckslos und schaute dann Fungel an. »Honig, Zitrone, Milch?«, fragte er. »Für alle Glücksspieler habe ich sogar Würfelzucker.« Er beachtete das Bündel gar nicht und goss Tee in die beiden Tassen. »Nur etwas Honig, bitte«, antwortete Fungel. Morchel löffelte eine tüchtige Portion fast festen Honigs in die Tasse und reichte sie Fungel. Geisterhafte Dämpfe stiegen von ihr auf. Fungel hielt sie sich unter die Nase, schloss die Augen und

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at mete ein. »Ah, Lavendelhonig, wenn ich nicht irre«, sagte er, »Nordseite, wahrscheinlich von einem der Graukogel-Schwärme. Es könnte sein, dass ich sogar den Bienenstock kenne. « Er runzelte die Stirn. Unter dem Aroma von Tee und Honig war etwas anderes, ein unangenehmer Beigeschmack... Fungel riss die Augen auf. Morchel betrachtete die Landkarte, hob die Tasse an die Lippen, wollte den ersten Schluck ­ Fungel schoss vorwärts und schlug Morchel die Teetasse aus der Hand. Sie flog an Morchels Pfeife, der Tee spritzte an die Wand und die Tasse klirrte auf den Boden. Die Waldschrate waren bereits im Raum, noch bevor die Tasse zur Ruhe gekommen war. »Alles in Ordnung, Boss?«, fragte der mit den Tätowierungen auf den Armen. Morchel starrte die Wand an, gegen die der Tee gespritzt war. Das Holz rauchte und sie hörten es mit einem bösartigen Knistern brennen und zischeln. Er schaute Fungel an und Fungel nickte langsam. »Verbindlichen Dank«, antwortete Morchel, »nichts passiert. Ich habe wohl meinen Tee verschüttet.« Der Waldschrat Larry hob die Tasse und die Untertasse auf. »Gieß dir 'nen neuen ein«, sagte er. Morchel schaute Fungel an. »Sehr liebenswürdig, Larry. Dann gieß dir doch auch eine ein. « Larry erstarrte mitten im Aufheben des Teegeschirrs. .. »Ahhh. . . hehehe . . . Also ich, das weiß doch jeder, ich rühr nichts Schwächeres als Steinschnaps an, Boss.« »Aber ich bestehe darauf.« »Ahhhhh.« Larry richtete sich auf. »Na gut.« Er setzte die Tasse mit der Untertasse auf das Teetablett, hob die Kanne - und schwenkte sie an Morchels Kopf. Morchel duckte sich und sie knallte an seine große Pfeife. Larry zog sein Bajonett und stach nach Fungel, der seinen Stuhl jedoch längst verlassen hatte. Das Bajonett fuhr so heftig in die Stuhllehne, dass der Stuhl hinterrücks umkippte. Larry sauste mit dem gleichen Schwung zur Tür hinaus. Dort wartete der Tätowierte schon auf ihn. Zwergenkampfe haben ein solches Tempo, dass ihnen nicht einmal Katzenaugen folgen können und sie sind so tödlich wie Zyankali auf Eiswürfeln. Zuerst schienen sich Larry und der Täto wierte die Hände schütteln zu wollen, dann lag der Tätowierte schon auf dem Boden und umklammerte seinen Arm, während sich schleifende, hinkende Schritte den Korridor entlang entfernten. Der Tätowierte rappelte sich sofort wieder hoch. »Hat mir meinen Lieblingsarm gebrochen!«, fluchte er. »Tut mir Leid, Boss, glaub aber, ich hab das Bein gebrochen.« Er packte mit seiner ge sunden Hand sein Handgelenk und zog daran. Selbst am anderen Ende des Raumes konnte Fungel das schabende Krachen hören, mit dem er sich seinen Knochen wieder zurechtzerrte. »Lauf hinter ihm her, Winnie«, befahl Morchel, »schnapp ihn dir, und alle, die bei ihm sind. Lass Wubbisch und Bludjin die Tür bewachen.« Der Waldschrat trabte davon. »Und sag Larry, dass er entlassen ist!«, rief Morchel hinter dem Waldschrat her. Fungel hob die silberne Teekanne auf und schaute hinein. Der Anblick war so ekelhaft, dass er die Nase krauste. Auf Morchels neugierigen Blick hielt er ihm die Kanne so hin, dass er sehen konnte, was darin lauerte. In dem Teerest schwamm ein Geschöpf von der Größe einer Faust. Mit den langen Beinen, dem schwarzen Fell, den glühroten Augen und dem buschigen Schwanz sah es wie eine Mischung aus Skorpion und Spinne aus. Fungel schlug den Deckel der Teekanne zu. »Wie hast du das gewusst, guter Mann?«, fragte Morchel. Fungel lächelte mit schmalen Lippen. »Es gehört zu meinen Aufgaben, derlei zu wissen«, zitierte er. »Ich nehme wohl an, dass du mich in deiner Schuld siehst.« Morchels Ton klang geringschätzig. »Nicht im Geringsten, Sir«, antwortete Fungel und folgte der Logik, die auch für Morchel, wie er meinte, eine Leitlinie war: »Der Tee wäre vermutlich nicht vergiftet worden, wenn ich nicht hier gewesen wäre. « Morchel nickte abwesend. Er wickelte das Päckchen aus, das Fungel auf die Landkarte gelegt hatte. »Aber es verleiht deinen Angelegenheiten eine höhere Dringlichkeit«, bemerkte er, während er einen blanken Metallgegenstand enthüllte, ihn hochhob und ins Licht hielt, »zumal es dir, wie ich vermute, unmöglich wäre, aus der Haustür hinauszumarschieren und dich fröhlich auf deinen Weg zu machen, altes Haus.« Er löste seine Augen von dem silbernen Gegenstand. »Wo hast du das her?« Sein Ton war so gleichgültig wie immer, aber Fungel meinte einen gewissen Eifer mitklingen zu hören. Manchmal spricht Schweigen lauter als Worte und so war es jetzt: Fungel hielt den Mund. Morchel schaute wieder wie hypnotisiert auf den Gegenstand. »Kühlerfigur von einem 1937er RollsRoyce Silver Shadow«, sagte er andächtig, »eine von nur noch drei vorhandenen, die meine Sammlung vollkommen macht. Chevies, Fords, Buicks, so zahlreich wie Sand am Meer. Aber der

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Rolls-Royce Silver Shadow? Der 1948er Bentley R-Typ? Versuch mal, auf diesem lächerlichen Kontinent den Schwertgriff von Excalibur zu finden.« Fungel hatte keine Ahnung, wovon er redete, nickte aber zustimmend. »Na gut«, Morchel beruhigte sich wieder. »Wie viel?« »Mein Freund Ka hat gesagt, du könntest es gebrauchen.« Morchel kniff die Augen zu. »Nutzen und Wunsch, das sind zwei Paar Schuh, mein guter Freund. Aber ich nehme an, du be­ ziehst dich auf einen gewissen Karbol Erdenwurm, der Geburt nach Gnom und dem Beruf nach ein Freund von Schmutz und Schund?« »Genau denselben«, antwortete Fungel, »und du hältst seine Gabe in Händen, die mich bei dir einführen soll.« Fungel war über den Wandel verblüfft, der sich plötzlich mit Morchel vollzog. Der gleichgültige Geschäftsmann wurde lebhaft und munter und er grinste so breit, dass er eine Banane hätte quer verschlingen können. »Warum hast du das denn nicht gleich gesagt! Wir hätten uns doch den ganzen Unfug ersparen können, inklusive der Zerstörung meiner heiß geliebten Pfeife. Karbol Erdenwurm und ich sind uns gegenseitig gewogen, seit, seit -«, er beäugte Fungel, »also nicht ganz vor deiner Geburt, möcht ich wetten, aber auf jeden Fall sehr viel länger, als ein Herr meines Alters gern zugeben mag. Was für ein amüsanter Bursche er doch ist. Sag mal, hat er sich diese Television unterdessen aus dem Kopf geschlagen?« Er kicherte. »Nein, natürlich nicht.« Mit für jemanden mit so großen und dicken Fingern erstaunlichem Geschick wickelte Morchel die Silberfigur wieder ein und schob sie in die Tasche. »1937«, murmelte er kopfschüttelnd. »Wenn ich diesen Gnom wieder sehe, dann muss ich meinen Gorgonzola anbrechen, und vielleicht gönn ich ihm sogar einen von meinen besten Rotweinen, einen 35er.« Er seufzte. So rasch die freundliche Gemütlichkeit seine Hochnäsigkeit beiseite gefegt hatte, so rasch war sie wieder vorbei. Abermals war Morchel der Moosmann nichts als Geschäft und Tüchtigkeit. »Wir müssen sofort aufbrechen«, sagte er, »der, der Larry gekauft hat, wird unterdessen gewarnt sein. Sie werden auf uns warten.« Er winkte Fungel von der Landkarte fort, die der Waldzwerg gerade aufzurollen begann. »Die hat keinen Zweck mehr für uns«, sagte er, »sind zu viele von den leeren Stellen unterdessen aufgefüllt, Herr Fungel Fuchswitz, Waldzwerg.« Er zog eine Schublade aus dem Arbeitstisch und griff hinein. »Wolln mal sehen«, sagte er, »wenn wir heil durch das Land des Tausendrauchs kommen wollen, ohne von den Quibbern zum Frühstück verspeist zu werden, dann brauchen wir mein magisches Feenwasser.« Er fummelte in der Schublade herum und Fungel hörte es klicken. »So«, sagte Morchel, »wenn du in die Klemme zu kommen drohst, dann ist es ratsam, mehr als einen Ausgang zu haben.« Er ging zu einem Buchregal am anderen Ende des Raumes und drückte auf den linken Rand. Es schwang nach innen auf. Morchel hielt inne und schaute zurück. »Kommst du?« Fungel klappte den Mund zu und folgte ihm. Thorn beobachtete den Eingang der Tabakkneipe hinter einem Baum hervor, wobei er seine düstere Stachelgestalt im Dickicht der Schlinggewächse versteckte. Er war wütend. Der Versuch, den Waldzwerg zu vergiften, war fehlgeschlagen, was Thorn nicht sonderlich überraschte, weil es von Anfang an eine ziemlich wackelige Sache gewesen war, die man aber doch hatte ausprobieren müssen. Nein, ihm kochte der Zorn aus den Schlitzaugen, weil der Waldschrat die Nerven verloren hatte, quer durch die Bar gerannt war - ein hinkender Köder mit gebrochenen Kno­ chen -, direkt auf ihn, auf Thorn zu, was den Verfolgern des Waldschrats die Tatsache, dass sie zusammengehörten, so richtig schön fett unter die Nase gerieben hatte. Vertan die Gelegenheit, sich in das Hinterzimmer zu stehlen, während die Wachen den Waldschrat verfolgten. Verspielt und verschenkt den günstigen Augenblick, um den Waldzwerg zu erledigen und den Auftrag flink und säu­ berlich abzuschließen. Vorbei auch die Möglichkeit, Theverat durch eine ordentliche und prompt erledigte Profiarbeit zu beeindrucken. Er schaute nach links, wo Vixen die östliche Seite der Tabakkneipe im Auge behielt, falls es noch andere Ausgänge gab. Er konnte sie durch die Ranken hindurch gerade so sehen. Sie starrte, ohne mit der Wimper zu zucken, auf die Bretterbude, und sie schloss das Lid auch nicht, als Fliegen sich ihr auf die Augen setzten. Ein silberner Speichelfaden rann ihr aus dem Maul und tropfte auf die grünen Blätter zu ihren Füßen. Was von ihrem Verstand noch übrig war, war ganz darauf ausgerichtet, den Waldzwerg zu erwischen. So viel hatte ihr Theverat noch gelassen. Die übrigen Giblins, Ratte und Stachelschwein, bewachten die nördliche und die westliche Seite. Thorn war fest davon überzeugt, dass es andere Ausgänge gab, verborgene Ausgänge, aber er hatte das Gefühl... Das war der Grund, warum er beauftragt worden war, die Giblins zu überwachen, denn Thorn hatte oft Ahnungen, und diese Ahnungen neigten dazu, sich zu verwirklichen. Im Augenblick

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hatte er das Gefühl, dass man sich auf die Vordertür konzentrieren müsste, und deshalb hatte er diese Aufgabe übernommen und die Giblins um den verfallenen Schuppen herum oberhalb der Kneipe postiert, mit dem Befehl, auf den leisesten Wink im Karacho angebraust zu kommen. Die Giblins mochten verrückt sein, aber sie waren auch nützlich, wenn man wusste, wie man mit ihnen umgehen musste. Wenn man ihre gewalttätigen Kräfte nämlich vernünftig einsetzte, dann blieben sie mit verbissener Hartnäckigkeit auf der Spur einer Beute, wie blutrünstige Jagdhunde. Giblins waren Werkzeuge, diese beiden und die anderen, die auf dem Gelände verstreut waren. Werkzeuge. Alles, was gute Werkzeuge brauchen, ist jemand, der gut mit Werkzeugen umgehen kann. Thorn schaute auf den Rucksackriemen über seiner Schulter. An ihm baumelte eine winzige Puppe, das Figürchen eines Waldschrats mit gebrochenem Bein. Es war erstaunlich lebensecht. Er klopfte grob auf die Zwergenpuppe. Sie stieß schwache Schreie aus. Thorn grinste gemein und dachte über Werkzeuge nach. Irgendwann musste der Waldzwerg auftauchen. »Ah, hier wären wir.« Morchel öffnete eine Tür und betrat einen dunklen Raum, Fungel dicht hinter ihm. Wubbisch und Bludjin, die beiden Waldschrate, die Morchel herbeigerufen hatte, blieben in dem engen Gang, um die Tür zu bewachen. Morchel knipste eine batteriebetriebene Laterne an und begann in Schachteln und Dosen herumzuwühlen, wobei er unaufhörlich murmelte: »Hmmm« und »Ach, wirklich?« und »Hach, hab schon vergessen, dass ich das hier auch habe.« Fungel schaute sich in dem Raum um. Überall waren Kisten, Kästen und Gläser gestapelt, Feldkisten, Regale und mit Tüchern verhüllte Gegenstände. Manche waren etikettiert, andere nicht. DRUCKKNOPF-SCHALTER stand auf ein Schild gekrakelt, das auf einer Holzkiste klebte. Auf anderen: GRIFFE, RADKAPPEN, GEBUNDENE BÜCHER, TASCHENBÜCHER, SCHLÜSSEL, UH­ REN (zum Aufziehen), UHREN (Quarz), MESSING (Verschiedenes), KUPFER (Verschiedenes), BRILLENGESTELLE, SCHWIMMWESTEN (geflickt), PFEIFEN (Kessel), PFEIFEN (Tabak), HANDE (Schaufensterpuppen), SCHADEL (verschiedene). Fungel dachte an den düsteren und staubigen Gang, durch den ihn Morchel zu diesem Raum geführt hatte. Ihm wurde jetzt klar, dass die Kneipe nur der kleinste Teil von Morchels Besitzungen war. Es musste allerdings der Teil sein, von dem alle anderen abhingen, der Magnet, der diejenigen anlockte, die solch seltsame Sachen anschleppten, und die anderen, die sie haben wollten. »Aah! « Morchel richtete sich auf, er hielt einen kunterbunten Kasten und machte ein sehr zufriedenes Gesicht. EIT war in großen Buchstaben auf den Kasten gedruckt. Morchel ging zu einem anderen Karton mit der Bezeichnung BEHALTER (Plastik, leer) und zog eine milchige weiße Flasche heraus. Er schraubte sie auf, öffnete den Kasten, schüttelte eine Hand voll grobes, weißes Pulver heraus, das er dann vorsichtig in die Flasche siebte. Morchel, überlegte Fungel, ist auch eine Art Zauberer. Aber wenn ich meine Kräuter und Wurzeln und die alte Überlieferung habe, so braucht er ein Warenhaus voll Menschenmüll und die neuen Altertümer für seine Wundermittel. Fungel dachte auch darüber nach, was für Schamanen es wohl in der Menschenwelt gab, welche Zaubersprüche und Heilmittel bei den nackten Affen im Lande No von Generation zu Generation weitergereicht würden. Morchel goss aus einem Krug Wasser in die Plastikflasche, schraubte sie wieder zu und schüttelte sie kräftig, sodass eine schaumige weiße Flüssigkeit entstand. Er strahlte Fungel an. »Feenwasser«, erklärte er und zwinkerte. »Und wozu?«, fragte Fungel. »Gegen die Quibberklumpen, Geschöpfe aus dem Urschlamm. Fleisch aus Teer und Sumpföl, Blut aus Bilge und Batteriesäure, das Ganze durch eine Mischung aus Sonnenlicht und toxischer Strahlung zu infernalischem Leben ausgebrütet«, erwiderte Morchel, während er schon nach dem nächsten Gegenstand auf seiner Liste im Kopf Ausschau hielt. »Es gibt nur eins im bisher erforschten Universum, das sie stoppen kann, und ich hab das Rezept.« »Wird wohl was kosten«, tippte Fungel. »Gute Ware hat ihren Preis, mein bester Freund. Ah, hier haben wir's ja.« Er stellte sich auf die Zehenspitzen und zog einen großen zugestöpselten Steinkrug aus einem Regal. »Sei ein Mensch und halt ihn für mich, willst du?« Er reichte Fungel den Krug und Fungel spürte sofort die brausende Elektrizität des Lebens darinnen. So dick das Steinzeug des Kruges auch war, er bebte buchstäblich in seinen Händen. Morchel wandte sich ab, zögerte dann und drehte sich wieder zu Fungel um. Er zeigte auf das graue, kastenähnliche Ding, das Fungel an seinen Rucksack gebunden hatte. »Also, das ist ein Ein zelstück, das man nicht oft zu sehen kriegt. Auf jeden Fall nicht in so einem guten Zustand. Wie bist du drangekommen?« Er hob die Hand. »Nein, sag nichts: Karbol Erdenwurm.« Fungel nickte. »Ist ein Lichtkasten, hat er mir gesagt«, antwortete er.

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»Was für ein amüsanter Bursche.« Morchel strich sich übers Kinn. »Hier, warte mal einen Augenblick,» . « Er kramte in einer anderen Schachtel und zog ein flaches rechteckiges Päckchen he­ raus. Er drückte auf einen Knopf des Lichtkastens und die Rückseite klappte auf. Morchel schob das flache Päckchen hinein und machte den Lichtkasten wieder zu. Fungel hörte ein kurzes me chanisches Winseln, das mit einem Klick wieder abbrach. »Da hast du's«, sagte Morchel und klopfte Fungel auf die Schulter. »Kostet nichts extra. Das Vergnügen, das mir das Wissen um seine reine Existenz bereitet, ist mir Lohn genug.« Fungel sollte erst sehr viel später und an einem wahrhaftig vollkommen anderen Ort begreifen, was Morchel gemeint hatte. »Also«, sagte Morchel, »wolln wir?« Sie standen vor der Portiere, hinter der die Bar lag. Wubbisch und Bludjin standen hinter ihnen. »Willst du wirklich keinen Zauberspruch - oder auch zwei - von mir haben, um es uns draußen ein bisschen bequemer zu machen?«, fragte Fungel noch einmal. »Kennst du einen guten Spruch gegen Stiche?« Fungel grinste schief. »Du kriegst schon keinen Stich, solange du bei mir bist, das kann ich dir versprechen. « Morchel nickte, ohne eine Miene zu verziehen. »Das ist wahrscheinlich genauso gut«, erwiderte er. »Und an diesem Ort fühl ich mich mit meinen eigenen Methoden sicherer als mit Zauber sprüchen. Mein Haus, meine Regeln und so weiter. Bist du fertig?« Fungel nickte. Morchel schaute zurück. »Fertig, Jungs?« »Jawoll.« »Denn man los, Boss.« Morchel nickte. Er warf einen letzten Blick auf das Gedrängel in der Bar. »Ein Jammer, so eine gute Abendeinnahme sausen zu lassen«, sagte er, »aber wer am Wasser baut, darf sich nicht über nasse Füße beklagen.« Er schaute Fungel an. »Also gut, Mister Waldzwerg. Fangen wir's an.« Morchel riss den Vorhang zurück. Fungel zog den Korken aus dem Krug, holte aus und schleuderte ihn mit aller Kraft. Peng!, platzte der Igel und die Wetteinsätze wurden einkassiert und aufs Neue ausgerufen. Pfeifen qualmten, Stirnen umwölkten sich, Fäuste knallten auf die Theke, Stammgäste schimpften, Neulinge zitterten, Becher kreisten, Kreise verdoppelten sich, Stimmen gellten, Flüche flogen hin und her und die Wurfpfeile erst recht. Ein elender Elf, der einen Wichtel tätowierte, hickste betrunken und stichelte mit seiner verdreckten Nadel ein prachtvoll und anatomisch korrektes Halunkenherz. Ein betrunkener Troll, der neben einem steifen und im Tode grinsenden Hund auf dem klebrigen nassen Boden lag, grölte nach Grog. Eine Rotte Pfeifenliebhaber schrie »Oh!« und »Ah!« über einer Meerschaumpfeife, deren Kopf wie ein Rattenschädel geschnitzt war, dem der beißende Rauch wie üble Gedanken aus den Augenhöhlen quoll. Der Barmann schmiss eine leere Flasche in einen Eimer und goss Spülwasser dazu. »Pfeifenreiniger!«, schrie er und ließ den Eimer die Theke entlang in gierige Halunkenhande schlittern. Ein Vorhang teilte sich. Ein Krug segelte über ihre Köpfe hinweg und zerschellte an der Wand. Eine Wolke von wütenden Hornissen entquoll ihm. Die Blasebalger unterbrachen ihre Arbeiten. Alle Wetten gingen in den Keller, weil die Igel langsam Luft ließen. Der Croupier hörte mit seinem ständigen Rufen auf. Den Dauergästen an der Theke blieb die Aufschneiderei im Halse stecken und sie schauten ängstlich über die Schultern. Pfeifenqualm stand in den verräucherten Lungen still wie Nebel in schleimigen Höhlen. In der plötzlichen Stille hörte sich das Brummen der Hornissen wie das ferne Dröhnen eines Bombengeschwaders an. Da brach die Hölle los. Hatte in der Bar schon vorher ein Chaos geherrscht, so war das ein Picknick von Pfarrersköchinnen im Vergleich zu dem Trampeln, Schubsen, Ringen, Stoßen, Kriechen und der blinden Flucht zur Treppe, die hinauf- und hinausführte. Es plantschte gewaltig, als der Barmann in ein Fass Feuerwasser sprang. Der trunkene Troll sprang vom Boden auf und stürzte zur Treppe. »Bienen!«, bellte er. »Weg hier, aus dem Weg! Ich bin allergisch auf Bienen!« Die erste Woge der Treppenflüchtlinge hatte es geschafft die Tür aufzustoßen. »Na, dann wollen wir mal auch«, sagte Morchel ruhig und er, Fungel und die Waldschrate Wubbisch und Bludjin mischten sich in den Tumult. Thorn hörte den Aufruhr, eh er ihn sah. Er glich einer noch fernen durchgehenden Herde - und es war auch eine durchgehende Herde. Er sammelte sich, jederzeit bereit, Zaubersprüche und Be fehle

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auszuspucken. Er hatte noch Zeit zu dem Gedanken, dass dies irgendwie komisch war und dass an dieser Flucht nichts Verschwiegenes und Verstohlenes war, dann krachte die Sturmtür auf, und betrunkene Gestalten taumelten heraus wie wütende Ameisen, denen der Hügel zerstört wird. Zu seiner Linken sah er, wie sich Vixen mit ihrem Speer vorwärts bewegte. Thorn hob eine Hand und sie blieb stehen, so still wie ein Stein. Thorn dachte erbittert nach, während schreiende Memmen aus der Kneipe krochen und in die Wälder rannten, mit den Armen um sich schlugen, mit den Beinen zappelten und sich die Seele aus dem Leibe schrien. Ein Elf rannte direkt auf ihn zu, hielt an und klopfte sich ab, während er immer noch eine Hand voll Wurfpfeile aus der Kneipe umklammert hielt. Das musste ihm klar geworden sein, denn er hörte mit der Herumschlagerei auf, suchte sich einen Wurfpfeil aus, zielte sorgfältig und ließ ihn fliegen. Der Kolibri zischte direkt neben Thorns Backe ins Holz. Der Elf warf seine beiden letzten Pfeile, begann dann wieder wie wild herumzuwedeln, als ob er sich von der ganzen Welt verabschiedete, und floh jammernd in die Nacht. Thorn betrachtete den Pfeil, der im Baume steckte. Auf den Schnabel des Pfeils war eine Hornisse gespießt, so groß wie Thorns Daumen. Ein Ablenkungsmanöver, dachte er. Sie wollen uns an der Vordertür... ... weil sie an einer anderen Stelle herauskommen. Er sauste zu Vixen hinüber. Fungel sah die seltsame Gestalt schon durch den Wald gleiten, als er aus dem versteckten Ausgang kam. Um ihn herum schwirrten Stammkunden und Hornissen. Morchel und die beiden Wald schrate hielten sich dicht bei ihm, wagten es nicht, den Zauberkreis zu verlassen, in dem der Schamane über alles gebot, was flog und stach und brummte. Die Gestalt, die wie ein Schatten durch den Wald glitt, war stachlig, kantig, hager, geschmeidig und groß. Sie bewegte sich mit gefährlicher Ruhe und Lässigkeit. Wenn der Wald nicht eine Verlän gerung seines eigenen Ichs gewesen wäre, wenn er nicht sein ganzes Leben in seinem Atem, Licht und Schatten zugebracht hätte, wäre Fungel dieser geheimnisvolle Schatten niemals aufgefallen. Jetzt hielt er an. Fungel hatte das Gefühl, dass er suchte und schaute - Ausschau hielt. Mit einem Blick auf Morchel und die Waldschrate, die sich von den armen verquollenen Viechern entfernten, die schreiend aus der Kneipe stolperten, merkte Fungel plötzlich, dass sie in ihrer vollkommenen Ruhe irrsinnig auffallen mussten. »Ahhh! «, kreischte er plötzlich. »Ohh! Bienen! Bienen, die stechen!« Er schlug mit den Armen um sich und tanzte wie ein Verrückter. Morchel und die Waldschrate schauten ihn an, als ob er wirklich den Verstand verloren hätte. Fungel versuchte ihnen mit Grimassen Zeichen zu geben. »Tut so, als ob ihr gestochen worden seid!«, flüsterte er. Sie schauten sich verblüfft an. »Ahh! Ohh! « Fungel wand sich in gespielter Pein. Da ging Morchel ein Licht auf. »Auaaua! «, heulte er. »Auatsch! « Er wedelte ebenfalls mit den Armen und stampfte mit den Füßen auf. Fungel fühlte, wie die Gestalt oben im Walde zögerte. »Biste gestochen, Boss?«, fragte Wubbisch. »Halt die Klappe und heul! «, befahl Morchel. »Aber Boss«, antwortete Bludjin mit einer gewissen Berechtigung, »wie kann er die Klappe halten und gleichzeitig heulen?« »Versuch's einfach!« So zeterten und zappelten die beiden Schrate, als ob sie von Hornissen gestochen würden und warfen einander erbärmliche Blicke zu, während sie Fungel zum Waldrand führte, wo sie ihren Wahn sinnstanz würden abbrechen und weiterlaufen können. Fungel spürte, wie sie der Blick des geheimnisvollen, fremdartigen, stacheligen Geschöpfes streifte und von ihnen abglitt. Mitten in sei­ nem panischen Tanz schaute er zur anderen Seite der Lichtung hinüber und sah den Schatten wie Rauch zu einem Baum wehen, wo Fungel den Umriss eines Giblins wahrnahm. Aber nun hatte er die Wälder erreicht. Er konnte Morchel und seine Waldschratgarde durch das üppige Grün seiner Welt führen, und dann wieder aus dieser Welt hinaus und an Orte, die Morchel mehr vertraut waren. Der Gedanke daran hätte eine Vorahnung in ihm wecken sollen, aber jetzt im Augenblick spürte Fungel nichts als Erleichterung. Er berührte die Wünschelfeder an seiner Mütze und seine Hand erstarrte, als er neben sich eine träge Stimme hörte. »Zwergenbraten soll recht lecker schmecken«, sagte Stachelschwein, »richtig leckrig, hehehe!«

