Das Medizinkartell

Kurt Langbein Bert Ehgartner

Das Medizin Kartell
Die sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie

scanned by AnyBody corrected by F451
DAS MEDIZINKARTELL – EIN TÖDLICHES GEFLECHT AUS PROFITSUCHT UND GRÖSSENWAHN? Immer häufiger werden die Pharmaindustrie, die medizinische Forschung und die Ärzte zur Zielscheibe heftiger Kritik. In diesem Buch zeigen Kurt Langbein und Bert Ehgartner, warum. Ihre harte Diagnose der Todsünden der Gesundheitsindustrie ist eine umfassende Innenansicht des Medizinkartells, die am Bild der selbstlosen Heiler erhebliche Kratzer hinterläßt, zugleich aber Chancen für Veränderungen aufzeigt. Die sinnlose Jagd auf die Keime ohne Rücksicht auf das Immunsystem, Medizin als chemischer Krieg, die Rolle der Impflobby, die Versklavung der Medizin durch die Industrie, die Abkehr vom Patienten – dies sind nur einige der sieben Todsünden, die die Autoren mit aufregenden und erschütternden Beispielen erklären. Es gelingt den Autoren so, die Ursachen der folgenreichen Fehlentwicklung verständlich zu machen. (Backcover) ISBN 3-492-04407-7 © Piper Verlag GmbH, München 2002 Satz: Kösel, Kempten Druck und Bindung: Ebner, Ulm Printed in Germany www.piper.de

Umschlagseite
Täglich gibt es neue beunruhigende Meldungen aus dem Gesundheitssystem. Die Pharmaindustrie, die medizinische Forschung und die Ärzte selbst werden immer häufiger zur Zielscheibe heftiger Kritik. Jede vierte ärztliche Diagnose liegt nachweisbar daneben. Kranke Menschen sind häufig nur noch Patientengut in einem symptomfixierten und profitorientierten System. Krebsbefunde werden über Jahre hinweg gefälscht – mit schrecklichen Folgen für die betroffenen Frauen. Und dies bleibt lange unentdeckt, weil eine Qualitätskontrolle fehlt. Trotzdem wird die Heilslehre der »Halbgötter in Weiß« häufig noch immer als einzige Wahrheit gehandelt. Vor diesem Hintergrund haben Kurt Langbein (»Bittere Pillen«) und Bert Ehgartner die »Menschenfalle Medizin« zum Thema gemacht. Ihre harte Diagnose ist überfällig: die sinnlose Jagd auf Keime ohne Rücksicht auf das Immunsystem und ganzheitliche Ansätze, die Medizin als chemischer Krieg, der Sieg der Impflobby, die Versklavung der Medizin durch die Industrie, die Abkehr vom Patienten. Dies sind nur einige Aspekte dieser umfassenden Innenansicht des Medizinkartells, die am Bild der selbstlosen Heiler und des gesamten Systems erhebliche Kratzer hinterläßt, zugleich aber Chancen für Veränderungen aufzeigt. Mit aufregenden historischen und aktuellen Beispielen legen die Autoren die Todsünden der Gesundheitsindustrie offen. Hinweis: In einigen Fallbeispielen in diesem Buch sind Namen von Personen verändert worden, um ihre Anonymität zu gewährleisten. In diesen Fällen haben wir einen Aliasnamen verwendet, der mit einem * gekennzeichnet ist. Die richtigen Namen sind den Autoren bekannt. Wir danken Christoph Bart für die unermüdlichen Recherchen in historischen Archiven.

Inhalt
Umschlagseite......................................................................... 2 Inhalt ........................................................................................ 3 VORWORT............................................................................ 10 DIE ERSTE TODSÜNDE: Kriegserklärung gegen den falschen Feind ........................ 14 Tricky Louis ........................................................................... 18 Zum Ehrgeiz geboren ........................................................ 20 Kristalle und andere Leidenschaften................................. 20 Damit Hopfen und Malz nicht verloren sind ...................... 21 Die Entdeckung der Fermente .......................................... 22 Der Keim der Keimlehre .................................................... 23 Pasteur pasteurisiert.......................................................... 23 Keimfreie Irrtümer .............................................................. 24 Pasteur »entdeckt« das Impfen......................................... 25 Ein Konkurrent tritt auf ....................................................... 27 Taschenspielertricks.......................................................... 28 Haß auf Deutschland ......................................................... 29 Der große Gegenspieler .................................................... 30 Ein preußischer Landarzt macht Geschichte........................ 32 Die Faszination der großen Bilder..................................... 33 Der Beginn der Bakteriologie ............................................ 33 Die Zeit der großen Plagen ............................................... 34 Virchows Sozialmedizin..................................................... 35 Politik als Medizin .............................................................. 36 Der Siegeszug der Tuberkel.............................................. 37 Der Triumph der Gründlichkeit .......................................... 38 Die Weltsensation.............................................................. 39 Der Wettlauf um die Cholera................................................. 42 Das Rätsel der Ursachen .................................................. 43 Krieg und Rebellion ........................................................... 44 Pettenkofers Gegenthesen................................................ 46 Zur ebenen Erde und im ersten Stock .............................. 48 Die ersten Präventionsideen ............................................. 48 Kochs Erfolgsrezept........................................................... 49 Das Duell ........................................................................... 51

Preußens Held ................................................................... 53 Die Hamburger Epidemie .................................................. 55 Die Konfrontation ............................................................... 57 Milliarden Bazillen in einem Schluck................................. 58 Kochs Tuberkulin-Flop .......................................................... 61 Verführerischer Druck........................................................ 62 Vom Entdecker zum Geschäftsmann................................ 64 Wissenschaft als Dienerin der Industrie............................ 65 Ein Star .............................................................................. 66 Die Flucht........................................................................... 68 Hoechst geschäftstüchtig .................................................. 69 Archie Cochrane: »Ärzte sind überflüssig« .......................... 71 Tödliche Krankheit ohne Tote ........................................... 76 Essen entscheidet über Infektion ...................................... 77 DIE ZWEITE TODSÜNDE: Medizin als chemischer Krieg............................................... 79 Ehrlich im Farbenrausch....................................................... 80 Versuchskaninchen für Koch............................................. 80 Forschungswunderland ..................................................... 81 Behrings Weg zu hoechstem Ruhm.................................. 82 Die Suche nach »magic bullets«....................................... 83 Das Experiment E 606....................................................... 83 Streitfall Salvarsan............................................................. 86 Werk des Teufels............................................................... 87 Die zufällige Entdeckung der Antibiotika .............................. 88 Die Spirale ist überdreht .................................................... 89 Die Urlaubsüberraschung.................................................. 91 Fleming verliert das Interesse........................................... 93 Das vergessene Wunder................................................... 94 Not macht erfinderisch....................................................... 95 Chemischer Krieg gegen Krebs ............................................ 98 Chemische Waffen als Ursprung....................................... 99 Das Phänomen des ersten Mals ..................................... 100 Ein Raunen geht durchs Land......................................... 101 Rückkehr des Schreckens............................................... 102 Krieg als Weihnachtsgeschenk ....................................... 103 Brustkrebs radikal................................................................ 105 Ein menschenverachtender Pedant ................................ 107

Kokainpause im OP......................................................... 109 Aufstieg der Chirurgie ...................................................... 110 Vom Fatalismus zum Krieg.............................................. 111 Pro und contra Radikaloperation ..................................... 112 Das Wunder der Radiologie ............................................ 113 Was taugen die alten Studien? ....................................... 114 Der Preis, eine Frau zu sein............................................ 115 Ein nutzloser Körperteil ................................................... 116 Die Waffe der Angst......................................................... 116 Halsted war nicht radikal genug ...................................... 118 Überleben ohne Behandlung........................................... 119 Krebs ist nicht gleich Krebs ............................................. 120 Das Ende der Willkür....................................................... 121 Radikale Chemie ............................................................. 122 Der Schwindel fliegt auf ................................................... 123 DIE DRITTE TODSÜNDE: Vom Krankenbett ins Labor – die Abkehr vom Patienten125 Trügerische Vorsorge.......................................................... 126 Verrat an Frauen.............................................................. 129 George Papanicolaous Meisterstück .............................. 131 Hohe Fehlerquoten.......................................................... 132 Die Last des positiven Befunds ....................................... 133 Die Pap-lndustrie ............................................................. 135 Irren ist ärztlich.................................................................... 139 Fehler der Unfehlbaren.................................................... 140 30000 Tote pro Jahr ........................................................ 142 Minimal invasiv mit maximalen Folgen............................ 143 Jeder vierte Befund ist falsch.......................................... 144 Kränker durch die Medizin............................................... 146 Genforschung: neue Eugenik statt Therapiechancen ........ 148 Die Diagnosefalle............................................................. 152 Das Drama Amniozentese............................................... 153 Was ist lebenswert?......................................................... 156 Diagnostik vor der Schwangerschaft............................... 158 DIE VIERTE TODSÜNDE: Menschenfalle Medizin......................................................... 159 Beruf Arzt – Vom Helfer zum Fabrikarbeiter....................... 163 Der Ambulanzbetrieb ....................................................... 164

Der Umgang mit der Aussichtslosigkeit .......................... 166 Rush-hour ........................................................................ 168 Menschlichkeit als Erinnerungsstück.............................. 170 Tribut an die Industrie ...................................................... 170 Klinikarzt und Gesundheit – ein Widerspruch................. 172 Lehrlinge als Ärzte........................................................... 174 Unangenehme Wahrheiten.............................................. 175 Not- und andere Fälle ...................................................... 177 Die Medizinfabrik ............................................................. 178 Eine Generation von Kriechern ....................................... 179 Schreiben, schreiben, schreiben..................................... 182 Die medikalisierte Gesellschaft........................................... 185 Methusalem heute ........................................................... 186 Wie ein langes Leben möglich wird................................. 188 Die wahren Ergebnisse der Medizin ............................... 190 Maximaler Aufwand bei minimalen Chancen.................. 191 Falsch getestete Arzneien ............................................... 193 Todesursache Heilmittel .................................................. 194 Verlust der Menschlichkeit............................................... 195 Ein Patient im System: »Es ist alles so unglaublich beliebig« ................................. 198 Die Liebe und der Tod ..................................................... 200 Diagnose Multiples Myelom............................................. 201 Die Hochdosis-Chemotherapie ....................................... 202 »Hier wird Krieg geführt« ................................................. 203 Im Hamsterrad ................................................................. 204 Termin beim Chef ............................................................ 206 Röntgenexzesse.............................................................. 207 Der Essener Brustkrebsskandal ......................................... 209 Nur eine Biopsie .............................................................. 210 Die Entscheidung............................................................. 211 Ein harmloser Befund ...................................................... 214 »Der Mann sieht das Gras wachsen«............................. 216 Die Krebswelle fällt auf .................................................... 217 Feurige Vertuschung ....................................................... 218 Einschlägige Vergangenheit............................................ 220 DIE FÜNFTE TODSÜNDE: Die Verwechslung von Symptom und Ursache................. 223

Die Inflation der Risikofaktoren ........................................... 224 Wer das Fett abbekommt................................................ 224 Ein lukrativer Jungbrunnen.............................................. 226 Ein Städtchen schreibt Geschichte ................................. 227 Eifrige Herzlichkeit........................................................... 229 Die Entdeckung der Risikofaktoren ................................. 231 Die Faktorenserie ............................................................ 233 Schlankheitsrekorde ........................................................ 234 Ist Fett Gift? ..................................................................... 236 Auf der Startrampe .......................................................... 238 Geöffnete Herzen ................................................................ 240 Im Fitneßhotel .................................................................. 243 Schmerzhafte Gefühle ..................................................... 244 Die neue Eßkultur ............................................................ 245 Die ersten Ergebnisse..................................................... 246 Dean Ornishs Lernprozeß............................................... 247 Die herzhafte fünf Jahresbilanz ....................................... 249 Die Erfindung der Risikogeburt ........................................... 251 Schuß ins Knie................................................................. 254 Guter Hoffnung ................................................................ 255 Das erste Bild................................................................... 256 Horrorstorys beim Bauchtanz.......................................... 256 Zu Ihrer Sicherheit ........................................................... 258 Warten auf die Wehen..................................................... 259 Der längste Tag ............................................................... 261 Schmerzlose Geburt........................................................ 262 Das Treffen der jungen Mütter ........................................ 263 DIE SECHSTE TODSÜNDE: Die Geringschätzung des Immunsystems ......................... 266 Coleys Gift ........................................................................... 269 Rockefellers Freundin...................................................... 272 Ein böser Verdacht .......................................................... 273 Ein Patient namens Stein ................................................ 274 Der Versuch..................................................................... 275 Eine Idee verschwindet ................................................... 278 Impfungen in Afrika ............................................................. 283 Aufregung bei der WHO .................................................. 288 Aluminium unter Verdacht ............................................... 289

........................ 305 Dem Rätsel der Autoimmunerkrankungen auf der Spur........................................... 324 Risikofaktoren...... 321 Wie Streß mobilisiert.............................................................................................................................. 318 Glaube......................................... 333 Ein medizinischer Hasardeur ............................. 314 Das Rätsel Spontanheilung ........................................................................................... 296 Gut investiert................. 304 Trainingsrückstand des Immunsystems............................................................................................................................. 340 Der Druck der Industrie wächst.................................................................. 332 Der Schritt zum Menschen .................................... 320 Seele heilt ................ der Diagnosen versetzt.......................... 323 Die Rolle des Fiebers .... 293 Ein alltägliches Virus...................... 315 Der Placeboeffekt ............................. 335 Ein Damm bricht ...................... 338 Auflagen werden ignoriert................................ 330 Die höchste Dosis ............ 346 Schläge ins Gesicht der Wissenschaft......................................... 351 ....... 311 Die Kraft der Psyche ............................................................ 307 Heilsamer Schmutz............ 298 Allergien – wenn die Umwelt zum Feind wird................. 343 Die verkaufte Medizin......... 293 Eine überraschende Einladung ........................ 317 Wundersame Kräfte......................... 303 Zahlen verwechselt?................................................................................................................................................................ 331 Ein typisch halsstarriger Teenager....................................................................................................................... 337 Laßt die Leute doch Helden sein........... 309 Fataler Hygienewahn........................................................................................................................................................................................... 326 DIE SIEBTE TODSÜNDE: Die Versklavung der Medizin durch die Industrie ................... 341 Der Kampf geht verloren .............. 348 An der Leine der Industrie .... 336 Der Weg zur Lebertherapie ......................................................... einmal anders ............................... 328 Die Branche der Goldgräber .......................................................... 328 Der Fall Celsinger............ 290 Die Durchfallimpfung........................................................................ 342 Trefferquote: ein Prozent...........................Ein Fanal der Impflobby..........

...............................................................................................................Große Geschenke erhalten die Freundschaft.... 362 Keine sachliche Auseinandersetzung ............................... 374 ..................... 353 Von Grund auf verdorben................................................................................................................................................................... 371 ANMERKUNGEN......... 363 Zahlenspiele der UNO . 356 Aids – die Allmacht des Virus ........................ 352 Von Masse und Klasse....................................................................................... 360 Ein leidenschaftlicher Brief .................................... 355 Medikamente............................................ 368 NACHWORT ...................................... 352 Fortbildung mit Hintergedanken ............................. 359 Wie wirkt HIV? ........ 366 Chaotische Studien.... 354 Der Fall Herrmann ............ die niemand braucht .......................................................................................... 365 Trügerische Hoffnung .....................

Lahme gehend gemacht. denn mit realistischen Prognosen können die großen Fördertöpfe nicht geknackt werden. die Sehnsucht nach dem ewigen Leben bald erfüllt. Allemal aber führt die Summe dieser Faktoren zu einem Zerrbild: dem Bild eines omnipotenten Medizinbetriebs als Gemeinschaftsprodukt der Forschungs. Impfung gegen Aids – etliche dutzendemal haben wir als Wissenschaftsjournalisten in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Erfolge der modernen Medizin zelebriert. Kongressen. Doch hinter dem Flitter der Erfolgsmeldungen und Zukunftsverheißungen verbirgt sich die graue Realität: Trotz eines gigantischen Aufwands gibt es gegen die großen Killer der Wohlstandsgesellschaft – wie etwa den Herztod oder auch Krebs.VORWORT Die Entdeckung des Altersgens. chronische Patienten werden von ihren Leiden erlöst und Schwangerschaften außerhalb des Mutterleibs möglich. Hoffnung auf Gesundheit und langes Leben allemal. Ersatzorgane aus der Retorte. Blinde werden sehend.und Medizingeräteindustrie zu allerlei Stiftungen. Organe wie Hemden gewechselt. wenn die Medizin weiterhin in ihrem grundlegenden Irrtum -1 0 - . Manche Jubeltermine sind einigermaßen vorhersagbar: Der April etwa. sorgt zuverlässig für vollmundige Hoffnungsverkündungen. Allergien und die Volkskrankheit Rheuma – nach wie vor allenfalls hinhaltende Mittel. Oft führen die vielen Finanzströme der Pharma.und Medienindustrie. knapp bevor die US-Gesundheitsbehörden über neue Budgets entscheiden. Und das wird auch so bleiben. Agenturen und Publikationen auf im Detail schwer nachvollziehbare Art zu uniformen Buchstabenströmen in den großen Medien über die neuesten Hoffnungsträger für die Kranken und für den angeknacksten Börsenkurs. Manche sensationellen Coverstories sind schlicht ein Produkt redaktioneller Nöte: Hoffnung läßt sich gut verkaufen. Durchbruch in der Krebstherapie.

ausgewählten Patientengruppe über wenige Monate dokumentiert wird. zeigt sich plötzlich. Esoterik. der Blutdruck oder das Cholesterin. Kein Wunder. daß zwar eventuell eine Organfunktion positiv beeinflußt wurde. ja sogar Schamanismus erleben eine Renaissance. Und an Studien. weil sie glaubwürdiger als die Apparate. Dutzende unüberprüfte. die den Erfolg dieser monokausalen Maßnahmen eindrucksvoll bestätigen. Wenn lange Zeit später echte Langzeitstudien präsentiert werden. sondern nach jahrelanger Massenverschreibung bei der normalen Bevölkerung. Meist von den Herstellern der jeweiligen Präparate selbst finanziert. Krankheiten ausschließlich als fehlgesteuerte Organfunktionen zu begreifen und reparieren zu wollen. werden sie in den angesehensten Medizinjournalen publiziert.verharrt.und Minutenmedizin vermitteln. seine Eigenheiten und Lebensumstände werden bei der Erstellung der Therapie nicht mehr berücksichtigt. Laborbefunde ersetzen das Gespräch. Wenn ein Eingriff nicht an einer kleinen. nicht aber der Gesundheitszustand und die Lebenserwartung insgesamt. ist allerdings das Erstaunen meist groß. sondern der Blutzuckerspiegel. fördern doch -1 1 - . ist kein Mangel. und dann folgt die Massenverschreibung in der Praxis. Behandelt wird nicht die Person. In ihrem gewaltigen Siegeszug hat die naturwissenschaftlich orientierte Medizin in nur einem Jahrhundert fast alle ganzheitlich orientierten Wissenschaftsansätze an den Rand gedrängt. Weltweit strömen daraufhin die Vertreter der Konzerne aus. Patienten werden als Ansammlung von Risikofaktoren begriffen. Der persönliche Hintergrund eines Patienten. Eine zunehmende Zahl der Bürger in den Industriestaaten will sich nicht mehr auf Organfunktionen reduzieren lassen und strömt in Scharen den diversen Alternativmethoden in der Heilkunst zu. daß sie den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Doch auch unter den Schulmedizinern wird der Ruf nach einer Ganzheitsmedizin immer lauter. mehr oder minder skurrile Methoden.

sie werden bei einer großen Zahl der Betroffenen scheitern müssen. unbestreitbare Resultate zutage. daß das Denkgebäude einer simplen Kausalkette in der Medizin trotz -1 2 - . anstatt zu untersuchen. Auf einzelne Fehlfunktionen abzielende Reparaturansätze mögen in sich noch so logisch sein. * Eine neue Eugenik entsteht. Ein immer breiteres und für Qualitätsstandards kaum erreichbares Alternativsegment wächst heran. * Der Medizinmarkt wird noch stärker zweigeteilt. Rationierungen werden unvermeidlich. seien es nun Keime oder fehlgesteuerte Gene. mit einem immer stärker ausgeprägten Tunnelblick Krankheitserreger zu suchen und zu jagen.vor den sonst üblichen marktwirtschaftlichen Strafen für Erfolglosigkeit so abschotten konnte? Wie konnte es geschehen. und deren Bekämpfung wird die Gesellschaft vor unlösbare Aufgaben stellen: * Die Kosten steigen weiter überproportional und übersteigen die gesellschaftlichen Möglichkeiten. aber von einer Heilungschance auch in Jahrzehnten noch keine Spur sein wird. weil sich immer mehr Kranke von der Reparaturmedizin abwenden. wann und warum ein Organismus mit den Erregern nicht mehr fertig und in der Folge krank wird? Und wie war es möglich. die belegen: Nahezu immer ist das gesamte Milieu eines Organismus am Gesundbleiben. weil zwar schon heute genetische Dispositionen für Krankheiten erkennbar sind.Fachrichtungen wie die Psychoneuroimmunologie oder auch die Epidemiologie Monat für Monat neue. Das Medizinsystem steht vor einer entscheidenden Weichenstellung: Ein ungebremstes Fortführen der immer feingliedriger verästelten Suche nach den Krankheitserregern als Bösewichte. Krankwerden oder Kranksein beteiligt. daß sich das Medizinkartell – von der Pharmaund Medizingeräteindustrie über die medizinische Forschung bis hin zu den niedergelassenen Ärzten . Zeit für eine Spurensuche: Was hat die medizinischen Forscher dazu gebracht.

einen Beitrag zum Verständnis zu leisten .gegenteiliger Evidenz kaum angekratzt wurde und sich sogar immer massiver und exklusiver verbreitete? Wir haben Episoden und Beispiele aus eineinhalb Jahrhunderten zusammengetragen. Wien. Damit hoffen wir. die ein gemeinsames Muster ergeben sollen. im November 2001 Kurt Langbein Bert Ehgartner -1 3 - .und zur überfälligen Debatte über die längst notwendigen Weichenstellungen im Gesundheitswesen.

läßt sich im Pharmalabor exakt und . immerwährender Schönheit und kraftstrotzender Aktivität bis ins hohe Alter nicht durch die vollmundige Ankündigung eines Mediziners oder eines Pharmaherstellers neue Nahrung erhält. Wonach Forscher momentan suchen und wofür die Pharmariesen derzeit schon fast die Hälfte ihrer Etats ausgeben. in dem der Traum vom ewigen Leben.« Das gläubige Staunen des zahlungswilligen Publikums wird von Fakten gestützt. Noch zu Bismarcks Zeiten starb ein Mann im Schnitt mit 45. Die Molekularbiologen glauben an eine genetisch programmierte innere Uhr und suchen eifrig nach dem richtigen Zahnrädchen. »magic bullets«. daß ich nicht sterbe. die sich sehen lassen können. Der Arbeitsauftrag scheint von Woody Allens Motto abgeleitet: »Ich möchte Unsterblichkeit einfach dadurch erreichen. Und nun ein Plus von -1 4 - . Männer immerhin schon auf 75. das es anzuhalten oder notfalls auszutauschen gilt Die biologisch orientierte Fraktion erklärt sich die Alterung und deren Begleiterscheinungen in erster Linie mit der versiegenden Produktion körpereigener Hormone. und bis zum Mittelalter änderte sich daran wenig. mit denen die menschliche Vergreisung gestoppt oder zumindest verzögert werden kann. Mit Spannung verfolgt das Publikum dabei ein Kopf-an-Kopf-Rennen zweier Denkschulen. eine Frau mit 48 Jahren. Zu Christi Geburt betrug das Durchschnittsalter eines Menschen nur 22 Jahre.auch in beliebiger Menge nachbauen und verabreichen.DIE ERSTE TODSÜNDE: KRIEGSERKLÄRUNG GEGEN DEN FALSCHEN FEIND Es vergeht kaum ein Monat. sind Wunderpillen. Ihr Rezept zum Durchbrechen der Altersspirale klingt bestechend einfach und macht entsprechend Furore: Was der Mensch nicht mehr in ausreichendem Maße selbst produziert.dank Gentechnik . Frauen können auf fast 80 Lebensjahre hoffen.

daß zu dem Zeitpunkt. Immer neue Entwicklungen – zuletzt in der Gentechnologie – würden bald eine Lebensverlängerung bis jenseits der 100 ermöglichen.rund 30 Jahren zumindest in den Industrieländern. Tuberkulose und Durchfallerkrankungen. Viel wichtiger als alle Eingriffe der Medizin war der Wandel der Lebensbedingungen. Die häufigsten Todesursachen waren Lungenentzündung. Zur Jahrhundertwende lebten große Teile der Bevölkerung unter heute unvorstellbar elenden Bedingungen. Heute sind es gerade noch 0. sauberes Trinkwasser war eher die Ausnahme denn die Regel. Grippe. Dunkle. während im afrikanischen Sambia oder in Afghanistan die mittlere Lebenserwartung auch heute noch bei 37 Jahren liegt. feuchte Wohnungen. jeder könne dann aus Stammzellen gewonnene Ersatzorgane bereithalten lassen. hat der britische Epidemiologe Thomas McKeown schon in den siebziger Jahren nachgewiesen. Tatsächlich war bis zum Jahr 1970 die drastische Senkung der Kindersterblichkeit der entscheidende Faktor für den Anstieg der Lebenserwartung. Dazu kamen Mangelernährung. Noch um 1900 starb in Deutschland jedes fünfte Kind im ersten Lebensjahr. Noch nie wurde die Mehrzahl der Menschen so alt wie heute in den Industriestaaten. daß die moderne Medizin mit ihren Wundermitteln für den Großteil dieses enormen Zuwachses verantwortlich sei. Er zeigte. wie sich die markigen Versprechungen für die Zukunft einlösen lassen werden. unmenschliche Arbeitsbedingungen und eine in den Großstädten dramatische Umweltverschmutzung. als die Medizin -1 5 - . Daß Impfungen und Antibiotika in diesem Zusammenhang nur eine sehr bescheidene Rolle spielten. Mediziner reklamierten diese Leistung schnell für sich. Und eine enorme Säuglingssterblichkeit senkte die durchschnittliche Lebenserwartung. Objektiven Untersuchungen halten die Ansprüche jedoch ebensowenig stand. nahezu ohne sanitäre Einrichtungen.5 Prozent. Kinder und Erwachsene auf engstem Raum. In den Schulen wird gelehrt. falls eine seiner Funktionen irgendwann ausfällt.

Im gleichen Zeitraum war nicht nur die Tuberkulose deutlich zurückgegangen. Wie gesund Menschen sich fühlen und in welchem Alter sie sterben. Schwerste Unfälle mit daraus resultierendem Multiorganversagen können dank Unfallchirurgie und Intensivmedizin überlebt. daß die Umwelt die ausschlaggebende Determinante des allgemeinen Gesundheitszustandes in jeder Bevölkerung ist«. wo ein einfacher. den großen Killern der modernen Industriegesellschaft. Wasser und Luft sie aufnehmen und wie es um die Sozialstandards der Gesellschaft steht. Tatsächlich sticht ins Auge. daß der Rückgang der Tuberkulose nicht aus der Anwendung der medizinischen Wissenschaft resultieren konnte. »Die Analyse der Krankheitstrends für mehr als ein Jahrhundert zeigt. Wo aber ein komplexer Prozeß im menschlichen Körper zu einer langwierigen Krankheit führt. -1 6 - . Gliedmaßen wieder angenäht. aber massiver Eingriff von außen oder der Mangel an einer einzelnen Substanz im Körper zu einem Gesundheitsproblem führt. kam der Medizinkritiker Ivan Illich zum selben Schluß. Gelenke und Körpersäfte ersetzt werden. ist die Medizin heute annähernd so hilflos wie vor 100 Jahren. die Erfolge der Medizin am größten sind. die Seuche ihr ärgstes Wüten bereits lange hinter sich hatte.und Herzchirurgie würden tatsächlich maßgeblichen Anteil an der Lebensverlängerung haben. daß dort. 2 McKeowns trockenes Resümee: Lediglich seine Kollegen von der Unfallchirurgie und vielleicht noch der Allgemein. Dem Herztod und dem Krebs. welche Nahrung. ohne massive Erfolge gegen die großen Killer der Gegenwart wie Krebs und koronare Herzerkrankungen oder gegen die großen Volksleiden wie Rheuma. Die Todesfälle waren auch ohne ärztliche Intervention um 80 Prozent zurückgegangen. wird vor allem davon entschieden. auch zahlreiche andere Infektionskrankheiten hatten an Schlagkraft verloren. Asthma oder Allergien aufweisen zu können. die anderen dokterten lediglich an Symptomen herum.1 McKeown zog daraus den Schluß.erfolgversprechende medikamentöse Therapien – etwa zur Behandlung der Tuberkulose – anbieten konnte.

hat den strukturellen Irrtum nicht verhindern können. die tatsächlich kausal in den Entstehungsprozeß von Krankheiten eingreift. Die Pioniere der Infektionsforschung waren Forscher und Marketinggenies in einem. In ihrem Streben. auch wenn immer größere Diagnosegeräte. haben die Mediziner freilich längst den Überblick über das Ganze verloren. ein Molekül zu finden. Doch der Mensch ist keine Nacktmaus. der zentraler Motor des Medizinkartells ist: gesucht wird nach einfachen Lösungen. ein keimfreies Leben könnte zur Abwesenheit von Krankheiten führen. das bis heute die seriöse wissenschaftliche Überprüfung eher scheut denn sucht. -1 7 - . tut ihren Leistungen keinen Abbruch – im Gegenteil: Auch damit begründeten sie ein Denkgebäude. die zu einer Krankheit führen. Daß Antibiotika bislang die einzige Substanzgruppe blieben. die Bakterien töten können. menschliche Moleküle und Genfunktionen beeinflussen zu können. um ein Agens. immer komplexere Behandlungsabläufe den Eindruck einer immer ausgeklügelteren Therapie erwecken. sondern ein enorm differenziertes System. ein Gen. das Schuld hat und dessen Ausmerzung den heilenden Segen bringt.hat die moderne Medizin bislang trotz enormen Aufwands im wesentlichen nur Hinhaltendes entgegenzusetzen. nach »magic bullets«. die vermarktbar sind. Und die Identifizierung von Chemikalien. schuf die Grundlage der industriell herstellbaren und vermarktbaren Medizin. Daß sie gelegentlich der Wahrheit ein wenig nachgeholfen haben. sondern fast ausschließlich. Die enorme Vertiefung des Wissens über Abläufe im Körper bis in die Bestandteile der Zellen wird weniger zum Verständnis der komplexen Prozesse genutzt. einzelne Laborparameter. Begonnen hat die systematische Fehlentwicklung mit den größten Erfolgen der Medizin: Die Entdeckung der Bakterien als Ursache der Infektionen führte zu dem Irrtum.

Mehr als zweihundert Menschen waren an diesem Donnerstag. In seiner Dankesrede en pries er die Kraft der französischen Wissenschaft. die augenscheinlich gesund waren. Erst zwei Tage zuvor waren beide Herden mit den tödlichen Erregern infiziert worden. Am Nachmittag dieses Donnerstags ging schließlich ein Raunen durch die Menge. klang geradezu abenteuerlich: der Sieg über die tödliche Schafseuche Milzbrand. Viele Schafbauern waren ernsthaft in ihrer Existenz bedroht. dem 2. als sichtbares Zeichen von Milzbrand. Aus einem Schaden sei nun ein Nutzen geworden. war mit dem Zug aus Paris eingetroffen. aus dem vierzig Kilometer entfernten Paris auf das Landgut des reichen Tierarztes Hippolyte Rossignol nach Pouilly-le-Fort angereist. Lokalpolitiker. Juni 1881. Die jährlichen Verluste beliefen sich auf 20 bis 30 Millionen Franc. Louis Pasteur. Pasteur genoß d Triumph sichtlich. wo sich ein beeindruckendes Schauspiel bot: Im linken Gatter grasten 25 Schafe. Sie hatten deutlich sichtbar ein Loch im Ohr – zum Zeichen. ihre Überlegenheit zu demonstrieren. daß sie von Pasteurs Leuten vor einem Monat geimpft worden waren. Einige wenige wankten noch. Sogar der Korrespondent der London Times hatte den Weg hinaus in das landwirtschaftlich stark genutzte Umfeld der französischen Hauptstadt gesucht.Tricky Louis Es war ein wahrer Volksauflauf. der es gelungen war. Der Hauptdarsteller des Spektakels. Die meisten dieser 25 Tiere lagen bereits verendet am Boden. Denn jetzt könne man -1 8 - . Hin zu den abgezäunten Gehegen. Diese heimtückische Krankheit hatte zu jener Zeit ruinöse Ausmaße angenommen. Die meisten von ihnen Regierungsbeamte. Begleitet von seinen Mitarbeitern schritt der Held der französischen Wissenschaft durch die jubelnde und applaudierende Menge. Bauern und Zeitungsreporter. schwarzes Blut tropfte aus ihrem Maul. Und das Ergebnis konnte eindrucksvoller nicht sein. Im Gatter daneben bot sich ein weniger friedliches Bild. Denn was hier in einem wissenschaftlichen Experiment öffentlich dokumentiert werden sollte.

In den Tagen und Wochen vor diesem Triumph hatte es ganz anders ausgesehen. dessen Streben dem menschlichen Fortschritt galt und der Leben und Gesundheit seiner persönlichen Sicht von Wissenschaft opferte. den er zuvor gegenüber der Medizinischen Akademie der Lächerlichkeit preisgegeben und dessen wissenschaftliche Karriere er damit vernichtet hatte. Denn was nicht einmal seine engsten Mitarbeiter und schon gar niemand aus der jubelnden Menge ahnte: Der Impfstoff. hundert Jahre nach dem Tod des französischen Nationalhelden. 3 Tricky Louis’ Schachzug in diesem weltweit ersten öffentlichen wissenschaftlichen Feldversuch war bei weitem nicht die einzige Unredlichkeit in seiner Karriere. sondern eher die Erleichterung. Professor an der angesehenen Princeton University. Es war aber wohl weniger ein Gefühl der persönlichen Befriedigung. den Pasteur hier erfolgreich verwendet hatte. Jetzt war er wieder oben. dieses konkurrenzlose Sc hutzserum auch wirtschaftlich zu verwerten. -1 9 - . sprich. war die ungeheure Anspannung gewichen. Daß er eine Schmach verhindert und gleichzeitig seine Kritiker und Konkurrenten mit einem klaren Beweis seines überlegenen Genies in die Schranken gewiesen hatte. Erst heute morgen. brachte diesen Betrug ans Tageslicht. selbstbewußt wie je. daß ein Schurkenstück gelungen war. Nie hatten sie »den Alten« so nervös und unruhig erlebt. als ein Telegramm des Tierarztes Rossignol aus Pouilly-le-Fort eintraf und den Triumph vorab ankündigte. Pasteurs Mitarbeiter freuten sich über ihren Chef. die Pasteur hier empfand. Er war zeitlebens ein besessen Suchender. Geison.darangehen. in alle Welt zu verkaufen. war nicht seine Entdeckung. Erst die Freigabe von Pasteurs persönlichen Arbeitstagebüchern und die penible Recherche des Medizinhistorikers Gerald L. Pasteur kann deswegen jedoch keinesfalls als bloßer Hochstapler und Trickbetrüger angesehen werden. Er hatte ihn nach der Methode seines schärfsten Konkurrenten Jean-Joseph Toussaint zubereitet. jenes jungen Konkurrenten.

die sein Zimmer mit üblen Gerüchen und seine Schränke mit glänzenden Flaschen und prächtig gefärbten Flüssigkeiten füllten« 6. das er mit 13 Jahren gemalt hat. um sich ganz in sein Studium der Chemie zu vertiefen. Ein Bildnis seiner Eltern. wie 40 Jahre später aus jedem Arzt einen Bakterienschnüffler. beweist. Am liebsten hätte Pasteur damals aus jedem Studenten einen Chemiker gemacht. kennen und bemerkt. beginnt »allerhand Versuche. Der Traum seines Vaters. Pasteur schreibt damals: » … zu wollen ist eine große Sache. Er schreibt an sie: » … seit dem Tode -2 0 - . Dezember 1822 in Dole. Er war der jüngste Schüler und wollte dennoch zum Aufseher über alle anderen gesetzt werden. daß Louis diesbezüglich auf gutem Weg sei. Schließlich wird Louis auf die berühmte Ecole Normale Supérieure in Paris geschickt. doch schon im kleinen Gymnasium von Arbois im Nordosten Frankreichs trat sein Herrscherwille deutlich hervor. Kristalle und andere Leidenschaften In seiner Doktorarbeit beschäftigte sich Pasteur mit Kristallen. die Arbeit. Doch mit 19 Jahren hört er damit für immer auf. der im eigenen Haus eine kleine Gerberei betrieb. 1848 nahm er eine Stelle als Professor für Chemie in Straßburg an. Marie Laurent. Seine Schwester belehrte er in hochtrabenden Briefen. im Osten Frankreichs. seinen Sohn studieren zu lassen.Zum Ehrgeiz geboren Louis Pasteur wurde am 27. wo er sich für eine wissenschaftliche Ausbildung entscheidet. daß auch ein Leben außerhalb der Labors existiert. daß ihm auch hier eine große Karriere möglich gewesen wäre. war. Er galt in seiner Kindheit als minderbegabt. und Arbeit führt fast immer zum Erfolg«4. Er verwandelt sein Studentenzimmer in ein Labor. und schreiben in sein Endzeugnis: »Wird ein guter Professor!«5 Die Malerei ist die erste große Begabung des Jugendlichen. Seine Lehrer bestätigen. denn auf den Willen folgt naturgemäß die Tat. Hier lernt er die Tochter eines Universitätsbeamten. geboren.

«7 Damit Hopfen und Malz nicht verloren sind Pasteur erhält eine Berufung an die Universität Lille. Ich erwachte plötzlich mit dem Gedanken.meiner Mutter habe ich nicht mehr so geweint wie in der letzten Nacht. das ich nunmehr schon seit 35 Jahren an seiner Seite miterlebe. daß ich jeden Abend wünschte. Er spricht nur wenig. Bald wird er mit dem Problem konfrontiert. »Die Nächte werden mir zu lang. daß er der regionalen Alkoholindustrie als wissenschaftlicher Berater beizustehen habe. schläft nicht viel. Der kehrt daraufhin jedoch zu seiner wirklichen Leidenschaft.8 Die Entdeckung der Spielarten der Weinsteinsäure bringt Pasteur Anerkennung und bald den Professorentitel: »Ich bin Geheimnissen auf der Spur. daß du mich nicht mehr lieben würdest. Madame Pasteur beschrieb ihren Mann Jahre später in einem Brief an ihre Kinder so: »Euer Vater geht auf in seinen Gedanken. verursacht wird. und begann zu weinen. die Nacht wäre schon vorbei. Einmal treten Verunreinigungen auf. und von Beginn seiner Anstellung wird ausgemacht. Mir. daß der Gärungsprozeß oft nicht so wie gewünscht funktioniert. und das Gebräu verfault. steht zeitig auf – lebt das Leben. schreibt er. damit ich wieder an meine Arbeit gegen könnte. wurde in Frankreich von Cagniard de la Tour in einem Fachartikel publiziert. mir bedeutet meine Forschungsarbeit nichts mehr …« Solche Ablenkung kann Marie nicht verantworten und heiratet Louis im folgenden Mai. der Wissenschaft. »deren tausend auf einen Stecknadelkopf gehen«. dann wieder will die Gärung überhaupt nicht in Gang kommen. zurück. deren Schleier immer dünner wird«. und in Deutschland zeigte Theodor Schwann. der ich meine Kristalle so lieb hatte. wenn sich die Hefe nicht merkwürdig vermehrt. Meine Frau -2 1 - . Bis zur Mitte des Jahrhunderts waren gerade die ersten Beobachtungen zur Existenz und Wirkung der Kleinstlebewesen gemacht worden: Daß aus Hopfen und Malz nur Bier wird. daß die Fäulnis von Fleisch durch winzige Lebewesen.

ohne daß sie selbst verändert werden. Das bedeutete für Frankreich schon zur damaligen Zeit ein eminentes Wirtschaftsproblem. alles in der Hoffnung. Die Entdeckung der Fermente Seine eigentliche wissenschaftliche Karriere beginnt 1857 mit der Erforschung der Fermentation. Diese Enzyme fungieren als natürliche Katalysatoren. -2 2 - . um in Schwung zu kommen. Pflanzen durch seltsame Uhrwerke hin.zankt mich aus.und herschwingen. einen lebenden Organismus. einen neuen Newton oder Galilei offenbaren.«9 Pasteur läßt große Magnete auf Lebewesen wirken. aber ich sage ihr. ist ein Anliegen der französischen Weinbauern: In manchen Jahren wird ihr Wein ohne erkennbare Ursache binnen weniger Wochen sauer und bitter. wenn sie gelingen. ich werde sie zum Ruhme führen. Daraus entsteht seine Einsicht. welche guten und welche schlechten Wein erzeugen. Einmal auf diese Mikroebene vorgedrungen. das in diesem Zusammenhang an Pasteur herangetragen wird.« Doch zunächst führen Pasteurs wirre Versuche zu nichts. wenn der Sauerteig »aufgeht«. die Arten umzugestalten. Der Fermentationsprozeß benötigt. Mittlerweile leitet er die Pariser Ecole Normale Supérieure. Das passiert. werden der Welt. findet er gleich noch eine Reihe anderer Mikroorganismen. aufgelöst und in einfachere Komponenten umgewandelt. an der er einst studiert hatte. Er will neue Arten schaffen. die eine chemische Veränderung hervorrufen. Eines der Probleme. die er heute unternimmt. Madame Pasteur akzeptiert die Vernachlässigung der ehelichen Pflichten und schreibt ihrem Vater: »Die Experimente. der Startenzyme enthält. die Milch sauer wird oder Zucker und Stärke in Alkohol umgewandelt werden. meist sind es Kohlenhydrate. Pasteur beobachtet die Hefezellen bei der Alkoholgärung und beginnt zu unterscheiden. die bei der Weingärung mitspielen. Bei der Fermentation werden organische Substanzen. weil es den ehrgeizigen Weinexportplänen einen empfindlichen Schaden zufügte.

10 Der Keim der Keimlehre Zu Pasteurs Zeit stand die These der Urzeugung noch in voller Blüte. Pasteur pasteurisiert Er beobachtet. daß es offenbar nicht die Luft selbst. die keinen Sauerstoff mehr enthalten dürfen. Umgekehrt ist sofort Mikrobenwachstum nachweisbar. Er erprobt viele Methoden und kommt schließlich auf die schonendste: Der Wein sollte in Gefäßen. in der er diese Urzeugungslehre experimentell widerlegt.daß der Fermentationsprozeß von lebenden Mikroorganismen initiiert wird.11 1876 verwendet er erstmals den Ausdruck »théorie des germes« (Keimtheorie). die anscheinend aus der Luft angeflogen kommen. wenn man die Außenluft ungefiltert an die Nährlösungen läßt. daß man Flaschen durch Auskochen sterilisieren kann. Auch die Tatsache. daß krankmachende Stoffe sich »aus nichts« entwickeln können. daß die Millionen Hektoliter französischen Weins und deutschen Biers nicht vom Menschen. an denen die Mikroben ihre Reise um die Welt absolvieren – je weiter oben. wenn die Luft der Umgebung zuvor gereinigt wurde. sondern Staubpartikel in der Luft sind. 1861 veröffentlicht Pasteur eine Studie. In den Bergen des Montblanc-Massivs kann er feststellen. auf 55 -2 3 - . Sie besagt. daß Mikroben das Fleisch zum Faulen bringen. desto weniger Staub findet sich in der Luft. Der Ruhm ist ihm sicher. sondern von winzigen Lebewesen geschaffen werden. Er kann mit einer phantasievollen Darstellung beweisen. hat Pasteur von neuem entdeckt. und desto weniger vermehrt sich die Hefe. daß Keime die notwendige Ursache der Gärungs. Damit beweist er. in Vorlesungen und Aufsätzen seine auch in vielen Experimenten abgesicherte These zu verkünden. Pasteur wird nicht müde. ohne den ersten Entdecker Schwann zu erwähnen. Vor dem Abkochen des Weins schreckt e r jedoch als Genießer zurück. daß Gefäße mit Nährlösung steril bleiben.oder Fäulnisprozesse sind.

ist überzeugt. die Seidenraupen. Sie wurden von geheimnisvollen Krankheiten dahingerafft. begibt er sich aber wieder ins Seidengebiet der Cevennen. »Es muß in der Macht des Menschen liegen. der stark unter Mikrobenangst leidet. aber die unerwünschten Fermente abgetötet. Lebensjahr ist er daraufhin halbseitig gelähmt. die eine aufblühende nationale Industrie Frankreichs vor dem Ruin rettete. und organisiert Fachschulungen für die Seidenproduzenten. und er selbst erleidet eine Gehirnblutung. daß das Zellgewebe von gesunden Lebewesen bakteriologisch steril sei und Bakterien in einem gesunden Körper nicht nachgewiesen werden können. und die nationale Industrie lag darnieder. daß auf Staubpartikeln durch die Luft gleitende Mikroben auch für die großen Infektionskrankheiten verantwortlich sind.13 Aus diesen Entdeckungen und wissenschaftlichen Erfolgen bezieht er im wesentlichen seine Sicht der Bakteriologie. lautet seine Devise. dadurch würden das Aroma und die Blume des Weins nicht beeinträchtigt.14 -2 4 - . Kaum aus dem Krankenhaus entlassen. Ohne die geringsten Vorkenntnisse übernimmt Pasteur die Leitung der staatlichen Kommission zur Aufklärung dieser Krankheit. daß ein einzelliger Parasit und die schlechte Ernährung der Raupen ihr Sterben verursachen. Während dieser Zeit sterben zwei seiner drei Töchter. Ab seinem 46. vor. Er vertieft sich mit nahezu manischer Besessenheit in dieses neue Metier.12 Als nächsten Problemfall nimmt sich Pasteur ab 1865 die Seidenindustrie und ihr wichtigstes Nutztier. Pasteur glaubt. Nach dreijähriger Arbeit findet er heraus.Grad erhitzt werden. alle durch Schmarotzer verursachten Erkrankungen von der Oberfläche der Erde zu vertilgen«. Keimfreie Irrtümer Pasteur. Damit war die Pasteurisation entdeckt. Erst die Gegenwart von Bakterien löse das Gewebe auf und zersetze es.

So lehrte die Koch-Gruppe. Daß sie in der Luft lauerten oder im Straßengraben oder im Vorratsschrank. daß von seiten der neuen Wissenschaft diese Gefahr bewußt oder unbewußt stark übertrieben wurde. Schon die Geburt war per Kaiserschnitt durchgeführt worden. Diese Angst wurde auch noch dadurch weiter geschürt. Pasteur »entdeckt« das Impfen Etwa zu jener Zeit. Er sucht im Frühjahr 1879 nach den Ursachen der Hühnerpest.16 Und das.15 Solche komplexen Zusammenhänge überstiegen den Horizont der aufstrebenden Bakteriologie aber bei weitem. wo in Wahrheit nahezu 100 Prozent der Bevölkerung Träger der Tuberkelbazillen waren. als Robert Koch in Berlin an der Entdeckung des Tuberkulosekeims arbeitet. Die damaligen Wissenschaftler waren überzeugt. zu einer Zeit. Dann wurden sie in aseptischen Käfigen gehalten und mit sterilem Futter und destilliertem Wasser gefüttert. daß die Bazillen allgegenwärtig seien. um den Organismus gesund zu halten. Daraus folgt. kommt Pasteur – wie üblich eher zufällig – zur Immunologie und damit zur praktischen Anwendung der neuen Lehre. daß man den Kranken auswich.Wie sehr Pasteur mit seiner Verteufelung der Bakterien irrte. mit der Erforschung des Keims der Grundursache allen Übels auf der Spur zu sein. Als er im Herbst wieder zur Hühnerpest -2 5 - . zeigen einige drastische Experimente. Sie übertraf die bis dahin bestehende Ansteckungslehre bei weitem. wie spätere Untersuchungen zeigten. Die damals entstehende bakteriologische Anschauung von Krankheiten führte in der Öffentlichkeit zu einer deutlich bemerkbaren Bazillenangst. Bereits nach wenigen Tagen starben alle Versuchstiere. Denn hier mußte man nur darauf achten. daß die Aufnahme eines einzigen Tuberkelbazillus stets Tuberkulose verursache. isoliert die Erreger und wird dann durch anderweitige Aufgaben in seinen Studien unterbrochen. daß eine gewisse »Kontaminierung« mit Bakterien absolut erforderlich scheint. So wurden Tiere in absolut keimfreier Umgebung gehalten. nun aber hieß es.

Der englische Arzt Edward Jenner hatte den Volksaberglauben. Doch sie erkranken nicht. will er mit den Bazillenkulturen. könnten alle Hühnerhalter ihre Tiere vorbeugend impfen. Nun aber war Pasteur auf die richtige Spur gestoßen und von der Faszination des Impfgedankens augenblicklich gefangen. 17 Der inzwischen 58jährige Chemiker ist überzeugt. eine neue Gruppe von Versuchstieren anstecken. kann er nicht so viel »fressen« und wird wieder ausgeschieden. die den ganzen Sommer im Labor gelegen hatten. überfallen sie einen Wirt und fressen ihn mehr oder weniger auf. Die meisten erkranken und sterben rasch. Abermals will er eine Reihe von Hühnern anstecken. Statt vom Zufall abhängig zu sein. die Lösung für ein Rätsel der Natur gefunden zu haben: Wenn Keime frisch und gesund sind. ernst genommen und bereits 1798 einen Pockenimpfstoff entwickelt. Fast ein Jahrhundert lang bleibt dies der einzige Impfstoff. Und die verlockende Aussicht an diesem Konzept: Es müßte. Das befallene Tier – oder der Mensch – stirbt. auf viele Krankheiten und in der Folge auch auf Menschen anwendbar sein. so Pasteurs Theorie.zurückkehrt. aber sehr schwacher Erreger einen Wirt überfällt. Dessen Organismus sei aber fortan immun gegen Invasionen -2 6 - . Die Verblüffung der Forscher ist groß. Da er den Auslöser der Hühnerpest im Labor züchten konnte. wäre es ja durchaus auch möglich. noch bevor er sein Opfer töten konnte. eine Infektion mit Kuhpocken würde vor den viel gefährlicheren »Blattern« schützen. Wenn hingegen ein lebender. Jene Tiere. Damals jedoch war allein der Begriff Impfung ein exotischer Fachausdruck und exklusiv für die Pocken reserviert. daß wir diese Tiere geimpft haben!« Heute scheint diese Entdeckung banal. den Impfstoff industriell herzustellen. widerstehen jedoch abermals. Pasteur hält die alte Kultur für verdorben und besorgt sich frische Bazillen von einem der vielen in den Landwirtschaften der Umgebung vorkommenden Ausbrüche der Geflügelpest. Schließlich schlägt sich Pasteur mit der Hand vor die Stirn und ruft aus: »Seht ihr denn nicht. die zuvor mit der alten Kultur infiziert worden waren.

Viele der geimpften Versuchstiere sterben.18 Und Sauerstoff sei ein ideales Mittel. Pasteur verteufelt auch Chamberland gegenüber diese These.von »gesunden Verwandten dieses Keims«. und er wolle darüber nicht weiter diskutieren. daß ein antiseptischer Kaliumzusatz möglicherweise keine so schlechte Idee sei. Hier aber versagt das Prinzip. Im Gegenteil. Auch hier will er seine Technik der Abschwächung der Bakterien anwenden. Schließlich wendet sich Pasteur dem Milzbrand zu. die Milzbrandbakterien sauber zu isolieren. schloß Pasteur nach der zufälligen Entdeckung seiner Hühnerpestimpfung. die Keime zu töten: durch Erhitzen. Pasteur beauftragt seinen Mitarbeiter Charles Chamberland. Seine Sauerstoffmethode sei diesem Unfug bei weitem überlegen. Daß ein toter -2 7 - . aber auch gegen die Krankheit schützen. Pasteur hält jedoch stur wie immer an seiner These fest. die so klein sind. daß sie kontrolliert zur Immunisierung verwendbar werden 19: Ein und dieselbe Mikrobe kann töten. widerstehen dem Einfluß des Sauerstoffs und bleiben großteils aktiv. Chamberland erprobt seinerseits die Rezeptur und berichtet seinem Chef. diese Schwächung herbeizuführen. sich des Problems anzunehmen. Dazu setzt er sie abermals der Luft aus und nennt dies »Sauerstoff-Attenuierung«. Mehr als drei Jahre forscht er mit seinem Team an diesem Problem. Er experimentiert mit mehreren Methoden. Große Hilfe bekommt Toussaint nicht. und wendet sich deshalb an seinen berühmten Wissenschaftlerkollegen um Hilfe. mit Hilfe von Kaliumbichromat und mit dem Zusatz von Karbolsäure. daß er sie mit den damals gebräuchlichen Mikroskopen noch nicht sehen konnte. Was er nicht weiß: Die Sporen des Milzbrands. Ein Konkurrent tritt auf Der junge Forscher und Veterinär Jean-Joseph Toussaint arbeitet zur gleichen Zeit an der Herstellung eines Totimpfstoffs. Allerdings hat er Schwierigkeiten. verlieren so viel an Kraft. Lange abgelagerte Mikroben.

was sein geheimnisvoller Milzbrandimpfstoff wirklich könne. Denn die wissen ja. Sofort findet die Idee Zustimmung. was ich bislang über Viren. hat gegenüber universitären und staatlichen Stellen zu vehement auf hohe finanzielle Beteiligungen gedrängt. Außerdem hat er nie verraten. der sich nur -2 8 - . wie er seinen berühmten Hühnerpestimpfstoff eigentlich erzeugt hat. die er streng geheim hält und die nicht einmal seine engsten Mitarbeiter einsehen dürfen. »Das kann ich nicht glauben. sein Lebendimpfstoff sei durch Sauerstoff abgeschwächt. Denn das. was Sie hier berichten. Hin und her gerissen zwischen Blamage und Gewissen. Denn hier ist plötzlich verdächtig oft von Kaliumbichromat die Rede. bietet sein Landgut an und stellt fünfzig Schafe zur Verfügung. Jean-Joseph Toussaint hingegen hat die Frechheit besessen. In Wahrheit nimmt er den von Chamberland bearbeiteten Totimpfstoff. In seinen privaten Laboraufzeichnungen. Impfstoffe und alles andere zu wissen glaubte. durchaus kein Freund von Pasteur. wie unzuverlässig die Sauerstoffmethode arbeitet und wie wenig sie in Wahrheit taugt.Keim noch zu irgend etwas nützen könnte.«20 Taschenspielertricks Der Druck der Geldgeber steigt: Pasteur möge doch endlich öffentlich beweisen. Der reiche Veterinär Hippolyte Rossignol. sogar an der Akademie von seinem Milzbrandimpfstoff zu erzählen. zutiefst getroffen in seiner Ehre und aufs schärfste h erausgefordert. sagt sofort zu – zum Entsetzen seiner Mitarbeiter. bis ich es gesehen habe. Und Pasteur hatte ihn verhöhnt. Pasteur hat in den diversen Gremien scheinbar zu oft von den geheimen Waffen seines Labors geschwärmt. sieht er als absoluten Unfug an. Und Pasteur. Öffentlich verkündet er. entscheidet sich Pasteur schließlich für den persönlichen Vorteil. vor allem seit das Damoklesschwert Pouilly-le-Fort über ihm schwebt. wirft alles über den Haufen. scheint ihm die These aber wesentlich weniger absurd.

Der Bedarf ist gewaltig. andere erkranken trotz Impfung. Pasteur gibt schließlich die Suche nach dem Erreger auf. Damit – so hofft er – könne es seinen Landsleuten gelingen. Haß auf Deutschland Mehr Sorgen macht Pasteur die wachsende Konkurrenz der Berliner Forschergruppe um Robert Koch. Seine Erfindung der Konservierung von Bier läßt er 1873 patentieren. Pasteurs Optimismus aber bleibt ungetrübt.3 und einem Prozent. Er verwendet einfach die lebenden Zellen der für Tollwut empfänglichen Versuchstiere als Nährlösung. Er überträgt dasselbe Prinzip. den Jean-Joseph Toussaint entwickelt hat. Im Jahr 1894 werden beispielsweise 3.4 Millionen Schafe und 438000 Rinder geimpft.unwesentlich von jenem unterscheidet. Anstelle der Anzucht der Bazillen in steriler Nährlösung verfällt er auf eine pragmatische Notlösung. füllen sie in Gläser und ziehen impfend durch Frankreich und Europa. wird aus Pasteurs kleinem Labor eine Impfstoffabrik – und er beginnt mit der Großproduktion der ungeprüften Sauerstoffvariante. und gibt 1871 nach dem Deutsch-Französischen Krieg die Ehrendoktorwürde der Universität Bonn zurück. Der Wettstreit mit den deutschen Bakteriologen zeigt von Beginn an stark nationalistische Züge. 21 Und bald impft er die ersten Menschen. den Erreger zu finden. auf die Tollwut. Seine Assistenten produzieren Unmengen abgeschwächter Milzbranderreger. Die Sterblichkeit durch die Impfung liegt zwischen 0. Pasteur selbst erklärt. Doch es ist kein ungetrübter Siegeszug. Als die Erfolgsmeldung um die Welt geht. die überlegene deutsche Brauindustrie einzuholen. auf das er beim Milzbrand setzte. -2 9 - . da die Tollwut von Viren verursacht wird und diese viel kleineren Organismen für ihn ebenso unsichtbar sind wie die Milzbrandsporen. mit seinen Forschungen »Rache« nehmen zu wollen an dem verhaßten Nachbarn. Diesmal hat er keine Möglichkeit. Tausende Tiere verenden nach der Impfung an Milzbrand.

Pasteur hat Koch diese Attacken nie verziehen. erklärt er. 23 -3 0 - . Aber erst Pasteur führt diesen Beweis zu Ende. daß er schriftlich antworten werde. berichtet er von seinen Analysen. 22 Der große Gegenspieler Das tut er dann auch: Die Impfstoffe des französischen Konkurrenten. das keine Bazillen enthält. Statt Pasteurs Beitrag anzuerkennen.und Mikroskopietechnik mit einem verbesserten Zuchtverfahren auf Nährplatten faßt ihn der Franzose ergriffen an der Hand und meint: »C’est un grand progrès. der Milzbrand auf andere Tiere übertragen werden kann. nur über die Erfolge zu berichten.Nach Pasteurs Methode gebraute Biere sollen auf seinen Wunsch hin »Biere der nationalen Revanche« heißen. Es geht im Kern um die Beobachtung. Internationalen Medizinischen Kongreß im Sommer 1881 in London treffen sich Koch und Pasteur persönlich. daß dafür die Sporen des Milzbrandbazillus verantwortlich sind. Er greift dessen Arbeit an und bezeichnet sie als technisch unzulänglich und wertlos. Die beiden verstricken sich in eine wütend geführte öffentliche Debatte über die Rolle des Milzbrandbazillus. wird Koch polemisch. Und es sei nicht redlich. Robert Koch sitzt im Publikum. Ein Prinzip. Pasteur selbst hält er vor. Beim 7. Koch zeigt. Monsieur!« Doch der Frieden währt nicht lange. Als Pasteur ihn siegessicher zur Diskussion auffordert. Angesichts Kochs Vorführung neuer Fotografie. daß auch mit dem Blut von Schafen. steht der um 21 Jahre jüngere Deutsche kurz auf und sagt knapp. nicht aber über die Mißerfolge. das Millionen Menschen retten könne. Die vernichtenden Ergebnisse seiner Milzbrandimpfaktion verschweigt er. sondern voll von allerlei Kleinstlebewesen. 1882 referiert Pasteur in Genf auf einem Medizinerkongreß. seien keineswegs rein. Noch kurz vor seinem Tod im Jahr 1895 lehnt Pasteur sogar den hohen preußischen Orden »Pour le Merite« ab. Das Prinzip der Impfung sei gefunden. n icht einmal ausgebildeter Arzt zu sein.

Anzeigepflicht. Desinfektion. Damit nahm er also eine ganze Bevölkerung für die Seuchenbekämpfung in Beschlag. 24 -3 1 - . Kochs Schule setzte auf bakteriologische Überwachung. Isolation von Bazillenausscheidern und die Ausschaltung der Krankheitserreger.Hinter der persönlichen Kontroverse steckte auch ein recht grundsätzlicher Unterschied der beiden wissenschaftlichen Denkschulen: Pasteur betrieb Immunisierung und zielte auf den Schutz von Individuen.

hatte es nach seinen ersten fünf Berufsjahren satt. 25 Der junge Mann. sollten die gesamten Rücklagen der Familie in ein Mikroskop investiert werden. um auf Mikrobenjagd zu gehen. dann dort ein Rind und gelegentlich auch ein Mensch urplötzlich erkrankt -3 2 - . Denn er gehört zu jener kleinen Minderheit der Mediziner. jener rätselhaften Seuche. mit der die Familie gelegentlich aus der 4000-Seelen-Gemeinde nach Breslau und Koch zu seinen Patienten in der ländlichen Umgebung auf Hausbesuch hätte fahren können. so hatte seine Frau Emmy entschieden. die Wein zu Essig und Seidenraupen krank machten. an der einmal hier zehn Schafe. 26 Koch verbringt bald die meiste Zeit im Labor und delegiert die Patientenbetreuung an einen anderen Arzt. Zum 28. Schwindsüchtige zu trösten. weil er sie nicht heilen konnte. Er bastelte einen Inkubator.Ein preußischer Landarzt macht Geschichte Es war einer der trüben Dezembertage im ostpreußischen Wollstein. Koch benützt das Mikroskop. dann eine Dunkelkammer. die an Milzbrand verstorben sind. was er in die Finger bekommt. Dort betrachtet er alles. Louis Pasteur hatte schon einiges über Bakterien veröffentlicht. Geburtstag des Landarztes. Dezember 1871 sollte Robert Kochs Leben und die Medizin verändern. der wegen seiner extremen Kurzsichtigkeit erst bei der zweiten freiwilligen Meldung als Militärarzt im Krieg von 1870/71 gegen das verhaßte Frankreich akzeptiert wurde. denn die Fotografie war sein Hobby. hält nicht viel von theoretischen Arbeiten. und mitanzusehen. der in nur vier Jahren summa cum laude zum Doktor der Medizin promoviert wurde. doch nun trennte Koch das Ordinationszimmer mit einem Vorhang ab und richtete ein Labor ein. durch das Mikroskop. doch dieser 11. Im Blut von Schafen. Eigentlich war das Geld für eine Kutsche gedacht gewesen. Doch der penible Preuße. wie Kinder an Diphtherie erstickten. die fest davon überzeugt sind. daß Keime für die wichtigsten Erkrankungen verantwortlich sind.

Auch dieses Experiment wiederholt der Penible Preuße vielfach. in dem er die merkwürdigen Stäbchen gesehen hatte. bis er in der achten Generation immer neue Milliarden der Stäbchen gezüchtet hat. von seinem Ergebnis. den Keim. 2 8 Der Beginn der Bakteriologie Es gibt ihn also. Milzbrand werde von Mikroben verursacht. kann er eigenartige Stäbchen erkennen. Koch ist begeistert. zwischen zwei Glasplättchen die Stäbchen aus einem Stück Mausemilz bei der Vermehrung zu beobachten. Als es ihm auch noch gelingt. In der für Milzbrand typisch schwarz geschwollenen Milz der kleinen Nager findet Koch einige Tage später unter dem Mikroskop die gleichen Stäbchen wie im Blut des Schafes. hat er die Grundsteine der modernen Bakteriologie gelegt. daß diese winzigen Dinger die Krankheit tatsächlich verursachen. 27 Im Blut der gesunden Tiere ist keine Spur von solchen Stäbchen zu sehen. Der Nachweis. Koch schreibt Ferdinand Cohn. Nach fünf Jahren hinter dem Mikroskop steht er vor der Lösung. Die Faszination der großen Bilder Zu dieser Zeit hatten schon einige Mediziner behauptet. alle anderen Geräte für sein Labor bastelt er sich selbst. doch kaum jemand schenkte ihnen Glauben – sie konnten nicht beweisen. Mit seiner -3 3 - . Der Professor für Pflanzenphysiologie an der Universität Breslau lädt den 34jährigen Landarzt zu einer Demonstration ein. und solche »Bakteriden« auch im Mikroskop beobachtet. mit dem er schon länger in Briefkontakt steht.und stirbt. daß ein Erreger für das Entstehen einer Krankheit verantwortlich ist. die sich auch zu Ketten zusammenschließen. und sticht mit dem blutigen Span in die Haut von gesunden Mäusen. der auf Lebewesen übertragen zu einer Krankheit führt. Er taucht einen Holzspan in das Blut. Koch will genau diesen Beweis erbringen. ist erbracht. Er besitzt nur das Mikroskop und keinerlei wissenschaftliche Erfahrung.

Koch packt Mikroskop. und das Zerschneiden des Leichnams ergab immer neues Anschauungsmaterial. Gefäße. 33 Die Mediziner gingen mit grundverschiedenen Konzepten auf die Suche nach Ursachen und Therapien. Cohnheim ist so beeindruckt. wie die winzigen Stäbchen die Mäuse töten. Mäuse und Frösche. und der Landarzt zeigt den staunenden Doktoren. Dazu sorgten Scharlach. Die Zeit der großen Plagen An schrecklichen Plagen war zu dieser Zeit tatsächlich kein Mangel: Rund ein Drittel der Kinder erlebte den ersten Geburtstag nicht 31. sondern mit faßbaren Parasiten zu tun haben«. allein an dem großen Killer Tuberkulose starb fast ein Drittel der Menschen. 30 Ein einfaches Schema der Erklärung und Behandlung von Krankheiten steht am Beginn seines Siegeszugs.kompletten Ausrüstung. Chemie und Physik boten neue Untersuchungsansätze. alles stehen und liegen zu lassen. daß er seine Assistenten auffordert. Das Mikroskop hatte die Ärzte den Vorgängen im Körper zumindest um das 300fache nähergebracht. um Cohn und dem Pathologen Julius Cohnheim seine Experimente vorzuführen. einschließlich lebender Kaninchen. reist Koch per Eisenbahn und Kutsche nach Breslau. 29 »In Zukunft wird man es im Kampf gegen diese schrecklichen Plagen des Menschengeschlechts nicht mehr mit einem unbestimmten Etwas. Masernepidemien und Keuchhusten für zahlreiche Todesfälle unter Kindern. erklärt Robert Koch triumphierend. -3 4 - . Reagenzien und seine Mäuse aus und beginnt mit seinem Versuch. Auch etwa die Hälfte der Erwachsenen starb frühzeitig an Infektionskrankheiten. vor allem Diphtherie galt als »furchtbarer Würgeengel der herankommenden Geschlechter« 32. Die beiden Professoren helfen Koch bei seiner ersten Publikation. Bis zum nächsten Tag sind die Kulturen gewachsen. um »die größte Entdeckung auf dem Gebiete der Mikroorganismen« miterleben zu können.

deren Überwachung der Arzt übernimmt. Wichtige Abschnitte der Medizin »beziehen sich auf Verhältnisse des gesunden Lebens. um den Eintritt der Krankheit zu hindern«. »daß der Arzt nie vergessen solle. Jahrhunderts empfindlich gestört. An Anschauungsmaterial fehlte es ihm nicht. die Bevölkerungszahl etwa von Hamburg -3 5 - . der während seiner Laufbahn etwa 2000 Forschungsarbeiten veröffentlichte. denn der »Hungerszustand« führe zur Erschöpfung und »Resistenzlosigkeit« 34.« 35 Virchow war durchaus Naturwissenschaftler. Für ihn war die Zelle die Grundlage des Lebens und damit auch der Erforschung von Krankheitsursachen. Wohlstand und Freiheit sind die einzigen Garantien für die dauerhafte Gesundheit. identifizierte er »die allgemeine Hungersnot« als Ursache für die Krankheiten. Der Pathologe Rudolf Virchow war wohl der prominenteste Sozialmediziner dieser Zeit. Die Städte wuchsen wie heute die Metropolen der Dritten Welt: Die Anzahl der Städte mit mehr als 100000 Einwohnern stieg in vier Jahrzehnten von acht auf 48. Erst das »Gleichgewicht der Funktionen« bedeute Gesundheit. wie die »Jungen Wilden der Bakteriologie« sich mehr und mehr von diesem Weg entfernten: Im Januar 1875 faßte er in einem Vortrag beim Hamburger Verein für Kunst und Wissenschaft seine Kritik zusammen: Er warnte. den kranken Menschen als Ganzes aufzufassen«. 36 Und dieses Gleichgewicht war im Deutschland des 19. Gut 50 medizinische Diagnosen – von der Leukozytose über die Embolie bis zum Sarkom – gehen auf die Beobachtungen und Klassifizierungen des agilen Pathologen zurück. Als er etwa im Februar 1852 im Auftrag des Innenministers den Spessart besuchte. Der Naturforscher Virchow wollte aber den ganzheitlichen Ansatz nicht aus den Augen verlieren und beobachtete immer skeptischer. Sein Bericht schließt mit den Worten: »Bildung.Virchows Sozialmedizin Doch der Arbeitsbereich dieser breiten Bewegung endete nicht an der Labortür. der von einer Choleraepidemie geplagt wurde.

Regen. wurde Koch nach Berlin gerufen und bekam eine Stelle als Beirat am Reichsgesundheitsamt. Und der prominente Pathologe – selbst auch Abgeordneter im Reichstag – setzte sich gemeinsam mit seinen Gesinnungsgenossen durch: Auf sein Betreiben erhielt Berlin als eine der ersten europäischen Großstädte eine Wasserleitung und eine Kanalisation. Die bis zu Beginn des 19. aber auch die Abwässer der Handwerker vermischten sich mit dem Schlamm der Straßen und überfluteten gelegentlich die Keller. drei Jahre später. war jedermanns Sache – oft waren die Hinterhöfe stinkende Mülldeponien. 37 Die meisten Straßen waren unbefestigt und verwandelten sich bei schlechtem Wetter in schlammigen Morast. Ruhr. jene von Leipzig wuchs sogar auf das Sechsfache an. die Cholera spielte kaum noch eine Rolle. für ihn gehörte die Erhaltung der Gesundheit zu den selbstverständlichen Aufgaben des Arztes. Oft wurden Fäkalien in undichten Sickergruben unmittelbar neben den Brunnen gelagert. Der menschliche Organismus war diesen Lebensumständen nicht lange gewachsen. 4 1 Die Folgen waren binnen weniger Jahre spürbar: Typhus. 38 Auch in Berlin mit seiner Million Einwohner besaß nur ein Viertel der Häuser Wasserklosetts. die allesamt ebenfalls als Wohnraum benutzt wurden. 1880. Was mit dem Hausmüll geschah. Jahrhunderts unbekannte Cholera trat plötzlich in Epidemien auf. Jeder zweite der Tausenden von Infizierten starb an der Krankheit. Politik als Medizin Virchow sah die Zusammenhänge.und Schmutzwasser. Rinnsteine und zumeist offene Kanäle waren zu schmal.verdreifachte sich. Darmkatarrh und Brechdurchfall bei Kindern gingen deutlich zurück. 40 Politik war für den engagierten Liberalen demnach folgerichtig »Medizin im Großen«. 39 Auch Typhus und Fleckfieber forderten ihre Opfer. um die steigenden Abwassermengen aufzufangen. Aborthäuser beherrschten das Stadtbild. 1877 war der erste Abschnitt der Berliner Kanalisation fertiggestellt. Sein nächstes Ziel -3 6 - .

für Hamburgs Bürger in der niedrigsten Steuerklasse mehr als sechzehnmal so hoch war wie für jene in der höchsten Steuer. und doch waren Häufungen erkennbar. die in raschen. kam ihm nicht in den Sinn. Der Siegeszug der Tuberkel Nun. wurde schon relativ früh vermutet. daß das Risiko. Tuberkulose wurde romantisch verklärt: Das schmale. Schon 1717 hatte der Londoner Mediziner Benjamin Marten erstmals die Vermutung veröffentlicht. an Tuberkulose zu sterben. Und 1865 gab -3 7 - .und damit Einkommensgruppe.verfolgte er nicht weniger emsig als die Suche nach den Milzbranderregern: Er wollte die Mikroben finden. Im Volksmund galt sie als »Proletenkrankheit«. allerdings trat sie dort nur recht selten auf. scheinbar beliebig. daß sie für alle Bevölkerungsschichten zum Killer Nummer eins wurde. 44 Sie verbreitete sich offenbar anders als Cholera und Ruhr. daß ein winziger. weiße Gesicht der Kranken wurde zum Schönheitsideal. Sie befiel einzelne in einer Gruppe. Daß Tuberkulose eine soziale Erkrankung sein könnte. in den rasch wachsenden Industriestädten. 43 Auch Hippokrates kannte die Schwindsucht. Tuberkulose wurde zum Kulturgut: Die Heldinnen von »La Traviata« und »La Bohème« sterben an der Schwindsucht. dramatischen Epidemien für Angst und Schrecken sorgten. 45 Dennoch war Tuberkulose so verbreitet. war die Schwindsucht plötzlich Todesursache Nummer eins: Jeder dritte Erwachsene starb vorzeitig an ihr. und auch die Zahlen boten genug Anlaß zur Nachdenklichkeit: Eine Statistik der Stadt Hamburg ergab. Mikroorganismen könnten die seltsame Erkrankung verursachen. tückischer Mörder auch für diese Krankheit verantwortlich sein mußte. Daß sie infektiös sein könnten. Er gab den Knötchen in der Lunge den Namen tuberkulomas und hielt sie eher für die Ursache als für die Folge der Erkrankung. die Tuberkulose verursachen. 46 Für die Mikrobenjäger war klar. 42 Tuberkulose war keine neue Krankheit: Schon im alten Ägypten war sie bekannt.

wie die Tiere ebenfalls erkrankten. wie sich Inselchen kranken Gewebes bildeten. Professor Cohnheim. Im Gewebe von Mäusen. 5 0 Nun war er sicher. das Gewebe des Toten einzufärben. 48 Der Triumph der Gründlichkeit Koch hatte Cohnheims Experiment studiert. als er Lungenstücke von Kranken ins Auge von Kaninchen setzte: Da konnte er wie in einem Glasfenster beobachten. Er besorgte sich Tuberkel aus dem Körper eines jungen Arbeiters. der Breslauer Pathologe. seine beiden Assistenten. Doch Koch konnte auch durch sein neues. Hühnern. daß niemand sie sehen konnte. dann konnte er in deren ebenfalls gefärbtem Gewebe wieder die gleichen Fäden nachweisen. besseres Mikroskop nichts sehen. Katzen. 49 Mit diesem gefährlichen Stoff arbeitete er allein. hirsekorngroßen Flecken durchsetzt war. 47 Doch die Bazillen waren offenbar so klein. beschäftigten sich mit der Jagd nach den Erregern von Diphtherie und Typhus. zwei Militärärzte. sogenannte Tuberkel. Dann gelang im Blutserum endlich der Versuch. Und er hatte mit der Einfärbung und der Mikrofotografie die -3 8 - . konnte er winzige blaue Fäden erkennen.es den ersten Beweis dafür: Der französische Militärchirurg Jean-Antoine Villemin hatte bei Kaninchen Tuberkelteile aus der Lunge verstorbener Patienten in kleine Wunden eingebracht und beobachtet. Koch blieb seinen Grundsätzen. der in nur drei Wochen von der Seuche dahingerafft worden war und dessen Leiche von den gelblichgrauen. Dutzende Kaninchen und Meerschweinchen wurden infiziert. treu. hatte zumindest Spuren davon gesehen. Wie besessen experimentierte Koch monatelang weiter. Aber im Gegensatz zu den Stäbchen bei Milzbrand ließen sich die Fäden in all den Nährlösungen nicht vermehren. die später zum »Kochschen Postulat« werden sollten. Affen und sogar Rindern fotografierte der penible Jäger durch das Mikroskop 43 verschiedene Spielarten der Fäden. Kaninchen. Meerschweinchen. die der Arzt bereits ersonnen hatte. Erst als es ihm nach langen Versuchen mit vielen Chemikalien gelang.

und zeigt als Beweis seine Fotos. als Robert Koch das Tuberkelbazillus fand. aber nur. Paul Ehrlich ist da und auch Virchow. Am 24. 52 Virchow zweifelt nicht daran. zu der Zeit. mußte einen anderen Grund haben. Der kleine Jäger teilt ihnen mit. und von einer wirksamen Behandlung ist noch keine Spur zu sehen. daß sich dennoch die simple Mikrobenjagd durchsetzen würde. ihre Kleider und Bettwäsche verbrannt – vergeblich. 1840 starben in England noch 348 Menschen pro 100000 Einwohner an der Schwindsucht.Technologie gleich mitentwickelt. Doch es kommt keiner. Prompt sind nach Kochs Entdeckung ganze Heerscharen von Mikrobenkriegern im Einsatz: Die Wohnungen der Erkrankten werden desinfiziert. Und er ahnt. und die Fachwelt klatscht fast einhellig Applaus. was er herausgefunden hat. waren es gerade noch 202. starben in einem Jahr unvorstellbare 1120 von 100000 Einwohnern an der »Proletenkrankheit« 53. Virchow steht zwar auf. Dann wartet er auf Widerspruch. in den zwei Jahrzehnten vor 1800. 5 4 -3 9 - . März 1882 versammelt sich in dem kleinen Lokal der Physiologischen Gesellschaft in Berlin die Crème der deutschen Krankheitsbekämpfer. die Krankheit verbreitet sich dennoch. denn dieser Rückzug hatte früher begonnen. Daß die Tuberkulose sich trotzdem allmählich zurückzog. Er ist jedoch überzeugt. um den Hut zu nehmen und zu gehen. Schlagzeilen in der Londoner Times und der New York Times sorgen für allgemeine Publizität. daß Bakterien bei der Entstehung und Verbreitung der Tuberkulose eine Rolle spielen. Zu Beginn der industriellen Revolution. mit der er den Beweis seiner Thesen plausibel und sogar für Laien verständlich darlegen konnte: echte Fotos von echten Killern. daß weitere Faktoren ebenfalls wichtig seien.51 Die Weltsensation Selten hat eine medizinische Entdeckung so viel Jubel ausgelöst.

5 7 Die Sozialmediziner zweifelten nicht an Kochs Verdienst – selbst wenn sich seine und der Keimjägergefolgschaft Grundannahme. die Bazillen zu züchten. als grundfalsch erweisen sollte. um sie zu töten. auf der Haut. die in winzigen Wassertröpfchen der Atemluft in der Luft zirkulieren. Doch was es genau ist. die Ansammlung von Staub und unhygienische Lebensbedingungen wurden ebenfalls als schädliche Einflüsse identifiziert. Das Immunsystem der überwältigenden Mehrheit der Menschen ist stark genug. Und selbst viele krankmachende Bakterien machen sich lange Zeit nicht unangenehm bemerkbar. Denn die Mikroorganismen. schon Sonnenlicht reichte zur Vorbeugung. im Kopf. Schon geringe Mengen ultravioletten Lichts genügten. erwiesen sich als hochsensibel. um die Angreifer relativ rasch außer Gefecht zu setzen. 55 Virchow war überzeugt. Tuberkulose zu bekommen. Der Mensch trägt M illiarden Bakterien mit sich herum – nützliche im Mund. der gesunde Organismus sei frei von Keimen. im Darm. die manche Mediziner für erfolgreich hielten. warum Koch so lange Probleme hatte. das diese Mehrheit in die Lage versetzt. Deshalb waren auch dunkle Kellerwohnungen gefährlich. mit den Mikroben fertigzuwerden. an Tuberkulose zu erkranken. Die Internierung von Erkrankten. ist bis -4 0 - . die um den gleichen Prozentsatz übergewichtig sind. ist bei weitem noch nicht dazu verurteilt. daß vor allem die deutliche Verbesserung der Ernährungssituation den Killer zurückdrängte. als jene. hat in Wahrheit nur einen winzigen Prozentsatz der Infizierten betroffen und kann daher kaum für die Zurückdrängung der Krankheit maßgeblich gewesen sein.Was aber war der Grund für den drastischen Rückgang? Eine wirksame Behandlung gab es nicht. Auch wer die Tuberkelbazillen einatmet. 56 Der Mangel an Licht und Luft in den Wohnungen der städtischen Unterschicht. Nur fünf bis acht Prozent der Infizierten erkranken tatsächlich. Moderne Studien haben diese These bestätigt: Menschen mit nur zehn Prozent Untergewicht haben ein dreifach höheres Risiko. Aber es zeigte sich auch.

Die medizinische Forschung hat sich über gut 150 Jahre lieber damit beschäftigt.heute nicht bis ins Detail erforscht. wie man die Mikroben findet und vernichtet – und dabei letztendlich weitgehend Schiffbruch erlitten. -4 1 - .

Sie kam aus Asien. Es war eine von Pferden abhängige Gesellschaft. Vom Mist der Tiere und vom Kot der Menschen lebten die Straßenreinigungskonzessionäre. Kaufleute einer bedeutenden Messe in Nischnij Nowgorod verbreiteten sie weiter. Die Cholera war für die Europäer zu Beginn der dreißiger Jahre des 19. Pferdestraßenbahnen. 1829 trat sie am Südrand des Urals in Orenburg auf. Über die neu geschaffenen schnellen Verkehrsmittel. wo sie in manchen Gegenden. speziell über das Netz des British Empire. und im September 1830 erreichte sie wolgaaufwärts Moskau. Viele Menschen hielten sich Hühner in Verschlagen. binnen weniger Monate grassierte sie in ganz Mitteleuropa. 58 Überall lagen Exkremente auf den Straßen. sogar eine Konzessionsgebühr zahlen. die hier lebten. Dazu kamen Unmengen an Kleinvieh. Den Dung verkauften sie an die Bauern des Umlands. Jahrhunderts etwas gänzlich Neues. die Straßen von den Abfällen zu säubern.Der Wettlauf um die Cholera Was einem modernen Menschen vor allem auffiele. Enten liefen im Hinterhof herum. sogar Schweine und Schafe wurden gehalten. würde er durch europäische Großstädte des 19. In Hamburg standen noch 1892 in den Stallungen der Innenstadt und der Vorstädte 12000 Pferde. 1831 hatte die Epidemie den Ostseehafen Riga erreicht. seit langem bekannt war und regelmäßig auftrat. -4 2 - . etwa in Indiens Großstädten. gelangte die Seuche auch in die europäischen Städte. Ein ideales Umfeld für Seuchen. Pferdeomnibusse verkehrten. Das Wasser kam aus Gemeinschaftsbrunnen oder wurde direkt den Flüssen entnommen. Dorthinein flossen auch die Abwässer. Droschken und Kutschen. Reiten war für weite Teile der Bevölkerung selbstverständlich. Sie mußten den städtischen Behörden für das Recht. In den rasch wachsenden Industrierevieren lebten die Arbeiter und Tagelöhner auf engstem Raum unter abenteuerlichen sanitären Verhältnissen. Jahrhunderts wandern. wäre die ungeheure Anzahl an Tieren.

Zum einen gab es die Lehre von der Existenz ansteckender Stoffe (Contagien). Danach werden sie ihrer Umgebung gegenüber immer gleichgültiger. die Augen liegen tief in den Höhlen und blicken stumpf. im Extrem binnen fünf Stunden ablaufen. In diesem Stadium kommt es etwa in der Hälfte der Fälle. Das Rätsel der Ursachen Über die Ursachen der Cholera und ihre Verbreitung gingen die Meinungen diametral auseinander. wozu auch das Gefühl einer leichten Taubheit gehört. geht unter anderem auf die Pestärzte des 16.oder Nieren versagen. Jahrhunderts jedoch zogen zahlreiche wissenschaftlich ausgebildete Mediziner die Contagienlehre ernsthaft in Zweifel. Schmerzhafte Muskelkrämpfe martern die Opfer und lassen sie immer wieder zusammenzucken.Ein Choleraopfer empfindet anfangs ein unbestimmtes Unwohlsein. Hände und Füße sind eiskalt. Eine zweite Theorie sah örtliche Gegebenheiten als wichtig für den Ausbruch von Krankheiten an: Ausdünstungen aus verseuchtem Grundwasser und Boden. Die Haut wird blau und »wellig«. Dem folgt schnell ein Stadium heftiger und langanhaltender Anfälle von Erbrechen und Durchfall. Auch die Miasmatheorie wurzelt in der Pestmedizin des Mittelalters. Jahrhunderts zurück. bis das Endstadium erreicht ist. zum Tod. Die Opfer verlieren bis zu einem Viertel ihrer Körperflüssigkeit. meist durch Herz. sogenannte Miasmen. Die Ausscheidungen gleichen schließlich einem milchig wässrigen »Reiswasser«. Jahrhunderts hatte die Miasmalehre dadurch an -4 3 - . Darauf folgt dann der Zusammenbruch: Das Blut verdickt sich. In den dreißiger Jahren des 19. welche die Luft vergifteten. Zu Anfang des 19. so daß der Kreislauf nicht mehr funktioniert. Gewöhnlich dauert es aber drei bis vier Tage. Sie ist schon recht alt. das Einatmen verseuchter Luft und das Tragen kontaminierter Kleidungsstücke vermuteten. die eine Übertragung durch Berührung. Der gesamte Krankheitsverlauf kann blitzartig. Malaria bedeutet beispielsweise »schlechte Luft« und wurde den Ausdünstungen sumpfigheißer Landstriche zugeschrieben. obwohl nicht alle das Bewußtsein verlieren.

L. Petersburg nach Deutschland drangen. und die Kampfrichter legten ihr Amt nieder. Sternheim auf der Seite der Contagionisten und Heinrich Wilhelm Buek auf der Seite der Anhänger der Miasmalehre.« 59 Krieg und Rebellion Als die Krankheit erstmals Europa erreichte. die Geheimniskrämerei und die Zwangsmaßnahmen weckten bei vielen einfachen -4 4 - . Schon während die beiden Hauptredner.Glaubwürdigkeit gewonnen. wurde alles an Zwangsmaßnahmen aufgeboten. Das Habsburgerreich verhängte scharfe Quarantänemaßnahmen. Anschließend sollte eine Abstimmung die weitere Haltung des Ärztlichen Vereins in dieser Frage festlegen. Das gehäufte Auftreten fremder Ärzte. was möglich war. In Rußland riegelte Militär die verseuchten Gebiete ab. artete die Veranstaltung aus. Bei einem Argumentationsduell im Hamburger Ärztlichen Verein wurden gleich drei Kampfrichter aufgeboten. S. Der Kampf zwischen beiden Schulen wurde unerbittlich geführt – um so mehr. Es kam zu regelrechten Gewalttätigkeiten. ihre Ansichten vortrugen. Als 1831 die ersten Nachrichten vom Auftreten der Cholera in europäischen Städten wie Königsberg. so »daß sie selbst von den drei vom Verein eingesetzten Kampfrichtern nicht mehr in parlamentarischen Schranken gehalten werden konnten. Warschau oder St. als bald auch in Deutschland die ersten Opfer gezählt wurden. die auf Objektivität achten und das aufgeheizte Publikum ebenso im Zaum halten sollten wie die Diskutanten. daß die angesehenen Mediziner Benjamin Rush und Daniel Webster sie als plausibelste Erklärung für die Gelbfieberepidemien in den USA vorgeschlagen hatten. Eine ganze Anzahl britischer Ärzte in Indien sah dies auch als Ursache der Cholera. diskutierte die gespaltene Ärzteschaft heftig über die Vorzüge der jeweils eigenen Theorie. Der Streit wurde deshalb abgebrochen. Opfer wurden von ihren Familien getrennt und in speziellen Cholerabaracken isoliert.

Militär wurde gerufen. Die Trauergemeinde stürmte das Polizeirevier und warf alles Mobiliar auf die Straße. Man munkelte. Desinfizieren und der riesige Markt von Wundermitteln Wirkung zeigten.Bürgern die Überzeugung. sollten sofort geräumt und desinfiziert werden. Es hieß. die Ärzte bekämen drei Taler Belohnung für jeden Choleratoten. daß viele wohlhabende Stadtbewohner. Diese Gerüchte wurden um so mehr geschürt. Die Gerüchte wurden um so intensiver. sobald eine Epidemie auftrat. Häuser. in denen die Cholera auftrat. Zur schlechten Stimmung in der Bevölkerung trug außerdem bei. Sieben Personen wurden getötet. Schließlich eröffnete das Militär das Feuer auf die Aufständischen. und unter ihnen offenbar viele Ärzte. in denen die Cholera auftrat. die Flucht ergriffen und die Städte verließen. die Quarantänemaßnahmen verhängen wollten. eine große Zahl verwundet und 177 festgenommen. das Ausräuchern. Die Menge strömte in die Vorstädte. Als die Cholera in Preußen auftrat. je weniger die drastischen Quarantänemaßnahmen. In ganz Deutschland wurden spezielle Cholerakrankenhäuser geschaffen. Schließlich versuchten die Behörden. In regulären Krankenhäusern. wurden keine Patienten mehr entlassen und keine mehr -4 5 - . war die Reaktion ähnlich. Darin warben sie für ihre Maßnahmen und baten die Bevölkerung um Mithilfe und die Meldung von Krankheitsfällen. als die Polizei die Beisetzung eines Choleratoten auf dem Stadtfriedhof verweigerte und ihn vielmehr in einer Seuchengrube bestatten wollte. 60 In Königsberg kam es 1831 zu einem regelrechten Volksaufstand. die Krankheit sei von den Wohlhabenden eingeschleppt worden. demolierte dabei Apotheken und mißhandelte Ärzte. in Österreich-Ungarn wurden Schlösser gestürmt und diejenigen niedergemacht. In Rußland wurden Ärzte und Beamte bei lokalen Aufständen umgebracht. als sich die Cholera fast nur in den niederen Schichten ausbreitete. um sich der Armen zu entledigen. mit Cholerazeitungen Volksaufklärung zu betreiben. daß die Regierung ihnen nach dem Leben trachtete.

was die Cholera nicht ist. noch daß sie sich später dort ausbreitete. Pettenkofers Gegenthesen 1860 schien sich das Verständnis der Cholera schließlich grundlegend zu ändern. 1832. 1843 schloß er sein Medizinstudium ab und konzentrierte sich auf Pharmakologie. faßte deshalb beispielsweise der Stadtsenat von Hamburg den Beschluß. als die Cholera bereits das zweite Jahr in Deutschland wütete. Was sie hingegen war. so meinten die Kritiker. Pettenkofer wurde 1818 in Lichtenheim bei Neuburg an der Donau geboren und wuchs in München unter der Obhut seines Onkels. Augenscheinlich zeigte sich kein besonderer Unterschied. schien den Wissenschaftlern so schwierig. Die Frage nach der Art und Weise. Man glaubte aber immer nur zu wissen. sie 1848/49 auf seinen Tagungen überhaupt zu diskutieren. Alle diese Maßnahmen gründeten natürlich auf der Annahme. Zwei weitere große Epidemien zogen durch Europa und wurden von Bevölkerung und Wissenschaft mehr oder weniger passiv hingenommen. die Diskriminierung armer Bevölkerungsschichten und die Verletzung religiöser Empfindungen. war aber das völlige Versagen aller dieser Quarantänemaßnahmen. wie die Cholera sich verbreitet. auf. daß die Krankheit nicht ansteckend sei. ob die Krankheit nun bekämpft wurde oder nicht. In Gießen arbeitete er bei Justus von -4 6 - . daß die Cholera in eine Stadt gelangte. alle Vorsichtsmaßnahmen zu suspendieren. die alle offenen Fragen zu lösen schienen. Das Fehlschlagen der Quarantänemaßnahmen galt fortan als Hauptgrund für die Schlußfolgerung. daß Cholera eine Infektionskrankheit darstelle.aufgenommen. Alles. was damit erreicht wurde. Die Maßnahme wurde von der Bevölkerung euphorisch begrüßt. Was die Ansteckungslehre vor allem ins Hintertreffen brachte. wußte niemand zu sagen. Sie konnten weder verhindern. Der bayrische Naturwissenschaftler Max von Pettenkofer entwickelte neue Theorien. daß etwa der Ärztliche Verein in Hamburg sich weigerte. sei eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung. eines Apothekers.

daß der Vogel überleben konnte. aus Holz Leuchtgas zu gewinnen. Die Erfahrungen in Liebigs berühmtem Labor schienen seiner schöpferischen Energie gutzutun. Mit seiner Technik. Sie könnten aber erst dann ansteckend -4 7 - . Dann entwickelte er ein Kupferamalgam für Zahnfüllungen und einen »guten deutschen Zement«. Sein Lebenswerk war jedoch die Etablierung der Wissenschaft von der öffentlichen Hygiene. ob Luft die Erde durchdringt. wurden ein Münchner Theater und der Hauptbahnhof beleuchtet. 61 Aufgrund seines genauen Studiums der Choleraepidemie von 1854 in München vertrat Pettenkofer die Ansicht. setzte er beispielsweise einen Kanarienvogel zwischen zwei Erdschichten und stellte fest. die selbst gar nicht an Cholera erkrankt seien. die Cholera werde durch einen Keim hervorgerufen. dem Begründer der organischen Chemie. daß dieser Erreger von einem Ort zum anderen gelangen könne. Bereits 1869 trug er den Gedanken vor. den gesprungenen Firnis historischer Ölgemälde zu restaurieren. Ebenfalls nicht durch kontaminierte Kleidung oder Gegenstände. daß die Krankheit nicht durch »Ansteckung im engeren Sinne des Wortes« verbreitet werde. sondern höchstwahrscheinlich durch Menschen – und auch durch solche. Er schrieb 55 Bücher und Aufsätze zu den unterschiedlichsten Aspekten der Volksgesundheit. Daneben regte er Verbesserungen der Prägetechnik von Münzen an und ersann eine neuartige Methode.Liebig. Zudem hatte er eine recht eindringliche Art. Er hielt es allerdings nicht für möglich. daß er ohne Mitwirkung anderer Faktoren einen Menschen infizieren könne. der noch heute unter Liebigs Namen bekannt ist. Keinesfalls sei sie durch Trinkwasser allein übertragbar. So war er an der Erfindung eines Fleischextrakts beteiligt. die Tausende von Seiten umfassen. seine Theorien zu erklären und auch zu beweisen. Denn nun gelangen ihm in einer erstaunlichen Vielfalt Entdeckungen und Erfindungen in den unterschiedlichsten Bereichen der Naturwissenschaft. Von Anfang an räumte er ein. Den größten Ruhm brachten ihm seine 71 Schriften zur Cholera ein. Um zu überprüfen.

wurde Pettenkofer zum außerordentlichen Professor für medizinische Chemie an der Universität München ernannt. X allein. die geeignete lokale Umgebung. Wenn X der Keim sei. indem er an drei bayrischen Universitäten für die Einrichtung von Lehrstühlen für Hygiene sorgte. machte ihn 1850 zu seinem Hofapotheker.und ausländischen Universitäten leitende Professoren. könne hingegen gar nichts bewirken. Um die Jahrhundertwende gab es an mehr als 30 in. die individuelle Empfänglichkeit des einzelnen Menschen. So propagierte er -4 8 - . wenn sie mit ihren Ausscheidungen den Boden verseuchten. König Maximilian II. 1847. in München ein eigenes Institut für Hygiene einzurichten. seien daher Menschen auch besser geschützt. dessen Aufmerksamkeit er mit seiner Entdeckung eines Herstellungsverfahrens für goldgesprenkeltes Aventuringlas auf sich gelenkt hatte. Mit der Drohung. Am gefährdetsten hingegen seien jene in feuchten Kellergeschossen oder in beengten Wohnungen mit schlechter Luftzirkulation. von Bayern. Zur ebenen Erde und im ersten Stock Weil die Cholera über verunreinigte Luft übertragen wird. damit bei ihm die Krankheit ausbrechen könnte. so Pettenkofers unumstößliche Überzeugung. Die ersten Präventionsideen Max von Pettenkofer gilt auch als Begründer der Präventivmedizin.wirken. 1853 wurde er dort Ordinarius und 1864 zu ihrem Rektor. erklärte Pettenkofer. dann benötige er noch Y. mit 29 Jahren. Diesen Einfluß nutzte Pettenkofer. brachte er die bayrische Regierung schließlich auch noch dazu. andernfalls nach Wien abzuwandern. Jener in München wurde 1865 ihm übertragen. die bei Pettenkofer studiert hatten. Er befürwortete breitangelegte Initiativen zur Gesundheitserziehung der Bevölkerung. dessen Leitung er 1878 übernahm. und Z. wenn sie in höheren Stockwerken wohnten.

Eine funktionierende Kanalisation und die Versorgung mit einwandfreiem Trinkwasser seien die unabdingbar notwendige Voraussetzung für ein reibungsloses Wirtschaftsleben. so rechnete er vor. Für die verbreitete Furcht der Deutschen vor Zugluft hatte er nichts als Spott und Hohn übrig. läge die Verantwortung für Gesundheit und Wohlergehen beim Individuum. Sauberkeit. die Stadt eine Wasserversorgung mit Gebirgswasser anlegte und eine neue Kanalisation baute. Eingreifen müßten die Behörden aber. Gesetzgeberische Maßnahmen lehnte er ab. die zentral weit unterhalb Münchens in die Isar geleitet wurde. weil sich die Menschen dann häufiger waschen würden. eine »vernünftige Ernährung«. wurde er schlagartig zum berühmtesten deutschen Forscher. Sobald diese Leistungen aber zur Verfügung stünden. daß München 1878 einen Schlachthof erhielt. 62 Kochs Erfolgsrezept Robert Koch war seit 1880 am Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin beschäftigt. Er setzte sich für Abfallbeseitigung und den Bau von Kanalisationssystemen ein und war überzeugt davon. Die Parallelen zwischen liberalen Staatslehren und Pettenkofers Theorie der Cholera sind offensichtlich. Als er 1882 den Tuberkuloseerreger isolierte. Vorbeugemaßnahmen. Es ist Pettenkofers Beharrlichkeit zuzuschreiben. seien für jeden Staat auch wirtschaftlich profitabel. daß man alle Wohnungen an eine zentrale Wasserversorgung anschließen müsse. weil dieser in der »entsetzlichen Atmosphäre« verräucherter Kneipen stattfand. Das Wichtigste aber waren ihm frische Luft und gesunde Ernährung.unermüdlich Mäßigkeit. regelmäßiges Baden. warme Kleidung und frische Luft. Pettenkofer -4 9 - . Gegen Alkoholgenuß wandte er sich nicht zuletzt deshalb. und sein Ruf verbreitete sich in der Fachwelt. Damit ließen sich Krankenhauskosten einsparen und Krankheitsausfälle vermindern. Die Verbesserungen seien allein durch geeignete Erziehungsmaßnahmen zu erzielen. wo der Boden und damit das Grundwasser verseucht würde.

Aus Ägypten gab es allerdings nicht sehr viel zu berichten. eine Krankheit nur über die Eigenschaften des Erregers zu definieren. Als die Aktion bekannt wurde. Der große Franzose selbst war gesundheitlich angeschlagen und zudem gerade tief in seine Arbeit über die Tollwutimpfung vertieft. »Erreger + Wirt = Krankheit«. sondern unmittelbar veröffentlicht werden. eine Choleraexpedition auszurüsten. war die Epidemie fast erloschen. Louis Pasteur reagierte schnell und schickte ein Forscherteam unter der Leitung seines Jüngers Emile Roux. die nicht über Dampftopf. Koch schrieb also seine Berichte regelmäßig von unterwegs an den Staatssekretär des Innern. Um der Expedition maximale Publizität zu verschaffen. sollten die Ergebnisse der Reise nicht später. in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift. wie es Koch ernsthaft versuchte. Es schien ihm geradezu lachhaft absurd. Ein Keim sollte bis in den letzten Winkel verfolgt und dort vernichtet werden. 65-66 Koch schickte recht detaillierte und streckenweise auch durchaus spannende Schilderungen nach Deutschland. Als die Expedition dort eintraf. Wärmeschrank und Mikroskop hinausschauen« 63. aber auch in Tageszeitungen veröffentlicht. Und natürlich war Koch ein Anhänger des überwunden geglaubten Quarantänedenkens. Schließlich klopfte die Cholera 1883 wieder an die Pforten Europas. Hier prallten zwischen Berlin und München Welten aufeinander. Für ihn waren die Bakteriologen »Leute. 64 Koch reiste mit seinem Assistenten Georg Gaffky und zwei weiteren Schülern nach Ägypten. Diese wurden in halbamtlichen Journalen. Etwaige Konkurrenten Kochs hatten zudem keine Möglichkeit. Die Seuche hatte bereits Ägypten erreicht und Städte wie Alexandria schwer getroffen. beschloß auch das Deutsche Reich. nur Verachtung übrig.hingegen hatte für die recht simple Gleichung des aufstrebenden Preußen. Einige wenige Choleraleichen ließen sich zwar beschaffen. allerdings gelang ihnen kaum -5 0 - . dessen fernschriftliche Forschungsergebnisse zu überprüfen. Koch und Gaffky sezierten sie. Joseph von Boetticher.

war bekannt. wurden indeß nach wenigen widerlegenden Worten des Geheimraths Koch.« 68 Einen dramatischen Höhepunkt fand diese Konkurrenzsituation als der französische Mikrobiologe Louis Thuillier am 18. Koch entschloß sich zur Weiterreise nach Kalkutta. September 1883 zu lesen. In der Tagespresse wurden die deutschen Wissenschaftler als selbstlose Heroen im Kontrast zu der selbstsüchtigen Scharlatanerie der Pasteurianer porträtiert. Daß sich hier jede Menge Mikroorganismen aufhalten. September an der Cholera verstarb.mehr als die Bestätigung und Differenzierung der bekannten krankhaften Veränderungen im Darm der Cholerakranken. Das gesamte aus Berlin mitgebrachte bakteriologische Instrumentarium – darunter diverse Nährmedien. Färbemittel und auch 60 weiße Mäuse – konnte wegen der enormen Hitze des Spätsommers in Alexandrien nicht eingesetzt werden. »Binnen kurzem kursierte in der Stadt (Alexandria) das Gerücht. war beispielsweise im Berliner Tageblatt vom 26. Die deutsche Kommission nahm an der Beerdigung teil. Immer deftiger traten in der Presse nationalistische Tiraden in den Vordergrund. und jegliches seriöse Experiment war damit von vornherein unmöglich. und der Öffentlichkeit wurde damit ein dramatischer Beweis für die Gefährlichkeit der Seuche und für den Heroismus der Forscher geliefert. die deutschen Ärzte hätten bereits sehr günstige Resultate aufzuweisen«. 67 Das Duell Das Interesse der Öffentlichkeit konzentrierte sich immer mehr auf den Wettkampf der beiden Forscherteams. in ihre engen wissenschaftlichen Pfähle zurückgewiesen. in die Parade zu fahren. diese näher zu bestimmen erwies sich aber als unmöglich. den sie entdeckt haben wollten. wo die Cholera endemisch auftritt. den Herren mit einem Riesenbacillus. »Die Herren Franzosen spitzten die Ohren. Kochs berühmte feste Nährmedien auf Gelatinebasis verflüssigte sich. -5 1 - . suchten selbstredend ihrem Volkscharakter getreu.69 Das französische Team kehrte daraufhin heim.

Bereits in seinem zweiten Bericht aus Indien konnte Koch am 7. Die Bakterien im Darm der Cholerapatienten wurden wegen ihrer Form »Kommabazillus« genannt: sie konnten nun von anderen dort befindlichen Bazillen unterschieden werden. Denn am Anfang der Infektionskette hätten demnach ebenso -5 2 - . hatte Koch aber gar nicht zu liefern vermocht. Hier ließ sich die Infektionskette vom infizierten Wasser über verseuchte Wäsche bis zu den erkrankten Anwohnern lückenlos belegen. Somit war die ›Täterschaft‹ der Bakterien nicht erwiesen. in Reinkultur vermehrte Cholerabazillen bedurft. obwohl er es noch kurz zuvor als unerläßlich dargestellt hatte. titelte das Berliner Tageblatt am 3. Bei seiner Rückkehr nach Deutschland.Im indischen Winter herrschten auch wesentlich gemäßigtere Temperaturen. Diese Beobachtung hätte jedoch genausogut die Theorie Pettenkofers bestätigt. Damit wurden auch gleich Parallelen zum DeutschFranzösischen Krieg von 1870/71 gezogen. Dies war ihm nicht gelungen. Denn gemessen an seinen eigenen strengen Ansprüchen hätte es noch der Ansteckung von Labortieren durch isolierte.« 71 Den schlüssigen Nachweis. über eine der gefürchtetsten und mörderischsten Volksseuchen der Neuzeit: Die Cholera. »Willkommen. man könne die Cholerafrage »als gelöst ansehen« 70. und ihr alleiniges Vorkommen im Zusammenhang mit der Cholera ließ sich belegen. Januar stolz über die geglückte Herstellung von Reinkulturen berichten. Ihr Sieger«. Statt dessen gründete Koch seine Argumentation auf epidemiologische Beobachtungen lokaler Epidemien um kleine Teiche. Februar schrieb Koch. die der Umgebung als Trinkwasserreservoir dienten. Mai und begrüßte die Heimkehrer im »waffenstolzen Neudeutschland«. daß die Cholera von den Bakterien im Alleingang ausgelöst wird. so feiert heute die deutsche Wissenschaft einen Sieg über einen der tückischen Feinde der ganzen Menschheit. so daß nun auch die routinemäßigen Laborarbeiten möglich wurden. überschlug sich die Presse in Jubelmeldungen. Anfang Mai 1884. Am 2. »Wie vor 13 Jahren das deutsche Volk einen glorreichen Sieg über den Erzfeind unserer Nation feierte.

