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Anmerkungen zum psychotherapeutischen Begriff "Ausagieren"

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ein kleiner Leitfaden zu einer Materie, die traditionell mit vielen gründlichen Missverständnissen behaftet ist
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Anmerkungen zum psychotherapeutischen Begriff "Ausagieren

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© Christof Wahner 2011 Manchmal macht es einfach Spaß, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren. Zum Beispiel in einem großen Schwimmbad mit Rutschen und Sprungbrettern, wenn gerade nicht viel Betrieb ist. Oder im Sandspielkasten, wenn es weder etwas zu gewinnen noch etwas zu verlieren gibt. Anders sieht es dagegen im Bett aus, wenn empfindliche Körperstellen und intensive Gefühle beteiligt sind. Diese Vorsicht betrifft auch – und eventuell sogar besonders – erotische Sonderformen wie etwa Fetischismus und Sadomasochismus, wo häufig viel klarere Spielregeln gelten als bei "normalem Sex". Nicht umsonst gilt ROT gleichzeitig als auffordernde Farbe der LIEBE und Hingabe, aber gleichzeitig auch als warnende Farbe der VORSICHT und Achtsamkeit. Die Schnittmenge dieser Bedeutungspole besteht aus RESPEKT und Wertschätzung. Anders als im fast leeren Schwimmbad und im heimischen Sandspielkasten sieht nun die Situation bei allerlei sozialen Verhältnissen aus, und zwar unabhängig von deren jeweiliger Dauer und Intensität. Es gibt Leute, die z.B. aus irgendeinem Drang nach einer exotischen Besonderheit heraus glauben, sich zum Buddhismus bekennen zu müssen, während sie jedoch ihrer Mitwelt in der Regel keinerlei Respekt erweisen, bzw. sich jeweils aussuchen, wann und wem sie Respekt erweisen, und außerdem ihre private, nebulöse Definition von Respekt ohne den geringsten Anspruch auf Allgemeingültigkeit und ohne jeden Anspruch auf logische Nachvollziehbarkeit vertreten. Sinnvoll wird Ausagieren, sobald nachvollziehbare Verbindungen zwischen Gefühlen und Handlungen hergestellt werden. Entscheidend ist dabei, dass sich die Handlungen nicht auf Impulse (Reflexe) beschränken, sondern hinreichend klare Absichten beinhalten, somit eine Erfolgskontrolle ermöglichen und das man eigenständige & eigenverantwortliche, also "schuldfähige" Entscheidungen trifft. Wirklich sinnvoll wird Ausagieren erst im Bezug auf die Selbstmanagement-Hierarchie: - Selbstverwirklichung: Annäherung an das persönliche Ich-Ideal = Überbau - Selbstdisziplin: - Selbstfürsorge: Fokussierung persönlicher Ressourcen auf bestimmte Aufgaben = Produktion Gewährleistung einer kontinuierlichen, sinnvollen Existenzgrundlage = Basis

Das Motto von produktivem Ausagieren lautet: "Es gibt nichts gutes, außer man tut es" (W. Busch). Produktives Ausagieren verhindert also in diesem Sinne neurotischen Selbstboykott in sämtlichen Ausprägungen bis hin zu "Konjunktivits" ("Du, eigentlich würd ich ja wirklich total gern ..., aber ...") und "Gesellschaftskritik" ("Ja, ja, da müsste man halt mal irgendwie einiges ändern ...") Im Bezug auf das häufig erwähnte AUSAGIEREN kursieren einige hartnäckige Missverständnisse. Die so genannte "Dampfkessel-Hypothese" (Dollard & Miller) behauptet, dass Aggression und Stress reduziert wird, indem man die "Luft heraus lässt". Dies gilt aber nur unter bestimmten Bedingungen: Die erste Bedingung ist, dass bei der betreffenden Person keine Stressabhängigkeit ("Stresssucht") besteht, dass also die Erfahrung von Stress im individuellen Erleben grundsätzlich negativ besetzt ist und dass Stressfreiheit ("Glückseligkeit") grundsätzlich für eindeutig positiv gehalten wird. Die zweite Bedingung ist, dass Entspannung und Beruhigung sowohl zeitnah als auch konsequent belohnt wird und dass diese Belohnung an sich als positiv und selbstwertförderlich empfunden wird. Die dritte Bedingung ist, dass eine "Verhaltensmodifikation" stattfindet, und zwar vor allem im Sinne von "Sublimation", indem aggressive Impulse in soziokulturell akzeptablen Weise ausgelebt werden, z.B. in künstlerischer oder sportlicher Weise – d.h. möglichst ohne irgendwelche "Bumerang-Effekte".

Das Gegenteil zum unkontrollierten Ausagieren wäre, alle Sorgen und Nöte in sich hinein zu fressen. Das kann ebenso wenig eine sinnvolle Lösung sein. Aber irgendwo in der Mitte zwischen den beiden extremen Varianten gibt es den anspruchsvollen, aber vielversprechenden Königsweg von Wahrnehmen, Spüren, Reflektieren, Phantasieren, Neugierig sein, Experimentieren, Spielen etc. Es ist zu schade, wenn das alles durch ein "ungehobeltes" Ausagieren in den Boden gestampft wird, bevor es überhaupt eine Chance bekommt und wenn man erstmal explodiert statt zu explorieren. Das reine "Ausagieren" von Impulsen ohne Berücksichtigung von Konsequenzen beinhaltet folgendes: – – Es bringt die gewohnten Muster der ureigenen existenziellen Hilflosigkeit zum Ausdruck, während die "persönliche Souveränität" im Spüren, Phantasieren und Experimentieren liegt. Es erweckt den Anschein, als ob man vor der "Macht der eigenen Gefühle" fliehen kann und stellt in diesem Sinn einen Abwehrmechanismus dar. Lernprozesse blockiert und ausgeschaltet werden und sogar "negatives Lernen" stattfindet, sobald man die Erfahrung macht, dass man sich einfach im nächstbesten Fahrwasser treiben lassen kann und dass man sowieso am besten auf jede Art von "Reflexion" verzichten sollte, weil das ja sowieso nur "reine Theorie" ist und nichts mit der "tatsächlichen Praxis" zu tun hat.

– Es verfestigt sogar noch die bestehenden Probleme, indem in Folge von "Stressreaktionen"

– Es fördert das "not-invented-here-Syndrom", das sich prinzipiell gegenüber Kritik verweigert,
indem alles ungewohnte sofort abgewertet wird – auch wenn es eigentlich eindeutig positiv ist. Gewohnheitsmäßig wird jeweils ein langjährig eingeschliffenes Standardprogramm abgespult, das alle irgendwie kritischen und gewöhnungsbedürftigen Aspekte der betreffenden Situation automatisch als existenzielle Bedrohungen interpretiert, gegen die man sich wehren muss. – Es lässt existenziellen Ängsten freien Lauf, so dass sie "spielerisch" ihr Eigenleben entfalten und die eigene Willensfreiheit (inklusive Schuldfähigkeit) auf ein "alternativloses" Minimum reduzieren. Diese Radikalität vermittelt den Eindruck von "Selbstwirksamkeit" als Gegenpol zur existenziellen Hilflosigkeit und zur "Selbstbefangenheit". Tatsächliche Selbstwirksamkeit aber basiert auf der Ruhe, in der die Kraft liegt. Dies wird sicher jeder Trainer im Kampfsport (Judo, Karate, ...) oder auch in anderen Sportarten ausdrücklich bestätigen. Es ist in der panisch-hektischen Grundhaltung nicht auf positive Überraschungen vorbereitet und beschränkt den Fokus jeweils nur auf "kriegswichtige Operationen". Die Ping-Pong-Logik des Ausagierens ("Was kann ICH dafür, dass DU nichts dafür kannst?!") ist einfallslos und sogar überaus kontraproduktiv, weil der Bumerang früher oder später auf die eigene Person zurück fliegt, aber dann umso überraschender. Sigmund Freud entdeckte diese Logik von Übertragung und Gegenübertragung – ohne jedoch hierfür klare Regeln formuliert zu haben. Nun mag es zwar Leute geben, die der unverbrüchlichen Überzeugung anhängen, dass sie ohne kontinuierliche Versorgung mit negativen Überraschungen auf keinen Fall sinnvoll existieren können. Aber es dürfte ihnen zum Zweck einer Psychotherapie nicht sonderlich viel Gewinn bringen, wenn sie beschwerliche Umwege über Justizvollzugsanstalten beschreiten, weil sie schließlich jedes Mal von ihrem jeweiligen Opfer so systematisch provoziert wurden, dass sie eben keine andere Möglichkeit hatten als ihre angestaute Frustration "auszuagieren". Es beläuft sich im Endeffekt auf "präventive Verteidigung" und ist somit überaus reaktiv. Es fördert weder Sympathie noch Verständnis, sondern zerstört vielmehr jedes Vertrauen und somit die eigentliche Grundlage sozialer Beziehungen. Somit ist ein unproduktives Ausagieren prinzipiell selbstschädigend.

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