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Das Land des Tausendrauchs
Der Geruch verriet Fungel als Erstes, dass sie dicht beim Lande des Tausendrauchs waren. Zwei Tage lang hatten sich Morchel und Fungel in östlicher Richtung durch den tiefen Wald gearbeitet. Obgleich sie wenig miteinander geredet hatten, war eine Art Bindung in den Gefilden ihres Inneren zwischen ihnen entstanden, wie es oft bei mühsamen und langen Reisen durch schwieriges Gelände der Fall ist. Doch darüber bewahrten der Waldzwerg und der geheimnisvolle Moosmann Schweigen. Einer hatte aber große Hochachtung vorm anderen - Morchel wegen des Waldzwerges erstaunlicher Kenntnis vom Wald und seinem Leben, und Fungel wegen der unerschütterlichen Sicherheit des Moosmannes und seiner enzyklopädischen Kenntnis der Menschheit - was Fungel immer wieder erschütterte. Wubbisch und Bludjin waren nicht mehr bei ihnen. Die Waldschrate waren von leidenschaftlicher Treue zu Morchel erfüllt und hätten ihn mit ihrem Leibe geschützt - erst recht, weil ihn einer der ihren, Larry, betrogen und verraten hatte. Weil sie diese Rechnung noch begleichen und ihre Ehre wiederherstellen wollten, waren sie zurückgeblieben, um die Giblins aufzuhalten oder so gründlich wie möglich zu behindern. Fungel und Morchel sahen sie niemals wieder. In der zweiten Nacht nach der Flucht aus der Kneipe nahm Fungel einen schweren, widerlichen Geruch nach Zerfall wahr, nicht den Schweiß- und Schimmelgestank der Giblins, erst recht nicht den samtigen, feuchten Modergeruch des Waldes. Dies war das Verwesen und Verfaulen von Materialien jenseits seiner Kenntnis. Er fragte Morchel, was das für ein Geruch wäre. »Ich kann gar nischt riechen, mein lieber Junge. Aber nach deiner farbigen Beschreibung würd ich drauf tippen, dass dir das einzigartige Parfum vom Land des Tausendrauchs in die Kiemen ge­ kommen ist.« Der Geruch wurde stärker, je weiter sie kamen. Am späten Nachmittag des dritten Tages brachen Fungel und Morchel aus den dichten Wäldern und der rauen Felslandschaft und tauchten auf einer Lichtung am Fuße eines Berges auf. Dort sah Fungel die Vögel. Es waren tausende. Sie schwebten und segelten auf endlosen glänzenden Wärmeströmen, die vom sonnenverbrannten Boden aufstiegen, Amseln, schmutziggraue Möwen, Krähen, Tauben - ihr heiseres Krächzen erfüllte die Luft, während sie wie eine Gesellschaft von Leichenfledderern kreisten und tauchten und geduldig auf den Tod eines riesigen Untiers warteten. Sehr viel später würden diese hungrigen und bettelnden Vogelschreie durch Fungels erzwungenen Betäubungsschlaf geistern. Die Schreie schienen immer an den Grenzen der Menschheit zu er tönen, denn überall, wo Menschen waren, schwirrten Vögel am Rande ihres Daseins und ihre verlorenen Schreie würden sich wie ein gespenstischer Faden durch Fungels Träume ziehen. Aber das lag noch in der Zukunft. Jetzt schaute Fungel nur zu tausend und abertausend Vögeln hinauf, so vielen Vögeln, dass der Stoff des Himmels selbst aus fedrigen Wolken zu bestehen schien. Morchel berührte Fungels Schulter und deutete hinter sie. Die Sonne hatte den Horizont erreicht. »Wir wollen weiter«, sagte Fungel entschlossen. Morchel zog ein grimmiges Gesicht. »Wir werden Stunden brauchen, um durch dieses Labyrinth zu kommen«, sagte er, »und die Nacht ist keine gute Zeit, um dort unten erwischt zu werden.« Er deutete nach vorn und das war Fungels erster wirklicher Blick auf das Land des Tausendrauchs. Zuerst hielt er es für ein Trugbild, denn es waberte wie eine Spiegelung im Wasser oder Rauch unter ihm: flache Hügel, so weit das Auge blickte. Aber was für merkwürdige Hügel! Sie ragten symmetrisch, kegelförmig und in Reihen empor, als ob jemand vor langer Zeit einen Garten aus Hügeln angelegt hätte. Sie waren buntscheckig und steinig, aber mit Farben gesprenkelt, die kaum an gewachsenen Felsen vorkommen: manchmal rot, Teile aus reinem Weiß, gelb, orangefarben, grün und bildeten alle miteinander einen riesigen Flickenteppich aus Abfall und Strandgut, der sich über die Erde ausbreitete. Flickenteppichhügel, dachte Fungel. Die Erde hatte solche Hügel niemals hervorgebracht. Der Wind drehte sich und der Gestank erschlug ihn fast. Als er ihn roch, überlegte er sich, ob sein erster Eindruck von den Vögeln, die geduldig auf den Tod eines Riesentieres warteten, nicht doch zutraf, denn es roch, als ob dort unten ein gewaltiger Leichnam läge und in der Sonne verweste, die über dem Lande brütete. Aber es war mehr als nur der Gestank nach Verwesung. Fungels Geruchssinn war so fein, dass er einen nach dem Geruch eines Tannenzapfens zu dem Baum führen konnte, der ihn abgeworfen hatte. Nur wenige Gerüche in der Natur waren ihm fremd. So nahm er in dieser betäubenden Mischung mit Leichtigkeit das verfaulende Fleisch und Gemüse wahr, auch stockfleckige

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Tuche und die feuchte Schwere nassen Papiers. Der grüne, zerfaserte Geruch stammte von moderndem Holz, die feuchte Asche von verbrannter Kiefer, seine Schnauze filterte und bestimmte diese und tausend andere vertraute Gerüche. Aber da waren auch fremde dabei, scharf, verätzt, irgendwie drohend. Fungel wusste nicht, dass ein Geruch unnatürlich sein konnte, aber das war genau das Wort, das ihm nach diesen ersten Augenblicken in den Sinn kam, nachdem er den stechenden Dunst wahrgenommen hatte, der von den Hügeln aufstieg. Es war der merkwürdigste Ort, den Fungel je gesehen oder gewittert hatte - wenigstens bisher. Eine Bewegung lenkte ihn ab, Morchel zog seine Flasche Feenwasser und schüttelte sie. Er merkte, dass Fungel ihn beobachtete, und lächelte dünn. »Nektar der Götter, lieber Junge«, sagte er und drehte den Verschluss wieder fest. Dann verneigte er sich steif und deutete auf den Angsttraum zu ihren Füßen. »Wolln wir ein Tänzchen wagen?« Fungel schnallte den Rucksack fester, berührte seine Wünschelfeder, sandte ein Gebet zum Schutzengel und nickte. Sie marschierten bergab. Nachdem Fungel und Morchel Wubbisch und Bludjin zuruckgelassen hatten, um die Giblins zu verscheuchen, zu zerstreuen oder zu vernichten, war es in den Wäldern schön und klar gewesen. Aber am zweiten Tag nach der Flucht aus der Tabakkneipe hatte Fungel eine Gegenwart gespürt. So hatte er es empfunden: als eine Gegenwart, eine Ganzheit. Er fühlte, wie es ihnen durch die Wälder folgte. Es hatte eine Aura, einen Glanz, und wenn sie rasteten, spürte Fungel manchmal seinen brennenden Blick auf sich. Er hatte noch nie einen solchen Hass gefühlt. Er schmerzte, er bohrte, er brannte so heftig, dass es Fungel vorkam, als könne er ihn im Walde, ganz in der Nähe, glühen sehen. Es war nicht Theverat, denn Fungel war sich sicher, dass er den Einbruch von einem so fremden und bösartigen Wesen, wie es dieser Dämon war, der ihn suchte, in seine eigene Welt sofort bemerkt hätte. Aber ein Hauch von Theverat hing auch an dieser Gegen­ wart, etwas... Verbündetes. Fungel kannte den Wald, kannte die Zeichen: die scheue Hast der Rehe (nie scheu in Fungels Gegenwart), das Rascheln des Laubes, von einem heimtückischen Wesen gestreift, das plötzliche Ver stummen der Vögel in den Bäumen hinter ihnen, im Westen: Sie wurden von den Giblins verfolgt. So kam es nicht in Frage, dass sie ihr Lager aufschlugen und auf das Licht des nächsten Tages warteten, das ihnen helfen konnte, die Müllgebirge zu überqueren und seinen Bewohnern zu trotzen, es kam nicht einmal in Frage, eine kurze Rast einzulegen. Während er an seinen letzten Blick zu Bludjin und Wubbisch dachte, schüttelte Fungel in Verwunderung und Verständnislosigkeit den Kopf. Fungel und Morchel hatten an jenem ersten Morgen nach der Flucht aus der Kneipe ihre Rucksäcke geschultert und Fungel hatte die beiden Waldschrate gesegnet - mehr Zauber wollten sie ihm nicht gestatten. Dann hatte Morchel eine Hand ausgestreckt. Bludjin hatte mit der eigenen Schuppenpfote eingeschlagen und Wubbisch ebenfalls. Sie ließen den dreifachen Griff einen Augenblick dauern, dann nickte Morchel gemessen, was Sorge ausdrückte, Dank und Abschied. Daraufhin lösten sie den Griff. Morchel wandte sich ab und schaute nicht mehr zurück, er und Fungel machten sich auf den Weg. Kurz bevor sie der Wald verschluckte, hatte Fungel noch einmal zurückgeschaut: Bludjin schälte einem abgehauenen Ast die Rinde ab und spitzte ihn zum Spieß, während Wubbisch die Bäume mit dem kundigen Blick des Kämpfers musterte. Bludjin rief Wubbisch einen freundlichen Fluch zu, der ihn mit der gleichen groben Zuneigung erwiderte, beide taten dies, ohne in ihren geschäftigen Vorbereitungen zur Verteidigung ihres Herrn und ihrer Ehre innezuhalten. Als Fungel daran dachte und an die Spuren der Verfolgung, die ihm der Wald enthüllt hatte, schüttelte er betrübt den Kopf, während er nun mit Morchel in das Land des Tausendrauchs hi nabstieg. Was hinter ihnen auch geschehen sein mochte, dachte er, wie tapfer sich diese treuen Waldschrate auch verteidigt haben mochten, es hatte nicht gereicht. »Pennste etwa?« Wubbisch hatte den Verband mit den dunklen Flecken auf seinem Unterarm betrachtet und schaute auf. »Muss immer an den Giblin denken«, antwortete er Bludjin, »hätt den Kerl erschlagen sollen.« Bludjin grinste tückisch. »Na, das kannste sicher bald nachholen, so wie's aussieht. Ob dir das schmeckt oder nicht.« »Werd mir das stieläugige Stachelschwein grillen und braten und die Stacheln einzeln ausspucken«, fluchte Wubbisch. »Brauchen wir gar nicht drüber zu reden, verstanden?« Wubbisch nickte. »Hast ja Recht, Blutsch, alter Kumpel.« Er machte aber trotzdem noch ein grimmiges Gesicht. Bludjin zog unterdessen den kräftigen tief sitzenden Zweig einer Eiche so zurück, dass er einen Bogen bildete, und band ihn in dieser Spannung mit einer zähen Ranke an den Stamm.

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Bludjin schlang die Ranke dann weiter unten um den Eichenstamm und knüpfte das Ende in Fußhöhe
an einen jungen Baum in etwa zehn Schritt Entfernung.
»Wubbisch Heulsuse«, schimpfte er und richtete sich auf, »wenn du nicht gleich mit der Jammerei
aufhörst und mir ein bisschen hilfst, dann muss ich dich selber aufschlitzen, und die Brocken schmeiß
ich deinem Herrn Schweinestachel hin, damit er dich mit Pfefferminzsauce verspeisen kann.« Er trat
zu seinem Kameraden und knuffte ihn freundschaftlich an den unverletzten Arm.
Der Knuff hätte jeden Medizinball in eine Staubwolke verwandelt.
»Hast's ja gar nicht so falsch gemacht«, fuhr Bludjin fort, um ihn wieder aufzumuntern, »wie der da
hinter dem Baum rausgeschossen ist, und dieser Gnom zwischen dir und ihm und so wei ter. Hast
sein Beil im Schwung erwischt und hast es ihm gegeben und was willste denn sonst noch, he?«
Wubbisch nickte. »Und er hat wirklich ganz schön gehumpelt, als er abgehauen ist, was?«
»Mit dem verrenkten und verratzten Bein?« Bludjins Grinsen hätte einen Wolf in Angstgeheul
ausbrechen lassen. »Oh, dieser Annahme möchte ich mich auch anschließen, altes Haus.«
Bludjin äffte Morchel so lächerlich gut nach, dass sich Wubbisch trotz allem wieder etwas besser
fühlte. »Was für ein amüsanter Bursche!«, antwortete er und fühlte dabei, wie er wieder Tritt fasste.
»Na also«, sagte Bludjin. Er klopfte dem Freund auf die Schulter und sie machten sich wieder
gemeinsam an ihre Vorbereitungen. Sie arbeiteten flink, weil ihr Waldschrat-Instinkt den drohen den
Angriff witterte und sie zur Eile drängte. So legten sie Schlingen, spannten Fallen, rammten
angespitzte Pfähle ein und tarnten sie, errichteten in der Gabel eines alten Nadelbaumes eine
schwere Falle und bauten sich neben drei dicht benachbarten Fichten am Rande einer Lichtung auf,
wo sie Rücken an Rücken kämpfen und eine Seite gedeckt haben würden.
Dann warteten sie.
In den Wäldern erklang der Gesang der Vögel.
»Blutsch, alter Kumpel«, sagte Wubbisch im Plauderton, »denkste nich, wir hätten das Angebot von
dem kleinen Zauberer annehmen sollen, wegen den ein oder zwei Zaubersprüchen?«
Bludjin spuckte aus. »Reiner Aberglaube, solltest dich schämen, so was zu denken.«
Wubbisch grinste verlegen. »Hab ich ja nur so gesagt, Bruder.« »Mach dir keine Vorwürfe, Bruder«,
antwortete Bludjin. Waldschrate nennen einander Bruder oder Schwester, weil sie
glauben, sie stammten alle von einem gemeinsamen Ahnherrn ab, von Schratz dem Großen,
wodurch alle Waldschrate miteinander verwandt sind.
Tiefe Stille breitete sich über dem Wald um sie herum aus. »Trotzdem«, fuhr Bludjin fort, »hat mich
nicht gestört, der Segen von ihm für uns. «
Ein Zweig knackte laut, als jemand auf ihn trat.
»Mich auch nicht«, sagte Wubbisch, »der war schon ganz in Ordnung, bestimmt.«
Zwei aufgeschreckte Rebhühner knatterten jenseits der Lichtung aus dem Unterholz und stoben mit
lautem Schwirren ab. Die Waldschrate zogen ihre Messer.
Der Wald lag in tiefem Schweigen.
»Schöner Tag«, sagte Wubbisch nach einer Weile. »Isses«, stimmte Bludjin zu.
Von jenseits der Lichtung erklangen in rascher Folge ein Zischen und ein wildes Trampeln.
Ein Schrei. Jemand war mit einem Fuß an eine der niedrigen Ranken gekommen und hatte sie
zerrissen.
»Bisschen feucht«, mäkelte Wubbisch, während er seinen Dolch auf den Verband legte und die
Spitze darin herumdrehte. Der Blutfleck wurde wieder leuchtend rot. Wubbisch tunkte den Finger
hinein und zeichnete sich dann mit der feuchten Spitze das Familienzeichen auf die Stirn.
Bludjin verstärkte seinen Griff um die Ranke, die mit dem unbehauenen Stamm der Falle in dem
Baum hinter ihnen verbunden war. (»Der nagelt ein paar von den Fieslingen wie Reißzwecken in den
Dreck«, hatte er zu Wubbisch gesagt, als sie die Falle bauten.) Wütendes Stampfen erklang aus dem
Wald.
»Jetzt enttäusch mich nicht, Blutsch«, sagte Wubbisch.
Ein Gestank von verfaulten Tomaten breitete sich um sie herum aus.
»He! Du mich aber auch nicht!«
Sie standen Rücken an Rücken, als sich ein dutzend Giblins kreischend auf die Lichtung stürzten.
Während Fungel und Morchel in das seltsame Land hinabstiegen, wurde der schreckliche Geruch
noch stärker. Der Schatten des Berges, den die hinter ihnen versinkende Sonne warf, schnitt wie das
Messer eines Wiedergängers in das Land. Im sterbenden Licht sah Fungel dünne, schwarze
Rauchfäden, die sich aus vielen Rissen und Schründen vor ihm hervorkräuselten. Hoch über ihm ver­
einigten sie sich zu einem Dunst, in dem die Krähen krächzten. Land des Tausendrauchs, dachte er,
so ist das also. »Brennt es da?«, fragte Fungel Morchel.
»Brennen eigentlich nicht«, erwiderte der Moosmann, »ich will damit sagen, es brennt schon, aber
fast ohne Feuer. So wie jetzt ist es hier immer, im Lauf des Tages. Ich glaube, dass die Sonne den

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Boden kocht. Ich habe ganze Hügel so schmoren und schwelen sehen, lauter Rauch und Glut, aber keine Flammen. Ganz merkwurdig, nicht? Merkwürdig und gleichzeitig schon.« »Es ist schrecklich!« Bald befanden sie sich zwischen den züngelnden beißenden Rauchsäulen. Fungel war für die wasserdichten Sohlen seiner anständigen, altmodischen Zwergenstiefel dankbar, denn sie traten bei jedem Schritt auf einen Morast aus scharfen, verdrehten Metallstücken, verrosteten Nägeln, die aus zerfallenden Brettern ragten, und einer scheußlichen schwarzen Brühe, die den trugerischen Glanz eines Regenbogens zeigte, wenn Licht auf ihre glibbrige Haut fiel. Fungel beschritt zum ersten Mal einen Boden, der nicht naturlich war. Die huckeligen Hügel türmten sich drohend um sie herum auf . Fungel erkannte jetzt aus der Nähe, dass es gar keine richtigen Hügel waren, sondern riesige Haufen zerbrochener Altertümer. Er erkannte nicht den Sinn dessen, was er sah. Ist dies ein menschlicher Begräbnisberg, überlegte sich Fungel, ihre Version von einem Berg der Toten? Fungel wusste, dass es eine große Anzahl von Menschlingen gab. Vielleicht trugen sie all ihre Toten zu einem einzigen ge­ heiligten Ort und begruben sie mit den Gegenständen, die ihnen in ihrer Lebenszeit wichtig gewesen waren. Und bevor ein Gegenstand hinzugefügt werden kann, dachte er weiter, muss er zerbrochen sein, damit sich sein Geist aus dem körperlichen Gehäuse losen kann. Dann erst darf er seinen Besitzer in das Nachleben begleiten, das sich die Menschlinge ausgedacht haben. Wenn das stimmte, bot ihm diese Erklärung wenig Trost. Menschenleiber unter all diesen Müllhaufen begraben. Und quer darüber marschierte er, putzmunter und mutig, während die Nacht ihre giftigen Vorhänge senkte. Er zitterte am ganzen Leibe. Aber: Man soll sich erst vor Geistern fürchten, wenn man sie geistern sieht, ermahnte er sich selbst. Er drehte sich um, um Morchel zu fragen, ob er den Zweck dieser An­ lage kannte - und blieb stehen. Morchel war nicht mehr da. Fungel entdeckte ihn etwa hundert Schritt hinter sich, wie er reglos dastand. Zuerst dachte Fungel, Morchel sei in Trance, so gebannt blickte er auf etwas, das Fungel nicht sehen konnte. Aber als er näher kam, merkte er, dass Morchel um sein Leben kämpfte. Morchel stand in einem Kreis aus Feenwasser und er hielt die Flasche mit der kostbaren Mischung fest umklammert. Außerhalb des Schaumkreises, zwischen Morchel und Fungel, lag eine dicke schwarze Pfütze. Fungel holte schon Luft zu einem Schrei, hielt sie aber an, als er sah, dass die glitschige Pfütze Teer-Gelee zu bibbern begann. Morchel hob die Hand, um Fungel zu warnen - und schon schwappte die schwarze Masse mit einem schauerlichen Schmatzen zu Morchel empor. Fungel erhaschte einen flüchtigen Ein druck von riesigen Augen und einem klaffenden Maul, da warf das Ding auch schon einen klebrigen Fangarm über Morchels Kreis aus Feenschaum hinüber. Morchel drückte auf seine Flasche und ein schaumiger Strahl spritzte heraus. Die Wirkung war dra­ matisch: Die schwarze Ranke löste sich auf und das Wesen stieß ein wütendes Rülpsen aus. Es zog sich wieder zurück, wurde abermals eine schwarze, fette Pfütze jenseits der Reichweite von Morchels Flasche. Fungel zerbrach sich gerade den Kopf, welcher Zauberspruch den Quibberklumpen wohl am besten in Schach halten könnte (denn das Geschöpf war ein Quibber), als ein schwaches Winken von Morchel seine Aufmerksamkeit erregte. Der Quibberklumpen bibberte begierig. Morchel holte ganz langsam aus. Warnende kleine Wellen liefen über den Quibberklumpen hin. Morchel ließ die Flasche mit Feenwasser heimlich fliegen. Der Quibberklumpen wogte auf Morchel zu. Die Flasche flog über ihn hinweg. Fungel stürzte vorwärts und streckte die Hand aus. Der Quibberklumpen schlenzte eine tropfende Fangranke gegen Morchel. Fungel fing die Flasche. Die dicke Ranke wickelte sich um Morchels Arm. In zwei Sätzen war Fungel direkt hinter dem Quibberklumpen. Morchel riss mit der freien Hand an der Ranke und blieb daran kleben. Fungel quetschte die Flasche. Ein Strahl weißes schaumiges Feenwasser fuhr wie ein Schwert quer durch den Quibberklumpen. Der ließ Morchel los und schwappte schreiend vor Fungel empor. Er breitete sich so hoch und breit wie ein Leichentuch aus, das Fungel einwickeln wollte. Er aber sprühte ein Kreuz darauf und schon schrumpfte das Geschöpf in sich zusammen. Noch ein Spritzer und der Quibberklumpen löste sich in eine Blasen schlagende Masse aus schwarzem Schlamm auf. Morchel trat aus seiner Schaumversion eines Hexenkreises und nahm Fungel wieder die Flasche ab. »Zutiefst verbunden, lieber Junge«, sagte er gelassen. Fungel konnte nur glotzen.

