Existentialismus

Martin Ulrich

Wie eine philosophische Strömung die Kulturwelt der Postmoderne revolutionierte.

20 Jahre Mauerfall. Die Jahrzehnte dieses spannenden Stücks Geschichte um den - zum Glück grösstenteils kalten - Krieg zwischen West und Ost werfen viele Fragen auf. Mich wunderte: „Wer war dieser Sartre, der seinerzeit in Stammheim die RAF-Häftlinge besucht hat?“ Wenn man nachforscht, stösst man auf den Existentialismus, eine heute ins Vergessen geratene Weltanschauung. Neue Fragen stellen sich: Was sind die Inhalte was von Menschenhand hergestellt wurde. Das, was den Existenzialismus ausmacht, ist nun aber die Annahme, dass es dennoch mal etwas gegeben haben muss, was ohne Bestimmung entstand, und zwar ganz am Anfang: Sowohl zum Zeitpunkt des Urknalls, als auch zum Zeitpunkt einer jeden Geburt. Der Mensch ist „geworfen“ in seine Existenz. Natürlich kann ein Kind von seinen Eltern mit der Idee gezeugt worden sein, dass es ein Thronfolger, Mönch, Fussballer werden soll, und klar kann die ganze Erziehung darauf ausgerichtet werden - aber grundsätzlich ist all dies nicht in Stein gemeisselt. Der Mensch ist absolut frei. Aber diese radikale Freiheit hat mehr Nach- als Vorteile: Sie bedeutet absolute Verantwortung. Die Ichheit zieht nach sich, dass jeder sich selbst entwerfen muss. Die Notwendigkeit dieses Selbstentwurfs sowie die Freiheit, die Geworfenheit zeigen sich in Erfahrungen wie: Absurdität, Ekel, Angst, Sorge, Tod, Langeweile. Existenzialistisch denkende Musiker, Dich„Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Beginn der Unzufriedenheit.“ Sören Kierkegaard

vor allem Jean-Paul Sartre und Albert Camus bekannt sind, sowie Simone de Beauvoir und Gabriel Marcel.

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird zu einer Frau!“ Simone de Beauvoir

Stammheim, wo Bader, Meinhof, Ensslin geselbstmordet wurden. „Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.“ Sartre

des Existentialismus? Worin liegt und wie stark ist oder war sein Einfluss? Sein oder Sinn - was kommt zuerst? Der Einbaum, der auf dem Fluss schwimmt, ist von einem Insulaner gebaut worden, der das Bild „Einbaum“ zuerst im Kopf hatte, bevor er es umsetzte. Der Eingeborene hat sich also auf den Begriff des „Einbaums“ bezogen und damit auch auf eine dazu überlieferte Herstellungstechnik, die eigentlich auch zum Begriff selbst gehört. Somit ist der „Einbaum“ ein reeller Gegenstand und gleichzeitig auch immer eine Idee - kein Häuptling lässt einen Einbaum produzieren, ohne zu wissen, wozu Einbäume dienen. Also schwebt da zuerst die Essenz (Summe der Eigenschaften, Sinn und Zweck) des Dings im Raum, bevor es real existierend in diesem steht. Dies gilt für alles,

Die existenzialistische Sichtweise gab es in der Existenzphilosophie schon früher. Wichtige Vordenker dessen, was man heute unter Existentialismus versteht, waren z.B. Martin Heidegger, Karl Jaspers und Søren Kierkegaard. Als ganz frühe Wegbereiter kann man auch den nihilistischen Friedrich Nietzsche sehen, manchmal wird auch Dostoyevsky als Vorläufer genannt. Manche sehen auch im frühen Christentum existentialistischhumanistische Ansätze, da Jesus mit der Nächstenliebe den Menschen in den Mittelpunkt rückte. Der Existenzialismus ist keine Ideologie im eigentlichen Sinn und alles andere als einheitlich. Er ist die die (zumeist) atheistische französische Ausprägung der Existenzphilosophie, die vor dem Hintergrund der Ereignisse des 2. Weltkriegs entstanden ist. Hinter dem atheistischem Standpunkt steht zum Teil auch das Problem der sogenannten Theodizee-Frage (Weshalb tut Gott nichts gegen das Elend?)

ter, Maler usw. zeigen in ihren Werken eindrucksvoll, wie solch subjektive Empfindung das Leben des Menschen bestimmt. Begründer und Anfänge Im engeren Sinn des Worts versteht man unter Existenzialismus die französische Strömung der Existenzphilosophie, für die

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Viel mehr allgemeingültig Feststehendes lässt sich nicht sagen. Gemeinsam haben sie alle aber immer die bahnbrechende Überzeugung, dass die Existenz der Essenz vorangehe. Bekannte Existentialisten und ihre Werke Albert Camus (7. November 1913 - 4. Januar 1960), der ein „Pied Noir“ (Algerienfranzose) war und dessen philosophisches Werk hauptsächlich in literarischer Form war, ist manchen vor allem durch „Die Pest“ ein Begriff. Kürzer und prägnanter ist aber das unterhaltsame „Der Fremde“, worin ein nai-

bigen Strassenecke anspringen, es entsteht durch die Entzweiung des sinnstrebenden Menschen von einer sinnleeren Welt“. In der Parabel „Der Mythos des Sysiphos“ legt Camus trotz all dem dar, weshalb man sich Sysiphus „glücklich vorstellen“ müsse, obschon dieser dazu verdammt ist, fortwährend den immer wieder herunterrollenden Stein den Berg hinaufzustossen, nämlich weil es „sein Stein“ ist. Laut Camus muss der Mensch nämlich „revoltieren“, womit gemeint ist, dass man etwas tun solle, um gegen die Sinnlosigkeit anzukommen - obschon der Versuch letztlich eitel bleibt. All die sinnlosen Taten und Auflehnungen gegen das Absurde werden durch den Tod ein für alle Mal besiegelt, er ist für Camus nicht nur der Grund, sondern auch der krönende Abschluss des absurden Lebens. Schweizerdeutsche Übersetzung von „Der Fremde“: www.beepworld.de/members/defroemd/ Jean-Paul Sartre (21. Juni 1905 - 15. April 1980), der im Gegensatz zu Camus den Nobelpreis abgelehnt hat, schrieb u.a. „Das Sein und das Nichts“ (Abhandlung) und „Der Ekel“ (Roman): Der Ekel der Hauptfigur Roquentin ist eigentlich ein Daseinsekel und richtet sich im Kern gegen

“Grosse Kunst ist der Aussenausdruck eines inneren Lebens im Künstler, und dieses innere Leben ergibt seinen persönlichen Anblick der Welt”. Edward Hopper

„Das Leben verlieren ist keine grosse Sache; aber zusehen, wie der Sinn des Lebens aufgelöst wird, das ist unerträglich.“ Camus

ver, unbedarfter Mann, der komplett ambitionslos ist und für nichts Gefühle zeigt, durch eine Aneinanderreihung von Umständen geblendet von der Sonne am Strand einen Araber erschiesst und zum Tod verurteilt wird. Im Gefängnis platzt ihm der Kragen und er schreit dem ihn bekehren wollenden Priester wütend seine verzweifelte Weltsicht entgegen. Meursault (= „Meurs, sot!“, dt. „Stirb, Tor!), so heisst die Hauptfigur, denkt existenzialistisch, ist aber ein - wenngleich sympathisches - Negativbeispiel. The Cure haben den Roman in ihrem Stück „Killing an Arab“ verarbeitet und Luchino Visconti hat ihn verfilmt. Camus sah sich selber nicht als Existentialist, sondern als in der Tradition der französischen Moralisten stehend. Sein Existentialismus
„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten. Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien hat – kommt später. Das sind Spielereien; erst muss man antworten.“ Camus

essant: Sartre selber lernte seine Umwelt gewissermassen zuerst über ihre Essenz kennen. Er wuchs in Paris als Einzelkind auf, lange Zeit ohne soziale Kontakte ausserhalb seiner Familie. Er war als Kind meist gezwungen, drinnen zu bleiben, und erkundete so die Welt mehr über Bücher, nachdem er fast von selbst lesen gelernt hatte, bevor er sie in echt erkunden konnte. Dies schildert er im autobiografischen Roman „Die Wörter“. Weitere Werke von Sartre sind „Das Sein und das Nichts“, „Die Fliegen“, „Geschlossene Gesellschaft“ und „Die schmutzigen Hände“. Wie bei Camus sind manche der Werke auch Theaterstücke. André Malraux (3. November 1901 - 23. November 1976) war ein Frühexistenzialist. Bekannte Werke: „So lebt der Mensch“ (la condition humaine) und „Der Königsweg“.

„Die Hölle, das sind die anderen“ Sartre

wird häufig „Philosophie des Absurden“ genannt und so vom Existentialismus anderer unterschieden. „Das Absurde kann jeden beliebigen Menschen an jeder belie-

die angenommene Sinnlosigkeit und Ungewissheit jeglicher Existenz. Er „ekelt“ sich vor dem Stein, den er übers Wasser schiefern will, oder vor der Wurzel im Park, deren Namen er in einem Moment vergisst und die ihm nur noch als der existenzielle Teig und überflüssig erscheint. „Unbestimmt dachte ich an Selbstmord, um wenigstens eine dieser überflüssigen Existenzen zu vernichten. Aber selbst mein Tod wäre überflüssig gewesen. Überflüssig mein Kadaver, mein Blut auf diesen Steinen, zwischen diesen Pflanzen, in diesem heiteren Park. Überflüssig mein zerfressenes Fleisch in der Erde, die es aufgenommen hätte, überflüssig meine Knochen, meine gereinigten, abgenagten Knochen, sauber wie die Zähne - ich war überflüssig für die Ewigkeit.“ Im Gegensatz zu Camus strebte Sartre nicht nach einer persönlichen, sondern nach einer marxistischen, gesellschaftlichen Revolte, die zum historischen Ziel des Kommunismus führen sollte. Inter-

„Das schwierige am Diskutieren ist nicht, den eigenen Standpunkt zu verteidigen, sondern ihn zu kennen“. Malraux

Im kurzen Abenteuerroman „Der Königsweg“ schildert er, wie zwei Europäer Basreliefs aus siamesischen Tempeln stehlen und einen verschollenen Freund finden wollen. Die Expedition wird zum existen-

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tiellen Drama: Der Verschollene wird gefunden, ist aber nicht mehr ansprechbar, da er lange versklavt wurde. Ausserdem verurteilt eine entzündete Verletzung den einen Abenteurer zum Tod (Antibiotika gab es noch nicht.) Eindrücklich geschildert sind auf den letzten Seiten die Gedankengänge des sterbenden sowie die desjenigen Abenteurers, der in seinen letzten Momenten bei ihm wacht. Nachhall Es gibt eine ganze Reihe von Kulturschaffenden, die vom Existentialismus geprägt sind, ohne explizit Existentialisten zu sein. Max Frisch behandelt in seinen Romanen das Problem der Identität, wenn er z.B. in „Stiller“ die Hauptfigur am Zoll „Ich bin nicht Stiller!“ sagen lässt. Der Plastiker Alberto Giacometti wollte den Menschen so darstellen, „wie er wirklich ist“.
„Gut, habe ich eine sehr einfache Methode des Anstriches“. Edward Hopper

er glaubt, nichts geleistet zu haben. Dann wird er ein Bewunderer Edisons und will selber unter die Erfinder, doch merkt er, wie schwierig es ist, auf etwas wirklich Neues zu kommen.) Aufbauend auf der Existenzanalyse entstand die psychiatrische Schule der „Existenzanalyse“ (auch Logotherapie genannt), deren Lehre davon ausgeht, dass der Mensch existentiell auf Sinn ausgerichtet ist und ein nicht erfülltes Sinnerleben zu psychischen Krankheiten führen kann. Der Existenzialismus wurde eine zeitlang

Edward Hopper malte entfremdete Grossstädter. Geprägt von einer existentialistischen Weltsicht ist auch das Filmgenre des „Film Noir“. Beim Westernfilm gibt es die Unterart des „existenzialistischen Westerns“. Der amerikanische Filmregisseur David Cronenberg, der das Genre des „Body Horror“ begründete und Filme wie „Videodrome“, „A History of Violence“ oder „eXistenZ“ schuf, lässt sich ebenfalls von existentialistischen Grundgedanken leiten. Ebenfalls existenzialistisch: Filme wie „Donnie Darko“, „Die Matrix“ oder „Fight Club“, Franz Kafkas und Philip K. Dicks Werke, Fritz Zorns „Mars“ und Joseph Conrads „Herz der Finsternis“. Auch „Die Simpsons“, werden in ihrem postmodernen Humor häufig als existenzialistisch betrachtet, da sie sich häufig mit Fragen der „Condition humaine“ auseinandersetzen, d.h. mit den Existenzbedingungen des Menschen und der Frage, was seine Existenz bedeutet (z.B. Folge „Im Schatten des Genies“ 5F21, Staffel 10: Homer hat eine Existenzkrise, weil

auch zur Jugendkultur und es entstand das Klischeebild des melancholischen, meist mit schwarzem Rollkragenpulli bekleideten studentischen Existentialisten, der zwischen Jazzkeller, Literatencafé und Uni verkehrt.

Alberto Giacometti (1901-1966) Schweizer Maler und Bildhauer Sohn von Giovanni Giacometti Bei der 1948 entstandenen Bronzeskulptur „Drei schreitende Männer“ fällt auf, dass sich die Personen zwar begegnen, jedoch aneinander vorbei und voneinander weg gehen. Nicht selten wecken die Figuren bei Giacometti ein Gefühl von Einsamkeit und Anonymität - bis hin zur Verlorenheit.

„Nicht verpassen! Im nächsten Heft: Interview mit einem Existenzanalysten über seine ausserordentliche psychiatrische Fachrichtung und aktuelle Zeitfragen.“

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