Mehr als genug Predigt zu Mt 14:13-21 Von Prof.

Matthias Beier
Autor von Gott ohne Angst: Einführung in das Denken Eugen Drewermanns (Patmos 2010)
Die Speisung der Fünftausend 13 Als das Jesus hörte, fuhr er von dort weg in einem Boot in eine einsame Gegend allein. Und als das Volk das hörte, folgte es ihm zu Fuß aus den Städten. 14 Und Jesus stieg aus und sah die große Menge; und sie jammerten ihn und er heilte ihre Kranken. 15 Am Abend aber traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Die Gegend ist öde und die Nacht bricht herein; lass das Volk gehen, damit sie in die Dörfer gehen und sich zu essen kaufen. 16 Aber Jesus sprach zu ihnen: Es ist nicht nötig, dass sie fortgehen; gebt ihr ihnen zu essen. 17 Sie sprachen zu ihm: Wir haben hier nichts als fünf Brote und zwei Fische. 18 Und er sprach: Bringt sie mir her! 19 Und er ließ das Volk sich auf das Gras lagern und nahm die fünf Brote und die zwei Fische, sah auf zum Himmel, dankte und brach's und gab die Brote den Jüngern, und die Jünger gaben sie dem Volk. 20 Und sie aßen alle und wurden satt und sammelten auf, was an Brocken übrig blieb, zwölf Körbe voll. 21 Die aber gegessen hatten, waren etwa fünftausend Mann, ohne Frauen und Kinder.

Tragödien wie der Tod von 6 Menschen beim Kollaps der Bühne auf dem Indiana State Fair am 13. August 2011 stellen uns vor eine absolute Entscheidung: sehen wir die Welt als generell unsicher und todgeprägt oder nehmen wir dem Tod das letzte Wort, indem wir das Leben der Getöteten und Verwundeten als unendlich kostbar feiern und den wunderbaren Reichtum im Blick behalten, der entsteht, wenn wir mitten in der Not alles zusammenbringen, was wir wirklich sind und haben? Die folgende Predigt, geschrieben Tage vor der Tragödie, spricht gerade davon: wie wir mitten in der Not und des Hungers den Reichtum unseres Lebens entdecken und miteinander teilen können. Hunger ist ein Grundbedürfnis des Menschen, das tiefer geht als wir gewöhnlich denken. Das gleiche gilt für die Nahrung, die dieses Bedürfnis stillt. Auf einem State Fair, wie diesem hier in Indiana,
1 Predigt, Ökumenischer Gottesdienst, Indiana State Fair, 21. August 2011
Prof. Dr. Matthias Beier, Christian Theological Seminary, www.cts.edu

feiern wir die Früchte des Landes, die unsere Körper ernähren, und die Arbeit der Menschen, die es pflanzen, bewahren und ernten. Wir kommen zusammen, in einer großen Menge, etwa 5000 oder mehr jeden Tag. Doch ist dies keine Garantie, dass wir uns am Ende des Tages nicht doch einsam und verlassen fühlen selbst mitten in der Menge. So ähnlich ist die Situation in der Evangeliengeschichte, die als die wunderbare Brotvermehrung bekannt ist. Da sind sage und schreibe 5000 Menschen gekommen, um den populären und ungewöhnlichen Prediger Jesus zu hören. Den ganzen Tag haben sie ihm zugehört, doch jetzt, wo es Nacht um sie wird, fühlt sich die Gegend öde und verlassen an. Sie haben Hunger. Doch wissen sie nicht, wie sie sich nähren können. Hunger, wenn er nicht rechtzeitig gestillt wird, macht uns Angst. Ungestillter Hunger lässt uns einsam fühlen, selbst wenn wir mit vielen anderen zusammen sind. Und er kann dazu führen, dass wir andere wegschicken, nach dem Motto Ein jeder sei sich selbst der Nächste. Hunger macht Angst, weil er uns an den Tod erinnert. Wenn es sich um den Hunger unseres Körpers handelt, so verstehen wir dies vielleicht recht einfach. Kürzlich habe ich eine Fasten- und Reinigungskur von etwa 2 Wochen gemacht. Sie bestand aus Zitronensaft, etwas Ahornsirup und einer kleinen Prise Cayennepfeffer. Zuvor hatte ich noch nie gefastet. Wird man da nicht ständig hungrig sein? dachte ich vorher etwas ängstlich. Überraschend war, dass ich während der ganzen Fastenzeit
2 Predigt, Ökumenischer Gottesdienst, Indiana State Fair, 21. August 2011
Prof. Dr. Matthias Beier, Christian Theological Seminary, www.cts.edu