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Vixen war so verrückt geworden, dass sie das Zweite Gesicht bekommen hatte. Thorn schaute stirnrunzelnd, die stachligen Arme untergeschlagen, zu ihr hinab, wobei er sich nachdenklich mit den Fingern auf den Bizeps klopfte, was einen hohlen Klang ergab. »Wie viele?«, fragte er abermals. Vixen wand sich mit schmerzhaft verkrampften Gliedern auf dem Boden: »Zwei, zwei, zwei, zwei!« »Wo?« Vixen griff sich an den Kopf und riss ein ganzes Büschel rotes Fell samt Wurzeln aus. »Rauch!«, krächzte sie, »Hügel! Gestank! Vögel! Ratten! Quibber -« »Das Land des Tausendrauchs«, unterbrach sie der Giblin namens Ratte. Er trug einen schmutzigen Verband um den Kopf und über seinem rechten Auge - die Erinnerung an diese verfluchten Waldschrate. »Ich bin da gewesen«, fuhr er fort, »da sind alle moglichen -« Thorn fuhr herum und blitzte ihn an. Die Schlitze seiner wütenden Augen waren kohlpechrabenschwarz. Ratte klappte das Maul wieder zu. Thorn wandte sich wieder an Vixen. Die irrsinnige Giblin zappelte und zuckte auf dem Boden. Thorn hatte die Giblins murmeln hören, das habe ihr Theverat angetan, weil sie ihn enttäuscht hätte. Nun gut, lass sie doch flüstern; es stimmte wahrscheinlich auch, und wenn nicht, so trugen solche Gerüchte nur dazu bei, sie in Angst und Schrecken zu halten. Einen Auftrag mit einer Gruppe Giblins durchzuführen, war genauso, als ob man mit einem dutzend wilder Hunde spazieren ging, aber nur ein halbes dutzend Leinen besaß. Thorn konnte ihnen Befehle geben, aber er hatte sie nicht wirklich unter Kontrolle. Er war die Linse, die ihre schweifende Wut sammelte und auf den Punkt brachte. Thorn hatte ungeduldig darauf gewartet, dass die Sonne hinter dem Horizont versank, um mit seinen düsteren Machenschaften beginnen zu können. Diese Macht war ihm immer noch neu; er war immer noch dabei, sie zu erforschen. Er besaß noch eine unbestimmte Erinnerung an eine nichtswurdigte Existenz, ehe er die Stimme von Theverat vernommen hatte, und jetzt kam sie ihm unwichtig vor. Theverat hatte ihn zu etwas gemacht, zu etwas anderem, zu etwas Gewichtigerem. Theverat hatte ihn wachsen lassen. Thorn war für Theverat wichtig, und alles, woran er sich aus seinem früheren Leben noch erinnerte, war der eine einzige Wunsch, wichtig zu sein für jemanden. Für irgendjemanden. Er zwang sich, das halbe dutzend übrig gebliebener Giblins nicht zu beachten, die ihn in abergläubischer Faszination beobachteten, wie er neben Vixen hockte, die jetzt am ganzen Leibe zitterte und bebte, als ob sie am Erfrieren wäre. »Siehst du sie?«, fragte er sanft. Vixen erhob sich auf Hände und Knie, wiegte sich wie eine Wahnsinnige zu einer geheimen Musik. Sie hechelte und keuchte so, dass ihr der Schaum vor der Schnauze stand. Sie riss die Augen auf und starrte wild an Thorn vorbei. »Ich sehe sie! «, schrie sie. »Was siehst du?«, fuhr Thorn sie an. Er versuchte die Ungeduld in seiner Stimme zu unterdrücken. »Sag mir, was du siehst! « Vixen starrte ins Leere. »Zwei. Kneipenwirt. Gnom. Quibberklumpen drum rum.« Thorn lächelte. »Wirklich? Quibberklumpen?« »Hinter dem Hügel mit der Badewanne, mit der blanken Stoßstange, mit der Eisenstange, mit den Gummireifen. Ich -«, Vixen furchte die Stirn, »ich kenn den Hügel!« Ihr Ausdruck wurde ekstatisch. »Ich führ dich dorthin! Ich führ dich zu ihnen!« »Ja«, stimmte Thorn zu, »du führst uns dorthin.« Plötzlich wurde Vixens Gesicht vollkommen ausdruckslos. Sie setzte sich auf. »Es kommt wer«, sagte sie. Ihre Stimme war flach und tot. Ihre Augen waren leer. Speichel sammelte sich in ihrem Maul, floss über, traufte in einem dünnen, glitzernden Faden zu Boden. »Kommt hierher«, sagte sie, »kommt jetzt. « Hinter Thorn flüsterten die Giblins ängstlich miteinander. Ein paar machten das Abwehrzeichen gegen den bösen Blick. Thorn bedeutete ihnen zu schweigen. »Es kommt jemand hierher, zu uns?«, fragte er. »Dann sag mir: Wer kommt denn? Wer -« Vixen schaute Thorn geradewegs und mit klaren Augen an. Eine düstere Intelligenz belebte ihr Gesicht. Der Wahnsinn war verschwunden. »Thorn«, sagte sie milde. Ein Nadelstich der Furcht fuhr Thorn ins Herz. Die Stimme, die aus Vixens Kehle kam, war nicht ihre eigene. Thorn erkannte sie. Er fühlte, wie sich sein Körper beugte, fühlte, wie sich sein Gesicht ins Gras presste. Hinter sich hörte er, wie die Giblins am Boden krochen, wie sie sich auf den Bauch warfen, wie sie ihre Kleider zerrissen und in Zungen sprachen. »Meister«, sagte Thorn. Als Fungel Morchel durch die Alptraumlandschaft folgte, konnte er die Quibberklumpen spüren. Er fühlte ihren Hunger, ihren Eifer, ihre Erwartung. Er fühlte sie warten - auf ein blindes Tappen in eine

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Sackgasse, auf einen tödlichen Fehltritt in eine lebendige schwarze Pfütze, auf ein Stolpern und einen Sturz. Denn Morchels Flasche wurde allmählich leer. Fungel und Morchel hatten bis jetzt sechzehn dieser Kreaturen abgewehrt. Diese fürchteten den tödlichen Strahl des Feenwassers, und sie hatten gelernt, sich in respektvoller Entfernung zu halten, gelegentlich aber floss eins dieser Wesen wie zum Hohn heran, um Morchel zu verleiten, mehr von seiner kostbaren Flüssigkeit zu vergeuden. Und wenn die Quibberklumpen dicht genug heran waren, hatte Morchel wirklich keine Wahl. Er pflegte die Flasche nur leicht zu drücken, worauf der Quibberklumpen unbehelligt weggluckste, sie jedoch ihrem unvorstellbaren Geschick ein Stück näher gebracht hatte. Die Nacht war auch ohne die Quibberklumpen voller Schrecken. Mondlicht gleißte auf Metall, spiegelte sich in Pfützen und in den wilden Augen der Ratten, die so groß wie Katzen, und der Katzen, die so wild wie Tiger waren. Jeder Schatten war ein gieriger Giblin, jede Pfütze ein ausgehungerter Quibberklumpen. Ringsherum ein Meer von drohenden Dolchen aus Glasscherben und verrosteten Metallspitzen. Ein einziger Sturz konnte so tödlich enden wie ein Kopfsprung in einen Teich aus Quibberklumpen. Morchel marschierte sicheren Schrittes durch diese unirdischen Gefilde. Erst kürzlich hatte Fungel zu seinem Entsetzen erfahren, dass Morchel das Land des Tausendrauchs noch niemals wirklich durchquert hatte, sondern nur deshalb mit seiner Geographie vertraut war, weil er sich von so vielen Stellen am Rande hineingetraut hatte. »Wirklich, wenn man am Tage kommt, gut ausgerüstet, dann ist es ein ganz erstaunliches Potpourri, mein Bester«, sagte er, »die Hälfte meiner Handelsware stammt von hier, und der Gewinn, den ich einstreiche, lohnt das Risiko der Reise allemal. Wenn meine Stammkunden wie Karbol Erdenwurm es über sich brächten, hier herumzustöbern, dann müsste ich den Gürtel enger schnallen und meinen Laden schließen - höchst unerfreuliche Aussichten für einen Forscher wie mich.« Im Augenblick aber war es nicht leicht, so eine begeisterte Beschreibung auf das schreckliche Gelände zu beziehen, das sie durchquerten. Fungel, der diesen Teil der Reise gern so rasch wie möglich bei seinen schlechten Erinnerungen abgelegt hätte, holte Morchel ein und fragte ihn, wie weit sie noch zu gehen hätten. »Noch ein paar Stunden, nach meiner Schätzung«, antwortete er, »bis vor Sonnenaufgang, wenn alles gut geht.« »Und wie steht's mit deinem Vorrat an Feenwasser?«, erkundigte sich Fungel. Morchel hielt die Flasche hoch, sie glänzte im schwachen Mondlicht milchig-weiß. »Halb leer«, sagte Fungel grimmig. »Aber, aber, mein Bester«, sagte Morchel, »ich ziehe es vor, sie als halb voll zu betrachten.« »Und ich ziehe es vor, daran zu denken, dass wir die Hälfte des Weges hinter uns haben. Gut die Hälfte«, fügte Fungel hinzu. »Und das bedeutet, dass wir nicht genug für den Rückweg haben.« »Oh, ich werde auch nicht auf dem Weg zurückkehren, den wir gekommen sind«, antwortete Morchel, »wenn ich an die jüngsten Ereignisse in meinem Etablissement denke und an diese vulgären Raufbolde, die uns auf den Hacken sind, so denke ich, wir sind besser bedient, wenn wir zurück einen längeren Umweg machen. « Ein Quibberklumpen glitt kühn heran; Morchel schaute gar nicht richtig hin, sondern schwenkte nur drohend die Flasche. »Ich geh zuerst nach Osten und dann nach Süden, um einen weiten Bogen um diesen Platz herum zu schlagen«, fuhr er fort, »das wird meine Reise um ein paar Tage verlängern, aber es wird der Lage hier auch die Gelegenheit geben, sich etwas abzukühlen.« Er verzog das Gesicht. »Das wird auch den Schwierigkeiten ein wenig mehr Zeit gönnen, um sich bei ihrer emsigen Jagd nach dir, mein junger Freund, aus unserer malerischen Gegend zurückzuziehen. Du scheinst mir irgendwie das Unheil anzuziehen. « »Im Allgemeinen nicht«, erwiderte Fungel, der sich plötzlich verteidigen musste, »im Allgemeinen bin ich ganz häuslich. Kochen, Putzen und Zaubern - damit sind meine Tage meistens ausgefüllt.« »Ich denke manchmal darüber nach, ob wir alle denselben Anteil an Verdruss und Kummer in unserm Leben an uns ziehen«, grübelte Morchel, »aber es ist wohl jedem etwas anderes zugeteilt. Einige müssen sich ununterbrochen mit Scherereien herumschla­ gen, während andere nur am Anfang etwas auszuhalten haben und dann in den letzten Jahren im ruhigen Wasser segeln.« Er schwenkte die Flasche wieder und scheuchte einen dräuenden Quibberklumpen weg. »Aber in deinem Fall, mein Bester -« »Jetzt!«, sagte eine Stimme, die aus dem Dunkel kam. Sie kamen genau zu der Zeit an dem Ort an, die ihnen Theverat genannt hatte. Thorn grinste in der Finsternis. Oh, die Macht eines solchen Wissens! Er bedeutete den Giblins, sich still und ruhig zu verhalten. Oh, ihr zerrt an der Leine, meine Bluthunde! Aber noch nicht, noch nicht! Thorn und sein Kriegstrupp hatten sich flink durch die Lande bewegt, durch die Müllreste menschlicher Existenz gestohlen und waren nichts Gefährlicherem als Ratten und verendeten

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Hunden begegnet. Mit immer noch geschlossenen Augen, mit immer noch drängendem Zweiten Gesicht hatte sie Vixen ohne Verzug in einem weiten Bogen geführt, der Fungels und Morchels Weg überholte und schnitt. Die Giblins nahmen nun ihre Stellungen ein, hinter Kühlschränken ohne Türen, aufgestapelten Autodächern und Bergen von prallen Müllsäcken. Thorn behielt Vixen bei sich, denn er verließ sich auf ihr Zweites Gesicht, das ihm sagte, wann der Waldzwerg in der Nähe war. Thorn konnte sehr gut im Dunkeln sehen, aber Vixen konnte über den Horizont blicken. Thorn entdeckte, dass er müßig darüber nachdachte, ob es sich für so einen zusätzlichen Sinn nicht lohnte, den Verstand zu verlieren. Als er jedoch ihre zuckende und zerschlagene Gestalt sah, entschied er sich dagegen. Eine Hand fiel auf seine stachlige Schulter. Er löste die Augen vom hohläugigen Mond und senkte sie in den mondsüchtigen Blick von Vixen. Sie hob ihre Hand vor Thorn, krümmte die Finger und kratzte mit Krallen über ihre Wangen. »Sie kommen«, sagte sie. Thorn schaute nach links. Nichts. Nein, warte - war das ein Schatten? Oder eine schwarze Flüssigkeit, die zwischen den Schutthaufen stand? Was es auch war, das interessierte Thorn plötzlich nicht mehr (obgleich sich das rasch ändern würde), denn dahinter tauchten der Kneipenwirt und der Waldzwerg auf. Thorn richtete sich auf. >jetzt!«, rief er. Der erste Giblin, der sie erreichte, war Ratte. Er schwang seine Axt und griff Fungel mit mordlustig funkelnden Augen an. Seine Rachsucht hatte ihn vergessen lassen, dass der Waldzwerg lebendig gefangen werden sollte. »Dies ist für meinen Freund Stachelschwein!«, schrie er und holte mit seiner schweren Axt gewaltig aus. Fungel hatte einen Zauberspruch parat, doch kam der tapfere Zauberer gar nicht mehr dazu, ihn aufzusagen, weil nämlich Ratte in eine schwarze Pfütze trat, die hochwogte und sich wie eine Teer decke um ihn wickelte. Er kreischte wie eine arme Seele im Fege­ feuer und hieb mit seiner Axt auf den Quibberklumpen ein, doch die Schneide fuhr nur wie in Brei. Der Quibberklumpen quoll um die Axt herum und den Stiel entlang und hüllte den ganzen Giblin ein. »Hilfe!«, schrie Ratte. »Hilfe!« Bald waren seine Schreie nichts als Blasen, die auf der Oberfläche des Quibberklumpens, der ihn verschlungen hatte, zerplatzten. Aber da war schon niemand mehr, der sie hätte hören können. Die anderen Giblins steckten genauso in der Klemme. Thorn hatte einen Befehl gerufen, sie waren zum Angriff gestürmt, mitten in den Ring der Quibberklumpen hinein, die Fungel und Mor chel eingeschlossen hatten, und jetzt kämpften sie gegen Feinde, die buchstäblich jeden Stoß verschluckten, um ihr Leben. Wurde ein Quibberklumpen geboxt, so umfloss er die angreifende Hand. Wurde nach ihm gehauen, so verschlang er die Schneide. Hatte er einen am Wickel, gab es keine Flucht. Es war leichter mit Schlamm, als gegen Quibberklumpen zu kämpfen. Sie klebten und flossen und fraßen und schmatzten und verschwanden mit dem Rest ihrer Beute. Fungel und Morchel starrten in entsetztem Staunen auf die Giblins, die sich wie Fliegen in schwarzen Spinnennetzen gefangen hatten. Die Todesgöttin war ungewollt ihre Retterin geworden. .. Ein Quibberklumpen rollte wie Öl auf Morchel zu und Morchel versprühte ihn zu zerrinnendem Gelee. Fungel fühlte die Gegenwart, den Glanz. Vollkommen außer sich schaute er sich um. Da. Es stand auf einem Stück Metall vor einem der Müllhügel. Im Mondlicht war es ein entfernt menschenähnlicher Schattenriss, nur grausig hager, mit Stacheln an allen Gelenken. Fungel fühlte seinen Blick auf sich ruhen und die Entfernung zwischen ihnen war keine Entfernung mehr. Sie standen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber, der Zwergenzauberer und diese fremdartige Kreatur, und in diesem nackten, fürchterlichen Augenblick wurden sie Feinde von Urzeit an. Die Kreatur hob eine dornige Hand und brach einen Stachel vom ledernen Fleisch. Die Hand fuhr zurück und Fungel fühlte die Macht da drüben. Er hörte, wie Morchel seinen Namen rief. Die Hand zuckte und der Stachel zischte durch die Luft auf Fungel zu. Fungels Geist wurde vollkommen leer. Auf diesen Augenblick hatte der Quibberklumpen neben ihm gewartet. Weil Fungel abgelenkt war und Morchel damit beschäftigt, mit Feenwasser um sich zu spritzen, erhob sich das Untier, schwoll an wie ein tückisches Segel und umfing den Waldzwerg. Thorns Stachel biss in seinen zähflüssigen Seim. Fungel spürte, wie das Glibberding um ihn herum zu zittern begann. Es ließ los, rutschte ab, bekam Dornen, die wiederum Dornen dort umhüllten, wo Thorns Dorn getroffen hatte, bis es an den eigenen Stichen verging. Fungel schaute zum Hügel zurück.

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Der Dornenmann brach den nächsten Stachel ab. Morchel packte Fungel. »Wach auf! «, schlug er
vor. Fungel schüttelte sich.
Die dornige Hand holte aus zum Wurf. Fungel rannte.
Doch noch bevor er rannte, noch bevor der knochige Mann den tödlichen Dorn schleuderte, stand die
Zeit kurze Zeit still. Ein letzter Blick wurde getauscht. Ein Nicken der Zustimmung. Ein einzelner,
gemeinsamer Gedanke. Später.

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Knie in die Höh!

Ein Klopfen am Kopf weckte ihn auf. Er merkte, dass er im Lichte des frühen Nachmittags unter einer
Kastanie lag. Er gähnte und stöhnte, wenn müde Muskeln protestierten. Er ließ die Fingergelenke
knacken, eigentlich nur des Geräusches wegen.
Was "r einen grässlichen Traum hab ich geträumt, dachte er. Renn zwischen Hügeln von
unbeschreiblichem Müll herum, werd von schlitzigen Schleimern gejagt und von allen Ungeheuern,
die die gute Erde nur trägt!
Eine zweite Kastanie knallte ihm auf den Schädel. Fungel fuhr zusammen und dann schmunzelte er.
»Danke schön, liebenswerter Baum«, sagte er, »aber jetzt bin ich ganz und gar wach.«
Er schmatzte mit den Lippen und blickte sich um. »Viel zu spät, um mit meiner Arbeit anzufangen
­ versinkendes Licht, lange Schatten, die nach Osten weisen!«
Das Vogelgezwitscher in der Höhe klang sehr wie Gelächter. Fungel stand auf, wunderte sich über
den Muskelkater in den Beinen und rückte sich den Hut gerade. Seine Hand fuhr über die
Wünschelfeder. Er runzelte die Stirn.
Er fuhr mit den Fingern in die Falten seines Kittels und zog eine rote Heckenrose heraus.
Emmas Rose. Sie hatte sie ihm gegeben - nein, sie hatte sie ihm geliehen -, als er aufbrach . . .
»Als ich von Ka wegging«, sagte er laut und starrte die Rose an.
Die Knospe hatte sich immer noch nicht entfaltet, war aber auch nicht verwelkt. Urplötzlich brach die
Erinnerung über ihn herein. Die Tabakkneipe, Morchel, die Hornissen, Waldschrate und Giblins, das
Land des Tausendrauchs, Quibberklumpen, der dornige Schatten und die tödlichen Pfeile seiner
selbst, die er geschleudert hatte, die lange Flucht aus der schrecklichen, fremdartigen
Mondlandschaft aus Müll, der betrübte und dankbare Abschied von Morchel dem Moosmann...
»Nee, ein Traum war das nicht«, sagte Fungel ergeben. Er fühlte die Last seiner Aufgabe wieder auf
den Schultern. Einen kurzen Augenblick lang hatte er sorglos sein können, nichts schien zu drängen,
als vorm schwindenden Licht noch mit seinen kleinen Aufgaben fertig zu werden. Wie lang war es
her, dass die Pflicht ihm so leicht war? Tage, Wochen, Monate? Sein Geist war zu sehr wie von
Spinnenweben umfangen, als dass er den Lauf der Ereignisse hätte in die Reihe bringen können.
Eine dritte Kastanie traf seinen Kopf.
»Drei mal eins, das ist ein Zauber«, sagte er und schaute ins Laubwerk empor.
Eine grüne, schwach leuchtende Hand hielt eine vierte Kastanie neben einem ebenso grünen
Gesicht, das zu ihm hinunterlachte.
»Conker Rosskopf heiß ich, Ross wie Rappe, aber nicht wie Rose, Rosskopf wie Rosskastanie,
Conker wie Muschel, weiß der Geier warum. Kapiert? Also, Conker Rosskopf, das bin ich!
Und du?
Hör mal, hör mal, bist du nich 'n Waldzwerg? Sonen wie dich hab ich seit'm Eichenalter nicht mehr
gesehen. Ach, was ham wir damals ein's draufgemacht! Ich un meine Freunde un die Wald zwerge.
Ham ein Krach gemacht, dass dir die Ohrn abfallen wurden!
So, und nu sach ma, wie kommste denn dazu, dich unter mein sein eigenen Lieblingsbaum
hinzuhauen und zu pennen?
Na klar! Ritz mir die Rinde - was bin ich fürn dämlicher Klotz! Heißte nicht zufällig Fungel, was, was?
Waldzwerg ausm Tal vom Lächelnden Wasser? Wo haste denn gesteckt? Hör mal, ich such dich
schon seit Tagen! Jetz aba hopp und auf! Wir müssen die Knie hochkriegen!«
Und ehe Fungel auch nur eine einzige Silbe dazwischenwerfen konnte, war der Baumgeist auf und
davon.
Wessen Wälder dies auch sein mochten, dachte Fungel, er kannte sich aus, denn als Fungel
Rosskopfs schwach leuchtender Stachelgestalt durch das üppige Unterholz zum Heim des
Baumgeistes folgte, nannte Conker jeden Namen (den botanischen, die Volksbezeichnung und den
geheimen) und erzählte die Geschichte von jedem Baum und Strauch, Fels, Vogel und Käfer, an
denen sie vorbeikamen. »Aah, da is ein platycerium bifurcatum, gewöhnlich Geweihfarn genannt,
aber ich nenn's den stillen Säufer, denn der hamstert jeden Tropfen, kann den ganzen Sommer lang
knochentrocken sein und er - kein einziges dürres Blatt. Und hier isn caladium hortulanum, ein
reichblattriger Buntwurm, hab aber keine Ahnung, warum er so heißt. Hübsch, nich? Und der
Felsblock da, der wie `ne große Räuberfaust aussieht? Also, dasn toller Bursche -«
Und weiter und weiter, durch den tiefsten und dunkelsten Urwald zu Conker Rosskopfs wohl
verborgenem Heim. Soweit sich Fungel erinnern konnte, erlebte er es zum ersten Mal, dass ein an
derer genauso viel vom Wald und seinem Weben und Leben verstand.
Er war vollkommen bezaubert.

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Fungel machte Rosskopfs perfekt verstecktes Heim lange bevor sie es erreichten aus, hauptsächlich
wegen des Lärmes, der aus seinen Ritzen quoll. Mitten in einem Gestrüpp von Rhododendren erhob
sich ein Hügel, dessen Öffnung von Knäulen haarfeiner Ranken
verstopft war. Im Nu hatte sich Conker in das Loch gewühlt und war verschwunden. Fungel zögerte
und horchte auf die Musik. Nun ja, es klang zumindest so, als ob es Musik sein sollte. Fungel wusste
nur zu gut, dass es zwischen künstlerischen Experimenten und schlichtem Krach eine haarscharfe
Grenze gab. Aber so dünn sie auch ist, dachte er, während er sich durch den engen Eingang zwängte
und käfergespickte Spinnweben beiseite strich, sie ist nicht unsichtbar.
Er landete in einer moosgepolsterten Kuhle von einschläfernder Behaglichkeit. Die Kammer war mit
frischen Kastanienblättern ausgelegt und erfüllt vom Duft der Kräuter: Salbei, Lavendel und der
süßeste Fenchel, beleuchtet von Glühwürmchen, die das Glas der Laternen pflasterten, einer
gefälligen Anordnung von Irrlichtern auf Moos und von Conker Rosskopfs eigenem natürlichen
Schimmer.
Dies alles beleuchtete nun zwei wirklich merkwürdige Personen.
Der eine war kurz, stämmig und gescheckt und wirkte ein bisschen zerflossen, die großen
Jammeraugen und das Schmollgesicht ließen ihn wie einen höchst betrübten Glückspilz aussehen.
Der andere war dürr wie eine Bohnenstange, glatt und eckig. Seine Miene war ein Witz, sah aus, als
ob sie ihm aufs Gesicht gemalt wäre.
Der Kürzere trug eine zersprungene Mandolaute, die halb so groß war wie er, und der Große ein
zerdelltes und geflicktes Banjo, das wie eine Verlängerung seines eigenen mageren Körpers wirkte.
Beide sahen niedergeschlagen aus, während ihnen Conker die Leviten las. »Was is denn nur mit
euch los, macht diesen Lärm und lasst meine Tür sperrangelweit offen stehen, dass es alle hören!«
Er deutete auf den Raum. »Was hatn das fürn Sinn, wenn ich mich abschwitz und meine Bude tarne
und ihr lauthals und für alle Welt verkündet, wo sie auf der Karte liegt?« Er deutete auf den Kurzen.
»Eichel! Auf mein seiner liebsten und einzigsten Mandolaute und haste mich um Erlaubnis gefragt?
Nee!«
»Mir habbe ja nur Spaß gemacht«, murmelte der Kurze, Eichel. »Menschlinge, die ihren Namen in
Bäume schnitzen, die machen auch nur Spaß!« Conker wandte sich an die lange Bohnenstange.
»Und Diestel! Hab ich dir nicht schon zweihundertsiebzehnmal gesagt, dass schon dein Paps den
letzten Ton aus mein seinem Banjo rausgezupft hat, und da haste noch nicht mal in den Win deln
gelegen, und ich kann und kann nicht kapieren, dass des immer noch quälen musst. Und uns dazu! «
Diestel betrachtete das zerschrammte Banjo mit gerunzelter Stirn und murmelte etwas.
»Was sagste?« Conker legte sich eine Hand mit einer übertriebenen Geste hinter sein langes spitzes
Ohr. »Hab dich nicht ganz verstanden«, sagte er.
»1 hob mir nur gwundert, wer dein Freind do is.«
Conker machte ein verblüfftes Gesicht. Er schaute Fungel an, als ob er ganz und gar vergessen
hätte, dass der Waldzwerg da war. Er schlug sich gegen die Stirn, und siehe da, es erklang ein ganz
besonderer, oft beschriebener, aber noch nie vernommener Laut: Conk!
»Und du, Conker«, beschimpfte sich Conker selber, »was hastn du fürn Benehmen, du
gastfreundlicher Gastgeber, he? Den Benimm von einem Giblin mit Zahnschmerzen, so in etwa, und
dein sein Paps würde sich im Grabe rumdrehen, wenn er sehen könnte, wie du dich aufführst. Falls
'nen Paps gehabt hast.« Er führte den etwas widerstrebenden und verwirrten Fungel weiter in die
dämmrige Kammer hinein. »Dies hier ist also Fungel Fuchswitz, Jungs. Er ist ein Waldzwerg!« Er
sagte es so stolz, als ob er Fungel gerade erfunden hätte.
»Des könne mir sehn«, antwortete Eichel trocken. »Der wo du von gschwätzt hast?«, fragte Diestel.
»Ein und derselbe«, erwiderte Conker und strahlte buchstäblich auf.
»Wieso habt ihr mich denn erwartet?«, fragte Fungel. Conker, Eichel und Diestel kicherten wie die
Schulbuben. »Duste uns dutze?«, fragte Eichel. »Die Vögelsche habbe dein Name als gepfiffe, als
ob's ihnen im Hals stecke tat und sie hätte nix anners zwischere könne.«
»Und die Heimchen ham gezirpt«, unterstützte ihn Diestel, »Waldzwerg, Waldzwerg, hams gezirpt,
Fungel der Waldzwerg!« »Und dann die Unken«, fiel Conker ein. »Schuhu Fungel! Schuhu Fungel! «
Er grinste von einem Ohr zum anderen. »Der Wind, die Bäume - dein sein Name in jedem
Windhauch!« Diestel begann eine Melodie auf seinem Banjo zu zupfen und Eichel nahm sie mit
seiner Mandolaute auf. Fungel starrte sie wieder fasziniert an, wie sie sich ihrer eigenen,
absonderlichen Musik hingaben.
»Die Blumen werden Fungelboten / und lassen Bienen weiter loten.«
»Ich dachte schon, das hör ich kaum / den Fungel-Vers, gemacht vom Baum!« Die Musik brach ab.
»Eichel«, zirpte Conker, der immer noch wie ein Heupferd grinste, »das war grauenhaft.«
»Gräsig», stimmte Diestel zu.

90

Eichel verbeugte sich leicht. »Danke schön, danke schön«, sagte er bescheiden.
»Hier, hier«, rief nun Conker und nahm Fungel den Rucksack ab, »machs dir gemütlich, genieß
unsere sprichwörtliche Gastlichkeit. Iss was, trink was -« Er schnüffelte und musterte Fungel von
oben bis unten. »Nimm ein Bad, wenn du willst.«
Er stieß Fungels Rucksack achtlos in eine Ecke, ehe der Waldzwerg protestieren konnte. Die Klappe
ging auf und ein mattgrauer Kasten kullerte heraus. Conker war schneller als Fungel und drehte und
wendete ihn in den Händen. »Was isn das?«, fragte er.
»Mein Freund Ka hat es einen Lichtkasten genannt«, antwortete Fungel und griff danach, aber
Conker war schon ausgewichen. »Lichtkasten?« Er klopfte an den Gegenstand. »Leuchtet ja nicht
mal so wie mein sein Licht.« Er spähte in die Linse, hielt es etwas von sich weg und blickte zu Diestel
und Eichel zurück. Seine Finger fanden einen Knopf und drückten drauf.
Grelles Licht tauchte den Raum in Weiß. Der Kasten wimmerte und streckte eine Zunge aus
glänzendem Papier heraus. Conker jaulte und ließ den Lichtkasten fallen. Er landete auf dem Knopf
und der Raum flammte wieder auf.
»Isch bin geblendet!«, heulte Eichel. Er taumelte gegen Diestel. »Geblendet!«
Fungel schnappte sich rasch den Kasten und die beiden Stücke Papier und stopfte alles in seinen
Rucksack, ehe sie noch weiter Unheil anrichten konnten. Dann eilte er zu Eichel und brachte den
kleinen Kerl dazu, stillzuhalten, während er ihm forschend in die Augen schaute.
»Blind?«, wiederholte Eichel unsicher. »Mach deine Augen zu«, befahl Fungel.
Eichel schloss gehorsam die Augen. »Ei, isch kann sehe! «, schrie er mit geschlossenen Augen.
»Was siehste denn, Eichel?«, fragte Conker.
»Große weiße Flecken«, antwortete Eichel. Er riss die Augen auf. »Jetzt sinse weg«, sagte er. Er
klang etwas enttäuscht. »Jedenfalls«, sagte Conker zu Fungel, als ob nichts passiert wäre, »habe ich
deinen Namen von einem unserer gemeinsamen Freunde gehört - einem ziemlich nebligen alten
Zausel namens Molom. «
»Molom! « Fungel wäre auch nicht viel überraschter gewesen, wenn Conker ein Geweih mit lauter
kleinen Fähnchen an den Enden gewachsen wäre.
»Ist in einem Traum zu mir gekommen«, fuhr Conker fort, »hat mir befohlen, ich soll Ausschau nach
dir halten, damit ich dir eine Botschaft ausrichten kann. Hat mich einen Nachtschlaf gekostet.«
Aus Fungels Verwirrung wurde Alarm. »Was für eine Botschaft?«, fragte er furchtsam.
Conker machte ein verlegenes Gesicht. »Wird ihm net einf alln! «, sagte Diestel. »Nicht einfallen?«,
stotterte Fungel. »Aber, aber -« »Er hat's uffgeschribbe«, sagte Eichel bereitwillig.
Fungel musste sich zwingen, höflich zu bleiben. Nichts wird schlimmer, mein Sohn, hatte ihm sein
Vater beigebracht, wenn man sich gut benimmt.
»Nun gut«, begann Fungel so milde, wie es ihm unter diesen Umständen möglich war, »dürfte ich
dich herzlich darum bitten, dich zu überwinden und mir zu sagen, welche Botschaft von Molom du für
mich aufgeschrieben hast?«
Conker Rosskopfs Glanz erlosch.
»Ich gehs hole«, sagte Eichel. Er eilte zum andern Ende der Kammer und kramte zwischen den
Kastanienblättern herum, während Conker verlegen von einem Fuß auf den anderen trat.
»Gar nichts Besonderes, diese Botschaft«, murmelte er dabei, »will nur sagen - kam nicht viel dabei
heraus, obgleich ich zugebe - also, vielleicht hat's für dich noch irgend `ne andere Bedeutung, die ich
nur einfach nicht sehe.«
»Aha!« Eichel zerrte ein Schreibheft hervor und brachte es Fungel.
Fungel starrte auf das oberste Blatt, auf dem ein einziges Wort stand. Er blätterte durch das Heft,
doch die restlichen Seiten waren leer. Es gab nichts als das eine einzige Gekrakel auf dem obersten
Blatt. Er schaute Conker fragend an.
»Brokkoli?«
Conker machte ein dummes Gesicht. »Tja, ich hab geschlafen!«, verteidigte er sich.
»Mir hat amal traamt, i hatt all die Leut im Forst gerettet, wenn i mein Leib in gwisse Position bring«,
erklärte Diestel, »wie i aufgwacht bin, hob i net mehr gwusst, welche.«
Fungel hatte schon einen glasigen Blick.
»Also nein, schaut doch«, jammerte Conker, »jetzt hab ich meinem neuen Freund hier die ganze
Laune verdorben.« Er wandte sich zu den anderen um. »Also, da kann man nix machen, Jungs,
außer -«
»Knie in die Höh!«, riefen Eichel und Diestel wie aus einem Munde, das einzige Mal, dass sie an
diesem Abend zu einem Einklang kamen.
»Ach, halt!«, rief Fungel verzweifelt, »bitte -«
Aber Eichel hatte schon nach der abgestoßenen Mandolaute gegriffen und warf sie, ohne
hinzublicken, zu Conker, der sie genau in dem Augenblick erwischte, als er eine Trommel zu Eichel

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hinu berstieß. Eichel fing sie auf und schlug einen Viervierteltakt darauf und Conker fiel mit den verstimmten Akkorden eines Landlers ein. Wenn das überhaupt noch möglich war, so spielte Eichel die Mandolaute noch ärger als Conker. »Altes, dummes Närrchen, Knie in die Höh, Knie in die Höh - das tut keinem weh! Unterm Tische musst du hocken ohne Schuh und ohne Socken, he he he hehe.« Fungel stand ziemlich unglücklich daneben, denn er wusste, dass sie nur versuchten ihn in eine festliche Stimmung zu bringen (was die einzige Stimmung ist, die ein Baumgeist kennt), und sie woll­ ten, dass er sich zu ihnen gesellte, denn ihre Vergnügungen waren ansteckend. Er aber konnte die Befürchtungen nicht loswerden, die in ihm aufgestiegen waren, seitdem Conker erwähnt hatte, dass er eine Botschaft für ihn von Molom erhalten hatte. Fungel wusste aber auch, wie wichtig es war, ein höflicher Gast zu sein, und deshalb stopfte er seine Befürchtungen in eine spezielle Lade in seinem Geist, die er schon vor langem für solche Dinge geschaffen hatte, und klappte ihre Tür energisch und fest zu. »Seh ich deine Beine sinken, werd ich mit der Säge winken, ritzeratze weh. Knie in die Höh, Knie in die Höh! Ich will deine Flöhe locken, Knie hoch samt Schuh und Socken!« Sie wurden mehr oder weniger gleichzeitig fertig und brachen gemeinsam in Gelächter aus. Fungel verneigte sich gut gelaunt und machte eine höfliche Geste zu Eichel. Der kleine Kerl schaute unsicher zu Conker, der strahlend nickte. Da nahm Eichel die Mandolaute ab und reichte sie Fungel. Fungel schlang sich das Band über die Schulter und rückte sie zurecht. Er schlug einen Akkord und verzog das Gesicht. Eichel zuckte philosophisch die Schultern und Fungel lächelte sanft und stimmte das Instrument vom Missklang zur Harmonie. Dann begann er zu spielen. Sie waren zuerst so verblüfft, dass sie sich nicht regten. Sie standen nur ehrfürchtig da, mit offenem Munde, während Fungel das Letzte aus dem Instrument holte. Aber sie waren schließlich Waldgeister und nichts hätte sie lange stillhalten können. Im Nu klatschten sie und sangen und schlugen Kapriolen, dass es einen Bär aus dem Winterschlaf hätte wecken können. Fungel war das Zentrum in diesem Wirbel der Waldgeister. Er hatte die Augen geschlossen und wiegte sich sacht im Rhythmus seiner Musik. Manchmal kam es Fungel so vor, als ob er dabei einen Ort erschuf, einen wirklichen Ort, den er jedes Mal besuchte, wenn er spielte. So sorgte er immer dafür, dass seine Musik einen Ort entstehen ließ, den er gern besuchte. Seine Mutter, nun schon seit vielen Jahren tot, hatte ihn zu spielen gelehrt. »Sie ist im Walde, mein Fungelherzchen«, pflegte sie ihm immer zu sagen, »die Musik ist im Walde und im Lauf deines Lebens wirst du die Lieder des Waldes lernen.« Fungel schlug die Augen auf. Er schaute auf seine Hände hinab. Sie waren ruhig. In der Kammer war es still. Jemand schniefte. Fungel schaute auf und sah, dass sich Conker ein Auge trockenwischte. Diestel schniefte wieder. »Ei, wozu haste des gemacht?«, fragte Eichel. »Des war wie lebendisch und ging mir uff die Fieß.« Fungel blinzelte. »Entschuldigung, Freund Eichel«, sagte er, »ich habe an jemanden gedacht, der mir lieb und teuer ist und den ich bitterlich vermisse.« »Des war wunderschön«, stöhnte Diestel. »Und zum Ausgleich«, bestand Conker, »musst du uns jetzt das lustigste Lied spielen, das wir je gehört haben.« »Da hab ich wohl gehörig was zu tun«, bemerkte Fungel, »aber ich rnachs. « Und er begann zu spielen. Nun wusste er genau, dass seine Musik die Macht besaß, die Zuhörer zur Raserei zu treiben, wenn er es darauf anlegte. Es gab Melodien für alles Erdenkliche: um Blumen, die des Nachts blühen, nach Tageslicht verlangen zu lassen; um zerstrittene Liebende wieder zusammenzubringen; um Wunden zu heilen und Herzen zu verletzen; um die Toten in ihren Gräbern mit den knochigen Zehen den Takt schlagen zu lassen. Es gab Melodien, die der wahre Mittelpunkt einer Feier waren, und gerade so einen Jubel der Lebenslust und Heiterkeit zauberten Fungels Hände hervor. Er beschleunigte den Puls, er beschleunigte den Verstand; er raste im Herzen und erhitzte die Haut. Es war herrlich. Und es war anstrengend. Fungel hielt inne, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. »Mehr!«, riefen sie. »Oh, mehr!« »Einen Augenblick!«, bat er atemlos. Sein feuchtes Fell tropfte fast und er hatte das Gefühl, dass er etwas müffelte. Da Waldzwerge aber beides sind, gebildet und pelzig, sind sie auch peinlich sauber. Rosskopf brachte ihm flusskalten Beerenwein. Fungel bedankte sich und nahm einen Schluck.

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»Freund Conker«, fragte er, als er wieder zu Atem gekommen war, »du weißt wohl nicht zufällig, wie
weit es zu einem Ort ist, den mein Volk als Berg der Toten kennt?«
»Berg der Toten?« Conker Rosskopf runzelte die Stirn. »Berg der Toten . . . «
»Er meint den Huschel mit dene komische Felsen«, sagte Eichel. »Den?«, fragte Conker
nachdenklich. »Wozu willste denn da hin?«
»Gruseliger Ort«, brummte Diestel, »gruselig, gruselig. « Rosskopf nickte zustimmend. »Manche
sagen, vor langer, langer Zeit, da sind die Felsen Zwerge gewesen, die hat die Sonne erwischt, und
da sind sie zu Stein geworden.«
Eichel grinste und klopfte dem Baumgeist auf den Rücken. »Ei, da habbe mir einen, der glaubt an
Märchen!«
»Bitte, Conker«, sagte Fungel, »es ist wichtig für mich.«
»Ach, das ist nur ein paar Siebenmeilenschritte von hier aus nach Norden«, antwortete Rosskopf.
Einen Augenblick später merkte Fungel, dass er mit offenem Munde dastand. Er klappte ihn zu. Er
versuchte zu sprechen, er zögerte, versuchte es abermals, sagte: »Ich, ich - das ist, ich, ich«, er
brach ab und holte tief Luft, um sich zu beruhigen. »Freund Conker, ich danke dir für deine herzliche
Gastfreundschaft und das Liederfest, ich muss sofort dorthin. Sofort!«
»Ach... aber ich ... « Conker schlug seine langen grünen Hände zusammen, »noch ein einziges
Lied«, rief er, »eine Schlussnummer, ein Lied für den Weg, so jung kommen wir nie wieder zu­
sammen.«
Trotz allem musste Fungel schmunzeln. »Ihr macht mich alle!«, protestierte er.
»Ah, komm schon!«, sagte Eichel. »Sing«, bat Diestel.
»Na gut, dann ein Letztes«, stimmte Fungel zu.
Sie jubelten und klatschten, und Fungel ließ sie klatschen und wob seine Melodie um diesen
Rhythmus herum - der im Nu aus dem Takt geriet, was Fungel zwang, ihn, um seinen eigenen
Rhythmus einzuhalten, nicht zu beachten. Er nahm die Melodie auf und lief mit ihr weiter, spielte nicht
mit Hand oder Hirn, sondern mit dem Herzschlag, mit dem Blut, mit der Liebe zu Werden und
Wachsen, mit allem, was ihn zu Fungel machte.
Die drei Baumgeister tanzten, dass die Fetzen flogen. Diestel sprang so wild herum, als ob er sich auf
den Mond werfen wollte.
Eichel hüpfte wie ein Derwisch. Am heftigsten wurde aber Conker Rosskopf von Fungels Musik
gepackt. Er hüpfte und hopste, schlug Räder und Purzelbäume und knallte - Conk!
Die Musik brach ab.
Eichel, Diestel und Fungel starrten Conker an.
Conker stand kerzengerade da, so still und so stumm wie ein Baum. Sein Blick war starr und leer.
»Ei, jetzt geht's widder los«, bemerkte Eichel. »Was ist denn geschehen?«, fragte Fungel.
Eichel rollte mit den Augen und tat so, als ob er sich gegen den Schädel schlüge.
»Conk«, setzte Diestel bedeutungsvoll hinzu. »Manchmal hat's ihn. «
»Ja aber«, fragte Fungel, »können wir denn -« »Fuuuungel. «
Die Stimme klang tief und hallend, uralt, wie das schwache Knacken einer Bambusstange im Wind.
Moloms Stimme. Sie sprach aus Conker Rosskopf.
»Fungel. « Conker deutete mit einem langen dünnen Finger auf den Waldzwerg. »Du musst dich in
unserer Sache eilends auf den Weg machen, tapferer Zauberer. Die Menschlinge, diese ruhelosen
Affen, sind kurz davor, Baphomet ans Licht zu bringen. Sie reißen breite Wunden in den Leib der
Erde, und durch das ungehemmte Ausmaß ihrer Zerstorungen könnten sie dicht an den Ruheplatz
des Steins geraten. Das Gewebe des Daseins bebt, wenn die Erde um den Stein herum aufgerissen
wird. Wenn die Menschlinge Baphomet vor dir finden, wird es ihr Ende sein. Aber was mich mehr
besorgt: Es wird auch das Ende von dir und deinem Volke sein, das Ende der Wälder, das Ende
dieser Weltzeit auf Erden. Sie werden die Erde zerstören oder sie wird Theverat gehören. Denk an
deinen Traum, guter Zauberer, halt deine kräftigsten Sprüche bereit und eile voran. Die Zeit ist
knapper, als wir dachten.
Armer Waldzwerg. Tapferer Waldzwerg.« Schweigen.
Conker räusperte sich. »Tja«, sagte er mit seiner eigenen Stimme, »interessant, was?«
»Sischerlich wirste dich an deinen Traum erinnere«, sagte Eichel.
Fungel schickte sich an, die Mandolaute abzunehmen.
»Nein, nein«, jammerte Conker, »du hast doch dein Lied noch gar nicht zu Ende gespielt! «
»Du hast die Stimme von Molom gehört«, sagte Fungel, »ich muss aufbrechen, sonst wird es
überhaupt keine Lieder mehr geben.«
»Nur eins! «, bettelte Conker. »Nur noch ein einziges! « »Sing!«, fiel Diestel ein.
Fungel aber wurde klar, dass es für die Baumgeister nichts als immer ein neues Lied geben würde,
immer noch ein neues Tanzchen, immer noch eine muntere Geschichte - bis die Zeit der Lie der und

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Tänze und Geschichten auf Erden für immer und ewig vergangen war. Deshalb reichte er Eichel die Mandolaute und wandte sich ab, ein Waldzwerg, von seiner Aufgabe erfüllt und ihr verpflichtet. Er bedankte sich abermals und ging zum Ausgang aus dem Hügel. Er zwängte sich durch den langen Gang und machte sich auf seinen Weg nach Norden, während hinter ihm wieder die frohliche, ohrenbetäubende Katzenmusik ausbrach, plötzlich wie abgeschnitten durch die zuschlagende Tür.

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Mathemagie

»Nur ein paar Siebenmeilenschritte nach Norden«, sagte er. »Ha! Und ein Berg ist nur ein Wackerstein, ein Meer nur eine aufgeblasene Pfütze. Und ich bin nur ein einfältiger Zwerg, und meine Schritte sind nur so und so lang, und ich habe nur zehn- oder zwanzigtausend solcher Schritte an diesem Abend gemacht, und jetzt ist heute früh, und ich hab es satt, und ich halte schon so lange Selbstgespräche, dass ich über Witze lache, die ich mir noch gar nicht erzählt habe, und das ist nur ein alter komischer Felsblock, den ich da vor mir sehe -« Fungel blieb wie angewurzelt stehen. Der Felsblock ragte wie eine dunkle Tür zum Himmel vor ihm auf, dunkler als die verdämmernde Nacht. Er war hoch und rechteckig, hatte eine regelmäßige Form und behauene Ränder. Kein Trollstein. Ein alter Stein, ein händisch behauener Stein, ein Stein aus einer Zwergenwerkstatt. Ein Menhir: ein Drudenstein, eine Steinsäule. Fungel fühlte ein Beben tief in seinem Inneren, während er sich dem mystischen Monolith mit ausgestreckten Händen näherte. Eh er ihn aber berühren konnte, wurde er durch etwas daran gehindert, das sich ihm gegen den Bauch drückte. Er schaute hinunter und erkannte ein breites, gelbes Band aus einem glatten, fremdartigen Material, auf dem gleichförmige schwarze Buchstaben standen. Das Band war um Stäbe geschlungen, die in die Erde gerammt waren, und bildete einen rechteckigen Zaun um den Menhir herum. ARCHAOLOGISCHE AUSGRABUNGEN BITTE NICHT BERÜHREN ARCHAOLOGISCHE AUSGRABUNGEN BITTE NICHT BERÜHREN ARCHAO Die Bedeutung des Bandes entzog sich seinem Verständnis. War das eine Warnung, die Harmonie der Weihestätte nicht zu stören, oder eine Mahnung vor drohender Gefahr? Fungel wusste ohnehin, dass dies eine heilige Stätte war, und der Gefahr war er sich deutlich genug bewusst. Er also schlug die Warnung des Bandes gewiss nicht in den Wind. Er schlüpfte unter dem gelben Band hindurch. Der Menhir ragte Ehrfurcht gebietend vor dem Hintergrund eines vollkommen überwucherten kleinen Hügels in der Kühle der Morgenfrühe empor. Fungel konnte sein Alter spüren, seine in Stein gebettete Geschichte. Seine Vorfahren hatten ihn nach dem Untergang von Atlantis auf ihrem Marsch nach Süden aufgerichtet. Es gab auf den nord- und südamerickanischen Kontinenten viele solche Stellen. Einige Steine waren Kalender, andere Gedenkstätten, der Sinn von vielen hatte sich jedoch im Lauf der Zeit verloren. Der Menhir. . . Fungel runzelte die Stirn. Der Menhir war der einzige nackte Felsen weit und breit. Die Umgebung bestand aus dichten, üppigen Eichenhainen, die von Flechten, Ranken und Efeu fest umstrickt waren, und aus einem rauen Felsgelände, das ebenfalls von einem dicken Teppich aus Farnkräutern und Ranken und Gras und Moos gepolstert war. Der Menhir aber war nackt, so wie die Erde zu seinen Füßen. Dort war das Gestrüpp vor kurzem ausgerissen worden. Menschen, folgerte er. Fungel dachte an die alten Landkarten, die er studiert hatte: zehn Menhire an den wichtigsten Punkten eines Kreises um einen großen Grabhügel herum und auf einer Schlüssellinie. Er konnte ihre geballte Kraft unter seinen Füßen spüren, wie sie den großen, langsamen Puls der Erde maßen, der durch ein Netzwerk aus magnetischen Adern im Leib des Globus schlug. In der Nähe des südlichen Menhirs sollte ein Hügelgrab mit einem Geist liegen, der durch einen Zauber gebannt war und nur des Lösungswortes harrte, das auf dem Stein stand und das seine Stimme befreien konnte, die Stimme, die die Lage von Baphomet enthüllen würde. Fungel runzelte die Stirn. Der Hügel hinter dem Menhir sah zu symmetrisch aus, um natürlich zu sein... Er stellte ihn sich ohne Grün und Pflanzen vor - und sah im Geiste einen Grabhügel. Fungel war von Süden gekommen und sofort auf diesen aufrechten Stein gestoßen, was bedeutete, dass es sich höchstwahr-scheinlich um den südlichsten im Kreis der Menhire handelte. Und seiner Karte war zu entnehmen, dass das Hugengrab mit der in Stein gebannten Stimme genau westlich von diesem südlichen Stein liegen musste - und das bedeutete: Das Hügelgrab musste ganz in der Nähe sein. Fungel verrenkte sich den Kopf, um den vor ihm aufragenden Menhir genau zu betrachten. Der Stein stand schweigend da, wie ein fremder Gott.

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Fungel kroch wieder unter dem gelben Band hindurch und hatte dabei das Gefühl, als ob er einen behüteten Raum verließe, so wie den Drudenstern, in den sich ein Zauberer stellte, wenn er Kräfte beschwor, die sich als gefährlich erweisen konnten. Er suchte östlich des Menhirs und fand kein Anzeichen des auf den alten Karten vermerkten Hügelgrabes, stieß aber auf den nächsten Menhir im Kreis um den Grabhügel. Er war wie der erste mit dem gelben Band und seiner aufgedruckten Warnung umspannt. Im Gegensatz zum ersten war der Stein jedoch noch nicht nackt, sondern von Flechten bewachsen und von Schlinggewächsen umrankt, sodass man kaum erkennen konnte, dass er bearbeitet war. Fungel überlegte sich, wie lang es wohl dauern würde, bevor ihn die Menschen vom Grün befreiten und den behauenen Stein abermals der Sonne und dem Mond aussetzten. Er setzte seine Suche westlich des südlichsten Steins fort und entdeckte den nächsten Menhir des Kreises, noch ganz und gar überwuchert. Die Menschen hatten ihn nicht entdeckt - noch nicht. Aber kein Hünengrab. Im Zwielicht vor der Morgendämmerung suchte er nach Süden und nach Norden weiter. Nachdem er den Kompass geknufft hatte, war er auf einen verlassenen Karnickelbau gestoßen, auf einen Ameisenhügel, eine Dachsfamilie, ein Exemplar eines ziemlich seltenen Pilzes aus der Familie der Feuerschwämme, ein silbernes Einwickelpapier von einem Kaugummi, Opossums auf der Futtersuche, die sich jetzt, im Morgengrauen, auf den Schlaf vorbereiteten, und eine Zigarettenkippe ­ aber kein Hünengrab. Er überlegte sich, ob es die Menschen gefunden hatten. Vögel nahmen die letzten Töne des abendlichen Grillenzirpens auf und schmetterten danach ihr Morgenlied. Dreckig, erschöpft und enttäuscht betrat Fungel abermals den Bezirk des gelben Bandes und betrachtete den stummen Menhir vor dem heller werdenden Himmel. Es gibt immer Mittel und Wege, einen Stein zu befragen. Aber jedes kostet Kraft und Fungel hatte keine mehr. Er brauchte Schlaf. Er brauchte aber auch Auskünfte. Geschmolzenes Gold rann über den Horizont. Fungel berührte den Menhir und schaute auf eine Landschaft in tiefem Schnee. Nachmittagssonne fraß die Schatten, beißender Eiswind hatte die Bäume zu Gerippen entblößt. Fungel erkannte den Hügel und die Bergkette als den Ort wieder, an dem er gestanden hatte, als er den Menhir berührte. Aber es gab keine symmetrische Aufschüttung, keine Menhire hielten im Kreise Wacht. Fungel war noch kein Winterfell gewachsen, auch noch keine dicke Fettschicht unter der Haut, die ihn geschützt hätte. So fuhr ihm der kalte Wind unters Fell, raubte ihm die Wärme und setzte sich ihm ins Mark. Die Kälte sagte Fungels Körper, dass es Zeit für den Winterschlaf sei, Zeit, alle Lebensvorgänge zu einem Zustand zu verlangsamen, der tiefer als Schlaf und leichter als der Tod war. Nach nur ein paar Minuten rann ihm das Blut dick und träge durch die Adern und sein Geist war von Schlaf umfangen. Aber nein! Er befand sich im Herbst, nicht im Winter! Die Blätter ahnten erst den Biss des Frostes: Die Tage waren noch reich, und die Goldrute blühte. Herbst - nicht Winter! Er kämpfte gegen die Botschaften, die ihm sein Körper mitteilte. Er zog Kraft aus der Erde, auf der er stand, denn diese Gegend war ein Knoten magnetischer Kräfte - aus eben diesem Grunde war hier der Berg der Toten errichtet worden. Hier errichtet? Wo war er denn? Dann sah er, wie zur Antwort, einen langen Zug auf sich zu kommen. Es mochten ein paar hundert sein, dunkel auf dem weißen Schnee, in Lumpen gekleidet und taumelnd unter der Last von Bündeln und Packen. Einige hatten sich die Tragestangen von Sänften auf die Schultern gelegt, andere zerrten Schlitten hinter sich her. Am ganzen Leibe bebend, wartete Fungel darauf, dass sie näher kamen. Als sie fast bei ihm waren, durchfuhr Fungel ein Schreck, der eisiger war als jeder Winter. Die unglücklichen, halb erfrorenen Kreaturen, die unter ihrer Last fast zusammenbrachen, waren Zwerge! Und wie schrecklich ihre Last: Vorräte und aufgerollte Zelte wurden sichtbar. Fungel erkannte es an der Art, wie sie zusammengebündelt waren. Aber er konnte den Blick nicht von den Tra gestühlen lösen, den Schlitten und den Bahren. Die Gestalten darauf waren weder Zwerge noch Menschen, sie gehörten der ausgestorbenen Rasse an, die einst die Herren von Atlantis waren: Krieger, Zauberer, Wissenschaftler, Priester, seit Jahrtausenden tot, nur noch lebendig in Legenden und Sagen - und trotzdem lagen sie hier vor Fungels verschneiten Augen. Versprengte von einem verschwundenen Kontinent, mühselig von Zwergen weitergeschleppt.

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Die Versprengten machten dicht bei Fungel halt und begannen ihr Lager aufzuschlagen. So verfroren er war, konnte Fungel nicht müßig daneben stehen. Er trat vor, hob eine Hand zum Friedens gruß und rief gegen den heulenden Wind: »Brüder! Bruderzwerge!« Sie beachteten ihn nicht, sie gruben Kuhlen im Schnee und stellten Zelte für ihre Herren auf. Fungel stand mitten unter ihnen, schaute ihnen zu, aber sie nahmen ihn nicht wahr. Ich bin in Wirklichkeit nicht hier, wurde ihm klar, ich erlebe es, aber in Wirklichkeit bin ich nicht hier. Er verfolgte, wie die Zwerge Feuer machten und verbeulte Töpfe aufsetzten, wie sie eine dünne Grütze kochten, die sie größtenteils ihren Herren gaben, die aber nur wenig davon aßen. Fungel ging wie ein Geist in ihrer Mitte umher. Hager, krank und dem Hungertode nahe, schwanden die Herren dahin, trotz ihrer Zaubermittel und Kräuter und der heilenden Dämpfe ihrer Diener, der Zwerge, die im Lauf der Zeit und aus Notwendigkeit mit dem Wissen ihrer Herren betraut worden waren. Auf Atlantis hatten sich viele der Zauberer weit über ihr Alter hinaus mit Magie und Geheimtränken am Leben erhalten, doch mit dem Untergang ihrer Heimat war auch mancher Zauber zu Grunde gegangen. Und in diesem neuen Lande warteten neue Plagen auf sie: neue Krankheiten, raues Klima, unbekannte Gegenden und fremde, wilde Tiere. Die Zeit holte sie ein. Die Herren starben. Die Zwerge waren aber auch nur Jammergestalten und Fungel brach es das Herz, sie in diesem Zustand zu sehen. Sie hatten dieser Wanderschaft wegen ihren natürlichen Instinkt zum Winter­ schlaf unterdrücken müssen. Doch im Gegensatz zu ihren zarteren Herren hatten sie ihr Fell gegen den Winter und waren nach über Generationen getaner schwerer Arbeit auch abgehärtet. Sie wurden überleben. »Wir haben überlebt«, sagte Fungel laut. Während er noch sein Volk beobachtete, das unter seinen dahinwelkenden Herren litt, fühlte sich Fungel wütender als je in seinem Leben. Lügen, merkte er. All unsere Legenden und Geschichten und Stammbäume, unser ganzer Stolz auf die Partnerschaft mit der atlantischen Rasse - Lügen! Einstmals mochte es sie gegeben haben, die hochgeschätzte Lehrzeit unter diesen weisen und mächtigen Herren. Aber das war lange her, tausende von Jahren, ehe sich selbst diese verkehrte Welt vor meinen Augen abspielte - mit Vorfahren, die selber seit Jahrtausenden tot waren. Wenn es wirklich jemals eine Zeit der Zusammenarbeit gegeben haben sollte, so war das, bevor Baphomet in dem Lande aufleuchtete und es verdarb, die Atlantiker umkrempelte und mein Volk versklavte. Lügen. Was er bei der Beschwörung Moloms erfahren hatte, wurde hier bestätigt: Er gehörte einem jungen Geschlechte an, ungezähmt und wild aus dem Walde stammend, zu Höherem geführt und dann jenen verpflichtet, die sie erhöht hatten. Hündisch treue Tempeldiener, deren Herren niemals zurückkehren würden und die allmählich hatten lernen müssen, selbst mit dem Leben fertig zu werden. Das Herz tat ihm weh. Der Winterschnee schmolz. Tag- und Nachtstunden huschten vorbei, der Mond wurde voll und wieder zu einer Sichel. Sterne zischten übers Firmament. An Zweigen schwoll farbiges Laub, Flüsse rissen die Eisschollen mit. Die Sonne zögerte und hing wie geschmolzen im Frühlingshimmel. Fungel stand neben einem Menhir. Frisch aus lebendigem Fels gehauen, ragte der steinerne Wächter am Rande eines glatten Granithügels auf. Der Hügel, der Berg, dachte Fungel, der Berg der Toten - und begriff endlich die tragische Geschichte, die hinter diesem Namen lag. Er sah den erschöpften Zwergenzug nach Süden wanken, den Berghang hinab, sie schleppten und zerrten die letzten Atlantiker, die den harten Appalachenwinter überlebt hatten. Später würden diese Atlantiker in einer wärmeren Gegend eine Zivilisation grunden, die ebenfalls verschwinden und nur noch kaum verständliche Spuren hinterlassen würde. Aber diese Gründung würde erst in vielen Jahren stattfinden, und obgleich Fungel wusste, dass sie dem Untergang geweiht waren, konnte er nicht umhin, der zerlumpten Schar einen Segensgruß nachzusenden. Spuren. Was sie noch hinterließen, war ein hilfloses, unreifes Zwergengeschlecht, das den Schatz des geretteten Wissens bewahren sollte - aber wo? In einer Berghöhle verschlossen, deren Lage sogar sie im Lauf von tausend Generationen vergessen hatten, während sie sich in den dichten Wäldern der südlichen Appalachen angesiedelt hatten, selber nur noch eine Spur, ein Rest, sich in einem Garten sonnend, der um eine Ruine herum entstanden war. Eine merkwürdige Mischung aus Gefühlen regte sich in ihm, während er der Karawane nachschaute, bis sie außer Sicht war. Schließlich wandte er sich zu dem gerade entstandenen Berg der Toten um. Ohne die dichte Schicht aus Ranken und Unterholz bot er einen eindrucksvollen und nüchternen Anblick. Mit Zaubersprüchen getränkte Menhire standen aufrecht und groß um einen grauen Granithügel herum, der mit Schutzrunen und Ewigkeitszeichen versehen war. Die Luft um ihn herum schien zu knistern; der Boden vibrierte wie ein Trommelfell.

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Fungel zog scharf die Luft ein. Ohne die Ranken und das Gebüsch, wurde ihm klar, wäre das
Hunengrab deutlich zu sehen! Rasch suchte er die Gegend um den südlichsten Menhir ab, das
Gebiet, das sich vor Stunden als so fruchtlos erwiesen hatte. Vor
Stunden, dachte er spöttisch, seit denen tausende von Jahren vergangen sind.
Trotzdem konnte er das Hünengrab nicht entdecken. Enttäuscht musterte er den südlichsten Menhir.
Irgendetwas nagte ihm im Unterbewusstsein, es war das gleiche Gefühl, als ob er sein Heim verließe
und ganz genau wusste, er hatte vergessen, irgendetwas mitzunehmen, nur - es fiel ihm nicht ein,
was es gewesen sein konnte. Da war irgendetwas, eine einfache Sache, die, wie er ganz genau
wusste, sein Rätsel lösen würde.
Der neu aufgestellte Stein ragte vor ihm in die Höhe.
»Also gut«, sagte er zu ihm, »du hast mich hierher zuruckgeschickt, damit ich meine Auskünfte
bekomme. Es wird ja wohl nicht schaden, wenn ich dich noch mal berühre.« Fungel legte die Hand an
den Stein und zerriss das gelbe Band, während er völlig verblüfft nach hinten kippte.
Die Sonne ging auf. Fungel stand aufrecht da und segnete den anbrechenden Tag. Dann wandte er
sich ab. Obgleich er müde war, musste er seine Suche nach dem Stein fortsetzen, der die Lage von
Baphomet enthielt. Wo aber mochte er sein? Nicht dort, wo es die Landkarten verzeichneten, nicht
südöstlich des Berges.
Er trat von dem Menhir zurück. Sein Schatten zeigte nach Westen auf den Berg der Toten. Etwas,
das damit zusammenhing... Er wandte sich wieder nach Osten, um die Sonne anzuschauen. Osten.
Er rief sich die Landkarten ins Gedächtnis, die er studiert hatte, um das Hünengrab zu lokalisieren.
Da war das Hünengrab, der Steinhaufen, unten links. Also südwestlich, oder?
Falsch.
Fungels Ahnen hatten ihre Landkarten mit dem Osten nach oben gezeichnet, um die Richtung der
Erddrehung vor sich zu haben. Immer nach Osten ausgerichtet, das ist typisch "r uns. Er war davon
ausgegangen, dass auf seiner Landkarte der Norden oben
lag. Nun drehte er diese Karte in seinem Gedächtnis im Geiste um neunzig Grad, um einen
Viertelkreis, bis der wahre Norden oben lag. Dadurch rückte das Hünengrab nach Nordwesten.
Er jagte seinen Schatten rund um den Berg herum.
Fungel stand an einer hoch gelegenen Stelle. Im Nordwesten des Berges der Toten war der Bewuchs
noch nicht fort. Auf dieser Seite hatten die Menschen noch nicht gerodet. Wo auf der Landkarte in
Fungels Kopf das Hünengrab eingezeichnet war, standen Eichen im Kreis. Die Eiche hat
schutzkräftiges Holz, ist ein heiliger und mächtiger Baum, und diese Bäume waren hoch und uralt.
Der Horizont war frei und stand hart vorm ersten Morgenlicht. Mit koniglicher Gelassenheit hob sich
die Sonne über den Rand der Erde und vergüldete das Tal. Wenn Fungel die Augen zukniff, kam ihm
der Eichenkreis wie eine Krone aus Gold vor. Als Nächstes merkte er, dass die Sonne höher stand,
die Schatten dichter waren und dass er wie ein Narr auf eine Ranke starrte, die sich um einen he­
rausragenden Felsen schlang. Was hatte er nur gewollt ... ? Er kratzte sich am Kopf und dachte nach,
während kleine gelbe Schmetterlinge über die Felder flatterten.
Ach ja: der Steinhaufen.
Von seinem hoch gelegenen Standpunkt aus konnte er im Nordwesten des Berges der Toten einen
Eichenkreis sehen, inmitten von dichtem Unterholz. Eiche hat schutzkräftiges Holz ... vielleicht ...
Dann war es später Nachmittag und er starrte den Fels wieder an. Seine Muskeln waren verkrampft,
weil er stundenlang reglos dagestanden hatte.
Was hab ich nur gewollt? Ach ja: der Steinhaufen.
Er schaute sich von seinem hoch gelegenen Standpunkt aus um - und hielt inne. Schaute zu Boden.
Runzelte die Stirn. War da nicht... ja, dort drüben: ein Kreis von Eichen.
Wie hatte er das wissen können?
Weil er sie schon zweimal entdeckt hatte.
Er lächelte. Auf den Eichen lag ein Ablenkungszauber! Ein Schutzspruch, der denen glich, mit denen
er sein Heim und seine Bücher zu schützen pflegte, sehr ähnlich dem, der auf Emmas Höhlenheim
lag - nur sehr viel mächtiger: Zwergenzauber.
Eilig brach er durch die hohen Stauden der wilden Petersilie, um den Kreis der heiligen Eichen zu
betreten. In diesem dichten Hain war das Licht unter dem Laubdach grün und schattig und die Luft
war so stickig wie in der Tasche eines Riesen. Kein Vogelgezwitscher, kein Grillenzirpen durchdrang
das düstere Dämmer. Ringsherum ragten dicke knorrige Stämme empor, und in dem dunstigen
feuchten Grün des geheimnisvollen Lichtes konnte sich der Zauberer leicht vorstellen, in die
Unterwelt eingetreten zu sein. Die Spannung im Kreis der Eichen konnte man geradezu schmecken.
Starke Kräfte lagen hier gebunden.
Ein einziger Strahl des goldenen Nachmittagslichtes fiel durch eine Lücke im dichten Laub und traf
eine große Eule, die auf einem der unteren Aste der höchsten Eiche saß. Fungel erkannte sie, es war

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die Eule, die in der Nacht seines Alptraumes aus seinem Kamin gefallen war - Moloms Eule, die
Augen und Ohren des Elementargeistes auf der Erde. Der Waldzwerg war gerade dabei, den Vogel
zu segnen und ihm seine Grüße zu übermitteln, als er um sich etwas nahen spürte. Es erfüllte ihn mit
einem Schauer der Ehrfurcht, nahm ihm die Kraft aus den Muskeln und ließ seine Füße an Ort und
Stelle Wurzeln schlagen. Er empfand keine Furcht, keinen Drang zur Flucht, nur das Nahen einer
erhabenen Erscheinung. Oh, das ist wirklich Zwergenzauber! In diesem Augenblick hätte jeder
gewöhnliche Gnom, Elf, Mensch und sogar Troll die Füße unter die Arme genommen und wäre vor
dem erscheinenden Geist geflohen.
Für Fungel aber war das gerade der Grund, standzuhalten. Dichter Nebel stieg im Mittelpunkt des
Eichenkreises vom Boden auf. Sofort war Fungel davon eingehüllt, aber er blieb ruhig stehen. Einen
Augenblick später nahm er auf der einen Seite einen
milchigen Schimmer wahr. Als nach einigen weiteren Minuten nichts anderes geschah, ging Fungel
zu dem schwachen Licht hinüber.
Es glomm auf, als er sich ihm näherte, und erhellte den Nebel in seiner Umgebung. Schon fand sich
Fungel vor einem kompliziert zusammengesetzten Glasgegenstand, der in der Höhe eines
Waldzwergenkopfes in der Luft schwebte und von dem Licht, tief in seinem Inneren, bebte und
pochte.
Fungel betrachtete das sonderbare und verschlüsselte Muster, während ihn der Nebel träumerisch
umwogte. Ehe Fungel den Finger rührte, entwarf er im Geiste verschiedene Formen, ver schob
gebrochene Schnörkel und aufgerollte Spiralen, entfremdete Ecken und zusammengeschlagene
Fächer, bis er fest davon Überzeugt war, dass aus diesem Muster eine Form entstehen sollte.
Fungel streckte die Hand aus und berührte das glänzende Glas. Es war glatt und warm. Er begann
wohlgemut die Teile des Musters neu zu ordnen, nach dem Entwurf, den er schon im Kopfe hatte,
neu zu formen. Er brauchte keine Minute, und als er fertig war, ließ er die Hände sinken und nickte
zufrieden.
Vor ihm hing ein funkelnder Glasschlüssel.
Fungel pflückte den Schlüssel aus der Luft und sofort klärte sich der Nebel und enthüllte ein
gewaltiges verschlossenes Tor. Fungel trat darauf zu und steckte den Schlüssel vorsichtig ins
Schlüssel loch. Aus Furcht, der zerbrechliche Schlüssel könnte zersplittern, drehte er ihn ganz sanft
und langsam um, spürte das Klicken des Mechanismus in den Fingerspitzen, drängte ihn nicht, übte
aber beharrlichen Druck aus, bis er das Schnappen des Riegels vernahm. Das Schloss sprang auf.
Das Tor schwang nach innen.
Auf der anderen Seite stand eine hohe Gestalt, nicht viel mehr als ein Schatten im Schatten vor dem
Nebel. Sie hielt eine Laterne in die Höhe. »Komm«, befahl sie mit einer vollkommen normalen
Stimme, die klar durch den Nebel drang, und schlurfte davon.
Fungel folgte dem gelben Laternenlicht seines geisterhaften Führers. Sie waren noch keine hundert
Meter gegangen, da erlosch das Licht, und Fungel stand in pechschwarzer Finsternis, kein Zei chen
mehr von der hohen Gestalt, kein Oben und Unten. Um ihn herum entfaltete sich ein blasses,
indirektes Licht.
Fungel entdeckte, dass er mitten in einer niederen runden Kammer stand. Auf Wurzeln, die wie
Thronsessel gewachsen waren, saßen zwölf Eichenmänner im Kreise - die Geister der Eichbaume.
Der größte der Eichenmänner saß auf dem größten Thron, auf dem Haupte eine Krone aus Eicheln.
Fungel las aus der Ordnung der Geister in diesem Raum um ihn herum, dass er sich in einem Gefilde
des Zwielichts befand, in einem Grenzbereich zwischen der Erde und den astralen Regionen, und
dass die Gestalten um ihn
herum den wahren Kreis der Wächtereichen beim Berg der Toten darstellten. Und daraus konnte er
folgern, dass der Meister dieser Geister Wurzel sein musste, der Eichenkönig.
Fungel fühlte sich klein vor dem kunstvoll verschränkten uralten Zauberspruch, vor so langer Zeit
entworfen und immer noch mächtig und ein ausgeklügelter Schutz auch nach vielen Jahrhunderten.
Er verneigte sich tief vor dem Kreis der Erscheinungen.
»Willkommen, Waldzwerg«, flüsterte der Eichenkönig auf seinem Thron. Seine Stimme klang wie das
Rascheln der Blätter im Winde. »Was suchst du an diesem geheiligten Platz?«
Fungel rasten die Gedanken durch den Kopf, eh er antwortete:
»Eichenkönig, klug und alt, dein Geheimnis hier im Wald such ich und das Wort der Berge, das mich
führt zum Buch der Zwerge.«
»Wer hat dich auf die Suche geschickt?« »Molom. «
Da rauschte und raschelte es unter den Eichenleuten. »Molom, dem Herren der Bäume, bin auch ich
verpflichtet«, wisperte Wurzel, »weißt du von seinem Krieg mit dem Folterknecht in seinem Reich?«
»Der Folterknecht?«, fragte Fungel langsam. »Mächtiger Wurzel, sprichst du von Theverat? «

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»Dies ist ein heiliger Ort, Zauberer unter den Waldzwergen, und hier darfst du den Namen nicht nennen.« Fungel verneigte sich tief. »Ich bitte um deine Vergebung, König der Eichen. Ob ich es will oder nicht, ich bin mit hineingezogen in diese Auseinandersetzung zwischen Molom und ... und dem Fol­ terknecht.« »Wir wissen, dass dein Name Fungel von Fuchswitz lautet«, flusterte Wurzel, »und dass du im großen Schauspiel auf Erden Mo­ loms bester Kempe bist. Was du suchst, ruht hier, guter Zauberer, aber wir müssen dir sagen, dass die große Bücherei samt dem Schrecklichen, das sie enthält, von deinen frühesten Vorfahren in diesem Lande mit großem Aufwand versteckt worden ist, um ganz gewiss zu sein, dass nur ein echter Zaubermeister die Zahlen und Schutzsprüche lösen kann. Eine der vielen Proben ist uns übertragen. Wir begreifen gut, wie wichtig deine Suche ist, und unsere Segenswünsche werden dich begleiten, aber unser Vertrag mit den ersten Zauberern ist alt und bindet. Wir dürfen dir nur die Zahlen anvertrauen, nicht aber die Lösung.« »Ich verstehe, guter König, und für deinen Segen bin ich dankbar.« Wurzel nickte mit der Geduld des wachsenden Holzes. »Funfundzwanzig«, sagte er. Fungel wollte schon fragen, ob das alles sei, als ihm die Stimme des nächsten Eichenmannes Schweigen gebot. »Eins«, sagte der Geist auf seinem Wurzelthron. Nun sprach der Reihe nach und im Uhrzeigersinn ein Eichenmann nach dem anderen: »Vierzehn.« »Zwanzig.« Und Wurzel schloss den Kreis und sagte: »Neunundvierzig.« Fungel hatte sich einmal um sich selbst gedreht, während die Eichenleute ihre Schlüsselzahlen nannten. Als sie fertig waren, wiederholte er die Zahlen laut und mit brummendem Schädel: »Funfundzwanzig, eins, vierzehn, zwanzig, fünfzehn ­ « Er hielt inne, Wurzel und sein Hofstaat waren verschwunden. Der Nebel wogte in den Wald zurück und Fungel merkte, dass er wieder im Kreis der heiligen Eichen beim Berg der Toten stand. Über ihm fuhrwerkte der Wind in den Blättern. Fungel schaute empor und sah, dass all die zwölf großen alten Eichen ihre inneren Zweige beiseite zogen, um den Himmel frei zu machen. Sonnenlicht durchdrang das Dämmern im Herzen des Kreises. Der Flecken Erde, den es beleuchtete, begann sich zu wölben, brach auf, und ein Stein schob sich heraus und stand vor Fungel. Der Stein, ein altes atlantisches Mal aus behauenem Sandstein, der sich jetzt im schwindenden Licht des Tages badete. Tief in die Oberfläche waren eine Sonne und ein Mond gemeißelt, Spiralen und Labyrinthe. In die Basis waren rechteckige Runen in der Schrift seiner Vorva­ ter geschlagen. Der Stein war fest, wirkte aber nicht wirklich; wenn es so etwas wie einen Steingeist gab, so war es dieser. Fungel stand andächtig da und bewunderte das kunstvolle Relief auf dem Stein. Es stellte eine Gottheit dar, einen alten Götzen. Die Sonne war sein Haupt, er hatte beide Arme ausgestreckt und in der Rechten hielt er einen Schlüssel. Sein Leib war mit Schalen und Spiralen geschmückt. Zu seinen Klauenfüßen saß Frau Mond mit ihren Sternendienern. Von Sonne zu Mond, von Kopf zu Fuß, lief ein senkrechtes Band, das mit zwanzig dicken Knoten geeicht war. Die alten Runen auf der Basis ergaben folgendes Gedicht: Zwanzig ist der Sonnenschein, im Osten ist das Schlusselein, im Süden steht der Mond allein und zu dem Tier gehört der Stein. Fungel las die Botschaft vorwärts und rückwärts, er vertauschte die Buchstaben so vielfach, wie es ihm nur einfiel, aber jenseits der Wörter - die meistens am wenigsten nützen - stieß er auf keine verborgene Botschaft. Er kämpfte die aufsteigende Panik nieder und beschwichtigte seine Angst, beim Kampf um diese Botschaft zu versagen. Dann dachte er an die Zahlenkette, die er von den Eichen bekommen hatte. Sie musste irgendwie mit dem Relief auf dem Stein zusammenhängen. Fungel ließ seinen Geist die Rinnen und Ritzen entlang forschen, die Schnecken und Rechtecke, die in den Stein gegraben waren. Aber auch dort fand er keinen Hinweis. Er war fest davon überzeugt, dass die Lösung nicht in dem Bilde lag, sondern in den Buchstaben. Fünfundzwanzig, eins, vierzehn, zwanzig, fünfzehn . . . Eine in Stein gehauene Botschaft in dem alten Zwergenalphabet ... eine Kette von Zahlen ... Wenn jede Zahl mit einem Buchstaben zusammenhing, sodass »eins« den ersten Buchstaben bezeichnet, dann deuteten vielleicht die Zahlen, die ihm die Eichenleute gegeben hatten, auf ­ Fungel schmunzelte. Er musste sich die Runen gar nicht ausrechnen: 25, 20,15. Ordne die Zahlen zu den Buchstaben, für die sie stehen, und dann kannst du das Wort buchstabieren. »Yanto! «, sagte er laut. »Yanto, Yanto, Yanto! «

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Vollkommen verblüfft schüttelte er den Kopf. Yanto war der Herr der Geheimnisse, ein ganz einfacher
Bursche. Ihn zu beschwören gehörte zu dem Ersten, was ein junger Zauberer zu ler nen hatte, weil
nämlich jeder einen Behüter für die Geheimnisse braucht. Als junger Lehrling hatte ihn Fungel viele
Male angerufen. Wenn er meinte, er hätte auf dem Gebiet der Alchemie und Magie weltbewegende
neue Entdeckungen gemacht, pflegte er diese Zaubersprüche in einen übergeordneten Spruch einzu­
wickeln, der dann Yanto anvertraut wurde, denn Yanto pflegte ein Geheimnis immer nur an den
berechtigten Benutzer weiterzugeben. Yanto verlangte eine Parole, die er dem Geheimnis, das man
wahren wollte, anheftete, und wenn man ihn das nächste Mal anrief, dann musste man ihm diese
Parole nennen.
Fungel mochte es kaum glauben. Es war fast lächerlich, dass die Ahnenzwerge Yanto als Hüter von
Baphomets Lager ausgesucht hatten. Aber je mehr Fungel darüber nachdachte, desto angemes
sener kam es ihm vor. Ja, jedes Zwergenkind mit dem ersten Grundwissen über Beschwörungen
konnte Yanto anrufen - aber wer tat es denn sonst? Welches andere Geschöpf konnte diese Be­
schwörungen kennen, wem wäre es auch nur eingefallen, sie zu
benutzen? Das Einfachste ist das Allerbeste - vor lauter Aufregung über seine Entdeckung hätte er
am liebsten ein kleines Tänzchen hingelegt. Na gut, dann würde Fungel Yanto aus dem Stein rufen.
Aber um den Herrn der Geheimnisse zu veranlassen, ihm die Lage von Baphomet zu verraten,
brauchte Fungel die Parole, das Passwort, um das Geheimnis aufzuschließen, das Zwerge, die seit
hundert Jahrhunderten tot waren, Yanto anvertraut hatten.
Er studierte den Stein, um einen Hinweis zu finden.
Die Sonne mit ihrer zwanzigzackigen Krone, der Mond und die Sterne, die Knotenschnur, die
Reliefspiralen, die ausgestreckten Hände, der Schlüssel.
Fungel brach in Gelächter aus, denn das Wort musste natürlich lauten: mei-nesch't - das Atlantis-
Wort für Schlüssel.
Sofort sagte Fungel den Spruch auf, um Yanto zu rufen:
»Yanto, Herr der Geheimnisse, Hüter der Mysterien,
Loser der Rätsel,
Yanto, Antlitz der Verborgenheit, zeige dich mir.
Mei-nesch't, damit rufe ich dich an, Yanto, mei-nesch't, dass du mir gibst, was du hütest. Mei-nesch't,
Yanto«
Ein Gesicht tauchte im Felsen auf. Das Gesicht war der Stein, war der Stein, der sich lebendig
gemacht hatte.
»Wird aber auch allmählich Zeit, verdammt noch mal«, sagte es. »Yanto«, sagte Fungel.
Das Gesicht runzelte die Stirn. >ja, ja, ja, in Fleisch und Blut, wenn du mir das schiefe Bild verzeihst«,
sagte Yanto, »wie war dein Name?«
Fungel berührte seine Wunschelfeder und verneigte sich. »Fungel Fuchswitz, Waldzwerg, zu deinen
Diensten«, sagte er.
»Hmhm. Kommt mir eher so vor, als ob ich zu deinen Diensten sein müsste, weil du ja das Dings
aufgesagt hast«, sagte Yanto ungeduldig. »Was hast du gesagt, Waldzwerg?«
»Aus dem Geschlecht der Waldzwerge, Yanto.«
»Dann solltest du dich lieber sputen, wenn du deine Gruppe noch einholen willst. Haben mir schon
seit `ner Weile den Rücken gekehrt - aber mich natürlich vorher in diesen kratzigen Sandstein
gesperrt. Also ehrlich, es ist das reine Vergnügen, Waldzwergen einen Gefallen zu tun!« Die
Steinaugen verdrehten sich gen Himmel.
»Die kann ich nicht mehr einholen, Yanto«, antwortete Fungel, »die sind schon seit zehntausend
Jahren verduftet.« »Zehntausend Jahre?« Yanto machte ein ungläubiges Gesicht. »Ich hocke seit
zehntausend Jahren in diesem Felsblock?«
»Mehr oder weniger«, gab Fungel zu.
»Also dann los, Mann, spuck endlich die Parole aus, damit ich dir sagen kann, was ich weiß, und hier
rauskomme.« »Mei-nesch't«, entgegnete Fungel.
»Atlantisches Wort, hm?« Das Steingesicht schwankte hin und her, als ob es den Kopf schüttelte.
»Echte Geheimniskrämer, diese Atlantischen. Sind auch schwierige Leute, muss ich wirklich sagen.«
»Waren«, korrigierte Fungel.
»Waren? Ach, wirklich?« Der Stein hob die Augenbrauen. »Also, schaut man nur einmal in
zehntausend Jahren nicht hin und schon ist alles anders. Gib Parole.«
»Mei-nesch't, Yanto«, erinnerte ihn Fungel.
»Ach ja, richtig. Nun reg dich bloß nicht auf!« Das Gesicht begann sich in den Stein zurückzuziehen.
»Setz dich gemütlich hin«, sagte Yanto, »ich bin gleich wieder da.«
Fungel wartete. Aus dem Stein drang Gemurmel, Wühlen und Kramen, ein Aufschrei. »Also, dann
wolln wir mal sehen... Wie man die Treue eines Liebhabers erhält. Davon muss ich Millionen und

101

Abermillionen haben. Spruch, damit der Rasen nicht so rasch wächst. Da will mich wohl jemand auf
den Arm nehmen. Na ja, ich mach sie ja nicht, ich heb sie nur auf. Die Lage der verlorenen Piepen.
Nischt. Warum Hunde den Mond anheulen. Wahrscheinlich auch nur Quatsch. Ah, da haben wir was
Interessantes. Wer Kennedy getötet hat. Wie die Dinosaurier ausstarben. Wie sie das Blei in die
Bleistifte kriegen. Haha, und das ist vielleicht ein guter: Warum die Walfische wieder ins Meer gingen.
Die Ursache der Eiszeit. Wie die Schale einer Cashewnuss aussieht. Also wirklich! Wo das Licht
bleibt, wenn ich es ausschalte. Aha, da haben wir's ja: Lage von Baphomet.«
Das Gesicht tauchte wieder im Stein auf. »Sieh mal, Fungel, ich hab noch ein Bündel Zaubersprüche
und alchemistische Formeln entdeckt, die du als Lehrling bei mir abgegeben hast.«
Die Steinaugen schauten beim Lesen nach unten. »Schularbeitenzauber«, las Yanto vor. »Wie man
Blei zu Stahl macht. Verwandle einen Wurm in einen Schmetterling. Zieh Pflanzen aus Samen. Mach
einen Feind grün. Lauter so was. Willste das noch?«
Fungel fühlte, wie er rot wurde. Er wusste genau, dass es lächerlich war, sich wegen Zaubersprüchen
zu schämen, die man als Kind zurechtgemurkelt und geheim gehalten hat, aber er konnte es nicht
ändern. Selbst wenn Gevatter Tod einen an die Zeit erinnert, in der man in der Turnstunde die Hosen
verloren hat, kommt man sich albern vor.
»Die kannst du wegwerfen«, antwortete Fungel verlegen. »Kann ich überhaupt nicht, Boss«,
widersprach Yanto, »muss erst die Parole haben, eh ich Hand an sie legen kann.«
Fungel hatte natürlich längst die besonders schlau ausgetüftelten Parolen vergessen, die er Yanto als
Kind genannt hatte, aber es widerstrebte ihm, das zuzugeben. »Ach, heb sie lieber noch ein bisschen
auf«, sagte Fungel.
»Die Baphomet-Sache auch?«
Fungels Puls schlug schneller. »Ehh, nein«, antwortete er, plötzlich ganz heiser. »Das kannst du mir
auch gleich sagen.«
»Dein Wunsch ist meiner und so weiter und so weiter.« Yanto schaute nach unten. »Fertig?«
Fungel nickte.
»Ein Dutzend Siebenmeilenstiefelschritte westwärts über die Berge zum Tal des Mondes.« Yanto
schaute auf. »Netter Name«, bemerkte er.
Fungel verschluckte seine Antwort.
»Dort angekommen, such dir die Nord- und Westseite, dem Sonnenaufgang zugewandt. Hier findest
du ein großes Kreuz aus purem schwarzem Stein, schwarz wie Kohle, tief in des Berges Flanke
gegraben. Darunter eine Höhle, wie gemacht für Dachs und Karnickel, und darin strenge Wächter.
Nur der Würdige darf eintreten: der Krieger, der Gelehrte, der weise Zauberer, der ehrenwerte
Sucher. Bist du ein solcher, wirst du hinter ihnen die Höhle und alles finden, was du suchst.« Yanto
schaute abermals auf. »Das wär's«, sagte er etwas entschuldigend. »Bisschen wolkig?«
Aber Fungel schüttelte schon aufgeregt den Kopf. Zwölf Siebenmeilenstiefelschritte nach Westen,
über die Berge, durch das Tal des Mondes? Das war ja nur eine Tagesreise von hier!
»Es ist vollkommen«, flüsterte er.
»Prächtig, prächtig«, sagte Yanto, »dann bist du also glücklich, und wenn du glücklich bist, bin ich
auch glücklich, denn das bedeutet« - das Antlitz bohrte sich aus dem Stein heraus - »dass ich« - die
wahre Gestalt von Yanto zwängte sich aus dem Sandstein - »dass ich hier raus kann!« Er machte ein
paar Sprünge, schlug einen Purzelbaum und tauchte, ohne auch nur eine Welle zu schlagen,
geradewegs in die Erde hinein.
»Gesegnet sei dein Weg«, murmelte Fungel abwesend.
Das Gesicht schoss wieder aus dem Boden. »Deiner auch«, sagte Yanto und dann verschwand er
endgültig.
Fungel berührte das Steinmal. Seine Finger bebten. Eine Tagesreise, dachte er. Eine Tagesreise, ein
netter Spaziergang, ein tüchtiger
Marsch. Yantos Botschaft kreiste wie eine Litanei in Fungels Kopf herum: zwölf
Siebenmeilenstiefelschritte nach Westen, über die Berge, durch das Tal, Nordwestseite, das
schwarze Kreuz auf der Ostflanke des Berges suchen.
Ein Dutzend Siebenmeilenstiefelschritte nach Westen, über die Berge . .

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Der Berg der Toten

Fungel hätte sich am liebsten sofort auf den Weg gemacht, aber die Nacht brach herein, und er fiel fast um vor Müdigkeit. Sein Körper reagierte immer noch auf die Kälte, erinnerte immer noch an den Winterschlaf. Er hatte nur ein paar kurze Stunden geschlafen, nachdem er und Morchel aus dem Lande des Tausend rauchs geflohen waren, und danach war er mit Conker Rosskopf durch den Wald marschiert, hatte nur eine leichte Mahlzeit bekommen, war fast bis zum Morgengrauen gewandert, um diesen Ort zu erreichen, war zwölftausend Jahre in eine winterliche Eiszeit zurückgeschossen, hatte unter dem Zauber eines uralten Bannes den ganzen Tag lang auf einem Fleck gestanden, sich mit Wurzel, dem Eichenkönig, getroffen, den Code der Eichenleute entziffert, Yanto beschworen und die Lage von Baphomet erfahren. Er konnte ein Schläfchen gebrauchen. Dicht unter der Spitze des Hügels fand er eine kleine Höhle. Der Eingang war von Unkraut und Ranken überwuchert. Fungel zerrte erschöpft an ihnen und wäre dabei fast hinterrücks den Hü­ gel hinuntergekullert, weil eine Hand voll Schlinggewächse plötzlich nachgab. Schließlich hatte er sich genug Platz geschaffen und er taumelte in die kühle Dunkelheit der Kuhle. Aber obgleich er jetzt eine Zuflucht gefunden hatte, durfte er sich nicht gestatten, sofort einzuschlafen. Er zwang sich die Regeln zu befolgen und die alten Worte zu sprechen, die um seine Schlaf kammer eine Schutzmauer ziehen und sie genauso schützen wurden, wie er des Nachts in seinem unterirdischen Heim geschützt war. Heim, dachte er, während das Zauberlicht in seiner Kuhle aufzuleuchten begann, wiefern ist das. Die Wirklichkeit rauschte zurück. Thorn betrachtete den dicht bewachsenen Berg von einem schützenden Baum aus. Hoch über ihm brachen noch tödliche Fetzen des letzten Tageslichtes durch die Ritzen im Laub. Solange sich Thorn im Schatten hielt, war er sicher. Er fürchtete nicht den Tag, sondern das Tages­ licht. Bald aber würde eine ungeheure Nacht anbrechen. In diesem Berg schlief der verhasste Waldzwerg. Hinter dem Baum sann Thorn auf Unheil. Die Hälfte seiner Giblins durch diese verfluchten Waldschrate zu verlieren war unangenehm gewesen. Den Rest durch die Quibberklumpen einzubüßen war ärgerlich, aber noch kein Unglück. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte Thorn die Quibberklumpen mit dem größten Vergnügen an Stelle der Giblins gegen den Waldzwerg eingesetzt. Aber diese Kreaturen konnten ihre Mullhalde nicht verlassen, und Thorn zweifelte außerdem stark daran, dass sie sich kontrollieren ließen - nicht genug Verstand in diesem gierigen schwarzen Kleister. Thorn war dennoch nicht ohne Hilfskräfte. Da er jetzt auf seine eigenen Einfälle zurückgreifen musste, fing er wieder von vorne an, und das bedeutete, dass er nun gezwungen war, sich auf die Person zu verlassen, auf die er sich am besten verlassen konnte. Er lächelte und brach eine Stachelspitze von einem seiner Ellbogen­ gelenke ab. Dann brach er die nächste ab und fuhr fort, sich Spitzen von seinen stachligen Gliedern abzuknipsen, bis sich sechs Dornen in seiner ledernen Handfläche krümmten. Aus den Bruchstellen der Dornen quoll blaues Blut, so dick wie Harz. Gut, dachte er bei sich, Waldzwerge sind gesellige Geschöpfe - ich könnte mir vorstellen, dass diese toten, alten Waldzwerge in ihrer Höhle einen Neuankömmling freudig begrüßen würden. Diese Vorstellung vergoldete ihm den Tag, während er sich dem Fuße des Berges näherte und dabei selbst das schwächste Tageslicht vermied, die Dornenspitzen tief in die dunkle Erde pflanzte und jede mit einem Tropfen seines dunklen Blutes tränkte. Fungel schreckte aus einem tröstlichen Traum vom Winterschlaf hoch. Wenn man so jäh aus dem Schlaf gerissen wird, rutscht das Unterbewusstsein wie ein Angelhaken über den tiefsten Meeres­ grund und manchmal verfangen sich sehr alte Dinge darin und werden an die Oberfläche gezogen. Fungel hatte Fetzen aus seiner Kindheit erwischt. Er und sein Bruder Fifferling waren draußen gewesen, gerade vor der Kälte der Morgendämmerung, und hatten von den Blättern eines nachts blühenden Jasmins Morgentau gesammelt. Er stand gerade am Anfang seiner Lehrzeit bei Willi Wetterborke, und Fifferling hatte ihn beschwatzt, einen Liebestrank für seine beiden Lieblingsfrosche zu mischen - was Kinder so an Unfug anstellen, wenn sie ihre ersten Zaubersprüche lernen: Gold aus Blei, ein Schularbeitenzauber, ein Spruch für Feenlicht unter der Bettdecke zum Schmökern mitten in der Nacht, Liebestränke... Fungels Zuneigung zu Fifferling und ein leichtes Schuldgefühl, weil er nämlich als Willis Nachfolger galt, während für seinen Bruder bisher nichts Ähnliches in

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Aussicht war, machten es Fifferling leicht, seinen Bruder zu bitten, ihm bei solchen Lehrbubenstreichen eine Hand zu leihen. Fifferling führte Fungel zu einem besonderen Platz, wo, wie er wusste, Jasmin im Uberfluss wuchs. Dieser Teil des Waldes war für den jungen Fungel neu, und alles Neue löste bei ihm helles Entzücken und Bewunderung aus (was sich in seinem späteren Leben auf das Alte verschieben sollte). Der Weg, den Fifferling einschlug, wurde nur von Waldzwergen als Pfad betrachtet; die meisten anderen Geschöpfe hätten ihn überhaupt nicht wahrgenommen. Fungel entdeckte eine interes sante Blüte, an einer in der Nacht leuchtenden Blume, und er trat vom Wege, um sie zu untersuchen. Das waren nur ein paar Schritt, aber jeder Schritt kann eine Überraschung auslösen. Die Überraschung dieses Schrittes zeigte sich, als der Moosteppich unter Fungels Füßen nachgab. Er purzelte - und verfing sich sofort in einem Netz von Ranken und Wurzeln. Das Moos, das das Zieselloch verdeckt hatte, kullerte ihm nach, deckte ihn zu und verbarg ihn vor den Augen der Welt. Er versuchte sich wieder zu befreien, aber sowie er sich regte, spürte er, wie unter ihm etwas riss. Die Ranken und Wurzeln trugen ihn nicht wirklich, sondern gaben nach. Fungel stellte sich vor, wie steil hinab das Loch wohl noch führte und was ihn auf seinem Grunde erwartete und die Angst packte ihn. Er versuchte nach seinem Bruder zu rufen, aber seine Stimme wollte ihm nicht gehorchen. Seine Kehle war wie zugeschnürt, sodass er nur röcheln konnte. Es war das einzige Mal in Fungels Leben, dass ihm vor Schreck die Sprache versagte. Es dauerte aber nur einen Augenblick, dann kam ihm die Stimme wieder, und er schrie nach Fifferling, der ihn sofort entdeckte und ihm aus dem Loche half. Danach zeigte ihm Fifferling, dass das Zie selloch nur ein paar Fuß tief war, und die Brüder lachten darüber und sammelten ihren Jasmintau ein, und als sie wieder zu Hause waren, da merkten sie, dass sich keiner von den Fröschen in den andern verlieben musste, weil sie alle beide gelaicht hatten. So war dies in mannigfacher Hinsicht eine Entdeckungsreise gewesen. Als die Fetzen dieser Erinnerungen sich in Fungels Kopf wieder auflösten, hinterließen sie einen merkwürdigen Widerhall in der Wirklichkeit - denn als Fungel seinen Schutzspruch auflöste und die Kuhle verlassen wollte, die seine Schlafkammer gewesen war, indem er das Grün am Eingang beiseite raffte, zerstach er sich die Handflächen an vielen spitzen Dornen. Der Eingang war von einer dichten Dornenhecke versperrt. Einen Augenblick lang fühlte er wieder die Todesangst des jungen Fungels, für immer und ewig am Rande eines kilometertiefen Loches über einem Abgrund, über dem Lager eines Zwergenfressers gefangen zu sein. Seine Handflächen fühlten sich heiß an. Sie begannen zu pochen. Sie schwollen fast sofort an. Fungel betrachtete die Handlinien da, wo sie von den Dornen durchbohrt waren. Gift? Er rief sein Inneres zur äußersten Wachsamkeit auf, zu einem Selbstbewusstsein, das wie ein Walfisch im Meere seines Selbst schwamm. Es brauste ihm in die Adern und Glieder und spürte das Gift auf, das zu seinem Herzen floss. Nicht genug, um ihn zu töten, aber ausreichend, um ihn krank und schwach zu machen. Er wappnete seinen Körper gegen das Gift und benutzte die Alltagsmagie von Chemie und Drüsen und Enzymen, um das Gift in neutrale Bausteine zu zerlegen, die seinen Körper ohne weitere Folgen durchwandern konnten. Diese Fähigkeit hatte er als Kind gelernt, denn tödliche Gifte sind ebenso ein natürlicher Bestandteil des Waldes wie das herrliche Laubwerk, und ein Waldzwerg muss lernen, beides zu akzeptieren. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass es ihm wieder gut ging, nahm er sich die Dornenhecke abermals vor. Diesmal bückte er sich, um sie gründlich zu untersuchen, rührte sie aber nicht an. Die Dornen waren hässliche Lederhaken, so groß wie sein kleiner Finger, und sie sprossen aus grünschwarzen Ranken, die so dick wie sein Arm waren. Durch die Hecke glänzte es silbern, und aus der Art des Lichtes schloss Fungel darauf, dass es später Abend war und der Halbmond gerade aufgegangen. Die Dornenhecke vor dem Eingang war also während seines Schlafes gewachsen. Fungel packte seinen Rucksack und stemmte ihn gegen die Dornenranken, um sich durch die Barrikade zu zwängen, aber sie war zu stark. Er runzelte die Stirn. Dies war keine natürliche Barrikade. Sie war verzaubert, das konnte er spüren. Er überlegte sich, ob sie die Antwort auf sein Eindringen war, ein Schutzreflex als Teil des Wächterspruchs, der zum Kreis der Menhire gehörte. Vorsichtig legte er die Hand auf ein Stück freien Stängels zwischen zwei nadelspitzen Dornen. Da fühlte er es unter den Fingerspitzen: das Echo der Herkunft dieses Heckenzaubers, genauso deutlich wie die Signatur eines Künstlers.

104

Es war aber nicht die Signatur eines Zwerges, weder aus der Gegenwart noch aus der
Vergangenheit.
Dornen . . .
Fungel musste an die Stachelgestalt denken, die er im Lande des Tausendrauchs getroffen hatte, an
das tödliche Stück von ihm, das er geschleudert hatte, an den Dorn, der so rasend gesprossen war,
dass er den Quibberklumpen wie in Stacheldraht gewickelt hatte. Die Hand immer noch leicht auf der
Ranke, die ihn gefangen hielt, kramte Fungel tief in seinen Sinnen, schickte sein Bewusstsein in die
Nervenenden seiner Fingerspitzen.
Er tastete nach einer bestimmten Gegenwart, einem bestimmten Glanz.
Und er fand ihn.
Draußen in der Nacht wartete etwas auf ihn.
Fungel versuchte es mit Gewalt. Er versuchte es mit Zaubersprüchen. Er versuchte es mit
Verwandlungstinkturen aus dem, was er in seinem Rucksack fand. Aber er kam nicht heraus. Die
Dornenhecke hatte ihn wie eine Spinne im Netz.
Er suchte einen anderen Ausweg.
Die Höhle war klein und eng, hätte höchstens für drei oder vier Zwerge ausgereicht. Als sie Fungel
kurz vor Sonnenuntergang entdeckt hatte, war er zum Umfallen müde gewesen und hatte sie, als er
hineinkrabbelte, kaum untersucht. Zu dem Zeitpunkt wäre es Fungel auch gleichgültig gewesen,
wenn er sich den Platz mit einer Schlangengrube hätte teilen müssen. Ihm hatte ausgereicht, dass es
eine Zuflucht war, die er sich mit einem Schutzspruch für die Dauer seines Schlafes absichern konnte
- und jetzt war diese Zuflucht zu einem Grab geworden.
Ein Grab...
Ein Schatten löschte das Mondlicht aus, das durch die Barrikade schien.
»Zwerg!«
Eine schreckliche Stimme.
Der Ton allein ließ Fungel an blitzende Beile denken, die Fleisch zerhackten.
»Waldzwerg! Wach auf da drinnen!«
Fungel meinte zu wissen, wer jetzt nach ihm rief, wo die Nacht so weit fortgeschritten war, meinte
aber auch, dass er ihm im Augenblick nichts zu sagen hatte. Er setzte seine Suche nach einem
Ausweg fort.
»Na gut, dann hab ich hier etwas, das dich aufscheuchen wird! Ich hab deine Waldschrate hier,
Zwerg! Du hast sie zuruckgelas­
sen, und jetzt hab ich sie am Wickel, sie baumeln an der Spitze meines Lieblingsspeeres!«
Es ist ein Grabhügel, dachte Fungel und versuchte sich zu konzentrieren und die schreckliche
Stimme da draußen zu Überhören. Ein Grabhügel der Zwerge. Was bedeutet, dass der Eingang aus
einem kleinen Raum bestehen muss, einem Vorraum. Und ein Vorraum
­ -führt in eine größere Kammer.
»Ich weiß, dass du da drinnen mutterseelenallein bist, allein und verzweifelt! Darum schick ich dir wen
zur Gesellschaft! Was hältst du davon, Waldzwerg? Einen Besucher!«
Fungel presste die Lippen so fest zusammen, dass sie weiß wurden. Konzentrier dich, befahl er sich.
Es gibt kein Draußen. Es gibt nur das Hier. Es gibt nur die Arbeit, die vor dir liegt. Aber in sei nem
Inneren erklang eine andere Stimme und schrie mit der kopflosen Verzweiflung einer Hummel, die in
einer kleinen Stube gegen die Wände prallt:
O Fifferling ich sitze fest es ist duster bitte Fifferling komm und hol mich ich hänge hier und hinter mir
geht es tief tief tief tief hinunter Fifferling hilf mir da unten ist ein Zwergenfresser mit großen großen
Augen und vergifteten Krallen.
»Meister, o mein Meister!
Bei meinem Blute rufe ich dich an!
Mein Herz, mein Blut, meine Augen, mein Hirn, meine Seele
­ alles gehört meinem Meister, alles! «
Fungel tastete die hintere Wand nach einem losen Stein ab. Es handelte sich aber um
Zwergenhandwerk, und die Steine saßen auch nach zehntausenden von Jahren so fest wie am
ersten Tage. Fungel zögerte.
»Bei deinen uralten Namen rufe ich dich an, Theverat!«
Ein Totenhügel der Zwerge muss einen Vorraum haben, der zur Grab­
kammer führt, überlegte er, aber natürlich versperrt ist wegen der _Grabräuber und Diebe.
Weil es aber ein Totenhügel der Zwerge ist... »Astaroth, Asmodeus, Astarte ... «
... müsste es einen Eingang für Zwerge geben.
»S'boleth«, sagte Fungel, wobei er das klassische Zwergenwort für »offen« verwendete.
Nichts geschah.

105

Draußen fuhr der Dämon mit seiner Beschwörung fort. Für wen hätten sie es öffnen wollen?, dachte Fungel verzweifelt. Sicher nicht "r jeden Dahergelaufenen, der zufällig das Zwergenwort "r »offen« kannte. Auch nicht für jeden, der eine Landkarte zu lesen ver stand. Aber vielleicht für jemanden, der die Zwerge so gut verstand, dass er ihrem Ruheort Achtung zollte, jemand, der als Freund kam... »S'boleth'k«, sagte Fungel. Das »k«, das S'boleth folgte, deutete ein familiäres Verhältnis an. So würde man etwa einen Freund ansprechen. Klick. Das Geräusch kam aus dem mittelsten Stein. Schon stand Fungel davor, legte die Hand darauf - und er glitt glatt nach innen. Uralte Luft sauste in den Vorraum. Fungel sauste hinaus. Die Toten lagen um ihn herum. Er hatte ihre Anwesenheit schon gespürt, als er den Spruch, der ihn mit dem blauen Zauberlicht ausstattete, noch gar nicht ausgesprochen hatte. Seit Jahrtausenden tot, waren ihre Särge vermo dert und ihre Leichenhemden zu Staub zerfallen. Weil sie aber Zauberer gewesen waren, hatte sich ein Hauch ihrer Macht erhalten und ihre Knochen wohl bewahrt. Rein-weiß und unwahrscheinlich lang, knöcherne Finger auf Rippen wie Schiffswanten verschränkt, so starrten sie blicklos in die Ewigkeit. Sie lagen in einer bestimmten Ordnung, entsprechend den wichtigen Punkten der Himmelsrichtungen, und Ost hatte Vorrang, weil es die wichtigste Himmelsrichtung für die Atlantiker war. Fungel begann den stärksten Schutzbann, den er kannte, um die Grabkammer herum aufzubauen. Obwohl er verzweifelt war, weil er wusste, dass Theverat sich draußen mit seiner Beschwörung in die Wirklichkeit kämpfte, war Fungel dennoch gelassen und zuversichtlich. Er hatte schließlich sein Hauptziel erreicht, er kannte die Lage von Baphomet und er wob seinen Zauber mit der Erfahrung und Übung eines ganzen Lebens als Schamane und verließ sich dabei auf seinen inneren Kraftquell. Das Tüpfelchen auf dem i war aber die Tatsache, dass er die Lage von Baphomet tatsächlich kannte und dass Theverat ihn in der Luft zerfetzen würde, um ihm dieses Wissen abzuluchsen. Als der Spruch fertig war, setzte er sich mitten im Raum unter das blass-blaue Licht und wartete. Die Grabkammer war kreisrund, und da die Leichname auf ihren bestimmten Kompasspunkten immer noch etwas Zauberkraft enthielten, war die Kammer ein natürlicher Zauberkreis, ein wahrer Schutzhafen für den Zauberer. Wenn ich hier nicht sicher bin, so bin ich es nirgendwo. Ein Körper ist nichts als ein Becher, ein Behälter für den Geist, und normalerweise hätte Fungel die Anwesenheit von Leichnamen ebenso wenig geängstigt wie die von Marmeladenglasern. Diese Behälter aber waren lang und schlank und fremdartig, und obgleich sie vor tausend Generationen zur Ruhe gesetzt worden waren, hatte sie Fungel erst gestern lebendig und leiden gesehen. Er wusste genau, dass es eine Illusion gewesen war, eine Vision - aber er war wirklich hier gewesen, der Winter war ihm durch Mark und Knochen gegangen, und er hatte die Angst und die Verlorenheit der Zwergenarbeiter gespürt, die in einem wilden und ungewissen Land ihre Herren verloren hatten. Fungel schüttelte den Kopf. Die Toten sollten jetzt seine geringste Sorge sein. Er schloss die Augen und schickte sein Bewusstsein an der funkelnden, silbernen Schnur entlang, die ihn mit dem Gewebe der Wirklichkeit verband. Und spürte die Schnur zittern und beben. Und fühlte die Wirklichkeit an einer Stelle reißen. Und fühlte Theverat sich durch die winzige Ritze zwängen, die ihm die Beschwörungen des Stachelwesens geschaffen hatte. Und spürte das Fundament der Welt erschüttern, als Theverat in die Nacht geboren wurde. Unbewusst fuhr Fungels Hand zur Wunschelfeder an seiner Kappe. Als er die Hand wieder senkte, fuhr sie über die Heckenrose, die in seinem Kittel steckte. Dann kam die Hand auf der an deren zur Ruhe. Innenseite nach außen, ein paar Zentimeter unterhalb seines Nabels. Geist, Herz und Seele: eine alte Bestätigung. Wut raste zu seinem beschützten Raum. Er zwang sich zur Ruhe. Wut schnaubte um seinen beschützten Raum herum. Er fühlte, wie er sich sammelte. Wut rüttelte an den Steinen um ihn herum. »Klopf klopf«, sagte eine freundliche Stimme. Fungel riss verblüfft die Augen auf. Was für eine Stimme! Ganz anders als die Stimme, die er vom Bösen erwartete, nicht die tiefe, dröhnende Stimme eines wütenden Vaters, im Gedächtnis eines Kindes für ewig eingegraben. Auch nicht das verletzende Zischen des Hasses, das man aus dem Munde der Verworfenheit erwartet. Diese Stimme klang heiter! Sie war voll Witz und Ironie, tönte im tiefen Einverständnis mit des Lebens Fülle, hatte sich einen satten Klang durch gute Weine und das Aroma teurer Zigarren erworben. Eine Stimme, die einem nach einer erstklassigen Mahlzeit vor Kaminfeuern behaglich einen guten Witz erzählt. »Klopf klopf klopf! «, wiederholte sie wohlgelaunt. »Niemand zu Hause!«, antwortete Fungel.