Überwachung des Personenverkehrs. die den Bakterien erst zur Wirkung verhalfen. nämlich.« Hamburg war 1892 in mehrfacher Hinsicht ein idealer Ort für die Cholera. Und diesmal lief alles nach den Regeln Kochs. sowohl -5 3 - . Und durch seine enorme Medienpräsenz erhielt augenblicklich die Partei der Keimjäger Aufwind. Dessen Devise lautete: »Alles für die Prävention – aber wenn die Epidemie einmal da ist. ohne besondere Aufregung zur Kenntnis. Ernsthaft betroffen war mit Hamburg nur eine einzige Stadt. so wäre das wohl eine wichtige und schätzenswerte Entdeckung. daß Koch den Choleraerreger gefunden hatte. Cordons sanitaires.oder Cholerakeim. drohten mehrjährige Festungsund Zuchthausstrafen. Desinfektion. Koch wurde die enorme Summe von 100000 Reichsmark zugesprochen. der Pathologe fände in einem Typhus.verseuchtes Grundwasser und Erdreich stehen können. Die Identifizierung des »Vibrio cholerae« als Erreger der Krankheit wurde zu einem nationalen Triumph Deutschlands. Preußens Held Pettenkofer nahm die Nachricht. bringen staatliche Zwangsmaßnahmen nichts mehr. Zu dieser Sache hatte er bereits vor einiger Zeit notiert: »Gesetzt.«72 Solche Bedenken wurden aber kaum gehört. Zum einen war es ein Handelsknotenpunkt. In Berlin hatte er schon gezeigt. wie beim kleinsten Anzeichen möglicher Epidemien zu handeln sei: Quarantäne. gab sie im Jahr 1892 noch eine letzte große Vorstellung.oder Choleraort macht und was geschehen muß. Jedem. Er hatte die Franzosen besiegt. Im liberalen Hamburg hingegen stand Pettenkofer noch hoch im Kurs.oder Cholerakranken wirklich den sogenannten Typhus. er war der Held Preußens. um einem solchen Ort diese Eigenschaft zu benehmen. aber es wäre dadurch die für die Menschheit wichtigste Frage noch lange nicht erledigt. was einen Ort zu gewissen Zeiten zu einem Typhus. der die behördlichen Vorschriften mißachtete. Nachdem die Cholera 1883 gerade noch vor den Toren Europas kehrtgemacht hatte.

1853 wurde es in Dienst genommen. gab es seit 1848. um die Choleraerreger unschädlich zu machen. 1842 hatte ein Großbrand weite Teile der Innenstadt vernichtet. die sogenannte Stadtwasserkunst. schließlich wurde es mit Hilfe eines Rohrsystems gesammelt und dann ins Leitungsnetz gepumpt. -5 4 - . So wurde der Bau eines unterirdischen Kanalnetzes mit einer zentralen Sammelanlage für alle Abwässer nach englischem Vorbild geplant. speziell für osteuropäische Auswanderer. wie sich später zeigte. alle Häuser der Stadt seien an das zentrale Abwassersystem angeschlossen. Diese werden nämlich von im Sandfilter angesiedelten Bakterien abgetötet. Das Wasser sickerte durch mehrere Schichten feinen Sandes. 1860 gab es bereits 50 Kilometer Abwasserleitungen. 73 Auch eine zentrale Wasserversorgung. Das Trinkwasser wurde zwei Kilometer oberhalb der Stadt direkt aus der Elbe entnommen und durch einen 800 Meter langen Kanal in drei große Klärbecken geleitet.zu Schiff als auch zu Lande. denen abends eine Matratze hingelegt wurde. Dieses simple System genügte. Besonders zu dieser Zeit war es auch ein frequentierter Amerikahafen. doch reinigte man dort das Wasser über ein ausgeklügeltes System diverser Sandfilter. der Spree. Anfang 1890 teilte die Behörde mit. Berlin entnahm das Wasser ebenfalls aus seinem größten Fluß. und nahezu jedes Haus der Stadt verfügte entweder im Innern oder auf dem Hof über einen Wasserhahn. Bei den infrastrukturellen Einrichtungen der Stadtverwaltung sah es hingegen auf den ersten Blick gar nicht so schlecht aus. Die rasch wachsende Bevölkerung drängte sich in den extrem dicht besiedelten Altstadtvierteln an der Elbe. In diesen Stadtteilen hatte jeder zweite Haushalt noch zusätzliche Logisgäste und Schläfer. Nahezu jeder Quadratmeter Wohnfläche wurde vermietet. Wegen des dadurch notwendigen Neuaufbaus ergab sich die günstige Gelegenheit zur umfassenden sanitären Reform. Bis 1890 waren mehr als 400 Kilometer Rohrleitungen verlegt. Der Prozentsatz der Haushalte mit Badezimmer lag dagegen weit unter zehn Prozent.

die noch wenige Stunden vorher von Gesundheit strotzend und lebensfroh in den Tag hineingelebt hatten und nun in langen Reihen dalagen von unsichtbaren Geschossen dahingestreckt. Das Wasser genoß einen hervorragenden Ruf und wurde von den großen Ozeandampfern gern als Vorrat genommen. und eine Woche darauf wurden täglich 400 Leichen gezählt. Die Hamburger Epidemie Vor dem erstmaligen Auftreten der Cholera Mitte August des Jahres 1892 war die Stadt von einer extremen wochenlangen Hitzewelle heimgesucht worden. Fischweiber priesen ihre Ware mit Rufen feil wie: »Aale Aale! Frisch aus der Wasserkunst. die einen mit dem eigenthümlich starren Blick der Cholera-Kranken. Überall Menschen. andere mit gebrochenen Augen. Gleich am nächsten Tag schrieb er an seine Geliebte. wurden zahlreiche Lebewesen häufig bis in die Häuser geliefert. Zwei Tage später waren es bereits acht. kleine Fische. daß die Flut das Wasser weiter landeinwärts trieb als üblich. die 18jährige Kunststudentin Hedwig Freiberg: »Es war mir zu Muth als wanderte ich über ein Schlachtfeld. noch andere bereits tot: kein Jammern -5 5 - . Damit gelangten mit Sicherheit auch die Ausscheidungen von Cholerainfizierten zur Entnahmestelle des Trinkwassers. Weil Filter fehlten. Die Elbe hatte eine Temperatur von 22 Grad.In Hamburg wurden Sandfilter nicht für nötig befunden. Am 17. August in Hamburg ein. Das Ausmaß der Epidemie entsetzte ihn sichtlich. Muscheln oder Schwämme aus den Sammelbehältern. »weil es sich so tadellos hält«. Die Lebendigkeit des Hamburger Wassers war ebenso berühmt wie berüchtigt. Hamburger Kinder sammelten Würmer. Der Wasserstand der Elbe war so niedrig.« Oft wurden auch tote Mäuse und andere Kadaver aus den Klärbecken angeschwemmt und verstopften dann die Leitungen. August ereigneten sich die ersten beiden Todesfälle. Koch traf als Abgesandter der Berliner Zentralregierung des Deutschen Reichs am 24. Asseln. ideale Bedingungen für die Vermehrung des Choleraerregers.

Auch ein kurzes wiederaufflammen in der zweiten Septemberhälfte. wurde nun aber ausschließlich den Maßnahmen Kochs zugeschrieben. kam es in Berlin zu einem letzten großen Zusammenprall der Kochschen und der Pettenkoferschen Sichtweise. Als wollte Koch seinen Triumph richtig auskosten. Zu seinen Begleitern sagte er den damals berühmten und in den Zeitungen weitverbreiteten Satz: »Meine Herren. hätte er noch nirgendwo in Europa gesehen. ich vergesse.« Der Anblick scheint ihn an seine Choleraerlebnisse in Alexandria oder Kalkutta erinnert zu haben. daß ich in Europa bin.hört man. Dazu berief er einen Fachausschuß aller medizinischen Kapazitäten des Reichs nach Berlin ein. Daß die Krankheit vorübergegangen war.« 74 Robert Koch ordnete Quarantäne und Isolierung an. forderte er nun. als längst die Maßnahmen Kochs umgesetzt waren. erklärte er. Die Epidemie erreichte bis zur ersten Septemberwoche ihren Höhepunkt. rasch ein Reichsseuchengesetz mit unbeschränkten Durchgriffsrechten für den Staat zu verabschieden. in Hamburg klang gerade die Epidemie aus. Ende September 1892. Etwas Schlimmeres als die Arbeiterquartiere im Gängeviertel. Pesthöhlen und Brutstätten angetroffen. nur hier und da ein Seufzer oder das Röcheln der Sterbenden. »In keiner anderen Stadt habe ich solche ungesunden Wohnungen. sondern eine penetrante Chlorwolke. Max von Pettenkofer reiste aus -5 6 - . Bald lag über der Stadt nicht mehr der Dunst der allgegenwärtigen Ausscheidungen der Cholerakranken. Die Kurve der Erkrankungen unterschied sich nicht von der bisheriger Epidemien. Vergnügungsveranstaltungen wurden mit sofortiger Wirkung untersagt.« Noch mehr als das Ausmaß der Epidemie entsetzten Koch bei seinem Weg durch das am schwersten betroffene Gängeviertel in der Innenstadt die elenden Wohnverhältnisse. Desinfektionskolonnen nahmen ihre Arbeit auf und besprühten alle verdächtigen Wohnungen. Betten und Gegenstände mit Karbol. gehörte durchaus zum bis dahin beobachteten Wesen von Epidemien. Möbel. dann fiel sie wieder steil ab.

Ich bin 74 Jahre alt. würde ich -5 7 - . Koch wandte sich scharf gegen den Älteren. wenige Tage später einen Brief Max von Pettenkofers in seiner Post fand. Daß es unmöglich sei. als habe Koch die Demontage seines langjährigen Gegners wohlorganisiert. daß Zwangsmaßnahmen deshalb unnötig seien. »Ich handle nach dem alten ärztlichen Grundsatz: ›Fiat experimentum in corpore vili!‹« (»Experimentiert mit einem wertlosen Körper«). »Ich habe das Recht. Die Konfrontation Es schien. unterstellte ihm Falschdiagnosen und stimmte den Münchner Kollegen mit seiner Mehrheit regelmäßig nieder. Doch das lehnte Pettenkofer strikt ab. Darin bat dieser. Selbst. Am 7. Oktober lud Pettenkofer einige seiner Schüler und Mitarbeiter in den Kurssaal des Instituts. Widerspruch ließ er nicht gelten. menschlichen Verkehr »pilzdicht« zu gestalten. daß in München die Cholera ohne solchen Staatsterror praktisch ausgestorben sei. habe keinen einzigen Zahn im Mund und spüre auch sonstige Lasten des hohen Alters. Seine Anhänger verfügten über eine komfortable Mehrheit. Einige boten sich spontan an. Georg Gaffky. ihm für wissenschaftliche Forschungszwecke eine Probe einer Cholerabakterienkultur zu übersenden. und der Versuch lebensgefährlich wäre. wenn ich mich täuschte.München zur letzten großen Konfrontation mit seinem Rivalen an. als Kochs erster Assistent. Aufgeregt versuchten seine Mitarbeiter ihn davon abzuhalten. leide seit Jahren an Glykosäure. nicht auf dem neuesten Stand der Wissenschaft zu sein. bezichtigte ihn. Ohne große Umschweife erklärte Pettenkofer seinen Plan. Pettenkofer wirkte an den ersten beiden Tagen noch recht lebhaft und trug in bewährter Manier seine Ansichten vor. Gaffky schickte die erbetene Probe ab. Verbittert reiste er zurück nach München. die Cholerakultur zu schlucken. mich als ein corpus vile zu betrachten. Um so größer war die Verwunderung. den Selbstversuch an seiner Statt durchzuführen. Am dritten Tag der Konferenz sagte Pettenkofer gar nichts mehr.

aß er zum Choleragebräu ein großes Stück Zwetschgenkuchen. Herrn Doktor Koch davon in Kenntnis setzen zu können. Von den schweren Krankheitserscheinungen der Cholera keine Spur. Herr Doktor Pettenkofer hat nun den gesamten Inhalt getrunken und freut sich. habe »wie reinstes Wasser« geschmeckt. guter Gesundheit befindet. Die übernächste Nacht verbrachte Emmerich fast zur Gänze auf dem Abort. Auch den halbstündigen Weg von seiner Wohnung ins Institut legte er wie üblich zu Fuß zurück. die laut Koch imstande wäre. denn es wäre kein leichtsinniger und feiger Selbstmord. 76 Insgesamt fühlte sich Pettenkofer aber die ganze Zeit wohl.79 -5 8 - . Dieser »Ausrede« wollte er gleich zuvorkommen. so sagte er. Dann begann ein mäßiger Durchfall. Um den Bazillen ordentlich Nahrung zu verschaffen. die etwa eine Milliarde an Bazillen enthalten mußte. ich stürbe im Dienste der Wissenschaft. Oktober trat morgens ein starkes Grimmen in den Gedärmen auf. der vier Tage anhielt. Am nächsten Tag passierte gar nichts. daß er sich weiterhin in aufrechter. die Erreger abzutöten. Der Stuhl wurde fortwährend untersucht und zeigte enorme Mengen Cholerabazillen. 75 Milliarden Bazillen in einem Schluck Zur Vorbereitung nahm Pettenkofer Bikarbonat ein. 77 An Koch schickte er einen Brief folgenden Inhalts ab: »Herr Doktor Pettenkofer übermittelt seine Komplimente an Herrn Professor Doktor Koch und dankt herzlich für die Übersendung des Fläschchens mit der sogenannten Cholera-Vibrio.dem Tod ruhig ins Auge sehen. Schließlich schluckte Pettenkofer einen Kubikzentimeter der Cholerakultur. Das Gemisch.« 78 Zehn Tage später wiederholte Pettenkofers As sistent Rudolf Emmerich in fröhlicher Stimmung den Versuch. um die Magensäure zu neutralisieren. Am 9. Aber auch bei ihm war nach fünf Tagen alles vorbei.

Denn das verseuchte Trinkwasser wurde von der zentralen Anlage in alle Wohnviertel geliefert. In einer späteren statistischen Analyse der Hamburger Epidemie zeigte sich. »daß Keime sich einmal so und einmal so verhalten. es erkrankten jedoch vor allem die Bewohner des hygienisch verwahrlosten Gängeviertels mit ihrer unterprivilegierten und mangelernährten Bevölkerung. doch er wurde immer depressiver. Aus seinem Umfeld kamen jedoch einige Erklärungen. wie Koch glaubte. In diesem Punkt irrte Pettenkofer in seinem Starrsinn. weiß der Heidelberger Medizinhistoriker und RobertKoch-Experte Christoph Gradmann. Einmal hieß es. »weil wir uns denken konnten. »Zu dieser Zeit glaubte Koch noch gar nicht an den Begriff Virulenz«. daß die Cholera sehr wohl über das Trinkwasser verbreitet wurde. Vom Keim allein. wie Koch überzeugt war. daß in der Bevölkerungsgruppe mit einem -5 9 - .Koch reagierte auf die Selbstversuche gar nicht. forderte die Cholera deutlich weniger Opfer. Georg Gaffky ging erst Jahre später auf den Selbstversuch ein und sagte.« Die Resonanz auf den heroischen Versuch war jedenfalls gering. was er vorhatte« 80. mit der er nichts anfangen konnte. daß Kochs Thesen ganz eindeutig den Sieg davongetragen hatten. hing es jedoch keineswegs ab. ob jemand erkrankte oder nicht. Pettenkofer gab sich in der Folge geschlagen und trat von allen seinen Funktionen zurück. er habe Pettenkofer eine schwach virulente Kultur geschickt. die das ganze mehr oder weniger als Zufall darstellten. hatten von einer heutigen Warte aus gesehen beide Streithähne gleichermaßen recht und auch unrecht: In Hamburg hatte sich gezeigt. Zwar überreichte man ihm die höchsten Auszeichnungen. weil er möglicherweise zuvor schon einmal an der Cholera erkrankt gewesen sei. Pettenkofer wäre immun. Er realisierte. Was die Infektionswege der Cholera betrifft. wo das Trinkwasser durch Sandfilter gereinigt wurde. das hielt Koch für eine Schnapsidee Pasteurs. Aus heutiger Sicht erscheint dieses Argument Gaffkys wenig glaubwürdig. Am 9. Februar 1901 erschoß sich Max von Pettenkofer 83jährig in seiner Münchner Wohnung. Jenseits der Elbe in Altona.

die dem Elend folgt. als eine Kriegs.Jahreseinkommen von über 10000 Mark nur 1.und Katastrophenseuche. Ein wohlgenährter Magen jedoch bietet für Cholerabakterien eine nahezu unüberwindbare Barriere. 81 Die Cholera erwies sich damals – genau wie heute – als eine Krankheit. in jener mit einem Einkommen unter 1000 Mark aber gleich 11.8 Prozent erkrankt waren.3 Prozent. -6 0 - .

läuft ein gleichbleibendes Programm ab. da der Keim. ja der bestimmende Faktor einer Krankheit sei.Kochs Tuberkulin-Flop Eine ausgebrochene Krankheit zu heilen war den aufstrebenden Bakteriologen bis in die 1880er Jahre nicht gelungen. so etwa der Milzbrand. sondern mit einem faßbaren Parasiten zu tun haben. Er löst also Milzbrand. Sie dienten als theoretisches Fundament für Desinfektionsmaßnahmen oder hatten zur Entwicklung von Impfstoffen geführt. März 1882 in seinem berühmten Vortrag im Physiologischen Institut der Universität Berlin »Über die Tuberkulose«.« 82 Die Therapie sollte um so leichter fallen. An dieser Erwartungshaltung war Koch nicht ganz unschuldig. Nach dem triumphalen Erfolg bei der Cholera und der Klärung einiger Weichenstellungen in seiner Karriere fand Koch gegen Ende der achtziger Jahre wieder Zeit genug. Die Forschungsergebnisse eigneten sich in der Praxis bestenfalls zur Vorbeugung von Krankheiten. endlich auch eine spezielle antibakterielle Therapie gegen diese Erreger zu entwickeln. Koch arbeitete wie ein Besessener.oder Tollwutimpfstoffe der Pasteur-Gruppe. So beispielsweise am 24. so Kochs Dogma. Das enorme Ansehen Kochs oder Pasteurs in der Öffentlichkeit beruhte auf ihren spektakulären Erregernachweisen. sich ganz in seine Forschungsarbeiten zur Therapie der Tuberkulose zu vertiefen. Die meisten Assistenten -6 1 - . rasch einen Angriffspunkt und in der Folge ein Heilmittel zu entwickeln. Da hatte er anläßlich seiner Entdeckung des Cholerakeims programmatisch angekündigt: »In Zukunft wird man es im Kampf gegen diese schreckliche Plage des Menschengeschlechtes nicht mehr mit einem unbestimmten Etwas. denn er hatte ja die R ichtung vorgegeben. Cholera oder auch Tuberkulose aus. dessen Lebensbedingungen zum größten Teil bekannt sind und noch weiter erforscht werden können. Über das Studium der Eigenschaften des Erregers müßte es mithin möglich sein. Nun sahen sich die Wissenschaftler aber mit einer heftigen Forderung konfrontiert. so Kochs Vorstellung. Einmal im Wirt angekommen.

Und Koch hatte sich anscheinend dazu entschlossen. er werde ein Heilmittel gegen die Tuberkulose präsentieren. und Robert Koch. in die preußische Hauptstadt. Im Jahr 1890 sah Berlin den »10. derjenige Kochs die Erschließung eines neuen.« Verführerischer Druck Die preußische Regierung erwartete von Koch den großen Paukenschlag: Man hoffte. pathogene Bakterien im lebenden Körper ohne Benachteiligung des letzteren unschädlich zu machen. unter ihnen auch 19 Ärztinnen. damit erwiesen ist. zunächst rein wissenschaftlichen Arbeitsfeldes. Die Berliner Klinische Wochenschrift schrieb dazu: »Verehren wir alle in Virchow den Begründer der neueren medizinischen Forschung überhaupt. welche Theorie der Chef verfolgte.hatten keine Ahnung. Sie waren mit reinen Hilfstätigkeiten beschäftigt. »Aus diesen Versuchen möchte ich vorläufig keine weiteren Schlüsse ziehen. In seinem Festvortrag berichtete er von Versuchen mit Meerschweinchen. als daß die bisher mit Recht bezweifelte Möglichkeit. Internationalen medicinischen Kongreß«. Die allgemeine Stimmung war euphorisch. so bezeichnet uns der Name Lister den größten segensreichsten Forschritt praktischer Heilkunst während unserer Zeit. bei denen er die Tuberkulose bereits zum Stillstand gebracht habe.« 83 -6 2 - . Man erwartete von der Wissenschaft erstmals konkrete Hilfsmittel für den Alltag. Joseph Lister. Dementsprechend stark war das Interesse der Medien. daß »etwas ganz Großes« ausgebrütet würde. Jedenfalls ging ein Raunen durch das ganze Institut. in diesem idealen Umfeld – obwohl seine Arbeit im Labor noch gar nicht beendet war – tatsächlich vorzupreschen. Die Namen der drei Hauptredner sind ein Symbol für diese Aufbruchsstimmung: die Forscherlegende Rudolf Virchow. der englische Begründer der OP-Sterilität. Er führte 5500 Ärzte. dessen unermeßliche Bedeutung auch für die eigentliche Medizin von Tag zu Tag mehr hervortritt.

so ist er der Invasion passiv ausgeliefert.Diese Mitteilung schlug bei der 5000 Köpfe zählenden Zuhörerschaft wie eine Bombe ein. »als wollte er es unbedingt glauben. Später stellte sich heraus. erscheint heute. Sind diese Keime aber einmal in den Organismus eingedrungen.« Aus den Laborbüchern läßt sich aber immerhin nachvollziehen. Bald aber war es als »Tuberkulin« berühmt. die durch Hitze getötet worden waren. »Man hat den Eindruck«. als absolutes Rätsel. das Tuberkulin nach dem Willen seines Erfinders sein sollte. ohne den Körper in anderer Weise zu schädigen«. In der nationalen und internationalen Presse hagelte es fette Schlagzeilen: Koch hat ein Mittel gegen die Tuberkulose gefunden! Es sei möglich. wenn es sich um ein Therapeutikum zur Behandlung der gefährlichsten Volksseuche handelte. daß Tuberkulin lediglich eine in Glycerin gelöste. etwa so wie eine Nährlösung im Labor. hielt Koch den Inhalt seiner Wunderkur streng geheim. Wie Koch annehmen konnte. flüssige Bazillenkultur enthielt. im Herbst 1890. »die Krankheit völlig zum Stillstand zu bringen. Der Körper wird. legte Koch in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift noch nach. Noch dazu. und -6 3 - . Trotz eines deutschen Gesetzes. Nach dieser Vorstellung ist der gesunde Organismus im Prinzip frei von krankmachenden Keimen. Durch ein Therapeutikum. war die Sensation auf dem Markt. Zunächst verstand er den Ablauf einer Infektionskrankheit als Bakterieninvasion. Das Mittel hieß zunächst noch »Kochsche Lymphe« oder simpel »Kochsches Heilmittel«. daß dieses Mittel eine therapeutische Wirkung haben konnte. Als wollte er sich mit aller Gewalt und gegen alle Realität einen Lebenstraum erfüllen. wobei Invasion. Damit wäre der Vorsprung vor den französischen Rivalen wohl endgültig gewesen. Infektion und Krankheit im wesentlichen zusammenfallen. von den Bakterien verzehrt. 84 Und schließlich. welchen Gedankengängen Koch gefolgt ist. das »Geheimmedizin« verbot. sagt der Medizinhistoriker Christoph Gradmann. wäre eine ganz neue Qualität erreicht worden. auch bei Durchsicht seiner Forschertagebücher.

Meist ist das gleichbedeutend mit dem Tod des befallenen Organismus. Kochs finanzielle Forderungen waren enorm. 85 Vom Entdecker zum Geschäftsmann Zur selben Zeit. und das Tuberkulin mit seinen enormen Zukunftschancen sollte dort in Produktion und wissenschaftlicher Weiterentwicklung eine Heimstatt finden. ohne daß es den Bakterien als Nahrung und Brutstätte dienen könnte. Zur Verläßlichkeit seiner Berechnung bemerkte er nüchtern: »Was die Aussichten auf einen hinreichenden Absatz der produzierten Mengen betrifft. daß die Bakterien diese Verwüstung mit einer giftigen Absonderung herbeiführten. sondern mit Hilfe des darin enthaltenen Bakteriengifts das Gewebeumfeld der befallenen Region zerstören und damit die Bakterien einkreisen und aushungern. Er kalkulierte den Profit seines Instituts auf der Basis einer Tagesproduktion von 500 Portionen Tuberkulin und veranschlagte ihn auf 4. Er wollte also mit seinem Tuberkulin die Bakterien nicht direkt angreifen. -6 4 - . der in seine Taschen fließen sollte. schmiedete die preußische Kultusbürokratie Pläne für ein Institut. Wenn es nun – so Kochs These – gelänge. Von dieser Theorie wußte außer den engsten Mitarbeitern Kochs niemand. Mit dieser bakteriologischen Variante der Taktik der verbrannten Erde sollte die weitere Ausbreitung der Bakterien im Körper verhindert werden. Das entspräche heute einem Betrag von rund 50 Millionen Euro. so könnte damit das Gewebe verödet werden. daß im Fall der Tuberkulose das abgestorbene tuberkulöse Gewebe das Resultat dieser Verzehrung sei.5 Millionen Mark jährlich. diese Absonderung aus den Tuberkulosebakterien zu isolieren. Koch nahm an.der Krankheitsprozeß kommt erst zum Stillstand. Den preußischen Staat lockte er mit einer Abtretung der Rechte am Tuberkulin nach einer Nutzungszeit von sechs Jahren. Koch sollte Direktor des Vorzeigeinstituts sein. Er meinte. als das Tuberkulin präsentiert wurde. wenn sich die Bazillen nicht mehr ernähren können. das nach dem Vorbild des Pariser Pasteur-Instituts dem deutschen Star auf den Leib geschneidert werden sollte.

zumal diese Ehe kinderlos blieb. Dies konnte er sich aber auch ohne große Mehreinnahmen leisten. in der die Wissenschaft zumeist als eine Dienerin der Industrie erscheinen wird. Auf ein Land mit 30 Millionen Einwohnern kommen also mindestens 180000 Phthisiker (TBC-Kranke). den Patienten zu helfen.so erlaube ich mir ganz gehorsamst Folgendes zu bemerken. Es scheint aber sicher. Viel mehr als an diesen Dingen lag Koch an der Absicherung seiner Unabhängigkeit. soviel Energie und Wunschträume in sein Tuberkulin zu setzen. Spieler oder Lebemann. der zwar immer viel -6 5 - . Bedeutsamer war für ihn der mögliche Gewinn. Er hatte nie vergessen. Er war auch kein Verschwender. Der hatte seine Ablehnung der Kochschen Dotation im Dezember 1890 mit einem weitsichtigen Kommentar begründet: »Mag die Zeit nicht fernliegen. welche an Lungentuberkulose leiden. erst weiter hinten rangierte. Er. der zuvor viele Male auch im Preußischen Landtag als selbstloser Wohltäter der Menschheit gefeiert worden war. Nach der Trennung von seiner Frau ließ er ihr zwar das Haus und mußte nun mit seiner jungen Geliebten Hedwig Freiberg einen neuen Hausstand gründen. Seitens der Behörden wurde einige Male versucht. daß der Wunsch. Die Forderungen nach direkter Verwertung des Heilmittels scheiterten schließlich am Einspruch des Reichskanzlers Caprivi. Auf eine Million Menschen kann man durchschnittlich 6 -8000 rechnen. mit welchem Widerwillen er an der Berliner Universität aufgenommen worden war. bleibt der Spekulation überlassen. machte sich mit dieser Forderung beim Berliner Senat unbeliebt.« 86 Koch. noch sind wir nicht so weit …« 87 Wissenschaft als Dienerin der Industrie Was Kochs Triebfeder war. Koch seinerseits leistete hinhaltenden Widerstand und pokerte – etwa unter Verweis auf günstige Angebote aus den USA – um die Höhe einer solchen Dotation. Koch zur Annahme einer Dotation zu bewegen und auf die direkte Ausbeutung des Mittels zu verzichten. Das Geld benötigte er nicht in erster Linie für private Zwecke. den er mit einem solchen Mittel hätte machen können.

ja der sich nicht einmal habilitiert hatte. Eilig wurde ein Robert-Koch-Lied komponiert. brach ein regelrechter Tuberkulinrausch aus. zu einem »Wallfahrtsort für Ärzte aller Länder«. wiederzukäuen. wie vehement etwa der berühmte Rudolf Virchow gegen ihn persönlich und gegen die Errichtung eines eigenständigen Hygieneinstituts aufgetreten war. was er wollte. Er hatte eine regelrechte Abscheu davor. November 1890 verfügbar war. Fremde Länder zu besuchen und im Labor das Wesen der Keime exotischer Krankheiten zu studieren schienen seine beiden Leidenschaften zu sein. Und auch sonst wurde Koch zum Star. um seine Vorstellungen durchzusetzen. Koch war noch deutlich in Erinnerung. so könnte er machen. das ausschließlich über Kochs Assistenten Arnold Libbertz zu beziehen war. ungestört seine Untersuchungen im Labor zu betreiben. Dinge. Wenn er nun aber finanziell unabhängig wäre. der allgewaltige Ministerialrat Friedrich Althoff. ab dem 13. wie es eine Zeitung formulierte. Berlin wurde. galt bei seinen Professorenkollegen nicht viel. Als das Wunderelixier. Und wohl fühlte sich Koch nur in zwei Situationen: im Labor und auf Reisen. Koch ließ sich auch schon bald in der Lehre vertreten und gab dieses Amt dann völlig ab. Ein Kaufhaus machte mit einem Gedicht über Robert Koch für sich Werbung. Und dieser Unterstützung war er sich wohl nicht immer sicher. Seine Studenten waren enttäuscht vom spröden Stil des berühmten Mannes. die er bereits wußte. Kochs Gönner und Protegé. aber nie viel publiziert. in dem -6 6 - . 8 8 Ein Star Das Tuberkulin schien anfangs alle seine kühnen Erwartungen zu erfüllen. Dies alles hatte Koch aber eines klar vor Augen geführt: daß er völlig von der Sympathie der preußischen Bürokratie abhängig war.geforscht. hatte alle Register ziehen müssen. Dafür fehlten ihm sowohl das Redetalent als auch der Ausbildungswille. Koch war nie ein begabter Lehrer. Es gab Koch-Sammeltassen und Koch-Taschentücher. er blickte von Taschenuhren und Fächern. Viel mehr war er daran interessiert. und im Kabarett sang man ein Bazillen-Couplet.

so schnell waren sie auch wieder »ausgestorben«. daß das Mittel nicht halten konnte. wo das Tuberkulin vorschriftsgemäß verabreicht wurde. Conan Doyle schrieb in seinem Report. die Haushaltsartikel so billig wie nie abzugeben. z.es hieß. daß nun. Gleichzeitig schossen überall »Lungenheilanstalten« aus dem Boden. Langzeitheilungen t aten nicht ein. So schnell wie die Tuberkulose-Sanatorien eingerichtet worden waren. Dazu wurden Baracken angemietet. 90 Ein Teil davon war sicher auf das Auftauchen wenig seriöser Geschäftemacher zurückzuführen. 89 Nachdem dieser Rummel einige Wochen so angehalten hatte. was Koch versprochen hatte. B. meldeten sich zunächst vereinzelt und schließlich immer zahlreicher und wütender skeptische Stimmen. Nun wurde plötzlich anstatt von Heilung von Verschlechterungen der Tuberkulose berichtet und sogar von tödlichen Folgen der Kochschen Kur. Es kam zu katastrophalen Versagern. zeigte sich. der Umsatz riesengroß und es deshalb möglich sei. Aus London reiste der Journalist und Schriftsteller Arthur Conan Doyle (der Autor des Sherlock Holmes) an und ließ sich von Kochs Schwiegersohn gegen Bezahlung das Arbeitszimmer des berühmtesten Deutschen aufsperren. Alle Therapie kreiste um das Tuberkulin. Zeitungen spotteten. Berlin war plötzlich zu einem Wallfahrtsort wie Lourdes geworden. Vor den Lungenheilstätten r hielt Leichenwagen auf Leichenwagen. daß es knietief mit Bittbriefen aus aller Welt angefüllt war. ganze Hotels umfunktioniert oder eigene Gebäude errichtet. Und der überstürzten Anwendung folgten ebenso überstürzte Meldungen über Heilerfolge. 91 -6 7 - . die sich in den Tuberkulinverkauf einmischten. welche die Euphorie noch weiter anheizten. in der Neujahrsausgabe des süddeutschen Witzblatts Der wahre Jacob: »Herr Professor Koch! Mögest Du ein Mittel enthüllen/Gegen Schwindelsucht-Bazillen!« Aber auch. wo niemand mehr sterbe.

das Fortschreiten der Tuberkeln zu stoppen. machte sich Koch mit seiner jungen Geliebten auf nach Ägypten und verschwand damit von der Bildfläche. Das Gerücht. breitete sich in Berlin aus. mit denen der preußische Staat sich für die Zukunft gegen weitere finanzielle Abenteuer des Bakteriologen absicherte: Da seine Eigentumsrechte am Tuberkulin unbestreitbar waren. die er zuvor geheilt haben wollte. Er kam ein paar Wochen früher als geplant von seinem Urlaub zurück und lenkte beim Streit um die Höhe seiner finanziellen Beteiligung am Tuberkulin nunmehr sofort ein. Als dieser vom Kultusminister persönlich umgehend genehmigt wurde.Die Flucht Der Druck auf Koch. Als sie von ihrem Star nichts mehr hörten. Januar bis zum 30. Koch konnte auf ausdrückliche Aufforderung hin nicht einmal Präparate jener berühmten Meerschweinchen vorweisen. Allerdings mußte er eine Reihe weiterer harter Auflagen akzeptieren. Kochs Fürsprecher im Ministerium waren über diese Vorgehensweise alles andere als glücklich. Schließlich wurden ihm der Wirbel und die Kritik zuviel. April an. Informationen über die geheimen Bestandteile seines Heilmittels zu veröffentlichen. ließen sie sogar die Bauarbeiten am geplanten Bakteriologischen Institut einstellen. Er hatte schlicht versäumt. und er entschied sich für offene Flucht. Koch erfuhr davon in Kairo und war höchst beunruhigt. Dessen Schüler Johannes Orth sprach im Zusammenhang mit Koch gar von »Tuberkulinschwindel« 92. mußte er seinen Verzicht auf eine Privatpraxis erklären. diese Versuchstiere zu sezieren. Er suchte im Kultusministerium um Urlaub vom 25. Koch wurde daraufhin im Sommer 1891 zum ersten Direktor des Instituts für Infektionskrankheiten ernannt. Rudolf Virchow hielt ihm dieses Versagen offen vor. um seine Scheidung zu finanzieren. wuchs. Koch hätte das Geheimrezept für eine Million Mark an eine Arzneimittelfabrik verkauft. Formell erklärte er seinen Verzicht auf jegliche Dotation. daß Tuberkulin nicht imstande war. Weitere Erfindungen seines Instituts -6 8 - . Seinen Kritikern gelang um den Jahreswechsel herum der Nachweis.

die selbst nicht erkranken. Diese Träger. Der Verdacht liegt nahe. Wer mit dem Tuberkulin geritzt wurde und eine Reaktion auf der Haut zeigte. 93 Hoechst geschäftstüchtig Daß das Tuberkulin ein Fehlschlag war. wo er die Tuberkulinproduktion überwachte. daß der Forscher sein Renommee und das Ansehen der Bakteriologie zu einer Art Glücksrittertum mißbraucht hatte. Auch das Tuberkulin kam schließlich noch zu seiner Ehre: 1907 entdeckte der Wiener Kinderarzt Clemens von Pirquet. daß ein solch riskantes Vorgehen in der Frühgeschichte des Impfwesens nicht so ungewöhnlich war. daß Kochs verunglücktes Heilmittel zumindest als diagnostisches Instrument taugte. Emil von Behring und Paul Ehrlich.müßten »dem Staate bedingungslos und ohne jede Entschädigung zur Verfügung« stehen. Wobei allerdings zu bemerken ist. waren für Kochs Theorien eine extrem harte Nuß. Kochs Mitarbeiter Libbertz wurde ab Mai 1892 Angestellter bei Hoechst. -6 9 - . Er legte 1897 sogar ein verbessertes Tuberkulin vor und war vermutlich bis an sein Lebensende überzeugt. schafften schließlich nahezu den Schulterschluß. Behring hatte sogar mehr Glück als Koch und wurde so reich. Damit begann eine enge Zusammenarbeit von Kochs Institut mit der aufstrebenden Industrie. Lange hatte er sich geweigert. die bereits über die Produktion von Methylenfarben Kontakte zur bakteriologischen Forschung hatten. hatte bereits Kontakt mit den Tuberkulosebakterien gehabt und besaß Antikörper. Sie waren also »still infiziert«. Zur Jahrhundertwende reagierten nahezu 100 Prozent der Bevölkerung positiv. ein Heilmittel gegen die Tuberkulose gefunden zu haben. einen preiswerten Einstieg in die pharmazeutische Forschung. gestand Robert Koch jedoch zeit seines Lebens nie ein. zwei talentierte Koch-Schüler. Das Tuberkulin bot schließlich den Farbwerken Hoechst. daß er sich noch zu Lebzeiten sein eigenes Mausoleum bauen lassen konnte.

die Malaria. ohne daran zu erkranken. dann weniger ansteckend sein. -7 0 - . 1897 leitete er eine Pestexpedition nach Indien und reiste zum Studium der Lepra nach Memel. in dem er abermals seine kruden Theorien zu Tuberkulin vortrug. Großer Erfolg war ihm jedoch nicht beschieden. Mai 1910 ereilte ihn während seines Kuraufenthalts in Baden-Baden der Tod. um die Schlafkrankheit und deren Erreger zu bekämpfen. und am 27. Diese Variante erschien ihm noch wesentlich angenehmer als die einzige Alternative dazu: sich mit den Eigenheiten des menschlichen Organismus herumzuschlagen. um das Rückfallfieber und das Küstenfieber zu erforschen. Am 7. In dieser Zeit bat er auch um seine Pensionierung. April erlitt er einen schweren Herzanfall. Er wollte die Ursache der Rinderpest in Südafrika herausfinden und führte Untersuchungen über das Schwarz Wasserfieber. Am 10. Erst nachdem unübersehbar geworden war. 1898/99 galten seine Forschungen vor allem der Malaria. Von 1906 bis 1907 durchquerte er Ostafrika. Danach reiste er nach Japan. Von 1903 bis 1905 war er abermals in Südafrika. daß sich sowohl an der Cholera als auch an der Tuberkulose eine ganze Reihe Menschen zwar infizieren. wurde von ihm heftig abgelehnt. April 1910 hielt der 67jährige Koch in Berlin einen Vortrag über die Tuberkulose. Ein Keim könne nicht das eine Mal ansteckend. Diese Vorstellung schien ihm absurd. über das Texasfieber und die Tse-Tse-Krankheit durch. Robert Koch war das letzte Jahrzehnt seines Lebens fast ununterbrochen auf Reisen. wie ihn Pasteur schon lange verwendete. Auch der Begriff der Virulenz. mußte er diese Vorstellung übernehmen.diese Tatsache überhaupt anzuerkennen.

hier zu helfen.Archie Cochrane: »Ärzte sind überflüssig« Rund 150 Jahre lang hat sich die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Medizin fortgeschrieben. und die Aussagekraft der gebündelten Fakten steigt. Die Metaanalyse erschien Anfang 2000 im Fachjournal Lancet. -7 1 - . Cochrane-Anhänger. dem Pionier der evidenz-basierten Medizin – zur Aufgabe gemacht. gut ausgeführten Studien zusammenfassen. Evidenz-basierte Medizin versucht Ärzte mit den besten bisher gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnissen bei der Findung von Entscheidungen zu unterstützen. sind die Fakten. Gotzsche. Denkmäler werden von den Cochrane-Anhängern dezidiert nicht geheiligt. daß sie auch wirklich den Tatsachen entspricht. heißt es. Damit erhöht sich die Fallzahl. weil es immer schon so gemacht wurde und weil es an der Universität so gelehrt wurde. Direktor des Nordischen CochraneZentrums in Kopenhagen. die alle verfügbaren. Peter C. Viele Erkenntnisse wurden in der Folge von Generationen von Ärzten weiter angewendet – ganz selbstverständlich. Nur weil eine medizinische Maßnahme gut klingt und ihr positiver Effekt logisch nachvollziehbar ist. Was zählt. die sich mit dem Wert der MammographieReihenuntersuchungen zur Früherkennung von Brustkrebs befaßt hatten. Da jährlich rund zwei Millionen Publikationen in rund 10000 Fachjournalen erscheinen. Unregelmäßigkeiten werden ausgeglichen. prüfte beispielsweise alle großen Studien. muß dies noch lange nicht bedeuten. kann es niemandem gelingen. den Überblick zu bewahren. In ihrer »Cochrane-Library« sammelt die Gesellschaft Übersichtsarbeiten zu bestimmten Themen. haben nicht viel Respekt vor traditionellen Wahrheiten. Die Cochrane Collaboration hat es sich – angeregt von Archie Cochrane.

In der Folge wurden die Brüste auch häufiger operiert oder gänzlich entfernt. sehr zum Zorn der Screening-Befürworter in der Ärzteschaft und auch der Apparateindustrie. Einige der Arbeiten lägen schon knapp an der Grenze zu bewußter Manipulation. Diese beiden Studien fanden keine positiven Effekte der Screening-Programme.Von den acht prominent publizierten Studien kritisierte der Cochrane-Mann gleich sechs wegen gröbster methodischer Schwächen. aber auch die hohe psychische Belastung kommen nach Gotzsche als mögliche Auslöser für die höhere Sterblichkeit in Frage. »Auch wenn man die kritisierten (schwedischen) Studien als nicht verfälscht ansieht und einbezieht«. daß sie den strengen Kriterien der Evidence Based Medicine entsprachen. Das Ergebnis war jedenfalls. daß in der Screening-Gruppe wesentlich häufiger Biopsien durchgeführt wurden. Diese Eingriffe. schrieb Gotzsche in seiner Lancet-Arbeit.95 -7 2 - . Klar ersichtlich war. Nur bei zwei Arbeiten – genau jenen. rein auf wissenschaftlichen Grundlagen basierende Geist hat längst auch die Universitäten erobert. die über 12 Jahre hin halbjährlich zur Mammographie gehen. ein BrustkrebsTodesfall vermieden. So berichtet der amerikanische MedizinBiometriker Steve Simon von einer Gastvorlesung eines hochprominenten Chirurgen an seiner medizinischen Fakultät. daß der Ruf der Früherkennung von Brustkrebs durch Gotzsches Arbeit erheblich beschädigt wurde.« 94 Wie dies zustandekommt. schreibt Gotzsche. Die Ergebnisse verhielten sich zueinander statistisch völlig konträr. als hätten sie ein gänzlich anderes Thema untersucht. bedarf genauerer Untersuchungen. daß pro tausend Frauen. die anderen berichteten hingegen über eine Reduktion der Brustkrebssterblichkeit durch die Vorsorgemaßnahmen um nahezu ein Drittel. und manch kritische Zwischenfrage wäre ohne Cochranes Einfluß gänzlich undenkbar. »zeigen die Daten. Dieser respektlose. die Gesamtzahl der Todesfälle aber um sechs erhöht wird. die bislang immer von den Vertretern der Gynäkologen und Radiologen als schwach und falsch kritisiert worden waren – erkannte Gotzsche an.

ist inzwischen auch dem medizinischen Establishment klar. als gäbe es keinerlei Zusatzfragen. Als er 1988 starb. die mit einer bestimmten. »Eine Kontrollgruppe«. 96 -7 3 - . »Wollen Sie damit sagen. in dem er von den großen Fortschritten erzählte. Doch dann hob eine junge Studentin in der ersten Reihe ihre Hand. Daß für sie noch enorm viel zu tun bleibt.« Der Chirurg reagierte auf diese Antwort mit einem heftigen Ausbruch. Biostatistikern und anderen Forschern. »Ja«. Aber die junge Frau ließ sich nicht abschrecken. von ihm selbst entwickelten neuen Methode erzielt worden seien. Archibald L. ein dezentrales Netzwerk aus Medizinern. Cochranes Schüler hätten sich durchgesetzt. Er donnerte mit einer Faust auf das Podium und schrie: »Damit hätte ich die Hälfte meiner Patienten zum sicheren Tod verurteilt!« Einige Sekunden war es totenstill. Die »Cochrane Collaboration«. »Haben Sie mit einer Kontrollgruppe gearbeitet?« wollte sie vom Vortragenden wissen. brach daraufhin in brüllendes Gelächter aus. Der Mediziner reagierte etwas brüskiert auf diese Frage. Am Ende des Vortrags nahm er den erwarteten donnernden Applaus entgegen. Dann fragte die Studentin: »Welche Hälfte?« Das ganze Auditorium. die Medizin zu revolutionieren. will sämtliche medizinische Handlungen daraufhin untersuchen. erzählt Steve Simon. 1994 faßten die Autoren dort die Ergebnisse der Bemühungen um Evaluierung des Selbstverständlichen hart und klar zusammen: 80 Prozent aller medizinischen Handlungen sind niemals umfangreich und seriös nach wissenschaftlichen Standards getestet worden. wiederholte er. Zunächst schien es. beharrte sie. hat das britische Fachblatt New Scientist analysiert. ob es eine wissenschaftliche Evidenz für ihre Zweckmäßigkeit gibt. ich hätte der einen Hälfte der Patienten meine ärztliche Hilfe bewußt vorenthalten sollen?« Im Hörsaal wurde es bedrückend still.Der Chirurg hielt einen Vortrag. Cochrane wurde 1909 im schottischen Galashiels geboren. »genau das wollte ich sagen. hatte er eine Idee hinterlassen. Wieviel. die geeignet ist. Trotz umfangreicher Arbeiten wäre es aber eine Übertreibung zu meinen.

angefangen von -7 4 - . Seine Wanderjahre – speziell der extreme Dogmatismus. so brachte Cochrane 30 Jahre später zu Papier 97.Anfang der dreißiger Jahre hatte sich der junge Schotte drei Jahre lang intensiv mit Psychoanalyse beschäftigt und in Berlin. Seine eigentliche medizinische Ausbildung. Mitte der dreißiger Jahre in England sein Medizinstudium ab. Dort waren bereits 15000 Soldaten aus verschiedenen Ländern interniert. brachte er Hochachtung entgegen. schloß er sich einem kleinen englischen Sanitätsbataillon an. Wien und Den Haag studiert. als praktischer Arzt zu arbeiten. Seine Konsequenz: Als sich General Franco in Spanien an die Macht putschte. Obwohl er ein glühender Antifaschist war. Er war seinem deutschen Lehrer Theodor Reik gefolgt. das im Spanischen Bürgerkrieg Verwundete der Republikaner versorgte. Besonders empörend fand es Cochrane. Zwischendurch schloß Archie. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen. »Jahre der Fehler« sollte er später seine Befassung mit der Seele nennen. war d junge Arzt er keineswegs antideutsch eingestellt. Die Jahre in Deutschland und Österreich hatten Cochrane die Gefahr des Faschismus eindringlich nahegebracht. Der junge Captain des Royal Army Medical Corps fiel schon 1941 auf Kreta den deutschen Truppen in die Hände. wenn seine Fragen nach den Beweisen für manche Therapieverfahren von den Professoren einfach als unzulässig zurückgewiesen wurden. Nach Francos Sieg blieb nur kurz Zeit. habe er in den Kriegstagen erhalten. Cochrane wurde mit rund 5000 seiner Kameraden in ein riesiges Kriegsgefangenenlager bei Saloniki gebracht. der zunächst vor den Nazis nach Österreich und – als diese auch dort knapp vor der Machtergreifung standen – nach Holland floh. Der deutschen Wissenschaft. wie er von Freunden genannt wurde. die er während seiner Ausbildung kennengelernt hatte. den er bei seinem Medizinstudium in Wien kennenlernte – prägten den jungen Intellektuellen jedoch nachhaltig. ohne sich überhaupt um eine Begründung zu bemühen.

während die Diphtheriepatienten von Krämpfen geschüttelt wurden. beschreibt er den medizinischen Notstand. bloß weil sie dort »verdächtiges Lachen« vernommen hatten. die schon seit Wochen nur noch Hungerrationen mit 600 Kalorien pro Tag zu essen bekamen. Nicht ohne Stolz vermerkt Cochrane. 98 In dem baufälligen Gebäude. als Aufseher eine Handgranate in den Toilettenbau warfen. damit sie nicht erstickten. wie er den Deutschen abluchsen konnte. Cochrane hatte wie all seine Kollegen an der Universität schaurige Berichte über den meist tödlichen Verlauf dieser Infektionskrankheiten gehört und war sich sicher. Einmal war er Zeuge eines derartigen Anschlags. daß er Typhus und Diphtherie schon in der Frühphase korrekt diagnostiziert habe. »Die Deutschen gaben uns merkwürdige Pillen zur Behandlung der Ruhr und eine rosa Lösung als Desinfektionsmittel«. daß sie soviel wie möglich tranken. womit er den tödlichen Verlauf der Infektionen hätte beeinflussen können. betrachtete Cochrane fassungslos. Das Verhalten. Aber das war nicht viel. war er der einzige Arzt. »Ich konnte nur eines tun: Zweimal täglich entfernte ich die Fetzen ihrer Schleimhäute im Mund. Die Durchfälle klangen allerdings nach einigen Tagen ab. »Zuerst gab es Hautinfektionen und die Ruhr«. Diphtherie. damals die erste wirksame Waffe gegen Infektionen. Doch dann kamen dramatische Epidemien hinzu: Typhus.« Die Typhuspatienten legte er ruhig in Bauchlage und sorgte dafür. erinnert sich Cochrane. daß nun das -7 5 - . das die deutschen Soldaten hingegen im Lager zeigten. Dazu gab er ihnen soviel Zucker. scheinbar aus purer Laune. Fleckfieber und Hepatitis machten sich rasch unter den Gefangenen breit. das als Lazarett genutzt wurde. einfach ins Camp. Aber was tun? Die Deutschen gaben ihm nichts. Cochrane verbrachte schlaflose Nächte.Robert Koch bis zur jüngsten Entdeckung der Sulfonamide. Die gesundheitlichen Probleme entwickelten sich erst allmählich. Das Gros der Gefangenen war in der ersten Zeit dennoch in gutem Zustand. Immer wieder feuerten sie ohne erkennbaren Anlaß.

daß die jugoslawischen und russischen Gefangenen. verlegt. die allein an Diphterie sterben würden. hatten also zusätzlich zur Diphtherie noch an komplizierten Schußwunden laboriert.große Sterben beginnen würde: »Ich erwartete hunderte Fälle. Abermals geriet Cochrane in Widerspruch zum Lehrbuchwissen: Jedermann wußte. Doch die »eigentliche medizinische Arbeit« blieb im Hintergrund. die keine Essenspakete aus ihrem Heimatland erhielten. Das Erlebte sollte Cochranes medizinische Welt für immer verändern: »Das zeigte sehr klar die relative Bedeutungslosigkeit der Therapie im Vergleich mit der Kraft des menschlichen Körpers. öfter und schwerer krank waren. Die Versorgungslage dort war wesentlich besser: 1500 bis 2000 Kalorien täglich ließen die geschwächten Körper wieder zu Kräften kommen. mit denen Cochrane sich nun die Arbeit teilen konnte. Immer wieder fiel ihm auf. Nachdem er sich während des Studiums ausführlich mit Tuberkulose beschäftigt hatte. bekam er die Betreuung der TBC-Fälle als Hauptaufgabe zugewiesen.« Ein Jahr später wurden Cochrane und seine Mitgefangenen nach Hilburghausen. die über winzige Tröpfchen in der -7 6 - . Obendrein gab es zwei weitere britische Ärzte.« Drei dieser Gefangenen w aren dazu noch Opfer der nächtlichen Schießereien geworden. Damit konnte er manifeste Tuberkulose auch präzise diagnostizieren und die Verteilung unter den Gefangenen bestimmen. alle Verdachtsfälle zu röntgen.« Tödliche Krankheit ohne Tote Trocken zählt er die Verluste auf. daß Tuberkulose eindeutig eine Infektionskrankheit war. wie wichtig Pflege und Lebensumstände für den Ausbruch und die Heilungschancen von Krankheiten waren. die in den folgenden Wochen im Lager tatsächlich zu beklagen waren: »Wir hatten vier Todesfälle. weil keine Therapie zur Verfügung stand. Mehr und mehr realisierte der junge Mediziner. Ab 1942 erhielt er die Möglichkeit. einem kleinen Städtchen in Deutschland.

kommentiert Cochrane die Resultate. Die Erfahrungen sollten den Militärarzt und mit ihm eine ganze Generation von Medizinern prägen. waren noch zwei von 1000 erkrankt. begann der penible Arzt ab 1943 genaue Au fzeichnungen zu führen.Luft übertragen wird. wenn es eine gesicherte Evidenz für deren Sinnhaftigkeit gibt. Daß etwa die noch zur Jahrhundertwende massiv tödlichen Infektionskrankheiten unter anderen Lebensumständen zwar schwere. sollten medizinische Methoden nur dann angewendet werden. wenn infektiöse Patienten niesen oder husten. Unter den Franzosen. hatte Archibald Cochrane seine erste große epidemiologische Arbeit abgeschlossen. Und die regulär mit Zusatzpaketen versorgten Briten hatten in den zweieinhalb Jahren keinen einzigen Tuberkulosefall zu verzeichnen. Cochrane machte sich nicht nur Freunde in der Medizinerzunft. als er s tatistische Methoden verfeinerte. ohne daß dies die Akteure bemerkt hätten. Kein leichtes Unterfangen. welche Gruppe wie versorgt war und wer krank wurde. In Zukunft. Wie konnten dann die Unterschiede erklärbar sein? Um das Unerklärbare zumindest nachvollziehbar zu machen. »Der Effekt der Nahrungspakete war eindeutig«. Die russischen Gefangenen hatten niemals Essenspakete erhalten. hatte er ebenso erlebt wie den Einfluß der Lebensumstände auf die Verbreitung der Geißel Tuberkulose. so sein Vorsatz. Essen entscheidet über Infektion Als 1945 das Lager befreit wurde. aber vorübergehende Verläufe nehmen konnten. Mindeststandards für klinische Studien schuf und Begriffe wie Randomisierung (zufällige Zuweisung in die Studiengruppen) als Grundvoraussetzung für Aussagekraft -7 7 - . deren Grundvoraussetzungen sich längst fundamental geändert haben konnten. Cochrane war bewußt geworden. deren Lebensmittelrationen unregelmäßig aufgebessert wurden. daß sehr viele der Grundannahmen der Medizin nur auf der tradierten Beobachtung von Abläufen beruhten. Unter ihnen erkrankten 51 von 1000 an Tuberkulose.

Er sei zunächst ungeheuer empört gewesen. Daß der Brite um pointierte Formulierungen nie verlegen war. »Allzuviel von dem. wurde er nicht müde zu betonen. »Später fragte ich mich. die sich evidenz-basierte Standards erarbeitet. Eines Tages – Cochrane war wieder einmal der einzige Arzt im Camp der Kriegsgefangenen – bat er einen deutschen Stabsarzt verzweifelt um personelle Verstärkung. erinnert sich Cochrane. lautete die kalte Absage des Deutschen.« Trockener Nachsatz: »Denn recht hatte er jedenfalls!« 99 -7 8 - . ob dieser Stabsarzt nur grausam oder möglicherweise auch klug gewesen ist. Seine Arbeiten und seine Beharrlichkeit machten Cochrane zum Gründervater einer immer breiter werdenden modernen Strömung in der Medizin.definierte. »Nein! Ärzte sind überflüssig«. zeigen seine Memoiren. was im Namen der Gesundheitsversorgung geschieht. hat einfach keine wissenschaftliche Begründung«.

es galt nur noch. sie werden bei einer großen Zahl der Betroffenen scheitern müssen. daß der Keim oder die defekte Zelle früher stirbt als der Mensch. Die Ursachenforschung und die sozialmedizinischen Ansätze Virchows oder Pettenkofers sowie psychologische Denkansätze hatten hingegen kein industriell nutzbares Reparaturkonzept anzubieten. Und je lebensbedrohender eine Krankheit. Rund um die Farbenwerke. um ihn zu besiegen. Krankwerden oder Kranksein beteiligt. die nur ein Ziel hatten: möglichst rasch das Agens zu finden. Schwerkranke Organismen werden mit Flächenbombardements überzogen – in der vagen Hoffnung. geeignete Waffen zu entwickeln. entstand ein fruchtbares Milieu experimentierfreudiger Forscher. -7 9 - . desto giftiger oftmals die Therapie. In ihrem gewaltigen Siegeszug hat die naturwissenschaftlich orientierte Medizin in nur einem Jahrhundert fast alle ganzheitlich orientierten Wissenschaftsansätze an den Rand gedrängt. Der Feind war identifiziert. Doch heute fördern neue Fachrichtungen wie die PsychoneuroImmunologie oder auch die Epidemiologie unbestreitbare Resultate zutage. die ersten chemischen Industrien. Denn dieses Mittel ließ sich dann industriell herstellen und millionenfach verbreiten. Seine absolute Gefährlichkeit rechtfertigt die Anwendung fast jeden Mittels. Viele Sparten der Medizin haben heute dennoch mehr mit chemischer Kriegsführung gemein als mit sorgsamer Pflege.DIE ZWEITE TODSÜNDE: MEDIZIN ALS CHEMISCHER KRIEG Nach der Entdeckung der Bakterien war der Bann gebrochen. die belegen: So gut wie immer ist das gesamte Milieu eines Organismus am Gesundbleiben. das den Keimen den Garaus machen könnte. Als Vorwand dient immer der Krankheitserreger. auf einzelne Fehlfunktionen zielende Reparaturansätze mögen immanent noch so logisch sein.

Kanülen. witzelten seine Kollegen in Straßburg. Manche begannen nach den Farbinjektionen wilde Veitstänze. im Laboratorium des Robert Koch. Tausende Mäuse. Breslau oder später in Berlin. welche neuen Kreationen die Farbwerke Hoechst oder der Leverkusener Konkurrent Bayer auf den Markt brachten. die Reimannsche Färberzeitung. abonnierte Ehrlich sogar das Branchenblatt. entdeckte die Lymphozyten und die Mastzellen. Hier half er dem Chef bei der Identifizierung der Tuberkuloseerreger. Er mußte sich bei seinen Arbeiten im -8 0 - . Gleichzeitig war er ein ungeheurer Chaot. Meerschweinchen und Hasen starben im Dienste der Wissenschaft. bis er kaum noch zur Tür hereinkam. Versuchskaninchen für Koch Um immer zu wissen. der sein Büro mit Fachliteratur zumüllte. Später versuchte er mit Hilfe giftiger Farbstoffe wie Methylenblau oder Trypanrot erste chemotherapeutische Attacken gegen die Erreger der Malaria und der Schlafkrankheit.1 »Ehrlich färbt am längsten«. er rauchte fünfundzwanzig Zigarren pro Tag und liebte es.Ehrlich im Farbenrausch Paul Ehrlich war ein leutseliger Mann. Bunsenbrennern und Farbstofftanks. Er klassifizierte mit Hilfe der Farben die einzelnen weißen Blutzellen. wie man Zellen zur besseren Identifikation einfärbt. als er auch in seinem eigenen Speichel die wohlbekannten Mykobakterien fand. Dies trieb er weiter voran. andere – einst weiße Mäuse – erinnerten unmittelbar vor ihrem Abgang in den Versuchstierhimmel eher an Kanarienvögel. Farben und mit ihnen die Chemie blieben Paul Ehrlichs lebenslange Leidenschaft. am Abend beim Bier – in phantastischer Spekulation mit den Kollegen – das Potential seiner Ideen auszuloten. Bereits als Jugendlicher lernte er von einem verwandten Pathologen. und dessen Laboratorien platzten von Flaschen. Und geriet gleich gehörig in Panik.

Zusammen mit seiner Frau fuhr er zu einem einjährigen Aufenthalt nach Ägypten. dem angeblichen Tuberkuloseheilmittel. damit wieder gesund – machen. Er folgte dem Ruf des ehrgeizigen Bürgermeisters von Frankfurt am Main und nahm den Posten eines Direktors des Königlichen Instituts für die Standardisierung der Serumtherapie an. Er wollte mit seiner Chemotherapie den Körper steril – und. offenstand: eine Kur. Nicht unwesentlich für Ehrlichs »Gang in die hessische Provinz« war auch die Nachbarschaft zu seinem langjährigen Geschäftspartner. der TBC-Kranken. zurück in Berlin. die hier nichts zu suchen hatten. den Farbwerken Hoechst. einer Zauberkugel. und so ging er den traditionellen Weg. Geschick. mit einer »magic bullet«. Kurz zuvor war dem Chemiker Felix Hoffmann für den Leverkusener HoechstKonkurrenten und Arzneimittelhersteller Bayer ein Geniestreich -8 1 - . Spätestens ab dem Zeitpunkt hatte er auch ein persönliches Interesse. Forschungswunderland Nirgendwo auf der Welt waren die Bande zwischen Forschung und Industrie damals enger als in Deutschland. Noch aber hatte Paul Ehrlich seine später ständig gepredigten vier G (»Geduld. den kranken Körper freizuschießen von allen Bazillen. Wie in allen anderen Fällen wirkte Kochs Hirngespinst auch bei Ehrlich nicht. Robert Koch behandelte ihn nämlich mit seinem katastrophalen Tuberkulin. 2 1898 langte Paul Ehrlich schließlich an seiner letzten Wirkungsstätte an.Labor mit den Keimen infiziert haben. wo er niemandem mehr Rechenschaft schuldete und seinen kuriosen Leidenschaften völlig freien Lauf lassen konnte. daß es gelänge. Geld und Glück«) offensichtlich noch nicht komplett versammelt. wie er meinte. hatte Ehrlich eine weitere schwere gesundheitliche Belastungsprobe zu überstehen. die es sich leisten konnten. Immerhin kam es bei ihm – im Gegensatz zu unglücklicheren Koch-Patienten – aber auch zu keinem Ausbruch der Tuberkulose. 1890.

Behring intervenierte ständig bei allen Behörden. der Behring nicht nur für die Lieferung des antitoxischen Diphtheriematerials 3000 Reichsmark zusprach. Behrings Weg zu hoechstem Ruhm Auch Emil Behring hatte es bereits ins Frankfurter Umfeld verschlagen. der sich – in anerkennenswerter Offenheit – selbst als aggressiv und rücksichtslos charakterisierte 4. daß es nicht genügt. durch die Immunisierung von Pferden Antitoxine gegen Diphtherie zu entwickeln. sondern zusätzlich eine großzügige Pauschale von 10000 Reichsmark für nicht näher definierte -8 2 - . man muß diese vielmehr auch propagandistisch voll ausschlachten. Nun begann Bayer mit Hilfe des patentierten Aspirins ein Weltkonzern zu werden. Die Farbwerke Hoechst. eine Entdeckung zu machen. Heute wissen wir. wurde im Jahre 1901 Träger des ersten Medizin-Nobelpreises und in den Adelsstand erhoben. 3 Im Zuge des deutschen Pharmabooms wurde auch Paul Ehrlich mit Fördergeldern überschüttet und leitete bald zwei weitere Institute. Die Weidenrinde war in der Volksmedizin seit jeher als schmerzlindernd und entzündungshemmend bekannt. Ehrlich hatte seinem Berliner Ex-Kollegen geholfen. schlossen mit ihm einen Vertrag. Er isolierte Acetylsalicylsäure aus der Rinde der Weide und stellte daraus Aspirin-Tabletten her. Behring.gelungen. daß Ehrlich seinen Kollegen damit vor der wissenschaftlichen Blamage gerettet hat. Hersteller des Diphtherieserums. Eines war der Krebsforschung gewidmet. Emil Behring war in seiner Haltung seiner Zeit voraus. Bis heute ist Aspirin die bestverkaufte Droge aller Zeiten. sogar der königliche Hof mußte sich mit seinen Eingaben befassen. hatte es aber nie für wert befunden. Er wußte. Und er hatte damit Erfolg. ein anderes der Erprobung der Chemotherapie. die Beiträge des Kollegen zu erwähnen. Allein in den USA werden jährlich mehr als 10000 Tonnen des Schmerzmittelklassikers geschluckt.

5 Schließlich baute Emil von Behring gemeinsam mit Hoechst eigene Produktionsstätten in Marburg. Noch immer hatte er die nebenwirkungsfreie. Diese arsenhaltige Chemikalie war bereits als Mittel gegen die Erreger der Schlafkrankheit eingesetzt worden. wie der »Mikrobenjäger«-Biograph Paul de Kruif in seinem 1927 veröffentlichten Bestseller drastisch beschreibt: »Atoxyl war auch an den armen Schwarzen drunten in Afrika ausprobiert worden. stockblind. an der Schlafkrankheit zu sterben. verfiel er auf den Wirkstoff Atoxyl. sich schon zu Lebzeiten ein Mausoleum bauen zu lassen. Allerdings mit grausamen Resultaten. ungiftige Chemotherapie vor Augen. Die Suche nach »magic bullets« Der im Vergleich eher bescheidene Paul Ehrlich befaßte sich unterdessen mit seinem Lebenstraum. Diese Ansprüche erwiesen sich in der Praxis hingegen schnell als Wunschdenken. 1904 entstanden aus den Marburger Betrieben die Behringwerke. Eine einzige Injektion sollte dazu ausreichen. und eine geradezu unangenehm große Zahl jener Neger waren vom Atoxyl blind geworden. Die chemischen Stoffe sollten gleich Zauberkugeln ihr Ziel – also die Krankheitserreger – im Körper des Menschen selbst aufsuchen. unter anderem mit seinem »Antimalariamittel« Methylenblau. Nach einer langen Reihe von Fehlschlägen. 6 Behring konnte es sich sogar leisten. Es hatte sie nicht geheilt.Forschungsarbeiten und die Hälfte des Reingewinns aus dem Verkauf der Impfstoffe. abtöten und dabei den menschlichen Organismus »nicht im mindesten beeinflussen oder schädigen«. Er besaß großzügige Laboratorien und sammelte riesigen Grundbesitz für die Haltung seiner Impfstoffpferde an.« 7 Das Experiment E 606 Ehrlich versuchte nun das Teufelszeug mit wahrer Engelsgeduld in seinen chemischen Eigenschaften zu -8 3 - . bevor sie noch Zeit gehabt hatten.

So näherte sich Ehrlich im Jahr 1909 seinem »Tag der Tage«. bei denen man Syphilis als Ursache für die Krankheit vermutete. Stand doch bis dahin als Therapeutikum allein die berüchtigte Quecksilberkur zur Verfügung. Die Versuchstiere wurden verrückt. Einige Patienten reagierten mit rascher Besserung ihrer Symptome. Immer wieder infizierten Ehrlichs Mitarbeiter weitere Versuchstiere mit den Erregern der Schlafkrankheit. Und als Ehrlich im Jahr 1910 das Mittel zum Verkauf freigab. Denn mit den toxischen Arsenverbindungen waren in der Vergangenheit eine Reihe schlechter Erfahrungen gemacht worden. spielten die Farben des Regenbogens durch oder starben auf der Stelle. Seine Zauberkugel begann zu rollen. Ärzte zu finden. die Arsenverbindung abzuändern. die beteiligten Ärzte waren verblüfft. Er wurde mittlerweile von Hoechst unter dem Namen Salvarsan hergestellt. In der Folge wurden rund 1000 Patienten in klinischen Versuchen behandelt. Die Erreger der Schlafkrankheit seien den neu entdeckten Verursachern der Syphilis sehr ähnlich. Salvarsan auszuprobieren. Allerdings war es schwierig. und immer wieder fiel Ehrlich eine neue Möglichkeit ein. war das Interesse der internationalen Ärzteschaft. Ehrlich testete sein E 606 an allen möglichen Tieren und erzielte so befriedigende Ergebnisse. Nach 605 Versuchen mit den unterschiedlichsten Verbindungen kam E 606 an die Reihe. Da schnappte Ehrlich in einem Fachjournal eine Bemerkung auf. enorm. Diese weltweit erste »Designerdroge« machte nun plötzlich den Parasiten den Garaus. daß er den Stoff nun auch an Menschen erproben wollte.verändern. die es anwenden wollten. Nur war die Schlafkrankheit in Europa eher unbekannt. Schließlich wurde Salvarsan im Herbst 1909 doch an 23 Geisteskranken ausprobiert. Aus dieser Erprobungsphase wurden viele Berichte von teils erstaunlichen Heilerfolgen veröffentlicht. die die Patienten schwer vergiftete und quälende Schmerzen verursachte. eine Therapie daher wirtschaftlich kaum rentabel. die ihn elektrisierte. Die -8 4 - . ohne die Mäuse zu töten.

die aufgrund des Patents bis zum Ersten Weltkrieg ein Monopol auf die Salvarsan-Herstellung besaßen. Bis 1927 erschienen über Salvarsan mehr als 3000 wissenschaftliche Publikationen. das Problem komme nur von falschen Dosierungen und falscher Verabreichung. wurde dieses Mittel ein absoluter Verkaufsschlager. Ehrlich arbeitete an der ständigen Verbesserung seines Mittels. und zusätzliche Behandlungen mit Quecksilber. denn darin oxidierte Salvarsan sehr leicht und wurde damit noch giftiger. -8 5 - . Destilliertes Wasser genügte nicht. Bereits 1912 brachte er mit Neosalvarsan eine weniger toxische Arsenobenzolverbindung auf den Markt. Hautnekrosen.geschmähte Geschlechtskrankheit war damit noch mit einer zusätzlichen Strafe belegt worden. eine Novität einzuführen. Er sah ein. Jod und Wismut kamen hinzu. Dazu gehörten Erbrechen. Die Herstellerfirma Hoechst sah sich dadurch genötigt. um die Erreger zu töten. Daraufhin setzte eine heftige Debatte um das Mittel ein. Schließlich mußte Ehrlich immer mehr von seinen Hoffnungen auf die »große Sterilisationstherapie« aufgeben. Lähmungen. Taubheit. 9 Relativ rasch nach der Marktfreigabe erschienen allerdings massenhaft Berichte über schwere Nebenwirkungen der Salvarsan-Therapie. Aber auch dieses Mittel tötete noch immer einen von 2000 Patienten unmittelbar durch die Anwendung. Erblindung. Die Hälfte davon beschäftigte sich allein mit seinen Nebenwirkungen. Auch stellte sich heraus. Tatsächlich war der Umgang mit Salvarsan recht kompliziert. daß Chemotherapie ohne Nebenwirkungen offenbar nicht möglich sei. nämlich den Beipackzettel mit Richtlinien für die Anwendung. Auch einige Todesfälle wurden gemeldet. daß die SalvarsanTherapie zumindest jeden zweihundertsten Patienten tötete. Eine Erhebung des Reichsgesundheitsamts in Berlin ergab. Die Behandlungsdauer wurde also verlängert. Es mußte in sterilisiertem Wasser aufgelöst werden. Fieberschübe. Ehrlich entgegnete auf den Vorwurf der Toxizität. 8 Für die Farbwerke Hoechst. daß eine einzige Injektion nicht ausreichte.

Streitfall Salvarsan
An Salvarsan erhitzten sich nicht nur die wissenschaftlichen Geister. In der Presse wurde der Abgabepreis des Mittels als Wucher gebrandmarkt. Die Sozialdemokraten sprachen vom Salvarsan-Kapitalismus. Naturheilverbände und die damals zahlreichen Laienheiler entwickelten eine radikale Gegnerschaft, besonders als zu Beginn der zwanziger Jahre über ein Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten mit Zwangsbehandlung von Kranken diskutiert wurde. Das bot den Naturheilverbänden den idealen Anlaß, medienwirksam gegen die herrschende »Schulmedizin« vorzugehen. Die Angst vor einer immer mächtiger werdenden Medizin, die hier nun – zum ersten Mal bei einer Therapie – vom Gesetzgeber für alle Bürger verordnet werden konnte, war groß. Die bis dahin geltende Kurierfreiheit, also das Recht des Bürgers, seine Behandlung frei zu wählen, und jene von Laienärzten, Behandlungen anzubieten, war damit in Frage gestellt. Die Einschränkung der Kurierfreiheit wurde etwa als »Militarisierung der Heilkunde« 1 0 oder als »Medizinalkorruption« 11 bezeichnet. Es drohe ein »ärztlicher Polizeistaat« 12. Auf der anderen Seite wurde die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten von der Ärzteschaft als publikumswirksamer Vorzeigegrund genutzt, um endlich ihr Behandlungsmonopol in Gesundheitsfragen durchzusetzen. Sie siegten schließlich in dieser Auseinandersetzung, und 1927 wurde ein Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten verabschiedet, das ihnen ein Behandlungsmonopol zusprach. Damit wurde erstmals das Recht des einzelnen Bürgers beschnitten, die ihm genehme Behandlungsform zu wählen. Von nun an durfte jeder Geschlechtskranke zwangsweise mit Salvarsan und den Folgetherapien behandelt werden. Die Naturheilerfraktion setzte allerdings eine Einschränkung durch, die bis heute von wesentlicher Bedeutung ist. Das Gesetz verlangte für ärztliche Eingriffe, die das Leben oder die Gesundheit des Patienten ernsthaft gefährden konnten, dessen vorherige Einwilligung. Dazu zählte auch die Behandlung mit Salvarsan oder Quecksilber. Wie weit ein Arzt seine Patienten
-8 6 -

vor der Behandlung über deren Risiken und Nebenwirkungen aufzuklären hatte, war allerdings nicht festgelegt worden. 13 Paul Ehrlich selbst war sehr unglücklich über den von ihm ausgelösten Salvarsan-Krieg. Schwere Nebenwirkungen, Zwangstherapie, Notgesetze – das war das letzte, was er sich für seine Zauberkugeln erhofft hatte. In den letzten Monaten seines Lebens wendet er sich der Krebsforschung zu, um hier die Einsatzmöglichkeiten seiner Chemotherapie zu ergründen. Wie immer ist er voll von Plänen und prahlt, daß er mit seinen Ideen noch Dutzende von Chemikern ein paar Jahre lang beschäftigen könne. Doch sein Gesundheitszustand wird immer schlechter, und er stirbt nach einem Herzanfall im Alter von nur 61 Jahren.

Werk des Teufels
Die Idee der Chemotherapie gegen Krebs war jedoch in die Welt gesetzt und lebte nach der Vertreibung der deutschen Intelligenz in den dreißiger Jahren vor allem in den USA weiter. Nach den Schlappen mit Salvarsan und den unerquicklichen Resultaten mit Quecksilber hatten Chemotherapeuten allerdings einen denkbar schlechten Ruf in der Ärzteschaft. Alfred Gilman, einer der Pioniere der Chemotherapie, erinnert sich an die ersten Versuche mit diesen experimentellen Drogen: »In den Augen der meisten Ärzte war es gerade mal zulässig, diese Mittel zur Betäubung einzusetzen. Die Chemotherapie aber als Krebsmedikament zu verwenden, das sah man allgemein als Werk des Teufels an.« 14

-8 7 -

Die zufällige Entdeckung der Antibiotika
Bakterien sind fast überall zu finden – auf Oberflächen, in Flüssigkeiten, in Nahrungsmitteln, im Mund und im Verdauungstrakt von Mensch und Tier. Die meisten sind völlig harmlos und sogar lebensnotwendig. Bakterien regulieren die Verdauung, sie halten die Haut gesund, sie schützen vor aggressiven Artgenossen. Jede einzelne unserer Körperzellen bezieht aus im Lauf der Evolution eingebürgerten Bakterien, den sogenannten Mitochondrien, ihre Lebensenergie. Auf der anderen Seite gibt es jedoch die feindlichen Bakterien wie z.B. die Verursacher der Diphtherie, des Wundstarrkrampfs, der Cholera oder der Tuberkulose. Pneumokokken, die wichtigsten Auslöser der Lungenentzündung, vermehren sich derart aggressiv und schnell, daß binnen 48 Stunden nur einer gewinnen kann: entweder die Bakterien – dann stirbt der Mensch – oder die Immunabwehr, die den Bakterien den Garaus macht. Lange Zeit hatte die Medizin kaum wirksame Mittel gegen diese Volksseuchen. In der Natur kommen zwar antibakterielle Wirkstoffe vor, etwa Knoblauchsaft, Fingerhutextrakt oder Teebaumöl. Sie können die körpereigenen Abwehrkräfte unterstützen, bieten aber keine sichere Hilfe, wenn es zu einer lebensbedrohlichen Zuspitzung kommt. So war die Situation, bis die Antibiotika entdeckt wurden. Diese von speziellen Schimmelpilzen gebildeten Stoffwechselprodukte haben eine hervorstechende Eigenschaft: Sie empfinden Bakterien als Rivalen. Die Pilze fühlen sich gestört, und sie vermögen es, sie mit ihren Stoffwechselprodukten zu vergiften oder zumindest gewaltig in ihrem Wachstum zu hemmen. Bakterien nehmen die Herausforderung jedoch rasch an. Sie reagieren schnell und sensibel auf Attacken. Sie teilen sich flott, manche innerhalb von Minuten, und jene, die überleben, sind ein Stück widerstandsfähiger gegen die Angreifer geworden. Bakterien lernen schnell, bestimmte Enzyme zu bilden, mit denen sie sich gegen die Wirkstoffe schützen. Durch diese natürlichen
-8 8 -

Gegenstrategien entwickeln sich mit der Zeit immer widerstandsfähigere, resistente Stämme. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Nach ihrem erfolgreichen Einsatz gegen Ende des Zweiten Weltkriegs galten Antibiotika für lange Zeit als Wunderwaffe der Medizin. Menschen, die kurz zuvor noch aufgegeben worden wären, waren nun binnen weniger Tage wieder auf den Beinen. Die leisen Killer der Lazarette und Bettenstationen hatten plötzlich einen Widerpart, die Ärzte eine machtvolle Waffe in der Hand – ein Heilmittel, wie es sich die Menschen bislang kaum zu träumen gewagt hatten. Ein Triumph der modernen Medizin. Die pharmazeutische Industrie stürzte sich auf das Wundermittel. In immer neuen Varianten wurde es synthetisiert. Gegen schwere Atemwegsinfektionen, sogar Lungenentzündungen und viele Kinderkrankheiten gab es nun ein Therapeutikum, das Leben retten konnte. Da die Erreger vieler Infektionskrankheiten erst in Laboruntersuchungen nach mühsamer Anzucht identifiziert werden können, wurden Antibiotika aber vielfach schon auf bloßen Verdacht hin verschrieben, auch wenn die wahren Verursacher der Erkrankung Viren, Pilze oder andere Parasiten waren, gegen die Antibiotika gar nichts ausrichten können. Beginnend in den fünfziger Jahren in den USA, breitete sich eine regelrechte Verschreibungswut in allen Industrienationen aus. Kaum ein Mediziner konnte der Verlockung widerstehen, das Wundermittel einzusetzen.

Die Spirale ist überdreht
Der unbedachte Umgang mit den Antibiotika rächte sich: Zunächst vereinzelt, dann immer häufiger traten Resistenzen auf. Pneumokokken waren plötzlich immun gegen Penicillin, Staphylokokken gegen Meticillin und Enterokokken gegen Vancomycin. Immer mehr Antibiotika versagten. Den Medizinern blieb nur die Flucht nach vorn. Stärkere Mittel, höhere Dosierungen und Kombi-Präparate sollten das einstige Wunder wiederholen.
-8 9 -

Nicht nur die Medizin trug zu diesem Dilemma bei. Antibiotika als Futterzusatz lassen seltsamerweise Nutztiere schneller wachsen. Ohne daß man den Effekt genau versteht, sind sie bis heute als »Leistungsförderer« vielen Futtermitteln beigemengt und gelangen so über das Fleisch auch in den menschlichen Organismus. Daß Antibiotika selbsttätig Krankheiten verursachen können, wurde sehr lange nicht für möglich gehalten. Nur vereinzelt und am Rande von Studien ergaben sich immer wieder Hinweise darauf. So in einer Langzeitbeobachtung an mehr als 3000 englischen Kindern der Jahrgänge 1975 bis 1984, die im Fachmagazin Thorax veröffentlicht wurde. 15 Oxforder Lungenspezialisten hatten nach Risikofaktoren für Allergien bei Kindern gesucht und dabei alle möglichen sozialen und medizinischen Parameter aufgezeichnet: das Risiko der Vererbung, Rauchen, Stillen oder Flaschennahrung, niedriges Geburtsgewicht und auch Antibiotikaeinsatz während der ersten beiden Lebensjahre. Als bedeutender Risikofaktor wurde, wie erwartet, die erbliche Komponente identifiziert. Wenn die Mutter Allergikerin war, hatte der Nachwuchs ein nahezu doppelt so hohes Risiko, auch an Krankheiten wie Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis zu erkranken. Dieser Risikofaktor wurde nur noch von einem anderen übertroffen: dem Antibiotikaeinsatz. Kinder, die während ihrer ersten beiden Lebensjahre mit Antibiotika behandelt worden waren, hatten sogar ein mehr als doppelt so hohes Risiko, später Allergiker zu werden, als Kinder, denen dies erspart geblieben war. In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts dachte jedoch noch niemand an derartige Spätfolgen, am wenigsten Alexander Fleming. Bis zur Entdeckung der Antibiotika hatte die Medizin noch kein allzu großes Arsenal an wirksamen Therapeutika vorzuweisen: Digoxin, der Wirkstoff des Fingerhuts, wurde als Herzmittel angewendet, Aspirin, aus der Rinde der Weide gewonnen, gegen Schmerzen verabreicht. Einige Impfungen wurden mit größerem oder geringerem Erfolg eingesetzt, und die Chemikalie Salvarsan half mehr oder weniger gegen
-9 0 -

Syphilis. Die einzigen beiden anderen bedeutsamen therapeutischen Entwicklungen betrafen die Entdeckung der Vitamine und die Isolierung der Hormone Thyroxin und Insulin zur Behandlung ihres Mangels. Insgesamt hatte sich die gesundheitliche Situation der Bevölkerung über die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts stark verbessert – vor allem durch die besseren Wohnungsund Ernährungsbedingungen. Allerdings waren drei neue Krankheiten aufgetaucht, die für vorzeitige Todesfälle im mittleren Lebensalter sorgten: Magengeschwüre, Herzinfarkt und Lungenkrebs. Ihre Ursachen lagen völlig im dunklen. 16 Seit Pasteurs – zumindestens wirtschaftlichen – Erfolgen gegen Tollwut und Milzbrand war jedoch die Vision eines biologischen Wirkstoffs gegen Bakterien in der wissenschaftlichen Gemeinde fest verankert. Welcher Art dieser Wirkstoff allerdings sein sollte, darüber gingen die Meinungen auseinander. In der Volksmedizin wurden Pilzen antibakterielle Eigenschaften zugeschrieben. Schimmel wurde zur Behandlung von Schnittwunden eingesetzt.

Die Urlaubsüberraschung
Während des Ersten Weltkriegs hatte der schottische Bakteriologe Alexander Fleming Erfahrungen mit Wundheilung und Resistenzen gemacht. Er war unglücklich über die schlechte Wirksamkeit der zur Verfügung stehenden chemischen Desinfektionsmittel. Sie waren überaus scharf und schmerzhaft in der Anwendung. Und trotzdem störten sie mehr die Selbstheilungskraft der Patienten, als daß sie Bakterien wirklich vernichteten. Fleming stand dem Konzept der Chemotherapie immer skeptischer gegenüber. Wenn eine Infektion auf einen Organismus übergegriffen hat, kann die Heilung nur noch vom Organismus selbst ausgehen, glaubte er. 17 Deshalb suchte er intensiv nach Mitteln, die ihm dabei behilflich sein konnten, Bakterien aufzulösen, ohne ringsum Schaden anzurichten.

-9 1 -

Nach dem Krieg arbeitete Fleming als Mikrobiologe im Londoner St. Mary’s Hospital. 1921 glaubte er sich einen entscheidenden Schritt weiter, als er durch Zufall wirksame Enzyme in Nasenschleim und Tränenflüssigkeit entdeckte. Jemand hatte in die Bakterienkulturen geniest, und diese lösten sich daraufhin auf. Es mußte sich um einen Wirkstoff der körpereigenen Immunabwehr handeln. Fleming nannte ihn Lysozyme. 18 Jahrelang beschäftigte er sich nun mit der Erforschung dieser Enzyme. Zu Flemings Enttäuschung zeigte sich aber immer deutlicher, daß seine Entdeckung nur gegen wenige Bakterienarten und auch bei denen nicht sehr intensiv wirkte. So fuhr er im Sommer 1928 recht frustriert in den Urlaub. Vielleicht vergaß er deshalb, einige der Petrischalen, in denen seine Bakterienkulturen heranwuchsen, in den Kühlschrank zu stellen. Als Fleming Mitte August von seinem Urlaub zurückkehrte, bemerkte er, daß eine Staphylokokkenkultur an einer Stelle mit einer dicken Schimmelschicht überzogen war. Daß in einem biologischen Labor ab und zu etwas verschimmelt, war ganz und gar nicht ungewöhnlich. Fleming fiel aber auf, daß der Schimmel anscheinend den Bakterien geschadet hatte. Denn diese hatten sich – als deutlich sichtbares gelbes Band – rund um den Schimmel regelrecht aufgelöst. Etwas weiter entfernt waren sie hingegen normal weitergewachsen. Erst 1964 fand Flemings früherer Assistent Ronald Hare heraus, was die Ursache für den Glücksfund war: Der Schimmel, der Fleming »beim Fenster reingeflogen war«, wurde als eine recht seltene Penicillinart i entifiziert, die sich d durch besondere Starkwüchsigkeit auszeichnet. Konkret war sie aus dem Fenster im unteren Stockwerk entkommen, wo der Pflanzenexperte C. J. La-Touche seine Experimente unternommen hatte. Daß Fleming ausgerechnet in diesem Sommer vergessen hatte, seine Schalen in den Inkubator zu stellen, war der zweite für die Entdeckung der Antibiotika wichtige Zufall. Der Schimmel wächst am besten bei 20 Grad, die Staphylokokken aber bei 35 Grad. Aus den
-9 2 -

und dann war er bemerkenswert träge in der Umsetzung der -9 3 - . 20 Als er seine Entdeckung den Kollegen zur Überprüfung weitergeben wollte. erlebte er hingegen eine Schlappe nach der anderen. »hatten sich die Bakterien an einigen Stellen aufgelöst. obwohl er die Bindehautentzündung eines Kollegen damit problemlos zum Verschwinden gebracht hatte. »Aus unerklärlichen Gründen«. Tatsächlich wirkte das Penicillin auch gegen Gonokokken. Alle Forscherkollegen scheiterten daran. nannte sie Penicillin und testete sie an einer Reihe von Mikroorganismen. die sich an der Oberfläche der Kulturen gebildet hatten. und die Staphylokokken konnten wachsen. Es war in seinen Augen also nicht nur stark – viel stärker als sein Tränenenzym -. neun Tage andauernde Schlechtwetterperiode begann. Fleming war einigermaßen beeindruckt und publizierte 1929 einen kleinen Forschungsbericht. als daß man es klinisch anwenden könnte. es wurde wärmer.« – Ohne die neun kühlen Sommertage im London des Jahres 1929 hätte Fleming das Penicillin wohl niemals entdecken können. Dann änderte sich das Wetter. daß es dabei die Tätigkeit der weißen Blutkörperchen der körpereigenen Abwehr nicht beeinträchtigte. Anscheinend wuchs der Schimmel nur in seinem Labor. Fleming selbst hielt das Penicillin für viel zu unstabil. sondern auch sicher. den Diphtheriebazillus und viele weitere Bakterien. So konnten sie auch Flemings Versuche nicht wiederholen.meteorologischen Aufzeichnungen geht nun hervor. daß in London zur Zeit von Flemings Urlaubsantritt Ende Juli 1929 eine kalte. notierte Fleming in seinen Laborberichten. Mit besonderer Freude bemerkte er. und somit konnte Fleming die stecknadelkopfgroßen gelben Flecken toter Bakterien überhaupt erst bemerken. Meningokokken. Und das. Bis dahin hatte der Schimmel aber schon genügend Penicillin hervorgebracht. das Penicillin zu vermehren. Zuerst hatte Fleming sehr viel Glück bei der zufälligen Entdeckung. 19 Fleming verliert das Interesse Fleming extrahierte die Flüssigkeit des Schimmels. die das Wachstum des Penicillinschimmels begünstigte.

und der entschlüsselte die chemische Formel und zeigte. Er verstand es. so wie Fleming sie mitbekam. eine notorisch schwer züchtbare Bakterienart im Labor zu kultivieren. Dies trug auch bei Florey und Chain zu der -9 4 - . bis die wunderbaren Eigenschaften des Penicillins neuerlich entdeckt werden konnten. Die Fähigkeiten eines Biochemikers wie Chain waren da schon tiefgehender. studierte er Flemings Aufzeichnungen und fand jene kurze Arbeit über Penicillin. Howard Florey war 1922 aus Australien eingewandert. Florey setzte Chain auf jene Lysozymen an. Als er diese Entdeckung für eine Veröffentlichung vorbereitete. Das vergessene Wunder Also mußten erst einige Jahre vergehen. ähnlich wie bei den Lysozymen. daß sie ein komplexes Zuckermolekül waren. Nur einer aus zwei Millionen Teilen des ohnehin schlecht wachsenden Schimmels enthielt die therapeutisch wirksame Substanz. die hinter der bloßen Oberfläche lagen. andere Leute für seine Interessen zu gewinnen.therapeutischen Möglichkeiten seines Fundes. und er stellte den Chemiker Ernst Chain. als Mitarbeiter ein. Wie Fleming machte aber auch Chain und Florey die Herstellungstechnik schwer zu schaffen. Und so war es nur eine Frage der Zeit. Mit 37 Jahren war er bereits Professor für Pathologie in Oxford. einen jungen deutschen Juden. bis Chain. 2 1 Flemings Talente und Fähigkeiten als Mikrobiologe lagen in der Beobachtung und Interpretation von Bakterienexperimenten. Er war außerordentlich umtriebig und begabt darin. die biochemischen Mechanismen zu entschlüsseln. 1939 beschäftigten sich Howard Florey und Ernst Chain in Oxford mit einer Arbeit Flemings über die antibakteriellen Eigenschaften von Lysozymen in der Tränenflüssigkeit. der vor dem Nazi-Regime geflüchtet war. Er verlor schließlich gänzlich das Interesse und beschäftigte sich die nächsten Jahre über damit. die chemische Formel des Penicillins entschlüsselte.

mit einem gegenüber Mäusen tausendfach höheren Körpergewicht.anfänglichen Meinung bei. Vielmehr zeigte sich. 22 Not macht erfinderisch Nach diesen Experimenten im Jahr 1940 hoffte Florey ein pharmazeutisches Unternehmen dafür zu gewinnen. Gerade diese Ungewißheit aber stachelte seinen Ehrgeiz an. so wie die Lysozymen. Schließlich unternahmen die beiden noch einen exakten wissenschaftlichen Versuch: Sie infizierten zehn Mäuse mit Streptokokken und gaben der Hälfte der Mäuse Penicillin und den fünf anderen ein Placebo. war als Produkt leidvoller Erfahrung allgemein anerkannte Lehrmeinung. während die anderen überlebten. die er in seiner Klinik zur -9 5 - . Es war kein Enzym. Er reinigte das Penicillin und verwendete es in Laborversuchen mit Bakterienkulturen. wie er zunächst erwartet hatte. Aber dies waren schwierige Zeiten. Und schließlich zeigte es sich im Mäuseversuch auch noch als ungiftig. Denn die Überzeugung. Sie interessierte ihn rein chemisch. daß es eine niedermolekulare Substanz mit großer chemischer Instabilität war. was Bakterien tötet. Dieser Punkt erwies sich als außerordentlich wichtig. daß Penicillin keinerlei Bedeutung in der klinischen Praxis haben werde. Zu diesem Zeitpunkt beschloß Florey. Zunächst einmal war Chain angetan von der »recht ungewöhnlichen Substanz«. wo im letzten Moment 350000 Soldaten von einer improvisierten Flotte trotz der dauernden Angriffe der damals auf dem Höhepunkt ihrer Stärke agierenden deutschen Wehrmacht gerettet werden konnten. Penicillin in größeren Mengen zu produzieren. Soeben war das Wunder von Dünkirchen passiert. und die Briten fürchteten zurecht eine deutsche Invasion. Trotzdem ging bei dieser Schlacht eine ganze Armee verloren. denn nun wollte er Menschen behandeln. auch lebenden Organismen Schaden zufügt. Alle Placebomäuse starben. daß alles. Hier zeigte es sich zwanzigfach wirkungsvoller als jedes andere Mittel. die ganzen Ressourcen.

Charles Fletcher. Am fünften Tag jedoch gab es kein Penicillin mehr. Der erste Patient war der 43jährige Polizeibeamte Albert Alexander. für einen einzigen Zweck Anzusetzen. Wenn dieses Unterfangen schiefgegangen wäre. er hustete schwer. Am 12. Sein gesamter Urin wurde gesammelt. Zwei Monate zuvor hatte sich Alexander das Gesicht an einem Rosenstrauch zerkratzt. erforderte außerordentlichen Mut. was weiter geschah: »Alle drei Stunden wurde ihm nun Penicillin verabreicht. und das andere war ebenfalls gefährdet. Es war genug Penicillin vorhanden. Die Situation des Patienten verschlechterte sich wieder. und jeden Morgen brachte ich den Urin auf meinem Fahrrad hinüber ins Pathologielabor. beschreibt. eine Universitätsabteilung in eine Penicillinfabrik umzuwandeln. Bei den nächsten vier Patienten war -9 6 - . um erstmals einen Menschen zu behandeln. Florey übernahm die ganze Verantwortung. Sein rechter Arm war bis in die Knochen von der Infektion befallen. Die Wunden entzündeten sich. Personalkräften Ausrüstung und Zeit verantworten müssen und wäre ernsthaft in Schwierigkeiten geraten.« Zunächst fühlte sich der Patient ein wenig wohler. die sich an der Produktion beteiligten. und sein Gesicht war übersät von Abszessen.Verfügung hatte. vier Tage später zeigte sich schließlich eine deutliche Besserung bei allen Beschwerden. Er hatte normale Temperatur. Februar 1941 war es schließlich soweit. und die Abszesse in seinem Gesicht und an seinem rechten Auge heilten ab. 2 5 Florey fand schließlich in den USA Firmen. hätte er sich mit großer Wahrscheinlichkeit wegen der mißbräuchlichen Verwendung von Eigentum. 2 4 Sein Arzt. Die Entscheidung. wo das Penicillin wieder aus dem Urin extrahiert wurde. Ein Auge war ihm schon entfernt worden. gesunden Appetit. und seine Lungen standen kurz vor dem Infarkt. zur Herstellung von Penicillin. und einen Monat später starb er. 2 3 In Floreys universitärer Penicillinfabrik herrschte in erster Linie der Geist der Improvisation: Der Penicillinschimmel wurde in den spitaleigenen WC-Bettschüsseln gezüchtet und die daraus gewonnene wertvolle Flüssigkeit in Milchflaschen aufbewahrt.

dann genügend Penicillin vorrätig. Er war bald gesund. »Wir sahen zu. -9 7 - . Ihre Beschwerden wurden binnen recht kurzer Zeit geheilt. Darunter jene eines 48jährigen Arbeiters mit einem riesigen Furunkel am Rücken. vom Furunkel »blieb nicht einmal eine Narbe«. notierte Charles Fletcher. wie unsere alltägliche Schreckenskammer. 1943 begannen auch britische Gesellschaften mit der Massenproduktion. in der viele unsere Patienten so elend zugrunde gegangen waren. und schließlich konnte in der Schlußphase des Zweiten Weltkriegs das neue Wundermittel in den Lazaretts genauso wie in den Infektionsabteilungen eingesetzt werden. wie die Ärzte völlig erstaunt beobachteten. von einem Moment auf den anderen verschwand«.

Was an dem einen Tag Krebs auslöst. 26 Eine ähnliche Tendenz zeigte sich bei dem HollywoodMelodram »Dying Young« (»Entscheidung aus Liebe«) von 1991 mit Julia Roberts und Campbell Scott in den Hauptrollen. Und wegen des Werbeverbots für verschreibungspflichtige Medikamente hat das Medizinkartell hundert Wege gefunden. heilt ihn am nächsten – je nach Intention des Artikels. Daraus resultieren dann die vielen Meldungen in TV und Tagespresse. das die Wissenschaft genießt. Die zweite war eine kritische Darstellung möglicher Risiken des Medikaments. Diese Sparte der schreibenden Zunft sieht sich scheinbar in der großen Mehrzahl als Mitstreiter auf der Seite der Forscher. Nicht zuletzt ist Wissenschaft aber auch eine recht komplizierte Materie. Zum einen. die per Zufallsgenerator entworfen scheinen. -9 8 - . wenn man diese auch zur Diskussion stellen möchte. Die meisten Studien durchlaufen heute ein wohlgeöltes System der Nachrichtenaufbereitung. Vielleicht weil nur mit zuvorkommender Schreibweise wieder Informationen zu bekommen sind. um den Kern einer wissenschaftlichen These überhaupt zu verstehen – noch viel mehr aber. Die anderen 50 Prozent erwähnten zumindest auch die kritischen Fakten. Ausschließlich kritische Informationen bot kein einziger Journalist seinen Lesern.Chemischer Krieg gegen Krebs In keinem Bereich des Journalismus herrscht ein so starker Hang zu »good news« wie in den Wissenschaftsredaktionen. Vielleicht auch wegen der hohen Anzeigenetats der Pharmaindustrie. Exakt die Hälfte der Journalisten schrieb nur über die positive Seite. die einiges an Sachverstand und Fleiß abverlangt. Die Journalisten spielen meist bereitwillig mit. So wurden in einem Versuch Wissenschaftsjournalisten mit zwei verschiedenen Informationen zu einem neu entwickelten Medikament beliefert. Vielleicht wegen des hohen Sozialprestiges. seine Inhalte getarnt an die Konsumenten zu bringen. Eine war der reine lobhudelnde Pressetext über den Erfolg der letzten Studienreihe.

Denn immerhin war Senfgas ein neuartiges Produkt der amerikanischen Forschung. darunter auch Yale. nämlich bei fortgeschrittenen Krankheitsstadien. leidet und schließlich die Behandlung abbricht. Ulrich Abel vom deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg publizierte 1990 solch eine Generalübersicht zur Wirksamkeit der gebräuchlichsten Chemotherapien bei Krebs und kam zu einem Schluß. Der Navy-Arzt Peter Alexander beschrieb detailliert die Folgen. Die Überlebenden erlitten schwerste Beeinträchtigungen des Knochenmarks. viele starben am nahezu völligen Absterben der weißen Blutzellen. sich übergibt. Sofort setzte ein mediales Sperrfeuer ein. »nach mehreren Dekaden intensiver klinischer Therapieforschung an zytostatischen Substanzen fehlt für die allermeisten Krebsarten jegliche Evidenz dafür. als die US-Regierung mit diversen Universitäten. weil einem heute gar nicht mehr übel werde bei der Chemotherapie. 27 Und so ist die Chance auch wesentlich größer. überhaupt einen günstigen Einfluß auf die Lebenserwartung ausübt. der seither nichts an Gültigkeit verloren hat: »Auch heute noch«. ein Abkommen über die Erforschung chemischer Kampfmittel schloß. daß die mit diesen Substanzen durchgeführte Krebsbehandlung in ihrem Hauptanwendungsbereich. schreibt er. Der Verleih zog den Film aus den Kinos zurück. Es war 1942.in dem ein junger Mann an Krebs erkrankt. in den Medien von einer revolutionären Impfung gegen Krebs zu lesen oder einer neuen Hoffnungsdroge als beispielsweise von einer ernüchternden Übersichtsarbeit zu den derzeitigen Chancen der Chemotherapie. das den Film vernichtete: Der Film sei veraltet. So wurde für -9 9 - . weil er die Patienten verunsichere und möglicherweise von lebensrettenden Therapien a bhalte.« 28 Chemische Waffen als Ursprung Die moderne Ära der Chemotherapie begann Anfang der vierziger Jahre mit der Explosion eines mit Senfgas beladenen Frachtschiffs im Hafen der italienischen Stadt Bari. und er sei gefährlich.

Knochenmark und die Schleimhaut des Magen-Darm-Trakts. »eine bemerkenswerte Verlängerung der Überlebenszeit«. Denn. Das Phänomen des ersten Mals In der Folge wurden in Yale so viele Mäuse behandelt. Schon nach kurzer Zeit wurde der Tumor weich und verschwand völlig. Er litt an fortgeschrittenem Lymphosarkoma. Das Experiment wurde unter höchster -1 0 0 - . Es wirkte besonders toxisch auf Zellen. Nach 84 Tagen starb das Tier.Experimentalzwecke eine leicht modifizierte flüssige Abart des Senfgases hergestellt. »wenn wir bei der ersten Maus zufällig so eine Leukämie-Linie erwischt hätten. so seine Hypothese. auch Tumoren wachsen rasch. Anfang Dezember 1942 der erste Mensch mit der Senfgasverbindung behandelt. so fand Dougherty.« 29 Nichtsdestotrotz wurde. Dougherty gab der Maus zwei Injektionen mit dem Senfgasgift. Nach einem Monat war der Tumor allerdings wieder da. also auf Lymphgewebe. Komplettrückbildungen des Tumors gab es auch keine mehr. Eher zufällig und neben dem allgemeinen Forschungsbetrieb hatte der Yale-Anatom Thomas Dougherty die Idee. Immerhin. wir hätten damit das ganze Chemo-Konzept versenkt. die sich rasch teilen. Bei Leukämien zeigte sich beispielsweise überhaupt kein Effekt. »Ich habe mir später oft gedacht«. Diesmal sprach der Tumor nicht so gut an und nahm nur kurze Zeit ein wenig an Größe ab. Die Zellen müßten also empfänglich sein. wie wenige Jahrzehnte zuvor in den Laboratoriumskatakomben des Paul Ehrlich. schreibt Alfred Gilman in seinen Erinnerungen an dieses Pionierexperiment. basierend auf diesem Erfolg an der ersten Maus. Wieder wurden alle möglichen Dosierungen ausprobiert und alle möglichen Krebsarten getestet. Nach der Verpflanzung von Krebszellen lebt eine Tumormaus normalerweise noch etwa 30 Tage. Dougherty wiederholte seine Injektionen. dieses Mittel an einer Tumormaus auszuprobieren. Nirgends wurde auch nur annähernd das Resultat dieser ersten Maus erreicht.

Ebenso verhält sich die »Gemeinschaft der bösartigen Zellen«.Geheimhaltung durchgeführt. Die weißen Blutkörperchen verringerten sich rapide und fielen von 5000 pro Kubikmillimeter auf alarmierend niedrige 200. versteht die Regeln solcher »Populationsgenetik«: die Empfindlichen sterben. erinnert sich Alfred Gilman. Ein Raunen geht durchs Land So wie Ehrlichs Zauberkugeln soll die Chemotherapie alle Krebszellen im Körper aufspüren und vergiften. In der Folge waren die Wunderzeiten weitgehend vorbei. Binnen 48 Stunden weichte der Tumor auf. Resistenzen zu entwickeln. Jeder. Denn über die nächsten fünf Patienten notiert Gilman nur noch.1 mg per kg Komponente X. »daß sie klar die Grenzen der Nitrogen-Mustard-Therapie aufzeigten«. im Behandlungsbogen wurde nur eingetragen: »0. kam parallel dazu der Tumor zurück. schreibt Gilman. intravenös verabreicht. Sie entwickelt eine biochemische -1 0 1 - . Auch die extrem geschwollenen Lymphknoten in den Armbeugen gingen auf normale Größe zurück. was mit dem Versuch zu tun hatte. Die Wissenschaftler schwebten im siebten Forscherhimmel. »galt als top secret. binnen zehn Tagen verschwanden alle Beschwerden. und der Patient starb wenig später.« Alles. Und so ging es offensichtlich weiter. aber keinerlei Tumorrückgang.« Und abermals ereignete sich ein »Phänomen des ersten Mals«: Der Tumor schmolz ebenso dramatisch wie bei der ersten Maus. Doch wie bei der Maus war auch hier der Erfolg nicht von langer Dauer. Aber auch Tumoren haben die Fähigkeit. gegen Ungeziefer mit Giftspray vorzugehen. Nachfolgetherapien sprachen nicht mehr so gut an. »Es war für uns eine riesige Enttäuschung«. Schon der nächste Patient zeigte nur mehr die Nebenwirkungen – den Einbruch der Blutwerte -. der schon einmal versucht hat. während die Zähen überleben und sich weitervermehren. Sobald sich das Knochenmark einigermaßen regeneriert hatte. Es ist ein Teil ihrer Überlebensstrategie.

Die horrende Giftigkeit der Medikamente sorgte für Szenen in den -1 0 2 - . Und dieses Ziel schien zum Greifen nahe. sondern wirkliche Gifte. daß etwas wirklich Potentes im Kampf gegen den Krebs gefunden worden sei. Etwa 2000 dieser Substanzen wurden ausprobiert und für giftig genug befunden. Kritiker bezeichneten diese Versuchsreihen als das »Nichts -ist-zu-blödum-es-nicht-mal-auszuprobieren-Programm«. dann ist eine zweite Komplettremission praktisch nicht mehr zu erwarten. Endlich stand nun mit den Antibiotika ein wirkliches Wundermittel zur Verfügung. Die streng geheim arbeitende Forschergruppe in Yale löste sich 1943 auf. Tumorzellen haben bislang gegen alle verwendeten Zellgifte Resistenzen entwickelt. 31 Rückkehr des Schreckens In den Kliniken wurden die Chemotherapeuten noch lange mit Argwohn betrachtet. wenn nur die Forschungsanstrengungen gebührend unterstützt würden. Penicillin und Streptomycin konnten Syphilis nahezu ohne Nebenwirkungen heilen. daß sich hier zumindest ansatzweise ein enormes tumorhemmendes Potential gezeigt hatte. um mit ihnen Krebszellinien anzugreifen. das die von ihnen ausgewählten Patienten zu ertragen hatten. 30 Geblieben ist aber. Im Jahrzehnt nach dem Krieg experimentierten die USWissenschaftler mit mehr als 400000 chemischen Substanzen. Die Forscher verteilten sich auf andere Universitäten. Noch heute gelten diese Altbestände als zytotoxisches Archiv für potentielle Krebsmedikamente. nach denen die Forscher suchten. um so besser. Rückblickend betrachtet hatte das enorme Interesse an der Chemotherapie etwas mit der von Ehrlich angefachten Faszination durch das Wunder der Chemie zu tun. Nun sollte auch eine Art Antibiotikatherapie gegen Krebs gefunden werden. und das war für den weiteren Siegeszug der Chemotherapie entscheidend. Dazu trug auch das Leid bei.Widerstandskraft gegen Zellgifte. Allerdings waren es nun keine Farben mehr. Je giftiger. und mit ihnen kam ein Raunen. Und wenn der Tumor einmal nachgewachsen ist.

Damit begann ein systematischer kräftiger Dollarregen auf die Krebszentren. ehemaliger Leiter des US-Army Service für Chemische Kriegsführung und später Chef des New Yorker Sloan-Kettering-Krebsinstituts. Dezember 1971 sein »Krieg m gegen den Krebs«-Programm. »Bei der kleinsten Erwähnung des Wortes Chemotherapie kam den meisten Medizinern augenblicklich die Galle hoch«. 33 Krieg als Weihnachtsgeschenk In logischer Folge dieses Kriegsgeists startete der USPräsident Richard Nixon a 23. Strategie. die an Leukämie. stark unterstützt von der pharmazeutischen Industrie. wie er hinzufügte. Cornelius P. heute als Memorial-Sloan-Kettering-Krebszentrum eines der führenden Krebszentren der Welt. nicht wenige schienen durch die Chemotherapie dauerhaft geheilt. Doch ein solcher Krieg im -1 0 3 - . die am Hodgkins-Lymphom litten.« 32 Allerdings zeigten sich langsam auch die ersten Erfolge. Jede einzelne Tumorzelle muß gekillt werden. Bei Kindern. und die Chemotherapie drängte. und bei jüngeren Menschen.Krankenzimmern. Krieg. »Dusty« Rhoads. »Sie hielten in der Mehrzahl die Chemotherapie für eine gefährliche – um nicht zu sagen diabolische – Waffe. »als ein Weihnachtsgeschenk an die Nation«. »Nun steht das Penicillin gegen Krebs kurz bevor«. Die Patienten würgten. immer mehr in Richtung Mainstream. und sie starben schließlich an der von den Drogen verursachten Zerstörung ihres Knochenmarks. wurden die rückfallfreien Phasen beträchtlich verlängert. ihre Haare fielen aus. erinnert sich der französische Onkologe Luden Israel an die vierziger und fünfziger Jahre. freute sich 1953 der »Evangelist der Chemotherapie«. Das verwendete Vokabular in der Chemo-Krebstherapie deutet hingegen noch immer stark auf deren Wurzeln im Zweiten Weltkrieg hin: Waffe. wie sie seit den Zeiten der schweren Quecksilbervergiftungen im Bergbau nicht mehr beobachtet worden waren.

um es vor dem Feind zu retten. Das Konzept lautet: den Patienten an die Grenze des Todes führen und dann – hoffentlich – wieder zurück. -1 0 4 - . daß man das Dorf eben zerstört habe. Nicht unähnlich der berühmtabsurden Taktik aus dem Vietnam-Krieg. Die kleinste Überdosierung kann tödlich sein.menschlichen Körper ist ein Seiltanz über dem Abgrund.

Bei den meisten Tumoren. Andere wiederum. Bestrahlung und eine Chemotherapie gehören zur Standardbehandlung. lassen sich erstaunlich gut mit Chirurgie und Zytostatika in den Griff bekommen. gilt die ernüchternde Regel: »Wenn entfernte Organe von Metastasen befallen sind. 34 Heilungsraten von annähernd hundert Prozent meidet die moderne Medizin hingegen beim »duktalen Karzinom in situ«. gehören zu dieser rasant anwachsenden Spezies. Übergewicht und Bewegungsmangel. 35 Das besondere dabei: Bei diesen -1 0 5 - . Krebs liegt in Mitteleuropa nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch immer an zweiter Stelle der Todesursachen.Brustkrebs radikal Nicht nur bei Brustkrebs. Abgesehen von derartigen Ausnahmefällen sind die Aussichten für Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen heute aber kaum besser als vor 30 Jahren. werden Erfolge auf der Goldwaage gewogen. Die Erfahrung zeigt heute. Weshalb das so ist.« 90 Prozent dieser Patienten sterben binnen fünf Jahren. Rund 40 Prozent der Brustkrebsfälle. ist den Experten bis heute ein Rätsel. die erst 1997 erstmals in einem komplexen Lehrbuch beschrieben wurde. Deshalb propagieren Mediziner als dringlichste Vorsorgemaßnahme die Vermeidung von Risikofaktoren im Lebensstil: allen voran Rauchen. daß einige der mehr als 100 bekannten Tumorarten. die per Mammographie entdeckt werden. wie etwa der Lungenkrebs. ist eine dauerhafte Genesung kaum mehr zu erwarten. in der gesamten Onkologie sind seit Nixons Kriegserklärung an den Krebs im Jahr 1971 die Waffen im wesentlichen die selben geblieben: chirurgisches Entfernen des Tumors. Das nächste Ziel besteht dann in der möglichst frühzeitigen Erkennung der Tumoren. so der Grazer Onkologe Hellmut Samonigg. überhaupt nicht auf das Bombardement durch die Zellgifte ansprechen. wie etwa der Hodenkrebs. Ist die Erkrankung jedoch einmal fortgeschritten. Nach anfänglichen Erfolgen waren diese Methoden schon bald an ihre Grenzen gestoßen.

Hier wurden auch die ersten Belege dafür vorgelegt. Gegen Ende des 19. die durch ihre Kalziumeinschlüsse relativ leicht auf dem Röntgenbild zu entdecken sind. die in ihrer absurdesten Ausformung von dem amerikanischen Chirurgen William Stewart Halsted entwickelt wurde und in eines der schwärzesten Kapitel der m odernen Medizingeschichte mündete. daß sich der Tumor – zumindest in der Anfangsphase – über das Lymphsystem ausbreitet. das krankhaft verändert ist. sich irgendwann in einen bösartigen Tumor zu verwandeln. Jahrhunderts galt Deutschland in jeder Hinsicht als Mekka der modernen Medizin. Neben allerlei chirurgischen Techniken erlernte er hier auch das neue Konzept der antiseptischen -1 0 6 - . sowohl in der Erforschung der zellbiologischen Grundlagen als auch in den chirurgischen Techniken. Weil das duktale Karzinom chirurgisch schwerer zu fassen ist als ein kompakter Tumor. Sie tragen bloß ein – je nach Expertenmeinung höheres (70 Prozent) oder niedrigeres (30 Prozent) – Risiko. der im Jahr 1878 eine zweijährige Reise durch Deutschland begann. Würden die Kalkeinschlüsse bei der Untersuchung übersehen. handelt es sich gar nicht um Krebs. Der Berliner Mediziner Rudolf Virchow demonstrierte. Zu diesen gehörte auch der junge New Yorker Kaufmannssohn William Stewart Halsted. daß Krebs aus isoliertem Zellgewebe erwachsen kann. wird diese Radikalmethode heute bereits häufiger angewendet als bei tatsächlichen Brustkrebsfällen. daß Brustkrebs einen lokalen Ursprung hat.irreführend Karzinom genannten Zellbildungen. Auch bei Brustkrebs wurden hier. Er vermutete. die Weltstandards gesetzt. Damit erlebt eine Methode eine Renaissance. In dieser Zeit war Deutschland eine ideale Lehrstätte für ehrgeizige Ärzte und Studenten aus aller Welt. Zur Therapie dieser »Krankheit« wird dennoch das ganze Arsenal der Krebstherapie aufgefahren: Entfernung des betroffenen Gewebes mit Bestrahlung oder gänzliche Amputation der Brust. Die Lymphknoten fungieren hierbei als Filter und verzögern die Ausbreitung des Krebses. hätte also ein großer Teil der Patientinnen damit nie Probleme.

Für jemanden. nachdem diese in Kontakt mit einer Quecksilber-Chlorid-Lösung gekommen war. sondern weil dadurch die Übertragung von Keimen ins Operationsfeld vermieden wird. war er ein eher uninteressierter Lehrer.und Speisekarte für das abendliche Dinner und überprüfte. allerdings weniger wegen ihrer antiallergischen Schutzfunktion. Einer seiner Mitarbeiter -1 0 7 - . während einer Operation Gummihandschuhe zu tragen. erfunden von dem Glasgower Chirurgen Joseph Lister. indem er sie im OP-Saal live demonstrierte. Seine revolutionären chirurgischen Techniken lehrte er. er machte es seinen Mitarbeitern zur Pflicht. und die Chirurgie wurde langsam zu einer angesehenen Sparte der Medizin. Zur Abwehr postoperativer Infektionen behandelte man die Wunden mit Karbolsäure. Mittlerweile sind Gummihandschuhe längst in das chirurgische Standardprotokoll aufgenommen.Operation. Halsteds Interesse an Hamptons Händen war wohl mehr als nur beruflich. rasch in Europa verbreitet hatte. Bei beruflichen Versammlungen kümmerte er sich persönlich um die Erstellung der Wein. denn die beiden heirateten im Jahr darauf. der die Krebschirurgie revolutionierte und über viele Jahrzehnte prägte. die Infektionsraten fielen stark ab. Hosen und Anzüge bestellte er bei Schneidern in London und Paris. Bügeln und Pflegen schickte. wohin er sie dann auch noch einmal jährlich zum Waschen. Seit 1888 war er zwar Professor für Chirurgie am angesehenen Johns-Hopkins-Hospital in Baltimore. ob die Tischtücher auch peinlich sauber und ordentlich gebügelt waren. die sich. Der konkrete Anlaß für diese Innovation war eine schwere Hautentzündung seiner OPSchwester Caroline Hampton. Seine Hemden. 3 6 Ein menschenverachtender Pedant Halsted galt als absoluter Perfektionist. seinen akademischen Verpflichtungen konnte er aber wenig Reiz abgewinnen. trug Halsted sein Schärflein zu einer besseren Sterilitätsbehandlung bei. Diesen Prozeß nannte Lister das »antiseptische Prinzip«. Zurück in New York.

ausufernden Sarkasmus aus. einer Operationsmethode zum Durchbruch zu verhelfen. Die Amputation der Brust sollte in jedem Falle ›en bloc‹. also in einem Stück durchgeführt werden. Ihre Hunde und Pferde liebten sie hingegen über alles.und Fettgewebe sowie die Lymphbahnen im Achselbereich. 40 1895 publizierte Halsted einen Artikel. Halsted entfernte nicht nur Brüste. Wenn sich Halsted aber einmal zu einem Gespräch herabließ. in dem er über fünfzig Fälle seiner. dieser würde häufig vom Krebs befallen. beobachteten diese meist tödlich endende Komplikation bei 51 bis 85 Prozent ihrer Patientinnen. Zum Abschluß der Prozedur entnahm Halsted noch einen Flecken Haut vom Oberschenkel und bedeckte damit die großflächige Wunde. Die weniger radikalen Eingriffe der Deutschen seien hingegen Schuld an den hohen Raten des lokalen Wiederauftretens von Krebs. weil er der Meinung war. die wie keine andere den Körper der Frauen systematisch verstümmelte. umliegendes Haut. Später ergänzte Halsted seine Radikaloperation auch noch mit der Entfernung des pectoralis minor. wie er auf den Ideen Virchows. der nahe an Verachtung grenzte.« 39 Dieser Charakterzug erleichterte es Halsted wahrscheinlich. Unter seinen 50 Patientinnen hätten -1 0 8 - . sondern auch noch den größeren der beiden Brustmuskel. Er erklärte darin sorgfältig. »der den Umgang mit Patienten in seiner Medizinkarriere immer gemieden hat und auch Studenten möglichst aus dem Weg ging« 3 7. Die deutschen Chirurgen. den pectoralis major. Volkmanns und anderer deutscher Mediziner aufgebaut und diese dann »sinnvoll« erweitert habe. zeichnete er sich durch beißenden. Damit wollte Halsted das Risiko eingrenzen. Sie scherten sich überhaupt nicht um gesellschaftliche Belange. »kompletten Methode« berichtete. so Halsted.beschrieb den Chef als einen Menschen. wie er es nannte. 3 8 Ein wohlmeinender Kollege beschrieb Halsted und seine Frau als »beide ein bißchen verrückt. Krebsgewebe zu durchschneiden und damit zur weiteren Ausbreitung der Krebszellen beizutragen.

hingegen nur drei Frauen. Oder daß er seine Schwester. Seine Schlußfolgerung: »Da unsere Zahlen eine derartig klare Sprache sprechen. Selbst seine Kokainsucht trug dazu bei. benötigen wir keine weiteren Beweise dafür. Im nachhinein erklären sich mit dieser Sucht auch einige der exzentrischen Eigenheiten Halsteds wie die. daß er während -1 0 9 - . einen lokalen Rückfall erlitten. mit der Transfusion seines eigenen Bluts vor dem sicheren Tod bewahrt habe. Daneben habe der geniale Chirurg und Erfinder neuartiger Techniken sogar in seinem Wohnhaus einen antiseptischen Operationssaal eingerichtet. die nach der Geburt eines Kindes schwere Blutungen hatte. daß aber nur 25 Prozent der Frauen mit Krebsbefall der Lymphknoten die Drei-Jahres-Frist überlebt hätten. also sechs Prozent. daß er seinen Posten an der JohnsHopkins-Klinik halten konnte.« 41 Kokainpause im OP Trotz seiner geringen Neigung zur Geselligkeit wurde Halsted rasch zu einem Volkshelden des aufstrebenden Amerikas. Der Wahrheitsgehalt derartiger Erzählungen war weniger wichtig als die konstante Wiederholung dieser Legenden. Er hatte Kokain 1895 als lokales Betäubungsmittel kennengelernt und war rasch süchtig geworden. daß zwei von drei Frauen mit krebsfreien Lymphknoten »geheilt« worden seien. Er berichtete. um auch in seiner kargen Freizeit noch arbeiten zu können. daß er seine eigene Mutter mit einer Notoperation an der Galle gerettet habe. Zwei lange Aufenthalte in einer psychiatrischen Klinik konnten seine Abhängigkeit nicht brechen. Im Titel seiner Arbeit spricht Halsted von seiner »Operation zur Heilung von Brustkrebs«. Etwa jene. Eine Reihe von Heldensagen kursierte. die Halsted-Saga weiter aufzupolieren. Immerhin erholte er sich so weit. Danach stieg er von Kokain auf Morphium um. daß die geringste Verzögerung bei der Behandlung von Brustkrebs gefährlich ist.

Aufstieg der Chirurgie Das wachsende öffentliche Vertrauen in die Chirurgie zum Beginn des 20. die von Chirurgen entfernt worden waren. Pathologen hatten bis ins späte 19. Jahrhundert entweder die Körper von Toten oder Körperteile. Halsted starb 1922 im Alter von 70 Jahren an den Folgen einer Gallenblasenentzündung. Jahrhunderts brachte Patienten vermehrt in die städtischen Kliniken. Die Eigentümer der Krankenhäuser schätzten es. der Pathologie. versuchten er und seine Schüler noch radikalere Operationen. zu emanzipieren. Als das Ausmaß von Halsteds Krankheit nach seinem Tod bekannt wurde. die Ursachen. Als selbst seine ohnehin geschönten Fallstudien immer schlechtere Erfolgsquoten zeigten. und William S. als sie in einem bislang fremden Fachgebiet aktiv wurden. Sie begannen sich als Diagnostiker zu verstehen. 42 Halsted ging seinen Weg entsprechend seiner Denkweise konsequent weiter. den der edle Mann jahrelang ausfechten mußte«. Damit sollten weitere mögliche Krebsnester ausgemerzt werden. der sein Skalpell geschickt zu führen vermag«. daß viele der Patienten für die Eingriffe bezahlten. Das Gewebe wurde rasch eingefroren und dann -1 1 0 - . 44 Nach 1895 begannen die Chirurgen Gewebestücke zu entnehmen. die zur diagnostischen Begleitung der Operation dienen sollten. besonders intensiv zu würdigen. »diesen täglichen Kampf. die mit ihren Eingriffen dazu beitrugen. 43 Die Autorität der Chirurgen wuchs weiter. Schule machte dies jedoch nur noch vereinzelt. nahmen seine Anhänger und Biographen dies zum Anlaß. und dankten dies den Chirurgenteams mit Privilegien. Brustbein oder eine Hand. So entfernten sie beispielsweise noch zusätzlich Rippen. Mechanismen und Konsequenzen von Krankheiten zu verstehen.der Operation häufig abrupt und ohne etwas mitzuteilen für längere Zeit den Saal verließ. Nun begannen die Chirurgen sich langsam vom Ruf »des simplen Handwerkers. untersucht.

was Krebs auslösen könne. Quacksalber und Wunderheiler boten allerlei mysteriöse Heilkuren an. beispielsweise zu enge Kleidung oder Verletzungen der Haut. Am Beispiel Brustkrebs bedeutete dies. Anders als bei der Tuberkulose oder ähnlichen Krankheiten war hier keine infektiöse Ursache erkennbar. Cholera oder Pocken war beim Krebs auch keinerlei Abwärtstrend zu sehen. Diese Technik erspart die zeitraubende Fixierung der Gewebeteile mit chemischen Hilfsmitteln. mit der Radikaloperation fortfuhr. Denn wenn ein Chirurg eine Anomalität im Brustgewebe entdeckt hatte und schließlich aus dem Labor vom Pathologen noch die Bestätigung kam. Diese »Gefrierschnitte« wurden schließlich unter dem Mikroskop untersucht. Die Narkose wurde dazu nicht eigens unterbrochen. Die Analyse des Gefrierschnitts bestätigte dann entweder die zugrunde liegende These oder widerlegte sie. Damit gelang es ihnen. sobald er vom Pathologen die Bestätigung für den Erstverdacht bekam. daß es sich dabei eindeutig um einen Tumor handele. während die Operation weiterlief. daß der Chirurg. Und anders als bei Tuberkulose. Nicht alle Pathologen w ollten diese chirurgischen Hilfsdienste anbieten.in dünne Scheiben geschnitten. also füllten die Chirurgen die Lücke selbst und gründeten in den zwanziger Jahren das Fachgebiet der klinischen Pathologie. wer wollte dann noch gegen die Empfehlung einer radikalen Mastektomie argumentieren? 45 Vom Fatalismus zum Krieg Gegenüber dem Krebs herrschte lange Zeit so etwas wie eine furchtsam fatalistische Grundstimmung. Seitens der Medizin wurde -1 1 1 - . ihrer Fachrichtung noch mehr Autorität zu verschaffen. Daraus ergab sich dann das weitere Vorgehen des Chirurgen. Die führenden Chirurgen legten in der Ausbildung der Jungmediziner besonderen Wert auf die Verbreitung dieser Kenntnisse. Im Volk kursierten allerlei seltsame Vorstellungen darüber. das Einverständnis der Patientin galt als selbstverständlich.

Die Patientinnen hatten. provozierte er die Versammlung.« Deshalb forderte er Frauen auf. so früh wie möglich zum Arzt zu gehen. in der man es operieren kann. Krebs sei unbesiegbar und es gebe keine Hoffnung. und stellte die Hypothese auf. »neben einer erstaunlich hohen Sterblichkeit durch die Operation selbst. einen völlig deformierten Brustkorb mit hohlen Stellen unter dem Schlüsselbein und entlang der Achselhöhle hin zum Arm. 1937 attackierte er auf der Tagung der US-Chirurgen offen den großen gemeinsamen Lehrmeister. Der Schlüssel dafür. Bald mehrten sich aber die »Ordnungsrufe« zur Konzentration aller Kräfte. sogenannte Lymphödeme. Dazu kamen häufig starke bleibende Schmerzen an der Operationsstelle und geschwollene Arme. -1 1 2 - .« 47 Außerdem kritisierte er Halsteds Dogma. liege in der Früherkennung. 46 Pro und contra Radikaloperation Schon in den zwanziger Jahren begannen einige Kollegen aber am Sinn einer derart radikalen Amputationsmethode zu zweifeln. so sie denn überlebten. Childe ein Buch. »Im Endeffekt ergibt der radikale Eingriff«. falls sie einen verdächtigen Knoten in der Brust bemerkten. in der das krankhafte Geschehen lokal begrenzt ist. daß sich die Krankheit schon früh über die Blutgefäße im Körper verteilt. eine wirklich grauenhafte Verstümmelung. »In jedem Krebsprozeß existiert eine Periode. Einer der ersten offenen Kritiker Halsteds war der englische Arzt Geoffrey Keynes. in dem er gegen das Dogma wetterte. Andere Kritiker glaubten. daß sich Krebs stets von einem kleinen Zentrum aus konzentrisch über die lokalen Lymphbahnen ausbreite.kaum eine Alternative geboten. daß man verschiedene Krebsformen nicht so einfach über einen Kamm scheren könne und sich die Tumoren in ihrer Aggressivität wesentlich voneinander unterschieden. so Childe. 1907 veröffentlichte der englische Mediziner Charles P. Er rief statt dessen zum »Kampf gegen das tödliche Monster« auf. in der es heilbar ist.

Diese Faszination beschränkte sich aber durchaus nicht nur auf Laien. In größeren Schuhhäusern wurden beispielsweise zur Attraktion Röntgenapparate aufgestellt. und zum anderen. Binnen Monaten nach dieser sensationellen Entdeckung begannen die ersten Mediziner darüber zu spekulieren. den Patienten mit neuartigen Methoden zu helfen. Diese »Röntgenstrahlen« konnten auch Fleisch durchdringen und Bilder des Körperinnern erzeugen. Daneben wurden. wurde die Strahlentherapie anfangs – wenn überhaupt – nur unterstützend oder zur Schmerzlinderung (palliativ) bei fortgeschrittenen Tumoren eingesetzt. weil sie sich erhofften. aber doch mächtigen Strahlen übten rasch eine gewaltige Faszination aus. mit denen überprüft werden konnte. ihre eigenen Karrieren zu fördern. deren Potential in der Krebstherapie sehr früh erkannt wurde. weil sie darin einen Weg sahen. die in der Strahlentherapie eine wirkliche Alternative zur radikalen Mastektomie bei Brustkrebs sahen. ob diese Strahlen dazu eingesetzt werden könnten. 48 Da die Strahlen aber noch längere Zeit nicht stark genug waren. Die unsichtbaren. kleine strahlende Radiumstücke direkt in das Tumorgewebe implantiert. Wie in den Pionierzeiten der »chirurgischen Revolution« interessierten sich rasch viele Mediziner für die neue Technik.Das Wunder der Radiologie Dazu kam die Entwicklung einer neuen Technik. Bereits im Folgejahr ist bei zumindest zwei Patientinnen. darunter eine 36jährige Frau mit fortgeschrittenem Brustkrebs. 1895 entdeckte der deutsche Arzt Wilhelm von Röntgen bei Experimenten mit Kathodenstrahlröhren zufällig eine neue Strahlenart. Zum einen. 49. die feste Materialien durchdringen konnte.50 -1 1 3 - . Und bald erschienen Studien. um in tiefere Schichten des Körpers zu gelangen. die Anwendung von Röntgens »X-rays« dokumentiert. ob der Fuß in den neuen Schuh paßt. Krebszellen abzutöten. angeregt durch die Arbeiten des Pariser Physikerpaars Pierre und Marie Curie.

Es sei doch klar. Gleich zu Beginn ihrer Arbeit überraschten sie mit einer Neubewertung der berühmten Arbeit ihres Lehrers über seine ersten 50 Patienten. die mit Radiologie experimentierten. Zwei Drittel der Patientinnen waren wesentlich früher gestorben. Aus heutiger Sicht beinhalteten die meisten Arbeiten ein breites qualitatives Feld mit oft recht niedrigem Niveau. »Es ist doch recht einfach«. Meist waren die Fälle. -1 1 4 - . Außerdem kritisierten die Chirurgen. daß die Bestrahlungsgruppe besser abschneide. wie von Halsted verlautet. das von naiver Selbsttäuschung bis zu arglistigem Betrug reichte. die den einzelnen Gruppen zugewiesen wurden. daß sie kaum verallgemeinert werden konnten. Die Nachprüfung der Daten hatte nämlich ergeben. sondern mehr als 30 Prozent. 1932 präsentierten beispielsweise zwei Schüler Halsteds eine Gesamtanalyse von 950 Fällen. daß von den 420 Frauen. spotteten sie. Nicht a Vergleiche gingen aber zu Lasten der Radiologen lle aus. gerade einmal jede dritte unter den kuriosen Begriff der »Drei-JahresHeilung« gefallen war.« Derartige Konkurrenzscharmützel wurden aber bald beigelegt. meinten etwa die Vertreter der Radikalmethode nicht ganz zu unrecht.Was taugen die alten Studien? Die Aussagekraft der meisten Studien jener Zeit war allerdings derart schwach. völlig uneinheitlich. daß nicht sechs Prozent. Auch in Europa war die Methode nach Halsted viele Jahrzehnte unumstritten. einen lokalen Rückfall erlitten hatten. die zwischen 1889 und 1931 im Johns-Hopkins-Hospital mit der Diagnose Brustkrebs behandelt worden waren. »Krebs zu heilen. sondern auf puren Verdacht hin mit der Bestrahlung begannen. die nach der Operation gestorben waren. daß die Radiologen häufig gar keine Biopsie des verdächtigen Gewebes durchführten. Bezogen auf die Gesamtzahl der Patientinnen rechneten die beiden Mediziner vor. stammten auch aus dem Chirurgenfach. davon 84 Prozent mit Halsteds Radikalmethode. Denn die meisten Mediziner. wenn hier vor allem winzige Tumoren im Anfangsstadium behandelt würden. der gar keiner war. 51 Dennoch wurde Halsted in zeitgenössischen Büchern der vierziger und fünfziger Jahre als Held verehrt.

gesund zu sein. das weniger extrem gewesen wäre. Dieses anfängliche Werben um die Frauen schlug jedoch schnell ins Gegenteil um. daß sie geheilt werden können« 54 . schrieb der einflußreiche Chirurg Cushman C. »mußt du grundsätzlich einen Preis zahlen. Haagensen vom Columbia Presbyterian Medical Center. »was einen ernsthaften klinischen Wissenschaftler wie Halsted dazu verführt haben konnte. 1984 stellte etwa die Journalistin Cornelia Shaw Bland die Frage. daß die Radikaloperation eine extreme Entstellung bedeutete.« 53 Im Fall des Brustkrebses sahen die Experten und die immer offensiver agierenden Krebsgesellschaften zunächst die Selbstbeobachtung und abtastung als geeignetste Methode der Früherkennung an. um diese Frauen zu überzeugen. Es wurde in den fünfziger und sechziger Jahren als urweibliches Rollenbild angesehen. daß sie verstümmelt werden und dann sterben«. er konnte jedoch den Patientinnen nichts anbieten. Damit die Frauen diese Empfehlungen aber auch ernst nehmen und »nicht vermeiden wegen der Angst. können wir uns auf fast jedes wissenschaftliche Problem eine Antwort erkaufen.Erst in den siebziger Jahren traten immer mehr Kritiker dieser Theorien zur »Heilung von Brustkrebs« auf. »brauchen wir eine Methode. eine Frau zu sein Eine der einfachen Weisheiten des aufstrebenden NachkriegsAmerikas lautete: »Wenn wir unbegrenzt Geld aufbringen. Wenn nun ein verdächtiger Knoten nicht sofort dem -1 1 5 - . Um zu überleben. Der Preis. In den fünfziger Jahren war die Zeit scheinbar reif für eine breite Kampagne. Einige empfahlen die Abtastung bei jeder sich bietenden Gelegenheit. um uneingeschränkt für das Wohl der Familie zu sorgen. »um die Entwicklung einer abnormalen Angst vor Krebs zu vermeiden«. andere rieten den Frauen zu einer gründlichen Selbstuntersuchung höchstens alle zwei Monate. Haagensen erkannte zwar an. wenn du eine Frau bist« 55 . sterbender und todkranker Frauen positive Schlüsse abzuleiten« 5 2. aus einer derartigen Zahl toter.

Frauen gingen wegen ihrer falschen Schamgefühle nicht gern zum Arzt. Zum anderen aber auch als »nichtvitale. ästhetisch und psychologisch« wertvoll. die aber im Bedarfsfall ganz leicht entsorgt werden können« 57. die zuwartet. wenn sie einen Knoten in ihrer Brust entdeckt. wie es David Reuben in seinem Bestseller von 1969. als einer der »austauschbarsten Teile des Körpers«. Die Waffe der Angst Als ein jahrzehntelanger Kritiker der radikalen Mastektomie profilierte sich der Chirurg George »Barney« Crile (geb. »Eine Frau. »Ich war jung und dumm«. weil sie sich scheuten. Ein kanadischer Mediziner nannte sie »nützliche Anhängsel. formulierte es der Chirurg Frank Slaughter drastisch. funktionslose Drüse«. einem fremden Menschen – meist einem Mann – ihre Brüste zu zeigen und diese abtasten zu lassen. Diese Scham wurde angesichts der Krebsgefahr als lächerlich und lebensgefährlich hingestellt. wenn die Frauen ihre »Pflicht als Geliebte und Mutter« erfüllt und mit der Menopause »ein transsexuelles Stadium« erreicht hatten. In seiner Ausbildungszeit erlernte er selbst die Operationstechniken und machte aggressive chirurgische Eingriffe im ganzen Körper. genannt hat. meinte er dazu später.Arzt gemeldet wurde. Alles was Sie über Sex wissen wollen. Im Krebsfall. schrieben zwei Mediziner. Ein nutzloser Körperteil Die weibliche Brust selbst wurde von den Chirurgen zwiespältig gesehen. daß mehr immer auch besser -1 1 6 - . 56 Als nächstes kamen dann die Vorwürfe. kam dies im Urteil der Experten und in der öffentlichen Meinung nahe an Fahrlässigkeit und Schuld heran. 1907). Zum einen natürlich als »sexuell. »können wir dann sagen: die Brüste haben ihre Pflicht erfüllt und erklären nun ihren Rücktritt« 58. Um so mehr trafen diese Aussagen zu. kann sich genauso gut mit einer Pistole das Hirn rauspusten«. »und dachte.

Dies betraf zum Beispiel »das nahezu religiöse Prinzip«. war denn auch die Infragestellung des Chirurgendogmas »Je mehr. Kritiker warfen Crile daraufhin vor. Brust-. Sein Kampf zeigte aber lange Jahre kaum Resonanz.und Darmkrebs zu entdecken. auch von Befürwortern der Radikalmethoden. desto besser«. »die mehr Leid verursacht als der Krebs selbst« 61. erste Rufe nach ordnungsgemäß durchgeführten Vergleichsstudien laut. dann hätten wir wirklich einen Grund. Todesfälle. nicht in der Lage wären. Crile beharrte auf seinen Vorwürfen: »Ich wiederhole: Krebsphobie verursacht Todesfälle. Während seiner Kriegsdienstzeit in der Navy erkannte er. daß Blinddärme immer so schnell wie möglich chirurgisch entfernt werden müssen. Am schärfsten attackierte er die Amerikanische Krebsgesellschaft. das Crile über die nächsten vier Jahrzehnte vertrat. Sie glauben. Lungen-.«59 Dies bezog sich nicht nur auf Brustkrebs.« Crile argumentierte. schrieb er 1955 in einem Artikel i Magazin Life. die aus unnötigen Operationen resultieren und im Namen des Krebses gedankenlos hingenommen werden. 60 Das erste Anliegen. »Wenn unsere Präzisionswaffen. die die Öffentlichkeit über Krebs aufklären«. auch wenn man sich auf einem miserabel ausgestatteten Kriegsschiff befand. die unermüdlich diese Botschaften trommelte. den Wert der -1 1 7 - .« 62 In der Folge wurden. die geschaffen wurden. Uterus. Zu sehr hatte sich das Konzept von Früherkennung und radikaler Operation sowohl bei den Chirurgen als auch in der öffentlichen Meinung schon als fixes Denkmuster festgesetzt. um die frühen Krebsstadien bei Haut-. m »setzen voll auf die Waffe der Angst. einen meßbaren. nicht notwendigerweise auch richtig sein muß«. »daß eine Methode. »Diejenigen. daß man die Leute nur mit dem Mittel der Angst erziehen kann.ist. deutlichen Vorteil in der Fünf-Jahre-Überlebensrate zu erzielen. Mund-. nur weil sie allgemein akzeptiert ist. daß eine neue Krankheit namens Krebsphobie erfunden worden sei. er predige eine gefährliche fatalistische Philosophie.

So wie in der Normandie oder in Hiroshima sollte der Feind radikal besiegt werden. an die Grenzen zu gehen. er habe eben eine »Humanektomie« (Entfernung des Menschlichen) durchgeführt. In den fünfziger Jahren entfernten Chirurgen alle Organe und Gliedmaßen. einer der einflußreichsten US-Chirurgen. Und wer nicht bereit war. Die treuesten Nachfolger schreckten auf ihrer Jagd nach den Krebszellen nicht davor zurück. die unter Krebsverdacht standen. eine unvollständige Operation bei Krebspatienten. innere Organe zu entfernen oder Arme und Füße abzusägen. Diese Radikalität bezog sich nicht nur auf Brustkrebs. Sie ist bei weitem nicht radikal genug.65 Die Chirurgen verstanden sich nicht nur unisono als die »wahren Krebsspezialisten unter den Me dizinern«. in den fünfziger Jahren entwickelten einige Chirurgen Methoden. 64 Nach einer besonders extremen Operation warf einmal ein Chirurg seinem Kollegen vor. erklärte etwa -1 1 8 - . In einer »second look«-Operation wurden prophylaktisch Organe operiert und untersucht. zog sich schnell die Verachtung seiner »Kameraden« zu. die keinerlei Anzeichen von Befall zeigten. die die Halsted-Technik als geradezu sanft erscheinen ließen. Wangensteen. daß die Halsted-Operation bei Brustkrebs ein Auslaufmodell ist. Rippen und das Brustbein entfernt. »Ungenügende Eingriffe«. Im Gegenteil.« In seiner sogenannten Superradikaloperation wurden fortan auch Schlüsselbein. 63 Halsted war nicht radikal genug Davon war jedoch noch weithin keine Rede. sondern auch als Soldaten im Krieg gegen einen »formidablen Feind«. 1950 trat Owen H. waren die Operationen nicht weniger invasiv. Obwohl nun immer mehr Frauen mit kleineren Knoten kamen. bei der Jahrestagung in Colorado Springs auf und meinte: »Es muß einmal gesagt werden. die bereits Metastasen haben.ganzen Krebsprogramme in Frage zu stellen«. Cameron. schrieb dazu Charles E.

oft nicht mehr lebensfähig war.Cushman Haagensen. Mehr Ähnlichkeit mit Wissenschaft hatten retrospektive Studien. den Krebspatienten von seinem Eindringling zu befreien. sich operieren zu lassen. wie beispielsweise den Fall eines todkranken Patienten. in denen zwei Behandlungsarten verglichen wurden. ein Chirurg aus Boston.5 Monate. in denen eine Methode genützt hatte. was nach der Operation noch vom Menschen übrigblieb. Oder es wurden auf Meetings zur Demonstration eine Reihe von »Fünf-JahreÜberlebenden« auf die Bühne getrieben. meinte einmal einer dieser Veteranen. der tausendmal dieselbe Prozedur gemacht hat«. Daland. 68 -1 1 9 - . eine einzigartige Studie. Pioniergeist trieb die Helden der Operationssäle zu immer neuen Wagnissen. Die Frauen lebten nach der Krebsdiagnose im Schnitt noch 40. lebten nach fünf Jahren 42 Prozent. Bereits 1927 veröffentlichte Ernest P. In dieser Gruppe faßte er 100 Fälle von Frauen zusammen. in der er die neue Radikaloperation mit »no treatment« verglich. In einer Vergleichsgruppe von 66 Patientinnen bei denen eine Mastektomie durchgeführt worden war. deren Krebsleiden bereits zu weit fortgeschritten war oder deren schlechter Gesundheitszustand eine Operation unmöglich erscheinen ließ. »sind nichts anderes als chirurgische Feigheit. der das erste neue Ding ausprobiert hat.« 67 Überleben ohne Behandlung Als Erfolgsbeweise galten damals sogenannte Fallstudien. ihren Kritikern anekdotische Beispiele vorzutragen. Die Mediziner scheuten sich nicht. »Erzähl mir nicht von jemandem. stand nur ein einziges Hindernis entgegen: daß das. die es entweder abgelehnt hatten. 22 Prozent lebten auch noch nach fünf Jahren. »erzähl mir von dem Mann. der durch eine totale Magenentfernung gerettet wurde »und seither schon über zwanzig Jahre bestens lebt«.« 66 Der Absicht des Chirurgen.

Patientinnen dieser dritten Phase -1 2 0 - . da ja ein guter Teil der »no treatment«-Gruppe in einem derart fortgeschrittenen Stadium war. und in der aggressivsten Tumorklasse überlebte keine einzige der 21 Patientinnen den Beobachtungszeitraum. daß jede künftige Krebstherapie deshalb auch miteinbeziehen müsse. »daß viele der Patienten auch ohne Therapie noch viele Jahre leben würden« 6 9. der selbst ein Anhänger der Halsted-Methode war. und jene. die bereits die Lymphknoten der Achseln befallen hatten. die lokal begrenzt waren. jene. Tatsächlich lebten nach fünf Jahren noch 13 von 19 Patientinnen. klar definierte Krankheit handelt. 70 Danach scheint es natürlich höchst unlogisch.Natürlich waren die beiden Gruppen überhaupt nicht vergleichbar. Daland. In der mittleren Gruppe lebten elf von 33 Patientinnen. Die auch heute noch im Grundmuster gebräuchliche Einteilung der Tumoren geht auf den deutschen Mediziner Steinthal zurück. bei denen Krebszellen mit der geringsten Bösartigkeit gefunden worden waren. fand die Ergebnisse seiner Nachforschungen »außerordentlich« und war einigermaßen erschüttert: Die Behandlung jener Patientinnen. Darauf aufbauend. daß die Krebszellen eine durchaus unterschiedliche Aggressivität besitzen. führte der Bostoner Chirurg Robert B. die das Langzeitüberleben von 73 Patientinnen in Relation zur Aggressivität des Tumors setzte. Greenough eine Studie durch. wurde schon früh bezweifelt. die auf das umliegende Gewebe der Brust übergegriffen hatten. P. 1905 führte er drei Klassen ein: Tumoren. hatte deren Überlebenschancen – verglichen mit den Hoffnungslosen – nicht einmal verdoppelt! Daland zog daraus den Schluß. die überhaupt für eine Operation in Frage kamen. daß die meisten von ihnen schon aufgegeben worden waren. von Hansemann heraus. unabhängig von der Beschaffenheit des Tumors jede Patientin nach dem gleichen Schema zu behandeln. Schon Anfang des Jahrhunderts fand der deutsche Pathologe D. Krebs ist nicht gleich Krebs Daß es sich bei Brustkrebs stets um eine einheitliche.

Gegen enorme Widerstände setzten sie große Studien durch. Epidemiologen und Statistiker die Bühne. Auch die in der Folge entwickelten schonenderen Formen der Mastektomie bringen gegenüber der Brusterhaltung weder mehr Lebensqualität noch mehr -1 2 1 - . In den meisten anderen Kliniken lag sie aber jenseits der 90 Prozent. Halsteds Jünger tobten. 71 Haagensen fügte den drei Klassen Steinthals noch eine vierte hinzu: Brustkrebs. Seit den siebziger Jahren hagelt es nun Tiefschläge. diese Fälle zu heilen. also beispielsweise eine brusterhaltende lokale Entfernung des Tumors mit Bestrahlung. die erstmals wirklich wissenschaftliche Ansprüche erfüllten. Ihr Einfluß war in Europa wesentlich stärker als in den USA. wurden nun randomisierte.operierte Steinthal nicht. 72 Das Ende der Willkür Als eine Art Gegengewicht – einige sprachen von den »Polizisten des Medizinbetriebs« – betraten in den fünfziger Jahren nach und nach die Medizinbiometriker. dies käme einem Todesurteil durch Losentscheid gleich. oder die Radikaloperation. kontrollierte Langzeitstudien organisiert. Patienten mit vergleichbaren Krebsstadien erhielten – zugewiesen durch Los – eine bestimmte. weil er in der Anwendung der Halsted-Methode »zu konservativ« agiere. sie hänge einem Weltbild an wie die mittelalterlichen Hexenverbrenner. Anhänger der Objektivierung bezichtigten die Radikalenfraktion. Bald geriet Haagensen ins Visier seiner Kollegen. Als operabel betrachtete Haagensen so wie Steinthal nur die ersten beiden Klassen. Zunächst in England und Italien. Doch bald wuchsen sie weltweit zu den schärfsten Kritikern der selbstherrlichen Chirurgenzunft heran. Immerhin verringerte einer der prominentesten Vertreter der Halsted-Schule damit die Mastektomiequote auf rund 50 Prozent. der im Körper Metastasen gebildet hat. daß Halsteds Methode bei keinem Tumorstadium Vorteile bringt. genau definierte Behandlung. daß es unmöglich sei. später auch in den USA. weil er annahm. Studie um Studie zeigt.

Weil dies kein Mensch überleben kann. daß der Wert der Bestrahlung scheinbar grob überschätzt wurde. 22 Prozent der so behandelten Frauen starben nämlich binnen drei Monaten. Dies ergab jedoch keinen Überlebensvorteil: Nach einem Beobachtungszeitraum von zehn Jahren waren mit oder ohne Bestrahlung gleich viele Frauen gestorben. sammelte er vor dem chemischen Frontalangriff Stammzellen von seinen Patienten.74. Allerdings betraf dies nun nicht mehr den chirurgischen Ansatz. Das Immunsystem sollte also nach der mörderischen Therapie. Unter dem Motto »Modernste Therapie für jeden Patienten« lud beispielsweise die Österreichische -1 2 2 - . sondern die Chemotherapie. Seine Therapie zeigte in methodisch einwandfrei scheinenden Studien signifikant bessere Überlebensraten bei den Hochdosispatientinnen. obwohl die unmittelbare Sterblichkeit enorm hoch war. publizierte mehrere Studien. daß Bestrahlung die lokale Rückfallrate reduziert. sozusagen neu gestartet werden. Diese Zellen haben das Potential.75 Dabei zeigte sich auch. daß damit das gesamte Immunsystem eines Organismus abgetötet wurde. 76 Radikale Chemie Zu einer möglicherweise letzten Renaissance der Halstedschen Radikalität im Umgang mit Brustkrebs kam es in den neunziger Jahren. 77 Und das. indem er die giftigen Substanzen derart überdosierte. die in einem Bereich Erfolge versprachen. wo die Krebstherapie völlig chancenlos schien: beim metastasierten Brustkrebs. Eine 1995 publizierte sorgfältige Übersichtsarbeit zum Schicksal von mehr als 17000 Patientinnen mit Brustkrebs im Frühstadium bewies lediglich. sich später wieder zu Immunzellen auszudifferenzieren. Bezwoda trieb das Chemotherapiekonzept auf die Spitze.Lebenszeit. 78 Die Methode erlebte trotz ihrer Gefährlichkeit und ihrer enormen Kosten einen weltweiten Boom. Südafrika. Professor für Hämatologie und Onkologie an der Universität von Witwatersrand in Johannesburg. 73. Tatsächlich waren Bezwodas Daten sensationell. Werner Bezwoda. die alle Krebszellen im Körper abtöten sollte.

um eine Metastudie vorzubereiten. Wiederum erwies sich die Hochdosierung als klar überlegen. Ein US-Forscherteam besuchte daraufhin den Südafrikaner in Johannesburg. Manche der in der Studie beschriebenen Patientinnen existierten gar nicht. »Ultrahochdosierte Chemotherapien werden nicht aus einer speziellen Laune heraus gemacht. formulierte es der Kongreßpräsident Wolfgang Hinterberger in der Einladung zum Pressegespräch. Langsam waren in der Zwischenzeit aber auch Ergebnisse anderer Studien bekannt geworden.« Der Schwindel fliegt auf Warnende Stimmen. Sie wiesen alle eine eindeutige Tendenz auf – allerdings genau in die Gegenrichtung. daß Bezwoda sie als Studienteilnehmerinnen führte. wie etwa von dem Heidelberger Biometriker und Epidemiologen Ulrich Abel oder von dem Frankfurter Klinikchef Manfred Kaufmann. Bezwodas Studien blieben die einzigen. Dabei entdeckte das Team irritierende Mißstände. wieder andere wußten überhaupt nicht. blieben bei weitem in der Minderzahl. Und sie erschienen als rechte Miesmacher. sondern auch in der täglichen Routine. »Wir wollen zeigen«. die eine Überlegenheit der Radikalmethode dokumentierten. andere bekamen nicht die Behandlung. die im Protokoll vermerkt war. und zwar nicht nur auf akademischem Boden.Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie im April 1998 zu ihrem Jahreskongreß nach Baden bei Wien. Hinterberger betonte. so daß letztlich jeder Patient in den Genuß der modernsten Therapien kommen kann!«79 Hauptthema der Tagung war die Hochdosistherapie. sondern sind in der ganzen westlichen Welt bei bestimmten Indikationen die Methode der Wahl. als Bezwoda im Mai 1999 bei einem Meeting der American Society of Clinical Oncology (ASCO) die Resultate seiner neuesten randomisierten Studie präsentierte. »Es hat sich alles als ein -1 2 3 - . »was alles machbar ist. So wird beispielsweise in den USA Brustkrebs hauptsächlich mit Hochdosistherapie behandelt.

ein Mitglied der Untersuchungsgruppe. 80 Bezwoda hat mittlerweile seine Tätigkeit an der Universität aufgegeben und alle Funktionen niedergelegt. erzählt Raymond Weiss. daß wissenschaftliche Regeln eingehalten werden.einziger Mythos herausgestellt«. erklärte John Durant. Vizepräsident der USKrebsgesellschaft: »Wir nehmen eben grundsätzlich an. Auf d Frage. ie wie es möglich war.« 8 1 -1 2 4 - . ohne daß der Schwindel erkannt wurde. daß der Südafrikaner seine Studien überhaupt präsentieren konnte.

DIE DRITTE TODSÜNDE: VOM KRANKENBETT INS LABOR – DIE ABKEHR VOM PATIENTEN -1 2 5 - .

1 Erst eineinhalb Jahrzehnte und viele Milliarden Mark später begannen einzelne Mediziner Bilanz zu ziehen. In großangelegten Vergleichsuntersuchungen sollte herausgefunden werden. 2 Ähnlich euphorisch wie bei der Vorsorge wurde für die Nachsorge von Krebspatienten ein feinmaschiges Untersuchungsnetz gesponnen. so das neue Credo. Und bei mehr als 4000 Frauen wurde das tumorverdächtige Gewebe (Lumpektomie) oder die ganze Brust (Mastektomie) irrtümlich entfernt. Am Ende stand ein ernüchternder Befund: Die Sterblichkeit war nicht. abtasten und alle Körperflüssigkeiten analysieren läßt. Das Minus von 34. wie erwartet. die seit 1984 regelmäßig an Vorsorgeprogrammen zur Früherkennung von Brustkrebs teilgenommen hatten. wieviele Menschen nun tatsächlich gerettet worden waren. Der schwedische Krebsexperte Giran Sjönell analysierte die Daten von mehr als 600000 Frauen.Trügerische Vorsorge Der deutliche Rückgang von Gebärmutterkrebs parallel zur Einführung von Vorsorgeuntersuchungen ließ einen neuen Industriezweig aufblühen – die Vorsorgemaschinerie kam so richtig in Schwung. Wer regelmäßig alle Körperteile durchleuchten. Strahlen.8 Prozent. um 30 Prozent zurückgegangen.oder Chemotherapie möglichst früh ein -1 2 6 - . durch das nach erfolgter Operation. 16000 Frauen wurden unnötigen Gewebebiopsien unterzogen. ging im Trubel der Kampagnen unter. Daß andere Krebsarten ebenso auf dem Rückzug waren wie der seltene Gebärmutterkrebs.9 Prozent beim Magenkrebs im gleichen Zeitraum wie beim Zervixkarzinom etwa wurde eindeutig ohne Screening-Programm erreicht. braucht den Krebs nicht mehr zu fürchten. Dazu fand Sjönell alarmierende »Nebenwirkungen« der Screening-Programme: Nahezu 100000 Frauen – also jede sechste – hatten im Beobachtungszeitraum eine irrtümlich positive Diagnose erhalten. sondern lediglich um 0.

»Wie so häufig in der Medizin und insbesondere in der Krebsmedizin hält auch hier das. was auf den ersten Blick logisch und zwingend korrekt erscheint. Metastasen oder Rückfälle etwas früher zu entdecken. dazu noch Ultraschalluntersuchungen der Leber sowie Blutuntersuchungen. daß die Heilungschancen um so besser sind. »Diese Idee ist bestechend plausibel. Nach der Operation wurden die Patientinnen per Zufall entweder der Gruppe mit intensiver Nachsorgediagnostik zugeteilt oder der Vergleichsgruppe. daß sich bereits Fernmetastasen gebildet hatten.« Die ersten aussagefähigen Studien zum Wert einer intensiven Nachsorge wurden erst im Jahr 1994 veröffentlicht. beschreibt der Epidemiologe Ulrich Abel die logische Konsequenz dieses Denkansatzes. Das eigentlich spektakuläre Ergebnis war -1 2 7 - . Die intensive Diagnostik umfaßte über die klinischen Untersuchungen und die Mammographien hinaus regelmäßige Röntgenaufnahmen des Brustkorbs und szintigraphische Untersuchungen der Knochen. wenn man ihm die intensive apparative Nachsorgeuntersuchung vorenthalten würde«. je früher ein Rückfall entdeckt und aktiv bekämpft werden kann. in der man sich mit klinischen Untersuchungen nebst jährlichen Mammographien begnügte. zieht Abel nüchtern eine Bilanz seiner Analyse der Nachsorgeergebnisse. In beiden Untersuchungen stellte sich heraus. Zwei italienische Studiengruppen hatten unabhängig voneinander jeweils das Schicksal von mehr als tausend Brustkrebspatientinnen verfolgt. »Aber leider ist diese einfache Überlegung nicht richtig«. bevor es dem Patienten selbst durch Schm erzen oder andere Symptome auffiel. Denn es leuchtet doch ein. einer genaueren Analyse nicht stand.wiederauftretendes Geschwür entdeckt werden sollte. Das »Rezidiv« sollte erkannt werden. daß es mit Hilfe der intensiveren Diagnostik tatsächlich gelungen war. bei denen nach der Operation kein Hinweis daraufgefunden werden konnte. Die Ergebnisse der Studien waren vermutlich für viele Krebsmediziner überraschend. und gewiß wäre manch ein Patient unzufrieden.

sorgten zwar für zunehmende Debatten auch unter den Krebsmedizinern. war genau die gleiche. Die Folgen des Eingriffs sind massiv: Etwa die Hälfte der Patienten klagt danach über -1 2 8 - . ohne daß dies zu einer lebensgefährlichen Krankheit führen muß.5 Die Studienergebnisse. ist zwar noch recht jung. Der Tumor wächst meist so langsam. mit dem die Mediziner Prostatakarzinome beim Mann frühzeitig entdecken wollen. 4. Computertomographie. bevor er ihr Leben bedroht Sehr oft werden nun Prostatatumoren operiert. ohne daß sie lebensbedrohlich wären.wie Nachsorge bei Krebs in einem zweifelhaften Licht erscheinen ließen. Doch die Überlebenszeit. aber auch schon umstritten: Zwei von drei Männern mit positivem Testbefund erweisen sich bei Nachfolgeuntersuchungen als gesund. daß man 60000 Tumoren zusätzlich entdeckt und ihre Träger damit unnötig betastet« Der Grund dafür: Schon bei den 50jährigen hat jeder zweite Mann Krebszellen in der Prostata. Der PSA-Bluttest (prostata-specific-antigen). daß die Träger sterben. Zu dem Preis. Was bedeutet. die lediglich einmal jährlich konventionell untersucht wurde. Die zusätzlichen Erstdiagnosen haben sich laut US-Studien auf die Sterblichkeit nicht positiv ausgewirkt. die den Patienten in der Vergleichsgruppe blieb. die sowohl Vor. daß diese Patienten sich ein Jahr länger gesund fühlen durften. Doch sie verhinderten nicht. Labortests und dem Einsatz von Tumormarkern gelang es zwar.jedoch die Überlebenszeit: In beiden Studien waren die Überlebenskurven der beiden Vergleichsgruppen bis zum Endpunkt von fünf Jahren nahezu ununterscheidbar! 3 Ähnlich die Ergebnisse von zwei großen Untersuchungen zum Nachsorge-Screening nach Darmkrebsoperationen: Mit regelmäßiger Darmspiegelung. daß immer neue Screeningmethoden ersonnen und breit angewendet werden. Röntgen des Brustkorbs. den Rückfall durchschnittlich um ein Jahr früher zu entdecken. Ultraschalluntersuchung der Leber. Der deutsche Epidemiologe Dieter Hölzel von der Universitätsklinik Großhadern kritisiert: »Durch die Früherkennung kann man bei höchstens 2000 Männern den Tod ein wenig hinauszögern.

Ein Aufschrei geht durch die englische Presse: »Verrat an den Frauen«. Insgesamt waren 403 Frauen im Raum Leicestershire an Gebärmutterhalskrebs erkrankt. Das erschreckende Ergebnis: Mehr als drei Viertel von ihnen – 324 – hatte die Termine beim Frauenarzt ordnungsgemäß eingehalten. etwas moderater gibt sich die Times: »Ein Drittel aller Abstriche übersieht Krebs. als dies im Frühstadium nötig gewesen wäre. die sich mit der Qualität der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) befaßte. Verrat an Frauen Mai 2001. schreibt die Daily Mail. »14 Tote im Abstrichskandal« titelt das Boulevardblatt Sun. daß wesentlich radikalere Eingriffe vorgenommen werden mußten. ob die Frauen die Vorsorgetermine wahrgenommen hatten. Die Frauen mußten Gebärmutterentfernungen überstehen oder bekamen Strahlenund Chemotherapie. Das Ergebnis war ernüchternd: Mehr als ein Drittel der Befunde zeigte schlicht falsche Ergebnisse.Inkontinenz. Bei 122 der 324 Frauen war der Krebs oder eine Vorstufe zum Zeitpunkt der Untersuchung schon ausgebrochen und hätte erkannt werden müssen. gar zwei Drittel der Männer können ihre Sexualität nicht mehr leben. die zwischen Januar 1993 und August 2000 im Krankenhaus behandelt worden waren. Das Team um Studienleiter Paul Shaw sammelte dazu alle Krebsfälle. Im Körper von 78 der fälschlicherweise als gesund eingestuften Frauen waren die Wucherungen schon so weit gewachsen.« Auslöser für die »kollektive Panik« war die Veröffentlichung einer internen Untersuchung des Königlichen Krankenhauses von Leicester. Nunmehr gruben die Wissenschaftler die Originalbefunde der Untersuchungen aus und ließen die Zervixabstriche noch einmal analysieren. ohne daß die Erkrankungen frühzeitig erkannt worden wären. und überprüfte. so mußten die Pathologen -1 2 9 - . Insgesamt. Der englische Gesundheitsdienst strich deshalb gleich die gesamte Prostatauntersuchung aus dem Vorsorgeprogramm. weil die Nervenbahnen bei der Operation zerstört wurden.

so wie wir dies bisher immer gehalten haben«. dafür verantwortlich zu sein. »Wir haben lange überlegt. Doch die Freude über den Erfolg des Pap-Screenings erwies sich als verfrüht: Epidemiologen fanden heraus. begründet der Zellpathologe seinen spektakulären Schritt. 7 Die Sterblichkeit ist aber in jedem Land zurückgegangen. Als Paul Shaw sich entschloß. da waren sich die Vorsorgemediziner sicher. hatten jeweils bis zu zehn »unauffällige« Pap-Tests hinter sich. ob wir die interne medizinische Prüfung geheimhalten sollen. Das bedeutet. sondern wahrscheinlich überall passieren.« 6 Shaws Publikation war ein Tiefschlag für die mit belegbaren Erfolgen alles andere als verwöhnten Krebsmediziner. die Epidemiologen schon Anfang der siebziger Jahre vorbrachten. In Österreich beispielsweise von 1993 bis 2000 um stolze 39. daß Gebärmutterkrebs in anderen Provinzen Kanadas. wurden einfach ignoriert Damals waren in Kanada zunächst Zahlen über den eindrucksvollen Rückgang der Sterblichkeit in British Columbia publiziert worden.feststellen. während eine massive Kampagne zur Früherkennung gleichzeitig den Eindruck erweckte. daß diese Fehler nicht durch Schlamperei verursacht wurden. Einwände. waren bereits 14 Frauen an den Folgen ihrer Erkrankung verstorben. Die 122 Frauen von Leicestershire. war etwa ein Drittel der Krebsfälle übersehen worden. Bei keiner anderen Krebsart waren in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Todesraten so eindrucksvoll zurückgegangen.4 Prozent. seine Ergebnisse zu veröffentlichen. daß unser Labor genau gearbeitet hat. Zwar sind die Erkrankungszahlen europaweit höchst unterschiedlich – in Portugal erkranken beispielsweise 19. »aber wir wußten. habe vor allem die Erkennung der Wucherung im Frühstadium die Todesraten so eindrucksvoll gesenkt. Beim Gebärmutterkrebs. wo Screening weniger propagiert -1 3 0 - . die an Zervixkarzinomen erkrankt waren. Denn die Vorsorgeuntersuchung zur Früherkennung des Zervixkarzinoms galt als »Stolz der Krebsvorsorge«. in Luxemburg nur vier von 100000 Frauen.

Doch die Kollegen blieben skeptisch. bei etlichen ließen sich schließlich eindeutig veränderte Zellstrukturen nachweisen. die überzeugend rasche Erfolge zu prognostizieren vermochten. George Papanicolaou liebte seinen Job. Papanicolaou war überzeugt. zu Vergleichzwecken auf diese segensreiche Einrichtung zu verzichten. Und für eine prognostische Aussagekraft fehlte jeglicher Beweis.wurde und teilweise völlig unüblich war. 1928 veröffentlichte er eine Arbeit über seine Entdeckung. Und wirklich. eine Krebsvorstufe entdeckt zu haben. hatten sie das Gewebe noch nicht durchdrungen. Mehr als ein Jahrzehnt lang wandte er sich wieder anderen Arbeiten zu. Auch Papanicolaou selbst hielt seinen Ansatz schließlich nicht mehr weiter für verfolgenswert. die auf die gynäkologische Station eingeliefert wurden. Eine Überprüfung der Effektivität des Gebärmutter-Screenings wurde als unethisch verworfen. Der aus Griechenland stammende Laborassistent am Medical College der New Yorker Cornell University kannte keine geregelte Arbeitszeit. 8 In dieser Zeit hatte Richard Nixon gerade dem Krebs den Krieg erklärt. Man könne keiner Frau zumuten. genau im gleichen Umfang auf dem Rückzug war. was normalerweise erst der Beleg für Krebs wäre. 1943 berichtete er schließlich über die Entdeckung von 179 unerwarteten Fällen von Tumoren -1 3 1 - . 9 Erst Anfang der vierziger Jahre war die Zeit langsam reif. George Papanicolaous Meisterstück Wie die meisten Errungenschaften der Medizin ist auch die Entdeckung des Pap-Tests einer Mischung aus Zufall und Spekulation zu verdanken. Immer wieder legte er die Plättchen mit den Abstrichen aus Scheidenflüssigkeit unters Mikroskop. Dollarmilliarden winkten jenen medizinischen Feldherren. Routineabstriche zu nehmen. Der bereits 60 Jahre alte Papanicolaou erinnerte sich an seine frühen Forschungen und begann damit. bei allen Frauen. Da diese Zellen von der Oberfläche der Zervix abgestrichen worden waren.

Daraus den Schluß zur Entfernung der Gebärmutter abzuleiten. verdächtige Läsionen müsse man sehen und fühlen. Von nun an sollte jede Frau über 40 zweimal jährlich einen Gebärmutterabstrich nach Papanicolaou (Pap-Smear) durchführen lassen.des Uterus. daß die Fachkräfte nur selten kritische Proben zu Gesicht bekommen: Nur etwa jeder zweihundertste Befund zeigt eine relevante Veränderung. bevor man sie als Krebs bezeichnen könne. Die einen meinten. Zu den mangelnden externen Qualitätskontrollen der Labors kommt sowohl in Deutschland als auch in Österreich der hohe Druck von den Krankenkassen. Dadurch fehlt häufig die Übung bei der Einschätzung. Beides hängt stark von der Qualifikation des Arztes oder der Schwester ab. daß eine Laborassistentin pro Tag 80 Abstriche sichten muß«.6 Euro bezahlen.« 10 Wieder fiel das Echo in der Kollegenschaft nicht gerade enthusiastisch aus. »Die Kassen rechnen uns vor. darunter 127 Zervixkarzinomen. In Deutschland kämpfen etwa 3000 relativ kleine Labors um Marktanteile. Hohe Fehlerquoten Die Fehleranfälligkeit des Pap-Tests ist beträchtlich. daß die Methode des vaginalen Abstrichs eine zuverlässige zusätzliche Methode zum Studium des Zervixkarzinoms im Uterus darstellt. Dies bringt den Nachteil. Andere bezweifelten. beschreibt Gerhard Breitenecker. daß der Test wirklich Leben retten könnte. gab es noch keinerlei Belege dafür. »Diese Beobachtung scheint darauf hinzudeuten. Pathologe an der Wiener -1 3 2 - . Als sie sich durchgesetzt hatte und die Früherkennungskampagne mit riesigem Aufwand gestartet wurde. Das beginnt schon beim Abstreichen oder Abbürsten der Zellen vom Gebärmutterhals und der nachfolgenden Präparation des Tests. Der US-Krebsgesellschaft jedoch propagierte die »Neuentdeckung« mit aller Kraft. ob diese krebsartigen Zellen jemals wirklich zu Krebszellen würden. sei jedenfalls eine höchst fragwürdige Behandlung. die pro Probe nur rund 5.

fühlen sich völlig zerstört und betäubt. Viele verlieren Gewicht. die im British Medical Journal ihre Reaktion auf eine vom Gynäkologen angekündigte Kontrolluntersuchung schildert: »Obwohl ich natürlich weiß. ist der mögliche Gesundheitsschaden klar dokumentiert. Es ist bekannt. bei der Gewebeproben der Gebärmutter entnommen werden. daß extern zugezogene unabhängige Pathologen nur in etwa der Hälfte der Fälle die Krebsabstriche gleich beurteilen wie die Kliniken. So hat eine 2001 veröffentlichte Studie in den USA gezeigt. Die Unsicherheiten schließlich. daß die meisten Veränderungen nach einiger Zeit von selbst spurlos verschwinden. die Situation. daß Krebs bei Frühdiagnose eine exzellente Heilungschance hat. Das kann eine Kolposkopie sein oder eine Biopsie. »Unter diesem Druck kann es schon das eine oder andere Mal zu Fehlbeurteilungen bei der Vorauswahl kommen.13 Ähnlich erging es einer Medizinsoziologin. die mehr als 7700 Proben von klinischen Zentren überprüften. und einige begannen schon mit den Vorbereitungen für ihr Begräbnis. Die Last des positiven Befunds Während die Vorteile des Screenings unsicher und nicht definitiv belegt sind.Universitätsklinik. Mehrere Studien zeigen. Trotzdem wird »sicherheitshalber« oft ein Eingriff durchgeführt. wie katastrophal sich unklare Pap-Tests mit »möglichen präkanzerösen Zellen« auf die Psyche der betroffenen Frauen auswirken können. wird schließlich noch immer die Entfernung der Gebärmutter vorgeschlagen. 12. stuften diese zu einem Großteil weniger dramatisch ein als die Zentren selbst. die die Proben ursprünglich genommen hatten.« Doch auch Pathologen und Gynäkologen sind vor Fehlern nicht gefeit.11 Die vier Pathologen. Um »ganz auf der sicheren Seite« zu stehen. war ich völlig am Boden und dachte -1 3 3 - . ob sich veränderte Zellen tatsächlich im Lauf der Zeit zu Krebszellen entwickeln. sind seit den Zeiten Papanicolaous nicht behoben worden.

Adäquate Informationen bekam sie von keinem einzigen. Sechs Wochen später eine Laserbehandlung. Nun finden wir aber bei rund 15500 Frauen abnorme Abstriche. Gynäkologe an der University of California in San -1 3 4 - . Angela Raffle. daß ich niemals vor möglichen Nebenwirkungen des Screenings gewarnt wurde oder irgendwelche Informationen erhielt. Drei verschiedene Gynäkologen untersuchten und behandelten die Patientin. Dabei glauben diese Frauen noch. die sich Frauen wegen kontrollwürdiger Pap-Tests machen. so wollen wir jene 40 Frauen finden.« 14 Sorgen. aber würden nie ein Problem mit Gebärmutterhalskrebs bekommen. sind statistisch gesehen fast immer unbegründet. Erst durch das Screening haben wir ihnen ein Problem beschert. »Meine hauptsächliche Beschwerde ist. ob Frauen mit normalem Pap-Test nach einem. erläutert dies an einem praktischen Beispiel: »Wenn wir 250000 Frauen screenen. Frauen im Alter zwischen 45 und 65 nur alle fünf Jahre zur Untersuchung eingeladen. 16 Eine im Jahr 2000 publizierte Vergleichsstudie an fast 130000 Amerikanerinnen bestätigt diese Zeitpläne: »Unsere Ergebnisse zeigen.« Im Anschluß an die vorgenommene Biopsie blutete sie schwer und mußte in der Klinik bleiben.tagelang nur an Tod und Sterben. daß es keinen Unterschied macht. Mehr als 15000 Frauen haben abnorme zytologische Befunde.« 15 Um das Risiko unnützer Eingriffe zu minimieren. Die Biopsiewunde wurde verätzt und der Gebärmutterkanal anschließend aufgedehnt. zwei oder drei Jahren wiederkommen«. Dies entspricht auch den gültigen EUEmpfehlungen. die in dieser Gruppe am Zervixkarzinom sterben würden. daß Screening auch Gefahren für die körperliche und seelische Gesundheit birgt. britische Vorsorgeexpertin aus Bristol. so George Sawaya. daß sie Glück gehabt haben und ohne Screening gestorben wären. Alle bis auf ganz wenige sind also zu unrecht in der Gruppe. Schließlich wurde zur weiteren Abklärung noch unter Vollnarkose eine Ausschabung (Kürettage) in ihrem Uterus vorgenommen. abermals gefolgt von starken Blutungen. werden jüngere Frauen in Großbritannien alle drei Jahre.

« 18 In Deutschland und Österreich werden pro Jahr rund 16. Immerhin bedeuten die Tests Einnahmen in Millionenhöhe für zytologische Labors. Regelrecht explodieren werden diese Kosten schließlich. Forderungen nach sinnvolleren Abständen bringen ahnungslose Gynäkologen und Frauenpolitikerinnen. daß wir nicht gesunde Personen wegen falsch-positiver Tests in Patientinnen verwandeln. Österreich und den USA. die um »die optimale gesundheitliche Versorgung ihrer Klientel« bangen. Die Pap-lndustrie »Es ist im ureigenen Interesse sehr vieler Gruppen. eine signifikante Veränderung der Zervix zu finden. regelmäßig auf die Barrikaden. Tatsächlich könnte weniger häufiges Screenen für Frauen mit geringem Risiko sogar besser sein. Weltweit lassen sich jährlich über 100 Millionen Frauen screenen. Die häufige Durchführung von Pap-Tests wurde aber längst auch zum Wirts chaftsfaktor.5 Millionen Pap-Abstriche durchgeführt.Francisco. die Kosten für Arztvisiten. Sie fordern die routinemäßige Einführung von -1 3 5 - . so Sawaya. Allein für die Tests werden dabei drei Milliarden Euro ausgegeben. Virologe an der Universität Tübingen. entgegen den Empfehlungen der meisten Experten jährliche Screening-Untersuchungen durchgeführt. »Wir müssen aufpassen.« 17 Dennoch werden in vielen Ländern. darunter Deutschland. »Diese Labors leben fast ausschließlich von der Zytologie. und ihre Interessenverbände wehren sich mit Händen und Füßen gegen die Einführung eines dreijährlichen Screenings. wenn sich die Vertreter einer neuen Richtung durchsetzen. meint Thomas Iftner. sei in diesen Fällen höher als die Chance. Ärzte und Zuliefererfirmen. Labors und Infrastruktur summieren sich auf ein Vielfaches. Denn die Gefahr eines falsch-positiven Ergebnisses. die jetzigen Screeningfrequenzen aufrechtzuerhalten und die Intervalle sogar noch zu erhöhen«. Die Kassen selbst wären nämlich gar nicht so abgeneigt.

»und hat damit ein erhöhtes Krebsrisiko. sondern auch stabiler werden. Pap-TestBefürworter wittern hinter jeder Kritik am Status quo HPVJünger.Tests auf Humane Papillomaviren (HPV). Fast jede Frau beherbergt zumindest zeitweilig die durch Geschlec htsverkehr übertragbaren Keime. Im Vergleich mit den Kosten des Virentests wirkt der PapAbstrich hingegen schon wieder richtiggehend bescheiden. helfe dann nur eine vernünftige Erklärung: »Wir müssen ihr sagen. wobei sie mit dem Alter jedoch nicht nur seltener. in der Altersgruppe der 40. Bei positivem Ergebnis werden häufigere Nachkontrollen empfohlen. In den meisten Fällen heilen HPVInfektionen wieder aus. Riskant ist eine solche Infektion aber ohnehin erst. seien völlig ungefährlich. ohne daß uns eine wirkliche Therapie zur Verfügung steht«. wenn das Virus weiter nachweisbar bleibt. Ein HPV-Test kostet derzeit zwischen 30 und 50 Euro. den konventionellen Pap-Test durch HPV-Tests zu stützen. Diese wiederum weisen auf die genauere Diagnose hin – und auf die HPV-Impfung. -1 3 6 - . Um die psychologische Belastung für die Frau zu verringern. »Eine 45jährige Frau mit einem High-risk-HPV behält ihn jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit«. sagt Breitenecker. Die meisten.3 Prozent der Frauen. für die schon auf Hochtouren Tests laufen und die in wenigen Jahren erwartet wird.« 19 Immer lauter wird daher der Ruf. so heißt es. Dieser boomende Forschungszweig entdeckte innerhalb weniger Jahre an die 100 verschiedene Vertreter dieser »Warzenviren«. Für Nummer 16 und 18 gelte dies jedoch nicht. Doch was tun bei einem positiven Ergebnis? »Dann müssen wir die Frau fortan engmaschiger betreuen.« Betroffen sind etwa 0. Die Herstellerfirma Digene wendet derzeit MillionenDollar-Beträge zur Promotion ihrer Testmethode auf. Nur bei acht bis zehn Prozent der jungen Frauen können die »bösen« Viren nachgewiesen werden.bis 50jährigen sind sogar nur noch zwei Prozent betroffen. meint der Pathologe Breitenecker. wenn sie über Jahre bestehen bleibt. kann sich im Laufe der Jahre eine Krebsvorstufe daraus entwickeln.

sind völlig ungewiß. Fragliche Befunde wurden mit Kolposkopien und wenn nötig Biopsien ergänzt. obwohl das Problem fast immer der Test ist und nicht ein Fehler der Durchführenden: »Wir müssen uns darüber im klaren sein«. »Dasselbe gilt für Biopsie und Kolposkopie. der sagt. weil wir es nicht schaffen. Frauen. die regelmäßig zu ihren Vorsorgeterminen gehen. Karrieren vorzeitig beendet und nimmt die Zahl der Prozesse zu.und HPV-Tests. so Raffle. nicht einfach und schon gar nicht kostendeckend ist – sondern bei guter Durchführung eben nicht völlig nutzlos. erwarten sich jedoch genau das Gegenteil: Schutz vor der Krankheit. »daß Zervix-Screening nicht wunderbar. In einer afrikanischen Studie konnte gezeigt werden. und das.«21 Tatsächlich macht der gerichtlich festgelegte Schadenersatz bereits einen guten Teil der Kosten der Programme aus. Die derzeit im Praxisalltag verwendete Kombination VIS mit Pap-Test landete hingegen mit nur 37 Prozent Entdeckungen abgeschlagen auf dem letzten Platz.« 22 -1 3 7 - . es ›richtig‹ zu machen. anschließenden Pap. Denn bei negativem HPV könnte das Screening seltener stattfinden. so versichern die HPVTest-Freunde. wann aus dem High-risk-HPV vielleicht einmal Krebs entsteht. könnten durch eine geschicktere Ressourcenverteilung außerdem gleichbleiben. daß Pap-Tests allein weit hinter den Möglichkeiten von Kombinationsuntersuchungen zurückbleiben: Paul Blumenthal von der John-Hopkins-Universität und Kollegen untersuchten in Zimbabwe mehr als 2000 Frauen per visueller Untersuchung (VIS). Und doch werden noch immer Fachkräfte entlassen. Das Duo VIS und HPV fand mit einer Trefferquote von 63 Prozent die meisten Krebsvorstufen. meint Raffle. Dahinter landeten HPV und Pap mit 43 Prozent.Die Empirie scheint ihnen Recht zu geben. In Wirklichkeit ist die Zervixuntersuchung aber eine sehr unsichere Sache: »Es gibt keinen Goldstandard. 20 Die Kosten für das Gesundheitssystem. wann ein Abstrich ›richtig‹ oder ›falsch‹ bewertet wurde«. Bei einem positiven Befund hingegen sind wiederum die Frauen die Leidtragenden: Sowohl Zeitraum als auch genaues Risiko.

650 Frauen hatten positive Pap-Befunde. in 99 Fällen hatte die sensible Praxishilfe fälschend eingegriffen. Aufgeflogen war der Skandal durch die Nachfrage einer Laborfachkraft: Sie hatte in einem Fall Krebs diagnostiziert und wollte nach einiger Zeit vom Gynäkologen wissen. Interessanterweise hatte sich der Krebs bei dieser Frau allerdings »in Luft aufgelöst«. Bei sieben Frauen wurden nun mit Verspätung kleine Eingriffe vorgenommen. Der Arzt stellte fest. daß bei ihnen Kontrollen nötig wären. um den Patientinnen nicht sagen zu müssen. -1 3 8 - . Trotz teilweise jahrelanger Nichtbehandlung war das Krankheitsbild nicht fortgeschritten. der vor kurzem in Österreich für Aufregung gesorgt hat: In der Industriestadt Linz hatte eine Sprechstundenhilfe sechs Jahre lang »aus Mitleid« kritische Pap-Befunde gefälscht.Daß nach einem positiven Pap-Befund kein Grund zur Eile besteht. mußten Experten die Krankenakten von 13000 Frauen akribisch durchforsten. Mit äußerst mulmigem Gefühl gingen sie zu den Kontrolluntersuchungen. Die betroffenen Frauen wurden über die kriminellen Handlungen aufgeklärt. daß der Befund kommentarlos bei den Akten gelandet war. was aus der Patientin geworden sei. keine einzige der Frauen war zu Schaden gekommen. hat auch ein Skandal gezeigt. Im Gegenteil. Nachdem ihr Vorgehen aufgeflogen war.

hat langfristig Überlebenschancen am Markt: Zu hohe Ausschußraten erhöhen den Produktionspreis. ein zentrales Erfolgskriterium. unbrauchbare Produkte oder etwa Rückholaktionen vom Konsumenten in Grenzen zu halten. Dennoch weicht der Medizinbetrieb in einem wesentlichen Punkt von allen anderen Industriekomplexen ab. zu dieser Entscheidung fühlt sich auch der mündige Patient nicht befugt. In jeder Industrie ist unter den Regeln der Marktwirtschaft die Vermeidung von Ausschuß.und Fehleranalysen gehören daher zum selbstverständlichen Repertoire der Qualitätssicherung. Die Nachfrage wird im wesentlichen von jenen gesteuert. Die Krankheitsindustrie funktioniert nach Kriterien. die sie in der Folge als Dienstleister auch befriedigen – welche Diagnoseprozedur nötig. In welch enormem Ausmaß der Medizinbetrieb dann tatsächlich Fehlleistungen produziert. aber doch. Nur wer es schafft. mag daher nicht verwundern. also fehlerhaften und unbrauchbaren Produkten. mangelhafte Produkte führen beim Konsumenten zu Imageverlust und in der Folge zu sinkender Nachfrage.Irren ist ärztlich Die Behandlung von Krankheiten erfolgt nach industriellen Maßstäben. Der Arzt ist also Produzent der Dienstleistungen und hat gleichzeitig fast alle Steuerhebel zur Beeinflussung der Nachfrage in der Hand. Unnötige Untersuchungen und Behandlungen belasten sein Budget nicht – ganz im Gegenteil. welche Therapie angezeigt ist. Daß unter diesen Voraussetzungen Qualitätssicherung und die Suche nach Fehlerquellen allenfalls in Sonntagsreden vorkommen. Auch die Behebung von Fehlern mag zwar gelegentlich dem Image abträglich sein – in der großen Mehrzahl der Fälle erhöht sie unbemerkt und undiskutiert auch noch die Umsatzzahlen der Medizindienstleister. die unnützen Kosten durch Leerlauf. Die komplexen Abläufe der Diagnosestellung und Therapien werden nach betriebswirtschaftlichen Regeln immer weiter optimiert. welche die Regeln der Marktwirtschaft hingegen völlig auf den Kopf stellen. Schwachstellen. -1 3 9 - .

geschädigter Ischiasnerv und chronische Schmerzen als Langzeitfolgen. 2 3 Ein tragisches Schicksal. Eine Erhebung zeigte. aber eben eines von zehn allein an diesem Arbeitstag in einer Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen. die hier ehrenamtlich tätig sind. Fehler der Unfehlbaren Die Aufgabe der Schlichtungsstellen besteht darin. doch auch ohne Schlamperei vorhanden. Der Grund für die gute Quote: »Wir sind personell gut ausgestattet«. daß es bei uns nicht nach der Devise geht: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus«. eine außergerichtliche Einigung herbeizuführen. Dazu gehört. daß dieser Fall nicht bei Gericht landen wird. Theoretisch kann natürlich jeder sofort vor Gericht gehen. Wagner ist sich deshalb relativ sicher.Es ist wieder ein langer Arbeitstag gewesen. was zwischen Arzt und Patient schiefgehen kann. Von der Klage über eine schlechtsitzende Hüftprothese bis zum Vorwurf der krassen Fehldiagnose findet sich hier alles. die meinen. Pro Jahr gehen in Deutschland rund 10000 Anträge bei den Schlichtungsstellen ein. Mit ihm sind es immerhin 30 Ärzte. durch ärztliche Fehler zu Schaden gekommen zu sein. daß nur jedes zehnte später noch vor Gericht landet. Der pensionierte Herzspezialist arbeitet für die größte deutsche Schlichtungsstelle mit Sitz in Hannover. Die Streitparteien scheinen jedoch kompromißbereit. Die Fehler auf der Ärzteseite sind in dem Fall klar dokumentiert. sagt auch Klaus-Dieter Scheppokat. Bernhard Wagner schließt den Aktendeckel im »Fall Heilemann«: Abszeß und Sepsis im Bauchraum nach einer harmlosen Blinddarmoperation. »Aber anscheinend nimmt man uns ab. auf der anderen Seite ist das Infektionsrisiko bei einem derartigen Eingriff zwar gering. Im Jahr 2000 wurden 6372 Verfahren abgeschlossen. sagt Scheppokat. Dazu kommen vier Juristen und 17 Sachbearbeiterinnen. »Wir versuchen jeden Fall komplett zu recherchieren und den medizinischen Sachverhalt aufzuklären. mit möglichst vielen der Patienten. daß wir -1 4 0 - .

»Die kardiologischen oder gastroskopischen Spezialuntersuchungen beherrschen die Mediziner sehr gut. neigen dann. daß der Arzt sorgfältig die Vorgeschichte erhebt und gründlich untersucht. daß seine SchlichtungsKlientel nur einen Bruchteil jener ausmacht. sagt Scheppokat. die wir häufiger machen: Je mehr ein Arzt auf die Autonomie des Patienten achtet und ihn von Anfang an korrekt informiert. berichtet Scheppokat. Doch Scheppokat ist sich bewußt. Scheppokat plädiert deshalb für eine offene Informationspolitik: »Patienten und Ärzte müssen akzeptieren. liegt nicht selten an mangelhafter ärztlicher Kommunikation. in eine gewisse Richtung gedrängt und nicht ernst genommen zu werden. Die Probleme liegen vielmehr bei den scheinbar banalen Dingen.« Da wird beispielsweise ein Patient viel zu früh nach Hause geschickt ohne geeignete Pflegeumgebung. eher zu rechtlichen Schritten.24 »Das ist eine Beobachtung. so der routinierte Mediziner. nichts von den Risiken zu erfahren. Gerade hier liegt aber offenbar eine Fehlerquelle der modernen Medizin. Bei jedem dritten Verfahren bewerten die Ärzte und Juristen der Schlichtungsstelle die erhobenen Ansprüche als begründet und empfehlen der Haftpflichtversicherung des Arztes die rasche Regulierung der durch Fehler verursachten Patientenschäden. komme es auch wesentlich darauf an.« Patienten hingegen. die tatsächlich durch ärztliches Tun zu Schaden kommen.« Daß überhaupt Streit entsteht. wenn etwas passiert. gründliche Untersuchungen über die Häufigkeit von behandlungsbedingten Patientenschäden und deren Konsequenzen sind in -1 4 1 - . die von Anfang an das Gefühl haben.alle Krankenakten einsehen.« Aber abgesehen davon. daß überall einmal etwas schiefgehen kann. eben der Indikationsstellung selbst. Oder ein Patient kommt nach einem diagnostischen Eingriff aus der Ambulanz und erleidet auf dem Heimweg schwere Blutungen. desto eher verzeihen es die Patienten. nicht nur jene des beschuldigten Arztes. wenn einmal ein Fehler passiert. aber auch der Nachsorge und dem Komplikationsmanagement. Große.

Oder anders gesagt: Vier von hundert Patienten ziehen sich im Krankenhaus ein Leiden zu. ist man hierzulande noch meilenweit entfernt. Daß die allerwenigsten davon überhaupt bekannt werden. Ärzte in Klinik und Praxis halten das Geständnis. Damit werden -1 4 2 - . 30000 Tote pro Jahr Rund eine Million Menschen kommen in den USA jährlich durch ärztliches Tun zu Schaden. daß etwa 300000 Schadensfälle und etwa 30000 Todesfälle pro Jahr behandlungsbedingt sind.Großbritannien. den USA und Australien durchgeführt worden. schönzureden oder zu vertuschen. 45000 bis 98000 Todesfälle sind die Folge von Diagnose.und Therapiefehlern. Fehler zu ignorieren. das in angloamerikanischen Ländern längst Einzug gehalten hat. bereits für ein Eingeständnis eigener Inkompetenz. in dem Fehler regelmäßig erfaßt und analysiert werden. Diese drastischen Zahlen lieferte die bislang umfassendste Studie über die Folgen ärztlicher Fehler. sind wir noch weit entfernt. dem Patienten ohne böse Absicht einen Schaden zugefügt zu haben. das sie vorher nicht hatten. Aus dem deutschen Sprachraum gibt es keine Studien dieser Art. Auf Deutschland umgerechnet bedeuten diese Zahlen. hierzulande scheinbar ein integrierender Bestandteil der ärztlichen Kunst ist. daß die Perfektion. mit deren Hilfe Fehlerhäufigkeiten erfaßt und Fehlerwiederholungen lokalisiert werden könnten. von diesem Denkprinzip. Daß jeder erkannte Irrtum oder Mißstand und die daraus hoffentlich folgende Schadensverhinderung ein Gewinn ist. »Strafsanktionen sind das größte Hindernis bei der Erfassung und Vermeidung von Fehlern«. Von standardisierten Verfahren. 25 Nur ein System. liegt zum einen daran. kann Fehlerraten reduzieren. Deshalb wird im Ernstfall meist geschwiegen. Offene Debatten und Analysen im Umgang mit Pannen sind noch immer eine Rarität. die von der amerikanischen Harvard University durchgeführt wurde. sagt Scheppokat.

Im Flugverkehr ist man schon weiter. Sie mußte in Tiefschlaf versetzt werden. »durch die laparoskopische Methode gäbe es nun überhaupt keine Probleme mehr mit der Narbe. wie es ihr vorausgesagt worden war. dann erst konnten die Intensivmediziner die lebensbedrohliche -1 4 3 - . wie er sich viele tausend Mal im Jahr ereignet. Zwei Wochen lang wurde ihr geöffneter Bauch gespült. Die Ärzte waren jedoch nach wie vor von den Vorteilen der »minimal invasiv« genannten Technik überzeugt: »Die haben gesagt.Pannen höchstens geleugnet und vertuscht. ich bin bloß wehleidig. Die Chirurgen des Aachener Luisenhospitals benützten fingerdicke Rohre. sogenannte Trokare. Ein eitriger Abszeß mußte entfernt werden. Frau Heilemann fühlte sich am Tag nach dem Eingriff nicht so. seit Piloten und Fluglotsen straffrei bleiben. Doris Heilemann litt schon seit Wochen unter Schmerzen im Unterbauch. um ihre High-Tech-Operationsgeräte und eine winzige Videokamera in den Bauch der Patientin zu schleusen.« Erst nach drei Tagen nahmen sie die Klagen der Frau ernst und öffneten den Bauch. daß der gesamte Bauchraum akut infiziert war.« Doris Heilemanns Blinddarm wurde ohne größeren Bauchschnitt entfernt. Minimal invasiv mit maximalen Folgen Bei Doris Heilemann gab es nichts zu vertuschen – zu offensichtlich und massiv waren die Folgen. Nach einer erneuten Operation kämpften die Mediziner drei Wochen lang um Doris Heilemanns Leben. Es begann als Routinefall. Hier werden gefährliche Beinahekollisionen viel genauer erfaßt und können auch analysiert werden. und auch Schmerzen würde ich kaum noch zu spüren haben. als sie wegen Verdachts auf Blinddarmentzündung ins Krankenhaus geschickt wurde. »Die Ärzte haben mir die Vorteile der neuen Technik erklärt«. wenn sie diese Vorkommnisse unverzüglich melden. Bauchschmerzen und Übelkeit wollten nicht vergehen und wurden stärker. Weitere drei Tage später war klar. erinnert sich die 24jährige Angestellte aus Aachen an die beruhigenden Worte vor der Operation.

Etwa dafür. woran der Patient gelitten hat. Hier sind natürlich jene Patienten im Vorteil die ein Röntgenbild in Händen halten. Schon bei der Feststellung. daß in einem Viertel der Fälle die Krankheit. Ein Jahr später mußten in Nachoperationen Verwachsungen und abgestorbenes Gewebe entfernt werden. In etwa der Hälfte der Fälle. von den Klinikärzten gar nicht erkannt worden war. Jeder vierte Befund ist falsch Ein klareres Bild ergibt sich. das sich als Beweis eignet.Infektion besiegen. Das ist freilich nur in einem Stadium wirklich möglich: nach Eintritt des Todes. werden die Schadensfälle im Operationssaal ursacht. zeigt sich. Dazu kommen chronische Schmerzen. Bei immerhin jedem achten Fall besagte die eine Expertise dann jedoch das genaue Gegenteil der anderen. Dann erst läßt sich im Körper der ehemaligen Patienten minutiös nachvollziehen. Komplikationen durch Arzneimittel und Fehldiagnosen machen den Großteil der zweiten Hälfte aus. daß ein Geschwür oder eine Verdichtung übersehen wurde. Nach drei Monaten Krankenhausaufenthalt verunstalten heute 16 große Operationsnarben Doris Heilemanns Bauch. Doch bei nur einem Viertel der Fälle kann ein konkreter ärztlicher Fehler als Ursache identifiziert werden. was tatsächlich geschehen ist und wie sich das ärztliche Tun ausgewirkt hat. an der der Patient in der Klinik letztendlich verstarb. weil bei einem der vielen Eingriffe der Ischiasnerv verletzt wurde. Freilich sind auch die prüfenden Experten keineswegs immer sattelfest. daß auch die High-Tech-Medizin alles andere als eine präzise Wissenschaft ist: Großangelegte V ergleichsstudien der Ergebnisse von Obduktionen mit der Krankengeschichte zeigen. 26 Andere Untersuchungen kamen sogar auf eine »Trefferquote« in der Diagnostik von nur -1 4 4 - . wenn Spezialisten sich ganz unabhängig von den Einschätzungen und Handlungen der behandelnden Ärzte ein Bild über den Zustand der Patienten machen. so hat die große Harvard-Studie herausgefunden. In der Harvard-Studie wurde beispielsweise die Krankenakte in insgesamt 7500 Fällen von jeweils zwei erfahrenen ärztlichen Gutachtern überprüft.

Bei mehr als jedem dritten Toten (38 Prozent) fanden die Pathologen eine andere Grundkrankheit. Die Fehldiagnoserate lag über die Jahre nahezu konstant bei etwa 15 Prozent. die die Ergebnisse von knapp 5000 Blinddarmoperationen mit jenen vor einem halben Jahrhundert verglich. -1 4 5 - . so daß es zu einem Durchbruch kam. wurde im niederschlesischen Städtchen Görlitz belegt. 27 Erschreckend viele Falschdiagnosen. Was aber ist mit den sündteuren Geräten. die in den letzten Jahrzehnten in einer nicht endenwollenden Spirale entwickelt worden sind? Mit denen nun in die Organe geschaut. Ähnlich verschlechterte sich die Qualität der Diagnostik auch bei Leber-. daß der Wurmfortsatz des Blinddarms normal war. Lediglich die Herzerkrankungen werden heute etwas genauer erkannt: Immerhin 70 Prozent der Diagnosen erweisen sich hier auch »post mortem« als richtig.50 Prozent. Zählung der weißen Blutkörperchen und Ultraschall wurde genauso oft zu spät operiert. 1930 waren es nur 47 Prozent. Ernüchterndes Ergebnis: 1930 erkannten noch 73 von 100 Ärzten ein Magenkarzinom. Trotz aller technischer Finessen wie Differentialmessung der Körpertemperatur. die Blutbahn abgebildet. Gallen. der Zustand der Gewebe analysiert und die genetische Struktur des Menschen dargestellt wird. Dort wurden alle im Jahr 1987 Verstorbenen obduziert. als sie im Totenschein als Todesursache ausgewiesen war. Sie verglichen anhand von Autopsieserien aus fünf Jahrzehnten bei 50000 Patienten die Diagnostik in der Klinik mit der nach dem Tod durch den Pathologen festgestellten Krankheit. Die tatsächliche Zahl akuter Entzündungen schwankte stets um die 60 Prozent. ein halbes Jahrhundert später waren es nur noch 61 von 100. Daß die niedergelassenen Mediziner ihren Kollegen in der Klinik bei der Fehlerquote um nichts nachstehen. Hier müßten sich doch enorme Verbesserungen der Diagnostik eingestellt haben.und Lungenkrebs. oder erst bei geöffnetem Bauchraum festgestellt. 28 Zu einem ähnlich ernüchternden Resümee kommt eine 1997 durchgeführte Studie. Wieder zerstörten die gründlichen US-Forscher das Weltbild ihrer technikgläubigen Kollegen.

« Und damit erklärt -1 4 6 - . sagt Scheppokat. erklärt Scheppokat am Beispiel eines Patienten mit frisch diagnostiziertem Darmkrebs: »Der muß in den Wochen seiner Behandlung mehrere invasive Prozeduren durchmachen. daß durch »nicht entsprechende Entscheidung« den Patienten zusätzliche Gesundheitsprobleme entstanden waren. daß bei der Blinddarmentzündung apparative Verfahren wie die Ultraschalluntersuchung oder das Leukozytenzählen weniger wichtig für korrekte Diagnosen sind als die klinischen Untersuchungsbefunde und die Erfahrung des Arztes. Und mit jedem neuen diagnostischen Eingriff addiert sich dieses Risiko natürlich. Der Patient kann eine Komplikation davontragen.« Wohin das führen kann. In den chirurgischen Abteilungen stellte sich bei fast der Hälfte (45. erzählt er. mit gemeinsamen Visiten und sorgfältigem Konsiliardienst eine relativ solide Basis für qualifizierte Krankenbetreuung gab und in dem ärztliche Erfahrung noch viel galt.und Fall-Besprechungen. dann muß man das natürlich abklären. der Rest erwies sich als blinder Alarm.zu Durchbrüchen war es in etwa 25 Prozent gekommen. 30 Ein wenig trauert Professor Scheppokat dem weniger technisierten Klinikbetrieb herkömmlicher Art nach.« Kränker durch die Medizin Wie hoch die Fehlerquote aber auch abseits des berühmt verzwickten Blinddarms ist. Hier überprüfte ein unabhängiges Medizinerteam alle Entscheidungen. Röntgen.« Dies erfordert dann Folgeuntersuchungen: »Denn wenn sich ein Verdachtsbefund ergibt.8 Prozent) der beobachteten Fälle heraus. als man gefragt hat. »Das zeigt. »denn die sehen zuweilen mehr. vereinzelt sogar sterben. der mit Morgenreport. Jede derartige Maßnahme hat ein gewisses Risiko. »Ich hatte immer ein wenig Angst vor den Sonographielabors«. zeigte eine aufwendige Studie aus dem Jahr 2000. mit denen ein Patient auf dem Weg durch das Chicagoer Teaching-Hospital konfrontiert war. 29 »Bei solchen Daten stimmt einen der ganze Fortschritt wirklich nachdenklich«.

sich dann auch ein Teil des stetig steigenden Zustroms bei Schlichtungsstellen und Gerichten. -1 4 7 - .

Aber auch die nächsten Argumentationsschritte sind schon absehbar. tödliche Erbkrankheiten für alle Zukunft auszumerzen. Denn der genmanipulierte Mensch würde seine Eigenschaften auch an die folgenden Generationen weitergeben. die an einem extrem seltenen Immundefekt litten. Das menschliche Immunsystem. Neun Jahre und 400 Versuche mit mehr als 4000 Versuchspatienten später fällt die Bilanz freilich immer noch ernüchternd aus: Keine einzige Gentherapie hat bislang die Hürde der klinischen Teststadien erfolgreich nehmen können. die nicht stabil genug ist. Er öffnete die Schleusen für eine Unzahl ähnlich gelagerter Gentherapien. 31 Technisch wesentlich einfacher als Gentherapie am menschlichen Organismus wäre der Eingriff i die Keimbahn. um echte therapeutische Ergebnisse zu erzielen«. Mit den bislang verfügbaren Methoden. durch gut 200000 Jahre geschult. die schon jetzt an diesem Dogma rütteln. daß es kein Fehler sein kann. aber auf eine Weise. Abermals sind es die Amerikaner. erwies sich als überlegen. »kann man therapeutische Gene an Patienten verabreichen. Denn -1 4 8 - . Gene gezielt und nachhaltig an den geplanten Stellen zu plazieren. n Das defekte Gen kann unmittelbar im befruchteten Ei durch ein intaktes Gen ausgetauscht werden. Darin liegt aber auch die Gefahr dieser Technik. Bislang konnte keine Methode entwickelt werden. machte 1990 Schlagzeilen. Zunächst mit dem durchaus nachvollziehbaren Argument. Hier müßte die Manipulation nur ein einziges Mal gelingen und würde dann auf ewig weitergegeben.Genforschung: neue Eugenik statt Therapiechancen Der erste Versuch von Gentherapie an Kindern. fremde oder durch Mutation entartete Gene zu erkennen und unschädlich zu machen. Versuche zur menschlichen Keimbahntherapie sind deshalb weltweit geächtet. zieht Theodore Friedmann von der University of California in San Diego eine ernüchternde Bilanz.

»alle zusammen sind Bestandteil einer ganzen Kaskade biochemischer Prozesse. wenn es gelänge. wenn wir von einem Gen FÜR eine bestimmte Eigenschaft oder FÜR ein bestimmtes Verhalten sprechen.« 32 Nur die wenigsten Krankheiten lassen sich eindeutig einem Gen zuordnen. hat eine ganz wesentliche Grenze überschritten. die vielfach rückgekoppelt sind«. »Bislang wissen wir nicht. stellt sich auf internationalen Vorträgen unermüdlich für diese Forderung zum Kampf: »Wenn wir bessere Menschen herstellen könnten durch das Hinzufügen von Genen. Schönheitschirurgen -1 4 9 - . Diese Urform der Körperzellen ist unbegrenzt teilungsfähig und praktisch unsterblich. beschreibt der Wiener Mikrobiologe Ernst Wagner die Kernfrage. Für viele Wissenschafter liegt die Zukunft der Medizin daher weniger in der Genmanipulation. Dialysepatienten bekämen binnen kurzem einen individuell nach gezüchteten Organersatz. »Ein Skelett ist nicht ein Kopfgen mit einem Halsgen und einem Rippengen hintendran«. »wer diese Nuß knackt. daß die realen Fortschritte der Genforscher weit hinter ihren Absichten zurückbleiben. »es ist keine Simplifizierung. Gene stehen unter der Kontrolle anderer Gene. erklärt der Harvard-Biologe Stephen J.oder Alzheimergene auszuschalten? Und was schließlich spräche dagegen. was den Ausschlag gibt.was wäre einzuwenden. Besonders James Watson. Gould die Irrtümer der Schmalspurtherapeuten. Entschlüsseler der Erbstruktur und Gründervater der Gentechnik. Krebswucherungen könnten durch gesundes Gewebe ersetzt werden. sondern im simpleren Nachbau von Organen mit Hilfe von Stammzellen. den erblichen Hang zu Übergewicht oder Kurzsichtigkeit aus dem Generationenvertrag zu streichen. sondern ein grundlegender Irrtum.« 33 Sowohl Möglichkeiten als auch Bedarf wären gigantisch. daß aus so einer Stammzelle im Embryo bei der nächsten Teilung plötzlich eine Muskelzelle wird«. warum sollten wir das nicht tun?« Es mag ein wenig beruhigen. Aus ihr entwickeln sich alle 210 verschiedenen Gewebetypen. meist sind viele Dutzende Gene beteiligt. Krebs.

Brandopfer bezögen ihr Ersatzohr aus dem Genlabor. jedoch mit einem grundlegenden Unterschied: Die neue Eugenik ist nicht staatlich gelenkt.kämen ohne Plastikimplantate aus. Der Stammzellenforschung sind freilich bislang Grenzen gesetzt: Experimente mit menschlichen Embryonalzellen sind in den meisten Ländern Europas untersagt. Dann könnte man theoretisch einen Leberzellenbausatz bestellen. »Reprogenetik jedoch wird vor allem von Eltern forciert.« Anstatt sich mit Skrupeln abzumühen. töte ich im Zweifelsfall nicht nur Hautzellen. sondern setzt sich dezentral von unten durch.« 35 Während die gentechnischen Heilungsversuche an der Komplexität des menschlichen Organismus noch viele Jahrzehnte scheitern werden. ist die einfache Gendiagnostik schon längst kommerzielle Realität. sondern lauter potentielle Menschen. Deshalb schlägt Davor Solter. 3 4 In der Nabelschnur blieben genügend Stammzellen zurück. vor. »Mediziner sind hauptsächlich an der Heilung von Krankheiten interessiert«. »Seit dem Klonschaf Dolly wissen wir. arbeiten die Amerikaner längst an einer Kollektion spezieller menschlicher Zelltypen. analysiert der Molekularbiologe Lee Silver. die bald präsentiert werden soll. Wissenschaftler der Universität Tokio bewiesen kürzlich mit Brutkästen. daß jede Körperzelle das Potential für einen gesamten Menschen hat«. Das sind Szenarien wie aus Aldous Huxleys Schöne neue Welt. daß es sogar zur Entwicklung des gesamten Organismus bald keines natürlichen Mutterleibs mehr bedarf. in denen Ziegenembryos heranwuchsen. »künftig für jeden Menschen gleich bei der Geburt eine Reserve von eigenen Stammzellen anzulegen«. angefangen bei den relativ simplen Tests des Fötus im Mutterleib auf Chromosomenanomalien (Triple-Test) und der -1 5 0 - . die etwas Bestimmtes für ihre Kinder wollen. Wie bei einer Fremdleber würden diese Zellen aber im Endeffekt vom Immunsystem abgestoßen. Direktor des Max-Planck-lnstituts für Immunbiologie in Freiburg. sagt der Princetoner Molekularbiologe und Buchautor Lee Silver und spottet über derartige Verbote: »Wenn ich mich kratze.

»Wenn eine Frau also ihre Kinder bekommen hat. sollte sie ernsthaft erwägen. hat die Zukunft längst begonnen. die mit irgendwelchen Krankheiten in Verbindung stehen. prophezeit Silver. Jährlich werden etwa 100 neue DNA-Tests angeboten. als er nach jahrelanger Suche das Brustkrebsgen BRCA l identifizierte. Hämophilie oder andere Erbkrankheiten. Bald darauf bot er mit seiner in Salt Lake City angesiedelten Firma Myriad Genetics einen Krebstest zum Preis von 2400 Dollar an. daß sie untereinander nicht mehr kreuzbar wären. Allerdings nicht für alle gleich. Die fehlenden Möglichkeiten zur Reparatur eines erkannten Gendefekts treiben die Mediziner inzwischen auch zu Handlungen.Fruchtwasseruntersuchung bis zu begleitenden Gentests auf Mukoviszidose. sofern sie nicht lebensnotwendig sind. werden sich laut Silver die Armen wie bisher zufällig fortpflanzen. des Dickdarms oder der Gebärmutter. Während sich die Reichen genetisch optimieren. 36 Zumindest was das Kennenlernen von Genschwächen betrifft. zwei Arten von Menschen – die »Genreichen« und die »Genarmen« -. »Vorsorgliche« Entfernung der gesunden Brust wurde mittlerweile ebenso zur medizinischen Routine wie vorsorgliche Entfernung der Prostata. rät der Amerikaner. 800 Erbkrankheiten lassen sich mittlerweile diagnostizieren. seit sich der Mensch evolutionär vom Affen getrennt hat. Den Anfang machte 1994 der Amerikaner Mark Skolnick. die Wissenschaft kennt rund 5000 weitere Genabschnitte. 37 Der Markt für Gentests ist seit Skolnicks Pioniertat explodiert. die sich genetisch so weit voneinander entfernt hätten. In den fünf Millionen Jahren. wird die Entfernung der gefährdeten Organe. Weil eine Heilung der vorausgesagten Krankheiten nicht in Sicht ist. Binnen weniger Jahrhunderte ergäben sich damit zwei genetisch unterschiedliche Klassen. sich die Eierstöcke entfernen zu lassen«. entwickelte sich unsere Erbinformation nur um zwei Prozent von der des Affen fort »Im nächsten Jahrhundert wird sich dies radikal ändern«. empfohlen. die -1 5 1 - . Frauen mit einem positiven Testergebnis erkranken laut Skolnick im weiteren Verlauf ihres Lebens zu 90 Prozent an Brustkrebs und zu 50 Prozent an Eierstockkrebs.

der mit hoher Wahrscheinlichkeit in zehn bis 20 Jahren zu Krebs oder anderen schweren Krankheiten führt. Ein Umstand. weil sie annehmen müssen. Von ähnlichem Vorbeugedenken geprägt sind jene Mediziner. werden ebenfalls bereits eingesetzt. Die Identifikation von einfachen Chromosomendefekten. die zur Trisomie 21 (»Mongolismus«) führen. wenn es diese Krankheit in sich trägt? »Am schlimmsten ist dabei. ob es zum Tode verurteilt wird. Die Diagnosefalle Tatsächlich verläuft die Erfolgskurve bei der Entdeckung von Gendefekten. beschreibt Gisa Hillesheimer ihre Gefühle während der Schwangerschaft: »Man trägt ein lebendiges Wesen in seinem Bauch und weiß nicht. weil ihr Lebensgefährte keinesfalls ein behindertes Kind wollte.ansonsten ihrem Grundsatz absolut zuwiderlaufen: Sie schneiden gesunde Organe aus dem Körper. die das Blutergen in sich tragen.« 38 Die damals 36jährige Filmemacherin aus Frankfurt am Main hatte sich zur »Amniozentese« genannten Fruchtwasseruntersuchung entschlossen. einen Gendefekt zu haben. wenn nicht gleichzeitig die Aussicht besteht. wird zur psychischen Belastung. die zur Entstehung einer Krankheit entscheidend beitragen. daß dieser Defekt korrigiert werden kann. weit steiler nach oben als jene der Entwicklung von Therapien. Damit ist aber eine ethische Schwelle überschritten: Denn Bluter können – nicht zuletzt dank gentechnisch hergestellter Medikamente – ein verhältnismäßig uneingeschränktes Leben führen. »Ich -1 5 2 - . Und es kann auch zu sozialen Nachteilen führen. daß man den Bezug zum Kind nicht herstellen kann«. die mit ihren Test-Kits in den Mutterleib vordringen. daß diese später einmal erkranken werden. wenn Versicherungen Zugang zu den Gendateien fordern. der eine Reihe von Fragen aufwirft: Das Wissen. Ist werdendes Leben »unwert«. ist samt Abtreibung längst zum unhinterfragten Gynäkologenalltag geworden. Und Gentests für werdende Mütter.

Dann bringe ich dich mit Hilfe der Ärzte um. daß ihr drittes Kind weder am Down-Syndrom (»Mongolismus«) noch an einem Neuralrohrdefekt (»offener Rücken«) leidet. das man bekommt. daß ein Baby unterwegs ist«.« Der Stich durch Bauchdecke und Fruchtblase ist nicht gefahrlos. erinnert sich die Psychologin. »weil das Risiko eines behinderten Kindes doch groß wäre. »Es ist mir vom Gynäkologen geraten worden. »Das hab ich unterschrieben. analysiert Beate Schücking. für oder gegen das Leben. die Auswirkungen der Mißbildungungsdiagnostik im Mutterleib. Statt »in guter Hoffnung« sind die Frauen nun »auf Probe schwanger«. Dann liegt die Entscheidung bei der Mutter: für oder gegen dieses Kind. Ein Prozent. steht drauf. Doch der Test selbst kann auch riskant sein. darfst du bleiben. in Regensburg die Chromosomen des Embryos untersuchen zu lassen. »Sie verhandeln mit dem Kind: Wenn du in Ordnung bist.« 40 Für die werdenden Mütter bedeutet diese neue Wahlfreiheit freilich eine beträchtliche Belastung. ob die Chromosomen der Norm entsprechen oder ob das Baby das als Mongolismus bekannte Down-Syndrom entwickeln wird. entschied sie sich. das ist man nicht selber. »Auf dem Blatt. Die scharfe Amniozentesenadel kann eine Ader der Plazenta oder den Fötus verletzen. Dazu kommt die Gefahr -1 5 3 - . 39 Die Regensburger Psychologin wollte ebenfalls durch eine Amniozentese Sicherheit darüber. berichtet Frau Zorzi von der durchaus korrekten Aufklärung in der Klinik. in einem Prozent der Fälle kann es zu Komplikationen kommen mit Abgang«. berichtet auch Heidi Zorzi. Das Drama Amniozentese Als Heidi Zorzi zum dritten Mal schwanger wurde. sonst mußt du gehen. Professorin für Sozialmedizin an der Fachhochschule München.« Im Fruchtwasser können die Mediziner erkennen. Das war nicht real.habe nicht einmal meinen Kindern gesagt. ab 35 eine Fruchtwasseruntersuchung machen zu lassen«.

bloß klein. In dem Moment. es hat ausgeschaut wie ein Baby. Wenn was abgegangen ist.einer Infektion. Wer bin ich denn. Zorzi: »Das war ständig zwischen Hoffen und Bangen. und ich kann das nicht aufhalten. mich zum obersten Richter aufzuspielen: Dieses Leben ist okay. »Sie haben festgestellt. Ich hab es ja auch selber gespürt. über das ich mich so gefreut habe. das die Nadel in der Fruchtblase hinterlassen hatte.« Sybille Wagner* war 35. Die werdende Mutter blieb gleich in der Klinik. daß keine Vitalzeichen mehr da sind und daß es geholt werden muß. es war gut. es geht ein ganz wichtiges Stück von mir weg.« Kurze Zeit nach der Totgeburt wurde Heidi Zorzi mitgeteilt. es kommt jetzt. Ich hab gesehen. Eine Geburt des toten Embryos. In der schlaflosen Nacht darauf griff die Psychologin zu Kugelschreiber und Papier und hielt fest. Gesund oder nicht gesund. das war so ein katastrophales Gefühl. das ich unbedingt haben wollte. wie es ausgeschaut hat.« Zwei Tage lang bemühten sich die Ärzte. als sie sich zur Amniozentese entschloß. daß alles dran war. ich hab das gespürt. Neun Tage lang versuchten die Ärzte. es muß jetzt geholt werden. Das Hoffen und Bangen war fürchterlich. daß ihr Kind gesund gewesen wäre. ich will das nicht sehen.« Am zehnten Tag hätten die Mediziner schließlich resigniert. was sie nicht mehr loslassen sollte. daß ich es angeschaut habe. jetzt schau ich es doch an. ich habe gesehen. nicht so hinnehmen können. Und in dem Augenblick vorher hab ich immer gedacht.« Frau Zorzi kann sich an ihre Empfindungen gut erinnern: »Im ersten Moment war es okay. Und dann mußte ich es richtig auf die Welt bringen. wo es gekommen ist. »Ich hab zur Schwester gesagt. ich hab das Gefühl gehabt. und ich denke. den Tod des Embryos zu verhindern. »Manchmal denke ich. Bei Heidi Zorzi verschloß sich das Loch nicht mehr. durch künstliche Wehen die Totgeburt einzuleiten. aber jenes nicht. hab ich mich entschlossen. Warum habe ich dieses Kind. ich halte es nicht aus. Und hab es dann angeschaut. Ab diesem Alter stehen die Frauen unter einem -1 5 4 - . aber es ist zumindest ein Ende.

kommen Sie in meine Praxis. Manchmal atmen die kleinen Wesen noch kurz. auf Wunsch. Aber man hängt da drinnen und weiß überhaupt nicht. wo Neugeborenenintensivmediziner in anderen Fällen bereits um das Leben der Frühgeburten kämpfen. Schwangere in dieser Altersgruppe auf die Möglichkeiten der Mißbildungsdiagnostik hinzuweisen. aber man bekommt es. Der Arzt sagt zwar. Seit 1984 sind alle Ärzte – wollen sie keine Schadenersatzklagen riskieren – verpflichtet. was man tun soll. Schnappatmung nennen die Neonatologen diese Lebenszeichen. um ein behindertes Kind zu erkennen und sein Leben zu verhindern. Der Komplikationsrate von einem Prozent steht bei einer 35jährigen Frau ein Risiko von lediglich 0. Und es wird in Kauf genommen. Einige Tage nach dem kurzen Eingriff läutete das Telefon: »Der Befund lautete Trisomie 21. ist neugierig. die bei einer normalen Geburt halt auch ablaufen. und präsentiert wurde der mir über Telefon.« Aber das Kind ist tot? »Ja.25 Prozent gegenüber. Es wird nach defekten Embryos gefahndet. man ist wie gelähmt. man weiß erst mal überhaupt nicht. dann besprechen wir alles weitere.« Nach spät durchgeführten Amniozentesen wird die Totgeburt bisweilen erst in der 25. nachdem sie mit Hilfe von Medikamenten aus dem Mutterleib gepreßt wurden. fängt an. Schätzungen zufolge entscheiden sich Jahr für Jahr 80 Prozent der rund 80000 -1 5 5 - . »Man bekommt dann dieses Kind. daß diese Selektion wiederum Opfer fordert. Doch die Frauen geraten zunehmend unter Druck. Und dann steht man da. Das ist halt auch so ein Gefühl. Daß eine künstlich eingeleitete Totgeburt auf sie wartete. sich dieser Untersuchung zu unterwerfen. was man tun soll. Woche eingeleitet. zu einem Zeitpunkt. und man freut sich. wenn man es haben will. Das sind ziemlich die gleichen Reaktionen. Die Gesellschaft toleriert vier Fehlgeburten. ein Baby mit Down-Syndrom zu bekommen. Man bekommt dieses Kind.gewissen Druck. ahnte sie nicht.« 41 Sybille Wagner entschloß sich zur Abtreibung. das Kind ist tot. es zu betasten und zu streicheln. Das war natürlich ein Schock.

43 Das Risiko. die Krankheit zu übertragen. was sie heute kann. Das Ergebnis lautete damals. liegt bei Mädchen. ob ich selbst Überträgerin bin«. »Ich -1 5 6 - . wenn die Technik vor zehn Jahren schon gekonnt hätte. Was ist lebenswert? Martin wäre wahrscheinlich nicht auf der Welt. mit der die Tests Neuralrohrdefekte erkennen können. daß hier den Frauen Sicherheit suggeriert und damit viel Geld gemacht wird«. bei 50 Prozent. kam ihre Tochter Kyra im August mit Wasserkopf und offenem Rücken zur Welt. Gundula Schröder. Obwohl die Befunde der Amniozentese allesamt negativ waren. ich müßte nicht damit rechnen. »Ich finde es schlimm. bei dem mit einer feinen Nadel durch den Bauch Fruchtwasser entnommen wird. als wir uns entschlossen. daß er kein Hämophiler sein würde. 42 Daß die Zuverlässigkeit. Ob Kyra je wird laufen können. Der neunjährige Bub ist Bluter. die zu Beginn der Schwangerschaft älter als 34 Jahre sind. Gundula Schröder freute sich über den positiven Schwangerschaftstest und dann auf ihr Kind.Frauen. »Das habe ich erst getan. »Als der Martin auf die Welt kam.« Das war im Jahr 1985. »Ich wußte. immerhin 95 Prozent beträgt. lautet das Resümee der Mutter. wußten wir. erzählt seine Mutter. Kinder zu bekommen. wenn sie aus einer sicheren Hämophiliefamilie kommen. weil ich es ja nicht übertragen sollte. Die Beine des Babys sind trotz mehrerer Operationen gelähmt. kann sie nicht wirklich trösten. Ich habe mich aber bis zu meiner Heirat nicht darum gekümmert. Gisa Hillesheimer mußte erfahren. dadurch zuverlässige Informationen über den Zustand des Nachwuchses zu erhalten. Die meisten in dem Glauben. wie trügerisch dieses Sicherheitsgefühl ist. den Harn müssen Krankenschwestern oder die Mutter der Kleinen aus dem Bauch massieren. Man muß es untersuchen lassen. für den Eingriff. ist noch unklar.« Doch schon bei der Geburt beschlichen die Frau unangenehme Gefühle. daß in unserer Familie die Hämophilie vorkommt.

hätte sich Frau Schröder wohl nicht für eine Schwangerschaft entschieden. Also da müssen wir etwas völlig Falsches rausgekriegt haben.dachte.« Schließlich kam der Arzt mit dem Testergebnis zu ihr. der nur beim männlichen Geschlecht zur Krankheit führt. daß er wohl doch schwere Hämophilie geerbt hat. Das soll jetzt nicht heißen. ich auch viele Dinge anders wahrnehme. daß jeder versuchen sollte. Martins ältere Schwester Mareike wurde inzwischen auch getestet. meint sie auch heute noch. ihn zu untersuchen. irgend etwas i t da s nicht in Ordnung. Der hat praktisch gar keine Gerinnung. »Ich hätte mich zumindest erst mal informiert. daß. führen Bluter ein weitgehend normales Leben. Seit Faktor Acht gentechnisch hergestellt werden kann. Wenn sie damals gewußt hätte. daß es so belastend wäre. aber das kann überhaupt nicht sein. daß es für mich ein Grund gewesen wäre. Und hab dann gebeten. wie lebt man mit Hämophilie. sich eine Last in sein Leben zu holen oder sich mehr Sorgen zu machen. weil ein Gen defekt ist. weil wir mit chronischer Krankheit leben und somit einen anderen Blickwinkel auf das Leben kriegen. Aber man kann nicht sagen. dieses Risiko von vornherein auszuschließen. wenn ich jetzt meinen Sohn sehe. sich dreimal in der Woche eine Faktor-AchtInjektion zu geben.‹ Und da war mir zum ersten Mal klar. ebenfalls in sich. Und ich muß sagen. Wir haben schon so gelacht.« Martin hat gelernt. dieses Kind nicht zu kriegen. steht auch sie vor der Entscheidung. Wenn Mareike selbst einmal Kinder bekommen will. ob sie das Angebot der Mediziner annimmt. daß sie Überträgerin ist. »Er druckste ein wenig herum und sagte dann: ›Wir haben da einen Wert ermittelt. Dieser Gerinnungsstoff fehlt im Blut. Ursache unbekannt. als ich das Kind gesehen habe.« Obwohl ihr Test das Gegenteil ergeben hatte. Sie trägt den Gendefekt. wie man als Mutter manchmal intuitiv empfindet. trug die Mutter das Hämophilie-Gen in sich. -1 5 7 - . Einer der nicht so seltenen Fehler oder Pannen.

zu einem Zeitpunkt. kann erst während der Schwangerschaft festgestellt werden. bevor er in die Gebärmutterhöhle eingepflanzt wird. Die Präimplantationsdiagnostik im Rahmen der Invitro-Fertilisation geht dagegen bereits einen ganz wesentlichen Schritt weiter. der Embryo wird schon diagnostiziert. und jeder sprach von einer Horrorvision. -1 5 8 - . Zu spät. und so wird es auch mit dem Klonen sein. Das heißt. Und sprechen aus. Defekte aller Art festzustellen.Diagnostik vor der Schwangerschaft Inzwischen dreht sich die Spirale weiter. Inzwischen ist diese Behandlung Realität geworden. Am dritten Tag im Reagenzglas besteht der Embryo aus acht Zellen. Sie wollen defekte Gene erkennen. worüber viele ihrer Kollegen schweigen: Einen menschlichen Klon als Ersatzteillager tiefzufrieren könnte so alltäglich werden wie eine Impfung. Die anderen sieben verkraften den Verlust und wachsen normal weiter – wenn man sie läßt. denn so können kranke Embryos nur durch Abtreibung vernichtet werden. 1978 wurde Louise Brown geboren. Zu diesem Zeitpunkt wird die Zellwand durchstoßen und eine der Zellen für die Untersuchung abgesaugt. bevor der Embryo der Mutter eingepflanzt wird. das erste Retortenbaby. Doch ob das Produkt Baby frei von genetischen Fehlern ist. finden etliche Mediziner. wo die Frau offiziell noch nicht schwanger ist. Mutterglück künstlich zu erzeugen ist längst Routine. Das Klonen von Menschen ist – derzeit noch – verboten. Sie gibt den Medizinern die Chance.

Barbierchirurgen und sonstiges nicht-universitär ausgebildetes Heilpersonal gab es etwa in Preußen in den zwanziger Jahren des 19. etwa die Armenfürsorge. Üblich waren patronageartige Abhängigkeitsverhältnisse. Auch die Einführung der Pflichtimpfung gegen Pocken und andere seuchenpolitische Maßnahmen verstärkten den Trend zur Medikalisierung. Die Ärzte boten ihre Dienste hauptsächlich dem Adel und dem begüterten Bürgertum an und standen im sozialen Status deutlich unterhalb ihrer Klientel. Der Markt für medizinische Dienstleistungen war äußerst begrenzt. Ärzte waren meist von den Launen und der Gunst ihrer begüterten Klientel abhängig. An Universitäten ausgebildete Ärzte kurierten meist nur »innere« Krankheiten und waren in der Heilerzunft klar in der Minderheit. Jahrhunderts ungefähr sechsmal so viele wie ausgebildete Ärzte. Jahrhunderts waren die Krankenhäuser hauptsächlich Isolieranstalten für Kranke.DIE VIERTE TODSÜNDE: MENSCHENFALLE MEDIZIN Im 19. weil sie sich keine Hebamme leisten konnten. was die Preise drückte und die Abhängigkeit von den Kunden weiter verstärkte. Hebammen. Die Schicht gebildeter Bürger wurde breiter und kaufkräftiger. Die Anzahl der potentiellen Klienten war klein. wenn sie zur Entbindung in ein »Gebärhaus« gingen. Dazu kamen Sozialhilfeaktionen. Jahrhunderts setzte eine rapide Medikalisierung ein. Bis zum Ende des 19. Jahrhundert waren Ärzte in einer gänzlich anderen Machtposition ihren Patienten gegenüber als heute. die der Bevölkerung die Nutzung der Angebote erst möglich machte. Die Hauptrolle in der Pflege und Krankenheilung spielte die Familie. Bis zum Beginn des 20. Männer sahen einen »studierten« Arzt höchstens bei der Musterung zum Militär. die an Infektionen -1 5 9 - . Handwerklich ausgebildete Wundärzte. Frauen vielleicht.

Die Krätze. Unfällen sowie Krankheiten der Verdauungsorgane. Zentralbauten waren wesentlich kostengünstiger als die vielen Pavillons. nahezu unheilbare Hautkrankheit. Zentralisierung und Automatisierung beherrschten das Konzept der Krankenhausplaner. Der Operationssaal mit seinen zahlreichen Nebenräumen wurde mehr und mehr zum Zentrum des Medizinbetriebs. Die Entfernung von Blinddarm oder Gallenblase. 2 Erst als der englische Chirurg Joseph Lister 1870 die Wunddesinfektion entwickelt hatte. wurde zum Routineeingriff. Die Krankenkassen schließlich schufen die Voraussetzung dafür. 1 Der Berliner Mediziner und Sozialpolitiker Rudolf Virchow setzte sich für ein Konzept der »Krankenzerstreuung« ein und empfahl ein Barackensystem anstelle des zentralen Krankenhauses. mied das Krankenhaus und ließ sich in der Wohnung oder in kleinen Privatheilanstalten operieren. Zur Jahrhundertwende nahm die Lungentuberkulose den Spitzenrang ein. dominierte unter den im Krankenhaus behandelten Leiden. 1883 waren im Deutschen Reich weniger als fünf Prozent der Bevölkerung gegen Krankheit versichert.litten. die Großklinik wurde mehr und mehr zum Symbol des technisierten Medizinbetriebs. konnten Eingriffe en masse in den Kliniken durchgeführt werden. die nicht in Spitälern durchgeführt wurden. die neuen Helden der Medizin hießen Theodor Billroth oder Erwin Payr und ließen sich stolz im OP abbilden. deutlich erfolgreicher als solche in den Kliniken. um die Infektionsrate zu verringern. Noch um 1850 waren Operationen. bis dahin wegen der häufigen Wundinfektionen noch fast ein Todesurteil. die vielen Pavillons mit Grünflächen dazwischen galten als sanitäre Errungenschaft. Durch bessere Hygiene und Desinfektionsmittel reduzierte sich dies allmählich. eine durch Milben verursachte. Wer es sich leisten konnte. daß auch die breite Arbeiterschicht nach medizinischen Leistungen greifen konnte. Schlechtriechende Luft galt als Hauptursache für die gefürchteten Wundfieberepidemien. gefolgt von Verletzungen. 1905 waren es bereits knapp 20 Prozent und bei -1 6 0 - .

Dann las ich wieder Bücher.Inkrafttreten der Reichsversicherungsordnung im Jahr 1914 schon 35 Prozent. das ich vorher nicht gekannt hatte. dann habe ich meine Autorität schon halb verloren. Sie können es meinethalben auch so machen‹. und ich antworte ihm: ›Ja. Ich bekam einige Male am Tag gute Nahrung. kam es bald zu Rückfällen. Alle Menschen waren gut gegen mich. erwerbsfähige Patienten möglichst rasch wieder in den Produktionsprozeß zurückzubringen. erhielt ich öfter. ungesunden Verhältnisse zurückkehren mußte. selbst gebratenes Fleisch und Kompott. Die österreichische Arbeiterin und spätere Reichstagsabgeordnete Adelheid Popp schrieb über ihre Zeit im Krankenhaus zur Jahrhundertwende: »Es war ja. Als Adelheid Popp in ihre alten. in anderer Weise) machen‹. h. Der Patient sollte sich den Anordnungen unterwerfen. Chronisch Kranke hatten da bald keinen Platz mehr.« 4 Doch das moderne Krankenhaus sollte vor allem dazu dienen. In der Ausbildung wurde besonderer Wert auf die Schaffung dieses Autoritätsverhältnisses gelegt. die ich bis dahin verlebt hatte. Die Detailliertheit der Anordnungen war höher als je zuvor. Ich nähte und strickte an ihren Handarbeiten. Die Ärzte. daß eine jede meiner -1 6 1 - . Ich hatte für mich allein ein Bett und immer reine Wäsche. die Pflegerinnen und auch die Patienten. die beste Zeit. es sollte möglichst wenig Spielraum für eigenes Patientenhandeln übrig bleiben. half ihnen beim Aufräumen und bei der Bedienung der im Bett befindlichen Kranken. Die Vierzehnjährige wurde also ins Armenhaus gebracht. so paradox es klingen mag. die mir einer der Ärzte lieh. das sich ausdrücklich nur als Institution zur Behandlung heilbarer Kranker verstand. 3 Noch waren die Krankenanstalten sowohl Asyl als auch Reparaturanstalt. und beim dritten Tuberkuloserückfall endete dann die Zuständigkeit des Krankenhauses. Der Patient muß unbedingt das Gefühl und die Überzeugung haben. Ich machte mich den Pflegerinnen nützlich. 5 Die neuen Helden des OP wollten nicht hinterfragt werden. Der deutsche Arzt Thomas Knauer riet seinen Kollegen anno 1912: »Wenn mich ein Patient fragt: ›Kann ich es nicht vielleicht auch so (d.

wohlerwogen und gut begründet ist.‹« 6 Viel von diesem Selbstbild der »Götter in Weiß« der Jahrhundertwende hat sich bis heute erhalten. wie ich es Ihnen angab. aber bestimmt antworten: ›Nein. obwohl der Medizinbetrieb sich längst zum industriellen Komplex weiterentwickelt hat. denn ich habe meine Gründe dazu. daß Sie es so machen.Anordnungen. Ich werde ihm also höflich. auch die scheinbar geringfügigste. ich wünsche. -1 6 2 - .

Der Prozentsatz der Medizinstudenten. sondern der Betreiber der Maschinen. die gleich zeitaufwendig sind. 7 Die Gründe dafür: Wenn als Anfangsmotivation der Wunsch.Beruf Arzt – Vom Helfer zum Fabrikarbeiter Der Aufschwung und Prestigegewinn. hätte eigentlich zu einer hohen Zufriedenheit mit der Arbeit führen müssen. daß es im Beruf für sie von hoher Bedeutung ist. urologische gar zehnmal höher bewertet als herkömmliche Untersuchungen. so würden in den achtziger Jahren schon 58 Prozent nicht mehr denselben Beruf wählen. das medizinische Kostenverrechnungssystem der USA. zahlt beispielsweise für Laborleistungen einen dreifach höheren Betrag als für die ärztliche Konsultation. Gaben 1966 nur 14 Prozent der Ärzte an. Das einzige. Technische Prozeduren sind auch bei der Bevölkerung hoch angesehen. und sie werden im Gegensatz zur »sprechenden« Medizin hervorragend bezahlt. daß sich zunehmend eine andere Schicht für den Medizinerberuf entscheidet. Einen persönlichen Zugang zu den Menschen. gelangweilt und desillusioniert. deren Krankheiten sie behandeln. Gynäkologische Eingriffe werden fünfmal. der sorgfältig untersucht und dann entscheidet. wird den Jungmedizinern spätestens beim ersten Praktikum klar. Medicare. den die Medizin im vergangenen Jahrhundert genommen hat. Menschen zu helfen. wenn sie noch einmal von vorne anfangen könnten. 8 Da mag es wenig verwundern. sind die Arbeitszeiten. Tatsächlich erweisen sich vor allem die jüngeren Mediziner in entsprechenden Untersuchungen als frustriert. gut zu -1 6 3 - . gibt es kaum noch. was sie aus der Jahrhundertwende der »Götter in Weiß« mitgenommen haben. ob im gegebenen Fall Prozeduren überhaupt nützlich sind. hat auch handfeste materielle Gründe. daß sie Arbeiter in einem Fließbandbetrieb sind. steht. In den meisten Abrechnungsmodellen wird nicht derjenige belohnt. daß sie ihre Berufswahl bedauern. Daß eine gründliche Anamnese und das ärztliche Gespräch immer mehr vernachlässigt werden. die bei Umfragen angeben.

Das ist verdammt lang. fragt die Ärztin. Tribut an die berufliche Belastung. er sei überrascht. – »Da sind Sie doch bestimmt auch viel draußen in der Kälte? Sagen Sie mir einfach ungefähr. »Das kommt und geht immer wieder. 10 Der Ambulanzbetrieb Das Wartezimmer der HNO-Ambulanz der Uniklinik ist bereits um halb acht Uhr morgens gut gefüllt. »Und wann haben Sie das zum ersten Mal bemerkt«. es wird hoffentlich nichts bedeuten. antwortet Martens. hat im Lauf der letzten Jahrzehnte von 40 Prozent auf 80 Prozent zugenommen. Ute Korbach*. daß er wegen so einer Kleinigkeit hier die Zeit stehle. drei Monaten«. als sie in die Halle blickt. sagt er. Na. sagt Martens mit brüchiger Stimme. »Na. »Herr Heiko Martens* bitte ins Behandlungszimmer sechs. besser früher kommen als später«. und ruft über Lautsprecher den ersten Patienten auf.verdienen. kommt mir irgendwie bekannt vor. 9 Die Folge ist eine starke Abnahme an Allgemeinmedizinern und eine Hinwendung zu den technischen Spezialfächern. Ich habe nicht so sehr darauf geachtet. sagt sie. schießt es Frau Korbach kurz durch den Kopf. seufzt ein wenig. Scheint nett zu sein.« Sein Hausarzt hat ihn zur Klärung ins Krankenhaus geschickt. die diensthabende Ärztin.« Keine Zeit zum Kranksein. Ihre nächste Frage ist Routine: »Rauchen Sie?« Etwa 20 bis 30 Glimmstengel gönnt sich der Architekt täglich. denkt die 32jährige Assistenzärztin.« Der jugendlich wirkende Endfünfziger schiebt etwas schüchtern die Schiebetür zur Seite. und habe fast ein schlechtes Gewissen. Und sie mustert den Architekten. Ähnliche Begründungen hört Ute -1 6 4 - . sagt Martens nach kurzem Zögern. beginnt er das Gespräch. Ute Korbach bietet ihm einen Platz auf der Behandlungsliege an. Als Selbständiger habe ich nicht so viel Zeit zum Kranksein. »Worum handelt es sich denn?« »Sie hören es ja«. »Was machen Sie denn beruflich?« – »Architekt«. wie lange das schon geht?« – »So insgesamt seit zwei. »ich bin ständig heiser. daß hier so viel los sei. Er sei nur zur Sicherheit hier.

ihre Stimmbänder anschauen«. füllt den Zettel fürs Labor aus und kritzelt die Untersuchungsanforderung auf den Röntgenschein. den Sie bestimmt vom Zahnarzt kennen. Ihren Kehlkopf sollten wir genauer untersuchen. dazu die Verdachtsdiagnose: »Larynxkarzinom« – Kehlkopfkrebs. daß sich Ärzte so gern für unverwundbar halten. Mit sicherer Hand sticht sie die Nadel zur Blutentnahme in die Vene des Patienten. bei den vielen schweren Krankheiten – sonst wird man ja hier zum Hypochonder. Fast alle sind dem Nikotin verfallen. beruhigt sie. daß Menschen ein unglaubliches Gespür für ihren Zustand entwickeln. »Herr Martens. die sie als HNOÄrztin kennengelernt hat.« Der Blick in den Kehlkopfspiegel zerstört ihre Hoffnung auf eine harmlose Entzündung. Herrn Martens ist der besorgte Blick der Ärztin nicht entgangen. Die Lymphknoten sind nicht vergrößert.« Der Architekt nickt fast schon schicksalsergeben. Ich würde sie gern für ein paar Tage hierbehalten. schießt es Korbach durch den Kopf: »Das kann ich noch nicht sagen. sind Raucher. Im Unterschied zum glatten rechten Stimmband zeigt die Oberfläche des linken Bandes deutliche Veränderungen mit vielen unregelmäßigen kleinen Höckern. Auch Ute Korbachs Raucherzeiten gehören noch nicht allzulange der Vergangenheit an. denkt sie.« Vorsichtig betastet sie Martens’ Hals. Das ist gut. ich werde mir jetzt mit diesem kleinen Spiegel. »Herr Martens. Klassischer Fall von Selbstschutz. »Ich werde sie jetzt erst einmal genauer untersuchen.Korbach immer wieder auch von ihren Medizinerkollegen. »Das kann ein bißchen unangenehm sein. Die Vorbereitungen für die stationäre Aufnahme erledigt Ute Korbach fast automatisch. Dabei sollten die es doch besser wissen. wenn sie krank sind. -1 6 5 - . Ob er wohl ahnt. weil ich dazu ihre Zunge runterdrücken muß. was mit ihm los ist? Ganz oft hat sie schon erlebt. Jetzt nur nicht die Pferde scheu machen. Fast alle Krebspatienten. »Ist es gefährlich?« Seine Stimme klingt plötzlich ängstlich. Schon erstaunlich. wahrscheinlich ist es ganz harmlos«. erklärt sie.

ich wollte mich nur noch vergraben. als ihm möglichst selbstverständlich und cool zu begegnen. Ute Korbachs Gedanken wandern in ihre Zeit als Doktorandin auf der Kinderkrebsstation. Haben Sie Beschwerden beim Schlucken? Schwitzen Sie nachts in letzter Zeit öfter? Haben Sie Gewicht verloren? Frage für Frage arbeitet sie den üblichen Katalog ab. Größer und aggressiver als zuvor. als Nina dann zur Nachuntersuchung kam. was bleibt einem dann schon. die Haare bedeckten bereits die Ohren. wie glücklich die Kleine war. ausgehen. was einem passieren kann. Sein Herzschlag ist gleichmäßig und kräftig. Ein paar Zentimeter hatte sie schon geschafft. Mit dem Kopf ist sie ganz woanders. am besten bis zum Hintern. Der Tumor war verschwunden. Sie wollte sich schminken. Jeder muß einmal sterben. hat sie gekämpft bis zur letzten Minute. Bisher hat der -1 6 6 - . wenn mein Doktorvater nicht gewesen wäre. die Dienst hatte. »Sagen Sie mir bitte genau. Nina wußte. Es waren gerade ein paar Monate vergangen. Und was habe ich in der Zwischenzeit gelernt? Ich kann jetzt eine Mauer aufbauen. Mit Erfolg. Nina wollte jetzt endlich so sein können wie ihre Freundinnen. Wenn der Tod ein ständiger Begleiter im Leben ist. denkt Ute Korbach. was es ist!« Die Stimme von Martens reißt Korbach jäh aus ihren Gedanken. daß sie verlieren wird. Eine Mauer aus rationalen Überlegungen. Man kann nicht immer gewinnen. mit Jungs flirten. die vieles von mir abhält. Damals hätte ich beinahe meinen Beruf an den Nagel gehängt. Warum mußte ausgerechnet ich diejenige sein. das typische Gepfeife eines Rauchers. Es war so schön zu sehen. Und dann sah sie den Tumor. Obwohl sie gespürt hat. daß sie sterben würde. Ihre Haare sollten jetzt ganz lang nachwachsen. Die 14jährige Nina hatte gerade den fünften Zyklus Chemotherapie hinter sich. Dabei hat sie ihren bevorstehenden Tod besser akzeptiert als ich. Nina hatte das Herz einer Löwin. Ich konnte es einfach nicht verstehen. Das ist das Schlimmste.Der Umgang mit der Aussichtslosigkeit Sie horcht die Lunge ihres Patienten ab. erinnert sich Ute.

Ich weiß genau. die Region mit einer speziellen Untersuchungsmethode genauer anzusehen und Gewebeproben zu entnehmen. ihm die Wahrheit zu sagen. »das wird schon alles wieder. was ihm jetzt bevorsteht. ich werde heute nachmittag noch einmal bei Ihnen auf der Station vorbeischauen. »Es muß nichts Schlimmes sein«. auf jeden Fall lange Wochen im Krankenhaus. Ich verspreche Ihnen. und vielen Dank. was dem Architekten blüht. was Sache ist. sagt die Ärztin. Und das brauche ich heute echt nicht. als handle es sich u eine m Halsentzündung. Wenn Kollege Peter das macht. wird er es so erzählen. sonst dreht er mir hier noch durch. Es klopft an der Tür des Behandlungszimmers. kann er möglicherweise niemals mehr sprechen und nicht richtig schlucken. Herr Martens«. der Verlust des Kehlkopfs. Der anfangs so vital wirkende Mann erscheint ihr jetzt ganz grau und müde. vielleicht eine Chemotherapie. Frau Doktor? Und was wollen Sie mit mir machen?« Seine Stimme zittert leicht. Vielleicht sollte ich zumindest die Möglichkeit andeuten. »Was habe ich. Frau Doktor. Operationsmöglichkeiten. nun möchte er wissen. mit Daten und Fakten. Ein Transportpfleger möchte Martens in die Röntgenabteilung bringen. denkt sie. Machen Sie sich keine Sorgen. denkt die Ärztin.Architekt das ganze Procedere mit stoischer Ergebenheit über sich ergehen lassen. Dann trifft es ihn zumindest nicht völlig unvorbereitet. Ute Korbach begleitet ihn noch ein Stück. »Um sicherzugehen.« – »Das wäre sehr nett. Wenn er es übersteht. »Auf Wiedersehen.« Mit einem gequälten Lächeln verschwindet er um die Ecke. ist es notwendig. -1 6 7 - . denkt sie. So bleibt es an den Kollegen auf der Station hängen. Jetzt ist Diplomatie gefragt. Ute Korbach kennt diese Mischung aus Angst und Ungläubigkeit. Tumorstadien und die dazugehörigen Fünf-Jahres-Überlebensraten als »Trost« für den Betroffenen.« Mein letzter Satz ist blanker Hohn. Kalt und sachlich. Eine oder sogar mehrere große Operationen. sagt sie zum angehenden Krebspatienten und könnte sich im selben Moment selbst dafür ohrfeigen.

Ohne feste Regeln. Ein kurzer Blick in das Wartezimmer versetzt ihr einen Schlag. herrscht in manchen Bereichen noch gähnende Leere. konzentrierte handwerkliche Arbeit. Und Mischa ist ja so was von einem Charmeakrobaten gegenüber dem Chefarzt. aus dem Sinn? Ute Korbach atmet tief durch.Aus den Augen. Jedes Handwerk will trainiert sein. Und die Zuteilung der OP-Termine passiert immer irgendwie en passant. Die Operationsräume sind so etwas wie die Oasen in einer Klinik. ohne daß Mischa zumindest eine frivole Andeutung macht. Schultz hat weniger Erfahrung als sie. wo sonst. hier stecken Sie. Da stürzt eine Schwester von der Ambulanz ins Behandlungszimmer. Wenn das so weitergeht. aber beim Operieren scheint es in jeder Klinik gleich zu sein: In keinem Bereich werden Männer derart penetrant bevorzugt. Schon jetzt ist es vollgestopft. Seit er mitbekommen hat. ein nettes Team. in den Ute Korbach die verschiedenen für die Prüfung zum Facharzt verlangten Operationen eintragen muß.« Rush-hour Ute Korbach geht die paar Schritte rüber. Dabei beginnt die richtige Rush-hour zur täglichen Tumorsprechstunde erst in einer Stunde.« Ja klar. In ihrem OP-Katalog. vergeht keine interne Besprechung. Kein Wirbel. Ich muß mich wirklich mehr in die Schlacht werfen. Was habe ich da bloß wieder versprochen? Der Tag fängt ja wieder mal gut an. »Ach. Schultz*«. keine Patienten – zumindest nicht bei Bewußtsein -. der eigentlich gemeinsam mit ihr Dienst machen sollte. »Der ist im OP. Jetzt sollte sie rasch auf die Toilette. brauche ich für meinen Facharzt nicht wie -1 6 8 - . wenn man Glück hat. fragt sie die Schwester. daß Köster* über ordinäre Witze lacht. wie er sich die Termine diesmal wieder geangelt hat. ist weit und breit keine Spur zu sehen. der Patient auf Zimmer fünf wartet schon seit einer halben Stunde. Und von ihrem Kollegen Mischa. Und dazu kommt noch der Druck. Möchte wissen. denkt sich die Ärztin. »Wo steckt denn Dr. und oft geht es recht lustig zu. denkt sie.

Die junge Frau auf der Behandlungsliege sieht krank aus. Können die Hausärzte gar keine Fälle mehr selbst versorgen? Aber die Routine hat auch Vorteile. und vielleicht könnte sie ja heute mal eine halbe Stunde früher nach Hause gehen. sagt die Ärztin. und ihre Nase erinnert Ute Korbach an Rudolph. bereits die dritte heute. Eineinhalb Stunden und sieben Patienten später kann Ute Korbach endlich auf die Toilette. so richtig anspruchslos und in zwei Minuten erledigt. denkt sie. Antibiotika für ein paar Tage. Bei der Begrüßung ihrer nächsten Patientin ist ihr richtig flau im Magen. Und heute darf echt nichts dazwischen kommen. Oft genug sehe ich nur noch die Krankheit und nicht -1 6 9 - . War nicht eben noch Sommer? »Oh. Statt abgestandenem Kaffee hätte sie längst ein wirkliches Mittagessen nötig. das Red-Nosed-Reindeer.vorgesehen vier. Hier links hinter dem Auge und hinter der Stirn. sagt die Rotnasige. Stimmt. sondern acht Jahre. Die Arbeit wird leichter und läßt sich schneller erledigen. Er schmeckt bitter und verbrannt. sonst bin ich bald endgültig solo.« Stirnhöhlenvereiterung. Die Ärztin merkt. Also rasch fertigmachen. Statt dessen ist sie heute nicht mal dazu gekommen. die Schokosnacks einzukaufen. in vier Tagen bitte nochmal beim Hausarzt vorstellen. denkt sie. wie ihre Aufmerksamkeit abschweift und das Standardprogramm anläuft. nach denen sie beinahe süchtig ist. Und sich noch in Ruhe herrichten. Nasentropfen zum Abschwellen und Schmerzmittel. da macht sich Langeweile breit. Um acht ist sie mit Harald zum Essen verabredet. Ich muß mir echt etwas einfallen lassen. Sie hat es aber ganz schön erwischt«. »So schlimm war das noch nie. draußen in der Fußgängerzone hängt schon wieder der Weihnachtsschmuck. Das leert das Wartezimmer. Im Ärztezimmer schenkt sie sich danach rasch einen Kaffee ein. Oft ist Ute Korbach einfach froh wenn Fälle daliegen wie im Lehrbuch. aber ich habe so fürchterliche Kopfschmerzen dazu«. sie schnieft und hustet. »Das miese Dezemberwetter?« – »Ja. Bei derartigen Blitzdiagnosen sind die Gesichter natürlich sofort vergessen. Hunderte Male hat sie das Krankheitsbild schon gesehen.

habe ich weder die Ruhe noch die Zeit. die sich noch das Offensichtlichs te von Maschinen beweisen lassen müssen. Er hatte Blut im Urin. will die Patientin mit den eitrigen Stirnhöhlen wissen. weil sie ihren fünf Sinnen nicht mehr trauen. Es brauchte nur ein kurzes Krankenhauspraktikum. als der 17jährige mit seinen total panischen Eltern in die Ambulanz kam. Der Junge. das Kind vorhin mit der eitrigen Mandelentzündung. völlig -1 7 0 - . daß es viel zu viele Probleme gibt. was wir im OP oder mit unseren Medikamenten leisten können. Da war ich vor ein paar Jahren noch mutiger. mir noch die banalen Geschichten der Patienten reinzuziehen. sinniert sie. Und weil ich bald auch schon zu den Ärzten gehöre. Das war ein richtiger Triumph damals. denkt sich Ute Korbach. Ach. süße Jugendzeit. daß wirkliche Hilfe weit über das hinausgeht. Dabei hätte sie bestimmt psychiatrische Hilfe gebraucht. die Halsphlegmone von gestern. die Probleme erkennen und dann helfen. Sie wollte mit aller Leidenschaft. mittlerweile gehe ich zögernd auf die Menschen zu. Gute Frage. Und ich packe es einfach nicht. denkt sie. Dieses kunstvollste aller Handwerke. das hat mich immer am meisten fasziniert. So wie die schwer depressiv wirkende Frau vorhin. warum ich Ärztin werden wollte. fürchte. um sie klar auseinanderzuhalten. Damit sich die teuren Geräte auch rentieren. denkt Ute Korbach. Doch wenn vor der Tür 20 Patienten warten. War das ein Junge oder ein Mädchen? Menschlichkeit als Erinnerungsstück Eigentlich war der enge persönliche Kontakt doch immer der Grund. und weiß. ihm zuhören. habe erfahren. Auf jemanden zugehen.mehr den Menschen. Das Mundbodenkarzinom von Zimmer drei. daß sie nicht mehr aufhören zu erzählen. und sie war restlos infiziert. allen ihren Talenten und unbedingtem Willen Chirurgin werden. Tribut an die Industrie »Warum muß ich denn noch zum Röntgen«. die ich einfach abgewürgt habe.

verschüchtert und ängstlich, kam kein einziges Mal zu Wort. Muttern beantwortete alle Fragen. Schon einmal hatte er dieses Problem. Damals wurde er durch die komplette diagnostische Mühle der Klinik gedreht. Die Bilanz nach ein paar Tagen: nichts gefunden. Das Blut im Urin ging auch so wieder weg. Und mein Kollege – wie hieß er noch mal? – wollte den gleichen Marathon wieder starten, ihn eben zum Röntgen und zur Blutentnahme schicken. Der Kleine wurde ganz blaß um die Nase. Da habe ich die Eltern unter einem Vorwand rausgeschickt und mich einfach ein bißchen mit dem Jungen unterhalten. Als er seine Schüchternheit überwunden hatte, erzählte er schließlich von der Klassenfahrt, die am Tag zuvor zu Ende gegangen war. Viel Bier habe er getrunken, und dann habe es beim Pinkeln ein bißchen weh getan. Ganz typische Geschichte eines kleinen Nierensteins, der beim Abgang die Harnröhre verletzt hat. Harmlose Sache. Als ich das dann dem Chefarzt gesagt habe, hat er mich gelobt. »Sehen Sie, eine gute Anamnese ist noch immer das Wichtigste für eine richtige Diagnose.« Seine Worte klingen mir heute noch wie Balsam im Ohr. Ich war richtig stolz auf mich. Damals … »Das Röntgenbild dient dazu sicherzugehen, daß Sie wirklich eine Nasennebenhöhlenentzündung haben«, erklärt die Ärztin der Patientin und beißt sich dabei fast auf die Zunge. »Allerdings müssen Sie der Untersuchung nicht zustimmen, wenn Sie nicht wollen.« Wenn der Chef meinen letzten Satz gehört hätte, würde er mich an die Wand nageln. »Wenn es nicht unbedingt nötig ist, mochte ich lieber auf das Röntgen verzichten«, sagt die Patientin. Ute Korbach schluckt und trägt die Entscheidung der jungen Frau in den Erste-Hilfe-Bogen ein. Sicher ist sicher, und falls mir irgendeiner von den lieben Kollegen an den Karren fahren möchte, habe ich einen schriftlichen Beweis in der Hand. Sie verabschiedet sich von der Rotnase: »Wenn es schlimmer wird oder das Fieber steigt, können Sie jederzeit wieder vorbeikommen. Tschüs.« Patient Nummer 19 erledigt, so jetzt schnell noch einen Kaffee. Der schwarze Treibstoff des Krankenhauses.
-1 7 1 -

Klinikarzt und Gesundheit – ein Widerspruch
Als Ute Korbach auf dem Stuhl im Aufenthaltsraum sitzt, überfällt sie eine bleierne Müdigkeit. Spätfolge des gestrigen Kinobesuchs mit einer alten Freundin. Jetzt kommt die Reue: Wäre ich nur früher ins Bett gegangen. Die Augen fallen ihr fast zu. Dabei hat Hannah schon gemeckert, weil ich nach dem ersten Bierchen gleich nach Hause wollte. Ich kann sie ja verstehen, schließlich haben wir uns schon ewig nicht mehr gesehen, da gibt es eben viel zu reden. Halb eins war’s, als sie ins Bett kam, eigentlich kein Drama. Aber um halb sechs aufstehen bleibt trotzdem unmenschlich. Wahrscheinlich liegt ihr auch die Wahnsinnsnacht während des Dienstes vorgestern noch schwer in den Knochen. Es schien, als sei der Vollmond der ganzen Stadt ins Gemüt gefahren. Ununterbrochen Betrieb bis in die Morgenstunden. An den ständigen Wechsel im Schlafrhythmus hat sie sich in den vier Jahren, die sie jetzt schon im Krankenhaus arbeitet, nie ganz gewöhnen können. Dabei sind die Bedingungen an ihrem jetzigen Arbeitsplatz noch gut. Klare Dienste, nie länger als 24 Stunden. In allen anderen Krankenhäusern, in denen sie bisher gearbeitet hat, waren 36-Stunden-Dienste die Regel. Vom Gesetz her darf ein Arzt nicht länger als zehn Stunden am Stück arbeiten. Um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, bedienen sich die Krankenhausverwaltungen eines Tricks: Die Nachtdienstzeiten werden nur zur Hälfte als Arbeitszeit gezählt. Schließlich hätten die Ärzte ja die Möglichkeit, im Krankenhaus zu schlafen. Der blanke Hohn. Vor zwei ins Bett zu gehen ist absolut sinnlos, da wirst du jede halbe Stunde rausgeklingelt. Und dann die hochgradig verwirrte Patientin auf Station fünf, die sich sämtliche Infusionen und Katheter rausgerissen hat. Eineinhalb Stunden habe ich mit ihr gekämpft. Um sechs bin ich dann in dieses düstere Kabuff, das die Bezeichnung Dienstzimmer gar nicht verdient, und hab mich in den Klamotten aufs Bett gelegt. Draußen hat es schon gedämmert.

-1 7 2 -

Wenn man dann geweckt wird, fühlt man sich zunächst euphorisch und regelrecht high für eine knappe Stunde. Gott sei Dank, die Nacht ist vorbei, die Besprechungen mit den Kollegen der Frühschicht, die neuen Patienten. Am Vormittag kommt dann der Einbruch. Du bist voll daneben. Reaktionsvermögen und Konzentrationsfähigkeit nach 20 Stunden ohne Schlaf sind vergleichbar mit denen eines Autofahrers mit einem Promille Alkohol im Blut. Von dem Betrunkenen würde aber keiner erwarten, komplizierte Operationen durchzuführen oder lebenswichtige Entscheidungen zu fällen. Geschätzte 300000 ärztliche Kunstfehler passieren jedes Jahr in Deutschland, jeder zehnte hat tödliche Konsequenzen. Ob die Folgen der Übermüdung darin überhaupt erfaßt sind, möchte ich gar nicht wissen, denkt Ute Korbach. Eins hat sie zumindest bis zur Perfektion gelernt. Wenn die Gelegenheit da ist, kann sie auf Kommando einschlafen. Die Erfahrung macht’s möglich. In den ersten Jahren war das noch ganz anders. Jeder Nachtdienst der blanke Horror. Die Zeit werde ich nie vergessen. Drei Stationen mit teilweise schwerkranken Patienten, dazu noch die erste Hilfe und eine einzige Fachkraft: Ute Korbach, der Grünschnabel von der Uni. Theoretisch gab es zwar Klammer*, den erfahrenen Kollegen, doch der hat ihr brutal deutlich klargemacht, daß er keine Lust hat, von ihr um die Nachtruhe gebracht zu werden. Die eine Horrornacht kurz vor Weihnachten. Der kleine Junge mit der Thrombose in der unteren Hohlvene, der am nächsten Tag operiert werden sollte. Er hatte Fieber und heftige Schmerzen. Von Minute zu Minute ging es ihm schlechter. Sie wußte nicht, wieviele Schmerzmittel sie geben konnte, sie wußte nicht, was sich hier anbahnt. Drei Stunden litt sie mit dem Kind mit, saß bei ihm und versuchte alles, was ihr einfiel. Und irgendwann war es ihr dann egal, und sie läutete Klammer doch heraus. Schließlich ging es um ein Menschenleben. Völlig ausgeflippt ist der. Sie sei unfähig, schrie Klammer, solle sich einen anderen Job suchen, solle selbst ein paar

-1 7 3 -

Beruhigungsmittel einwerfen, wenn sie das nervlich nicht packe. Klammer bemühte sich nicht mal aus dem Bett. Und dann seine Sprüche in der Frühbesprechung. Vor allen anderen hat er sie bloßgestellt. Was sie denn während des Studiums gelernt hätte, wenn sie nicht einmal in der Lage sei, einen Nachtdienst allein zu managen. Als Arzt müsse man eben in der Lage sein, Entscheidungen zu fällen. Und so weiter. Dem Kind ging es natürlich wieder prächtig am Morgen.

Lehrlinge als Ärzte
Daß Jungärzte nach einer Einarbeitungszeit von sechs Wochen allein die Verantwortung tragen, ist im Klinikalltag üblich. Dabei haben sie während ihres Studiums nur selten ein Krankenhaus von innen gesehen. Deutsche Medizinstudenten sind berühmt für ihr theoretisches Wissen und berüchtigt für ihre praktischen Fähigkeiten, eine Folge des extrem verschulten Ausbildungssystems. Vor Jahren wurde deshalb der sogenannte AiP, Arzt im Praktikum, eingeführt. Eineinhalb Jahre, so die Idee, soll man unter Anleitung gestandener Ärzte Erfahrungen sammeln. In der Realität ist das einzige, was wirklich an ein Praktikum erinnert, die Bezahlung. 1200 Euro brutto verdient ein Arzt im Praktikum heute. Als Ute Korbach ihr AiP machte, war es noch deutlich weniger. Aber, denkt sie zurück, glücklicherweise hatte ich eh keine Zeit zum Geldausgeben. Nach einer Woche Einarbeitungszeit hatte sie bereits eine gefäßchirurgische Station mit 20 Patienten zu betreuen. Ganz allein. Der verantwortliche Oberarzt hat sich nicht blicken lassen. Wie ein blindes Huhn lief sie auf der Station herum, wußte nicht einmal, wo das Verbandsmaterial oder die Spritzen liegen. 13, 14 Stunden am Tag war sie da, auch Samstag und Sonntag. Arbeiten, schlafen und essen, mehr gab es nicht. Was heißt gab, wenn ich ehrlich bin, ist es doch jetzt auch nicht anders, brütet sie vor sich hin. Ich habe mich nur damit abgefunden, daß ich ein arbeitsamer Sklave mit dem Gemüt eines Fußabtreters bin. Die Stimme der Schwester holt Ute
-1 7 4 -

Korbach abrupt in die Realität zurück. »Frau Doktor, der Herr Dämel* wartet schon in Zimmer drei auf Sie.«

Unangenehme Wahrheiten
Oje, den hab ich verdrängt. Ich kann da heute nicht reingehen, das pack ich einfach nicht. Die Ärztin kennt den 49jährigen Jazzmusiker schon länger. Vor Jahren hat sie ihn bei einem Konzert gesehen, sich seine Klarinettensoli gemerkt und seinen kuriosen Bart. Und vor etwa einem Jahr hat sie ihn näher kennengelernt. Als bei ihm ein seltener Speicheldrüsentumor diagnostiziert wurde. Wie es schien, gerade noch rechtzeitig. Der heimtückische Krebs wurde operiert, Herr Dämel erholte sich schnell, ständig besucht von seiner kleinen Frau und den bereits erwachsenen Kindern. Die unentbehrliche Klarinette immer in Reichweite. Zum Abschied spielte er sogar einige nette Sequenzen. Neulich bei der Nachuntersuchung erwähnte er dann so nebenbei ein gelegentliches Lähmungsgefühl in der linken Gesichtshälfte. Solche banalen Beobachtungen sind gefürchtet in der Tumornachsorge. Das Computertomogramm hat die Ahnung bestätigt, gestern hat sie den Befund gesehen. Der Tumor ist nachgewachsen, größer denn je. Der Chefarzt möchte noch mal operieren. Dazu muß allerdings zunächst die Geschwulst durch eine Chemotherapie verkleinert werden. Und Ute Korbach soll diese Botschaft überbringen. Jetzt. Warum zum Teufel taucht Kollege Schultz nicht auf. Sie öffnet die Tür, Dämel springt gleich auf und reicht ihr die Hand. »Ach, Frau Doktor, das ist ja schön, Sie zu sehen. Wie geht es denn?« Sie weicht dem Blickkontakt aus. »Danke, gut«, sagt sie. – Scheiße, der hat j wirklich keine Ahnung. Besser, ich a komm gleich zur Sache, es hilft ja nichts. »Herr Dämel«, setzt sie an, »ich habe unangenehme Nachrichten. Die Gesichtslähmung war kein gutes Zeichen. Der Tumor ist wieder da.« Das Lächeln des Musikers gefriert. »Um Himmels willen. Muß ich etwa noch einmal operiert werden?«

-1 7 5 -

Was soll ich ihm denn jetzt sagen? Daß er jetzt wochenlang Chemo-Tabletten nehmen muß, daß ihm häufig übel sein wird, viele Haare ausgehen und sein Körper an den harmlosesten Keimen erkranken wird. Und daß er schließlich operiert wird, obwohl die Chancen auf Erfolg verschwindend gering sind. Warum wird er eigentlich operiert? Zum Wohle des Patienten oder nur um der Operation willen? Viele ältere Kollegen stellen sich die Frage überhaupt nicht. Gemacht w ird, was gemacht werden kann. Rein technisch betrachtet. Dabei hat der Tumor schon den Gesichtsnerv erreicht, das verschlechtert die ohnehin schon üble Prognose noch weiter. Was hat der Mann zu gewinnen? Er muß zumindest einen Monat im Krankenhaus verbringen, mit einer riesigen Wunde am Hals. Und ich soll ihm zu dieser Tortur raten? Warum behandeln wir immer weiter, auch wenn es dem Menschen nicht mehr nützt? Warum sage ich ihm nicht einfach, er soll nach Hause zu seiner Familie gehen. Ich mag Dämel. Wenn er ein Verwandter wäre, würde ich ihm auf jeden Fall von der Therapie abraten. Was mache ich hier eigentlich? Soll ich ihn anlügen, nur um ihn zu der vom Chef gewünschten Operation zu treiben. Nein. Behutsam erklärt sie ihrem Patienten die Vor- und Nachteile der verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten. »Was würden Sie raten, Frau Doktor?« »Ich weiß es nicht, das müssen Sie und Ihre Familie letzen Endes selbst entscheiden. Sie sollten das auf jeden Fall noch einmal mit dem Herrn Professor besprechen. Ich werde ihm sagen, daß Sie mit ihm reden wollen.« Als Herr Dämel geht, hat er verdammt feuchte Augen. Und Ute Korbach auch. Ich pack das einfach nicht mehr. Diese Tumorpatienten machen mich fertig. Vielleicht hat der Kollege Friese* ja recht. Der alte Zyniker fragt mich immer, warum ich mir so viel Mühe geben würde: »Das ist doch für die Katz, Frau Kollegin, die sterben alle. Spielen Sie hier um Gottes willen nicht die Pastorin!« – Will ich so werden wie er? Oder bin ich es etwa schon? »Frau Panzer* bitte in Behandlungsraum drei«, schallt es durch den Lautsprecher. Ute Korbach wischt sich über die Stirn, ein
-1 7 6 -

kurzer Kontrollblick in den Spiegel. Ihre Augen sind gerötet. Dazu die dicken, ungesunden Ringe. »Gott, seh ich scheiße aus!«

Not- und andere Fälle
Die Tür geht auf. Eine goldbehangene, beleibte Mittfünfzigerin stürmt das Zimmer. Über Ute Korbach bricht ein Wortschwall herein. »Na endlich, seit einer geschlagenen Stunde warte ich jetzt schon. Das kann doch nicht wahr sein, und so was nennt sich modernes Krankenhaus. Sie haben wohl noch nie was von Dienstleistung gehört. Außerdem bin ich privat versichert.« Instinktiv weicht Ute einen Schritt zurück. »Oh, und auch noch eine Frau. Gibt es hier keine Ärzte.« Reiß dich zusammen, Ute, reiß dich zusammen. »Egal jetzt, ich hab es eilig. Ich habe Halsschmerzen, seit drei Tagen. Ich brauche dringend ein Schmerzmittel.« Ute Korbach bemerkt die aufsteigende Wut. Was denkt sich die Alte eigentlich, der zeig ich’s. »Das ist eine Notfallambulanz. Wenn Sie schon so lange Beschwerden haben, ist das kein Notfall. Wenn Sie hier behandelt werden wollen, müssen Sie eben warten, bis die wirklich dringenden Falle erledigt sind. Oder Sie gehen besser gleich zu Ihrem Hausarzt.« Ute, krieg dich wieder ein, sie kann ja nichts dafür, daß du einen miesen Tag hast. Wie war das in der Studie, die mir der Internist von Station 15 neulich gezeigt hat? Von den 100 befragten Ärzten gaben zwei Fünftel zu, ihre streßbedingten Aggressionen am Patienten auszuleben. Die Palette reichte von grober Unhöflichkeit bis zu gewalttätigen Handlungen. Ha, denkt sich die Ärztin und muß beinahe lachen, fünf Fünftel kommen der Wahrheit bestimmt viel näher. Und was stand da noch? Acht Jahre nach Berufsbeginn empfindet die Mehrzahl der Ärzte für ihre Patienten in erster Linie Abneigung und Ekel. Jetzt bin ich auch bald soweit. Ute Korbach funkelt die Dicke kampflustig an. »Frau Doktor, können Sie nicht schnell schauen und mir dann ein paar Lutschtabletten geben. Mein Hausarzt ist leider in
-1 7 7 -

Entfernt erinnert der riesige Betonklotz an eine Werksanlage des nicht allzu weit entfernten Chemiekonzerns Bayer. daß es regnet. Jetzt weiß sie die Namen der anderen Ärzte erst. Ein Leben entlang beigefarbener Wände. Mit einem grünweißgestreiften Teppich auf den Fluren. nachdem sie das Schildchen auf dem weißen Kittel gelesen hat. sie wäre genauso überrascht gewesen. Zumindest gelegentlich hat es sich angefühlt wie in einer großen Familie. Dort kannte sie alle Ärzte und auch die meisten Schwestern. vom Rasenpfleger bis zum Verwaltungsdirektor. Hätte die Sonne geschienen oder ein Schneesturm getobt. Ein Neurologe hat einmal im Scherz gesagt. geht doch. kümmern sich um bis zu 1600 Patienten. denkt sie. welche Jahreszeit wir haben. Sie atmet die feuchte Luft tief ein. der sei ideal. Erstaunt stellt sie fest. Na. Über 800 studierte Schildchenträger gibt es in der Uniklinik. Den ganzen Tag im Neonlicht der Ambulanz. Ich bekomme nicht einmal mehr mit. »Medizinfabrik«. konnte sie den alten Hasen von der Allgemeinchirurgie um Rat fragen.« Frau Panzers Ton ist plötzlich ganz freundlich. In 26 verschiedene Abteilungen ist der Medizinmoloch -1 7 8 - . Recht oft in letzter Zeit wünscht sie sich die heimelige Atmosphäre des kleinen Krankenhauses in der Eifel zurück. Und der freute sich darüber. Insgesamt rund 5500 Angestellte. wo sie nach dem AiP ihre erste Stelle als Assistenzärztin in der plastischen Chirurgie angetreten hatte. nicht einmal ein Fenster gibt es. Die Medizinfabrik Ihr Blick fällt auf das Klinikgebäude.Urlaub. um epileptische Anfälle zu provozieren. der typische Geruch feuchter Erde. Es ist kalt. Gegen halb zwei geht Ute Korbach über den Hof zum Mittagessen. konstante Temperatur 23 Grad. Wenn sie unsicher war. schießt es Ute Korbach durch den Kopf. man duzte sich. aber erfrischend nach dem Mief der Station.

Sie grinst in sich hinein. Fritsch* und Thoma* überbieten sich gegenseitig in der Schilderung ihrer üblen Arbeitsbedingungen. als sie anfragte. die sie flüchtig kennt.« -1 7 9 - . nichts dahinter. Der immer mit seinen Sprüchen. gehört mit 60 Betten zu den kleinsten. Mit den strahlenden weißen Göttern aus den Arztserien haben diese übermüdeten Gestalten mit ihren von den OP-Hauben plattgedrückten Haaren wirklich wenig Ähnlichkeit. Wie hat die Frankfurter Rundschau die Situation junger Ärzte einmal kommentiert: »Hier wächst eine Generation von Kriechern heran. »Wir sollten endlich mal etwas dagegen unternehmen«. Wer Ärger macht.unterteilt.« Seitdem ist das Thema erledigt. meint Thoma. Fast alle Kollegen haben zeitlich befristete Verträge. Eine Generation von Kriechern Erst letzte Woche hat sie beim Chefarzt eine ordentliche Abfuhr bekommen. Der hatte die Frechheit. einfach die Notwendigkeit von Überstunden anzuzweifeln. Ute Korbach stellt sich in die Schlange zur Essensausgabe. Große Klappe. In der Sache haben sie ja recht. Das Gespräch dreht sich wie üblich um das allgemeine Lieblingsthema. Und das Heer von gut 8000 arbeitslosen Ärzten steht schon Injektion bei Fuß. Die Ärzte sind leicht zu erkennen. Dort und da haben sich einige recht lebhafte Runden gefunden. Ute Korbach hört fast so etwas wie Stolz in ihren Stimmen. ob sie ihre Überstunden mal in Freizeit abtauschen könnte. kriegt einfach keine Vertragsverlängerung. Die Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. In Wirklichkeit muckt keiner auf. in der Ute Korbach arbeitet. Der riesige Speisesaal ist etwa halb voll. »Da müssen Sie eben schneller arbeiten. Hauptsächlich Studenten. Sie setzt sich zu zwei Kollegen. Geschätzte 50 Millionen Überstunden leisten Krankenhausärzte jedes Jahr ohne Bezahlung oder Freizeitausgleich. Und gemurrt wird immer nur im trauten Kollegenkreis.

Sie ist heute den ganzen Nachmittag bei ihm. Haben Sie mit ihm alles arrangiert?« Jetzt gibt es Ärger. Und sofort kommt die Müdigkeit zurück. Ute Korbach atmet tief durch. Um zwei ist Besprechung. »Komm. wir müssen hoch. Alles sei gut gegangen. der Herr Professor. Die Ärztin schaltet auf Durchzug.War es das. was ist los. was ich wollte? Zu einer Generation von Kriechern zu gehören. der einzigen Patientin. AiPlern und Oberärzten. »Lassen Sie es gut sein.« Ute Korbach spürt den mißbilligenden Blick. Erleichterung macht sich breit. Der Chef studiert die Krankenakte und stutzt »Warum bekommt die Frau heute schon wieder Marcumar?« Ute Korbach erschrickt. Irgendwie mag ich ihn. »Herr Dämel.« Scheint ja einen guten Tag heute zu haben. der Verlauf der heutigen Operationen und die für den nächsten Tag geplanten Eingriffe besprochen. Konnten Sie ihm das nicht vermitteln?« »Ich kann ja noch mal …«. ich werde mich drum kümmern. »Ute. stottert sie. er soll morgen drankommen. die Neuaufnahme mit dem Rezidiv des Speicheldrüsentumors«. Er würde gern gemeinsam mit seiner Frau noch mit Ihnen sprechen. die Frau bald über den Berg. Jeden Mittag werden hier die Neuaufnahmen vorgestellt. Vor dem Chefarzt liegt ein Stapel Patientenkurven.« Fast unberührt bleibt das Mittagessen stehen. Gute alte Schule. »Die Sachlage ist doch eindeutig. »Frau Doktor Korbach. Sonst flippt der Alte wieder aus. Das gerinnungshemmende Mittel ist wegen des Risikos gefährlicher Blutungen in der ersten Zeit -1 8 0 - . Im Besprechungszimmer wartet schon die weiße Wolke aus Assistenten. er hat zumindest seine Menschlichkeit behalten. die in Ute Korbachs unmittelbare Kompetenz fällt. Sie schaut den Chef entschlossen an. Die Spannung fällt ab. beginnt er. Im Stakkatostil werden alle wesentlichen Aktionen auf der Station durchgenommen Schließlich berichtet der Professor kurz von der Operation an Frau Schmidt*. hast du keinen Hunger?« Fritsch stupst sie an. »Herr Dämel war sich noch nicht sicher.

Dort steht es: Marcumar. ein Trupp von Einzelkämpfern mit spitzen Ellenbogen. lacht am längsten. Das kann doch nicht sein. Da kommt der Oberarzt Keller um die Kurve. Müde steigt sie die Treppen zur Station hinauf. der miese Kerl. Das ist aber nicht meine Handschrift. Und wer zuletzt lacht. Da meldet sich der Oberarzt Keller* und fixiert sie. Keller. Hat es selbst verbockt und mir dann angehängt. Sie schlägt die Seite von Frau Schmidt auf. ist die Besprechung vorbei. er hat seine Schäfchen im Trockenen. Vor allen anderen. »Wie konnte Ihnen das nur passieren? Rufen Sie sofort auf Ihrer Station an und machen Sie das rückgängig. Pure Schlamperei. daß Sie das auch endlich kapiert haben. Laut genug. der Feigling. Eigentlich wollte ich immer im Team arbeiten.« Schwester Ingeborg am anderen Ende der Leitung bleibt ganz cool.nach einer Operation strengstens verboten. Und was ist das hier.« Als Ute Korbach ins Zimmer zurückkommt. so ist das gängige Prinzip. -1 8 1 - . ist er entschwunden. Höchste Zeit. sie bekommt doch Heparin. Jeder möchte mit den Problemen des anderen so wenig wie möglich zu tun haben. »Ich hab mich auch gewundert und das Marcumar längst aus dem Medikamentenschälchen genommen. Soviel an Arbeit wie möglich auf andere abschieben und dann schnell nach Hause. »Frau Schmidt darf heute abend auf keinen Fall Marcumar bekommen. Ich weiß. Ich muß mich abregen. Hauptsache.« Bevor sie den Mund aufbekommt. Mit einem süffisanten Grinsen dreht er sich um. Mit dem Ekel jetzt noch zu streiten bringe ich einfach nicht. Sie summt die Melodie des Gassenhauers »Du mußt ein Schwein sein in dieser Welt«. Auf dem Tisch liegen die Patientenkurven. daß die Patientin das Mittel normalerweise wegen ihrer Herzrhythmusstörungen einnimmt. werte Kollegin. Kellers massiger Körper hält inne. Tränen der Wut steigen in ihre Augen. Ich habe es aber sicher nicht angesetzt. Irgendwann erwische ich diesen Widerling. Sie schaut auf das Kürzel im Verordnungsbogen: Ke. Sie hetzt zum Telefon.« Ihre Gedanken rasen.

Dafür geht mindestens ein Drittel meiner Zeit drauf – OP Berichte. Im letzten Zimmer auf dem Flur liegt Herr Dämel. Frau Grieneisen fängt mit einer umständlichen Erzählung an. Die Patienten. Anscheinend ist es wichtiger. schreiben. Das kann ich mir dann sparen. denkt sie sich. Eigentlich geht sie gern zu den Damen. sich zu konzentrieren. schreiben Als Ute Korbach mit der Visite anfängt. beantwortet schnell die wichtigsten Fragen. So ein Zimmer gibt es auf jeder Station. Anforderungen. wenn sie kommt. Die Ärztin huscht durch die Zimmer. denen sie heute morgen kein Blut abgenommen hat.Schreiben. schaut unter die Verbände. Die freuen sich immer. Ute bleibt vor der Tür stehen. Ein Untersuchung hat einmal ergeben. Doch der Aktenberg auf dem Schreibtisch macht es ihr einfacher. Ich hätte nach dem praktischen Jahr in Kanada bleiben sollen denkt Ute Korbach. ordnet neue Medikamente an und setzt andere ab. Nach einer Minute unterbricht die Ärztin sie. denkt sie sich. Da war der Chef mittlerweile bestimmt schon drin. Schreiben. Gutachten. Für mehr reicht es bei mir auch nicht. In Zimmer 304 sind die etwas verwirrten alten Omas. als sich um ihn zu kümmern. Nebenbei blättert sie die neuen Befunde durch. Vier Entlassungsbriefe muß sie Ute mindestens noch schreiben. einen Patienten zu verwalten.« Eigentlich wartet in erster Linie der Papierkram. die anderen Patienten warten schon. ist es bereits siebzehn Uhr. sich vor dem schweren Gang zu drücken. daß ein Patient seinen Arzt im Durchschnitt sieben Minuten am Tag sieht. Besuch bekommt sie so gut wie nie. In ihrem Arbeitszimmer packt sie das schlechte Gewissen. »Ich muß leider weiter. schreiben. einen wirklichen Gegenentwurf zu diesem -1 8 2 - . schreiben. Sie setzt sich auf die Bettkante von Frau Grieneisen*. Es fällt ihr immer schwerer. Meine Hauptaufgabe ist doch eigentlich die einer Sekretärin. bekommen jetzt zum ersten Mal am Tag einen Arzt zu sehen. Der ganze Papierkram kostet Zeit. Dort erlebte sie so etwas wie eine »bessere Welt der Medizin«. Entlassungsbriefe. Die 86jährige lebt im Heim.

daß du nicht rechtzeitig wegkommst. obwohl es den Freunden vom Studium auch nicht besser erging. wen?« Ute Korbach schaut auf die Uhr. So entsteht ein richtiges Vertrauensverhältnis. Wenn sie das hier nicht fertigmacht. Ich komme später nach.« Beim letzten Mal hat sie 50 Bewerbungen geschrieben und Absage um Absage gesammelt. die zwei Tage die Woche garantiert freihaben. Das Handy klingelt. Sie hatte das richtig persönlich genommen.« Jetzt habe ich gerade gestern unseren Wochenendtrip abgesagt. Ich will mir nicht schon wieder was Neues suchen. Und jetzt? Jetzt sitze ich hier frustriert und fange fast an zu heulen vor Selbstmitleid. als hätte er schon resigniert. weil der Chef die wissenschaftliche Studie plötzlich fertighaben will. du hast schon den Mantel an. Sie erschrickt. »Aha. Die Hierarchien waren flach. kann sie sich morgen auf etwas gefaßt machen. Warum habe -1 8 3 - .« Er klingt nicht einmal wütend. wundert sich Ute.traurigen deutschen Trott. aber ich schaffe das nicht. Aber in der plastischen Chirurgie gibt es schon jahrelang kaum Angebote. Falls es die Kliniken überhaupt für nötig befanden zurückzuschreiben. Aber ich kann nicht schon wieder absagen. ohne daß ständig etwas dazwischenkommt. es tut mir leid. wie ich die Leute beneide. »Hallo Schatz. Damals hat es mir soviel Spaß gemacht. wenn ich etwas nicht wußte. und nun auch noch das. war das wie ein Schwimmreifen für eine Ertrinkende. ich hab mir schon gedacht. Er ist so etwas wie der Gesundheitsanwalt des Patienten. mehr so. der Chefarzt war fast wie ein Freund. »Hey. Und zwischen den Kollegen herrschte eine tolle Stimmung. ich hoffe. In Kanada begleitet der Hausarzt seinen Patienten ins Krankenhaus und kümmert sich dort um ihn. Ich konnte ihn immer fragen. Ärztin zu sein. Die Verabredung mit Harald.« – »Was. Sogar bei der Operation ist er dabei. Dabei wollte sie nie HNO-Ärztin werden. Und abends etwas planen können. Halb acht. Als dann endlich die HNO-Klinik zusagte. Harald. der Chef hat Druck gemacht. und mein Vertrag geht nur noch drei Monate. Gott. »Du mußt das verstehen.

Der Urlaub geht für Weiterbildung drauf. und ich merke es oft nicht einmal mehr. dem heiseren Architekten von heute morgen.« Jetzt klingt er richtig böse. Meine besten Jahre vergeudet an ein Krankenhaus? Was habe ich neulich der Studentin im fünften Semester gesagt. dann gehe ich halt allein«. Solche Diskussionen hatten wir oft in letzter Zeit.« »Okay. ich versuch ganz schnell da zu sein. Der Bildschirm schwimmt vor ihren Augen. »Ich werde Peter und Jana sagen. und meine Beziehung pfeift auf dem letzten Loch. Kein anderer akademischer Beruf hat eine höhere Selbstmordrate. Seit ich Ärztin bin. ihn wie versprochen im Krankenzimmer zu besuchen. die ihr Praktikum bei mir gemacht hat? »Ich würde nie mehr Ärztin werden wollen!« Die hat mich richtig ungläubig angeschaut. -1 8 4 - . Laut einer Umfrage unter 1700 Berliner Ärzten bereut jeder zweite Arzt seine Berufswahl. hat sich mein Leben völlig verändert. »Na gut. Freundschaften sind zerbrochen.und Alkoholabhängigkeit sind bei den Weißkitteln ebenso überdurchschnittlich häufig wie psychische Leiden. Natürlich hat sie keine Zeit gefunden.ich hier eigentlich unterschrieben? Und sie gibt sich gleich die Antwort: aus purer Existenzangst. Bei den Ärztinnen sind es sogar zwei Drittel. daß die Frau Doktor sich leider mal wieder nicht rechtzeitig freimachen konnte. habe ich ja brav befolgt. Es ist jene von Heiko Martens. Mein Lebensrhythmus wird vom Krankenhaus diktiert. Der Großteil aller Kontakte ist abgerissen. Den Spruch: Geben Sie Ihr Privatleben an der Pforte ab. So wie Ute Korbach denken viele Mediziner. Tabletten. sagt Harald. Ute Korbach ruft die nächste Krankenakte am Bildschirm auf.

der seine Kunst an ihm persönlich bekannten Individuen ausübt. nicht mit Krankheiten hat es die Klinik zu tun. sollten ausschließlich am Krankenbett erfolgen und nicht in einem Labor. »öffnen auch wir die Büchse der Pandora. falsch positive Tests sind an der Tagesordnung. fast respektablen Status gewonnen« 12.« 13 Etliche Krankheiten werden durch Diagnostik erst geschaffen. schreibt der Medizinkritiker Ivan Illich und fügt böse hinzu: »Und die Menschen geben ihr Leben dafür. Laborirrtum. meint der deutsche Mediziner Karlheinz Engelhardt. heißt es in der griechischen Sage. und alsbald entflog dem Gefäß eine Schar von Übeln und verbreitete sich in Blitzesschnelle über die Erde. Fehl-Interpretation von Röntgenbildern. Was sie nicht wußte: Zeus war auf die Menschen zornig. Durch blinden Glauben an die Ergebnisse von Medizinmaschinen werden oft genug »Nichtkrankheiten« kreiert und Betroffene in eine »Krankenrolle« gedrängt. einen großen Tonkrug mit Deckel. Die griechische Mythologie liefert ein starkes Symbol: Pandora besaß ein Geschenk des Zeus. weil sie das Feuer gestohlen hatten. »Wenn wir unsere diagnostischen Technologien und unsere Arzneimittel nicht überlegt anwenden«.« Alle den Patienten betreffenden Entscheidungen. Die Folge sind diagnostische Kaskaden mit psychischen und physischen Folgeschäden und enormen Kosten. den sie Epimetheus bringen sollte. soviel medizinische Behandlung wie möglich zu bekommen. forderte Nothnagel. zum Techniker.« 14 -1 8 5 - .Die medikalisierte Gesellschaft Ende des 20. 1 1 »Mit der Wandlung des Arztes vom Handwerker. öffnete Pandora den Deckel. an seine Kollegen: »Mit Kranken. der wissenschaftliche Regeln auf Patientenkategorien anwendet. Kaum bei Epimetheus angekommen. Vorstand der Wiener Medizinischen Klinik. hat die Kurpfuscherei einen anonymen. und benutzte Pandora für seine Rache. Jahrhunderts appellierte Hermann Nothnagel.

ein Haus. wenn er mit den Armen rudert und breit lächelnd durch sein Haus führt. Es ist noch immer ein gutes Leben. Das ist nun aber schon mehr als vierzig Jahre her – und welche Laden original sind und welche von ihm. traurige Mädchen. Im Lazarett kam noch die Ruhr hinzu. Aber er will nicht klagen. Er töpferte Blumentöpfe. die am Besuchstag ihren siechen Bräutigam umarmen. Das tut schon weh. warf er alles hin und ergriff sie. Sein künstlerisches Schaffen begann.Methusalem heute Herr Josef wirkt ein wenig wie der Bergfex Luis Trenker. sagt Herr Josef und freut sich. und er begann Amputierte und Krankenschwestern zu malen. Und parallel dazu war er immer Künstler. Überall Ausstellungsstücke. Er reißt der Welt -1 8 6 - . als ihm während des Kriegs ein Granatsplitter in den Brustkorb fuhr. Zimmermann und Finanzbeamter. Er verkaufte Kohlen. feiert im Herbst seinen neunzigsten Geburtstag. als Herr Josef endgültig seinen Ruhestand erklärte. besaß er zwei Antiquitätenläden in bester Innenstadtlage. das ist halb so wild. Attraktionen. Einige Jahre lebte er in einer Münchner Künstlerkolonie vom Verkauf seiner Bilder. brannte Ziegelsteine und leitete ein Betonwerk. fehlten einige Schubladen mit ihren kunstvollen Beschlägen. Als er sie erstand. das kann er heute beim besten Willen selbst nicht mehr sagen. meint er. Den goldenen Lüster ebenso wie die zierliche Kommode. Volkskunst. das einem Heimatmuseum gleicht. daß nun schon deutlich die Kräfte schwinden. Daß er nicht mehr schnell übers Wochenende in die Berge radeln kann und ein paar Dreitausender hochkraxeln. »Das ist Renaissance«. Der Kopf ist noch klar. langweilig wird ihm auch nicht. Und er hat sein Leben wahrlich angefüllt mit Berufen und Talenten. Neugier und Abenteuerlust nennt er selbst seine zwei wichtigsten Antriebsfedern. Und bis vor kurzem. Die hat er dann nachgebaut. Wann immer sich eine neue Chance auftat. Tierkalender und Versicherungen. Er war Hilfsarbeiter. Und das bißchen Schmerzen im Kreuz und in den Gliedern. sagt er. Alles zusammengetragen und dann selbst restauriert. Herr Josef ist Jahrgang 1912.

sagt sie stolz. Das will er heute richten. sagt er. Er wurde 110. Gebete. Aber die Augen werden leider rasch müde. nach zwei Versen ist die Kraft vorbei. Auf ihnen stehen nun teure Häuser mit Blick zum Inn. wenn sie nach der Arbeit noch Kraft hatte. lyrische Träumereien. und sie schuftete als Magd auf anderen Höfen. »weil unserer Familie nie etwas passiert ist – und damit es so bleibt. Die Wiesen im Überschwemmungsgebiet des Inn waren sauer und voller Ampfer. Dazu hätte sie nun mehr Zeit. wieviele Steine ich geschleppt habe«.zwar leider keinen Haxen mehr aus. bei dem dem Herrgott eine Hand wegbröselt. -1 8 7 - . die Äcker ein einziger Sumpf. sagt sie und lächelt dabei. gerade richtig für die Werkstatt … Rosina ist 92. und die Felder erwiesen sich schließlich doch als ertragreich. aber tun kann er noch immer eine Menge. Heute liegt ihr Hof im Stadtgebiet. »Sie können sich gar nicht vorstellen. richtig hofiert. so füllt er einen geräumigen Wirtshaussaal: fünf Töchter. kleine Erlebnisse mit den vier Kindern.« Bei der Einweihung wurde sie mit der Kutsche zur Kirche gefahren. Um alle Felder mußten tiefe Entwässerungsgräben gezogen werden. Es ist ja ein Regentag. Der Älteste bringt jeden Morgen die Frühstückssemmel. da kommen auch die Bürgermeister. »Hab ich gesagt. 17 Enkel. die Jüngste besorgt den Garten. setzte sie sich abends an den Stubentisch und schrieb zum Licht des Petroleums Geschichten auf. In letzter Zeit häuften sich die Feste. »Die habe ich aus Dankbarkeit errichten lassen«. Und er zeigt ein riesiges Kruzifix. Und im Garten von Rosina steht seit kurzem eine Marienkapelle. 33 Urenkel und jede Menge Anhang. Gedichte. Mit achtzehn verliebte sie sich und heiratete den Bauern mit dem schlechtesten Grund. Als Tochter eines Nebenerwerbsbauern im bayrisch-österreichischen Grenzgebiet war die Kindheit rasch zu Ende. heute komm ich mir vor wie die Queen Mum. Sammelt Herr Leopold seine Familie um sich. Dafür sind die Kinder immer in der Nähe. seine Frau 100.« Schon viel früher.

Und über allem die Regel der Mäßigkeit. • Alle drei bewegen sich regelmäßig.und Familienleben.Herr Leopold geht seit vielen Jahren jeden Tag seine Runde Irgendwann brauchte er dazu einen Stock. »Man darf keine Blödsinnigkeiten machen. Die Lebensgeschichten von Leopold. die ein überdurchschnittlich hohes Lebensalter erreichen. die eben ihre Zeit brauchten. sagt Herr Leopold. zufrieden zu sein. »ich habe allen Grund. Rosina und Josef sind beispielhaft für Menschen. Aber wenn es nicht zu stark regnet. »Ich war immer ein optimistischer Mensch. Noch mit 103 Jahren veröffentlichte der emeritierte Universitätsprofessor seine letzte wissenschaftliche Arbeit: komplizierte mathematische Strukturen. so rückt er aus. Jetzt bereits 2. nimmt er hin. sei es im Beruf oder bei Hobbies. ein festes Wertesystem. Dazu erfüllen sie auch die »sieben Voraussetzungen für ein erfolgreiches Altern«. ist sein Motto. ein reges Sozial. Regeln des Anstands und der Ordnung. sagt Herr Leopold. die kürzlich von Wissenschaftlern der Harvard University aus einer über sechs Jahrzehnte laufenden Langzeitstudie herausgefiltert wurden. -1 8 8 - . in dem jeder seinen Platz findet. 15 • Alle drei zeigen einen positiven Umgang mit Problemen. Nur nichts übertreiben. bis sie sich in eine Ordnung fügen ließen. denn ich glaube. intellektuelle Neugier. zuviel Sport. wenn man so alt werden will«.« Wie ein langes Leben möglich wird Mäßigkeit. • Alle drei trinken gern mal einen Schluck Wein oder Bier. seriöse Regeln. Regelmaß ist so etwas wie das Leitmotiv seines Lebens. Auch mit Langsamkeit kommt man zum Ziel. Feste Regeln lassen ein Gefüge entstehen. Daß heute sein Gehör beeinträchtigt ist und ihn das Gedächtnis manchmal im Stich läßt. daß Gott mich schützt«. Und dazu zählt er: zuviel Trinken. zuviel Arbeit.

daß Geld und sozialer Status eine eher untergeordnete Rolle spielten. Mehr hielt er schon von den alten Hausmitteln. Josef ist seit 30 Jahren Nichtraucher. die den wenigsten einschlägigen Kontakt haben. Überrascht waren die Forscher. Das liegt derzeit bei 74 Jahren für Männer und 80 Jahren für Frauen. sagt Rosina. Und es steigt noch immer an. • Alle drei führten stabile Ehen mit dauerhaftem Kontakt zu ihren Kindern. Aber ebenso wie Leopold hatte sie in Zeiten der Pflegebedürftigkeit das Glück. dann stehe dem »erfolgreichen Altern« und damit einer überdurchschnittlichen Lebenserwartung nichts mehr im Wege. und stets nur kurze Zeit. in dem der Durchschnittsbürger stirbt. Sobald ein Mindestmaß an Lebensqualität gesichert ist. spielt es offenbar keine Rolle mehr. »Ich habe mich da immer sehr zurückgehalten«. Vor dem Krankenhaus fürchte ich mich. wenn es unbedingt notwendig war. sollten schon im Alter von fünfzig Jahren bestehen. so die Bostoner Wissenschaftler. daß sich zu Hause immer jemand um sie kümmern konnte.« Wichtiger auch als die »Qualität der medizinischen Versorgung«. ob man sich Privatärzte. Spitzenchirurgen und Einzelzimmer leisten kann oder den Kassenarzt in der Wohnumgebung aufsucht. • Keiner leidet an einer depressiven Erkrankung. Medikamente nahm er nur. beschreibt Josef seinen Umgang mit medizinischer Hilfeleistung. seit sie einen Herzinfarkt hatte. »Ärzte mag ich sehr«.Leopold und Rosina haben nie Zigaretten angerührt. »aber nur wenn sie auf Hausbesuch kommen. • Keiner ist extrem übergewichtig. Noch nie brachte ein Jahrhundert einen derart enormen -1 8 9 - • . Diese sieben Gemeinsamkeiten. mittlerweile schon ein beträchtliches Pillenquantum schlucken.« Alle drei sind heute wesentlich über dem Alter. Rosina muß. »Der Bildungsgrad und eine aktive Rolle in einer großen Familie waren für Gesundheit und Langlebigkeit der Studienteilnehmer wesentlich wichtiger. Am längsten leben ohnehin jene.

Mit einem Anteil von fünf bis bestenfalls fünfeinhalb Jahren schneidet der riesige Medizinapparat. Doch wenn die Wissenschaft alle harten Fakten zusammenträgt. Überraschend war für die Autoren auch. Mediziner reklamierten diese Leistung schnell für sich. ist der Zugewinn an Lebenszeit schon -1 9 0 - . ändert sich das Bild radikal. 16 Die wahren Ergebnisse der Medizin Forscher der Harvard University errechneten schließlich.Zuwachs an durchschnittlicher Lebenszeit. SIE sogar mit einem Bonus von zehn Monaten rechnen. daß die Medizin bald ein durchschnittliches Lebensalter von 100 und mehr Jahren ermöglichen werde. Die regelmäßige Teilnahme an der Brustkrebsfrüherkennung verlängert nach dieser Rechnung das Leben einer Frau beispielsweise um ganze 24 Tage. In den USA. daß von diesen fünf Jahren gerade mal eineinhalb Jahre auf das Konto der Vorsorgemedizin gingen. dann darf ER mit einem Gewinn von acht Monaten. 17 Wenn einzelne Wissenschaftler heute prophezeien. Gegenüber Änderungen des Lebensstils wirken die Beiträge der Medizin nicht gerade imposant. Im Gegenteil. der schon jeden zehnten erarbeiteten Euro verschlingt. Eine Masernimpfung bringt für den einzelnen hingegen gerade mal ein Plus von 2. wo die Weltkriege keine derart tiefen Narben hinterlassen haben wie in Europa und deshalb ein »natürlicheres« Bild der Altersverteilung besteht. von denen derzeit noch nicht einmal die einfachsten Voraussetzungen zu erkennen sind. Und hört ein 35jähriger Mensch auf zu rauchen. Ein heute geborener Bürger der Industriestaaten kann auf ein 30 Jahre längeres Leben hoffen als sein Altersgenosse vor 100 Jahren.7 Tagen. Regelmäßige sportliche Aktivität verhilft immerhin zu einem Plus von 6. so wären dazu Fortschritte nötig. Ein Team der Stanford University hat berechnet. was einzelne medizinische Maßnahmen an Lebenszeit bringen. wie die Verdienste für den Zugewinn von 30 Lebensjahren aufzuteilen sind. dabei recht bescheiden ab.2 Monaten. eine Mumpsimpfung gar nur acht Stunden.

20 Auf Intensivstationen trägt bereits jede dritte Maßnahme das Etikett »therapeutisch wahrscheinlich nicht mehr sinnvoll« 21. In den neunziger Jahren stieg die Zahl der Diabetiker in den USA beispielsweise um ein Drittel. Realistische Experten rechnen damit.3 Millionen Amerikaner sind bereits registriert. Noch vor weniger -1 9 1 - . Immer häufiger dienen diese sündteuren High-TechAbteilungen dazu. Denn die Zugewinne durch vermehrte Bewegung.4 Millionen leben damit.fast zum Erliegen gekommen. jede dritte Einlieferung in eine Notfallklinik ist auf einen akuten Asthmaanfall zurückzuführen. Jedes zweite Kind zeigt bereits Anzeichen von Asthma. ohne es zu wissen. Sport und Nikotinaskese werden auf der anderen Seite durch eine wahre Epidemie chronischer Erkrankungen aufgefressen. etwa 5. Daß Ärzte auch in aussichtslosen Fällen verpflichtet sind. Während deutsche und österreichische Frauen ihre Lebenserwartung von 1992 bis 1998 im Schnitt um zwei Jahre erhöhten. daß sich dieser Trend in den nächsten Jahrzehnten verstärken wird und die Lebenserwartung sogar absinken könnte. Etwa jedes vierte Krankenhausbett wird von Sterbenden belegt. Jeder sechste Amerikaner wird im Lauf seines Lebens zuckerkrank. für ihre Patienten den Kampf gegen den Tod weiterzuführen. 19 Im Klinikablauf nimmt der Anteil für die »Abwicklung und Verwaltung des Sterbens« stetig zu. die sich in ihren letzten beiden Lebensmonaten befinden. Maximaler Aufwand bei minimalen Chancen Rund 50 Prozent der Leistungen im klinischen Alltag werden für Menschen aufgewendet. ist eine relativ junge Erscheinung in der Medizin. konnten Amerikanerinnen nur noch um sieben Monate zulegen. Daneben rollt die Lawine der Allergien und Autoimmunerkrankungen heran. das Sterben todkranker Menschen mit hohem Aufwand hinauszuzögern. 18 Die Auswirkungen dieses Trends auf das Gesundheitssystem sind enorm. 10. In manchen Jahren zeigten sich sogar erste rückläufige Tendenzen.

Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie. in der nicht mehr vermittelt wird. die sichtbaren Zeichen des nahenden Todes zu erkennen. Bluthochdruck und Demenz. weder im medizinischen Bereich noch bei den Pflegern gibt es genügend ausgebildete Fachkräfte. Erst in den letzten Jahrzehnten ist diese nüchterne Vernunft abhanden gekommen. Dazu kommt. Das Auftreten dieser Veränderungen gab dem Arzt zu verstehen. 21 Prozent waren im vergangenen Jahr mindestens einmal im Krankenhaus. 23 Ein Team deutscher Wissenschaftler ermittelte. -1 9 2 - . »Es gibt nicht einmal an jeder Universitätsklinik in Deutschland eine geriatrische Abteilung. »Heute unterbindet die Medikalisierung des Todes das eigene Sterben«.als 100 Jahren gehörte es zur Ausbildung der Ärzte. Medizinstudenten nehmen spezielle geriatrische Vorlesungen und Übungen gar nur zu drei Prozent an. Angesichts unserer rapide alternden Bevölkerung ist das ein Skandal«. Auch unerwünschte Arzneimittelwirkungen spielen hier eine beträchtliche Rolle. Er fordert ein Umdenken in der Therapie alter Menschen. 24 Wechselund Nebenwirkungen der verschriebenen Medikamenten sind ein blinder Punkt in der Altenpflege. sondern vor einem Sterbenden stand. im Schnitt sechs Medikamente pro Tag. etwa Typ-2-Diabetes. daß die mit dem Alter notwendig einhergehende hohe Sterblichkeitsrate nicht immer auf natürliche Abbauprozesse zurückzuführen ist. daß »Lebenskunst auch die Kunst des Alterns und Sterbens voraussetzt« 22. daß er sich zurückziehen mußte. Noch immer therapieren einzelne Fachärzte an den isolierten Organproblemen herum. sagt Ingo Füsgen. weil er nicht mehr vor einem Patienten. Für eine Gesamtsicht des Leidensbilds fehlt meist die Kompetenz. daß 96 Prozent der über 70jährigen ständig Arzneimittel einnehmen. klagte Ivan Illich den Medizinbetrieb genauso an wie die gesellschaftliche Entwicklung. Die meisten alten Menschen laborieren gleichzeitig an mehreren Leiden.

26 Das Forscherteam um Just Ebbesen vom Zentralen Klinikum Akershus in Oslo staunte besonders über die enorme Menge der verordneten Mittel: 202 der 732 verstorbenen Patienten der Abteilung Innere Medizin der Akershus-Klinik hatten kurz vor ihrem Tod zwölf oder mehr Arzneimittel parallel zueinander verabreicht bekommen. Dasselbe gilt bei den besonders aggressiven Krebsmedikamenten. um sie in der Praxis dann bei 80jährigen anzuwenden. Nur jeder vierte Teilnehmer einer Zulassungsstudie ist älter als 65. deren Wechselwirkung zu den schweren Parkinson-Medikamenten meist völlig im Dunkeln liegt. Nun aber mit einer enormen Zahl von gleichzeitig eingesetzten Präparaten. Die meisten Medikamente sind nämlich an alten Menschen gar nicht erprobt. In der Hälfte aller untersuchten Fälle. daß nahezu jeder fünfte Tod im Krankenhaus die Folge unerwünschter Wirkungen von Arzneimitteln ist. waren aus der Gruppe der Herz-Kreislauf-Medikamente. weil die Ergebnisse meist wesentlich schlechter ausfallen als bei den jüngeren Versuchspersonen. Bei 133 Patienten (18. die am häufigsten mit den Todesfällen in Verbindung standen. Völlig irrelevant werden derartige Praktiken am Beispiel einer Parkinson-Therapie. die neben hohem Blutdruck an keiner Zusatzerkrankung leiden. die an 60jährigen erprobt wird. Pharmafirmen schrecken vor derartigen Studien zurück.2 Prozent der Fälle) ließ sich die Todesursache direkt oder indirekt auf Reaktionen auf Medikamente zurückführen. Die Arzneimittel. AntiThrombose-Mittel und Sympathomimetika (gefäßerweiternde -1 9 3 - .Falsch getestete Arzneien Doch es wird den Medizinern auch nicht leicht gemacht. waren nicht sinnvolle Medikamente verordnet worden. die an mehreren Krankheiten leiden oder verschiedene Medikamente gleichzeitig einnehmen müssen. Im Krankenzimmer belegen sie dann zwei von drei Betten. oder Arzneimittel wurden falsch dosiert. so die alarmierenden Ergebnisse der norwegischen Studie. Besonders gefährdet sind Menschen. 2 5 Die Übermedikalisierung der alten Menschen hat verheerende Folgen: Norwegische Wissenschaftler haben herausgefunden.

Nur wenige Wissenschaftler widmen ihre Aufmerksamkeit den Wechselwirkungen zwischen multiplen Erkrankungen. zeigen andere Untersuchungen allerdings deutlich.Medikamente). Ein Drittel war medikamentös unterversorgt. zeigten sich die Forscher alarmiert über die Häufigkeit offensichtlicher Fehlinterpretationen von Symptomen und über mangelnde Kontrolle der Arzneimitteldosierungen. Es gibt auch kaum öffentliche oder private Förderprogramme mit einer entsprechenden Zielsetzung. daß die behandeln Ärzte nicht angemessene Medikamente ausgewählt oder sie falscher Dosierung gegeben hatten. Das Interesse an einer Verbesserung dieser Situation. Analyse aller relevanten Krankendaten ergab in knapp der Hälfte aller Todesfälle Hinweise darauf. daß nicht einmal jeder zweite alte Mensch die richtige medikamentöse Versorgung erhält. ein weiteres überversorgt. 28 -1 9 4 - . 27 Psychische Krankheiten. ist begrenzt. stünden besonders häufig mit körperlicher Morbidität. multiplen Medikationen und multiplen funktionellen Behinderungen im Alter. wieviele Todesfälle bei richtiger Medikation zu vermeiden gewesen wären. Funktionseinbuße und Hilfsbedürftigkeit in Zusammenhang. ergänzen US-Forscher. zu den häufigsten Fehlmedikationen gehörten Benzodiazepine. Die häufigste Untermedikation betraf Antidepressiva. Eine Analyse der medikamentösen Einstellung ihrer Studienteilnehmer ergab. Aus dem vorliegenden Datenmaterial zogen die Forscher den Schluß. daß 50 Prozent der Senioren keine adäquate Therapie erhielten. Auch wenn aufgrund der Datenlage kaum zu ermitteln war. so die Internisten der Berliner Altersstudie. Todesursache Heilmittel Studien wie diese sind rar. Daß es einen Zusammenhang gibt zwischen der Medikationsqualität und dem Ausmaß von Funktionseinbuße im Alter. Dabei erwiesen sich Männer gefährdeter als Frauen. und ein Drittel erhielt überhaupt die falschen Arzneimittel. eine Gruppe von Schlafund Beruhigungsmitteln mit hohem Suchtpotential.

Jährlich sterben in den USA 106000 Krankenhauspatienten an ihrer Medikation. daß ein Patient einer Internen Abteilung nach seiner Entlassung zu Hause stürzt und binnen kurzer Zeit wieder in die Unfallabteilung derselben Klinik eingewiesen wird. sie müssen ihren Tagesablauf radikal umstellen. um überforderten Pflegern die Arbeit zu erleichtern«. Diese Mittel erhöhen die Sturzgefahr und können Betroffene in zombieähnliche Wesen verwandeln.Die Folgen sind verheerend. Jedem Dollar. steht ein Dollar für die Behandlung unerwünschter Medikamentennebenwirkungen gegenüber. Ihr Lebensrhythmus wird fundamental gestört. »Mit Hilfe der chemischen Keule werden alte Menschen ruhiggestellt. 2 9 Damit ist das die vierthäufigste Todesursache und liegt sogar noch vor Diabetes und Lungenentzündung. Sie haben eher Angst vor der Diktatur des Klinikalltags. Es gehört mittlerweile zur klassischen Krankengeschichte. der für ein Medikament ausgegeben wird. -1 9 5 - . Eine aktuelle britische Studie zeigt eine Verdoppelung der einschlägigen Rezepte innerhalb der letzten Jahre. Viele betagte Patienten erhalten während eines Krankenhausaufenthalts erstmals Psychopharmaka. Als Ursache für den inflationären Umgang mit diesen schweren Beruhigungsmitteln sieht Paul Burstow. so der Experte. den chronischen Mangel an qualifiziertem Personal in der Alterbetreuung. 30 Auf manchen Abteilungen hat der Medikamentenmißbrauch jedoch Methode. In Deutschland sieht die Situation mit jährlich rund 200000 Fällen schwerer Medikamentenvergiftung nicht viel besser aus. Der Suchtstoffmittelkontrollrat der UNO beobachtete ähnliche Tendenzen in allen entwickelten Ländern. 31 Verlust der Menschlichkeit Die Angst vieler alter Menschen vor der Einweisung in ein Krankenhaus ist somit nicht unberechtigt. Dabei ist mangelndes Vertrauen in die ärztliche Kunst nicht unbedingt der Anlaß für ihre Sorge. Arzt und politischer Sprecher für die Belange alter Menschen. Vor allem alte Patienten werden mit Psychopharmaka regelrecht zugeschüttet.

Immer eher ängstlich. Seine zehn Jahre jüngere Schwester Kathrin ist seit vergangener Woche nach einem Sturz aufgenommen worden. 32 Wenn man Herrn Josef. daß der Intelligenzquotient während eines vierwöchigen Krankenhausaufenthalts um etwa 20 Prozent sinkt. weil sie nicht den Mut aufbringen. Sie haben keine Bezugsperson und wissen nicht. daß fast jede Verrichtung an ihnen von einer anderen Pflegekraft durchgeführt wird. klingt die Antwort zunächst etwas seltsam. sagt Josef. ist sie richtiggehend depressiv geworden. sagt er. die Verwirrtheit und geistigen Verfall fördert. was ihm Angst macht. Heute hat Herr Josef einen Kuchen gebacken und ein paar Fotos von der Familie eingepackt. Er steckt alles in seinen Einkaufskorb und macht sich auf den Weg ins Krankenhaus. »Sie hat Parkinson und nimmt 21 Tabletten pro Tag. »Um die muß ich mich kümmern«. das sind für Herrn Josef die wichtigsten Treibmittel seines abwechslungsreichen Lebens. sagt Josef. Eine aktuelle Studie zeigt. Außer Fernsehen hat sie wenig wirkliche Interessen. das ist ein Wahnsinn.Am schlimmsten ist aber für viele betagte Krankenhauspatienten. als er glaubt«. fehlende Kalender und Uhren in den Krankenzimmern tragen zur zeitlichen Desorientierung bei. »Die meisten erfahren das aber nie.« Wer hingegen genau das tut. Experimentierfreudigkeit. Die einheitliche Dienstkleidung des Pflegepersonals erschwert die Unterscheidung der verschiedenen Personen. nach seinen Rezepten für ein langes. Optimismus. geistige und körperliche Regheit. an wen sie sich mit einer Bitte oder Frage wenden sollen. wird diese Angst schnell überwinden und damit rasch weiterkommen. »Der Mensch kann viel mehr. Zuerst haben die Eltern für sie entschieden und dann ihr Ehemann. den 90jährigen Hans Dampf.« Kathrin war immer ein ganz anderer Typ. Eine Situation. etwas Fremdes und Ungewohntes auszuprobieren. Und seit ihre Enkel nur noch alle heiligen Zeiten einmal kommen. -1 9 6 - . gesundes Leben fragt.

Kathrin schüttelt traurig den Kopf. Die Fotos kann sie sich nicht ansehen. die immer so viel Wert auf Reinlichkeit gelegt hat. wenn er ihr ins Ohr schreit.« -1 9 7 - . Sie reagiert nur. weil ihr jemand die Brille runtergeworfen hat. wie sie sagt. Josefs Schwester dämmert vor sich hin. »weil ich ins Bett gemacht habe. »Sie haben mir einen Dauerkatheter gesetzt«. fragt Josef.Die Stimmung an Kathrins Krankenbett ist bedrückend. Ob sie aufstehen kann. sagt sie. Und der Kuchen – sie hat kaum noch Appetit.

daß bereits ein Prozent des gesamten Bruttosozialprodukts für den exklusivsten aller Medizinbereiche ausgegeben wird. Beatmungsmaschinen und Computern umgeben ist. Ein Neuer auf der Abteilung. Die Untersuchung verlief zügig und routiniert. Ständig werden neue Geräte. Martin kannte den Arzt nicht. Und obwohl immer lauter kritisiert wird. Medikamente und Behandlungskonzepte entwickelt. Früherkennung und ambulanten Diensten verhindere. die noch vor kurzem als unrettbar galten. sondern auch jede Menschlichkeit systematisch geopfert wird. Die Intensivmedizin boomt seit Jahrzehnten. Aus den ersten. Weil inzwischen jede zweite Klinik in Deutschland über eine eigene Intensivstation verfügt und bereits jedes sechzehnte Krankenhausbett von einer ganzen Batterie an Monitoren.Ein Patient im System: »Es ist alles so unglaublich beliebig« Bereits ein Drittel der deutschen Gesundheitsausgaben wird durch den Ausbau und den Betrieb von Krankenhäusern verschlungen. Meßgeräten. Aber wirkt nett. mit High-Tech aller Art vollgestopfte Spezialabteilungen geworden. noch recht einfach ausgestatteten. ohne -1 9 8 - . privat ist der wahrscheinlich ganz lustig. die den Ärzten bessere Chancen im Kampf gegen ihre Erzfeinde in die Hand geben sollen. wird anscheinend als selbstverständlich hingenommen. Daß dabei nicht nur viel Geld vergeudet. in denen jeder nur denkbare Aufwand zur Erhaltung von Menschenleben betrieben wird. werden die Ausgaben in den heiligsten Hallen der Bettenburgen auch in den nächsten Jahren weiter steigen. Das bedeutet. Und davon geht ein immer größerer Teil auf das Konto der Spitzenmedizin. Und die Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen. daß der enorme Aufwand für die Spitzenmedizin eine effizientere Basismedizin mit Vorbeugung. macht der Anteil der Intensivbetreuung am gesamten Krankenhausaufwand bereits zwölf Prozent aus. postoperativen »Aufwachräumen« der dreißiger und vierziger Jahre sind inzwischen chromblitzende. dachte Martin.

die Lehre als Grafiker. An der Scheitelseite seines Schädels hat er eine auffällig kreisrunde Delle. die immer irgend etwas brauchte. die schon in die Brüche gingen. Und einer Mutter. -1 9 9 - . mein Knie tut mir weh. daß man daran schuld war. John-Lennon-Brille und Holzsandalen. Gefühle zuzulassen. Martin Haiweg* ist ein mittelgroßer Mann mit rundlichem Gesicht. und das zeigt er auch. die in Wahrheit einfach zum Procedere gehört. und das war die Hauptsache. auch wenn er zu Hause war und vor dem Fernseher saß. Martin wollte schon gehen. Aus einer einsamen Kindheit mit einem Vater. Praktisch schon im Rausgehen drehte er sich um und sagte: »Ja. Und nach Röntgen und Magnetresonanz war es klar: Der Tumor ist wieder da. Und schließlich die fürchterlichen Beziehungen zu Frauen.persönliche Fragen. Vier Jahre seit dieser unglaublichen Wende in seinem Leben. Eigentlich. Er wollte nichts wie raus – die befreiende Tür öffnen und rasch hinter sich zumachen. sagt Martin.« Und der Doktor sagte. Das wäre es dann gewesen – die Genehmigung für drei weitere Monate Leben. wenn er Guten Tag sagte – oder spätestens am Abend. die ähnlich der Fontanelle eines Säuglings nur von Haut bedeckt ist. Aber dann stellte dieser junge Arzt diese scheinbar mitfühlende Frage. sich verabschieden – bis in drei Monaten. Beim Gehen zieht er das linke Bein leicht nach. Die abgebrochene Realschule. Die Tumormarker waren okay. der stets abwesend war. die Ihnen Sorgen macht?« Und darauf hat Martin »ja« gesagt. Beim ersten Kontakt mit Unbekannten wirkt er stets ein wenig unsicher. Er fragte: »Tut Ihnen sonst noch irgend etwas weh? Haben Sie irgendeine kleine Beschwerde. Das verfluchte Knie. der nächste Termin war schon eingetragen. Vier Jahre ist es nun her seit dieser Operation. Die immer litt und immer das Gefühl vermittelte. Denn erstmals schien sich sein Leben aus einem gordischen Knoten zu lösen. das sieht er sich gleich an. Und die ihm sogar gefiel. Hier fehlt ein kreisrundes Stück des Schädelknochens. war es ja eine Doppelwende. daß es von Vorteil ist. die der Vater vermittelte – weil er zufällig jemanden kannte. Er hat gelernt.

« Auf eine Nachfrage übersetzte ihm der Chefarzt. Und dann fragte sie: Und w en? Und er sagte: Na dich! Und dann sagte sie: Na. bist du gleich tot. Umarmten sich nackt irgendwo draußen in den warmen Quellen. »Von Anfang an«. Mit einer Brutalität. -2 0 0 - . ob er heiraten wolle. und die drückt aufs Hirn. Man sägte eine Scheibe von zehn Zentimetern Durchmesser aus der Schädeldecke. Injektion zur Thrombosevorbeugung. Dann kamen die Kopfschmerzen. Zum ersten Mal im Krankenhaus. Eine Dose Cola kostete so viel wie ein Mittagessen. Die Visite als negativer Höhepunkt des Tages. wie Martin das nie für möglich gehalten hatte. Die Hochzeitsreise war im Juni. Da war er 28 Jahre alt und seine Frau im dritten Monat schwanger. Und die Mediziner hielten sich daran. Und nach sechs Monaten fragte sie ihn. Zehn Tage nach Beginn seiner Flitterwochen betrat Martin die Uniklinik der Großstadt und sagte bei der Anmeldung: Ich habe so unglaubliche Kopfschmerzen. Sie flogen nach Rejkjavik. Er nahm Dutzende von Pillen. Von Krebs. und es machte nichts. B etten machen. Mit dem Weckruf einer Krankenschwester Fiebermessen. Die erste Liebe mit 27. sagt Martin. Aber sie merkte es natürlich. Und daher kommen die extremen Kopfschmerzen. »Die reden irgend etwas über dich«. Blutdruck. Sie blieben. Er sagte gerührt ja. Und sie küßten sich. sagt Martin.Die Liebe und der Tod Mit Andrea schien schließlich alles völlig anders. Alles war irrsinnig teuer. Um sechs Uhr morgens brach der Tag traumatisch über die Patienten herein. sagt Martin. bitte machen Sie rasch. Aber es war völlig egal. »haben sie mir das Gefühl gegeben: Wenn du nicht sofort was machst.« 33 Noch am Tag der Aufnahme wurde er operiert. war nie die Rede. »und trotzdem bist du eine absolute Nebensache. Er schrie und lief wie verrückt ums Hotel. Frühstück. Es hieß. Er bewohnte nun ein Sechsbett-Zimmer. wenn du mich so lieb fragst. da ist eine Schwellung im Knochen. Er traute es ihr kaum zu sagen. Und dann resignierte er und flog mit Andrea zurück. Tobten mit dem Jeep quer durch Island.

« Dann schilderte er Andrea und Martin das Hochdosiskonzept. den man bis zu tausend Mal anstechen kann. »bei Ihnen setzen wir auf Heilung. Ein überfülltes Mehrbettzimmer. heißt Plasmozytom oder Multiples Myelom. Dabei beginnen Plasmazellen bösartig zu wuchern. andauernde Übelkeit. Martin nahm die Wochendosis mit. Frank Heinrich*. belegt mit dahindämmernden Greisen.was Sache ist: »Das Stück aus Ihrer Schädeldecke haben wir eingeschickt«. Er hatte unter lokaler Anästhesie einen Portercut eingepflanzt bekommen. sagte Heinrich. Auffällig. Er sah sich das Zimmer an. Wodurch sie ausgelöst wird. erzählte Heinrich. Aber heute ist das Multiple Myelom ein Krebs bei alten Menschen mit einem durchschnittlichen Diagnosealter von 68 Jahren. »Sie aber sind jung«. »Dadurch«. Damit konnte sich Martin die Infusionen selbst setzen. Dieser Krebs. So saß er dann zu Hause und ließ die Infusionen laufen. war eine Häufung bei jenen Soldaten. der mir überhaupt sagte.« Während dieser Chemo empfand Martin eine tiefe. sagte er. die im Zweiten Weltkrieg mit Atombombenversuchen zu tun hatten.« Sechsmal eine Woche. ob er dies nicht auch ambulant machen könne. »Er war der erste. Dazu sollte Martin für drei Wochen stationär aufgenommen werden. in das er sich legen sollte. Dieses begann mit sechs konventionellen ChemoDurchgängen. »Damit wir Ihren Blutdruck messen können«. ist unbekannt. »Wir müssen eventuell noch nachbehandeln. Und als schließlich der Tumormarker weit genug unten war. Er war niedergeschlagen und deprimiert. Die Krankheit macht sich normalerweise durch Knochenschmerzen bemerkbar. »Aber es war zum Aushalten. Er -2 0 1 - . sagte Heinrich. meinte der Arzt auf Martins Frage. sagte er. die wir später abnehmen wollen. sagt Martin.« Diagnose Multiples Myelom Nach zwei Wochen stellte sich ein neuer Arzt vor. »werden die Stammzellen gereinigt. ging es an die Gewinnung der Stammzellen. einen fix implantierten Venenzugang. daß ich Krebs habe«.

sagt Martin. beschreibt Martin. Hier waren einfach in ein großes Zimmer lauter kleine Waben reingebaut worden. Schließlich nannte sie ihm seine Aussichten. weil sie ständig in Bewegung war«. sagt Martin. Er sah das Baby an und sagte zu Andrea: »Mach dir keine Sorgen. »aber vielleicht hat sie das nur deshalb gesagt.« -2 0 2 - . Martin weigerte sich. »wäre ich verrückt geworden. und 30 Prozent sind dann geheilt«. die noch mobil waren. damit ich endlich Ruhe gebe. Man kann nur noch vegetieren.« Die Zeit der Therapie selbst verbrachte er auf der Quarantänestation. Er hatte ein Einzelzimmer. »Ich glaube. ob die Stammzellen um Himmels willen anwachsen. »Ich habe sie nur verschwommen in Erinnerung. »Ohne Telefon«. er sei hier nicht der einzige Patient und er stehle ihre Zeit. »Sie konnte keine zwei Sätze beenden. Und die Chemo-Therapie war schlimmer als die Kopfschmerzen. war sein Sohn Moritz zwei Monate alt. das schaffe ich mit links. und weg war sie. sagte sie.sprach mit den wenigen Patienten. Schmitt* stellte sich als behandelnde Therapeutin vor. sagt Martin.« Die Hochdosis-Chemotherapie Als Martin schließlich mit der Hochdosis-Chemotherapie anfing. Sie haben ihn gewarnt: »Bleiben Sie weg. die wollten einfach nur mein Versicherungsgeld. »Sie waren stinksauer auf mich«. dachte Martin. Hier sterben jeden Tag zwei Leute. »daß einem richtiggehend die Luft ausgeht. wenn Sie können.« Und zu Hause hätte jeden Tag sein Kind kommen sollen. »70 Prozent der Patienten haben fünf Jahre Ruhe. »Das klingt nicht schlecht«. Er bestand auf ambulanter Behandlung.« Und dann noch die Sorge. »Die Chemo ist so intensiv«. Der erste Durchgang dauerte zehn Tage.« Frau Dr. das nicht viel mehr war als eine Box mit einem Fernseher drin. ohne wieder an mir vorbeizurauschen.« Martin wollte genauere Erklärungen. und schließlich schrie sie ihn an.

« Das erste Prinzip der Ärzte in der Klinik. wenn ihnen ununterbrochen die Leute wegsterben. ist Kontaktvermeidung.« Dazu mußte er ständig mit einem AntiPilz-Mittel den Mund spülen. Etwa zehn Mal war er bei der Magnetresonanzuntersuchung. »Sogar jetzt aus der Erinnerung brauche ich nur davon zu sprechen und spüre sofort wieder den Brechreiz. »Das war ein Ausgleich zum unglaublichen -2 0 3 - . bemerkte Martin. Da ist Anonymisierung die einzige Chance.« Mittlerweile gibt es von Martin mehr als hundert Röntgenbilder. Wie sollen sie das auch verkraften. sagt Martin. daß ich sofort Durchfall bekam und auf einen Krankenstuhl gesetzt wurde. desto besser fühlen sie sich abgeschirmt und geschützt. »Die meisten sind ja hochgradig überlastet«. erklärt er.« Martin besuchte gemeinsam mit anderen Krebspatienten eine Gruppentherapie. sagt er. das ist fast noch schlimmer als die Chemo. ewiges Vertrödeln der Zeit. »Ich bin ewig durchuntersucht worden«. Und er versteht die Ärzte. »Das ist so grauenhaft gräßlich. Mir war so speiübel.« Trotz Quarantänestation bekam er unangenehme Infektionen und mußte Antibiotika nehmen. Da ist es von Vorteil. »ist überhaupt nichts wert. sagt Martin. Je mehr Maschinen zwischen ihnen und den Patienten sind. Die verbleibende Lebenszeit eines Krebspatienten«. dazu ein PET-Scan. »Wenn du ein bißchen den Mund aufmachst. »Ich hatte das Gefühl: Hier wird Krieg geführt. Sie ist angefüllt mit Bürokratie. Und er gewöhnte sich an die Regeln im Krankenhaus. wenn sie niemanden näher kennenlernen. Dabei bin ich ja eigentlich ein Lamm. so hast du sofort den Ruf weg. »Und das bedeutet: ewiges Warten. sagt er. bis ich mich einmal nachzufragen traue. ein unangenehmer Patient zu sein«. »Vor allem psychisch überlastet. »Hier wird Krieg geführt« Zwei lange Zyklen stand Martin durch. Ich warte ohnehin eine Stunde. Nahezu ein Jahr war er nun fast ununterbrochen in Therapie. Computertomographie wurde mehrfach gemacht.»Im Gegensatz zur normalen Chemo erbricht man bei der Hochdosis ununterbrochen«.

Und begann zu hoffen. und ich denke. ob ich jetzt noch einmal die Hochdosis-Chemo machen muß. diese unschuldige Frage stellte. sagt Martin. und Martin wurde entlassen. den er nicht kannte. zuhören. Ich wohne nicht in der Nähe. Bis ich meine Frau kennengelernt habe. »Ich war immer extrem gesundheitsbewußt«. Wenn beispielsweise vereinbart ist. sagt er. Und die Angestellte zuckt mit den Schultern und beginnt abwesend in einer Kartei zu kramen. Und dann sagst du: Aber es ist mir gesagt worden. Bis zu diesem verflixten elften Termin. Und irgendwie ist es unglaublich. sagt Martin. Während für mich davon abhängt. hatte ich nur gestörte Beziehungen. glaub ich. das ist nicht so einfach für mich. »bist du in diesen Krankenhäusern aufgeschmissen. Ich habe jede Menge belastender Lebensmuster drauf.« Schließlich war die Chemotherapie beendet. dann ist der mit Sicherheit nicht da. der Befund liegt bereits auf der Station. daß du einen Befund abholen kannst. ich soll heute kommen. nachdenken. »ein richtiger Öko-Freak. jetzt fängt das Leben richtig an. »zur Entmenschlichung. die den Befund ausstellt. Dann sagt sie: Ach so? Und für sie ist das so wichtig. Er schleppte sich nach Hause. Bei mir kommen die Probleme eher von der Psyche. der Befund liegt auf der Station. Und dann heißt es: Ja. er ist nicht da. Und 32 Monate lang begann er sich daran zu gewöhnen. macht es wumms.Umgang in der Klinik«.« Endlich konnte man weinen. Dann gehe ich wieder rein und sage der Angestellten. Ich habe nie geraucht. und es kommt der Krebs. Sammelt wieder Röntgenbilder. sich aussprechen. Kaum lösen sich meine Probleme. Als dieser junge Arzt. -2 0 4 - . Und dann sagt dir eine Angestellte: Kommen Sie morgen wieder. Nun ist Martin wieder voll im Hamsterrad. Im Hamsterrad »Ohne Handy«. daß der Alptraum vorüber wäre. nie zuviel getrunken. Dann gehe ich vor die Tür und rufe mit meinem Handy in der Abteilung an. wie wenn in China ein Fahrrad umfällt.

sagte er. »da ist mit Sicherheit keine Heilung möglich. »bist du weich.« Martins Oberschenkelknochen ist nun zu 80 Prozent weg. »Die Chemo konventionell«. »Immerhin ist er der einzige Arzt. Heinrich die Werte der Tumormarker an. »Dafür. Für ihn war das kein Problem. als ob man plötzlich in Kafkas Schloß wohnt.« Bei der letzten Untersuchung sah sich Dr. sagt Martin.« Aus Martins Oberschenkelknochen wurde ein drei mal drei mal fünf Zentimeter großes Stück rausgeschnitten. Und irgendwann«. Und Heinrich redete eine Weile mit der Ärztin. Dann bist du ein völlig unmündiger Patient. und dann haben wir vielleicht schon etwas Besseres. daß Sie so niedrige Tumormarker haben«. Ein südafrikanischer Arzt hatte seit Jahren -2 0 5 - .So was passiert andauernd«. Schließlich begann er laut vor sich hin zu überlegen. machen wir das noch mal. Ich kannte die Leute nicht und fühlte mich gestreßt. der meinen Fall halbwegs von Beginn an kennt. Die bringt überhaupt nichts.« Schließlich wandte er sich an Martin: »Sie haben doch die Hochdosis-Chemo halbwegs vertragen. »Aber ich habe mich dort nicht wohl gefühlt. schwierige Situation für mich. »Es ist. »Ich war richtig happy«. wie geht es Ihnen denn?« – »Ich hätte eine Menge zu erzählen gehabt«. »haben Sie aber riesige Tumoren. und am Tisch saß eine Krankenschwester und aß ihr Frühstück. Dann resignierst du. habe ich gesagt und dann bin ich wieder gegangen. Dazu bekam er eine Strahlentherapie mit der Maximaldosis von 50 REI verordnet. sagt Martin. daß ein großer Betrugsskandal aufgeflogen war. In dieser Phase hat er Frank Heinrich wiedergetroffen. und sie haben dich dort. und dann fragt er Martin so nebenbei: »Na. sagt Martin.« Martin hatte gelesen. sagt er.« Aber in dem Aufenthaltsraum stand eine unbekannte Hilfsärztin neben ihnen. Ständig spürt er Schmerzen vom Oberschenkel bis hinunter zum Knie. Das ist eine unangenehme. ›Eh gut‹. Dann haben Sie wieder ein paar Jahre Ruhe. Und Heinrich bittet ihn erstmals in ein Besprechungszimmer. wo sie dich haben wollen. sagte eine Ärztin zu ihm.

Studien zur Hochdosistherapie bei Brustkrebs gefälscht. In Wahrheit, kam nun heraus, schadet diese Chemotherapie mehr, als sie nützt. »Was sagen Sie dazu?« fragte er Heinrich. Der antwortete: »Haben Sie Brustkrebs? – Na also!«

Termin beim Chef
Schließlich bekam Martin sogar einen Termin bei Professor Marx*, dem Chef der Krebsklinik. Martin fragte ihn um Rat. Marx studierte kurz seine Akten, dann sagte er: »Fremdzelltherapie, das wäre das beste.« Keine nähere Erklärung. Martin sah ihn fragend an. Marx setzte nach: »Haben Sie Geschwister?« – »Ja«, sagte Martin, »eine Schwester.« »Na also«, meinte Marx, »dann ist ja alles klar: Machen wir eine Fremdzelltherapie!« Völlig aufgewühlt verließ Martin das Büro des Professors und ging mit dieser Nachricht schnurstracks zurück zu Heinrich. Der schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Der Marx immer mit seiner Fremdzelltherapie. Da sind von zehn Patienten innerhalb von 100 Tagen sieben tot. Und von den dreien, die übrigbleiben, sind 0,5 geheilt. Die anderen gehen langsam und elend zugrunde. Nein«, sagte Heinrich plötzlich heftig. »Das machen Sie mir nicht. Ich habe schon zu viele nicht mehr rausgehen sehen.« Schließlich schaute der Arzt Martin ganz intensiv an, fast als sehe er ihn zum ersten Mal, und sagte: »Es tut mir ja leid, Herr Halweg, aber ich wüßte auch nicht, was ich machen sollte, wenn ich in Ihrer Situation wäre.« »Ich habe ihn fast geliebt für diesen Satz«, sagt Martin, »endlich Klartext, endlich weg von diesem Das-Kriegen-WirSchon-Hin-Gesülze. Ich hatte das erste Mal das Gefühl, er redet offen mit mir.« Und dann war Heinrich von einem Tag auf den anderen weg. Jobrotation, erklärten die Verbliebenen. »Jetzt sitzt dort eine Ärztin, die mich überhaupt nicht kennt. Die kann meinen Befund lesen. Ja. Aber wenn sie meinen Befund lesen, dann wissen sie gar nichts. Da steht: Chemo gut akzeptiert, Werte so und so. Dieses und jenes gut

-2 0 6 -

angenommen. Da glauben sie, ich bin gesund, wenn sie das lesen.« Martin zieht den Fuß beim Gehen nach und ist schon nach wenigen Schritten erschöpft. Sein Sohn Moritz ist mittlerweile vier Jahre alt. Ein quicklebendiges, gesundes Kind. Martin wird nie mit ihm richtig Fußball spielen können. Schon gar nicht jetzt nach der Oberschenkeloperation. Martin war völlig perplex, als er hörte, wie groß das Stück war, daß der Chirurg rausgesägt hat. »Besteht da nicht die Gefahr, daß mir nun der Knochen bricht«, fragte er. Der Chirurg sah ihn an, als höre er von so etwas zum ersten Mal. Schließlich aber sagte er: »Ja – eigentlich schon. Wollen Sie einen Nagel reinhaben zur Verstärkung?« Martin sagte: »Ja, wenn es etwas bringt.« Und der Chirurg meinte, nunmehr ganz Fachmann: »Da nehmen wir einen langen Titannagel, das bringt sicher was.« Wenn ich nicht gefragt hätte, denkt Martin, wäre keiner auf diese Idee gekommen.

Röntgenexzesse
Während der Bestrahlungen sollte also nun die Nageloperation erfolgen. Martin fragte den Chirurgen, ob das eventuell zu Problemen führen könnte: eine offene Wunde und dazu die Bestrahlung. Ja, erklärte dieser, das sei allerdings ein Problem. Bei der nächsten Visite traten die Mediziner dann in voller Kompaniestärke mitsamt dem Chefarzt an. Martin mußte sich freimachen, und dann wurde gemeinsam an einer neuen Operationsmethode gefeilt. Der Nagel sollte vom Knie aus eingeführt werden, damit die Wunde außerhalb des Bestrahlungsfelds wäre. »Plötzlich«, sagt Martin, »waren alle Feuer und Flamme für meinen Fall.« Der Preis dafür war ein regelrechter Röntgenexzeß. Sein linker genau wie sein rechter Fuß wurden in allen nur erdenklichen Lagen abgebildet. Einen Grund dafür erfuhr Martin nicht. Kaum zu Hause, kam dann ein Anruf, daß er dringend wieder in die Klinik kommen sollte. »Es war nämlich leider kein Film drin während des Röntgens«, sagte die Chefsekretärin. »Es ist ganz
-2 0 7 -

wichtig, daß Sie noch mal kommen.« Martin, der zwanzig Kilometer außerhalb der Stadt wohnt, fuhr also noch einmal zur Klinik. Das bedeutete wieder acht Röntgenaufnahmen. Dann kommt zufällig der Chefarzt den Gang entlang und begrüßt Martin: »Das ist aber nett«, sagt er, »daß Sie gekommen sind. Ich brauche die Bilder nämlich für einen Vortrag, den ich morgen halte.« »Jetzt bin ich doch schon so lange in diesem Moloch«, fragte sich Martin später, »wie konnte ich nur auf die Idee kommen, daß diese plötzliche Wichtigkeit etwas mit mir persönlich zu tun haben könnte!«

-2 0 8 -

Der Essener Brustkrebsskandal
Im Medizinsystem lassen sich normalerweise keine Katastrophenübungen inszenieren. So etwas wie ein Flugsimulator wäre viel zu eindimensional, um die vielen Eventualitäten nachzustellen, die im Praxisalltag passieren können. Wenn dann etwas geschieht, ist es in den meisten Fällen gleich ein wirklicher Ernstfall. In solchen Krisensituationen zeigt sich dann aber, was ein System taugt. In der Ruhrpottmetropole Essen wurde dieser Extremfall in den neunziger Jahren gleich über mehrere Jahre geübt, ohne daß die Beteiligten – Patienten wie Ärzte – etwas davon ahnten. Und dabei ergab sich ein verheerendes Bild des Medizinkartells: Es präsentierte sich als unheilige Allianz aus mangelnder Zivilcourage, fehlender Kontrolle und nahezu mafiösem Kastendenken. Am 22. August 1995 geht Hildegard Müller, damals 51 Jahre alt, zum Vorsorgetermin zu ihrem Frauenarzt. Dieses jährliche Ritual hält sie seit ihrem 28. Geburtstag konsequent ein. Immer zum selben Arzt, Dr. Karner* in Duisburg. Der Gynäkologe scheint kompetent und sympathisch – und das wichtigste: l selbst ein Röntgengerät. Man muß nicht noch zusätzlich zum Radiologen. Karner tastet die Brüste ab, findet nichts Auffälliges, macht er seine Bilder und die restliche Untersuchung. Hildegard ruft ihn, wie üblich, nach einer Woche an und fragt, ob alles in Ordnung ist. »Ich habe eine Veränderung gefunden zum Röntgenbild von 1994«, sagt Dr. Karner. Er bittet sie, noch mal in seine Praxis zu kommen. »Ich bin kein Vogel Strauß«, sagt Frau Müller. »In meiner Familie haben zwei Verwandte Brustkrebs gehabt. Ich habe mich sehr mit der Möglichkeit beschäftigt, daß es mich auch mal treffen könnte.« 34 Als ihr der Gynäkologe den fraglichen Bereich am Ultraschall zeigt, meint Frau Müller: »Das isses nun wohl?« Und er nickt, deutet auf einen hellen Keil auf dem Bildschirm und meint: »Ja, das hier, das müssen wir abklären.« Sie solle sich einen Termin im Krankenhaus geben lassen.
-2 0 9 -

Einen Befund brauche er nicht zu verfassen, sagt der Gynäkologe, »denn wenn der Arzt im Krankenhaus ein Könner ist, dann sieht er sofort, was Sache ist.« Anstelle eines Befunds malt er auf die Röntgenaufnahme zwei Kreise und gibt ihr die Bilder mit. Frau Müller ruft ihre Schwester an und sagt: »Es hat mich erwischt.« Dann informiert sie ihren Mann. Seit dem Brustkrebstod von zwei Tanten hat sie diesen Tag immer gefürchtet und immer wieder gedanklich durchgespielt. Jetzt ist es also gefallen, das Damoklesschwert. Sie raucht etwas mehr, aber ansonsten bleibt sie gefaßt.

Nur eine Biopsie
Am 13. September zieht Hildegard Müller mit Sack und Pack ins Krankenhaus ein. Zwar soll nur eine Biopsie durchgeführt werft, doch sie meint, wenn etwas mehr daraus wird, möchte sie nicht mehr extra nach Hause fahren. Dr. Dohme*, der Chefgynäkologe, ein energischer, stets hektischer Mann, kommt mit einem Team von Ärzten und Schwestern herein. Er begrüßt sie und verlangt die Befunde. »Ich habe eine Röntgenaufnahme und eine Sonographie«, sagt Frau Müller. »Und wo ist der Befund?« Der fehlt. Dr. Dohme sieht sich die Bilder mit den eingekreisten Bereichen an und meint: »Geben Sie mir die Telefonnummer, mit dem muß ich reden.« Dann nennt er eine Uhrzeit für die Gewebeentnahme am nächsten Vormittag und verschwindet mit seinem Troß, der die ganze Zeit stumm daneben gestanden hat. Es ist bereits Mittag, als der Eingriff endlich stattfindet. »Sie kriegen binnen kürzester Zeit Bescheid, was los ist«, sagt Dohme, dann dämmert Hildegard in die Vollnarkose. Als sie spät am Nachmittag aufwacht, ist ihr speiübel. Ihr Mann Herbert bleibt bei ihr, um dabeizusein, wenn das Ergebnis eintrifft. Es wird Mitternacht. Aber es trifft nichts ein. Dohme ist nicht mehr auffindbar. Am nächsten Morgen um 7 Uhr donnert die Stationsärztin rein. »So«, meint sie, »da haben wir zehn Ampullen zum Abzapfen.«
-2 1 0 -

– Hildegard Müller fühlt sich noch immer elend. »Wieso denn – haben Sie schon ein Ergebnis.« – »Nö,« meint die Ärztin, »aber das muß jetzt so sein.« Also wird gezapft. Gegen Mittag erscheinen zwei unbekannte Ärztinnen an Frau Müllers Bett. »Sie hatten so ein pastorales Gesicht«, erinnert sie sich an den Auftritt. »Ich kriegte eine Gänsehaut.« – »Sie brauchen mir gar nichts zu sagen«, empfängt Hildegard Müller das Duo. »Ist bösartig, nicht?« – »Ja, leider«, ist die Antwort. »Dann lassen wir Sie jetzt allein, damit Sie sich ausheulen können.« – »Schauen Sie lieber, ob Sie den Dr. Dohme finden«, entgegnet die Patientin. »Denn jetzt gibt’s ja wohl einiges zu beratschlagen.« Hildegard Müller ruft Dr. Karner, ihren Gynäkologen, an und teilt ihm das Ergebnis mit. Der gibt sich nun ganz überrascht und bestürzt. »Ja«, meint er, »da war schon was auf den Bildern, aber so sicher war ich mir auch wieder nicht.« Zur Visite des nächsten Tages erscheint schließlich wieder Chefarzt Dohme mit seinem Begleittroß. »Sie haben ja schon gehört, was los ist«, beginnt er. »Ich würde empfehlen, daß wir die Brust ausräumen und das kosmetisch wieder aufbauen. Dann müssen wir aber auch an die zweite Brust ran, damit das gleich aussieht. Da kriegen Sie Silikon rein, überhaupt kein Problem.« – »Was ist denn mit dem Befund«, fragt Frau Müller. »Sollten wir nicht zur Sicherheit noch einen zweiten Pathologen fragen.« – »Nein«, sagt Dohme, »das ist technisch unmöglich. Dazu war die Probe viel zu klein. Aber von unserem Pathologen kommt ohnehin noch ein ausführlicher Endbefund.« – »Und der ist gut, der Pathologe?« -»Ein absolut erstklassiger Mann«, bestätigt Dohme und beginnt wieder in leuchtenden Farben vom plastischen Aufbau ihrer neuen Brüste zu schwärmen. »Und das ist dann von der Therapie her alles, was ich machen muß«, fragt die Patientin. »Ja – bis auf die Bestrahlungen natürlich. Da brauchen wir dann noch so 30 bis 40 Bestrahlungen.«

Die Entscheidung
Hildegard Müller schluckt. Bestrahlungen? Sie hatte von ihrem Hausarzt gehört, daß unangenehme Nebenwirkungen bei
-2 1 1 -

dieser Maßnahme fast nicht zu vermeiden sind. Innere Verbrennungen beispielsweise. Und dann bleibt noch das Risiko, daß der Krebs wieder nachwächst. »Nein«, sagt Frau Müller zu Dr. Dohme, »das ist mir nicht recht. Da ist es mir lieber, sie entfernen die Brust gleich ganz.« Als der Endbefund eintrifft, beschließt Hildegards Mann, Herbert Müller, den Pathologen aufzusuchen. Univ.-Prof. Dr. Josef Kemnitz steht an der Tür des unscheinbaren Nebentrakts des Elisabeth-Krankenhauses. Herbert Müller läutet, und der Professor öffnet selbst die Tür. Ein bärtiger, leicht korpulenter Mann. Leger gekleidet mit offenem Hemd und Jeans. »Ich komme, um die Proben meiner Frau abzuholen«, stellt sich Müller vor. Kemnitz ist überaus freundlich und zuvorkommend. Er sagt, er freue sich, daß ihn auch mal jemand besuche. »Normalerweise schicken sie mir nur immer kiloweise Gewebe, aber Menschen bekomme ich nie zu Gesicht.« Er wolle gern seine Mittagspause opfern, um ein wenig zu plaudern. »Wenn Sie wollen, erkläre ich Ihnen den Krebs«, sagt er. Die beiden setzen sich. Kemnitz bietet Kaffee an. Herr Müller erwähnt, daß seine Frau jetzt nachoperiert werden soll, daß die betroffene Brust entfernt wird. Kemnitz wirkt bestürzt: »Warum nachoperiert? Der Krebs Ihrer Frau ist doch vollständig heraus, den habe ich doch vollständig bei mir im Glas.« Müller weiß darauf keine Antwort. Schließlich fragt Kemnitz nach: »Ist sie privat versichert?« Müller nickt. »Ach, dann ist die Sache klar, deshalb wird sie operiert.« Herbert Müller ist baß erstaunt. »Wie meinen Sie das?« Doch plötzlich schwenkt Kemnitz in seiner Argumentation um 180 Grad: »Ich sage Ihnen was, wenn das meine Frau wäre – dann käme die Brust ab.« Damit ist für Hildegards Ehemann die Verwirrung vollkommen. Das ändert sich auch nicht, als Kemnitz hinzufügt: »Aber glauben Sie nicht, daß ich ein Frauenhasser wäre.« Völlig verwirrt erscheint Herbert Müller bei seiner Frau im Krankenhaus und erzählt ihr von der seltsamen Begegnung mit dem Pathologen. Den Befund hatte er nicht erhalten. Kemnitz versprach aber, ihn morgen zur Post zu geben. Tatsächlich ist

-2 1 2 -

Dazu kommt der Wundschmerz. Daß diese dann auch noch einzeln untersucht werden. »Ich hatte einen Wahnsinnsbammel vor der Nachricht. Die Wunde unter den Achseln. September die Brust zur Gänze entfernt. Denn natürlich wird jeder einzelne Knoten verrechnet.« Es dauert drei unerträglich lange Wochen. Kemnitz hat geschrieben. Ein winziger Tumor soll es gewesen sein von nur vier Millimeter Durchmesser. »Da sehen Sie. Ein Rekordwert. An ihrem Befall kann man erkennen. wo die Lymphknoten entnommen worden sind. daß die Lymphknoten befallen wären und ich Metastasen hätte. als hätte ihn Kemnitz persönlich vorbeigebracht. Frau Müller empfindet die Wartezeit auf den neuerlichen Befund des Pathologen als puren Horror. Nichtsdestotrotz ist der Befund ein Grund zu feiern.am nächsten Tag der vollständige Befund da. wie ihr Gynäkologe später betont. bis der Befund von Kemnitz kommt. -2 1 3 - . so sehr ist sie nun nervlich am Ende. In seinem Detailbefund wird der Tumor noch einmal bestätigt. Er ist einigermaßen eigenartig. tut Kemnitz’ Äußerungen als Mißverständnis ab. s chmerzt sogar mehr als die große Brustnarbe. wie gut der Pathologe ist«.« Trotz des Minitumors wird am 21. meint Dohme anerkennend. Hildegard Müller konfrontiert Dr. daß kein einziger Knoten vom Tumor befallen sei. So gefaßt Hildegard Müller bisher die Operationen über sich hat ergehen lassen. ist nicht üblich. Hildegard trinkt mit ihrer Schwester eine Flasche Sekt. deutet entweder auf ungewöhnliche Sorgfalt oder auf Geldgier. Doch der wechselt ständig das Thema. denn laut Rechnung hat der Pathologe insgesamt 39 Lymphknoten untersucht. Daß so viele Lymphknoten entnommen werden. »Ein anderer findet so etwas gar nicht. ob der Tumor lokal begrenzt war oder ob er sich schon ausgebreitet hat. Dohme mit den Aussagen des Pathologen. Dazu noch eine Reihe von Lymphknoten.

warum er den Tumor nicht selbst bemerkt habe. »Nein. Beim Vergleich der beiden Röntgenbilder sieht Dr.« Es sei ein invasives duktales Mammakarzinom. sondern 23 und acht Millimeter groß. in der Zwischenzeit aber um drei Millimeter auf insgesamt 15 Millimeter angewachsen ist. Zwei Jahre später erschrickt sie. »daß ich gleich Bescheid gewußt habe. »Das ist zwar harmlos. aber die Gefahr besteht. den Knoten entfernen zu lassen. dieser Pathologe Dr. so Scheich. »Er machte ein Gesicht«. »Sollte man nicht noch einmal woanders hin?« schlägt sie verzweifelt vor. Kemnitz ist hervorragend. daß Sie an so einen geraten sind. als sie sich beim Duschen die Brüste einseift. der Gynäkologe im Krankenhaus. Scheich*. Alles war normal. Möglicherweise sei er hinter dem Fibroadenom versteckt gewesen. Scheich wirkte im Gespräch unsicher.« Scheichs Therapievorschlag ist hingegen eindeutig: »Die Brust muß amputiert werden. »Außerdem war er mit fünf Millimetern doch recht klein. Seien Sie froh. Der erkennt Kleinstkarzinome. daß die Zyste auch schon 1992 vorhanden war. um den Befund des Pathologen abzuwarten. handele es sich um ein Fibroadenom. eingewachsen in den Milchkanal. erinnert sich Bärbel Mölders.Ein harmloser Befund Bärbel Mölders ging 1992 mit 40 Jahren zum ersten Mal zur Mammographie ins Bethesda-Krankenhaus in Essen. Gleich zwei. daß es irgendwann umschlägt. Frau Mölders folgt dem Rat. Und sie waren nicht 15 Millimeter. ebenfalls Privatpatientin. Wahrscheinlich. Die Operation wird durchgeführt. Frau Mölders. Voller Sorge geht sie zu ihrem Frauenarzt Dr. bleibt gleich in der Klinik.« Frau Mölders ist völlig am Boden zerstört. Scheich hält davon gar nichts. Ganz deutlich ertastet sie in der rechten Brust einen kleinen Knoten.« Also empfiehlt er. waren es Fibroadenome. Scheich mit dem Ergebnis. stand im Befund. und tatsächlich. Bader*. Der schickt sie abermals ins Bethesda-Krankenhaus zur Mammographie. so Scheich. Er rechtfertigt sich umständlich. Zwei Tage später kommt Dr. wo -2 1 4 - .

Zum Abschied mahnt Scheich noch. Daß möglicherweise bereits Lungenmetastasen aufgetreten seien oder jederzeit auftreten könnten. Frau Mölders kann sich die Ärzte aussuchen. Alfred Kurz* gilt als der angesehenste Radiologe in ganz Essen. Das ist zuviel. Bader. Statt dessen redet er weiter. fragt sie später verzweifelt ihren Frauenarzt Dr. Sie reißt den Umschlag gleich auf der Straße auf. dem Unglück. Diesmal hatte Kemnitz laut Befund 25 Lymphknoten untersucht. nicht die Nachsorgetermine zu vergessen. Der erste Termin zur Mammographie kommt im November 1994. Sie ist froh. Er hat Wartezeiten von sechs Wochen. Keine zweite Diagnose. Und bricht beinahe zusammen.« Scheich meint es als Kompliment. Die Sprechstundenhilfe drückt ihr kommentarlos einen verschlossenen Brief in die Hand. Frau Mölders trinkt keinen Sekt. daß man hier großflächig operieren muß?« -2 1 5 - . Und deshalb dürfe keine Zeit verloren werden. Er ist an ihren Frauenarzt adressiert. Frau Mölders denkt an ihren 12jährigen Sohn und an die Unmöglichkeit. Was ist eine Brust gegen das ganze Leben? Und sie läßt sich vom Tempo des Gynäkologen mitreißen. Von »sehr suspektem Gewebe« ist da die Rede. »Wie ist so was möglich«. und sie will auf Nummer sicher gehen. Diese Zeit will Bärbel Mölders gern für ihre Gesundheit investieren. das »einer großflächigen OP-Sanierung« bedürfe. Er ahnt nicht. Frau Mölders erlebt einen seelischen Zusammenbruch.andere nie etwas finden würden. Sie bleibt gleich in der Klinik. wie nahe er damit an der Wahrheit ist. Doch Frau Mölders hält die Spannung nicht aus. ihn allein zu lassen. das so überfallartig in ihr Leben eingebrochen ist. Den Befund holt sie persönlich ab. so rasch wie möglich zu entfliehen. »Bei dem ganzen Drama um meine rechte Brust ist doch auch immer die linke mit untersucht worden? Wie kann sich das so schnell auswachsen. Wiederum ist das Ergebnis in allen Fällen negativ.

»operieren müssen wir schon. Ich wollte dem ganzen Schrecken ein Ende machen. Da ruft Scheich an und sagt.»Der Mann sieht das Gras wachsen« Bader ist ebenso sprachlos wie sie. weil ja nichts ausgestrahlt habe.« Ihre rechte Brust ist nur noch eine große häßliche Narbe.« Die Worte des Arztes sind Balsam. Mehr als eine Woche vergeht. Am 10. Nach der »großflächigen Ausschälung« würde sie noch unansehnlicher. so Scheich. sei es nicht notwendig Lymphknoten zu entfernen. »Ich hätte es nicht mehr ertragen. Sofort keimt wieder Hoffnung auf. noch eine Operation zu machen und dann nach jeder Bestrahlung wieder im Ungewissen zu sein. Und das geht nur mit Biopsie. -2 1 6 - . meint Bader. fahrt Bärbel Mölders mit ihrem Mann und ihrem Sohn auf Winterurlaub. Wir müssen dem Radiologen ja das Gegenteil beweisen. da ist nichts. Auch ihre zweite Brust ist nun eine Narbe. sagt sie zu ihrem Mann. »Dann brauchen wir die Biopsie gar nicht«. »Ich wollte dem ganzen Unglück ein für allemal entfliehen«. »mitten aus dem Leben bin ich binnen sechs Monaten so nahe am Tod gelandet. »Nein«. Man müsse nochmals die Schnittstelle großflächig ausschälen und anschließend 30 Mal bestrahlen. Januar 1995 kommt sie zur Operation in die Klinik. Diesmal sei es kein Tumor. Und dazu noch die Bestrahlungen mit ihren schweren Nebenwirkungen. Immer und immer wieder sieht er sich Kurz’ Röntgenbilder an und meint: »Der Mann sieht das Gras wachsen. fragt sie. Dafür.« Psychisch völlig am Ende. Ein Trost ist das nicht gerade für Bärbel Mölders. Was erkennt der bloß. was sie jetzt wieder finden. sondern eine sogenannte nicht infiltrierende Tumorvorstufe. und Scheich operiert. die linke von der Biopsie auch schon schwer gezeichnet.« Bader zeichnet die »suspekten Stellen« mit Nadeln in der Brust an. »Das darf doch nicht wahr sein«. erinnert sich Frau Mölders an ihren damaligen Gemütszustand. der Pathologe habe ein vier Millimeter großes Karzinom festgestellt.

Allof*. und er brauche ein wenig Zeit und könne das jetzt nicht so rasch … Doch Allof läßt nicht locker. Aber Allof hat anderes im Sinn. Dann wieder schwitzt er plötzlich. »Das kann nie stimmen. sagen sie später. vergleicht sie miteinander. er gehe nicht ohne die Gewebeproben. In manchen Praxen lagen die Krebsfälle um mehrere hundert Prozent über den Werten früherer Jahre. An der Bahnhofstraße hat sich Dr. die Praxis ist neu eingerichtet und läuft gut an. Achseln werden gezuckt und die Stirn in Falten gelegt. kommen Sie bitte mit. sagt er zu ihr. Seine Freundlichkeit spricht sich herum. Die Ärzte der Stadt besprechen dies auch beim Tennis. daß in letzter Zeit die Brustkrebsfälle so rasant angestiegen sind. Dr. Aber so etwas gibt es eben. Und Kemnitz windet sich. liest die Häufigkeiten dieser exotischen Diagnosen nach. So etwas hat man normalerweise in einer ganzen Gynäkologenkarriere nicht.« Kemnitz ist völlig überrascht. Allof lassen die Befunde keine Ruhe. Daß er sich mehr Zeit nimmt und die Frauen aussprechen läßt. Er murmelt etwas von unzuverlässigen Mitarbeitern. Es wird weiter operiert.Die Krebswelle fällt auf Aufgefallen ist es den meisten der Essener Frauenärzte schon. und Probleme gibt es auch sonst genug. Kemnitz wird ärgerlich und beginnt zu schreien. »Ich brauche Sie als Zeugin. am Stammtisch. Immer wieder liest er sie. sucht in der einschlägigen Literatur. Keiner der Gynäkologen. was der schreibt«. Er überschlägt sich geradezu vor Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Auch daß diese Befunde überdurchschnittlich häufig aus dem Labor von Dr. Und auch diese Praxis wird von der Krebswelle erfaßt. was hier in einem Jahr daherkommt. Er bietet sogar Kognak an am frühen Vormittag. Chirurgen und Hausärzte unternimmt etwas. Radiologen. Kemnitz kamen. Er sagt. ein junger Gynäkologe. Zwölf Fälle innerhalb weniger Monate. daß sich sein Hemd -2 1 7 - . angesiedelt. als Allof mit der jungen Frau vor seiner Tür steht und die Gewebeproben von zwölf Patientinnen fordert. Allof ruft seine Sprechstundenhilfe. Und fast immer waren es extrem seltene und auch sehr kleine Karzinome. chemotherapiert und die Brüste abgeschnitten.

Feurige Vertuschung Etwa zu jener Zeit. Kemnitz ein Brand aus. Was hatte Allof auch erwartet? Er fühlt sich wie ein paranoider Idiot und will die Sache beenden. Ob es sich um Brandstiftung gehandelt hat. nach drei Stunden voller Ausflüchte. um zu bestätigen. die laut Gesetz archiviert werden müssen. Der beginnt sofort mit den Untersuchungen und bestätigt wenig später. Im Lauf der nächsten Tage bekommt der junge Gynäkologe nach und nach von Kemnitz die fehlenden Gewebeproben seiner zwölf Patientinnen zugeschickt. Erst damit gibt sich Allof vorläufig zufrieden. Da kommt sein Freund mit einem abschließenden Rat: »Damit du wieder gut schlafen kannst.verfärbt. und schließlich. kramt er einige Proben hervor. solltest du noch überprüfen lassen. Menschen kommen dabei nicht zu Schaden. Allof ist dies ein weiteres Indiz. Kemnitz verglichen werden. »Ja. in den Flammen verloren oder werden im Zuge der Aufräumungsund Löscharbeiten durcheinandergebracht. daß mit dem Labor des Herrn Kemnitz einiges -2 1 8 - . Entweder herrscht bei Kemnitz eine unglaubliche Unordnung. Für den aufmerksamen Gynäkologen Dr. das ist eindeutig Krebs. Alles hatte seine Richtigkeit. Nun lädt er alle Patientinnen ein und nimmt aktuelle Blutproben. kann nicht geklärt werden. Jedenfalls gehen aber viele der Gewebeproben. Das Ergebnis wirft Allof fast um: Drei Viertel der Gewebeproben sind vertauscht. daß sie auch wirklich von den ausgewiesenen Spenderinnen stammen. ob diese Gewebeproben auch tatsächlich von deinen Patientinnen stammen. Diese sollen nun per gerichtsmedizinischem DNA-Test mit den Gewebeproben von Dr.« Also doch die richtige Diagnose. oder er versucht bewußt zu betrügen. bricht im Labor des Dr. Allofs nächster Weg führt ihn zu einem befreundeten Pathologen außerhalb von Essen. im April 1996.« Allof stimmt zu. Sie stimmen genetisch nicht mit dem Blut der Frauen überein.

und im Magazin Stern erscheint im Juni 1996 ein erster Bericht. wie der Pathologe heißt. Allof. Er wird von den Kollegen geschnitten und ist unangenehmen Repressalien ausgesetzt. wenn ein katastrophaler Biopsiebericht ein Leben zerstör Nach den Medienberichten sahen viele betroffene Frauen zuerst einmal in ihren Unterlagen nach. er selbst das Opfer einer gemeinen Verschwörung. Scheinbar gönnten ihm einige Kollegen sein gutgehendes Labor nicht. Auch die Presse erfährt davon. Er richtet sich allerdings nicht gegen den seltsamen Pathologen. Kemnitz hingegen verteidigt sich geschickt. »Ich habe den Boden unter den Füßen verloren. Kemnitz kündigt saftige Klagen an.nicht in Ordnung ist. Neid und Mißgunst wollten ihn um die Früchte seiner lebenslangen Arbeit bringen. Alle Vorwürfe seien reine Unterstellung. frühmorgens am 2. als ich diesen Namen unter meinem Biopsiebefund las«. sondern gegen den Aufwiegler. Daraufhin ist erst einmal Ruhe. sagt Bärbel Mölders. Die Staatsanwaltschaft hätte schlecht ermittelt. Kemnitz ruft sie gleich zurück und meint. Wenig später. »Ich möchte mit diesem Fall nie wieder etwas zu tun haben«. Er gilt als übler Nestbeschmutzer. Sollte mit der Brandstiftung das Chaos im nachhinein vertuscht werden? Was führt Kemnitz im Schilde? Allof will nicht länger zusehen und berichtet dem Standesvertreter der Pathologen von seinem schwerwiegenden Verdacht. Wer erkundigt sich schon. Gleichzeitig schreibt sie Kemnitz an und fordert die Herausgabe ihrer Gewebeproben. Dann kommt Monate später im Mai 1997 völlig überraschend ein Brief von Kemnitz. So wie auch Hildegard Müller erstattet sie Strafanzeige. die aus dem entlegenen -2 1 9 - . diese seien beim Brand leider vernichtet worden. Viele der betroffenen Frauen hatten den Namen Kemnitz noch nie gehört. den Rufschänder aus den eigenen Reihen. Es sind schlimme Monate für Dr. Kritikern unterstellt er finanzielle Motive und mangelnden Sachverstand. Untersuchungen werden eingeleitet. sagt Allof heute. Juni 1997. fallen Anrainern dichte Rauchschwaden auf. Daraufhin bricht ein Sturm der Entrüstung über Essens Medizinerszene herein. die Proben seien doch noch da.

bevor es ihn erfassen kann. Als sie vom Tod ihres ExMannes informiert wird.Krankenhaustrakt aufsteigen. Damals hieß er noch Blaschek. Auch damals war ein Übermaß an Krebsbefunden aufgefallen. Erstickt. Und Dr. Und somit konnte er sein Unwesen fortsetzen. Dohme. Das Feuer wird gelöscht. Die Feuerwehr kommt mit drei Einsatzfahrzeugen zum Labor des Dr. sinnlose Chemotherapien oder Bestrahlungen durchleiden müssen. Trotzdem wurde sein Vertrag »im Einvernehmen« gelöst. fordern die Frauen. Rund um ihn brennt es. In den Gängen des Labors sind 48 Liter Formalin ausgeschüttet worden. daß Josef Kemnitz erst vor wenigen Jahren eine andere Stelle in Frankfurt am Main verloren hat. Josef Kemnitz kam in den sechziger Jahren mit seinen Eltern aus der CSSR. angeführt von Hildegard Müller und Bärbel Mölders. nun eine vollständige -2 2 0 - . Kemnitz. daß man einen Kleinbus anfordern muß. Einschlägige Vergangenheit Nun erst beschäftigen sich Polizei und Ärztevertreter mit der Biographie des Pathologen. Um den Toten liegen so viele leere Flaschen Wein und Schnaps. um sie wegzuschaffen. Aber Kemnitz ist bereits tot. Kemnitz hat scheinbar tagelang seinen Untergang gefeiert. bekleidet nur mit einem Tangaslip. Dann heiratete eine Zahnärztin aus einer angesehenen Wissenschaftlerfamilie und nahm ihren Namen an. Frau Kemnitz ließ sich vor langer Zeit scheiden und lebt mit ihrem Sohn von Josef Kemnitz getrennt. Dabei stellt sich heraus. Seine Privatwohnung befand sich in einem Miethaus. daß Kemnitz mehrere Millionen Mark Schulden hatte. lehnt sie jeglichen Kontakt und jegliche möglichen Erbschaftsansprüche rundweg ab. Rasch stellt sich heraus. Es wäre aber auch nichts zu erben gewesen. daß es sich um Brandstiftung handelt. Insgesamt haben rund 300 Frauen eine oder beide Brüste verloren. Kurz und Co. In insgesamt 62 Strafanträgen gegen Scheich. das dem homosexuellen Milieu zugerechnet wird. Bei der Sichtung der persönlichen Verhältnisse stellt sich heraus. Kemnitz liegt mittendrin.

daß sich zehn von elf Frauen unnötig dem psychischen und körperlichen Streß einer Gewebeentnahme aussetzen müssen. 35 Ingrid Schreer analysierte nun die Röntgenbilder der Frauen und verglich sie mit den Diagnosen der Fachärzte. »Aber das Verhältnis gefundener Tumoren zu Fehlalarm sollte doch in etwa ausgeglichen sein. sagt Hildegard Müller. wie man sich trauen konnte. Denn Kemnitz hat kein einziges Röntgenbild analysiert. bei einer derartig schlechten Bildqualität überhaupt einen Verdacht auszusprechen. »Uns geht es am wenigsten um Kemnitz«. Bei Bärbel Mölders fand sie anhand der Röntgenbilder in der rechten Brust zwei kleine. sagt die Kieler Radiologin Ingrid Schreer. die nach dem Befund des »besten Essener Radiologen« einer -2 2 1 - . soll eine Patientin operiert werden dürfen. Die Biopsie soll abgesichert sein durch Radiographie und Ultraschall. Unter diesen beschämenden Bedingungen. »sollte man die Krebsfrüherkennung besser gleich ganz bleiben lassen«. Erst wenn Gynäkologe.« Die tatsächliche Rate sogenannter falsch-positiver Befunde liegt in Deutschland aber wesentlich höher.Aufklärung des Ärzteskandals. Radiologe und Pathologe sich nach ausführlicher Besprechung im Konsens dafür entscheiden. »Kriminelle und Geistesgestörte gibt es leider überall. eine der gerichtlichen Gutachterinnen im Fall Kemnitz. Die beiden Frauen sehen sich nicht als Racheengel. Hundertprozentig sicher könne ein Mammographiebefund nie sein. in dem derartige Amokläufe möglich sind. Aber sie wollen ein System demaskieren. Bei Hildegard Müller wunderte sie sich. er hat keine Biopsien entnommen und keine einzige Brust amputiert. Kein Röntgenbild soll alleiniger Anlaß für einen Eingriff sein. nämlich bei zehn zu eins. Was die Sache erst zu einem Skandal macht. sagt Schreer. In Gang gesetzt wurde die Spirale durch die Fehlinterpretation der Röntgenärzte. Das bedeutet. meint Schreer.« Künftig soll nach dem Wunsch der Frauen in Deutschland keine Operation mehr stattfinden ohne Zweitdiagnose. höchstwahrscheinlich gutartige Knoten. ist diese unglaubliche Schlamperei und die Mittätermentalität der anderen Ärzte. Die linke Brust.

»großflächigen OP-Sanierung« bedurfte. -2 2 2 - . stufte die Gutachterin als »gänzlich unauffällig« ein.

DIE FÜNFTE TODSÜNDE: DIE VERWECHSLUNG VON SYMPTOM UND URSACHE -2 2 3 - .

dafür aber wegen vermehrter Krebstodesfälle insgesamt in der behandelten Gruppe die -2 2 4 - . Das Absenken eines einzigen Grenzwerts läßt ganze Märkte aufblühen und rekrutiert Millionen von Menschen als neue Kunden eines Medikaments. die später Herzkrankheiten auslösen. Damit war ein Paradigmenwechsel eingeleitet: Die vorbeugende Therapie Gesunder sollte zur teuren Selbstverständlichkeit werden. daß der damals meistverwendete Cholesterinsenker Clofibrat zwar das Herzinfarktrisiko senkte. Auf der Grundlage des Mammutprojekts Framingham formulierten die amerikanischen Institute einheitliche Normen.Die Inflation der Risikofaktoren Framingham. Cholesterin im Blut etwa soll nach den Richtlinien der USGesundheitsbehörden ab einem Wert von 200 mg/dl chemisch gesenkt werden. Die medikamentöse Behandlung einzelner Blutwerte macht es hingegen nicht notwendig. Denn daß der Medizinbetrieb mit Verhaltensmaßregeln den die Gesundheit belastenden Lebensstil der Menschen nachhaltig beeinflussen könnte. Der statistische Mittelwert bei Männern zwischen 40 und 59 Jahren liegt hingegen bei 240 mg/dl. den Lebensstil zu ändern. ein Städtchen an der Ostküste der USA. 1 Wer das Fett abbekommt In den sechziger und siebziger Jahren wurden millionenfach Cholesterinsenker verordnet. 1978 folgte die erste Ernüchterung: In einer großen Studie hatte sich gezeigt. ohne daß dies an der HerzKreislauf-Sterblichkeit etwas änderte. hatte sich sehr bald als Illusion herausgestellt. ab welchen Laborwerten im Blut gesunde Menschen zu Behandlungsfällen werden. Danach ist statistisch gesehen die gesamte Weltbevölkerung dieser Altersgruppe behandlungsbedürftig. markierte einen Wendepunkt in der Medizin: Erstmals sollten über die jahrelange genaue Untersuchung der Bevölkerung jene Faktoren identifiziert werden.

mußte der Leverkusener Pharmariese die Wirksamkeit nicht -2 2 5 - . Doch der Rückschlag wurde mehr als wettgemacht.Sterblichkeit höher war als in der unbehandelten. die allerdings zum Tod führen können. schon im Jahr 1989 erzielte es allein auf dem US-Markt einen Umsatz von 500 Millionen Dollar. die nur mit einem Scheinmedikament versorgt worden war.« Die Untermauerung der Sinnhaftigkeit der Cholesterinsenkung läßt sich die Industrie einiges kosten. meint der Bremer Sozialmediziner Dieter Borgers. Als Bayer 1997 das sechste Statin auf den Markt brachte. Verstopfung und Völlegefühl sind am Anfang der Behandlung häufig. später kann es zu Leberschäden kommen. Oder andersherum: 993 von 1000 Menschen werden ohne Nutzen behandelt. wies praktisch die gleichen Werte auf wie zu Beginn der Studie. Pfizer setzt mit dem Marktführer jährlich sechs Milliarden Dollar um. »Dagegen ist eine Goldgrube unwirtschaftlich«. Und sehr selten treten schwere. Nach fünf Jahren waren die Cholesterinwerte der mit Statinen behandelten Gruppe um 20 Prozent gesunken. 250 Millionen Dollar hatte die Entwicklung gekostet. Rhabdomyolyse genannte Muskelschäden auf. 45 Millionen Dollar steckte etwa Bristol-Meyers-Squibb ab 1990 in die GlasgowStudie. als die Mitarbeiter der Firma Merck 1986 der US-amerikanischen Arzneimittelzulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) die Unterlagen zur Zulassung des Cholesterinsenkers Lovastatin überreichten. 6500 Männer zwischen 45 und 65 Jahren mit einem Wert von über 250 mg/dl wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Heute gibt es sechs verschiedene derartige Statine. lassen sich in dieser Altersgruppe damit sieben Todesfälle durch Herz-KreislaufErkrankungen vermeiden. Alle zusammen sind jedoch vom Risiko der Nebenwirkungen betroffen: Magenverstimmung. Die Gruppe. Doch das Herz-Kreislauf-Risiko hat sich in beiden Gruppen kaum unterschiedlich entwickelt: Wenn man 1000 Menschen fünf Jahre lang mit dem Statin behandelt. »weil die Produktion der Wirksubstanz fast nichts kostet. berechnet Borgers den Effekt durch den Riesenaufwand 2.

mehr umfangreich belegen – zu ähnlich war der Wirkstoff von Lipobay den anderen Statinen. dürften sie nach Hochrechnungen von Pharmakologen zusammen mehr als dreimal soviele Todesfälle ausgelöst haben wie das BayerProdukt. daß es für Cholesterinsenkung bei älteren Patienten keine wissenschaftliche Basis gibt. mit sinkenden Cholesterinwerten sogar eine höhere Sterblichkeit aufwiesen. deren Wirksamkeit nur in der Altersgruppe bis 65 Jahre belegt ist. Ärzte versprechen damit nicht nur Rettung vor Herzinfarkt. die gleichen Nebenwirkungen auftreten. Die Eiweißfragmente können die Nierenkanälchen verstopfen. als sie nutzen: Eine aktuelle Langzeitstudie der Universität Honolulu zeigt. Und dort schaden sie offenkundig mehr. Bei mehr als 50 Lipobay-Patienten führte dies zum Tod. Seit 1976 in Framingham die weiblichen Sexualhormone als gewichtiger Schutz vor Herzleiden bezeichnet wurden. sogar mehrheitlich bei Menschen im hohen Alter eingesetzt. Die fünf anderen Statine blieben jedoch auf dem Markt. daß -2 2 6 - . mußte Bayer seinen Goldbringer wieder vom Markt nehmen.« Ein lukrativer Jungbrunnen Ein zweites Beispiel für vorschnellen ärztlichen Aktionismus ist die Hormonersatztherapie. 3 Der Studienleiter Irwin Schatz gibt sich ratlos: »Wir können uns unsere Ergebnisse selbst nicht erklären. Prospekte versprechen. werden Frauen ab den Wechseljahren Östrogene verordnet. denen Statine besonders ans Herz gelegt wurden. sondern auch vor Osteoporose und Alzheimer. Weil sie weit häufiger eingesetzt werden als der Spätling Lipobay. Sie zeigen jedoch. Längst werden die Cholesterinsenker. Rhabdomyolyse ist eine seltene Krankheit. wenn auch seltener. Erst nachdem im Zusammenhang mit der Einnahme des Cholesterinsenkers 387 Fälle von Rhabdomyolyse gemeldet worden waren. daß Patienten im Alter jenseits von 65. bei der Muskelgewebe zerstört wird. obwohl auch bei ihnen.

Im Fachblatt New England Journal of Medicine wird resümiert. so Mühlhauser. Evelyn Langley. an einem Samstag im Sommer 1948. 5 Das medikamentöse Kaschieren eines potentiellen Risikofaktors für Herzleiden wird erkauft durch den breiten Anstieg anderer Krankheiten. unkontrollierten Experiment gleich«. Professorin für Endokrinologie an der Universität Hamburg. Ingrid Mühlhauser. Mutter dreier Kinder. da nach dieser Zeit das Risiko von Brustkrebs deutlich ansteigt 4 . Eine genauere Betrachtung der Daten und längere Beobachtungsperioden zwingen jetzt dazu. die Therapierichtlinien und Empfehlungen zu revidieren. daß eine Hormonersatztherapie nach fünf Jahren (in denen sie lediglich gegen Hitzewallungen wirksam war) abgesetzt werden sollte. Ein anderes Forscherteam veröffentlichte Beweise dafür.« 6 Ein Städtchen schreibt Geschichte Framingham. »Sie wurde auf bloßen Verdacht hin angewendet. nennt die Praxis der Hormonersatztherapie eine der größten Blamagen in der Medizin. »Peinliche Wissenslücken in der Gynäkologie schließen sich erst jetzt. Klinische Studien ergeben jetzt das genaue Gegenteil der ursprünglichen Absicht. Ihr Anliegen ist ungewöhnlich: Sie -2 2 7 - . wo sie als Elternvertreterin engagiert ist. daß die Hormonersatztherapie die Nierentätigkeit einschränkt und das Organ nachhaltig schädigen kann. Sie geht durch die schnurgeraden Straßen der Schachbrettsiedlung mit den frisch gepflanzten Alleebäumen und klingelt an jeder Tür.Wechselbeschwerden hintan gehalten und Haut und Brüste straffer werden. ist auf dem Heimweg von einer Versammlung in der Aula der Woodrow Wilson Elementary School. die Verordnung kommt einem riesigen. das drohende Alter damit in sicherem Abstand bleibt. Massachusetts. Die zugrundeliegenden Studien zeigten sogar einen Anstieg der Herzinfarktrate im ersten Jahr durch von Östrogen stimulierte Blutgerinnung. Neuere Forschungen können lediglich den Schutz vor Hitzewallungen durch die Medikamente belegen.

an etwas wirklich Großem beteiligt zu sein«. Aus den umzäunten Vorgärten steigt Barbecueduft auf. Heute ist ihr erster Arbeitstag. auch das der Familie Langley. gestanden. Mit dem Umfang der Wirschaftswunderbäuche wuchs die Zahl der Herzinfarkttoten rasant. beschreibt sie ihre damaligen Empfindungen. Vor der Tür waschen die Männer. Bisher hatte die Kleinstadt mit ihren 28000 Einwohnern sehr im Schatten der größeren Städte Worcester. und wir waren auch die ersten. eine Anstellung gefunden. man ist stolz darauf. 7 Vormittags war sie mit 15 anderen zu einer Unterweisung in der Aula der Schule zusammengekommen. Jetzt aber hat General Motors eine große Montagehalle am Rand der Stadt errichtet. »wir beschäftigten uns als erste mit einer nichtinfektiösen Erkrankung. den ungewöhnlichen Nebenjob anzunehmen. und es geht spürbar aufwärts. und vor allem Boston. ihre Autos. sind neu gebaut. um Haus und Auto zu bezahlen. der nach dem Krieg einen neuen Wohlstand ins Land bringt. die einen Zusammenhang zwischen Lebensweise und Krankheit herstellen wollten. zwischen 1966 und 1979 Direktor der Studie. »Von Anfang an hatte ich das Gefühl. von Ärzten genau untersucht und befragt zu werden – und zwar ihr Leben lang. Thomas Dawber der damalige Leiter der Studie. als den Kampf gegen den größten Killer Amerikas aufzunehmen. den Herztod. Die junge Familie braucht Geld. Die uniformen Einfamilienhäuser in der Gegend. an den Enthusiasmus der ersten Tage. meist Arbeiter der nahen Fabriken. und auch in Framingham spürt man den Wirtschaftsboom. »Wir waren Pioniere eines neuen Verständnisses von Krankheit«. Herzkrankheiten -2 2 8 - . dem größten Arbeitgeber der Region. täglich gebratenes Fleisch auf den Tisch bringen zu können.« 8 Die Zeit drängte. worum es ging. Darum hat Evelyn sich entschlossen.bittet um das Einverständnis ihrer Nachbarn. Amerikas Wirtschaft befindet sich im Aufschwung. erinnert sich William Kännel. 20 Meilen westlich. hatte ihnen erklärt. Evelyns Ehemann ist gerade erst von seinem Militärdienst aus Deutschland zurückgekehrt und hat ebenfalls bei GM. etwa 20 Meilen östlich am Atlantik. Um nichts weniger.

Eifrige Herzlichkeit Kurz vor Beginn der Sommerpause 1948 gab der Kongreß 500000 Dollar für das Projekt frei. als die Studienbetreiber sich erhofft hatten. Die Framinghamer Forscher wollten nicht mehr und nicht weniger. Die Politiker erwarteten sich nicht allzuviel davon. 30 Jahre zuvor. Die Krankheit schien sich wie eine Epidemie auszubreiten. als diesen Triumph zu wiederholen und herauszufinden. Durch die bloße Beobachtung der Menschen – ein Eingreifen war strengstens verboten – sollten das Geheimnis der Krankheitsentstehung gelüftet und Millionen Leben gerettet werden. Der geistige Vater der Framingham Heart-Study. ein vehementer Verfechter epidemiologischer Herangehensweisen. Daß dies daran lag. 1918. »Ein Betrag gleicher Größe wurde im selben Jahr zur Erforschung des Long-IslandKartoffelkäfers ausgegeben«. Auch die Nähe zu den medizinischen Zentren der -2 2 9 - .rafften zu dieser Zeit bereits ein Viertel aller amerikanischen Männer hinweg. und die Summe war viel geringer. fiel nicht ins Gewicht. Vor dem Krieg. Der grandiose Siegeszug der Antibiotika galt als großartigste Leistung der modernen Medizin. der Chirurg Josef Mountin. das Registrieren körperlicher und sozialer Merkmale und die Begleitung der Studienteilnehmer ein ganzes Leben lang. und die Wissenschaftler hofften dadurch auf Verständnis in der Bevölkerung. Die Entscheidung für Framingham als Ort der Erhebungen fiel leicht. um gegen den »number one killer« – wie der Herzinfarkt im Hausjargon schon damals genannt wurde – vorzugehen. so bestätigen die Aufzeichnungen der Mediziner. daß er zu dieser Zeit nicht diagnostiziert werden konnte. was das Herz zerstört – und was es retten kann. spielte der Herzinfarkt gar keine Rolle. Der Plan war außergewöhnlich und ehrgeizig: die detaillierte medizinische Durchuntersuchung einer ganzen Stadt. war hier eine große Tuberkulosestudie durchgeführt worden. ärgert sich Dawber noch heute. wandte sich an das National Heart Institute.

»Dreimal täglich gab es Wurst oder Fleisch«. wenn es soweit ist. erinnert sich Evelyn Langley. Fleisch bedeutete Wohlstand und das beste Essen überhaupt. ob die Leute uns damals hereingelassen hätten. war gesund. Die beiden Wissenschaftler bauten ein unscheinbares Backsteinhaus in der weit abseits des Zentrums gelegenen Thurber Street zum Beobachtungsposten aus. der eben kommt. Wie Evelyn Langley ging auch Walter Sullivan von Tür zu Tür – »Ich weiß nicht. »Versuchskaninchen« zu werden und intimste Daten an eine Behörde weiterzuleiten schien wenig verlockend. die mit 1000 medizinischen Veröffentlichungen und 43 Millionen Dollar Aufwand den Begriff Präventivmedizin erst prägen sollten. was für ein schlechtes Gewissen wir ihnen machen würden«. Noch dazu ehrenamtlich. bevor es gegessen wurde. Zunächst war es nicht leicht. Ärzte rieten sogar zur Zigarette bei Kreislaufproblemen.berühmten Harvard-Universität sprach für die kleine Stadt im prosperierenden Massachusetts. in die wir wirklich alles hineinwarfen. Vorsorgeuntersuchungen gab es nicht. »auf dem Tisch stand eine Friteuse. scherzt der 87jährige Rechtsanwalt der noch immer täglich in seiner Kanzlei arbeitet. wer nicht krank war. Bis heute enthält die Studie Gesundheitsreports von mehr als 10000 Bewohnern der 60000-Einwohner-Stadt. Es waren die Einwohner von Framingham. Niemand verstand den Nutzen solcher Untersuchungen. das größte epidemiologische Langzeitprojekt aller Zeiten. Hoher Blutdruck wurde als harmlose Alterserscheinung akzeptiert.« Rauchen diente 70 Prozent der Männer zur Entspannung und Konzentrationsförderung. und mit Cholesterin beschäftigten -2 3 0 - . wenn sie geahnt hätten. Krankheit galt als Schicksalsschlag. Die Framingham Heart Study. Alle zwei Jahre werden sie einberufen und mit allen erdenklichen Untersuchungen und Fragebögen überprüft. war geboren. Trotz des geringen Budgets machte sich Josef Mountin zusammen mit der jungen PublicHealth-Expertin Glicin Meadors gleich ans Werk. Und wirklich – Vor Framingham war das Leben angenehm: Fett stand für Nahrhaftigkeit und Geschmack. Menschen für das Projekt zu begeistern.

von nun an galten diese Laborwerte als Risikofaktoren.und Cholesterinwerten an und erzählte stolz. Zuwiderhandlungen werden mit dem Tod durch Herzinfarkt bestraft. Wer seinem Herzen etwas Gutes tun wollte. »Man gab abends in der Kneipe regelrecht mit seinen guten Blutdruck. Blut abgenommen und nach den verschiedensten Kriterien untersucht. war erfunden. »Diese Untersuchungen waren viel genauer als diejenigen. doch die hatten es in sich: 1959 wurde veröffentlicht. an welche Maschinen man angeschlossen wurde«. der schonte sich nach Kräften. der Allgemeinmedizinern heute rund um den Globus die Wartezimmer füllt. Bewegung war für Herzkranke ein strenges Tabu. daß hoher Blutdruck und hohe Cholesterinwerte bei den Herzinfarktpatienten häufiger gemessen wurden als bei den anderen Teilnehmern. sondern als gemütlich. versuchte ebenfalls Freunde und Bekannte zur Teilnahme an der Studie zu überreden. Die Konsequenzen waren gewaltig.sich einige wenige Chemiker in ihren Labors. erinnert sich Galvani. Die Untersuchung gesunder Menschen. Was seit den sechziger Jahren des letzen Jahrhunderts als der richtige Lebensstil zu gelten hat. der gerade aus der Armee ausgeschieden war. »Das beste Argument war die ausführliche Untersuchung.« Erstmals wurde routinemäßig ein EKG gemessen. eine Röntgenaufnahme gemacht. Die Entdeckung der Risikofaktoren Framingham veränderte diese Haltung. der Checkup. bestimmen die Krankenblätter der Framinghamer Bürger. welche die Menschen gewohnt waren. die die Ärzte der Studie durchführten«. erklärt der Anwalt seine »Verkaufstrategie« von damals. Dicke galten nicht als bemitleidenswert. bis die Framingham Heart Study erste Ergebnisse brachte. Victor Galvani. Diese statistische Auffälligkeit wurde pauschal als kausaler Zusammenhang gedeutet. Es dauerte mehr als zehn Jahre. Millionen gesunder Menschen mit bislang als tolerierbar -2 3 1 - .

die Light-Produkte eroberten den Markt. an dem Dicke zu Kranken wurden. Wann und warum diese Steuerung versagt. Blutdruckmittel. Schon 100 Jahre zuvor hatte der Pathologe Rudolf Virchow Cholesterin in der kalkigen Plaque der Gefäßwände von Herztoten gefunden.angesehenen oder schlicht unbekannten Laborwerten waren unversehens zu Patienten geworden. weniger Fette müssen dar zu weniger Cholesterin im Blut führen. Kommt über die Ernährung von außen mehr Cholesterin hinzu. Den Bürgern von Framingham blieb das Barbecue im Halse stecken. Übergewichtige hatten häufiger höheres Cholesterin. desto höher war das Risiko eines Infarkts. wie benötigt wird. Bewegungsmangel und Übergewicht. der die ganze Branche beflügeln sollte. das vom Körper selbst produziert wird und für das Zellplasma lebenswichtig ist. die größte Menge entstammt der Leber und dem Dünndarm. kann damit exakt bestimmt werden. ihre Autos. Wäre es früher -2 3 2 - . Die Zigarette stand plötzlich mehr für Krebs und den frühen Herztod als für Lebenslust. Prinzipiell kann jede Zelle selbst Cholesterin produzieren. die sogar den Fußweg bis zum Supermarkt ersetzten. Fette enthalten Cholesterin. wurden auch abseits der Unfälle zur Gefahr für Leib und Leben. Darüber hinaus wurde durch die Datensammlung klar. erlebten einen Boom. um dieses Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. ist nicht geklärt. Ein neuer Industriezweig schoß aus dem Boden. damals noch die erste Generation. welche Gewohnheiten das Herz belasten und Blutgefäße bis zum Infarkt verstopfen: Rauchen. die Nahrungsmittelindustrie hatte entsprechend zu reagieren. Mit geradezu biblischem Eifer jagten Amerikaner in der Folge das Molekül. Doch mit derart komplexen Überlegungen gaben sich die USForscher nicht ab. Und nun schien klar: Je mehr Cholesterin im Körper war. Normalerweise ist der Cholesterinhaushalt im Körper in Balance: es wird soviel produziert. Gutes Essen war nicht länger gesundes Essen. reguliert der Organismus die interne Cholesterinproduktion herunter. Der Tag. Es begann die Blütezeit der Margarine und die Verteufelung des Frühstückseis.

Sie hinterließen aber noch mehr: Eine zweite Kohorte ging an den Start. Die Ächtung der Butter. Diet Coke. Das Jahr 1971 war ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Studie: Viele der ursprünglichen Teilnehmer waren bereits gestorben. den guten Zucker und das schmackhafte Fett aus den Nahrungsmitteln einfach wegzulassen und statt dessen Wasser und Süßstoffe hineinzugeben. die Suche nach der »magic pill« für Herzkrankheiten ließ die Forscher nicht mehr los. ihr Produkt von diesem Makel reinzuwaschen. 1967 veränderte Framingham den Lebensstil der westlichen Welt mit der Erkenntnis. daß Bewegung das Herzinfarktrisiko senkt. nurmehr die Hälfte des Nährwerts für dasselbe Geld zu verkaufen. die sogenannte Offspring-Study. »Risikofaktor« stand fortan über einer immer länger werdenden Liste von Laborwerten und Körperzuständen.als Unverschämtheit empfunden worden. die durch eine Vielzahl weiterer Studien belegt und von wissenschaftlicher Seite bis heute unstrittig sind. 1962 wurde der Glimmstengel überführt. fettlose Schweine – die Begleitprodukte der Light-Welle sind nicht mehr wegzudenken. Die Faktorenserie 1961 bescherte Framingham der Medizin einen neuen Feind: Der Begriff Risikofaktor wurde eingeführt. Ihr gut dokumentierter Tod hatte viel zum Verständnis der Herzkrankheiten beigetragen. Rauchen und zu geringe körperliche Aktivität sind freilich bisher die einzigen Risikofaktoren. bestehend aus 10000 -2 3 3 - . schlugen fehl: Auch die von der Industrie behauptete Ungefährlichkeit der Filterzigarette konnte 1981 anhand der Herzinfarktstatistik von Framinghamer Rauchern widerlegt werden. diese Werte medikamentös zu senken. welche die Gefahr einer Krankheit erhöhen – und daher bekämpft werden müssen. Auf die Entdeckung prädisponierender Laborwerte folgte der Versuch. so wurde es jetzt legitim. Sämtliche daraufhin von der Tabakindustrie gestarteten Versuche.

Zwei Jahre darauf. Der Blutzuckerwert. so hieß es. 1974 kam der Blutzuckerwert hinzu: Die Zuckerkrankheit – fast zehn Prozent der Bevölkerung sind in unterschiedlichem Maße davon betroffen – fördert drastisch Gefäßleiden. wurde über Nacht zum Gegenstand intensiver Therapiebemühungen. gibt es für die versiegenden Östrogenquellen doch wirksamen Ersatz: in Gestalt der Hormonersatztherapie (HRT). Ihre neuen Richtlinien bezüglich des sogenannten Body Mass Index (BMI). Eine brisante Behauptung. Nicht nur schwer Zuckerkranke werden seither mit blutzuckersenkenden Mitteln behandelt und engmaschig überwacht. Schlaganfall stellt die Studie Verhaltensregeln und Grenzwerte auf. auch für andere Gefäßleiden wie z. Kurzsichtigkeit im Alter. Juli 2001 setzten die emsigen Framingham-Experten der Harvard Medical School in Boston ein neues Limit. Die Harvard-Forscher aus Framingham drohen nicht nur mit dem Herzinfarkt. geriet eine weitere Bevölkerungsgruppe in den Sog neuer Krankheitsdefinitionen: Frauen nach den Wechseljahren. Sie empfahlen den Weltbürgern. Verlust der Knochensubstanz und verschiedene Krebsarten sind ebenfalls Gegenstand der Untersuchung. auf sie lauere ebenfalls der Infarkt. Gedächtnisverlust durch die Alzheimer-Krankheit.Angehörigen der ersten Teilnehmergruppe. am besten gar kein Fett mehr auf den Rippen zu tragen. Osteoporose. seien durch ihren Östrogenmangel in großer Gefahr. für die Ärzte bisher nur in extremen Fällen von Bedeutung. einen »harmlosen Alterszucker« gibt es nicht mehr. Denn nun sollten durch Vergleich der beiden Kohorten auch die erblichen Aspekte von Krankheiten als weiterer Risikofaktor ausgemacht werden. Jede Frau über 50 war damit eine potentielle Empfängerin der Pille nach der Pille. Schlankheitsrekorde Am 9. Dies war der Beginn einer neuen Ära. unterschritten alle bisherigen Grenzwerte -2 3 4 - . des Quotienten aus Gewicht und Größe. 1976. B.

Wie beim Handel mit Ablaßbriefen versuchen Arzt und Patient durch Verschreibung und Einnahme der Pillen der Strafe zu entgehen. Dadurch war über Nacht eine Fettepidemie »entdeckt« worden. wie von den Harvard-Forschern empfohlen. werden die Menschen immer dicker. Tierische Fette werden vor allem mit Übergewicht und damit dem Herzinfarkt assoziiert. stieg der durchschnittliche BMI in den Industrieländern um mehr als zehn Prozent an. Großangelegte Kampagnen von Light-Industrie und den Produzenten pflanzlicher Lebensmittel haben die Einstellung gesundheitsbewußter Menschen der westlichen Welt geprägt. erst in zweiter Linie mit gutem Geschmack. der sich vor dem Risikofaktor Übergewicht sicher fühlen könnte – und daher entsprechende Medikamente benötigt. Weder Arzt noch Patienten bekommen die sündigen Kilos in den Griff: Seit das Übergewicht durch die Framingham-Studie als herzgefährlich erkannt wurde. würden sie einfach wieder ausgeschieden. die ihresgleichen sucht. zu verschreiben. D. daß es sich sogar um lebenswichtige Grundbausteine unseres Körpers handeln könnte. Der vollständige Verzicht auf Fett hätte katastrophale Folgen für den Organismus. die Abspeckpillen Xenical. Schon jetzt werden bei dem aktuellen BMI von 25 als Grenze zum Übergewicht etwa die Hälfte der Menschen in Europa und den USA als übergewichtig eingestuft. Auch der Frontalangriff auf die Ernährungsgewohnheiten der Bürger ist ein zweischneidiges Schwert. -2 3 5 - . Nur in Verbindung mit Fett werden die lipophilen Vitamine A. Und die vielfältigen Aufgaben beginnen schon vor der eigentlichen Aufnahme in den Körper – im Darm. Denn obwohl die Light-Produkt-Welle längst den Markt dominiert. durch.und machten weitere geschätzte 30 Millionen Menschen allein in den USA zu krankhaft Übergewichtigen. Setzt sich die neue Grenze von 22. Ganz abwegig scheint inzwischen der Gedanke. E und K über die Darmwand in die Blutbahn transportiert. wird es fast niemanden mehr geben. Reduktil & Co. Dies ist aber der Fall. Durch die rigorosen Vorgaben fällt es Ärzten immer leichter. Gäbe es kein Nahrungsfett.

Und daß dies in Zukunft geschehen wird. der aus den USA übernommen wurde. Die Auswirkungen aber.Somit haben die Fette als Energiespeicher. wie es um die Beweislage selbst grundlegender Ernährungsempfehlungen bestellt ist. sind bisher nicht in einer einzigen Studie konsequent überprüft worden. Doch nicht einmal dieser simple Rat hält der Überprüfung stand. Denn der Ratschlag an Gesunde. die eine fettfreie oder auch nur fettreduzierte Ernährung auf gesunde Menschen hat. sagt auch Evelyn Langley in Erinnerung an ihre fritierten Leckerbissen. Bis 1977 galt diese Formel lediglich als Empfehlung für schwer herzkranke Menschen. Ob sie aber wirklich ein schlechtes Gewissen haben muß. als seien die Vorurteile einiger Politiker. ist durchaus zweifelhaft. kann auch eine einseitige Diät Stoffwechselvorgänge verändern und ist daher mit Vorsicht zu genießen. Es scheint. Transportmolekül und Isoliermaterial eine existentiell wichtige Aufgabe. Forscher und Beamten in Schlüsselpositionen in den siebziger Jahren eher für die heute vorherrschende Meinung bezüglich der Nahrungsfette verantwortlich als gesichertes Wissen. Bisher wurde von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) die Obergrenze für folgenlosen Fettverzehr mit 30 Prozent Anteil an der Gesamtkalorienmenge angegeben. hat keinerlei solide wissenschaftliche Grundlage. Die rigorosen Vorgaben der Ernährungskommissionen sind ebenso brisant wie die Empfehlungen zur Medikation. ist eher -2 3 6 - . Das Wissenschaftsmagaz in Science enthüllte erst im Jahr 2001. ist – wie die meisten Schlüsse aus den Daten von Framingham – höchst unklar. Ist Fett Gift? »Ich habe meinen Mann mit gutem Essen unter die Erde gebracht«. Genau wie Medikamente Nebenwirkungen haben. die sie jahrzehntelang kredenzte. Ob die derzeit gängigen und auf den Framinghamer Ergebnissen aufbauenden Dogmen in Zukunft Bestand haben werden. ein Wert. dann tauchte sie plötzlich in einem Bericht einer US-Senatskommission als Empfehlung für die gesamte Bevölkerung vom Kleinkind bis zum Greis auf. fettarm zu essen.

Die Lebenserwartung bleibt in der Gesamtschau vom Fettkonsum unberührt. Das alte Fettdogma war nicht mehr länger zu halten. Nicht zuletzt auch aufgrund folgender Beobachtung: Der durchschnittliche Fettkonsum der Amerikaner war tatsächlich von 40 Prozent Nahrungsanteil auf 33 Prozent gesunken. vorhandenes Wissen über Nahrungsfette systematisch zusammenzufassen. Herzinfarkte aber blieben gleich häufig. Diese wenigen Studien jedoch weisen in eine unvorhergesehene Richtung: Keine von ihnen konnte die Gefährlichkeit von Fett für das Herz beweisen. deren Aussagekraft zu gering ist. die länger als zwei Jahre beobachtet worden waren – zeigte sich ein geringer Rückgang des Herztodes. dazu frisches Obst und Gemüse. nur soviel zu essen. Diesseits des Atlantik zögert man jedoch noch. Daraufhin reagierte die American Heart Association (AHA) und nahm ihre Fettempfehlungen nach mehr als 40 Jahren zurück. schreiben die Wissenschaftler in Science. ist nicht zu erwarten. Bewegung und Nikotinverzicht. und Übergewicht nahm sogar weiter zu. Bisher liegen lediglich einige Kurzzeitstudien mit geringer Teilnehmerzahl vor. um gültige Antworten zu geben.unwahrscheinlich. Daß in nächster Zukunft gültige Aussagen gemacht werden können. daß man nicht dick wird. Der kalte Krieg gegen das Fett scheint vorüber. Ein Vorstoß des amerikanischen Gesundheitsministers im Jahr 1988. wäre aber keiner Lobby von Nutzen. »Zu kompliziert« seien die Zusammenhänge. Wieder müßten Zehntausende Freiwilliger über Jahrzehnte beobachtet werden – ein Projekt von der Dimension der Framingham-Studie. ist elf Jahre später ergebnislos abgeblasen worden. Eine solche Untersuchung würde Kosten in Höhe von knapp einer Milliarde Euro verursachen. Eine Studie zeigte allerdings einen Anstieg der Schlaganfälle in der Diätgruppe. nur bei einem Teil der Studienteilnehmer – denjenigen. Heute empfiehlt das Gremium allgemein. mit dem alten Feind Frieden zu schließen: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) -2 3 7 - . das sich nur mit der Ernährung befassen müßte.

Mit jedem neuen Wert. und eine ganze Reihe von Laborparametern mausert sich zu weiteren Risikofaktoren. hohe Konzentrationen hämostatischer Eiweiße (Fibrinogen. Evelyn Langley und Victor Galvani. der derzeitige Direktor der Framingham-Studie. liegt darin. defekte Fibrinolyse. die wir betreiben«. Walter Sullivan. »Ich lebe ein aktives Leben« erklärt sich Victor Galvani seine hervorragende Gesundheit. entstehen Märkte – nicht nur für Medikamente. erlaubt dagegen Kalorien »ad libitum« (nach Belieben). daß ganz allgemeine Empfehlungen die praktisch wertvollen Forschungsergebnisse der Studie sind. der Aufnahme in die Richtlinien findet. »Ich sehe die Risikofaktoren der Zukunft bei den Ergebnissen der genetischen Forschungen.« 9 Auch Walter Sullivan ist sich sicher. faßt er zusammen. um ihre Risikofaktoren zu manipulieren. Faktor IV). daß die vorhandenen Tests noch nicht ausgereift oder wegen der Notwendigkeit großer Spezialmaschinen noch zu teuer sind. warum diese Laborwerte noch nicht routinemäßig getestet werden und Bestandteil jedes Check-up sind. auch für Laborgerät und Ärzteschaft. Der Hauptgrund. bewege dich und laß das Rauchen«. die letzten Überlebenden des Organisationskomitees der Framingham Heart Study. erhöhte Blutviskosität und Plasmafibrinogen. was -2 3 8 - .hält an der 30-Prozent-Grenze fest. Mehrere Blutgerinnungsfaktoren könnten in Zukunft Karriere als »schwerwiegender« Risikofaktor machen: Plättchenüberreaktion. Schon bald könnte die Herztodgleichung der Framinghamer um einige Faktoren erweitert werden. »Vermeide Streß. Auf der Startrampe In Framingham und mit mehreren anderen Langzeitstudien geht die Suche inzwischen weiter. ernähre dich ausgeglichen. An der Entwicklung von Schnelltests und Methoden zur Massenuntersuchung wird aber fieberhaft gearbeitet. sagt Daniel Levy. die die neu proklamierten Gefahren verwaltet. nehmen jedenfalls keine Medikamente ein. »von Medikamenten habe ich nie viel gehalten.

so gibt er zu. die nicht für jeden einfach zu realisieren sind: »Eine Pille zu nehmen ist leichter. die ihn sein ganzes Leben begleitete und deren Teil er selbst ist. um Dinge zu verkaufen. daß man die Ergebnisse unserer Studie sehr stark benutzt. gelehrt hat.« -2 3 9 - .ihn die Studie. Ziele.« Evelyn Langley ist besorgt: »Ich befürchte.

einen erhöhten Blutdruck.oder blutfettsenkenden Medikamenten beschert der Pharmaindustrie einen nicht enden wollenden Geldregen. Fitneßtips. Cholesterin. Dabei ist erwiesen. mit denen sich der inzwischen ob seiner »Laster« ein wenig von dunkler Vorahnung geplagte Wohlstandsbürger jederzeit einen Ablaß erkaufen kann. die Lebensmittelindustrie profitiert kräftig von der Cholesterinhysterie und dem Trend zu zucker. begnügten sich die Experten auf dem Gebiet der Vorbeugung mit der an Irrtümern reichen Suche nach Risikofaktoren mit Werbeeinschaltungen. die Freizeitindustrie vom Fitneßboom.und fettfreien Light-Waren. die trotz Nachkriegsproblemen zu kostspieligen und letztlich erfolgreichen Maßnahmen geführt haben. Ernährungsvorschlägen und Warnungen vor Nikotin und Alkohol.Geöffnete Herzen Trotz aller medizinischen und pharmazeutischen Fortschritte sterben in Westeuropa heute mehr als doppelt so viele Menschen an Gefäßverschlüssen im Herzen als vor 40 Jahren. Der enorme Absatz von herzstärkenden und blutdruck. bietet der medizinisch-industrielle Komplex ein ganzes Arsenal an Produkten. Während Milliardengelder in die Reparaturmedizin flossen. Bislang besteht nicht einmal Einigkeit darüber. Auch blutdrucksenkende Mittel wirken -2 4 0 - . deren Gefäße bereits verkalkt sind. welche Risikofaktoren das Herz bedrohen. Diabetes.oder Harnsäurespiegel definieren die einen bereits als Ursachen. Statt mit direkter Prävention vorzugehen. während die anderen diese allenfalls für Alarmsignale halten. Eine vergleichbare Strategie gegen den Herztod steht dagegen nicht einmal zur Diskussion. keine Auswirkungen auf die Infarkthäufigkeit haben. Die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat heute in Deutschland und Österreich ein Ausmaß erreicht. das ungefähr jenem der berüchtigten Tuberkulose Anfang des vergangenen Jahrhunderts entspricht. daß zum Beispiel cholesterinsenkende Medikamente vor allem bei älteren Menschen. Damals waren diese Zahlen Anlaß für massive gesellschaftliche Anstrengungen.

unblutiger und weniger riskant zu sein. den hielt Butler »für einen Waschlappen«.sich nicht nachweisbar auf die Häufigkeit von Herzinfarkten aus.« Der Ex-Sportler war dicklich. Dann kamen die Herzprobleme. Doch Bypassoperationen.«10 Wer kein »ordentlicher Kerl« war. Zwar ist der plötzliche Tod nach dem Infarkt. ebensowenig können sie die Sterblichkeit senken.« M 50 begann dann der große Katzenjammer: Als er it -2 4 1 - . Bei 40 Prozent der Patienten. ich kann das überwinden. nur etwas später als früher. Und sind damit erfolgreich. »Ich widerte mich selbst an und sagte mir: Ich bin nicht wirklich herzkrank. Er wollte kein solcher sein: »Immer. wenn ich stur bleibe und hart arbeite. dank der Fortschritte der Medizintechnik inzwischen viel seltener geworden. ist jedoch schon nach sechs Monaten der alte Zustand wiederhergestellt. bei dem wegen der Arterienverstopfung ein Teil des Herzgewebes vernarbt. hat zwar den entscheidenden V orteil. Ein weiterer Eingriff ist dann meist weit weniger erfolgreich. so zeigten Langzeitstudien. 53. deren Arterien durch einen eingeführten Ballon wieder durchgängig gemacht wurden. Und die Ballon-Angioplastie. Mehr als die Hälfte der Menschen in den westlichen Industriestaaten stirbt nach wie vor den Herztod. daß Herz. Es ist nur eine Frage der Zeit. wenn ich eine Entscheidung über das Leben meiner Familie traf.und Nikotinverzicht konnten nichts daran ändern. Manche Mediziner wie etwa der US-Amerikaner Dean Ornish haben aus dem Dilemma ihre eigenen Schlußfolgerungen gezogen. Es war ein langer Weg. schließlich dick geworden. bis sich Dwayne Butler. Auch massive Kampagnen für Fett. mit denen das Blut um die blockierte Stelle herumgeleitet wird. machte ich das im Alleingang. auf die die Medizinerwelt seit den achtziger Jahren setzt. verschließen sich die neuen Bypässe wieder. zum mittleren Manager einer Containerfirma in San Francisco hochgearbeitet hatte: »Ich mußte mich richtig durchkämpfen. erweisen sich oft als Sisyphusarbeit. bis wieder ein Gefäß verstopft ist: Durchschnittlich nach fünf bis sieben Jahren.und Kreislauferkrankungen mit Abstand der Killer Nummer eins blieben.

fett. »ich glaubte nicht. begriff ich nicht wirklich. Der Schwerpunkt der Behandlung lag woanders. zahlreiche Gefäße waren bereits weitgehend verstopft. Als sich die Herzkranken im Sommer 1988 im kalifornischen Sausalito zur ersten Besprechung trafen. alle schädlichen Verhaltensmuster und Einstellungen zu ändern und dadurch gesünder zu werden. diagnostizierte dieser eine koronare Herzkrankheit im fortgeschrittenen Stadium. Der »Versuchsgruppe« dagegen wurden die Segnungen der Pharmazie teilweise vorenthalten: Kreislaufmedikamente wurden zwar ebenfalls eingesetzt. hätte ich abgelehnt.mit quälenden Brustschmerzen zum Arzt ging. was die moderne Medizin zu bieten hat. ich war nur herzkrank. daß ich an einer Gruppe teilnehmen und über meinen Lebensstil sprechen sollte.« -2 4 2 - . berichtet Dwayne Butler. Der Schwerkranke war einer v 48 Patienten. Obendrein sollten sie die mittlerweile üblichen Anweisungen erhalten. sich ausgewogen. Und im stillen fühlten sich die 20 unter ihnen auf der glücklicheren Seite. glaubten wohl nur die Projektleiter an den Erfolg. »Wenn ich verstanden hätte. daß ich im Leben Probleme hatte. Sie sollten mit allem behandelt werden. aber auf die chemische Beeinflussung des Cholesterinspiegels wollten die Mediziner verzichten. das die Mediziner bislang für schlicht undurchführbar hielten. Sie sollten dazu gebracht werden. worum es ging«. Ein Vorhaben.und cholesterinarm zu ernähren und für ausreichende Bewegung zu sorgen. »Obwohl mir der Arzt das Programm beschrieb. die an zwei on Herzkliniken durch Zufall ausgewählt und zu einer Unterredung ins Preventive Medical Research Institute gebeten wurden. über persönliche Dinge zu reden«. die verengten Gefäße aufgedehnt oder durch aus den Beinvenen gewonnenen Ersatz-Adern umgangen werden. ihr Leben von Grund auf zu überdenken. sagt er. die das Los in die »Kontrollgruppe« gebracht hatte. Ich hätte es für ein Zeichen von Schwäche gehalten. die schwere Angina pectoris mit Medikamenten eingedämmt. Ihr Hochdruck und ihr Cholesterinspiegel sollten chemisch gesenkt.

Doch schon am ersten Tag machte innen Larry Scherwitz klar. daß es sich bestenfalls um einen Arbeitsurlaub handelte. Dann ging es zuerst einmal auf das Laufband – ein Sportgerät.Im Fitneßhotel Der Anfang war ja noch recht angenehm: Gemeinsam mit ihren (Ehe-)Partnern wurden die Herzkranken zu einem einwöchigen Aufenthalt in das Claremont-Hotel in Oakland. daß er nur mäßig beansprucht und keinesfalls überlastet wird. werde sie mit den Hintergründen ihres Programms vertraut machen. also zügiges Gehen. einige schwammen auch oder fuhren mit dem Fahrrad. gibt Butler die gängige Meinung über Herzkranke und Sport wieder »ich japste ja schon nach einem Stockwerk im Treppenhaus nach Luft. Von nun an sollten die Schwerkranken die nächsten vier Jahre lang 30 Minuten täglich. auf diese Art ihren Kreislauf trainieren. Die -2 4 3 - . sie also an schwerer koronarer Herzkrankheit litten. und parallel dazu würden Kardiologen und Psychologen das Arbeitsprogramm entwickeln. erklärte ihnen der Psychologe. durch körperliche Aktivität 70 Prozent der maximalen Pulsfrequenz zu erreichen und zu halten. wobei regelmäßig mit den Laufbandtests das Trainingsprogramm der sich verändernden Ausdauer angepaßt werden sollte. die meisten der 45. »Ich dachte. Die meisten entschieden sich wie Butler für »walking«. war für die Mediziner kein Hindernis. gebeten. Ein dichtes Vortragsprogramm über Ernährungsphysiologie. und auch bei den anderen sieben etliche der wichtigen Gefäße im und ums Herz schon zu mehr als 50 Prozent verengt waren. Daß bei 21 von ihnen vor kurzem vollständige Arterienverschlüsse diagnostiziert worden waren. ihre Leistungsfähigkeit auszutesten. einem netten Hotel im Grünen. mindestens jedoch drei Stunden in der Woche. mit meinen Herzproblemen müsse ich leisetreten«.« Schon nach einigen Stunden fiel es keinem der Neusportler mehr schwer.bis 65jährigen Patienten nur aus TV u nd Zeitungen kannten. die eigene Belastung zu erkennen und den Körper so einzusetzen. Psychologie und Sportmedizin.

überraschte Larry Scherwitz nicht. ihre beruflichen Anliegen zu artikulieren und sich in einer Gruppe nicht schüchtern im Hintergrund zu halten. Bewegung und die dabei -2 4 4 - .meisten waren überrascht. »Gerade Herzpatienten neigen häufig zur Verschlossenheit«. ohne außer Atem zu geraten. Große e pidemiologische Untersuchungen haben gezeigt. wie sie schneller gehen konnten. daß es einfacher war. keinen Einfluß auf die Entscheidungen nehmen zu können. daß im Leben der Patienten wenig so bleiben würde wie zuvor. Genauso schwer fiel es der Gruppe. die Gefühle ganz und gar abzublocken -« beschreibt Butler seinen Zustand. Zuerst wurden die Kursteilnehmer gebeten. weiß der erfahrene Psychologe. Aber er war mit seinen Problemen nicht allein. Gefühle zuzulassen. wie mangelnder Rückhalt in sozialen Beziehungen oder beruflicher Streß und vor allem das Gefühl. Schmerzhafte Gefühle Auch der zweite Seminarblock am ersten Tag im netten Hotel ließ keinen Zweifel daran aufkommen. Daß es den Teilnehmern anfangs fast unmöglich war. daß psychische Faktoren wie Übellaunigkeit und Depressivität ebenso das Risiko deutlich erhöhen. Handelsangestellte. an HerzKreislauf-Erkrankungen zu leiden. doch nun mit den Ehefrauen gemeinsam in einer Gruppe zu sitzen und über Eindrücke und Gefühle zu sprechen war völlig neu. »Es war anfangs einfach schmerzhaft. daß sie sich wohler fühlten und auch deutlich weniger unter den quälenden Angina-pectoris-Anfällen litten. Autoverkäufer und Programmierer zwar gewohnt. das oft minutenlange Schweigen auszuhalten oder den anderen aufmerksam zuzuhören. daß sie schon am Ende der ersten Woche bemerkten. 1 1 Techniken der Streßbewältigung standen deshalb schon am ersten Tag auf dem Programm. Sie waren als Vertreter. Es tat so weh. sich behutsam und allmählich zu strecken und auf Atmung. eigene Gefühle auszudrücken.

»aber ich fühle mich soviel besser. und dazu Magermilch trinken. erinnert sich der Herzpatient.« Die Öffnung hat auch seine Beziehung zu seiner Frau erneuert. was ich in der Gruppe alles gesagt habe«. zuerst bestimmte Muskeln an den Füßen anzuspannen und zu entspannen. nur mit der Kraft des eigenen Willens eine bestimmte Körperregion zu entspannen. »Weder meine Frau noch ich konnten uns vorstellen. jeweils eines sorgte für das leibliche Wohl und damit für einen sympathischen Wettbewerb der vegetarisch-kulinarischen Kreativität Nach dem Essen gab es dann wieder eine Gruppensitzung. »Manchmal. Solche Übungen sollten sie fortan auch zu Hause jeden Tag zumindest eine Stunde lang durchführen. Essen wurde von nun an zum sozialen Event für die Gruppe der 28 Schwerkranken und ihre Familien. beschreibt Dwayne Butler seine Wandlung. Zweimal pro Woche traf man sich in Gruppen von vier bis sieben Paaren.auftretenden Empfindungen zu achten. so das Credo. wie mit Obst. solle davon essen. Schließlich erlebten sie das angenehme Gefühl. sich zu entspannen. nur noch vegetarisch zu kochen und zu essen«. Doch statt Regeln und Verboten erhielten die Patienten und ihre Partnerinnen eine kleinen Kochkurs – als Entdeckungsreise. wenn es gelingt. Nach dieser StretchingPhase legten sich die Teilnehmer auf die Matratzen und lernten. daß die Ernährung komplett umgestellt werden müsse. Jeder. Mit ruhiger Stimme forderte der Therapeut sie dann auf. wenn ich auf dem Weg nach Hause bin. Atemübungen und meditative Übungen komplettierten das Programm. dann die Waden und den ganzen Körper hinauf. kann ich kaum glauben. soviel er wolle. Die neue Eßkultur Als nächstes machten die Betreuer nun klar. »Unser Liebesleben war völlig am Boden – wenn wir uns körperlich liebten. richtiggehend befreit. machte ich nurmehr mechanisch die -2 4 5 - . Gemüse Getreide und maximal einem Ei pro Tag Wohlschmeckendes zu zubereiten ist.

Nach exakt einem Jahr wurde die erste Zwischenbilanz gezogen. beschreibt er die bis dahin vergeblichen Versuche zur Gewichtsreduktion. »die meiste Zeit lief ich hungrig herum. Ähnlich waren die Ergebnisse in der ganzen Gruppe: Alle zusammen hatten gründlich die Meinung widerlegt.« Die ersten Ergebnisse Butlers Cholesterinwert war von 310 auf kerngesunde 149 gesunken. -2 4 6 - . daß so gut wie alles. daß mit allgemeinen Regeln und Geboten nichts zu holen ist: Ihr Essen bestand unverändert zu 30 Prozent aus Fett.« Auf den langen Spaziergängen – »wir gehen täglich mehr als eine Stunde« – bleibt auch Zeit zum Besprechen offener Fragen: »Ich nahm die Beziehung zu Kathy als etwas Selbstverständliches. etwas für Waschlappen war – vegetarisch essen. die von der Angina pectoris stammten. Obendrein war er wieder schlank geworden. sie brachten es – immerhin – auf 20 Minuten Bewegung pro Tag. »Ich habe davor die unterschiedlichsten Diäten probiert«. was wir taten.« Allmählich lösten sich alle Blockaden gegen das Therapieprogramm. »Nun lieben wir uns wieder richtig. wann ich will. daß er rundum akzeptiert wurde. Sport betrieben die Teilnehmer regelmäßig 40 Minuten am Tag. über seine Gefühle sprechen«. verschwand ebenso wie die quälenden Brustschmerzen. Jetzt kann ich essen.« Das habe sich recht bald geändert. »obwohl ich damals dachte. daß sich die Lebensweise von Menschen in der zweiten Lebenshälfte kaum noch ändern ließe. gegen den er zuvor vergeblich Betablocker genommen hatte. bei den Entspannungsübungen kamen sie dagegen nur auf durchschnittlich vier Minuten.Bewegungen. Erstaunt stellte Butler fest. Die Analysen des Preventive Medical Research Institute demonstrierten das eindrucksvoll: Der Fettanteil in der Ernährung war von 30 auf sieben Prozent gesunken. das tägliche AntiStreßprogramm war ihnen im Schnitt gar 77 Minuten wert. wenn er über sein verborgenes Ich sprach. Der hohe Blutdruck. Die Vergleichsgruppe dagegen zeigte. meditieren.

Auch die psychische Situation hatte sich in der Versuchsgruppe nachhaltig verändert. und wie bei ihm sank in der Gruppe die Häufigkeit der Angina-pectoris-Anfälle von sechs auf 0. versehen – zeigten nach einem Jahr ein trauriges Ergebnis: Sie waren durchschnittlich um 1. was ich sehe. und die Zahl der Angina-pectoris-Anfälle war von 1. greift auch er zu allem. und allmählich gefällt mir das. nehmen Sie diesen Elefanten von meiner Brust‹. ›Bitte Doc. wenn das Waschbecken überläuft. »Ich sehe die Menschen mit anderen Augen.« Dean Ornishs Lernprozeß Der Erfinder dieses Lebensstilprogramms heißt Dean Ornish ist Internist in San Francisco und inzwischen populärer Buchautor.« 12 Seine leidenschaftliche Kritik gilt vielmehr dem verkürzten und verengten Denken seiner Zunft. ohne Leute anzubrüllen«. dann füttere ich ihn nicht mit Brokkoli. weist Ornish auf Defizite in der Ursachenanalyse hin. »Endlich kann ich Auto fahren. »Die Schulmedizin schwankt von einem Extrem ins andere«. Ebenso -2 4 7 - . weniger Fett zu sich zu nehmen.5 Kilo schwerer. »Die Gruppe zeigte einen deutlichen Rückgang des erkennbaren Ärgers«.5 auf mehr als vier Attacken pro Woche gestiegen. was die Chemie zur Senkung des Blutfetts und Blutdrucks zu bieten hat und mit den üblichen medizinischen Ratschlägen. »Es kam mir vor. was die Intensivmedizin und Pharmakologie an Sinnvollem zu bieten haben. ohne den Wasserhahn zuzudrehen«. Wenn es die Situation erfordert. Ornish ist kein Gegner der Schulmedizin. beschreibt er seine langjährigen Erfahrungen mit der konventionellen Kardiologie. Cholesterin etwa sei nur ein Risikofaktor unter vielen.5 pro Woche. »Wenn ein Patient mit heftigen Brustschmerzen zu mir in die Notaufnahme kommt und sagt. Ich betrachte mich selbst im Spiegel. Die Patienten der Kontrollgruppe dagegen – mit allem behandelt. als wolle man nur den Fußboden aufwischen. berichtet der Projektbegleiter Larry Scherwitz. freut sich Dwayne Butler.Der Patient Butler lag mit neun Kilo Gewichtsreduktion genau im Mittelfeld der Versuchsgruppe.

an einem Infarkt zu sterben. »erklären nur etwa die Hälfte der Herzerkrankungen. Welcher der Grundpfeiler der Therapie – Ernährung. daß zum einen jeder der Beteiligten sofort positive Änderungen spürt und zum anderen nicht nur Ziele vorgegeben. haben Probleme mit ihrem Selbstbewußtsein. hat ein fünffach erhöhtes Risiko. seinen sozialen Status wegen mangelnder Leistung zu verlieren. Dementsprechend sind Arbeiter weit mehr vom Herztod bedroht als Manager. haben wenig enge Freundschaften. Wer sic h isoliert fühlt und in Angst lebt. daß diese vier Faktoren gemeinsam deutliche Auswirkungen haben. Je niedriger der Sozialstatus. dafür Beziehungsprobleme. können Ornish und Kollegen nicht beantworten. ergab etwa eine Studie in England. Mangel an sozialen Bindungen.« Die zweite Hälfte ortet Ornish in den Lebensbedingungen: Emotionaler Streß. Entspannungsübungen oder Gruppentherapie – wichtiger für den Erfolg ist. aber nicht entspannt. Bewegungsmangel und Rauchen. Gefährdete Menschen haben eine Reihe markanter Ähnlichkeiten.verhalte es sich mit hohem Blutdruck. Isolationsgefühle. -2 4 8 - . bemerkte Ornish: Sie kämpfen um Anerkennung am Arbeitsplatz. meint der US-Mediziner. hat wohl – neben der Tatsache. gemeinsam die Ziele zu erreichen. 21 der 28 Patienten hatten sich nach dem ersten Jahr zur Fortsetzung des Programms entschieden. daß der Faktor Psyche angemessen und alltagstauglich berücksichtigt wird. Daß das umfassende Lebensstilprogramm des kalifornischen Ganzheitsmediziners so erfolgreich umgesetzt werden kann. daß in Versuchsgruppen die verstärkte Aufmerksamkeit aller Beteiligten sicher besonders motivierend wirkt – auch den Grund. sondern auch Wege aufgezeigt werden. unterdrückte Aggression und ein schwaches Selbstwertgefühl seien zumindest genauso an der Verstopfung der Arterien beteiligt. Diese Faktoren. Bewegung. rauchen unverändert stark und verbringen die freie Zeit passiv. Doch das Ergebnis der Vergleichsstudie nach fünf Jahren zeigt. Längst gibt es für diese Ansichten auch empirische Beweise. Hinzu kommt noch. desto eher fühlen sich Menschen gestreßt.

esse ich eine Kleinigkeit. die zur Teilnahme am Versuch eingeladen waren. 13 Da die Hälfte der Patienten. Ich stöhnte. ächzte und klagte. Die sportliche Aktivität war in beiden Gruppen etwa gleich stark wie vier Jahre zuvor. Doch es zeigt klar. »Früher konnte mich meine Frau nicht dazu bewegen. Und doppelt so viele – vier der 20 Menschen – erlitten einen Herzinfarkt.« Dann kommt der ausgedehnte Spaziergang mit Kathy.) gemacht werden wie in der Versuchsgruppe.Auch 60 Monate nach dem ersten Seminar aßen sie nur acht Prozent Fett. »Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. ist Butler von seinem neuen Leben überzeugt. zwei Herzinfarkte waren zu verzeichnen. das Haus zu verlassen.« Die herzhafte fünf Jahresbilanz Die medizinische Bilanz nach fünf Jahren in der Versuchsgruppe wurde 1998 in JAMA. der Cholesterinspiegel war zwar durch die Medikamente auch um 20 Prozent geringer. publiziert: Durchschnittlich waren die Gefäßverengungen von 40 auf 36 Prozent des Durchmessers zurückgegangen. danach die Übungen. abgesagt hatte. lediglich den Entspannungsübungen widmeten die Versuchsteilnehmer »nur« noch 44 Minuten täglich. es mußten aber dennoch doppelt so viele kardiologische Eingriffe (Ballonaufdehnungen etc. Die medizinische Bilanz der Vergleichsgruppe nach fünf Jahren – Durchschnittlich war die Gefäßverengung von 43 auf 54 Prozent des Durchmessers angewachsen. ist das Ergebnis vielleicht nicht völlig repräsentativ. der Zeitschrift der amerikanischen Ärztevereinigung. »Ich liebe die Meditation und die Streßmanagement-Übungen«. »Ich -2 4 9 - . in der Vergleichsgruppe waren es unverändert 30 Prozent. der Cholesterinspiegel war ohne Medikamente um 20 Prozent geringer. daß mit einer motivierenden Beratung Lebensgewohnheiten verändert und damit auch schon weit fortgeschrittene Krankheitsprozesse gestoppt oder sogar leicht zurückgedrängt werden können.

wenn ich es schaffe.habe jetzt viel mehr Energie«. schafft es jeder.« -2 5 0 - . »Ich sage Ihnen. zieht Butler Bilanz. Fast alles an seinem neuen Leben macht ihm Spaß. er empfindet nichts mehr als lästige Verpflichtung.

Semmelweis war dabei nicht zimperlich. bringt heute in den Industrieländern etwa jede fünfte Frau ihr Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Die großen Gefahren der Geburt. Jahrhundert ein derart gefährlicher Eingriff. Bereits im 18. Es blieb den Chirurgen vorbehalten. Fortschrittliche Mediziner wie Ignaz Philipp Semmelweis wetterten heftig gegen das skrupellose und vielfach tödliche Handwerk ihrer Widersacher. -2 5 1 - . Ihre militärische Geduld war rasch überfordert. die – zurück aus dem Krieg – systematisch das Kommando am Gebärbett übernahmen. daß er selbst von skrupellosen Vertretern der Chirurgie nur sehr zögernd angewandt wurde. mit der Zange nach dem Kopf des Ungeborenen zu fassen und es – ohne Narkose oder Infektionsschutz! – aus dem Mutterleib zu ziehen. und die Geschichte des Kindbettfiebers würde gegen Sie nicht ungerecht sein. Während wissenschaftliche Studien eine medizinisch gerechtfertigte Kaiserschnittrate von rund sieben Prozent angeben. Infektion und ausufernde Blutung. wenn die Geburt zu lange Zeit in Anspruch nahm. waren beim Kaiserschnitt noch viel stärker gegeben als bei der normalen Entbindung. Die Tendenz zeigt steil nach oben. die Angelegenheit zu beschleunigen. wenn selbe Sie als medicinischen Nero verewigen würde« 1 4. Dies hat sich mittlerweile deutlich verändert. Friedrich Wilhelm Scanzoni. Seinem Prager Kollegen und heftigen Verfechter der Zangengeburt. schrieb er: » … so erkläre ich Sie vor Gott und der Welt für einen Mörder. Der Kaiserschnitt war noch bis weit ins 20. und so kam männlicher Innovationsgeist auf die Idee. Der Leiter der Wiener Universitäts-Frauenklinik. Hebammen hatten zu diesem Instrument meist keinen Zugang. Mit den Fortschritten der Chirurgie und der Einführung des Infektionsschutzes kam er aber immerhin langsam in den Ruf eines Noteingriffs zur Rettung des Babys. Jahrhundert wurde die Geburtszange zum Statussymbol des arrivierten Gynäkologen.Die Erfindung der Risikogeburt Die ersten waren die Stabsärzte und Feldchirurgen.

Von den Frauen selbst gehen derartige Trends nicht aus. könnten durch die Vermeidung der natürlichen Geburt ihre sexuellen Empfindungen bewahren und ein attraktiverer. tut man es jetzt von oben her«. In den USA läuft seit einiger Zeit beispielsweise eine Kampagne mit dem Slogan »Preserve your love channel – take a ceserian!« (Schütze deinen Liebeskanal – mach einen Kaiserschnitt!«). wonach die vaginale Geburt das Inkontinenzrisiko im späteren Lebensalter erhöht. die es sich leisten kann. Immer häufiger sind sie jedoch in Entbindungshäusern und Geburtskliniken weltweit mit Werbung für diese Sonderform der »sanften Geburt« konfrontiert. Die Gesellschaft der US-Gynäkologen distanzierte sich von einer diesbezüglichen Briefaktion. wie man früher das Kind an den Füßen oder mit der Zange von unten herausgezogen hat.« 15 »So skrupellos. In der Mittel. Werdende Mütter geben nur selten an. Es habe sich hierbei um die Privatmeinung einer kleinen Gruppe von Medizinern gehandelt. Ebenso unbewiesen sind Meldungen. Privatkliniken melden Frequenzen von über 80 Prozent. die durch keine relevanten -2 5 2 - . der pensionierte Leiter der Wiener Semmelweis-Frauenklinik.und Oberschicht Südamerikas fiel diese durch keine wissenschaftliche Studie gestützte These auf besonders fruchtbaren Boden. sagte kürzlich vor Hebammen: »Meine Damen. »jungfräulicher« Sexualpartner bleiben. Schon damals waren die Kaiserschnittraten in den anderen Kliniken zehnmal höher als in der Semmelweis-Klinik.Peter Husslein. Frauen.und Kindersterblichkeit.03 Prozent bei einer gleichzeitig geringeren Mütter. daß sie von vornherein eine Kaiserschnittentbindung wünschen. die breite Aufmerksamkeit fand. 1 6 Er hatte bis Mitte der achtziger Jahre in einer der größten Geburtskliniken Wiens eine Kaiserschnittfrequenz von 1. wird hier suggeriert. wählt hier den geplanten Kaiserschnitt. Fast jede Frau. in den nächsten zehn Jahren werden Sie mit einer Sectiorate von 50 Prozent rechnen müssen. die restlichen 50 Prozent verbleiben Ihnen in der Geburtshilfe. schimpft Alfred Rockenschaub. ob es Ihnen gefällt oder nicht.

Tatsächlich hat sich dann das genaue Gegenteil herausgestellt: Der Dammschnitt schwächt den Beckenboden und begünstigt damit Inkontinenz.und Sterberisiko als Klinikgeburten.Daten belegt sei. fördern die meisten anderen Gesundheitssysteme nach wie vor die scheinbar sichere Variante einer männlich dominierten High-TechApparategeburt. Geplante Hausgeburten haben im Gegenteil sogar ein eher geringeres Komplikations. -2 5 3 - . um damit die Geburt zu erleichtern. Anstatt die sozialen und ökonomischen Vorteile des niederländischen Modells zu studieren und von seinen dezentralen. Die Kaiserschnittrate liegt hier unter zehn Prozent.19. In den Niederlanden. daß eines der natürlichsten und beglückendsten Erlebnisse des Lebens zu einer angstbehafteten Aktion wird. Auch hier argumentierte man mit dem geringeren Inkontinenzrisiko. Mit dem Ergebnis. daß Krankenhäuser ein sichererer Platz für Geburten sind als weniger hochgerüstete Geburtshäuser oder gar die eigene Wohnung. ist auch die Mütter.und Kindersterblichkeit eine der geringsten Europas. die gesunde Schwangere zu Hochrisikopatienten macht. Es gibt keine Beweise dafür.20 Bei Steißlagen des Ungeborenen oder anderen riskanten Ausgangssituationen hat sich hingegen die Geburt im Schutz der High-Tech-Umgebung eines Kreißsaals bewährt. wo ein dichtes Hebammennetzwerk etabliert ist und der EU-weit höchste Anteil der Geburten außerhalb der Kliniken stattfindet. frauenfreundlichen Strukturen zu lernen. 17 Als effektive Vorsorgemaßnahme erwies sich hingegen das Erlernen einfacher Übungen zur Stärkung und Straffung des Beckenbodens. die über viele Jahre zum üblichen Procedere bei vaginalen Geburten gehörte: Routinemäßig wurde ein Dammschnitt gesetzt. Alles in allem scheint in der Geburtshilfe weniger mehr zu sein. 18. Dieses substanzlose Vorurteil erinnert an eine andere Praxis.

mußte die Gebärende auf dem Rücken liegend in einem Kabelsalat ausharren. 23 -2 5 4 - . Mit einem Bein stehen sie nämlich heute bei jeder Geburt im Gefängnis. Denn um ein ordnungsgemäßes Funktionieren der diversen Herzton-. 21 Auch das Messen der kindlichen Herztöne zeigte nur eine äußerst dürftige Übereinstimmung mit tatsächlichen Gefahrensituationen. sei »ein katastrophales Mißverständnis« gewesen. 22 Und schließlich gelang es – trotz des ganzen Brimboriums – auch nicht. aufgebaut auf »falschen Analogien und Rückschlüssen«. Am Beginn stand hier der Gedanke. daß fast alle von den Geräten angezeigten Mangelsituationen in Wahrheit Fehlalarm waren. Für die Mütter bedeutete dieses Zugeständnis an Sicherheit jedoch einen extremen Verlust an Bewegungsfreiheit. daß das extreme Monitoring scheinbar völlig unnütz war. Damit sollten Totgeburten und Spätschäden bei gehirngeschädigten Kindern ein für alle Mal der Vergangenheit angehören. die Zahl der durch Sauerstoffmangel geschädigten Babys zu verringern. Eingehende Studien zeigten. daß eine möglichst genaue Überwachung des Fötus während der Geburt die drohende Sauerstoffunterversorgung als Risikofaktor ausschließen könnte. daß bei zumindest 90 Prozent dieser Ernstfälle die Art und Weise der Geburt keine Rolle spielt. schrieb ein gynäkologisches Fachjournal. Während der siebziger Jahre wurde die perfekt überwachte Geburt zum Standard. sondern andere Ursachen vorliegen. Heute gehen die Forscher davon aus.und Sauerstoffmeßgeräte zu gewährleisten. Die geeigneten technischen Geräte waren rasch erfunden und mit Millionenaufwand in den Kliniken angeschafft. Blutdruck. sogar am Kopf des Ungeborenen war eine Meßsonde angebracht Bald regte sich heftiger Widerstand gegen diese Strapazen. Hinzu kam noch.Schuß ins Knie Aber auch für die Gynäkologen selbst ist das Berufsleben durch die extreme Forcierung der Apparatemedizin nicht einfacher geworden. Das ganze HighTech-Monitoring. während 84 Prozent aller tatsächlichen Sauerstoffunterversorgungen nicht erkannt wurden.

schöne Symbol. Nie wieder den Gedanken hegen. Soll sie Max gleich jetzt anrufen. sind Rechtsanwälte. Jetzt beginnt ein neues Leben.Die wenigen. eine Wartezeit von einem Jahr sei durchaus normal. Und sie solle sich keine Sorgen machen. Und immer waren irgendwelche unregelmäßigen Figuren herausgekommen – und jetzt dieses klare. Immer wieder verglich Martha die Abbildung auf der Packungsbeilage mit dem. Mindestens ein Dutzend Mal hatte sie zuvor gehofft. In anderen Umständen! Martha ließ sich auf das Sofa fallen. Jetzt geht es Max an den Kragen: Der muß jetzt endlich auch Schluß machen. Nie wieder den ironisch-mitfühlenden Blick der Apothekerin ertragen müssen. sie war schwanger. was sie hier direkt vor Augen hatte: Es war das exakte Abbild für JA. die von der peniblen Geburtsüberwachung in jedem Fall profitieren. Und das will organisiert sein. Der Wunsch nach perfekter technischer Überwachung hat sich somit als Schuß ins eigene Knie entpuppt. schenkte sich eine Tasse Tee ein und lehnte sich aufgeregt und euphorisch zurück. daß sich regelmäßige Kreis in der kleinen Schale bilden würde. Max sei vielleicht nicht zeugungsfähig oder bei ihr selbst sei etwas nicht in Ordnung – ungeachtet der Beteuerungen ihres Gynäkologen. die – wenn einmal etwas schiefgeht und ein Fall vor Gericht landet – die gemessenen Werte in jeder beliebigen Richtung gegen die Gynäkologen verwenden können. sie sei so normal und fruchtbar. daß sie bereits im vergangenen Jahr den Abschied von den Glimmstengeln geschafft hatte. wie eine junge Frau von 28 Jahren nur sein könne. oder ist das Abendessen für so eine Nachricht besser geeignet? Und ein Arzttermin muß organisiert werden. Ja. -2 5 5 - . Und Schwarztee – ist das überhaupt gesund für Schwangere? Bloß gut. Guter Hoffnung Das Ergebnis des Schwangerschaftstests hätte eindeutiger nicht sein können.

Martha bereitete sich intensiv darauf vor. Er untersuchte sie. »Wollen Sie das Bild mitnehmen?« fragte der Arzt. »das könnten die Hoden sein. Aber das war schon immer so. im Hinterhof nach Mäusen und Ratten zu jagen und sich mit anderen Katzen zu raufen – brachte sie aus Hygienegründen zu den werdenden Großeltern aufs Land. Nur ihren kastrierten Kater Jeff – der die Angewohnheit hatte. Horrorstorys beim Bauchtanz In drei Monaten sollte bereits die Geburt stattfinden. ob sie das Baby sehen möchte. Martha nahm es an sich. Hier aber war der Beweis. Beide -2 5 6 - . »Der ist etwas niedrig. Abgesehen von einem enormen Schlafbedürfnis hatte sie noch nichts von dem entwickelt. manchmal«. und sie bejahte. Und danach meist noch mit Beatrice und Klara ins Café. im sechsten Monat. Dies hier sollte zu Marthas Kind heranwachsen.« Der Gynäkologe fragte. sagte Martha. daß sie wahrscheinlich einen Sohn bekommen würden.« Das Wachstum des Embryos verlief normal. was ihre Freundinnen erzählten: Übelkeitsanfälle der unbändige Lust auf Sauerkraut. Wird Ihnen manchmal schwarz vor Augen?« »Ja. »Hier. sagte er. diese kleinen Bällchen«. teilte ihr der Arzt mit. »wenn ich rasch aufstehe. Sie spürte noch nichts davon. und auf dem Bildschirm zeigte sich ein abstraktes Flimmern. ließ sich von Max den Bauch mit duftenden Ölen massieren und las eine Unmenge Bücher. nahm eine Blutprobe.Das erste Bild Beim Frauenarzt war dann alles klar. maß den Blutdruck. Er führte eine Ultraschallsonde in ihre Vagina ein. und Max war bei einem dieser Termine dabei. war schlank wie immer. schließlich drückte er die Stoptaste und zeigte auf ein helles Gebilde. die Ultraschallsonde konnte nun von außen angelegt werden. Es blieb n icht das letzte Bild. Schon früh. auch Martha hatte keinerlei Probleme. trainierte Atemtechniken. Einmal pro Woche ging sie in die Bauchtanzgruppe für Schwangere. machte Gymnastik. Langsam wölbte sich Marthas Bauch.

Die Erlebnisse der beiden waren nicht wirklich ermutigend. »Die haben nur Streß gemacht.« Mit allein meinte Klara. war ihr unglaublich übel. einen Platz in der Privatklinik und den Gynäkologen ihrer Wahl. hatte sie noch selten erlebt.« Diesmal sollte es ohne Streß abgehen mit einer Hebamme. Als sie erwachte. keine Wehentropfen. Beatrice hatte sogar beschlossen. »Das.hatten ähnliche Geburtstermine wie sie: etwa Mitte des Sommers.« Beatrice hatte einen Kaiserschnitt in Vollnarkose bekommen. das nicht trinken konnte. Und dann – als es Morgen wurde – hatte auch noch der Dienst gewechselt. Und beide hatten bereits einmal geboren. Und ständig sei sie gedrängt worden. hatte die Hebamme erklärt. was ich in der Klinik erlebt habe. Schließlich hatte sie regelrecht um ein Ende gebettelt. Martha saugte die Erzählungen auf und wollte immer mehr wissen. Diesmal würde sie eine schmerzlose Geburt machen. die sie sich ausgesucht hatte und mit der sie sich sehr gut verstand. daß es nun ja wohl bald klappen möge. Bei Klara hatte die Geburt beinahe 20 Stunden gedauert. Aber nun steht doch das zweite Mal an. Sie hatte mit ihrem Arzt schon alles arrangiert. »ich war fast ohnmächtig vor Angst. Klara plante das genaue Gegenteil. Die Geburt war immer mehr aus dem Ruder gelaufen und wurde unerträglich. daß sie in den Kreißsaal gebracht wurde. Zunächst würde sie eine sanfte Lokalanästhesie bekommen und dann einen Kaiserschnitt machen lassen. was sie in der Nacht abgelehnt hatte. Keine Epiduralanästhesie. sie hatte große Schmerzen und ein Baby im Arm. Sie würde ihr zweites Kind zu Hause bekommen. Sie hatte nicht mal mehr mitgekriegt. kann ich allein besser. wurde ihr nun nochmals vorgeschlagen. nie wieder ein Kind zu bekommen. Gerade als der junge -2 5 7 - . Aber die Preßwehen kamen nicht. Und alles. Beatrice würde diesmal auf Nummer sicher gehen. obwohl der Muttermund bereits weit offen war. »Ich bin dafür nicht gebaut«. sagte sie. wie sie betonte: ohne Ärzte. endlich ein Wehenmittel zu nehmen. Eine schlechtgelaunte resolute Frau stellte sich als die neue Hebamme vor und wünschte ihr mürrisch. So lange Wehen.

»Aber so etwas«. entschied sich dann aber doch für eine Universitätsklinik. Hatte sie hier zwei extreme Ausnahmefälle gehört? Anscheinend. Andere Frauen – vor allem ihre Mutter – versuchten sie zu beruhigen. und es kann auch zeitweise unangenehm sein. und zum Glück auf eine dicke Matte. Zu Ihrer Sicherheit Martha wünschte sich eine Geburt. Ja. hier lange und ausgiebig baden und wahlweise im Gebärstuhl oder im Bett ihr Kind zur Welt bringen. Schließlich waren alle drei Frauen hochschwanger und standen kurz vor ihrem Termin. so wie alle Mütter. das stehst du durch. Aber in Wahrheit ist es halb so schlimm.« Martha hörte den Erzählungen ihrer Freundinnen mit wachendem Entsetzen zu. sagte Klara. wenn du dein Kind im Arm hast. betonte sie. Auch hier war die Einrichtung angenehm beruhigend. wann der Geburtstag ihres -2 5 8 - . die Schwestern und Hebammen freundlich. es tut weh. wenn sie wolle. die so sanft und natürlich wie möglich verlaufen sollte. »das Baby aus mir raus und auf den Boden. Klara lehnte gebeugt an einer Sprossenwand und brüllte. »brauche ich nie mehr. stand mit grünlicher Gesichtsfarbe abwechselnd der Hebamme und dem Arzt im Weg. sie könne. begannen überfallartig die Preßwehen.Gynäkologe skeptisch die Werte des Herztonschreibers studierte und »zur weiteren Abklärung« seinen Chefarzt holen wollte.« Zum Glück nicht tief. Sie würden sich erst in zwei Monaten wiedersehen. Zu sechst! Beatrice wußte schon. wo die modernsten Geräte zu ihrer Sicherheit bereitstanden. Und du hast es sofort vergessen. und dann bist du im siebten Himmel und mehr als entschädigt. Selbstverständlich bliebe das Baby bei ihr. Sie besuchte gemeinsam mit Max zwei Geburtshäuser. Und für den Fall der Fälle würde sie in den wenige Meter entfernten Kreißsaal geführt. »Und dann fiel«. den sie schon seit Stunden kaum noch richtig wahrnehmen konnte. Ihr Mann. Ihre letzte Bauchtanzstunde war soeben vorbei.

das Baby hatte sich rechtzeitig gedreht und lag nun bereits mit dem Kopf nach unten. wie Beatrice ihn plante. Martha sah die beiden Freundinnen zweifelnd an. Immer für sie da. Aber dennoch wollte es nicht raus. keine Spur von Wehen. Auf der anderen Seite aber hatte sie vor einem Kaiserschnitt. wenn sie Anfälle von Mutlosigkeit hatte und Zuspruch benötigte. Bei ihr war leider nicht alles so eitel Wonne. meinte Klara. Buben brauchen immer länger. Das Gehen fiel ihr schwer. Ihre Hebamme sei eine richtige Freundin geworden. bei dem alles gebucht war. wenn alle wach und ausgeruht waren. »Bei mir hat es das letzte Mal zwanzig Stunden gedauert. Am Vormittag sollte es sein. »Ach was«. fast mehr Angst als vor den Geburtsschmerzen. Aber die Besuche bei ihrem Arzt waren doch zahlreicher geworden. Es würde alles modern und schmerzlos ablaufen. Es hatte wohl keinen Platz mehr.Kindes sein sollte. habe ich Zeit genug. Max hatte sich inzwischen Urlaub genommen. der niedrige Blutdruck machte ihr zu schaffen. Wenn sich wirklich etwas in eine gefährliche Richtung entwickelt. Ihre Ängstlichkeit war wie fortgeblasen. so wie ein Urlaubshotel. -2 5 9 - . um zehnmal in die Klinik zu fahren. auch wuchs es gut und sollte wohl ein ziemliches Bröckchen werden. Thrombosen und Eisenmangel. Sie würde das Zimmer schon am Vortag beziehen. Und dann ließen die Wehen auf sich warten. Auch Klara war die Zuversicht in Person. Martha war bereits zehn Tage über dem Termin.« Warten auf die Wehen Zwar gab es auch bei Martha keinerlei Anzeichen für Probleme. Das Baby in ihrem Bauch bewegte sich nun viel seltener. um seiner Frau beizustehen. und der Arzt gab ihr dieses und jenes Mittel zur Abwehr von Schwindel. erzählte sie. Sie beneidete beide um ihre Zuversicht und wünschte sich. einen der beiden – wie sie sagte – Radikalwege zu gehen. Und Klaras Weg empfand sie als Seiltanz ohne Sicherheitsnetz. sie hätte ebenfalls die Kraft gehabt.

« Schließlich erschien eine unbekannte Hebamme. eine Dusche. Der feierliche Beginn eines neuen. -2 6 0 - . »Sie können Ihre nassen Sachen schon mal ausziehen«. so klopfen Sie nur. Dann untersuchte sie Martha. sagte Margarete. hatte der Arzt vorgeschlagen. sofort«. ob Martha schon Wehen habe. und bat. fragte noch einmal nach den Wehen.« Margarete trat durch die Verbindungstür in das bekannte Zimmer mit der großen Badewanne. den sie bei ihrem ersten Besuch präsentiert bekommen hatten. » Sie können einstweilen ruhig heimfahren und die Sachen Ihrer Frau holen«. Martha ließ ihre Eistüte fallen und hätte am liebsten laut aufgeschrien. als diese verneinte. Wir könnten die Geburt einleiten. stellte sich als Margarete vor und führte die beiden in ein Zimmer. lächelte routiniert. Zweimal fuhren sie in die Klinik zur Untersuchung. Eine Schwester erschien am Empfang. Max sah entgeistert auf sein Handy und versuchte die Notrufnummer zu erraten. sie liegt nebenan. Schließlich ging dann alles überfallartig. Dann ging die Tür wieder zu. Aber wenn Sie etwas brauchen. Martha zeigte auf ein Schaufenster mit extravaganter Kindermode. Die Klinik wirkte an diesem Nachmittag wie ausgestorben. Ein Erlebnis. Beide schleckten Eis. »Wir wollen aber zu einer Hebamme. fragte. Das dauert nicht mehr allzu lange. Eine Frauenstimme keuchte und wimmerte leise. Und dann platzte die Fruchtblase. »Sie haben noch eine Menge Zeit«. Sie wollte eine Geburt. meinte die Schwester im Weggehen. Ein Bett. Martha und Max spazierten in der Fußgängerzone im Schatten der Häuserschluchten. sondern ein Nebenzimmer. Es war nicht jener schöne Raum. ein Tisch.tröstete er.« – »Ja. Und jedes Mal wieder heim. »Die Dame ist heute nacht gekommen. Aber Martha lehnte beinahe entrüstet ab. »die hat aber gerade noch etwas zu tun. die so natürlich wie möglich ablaufen sollte. meinte sie. Es war ein ungemein heißer Augusttag. um ein wenig Geduld. das schön sein sollte. sagte sie zu Max. glücklichen Lebens. Margarete wollte erst mal die andere Geburt zu Ende bringen.

Martha stand auf. saßen Max und Martha meist allein im Zimmer. eigentlich schon. »Der Kreißsaal ist auch belegt. Um den Bauch hatte sie einen elastischen Gürtel. sagte er.« Da wurde Martha von der nächsten Wehe erfaßt. Martha schrie erstmals. Die Wehen kamen aber bereits alle zwanzig Minuten. solle sie möglichst ruhig so liegenbleiben. »Nicht so gut«. »Das sollten wir noch einmal machen«. »Wir haben heute leider Hochbetrieb hier«. Der Arzt studierte den Ausdruck des CTG. »nachher gern ein Bad nehmen. »aber hier gibt’s leider nur die Dusche. Und nebenan hatte sich das Keuchen und Wimmern in ein schrilles. »Was ist mit dieser Frau«. unregelmäßiges Geschrei gesteigert. fragte Martha die Hebamme. sagte er. damit der Schallkopf nicht verrutsche. Sie -2 6 1 - . zählte die Minuten bis zur nächsten Wehe und legte sich dann wieder auf das Bett. sagte Martha. fragte nach der Wehenfrequenz und legte den Blutdruckmesser an. der Schallkopf«.« Während es im Nachbarzimmer einem Höhepunkt entgegenging. sagte Margarete. Weder ihn noch die Hebamme hatte sie bei ihren früheren Besuchen angetroffen. »Achtung. meinte Margarete. Martha lag mit offenem Klinikhemd auf dem Bett. sagte Margarete.« Dann hörte er mit seinem Stethoskop Marthas Bauch ab. Als die nächsten Wehen kamen. bäumte Martha sich auf und drückte fest die Hand ihres Mannes.»Max«. wie es laufe. Ab und zu kam der Arzt vorbei und fragte. »Ich möchte«. Eine halbe Stunde. sagte Martha. »am besten alle zwei Stunden. Nebenan auf einem Tischchen lief die Nadel über einen Streifen Papier und zeichnete die kindlichen Herztöne auf. »jetzt geht’s bei mir los. stöhnte Martha.« – »Tut mir echt leid«.« Und Max klopfte. Der längste Tag Draußen wurde es langsam dunkel. Sie war schlimmer als alle zuvor. »sollte das nicht bald vorüber sein?« »Ja«. hatte der Arzt gesagt. der den Schallkopf zur Kardiotokographie festhielt. lief auf den Gang.

Max zuckte ratlos mit den Schultern. »Wollen Sie den Kreuzstich?« fragte der Arzt nochmals und lächelte Martha freundlich an. sagte der Arzt. Abermals kam eine Wehe.« – »Wie lange?« fragte Martha. Die Infusion sollte den Kreislauf stabilisieren. stöhnte sie. Dann haben Sie in zwei Stunden alles hinter sich.« Martha reagierte auf diese Nachricht kaum. »Der Muttermund muß allerdings noch viel weiter aufgehen. Jetzt leitete die Hebamme den Verlauf der Geburt. Ihnen einen Kreuzstich zu setzen«. Martha -2 6 2 - .versuchte regelmäßig zu atmen. gleich ist es vorüber. »ist es dafür zu spät. So regelmäßig es ging. bis es hell wird. Margarete hatte nun kaum noch andere Pflichten und saß bei Martha und Max. Wir müssen für die Injektion eine Pause nützen. Eine Infusion floß langsam in eine Kanüle an ihrer Armbeuge. »Es tut so weh«. »helfen Sie mir. Sie hatte nach der Epiduralanästhesie nun zwar keinerlei Gefühl mehr im Becken. Sie bekommen alles mit. Nun allerdings konnte Martha nicht mehr aufstehen. »Was meinst du?« fragte sie ihn. Sie lag schweißgebadet und erschöpft auf dem Rücken. Schmerzlose Geburt Im Nebenzimmer war es längst ruhig geworden.« Die Hebamme kam wieder ins Zimmer und begann Marthas Schultern zu massieren. haben aber keine Schmerzen mehr. »Eine Epiduralanästhesie. »Wenn die Wehen noch stärker werden«. »Nur ruhig«. wenn wir Pech haben. »Man sieht den Kopf des Babys schon. sagte die Hebamme. sagte der Arzt.« Anschließend untersuchte die Hebamme wieder den Muttermund. »Ja«. »Na. allerdings waren ihre Blutdruckwerte alarmierend gesunken. sagte sie und schloß die Augen. Das kann noch eine ganze Weile dauern. In regelmäßigen Abständen befahl sie Martha zu pressen.« Es war gerade eben Mitternacht. »Noch nicht pressen.« »Jetzt wäre es noch möglich.« Martha sah ihren Mann verzweifelt an.

alle Babys schreien bei der Geburt.« Und dann kam das Kind. sagte er zu Martha. »Wir können es mit der Saugglocke holen«. Dann setzten sich die Freundinnen zusammen in den nahen Park. Die Herztöne des Babys schienen der Hebamme Sorgen zu machen. »das ist eben ein Stiller. Der Arzt kam wieder ins Zimmer. Ein prächtiger Bub mit mehr als vier Kilogramm. meinte der Arzt. was Martha von dieser Unterhaltung verstand.« Sie spritzte das Mittel gleich in die Infusion. Das Treffen der jungen Mütter Beatrice. »sonst geht hier nichts weiter. Aber Martha preßte schon. Margarete klingelte nach dem Arzt. Wanderte im Zimmer auf und ab. »Wenn das Kind in einer halben Stunde nicht da ist«. »Ich dachte. Draußen dämmerte es bereits. denn Margarete wirkte zufriedener. »Stärker pressen«. »Warum schreit er nicht?« fragte Max. »müssen wir es holen. »Was war das?« fragte Max.« Überglücklich nahm Martha ihr Kind in die Arme. war das einzige. Am wenigsten hatte Beatrice zu erzählen. »Dann geben Sie Oxitocin«. bettelte Martha.« Auch er blieb nun da. der müde und schicksalsergeben neben Martha saß und langsam an eine Zigarette dachte. forderte Margarete. Stolz präsentierten sie den kugelrunden Tänzerinnen ihre Babys. Allerdings kam bald das nächste Problem. so stark sie konnte. nur ein leichtes Drücken des Babys. eines hübscher als das andere. sie spürte keine Wehen mehr. sagte der Arzt und ging wieder. Die Nabelschnur wurde durchtrennt. Klara und Martha begegneten sich im Turnsaal der Bauchtanzgruppe. Alles war so -2 6 3 - . Langsam schien das Wehenmittel zu wirken.« »Nein«. »Wir müssen ein Wehenmittel geben«.« – »Bitte«. die Hebamme wusch das Kind. lächelte Margarete. während irgendwie die Nachgeburt kam. »Die Preßwehen wollen nicht kommen«. Das CTG war nun nahezu ununterbrochen angeschlossen. sah sich den Ausdruck des CTG an und besprach sich mit Margarete. »Einfacher und sauberer ist allerdings ein Schnitt. »warten wir noch ab. sagte Margarete.hätte nun auch Zeitung lesen können.

»Meine Hebamme hatte so ein Hörrohr mit. »Mit dem Stillen hat es bei mir leider schon beim ersten Kind nicht geklappt«. Es wäre fast zu einem Kaiserschnitt gekommen. Dann lagen wir alle gemeinsam im großen Bett. Mittags war das Baby bereits da.« Später. Junior mittendrin. Und nach jeder Wehe hat sie damit meinen Bauch abgehört und gesagt: Paßt – alles okay. Das Baby hatte weniger als 3000 Gramm gewogen und wurde sicherheitshalber noch etwas dabehalten.« »Hast du nie ein CTG machen müssen?« fragte Martha ungläubig. und haben Pizza gegessen. »Nein«. während sich Beatrice langsam von dem Eingriff erholte. meinte Beatrice fast entschuldigend. Zuerst«.« »Bei mir«. daß wir einen Pizzaservice angerufen haben. so war die Geburt eher wie eine Geburtstagsparty verlaufen. Die Narkose hatte nachgelassen und ihre Wunde geschmerzt. als die ersten leichten Wehen kamen. »Ich hatte keinen Hunger und bin im Zimmer herumgetanzt. Insgesamt war sie mit zehn Tagen doch länger als geplant in der Klinik geblieben. Bereits nach der zweiten Preßwehe.« Dann hätten sie gemeinsam zu Abend gegessen. Ihr Mädchen erhielt eine spezielle Ernährung und blieb auch gleich ein Flaschenkind. Klara war glänzend gelaunt. als es ernst wurde. Noch immer war sie ein wenig schwach und durfte nichts Schweres tragen. habe sie in einem bequemen Ohrensessel auf dem Schoß ihres Mannes gesessen. »Die Hebamme«. -2 6 4 - .« Und dann sei das Baby gekommen. fährt sie fort.verlaufen wie geplant. Aber sie versteht ihren Job wirklich. Plötzlich waren die Herztöne des Babys nicht mehr zu hören. »Ich war so entspannt. erzählte Klara lachend. »ist fast den ganzen Tag im Garten gelegen und hat sich gesonnt. »Diesmal hat es meine Hebamme aber sicher aufgefangen. Auch bei ihr war alles nach Wunsch gegangen. sagte Klara. erzählt schließlich Martha. »ist mir die Hebamme ja nicht so sympathisch gewesen. Und als wir fertig waren habe ich einen derartigen Heißhunger bekommen. daß ich zwischen den Wehen immer leicht weggedöst bin. Wenn man ihr glauben konnte. »ging es leider nicht so lustig zu.

Irgendwie hat sie das Kind dann rausgebracht. sonst hätte weiß Gott was passieren können.« -2 6 5 - . daß ich in einer Klinik entbunden habe. Bloß ein Glück.

Daß diese schon die gesunde Ausbildung der körpereigenen Abwehr beim Baby durch allzufrühe Eingriffe bremst. aber auch nicht schneller. als die Infektionserkrankungen selbst bereits ihren Schrecken verloren hatten. daß Mediziner. mit den meisten Bedrohungen unter den allermeisten Umständen fertigzuwerden. wie weit das Immunsystem diese in Millionen von evolutionären Schritten entwickelten Fähigkeiten entfalten kann. Und zu diesen Umständen zählen seit eineinhalb Jahrhunderten auch die Eingriffe der modernen Medizin. ist einer der bittersten Irrwege der modernen Medizin. Dabei sind praktisch alle klassischen Impfungen erst zu einem Zeitpunkt eingeführt worden. massive Unterstützung erhalten. lautet ihr Gegenargument. die Lösungen in diese Richtung versprechen. nicht langsamer. die den Kindern ein weitgehend gesundes Leben ermöglicht haben. wird von den gläubigen Vertretern der Impfmedizin empört zurückgewiesen.DIE SECHSTE TODSÜNDE: DIE GERINGSCHÄTZUNG DES IMMUNSYSTEMS Der Wunsch nach einer Welt ohne Krankheit begleitet die Menschheit seit Anbeginn. Die Erkrankungszahlen fielen kontinuierlich wie zuvor. Jahrhunderts in Europa beständig zurück. obwohl die Impfung zweifellos wirksam ist. So verschwand auch die Pest. als sich die Lebensbedingungen der Menschen besserten und sie den Flöhen der Ratten nicht -2 6 6 - . Die breite Einführung der Schluckimpfung hat den Trend nicht entscheidend beeinflußt. ob ein Mensch krank wird oder krank bleibt. Freilich: Die Lebensumstände entscheiden darüber. die darüber entscheiden. Das menschliche Immunsystem ist in der Lage. Und so ist es auch nicht schwer zu verstehen. Daß bei dem Feldzug gegen die Krankheit ausgerechnet die wesentlichen Umstände ausgeblendet wurden. Es seien gerade die Impfungen gewesen. Auch die Kinderlähmung ging seit Beginn des 20. Und das.

seit die meisten Haushalte mit sauberem Wasser versorgt wurden. und der Reihe nach werden nun Krankheiten auf ihr Ausrottungspotential hin ausgelotet. schwerwiegender sind als zuvor. weil sonst eine folgenschwere Epidemie mit unzähligen Todesopfern droht. endgültig alle Menschen durchimpfen zu müssen. ist hier nie ernsthaft für eine Beteiligung der Medizin plädiert worden. und es ist den Ärzten gelungen. als die Krankheit schon lange aus unseren Breiten verschwunden war. Die modernen Impfungen gegen virale Erkrankungen wie Masern. Und zwangsläufig leitete sich daraus das Postulat nach Ausrottung der Krankheiten ab. Mittlerweile weiß man. Das aber scheitert mit Sicherheit an der Tatsache. Und es verschwand die Cholera. die dennoch später im Erwachsenenalter auftreten. die Abwesenheit von Krankheit sozusagen zum staatlich garantierten Gut. von der man einst dachte. Da gegen die Pest nie eine Impfung existiert hat und die Choleraimpfung erst entwickelt wurde. Bei der Umsetzung dieses Ziels trat eine verhängnisvolle Sinnverschiebung auf. daß hier bald Auffrischungsimpfungen für Erwachsene eingeführt werden müssen. daß Kinderkrankheiten durchaus auch sinnvolle Aufgaben haben: Sie trainieren das Immunsystem der neuen -2 6 7 - . den bisherigen »natürlichen« Ablauf der Krankheiten im frühen Kindesalter stark zu verändern. Mumps und Röteln sind zweifellos hochwirksam. sie wirke ein Leben lang. daß die Erkrankungen. Das Selbstbewußtsein der Medizin ist aber auch ohne diese »verpaßten Triumphe« hinlänglich groß.mehr ausgesetzt waren. daß keine Impfung einen 100prozentigen Schutz liefern kann – schon gar nicht jene gegen Masern. »Health« wurde zunehmend als »Recht auf Gesundheit« verstanden. schafft wiederum den Druck. Daß sie dabei – wie etwa bei den Masern – dafür gesorgt haben. Als Signal gab die Weltgesundheitsorganisation 1978 bei ihrer Konferenz in Alma Ata den Slogan aus: »Health for all by the year 2000«. Die immanente Impflogik mag plausibel erscheinen – eine zentrale Frage wird durch sie allerdings ausgeblendet: Viele Mediziner nehmen an.

hat mit hoher Wahrscheinlichkeit zu dramatischen Entwicklungen wie dem sprunghaften Anstieg von Allergien und Autoimmunerkrankungen beigetragen. ist auch das Risiko der gefürchtetsten Komplikation. also beispielsweise in den Schulferien. Bei gesunden. Aktuelle Untersuchungen zeigen. 12 Die Anmaßung der Medizin. Eine genauere Analyse der aktuellen Daten zeigt. da aber die meisten Mütter die Masern nicht mehr selbst bekommen haben. Das höchste Erkrankungsrisiko haben nun Babys im Alter zwischen sechs und 14 Monaten. Wenn die Masern im üblichen Alter auftreten. in der Maserngruppe immerhin noch jedes zweite. Mittelohroder Lungenentzündung sind selten. Geimpfte Mütter haben denn auch dreimal so häufig kranke Babys. daß sie zu Masernkindern auf Besuch geschickt wurden um sich anzustecken. Impfungen »ersparen« dem Immunsystem diese Ausbildung – mit weitgehend unbekannten Folgen.Menschenkinder. -2 6 8 - . geht dieser Schutz anscheinend verloren. Sie stellen ein rundes Drittel der Masernopfer und sind aufgrund ihrer noch nicht vollständig entwickelten Abwehrkräfte besonders anfällig für Komplikationen. guternährten Kindern verlaufen Masern meist problemlos. Erst nach diesem »Trainingscamp« ist es voll ausgebildet und gut vorbereitet auf die Bedrohungen des späteren Lebens. daß die Masern heute eine völlig andere Krankheit geworden sind und mit den Angaben aus den alten Lehrbüchern kaum noch etwas zu tun haben. In dieser Altersgruppe waren die Masern in der Zeit vor den Massenimpfungen so gut wie nie vorgekommen. relativ gering. einer Gehirnentzündung. Nun. Komplikationen oder Zwischenfälle wie Durchfall. vor allem wenn die Krankheit zu einem günstigen Zeitpunkt. auftrat. Ältere Menschen erinnern sich noch. daß im Alter von acht Monaten kaum noch jedes sechste Baby geimpfter Mütter natürliche Abwehrkräfte besitzt. weil die Babys noch durch die von der Mutter weitergegebenen Antikörper geschützt waren. mit ihren einfachen Rezepturen effektiver sein zu wollen als das Abwehrsystem des menschlichen Körpers. sondern schon geimpft worden sind.

diese Zusammenhänge untersuchen zu können. Die »unsterblichen« Wucherzellen werden identifiziert und unschädlich gemacht Einzelne solcher Vorgänge konnten die Mediziner beobachten. ohne diesen Krieg jemals gewinnen zu können. wann Krankheiten auftreten und wie groß die Heilungschancen sind. eine Killerzelle des Immunsystems beim Einsatz gegen eine Krebszelle zu filmen: Beide Zellen sind etwa gleich groß. mit der Folge. daß sämtliche Kontrollmechanismen ausfallen und die Zellen sich unkontrolliert zu vermehren beginnen. Daß dieser nun auch naturwissenschaftlich belegte Umstand in äußerst geringem Umfang in der medizinischen Denk. daß viele effektive Behandlungschancen bei schweren Krankheiten nicht genützt wurden. Stoffwechsel oder schlicht Kopierfehler führen ständig zur Schädigung der DNA in einzelnen Zellen. Die neue Forschungsrichtung der Psychoneuroimmunologie hat eindeutig belegt. Die Abwehrzelle d ockt an die verdächtige Zelle an und hält sie einige Minuten lang ganz ruhig fest.Die zweite Anmaßung der Medizin.und Arbeitswelt berücksichtigt wird. evidente Zusammenhänge zwischen Psyche und Immunsystem über Jahrzehnte zu negieren. in extrem komplexen Abläufen auf solche Gefahren aus dem Körperinneren zu reagieren. hat auf der anderen Seite dazu beigetragen. nur weil ihr das Instrumentarium fehlte. Und damit zumindest darüber mitentscheiden. ist die sechste moderne Todsünde des Medizinkartells. Denn vielfältige Umwelteinflüsse wie Strahlung. daß sämtliche seelischen Prozesse sich unmittelbar oder mittelbar auf das Immunsystem auswirken. Statt dessen hat das Medizinkartell sein Kriegskonzept gegen Krankheitserreger und kranke Zellen durchgesetzt. Experten der Universität von San Diego in Kalifornien ist es sogar gelungen. In dieser Zeit dürfte es der -2 6 9 - . Sie nähern sich im Blutstrom. Doch das menschliche Immunsystem hat über Jahrmillionen gelernt. Coleys Gift Jeder Mensch hat Krebs.

die ihn Jahrzehnte gesund erhält. um die Armeen zu rüsten. es ist nicht notwendig. Wegschneiden. Die Umstände. Sie l st sich binnen weniger ö Minuten in viele Einzetteile auf.Krebszelle offenbar nicht gelungen sein. Statt dessen setzte sich ein militärisches Verständnis der Krebsbekämpfung durch. als er dem Krebs offiziell den Krieg erklärte. meßbar. mit dem die Killerzelle die Krebszelle tötete. Vize-Chairman des Nationalen Krebsinstituts. mit Strahlen beschießen. Daß die Kraft des Immunsystems dabei eine zentrale Rolle spielt. sind bislang nicht eindeutig geklärt. die Mechanismen zu verstehen. erklärte. dann glaubten sie. verliert. ist ebenso evident wie unbeachtet geblieben. warum es nicht um Ursachenforschung geht: »Die 325000 Krebspatienten. können nicht warten. um große Fortschritte zu machen. Milliarden Dollar wurden bereitgestellt. die später von den Recyclingspezialisten des Zellhaushalts auf ihre Verwertbarkeit zum Aufbau neuer Zelltypen geprüft werden. sich ausreichend zu identifizieren.« Zunächst setzten die Generäle und Offiziere des »war on cancer« auf chemische Waffen. Der Krebszelle jedenfalls bekommt die Injektion gar nicht. Sie ergießt einen Teil ihrer Membranflüssigkeit in jene der Krebszelle. Doch jede Einzelbeobachtung führte im vergangenen Jahrhundert des medizinischen Feldzugs gegen den Krebs fast automatisch dazu. mit Chemie zerstören hatte viele Vorteile: Es war scheinbar klar. Denn nun verformt sich die Killerzelle und durchstößt an einer Stelle die Zellwand der Krebszelle. die dieses Jahr sterben werden. daß das einzelne Phänomen als Erklärungsmuster verallgemeinert wurde – im eben beschriebenen Fall das Gift. So handelte der US-Präsident Richard Nixon 1971 nur folgerichtig. Die Wissenschaftler identifizierten diese Flüssigkeit später als hochgradiges Zellgift. industriell herstellbar und nach gleichen Standards millionenfach anwendbar. warum der Organismus die Fähigkeit zur Abwehr der Krebszellen. in den Viren den wahren Feind gefunden zu haben: Sie sollten schuld am -2 7 0 - . Sydney Farber.

meinte im Frühjahr 2001: »Der beste Weg. bei der alle bislang publizierten Jubelmeldungen sich ebenso als Fehlmeldung herausgestellt haben. gefunden: Einzelne Substanzen des Immunsystems. überhaupt nicht auf das Bombardement durch die Zellgifte ansprechen. Der Leiter des Nationalen Krebsinstituts der USA. den Krieg für beendet zu erklären und Krebs als komplexes Puzzle verstehen zu lernen. Deshalb herrscht Kriegsmüdigkeit in den Stabsstellen der Generalität. Weshalb. die zu wenig wissen. Ein Jahrzehnt später ist auch diese Euphorie verflogen. Interleukin und Interferon. Er gewann anschließend sogar zweimal die Tour de France. Als ein Jahrzehnt später die Virenthese sich als w eitgehend falsch erwies. die der Komplexität des menschlichen Organismus Rechnung tragen wollten. Natürliche Reaktionen des Immunsystems wie etwa Fieber könnten auch erfolgreich den Krebs besiegen. wie etwa Hodenkrebs. So konnte der USRadrennfahrer Lance Armstrong. wir wissen jetzt genug. einen Fortschritt zu erzielen.Entgleisen des Zellwachstums sein. bei dem Hodenkrebs mit Metastasen im Gehirn und der Lunge diagnostiziert worden war. erfolgreich therapiert werden. Richard Klausner.« Es gab in der Medizin stets auch Ansätze. sind jene. daß einige der mehr als 100 bekannten Krebsarten. ist den Experten bis heute ein Rätsel. Andere wiederum. nun setzen die Feldherren auf die Gentherapie.« Die Suche nach »magic bullets« sei grundlegend falsch: »Die einzigen Leute. lassen sich erstaunlich gut mit Chirurgie und Zytostatika in den Griff bekommen. eine magische Kugel. war längst eine neue »magic bullet«. Eines dieser -2 7 1 - . Doch derlei Ansätze wurden stets zurückgedrängt. ihre Vernichtung würde deshalb zum Sieg über den Krebs führen. sollten – massiv produziert und dem Körper zugesetzt – das Krebswachstum unterdrücken. Die Erfahrung zeigt. Abgesehen von derartigen A usnahmefällen sind die Aussichten für Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen heute aber kaum besser als vor 30 Jahren. ist. die sagen. wie etwa Lungenkrebs.

bildhübsch. gerade erst fertig mit seiner Fachausbildung. Das Mädchen war 18 Jahre alt. John D. Bergtouren und Jagd. Der eine war ein 28jähriger Chirurg. Eine kleine Unachtsamkeit. Das Mädchen. Empfahl ihr Ärzte. Sie flüstert ihrer Assistentin ins Ohr. Und bald zeigte sich auf dem Handrücken eine kleine. und die wiederholt dann die Worte laut. bewegliche Beule. und die Reise ging weiter. Den ganzen Sommer über war sie mit der Eisenbahn kreuz und quer durch das Land gefahren. Helen Coley Nauts kann kaum noch sprechen. abenteuerlustig und eine Schulfreundin des Milliardärssohns. Im Cancer Research Institute in Manhattan residiert eine bald 100 Jahre alte Dame. Wenige Monate später war die junge Frau tot und das Leben der zwei Männer für immer verändert. Besorgt kümmerte er sich um sie. 3 Rockefellers Freundin Am Beginn der Immuntherapie gegen Krebs stand eine Begegnung von drei jungen Leuten im New York des ausgehenden 19. keine besondere Verletzung. Zu Hause allerdings kamen die Schmerzen heftiger denn je zurück. ernst und überaus ambitioniert am Beginn seiner Karriere. Als krönenden Abschluß unternahm sie gemeinsam mit ihren Brüdern und ein paar Freunden noch eine Expedition durch Alaska mit Wildwasserfahrten. ihr Schulkollege. Rockefeller. hatte im Herbst 1890 einen richtigen Abenteuerurlaub hinter sich. Bessie Dashiell. Brieffreund und schüchterner Verehrer. die Schmerzen ließen rasch nach. Jahrhunderts. Aber ihre Geschichte ist spannend wie ein Krimi. Der zweite ein schüchterner. Jahrhunderts in New York. als die Hand trotz -2 7 2 - .Denkmodelle entstand gegen Ende des 19. die mehr darüber weiß als jeder andere. nicht sonderlich attraktiver Absolvent einer elitären Privatschule und einziger Sohn des legendären Gründers von Standard Oil. An einem dieser Tage quetschte sie sich beim Aussteigen aus dem Auto die Hand unter dem Sitz ein. erhielt Briefe über den halben Kontinent hinweg und konnte nun ihre Rückkehr kaum erwarten. blieb den ganzen Sommer über mit Bessie in Kontakt.

Der Verdacht bestätigte sich: Die Zellen des Knochenbindegewebes waren durchsetzt mit bösartig wuchernden Krebszellen. heute als Memorial Sloan Kettering Cancer Center ein Begriff als eines der weltweit führenden Zentren der Krebsforschung. ihre Lymphknoten schwollen an. Er desinfizierte die Wunde und nähte sie. deren Schicksal ihn tief berührt hatte. Die Hand schwoll an. das Gewebe schien nur abnormal hart. wuchsen sich rasch zur Größe von Gänseeiern aus. Nur noch zeitweilig bei Bewußtsein und getröstet von Opiaten. Doch nichts wurde besser. Bessie litt an einem Rundzellensarkom. und öffnete die Wunde mit dem Skalpell. in seiner letzten wissenschaftlichen Arbeit. Nichts deutete auf eine Infektion hin. Rockefeller wurde nach den vielen Begegnungen am Kranken. Auf die Frage. John D. Ein böser Verdacht Coley betäubte die schmerzende Stelle mit Kokain. Innerhalb weniger Wochen traten an beiden Brüsten Metastasen auf. einmal konnte Bessie ihre Finger nicht mehr fühlen. Absolvent und »rising star« des New York Hospitals. nahm er auf Bessie Dashiell Bezug. entnahm Gewebe von der Oberfläche des Knochens und gab es einem Pathologen zur mikroskopischen Analyse.aller Eisumschläge und Kräutertinkturen nicht besser wurde. woher sein Interesse an Krebsforschung rühre. dem damals üblichen Betäubungsmittel. Mit einem Multimillionen-DollarGeschenk ermöglichte Rockefeller den Bau des Memorial Hospitals. Noch nach fast fünfzig Jahren. Coley war in den letzten Stunden bei ihr. Und bekam als Referenz den Namen William Bradley Coley. überall am Körper brachen erbsengroße Geschwüre auf.und Sterbebett seiner Verehrten ein lebenslanger Freund des Chirurgen. dann wieder glühten sie vor Schmerzen. dazu stolzer Inhaber einer neueröffneten chirurgischen Privatpraxis. Coley kam ein böser Verdacht. Er entschied sich für einen weiteren Eingriff. starb sie binnen drei Monaten. unterschrieb schließlich den Totenschein. antwortete er viele Jahre später: »Das -2 7 3 - .

Stein wurde auf die Isolationsabteilung verlegt und machte dort – weil Menschen mit allen nur denkbaren Infektionskrankheiten gemeinsam weggesperrt waren – in rascher Abfolge eine Infektion nach der anderen durch. ausgelöst durch Streptokokken. Als die Infektionen abgeheilt waren. erinnert sich seine Tochter Helen. Weitere Eingriffe waren unmöglich. das wenige Jahre zuvor von seinem Chef in der Klinik behandelt worden war. Schließlich entdeckte er ein Sarkom. lautete die Diagnose wie bei Bessie Rundzellensarkom. die gefürchtete Wundrose. Der Mann mußte eine große runde Narbe hinter dem linken Ohr haben. Wann immer Zeit blieb.hängt mit Bessie Dashiell zusammen. Die Patientenakte eines mittellosen deutschen Einwanderers namens Fred Stein ließ ihn nicht mehr los. Und ebenso gesund fand Coley endlich. verließ Stein als offensichtlich gesunder Mann das Krankenhaus. saß er in Archiven auf der Suche nach ähnlichen Fällen. Nachdem die Chirurgen die Wucherung weggeschnitten hatten. »Wochenlang lief Coley von Tür zu Tür«.« 4 Ein Patient namens Stein Für William Coley bedeutete der Schock die Abwendung von der traditionellen Chirurgie. -2 7 4 - . ihr Tod war für mich ein riesiger Schock. der sich rasch zu einer großen Beule auswuchs. viermal kam der Krebs zurück.« Er durchstöberte Kneipen und elende Kellerwohnungen. nach einem Monat Detektivarbeit. »Und überall im deutschen Einwandererviertel fragte er nach Fred Stein. Mit jeder neuen Attacke wich jedoch. Stein wurde viermal operiert. den Deutschen vor. Coleys Ex-Chef beschrieb Steins Gesundheitszustand in der Akte als »absolut hoffnungslos«. völlig überraschend für die behandelnden Ärzte. Er bat Fred Stein. An dieser Stelle hatte Stein laut den medizinischen Aufzeichnungen in der Krankenakte einen roten Fleck entdeckt. der Krebs ein Stück zurück. noch einmal mit ihm ins Krankenhaus zu kommen. Schließlich hatten die Tumoren lebenswichtige Blutgefäße erfaßt. Schließlich bekam der Patient auch noch eine Infektion.

hieß es. da hatte die Krankenhausleitung ihr striktes Veto eingelegt. Zola hatte mehrere Geschwüre am Hals und einen taubeneigroßen Tumor auf der rechten Mandel. als er ins Krankenhaus kam. daß Kollege William Coley auf der Suche nach einem derart hoffnungslosen Fall war. abhängig geworden von den Opiaten. die er Beef-Tea nannte. auf einer Nährlösung. Er konnte nicht mehr reden. Dann machte er sich selbst an die Arbeit und züchtete Streptokokkus pyogenes. ob sich jemand schon mit dem Thema befaßt hatte. ob man die Bakterien gezielt zur Therapie einsetzen könnte. Friedrich Fehleisen von der Universität Würzburg hatte ebenfalls begonnen. Coley versenkte sich tief in die Literatur und prüfte. nichts essen. mit Bakterien zu arbeiten. nahm die genauen Daten auf und begann mit der Behandlung. wenn die Wundrose -2 7 5 - . Hier war der Nabel der Medizin. kam zur Nase wieder heraus. und schon erste Versuche mit Hunden und einigen Patienten hinter sich. Es sei schon schlimm genug. eine extrem konzentrierte Rinderbouillon. Allerdings nicht in der Klinik. von dem nur der Nachname Zola überliefert ist. Zola war bereits drogensüchtig.untersuchte ihn und ergänzte alle notwendigen Details der Krankengeschichte. den Auslöser der Wundrose. indem man Krebspatienten mit ihnen infiziert. Der Versuch Coley ließ Zola fotografieren. Die Ärzte im New York Hospital gaben Zola noch wenige Wochen – und erinnerten sich. und was er zu schlucken versuchte. Es war ein Italiener. Die Lunge war von Metastasen erfaßt. Damit war über Coleys weitere Forschungsrichtung entschieden. die er gegen seine unerträglichen Schmerzen gespritzt bekam. Er wollte herausfinden. Am Nacken hatte er noch eine offene Wunde von einer vorausgegangenen Operation. Coley verschlang diese Berichte regelrecht. Und wie in fast jedem Fach zu jener Zeit wurde er bei seinem Studium in Deutschland fündig. der ihn bald ersticken würde. Er mußte auch nicht lange auf seinen ersten Patienten warten.

hatte nur leichtes Fieber von 38 Grad. Der Patient Zola. diese »primitive Infektion« selbständig zu erzeugen. Der Patient reagierte auf die ersten Behandlungen kaum. fast um. Also nahm Coley seine Präparate am 3. bat er einen Freund. Mai 1891 mit ins Italienerviertel an der Lower East Side von Manhattan. Ganz verschwanden die Tumoren jedoch nicht. Zola konnte wieder schlucken und behielt die Nahrung bei sich. Nur der Tumor auf der Mandel verschwand nie. Hier ritzte er kleine Schnitte in Zolas Haut und rieb diese mit der Bakterienkultur ein. Da injizierte Coley seine importierten Wundrosebakterien – und brachte sowohl Zola als auch dessen Nichte. Er hatte extreme Schmerzen. der gerade nach Deutschland reiste. Denn so sehr er Zola auch mit Bakterien traktierte. als er sich zum fünften Besuch bei Zo la aufmachte. Aber nun begannen die Tumoren ein wenig zu schrumpfen. Coley hatte gerade eine frische Bakterienkultur geerntet. so entschied er. da müsse man die Infektion nicht auch noch selbst züchten.eingeschleppt werde. den berühmten Robert Koch zu besuchen. werde er die Bakterien injizieren. Der Patient reagierte mit extremem Schüttelforst und starken Kopfschmerzen. Im Oktober schließlich hatte er die professionell hergestellte Bakterienkultur des Deutschen zur Verfügung. Seine Wunde am Nacken verheilte endlich. Nach insgesamt 16 Behandlungsdurchgängen brach Coley die Therapie enttäuscht ab. stand vom Totenbett auf und begann wieder zuzunehmen. noch im Mai dieses Jahres am Rande des Grabes. Die Infektion schlug sofort an. Zola war mittlerweile wieder in einem recht schlechten Zustand. Binnen zwei Wochen war er vollständig verschwunden. Er wuchs aber auch -2 7 6 - . das Fieber stieg über 40 Grad. daß es ihm nicht gelang. die ihn pflegte. Doch bereits am zweiten Tag begann der große Tumor am Nacken rapide zu schrumpfen. Diesmal. Und zwar direkt in die offene Wunde am Nacken. Seine Tumoren waren wieder zu alter Größe nachgewachsen. die von Coley erhoffte Wundroseninfektion trat nicht auf. Deprimiert darüber. Zola reagierte mit einem vierzig Minuten langen Schüttelfrostanfall.

Möglicherweise war der Krebs zurückgekehrt. Coley intensivierte seine Experimente und behandelte immer mehr Patienten. der die Injektionen mit den Toxinen erhielt. Schließlich erwies sich auch die Lernfähigkeit der Immunabwehr als Problem. daß er wieder in sein Heimatland zurückkehren werde. Coley intensivierte die Dosis. Schon nach wenigen Injektionen ließ die Wirkung der Bakterien deutlich nach. Auch einige andere Krebskliniken setzten seine Toxine ein. sich auf sie einzustellen. Er hatte bei seiner Bakterienkur mit zwei großen Problemen zu kämpfen: Zum einen konnte die Infektion mit Wundrose selbst tödlich enden. In Zusammenarbeit mit mehreren Kollegen entwickelte Coley schließlich seine berühmten Toxine. starben nicht an Krebs.nicht mehr weiter. John Picken erholte sich. Hunderte Patienten mit inoperablen Tumoren hatten nun eine reelle Chance auf Lebensverlängerung. und die Immunabwehr hatte keine Möglichkeit mehr. die Coley in seiner Anfangsphase behandelt hatte. war ein junger Mann mit einem bösartigen Sarkom. Picken sprach immer besser auf die Behandlung an. In Italien starb Zola schließlich einige Jahre später. Die Todesursache konnte jedoch nicht eindeutig geklärt werden. Linderung der Symptome und sogar auf Heilung. der Tumor schrumpfte auf 20 Prozent seiner ursprünglichen Größe. John Picken. denn er erhielt kräftige finanzielle Unterstützung. der erste Patient. der ihm fünf Jahre später in bestem Gesundheitszustand. Zwei der zwölf Patienten. Sie waren nicht so gefährlich. wurde Barkeeper und lebte noch 26 Jahre. sondern ihre konzentrierten Gifte. sondern an Wundrose. Unterdessen intensivierte Coley seine Therapie. Seine Freundschaft zu John Rockefeller machte sich nun bezahlt. mitteilte. Coley behielt Kontakt mit Zola. Nunmehr verabreichte er seinen Patienten nicht mehr die lebenden Bakterien. bis er im Alter von 47 Jahren in der U -Bahn einem Herzanfall erlag. konnte seine gefährlichen Injektionen nun sogar in einem eigenen. hermetisch abgeriegelten Pavillon auf dem Klinikgelände durchführen. -2 7 7 - .

um ihn überhaupt noch zu operieren. Tatsächlich war vieles an Coleys Methoden angreifbar. das den heute veröffentlichten Werten mit einer Überlebensrate zwischen 10 und 50 Prozent bei fortgeschrittenen Stadien des Sarkoms mehr als ebenbürtig ist. steigerte sie über eine gewisse Zeit. ein Ergebnis. Schon zu Lebzeiten geriet er unter heftige Kritik seiner Kollegen. ging er nicht standardisiert vor. nach modernen Kriterien auszuwerten. Mehr Arzt als Wissenschaftler. die Lymphknotenbiopsie war noch nicht weit genug entwickelt. Er errechnete eine Fünf-JahresÜberlebensrate von 47 Prozent 5. Was Coley als inoperabel betrachtete. weil er ein lebenswichtiges Organ befallen hatte. Von solchen Einzelaktionen abgesehen ist Coleys Ansatz heute aber weitgehend vergessen. Besonders für die nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen im Jahre 1895 intensiv wachsende Zunft der Radiologen war er ein Feindbild ersten Ranges. Ein Tumor konnte inoperabel sein. Er begann mit niedrigen Dosen. Coleys Daten über 154 Sarkompatienten. um daraus das Fortschreiten der Erkrankung ermessen zu können. die ausschließlich mit der Toxinmethode behandelt worden waren. ein Molekularbiologe der Stanford University. Sie kritisierten seine Methode als gefährlich und unwissenschaftlich und bezweifelten sogar. ließ keine Aussagen über das tatsächliche Stadium der Erkrankung zu. Er konnte aber genauso als inoperabel qualifiziert werden. sondern nach der Methode »Versuch und Irrtum«. Auch die Patienten waren völlig heterogen.Eine Idee verschwindet Rund 100 Jahre später. daß die geheilten Personen jemals wirklich an Krebs gelitten hätten. wenn der Patient zu extrem unter der Reaktion seines Immunsystems litt. -2 7 8 - . machte sich Charlie Starnes. weil der Gesundheitszustand des Patienten schon zu schlecht war. reduzierte sie wieder. wiederholbare Standardisierung war auf diese Weise nicht möglich. daran. Metastasen in Leber oder Lunge konnten damals noch nicht eindeutig diagnostiziert werden. im Jahr 1992. Eine nachprüfbare.

weil die normale Therapie wenig wirkt. Mit Gentherapie. ernster Mann. Autor eines sehr fundierten Buchs über die Rolle Coleys als Begründer der Immuntherapie. technisch.« Auch andere Wissenschaftler suchen außerhalb der Norm. sagt Kölmel »dann sucht man auch außerhalb des Normalen. »Wenn Sie ständig mit Melanompatienten zu tun haben. 60 Jahre alt und kurz vor der Pensionierung. populär. fragte einen Immunologen. seinen Namen besser nicht zu erwähnen. Und die Behörden würden nicht wissen. Stephen Hall.Und die Radiologie war jung. Tumorgensuppression oder Interferon liegen sie jedoch wesentlich mehr im Trend der Zeit. warum Coleys Ansatz derart aus der Mode geraten konnte. Dort läuft doch alles nach dem Prinzip: Weise mir nach. wäre es nie möglich. Aber das ist alles höchst praxisfern. Chef der Universitäts-Hautklinik in Göttingen. antwortete der prominente Forscher mit der vorsorglichen Bitte. dann sucht man immer Hilfe«. Sein besonderes Interesse gilt der Therapie von metastasierten Melanomen.« 6 Mittlerweile ist auch in den medizinischen Fachjournalen nur noch sehr selten die Rede vom Begründer der Immuntherapie. Seine Beschäftigung mit Coley entstand eher aus der Verzweiflung im Umgang mit der herkömmlichen Therapie. und deshalb läuft das alles in die falsche Richtung. Sie entsprach dem Zeitgeist und wurde rasch auch von Coleys ursprünglichen Förderern aus dem Haus Rockefeller auf der Prioritätenliste ganz oben eingereiht. wo alles von sexy Gentherapie und rekombinanter DNA schwärmt. Kölmel ist ein zurückhaltender. Coley-Toxine – und sei es nur in bescheidenstem Rahmen – werden seit mindestens einem Jahrzehnt nicht mehr hergestellt. der bis zuletzt damit gearbeitet hat. wie sie die Ergebnisse einordnen sollen. Das ist heute noch recht ähnlich. Millionen an Forschungsgeldern flossen etwa in die sogenannte Impfung gegen Hautkrebs. daß Schritt A genau Schritt B ergibt. »in einem Zeitalter. ist Klaus Kölmel. Sie sollte die Krebszellen mit gentherapeutischen Tricks als Angriffsziel kennzeichnen und -2 7 9 - . Einer. Geld für ein derartiges Projekt zu bekommen. »Der Grund dafür ist recht einfach«.

Immerhin drei Personen erlebten aber eine vollständige Heilung ihres Krebsleidens. kommentiert Ulrich Abel. Nicht alle sprachen auf die toxinhaltige Bakterienkultur an. Er behandelte fünfzehn Patienten im fortgeschrittenen Metastasenstadium mit Coley-Toxinen. als statistisch zu erwarten gewesen wäre. andere sprachen teilweise auf die Behandlung an. als daß hierdurch der Befund der Studie plausibel erklärt werden könnte. Krebspatienten berichteten wesentlich seltener über Infekte. Medizinmathematiker am Heidelberger Krebsforschungszentrum. die sie in den letzten Jahren und in ihrer Kindheit durchgemacht hatten. Die besten Ergebnisse beobachtete Kölmel bei jenen Patienten. 9 -2 8 0 - . hatten im Vergleich mit Patienten ohne fieberhafte Infekte ein um das Neunfache verringertes Krebsrisiko. Erwachsene. Die Studienteilnehmer betrachteten das Experiment als eine Art letzte Chance. diese Ergebnisse. Sogar die wegen ihrer Nebenwirkungen gefürchtete Interferontherapie schneidet bislang noch besser ab.damit die Immunabwehr gezielt auf Tumor und Metastasen einschwören. die auf die Bakterienkuren mit hohem Fieber reagierten. Er befragte zusammen mit seinem Forscherteam insgesamt 239 Melanompatienten und 271 Kontrollpersonen nach den Infektionskrankheiten. die in einem Zeitraum von fünf Jahren mehr als zwei fieberhafte Infekte durchgemacht hatten. Kölmel dagegen konnte mit Mühe und Not die notwendigen Gelder für ein Miniprojekt zusammenkratzen. 7 »Zwar kommen Spontanremissionen beim malignen Melanom gelegentlich vor«. »doch handelt es sich zumindest im metastasierten Stadium um ein zu seltenes Ereignis.« 8 Kölmel sammelte weiter unermüdlich Beweise und Belege für den Zusammenhang zwischen Fieber und Krebs. Manche entwickelten trotz vieler Injektionen keinerlei Fieberreaktion. Die bisherigen Ergebnisse der High-TechAnsätze klingen alles andere als ermutigend. erlitten später aber wieder Rückfälle. um ein Vielfaches mehr.

die Coley-Toxine noch einmal extra für ihn herzustellen. Und damit stehen die Chancen auf eine Förderung nahezu bei null. Die Unkenntnis über die genaue Wirkungsweise der Bakterientherapie hat bei den Klinikern zu einer gemeinhin skeptischen Haltung beigetragen. kam kaum eine Reaktion. Abermals zeigten die Daten einen Zusammenhang zwischen der Abnahme des Krebsrisikos und der Häufigkeit der Infekte. aber die Chancen auf eine Umsetzung seiner »Lebensarbeit« stehen schlecht. Mit dem Aufkommen der Strahlen. daß diese Krebstherapie trotz der unbestreitbaren Erfolge derzeit äußerst geringe Beachtung findet. Die vielen unterschiedlichen Präparate und die damit zusammenhängenden unterschiedlichen Therapieerfolge haben es nicht gerade leichter gemacht.« Immer wieder hat Kölmel Vorstöße unternommen.« Erklärungen dafür sind schwer zu finden. Bei einem Drittel der Fälle fand er eine fieberhafte Infektion als Auslöser zum Beginn der plötzlichen Genesung. Nun hat ein befreundeter Mikrobiologe Kölmel sogar das Angebot gemacht. »ich möchte mehr bieten können als den banalen Rat: Gehen Sie nicht in die Sonne. die Forschungsanträge unterstützen muß.« 11 Als Kenner des Medizinbetriebs hat der Heidelberger Professor hingegen schon Erklärungen für das Phänomen. allen voran der Onkologischen Gesellschaft. sagt Kölmel.Erst 1999 wurde die Göttinger Studie auf europäischer Ebene in größerem Maßstab noch einmal wiederholt. »Ich würde gern diese eine große Forschungsarbeit hinterlassen. unerklärliche Heilungsverläufe bei Krebs. Denn von den zuständigen Stellen. die für Ärzte und Angehörige völlig überraschend kommen. »Es ist wissenschaftshistorisch recht bemerkenswert. 10 Kölmel forschte auch über Spontanremissionen. die einen optimistisch stimmen – aber die Hoffnungen in moderne Therapien sind bisher weitgehend enttäuscht worden. bevor ich in Rente gehe«. wenn derzeit eine Menge toller Heilverfahren in Erprobung stünden.und später der Chemotherapie -2 8 1 - . Als Medizinmathematiker bringt Ulrich Abel für diese ignorante Haltung wenig Verständnis auf. »Ich würde es noch verstehen. das Konzept klinisch zu erproben.

schließlich wurden die früheren. offensichtliche Chancen zu ergreifen. die Industrie setzte sich mit ihren Apparaten und Chemikalien im »Krieg« gegen den Krebs durch. das neben meiner Alltagsarbeit allein durchzuziehen«. klagt er und setzt leise hinzu: »Dieses Desinteresse. Ich habe nicht die Kraft.« 1 3 -2 8 2 - . und dieses starre Festhalten an den konventionellen Konzepten – ich werde das nie verstehen. vermeintlich primitiveren und nicht so leicht standardisiert anwendbaren Behandlungsansätze vernachlässigt. »Ich leite hier eine Klinik. 12 Klaus Kölmel ist langsam müde geworden.

die sogenannten TH-2Zellen. daraufhin mit der massenhaften Produktion von Antikörpern. relativ grob geschnitzte Freßzellen. die von ihren Schülern etwas fordern«. die B-Zellen. Die meisten Erreger dringen über die Schleimhäute in Mund.« 14 -2 8 3 - . zwischen fremd und selbst zuverlässig zu unterscheiden. schwärmt nun in großer Zahl zum Einsatz aus und säubert in einer Art Großaktion das von den Erregern befallene Gebiet. die komplexe Funktionsweise des Immunsystems halbwegs zu verstehen. wie er ausgeklügelter von keiner Antiterror-Einsatztruppe praktiziert werden könnte. Als erste sind bei Viren.Impfungen in Afrika Erst in den letzten Jahren ist es gelungen. Ein Teil von ihnen. Diese zweite Verteidigungslinie gilt als TH-2-Arm der Immunabwehr. Darauf kommt ein Alarmplan zur Ausführung. die TH-1-Zellen. gibt nun seine Informationen über Botenstoffe aber an eine weitere Gruppe weißer Blutkörperchen. meint der Schweizer Arzt Hans Ulrich Albonico. weiter. macht zwar auch die Spezialisierung mit. Diese spezialisieren sich über viele Mutationen auf alle Eigenheiten des Feindes und lernen ihn sozusagen auswendig. einer Drüse hinter dem Brustbein. im Archiv also bereits eine Akte über den Übeltäter vorliegt. zur Stelle. Ein funktionierendes TH-1-Abwehrsystem bildet die Voraussetzung zur Schaffung einer dauerhaften Immunität. Ein anderer Teil der T-Lymphozyten. »Sollen also unsere Lymphozyten in der Thymusschule lernen. die an der Körperoberfläche »patrouillieren«. »so daß sie an dieser Herausforderung wachsen und reifen können. Sie zerstören einen Teil der Eindringlinge und schlagen in den Lymphknoten bei den T-Helferzellen Alarm. läuft dieser Prozeß um ein Vielfaches schneller ab. so braucht es Lehrer in dieser Schule. Rachen und Verdauungstrakt in den Organismus ein. Wenn der gleiche Angreifer schon einmal am Werk war.oder Bakterieninvasionen meist Makrophagen. Diese Kollegen beginnen im Thymus.

Sie sind der Versuch der Übertölpelung des Immunsystems. Eine Katastrophenübung ist im Gange. Es macht schließlich für die Ansprüche an die Abwehrkräfte einen Unterschied. hat einige stichhaltige Gründe. daß der Organismus des heranwachsenden Kindes mit den »fremden Zellen« der Mutter in Konflikt gerät. Ein bestimmtes Milieu stellt sich ein. ob ein Kind in einer deutschen Großstadt geboren wird oder auf einem indischen Bauernhof. daß nun Hochbetrieb herrscht in der Schule des Immunsystems. Diese Antikörper werden aber im Lauf der Monate abgebaut und nicht mehr erneuert. Jedes Fieber zeigt an. Mit den abgeschwächten Impfkeimen soll Schutz vor einer Krankheit »erlernt« werden. die Darmwand wird von der ersten Minute an mit Keimen besiedelt. ohne diese Krankheit tatsächlich -2 8 4 - . gibt die Mutter ihrem Baby einen Vorrat eigener Antikörper. Und während die weißen Blutkörperchen ihre Schlachten gegen harmlose Schnupfenviren oder Windpocken schlagen. Bei der Geburt ist der Verdauungstrakt des Neugeborenen steril. mit. Damit es in den ersten Lebensmonaten nicht völlig schutzlos gegen Krankheiten ist. Dazu entsteht ein hochspezifisches Netzwerk an I teraktionen n der verschiedenen Zelltypen. Eigene Erfahrungen mit Infektionen und Krankheitsprozessen aller Art sammelt der Organismus über die TH-1-Immunantwort.Daß Kinder nicht schon mit einem fertig ausgebildeten Immunsystem zur Welt kommen. Impfungen sind ein massiver Eingriff in diese Schule. Myriaden nützlicher und weniger nützlicher Organismen formen im Wettstreit langsam einen Zustand des Gleichgewichts. Zum einen wird damit vermieden. den sogenannten Nestschutz. dessen Leistungsfähigkeit im Ernstfall über Leben und Tod entscheidet. besteht das System seine ersten Bewährungsproben. Zum anderen ist ein unreifes System perfekt formbar und kann sich besser auf die jeweiligen Lebensumstände einstellen als ein starres. Aus der Logik dieses Lernprozesses ergibt sich eine ganz andere Bewertung von Krankheiten. vorgefertigtes. Jeder kindliche Infekt hat neben seinen unangenehmen Auswirkungen auch eine positive Komponente.

jeder zweite Bewohner lebt unter der Armutsgrenze. Es geht um die Frage. Deshalb sind die Impfungen von Babies und Kleinkindern auch unter Medizinern zunehmend umstritten. Eine Frau bekommt im -2 8 5 - . »Es kann niemand behaupten. sagte der Berner Facharzt für Allgemeinmedizin. Gerade zehn Prozent der Straßen – insgesamt 453 Kilometer – sind asphaltiert. Hepatitis A und Typhus grassieren.3 Millionen Einwohner leben auf einer Fläche.« 15 Klein sprach auf diesem Kongreß als Vertreter einer Arbeitsgruppe von rund 400 impfkritischen Schweizer Ärzten. die Einwanderungsrate liegt bei null. er hätte einen gründlichen Überblick über die Gesamtheit der Auswirkungen dieses weltweiten Eingriffs in die menschliche Integrität. auf dem Schweizer Impfkongreß des Jahres 2000 in Fribourg. 70 Prozent der Exporterlöse stammen aus dem Verkauf von Cashew-Nüssen. Wenn sich das. In der Regenzeit zwischen Juni und Dezember versinkt das Land dann im Morast. bewahrheitet. so verblassen daneben jedoch alle bisher geführten Impfdebatten. Peter Klein.durchzumachen. In seinem Referat plädierte er für ein Abgehen von der einseitigen Impfdoktrin. die etwa der Hälfte von Bayern entspricht. was ein Medizinerteam in Zentralafrika herausfand. eine Eisenbahn gibt es nicht. Die Abhängigkeit von importiertem Erdöl beträgt 100 Prozent. Der Bericht des US-Geheimdienstes CIA über das westafrikanische Land Guinea-Bissau klingt nicht gerade einladend: Die 1. »die nur Informationen an die Öffentlichkeit läßt. Die Bevölkerung besitzt 49000 Radios. Malaria. die Sicht wird durch Staub und Sandstürme beeinträchtigt. die dem Ziel der 99prozentigen Durchimpfung dienen«. »Seit einem halben Jahrhundert impfen wir fast allen Säuglingen dieser Welt systematisch komplexe Substanzgemische ein«. In der Dürrezeit ist es extrem heiß. ob einige der von der WHO seit Jahrzehnten weltweit durchgeführten Impfungen möglicherweise weit mehr Kinder umgebracht als gerettet haben. nur 13000 Haushalte haben einen Telefonanschluß.

1978 gründete der damals 33jährige Anthropologe das Bandim Health Projekt. Mit den einheimischen Mitarbeitern kommt Aaby auf einen Mitarbeiterstab von rund 150 Menschen. Schutzfaktoren gegen Cholera. Gleich danach verließ die diplomatische Vertretung der USA fluchtartig das Land – und kehrte seither nicht zurück. Aber noch keine Arbeit hat derartige Aufregung verursacht wie jene. vor allem sind es Doktoranden. Die Kindersterblichkeit ist die sechsthöchste weltweit. die im Dezember 2000 im renommierten British Medical Journal erschienen ist. Peter Aaby und seine Leute jedoch blieben. In einem kleinen Gebäude etwas außerhalb der Hauptstadt Bissau wohnen etwa 15 Wissenschaftler aller Fachrichtungen und Nationalitäten. ob sie gegen eine bestimmte Krankheit schützt. Aaby untersuchte darin. allergische Reaktionen und – während der jüngsten kriegerischen Auseinandersetzungen – Ernährungslage und Sterblichkeit der Bewohner von Flüchtlingscamps. 1998 brach zu allem Unglück auch noch ein blutiger Bürgerkrieg gegen die bislang erste demokratisch gewählte Regierung los. Was sonst sollte eine Impfung tun. -2 8 6 - . Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 49 Jahren. Der gebürtige Schwede taucht in der medizinischen Literaturübersicht medline im Internet mit 155 Publikationen auf. 1 6 Eine Themenstellung. Er untersuchte HIVRaten. die zunächst einmal nicht besonders originell klingt. diese Frage war am Beginn von Aabys Untersuchung absolutes Neuland. Ob eine I pfung etwas taugt. wurde bislang m stets darüber definiert. Ob geimpfte Kinder hingegen einen allgemeinen Überlebensvorteil gegenüber Ungeimpften haben – völlig unabhängig von den Todesursachen -. wie sich Impfungen auf die Kindersterblichkeit auswirken. als Kinderleben zu retten? Tatsächlich finden sich in der Medizinliteratur aber kaum Untersuchungen zu dieser konkreten Frage. Geimpfte sollten einen bestimmten Antikörperspiegel im Blut erreichen und weniger stark an der betreffenden Krankheit erkranken als Ungeimpfte.Schnitt 5.3 Kinder.

das Kind hatte Fieber«. Die Studienteilnehmer lebten über das ganze Land verteilt. im Alter von sechs. Tetanus. Aabys Mitarbeiter besuchten ein Dorf etwa alle sechs Monate.Aaby. Schließlich ging es an die Auswertung des Impfstatus aller toten und der überlebenden Kinder. Keuchhusten und Polio der genau gegenläufige Trend. Meist jedoch gab es keine Probleme.« Am höchsten war die Sterberate in der Regenzeit. Wurde in der statistischen Auswertung auch noch berücksichtigt. Durchfall. »Meist bekamen wir nur zur Antwort. die dieses klassische Impfquartett erhalten hatten. Da es in Guinea schwer möglich ist. War die Mutter abwesend oder konnte die Karte nicht gefunden werden.und Masern-Impfung die Sterblichkeit nahezu halbierten. waren manche Mütter mit ihren Kindern nicht anwesend. die Teilnehmer über die Visiten zu informieren. Kinder. erzählt Aaby. Es sollte untersucht werden. Dabei zeigten sich zwei extrem widersprüchliche Trends: Während Tuberkulose. Tetanus. so wurden die Mütter zwar über die Todesursachen befragt. Die Frauen tragen den Impfpaß normalerweise mit ihren Habseligkeiten bei sich. Als häufigste Todesursachen gelten Malaria. waren beim nächsten Kontrollbesuch mit nahezu doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit tot. der Epidemiologe Henrik Jensen und die Ärztin Ines Kristensen nahmen zwischen 1990 und 1996 mehr als 15000 Frauen und ihre neugeborenen Kinder in ihre Studie auf. Entzündungen. Unterernährung und Atemwegsinfekte. wogegen die Kinder geimpft wurden und wie sich die Kindersterblichkeit innerhalb der ersten 20 Lebensmonate entwickelt. »oder es wurde von bösen Geistern geholt. zehn und 14 Wochen gegen Diphtherie. Keuchhusten und Polio sowie ab dem neunten Lebensmonat gegen Masern geimpft werden. Nach den offiziellen Empfehlungen sollen Kinder in Guinea gleich bei der Geburt gegen Tuberkulose (BCG). daß die Impflinge im Schnitt aus einer -2 8 7 - . wissenschaftlich verwertbar waren die Aussagen jedoch nicht. Waren Kinder seit dem letzten Besuch verstorben. so schieden die Betreffenden aus der Studie aus. zeigte sich beim Versuch der Immunisierung gegen Diphtherie.

höheren gesellschaftlichen Schicht stammten und wesentlich besser ernährt waren als die Nichtgeimpften. Die Überraschung. so stieg dieses Risiko sogar auf das Zweieinhalbfache. »Der Einfluß des Impfens auf das Langzeitüberleben ist bislang aber -2 8 8 - . Noch kurz vor Weihnachten 2000 wurde Peter Aaby mit seinem Ko-Autor Henrik Jensen zum Rapport ins WHO-Headquarter in Genf zitiert. hatte zuvor die Arbeit noch in einer harschen Reaktion öffentlich verdammt: Sie sei schwach. Peter Folb. Der Hersteller habe vor der Zulassung eines neuen Präparats vor allem nachweisen müssen. wie die Resultate der Dänen auf ihre Gültigkeit auch in anderen Ländern überprüft werden könnten und welche sinnvollen Konsequenzen zu ziehen wären. »Impfungen sind die letzten 50 Jahre von der Wissenschaft recht einseitig untersucht worden«. Ideen beizutragen. saß den Beteiligten gehörig in den Knochen. Schließlich wurde eine gemeinsame Konsequenz gezogen: WHO-Direktor Peter Folb rief eine Task-Force ins Leben. daß es seinen Zweck erfüllt: Daß also die Tollwutimpfung gegen Tollwut schützt und daß ein Kind nach der Masernimpfung nicht mehr an Masern erkrankt. meint etwa John Clements vom Globalen Beratungskomitee für Impfsicherheit. Zwei Stunden dauerte die Debatte. Peter Aaby erklärte zunächst noch einmal das g enaue Design der Studie und ging auf die Nachfragen ein. Chef der für internationale Impffragen zuständigen WHO-Abteilung. Alle führenden Impfexperten sind eingeladen. Was hatte Folb so erzürnt? Aufregung bei der WHO Die Stimmung in Genf war ernst. die nun weltweit Literatur und Forschungsergebnisse sammeln soll. gespickt mit zahlreichen Fehlern und werde keinesfalls zu einer Änderung der bestehenden WHO-Impfpolitik beitragen. Von methodischen Fehlern war nun keine Rede mehr. daß es zu einem derartigen Ergebnis kommen konnte. das Konferenzzimmer im weitläufigen Gebäude der WHO dicht gefüllt.

»aber sicher nicht vor Tuberkulose. 18 In den Industrieländern wird die nervenschädigende Metallverbindung schon seit längerer Zeit mit der Entstehung von Allergien in Zusammenhang gebracht.« 17 Aluminium unter Verdacht Wie der Blitz aus heiterem Himmel kamen die Ergebnisse jedoch nicht. sagt Erb. Schon einige Male hatten kleinere Studien Zweifel an Tetanus & Co. Sie spielt nämlich bei der Kindersterblichkeit in Guinea kaum eine Rolle. Daß sich dies erst in einer großen indischen Studie herausgestellt hat. Obendrein hat die Impfung – wenn überhaupt – eine berüchtigt niedrige Wirkrate. -2 8 9 - . ist eines der Fanale der modernen Medizin. formuliert es der Wiener Infektionsexperte Wolfgang Graninger. daß im Aluminium das Problem liegt. »Ohne TH-2-Antwort keine Allergie«. stärkt also die Infektionsabwehr. Besonders verdächtig ist ihre Wirkung auf das Immunsystem: Um überhaupt eine Immunreaktion auszulösen. »Deshalb nehmen wir Aabys Arbeit sehr ernst. ist den Impfstoffen nämlich als Hilfsstoff (Adjuvans) Aluminiumhydroxid beigesetzt. glaubt auch der Würzburger Infektiologe Klaus Erb.« Auf der anderen Seite können die positiven Auswirkungen der Tuberkulose-(BCG-)Impfung nicht mit der Vermeidung von Tuberkulose erklärt werden. »Mit BCG können Sie möglicherweise vor Lepra schützen«. »Gerade bei geschwächten Kindern könnte es schon sein. sagt Peter Aaby. nachdem über Jahrzehnte Milliarden Menschen geimpft worden waren.« 19 Im Gegensatz zu Tetanus und Co wirkt BCG aber als Turbo für die TH-1-Antwort. sagt Clements. daß hier Aluminiumhydroxid eine entscheidende Immundrift in die falsche Richtung gibt«. »Es könnte schon sein. Es fördert die sogenannte TH-2-Antwort des Immunsystems und schwächt damit möglicherweise die zur Infektionsabwehr nötige TH-1-Antwort. Mit dieser Ansicht steht er nicht allein. »Für diese These sprechen auch die Todesarten der Kinder«.kaum berücksichtigt worden«. geschürt.

»Die Straßen versinken im Schlamm«. Der Australier Kim Mulholland und der Brasilianer Mauricio L.Die Masern sind in Guinea sehr wohl eine gefährliche Krankheit für kleine Kinder. die Malaria. Wer es überhaupt versucht. »die Fahrzeuge kommen nicht mehr durch.« Erster Killer bleibt aber. besonders wenn sie unter schlechten Verhältnissen auf engstem Raum leben. Schließlich seien sie selbst von der WHO als Experten nach Guinea-Bissau entsandt worden. Impfkritische Mediziner verglichen die Ergebnisse mit der Contergan-Katastrophe und forderten einen sofortigen Stopp der Impfkampagnen. So etwas wie Hygiene gibt es nicht. Eine peinliche Blamage setzte es dabei für den WHO-Direktor Peter Folb. erreicht es meist erst nach Tagen. um etwaige Ungereimtheiten vor Ort zu prüfen Die Expertise der beiden Professoren: »Wir haben sowohl die Ermittlung der Daten als -2 9 0 - . weil »möglicherweise mehr Kinder durch die Impfungen getötet als gerettet werden« 20.« Und viele der Kinder überleben die Reise nicht. die Folb scheinbar vergessen hatte. »Dazu kommen noch die Tiere. Es meldeten sich nämlich zwei Experten zu Wort. Die meisten Todesfälle ereignen sich in der Regenzeit. im Diskussionsteil des British Medical Journal. Barreto wunderten sich öffentlich über Folbs Anwürfe. erzählt Peter Aaby. Ein Fanal der Impflobby Weit abseits dieser tristen Zustände. mit seinem Kind zu einem Hospital zu fahren. beschreibt Henrik Jensen die Situation. wie überall in Zentralafrika. bekriegt sich mittlerweile die Fachwelt. die in den meisten Industrieländern schon seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr verabreicht wird. »Durchschnittlich leben in einer Hütte in Guinea 17 Menschen«. Die ständige Zunahme von Autoimmunerkrankungen und Allergien wurde ebenso debattiert wie die Wiedereinführung der BCG-Impfung. der in seinem Eingangskommentar die Veröffentlichung der dänischen Studie wegen schwerer methodischer Mängel insgesamt in Frage gestellt hatte.

Und nach einem ehernen Gesetz der Wissenschaftszunft darf vor der Veröffentlichung kein Sterbenswörtchen publik werden. Denn einfach zu sagen. Nur soviel verrät er: »Der Trend unserer letzten Studie stimmt und hat sich weiter bestätigt.« 21 Peter Aaby ist sich nicht ganz sicher. daß er gar keine speziell herausheben will. um unsere Ergebnisse zu überprüfen«. es tut uns leid. obwohl die Tuberkulose in der Kindersterblichkeit praktisch keine Rolle spielt? Und wie ist die fatale Wirkung der Impfung gegen Diphtherie. »Wir leben hier im afrikanischen Busch – wo sonst sollten wir -2 9 1 - . sitzt er jedoch über den »unspezifischen Effekten«: Was richtet eine Impfung im Immunsystem an. wenn bald ein paar präparierte Studien erscheinen.« 22 Peter Aaby ist mittlerweile längst wieder in Guinea. daß einige Teams ausgeschickt wurden. in denen gesunde geimpfte Kinder mit Ungeimpften aus schlechten Verhältnissen verglichen werden.« 23 Allerdings verschleppen die Journale und ihre Expertengremien die Veröffentlichung der neuen Arbeiten von Monat zu Monat. da es leider Kinder gefährdet – wäre hochriskant. Sobald ihm ein wenig Zeit bleibt. »Man hört. Tetanus und Keuchhusten zu erklären? Peter Aaby weiß dazu weit mehr. Sie reagieren ebenso widerstrebend auf die Ergebnisse der Dänen wie die WHOGranden. die eine wesentlich schlechtere Überlebensrate haben. warum wirkt sich BCG so positiv aus. sagt Aaby »Es würde mich nicht wundern. Er betreut auf seiner »Doktoratsfarm« derartig viele Arbeiten.auch die gesamte Methodik der Studie geprüft und dabei keinerlei Schwächen gefunden. wir hören mit dem Impfen auf. Den Vorwurf. als er im Moment sagen kann. weil sie unter teils abenteuerlichen Bedingungen im afrikanischen Busch gesammelt wurden. Er hat zu diesem Thema zwölf weitere Arbeiten bei den großen Wissenschaftsjournalen eingereicht. Abgesehen vom Imageschaden könnten damit Klagen und Schadenersatzforderungen auf die Weltbehörde zukommen. läßt Aaby jedenfalls nicht gelten. welche Taktik die WHO verfolgt. seine Daten seien unsicher. die die Studie hätten entwerten können.

deretwegen wir sie den Kindern geben. Es ist höchste Zeit. Seine Freundin hat ein Kind bekommen. sondern daß wir nicht wissen. die Peter Aaby per E-Mail schickt. nur weil das Ganze in Europa funktioniert hat. unter diesen Umständen war Guinea nicht mehr zumutbar. die man gezielt zur Stimulierung des Immunsystems einsetzen kann.unsere Daten sammeln? Das wirkliche Problem sind auch nicht die angeblich unsicheren Daten. »Beim Impfen«. was wir eigentlich tun. daß es gute Impfungen gibt. meint der Medizinmathematiker. kann man es ohne weiteres auf Entwicklungsländer übertragen.« Aaby ist mittlerweile 56 Jahre alt. Und das zweite Ziel – natürlich genauso wichtig – ist die Lösung des Impfrätsels. daß wir endlich zu gesichertem Wissen kommen. Nun wird Henrik sich in Europa an die Auswertung der Daten machen. Bis er endgültig nach Europa zurückkehrt. »sind immer noch eine Menge Glauben und Hoffnung involviert. wenn wir die Kinder impfen.« Sein Kollege Henrik Jensen ist mittlerweile für längere Zeit nach Kopenhagen zurückgekehrt. und andere.« Es wird noch einige Jahre dauern. bis hier die Wahrheit ans Licht kommt. »Ich möchte zeigen. möchte er zwei große Ziele erreicht haben: Als erstes wünscht er sich. »Ich habe ja auch keine definitive Erklärung für unsere Beobachtungen – aber ich bin mir mittlerweile sicher. so daß die Station auch ohne Hilfe von außen weiterarbeiten kann. Wir glauben.« 24 -2 9 2 - . meint Aaby. daß er bis dahin genügend einheimische Wissenschaftler ausgebildet hat. daß die unspezifischen Effekte der Impfungen bei weitem wichtiger sind als ihre normalen Wirkungen. die man besser sofort einstellen sollte.

Die Durchfallimpfung Kaum ein medizinischer Eingriff hat einen so guten Ruf wie das Impfen. 25 Wer hingegen einen neuen Impfstoff auf den Markt bringt und es schafft. Da dieser gute Ruf in weiten Teilen der Öffentlichkeit nach wie vor besteht. Daß sie nun von den Behörden das Angebot bekam. als Vertreterin des Konsumentenschutzes als ordentliches Mitglied in den staatlichen Impfausschuß einzutreten. daß dieser von den zuständigen Behörden für die allgemeine Anwendung bei Säuglingen empfohlen wird. Die 54jährige Journalistin aus Vienna. Und ein guter Ruf hat einen hohen Marktwert. übertraf die Herstellerfirma Merck mit einem Jahres-Werbebudget von 160 Millionen USDollar sogar Pepsi Cola. denn er erspart ungeheuer teure Imagekampagnen für neue Produkte. war das letzte. was sie erwartet hätte. etwa dreißig Kilometer -2 9 3 - . ist es nicht weiter verwunderlich. als ihr der Brief der US-Arzneimittelbehörde FDA ins Haus flatterte. Virginia. Als Barbara Fisher am 14. ein neuartiges Schmerzmittel. bekanntzumachen. Eine überraschende Einladung Barbara Loe Fisher war einigermaßen überrascht. der braucht in der Folge kaum mehr einen Euro für Werbung auszugeben. Tetanus und Keuchhusten am Beispiel einer Reihe impfgeschädigter Kinder drastisch dargestellt.und Erwachsenenimpfungen gewälzt werden. daß bei diesem milliardenschweren Geschäft zur künstlichen Munitionierung des Immunsystems ständig weitere Ideen zu vielfältigen neuen Kinder. Um beispielsweise ihren Cox-2-Hemmer Vioxx. Gemeinsam mit dem Biochemiker Harris Courter hatte sie 1984 das Buch 'Ein Schuß ins Dunkle' 26 veröffentlicht und darin die möglichen Gefahren der klassischen Dreifachimpfung gegen Diphtherie. September 1999 zu ihrer ersten Sitzung das Holiday Inn in Bethesda. ist schon seit vielen Jahren als kämpferische Impfkritikerin bekannt.

»Gekannt habe ich niemanden. daß irgend etwas schwer auf die Stimmung der ganzen Gruppe drückte«. Harry B. »Vielleicht ist das der Grund. Speziell dem Hersteller des Impfstoffs sind einige Mitglieder des Komitees verpflichtet. Vor acht Wochen ist ein hoffnungsvoller neuer Impfstoff überfallartig vom Markt genommen worden. »sie wollen mich vielleicht als eine Art Feigenblatt. In einer langwierigen Aufzählung verliest die Protokollführerin. Auch Publikum ist zugelassen und d Konferenzsaal »Versailles« er des Hotels demgemäß dicht gefüllt.außerhalb Washingtons. endlich die Quecksilberzusätze aus den Impfstoffen zu entfernen. Die Mitglieder des Impfausschusses sind aus ganz Amerika angereist und stammen großenteils von Universitäten Kliniken und den staatlichen Gesundheitsbehörden. zu welcher Pharmafirma finanzielle Verbindungen bestehen. abstimmen oder sogar den Saal verlassen muß. denkt sich Barbara Fisher. Fast gleichzeitig preschte die einflußreiche Vereinigung der US-Kinderärzte mit der Forderung vor. die der Versammlung Sorgen machen. daß sie mich aufgenommen haben«. welches Mitglied bei welchem Tagesordnungspunkt mitdiskutieren. Begonnen wird die Veranstaltung allerdings mit einer recht eigenartigen Prozedur. Sogar der Leiter der Veranstaltung.« Bill Egan von der staatlichen Arzneimittelbehörde FDA beginnt die Sitzung schließlich mit einem Referat über die -2 9 4 - . beschreibt Fisher ihre ersten Eindrücke. erklärt sich für befangen und wird deshalb von der Diskussion ausgeschlossen. Damit auch ein paar Leute in ihrem Gremium vertreten sind. aber es war unschwer zu erkennen. Greenberg von der Stanford University. die ganz sicher nichts mit der Pharmaindustrie am Hut haben. wird sie überaus freundlich begrüßt. Der Grund dafür ist das neue Gesetz über Interessengegensätze. Bei der stets wachsenden Zahl von Impfungen im Babyalter würde schon jetzt die Toleranzschwelle für die Aufnahme des hochgiftigen Schwermetalls häufig übertroffen. weil Babys daran gestorben waren und viele Dutzend operiert werden mußten. Jedes Mitglied muß offenlegen. 27 Konkret sind es gleich zwei Probleme. betritt.

das bereits seit den dreißiger Jahren verwendet wird. 29 Von Quecksilber ist bekannt. Ich denke. Durch die extreme Zunahme an Impfungen ist auch die Schwermetallbelastung rasant gestiegen. erklärt sie. Bill Egan legt ein letztes Dia ein und erklärt der Runde zum Abschluß seines Vertrags: »Wie Sie sehen können.unterschiedlichen Quecksilbergrenzwerte der verschiedenen Behörden. übersteigt die Quecksilberaufnahme für alle Geburtsjahrgänge und Gewichtsgruppen die Grenzwerte der Organisationen EPA und WHO. Lebensmonat gegen ein rundes Dutzend Krankheiten in der Regel in mehreren Auffrischungsdurchgängen geimpft. die zeigt. sammelt binnen 14 Wochen aber ganze 187. Insgesamt. Direktor an der staatlichen Gesundheitsbehörde CDC. nach jenen der – weniger strengen WHO 159 Mikrogramm Quecksilber. daß Quecksilber sogar die Blut-Hirn-Schranke überwindet«. steht außer Frage. Thimerosal. Das Limit für ein durchschnittlich fünf Kilogramm schweres Baby beträgt nach den strengen Richtlinien der EPA (Environmental Protection Agency) 34 Mikrogramm. Ohne das Mittel müßte auf Einzeldosen umgestellt werden. so rasch wie möglich Alternativen auf den Markt zu bringen. darin sind sich alle Teilnehmer einig. In den USA und Europa werden die Kinder bis zum 18. so das Resümee der Sitzung. wenn die Eltern ihre Ärzte nach thimerosalfreien Impfstoffen fragen würden. Hier meldet sich Barbara Fisher erstmals zu Wort: »Erst in diesem Monat wurde eine Studie veröffentlicht. der die ganz normalen empfohlenen Impfungen absolviert. es wäre vernünftig. »Das ist eine Schranke.5 Mikrogramm Quecksilber in seinem Organismus an.« 28 Tasächlich ist die Anhäufung beträchtlich. welche die üblichen Gifte zurückhalten kann. dient in erster Linie zur Konservierung von größeren Impfstoffmengen. stimmt ihr zu. Ein Säugling.« Dixie Snider. wolle man den -2 9 5 - . Daß dadurch die neuen Impfstoffe teurer würden. Darauf entspannt sich eine lebhafte Diskussion über die Bereitschaft der verschiedenen Konzerne. daß es zu schweren Schäden an Nervenzellen und zur Vergiftung der Nieren führen kann.

wo jede dritte Infektion ins Krankenhaus führt. Ernsthafte Gesundheitsschäden können auftreten. Die Rotavirus-Expertin Kathryn Carbone von der staatlichen FDA rechnet vor. »Wäre es nicht vielleicht sinnvoller«. 30 Eine typische von Rotaviren verursachte Magen-DarmEntzündung beginnt mit Fieber. daß 50000 Kinder zur Behandlung im K rankenhaus bleiben müssen und etwa 20 bis 40 Kinder an dieser Infektion sterben. 32 Deshalb sei die Entscheidung. 31 Bis zum Alter von fünf Jahren sind dann praktisch alle Kinder mit Rotaviren in Kontakt gekommen und weitgehend immun fürs weitere Leben. daß die Viren in den USA für jährlich eine halbe Million Arztbesuche verantwortlich sind. Magenschmerzen. Die Kinder können dann im Extremfall an Austrocknung sterben. »wenn wir nachschauen.möglichst baldigen Umstieg auf thimerosal freie Produkte empfehlen. -2 9 6 - . allerdings ohne zeitliche Limits oder Zwangsmaßnahmen. argumentiert sie. Die Symptome halten etwa eine Woche an. Möglicherweise haben die Ärzte falsch behandelt. wenn sie also nichts oder zu wenig zu trinken bekommen. Brechreiz und darauffolgendem Durchfall. verursacht etwa durch die berüchtigten Salmonellen. warum diese Babys sterben? Vielleicht werden sie nicht ordentlich mit Flüssigkeit versorgt. Und zwar nicht gegen die verbreiteten Bakteriendurchfälle. nach wie vor gerechtfertigt. sogenannte Rotaviren. Sie trifft vor allem kleine Kinder zwischen drei Monaten und drei Jahren. sondern gegen eher harmlose Erreger des Durchfalls. Barbara Fisher kann diesen Schluß nicht so recht nachvollziehen. Sie zeichnen gerade einmal für vier Prozent aller kindlichen Durchfälle verantwortlich. Damit sollen Babys per Schluckimpfung gegen eine Form des Durchfalls immunisiert werden. wenn der starke Flüssigkeitsverlust der Kinder nicht ersetzt wird. Ein alltägliches Virus Als nächstes steht der unglückliche neue Impfstoff auf der Tagesordnung. gegen Rotavirus zu impfen.

im Labor gezüchtet und für den Impfstoff schließlich vermehrungsunfähig gemacht worden sind. und niemand hat bemerkt. Ab 1995 waren die Resultate in den großen medizinischen Journalen erschienen. die anfängliche Erfolgsgeschichte der Impfung aufzuzählen. Sie schildert die überwiegend positiven Resultate der Zulassungsstudien in Südund Nordamerika sowie in Finnland. Wie in 23jähriger Arbeit am Nationalen Gesundheitsinstitut mühsam verschiedene Impfviren aus Affen isoliert. stammten sie in Brasilien und Peru aus einem wesentlich ärmeren Umfeld.« Als 1997 die beschämenden Resultate der Impfstudien aus Peru und Brasilien erschienen waren. das kommt mir schon recht seltsam vor. Hier fiel die Wirksamkeit des Impfstoffs mit weniger als 50 Prozent gegenüber Spitzenwerten in den westlichen Ländern von rund 70 Prozent stark ab. erklärt Fisher. »daß wir den Rotavirus-Impfstoff eigentlich für die armen Kinder in der Dritten Welt entwickelt haben. Während die venezolanischen Kinder unter guten sanitären und ernährungsmäßigen Bedingungen lebten. »Es hieß immer«. Aus dem Rahmen fielen nur die Studien in Peru 3 4 und Brasilien 35 . Nun aber zu sagen: ›40 Kinder sind gestorben deshalb impfe ich alle Babys in den USA‹. je feindlicher die Lebensumstände waren.Oder die Kinder lebten in einem verwahrlosten Milieu. seien dafür die unterschiedlichen Studienpopulationen verantwortlich.« 33 Dr. damit es für die Produktionsfirma nicht zum totalen Verlust wird. Auch im Vergleich mit der dritten südamerikanischen. Dabei traten die von den Amerikanern geschätzten 600000 weltweiten Rotavirus-Todesfälle aber gerade unter solchen Slum-Bedingungen auf. so hatten damals die Experten vermutet 37. Und weil sich diese Länder keine eigene sündteure Impfstoffentwicklung leisten können. Carbone fährt fort. wie sehr sie austrocknen. Sie verwiesen nun als gangbare Alternative zur Impfung auf die herkömmliche -2 9 7 - . hatten die Experten aber recht schnell umgeschwenkt. Wahrscheinlich. in Venezuela durchgeführten Studie 36 wirkte das Serum in Peru und Brasilien auffallend schlecht. so muß eben auch die Erste Welt mitgeimpft werden. Anscheinend wirkte der Impfstoff also um so schlechter.

Gut investiert Die FDA-Spezialistin Kathryn Carbone gibt die Wirksamkeit des Impfstoffs gegen Rotavirus-verursachte Durchfälle mit »ungefähr 50 bis 70 Prozent« an. wenn die Komplikation nicht binnen weniger Stunden behandelt wird. Der von dem Pharmakonzern Wyeth-Lederle im Zusammenhang mit dem Konzern American Home Products hergestellte Impfstoff wurde unter dem Handelsnamen -2 9 8 - . Etwas auffälliger war dagegen. Fünf Fälle sind enorm viel im Verhältnis zum allgemeinen Vorkommen. Als häufige Nebenwirkung wurde mittleres bis starkes Fieber beobachtet. daß unter den 10054 Geimpften bei den US-Zulassungsstudien fünf Fälle von Invaginationen beobachtet wurden. seltener traten Durchfälle. Arztbesuche zu 50 bis 100 Prozent vermieden.Behandlungsweise bei Rotavirus-Infektionen: »Es ist seit 20 Jahren bekannt. Verglichen mit dem Ausfall an Arbeitsleistung durch die Betreuung der kranken Kinder und die anfallenden Behandlungskosten erscheinen diese Kosten den Experten als »gut investiert«. Der finanzielle Aufwand wurde mit jährlich 250 Millionen Dollar als vertretbar eingestuft. daß sorgfältig vorbereitete und ausgeführte orale Flüssigkeitszufuhr eine billige und effektive Behandlungsmethode bei gefährlich entwässernden RotavirusDurchfällen ist. Ernsthafte Fälle von Diarrhöe würden zu 70 bis 90 Prozent verhindert. Da unter den 4633 Kindern der Placebogruppe aber auch ein Fall auftrat. Meningitis. zum Absterben von Teilen des Darms und im Extremfall zum Tod des Säuglings führen.« 38 An den beiden amerikanischen und der finnischen Studie nahmen inklusive Placebogruppe insgesamt weniger als 20000 Kinder teil. Bei dieser Krankheit stülpt sich der Dünndarm aus unbekannten Gründen teleskopartig in den Dickdarm und kann. wurde der Unterschied als bloßer statistischer Zufall abgetan. Diese Nebenwirkungen kamen aber genauso in der Placebogruppe vor. Hepatitisanfälle und Wachstumsstörungen auf.

Die Zahl der Darmeinstülpungen mußte in Wirklichkeit also viel höher liegen. 39 Bereits im Oktober 1998 wurden die ersten Fälle von dramatisch verlaufenden Darmeinstülpungen an die staatliche Nebenwirkungsmeldestelle gemeldet. August 1998 von der Arzneimittelbehörde FDA zugelassen und zur allgemeinen Immunisierung der Säuglinge im Alter zwischen sechs Wochen und einem Jahr vorgeschlagen. Dabei zeigte sich schnell. Während die Massenimpfungen weiterliefen. Betroffen war im Schnitt einer von 5000 Impflingen. -2 9 9 - . in Minnesota kamen fünf weitere Fälle hinzu. Die Alarmglocken schrillten. ordneten die Gesundheitsbehörden parallel dazu genauere Untersuchungen an.RotaShield am 31. Schließlich wird das Baby blaß und teilnahmslos. Im Lauf des Winters stieg die Zahl auf 15 Fälle. Wegen der damit verbundenen kolikartigen Bauchschmerzen schreien die Kinder oft stundenlang bis zur völligen Erschöpfung. In der Windel findet sich blutiger Schleim.5 Millionen davon auch verimpft. In dem kleinen kalifornischen Krankenhaus hatten sich drei Fälle ereignet. Zwischen September 1998 und Juli 1999 wurden rund 1. Die Lebendviren-Schluckimpfung soll in drei Dosen am besten im Alter von zwei. Der Zustand der Säuglinge verschlechtert sich in rasender Geschwindigkeit. vier und sechs Monaten eingenommen werden. die in einem staatlichen Gesundheitszentrum in Minnesota geimpft worden waren. Wenn die Krankheit vom Arzt fehlgedeutet und nicht als Invagination erkannt und behandelt wird. daß die böse Vorahnung stimmte. schreitet sie innerhalb weniger Stunden zum völligen Darmverschluß fort. Schließlich kommt es zum Durchbruch der Darmwand.8 Millionen Impfdosen ausgeliefert und 1. 40 Die erkrankten Säuglinge bekamen meist zwischen dem dritten und siebten Tag nach der Impfung starke Bauchkrämpfe. ein weiteres Team untersuchte alle Kinder. Die Behörden reagierten höchst beunruhigt auf die Meldungen. Ein Ärzteteam reiste zur nordkalifornischen Klinik »Kaiser Permanente«. Denn erfahrungsgemäß wird die freiwillige Meldung von Impfreaktionen von den Ärzten überaus lasch gehandhabt.

sollen bislang 100 schwere Fälle und zwei Todesfälle aufgetreten sein. »Bis zum 9. Dazu muß der Arzt einen Kontrastmitteleinlauf vornehmen oder durch Einpumpen von Luft in den Dickdarm die Einstülpung zurückschieben. muß unverzüglich mit der Operation begonnen und der Bauchraum geöffnet werden. Dies ist eine Tätigkeit. Diese Fälle untersuchen wir derzeit.Je rascher die Behandlung einsetzt. Is t dies korrekt?« Die FDABedienstete nickt kurz. und überall galt etwas anderes. 42 Nachdem die alarmierenden Resultate der beiden Notfallstudien auf dem Tisch lagen. wie es den Kindern nach der Impfung ging. Barbara Fisher meldet sich zu Wort. »die Studien waren umfangreich. 43 Kathryn Carbone schien langsam zum Ende ihres Vertrags zu kommen. Juli 1999 per Rundschreiben an alle Impfstellen die sofortige Aussetzung der RotavirusSchluckimpfung verfügt. die vom Arzt einige Erfahrung erfordert. Kathryn Carbone kommt kurz ins Stocken: »Das ist wirklich eine gute Frage«. »Soweit ich gehört habe. daß zumindest über 42 Tage nachgesehen wurde. Aber ich denke. daß sie entfernt werden müssen.« – »Wie lange hat man denn die geimpften Kinder in den Zulassungsstudien eigentlich nachbeobachtet?« stößt Fisher nach.« -3 0 0 - . Bei vier der fünf betroffenen Säuglinge in Minnesota mußten Teile des Darms entfernt werden. September 1999 sind 99 Fälle von geimpften Kindern mit Invagination registriert worden. Tatsächlich kam es nach dem Impfstopp zu einem regelrechten Meldeboom. hatte die zweite große USGesundheitsbehörde CDC am 15. Hat der Einlauf keinen Erfolg. desto besser sind die Chancen auf eine nichtoperative Behebung der Einstülpung. Die betroffenen Darmabschnitte sind dann meist schon so geschädigt. und zwei weitere Kinder sind verstorben. meint sie. 41 Bei den impfgeschädigten Kindern wurden fast nur schwere Fälle beobachtet. Bei jedem zehnten Baby kommt es innerhalb weniger Tage zu einem Rückfall. um die Einstülpung zu beheben.

Die Empfehlung zur Rotavirus-Impfung ist nach erneuter Prüfung durch die CDC endgültig zurückgezogen worden. Mehr als 100 Babys haben dafür mit ihrer Gesundheit bezahlt. wodurch sie ausgelöst werden und wie hier der Zusammenhang zur Impfung generell ist. Erst nach der Notbremsung durch die CDC verlangte auch in Europa niemand mehr die planmäßige Durchführung der Impfung. darunter auch Barbara Fisher. Zu einem Zeitpunkt also. Tatsächlich erfolgte die anstandslose Zulassung des Impfstoffs durch die EU-Behörden im Mai 1999.Als nächster meldet sich Robert Daum von der Universität Chicago: »Wie schätzen Sie denn die Chancen ein. Österreich. American Home Products. »Eigentlich ist es eine MillionenDollar-Frage. Damit ist der Versuch. Rotavirus-Durchfall mit einer Impfung vorzubeugen. Der »umfassende Feldversuch USA« hat also vielen Kindern gewaltiges Leid erspart. Dr. Fishers Schluß ist ernüchternd: »Es scheint. Unser größtes Problem ist.« Die Rotavirus-Schluckimpfung war in Deutschland. daß mit der Zulassung dieser Impfung einfach den Impfstoffherstellern ein finanzieller Gefallen getan wurde. Acht neue Impfstoffe befinden sich derzeit in diversen Teststadien. Sie alle. hat ihn mittlerweile vom Markt genommen. daß wir überhaupt nicht wissen. antwortet Carbone. »Das ist ein schrecklich verzwicktes.« Von den zwölf regulären Mitgliedern des staatlichen Impfausschusses dürfen schließlich nur vier an der Abstimmung teilnehmen. aber nicht beendet. böses Problem«. damit ihr enormer Entwicklungsaufwand nicht umsonst war. da sich die Nebenwirkungsmeldungen in den USA schon gehäuft hatten. Gleich nach der Zulassung sollte sie in die Impfpläne aufgenommen werden. John -3 0 1 - . wie diese Darmeinstülpungen funktionieren. Der Hersteller des einzigen lizensierten Impfstoffs. der Schweiz und nahezu allen weiteren Ländern Europas bereits fest eingeplant. daß diese Nebenwirkungen bei einem künftigen Impfstoff vermieden werden können?« Damit hat er anscheinend einen wunden Punkt getroffen. bestätigen die Rücknahme der offiziellen RotavirusImpfempfehlung.

daß der Impfskandal aber eine Verzögerung von vier bis fünf Jahren auslösen wird. offizieller Sprecher des CDC-Impfprogramms. Als stärkste Begründung für die Notwendigkeit der Durchfallimpfung wird nun wieder die hohe Sterblichkeit in den Entwicklungsländern genannt.Livengood. 44 -3 0 2 - . bevor ein neuer Impfstoff auf den Markt kommen kann. schätzt.

daß die Birkenpollen möglicherweise immer aggressiver werden oder die Milbenbelastung den Körper in die Verwirrung treibt. für das der Wiener Kinderarzt Clemens von Pirquet im Jahr 1906 den Begriff »Allergie« – von griechisch allos (andere) und ergon (Wirkung) – prägte. Jeder fünfte Deutsche leidet bereits unter einer Allergie. wenn die Pollen fliegen. habe nach lukullischem Erdbeergenuß mit dem gesunden Teint auch die Contenance verloren. wurde inzwischen zum Massenproblem: Eine große Untersuchung von Kindern in Deutschland. Jedes dritte Kind zeigte eine erhöhte allergische Sensibilisierung 45 Dabei sind allergische Reaktionen auf Arznei. Als Gegenmaßnahme empfehlen sie staubfreie Bettbezüge. Zimmerarrest. ist allgemein anerkannt. Die Tendenz ist sprunghaft steigend. sobald die ersten Asthmaanfälle auftreten. Nahezu 20000 Stoffe sind mittlerweile als allergieauslösend identifiziert. versuchen Forscher nun schon seit einigen Jahrzehnten herauszufinden. Warum Allergien in allen Industrienationen derart stark zunehmen. so berichten die Hofschranzen in den Chroniken. ob -3 0 3 - . doppelt so viele wie noch zu Beginn der achtziger Jahre. Was aber jahrhundertelang eher als isoliertes Einzelschicksal galt. Warum ein Immunsystem plötzlich durchdreht und aggressiv gegen den eigenen Körper vorgeht.Allergien – wenn die Umwelt zum Feind wird Neu ist das Phänomen »einer veränderten Reaktionsfähigkeit«. und frühzeitige medikamentöse Therapie. Insektengift sowie diverse Chemikalien noch gar nicht mitgerechnet. Einige Wissenschaftler spekulieren darüber. um das Immunsystem zu dämpfen. nicht: Schon Seine Majestät Richard III. die zunächst einmal nachsehen.und Lebensmittel. Die noble Blässe soll feurigem Erdbeerrot gewichen sein. ist bislang nicht geklärt. Daß genetische Disposition und die Psyche eine gewisse Rolle spielen. Ernster zu nehmen sind jene Wissenschaftler. Doch der Anstieg kann damit allein nicht begründet werden. Österreich und der Schweiz ergab eine Asthmarate von 11 Prozent und eine Heuschnupfenrate von 13 Prozent. von England.

oder Halsentzündung sofort mit Antibiotika bekämpft – und damit gleich der ganze Darm entvölkert wurde. nämlich drei Prozent. Birkenpollen und Katzenhaaren heraus – gleich zweieinhalb. In Hamburg berichteten exakt doppelt soviele Erwachsene. Doch die Münchner Junioren waren – so fand von Mutius durch Allergiehauttests mit Standardstoffen wie Hausstaub. »und wir wollten beweisen. Zahlen verwechselt? »Als wir die ersten Ergebnisse gesehen haben. die haben die Daten falsch eingegeben«. wie die Mediziner annahmen: Zwar lag unter 8700 Schulkindern im Alter von neun bis elf Jahren aus München einerseits und Halle sowie Leipzig andererseits – luftverschmutzungsbedingt – die Ex-DDR mit 33.6 Prozent der Kinder im Westen – im Osten litten nur 2. Ob die erste frühkindliche Mittelohr. Auch -3 0 4 - . Allergologin in München. Ende der achtziger Jahre schien sich in der Forschergemeinde eine plausible Erklärung für das wachsende Allergieproblem bei Kindern und Jugendlichen in den Industriestaaten durchzusetzen. erinnert sich Erika von Mutius. haben wir gedacht. »Wir sind damals von der Hypothese ausgegangen. wollten von Mutius und Kollegen die Ergebnisse zunächst einfach nicht glauben. Das erstaunliche Ergebnis: Die Kinder im »schmutzigen« Osten litten nur halb so oft an Allergien. Doch die Zahlen stimmten – die Belastung mit Luftschadstoffen spielt offenbar beim Anwachsen der Zahl der Allergien nicht annähernd die Rolle. daß Luftschadstoffe kausal an der Entstehung von Allergien beteiligt sind. von Asthmaanfällen wie in Erfurt. Zum Ausbruch kam der Heuschnupfen bei 8.7 Prozent Bronchitisfällen beim Doppelten der bayerischen Metropole.bis dreimal so stark sensibilisiert wie die Ostdeutschen.das Immunsystem möglicherweise in seiner Entwicklung gestört wurde.« 46 1989 untersuchte die Kinderärztin Tausende von Kindern aus einer besonders mit Schadstoffen aus den Schornsteinen der veralteten Staatsindustrie belasteten DDR-Region und ebensoviele in der sauberen BRD.7 Prozent. daß Luftschadstoffe die Allergien fördern«.

liest daraus zweierlei ab: »Offenbar sind Einflüsse in der frühen Kindheit höchst ausschlaggebend für das Entstehen einer Allergie. ist das -3 0 5 - . blieben die meisten West-Kids als wohlbehütete Einzelkinder zu Hause. war in den Kinderkrippen schließlich gang und gäbe. die sogenannte Urwaldhypothese: In Lebensräumen. um genau das Gegenteil zu beweisen«. Die Suche nach einer Erklärung brachte ein bemerkenswertes Detailergebnis zutage: In der älteren Generation der vor 1950 Geborenen konnten im West-Ost-Vergleich keine nennenswerten Abweichungen festgestellt werden. desto deutlicher waren die Unterschiede.die Heuschnupfenrate unter den knapp 8400 erfaßten 20. litten sie auch häufiger an Infektionen und wurden öfter von parasitären Würmern heimgesucht. beschreibt die Untersuchungsleiterin von Mutius das Erstaunen im Expertenkreis. Trainingsrückstand des Immunsystems Das brachte die Forscher auf eine neue Idee.bis 44jährigen lag in Hamburg mit 22. Doch je jünger die Deutschen waren. Epidemiologe am Münchner Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit. Erich Wichmann. Während ostdeutsche Sprößlinge zu knapp 90 Prozent in Kinderkrippen gingen. unter denen Kinder diesund jenseits der Mauer groß wurden. Dabei fielen die unterschiedlichen Bedingungen auf. Die Folge: Weil die Ostdeutschen damit wesentlich häufiger und früher als ihre westdeutschen Altersgenossen mit ansteckenden Krankheiten konfrontiert waren. in Reih und Glied.« Diesem Etwas versuchten Forscher nun durch Vergleich der Lebensstile auf die Spur zu kommen.3 Prozent).« Und: »Etwas muß sich im Westen in den Sechzigern geändert haben.8 Prozent fast beim Zweifachen des Erfurter Werts (13. »Eigentlich sind wir ausgezogen. wo die natürlichen Feinde des Organismus noch nicht durch das zivilisatorische Verständnis von Hygiene verdrängt wurden. Kollektives Hocken auf dem Nachttopf. das für die Allergieentwicklung sehr wichtig ist.

Nickelatome aus Ohrringen oder Goldverbindungen aus Rheumamitteln wiegen gar weniger als 100 Dalton. Hysterische Überreaktionen sind die Folge. Das Immunsystem wartet auf seine Feinde. Zu Myriaden schwärmen diese IgE-Kommandos dann über Blutbahn und Lymphsystem aus. So sind die tierischen oder pflanzlichen Eiweiße. aber immer noch waffenstarrende Abwehrgarde sucht sich mangels wirklicher Gegner neue Feindbilder und bekämpft diese genauso entschlossen. Verletzt der identifizierte -3 0 6 - . die zum verhafteten Peptid paßt wie der Schlüssel ins dazugehörige Schloß. führt die Nachricht von den Fremdlingen rasch zur Bildung einer Spezialeinheit zu ihrer Abwehr. die für soviel Chaos sorgen. wird der Eindringling von sogenannten dendritischen Zellen zunächst in Eiweißschnipsel zerstückelt und in die Lymphknoten verfrachtet. Findet sich eine T-Zelle. Die arbeitslose. Dort sitzt der biochemische Erkennungsdienst des Immunsystems in Form der T-Zellen. daß sich im Blut von Allergikern eine höhere Konzentration des Abwehrmoleküls Immunglobulin E (IgE) nachweisen läßt – und die ursprüngliche Aufgabe dieser Körperpolizisten ist die Parasitenabwehr. nicht größer als 10000 bis 40000 Dalton (ein Dalton entspricht etwa dem Gewicht eines Wasserstoffatoms). Trotzdem reagiert das Immunsystem nach Schema F: Hat eine Substanz mit Allergiepotential die Barriere der (Schleim-) Haut überwunden. In der künstlich geschaffenen Sterilität der westlichen Industriegesellschaft dagegen scheint die körpereigene Abwehr an einer Art Sinnkrise zu leiden. die körperfremde Eiweiße identifizieren. aber die kommen nicht.Immunsystem gut ausgelastet und trainiert gleichsam die Dosierung seiner Schlagkraft gegen alle möglichen Eindringlinge. als handle es sich um lebensbedrohliche Schmarotzer. um an den Mastzellen der Haut in Gefechtsbereitschaft zu gehen. Auch wenn die neue These bislang ebensowenig bewiesen ist wie die alte Schadstofftheorie: Auffällig ist. die noch dazu meist nur in homöopathischen Dosen in ihn gelangen. In Wahrheit handelt es sich bei den gängigen Allergenen um für den Körper völlig harmlose Stoffe.

Feststehen dürfte. bei der Entstehung eine Rolle spielt. eine schwere Erkrankung des Darms. ist ein neues Phänomen. das Gesicht aufgedunsen. ist bisher unklar. beim dritten wiederum auf die Inhaltsstoffe bestimmter Nahrungsmittel so eigenwillig reagiert. »Einer meiner Patienten fährt beruflich viel herum. stürzt sich die wartende Meute sofort auf ihn und sorgt dafür. daß die Abwesenheit von Schädlingen. die Augenlider werden schwer. Morbus Crohn etwa. Er muß immer ein Campingklo im Auto mitführen«. das Gewebe schwillt an. wie Morbus Crohn selbst in leichteren Fällen die Lebensqualität beeinträchtigt. gegen die bestimmte Teile des Immunsystems die ganze Evolution hindurch ausgebildet wurden. -3 0 7 - . daß die Meldung von der Feindberührung blitzartig weitergegeben wird. die ins Nachbargewebe hineinwachsen können. Gastroenterologe an der University of Iowa. keine Heilung. daß das Immunsystem zu seiner Reifung einen frühzeitigen Kontakt mit Erregern braucht. In lebensbedrohlichen Fällen von Colitis Ulcerosa wird in einer Radikaloperation der gesamte Dickdarm entfernt. beschreibt Joel Weinstock.Eindringling neuerlich das Hoheitsgebiet. Die biochemische Unterstützung der Abwehrschlacht führt dann zu den bekannten Folgen: Der Botenstoff Histamin wird ausgeschüttet und macht die Gefäßwände durchlässiger. beim anderen auf Hausstaub. Warum die Körperabwehr bei einem Menschen auf Blütenpollen. Derartige entzündliche Darmerkrankungen verlaufen selten tödlich. 47 Nach dem derzeitigen Stand gibt es für die Krankheit. an der in Europa schon sechs von 100000 Menschen leiden. Cortison oder andere Medikamente können lediglich die Symptome lindern. aber die Beschwerden reichen von Bauchschmerzen und Durchfällen bis zu Darmverengung und Fisteln. Dem Rätsel der Autoimmunerkrankungen auf der Spur Auch bei anderen Autoimmunerkrankungen vermuten die Forscher inzwischen. Mehr Flüssigkeit tritt aus.

Immer mehr Mediziner bringen das Ansteigen von Fehlreaktionen des Immunsystems mit den hohen Standards in Medizin und Hygiene in Verbindung. die auf entzündliche Autoimmunerkrankungen des Darms hingezüchtet waren. gegen jede Therapie resistenten Eingeweidekrämpfen und Durchfällen. die unkonventionelle Behandlungsmethode Weinstocks am eigenen Leib auszutesten. hatten sich sechs Patienten bereitgefunden. Hygiene. Zermürbt von chronischen.»Bei Morbus Crohn bildet das Immunsystem Antikörper gegen die eigene Darmflora«. mit Mäuse-Wurmeiern. Crohn-Patienten mit Wurmeiern zu behandeln. 48 Der Darm reagiert mit heftigen Entzündungen. während die wurmlose Kontrollgruppe erkrankte.« 49 Tierversuche scheinen die Vermutung zu bestätigen. Weinstocks Team fütterte Mäuse. Der Gastroenterologe Weinstock hat daher eine Versuchsreihe gestartet. jedoch um den Preis. daß die Immunantwort schlecht trainiert ist. Eine Schlüsselrolle für das Gleichgewicht im Immunsystem könnten laut Weinstock die Darmwürmer innehaben – jene von einem Millimeter bis mehrere Meter langen Parasiten. Die Forscher um Joel Weinstock sind den Ursachen für diese Selbstz erstörung auf der Spur. Die Therapie mit den Wurmeiern zeigte nach zwei -3 0 8 - . daß das Immunsystem vieler Menschen aus dem Gleichgewicht geraten ist und sich entweder als Allergie a uf ansonsten harmlose Fremdkörper oder als Autoimmunkrankheit gegen den eigenen Körper richtet. wie die Körperabwehr verrückt zu spielen beginnt. beschreibt Frank Seibold. die menschliche Eingeweide von Beginn der Evolution an bevölkerten: »Bis in die dreißiger Jahre waren in den USA mindestens 70 Prozent der Kinder mit Nematoden infiziert. Mit zunehmender Entwurmung breitete sich dann die bis dahin völlig unbekannte Crohnsche Erkrankung aus. Impfungen und Antibiotika haben zwar ihren Dienst getan. Bei ihnen konnte sich die Krankheit nicht entwickeln. liegt laut Weinstock und Kollegen daran. Privatdozent am Universitätsspital Bern. Daß nun immer häufiger Teile des eigenen Organismus angegriffen werden.

daß eine Bestätigung die Auffassung von Immunsystem und Hygiene revolutionieren würde: »Aber jetzt soll bitte noch keiner losrennen und sich eine Handvoll Erde in den Mund stopfen. Der Immunologe von der Universität Iowa weiß. »Es könnten noch andere Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose und Rheumatoide Arthritis mit dem Verschwinden der Würmer in Beziehung stehen«. Die verwendete Wurmspezies infiziert Menschen normalerweise nicht und kann sich im Menschen auch nicht vermehren. Der Ursache dieses Phänomens sind die Forscher in den vergangenen Jahren intensiv nachgegangen. das Immunsystem zur Autoaggression reizende Bakterien verdrängt werden.« Heilsamer Schmutz Gestützt wird die These von der Bedeutung von Infektionen und Schädlingen für das Gleichgewicht des Immunsystems auch von dem Umstand. -3 0 9 - . daß in Entwicklungsländern Allergien und Autoimmunerkrankungen weitaus seltener anzutreffen sind als in den Industriestaaten. Beim sechsten hatten sich immerhin die Symptome gemildert. Fünf der Teilnehmer konnten sich seit Jahren zum erstenmal wieder eines beschwerdefreien Lebens freuen. behauptet Joel Weinstock. sollen gefährliche. »würde ich meinen Patienten keine Würmer füttern. »Auch wenn mir das Konzept plausibel erscheint«. bleibt der Berner Gastroenterologe Seibold skeptisch. Mit einer Dosis frischer Wurmeier pro Monat könne die Krankheit dauerhaft eingedämmt werden.« 50 In den Berner Labors laufen derzeit Tierversuche nach einem anderen Ansatz: Mit Hilfe harmloser Bakterien. der seine Thesen zur Zeit in weiteren Versuchsreihen testet.bis drei Wochen. etwa Lactobazillus oder Bifidus. Ein Teil dieses Unterschieds ist auch in den Industriestaaten selbst zu finden: Auf dem Land sind Allergien weniger verbreitet als in städtischen Ballungsräumen. Wirkung. vermutet dagegen Weinstock. als die ein Zentimeter langen Nematoden geschlüpft waren.

daß der Kontakt zu Stall und Vieh hier eine entscheidende Rolle spielen muß. noch deutlich niedriger ist als bei ihren Altersgenossen. Diese Beute mit unzähligen darin enthaltenen Mikropartikeln wurde daraufhin in den Labors genauestens analysiert. Als Hauptverdächtige erwiesen sich schließlich die sogenannten Lipopolysaccharide (LPS). die auf einem Bauernhof aufwachsen.Unabhängig voneinander wurden in den vergangenen Jahren durch Arbeiten der Basler Gruppe um Charlotte BraunFahrlander. Je mehr. Die LPS stimulieren das Immunsystem besonders stark. der Salzburger Gruppe von Josef Riedler und der Münchner Allergieforscher um Erika von Mutius insgesamt über 10000 Kinder untersucht. In mühsamer Kleinarbeit haben die Wissenschaftler Hunderte von Bauernhöfen besucht. wie sie im Viehmist häufig vorkommen. Nun haben die drei Arbeitsgruppen ihre Kräfte gebündelt und sind den Ursachen der Volksseuche Asthma ein gutes Stück näher gekommen. kratzten an den Boxen der Kühe. Waren die Mütter der Kinder während der Schwangerschaft täglich im Kuhstall gewesen. daß sich die Bauernkinder häufig im Stall aufhalten. ist es auch nicht nötig. Auf den Matratzen der Betten ließen sich genügend dieser Mikropartikel messen. daß die bei Landkindern ohnehin niedrigere Erkrankungsrate an Allergien und Asthma bei den Kindern. Kamen Kinder im ersten Lebensjahr häufig in Kontakt mit dem Viehstall und bekamen sie Milch von ebendiesem Vieh. untersuchten die Luft im Kinderzimmer und gingen den Bauern sogar an die Bettwäsche. -3 1 0 - . Sie nahmen Proben der Stalluft. Klar war auch bereits. desto besser. Hier zeigte sich ebenfalls ein starker Zusammenhang zwischen der LPS-Konzentration in der Umgebung der Kinder und ihrem Allergieschutz. Da sie sich in der Umgebungsluft verteilen. Die Forscher konnten zeigen. Das sind Bestandteile von Bakterien. trat eine weitere Reduktion auf. reduzierte sich ihr Risiko für Allergien und Asthma um 75 Prozent gegenüber dem Durchschnitt. unter diesen Kindern war bis zum dritten Lebensjahr kein einziges an Asthma erkrankt. deren Eltern keine Landwirtschaft betreiben.

statt ängstliche Isolation. Ein einziger »Urlaub auf dem Bauernhof« dürfte nicht genügen. Dennoch scheint es so. als würde unseren Kindern heute die tägliche Prise Schmutz fehlen. Niemand wünscht sich ernsthaft die Rückkehr zu Hygienestandards des vorletzten Jahrhunderts.»Wir wissen nun. -3 1 1 - . ist aber leider noch recht groß. wie das Immunsystem in seiner Reifung b eeinflußt wird. Schluß mit dem Hygienewahn. Sie kommen über die Muttermilch genauso zum Kind wie über Bettwäsche und Spiel mit den Stalltieren. daß der Kontakt mit den Stallkeimen regelmäßig erfolgen muß. bewußter Kontakt zu Gleichaltrigen. sagt die Münchner Projektleiterin von Mutius. war doch schon vor zweitausend Jahren bekannt«. deren Nase rinnt. der 2001 in Berlin stattfand – und zeigte ein Dia mit einem ländlichen Motiv: dem Christuskind in der Krippe. diese Erkenntnisse therapeutisch nutzbar zu machen. »Jesus wurde in einem Stall geboren. witzelte der italienische Allergologe Attilio Boner bei einer Diskussionsrunde während des europäischen Allergiegipfels. Alles wird immer sauberer – doch gleichzeitig nehmen Autoimmunerkrankungen in den Industrieländern massiv zu.« Sicher scheint. »Was wir heute über den Schutz vor Allergien wissen. um Allergien abzuwenden. Der Schritt. 51 »Und wir wissen auch. »Als die Menschen noch Jäger und Sammler waren. wenn es statt eines vernünftigeren Umgangs mit »Schmutz« nicht wieder ein Medikament als Antwort auf die Erkenntnisse ersinnen würde. daß die ersten drei Lebensjahre bei der Entstehung von Allergien entscheidend sind«. Es wäre nicht das Medizinkartell. keine Abschottung der Kinder. Die Angst vor Keimen läßt den Markt für antibakterielle Putzund Waschmittel blühen.«52 Fataler Hygienewahn Durchgesetzt haben sich solche Erkenntnisse noch lange nicht. seine Eltern waren Nichtraucher – das sind die absolut besten Voraussetzungen. mit nahem Kontakt zum Vieh.

Heute ist zwischen Dresden und München kein Unterschied mehr festzustellen. »könnte man in Zukunft auch schon früher Impfstoffe verabreichen.« Rook geht davon aus. daß die heute 10. Manchmal war der Gestank fast unerträglich – und niemand wußte so genau. kratzt sich der Bub am ganzen Körper blutig und weint die Nächte durch. Er leidet an immer wiederkehrender Neurodermitis. bringt das Immunsystem um die Konfrontation mit den darin enthaltenen Bakterien. Maiks kleiner Bruder Florian dagegen muß alle paar Wochen zur Ärztin.bis 15jährigen nur selten -3 1 2 - . die den körperlichen Kontakt mit Erde oder Schlamm weitgehend verhindert. daß durch die bei uns üblichen Impfungen dem Immunsystem unbezahlbare Informationen verlorengehen. Also: kontrollierter Schmutz aus der Spritze als Ersatz für das Toben im Schmutz. Ob diese frühe Reifephase des Immunsystems zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden kann. die die Lernfähigkeit des Immunsystems fördern«. 53 Eine Umwelt. Diese seien aber ein wichtiger Stimulus. Die These des Londoner Immunologen: »Wenn wir im täglichen Leben nicht mit genügend Bakterien in Kontakt kommen.tranken sie das Wasser ebenso aus Pfützen wie die Tiere«. Das Beispiel der Familie Remmling ist mittlerweile typisch. argumentiert Graham Rook. Der heute 14jährige Maik verbrachte seine ersten Lebensjahre im düstersten Teil der DDR – im Industriegürtel um Bitterfeld. Wenn sich die These bestätigt. müssen wir sie uns eben injizieren. Aber woran liegt es. Wenn die schweren Allergieschübe kommen. Allergieexperte am University College in London. Rooks Studie unter erwachsenen Asthmatikern wird darauf erste Antworten liefern. welche Schadstoffe da in die Luft gelangten Allergien sind für Maik dennoch ein Fremdwort geblieben. Dabei fanden sie drastische Veränderungen. so der Forscher. In nur einem Jahrzehnt ist die Häufigkeit der allergischen Reaktionen der Kinder in den neuen Bundesländern auf West-Niveau angestiegen. Erika von Mutius und ihre Kollegen haben die Ost-West-Studien kürzlich wiederholt. ist die Kernfrage der neuen »Schmutzimpfungs«-Kampagne.

Mutter Gerlinde als Küchenkraft in der Kantine.Allergien entwickeln. Mit knapp zwei Jahren tauchten bei Florian die ersten Symptome auf. Von sechs Uhr morgens bis zum späten Nachmittag hatte er dort engsten Kontakt mit 20 anderen Babys. Auf Milch oder Fruchtsaft reagiert sein kleiner Körper mit heftigen Ausschlägen. Für die Forscher steht fest: Irgendwo in der Lebensgeschichte der beiden Brüder muß der entscheidende Unterschied zu finden sein.« -3 1 3 - . die Kinder waren sehr oft krank«. Vater Gerald arbeitete in den nahen Gaswerken als Techniker. Die starke Cortison-Salbe ist das einzige. wie das Immunsystem in seiner Reifung beeinflußt wird. »Wir wissen nun. daß die ersten drei Lebensjahre bei der Entstehung von Allergien entscheidend sind«. beschreibt die Ärztin Ingrid Beck die infektiösen Bedingungen in den Krippen. war damals selbstverständlich in der DDR. dachten die Eltern keinen Moment an die Kinderkrippe. Daß Maik schon im ersten Lebensjahr in die volkseigene Kinderkrippe kam. Die Menschen feierten die neue Freiheit. »Jeder Schnupfen ist von einem Kind zum anderen gegangen. ihre jüngeren Geschwister aber oft darunter leiden. Entsprechend den neuen Leitbildern wollten sie dem Kind den frühen intensiven Kontakt mit Gleichaltrigen ersparen. Als Florian zur Welt kam. was hilft. Als Maik geboren wurde. »viele Kinder haben auch Fieber gehabt.« 54 Im November 1989 wurde alles anders. »Und wir wissen auch. sagt Erika von Mutius. bekamen die Remmlings gerade ihre erste eigene Wohnung. Die Industrie rüstete auf westliche Umweltstandards um.

eine der Hauptaktivitäten eines gesunden Immunsystems. Doch in den letzten Jahren hat sich die Evidenz über die Rolle der Psyche beim Gesundbleiben und Gesundwerden dermaßen verdichtet. gut sein? Daran kann man doch sterben! Auch die Mediziner selbst haben es verlernt. wie diese Krankheiten durch spezielle Mastzellen – solche können entzündungsfördernde Substanzen freisetzen – ausgelöst werden. daß Psychotherapie sogar die Lebenserwartung Krebskranker erhöhen kann. daß diese Mastzellen von einer Substanz beeinflußt werden. wird es durch einen medikamentösen Eingriff scheinbar gebannt. die – verwirrend für die traditionelle Schulmedizin – mit naturwissenschaftlichen Methoden die psychosomatischen Zusammenhänge zwischen Seele und Immunsystem belegen und meßbar machen. Der Dermatologe von der Universität Maryland konnte nicht nur zeigen. Kurzfristiges Denken fordert jedoch seinen Tribut. Schon lange hatte den -3 1 4 - . Der Nachweis. sollte ausgerechnet einem skeptischen Schulmediziner glücken. hat die Schulmedizin den Zusammenhang zwischen Psyche und Immunsystem jahrzehntelang schlicht negiert. so die Folgerung des Forschers. Weil ihr der wissenschaftliche Nachweis dafür fehlte. Sobald sich ein Risiko abzeichnet. die Organismen ihrer Patienten als Partner zu sehen. daß unliebsame Hauterkrankungen wie Akne und Schuppenflechte durch psychische Vorgänge begünstigt werden. Murphy konnte auch belegen. werden also zumindest teilweise von psychischen Vorgängen beeinflußt: ein Beispiel für eine zunehmende Serie von Forschungsprojekten. daß niemand sie mehr ernsthaft leugnen kann. die von Nervenzellen ausgeschieden wird.Die Kraft der Psyche Eine der Hauptursachen für die Geringschätzung des Immunsystems durch die Medizin ist seine Unberechenbarkeit. Dem USWissenschaftler George Murphy etwa gelang 1994 der Nachweis. Akne und Schuppenflechte. Warum erkrankt ein Mensch an Grippe und der andere nicht? Wieso soll Fieber.

Die Studie. Das Rätsel Spontanheilung Es begann ganz harmlos mit leichten Magenschmerzen. Fünf Jahre lang durchlief sie das volle Repertoire der Krebsbekämpfung. Am Wochenende hatte die Postangestellte Rosemarie Osterland aus Maintal bei Frankfurt/M. Eine Versuchsreihe. »Ein Arzt sagte. Doch bei den Kontrollen wurden die Ärzte stets wieder fündig. Im Krankenhaus entfernte man ihr sieben Liter Wasser und nahm einige Gewebeproben. Derselbe Arzt. ich sei austherapiert und solle mir noch eine schöne letzte Zeit machen. »Nach 26 oder 27 Terminen schickten sie mich nach Hause«. Sie überlebten im Schnitt doppelt so lange wie die Mitglieder der psychotherapeutisch unbehandelten Vergleichsgruppe. was die Kraft emotionaler Zuwendung betrifft«. sollte das Gegenteil beweisen. Doch der Medizinbetrieb hat sich durch diese Erkenntnisse bislang nur unwesentlich verändert. als wäre sie hochschwanger. so Spiegels Ansinnen. sagt Spiegel heute. um per Selbsthypnose Schmerzkontrolle zu lernen. brütete danach über dem Befund. Dann überreichte er ihr das Papier. als sei es -3 1 5 - . wenn sie Psychotherapie machen. daß Krebskranke angeblich dann länger leben. schlug man Frau Osterland Bestrahlungen vor. der sie einst entlassen hatte. erinnert sich die damals 43jährige Frau. Untersucht wurden dabei 86 Frauen. Das war im November 1986. Zwei Jahre später kam die mittlerweile Frühpensionierte braungebrannt und gutgelaunt zur Kontroll-Laparoskopie.« »Auf allen vieren« verließ Frau Osterland die Klinik in Offenbach.Psychiater David Spiegel von der Stanford University das »nervende und langweilige Partygeschwätz« irritiert. Als die Dosis der Chemotherapie nicht mehr gesteigert werden konnte. Einmal wöchentlich nahmen die Patientinnen an psychotherapeutischen Gruppensitzungen teil. habe sein »Denken verändert. Das Ergebnis war eindeutig: Eierstockkrebs mit Metastasen im gesamten Bauchraum. deren Brustkrebs bereits Fernmetastasen aufwies. dann einen Bauchumfang.

so wie bei Frau Osterland. manchmal«. murmelte er. und schüttelte ihr die Hand. daß es Spontanheilungen überhaupt gibt«. zu einer dauerhaften Heilung wird. Tumoren im Endstadium verschwinden binnen Wochen. bei Patienten mit Multipler Sklerose bleiben unvermittelt die gefürchteten Schübe aus – die Schicksale der Betroffenen liefern seit Jahren Stoff für Boulevardpresse und selbsternannte Wunderheiler. Und was genau den Ausschlag gab. Patienten mit Multipler Sklerose reagieren etwa zu 50 Prozent positiv auf die klassische Interferontherapie. »die meisten Kollegen waren überzeugt. -3 1 6 - . ist noch weit geringer. daß die Besserung. »hilft sich der Körper selbst. den mühevollen Erkenntnisprozeß seiner Zunft. chronische. Wie sehr der Glaube an Heilung Krankheitssymptome beeinflussen kann. Leiter der Psycho-Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft.eine Siegerurkunde bei einem Wettbewerb.« Spontanremission nennt die Wissenschaft dieses Phänomen einer plötzlichen Besserung ohne anerkanntes therapeutisches Zutun. bleibt noch immer rätselhaft. beschäftigen aber zunehmend auch seriöse Mediziner: »Wir mußten zunächst nachweisen. Die Wahrscheinlichkeit.« 55 Inzwischen dokumentieren weltweit einige hundert Krankengeschichten die Existenz des Phänomens. beschreibt Reinhold Schwarz. mit denen neue Therapien gegen ein Placebo – eine Pille ohne Wirkstoff – getestet werden. »Ja. gegen jede Behandlung resistente Entzündungen klingen plötzlich ab. daß zuvor einfach die Krankheit falsch diagnostiziert worden war. erlebt die Schulmedizin immer häufiger bei den längst zum Standard gewordenen Doppelblindversuchen. dessen Häufigkeit von Schwarz mit »bestenfalls eins zu hundert« angegeben wird. doch bei immerhin 40 Prozent der Schwerkranken läßt sich auch mit einem Scheinmedikament eine eindeutige Besserung erzielen.

von denen sie noch weniger wissen. Tatsächlich hätte wohl kaum eine der damals gängigen Heilmethoden ein objektives Prüfverfahren überstanden. Bis weit in die Neuzeit beschränkten sich die Behandlungstechniken darauf. Schweinezähne und Froschsperma. »Ich werde gefallen«. überlebten am Ende doch die meisten. -3 1 7 - . den Patienten Abführmittel zu verabreichen. verspricht die Übersetzung. Noch in unserem Jahrhundert wurde die wissenschaftliche Überprüfung einer Methode überaus leger gehandhabt. von denen sie überhaupt nichts wissen«. Und obwohl die armen Patienten derart traktiert wurden. warum diese den Ergebnissen anderer Professoren weit überlegen seien. »Als ich in den dreißiger Jahren Medizin studierte«. erinnert sich Richard Doll.Der Placeboeffekt Der Begriff Placebo für ein Scheinmedikament ist seit den vierziger Jahren gebräuchlich. Sie sprechen achselzuckend von der Kraft der Einbildung. sie zum Erbrechen oder zum Schwitzen zu bringen. in Menschenleiber. zur Behandlung von Krankheiten. »Ärzte geben Medikamente.« 56 Keine Vergleichsgruppe. Die Meriten sahnten – der Placebowirkung sei Dank – die Herren Doctores ab. nichts war nachprüfbar. Ehrenmitglied der Oxford University. »zeigten uns die Professoren bloß ihre Forschungsergebnisse und erklärten uns dann. keine normierten Bedingungen. von Aberglauben und den Abgründen des simplen Gemüts. von denen sie wenig wissen. Das Wort des Professors mußte genügen. ob sie sich nun Schamanen. lästerte Voltaire noch zu Recht. Placebos wirken. sehr zur Verwunderung der meisten Mediziner. sie zu erschrecken. Krokodilkot. Dabei verdankt die Medizin dem Placeboeffekt einiges von ihrem im Lauf der Jahrhunderte erworbenen guten Ruf. Quer durch alle Kulturen. und das ist nicht übertrieben. Die Quacksalber verwendeten Eidechsenblut. Bader oder Medizinmänner nannten. zu stechen oder mit Saugnäpfen und Blutegeln zu traktieren.

Worauf sich die – seither tausendfach bestätigte – Wirksamkeit der wirkungslosen Zuckerpillen im Detail stützt. An eine Gruppe Tuberkulosekranker wurden nach dem Zufallsprinzip Antibiotika oder Scheinmedikamente ausgegeben. wenn es die Ergebnisse des Placebos signifikant übertrifft. wird sie von Ärzten meist als bloße Anekdote für die wundersame Kraft der Einbildung zitiert. Die Verwunderung war groß.Erst zur Mitte des 20. funktioniert auf vielfältige Weise auch beim Menschen. Was Iwan Petrowitsch Pawlow bei seinem Hund mit der Konditionierung durch ein Glockensignal erreichte. Die Tumoren hatten bereits die Größe von Orangen erreicht. Mister Wright hatte Lymphdrüsenkrebs im Endstadion. wußte lange Zeit niemand zu sagen. Wundersame Kräfte Der bekannteste Placebofall betrifft einen kalifornischen Krebspatienten namens Wright und ereignete sich Mitte der achtziger Jahre. Seither gilt ein neues Medikament nur dann als praxistauglich. Obwohl die Krankengeschichte wissenschaftlich penibel dokumentiert und publiziert ist. Inzwischen aber konnten Forscher mittels Gehirnstromanalysen nachweisen. als sich auch in der Placebogruppe Erfolge einstellten. Jahrhunderts führte das britische Medical Research Council die erste placebokontrollierte Studie durch. morphiumähnlicher Substanzen sind inzwischen eine ganze Reihe weiterer Wirkmechanismen identifiziert worden: Placeboalarmierte Streßbremsen lassen allergische Hautausschläge verschwinden. und -3 1 8 - . placebogerüstete Kämpfer des Immunsystems besiegen Bakterien und heilen in der Folge sogar hartnäckige Magengeschwüre. daß allein das Ritual der Behandlung und der Glaube an die Heilkraft einer Pille konkrete Reaktionen in den Zell.und Gewebestrukturen des Organismus auslösen können. Über eine gezielte Hormonmodulation beginnen in der Placebogruppe sogar Haare wieder zu wachsen. Neben der Ausschüttung körpereigener.

Als er von sensationellen Testergebnissen des aus Pferdeserum gewonnenen Krebsmedikaments Krebiozen erfuhr. Das Mittel wurde als völlig wirkungslos beurteilt und als glatter Fehlschlag abqualifiziert. hängt von den Erwartungen und Erfahrungen des einzelnen Patienten ab. Der Erfolg war diesmal noch erstaunlicher als beim ersten Mal. Darauf erlitt Wright einen neuerlichen Rückfall und starb binnen zwei Tagen. Psychisch war Wright aber noch bei recht guter Verfassung. »Je nach individueller Erwartung und nahezu ohne Kontrollmöglichkeit durch den bewußten Verstand verteilt es seine Drogen im Organismus. und schon am nächsten Freitag setzte er ihm die erste Injektion mit dem experimentellen Pferdeserum.der behandelnde Arzt Philip West rechnete mit dem baldigen Ende seines Patienten. 30 Stoffe der Immunabwehr und -3 1 9 - . »Das Gehirn ist der selbständige. Als der Arzt nach dem Wochenende wieder in die Klinik kam. West erfüllte ihm den Wunsch. ob sie das zugeführte Mittel verstärken. Seine Tumoren verschwanden binnen weniger Tage. Zwei Monate lang erfreute er sich bester Gesundheit. er solle nicht an den Quatsch in den Medien glauben. sondern wird vom Gehirn nach Gutdünken mit der Ausschüttung weiterer Wirkstoffe begleitet. bekniete er seinen Arzt.« 57 Demnach ist auch ein Medikament mit tatsächlichen Wirkstoffen nie für sich allein wirksam. Psychiater an der University of Connecticut. Dr. Welcher Art diese Wirkstoffe sind. wie er es nannte. Unermüdlich blätterte er in medizinischen Journalen. »extrapotente Neuversion« des Mittels. Wright konnte sogar das Krankenhaus verlassen. und injizierte ihm eine. dieses Mittel sofort zu besorgen. erklärt Irving Kirsch. Dr. West erklärte ihm. eigenwillige Apotheker des Körpers«. Fast augenblicklich verschlechterte sich Wrights Zustand. wo er prächtig gelaunt mit den Krankenschwestern scherzte. Im Hirnstoffwechsel beeinflussen sich 50 Peptide. Bis er den vernichtenden Endbericht der Krebiozen-Studie las. Nach einigen Wochen tauchten in den Zeitungen widersprüchliche Meldungen über die Wirksamkeit von Krebiozen auf. überlagern oder blockieren. fand er seinen Patienten auf dem Gang.

« 59 Damit erscheint auch die langanhaltende Diskussion um viele alternative Heilmethoden in einem neuen Licht.« 58 Glaube. löst er den stärksten Placeboeffekt aus. ist praktisch unmöglich. den Abwehrkräften seines Patienten einen ordentlichen Schub zu versetzen. ließ in einer Studienreihe fünf Schauspieler die Gesten und Rituale ihrer »spirituell erleuchteten« Kollegen trainieren und dann als »Geistheiler« chronische Schmerzpatienten behandeln. das chronische Schmerzpatienten ähnlich effektiv zu heilen vermöchte. Hier genau zu sagen. desto eher wird beim Patienten ein Heilprozeß in Gang gesetzt. Er muß bloß imstande sein. Die Behauptung »Alles nur Placebo« mag in vielen Fällen stimmen. Die Grenze zwischen Wirkstoff und Placebo verschwimmt endgültig. Edzard Ernst. die seit fünf Jahren nur noch im Rollstuhl unterwegs war«. was vom Gehirn selbst initiiert und was von außen zugeführt wurde. der Diagnosen versetzt Was »Scharlatanerie« bewirken kann. »die ist jetzt fast schmerzfrei und kann wieder gehen. Die Erfolge waren großteils verblüffend. in den Gedärmen wühlt und dem völlig geschockten Patienten schließlich ein Stück verfaultes Fleisch – als sichtbare Verkörperung der Pein – vor die blasse Nase hält. dreht -3 2 0 - . Aber. Ein Medikament. Unter diesen Gesichtspunkten erscheint auch der Erfolg verständlicher. erklärt der US-Psychiater Dan Molerman. den manche Schamanen und Wunderheiler vorzuweisen haben. erzählt Ernst. Inhaber eines Lehrstuhls für Komplementärmedizin an der britischen Universität Exeter. Wenn ein Wunderdoktor durch die Bauchdecke greift. Je eindrucksvoller seine Vorstellung. daß er in erster Linie Schauspieler ist. »ist es völlig egal. »Wir hatten beispielsweise eine Frau. wäre zweifellos ein Bestseller. wurde vor kurzem sogar wissenschaftlich untersucht.zehn Neurotransmitter gegenseitig. Der philippinische Wunderheiler ist sich dabei durchaus bewußt. ob der Typ einen weißen Kittel hat oder eine Federboa mit Knochenamulett. der sich denken läßt. »Im Prinzip«.

»Die Patienten wollen ernst genommen werden. »sterben viel schneller als Patienten. denen aber niemand das Todesurteil ausgesprochen hat. »manche Placebos sind so wirksam. hat sie zum fixen Verhaltenskodex für seine Mitarbeiter gemacht: »Oft wirken schon ganz banale Regeln des täglichen Umgangs«. sie möchten. Zeit für sie hat und daß er sie anschaut. wenn er mit ihnen redet. die mit einer hoffnungslosen Prognose eingeliefert werden«. Im Lauf der letzten Jahrzehnte beobachteten die Forscher eine langsame. die im selben Krankheitsstadium sind. beobachtete Block. »Wir haben dann bemerkt. die aus der Placeboforschung in den klinischen Alltag übernommen werden kann. sagt der Göttinger Hirn. »Je intensiver sich die Ärzte um die Studienteilnehmer kümmern.« Seele heilt Welche Teile des Immunsystems durch die Zuwendung aktiviert werden und auf welche Weise dies geschieht.« 60 Die enorme Wirksamkeit von Zuwendung ist die vielleicht wichtigste Lehre. Eine optimistische. desto stärker ist die Placeborate. daß der Arzt sie beim Namen kennt. die im Massenbetrieb allzu oft als unwichtig und nicht durchführbar abgetan werden. negative Aussagen über eine Krankheit hingegen sind strikt tabu.« 61 Dinge. faßt Block zusammen. aber stetige Zunahme der Placebowirkung. davon mußten sich selbst die Hardliner der Organmedizin überzeugen lassen. »Patienten. -3 2 1 - . daß dies an den immer aufwendigeren Forschungsprotokollen liegt«. Doch daß es so ist. So wies eine Gruppe von psychologisch betreuten Brustkrebspatientinnen in den USA eine doppelt so lange Überlebensrate auf wie die unbetreute Vergleichsgruppe. wie man das Arzneimitteln nur wünschen kann«.und Streßforscher Gerhard Hüther. seit 25 Jahren Krebsarzt und Leiter des Detroiter Block Medical Center.Ernst das Argument um. Keith Block. ist immer noch Gegenstand von Spekulationen. freundliche Grundhaltung ist Pflichtprogramm.

-3 2 2 - . reichte pures Zuckerwasser. Adrenalin oder Noradrenalin ist halbwegs bekannt. Allerdings wurde den Tieren in den ersten Tagen des Experiments nach jeder Gabe von Zuckerwasser ein Mittel gespritzt. Ihnen wurde davon übel. Das Streßhormon Cortisol verlangsamt etwa im Laborversuch deutlich die Teilungsrate von Leukozyten. um sie krank zu machen und zu töten. also einen rein psychischen Lernvorgang.« 62 Gemeinsam mit dem Immunologen Nicholas Cohen schuf er den Erklärungsansatz für dieses Phänomen. Die Psychoneuroimmunologie war geboren. die sie normalerweise lieben und hervorragend vertragen. ganz konkret den Zellstoffwechsel des Körpers beeinflussen. Schließlich ergab sich ein komplexes Bild der Vernetzung von Psyche und Körper. »ihr Immunsystem war total am Boden. Der langsame Entdeckungsprozeß der Kommunikation zwischen Psyche und Körper begann vor genau 25 Jahren. »Anscheinend konnte schon das kleinste Virus das Ende bedeuten«. Jeder neue Versuch schlug aber eine kleine Schneise in den Dschungel der immunologischen Zusammenhänge. wunderte sich der Leiter des Experiments. Man konnte über Konditionierung. gleichzeitig wurden dadurch ihre Abwehrkräfte geschwächt. der Biologe Richard Ader. das auch die Skeptiker überzeugte. Das Zentralnervensystem greift über Hunderte verschiedener Hormone direkt in den Immunhaushalt ein. das die Ratten nicht vertrugen. Als die Spritze dann weggelassen wurde. Erst die Wirkungsweise einiger weniger Hormone wie Cortisol. als in einem Tierlabor der Universität Rochester im US-Bundesstaat New York plötzlich Ratten starben. Die Tiere hatten lediglich Zuckerwasser zu trinken bekommen – eine Nahrung.Ähnliches zeigte sich in der Fünf-Jahres-Überlebensrate bei Hautkrebspatienten. Nach wenigen Tagen wurde diese gleichzeitige Verabreichung von Zuckerwasser und Ekelspritze beendet. Die Tiere hatten mittlerweile jedoch die Wirkung der Spritze auf das Zuckerwasser übertragen und einen direkten Zusammenhang zwischen Übelkeit und dieser Flüssigkeit hergestellt. Die Kollegenschaft rümpfte zunächst nur die Nase.

die New Yorker Immunologin Suzanne Feiten. »fließt die Kommunikation. »Das Immunsystem bittet sozusagen um Fieber«. sagt der Wiener Neuroimmunologe Hans Lassmann. »Die Veränderung eines einzigen Parameters in diesem Netzwerk kann überhaupt keine Auswirkung haben. daß Streß bei einem Fallschirmsprung oder bei Prüfungen zunächst die Anzahl der NK-Zellen rasch steigen -3 2 3 - . eingesetzt.Mittlerweile wird Cortisol generell zur gezielten Dämpfung der Abwehrreaktionen. erklärt Johannes Reul.« 64 Wie Streß mobilisiert Selbst die Ahnung einer Gefahr kann das Immunsystem binnen Sekunden in Alarmzustand versetzen. um seinerseits dem Nervensystem rasch Informationen zukommen zu lassen.« 63 Diese Kontaktpunkte zwischen Abwehr und Nervensystem lassen sich mit Hilfe des Elektronenmikroskops überall im Gefäßsystem des Körpers feststellen. bis von irgendeiner Seite ein Notfall gemeldet wird. Zu undurchschaubar sind die Kontaktwege zwischen Psyche und Abwehrsystem. Das Immunsystem kann aber auch von sich aus aktiv werden und Botenstoffe aussenden.« 65 Tests an der Medizinischen Hochschule Hannover konnten belegen. Immunologe am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. »Wir stehen hier in der Forschung noch völlig am Anfang«. etwa in der Therapie von Autoimmunerkrankungen. und genauso gut kann es die verborgene Ursache sein für den Umschwung in einem Krankheitsprozeß. Nervenzellen und Lymphozyten docken aneinander an und sind so lange neutrale Nachbarn. »Dadurch verschlechtern sich die Lebensbedingungen der Bakterien. Jene der Immunstoffe aber verbessern sich. wo eine Reizung passiert«. erklärt die Entdeckerin dieses Mechanismus. »Im selben Moment. so sendet es an die Nervenzellen eine ganz klare Botschaft. Steuern läßt sich dieser Prozeß von Seiten der Mediziner bislang noch nicht. Wenn das Immunsystem beispielsweise eine Bakterieninvasion erkennt.

sagt Johannes Reul. wäre allerdings verfrüht. Dies stellte sich schließlich auch als entscheidender Unterschied zwischen den Gruppen heraus. »Die gestreßten Ratten waren nicht mehr fähig. was bislang nur Vermutung ist: Chronischer Streß schädigt die Fieberreaktion des Organismus. jedoch ohne Krebsdiagnose. die er 1991 67 im Auftrag des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg unternahm. 6 6 Was dies für Auswirkungen haben kann. Alle Personen wurden intensiv nach den bisher durchgemachten Krankheiten befragt. Dafür verglich er die Vorgeschichte von 740 Personen. Die Rolle des Fiebers Ein weiterer Beleg für diese These ist die Studie des Medizinbiometrikers Ulrich Abel. Besonders interessierte sich Abel für fieberhafte Infekte. Denn kurz nach dem Streßereignis wird der Körper um so infektionsanfälliger. daß dies immer gesund ist. »Wer pro Jahr drei oder mehr banale fieberhafte Infekte hat«. bewies Reul im Tierversuch. »sie hatten um etwa zwei Grad weniger Fieber als die ungestreßten Tiere. Daraus zu schließen. weil die NK-Zellen sogar unter das Niveau vor dem Versuch abfallen. Die zweite Hälfte waren Krankenhauspatienten mit gleicher Alters. Der Neuroimmunologe verabreichte Ratten eine Woche lang ununterbrochen das Streßhormon CRH.läßt. auf die Infektion angemessen mit Fieber zu reagieren«.« Sollten diese Ergebnisse auf den Menschen übertragen werden können.und Geschlechtsverteilung. Nun stehen Fallschirmsprung oder wichtige Prüfungen nicht täglich auf dem Programm. Dann setzte er die Tiere einer künstlichen Bakterieninfektion aus. ließe sich wissenschaftlich beweisen. von denen die eine Hälfte an Krebs erkrankt war. wenn der Streß chronisch wird«. beschreibt Reul das Resultat. Dadurch ist das Immunsystem geschwächt und nicht mehr so gut in der Lage. bösartige Mutationen zu erkennen und im Anfangsstadium rechtzeitig zu stoppen. -3 2 4 - . »Problematisch werden diese Situationen erst.

Beweisen kann sie dies aber natürlich genausowenig wie ihr behandelnder Arzt Wolfgang Wöppel. die sich mit spontan geheilten Krebspatienten wie Rosemarie Osterland befassen.« Schließlich dürfte die Schranke aber gefallen sein. Frau Osterland. an Krebs zu erkranken. zeigen zwei Studien. Entweder reagierte sie nicht mit Fieber.«68 Ob es immer chronischer Streß ist. Zunächst sprach sie überhaupt nicht darauf an. weil ich jahrelang nie Fieber hatte«. »Ich habe mich immer für besonders gesund gehalten. Frau Osterland erhielt Dutzende von Bakterieninjektionen.faßt Abel die Ergebnisse zusammen. der die Fieberreaktion unterbindet. oder es zeigten sich keinerlei Änderungen im Blutbild. sagt sie. die den Umschwung in ihrem Krankheitsprozeß einleitete. Anscheinend ist es aber möglich. »hat ein um das Fünffache geringeres Risiko. »hatte ich nach einer Fieberkur weniger Leukozyten im Blut als vorher. daß es diese Therapie war. Diskutiert werden auch andere Einflußfaktoren. Wie schwierig die genauere Ursachenforschung bei immunologischen Vorgängen ist. Schließlich hat sie ja alles mögliche ausprobiert – von der Umstellung der Ernährung bis zur Misteltherapie. erzählt auch Rosemarie Osterland. als sie von ihren Therapeuten »zum Sterben« nach Hause geschickt wurde. beispielsweise häufige Antibiotikatherapien. die Krebspatientin im Endstadium. die noch mit der Fiebertherapie arbeiten (siehe auch den Abschnitt »Coleys Gift«). die eine Heilung einleiten können. ist ungewiß. gab jedoch nicht auf. Frau Osterland glaubt. Der aus Japan stammende Psychologe Hiroshi Oda forscht am Institut für Psychosomatik der Universität Heidelberg anhand von 29 konkreten Spontanheilungen nach den psychischen Voraussetzungen. die verlorengegangene Fieberreaktion wieder zu erlernen. »Manchmal«. Wöppel ist einer der wenigen Mediziner. Die verheerende Diagnose zerstörte schließlich diese Illusion. Sie geriet schließlich an die Klinik des Krebsarztes Wolfgang Wöppel in Bad Mergentheim. Jede neue Injektion mit Bakterien erzeugte hohes Fieber und eine starke Abwehrreaktion. Der Nürnberger Krebsspezialist Herbert Kappauf hat 22 Fälle genauestens dokumentiert und geht die Frage von der -3 2 5 - .

Anschließend sollten sie je eine – möglichst tiefempfundene – Szene vorspielen. Und Gesundheitsapostel genauso wie solche. Immerhin war die Bedingung für eine Teilnahme am Experiment. das man anbieten könnte. dann in einen euphorischen Gemütszustand versetzen. Krebspatienten zeichnen sich demnach durch geringeres Selbstwertgefühl.medizinisch-technischen Seite an. die Futterman ihren Versuchspersonen bezahlte. den die Immunologin Ann Futterman von der University of Los Angeles mit Schauspielern unternommen hat. »Unter den Geheilten waren Menschen. sagt Oda. ein negatives Elternbild sowie Verluste und Trennungen vor dem 17. daß sie professionelle Schauspieler sein müßten. Er verglich begleitende Infektionen. die vor Optimismus nur so gestrotzt haben. L ebensjahr aus.« Jedes Schicksal sei völlig individuell. -3 2 6 - . 14 gesunde. 70 Zehn Dollar pro Stunde – für Hollywood-Verhältnisse war die Gage nicht gerade fürstlich. die sicher waren. unmittelbar nach dem Spiel und nach einer Entspannungsphase von 20 Minuten wurden sie zur Ader gelassen und das Blut dann im Labor auf alle denkbaren Immunparameter und Hormonkonzentrationen untersucht. angewandte Therapien und Immunstatus. fehlende emotionale Nähe zu den Eltern. Wie sehr sich die Psyche auf den Körper auswirkt.« 69 Risikofaktoren. Sie mußten sich kraft ihres Talents zunächst in einen depressiven. nicht drogensüchtige Männer mit einer durchschnittlichen Berufserfahrung von zwölf Jahren wurden schließlich ausgewählt. stimmt Kappauf zu. zeigt ein origineller Versuch. die sich nur noch betrunken haben. Davor. »kein Rezept. Beide Wissenschafter kamen aber zum gleichen Ergebnis: »Es gibt keine signifikanten Gemeinsamkeiten«. einmal anders Gemeinsame psychische Merkmale von Personen mit erhöhtem Krebsrisiko fanden dagegen US-Forscher in einer großangelegten Studie. sie müßten sterben genauso wie solche.

Die Anzahl der natürlichen Killerzellen war nach der Spielphase bei beiden Gefühlslagen signifikant erhöht. Nach der depressiven Szene hingegen war die Immunabwehr nachhaltig geschwächt. wird bei positiven Stimmungen erhöht. also die »Fitneß der Immunabwehr«.Besonders zwei Ergebnisse waren bemerkenswert. als deutlich lebendiger und wachstumsfreudiger. Aussagekräftiger war aber ein weiterer Wert.« -3 2 7 - . sich schnell zu vermehren. die nach der gespielten Euphorie entnommen worden waren. Tatsächlich erwiesen sich jene Zellen. Dazu wurden die Zellen mit einer Nährflüssigkeit angesetzt und nach mehreren Tagen gezählt. Ihre Fähigkeit. Futtermans Schlußfolgerung: »Positive Stimmungen haben einen verjüngenden Effekt auf wichtige Teile der Immunabwehr. bei negativem Gemütszustand verringert. der erstmals vorsichtige Aussagen über die längerfristigen Auswirkungen positiver und negativer Stimmungen möglich macht: Gemessen wurde das Wachstumspotential der Abwehrzellen.

wenn die Methode als letzte Rettung für Todkranke erprobt wird. Nach etwa drei Jahren folgt die Phase II. Nach Zellkultur. In Phase III sind es dann schon Hunderte. Alle großen Konzerne haben Gentherapieabteilungen. Allein in den USA sind 170 Unternehmen direkt in der Gentherapieforschung und -entwicklung tätig. um erste therapeutische Effekte zu messen. weniger Testkandidaten vorgeschrieben.und Tiermodellstudien folgt die Phase l. Wieviele Testpersonen notwendig sind. werden viele. die Mehrzahl dieser Firmen wird mit Risikokapital finanziert. bestimmen die Zulassungsbehörden. Der Aufwand für ein derartiges neues Medikament beträgt bis zu 500 Millionen Dollar. Hier werden noch einmal etwa dreißig Patienten. durchläuft es heute für etwa zehn Jahre die verschiedenen Prüfstadien. Wenn die Methode bei gesunden Menschen zur Vorbeugung angewendet wird – beispielsweise als Massenimpfung -. in der mit Hilfe von zehn bis 30 Patienten oder freiwilligen Versuchspersonen mit einer Dosis weit unter der Wirksamkeitsgrenze nach eventuellen groben Nebenwirkungen des Pharmazeutikums gefahndet wird. behandelt.DIE SIEBTE TODSÜNDE: DIE VERSKLAVUNG DER MEDIZIN DURCH DIE INDUSTRIE Bis ein Medikament marktreif ist. diesmal bereits mit unterschiedlichen Dosierungen. manchmal auch Tausende von Patienten. Die Branche der Goldgräber Das hohe theoretische Potential der Gentherapie hat in den neunziger Jahren zu einem enormen Run auf diese Branche geführt. Das Fachblatt Nature Biotechnology schätzt die Gesamtinvestitionssumme in den USA pro Jahr auf -3 2 8 - . viele kleine Firmen schießen aus dem Boden. die mit dem Hoffnungsmedikament in seiner endgültigen Form behandelt werden. Fast jeden Monat wird ein neues Unternehmen gegründet.

die sich bevorzugt in Krebszellen vermehren. mit Gentransfer das Neuwachstum von Blutgefäßen zu fördern. möglichst schnell Ergebnisse vorweisen zu können. Die Firma Onyx experimentiert mit speziellen Viren. Die Subventionen der öffentlichen Hand belaufen sich dagegen auf karge 15 bis 25 Millionen Dollar. weil deren Marktpotential naturgemäß geringer ist. entsteht ein entsprechender Erfolgsdruck. Bis zur Phase III schaffen es nur die wenigsten. 1 -3 2 9 - . Da also fast alle Gelder von privaten Investoren kommen. Die wissenschaftliche Kommunikation wird durch Patentierungsverfahren in die Länge gezogen oder verhindert. um so weiteres Kapital anzuziehen. und damit auch eine beträchtliche Divergenz zwischen der gewünschten Beschleunigung und der vergleichsweise langen Dauer von klinischen Experimenten. weniger als drei Prozent der Forschungsgelder. Insgesamt stecken 97 Prozent der derzeit weltweit laufenden rund 200 klinischen gentherapeutischen Versuche noch in Phase I. Bei den meisten dieser Versuche herrscht von Seiten der privaten Geldgeber jedenfalls ein enormer Druck. Vorläufige Resultate werden unkritisch an die Medien weitergereicht. Und schließlich kümmert sich kaum noch jemand um die selteneren Krankheiten. Rund ein Dutzend befindet sich in Phase II. Jeffrey Isner in Boston soll es gelungen sein.800 bis 900 Millionen Dollar. sogenannten onkolytischen Viren.

Auf 2400 Quadratmetern auf mehrere Gebäude des riesigen Universitätscampus verteilt. energischer Mann. Diese Abteilung ist die angesehenste ihrer Art in den USA. James M. weltweit wohl bestausgestattete Labor der ganzen Gentech-Branche. Wilson ist Direktor des Instituts für Human-Gentherapie der Universität Philadelphia. Tratscherei. Dennoch zeichnen sich ungewohnte Schweißränder auf Wilsons Hemd ab. In der Chefetage merkt man davon nichts. ja auch jeder fachliche Satz über das nötigste hinaus werden von ihm unwirsch abgewürgt. daß diesmal etwas mehr mitschwingt als bloße Geschäftigkeit. Wilson ist ein kleiner. -3 3 0 - . Der »Abstract«. Schon den ganzen Tag haben seine Mitarbeiter bemerkt. eine eigene High-Tech-Intensivstation und das mit Multimillionen-Dollar-Aufwand aufgerüstete. Von ihnen läßt er sich jovial Jim nennen. und nach der Dämmerung kühlte es kaum ab. Er scheint unter Starkstrom zu stehen und ist gleichzeitig mit den Gedanken seltsam abwesend. Jetzt. Zum Anlaß für eine kumpelhafte Plauderei sollte dies jedoch keiner nehmen. Nirgendwo hält es ihn länger als ein paar Minuten in einem Sessel. Tagsüber herrschte in Philadelphia eine schwüle. Bei Bedarf stehen zwölf klinische Betten zur Verfügung. Aber das erlösende Gewitter kam nie. persönliche Ansichten.Der Fall Celsinger Im mächtigen Gebäude der Pennsylvania University in Philadelphia brennt kurz vor Mitternacht noch Licht in den Räumen des Chefs. genausowenig wie sonst. Die Klimaanlage besorgt die Einheitsjahreszeit. Seine Mitarbeiter beschreiben ihn als Inbegriff der Nüchternheit. in den letzten Tagen des Sommers 1999. wie die Kurzfassung wissenschaftlicher Studien g enannt wird. ist seine bevorzugte Ausdrucksform. arbeiten hier 150 Spezialisten aller Fachrichtungen. brütende Hitze. Er rennt unruhig von einem Raum in den anderen. Der 45jährige James M.

Nun erscheint sein Leib stark aufgedunsen und von bedrohlich gelber Farbe. einer in Biochemie – nicht mehr aus. Sein Blut wurde beständig dicker.3 Grad Celsius gestiegen. Die Anästhesistin prüft wohl schon zum tausendsten Mal die Meßwerte für Blutdruck. Wichtige Blutbahnen waren blockiert. mit Schläuchen aus allen Körperöffnungen und noch einem halben Dutzend weiterer. Ratten. Zum wohl zehnten Mal wählt er dieselbe Nummer: jene der Intensivstation. Sie klingen nicht gut. Mäusen. der eher einem hoffnungslosen Seufzer gleicht: »Vor einer halben Stunde hat auch noch die zweite Niere versagt …« Den Patienten. ein 18jähriger Junge. Schließlich verabschiedet sich Raper mit einem Satz. der Chefchirurg. Wilson hört Rapers Schilderung fassungslos zu. Kaninchen und sonstigen Lebewesen.Weiterhin gehört ein eigener Versuchstierzoo dazu. Puls oder Sauerstoffversorgung. nie mit ihm gesprochen. Raper ist seit nahezu 36 Stunden ununterbrochen im Einsatz. mit Affen. 2 Heute vormittag war er schließlich ins Koma gefallen. Schon wenige Stunden nach der Injektion war seine Körpertemperatur auf 40. der hier dem Ende entgegendämmert hat Wilson nie gesehen. -3 3 1 - . angeschlossen an eine Herz-LungenMaschine und ein Dialysegerät. Die höchste Dosis Gestern mittag hatte Steve Raper dem 18jährigen eine Dosis von 38 Billionen manipulierter und »entwaffneter« Schnupfenviren in die Leber injiziert. Es war dies die höchste vorgesehene Dosis unter allen 18 Teilnehmern des Experiments. die letzten Fakten. Die Lungen begannen sich immer mehr mit Wasser zu füllen. Jesses Organismus reagierte mit einem schweren Schock auf die Virenflut. 3 Wilson legt auf und starrt an die Wand. Schließlich hält es der Karrierewissenschaftler mit den zwei Doktortiteln – einer in Medizin. Auf dem OP-Tisch liegt Jesse Gelsinger. Und ständig piepst eines der Kontrollsysteme. Völlig erschöpft berichtet ihm Steve Raper.

Mehr als die Hälfte der OTC-Patienten stirbt schon kurz nach der Geburt im Alter von wenigen Wochen an einer akuten Ammoniumvergiftung. Weil er erst 17 war. der sich für ihn zum OTC-Spezialisten fortgebildet hatte. Von der geplanten Gentherapie hatte Jesse von seinem Hausarzt erfahren. daß in den Vorstudien vielversprechende Ergebnisse erzielt worden seien und im Experiment nur ganz geringe Dosen verwendet würden. chauffiert. Die Tickets wurden von der Klinik bezahlt.Jesse Gelsinger wäre allen. Aus purer Schlamperei hatte er vergessen. daß es doch keine solche Kleinigkeit ist. Und alle waren überaus freundlich. Sein Vater Paul hatte ihn auf den Flughafen von Tucson. als unauffälliger junger Mann erschienen. wurde er wegen der -3 3 2 - . Er war voll des Vertrauens in die Wissenschaft und wollte am liebsten sofort daran teilnehmen. die vor allem Jungen betrifft – am Ornithin-Transcarbamylase-Mangel (OTC). Er wurde gerade noch gerettet und weiß nun. Ein typisch halsstarriger Teenager Jesse Gelsinger hatte hingegen eine milde Form der Krankheit und konnte sie mit Tabletten und Diät gut beherrschen. Jesse leidet an einer seltenen Erbkrankheit. Ein wenig übergewichtig. Es hieß. nicht gerade großstädtisch modern gekleidet. Daß diese dann in Wahrheit extrem hoch sein sollten. Arizona. dann ist Jesse allein an die ferne Ostküste geflogen. Bald wurde auch im Internet auf der PatientenHomepage ziemlich offensiv für den Versuch geworben. die ihm zu schaffen macht. ahnte Jesse nicht. aber von kerngesundem Teint und mit dem naiven Charme eines Teenagers vom Land. Aufgrund eines defekten Gens kann sein Organismus Stickstoff im Stoffwechsel schlecht umwandeln. Seither hielt er eine genau auf ihn abgestimmte Diät ein und fühlte sich besser denn je. und dadurch kommt es zu einer lebensbedrohlichen Anhäufung von Ammonium in der Leber. seine Tabletten zu nehmen. Im Alter von 17 Jahren wäre er trotzdem beinahe an einem Ammoniumhoch gestorben. die ihn gestern früh beim Einzug in die Penn’s Universitätsklinik gesehen hätten.

das Riesenmolekül ist im Zellkern dicht verpackt. daß ihn dieses Experiment nicht heilen könne. war der Gedanke. nach nahezu einem Jahrzehnt Gentherapie und Hunderten fehlgeschlagener Experimente am Menschen einen ersten meßbaren und rundum anerkannten Erfolg zu erzielen. Jedes Organ und jedes Gewebe ist in einer Palette von Genen vorbestimmt. ob diese Form der Gentherapie überhaupt bei Menschen einsetzbar sei. jahrelang und mit der Zähigkeit einer Raubkatze. Jedes Protein hat eine bestimmte Funktion. einem unglaublich langen Molekül. Das schreckte Jesse nicht ab. Geheilt zu werden war gar nicht das Vordringlichste. Was ihn aber regelrecht beherrschte. gewisse Hormone und zelluläre Strukturen bestehen aus Eiweißen. -3 3 3 - . den armen Babys zu helfen. die gleich nach der Geburt starben. Geburtstag rief er wieder an. »Er war ein typisch halsstarriger Teenager«. Dieses ist in der DNA gespeichert. Endlich sollte es gelingen.« Der Schritt zum Menschen Auch James Wilson hat für dieses Experiment gekämpft. Enzyme. Jede der rund 100000 Milliarden Zellen im menschlichen Körper besitzt eine exakte Kopie des gesamten ursprünglichen Erbmaterials. diese zu mildern oder zu heilen. Bereits in der Woche nach seinem 18. die auf molekularer Ebene in Eiweiße übersetzt werden: die sogenannte Genexpression. mit der Übertragung von Genen – dem direkten Gentransfer – Krankheiten vorzubeugen. in dem etwa drei Milliarden Grundbausteine in einer bestimmten Folge aneinandergereiht sind.Jugendschutzbestimmungen jedoch noch auf ein Jahr vertröstet. Die Gesamtlänge der DNA beträgt rund zwei Meter. Mit seinem eigenen Schicksal hatte er sich recht gut abgefunden. Es ginge lediglich darum herauszufinden. was Jesse mit seiner Teilnahme bezweckte. Abschnitte der DNA bilden die einzelnen Gene. Jenen Leidensgenossen. Jesse wurde gesagt. Die Ursprungsidee der Gentherapie ist. sagt Jesses Vater »es konnte ihm nicht schnell genug gehen zu helfen.

diesen Gentransfer nicht nur bei Mikroorganismen oder Tieren. Ein Virus entert eine Körperzelle. die von den schädlichen Auswirkungen des Gendefekts am meisten betroffen sind. Diese Kuckucksaktion zwingt nun die Körperzelle bis zur völligen Erschöpfung und meist bis zu deren Tod. bis hin zu Herpes und sogar den Aids-Viren. Viren sind etwa 10000mal kleiner als Körperzellen und haben im Lauf ihrer Geschichte das Problem des Gentransfers elegant gelöst. Daher hat man sie für die ihnen zugedachte Aufgabe umgebaut. hat man geeignete Transportvehikel gesucht und ist dabei auf die Viren gestoßen. Verschiedene Viren. Um die Gene effizient in möglichst viele Zellen zu schleusen. Vor etwa 15 Jahren hat man begonnen. daß sie weniger leicht von der Immunabwehr erkannt und abgefangen würden. Im Idealfall sollte das korrekte Gen in jede einzelne der Milliarden Organzellen eingeschleust werden.Seit zirka 30 Jahren kann man einzelne DNA-Strecken. wurden als Transportvehikel ausprobiert. dringt bis zum Zellkern vor und baut sein eigenes Erbgut ins Erbgut der Zell-DNA ein. große Mengen von therapeutisch wirksamen Eiweißen wie beispielsweise Wachstumshormon. von den Adenoviren. lediglich jede -3 3 4 - . Insulin oder Erythropoetin zu produzieren. bestimmte Gene in Mikroorganismen einzubauen – mit der Absicht. sondern auch beim Menschen durchzuführen. Therapeutisch günstig ist diese Eigenart der Viren natürlich nicht. Allerdings würde es auch genügen. bei Jesse also insbesondere in die Leber. 4 Die Gensequenzen müssen nämlich in diejenigen Organe eingeschleust werden. sie haben sich aber als bei weitem weniger effizient als die Viren erwiesen. um so auf den Verlauf von Krankheiten Einfluß zu nehmen. Auch nichtvirale Methoden wurden gesucht. ihre Gefährlichkeit also so weit wie möglich zu verringern versucht. die normalerweise Schnupfen auslösen. also einzelne Gene. Für diese Variante hätte vor allem gesprochen. Also mittels Gentherapie direkt in menschliches Gewebe einzugreifen. im Labor »züchten« und verändern. Als nächstes lag der Gedanke nicht fern. massenhaft Nachkommen der Viren herzustellen.

zehnte Zelle zu »transformieren«, um einen ausreichenden therapeutischen Effekt zu erzielen. Die Aufgabe ist trotzdem nicht einfach: Denn der Gentransfer soll auch nicht zu offensiv stattfinden und statt der Leber auch noch die Keimzellen, also Hoden oder Eierstöcke, besiedeln. Damit würde die Tür geöffnet für die Vererbung gentechnisch manipulierter Eigenschaften an künftige Generationen, ein Vorgang, der bislang noch weltweit geächtet ist. Dabei würde gerade die Keimbahntherapie das Problem an der Wurzel packen, argumentieren einige der Offensiveren aus der Gentechnikerzunft: Denn anstatt mühsam Tausende Milliarden von Körperzellen ansteuern zu müssen, würde die Korrektur von ein paar wenigen Milliarden Keimzellen den Defekt für alle Zeiten beseitigen.

Ein medizinischer Hasardeur
Daß solche Spekulationen mittlerweile möglich sind, liegt wohl an William French Anderson, heute Leiter der Gentherapieabteilung an der California School of Mediane in Los Angeles. Der leicht stotternde, besessene Wissenschaftler und Arzt ist eine der schillerndsten Figuren der Genetikergemeinde. Länger als ein Jahrzehnt kämpfte er für die Genehmigung des ersten Gentherapieversuchs am Menschen. Dafür wechselte er sogar die Seiten und wurde Politiker. Schließlich war sein Marathon erfolgreich. »Ich war immer dafür bekannt, daß ich kein Risiko scheue«, sagt Anderson von sich, »und viele hielten mich, als sie erfuhren, was ich vorhabe, für völlig durchgeknallt.« 5 Vielleicht wurde dem medizinischen Hasardeur deshalb der junge, bedächtigere Michael Blaese von der staatlichen USGesundheitsbehörde NIH zur Seite gestellt. Im September 1990 sollte im Hauptquartier des NIH in Bethesda, Maryland, der erste klinische Gentherapieversuch am Menschen durchgeführt werden. Erste Patientin war die damals vier Jahre alte Ashanti DeSilva, die an einer erblichen Enzymmangelkrankheit, dem sogenannten ADA-Mangel, leidet. Menschen ohne ADA sind
-3 3 5 -

unfähig zu einer Immunreaktion und ihrer Umwelt hilflos ausgeliefert. Jeder ansonsten harmlose Keim kann sie t ten. ö Berühmt wurden die sogenannten Bubble-Boys, Kinder, die an ADA-Mangel leiden und deshalb im Astronautenlook zum Spaziergang geführt werden mußten. Nun war es aber nicht notwendig, ein lebensgefährliches Risiko einzugehen und zu schauen, ob Ashanti durch die Gentherapie mit den Keimen allein fertig würde. Zwei Jahre zuvor war nämlich von dem US-Wissenschaftler Mark Betshaw ein synthetisches ADA entwickelt worden, das den betroffenen Kindern – kaum ein Patient hatte bislang das Erwachsenenalter erreicht – ein nahezu normales Leben ermöglicht. Das Rezept, nach dem Anderson und Blaese ihr Genserum zusammengebraut hatten, klingt reichlich bizarr: Sie nahmen Leukämieviren von der Maus, räumten die wichtigsten krankmachenden Gene aus und fügten dafür die ADAproduzierenden Erbinformationen ins Genom der Viren ein. Schließlich entnahm Anderson weiße Blutkörperchen von Ashantis Immunabwehr und vermischte sie mit seinen Viren. Und die machten nun, was Viren immer zu tun pflegen, wenn sie auf Körperzellen stoßen: Sie enterten die Zellen und bauten ihre Information in deren Zellkern ein. Diese so präparierten TZellen der Immunabwehr wollte Anderson nun als Infusion in den Körper von Ashanti einfließen lassen. 6 »Ich konnte tagelang nicht schlafen«, beschreibt Anderson seinen damaligen Gemütszustand, »denn ich wußte: Wenn das nicht funktioniert, dann ist nicht nur meine Arbeit, sondern die meines ganzen Berufsstands auf viele Jahre ruiniert.« 7

Ein Damm bricht
Ashanti überstand den Eingriff gut. Ja, es gelang ihrem Organismus sogar, winzige Mengen von ADA eigenständig herzustellen. Allerdings hätten die Mengen nie ausgereicht, daß Ashanti davon hätte geheilt werden können. Und da es sich nur um ein paar tausend Körperzellen handelte, die sich nicht weitervermehren und ihre Information damit vervielfachen, ging
-3 3 6 -

die ADA-Produktion schrittweise zurück. Denn Ashantis natürliche Abwehrzellen erkannten, daß mit den eingespülten Zellen irgend etwas nicht in Ordnung war. So einfach ließ sich die Immunabwehr nicht täuschen. Freß- und Killerzellen spürten die genmanipulierten Kollegen auf und töteten sie, ohne lange zu fackeln. Anderson und Blaese wiederholten die Infusionen alle paar Tage. Allerdings war die Immunabwehr nun schon vorgewarnt, und die kunstvoll präparierten Zellen wurden binnen noch kürzerer Zeit hingeschlachtet wie die Moorhühner. Ashantis Glück waren die Tabletten, die den Wirkstoff ADA pur enthielten – und damit ihr Überleben sicherten. Aber Anderson zog trotzdem eine positive Bilanz: »Wir müssen die Methode natürlich verfeinern«, schlug er vor. »Daß sie prinzipiell funktioniert, haben wir aber bewiesen.« Und damit war der Damm gebrochen. Überall im Land der unbegrenzten Forschungsgelder wurden nun ähnliche Versuche begonnen. Seit 1990 sind weltweit rund 3000 Patienten gentherapeutisch behandelt worden. Und fast alle Studien erbrachten ähnlich bescheidene Ergebnisse wie Andersons Pioniertat. Zur Marktreife hat es noch kein einziges Gentherapeutikum gebracht.

Der Weg zur Lebertherapie
Auch James Wilsons Weg bis zur Genehmigung seiner Studien war steinig. Jesse Gelsingers Krankheit selbst interessierte ihn nur am Rande. Er wollte die Therapie dieser seltenen Krankheit – nur eins von 40000 Neugeborenen kommt damit zur Welt, bis zu drei Säuglinge pro Jahr sterben in den USA daran – dazu benutzen, endlich den Schlüssel zu finden, wie man ins Lebergewebe eindringen kann. Dann, so seine Hoffnung, wäre die Tür offen für die Bekämpfung vieler anderer, wesentlich häufigerer und damit profitablerer Krankheiten. Es gelang Wilson, den Kollegen Mark Batshaw, der mit seiner Medikamenten- und Ernährungstherapie vielen OTC-Patienten, darunter auch Jesse, ein nahezu normales Leben ermöglichte,
-3 3 7 -

zu überzeugen, daß diese Krankheit perfekt dazu geeignet sei, seine Lebergentherapie in der Praxis anzuwenden. Am besten gleich bei den Säuglingen, bevor sie von den hohen Ammoniumwerten getötet würden. Wilson und sein Team sahen keinerlei Probleme, die Experimente durchzusetzen. Klang es doch wie Medizin aus der Zauberkiste: Babys, die ohnehin keine Chance hätten, die kritische Phase nach der Geburt zu überstehen, würden durch die Gentherapie vielleicht so weit über die Runden gebracht, bis Batshaws Medikamenten- und Ernährungstherapie einsetzen konnte. Doch der Ethikausschuß des US-Senats lehnte – völlig überraschend für Wilson – ab. Es sei nicht verantwortbar, hieß es, in einer Phase die Zustimmung für diese Hochrisikotherapie einzuholen, wo die Eltern kaum zu einer rationalen Entscheidung fähig wären, weil ihr Baby gerade mit dem Tod ringt. Wilson mußte die Entscheidung geschockt hinnehmen.

Laßt die Leute doch Helden sein
In der Folge aber reifte in ihm die Idee, daß er es dann eben mit Erwachsenen versuchen müßte, die nicht so schwerkrank waren. Da wäre die Versuchsanordnung nicht so bedrohlich. Und wenn es funktionierte, wäre auf jeden Fall der Weg zu den Neugeborenen frei. »Wir mußten uns eine Krankheit aussuchen«, beschreibt Wilson sein damaliges Dilemma, »um mit unserem Ansatz der Gentherapie an der Leber weiterzukommen. Und ich dachte, die Gefährlichkeit dieser Krankheit würde es rechtfertigen, daß wir die Therapie versuchen. Das war doch eine zwingende Idee!« 8 Die mit dem Versuch befaßten Wissenschaftler wußten, daß die Viren lebensgefährliche Reaktionen verursachen können. Sie wußten auch, daß die Therapie, wenn sie denn überhaupt anschlug, ihre Wirkung binnen weniger Tage wieder verlieren würde. Das war auch der Grund, warum viele Gentechniker, darunter etwa Inder Verma vom Salk Institute in La Jolla, Kalifornien, sich von den Adenoviren als Transportvehikel ganz abgewandt hatten. »Sie sind einfach zu auffällig für die
-3 3 8 -

Immunabwehr und lösen zu leicht Entzündungen aus«, begründet Verma seine Abkehr. 9 Wilsons Team aber hielt seit Beginn der neunziger Jahre stur an den Adenoviren fest. Seine Forscher versuchten sie unschädlicher zu machen, indem sie systematisch einzelne Gene des Virus ausbauten, bis sie schließlich glaubten, die Lösung gefunden zu haben. Die für James Wilson entscheidende Sitzung der USEthikkommission (Recombinant DNA Advisory Committee, kurz RAC) fand 1995 in Washington statt. Dabei wurden viele relevante Fragen durchaus aufgeworfen, allerdings aus undurchsichtigen Gründen nicht ausdiskutiert. So wurde beispielsweise der Einwand des Virologen Stephen Straus von der NIH einfach ignoriert. Er fragte an, ob es nicht eine Auswirkung auf das Experiment habe, daß die Patienten zweifellos unterschiedlich gegen Adenoviren immunisiert seien. Daß also einige mit Sicherheit schon Kontakt mit den Schnupfenviren gehabt hatten und deshalb besonders intensiv auf die Genvehikel reagieren würden. Niemand ging auf seine Sorge ein. Der Gutachter Robert Erickson von der Universität Arizona warf ein, daß man die Therapie, falls sie funktionieren sollte, alle vier bis sechs Wochen wiederholen müßte. Das sei zum einen unpraktikabel, zum anderen verstärke jede Spritze die Immunreaktion gegen die Viren und erhöhe so die Gefahr eines Leberschadens. Diese Gefahr habe sich schon in den Tierversuchen gezeigt, in denen Affen verendet seien. Wilson entgegnete auf den Einwand nur lapidar: »Dann werde ich eben keine Hepatitispatienten behandeln.« 1 0 Schließlich schaffte Wilson aber mit sehr persönlichen Statements und leidenschaftlichen Diskussionsbeiträgen doch den Meinungsumschwung. »Wilson sagte über die Versuchsteilnehmer«, erinnert sich Erickson, »warum laßt ihr die Leute nicht Helden sein, wenn sie das doch absolut wollen.« 1 1 Auch Erickson ließ sich schließlich zur Zustimmung zu Wilsons Plänen überreden. »Ja, seine vehementen Vorträge haben mich wirklich überzeugt«, sagt er heute, »aber ich bedauere zutiefst, daß ich nicht hart geblieben bin.«
-3 3 9 -

Ericksons Verhalten gab den weiteren Verlauf der Sitzung vor. Denn die meisten anderen Mitglieder in der 17köpfigen Kommission waren Theologen, Philosophen oder Soziologen. Sie dachten sich wohl: Wenn dieser kritische Fachmann überzeugt ist, dann machen wir auch keine Probleme. Schließlich stimmten zwölf Teilnehmer zu, bei einer Gegenstimme und vier Enthaltungen. »Ein Blick in das Protokoll der Sitzung offenbart, daß mehr als die Hälfte der Mitglieder keine Ahnung davon hatte, welche Brisanz in den vorgebrachten Fragen steckte«, sagt Perikles Simon, ein deutscher Mediziner, der ein Gastjahr an der GentherapieEliteschmiede der University of Pennsylvania verbracht hat. »Die Leute waren hingerissen von Wilsons Visionen und äußerten euphorische Hoffnungen auf die Gentherapie.«

Auflagen werden ignoriert
Lediglich zwei Auflagen wurden von der Kommission durchgesetzt: So sollte nicht direkt in die Leber, sondern in eine weiter entfernte Blutader injiziert werden. Und die Versuchsteilnehmer sollten nicht direkt angeworben, sondern von Ärzten zugewiesen werden. Beide Auflagen wurden glatt ignoriert. Unter anderem, weil die Biotechnologiefirmen einen Aufstand gegen den »unerträglichen Papierkrieg und die restriktiven Vorschriften der Behörden« anzettelten. Damit sei der Wissenschaftsstandort USA langfristig gefährdet und Tausende von Arbeitsplätzen in Gefahr. Der Aufschrei hatte Erfolg. Wegen der perfekten Vermarktung zogen Öffentlichkeit und Politiker mit und stutzten die Überwachungswünsche der Behörden. Einer der Kämpfer auf seiten der Biotech-Firmen war James M. Wilson. Heute will sich niemand mehr daran erinnern, warum dann doch in die Leber injiziert wurde und warum in der Einwilligungserklärung plötzlich der mit dem NIH besprochene Passus über die potentiellen Gefahren der Teilnahme fehlte. Vermutlich war es wohl Wilsons erstklassiger Ruf, der den Ausschlag gab, daß niemand groß auf solche Dinge achtete.
-3 4 0 -

Der Druck der Industrie wächst
Und insgeheim lockte auch das patriotische Ziel, daß hier ein amerikanisches Forscherteam endlich erreichen könnte, worum seit fast einem Jahrzehnt Wissenschaftler rund um die Welt wetteifern: daß endlich jemand die erste wirksame gentherapeutische Methode zustandebringen könnte. Das wäre auch ein ideales Zeichen an alle privaten Investoren gewesen. Denn von ihnen ging in den letzten Jahren ein spürbar stärkerer Druck aus, die vielen großen Versprechungen endlich zu erfüllen und marktreife Medikamente vorzuweisen. Sie hatten »tens of millions of Dollar« in Wilsons 1992 gegründete private Gentherapiefirma Genovo investiert. Wilsons Gesellschaft hält Rechte an allen Entdeckungen, die an seiner Universitätsabteilung gemacht werden. Besonders der Gentransfer in die Leber wäre finanziell von hoher Bedeutung gewesen. Mit der Firma Biogen Inc., einem von Wilsons Hauptsponsoren, der bislang 37 Millionen Dollar investiert hatte, stand eine wichtige Vertragsverlängerung bevor, und der Präsident von Genovo, Eric Aguiar, kündigte an, »daß nun alles getan werde, um die Gentherapie so rasch als möglich zur Marktreife zu führen« 12. Wenige Wochen vor dem fatalen Versuch unterzeichnete Aguiar einen großen neuen Vermarktungsdeal. Abermals ging es um die Lebertherapie. Und immer standen jene Adenoviren im Zentrum der Hoffnungen, die bei Jesse ausprobiert wurden. »Wenn ich jetzt höre, daß wir aus finanziellen Motiven so gehandelt haben«, sagt Wilson, »so trifft mich das hart. Ich denke nicht daran, wie ich durch meine Arbeit hier reich werden konnte. Ich will so viel wie möglich in den besten Fachzeitschriften publizieren. Das ist es, was uns antreibt. Man muß das volle Risiko gehen, wenn man an der Spitze bleiben will.« 1 3 Auch wenn der gegenteilige Anschein erweckt werden soll, ist das Verhältnis von Wilson zu seiner Firma dennoch sehr eng. Der Präsident Eric Aguiar gibt zu, daß er Wilson mehrmals pro Woche kontaktiert. Wilson nimmt an Sitzungen teil oder wird um Rat gefragt. Auf dem Papier ist er jedoch ausschließlich für die wissenschaftliche Beratung der Firma zuständig.
-3 4 1 -

obwohl vor Jesse schon ein anderer Teilnehmer des Experiments eine schwere Leberschädigung erlitten hatte. Gleich zwei staatliche Behörden. vier Tage nach der verhängnisvollen Injektion. sagte Aguiar Reportern der Washington Post. Dem Ärzteteam gelang es nicht. Schleichend begann sich die Lunge mit Wasser zu füllen. ob ich blind war«. daß in den Vorstudien alle vier beteiligten Rhesusaffen gestorben waren. 15 Was genau er damit meinte. dem 17.und damit der Sauerstoffversorgung abgeschnitten. »Ich habe ihn noch nie so tief betroffen erlebt«. September 1999. und um halb elf Uhr am Vormittag war schließlich auch Jesses Gehirn von der Blut. warum Jesse an diesem verhängnisvollen 13. ohne nach dem Fall ins Koma vom Dienstag jemals wieder das Bewußtsein erlangt zu haben. »Ich frage mich öfter in diesen Tagen. welche die Eignung der freiwilligen Studienteilnehmer bestätigen -3 4 2 - . wurde Jesses Zustand immer dramatischer. davon aber weder die Behörden noch die Teilnehmer des Experiments irgend etwas erfahren haben. obwohl sein Ammoniumwert um mehr als die Hälfte über dem zulässigen Limit lag. September überhaupt behandelt wurde. sagte James Wilson später gegenüber der Presse. Jesse starb. was Wilson damals durch den Kopf gegangen sein könnte. 14 Der Kampf geht verloren Am Freitag. Die Serie an Organversagen hielt an. wollte er allerdings nicht näher ausführen. So wird die Frage gestellt. 16 Schließlich kam auch noch heftige Schlamperei zum Vorschein: Wilsons Mitarbeiter hatten für keinen der 18 Patienten in der Testreihe die vorgeschriebenen Formulare ausgefüllt. Und deren Ergebnisse brachten ans Tageslicht. Und es wird die Tatsache kritisiert. die Verklumpung von Jesses Blut aufzulösen. Oder warum die Versuchsreihe fortgesetzt wurde. FDA und NIH.Auch während der kritischen Phase des Todeskampfs von Jesse Gelsinger blieben die beiden in engem Kontakt. leiteten gegen ihn Untersuchungen ein. Der Kampf war endgültig verloren.

Allerdings anscheinend mit untauglichen Argumenten. der Einbringung von Genen in die Leber und nur dorthin.« 2 1 Auch Jesses Multi-Organ-Versagen kam nicht wie der Blitz aus heiterem Himmel. faßt der NIH-Ermittler Richard Morgan zusammen. 80 seiner Leute waren monatelang nur damit beschäftigt. Gentechniker an der Berliner Humboldt-Universität. warum die Forscher solche Risiken eingegangen sind. urteilt: »Patienten wie Gelsinger solche Viren zu geben wäre niemals gerechtfertigt. daß -3 4 3 - .sollten. 18 Wilson rechtfertigte sich ununterbrochen. Entlastungsargumente zu sammeln. so wußte Wilson. daß humane Adenoviren vor allem die Leber von Nagetieren befallen. Denn im März 2000 stellte die FDA eine neuerliche 20seitige Liste von Verfehlungen auf und dehnte den Bann auch auf alle künftigen Menschenexperimente in Wilsons Einflußbereich aus. 19 Trefferquote: ein Prozent Im nachhinein wissen es jetzt auch die meisten Kollegen besser. Wilson setzte alle verfügbaren Kräfte ein. Von Wilson selbst stammt der Hinweis. 22 Und tatsächlich ergab Jesses Obduktion. sowohl schriftlich als auch mündlich. die Adenoviren für geeignet halten. Dies machte aus der Grundabsicht des Versuchs.20 Und Günther Cichon. die in Wilsons Abteilung derzeit durchgeführt wurden. Sie verhängte einen vorübergehenden Stopp für alle sieben klinischen Studien. Die Einwilligung von neun Patienten konnte überhaupt nicht nachgewiesen werden. Wir verstehen überhaupt nicht. Niere. Herz. »Es gibt nicht sehr viele Forscher. Beim Menschen hingegen. Lunge oder Geschlechtsorgane befallen. Januar 2000 riß der FDA der Geduldsfaden. All seine Dosisberechnungen stützten sich auf diese Daten. 17 Am 19. diese Vorwürfe zu widerlegen. um damit genetische Krankheiten zu behandeln«. Undatierte Formulare wurden erst nach dem Tode Gelsingers ausgefüllt. Hier können die Erreger auch Milz. von vornherein ein Lotteriespiel. zeigen die Adenoviren diese Vorliebe nicht.

Diese Nachricht wäre eine denkbar ungünstige Begleitmusik gewesen. Damit scheinen die Adenoviren als Vektor endgültig aus dem Spiel.die Trefferquote katastrophal gering war. durch den Gentransfer das Mangelenzym im Körper selbst herzustellen. Nur ein Prozent der Genvehikel hatten den Zielort erreicht. daß auch in anderen Kliniken im Verlauf von Gentherapien ähnliche »Unfälle« passiert waren. Denn die Autopsie der Toten -3 4 4 - . Nachprüfen läßt sich dieses Argument aber nicht mehr. Auch in seinen Hoden wurden beträchtliche Mengen nachgewiesen. Sie wollten mit Hilfe von nachwachsenden Blutgefäßen verstopfte Arterien umgehen und damit eine gentechnische Alternative zum Bypass schaffen. Als Entschuldigung für ihr Schweigen gaben Isner und Crystal an. daß die Todesfälle nicht unmittelbar auf die gespritzten Viren zurückzuführen gewesen seien. wurde bei keinem einzigen Teilnehmer erreicht. Lymphknoten und Rückenmark wurden praktisch gleichviele manipulierte Viren gefunden wie in Jesses Leber. Zwei weitere Stars der Szene. Das Ziel des Experiments. In Milz. Ronald Crystal von der New Yorker Cornell-Universität und Jeffrey Isner von der Tufts University in Boston. Auch dessen Kollegen üben einen ähnlich lockeren Umgang mit den behördlichen Bestimmungen. gaben auf Druck des NIH sechs Todesfälle aus der jüngsten Vergangenheit zu. Ein Todesfall an Ron Crystals Klinik ereignete sich zwei Wochen vor dem geplanten Börsengang seiner Firma Gen Vec. Abermals haben wirtschaftliche Motive kräftig mitgespielt. So wurde erst sechs Wochen nach dem Vorfall in Pennsylvania bekannt. Sowohl Isner als auch Crystal sind Gründer von Privatfirmen und machten sich gegenseitig bei einer neuartigen Form der Herztherapie Konkurrenz. Nirgends wurde eine meßbare Mindestmenge an Körperzellen mit dem reparierten Gen ausgestattet. Das gewohnheitsmäßige Risikospiel mit Menschenleben scheint jedoch nicht auf James Wilsons Abteilung beschränkt zu sein.

wurde nicht von unabhängigen Gerichtsmedizinern. 23 -3 4 5 - . sondern gleich von den Gentherapeuten selbst vorgenommen.

Ein teures.« 24 Tatsächlich ist die Pharmabranche der profitträchtigste Industriezweig der Welt. Merck. anläßlich einer Jahresversammlung seine Mitarbeiter beschwor: »Versuchen wir niemals zu vergessen. als George W. »das Geld wird mit den Blockbusters verdient. Es soll uns nicht allein um Profit gehen. kaufte Pfizer beispielsweise gleich den Hersteller WarnerLambert für kolportierte 116 Milliarden Dollar auf. so hat er uns noch nie enttäuscht. daß Medizin in erster Linie den Menschen zugute kommen muß. Das bedeutet einerseits den baldigen finanziellen Ruin für die Gesundheitssysteme. »Heute ist die Industrie längst in einem Zustand ähnlich der Filmbranche«. konstatiert der Bremer Sozialmediziner Dieter Borgers. Der Weg nach oben führte über ein enorm aggressives Marketing dieser Megaseller. Und wenn wir ehrlich sind.Die verkaufte Medizin Es war Anfang der fünfziger Jahre. daß sich Lipitor auf der Überholspur bewegt. Medikamente werden längst nicht mehr passiv auf die Bedürfnisse des Marktes zugeschnitten. 25 Der weltgrößte Konzern ist seit kurzem der Viagra-Hersteller Pfizer. Um die Rechte für den Cholesterinsenker Lipitor zu erwerben. Er hat allein acht Medikamente in seinem Repertoire. Die Börsenkurse der 500 größten Firmen stiegen während des letzten Jahrzehnts doppelt so schnell wie der Durchschnitt aller übrigen Aktien. Und wenn sie nicht aus der eigenen Produktion kamen. Der Profit folgt ohnehin von selbst. die nach reinen Marktgesetzen entwickelt und auf eine Zielgruppe hin beworben werden. die die Traummarke von einer Milliarde Dollar Umsatz übersteigen. auf der anderen -3 4 6 - . 2 6 Diese Strategie zeigt aber auch eine gänzlich veränderte Grundhaltung der Branche. der Gründer des amerikanischen Pharmariesen. aber offenbar lohnendes Geschäft: Lipitor ist heute nach dem Magengeschwürmittel Losec von Astra-Zeneca das meistverkaufte Medikament der Welt – jährliche Wachstumsraten von 30 bis 40 Prozent signalisieren. so wurden die Lizenzhalter geschluckt.

Damit verdoppelt sich mit einen Schlag die Zahl der Menschen. der nach einer gründlichen Untersuchung noch als gesund gilt. oder das Verhältnis von gutem zu schlechtem Cholesterin ist nicht optimal. Entweder muß der Blutdruck gesenkt werden. Medizinjournalisten werden mit Propagandamaterial überschüttet. die Marketingabteilungen der Verlage schließen sich mit den Redaktionen kurz. möglichst alle wohlhabenden Menschen des Planeten zu Patienten zu machen. Daß es sich bei dem Statement des Experten um einen bezahlten PR-Auftritt handelt. und am Ende ist es oft nicht mehr so klar. ergeben sich enorme Marketing. wird dabei nicht an die große Glocke gehängt. Das beste -3 4 7 - . deren Cholesterinspiegel mit sogenannten Statinen gesenkt werden soll. Wegen der Unmenge an verschiedenen Risikofaktoren gibt es kaum jemanden.und Werbebudgets und eine gigantische Gewinnspanne.Seite wird der Nutzen der Medizin damit ad absurdum geführt. Nach einem jahrelangen derartigen Informationskonzert sitzt die Botschaft dann perfekt in den Hinterköpfen. Marketing bei Gesundheitsprodukten sollte besonderen ethischen Grundsätzen genügen – doch in der Realität verhält es sich genau umgekehrt: Legionen von Medizinprofessoren stehen auf den Gehaltslisten der Konzerne und gehen bei Pressekonferenzen oder in Expertenkommentaren gern an die Öffentlichkeit. oder der Homozysteinspiegel macht Sorgen.«27 Gemeinsam mit dem weitgehend abhängigen Forschungsbetrieb ist die Industrie damit auf dem besten Weg. um mit ihrem ganzen professionellen Gewicht zur Gegenleistung anzutreten. Und weil die Produktion der Grundsubstanz nur minimale Kosten verursacht. ob unabhängige Redakteure oder die PR-Agenturen der Pharmakonzerne die eigentlichen Verfasser der Artikel sind. Und das Trommelfeuer der »Marktbearbeitung« wirkt: Im Frühjahr 2001 hat die einflußreiche amerikanische HerzGesellschaft beispielsweise die empfohlenen Cholesterinwerte auf neue Rekordtiefen gesenkt. leicht erhöhter Blutzucker kündigt einen Diabetes an.

Trotzdem machen sie es. heißt es hier sinngemäß. sind diese Bedingungen ein Schlag ins Gesicht. »Sie selbst haben dabei keinerlei Einfluß auf das Design der Studie.« Nicht der Auftraggeber. und Hunde werden sicherheitshalber mit Lipitor-Tabletten gefüttert. um einer von den Herstellern durchgeführten Untersuchung den Anschein wissenschaftlicher Seriosität und Unabhängigkeit zu verleihen. die sich einkaufen lassen. Immer häufiger seien die Leiter von Studien nur noch bezahlte Strohmänner. Darin wird in eindringlichen Worten ein Trend beschrieben. Schläge ins Gesicht der Wissenschaft Wer die intrigante Welt der Medizinforschung kennt.« 28 Dieser aufsehenerregende Aufschrei ist eine Reaktion auf die seit Jahren in der medizinischen Forschung immer dominanter auftretende pharmazeutische Industrie. keinen Zugang zu den Rohdaten und nur geringe Möglichkeiten. fordern die Editorial-Schreiber. die Ergebnisse selbst zu interpretieren«. »Und wir werden keine Studie mehr veröffentlichen. sondern der Studienautor. die unter solchen Bedingungen zustande gekommen ist. »Für Wissenschaftler.Beispiel ist abermals das Cholesterin. daß der Sponsor der Studie spielend jemand anderen findet. so ist es von höchster Bedeutung. der die unabhängige Forschung an den Rand des Abgrunds zu bringen droht. weil sie wissen. Wenn Milliarden in die Entwicklung neuer Medikamente gesteckt werden. der dazu bereit wäre. die dem beworbenen Mittel nur eine bescheidene Wirksamkeit bescheinigen oder gar unerwünschte Nebenwirkungen in den -3 4 8 - . müsse der intellektuelle Eigentümer einer von ihm eingereichten Arbeit sein. die sich selbst respektieren. kann die Einmaligkeit und Bedeutung des Vorgangs abschätzen: Mitte September 2001 erschien in zwölf der weltweit angesehensten Medizinjournale ein gemeinsames Editorial der Herausgeber. Und Studien. schreiben die versammelten Chefredakteure und Herausgeber. So sind heute bereits Bananen in US-Supermärkten mit einem »Cholesterinfrei«Aufkleber versehen. daß nicht der kleinste Mißton das einträchtige PR-Konzert stört.

So freizügig. zieren Plakate das Land. anscheinend jedoch hauptsächlich für die Gesundheitsbehörden. mittlerweile eine Tochter des US-Multis Baxter. sind das letzte. die vor diesen gefährlichen Ungeheuern schützen sollen. sagt der -3 4 9 - . erklärt dies bestechend einfach die für Produktqualität zuständige Baxter-Mitarbeiterin Susanne Schober-Bendixen.und TV-Spots nehmen ebenfalls Anleihen bei Hitchcock und treiben die verängstigten Massen zu den Impfärzten. um zu publizieren. Dabei gäbe es durchaus Erklärungsbedarf zu vielfältigen Problemen mit Impfnebenwirkungen – vor allem bei Kleinkindern – und mehrfachen Änderungen der Impfstoffrezeptur. was die Konzerne brauchen können. daß eine Publikation nur im Einverständnis mit dem Auftraggeber erfolgt«. auf denen harmlose Spaziergänger von riesigen Zecken bedroht werden. sondern um Lizenzen zu bekommen«. Dann sehen sie neben den Baxter-Leuten nur noch die Wissenschaftler. Nach Arbeiten der Österreicher sucht man in den medizinischen Datenbanken großteils vergeblich. wie mit dieser Art von Information umgegangen wird. Sobald der Schnee schmilzt und der Frühling einzieht in die Alpenrepublik. so knauserig zeigt sich der Konzern jedoch bei der Veröffentlichung wissenschaftlicher Erkenntnisse zur FSME. »Ich mußte bei dieser Firma stets den Passus unterschreiben. eine weltrekordverdächtige Durchimpfungsrate von rund 90 Prozent gegen die seltene. In Zusammenarbeit mit nahezu allen Medien und in enger Tuchfühlung mit den Gesundheitsbehörden gelang es. Kommt eine Studie zu einem ungünstigen Ergebnis. die sie erstellt haben. »Wir machen ja die Studien nicht. den Zecken und den Arzneimitteln. Radio. so stehen die Chancen nicht gut. daß sie jemals wieder die Schublade verläßt. von Zecken übertragene Gehirnhautentzündung zu erzielen. Im verborgenen wird auch geforscht.Vordergrund rücken. Ein markantes Beispiel für eine eigentümliche Auffassung von Wissenschaft liefert seit vielen Jahren der österreichische Konzern Immuno.

Die Herausgeberin von JAMA. daß bei 24 Prozent der mit dem neuen Präparat TicoVac geimpften Kinder hohes Fieber auftritt. Die Hälfte von ihnen bekam zusätzlich zur standardmäßigen Aids-Therapie den Impfstoff HIV-1 Immunogen. Bei den Gesundheitsbehörden lief nämlich bereits das Zulassungsverfahren für das neue Präparat. Mit der eigenmächtigen Veröffentlichung der Daten durch die Wissenschaftler sanken die Chancen nun mit einem Schlag auf -3 5 0 - . Mehr als zwei Jahre hatten Wissenschaftler mehrerer US-Universitäten einen Impfstoff erprobt. Ergebnisse zu veröffentlichen. der anderen Hälfte wurde ein Placebo gespritzt. auch das englischsprachige Manuskript. »daß die Integrität des wissenschaftlichen Prozesses geschützt und erhalten werden muß« 32. Die Studie wurde nach zwei Jahren Laufzeit wegen offensichtlicher Unwirksamkeit des Impfstoffs vorzeitig abgebrochen. Die Firma Immune Response erwischte diese Aktion völlig unvorbereitet.« 31 Um die Veröffentlichung dieser Aussage zu verhindern. begründet den ungewöhnlichen Schritt mit dem Glauben daran. Immer wieder werden Wissenschaftler daran gehindert. Wehren sich die Autoren. Rund 2500 Patienten wurden in die Untersuchung aufgenommen.Wiener FSME-Experte Herwig Kollaritsch. behielt die Firma Immune Response einige der erhobenen Daten ein.« 30 Das ist bei weitem kein Einzelfall. die nicht die vom Auftraggeber gewünschten Resultate erbringen. Catherine DeAngelis. In diesem speziellen Fall entschied sich das Journal of the American Medical Association (JAMA) jedoch demonstrativ für die Annahme der Studie. geraten sie oft massiv unter Druck. war es aus mit der Hoffnung auf die Publikation. Als eine von ihm durchgeführte Studie ergab. so die Autoren. der das Immunsystem von HIV-Infizierten stärken sollte. »zeigte keinen Unterschied zwischen den beiden Patientengruppen. Normalerweise verweigern Fachzeitschriften bei unvollständigen Unterlagen die Publikation. »Dabei ist seit mehr als einem Jahr alles fertig. Ein bemerkenswerter Fall ereignete sich im November 2000 in den USA. »Die Datenauswertung«.

und bekamen 87. der Zulassung eher förderliche Ergebnis liefern würde. An der Leine der Industrie In der Tat ist auf die Zurückhaltung und Loyalität der bezahlten Wissenschaftler meist Verlaß. daß irgendeine andere Studie schon das richtige. der Hersteller des Mittels. machte der Hersteller von seinem Vetorecht Gebrauch.« Mit der schlechten Bewertung sei der Firma ein großer Schaden entstanden. äußern sich nur 79 Prozent vorteilhaft. Moss hätten die Wissenschaftler kein Recht auf eine eigenmächtige Veröffentlichung gehabt. Experten für biomedizinische Ethik. Gleichzeitig ließ Knoll eine wesentlich angenehmere Studie einer anderen Forschergruppe veröffentlichen. Nach Aussagen des Firmensprechers Ronald B.null. Fehlt die industrielle Unterstützung.4 Millionen USDollar zugesprochen. 33 Offensichtlich hatte der Konzern darauf gebaut. Wind davon bekam. fanden in einer Untersuchung heraus. die er mit 250000 Dollar gefördert hatte. ein positives Urteil über die Wirksamkeit ihrer Mittel fällen. die für Pharmafirmen Medikamente testen. daß Synthroid den billigeren Konkurrenzprodukten nicht überlegen sei. die sie jahrelang gezahlt hatten. das von acht Millionen Amerikanern täglich geschluckt wird – wissenschaftlich untersucht. Als schließlich die verborgene Studie doch noch an die Öffentlichkeit gelangte. Immune Response schlug mit einer Schadenersatzklage in Höhe von zehn Millionen Dollar zurück. 34 Konflikte wie jener um den Aids-Impfstoff werden nur sehr selten öffentlich. klagten mehr als 400000 Patienten gegen die überhöhten Preise. 35 Dies ist aber nur ein Bruchteil des -3 5 1 - . Hier wurde die Wirksamkeit von Synthroid – einem Medikament gegen die Unterfunktion der Schilddrüse. daß die Untersuchung. »Diese Daten waren Eigentum der Firma. Als Knoll Pharmaceuticals. Mildred Cho und Lisa Bero. zu dem Ergebnis gelangte. und die Studie verschwand in einer Schublade. daß 98 Prozent aller Wissenschaftler. Ein ähnlicher Fall ereignete sich an der University of California in San Franciso.

Durchschnittlich werden für einen einzigen Arzt pro Jahr 10000 Euro aufgewendet. den Knoll mit dem Mittel in der Zwischenzeit gemacht hatte. sich beruflich weiterzubilden. wie häufig die Teilnehmer zwei Medikamente des Fernreiseanbieters ein Jahr vor und ein Jahr nach dem Luxustrip auf ihren Rezeptblöcken notierten. Bei einer Befragung von Medizinstudenten stimmten 85 Prozent der These zu. sagt einer -3 5 2 - . Nahezu jeder Mediziner wird vom Studium bis zum Ruhestand heftigst umworben. daß solche Verlockungen auf ihre streng wissenschaftliche Therapieplanung nicht den geringsten Einfluß hätten. nützlichen kleinen Geschenken und Gratismedikamenten bis zu luxuriösem Konferenztourismus in exotische Feriendomizile. daß Politiker keine Geschenke annehmen sollten. Und das. Wissenschaftler untersuchten. 38 Und diese Geschenke zeigen Wirkung. Bei Zuwendungen von Pharmafirmen an Mediziner konnten hingegen nur noch 46 Prozent einen Makel erkennen. wie sich ein luxuriöses Symposium an einem tollen. Es zeigte sich eine glatte Verdreifachung der Verschreibungen. hat uns alle überrascht«. Dazu überprüften sie. 37 Die Palette reicht von Einladungen zum Essen. exotischen Ort auf die Verschreibungslaune der eingeladenen Mediziner auswirkt. 40 »Daß die Ergebnisse so katastrophal sein würden. 36 Große Geschenke erhalten die Freundschaft An der Angel der Pharmaindustrie hängen jedoch nicht nur die direkt von ihr beauftragten Forscher.Gewinns. Forscher der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf untersuchten die Qualität dieser ärztlichen Fortbildung und zogen ein ernüchterndes Resümee. obwohl alle befragten Ärzte der festen Meinung waren. 3 9 Fortbildung mit Hintergedanken Laut Paragraph 7 der ärztlichen Berufsordnung hat jeder deutsche Mediziner die Pflicht.

sagt die zuständige Medizinerin bei der Bundesärztekammer. »Häufig bewarben die Pharmahersteller dann auf der Veranstaltung ihre eigenen Medikamente«. Um in dieser Vielfalt ein halbwegs -3 5 3 - .« 41 Von Masse und Klasse Wollen sich Ärzte selbst weiterbilden. sich fortzubilden«. Nur bei vier Prozent der Veranstaltungen kam es zu fachlichen Diskussionen zwischen Referenten und Auditorium. Justina Engelbrecht. sagt Engelbrecht. Auch nach den Kriterien der Praxisrelevanz und Problemorientierung schnitten die Veranstaltungen schlecht ab.der Autoren. »gibt es keine Punkte. Peter Sawicki von der Klinik für Stoffwechselkrankheiten der Universität Düsseldorf. Auf die Wissensbedürfnisse des einzelnen Arztes einzugehen war in den durchschnittlich von 100 Teilnehmern besuchten Veranstaltungen kaum möglich. Die Standesvertretung der Ärzte hat das Problem immerhin erkannt. »Wir wollen die Ärzte motivieren. die von Pharmafirmen gesponsert sind«. sagt Sawicki. doch die Gegenmittel wirken kaum: Seit Mai 1999 ist bei der Bundesärztekammer ein »freiwilliger Fortbildungsnachweis« eingerichtet. Es herrschte »Frontalunterricht pur«. Zwei von drei Veranstaltungen wurden mit Beteiligung der Pharmaindustrie durchgeführt. Die Forscher wählten aus 405 angebotenen Veranstaltungen im Ärztekammerbezirk Nordrhein 54 per Zufallsverfahren aus und ließen diese per standardisiertem Verfahren von geschulten Internisten auswerten. Meist ging dieses Sponsoring nicht aus der Einladung hervor. Und Geschenke gibt es auch keine. Damit soll auch der Einfluß der Pharmafirmen zurückgedrängt werden. und nach fünf Jahren bekommen sie ein »Fortbildungszertifikat«. können sie jährlich unter zwei Millionen wissenschaftlichen Artikeln in 10000 Fachjournalen wählen. »nicht sie zwingen.« Doch vorgeschrieben ist der Schein nicht. Die Mediziner können seither bei festgelegten Fortbildungsveranstaltungen Punkte sammeln. »Denn für Veranstaltungen.

Denn die zur Verfügung stehenden Peers sind überschaubar. deutlich schlechtere Chancen. Während die Spitzenreiter bei Werten über 20 stehen. Daraus ergibt sich eine Art Weltrangliste der Wissenschaftsjournale. und jeder muß damit rechnen. Tritt jedoch ein angesehener Experte mit einer Arbeit an. möglichst viel. welche die Studien prüfen. wie häufig Artikel eines Journals von anderen Magazinen zitiert werden. Viele Peers sind selbst Experten in dem Bereich und erkennen an den Projekten. bestimmt. diese abzukanzeln. angenommen zu werden. Studienmanuskripte werden im Normalfall anonymisiert und in mehrfacher Ausfertigung an den Herausgeber eines Journals geschickt. dieses Damoklesschwert hängt über jeder Forscherkarriere. wer sie eingereicht hat.verläßliches Qualitätskriterium zu schaffen. die Gutachter. ebenso die Anonymität der Autoren. daß beim nächsten Mal die Rollen vielleicht vertauscht sind und der eben Kritisierte über die eigene Arbeit urteilt. Deren Urteil dient dann als Entscheidungsgrundlage für Veröffentlichung oder Ablehnung. so wird sich der Peer hüten. Dabei wurden zahlreiche Vorurteilsstrukturen festgestellt. sondern auch in möglichst hochangesehenen Journalen zu publizieren. -3 5 4 - . Publizieren oder untergehen (publish or perish). auch wenn sie noch so schwach sein sollte. kamen findige Köpfe auf den sogenannten Impact-Factor. Es kommt nicht nur darauf an. Von Grund auf verdorben Dieses Peer-review-System wurde mittlerweile selbst zum Gegenstand heftiger Kritik. kommt die große Mehrzahl der Fachmagazine nie über die Hürde des Faktors 1 hinaus. Eine ähnliche Rangliste existiert auch bei den Wissenschaftlern. Oft ist die Auswahl der Gutachter zweifelhaft. Dann werden die sogenannten Peers. So haben Artikel. Er gibt an. die gegen die gängige wissenschaftliche Tendenz verstoßen. Unbekannte Autoren aus namenlosen Instituten werden deutlich seltener publiziert.

Die britische Wissenschaftlerin Fiona Godlee versah ein Studienmanuskript mit acht offensichtlichen schweren Fehlern und verschickte es an die Gutachter. innovationsfeindlich und nicht in der Lage. Herrmann war Mitglied in allen wichtigen Fachgesellschaften und Sprecher der deutschen Gentherapeuten. 42 »Das Peer-System ist von Grund auf verdorben«. urteilte Richard Smith in einem Leitartikel des British Medical Journal. eine der großen Hoffnungen der deutschen Krebsforschung. wissenschaftliche Fälschungen aufzudecken« 43. Jeder sechste Gutachter fand überhaupt alles in bester Ordnung. Schließlich wurde eine Kommission ins Leben gerufen. am Computer manipulierten Abbildungen und gestohlenen Daten aufgebaut. Der renommierte Ulmer Krebsforscher Friedhelm Herrmann. langsam. wurde in kurzer Zeit zu Deutschlands größtem Forschungsskandal. betrugsanfällig. Faulheit oder mangelnde Fachkenntnis. die nach ihrer beruflichen wie privaten Trennung eine Professur an der Universität Lübeck innehatte. Diese sogenannte Task-Force F. Im Durchschnitt wurden lediglich zwei Fehler entdeckt. kam in ihrem Abschlußbericht vom Juni 2000 zu dem Ergebnis. Mitbeteiligt war seine ehemalige Mitarbeiterin und Vertraute Marion Brach. Was anfangs wie ein schmutziger Beziehungskrieg aussah. die die objektive Urteilskraft trübt. hat über Jahre hinweg seine Karriere mit erfundenen Ergebnissen. »es ist teuer. H. Aufgeflogen ist der Fall erst 1997 durch vertrauliche Hinweise eines Mitarbeiters. bei denen Herrmann CoAutor war. die zur Aufklärung der Vorwürfe 347 Veröffentlichungen des Krebsforschers Friedhelm Herrmann untersuchte. konkrete Hinweise für Datenmanipulationen zu -3 5 5 - . daß in insgesamt 94 Veröffentlichungen.Häufig ist es aber auch gar nicht Bösartigkeit. Der Fall Herrmann Eine klare Bestätigung für diese Analyse lieferte der Fall Herrmann/Brach. 221 Arbeiten kamen korrigiert zurück. sondern schlicht Zeitmangel.

die niemand braucht Bemerkenswert am Skandal Herrmann/Brach ist vor allem die Tatsache. um die eigene Karriere zu fördern. ins Deutsche übersetzt. Wissenschaftsbetrug ist keine strafbare Handlung. daß der Hang zur Verfälschung von Daten.finden seien. in dem das bewußte Weglassen von Informationen und die Verschleierung von Schattenseiten neuer Medikamente durch Steuerung des Studiendesigns zum akzeptierten Alltag gehören. mag dies nur vordergründig verwundern. Doch in einem Informationssystem. Dabei hatte Wolfgang Frühwald. Das jüngste Beispiel für diese organisierte Form der öffentlichen Irreführung sind die »Glitazone«. Insgesamt wurden 357 einzelne Fälschungsvorwürfe erhoben. allerdings nur wegen Anstellungsbetrugs. Angeklagt wurden die beiden doch. Medikamente. Heute sind beide wieder berufstätig. Das deutsche System hingegen sei »fälschungssicher und straff kontrolliert durch die Selbstregulation der Wissenschaftler« 46. noch kurz vor dem Auffliegen des Skandals stolz geäußert. als sie als anonyme Gutachter für die Thyssen-Stiftung einen holländischen Forschungsantrag ablehnten und ihn. bei derselben Stiftung noch einmal selbst einreichten. aber ansonsten weitgehend unverändert. 45 Ähnliche Beträge staubten die beiden auch bei der Deutschen Krebshilfe und anderen Sponsoren ab. Im Jahr 1982 -3 5 6 - . sondern wird eher wie ein Kavaliersdelikt behandelt. Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die innerwissenschaftlichen Kontrollinstanzen versagten kläglich. 44 Das frechste Schurkenstück leistete sich das Duo Herrmann/Brach. vor allem ein Problem der USA sei. Bei ihrer Bewerbung in Ulm hatten sie gefälschte Studien vorgelegt und die Berufungskommission für Professoren somit bewußt getäuscht. Die Projektunterstützung belief sich auf 260000 DM. Nunmehr wurde der Antrag bewilligt. daß selbst offensichtlichste Fälschungen nicht erkannt wurden.

daß die Wirkstoffgruppe klar überlegen war. ein Wirkstoff dieser Klasse. die neuen Präparate von Beginn an gegen die bestehende Therapie zu testen. Als der neue Blockbuster in den USA bereits Umsätze jenseits der Milliarden-Dollar-Grenze erzielte. sind mittlerweile aber drei weitere Glitazone im Umlauf. Sie bringen therapeutisch kaum Vorteile gegenüber den herkömmlichen Medikamenten. den Blutzucker zu senken. daß diese Substanzen imstande sind. daß es der Kontrollgruppe. hat es in den USA mittlerweile bereits unter die Top 25 der Bestseller gebracht. verschlechtern die Glukosetoleranz und erhöhen die Werte des »schlechten« LDL-Cholesterins. 60 davon endeten tödlich. traten im Zusammenhang mit dem Medikament 90 Fälle von Leberversagen auf. die nun gar keine blutzuckersenkenden Mittel mehr erhielt. Dennoch wurde im März 1997 Troglitazone. als mögliche Alternative zu Insulin zugelassen und prompt aggressiv beworben. wird bis heute nicht verstanden. zehn mit einer Lebertransplantation. Doch die Strategie hat sich ausgezahlt: Rosiglitazone.wurde entdeckt. und setzten diese Mittel während der Studienphase einfach ab. urteilt der britische Stoffwechselexperte Edwin Gale in einer Analyse im Journal Lancet. Nun zeigte sich. Um diese Nachteile zu kaschieren. 47 Wesentlich redlicher. -3 5 7 - . wäre es gewesen. bergen noch immer ein gewisses Vergiftungsrisiko der Leber. fördern die Gewichtszunahme. der Rest Placebos. eines der neuen Medikamente. Daraufhin mußte das Mittel in Europa und den USA wieder vom Markt genommen werden. »Diese Resultate waren aber nicht so sehr auf den positiven Einfluß der Medikamente zurückzuführen als vielmehr darauf. so schlecht ging«. Sie warben Patienten an. wählten die Studienbetreiber ein recht originelles Design. die gut auf herkömmliche Medikamente eingestellt waren. Angespornt vom geschäftlichen Erfolg dieses Mittels. Wie dieser Mechanismus genau funktioniert. Daraufhin bekam ein Teil der Versuchsteilnehmer die Glitazon-Präparate. meint Gale.

die sich am besten auskennen. nicht überlassen. weil sie in ganz engen Verbindungen zum Hersteller stehen. »Die kritische Überprüfung neuer Therapien kann man jenen Wissenschaftlern. »könnten wir es ja wieder mal mit Wissenschaft versuchen.« -3 5 8 - . Dies könnte über wesentlich billigere Produkte die Gesundheitsbudgets entlasten und gleichzeitig aus den »verkauften Handlangern« wieder seriöse Forscher machen.« Als einen möglichen Ausweg aus diesem Dilemma fordert Gale von den Regierungen.»Informationen über derartige neue Wirkstoffe werden von den Firmen immer strenger reglementiert«. sei es über freundschaftliche Bande oder über bestehende Arbeitsverträge. die unabhängige Forschung wieder aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. schließt Gale seinen Bericht als Appell an die Kollegenschaft. »Wenn alles andere schiefgeht«. kritisiert Gale diesen Trend.

die Spezialisten spezialisierten sich noch einmal. herrschte an Forschern kein Mangel.Aids – die Allmacht des Virus Mit der Identifizierung eines Virus als Auslöser von Aids erreichte Anfang der achtziger Jahre die Angst vor Keimen und gleichzeitig das Jagdfieber der Wissenschaftler einen bislang unerreichten Höhepunkt. entwarfen theoretische mathematische Vermehrungsmodelle und tüftelten an immer ausgefeilteren Methoden herum. wie dies weder päpstliche Drohungen noch moralische Appelle je vermocht hätten. Und das machte nur 12. wurden bereits in den achtziger Jahren handstreichartig disqualifiziert. die Seuche in den Griff zu bekommen. 48 Das Virus wurde kartographiert und unter den Disziplinen aufgeteilt. Aber auch in der Wissenschaft setzte Aids völlig neue Maßstäbe. eine Krankheit nahezu vollständig in den exklusiven Zirkeln der High-Tech-Medizin zu behalten: Hier gab es mit Sicherheit keine überlieferten Hausmittelchen. die winzigen Retroviren im -3 5 9 - . keine Alternativmethoden oder Abweichler. Monogamie und Treue erlebten – zumindest als Themen in Lifestyle-Magazinen – eine Renaissance. Nach den ersten Aids-Tests überschlugen sich Forscher und Medien in apokalyptischen Szenarien. die sich querlegten. Fast jeder überprüfte in Gedanken seine Vergangenheit: Könnte dieser Sexualpartner oder jener infiziert gewesen sein? Religiöse und politische Hardliner instrumentalisieren Aids b is heute für ihre Zwecke. Da nirgends soviel Geld floß wie in der Aids-Forschung. Schnell bildeten sich Unterdisziplinen. Allein die Impfstofforschung wurde beispielsweise im Jahr 2001 von den US-Behörden mit 282 Millionen Dollar gesponsert. wenn es nicht gelänge.6 Prozent des gesamten Förderkuchens für Aids aus. Die wenigen Wissenschaftler. Auch außerhalb der Kernrisikogruppen hinterließ Aids tiefe Spuren. Ein Drittel der Weltbevölkerung könnte durch Aids hinweggerafft werden. Erstmals gelang es. versammelten sich um spezielle Oberflächenproteine.

im Wissenschaftsjournal Nature die lange gesuchte Erklärung dafür. nämlich mit einem sofortigen flächendeckenden Generalangriff. die der These des angesehenen US-Experten den Boden unter den Füßen wegzog. in denen er die kurz bevorstehende Heilungsmöglichkeit ankündigte. der Franzose Luc Montagnier. Die Ergebnisse blieben dürftig und widersprüchlich. 5 0 Robert Gallo. Wie wirkt HIV? So veröffentlichte beispielsweise David Ho. Damit verärgerte er wiederum Anthony Fauci. der das Virus 1984 auf einer Pressekonferenz als Auslöser von Aids vorgestellt hatte. daß es sich davon nicht mehr erholen kann. Der HIV-Co-Entdecker. Wenn Hos These der aufreibenden Schlacht im Körper stimmen würde. 49 Wenig später jedoch publizierte eine holländische Forschergruppe im Konkurrenzjournal Sience eine Arbeit. fragte der Aids-Veteran empört. verfiel hingegen öffentlich in Zweifel. und gab an. »Wer braucht Co-Faktoren«. den für Aids zuständigen Direktor der US Gesundheitsbehörden. gab in regelmäßigen Abständen Interviews. der das Immunsystem schon in den ersten Wochen der Infektion so schädigt. so müßten doch auch irgendwo Zeichen dieses heftigen Kampfes zu finden sein. hieß es. wie HIV das Immunsystem in die Knie zwingt. »wenn er von einer Dampflok überrollt wird?« Der kürzlich verstorbene Schweizer Immunologie-Professor und ehemalige Präsident des staatlichen Blutspendewesens Alfred Massig brachte die Verwunderung der »außenstehenden Mediziner« über die Vielzahl der einander widersprechenden Aussagen des Aids-Expertenzirkels einmal etwas zynisch auf -3 6 0 - . Davon sei jedoch keine Spur zu finden. beispielsweise eine höhere Erneuerungsrate der Immunzellen aufgrund der vielen »Todesfälle«. ob HIV allein das ganze Aids-Desaster verursachen könne. die zum Ausbruch der Krankheit notwendig seien. vom Time Magazine zum »Mann des Jahres 1996« erkoren. er wolle nun nach Co-Faktoren suchen.Tierversuch zu testen oder in Zellkulturen einzusetzen.

Studien über die Langzeitverträglichkeit lagen nicht vor. Die Präparate wurden in der Rekordzeit von nur zwei Monaten zugelassen.« 53 -3 6 1 - . Erst 1996 kamen die sogenannten Proteasehemmer auf den Markt. Daß die Epidemie in den achtziger Jahren so rasch so viele Todesfälle verursachte. die die Effekte der HAART an mehr als tausend Patienten zusammenfaßt. »was man dem Aidsvirus noch nicht nachgesagt hat. bei welchen Virenkonzentrationen denn eine Kombitherapie begonnen werden sollte. Es ist bereits 1963 von dem US-Krebsforscher Jerome Horwitz entwickelt worden und erwies sich zwar als hochgiftig. daß es singt. ist. AZT war jedoch keine Neuentwicklung. Trotz aller Wandlungsfähigkeit der Viren versuchten die Mediziner zumindest die Patienten auf ein einheitliches Schema zu bringen. Ein signifikanter Anteil dieser Reaktionen war als ernsthaft (3. Die neuen Mittel stammten von Hoffmann-La Roche. Grad) oder bedrohlich (4. Merck und Abbott. führen viele Mediziner sogar auf die hochdosierte Verschreibung des damals einzigen Aids-Medikaments AZT zurück. Pro Patient und Jahr kosten sie rund 25000 Mark. meinte er. Doch die Differenzen beginnen in der Praxis schon bei der Frage.« 51 Konkrete. zeigte aber keinerlei günstigen Einfluß auf Tumoren. resümiert der Studienleiter Jacques Fellay: »Unter den nicht stationär versorgten Patienten zeigten sich bei mehr als zwei Drittel entweder klinisch oder in den Laborwerten Nebenwirkungen der antiretroviralen Therapie. verteilt über den ganzen Tag. Grad) einzustufen. umsetzbare Ergebnisse der Aids-Forschung sind trotz aller investierten Milliarden jedoch bis heute rar. Dazu kam ein ungeheuer kompliziertes Einnahmeschema der vielen verschiedenen Pillen. 52 Und die Ergebnisse sind nicht immer überzeugend. Die Empfehlungen dazu differieren um den Faktor zehn. In einer im Oktober 2001 im Wissenschaftsjournal Lancet publizierten Schweizer Arbeit.den Punkt: »Das einzige«. die nun gemeinsam mit niedriger dosiertem AZT eine etwas schonendere und auch wirksamere Kombinationstherapie ermöglichten. die Hoch-aktiveantiretrovirale Therapie (HAART).

Sie wurde notoperiert und damit vor dem sonst drohenden »Aids-Tod« gerettet. dem Präsidenten Südafrikas. Welt-Aids-Konferenz im südafrikanischen Durban. In manchen Ländern sei bereits jeder vierte Einwohner infiziert. Thabo Mbeki hatte den Brief tatsächlich selbst verfaßt und ihn auch an Wladimir Putin. Ein leidenschaftlicher Brief Zunächst glaubten die Beamten an eine Fälschung. ein österreichisches Mädchen. Aus den offiziellen Aids-Statistiken der WHO geht hervor. zu persönlich und zu leidenschaftlich schien der Stil. die Lebenserwartung sinke dramatisch. die in einer Düsseldorfer Spezialklinik stets als Aids-Symptome diagnostiziert und behandelt wurden. Tony Blair und weitere Amtskollegen versandt. als daß er tatsächlich von Thabo Mbeki. Erst der Hausarzt kam dann im letzten Moment auf die Idee. 54 Über viele Monate litt sie unter immer wiederkehrenden Bauchschmerzen. adressiert an US-Präsident Bill Clinton. Doch sie irrten sich. daß heute zwei Drittel der Aids-Patienten in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara leben. hätte sein können. als im April 2000 der fünf Seiten lange Brief. Zu ausführlich. das HIV-positiv bei seiner Großmutter aufwuchs. beschreibt dieses Phänomen in ihrer kürzlich veröffentlichten Autobiographie. In seinem Brief beschreibt er zunächst detailliert die seltsamen Unterschiede der Aids-Ausbreitung in den westlichen Industrienationen und in Afrika. Aus unbekannten Gründen blieb Aids auf dem afrikanischen Kontinent nicht – wie in den Industrieländern – weitgehend auf die zwei Risikogruppen (Drogenabhängige und Homosexuelle) beschränkt. Erbrechen und Darmbeschwerden. im Weißen Haus eintraf. Schließlich geht Mbeki auf -3 6 2 - . Der Anlaß für den Brief war die bevorstehende 13. sondern wütet in der ganzen Bevölkerung mit ständig steigender Tendenz.Vor lauter Konzentration auf die Viren übersehen die Mediziner häufig den einzelnen Aids-Patienten mit seinen durchaus oft ganz gewöhnlichen Beschwerden. Schirin Bogner. daß Schirin eine B linddarmentzündung haben könnte.

der zum Fürchten ist. »Ich bin überzeugt. die uns hier in Afrika bedrohen«. daß es unsere Pflicht ist. Nun sollen wir präzise dasselbe tun wie die rassistische Tyrannei der Apartheit. daß es einige Wissenschaftler gibt. Nach der Veröffentlichung des Briefs hagelte es jedoch abermals herbe Kritik. Wenn sich dieser Geist durchsetzt. indem wir den komfortablen Weg gehen. auch wir nicht.den heftigen Druck ein. weil unsere Anstrengungen von manchen in unserem Land und im Rest der Welt als kriminelle Unterlassung im Kampf gegen HIV-Aids verdammt werden.« 55 Keine sachliche Auseinandersetzung Wie die derart angesprochenen Regierungschefs reagierten. die vorhandenen Aids-Medikamente einzusetzen. daß wir wieder Bücher brennen sehen und ein heiliger Krieg gegen die Ungläubigen losbricht. in großem Maßstab das Aids-Medikament AZT an Schwangere abzugeben. In einer früheren Phase der Geschichte wären diese als Häretiker auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden! Es ist noch nicht so lange her. der im Westen bei gänzlich anderen Begleitumständen gerechtfertigt gewesen sein mag. speziell an Mbekis Weigerung. daß in unserem eigenen Land Menschen ermordet. um damit die Gefahr einer Übertragung der Viren auf die Neugeborenen zu verringern. ist nicht bekannt. sprechen dürften. eingesperrt und aus der öffentlichen Diskussion ausgeschlossen wurden. so sind die Tage nicht fern. gefoltert. Diese Ansicht wird mit einem nahezu religiösen Eifer vertreten und einem Grad von Fanatismus. fährt Präsident Mbeki in seinem Schreiben fort. einen Katechismus n achzubeten. auf die speziellen Gefahren zu antworten. daß eine Mehrheit sich eine Meinung gebildet habe und Widerspruch dagegen verboten sei. die gefährlich und unglaubwürdig wären und mit denen niemand. Ich erläutere dies. »Und wir werden uns dieser Aufgabe nicht entziehen. Beispielsweise wird uns erklärt. der auf sein Land ausgeübt werde. Außerdem hatte Mbeki ein -3 6 3 - . weil ihre Ansichten als gefährlich und unglaubwürdig galten. Einige Elemente dieser Kampagne verärgern mich tief. gegen die wir gekämpft haben – bloß weil es heißt.

bis er Ende der achtziger Jahre mit der These.zusätzliches Sakrileg begangen und im Vorfeld der AidsKonferenz eine hochrangige Expertenrunde nach Südafrika geladen. Prominenteste Vertreter der Runde waren der französische Virenentdecker Luc Montagnier auf der einen Seite und der kalifornische Virenexperte und »Chefdissident« Peter Duesberg auf der anderen. die Aids-Therapie sei gefährlicher als die Krankheit. der ihn beruflich und finanziell an den Rand des Ruins brachte. daß an konstruktive Arbeit nicht zu denken war. die wiederum von seiten der Kritiker als unseriöse Schätzungen abgelehnt wurden. Diskutiert werden sollte auf der Basis der veröffentlichten UNO-Zahlen. der als Experte für die epidemiologischen Studien zur Ausbreitung von Aids geladen war. einen Aufschrei provozierte. Über alle Auffassungsunterschiede hinweg sollten die Wissenschaftler die spezielle Situation Afrikas vorurteilsfrei beraten. Seine Schlüsse hat er in einem Buch zusammengefaßt. der neben 22 Vertretern des Aids-Establishments auch elf sogenannte Aids-Dissidenten angehörten. ist Ergebnis völlig -3 6 4 - . daß kaum vernünftiges Material zur tatsächlichen Situation der Aids-Ausbreitung in Afrika vorhanden war. um sich zusammen mit den örtlichen Gesundheitsbehörden ein eigenes Bild von der Lage zu verschaffen. erinnert sich der Wiener Gynäkologe Christian Fiala. Die Gefahr der heterosexuellen Verbreitung hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. »Es herrschte eine derart gereizte Stimmung.« 56 Nicht gerade erleichtert wurde die Aufgabe auch dadurch. »Dieses Unterfangen war aber von vornherein zum Scheitern verurteilt«. Daß dies in Afrika gänzlich anders zu sein scheint. Fiala hat die offiziellen Aids-Statistiken über Jahre studiert und ausgedehnte Reisen nach Afrika und Südostasien unternommen. dessen Kernthese lautet: Aids ist über die letzten Jahrzehnte ein Problem der ursprünglichen Risikogruppen geblieben. Der aus Deutschland stammende Duesberg war einst ein hochangesehener Krebsforscher und Mitglied der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften.

So können die Entwicklungsländer seither aus drei unterschiedlichen Definitionen auswählen. wie sie Aids mittels klinischer Symptome feststellen. Als Nebenkriterien werden Husten. Juckreiz. Es steht ihnen aber auch frei. die nicht abgesprochen. die nicht selten sind. Als Hauptkriterien gelten Gewichtsverlust um mehr als zehn Prozent. als die WHO festlegte. wenn mehr als die Hälfte der Bevölkerung keinen Zugang zu sauberem Wasser hat. was Aids nun eigentlich sei. wenn ein Arzt mindestens zwei Hauptkriterien und ein Nebenkriterium feststellt. länger anhaltender Durchfall und kontinuierliches Fieber. 5 7 Zahlenspiele der UNO Auslöser der afrikanischen Aids-Epidemie sind demnach nicht Viren. eine Pilzinfektion im Rachen sowie Lymphknotenschwellung. die Krankheit Aids. wer in Entwicklungsländern als aidskrank zu gelten habe. wird in den Entwicklungsländern hauptsächlich aufgrund derartiger Symptome diagnostiziert. -3 6 5 - . Herpes und wiederholt auftretende Gürtelrose genannt. die sich auf diesem Kontinent anders verhalten als in Europa oder Amerika. Malaria und andere Infektionskrankheiten wüten und die medizinische Infrastruktur desolat oder nicht vorhanden ist. die nach den Worten von Luc Montagnier »keine typischen Symptome hat«. sich für eine der beiden ebenfalls wieder unterschiedlichen Definitionen der Industrieländer Europas oder der USA zu entscheiden.unzureichender Testmethoden und manipulativer Aufarbeitung von Daten durch die UN-Behörden. Symptomen. stellten sich auch noch die US-Behörde CDC und die Pan American Health Organisation mit eigenen Definitionen ein. sondern geradezu willkürliche Definitionen. sondern in Konkurrenz zueinander verfaßt worden waren. Das bedeutet. Ein HIV-Test ist nach dieser Definition ausdrücklich nicht notwendig und wird auch heute noch aus Geldmangel nur selten durchgeführt. Dies begann bereits 1986. Jemand hat demnach Aids. Nachdem einige Jahre mit dieser Definition gearbeitet worden war.

Da man hier davon ausgeht. Die Ergebnisse der Phase-2-Tests mit rund 300 Patienten galten als sensationell: Bereits nach 15 Wochen wurde die Studie abgebrochen. Dabei stöberten die Forscher in den Archiven auch AZT auf. alle möglichen Substanzen auf ihre Tauglichkeit zur Virenbekämpfung untersucht. Schließlich stieg die inflationäre Rechnerei noch weiter an. Der Pharmariese Glaxo-Wellcome erwarb die Lizenz. weil in der Placebogruppe – also bei den Studienteilnehmern ohne chemische Behandlung – deutlich mehr Patienten gestorben -3 6 6 - . Im Jahr 1996 hat die WHO die Gesamtzahl aller gemeldeten Fälle aus Afrika noch mit dem Faktor 12 multipliziert. so wie drei Jahrzehnte zuvor bei Krebs. auf dem Expertenmeeting diese Frage zu debattieren. als die offizielle Aids-Linie bereits einen eingestandenen großen Irrweg hinter sich hat: die Therapie mit AZT. Schnellstmöglich wurden klinische Studien organisiert. Dafür kam von einem Vertreter des AidsEstablishments der ernst gemeinte Vorschlag. AZT sollte nun auch »in vivo« – also an lebenden Patienten – gegenüber Placebos getestet werden. im nächsten Jahr bereits mit dem Faktor 17. Montagnier und seine Kollegen weigerten sich.5 Millionen geschätzte Fälle. das alte. daß nicht alle Aids-Kranken erfaßt werden. wird auf die »tatsächlichen Fälle« hochgerechnet. unbrauchbare Krebsmittel. Im Laborversuch zeigte es nun aber »in vitro« recht gute Wirksamkeit gegen das HI-Virus. Aus 116000 gemeldeten Aids-Fällen wurden 5. In einer Art Neuauflage des Programms Nichts-ist-zublöd-um-es-nicht-mal-auszuprobieren wurden in den achtziger Jahren. über alle offenen Fragen bezüglich Aids doch einfach abzustimmen. die in die Statistik einflossen. hier wurde also bereits ein Multiplikationsfaktor von 47 angewendet. Trügerische Hoffnung Die Ignoranz kritischen Einwendungen gegenüber ist um so verwunderlicher.In den Statistiken werden jedoch alle Meldungen über AidsKranke in einen Topf geworfen und an die WHO-Zentrale in Genf weitergeleitet. 58 Diese Details werden in der Öffentlichkeit meist nicht erwähnt und sind auch vielen Ärzten unbekannt.

Dazu kam eine unglaubliche Werbeoffensive. 59 Grauenhafte Bilder gingen um die Welt. Denn nun galt es als unethisch. Dennoch wurden erste kritische Stimmen von hochrangigen Wissenschaftlern laut. Aids-Erziehungsmaterialien für Schulen hergestellt und Bücher herausgegeben. Aids-Hilfe-Organisationen finanziert und Mediziner ausgebildet. Unter dem Patronat von Wellcome wurden Kongresse organisiert. Das Mittel noch einmal gründlich zu testen war aber wesentlich schwieriger geworden. weil allgemein angenommen wurde. abgemagert bis auf die Knochen. Auch jedes neue Medikament oder veränderte Dosierungen mußten mit AZT. bei den Studien eine – sonst aus Gründen wissenschaftlicher Seriosität immer als notwendig erachtete – Placebogruppe einzuführen. die erklärten. verglichen werden. Offiziell war dieser industriegesponserten Einrichtung die Werbung für eigene Produkte verboten. Dies fiel jedoch nicht weiter auf. die Therapie sei gefährlicher als die Krankheit. 6 0 Gegenargumente wurden im Feuerwerk dieser Propagandamaschinerie meist überhört. Schließlich erfolgte 1985 die Zulassung. In der Praxis war davon jedoch wenig zu bemerken. und sofort setzte ein unglaublicher Run auf AZT ein. Am eifrigsten engagierte sich die Wellcome-Foundation. daß Aids-Patienten früh und schnell sterben. dem »Goldstandard der Aids-Therapie«. Auch wenn sie prominent publiziert wurden. die reichste Forschungsstiftung der Welt. Homosexuelle Stars von Arthur Ashe bis Rudolf Nurejew starben. öffentlich den Aids-Tod. unterstützt und finanziert von industrienahen Organisationen. wie eine Arbeit von Medizinern der Claude-Bernard-Klinik in Paris. allesamt unter AZTTherapie. der Jahresumsatz lag rasch bei 400 Millionen Euro. Ende 1988 legten sie in Lancet die Schattenseite von AZT dar: Das Mittel sei für die meisten -3 6 7 - .waren. um – wie es hieß – die Patienten nicht zu gefährden. Bald schon nahmen 100000 Patienten die »Hoffnung gegen Aids«. Und inmitten dieses Umfelds wurde AZT stets als das sinnvollste Aids-Medikament mit bewiesener Schutzwirkung dargestellt.

Der auswertenden Studienzentrale hatte der Studienleiter all dies jedoch nie mitgeteilt. trafen vielleicht gar keine schlechte Entscheidung«. so hieß es. notiert in ihrem Bericht -3 6 8 - . nahezu kriminelle Verfälschungen: Von den 14 Studienpatienten waren zwei gestorben. daß. kurz nachdem AZT abgesetzt worden war. So ergab die nachträgliche Sichtung der Daten einer Bostoner Klinik. AZTKonsumenten berichteten über eine verschlechterte Lebensqualität und starke Nebenwirkungen. die frappierend an vorsätzlichen Betrug erinnern. Ebenso verhielt es sich mit den schweren Nebenwirkungen der Droge. »Jene. Patricia Spitzig. 6 1 Anfang der neunziger Jahre wurden erste Ergebnisse der Concorde-Studie publiziert. Bereits bei der ersten. hatten viele Studienteilnehmer sogar weniger Helferzellen im Blut als zu Beginn der Therapie. die als eine von mehreren Zentren die AZT-Studien durchgeführt hatte. die erst in jüngster Zeit durch den »Freedom of Information Act« in den USA öffentlich zugänglich wurden. die ersten Zulassungsstudien derart gute Resultate erbracht hatten? Aufschluß darüber ergeben interne Dokumente. Nach wenigen Wochen AZT-Einnahme. im krassen Gegensatz zu diesen späteren Erkenntnissen. zwei erhielten Bluttransfusionen. eine weitere Patientin mußte auf die Intensivstation verlegt werden. nach 15 Wochen abgebrochenen AZT-Studie seien demnach unglaubliche Unregelmäßigkeiten und Verfehlungen passiert. die damals die Finger davon gelassen haben. Sie zeigten mehr Todesfälle in der Wirkstoffgruppe und keinerlei Überlebensvorteil. die von den Behörden eingesetzte Inspektorin. erklärte rückblickend der New Yorker Aids-Experte Jeffrey Laurence anläßlich der Einführung der neuen Generation von Aids-Medikamenten zur Mitte der neunziger Jahre. 62 Chaotische Studien Wie war es möglich. der größten internationalen Arbeit zur Wirksamkeit von AZT.Patienten zu giftig und werde nicht toleriert.

Das wurde ihr aber nahezu unmöglich gemacht. 1990 kündigte Gannett ihren Job. Verwirrung und Bauchkrämpfe an. zeigt ein Bericht. die man brechen konnte. gut dokumentierte Liste an die staatliche -3 6 9 - . Niemand kümmerte sich darum. Bei einigen weiteren Teilnehmern fehlten ebenfalls die HIV-Befunde. Als Nebenwirkung ist im Bericht nichts davon angeführt. die ich von den Studienleitern bekam. ohne jegliche Dokumentation. Durchfall. • Eine Patientin aus der AZT-Gruppe mußte mit hochgradiger Vergiftung auf die Intensivstation. obwohl er in der Placebogruppe war. 1008 gibt über sieben Wochen Kopfschmerzen. daß niemand ernsthaft an einer Verbesserung der Zustände interessiert war. bis ein Testergebnis zeigte. Lethargie. Sie arbeitete von 1987 bis 1990 an mehreren AZT-Studien in der Syracuse-Klinik in New York mit. Obwohl das Studienprotokoll in diesem Fall das sofortige Absetzen der Medikamente vorsieht.« 63 Ähnliche Verfehlungen werden über vier Seiten aufgezählt. setzte der Studienleiter die fehlenden Daten einfach »aus dem Gedächtnis« ein. wurde die Dosis lediglich auf die Hälfte reduziert. die Studiendaten zu sammeln und in eine geordnete Form zu bringen. Ihre Aufgabe war es. • Immer wieder gingen »zufällig« Patientenakten verloren. so wurde sie gebrochen. waren ungenau und unvollständig.« 64 Peinlich genau dokumentierte Gannett die Verfehlungen. Wenn es dann Ärger gab und die Zentrale sich einschaltete. • Ständig wurden die Studienformulare zu spät abgegeben. • Eine Patientin nahm an der Studie teil. Wenn es eine Regel gab. weil sie merkte. Daß derartige Vorkommnisse nicht auf eine Klinik beschränkt waren. vor allem wenn Probleme aufgetreten waren. daß sie überhaupt nicht HIV-positiv war. den die technische Fachkraft Lynn Gannett an die Gesundheitsbehörden weiterleitete. Sie sandte eine lange. Ein Patient erhielt sogar AZT. »Die Daten.trocken »Patient Nr.

die schon derzeit am Rande des Abgrunds stehen. massiv gefährden. Ohne diese vielfältigen Widersprüche aufzuklären. soll nun ein halber Kontinent mit diesen Präparaten versorgt werden. werde unter 500 Geburten bei 15 Babys die Virusübertragung vermieden. die scheinbar schlüssig bewiesen. Die mit erhobenem Zeigefinger eingeforderte Investition würde die fragilen Gesundheitssysteme. so rechneten die Autoren vor. die die Spenden einstreichen. Und prompt erschienen Studien. Bis heute hat sie nichts mehr vom NIH gehört. 64 Im Schnitt. sie müßten weniger häufig ins Krankenhaus und dadurch spare der Staat Geld. Die einzigen Profiteure wären die Pharmafirmen. »Meine Sorge ist«. Was die Autoren aber nicht bedachten: Allein die Kosten für die Aids-Medikamente – potentielle Spenden schon eingerechnet – übersteigen die Gesundheitsbudgets der meisten Länder südlich der Sahara. Gesundheitsberater für den britischen »Save the Children«-Fonds in Malawi. hieß es. meint Christian Gunneberg. Daraufhin wurde sie angerufen und um etwas Geduld gebeten.Gesundheitsbehörde NIH und bot noch weitere Informationen an. Man werde sich wieder bei ihr melden. daß sich auch unter afrikanischen Verhältnissen die Investition in Aidsmedikamente lohnt. »daß die Spenderorganisationen die Regierungen trotzdem massiv in diese Richtung treiben.« 65 -3 7 0 - .

Und diese Organe würden dann in den Körper des Menschen.NACHWORT Während wir die Endredaktion der Texte zu diesem Buch vornehmen. Hätte er sie diagnostiziert. Er habe es versäumt. weil er nicht tötete. die zweite Leber sofort verfügbar. zuallererst keinen Schaden zuzufügen. Zwei kleine Episoden auf dem gespenstischen Weg der Umkehrung grundsätzlicher Spielregeln in der Medizin. Aber eben das falsche Leben: Das Baby litt am Down-Syndrom. Nach Zweitwagen. Eine Ansammlung von Zellen. so wie es sein Beruf vorsieht. sie sind eigentlich seine eigenen. Das Gericht folgte dieser Argumentation und verurteilte den Arzt. Zweithaus und Zweitfrau nun der Zweitdarm. Der erste geklonte Mensch sei eigentlich nur ein »menschlicher Embryo«. einen Menschen zu klonen. So aber sei für die Eltern ein gewaltiger Schaden entstanden. Leben entstehen. aus dessen Gewebe die geklonte Zelle stammt. Erstmals wagten im November 2001 USForscher. sorgt die Avantgarde des Medizinkartells wieder für Schlagzeilen. aus denen sich beliebig Organe eines Menschen nachzüchten lassen. zu einer historischen Floskel des hippokratischen Eides verkommen. Ein Ersatzteillager an allen lebenswichtigen Organen für jeden. Und die Eltern verklagten den Mediziner. was den Menschen optimiert – und sei es um den Preis der Tötung oder den der Umgehung aller ethischen -3 7 1 - . In der gleichen Woche erreichte uns eine kleine Meldung über ein Gerichtsurteil in Frankreich. Das zweite Herz. Ein Gynäkologe ließ. passen wie seine eigenen. ganz ohne langes Warten auf den Tod eines passenden Spenders. Ein altbackener Moralist. lautet die neue. Die gefürchteten Abstoßungsreaktionen des eigenen Organismus wären endgültig Vergangenheit. Es ist alles erlaubt. wer da nicht in Verzückung gerät. durch eine Untersuchung des Fruchtwassers im Mutterleib diese Krankheit zu erkennen. der es sich leisten kann. oberste Maxime. Mehr noch. wäre der Embryo abgetrieben worden. wurde gleich relativiert – und ein solcher Embryo eigentlich nur ein Zellhaufen. Längst ist der Grundsatz.

Wenn bestimmte Hirnareale unwiederbringlich ausgefallen sind. der Körper mit Beruhigungsmitteln ruhiggestellt werden muß. Zunächst war es ein unumstößliches Dogma. »Ich bin nicht der Meinung«. nur unfruchtbaren Paaren zum heißersehnten Nachwuchs zu verhelfen. vor der Einpflanzung des Embryos diverse Diagnosen durchzuführen. Solche Toten standen daraufhin in jeder Intensivstation als »Organlager« zur Verfügung. Ethische Zweifel müssen gar nicht ausschlaggebend sein. war es nur logisch. noch schlagende Herzen zu entnehmen. ist nur die folgerichtige nächste Station der Klempnermedizin. Ende der sechziger Jahre noch sicher. gilt der Mensch seit Ende der sechziger Jahre als tot – auch wenn das Herz schlägt. daß sie enorme Kosten verursachen und nur einer Minderheit zugute kommen können. war sich der Verpflanzer des ersten Herzens. lassen sich die großen Gesundheitsfragen in keiner Weise lösen. die Eltern mit dieser neuen Eugenik vor kranken Kindern zu schützen.Grenzen. Eine Kommission setzte das Ende des Lebens nicht mehr mit dem Ende von Atmung und Kreislauf gleich. Doch sobald es möglich war. Eine überfällige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Menschen als einem komplexen Gesamtkunstwerk und die -3 7 2 - . Doch die Transplantationschirurgie wäre bei dieser Definition nicht aus dem Experimentierstadium herausgekommen. Parallel dazu entwickelte sich die Technik der künstlichen Befruchtung. Dabei ist die Geschichte der letzten drei Jahrzehnte reich an intellektuellen Taschenspielertricks. um vor der ungebremsten Weiterentwicklung der Eugenik und Ersatzteilmedizin zu warnen. Mit all diesem gruseligen Aufwand. »daß wir das Recht haben. Christiaan Barnard. um das Undenkbare zuerst zu enttabuisieren und dann zum selbstverständlichen Gebot zu machen. sondern orientierte sich an der Hirnfunktion. wessen Herz nicht mehr schlug. soviel ist klar. die Haut warm ist. Und es ist auch klar. Haare und Nägel wachsen.« Als tot galt damals. Daß nun aus der Fortpflanzungstechnik der Nachschub für die Organingenieure gezüchtet wird. Also wurde umdefiniert.

was passiert. Das Kartell aus Pharma. Wer krank wurde. daß alles nur Hochstapelei war. wie es ist. noch heftiger mit Giftcocktails auf Keime zu schießen und weiter im Zufallsverfahren nach »magic bullets« zu suchen. die zum Gesundbleiben und Gesundwerden führen. für möglichst viel Gesundheit zu sorgen und ihre Patienten rasch wieder gesund werden zu lassen. heißt es. Die zuverlässigsten Kunden sind die chronisch Kranken. bei den alten Rezepten zu bleiben. daß sie dies auch bleiben. ohne daß dieser versteht. wenn immer mehr Menschen dieser Art von Medizin endgültig den Rücken kehren. Das moderne Medizinkartell hat sich hingegen auf die Verwaltung der Patientenmassen spezialisiert. zahlte nichts und mußte gratis behandelt werden. daß ihr Markt wächst und alles so bleibt. -3 7 3 - . Da ist es schon wesentlich einfacher. Und die Ärzte hatten ein starkes Interesse daran. Gesundheit läßt sich hingegen nicht so simpel vermarkten. In der Zwischenzeit wird mit Klonspuk und Ersatzteilzauber die Sensationslust der Medien genährt und das Märchen vom allmächtigen Medizinbetrieb aufgewärmt. In China.daraus folgenden Erkenntnisse über Umstände.und Geräteindustrie sowie die an Einzelleistungen verdienenden Ärzte und Versicherungen werden wohl weiter dafür kämpfen. Vielstimmig und beflissen drängt sich eine von Erregern und Risikofaktoren hypnotisierte Medizin immer mehr in unser Leben. hätten dagegen breiteste Konsequenzen. die eines Tages vielleicht wirklich Heilung bringen und damit die Arbeit des Arztes erledigen. Um dann mit einer Mischung aus beleidigtem Stolz und Unverstand den Kopf zu schütteln. der alles wieder heilmacht – bis man eines Tages am eigenen Leib erfährt. wurden die Ärzte früher nur von den Gesunden bezahlt. Und die Medizin sorgt dafür.

.. 17 Dubos.O. Paul. 11 Leven. 528-548. Wiss. Zürich 1927.. Pasteur und die moderne Wissenschaft. a. The Private Science of Louis Pasteur.O. 13 De Kruif. 109. 29. Rational Bacteriology.. 2 Illich. Gerald L. Verlagsgesellschaft.a. 13. a. 146. S. René. 108-111. 9 De Kruif.. 96-97. 61. Die Nemesis der Medizin.O. Mikrobenjäger.a. 18 Geison. ecomed 1997.a. Paul. 12 Dubos. S.63. Stuttgart 1948. a. Inc. »An Interpretation of the Decline of Mortality in England and Wales During the Twentieth Century«. S.a. Die Geschichte der Infektionskrankheiten.82.5. et al. Ivan. René. 3 Geison.a. 1995. 6 De Kruif.a. 158. 4 De Kruif. S. a. et al. Paul. 10 De Kruif. 1960. René. 2nd ed.. S.. a.23-26. 14 Moschocwitz. Eli. Gerald L. Verlag Kurt Desch. 8 De Kruif. S.a.. S. a. S.62. 1958. Max von Pettenkofer. Population Studies 1975. 163f. 17-32. S. a. Bulletin of the History of Mediane 22 (1989)..O. S.62.O. T. 22-26. Rowohlt 1977.O.a. -3 7 4 - . Princeton University Press..O. S. S.a. Rene. Wolff. S. R. a. J. Paul.391-422. Karl-Heinz. S. 16 Kisskalt. 7 Dubos. a. 5 Dubos.. Karl. S. S. 1953. New York: H. 19 De Kruif. Paul.94.. Pasteur and Modern Science.. Paul. Pasteur und die moderne Wissenschaft.ANMERKUNGEN Die erste Todsünde: Kriegserklärung gegen den falschen Feind 1 McKeown. S.O. 15 Verner. Paul.O. New York: Charles Pfizer & Co.

O. 39 Winzler. 27 De Kruif. René. 33 Winzler. 118.. a.83. 34 Schnipperges. 26 Daniel. Leipzig 1912. Thomas M. 36 Schnipperges. 28 De Kruif. Pasteur und die moderne Wissenschaft.98. Robert Koch. Robert. S. a. S. Heinrich... Beate.O.. S.O.O.a. a. 108.a. 35 Ebd. Paul.O.O. a.37.a.. 97. Beate. S. 41 Schnipperges. S. »Die Ätiologie der Tuberkulose«. Großstadt und Hygiene: kommunale Gesundheitspolitik in der Epoche der Urbanisierung. a.O. S. Heinrich. 42 De Kruif. 24 Leven.O.36.a. a..20 Geison. Paul.a. 25 Daniel..a. Thomas M. Beate. 76. New York 1988. ecomed 1997. 37.. S. a. Thomas D. a. Reinbek bei Hamburg 1994. S. 23 Leven. S. S.O..O.O. S.77. S. 38 Winzler. Paul.a. 157. Die Geschichte der Infektionskrankheiten. The Story of Tuberculosis. 30 Koch. Heinrich.a. l.9. a. 29 Leven.a. Karl-Heinz.a. 21 Dubos. Bd.O. 40 Schnipperges. S. Beate. S.a. S. Nr. S.29. Berliner klinische Wochenschrift 1882. S. a. a.a. 428-445 (ursprl. Captain of Death. Beate.O. 22 De Kruif. 32 Winzler.a. S. Stuttgart 1995.. -3 7 5 - . 110. S. 162f. Rudolf Virchow.O. S.O.99-105.. in Gesammelte Werke.. a.. Karl-Heinz.. Rochester 1997. 120. 102. a.. a. Karl-Heinz..a.67.. S.a. a.O. Heinrich. Paul..a. 37 Winzler. 15). 43 Brock. Beate. a.34. 31 Winzler. a.77..O.a.. Gerald L. S.

a.. a. Thomas M. a.. Paul. 65 »Politische Tagesübersicht. a.O.a. Wschr. a.... S.O.O. 45 Winzler. S.. 49 De Kruif. Tod in Hamburg. a.a. Hg.O.. »Die Entdeckung der Cholera in Indien – Robert Koch und die DMW«..O.. 52 Daniel.. Beate.a. a. 63 Breyer.307f.a. 54 Daniel. Robert. 53 Daniel. 131.. rororo 1996. S.1.. Paul.a. S.a. 2. Thomas M. 50 De Kruif.O. 93. 58 Evans. S.82. Richard J. 48 De Kruif. 47 Daniel.41..O. S. 122. 60 Winzler. a.O. Berliner Tageblatt 26. 66 Koch.O. 1-19. 57 Daniel.O..O. 56 Ebd. 59 Evans.a..309-314. a. a. a. Richard J.. S. Thomas M..1883. a..30.a..a. Richard J.a. S. 61 Evans.O. S..O.a. 1187-1188. Thomas M. 55 Daniel. Richard J. a. 186. Thomas M.O.9. a.O. »Berichte über die Tätigkeit der zur Erforschung der Cholera im Jahre 1883 nach Ägypten und Indien entsandten Kommission«. S. Die deutsche CholeraKommission in Ägypten«. Beate. Bd. Leipzig 1912 (1883/84). Harald..O. a. Thomas D.a.a. 128. 155-157... Dtsch.a. Rowohlt 1990. S. 46 Daniel. Max von Pettenkofer. S. S..a.a. S. Thomas M.O. C. a. S. in: Gesammelte Werke von Robert Koch.a. 72. a... 64 Gradmann. S.. S.44 Brock. Paul. 117.O.38. 123..a. med. S.32. 124 (1999). Paul. 62 Evans.. Leipzig 1980. 51 De Kruif. -3 7 6 - . 123-126. Julius Schwalbe. S. 180. a.37. Thomas M. S. 67 Gradmann C. S..

116-118. 1884. a. 86 Koch in einem Schreiben an Althoff vom 5. S. Berliner Tageblatt 26. Med. Nr. a.. S. Harald. herausgegeben von Harald Mau. 73 Evans. Ascher aus dem Jahr 1921. 114 84 Ebd. S. a.O. The Greatest Benefit to Mankind. 85 Gradmann.O.a. 1253-1256. Dtsch.a.O.a. 69 Gradmann C. S.116-118.a... Band 13. Die deutsche CholeraKommission in Ägypten.a..O. (1993). 1999. 87 Aus dem Nachlaß Althoffs GStAPK I. VIII B. 74 Gradmann C. 47-49. a. 83 Daniel. 209. 77 Breyer. Neue Folge. 81 Breyer. Roy. Wschr. zitiert eine statistische Arbeit von L. Akademie Verlag Berlin..a. 70 Ebd..O. 71 L.a. »Das Ärzte-Bankett zu Ehren der Mitglieder der deutschen Cholerakommission«.1883. Richard J.O. 124 (1999). 5. Berliner Tageblatt 14. Bl. Harald. a.O. a. a.. Karl. 80 Kisskalt. a. a. G.. 78 Porter. 82 Kisskalt. Karl. 72 Gradmann C. Karl. Christoph.a. 76 Kisskalt. 2937.a.O.9.68 »Politische Tagesübersicht. Fontana Press.a..199ff. 88 Charité-Annalen.. a.O. Karl. 89 Porter. a.. a.a. Dezember 1890.a. -3 7 7 - .. S.O. Thomas M. »Robert Koch und das Tuberkulin«. Roy. 79 Kisskalt. a..O. Rep 76. S. Redaktion Bernd-Dieter Bohne. S.O. 75 Gradmann C.O. S.441.a.180-182.

.O. (1989) 13. Die zweite Todsünde: Medizin als chemischer Krieg 1 Bäumler. Neue Folge. et al. Effectiveness and Efficiency.a. » How to Read a Medical Journal Article«. 3 Porter. Wschr. Societäts-Verlag 1979.a.a. 95 Simon. S. Polikliniken und pathologisch-anatomischen Institute der preußischen Universitäten«. 17.O. Wschr. S. Lab. 99 Cochrane. a. Klinisches Jahrbuch 1891. »Paul Ehrlich – Forscher für das Leben«. Frankfurt/M. a. 129-134. 1972 (reprinted in 1989 in association with the BMJ).cmh.cdu/stats/journal/jourtxt. 91 Charité-Annalen.90 »Sammlung der amtlichen Berichte der Kliniken. W. 7 DeKruif. Dtsch. a. »Die Entdeckung des Tuberkulins«. Med. Roy. 1925-1932.O. S. History and Philosophy of the Life Sciences 17 (1995). S. S. 93 Moulin. -3 7 8 - . Random Reflections on Health Services.. 4 Doerr. 98 Cochrane Archibald. S..a. C. 355.321 f.. »Is Screening for Breast Cancer with Mammography Justifiable?«. H. Archibald. London: Nuffield Provincial Hospitals Trust. E. Forscher für das Leben. Dtsch. One Maris Mediane. September 1994. S. http://www. 102 f. 2 Leven.2001). »Das Konzept der Immunabwehr von Paul Ehrlich«. 5 Bäumler. 6 Leven. 1989.. An autobiography of Professor Archie Cochrane. S. 96 New Scientist. Anne-Marie. Hans. 97 Cochrane..a. a. S. S. »Hasard et rationalité dans l’approche vaccinale«. a. med. a. 94 Gotzsche. 92 Schadewaldt. 23 ff.O. Karl-Heinz.. 958-961.O. S. 433-436. Ergänzungsband. xii. Paul. 66ff.htm (21. Karl-Heinz. 121. a. Paul Ehrlich. P. Lancet 2000. 448. 5-29. 1996. 100(1975).9. O. E. London: BMJ (Memoir Club). S. Archibald. 104-107. Steve. Med..

Thorax 1998. 125 (2000).a. Florey.O. S. Bundesarchiv Berlin. al. 16 Le Fanu. 10.O.. 22 Chain. 95-96... Alexander Fleming: The Man and the Myth. 384. With Special Reference to Their Use in the Isolation of B. I. 45 (1917). S. »Early childhood infection and atopic disorder«. S. 5-16. S.O.O. Ronald. Med. 17 Porter. S. v.a. Roy. Paul. 51-54. August 1940. 53 (11). Bl. Little Brown. 226-236.. 11 »Ein Attentat auf die Freiheit«. Wschr. S. Lancet. Am.3f.. 15. Alexander.. a. 12 Schirrmeister. et al.9. 19 Hare. 9. 15 Farooqi. 13 Sauerteig. A. Sommer 1922.01/11877. Bl. The Birth of Penicillin. L. S. 1970. James. -3 7 9 - . 574-578. Roy. a. Naturarzt. 14 Gilman. Vordruck des Verbands für Volksheilkunde. 21 Le Fanu.454-461. »Mit Chemie gegen die Syphilis – Anfänge der Chemotherapie um Paul Ehrlich und die DMW«. et. a. a. Vol. Influenzae«. 1999. E.455. S.01/11876. »Penicillin as a Chemotherapeutic Agent«. 20 Fleming. 1929. 9 Sauerteig L.1920.8 Leven. »The Initial clinical trial of nitrogen mustard«. S. 23 Macfarlane.. 1963. H. Karl-Heinz. The Rise and Fall of Modern Mediane. 18 Porter.S. 24. S. Bundesarchiv Berlin.a. J. 10 Petition des Verbands biochemischer Vereine für das Deutsche Reich. S. Zeitschrift des Deutschen Bundes der Vereine für naturgemäße Lebens und Heilweise (Naturheilkunde). British Journal of Experimental Pathology. Allen & Unwin. 927-932.. »On the Antibacterial Action of Cultures of a Penicillium. 104-107. 226228.a. »Kurierfreiheit und Geschlechtskrankheiten«.. 15. 1984.O. 105.. James.W. a. G. 384. Surg. Dtsch.a.. Chatto & Windus.

A. S. Oxford University Press 2001. James. S.. 35 34 Persönliche Kommunikation. S. 39 Nuland. a. S. Knopf. 574-578. 416-418. Michael. a. 33 Moss. Journal of the American h Medical Association 60 (1913). 289. 317. Doctors. 266. Ralph W.O. 59. Ellen. S. BMJ.. G. 31 Moss. 25 Fletcher. William S. Barron H. Oxford University Press 1999. Melvin J. a.. Surg. 26 Koren. S.. Hippokrates. Haug 1997. Charles.. 1-19. S. The Breast Cancer Wars. S. 41. 1984. Die zytostatische Chemotherapie fortgeschrittener epithelialer Tumoren – eine kritische Bestandsaufnahme. Ulrich. 38 Bliss. 1824-1826.5. »Developments in the Skin-Grafting Operation for Cancer of t e Breast«. 1963.. BMJ 1998. »First Clinical Use of Penicillin«. 1721-1723. 105..734-739. Ralph W. O. Stuttgart. 1990. »Ductal carcinoma in situ of the breast«.. S.a. 27 Moss. 2001 35 Silverstein. O. William Oster: A Life in Mediane... 34.O.. »Bias against negative studies in newspaper reports of medical research«. 29 Gilman. Beacon Press 1999. Ralph W.. 36 Lerner.415. Women. »The Results of Radical Operations for the Cure of Carcinoma of the Breast«.33. Fragwürdige Chemotherapie. New York 1988. Ralph W. a. S. and Their Doctors in the Twentieth Century. a. Halsted. 18. Ralph W. S. JAMA 1991.24 Le Fanu. 28 Abel.. S. 30 Moss. -3 8 0 - . 41 Halsted. S. »The Initial clinical trial of nitrogen mustard«.213. Annals of Surgery 46 (1907). 40 William S. 24.a. Am. 37 Zitiert nach: Leopold.. J. a.. S.5-16.. 32 Moss. A Darker Ribbon: Breast Cancer.a. a. Vol.O. Alfred A.5. Sherwin B.

Woman’s Home Companion 73(1946). S.a. Interview am 23. »The Halsted Mastectomy«. 44 Rosai. 54 Haagensen. 52 Bland. 48 Glasser. der sich auf Haagensen bezieht. Dean. zitiert in: Barron H.).O. D.3-6. »The Discovery of Roentgen Rays and Radium Rays«. a. Gellhorn. S. S. Lerner.O. 55 Die Antwort stammt von Frank Gump... 2214-2218. -3 8 1 - . S. E. Barron H. Henry. 51 Lewis. 47 Keynes. Rienhoff. 619630. The Silent World of Doctor and Patient. in: Jay Katz. 336-400.O. S.. New York 1907. a. Annals of Surgery 95 (1932). Free Press. Juan. American Journal of Pathology 151 (1997).. 26-47. New York 1984. »A Modern Me dicine Interview: Treatment of Breast Cancer«.O. a. William F.24.28. 59. 554. L. S. »A Study of the Results of Operations for the Cure of Cancer of the Breast Performed at the Johns Hopkins Hospital from 1889 to 1931«. Geoffrey.a.S. 110-170. P. S. in: George T. a.a.. Treatment of Cancer and Allied Diseases.a.. Barron H. Charles B. »Pathology: A Historical Opportunity«.. New York 1940. Pack and Edward M. Geoffrey. Dutton.42 Penfield. Hoeber. Annals of Surgery 106 (1937). »The Place of Radium in the Treatment of Cancer of the Breast«. »We Could Cure Cancer Now«. 50 Lee. »Halsted of Johns Hopkins«. S. 45 Lerner. Cushman D. S. »The Therapeutic Value of Irradiation in the Treatment of Mammary Cancer«. 49 Keynes. Otto. Wilder... S. 43 Lerner. Modern Mediane (1957). Alfred.. J. Livingston (ed. 53 Ratcliff. Paul B. Annals of Surgery 88 (1928). JAMA 210 (1969). Burton J. Garland. 46 Childe. Juni 1998. 35-176. The Control of a Scourge.

56 Slaughter. Lerner.O. Lerner. New York 1964. Cancer and Common Sense. »Untreated Cases of Breast Cancer«. S. 60 Crile Jr. Surgery. 59 Crile Jr. »Cancer of the Breast: The Janeway Lecture 1965«. »A Technique for Radical Mastectomy«.. Annual Meeting of Members of the American Cancer Society. Press 1992. 58 Renneker. Julian Messner. Surgery 19(1946). George. 263. 62. S. Radium Therapy & Nuclear Medicine 96 (1966). Treasure and Travel 1907-1987. ACS Archives. -3 8 2 - . A History of Cancer Control in the United States.O. unpubliziertes Manuskript aus dem Nachlaß. 547-559. S. T. 63 Cameron. 65 History of Cancer Control Project. George. 19461971. Januar 1998. 244. zitiert in Barron H. 7f.. 67 Interview mit Dr. 17.. 216-228. 64 Myers. American Journal of Roentgenology. Wangesteen«. 833838. S.. The Way It Was: Sex. George. 6. Cushman D. a. Nov. S.a. »Report of the Medical and Scientific«. 57 Watson. S. 62 George Crile Jr. 66 Haagensen. UCLA School of Public Health. »Owen H. Education and Welfare.. Lund. a. Arthur. Charles E. S. Surgery. »Psychological Problems of Adjustment to Cancer of the Breast«. Lancet 87 (1967). 100-131. 5. 61 Crile Jr. Blake Cady. Max. 69 Ebd. A. 373. 1978.76. Richard. 1953. JAMA 148 (1952). 264-268.. S. »The Evolution of the Treatment of Breast Cancer«. 68 Daland. Book l. S. Gynecology & Obstetrics 44 (1927). Frank S. S. Kent State Univ. Ernest M. S.. zu Charles C. Viking Press 1955.. Cutler.a.. Department of Health. zitiert in Barron H. The New Science of Surgery. J. Oktober 1955.

4. S. 453-463. 665-673. »Hochdosis-Chemotherapie beim Mammakarzinom: Gehen wir den richtigen Weg?«.. et al. A-2835. Deutsches Ärzteblatt. S.4. 24. C: General Accounting Office. NEJM 1985. S. »Eight-Year Results of a Randomized Clinical Trial Comparing Total Mastectomy and Lumpectomy With or Without Irradiation in the Treatment of Breast Cancer«.2000. S. »Variable Degrees of Malignancy of Cancer of the Breast«. Washington D. S.1998 der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie anläßlich der Frühjahrstagung vom 23. 71 Haagensen. 1997. B. a.. »High-Dose Chemotherapy with Hematopoietic Rescue as Primary Treatment for Metastatic Breast Cancer: a Randomized Trial«. 320. 73 Fisher. Journal of Cancer Research 9 (1925). 1444-1455. Denise. S. 720. L. 10. 77 Bezwoda. S. et al. S. »Five-Year Results of a Randomized Clinical Trial Comparing Total Mastectomy and Segmental Mastectomy With or Without Radiation in the Treatment of Breast Cancer«. NEJM 1995. Philadelphia 1956. 822-828. J Clin Oncol 1995 Oct. D. bis 25. 13/10). Seymour. Robert B. 80 Grady.. O. 76 Early Breast Cancer Trialists Collaborative Group. 78 Kaufmann. »Effects of Radiotherapy and Surgery in Early Breast Cancer – an Overview of the Randomized Trials«. 2483-2489. 312..70 Greenough. New York Times.. B. 10.3. 72 Haagensen. R. NEJM 1989. W. 79 Einladung zum Pressegespräch am 20. »Breast Cancer Study Shows Signs of More Serious Fraud«. Manfred... 571.. 333. S. Diseases of the Breast. -3 8 3 - . 1994 (Report GAO/PEMD-95-9). 75 Breast Conservation versus Mastectomy: Patient Survival in Day-to-Day Medical Practice and in Randomized Studies. Cushman D.. 74 Fisher. Dansey.1998 in Baden. W. Saunders. B.. 534-535. Cushman D. R. a.

Vol 355.. STATISTIK AUSTRIA. P.. JAMA 1994. 8 Skrabanek. Die dritte Todsünde: Vom Krankenbett ins Labor – die Abkehr vom Patienten 1 »Verstärkter Sterblichkeitsrückgang bei Krebs«. 79. a. 2001... 9 Lerner. Liver CT. Lancet. »Yearly Colonoscopy. Gastroenterology 1998. 5 Schoemaker. G. and Chest Radiography Do Not Influence 5-year Survival of Colorecta) Cancer Patients«. Jeannette Klimont. 1500-1505. S. -3 8 4 - . S./19. Barron H. 714. 7 Empfehlungen zur Krebsvorsorge in der Europäischen Union. 114. 4 Kjeldsen.O.J. et al. S.48f. »Cervical Cancer Screening: the Time for Reappraisal«. persönliche Kommunikation 17. S.a. 271(20). JAMA 2001. »Hälsokontroller med mammografi minskar inte dödlighet i bröstcancer« Läkartidningen 1999. S. 84: S. November 1999 in Wien. New York 1943. 3 The Givio Investigators »Impact of Follow-up Testing on Survival and Health-Related Quality of Life in Breast Cancer Patients«. S. 553. Mark et al.. Surgery 1997. 10 Papanicolaou. et al. Direktion Bevölkerung. 2000. February 12. »A Prospective Randomized Study of Follow-up after Radical Surgery for Colorectal Cancer«. S.81 »Suspicion Raised Over Breast-Cancer-Therapy Trial«. B. Canad J Public Health (1988). et al. 904913. D. J. 86-89. »Interobserver Reproducibility of Cervical Cytologic and Histologie Interpretations«.. Mag. 96. 1587-1592. 285. 2 Sjönell. 6 Eigenrecherche. Juli 2001. 666-669. 11 Stoler. Presseaussendung vom 20. erarbeitet vom beratenden Ausschuß zur Krebsprävention im Anschluß an die Konferenz über Krebsvorsorge und Früherkennung vom 18. Br.. Diagnosis of Uterine Cancer by the Vaginal Smear. Commonwealth Fund. George. 7.

persönliche Kommunikation. u. 219-223. 175-181. 363-367. BMJ (1988). New England Journal of Medicine 1991..7. -3 8 5 - . Leserbrief in BMJ 1997. N. 96 (2). 19 Im Durchschnitt dauert es dann jedoch weitere zwanzig Jahre. A. 24 Scheppokat. 13.. 95. Juli 2001. 72. »Europa gegen den Krebs«. 1762. Obstet Gynecol 2000 Aug. »Incidence of Adverse Events and Negligence in Hospitalised Patients... S. T. 22 Angela Raffle. London 1988. ist danach meist auch das Virus nicht mehr nachweisbar. S. 324. 13 Posner. George et al.J. 15 Raffle. K.. and the Pap Smear«. Deutsche Medizinische Wochenschrift 125 (2000).2001. D. 20 Blumenthal. 25 Brennan. »Ärztliche Fehler«. HPV. M.I. A. 16 »Europäische Leitlinien für die Qualitätssicherung von Screening-Programmen zur Zervixkarzinomfrüherkennung«. 17 Sawaya. Br J Obstet Gynaecol (1988).2001. 21 Angela Raffle. vorgelegt im Rahmen des Programms der KEG GD V E. Wird bei dieser Frau in der Zwischenzeit wegen sich bedenklich verändernder oder gleichbleibend schlechter Pap-Befunde einmal eine Konisation durchgeführt. 314. bevor sich ein Karzinom entwickelt. Prevention of Cervical Cancer: The Patients View.. T. »Psychosexual Trauma of an Abnormal Cervical Smear«. Angela. 296. S. 9. persönliche Erklärung.7. S.12 Campion. International Journal of Gynecology and Obstetrics 2001. 18 Eigenrecherche. »Adjunctive Testing for Cervical Cancer in Low Resource Settings with Visual Inspection. Paul et al.. 23 Eigenrecherche. 47-53.. Kings Fund Publishing Office. 14 Britten. Result of the Harvard Medical Practice Study I«. 1191. persönliche Erklärung. S. S. S. et al. 370-376. »Informed participation in screening is essential«. »Personal View«. »Frequency of Cervical Smear Abnormalities within 3 Years of Normal Cytology«. April 1992. et al.

Das geklonte Paradies. 40 Eigenrecherche. Spree.D. 286. March2000. persönliche Kommunikation 1994. 1610-1617.. 41 Eigenrecherche. Einem jeden Kranken …. Droemer 1998. S. persönliche Kommunikation 1996. Towards an Understanding of Necessary Fallibility«. JAMA 2001. AI 3434-3440. a. persönliche Kommunikation 1994 und 1997. S. 36 Lee M. J Amer Med ASS 1989. 35 Eigenrecherche. Silver. persönliche Kommunikation 1997. 29 Flum. Reinhard. 303ff. 75. Vol 320. 32 Eigenrecherche. »The Sensitivity and Specificity of Clinical Diagnostics during Five Decades. 261.. 38 Eigenrecherche..O.. Goertchen. 37 Eigenrecherche.a. E. 1748-1753. 31 Eigenrecherche. persönliche Kommunikation 1997. persönliche Kommunikation 1997. 28 Anderson. et al. Reinhard. 43 Eigenrecherche. persönliche Kommunikation 1994.. 27 Modelmog.26 Scheppokat. »Der Stellenwert von Obduktionsergebnissen«. 42 Eigenrecherche. BMJ. D. persönliche Kommunikation 1997. R. persönliche Kommunikation 1998. »Has Misdiagnosis of Appendicitis Decreased over Time?«. 34 Eigenrecherche. Alfons. K. S. 33 Eigenrecherche. N. S. R. R. persönliche Kommunikation 1998. Jahrhundert: Ein Bild innerer und äußerer Verhältnisse«. S. »Epidemiology of Medical Error«. in: Labisch.S. 39 Eigenrecherche. S. 774 ff. et al. persönliche Kommunikation 1997. 30 Weingart. persönliche Kommunikation 1994. Die vierte Todsünde: Menschenfalle Medizin 1 Spree. 89. D. »Qualitative Aspekte der Entwicklung des Krankenhauswesens im 19. Dtsch Ärzteblatt 1992. und 20. -3 8 6 - .

158. S. Claudia. G. S. Ethische Aspekte der Chemotherapie.O.. in: Labisch. Karl H. 7 Allen. 3 Huerkamp.O. P. Hrsg: Hans-Rainer Buchmüller. Isobel. S. 8 Hart. 1606-1608. Springer Verlag. 6 Huerkamp.. S. S.. American Journal of Psychiatry 2001. Karlheinz. 5 Elkeles. Alfons. Rothe. a. a. J. Reinhard (Hrsg. 326. Ausgabe.. J. 9 Colwill. a.361. Kranke Gesellschaften. M. Wiss. S. 14 Engelhardt.. J. überarb. S.146. et al. »Caring Effects«. 12 Illich. Wien. Lancet 1996. 57-63. 25. Passau. Jahrhundert und ihre Auswirkungen auf Organisation und Funktion der Krankenhauses«. in: Labisch. S. 359. Barbara. Spree. C. Klaus Dieter. »Die Entwicklung der Chirurgie im 19.62. und erg.. M. Die Nemesis der Medizin. 16 Noak.41. NEJM 1992. München. 17 Wright.a. Claudia.40. Doctors and Their Careers. Barbara. »Where Have All the Primary Care Applicants Gone?«. » Gains in Life Expectancy from Medical Interventions – Standardizing Data and -3 8 7 - . 839-847. S. Spree. 15 Vaillant. C.2 Triomann. zitiert nach Knauer (1912). 46. New York 2001.. S. Weinstein. R.. 1988. »Ärzte und Patienten«.T. Kranke Medizin. 36. 1995. agenda 1999. Policy Studies Institute. 4 Elkeles. »Der Patient und das Krankenhaus«. in: Labisch. S. a. Ivan. »Successful Aging«.).O. zitiert nach Popp (1983). 387-393. Beck. Einem jeden Kranken …. E. Ivan.-Verl. G. Medizinische Deutungsmacht ….a. S.O. 347. R. S. Dieppe. Soziales Gleichgewicht und Gesundheit. 1997.a. 10 Ebd. in: Wilkinson. 11 Spitzy. 13 Illich.. H. Spree.a..

L. B.bbc. et al. a.shtml. P. 29 Lazarou.stm.a. K. »Der alte Mensch – Hat er noch eine Chance?«.. Center for Di-sease Control and Prevention.ascp. a. August 2001. J. August 6. 27 Mayer. S. U. S. sondern erlöse uns von dem Streben nach Gesundheit«..O. S. Baltes. The New England Journal of Medicine. 22 Illich. 160. »Underrepresentation of Patients 65 Years of Age and Older in Cancer-Treatment Trails«. Little Brown and Company.260. »Evidence Based Palliative Care«. K. »Drug-related Deaths in a Department of Internal Medicine«. 25. http://newssearch.1998. 4/5. et al.gov/diabetes/pubs/glance.. 1999. L..O. Baltes. 24 Mayer.. 386. et al. S. 30 Thorbrietz. P. 32 Spannagel. Akademie Verlag. Studienarbeit im Rahmen der zweijährigen -3 8 8 - . 18 Diabetes. J. 26 Ebbesen.). 380.. 23 Mayer. S.2061-2067. 319.. U. 31 »Concern Over Sedative Use«. 152. 462-463. htmgrowing.cdc. Die Woche. S. E. 341.5. (Hrsg. 474. I. S.. P. 23. J. 5. Die Berliner Altersstudie. a. 1200-1205. New England Journal of Medicine. Berlin. The Silent epidemic. 1999. S... BBC News. 258. 25 Hutchins. »Wirkung ohne Gewähr«.a. F. 28 American Society of Consultant Pharmacists..uk/hi/english/health/newsid1452001/1 452193.7. U. London 1999.J. 19 Le Fanu. B.Archives of Internal Medicine 2001. P. 279.. JAMA 1998. 2317-2323..co.a. Baltes.com/medhelp/silentepic. Le Monde diplomatique. »Und führe uns nicht in die Diagnose. S. 17. B. BMJ 1999.. April 1999. A Serious Public Health Problem at a Glance 2001. 161..O. »Incidence of Adverse Drug Reactions in Hospitalized Patients«. K. http://www. S. 21 LeFanu.Outcomes«. 20 Higginson. http:// www. J. deutsche Ausgabe.2001.. Rise and Fall of Modern Medicine.

Scherwitz. »Intensive Lifestyle Changes for Reversal of Coronar Heart Disease«. 161. persönliche Kommunikation 2001. Intern. 6 Eigenrecherche. 3 Schatz. Nach weiteren vier Jahren war kein Nachteil mehr festzustellen allerdings auch kein Nutzen. 28. Med 72 (1996). 34 Eigenrecherche.2000-2005. 7 Eigenrecherche. 280. Revolution in der Herztherapie. Lancet 2001. Dieter. Berger. Dean. »Primarprävention durch medikamentöse Cholesterinsenkung«. 9 Eigenrecherche. profil. Med. 1999. 11 Ornish. Arch. Cholesterin – Risiko für Prävention und Gesundheitspolitik. S.Weiterbildung für Allgemeine Kranken.. T. persönliche Kommunikation 2001. al. »Oral Contraceptive Use and Hormone Replacement Therapy Are Associated With Microalbuminuria«. 2001. Die fünfte Todsünde: Die Verwechslung von Symptom und Ursache 1 Borgers.und Kinderpflege. Dean. 10 Ornish. et al. persönliche Kommunikation. persönliches Gespräch. M. persönliche Kommunikation 2001. S. einen Anstieg der Herzinfarkte. Kreuz Verlag. in JAMA 1998. Michael (Hrsg). 33 Eigenrecherche. 8 Eigenrecherche. 35 Bert Ehgartner »Sorge mit der Vorsorge«. et. B.. Larry et al.2. 1992. denen das Östrogen als Prophylaxe gegeben wurde. Städtisches Ausbildungsinstitut für Krankenpflege München. 4 HERS-Studie: Im ersten Jahr gab es bei 2763 einbezogenen Risikopatientinnen.1999. Dieter. ZAllg. persönliche Kommunikation 2001. »Cholesterol and All Cause Mortality in Elderly People from the Honolulu Heart Programm«. 2 Borgers. Berlin 1995. -3 8 9 - . hervorgerufen durch die gesteigerte Blutgerinnung durch das Östrogen. 389-397. 2001-2007. persönliche Kommunikation 2001. S.5. 358. E. 5 Monster.

O. 255-258. »Collaborative Survey of Perinatal Loss in Planned and Unplanned Home Births«. G.. Ariston. 18 Wiegers. 15. S. S. Jahrhundert« im Oktober 2000.. et al. 23 Grant. »Home versus Hospital Deliveries: Follow-up Study of Matched Pairs for Procedures and Outcome«. S. »Outcome of Planned Home and Planned Hospital Birth in Low Risk Pregnancies: Prospective Study in Midwifery Practices in the Netherlands«. BMJ 1996. BMJ 1983. 1306-1309. Lancet 1989. G. Dean. Aleanor Verlag. et al. 313. et al. 1313-1318. 13 Ornish. The Rise and Fall of Modern Medicine. S. 22 Sykes.a.12 Eigenrecherche. 19 Northern Region Perinatal Mortality Survey Coordinating Group. et al.. Gebären ohne Aberglaube. J. Genf 1978.. Lauter 1998. U. 14 Sillo-Seidl. 1233-1235. a.. A. New York 1999. »Cerebral Palsy Amon Children Born During the Dublin RandomisedTrial of Intrapartum Monitoring«. 20 Ackermann-Liebrich. 943-945. S. 287. persönliche Kommunikation. S. A.. 15 Kornelia Müller. T. 2. A. S. Vortrag für die Grüne Akademie zum Thema »Die Zurichtung des Körpers irn 21.. S. H. Larry et al. 16 Rockenschaub. 313. Die Wahrheit über Semmelweis. »Passive Immunity Against Measles During the First 8 Months of Life of Infants Born to Vaccinated -3 9 0 - . 313. Die sechste Todsünde: Die Geringschätzung des Immunsystems 1 De Serres. BMJ 1996. 17 Goer. 21 Le Fanu.. 2001-2007.. »Foetal Distress in the Condition of Newborn Infants«. Scherwitz.. 280. 1309-1313. in JAMA 1998. »Intensive Lifestyle Changes for Reversal of Coronar Heart Disease«. The Thinking Womens Guide to a Better Birth. G. BMJ 1996. et al. S. The Berkeley Publishing Group.

New York. Tumorzentrum Heidelberg 1986... 7 Kölrnel. K. Owl Books 1998. 4 Hall. U. 1479-1486. Melanoma Res. 360. 2. C. Immunsystem und Biographie.. S. 1992. 620-623. Nature 1992.. 3 Eigenrecherche. Vacdne 1997. 8 Persönliche Kommunikation. Haferkamp. 28 f. 1999. et. 207-210..2001. 15 (6-7). 12 Abel. Vehmeyer.W. 14 Albonico. 511-519..Mothers or to Mothers Who Sustained Measles«. 11 Persönliche Kommunikation. Hans Ulrich. 10 Kölmel. Europäischer Verlag der Wissenschaften. U. S.8. K. K. Wieding.. Gefeiler. S.. O. »Coley’s toxins«. S. et al. Springer. B. in: Andreas Beck (Hrsg. S.. F. April 2000. Bern 2001. 6 Hall. D. S. Kühn. Abel. »Seroprävalenz von IgGAntikörpern gegen Masern. Mumps und Röteln bei Schweizer Kindern in den ersten 16 Lebensmonaten«. »Infections and Melanoma Risk: Results of a Multkentic Case-control Study«. 130. 13 Persönliche Kommunikation. A Commotion in the Blood.O. F. B. »Febrile Infections and Malignant Melanoma: Results of a Case-control Study«. 9 (5J. (Hrsg. Stephen S..) Einwirkung der Umwelt auf den Menschen – Auswirkungen auf die Medizin des 21.. Gefeller. 3. F. O. A. in: Waclawiczek.. et al. Berlin 1991. H. »Die antineoplastische Wirkung pyrogener Bakterientoxine«. 107123.. Stephen S. April 2000.. 2000. Schweiz Med Wochenschr 2000.. New York. U. Das Maligne Melanom – Derzeitiger Stand in Diagnose und Therapie. A Commotion in the Blood. Jahrhunderts. 5 Starnes. Owl Books 1998. Plädoyer für eine nachhaltige Medizin«. 10. al. -3 9 1 - . K. 122. Pfahlberg. »Behandlung des metastasierenden malignen Melanoms mit einem Endotoxin enthaltenden Bakterienlysat – Ergebnisse einer Pilotstudie«. Melanoma Res. S. 15. »Impfung. J. S. 238-239. 2 Desgrandchamps. S. 9 Kölmel. 23.).. persönliche Kommunikation.

8. November 2000.com/cgi/eletters/321/7274/1435EL8. Pratt. »Routine Vaccinations and Child Survival: Follow-up Study in Guinea-Bissau. 2000. »Vaccination and child survival in the developing world: lessons from the Guinea Bissau studies«.. 1-8.99. G.bmj. Website des BMJ: www. I.8. Barthel &: Barthel Verlag 1991. 24 Persönliche Kommunikation. 16 Kristensen. John P. Ball. 16. K.. S. Referat auf dem 2. and Reported to National Surveillance«.11.7. Peter. S. 29 Die verwendeten Daten stammen von der Forschergruppe Clements. »Study of Infectious Intestinal Disease in England: Rates in the Community. B. York Times. Januar 2001.. H. »Re: Re: WHO response to GuineaBissau report«. 14. 9-27.. 2001). C. Schweizer Impfkongreß in Fribourg vom 17. »Impfpromotion in der Schweiz«. Neu. et al. 321. 12. Melody.. BMJ 2000.bmi. 28 Vaccine-Advisory Committees der FDA. D. 1279-1280.. West Africa«. 318. 30 Wheeler... S. 23 Persönliche Kommunikation.10. Session 1: Update on Thimerosal. 22 Persönliche Kommunikation. Januar 2001. 1046-1050. »Thimerosal in vaccines«. 12. BMJ 1999.1999. 25 Petersen. 200126 Coulter. et al. -3 9 2 - . 21 Mulholland. Januar 2001. 19 Persönliche Kommunikation.2001. Fisher. R.com/cgi/eletters/321/7274/1435EL4 (23.15 Klein.J. 17 Persönliche Kommunikation. 31 CDC – Rotavirus Vaccine Fact Sheet. Website des BMJ: www. 21. Barreto. Ball. 27 Persönliche Kommunikation. S. Presenting to General Practice..9. Dreifachimpfung – Ein Schuß ins Dunkle.11. 18 Persönliche Kommunikation. Juli 2000. 20 Heptonstall.. J. Mauricio L. »Increased Spending on Drugs Is Linked to More Advertising«. Lancet 355.2001. Kim. L.

»Efficacy of the Rhesus RotavirusBased Quadrivalent Vaccine in Infants and Young Children in Venezuela«. C. 74. 46 Eigenrecherche. 1181-1187. persönliche Kommunikation 1999. 14. et al. S. S. 37 Keusch. 174.. Lancet 2001. 38 Ebd. Immunogenicity. 35 Linhares. 491500. 44 Altman.. NEJM 1997. 268-275. 23. et al. 9. Dr.32 Vaccine-Advisory Committees der FDA. et al. 43 Vaccine-Advisory Committees der CDC. J Infect Dis 1996. Session 3: Update on Ro-taShiefd. 42 »Intussusception Among Recipients of Rotavirus Vaccine – US 1998-1999«. Lawrence K. G. 47 Eigenrecherche. 1129-1133. Lawrence K. T.a. 34 Lanata. persönliche Kommunikation 1999. MM WR 48 (27). 337. 16. a. Kathryn Carbone.O. I. S. 358. persönliche Kommunikation 1999 49 Eigenrecherche. 45 Riedler. »Exposure to Farmingin Early Life and Development of Asthma and Allergy: a Cross-sectional Survey«. J. 577-581 (16. »Safety. Dr.. 39 CDC – Rotavirus Vaccine Fact Sheet. S. -3 9 3 - . FDA. Kathryn Carbone.1999. 7.99. Safety and Efficacy of Tetravalent Rhesus-Human.. Reassortant Rotavirus Vaccine in Belem. Peru«. »A Vaccine Against Rotavirus – When is Too Much Too Much?«. FDA. »In Turnabout. 33 Persönliche Kommunikation. NEJM 1997.. »Immunogenicity. S. Federal Panel Votes Against Vaccine«. S. R.46-71. 40 Altman. F.C. and Protective Efficacy of One and Three Doses of the Tetravalent Rhesus Rotavirus Vaccine in Infants in Lima..9.. et al. Juli 2000. Bull World Health Organ 1996. 41 Zitiert nach Pschyrembel und Gesundheits-Brockhaus. 14. 46-71. A.99. A. NY Times. 337. 17. Session 3: Update on Ro-taShield. No. persönliche Kommunikation 1999. Brazil«.7. 36 Perez-Schael. 48 Eigenrecherche. Cash. Oktober 1999. S.1999).

Februar 1998. 117 (4)..1998. 65 Eigenrecherche. S. BMJ 1998. persönliche Kommunikation 1999. BBC 1998. S. »Mind Body Research in Psychooncology«. H. 13. »Common Infections in the History of Cancer Patients and Controls«. Science 1999. New York Times. 339-344. 8 (4). Advances in Body Mind Medicine 1999. 51 Eigenrecherche. 6. New York Times. S. 238-240. U et al. »Placebos Prove So Powerful Even Experts Are Surpri-sed«. persönliche Kommunikation 1997. persönliche Kommunikation 1999.50 Eigenrecherche. Sandra. -3 9 4 - . Februar 1999. 10. J Cancer Res Clin Oncol 1991.. »Psychooncology and Total Survivorship«. K. 56 Richard Doll »Controlled Trials: the 1948 Watershed«. S. 1217-1220. 55 Eigenrecherche. Support Care Cancer 2000. 62 Interview in »Mind over Body«. persönliche Kommunikation 1999. »Use of and Attitudes Held Towards Unconventional Medicine by Patients in a Department of Infernal Medicine/Oncology and Haematology«. 60 Persönliche Kommunikation. S. 314-322. BBC 1998. 58 Blakeslee. L. 53 Susan Dominus »The Allergy Prison«. persönliches Gespräch 1997. 236-281. »Can the Placebo Be the Cure?«. Kommentar zu Greer. persönliche Kommunikation 1997 66 Eigenrecherche. 64 Interview in »Mind over Body«. 59 Eigenrecherche. 69 Kappaui. 67 Abel. persönliche Kommunikation 1999. 63 Persönliche Kommunikation. 61 Block. 317. 284. persönliches Gespräch 1999.10. 52 Eigenrecherche. 15. 68 Eigenrecherche.. S. 2001 54 Eigenrecherche. et al. 57 Martin Enserink. persönliche Kommunikation 1997.

9.12. 8 Nelson.. 286. 565-567. »Hasty Decisions in the Race to a Cure«. 7 Persönliche Kommunikation. 1994. 11 Nelson.1999. Perikles. »Gentherapie-Forscher: Verkannte Helden oder Roulettespieler?«. »Immunological and Physiological Changes Associated with Induced Positive and Negative Mood«. 8.11. 72-80. Neue Zürcher Zeitung. 6 Jaroff. Science 1999. 16 Ebd.1999. 499-511. 10 Dettweiler.11. 2244-2245.1999. D. 1999. Eliot. S.. Psychosom Med. Science 1999. 5 Persönliche Kommunikation. »Methods Faulted In Gene Test Death«. Rick. »Gene Researcher Defends Test on Teens«. Science.12. Juni 1997... -3 9 5 - . 13 Ebd. S. 16. 15 Ebd. 18 Marshall.. »Fixing the Genes«. S.1999. Ulrich. D. Deborah. Neue Zürcher Zeitung. Weiss. Spiele/ 20/2001 S. Weiss. Sandro. 14 Ebd. Süddeutsche Zeitung. 56 (6). 17 »FDA Halts All Gene Therapy Trials at Penn«. Time. A.1999. 12 Nelson. 286.12. Washington Post.1999. »Gen-Therapie wird zur Gen-Lotterie«. Weiss. Juli 2000. Juni 1997. Erwin. Die siebte Todsünde: Die Versklavung der Medizin durch die Industrie 1 Rusconi. 3 Koch. 4 Rusconi. 21. et al. »Gene Therapy Death Prompts Review of Adenovirus Vector«. Washington Post. R. 2 Marshall. »Jesses Asche«. Sandro. 287.1. 2244-2245. Simon. »Gene Therapy Death Prompts Review of Adenovirus Vector«. Washington Post.70 Futterman. 9 Persönliche Kommunikation. »Gentherapie-Forscher: Verkannte Helden oder Roulettespieler?«. Leon. 2. D. S.12. 2. 11. Eliot. R.

F.. August 2001. 23 Ebd. Washington Post. 32 DeAngelis.11. JAMA 2000. S. Weiss. Dieter. persönliche Kommunikation. K. Ulrich.V. 286. 4. JAMA 2000. L.3. and Accountability«. et al. »Sponsorship.1999.2000. 34 Cho. 16. J. O. Bert. »Die Macht der Industrie«.2001. »Conflict of Interest and the Public Trust«. Administered to Patients Infected With HIV Having 300 to 549 106/L CD4 Cell Counts«. Süddeutsche Zeitung. persönliches Gespräch 21. Rick. 124(5). Perikles. S. 30 Ehgartner. The New York Times. 23. et al. 2193-2202.2001. 21 Ebd. Wirtschaftswoche.3. an Immunologie Modi-fier. 284. 29 Eigenrecherche. P. Zeitschrift für Allgemeinmedizin 9/2001. 35 Gerichtsurteil vom 1.4.11. Bucklo. profil.2000. S. November l999.1. Deborah. 2237-2238.. 24 Borgers.. vaccine failed«.485-489. Catherine. 24. 284. J. 373-374. Authorship.I. 26. 1. United States District Court for the Northern District of Illinois.3. S. 31 Kahn.19 Nelson. JAMA 2001. 25 Wall Street Journal.3. S. Bero. -3 9 6 - . 21.2001. »Gen-Therapie wird zur Gen-Lotterie«. A. Ulrich. 33 Hilts. 28 Davidoff. »Company tried to bar report that H. Ann Intern Med 1996. 27 Eigenrecherche. persönliche Kommunikation. Richterin Elaine E. Simon. 1232-1233.. 22 Ebd. »Evaluation of HIV-1 Immunogen.. 26 Interview mit Pfizer-Chef Henry McKinnell. 20 Dettweiler. »FDA Lists Violations by Gene Therapy Director at U-Penn«. »The Quality of Drug Studies Published in Symposium Proceedings«. »Cholesterin: Risiko für Prävention und Gesundheitspolitik«. M.2001. Kraft. 2001.

S.T Cell Tunover«. et al. 43 Smith. 39 Orlowski. Deutsche Medizinische Wochenschrift 125 (2000). 1999. 48 Grady. 46 Abbot. 55. S.6. A.. 569. D. 50 Wolthers. S.373-380. 283. M. D. 8. »Peer Review: Reform or Revolution?«. 123126. S. »Physicians and the Pharmaceutical Industry«. -3 9 7 - . 270-273. A. 315. 237240.. A. 23. Nature 1995. C. R. 42 Godlee. P... Bd. 45 »Das machen doch alle«. 8. 1543-1547. »Publizierter Betrug. S. »T Cell Telomere Length in HIV-1 Infection: No Evidence for Increased CD4-t.5... »Science Comes to Terms with the Lessons of Fraud«. Süddeutsche Zeitung.1997. et al. K.. S. et al. 357. 13-17.6. F.2000. 47 Gale. J.. 373. J Med Educ 1980.2001. Spiegel. 40 Zeitschrift für ärztliche Fortbildung und Qualitätssicherung. Nature 1999. 280 (3). 1112-1114. 453-455. P. S. Spiegel 45/99. S. »Lessons from the Glitazones: a Story of Drug Development«. 37 Wazana. 1870-1875. 759. »Rapid Turnover of Plasma Virions and CD4 Lymphocytes in HIV-1 Infection«. Chest 1992. BMJ 1997. 49 Ho. 41 Zitiert nach: »Einseitige Lehrer«. »Teaching Drug Promotion Abuses to Health Profession Stu-dents«. »The Effects of Pharmaceutical Firm Enticernents on Physician Prescribing Patterns«. Lancet 2001. S. Die Veröffentlichung verfälschter medizinischer Forschungsergebnisse«. 398. et al. 38 Palmisiano. JAMA 2000. V.36 »Professor Coca-Cola«.. 276-278. Denise. JAMA 1998. 44 Diehl.2. 102 (1). S. 5. New York Times.. et al. Science 1996. E. S. et al. »Effect on the Quality of Peer Review of Blinding Reviewers and Asking Them to Sign Their Reports: a Randomized Controlled Trial«. »Quest for Aids Vaccine Rises From Ashes of Dashed Hopes«.

J. S. BMJ 1999.de. Ich wollte hundert Jahre werden.com 19. E. Investigator. 318. S. 57 Fiala. 64 Lynn Gannett »An Eyewitness Account«. 222. -3 9 8 - . Lübbe 2001. 1297-1302. 7 (5). Schirin. Neville. 53 Fellay. BMJ 1999.. S. et al.. 52 Aerztezeitung. 60 Hodgkinson. »Effects of Zidovudine in 365 Consecutive Patients with AIDS or AIDS-related Complex«. S. April 1998. 66 Gunneberg. Patricia A. Christian. 1322-1327.4. 2 (8623). 2001. 319..51 Persönliche Kommunikation. 63 Inspectial Observation of the FDA. Deuticke. 56 Eigenrecherche. 358. London 1996. 58 Fiala.. Spitzig. Christian. S. Washington Post. Department of Health and Human Services. 55 Zitiert nach: »Complete Text of South African President Thabo Mbekis Letter to World Leaders on Aids in Africa«. »Prevention of Vertical Transmission of HIV: Analysis of Cost Effectiveness of Options Available in South Africa«.11. et al. 59 Hodgkinson. Lancet 2001. 61 Dournon. 62 Zusammenfassung einer Expertendiskussion vom 21. N. S. 1651-1656. Wien 1997.224-226. Oktober 1996 am Co-lumbia-Presbyterian Medical Center in The Aids Reader 1997. S.virusmyth. »Findings Probably Do Not Apply to Rest of Sub-Saharan Africa«. Oktober 1997. persönliche Kommunikation. 54 Bogner. Lancet 1988. 65 Söderlund. et al. 36-38. www.2000. New African. 165-172. 19.2001.a.7. 3. Forth Estate.O. Aids – the Failure of Contemporary Science. »Prevalence of Adverse Events Associated with Potent Antiretroviral Treatment: Swiss HIV Cohort Study«. Christian. Mai 2001. Lieben wir gefährlich? – Ein Arzt auf der Suche nach Fakten und Hintergründen von Aids. a. S. Neville. 1431. »Dirty Tricks Over Aids Figures«.

-3 9 9 - .

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful