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Die Phi Lo Sophie Der Antike

Die Phi Lo Sophie Der Antike

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Als Simmias dem Sokrates gesteht, dass er und seine Freunde viele Zweifel über die
Unsterblichkeit der Seele hegen, es aber nicht wagen würden, ihn in seiner schweren
Stunde darüber zu befragen, da lacht Sokrates leise und sagt zu ihm jene Worte, welche
die Verbindung seines Glaubens an das Schicksal der geweihten Seele mit der Apollon-
Religion klar unter Beweis stellen:

Ach, Simmias, es dürfte mir wahrscheinlich schwer fallen, die anderen Menschen davon zu über-
zeugen, dass ich mein gegenwärtiges Schicksal nicht für ein Unglück halte, wenn ich nicht ein-
mal euch davon überzeugen kann (…). Ihr glaubt offenbar, ich stehe mit meiner Seherkunst den
Schwänen nach. Wenn diese nämlich spüren, dass sie sterben müssen, dann lassen sie, die auch
in der Zeit vorher schon gesungen haben, ihre meisten und schönsten Lieder erklingen, vor Freu-
de, dass sie zu dem Gotte abscheiden dürfen, dessen Diener sie sind. Weil sich die Menschen
aber vor dem Tode fürchten, verleumden sie auch die Schwäne und behaupten, sie beklagten
ihren Tod und stimmten vor Kummer ihren Gesang an, ohne dabei zu überlegen, dass kein ein-

Platon

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ziger Vogel singt, wenn er Hunger hat oder friert oder wenn er sonst ein Leid hat (…). Aber sie
und auch die Schwäne singen meiner Ansicht nach nicht vor Kummer; sondern ich glaube, weil
sie als Vögel des Apollon die Gabe der Weissagung besitzen und daher zum voraus wissen, was
für ein Glück im Hades sie erwartet, singen sie und freuen sich an jenem Tage wie nie zuvor. Ich
meine aber, selbst auch im gleichen Dienst zu stehen wie die Schwäne; auch ich bin diesem
Gotte geweiht und habe nicht weniger als jene Vögel die Gabe der Weissagung von meinem
Herrn bekommen (…). (Phaidon, 84d–85b)

Die Schwäne sind Apollon heilig. Nach dem Mythos fliegen sie bei ihrem Tod in den
Schoss des Gottes. Sie fliegen mit einem Sprachbild Nietzsches im Zarathustrain den
„Lichtabgrund“ des sonnendurchglühten Himmels. Und so ist ihr Singen Ausdruck der
Sehnsucht der Seele nach ihrem Herrn. Wie sie, ist auch Sokrates dessen „Diener“.
Auch er besitzt die Gabe der Mantik, zu wissen, dass die Zeit gekommen ist, zu seinem
„Herrn“ zu gehen – nach einem langen Lebensdienst, der sich in „Reinigung“ im Sinne
einer sich auf das Denken konzentrierenden philosophischen Existenz und ihrem ge-
steigerten Wachsamsein auf das Eine Gute hin vollständig erfüllt hat.
Im Phaidonhat Platon einen Sokrates gezeichnet, dessen Seele ganz von dem Trach-
ten nach der apollinischen Seinssphäre erfüllt ist. Von ihr her wird die tiefe Erregung
verständlich, welche in den Reden von der Katharsis (Reinigung) spürbar ist. Sie führt
über die Lösung vom Leiblichen hin zu jener noetisch-geistigen Welt, der die Seele ur-
sprünglich angehört. Die Psyche steht, weil sie dieser Welt zugehörig ist, über der Welt
des Körperlichen. Durch die Geburt ist sie mit dem Körper verbunden, aber diese Ver-
einigung bleibt ihr selbst wesensfremd. Daher muss sie sich schon in diesem Leben be-
mühen, sich vom Körperlichen zu lösen, das heißt zu „sterben“. Der Augenblick des
Todes ist Befreiung und Rückkehr zu ihrer ursprünglichen ewigen Heimat. In der orphi-
schen Sprache des Phaidongesprochen: Philosophieren ist die Einübung in die Kunst
des Sterbens. Ihre Erfüllung sieht sie im Überschritt in den „Tod“, der den Aufgang der
wahren Erkenntnis bedeutet. So ist das, was die Menschen „Tod“ nennen, nach dem
Wort des Sokrates „die Erlösung und Befreiung der Seele vom Leib“ (Phaidon, 67a) und
somit nicht Ende, sondern Anfang der wahren Erkenntnis.
Der ontologischen Trennung der Seinsbereiche Ideenwelt – Sinnenwelt entspricht im
Phaidondie Trennung Seele – Leib. Während der Leib zusammengesetzt ist und im
Tode zerfällt, ist die Seele einfach und ewig (78b–84b). Der Seele kommen somit Prä-
dikate der Ideen zu: sie ist eingestaltig, sich gleichbleibend und unsterblich. Übersetzt
in die Sprache der Apollonreligion: Apollon, der seinem Diener Sokrates den Weg der
Reinigung weist, den dieser mit seiner Art des nachdenkenden Fragens nach der Wahr-
heit geht, ist Garant für die Aufrechterhaltung eines unzerstörbaren geistigen Selbst
noch in der Jenseitigkeit des „Lebens“ im weiten Haus des Hades. Vor dem Hintergrund
einer Hinwendung zum Schicksal der individuellen Seele in einer politisch unsicher ge-
wordenen Welt wird Apollon von Platon neu gedeutet und verstanden. War er in der
klassischen Epoche ein Gott des Glanzes und des Lichtes, so wird er in der Philosophie
Platons zum symbolischen Sinnbezug für das in ihr thematisierte theoretische Ideenwis-
sen. Dabei darf nicht verkannt werden, dass dieser sich nicht zuletzt auch vor dem
Hintergrund einer durch die griechische Aufklärung bereits erfolgten Zersetzung einer
fraglosen Geltung der religiösen Tradition durch das gegen sie gestellte Bild des platoni-
schen Sokrates zu legitimieren sucht. In jenem kritischen Augenblick im Phaidon, in
welchen er und seine Freunde sich mit dem Gedanken konfrontiert sehen, dass im Tod
auch die Seele untergeht (88c–89a), da greift Sokrates dem mädchenhaften Phaidon in

Nachdenken über den Tod 75

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sein noch ungeschnittenes Haar, ein wunderbares Bild für den lebendigen Logos
(89 b–89 c), dem sie von nun an folgen wollen (89c–91c). Gerade die kreatürliche
Angst vor dem Tod treibt den Logos über die uns in der sinnlichen Erfahrung gegebenen
Welt hinaus. Auch die „wachsende wissenschaftliche Einsicht in die Ursachen von
Werden und Vergehen und den Lauf des Naturgeschehens vermag das denkende Hin-
ausfragen über das Hiesige nicht zu desavouieren und ist keine Instanz gegen die religi-
öse Zuversicht“.8

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