106

Die Stimme lachte vergnügt. »Das ist er, wie er leibt und lebt«, sagte sie - und Fungels Schutzbann zerriss vor ihm wie eine Papierpuppe im Gewittersturm. Ein kleines Feuer flackerte vor Fungel auf. »Da wären wir also! «, sagte die Stimme, jetzt ganz aus der Nähe. »Bisschen gemütlicher als dein schummeriges Zauberlicht, findest du nicht auch?« Auf der anderen Seite des Feuers hatte eine Gestalt Platz genommen. Fungel beugte sich vor, um besser sehen zu können, aber die Gestalt verschob sich. »Aber, aber«, schalt sie, »das ist doch nicht höflich. Wir sollten uns doch ein gewisses Benehmen bewahren, weißt du.« »Theverat«, sagte Fungel. Eine lange Pause, während das Feuer zwischen ihnen flackerte. Es knistert nicht, merkte Fungel, das Feuer macht kein Geräusch. »Ein alter Name«, sagte die Gestalt, »und nicht angemessen, wie ich denke. Aber ich glaube, er muss reichen.« Das Feuer flammte auf, wurde dann wieder schwach. »Fungel, Fuchswitz, Wald zwerg.« Theverats Ton war zärtlich. »Sehr kompliziert, dich zu rufen.« »Bitte schön«, sagte Fungel, »ich tu mein Bestes.« »Das hast du wirklich.« Die Gestalt verschob sich wieder und Hände klatschten. »Und wie jeder, der noch das Kind in sich trägt, das er einmal war, liebe ich eine gute Jagd über alles.« »Daran hat's dir ja vor kurzer Zeit kaum gemangelt«, bemerkte Fungel. Theverat kicherte. »Sehr gut! Du hast Witz, Fungel. Ich darf dich doch Fungel nennen?« Fungel gab keine Antwort. »Nun gut, ich kann deine Zurückhaltung verstehen, aber ich bin froh, dass du dir deinen Sinn für Humor auch nach so vielen Prufungen und Leiden erhalten hast - genauso wie ich nach Jahrhun derten ergebnisloser Suche. Aber das liegt nun alles hinter uns, nicht wahr?« Wieder das freundliche Kichern. »Macht nichts. Ich sehe aber, dass du immer noch misstrauisch bist. Das wäre ich auch an deiner Stelle. Aber sag mir, Fungel: Was kann ich tun, um dein Vertrauen zu gewinnen?« »In deine eigene Welt zurückkehren und diese in Ruhe lassen.« »Das ist mir nicht möglich«, entgegnete Theverat, »jetzt im Ernst - wenn nun du mich fragen würdest, wie du mein Vertrauen ge­ winnen könntest, und ich verlangte, dass du niemals in meinem Reich herumlaufen, sondern für den Rest deiner Tage in deinem bleiben sollst - wie würdest du reagieren?«, fragte er vernünftig. »Du bist ein Zauberer und ein Schamane, Fungel. So wie ich es in meinem leiblichen Leben war. Das haben wir gemeinsam. Wir sind wirklich Kollegen.« Fungel wollte nicht von Theverats Geschwätz eingelullt werden. Der warmherzige Ton, das kumpelhafte Benehmen - ein durchsichtiger Trick. Aber trotzdem waren Theverats Bemerkun gen logisch, und Fungel konnte nicht umhin, ihm auf der Ebene eines höflichen Gesprächs eine Antwort zu geben. »Es gibt vielerlei Zauberer auf der Welt«, sagte er, »und noch längst nicht alle sind meine Kollegen.« »Gut gesagt!«, stimmte Theverat zu und lachte. Je länger er sprach, desto mehr stellte sich Fungel ein Abbild vor, das zu dieser Stimme passte. Er wusste genau, dass Theverat nichts anderes wollte, aber er konnte es nicht verhindern, es lief automatisch ab. Die Schattengestalt jenseits des schweigenden Feuers schlug ihm fast jeden erdenklichen Menschentyp vor und die Stimme gab dem Schatten eine konkrete Form. Fungel fühlte, wie er von Theverats Stimme verführt wurde, obgleich er sich der Verlockung vollkommen bewusst war. Das Feuer wurde noch schwächer, und Fungel merkte, wie er auf ein silbernes Teeservice auf dem Steinboden neben sich starrte. Wenn das Hexerei war, so eine ohne jeglichen Fehler: Das bauchige Silber übertrumpfte das Licht des Feuers und Dampf kräuselte sich aus dem schlanken S der Tülle der Teekanne empor. Es war aber kein Wort gesprochen worden, keine Geste vollführt. Der Zaubermeister in Fungel bewunderte diese Handwerkskunst, obgleich der Schamane begriff, dass Theverat genau diese Bewunderung hervorrufen wollte. »Mir scheint, es ist ziemlich lange her, seit du eine gute Tasse Tee bekommen hast«, sagte Theverat, »und eine anständige Mahlzeit. « Ein Teller mit Essen erschien. »In einer behaglichen Umgebung.« Das stumme Feuer begann zu knistern, und Fungel sah, dass es jetzt auf einem Herd flackerte. Seinem Herd, bemerkte Fungel, in seinem Heim! Sie befanden sich in Fungels verborgenem Heim in der Mitte des Sees, und er und Theverat saßen in den nämlichen Sesseln, die Fungel und Ka nach dem Fest der Tagundnachtgleiche benutzt hatten. Die Sessel standen jetzt dem Feuer zugewandt, und Fungel nahm Theverats Schattengestalt in dem dick gepolsterten Sessel wahr, obgleich er schwer zu erkennen war, weil die Sessel einander nicht zugewandt waren. Fungel konnte jetzt das Essen auf dem Teller in seiner Hand riechen, roch auch das Bienenwachs und das Zitronenöl, mit dem er seine Dielen blank zu bohnern pflegte. Heim, ach Heim!

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Sein Herz sehnte sich danach, als er den Teller neben seinem Sessel absetzte. »Glaubst du, dass ich so billig zu kaufen bin?«, fragte er. »Kaufen?«, fragte die freundliche Stimme neben ihm. »Ich will dich doch nicht kaufen, Fungel. Ich will mit dir verhandeln. Und Verhandlungen sind viel angenehmer in einer angenehmen Umgebung. Aber wenn's dir behaglicher ist -« Das schweigende Feuer glühte zwischen ihnen auf dem kalten Steinboden. Fungel sah sich um und erkannte die schlummernden Skelette. »Wir können uns auch am Strand unterhalten«, fuhr Theverat fort, »oder in der Wüste oder im Wald, wo es dir am angenehmsten ist. Mir persönlich gefällt es so, wie es ist. Ernst und grundle gend, der Tod bei der Hand. Ich glaube, das gibt unsere Situation ganz gut wieder.« »Unsere Situation?« »Gewiss. Wir sitzen beide in der Falle, bis wir unsere Differenzen beigelegt haben.« »Unsere Differenzen sind nicht beizulegen«, entgegnete Fungel, »eine Katze und eine Maus setzen sich nicht an den Teetisch, um ihre Differenzen beizulegen.« »Nicht solange die Katze die Maus nicht ununterbrochen daran erinnert, dass die Katze eine Katze ist«, stimmte Theverat zu, »und die Maus nur eine Maus.« »Und du hast dir eingebildet, dass ich das vergesse, wenn du es mir in meiner eigenen Höhle über einem Stück Käse gemütlich machst?«, fragte Fungel. Das Feuer flackerte zwischen ihnen auf. Fungel meinte in den Augen der Schattengestalt Spiegelungen von Kristallen aufblitzen zu sehen, doch dann fiel das Feuer wieder in sich zusammen. Theverats Ton verlor die säuselnde Süße. »Du hast, was ich besitzen will«, sagte er knapp, »und du hast ... glimmer« - das Feuer wurde weiß glühend - »... du hast nicht die geringste Ahnung, wozu ich fähig bin.« Das Feuer kühlte sich wieder zu Goldgelb ab, während Theverat sich bezwang, um seinen Ton ruhig klingen zu lassen. »Ich habe viele Mittel zu meiner Verfügung, um mir das von dir zu nehmen, was ich haben will, aber ich halte dich für so stark, dass du ihnen widerstehst, bis sie dich töten, eh ich herausfinden könnte, was ich wissen will. Deshalb versuche ich zu erfahren, ob es einen anderen Weg gibt, der mich zu dem führt, wonach ich verlange, und der uns beide zufrieden stellt. Andererseits -« Das Feuer flammte bis zur Decke und nahm die verrenkte gequälte Form einer armen Seele im Fegefeuer an. Rasch erstarb es wieder. Fungel schmunzelte in die verräterische Flamme. »Nicht leicht für dich, die Fassung zu bewahren, nicht wahr, gnädigster Herr? Ich wette, dies ist die längste Sitzung für dich, seitdem Baphomet deinen Weg gekreuzt hat. « Bei dem Wort »Baphomet« erstarrte das Feuer. Es hörte einfach auf zu flackern, als ob es zwischen ihnen gemalt sei. Fungel spürte plötzlich so etwas wie Gewalttätigkeit in der Luft, fühlte, dass die dünne Luft, die Theverats Zorn umgab, zum Zerreißen gespannt war. Fungel blickte über das erstarrte Feuer hinüber und sah den Schatten buchstäblich darum ringen, sich so zurückzuhalten, wie ein Monsterembryo darum ringt, nicht geboren zu werden. He, da ist nicht mehr Gefühl vorhanden als in einem Luchs, der hinter einem Kaninchen her ist, dachte Fungel. Auf Manieren und Magie und Süßholzraspeln sollte man niemals reinfallen. Er stellte sich unter dem Schatten ein Gewimmel von Maden vor. Das Einzige, was ihn davon abhält, mich wie eine Walnuss zu zerschmettern, ist die Tatsache, dass ich etwas habe, das er will. Da kam ihm eine Idee. Das Feuer fuhr fort, stumm zu brennen. »Aber warum überflüssigerweise unangenehm werden?«, fuhr Theverat fort, dem wieder der Honig aus der Stimme troff. »Bitte denk daran, Fungel, dass du dies nicht zu deiner persönlichen Sache machen darfst. Persönlich interessierst du mich auch überhaupt nicht. Ich bin vollkommen damit einverstanden, dich deiner Wege gehen und ungeschoren weiterleben zu lassen - sowie ich gewisse Informationen erhalte, über die du meiner Meinung nach verfügst.« »Das wäre?«, fragte Fungel, immer noch bestrebt, Theverat aus der Deckung zu locken. »Ich geb dir den Schlüssel, der die ganze Welt aufschließt und als Gegengabe darf ich fröhlich davonhupfen und krieg nur einen warmen Händedruck?« Der Schatten grinste. Theverat, der sich einbildete, er habe einen Fuß in Fungels Tür, vergaß sich und ließ eine Ahnung seines wahren Selbst durchschimmern, sodass Fungel beim Grinsen der Schattengestalt die wie Bergeszacken aufgereihten Reißzähne sah, die sich in seinem Alptraum um ihn geschlossen hatten. Der Bruch war jäh und entsetzlich, aber eine gute Mahnung daran, dass Fungel nur eine dünne Maske vor sich sah, die Theverats Wut verhüllte, nicht aber das wahre Antlitz des Dämons.

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»Selbstverständlich sollst du einen gerechten Ausgleich bekommen«, sagte Theverat gerade, »dir steht ein anständiger Preis zu.« »Und was kannst du mir geben, was ich nicht schon habe?«, fragte Fungel. Der Schatten warf den Kopf zurück und lachte. Die trügerische Fassade des Dämons bekam genug Sprünge, um ein schauerliches heiseres Heulen in seiner Heiterkeit mitklingen zu lassen. »Was hast du denn schon? Ein Fleckchen Land, ein paar mottenzerfressene Bäume, eine Sammlung lausiger Viecher, ein löchriges Loch in einem Spucknapf von See. Bauernzauber, um Warzen zu entfernen und Kinder kichern zu lassen! Kochen und Putzen und nutzloses Schmökern bei Grabesbeleuchtung, wobei du fast blind wirst! Ein jämmerliches Leben, eine ewige Schufterei mit lächerlichen Siegen über unbedeutende Widersacher und am Ende Gebrechlichkeit und Verrecken und Vergessenheit! Und ausgerechnet du willst wissen, was ich dir geben kann? O mein Zwer­ genfreund, du musst wenig von der Welt gesehen haben, um so eine Frage zu stellen!« Er heulte abermals. »Dann sag's mir«, forderte Fungel ihn auf. Der Schatten richtete sich auf. »Unsterblichkeit.« Und stand aufrecht da. »Macht.« Und ging in die Breite. »Luxus.« Und wurde dunkel. »Ansehen.« Geschlitzte Pupillen blitzten. »Freude.« »Freude?« Fungel war verblüfft. »Sei kein Narr«, zischte ihn Theverat an, seine Stimme rüttelte an Steinen und ließ die Knochen klappern, »wenn dich jemand in Todesangst ansieht und du hältst sein Leben wie ein rohes Ei in den Händen - oh, das ist Freude! Wenn du ihn verschonst, wirst du verehrt! Wenn du ihn zermalmst, das ist Macht! Du schwatzt von Leben und Freude. Du hast keine Ahnung, weder vom einen, noch vom anderen! Du kannst dem Leben nicht das Letzte abgewinnen, wenn du es nicht in deiner Macht hast!« Fungel saß fassungslos da, während Theverat schwärmte. Er war von seiner leidenschaftlichen Rede vollkommen gebannt. Wie viele gute Menschen, die das Böse eher als eine Naturgewalt als eine geistige Beschaffenheit betrachten, hatte sich Fungel das Böse stets als geistlos, kalt, eigengesetzlich vorgestellt. Gefühllos. Denn wie konnte etwas Gefühlvolles, etwas, das fähig war Freude zu fühlen, böse sein? Doch während Fungel Theverat beobachtete, der vor ihm die Wunder und Entzückungen anstößiger Taten aufzählte, mit denen kein gewissenhaftes Wesen leben konnte, wurde ihm klar, wie sehr er sich geirrt hatte. Eine Schlange war tüchtig, kalt und ohne Gefühl - und doch wäre es absurd, eine Schlange böse zu nennen. Eine Schlange war das natürlichste Wesen der Welt. Was Fungel aufging, während Theverat begeistert in die Nacht säuselte und Visionen von geistiger Macht und fleischlichen Wonnen heraufbeschwor, war die einfache Einsicht, dass das Böse nicht im Geringsten eine Naturgewalt ist. Ein Wolf macht Beute - ohne jedoch darüber nachzudenken, ohne sich ein Gewissen machen zu müssen. Ein Wirbelsturm zerstört - aber vollkommen leidenschaftslos. Das Böse, dachte Fungel, ist nur die Leidenschaft, über alles zu herrschen. In Theverats Fall: über das Leben, über den Tod, über den gesamten Planeten. Aber etwas von Theverats Worten hatte Fungel berührt. Während er nachvollzog, wo sein eigenes Verlangen von Theverats Überredungskünsten gereizt wurde, stellte Fungel fest, dass die Versuchung stets mit seinen tiefsten, leidenschaftlichsten Gefühlen verknüpft war. Angebote von materiellem Glanz waren nicht im Stande, Fungel zu verführen: Diener, Reichtümer, herrliche Häuser, Juwelen, seltene Delikatessen, unbezahlbare Kostbarkeiten - das alles ließ ihn kalt. Aber die Offenbarungen aus alchemistischen Büchern, die seit ganzen Zeitaltern von der Welt verschwunden waren! Zauberkraft, so stramm gespannt wie das Kalbsfell einer Trommel, so feh lerlos und schneidend wie ein Diamant! Wahre Einsicht in die Gesetze des Universums, Kenntnis der verborgenen Mächte und Kräfte hinter seinen endlosen Kreisen. Das gesamte Fundament, in einem Kopf gefasst! Rührten solche Visionen nicht doch ein wenig an seine Herzenswünsche? Wurde der Wissensdurst eines unersättlichen und glänzenden Forschergeistes nicht doch durch die Offnung seiner Grenzen verführt? Fühlte der Schamane, der sich sein Leben lang mit der Suche nach dem verborgenen Sinn im Alltag herumgeplagt hatte, nicht doch einen sehnsüchtigen Stich? Ein Stimmengewirr schrie schrill in ihm auf: ja, o ja, lies mir die Poesie, die die Atome bindet, ja, lehr mich die Philosophie der Schwerkraft, ja, sing mir diese Lieder, die Sterne entfachen! Ich schwöre, diesen Schatz nur zum Guten zu nützen. Ich will das Atom nur zum Heilen entfalten, die Schwerkraft nur zur Lehre aufheben, mit den Sternenf ammen nur die hehre Wahrheit erhellen. Gib mir das Werkzeug und ich werde ein Gebäude der Freude erbauen! Was waren diese Versuchungen, wenn nicht Leidenschaft? »Schau auf die Welt, die ich plane«, sagte Theverat, »und dann sprich mir von Leidenschaft.«

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Vor Fungels Augen erhob sich die Vision einer Gartenstadt. Liebliches Land voll regen Lebens, hohe Strukturen aus Stahl und Glas, Wohngelände im Einklang mit ihrer Umgebung, Städte aus Bäumen und gepflegte Wälder auf dem Mond. »Eine neue Welt«, sagte Theverat. Umweltfreundliche Maschinen im azurblauen Himmel über den Tempeln der Weisheit, die auf Gartenterrassen lagen, wie Zukunftsvisionen antiker Ruinen, nah über dem fruchtbaren Land. »Die Ordnung einer neuen Welt.« Es war unmöglich zu sagen, wo die Stadt endete und das Land begann. »Ein neues Atlantis.« Fungels Augen funkelten im Widerschein des Lichtes. Dies war das vollkommene, köstliche Gleichgewicht zwischen dem Drang der Natur zu wachsen und dem Verlangen der Hand zu gestalten. »Und wer wird diese Harmonie erhalten?«, fragte Theverat. »Wer wird der Drehpunkt sein in dieser Welt aus Wald und Metall, Kreislauf und Saft?« »Ich«, rutschte es Fungel über die Lippen. »Du kannst das Grenzland sein«, sagte Theverat, »das lebendige Bindeglied, das Kunst und Kunstwerk, chaotische Natur und ordnende Wissenschaft kontrolliert und eint. Denn das tust du ja schon, Fungel Fuchswitz, Waldzwerg und Schamane, Buchgelehrter und Naturforscher. Gäbe es einen Besseren für diese Rolle?« »Gäbe es einen Besseren?«, murmelte Fungel. »Wir werden die Vorrichtungen schaffen, die uns erklären, warum es Vorrichtungen geben muss«, betonte Theverat, »den Gummihammer, mit dem wir an die Knie Gottes schlagen.« Ein Zug von gleichgeschalteten Uhren, in endlosen Reihen hintereinander geordnet, tauchte vor Fungels Augen auf. »Wir entstammen dem Universum, und wenn wir es aus seinen Hüllen lö sen, werden wir sein Spiegel sein. Durch uns wird sich das Universum kennen lernen. Und wir? Wir werden das Universum kennen.« Fungel starrte mit aufgerissenen Augen auf das technomagische Zukunftsbild, das die Grabkammer erhellte. Es könnte funktionieren. Fungel wusste es intuitiv: Die Welt im Kleinen, die da vor ihm lag, konnte so sein. Er sah ja, wie sie funktionierte, gerade vor seinen Augen. Und er konnte ein Teil davon sein. Er konnte Teile davon schaffen! Und unbeschränktes Wissen erwerben, durch Mitleid und Weisheit gezähmt. Eine wohlwollende Tyrannei... Wer konnte widerstehen? Mit Gewalt wandte Fungel den Blick von der Vision ab. Wer wollte widerstehen?, fragte er sich. Wer wollte es wagen? Dein Wissen ist nicht mein Wissen, deine Wahrheit klingt anders als meine. Wer soll entscheiden, was wahr ist? Tyrannei. »Du siehst, dass meine Wünsche nur den allerbesten Absichten entspringen«, sagte Theverat. Fungel schaute sich in der Grabkammer um. Das Grab eines jeden Tyrannen, dachte Fungel, enthält die Knochen der guten Absichten. »Das kann ich nicht leugnen«, antwortete er. »Es kann überhaupt nicht geleugnet werden.« Die Vision wurde heller und größer. »Wie kann man Wissen leugnen?« Aber obgleich sich Fungel vom leisen Flüstern seiner Vernunft und seiner Erfahrung von den Verlockungen von Theverats Vision fortgezogen fühlte, musste er zugeben, dass ein dunkles Samen korn in ihm wohnte, das der Vision einen unvergesslichen und unverzeihlichen Augenblick lang entsprochen hatte. Das entsetzte Fungel zu Anfang, denn er fürchtete, dieses Samenkorn könne, wenn man ihm Nahrung gäbe, zu einer bösartigen Schlingpflanze wuchern, die sich verzweigte und blühte und sich aussäte und Fungel umstrickte und zu so einem Ungeheuer verwandelte wie das ihm gegenüber. Aber er war nicht umstrickt und umschlungen. Dann ekelte es ihn an, weil er sich schämte, dass so etwas Finsteres, wie klein es auch war, in ihm hausen konnte. Aber er konnte es nicht ableugnen. Dann ärgerte es ihn, weil er fühlte, dass er sich von etwas Widerwärtigem befreien müsse, einem Destillat von Theverat, das ihm tief in der Seele saß, etwas Schrecklichem, und doch einem Teil seiner selbst. Diesen Teil seines Kerns konnte er aber nicht zerstören, ohne den Rest in Mitleidenschaft zu ziehen. Ohne das zu ändern, was ihn zu Fungel machte. Da blieb nur Billigung. Und nachdem Fungel dies begriffen hatte, fühlte er, wie die ganze Verlockung, Verführung, die ganze Angst vor dem Bösen in der eigenen Brust abklangen. So wie eine Perle nicht das schmutzige Sandkorn ist, um das sie wuchs, ent­ deckte Fungel, dass er nicht dieses schreckliche schwarze Samenkorn war: Das war nur der Krümel Sand in der Perle seiner Seele. Fungel fühlte eine innere Kraft in sich aufsteigen. Er spürte das feste Fundament von Geschichte, Kenntnis und Gefühlen, auf dem er ruhte. Hier in der Totenkammer, das eigene Ende buchstäblich vor Augen, fühlte sich Fungel gesammelter denn je.

110

In der Kammer wurde es kalt, während Theverat den Abklatsch seiner besessenen Zukunftsbilder ausspie. Das illusorische Feuer war längst vergessen. Mit jedem Ja und jedem Nein zu der Versu chung lernte Fungel etwas über sich selbst. Theverat hatte ihn in der Tat verwandelt, aber wie, das hatte auch er nicht ahnen können. Fungel hatte der Hölle ins Maul geschaut und sie überwunden. Nun beherrschte er die Angst und nicht umgekehrt. Endlich merkte Fungel, dass Theverat ärgerlich wurde, so wie ein Vertreter ungeduldig wird, wenn er merkt, dass ihn jemand hat weiterschwatzen lassen, ohne wirklich kaufen zu wollen. Theverat hatte sich so in seine Mission gestürzt, Fungel zu bestechen, dass er kaum noch menschenähnliche Züge trug. Den freundlich-milden Ton hatte er längst aufgegeben und der Berg der Toten bebte von den Überredungskünsten des Dämons. Visionen technomagischer Triumphe ergossen sich über die Gräber, vom Durcheinanderticken der Uhren begleitet: riesenhohe Kristalltürme, Städte, die im Ozean schwammen, Wind und Re gengeister, die die Motoren von Schiffen zu Wasser und in der Luft antrieben, riesige Samenkörner aus Metall, auf fremde Planeten gesät, Maschinen für eine hungrige Welt, von Zaubersprüchen an­ getrieben, die die Energie aus den langsamen Detonationen der Sonne selbst gewannen. Geordnete Natur, geordnete Leben. Eine neue Ordnung. Fungel stoppte die schnaufende schwarze Gestalt vor ihm mit erhobener Hand. »Genug!«, sagte er. »Wenn du mich jetzt nicht überzeugt hast, wird es dir niemals gelingen.« Theverat zog seine Schlitzaugen misstrauisch zusammen. »Ich gestehe, dass du mich dazu gebracht hast, mich zu schämen«, sagte Fungel. »Schämen?« Fungel nickte. »Weil einzig mein kleines, bescheidenes Geheimnis, das ich in meinem Inneren zurückhalte, deine Vision noch behindert«, sagte er, »so bin ich derjenige, der die Geburt des Neuen Atlantis aufhält.« »Was du nicht sagst«, entgegnete Theverat und grinste unangenehm. »Das scheint mir nicht mehr als gerecht zu sein«, fuhr Fungel fort, »ich muss freilich gestehen, dass es da noch einen gewissen Haken gibt«, setzte er hinzu, bevor Theverat fortfahren konnte, »ich weiß nämlich, wo Baphomet ist, aber ich weiß nicht, wo dieses Wo liegt. « Theverat starrte ihn misstrauisch an. »Was willst du damit sagen?«, fragte er. »Tja«, sagte Fungel, »das ist nämlich so: Wir Waldzwerge sind ein Volk von Geschichtenerzählern, wie du vielleicht aus alten Zeiten weißt, und viel von unserem Wissen wird in Geschichten und Gedichten und Ahnlichem überliefert.« »Weiter, weiter.« Theverat wirkte mit jedem Augenblick bedrohlicher. »Das versuche ich ja«, beschwichtigte Fungel, »schau mal, eine ganze Reihe von geheimen Botschaften sind in diesen alten Geschichten verborgen, warten nur auf einen wachen Burschen, der über sie stolpert und sie ausbuddelt. Ich weiß genau, welche Art von Geschichten die Lage von Baphomet enthält, aber ich bin nicht sicher, welche es ist. Mein Pa hat sie mir erzählt, als ich auf seinen Knien saß«, sagte Fungel, »wir haben sie die Warum-Geschichten genannt. Ich hab mir gedacht, du und ich, wir müssten zusammen alles entdecken können, was in den Geschichten steckt.« »Wo sind sie denn?«, fragte Theverat gierig. »Sie sind nirgendwo«, antwortete Fungel. Er klopfte sich an den Schädel, »außer hier drin. Ich muss sie dir erzählen und dann massen wir nach Schlüsselwörtern suchen. « Theverat rang seine Schattenfäuste und einen Augenblick lang machte ihn sein Zorn fest und schwer mit Narben und Klauen und Schuppen. »Dann fang doch endlich an«, zischte er. So begann Fungel Theverat die Geschichte zu erzählen, warum die Vögel ihre Schnäbel bekamen. Dann stöberten er und Theverat zwischen den Wörtern herum, wie die Chirurgen bei einer Autopsie, und suchten nach Hinweisen auf Baphomets Lage. Nach einer geraumen Zeit kamen sie zu dem Ergebnis, dass es keine Hinweise gab, und Fungel erzählte die Geschichte, warum die Menschen ihr Fell verloren. Stundenlang wiederholte Fungel Theverat die Geschichten, die er auf den Knien seines Vaters gehört hatte, und er dachte sich, was für einen Spaß es dem alten Wuschel machen würde, wenn er sehen könnte, wie der Waldzwerg den Dämon auf diese Art und Weise an der Nase herumführte - denn genau das machte er. Als Fungel mit der Geschichte, warum die Fliegen ihre Augen bekamen, fertig war, fühlte er, wie sich draußen die ersten Vögel regten. Während Theverat wütend zusammenfasste, dass auch in dieser Geschichte nichts von Wert steckte, fühlte Fungel draußen das erste Morgengrauen. Als Fungel mit der Geschichte begann, wie die Fledermaus zu ihren Schwingen kam, da fühlte er, wie sich sein Pulsschlag beschleunigte und damit sagte, dass bald die Sonne aufzugehen begann.