eigentlich nie hungrig war. Mein Körper ernährte sich von dem, was schon in ihm drin war. Sie wissen schon, was ich damit meine, nicht?! Doch Spaß beiseite. Während der Fastenkur lernte ich etwas, das auch im Zentrum dieses Textes steht: was in uns ist, oder besser ausgedrückt: was wir sind ist immer schon genug. Wenn wir uns nur auf uns besinnen lernen, so entdecken wir eine riesige Fülle, die uns und sogar andere nähren kann. Selbst unsere Bedürfnisse sind dann nicht Grund, Angst zu haben oder uns zu schämen. Lassen Sie mich dies ein bisschen entfalten, indem wir uns die Evangeliengeschichte etwas näher anschauen. Wenn wir eine sogenannte Wundergeschichte wie die von der Brotvermehrung hören und sie wie einen Bericht von Magie oder Zauberei im Namen Gottes verstehen, so missverstehen wir sie gründlich. Bei religiösen Geschichten wie diesen geht es um eine tiefere Bedeutung des Hungers und um die Nahrung, die diesen Hunger stillen kann. Die Stillung dieses Hungers kann wirklich alles im Leben verändern und wäre der Schlüssel auch dazu, wie wir noch heute die verheerende Situation des Welthungers lösen könnten. Mit Hunger ist in dieser Geschichte nicht nur der Hunger des Körpers gemeint. Es geht wesentlich auch und gerade um unseren Lebenshunger, unseren existentiellen Hunger nach Bedeutung, Liebe und Zuwendung. Die heutige psychologische Kindheitsforschung zeigt wie wichtig es ist, diese Art des Hungers schon früh im Leben zu stillen. Beim Lebenshunger geht es nicht so sehr darum, was wir haben, sondern was wir sind. Sind wir angesichts des Todes ein
3 Predigt, Ökumenischer Gottesdienst, Indiana State Fair, 21. August 2011
Prof. Dr. Matthias Beier, Christian Theological Seminary, www.cts.edu

Nichts oder etwas bleibend Wertvolles? Sind wir in den Augen der Anderen ein Nichts oder ein Jemand? Die Religion, egal welche, will uns eigentlich versichern, dass wir am Ende unseres Lebenstages nicht identisch sind mit dem Tod, sondern unweit mehr sind als eine bloße Staubgestalt. Wir alle kennen das Gefühl, nicht genug zu haben oder nicht genug zu sein: nicht gut genug, nicht schön genug, nicht schlau genug, nicht reich genug, usw. Wir schauen an, was wir haben oder was wir sind, und fühlen, es reicht nicht aus, um unseren Hunger oder gar den Hunger derjenigen zu stillen, die auf uns angewiesen sind. Andererseits mögen wir denken, dass unsere Bedürfnisse, unser Hunger zum Leben, unstillbar sind. Was kann man in einer solchen Situation tun? Wir könnten uns zurückziehen oder verstecken oder uns irgendwie mit dem ständigen Gefühl des Mangels arrangieren. Die Evangeliengeschichte lädt uns dagegen ein, uns selbst in einem anderen Licht zu sehen. Bringt her, was Ihr habt, selbst wenn Ihr denkt, es ist nichts oder viel zu wenig, sagt Jesus. Er sieht das, was wir als zu wenig betrachten, mit den Augen einer ewigen Liebe. Was Ihr seid, ist nie zu wenig. Ihr seid unendlich viel Wert! In dieser Liebe kann das, was was wir sind und haben als kostbar aufscheinen. Das Wunder Jesu liegt darin, dass er uns ganz anders sieht. Wo wir Mangel sehen mögen, sieht er Fülle. So kann sich unser Lebenshunger stillen. Und so verwandelt sich die Welt von einem einsamen in einen gemeinsamen Platz. Das bisschen, was wir haben und sind, ist wirklich ganz und gar genug, wenn wir es
4 Predigt, Ökumenischer Gottesdienst, Indiana State Fair, 21. August 2011
Prof. Dr. Matthias Beier, Christian Theological Seminary, www.cts.edu

lernen, mit den Augen einer unendlichen Liebe zu sehen. Diese Liebe nannte er Gott. Es ist sogar mehr als genug! Jesus sandte Menschen nicht weg, aus Angst, es wäre nicht genug da für alle. Wenn wir uns selbst und das Leben mit einer Haltung der Fülle statt des Mangels sehen lernen, dann können wir ohne Angst beginnen, uns mitzu-teilen und das, was wir sind und haben, mit anderen zu teilen, die auch Bedürfnisse haben. Das Wunder dieser Haltung der Fülle, der Liebe, kann die Basis sein, auf der wir sofort das Problem des Welthungers lösen könnten. Das Welthungerproblem, an dem jährlich über 30 Mio. Menschen, darunter 6 Millionen Kinder, sterben, ist kein Problem des Mangels. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) berichtet, dass die Nahrungsproduktion der Welt schon heute ausreicht, um 12 Milliarden Menschen zu ernähren fast die doppelte Zahl der Weltbevölkerung! Der Hunger in der Welt ist ein Problem der Angst Vieler, nicht genug zu haben. Die Industrienationen häufen riesige, wenn auch abnehmende Vorräte von Nahrung auf, um sich gegen unvorhergesehene Umstände abzusichern während jeden Tag 1 Milliarde Menschen weltweit ohne genügend Nahrung sind. Abgesehen von ein paar Krümmeln Nothilfe, funktioniert unser Weltwirtschaftssystem gerade so ängstlich rational wie die Jünger in dieser Geschichte, die die Menschen wegschicken wollen mit dem Rat, sich doch ihr Essen selbst zu kaufen. Wenn wir hingegen als Menschheit begännen, einander und die ganze Welt mit den Augen der Fülle zu sehen, dann wären unsere Mängel oder Bedürfnisse nicht mehr Grund, uns zu
5 Predigt, Ökumenischer Gottesdienst, Indiana State Fair, 21. August 2011
Prof. Dr. Matthias Beier, Christian Theological Seminary, www.cts.edu

ängstigen und uns zu schämen, sondern Grund, in der Liebe zusammen zu kommen, auf dass alle satt werden. Zugleich könnten wir aufhören, Andere, seien es Menschen, seien es Tiere, sei es das Land, aus angstgetriebener Profitsucht auszubeuten und stattdessen einen heiligen, bewahrenden Respekt für alles Lebende ausüben. Jesus glaubte, dass unser Lebenshunger gestillt wird, wenn wir vertrauen können, dass wir gehalten sind von einer Liebe, die uns absolut will und in uns eine unendlich wertvolle Person sieht. Das Wunder, dass Sie sich selbst als mehr als genug empfinden und Ihre Fülle teilen mögen, wünsche ich Ihnen allen.

6 Predigt, Ökumenischer Gottesdienst, Indiana State Fair, 21. August 2011
Prof. Dr. Matthias Beier, Christian Theological Seminary, www.cts.edu

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful