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106. Römische Personennamen

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VIII. Historische Entwicklung der Namen

Buonamici, G. (1932): Epigrafia etrusca (‘Onomastica’). Firenze, 257—310. De Simone, C. (1968/70): Die griechischen Entlehnungen im Etruskischen. 2 Bde. Wiesbaden. Rix, H. (1963): Das etruskische Cognomen. Untersuchungen zu System, Morphologie und Verwendung der P ersonennamen auf den jüngeren Inschriften Nordetruriens. Wiesbaden. Rix, H. (1972): Zum Ursprung des römisch-mittelitalischen Gentilnamensystems. In: Temporini, Hildegard et al. (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, I,2. Berlin/New York, 700—758. Rix, H., Meiser, G. (1991): Etruskische Texte.

2 Bde. (mit vollständigem Wortregister). Tübingen. Schulze, W. (1904): Zur Geschichte lateinischer Eigennamen. Abhandlungen der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften Göttingen, philosophisch-historische Klasse, NF. V 4. Berlin [Nachdruck Berlin etc. 1966]. Vetter, E. (1948): Die etruskischen P ersonennamen leθe, leθi, leθia und die Namen unfreier und halbfreier P ersonen bei den Etruskern. In: Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Instituts 37, Beiblatt, 57—112.

Helmut Rix, Freiburg i. Br. (Deutschland)

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1. 2. 3. System der Personenbezeichnung Herkunft der Namen Literatur (in Auswahl)

1.

System der Personenbezeichnung

1.1. Gentilnamensystem der Vollbürger in der späten Republik Im letzten Jahrhundert der Republik und im Anfang der Kaiserzeit umfaßte die offizielle Bezeichnung eines römischen Bürgers wie L. Furius L. f. Ouf. Crassipes 5 Bestandteile: P ränomen (L(ucius)), Gentile (nomen gentile: Furius), Filiation(sangabe) (praenomen patris: L(uci) f(ilius)), Tribus(-angabe) (Ouf(entina tribu)), Cognomen (Crassipes). Die Bezeichnung war gesetzlich festgelegt, so in der lex municipalis von 45 v. Chr. (I2 593, 146—149): nomina, praenomina, patres aut patronos, tribus, cognomina ... in tabulas publicas (hier: die Censuslisten) ... referunda curato (ähnlich lex repetundarum von 123/2 v. Chr., I2 583, 14.17 quos legerit, eos patrem tribum cognomenque indicet). In der außerbehördlichen P raxis wurden die Regeln lockerer gehandhabt: Außerhalb von Listen fehlt meist die Tribusangabe, auch in offiziellen Inschriften wie in den von den Censoren von 55 v. Chr. erstellten Terminationscippen des Tiberufers (I2 766) M. Valerius M. f. M’. n. Messalla etc. (mit praenomen avi, → 1.1.3.); Ein Cognomen konnte auch nicht angeben, wer keines führte, etwa der Triumvir M. Antonius. 1.1.1.  Das Zentrum des Namenformulars ist das Gentile, der Familienname. Es wird vom

Vater auf die Kinder vererbt; Frauen behalten es bei der Heirat bei. Es gibt also die väterliche Deszendenz, die gens, an; Familie ist hier also im Sinne von Abstammungsgemeinschaft zu verstehen. Der Anfang des Gentiles bestimmte die Einordnung des Namens in (alphabetische) Listen. Das Gentile ist ein Adjektiv, das mit dem P ränomen kongruiert. Es kann auch Beziehungen einer P erson nach außen bezeichnen, etwa die Funktion des Erbauers in Via Flaminia (‚Straße des C. Flaminius’) oder Basilica Iulia (‚Markthalle des C. Iulius Caesar’) oder die des Antragstellers bei einem Gesetz (lex Sempronia von Ti. bzw. C. Sempronius Gracchus beantragt). Daß dabei nur das Gentile und nicht der Gesamtname verwendet wurde, läßt ein Zurücktreten des Individuums hinter seiner gens erkennen (die scheinbare Ausnahme Via/Aqua Appia ‚Straße/Wasserleitung des Ap. Claudius Caecus’ bestätigt den Schluß: das P ränomen Appius war nur bei den patrizischen Claudiern gebräuchlich, dort aber häufig). 1.1.2.  Das P ränomen bestimmte das Individuum innerhalb der Familie. Für diesen Zweck genügte eine kleine Auswahl. Kurz vor Ende der Republik waren nur 14 P ränomina in allgemeinem Gebrauch: Aulus, Decimus, Gaius, Gnaeus, Lucius, Manius, Marcus, Publius, Quintus, Servius, Sextus, Spurius, Tiberius, Titus; 4 weitere sind auf einzelne Adelsfamilien beschränkt: Appius (Claudii), Kaeso (Fabii, Quinctii), Mamercus (Aemilii), Numerius (Fabii). Viele Familien haben traditionell oder durch förmlichen Beschluß (die patrizischen Manlier haben das durch die Schuld eines seiner Träger belasteten P rä-

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nomen Marcus ausgeschlossen, Cic. P hil. 1,13,32) die Auswahl weiter eingeschränkt. Eine vergleichbare Beschränkung in der Auswahl der P ränomina ist in spätrepublikanischer Zeit auch in den anderen Gemeinwesen Mittelitaliens feststellbar (—> Rix, Art. 105, 2.1.). Die Verwendung fremder P ränomina ist sehr selten. Das P ränomen war somit faktisch auch ein Bürgerrechtsdistinktiv. Durch die lex Iulia von 90 v. Chr. zu römischen Bürgern gewordene Etrusker ersetzten, wie bilingue Grabschriften zeigen, in ihrem lateinischen Namen ihr etruskisches P ränomen durch ein römisches (Vel Anne → C. Annius, Cl 1.1221). Die P ränomina werden in außerfamiliären Texten stets durch eine Sigle abgekürzt, die aus einem oder, wo zur Differenzierung nötig, aus zwei oder drei Buchstaben besteht: A = Aulus, Q = Quintus etc.; T = Titus, Ti = Tiberius; S (später Sp) = Spurius, Sx (später Sex) = Sextus, Ser = Servius. Die Siglen gehen auf das 6. Jahrhundert v. Chr., d. h. wohl auf die Zensuslisten des Königs Servius Tullius zurück. Nur so ist die Verwendung des noch im 6. Jahrhundert v. Chr. auch vor a durch C abgelösten K für Kaeso und die des fünfstrichigen M’ für Manius zu erklären. In C = Gaius und in Cn für Gnaeus ist das alte C nicht durch das erst Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. erfundene G ersetzt worden. 1.1.3.  Filiations- und Tribusangabe kann man als indirekte Namenglieder den direkten gegenüberstellen, insofern als sie, anders als P ränomen, Gentile und Cognomen, den Namenträger nicht unmittelbar bezeichnen (und darum auch nicht alleine gebraucht werden können), sondern seine Identität durch Bezugnahme auf andere P ersonen oder Gruppen näher bestimmen. — Die Filiationsangabe besteht aus dem P ränomen des Vaters im Genetiv, mit der Sigle notiert, und dem den Genetiv regierenden Wort filius ‚Sohn’ (bzw. filia ‚Tochter’), meist durch f. gekürzt. Durch die Filiationsangabe ließen sich ohne Vergrößerung der P ränomenauswahl die Nachkommen von Brüdern unterscheiden. In manchen offiziellen Dokumenten, etwa in Beamtenlisten (fasti consulares), folgte auf das P ränomen des Vaters noch das des Großvaters im Genetiv (bzw. als Sigle) vor nepos ‚Enkel’ (Sigle n): P. Cornelius P(ubli) f(ilius) L(uci) n(epos) Scipio. Damit (und mit zusätzlicher Hilfe des Cognomens) ist die Identifikation auch in weit verzweigten Adelsfamilien gesichert. Wo sich diese aus dem Kontext ergab, etwa in privaten Inschriften oder in der Literatur, konnte auf die Filiationsangabe ver-

zichtet werden. — Die Tribusangabe nennt den Stimmbezirk (tribus), in den der Bürger eingetragen ist, stets mit einer Sigle aus fast immer drei (ausnahmsweise vier) Buchstaben. Die Sigle ist zum Ablativ des adjektivischen Tribusnamens aufzulösen, tribū ist mitzuverstehen und der Ausdruck als Herkunftsablativ (abl. originis) aufzufassen: P. Attius P. f. Ouf(entīnā tribū). Die Tribusangabe dient mehr zur Klassifikation als zur Identifikation eines Bürgers und wird darum nur selten in Texten aufgeführt. 1.1.4.  Das Cognomen ist entweder ein persönliches Individualcognomen und ergänzt als solches die Bezeichnungsfunktion des Pränomens, z. B. bei C. Marcius Censorinus, der als erster (und einziger) zweimal Zensor war, oder es ist ein erbliches Familiencognomen und dient zur Unterscheidung der Angehörigen verschiedener Zweige (stirpes) einer Familie (gens), etwa Scipio und Cossus bei den Cornelii. Natürlich konnte man gleichzeitig ein Familien- oder ein Individualcognomen führen: P. Cornelius Scipio Africanus. Weitere Verzweigung der stirpes führte gelegentlich zu einem zweiten Familiencognomen: P. Cornelius Scipio Nasica mit dem Individualcognomen Corculum. Die beiden Arten von Cognomina waren nur durch die Wortstellung zu unterscheiden: Familien- vor Individualcognomen. Dies ist historisch begründet: alle Familiencognomina (etwa Censorinus bei den Marcii) sind durch Vererbung aus Individualcognomina entstanden. Das cognōmen war das Erkennungsmittel; das Wort ist von cognōscere ‚erkennen’ abgeleitet (und nicht etwa aus com- ‚mit’ und nōmen ‚Name’ zusammengesetzt). 1.2. Bezeichnungen anderer Personengruppen 1.2.1.  Die Namen der Freigelassenen, d. h. der zu Freiheit und Bürgerrecht gelangten Sklaven, unterscheiden sich nicht strukturell, wohl aber lexikalisch von den Namen der Freigeborenen. An die Stelle der Filiationsangabe trat bei ihnen, die ja rechtlich nullo patre waren, die P atronusangabe, d. h. der Genetiv (bzw. die Sigle) des P atronuspränomens und ihre Statusbezeichnung l(ibertus/-ta), bei Freigelassenen von Frauen die mulieris libertus/-ta zu lesende Sigle ɔ, l.:T. Luscius T. l. Parnaces, T. Attius ɔ. l. Auctus (I2 1332). Als Cognomen wurde der frühere Sklavenname benutzt und seit Ende des 2. Jahrhunderts

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v. Chr. auch geschrieben. Während zunächst die Wahl des Bürgerpränomens frei war, setzte sich zu Beginn des 1. Jahrhunderts v. Chr. die Sitte durch, dafür das P ränomen des Patronus zu vewenden. 1.2.2.  Frauen hatten in den Gemeinwesen Zentralitaliens kein Bürgerrecht. Darum benutzten in Rom Frauen — Freigeborene wie Freigelassene — grundsätzlich die Namenformel der Männer, jedoch ohne Tribusangabe und normalerweise auch ohne P ränomen: Basilia Sp. f. Posilla, Licinia L. l. Athenais (I2 1408. 1326). Die Identifikation im Familienkreise erfolgte durch einen inoffiziellen Individualnamen, der in den Texten normalerweise die Stelle des Cognomens einnahm, ausnahmsweise auch einmal die des P ränomens (Paulla Cornelia Cn. f. I216; in der P atronusangabe erscheint statt des P ränomens mulieris (libertus), → 2.1.). In Rom kann das Frauenpränomen seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. fehlen: Die Tochter des Königs Servius Tullius wird in der Überlieferung stets nur mit dem Gentile Tullia zitiert — so, wie später M. Tullius Cicero seine Tochter genannt hat. In anderen Gemeinwesen Mittelitaliens hat sich das Frauenpränomen bis in spätrepublikanische Zeit erhalten, etwa im latinischen Präneste (Paula Cania C. f., I2 2456) oder im pälignischen Sulmo (Saluta Papia T., Ve. 210 e; cf. auch Etr. P N 1.1.), doch überall nur als mehr oder weniger häufige Alternative zur offiziellen Pränomenlosigkeit. 1.2.3.  Die Bezeichnung eines Sklaven hat zu Ende der Republik eine von der der Bürger abweichende Struktur. Auf den Sklavennamen folgen das P atronusgentile im Genetiv, dann (Sigle des) P atronuspränomen(s) (fehlt bei einer patrona) und s(ervus): Tiasus Deci P. s., Thais Vibiae s. (I2 753. 2686); die beiden letzten Elemente bleiben oft ungenannt: Caputo Memmi (I2 889) ‚C., des M. (Sklave)’. Die spätrepublikanische Formel mit ihrer ungewöhnlichen Reihenfolge von P atronuspränomen und -gentile ist aus einer nur noch in wenigen Beispielen des 3. Jahrhunderts v. Chr. belegten Formel umgebildet, in der das (adjektivische) P atronusgentile auf den Namenträger selbst bezogen war — Retus Gabinios C.s. (I2 412) —, der damit nur durch s(ervos) und gegebenenfalls durch seinen Individualnamen als Sklave erkennbar war; die Änderung der Kongruenzbeziehung und damit auch das Kasus des P atronusgentiles beraubte

den Sklaven des Gentiles und kennzeichnete seinen Stand eindeutig. 1.3. Verfall des Gentilnamensystems in der Kaiserzeit In der Kaiserzeit ist das spätrepublikanische P ersonennamensystem langsam unbrauchbar geworden. Daß mit den Tribus die Tribusangabe verschwand, war onomastisch kein großer Verlust. Die treibenden Faktoren bei der P ervertierung des alten Systems waren vielmehr (a) die rasch zunehmenden, ökonomisch motivierten (Erbschaft!) Adoptionen und (b) die rapide Vermehrung der Bürgerschaft durch Freilassung von Sklaven und durch Bürgerrechtsverleihung an Provinziale. 1.3.1.  Bei Adoptionen übernahm der Adoptierte P ränomen, Gentile und Cognomen des Adoptivvaters (bzw. des Vaters seiner Adoptivmutter). Bis in die Kaiserzeit fügte er ein Individualcognomen hinzu, das von seinem ursprünglichen Gentile abgeleitet war, so P. Cornelius Scipio Aemilianus, Sohn des L. Aemilius Paullus, 168 v. Chr. adoptiert von P. Cornelius Scipio. Als dagegen 79 n. Chr. der ältere (C.) Plinius (Secundus) den Sohn seines Schwagers Caecilius adoptierte, nannte sich dieser C. Plinius Caecilius Secundus, d. h. er fügte dem neuerworbenen Gentile sein altes hinzu. Andere nahmen zudem P ränomen und Cognomen des alten Namens in den neuen auf, wobei alle diese Namenglieder vererbt werden konnten. Eine Folge von Adoptionen über mehrere Generationen hinweg führte zu einer gewaltigen Kumulation von Namengliedern (z. B. D. Cutius Balbinus M. Cornelius Potitus L. Attius Iunianus Romulus, II 1171), von denen die meisten für die Identifikation der Person belanglos waren. 1.3.2.  Die aristokratischen Familien der Kaiserzeit und besonders der Kaiser selbst bedienten sich zur Führung ihrer Geschäfte in großem Umfang ihrer Freigelassenen, die alle jeweils P ränomen und Gentile ihres P atronus trugen. So erhielten Tausende von Neurömern die Gentilnamen Iulius, Claudius, Flavius, Ulpius, Aelius, Aurelius. Gleiche onomastische Wirkung hatten die Bürgersrechtsverleihungen an P rovinziale, deren Höhepunkt die Constitutio Antoniniana von 212 n. Chr. war, mit der der Kaiser Caracalla alle Freien des römischen Imperiums zu Bürgern machte; die Hälfte aller ‚Römer’ hieß danach mit P ränomen und Gentile dieses Kaisers M. Aurelius. P ränomen samt Filiationsan-

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gabe und Gentile hatten damit ihren distinktiven Wert verloren, der allein noch vom Individualcognomen wahrgenommen wurde. 1.3.3.  In seiner Funktion, das Individuum zu bezeichnen, erhielt das Cognomen vom 2. Jahrhundert n. Chr. an, zunächst im griechischen Osten, eine Konkurrenz durch das Supernomen oder Signum, das durch qui/quae et (griech. ὁ/ἡ καὶ) ‚der/die auch ... (heißt)’ oder durch signo ... ‚mit signum ...’ an den alten Namen angeschlossen wurde, in der Praxis aber immer häufiger diesen vertrat: Considius Victor qui et Gargilius, Virrullius Hilarus signo Concordius (III 2296. VIII 4411). Als Supernomina konnten lateinische, griechische und ‚barbarische’ Wörter oder Namenwörter verwendet werden. Am häufigsten aber waren Bildungen, die mit dem sonst nicht produktiven und darum zur Kennzeichnung eines Eigennamens gut geeigneten Suffix -io- von einem lateinischen oder griechischen Wort abgeleitet wurden, z. B. die Namen der kaiserlichen Brüder Arcadius (griech. Ἀρκάδες) und Honorius (lat. honor ‚Ehre’). Mit dem spätantiken Supernomen war der Zustand der Einnamigkeit einer P erson wieder erreicht. 1.4. Die Gentilnamensysteme der übrigen Völker Zentralitaliens Dem römischen ähnliche Gentilnamensysteme besaßen bis zu ihrem Verschwinden zu Beginn der Kaiserzeit auch die übrigen Völker Halbinselitaliens (die Messapier im SO ausgenommen): das Etruskische (→ Rix, Art. 105), das dem Lateinischen sehr nahestehende Faliskische in Südetrurien und die mit dem Lateinischen verwandten sabellischen Dialekte, nämlich das Oskische, vom Zentralappennin über Kampanien bis Messina verbreitet, das Umbrische in Umbrien und das erst neuerdings entzifferte Südpikenische aus den mittleren Adriaregionen, dem auch das P räsamnitische Kampaniens zuzurechnen ist. Mit Ausnahme der spezifisch römischen Tribusangabe finden sich alle Namenglieder des römischen Systems auch dort (Beispiele Männernamen): etr. Vel P R Tite GE Meluta CO Arnθal FA (Cl. 1.2486); fal. Uoltio P R Uecineo GE Maxomo CO Iuneo FA (Ve. 322 d); osk. G(aavis) P R Staatiis GE L(úvkieís) FA Klar CO (Ve. 154); südp. Kneiụụúm PR Tịtịúṃ FA Anaiúm GE Aúdaqm CO (AP 1); umbr.: Uois. P R Ner. FA Propartie(r) GE (Ve. 236) (im Umbr. kein Beleg für ein CO).

1.4.1.  Im einzelnen finden sich freilich auch Abweichungen vom röm. System (→ auch Rix, Art. 105). Zwei davon sind für das Verständnis von Ursprung und früher Geschichte des ganzen Systems wichtig. (a) In der umbr.südpiken. Gruppe sowie, wohl durch präsamnit. Einfluß, in einem kleinen osk. Bereich südlich von Kampanien steht die Filiationsangabe vor dem Gentile. (b) Wieder in der umbr.-südpiken. Gruppe sowie in dem dem Umbr. benachbarten Falisk. ist als Filiationsangabe nicht der Genetiv des Vaterpränomens verwendet, sondern ein von diesem abgeleitetes patronymisches Adjektiv. Beispiele für (a) und (b): umbr. Vuvçis P R Titis FA Teteies Ge (TIg. I b 45), südp. Noúínis P R Pet{i}eronis FA Efidans GE (AP 5), präsamnit. Vinuχs P R Veneliis FA Peracis GE (Ve. 101); nur für (a): osk. Αλαπονισ PR ΠακϜηισ FA Οπιεσ GE (Ve. 185); nur für (b): fal. Tito P R Marhio GE Voltilio FA (vom P R Voltio) (Ve 324 f.). Ungeachtet aller Varianten sind aber die P ersonenbezeichnungen der Völker Zentralitaliens einander so ähnlich, daß die Annahme eines gemeinsamen Ursprungs unvermeidlich ist. 1.5. Leistung, Ursprung und frühe Geschichte des Gentilnamensystems 1.5.1.  Die historische Leistung des römischzentralitalischen P ersonennamensystems war die Einführung des Gentiles, des erblichen Familiennamens. Dieser ermöglicht nämlich einmal eine onomastische Untergliederung der Individuen einer Gemeinschaft, die besonders in größeren Gemeinwesen nützlich ist, und zum anderen die Kennzeichnung aller P ersonen der gleichen (väterlichen) Deszendenz, was in Rechtsfragen wichtig werden konnte. Zudem bildet das P aar Individualname-Familienname (P ränomen-Gentile) eine tragfähige Basis für die Etablierung weiterer differenzierender Namenglieder. Auch in anderen Bereichen der antiken Welt findet sich die Zugehörigkeit zu einer Abstammungsreihe angegeben, so bei der Priesterfamilie der Κήρυκες in Athen (Stammvater Κῆρυξ), beim persischen Königshaus der Achaemeniden (Haxāmanišiya, Stammvater Haxāmaniš) oder bei den Familien vedischer Sänger (Bharádvājās, Ahnherr °-jas). Doch nirgends anders als im Zentralitalien des 1. vorchristlichen Jahrtausends (und in davon beeinflußten Nachbargebieten) ist die Angabe der Familienzugehörigkeit zum festen, ja zum gesamtgesellschaftlich wichtigsten Bestandteil des P ersonennamens gewor-

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den. — Nachdem der erbliche Familienname am Ende der Antike wieder der archaischen Einnamigkeit gewichen (→ 1.3.3.) war, wurde die Institution gegen Ende des ersten nachchristlichen Jahrtausends in den volkreichen und relativ wohlhabenden Städten Oberitaliens wieder aufgegriffen, um von dort aus ihren Siegeszug über (fast) ganz Europa und dann über weite Teile unserer Erde anzutreten. 1.5.2.  Der Ursprung des Systems muß im erblichen Gentile gesucht werden. Morphologisch sind die Gentilnamen bei allen Völkern Zentralitaliens überwiegend P atronymika, d. h. adjektivische Ableitungen von Männernamen (→ 2.1.). Die vorhistorische Existenz adjektivischer P atronymika ist für die ital. Völker aus P arallelen in anderen idg. Sprachen zu erschließen (gr. Τελαμών-ιος [Αἴας], aind. Túgr-iyas [Bhujyús], aruss. Igorevičь etc.), für das Etr. aus der morphologischen Struktur der alten Gentilnamen auf -na (→ Rix, Art. 105, 5.1.; ein indirekter Beleg ist das P atronymikon Spuria-na in der Filiationsangabe von La 2.3.: Araz Silqetenas Spurianas). Die Variation in Ausdruck und Stellung der historischen Filiationsangabe (→ 1.4.1.) erlaubt die Vermutung, daß es bei den ital. Völkern vorhistorisch sogar zwei P atronymika gab, von denen sich eines auf den leiblichen Vater bezog, das andere (bei den Latinern das zweite, bei den Umbrern das erste) auf den pater familias, den ältesten noch lebenden Vorfahren im Mannesstamm. Die Entstehung des Gentiles war dann der Akt, in dem das oder ein Patronymikon vom Bezug auf eine lebende P erson abgelöst und als Kennzeichen der Zugehörigkeit zur gleichen Abstammungsfamilie auf alle Nachkommen im Mannesstamm vererbt wurde. Es lag nahe, dafür das auf den pater familias bezogene zu verwenden. 1.5.3.  Der Übergang vom P atronym- zum Gentilnamensystem muß um 700 v. Chr. im Gebiet zwischen unterem Tiber und Tyrrhenischen Meer erfolgt sein, also im Kontaktbereich von Etruskern, Sabellern und Latinern. Die gesellschaftlichen und sprachlichen Voraussetzungen haben wohl die Italiker mit der Rolle des pater familias und seiner Bezeichnung geliefert. Für eine sprachliche Priorität des Italischen spricht auch die Femininmotion beim etr. Gentile (fem. Tarχna-i: mask. Tarχna), die, da syntaktisch irregulär (das Etr. kennt kein Genus beim Adjektiv)

und semantisch redundant (cf. Mrs. Thatcher: M. Thatcher), nur als Imitation einer ital. Regel (Cornelia: Cornelius) verständlich ist. — Den konkreten Übergang zum Gentilnamen dürften andererseits die Etrusker durch eine Umdeutung des (kompliziert gewordenen) ital. P atronymsystems vollzogen haben. Die Etrusker haben überdies mit dem Synoikismos der Dörfer in die neu gegründeten Städte im 9./8. Jahrhundert v. Chr. auch den ökonomischen Anlaß für den Übergang geschaffen. 1.5.4.  Die Zeit des Übergangs ist nicht direkt aus der Überlieferung abzulesen; doch sind die indirekten Kriterien recht eindeutig: (a) In vielen etr. (und in den wenigen ital.) Inschriften des 7. Jahrhunderts v. Chr. werden P ersonen mit nur einem Namen genannt (→ Rix, Art. 105, 4.). (b) Bei Zweinamigkeit ist die lexikalische Variation der ersten Namen im 7. Jahrhundert viel größer als vom 6. Jahrhundert v. Chr. an, aber doch kleiner als die der Zweitnamen, die also schon nicht mehr P atronymika sind (bei welchen die lexikalische Variation etwa gleich groß sein müßte). (c) Die für das frühe Rom glaubhaft überlieferten P ersonennamen sind bis gegen 650 v. Chr. patronymisch (Numa Pompilius, Sohn eines Pompus etc.). In Rom war das Gentilnamensystem seit der 2. Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. fest etabliert; neben P ränomen und Gentile gehörte auch die Filiationsangabe dazu, wohl ein Erbe aus prägentilizischer Zeit. Die Tribusangabe wird den Bürgerlisten verdankt, die König Servius Tullius Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. bei der Einführung der Zensur erstellen ließ. Auch die Abkürzung der P ränomina durch Siglen wurde damals eingeführt (→ 1.1.2.). Die Verwendung von Siglen setzt wiederum eine starke Reduktion der Zahl der verfügbaren P ränomina voraus, die schon im 6. Jahrhundert v. Chr. nur unwesentlich größer war als in der späten Republik. Die administrativ bequeme Reduktion der Auswahl an Individualnamen führte in der familiären Praxis (wo die Filiationsangabe zu umständlich war) zu Schwierigkeiten in der P ersonenbestimmung, der durch die Einführung des Cognomens begegnet wurde. Bei weiter verzweigten Adelsfamilien ermöglichte die Vererbung von Cognomina, die einzelnen Zweige (stirpes) der Familien (gentes) zu unterscheiden. Offizielle Anerkennung, d. h. Aufnahme in Bürgerlisten oder in offizielle Inschriften, fand das Cognomen allerdings

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erst um 100 v. Chr.; faktischer Gebrauch und administrative Regelung klafften hier jahrhundertelang auseinander. Mit der Anerkennung des Cognomens hat das klassische römische Namensystem seine endgültige Form (→ 1.1.) erreicht.

abgeblockt, sollten mit gebührender Vorsicht wieder aufgenommen werden. 2.1.2.  Eine zweite, wenn auch viel spärlichere Quelle für Gentilnamen bilden die Ethnika, die Herkunftsbezeichnungen, die als Namen zunächst nur für Landfremde taugen. Das älteste römische Beispiel ist Tarquinius, das mit lat. -io- vom Namen seiner Heimatstadt, etr. *Tarχvena > Tarχna, abgeleitete Gentile des fünften der Könige Roms, ein junges Norbānus, das des Konsuls von 83 v. Chr. (vom ON Norba) In Fundānius, Gabīnius zu ONN Fundī, Gabiī haben wohl die Söhne von Zuwanderern dem Ethnikon auf -no- die Form eines P atronymikons gegeben. Aus anderen italischen Sprachen seien fal. Abelese (Abella), umbr. Nurtins (Nortia) und osk. Aadirans (Atria) als Beispiele zitiert. — Neben den Zuwanderern nehmen auch freigelassene Stadtsklaven (servi publici) das Ethnikon ihrer (bürgerlichen) Heimatstadt als Gentile oder Basis eines solchen an: Reātīnus (Reāte), Veientius (Veī, Ethnikon Veient-). 2.1.3.  Eine letzte, nun wieder sehr reiche Quelle römischer Gentilnamen war die Latinisierung der Gentilnamen von Sabellern und Etruskern, die in den römischen Bürgerverband aufgenommen wurden. Meist bestand diese nur in der Einführung lateinischer Flexionsendungen und gegebenenfalls des Suffixes -io-, manchmal auch in der Einpassung unlateinischer Laute und Lautverbindungen: Cluvius < umbr. Kluviier, Cafatius < etr. Cafate, Mamercius < osk. Mamerekies, Arrius < etr. Arntni. 2.2. Pränomina Die uridg. ‚aristokratischen’ Namenkomposita des Typs griech. Δημο-σθένης, gall. Dumno-rīx, althochd. Hadu-brant wurden schon uritalisch zugunsten einstämmiger Namen aufgegeben. Als Namen dienten grundsätzlich zur P ersonenbezeichnung geeignete Appellativa, wie sie dann auch in historischer Zeit als Cognomina verwendet wurden. Die Geltung als Eigennamen konnte durch funktionell angemessene oder durch sonst wenig belastete Suffixe bezeichnet werden, so durch das individualisierende -ōn- (Kaesō, Volerō, sabell. Petrō, Pompō), durch deminutives -(e)lo- (Proculus, osk. Paakul), durch sonst feminines -ā- (Numa, Agrippa, fal. Iuna) und vor allem durch das beim Nomen seltene -o(lat. > -io-) — vielleicht altes Kurznamensuffix — (Lūcius osk. Lúvkis, umbr. Vuvçis <

2.

Herkunft der Namen

2.1. Gentilnamen 2.1.1.  Die weitaus meisten der römischen Gentilnamen (wie die der übrigen Italiker) sind ursprünglich P atronymika, d. h. Adjektivableitungen vom Individualnamen des Vaters. Das normale P atronymsuffix ist das ererbte -io-: Mārcius, Caesōnius, Sertōrius zu Mārcus, Kaesō, (umbr.) Sertor (ebenso im Sabellischen: osk. Úhtavis, umbr. Folonio zu [lat.] Octāvus, [etr.] fulu). Daneben begegnet -elio- > -ilio-, das aus P atronymika zu deminutiven P ränomina wie *Marc-elo-s ([CO] Marculus) abgelöst ist: Quinctilius zu Quintus; bei P ränomina auf -io- < -o- hat es regulär die Form -īlio- < -ielio: Lūcīlius zu Lūcius (im Umbr. entspricht -iēno-: Voisiener [Gen.] zu Vois(is), im Osk. -īo- < io-: Lúvkiíúí [Dat.] zu Lúvkis). Die im Bereich vom Zentralappennin bis Kampanien häufigen Gentilnamen auf -dius (-iedius) sind oskischer, die auf -na und viele auf -nius etruskischer Herkunft, etwa Ovidius (osk. Ωυδδιηισ [Gen.]) und Oviedius (päl. Ouiedis) zu Ovius, Perperna (cf. etr. Θucerna), Volumnius (etr. Velimna). Nur bei einem Teil der patronymischen Gentilnamen ist die etymologische Basis als P ränomen belegt. Bei einem weiteren ist diese ein Cognomen: Claudius, Plautius, Nautius, Flāminius zu Claudus, Plautus, Nauta, Flāmen; offenbar sind diese (Individual-)Cognomina in frühgentilizischer Zeit noch Pränomina gewesen, aber bald aus deren Kreis ausgeschieden (→ 1.5.4.). Bei einem dritten, nicht ganz kleinen Teil patronymisch aussehender Gentilnamen ist die Basis nicht mehr (oder nicht mehr als Name) belegt, z. B. für Fabius, Cornelius, Calpurnius, Sulpicius, Terentius, Domitius. Darunter mögen Namen (fremder Herkunft sein (Calpurnius < etr. calpure-na?). Der Großteil ist aber wohl von lateinischen Individualnamen abgeleitet, die bei der P ränomenreduktion ganz verschwunden sind, die meisten nach oder mit den ihnen zugrundeliegenden Appellativa (Fabius zu *fabis = altbulg. dobь ‚edel’?). Einschlägige Überlegungen, von W. Schulze vor 90 Jahren

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VIII. Historische Entwicklung der Namen

*loukos, zu lūx/lūcidus, etc.). Außer den Numeralpränomina ist keines der geläufigen römischen P ränomina mehr mit einem gleichzeitigen Appellativum identisch. Das macht die Ermittlung der appellativen Basis dieser Namen schwierig. Eine semantisch geschlossene und jetzt auch verständliche Gruppe bilden die Numeralpränomina: geläufig sind Quintus, Sextus, Decimus, selten Septimus, Octāvus (osk. mit Suffix: Pompo, Dekis, Sepis, Oppiis). Sie geben nicht die Reihenfolge der Söhne an (Prīmus—Quārtus fehlen), sondern den Geburtsmonat: Quīntīlis (später Iūlius), Sextīlis (später Augustus), September—December. Dann könnten Mārcus < *Mārt-ko-s, osk. Maís, fal. Iūna die in den nach den Göttern Mārs, Maia, Iūnō benannten Monaten März, Mai, Juni, lat. Mānius den im Februar, im Monat der Mānēs Geborenen bezeichnen. Auf die Geburt beziehen sich auch Postumus = postumus ‚nachgeboren’, Vopiscus = vopiscus ‚überlebender Zwilling’ und wohl auch Kaesō zu caesus in der Bedeutung ‚der (aus dem Mutterleib) Geschnittene’. Tiberius ist vom Namen des Flußgottes Tiberis abgeleitet. Aulus : etr. aule < avile zu etr. avil ‚Jahr’ ist etruskischer Herkunft (→ Rix, Art. 105, 5.2.). Ein etruskisches Etymon, *spura ‚civitas’, hat auch Spurius; die Bildung ist aber italisch, vielleicht nach dem Vorbild von Poplios (das später durch Pūblius ersetzt ist wie poplicus durch pūblicus), einer Ableitung von *poplo> populus (ursprünglich) ‚Heer(esaufgebot)’. Die Frage, warum ‚zum Heer gehörig’ zum Namen wurde (Soldatenkind?), ist so wenig schlüssig zu beantworten wie bei Servius ‚zum servus (*Hirt > Sklave) gehörig’ (sicher nicht etruskisch). Daß Lūcius und Gāius (< *Gāos; osk. Gaavis) kurznamenartige Bildungen zu lūcidus und *gāvidus (der Basis von gaudeo, gāvīsus) sind, daß Gnaeus < Gnaivos (osk. Gnaivs) mit Metathese -- > -- aus *gnāos zu *gnāos > lat. nāvus ‚rührig’ und Numerius < *Nomes-o-s (etr. numesie; frühlat. Numasioi mit a nach Kurzform Numa) zu numerus ‚*Zuteilung > Zahl’ gehören, sind ansprechende, aber unbeweisbare Hypothesen. Ganz dunkel bleibt Titus. Bei Namen, die nach Ausweis der vielen römisch-sabellischen Übereinstimmungen über 1000 Jahre vor Beginn der Überlieferung in uritalischer Zeit entstanden sind, sind derartige Verständnisprobleme nicht überraschend. Manches an den römischen P ränomina wird wohl immer dunkel bleiben.

2.3. Cognomina Anders als die P ränomina sind die Cognomina der Römer großenteils durchsichtig, d. h. mit bekannten lateinischen Appellativa formal identisch oder mit geläufigen lateinischen Suffixen von solchen oder von anderen Eigennamen abgeleitet. 2.3.1.  Die meisten der zu Cognomina verwendeten Substantiva und Adjektiva lassen sich bestimmten Bedeutungsgruppen zuordnen: (a) Körper und Geist samt deren Bewertung: Crispus = crispus ‚kraushaarig’, Longus °ga ‚lang’, Mundus °da ‚hübsch’, Blaesus °sa ‚lispelnd’, Vārus °ra ‚krummbeinig’, Agilis (mask. und fem.) ‚flink’, Grātus °ta ‚angenehm’, Acūtus, °ta ‚scharfsinnig’, Probus °ba ‚rechtschaffen’, Asper °ra ‚barsch’, Superbus, °ba ‚hochmütig’, Contemptus, -°ta ‚verachtet’ etc. Die Substantive sind teils P ersonenbezeichnungen: Cunctātor ‚Zauderer’, Bibulus °la ‚Zecher’ etc., teils Hypostasen qualitativer Ablativ-Instrumentale, die ein hervorstechendes Merkmal bezeichnen; Scaeva ‚Linkshand’, Nāsīca ‚Spitznase’, Sūra ‚Wade’. Substantivische Cognomina werden in der Kaiserzeit selten, ebenso Adjektiva mit negativem Sinn, die dann weitgehend auf Sklaven und Freigelassene beschränkt sind. (b) Lebensumstände wie Geburt, Verwandtschaft, Beruf, Herkunft: Iānuārius °ia und andere Kalendernamen, weiter Optātus °ta ‚erwünscht’, Nepōs m. ‚Enkel’, Tirō ‚Rekrut, Anfänger’, Colōnus °na ‚Bauer, Bäuerin’, Barbarus, °ra ‚Barbar(in)’. (c) Metonymische Substantiva (diese auch in der Kaiserzeit) für Gegenstände, Tiere, P flanzen: Caligula ‚Stiefelchen’ (anfänglich Spitzname des späteren Kaisers, Tac. Ann. 1.4), Scīpiō ‚Stab’, Columella ‚Säulchen’, Ursus, -a ‚Bär(in)’, Iuncus ‚Binse’. (d) Veraltete oder fremde P ränomina: Iūlus, Agrippa, Salvius (osk. P N), in der Kaiserzeit auch Gāius. 2.3.2.  Suffixale Cognomina, die von Appellativa abgeleitet sind, sind als Cognomina nicht allzu häufig. Alt ist das Suffix -ōn- zur Individualisierung von Adjektiva wie Catō zu catus ‚schlau’ (griech. Στράβων zu στραβός ‚schielend’) und zur Angabe des Versehenseins mit: Nāsō ‚mit einer (auffälligen) Nase (nāsus) versehen’. Alt ist auch -a, das o-Stämme zu Männercognomina macht, so in Nerva zu nervus ‚Sehne’, jünger dagegen -īno-, etwas in Piscīnus zu piscis ‚Fisch’. Sehr geläufig sind dagegen Ableitungen mit Adjektiv- oder Deminutivsuffixen (am häufigsten -āno-, -īno-

106.  Römische Personennamen

731

und -(c)ulo-, -e/i/ullo-) von Eigennamen: von Gentilnamen (seit der späten Republik, zunächst als Adoptionscognomina, → 1.3.1.): Papīriānus, Ulpiānus, Mārciolus,°la von Papīrius, Ulpius, Mārcius, oder von Cognomina (seit der frühen Republik, Basis oft Cognomen des Vaters): Albīnus, Mamercīnus, Agrippīna, Fēlīculus °la, Balbillus °la etc. zu Albus, Mamercus (osk. P ränomen), Agrippa (altes P ränomen), Fēlīx, Balbus, oder von Götternamen: Apollināris, Venerius °ia, Fātālis zu Apollō, Venus, Fātum. 2.3.3.  Eine Gruppe für sich bilden Herkunftsnamen als Cognomina, und zwar einerseits Stammes- oder Völkernamen wie Volscus, Gallus, Atticus, andererseits Suffixbildungen, meist Ethnika wie Sōrānus, Brindisīnus, Parmēnsis von Sōra, Brundisium, Parma, daneben auch Derivate von Namen von Örtlichkeiten wie Capitōlīnus zu Capitōlium. — Nur im Benennungsanlaß davon verschieden sind die Siegesbeinamen; sie sind abgelietet vom Namen eines Ortes oder Volkes, in dessen Bereich der Benannte einen bedeutenden Sieg errungen hat, und konnten vererbt werden. Am bekanntesten ist Āfricānus, zweimal einem P . Cornelius Scipio, nach einem Sieg über die Karthager (Āfrī; 202 und 146 v. Chr.) verliehen. Seit L. Cornelius Scipios Sieg in Asien (189 v. Chr.) ist das griechische Suffix -icus Mode: Asiaticus, Macedonicus, Baliāricus, Germānicus, Britannicus. Morphologisch merkwürdig ist Messālla, Cognomen des M’. Valerius Corvinus, der 263 v. Chr. Messāna in Sizilien erobert hat. 2.3.4.  Ein großer Teil der römischen Cognomina ist aber gar nicht lateinischen, sondern fremden, hauptsächlich griechischen Ursprungs und nur oberflächlich latinisiert, in der Flexionsendung (Antipater < gr. Ἀντίπατρος) und gelegentlich in Lautstand und Orthographie. Einige griechische Cognomina finden sich schon in der früheren römischen Aristokratie: (Curtius) Chilō (Konsul 444 v. Chr.), (Poblīlius) Philō (400), (Mārcius) Philippus (281) etc.; die Hauptmasse dringt erst nach 200 v. Chr. mit den später oft freigelassenen Sklaven aus dem östlichen Mittelmeer ein: Komposita wie Theophilus Teupilus = Θεόϕιλος, Nicephorus Nicepor = Νικήϕορος, Ableitungen von Götternamen wie Aphrodīsius °ia, Apollōnius °ia, eingliedrige Namen wie Sōsia = Σωσίας, Tryphō Trupō = Τρύϕων, Tryphera Trupera Τρυϕήρα, Ethnika wie Macedō = Μακέδων, Surus = Σύρος. Ihre Besprechung gehört nicht hierher, so we-

nig wie die der ‚barbarischen’ Namen aus den donauländischen, gallischen, hispanischen und afrikanischen P rovinzen. Erwähnt seien nur einige Cognomina etruskischer Herkunft bei der republikanischen Aristokratie (es sind viel weniger als man lange geglaubt hat): (Valerius) Faltō, (Iuventius) Thalna, (Papīrius) Masō, (Pompōnius) Mathō aus etr. Faltu (Cognomen), Θalna (Halbgöttin), Masu (Gentile), Matu (Cognomen, auch Appellativum unbekannter Bedeutung). 2.4.  Sklavennamen Die römischen Sklavennamen sind grundsätzlich im Bestand der Cognomina enthalten, da jeder Sklave freigelassen werden konnte und der libertus seinen Sklavennamen als Cognomen führte. Ein Kuriosum ist der seltene und noch in der Republik aufgegebene Typ von (P seudo-)Komposita aus dem Genetiv des Patronuspränomens und puer in der Bedeutung ’Sklave’: Mārpor, Olipor = Mārcī/Aulī puer. — Die spätkaiserzeitlichen Supernomina und Signa sind bereits oben behandelt (1.3.3.).

3.

Literatur (in Auswahl)

Die lateinischen Inschriften sind nach dem CIL zitiert, die etruskischen nach Rix/Meiser (1991), die südpikenischen nach Marinetti (1985), die übrigen nach Vetter (1953). Duval, N. (1977). Ed.: Actes du colloque international sur l’onomastique latine. Paris. Chantraine, H. (1967): Freigelassene und Sklaven im Dienste der römischen Kaiser. Studien zu ihrer Nomenklatur. Wiesbaden. (zu 1.2.) CIL = Corpus inscriptionum latinarum, voll. I2—XVI (1862 ff.). Berlin. Colonna, G. (1977): Nome gentililizio e società. In: Studi Etruschi 45, 175—192. Doer, B. (1937): Die römische Namengebung. Ein historischer Versuch. Stuttgart. [Neudruck 1974] (bes. zu 1.3.). Hirata, R. (1967): L’onomastica falisca e i suoi rapporti con la latina e l’etrusca. Firenze. Kajanto, I. (1965): The Latin Cognomina. In: Commentationes humanarum litterarum (Societas Scientiarum Fennica) 36/2. [Neudruck Roma 1982]. Kajanto, I. (1966): Supernomina. In: Commentationes humanarum litterarum (Societas Scientiarum Fennica) 40/1. (zu 1.3.3.). Lejeune, M. (1976): L’anthroponymie osque. Paris. Marinetti, A. (1985): Le iscrizioni sudpicene I. Firenze.

732

VIII. Historische Entwicklung der Namen

Mommsen, T. (1864): Die römischen Eigennamen der republikanischen und augustinischen Zeit. Römische Forschungen I/2. Berlin. P rosdocimi, A. (1980): Sul sistema onomastico italico. Appunti per il dossier. In: Studi Etruschi 48, 232—249. (zu 1.4.) Reichmuth, J. (1956): Die lateinischen Gentilicia und ihre Beziehung zu den römischen Individualnamen. Diss. Zürich. Schwyz. Rix, H. (1972): Zum Ursprung des römisch-mittelitalischen Gentilnamensystems. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt I/2, hrsg. v. Hildegard Temporini et al., Berlin/New York, 700— 758. Rix, H., Meiser, G. (1991): Etruskische Texte II. Tübingen. Salomies, O. (1987): Die römischen Vornamen. Studien zur römischen Namengebung. In: Commentationes humanarum litterarum (Societas Scientia-

rum Fennica) 82. (bes. zu 1.3., 2.2.). Schulze, W. (1904): Zur Geschichte lateinischer Eigennamen. Abhandlungen der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften Göttingen, philosophisch-historische Klasse, NF. V 4. Berlin. [Nachdruck Berlin 1966]. Solin, H. (1982): Die griechischen P ersonennamen in Rom. Ein Namenbuch, Bd. 3. Berlin/New York. (zu 2.3.). Solin, H., Salomies, O. (1988): Repertorium nominum gentilicium et cognominorum Latinorum. Hildesheim. Thylander, H. (1952): Étude sur l’épigraphie latine, II: Les noms et la dénomination latine. Diss. Lund, 55—130. Vetter, E. (1953): Handbuch der italischen Dialekte I. Heidelberg.

Helmut Rix, Freiburg i. Br. (Deutschland)

107. Die vorrömischen Personennamen der Randzonen des alten Italien
1. 2. 3. 4. 5. 6. Vorbemerkungen Die messapischen Personennamen Die venetischen Personennamen Vorrömische Personennamen im mittleren und westlichen Oberitalien Zur Benennung von Unfreien Literatur (in Auswahl)

schen in Frankreich und in den Ostalpen — unterscheiden.

1.

Vorbemerkungen

Aus dem Beitrag über die etruskischen und lateinischen Namen geht hervor, daß es in Mittelund Süditalien trotz großer Vielfalt von Sprachen und Dialekten eine durch Gemeinsamkeiten in Gesellschaftsform und Geschichte bedingte verhältnismäßig einheitliche ‚etruskisch-mittelitalische’ P ersonennamengebung gibt: sie ist gekennzeichnet durch den erblichen Familiennamen (nomen gentile), verbunden mit der obligatorischen Nennung des Individualnamens des Vaters, durch die Reduzierung der Zahl der ursprünglichen Individualnamen (praenomina) — bei Frauen bis zu deren völligen Verschwinden — und durch die Übernahme der Individualbezeichnung durch einen zunehmenden Gebrauch von Beinamen (cognomina). Innerhalb des geographischen Rahmens von Italien, aber außerhalb von diesem Kerngebiet sind in antiker Zeit Namensysteme bezeugt, die offensichtlich nicht den etruskisch-mittelitalischen Regeln unterliegen, sich aber doch deutlich von anderen benachbarten Systemen — namentlich dem griechischen in Großgriechenland und dem galli-

1.3.  An drei Stellen findet sich genügend Beobachtungsmaterial: (1) in der heutigen Landschaft Apulien mit den Denkmälern der messapischen Sprache, (2) bei den venetischen Inschriften in der gleichnamigen Region des östlichen Oberitalien, (3) in Ligurien und den gallischen Siedlungsgebieten der P oebene. Gemeinsam ist allen diesen Namengebungen, daß eine P erson grundsätzlich durch einen ersten, formal einfacheren, als Individualnamen zu verstehenden Namen (hier als ‚Vorname’ bezeichnet) und einen komplexer gebildeten zweiten Namen im gleichen Kasus (hier: ‚Nachname’) benannt werden kann, und wie bei den lateinischen Nachnamen kann auch bei denen der Randzonen wahrscheinlich gemacht werden, daß zumindest ein Teil von ihnen durch Suffixe von gleichzeitig gebrauchten Vornamen abgeleitet ist, — also wie in Rom Quinctius von Quintus oder Lucilius von Lucius. Daraus darf geschlossen werden, daß der Nachname in seiner ursprünglichen Funktion den Vater nannte, also ein ‚P atronymikon’ war, das dann — so jedenfalls in Rom — irgendwann zu der sich nicht mehr ändernden Benennung des Stammvaters einer unbegrenzten Folge von Generationen umgedeutet weden konnte (Rix 1972, 712 f.).

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