111

Da erhob sich Theverat in seiner ganzen wuchtigen Größe. »Jetzt reicht% aber!«, donnerte der
Dämon. »In diesen Geschichten steckt gar nichts!« Sichelscharfe Krallen kratzten quer über den Fels.
»Für wie blöde hältst du mich?«
»Es muss darinnen stecken«, protestierte Fungel, »wir müssen sie nur durchsieben und -«
Theverat schlug seine Krallenfaust um einen Totenschädel und zerdrückte ihn zu Staub. »Ich werd
dein Hirn in Stücke reißen«, brüllte er, »und da durchsieben!«
Jetzt konnte niemand mehr an der Nase herumgeführt werden. Entweder war die Sonne
aufgegangen oder nicht - Fungel konnte nichts mehr machen.
Außer: ein Wort aussprechen. »S'boleth'k!«, rief er.
Die Mauern schoben sich nach außen. Die Dornenhecke war kein Gegner mehr für die Wucht der
massiven Steine und die Macht des alten Zwergenzaubers: Die Dornenranken verschwanden unter
dem Teil des Berges der Toten, der nach außen glitt.
Theverat heulte. Er warf seine Schattenmaske wie eine Schlangenhaut ab und begann sich zu
verwandeln. Fungel gewann einen flüchtigen Eindruck von einer glänzenden schwarzen Lederge
stalt, Muskeln wie Taue, übersät von Narben, die eine gefiederte Löwenklaue ausstreckte, um ihn wie
ein Ei zu zerquetschen. Fungel rannte los und der Stoß ging fehl.
Der nächste jedoch sicher nicht. Tageslicht strömte herein.
Die Grabkammer erstrahlte in der Morgensonne. Fungel schaute zurück und
sah die schreckliche Klaue auf sich zufahren. Sah das Sonnenlicht darauf fallen,
sah sie schrumpfen und welken, sah Theverat schreien,
sah die Gerippe der Alten in ihrem gestörten Schlummer zerbröseln, während Theverat gegen das
junge Licht ankämpfte, das ihn wie ein Speer durchfuhr und durch den Stoff der Welt in seine stieß.
Fungel machte kehrt und rannte.
Theverat stürzte und zerfiel. Seine Schattengestalt zerriss in ursprünglicher Wut, verwandelte sich in
seine wahre Gestalt, die Vi­
xen, den Giblin, um den Verstand gebracht hatte. Er verbleichte im Sonnenlicht. Er kreischte wie eine
bremsende Lokomotive, er griff nach vorn, um Fungel zu packen, um den Waldzwerg umzudrehen,
um ihn zu zwingen, ihn anzuschauen
­ Geisterfinger fuhren Fungel über den Kopf. Fungel schaute wirklich zurück - aber Theverat war
verschwunden. Fungel floh aus dem Berg der Toten, unversehrt an Leib und Seele.
Wenn sie sich das nächste Mal trafen, würde er nicht so viel Glück haben.

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Unheimliche Begegnungen
Am Spätnachmittag fand Fungel den Waschbär. Er war den ganzen Tag ohne Pause gewandert, hatte sich rasch, aber lautlos durch den Wald auf sein Ziel zu bewegt. Doch während seines Marsches sah er, dass sich der Wald zu ändern be gann. Einwickelpapier, zerdrückte Dosen, Zigarettenkippen, leere Schaumstoffverpackungen und dutzende von anderen Gegenständen tauchten überall im Land wie eine fremde Pflanzenart auf, die Fungel noch unbekannt war. In die Stämme mächtiger Eichen waren grob und roh Buchstaben geschnitzt. Üppiger Wiesengrund war untergepflügt worden und die Erde war nackt. Riesige Gebiete, wo einst hohe Bäume standen, die Himmel und Erde seit Jahrhunderten geduldig verbunden hatten, waren nun kahl, mit kniehohen Baumstümpfen getupft. Eine breite Schneise im Wald war verbrannt, kahl und öde. Fungel wanderte wie der verstörte Überlebende eines schrecklichen Krieges durch das unbeschreiblich verletzte Land. Hier, kam es ihm vor, dehnte sich das wüste Land, von dem die ältesten Zwergensagen erzählten, wenn sie das Geschick der Erde nach dem Jüngsten Tag beschrieben. Fungel marschierte einen Berghang hinauf und zwischen Ahornbäumen hindurch, die mit ihrem Laub raschelten, als er es kämpfen hörte, und sein erster Gedanke war die Stachelgestalt, die ihn von der Tabakkneipe bis zum Land des Tausendrauchs und zum Berg der Toten beschattet hatte. Als Fungel das Hin- und Herschlagen hörte, wich er deshalb in den Schatten des dichten Unterholzes zurück, alle Sinne wach, Zaubersprüche bereit. Im Blutgeruch war eine Spur Rost. Er hörte ein einzigartiges Trillern, ein verzweifeltes Gurren, wie von einer erschreckten Taube. Es gab nur ein einziges Geschöpf auf der Welt, das in seiner Todesangst so ein Geräusch von sich gab, und Fungel sauste los, um es zu finden, denn er wusste, dass es Angst und Schmerzen hatte. Was er entdeckte, war schrecklich. Ein Waschbär war in eine Falle geraten. Die Falle bestand aus schwerem Gusseisen und hatte scharfe Sägezähne, wie das Gebiss einer Kreatur aus der Urzeit. Die Falle hatte beim Zuschnappen das Bein des Waschbars erwischt und halb durchgeschlagen. Der arme Kerl stand Todesängste aus und jaulte, während er versuchte die Falle mit seinen geschickten Händen aufzuzerren. Er schrie vor Schmerz, als er merkte, dass seine Pfoten zu schwach waren und die grinsende Falle nur tiefer biss. Das Gerät war mit einer Kette an einem Pfahl befestigt, der tief in die Erde gehauen war. Der Waschbär war zu klein, um den Pfahl herauszuziehen, aber er hatte versucht das Metall durchzunagen, bis ihm der Gaumen blutete. Fungel hielt sich nicht damit auf, nach den Gründen zu forschen. Sowie er den Waschbär in der Falle leiden sah, eilte er an seine Seite. Als ihn der Waschbär erblickte, wurde er vor Angst fast verrückt und zischte und keifte und sträubte das Fell und gab einen grauenhaften Gestank von sich, um ihn abzuschrecken. »Bruder Waschbär«, sagte Fungel sanft, aber eindringlich, »ich bin hier, um dir zu helfen.« Der Waschbär wurde ruhig. »Waldzwerg?«, fragte er zweifelnd. »Fungel Fuchswitz, Waldzwerg«, stimmte Fungel zu, »ich will dich aus dieser schrecklichen Falle befreien.« Der Waschbär beruhigte sich und hielt still, während sich Fungel vorbeugte und an den Backen der Falle ruckelte. Er brauchte seine ganze Kraft, aber er stemmte den Fuß dagegen und zog mit beiden Händen, und so gelang es ihm, das metallene Maul so weit aufzubiegen, dass der Waschbär seinen zerschmetterten Fuß herausziehen konnte. »Danke dir, ich«, sagte der Waschbär und begann davonzuhumpeln. »Warte doch!«.. rief Fungel. »Lass mich doch dein Bein behandeln!« Der Waschbär aber hinkte weiter. »Jäger! «, rief er. »Riechen, du?« Ohne Frage, unter dem Schutzgestank und dem Blutgeruch konnte Fungel ein unangenehmes Aroma nach fauligem Rindfleisch wahrnehmen. Der Waschbär drängte Fungel wegzulaufen. »Gesichtsfresser!«, warnte er. Fungel machte ein verständnisloses Gesicht. »Menschlinge! «, erklärte der Waschbär. »Mich töten, sie. Mich töten, mich häuten, mich kochen. Dich auch, dich essen, sie! « Fungel mochte nicht glauben, was er hörte. »Dich? Dich essen?« »Kommen, kommen, sie!« Der Waschbär wandte sich ab. »Laufen, du!« »Warte -« Aber da war der Waschbär schon weg. Fungel biss sich auf die Lippen. Das war eine schwere Wunde, sagte er sich vorwurfsvoll, ich hätt ihn so nicht laufen lassen solln. Es kann eitern und alle möglichen ­ »Sieh mal einer, guck!«, erklang eine nasale Stimme aus der Richtung, die der Waschbär eingeschlagen hatte, »da ham wir ja Jenen kleinen Ausreißer!«

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Erschrockenes Trillern. Fungel eilte den Geräuschen nach, nutzte jeden Schatten und bewegte sich lautlos. »Na, was ist denn das? An der Pfote verletzt? Na gut, dann wolln wir mal ein Ende machen. Dazu muss ich nicht mal `ne Kugel verschwenden.« Fungel bog die Büsche auseinander und sah ein menschliches Wesen über dem verletzten Waschbär stehen und eine Flinte halten. Der Mann hob die Waffe hoch, mit dem Lauf nach unten, und hatte vor, dem elenden Waschbär zu seinen Füßen den Schädel einzuschlagen. Seine Muskeln spannten sich schon, um den Schlag auszuführen - aber dann hielt er an. Irgendetwas stimmt nicht. Er kniff die Augen zusammen. Er drehte langsam den Kopf, um die Flinte über seinem Kopf zu betrachten ­ - und der Lauf wand sich in seinen Händen, wandte ihm einen achteckigen Kopf zu, funkelte ihn mit schmalen Augen an, rasselte mit dem Schwanz, riss das Zähne starrende Maul auf, spie eine geschlitzte Zunge aus und zischte. »Aaaaah! «, kreischte der Mann. Er warf die Klapperschlange weit von sich, stürzte davon und schlug noch mit den Händen um sich, als ob er unsichtbare Bienen abwehren müsste. Fungel, der dem Flüchtenden immer noch Schlangenbilder nachschickte, trat hinter dem Baum hervor. »O Zwerg, o Waldzwerg«, sagte der Waschbär, »dank dir, ich! Mich gerettet, du! In deiner Schuld, ich! « Fungel lächelte freundlich, obgleich sein Inneres in Aufruhr war. »Du kannst es mir zurückzahlen, indem du mir erlaubst, dein Bein zu behandeln«, sagte er, »dann kannst du das nächste Mal wegrennen.« Er kniete sich hin und nahm seinen Rucksack ab, um das verletzte Bein zu versorgen. Am späten Nachmittag stieg Fungel in das Tal des Mondes hinab. Sein Gemüt war noch wegen der eisernen Falle und ihren Folgen in Aufruhr. Die einfache Form und die Herstellungsart ließen vermuten, dass dieses abscheuliche Gerät in großen Mengen und zu einem einzigen Zweck hergestellt wurde: nach dem Bein eines Tie­ res zu schnappen, das so ungeschickt war, in die Falle zu treten, und es zu zerbrechen. Wie war so etwas möglich? An die Baumstämme waren Metallschilder mit einer Beschriftung genagelt. Fungel war so in Gedanken, dass er an den Schildern vorbeilief und umkehren musste, um den Aufdruck zu lesen: STRASSENBAU! LEBENSGEFAHR! SPRENGARBEITEN! DIE ABSPERRUNG BEACHTEN UND NICHT ÜBERSCHREITEN! FERNGESTEUERTE EXPLOSIONSAUSLÖSUNG! RADIOS, C B UND SPRECHGERÄTE ETC. AUSSTELLEN! LEBENSGEFAHR! Fungel wusste nicht, was diese Schilder sollten, wusste aber ganz genau, dass er sie nicht an die Bäume genagelt haben wollte. Er zerrte sie ab und lehnte sie an die Baumstämme. Warum hatten die nicht gleich daran gedacht? Die Schilder waren groß und farbig, jeder, der voruberkam, konnte sie lesen. Was waren das wieder für Leute gewesen? Er segnete die Bäume und marschierte weiter, folgte einer Abkürzung nach Nordwesten quer durch das Tal. Die Sonne stand schon tief, als er auf einer Lichtung herauskam und das Drachengebirge zum ersten Mal sah. Seine zackigen Gipfel waren sonderbarerweise ohne Bäume und Vegetation. Kalk weiße Verfärbungen an den Bergeshangen sahen so aus, als ob der nackte Stein von scharfen Meißeln abgeschlagen worden wäre. In einem dieser Berge, dachte er, ruht Baphomet. Baphomet und die verlorene Bücherei der Zwerge. Der bloße Gedanke machte ihn ganz schwindelig. Dort liegt mein Ziel, genau vor mir. Schwarzes Steinkreuz auf der östlichen Flanke, halt Ausschau nach etwas wie ein Karnickelloch, lös den Schutzzauber, tritt ein, nimm Baphomet und ruf Molom, damit er den Stein zerstört. Sicher nicht leicht, aber das Ende war absehbar, erhob sich wie die Bergeszacken da vor ihm, und weil er den Berg nun leibhaftig vor Augen sah, erschien ihm seine Suche nicht mehr wie ein Traum, sondern wirklich. Such den Stein und lauf heim, sang er insgeheim, such den Stein und geh heim! Wenn er nicht durch das nahe Ziel so abgelenkt gewesen wäre, hätte Fungel schon gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Irgendetwas war in diesem Walde nicht richtig. Es herrschte ein tiefes Schweigen, eine Spannung, eine Erwartung. Vögel, Kröten und Grillen hatten ihre Musik eingestellt. Das Wild stand nervös und reglos da. Fungel nahm das alles nur unbewusst wahr. Denn vor ihm erhob sich der Berg, sein Berg, wirklich und greifbar! Ha, in drei Tagen konnte er mit einem Glas Honigwein vor seinem Feuer sitzen und Emma und Ka seine Abenteuer berichten! Das dachte er gerade, als die Erde um ihn herum explodierte. Fungel wurde umgeworfen. Ein Riemen seines Rucksacks riss, und Fungel fuhr herum, um sich gegen seinen Angreifer zu weh ren ­

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aber es war keiner zu sehen, nichts als eine aufgeplusterte Rauchwolke. Rings um ihn herum regnete es Steine. Da hat's gekracht!, dachte er. Und schon wurde der Wald lebendig. Rebhühner purzelten aus den Bäumen, wilde Hunde hechelten heulend vorbei. Eine Ricke und ihr Kitz brachen blindlings aus den Büschen. Füchse flitzten wie rote Striche vorbei. Da explodierte die Erde abermals. Diesmal nahm es Fungel wahr, denn die Detonation fand dicht neben ihm statt, und die Erde bebte vom Luftdruck. Steinstaub, von der sinkenden Sonne vergüldet, wölkte überall auf. Selbst die Luft schien zu zittern. Fungel spürte die unsichtbare Woge, die die Büsche flach drückte und die Zweige niederriss, noch bevor sie ihn rücklings zu Boden warf. Er richtete sich wieder auf. Granitsplitter pfiffen ihm um die Ohren. Eichhörnchen wurden aus Bäumen geschüttelt. Ein Waschbär trillerte, als er mit gesträubtem Fell vorbeihinkte. Das war knapp gewesen. Wenn eine dritte Explosion noch dichter... Zerschlagen und zerschrammt, sprang Fungel auf und rannte davon. Die dritte Detonation ließ die ganze Welt wackeln. Fungel warf sich platt auf den Boden. Die Erde bäumte sich unter ihm auf. Staub und Steine prasselten auf ihn nieder. Er rappelte sich auf und floh weiter, so flink und blind wie ein durchge hendes Pferd. Er keuchte quer über die Lichtung und konnte das Drachengebirge gerade noch am Horizont hinter dem Erdregen erkennen. Nur ein einziger Gedanke beseelte ihn noch: Es ist in Sicht, es ist in Sicht. Such den Stein und geh heim! Such den Stein ­ Die Erde rutschte unter ihm fort und er stürzte. Seine Hand griff nach oben und packte ein Grasbüschel. Es hielt, und Fungel baumelte am Rande einer Grube, die sich unter ihm aufgetan hatte. Er hob die andere Hand, um sich hinauszu ziehen ­ und hörte ein Reißen. Das Grasbüschel löste sich aus der Erde. Er wollte gerade fester zugreifen, da gab das Grasbüschel nach. Fungel stürzte hinterrücks ins Dunkle. Bevor er aufprallte, fiel ihm wieder sein Alptraum ein, musste er wieder daran denken, wie er vor langer Zeit in das Zieselloch gefallen war und dort eine kleine Ewigkeit lang gehangen hatte, ehe ihn Fifferling entdeckte. Sein Schädel schlug auf einen Felsbrocken auf und dann konnte er sich an nichts mehr erinnern. »Wenn ich's dir doch sage, Delbert, mein Gewehr hat sich plötzlich in `ne Schlange vewandelt, so wahr ich hier vor dir steh. « Delbert spuckte einen braunen Brei aus und traf den Felsen, auf den er gezielt hatte. »Muss ja 'n ziemlich übles Gesöff gewesen sein, was de getrunken hast«, sagte er und rieb sich mit dem Handrücken das stopplige Kinn. »Un der Waschbär hat sich aus der Falle befreit«, fuhr Buford fort. »Also ehrlich, wie soll wohl 'n Waschbär aus `ner Falle abhaun, die sogar für Wölfe gut is.« »Ganz einfach«, entgegnete Bufords Schwager Delbert. »Wenner gar nich erst drin war.« Und er gluckste träge beim Gedanken daran. »Delbert McCardle, du bist doch echt 'n Blödmann! Ich kann dir ja das ganze Blut in der Falle zeigen!« Delbert blieb stehen und schulterte sein Gewehr. »Du zeigst mir eine blutige Wolfsfalle, und deshalb soll ich glauben, dass sich dein Schießgewehr durch irgendwelchen faulen Zauber in eine Klap perschlange verwandelt hat?« Er spuckte wieder aus. »Komm schon, wir haben noch was zu erledigen.« Sie gingen an den Schildern vorbei, die vor Sprengungen warn­ ten. Jemand hatte sie aus den Bäumen herausgezogen und gegen die Stämme gelehnt. »Na, das is aber merkwürdig«, sagte Buford. »Vielleicht bringen se die dahin, wo se als Nächstes sprengen wolln«, sagte Delbert. Er spuckte wieder aus. Buford suchte immer nach hochtrabenden Erklärungen für die einfachsten Sachen. Wenn man hinfiel und sich das Handgelenk verstauchte, lag es daran, dass man sich kein Salz über die Schulter geworfen hatte, als einem `ne schwarze Katze übern Weg lief. Wenn in der Verwandtschaft jemand starb, lag es daran, dass man einen leeren Schaukelstuhl zum Schaukeln gebracht hatte, denn das lockte die Geister an. Für Delbert war das Leben viel einfacher: Man jagte, man brannte Schnaps, man blieb oben in den Bergen und hielt sich fern von Straßen und Autos und Menschen, und man hatte immer ein mit Münzen geladenes Gewehr griffbereit, damit die Leute gar nicht erst Lust kriegten, einen zu besuchen. Die Sprengungen in letzter Zeit waren ein schlechtes Zeichen, denn Sprengungen bedeuteten neue Straßen, und das hieß mehr Autos, und das hieß mehr Menschen. Die McCardles lebten hier am Fuße der Berge, jagten und brannten Schnaps, da war keine Menschenseele weit und breit, und genauso wollten sie es haben. Das Wild, das sie erlegten, versorgte sie mit Fleisch und Talg und

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Seife und Leder. Und sie tranken ihren Schwarzgebrannten. Früher hatte man manchmal ein ganzes
Jahr lang keinen Menschen getroffen, mit dem man nicht verwandt war.
Aber die Zeiten änderten sich. Straßenarbeiten, Baustellen, Kiesgruben - die McCardles waren immer
höher in die unwirtlichen Berge gezogen, und wenn es in dieser Gegend noch voller würde, oder
wenn es noch mal einen so kalten Winter gäbe wie im letzten Jahr, dann würden sie wohl in eine
andere Gegend ziehen müssen. Vorläufig hatten die Sprengungen aber auch einen Vorteil: Sie
scheuchten im Umkreis von mehreren Kilometern das Wild auf. Delbert und Buford hatten sich
angewöhnt, an Tagen, an denen ge­
sprengt wurde, den Berg hinunterzuwandern, die Jagdtaschen am Gürtel, die Gewehre über der
Schulter.
Buford kaute Dauerkeks und Delbert zermalmte wie ein gieriges Eichhörnchen einen Priem.
Es war mitten am Vormittag und die Sprengungen hatten noch nicht begonnen. Delbert und Buford
hatten ein natürliches Versteck gefunden und warteten.
»Also, worauf sin wa heute aus?«, fragte Buford. »Eichhornchen, Kaninchen, Opossum?«
Delbert spuckte aus. Buford wollte sich immer unterhalten. »Opossum hängt mir zum Hals raus«,
sagte er.
»Nicht wenn LuEllen es in Schweineschmalz brät, dann bestimmt nicht. Sie macht Knödel und braune
Tunke dazu, für die ich mein Leben gäbe. Was siehst du?«
Delbert spähte aus ihrem Versteck. »Da draußen is ein Loch in der Erde, an das ich mich gar nich
erinnern kann.«
»Ein Loch?« Buford lehnte sein Gewehr an den flachen Felsen, auf dem sie saßen, und ging zu
seinem Schwager hinüber. »Da hinten?« Er runzelte die Stirn. »Das is die Stelle, wo der alte Kühlkel­
ler war, genau da.«
»Vielleicht ham die Sprengungen den Keller aufgerissen«, überlegte Delbert.
»Vielleicht ist irgendwas reingefallen«, sagte Buford. Sie tauschten einen gierigen Blick aus.
Im Handumdrehen hatten sie ihre Gewehre genommen und standen am Rand des Loches. Sie
spähten angestrengt hinein. Delbert und Buford kannten den Kühlkeller noch aus der Zeit, als sie
kleine Jungen waren. Bufords Vater hatte ihnen eingeschärft, davon wegzubleiben. Daraufhin hatten
sich die Jungs nur um so Ofter dort herumgetrieben, um zu sehen, was es zu entdecken gab.
Aber schon als der morsche Schuppen über dem Kühlkeller noch stand, war alles, was sich
mitzunehmen lohnte, längst geholt worden.
»Ich glaub, ich seh was«, sagte Buford. »Sieht aus wie ein Bundel. «
Delbert kniff die Augen zusammen und spähte hinunter. »Vielleicht hat dies Loch für uns das Jagen
erledigt«, sagte er.
»Na, dann sollten wir mal nachsehen!«
»Könnte alles Mögliche sein, was da reingefallen is«, sagte Delbert. »Hase, Reh, Bär. Könnte sogar
ein Mensch sein.«
Buford schüttelte den Kopf. »Is kein Mensch. Es hat Fell.« »Also dann, Buford«, sagte Delbert und
grinste hinterhältig. »Du gehst nachsehen. Ich warte so lange hier. «
Buford stotterte ein bisschen herum - aber schließlich war es ja sein Vorschlag gewesen.
Delbert nahm Bufords Gewehr in Empfang und sah zu, wie sein Schwager in den alten Kellerschacht
hinunterkletterte. Er hielt das Gewehr bereit, falls Buford es brauchen sollte.
»Ich bin ganz nah dran«, ertönte Bufords Stimme. »Es ist kein Mensch, das is todsicher. Wart mal,
warte... Delbert! Es ist ein Bär! Es ist ein Bärenjunges! Nein, doch nicht - nein, wart mal . . . «
Es entstand eine lange Pause.
Delbert lauschte angestrengt und versuchte sich vorzustellen,was da unten wohl im Gange war.
Bufords Gesicht erschien im Schacht. Er zitterte wie Espenlaub. »Delbert! Es ist kein Bär und es ist
auch kein Mensch. Es is irgendein Zwischending. «
Delbert wurde ärgerlich. »Was soll denn das heißen?«
»Wenn ich's dir doch sage! So was hab ich noch nie gesehen.« »Isses am Leben?«
»Ja. Glaub ich jedenfalls. Hat aber schwer was abgekriegt.«
Sie spekulierten darüber, was es wohl sein mochte. Buford war dafür, es rauszuziehen und es an die
Monstrositätenschau zu verkaufen, die zweimal im Jahr in die Nähe von Sooterville kam. Del bert war
sich nicht sicher, ob es eine gute Idee war, so viel Aufmerksamkeit zu erregen und Fragen
beantworten zu müssen und
so weiter. Trotzdem, das Ding könnte sich durchaus als wertvoll erweisen. Man konnte immer einen
guten Preis für ein außergewöhnliches Fell oder einen Schädel erzielen; er erinnerte sich daran, wie
der alte Vic damals für die Rehdecke mit den sechs Beinen eine Kiste Schnaps gekriegt hatte.
Delbert und Buford beschlossen es herauszuziehen und es mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

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Eine Stunde später waren sie sich darüber im Klaren, dass sie so etwas noch nie gesehen hatten
­ dass niemand so etwas je gesehen hatte. Buford hatte Recht gehabt: Es war kein Bär und es war
kein Mensch, aber es war eine Art Zwischending. Und es trug Kleider.
Möglich, dass es aus einem Zirkus ausgebrochen war und es eine Belohnung gab. Alles war möglich.
Was immer es war, Buford und Delbert blieb nichts anderes übrig, als aus ihren Jagdtaschen und
zwei stabilen Asten eine behelfsmäßige Bahre zu basteln und das Ding nach Hause zu schleppen.
Und so kam Fungel in die Welt der Menschen.
Ende

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