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„NATURALISMUS...

ist das Fremdwort für Gegenständlichkeit. Naturalismus


ist die Summe der darstellerischen Mittel, mit denen ein Abbild
der gegenständlichen - sichtbaren, messbaren, tastbaren -
Wirklichkeit gegeben wird. Der Maßstab des Naturalismus ist
die äußere Richtigkeit. Die sichtbare äußere Wirklichkeit besteht
aus körperlichen, stofflichen und farbigen Dingen im Raum. Um
in der Malerei ein vollständiges, zutreffendes Abbild der
sichtbaren Wirklichkeit zu geben, bedarf es der Fähigkeit des
Malers, auf der Fläche des Bildes die Illusion des Räumlichen,
des Plastischen und des Stofflichen zu erzeugen, und bedarf es
des richtigen Sehens des zeichnerischen Details, des
Anatomischen und der Farben. Diese sechs Elemente - drei
„Illusionen“ und drei „Richtigkeiten“ - bilden zusammen die
naturalistische Darstellungsweise und damit den Begriff des
Naturalismus.“

Georg Schmidt, Umgang mit Kunst, Olten 1966, S. 29 f.


Hans Peter Reuter, 1977
Räumlichkeit
Nacht am Gabentisch, um 1400 v. Chr.
Chronik von Toggenburg, um 1411
Giovanni di Paolo, um 1454, Johannes der Täufer auf dem Weg in die Wüste
Reichenauer Perikopenbuch, Verkündigung an die Hirten, um 1010
Urs Graf, Abendmahl, 1506
Zentralperspektive
am Beispiel:
Masolino und Masaccio
Heilung eines Krüppels und
die Auferweckung der Tabita, um 1425,
Fresko, 255 x 588 cm,
Florenz, Santa Maria del Carmine
Das Fresko aus der Brancacci-Kapelle vereinigt zwei in der Apostelgeschichte
unabhängig voneinander erzählte Geschehnisse. Die Heilung des Krüppels (Apg.
3, 1-10) sehen wir auf der linken Seite vor einer Loggia, während sich die
Erweckung der toten Tabita (Apg. 9, 36-41) auf der gegenüberliegenden Seite
im Erdgeschoss eines Wohnhauses abspielt. Die Künstler beherrschten bereits
die Zentralperspektive.
Um die Gesetzmäßigkeiten der Zentralperspektive zu
erkennen, betrachten wir die räumlichen Gegebenheiten
der dargestellten Piazza.
Perspektive
perspicere = „hindurchsehen“

Perspektive ist die Darstellung räumlicher Gebilde -


so wie sie dem Auge erscheinen – auf der
Zeichenfläche.
Sie vermittelt die Illusion der dreidimensionalen
Wirklichkeit auf der zweidimensionalen Fläche des
Bildes, die Illusion des „Fensters in der Wand“. Der
Scheinraum des Bildes setzt dabei den Realraum des
Betrachters fort (Raumevasion). Hierbei wird das
stereoskopische Sehen in monokulares Sehen
übertragen.
Alle waagerechten und senkrechten Linien, auf die wir
frontal blicken, bleiben in der perspektivischen
Darstellung waagerecht oder senkrecht. Rechteckige
Flächen, die frontal gesehen werden, weisen auch
parallel verlaufende waagerechte und senkrechte
Begrenzungslinien auf.
Alle in die Tiefe führenden Linien werden schräg
dargestellt.
Sie werden zu Fluchtlinien, die sich in einem Punkt
bündeln – dem Fluchtpunkt.
Der Fluchtpunkt liegt immer auf einer Horizontlinie.
Diese ist identisch mit der Augenhöhe des Malers und
des Betrachters. Sie weist so dem Betrachter einen
Standpunkt zu.
Je nach Sichtweise unterscheidet man die Normalsicht,
die Vogelperspektive und die Froschperspektive.
Antonello da Messina, Der Hlg Hieronymus im
Gehäuse, 1456
Claude Lorrain, Die Einschiffung der Königin von Saba, 1648
Übereckperspektive
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Linearperspektive Modellierung der Oberflächenstrukturen
Zentralperspektive Binnenschatten haptische
Stofflichkeits-
Übereckperspektive (Lichtton, Mittelton, illusion (lasierender
Farbauftrag)
Fluchtpunkt, Fluchtlinie, Schattenton), Reflex oder malerisch-
erscheinungshaft
Horizont, Vogel-, (pastoser
Farbauftrag)
Frosch-, Normal-
perspektive
Luftperspektive
abnehmende Detail-
genauigkeit, Verblauen,
Helldunkel
Farbperspektive
Warm-Kalt-Kontrast
(Farbraumwirkung),
Hell-Dunkel-Kontrast,
Qualitätskontrast
Beleuchtungsperspektive
Schlagschatten
Körperüberschneidungen
Staffelung der Pläne
Raumgreifende Diagonale
Rückenfigur
Repoussoir
Leonardo, Mona Lisa,
1503

Luftperspektive
Leonardo, Felsgrottenmadonna, 1508
Raffael, Madonna, 1513
Beleuchtungsperspektive
Jodokus de Momper,
Gebirgslandschaft, ca.
1585

Staffelung der Pläne


Farbperspektive
Körperüberschneidung
Colville, Zug und Pferd, 1954 Colville, Themse, 1975

Raumgreifende Diagonale
Geschwindigkeitsvorstellung Links-Rechts-Leseweise
Caspar David Friedrich, Frau am Caspar David Friedrich, Wanderer über dem
Fenster, 1822 Nebelmeer, 1818

Rückenfigur
Peter Paul Rubens, Nilpferdjagd, 1618
Repoussoir
Plastizität

Reflex
Lichtton
Binnenschatten
Hohes Licht Modellierung
Schlaglicht Mittelton

Schattenton
Ralph Goings, Air Stream, 1977

Jan van Eyck, 1441


Boilly, Elfenbeinkruzifix, 1822
Stofflichkeit

Jan van Eyck, Genter Altar, Ausschnitt, ca. 1440


Linear-zeichnerisch, haptisch
Claude Monet, Frau, 1886
Malerisch-erscheinungshaft
Tranh Ba Vang, no title, 2001
Cadiou, 1964
Van der Spelt, Blumenstilleben, 1658