You are on page 1of 581

This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Austria License.

To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/at/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. CC BY-SA-NC 3.0 / 2011

Umschlagsbild: Juan Osborne, www.juanosborne.com

www.reimon.net michel at reimon.net @michelreimon

control

John Cage sagte einmal: Wir können unseren Verstand nicht ändern, ohne die Welt zu ändern. # Ich träume von Mickey Mouse. Der schlaksige Nager flieht, stolpert und verliert den viel zu großen Kopf. Etwas brennt, die Luft ist schwarz und schmerzt bei jedem Atemzug. Vermummte Gestalten jagen mich. Ein Hund bellt. Die rote Digitalanzeige des Weckers zeigt 11:42. Mit einem Krächzen ziehe ich mich vom Sofa hoch, sinke wieder zurück, stöhne. Ein dünner, warmer Tropfen läuft meine Schläfe entlang, ich hebe mein blutverschmiertes T-Shirt vom Boden auf und presse es gegen meine Stirn. Der Raum dreht sich. Der Hund bellt noch mal und plötzlich springe ich auf die Beine. Die Polizei, Scheiße! Ich springe über den Couchtisch, stolpere gegen die Wand, öffne die Türe und – bleibe stehen. Anna liegt auf dem Bett, schlafend,

wunderschön, friedlich. Sie ist nackt. Nackt und alleine. Das Medium ist die Nachricht. Kein Ton ist im ganzen Haus zu hören. Die Polizei kommt nicht. Falscher Alarm. Ich gehe ans Bett, setze mich an die Kante, streichle über Annas Wange. Sie reagiert nicht. Der Hund bellt weiter. Zumindest das war kein Traum. Ich lege meine Hand auf ihre Hüfte, klammere mich an den hervorstehenden Beckenknochen. Meine Augen wandern über ihren Körper. Sie ist so schön. Selbst im Schlaf werden ihre Züge nicht weicher. Selbst jetzt ist sie makellos und kalt wie eine aus weißem Marmor geschlagene griechische Göttin im Victoria & Albert. Der Hund kläfft noch einmal, da öffnet Anna die Augen. Sie sieht mir ins Gesicht, kalt und direkt. Dann schlägt sie meine Hand zur Seite, dreht sich mit einem Ruck um und sagt kein Wort. Ich springe hoch. „Tut mir leid“, stammle ich, weil ich irgendetwas sagen muss, dann verlasse ich den Raum.

Ich habe tatsächlich von Mickey Mouse geträumt. Ist das überhaupt noch erlaubt? # Politik ist die Koordination von Menschen. Wenn dieser einfache Satz richtig ist, müssen neue Koordinationsmöglichkeiten zu neuen Politikformen führen. Dann muss jeder Informationsrevolution eine politische Revolution folgen. # Die Küche ist sehr stylish, sehr geräumig, viel Chrom, viel Glas, teures Holz, dazu eine lange Bar mit sechs Hockern. Der Raum ist zum riesigen Wohnzimmer hin offen, auf der großen Eckcouch schlafen Carlos und Dmitri. Ich suche eine Tasse und mache Kaffee. Der Vertrag liegt auf dem Küchentisch. Sieben Seiten, geheftet, mit ein paar Rotweinflecken. Meine Augen

bleiben kurz auf den vier Unterschriften hängen, dann drehe ich ihn um. Der Hund bellt erneut. „’affee?“, fragt Carlos. „Mmm“, bestätige ich. Er dreht sich um, legt einen Arm um Dmitri und schläft weiter. Ich muss pinkeln und dabei fällt mir auf, dass die Toilette über und über mit blassroten Blutflecken bedeckt ist. Als ich die Spülung drücke, bemerke ich meinen blutigen Finderabdruck am Knopf. Ich versuche, ihn abzuwischen, aber er ist eingetrocknet. Auf dem Weg zurück in die Küche sehe ich, dass die Tür ins Arbeitszimmer einen Spalt weit offen steht. „Scheiße“, fluche ich. „Ist der Hund bei Eugene?” Carlos und Dmitri reagieren nicht. Ich setze mich widerwillig in Bewegung. Mit der Fingerspitze drücke ich die Tür vorsichtig auf. Da steht er, schaut mich an, bellt noch mal richtig drauflos. Keine Verhandlungen. Ich fasse ihn am Halsband.

„So ist’s brav“, sage ich und ziehe daran. Bereitwillig folgt mir das Tier aus dem Arbeitszimmer, quer durch die Küche, vorbei am WC. Die Tür, die ins Kinderzimmer führt, ist auch einen Spalt offen. Dort haben wir ihn gestern Abend eingesperrt. Weiß der Hund, wie Türschnallen funktionieren? Ich bringe ihn zurück. In der Tür steckt ein Schlüssel. Ich sage so etwas wie „Und jetzt bleibst du schön hier“ und sperre das Tier ein. Dann gehe ich wieder ins Arbeitszimmer. Eugene liegt auf einem weißen Leintuch auf der Couch, so wie wir ihn gestern dort hingelegt haben. Der Hund scheint ihn nicht berührt zu haben. Ich beuge mich über ihn. Er ist bleich, seine Haut bekommt schon etwas Wachsartiges, aber er riecht noch nicht. Um mir die Wunde anzusehen, will ich seine Hand zur Seite legen, aber als ich den Widerstand spüre, zucke ich zurück. Also nehme ich das Handtuch, das wir über Eugenes Oberkörper gelegt haben, zwischen Daumen und

Zeigefinger und hebe es ein wenig hoch. Da ist es, ein sauber gewaschenes, ovales Loch. Die blauen Flecken, die sich gestern rund um den Einschuss gebildet haben und meiner Meinung nach davon stammen, dass die Kugel auch mindestens eine Rippe gebrochen hat, sind nun beinahe schwarz. „Und jetzt, Eugene?“ frage ich. „Was jetzt?“ # „Glauben Sie mir eines: Sie wollen keine politisierte Jugend. Nicht, dass Kids nicht an Politik teilhaben sollten. Aber Sie sollten sie nicht anheizen mit so einem Thema. Es gibt viele von ihnen. Oft haben sie jede Menge Freizeit. En masse können sie dem „Establishment“ ziemliche Schwierigkeiten bereiten. Glücklicherweise neigen sie dazu, faul und zynisch zu sein und selten auf die Straße oder in die Wahlzelle zu gehen. Aber es sieht aus, als würden die Armleuchter in Hollywood und der RIAA mit dem Feuer spielen – mit

lästigen neuen Copyright-Gesetzen und anderen Restriktionen. Ich wäre vorsichtig.“ Das stammt aus einem der Artikel in Eugenes Sammlung namens The Politics of Piracy. John C. Dvorak schrieb ihn schon vor langer Zeit für das PC Magazine und er hatte recht. Verdammt recht. # Neben der Couch steht Eugenes Rucksack, schmutzig und blutverschmiert. Ich weiß gar nicht, wer ihn dort abgestellt hat. Darin finde ich das Notebook, das Netzteil, eine große Flasche Wasser, eine kleine Flasche Essig, eine Regenjacke, eine Schwimmbrille. Und eine dicke Mappe. Eugenes Materialsammlung und seine Notizen. Unsere Notizen. Ich nehme sie heraus, setze mich neben Eugene auf die Couch. Die Blätter in der Mappe sind lose. Mehrseitige Artikel sind manchmal durch Büroklammern zusammengehalten, aber nicht immer. Der größte Teil

des Materials sind Ausdrucke von Texten, die wir online recherchiert haben. Ja, klar, Internetausdrucker, wir haben auch darüber gelacht. Aber wir waren so viel unterwegs, in so vielen Ländern, es war nicht immer leicht, online zu gehen. Und Eugene mochte Papier. Zwischen den Ausdrucken finden sich auch viele Fotokopien, ausgerissene Zeitungs- und Magazinartikel. Oft sind lange Passagen mit Leuchtstift markiert oder unterstrichen, an den Rändern mit Kommentaren versehen, Rufzeichen, Nummerie-rungen, Abkürzungen. Dazwischen, meist auf den Rückseiten der Ausdrucke, finden sich seitenweise handschriftliche Notizen, kaum leserlich, aber trotzdem elegant, irgendwie genau so, wie man sich die Schrift eines Philosophieprofessors vorstellt. Es sind genug Notizen für ein ganzes Buch. Eugenes Buch, das er nun nicht mehr schreiben wird. Dann finde ich, was ich suche: das aktuelle Paket. Eugene hat es erst gestern im British Museum bearbeitet. Es steckt mitten unter den anderen Unterlagen. Ein schon ziemlich abgegriffenes Blatt im A3-Format,

einmal gefaltet, dient als Hülle. Darauf ist die Fotokopie eines alten Plakates zu sehen, auf dem sich eine Menschenmasse um einen schwarzen Monolithen versammelt. Brecht oder Goebbels? hat Eugene mit einem roten Marker auf die Grafik geschrieben. Ich öffne das Notebook, hole es aus dem Ruhemodus, versuche mich ins WLAN einzuloggen, aber das ist abgesichert. Das war zu erwarten gewesen. Ich bücke mich unter den Tisch, ziehe das Netzwerkkabel aus dem PC und hänge mein Gerät an. Bingo. Meine Inbox geht über. Mehr als vierhundert E-Mails. Lebt ihr noch? steht in der obersten Betreffzeile, Alles okay? in der nächsten, Wo seid ihr? in der dritten. So geht es weiter und weiter. Zu viel zu lesen. Auf Facebook sehe ich hunderte Links zu Videos von gestern, ich wurde hunderte Male auf Fotos markiert, habe hunderte Nachrichten und Freundschaftsanfragen. Auf Twitter ist #incommunicado immer noch Trending Topic. Technorati verzeichnet weltweit über zehntausend aktuelle Blog-Einträge zum Suchbegriff

„incommunicado“. Aber auch die kommerziellen Medien lassen uns nun nicht aus den Augen: Die Google-News-Filter für „incommunicado“, „Soundinistas“ und „Eugene Jersey“ liefern seitenweise Links. Auf den meisten Nachrichtenseiten sind wir die Titelgeschichte, nytimes.com zeigt sogar ein Bild von mir mit erhobener Faust inmitten schwer bewaffneter Polizisten. Der Guardian hat dasselbe Bild. Wie konnte das passieren? fragt er. Weil ihr Arschlöcher einfach nicht vorsichtig wart, denke ich. Ihr wart gewarnt. Ich überfliege den Artikel. London im Ausnahmezustand. Straßenschlachten in Liverpool und Manchester, Demonstrationen, teilweise mit Ausschreitungen, in Paris, Berlin, Hamburg, Köln, München, Genf, Mailand, Orlando, Seattle, Berkeley, New York, Baltimore. Die Soundinistas sind noch auf der Flucht, steht da. Ich verziehe den Mund. Schließlich stehe ich auf, strecke mich, zünde mir eine Zigarette an, öffne die Balkontüre und trete ins Freie. Das grelle Licht der Mittagssonne blendet, unter mir

sind die Straßen der Stadt menschenleer. Sie werden sich wohl erst abends wieder füllen. Ich schließe die Augen und halte den Atem an. Alles wirkt ruhig, ich höre die gedämpften Geräusche einer Stadt, in der alles seinen normalen Gang geht. Das war es dann wohl. Unsere Verhaftung steht noch aus, aber das ist nur eine Frage von Stunden, maximal, dann ist diese Geschichte vorbei, zumindest für uns. Wir haben zwar die Akkus aus unseren Handys genommen, damit wir nicht zu orten sind, aber die Gegend ist videoüberwacht. Die ganze Stadt ist videoüberwacht. London hat die weltweit höchste Dichte an Überwachungskameras, zumindest was Großstädte betrifft. Es gibt wohl keinen dümmeren Ort, um eine kleine Revolution zu starten, frag nach bei Winston Smith. Sie werten jetzt wohl die Aufnahmen aus. Vermutlich sind sie schon unterwegs. Ich suche die Dachkanten der umliegenden Häuser nach Scharfschützen ab. Nichts zu sehen. Noch nicht. Plötzlich und ohne Vorwarnung fährt glühend heißer Schmerz durch meinen Nacken und dann die

Wirbelsäule nach unten, bis ins Steißbein. Mir wird schwarz vor Augen und für einen Sekundenbruchteil befürchte ich, dass durch die Prügel, die ich gestern bezogen habe, ein Wirbel verletzt wurde und mein Genick nun einfach abgebrochen ist. Querschnittlähmung und aus. Aber der Schmerz vergeht doch wieder. Ich lehne mich zurück, hole tief Luft und versuche, mich zu entspannen. Ich sollte die Zeit, die bleibt, nutzen und für Eugenes Blog einen letzten Beitrag schreiben. Sein Werk vollenden. Er hätte hier sicher Einspruch erhoben. Kein Werk wird je begonnen und je abgeschlossen, hat er mal gesagt. Ich muss zugeben, ich sehe die Dinge immer etwas weniger philosophisch. Also setze ich mich wieder an den Schreibtisch und öffne das Dokument. Ich verschränke die Finger und drücke die Handflächen durch, bis die Gelenke knacken. Es kann losgehen. Dabei bin ich merkwürdig ruhig. Wie es auch ausgeht, es ist okay. In den letzten Monaten haben wir Dinge erlebt, die für ein ganzes Leben reichen. Es war eine gute Zeit. Und wenn ich mit dem Wissen von

heute noch einmal beginnen könnte, dann würde ich nur eines anders machen: Ich wäre radikaler, von Anfang an. # Claude Shannon und Warren Weaver schrieben in Die mathematische Theorie der Kommunikation: „Das Wort Kommunikation wird hier in einem sehr umfassenden Sinn verwendet, um alle Vorgänge einzuschließen, mit denen ein Verstand den anderen beeinflussen könnte. Das inkludiert natürlich nicht nur geschriebene und gesprochene Sprache, sondern auch Musik, die bildende Kunst, das Theater, das Ballett und letztlich alle menschlichen Verhaltensweisen.“ Es gilt natürlich auch für Rockkonzerte und Demonstrationen. #

Von Anfang an... Okay. Langsam. Es ging ohnehin alles schnell genug. Ich bin Journalist. Schreibe über Musik und Kino. Freier Mitarbeiter bei vier, fünf Zeitungen und Magazinen, die ich regelmäßig mit Rezensionen, Interviews und Reportagen beliefere. Belieferte. Vergangenheit. Das ist das Ergebnis davon, dass ich Eugene, Anna und die Band kennenlernte: Alles ist Vergangenheit. Also, ich war Journalist. Ich machte Urlaub in Italien, in einem winzigen Küstenort südlich von Neapel. Das kleine, aber sehr feine Hotel hatte junge Eigentümer, die mir in der Vorsaison einen kräftigen Rabatt gewährten, weil ich ihr Domizil schon ein paar Mal auf den Reiseseiten verschiedener Magazine lobend erwähnt hatte. Sechs Wochen Aufenthalt waren geplant. Ich wollte einen Roman entwickeln und die ersten paar Kapitel schreiben. Das Leben als Freiberufler hat seine Vorteile, wenn man sie zu nutzen weiß. Und ich war ganz gut im Geschäft, konnte mir das leisten. Vom Inhalt dessen,

was ich schreiben wollte, hatte ich nur grobe Vorstellungen. Genau genommen gar keine. Grundsätzlich wollte ich mich an die Maxime halten, dass man über das schreiben soll, was man kennt (wer hat das bloß gesagt?), also sollte es irgendwie um die Medienbranche gehen, um einen Rock-Journalisten, vielleicht einen, der einen Mord aufklärt, mit Frauen, Drogen, Alkohol und so. In der ersten Urlaubswoche akklimatisierte ich mich mal und ehe es mir wirklich auffiel, waren zehn Tage um und ich hatte immer noch keine präzisere Idee. Dafür hatte ich aber Ausflüge in die Umgebung gemacht, mir Pompeji und Neapel angesehen und kannte die Kellner der wenigen Bars in der Umgebung schon mit Vornamen. Mir gingen schön langsam die Ausreden aus. Ich musste zu arbeiten beginnen. Also sperrte ich mich in meinem Zimmer ein und starrte stundenlang auf die weiße erste Seite eines leeren Word-Dokuments.

Vielleicht sollte ich einfach drauflos schreiben, ein erstes Kapitel, in dem jemand einen Toten findet, und die Geschichte dann laufen lassen ... # Am Abend gingen mir die Zigaretten aus. Natürlich gab es im Hotel welche zu kaufen, auch meine Marke, aber vielleicht, dachte ich, sollte ich zur Entspannung einen Spaziergang unternehmen: Die Küste entlang, zwei, drei Kilometer, zur RockBox, einem kleinen alternativen Lokal. Da war am frühen Abend nicht viel los, da konnte ich Zigaretten kaufen, einen Espresso trinken, von der Terrasse aufs Meer starren, mich sammeln. Ich griff also meine Tasche, in der ich alles Lebensnotwendige aufbewahrte – Notizbuch, Laptop, Foto- und Videokamera –, und machte mich auf den Weg. In der RockBox war schon mehr los, als ich dachte.

„Großer Konzertabend“, sagte die junge hübsche Kellnerin. Alice hieß sie, glaube ich. „Drei Bands“, sagte sie und wandte sich desinteressiert ab. Ich tat auch desinteressiert und zündete mir eine Zigarette an. Da läutete mein Handy. Es war jemand von der Promotion-Abteilung einer großen Plattenfirma. „Hallo, wie geht es Ihnen?“, fragte sie. „Gut“, sagte ich, „ich bin auf Urlaub.“ „Ach nein“, sagte sie. „Das ist ja schade“, sagte sie, „denn ich hätte so eine tolle Interviewmöglichkeit für Sie.“ „Wen soll ich denn interviewen?“, fragte ich laut, so dass es auch Alice hören konnte. Und nach einer Pause: „Linkin Park? Haben die das neue Album denn endlich fertig?“ „Ja“, sagte die Promotionstante, und sie klang etwas überrascht. Ich hatte nicht mal gewusst, dass die Jungs von Linkin Park an einem neuen Album gearbeitet hatten, aber das war nicht schwer zu erraten gewesen. Plattenfirmen luden nur zu großen Interviews, wenn es etwas zu verkaufen gab. Und das war immer zuerst ein

neues Album, dann ein Tourneestart und schließlich die Live-DVD. Nachdem ein Rezensionsexemplar der letzten Linkin-Park-Live-DVD in irgendeiner meiner Schubladen verstaubte, musste jetzt also wieder ein Album kommen und ein neuer Zyklus konnte beginnen. „Leider“, sagte ich, „aber ich bin in der Nähe von Neapel, und das noch einige Zeit. Wann wäre denn das Interview?“ „Übermorgen“, sagte sie. Das Interview sei in London und es sei auch möglich, mich aus Italien einzufliegen. Das war gar nicht so ungewöhnlich: Die Zeit-Slots für solche Interviews mussten von den Marketingleuten unbedingt voll-gepackt werden, eine verschwendete Viertelstunde Zeit von Linkin Park ist deutlich teurer als ein paar Flugtickets quer über den Kontinent. Pervers, eigentlich. „Wie lange hätte ich Zeit?“, fragte ich. „Zwanzig Minuten“, sagte die Frau, „zusammen mit vier anderen Journalisten.“

Also nicht mal ein Einzelgespräch, dachte ich, aber sagte es nicht laut. Wenn ich wolle, könne sie ja mal die Flüge prüfen und mich dann zurückrufen. „Machen Sie das“, sagte ich. Alice tauchte wieder auf. Sie wusch ein paar Gläser und sagte kein Wort. Ich rauchte in Ruhe und wartete. „Du bist Musikjournalist?“, fragte sie schließlich. Ich nickte und ließ den Rauch aus meiner Nase strömen. „Nur ein Job.“ Im Herbst, sagte Alice, wolle sie nach Mailand gehen und Journalismus studieren, die Musikszene würde sie besonders interessieren, sie wolle einmal im Leben Marilyn Manson interviewen. Sie hatte dabei leuchtende Augen. Ich verlor schlagartig das Interesse an ihr. Ich habe Marilyn Manson schon dreimal interviewt und es war immer eine ausgesprochen unspektakuläre Angelegenheit. Manson ist sehr freundlich und höflich. „Eine gute Idee“, sagte ich. „Du bist dafür sicher perfekt.“ Rock-Journalismus ist meist, wenn Leute, die

nicht schreiben können, Leute interviewen, die nicht reden können, um Leute zu erreichen, die nicht lesen können. Hat Frank Zappa mal gesagt. Die Promotions-Tante von der Plattenfirma rief nach zehn Minuten wieder an. Das ginge in Ordnung. Ich könne morgen schon fliegen und in Rom umsteigen und in London in einem sehr netten Hotel übernachten. Das sei zwar etwas teuer und sprenge ihr Budget, aber die Londoner Zentrale sei bereit, die Mehrkosten zu übernehmen. „Wunderbar“, sagte ich, „dann schicken Sie mir doch die Flugdaten per E-Mail.“ „Gerne, aber da ist noch eine Kleinigkeit.“ „Was denn?“, fragte ich. „Max“, sagte sie. Max wolle morgen mit mir zu Abend essen, deshalb übernehme die Zentrale auch die Hotelkosten. Sie schicke mir die Adresse des Restaurants, irgendwo in Soho. Sie sei auch schon da gewesen, eine ganz schicke Bude.

„Wunderbar“, sagte ich und legte auf. Wenn ich morgen nach London flog, dann musste ich heute wohl nicht mehr mit dem Roman beginnen. „Wann beginnt das Konzert, Alice?“ „Um neun“, sagte sie. Das machte noch zwei Stunden. „Dann werde ich mich auf die Terrasse setzen“, sagte ich. „Bringst du mir ein Bier und einen Wodka raus?“ „Klar!“, sagte Alice und zwinkerte mir zu. # Die erste Band war laut und anstrengend, ein paar besoffene Provinzbengel. Sie waren offensichtlich der Meinung, um Punk-Musik zu machen, reiche es, Drogen zu konsumieren und seine Instrumente nicht zu beherrschen. Wie alle, die die wahre Genialität von Malcolm McLaren nicht verstanden haben. Dem Publikum schien es trotzdem zu gefallen. Aber vermutlich war den Hunnen auf der Tanzfläche die

Musik ohnehin egal, denn sie tanzten völlig unbeeindruckt weiter, als die Band abging, der Umbau für die zweite Gruppe begann und die Musik von der Festplatte kam. Das Hüpfen und Rempeln und Mit-Pappbecherndurch-die-Gegend-Werfen nervte mich, und das sah man mir wohl an. „Gefällt’s dir nicht?“, fragte Alice. Ich zuckte mit den Achseln. „Gibt’s hier irgendwo einen ruhigen Fleck?“ Sie deutete auf das Technik-Podest. „Dort stehe ich gerne, wenn ich Ruhe haben will.“ Der Mann an den Reglern nahm kaum Notiz von mir, als ich mich zu ihm hinter das Mischpult schob. Einen kurzen Augenblick schien es, als wolle er protestieren, dann nickte er freundlich. „Mach’s dir bequem“, sagte er. So lernte ich Eugene kennen, einen kleinen, etwas rundlichen Mittfünfziger mit Glatze vorne, Pferdeschwanz hinten, schwarzem Ramones-T-Shirt,

zerrissenen Jeans und einer nicht ganz neuen, runden Hornbrille. Ich war, muss ich zugeben, nur begrenzt neugierig auf den Auftritt der zweiten Band. Ich dachte, es gebe bereits zu viel Musik da draußen. Es gebe zu viele Konzerte, zu viele Bands. Man kommt ja als Journalist kaum noch damit nach, die hochwertigen und topprofessionellen Produktionen zu verfolgen. Geschweige denn irgendwelche Garagenbands, von denen neunundneunzig Prozent nicht mehr als einfallslosen Lärm produzieren. So dachte ich und, ja, das war arrogant und aufgeblasen. Noch während des Aufbaus begann der Soundcheck und aus dem Soundcheck heraus das Konzert, ohne Pause, ohne eindeutigen Beginn. Wozu auch, die Hunnen tanzten schon. Plötzlich schmiegte sich eine E-Geige um ein paar spärliche Beats aus der Drum-Machine, ein orientalisches Volkslied, eine Klageweise, wahrscheinlich ewig alt, Tausendundeine Nacht in the Ministry of Sound. Der Rhythmus drückte die Nummer vorwärts,

die Hunnen grölten und tanzten und sprangen immer höher, dann setzte der Bass ein. Eine Frau spielte ihn, breitbeinig und trotzdem anmutig. Wenige haben die Erotik von Frauen am Bass begriffen, Prince ist eine der Ausnahmen, ich bin eine andere. Und offensichtlich diese Band. Ich erinnere mich genau. Wenn ich die Augen schließe, bin ich wieder dort. Ich verfalle der Bassistin in der Sekunde, wo ich sie sehe, und als Eugene die beiden Beamer einschaltet, die vorne an der Kante der Bühne stehen und Bilder an die Rückwand werfen, überlebensgroße Porträts von ihr, da ist das gar nicht mehr nötig, da ist es schon um mich geschehen. Sie tritt ans Mikro und hebt an und singt in fremden Sprachen, kraftvoll und klar, und es klingt erst wie Französisch, dann wie Arabisch, dann wieder ganz anders. Später erfahre ich: Das ist Katalanisch, die Nummer heißt „Babylon“, die Porträts im Hintergrund wechseln, sie zeigen immer schneller Menschen aus aller Welt. Das Intro entwickelt sich langsam zu einem

repetitiven Thema, zu einem repetitiven, repetitiven Thema. Der Drummer steigt ein. Dann die beiden Gitarristen. Patam! Pa-ta-ta-tam! Patam! Das Lied endet nie, das nächste beginnt unbemerkt und plötzlich, Patam!, aus dem Nichts peitscht ein Gitarrenriff in die Menge, irgendetwas, das ich kenne und nicht gleich zuordnen kann, und schon drischt das Quartett, Pa-ta-ta-tam!, eine Hymne runter, ein Hochamt, wir hören die Signale, die Hunnen singen im Chor und recken ihre Fäuste in die Luft, auf zum letzten Gefecht, sie springen und grölen und die Bassistin steht immer noch breitbeinig da, die Lippen nahe am Mikro, die letzte Strophe singt sie a cappella und sie hat uns alle gefangen. Samba. Ska. Ska-Punk. Sie singen abwechselnd, sie singen zu zweit und zu dritt, sie singen viel auf Englisch und Spanisch und Französisch, alles durcheinander, sie singen ein wenig auf Arabisch und Deutsch, und einmal klingt ein Refrain recht russisch. Die Frau am Bass singt auch eine

Strophe italienisch, und da grölt das Publikum noch lauter als sonst und springt noch höher und ein Dutzend Verrückte klettern auf die Bühne und niemand hindert sie daran. Sie springen mit ausgestreckten Armen in die Menge und lassen sich fangen und die Band lacht und spielt noch wilder und feuert die Hunnen an und die Sängerin lässt ihren Bass fallen und springt und lässt sich von hunderten Händen tragen und singt, das FunkMikro fest umklammert. Eugene und ich halten den Atem an, eine Unendlichkeit lang, bis das Publikum sie wieder zurückgibt, auf die Bühne, vor die Leinwand. Ein Atompilz steigt hinter ihr auf, während sie den Bass umschnallt. Eine Nummer klingt wie eine Kreuzung aus Chanson und Blues. Ich nehme meine Videokamera aus der Tasche und filme mit. Eine Nummer klingt wie eine Kreuzung aus Rockabilly und Ragga.

Den Texten ist nicht leicht zu folgen, weil die Sprachen so schnell wechseln, aber ein paar Fetzen versteht man immer wieder und die Bilder aus dem Beamer helfen. Es geht um das Recht auf Rausch, um Arbeitslosigkeit, um muslimische Ghettos in europäischen Städten und Luxushotels an ägyptischen Stränden. Ich hatte nie verstanden, warum man Popmusik zum Sozialporno machen muss, aber auch das ist mir in diesem Moment keine Warnung. Meistens geht es ohnehin ganz banal um Liebe, Eifersucht, Verzweiflung und den ganzen Rest. Dazwischen eine Cover-Version von Wild Boys, eine von Waiting For The Man, eine von The Mercy Seat, ganz verrückt. Pa-ta-ta-tam. Flamenco. Rumba. Csardas und Roma-Musik. Punk. Manchmal langsam, meistens schnell. Eine Nummer klingt wie eine Kreuzung aus Charleston und Hardrock, das ist echt schräg, brutaler Crossover, keine halbe Sache. Ich mag das.

Die Bassistin trägt eine Army-Hose und ein weißes Unterleibchen, zum Knoten gebunden über dem schwitzenden Bauch. Ich muss nach vorne, ich muss fotografieren. Die Soundinistas singen über eine Party in Belgrad. Sie singen über Gewalt gegen Frauen und eine Modenschau in Paris. Ich kämpfe mich durch die Hunnen, remple und stoße und quetsche mich durch die Horde. Oft geht es um drei Dinge in einem Song, so als würde das alles zusammenhängen, als wären diese Dinge nur Facetten desselben Systems. Immer wieder geht es um Freiheit und Freude. Ich gelange in die erste Reihe, stütze meine Ellbogen auf die Bühne und nehme die Bassistin in den Sucher, zoome ganz nahe heran. Patam! Sie singen von Sex, Freiheit und Anarchie. Sie singen wieder von Liebe. Plötzlich ein trauriges, einsames Saxophon, dann Stille.

Die anderen Bandmitglieder gehen ab. Sie steht alleine auf der Bühne, verschwitzt, die Augen geschlossen, den Kopf gesenkt. Das Publikum schweigt, es ist ratlos. Ich werfe einen Blick auf den Techniker neben mir, aber auch er hat die Augen geschlossen, den Kopf gesenkt, die Finger beider Hände verschränkt, fast, als würde er beten. Nach einer Minute greift die Frau auf der Bühne langsam nach ihrem Mikrofon und sagt leise: „Das war für meine Mutter. Sie hat heute ihren zehnten Todestag. Wir werden dich nie vergessen, Mum.“ Sie wischt sich eine Träne aus dem Gesicht, dann geht sie langsam ab. Keine Zugaben. Die nächste Band ist dran. Ich drücke den Stop-Button der Videokamera. #

Ich musste sie kennenlernen und fragte Alice, ob sie mich backstage bringen könne. Sie schüttelte den Kopf. „Die machen unten am Strand ein Lagerfeuer, dort findest du sie.“ „In welche Richtung?“ Sie überlegte. „Ich bringe dich hin, sobald die dritte Band begonnen hat.“ Fünfzehn Minuten später waren wir unterwegs. „Ein Interview – sehr gut! Die waren toll, nicht wahr? Suchen wir Eugene Jersey“, quasselte sie, während ich hinter ihr durch den Sand lief. „Wer ist das?“ „Der Manager der Band. Ein lustiger Kerl. Du hast ihn am Technikpult kennengelernt.“ „Ach der“, sagte ich. Wir liefen auf einen alten, roten Londoner Stockbus zu, der am Rande der Zufahrtsstraße zum Strand parkte. Davor standen drei Leute, die sich laut lachend unterhielten. Einer davon war der Tontechniker. Über

dem Ramones-T-Shirt trug er nun ein abgewetztes braunes Cord-Sakko. „Das ist Eugene Jersey, der Manager“, sagte Alice. „Und das ist ein Journalist, der gerne ein Interview mit euch machen würde.“ „Oh, ein Interview!“, rief einer der anderen Männer. „Die Soundinistas auf dem Weg zum Weltruhm!“ „Für welches Magazin?“, fragte Eugene. „Verschiedene“, sagte ich. „Zum Beispiel?“ Ich zählte drei Namen auf. Eugene nickte und lächelte, aber ich wusste nicht, was das bedeutete, er lächelte scheinbar immer. Wenn er überrascht über diese großen Titel war, ließ er es sich nicht anmerken. Seine Freunde schon. „Wow“, sagte der eine. „Ihr werdet gerade entdeckt.“ „Ich möchte aber die Sängerin interviewen, nicht den Manager“, sagte ich. „Klar“, sagte er. „Schließlich hast du ja auch sie gefilmt und nicht mich.“ Ich bin mir heute ziemlich sicher, dass

er wusste, dass ich das Interview niemals einem Magazin anbieten würde, und einfach aus Lust und Laune mitspielte. Eugene war ein freundlicher Mensch. „Ich muss dann mal zurück“, sagte Alice. „Komm mit“, sagte Eugene zu mir. „Wir spielen unsere Zugabe für die Fische und die Krabben. Und wir grillen ein wenig. Anna hat noch nicht viele Interviews gegeben, schon gar nicht für so große Magazine. Sie wird sich freuen. Wein und Bier haben wir auch.“ Anna hieß sie also. Sie saß mit zwanzig oder fünfundzwanzig anderen um ein riesiges Lagerfeuer, eine Bongo zwischen den Beinen, und begleitete einen der Gitarristen der Band, der gerade Waiting in Vain sang. Eugene stellte uns kurz vor und ließ uns dann auch schon alleine. „Hi, tolles Konzert“, sagte ich. „Origineller Spruch“, sagte sie. „Ist dir der selbst eingefallen?“ „Ja“, sagte ich.

Sie lächelte und hielt mich offensichtlich für einen ganz netten, sympathischen Idioten. „Gibst du mir ein kurzes Interview?“, fragte ich. „Hey, willst du dich nicht vorstellen?“, rief der Gitarrist. Es klang nicht unfreundlich, aber irgendwie war ich mir da doch nicht so ganz sicher. „Klar, mein Name ist ...“ „Namen spielen für uns keine Rolle“, sagte er. „Musik zählt. Musik.“ „Musik?“ „Ja, mein Freund, Musik. Stell dich mit einem Lied vor.“ „Ich singe grässlich.“ „Spielst du besser Gitarre?“ „Ja“, seufzte ich erleichtert. Gitarre spielen war nicht so schlimm. Für ein Lagerfeuer am Strand reichte es allemal. Der Typ machte eine schnelle Bewegung und hielt mir plötzlich sein Instrument unter die Nase. „Dann spiel so

laut, dass wir dich nicht singen hören“, sagte er. Alle lachten. Mit welchem Lied stellt man sich einer Runde vor, die man nicht kennt? Die Nummer, die ich angeblich am besten konnte, war immer schon John Lee Hookers Boom Boom. Und Eric Burdons I Was Born To Live The Blues. Die Blicke aller waren auf mich gerichtet. Burdon hat einmal eine absolut geniale Cover-Version von Ring Of Fire aufgenommen. Ich sah Anna an. Oh ja. Ich begann zu spielen, dann sang ich leise: Love …is a burning thing … Sie lachte hell auf, dann stimmte sie mit ein: … and it makes… a fiery ring … Bound … by wild desire … I fell into … a ring of fire … Spätestens an diesem Punkt, darauf kann man sich bei der Nummer verlassen, beginnt die Hälfte der Leute mitzusingen, und diesmal war es nicht anders. I fell into

a burning ring of fire … I went down, down, down, and the flames went higher … Ich entspannte mich, wurde mutiger, sang lauter: …and it burns, burns, burns … Unsere Augen fanden sich, ich zwinkerte ihr zu … the ring of fire … Sie zwinkerte zurück … the ring of fire … Zweite Strophe, Refrain, noch mal Refrain, und dann langsam und immer sachter … the ring of fire, the ring of fire, the ring of fire … Am Ende sang ich wieder alleine und ganz leise. Dann stoppte ich die Saiten. Sie klatschte, Eugene rief laut: „Bravo!“ Ich fragte: „Wollt ihr eine Zugabe?“ Sie zuckte mit den Achseln und grinste mich an, aber ein paar Leute riefen „Nein!“ und „Bloß nicht!“ und „Gnade!“, also gab ich die Gitarre dem Nächsten weiter. Die Aufmerksamkeit der Gruppe fiel von mir ab, ich war nun aufgenommen und nicht weiter interessant. Ich beugte mich zu Anna. „Wie war’s?“ „Dein Gitarrenspiel war ganz passabel“, sagte sie. „Und sonst?“

„Du singst schrecklich und das Lied ist aber so was von abgelutscht. Das spielt jeder Zweite am Lagerfeuer.“ „Peinlich?“ „Kann man wohl sagen.“ „Gibst du mir trotzdem noch ein Interview?“, fragte ich. „Klar“, sagte sie. „Gehen wir ein wenig zur Seite.“ Wir begaben uns auf einen Spaziergang, weg vom Lagerfeuer, weg von der Bühne. Als wir zu einer felsigen Stelle kamen, kletterten wir weiter das Ufer entlang, um eine kleine Halbinsel herum. Dann setzten wir uns auf einen großen Stein und ließen die Füße ins Wasser baumeln. „Ich bin ziemlich verschwitzt“, sagte sie, und noch bevor ich etwas erwidern konnte: „Lass uns vor dem Interview noch schwimmen gehen.“ Anna zog sich aus und sprang, Kopf voraus, ins Wasser. Es war eine helle Nacht, beinahe Vollmond. Ich streifte meine Hose im Sitzen ab, dann stieg ich etwas unbeholfen nach. Es war kalt, aber das störte die Durchblutung in dieser Situation nicht mehr.

Wir schwammen, scherzten, bespritzten uns gegenseitig mit Wasser. Dann steckte sie mir die Zunge in den Mund und umklammerte mich mit den Beinen. Es war gar nicht leicht, in dieser Position zurück ins Seichte zu gelangen. Ich kam zuerst, natürlich, und rollte mich zur Seite. Anna stieß mir den Ellbogen in die Rippen. „Wir sind noch nicht fertig“, sagte sie, und das war mir peinlich. Ich gab mein Bestes, und das dürfte gar nicht schlecht gewesen sein. Sie krümmte sich, erstarrte am Höhepunkt und kratzte mir blutige Fetzen aus der Haut. Eine schweigsame Minute später stand sie auf, zog sich an und ging zurück zum Lagerfeuer. # Ich weiß nicht, wie lange ich unbeweglich auf dem Felsen saß. Ich fror und das Salz brannte in den Kratzwunden, aber das war mir egal. Ein Geräusch riss

mich aus meinen Gedanken. Eugene kletterte vorsichtig über die Felsen. Er setzte sich neben mich und wir starrten eine Zeit lang auf die Wellen und die hüpfenden, silbrigen Reflexe des Mondlichtes darauf. Irgendwann sagte Eugene: „Du spielst ja ganz gut Gitarre, aber am Repertoire solltest du feilen.“ „Scheint so.“ „Ich möchte dich um einen Gefallen bitten“, sagte Eugene. „Hm?“ „Könntest du mit allen Bandmitgliedern Interviews machen und einen kurzen Text über sie schreiben? Wir stellen gerade unsere neue Homepage fertig und könnten so was brauchen.“ „Hm“, sagte ich, ohne viel darüber nachzudenken. „Wir haben nicht viel Geld. Genau genommen haben wir dafür gar kein Geld.“ „Das habe ich mir gedacht. Das ist nicht das Problem. Aber ich fliege morgen Abend nach London.“

„Oh, schade.“ „Sonst gerne.“ „Klar.“ Eugene holte eine Packung Marlboro aus seiner Hemdtasche, tippte gegen die Unterseite und steckte sich eine halb herausgerutschte Zigarette zwischen die Lippen. Er bot auch mir eine an. „Danke“, sagte ich, und als er mir Feuer gab, schämte ich mich ein wenig für meine Nacktheit. Vermutlich plapperte ich deswegen einfach drauflos. „Eine schöne Nacht“, sagte ich, „um die Gedanken schweifen zu lassen ...“ „Und worüber denkst du nach?“ „Ich würde gerne einen Roman schreiben.“ „Worüber?“ „Tja. Das ist die Frage. Ich habe keine Ahnung. Etwas über die Medienbranche. Vielleicht einen Krimi“, sagte ich, nahm einen Zug von der Zigarette und atmete ganz langsam wieder aus. „Oder ganz was anderes.“

„Dann lasse ich dich wohl besser wieder in Ruhe nachdenken“, sagte Eugene und stand auf. „Fliegst du von Neapel aus?“, fragte er noch. „Ja.“ „Wir fahren da morgen hin. Wir könnten dich zum Flughafen bringen.“ Ich würde Anna noch einmal sehen. „Das wäre nett“, sagte ich. „Und auf dem Weg dorthin ...“ „... werde ich einen kurzen Text für eure Homepage schreiben. Als kleine Gegenleistung. Ich habe mein Notebook dabei, kein Problem.“ # „Was will denn der da?“, fragte einer der Gitarristen, als ich am Morgen beim Bus auftauchte. Es war der Schönling der Band. Irgendwie hat jede Band ihren Schönling, ist das nicht interessant? Leute in den Zwanzigern oder Anfang Dreißig glauben ja oft, dass

diese Milchbubis ein Phänomen der Boygroup-Ära sind und rümpfen verächtlich die Nase. Aber damit liegen sie völlig falsch. Bono hat mal in einem Interview erzählt, dass Larry Mullen Jr nur deswegen bei U2 aufgenommen worden war, weil er hübsch war. Bono, the Edge und Adam Clayton waren so hässlich wie die Nacht finster, also musste für die zukünftigen weiblichen Fans noch ein Schönling her. Dass der zufällig auch ein hochgradig talentierter Drummer war, hat der Band aber vermutlich auch nicht geschadet. „Er fährt mit uns nach Neapel“, sagte Eugene, der gerade aus dem Bus stieg „Er macht Interviews mit euch. Für die Website. Du kannst gleich das Erste geben!“ „Interessant“, sagte der Typ desinteressiert. Schulterlange blonde Haare, braungebrannt, sportlich. Arrogant. Ich hatte mir meine schlechte Meinung von ihm schon beim Konzert gebildet, in der Sekunde, als ich ihn auf die Bühne kommen sah. Jetzt war ich überzeugt, mich nicht getäuscht zu haben. Eugene schüttelte mir die Hand.

„Das ist Chris“, sagte er. „Chris fährt die erste Teilstrecke heute. Normalerweise darf man mit Busfahrern ja nicht sprechen, aber wir machen heute eine Ausnahme. Du kannst dich hier in die erste Reihe setzen“, sagte Eugene. Ah ja, danke. Ich musste eine Menge Müll von den Sitzen räumen, bevor ich Platz fand. Warum tust du dir das an, fragte ich mich. Es war frühmorgens, mir war kalt, ich war unausgeschlafen, der Bus stank nach einer Milliarde Zigaretten, ich hatte nicht Zähne geputzt, es gab keinen Kaffee und dieser Chris nervte schon vor dem Interview. Ich beobachtete ihn und Eugene und einen der anderen Musiker dabei, wie sie noch ein paar Dinge in den Stockbus räumten. Ich wusste natürlich, warum ich mitfuhr. Anna. Von ihr war nichts zu sehen. Sie schlief wohl. Zehn Minuten später ging es los. Chris brauchte drei oder vier Versuche, bis der Bus ansprang, dann rollten

wir los. Weg vom Strand, zunächst über einen Feldweg, hinauf zur Küstenstraße. Die anderen verkrochen sich irgendwo im oberen Stockwerk des Busses. Wir fuhren wortlos. Fünfzehn Minuten, dreißig, fünfundvierzig. „Wolltest du nicht ein Interview machen?“, fragte Chris. „Klar“, sagte ich. „Ich bin nur noch nicht fit, so früh am Morgen, du weißt schon. Aber fang mal an zu erzählen.“ „Okay. Ich heiße Chris. Chris Mess. Das ist mein Künstlername. Verstehst du? Chris Mess, so wie Christmas. Ich bin zweiundzwanzig, Single, Gitarrist und ich bin aus Schweden. Stockholm. Aber dort ist es mir viel zu kalt, deswegen bin ich vor zwei Jahren abgehauen. Ich bin nach Gran Canaria und habe dort einen Winter lang als Animateur gearbeitet, dann bin ich aufs Festland rüber und wollte eigentlich per Autostopp zurück nach Schweden. Aber weit bin ich dabei nicht gekommen. In Barcelona habe ich ein Konzert der Soundinistas gesehen, bin mit Eugene ins Reden

gekommen – tja, und jetzt bin ich hier. In gewisser Weise bin ich immer noch Animateur.“ Ich blickte aus dem Fenster, beobachtete die karge Vegetation und den grauen Himmel. „Hallo?“, drängte der Typ. So ein Superduperarschloch, dachte ich, und sagte dann: „Das reicht fürs Erste. Es werden ja nur ganz kurze Texte.“ Ich musste lächeln und freute ich mich auf das gepflegte Abendessen mit Max. # Max war mein Cousin, und fast mein Bruder. Wir saßen beim Abendessen, die ganze Familie. „Kinder, wir müssen etwas mit euch besprechen“, sagte mein Vater. Immer wenn er das sagte, gab es eine unerfreuliche Nachricht. „Euer Cousin Max“, sagte er, „wird in Zukunft bei uns wohnen.“

Meine Geschwister plärrten sofort drauflos, aber mein Vater schüttelte den Kopf und machte eine wegwischende Geste mit der Hand. „Hört euch doch erst mal an, was euer Vater zu sagen hat“, sagte meine Mutter. „Er wird hier zu Schule gehen“, sagte mein Vater. „Max ist ein kluger und hochtalentierter Junge, er soll seinen Abschluss an einer guten Schule machen, und so etwas gibt es bei Tante Betty auf dem Land eben nicht. Also hat uns Tante Betty gebeten, ihn aufzunehmen.“ „Und dann?“, fragte eine meiner Schwestern. „Und dann wird er wohl zur Universität gehen“, sagte mein Vater. „Jura, vielleicht. Aber das dauert noch Jahre bis dahin.“ „Nein, das meinte ich nicht“, sagte meine Schwester. „Und wo wird er dann wohnen? Wir haben kein Zimmer mehr frei.“ „Nun“, sagte mein Vater, und er sah dabei nicht meine Schwester an, sondern das erste Mal an diesem Abend

mich, „wir haben uns überlegt, dass es am besten ist, wenn ihr beide euch ein Zimmer teilt.“ Mir stiegen Tränen in die Augen. „Mein Zimmer!“, schrie ich. Es hätte wie eine Frage klingen sollen. „Für ein paar Jahre ist das jetzt euer Zimmer“, sagte mein Vater. „Aber Max ist ein Superduperarschloch!“, brüllte ich aus Leibeskräften, dann warf ich meine Serviette auf den Tisch und sprang auf, ohne um Erlaubnis zu fragen, und lief in mein Zimmer. Dort wartete ich darauf, dass meine Mutter mir nachkam, aber ich wartete vergebens. Superduperarschloch. Ich glaube, ich hatte das kindische Doppel-Präfix nur erfunden, um nicht Arschloch sagen zu müssen. So sprach man nicht im Haus meiner Eltern. #

Sie stand plötzlich neben mir, stützte die Unterarme auf die Lehne des Sessels. Sie wirkte zornig und biss hektisch auf einem Kaugummi herum. „Oh“, sagte ich überrascht. „Guten Morgen. Wo kommst du denn her?“ „Das sollte ich wohl dich fragen“, sagte Anna. Kein guter Morgen. „Euer Manager ...“, sagte ich. „Eugene.“ „Ja. Eugene hat mich gebeten, nach Neapel mitzufahren und Interviews mit allen Bandmitgliedern zu machen.“ Sie kaute weiter, ihr Gesichtsausdruck blieb unverändert. „Für die Homepage“, sagte ich. „Interviews. So wie unseres gestern?“ War das ein Vorwurf? Ein Scherz? Oder war es nett gemeint? Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. „Und hast du schon alle anderen interviewt?“, fragte sie. „Nein.“ „Na, dann mach mal“, sagte sie und setzte sich neben mich. „Das letzte Mal sind wir ja wirklich nicht weit

gekommen damit“, flüsterte sie und es klang wie eine nüchterne Tatsachenfeststellung. Ich lächelte und wusste immer noch nicht, ob das jetzt gut oder schlecht war. „Anna“, sagte sie. „Vierundzwanzig Jahre, Sängerin und Bassistin.“ „Kein Nachname?“, fragte ich. Sie lächelte. „Jersey.“ Mein Kinn klappte nach unten. „Sag nicht ...“ „Doch. Er ist mein Vater.“ Ich schnitt eine Grimasse. „Er hat mich nackt gesehen. Also, du weißt schon, nach unserem ... Interview.“ „Und?“ „Das ist mir jetzt noch peinlicher.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Dein Problem.“ „Dir ist das egal?“ „Wir sind seit fast sieben Jahren die meiste Zeit gemeinsam in einem Tourbus unterwegs. Glaubst du, du bist der Erste, von dem er weiß, dass ich ihn abgeschleppt habe?“

Sie klang nicht aggressiv, sondern eher belustigt. Und sie versuchte nicht unbedingt, leise zu sein. „Okay, du bist also die Tochter des Managers“, murmelte ich. “Das ist ungewöhnlich, das ist eine gute Story ...“ „Lass das!“ „Was?“ „Wenn du das so darstellst, als wäre ich nur in der Band, weil ich die Tochter des Managers bin, dann trete ich dir sonst wohin. Genauso gut könnte man sagen, Eugene ist nur der Manager, weil er der Vater der Leadsängerin ist. Wir sind gleichberechtigt, verstehst du?“ „Voll und ganz.“ „Okay.“ „Nennst du ihn deswegen Eugene und nicht Vater oder Papa oder was weiß ich?“ Sie zuckte die Achseln. „Nein. Vielleicht. Keine Ahnung, ich nenne ihn schon sehr lange so.“ „Wie seid ihr gemeinsam in eine Band geraten? Du bist 24, ihr seid seit sieben Jahren gemeinsam unterwegs ...“

„Ich bin in San Francisco geboren, habe dort mit meiner Mutter gelebt. Eugene war nicht viel zu Hause. Er hat sich in der Umweltbewegung engagiert, war ständig auf irgendwelchen Anti-Atom-Demonstrationen und Kongressen und solchen Sachen. Er war ständig im ganzen Land unterwegs, und wenn er da war, dann war das Haus voll mit Freunden meiner Eltern, lauter alte Kumpel aus der Anti-Vietnam- und der Bürgerrechtsbewegung. Ich habe ihn praktisch nie für mich gehabt. Vielleicht nenne ich ihn deshalb einfach Eugene. Und dann hatte er ja noch seinen Job an der Universität in Berkeley. Ich glaube, seine Studenten hat er mehr gesehen als mich.“ „Eugene hat unterrichtet?“ Sie lächelte stolz. „Eugene Jersey, Ph.D. Spezialgebiet: Politische Philosophie der Neuzeit.“ „Und wie seid ihr dann hier gelandet?“ Es sollte nicht beleidigend klingen, aber mir war sofort klar, dass ich den Satz falsch betont hatte. Sie kniff die Augen warnend zusammen.

„Als Eugenes Eltern starben, erbte er ein schönes Sümmchen. Meine Eltern beschlossen, zunächst einmal eine ausgedehnte Europareise zu unternehmen. In Marseille lernten sie den Besitzer eines heruntergekommenen Jazz-Clubs in der Hafengegend kennen, der in Pension gehen wollte, aber keinen Nachfolger hatte. Sie soffen zusammen, verhandelten und zur Sperrstunde kauften meine Eltern den Club. Dort bin ich aufgewachsen, zwischen den Musikern und den Säufern, den Nutten und den Seeleuten, zwischen Franzosen und Algeriern und Marokkanern und Spaniern und Katalanen und Basken und Italienern und Korsen und, und, und ...“ „Interessant“, sagte ich. „Klingt so gut, dass man es erfinden müsste, wenn es nicht wahr wäre.“ Sie warf mir einen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. „Vielleicht ist es ja auch nicht wahr?“ „Vielleicht. Aber ich kann’s ja dennoch schreiben.“ „Tu das“, sagte sie. „Und dann?“

„Ich habe meine erste Band gegründet, als ich fünfzehn war. Meine Eltern haben uns in ihrem Club auftreten lassen. Eugene hat uns nach und nach auch Auftritte in befreundeten Clubs in anderen Städten besorgt. Er war damals schon so etwas wie unser Manager. Und dann ist meine Mutter gestorben. Ein Autounfall. Sie ist aus dem Haus gegangen, um mit einer Freundin auf den Markt zu gehen und frisches Gemüse zu kaufen, und ist nie wiedergekommen. Für mich war das natürlich ein Schock, aber ich glaube, Eugene hat noch mehr darunter gelitten. Er hat den Jazz-Club zugesperrt – einfach zugesperrt, nicht verkauft –, hat unsere sieben Sachen in unseren Lieferwagen gepackt und wir sind losgefahren.“ „Und dann?“ „Wir haben Live-Clubs in ganz Europa besucht. Manchmal habe ich dort gespielt, manchmal nicht. Ich bin alleine aufgetreten, als Singer/Songwriterin, ganz klassisch, nur mit akustischer Gitarre. Nach ein paar Monaten haben wir Carlos und Dmitri in einem Club in Genua kennengelernt. Sie sind nach uns aufgetreten. Sie

waren gut und nach dem Konzert haben wir uns unterhalten und es hat gefunkt. Die beiden hatten am nächsten Tag einen Auftritt in La Spezia, wir hatten frei. Sie hatten kein Auto, also haben wir sie hingebracht.“ „Sie waren ohne Auto auf Tournee?“ „Sie waren per Autostopp unterwegs. Jedenfalls sind wir an diesem Abend in La Spezia das erste Mal gemeinsam auf der Bühne gestanden, und ab dann ist das auch so geblieben. Das war vor sechs Jahren. Seit dem touren wir gemeinsam durch Europa. Wir drei auf der Bühne und Eugene als Manager. Meistens haben wir noch einen Gitarristen dabei, einmal für ein paar Monate auch eine Gitarristin. Lena. Hat nicht funktioniert, die war eine ziemliche Schlampe. Seit ein paar Monaten haben wir eben Chris mit an Bord. Apropos an Bord. Diesen Bus haben wir vor drei Jahren in England gekauft und selbst zu unserer Wohnung umgebaut.“ „Gute Geschichte“, sagte ich. „Okay. Dann sind wir ja fertig“, sagte sie und stand abrupt auf.

„Warte, eines noch ...“, sagte ich und versuchte, schnell eine Frage zu finden, die nicht allzu banal war. „Wie stellst du dir deine Zukunft vor?“ Volltreffer. Sie dachte eine Sekunde nach. „Ich glaube, das reicht fürs Erste“, sagte sie. „Es werden ja nur ganz kurze Texte.“ # „Max zieht bei uns ein“, hatte mein Vater gesagt, aber ich sah das anders. Max zog nicht bei uns ein, sondern bei mir. Wir kauften ein Stockbett für mein Zimmer. Ich wollte unbedingt das obere Bett. Unbedingt. Ich hätte mich erdrückt gefühlt, wenn Max die ganze Nacht im Bett über mir geschlafen hätte. Max war nur zwei Monate älter, aber über einen Kopf größer und doppelt so schwer. Es hätte mich wahnsinnig gemacht.

Wir kauften das Bett eine Woche, bevor Max einzog. Ich drängte meinen Vater jeden Abend, es zusammenzubauen. Ich hatte es eilig, mein altes Bett aus dem Zimmer zu räumen, das neue aufzubauen und das obere Bett zu besetzen. Aber mein Vater war ein viel beschäftigter Mann und abends war er immer zu müde. „Morgen machen wir das, versprochen“, sagte er. Er sagte das am Dienstag und am Mittwoch und am Donnertag und am Freitag. Am Samstag erwarteten wir Tante Betty und Max zum Abendessen. Dann war es zu spät. Am Samstag weckte ich meinen Vater das erste und einzige Mal in meinem Leben. Er war immer ein arbeitsamer Frühaufsteher, ich bin wohl ein hoffnungsloser Morgenmuffel. Aber an diesem Tag war es anders. Ich konnte nicht früh genug mit der Arbeit beginnen. Wir zerlegten mein altes Bett, schleppen es in den Keller, legten die Teile des neuen Betts griffbereit in meinem Zimmer auf und machten uns an die Arbeit. Ich habe

niemals zuvor so konzentriert mit meinem Vater zusammengearbeitet und ich glaube, das erfüllte ihn mit ein wenig Freude. „Mittagessen ist fertig!“, rief meine Mutter plötzlich. „Wir kommen gleich!“, antwortete mein Vater. „Eine Schraube noch.“ Er ließ mich diese letzte Schraube reindrehen, und dann machten wir einen Schritt zurück und betrachteten unser Werk. Vater und Sohn. Ich fühlte mich ihm nicht oft verbunden. „Nach dem Essen holen wir die Matratzen“, sagte er. „Und die Bettwäsche“, sagte ich. „Ich werde mein Bett gleich beziehen.“ „Warte damit noch“, sagte mein Vater. „Max ist der Gast. Er sollte sich aussuchen, ob er oben oder unten schlafen möchte.“ Dann drehte er sich um und ging essen. Ich trottete hinterher und sprach bei Tisch kein Wort, aber das fiel niemandem auf.

Der Nachmittag war schrecklich. So ein Nachmittag, wie man ihn eben oft hat, wenn man sich eine unglückliche Jugend einbildet. In meiner Erinnerung war es bewölkt und düster, Herbstendzeitstimmung. Tatsächlich war es Ende August, das Wetter wird wohl herrlich gewesen sein. Max und Tante Betty kamen pünktlich um sechs Uhr. Allgemeine Begrüßung, nur ich stand ein wenig abseits. Mein Vater sagte: „Bringen wir zuerst Max’ Sachen auf sein neues Zimmer. Er wird neugierig sein.“ So gingen wir alle in mein ehemaliges Zimmer, das für meinen Vater nun offensichtlich schon Max gehörte. „Welches Bett willst du?“, fragte er. „Das obere oder das untere?“ Ich hielt den Atem an. Max überlegte. Dann sah er mich an. „Das ist dein Zimmer, oder?“ Ich nickte. „Jetzt ist es euer Zimmer, Max“, sagte mein Vater. „Welches Bett willst du?“, fragte Max.

„Du bist der Gast, du darfst dir eines aussuchen“, hörte ich mich sagen, und nach einer Sekunde Pause ergänzte ich: „... hat mein Vater gesagt.“ Max lächelte. Ich dachte, er genoss diesen Sieg. Aber dann sagte er: „Hey Mann, es ist dein Zimmer. Wo willst du schlafen?“ Ich habe es noch im Ohr, dieses „Hey Mann“, das cool klingen sollte. Es klang auch cool. Ich warf einen Blick auf meinen Vater. Er zeigte keine Reaktion. „Oben“, sagte ich. „Gut“, sagte Max und legte seinen Koffer auf das untere Bett. Dann hielt er mir die Hand hin. „Auf gute Partnerschaft.“ # Der obere Stock des Autobusses war zweigeteilt. Hinten befanden sich die Schlafplätze. Sie waren mit blickdichten Vorhängen versehen, aber offensichtlich

gab es acht Kojen. Vier links, vier rechts des Ganges, angeordnet wie Stockbetten. Stockbetten! In der vorderen Hälfte des Raumes standen zwei Sofas, und die Wände und die Frontseite waren mit Regalen verkleidet, in die bis in den letzten Millimeter Bücher und Zeitschriften gestopft waren. Obwohl es mitten am Tag war, war der Raum düster, denn alle Fenster waren entweder mit Vorhängen verhängt oder von den Regalen verstellt. Nur zwei rote Lavalampen und Annas Leselicht sorgten dafür, dass ich überhaupt etwas sehen konnte. Anna lag in einer der Kojen, las in einem Magazin und schenkte mir keine Beachtung, Carlos lümmelte auf einem Sofa, hatte die Augen geschlossen und trug Kopfhörer. Ich legte den Kopf schief und ließ die Augen über die Bücher wandern. Im ersten Regal fand ich viel von Stephen King und Dean Koontz, aber auch Grisham und seine Trittbrettfahrer. Dann, im zweiten Regal viel Marx, Engels und Gramsci, Bakunin, Proudhon und Kropotkin, einiges

von Kant und Locke und Adam Smith, dazwischen Sartre, Foucault und Bordieu und Adorno/Horkheimer. Ich schmunzelte. In der Schule und beim Studium hatte ich über die meisten dieser Autoren zumindest ein wenig Sekundärliteratur gelesen, hier standen sie nun im Original auf Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch, und von den Russen gab es englische Übersetzungen. Ich nahm Adam Smith aus dem Regal. Der Wohlstand der Nationen. Das hatte ich zu lesen versucht, aber nach den ersten Kapiteln über die Arbeitsteilung hatte ich es gelangweilt bleiben lassen und es bei einer Zusammenfassung belassen. Es war mir nie abgegangen und soweit ich wusste, hatte Max sein Wirtschaftsstudium abgeschlossen, ohne es je gelesen zu haben. Ich stellte das Buch wieder zurück. Im nächsten Regal fanden sich Freud und Jung, Dawkins und Dennett, McLuhan und Watzlawick. Darunter dann antike Klassiker: Aristoteles, Platon, Epikur, Seneca, Cicero, Marc Aurel, Augustinus, aber auch Homer, Herodot und Plinius.

Auf der gegenüberliegenden Seite waren die Regale mit Sachbüchern und prächtigen Bildbänden vollgestopft. Werke über die Kunstgeschichte der Antike, des Mittelalters und der italienischen Renaissance standen neben Biografien von Dante, Galilei und Victor Hugo, dazu Monografien über historische Themen wie die Geschichte des Ackerbaus, der Schrift, des Seehandels, des Buchdrucks, der Ölmalerei und der Astronomie und Grundlagenwerke zur babylonischen und griechischen Kultur, der französischen und der industriellen Revolution, über Humanismus, Liberalismus, Sozialismus und, und, und ... „Das gehört alles Eugene“, sagte Carlos, der die Augen geöffnet und die Kopfhörer abgenommen hatte. „Nur das eine Regal dort, das teilen uns wir anderen.“ Er deutete auf die King- und Grisham-Abteilung. „Verstehe“, sagte ich. #

Es lief gar nicht so schlecht, das mit Max und mir, zumindest phasenweise. Er bemühte sich, das muss man anerkennen, und nachträglich betrachtet war ich in der ersten Zeit wohl wirklich kein einfacher Mitbewohner. Aber wir bekamen es halbwegs auf die Reihe. Okay, dass Max eindeutig stärker war und mir kräftig mit der Faust in die Magengrube schlug, wann immer er es für geboten hielt, mag auch dazu beigetragen haben, dass ich meinen offenen Widerstand gegen seine Anwesenheit bald aufgab. Wir rauften uns also im wahrsten Sinne des Wortes zusammen. Und nach einiger Zeit gab es auch Momente, da fand ich Max cool. Als er in meinem Zimmer einzog, war er ein fetter, dummer Bauernjunge. Doch er entwickelte sich, und das schnell. Er las Hesse und Hemingway und Bukowski und alle die anderen Pubertätsklassiker, die meine Eltern im Regal hatten. Er nahm ab. Seine Garderobe änderte sich, Stück für Stück, und nach einem Jahr war er richtig hip. Wenig später brachte er die ersten Freundinnen mit nach Hause.

Dann stritten wir um unser Zimmer und manchmal warf er mich einfach raus. Wir gründeten unsere erste Band mit Freunden, nachdem wir gemeinsam einen Videofilm angesehen hatten. Zurück in die Zukunft. Michael J. Fox an der roten E-Gitarre. Der Abschluss-Ball. Rock ’n’ Roll. Wir losten um die Instrumente und Max zog den Zettel, auf dem „Lead Guitar“ stand. Ich könnte wetten, er hat nachgeholfen. Jedenfalls kamen wir heim und ich wollte meinen Eltern von der Band erzählen, aber ich musste zuvor noch aufs Klo und während ich pinkelte, war er schneller und schilderte unseren zukünftigen Erfolg mit leuchtenden Augen. Mein Vater rief Tante Betty an und wenige Tage später kauften sie gemeinsam zwei Gitarren. Eine rote, so wie im Film, für Max und eine weiße für mich. Da waren wir 15. Als ich das erste Mal auf der Bühne stand, hatte ich noch nie live ein Konzert gesehen. Ich kannte nur Zurück in die Zukunft, wir hatten inzwischen auch eine VHSKassette, kopiert von einem Freund. Der Abschlussball

war unsere Lieblingsszene, wir sahen sie tausend Mal, immer und immer wieder. So hatte ein Konzert zu sein. Johnny B. Goode. Max war Marty, er sang und spielte die Leadgitarre. Er tobte über die Bühne. Er wälzte sich am Boden. Er trat gegen die Verstärker. Die Mädchen kreischten. Ich stand daneben und zupfte die Rhythmusgitarre. Ehrlich gesagt: Ich war auch weniger musikalisch als Max. Er komponierte unsere Nummern, spielte mir meinen Part vor und ich lernte ihn auswendig. Das funktionierte ganz gut. Aber Max schrieb schreckliche Texte. Einmal stritten wir und er warf mir vor, beschissen zu spielen, und weil ich nicht wusste, was ich ihm vorwerfen konnte, schrie ich: „Und du schreibst Scheißtexte!“ „Ach so?“ brüllte er zurück. „Dann schreib doch mal einen besseren, Klugscheißer!“ Das tat ich. Ich schrieb die ganze Nacht und brachte meinen Text am nächsten Tag zur Probe mit, in dreifacher Abschrift.

Max las ihn und sagte: „Na ja, das ist aber auch nicht besser, Kleiner.“ „Doch“, sagte Stijn, unser Drummer. „Sein Text ist besser.“ Und Tom, der Bassist, stimmte ihm zu. „Der Kleine soll ab jetzt die Lyrics schreiben“, sagten sie, und so war es dann auch. # Carlos erinnerte mich an Iggy Pop. Gleiches Alter, ähnlich strähniges langes Haar, ein drahtiger, dunkelbrauner Körper, dem man den jahrzehntelangen Missbrauch deutlich ansieht. Nur Carlos' Gesicht wirkte etwas verbrauchter als das von Iggy, sein Drei-TagesBart noch struppiger, seine Tattoos noch verwaschener. Er hat die letzten dreißig Jahre als fahrender Musiker auf der Straße verbracht, in Fußgängerzonen und U-BahnStationen gespielt, in Telefonzellen und Parks, auf Bahnhöfen und Stränden übernachtet, die meiste Zeit

irgendwo zwischen Lissabon und Kalkutta, manchmal auch darüber hinaus. 1987 trifft er in Leipzig Dmitri, der ist Russe, KPdSUMitglied, desillusioniert und schwul. Er arbeitet seit fast fünfzehn Jahren als Buchhalter in der Außenhandelsstelle eines russischen Staatsunternehmens und geht Tag für Tag brav seiner Arbeit nach. Aber abends gibt es einen anderen Dmitri, der durch die verrauchten Hinterzimmer der Leipziger Szene streift, Schlagzeug in einer Rockband spielt, Abenteuer sucht. Was wie der Beginn eines Spionage-Romans klingt (leider keine Story für mich, denke ich in diesem Moment, zu viel Politik und zu wenig Musik), entwickelt sich „nur“ zu einer Liebesgeschichte. Carlos und Dmitri lernen sich auf einem Konzert kennen und bleiben zusammen. Carlos reist nun hauptsächlich durch Osteuropa, die Behörden lassen ihn in Ruhe, sie haben gerade andere Sorgen. Er trifft Dmitri in Ungarn, in Rumänien und natürlich immer wieder in der DDR. 1989, als die

Mauer fällt, kündigt Dmitri seinen Job, tritt aus der Partei aus und geht mit Carlos auf Reisen, wieder von Lissabon bis nach Kalkutta und manchmal darüber hinaus. Irgendwann treten die beiden in Genua auf, nach einer beeindruckenden jungen Sängerin mit rotbraunem Haar und ... Hier brach ich das Interview ab und stand auf. „Ich setze mich jetzt besser runter und schreibe die Texte. Sonst werde ich nicht fertig, bis wir ankommen.“ # Dann ging die Schulzeit zu Ende. Im Sommer danach gingen wir mit unserer Band auf eine kleine Tournee, die wir in den Monaten zuvor organisiert hatten. Es war ein Fiasko. Bisher waren wir immer vor Freunden aufgetreten oder zumindest an Orten, an denen wir viele Bekannte mobilisieren konnten. Und die jubelten, weil sie uns mochten. Vor völlig fremdem Publikum merkten

wir erst, wie hart der Job auf der Bühne wirklich sein kann. Als die Minitournee nach zwei Wochen vorbei war, löste die Band sich auf. Wir saßen nebeneinander an der Bar eines Irish Pub, das damals unser Stammlokal war. Max hatte was mit der Tochter des Wirten. „Das wird nichts“, sagte Tom, der Bassist. „Nein, das wird nichts“, sagte Stijn, der Drummer. „Für mich ist es vorbei.“ „Was soll das heißen?“, fragte Max. „Ich beginne im Herbst mit einem Finanzwirtschaftsstudium.“ „Finanzwirtschaft?“ „Yep. Und ihr solltet euch auch was suchen. Seht der Wahrheit ins Auge: Wir werden keine Stars.“ „Informatik“, sagte Tom. Ich verdrehte die Augen „Informatik?“ „Klar, das ist eine Zukunftsbranche.“ „Aha.“ „Das ist nicht dein Ernst?“, fragte Max.

Tom nickte langsam „Doch.“ Dann trank er sein Bier aus und zahlte. „Ich verliere hier nur noch Zeit. Und ihr solltet auch gehen. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Das ist doch etwas Schönes.“ Max und ich blickten ihn verwirrt an, aber auch Stijn trank sein Bier aus. Dann umarmten wir uns alle noch einmal und die beiden gingen ihrer Wege. „Und jetzt?“ fragte ich. „Noch zwei Bier“, sagte Max. Und nach einer langen, langen Pause: „Weißt du was, sie haben recht.“ „Scheiße“, sagte ich, aber ich wusste, dass es wahr war. „Ich will aber kein Buchhalter werden“, murmelte ich trotzig. „Ich studiere Betriebswirtschaft“, sagte Max und nahm einen Schluck vom Bier. „Und dann gehe ich ins Musikmanagement.“ „Ist nicht dein Ernst?“ „Klar.“ Ich stöhnte.

„Überleg mal. Papsch geht davon aus, dass wir beide Jura studieren.“ Er nannte meinen Vater schon lange Papsch. „Aber damit kommen wir nie in die Musikbranche. Oder willst du das Kleingedruckte in den Verträgen schreiben?“ Ich stöhnte noch mal. „Also: ab ins Management“ sagte Max. „Das ist die Wahl zwischen Pest und Cholera“, sagte ich. „Keineswegs. Ich sehe eine strahlende Zukunft. Hey Mann, neben dir sitzt der nächste Richard Branson.“ „Branson hat kein Betriebswirtschaftsstudium“, sagte ich. „Woher willst du das wissen?“, fragte Max. „Weil ich eine Menge über ihn gelesen habe.“ „Weißt du, das ist dein Fehler: Du liest zu viel. Man sollte sein eigenes Leben führen.“ „Danke für diese Weisheit.“ „Bitte.“ Am nächsten Tag, einem Sonntag, hatten wir unser erstes brav-bürgerliches Mittagessen mit der ganzen

Familie, und ich glaube, meine Eltern waren heilfroh, dass unsere Existenz als Rockmusiker ein Jugendkapitel war, das nun geschlossen werden sollte. Mein Vater war zwar skeptisch, als wir gestanden, nicht Jura studieren zu wollen, aber Max schaffte es schnell, ihn zu überzeugen. Dass wir ausgerechnet in die Musikbranche wollten, ließ er unerwähnt. Damit war es entschieden: Wir studierten Betriebswirtschaft. Etwa zwei Jahre lang ging das auch gut, wir waren mit viel Einsatz dahinter und lieferten uns ein Match um die besseren Noten. Dann ergatterte Max ein Praktikum bei einem Plattenlabel von Universal Music. Er machte sich Freunde und bekam eine Halbtagsstelle angeboten, die kaufmännische Betreuung der A&R-Abteilung. Das steht für Artist & Repertoire, also die Talenteschmiede. Als ein Praktikum in der Marketing-Abteilung frei wurde, holte er mich nach. Ich bekam danach zwar keine Stelle angeboten, hatte aber erste Kontakte zu Musikjournalisten in praktisch allen Redaktionen geknüpft. Das Schreiben von

Presseaussendungen hatte mir Spaß gemacht und ich war auch nicht völlig talentfrei. Nach und nach schlitterte ich so in den Musikjournalismus. Ohne dass mein Vater davon wusste, begann ich für Zeitschriften zu schreiben. Es war zu Beginn ein wenig zäh, aber wenn man billig genug ist, bekommt man in jeder Redaktion den Fuß in die Tür. Bei meinem Studium ging immer weniger weiter, während Max immer noch ausgezeichnete Noten lieferte. Mein Vater begann an mir herumzunörgeln und mir Max als Vorbild unter die Nase zu halten, und da wurde mir klar, dass unser Wettlauf um die besseren Noten auch immer ein Wettlauf um die Anerkennung meines Vaters gewesen war. Als ich das erkannte, war der Ofen aus. Ich habe mein Studium nie wirklich abgebrochen. Ich machte irgendwann einfach nicht mehr weiter. Als mein Vater merkte, dass ich den ganzen Tag damit verbrachte, über Musiker und andere Drogenkonsumenten zu schreiben, strich er mir die finanzielle Unterstützung,

und von da an lebte ich als freier Journalist. Zu unser aller Überraschung ging das gar nicht so schlecht. Ich zog zu Hause aus und reduzierte den Kontakt zu meiner Familie auf ein Minimum. Max machte sein Studium fertig, natürlich mit Auszeichnung. Er schmiss eine riesige Party und lud mich dazu ein. Ich musste kommen, denn er wollte, dass unsere Band noch einmal auftrat, zur Feier des Tages. Tom hatte sein Studium auch bereits abgeschlossen und Stijn war auf dem besten Weg dazu. Mir bedeutete das nichts. Ich betreute inzwischen das Ressort Musik und Film für eine überregionale Tageszeitung und führte Interviews und schrieb Reportagen für ein paar ganz renommierte Magazine. Ich war weiter gekommen als sie alle zusammen. Max hatte ein kleines Kellerlokal gemietet, mit einer Bühne und einer recht ordentlichen Musikanlage, und wir rockten los. Der Saal tobte und wieder hatten alle Frauen nur Augen für Max, während ich dastand und an den Saiten zupfte. Wir spielten sieben oder acht

Nummern und dann das letzte Mal in unserem Leben gemeinsam Johnny B. Goode. Dann kam eine andere Band. An der Bar hatte Max wenig später eine aparte Rothaarige in der Linken und ein kaltes Bier in der Rechten, als er mich fragte: „Wie gefällt dir die Band?“ „Wer? Wir?“ „Nicht wir. Die da!“ Er deutete auf die Typen auf der Bühne. „Ganz nett“, sagte ich. „Die neuen Hoffnungsträger von Universal?“ „Nein, Freunde von mir. Hey Mann, kannst du nicht mal einen Artikel über die Jungs schreiben?“ „Wir schreiben nicht über Hobby-Bands. Die brauchen schon einen Plattenvertrag und eine neue Scheibe in den Läden.“ „Haben sie ja, Kleiner“, sagte Max. „Ich habe mein eigenes Label gegründet und sie unter Vertrag genommen. MuchMoreMegaMusic. Das erste Album erscheint im nächsten Monat. Mein erstes Album.“ Mein Mund klappte auf.

„Na, wie steht's mit dem Artikel?“, fragte er. # „Na, wie steht's mit den Artikeln?“ fragte Eugene, als er sich neben mich setzte. Ich arbeitete auf seinem Notebook und schrieb gerade den letzten Satz. „Fertig“, sagte ich. „Perfektes Timing. Wir sind nämlich schon am Flughafengelände und in zwei Minuten da.“ Ich lächelte. „Ich verpasse nur selten eine Deadline. Willst du die Texte lesen?“ Er schüttelte den Kopf. „Da habe ich volles Vertrauen zu dir.“ Ich klappte das Notebook zu und schnappte meinen Rucksack. „Na dann“, sagte ich. Dmitri, der am Steuer saß, stoppte den Bus vor dem Abflug-Terminal. Anna war nicht zu sehen, sie hatte sich in ihre Koje zurückgezogen.

Ich schüttelte Eugene die Hand, nickte Dmitri zu und stieg aus. „Danke“, sagte Eugene nochmal. Dmitri schloss die Tür und fuhr los. Ich stand da und sah dem Bus nach, bis er aus meinem Blickfeld verschwand. Dann nahm ich meine Tickets und den Reisepass und machte mich auf die Suche nach dem Check-in- Schalter. # Max' Plattenlabel lief von Anfang an gut. Nach einem Jahr verlegte er seine Firma nach London und mietete eine kleine Wohnung am Stadtrand. Er stellte zwei oder drei Leute an, trieb sich nachts auf den Partys der Musik- und Medienbranche herum und arbeitete tagsüber hart. Er schlief nicht sehr viel in dieser Zeit. Alle paar Monate, wenn ich für ein Interview in London war, gingen wir essen. Er sah jedes Mal fertiger aus. Komplett

überarbeitet. Aber irgendwie auch zufrieden und stolz auf das, was er tat. Und dann, vor zwei Jahren, zog er das große Los. Eine seiner Bands schaffte es zuerst in die UK Charts und dann in die Top 10 praktisch aller Länder auf dem Kontinent. In fünf oder sechs Ländern rangierten sie wochenlang auf Platz eins. In den USA fiel die Platte zwar durch, aber Chartplatzierungen in Australien, Neuseeland, Japan, Thailand und auf den Philippinen positionierten MuchMoreMegaMusic international. Daraufhin kaufte einer der großen Medienkonzerne das Label. Max bekam einen Lastwagen voll Geld und eine Position im mittleren Management der Mutterfirma. Selbst in einer sterbenden Branche ist das ein großartiger Deal. # Ich kam am späten Abend in Heathrow an und fuhr mit der Tube direkt zum Leicester Square. Das Hotel, das

die Promotionstante gebucht hatte, lag in einer Seitengasse des Platzes. Klein, aber fein, und angesichts der Location sicher nicht ganz billig. „Wird das Interview morgen hier stattfinden?“, fragte ich den adretten jungen Mann an der Rezeption beim Einchecken. „Ich verstehe nicht ganz, Sir“, sagte er. „Welches Interview?“ „Schon gut, vergessen Sie’s. Offensichtlich wurde das anderswo arrangiert. Gibt es im Zimmer einen Internetzugang für mein Notebook?“ Er schaute mich an, als käme ich von hinter dem Mond. „Selbstverständlich, Sir.“ Ich beschloss, ihm kein Trinkgeld zukommen zu lassen. „Okay, dann erledigen Sie bitte alle Formalitäten, während ich schon mal hochgehe. Ich unterschreibe den Papierkram, wenn ich wieder runterkomme“, sagte ich, und bevor er Einspruch erheben konnte, fügte ich hinzu: „Sie brauchen mich nicht aufs Zimmer zu begleiten, ich

habe ja praktisch kein Gepäck. Verraten Sie mir einfach die Nummer und geben Sie mir den Schlüssel.“ „Zweihundertdrei“, sagte er. „Das ist im zweiten Stock.“ „Danke.“ Das Zimmer hatte ein großes Badezimmer, das ich gut brauchen konnte, ein riesiges Bett und einen winzigen Schreibtisch. Auf Letzterem stellte ich mein Notebook ab, startete den Browser und surfte das erste Mal auf die Website der Soundinistas. Ich redete mir ein, dass ich nur nachsehen wollte, ob Eugene schon meine Texte hochgeladen hatte, aber in Wirklichkeit wollte ich Fotos sehen. Fotos von Anna. Die Seite war recht simpel aufgebaut: Ein Tourneeplan, ein paar Fotos, vier oder fünf Lieder als mp3-Dateien zum Downloaden und ein praktisch leeres Weblog. Mehr war noch nicht drauf. Die Fotos waren sowohl technisch als auch fotografisch von niedriger Qualität, Anna war auf den meisten Bildern nicht mehr als ein kleiner Batzen Pixel.

Ich startete das Mailprogramm. Zweiunddreißig Mails in den letzten drei Tagen, und das obwohl ich im Urlaub war. Ich überflog die Betreffzeilen im Posteingang. Etliche Newsletter und Presseaussendungen von Plattenfirmen, Filmverleihen und Buchverlagen. Ich öffnete keine davon. Eine private Party-Einladung, die war schnell gelesen und vergessen. Sieben berufliche Party-Einladungen. Gelesen. Vier weitergeleitete Scherz-Mails. Ungelesen gelöscht. Ein Chefredakteur, der fragte, ob ich mir binnen einer Woche eine Story über JLo aus den Fingern saugen könne, er habe gutes Bildmaterial preiswert angeboten bekommen. Nein, bin im Urlaub. Nächstes Mal gern. Ein Chef vom Dienst, der fragte, ob ich den neuen DreamWorks-Film rezensieren wolle. Er würde mich voranmelden. Das ist seit Jahren notwendig, weil die Journalisten-Screenings nicht mehr frei zugänglich sind.

Wegen der Angst vor Mitschnitten und Raubkopien. Nein, bin im Urlaub. Nächstes Mal gern. Ein anderer Chefredakteur, der sich für die sechs Vorschläge für Künstlerporträts bedankte, die ich ihm hatte zukommen lassen. Zwei gefielen ihm, die hätte er gerne nächsten bzw. übernächsten Monat im Heft. Lieber Sowieso, diese Vorschläge habe ich dir doch schon vor einem halben Jahr geschickt; die neuen Alben dieser Leute sind inzwischen längst erschienen und bis nächsten bzw. übernächsten Monat ein alter Hut; alle anderen Magazine sind jetzt voll mit diesen Typen und außerdem bin ich derzeit im Urlaub. Die Mail der Promotionstante. Das Linkin-ParkInterview würde in einem Hotel hier in der Nähe stattfinden, das eindeutig noch zwei Klassen über dem meinen lag. Ich schrieb mir die Adresse des Restaurants auf, wo Max mich treffen wollte, und suchte mit Google danach. Laut dem Lageplan auf der Homepage befand es sich nur wenige Gehminuten entfernt, zwei-, dreihundert Yards nördlich des Leicester Square.

Celebrity engagements and record deals are celebrated here, stand in einer Restaurant-Kritik. Klang viel versprechend. The waiting list for a table can run to a couple of months which doesn`t make for a very spontaneous evening out, stand da auch. Aber das galt offensichtlich nicht für Max. Zugegeben, nun war ich neugierig. Dann noch eine Mail, in der ein Knochenmarkspender für ein achtjähriges Mädchen gesucht wurde und alle Menschen mit der Blutgruppe AB positiv aufgefordert wurden, sich für eine Eignungsprüfung bei einem Krankenhaus in Riga zu melden, dazu eine lange Liste von Mailadressen mir völlig unbekannten Personen und die Zusicherung von jemand namens Oleg, dass das kein Hoax sei und er das Mädchen persönlich kenne und die Zeit dränge. Gelöscht. Ich warf einen Blick auf die Uhr und beschloss, dass meine Zeit nicht so drängte und noch genug da war für Duschen, Haarewaschen und Zähneputzen. Ich zog mich aus, drehte das Wasser heiß auf und dachte dabei

plötzlich an Anna, an unseren Sex im Meer und an ihren verschwitzen, durchtrainierten Bauch. Ich stieg noch mal aus der Dusche, ging ins Zimmer und kramte die Videokamera aus meinem Rucksack. Dann schloss ich sie ans Notebook an und übertrug den Inhalt der Kassette auf die Festplatte, während ich duschte und den gestrigen Abend in Gedanken ein zweites Mal durchlebte. # Ich war einige Minuten zu früh im The Ivy. Das Lokal lag noch näher, als ich gedacht hatte. Ein Kellner führte mich an den reservierten Tisch. Amy Lee, die Sängerin von Evanesence, saß am Nebentisch. Ich erkannte sie sofort, denn ich hatte sie etwa eín Jahr zuvor interviewt. Es war ein sehr angenehmes Gespräch gewesen, wir hatten sogar ein wenig geschäkert. Und jetzt saßen wir hier mitten in London an zwei benachbarten Tischen. Wie klein doch die Welt ist.

Ich starrte hin, sie warf mir einen flüchtigen Blick zu, ich nickte und lächelte, aber in dieser Sekunde sah Amy wieder weg. Peinlich. Sollte ich aufstehen und rübergehen? Sie saß mit zwei Anzugträgern am Tisch. Wenn ich rüberging und sie mich nicht erkannte, konnte das noch tausend Mal peinlicher als gerade eben werden. Ich entschloss mich, in die andere Richtung zu blicken. Das Publikum bestand aus den üblichen Verdächtigen: Die große uniformierte Masse Yuppies, ein paar gelangweilte Kinder wohlhabender Eltern, ein paar Neureiche, die typische Dekoration aus Models und Werbeagentur-Assistentinnen, das Beiwerk aus Makeup-Artisten, Stylisten und Friseuren, ein paar von den unvermeidlichen Japanern, ein paar amerikanische Touristen, ein paar Deutsche, ein paar Russen und hinten im Eck Colin Farrell mit einer ganz sicher bezaubernden Blondine, von der ich allerdings nur den einwandfreien Rücken sah.

Ich blickte wieder zu Amy, aber sie war in ihr Gespräch mit den beiden Anzugträgern vertieft. Vielleicht sollte ich doch rübergehen und sie ansprechen. Wenn sie mich abblitzen ließ, bevor Max kam, hätte ich nicht allzu viel verloren. Aber wenn sie mich erkannte und sich mit mir unterhielt, nur kurz, gerade lang genug, damit Max es vielleicht noch sehen konnte ... Komm, riskier es, dachte ich. Der Kellner kam dazwischen, weil an meinen Tisch. Er sagte mit näselnder Stimme, Max’ Büro habe angerufen und gesagt, dass er sich ein wenig verspäte, es täte Max leid und ich solle schon mal anfangen. „Nein, danke“, sagte ich. „Ich warte.“ „Wünschen Sie etwas zu trinken, Sir?“ „Ja, ein Glas Wein, bitte.“ Der Kellner gab mir eine Karte, aber ich war zu faul zu suchen. „Einen roten. Irgendeinen. Und sie brauchen nicht zu geizen.“ Max würde die Rechnung zahlen.

„Sehr wohl“, nuschelte der Kellner. Er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, aber ich bin sicher, dass er innerlich die Nase rümpfte. Falls das irgendwie geht. Ich trommelte mit den Fingern auf den Tisch, blickte nach links, blickte nach rechts, beobachtete Colin möglichst unauffällig, beobachtete Amy möglichst unauffällig, starrte zu den Russen und begutachtete die Werbeagentur-Assistentinnen. Der Kellner brachte den Wein. Ich nippte daran. Amy sah auf und lächelte. Ich lächelte zurück. Der Kellner ging an ihren Tisch. Oh, sie hatte ihn gemeint. Mir wurde heiß und ich wurde ganz sicher rot. Ich bückte mich nach meinem unter dem Stuhl stehenden Rucksack und tat so, als würde ich irgendetwas darin suchen. Schließlich nahm ich mein Notebook heraus. Ich nippte am Glas und startete das Video-Programm. Anna erschien auf der Bühne. Einen Moment überlegte ich, ob ich die Lautstärke so weit raufschrauben sollte, dass auch Amy die Musik hörte. Vielleicht ...

„Sir, können Sie das ein wenig leiser stellen?“, nuschelte der Kellner. „Klar“, sagte ich. „Und bringen Sie mir noch ein Glas Wein. Vom selben. War ganz gut.“ „Sehr wohl, Sir.“ So ein Superduperarschloch. Ich fischte meine Kopfhörer aus dem Rucksack. Max glitt zehn Minuten später auf den Sessel neben mir. Er lächelte mich an, klopfte mir auf die Schulter und sah einfach gut aus. Gut und beneidenswert. Ich konnte nichts machen: Ich hasste und ich liebte ihn. Ich nahm die Kopfhörer ab. „Hey Mann, was ist denn das für ein ProvinzbandVideo“, fragte er. „Das sind ...“ „Wie geht’s dir?“ „Okay. Ich hab Urlaub.“ „Oh Gott, ich wünschte, ich könnte mir auch mal wieder Urlaub leisten. Nur drei Tage irgendwo am Meer. Wie lange hast du Urlaub?“

„Sechs Wochen“, sagte ich und bemühte mich, es cool klingen zu lassen, aber ich spürte schon die Unsicherheit in meiner Stimme. „Wow, dass du dich so lange vor der Arbeit drücken kannst. Gehst du niemandem ab?“ Wie ein Schlag in die Rippen. Mir blieb die Luft weg, während Max unbeirrt weitersprach: „Ich würde das ja auch gerne machen, aber zurzeit ist das nicht drin. Ich stecke bis über beide Ohren in Arbeit. Ein neues Projekt, das ich entwickelt habe. Ich bin hier wohl für längere Zeit unabkömmlich.” Neuer Rekord. Diesmal hatte er es schon in weniger als einer Minute geschafft, dass ich mich als Loser fühlte. „Niemand ist unabkömmlich“, sagte ich schwach. „Hey Mann, lass uns nicht von der Arbeit reden“, sagte er, und es klang wie: Da kannst du ohnehin nicht mithalten. „Erzähl mir lieber von deinem Privatleben.“ Da gab’s auch nicht viel zu erzählen. Ich war solo und klapperte abends mehrmals pro Woche Plattenpräsentationen, Vernissagen und Premierenfeiern

ab, besoff mich dort mit billigem Sekt und versuchte, Backgroundsängerinnen oder Nachwuchsmodels abzuschleppen. Immer öfter ging ich auch auf Produktpräsentationen (das neueste Nokia, der neueste Mercedes, das neueste Sony Vaio), weil da der Schampus teurer und die Mädchen billiger waren. Da gab’s meist eine nicht zu üppige Marketingassistentin, die sich recht leicht in ein Gespräch über ihre Chancen als Model verwickeln und nebenbei abfüllen ließ. Wenn man dabei schnell genug war, dachte sie erst wieder an ihren Verlobten – meist ein daheim vor dem Fernseher wartender Bankkaufmann –, wenn alles vorbei war. Die Trefferquote war ganz gut. Aber war das Ganze gut genug für Max? „Da entwickelt sich grad was“, sagte ich. „Ach ja? Schön! Erzähl!“ Er schien ehrlich interessiert zu sein. Jetzt musste ich nachlegen. Ich nickte zum Notebook. Das Video vom Konzert lief noch. Anna.

Max nickte bedächtig. Sie schien ihn nicht vom Hocker zu reißen. Aber man konnte auch kaum etwas erkennen. „Warte“, sagte ich. „Das ist in einem dunklen Keller gefilmt.“ Ich suchte die Stelle mit der Schweigeminute. Da hatte ich eine Großaufnahme von Anna gemacht, von der Stirn bis zum Busen. Sie hatte die Augen geschlossen und lauschte der Stille, ihr Brustkorb hob und senkte sich. Ich stoppte das Video. „Hübsch“, sagte Max. „Sehr hübsch, wirklich. Und wie weit seid ihr?“ „Na ja, es ist ... also ... wir sind noch nicht ... aber wir haben schon ...“ „Verstehe.“ Er lächelte. „Sie tourt derzeit durch Italien.“ „Deshalb hast du sechs Wochen Urlaub genommen“, sagte Max und nickte verstehend. „Genau“, sagte ich. Es war eine Lüge, aber es war auch eine gute Erklärung. Plötzlich war ich kein Loser mehr. Nur noch Hals über Kopf verliebt.

Der Lackaffe trat an unseren Tisch. Wir bestellten etwas zu essen und eine Flasche Wein. Max schien von meiner Wahl nicht ganz überzeugt und fragte mich, ob ich mit einem anderen einverstanden sei. „Of course“, sagte ich. „Of course“, äffte mich der Kellner nach. Aber vielleicht bildete ich mir das nur ein. „Was tut sich sonst zu Hause?“, fragte Max. „Alles gut“, sagte ich. „Alle sind wohlauf.“ „Ich weiß, ich habe erst in der Vorwoche mit Papsch telefoniert. Er hat mich angerufen.“ Es verwirrte mich immer noch, wenn Max meine Eltern Mamsch und Papsch nannte. Es machte mich eifersüchtig. Wann hatte mein Vater mich das letzte Mal angerufen? Ich wohnte zwar in derselben Stadt, aber ich sah ihn nur selten. „Wie geht’s der ganzen Bande?“ Die ganze Bande, das waren unsere Freunde aus Jugendtagen. Max meinte damit alle, einfach alle, mit denen wir je zu tun gehabt hatten. Vor allem

interessierten ihn immer seine Ex-freundinnen. Keine Ahnung, warum. „Keine Ahnung.“ Das antwortete ich immer. Natürlich wusste ich über die meisten bestens Bescheid. Zwei waren derzeit schwanger, eine machte ein Auslandssemester in Tokio und die kleine blonde Fionnuala arbeitete immer noch im Irish Pub ihres Vaters. Sie war inzwischen ziemlich fett und angeblich würde sie den Laden bald übernehmen. Ich wusste das alles. Aber das zuzugeben bedeutete auch, immer noch dort herumzuhängen, wo ich herkam, während Max in London lebte und im selben Lokal zu Abend aß wie Amy Lee von Evanesence. Ich war froh, dass er Amy nicht auch noch kannte. „Keine Ahnung“, sagte ich noch einmal. „Irgendwann komme ich mal für eine Woche heim und besuche alle“, sagte Max. „Ein kleiner NostalgieUrlaub.“ „Ach, Nostalgie ist auch nicht mehr das, was sie mal war“, sagte ich und Max lachte.

Das Essen wurde serviert. Der Lackaffe öffnete die Weinflasche, ließ Max am Korken schnuppern und schenkte uns dann ein. „Aber ich kann demnächst ohnehin keinen Urlaub machen“, sagte Max, während er kaute. Das hatte er schon erwähnt. Ich hatte keine Lust, ihn nach dem Warum zu fragen. „Wie steht es um dein Privatleben?“ „Großartig“, sagte er. Was auch sonst, dachte ich. „Ich bin bis über beide Ohren verliebt. Sie heißt Joanna und wir sind seit etwas mehr als einem halben Jahr ein Paar. Sie ist perfekt und würden wir nicht zusammenarbeiten, wäre sie schon bei mir eingezogen. Wir müssen etwas auf die Firmenpolitik achten, du verstehst? Willst du ein Foto sehen?“ Habe ich eine Wahl?, dachte ich und sagte: „Klar, zeig her!“ Er fischte sein Portemonnaie aus dem Sakko und holte ein Foto hervor. Sie war schwarzhaarig, blauäugig und

umwerfend. Aufgesteckte Haare, Perlenkette, teure Armbanduhr. Eine Frau mit Klasse – und wohl auch Anspruch. Sie kostete ihn sicher ein Vermögen. „Wow“, sagte ich. „Wo hast du die denn her?“ „Sie ist Anwältin, spezialisiert auf Copyright und Patentrecht. Intellectual Property, wie man so schön sagt. Eine der absoluten Kapazitäten auf diesem Gebiet, obwohl sie noch keine dreißig ist. Sie arbeitet für unsere Firma.“ „Ah“, sagte ich, weil ich nicht wusste, was ich sonst sagen sollte. Anwältin. Spezialistin. Kapazität. Vielleicht kostete nicht sie ihn ein Vermögen, sondern umgekehrt. Mein Vater würde sie lieben, dachte ich, sagte aber nichts. „Sie wird mich zum ganz großen Zaster führen“, sagte Max. „Willst du sie heiraten?“ Er lachte und schenkte uns Wein nach. „Das vermutlich auch. Aber wir haben gemeinsam ein neues BusinessModell entwickelt. Vorigen Monat haben wir es oben

präsentiert. Ganz oben. Dem Vorstand der Holding. Und eine Woche später haben sie uns eingeladen, es auch dem Aufsichtsrat zu präsentieren.“ Er strahlte übers ganze Gesicht. „Noch eine Woche später ist das Startsignal gekommen.“ „Das Startsignal?“ „Die Firma gründet ein neues Tochterunternehmen. Joanna und ich werden Geschäftsführer. Sie kümmert sich um das rechtliche Zeug, ich um alles, was mit der Musik zu tun hat. Und wir sind gewinnbeteiligt. Wir werden reich, Mann! Nicht nur so ein bisschen, sondern richtig reich. Ich rede nicht von Jaguar und Penthouse, ich rede von Yacht und Finca, verstehst du?“ „Ich will dich ja nicht von deiner Wolke runterholen, Mann“, log ich, „aber falls es dir nicht aufgefallen ist: Dem Musikbiz geht’s beschissen.“ „Das stimmt. Aber genau das ist unsere Chance.“ „Was ist an eurem Label denn so anders?“ Er nahm einen Schluck vom Roten. „Es ist kein Label. Nicht im klassischen Sinn. Hör zu, ich kann dir nicht

mehr verraten, wir brauchen noch ein paar Tage Vorbereitung, bevor wir an die Öffentlichkeit gehen.“ „Also alles top-secret. Und das in dieser Branche …“ „Ich weiß, ich weiß. Ich würde es dir ja auch wirklich gern verraten, aber ich darf noch nicht. Derzeit werden gerade tausende Verträge geändert. Eher sogar hunderttausende. Und da übertreibe ich nicht. Deswegen ist Joanna auch nicht hier. Sie hätte gerne jemanden von meiner Familie kennengelernt, aber zurzeit arbeitet sie Tag und Nacht durch.“ „Und du machst frei.“ „Ich arbeite auch seit Wochen durch. Tagsüber im alten Job, nachts an der neuen Idee. Das ist mein erster freier Abend seit Ewigkeiten. Hey Mann, ich wollte dich sehen“, sagte er mit einem gewinnenden Lächeln. „Das ist meine letzte Woche bei meinem alten Label, die letzte Woche, in der ich Zugriff auf die Promotion-Abteilung hatte und anordnen konnte, dich verdammt noch mal aus Italien einzufliegen. Ab nächster Woche habe ich keine Promotionstanten mehr zur Verfügung.“

„Keine Promotions?“ „Keine Promotions. Bis auf ein kleines Eröffnungsfest, aber das zählt nicht.“ „Das klingt ungewöhnlich.“ „Es ist ungewöhnlich. Und irgendwie werden mir all die kleinen Vorteile, die eine Promotion-Abteilung nebenbei bietet, auch fehlen. Aber der Aufsichtsrat will das Projekt lieber ohne viel Aufsehen abwickeln.“ „Das entspricht ja ganz deinem Charakter“, sagte ich mit einem sarkastischen Unterton. Max verzog das Gesicht. „Ja, nicht wahr? Unsere Idee wird dennoch einschlagen wie eine Bombe. Und in einem Jahr fliege ich dich einfach auf eigene Kosten ein, wann immer ich dich sehen will. Und dann bringe ich dich in einem noch besseren Hotel unter, im besten Hotel der Stadt bringe ich dich dann unter!“ „Danke, ich wohne nicht schlecht“, sagte ich. „Und ich kann mir das Flugticket auch selbst leisten, wenn ich dich sehen will.“ „Natürlich kannst du das“, sagte er.

„Komm, verrate es mir“, sagte ich. Er zögerte, setzte zu einer Erklärung an, zögerte noch mal, schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht ...“ „Ich muss aufs Klo“, sagte ich. Er würde reden, wenn er die Zeit dazu bekam. # Aus dem Film π: „This is insanity, Max!“ “Or what if it’s genius?” # Als ich zurückkam, hatte Max die Kopfhörerknöpfe in den Ohren stecken und betrachtete das Video. Ich nahm Platz. Er zwinkerte mir zu. Anna sang, die Hunnen hüpften.

Er lächelte. „Eine Punk-Coverversion von Walking On Sunshine, wie originell.“ Es klang sarkastisch. „Das ist gut, damit werde ich in Zukunft mein Geld machen.“ „Mit Konzertvideos?“ Er schüttelte den Kopf. „Na gut, ich erzähle dir grob, worum es geht. Aber du musst schwören, es für dich zu behalten.“ „Ich kann schweigen wie ein Journalist.“ „Wehe“, drohte er. Ich sagte: „Okay, wir reden off records. Vertrauliches Hintergrundgespräch.“ „Damit habe ich auch schon schlechte Erfahrungen gemacht“, seufzte er. Ich war fertig mit dem Essen und schob den Teller weg. Max tat dasselbe. Ich bot ihm eine Zigarette an. „Kann ich dich bestechen?“ „Klar.“ Er zückte ein Feuerzeug, wir sogen ein paar Züge ein. Dann sagte er: „George Harrison hat uns auf die Idee gebracht.“ „Du kanntest George Harrison?“

„Nein. Joanna hat ihn mal auf einer Party getroffen, aber sie kannte ihn auch nicht wirklich. Sie behauptet, er wollte sie ins Bett kriegen. Aber das behauptet sie von jedem Musiker, den sie mal auf einer Party getroffen hat. Sogar von Mick Jagger.“ „Völlig unglaubwürdig“, befand ich. Er lächelte. „Eben. Aber darum geht’s nicht. Du kennst Harrisons Song My Sweet Lord.“ Das war eine Feststellung. Jeder kennt den Song. „Kennst du auch die Geschichte mit dem Prozess um dieses Lied?“ „Ich kann mich dunkel erinnern“, sagte ich. „Harrison hat Teile des Songs abgeschrieben, oder?“ „Nicht ganz. My Sweet Lord erschien auf Harrisons berühmtestem Soloalbum, nämlich ...“ „All Things Must Pass.“ „Richtig. Ein ziemlich dummer Titel für ein Meisterwerk, das die Ewigkeit überdauern wird. Es ist einfach grandios.“

„Und das erste Dreifach-Album der Geschichte“, sagte ich. „Tatsächlich? Das wusste ich gar nicht.“ „Tja, als Musikjournalist ...“ „Jedenfalls wurde aus dem Album die Nummer My Sweet Lord als Single ausgekoppelt.“ „Seine erste Solo-Single. Der erste Nummer-1-Hit eines Ex-Beatle in den USA. Ein riesiger Erfolg.“ „Das war 1970.“ „Ein wenig vor unserer Zeit“, sagte ich. „Und dann wurde er geklagt.“ „Von den Rubettes, glaube ich.“ Max schüttelte den Kopf. „Von den Chiffons. Genauer gesagt: von ihrem Manager und Produzenten Ronald Mack. Die Chiffons hatten 1962 einen Hit namens He’s So Fine.“ „Genau, das war’s“, sagte ich und summte den Refrain. „Ich wusste, ich hab die Geschichte schon mal gehört. Die Ähnlichkeit zwischen den Songs ist ja auch wirklich offensichtlich.“ Ich summte den Refrain noch einmal,

diesmal etwas schneller, und schon war ich mitten in Harrisons Hindu-Gospel. „Richtig. Die Nummern sind nicht identisch, aber sehr, sehr ähnlich. Das Original hat zwei Motive, die je viermal auf-einander folgen. Bei Harrison folgt das zweite Motiv nur dreimal. Er hat statt der vierten Wiederholung eine Übergangspassage angehängt.“ Max holte einen Kugelschreiber aus seinem Jackett und schrieb auf die Serviette: He’s So Fine: My Sweet Lord: A-A-A-A-B-B-B-B A-A-A-A-B-B-B-P

Er zog den jeweils letzten Buchstaben, das sich unterscheidende musikalische Motiv, mit dem Kugelschreiber mehrfach nach. „Wenn du beide Songs parallel zueinander hörst und darauf achtest, dann ist dieser kleine Unterschied plötzlich ganz eindeutig.“ „Und Harrison verlor dennoch den Prozess?“

„Ja, er verlor ihn. Aber dass er verloren hat, wäre noch nicht wichtig. Warum er verloren hat, das ist bemerkenswert. Harrison hat im Prozess behauptet, er habe den Song nicht gestohlen. Er habe mit seiner Band nach Konzerten gejammt und dabei sei die Melodie plötzlich aufgetaucht. Der alte George sagte, man habe damit herumexperimentiert, wieder und wieder, immer wieder. Dabei muss sich auch diese Passage eingeschlichen haben. Er sagte, während der Experimente habe er gesungen, was ihm eben gerade einfiel.“ „Das war nicht gerade viel“, sagte ich, und sang leise: „My sweet Lord, hm, my Lord, hm, my Lord ...“ „Nun, der Richter hat Harrison geglaubt, dass er den Song nicht bewusst gestohlen hat. Er ging stattdessen davon aus, dass Harrison die Melodie unbewusst kopiert hatte. Die Chiffons waren mit ihrer Version zur selben Zeit in der Hitparade, als sich die Beatles gerade auf dem Weg nach oben befanden. Die Beatles müssen das Lied gekannt haben. George Harrison muss das Lied gekannt

haben. Und Jahre später, beim Jammen mit seiner neuen Band, hat es sich eingeschlichen. So sah es zumindest der Richter.“ „Und?“ „Der Richter entschied, dass auch unbewusste Verletzungen von Copyrights nicht straffrei sind, und verurteilte Harrison. Dieser musste dem Produzenten der Chiffons den größten Teil der Einnahmen abtreten.“ „Unbewusste Verletzungen? Und was ist, wenn jemand zufällig ein ähnliches Lied komponiert?“ „Das ist nebensächlich. Was zählt: Dieses Urteil ist ein Präzedenzfall. Alle Gerichte in Amerika halten sich daran, wenn sie ähnliche Fälle zu verhandeln haben, und Amerika ist der größte Musikmarkt der Welt. Auch unabsichtliche Coverversionen verletzen das Copyright des Originals, das ist das Wichtige. Mittlerweile setzt sich diese Rechtsauslegung auch schon in Europa durch.“

„Und was hat das jetzt mit deiner Geschäftsidee zu tun? Willst du Komponisten eine Versicherung gegen unbewusstes Stehlen von Oldie-Melodien anbieten?“ „Ganz im Gegenteil: Wir werden ihnen Rechnungen schicken!“, sagte Max und nahm genüsslich einen letzten Zug von seiner Zigarette, bevor er sie ausdämpfte. „Ich verstehe nicht.“ Max blickte sich um, vergewisserte sich, dass niemand uns zuhörte, und beugte sich dann nach vorne. „Schwöre, dass du das niemandem weitererzählst“, flüsterte er. Ich beugte mich auch näher zu ihm. „Ich schwöre.“ Das kostete ja nichts. „Es ist ein dreistufiger Business-Plan. So etwas wie ein Welteroberungsplan, aber auf musikalischem Terrain. Wir reißen uns alles unter den Nagel.“ „Was ‚alles’?“ „Alles. Rock. Pop. Reggae. Hip-Hop. Was immer du willst. Die gesamte Musik der Zukunft.“ „Klingt gut“, sagte ich. „Und wie macht ihr das?“

Max blickte sich noch mal um. Seine Augen bewegten sich unstet, strahlten Nervosität und Aufregung aus, auch wenn er mich fixierte. „Kennst du dich mit dem Copyright aus?“, fragte er. „Mit der gesetzlichen Grundlage?“ „Kaum.“ „Also, dann eine ganz einfache Einführung. Jedes Land hat seine eigene rechtliche Regelung. Vor allem zwischen Europa und den USA gibt’s noch Unterschiede, aber die werden immer kleiner, weil die Musik- und die Filmindustrie seit Jahren auf Vereinheitlichungen drängen. Unser Geschäftsmodell funktioniert in Nordamerika genauso wie in der EU und Australien und Südamerika. Wir brauchen nur jeweils spezielle Verträge. Frag mich nicht nach den Details, wie auch immer, das Copyright ist nicht ein einziges Recht, sondern ein ganzes Bündel von Rechten. Man müsste im Plural davon reden: die Copyrights. Wenn du die Rechte an einem Musikstück hast, dann kannst du es auf eine

CD pressen, live damit auftreten, es dem Soundtrack eines Filmes beifügen und so weiter. Das Gesetz verbietet allen anderen, diese Dinge zu tun. Daher kannst du dieses Bündel von Rechten an sie verkaufen, abtreten oder sie lizenzieren. Eines dieser Rechte, die das Copyright umfasst, ist das Recht, derivative Arbeiten herzustellen.“ „deri...was?“ „Das Werk zu modifizieren. Damit herumzuspielen, es zu ändern und weiterzuentwickeln.“ „Also es zu covern.“ „Genau. Oder zu sampeln. Oder zu remixen. Letztlich sind das alles ähnliche Prozesse. Etwas Altes wird Teil von etwas Neuem. Darum geht’s in der ganzen Popkultur.“ „Coverversionen sind ein gutes Geschäft“, sagte ich. „Ja, Coverversionen sind sehr einträglich – und kurze Samples noch viel mehr. Die Hitparaden sind voll damit. Und das ist unser erster Schritt zur Weltherrschaft“, sagte Max. „Wir übernehmen und

verwalten von allen Songs unseres Konzerns das Recht, Covers und Samples zu produzieren oder zu lizenzieren. Alle anderen Teile des Copyrights bleiben bei den Labels oder den Künstlern oder wer immer auch der Eigentümer ist. Sie können weiterhin ihre Oldies auf Best-of-Alben sammeln, sie in Werbespots verwenden, zum Download freigeben ... was auch immer. Diese Rechte bleiben bei ihnen. Nur eines wird von uns verwaltet: das Recht, derivative Arbeiten herzustellen. Wir kümmern uns darum zentral für alle Labels des Konzerns.“ „Klingt nach einer Menge Material, das ihr da verwaltet“, sagte ich. „Zur Firma gehören inzwischen beinahe zweihundert Labels. Wir schätzen, dass mehr als 65.000 Bands und Künstler seit den Sechzigern für diese Labels gearbeitet haben, aber so genau wissen wir das noch nicht. Und wir haben zurzeit gar keine Vorstellung davon, wie viele Songs das ganze Repertoire umfasst.“

„Kein Wunder, dass Joanna nicht hier ist, das klingt tatsächlich nach einer Menge Papierarbeit.“ „Es ist halb so schlimm. Zum Glück müssen wir das nicht Lied für Lied machen. Joanna hat einen Mustervertrag entworfen und bei den meisten Labels reicht das, um alles in Bausch und Bogen zu übernehmen. Verhandlungen können wir uns sparen, weil die Labels dem Konzern gehören und die Anweisung von ganz oben kommt. Wir sind schon fast fertig. Joanna und ihr Team kümmern sich nur noch um ein paar besonders heikle Fälle, wo die Rechte ungeklärt sind. Die Büroräume werden bereits hergerichtet, eine Personalagentur wählt schon die Mitarbeiter für die meisten Standardaufgaben aus. Sekretärinnen, Sachbearbeiter ... vieles von dem, was zu tun sein wird, ist ja ganz biedere Arbeit ohne den Glamour des Showbiz.“ „Okay“, sagte ich lang gezogen. „Klingt in meinen Ohren durchaus nach einem interessanten Projekt. Ich weiß nicht, ob sich damit viel Geld machen lässt – aber

zwei hoch bezahlte Geschäftsführerposten sind sicher drinnen.“ „Psst, nicht so laut“, zischte Max. „Das ist ja nur der erste Schritt. Der zweite folgt in ein paar Tagen, sobald wir offiziell unsere Arbeit aufgenommen haben. Dann gibt’s eine Pressekonferenz und eine Launch-Party, auf der jede Menge Oldies aus unserem Repertoire gespielt werden. Die ganze Branche wird da sein. Die Europäer und die Amerikaner. Und am nächsten Tag, noch bevor sie nüchtern sind, werden wir ihnen allen anbieten, sich an unserem Modell zu beteiligen. Wir werden in den nächsten Monaten mit dem Scheckheft durch die Gegend laufen und die Sample-Rechte von hunderttausenden Songs kaufen. Von kleinen Labels, von großen Labels, von Sixties-Pop und Eighties-Rock, und, und, und. Einfach von allem. Wir haben auch ein Geschäftsmodell für die entwickelt, die dieses Recht nicht verkaufen wollen. Die können ihre Songs für eine Gebühr bei uns einbringen. Sie behalten alle Rechte und

wir verwalten nur dieses eine Recht, um das es uns geht.“ „Eine zentrale Verwaltungsstelle für Coverversionen und Samples“, fasste ich zusammen. „Klingt ganz okay. Aber nach Weltherrschaft klingt das noch nicht.“ Max rieb sich die Hände. „Weil du die Konsequenzen nicht durchschaust, Kleiner. Es geht um weit mehr als ein paar Cent dafür, dass jemand Walking On Sunshine covern darf.“ „Und was wären die Konsequenzen?“ Max deutete auf mein Notebook. Anna. Max griff zur Maus und bewegte den Regler, der die aktuelle Stelle des Videos anzeigte. Er schob ihn herum, suchte etwas. Am Ende der Aufnahme klickte er auf Play. „Was macht das Mädchen da?“, fragte er. „Sie hält eine Schweigeminute. Es war der Todestag ihrer …“ „Nein“, sagte Max. „Weißt du, was sie macht? Sie verletzt unsere Rechte.“

„Sie verletzt eure Rechte? Aber sie macht doch gar nichts!“ „Oh doch, sie macht etwas. Sie macht Stille.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Du kennst John Cage.“ Das war wieder eine Feststellung. „Schon mal gehört. Der hat Klavier- und PercussionStücke gemacht, oder?“ „Ein Experimentalmusiker. Blütezeit in den Fünfzigern, glaube ich. Vielleicht auch früher. Er war bei einem unserer Labels unter Vertrag. Ein großer Künstler, aber wenn ich raten müsste, würde ich sagen: miserable Verkaufszahlen.“ „Was hat das mit Anna zu tun?“ „Anna heißt sie also ... Cage hat ein Stück namens 4’33’’ komponiert. Er nannte es zumindest eine Komposition, aber eigentlich war es eine Performance. Dabei geht ein Pianist auf die Bühne, setzt sich ans Klavier und spielt keinen einzigen Ton. Vier Minuten dreiunddreißig

Sekunden lang herrscht Stille. Dann ist das Stück vorbei.“ „Kunst“, sagte ich. „Idiotisch“, sagte Max. „Aber wir haben die Rechte daran. Und wenn du mich fragst, dann ist das, was deine Kleine da macht, eine Coverversion.“ „Das ist idiotisch“, sagte ich. Max zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Aber ihre Performance ist doch eindeutig ähnlich zu dem Stück, das Cage komponiert hat. Da es eine Schweigeminute war, ist ihre Version eben etwas kürzer, aber ansonsten ist alles gleich. Ein derivatives Werk. Da hat Harrison bei My Sweet Lord das Original noch mehr verändert als sie bei diesem Auftritt.“ Ich schnaubte. „Sie hat sogar den Text unverändert gelassen. Welch Skandal.“ „Ja, nicht wahr?“ Er lehnte sich selbstzufrieden zurück und schmunzelte. „Wir werden Coverversionen entdecken, wohin wir auch blicken. Die Kassen werden

so klingeln, dass wir mit dem Geldzählen nicht nachkommen werden.“ „Kein Richter der Welt würde euch recht geben“, sagte ich. Max lachte, und dabei blieb er nicht so leise wie bisher. „Oh doch“, sagte er. „Was für einen Anwalt könnten diese Leute sich schon leisten? Joanna baut eine Rechtsabteilung auf, in der ein paar hundert Anwälte und Rechtsassistenten arbeiten werden. Spezialisten, die tagaus, tagein an nichts anderem arbeiten als an Copyright-Fällen. Die nehmen deine kleine Anna und ihre Spaghetti-Punks auseinander, ohne dass die wissen, wie ihnen geschieht.“ „Das sind keine Italiener“, sagte ich. „Und außerdem, das ist vollkommen lächerlich.“ „Reg dich ab. Solange sie diese Schweigeminute nicht ins Internet stellt oder auf eine CD presst, ist uns völlig egal, was dein Mädchen auf der Bühne macht. Wir haben im Moment Besseres zu tun als irgendeiner kleinen, durch die Provinz tingelnden Band nachzuschnüffeln, um ein

paar Dollar rauszupressen. Aber es wäre durchaus ein interessanter Musterprozess. Ich glaube, Joanna hätte da ihre Freude dran.“ Ich war sauer auf Max, mehr als sonst. Erstens, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, Anna verteidigen zu müssen. Aber da war, zweitens, noch etwas anderes: Ich konnte mir vorstellen, dass Max reich wurde. Nicht dass ich schon an seinen Plan glaubte, aber ich begriff, dass er einen fett dotierten Managervertrag erhalten hatte. Und vielleicht noch ein paar hunderttausend für das Konzept. Der bloße Gedanke daran nervte mich. Da sagte er: „Wir werden hunderte Leute beschäftigen, die nichts anderes tun müssen als Musik hören. Das wird meine Abteilung sein. Alles, was irgendwo auf der Welt auf CD oder im Internet veröffentlicht wird, werden wir uns anhören. Alles. Wir suchen nicht nur nach offensichtlichen Coverversionen, sondern auch nach Teilen, sogar nach Spurenelementen. Dieselbe Bassline, ein Gitarrenriff, ein sich wiederholendes Motiv, ein verwandter Text ... Wenn wir Ähnlichkeiten mit

einem Werk entdecken, dessen Rechte wir verwalten, dann schicken wir den Nachahmern einen Lizenzvertrag und eine Rechnung. Das geht ganz formlos.“ „Und wenn die Empfänger nicht zahlen, dann kommt Joannas Abteilung ins Spiel?“ „Exakt. Dann werden wir klagen. Aber glaube mir, die meisten werden freiwillig zahlen.“ Ich verstand. „Ihr werdet schon bei der kleinsten Ähnlichkeit eine Rechnung schicken und mit eurer ganzen Armee von Rechtsanwälten drohen.“ „Genau. Wenn wir etwas entdecken, das auch nur vielleicht unsere Rechte berührt, werden wir schon aktiv. Im Zweifelsfall für uns. Wenn es jemand auf einen Prozess ankommen lassen will, können wir unsere Chancen ja noch einmal bewerten, bevor wir wirklich klagen. Was zählt, ist die Masse. Wir werden darin perfekt sein, kleine, unscheinbare Zitate zu entdecken. Vier, fünf identische Noten werden da schon reichen. Und vergiss nicht das Harrison-Urteil: Es reicht, wenn

die Ähnlichkeit unbewusst entstand. Wir müssen keine Absicht nachweisen können.“ „Ihr werdet schlechte Presse haben, man wird sagen, ihr bringt die Songwriter um.“ „Also erstens sind wir schlechte Presse gewöhnt und zweitens: Jeder ist frei, etwas völlig Neues zu schaffen.“ „Popmusik lebt von Zitaten, das weißt du. Du hast es vorhin selbst gesagt.“ „Ja, und deshalb ist es nur fair, die Urheber dieser Zitate auch zu entlohnen.“ „Ihr seid nicht die Urheber.“ „Wir verwalten die Rechte der Urheber. Das kommt auf das- selbe raus.“ „Ihr bringt die kleinen Labels um. Die haben aber die Sympathie der Massen.“ „Bullshit. Hätten sie die Sympathie der Massen, wären sie keine kleinen Labels. Außerdem bringen wir sie nicht um. Unsere Gebühren werden sehr niedrig sein. Wer zahlt, ohne vor Gericht zu ziehen, wird sich’s leisten können. Es wird sogar einen Sondertarif für

Hobbybands ohne Plattenvertrag geben. Wer sich freiwillig bei uns meldet und um eine Lizenz ansucht, bekommt noch mal einen kräftigen Rabatt.“ „Warum sollte sich jemand freiwillig melden?“ „Weil wir ihn ohnehin finden würden. Wir werden Computerprogramme entwickeln, die eine Erstanalyse durchführen. Wir werden Suchmaschinen entwickeln, die automatisch Webseiten abklappern und Tauschbörsen durchforsten. Wir werden die Peer-topeer-Netze anzapfen. Wir werden überall im Netz Aufnahmen von Bands sammeln, die noch nicht mal einen Plattenvertrag haben. Wir werden diese Aufnahmen analysieren und bewerten und den Bands Rechnungen schicken. Das ist genial, oder? Sie bekommen keinen Plattenvertrag – und wir verdienen trotzdem an ihnen.“ Ich war sprachlos. „Das ändert langfristig vielleicht sogar das Geschäftsmodell von Musikkonzernen“, fuhr Max fort. „Wir kassieren nicht mehr bei den Konsumenten,

sondern bei den Bands. Wir werden uns nicht mehr damit aufhalten, die illegalen Downloads zu bekämpfen. Das ist ohnehin ein Guerillakrieg, für den wir viel zu schwerfällig sind.“ „Diesen Kampf hat die Musikindustrie ohnehin schon verloren.“ „Richtig. Das wissen auch meine Chefs. Deswegen waren sie so schnell bereit, für unser Projekt grünes Licht zu geben. Das Tolle an unserem System ist, dass die Bands sich nicht vor uns verstecken können. Wer Erfolg haben will, muss in die Öffentlichkeit. Und wer in der Öffentlichkeit steht, braucht einen Namen, an den man eine Rechnung adressieren kann. Das Internet mag Anonymität gewährleisten, aber das Geschäft tut das nicht.“ Kurzes Schweigen. Ich blickte mich im Lokal um. Colin und der schöne Rücken waren gegangen. Du gehörst nicht in diese Welt, du bist zu naiv dafür, dachte ich. „In Zukunft ist es uns völlig egal, ob sich die CDs einer Band verkaufen oder die Konzerte gut besucht sind“,

fuhr Max fort. „Jede Band muss sich selbst vermarkten und wir verrechnen Lizenzgebühren. Zunächst ist das ein niedriges Fixum, das sich jeder leisten kann. Erst wenn ein gewisser finanzieller Erfolg eintritt, tritt ein gestaffelter Prozentsatz in Kraft. Je größer der Erfolg, desto höher unsere Beteiligung. Damit haben die Bands kein Risiko, wenn der Erfolg ausbleibt, und wir verpassen keinen Superhit. Eine Win-win-Situation.“ „Davon bin ich überzeugt.“ „Wenn wir nur genug Material in unseren Archiven haben, dann werden wir immer eine Möglichkeit finden, unseren Anteil einzuklagen.“ Er machte eine Pause. „Aber das ist noch nicht alles ...“ „Was noch?“ „Das Beste am ganzen Konzept ist ein Trick, den Joanna sich hat einfallen lassen. Wenn jemand eine Lizenz bei uns erwirbt, darf er die damit geschaffenen neuen Songs verwenden, vermarkten und verkaufen, wie immer er will. Wir nehmen darauf keinen Einfluss. Das ganze

Bündel an Copyrights an dem neuen Werk gehört den Lizenznehmern. Bis auf eine Ausnahme.“ „Das Recht, derivative Arbeiten zu machen?“, riet ich. „Genau. Mit ihrem Werk dürfen die Künstler machen, was sie wollen. Aber das Recht, es erneut zu verändern, zu zitieren, weiterzuentwickeln – dieses Recht bleibt bei uns. Und das gilt nicht nur für die Teile ihres Songs, die sie lizenzieren mussten, sondern für den ganzen Song.“ „Ihr verleibt euch damit auch alle neuen Ideen dieses Songs ein.“ „Ja. Schritt für Schritt verleiben wir uns alle neuen Ideen ein.“ „Ihr werdet wachsen wie ein Geschwür“, sagte ich. Max musste lachen. „Verstehst du jetzt das Potenzial?“ Ich kam gar nicht zu einer Antwort. Max fuhr gleich fort: „Deshalb haben wir vom Aufsichtsrat freie Hand, mit allen großen Medienkonzernen zu verhandeln. Mehr noch, wir haben den Auftrag dazu. Wir sollen shoppen gehen. Geld spielt kaum eine Rolle. Wir wollen so schnell wie möglich die Coverrechte aller Songs der

letzten sechzig Jahre verwalten, angefangen mit Bill Haley bis hin zu Lady Gaga. Einfach alles. Denn wenn uns die alten Songs gehören, dann gehören uns auch die neuen. Dann haben wir die Kontrolle, dann gehört uns der Musikmarkt der Zukunft. Dann gehört uns die Musik an sich. Das ist Stufe drei: Weltherrschaft.“ „Du bist wahnsinnig“, sagte ich nun. „Ein wenig“, kokettierte er. Er griff zum Glas und prostete mir zu. „Auf den alten George Harrison und seine Hindu-Götter.“ „Es wird immer wieder völlige Neukompositionen geben“, wagte ich einen letzten Einwand. „Ganz sicher sogar“, sagte Max und nahm einen kräftigen Schluck. „Aber wir werden genug Geld verdienen, um die paar Fälle einfach aufzukaufen.“ „Wenn willst du schon wieder aufkaufen?“, fragte Amy Lee und glitt auf den Sessel neben Max. „Amy! Ich hab dich gar nicht gesehen“, sagte Max und küsste sie auf die Wange. Ich war kaum noch überrascht. „Immer nur Business im Kopf, hm?“, sagte sie.

„Ach wo. Das hier ist Privatleben. Ein Familientreffen. Darf ich dir meinen Cousin vorstellen ...“, sagte er. „Wir kennen uns schon“, sagte ich. Amy runzelte fragend die Stirn. „Ich bin Musikjournalist. Wir haben vor ein paar Monaten ein Interview gemacht, für Backstage“, sagte ich. „Oh ja, ich erinnere mich“, sagte sie, aber es war offensichtlich, dass sie log. „Was machst du heute noch?“, fragte Max. „Wir gehen auf eine Party“, sagte Amy und deutete auf die beiden Anzugträger. „Komm doch mit. Und bring Joanna mit!“ „Die Arme muss die ganze Nacht arbeiten“, sagte Max. „Aber ich habe frei und ich könnte ein wenig Spaß brauchen. Warum nicht? Würdest du mich entschuldigen?“, fragte er mich. Würdest du mich gefälligst mitnehmen, du Superduperarschloch?!, dachte ich, und sagte: „Ja klar, kein

Problem. Ich trinke noch in Ruhe aus und muss dann ohnehin früh ins Bett.“ „Okay“, sagte er und stand auf. Er streckte mir die Hand entgegen und ich schüttelte sie. „Bestell dir ruhig noch ein Glas. Ich sag dem Kellner, er soll mir die Rechnung schicken. War schön, dich wiederzusehen!“, sagte er. Ich lächelte. Du mich auch. # Courtney Love does the math, Salon.com: Irgendwann fanden die Plattenfirmen heraus, dass es sehr viel profitabler ist, die Distributionskanäle zu kontrollieren, als in die Künstler zu investieren. Und weil es zu diesen Firmen keine echte Alternative gab, konnten Künstler auch nirgends anders hingehen [...] Schrankenwärter zu sein war hochprofitabel, aber nun sind wir in einer Welt ohne Schranken. Das Internet erlaubt den Künstlern, direkt mit ihrem Publikum zu kommunizieren. [...] Wie

kann eine Firma in einer Welt, in der wir alles haben können, was wir wollen, wann immer wir wollen, Gewinne generieren? Durch Filter. # Am nächsten Morgen spulte ich das Interview mit Linkin Park lustlos ab und eilte dann quer durch Soho zur Oxford Street. In einer großen Buchhandlung suchte ich zunächst die Regale mit juristischen Büchern ab. Ich fand ein paar zum Thema Copyright, aber nichts, das für Normalsterbliche verständlich schien. Also fragte ich eine Angestellte. Sie beugte sich über ihren Computer, tippte ein wenig herum, und sagte dann: „Wir haben einiges im Haus, aber leider über die ganze Buchhandlung verteilt. Ich schreibe Ihnen die Regalnummern auf. Sie müssen in die Wirtschaftsabteilung, zu den Computer-Büchern, zur Kunsttheorie und zu den politischen Büchern.“ Ich sah sie verwirrt an. „Politische Bücher?“

Sie zuckte desinteressiert mit den Achseln und hielt mir den Zettel hin. „Dann mache ich mich also mal auf die Suche“, murmelte ich. Ich fand tatsächlich drei Bücher, die mir interessant erschienen, und kaufte alle drei. Dann ging ich über die Oxford Street ins Internet-Café im Virgin Mega Store, checkte meine Mails und ging auf die Seite der Soundinistas. Da stand ein neuer Blog-Eintrag: „Wir haben die Seite erweitert, ab jetzt könnt ihr auch ein paar vernünftige Fotos von uns sehen und über jeden auch ein paar Zeilen lesen. Damit ihr wisst, wer da in eure Stadt kommt, um euch einzuheizen!“ Das wars. Drei Zeilen. Kein Wort über mich, kein Wort des Dankes. Ich klickte auf den Link, der das „Profil Anna“ versprach. Mein kurzer Text. Drei Bilder. Drei schlechte Bilder. Und trotzdem war sie so schön, dass es mir beinahe weh tat. Kein Zweifel, ich war verliebt. Eine kindische und wunderschöne Urlaubsliebe …

Ich hätte dieses Gefühl still genießen können, vielleicht ein wenig leiden, dann darüber hinwegkommen und eine schöne Erinnerung für ein paar Jahre im Herzen behalten, bis sie ganz langsam verblasste. Aber ich entschied mich anders. # Ein paar Stunden später. Ein Flughafen und Bruce Willis. Der Flug aus London kam auf die Minute pünktlich in Rom an. Ich hatte eine Stunde Aufenthalt und bereits meine Bordkarte für den Anschluss nach Neapel. Und ich spielte mit dem Gedanken, sie verfallen zu lassen. Die Soundinistas spielten heute Abend in Rom, ich wusste das, weil es auf ihrer Website stand. Ich versuchte mir einzureden, dass ich dagegen ankämpfte, aber ich wusste schon, dass ich nachgeben würde. Ich blätterte in einem der Bücher, die ich am Vormittag gekauft hatte, und las ein bisschen hier, ein bisschen da,

ziemlich unkonzentriert. Meine Augen fanden die Worte Twelve Monkeys. Einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Und eine meiner ersten Filmrezensionen. „Wenn Sie in Zukunft alle Filme so unreflektiert in den Himmel loben, werfe ich sie raus“, hatte der Chefredakteur danach gedroht. „Und ich habe die Hälfte des Textes gestrichen. Schreiben Sie über den Film, den Sie sehen, und nicht über alte Schinken.“ Ich hatte einen langen Absatz über Vertigo in die Rezension gepackt, denn Twelve Monkeys spielt an mehreren Stellen auf Hitchcocks Film an: Die Titelsequenz ist beinahe identisch, zwischendurch hört man einmal Filmmusik aus Vertigo, die Hauptdarstellerin (Kim Novak bzw. Madeleine Stowe) verkleidet sich als Blondine, James Stewart leidet unter Höhenangst und Bruce Willis hängt auf einen Stuhl geschnallt in luftiger Höhe, und gegen Ende sitzen Madeleine Stowe und Bruce Willis sogar vor einem Fernseher und sehen sich das Hitchcock-Movie an.

Außerdem kommt diese eine Szene aus Vertigo auch in dem französischen Kultfilm La Jetée vor – und das ist bis heute der beste Endzeit-Science-Fiction-Film, den es gibt, er hat seit Anfang der 1960er-Jahre das ganze Genre geprägt. Twelve Monkeys wäre ohne La Jetée gar nicht vorstellbar. Mehr als das: Twelve Monkeys ist eigentlich nur ein Remake von La Jetée. Das mag ein durchschnittlicher Kinogeher nicht wissen und nicht zu wissen brauchen, aber ich als Popkulturfreak und angehender Journalist wusste es und ich konnte nicht anders, als in meinem Artikel darauf hinzuweisen. „Halten Sie Ihre Eitelkeit im Zaum“, sagte der Chefredakteur. Nun las ich in diesem Buch, dass Twelve Monkeys vier Wochen, nachdem der Film in Amerika angelaufen war, vorübergehend von den Spielplänen genommen werden musste. Das war mir neu, ich wurde neugierig. In einer der Szenen von Twelve Monkeys kam ein Stuhl vor. Dieser Stuhl diente keiner besonderen Aufgabe und erfüllte keine wichtige Funktion in der Szene. Er stand

einfach im Raum. An sich nichts Ungewöhnliches für einen Stuhl, sollte man meinen. Allerdings ging einige Wochen nach dem Filmstart ein Designer ins Kino, jemand, der unter anderem auch Möbel entwarf. Dieser Jemand sah den Stuhl im Hintergrund, und dieser Stuhl erinnerte ihn an ein Modell, das er selbst einmal entworfen hatte. Was er auf der Leinwand sah, entsprach nicht hundertprozentig seinem Entwurf, war nicht das exakt gleiche Modell, aber doch ein ähnliches. Das, so befand der Designer, sei Ideendiebstahl. Er klagte die Filmfirma. Wenn sie die Szene mit dem Stuhl weiter verwenden wolle, müsse sie ihm eine Abfindung für seine Rechte zahlen. Der Designer erwirkte eine einstweilige Verfügung und der Film durfte nicht mehr gezeigt werden. Achtundzwanzig Tage, nachdem Twelve Monkeys angelaufen war, musste die Millionen-DollarProduktion für einige Zeit vom Spielplan, bis die rechtliche Situation geklärt war. Ich schlug das Buch zu und pfiff durch die Zähne. Max’ Plan erschien gar nicht mehr abstrus.

Dann packte ich das Buch wieder in meine Tasche und verließ das Terminal. Ich nahm ein Taxi und fuhr in die Stadt. # Wenn die Natur es so eingerichtet hat, dass ein Ding sich weniger für ausschließliches Eigentum eignet als alle anderen Dinge, so ist es die Handlung des Denkvermögens, die wir Idee nennen. Ein Einzelner mag sie allein besitzen, solange er sie für sich behält, doch sobald sie preisgegeben wird, drängt sie sich in den Besitz eines jeden und der Empfänger kann sich ihrer nicht wieder entledigen. Zu ihrem eigentümlichen Charakter gehört es ferner, dass niemand weniger besitzt, weil alle anderen die Idee ebenfalls besitzen. Das hat Thomas Jefferson mal geschrieben und ich habe es jetzt abgeschrieben. Jefferson wird es egal sein. #

Sie stand vor dem Backstage-Eingang und rauchte. „Was tust du denn hier?“, fauchte sie, noch bevor ich etwas sagen konnte. „Äh...“, stammelte ich. „Rückst du uns jetzt gar nicht mehr von der Pelle? Oder verfolgst du mich? Nur weil wir es einmal getrieben haben?“, fragte sie. „Bist du ein Perverser?“ „Nein“, sagte ich. „Nein. Sicher nicht, da kannst du beruhigt sein.“ „Ich bin ruhig.“ Sie blies Rauch aus ihrer Nase und selbst dabei war sie wunderschön. Sie sagte nichts mehr, also drückte ich mich an ihr vorbei und betrat das Lokal. Ich hatte keine Ahnung, was ich jetzt noch hier tat. „Was tust du denn hier?“, fragte Eugene. Tja. „Ich dachte mir, ich schau noch mal vorbei“, sagte ich. Und dann hatte ich eine schlechte Idee und sagte: „Ich muss dir etwas erzählen, das ich in London erlebt habe.“

„Ach ja?“ Er schraubte an der Unterseite des Mischpults herum. „Schieß los.“ Also erzählte ich ihm vom Abendessen mit Max und von Harrisons Prozess und davon, dass die Schweigeminute für seine tote Frau eine Coverversion einer John-CageNummer war und eigentlich die Rechte einer Plattenfirma verletzte. Ich erzählte das alles nur, weil ich ja irgendwas erzählen musste, weil ich einen Grund brauchte, hier zu sein. Ich erzählte ihm von den zigtausenden Interpreten, die Max schon unter Vertrag nahm, und von den Verhandlungen mit den anderen Labels und von der dritten Stufe der Weltherrschaft. Natürlich, ich hatte Max versprochen, es nicht weiterzuerzählen, aber was konnte schon passieren, hier in einem kleinen, verrauchten Kellerlokal mitten in Rom? Eugene hörte zu und schraubte an dem Mischpult herum und sagte hin und wieder Dinge wie: „Ach ja?“ und „Ist ja interessant“ und „Nicht im Ernst, oder?“

Schließlich sagte er: „Ich habe zwei John-Cage-CDs im Bus. Ich glaube, 4’33’’' ist auch drauf.“ Er verschwand kurz und kam eine Minute später wieder, winkte lächelnd mit der Silberscheibe und legte sie in den CD-Player. Er suchte den richtigen Track und drückte Play. Stille. Nichts. „Wirklich große Kunst“, sagte er, und ich wusste nicht, ob er es ernst meinte. „Shit“, sagte ich, „und wegen so was wollen sie euch verklagen …“ Das stimmte so natürlich nicht. Ich weiß nicht, warum ich es sagte. Vielleicht wollte ich mein Erlebnis in London einfach interessanter machen. „Bitte? Was wollen diese Arschlöcher?“ „Euch verklagen …“, stammelte ich, dann setzte ich auch schon zum Rückzug an, weil ich nicht weiterwusste: „Natürlich nur, wenn ihr die Schweigeminute veröffentlicht, sonst ist es ihnen natürlich egal.“

Eugene lachte. „Sag diesem Krawatten-Heini, er kann mich am Arsch lecken!“ „Okay“, sagte ich. „Ich richte es ihm aus.“ „Das ist ja das Allerletzte. Das Allerletzte“, murmelte er. Dmitri stürmte in den Raum. „Eugene, kommst du mal?“ rief er. „Was ist los?“ „Komm einfach mit!“ Eugene setzte sich in Bewegung, ich wollte hinterher (antrainierte journalistische Neugier!), aber Dmitri schüttelte den Kopf. „Sorry, du nicht, das geht nur die Band was an.“ „Okay“, murmelte ich. Die beiden liefen los und ich stand ziemlich verloren da. Also ging ich an die Bar und trank ein Bier und wartete. Und las weiter in dem Buch: „Gedichtbände, Comics, Hollywood-Filme ... Vielleicht sind ja manche der Meinung, dass das alles kein wirklich wichtiges politisches Thema sei. Nun, wie wäre es damit: Ganz zweifellos war die amerikanische Bürgerrechtsbewegung

eine der wichtigsten politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Martin Luther King und seine Mitstreiter haben in den Sechzigern viele Rechte erkämpft, die heute – nicht nur in Amerika – als Selbstverständlichkeiten gelten. Als so selbstverständlich, dass man ihrer Verteidigung vielleicht zu wenig Aufmerksamkeit und Wachsamkeit schenkt. Aber unser Verständnis von Demokratie und von Minderheitenrechten ist heute ein anderes, ein besseres, als noch vor fünf Jahrzehnten. Die Bürgerrechtsbewegung hat Freiheit für uns alle erkämpft, ob schwarz oder weiß oder himmelblau, schwul oder lesbisch oder trans oder hetero, links oder rechts, Christ, Jude, Moslem oder Atheist. Es gibt einen Dokumentarfilm, der die ganze Geschichte der Bewegung, von Rosa Parks’ Busfahrt in Montgomery bis zu Kings Ermordung in Memphis, in einer 16-stündigen Collage aus Interviews und Originalaufnahmen erzählt: Eyes On The Prize, 1986 produziert von Henry Hampton. Eine außer-

gewöhnliche journalistische Leistung, die von den meisten Zeitzeugen als wichtigste Arbeit zu dem Thema bezeichnet wird. Die jungen Menschen von heute, sagen sie, müssen wissen, was damals geschehen ist. Sie müssen sehen, dass man die Welt ändern kann. MLK darf nicht vergessen werden. Es gibt natürlich gute Bücher darüber, auch detaillierte akademische Abhandlungen. Aber Lesen, das ist eine Betätigung der Mittelschicht. Gerade jene Jugendlichen, die am dringendsten über Kings Kampf Bescheid wissen sollten, lesen wenig. Ihr Medium ist der Film, das Video, das Fernsehen. Eyes On The Prize könnte im TV oder auf DVD eine ganze Generation lehren, wie man um seine Rechte kämpft. Könnte. Denn Eyes On The Prize ist nicht mehr so einfach erhältlich. Die Dokumentation besteht aus vielen Stunden Film und auch Fotos, die Copyright-geschützt sind und Nachrichtenagenturen oder Fernsehsendern gehören. Aus Kostengründen konnte Henry Hampton

nur zeitlich begrenzte Lizenzen erwerben – und die sind nun abgelaufen. Darunter ist eine Filmaufnahme, die ein kleines Geburtstagsfest für MLK zeigt. Seine Freunde und Mitstreiter singen Happy Birthday. Das war im Januar 1968. Drei Monate später war King tot. Die Aufnahme wurde privat gemacht, das Fest war privat und im kleinen Kreis, man sollte meinen, ihre Wiedergabe in Eyes On The Prize wäre kein Problem. Aber dem ist nicht so: Das Lied Happy Birthday unterliegt dem amerikanischen Copyright. Es wurde schon 1893 von zwei Schwestern geschrieben (eine davon hörte auf den schönen Namen Patty Smith Hill), aber erst 1935 von ihrer dritten Schwester und einem Musikverlag zum Copyright angemeldet. Also wird der Song nun bis mindestens 2030 geschützt sein. Jedes Mal, wenn Happy Birthday in einem Film erklingt, klingeln im Hintergrund die Kassen. Wird die Szene im Film Eyes On The Prize belassen, werden bei einer Neuauflage Lizenzzahlungen fällig.

Nun könnte man auf diese eine Szene natürlich verzichten, aber Eyes On The Prize ist demokratiepolitisch und pädagogisch so wertvoll, weil in den 16 Stunden mehr Originalmaterial verarbeitet ist als in jedem anderen Bericht. Genau das macht aber den Lizenzerwerb auch so teuer. Unterm Strich ist es für einen kleinen Vertrieb schlicht und einfach nicht leistbar, alle (oder ausreichend viele) Lizenzen zu erneuern und eine DVD-Edition aufzulegen. Und die großen Konzerne, die es sich leisten könnten, haben daran kein Interesse. Es wäre kein Geschäft. Falls Sie Interesse haben: Es gibt noch eine Möglichkeit, an den Film heranzukommen. Bei eBay gehen die alten VHS-Editionen mittlerweile um vierstellige Dollarbeträge weg – aber die Käufer stammen wohl wieder nicht aus jener sozialen Schicht, für die der Film am wichtigsten wäre. Meist sind es gut verdienende Sammler, die ein Stück Filmgeschichte erwerben und in den Schrank stellen.

Copyrights sind gesetzliche Bestimmungen darüber, wie Information verteilt wird und wer wie darüber verfügen kann. Sie sind ein politisches Kontrollinstrument.“ Ich klappte das Buch zu. # Als Eugene zwei Stunden später wieder auftauchte, wirkte er erschöpft. Er setzte sich grußlos neben mich. Ich bot ihm eine Zigarette an, dann Feuer. Er nahm beides und bestellte einen Whisky. „Nein, zwei“, sagte er und deutete auf mich. Dann saßen wir lange nebeneinander und tranken wortlos. Die nächste Runde ging auf mich, dann noch eine auf ihn. Schließlich kamen Carlos und Dmitri und setzten sich neben uns. „Ist er weg?“, fragte Eugene. „Ja“, sagte Carlos. „Er ist weg. Noch vier Whiskys bitte.“ Ich wollte nicht fragen, also blickte ich einfach geradeaus und tat teilnahmslos.

„Wir haben Chris aus der Band geworfen“, sagte Eugene schließlich. „Oh“, sagte ich. „Warum?“ Schweigen. Ich bereute die Frage. Es ging mich nichts an. „Wir trinken eine Menge“, sagte Eugene schließlich leise. „Wir kiffen viel. Und manchmal koksen wir auch. Aber harte Sachen, das geht nicht. Das geht einfach nicht. Er kannte die Regeln und musste gehen. So ist das.“ Ich nickte, als würde ich verstehen. Werdet ihr das Konzert heute zu dritt spielen?“ „Klar“, sagte Eugene. „Das geht schon.“ „Bin gespannt“, sagte ich. Die Whiskys kamen. Carlos und Dmitri kippten ihre ex runter. „Noch vier“, sagte ich zur Kellnerin. „Und habt ihr auch Gästezimmer für heute Nacht?“ Sie schüttelte den Kopf.

„Du kannst bei uns im Bus schlafen“, sagte Eugene. „Wir haben jetzt ja eine Koje frei.“ Ich dachte am Anna. Sie würde wütend sein. „Okay!“, sagte ich. # Anna war nicht wütend. Sie bekam nicht einmal mit, dass ich da war. Sie riss sich nach dem Konzert einen langhaarigen Italiener mit schmalen Hüften, breiten Schultern und zu viel Gel in den Haaren auf und verschwand mit ihm. Ich versoff mich mit Carlos, Dmitri und Eugene, zweieinhalb Flaschen Wodka, ein paar Bier und ein paar Red Bull. Wir saßen auf den Sofas im oberen Stock des Busses und diskutierten über die Unmöglichkeit, aktuelle Rockmusik in zwanzig Jahren am Lagerfeuer spielen zu können. Wir klimperten dazu auf Gitarren herum, und als wir zur Erkenntnis gelangten, dass James

Blunt uns in Zukunft an jedem Lagerfeuer der Welt bedrohen würde, öffneten wir noch eine Flasche Wodka. „Erzähl die Geschichte aus London“, sagte Eugene. „Die mit John Cage.“ Wir waren alle schon sehr betrunken, wir lallten, hatten Schwierigkeiten, unsere Pappbecher festzuhalten, Carlos machte mit der Zigarette ein Brandloch ins Sofa und wir fanden das lustig. In so einer Stimmung waren wir, als ich die Geschichte von Max’ Welteroberungsplan erzählte. Ich musste natürlich ein wenig lügen, konnte ja schlecht erzählen, dass ich ihm das Konzertvideo gezeigt hatte, weil ich Anna so geil fand. Nein, ich sagte, dass ich die Soundinistas so gut fand, dass ich sie einem Plattenboss zeigen wollte. „Nett von dir“, sagte Dmitri. „Aber ich finde, es ist ein Skandal, dass die uns eine Schweigeminute verbieten wollen.“ „Könnten sie das?“, fragte Carlos.

„Kann ich mir kaum vorstellen“, sagte Eugene. „Aber wenn die mit hundert Anwälten anrücken, was würden wir dann tun?“ Carlos nippte an seinem Wodka. „Den Schwanz einziehen.“ „Genau.“ Dmitiri hob den Zeigefinger: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche herrschende Gedanken, das heißt die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.“ Ich drehte meinen Kopf zu ihm. „Marx und Engels. Aus Die deutsche Ideologie. Du weißt, ich war Parteimitglied.“ Ich lachte, griff nach der Gitarre und spielte Guantanamera, das schien mir irgendwie passend. Yo soy un hombre sincero ... Die anderen begannen, leise mitzusingen. Dann, plötzlich, stand Eugene auf. „Eigentlich habe ich da keine Lust dauf“, sagte er, leicht schwankend.

„Worauf?“, fragte Carlos. „Den Schwanz einzuziehen, aber Solidaritätslieder zu singen.“ „Äh...“, sagte ich. „Stimmt, Genosse“, sagte Dmitri und salutierte. „Ich meine es ernst“, sagte Eugene. „Ich meine, wie tief würde ich sinken, wenn ich mir von einem Krawattenmenschen eine Schweigeminute für meine tote Frau verbieten lasse?“ „Das ist ja nur theoretisch“, sagte ich. „Nein, das ist gar nicht theoretisch“, sagte Eugene. „Das ist alles andere als theoretisch. Das ist eine höchst praktische Frage. Eine zutiefst philosophische Frage.“ „Oje“, sagte Dmitri. „Bring dich in Deckung, jetzt geht es los.“ „Was geht los?“, fragte ich. „Der Herr Professor hält einen Vortrag.“ „Stimmt nicht“, sagte Eugene. „Ich werde keinen Vortrag halten. Aber ich habe gerade eine Idee, die unseren jungen Freund hier interessieren wird.“

„Wir gehen schlafen“, sagte Carlos und stand auf. „Stimmt“, sagte Dmitri. „Ist ja auch wirklich schon spät. Gute Nacht!“ Und damit ließen die beiden uns alleine. „Prost“, sagte ich und nahm noch einen tiefen Schluck vom Wodka. #

Mein Telefon läutete. „Hey, Mann!“, sagte die Stimme am anderen Ende. „Hi, Max“, krächzte ich, noch nicht ganz nüchtern. „Bist du gut wieder in Italien angekommen?“ „Mhm.“ „Was ist mit der Band? Du weißt schon, das Mädchen in dem Video. Hast du sie wiedergesehen?“ „Mhm.“ „Gut. Sehr gut. Ich muss mir dir reden.“ „Max, es ist früh am Morgen.“

„Es ist zehn Uhr in Italien.“ „Sage ich ja.“ „Hör zu“, sagte er. „Es ist wichtig. Ich habe Joanna gestern von dir erzählt, von unserem Abendessen und von dem Video. Und sie hatte eine Idee. Eine verrückte Idee, wenn du sie das erste Mal hörst, aber letztlich eine geniale Idee. Joanna ist wirklich ein Genie.“ Er sprach schnell und das verstärkte meine Kopfschmerzen nur. „Max, kannst du mir das nicht in einer Stunde erzählen?“ „Zuerst habe ich ihr gesagt, sie spinnt, aber nun habe ich es die ganze Nacht sickern lassen und ich glaube wirklich, es ist eine sensationelle Idee. Wir sollten darüber reden.“ „Okay. Wir sind schon dabei, Max. Was willst du?“ „Der Punkt ist der: Du hast es ja selbst gesagt, Volvox wird irrsinnig schlechte Presse bekommen, wenn wir das erste Mal jemanden klagen. Wir bringen die Songwriter

um, et cetera, et cetera. Das wird alles über uns hereinbrechen.“ „Das habe ich gesagt“, sagte ich. „Okay, ja, und ich dachte: Da müssen wir durch, das gehört eben zum Geschäft. Nur hat mich Joanna gefragt: Was wäre, wenn ich diesen Vorgang beeinflussen könnte?“ „Ich verstehe nicht.“ „Du weißt ja, ich werde keine Promotion-Abteilung haben. Da habe ich jahrelang all diese wunderbaren Medienkontakte aufgebaut, und jetzt weiß ich nicht, was ich damit tun soll.“ „Ich verstehe immer noch nicht.“ „Volvox könnte tatsächlich die Soundinistas klagen, meint Joanna. Wir machen ein bisschen Medienzirkus, eine Presseaussendung hier, ein Interview da, du weißt schon, um die Berichte zu kanalisieren. Ich nehme eine gute PR-Agentur, die das Krisenmanagement steuert. Dann sieht der Vorstand auch, dass ich besser doch eine eigene Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit brauche. Und

nach ein paar Wochen schließen wir eine Vereinbarung, bei der alle Seiten gut aussteigen. Die Soundinistas kriegen einen Plattenvertrag, oder zumindest einen Vorvertrag bei einem unserer Labels, und erzählen den Reportern, wie nett die Leute von Volvox eigentlich sind. Wir stellen sie drei Tage ins Studio, das kostet nicht viel, vielleicht bringen wir auch eine CD mit fünf-, sechstausend Stück Auflage auf den Markt. Meinetwegen sogar mit einem kleinen Marketingbudget. Nach einem Monat ist die Sache ausgestanden und kein Hahn kräht mehr danach. Wenn Volvox dann beginnt, ernsthaft zu arbeiten, interessiert das keine Sau mehr. Der Neuigkeitswert ist weg.“ „Max …“, sagte ich. „Ja?“ „Du und Joanna, ihr seid krank.“ „Nein. Nur konsequent. Wenn man eine gute Idee hat, muss man sie umsetzen. Das hier ist eine gute Idee. Und ich brauche dich, um das einzufädeln. Was sagst du?“ „Ich bin müde, ich habe Kopfweh.“

„Das ist keine Antwort. Ja oder nein.“ „Nein. Mach deine Spielchen alleine, ich hab keine Lust drauf.“ Ich legte grußlos auf, wie sie es in den amerikanischen Filmen immer machen. # Ich wälzte mich noch ein paar Mal hin und her, konnte aber nicht mehr einschlafen. Es war inzwischen zu heiß im Bus. Hatte Max den Soundinistas tatsächlich einen Plattenvertrag angeboten? Oder hatte ich da etwas missverstanden? Ich beschloss, aufzustehen. Eugene lag auf dem Sofa und las in einem der Bücher, die ich in London gekauft hatte. „Guten Morgen“, sagte ich. „Schon wieder fit?“ Er reagierte nicht auf die Frage. „Interessante Bücher hast du da“, sagte er stattdessen. „Hast du das Kapitel über Mickey Mouse schon gelesen?“

„Mickey Mouse?“ Zuerst der Anruf von Max und jetzt das. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte, und schwieg. „Ein Wahnsinn, findest du nicht?“, fragte Eugene. „Das kann man doch nicht einfach so hinnehmen.“ „Vermutlich nicht. Aber ich habe einen Kater.“ „Oh“, sagte er. „Möchtest du einen Kaffee?“ „Gerne.“ Er legte das Buch weg. „Komm mit“, sagte er und erhob sich. Ich folgte ihm in das untere Stockwerk des Busses. In der kleinen Kochnische stand eine Espressomaschine. „Milch?“, fragte er. „Nein, schwarz.“ „Fliegst du heute nach Neapel zurück?“ „Ich werde wohl den Zug nehmen“, sagte ich. „Wie lange hast du noch Urlaub?“, fragte er. „Etwas weniger als fünf Wochen.“ „Das ist ja ganz schön.“ „Ja. Aber ich fürchte, ich werde die meiste Zeit mit schlechtem Gewissen vor meinem Notebook sitzen und

mit dem Roman nicht weiterkommen. Danke übrigens für deine Vor-schläge gestern, das war echt spannend.“ „Aber nicht wirklich etwas für dich?“ „Ich weiß nicht. Ich werde darüber nachdenken. Aber ich verstehe so überhaupt nichts vom Mittelalter ... mal sehen. Ich muss mich jetzt mal mit Disziplin an den Schreibtisch zwingen, dann wird sich schon etwas ergeben.“ „Vielleicht hätte ich eine bessere Idee.“ „Schon wieder?“, fragte ich schmunzelnd. Er blieb ernst. „Du könntest für ein paar Wochen bei uns in der Band einsteigen. Als Gitarrist.“ Ich runzelte die Stirn. Wenn ich jetzt mit allem gerechnet hätte, damit nicht. „Du hast das Konzert gestern gehört. Das hat nicht geklappt. Wir brauchen noch einen Gitarristen.“ „Ja, schon. Aber ...“ „Nur bis wir einen Ersatz für Chris gefunden haben. Das wird nicht länger als zwei, drei Wochen dauern. Das wird der coolste Urlaub deines Lebens.“

„Ich bin nicht so gut ...“ „Ich könnte es ohnehin nicht alleine entscheiden. Die Band muss darüber abstimmen. Aber da sehe ich kein Problem. Ich habe dich am Lagerfeuer gehört. Du bist gut genug, wir hatten schon schlechtere Gitarristen. Vergiss nicht, wir machen Punk für Betrunkene. Wir sind keine dieser superperfekten Bands, die du sonst interviewst. Wir wollen Spaß an der Sache haben. Probier es aus. Wer weiß, vielleicht willst du nach einer Woche gar nicht mehr, dass wir uns einen anderen Gitarristen suchen ...“ Ich dachte an Anna. Ich dachte an den einsamen Schreibtisch im Hotelzimmer in Neapel. Und dann dachte ich daran, dass Max mir am Telefon einen Plattendeal für die Band angeboten hatte, in der Eugene mir nun einen Platz als Gitarrist anbot. Wenn die Chance da ist, muss man sie nehmen. Nicht zweimal fragen, sondern zugreifen. Aber konnte ich Eugene klarmachen, dass er sich von Max verklagen lassen sollte, das jedoch alles nur Fake

war und wir danach einen Plattenvertrag bekommen würden? Klang das glaubwürdig? Er hielt immer noch mein Buch in den Händen. Würde er mit der Großindustrie überhaupt zusammenarbeiten wollen? Musste er das alles überhaupt wissen? „Okay“, sagte ich. „Ich bin dabei!“ # Damit die anderen sich ungestört über mich unterhalten und abstimmen konnten, unternahm ich einen Spaziergang. Ich rechnete mit den Stimmen der drei Männer und vielleicht einer Gegenstimme von Anna, war mir also sicher, als provisorisches Bandmitglied aufgenommen zu werden. Ich setzte mich in ein Café mit WLAN-Zugang und lud das Video von dem Konzert in der RockBox in mehreren Teilen bei YouTube hoch. Darunter war auch der Teil mit der Schweigeminute. Ich nannte das File incommunicado.mpg.

Den Link postete ich bei Facebook und schickte ihn Max per Mail. Als ich zum Bus zurückkam, stießen Eugene, Dmitri, Carlos und ich auf meine Mitgliedschaft bei den Soundinistas an. Anna zog sich schmollend in ihre Koje zurück. # Am Anfang von Twelve Monkeys hört man Bruce Willis flüstern: „Jose, psst! Jose, was ist los?“ „Schlechte Nachrichten, Mann.“ „Freiwillige?“ „Ja, und sie haben deinen Namen gerufen!“ Betretenes Schweigen, dann sagt Jose: „Hey, vielleicht begnadigen sie dich.“ Und Bruce Willis antwortet sarkastisch: „Ja, deswegen kommt auch keiner der Freiwilligen zurück. Sie werden alle begnadigt.“

alternate

Ich übte drei Tage lang, fast rund um die Uhr. Während ich aß, lernte ich die Playlist auswendig, ich summte Melodien, während ich am Klo saß, und ich träumte von Akkorden. Wenn ich nicht übte, dann hörte ich mir die Soundinistas auf CD an oder verfolgte das allabendliche Konzert gemeinsam mit Eugene. Ich half beim Aufbauen und Abbauen. Carlos und Dmitri nahmen sich vor den Konzerten immer zwei, drei Stunden Zeit für mich, dann übten wir gemeinsam. Anna blieb im Bus. Als ich am vierten Abend zehn Minuten vor dem Konzert meinen Platz bei Eugene einnehmen wollte, schüttelte er den Kopf. „Du bist so weit. Rauf auf die Bühne.“ Muss ich erwähnen, dass ich so ziemlich alles falsch machte, was man nur falsch machen kann? Aus fachmännisch-handwerklicher Perspektive war es eine ziemliche peinliche Performance. Aber den betrunkenen Hunnen im Publikum war das egal.

Und obwohl ich heiße Ohren hatte und Anna mich bei jedem Fehler mit tödlichen Blicken strafte, war es saugeil, endlich wieder auf der Bühne zu stehen. Und das ohne Max. Für die Mädchen im Publikum waren weder Carlos noch Dmitri noch Anna interessant. Die blickten auf mich. Nur auf mich. Das war keine schlechte Erfahrung. Das war ganz und gar keine schlechte Erfahrung. # Am nächsten Morgen erhielt ich eine E-Mail von Max. Um genau zu sein: Ich erhielt eine Benachrichtigung von der Rechtabteilung eines Unternehmens namens Volvox Corporation. Unterschrieben war sie von einer gewissen Joanna McCormick. Max’ Freundin Joanna. Sie schrieb sehr förmlich, durchaus höflich, und wies uns darauf hin, dass wir die Rechte des Unternehmens an einem Musikstück mit dem Namen 4’33’’ verletzen würden. Sie bot uns an, eine Lizenz zur Nutzung dieses Stückes

zu erwerben, erläuterte uns die zahlreichen Vorteile ihres Angebots und wies darauf hin, dass wir unsere Version aus dem Netz nehmen sollten, solange die Lizenzfrage nicht geklärt sei. Widrigenfalls müsse die Volvox Corporation uns nämlich klagen. Den Streitwert für die illegale Nutzung des oben genannten Musikstückes würde die Volvox Corporation auf eine Million britische Pfund ansetzen. Ich las die Mail vor, dann nahm Eugene das Notebook auf seinen Schoß und las sie selbst. Er schüttelte den Kopf. „Trocken wie die Sahara“, sagte er. „Du kennst sie?“ „Joanna? Nein, nicht persönlich. Aber Max ist ein guter Freund von mir. Er meint das nicht ernst.“ „Bist du dir sicher?“ „Ganz sicher.“ „Dann sollten wir ihm jetzt eine nette Mail schreiben, uns entschuldigen und das Video aus dem Netz nehmen. Und ihn bitten, uns keine Anwaltskosten zu verrechnen“, sagte Eugene.

„Ja, das sollten wir vermutlich tun“, sagte ich langsam. Ich überlegte, ob und wie ich ihm von meinem Deal mit Max erzählen konnte. Sollte. Wollte. „Max lässt sicher mit sich reden. Wenn wir den Link löschen, wird er die Sache vergessen. Er ist ein netter Kerl, auch wenn er es oft ganz gut versteckt.“ „Na dann. Greif zum Telefon.“ „Andererseits: Du wolltest ja nicht den Schwanz einziehen“, sagte ich. Eugene nickte. „Nein. Aber eine Million Pfund ist eine Menge Geld.“ „Kannst du dich noch an die Geschichte erinnern, die du mir vorgelesen hast? Mit Happy Birthday und dem Film über Martin Luther King?“ „Klar“, sagte er. „Da hast du danach gesagt, das könne man so nicht hinnehmen.“ „Ich weiß. Aber darum geht’s hier nicht.“ „Nicht um MLK, aber um das Andenken an deine Frau.“ Das war gemein, ich weiß.

Er schwieg und sah mich fragend an. „Wir sollten den Schwanz nicht einziehen. Wir sollten Max trotzen. Zumindest eine Zeit lang. Ich will das, weil ich mich von ihm nicht herumschubsen lassen möchte. Und du solltest es aus Respekt vor deiner Frau wollen.“ „Und was sollen wir machen?“ „Den Kampf aufnehmen. Aber nicht vor Gericht“, sagte ich. „Da können wir nur verlieren.“ „Das glaube ich sofort. Wenn wahr ist, was dieser Max dir erzählt hat, dann beschäftigt Volvox ein paar Dutzend oder vielleicht auch ein paar hundert Anwälte.“ „Vermutlich würde ihnen schon ein einziger guter Anwalt reichen, denn wir können uns gar keinen leisten“, sagte ich. „Wir hätten schon Mühe, einen drittklassigen Paragraphenreiter zu bezahlen. Also lassen wir uns gar nicht darauf ein. Wir ignorieren ihre Klage. Wir legen uns gar keinen Anwalt zu.“ „Toller Plan“, sagte Eugene und lachte. „Gar nicht kompliziert.“ Ich blieb ernst. „Das ist natürlich noch nicht alles.“

„Dachte ich mir.“ „Wir werden dort kämpfen, wo es Max weh tut. Bei den Sympathien der Menschen. Dort sind wir stärker. Verstehst du? David gegen Goliath. Rosa Parks gegen die fetten weißen Männer. Gandhi gegen das britische Imperium. Die kleine Punk-Band gegen den großen Medienkonzern. Wir werden einen Feldzug starten, für freie Musik, freie Kunst, freie Rede.“ „Freies Schweigen.“ „Ja, auch das. Sie haben das Recht zu schweigen. Wäre das kein guter Slogan?“ „Doch.“ Er kratzte sich hinter dem Ohr. „Ich weiß nicht.“ „Er ist ein wirklich guter Freund“, sagte ich. „Wir können jederzeit die Notbremse ziehen, da bin ich mir sicher. Für ihn ist es nicht mehr als ein Spiel, um mir zu zeigen, dass er der Chef ist. Und ich will mir das nicht so einfach gefallen lassen. Ich will den Schwanz nicht schon vorher einziehen. Ich will, dass er uns bittet, aufzuhören. Er soll Bitte sagen.“

„Wie willst du das erreichen?“, fragte Eugene. „Mit Marx.“ „Marx?“, fragte er, und sein Blick wanderte zu seinem Bücherregal. „Nicht Karl. Groucho. Hast du die Geschichte über ihn gelesen?“, fragte ich und zog eines der Bücher, die ich in London gekauft hatte, aus meiner Tasche. Eugene schüttelte den Kopf. „Nein, noch nicht.“ „Er hat mal einen ähnlichen Brief bekommen wie wir gerade. Von den Warner Brothers.“ „Und?“ „Groucho drehte damals einen Film namens Eine Nacht in Casablanca. Das war ein paar Jahre nach dem großen Erfolg von Casablanca mit Bergman und Bogart und bei Warner sahen ein paar findige Anwälte die Namensrechte verletzt. Sie schrieben den Marx Brothers einen Brief und drohten mit Klage. Aber Groucho gab ihnen eine ziemlich witzige Antwort: Er wundere sich, dass Warners Rechte an einem Wort wie Casablanca haben können, wenn dieser Name doch seit

Jahrhunderten einer marokkanischen Stadt gehöre. Dann fragte er, ob etwa jener Ferdinando Balboa Warner, der Casablanca im Jahre 1471 entdeckte, während er eine Abkürzung nach Burbank suchte, ein Urahn der Warner Brothers sei. Groucho fragte die Warner-Anwälte, wie ein Kinobesucher die beiden Filme je verwechseln sollte, und behauptete, die meisten Leute würden problemlos seinen blonden Bruder Harpo von Ingrid Bergman unterscheiden können.“ „Das will ich meinen“, murmelte Eugene. „Groucho schrieb: Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Unterschied erkennen würde, aber ich würde es auf jeden Fall gerne ausprobieren!“, las ich vor. „Und dann schlug er zurück: Er drohte den Warner Brothers mit einer Klage, weil die Marx Brothers doch schon viel länger Brüder waren. Er wies Harry Warner darauf hin, dass er schon viele andere Harrys in seinem Leben getroffen habe, und er fragte Jack Warner, ob er sich nicht vor einer Klage von Jack the Ripper fürchte.“

„So gehört sich das wohl“, sagte Eugene und lächelte. „Wie ist diese Geschichte ausgegangen?“ „Es gab einen längeren Briefwechsel und Grouchos Antworten waren immer völliger Nonsens. Irgendwann haben die Warner-Leute einfach aufgegeben.“ „Nette Geschichte“, brummte Eugene. „Ja, nicht wahr?“ sagte ich. „Wir sollten etwas Ähnliches machen. Den Irrsinn dieses Systems einfach offenlegen. Aber nicht in einem stillen Briefwechsel, sondern in den Medien. Wir nutzen die Medien gegen die Medienindustrie.“ Eugene überlegte fast eine Minute lang schweigend. Dann tippte er etwas. „Was schreibst du da?“, fragte ich. „Noch mal: Bist du dir ganz sicher, dass wir jederzeit die Notbremse ziehen können? Wird Max die Klage zurückziehen, wenn wir ihn darum bitten?“ Ich nickte. „Mein Wort drauf. Versprochen.“

Er bewegte den Finger über das Touchpad des Notebooks. Ich versuchte, den Text zu lesen, und sah gerade noch, wie er auf den „Senden“-Button klickte. Dann stand er auf und ging auf die Toilette. Ich öffnete die gerade gesendete Mail wieder. Sie enthielt nur zwei Worte. Fuck you! Das hatte nicht ganz Groucho Marx’ Qualität. # Wir mussten den anderen natürlich von der Klage erzählen, das übernahm Eugene. Carlos und Dmitri sahen recht bestürzt aus, aber Anna flippte vollkommen aus. „Eine Million Pfund? Ja seid ihr denn alle vollkommen wahnsinnig?“, schrie sie. „Nehmt das Video sofort aus dem Internet!“ „Beruhige dich“, sagte ich. „Erstens geht das nicht. Wir können es nicht entfernen. Zweitens wird es vielleicht schon weiterverbreitet. Es unterliegt nicht mehr unserer

Kontrolle.“ Ich sagte nicht dazu, dass ich das Video erst kurz zuvor selbst in verschiedene Tauschbörsen und auf ein paar weitere Video-seiten gestellt hatte. Stattdessen sagte ich: „Ich werde mit Max reden, wir kriegen das schon hin.“ Sie warf mir einen Blick zu, der wohl „Du Vollidiot“ heißen sollte. Aber sie sagte kein Wort. In dieser Nacht, in meiner Koje im Stockbus, konnte ich nicht schlafen. Dieser Raum, weniger als zwei Kubikmeter, würde nun für längere Zeit mein Zuhause sein. Plötzlich kam mir der ganze Plan völlig idiotisch vor. Fahr heim, schreib ein paar Artikel, vergiss das Ganze, dachte ich. Dann hörte ich, wie sich Anna in ihrer Koje bewegte, und wieder änderte ich meine Meinung. Ich holte mein Notebook hervor und schrieb eine Presseaussendung. Sie sollte nicht lang werden, aber ich feilte an jedem Wort, denn Anna würde sie ins Italienische übersetzen, hatten wir beschlossen.

Als die ersten Sonnenstrahlen durch den Vorhang an meinem Fenster schienen, war ich fertig und endlich müde. Doch kaum dass ich den Polster über meinen Kopf legte, hielt der Bus auch schon. „Wir sind da!“, brüllte Carlos, der am Steuer saß. Ich hörte keine Reaktion der anderen und schlief auch gleich ein. # Am späten Vormittag des nächsten Tages suchte ich mir ein nettes kleines Café in unmittelbarer Nähe. Ein Aufkleber neben der Tür verhieß kabellosen Internetzugang. Am Nebentisch saß ein Pärchen. Mitte zwanzig, sehr wohlhabend, sehr stylish. Sie war wunderschön, trug ein kurzes schwarzes Kostüm, zehn Zentimeter hohe Absätze und eine Handtasche im klassischen LV-Design. Er trug einen Anzug, teure Lederschuhe und das Handy immer am Ohr. Er erinnerte mich an Max. Und sie, sie

erinnerte mich an Joanna, obwohl ich Max’ Freundin noch nie gesehen hatte. Ich holte mein Notebook aus dem Rucksack und startete es. Weniger als zwei Dutzend Menschen hatten sich das YouTube-Video angesehen, niemand hatte es auf Facebook weiterverbreitet. In der nächsten Stunde suchte ich die Websites von rund zwei Dutzend Musikmagazinen auf, kopierte mir die E-Mail-Adressen der Redakteure und verschickte unsere Presseaussendung. Der Betreff lautete: Das Recht zu schweigen! # Eugene und ich lasen viel über Urheberrechte und Zensur, nicht nur die drei Bücher, die ich gekauft hatte, sondern auch viel Material aus dem Internet. Es schien da eine ganz beachtliche Szene von Menschen zu geben, die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzten. Wir kippten richtig rein in die Thematik, vor allem

Eugene konnte sich kaum losreißen. Die Geschichte, die ihn am meisten ärgerte, war die mit Mickey Mouse. „Mickey Mouse ist ein Feind der amerikanischen Verfassung“, sagte Eugene. „Und das ist immerhin eines der wichtigsten Dokumente der Menschheit.“ Ich muss zugeben, was die Amerikaner immer mit ihrer Verfassung haben, konnte ich noch nie so ganz nachvollziehen. Vielleicht interessierte ich mich einfach zu wenig für Politik. Aber irgendwie verstand ich Eugene trotzdem, ich konnte Sonny Bono auch nie leiden. Bill Clinton dagegen eigentlich schon. Man muss die Sache so erzählen: Es gibt da in den USA einen Mann mit dem schönen Namen Eric Eldred, der entwickelte in den Neunzigern ein ungewöhnliches Hobby. Er fertigte von Meisterwerken der Weltliteratur digitale Versionen an, versah die Texte mit Anmerkungen, Bildern und Hyperlinks und lud sie ins Web hoch, kostenlos und frei zugänglich. Lobenswert. Natürlich konnte Eldred nur mit Klassikern so verfahren, mit Werken, deren

Urheberrecht abgelaufen war, deren Nutzung also der Allgemeinheit frei zugänglich war. In diesem Zusammenhang, um noch einen Haken zu schlagen, lernte ich das schöne Wort Allmende kennen. Gemeingut. Im Mittelalter war die Allmende die öffentliche Weide eines Dorfes, freier Grund und Boden, der niemandem gehörte und daher allen, auf dem jeder sein Vieh grasen lassen konnte und von dem niemand einen anderen vertreiben durfte. Keine Zäune, keine Hecken, keine Mauern. Der Begriff wird auch im Zusammenhang mit dem Copyright verwendet: Läuft die Schutzfrist eines Werkes aus, gelangt es in den öffentlichen Bereich, in die Allmende, es wird Gemeingut, es gehört niemandem und daher allen, jeder darf es nutzen und niemand darf von der Nutzung ausgeschlossen werden. Zurück zu Eldred. 1998 freute er sich darauf, die Gedichtsammlung New Hampshire des vierfachen PulitzerpreisTrägers Robert Frost online zu stellen. Der Band erschien erstmals 1923, das Copyright hatte eine Laufzeit von 75 Jahren und zum Jahreswechsel würde das Werk somit in die

Allmende gelangen. Doch dann machte ihm jemand einen Strich durch die Rechnung: niemand Geringerer als der Präsident der Vereinigten Staaten. Wenige Wochen vor Jahresende unterschrieb Präsident Bill Clinton eine Gesetzesänderung, die die Laufzeit des US-Copyrights auf 95 Jahre ausdehnte: den Sonny Bono Copyright Term Extension Act. Sonny Bono, das war der Exmann von Cher, ein Sänger und Musikproduzent (I Got You Babe), später ein republikanischer Politiker und treuer Lobbyist für die Medienindustrie in Washington. Er hatte die CopyrightVerlängerung so weit vorangetrieben, dass der Präsident – der ja auch keine schlechten Kontakte zu Hollywood und dem Musikbiz hatte – nur noch unterschreiben musste. Hinter der Gesetzesänderung, so munkelte man, stand vor allem die Disney Corporation. #

Wenn wir in den nächsten Tagen an Tankstellen oder an Raststationen hielten, dann blieb ich oft alleine im Bus sitzen. Ich blätterte in einem Buch, tat so, als würde ich lesen, machte es mir bequem und achtete darauf, Anna immer im Blick zu haben. Es waren, abgesehen von den Auftritten, die einzigen Momente, in denen ich meinen Blick minutenlang über sie schweifen lassen konnte, ohne Entdeckung fürchten zu müssen. Ich beobachtete sie, wie sie mit Carlos vertraute Zwiegespräche führte und scherzte, wie sie Dmitri den verspannten Nacken massierte, wie sie sich mit Eugene eine Zigarette oder einen Schokoriegel teilte. Unser Verhältnis war etwas kompliziert. Zunächst hoffte ich, es stürze sie in ein gewisses hormonelles Ungleichgewicht, dass ich nun immer um sie war. Immerhin hatten wir uns am Strand geliebt und sie musste sicher jedes Mal daran denken, wenn sie mich sah. Sie zickte wirklich herum. Ziemlich schnell wurde mir aber klar, dass ich nur eine Nummer auf einer langen Liste war. Anna hatte einen

beachtlichen Männerverschleiß. Drei-, viermal pro Woche verschwand sie nach einem Konzert und kam erst nach einer Stunde wieder. Niemand in der Band redete darüber. Erst nach ein paar Tagen fiel mir auf, dass sie nie allein verschwand, aber immer allein zurückkam. Die anderen Typen sah sie nie wieder. Mich aber jeden Tag. Ich war für sie wohl so etwas wie ein Betriebsunfall. Als Eugene in Campobasso den anderen klargemacht hatte, dass ich nun ein Mitglied der Band war, hatte sie mich nur kalt und wortlos angestarrt. Ich war mir nicht sicher, ob das eine Warnung sein sollte oder einfach Ausdruck ihrer Nervosität war. Danach sprach sie jedenfalls eine Woche lang kein normales Wort mit mir. Nach einer Woche sagte sie in einer Raststation: „Gibst du mir den Salzstreuer?“ Ihr Ton war ruppig. Ich gab ihr den Streuer. Das würde schon werden. #

Das mag alles kompliziert und verworren klingen: Eldred, Frost, Bono, Clinton, Disney. Aber die Sache ist die: 1923 erschien nicht nur besagter Gedichtband, sondern es war auch das Jahr, in dem der Tonfilm erfunden wurde und die große Zeit Hollywoods anbrach. Ohne die Copyright-Verlängerung wären nun Jahr für Jahr Klassiker der Filmgeschichte in die Allmende gelangt, die großen Studios hätten ihre exklusiven Nutzungsrechte verloren. Und das war eine Gefahr, vor allem für Disney: Steamboat Willie, der erste Film mit Mickey Mouse, lief 1928 in den Kinos an. Der Schutz von Mickey Mouse als Figur hing an diesem Datum. Ein Markenwert in Milliardenhöhe drohte ein allgemeines, frei zugängliches Kulturgut zu werden. Die Verteidigung ihrer Besitztümer gelang den großen Hollywood-Studios schon zum zweiten Mal: 1923 lag die Copyright-Laufzeit bei nur 56 Jahren. Ab 1979 hätten also Filme frei zugänglich werden sollen. Doch im Jahr davor wurde das Gesetz geändert und der Schutz

auf 75 Jahre ausgedehnt. Und als diese Galgenfrist ablief, dehnten Clinton und Bono den Schutz auf 95 Jahre aus. Deshalb wird ihr Gesetz inoffiziell auch Mickey Mouse Protection Act genannt. „Wo wird das enden?“, fragte Eugene. Er zeigte mir einen Artikel im Internet, wonach die amerikanische Verfassung unendliche Schutzfristen verbietet, aber Industrievertreter in Washington schon dafür warben, die Laufzeit auf Unendlich minus einen Tag auszudehnen. „Unsere kulturelles Erbe wird privatisiert“, sagte Eugene. „Die Grenze ist das Jahr 1923. Alles ab diesem Datum Geschaffene soll auf ewig im Privatbesitz großer Konzerne bleiben.“ Und das, so recherchierte ich, galt nicht nur für die USA. In Europa sind die Gesetze kaum weniger streng, die Lobbys nicht weniger mächtig. Ich ärgerte mich nicht weniger als Eugene. Immer noch verworren?

Ich kann es auch einfach ausdrücken: Das ist zum Kotzen. # Mein Handy läutete. Ich warf einen Blick aufs Display und zögerte. Dann gab ich mir einen Ruck. „Hi“, sagte ich. „Hey Mann, sorry, dass ich erst jetzt dazu komme, dich anzurufen. Hier ist einfach so viel los, ich habe so viel um die Ohren, das kannst du dir überhaupt nicht vorstellen. Seit unserem Abendessen habe ich nicht eine freie Minute gehabt. Joanna und ich haben seit einem Monat nicht ... du weißt schon“, quasselte Max drauflos. „Es ist echt die Hölle.“ „Das freut mich zu hören“, sagte ich. „Was?“ „Dass es so gut läuft. Das tut es doch?“ „Danke. Ja, es läuft fantastisch. Absolut großartig.“ Er klang aufgedreht, oder besser: überdreht. „Ich soll dir

jedenfalls schöne Grüße von Joanna ausrichten. Die Klage läuft. Und wenn sie dich persönlich kennenlernt, tritt sie dir in die Eier, soll ich dir sagen.“ „Bitte, was?“ „Das ist noch eine harmlose Strafe. Ich habe hart für dich verhandelt und ihr ein neues Cabrio versprochen. Du schuldest mir was. Und bitte schreib ihr keine Mails mehr.“ Jetzt verstand ich. „Max! Verdammt. Diese Mail, in der ‚Fuck You’ stand, die war nicht von mir. Ich meine, es war meine Mailadresse, aber ich habe das nicht abgeschickt“ „Ja klar, das würde ich an deiner Stelle jetzt auch behaupten.“ „Nein, wirklich. Es war so, dass ...“ „Vergiss es. Ich habe ihr gesagt, du wolltest das möglichst glaubwürdig gestalten und dein sprachliches Talent sei limitiert. Ich habe ihr ein Cabrio geschenkt. Die Sache ist gegessen.“ „Uff“, sagte ich. „Da schulde ich dir eine Kleinigkeit.“

„Nicht der Rede wert. Außerdem wollte ich das Cabrio ja ohnehin. Joanna wäre sicher dagegen gewesen, aber wenn ich es ihr zur Entschuldigung schenke, ist das natürlich etwas anderes, du verstehst?“ Er lachte kehlig. „Na, dann schuldest ja eigentlich du mir was“, sagte ich. „So weit kommt’s noch.“ „Klar. Das nächste Mal nimmst du mich mit auf eine Party mit Amy Lee.“ „Okay, okay“, er lachte wieder, „schon klar. Abgemacht. Wenn du das nächste Mal nach London kommst, schmeiße ich eine Party und lade Amy ein. Vielleicht kann ich euch ja verkuppeln ... Was ist eigentlich aus deinem Punk-Mädchen geworden? Immer noch die große Liebe?“ „Aus die Maus“, sagte ich. „Oh.“ „Nicht der Rede wert.“ „Verstehe. Und wie läuft es sonst? Erste Zeitungsberichte?“

„Nein, ich habe noch keinen gelesen. Aber ich bin jetzt der Gitarrist der Band.“ „Ist nicht wahr.“ „Doch. Glaub mir, du hast immer mein Talent verkannt. Ich bin eine richtige Rampensau. Du wirst uns am Ende noch einen richtigen Plattenvertrag anbieten, mit garantierter Millionenauflage, und du wirst auf Knien darum betteln, dass wir unterschreiben.“ „Ja, klar – warte mal.“ Max wechselte ein paar Worte mit jemand anderem. „Ich muss jetzt Schluss machen, wichtiger Besuch. Ich melde mich wieder. Und kümmere dich darum, dass in irgendeiner kleinen italienischen Zeitung die ersten Berichte erscheinen. Den Rest erledige ich dann. Kannst du das?“ Er legte auf, ohne auf eine Antwort zu warten. # Das Leben auf Tournee ist anders als alles andere. Du fühlst dich selbst so intensiv wie nie zuvor, während die

Welt rundherum verschwimmt. Du spielst in Avezzano, du spielst in Pescara, du spielst in L’Aqulia und in Terni und Spoleto und Ascoli. Du fährst eine Küstenstraße entlang, und eine Bergstraße und eine Landstraße und dann wieder eine Küstenstraße. Du schläfst im Bus und auf einem Parkplatz und in einem besetzten Haus, du fährst und wirst gefahren, du isst in einer Raststation, du isst während der Fahrt, du kaufst Obst auf einem Markt von einem Mann, den du nie wieder siehst, du trinkst vor dem Konzert ein paar Biere, du trinkst nach dem Konzert eine Flasche Grappa, du kiffst, du bekommst das Frühstück am Nachmittag und das Abendessen um vier Uhr morgens, die Sonne geht auf, die Sonne geht unter, du schläfst im Bus, du fährst über eine Landstraße, die du schon zu kennen glaubst, und du weißt nicht mehr, ob du heute schon gegessen hast und in welcher Stadt du morgen sein wirst. Hinter dir klimpert jemand auf der Gitarre, im oberen Stock spielt jemand Bongo, Anna summt eine Melodie, du spürst jede Bodenwelle, du hast keinen Platz für die Beine, die

Sonne geht über den Bergen auf, die Sonne geht über dem Meer auf, du riechst einen Schokoriegel, du riechst Ciabatta, du presst deine Nase gegen das Fenster und beobachtest die namenlosen Menschen, die vorbeizufliegen scheinen. Du beobachtest das Leben in den Städten, du beobachtest das Leben in den Dörfern, du spielst in Civitanova, du spielst in Ancona, du spielst in Rimini, du spielst in einer Stadt, deren Namen du nicht kennst. Du spielst in Arezzo. Du freust dich auf das Konzert in Florenz, weil Florenz eine außergewöhnlich schöne Stadt sein soll, und dein Rücken tut weh und du brauchst eine Pause. Der Bus rollt in die Stadt, du blickst aus dem Fenster, du siehst die Männer in den Autos und die Frauen auf den Mopeds und die alten Menschen an den Busstationen, du siehst die kleinen Geschäfte, das Kopfsteinpflaster, die alten Häuser, du siehst den Hafen und am Abend spielst du in der Altstadt. Ein wenig fragst du dich, ob es wichtig ist, dass Florenz eine wunderschöne Stadt ist. Denn du hast nichts mitbekommen von Avezzano und

Terni und Ascoli und Rimini, du hast nichts gesehen als verrauchte Keller und betrunkene Hunnen und kleine Schnappschüsse von namenlosen Männern in ihren Autos und namenlosen Frauen auf ihren Mopeds und nichts hat dir gefehlt. Vermutlich ist es also egal, dass Florenz eine schöne Stadt ist. # Ich glaube, jeder der Filme mag und gerne schreibt, hat sich mal mit dem Gedanken getragen, ein Drehbuch zu verfassen. Und wenn’s nur kurz war. Wenn ich mich im Kreis meiner Ex-kollegen so umhöre, war das jedenfalls so und ich war da nicht anders. Anyway, einmal habe ich mir auch ein Buch zu dem Thema gekauft, The Screenwriter’s Bible. Und darin wurde auch die Frage behandelt, wie man eigentlich zu einer guten Idee für eine gute Geschichte kommt. Ich zitiere: Stehle! Shakespeare hat’s getan. Bist du größer, als er es war? Suche in den Klassikern nach Ideen für Geschichten und

Figuren. Kreativität heißt nicht, etwas aus dem Nichts zu erschaffen, sondern einen neuen Dreh bei einer alten Idee finden. Neue Kombinationen aus alten Mustern zu erzeugen. Die große Schöpfkelle in einen kleinen Suppenlöffel zu verwandeln. Kreativität heißt, herkömmliche Denkmuster zu durchbrechen und neue Verbindungen zu finden. Gutenberg hat eine Weinpresse und einen Münzstempel genommen und die erste Druckerpresse entwickelt. Walt Disney hat mit Mickey Mouse auch erst Erfolg gehabt, als er Ideen zusammenkopiert hat. Seine ersten beiden Mickey-Filme sind gefloppt, er hat nicht mal einen Vertrieb gefunden. Dann hat er einen neuen Dreh für eine bekannte Geschichte gefunden: Steamboat Bill, Jr., über die Abenteuer eines Mississippi-Kapitäns, war einer der erfolgreichsten Stummfilme von Buster Keaton. Walt nahm diese Geschichte, den neuen Tonfilm als Medium und seine Maus, mischte das alles und heraus kam Steamboat Willie.

Von da an wurde dieses Erfolgsrezept jahrzehntelang immer neu aufbereitet. Ob Snow White, Cinderella oder Arielle, ob Aladdin, Pocahontas oder Mulan, Disney und seine Nachfolger bedienten sich ausgiebig in der Schatzkiste guter alter Geschichten. Mit Der Glöckner von Notre Dame verfilmte das Unternehmen ein Buch von Victor Hugo; natürlich zu einem Zeitpunkt, als es schon längst Copyright-frei zugänglich war. Auch von Lewis Carroll (Alice im Wunderland), Robert Stevenson (Die Schatzinsel), Rudyard Kipling (Das Dschungelbuch), Jules Verne (20.000 Meilen unter dem Meer), Carlo Collodi (Pinocchio) und anderen ließ sich Disney gerne nach Ablauf der Schutzfrist inspirieren. Ich wollte das alles mit Eugene diskutieren. Ich hatte recherchiert, ich sprach, er hörte zu und schwieg und dachte nach. „Mickey ist inzwischen ein Teil unserer Kultur, meiner Kultur“, sagte ich. „Mickey sollte schon längst ein freies Kulturgut sein.“ #

Du bist dauernd unterwegs. Du lehnst den Kopf gegen das Fenster, richtest den Blick gedankenverloren auf den Horizont, lässt dich durch die Welt tragen, und wenn dir danach ist, singst du vor dich hin oder summst eine einfache Melodie, und mit etwas Glück wird ein Song daraus, vielleicht sogar ein Klassiker. I am the passenger, and I ride and I ride and I ride … la la la la la-la-la la, la la la la la-la-la la … Vielleicht gehen Autoren deswegen weniger gern auf Tournee als Musiker: Man kann während der Fahrt keine langen Texte schreiben. Du schließt die Augen, du hörst das Brummen des Motors, du spürst jede Bodenwelle und jedes Schlagloch. Du hast keinen Platz für deine Beine, dein Rücken tut weh, du bist müde und ungewaschen und du wünschst dir, dass die Fahrt ewig so weitergeht. Hinter dir klimpert jemand auf einer Gitarre, du fühlst den Blues und du hörst im Geist die Stimme von B.B. King.

Well, the rocks is my pillow The cold ground is my bed The highway is my home so I might as well be dead Der Kerl war hart im Nehmen. The rocks is my pillow, das hat was. Und B.B. King glaubt man das auch. Authentizität heißt das Zauberwort. Später hat zum Beispiel Jon Bon Jovi einen ähnlichen Text geschrieben. Aber der ist ein weißes Mittelstandskind, das seine erste Gitarre vermutlich zu Weihnachten bekommen hat. Der brauchte schon einen Mantel, um am Boden schlafen zu können. I got an old coat for a pillow And the earth was last night’s bed I don’t know where I’m going, only God knows where I’ve been Es gibt eben keine Originale. Nur Zitate und Mutationen. Kopien und Kombinationen.

Wiederholungen von Wiederholungen. Auf wessen Schultern B.B. King wohl stand, als er seine Lyrics schrieb? # Mein Handy läutete. Ich warf einen Blick aufs Display und zögerte. „Willst du nicht abheben?“, fragte Eugene. „Es ist Max.“ „Oh, na dann erst recht.“ „Hi“, sagte ich. „Hi. Ich wollte nur fragen: Wie läuft’s?“ „Geht so.“ „Das reicht nicht. Wir warten hier auf die ersten Medienberichte.“ „Oh ja. Ja.“ „Was soll das heißen?“ „Mmmm.“ „Bist du nicht alleine?“

„Genau.“ „Das heißt, du kannst nicht reden.“ „Jetzt verstehen wir uns“, sagte ich. „Okay, dann komm nach London.“ „Einfach so?“ „Klar, ist doch kein Problem, hast du gesagt. Du kannst es dir doch problemlos leisten.“ „Klar, jederzeit“, sagte ich. „Na sehr gut, dann siehst du auch Papsch. Er hat mich angerufen und sich selbst auf einen Kurzurlaub nach London eingeladen. Ich dachte, du hättest vielleicht auch Lust darauf“, sagte Max. „Wann?“ „Übermorgen.“ „Geht nicht.“ „Aha.“ Pause. „Gibt’s dafür auch eine Begründung?“ Weil das mein Vater ist, der mich seit ungefähr zweitausendfünfhundertundzwölf Jahren nicht mehr angerufen hat und der mich noch nie gefragt hat, ob wir uns mal sehen, deswegen!!!, dachte ich und sagte: „Du

weißt ja, die Tournee, ich bin jetzt Gitarrist, ich kann da nicht einfach weg.“ Max lachte nur. „Dann sorge dafür, dass irgendwo ein Bericht über die Klage erscheint.“ „Keine Sorge, wenn sich bis morgen nichts tut, rufe ich einfach eine der Redaktionen an, für die ich arbeite. Es gibt genug Leute, die mir einen Gefallen schulden“, sagte ich. „Das kommt nicht in Frage, hörst du. Das ist viel zu durchsichtig. Es muss echt sein, und völlig unverdächtig. Streng dich an!“ Ich tat so, als käme mir gerade etwas dazwischen und legte wieder auf. # In der Erinnerung ist die Zeit auf Tournee wie ein Tanz unter dem Stroboskop. Es reihen sich ganz kurze, abgehackte Szenen aneinander, dazwischen fehlt immer wieder etwas, der Übergang von einer Szene zur

nächsten liegt im Dunkeln. Ich kann mich nicht mehr an alle Straßen, alle Raststationen, alle Konzerte, alle Mahlzeiten, alle Liebhaber von Anna erinnern. Und ich muss zugeben, dass mir auch bei Vorfällen, an die ich mich erinnern kann, die Chronologie vielleicht schon durcheinandergerät. Es gibt Szenen, an die kann ich mich erinnern, aber ich kann sie zeitlich und räumlich nicht mehr genau zuordnen, wobei zeitlich und räumlich auf Tournee ohnehin gleichbedeutend ist. Wüsste ich, in welcher Stadt sich diese Vorfälle ereignet haben, könnte ich auch auf den Tag genau sagen, wann es war, und umgekehrt. Es sind nicht die großen, wichtigen Dinge, die so schwer zuordenbar sind, sondern kleine Alltagsgeschichten. Ein paar Wortfetzen manchmal nur, ein Lächeln oder ein Blick aus dem Fenster. Oder Carlos, wie er da liegt, in seiner Koje, bleich wie der Tod, erschöpft. Dmitri sitzt hinter ihm, Carlos hat seinen Kopf auf Dmitris Schoß liegen, die Augen geschlossen. Ich habe mich gerade mit Anna am Steuer

des Busses abgewechselt, komme die Stufen nach oben, nicke den beiden zu, aber sie reagieren nicht. Dmitri streichelt Carlos das Gesicht, flüstert etwas, der starrt vor sich hin, ich lege mich in meine Koje und ziehe den Vorhang zu. „Du solltest zum Arzt gehen“, höre ich Dmitri sagen. Carlos brummt mürrisch. Ende der Stroboskop-Szene. Oder: Ich bin mit Anna in einer Stadt unterwegs. Ich sehe noch den Platz, über den wir gegangen sind, vor meinem geistigen Auge. Das Café, die Imbissbude, in der ich Ciabatta mit Salami gekauft habe, und eine Cola, und ein großer, alter Bau, das Rathaus oder so was. Im Erdgeschoß war eine Reihe kleiner Geschäfte, darunter auch ein Plattenladen. Besser gesagt: ein CD-Geschäft. Wir sind rein und haben ein wenig gestöbert. Anna hat enge Jeans getragen, und ein trägerloses, bauchfreies Top, man hat ihr Nabelpiercing gesehen und sie hat die Haare offen getragen.

Ich habe in sieben oder acht CDs reingehört und fand einige davon auch gut, aber dann bin ich damit nicht zur Kassa. Ich habe sie alle wieder zurückgestellt, jede einzelne fein säuberlich an den Platz, von wo ich sie genommen hatte. Ich hatte keine Lust, die Umsätze der Industrie zu steigern. # Und wieder eine Raststation. Anna tankte den Bus. Selbst dabei machte sie eine gute Figur. Ich suchte mir einen Platz in der Sonne, von dem aus ich sie beobachten konnte, und zündete mir eine Zigarette an. Mein Telefon läutete. Keine Nummer auf dem Display. „Hallo“, sagte er. „Hallo, Papsch.“ „Wie geht es dir?“ „Ja, danke. Geht so.“ Schweigen.

Dann er: „Wie ist dein Urlaub?“ „Hm, ungewöhnlich. Das lässt sich nicht in ein paar Worten beschreiben.“ „Ach so?“ „Das erzähle ich dir am besten, wenn ich wieder zu Hause bin.“ „Weil du gerade davon sprichst ...“ „Wovon?“ „Ich habe gerade mit Max telefoniert. Er wollte uns eigentlich beide nach London einladen, aber jetzt hat er mir erzählt, du könntest nicht kommen.“ „Das ... ist richtig.“ „Weil du mit einer Rock-Band auf Tournee durch Italien bist.“ „Das ist auch richtig. Grundsätzlich.“ „Was heißt hier grundsätzlich?“ „Na ja, erstens sind wir eine Punk-Band. Zweitens sind wir derzeit in Italien, aber wir sind nicht auf Tournee durch Italien.“ „Nicht?“

„Nein. Wir sind auf Tournee durch ganz Europa.“ „Das klingt ja ganz aufregend, aber ...“ „Ich weiß, was du sagen willst, Papsch.“ „Das glaube ich nicht.“ „Na dann schieß los.“ „Wie lange hast du Urlaub?“ fragte er. Ich verzog den Mund. Haben wir das nicht vor meiner Abreise dreimal diskutiert? „Sechs Wochen, das weißt du genau.“ „Und sind die nicht bald um?“ „Doch.“ „Und dann?“ „Werde ich bei der Band bleiben und weiter Musik machen.“ Schweigen, diesmal lange, unangenehm lange. „Ich habe in meinem ganzen Leben niemals sechs Wochen am Stück Urlaub gemacht. Meinst du nicht, dass es damit genug wäre?“ „Siehst du?“ „Was?“

„Ich wusste, dass du das sagen wirst.“ „Ich will ja nur ...“ „Papsch. Hör zu. Ich lenke unseren Tourbus ...“ „Was?“ Ich atmete tief durch. „Wir sind eine kleine Band, wir haben nicht viel Geld. Wir können uns keine Roadies und kein Personal leisten. Wir machen alles selbst. Also: Ich lenke derzeit das Fahrzeug. Genau genommen sind wir gerade bei einer Raststation, haben getankt und eine Rauchpause eingelegt. Jetzt geht es weiter. Die anderen sind schon eingestiegen, sie warten auf mich. Verstehst du?“ „Also ...“ „Jetzt ist keine Zeit für also. Ich rufe dich später wieder an.“ Ich legte auf. Dann, nach ein paar Sekunden, begann ich langsam zu lächeln. Noch nie zuvor hatte ich meinen Vater am Telefon einfach abgewürgt. #

Wir spielten in Perugia vor sechzig Leuten. Ich schickte noch eine Presseaussendung. Wir spielten in Siena vor vierzig Leuten. Wir spielten im Totem Rock Club in Pisa vor etwa siebzig Leuten. Am nächsten Tag, einem Dienstag, kurvten Eugene und ich durch die Stadt, bis wir einen Netzzugang gefunden hatten. Keine relevanten E-Mails. Ich ging zu Google News und suchte nach dem Begriff „Soundinistas“. Kein Treffer. Nichts. Niente. Nada. Am Abend spielten wir im Mondunito Pub in Pistoia vor etwa fünfzig Leuten. Die Stimmung war hervorragend, aber die meisten Gäste kamen erst nach unserem Konzert. Also blieben wir und feierten und versoffen die gesamte Gage. Der Wirt liebte uns. Wirte liebten uns oft. Der Laden machte um vier Uhr morgens dicht. In Pistoia hat man die Pistolen erfunden, daher heißen diese Scheißdinger auch so. Das wusste nicht mal Eugene. Das verriet uns der Wirt. Er hatte wohl die

Blicke bemerkt, die wir seinem Barmann nachwarfen, als Anna mit ihm verschwand. Hinter dem verwaisten Tresen stand ein Computer, der für die Musik im Laden sorgte, seit der DJ Schluss gemacht hatte. Während der Besitzer die Abrechnung kontrollierte, erlaubte er Eugene und mir, ins Internet einzusteigen. Keine relevanten Mails. Kein Treffer bei news.google.com. Wir waren enttäuscht. „Sag mal, durchsucht der nur die englischen Websites?“, fragte Eugene. „Keine Ahnung. Gibt’s Google News auch in Italienisch?“ Ich versuchte es unter news.google.it. Tatsächlich, die Seite existierte. Ich gab den Suchbegriff ein. Bingo. Ein Treffer. Ich klickte auf den Link. Die Website gehörte zu einem Musikmagazin. Der Artikel war kurz. Der Redakteur hatte einen Vorspann

geschrieben, aber ansonsten unsere Presseaussendung beinahe unverändert übernommen. Immerhin. Eugene und ich lachten laut und gaben uns High Five. Der Wirt blickte auf und wir erzählten ihm von unserem kleinen Glück und er kam rüber und las den Artikel. Dann ließ er eine temperamentvolle Schimpfkanonade auf die Arschlöcher in der Musikindustrie los, die jede gute Kunst zunichte machen würden. Ich verstand nur die Hälfte, aber der Sinn war klar. Er holte eine Flasche ausgezeichneten Whisky und wir diskutierten, bis sie beinahe leer war. Zwischendurch stahl ich mich noch mal an den Computer und tat so, als würde ich den Artikel noch einmal lesen, aber stattdessen schickte ich den Link an Max. Auftrag ausgeführt, schrieb ich dazu. Gegen halb sieben kam Anna zurück, ohne den Barkeeper. Sie war verschwitzt und trank einen doppelten Whisky auf einen Zug. Ich war plötzlich schlecht drauf. Wir machten Schluss und gingen zum Bus.

Am Mittwochabend spielten wir im Keller des Barone Rosso in Prato, wieder vor etwa siebzig Leuten. Das Publikum war nicht ganz das richtige. Während der Schweigeminute hörte ich auch einen Buhruf. Diese sechzig Sekunden Stille gehörten inzwischen fix zum Programm, aber man konnte nicht behaupten, dass das Publikum darauf stand. „Wir müssen das mit der Schweigeminute verbessern“, sagte ich nach dem Konzert zu Anna. Sie wirkte desinteressiert, streichelte mit dem Zeigefinger nachdenklich über den Hals einer Bierflasche. Eugene saß neben ihr. „Was willst du da verbessern?“, fragte er. „Die Schweigeminute ist unser Trumpf. Wir müssen sie besser nutzen. Anna sollte davor immer erklären, was es damit auf sich hat.“ „Ich sage doch immer dazu, für wen diese Minute ist!“, protestierte sie. „Bei allem Respekt vor deiner Mutter: Wichtig ist, dass uns deswegen eine halbe Armee von Anwälten im

Nacken sitzt, dass die große, böse, geldgeile Plattenindustrie uns am Arsch hat. Auch wenn sie’s nicht vermuten, wir sind hier die Guten, und das sollen die Leute wissen.“ „Meinst du, das interessiert wen?“, fragte sie. Ich sagte: „Wenn wir nicht dieser Meinung wären, hätten wir das alles gar nicht ...“ Eugene fiel mir ins Wort. „Er hat recht. Wir sind hier die Guten. Wir sind Dissidenten. Die Welt liebt Dissidenten. Warum sollen wir das verschweigen?“ „Ich mache sogar Pressearbeit dazu, da ist es doch wirklich nicht verkehrt, das auch noch beim Konzert zu betonen“, sagte ich. Anna. „Du machst Pressearbeit? Das behauptest du, aber ich habe davon noch nichts mitbekommen. Wo sind denn die Artikel? Wo?“ Die Antwort bekam sie am nächsten Morgen. Google News Italien verzeichnete drei Treffer. Dieselbe Geschichte, offensichtlich vom ersten Eintrag abgeschrieben und minimal verändert.

Ich schickte Max die Links und präsentierte Anna stolz die Ausdrucke. Sie nahm sie mit einem Achselzucken zur Kenntnis. Aber am Abend, als wir im Kellergewölbe des Avalon Pub in Siena auftraten, erzählte sie dem Publikum von der Klage. Wieder Buhrufe, aber nun für die Plattenindustrie. Und als sie die Schweigeminute hielt, schwieg auch das Publikum. Am Freitag zeigte Google News Italia sieben Treffer. Die meisten waren Variationen unserer Presseaussendung, aber ein Blogger aus Neapel, der uns offenbar vor einigen Wochen live gesehen hatte, schrieb auf seiner Website einen sehr langen Artikel. Unter der offiziellen Mailadresse der Band erhielten wir zwei Solidaritäts-EMails, offensichtlich von einem Anarchisten und einem Kommunisten verfasst. Zumindest schlussfolgerte das Eugene aus einigen Bemerkungen, ich kannte mich da nicht so aus. Ich suchte mir die Telefonnummern einiger Zeitungen aus dem Web und während wir im Bus saßen, telefonierte ich sie durch. Ich hätte nie gedacht, dass es

so mühsam sein kann, sich auf Englisch mit PopkulturRedakteuren zu unterhalten. Ich hatte keinen Erfolg, niemanden interessierte die Geschichte. Wir spielten ein Konzert in Piombino. Süßer Name, langweiliges Kaff. Es war Wochenende und das Publikum bestand aus nicht Mal zwei Dutzend Leuten. Danach besoffen wir uns brachial. „Vielleicht war die Idee doch nicht so gut“, sagte Eugene. „Vielleicht“, sagte ich. „Welche Idee?“, fragte Carlos, der sich zwischen uns an die Bar stellte. Ich zögerte und Eugene sagte: „Den Grappa zu versuchen. Er ist etwas zu mild. Wir sollten auf Whisky umsteigen.“ # Thomas L. Friedman, NY Times: Wenn ich Zugriff auf Google habe, kann ich alles finden. Und mit einem

drahtlosen Netz bedeutet das, dass ich alles immer und überall finden kann. Deshalb sage ich, dass Google, zusammen mit Wi-Fi, ein wenig wie Gott ist. Gott ist drahtlos, Gott ist überall und Gott sieht und weiß alles. # Gegen Mittag läutete mein Handy. Ich schreckte hoch, schlug mit dem Kopf gegen die Decke meiner Koje und fand das Telefon nicht schnell genug. Das Läuten hörte wieder auf. Als ich das verdammte Ding endlich am Boden meines Rucksacks fand, war mir die Nummer nicht bekannt. Ich rief zurück und landete in der Redaktion einer großen Tageszeitung. Der Typ am anderen Ende der Leitung hatte von irgendwoher von unserer Presseaussendung erfahren. Er stellte ein paar Fragen, ich gab ein paar Antworten. Ich bat ihn, auch die nächsten Konzerttermine zu erwähnen. Er versprach das zu tun, wenn Platz sei.

Am nächsten Tag kauften wir die Zeitung, aber die Nachricht war nicht mehr als eine Kurznotiz. Immerhin war das Konzert am selben Abend in Livorno erwähnt. Statt der üblichen 50 bis 70 Leute kamen auch tatsächlich 75 zum Konzert. War das schon Max’ helfende Hand im Hintergrund gewesen? Na dann Gute Nacht. „Deine Medienarbeit ist scheiße“, zischte Anna, während sie auf die Bühne stieg. Danach spielten wir in Carrara, da kamen sogar nur 30 zahlende Besucher. Google News meldete seit drei Tagen keinen neuen Artikel. Kein Mensch hatte das YouTube-Video angesehen, keinerlei Reaktion auf Facebook. Von Max hörte ich keinen Ton und er hatte auch die Mails nicht beantwortet, als ich ihm die Links geschickt hatte. Ließ er mich hängen? Ich legte für uns einen twitter-Account an, postete den Link zum Video und investierte dann fast zwei Stunden, um den Accounts von Popjournalisten und -magazinen

und Musikern zu folgen, in der Hoffnung, ihr Interesse zu wecken. # Manchmal glaubst du, das ganze Leben auf Tournee ist nicht wirklich. So viele Orte, so viele Menschen, so viel Alkohol. Manchmal glaubst du, du sitzt vor einer Leinwand und das alles ist nur ein Film. Jemand kreuzt durch die Welt. Mal nach Westen, mal nach Osten, nach Süden und nach Norden. Er sitzt den ganzen Tag im Bus und starrt aus dem Fenster und lebt seinen Traum, aber immer öfter fragt er sich, welchen Scheiß er da träumt. Sein Rücken ist ein Desaster und die letzten zehntausend Kilometer haben sein Steißbein wund gerieben. Er fühlt sich, als wäre er hundertfünfzig Jahre alt. Dieser Jemand schleppt jeden Abend die Instrumente in einen Keller, atmet stundenlang verrauchte Luft, betrinkt sich, nimmt alle Drogen, die er finden kann.

Dann verkriecht er sich in den Bus oder pennt dort, wo er gerade umfällt. Hin und wieder kriegt er davor noch mit, dass die Frau, die er liebt, einen anderen abschleppt, und er trinkt dann besonders viel Alkohol und denkt, aber hey, das ist Rock ’n’ Roll, und es ist ohnehin stets jemand, den sie nie wieder sehen wird. # Wir lagen im Bus in unseren Kojen, auf der Fahrt von A nach B, und lasen. Plötzlich blickte Eugene auf und sagte: „Ich habe eine Idee für dich. Eine Idee für ein Buch, falls du noch eines schreiben willst.“ „Oh“, sagte ich überrascht. „Lass hören.“ „Du brauchst etwas mit einer Meta-Ebene. Etwas mit einer Aussage.“ „Aha. Ich dachte, ich möchte einfach nur eine spannende Geschichte erzählen ...“ „Nein.“ „Nein?“

„Nein. Sieh es doch so: Wenn du schon zigtausende Stunden in so ein Projekt steckst, kann es auch einen tieferen Sinn haben, oder?“ „Klingt überzeugend. Da gibt’s nur ein Problem.“ „Und das wäre?“ „Ich habe nichts von Bedeutung zu sagen.“ „Das stimmt doch nicht“, sagte Eugene. „Du hast etwas zu sagen. Du machst dir Sorgen um die Freiheit der Kunst. Um das Recht auf Zugang zu Information. Um die Zukunft.“ Ich glaube, ich machte ein ziemlich überraschtes Gesicht in diesem Moment. „Ah ja. Das tue ich?“ „Natürlich. Du hast in London zu diesem Krawattenmenschen doch gesagt, was er vorhabe, sei kultureller Darmkrebs. Oder hast du das nicht gesagt?“ „Doch, doch.“ „Eben. Und du hast recht. Unsere ganze Kultur, nicht nur die Kunst, sondern auch die Philosophie und die Wissenschaft und sogar die Wirtschaft beruhen darauf,

dass wir eine Idee, die jemand vor uns hatte, nehmen und verbessern. Das sind derivative Werke.“ „Ja, schon ...“ „Hör zu: eine italienische Stadt im Hochmittelalter, Florenz oder Bologna, vielleicht auch Siena. Die Stadt brodelt, ganz Norditalien ist in einen seit Generationen andauernden Konflikt verwickelt, Kaisertreue und Papsttreue schneiden sich bei Nacht und Nebel gegenseitig die Kehle durch, führen gegeneinander Kriege, zetteln Revolutionen und Gegenrevolutionen an, suchen Verbündete und schließen Geheimverträge. Keine Seite kann dauerhaft die Oberhand erringen und nach und nach gewinnen die lachenden Dritten: Die Kaufleute, mächtige Familien, die immer reicher werden, indem sie dem Kaiser oder dem Papst oder beiden Kredit gewähren und ihre Armeen ausstatten. Unser Held ist der Sohn einer solchen Familie.“ Bei den Worten „unser Held“ unterdrückte ich ein Lächeln. Mir gefiel Eugenes Begeisterung für das

Thema, auch wenn ich noch nicht wusste, worauf er hinauswollte. „Nennen wir ihn ... Giacomo“, sagte ich. „Giacomo wird zum Studieren an die Universität geschickt. Das war damals etwas völlig Neues: Universitäten. Die Erste entstand in Bologna, gegen Ende des 11. Jahrhunderts, wenn ich mich recht erinnere. Die Kaufleute schickten dort ihre Söhne hin. An den Universitäten wurde damals nicht geforscht, moderne Forschung war ja auch noch unbekannt. Zunächst wurde nur gelehrt: Rechnen, Lesen, Schreiben. Dazu Sprachen und Geografie, weil die Kaufleute auf der Suche nach neuen Waren begannen, die ganze Welt zu bereisen. Marco Polo kam dabei bis nach China, von dieser Zeit reden wir. Das muss alles in der Geschichte eingefangen werden: dieser Aufbruch in eine neue Zeit. Die Kaufleute entwickeln das erste internationale Bankensystem, die doppelte Buchhaltung, Lagerführung et cetera. All das wird an den Universitäten gelehrt, und was ist der wichtigste Raum jeder Universität?“ Ich zuckte mit den Schultern.

Eugene lächelte. „Der Copy-Shop. Zumindest war das zu meiner Zeit so. Wir haben die Skripten der Vortragenden tonnenweise kopiert. Heutzutage lädt man sich das vermutlich alles runter ... aber egal. Schon die Universitäten des Mittelalters waren riesige CopyShops. Der Begriff Vorlesung kommt daher, dass sich die Professoren an ihr Pult stellten und ein Buch vorlasen. Und die Studenten saßen auf den Bänken und schrieben mit. Ihre Aufgabe war es tatsächlich, das ganze Buch abzuschreiben, das der Professor diktierte. So stellte man sich damals guten Unterricht vor. Wenn zwanzig Studenten in der Vorlesung saßen, gab es danach zwanzig Kopien. Aber das Buch des Vortragenden war ja selten ein Original, der Professor hatte es während seiner Studentenzeit meist selbst diktiert bekommen. Verstehst du: Ein Student, der drei Vorlesungen besuchte, besaß danach drei Bücher. Er konnte in die nächste Stadt ziehen und dort anbieten, über eben diese drei Bücher Vorlesungen zu halten. Damit wurde er zum Vortragenden. Wenn er Glück

hatte, bestand Bedarf und er fand zehn oder zwanzig Studenten. Und wenn er im Jahr darauf weiterzog, blieben von diesem Buch ebenso viele Kopien in der Stadt zurück. Oder wurden von anderen Studenten an andere Universitäten gebracht. Weil Latein die Universalsprache der Gelehrten war, spannte sich das Netz der reisenden Professoren bald über ganz Europa, bis nach Paris, London und Krakau. Aus einer Kopie konnten so nach einem Jahr zwanzig werden, nach zwei Jahren vierhundert, nach drei Jahren achttausend. Theoretisch zumindest ... Möglich gemacht hat diese Entwicklung die Erfindung des Papiers. Es war billig und in großen Maßen herzustellen. Es hat die Massenkommunikation demokratisiert. Pergament, das war selten und teuer, deswegen konnten es sich nur die Klöster leisten und jeder einzelne Bogen wurde wie eine Kostbarkeit behandelt. Beschriebene Blätter wurden sogar abgeschabt, um sie noch einmal verwenden zu können. Deswegen sind diese Pergament-Bücher auch so

prunkvoll bemalt und ausgearbeitet: Weil das Grundmaterial bereits so exklusiv war. Da konnte man es sich leisten, in seinem ganzen Leben nur ein einziges Buch abzuschreiben. Nein, umgekehrt, man konnte es sich nicht leisten, viele Bücher zu vervielfältigen. Und Papier hat das geändert. Papier war für die Massen. Für das schnelle Mitschreiben. Sogar die Handschrift der Menschen hat sich mit seiner Einführung geändert. Papier war so was wie das Internet des Mittelalters ... Norditalien war das Zentrum der Papierproduktion. Es ist kein Zufall, dass die Universitäten und später der Humanismus und die Renaissance hier entstanden sind. Es war eine Folge des Papiers. Eines modernen, quasidemokratischen Massenkommunikationmittels. Ja, daran denkt jeder. Unterhaltung als Herrschaftsinstrument, um das Volk ruhig zu stellen. Aber du könntest in deinem Roman eine andere, viel zu wenig beachtete Facette zeigen: Unterhaltung als ein Instrument, um die Bürger zu bilden. Wir greifen zu Dante.“

„Dante“, echote ich verwirrt. Was wollte Eugene nun? „Klar. Die göttliche Komödie, der erste Unterhaltungsroman auf Italienisch, in der Sprache des gemeinen Volkes. Das Papier war sozusagen die Hardware. Und bald darauf folgte die Software: Literatur in einer Sprache, die die breiten Massen verstanden, nicht nur die Eliten. Dante hat den ersten Bestseller für die Massen geschrieben. Wäre billiges Papier zweihundert Jahre früher oder später erfunden worden, wäre Dante unbedeutend geblieben. Er hätte die Unterhaltungsliteratur nicht erfinden können. Vor Dante war Lesen – und damit natürlich auch Schreiben – vor allem eine Arbeitstechnik, durch Dante wurde Entertainment daraus. Und die Menschen lernten lesen, zu tausenden. Nach Dante lasen sie Boccaccios Decamerone, und dann waren sie schon bei Petrarca und mittendrin im Humanismus. Ohne Unterhaltungsliteratur wäre der ganze Humanismus, diese ganze große geistige Revolution, ein kleines Elitenprojekt geblieben und bestenfalls viel, viel

langsamer abgelaufen. Wahrscheinlicher ist noch, dass die norditalienische Blütephase genauso eingeschlafen wäre wie die griechische zweitausend Jahre davor. Aber die Italiener haben die kritische Masse erreicht. Und wie? Eben durch Massenmedien. Unterhaltungsliteratur hat die breite Basis geschaffen, auf der dann alles andere wachsen konnte.“ Er sah mich an, aber ich schwieg. „Deswegen geht es nicht nur um Pop, wenn du in der Zeitung liest, dass Kinder von Gerichten verfolgt werden, nur weil sie ein paar Songs getauscht haben. Hier geht es um Alphabetisierung, um digitale Alphabetisierung, hier geht es darum, dass wir gerade dabei sind, neue Kulturtechniken zu lernen, die die Welt verändern werden. Und wir sollten uns das nicht wegnehmen lassen, wir sollten uns nicht beschneiden und kontrollieren lassen, nicht von Regierungen und nicht von Großkonzernen. Wir leben in einer spannenden Zeit, denn es ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Während die

Menschen da draußen den ganzen Tag ihre ach so wichtigen Termine im Organizer abhaken, Texte schreiben, Tabellen kalkulieren, Mails versenden und Files saugen, während sie online Zeitung lesen und sich über die Regierung ärgern und über die Opposition weinen, während sie ihre Freundschaften via Facebook pflegen, und die Feindschaften auch, während sie abends schließlich vor dem Fernseher einschlafen und im DVDPlayer ein Film läuft, der erst in zwei Wochen ins Kino kommt – während sie also den ganzen Tag nur das tun, was man heutzutage eben so tut, tun sie Großes. Sie überschreiten die Schwelle zu einem neuen Zeitalter, lassen die öde alte Industriegesellschaft hinter sich und treten ein in die neue, aufregende Informationsgesellschaft. Klar, das ist in den letzten Jahren zum weit verbreiteten Stehsatz geworden, beinahe schon zur Plattitüde, kaum ein Magazin, kaum eine Zeitung hat sich des Themas nicht schon angenommen. Aber gerade weil wir alle wissen, dass sich die Welt für immer ändert, ist es doch erstaunlich, wie wenigen

Menschen diese Tatsache auch bewusst ist. Immerhin kann uns ja einiges bevorstehen. Das letzte Mal, als Vergleichbares geschehen ist, als die Menschheit von der Agrar- zur Industriegesellschaft überging, hat das Kriege, Revolutionen und Massaker zur Folge gehabt, in Summe ein paar Millionen Tote, ein paar hundert Jahre Blutvergießen – und in einigen Ecken der Welt ist dieser Prozess noch gar nicht beendet und wir stolpern schon in den nächsten“, sagte Eugene. # Nächste Station: Genua! Wir übernachteten in einem besetzten Haus, dem Centro Sociale Carlo Giuliani, spielten abends ein Gratiskonzert im Innenhof vor zwanzig Leuten. „Ich bin pleite“, sagte ich zu Eugene. Er drückte mir hundert Euro in die Hand. „Aus der Bandkasse“, sagte er. „Viel mehr haben wir nicht.“

„Vielleicht sollten wir dann keine Gratiskonzerte geben, hm?“, fragte ich. „Das sind alte Freunde von uns. Morgen geben wir hier ein richtiges Konzert, dann kommt wieder Geld rein.“ Ich sah mich um. Zwanzig versoffene Hunnen, tätowiert, gepierct, die Schädel entweder rasiert oder mit Rastazöpfen zugefilzt oder beides, sprangen in der Gegend herum. „Na toll“, sagte ich. „Dann sind wir ja ab morgen reich.“ Am nächsten Tag besuchten wir Fabio, einen alten Freund von Eugene, der ein kleines Restaurant in der Innenstadt betrieb. Wir aßen gut und kostenlos, tranken hervorragenden Wein und amüsierten uns. Anna spielte auf der Harmonika, Carlos begleitete sie auf einer akustischen Gitarre und wir sangen. Es war ein lustiger Nachmittag und wir übersahen beinahe die Zeit. Fast wären wir zu spät zu unserem eigenen Konzert gekommen. Aber dann hätten wir was verpasst! #

Als wir zurück in das besetzte Haus kamen, war der Innenhof zum Bersten gefüllt. Keine Hunnen, sondern etwas konventionelleres Publikum, Typ linksliberale Studierende der Geistes- und Humanwissenschaften. „Was wollen denn die Schickimickis da?“ fragte Carlos. Der hatte wohl noch nie echte Schickimickis gesehen. „Euer Konzert sehen“, sagte einer der Hausbesetzer, ein Hunne mit grünen Haaren. „Wir hatten schon Sorge, dass ihr nicht kommt.“ „Habt ihr Eintritt kassiert?“, fragte Eugene. „Klar, und wir kassieren immer noch. Das ist alles für euch, meine Lieben.“ „Der Hof ist fast voll“, sagte ich. „Wir könnten ja mit dem Preis ein wenig raufgehen.“ Eugene und der Hunne blickten mich streng an. Ich sagte nichts mehr. „Was schätzt du, wie viele das sind?“, fragte Eugene. „Zweihundert“, sagte ich.

Der Hausbesetzer schüttelte den Kopf. Und deutete auf die Fenster im ersten Stock. Rund um den Hof waren sie geöffnet und man sah dahinter ganze Trauben von Menschen. „Viel mehr. Ich würde sagen vierhundertfünfzig bis fünfhundert.“ „Nicht schlecht“, sagte Eugene. „Aber warum?“, fragte ich. „Das weiß ich auch nicht“, sagte der Hunne. „Aber das ist jetzt auch egal. Wir haben alles bereitgemacht. Ihr könnt spielen. Legen wir los!“ „Legen wir los!“, sagte Eugene und setzte sich in Bewegung. Ich kämpfte mich mit den anderen zur Bühne durch. Kurzer Soundcheck. Eine hübsche schwarzhaarige Italienerin nahm Blickkontakt mit mir auf. Ein Geheimnis des Erfolges bei potenziellen Sexpartnern: Steh auf der Bühne. Steh hinter der Absperrung. Steh im VIP-Bereich. Egal wie beschissen die Location, egal wie lächerlich der Anlass: Steh immer dort, wo die wichtigen Menschen stehen.

Du musst drinnen sein, und die anderen draußen. Auch wenn es nur ein Konzert einer unbekannten Punkband in einem vergammelten Hinterhof ist, das spielt keine Rolle. Ich bückte mich, tat so, als würde ich an der Monitorbox ein Kabel richten. „Hi.“ Sie: „Hello.“ Ich: „Ziemliches Gedränge da unten, hm?“ Sie: „?“ Ich überlegte, was Gedränge auf Italienisch heißen konnte. „Wie heißt du?“ Sie sagte etwas. Ich. „Ein sehr schöner Name. Du siehst gar nicht aus, als ob du Punk mögen würdest.“ „Das kommt darauf an. Ich bin mit Freunden hier.“ „Verstehe. Und die stehen auf Punk.“ „Das kommt darauf an.“ Ich kratzte mich am Kopf. Kein leichter Fall. „Seid ihr oft hier?“

„Das erste Mal“, sagte sie. „Dieser Ort ist ziemlich ... fucked up!“ Ich grinste. „Und warum seid ihr dann heute hier?“ „Das war eine spontane Idee. Wir hatten nichts Besonderes vor und sind bei mir vor dem Fernseher gesessen, und dann haben wir diesen Bericht auf MTV gesehen und uns gedacht, wir könnten uns euch mal ansehen ...“ Sie sprach ganz leise und mit Akzent und ich war mir nicht ganz sicher, ob ich sie richtig verstanden hatte. Nein, man muss es anders sagen: Ich wusste, dass ich sie richtig verstanden hatte, ich konnte es nur nicht ganz glauben. Mir wurde schwindelig. Meine Knie drohten nachzugeben. Keine Ahnung, wie lange ich das Mädchen einfach nur anstarrte. Dann: „Wo hast du einen Bericht gesehen?“ Sie. „Emm-Ti-Vi.“ Wie drei Bomben explodierten diese Buchstaben in meinem Gehirn. Ich habe mich nicht verhört, dachte ich. Ich habe mich nicht verhört!

„Shit“, zischte ich, weil ich nicht wusste, was ich sonst sagen sollte. Sie sah mich fragend an. „Spielst du auch mit?“, fragte Anna. Die Drummachine begann, den Takt anzugeben. Carlos E-Geige sang ihr orientalisches Klagelied. Ein etwas verhaltener Applaus war zu hören, der Rhythmus drückte die Nummer vorwärts, die Leute standen ruhig da und beobachteten, was auf der Bühne passierte. Anna stand mit dem Rücken zum Publikum. Ich beugte mich zu ihrem Ohr. „Ich weiß, warum so viele Leute hier sind.“ „Und?“ „MTV hat über uns berichtet.“ „MTV?“ Sie sah mich fragend an. „Ja!“, rief ich und strahlte übers ganze Gesicht. „Ich habe ihnen die Presseaussendung noch einmal geschickt und dann so lange in der Redaktion angerufen, bis ich bei einem Redakteur durchgekommen bin, den das interessiert hat.“ Das war gelogen. Max musste das gedreht haben.

Sie sah mich ungläubig an und ich bekam noch weichere Knie. Anna verpasste ihren Einsatz, Carlos rief ihr etwas zu. Sie nickte langsam, wartete auf den richtigen Zeitpunkt und legte dann los. Sie lächelte mich an, glücklich, stolz. Nach ein paar Takten drehte sie sich um und stürmte ans Mikro. Sie sang Babylon mit einer Intensität wie nie zuvor und das Intro entwickelte sich zu dem repetitiven, repetitiven Thema. Dmitri stieg ein. Dann Carlos. Dann ich. Patam. Pa-ta-ta-tam. Patam. Wir spielten uns die Seele aus dem Leib. Samba. Ska. Ska-Punk! La Defense, die Kreuzung aus Chanson und Blues. Kinston Stray Cats, die Kreuzung aus Rockabilly und Ragga. Pa-ta-ta-tam. Flamenco. Rumba. Csardas und Roma-Musik. Punk. Viernes Negra, die Kreuzung aus Charleston und Hardrock. Dann wieder langsam. Salsa: Son, Mambo, Cha Cha Cha. Ich kannte jede Note, ich kannte jede Nuance. Ich war der König der Welt.

Das Publikum ging mit. Die Menschen tanzten, streckten ihre Arme in den Himmel, klatschten mit. Das Mädchen war verschwunden, aber sie interessierte mich nicht mehr. Hip-Hop, Rap und Reggae. Hardcore. Punk. Repetitatam. Patam! Anna sprang mit ausgestreckten Armen ins Publikum und ließ sich fangen und von hunderten Händen durch den Hof tragen und dabei sang sie, das Funk-Mikro fest umklammert. Ich hielt den Atem an, eine Unendlichkeit lang, bis das Publikum sie wieder zurückgab, auf die Bühne, vor die Leinwand. Eugene drückte eine Taste auf seinem Notebook. Der Atompilz stieg hinter ihr auf, während sie den Bass anschnallte. Doch dann war es plötzlich still. Kein Ton kam von der Bühne. Anna und wir anderen standen da, die Augen geschlossen, völlig regungslos. Aus dem Publikum hörte man Gemurmel. Die Leute waren unruhig. Sie waren gut drauf, betrunken, in Partylaune, und plötzlich bremste man sie von 180 auf

null, in weniger als einer Sekunde. Es war, als wären sie gegen eine Betonwand gefahren. Doch dann begannen einige zu begreifen. Das war es, wovon MTV berichtet hatte. Die Schweigeminute. Manche zischten, ich hörte sie „Silenzio“, flüstern, das Wort lief von Mund zu Mund. Ein paar Menschen zückten Feuerzeuge. Es wurde leiser. Noch mehr Feuerzeuge. Die Minute war um, aber Anna hängte noch ein paar Sekunden dran. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Dann sagte Anna auf Italienisch: „Tausend Dank.“ # Popkultur-Journalisten leben in einem beinharten Konkurrenzkampf. Sie müssen ihren Kollegen immer eine Nasenlänge voraus sein. Sie müssen die Band entdecken, nach der die anderen noch nicht mal suchen. Erfahrene Popschreiber entwickeln ein feines Sensorium dafür, welche Band, welcher Film, welcher Nachwuchsstar the next cool thing sein wird.

Handwerkliche Qualität ist wichtig, reicht aber nicht. Ein fettes Marketing-Budget im Hintergrund ist da schon ein viel besserer Indikator. Es ist leicht vorherzusehen, dass Shakira im Sommer 2002 der Shootingstar in Europa sein wird, wenn die Plattenfirma schon im Januar alle namhaften Journalisten nach Barcelona fliegt, damit sie das Mädchen persönlich kennenlernen können. Und wenn man dann erste Abzüge der Promotion-Fotos sieht, wenn man seine Augen kaum davon lösen kann, wie sich ihre langen Finger um die Taille krallen – dann weiß man auch schon, welches Cover-Foto in ein paar Monaten die Hälfte aller Magazine des Kontinents zieren wird. Shakira ist nur ein Beispiel, aber kein beliebiges, sondern dasjenige, bei dem mir selbst das Prinzip klarwurde. Puh, lange her. Es ist immer dasselbe. Nach der sündteuren Präsentation und den vielen, vielen Interviews gibt’s am Abend eine Super-VIP-Party. Geile Location. Hi, lange nicht gesehen, wie geht’s? Toll, deine neuen BvlgariSonnenbrillen – hast du die gekauft oder ist das euer

Presseexemplar? Nur Small Talk, aber es ist eine kritische Situation. Die Produktmanager kleben an den Journalisten aus den Ländern ihres Zuständigkeitsbereiches. Jetzt entscheidet sich der Erfolg. Eher beiläufig erwähnen sie das geplante Anzeigenbudget, das die Markteinführung begleiten soll. Die Journalisten rümpfen die Nase, als ginge sie das nichts an. Es zählt nur die Qualität der Musik. Apropos ... noch viel, viel beiläufiger fragt dann ein Journalist den anderen: Und, wie findest du’s? Ach so, aha, ja ja, seh ich auch so ... In weniger als einer Stunde gibt es im Raum einen Konsens. Wir entscheiden im Kollektiv. Wenn wir heimfliegen, wissen wir, ob wir das nächste coole Ding gesehen haben. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Daheim, ein paar Tage später, schreiben wir die Kritik. Daumen rauf oder Daumen runter. Jeder Journalist ein kleiner Cäsar, jedes Magazin ein Circus. #

Eugene setzte sich im Bus neben mich. „Hast du die Idee mit deinem Roman schon aufgegeben?“ „Nein“, sagte ich. „Aufgegeben nicht, aber aus den Augen verloren. Warum? Hast du wieder einen Vorschlag?“ „.Ja, kann sein. Weiß nicht.“ „Lass hören.“ „Ich habe nochmal über die Meta-Ebene nachgedacht. Und ich glaube, die Geschichte sollte eine Warnung sein.“ „Eine Warnung?“ „Ja. Dass all diese Freiheiten, die das Internet und Mobiltelefone und so weiter uns ermöglichen, auch leicht verloren gehen können.“ „Das weiß man doch ...“ „Trotzdem. Man muss es den Leuten immer wieder bewusst machen. An einem historischen Beispiel: dem Buchdruck.“ „Okay ...“ „Ich stelle mir das als dreiteilige Serie vor ...“

Ich lachte auf. „Eine dreiteilige Serie?“ „Ja.“ „Vielleicht ist dir entgangen, dass ich noch nicht einmal ein einziges Buch geschrieben habe, geschweige denn einen Verlag gefunden – und jetzt willst du mir gleich eine Serie vorschlagen?“ „Warte doch mal ab und hör mir zu. Also, erster Teil. Hier geht’s um die Hardware, um die Entwicklung der Technik. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, so ab den frühen 1430er- Jahren, experimentiert in Straßburg und Mainz ein Mann mit neuartigen Druckmaschinen. Sein Name lautet ...“ „Gutenberg“, sagte ich. „Eigentlich Johannes Gensfleisch, aber er nennt sich Gutenberg. Er hat einen Investor gefunden, der seine Entwicklungsarbeit finanziert und mit ihm die erste Druckerei aufbaut. Das Ziel ist es, eine effiziente und preiswerte Technik für den Buchdruck zu entwickeln, um damit möglichst viel Geld zu verdienen. Sie sind

keineswegs die Ersten mit dieser Idee, aber Gutenberg gelingt der Durchbruch. Der Kern seiner Erfindung ist nicht die Druckerpresse an sich, die gab es schon davor. Aber es wurden ganze Seiten aus Holz geschnitzt, wie riesige Stempel. Das war teuer und unpraktisch. Gutenberg erfindet ein kleines Handgießinstrument. Damit lassen sich metallene Typen herstellen, aus denen man schnell und flexibel beliebige Texte zusammensetzen kann, Buchstabe für Buchstabe. Der Satz ist geboren. Und bitte die Parallele zu beachten: Das Herunterbrechen einer Druckseite in einzelne Typen ist gewissermaßen eine Digitalisierung. Und es ist eine Industrialisierung, wir reden hier von Massenfertigung und niedrigen Preisen. Mit seinen günstigen Bibeln, oder zumindest relativ günstigen Bibeln, wird Gutenberg praktisch über Nacht berühmt. Jetzt kommt aber das Spannende: Gutenberg hat kein Interesse am politischen Potenzial seiner Erfindung. Dem geht es überhaupt nicht um hehre Werte, der will einfach nur Geld verdienen. Er legt keinen großen Wert

auf Konkurrenz und bemüht sich sehr, die technischen Details des Verfahrens geheim zu halten. Solange er lebt, breitet sich der Buchdruck nur langsam aus. Zum Glück für den Rest der Menschheit verlässt alle paar Jahre ein Geselle den Meister, nimmt sein Wissen mit, geht in eine andere Stadt und eröffnet dort eine eigene Druckerei. Und warum?“ „Um reich zu werden.“ „Genau. Hier geht’s nur ums Geschäft. Meist wiederholt sich dieser Prozess ziemlich bald: Nach ein paar Jahren machen sich die Gesellen der Exgesellen in dem lukrativen neuen Gewerbe selbständig, dann die Gesellen der Exgesellen der Exgesellen. Langsam erst, dann immer schneller, breitet sich die ‚Schwarze Kunst‘ so über Europa aus.“ Ich ließ mich darauf ein. „Der Roman, der erste Teil zumindest, müsste also von einem jungen Buchdruckerlehrling handeln. Vielleicht eine Waise, ein Straßenkind, das von einem Gesellen gerettet und aufgenommen und ausgebildet wird. Der Geselle ist neu

in der Stadt, er hat gerade seinen Meister verlassen und möchte seine eigene Druckerei aufbauen, und der Junge hilft ihm dabei, sich in der fremden Stadt zurechtzufinden.“ Ich lächelte. Das war wirklich eine spannende Idee. „Aber wo spielt die Geschichte?“ Eugene nahm einen Notizzettel zur Hand, auf dem eine Liste von Jahreszahlen und Städten stand. „Such dir was aus: Bamberg und Straßburg erreicht der Buchdruck 1459, Köln 1464, Basel und Rom 1467, Augsburg 1468, Venedig 1469, Mailand und Paris 1470, Florenz 1471, Lübeck und Aalst 1472, Brügge 1473, Pilsen 1475, London 1476, Valencia und Rostock 1478. Im Jahr 1490 sind Druckereien in 105 verschiedenen europäischen Städten bekannt. Amerika ist da noch gar nicht entdeckt, aber schon 1537 steht in Mexico City die erste Druckerpresse der Neuen Welt.“ „Mexiko, 1537“, sagte ich. Eugene schüttelte den Kopf. „Bleib in Europa. 1537 hat der Buchdruck schon gezeigt, was er vermag: Die

Reformation steht in voller Blüte. Und das ist der zweite Teil. Software. Inhalte. Nenn es, wie du willst.“ „Okay, die Reformation ...“ „Klar, die unmittelbare Folge des Buchdrucks. Martin Luther war ja nicht der Erste, der die verweltlichte Kirche kritisiert hatte. Im 14. Jahrhundert trat zum Beispiel in England John Wycliff gegen den Papst auf, kaum war Wycliff tot, forderte Jan Hus in Prag die Macht der Kirche heraus. Hus endete am Scheiterhaufen, in seinem letzten Brief schrieb er ...“ Eugene griff zu seinem Notebook, brauchte ein paar Sekunden und las dann vor: „Das aber erfüllt mich mit Freude, dass sie meine Bücher doch haben lesen müssen, worin ihre Bosheit geoffenbart wird. Ich weiß auch, dass sie meine Schriften fleißiger gelesen haben als die Heilige Schrift, weil sie in ihnen Irrlehren zu finden wünschten.“ „Ein Scheiterhaufen liefert natürlich ein spektakuläres Ende für einen Roman.“ „Nein, wir können Jan Hus nicht nehmen.“ „Nicht?“

„Nein. Auch wenn Hus sich über seine Leser gefreut hat, seine Bücher waren handschriftlich verfasst und vervielfältigt, die Reichweite seiner Gedanken war begrenzt. Erst sechzig Jahre nach seinem Tod wurde seine tschechische Übersetzung des Neuen Testaments gedruckt. Wir brauchen den Buchdruck, also weder Wycliff noch Hus. Aber man kann im Roman auf sie Bezug nehmen, um zu zeigen, wie wesentlich der Unterschied war, den die Verfügbarkeit und NichtVerfügbarkeit von Massenmedien ausmachte.“ Ich runzelte die Stirn. „Dann muss ich das aber auch alles recherchieren und irgendwie überfordert mich schon der bloße Gedanke daran.“ „Ich könnte dir helfen ...“ „Hm. Machen wir mal weiter. Vielleicht kommt ja was raus dabei.“ Eugene sah wieder auf seine Notizen. „Okay. Der Nächste in der Reihe ist Girolamo Savonarola, ein Bußprediger aus Florenz. Er ist der erste ‚Ketzer‘, der das neue Medium nutzt. Ab 1492 schreibt Savonarola

Pamphlete und lässt sie drucken. Die Schriften finden reißenden Absatz und machen ihn so einflussreich, dass er schon zwei Jahre später die Medici aus der Stadt vertreiben kann. Er versucht, in Florenz einen Gottesstaat zu errichten. Natürlich, alle Mächtigen der Welt verbünden sich gegen ihn, der Papst, der Kaiser und die großen Handelsfamilien, und sie nehmen Florenz wieder ein, Savonarola wird verhaftet und 1498 hingerichtet. Bis dahin verbreitet er mehr als 100 Schriften. Einige davon gelangen ein Jahrzehnt später während eines Italienaufenthaltes auch in die Hände von Martin Luther. Und mit Luther beginnt die große Erfolgsstory der Drucktechnik dann wirklich. Im Oktober 1517 veröffentlicht er die 95 Thesen gegen den Ablasshandel, ab dann verbreiten sich seine Schriften in Windeseile. Als Luther im Januar 1521 exkommuniziert wird, sind vermutlich rund 300.000 Exemplare im Umlauf. Die kritische Masse, der Tipping Point, ist damit erreicht: Diese Ketzerei ist von Rom nicht mehr zu stoppen. Und

Luther legt nach. Im Herbst 1521 übersetzt er das Neue Testament, 1523 eine Psalmenbesprechung Savonarolas, 1525 stellt er sich in der Bauernrevolte mit einem Buch auf die Seite der Fürsten, die den Aufstand daraufhin brutal niederschlagen und ab dann Luthers politische Machtbasis sind.“ „Da könnten wir ansetzen. Der Lehrling aus dem ersten Teil führt nun die Druckerei, er stellt sich auf Luthers Seite, druckt heimlich seine Schriften. Als die Bauernrevolte ausbricht, stellt er sich auf die Seite der Bauern – und kann nicht verstehen, dass Luther das nicht tut. Er versucht Luther zu überzeugen und gerät mitten in die Machtkämpfe. Geheimagenten der Fürsten jagen ihn durch ganz Deutschland, die Kirche ist hinter ihm her, die Bauern misstrauen ihm auch. Das ist gut. Das ist großartig!“ Ich war begeistert. Eugene lachte, aber er hob seine Hand, um mich zu bremsen. „Moment, nicht so schnell. Wir müssen noch die Rahmenbedingungen für den dritten Teil festlegen. Da geht’s jetzt um Zensur, darauf läuft alles hinaus, das

ist das Ziel unserer ganzen Trilogie. Nach Hardware und Software nennen wir diesen Teil Firewall.“ „Die Inquisition“, sagte ich. „Natürlich sieht die katholische Kirche dem Treiben der Reformatoren nicht tatenlos zu: 1534 wird Paul III. Papst. 1540 erkennt er den Orden der Jesuiten an, die fortan seine treuesten Soldaten sein werden. 1542 gründet Paul III. mit der Bulle Licet ab initio die Römische Inquisition. Ihre Aufgabe ist es ab nun, den intellektuellen Widerstand des katholischen Lagers zu organisieren. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung macht das Foltern unschuldig Denunzierter nur einen kleinen Teil ihrer Arbeit aus. Den Großteil ihrer Zeit verbringen die Inquisitoren mit dem Lesen von tausenden Büchern. Sie sind Schreibtischtäter. Finden sie in einem ‚gefährliche‘ Gedanken, so landet es auf dem Index Librorum Prohibitorum und Katholiken dürfen das Buch weder lesen noch besitzen. Vordergründig scheinen die Inquisitoren die Antwort

auf Luthers Lehre zu sein, in Wahrheit aber sind sie die Reaktion auf Gutenbergs Technik. Übrigens kann man hier eine tolle Nebenhandlung einflechten, die sich durch alle drei Teile zieht: Während Savonarola in Florenz regiert, nimmt auf der Universität im nahen Bologna ein junger Gast aus Europas Norden sein Studium auf: Nikolaus Kopernikus. Und während Luther die Welt in Unruhe versetzt, verbringt dieser Mann sein ganzes Leben beschaulich und zurückgezogen mit mathematischen und astronomischen Studien. Erst unmittelbar vor seinem Tod im Jahre 1543 lässt er ein Buch drucken, dass die Inquisition in Zukunft mehr plagen wird als alle Reformatoren zusammen: Von den Bewegungen der Himmelskörper.“ „Das heliozentrische Weltbild.“ „Irgendwie kann man ja Kopernikus sicher einbinden. Oder Galilei. Oder Bruno. Oder...“ „Aber der Hauptstrang dreht sich um einen Druckerlehrling, der in die Machtkämpfe rund um die

Reformation und schließlich in die Fänge der Inquisition gerät“, sagte ich. „Möglich. Da gibt’s aber noch etwas, das meiner Meinung nach hineinsollte.“ „Und das wäre?“ „Die Entstehung des Copyright. So bin ich ja überhaupt auf diese Idee gekommen“ „Wie gehört das denn da rein?“, fragte ich. „Zurück nach 1469. Ein Deutscher kommt nach Venedig und will dort die erste Druckerei errichten. Und natürlich will er verhindern, dass ihm die eigenen Gesellen, die er erst mühsam anlernen muss, in wenigen Monaten Konkurrenz machen. Die Mächtigen der Stadt plagt wiederum eine andere Frage: Sie wollen zwar, dass Venedig über die neue Technik verfügt – aber nicht, dass sie jeder beliebig nutzen kann. Also einigt man sich und der Deutsche bekommt ein exklusives Druckprivileg. So etwas wie ein Monopol. Im Gegenzug muss er aber alle Druckwerke genehmigen lassen. Beide Seiten sind zufrieden.“

„Ist das wirklich ein Copyright?“ „Der unmittelbare Vorläufer davon. In England läuft das kurze Zeit später ähnlich, dort entsteht das Wort Copyright logischerweise, und es ist eben das Recht, Kopien eines Werkes anzufertigen. Dieses Recht erhält aber nicht der Autor, sondern die Druckerei. Wer ein Buch drucken will, braucht dazu das von der Regierung ausgestellte Copyright. Also eine Genehmigung. Gleichzeitig ist das Copyright auch ein Exklusivrecht, das anderen Druckereien den Nachdruck verbietet. Die Drucker unterwerfen sich also freiwillig der Kontrolle der Krone, weil diese im Gegenzug ihre Renditen schützt. Das ist extrem effizient, weil die Drucker sich gegenseitig mit Argusaugen beobachten: Wer ein Buch ohne Copyright druckt, verliert seine Lizenz. Jemandem so ein Vergehen nachzuweisen, ist die sicherste Art, Konkurrenz auszuschalten. Die Folge davon: Niemand wagt es, Bücher ohne staatliche Genehmigung zu drucken. Toll, oder?“ „Klingt spannend.“

„Dieses Copyright ist eine noch striktere Kontrolle als die der Inquisition: Eine Liste verbotener Bücher bedeutet ja, dass alles, was nicht verboten ist, erlaubt ist. Aber Druckprivilegien bedeuten, dass alles, was nicht erlaubt ist, verboten ist.“ Ich stöhnte leise auf. „Okay. Aber wo siedle ich die Romane jetzt an. In Florenz? In Venedig? In Rom? In Deutschland oder England? Ich bin verwirrt.“ Eugene zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es auch nicht. Du bist der Autor. Lass dir etwas einfallen. Aber denke dran: Spannend ist nicht wirklich die Vergangenheit, sondern die Parallele zu dem, was jetzt passiert. So. Ich mache mir jetzt was zu essen.“ Damit klappte er sein Notebook zu und ließ mich alleine zurück. # Michael Gieseke, Der Buchdruck in der frühen Neuzeit: Die Bindung der Chancen der typographischen

Kommunikation an das ökonomische System hat die weit reichende Folge, dass man von nun an über einen wichtigen Zweig der Informationsverbreitung nur noch unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Prinzipien nachdenken kann. So wie es wenig fruchtet, über die mittelalterlichen Formen skriptographischer Kommunikation zu reden, ohne auf die Bedeutung der Kirche Rücksicht zu nehmen, so wenig kann man über die typographische ‚Massen‘-Kommunikation sprechen, ohne auf die Marktmechanismen der Neuzeit einzugehen. Die Utopien der Marktwirtschaft: Kapitalakkumulation, Wettbewerb, Eigenverantwortung, Fortschritt und grenzenloses Wachstum beeinflussen die Utopien über die Nachrichtennetze und über die Autoren und Leser. Ältere, nicht ökonomisch fundierte Triebkräfte werden durch die Marktgesetze überformt. #

Niklas Luhmann, Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation: Viel von der religiösen Radikalisierung, die schließlich zu den konfessionellen Spaltungen geführt hat, geht aufs Konto des Buchdrucks, weil er Positionen öffentlich verfestigt, die man schwer wieder zurücknehmen kann, wenn man mit ihnen identifiziert ist. Für die Politik ergibt sich durch den Buchdruck die Möglichkeit zu politischem Einfluss und politischen Karrieren außerhalb des Fürstendienstes; der Verzicht auf Übernahme eines Amtes am Hofe bedeutet nicht mehr unbedingt Verzicht auf politischen Einfluss, und darauf muss die Politik sich dann einstellen. # John Seely Brown/Paul Duguid, The Social Life of Information, Vorwort zur zweiten Ausgabe: Kurz gesagt: Das Revolutionäre am Buchdruck umfasste auch soziale Organisation, juristische Neuerungen und die institutionalisierte Kreativität, das zu entwickeln, was

heute aussieht wie ein einfaches Buch, und die darin enthaltene Information. Entgegen der Annahme, dass es nur auf die technische Innovation ankommt, wird auch die digitale Revolution ähnliche nichttechnische Entwicklungen brauchen, um ihr Potenzial auszuschöpfen. # Unser Ziel, eine kleine Straße mit dem viel zu groß geratenen Namen Corso Europa, lag direkt neben der Fußgängerzone, die den Dom von Mailand umgibt. Es war eine schmale Einbahn. Wir hielten mit dem Bus vor dem Haus Nummer 7, mitten auf der Straße. Hinter uns hupte jemand in einem schicken, dunkelroten Alfa GT. Eugene und ich stiegen aus und gingen zum Tor. Auf einem kleinen, unscheinbaren Schild stand: MTV Italia. Ich klingelte.

Nach ein paar Sekunden meldete sich eine junge Frauenstimme. „Si?“ Eugene übernahm das Reden. Er nannte den Namen eines Redakteurs und behauptete, einen Termin bei ihm zu haben. „Einen Moment, bitte“, sagte die Stimme, dann hörten wir beinahe zwei Minuten lang nichts. Der Kerl im Alfa brüllte etwas aus dem Fenster. Hinter ihm standen bereits drei weitere Autos. Eugene läutete noch einmal. „Ja, bitte?“ Die Stimme war männlich. „Sie haben einen Termin bei mir?“ „Ja“, sagte Eugene und zeigte mir den erhobenen Daumen. „Wir sind die Soundinistas und wir kommen wegen des Interviews.“ So viel verstand ich auch auf Italienisch. „Die Soundinistas?“ „Die Schweigeminute. Die Klage.“ „Oh... Das muss ein Missverständnis sein ...“ Er sagte noch etwas, aber meine Italienisch-Kenntnisse reichten

nicht mehr, um dem Rest der Unterhaltung zu folgen. Ich hörte auch kaum noch ein Wort, denn nun begann ein mehrstimmiges Hupkonzert. Der Fahrer des GT war ausgestiegen und zu unserem Bus nach vorne gegangen. Er beschimpfte Carlos, der am Steuer saß, doch der tat, was er am besten konnte: arrogant wegschauen, als ginge ihn das alles nichts an. Eugene schüttelte den Kopf. „Abgeblitzt“, sagte er. „Welch Überraschung.“ „Dann wollen wir doch mal ein wenig Lärm machen“, sagte er. „Hast du die Journalisten informiert?“ „Klar“, sagte ich. „Es kann sich nur noch um Minuten handeln, bis die Ersten eintreffen.“ Eugene gab ein Handzeichen in Richtung Bus. Carlos drückte auf eine Taste. Eine Sekunde später peitschte ein Gitarrenriff durch die enge Gasse, in einer Lautstärke, dass die Fenster wackelten. Dmitri und Anna kletterten auf das Dach des Busses und entrollten ein Transparent, das an der rechten Seite hinunterfiel. Darauf stand in bunten Lettern:

MTV: Let us in! Carlos und ich kletterten zu ihnen aufs Dach. Die ganze Band sollte zu sehen sein. Eugene sperrte inzwischen den Bus ab und hielt draußen die Stellung. Der Hysteriker mit dem Alfa hatte inzwischen kaum noch Stimme, aber einen purpurroten Kopf, und hüpfte herum wie Rumpelstilzchen auf drei E. Vom Dach des Busses aus sah ich, dass inzwischen die ganze Straße voll mit Autos war. Die ersten Grüppchen von Passanten bildeten sich. Ein junger Mann applaudierte uns, als er das Transparent sah. Vom Dom kamen ein Paar Touristen rüber, angelockt von der lauten Rockmusik. „Wir sollten live spielen“, sagte ich zu Carlos. „Hier auf dem Dach?“ „Ja.“ Er sah sich prüfend um. „Ein bisschen schweißen heut Nacht, und das geht schon.“

„Du hast ein Schweißgerät im Bus?“ „Nein, aber wir haben einen Freund, der hat eine Werkstatt am Stadtrand von Mailand.“ „So was hätte ich mir eigentlich denken können.“ Er schmunzelte. „Wenn wir kleine Bodenstreben ans Dach schweißen, gegen die wir uns abstützen können, könnten wir sogar spielen, während wir ganz langsam durch die Stadt rollen.“ Ein Fotograf tauchte auf. Eugene sprach ihn an. Wenige Sekunden später kam ein Kamerateam angelaufen, vorbei an den sich stauenden Autos. Sie hielten auf uns drauf und wir winkten in die Kamera und Carlos drängte sich nach vorn und posierte mit seiner Gitarre. „Hey“, sagte ich. „Wir sind ja nicht Status Quo. Lass Anna nach vorne.“ „Mach dir nicht gleich in die Hose, Kleiner“, sagte er. Ich mach dir gleich in deine Hose, dachte ich, aber sagte nichts. Stattdessen legte ich den Kopf in den Nacken und beobachtete die Fassade des Hauses Nummer 7. Irgendwo dahinter befanden sich die MTV-Studios.

Aber ich wusste nicht mal, ob der Sender Fenster zur Straßenseite hin hatte. Konnten sie uns sehen? An ein paar Fenstern standen bereits einige Personen, aber man konnte zu wenig erkennen, um sie einzuordnen. „Die Polizei ist da“, sagte Carlos. Ich sah drei Uniformierte. Eugene sprach mit ihnen und einer davon schrieb irgendetwas in einen kleinen Block. Der Alfa-Fahrer schrie und gestikulierte wild herum. Die Fotografen und der Kameramann kreisten die Gruppe ein. Einer der Polizisten versuchte, den Choleriker wegzuschieben, und machte beschwichtigende Bewegungen in die Fernsehkamera. Eugene ging ein paar Schritte weg von den anderen und rief mich am Handy an. „Kommt runter“, sagte er. „Ich?“ „Alle!“ „Jetzt schon? Sollten wir nicht noch ein wenig ...“ „Nein. Die Bilder sind gemacht. Ich habe den Journalisten gesagt, dass wir morgen um dieselbe Zeit

wiederkommen. Sie werden es bringen und selbst auch wiederkommen. Mehr können wir heute nicht erreichen. Und ich möchte nicht wegen Mordes verurteilt werden, wenn der Typ mit dem Alfa einen Herzinfarkt kriegt.“ # Die Nachricht von unserer Aktion verbreitete sich rasant. Irgendjemand lud ein offensichtlich mit einem Handy gefilmtes Video auf YouTube und twitterte den Link, nicht ohne unseren Account zu erwähnen. Jemand anders twitterte daraufhin den Link auf unser erstes Video, das „Original“. Am Abend erschien ein Beitrag in einem Blog, den ich allerdings nicht verstand. Am nächsten Morgen war ein Artikel über uns in Il Manifesto, sogar mit Foto. Zwei Radiosender berichteten in den Morgen-nachrichten von unserer Aktion. Zu Mittag waren wir im Fernsehen in den

Lokalnachrichten zu sehen. Und überall hieß es: Heute werden sie es wieder versuchen, 16 Uhr, Corso Europa. Während die anderen zu Carlos Freund fuhren, um das Dach des Busses zur Bühne umzubauen, machten Eugene und ich Medienarbeit. In meinem Mail-Account: ein paar Einladungen zu CDPräsentationen, Film-Previews und Agentur-Partys. Alle an anonyme Verteiler geschickt, keine davon an mich persönlich adressiert. Die Mails von Chefredakteuren blieben inzwischen gänzlich aus. Niemand fragte mich um eine Story. Ich war raus aus dem Geschäft. So weit die schlechte Nachricht. Siebenundzwanzig Mails an die Soundinistas. Die meisten fanden die Klage der Musikindustrie scheiße – und fragten uns, warum wir auf MTV wollten und damit auch an diesem Scheißsystem teilnehmen. Tja, dachte ich. Weil wir hier eine geplante Kampagne fahren und konventionelle Medien für eine konventionelle

Kampagne leichter planbar sind als Facebook und Twitter und so weiter. Google News Italia meldete inzwischen zweiunddreißig Treffer, davon alleine zwölf Artikel über unseren Auftritt vor den MTV-Studios. Google News International, englisch, meldete sieben Storys. Google News Deutschland meldete vier Berichte, Frankreich drei, die spanische Seite auch drei. # Ein paar Stunden später. Als wir mit unserem Stockbus wieder vor den Studios des Senders ankamen, warteten bereits rund hundert Schaulustige. Fünf Fotografen, zwei Kamerateams. Ein Dutzend Polizisten. Eugene hielt den Stockbus auf derselben Stelle wie am Tag zuvor an. Sofort sprangen zwei der Polizisten vor ihm auf die Straße. Sie deuteten ihm, die Tür zu öffnen. Er schüttelte den Kopf.

„Macht schnell“, sagte er und drehte die Musik auf. Wir eilten in den ersten Stock. Carlos öffnete die Dachklappe. Er packte Anna um die Hüften und hob sie hoch. Ich starrte auf ihren nackten Bauch unter dem viel zu kurzen T-Shirt. „Hilfst du mir?“, fragte Carlos. Ich machte ihm die Räuberleiter, dann reichte ich ihm eine Bongo, meine Gitarre, Annas Bass, eine Trompete für Carlos. Dmitri hängte sich seine Gitarre um und zog sich nach oben, ich hinterher. „Sind die Kabel alle angeschlossen?“, rief Anna. „Ja“, antwortete Eugene von unten. „Macht schnell!“ „Los geht’s“, sagte sie. # Es war ein wenig wie beim legendären U2-Konzert am Dach eines Hochhauses. Okay, für das Publikum war es vermutlich nicht ganz so legendär, aber für mich war es das. Wir rockten und die Leute lachten und klatschten

und die Polizisten versuchten Eugene zu überzeugen, sie in den Bus reinzulassen. Wir spielten Babylon und Resistentia und Bella Ciao und dann hielt Anna eine kurze Rede, die Eugene und ich mit ihr vorbereitet hatten. „Das hier ist kein Konzert“, sagte sie. „Das hier ist ein politischer Protest. Eine unangemeldete politische Demonstration. Wir demonstrieren hier für unser Recht auf eine freie Kultur, frei im Sinne von freier Rede, nicht von Freibier. Einige von euch wissen vielleicht, dass wir von einem internationalen Medienkonzern verklagt werden. Wir hätten das Copyright eines Songs verletzt, behauptet dieser Konzern, und er schickt uns eine ganze Armee schleimiger Anwälte auf den Hals. Aber was haben wir getan? Was?“, fragte Anna. Die Augen der Zuschauer hingen an ihren Lippen. Meine hingen an ihren Hüften, dort, wo Carlos sie gepackt und hochgehoben hatte. „Die Antwort ist: nichts. Wir haben nichts gemacht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wir haben nicht einen Ton

von uns gegeben. Wir haben eine Schweigeminute abgehalten, eine Schweigeminute für eine tote Freundin. Für meine Mutter. Und wir haben diese Schweigeminute online gestellt, damit jeder an unserer Trauer teilhaben kann. Dafür werden wir jetzt geklagt.“ Buhrufe aus dem Publikum. Ich legte wieder den Kopf in den Nacken, um die Fassade zu beobachten. Heute sah ich hinter den Fenstern keine Schaulustigen. Sie boykottierten uns. „Die Konzerne beherrschen bald unser ganzes Leben“, sagte Anna und ihre Stimme vibrierte vor Nervosität. Mein Gott, war das sexy. Ich sah sie wieder an. Ich begehrte sie, ich konnte nicht anders. Wenn sie so auf der Bühne stand und die Welt sich nur um sie zu drehen schien, dann schmerzte das in jeder Faser meines Körpers. „Sie bestimmen, was wir anziehen und was wir essen und was wir besitzen. Aber das ist unwichtig. Das sind bloß materielle Dinge. Aber sie erobern auch unsere Gehirne und unsere Herzen. Sie definieren, was wir denken. Sie

pflastern unsere öffentlichen Räume mit Plakaten, drucken unsere Schulbücher, bestimmen, was in der Zeitung steht und wer im Fernsehen spricht, sie teilen sich die Radiofrequenzen und spielen uns Musik vor, die wir gar nicht wollen, und das so lange, bis wir ihre Scheißmelodien summen, weil sie uns nicht mehr aus dem Kopf gehen!“ Applaus. Eine kurze Pause, Anna blickte auf den in ihrer Hand versteckten Notizzettel. „Wer hat sich nicht schon einmal dabei ertappt, irgendeine peinliche Melodie zu summen, die einfach nicht mehr aus dem Kopf wollte? Eine Melodie einer Band, auf die man aber so was von gar nicht steht ... kennt ihr das? Was sind wir? Verdammte Zombies oder was?“ Wieder Gelächter. Sie hatte das Publikum in der Hand. „Und jetzt wollen die Großkonzerne auch noch das Letzte, was uns geblieben ist, das Schweigen“, sagte Anna. „Sie besitzen alles und sie kontrollieren alles und

wir, wir haben nichts mehr. Und jetzt greifen sie auch noch nach Vakuum, selbst das wollen sie uns noch wegnehmen. Sie kontrollieren die Musik, jetzt wollen sie auch noch die Stille. Ist das nicht völlig krank? Da erzählt man uns im Fernsehen und im Radio und in den Zeitungen immer, die Freie Rede sei das höchste Gut in einer Demokratie, und man erzählt uns, wir hier im Westen, wir lebten in den besten aller Demokratien, nicht wahr? Das erzählen sie uns. Und nun müssen wir nicht nur um die Freie Rede kämpfen, sondern sogar schon um das Freie Schweigen. Ist das nicht pervers?“ Rufe der Zustimmung drangen zu uns herauf. Anna machte ihre Sache gut. „Aber es gibt ein Gegenmittel. Es gibt Bands, die keinen Plattenvertrag haben, die nicht den Großkonzernen gehören, die nicht gekauft und gecastet und genormt sind. Solche Bands sind das einzige Gegenmittel, das es gibt, und sie gehören in den Bauch des ganzen verdammten kranken Systems eingeführt. Deswegen wollen wir da hinein, hinter diese Mauern, direkt in den

Bauch des Systems. Wir wollen in die Studios von MTV!“ „Die Rede ist scheiße“, sagte Carlos. „Sie ist von mir“, sagte ich. „Wir werden uns das Gedenken an einen lieben Menschen nicht verbieten lassen, von niemandem“, rief Anna. Und dann schwieg sie. Wir standen da, eine Minute lang, und machten nichts. Wir beobachteten die Menschen unter uns, lauschten dem leisen Gewirr ihrer Stimmen. Nach zehn Sekunden wurde die Menge leiser, nach einer halben Minute war sie völlig verstummt. Ich hatte ganz kurz das Gefühl, dass Totenstille über der Stadt lag. Dann flüsterte Carlos: „Hörst du das?“ „Was?“ „Die Autos. Die Flugzeuge. Die Touristen drüben in der Fußgängerzone. Die Fabriken am Stadtrand.“ „Was ist damit?“ „Darauf wollte John Cage mit seinem Stück aufmerksam machen.“

„Psssst!“, zischte Dmitri. „Auf die Autos?“ Ich bemühte mich, meine Lippen möglichst wenig zu bewegen. „Das ist die wahre Melodie von 4’33’’. Wir hören immer irgendetwas. Es ist nie völlig still.“ Die Leute auf der Straße schwiegen mit uns. Niemand bewegte sich. Sogar die Polizisten verharrten und sahen sich unsicher um, so als ob sie nicht wüssten, ob sie gerade eine illegale Aktion beobachteten, die sie eigentlich verhindern sollten. War das illegal, was wir hier taten? Die Minute war vorbei. „Warte noch ein bisschen“, raunte ich Anna zu. Ich schloss die Augen und lauschte. Ich hörte eine Hupe. Eine der zahllosen orangefarbenen Mailänder Trams ratterte durch eine Parallelstraße. Ein Vogel. Sang da wirklich ein Vogel mitten in dieser lauten, zubetonierten, stinkenden Millionenstadt? „Ist es nicht faszinierend?“, flüsterte sie. „Pssst“, zischte Dmitri noch einmal.

„Das reicht jetzt ohnehin“, sagte ich und öffnete die Augen. Anna hob das Mikrofon an ihre Lippen und brüllte: „No sound is illegal!“ Im Publikum brauste Applaus auf, als ob wir soeben unsere beste Nummer gespielt hätten – und in einem gewissen Sinne war das vielleicht auch der Fall. Wir verließen das Dach und kletterten wieder in den Bus. Im oberen Stock, durch die Bücherregale von Blicken abgeschirmt, fielen wir uns um den Hals. Eugene kam die Stiegen hochgelaufen, er gab Dmitri High Five, drückte Carlos an sich, und mich, und dann, lange und fest, Anna. Sie umarmte mich, lachte, nahm meinen Kopf in beide Hände und drückte mir einen dicken Kuss auf die Wange. Carlos umarmte Dmitri und mich und presste uns ganz fest aneinander, während er durch unsere Haare wuschelte und aus ganzem Hals lachte. „Los, machen wir, dass wir hier wegkommen“, sagte Eugene und eilte die Stufen wieder hinunter.

„Eine Anzeige bekommen wir ohnehin“, sagte ich, ihm auf den Fersen. Carlos schwang sich hinter das Lenkrad. „Einen Moment noch“, rief Eugene. Er flüsterte Anna etwas ins Ohr und drückte ihr einen Gegenstand in die Hand. Sie beugte sich über ihn, küsste ihn auf die Stirn und drückte den Knopf, der die Tür öffnete, sprang auf die Straße und lief zum Eingang des Hauses Nummer 7, vorbei an zwei überraschten Polizisten. In ihrer rechten Hand hatte sie einen dicken Stift, einen jener wasserfesten Marker, mit denen wir unsere technische Ausrüstung ebenso beschrifteten wie unseren Privatbesitz, Messer und Bierdosen zum Beispiel. Anna blieb neben dem Hauseingang stehen, aber ich sah nicht, was sie tat, sie war umringt von Menschen. Einen Moment lang fürchtete ich, man würde sie verhaften. Aber dann löste sie sich aus der Menge, lief zurück und sprang wieder in den Bus. Eugene schloss die Türe.

Beim Wegfahren sah ich das große, metallene Türschild mit der Gravur MTV Italia. Und in Rot stand quer darüber: Das gehört uns! Der Bus überquerte die Fußgängerzone, die Musik dröhnte aus den Boxen, die Leute zeigten mit dem Finger auf uns und lachten, viele begleiteten uns tanzend und singend, einige auch noch die Via Dante entlang. Dann bogen wir nach links, drehten die Musik ab und verschwanden im Gewirr der Straßen. Die Leute winkten uns nach, die Polizei ließ uns entwischen. # Dieter Daniels, Strategien der Interaktivität: Cages Kompositionen definieren meist keine exakte musikalische Mensch-Instrument-Interaktion [...] Der Prozess der Aufführung verbindet die individuelle Freiheit des Einzelnen zur Modifikation der Struktur mit der daraus resultierenden sozialen Interaktion in der Gruppe von Musizierenden. Diese nicht-hierarchische

Form der Kreativität lässt sich mit der so genannten Bottom-up-Struktur vergleichen, in der eine OpenSource-Software wie Linux von ihren Nutzern weiterentwickelt wird. In beiden Fällen kann ein gegebener Zeichencode so variiert und uminterpretiert werden, dass die Grenze zwischen Autor und Nutzer fließend wird. Der Gegentyp wäre die Top-down-Struktur, die sich in der präzise fixierten Notation einer klassischen Komposition ebenso findet wie in der proprietären Software, die Bill Gates' Microsoft Corp. entwickelt und für die die Geheimhaltung des Quellcodes die Basis eines kapitalistischen Monopols bildet. [...] Komposition soll für Cage kein möglichst perfektes Betriebssystem für Musikinstrumente liefern, sondern einen individuellen und sozialen Kreativitätsprozess in Gang setzen, der sich sukzessive von der Intention seines Initiators ablösen kann. Die Software von Bill Gates und anderen proprietären Systemen hält demgegenüber ihre Nutzer in Unkenntnis der Strukturen, die ihre ,Autoren‘

ihr eingeschrieben haben. Das Modell des tiefen Geheimnisses aller Kreativität, welches dem guten, alten idealistischen Kunstbegriff entlehnt ist, wird nur noch artifiziell aufrechterhalten und statt den hehren Zielen des Genies dient es dem schnöden Mammon des Monopols. # Früher Nachmittag, kurz vor Turin. Klingeling. Eine unbekannte Nummer, wie schon so viele heute. Aus England, diesmal. Es war eine neue Sekretärin von Max. „Darf ich verbinden?“ „Natürlich“, sagte ich. Kurze Pause, My Sweet Lord tönte vom Band. Passende Wahl. „Hey, Mann! Coole Aktion gestern bei MTV“, sagte Max.

Ich bemühte mich, meine Stimme locker und selbstbewusst klingen zu lassen. „Ja, nicht wahr?“ sagte ich. „Und heute haben wir eine noch bessere Aktion geliefert. Hast du es im Fernsehen gesehen?“ „Nein, ich hab nur den Bericht im Guardian gelesen. Unsere Presseabteilung sagt, dass auch bei der Times und ein paar Yellow Papers Artikel darüber recherchiert werden. Und scheinbar werden auch Der Spiegel, Le Monde und Liberation Kurzmeldungen bringen.“ Und El Pais, dachte ich. Redakteure all dieser Zeitungen und noch einiger mehr hatten mich heute angerufen. Er fuhr fort. „Und El Pais, die NZZ, die Süddeutsche und die Zeit vermutlich auch. Alles, was zählt.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und versuchte es mit: „Schau mal einer an.“ „Ja, das tun wir sehr genau“, sagte Max. „Ich finde diese Entwicklung überaus ...“ Die Pause dauerte eine Ewigkeit. „... interessant. Der Werbe-Wert für Volvox ist beachtlich. Die Eigentümer sind etwas aus dem Häuschen, die wollten die Sache schließlich ruhig

angehen. Aber ich bin zufrieden. Wir lassen uns was einfallen, wir werden nachlegen.“ In den paar Augenblicken, während uns die Sekretärin verband, hatte ich zu hoffen begonnen, Max würde kalte Füße bekommen und einfach versuchen, aus der Sache ohne Gesichtsverlust auszusteigen. Ein kurzer, schneller Sieg … Fehlanzeige. „In diesem Sinne wollte ich dir zu deiner erstklassigen Pressearbeit gratulieren“, sagte er. „Weiter so, Junge.“ „Danke“, sagte ich. „Wir hören uns.“ „Ja.“ # Brescia, Alessandria, Parma. Ausverkaufte Konzerte. Okay, wir spielten immer noch in recht kleinen Sälen, aber es war dennoch ein ganz neues Gefühl, ein sehr

gutes Gefühl. Plötzlich merkte ich: Ich hatte Angst, es wieder zu verlieren. „Wir sollten nachsetzen“, sagte ich zu Eugene. „Morgen, in Venedig“, antwortete er. # Wir begannen bei der Basilica di Santa Maria della Salute, die pompös die östliche Spitze der Insel besetzt und so das Ende des Canale Grande markiert. Dann ging es weiter zur Accademia. Eine ehemalige Kirche, die nun als Galerie für alte Meister dient. „Carpaccio, Giorgione, Bellini, Tizian“, sagte Anna in die Kamera. Mit dem dicken roten Marker schrieb sie „Das gehört uns!“ auf eine Informationstafel, die an der Wand der Accademia angebracht war. Dann liefen wir wieder etwas weiter. Wir, das waren die Band und ein TV-Team von RAI Uno, das einen Bericht über uns drehte. Ich hatte das eingefädelt. Nächster Halt: die Peggy Guggenheim Collection.

„Picasso, Kandinsky, Chagall, Dalì, Magritte, Mondrian, Brancusi, Miró“, sagte Anna in die Kamera und sprayte dann auf den Boden vor den Eingang: Das gehört uns! Dann weiter zur Markuskirche, zum berühmten Glockenturm, zum Dogenpalast. Überall hinterließen wir unser Zeichen. „Was wollt ihr mit dieser Aktion erreichen?“, fragte die Fernsehreporterin. Anna befeuchtete ihre Lippen mit der Zungenspitze und sagte dann: „Uns geht es um die Freiheit der Kunst. Wir wollen zeigen, dass Kultur uns allen gehören muss und nicht einigen wenigen Konzernen überlassen werden darf.“ Danke. Schnitt. Der Beitrag würde achtzig Sekunden dauern, mehr Material brauchte die Reporterin nicht. Sie hatte es eilig und wollte ins Studio. „Wenn Sie noch Fragen haben, rufen Sie mich an“, sagte ich und sie nickte. Aber ich wusste, dass sie keine Fragen mehr haben würde.

Eugene kam hinzu. „Wissen Sie, was das hier für ein Gebäude ist?“, fragte er die Reporterin. Sie blinzelte verwirrt. „Der Dogenpalast.“ „Natürlich“, sagte Eugene. „Aber wissen Sie, welche Rolle er in dieser Geschichte spielt?“ „Welche Rolle er spielt?“ „In diesem Gebäude wurde praktisch das Copyright erfunden.“ „Tatsächlich?“ Sie blinzelte wieder. „Ja, natürlich. Im Jahr 1469 gewährte der Rat von Venedig ...“ „Wann?“ fragte sie. „Vierzehnhundertneunundsechzig.“ „Ich glaube nicht, dass das für unsere Story wirklich von Relevanz ist“, sagte sie. „Wir müssen jetzt zurück ins Studio.“ Eugene zuckte mit den Achseln und schüttelte den Kopf. „Dann eben nicht.“ Am Abend setzte er sich mit seinem Notebook und einer Handvoll Büchern an den Couchtisch im Bus. Er

schrieb einen Eintrag für den Blog, einen Text über die Erfindung des Buchdrucks, Venedig, seine Herrscher und das Recht auf Vervielfältigung von Information. Er gab mir den Text zu lesen und ich straffte ein paar Sätze, dann luden wir ihn hoch. Ich fand es ganz witzig, unseren Aktionen den Anstrich einer philosophischen Grundlage zu geben. Nicht dass ich dem Blog viel Bedeutung beigemessen hätte. Aber wenn wir schon einen Professor im Team hatten, warum ihn dann nicht nutzen? # Anna küsste mich. Nur auf die Wange, aber immerhin. „Wir waren im Fernsehen!“, jubelte sie. „Ja, wir waren im Fernsehen.“ „Ich war noch nie im Fernsehen“, sagte sie. „Tja.“ Ich auch nicht, aber warum sollte ich das betonen?

„Das ist fantastisch, absolut großartig. Das hast du gut gemacht!“ Sie gab mir mit dem Ellbogen einen freundschaftlichen Schubs. „Ich dachte, meine Medienarbeit ist scheiße?“ „Wer hat das gesagt?“ „Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern.“ „Na, dann solltest du es vergessen.“ „Gut. Wird gemacht.“ „Im Ernst: Danke.“ „Im Ernst: Bitte. Gern geschehen.“ Ich versuchte, ihr tief und irgendwie bedeutungsvoll in die Augen zu blicken, aber sie wich aus. Stattdessen sagte sie: „Weißt du, als kleines Mädchen, da bin ich immer im Jazz-Pub meines Vaters gewesen, ich war immer lange auf, viel länger, als kleine Mädchen sonst auf sein dürfen, und ich habe immer die Sänger und vor allem die Sängerinnen bewundert. Ich musste mich immer verstecken, weil ich ja noch so jung war, und ich habe sie immer dafür bewundert, dass sie auf der Bühne stehen durften. Im Scheinwerferlicht. Einmal ist

Joan Baez bei uns aufgetreten. Das war fantastisch. So wie sie wollte ich seit dem immer sein. Eine Protestsängerin. Jemand, der die Leute aufrüttelt, der ihnen Feuer unterm Arsch macht. Ich war nur nie politisch genug. Und jetzt haben wir, irgendwie, eine Message.“ Ihre Augen blitzten, sie provozierte mich. Aber ich hielt ihrem Blick stand. Nach ein paar Sekunden öffnete sie ihre Lippen zu einem Spalt, wollte etwas sagen, aber ich schob meine Hand in ihren Nacken, unter die Haare, packte zu, zog sie zu mir und küsste sie. Kurz schien es, als würde sie sich sträuben, aber dann wich die Anspannung aus ihrem Körper und sie gab nach. Nach dem Kuss drehte sie sich wortlos um und schlenderte betont lässig davon. Mein Blick folgte ihren Hüften. Und dann fragte ich mich, mit wem sie heute Abend schlafen würde. #

Es war der bisher heißeste Tag des Jahres. Die Schwüle war drückend, der Schweiß lief uns aus allen Poren. Die Gärten leuchteten in saftigem Grün, aber wir rannten und lachten und hatten keine Zeit, darauf zu achten. Ich kann mich noch erinnern, wie Annas T-Shirt nass an ihrem Körper klebte. Ich lief direkt hinter ihr und Carlos. Neben mir lief Dmitri. Hinter uns liefen die beiden Pseudo-Uniformierten. Leute von einem privaten Wachdienst, ausgerüstet mit nichts als Plattfüßen. Wir erreichten den Bus mit bequemem Vorsprung und Carlos schloss die Tür, winkte ihnen freundlich zu und wir brausten davon. Wir rasten durch die engen Gassen der Altstadt von Padua, weg von den Giardini dell`Arena und der am Rand der Gärten stehenden Kapelle, in der die berühmten Fresken zu sehen waren. Anfang des vierzehnten Jahrhunderts hatte der Maler Giotto, ein Freund Dantes, hier das Leben Jesu auf die Decke der Kapelle gemalt. Eugene hatte uns empfohlen, uns diese

Fresken anzusehen. „Sie sind berühmt, sie sind genial“, sagte er. Und wenn wir schon mal dabei wären, meinte er, könnten wir ja auch die Wachleute ein wenig ärgern. Während wir also liefen, schrieb Eugene vor dem Eingang der Kapelle, genau dort, wo zuvor die Sicherheitsleute gestanden hatten, mit neonrosa Spray auf den Boden: „Das gehört uns!“ Dann ging er in aller Ruhe in die andere Richtung davon, stieg schließlich in ein Taxi und fuhr los. Wir trafen uns an einer Tankstelle am Stadtrand. # Dann Verona. Nach dem Konzert im Interzona scharten sich ein paar Dutzend Leute um uns. „Wo werdet ihr morgen eure Schweigeminute halten?“, fragten sie und machten gleich Vorschläge. „Vor der Arena natürlich!“, rief ein Mädchen, und ein Bursche antwortete: „Nein, macht es in der Arena!“

„In der Arena? Du spinnst, da kommen wir nie rein“, sagte sie, und jemand anders sagte: „Na klar, wir zahlen ganz normal Eintritt. Dann müssen sie uns reinlassen.“ „Nicht mal dann lassen sie die Band hinein“, meinte jemand, und Eugene sagte sehr bestimmt: „Wir zahlen ganz sicher keinen Eintritt irgendwo.“ „Dann stürmen wir die Arena eben“, schlug jemand vor. „Wenn die Bonzen dort ihre Opern aufführen dürfen, dann können wir auch hinein.“ „Macht es doch im Hof von Julias Haus“, schlug ein Mädchen vor. Die Männer stöhnten genervt auf. „Oder warum nicht gleich am Balkon?“, fragte einer. „Was ist mit Castelvecchio?“, fragte eine Frau. Sie war attraktiv, Ende zwanzig, Anfang Dreißig. Ein paar Jahre älter als der Durchschnitt hier. Sie trug auch deutlich teurere Kleidung. Sie hatte lange, schwarze Haare mit einer einzelnen blitzblauen Strähne. Ich beugte meinen Kopf an Carlos’ Ohr. „Polizei?“ „Kaum“, raunte er. „Außer ihre Tarnung ist so schlecht, dass sie schon wieder gut ist.“

„Gute Idee“, sagte jemand. „Da gibt’s jede Menge Renaissance-Gemälde. Bellini und so.“ Es kamen noch sechs, sieben andere Vorschläge, Diskussionen entspannten sich, die Gruppe zerfiel in Untergruppen, ohne dass eine Entscheidung gefällt worden wäre. Eugene, Anna und ich drängten zur Bar, Carlos zog sich zurück, er wollte schlafen, Dmitri begleitet ihn. Anna bestellte drei Bier und drei Wodka. Die Frau mit der blauen Sträne stand plötzlich neben uns, lächelte. Eugene lächelte zurück. „Sophia“, sagte sie. „Eugene“, sagte er. Und zu Anna: „Vier Bier, vier Wodka.“ Am nächsten Tag hielten wir unser kleines Konzert und die Schweigeminute übrigens tatsächlich vor Castelvecchio. Es waren fast hundert Leute anwesend. Ich könnte auch Fans schreiben. Hey, wir hatten Fans!

# Vicenza. (Ich glaube zumindest, dass diese Szene nach Vicenza gehört.) Wir parkten im Hinterhof des Lokals, in dem wir am Abend auftreten sollten. Auf uns wartete ein Empfangskomitee. Der Wirt – und zwei Polizisten in Zivil. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte Eugene auf Englisch. Es lag leichter Spott in seiner Stimme. „Sie könnten aufhören, das Eigentum anderer Menschen zu beschädigen“, antwortete der Jüngere der beiden. Er hatte einen leichten Akzent, aber sein Englisch war ausgesprochen gut. „Okay“, sagte Eugene und ging an ihm vorbei. „Noch was?“ „Wollen Sie ins Gefängnis?“, fragte der Polizist. „Ist das ihr Ziel? Ist das ein Marketing-Trick?“ Eugene blieb stehen, drehte sich um. „Nein. Und warum sollte ich ins Gefängnis kommen? Weil wir ein

Türschild von MTV beschmiert haben? Ist MTV schon so mächtig?“ „Was ist mit Padua? In den Giardini dell’Arena? Wir haben die Videoaufnahmen davon, wie Sie ...“ „Sie haben Videoaufnahmen? Das steht dutzendfach auf YouTube! Und was wollen Sie uns vorwerfen? Wir haben den Boden besprayt. Öffentlichen Grund.“ „Eben, öffentlicher Grund. Das heißt nicht, dass Sie ihn für Ihre Privatzwecke nutzen dürfen.“ „Ich habe dadurch niemandem etwas weggenommen. Die Freiheit des Einzelnen reicht bis zu dem Punkt, wo die Freiheit des Nächsten beginnt, oder nicht?“ „Klar. Aber das ist trotzdem nicht Ihr Grund und Boden.“ „Na, wenn es öffentlicher Raum ist, gehört er allen Menschen. Dann ist es auch mein Raum.“ „Dieser Raum gehört allen Italienern. Sie sind, wenn ich richtig informiert bin, Amerikaner.“ „Oh. Okay. Gegen diese nationalistische Engstirnigkeit habe ich keine Argumente mehr“, sagte Eugene.

Die beiden Polizisten gingen. Der Grauhaarige drehte sich an der Einfahrt zum Hof noch einmal um und rief mit seinem schweren Akzent „Be carrfull, guyss“, und weg waren sie. „Was war das jetzt?“, fragte ich Anna. Sie sah verunsichert drein. # Bevor wir Vicenza am nächsten Morgen verließen, gaben wir ein kleines Open-Air-Konzert am Dach unseres Busses in der kleinen Fußgängerzone vor der Basilica Palladiana. Palladio war einer der bedeutendsten Architekten der Renaissance, er hat Generationen nach ihm beeinflusst, sagte Eugene. Meinetwegen. Nach der Schweigeminute sprang Eugene aus dem Bus und sprayte direkt vor dem Eingang zur Basilika auf den Boden: Das gehört uns! Klick. Klick. Die Touristen und ein paar Presseleute machten ihre Fotos.

„Zivilpolizisten“, raunte mir Carlos ins Ohr und deutete auf zwei Männer, die sich möglichst unauffällig hinter Eugene positionierten. Sie ließen ihn gewähren. Eugene stieg in den Bus, wir kletterten vom Dach und fuhren weg. # Bologna. Das Konzert war ausverkauft, vor dem Lokal stand eine riesige Traube von Menschen, die nicht mehr hineinkamen. Am nächsten Tag spielten wir vor der Universität. „Die Erste der Welt“, sagte Eugene mindestens fünfmal. Vom Dach des Busses aus versuchte ich die Anzahl der Menschen zu schätzen. „Fünfhundert?“ „Mehr“, sagte Dmitri. „Viel mehr“, sagte Carlos. „Die Freiheit des Wissens ist die Grundlage, die Existenzberechtigung einer Universität. Ohne die freie

Weitergabe von Wissen an den europäischen Universitäten wäre die Welt heute noch im finsteren Mittelalter gefangen“, rief Anna. Eugene hatte ihr das auf einen Zettel geschrieben. Die Leute stimmten ihr begeistert zu, viele linke Fäuste wurden in die Höhe gereckt, ich sah rote Fahnen, rote Sterne, Ché-T-Shirts und so weiter. Mehrere Menschen sprayten „Das gehört uns“ auf die Wände der Universität, auf den Boden, auf benachbarte Häuser. Die Polizei schaute zu und griff nicht ein. # Österreich, Celovec. Kaum Publikum. Entweder beschränkte sich unser Ruf auf Italien, was eine schlechte Nachricht gewesen wäre, oder wir waren hier nicht willkommen. Drei Punks tanzten nach dem Konzert auf der Straße weiter. Eugene stieg in den Bus, schaltete das Sound-System ein und spielte eine CD von den Ramones. Bald waren es fünf Punks, die auf der Straße

tanzten, dann sieben, dann zehn. Nach zwanzig Minuten fuhren ein paar weiße Kleinbusse vor und luden drei Dutzend Polizisten aus. Sie kreisten uns ein. Die Lokalredaktion des staatlichen Rundfunks schickte ein Kamerateam, aber nach einem kurzen Gespräch mit dem Kommandanten der Polizei fuhren die Journalisten wieder ab, ohne eine Sekunde Material gedreht zu haben. Der Kommandant kam zu Eugene und forderte ihn auf, die Musik abzudrehen. Eugene behauptete, kein Deutsch zu verstehen. Der Kommandant sagte auf Englisch, dass er wisse, wer wir seien, und dass er uns nicht den Gefallen tun werde, uns zu verhaften. Entweder wir würden sofort verschwinden oder die jungen Punks würden in den nächsten Wochen jede Menge Probleme bekommen. Denn sie würden bleiben, wenn wir wieder weg seien, sagte der Kommandant. Eugene drehte die Musik ab. „Willst du baden gehen?“, fragte mich Anna. „Wo?“

„Im Wörthersee.“ Ich schwamm weit hinaus und genoss das kalte Wasser. Es war fast Neumond und entsprechend dunkel, und ich mochte das gruselige Gefühl, absolut nichts zu sehen. Plötzlich berührte mich etwas von hinten an der Schulter, und ich schrie leise auf. Anna lachte. „Hast du mich erschreckt“, flüsterte ich. „Warum flüsterst du?“, fragte sie, genauso leise. „Keine Ahnung. Warum flüsterst du?“ Sie kicherte wieder. „Wusste gar nicht, dass du bei Nacht im Wasser so schreckhaft bist.“ „Wer ist das nicht?“, fragte ich, aber ich wusste, worauf sie anspielte. Sie schwamm direkt neben mir, unsere Unterarme berührten sich. Sie war nackt, ich wusste es, auch wenn ich nichts sehen konnte. Sie war genauso nackt wie ich. „Und jetzt?“, fragte sie. Ich griff nach ihr, zog sie näher zu mir heran, spürte ihren Busen an meinem Brustkorb. Da packte sie mich

mit beiden Armen an den Schultern und drückte mich unter Wasser. Als ich wieder auftauchte, war sie weg. # Graz, zwei Tage. Ein Konzert an einem Ort namens „Dom im Berg“, einem Kulturzentrum in ehemaligen Luftschutzstollen, die durch einen gigantischen Felsen mitten in der Stadt getrieben worden waren. Wir wurden empfangen von einem Kurator, der ganz aufgeregt war und uns atemlos den größeren Kontext dessen, was wir taten, erklärte, und warum er sich so auf unseren Auftritt freue. Er verstehe nichts von Punkmusik, sagte er, aber das sei gar nicht wichtig. Er sprach von einer „Leitidee“ seines Projektes, davon, „Forschungsergebnisse der Kommunikations- und Informationstechnologien sowie deren Potenziale im sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext präsentieren“ und „global kommunizieren“ zu wollen,

von einem „Kommunikationsenvironment, dessen Kommunikationsebenen sowohl lokaler Natur sind, in Form von Veranstaltungen, Ausstellungen, Aufführungen, et cetera, als auch globaler Natur, auf der Basis der telematischen Kommunikationstechnologien, Internet, Satellit, et cetera“, er sprach von „globalen Informationsflüssen im Interesse eines besseren gegenseitigen Verständnisses“, er sprach davon, „den Transformationsprozess in die Wissensgesellschaft begleiten und kommentieren und an vorderster Front mittels der Informations- und Kommunikationsprozesse zur Stärkung der sozialen Bindungen in einer offenen Gesellschaft beitragen“ zu wollen, „um in dieser hochtechnologischen Kommunikationsgesellschaft die für die demokratiepolitischen Entscheidungs- und Evaluierungsprozesse qualifizierten Grundlagen zu vermitteln“. Und wegen all dessen, sagte er, war es so wichtig, dass wir in seinem Kulturzentrum auftraten, denn wir mit unserem Widerstand gegen die Plattenindustrie wären

Prototypen der Künstler, wie er sie sich wünschte. Eugene verstand sich prächtig mit ihm. Wir anderen warfen uns fragende Blicke zu. „Ist ja irre“, sagte Carlos. „Und ich dachte, wir machen einfach nur Punk.“ „Von wegen“, sagte Dmitri. „Wir machen offensichtlich Weltrevolution.“ Das Konzert wurde dann ganz gut, trotz der gewaltigen Last auf unseren Schultern. „Weltrevolution zu machen fühlt sich irgendwie gar nicht so außergewöhnlich an“, sagte ich danach. „Und wer hat dir versprochen, dass es nicht profan sein würde?“, fragte Dmitri. Am nächsten Nachmittag gaben wir ein spontanes Konzert auf dem Hauptplatz. Das war in Graz jahrelang der Ort gewesen, an dem die Punks und die Obdachlosen und andere Menschen ohne Erwerbszwang ihre Zeit verbracht hatten, erklärten uns Dmitri und Carlos. Dann seien diese Menschen von der Stadtverwaltung und der Polizei vertrieben worden, weil sie das

brav-sauber-biedere Stadtbild störten und angeblich schlecht für den Tourismus seien. Das sei geschehen, kurz nachdem sich die Stadt ein Jahr lang als Kulturhauptstadt Europas hatte feiern lassen. „Eine Schande“, sagte Carlos. Wir fuhren also mit dem Bus vor und gaben ein Konzert. Die Punks tanzten, die Touristen glotzten und zwei Obdachlose gingen die Reihen der Zuschauer ab und baten um Spenden. Zwei Streifenpolizisten, die gerade zufällig vor Ort waren, riefen über Funk Verstärkung, die auch kam, aber niemand schritt ein. Als wir später die Stadt verließen, begleiteten uns eine Zeit lang zwei Streifenwagen, doch auf der Autobahn ließ man uns allein. # Wien. Abends ein Konzert in einem ehemaligen Schlachthof namens Arena, mit über 250 zahlenden Gästen. Beim Eingang kontrollierte eine Gruppe

schwarz gekleideter Schwergewichte die Eintrittskarten. Ein junger Punk, der versuchte, sich ohne Karte reinzuschummeln, wurde erwischt. Zwei der Muskelpakete packen ihn recht unsanft und bugsierten ihn zur Seite. „Hey!“, rief Eugene. „Das ist ein Freund von uns! Lasst ihn los!“ Die Dicken ließen den Jungen laufen. Er kam zu uns rüber, sah Eugene misstrauisch an. Der klopfte ihm auf die Schulter, begrüßte ihn wie einen alten Freund. „Geh ruhig rein!“, sagte er. „Danke“, sagte der Junge und drückte sich an uns vorbei. „Früher war das mal ein autonomes Zentrum“, sagte Eugene. „Da hätten sie niemanden abgewiesen, nur weil er kein Geld hatte.“ „Die Zeiten ändern sich“, sagte ich. „Ja, das tun sie tatsächlich.“ Gegen drei Uhr morgens spazierten Eugene und ich durch die Innenstadt. Mit rotem Spray

schrieben wir „Das gehört mir“ auf das Musikvereinshaus, die Staatsoper, das Haus ohne Augenbrauen, das Kulturhistorische Museum, das Leopoldmuseum, die Pallas-Athene-Statue vor dem Parlament, das Burgtheater, die Universität, die Votivkirche, dann – das fand Eugene besonders lustig – auf die Börse, das Café Central und schließlich auf den Stephansdom. # Ich dachte viel über Eugenes Vorschläge zu meinem Roman nach. Aber sie funktionierten für mich nicht. Mittelalterliche Universitäten, Ketzer, Buchdruck, Inquisitoren, Reformation und Gegenreformation ... das war einfach nicht meine Welt. Sicher spannend, aber einfach nicht meine Welt. Dennoch gefiel mir Eugenes politisch-philosophischhistorischer Zugang, ich brauchte nur eine Möglichkeit, ihn auf meine Möglichkeiten umzulegen. Meine

Möglichkeiten, das hieß Musik-Biz. Und Wien brachte mich auf eine Idee, und die entwickelte sich zunächst gar nicht schlecht, als ich zu recherchieren begann: einen Roman über die Frühzeit der Musikbranche zu schreiben, über Haydn und Mozart und Beethoven. Mir fehlte nur die Meta-Ebene, vorerst. Ich recherchierte einen Tag, dann noch einen, und kam vom Hundertsten ins Tausendste, von der Klassik zum Barock, von Wien nach London. „Was liest du da alles?“, fragte Eugene schließlich. „Ich recherchiere für meinen Roman“, sagte ich. „Aber ich komme völlig durcheinander ...“ „Erzähl es mir“, sagte er. „Vielleicht kannst du dabei deine Gedanken sortieren.“ Ich nickte. Aber wo beginnen? „Im Barock gibt es nur zwei Möglichkeiten, von der Musik zu leben: Entweder man ist bei einem Fürsten angestellt – oder bei der Kirche.“ „Genau genommen war das nicht nur im Barock so, sondern seit den frühen Hochkulturen“, fiel mir Eugene

sofort ins Wort. Ich warf ihm einen bösen Blick zu. Er biss sich auf die Unterlippe. „Das gemeine Volk hat natürlich auch seine Musik, Volkslieder eben, die von Generation zu Generation weiter- gegeben werden, bis sich ihr Ursprung verloren hat. Nur, davon kann niemand leben. Der Adel und der Klerus dagegen halten sich Orchester und Organisten und schmücken sich mit berühmten Komponisten, die ihnen Kirchenlieder oder Opern widmen. Bach beispielsweise ist Konzertmeister in Weimar, Händel lebt und arbeitet in Hamburg, dann in Italien, dann geht er nach England. Wir schreiben das Jahr 1710. Händel findet auch in England Mäzene, bald ist sogar Queen Anne darunter, die ihm als Entlohnung für eine ihr gewidmete Komposition eine lebenslange Rente gewährt. Später erhöht Georg I. Händels Gehalt. Und so weiter. Händel ist berühmt, er sammelt Mäzene geradezu, ihm Geld geben zu dürfen scheint in London ein Statussymbol zu sein. Aber nach ein paar Jahren wird ihm das

offensichtlich zu langweilig. Und dann erfindet er, gemeinsam mit ein paar Investoren, die Musikindustrie. Im Jahr 1719 liegt England im Börsenfieber. Das muss wie beim New-Economy-Boom gewesen sein. Und es ist auch eine New Economy: Der Südseehandel verspricht gigantische Gewinne und die Leute tragen ihr ganzes Erspartes an die Börse. Risikokapital, das nur nach Unternehmern sucht, die eine neue Idee haben. Irgendeine Idee.“ „Und Händel hat eine Idee?“, fragte Eugene. „Ich weiß nicht, ob die Idee wirklich von ihm stammt. Aber irgendjemand kommt auf den Gedanken, in einem Londoner Theater italienische Opern aufzuführen und vom Publikum Eintrittsgeld zu kassieren. Für ein solches Projekt braucht man keine Mäzene, sondern Teilhaber. Also gründen ein paar Finanzinvestoren eine Aktiengesellschaft, der König übernimmt die Patronanz und Händel wird musikalischer Direktor. Er komponiert Opern, leitet ihre Aufführungen und reist zwischendurch durch ganz Europa, um Musiker und

Sänger zu engagieren. Personal. Das Unternehmen heißt Royal Academy of Music und ist der erste Musikkonzern der Weltgeschichte.“ „Faszinierend. Ist das gut gegangen?“ „Nicht wirklich. Es lief nicht anders als beim NewEconomy-Boom: Die Börsenblase platzte, England schlitterte in eine längere Rezession, das Unternehmen ging pleite. Das Theater gibt es noch, inzwischen ist es auch kommerziell erfolgreich. Dort läuft inzwischen seit mehr als zwanzig Jahren Das Phantom der Oper.“ Eugene rümpfte die Nase: „Oh.“ „Tja, der Fluch des Kommerzes. Händel jedenfalls ließ sich durch den Misserfolg nicht entmutigen, übernahm die Firma und führte sie noch lange in Eigenverantwortung. Die Geschäfte dürften die meiste Zeit nicht besonders gegangen sein, aber gut genug, um auch Konkurrenzunternehmen entstehen zu lassen. Als Händel starb, gab es in London also schon tatsächlich so etwas wie eine Musikbranche.

Und jetzt kommt Joseph Haydn ins Spiel. Haydn und die Wiener Klassik. Joseph Haydn arbeitete für die Esterházys, jahrzehntelang, und er trug dabei die Uniform der Dienerschaft. Dann starb der Fürst und die Erben entließen den berühmten Kapellmeister, der ging nach London, führte Konzerte auf und wurde reich. Erst ihm hohen Alter kehrte er nach Wien zurück, und nun besaß er ein eigenes Haus und stellte eigene Diener an.“ „Interessant“, sagte Eugene „Aber noch interessanter ist die Zeit bevor Haydn nach London ging. Er als livrierter Diener und der eine Generation jüngere Mozart, der sein Leben lang eine Festanstellung bei einem Mäzen suchte und nie fand, beide in einer Stadt. Sie treiben sich gegenseitig zu Höchstleistungen an. Das war ab 1781. Innerhalb weniger Jahre erheben diese beiden Wien zur Welthauptstadt der Musik, praktisch aus dem Nichts. 1787 möchte sich ein junger Mann aus Flandern zum Komponisten ausbilden lassen und er reist nicht nach Italien, wie er es nur eine Generation davor sicher

gemacht hätte, auch nicht nach London, sondern er reist an die Donau. Sein Name ...“ „Aus Flandern, das war Ludwig van Beethoven“, sagte Eugene. „Genau. Beethoven ist gerade mal 17 Jahre alt, als er bei Mozart anklopft und als Schüler aufgenommen werden will. Aber Amadeus lehnt ab, er schreibt gerade am Don Giovanni und hat keine Zeit für einen weiteren Schüler. Enttäuscht kehrt der junge Ludwig heim, bildet sich selbst weiter, lässt sich von der Begeisterung über die französische Revolution anstecken, studiert an der Universität Bonn. Fünf Jahre später kommt er wieder nach Wien. Mozart ist inzwischen gestorben, aber Haydn gibt ihm Kompositionsunterricht. Und auch Salieri nimmt sich des jungen Talents an. Beethoven wird sein berühmtester Schüler, aber nur einer unter vielen. Salieri wird alt, über siebzig, und in diesem langen Leben werden später auch Franz Schubert und Franz Liszt bei ihm in die Lehre gehen. Er unterrichtet

seinen eigenen Sohn Girolamo und Mozarts Sohn Franz Xaver ...“ „Salieri hat Mozarts Sohn unterrichtet?“ „Ja. Mozart starb, als sein Sohn gerade mal sechs Monate alt war. Salieri hat den Knaben dann unterrichtet. Schau mal, ich habe das mal aufgezeichnet, um einen Überblick zu bekommen, wer wen beeinflusst hat...“ Ich zog ein Blatt mit Namen, Kästen, Pfeilen hervor.

Eugene studierte meine Grafik. „Albrechtsberger, Seyfried, Hummel, Czerny, Süßmayr ... alle nie gehört.“ „Tröste dich, ich auch nicht, bis heute. Aber es ist total faszinierend, dieses Netzwerk aufzuschlüsseln. Und ich habe gar nicht alle Verbindungen eingetragen. Im Grunde ist es so: Im Zentrum hast du die Stars der Wiener Klassik, oben den Barock, denn die Barockmusiker, vor allem die Bach-Söhne, haben die Klassiker geprägt. Nach unten hin beginnt schon die Musik der Romantik. Der späte Beethoven, Hummel und Czerny haben den Übergang von der Klassik zur Romantik vollzogen, Schubert und Liszt sind bereits Romantiker.“ „Interessant.“ „Aber das ist nicht alles: Liszt war der Schwiegervater von Richard Wagner, hier rechts ginge es also weiter nach Bayreuth. Und auf der anderen Seite: Seyfried war ein Schüler von Mozart und ein Lehrer von Johann Strauß, dem Vater. Er ist das Bindeglied zwischen

Klassik und Walzer. Links ginge es also an die schöne blaue Donau.“ Eugene nickte bedächtig. „Wenn man das Blatt groß genug macht, kriegt man auch noch Britney Spears drauf.“ Ich lachte. „Ja, aber ich habe etwas besseres: Hummel.“ Ich deutete mit dem Finger auf den entsprechenden Kasten auf dem Blatt. „Hummel?“ „Johann Nepomuk Hummel. Er war ein Wunderkind. Mozart muss sich in ihm wiedererkannt haben, denn er hat ihn als Schüler angenommen, da war der kleine Nepomuk gerade mal sieben Jahre alt. Später haben ihn auch Haydn, Salieri und Albrechtsberger ausgebildet. Hummel war Haydns Nachfolger als Kapellmeister der Esterházys. Er war ein enger Freund von Beethoven und hat die Uraufführung der Neunten Symphonie geleitet, du weißt schon, die Europahymne, Freude schöner Götterfunken.“ Eugene summte die Melodie.

„Hummel wird von den Esterházys wegen Faulheit gekündigt und geht an den Hof nach Weimar. Wiens große Zeit ist damit vorüber. Beethoven war im Jahr zuvor gestorben, Schubert hat nur noch wenige Monate zu leben, Liszt ist nach Paris ausgewandert und Hummel geht eben nach Weimar. Dort geht die Klassik allerdings auch zu Ende: Schiller und Herder sind tot, Goethe ein alter Mann, der nur noch wenige Jahre zu leben hat. Aber uns interessiert etwas anderes: Hummel wird in Weimar politisch tätig. Er erkämpft das erste Urheberrecht für Komponisten.“ Eugene pfiff leise und sah mich überrascht an, sagte aber nichts. Ich fuhr fort: „Die Musiker haben sich schon damals mit Raubdrucken herumgeplagt. Tonträger gab es ja noch keine. Aber es gab Notenbücher, die als Raubkopien verbreitet wurden, ohne dass die Komponisten dafür auch nur einen roten Heller sahen. Hummel hat ein Abkommen erkämpft, in dem sich die Verleger verpflichteten, Noten nicht mehr ohne Einverständnis und Entlohnung der Autoren zu

drucken. Das war 1829. Interessant finde ich Folgendes: Hummels Urheberrecht hat sich ausschließlich gegen das kommerzielle Raubkopieren gerichtet. Es sollte Künstler vor Unternehmern schützen und nicht Unternehmer vor Künstlern. Und schon gar nicht ging es darum, kreative Nachwuchsmusiker oder musikbegeisterte Kinder zu kriminalisieren.“ Eugene klatschte in die Hände. „Sehr gut! Und jetzt musst du irgendwo in diesem Gewirr eine spannende Handlung für deinen Roman finden.“ „Nein, ich recherchiere noch weiter. Das ist jetzt mal nur die Grundlage. Diese Musikbranche wurde durch das Ende der Mäzene zwar kommerziell, aber sie war immer noch keine Industrie. Dazu hat etwas gefehlt, sagt der ehemalige Betriebswirtschaftsstudent in mir, nämlich Massenfertigung. Ab da wird’s wirklich interessant.“ „Okay, dann recherchiere das mal“, sagte Eugene. „Und schreib alles zusammen. Ist sicher auch interessant für unseren Blog.“

# Salzburg. Wir hätten gerne vor Mozarts Geburtshaus ein kleines Konzert gespielt, aber wir kamen mit dem Bus nicht in die Getreidegasse. Vor dem Haus war fast ein Dutzend Polizisten stationiert. Wir ließen es bleiben und fuhren nach Deutschland weiter. München, Augsburg, Regensburg. Wir gaben ein Konzert in Nürnberg und ein Interview auf Radio Z. # Dann fuhren wir nach Frankfurt am Main, gaben ein Konzert und ein Interview auf Radio X, einem anderen freien Sender. In den Interviews redeten Anna und Eugene. Sie als Sängerin, er als Manager. In beiden Gesprächen ging es mehr um Politik als unsere Musik, Eugene redete mehr als Anna. Ich war mir nicht ganz sicher, ob das optimal war.

Als wir durch die Stadt fuhren, deutete Eugene auf einen der großen Wolkenkratzer mit dem Logo einer Bank oben drauf. „Was glaubst du, wie viel Geld die da drin haben?“ „Keine Ahnung“, sagte ich. „Einige Lastwagen voll, wahrscheinlich.“ „Das glaube ich nicht“, antwortete er. „Ich glaube eher, da drinnen ist gar kein Geld mehr. Nur noch Computer. Und darauf lange Reihen von Nullen und Einsen. Wenn jemand den Stecker zieht, ist der Spuk vorbei.“ # Thomas Edison erfand 1877 den Phonographen, ein Gerät, das Sprache auf einer Walze aufzeichnen und wiedergeben konnte. Er war der erste Mensch, der über den fremden Klang seiner eigenen Stimme verblüfft war, als er das Wort „Hello“ aufnahm. Die Aufnahmequalität war rau und die Technik reichte gerade, um auf

Jahrmärkten für Aufregung zu sorgen. Zur industriellen Verwertung eignete sie sich aber nicht. Der Grund dafür lag nicht in der Qualität (die man verbessern hätte können), sondern der Quantität: Jede Walze musste einzeln bespielt werden, es gab keine Möglichkeit, einen Prototypen zu vervielfältigen. Zehn Jahre später löste ein junger Mann namens Emil Berliner dieses Problem. Berliner stammte aus dem deutschen Hannover, war aber schon als 19-Jähriger nach Amerika ausgewandert. Sein erstes Geld verdiente er damit, dass er ein Mikrofon für Fernsprecher entwickelte und das Patent an Graham Bell verkaufte, der gerade daran arbeitete, sein Telefon tauglich für die Massenproduktion zu machen. Massenproduktion war auch Berliners Absicht, als er das Grammophon entwickelte. Wie Edison zeichnete er Schallwellen als Vertiefungen auf einem Medium auf, aber anstatt einer Walze verwendete Berliner eine Scheibe. Von dieser Scheibe ließ sich durch Abdruck ein Negativ herstellen – und davon wieder ein Positiv. Oder

mehrere Positive. Viele Positive. Theoretisch unbegrenzte Mengen identischer Kopien. Die Schallplattenindustrie war geboren. 1892 gründete Berliner die United States Grammophone Company in Washington D.C. Der erste Bestseller des Labels war eine Aufnahme des Vaterunsers, gesprochen von einem Straßenhändler. Angeblich setzte Berliner darauf, dass die Menschen bei einem Gebet mitsprechen und so der kommerzielle Erfolg nicht an der lausigen Tonqualität mit den vielen Aussetzern scheitern würde. Natürlich war das kein zukunftsträchtiges Konzept und so forschte Berliner weiter. 1895 stieß er schließlich auf das Material Schellack, eine harzige Substanz, die deutliche bessere Abbildungsqualität bot. Emil Berliner hat für die Musik das getan, was Gutenberg vierhundert Jahre zuvor für die Literatur geleistet hatte. Das Grammophon war die Gutenberg’sche Revolution für die Ohren, „the printing press of sound“. Zu Gutenbergs Zeit waren die meisten

Menschen noch Analphabeten. Wäre das Grammophon damals schon erfunden worden, es wäre wohl dem Buchdruck als Massenmedium überlegen gewesen. Wir könnten heute auch eine ganz andere mediale und kulturelle Tradition haben, mit berühmten Erzählern statt Schriftstellern ... Zunächst hat die Musikindustrie vor allem in Europa ein Problem: die Vielfalt an Sprachen und musikalischen Traditionen. Englische Musik verkauft sich nicht in Österreich-Ungarn, preußische Musik nicht in Frankreich und so weiter. Also wird für jeden Markt ein eigenes Repertoire aufgenommen und in kleinen Auflagen produziert. Das ist natürlich teuer. Berliner gründet selbst drei Plattenlabels: Die United States Gramophone Company (Washington D.C., 1892), The Gramophone Company (London, 1897) und die Deutsche Grammophon (1898, Hannover). In den USA verliert er nach einigen Prozessen das Patent, das ihm eine Monopolstellung am amerikanischen Markt gewähren sollte. Um für die neue Situation gewappnet

zu sein, wird sein Unternehmen schon 1901 mit einem der neuen Mitbewerber zur Victor Talking Machine Corporation verschmolzen. Es ist der erste Merger der Musikindustrie. Es dauert nicht lange, bis die Plattenindustrie erstmals ihr Potenzial, Musik zum weltweiten Massenprodukt zu machen, unter Beweis stellt. Enrico Caruso, ein junger Tenor der Mailänder Scala, begeistert 1902 Berliners europäischen „Talent-Scout“. Als dieser ihm einen Plattenvertrag anbietet, verlangt Caruso ein stattliches Honorar. Der Agent telegrafiert an die Zentrale, doch die lehnt Carusos Forderung mit dem Hinweis ab, dass man mit einem echten Tenor nicht mehr Grammophone verkaufen würde als mit einem italienischen Viehhirten oder Fischer als Interpreten. Die Musikindustrie ist noch kein Jahrzehnt alt, aber schon so zynisch wie heute. Letztlich bezahlt der Agent seinen Star aus eigener Tasche – eine goldrichtige Entscheidung.

Caruso wird der erste Plattenstar, mehr noch: der erste Weltstar. Seine Aufnahme der Arie Vesti la Gliubba aus Leoncavallos Oper Pagliacci ist der erste Tonträger, der sich über eine Million Mal verkauft. Emil Berliners Brüder, die in Hannover das Presswerk (angeblich in einem ehemaligen Kuhstall) betreiben, kommen plötzlich mit der Massenproduktion kaum noch nach. Alle wollen Caruso hören. Als dieser – aufgrund seiner Plattenaufnahmen – von der New Yorker Metropolitan Opera engagiert wird, zieht auch in den USA der Markt an. Für die Plattenindustrie ebenso wie für Caruso folgt ein zwanzig Jahre dauernder steiler Aufstieg. Bald gibt es dutzende Schellack-Produzenten, dann hunderte. Doch im Rücken der jungen, erfolgsverwöhnten Musikindustrie schleicht sich schon die nächste technische Revolution an, die sie in ihre erste ernste Krise stürzen wird: der Rundfunk. #

Leipzig, nach einem Konzert in der naTo. Carlos, Eugene und ich verluden die Instrumente im Bus. Die anderen feierten schon. Anna flirtete mit zwei Jungs und ich fragte mich, welchen sie heute abschleppen würde. Vielleicht beide. Verdammt, ich war eifersüchtig. „Das ist ein altes Kulturzentrum“, erklärte Carlos. „Hat eine bewegte Geschichte ... Die Straße hieß früher mal Adolf-Hitler-Straße. Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg ausgebombt. Dann hat die SED hier ein Häuschen für ihre Nationale Front hingebaut.“ „Die Linken hatten eine Nationale Front?“, fragte ich. Eugene. „Das waren keine Linken. Genauso wenig, wie die DDR demokratisch war.“ „Okay“, sagte ich. Mir doch egal. Ich erneuerte eine Saite meiner Gitarre. „Die Stasi hatte hier noch ein Büro, als das Kulturzentrum sich schon entwickelte“, fuhr Dmitri fort. „Woher weißt du das?“

„Ich hab damals hier gespielt und mit den Stasi-Leuten gesoffen“, sagte er und mir wurde plötzlich wieder bewusst, wie alt er eigentlich war. „Carlos, wir werden alt“, sagte Eugene. „Aber wir entwickeln uns“, sagte Carlos. „Vorhin hat mich ein junges Mädchen auf unsere Aktion in Mailand angesprochen. Schön langsam eilt uns ein Ruf voraus.“ „Na toll. Dann sind wir ja berühmt. Von hier weg es ja nur noch ein kurzer Weg nach ganz oben.“ „Schon möglich“, sagte ich. „Frag nach bei Rammstein. Die hatten hier ihren allerersten Auftritt.“ # Die 1920er-Jahre. Es ist eine Welt im Umbruch. Während der Erste Weltkrieg die alte politische Ordnung erschüttert, erobern Schellacks, Stummfilm, Telefon und Funk die Medienwelt. Es ist die erste multimediale Revolution.

Später nennt der Medientheoretiker Marshall McLuhan diesen Umbruch das Ende der „Gutenberg-Galaxis“, die in etwa von 1500 bis 1900 existiert hatte. Nun befinden wir uns, McLuhan zufolge, in der Marconi-Galaxis. Guglielmo Marconi ist ein italienischer Elektroingenieur. Während Emil Berliner sein Grammophon konstruiert, befasst sich Marconi mit der drahtlosen Telegraphie. Erste Experimente führt er auf dem Landgut seines Vaters durch, ab 1897 betreibt er ein Labor auf der Isle of Wight vor der britischen Küste. 1899 gelingt ihm eine Funkverbindung über den Ärmelkanal, 1901 sogar über den Atlantik nach Cape Cod. Die Kriegsmarine übernimmt daraufhin sein System. Auch in den nächsten beiden Jahrzehnten, während Enrico Caruso die Wohnzimmer erobert, interessieren sich vor allem Militärs und die Schifffahrt für die drahtlose Übertragung. Beide benötigen Systeme, mit denen man senden und empfangen kann. Marconis Unternehmen baut für diese Zielgruppe das größte

Funknetz rund um den Nordatlantik und betreibt beinharte Monopolpolitik: Wer ein Funkgerät von einem anderen Hersteller an Bord hat, erhält keinen Zugang zum Netz. Der wohl berühmteste Funkspruch, der je über dieses System ging, war der Notruf der Titanic. Der Luxusliner hatte einen eigenen „MarconiRoom“, wo man „Marconigrams“ empfangen oder abschicken konnte. Dieses transatlantische Service existierte seit 1907. Die Idee, daraus ein Empfangssystem für die Masse zu schaffen, entwickelt sich nur langsam, denn zunächst weiß niemand, wie man damit Geld verdienen soll. Im Sommer 1920 beginnt Marconis Firma, von der Isle of Wright aus Nachrichten zu senden, im Herbst erhält die erste amerikanische Radiostation eine Lizenz. Das Geschäftsmodell erinnert an das von Emile Berliner: Das Programm soll nur dazu dienen, mit dem Verkauf von Radiogeräten Geld zu verdienen. Das geht nicht lange gut und man entwickelt zwei andere, unterschiedliche Modelle: In den USA erfindet man den Werbespot als

Einnahmequelle. Und in Großbritannien gründet John Reith 1922 die BBC, einen durch Gebühren finanzierten Sender, der von Regierung und Werbekunden unabhängig sein soll. Eine bis heute visionäre Idee für ein neues Medium, für die Reith später in den Adelsstand erhoben wird. Die boomende Musikindustrie ist erschrocken und fragt sich: Wer wird noch Schellacks kaufen, wenn es Musik plötzlich überall und kostenlos gibt? Die Antwort lautet: fast niemand. Die Umsätze brechen ein und das Desaster übertrifft die schlimmsten Erwartungen. Der amerikanische Markt, mit Abstand der größte der Welt, schmilzt in nur zwölf Jahren auf beinahe ein Zwanzigstel zusammen. Die Branche ist de facto tot. Doch während die Plattenfirmen zusammenbrechen, wachsen die Radionetzwerke zu großen Konzernen heran, allen voran RCA und CBS. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg übernehmen AT&T und General Electric die Infrastruktur von American Marconi und

gründen die Radio Corporation of America (RCA). 1926 kauft man zwei kleine kommerzielle Rundfunkstationen und beginnt mit dem Aufbau eines landesweiten Netzwerkes von Sendestationen. Diese werden unter dem Dach der National Broadcasting Corporation (NBC) zusammengefasst. Kurz darauf, im Januar 1927, nimmt eine neue Sendestation in New York den Betrieb auf. Im April steigt Columbia Records in das Unternehmen ein und nennt es Columbia Phonographic Broadcasting System. Doch schon im September zeigt sich, dass die Erlöse aus Werbeeinnahmen unter den Erwartungen bleiben. Man verkauft die Radiostation an einen Zigarrenfabrikanten, der sie zur Werbung für seine Produkte einsetzen will. Sein Sohn William S. Paley erkennt das Potenzial des Mediums. Er kürzt den Namen der Firma auf Columbia Broadcasting System (CBS), verdoppelt binnen kurzer Zeit die Zigarrenumsätze seines Vaters und bekommt freie Hand für den Aufbau eines Medienimperiums. Zehn Jahre später wird sein Netzwerk schon 114

Stationen umfassen und die Nummer 2 hinter RCA/NBC sein. Beide Konzerne verdienen viel Geld mit Werbung, aber sie brauchen Musik, um ihre Hörer vor den Rundfunkgeräten zu halten. Der Zusammenbruch der Schallplattenindustrie kann ihnen ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr gleichgültig sein. Also kaufen die Radionetzwerke die Überreste der Plattenindustrie auf, um sich ihr Repertoire zu sichern. 1929 verleibt sich RCA die Victor Talking Machine Corporation ein, das Unternehmen heißt ab nun RCA Victor. CBS kauft einige Jahre später Columbia Records, die ehemalige Mutterfirma. Es gelingt den Radionetzwerken, die Plattenbranche zu stabilisieren und mit massiven Preissenkungen auch wieder die Absatzzahlen zu steigern. Sie entdecken die Bedeutung von Synergien im Mediengeschäft: Jedes Unternehmen kann wie aus dem Nichts seine eigenen Stars erschaffen, wenn es sie nur oft genug im Radio spielt.

# Inzwischen erzielte eine Suche nach uns bei Google mehrere tausend Treffer, die meisten in Englisch und Italienisch, aber auch deutsche, französische, spanische, griechische, tschechische, russische, japanische, holländische und schwedische Einträge fanden sich. Mehrere US-Zeitungen und Websites hatten über uns berichtet. Die Times of India hatte über uns geschrieben, und die Bangkok Post. # Am nächsten Tag, wir waren gerade mit dem Bus unterwegs nach Chemnitz, läutete mein Handy schon am Vormittag. Dran war ein gewisser Felix. Redakteur MTV Deutschland. Man hätte gerade Redaktionssitzung gehabt und beschlossen, uns für morgen live ins Studio zu einer Talkshow einzuladen.

Einfach so. „Klar machen wir das“, sagte ich. Wusste er von der Aktion in Mailand? „Wir dachten uns, wir sind lieber proaktiv“, sagte Felix. „Bevor ihr in Berlin so eine Show abzieht wie bei den Kollegen in Italien. Ihr habt ja morgen ohnehin euren Konzerttermin in Berlin, nicht wahr?“ „Äh, ja“, stammelte ich. Dann notierte ich seinen Namen, Telefonnummer, Adresse und fragte noch: „Wann sollen wir bei euch sein?“ „Vierzig Minuten vor der Sendung, das reicht für ein kurzes Vorgespräch und die Maske.“ „Okay.“ „Okay. Bis die Tage“, sagte Felix. „Tschüss“, sagte ich und freute mich schon darauf, es Anna zu erzählen. #

Noch so eine Stroboskop-Szene: Ich gehe mit Eugene durch Chemnitz und er sagt: „Die Massenmedien sind das Kokain des Volkes: Sie pushen es auf, geben ihm das Gefühl – die Sensation –, immer am Puls der Zeit und an allem nah dran zu sein, alles wirkt viel, viel intensiver, man fühlt sich zum Bersten voll mit Energie – aber die ganze Aufgeregtheit ist nur Selbstzweck. Lässt der Rausch nach, kommt die Müdigkeit und die Apathie.“ # Der Auftritt sollte etwas weniger als sechs Minuten dauern, mehr Zeit waren wir MTV nicht wert – und in dieser Zeit sollte auch noch ein Video abgespielt werden. Netto blieben uns also ganze zweieinhalb Minuten. Das war eine ganze Menge, aber Eugene war enttäuscht. Er hätte Anna gern eine halbstündige Fernsehpredigt halten lassen.

„Das ist MTV“, sagte ich. „Die sind nicht so erfolgreich, weil sie halbstündige Predigten zulassen. Zweieinhalb Minuten sind eine kleine Ewigkeit auf MTV.“ „Und das noch zerlegt in drei Happen ...“, raunzte er. „Na zum Glück. Alles, was länger als eine halbe Minute dauert, übersteigt die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums. Nach den ersten dreißig Sekunden hört dir keiner mehr zu“, sagte ich. „Außer man macht es wie die Sex Pistols bei ihrem ersten Fernsehauftritt“, sagte Eugene. Ich grinste. „Kennst du die Geschichte?“, fragte er. „Bin ich Musikjournalist oder nicht?“ Also steckten Eugene und ich die ganze Nacht die Köpfe zusammen. Zuerst entwickelten wir einen Katalog der möglichen Fragen, dann die Antworten, die Anna darauf geben sollte. Wir feilten und schliffen bis zum Morgengrauen, dann weckten wir Anna und probten mit ihr, bis es Zeit war, nach Berlin zu fahren. Im Bus

ließen wir sie alleine. Sie sollte entspannt und ruhig wirken. Wir waren eine halbe Stunde zu früh in den MTVStudios. Eine Sekretärin brachte uns in einen Warteraum mit bunten Sofas, ein paar Minuten später kam Joe. Er sagte: „Wir haben eine Überraschung vorbereitet.“ Ich dachte: „Wir auch ...“ # Tim Renner, „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“: Am Pop fasziniert mich, dass diese Kultur am souveränsten mit der Beziehung zum Kapital umgeht. Klar, die Geschichte der Kunst ist immer auch eine Geschichte von finanziellen Abhängigkeiten. Aber Pop heißt, darüber nicht zu jammern. Die Kunst der Popkultur besteht darin, das Kapital nicht verschämt zu verneinen, keine unbefleckte Empfängnis des Werks vorzugaukeln, sondern sich des Kapitals zu bedienen,

mit ihm zu spielen, es sogar ab und an zu verhöhnen. Da Geld keine Seele hat, ist ihm das übrigens völlig egal. # Elvis hat bei seinem ersten Fernsehauftritt mit den Hüften gewackelt, die Sex Pistols haben sich betrunken durchs Studio gepöbelt. Beides war ein Erfolg. Provokation ist wichtig in diesem Geschäft. Darum haben sich ja auch die Beatles mit Jesus verglichen, The Who ihre Instrumente zertrümmert und dutzende anderer „Rockstars“ irgendwelche unschuldigen Hotelzimmereinrichtungen zerlegt. Meist nicht, ohne das zuvor mit dem Hotelmanagement abzuklären. Wir wollten auch einen Skandal, „aber das ist ja heutzutage nicht so einfach“ seufzte Eugene. #

Ein alter Freund von mir hat einen Reisebericht über Berlin mal so begonnen: „Man kann sie noch erkennen, die Zeiten, als Berlin eine Hochburg der Sub- und Protestkultur war, man sieht die besprühten Hauswände und die ehemaligen Autonomen mit ihrer schwarzen Kapuzen, Lederstiefeln und 80er-Jahre-Punkfrisuren. Aber sie sind still geworden - und die Sprühdosen schweigen, weil sich keiner mehr eine leisten kann. Das soll natürlich kein Vorwurf sein. Es gibt ja nichts mehr, gegen das man noch protestieren müsste. Nicht nur nicht in Berlin, sondern nirgends in der gesamten westeuropäischen Welt. Abgesehen von Mord, Raub, Diebstahl, Kindesmissbrauch etc. ist dem Individuum heute praktisch jede Freiheit erlaubt. Man kann sich wie ein Kasperl anziehen und wie ein Idiot aufführen, alles kein Problem. Wenn einer einen Joint raucht, regt sich kaum jemand auf. Wer mit langen Zotteln und einem Kilo Metall im Gesicht herumläuft, wer vom Scheitel bis in die Arschspalte tätowiert ist, wer sich den Penis abschneiden und Silikontitten implantieren lässt, wer im Swingerclub dem Rudelfick mit Wildfremden frönt, wer bis an die

Grenzen des Erträglichen raucht und säuft und pöbelt, der soll das ruhig tun. Kein Grund, sich aufzuregen: alles gilt, solange die Betreffenden brav ihre Steuern zahlen. Spucken wir also in die Hände und packen wir wieder kräftig zu, damit die Handvoll Ölbarone und Freimaurer, Großindustrielle, Billiardenschuldner und Waffenlieferanten der Welt weiterhin ohne Einschränkungen ihr Leben in Saus und Braus führen können, und suhlen wir uns weiterhin im pseudotoleranten Klima der Individualitätsgesellschaft. Wirklich etwas ändern würde nur noch eine Rebellion bzw. Revolution. In dieser Hinsicht ist leider alles gesagt.“ # Mein alter Freund und Eugene hatten natürlich nicht ganz recht. Unsere Gesellschaft zu provozieren mag tatsächlich schwer schein, sei es, weil sie so liberal ist, oder so teilnahmslos oder so abgehärtet, ich weiß es nicht. Aber es ist immer noch leicht, zu skandalisieren.

Denn: Die Medien müssen sich ja verkaufen, sie brauchen Auflage, Einschaltquote, Reichweite, und sie haben ihre Patentrezepte dafür. Verbrechen, Titten und Skandale. Und die Nazis. # Das rote Licht ging an und Anna war auf Sendung. Die tussige Moderatorin stellte sie als Sängerin einer Punkband vor, die gerade verklagt wurde. Den Konzern nannte sie nicht. „Und ihr verweigert euch total dem Kommerz?“, fragte sie. „Nun ...“ sagte Anna. „Ihr habt ja zum Beispiel bisher kein einziges Video gedreht!“ Wir hatten kein Geld für so was. Anna sagte: „Videos sind Werbemittel. Wir wollen nichts verkaufen, wir wollen uns nicht verkaufen. Was wichtig ist, ist unsere

Musik.“ Es war das erste Mal, dass ich sie Deutsch sprechen hörte. „Und die ist gut“, sagte die Tussi. „Und damit sich unsere Zuseher davon ein Bild machen können, haben wir selbst ein kleines Video zusammengeschnitten. Bitte sehr.“ Das war tatsächlich eine Überraschung. Der Regisseur legte einen Hebel um. Resistencia erklang, es war die Version, die auf der Homepage zum Download bereitstand. Gezeigt wurden Bilder von unserer Aktion vor dem MTV Studio in Mailand, dazwischengeschnitten immer wieder Bilder von irgendwelchen Demonstrationen, die mit uns nichts zu tun hatten. Aber es waren Transparente mit Antikonzernslogans im Bild. Das Video war ... anders. Billig produziert, aber wild, kreativ, authentisch. Trash as trash can. Es passte zu uns. „Das habe ich zusammengestellt“, sagte Joe. Das Interview ging weiter. Anna bekam zwanzig Sekunden, um vom Leben auf Tournee zu erzählen

(„Wir sitzen den ganzen Tag in Bus“) und die nächsten Konzerttermine aufzuzählen: Hamburg, Bochum, Essen, Köln, Dortmund, Düsseldorf. „Und jetzt wieder Musik, es gibt ja noch andere heiße Newcomer“, sagte die Moderatorin. Der Regisseur legte wieder einen Hebel um. Ich kannte die Band nicht, deren Video jetzt eingespielt wurde. Das wäre mir noch vor zwei, drei Monaten niemals passiert. War ich wirklich schon so lange bei den Soundinistas? War ich wirklich schon so lange raus aus dem Geschäft? „Das Video ist gut“, murmelte ich. Es war offensichtlich sehr aufwendig produziert. Und die Bikinimädchen waren vom Feinsten. „LaChapelle hat das gemacht“, sagte Joe. Gut, dachte ich. Dann wird’s ja passen, was Anna gleich sagen wird. Der Regisseur legte den Hebel wieder um. Das rote Licht ging an. „Das meinte ich vorhin“, sagte Anna. „Das ist KonsumPropaganda. MTV sollte einen Leni-Riefenstahl-Preis

für Musikvideos vergeben. Der Regisseur wäre ein guter Tipp.“ Die Tussi lachte nervös auf. „Ach, wir haben ja die MTV Video Music Awards, dieses Jahr in ...“ „Na dann gebt diesem Preis eine neuen Namen. Das Eiserne MTV-Riefenstahl-Kreuz.“ „Na ja“, sagte die Tussi. „Das ist ein wenig geschmacklos.“ Ich lächelte. Sie hatte recht. „Und für diese Musikmanager könnt ihr gleich auch einen Preis machen. Den Goebbels-Orden am Laufenden Band oder so.“ „Ich glaube, wir spielen das nächste Video“, sagte die Tussi. „Darf man das hier nicht sagen?“, fragte Anna. Die Tussi zögerte. Im Regieraum sah Joe Eugene und mich mit Panik in den Augen an. Wir lächelten unschuldig. „Das war nur ein kleiner Test“, sagte Anna in die Kamera. „Ich wollte nur zeigen, was passiert, wenn du

Dinge sagst, die diesen Medienkonzernen nicht in den Kram passen. Sie kennen nur eine Reaktion: Zensur.“ Joe sprang auf. „Was zieht die denn da ab?“, fragte er. „Ruhig Blut, Junge!“, sagte der Regisseur der Sendung. „Das ist gut!“ „Aber wisst ihr“, sagte Anna, „die Frequenzen, über die diese Signale gehen, gehören nicht MTV. Sie gehören nicht dieser Tussi hier und nicht den Krawattenträgern in den Vorstandsbüros. Sie sind öffentliches Eigentum. Sie gehören uns allen. Es ist Zeit, dass wir sie zurückholen!“ Sie griff in die ausgebeulte Seitentasche ihrer BaggyPants und zog eine Spraydose hervor. Sie schüttelte zweimal und sprayte auf die Studiowand: Das gehört uns! „Hey, lass das!“, sagte die Tussi hilflos. „Sehr gut, Baby, das ist cool“, flüsterte der Regisseur. Anna drehte sich um und ging ganz langsam auf die Kamera zu. Sie sah wunderschön aus, und zugleich gefährlich. Sie ging mit ihrem Gesicht bis auf wenige

Zentimeter an das Objektiv heran und flüsterte: „Wir sind das Volk. Und wir entscheiden, wann das Licht ausgeht!“ Dann schob sie die Spraydose vor die Linse und drückte ab. # Wenn wir ehrlich sind: Annas Auftritt war bestenfalls mittelprächtig, kein echter Skandal. Aber das war nicht wichtig. Wichtig war, dass die Medien so taten, als wäre es ein Skandal. Natürlich taten sie das nicht für uns, sondern aus Selbstnutz. Auch schön. An diesem Nachmittag brach unsere Website immer wieder kurzfristig zusammen, weil zu viele Leute sie gleichzeitig aufriefen. Wir parkten außerhalb der Stadt und feierten die halbe Nacht. Alte Freunde von Eugene und Carlos kamen vorbei und brachten kistenweise Bier und Schnaps.

# Natürlich haben wir nicht ohne Hintergedanken provoziert. Dazu waren wir zu politisch korrekt, zumindest Eugene. Ich entdeckte bei meinen Recherchen etwas, mit dem ich ihn überzeugen konnte. Am Abend vor Annas MTV-Auftritt, als Eugene seufzte, dass das mit den Skandalen heute nicht so einfach sei, zeigte ich ihm mein Material. „Es geht um Bert Brecht“, sagte ich. In den Zwanzigern, als das Radio noch jung war, regte es die Fantasie der Intellektuellen an, der Künstler ebenso wie der politischen Aktivisten, und jemand wie Brecht war natürlich sofort Feuer und Flamme. Er sah in dem neuen Medium eine große demokratiepolitische Chance: Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er

es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen, und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen. „Das wovon Brecht hier geträumt hat, war ein Vorläufer des Internets“, sagte ich zu Eugene. „Jeder kann mit jedem kommunizieren, kann alles sagen, ohne Zensur, ohne Kontrolle. Brecht war aber nicht naiv. Er hat auch geschrieben ...“ Ich suchte den richtigen Ausdruck ... „Undurchführbar in dieser Gesellschaftsordnung, durchführbar in einer anderen, dienen die Vorschläge, welche doch nur eine natürliche Konsequenz der technischen Entwicklung bilden, der Propagierung und Form dieser anderen Ordnung. [...] Sollten Sie dies für utopisch halten, so bitte ich Sie, darüber nachzudenken, warum es utopisch ist.“ „Und warum ist es utopisch?“, fragte Eugene. „Weil die Technik, die es der Allgemeinheit erlauben würde, frei miteinander zu kommunizieren, eben nicht von der Allgemeinheit kontrolliert wird. Damals wie

heute. Das Radio wurde nie ein freies Medium, sieh dich um auf der Welt, überall ist es unter Kontrolle von Regierungen oder Konzernen. Und hin und wieder erlaubt man ein paar kleinen, freien Radios ihr Lokalprogramm zu machen. Ein bisschen Anarchie als Lüftungsventil.“ Eugene zündete sich eine Zigarette an. „Interessant. Mach weiter.“ „Brechts Vision des freien Radios wurde nie Wirklichkeit, am wenigsten hier in Deutschland. Du weißt, was die Deutschen stattdessen bekommen haben?“ „Was?“ „Den Volksempfänger. Ein kleines, billiges Radiogerät, von den Nazis in großen Massen an das ganze Volk verteilt, damit jeder, aber auch wirklich jeder, die Reden des Führers noch daheim in seinen eigenen vier Wänden hören konnte. Das ist daraus geworden. Und zur Sicherheit schrieben die Nazis in den Beipacktext zum Volksempfänger ...“ Ich suchte das nächste Blatt Papier

... „’Das Abhören ausländischer Sender ist ein Verbrechen gegen die nationale Sicherheit unseres Volkes. Es wird auf Befehl unseres Führers mit schweren Zuchthausstrafen geahndet.‘ Das wurde aus dem neuen Medium, an das die Intellektuellen so viele Hoffnungen geknüpft hatten. Die Deutschen bekamen Goebbels statt Brecht.“ „Interessantes Romanthema“, sagte Eugene. „Nicht nur das“, sagte ich. „Es ist auch wichtig für uns. Wenn ich mir überlege, wie viel ich in den letzten Wochen darüber gelesen habe, wie viel Freiheit uns das Internet, der Mobilfunk und all die anderen neuen Technologien bringen werden, dann wird mir plötzlich schlecht. Wer sagt denn, dass es so sein wird? Ist das ein Naturgesetz? Wer sagt, dass wir uns nicht den totalen Kontrollapparat heranzüchten? Das sollten wir auf MTV morgen thematisieren. Nicht die dämliche Klage. Vergiss Max. Hier geht’s um mehr.“ „Ist das nicht zu kompliziert?“, fragte Eugene.

„Natürlich. Im Fernsehen kann es für uns nur um eines gehen: Aufmerksamkeit zu provozieren. Erklären müssen wir das dann in deinem Blog. Ich werde Anna für den Auftritt briefen und du schreibst den theoretischen Unterbau dazu“, sagte ich. # Lawrence Lessig, „CODE und andere Gesetze des Cyberspace“: Die erste Generation der CyberspaceBewohner ist von dem unausrottbaren Gedanken beseelt, der Cyberspace lasse sich nicht regulieren. Es heißt, er sei „immun gegen staatliche Engriffe“ und besitze eine „angeborene“ Resistenz gegen jegliche Regulierung. Das sei die Natur, das Wesen, die Grundbeschaffenheit des Cyberspace. [...] Seinem Wesen nach sei der Cyberspace ein von Lenkung und Kontrolle freier Raum. Natur. Wesen. Angeboren. Grundbeschaffenheit. Solche Worte sollten in jedem Zusammenhang unser

Misstrauen wecken. Und ganz besonders in diesem. Denn wenn es einen Ort gibt, an dem die Natur keine Rolle spielt, dann ist das der Cyberspace. [...] Hier wird Sein mit Sollen verwechselt. Natürlich ist der Cyberspace so, wie er gerade ist. Aber wie er gerade ist, muss er nicht immer sein. Der Cyberspace muss nicht immer und überall eine bestimmte Beschaffenheit haben; es gibt keine Architektur, die das Wesen des Netzes definiert. Was wir „das Netz“ nennen, kann ganz verschiedene Architekturen haben, und diese Architekturen ermöglichen vielfältige Lebensweisen. [...] Ob das Netz unregulierbar ist, hängt von seiner Architektur ab. Bei manchen Architekturen lässt sich das Verhalten im Netz nur schwer kontrollieren, bei anderen dagegen leicht. Bei manchen lässt es sich nicht durch eine Regulierung von oben kontrollieren, bei anderen dagegen wohl. [Das Netz entwickelt sich] hinsichtlich seiner Architektur in eine ganz bestimmte Richtung, nämlich von einem unregulierbaren zu einem

hochgradig regulierbaren Raum. Die „Natur“ des Netzes mag einmal in seiner Unregulierbarkeit bestanden haben, aber diese „Natur“ ist dabei zu kippen. # Ich griff mir eine Flasche Rum, setzte mich etwas abseits und beobachtete das Fest. Mir war nicht nach reden. Meine Augen hingen an Anna. Meine Gedanken klammerten sich an ihre Hüften. Und ich war offensichtlich nicht der Einzige, dem nicht nach Feiern zumute war. Eugene hatte sich in den Stockbus zurückgezogen, um an seinem Weblog zu schreiben. Nach der ersten Flasche holte ich eine zweite und setzte mich auf den Fahrersitz des kleineren Busses. Ich drehte das Radio auf und schob eine Johnny-Cash-Kassette rein, dann schloss ich die Augen, machte es mir bequem und nuckelte hin und wieder an der Flasche.

Irgendwann, die Kassette lief schon zum x-ten Mal durch, merkte ich, dass ich nicht mehr alleine war. Mein Hemd war aufgeknöpft und jemand küsste meinen Oberkörper, meinen Bauch, spielte mit der Zungenspitze um meinen Nabel und knöpfte dann meine Jeans auf. Ich war zu müde und zu betrunken, um die Augen zu öffnen, den Kopf zu drehen oder gar etwas zu sagen, und nur mit Mühe fand ich mit der Flasche noch einmal zu meinem Mund. Meine Arme waren taub und mein Kopf war schwer und irgendwie fühlte es sich an, als würde ich durch den Raum schweben wie auf einer Luftmatratze im Swimmingpool, und ich schmatzte zufrieden und genoss es einfach, ein Rockstar zu sein. # Nach dem Zweiten Weltkrieg geht es mit den Massenmedien erst richtig los: Der Farbfilm ist massentauglich, der verbesserte Offset-Druck ermöglicht

ein pralles Angebot an billigen Magazinen, das Fernsehen löst das Radio als Leitmedium ab. Das bringt Machtverschiebungen mit sich: CBS kämpft mit NBC, beide kaufen sich in Hollywood ein, gleichzeitig drängen Buch- und Zeitungsverlage in die neuen Medien. Auch die Musikindustrie beginnt neu: Vinyl ersetzt Schellack; HiFi-Sound und 45-minütige Langspielplatten sind nicht weniger als eine Wiedergeburt der Musikindustrie. Es geht wieder aufwärts, und als 1950 die erste E-Gitarre (Fender Telecaster) in die Läden kommt, bricht das Zeitalter des Rock ’n’ Roll an. Das Zusammenspiel der Industriezweige macht aus Stars Megastars. Der Erste heißt Elvis. Elvis Presley ist seit 1953 bei einem unabhängigen, kleinen, aber exquisiten Label namens Sun Records in Memphis unter Vertrag (wie übrigens auch Johnny Cash, Jerry Lee Lewis, B.B. King, Roy Orbison, Howlin' Wolf, Carl Perkins und, und, und). Elvis’ Talent ist offensichtlich, aber seine Verkaufszahlen sind eher dezent.

Anfang 1956 wechselt er zum Großkonzern RCA. Sein erstes Album präsentiert er in einer landesweiten Fernseh-Show, die ihn über Nacht berühmt macht. Sofort wird ihm eine Rolle in einem Spielfilm besorgt, einem Western mit dem Arbeitstitel The Reno Brothers. Elvis singt ein Lied für den Soundtrack ein, das auch auf seinem zweiten Album und als Singleauskopplung erscheinen soll. Als sich abzeichnet, dass die Single ein Erfolg wird, benennt man den Film kurzerhand um: Love Me Tender. Bevor das Jahr vorbei ist, kennt die halbe Welt den jungen Mann aus Tennessee. Ab nun produziert er wie am Fließband, unterbrochen nur von seinem Armeedienst in Deutschland 1959. Im Jahrzehnt von 1960 bis 1969 nimmt er 25 Alben auf und dreht 27 Spielfilme, dazu kommen Fernseh-Specials und Konzerte und stapelweise Berichte über seine Beziehung zu Priscilla in einem neuen Zeitschriftentyp: der Illustrierten. Wie Zahnräder greifen die einzelnen Teile der Vermarktungsmaschinerie ineinander. Ende der Sechziger hat sich das Publikum etwas sattgesehen,

die Box-Office-Erlöse sinken, vier Jahre lang hat Elvis keinen Nummer-1-Hit. Er hört mit dem Filmen auf, sucht sich einen neuen Produzenten und schafft es 1970 zurück an die Spitze der Charts. In diesem Jahr wirft er sieben Alben auf den Markt, in den nächsten beiden Jahren je fünf und bis 1977 noch weitere 15 Alben. Alles wird wiederverwertet: Live-Mitschnitte, SingleKompilationen, das Beste aus seinen Soundtracks – und das alles noch vor seinem Tod. # Es war totenstill, aber ich erwachte, weil es im Wagen bereits kochend heiß war. Mein Körper war schweißnass, meine Haut stank nach dem Rauch von hunderttausend Zigaretten und im Mund hatte ich einen Geschmack, als wäre darin schon vor Tagen ein Iltis verreckt. Irgendwann in der Nacht musste ich mir das Genick gebrochen haben, denn ich schaffte es nicht, den Kopf zu bewegen.

Ich stöhnte. „Psst“, flüsterte sie. „Störe die Stille nicht ...“ Ich erschreckte und schloss die Augen wieder. Was jetzt? „Weißt du, was die wahre Melodie von 4‘33“ ist?“, fragte sie. „Wenn du einige Minuten nichts hörst, keinen Laut, absolut gar nichts, wenn also eine absolut perfekte Stille herrscht, dann bemerkst du plötzlich ein ganz leichtes, kaum wahrnehmbares Rauschen, das aus dem Nichts zu kommen scheint, das du dein ganzes Leben lang noch nie bewusst gehört hast und das dir trotzdem augenblicklich vertraut vorkommt. Das ist dein Blut, das durch die Adern in deinen Ohren fließt. Du kennst dieses Geräusch schon seit dem Mutterleib. Ich habe mal eine Kurzgeschichte gelesen, über einen Astronauten, der sein Raumschiff verließ, um es zu reparieren, und bei den Arbeiten hat er sich ein Loch in den Schutzanzug gerissen und die Luft trat aus. Er wollte seiner Frau noch über Funk sagen, dass er sie liebt, aber ohne Luft gibt es keinen Schall, und obwohl er das Mikrofon direkt vor den Lippen hatte und die

Kopfhörer am Ohr, konnte er sich nicht verabschieden und er konnte sie auch nicht hören, als sie ihm sagte, dass sie ihn liebt. Es war eine sehr traurige Geschichte. Als der Astronaut starb, war das Letzte, was er hörte, das Pochen seines Blutes im Ohr. Dazu braucht es ja keine Luft, weil der Klang von innen kommt, aus seinem eigenen Körper. Das Geräusch erinnerte ihn an seine Mutter und plötzlich war er glücklich: Der Kreis des Lebens hatte sich geschlossen. Als sein Leichnam geborgen wurde, fand man ihn in gekrümmter Haltung, zusammengerollt wie ein Embryo“, sagte Anna. Und dann sagte sie: „Guten Morgen, Sweetheart.“ # Das beste Zitat aus „Die Hard“: Als Bruce Willis am Boden liegt und Hans Gruber fragt: „Do you really think you have a chance against us, Mister Cowboy?“ „Yippie-ki-yay, motherfucker!“

delete

Neun Uhr morgens, unterwegs nach Kassel. Mein Handy läutete. Es war Max. „Hey Mann, coole Aktion gestern bei MTV Germany“, sagte er. „Besser noch als in Italien.“ „Man tut, was man kann“, sagte ich. „Und das scheint eine Menge zu sein.“ „Oh, danke.“ „Joe ist ein netter Kerl, oder?“ „Du kennst Joe?“ Er lachte. „Klar, das ist ein alter Freund von mir. Er bringt immer wieder mal eine Band von mir auf MTV Deutschland unter. Dafür sorge ich immer dafür, dass er eine gute Zeit hat, wenn er nach London kommt.“ „Du, ich muss Schluss machen, ich melde mich wieder“, sagte ich und legte auf. # Neun Uhr dreißig. Mein Handy läutete.

Ein junger Mann aus Prag war dran. In perfektem Englisch erklärte er mir, dass er unser Konzert in Prag besucht hatte und es Klasse fand, und dass er das Radiointerview gehört hatte und das auch Klasse fand, und dass er einen Merchandising-Versand in der Tschechischen Republik betreiben würde. „T-Shirts von Britney bis Biohazard“, sagte er. „Aufkleber, Aufnäher, Fahnen, alles mögliche. Und ich mache viel für lokale tschechische Bands. Da kümmere ich mich um die ganze Herstellung und das Design.“ „Und?“ „Ich möchte das für euch machen.“ „Was? T-Shirts?“ „Das ganze Programm.“ „Soundinistas-Merchandising?“, fragte ich und musste lachen. „Klar. Warum nicht?“ „Tja, warum eigentlich nicht. Ich rufe zurück.“ Wie Eugene wohl reagieren würde?

# Elvis’ Erfolg ist die Blaupause für die moderne Medienindustrie. Wenig später perfektionieren die Beatles die Vermarktungsmaschinerie aus Alben, Live-Auftritten, Filmen und perfekter, totaler Inszenierung. Als sie das erste Mal in die USA fliegen, erwarten sie am Flughafen bereits 200 Journalisten zur Pressekonferenz. Einer fragt: „Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?“, und Ringo Starr sagt: „Wir haben einen Presseagenten.“ Wenige Stunden später hört das ganze Land die Beatles im Radio, sieht sie im Fernsehen und liest über sie in der Zeitung. Da kennen die Pilzköpfe von Amerika noch nicht mehr als den JFK-Airport und ein Hotelzimmer. Zwei Tage später treten sie in der großen SamstagabendShow von Ed Sullivan auf CBS auf und spielen im Wohnzimmer von 74 Millionen Amerikanern. Elvis gratuliert ihnen zu ihrem Erfolg, sie absolvieren in der folgenden Woche Auftritte in einigen Städten im Osten, treffen kurz, aber medienwirksam Muhammad Ali, der

noch Cassius Clay heißt, treten am nächsten Samstag wieder bei Ed Sullivan auf und fliegen nach gerade mal zehn Tagen wieder nach England, wo sofort die Dreharbeiten zum Film Yeah Yeah Yeah losgehen. Während sie vor der Kamera stehen, zeigt der Marketing-Ausflug Wirkung: Die Beatles belegen die ersten fünf Plätze der amerikanischen Single-Charts. Das Konzept lässt sich wunderbar diversifizieren. Die Beatles sind nett, also gibt’s vielleicht eine Marktnische für Bad Boys. Die Wahl fällt auf die Rolling Stones. Man produziert eine Platte mit zwölf Songs, darunter zehn (!) Coverversionen. Mick Jagger und Keith Richards lernen in einem Club John Lennon und Paul McCartney kennen, saufen eine Nacht mit ihnen und überreden sie, ihnen einen Song zu überlassen: Wanna Be Your Man wird die zweite Single der Stones. #

NeunUhr fünfzig, Kaffeepause. Ich erzählte es ihm und den anderen. „Cool“, sagte Anna. Eugene lachte zunächst nur. „Merchandising ... Ich glaube, wir machen was richtig.“ „Du hast nichts dagegen?“ „Warum sollte ich?“ „Kommerz und so.“ „Ach was. Habe ich je etwas gegen das Geldverdienen gesagt?“ „Ein paar Fans werden darauf vielleicht skeptisch reagieren, ein paar Journalisten auch“, sagte ich. „Ich bin nicht gegen Merchandising, aber ich will alles durchdenken. Ich will nicht, dass wir Sympathien verspielen, nur weil wir ein paar Euros mit T-Shirts verdienen. Was ist der Unterschied zwischen uns und einem Major Label, wenn wir zu denselben MarketingMaßnahmen greifen?“ „Das tun wir ja nicht. Wir kritisieren an den großen Medienkonzernen nicht, dass sie Geld verdienen,

sondern ihre Machtkonzentration. Wir prangern die schleichende Unterwanderung der Demokratie an. Ich glaube nicht, dass die Machtkonzentration in unseren Händen schon bedrohliche Ausmaße annimmt, wenn wir nun T-Shirts und Aufkleber drucken, oder? Und wenn es so wäre, wäre es die Aufgabe anderer, uns zu bekämpfen. Ruf den Typen an, er soll uns ein paar Entwürfe schicken.“ # Zehn Uhr dreißig. Mein Handy läutete. Es war Harald, der Veranstalter des Konzertes in Kassel, wieder mal ein alter Freund von Eugene. Wir sollten dort in einem für unsere Verhältnisse gar nicht so kleinen Club namens Musiktheater auftreten. „Seid ihr schon unterwegs?“, fragte er. „Ja“, sagte ich, „wir sind sogar gleich da.“

„Gut. Sehr gut. Ich möchte die Location verlegen und wir werden einen etwas ausgiebigeren Soundcheck machen müssen.“ „Warum?“, fragte ich. „Weil seit gestern unser Telefon heißläuft“, sagte Harald. „Wir hätten ein paar hundert Karten verkaufen können, aber ins Musiktheater passen gar nicht so viele Leute. Also habe ich die Stadthalle gemietet. Da gehen zweitausend Leute rein.“ „Zweitausend?“ Mir fiel fast das Telefon aus der Hand. „Na ja, tausend in die große Halle. Das reicht auch. Und keine Sorge, es ist alles gecheckt. Ein Freund von einem lokalen Radiosender kommt vorbei, um euch heute Nachmittag noch zu interviewen, und ich habe ein Dutzend Jugendliche angeheuert, die vor allen Schulen und am Uni-Campus Flyer verteilen. Und außerdem: MTV wiederholt seit gestern Abend beinahe jede Stunde eure Aktion. Wir werden die Halle schon füllen.“ „Okay“, sagte ich, „kein Problem ...“ Aber so ganz glauben konnte ich es nicht.

# Zehn Uhr fünfundfünzig. Mein Handy läutete wieder. Haralds Freund vom Radio rief an, wollte ein Interview mit Anna. „Klar“, sagte ich. „Kommen Sie vorbei, wir sehen uns gerade die Bühnentechnik in der Stadthalle an.“ Der Journalist, ein rotwangiger Typ namens Jens, rückte eine Stunde später mit Übertragungstechnik an. „Wir machen das live“, sagte er. Anna, Eugene, Jens und ich zogen uns in die Garderobe zurück. Er telefonierte noch mal mit seinem Sender, testete die Technik. Dann kam das Go. Er hielt Anna das Mikrofon unter die Nase. „Wir melden uns hier live aus der Stadthalle Kassel, wo heute Abend ein außergewöhnliches Konzert stattfinden wird: Die Soundinistas werden auftreten, jene Band, die den internationalen Musikkonzernen den Krieg erklärt hat. Anna, die Sängerin, sitzt mir gegenüber.“

„Hallo“, sagte sie. „Sie wurden ja verklagt, weil Sie bei Ihren Konzerten Schweigeminuten abhalten, was angeblich die Rechte eines großen Konzerns verletzt. Werden Sie das heute wieder tun?“ „Selbstverständlich“, sagte Anna. „Wir haben keinen Grund, auf unsere Recht zu verzichten.“ Eugene wollte etwas sagen, aber ich gab ihm einen Schubs mit dem Ellbogen und beugte mich zu seinem Ohr. „Lass Anna reden, sie ist die Sängerin, sie war auf MTV.“ Er nickte und hielt den Mund, obwohl ihm das an einigen Stellen ganz offensichtlich sehr schwerfiel. Anna dagegen genoss es, im Mittelpunkt zu stehen. Als das Interview vorbei war, gingen Jens und Eugene als Erste hinaus ins Freie. Eugene war es wohl ein Bedürfnis, noch ein paar wichtige Details loszuwerden, und er redete intensiv auf den Journalisten ein. Anna lächelte mich an. „Danke.“ „Wofür?“

„Dass du Eugene gebremst hast.“ „Das ist mein Job als Pressesprecher“, sagte ich. „Trotzdem sollte ich mich erkenntlich zeigen“ flüsterte sie in mein Ohr – bevor sie begann, an meinem Nacken zu knabbern. # Nach außen tun die Beatles und die Rolling Stones so, als wären sie die Antipoden der Musikwelt, und die Musikjournalisten transportieren diese MarketingMasche brav in ihren Massenmedien. Tatsächlich unterscheiden sich die Bands eher wie Persil von Dixan, aber Millionen Konsumenten fallen auf die Werbung und die gesteuerten Medienberichte herein und machen die Zugehörigkeit zur richtigen Fangemeinde fast zur Glaubensfrage. Aber Fan kommt bekanntlich von fanatic, und Fanatiker sind immer leicht zu manipulieren.

Die industrielle Wertschöpfungskette sieht nun so aus: Die Band A vom Label B schreibt den Soundtrack zum Film C vom Studio D. Das Movie läuft in der Kinokette E, der Song geht auf Radio F in Heavy Rotation, Band und Hauptdarsteller geben Interviews in Magazin G und für Fernsehsender H. Und dahinter stehen immer dieselben Konzerne. Der Film macht uns Lust auf die Platte oder CD, der Musiksender macht uns Lust auf die Kinokarte, das Magazin empfiehlt uns das zweistündige Making-of-Special im Fernsehen. Und ein paar Monate später versuchen alle zusammen, uns einzureden, dass wir den Director’s Cut auf der VHS- bzw. inzwischen DVD-Edition unbedingt brauchen ... Die Konzerne sind gut geölte Maschinen zur Reproduktion von Ideen, sie sind Fertigungsstraßen für Moden und Trends, sie sind die Brutkästen, aus denen unsere kollektiven Jugenderinnerungen stammen. Das Resultat sind immer gleich klingende Musik, immer gleich gestrickte Filme und immer die gleichen

Gefälligkeitsinterviews mit denselben Promis in zum Verwechseln ähnlichen Magazinen. Was haben Adorno und Horkheimer gesagt, zu einer Zeit, als Elvis, John und Paul, Mick und Keith am Höhepunkt ihrer Karrieren waren? Alle Massenkultur unter dem Monopol ist identisch. # Zum Glück hielten wir uns nicht lange mit dem Vorspiel auf, denn kaum dreißig Minuten später bekamen wir schon Besuch. Sieben oder acht Jugendliche im Alternativ-Look, sozusagen Post-PostHippies, standen plötzlich vor dem Bus. „Anna, kommst du mal runter?“, rief Eugene. „Was gibt’s?“, fragte sie, ohne sich zu bewegen. Sie lag in meinem Arm, den Kopf auf meiner Schulter und die Augen geschlossen. „Autogrammwünsche!“, rief Eugene.

Mit einem Ruck setzte sie sich auf. Überrascht sah sie mich an, dann lächelte sie. „Geh schon“, sagte ich. „Du bist jetzt ein Star.“ Sie schlüpfte in ihre Jeans, streifte ihr T-Shirt über und stürmte die Stufen nach unten. Ich drehte mich noch einmal um, kuschelte mich in den Polster und atmete tief und zufrieden ein. Die Luft roch nach Annas Schweiß. # Jean Baptiste le Rond d’Alembert, aus dem Vorwort der „Encyclopédie“: Bei der lexikalischen Zusammenfassung alles dessen, was in die Bereiche der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks gehört, muss es darum gehen, deren gegenseitige Verflechtungen sichtbar zu machen und mithilfe dieser Querverbindungen die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien genauer zu erfassen. #

Gegen vierzehn Uhr stand ich mal kurz auf, ging runter in die Küche und machte mir zwei Schinken-KäseToasts. Ich hörte Anna draußen singen und schob den Vorhang beiseite. Sie saß in der Grünfläche neben dem Bus im Gras, umringt von zwanzig oder fünfundzwanzig Jugendlichen. Carlos spielte auf der Gitarre, Dmitri auf der Ziehharmonika. Ein Mädchen, das neben Anna saß, begleitete sie auf ihrer eigenen Gitarre und mehrere Kids besorgten die Percussion mit Taburins, Maracas, Bongos und Congas – offensichtlich alle aus unserem Bestand. Anna sah glücklich aus, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte, und vielleicht auch danach nie wieder. Ich beobachtete sie eine Weile, während ich meine beiden Toasts aß, dann ging ich wieder nach oben, um noch eine Runde zu schlafen. #

Denis Diderot, über die „Encyclopédie“: Dieses Werk wird sicher mit der Zeit eine Umwandlung der Geister mit sich bringen, und ich hoffe, dass die Tyrannen, die Unterdrücker, die Fanatiker und die Intoleranten dabei nicht gewinnen werden. # Kurz nach fünfzehn Uhr weckte mich lauter Krach, der irgendwie versuchte, nach Musik zu klingen. Ein vielstimmiges Rasseln, Scheppern und Trommeln, eine Trillerpfeife, die durch Mark und Bein ging, und immer wieder Rufe, die ich nicht verstand. Was zur Hölle war das? Ich seufzte. Es war ohnehin Zeit, aufzustehen. Ich sollte mal unsere E-Mails checken. Also zog ich mich also an und verließ den Bus, um in die Stadthalle hinüberzugehen. Die Gruppe von Jugendlichen vor unserem Bus war inzwischen auf mehrere Dutzend angeschwollen. Sie saßen nicht mehr

im Gras, sondern sie tanzten. Und sie musizierten. Unsere Trommeln, Rasseln und anderen Instrumente hatten natürlich längst nicht ausgereicht, um alle auszurüsten, also war man erfinderisch gewesen. Einige Jungs trommelten auf Eimern, zwei Mädchen verwendeten die Deckel unserer Kochtöpfe als Tschinellen, eine große Gruppe von fast zwanzig Leuten hatte Plastikflaschen mit Kieselsteinen gefüllt und rasselte im Rhythmus. Apropos Rhythmus: Den gab Eugene vor. Er stand in der Mitte des ganzen chaotischen Treibens auf einem Sessel, eine Trillerpfeife im Mund, einen Stock in der Hand, und dirigierte. „Samba!“, rief Anna, als sie mich sah, „Mach mit!“ Ich schüttelte den Kopf. „Bin gerade erst aufgestanden. Ich geh mal E-Mails checken.“ „Ach, bist du langweilig!“, rief sie, aber dann drehte sie mir auch schon den Rücken zu und tanzte wieder in die Menge hinein. #

Ich suchte Harald, um ihn zu bitten, mir einen Internetzugang zu organisieren, und fand ihn mit sorgenvoller Miene mit vier andern Männern beisammenstehen. Der kleinste der Typen gestikulierte aufgebracht. Als Harald mich sah, eilte er sofort auf mich zu. Noch bevor ich etwas sagen konnte, flüsterte er: „Polizei.“ „Was?“ „Sie haben Angst, dass ihr die Stadthalle beschädigt.“ „So ein Blödsinn“, sagte ich. „Dann komm mit und klär das auf“, sagte er, machte am Absatz kehrt und eilte zu der Gruppe zurück. Ich folgte ihm. Harald stellte mir die Leute vor. Zwei waren von der Verwaltung der Stadthalle, zwei von der Polizei. „Sie müssen verstehen, das ist ein historischer Bau ...“, sagte einer von den Stadthallen-Leuten. Es war der Kleine. Ich zuckte mit den Achseln. „Ist das nicht jeder Bau, wenn mal der letzte Ziegelstein gesetzt ist?“

„Ach was. Ich werde nicht dulden, dass Sie und Ihre Leute diese Hallen beschädigen. Wenn wir gewusst hätten, dass hier Punks herkommen ... Es war ein Fehler einer Mitarbeiterin, dass sie die Halle freigegeben hat. Das hätte nie passieren dürfen.“ „Dürfen Punks nicht in historischen Gebäuden feiern? Ist das nur etwas fürs Establishment, oder wie soll ich das verstehen?“ „Ach verstehen Sie doch, was Sie wollen“, fauchte der Mann. Sein Kopf lief dunkelrot an. „Jetzt mal in aller Ruhe“, sagte ein anderer Mann, einer der Polizisten. „Sie wissen, dass Ihre Gruppe sich schon einige Zeit am Rande der Legalität bewegt. Es gibt einige dokumentierte Sachbeschädigungen, bei denen Sie historische Gebäude besprayt haben.“ Ich runzelte die Stirn. „Meines Wissens haben wir immer auf die Straße oder den Bürgersteig vor einem solchen Gebäude gesprayt. Öffentlicher Raum.“ „Auch das ist Sachbeschädigung. Und Sie haben manchmal auch Tafeln und Schilder beschriftet. Und

Ihre Aktion bei MTV gestern hat Privateigentum beschädigt.“ „Hat uns MTV angezeigt?“, fragte ich. Der Polizist schüttelte den Kopf. „Meines Wissens nicht. Aber ich gehe davon aus, dass die ganze Aktion auch vorab besprochen war, nicht wahr?“ Er lächelte. Ich lächelte zurück. „Da täuschen Sie sich.“ „Aber wir werden euch klagen, wenn diesem Haus nur ein einziges Haar gekrümmt wird!“, schrie der kleine Choleriker. „Dieses Haus hat Haare?“, fragte der Polizist, sichtlich genervt von dem Kerl. „Es wird nichts passieren“, sagte ich. „Wir sind ja keine Vandalen.“ „Okay“, sagte der Polizist. „Ich werde meine Leute im Publikum verteilen und wir beide bleiben in engem Kontakt.“ „Das könnte kompliziert werden. Ich werde beim Konzert nämlich auf der Bühne stehen.“

„Und bringen Sie diese Horde da draußen zur Vernunft!“, schrie der Kleine. „Welche Horde?“ „Die im Park, die den Lärm hier verursacht.“ „Das ist Samba“, sagte ich. „Die Jugendlichen sollen ruhig weiter Musik machen“, sagte der Polizist. „Das beschäftigt sie und kostet eine Menge Energie. Beides ist gut.“ # Achtzehn Uhr dreißig. Die Gruppe im Park war auf fast zweihundert Leute angewachsen, die Samba-Band bestand schon aus rund fünfzig Mitgliedern, die auf so ziemlich allem trommelten, worauf man nur Lärm erzeugen konnte. Inzwischen hatten sie den Rhythmus wirklich drauf, Eugene hatte Koordination in den Lärm gebracht. „Cool“, sagte Anna, und ich nickte.

# Aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie: Mit Emergenz (von lat.: emergere, „auftauchen“, „hervorkommen“) bezeichnet man das Entstehen neuer Strukturen oder Eigenschaften aus dem Zusammenwirken der Elemente in einem komplexen System. Als emergent werden Eigenschaften eines „Ganzen“ bezeichnet, die sich aus den einzelnen „Teilen“ nicht direkt herleiten lassen und nur aus dem Zusammenwirken der Teile, d.h. aus ihrem Prozess heraus, erklärbar sind. # Das Konzert sollte ursprünglich um neun beginnen, aber Harald bat uns, erst später anzufangen. All jene Leute, die von der Verlegung nichts gehört hatten und an die ursprüngliche Location kamen, sollten die Gelegenheit erhalten, rechtzeitig in die Stadthalle zu kommen.

„Das sind nur ein paar hundert Meter Luftlinie, aber trotzdem: Beginnt nicht vor zehn“, sagte er. „Eure Aktion ist heute den ganzen Tag auf MTV wiederholt worden und euer Konzert war den ganzen Tag Gesprächsthema im lokalen Radio, es werden wirklich viele, viele Leute kommen.“ „Okay“, sagte Eugene. Um halb neun war die Bude bereits ziemlich voll. Eugene und ich rauchten vor der Tür zum BackstageBereich eine Zigarette und beobachteten die Menge. „Was schätzt du?“, fragte er. „Sechshundert?“ „Mindestens. Vielleicht sogar achthundert.“ „Wow. Um neun ist die Halle gerammelt voll. Es macht keinen Sinn, bis zehn Uhr zu warten.“ „Wir haben es zugesagt. Außerdem: Wer weiß, vielleicht übersteigen wir die Tausender-Marke.“ Kurz nach neun Uhr gesellte sich Dmitri zu uns. „Vielleicht bin ich ja paranoid, aber ich könnte

schwören, wir hatten noch nie so viel Polizei im Publikum.“ „Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind“, sagte ich und erzählte ihnen von meinem Gespräch am Nachmittag. „Die Menge wird unruhig“, sagte er. Ich: „Tja, jetzt bräuchten wir eine Vorgruppe.“ Carlos: „Was schätzt ihr, sind das schon mehr als tausend?“ Ich: „Schwer zu sagen. Aber sicher nicht viel weniger.“ Eugene: „Wir haben eine Vorgruppe ...“ Carlos und ich sahen uns fragend an. „Wen?“, fragte ich schließlich. „Die Sambanistas“, sagte Eugene. Im Park spielten immer noch ein paar Dutzend Jugendliche Samba und tanzten dazu. Sie schienen gar nicht aufhören zu wollen. Wir hatten schon darüber gescherzt, ob die überhaupt noch aufs Konzert kommen würden. Jetzt holten wir sie.

Anna ging mit einem langen Stab als Taktstock in der Hand vorne weg, aber es war Eugene, der mit seiner Trillerpfeife den Rhythmus kontrollierte. Wir zogen in Viererreihen in die große Halle ein, gingen bis in die Mitte und stellten uns dann im Kreis auf. Rund um uns bildete das Publikum sofort eine tanzende Masse, die uns zu verschlucken schien. Die ganze Halle bebte, es war heiß und feucht, die Luft roch nach Schweiß und guter Stimmung. Wir waren in Brasilien, wir hatten unseren Karneval. Ich weiß nicht mehr, wie lange das dauerte. Wir begannen das Konzert jedenfalls noch viel später als geplant, und ehrlich gesagt ist mir davon nichts mehr in Erinnerung. Aber diesen ersten Auftritt mit den Sambanistas werde ich wohl nie vergessen. #

Während die Megastars der 60er mit ihren FließbandPlatten die Regale füllen, wird die Musikindustrie schon von der nächsten neuen Technologie bedroht. 1963 präsentiert Philips die Compact Cassette, bald auch als Audio- bzw. MusiCasette (MC) bekannt. Tonbänder waren schon vor dem Zweiten Weltkrieg entwickelt worden, waren aber bislang teuer und unhandlich. Das neue Format ist robust, praktisch und relativ preiswert. Es wurde eigentlich für Diktiergeräte entwickelt, aber nach und nach entdecken Musikfreunde die Vorzüge des Systems – zunächst vor allem die Möglichkeit, ganze Alben aufzunehmen und mit Freunden zu tauschen. Das hätte die Industrie wohl noch weggesteckt, aber dann erscheinen die ersten kombinierten Radio/Kassetterekorder. Für die Musikbranche sind diese Geräte zweischneidige Schwerter: Um einen Song zum Hit zu machen, braucht man das Radio als MarketingTool – und liefert damit die Gratiskopie frei Haus. Mitte der 70er-Jahre hat die Audiokassette die

Kinderzimmer erobert und eine ganze Generation drückt den Record-Knopf, wenn ihr Lieblingshit läuft. Die enge Vernetzung zwischen Musikindustrie und Radiostationen führt dazu, dass Radiomoderatoren beginnen, jedes Mal in die ersten und letzten Takte eines Liedes hineinzusprechen, um ungestörte Aufnahmen unmöglich zu machen. Das hilft nur bedingt: Die Absätze bei den Singles, bis dahin treue Gewinnlieferanten mit hohen Margen, brechen ein, die nächste Krise ist da. Aber keine Krise ohne Profiteure: 1979 bringt Sony den ersten Walkman auf den Markt und schafft endgültig den Sprung von der Reiskocher-Fabrik zum LifestyleKonzern. Sony und Philips, also Konzerne, die Hardware und Datenträger herstellen, kaufen sich in der Folge mit viel Geld in die Medienindustrie ein und werden auch beim Inhalt zu Global Players. Sony übernimmt CBS Records; Philips startet zunächst eine Kooperation mit der Deutschen Grammophon namens Phonogram Records, übernimmt später das DG-Export-

Label Polydor und vereinigt seine Musik-Aktivitäten schließlich unter dem Namen Polygram. Als wenige Jahre später die internationale „Home Taping Is Killing Music“-Kampagne startet, durchschaut kaum jemand die Ironie, die darin liegt, dass gerade Hometaping den Leermedien-Produzenten jene Profite ermöglichte, mit denen sie die Machtkonzentration in der Musikbranche noch weiter verdichteten. # Theodor Adorno/Max Horkheimer, „Dialektik der Aufklärung“: Von Interessenten wird die Kulturindustrie gern technologisch erklärt. Die Teilnahme der Millionen an ihr erzwinge Reproduktionsverfahren, die es wiederum unabwendbar machten, dass an zahllosen Stellen gleiche Bedürfnisse mit Standardgütern geliefert werden. [...] Verschwiegen wird dabei, dass der Boden, auf dem die Technik Macht über die Gesellschaft gewinnt, die Macht der ökonomisch Stärksten über die

Gesellschaft ist. Technische Rationalität heute ist die Rationalität der Herrschaft selbst. Sie ist der Zwangscharakter der sich selbst entfremdeten Gesellschaft. Autos, Bomben und Film halten so lange das Ganze zusammen, bis ihr nivellierendes Element am Unrecht selbst, dem es diente, seine Kraft erweist. # Zwei Tage später, Hamburg. Ein Konzert im Logo. Wir bauten die Technik auf, ich verkabelte gerade die Mikros für das Schlagzeug. „Zweiundvierzig“, sagte Eugene. Ich hob den Kopf. „Zweiundvierzig was?“ „Neue Artikel auf Google News seit gestern.“ „Oh.“ „Alleine in der deutschen Version.“ „Doppel-Oh.“ „Achthundert neue Follower auf Twitter. Und auf Facebook sind keine weiteren Freundschaftsanfragen möglich, wir haben das Limit erreicht. Es tut sich was.“

„Scheint so“, sagte ich und drückte einen Klinkenstecker in die vorgesehene Öffnung. Abends war das Lokal bis zum Bersten gefüllt. Mehrere hundert Leute durften nicht mehr rein. Wir legten ein Kabel durch ein Fenster zu unserem Bus, stellten zwei Boxen aufs Dach und ließen die Menschen an der ersten halben Stunde des Konzerts teilhaben. Dann trennte die Polizei das Kabel mit einer Zange ab. # Bochum. Ein Dienstag. Nach dem Erfolg von Kassel hatte der Veranstalter auch hier im letzten Moment eine größere Halle gebucht, die Zeche. Wir kamen am frühen Nachmittag an und sahen uns die Location an. Carlos und Dmitri gingen in die Stadt zum Einkaufen, Eugene schnappte sich ein Buch und einen Klappstuhl und machte es sich in der Sonne bequem, Anna und ich verschwanden in meiner Koje.

Eine Stunde später schlummerten wir nackt und eng umschlungen. Plötzlich hörten wir Eugenes Trillerpfeife. Trommeln. Rasseln. Kommandos. Ich seufzte. Anna fragte: „Willst du einen Kaffee?“ „Klar.“ Sie stand auf, ich drehte mich zur Seite und zog den Polster über meinen Kopf. Es nützte nichts. Die Trillerpfeife nervte. Ich seufzte nochmals, knöpfte meine Jeans zu, stand auf und ging hinunter. Anna stand in Jeans und BH in der Küche und beobachtete durch das Fenster eine Gruppe von rund zwanzig Personen, die nach Eugenes Pfeife tanzten und trommelten. Carlos und Dmitri waren auch dabei, sie gingen durch die Reihen und gaben sozusagen Einzelunterricht, wenn jemand mit dem Rhythmus nicht zurechtkam. Der Kaffee begann zu tropfen.

„Gleich ist er fertig“, sagte Anna, ohne ihre Augen von der Sambagruppe zu nehmen. „Okay“, sagte ich und machte mir einen Toast. „Willst du auch einen?“, fragte ich. Anna schüttelte den Kopf. „Sie üben, in einer Formation zu gehen.“ „Was?“, fragte ich und sah auch aus dem Fenster. Sie hatte recht. Die Samba-Gruppe stand in einer rechteckigen Formation und alle zwei, drei Minuten ließ Eugene sie ein paar Meter nach vorne gehen oder eine Drehung im rechten Winkel machen. Er selbst ging immer vor der Formation her und gab die Kommandos mit Pfeife und unserm Besen, der als Taktstock fungierte. „Was zum Teufel das wohl werden soll?“, fragte Anna. # Im Laufe des Nachmittags kamen immer wieder neue Leute zur Samba-Gruppe dazu, die meisten davon brachten ihre eigenen Instrumente mit – oft nicht mehr

als ein Plastikeimer und eine Schöpfkelle. Carlos und Dmitri nahmen sich dieser Leute an, erklärten ihnen ihre Position, gliederten sie in die Formation ein und kümmerten sich gleich wieder um die nächsten. Jede halbe Stunde oder so gab es ein paar Minuten Pause, dann griffen alle zum Telefon und riefen ihre Freunde an und erzählten ihnen, wie toll dieser Nachmittag sei und dass sie unbedingt mitmachen müssten und gleich Instrumente mitbringen sollten, und wenig später war die Gruppe schon wieder ein wenig größer. Gegen sechs Uhr abends waren rund sechzig Sambanistas ganz gut in Form. Eugene kam kurz in den Bus, um sein verschwitztes TShirt zu wechseln. „Kommt ihr mit?“, fragte er. „Wohin?“ „Wir demonstrieren.“ „Aha“, sagte ich. „Wogegen?“ „Für etwas, nicht gegen etwas. Für freie Musik, freie Kultur und ...“ „Weltfrieden?“

Er lachte. „Genau. Woher wusstest du das?“ „War nur geraten.“ Wir marschierten also los und verursachten sofort ein Verkehrschaos. Es dauerte nicht lange, und mehrere Streifenwagen tauchten auf. Die Demonstration war nicht angemeldet, die Polizei wirkte ratlos. Ein Beamter kam auf mich zu. Er stellte sich vor, aber ich verstand seinen Namen nicht, nur das Wort Einsatzleitung. „Was haben Sie vor?“, fragte er. „Wenn ich das wüsste“, seufzte ich. Plötzlich stand Eugene neben uns. Carlos machte nun den Kapellmeister. „Das ist eine spontane politische Demonstration“, sagte Eugene. „Sie ist nicht angemeldet“, sagte der Einsatzleiter. „Sonst wäre sie ja wohl auch kaum spontan“, sagte Eugene mit einem Grinsen. „Was haben Sie vor?“ „Wir werden uns friedlich verhalten.“

Der Polizist zog einen Stadtplan hervor. „Zeigen Sie mir die Route.“ Eugene. „Wir sind freie Menschen. Wir gehen, wohin wir wollen, und fragen nicht um Erlaubnis.“ „Das ist offensichtlich. Aber Sie führen eine Hundertschaft Jugendlicher zur Stoßzeit quer über die Hauptverkehrsstraßen. Wollen Sie, dass ein Auto mitten in Ihre Gruppe rast?“ Eugene überlegte eine Sekunde, dann nahm er den Stadtplan. „Wir marschieren einmal um die Innenstadt und lösen die Demonstration in der Fußgängerzone auf. Hier, rund um den Ring.“ Der Polizist zeichnete die Route auf die Karte. „Ich werde heute Abend Ihr Konzert besuchen“, sagte er. „Ihr sollt ganz guten Rock machen und wenn das so ist, freue ich mich darauf. Aber wenn eines der Kinder hier zu Schaden kommt, dann nehme ich euch fest, bevor der erste Ton erklingt.“ Tatsächlich beschränkte sich die Polizei nun darauf, den Verkehr anzuhalten. Man machte uns freie Bahn, um

niemanden zu gefährden. Wir marschierten nach Norden, in Richtung Innenstadt, einmal um den Ring, dann in die Fußgängerzone. Dort spielten wir noch eine weitere Viertelstunde und lockten ein Publikum von vier- oder fünfhundert Leuten an, die mitten im Ruhrpott auf der Straße Samba tanzten und den Rhythmus mitklatschten. # Eugene und der Einsatzleiter tranken nach dem Konzert bis vier Uhr morgens etliche Biere. Wir würden eine Anzeige erhalten, sagte der Polizist, „aber verglichen mit der Klage von diesen Musikbranchenfuzzis, die ihr schon am Hals habt, ist das nichts.“ „Okay“, sagte Eugene. „Morgen in Essen ...“ „Was ist da?“ „Da machen wir so was wieder. Kannst du uns bei der Anmeldung der Demo helfen?“ „Nein, nicht mein Revier.“

„Du kennst doch sicher deine Kollegen drüben. Es soll ja niemand von den Kids zu Schaden kommen.“ Der Polizist nahm noch einen Schluck vom Bier. „Weißt du genau, was du tust?“ „Ich hoffe es“, sagte Eugene. „Ich hoffe es.“ „Gut, dann morgen in Essen. Ich kümmere mich darum.“ „Und übermorgen in Duisburg.“ „Gut, also auch Duisburg.“ „Und dann Dortmund. Düsseldorf. Bonn.“ # Ich las einen Kommentar in der Online-Ausgabe des Spiegel: „Die Medienindustrie ist ein brodelnder Tümpel voller Raubfische, in dem die Großen die Kleinen fressen, und die Schnellen die Langsamen. Immer schneller werden Unternehmen gegründet und liquidiert, gekauft und verkauft, abgespalten und zusammengelegt. Die mächtigsten Konzerne besitzen

mittlerweile hunderte Plattenlabels, Radiosender und TV-Stationen, Verlage für Zeitungen, Magazine und Bücher, Filmstudios, Kabelnetze, Webservices, Internet Provider, Anteile an Telekommunikationsunternehmen, Softwarefirmen und Hardwareherstellern, Vergnügungsparks und Sportteams. Sie sind in hundert Ländern und mehr aktiv und viele ihrer Tochterfirmen sind nur auf lokalen Märkten tätig. Die schiere Größe dieser Konzernimperien macht es praktisch unmöglich, sich einen tagesaktuellen Überblick über die Reiche der Medien-Oligarchen zu verschaffen. Konstant bleibt am Bazar der Beteiligungen nur eines: die Tendenz zur Konzentration.“ # Mittwoch in Essen. Rund hundert Fans kamen gegen Mittag zum SambaTraining. Gut die Hälfte davon war am Tag zuvor schon

in Bochum dabei gewesen, schließlich lagen die Städte gerade mal eine halbe Stunde voneinander entfernt. „Wir haben Fans“, stellte Carlos erstaunt fest. „Ich mache seit über dreißig Jahren Musik, aber ich hatte noch nie einen einzigen Fan.“ „Und jetzt hast du hundert“, sagte ich. „Ich war schon immer dein Fan“, sagte Dmitri und gab ihm einen Kuss. Am frühen Abend marschierten wir los. Wieder umrundeten wir den Stadtkern und lösten die Demo dann in einer Fußgängerzone auf. Wie sich Stadtpläne doch gleichen konnten. Kopien und Mutationen. „Wir sehen uns heute Abend beim Konzert – und morgen in Köln!“ rief Eugene mit einem Megaphon in die Menge. Jubel brandete auf. # Ein Kommentar auf faz.net: „Als Ende der Zwanziger das Radio aufkam und ‚gratis‘ Musik spielte, brach der

US-Shellack-Markt binnen weniger Jahre um 88 (!) Prozent ein. Ziemlich bald haben die Radioketten die Musikfirmen aufgekauft, um überhaupt spielbares Material zu haben. Und dann haben sie entdeckt, dass man viel Kohle machen kann, wenn man die eigenen Künstler massiv im Radio bewirbt. Das wird jetzt nicht anders laufen. Wenn die Contentindustrie zusammenbricht, wird sie von den großen Telekomunternehmen aufgekauft werden. Schließlich muss man uns ja was bieten für unsere Breitband-Flatrate. Musik und Film werden nicht sterben, nur die Konzernzentralen werden andere sein. Wen kümmert’s?“ Schrieben die von uns ab? # Köln. Donnerstag. Von der Uni in die Fußgängerzone, 150 Sambanistas, rund 200 weitere Demonstranten, lokale Presse. Transparente und Schilder. Kultur ist

Freiheit! Unsere Musik gehört uns! Brecht die Macht der Banken und Konzerne! Nieder mit dem Neoliberalismus! Jugendorganisationen der Grünen, Trotzkisten, der Freie-ArbeiterInnen-Union, anderen Linken. Eine große Gruppe Nerds. „Schau mal“, sagte Carlos und deutete auf eine Straßenlaterne. Ich sah nicht gleich, was er meinte. „Der Aufkleber“, sagte er, und da sah ich ihn: ein roter Aufkleber mit einem schwarzen Stern und darüber in weißen Buchstaben der Schriftzug „Das gehört mir!“ „Ist der von uns?“, fragte ich. „Nicht dass ich wüsste“, sagte Carlos. Am Abend, unmittelbar vor dem Konzert, bekamen wir Besuch von sechs Typen in Anzügen. Zwei in teuren Nadelstreifen, das waren Anwälte. Zwei in schwarzen Einreihern mit schwarzen Hemden und schwarzen Krawatten, dazu schwarze Ray-Ban-Brillen. Das waren Bodyguards. Zwei in schlecht sitzenden Sakkos, einer trug dazu Jeans, der andere Bundfaltenhosen. Das waren Polizisten.

Einer der Anwälte kam auf mich zu, hielt mir einen Brief unter die Nase. „Heiner Kordmanner. Anwalt. Ich arbeite für die Volvox Corporation. Sie haben keine feste Postadresse, also dachte ich, ich bringe das hier persönlich vorbei“, sagte er. „Was ist das?“ „Eine einstweilige Verfügung.“ „Aha.“ „Ja, bis die deutschen Gerichte unseren kleinen Urheberrechtsstreit entschieden haben, ist es Ihnen untersagt, diese incommunicado-Nummer aufzuführen. Keine Schweigeminute mehr.“ Ich sah ihn an, warf einen Blick zu den Polizisten, dann zu den Bodyguards. „Verstehen Sie das?“, fragte er. Ich kratzte mich am Kinn, langsam, nachdenklich. „Hallo?“, fragte er. „Jemand zu Hause?“ Ich nahm den Brief, öffnete das Kuvert, nahm den Inhalt heraus, kratzte mich noch einmal. Dann warf ich

einen Blick auf meine Armbanduhr, beobachtete den Sekundenzeiger, wartete. „Sind Sie dumm? Oder irgendwie verhaltensgestört?“, fragte er. Die Polizisten und die Bodyguards kamen näher. Schließlich sagte ich: „Ich habe jetzt eine Minute geschwiegen. Was wollen Sie dagegen machen? Wollen Sie mich zwingen, pausenlos durchzusprechen? Ist das Ihr Ernst?“ Die sechs tauschten ratlos Blicke aus. Der zweite Anwalt verzog den Mund und seufzte. Er hatte das wohl vorhergesehen. Ich zerriss die Verfügung und ging. # Andrei Sacharow, „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“: Die zweite Grundthese lautet, dass intellektuelle Freiheit essenziell für die menschliche Gesellschaft ist – die Freiheit,

Informationen zu erhalten und zu verbreiten, die Freiheit einer geistig offenen und furchtlosen Debatte sowie die Freiheit vom Druck von offizieller Seite oder durch Vorurteile. Diese Dreifaltigkeit der Gedankenfreiheit ist die einzige Garantie gegen eine Infektion der Menschen mit Massenmythen, die in den Händen von scheinheiligen Verrätern und Demagogen in einer blutigen Diktatur münden können. Gedankenfreiheit ist die einzige Garantie für die Machbarkeit eines wissenschaftlich-demokratischen Zugangs zu Politik, Wirtschaft und Kultur. # Noch so eine Stroboskop-Szene, von der ich nicht weiß, in welche Stadt sie gehört. Irgendwann tranken Eugene und ich mit einem jungen Inder ein Bier und er erzählte mir die Geschichte vom Basmati-Reis. Basmati wird in Indien seit mehr als 2.000 Jahren angebaut. Er ist eine Züchtung indischer Bauern. Die

Bauern tauschen traditionell ihr Saatgut untereinander und so ist über Jahrhunderte hinweg diese Sorte entstanden. Sie ist ein gemeinsames Werk von vielen tausend kleinen Bauern. Vor einigen Jahren hat eine Firma namens RiceTec ein paar Gene im Reis verändert und ihre neue Sorte in den USA zum Patent angemeldet. Und sie hat versucht, die Markenrechte für den Namen Basmati zu erhalten. Denn der Name war nicht geschützt. Markenrechte sind nichts, worüber sich indische Bauern Gedanken machen. „Wie kann man bitte eine Pflanze patentieren?“, fragte ich. „Und wie kann man eine Bezeichnung schützen, die es seit Jahrtausenden gibt?“ „RiceTec ist ein großer Konzern mit großen finanziellen Mitteln“, sagte der Inder. „Und wenn die nicht mehr ausreichen, auch diplomatischer Unterstützung: Das Unternehmen gehört dem Fürsten von Liechtenstein.“ Eugene sagte: „Der Feudalismus ist nicht tot, er bekommt nur ein anderes Gesicht. Parteien und Konzerne statt Kirchen und Adelige.“

„Es hat jahrelange Prozesse gegeben und letztlich haben die amerikanischen Gerichte noch einmal den indischen Bauern recht gegeben, und nicht dem europäischen Fürsten“, sagte der Mann. „Aber die westlichen AgrarKonzerne werden es wieder versuchen. Und wieder und wieder. Wir müssen etwas dagegen tun. Ihr müsst etwas dagegen tun.“ Bei dem letzten Satz sah er Eugene und mich an. „Aber was?“, fragte ich. „Ihr kommt in die Medien, ihr könnt den indischen Bauern eine Stimme geben. Und allen anderen“, sagte er. „Es ist wichtig, wenn ihr für eure Musik kämpft. Aber es reicht nicht aus. Der Starke darf nicht nur für sich kämpfen. Es gibt ähnliche Geschichten über Naturheilmittel aus dem Amazonasbecken und Afrika oder über ein Fungizid aus den Samen des NeemBaumes, das von indischen Farmern seit Ewigkeiten verwendet wird und von einer westlichen Firma am Europäischen Patentamt in München patentiert wurde. Dort werden tatsächlich Patente auf Tiere und Pflanzen

erteilt, mehrere tausend sind angemeldet, mehrere hundert schon erteilt.“ „Du kennst dich da gut aus“, sagte ich. „Ich bin Patentanwalt“, sagte er. „Ich verdiene damit mein Geld. Und ich fühle mich ein Verbrecher.“ # Wir hatten Schlagzeilen in allen großen Medien. Aber die größte Überraschung für mich war Eugenes Blog. Noch einen Monat zuvor hätte ich alles darauf gewettet, dass ein konfuser Mix aus Mediengeschichte, Einführung in die politische Philosophie und zusammenkopierten Zitaten aus Zeitschriften, Büchern und Song-Lyrics nicht mehr als fünf Leser findet. Nun hatten wir zwischen fünf- und zehntausend Zugriffe – pro Tag! Andere Websites verlinkten zu uns, andere Blogs zitierten Eugene. Seine Artikel wurden über Mailing-Listen verschickt und in Foren rezensiert

und kommentiert. Oft wurde er verrissen, noch öfter gelobt. Eugene war unser Star. Dabei fand ich, er wurde inzwischen viel zu kompliziert. Er ließ mich jeden Text lesen und redigieren, bevor er ihn online stellte. Als er sein Spezialgebiet, die Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts erreichte, begannen wir beinahe zu streiten. Er wollte über Thomas Hobbes schreiben, und John Locke und Thomas Jefferson und die Französische Revolution. „Das interessiert doch niemanden“, sagte ich. „Viel zu kompliziert, viel zu schwer, viel zu abstrakt. Leser wollen sich nicht plagen, nicht mal eine Sekunde. Hier geht’s um Popmusik.“ Er bestand darauf. Also schrieb er seinen Text und ich kürzte. Er jammerte und ich kürzte noch mehr. Und dann zerlegte ich das Dokument in kurze Abschnitte, um sie getrennt zu posten. „Kommt nicht in Frage“, protestierte Eugene.

„Eugene, so funktionieren moderne Medien“, sagte ich. „Pop-Songs werden immer kürzer, Kinofilme immer rasanter geschnitten. Die Konsumenten haben keine Geduld mehr. Sie zappen nicht mehr nur zwischen Fernsehkanälen. Sie springen von Online-Artikel zu Online-Artikel, ohne einen zu Ende zu lesen, sie konsumieren dutzende YouTube-Clips statt eines Films, wenn sie iPod hören, hüpfen sie jede Minute zum nächsten Song. One Minute Media, das ist die Zukunft, ob wir wollen oder nicht. Wenn ich tatsächlich mal ein Buch schreibe, irgendwann, werde ich es in tausend kurze Absätze brechen. Schau dir doch mal an, wie die Leute Bücher lesen: Sieben Minuten im Bus, drei Minuten in der U-Bahn, vier Minuten beim Mittagessen, zwei Minuten am Klo.“ Eugene grummelte, aber er vertraute mir letztlich. Ich kürzte und teilte seine Texte also, ich formulierte sie umgangssprachlich und im Präsens, wegen der Dynamik. Auch danach fand ich sie immer noch zu kompliziert, aber ich checkte jeden Tag die

Zugriffszahlen unserer Homepage und stets waren sie wieder gestiegen. Der Leser hat immer recht, hat mir mein erster Chefredakteur eingetrichtert. Eine Story muss verkaufen. Wenn sie nicht verkauft, ist sie schlecht, auch wenn du sie gut findest. Wenn sie verkauft, ist sie gut, auch wenn du sie schlecht findest. So einfach ist das. Eugenes Blog verkaufte. Definitiv. Sogar die anderen Medien sprangen auf seinen Zug auf. Ein Journalist der taz machte ein stundenlanges Interview mit ihm. Mit der Band sprach der Kollege nur ein paar Worte, eher aus Höflichkeit. „Was soll das?“, fragte Anna. Ich wusste keine Antwort. # Dortmund. Freitag. Wieder Besuch von zwei Polizisten, die uns ein Papier überbrachten. „Die Anmeldung ihrer Demonstration

wurde nicht genehmigt, sie ist illegal“, sagte einer. Eugene nahm den Brief wortlos entgegen, die Polizisten gingen wieder. Eugene warf den Brief ungeöffnet in den Müll. Wieder ein Ring um die Innenstadt, wieder eine Fußgängerzone mittendrin. Etwa 200 Sambanistas, rund doppelt so viele weitere Demonstranten. Fernseh-Teams, Radio-Interviews, ein großer Pulk von Fotografen, klick, klick, klick die ganze Zeit. Deutschland wusste, was wir taten, besser als wir selbst. Jugendliche, die „Das gehört mir“-Aufkleber überall anbrachten: an öffentlichen Einrichtungen, bei McDonalds und Karstadt, an der Kirche. Viele Designs, immer derselbe Schriftzug. „Wo habt ihr die Aufkleber her?“, fragte ich einen Jungen. „Das sind selbst bedruckte Klebeetiketten“, sagte er. Dann, verschmitzt: „Wir haben jetzt einen Verein gegen die Diktatur der Medienkonzerne gegründet und machen Werbung dafür: Elektronische Entropie e.V.“

# Eugene schrieb: Information ist Macht. Jedes Gesetz, das den Zugang zu Information regelt, regelt die Machtverhältnisse in einer Gesellschaft. Deshalb haben die Aufklärer des 18. und 19. Jahrhunderts die Urheberrechtsgesetze geändert. Sie haben die Rechte und damit die Kontrolle von den Verlegern und Kaufleuten an die Autoren und Künstler übertragen. Sie haben die Macht zu kommunizieren dezentralisiert und jedem Einzelnen in die Hand gegeben. Wenn sich heute die Großkonzerne diese Macht durch Knebelverträge und ihre Kontrolle über die Technik wieder holen, so stellen sie damit Weichen für die Zukunft. Sie übernehmen die Kontrolle der Informationsgesellschaft. Dennoch wäre es falsch, Urheberrechte einfach abzuschaffen. Auch wer das fordert, macht einen Schritt hinter die Errungenschaften der Aufklärung zurück. Wo es kein Gesetz gibt, gilt das Faustrecht. Homo homini lupus,

der Mensch ist des Menschen Wolf, schrieb Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert. Heute würde er vielleicht schreiben: Dog eat dog. Okay, Hobbes mag einem nicht als Erstes in den Sinn kommen, wenn man über Freiheit nachdenkt, immerhin ist er ein Verfechter des Absolutismus. Aber trotzdem beginnt alles irgendwie mit ihm. Hobbes trifft als junger Mann Galileo Galilei und ist schockiert über den Umgang der Inquisition mit dem großen Gelehrten. In ihm reift der Gedanke, für die politische Philosophie das zu tun, was die Astronomen zu dieser Zeit auf dem Gebiet der Wissenschaft erreichen: sie auf das Fundament der Vernunft zu stellen. Seit Menschengedenken haben Herrscher ihre Macht stets von den Göttern abgeleitet, aber Hobbes macht damit in seinem Buch Leviathan Schluss. Ihm zufolge lebten die Menschen früher in einem Naturzustand, in dem sie zwar völlig frei waren, aber auch keine Sicherheit hatten. Sie waren ständig in der Gefahr, von anderen Menschen überfallen, beraubt oder getötet zu werden.

Also geben die Menschen laut Hobbes ein Stück ihrer Freiheit auf, wenn ein Monarch ihnen Sicherheit bietet. Herrschaft ist gewissermaßen ein Geschäft. Gott kommt in diesem Vertrag nicht vor. Die Kirchen toben und auch die Monarchen sind wenig glücklich damit, von Gottes auserwählten Werkzeugen zu profanen Vertragspartnern zu werden. Dass Thomas Hobbes’ Phantasie nicht weiter reichte als bis zur absoluten Monarchie, ist aus heutiger Sicht ein schwerer Makel, tatsächlich war sein Buch aber ein Meilenstein in der politischen Geschichte. Die nächste Meile zum nächsten Stein geht ein paar Jahrzehnte später ein anderer britischer Philosoph: John Locke. Im Jahr 1690 entwickelt er in seinem Buch Two Treatises on Government die Theorie vom Gesellschaftvertrag weiter. Auch Locke sagt, Menschen sollen eine Regierung gewissermaßen dulden, weil sie ihnen Vorteile bringt. Im Gegensatz zu Hobbes räumt er der Bevölkerung aber ein weit reichendes Wider-

standsrecht ein. Eine Regierung, die ihre Aufgaben nicht erfüllt, kann abgesetzt werden, sagt er. Locke, der übrigens mit Isaac Newton in regelmäßigem Briefverkehr stand, streicht auch Folgendes hervor: Damit Menschen einige ihrer Rechte an eine Regierung abtreten können, brauchen sie zunächst eines: natürliche Rechte. Rechte, die ihnen eine Regierung weder gewähren kann noch gewaltsam nehmen darf. Dazu gehören für Locke die Rechte auf Freiheit, Gleichheit, Unverletzlichkeit der Person und – wichtig für den Gegenstand unserer Untersuchung – das Eigentumsrecht des Einzelnen an den Früchten seiner Arbeit. Zwanzig Jahre später wird in England das Statute of Anne erlassen: das erste moderne Copyright. In Lockes Sinn garantiert es den Autoren, nicht mehr den Verlegern, für 14 Jahre die Verfügungsrechte über die Früchte ihrer Arbeit. Lockes Buch findet viele aufmerksame Leser, neben Immanuel Kant ist Jahrzehnte später auch Thomas Jefferson darunter, der Autor der amerikanischen

Unabhängigkeitserklärung: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit. Dass zur Versicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingeführt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten; dass sobald eine Regierungsform diesen Endzwecken verderblich wird, es das Recht des Volkes ist, sie zu verändern oder abzuschaffen ...“ # Wir recherchierten natürlich die Sache mit den Pflanzen-Patenten und fanden noch etwas: TerminatorGene. Traditionelle Bauern legen immer einen Teil ihrer Ernte zur Seite, um ihn im nächsten Jahr wieder auszusäen. In Dürre-zeiten mussten sie immer abwägen: Hunger

versus Saatgut-Reserven. Eine globale Wirtschaft könnte dieses Problem beheben, denn nun lässt sich das Saatgut für die nächste Ernte kaufen – und dann wieder Jahr für Jahr weiterverwenden. Aber genau das ist natürlich nicht maximal profitabel. Dank Gentechnik haben es Saatgutkonzerne geschafft, sehr preiswertes Saatgut herzustellen, das genau einmal keimt. Die Früchte dieses Saatguts – Getreide zum Beispiel – sehen zwar aus wie normale Früchte und schmecken auch so, aber wenn man sie anpflanzt, passiert nichts. Wer einmal Saatgut mit Terminator-Genen kauft (kaufen muss), muss das im nächsten Jahr wieder tun. Und im nächsten Jahr wieder. Die Großkonzerne drängen mit Kampfpreisen in diesen Markt und erobern bei jeder Dürre und jeder Naturkatastrophe wieder eine der ärmsten Gegenden der Welt. „Kopierschutz für Pflanzen“, sagte Eugene und schrieb einen gleichnamigen Blogpost.

# Düsseldorf. Samstag. Von der Heinrich-Heine-Universität bis zur Fußgängerzone, dann ein Abschlusskonzert im Hofgarten, so lautete der Plan. „Qualität vor Quantität“, sagte Eugene und beschränkte die Zahl der Sambanistas auf hundert. Drei- oder viermal so viele Menschen mussten wir vertrösten. Nach der Demo zogen wir in den Hofgarten, einen großen Park, und gaben dort vom Dach des Busses aus ein Konzert. Der Park war vollkommen überlaufen und wir fürchteten ein wenig, dass niemand auf unser „richtiges“ Konzert am Abend ins Zakk kommen würde. Wir waren ja finanziell immer noch von den Eintritten abhängig und lebten praktisch von der Hand in den Mund. Aber die Sorge war unbegründet. Das Zakk, ein linksalternatives Kultur- und Veranstaltungszentrum, war ausverkauft. Wir spielten also unser zweites Konzert an

diesem Tag. Meine Finger taten weh und meine Stimmbänder waren schon heiser, aber es war fantastisch. Auch die anderen spielten wie in Trance. Das war es, wofür wir geboren waren. Es war nicht anstrengend. Es war wunderschön. Nach dem Konzert folgte die größte Überraschung. Ich drängte mich durchs Publikum an die Bar, ließ mir gratulieren und auf die Schulter klopfen, und plötzlich stand er vor mir. Lederjacke, zerrissene Jeans, unrasiert, die Ray Ban über der Stirn: Max. Er grinste mich an. „Was tust du hier?“, fragte ich. „Scouting“, sagte er. „Ich habe einen Tipp bekommen. Ein alter Freund hat gemeint, ich soll mir die Band mal ansehen. Könnte ja sein, dass sie in absehbarer Zeit einen Plattenvertrag bekommt. Willst du was trinken?“ „Und? Wie hast du uns gefunden?“ Er überlegte, schürzte die Lippen, rang sich ein kurzes Nicken ab. Dann war plötzlich Anna da. „Hi, ist das ein Freund von dir?“, fragte sie.

Max lächelte sein frechstes Lächeln und sah sie sich ganz genau von oben bis unten an. Dann streckte er ihr die Hand entgegen. „Ja, das ist ein alter Freund“, sagte ich, „Das ist …“ „Peter“, sagte Max. „Und du bist Anna.“ Sie nahm seine Hand und lächelte zurück. „Wolltet ihr gerade etwas trinken?“ Max drehte sich zur Bar und bestellte eine Flasche Tequila. „Eine Flasche?“, fragte ich. Verdammt noch mal, wollte er jetzt mit uns feiern? Carlos und Eugene tauchten auf. Max drückte ihnen Gläser in die Hand und schenkte ein. „Auf die Soundinistas!“, rief er. Wir stießen an, tranken ex, dann sagte ich: „Wir sollten rübergehen in den Park, nachsehen, was sich dort tut!“ Eugene nickte. „Gute Idee!“ „Ich bleibe hier“, sagte Anna. So war das nicht gedacht. Da kam Dmitri. „Wir müssen in den Park!“, sagte er.

„Das diskutieren wir gerade“, sagte Eugene. „Nicht diskutieren, tun. Es scheint Probleme mit der Polizei zu geben.“ „Was für Probleme?“, fragte ich. „Keine Ahnung, aber das sollten wir uns ansehen“, sagte Dmitri und machte sich auf den Weg zur Tür. Eugene drängte hinter ihm nach, wir anderen folgten. Auf der Straße vor dem Lokal herrschte aufgeregte Stimmung. Hundert oder zweihundert Menschen standen in kleinen Gruppen beisammen. „Alles voll Polizei“, hörte ich jemanden sagen, und jemand anderen: „Wir müssen sie befreien.“ „Los, zum Park“, rief Eugene und lief los. Ich zögerte. Max und Anna waren nicht bei uns, sie blieben wohl tatsächlich an der Bar. Ich lief hinter den anderen her. Eine Wolke blaues Licht wies uns den Weg. Als wir am Hofgarten ankamen, sahen wir, dass eine Gruppe von etwa hundert Leuten von der Polizei umstellt war. Beamte in Rüstungen bildeten mit Plexiglasschilden einen Kessel. Auf dem Dach eines

Polizeibusses standen drei Uniformierte. Einer filmte die Menge, einer leuchtete ihm mit einem starken Suchscheinwerfer, der dritte kniete vor ihnen und schützte sie mit zwei hoch gehaltenen Schilden. Die Leute im Kessel trugen Kapuzen und Mützen, viele hatten sich Tücher oder T-Shirts vors Gesicht gebunden. „Was ist hier los?“, fragte Eugene einen Polizisten, der die Seitengasse beobachtete, aus der wir kamen. „Das sehen Sie doch“, antwortete der Mann barsch. Eugene sah ihn verständnislos an. „Es gibt keinen Grund, unhöflich zu sein, oder?“ Der Polizist überlegte kurz. „Jemand aus der Menge hat einen Pflasterstein auf einen Kollegen geworfen und ihn ins Gesicht getroffen. Kieferbruch.“ „Und der Täter ist in dieser Gruppe?“ „Ja.“ „Was geschieht jetzt mit den Leuten?“ „Sie dürfen den Kessel verlassen, aber nur einzeln und wenn sie ihre Personalien angeben. Bis wir den Täter haben.“

„Was machen wir jetzt?“, fragte Carlos. „Darum kümmere ich mich“, sagte Eugene. „Und ihr geht zurück in die Bar.“ Ich dachte an Anna und Max. Ich wollte zurück. „Kommt, wir sollten uns um unser Publikum kümmern“, sagte ich. Dmitri und Carlos folgten nur zu bereitwillig. Wir kamen wahrscheinlich keine Minute zu spät wieder im Zakk an. Max und Anna verstanden sich prächtig und standen schon ziemlich nah beieinander. Ich schob mich dazwischen, legte ihr einen Arm um die nackte Hüfte und küsste sie. Sie lachte. „Gibt’s hier noch Tequila?“, rief ich. # Eugene kam an diesem Abend nicht mehr ins Zakk. Er brauchte bis vier Uhr morgens, bis er einen Kompromiss zwischen den Eingekesselten und der Polizei aushandeln konnte. Schließlich durften die Leute den Kessel in

Vierergruppen verlassen, sie wurden gefilzt, aber wenn keine Waffen oder stichhaltige Beweise für eine Straftat gefunden wurden, nahm die Polizei ihre Daten nicht auf. Der Steinewerfer wurde nicht gefunden. Viele behaupteten: Es gab nie einen Steinewerfer und auch keinen verletzten Beamten. # „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, sagte Victor Hugo einmal, zwischen zwei französischen Revolutionen. Die amerikanische Revolution inspiriert die europäischen Aufklärer, unter denen der Ruf nach der Tat immer lauter wird. Auch daran hat Thomas Jefferson wesentlichen Anteil: Nach der Unabhängigkeitserklärung wird er Benjamin Franklins Nachfolger als amerikanischer Botschafter in Paris und pflegt engen Kontakt mit den intellektuellen Zirkeln.

Dem Ancien Régime entgleiten seine absolutistischen Zügel. Das französische Zensursystem kann als Musterbeispiel dafür herhalten, wie das Bürgertum Schritt für Schritt zu Selbstbewusstsein und Macht findet. Mit der Errichtung der absolutistischen Monarchie wurde auch die Vergabe von Druckprivilegien zentralisiert und direkt dem König unterstellt, die zuständige Behörde hieß Direction de la Librairie. Jedes Manuskript muss nun vor seiner Drucklegung begutachtet und von der Direction genehmigt werden. Im Gegenzug erhalten die Verleger durch die Genehmigung Monopolrechte für die Vermarktung des Buches, das bewährte Spiel also. Auch die Anzahl der genehmigten Druckereien pro Stadt oder Landstrich wird von den Behörden streng reglementiert, ebenso wie die Anzahl der Druckpressen. Eine eigene Buchpolizei überwacht mit regelmäßigen Razzien die Einhaltung der Bestimmungen, fahndet nach nicht genehmigten Büchern sowie nach solchen, die zwar genehmigt, aber illegal von anderen

Druckereien nachgedruckt wurden. Raubkopien würde man heute dazu sagen. In diesem System wäscht eine Hand die andere: Die Monarchie ermöglicht bequeme Profite auf einem streng reglementierten Markt, die Verleger danken es mit leichter Zerstreuungsliteratur. Doch das Drucken von nicht genehmigten Inhalten ist ein lukratives Geschäft, das sich viele nicht entgehen lassen wollen, vor allem kleine Druckereien, die keine Genehmigungen bekommen. Um der Direction ein Schnippchen zu schlagen, siedeln sich viele darauf spezialisierte Betriebe in Nachbarländern nahe der Grenze an und schmuggeln ihre Ware nach Frankreich. Die illegal verbreiteten Schriften tragen wesentlich zur Erosion der Macht der Monarchie bei. In den Pariser Salons und Cafés brummt es wie in einem Bienenstock, Ideen werden geboren, diskutiert, verworfen oder verbessert, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Im Le Procope im Quartier Latin streiten und saufen französische Autoren (Voltaire, d’Alembert, Diderot, Rousseau) mit amerikanischen Diplomaten (Franklin und Jefferson)

und schottischen Philosophen (David Hume und dessen Freund Adam Smith), mitten drin der Revolutionär Robespierre und ein korsischer Offizier namens Bonaparte. Über die Auseinandersetzung mit Kunst und Literatur und Philosophie entsteht in Paris ein Publikum, das die Kritik selbst zur Kunst erhebt, dem nichts heilig ist und das nichts unhinterfragt lässt. Montesquieu fordert die Gewaltenteilung, Voltaire verkracht sich mit dem König und der Direction, wandert kurz ins Gefängnis, publiziert dann in Genf, geht nach England und studiert den Parlamentarismus und die sich bereits zart abzeichnende industrielle Revolution, liest John Locke und Isaac Newton, kommt zurück, geht dann nach Preußen, erneut nach Genf und schließlich wieder nach Paris, nur um von Benjamin Franklin bei den Freimaurern eingeführt zu werden und kurz darauf, alt und berühmt, zu sterben. Sein Intimfeind Rousseau frequentiert dieselben Salons und Cafés, reist auch nach Genf, nach Preußen und nach England, schafft es dabei, Voltaire aus dem Weg zu

gehen, und stirbt schließlich ebenfalls in Paris, nur fünf Wochen später. Auf ihren Reisen verbreiten sie die Gedanken der Aufklärung, stecken Europa mit der brodelnden Stimmung der Pariser Cafés an, so dass sogar der Preußenkönig und die russische Zarin sich interessiert zeigen werden, freilich nicht genug, um Demokraten zu werden. In Deutschland entbrennt der Sturm und Drang, Goethes Götz beraubt die Reichen und gibt den Armen, Schiller ruft dem König zu: „Ich kann nicht Fürstendiener sein. Ein Federstrich von dieser Hand, und neu erschaffen wird die Erde. Geben Sie Gedankenfreiheit!“ Doch bleiben wir in Paris: Denis Diderot und Jean Baptiste d’Alembert versuchen währenddessen, das kreative Chaos zu durchdringen, sich einen Überblick zu verschaffen und alles Wissen ihrer Zeit in einer einzigen Enzyklopädie zu vereinen, für die die klügsten Köpfe Beiträge leisten sollen – darunter Turquet und Montesquieu, sogar Rousseau und Voltaire arbeiten

beide daran mit, ohne miteinander arbeiten zu müssen. Die Enzyklopädie wird schon nach zwei Bänden verboten, weil sie zu kirchenfeindlich ist, die römische Inquisition setzt sie auf den Index der verbotenen Bücher, aber keine Geringere als Madame Pompadour, die mächtige Mätresse des Königs, findet Gefallen daran und hält die Direction in Schach. Sie sorgt dafür, dass die Enzyklopädisten trotz Verbots weiterarbeiten können. Aber natürlich: Abhängig von der persönlichen Gunst einer Person am Hof zu sein, ist kein akzeptabler Zustand. Beinahe zwangsläufig gerät die Zensur selbst immer mehr ins Kreuzfeuer der politischen Kritik. Rede, Meinungs- und Pressefreiheit wird zu einem Wert an sich, unabhängig von der Information, die man damit übermitteln will. Voltaire treibt es auf die Spitze, als er einem Gegner schreibt: „Ich verabscheue, was Sie schreiben, aber ich würde mein Leben dafür hingeben, dass Sie weiterschreiben können.“

Dann der Sturm auf die Bastille, der Kampf auf den Barrikaden. Die Französische Revolution schafft die willkürliche Zensur ab, die Literaten haben gesiegt, zumindest vorerst. Als die Nationalversammlung 1789 die Erklärung der Menschenrechte verabschiedet, lautet der Artikel 11: Die freie Äußerung von Meinungen und Gedanken ist eines der kostbarsten Menschenrechte; jeder Bürger kann also frei reden, schreiben und drucken, vorbehaltlich seiner Verantwortlichkeit für den Missbrauch dieser Freiheit in den durch das Gesetz bestimmten Fällen. # Frankreich also. Unser erstes Konzert im Land spielten wir in Straßburg; Eugene gab ein Radiointerview und er sagte: „Die Menschenrechte, so wie sie die Franzosen vor 200 Jahren entwickelt haben, reichen doch nicht mehr aus. Es reicht nicht mehr, die Rechte des Einzelnen gegenüber dem

Staat zu definieren. Die Macht liegt immer weniger bei den Staaten, die Aristokratie von heute ist international, ihre einflussreichsten Familien heißen Google und Facebook, Apple und Microsoft, Disney und Sony und, was uns angeht, Volvox. In einer durchkapitalisierten, globalen und vernetzten Gesellschaft müssen wir klären, welche Rechte wir ihnen gegenüber behaupten wollen. Wir brauchen neue Menschenrechte für ein neues Zeitalter. Und wir brauchen einen symbolischen Akt, um unserer Forderung Nachdruck zu verleihen. Wir brauchen einen Sturm auf die Bastille 2.0.“ # Wir spielten am Abend in einem verrauchten Kellerlokal, dessen Namen ich vergessen habe, und danach spielten wir eine Zugabe auf dem Dach unseres Busses, dann wurde es noch ein feuchtfröhliches Fest. Morgens standen zwei Polizisten vor unserem Bus.

„Kommen Sie bitte mit“, sagte der eine, ein graugesichtiger Mann Ende fünfzig. Eugene und ich stiegen zu ihnen ins Auto und sie brachten uns zu einem großen Gebäude, dessen Fassade mit Farbspray beschmiert war. Ich konnte die französischen Parolen nicht verstehen. „Wissen Sie, was das ist?“, fragte der Polizist. Wir schüttelten beide den Kopf. „Der Europäische Gerichtshof der Menschenrechte. Das ist heute Nacht passiert.“ „Damit haben wir nichts zu tun“, sagte Eugene. Wir machten uns nicht die Mühe, aus dem Wagen zu steigen. „Natürlich nicht“, sagte der Polizist. „Dass Sie im Radio über Menschenrechte reden, ausgerechnet während Sie in Straßburg sind, ist nur Zufall.“ Eugene zuckte mit den Achseln. „Was steht da?“, fragte ich. „Jeder Mensch hat das Recht auf ungehinderten und ungefilterten Zugang zu öffentlichen Informationen.

Jeder Mensch hat das Recht, private Informationen privat zu halten. Jeder Mensch hat das Recht, mit jedem Menschen zu kommunizieren, anonym und vertraulich. Jeder Mensch hat das Recht ... weiter sind sie nicht gekommen.“ „Wir haben sie erwischt und festgenommen. Zwei junge Burschen, fünfzehn und sechzehn Jahre alt. Das sind noch Kinder, denen Sie da Flausen in den Kopf setzen. Ich hätte gute Lust, Sie beide wegen Anstiftung zur Sachbeschädigung festzunehmen.“ „Dann tun Sie’s“, sagte ich trotzig. „Im Innenministerium ist jemand dagegen“, sagte der Polizist. „Aber ich gebe Ihnen einen guten Rat: Verlassen Sie das Land. Wir werden nicht mehr lange zusehen, wie Sie Unruhe stiften.“ # Jemand postete einen bemerkenswerten Kommentar in Eugenes Blog: Nicht Geld regiert die Welt, sondern

Aufmerksamkeit. Denn Aufmerksamkeit ist Auswahl von Information im Informationsüberfluss. Die Leute müssen einem zuhören, damit man sie beeinflussen kann. Aufmerksamkeit ist der Schlüssel zu allem. Gut, mit Geld kann man Aufmerksamkeit kaufen, das beweist ja Paris Hilton. Aber in dem Ausmaß, in dem Kommunikationskanäle vom Kapital unabhängig werden, schwindet dessen Einfluss. Deswegen ist es für die Herrschenden so wichtig, Kommunikation und Information knapp zu halten. Nur durch Knappheit bleiben sie an der Macht. Sie müssen die Aufmerksamkeit der Massen fokussieren, auf Paris Hiltons Nippel oder sonstwas. Wenn die Aufmerksamkeit von Millionen und Abermillionen von Menschen sich plötzlich ungesteuert auf die Welt richten würde, wenn sie in jede Ecke und in jede Nische des Systems blicken würden ... was würden sie sehen? #

Die erste Raubkopie von „Der Glöckner von Notre Dame“ war kein VHS-Band des Disney-Films, sondern ein belgischer Nachdruck des in Frankreich erschienenen Buches. Amerikaner stahlen Oliver Twist, Kanadier Huckleberry Finn. Ein Verlag in Toronto veröffentlichte eine Raubkopie von Tom Sawyer sogar bevor der amerikanische Originalverlag das Buch auf den Markt brachte. Das gab es also schon vor den InternetTauschbörsen. Victor Hugo, Charles Dickens und Mark Twain waren folglich vehemente Befürworter eines strengen Urheberrechts – und vor allem waren sie für internationale Abkommen darüber. Alle drei engagierten sich dafür politisch, heute würde man sie wohl „Aktivisten“ nennen, oder „Akteure der Zivilgesellschaft“. Aber: Sie haben niemals eine Beschränkung der Bevölkerung beim Zugang zu Informationen gefordert. Niemals. Wenn sie gegen den freien Büchernachdruck argumentiert haben, dann wollten sie die Autoren vor

den Krämern schützen. Vor kommerziellen Raubkopierern. Damit standen sie in der Tradition der großen Aufklärer, Kant etwa oder auch Fichte. Es ging um eine Regulierung des Profitstrebens, nicht der Leser. Kein halbwegs intelligenter Mensch hat je die Rechtmäßigkeit des Lesens kopierter Bücher bestritten – zumindest bis vor kurzem. Plötzlich werden rund um den Erdball Menschen verklagt, weil sie Musik konsumieren, oder Bücher oder Filme oder sonstwas. Und sie werden nicht von den Kreativen verklagt, sondern von den Krämern. Etwas ist in den letzten hundert Jahren schiefgelaufen, könnte man meinen. Das Gesetz gibt den Künstlern alle Rechte an ihren Werken, aber über juristische Winkelzüge knöpfen die Konzerne sie ihnen wieder ab. Die Knebelverträge der Musikindustrie machen jene Unabhängigkeit rückgängig, die die Aufklärung erkämpft hat. Das muss sich wieder ändern. Es ist eine Frage der Macht. Die Konzerne kontrollieren die Vertriebswege, auf die die Künstler angewiesen sind.

Die Konzerne diktieren die Bedingungen, unter denen Künstler sich an ihr Publikum wenden. Die Konzerne entscheiden, wer überhaupt auf dem Markt zugelassen wird. Wer nicht mit den Konzernen ist, ist incommunicado. Das Recht muss zu den Künstlern zurückkehren, zu den Autoren, den Musikern, den Videofilmern, den Webdesignern und den Programmierern. Aber die Konzerne werden das Recht nicht freiwillig wieder herausrücken. So viel steht auch fest. # Immanuel Kant, Von der Unrechtmäßigkeit des Büchernachdrucks, 1785, erste Fußnote: Würde es wohl ein Verleger wagen, jeden bei dem Ankaufe seines Verlagswerks an die Bedingung zu binden, wegen Veruntreuung eines fremden ihm anvertrauten Guts angeklagt zu werden, wenn mit seinem Vorsatz, oder auch durch seine Unvorsichtigkeit, das Exemplar, das er

verkauft, zum Nachdrucke gebraucht würde? Schwerlich würde jemand dazu einwilligen: weil er sich dadurch allerlei Beschwerlichkeit der Nachforschung und Verantwortung aussetzen würde. Der Verlag würde jenem also auf dem Halse bleiben. # Johann Gottlieb Fichte, Beweis der Unrechtmäßigkeit des Büchernachdrucks, 1793: Gedanken übergeben sich nicht von Hand in Hand, werden nicht durch klingende Münze bezahlt, und nicht dadurch unser, dass wir ein Buch, worin sie stehen, an uns nehmen, es nach Hause tragen und in unserm Bücherschranke aufstellen. Um sie uns zuzueignen, gehört noch eine Handlung dazu: Wir müssen das Buch lesen, seinen Inhalt, wofern er nur nicht ganz gemein ist, durchdenken, ihn von mehreren Seiten ansehen, und so ihn in unsre eigne Ideenverbindung aufnehmen. Da man indess, ohne das Buch zu besitzen, dies nicht konnte, und um des bloßen

Papiers willen dasselbe nicht kaufte, so muss der Ankauf derselben uns doch auch hierzu ein Recht geben: Wir erkauften uns nämlich dadurch die Möglichkeit, uns die Gedanken des Verfassers zu eigen zu machen; diese Möglichkeit aber zur Wirklichkeit zu erheben, dazu bedurfte es unsrer eignen Arbeit. # „Hey Mann. Kannst du reden oder soll ich später noch mal anrufen?“ „Ich bin alleine. Was gibt’s?“ „Hast du schon mal Kant gelesen?“ „Kant?“ „Immanuel.“ „Nein, nicht wirklich. Ich hab nur gestern einen Text von Eugene redigiert ...“ „Ich habe ihn auch noch nie gelesen. Aber einer meiner Assistenten hat ein abgebrochenes Philosophiestudium. Er hat Kant gelesen.“

„Und?“ „Und er liest regelmäßig die Einträge in eurem Weblog.“ „Wo Eugene über Kant geschrieben hat. Und weiter?“ „Tja, dabei ist er auf eine Idee gekommen. Keine völlig neue Sache. Er hat einfach die Gedanken von Immanuel Kant und Eugene Jersey kombiniert. Und Kurt Cobain hat auch ein bisschen beigesteuert.“ „Immanuel Kant, Kurt Cobain und Eugene Jersey?“, wiederholte ich. „Genau.“ „Was ist dabei rausgekommen?“ „Eine weitere Geschäftsidee. Sozusagen eine Ausweitung der Kampfzone.“ „Worum geht’s?“ „Ich versuche, es dir zu erklären. Zumindest, so weit ich es verstanden habe. Der alte Kant hat scheinbar viel über das Wesen der Kunst und der Schönheit nachgegrübelt. Jede Kunst unterliegt ästhetischen Regeln, aber die Anwendung der Regeln reicht nicht aus, um gute Kunst hervorzubringen. Dieses Problem hat den guten

Immanuel scheinbar besonders gefesselt. Und ich finde es auch spannend, schließlich leite ich ein Medienunternehmen. Wenn mir jemand sagen könnte, wie ich mit ein paar einfachen Regeln einen Welthit produziere, wäre das die Lizenz zum Gelddrucken. Wir sind zwar schon ganz gut darin, Hits am Fließband zu produzieren, aber wenn ich einen Song höre, der sich an alle Regeln hält und mir trotzdem nicht gefällt, dann gefällt er mir einfach nicht. Punkt. Das ist eben Kunst. Jetzt, in dieser Sekunde, sitzen auf diesem Planeten ein paar tausend Musiker in ihren Tonstudios und versuchen, den nächsten Nummer-1-Hit zu produzieren. Und die meisten von ihnen kennen alle Tricks und Kniffe. Aber nur einer oder zwei werden es schaffen.“ „Okay, komm zum Punkt.“ „Der Punkt ist das, was der alte Kant Genie nannte. Er schrieb, Moment ...“ Ich hörte Papier rascheln. „Hier ist es ... Genie ist das Talent, welches der Kunst die Regel gibt.“ „Das Talent, welches der Kunst die Regel gibt?“

„Genau.“ „Was soll das heißen?“ „Hör dir das an, Moment, wo ist das jetzt. Ah, hier: Jeder echte, also geniale Künstler schafft sich selbst die Regeln, die er braucht, um seine Zwecke zu erreichen. Er ist damit zugleich originell und exemplarisch (mustergültig), weil er sich zwar keiner Vorschrift verpflichtet weiß, sein Werk aber durchaus neue Maßstäbe setzt, indem es die Beurteilungskriterien verändert. Reine Originalität ohne Mustergültigkeit ist eine Spielerei, die schnell an Reiz verliert. Reine Mustergültigkeit ohne Originalität ist simple Nachäfferei – stupides Material, um Hitparaden zu füllen.“ „Das mit der Hitparade hat Kant sicher nicht gesagt.“ „Nein, die letzten Sätze waren von meinem Mitarbeiter.“ „Womit wir jetzt hoffentlich beim neuen Business-Plan wären“, drängte ich. „Langsam. Jetzt sind wir mal bei Kurt Cobain. Oder besser gesagt, bei Nirvana. Verstehst du: Jeder geniale

Künstler schafft sich selbst die Regeln, die er braucht, um seine Zwecke zu erreichen!“ Es dauerte eine Sekunde, dann fiel der Groschen. „Nevermind“, flüsterte ich. „Genau. Als Nevermind erschien, hat eine ganze Generation gesagt: Wow, was für ein geniales Album! Wir haben sogar dasselbe Wort wie Kant verwendet: genial. Plötzlich war alles anders. Elf Songs, und der Heavy Metal war Geschichte. Aber warum?“ „Weil plötzlich neue Regeln definiert waren ...“ „Die Regeln des Grunge. Eine ganze Generation hat sie sofort verstanden. Wir haben Nirvana gehört und haben die Regeln verstanden. Intuitiv. Es gibt keine klar umrissenen zehn Gebote des Grunge. Kurt Cobain selbst hätte seine Regeln wohl nicht niederschreiben können, aber sie waren da. Come As You Are und Smells Like Teen Spirit. Zwei völlig unterschiedliche Songs, aber derselbe Sound, dieselben Regeln, das spürt man einfach.“

Ich dachte zurück an unsere Zeit in der gemeinsamen Band. „Und plötzlich wollten wir alle so klingen wie Nirvana ...“ Er lachte. „Ja. Wir hatten neue Regeln gelernt und wollten sie anwenden. Mir wird plötzlich einiges klar. Ich weiß jetzt zum Beispiel endlich, was der Unterschied zwischen Nirvana und Pearl Jam ist. Ich war immer der Meinung, dass Pearl Jam rein technisch die besseren Musiker waren. Aber trotzdem waren sie für mich immer eine Stufe unter Nirvana. Ich konnte mir das nie erklären. Jetzt weiß ich: Nirvana haben mir die Regeln beigebracht. Pearl Jam haben sie bloß perfekt beherrscht. Ob das jetzt stimmt oder nicht, spielt keine Rolle. Beide Bands haben in Seattle gemeinsam gespielt, bevor sie berühmt wurden. Sie haben sich gegenseitig geprägt, den Grunge gemeinsam entwickelt. Wichtig ist, was wir wahrnehmen. Kurt Cobain hat uns die Augen geöffnet. Er ist das Genie, Eddie Vedder ist die Kopie. So grausam ist das Leben. Das erklärt auch, warum kein anderes Nirvana-Album an Nevermind herankommt. Und die

Foo Fighters werden nie an das Original herankommen, mögen sie noch so gut sein.“ „Weil die Regeln nur einmal defniert werden.“ „Stimmt genau, Kleiner. Ich sehe, du verstehst. Und instinktiv hat das die Musikbranche schon lange verstanden. Limp Bizkit gelingt der Durchbruch mit etwas, das sie Nu Rock nennen – und schon bringen alle Konkurrenzlabels ähnlich klingende Bands raus. Linkin Park wären nie so gepusht worden, wenn sie nicht dieselben Regeln befolgen würden, die Limp Bizkit bekannt gemacht haben. Wir wollten einfach eine sich öffnende Marktlücke abdecken.“ „Linkin Park verhält sich zu Limp Bizkit wie Pearl Jam zu Nirvana?“ „Das sagt zumindest Immanuel Kant, denke ich.“ „Kluger Bursche.“ „Ja, nicht wahr? Man sollte mehr alte Klassiker lesen.“ „Wir haben einige davon bei uns im Bus. Eugene könnte dir ein paar borgen.“ „Eugene. Danke für das Stichwort.“

„Kommen wir jetzt endlich zum neuen Business-Plan?“ „Der ist jetzt ganz einfach erklärt: Wir werden Musikstile patentieren.“ „Was?“ „Na klar. Das wird die nächste Stufe. Warum soll ich mich mit dem Urheberrecht für ein paar Noten zufrieden geben, wenn ich einen ganzen Stil patentieren kann? Das ist doch viel besser. Und viel gerechter.“ „Geht das überhaupt?“ „Derzeit nicht. Ich habe mit Joanna darüber gesprochen und sie sagt, dafür gibt es überhaupt keine gesetzliche Handhabe. Aber, hey Mann, Gesetze lassen sich ändern. Das steht auch in eurem Blog. Wirklich, da stehen interessante Sachen. Was Mickey Mouse kann, kann Joanna schon lange, da bin ich überzeugt davon. Sie sagt zwar, sie kann sich noch gar keine Vorstellung davon machen, wie so ein Gesetz aussehen müsste, aber wenn es genug Geld bringt, wird ihr schon was einfallen. Richte Eugene jedenfalls meinen Dank aus. Ich werde mich erkenntlich zeigen, wenn diese Sache hier endet.

Ich glaube übrigens, wir sollten bald zu einem Ende kommen.“ „Apropos ... ich muss aufhören.“ Ich legte einfach auf. Mir war schlecht. # Wir verließen die Stadt, machten aber bald Pause auf einem Parkplatz. Eugene lag in seiner Koje und las ein Buch über Peer-to-peer-Tauschbörsen. Ich lag in meiner Koje und blätterte in ein paar Musikmagazinen. Carlos lümmelte auf der Couch und klimperte auf einer Gitarre, die anderen saßen im unteren Teil des Busses und spielten Karten. Ein ruhiger Nachmittag. Mein Handy läutete. Eine unbekannte Nummer. Ich hob ab. Der Mann sprach viel, schnell und Französisch. Ich fragte ihn, ob er auch Englisch spreche. Oder zumindest langsamer sprechen könne, aber er holte nicht mal Luft. Ich gab das Handy wortlos an Eugene weiter.

„Ah, Conny“, sagte er nach ein paar Sekunden. Offensichtlich kannte er den Anrufer. Es folgte ein kurzer Dialog. Eugenes Miene verfinsterte sich, seine Stimme klang zuerst überrascht, dann verärgert, dann regelrecht wütend. Ich verstand kaum ein Wort. Carlos legte die Gitarre weg und kam näher. Ich sah ihn fragend an, aber er konzentrierte sich auf Eugene. Der sprang nun aus seiner Koje und redete laut und erregt auf den Anrufer ein. Mit der freien Hand gestikulierte er wild in der Luft herum. Plötzlich sagte er „Fuck you, Conny!“ und schleuderte mein Handy durch den Raum. Meine Augen folgten der Flugbahn quer durch den Bus. Anna und Carlos standen auf der Treppe, lugten neugierig ums Eck. Das Telefon verfehlte sie nur knapp und landete dann sanft auf der Couch, wo Carlos zuvor gesessen hatte. „Fuck!“, zischte Eugene noch einmal. „Was ist los?“, fragte Carlos. Eugene atmete tief ein, setzte sich auf sein Bett und ließ die Luft langsam wieder entweichen.

Anna setzte sich neben ihn, legte ihren Arm um ihn. „Was ist denn los?“, fragte sie. „Wer war das?“, fragte ich. „Der Veranstalter unseres Konzerts in Dijon heute Abend.“ „Und? Will er es in eine größere Halle verlegen?“ „Nein. Er hat es abgesagt.“ „Wie? Was?“ „Das Konzert. Er hat es abgesagt. Die Nachricht geht schon über die Radiosender, sagt er.“ „Warum?“, fragte Anna. „Er sagt, es sei ihm zu riskant. Er habe Angst, dass eine Demonstration daraus wird, dass die Leute ihm das Lokal beschädigen.“ „So ein Blödsinn“, zischte Anna. „Unser Publikum hat noch nie etwas beschädigt.“ „Das habe ich ihm auch gesagt. Aber es war nichts zu machen.“ „Und was tun wir jetzt?“, fragte ich.

„Wir warten bis zum Abend, dann fahren wir mit dem Bus direkt vor Connys Lokal und spielen vom Dach des Busses aus.“ „Im Radio sagen sie das Konzert doch schon ab“, wandte ich ein. „Und wozu gibt’s Facebook, Twitter und unseren Blog? Mal sehen, ob uns unsere Fans im Stich lassen.“ Eugene und ich schwangen uns in den Kleinbus und kurvten durch die Stadt, auf der Suche nach einem ungeschützten WLAN. Plötzlich läutete mein Handy wieder. Wieder eine unbekannte Nummer, wieder ein Mann der zu viel, zu schnell und zu französisch sprach. Ich gab Eugene das Telefon. Er sagte nicht viel. Ein paar Mal „Mhm“ und „Aha“, am Schluss noch mit ausgesuchter Freundlichkeit „Merci, Henri!“, dann legte er auf und tippte weiter. „Und?“, fragte ich nach einer Minute. „Das war Henri. Ihm gehört die Bar in Paris, in der wir morgen auftreten wollten.“

„Und?“ „Er hat abgesagt.“ „Warum?“ „Dieselbe Begründung wie Conny.“ „Ist das nicht verdächtig?“ „Kaum. Es ist offensichtlich. Die Polizei hat die Konzerte abgedreht. Wetten, dass bald die Veranstalter aus Rouen, Tours und Nantes anrufen? Wir werden in Frankreich keinen einzigen Gig in einem Lokal spielen können.“ „Und was tun wir dagegen?“, fragte ich. „Wir spielen auf der Straße“, sagte Eugene, ohne seine Tipperei zu unterbrechen. „Die Straßen sind öffentlich. Die können sie uns nicht wegnehmen.“ Welch ein Irrtum. # Wir wollten nicht nachgeben. Die Polizei auch nicht. Unser Publikum schon gar nicht. Sieben- oder

achthundert kamen am Abend, viel mehr, als in Connys Lokal gepasst hätten. Die Bar selbst war leer, davor standen in vier Reihen Polizisten mit blauen Helmen, schwarzen Gesichtsmasken und runden Plexiglasschilden. So, als müssten sie das Lokal vor dem Publikum schützen. Idiotisch. Ihr Kommandant forderte die Menschen über ein Megafon auf, die Straße zu räumen und sich zu zerstreuen. Wir rollten mit dem Bus langsam durch das Publikum, nahe an das Lokal heran. Die Polizei änderte ihre Formation. Eine dünne Reihe aus sieben oder acht Beamten sperrte nun die Straße. Eugene, der am Steuer saß, zündete sich eine Zigarette an. „Wenn du langsam weiterrollst, müssen sie zur Seite treten“, sagte Carlos. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist“, sagte Anna.

„Aber medienwirksam allemal“, sagte ich und deutete auf ein paar Fotografen, die zwischen dem Bus und der Polizei Stellung bezogen. „Komm schon, Eugene, fahr bis vor das Lokal“, sagte Carlos. „Nein“, sagte Eugene. „Wir wollen Musik machen. Ob hier oder zehn Meter weiter, macht keinen Unterschied. Rauf mit euch!“ Wir kletterten aufs Dach. Wir spielten. Das Publikum grölte und sang mit und tanzte. Pogo. Die Menschen sprangen und hüpften und drängten sich zwischen den Bus und die Polizei. Immer mehr und mehr, immer dichter, immer wilder. Sie drückten mit ihren Rücken gegen die Polizeischilde, klatschten mit den Handflächen dagegen. Ich beobachtete zwei Jungen, die ihre Gesichter gegen die durchsichtigen Plexiglasschilde pressten. Vermutlich schnitten sie den Polizisten dahinter Grimassen. Ich sah ein Mädchen, das sein TShirt hochzog und die nackten Brüste gegen einen Schild presste. Auch nicht schlecht.

Die Polizei wich schrittweise zurück unter diesem Druck – im ganz konkreten, physikalischen Sinne – der Masse. In der Pause zwischen zwei Liedern forderte der Kommandant die Leute über sein Megafon auf, einen Sicherheitsabstand zu den Polizisten zu halten, doch die Tanzenden scherten sich darum einen Dreck. Sobald wir das nächste Lied anstimmten, drängten sie wieder gegen die Schilde. Die Polizisten begannen, dagegenzuschieben. Es waren zunächst Kleinigkeiten, Rangeleien. Ein Rücken krachte gegen ein Schild, ein Schild gegen einen Rücken. Wir sahen es vom Dach des Busses aus, und es wirkte harmlos. Und dann, plötzlich, eine Schlägerei. Ein stark tätowierter junger Mann mit nacktem Oberkörper und ein Polizist. Keine Ahnung, wer anfing. Keine Ahnung warum. Plötzlich lagen sie am Boden und umklammerten sich. Wir spielten weiter. Drei, vier, fünf Polizisten versuchten, ihrem Kameraden zu helfen. Einige Leute kamen dem Tätowierten zu Hilfe. Ein Polizist kniete auf seiner Brust. Ein

Jugendlicher in einem roten Mao-Shirt schubste ihn hinunter. Ein anderer Polizist schnappte sich den Jugendlichen, wollte ihn hinter die Polizeilinie ziehen. Zwei Männer aus dem Publikum packten ihn an den Beinen, zogen in die Gegenrichtung. Der geschubste Polizist kam auf die Beine und packte den Maoisten an den Haaren. Der Tätowierte stand plötzlich neben ihm, schlug ihm mit dem Ellbogen ins Gesicht und verschwand sofort in der Menge. Ein Polizist ging mit dem Schlagstock auf die beiden Leute los, die den Mao festhielten. Ein anderer Polizist schlug auf einen unbeteiligten Typen ein, der danebenstand. Geschrei, Panik. Dann zehn, fünfzehn Leute, die nach vorne drängten, um den Mao zu packen und der Polizei zu entreißen. Der Zerrissene schrie wie am Spieß, bekam ein Bein frei und trat einem Polizisten ins Gesicht. Dieser revanchierte sich und schlug ihm mit dem Stock in die Weichteile. Der Mao sackte zusammen, verstummte, wurde von zwei Polizisten weggetragen, nach hinten, durch die Reihen. Ein Beamter legte ihm

Handschellen an, einer schlug ihm auf den Hinterkopf, ein anderer trat ihm im Vorbeigehen in den Arsch. Rund um den Bus herrschte nun Chaos. Die meisten Menschen wollten der Polizei ausweichen, aber zwischen dem Bus und den Hauswänden war nicht viel Platz und die Leute hinter dem Bus blockierten die Straße und wichen nicht aus, weil sie nicht wussten, was vorne geschah. Und dann, plötzlich, brannten unsere Augen und unsere Lungen wie Sau. „Pfefferspray!“, rief Carlos. „Los, rein in den Bus!“ Wir kletterten durch die Luke hinunter. Die Leute begannen zu laufen. Durch die Seitenfenster des Busses sahen wir das gefährliche Gedränge. Sie schoben und stießen und kratzten, die Angst im Nacken. Ein Mädchen wurde gegen die Scheibe der Bustür gepresst. Sie schrie vor Schmerzen und Angst. „Scheiße!“, fluchte Eugene. „Tu was!“, schrie Anna. Eugene hechtete hinter den Fahrersitz. Eine Sekunde lang fürchtete ich, er würde den Bus starten und durch

die Menge zu fahren versuchen. Aber Eugene öffnete die Tür. Das Mädchen fiel in den Bus. Carlos und Anna fingen sie auf, halfen ihr auf die Beine. Andere strömten herein. „Weiter, weiter!“, rief Carlos. Er deutete den Leuten, dass sie in den ersten Stock ausweichen sollten. „Langsam, keine Panik“, rief Eugene. Mehr Menschen kamen, auf den Stufen begann es sich zu stauen. „Geht nach hinten, in die Küche“, sagte Carlos. Er füllte den ganzen Bus mit Menschen. Und mit dem Pfefferspray, der durch die offene Tür hereindrang. Meine Augen waren verschwollen, Tränen liefen über die gefühllosen Wangen. Ein Krachen ließ meinen Kopf herumfahren. Undeutlich sah ich die Polizisten vor der Windschutzscheibe des Busses. Einer hatte mit dem Schlagstock dagegengeprügelt. Noch einer. „Sie kommen!“, rief Carlos.

Eugene drückte den Knopf, die Tür schloss sich. Anna half einem Mädchen, das beinahe eingeklemmt worden wäre, noch hinein. Schotten dicht. Dann waren wir eingekreist von schwarz vermummten Polizisten. Im Bus verstummte das aufgeregte Gemurmel. Jemand weinte. „Sieht jemand nach hinten?“, fragte ein Mädchen. Eugene beobachtete die Szene im Rückspiegel. „Sieht so aus, als hätten sich die Leute zurückgezogen, es ist kaum jemand zu sehen“, sagte er. „Scheint so, als wäre nichts passiert. Hinter dem Bus ist ja jede Menge Platz!“ „Was passiert jetzt mit uns?“, fragte ein Mann. „Gute Frage.“ „Fahren wir!“, rief jemand. Eugene überlegte. „Wir sind von der Polizei eingekreist.“ „Die springen sicher zur Seite!“ „Oder sie schießen auf unsere Reifen“, sagte jemand. „Du hast wohl zu viele Krimis gesehen.“ „Wenn sie uns stoppen wollen, können sie das.“

Der Kommandant trat an die Tür und klopfte gegen das Glas. „Aufmachen!“, sagte er. Eugene schüttelte langsam den Kopf. „Seid mal einen Moment ruhig“, rief Carlos in den Bus. „Aufmachen!“, sagte der Polizist noch einmal. Eugene schüttelte noch einmal den Kopf. „Was wollen Sie?“ „Es besteht der Verdacht, dass sich in diesem Bus kriminelle Elemente aufhalten!“ Ein Raunen ging durch den Bus. Eugene lachte. „Kriminelle Elemente? Hier sind ein paar Musiker und ein paar Musikfans.“ Der Polizist schüttelte den Kopf und zog sich von der Tür zurück. Andere nahmen seinen Platz ein, blockierten uns. Ein Streifenwagen fuhr vor uns quer über die Straße und verstellte den Weg. „Kommen wir nach hinten raus?“, fragte ich. Eugene beobachtete den Rückspiegel. „Nicht ohne ein Blutbad anzurichten.“

„Hey, könnt ihr eure Zigaretten ausmachen?“, rief ein Mädchen. „Wer weiß, wie lange wir hier drinnen bleiben müssen ...“ Ihre Sorge sollte berechtigt sein. Fast eine Stunde lang geschah fast gar nichts. Die Polizei räumte den Platz hinter dem Bus, versperrte uns aber mit einem zweiten Streifenwagen auch diesen Weg. Maskierte Beamte in voller Rüstung nahmen vor den Türen des Busses Aufstellung, aber keinen Kontakt auf, nicht einmal mit den Augen. Wir versuchten, es uns so angenehm wie nur möglich zu machen. Jeder suchte eine Position, in der er möglichst bequem stehen konnte, aber das war nicht leicht. Wir fühlten uns wie Hühner in einer Legebatterie. Es war heiß und schwül, wir schwitzten und es stank bald. Einmal öffnete Eugene eine Türe, aber die Polizisten nahmen sofort ihre Schilde hoch und rückten vor. Die Leute im Bus schrien und Eugene schloss die Tür sofort wieder. Irgendwann trat der Kommandant wieder an den Bus und klopfte ans Fahrerfenster. Eugene öffnete.

„Sie können da drinnen nicht ewig aushalten“, sagte der Polizist. Anna übersetzte für mich. „Dann lassen Sie uns gehen“, antwortete Eugene. „Das werden wir“, sagte der Polizist. „Aber?“, fragte Eugene. „Wir können Straftäter nicht davonkommen lassen.“ „Hier sind keine Straftäter“, sagte Eugene. „Wissen Sie das genau?“ „Und wissen Sie das genau?“ „Nein“, sagte der Polizist. „Also schlage ich eine salomonische Lösung vor. Sie steigen einzeln aus dem Bus, wir kontrollieren Ihre Personalien, wer bei der Schlägerei vorhin nicht mitgemacht hat, darf gehen.“ „Das ist Ihr Angebot?“ „Ja.“ „Gut“, sagte Eugene. „Wir werden uns beraten.“ Damit machte er das Fenster wieder zu. „Was wollte er?“, riefen mehrere Leute. Eugene stand auf und versuchte in eine Position zu kommen, wo er möglichst gut gesehen werden konnte.

Dann erklärte er die Situation und die Forderung der Partei. Die Reaktion der Leute im Bus war spontan und eindeutig. Niemand war bereit, seine Personalien von der Polizei überprüfen zu lassen. „Wir haben nichts getan, warum sollten unsere Namen auf irgendwelchen schwarzen Listen landen?“, fragte ein Junge. „Also lehnen wir das Angebot ab“, sagte Eugene. „Gegenstimmen?“ Schweigen. Eugene kurbelte das Fenster wieder nach unten und überbrachte dem Polizisten unsere Antwort. Der schüttelte den Kopf. „Sie können nicht ewig hier drinnen bleiben“, wiederholte er. „Das haben Sie schon gesagt“, antwortete Eugene und schloss das Fenster. Und so warteten wir. Dreißig Minuten. Fünfundvierzig. Eine Stunde. Bewegung gab es im Bus nur, wenn Leute versuchten, auf die Toilette zu gelangen und sich quer durch die Masse schlängeln mussten, die Treppe

hinunter oder wieder hinauf. Die Luft wurde sehr stickig, aber eigentlich hatten wir es recht lustig. Es wurden eine Menge trockener Witze gemacht, wir lachten viel und irgendwann begannen wir zu singen. All we are saying is give peace a chance. Immer nur diese eine Textzeile, immer und immer wieder, mal lauter, mal leiser, mal schneller, mal langsamer, mal mit Gitarren begleitet, dann mit unseren selbst gebauten Rhythmusinstrumenten, dann wieder a cappella, einmal rappte jemand die Zeile. „Hey, wir sind im Fernsehen!“, rief plötzlich ein junger Mann mit roten Haaren und Bart. Er hatte ein Handy ans Ohr gepresst. „Das ist meine Mutter, sie sieht uns gerade, wir sind live im Fernsehen!“ Ich presse meinen Kopf gegen die Scheiben. Auf einem Balkon entdeckte ich ein Kamerateam. „Vielleicht sollten wir lauter singen?“, fragte ich. Der Polizist klopfte wieder an die Scheibe. „Wir sollten zu einer Lösung kommen.“ „Das sehe ich genau so“, sagte Eugene.

„Wir verzichten darauf, die Ausweise aller Personen im Bus zu kontrollieren. Aber wir sehen uns die Gesichter an, niemand steigt vermummt aus dem Bus. Wenn Verbrecher darunter sind, nehmen wir sie fest. Das ist nicht verhandelbar.“ „Woher wissen Sie überhaupt, ob wir Gesetzesbrecher an Bord haben?“ Der Polizist lachte. „Das wissen wir nicht. Wie auch. Eure Scheiben sind so angelaufen, dass wir nicht mal die Leute erkennen, die ihr Gesicht dagegenpressen.“ „Da gibt’s nur ein Problem“, sagte Eugene. „Wenn die Leute hier aus dem Bus steigen, dann werden sie von der Fernsehkamera gefilmt. Die Leute könnten Probleme bekommen, mit ihrem Chef oder wem auch immer.“ „Das hätten sie sich vorher überlegen müssen. Das ist nicht meine Sorge.“ „Aber es ist meine Sorge“, sagte Eugene. „Außerdem ist doch ganz klar, wie die Sache läuft. Sie besorgen sich das Filmmaterial. Wahrscheinlich filmen Sie sogar selbst versteckt mit. Sie können leicht darauf verzichten, die

Personalien der Leute aufzunehmen, wenn Sie sie filmen. Ich glaube, wir müssen das nicht noch einmal abstimmen. Unsere Forderung ist klar: Wir wollen diesen Bus anonym verlassen. Sie haben die Namen der Bandmitglieder, wir laufen Ihnen nicht davon. Alle anderen dürfen in keiner Kartei landen.“ „Das ist nicht möglich“, sagte der Polizist. „Dann eben nicht“, sagte Eugene und kurbelte die Scheibe wieder hoch. Es wurde zehn Uhr, elf Uhr, Mitternacht. Wir sangen so ziemlich alles, was uns einfiel. If You Are Going To San Francisco von Scott McKenzie, Patience von Guns’n’Roses, die alte Partisanennummer Bella Ciao und natürlich Ring Of Fire. Aber irgendwann hörten wir auch mit dem Singen auf, vielleicht weil uns nichts mehr einfiel, vielleicht weil die Luft schon so schlecht war, dass wir den Rest Sauerstoff zum Atmen brauchten. Die Gemeinschaft zerfiel in viele kleine Gruppen, die sich unterschiedlichen Gesprächsthemen zuwandten, dem Copyright, der Weltrevolution, der morgigen Vorlesung

oder ganz banalem Tratsch. Die Toiletten waren inzwischen ein Schlachtfeld, in unseren Kojen lungerten wildfremde Menschen herum, der Boden war dicht bedeckt mit Papier und Taschentüchern und anderem Müll. Über unsere Handys hielten wir Kontakt zur Außenwelt. Wir waren immer noch in den Nachrichten. Fernsehen, Radio, Internetplattformen berichteten über uns, kein Zweifel, morgen würden wir der Aufmacher aller großen Tageszeitungen sein. Im Abstand von vierzig oder fünfzig Minuten kam der Polizeikommandant zu unserem Fenster und tat so, als wollte er verhandeln. Aber nur selten fiel ihm ein neuer Vorschlag ein. „Der kommt doch nur für die Fernsehkameras“, sagte Eugene. Und tatsächlich, um halb zwei Uhr morgens löste sich die Situation wie von selbst plötzlich auf. Ein paar Befehle wurden gerufen und die Polizei zog ab, machte die Straße vor und hinter uns frei, ohne uns über das Wie und Warum zu informieren.

„Ist das eine Falle?“, fragte der Rothaarige mit dem Bart. „Ich glaube nicht“, sagte ich. „Ich glaube, die haben nur gewartet, bis es spät genug ist. Es sollen einfach möglichst wenige Menschen live sehen, wie sie abziehen.“ „Aber warum geben sie auf?“ „Weil sie nicht viele Möglichkeiten haben“, sagte ich. „Entweder sie stürmen den Bus mit Gewalt oder sie hungern uns aus. In beiden Fällen machen die Medien daraus eine Riesenshow, die morgen den ganzen Tag die Nachrichten dominiert. Oder eben drittens: Sie lassen uns mitten in der Nacht einfach ziehen. Ich glaube, sie haben eine aus ihrer Sicht sehr kluge Entscheidung getroffen.“ # Für Paris, klar, ließen wir uns etwas Besonderes einfallen. Gerne hätten wir die Bastille gestürmt und „Das gehört uns“ draufgesprayt, aber das Gebäude war

schon vor langer Zeit geschliffen worden. Also entschieden wir uns für Disneyland. „Free Mickey!“ lautete unser Schlachtruf, als wir von Dijon aus nordwärts fuhren, mit dreißig oder vierzig Autos im Schlepptau, und via Internet trugen wir ihn in die Welt hinaus. Die Chaoten kommen, die Hunnen, hörten wir die Moderatoren der Radiostationen sagen, sie werden kleine Kinder gefährden mit ihrem Wahnsinn. Die TV-Nachrichten zeigten Bilder von glücklichen Familien mit Donald und Goofy, und dazu schnitten sie Szenen von der vergangenen Nacht, von Polizeieinheiten, Vermummten, von einem blutenden Demonstranten, der einen brennenden Molotowcocktail in der Hand hielt. „Ich habe gestern keinen Moli gesehen“, sagte Dmitri, als wir bei einer Tankstelle aufs Klo gingen und dabei an einem Fernseher vorbeikamen. „Ich auch nicht“, sagte ich. Der Tankwart sagte: „Viel Glück, zeigt es den Arschlöchern!“

Wir fuhren langsam und hörten Radio, Eugene übersetzte für mich, ich breitete die Straßenkarte auf meinen Knien aus und griff zum Filzstift. Der Verkehrsbericht meldete Staus und Verzögerungen im Osten von Paris, ich trug sie auf der Karte ein, die Sprecherin vermied das Wort Disneyland, aber es war klar, was sich da abspielte: Mehrere Autokolonnen bewegten sich aus allen Richtungen auf Disneyland zu, wir kreisten sie ein. Die A4, die Ostausfahrt von Paris, war vollkommen zu, es staute auf der A86, der Ringautobahn um die Stadt, sowohl im Norden als auch im Süden, von der A10, dem Zubringer aus dem Südwesten, wurde dichter Verkehr gemeldet, ebenso auf der A4 im Westen, ab Reims. Wir kamen von Südwesten auf der A5, das Ende unserer Kolonne war nicht mehr zu sehen, aber immer noch schien es, als würden sich neue Autos anschließen. Die Leute warteten am Pannenstreifen, winkten uns zu, wenn wir vorbeifuhren, und schwangen sich dann hinter das Lenkrand.

„Das ist fantastisch!“, rief Anna. „Ja, das ist es“, sagte ich und gab ihr einen Kuss. Eugene warf einen Blick auf die Karte. „Wir werden von der Autobahn abfahren, sonst geraten wir in den Stau. Wir nehmen diese Route!“, sagte er und tippte mit dem Zeigefinger auf eine Landstraße. „Die N36“, sagte ich. „Okay! Dann müssen wir in etwa fünf Kilometern runter.“ Aber wir kamen nie in Disneyland an. # Auf der Landstraße kam unsere kleine Karawane zügig voran, sehr zügig sogar. So gingen wir in die Falle. In den Dörfern und Kleinstädten entlang der Route war wenig Verkehr und überhaupt keine Polizei zu sehen. In unserer adrenalingeladenen Vorfreude auf Disneyland übertraten wir in einigen Ortschaften die Geschwindigkeitslimits – später sollte das den Behörden

als Rechtfertigung dafür dienen, dass sie uns gestoppt hatten. Nach 20 oder 25 Kilometern sahen wir die ersten Beamten. Streifenwagen sperrten Seitenstraßen. Wir fuhren einfach weiter, denn schließlich wollten wir ohnehin auf der Hauptstraße geradeaus. Aber als plötzlich jedes kleine Gässchen gesperrt war und die Polizeiwagen sich an uns hängten, nachdem wir sie passierten, hatten wir gar keine andere Möglichkeit mehr, als geradeaus zu fahren. „Sie wollen uns unbedingt auf dieser Straße halten“, sagte ich. „Irgend etwas bereiten sie vor“, sagte Eugene, „und was immer es ist, wir fahren scheinbar direkt darauf zu.“ „Vielleicht sollten wir einfach stehen bleiben?“, fragte ich. Eugene überlegte kurz. „Und was soll das bringen?“, fragte er. Ich wusste es nicht.

Aber mitten in einer Stadt stehen zu bleiben, wo es Zeugen gibt, wäre tatsächlich das Beste gewesen, was wir zu diesem Zeitpunkt noch tun hätten können. So stoppten sie uns mitten auf der Landstraße. Es war eine Allee mit großen, alten Bäumen, die Sichtschutz boten. Mehrere Mannschaftsbusse standen in einer Kurve auf beiden Seiten des Straßenrands, dahinter die Polizeieinheiten in voller Rüstung. Wir fuhren langsam durch dieses Spalier, bis wir am Ende der Kurve zwei Bagger stehen sahen. Endstation. Dann ging alles recht schnell. Allen Autos unserer Karawane wurden Krallen angelegt, damit wir weder vor noch zurück konnten. Dann wurden wir aufgefordert, auszusteigen. „Was machen wir?“, fragte ich. „Keine Ahnung“, sagte Eugene. Bei unseren Begleitern in den Autos hinter uns fackelte die Polizei nicht lange. Stieg jemand nach der ersten Aufforderung nicht aus, öffnete sie die Türen und zerrte die Leute raus. Schloss jemand die Türen ab, schlug sie

die Scheiben ein. Die Leute mussten sich entweder mit gespreizten Beinen und Händen am Dach an ihr Auto stellen oder wurden mit Gewalt am Boden fixiert. Sie wurden durchsucht und dann wurden ihre Hände mit Plastikbändern, die an Kabelbinder erinnerten, hinter dem Rücken gefesselt. Es dauerte keine zehn Minuten und alle saßen in Bussen, bereit zum Abtransport. Nur wir fehlten noch. „Das ist ja wie bei den Sowjets“, sagte Dmitri. „Und was machen wir jetzt?“, fragte Anna. „Wir haben nicht viele Möglichkeiten“, sagte Eugene und drückte den Türöffner-Knopf. Sofort stürmte ein Dutzend Polizisten in den Bus. Sie drückten uns mit Gewalt gegen die Wände und legten auch uns Fesseln an. „Hey, es gibt keine Notwendigkeit, grob zu sein“, sagte ich auf Englisch. „Richtig“, sagte der Polizist, der mir gegenüberstand. Er trug kein Abzeichen, keine Dienstnummer. Ich sah nur seine grauen Augen hinter dem Maskenschlitz. Er hielt

meinem Blick stand, legte den Kopf etwas schräg, als würde er nachdenken, und schlug mir dann in die Magengrube. # Sie brachten uns an einen Ort, der vermutlich eine Polizeikaserne war. Wir wurden in Gruppen von acht bis zwölf Personen geteilt, ich wurde von den anderen Mitgliedern der Band getrennt. Ich versuchte, bei Eugene zu bleiben, aber ein Polizist in Rüstung drängte sich zwischen uns, drückte mir seine behandschuhte Faust in die Rippen Eugenes Gruppe wurde abgeführt, ich blieb mit acht anderen am Gang zurück, bewacht von einem halben Dutzend Beamter. Keiner von ihnen nahm seine schwarze Maske ab, keiner sprach. Wir hörten Schreie aus dem Raum, in den Eugenes Gruppe gebracht worden war, und Schreie aus anderen Räumen.

„Was tut ihr mit ihnen?“, fragte einer aus meiner Gruppe einen Polizisten, aber der sah ihn nicht mal an. Nach einigen Minuten kam ein Dutzend Polizisten, in voller Rüstung, maskiert, und der Kommandant sagte einfach: „Mitkommen!“ Wir folgten ihm in den Keller, einen langen, kahlen, nur von einzelnen Neonröhren beleuchteten Gang entlang. Wenn wir hier verschwinden, dachte ich, findet uns niemand. Aber ich ging einfach weiter. Wir waren in Frankreich, nicht in Chile. Verdammt noch mal. Wir wurden in einen Lagerraum geführt, mit Regalen bis an die Decken hoch, alles voller Akten. Bis auf die Regale und eine Leiter war der Raum leer. Wir mussten uns zu neunt in einer Reihe aufstellen, jedem von uns bezog ein Polizist gegenüber Stellung, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ich versuchte, meinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Er hatte blaue Augen, die aus den Sehschlitzen seiner Maske hervorleuchteten. Ich versuchte, mir das Gesicht dazu vorzustellen. Irgendein Gesicht. Ich erfand

sein Gesicht und ich erfand sein Leben, seine Frau, seine Kinder, wie er am Sonntag mit ihnen im Garten spielte und ein liebender Vater war. Ich wollte mir unbedingt vorstellen, dass mir gegenüber ein sensibler Mensch und keine Kampfmaschine mit Rüstung, Maske und Schlagstock stand. Ich hatte Angst. Er sah durch mich hindurch. Ich konnte gar nichts in seinen Augen erkennen. „Wir werden euch jetzt durchsuchen“, sagte der Kommandant, der am Ende der beiden Reihen stand. „Ihr tretet der Reihe nach vor und leert eure Taschen aus. Du fängst an.“ Er zeigte mit seinem Schlagstock auf den Ersten aus unserer Gruppe, der ihm am nächsten stand. Es war ein hagerer, junger Mann mit kurzen Haaren. Er schüttelte den Kopf. „Dazu haben Sie kein Recht“, sagte er. „Sie müssen mich schon zwingen.“ Der Kommandant lachte. „Du würdest wohl gerne ein wenig verprügelt werden, damit du dann vor deinen Freunden als Held dastehst, hm?“

Keine Antwort. „Masken auf“, sagte der Kommandant. In die Polizisten kam Bewegung, sie griffen nach hinten, lösten ihre Gasmasken von den Gürteln und zogen sie übers Gesicht. Das ging schnell und wortlos. Nun sah ich nicht einmal mehr die blauen Augen meines Gegenübers. Der Kommandant hob den rechten Arm und ich sah den Pfefferspray in seiner Hand. Er drückte nur ganz kurz ab, ohne jemandem direkt in die Augen zu sprühen. Aber der kleine, stickige Raum füllte sich sofort mit dem Reizgas. Mir schossen Tränen in die Augen, ich musste husten. Ich ging in die Knie, zog mein T-Shirt über das Gesicht. „Aufstehen!“, hörte ich jemanden brüllen, zwei starke Arme packten mich wie ein Schraubstock um die Schultern und zerrten mich wieder hoch. Es war wohl „mein“ Polizist. Er gab mir mit der flachen Hand einen Stoß gegen den Brustkorb und ich taumelte nach hinten gegen das Regal.

„Also, noch mal“, sagte der Kommandant. „Der Erste tritt vor und leert seine Taschen aus.“ Der Junge tat nun wie ihm geheißen. „Zieh das T-Shirt aus“, sagte der Kommandant. „Und die Schuhe.“ Der Polizist gegenüber dem Jungen nahm die Sachen an sich, durchsuchte sie, warf sie nach hinten. „Die Jeans“, brummte er. Der Junge zog seine Hosen aus, der Polizist durchsuchte auch sie. „Die Unterhose.“ „Dann bin ich nackt“, rief der Junge. Der Kommandant hob die Hand mit dem Pfefferspray. „Okay, okay“, sagte der Junge. Als er nackt dastand, die Hände vor seinen Lenden überkreuzt wie ein Fußballspieler vor dem Freistoß, sagte der Kommandant: „Niederknien. Und dann der Nächste.“ Und so zogen wir uns aus und knieten dann vor den Polizisten nieder, einer nach dem anderen. Ich war der vierte oder fünfte, und als ich meine Sachen abgegeben

hatte und auf den Boden durfte und die Aufmerksamkeit sich dem Nächsten zuwandte, da spürte ich ein Gefühl der Erleichterung, dass ich es überstanden hatte, und ich schämte mich. Ich weiß nicht, wie lange wir in diesem Raum in einer Reihe am Boden knieten. Es schien ewig zu dauern. Niemand durfte ein Wort sprechen. Wir wurden nichts gefragt und mussten nichts antworten. Hin und wieder hörten wir Schreie vor der Türe oder aus anderen Zimmern. Es war kalt, ich bekam Gänsehaut und begann zu zittern. Die Kniescheiben schmerzten, und das Rückgrat auch. Einer von uns bat nach ein paar Stunden, auf die Toilette zu dürfen, aber die Polizisten lachten nur. Er bat zehn Minuten später noch einmal, und zwanzig Minuten später ein drittes Mal. Dann pinkelte er in den Raum, im Knien. „Wage ja nicht, dich zu bewegen“, sagte einer der Polizisten und die anderen lachten. Der Mann blieb in seiner eigenen Lacke knien und weinte.

Einmal kam ein kleiner, maskierter Polizist herein, ging die Reihe ab, betrachtete uns prüfend, dann ging er die Reihe in unserem Rücken ab. Er beugte sich über den Mann, der rechts von mir kniete, streichelte ihm über die Schulter und über den Rücken, tätschelte seinen Hintern und griff ihm dann an die Eier. Ich bemühte mich, immer nach vorne zu schauen und nicht aufzufallen. „Sehr schön, meine Jungs“, sagte der kleine Polizist, richtete sich wieder auf und verließ den Raum. Und das war es dann. Ein paar Stunden später durften wir uns wieder anziehen, wurden in einen Polizeitransporter verladen und nach Paris gebracht. Wir erhielten alle unsere Sachen zurück, darunter auch unsere Handys. Die Polizei hatte sie wohl gründlich durchsucht, so gründlich, dass aus den Geräten sogar die Akkus herausgenommen worden waren. Der Polizeibus fuhr uns durch die Nacht und irgendwann ließ man uns am Straßenrand aussteigen.

Wir waren frei. Sie haben unsere Namen nicht aufgeschrieben, keine Fingerabdrücke genommen, uns nicht gefilmt oder fotografiert, uns nur mit Handschuhen berührt. Es gibt keinen Beweis, dass wir je dort waren. Wo immer wir waren. # Ariel Dorfman und Armand Mattelart, „How To Read Donald Duck – Imperialist Ideology In The Disney Comic“, geschrieben 1971 in Chile: Die Autoren dieses Buches müssen wie folgt beschrieben werden: Unanständig und unmoralisch (während Disneys Welt rein ist); hyper-kompliziert und hyper-anspruchsvoll (während Walt einfach, offen und aufrichtig ist); Mitglieder einer bösen Elite (während Disney der populärste Mensch der Welt ist); politische Agitatoren (während Disney unparteiisch ist, über der Politik stehend); berechnend und verbittert (während Walt D.

spontan und gefühlsbetont ist, es liebt zu lachen und zu scherzen); Zerrütter der Jugend und Zersetzer des häuslichen Friedens (während W.D. lehrt, dass man seine Eltern respektieren, seine Anhänger lieben und Schwache schützen sollte); unpatriotisch und antagonistisch zum nationalen Geist (während Herr Disney, international wie er ist, das Beste und Liebste unserer ursprünglichen Traditionen repräsentiert); und schließlich Hüter der „Marxistischen Fiktion“, einer von auswärts importierten Theorie von „boshaften Ausländern“ (während Onkel Walt gegen Ausbeutung auftritt und für die klassenlose Gesellschaft der Zukunft wirbt). # Ich rief Eugene an. Die anderen waren schon frei. „Wir holen dich ab“, sagte Eugene. „Zwanzig Minuten.“

Kaum hatte ich aufgelegt, läutete mein Handy. Es war Max. Ich hob nicht ab. Er rief noch dreimal hintereinander an, aber ich wollte mit ihm nicht reden. Als der Stockbus endlich kam, stieg ich ein. Niemand sprach ein Wort. Wir fuhren einfach drauflos, ohne zu reden. Ich sah Anna an, aber sie starrte aus dem Fenster. Nach einer Stunde blieb Eugene an einer Tankstelle stehen. „Wir verlassen das Land“, sagte er, als er den Motor wieder startete. Wir saßen alle vorne im Passagierraum, nahe beisammen. „Warum?“, fragte Carlos. „Wir sollten die Sache hier nicht eskalieren lassen.“ „Es ist unser Recht, aufzutreten, wo immer wir wollen“, sagte ich. „Unser verdammtes Recht. Niemand darf es uns wegnehmen. Kultur ist Freiheit, das hast du selbst gesagt.“ „Ja, das habe ich. Es ist unser Recht, hier aufzutreten“, sagte Eugene. „Aber es ist nicht unsere Pflicht. Die Sache

entgleitet uns. Wir tragen auch Verantwortung für unser Publikum.“ „Das kann selbst beurteilen, worauf es sich einlässt. Wir sollten es nicht bevormunden“, sagte ich. Eugene schwieg. „Wenn wir jetzt aufgeben, haben sie gewonnen“, sagte Carlos leise. „Wir geben nicht auf“, sagte Eugene. „Tatsache ist, sie sind stärker“, sagte Dmitri langsam und bedächtig. „Sie haben Knüppel und Wasserwerfer und Tränengas und Schäferhunde und Pistolen.“ „Wir haben unsere Musik!“, sagte ich, aber meine Stimme war schwach und verzagt. „Verdammt noch mal!“, fluchte Eugene. „Das ist so verdammt ungerecht!“, sagte Anna. Sie kaute an ihrem Daumennagel herum. „So verdammt ungerecht ...“ „Wir kneifen also“, sagte ich.

„Wir weichen der Gewalt“, sagte Eugene. „Aber wir geben nicht auf. Wir gehen nach England. Wir fahren noch heute Nacht nach London.“ Pause. Anna kaute weiter auf ihrem Daumennagel herum und wischte sich eine Träne aus dem Auge. Carlos vergrub sein Gesicht in den Händen. Ohnmacht überall. „Und wo spielen wir?“, fragte ich schließlich. „Im Hyde Park“, sagte Eugene. Ich runzelte die Stirn. Dmitri lachte heiser und klopfte sich auf den Schenkel. „Speaker’s Corner“, flüsterte er. # Die Informatisierung ändert unsere Gesellschaft von Grunde auf, sie zerstört die derzeitigen Machtstrukturen und wird neue schaffen. Ähnlich wie Grundbesitz vor einigen Jahrhunderten an Bedeutung verlor, verlieren Kapital und industrielle Güterproduktion nun ihre

Bedeutung. Wir erleben gerade live den Aufstieg einer neuen Schlüsselressource: Information. „Geistiges Eigentum ist das Öl des 21 Jahrhunderts“, hat Mark Getty, ein Erbe des Öl-Imperiums, vor einigen Jahren gesagt. Statt eines Industriekonzerns gründete er eine der weltgrößten Fotoagenturen und handelt nun mit Bildern, also mit visueller Information. Bis vor kurzem war das Gewerbe der Bildagenturen eng an physische Prozesse gebunden: Fotos mussten entwickelt werden, dann kopiert, dann in Ablagesystemen eingeordnet und schließlich bei Anfragen wieder herausgesucht und per Post oder Botendienst an die Redaktionen und Werbeagenturen geschickt werden. Dort lagen sie dann einige Zeit herum und wurden schließlich wieder zurückgesandt. Heute werden Bilder digital angeboten. Die Kunden bekommen einen Zugangscode zur Datenbank, stöbern online im Archiv und laden runter, was gefällt. Der Vorteil dabei: Digitale Information lässt sich praktisch ohne Kosten und Qualitätsverlust vervielfachen. Der

Nachteil: Digitale Information lässt sich praktisch ohne Kosten und Qualitätsverlust vervielfachen. Jede Kopie ist ein Original ist eine Kopie. Das ist kein kleiner, gradueller Unterschied, sondern ein grundlegend anderer Prozess als in der industriellen Produktion. Man sieht es schon daran, dass die Kunden digitale Bilder nicht mehr nach einer gewissen Frist an die Agenturen zurückschicken müssen. Alleine die Vorstellung, ein File in eine Mail zu stecken und an die Agentur zurückzuschicken, ist lächerlich. Und selbst wenn die Kunden es täten – das Bild bliebe immer noch auf ihrer Festplatte zurück. In der Mail wäre nur ein weiteres File, eine neuerliche Kopie, ein weiteres Original. Die Industriegesellschaft kannte „Produkte“ mit einer solchen Eigenschaft bisher nicht und hat daher auch kaum Mechanismen, damit umzugehen. Die Marktwirtschaft beruht ganz fundamental auf dem Spiel von Angebot und Nachfrage, doch digitale Information widersetzt sich diesem Mechanismus zunächst.

Nachdem sie erst einmal geschaffen wurde, lässt sie sich praktisch ohne Aufwand und Kosten im Überfluss erzeugen. Das bedeutet, dass es immer ein Überangebot am Markt gibt. Jede Nachfrage kann auf Knopfdruck befriedigt werden. Auf diese Weise lässt sich kein Profit erzielen. Damit das Produkt „digitale Information“ in unser ökonomisches System passt, muss es künstlich verknappt werden. Nur wenn es knapp bleibt, kann geistiges Eigentum das Öl des 21 Jahrhunderts sein. Adam Smith hat in seinem Buch „Der Wohlstand der Nationen“ das Prinzip der Arbeitsteilung in der industriellen Produktion geschildert. Das war 1776, im Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Smith zählte all die Schritte auf, die zur Herstellung einer Stecknadel notwendig sind; vom Ziehen des Drahtes bis zum Verpacken der Nadeln kommt er auf 18 Schritte. Aber einen hat er vergessen: den ersten. Das Design der Nadel, die kreative Arbeit, das Erstellen eines Prototypen. Selbst ein so simpler Gegenstand wie eine

Stecknadel muss wenigstens ein Mal entworfen und gestaltet werden. Den Unterschied sehen wir sofort: Das, was Adam Smith so unbedeutend erschien, dass er es nicht einmal erwähnte, macht bei digitaler Information 99,99 Prozent der Arbeit aus. Die Arbeitsschritte zum Vervielfältigen des Prototypen, auf deren Beschreibung Smith alle Mühe verwendete, sind plötzlich ein Klacks. Warum ist das so wichtig? Weil die Schlüsselressource unserer Zeit plötzlich an Bedeutung verliert. Für industrielle Produktion braucht man viel Kapital, so wie man für landwirtschaftliche Produktion viel Grund brauchte. Doch digitale Produktion funktioniert beinahe ohne Kapital, ihr Grundstoff, die wichtigste Ressource der Zukunft, ist eben Information. Geld regiert die Welt – aber wer sagt, dass das so bleibt? Die meisten von uns verfügen nicht über die finanziellen Mittel, um ein so einfaches Ding wie eine Stecknadel ein paar tausend Mal zu vervielfältigen. Aber wir können auf Knopfdruck ein Softwarepaket wie OpenOffice

kopieren, das aus Millionen Zeilen Programmcode besteht. Oder eine über Jahre aufgebaute und sorgfältig gepflegte Kundendatenbank. Oder eine Opernaufnahme – nein, eine ganze Sammlung von Aufnahmen. (Nebenbei, der Begriff „Rarität“ wird aus dem Vokabular der Musikfreunde gestrichen werden.) Dass Millionen Menschen all diese Möglichkeiten haben, wird nicht ohne gravierende Folgen für die politischen und wirtschaftlichen Strukturen bleiben. Das letzte Mal, als eine neue Schlüsselressource auftrat, hat das ein paar hundert Jahre Revolutionen und Kriege nach sich gezogen. Und in vielen Teilen der Welt ist noch nicht mal dieser Prozess abgeschlossen. Da kann ja einiges auf uns zukommen. Keine Ahnung was, aber irgendetwas wird passieren. Irgendetwas muss passieren. Die Frage ist nur wann. #

Wir setzten mit der Fähre über den Kanal. Der Himmel war grau, der Wind kalt. Ich zitterte, aber ich wusste nicht, ob es am Wetter lag, oder an meiner Verunsicherung. Ich fühlte mich müde, elend, ausgelaugt, allein. Anna stand neben mir, wir hielten uns umschlungen und starrten auf die Wellen, aber trotzdem war ich einsam. Man kann das, was uns widerfahren ist, wohl nicht mit der Folter von politischen Dissidenten in Diktaturen vergleichen. Wir wurden nicht misshandelt wie unter Pinochet, Saddam oder Pol Pot. Von den Nazis ganz zu schweigen. Das wäre eine Verharmlosung dieser Regime, das wäre falsch. Wir wurden geschlagen und gedemütigt, aber wir hatten immer Hoffnung, wir wussten immer, dass wir nicht einfach in einer Grube verschwinden würden. Das war wichtig, um nicht verrückt zu werden. Aber trotzdem: Die Nacht in der Polizeikaserne veränderte alles. Sie war eine Kriegserklärung, eine letzte Warnung. Bis hierher und nicht weiter, sagte das

System. Wir wussten nicht, wie wir darauf reagieren sollten. # Robert Kurz, „Antiökonomie und Antipolitik“: Das Problem, das hier aufscheint, ist das der „Keimform“. Der historische Materialismus hat analytisch bewiesen und anerkannt, dass die bürgerlich-warenförmige, kapitalistische Vergesellschaftung als Keimform im Schoße der feudalen Gesellschaft entstanden ist. Sie begann nicht mit der politischen Revolution (etwa der großen französischen), sondern weit früher, um sich nach einer bereits langen Entwicklung erst allmählich als selbstbewusste Kraft hinsichtlich der politischen Machtfrage geltend zu machen. Die sozialökonomischen Keimformen des Kapitalismus entwickelten sich, während noch lange Zeit „darüber“ und „daneben“ die feudale Macht bestand. Als in den bürgerlichen Revolutionen „die feudale Hülle gesprengt“ wurde, war

die bürgerliche, warenförmige Gesellschaftlichkeit schon praktisch da; nicht bloß indirekt als politische und negatorische Kraft, sondern direkt und positiv als reale sozialökonomische Reproduktionsform. Die politische Bewegung ging der neuen Reproduktionsform nicht als abstrakte und symbolische Willenskundgebung voraus, sondern war im Gegenteil ihre sekundäre Konsequenz und ihre notwendige Erscheinungsform. „Das ist spannend“, sagte Eugene. „Was glaubst du, entsteht die Keimform der Informationsgesellschaft schon im Schoße der Medienindustrie?“ # Die Angst fiel von mir in der Sekunde ab, als wir in Dover das Gelände des Fährhafens verließen. Wir wurden von einer großen, bunten, jubelnden Menschenmasse empfangen. Zwanzigtausend, vielleicht dreißigtausend Leute hatten uns erwartet (Die Polizei sprach später von fünf- bis achttausend, und die meisten

Mainstream-Medien übernahmen diese Zahlen. Vollkommen lächerlich). Sie kamen mit Fahnen, Transparenten, Schildern und vor allem vielen selbst gebastelten Trommeln und Rasseln. Sie forderten ein Konzert. „Nicht hier“, sagte Eugene über die Lautsprecher. „Kommt mit uns! Auf zu Speaker’s Corner!“ Und wir fuhren los und bildeten die Spitze einer Karawane, die um ein Vielfaches größer war als jene von Paris. Wir fuhren die Küste entlang nach Folkestone, dort auf die Autobahn und auf schnellstem Weg nach London. Einige freie Radiosender und BBC berichteten darüber und obwohl wir kaum mehr als eine Stunde bis zur Stadtgrenze brauchten, erwartete uns dort schon die nächste Menschenmenge. Wir kämpften uns im Nachmittagsverkehr durch Südlondon und immer mehr Autos schlossen sich uns an. Wir verursachten Staus, im Radio wurde vor uns gewarnt, aber viele der anderen Autofahrer schienen uns freundlich gewogen zu sein. Sie

winkten, einige hupten und nicht wenige schlossen sich uns an. Wir sahen keinen einzigen Polizisten. „Glaubst du, das ist eine Falle?“, fragte ich. „Das werden wir hier sehen“, sagte Eugene und tippte mit dem Zeigefinger auf eine Stelle auf dem Stadtplan, den er auf den Knien liegen hatte. „Vauxhall Bridge. Wir fahren direkt darauf zu. Wenn sie uns dort nicht stoppen, dann gar nicht.“ Er behielt recht – es blieb bei gar nicht. Wir überquerten die Brücke ungehindert, fuhren nach Norden, zwischen Victoria Station und Westminster Abbey durch, an den Buckingham Palace Gardens vorbei, und kamen so ans südöstliche Ende des Hyde Park. Auch der war voller Menschen, so weit das Auge reichte: eine einzige, bunte, fröhliche, Party machende Masse. Ich konnte es kaum glauben. Unsere Karawane fuhr mit einem Hupkonzert einmal rund um den Park, dann steuerten wir den Bus durch eine Einfahrt zu Speaker’s Corner. Kaum blieben wir stehen, waren wir auch schon dicht umringt. Die Leute

pressten ihre Gesichter an die Scheiben, winkten uns zu, riefen unsere Namen. „Rauf auf die Bühne!“, rief Eugene und klappte die Dachluke auf. Ich griff mir meine Gitarre. Wir spielten bis lange nach Sonnenuntergang, zuerst unsere eigenen Nummern, dann Coverversionen, Stunde um Stunde. Der Zustrom an Menschen ließ nicht nach. „Im Radio berichten sie, dass sich aus ganz Großbritannien die Leute auf den Weg hierher machen, sogar aus Schottland ist schon eine Autokarawane unterwegs“, sagte Eugene in einer Pause. „Bis die da sind, können wir aber nicht durchspielen“, sagte ich. „Tja, dann müssen wir morgen wohl wieder spielen“, sagte Anna. Sie strahlte über das ganze Gesicht, es hatte etwas Künstliches, Aufgesetztes. Sie schien die Erlebnisse auf der Polizeistation völlig zu verdrängen. Ich fragte mich, was sein würde, wenn die Euphorie dieses Tages und das Adrenalin nachließen.

Irgendwann sagte Anna: „Wir haben nun nur noch eine Zugabe“, und wir hielten die Schweigeminute. Binnen weniger Sekunden verstummte jedes Gespräch im Publikum, die Leute erhoben sich aus dem Gras, nahmen ihre Kopfbedeckungen ab, zündeten Feuerzeuge an. Es wurde ein riesiges Lichtermeer, bis nach hinten zum See. Dann verließen wir das Dach, mischten uns unter die Leute, tranken ein paar Bier mit ihnen, erzählten von Paris und den Übergriffen der Polizei. Der Alkohol löste unsere Zungen und irgendwann begannen wir, unsere Angst ins Lächerliche zu ziehen. Aber diese gelöste Stimmung hielt nicht lange. Wir waren alle todmüde, vollkommen erschöpft, und krochen bald in unsere Kojen. Anna kam nicht zu mir, und als ich zu ihr in die Koje wollte, schüttelte sie den Kopf. „Ich möchte ein wenig alleine sein“, sagte sie. Ich verkroch mich also in meiner Koje. Vor dem Einschlafen checkte ich noch mal mein Telefon, das

erste Mal an diesem Tag. Vier verpasste Anrufe von Max. # Am nächsten Morgen stieg ich aus dem Bus und blinzelte ungläubig in die Morgensonne. Die Menschen waren immer noch da. Ein Pärchen, das offensichtlich auf einer Decke im Gras vor dem Bus übernachtet hatte, teilte sich zum Frühstück ein Sandwich. Die beiden lächelten mich an, ich nickte freundlich. Dann wanderte ich langsam durch den Park und fand überall das gleiche Bild: Kleine Gruppen, Pärchen, Einzelpersonen, junge Familien mit kleinen Kindern, Menschen aller Altersklassen, sozialer Schichten und Hautfarben lagen oder saßen im Gras, Punks neben Hip-Hopern, Skater neben Rockern, Studenten neben Rentnern, Birkenstockträger neben Anzugträgern (okay, davon wenige). Ich kam mir vor wie in einem großen Pfadfinderlager. Und alle grüßten mich. Hey, ich war

ein Star zum Anfassen. „Das ist toll, was ihr macht“, sagte ein junges, wunderschönes Mädchen, einfach so, im Vorbeigehen. Es gefiel mir. Aber irgendwie hatte ich das dringende Bedürfnis, in Ruhe nachzudenken. Unsere Verhaftung in Paris, die Schläge, die Angst ... all das war noch keine 36 Stunden her. Ich wusste nicht, wo ich stand. Wo wir standen. Klar, unser Bus parkte im Speaker’s Corner im Hyde Park in London, umringt von ein paar tausend... was? Fans? Mitstreitern? Aber was hatte das zu bedeuten? Was sollten wir damit anfangen? Ich verließ den Park im Süden, überquerte die Straße, suchte einen kleinen Shop, um mir Frühstück zu kaufen. Ich nahm Kaffee und ein Sandwich, aber als ich zahlen wollte, winkte der Mann hinter der Kasse ab. „Sie sind eingeladen, Sir.“ „Oh, danke“, sagte ich überrascht. „Es ist mir ein Vergnügen“, sagte er. „Ich finde es gut, was Sie tun. Und außerdem verhelfen Sie mir zu einem Umsatzrekord“, sagte er und machte eine ausladende

Handbewegung. Ich sah mich um. Sein kleines Geschäft war voll mit jungen Menschen, die so aussahen, als hätten sie im Park übernachtet. Die meisten gaben sich Mühe, mich nicht anzustarren. Ich nickte dem Mann zu und beschloss, mir einen ruhigeren Ort zu suchen. Eine Stunde etwa lief ich planlos durch Kensington, Brompton und Chelsea, frühstückte im Gehen, grübelte. Der Tag war mild, es war hell, aber nicht zu heiß. Ich begann, mich wohl zu fühlen. Max rief an. Ich drückte die rote Taste. Kurz darauf kam eine SMS. Hey Mann, mache mir Sorgen. Alles okay? Ich antwortete nicht, lief einfach immer weiter. Schließlich landete ich im Victoria & Albert Museum. Freier Eintritt, freier Zugang zur Kultur. Ich musste lächeln. War es denn so schwer zu verstehen? Also nahm ich mir Zeit. Griechische und römische Statuen, indische Textilien, viel Silberhandwerk, alte Schreibmaschinen, Telegraphen und Radios. Radios! Dann fand ich zwei große Räume mit Gipsabdrucken antiker und mittelalterlicher Kunstwerke. Ein

Michelangelo-David in Originalgröße. Die HadrianSäule. Das gesamte Portal einer Kathedrale. In der englischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts gehörten solche Plaster-Caster zum guten Ton in der klassisch gebildeten Oberschicht, stand auf einer erklärenden Tafel. Darunter hatte jemand gekritzelt: meum esse aio! Wie gesagt, ich nahm mir Zeit. Aber irgendwann landete ich doch bei den beiden Bildern, die ich suchte. Ich hatte über sie in einem der Bücher gelesen, die ich in London gekauft hatte. Damals. Vor langer, langer Zeit. Es waren zwei Kupferstiche, jeweils von der Größe einer Taschenbuchseite. Auf den ersten Blick sahen sie identisch aus. Ich ging näher ran, und da wurden die Unterschiede offensichtlich. Einer war unglaublich fein gezeichnet, der andere grob, ungelenk, viele Details fehlten. Ein Original und eine Kopie. Beide trugen das Monogramm AD. Albrecht Dürer. Ich setzte mich auf den Boden und betrachtete die Bilder in Ruhe. Ich könnte sie fotografieren, dachte ich.

Wir könnten sie im Blog posten und über sie schreiben. Die Geschichte dahinter ist sehr interessant ... Dann seufzte ich. Nicht noch eine Geschichte. Es war genug erzählt. Zeit für Taten. # Als ich am frühen Nachmittag in den Hyde Park zurückkam, war ich überrascht. Erstens, die Leute waren immer noch da. Zweitens, es wurden immer mehr, ständig kamen neue an. Und drittens: Sie schienen bleiben zu wollen. Die Menschen kamen mit IsoMatten, Schlafsäcken, dicken Decken und sogar Zelten. Sie richteten sich ein Lager ein. Ich sah Leute, die große schwarze Plastiksäcke trugen und Müll sammelten. Ich sah Männer, die vier oder fünf Dixi-Klos aufstellten. Viel zu wenig, aber immerhin. Ich sah mehrere Diskussionsgruppen, die im Kreis oder

Halbkreis beisammen- saßen. Bei der größten davon traf ich Eugene. Er saß in der Mitte, aber er sprach nicht. Ein Junge stand neben ihm und er redete laut und aufgeregt. Ich verstand immer nur „neue Menschenrechte“. Dann sah ich Anna. Sie stand am Rand der Gruppe und kaute an ihren Fingernägeln. „Worum geht’s hier?“, fragte ich. „Wenn ich das wüsste“, antwortete sie. „Lauter Spinner, und Eugene mittendrin. Weißt du, was ich mich frage?“ „Hm?“ „Was glaubst du, wie viele von denen hier sind Polizisten oder Geheimdienstleute oder so was?“ Ich zuckte zusammen. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. „Egal“, sagte sie, bevor ich antworten konnte. „Wahrscheinlich bin ich einfach schon paranoid.“ „Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind“, sagte ich und wir rangen uns beide ein gequältes Lächeln ab.

# Michel Foucault, „Omnes et Singulatim: Towards A Criticism Of Political Reason“, 1979; in Bezug auf Turquet de Mayenne, „Aristo-Demokratische Monarchie“, 1611; zitiert nach Michael Hardt/Antonio Negri, „Empire – Die neue Weltordnung“, 2000: Die „Polizei“ erscheint als Administration, die den Staat lenkt, gemeinsam mit der Gerichtsbarkeit, der Armee und der Staatskasse. Wohl wahr. Tatsächlich jedoch umfasst sie alles andere. Wie Turquet ausführt, breitet sie sich mit ihrem Tun in jeder Situation aus, in allem, was Menschen machen oder unternehmen. Ihr Bereich umgreift Justiz, Finanzen und Armee. Die Polizei schließt alles ein. #

Eugene und ich gingen in ein Pub mit freiem WLAN, um die Nachrichtenlage zu checken. Der Wirt erkannte uns und lud uns auf ein Bier ein. Eugene hoffte auf freundliche Bericht-erstattung, weil unsere Besetzung des Parks den ganzen Tag über friedlich verlaufen war. Ich befürchtete eine Negativkampagne in allen klassischen Medien, eine Fortführung der Berichterstattung der letzten Tage. Aber was wir lasen, war nicht weniger als eine Sensation. Ein Blogger hatte in der Nacht ein Video auf YouTube hochgeladen, ein Video von dem vermummten Mann, der den Molotowcocktail warf. Es war eindeutig derselbe Mann und derselbe Wurf, aber die Aufnahme war aus einem anderen Winkel gemacht worden. Im Hintergrund war ein Geschäft zu sehen und darüber stand: METZGEREI. „Das ist in Deutschland!“, rief ich. Das Video verbreitete sich rasant im Netz, auf Facebook waren wir dutzende Male getaggt und hunderte Tweets mit dem Hashtag #incommunicado wiesen auf einen

deutschen Blogger hin, der das Video hochgeladen und in einen Blogbeitrag eingebettet hatte. Dort stand: Diese Szenen stammen aus meinem Video-Archiv, ich habe sie vor etwas mehr als einem Jahr aufgenommen, in Berlin, bei den Demonstrationen zum 1. Mai. „Sie wollten uns was unterschieben!“, rief Eugene. „Diese Arschlöcher! Methoden wie bei den Nazis. Oder den Sowjets“, sagte der Wirt, der uns über die Schulter blickte. „Wollt ihr noch ein Bier?“ # Noam Chomsky & Edward Herman, „Manufacturing Consent“: Die Massenmedien sind ein System zur Übermittlung von Botschaften und Symbolen an die ganze Bevölkerung. Sie sollen amüsieren, unterhalten und informieren, und sie sollen Individuen jene Werte, Vorstellungen und Verhaltensregeln einimpfen, welche sie in die institutionellen Strukturen der Gesellschaft

integrieren. In einer Welt konzentrierten Reichtums und gegensätzlicher Klasseninteressen bedarf es dazu systematischer Propaganda. # Adolf Hitler, „Mein Kampf“: Der Presseeinfluss auf die Masse ist der weitaus stärkste und eindringlichste, da er nicht vorübergehend, sondern fortgesetzt zur Anwendung kommt. # In Windeseile verbreiteten sich die Bilder aus Berlin und jene, die angeblich aus Dijon stammten, durch das Netz. Kein Zweifel, man hatte uns etwas anhängen wollen. Nicht uns als Band, sondern ... der Bewegung. Im Lager im Hyde Park gab es kein anderes Gesprächsthema. Die Leute standen und saßen in

Gruppen beisammen, diskutierten die Bilder, waren aufgebracht, zornig, fühlten sich persönlich angegriffen. Ich auch. Als ich ein Kind war, gab es den Kalten Krieg noch. Nicht dass ich mich bewusst an viel aus dieser Zeit erinnern könnte, aber eines weiß ich: Wir waren die Guten. Davon war ich überzeugt. Davon waren meine Eltern überzeugt. Davon waren die seriösen Herren offensichtlich überzeugt, die im Fernsehen die Nachrichten verlasen. Wir hatten Wahlen und Redefreiheit und Kapitalismus und irgendwie schien das alles zusammenzugehören, und die anderen hatten Diktatur und Zensur und Kommunismus, und das schien auch alles zusammenzugehören. Dass wir die Guten waren, wussten wir, weil die Leute aus dem Osten in den Westen flüchteten und nicht umgekehrt. Ja, unser System war gut, vielleicht nicht perfekt, aber sehr gut, und als Kind lernte man nicht, es in Frage zu stellen. Ich zumindest lernte es nicht. Wie auch immer. Ich war durch und durch unpolitisch.

Und jetzt das. Das System wandte sich gegen uns. Es zensurierte uns, verhaftete uns, misshandelte uns, verleumdete uns als Gewalttäter. Ja, es stimmt, wir hatten versucht, es zu verändern. Das war unser gutes Recht, hatten wir von Kindesbeinen an gehört. Das war es doch, was uns im Westen von all den Diktaturen unterschied, das war es doch, warum wir die Guten waren, oder? Wir hatten uns an die demokratischen Spielregeln gehalten. Das System hatte kein Recht, sich gegen uns zu wehren. Nicht so! Nicht mit Lügen und Folter und Gewalt. Die Wut über diese Ungerechtigkeit trieb mir fast die Tränen in die Augen, und damit war ich nicht allein. „Wir können jetzt nicht aufhören“, sagte eine ältere Frau und ihre Stimme bebte dabei. „Wir müssen irgendetwas tun!“ „Wir brauchen ein Zeichen, das dem System sagt: Wir werden dich verändern, ob du willst oder nicht. Etwas das sagt: Der Kampf hat begonnen“, sagte einer. „Etwas wie den Sturm auf die Bastille.“

„Aber was machen wir?“, fragte ein Mann. # Jack Balkin, Information Society Project, Yale University: Zugang zum Wissen ist eine Frage der Gerechtigkeit, gesunder Entwicklungspolitik und ganz generell menschlicher Freiheit und Teilhabe an einer global vernetzten Wirtschaft. Menschen sterben an Krankheiten, die hätten behandelt werden können, wären die Medikamente nicht überteuert; Bevölkerungen bleiben ohne Bildung, weil Gesetze über geistiges Eigentum die Verbreitung von Unterrichtsmaterial blockieren. Innovation wird verhindert durch Patent- und Urheberrechte, die weit über das gerechtfertigte Ziel hinausgehen, Innovation zu fördern und der Zugang zu Informationen über Regierungshandeln wird durch einen Mangel an Transparenz unterminiert. Die Liste der Probleme, die durch die Verweigerung des Zugangs zu Wissen für die

Entwicklung, für die Gerechtigkeit in der Gesellschaft und die Menschenrechte entsteht, ist endlos. # Eugene und ich schlenderten durch den Park. Es hatten sich rund zwei Dutzend Gruppen gebildet, die zu verschiedenen Themen diskutierten. Und die Vielfalt dieser Themen überraschte mich. Da war eine Gruppe, in der es um die Privatisierung und Ökonomisierung des Bildungssystems ging. „Eine Wissensgesellschaft, die ihre Ausbildung in die Hand von Konzernen legt, liefert sich diesen aus“, sagte jemand, und ein anderer rief dazwischen „Ausbildung ist die Bildung der Beherrschten, Bildung ist die Ausbildung der Revolutionäre.“ „Guter Spruch“, sagte ich zu Eugene. „Von Engels“, antwortete er. „Aber deswegen nicht schlecht.“

Die nächste Gruppe widmete sich der Pharmabranche. Man sprach über Medikamente, die in Afrika dringend benötigt, von westlichen Konzernen aber nicht mehr hergestellt wurden, weil es im Westen keinen Bedarf gab und Afrika kein lukrativer Markt war. „Wir könnten das Medikament in Indien billig herstellen lassen“, sagte eine Aktivistin, „aber das Labor, das das Mittel entwickelt hat, verbietet uns das. Sie wollen Geld sehen, Geld, das wir nicht haben. Das Patent läuft noch neun Jahre. Neun Jahre lang werden Menschen sterben, die wir heilen könnten. Diese Menschen sterben am Patentrecht!“ Empörtes Raunen unter den Zuhörern, dann stand jemand auf und rief: „Das ist doch in der AIDSForschung nicht anders. Die Forschungslabors halten doch ihre wirklich brisanten Erkenntnisse so lange zurück, bis sie patentierbar sind. Die blockieren sich alle gegenseitig. Wenn alle Labors ihr Wissen frei teilen würden, könnten wir AIDS vielleicht schon längst heilen. Nur Profit gäbe es dann keinen ...“

In der nächsten Gruppe wurden keine großen Reden geschwungen. Dutzende junge Leute saßen mit Notebooks am Boden. Viele von ihnen trugen schwarzweiße T-Shirts mit der Aufschrift Penguin Resistance Army. Ein Mädchen sprach Eugene und mich an: „Habt ihr ein Notebook dabei? Wir helfen euch gerne dabei, Linux zu installieren. Kennt ihr Linux? Das ist ein freies Betriebssystem, das ...“ „Danke, kenne ich“, sagt ich. „Aber ich habe einen Mac.“ Sie rümpfte die Nase. „Apple ist ja noch schlimmer als Microsoft“, sagte sie. „Aber das lässt sich beheben. Auch auf Macs läuft Linux. Ich kann euch einen Spezialisten ...“ „Später vielleicht“, sagte ich und zog es ernsthaft in Betracht. „Wir sollten das tun“, sagte Eugene. „Okay. Ich sag ja, später.“

In diesem Moment drückte uns ein anderes Mädchen im Vorbeigehen einen Flugzettel in die Hand. Darauf stand: Demonstration: No Sound is illegal „Was ist das?“, fragte ich sie. „Steht doch drauf: Wir machen am Samstag eine Demonstration vor der Volvox-Zentrale.“ Tatsächlich, das stand drauf. „Vor der Volvox-Zentrale? Warum?“ „Wir fordern, dass sie die Klage gegen die Soundinistas zurückziehen.“ Sie schien uns nicht zu erkennen. „Wann wurde denn das beschlossen?“, fragte Eugene. „Vor einer Stunde, in einem Plenum.“ „Von wem?“ „Ich sag ja, in einem Plenum. Da waren sicher zweihundert Leute anwesend.“ „Und was sagen die Soundinistas dazu?“, fragte Eugene. Sie zuckte mit den Schultern. „Die werden sich sicher freuen darüber.“

„Ja, wahrscheinlich“, sagte Eugene. Das Mädchen lief schon wieder weiter. „Wie findest du das?“, fragte ich. Er lächelte. „Großartig natürlich! Du nicht?“ „Weiß nicht ... Warum habe ich gerade das Gefühl, dass uns die Sache endgültig entgleitet?“ „Das ist halt Demokratie.“ „Ach so. Klar. Na dann.“ Plötzlich klopfte mir von hinten jemand auf die Schulter. Ich drehte mich um und mein Vater stand vor mir. Mein Vater. „Wow“, sagte ich. „Hallo.“ „Was machst du hier?“ „Ich habe mit Max gesprochen. Er sagt, du gehst nicht ran, wenn er anruft.“ „Du bist hier weil ich Max’ Anrufe nicht annehme?“, fragte ich, fassungslos. „Ich bin in Frankreich verhaftet und verprügelt worden und du bist hier, weil ich nicht mit Max reden will?“

„Nein. Weil ich mir Sorgen mache.“ „Da kommst du ja rechtzeitig drauf. Danke der Nachfrage, die blauen Flecken werden schon gelb.“ „Da hast du dir ja einiges eingebrockt“, sagte er. „Ich habe mir etwas eingebrockt? Man verprügelt mich grundlos und ich bin schuld?“ Er setzte seinen missbilligenden Blick auf. „Es war nicht ‚man‘, es war die Polizei. Ihr habt für Unruhe gesorgt. Ihr sorgt immer noch für Unruhe. Und wenn ich mir das hier so ansehe, dann soll das ja weitergehen.“ Er hielt mir einen der Flugzettel mit dem Demonstrationsaufruf unter die Nase. „Was willst du?“, fragte ich. „Weißt du eigentlich, was das für Max bedeutet?“ „Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Sag, dass das nicht dein Ernst ist.“ „Es ist mein voller Ernst. Ich war bei ihm. Ich rede ja mit ihm.“ „Öfter als mit mir.“

„Ja, das stimmt. Und das hat auch seinen Grund. Max braucht jetzt unsere Hilfe. Und nicht so eine Demonstration auch noch. Bist du eigentlich völlig wahnsinnig?“ „Äh...“ „Du kannst das nicht wissen, denn du gehst ja nicht an dein Telefon, aber der Aufsichtsrat sitzt ihm im Nacken. Seine Chefs finden, dass diese ganze Sache hier eskaliert und dem Unternehmen Schaden zufügt. Sie überlegen, seine neue Firma wieder zu schließen.“ Das überraschte mich nun wirklich. „Ist nicht wahr.“ „Doch. Und wenn jetzt diese Demonstration auch noch stattfindet, wird ihm das noch mehr schaden.“ Ich spürte einen kleinen Anflug von Schadenfreude. „So. Ein. Pech.“ „Max hat mir von eurer Vereinbarung erzählt. Dass das alles nur ein Marketing-Trick für seine Firma ist, dass du nur deswegen in dieser Band bist. Das verstehe ich jetzt. Aber diese Sache muss jetzt beendet werden, sie entgleitet euch.“

Zur letzten Erkenntnis war ich ja auch schon gelangt. „Ich weiß gar nicht, ob sich das so einfach beenden ließe. Sieh dich um. Ich kann diesen Leuten keine Befehle erteilen.“ „Es sind deine Fans.“ „Vielleicht. Vielleicht glauben sie auch nur an gewisse Ideale. Vielleicht sind sie deswegen da, und nicht unseretwegen.“ „Was für Ideale denn? Grüne Haare und möglichst viel Eisen im Gesicht?“ Ich zündete mir eine Zigarette an. Mein Vater hasste es, dass ich rauchte. „Du kannst das alles hier überhaupt nicht verstehen, oder?“ „Nein. Ich kann es nicht verstehen. Nicht im Geringsten“, sagte er. „Ich weiß wirklich nicht, was ihr hier tut, aber wenn es eine erfolgreiche MarketingSchiene war, bitte schön. Dann ist das halt das Musikgeschäft. Ich halte es für idiotisch und kindisch.“

„Das ist beruhigend“, sagte ich. „Dann stehen die Chancen ja ganz gut, dass wir hier etwas ziemlich Cooles machen. Was immer wir hier tun.“ Dann drehte ich mich um und ließ ihn stehen. „Ruf Max an!“, rief er mir noch nach. „Sprich zu meiner Hand“, murmelte ich. # Am Abend ging ich mit Eugene wieder in das Pub und der Wirt lud uns wieder auf zwei Bier ein. „Das war heute alles ein wenig viel“, sagte ich. „So viele Themen, eine Demonstration und dann noch mein Vater.“ Aber Eugene hörte kaum zu, er konzentrierte sich schon auf die Fernsehnachrichten. Und die waren kaum weniger sensationell als am Tag zuvor. Die französische Polizei sagte, man würde die Herkunft des MolotowVideos untersuchen und bis dahin keinen weiteren Kommentar abgeben. Die deutsche Polizei bestritt, ihren

Kollegen das Band überlassen zu haben. In Spanien hatten zweihundert Menschen ein Feld gerodet, auf dem ein Saatgut-Konzern patentierten Mais zu Versuchszwecken angebaut hatte. In New York war ein Mann festgenommen worden, der in einem Computergeschäft auf mehreren ausgestellten Geräten Linux installieren wollte. In Nairobi demonstrierten tausende Bauern vor der Niederlassung eines Pharmakonzerns, warum, sagte der Nachrichtensprecher nicht. Die Polizei löste die Demo mit Wasserwerfern und Tränengas auf, es gab Schwerverletzte. In Sydney besetzten Studenten eine Privatuniversität und forderten leistbaren Zugang zu Bildung für alle. In Genf stürmte eine lokale Band zusammen mit ihren Fans das Hauptquartier der World Intellectual Property Organisation und spielte in der Lobby ein Konzert, bis nach fünfzehn Minuten die Polizei eintraf und alle festnahm. Und in Berlin hatten Demonstranten den Virgin Megastore am Hauptbahnhof gestürmt, Scheiben eingeschlagen und ein paar tausend CDs gestohlen. Wenn ihr uns wie

Piraten behandelt, können wir uns auch so verhalten, hatte jemand auf die Fassade gesprayt. „Wow“, sagte Eugene. „Das war heute wirklich alles ein wenig viel.“ „Jungs, da habt ihr ja was angefangen“, sagte der Wirt und stellte uns die Biere hin. Mein Handy läutete. Es war Max. Diesmal hob ich ab. „Warte kurz“, sagte ich und ging raus auf die Straße, damit niemand mithörte. Vor allem nicht Eugene. „Wir müssen reden“, sagte er. „Scheint so.“ „Dann komm in mein Büro. Heute Nacht.“ „Das geht nicht“, sagte ich. Ich wollte Zeit schinden. Wofür wusste ich nicht. „Dann morgen. Mehr Zeit haben wir nicht mehr. Der Aufsichtsrat macht mir die Hölle heiß. Wenn eure Demo losgeht, muss unser Deal unter Dach und Fach sein. Joanna hat den Vertrag aufgesetzt. Du wirst überrascht sein. Positiv überrascht.“

„Hmmmm.“ „Irgendein Problem?“ „Nein, kein Problem ...“, sagte ich langsam. „Morgen Abend, wenn deine Mitarbeiter weg sind.“ „Die arbeiten derzeit die Nächte durch. Treffen wir uns besser in meiner Wohnung, die liegt direkt über dem Büro. Du kannst den Hintereingang nehmen.“ „Gut. Schick mir die Adresse.“ „Okay. Aber eine Bedingung habe ich.“ Ich musste lachen. „Du hast Bedingungen?“ Max lachte nicht. „Bring Anna mit!“, sagte er und legte auf. Also suchte ich Anna. Aber ich fand sie nicht. Ich fragte Eugene; er drückte ein wenig herum und gab mir keine Antwort. Ich wurde eifersüchtig und betrank mich. Gegen Mitternacht tauchte sie auf, Arm in Arm mit einem groß gewachsenen, dünnen Typen mit schwarzen Locken und Metallica-T-Shirt. Ich trank weiter.

# Unser vierter Tag im Hyde Park war der Freitag. Bei den Morgenbesprechungen, die in hunderten kleinen Gruppen durchgeführt wurden, gab es zunächst nur ein Thema: Max und seine Idee, Musikstile zu patentieren. Der Idiot hatte ein Interview in der Financial Times gegeben und den Plan in die ganze Welt hinausgeblasen. Ich glaube, damit verdoppelte er auf einen Streich die Anzahl der Demonstranten. Ich ging ins Internet-Café, um die Geschichte nachzulesen. Selbst im Diskussionsforum der FT, das ja nun wirklich kein antikapitalistisches Plenum ist, hagelte es Kritik. Auf den uns wohlgesonnenen Blogs und Websites brachen alle Dämme. Jetzt reicht’s, stand da. Enough is enough. Ya basta. Rien ne va plus. Zurück im Hyde Park war die Planung bereits in vollem Gang. Ich fand die anderen Bandmitglieder in einer Organisationsgruppe in der Nähe des Busses.

„Ach, hier bist du“, sagte ich zu Anna, so leise, dass die anderen mich nicht hörten. „Hast du mich gesucht?“ „Was machst du heute Abend?“ „Warum?“ „Weil es was zu besprechen gibt.“ „Hör mal ...“ „Nein, es geht nicht um uns“, fiel ich ihr ins Wort. „Ich ... hätte gerne, dass du mich zu einem Termin begleitest.“ „Einem Termin?“ „Sozusagen. Es ist eine Überraschung. Und es ist geheim. Nur du und ich, vorerst.“ „Okay“, sagte sie. „Klingt ja mysteriös.“ „Und worum geht’s hier?“, fragte ich. „Hör zu, dann weißt du’s“, sagte Anna. „Wir sollten Kleingruppen bilden. Affinity Groups, Bezugsgruppen. Das sollte die kleinste Einheit sein, in der wir operieren“, sagte ein alter bärtiger Aktivist, dessen wettergegerbtes Gesicht aussah, als würde er jeden

Winter mit Greenpeace durch die Antarktis schippern. Er sprach mit der natürlichen Autorität eines Menschen, der weiß, wovon er redet. „Diese Gruppen setzen sich aus Leuten zusammen, die einander kennen und sich aufeinander verlassen können. In jeder Situation. Leute, die auch unter Stress zusammenhalten. Okay?“ Alle nickten brav. „Jede Affinity Group ist für sich selbst verantwortlich. Es gibt keine zentrale Planung, keine Hierarchie. Alle Affinity Groups sind gleichrangig. So kann uns die Polizei nicht lähmen, indem sie unsere Kommandostrukturen blockiert. Es gibt einfach keine Kommandanten. Es gibt nur uns. Jede Affinity Group stellt sich eine Aufgabe – etwa die Kreuzung X/Y zu blockieren. Oder sich über Soho zu verteilen und die Bewegungen der Polizei zu beobachten. Oder Sanitätsdienste zu leisten oder Wasser zu verteilen. Oder einfach nur aufzutauchen und vor Ort zu entscheiden, was getan werden sollte. Jede Gruppe, wie sie will. Die Masse macht’s.“

„Bilden die Soundinistas eine Gruppe?“, fragte ich. „Psst“, machte Eugene. „Klar.“ „Bei großen Demonstrationen gibt es meist monatelange Vorbereitungen auf beiden Seiten“, sagte der bärtige Mann. „Das gibt der Polizei die Möglichkeit, Festungen aus Stahlzäunen und Mauern zu errichten. Diese Möglichkeit hatte sie hier nicht. Wir werden nur auf kleine, mobile Straßensperren treffen. Die Polizei wird sehr beweglich sein müssen, wird sich nicht verschanzen können. Das ist unsere Chance: Sie müssen die Befehlskette einhalten, wir nicht. Wir können sofort reagieren, jede Affinity Group entscheidet vor Ort und autonom. Sie ist dabei in der Wahl ihrer Mittel frei. Sie kann kommen, wann sie will, gehen, wohin sie will, tun, was sie will. Letztlich muss nur mindestens eine Affinity Group durch die Polizeisperren gelangen und die Zentrale von Volvox erreichen. Und sie sollte eine Spraydose dabeihaben, um es beweisen zu können.“ Lachen und zustimmendes Klatschen von einigen Zuhörern. „Es muss nur eine Gruppe durchkommen,

aber das können wir nur alle gemeinsam erreichen. Mitglieder verschiedener Affinity Groups sollten HandyNummern austauschen, um vernetzt zu sein. Und ein Tipp aus Erfahrung: Innerhalb größerer Gruppen solltet ihr Arbeitsteilung betreiben: Scouts, Koordinatoren, Proviantmeister, Sanitäter etc.“ In den nächsten beiden Stunden entwickelte sich so etwas wie ein Konsens, wie am nächsten Tag vorgegangen werden sollte. Geplant war eine zweigeteilte Aktion: Die Hauptdemonstration sollte vom Hyde Park die Oxford Street entlanggehen und dann rechts nach Soho hinein abbiegen, direkt auf das Hauptquartier von Volvox zu. Wir erwarteten eine große Straßensperre irgendwo auf diesem Weg. Daher sollten gleichzeitig Affinity Groups aus allen Himmelsrichtungen in Soho einsickern und auf unterschiedlichen Routen versuchen, zu dem Gebäude zu gelangen. Der Hyde Park war inzwischen ein unüberschaubares, buntes Durcheinander aus Gruppen und Arbeitskreisen. Es gab so viel zu tun ... Übersicht verschaffen konnte

man sich an einer Leinwand, die jemand zwischen zwei Bäume gespannt hatte. Auf meist mit Hand bekritzelten Blättern fanden sich alle nötigen Informationen: 14:00 Erste-Hilfe-Kurs, Treffpunkt hier / 15:30 Digitale Anarchie, Diskussion, Nordwestliche Ecke / Hauptmarsch: Strategiesitzung 17:00 / Juristische Auskünfte beim Tisch rechts / Englisch-ItalienischÜbersetzer gesucht / Affinity Groups: Schickt Vertreter zu allen Diskussionsforen / Ab morgen: Piratenradio 107,5 / Pre-Paid-Telefonkarten und Freischaltung ausländischer Geräte (alle Marken) bei der Adresse ... Die meisten Zettel waren in mehreren Sprachen beschriftet, wer eine Übersetzung beisteuern konnte, schrieb sie einfach darunter. Ein dürrer Amerikaner mit Vollbart und Holzfällerhemd hielt einen kleinen Selbstverteidigungskurs und zeigte simple, aber effektive Tricks, wie man sich aus der liebevollen Umarmung eines Polizisten befreien konnte. Zwei besonders eifrige Schüler wollten das Repertoire um einige Schlag- und Tritttechniken erweitert sehen,

aber der Amerikaner winkte ab. „Was auch passiert, schlagt nie zurück“ sagte er, „oder ihr landet für lange Zeit im Gefängnis. Ihr solltet, wenn ihr weggetragen werdet, noch nicht mal eure Beine anwinkeln. Das könnte als Versuch zu treten gedeutet werden.“ Wenige Meter weiter setzte eine Deutsche auf noch mehr Pazifismus und hielt einen DeeskalationsWorkshop. Die Teilnehmer teilten sich in Zweiergruppen, einer spielte einen aufgebrachten Bewohner von London, der zweite einen Demonstranten – also sich selbst. Der „Einheimische“ musste sich furchtbar über all die Unannehmlichkeiten durch die Demonstration aufregen, der andere ihn beruhigen, zu einer sachlichen Diskussion bringen und ihm erklären, warum er hier war. Das Ganze war, trotz des ernsten Hintergrundes, ein ziemlicher Spaß. Das Highlight war ein dänisches Pärchen mit Dreadlocks, beide keine zwanzig Jahre alt. Sie beschimpfte ihn mit einem Schwall von Kraftausdrücken und schrie dann mit sich überschlagender Stimme: „Geh doch arbeiten, statt hier

zu demonstrieren, du Idiot, du arbeitsscheues Element!“ Er stand nur da, den Mund offen, die Hände abwehrend erhoben und sagte nichts. Die Trainerin kam zu ihm. „Lass die Hände unten, du wirkst aggressiv. Und bring deine Argumente.“ Im Freien vor der Halle hatte eine holländische Kommune eine mobile Küche aufgebaut und kochte. Bio und vegan natürlich. Das Essen kostete nur ein paar Pennies, aber ein Schild wies darauf hin, dass niemand abgewiesen würde, wenn er kein oder zu wenig Geld hatte. Hinter der Küche saß ein gutes Dutzend Freiwilliger im Gras und schälte Kartoffeln, schnitt Karotten oder wusch das Plastikgeschirr. Südlich des Sees waren Aktivisten mit dem Anfertigen von Transparenten, Schildern und dergleichen beschäftigt. Selbstorganisation war alles: Es lagen eine Menge Stoffe, Papier, Farben und vor allem Holz herum. Wer etwas brauchte, nahm es sich und steckte einen Kostenbeitrag in eine Kartonschachtel. Wer eigenes Material mitgebracht hatte, tauschte oder

schenkte Überschüssiges her. An einen Baum gelehnt standen massenhaft Schilder mit aufgeklebten Slogans: „Das gehört uns!“ in allen möglichen Sprachen und „Don’t hate the media, be the media“ und so weiter. Ich sah eine Gruppe in Kostümen von Disney-Figuren. Mickey, Goofy, Minnie, Donald, A-Hörnchen und BHörnchen, alle waren sie da. Sie malten Schilder, auf denen stand: „Ich gehöre dir“ und „Freiheit für Mickey!“ Aber die wohl witzigste Gruppe waren die Nerds von der Penguin Resistance Army. Sie waren beinahe zweihundert Leute und verkleideten sich allesamt als Pinguine. Als Kopf nahmen sie schwarze Fahrrad- oder Motorradhelme, auf die sie Schnäbel aus orangefarbenem Karton klebten. Dazu schlüpften sie in extrem weite – und ich meine extrem weite – selbst genähte Kostüme in Schwarz und Weiß, die sehr entfernt an Pinguine erinnerten. Diese Kostüme stopften sie dick mit Schaumgummi aus. Eine ganze Armee von pummeligen Pinguinen. Ich fand das echt lustig.

Dann besuchte ich gemeinsam mit Eugene ein paar der „Seminare“. Wir lernten, dass man Tränengas am besten mit reinem Wasser aus den Augen wäscht und dass man daher besser keine Kontaktlinsen tragen sollte, auch weil das Reizmittel sich auf den Linsen ablagern kann. Wir lernten, dass Tücher, die in Essig oder Zitronensaft getränkt sind, eine neutralisierende Wirkung haben und das Atmen erleichtern. Wir lernten, dass Tränengas schwerer ist als Luft, dass man sich daher nicht niedersetzen sollte, wenn es verschossen wird. Und dass man rauchende Tränengasgranaten am besten in die Kanalisation wirft, oder in einen Eimer mit Wasser, damit sie keinen Schaden anrichten. „Und woher bekomme ich auf einer Demo einen Eimer mit Wasser?“, fragte ich. Der Mann, ein dünner, kleiner Bartträger, lächelte und öffnete einen weißen Lieferwagen, der offensichtlich einem Malereibetrieb gehörte. Auf der Ladefläche standen dicht gestapelt leere Farbeneimer. „Wir werden eine Menge davon haben“, sagte er.

Wir lernten, wie man eine Menschenkette bildet und die Arme dabei so verschränkt, dass es wirkungsvoll ist und man sich trotzdem gegenseitig nicht verletzt, wenn die Polizei die Kette gewaltsam auseinanderreißt. Wir lernten auch, wie man eine Strahlenkanone baut, die die Sensorchips von Überwachungskameras zerstört. Dazu braucht man nur Teile eines Mikrowellenherdes, eine Satellitenschüssel und eine Autobatterie. Wir lernten, dass ganz normale Handys von der Polizei als Wanzen verwendet werden können. Dass die Netzbetreiber das Freisprechmikrofon jedes Handys aktivieren und mithören können, ohne dass das am Display angezeigt wird. Dass die Positionsortung via Handy ganz leicht ist, war mir schon davor klar. Dass das aber auch geht, wenn das Gerät abgeschaltet ist, war mir neu. „Moderne Elektronik wird durch das Ausschalten nur in einen Schlummerzustand versetzt“, dozierte ein junger Typ. „Der Stromkreislauf wird aber nicht tatsächlich unterbrochen wie bei einem altmodischen Lichtschalter. Daher kann auch ein

abgeschaltetes Handy fernaktiviert werden. Und zwar ohne dass man es auf dem Display sieht. Daher: Abschalten reicht nicht. Ihr müsst den Akku rausnehmen. Nur dann seid ihr weder zu orten noch abzuhören.“ „Spooky“, sagte jemand. # Wir begannen gegen Mittag, die Sambanistas zu formen. Inzwischen hatten wir ja schon Übung darin. Für viele, sehr viele Menschen, die noch keine Ahnung hatten, was sie bei der Demo eigentlich tun sollten, schien das eine tolle Möglichkeit zu sein. Als die mitgebrachten Instrumente vergeben waren, wurden eifrig weitere gebastelt: Ölfässer, Topfdeckel, leere Eimer, alles wo man lautstark draufhauen konnte, wurde ins Konzert integriert. Eugene gab mit Trillerpfeife und Stock den Takt vor. Unermüdlich, immer und immer

wieder, machte er neu Hinzugekommene auf Fehler aufmerksam und hielt das Werk zusammen. Am Nachmittag begannen wir, den Marsch in Formation zu üben. Der Plan war, die Hauptdemonstration anzuführen. Das sollte auch deeskalierend wirken: Wir hofften, dass die Polizei nicht versuchen würde, eine fröhlich musizierende SambaBand zu attackieren. # Max hatte mir per SMS die Adresse geschickt. Ich sollte nicht den Haupteingang nehmen, sondern eine unversperrte Hintertür in einer kleinen Seitengasse. „Was machen wir hier?“, fragte Anna. „Lass dich überraschen“, sagte ich und öffnete die Tür. „Fünfter Stock, kein Lift auf dieser Seite des Hauses.“ Das Treppenhaus war für Londoner Verhältnisse weitläufig, es war gepflegt und sauber und roch sogar noch frisch gestrichen. Im zweiten Stock kamen wir an

einer Rauchglastüre vorbei, die zwei Schilder trug: Emergency Exit stand auf dem einen. Volvox Ltd auf dem anderen. Anna zog eine Augenbraue hoch. Ich legte den Zeigefinger auf meine Lippen. Identische Türen mit identischen Schildern im dritten und vierten Stock. Im fünften standen wir vor einer großen, schwarzen Feuerschutztüre. Keine Schilder. „Wo sind wir hier?“, fragte Anna. „In der Höhle des Löwen“, antwortete ich und öffnete die Tür. Aber das war ein Irrtum: Es war ein Hund. Das riesige Vieh fuhr mit lautem Gebell auf mich los. Ich schrie laut auf und warf die Türe wieder zu. „Aus!“, hörte ich Max’ Stimme. Und: „Guter Junge, guuuuter Junge. Platz jetzt. Platz!“ „Du hättest mir sagen können, dass du einen Hund hast“, rief ich durch die Tür. „Du hättest dir denken können, dass ich mich etwas unsicher fühle“, rief Max. „So, er hat sich beruhigt. Ihr könnt reinkommen.“

„Sicher?“ „Jetzt mach schon!“ Ich öffnete die Türe wieder Max stand direkt dahinter. Er setzte sein strahlendstes Lächeln auf, zu viel des Guten, fand ich. „Hey Mann!“, sagte er. „Schön euch zu sehen.“ In der Rechten hielt er eine Flasche Schampus, in der Linken drei Gläser. Anna war überrascht: „Du bist doch ... Peter. Dich haben wir in Köln getroffen. Oder Dortmund.“ „Düsseldorf“, sagte ich. „Ich heiße Max“, sagte Max. „Und er ist mein Cousin“, sagte ich. „Dein Cousin ...“, wiederholte Anna. „Und was soll das Ganze?“ „Ich will euch ein Angebot machen, das ihr nicht ablehnen könnt“, sagte Max mit gespielt tiefer Stimme. Dann lachte er. Wie lustig. Er musste ziemlich nervös sein. „Kommt erst mal rein“, sagte er. „In meine bescheidene Hütte.“

Die bescheidene Hütte hätte einer Fußballmannschaft genug Platz geboten. Max führte uns in ein riesiges Wohnzimmer, das zu einer sehr durchdesignten Küche hin offen war, alles sehr geräumig, viel Chrom, viel Glas, teures Holz, sogar eine lange Bar mit sechs Hockern. Im Wohnzimmer stand die größte Couch, die ich je gesehen habe, und darauf lag jetzt der Hund. Er wirkte vollkommen desinteressiert. Das war gut. Ich sah mich um und Max deutete meinen Blick richtig. „Papsch ist weg. Er hat ein paar Tage hier gewohnt, aber er ist heute morgen abgereist. Der ist vielleicht sauer auf dich ...“ „Papsch?“, fragte Anna. „Mein Vater“, sagte ich. „Ich dachte, ihr beide seid Cousins. Warum sagst du dann Papsch zu seinem Vater?“, fragte sie Max. „Das ist eine lange Geschichte“, antwortete ich stattdessen, „und wir wollen sie heute nicht diskutieren. Wir haben etwas anderes zu besprechen.“

„Richtig. Aber erst Champagner“, sagte Max, ging an die Bar und schenkte ein. „Haben wir etwas zu feiern?“, fragte Anna. „Natürlich. Euren Plattenvertrag“, sagte Max. „Unseren was?” „Plattenvertrag. Wie besprochen“, sagte Max und lächelte. „Ich habe euch Kopien auf den Couchtisch gelegt, ihr könnt sie gleich durchlesen. Aber erst den Champagner.“ Anna lief sofort zum Couchtisch und schnappte sich einen der dort liegenden Verträge. Der Hund beobachtete sie aufmerksam. Max auch. Ich wusste jetzt, warum ich sie mitbringen sollte. Nun hatte ich zwei Gegner, und einen davon aus den eigenen Reihen. „Max, was soll das?“, fragte ich. „Was soll was?“ „Diese Show.“ „Das würde ich gerne von euch beiden wissen“, rief Anna, ohne von dem Papier aufzublicken. „Du hast es ihr nicht gesagt?“, fragte Max.

Anna: „Was nicht gesagt?“ Ich schüttelte den Kopf. Max: „Und den anderen?“ Ich schüttelte wieder den Kopf. „Nicht mal Eugene?“ „Ich habe ihm gesagt, dass ich dich jederzeit anrufen kann und du wirst die Klage zurückziehen.“ „Aber nicht, dass wir einen Plattendeal vereinbart haben?“ „Wir haben keinen Plattendeal vereinbart.“ „Ich habe das anders in Erinnerung. Ihr helft mir, Volvox in die Medien zu bringen, dann einigen wir uns, ich lasse die Klage fallen, und ihr bekommt einen Plattenvertrag und erzählt der ganzen Welt, dass Volvox eigentlich doch die Guten sind. So war das vereinbart. Und vor allem zum letzten Teil würde ich jetzt schön langsam gerne kommen ...“ Anna streichelte inzwischen den Hund. „Stimmt das?“ Ich. „Nein. Max hat so etwas vorgeschlagen, aber ich bin nie darauf eingestiegen.“

Anna: „Moment mal, du hast mir doch erzählt, du hättest Max das Video vorgespielt, weil du uns für einen Plattenvertrag vorschlagen wolltest.“ Max lachte. „Ja. Genau. Erinnerst du dich?“ Ich. „Es gab keinen Deal.“ „Das ist jetzt auch egal. Dort drüben liegt der Vertrag. Lies ihn durch. Du wirst begeistert sein. Ihr seid ja zur völligen Überraschung aller eine große Nummer geworden. Erstklassige Pressearbeit übrigens, ich muss dir gratulieren. Und wir machen euch noch größer. Eine gewaltige Marketing-Kampagne. Und wir releasen das erste Album in ganz Europa, 100.000 Stück Auflage. Das wird ein Wahnsinn!“ „Das ist ja großartig!“, rief Anna. Sie lächelte mich an. „Ich hatte solche Angst wegen der Klage. Jetzt weiß ich, warum du die ganze Zeit so ruhig warst.“ „Jetzt kommt mal her, lasst uns endlich anstoßen“, sagte Max.

„Max“, sagte ich gedehnt. „Es ist mein Ernst. Wir werden den Champagner nicht brauchen. Es gibt keinen Deal.“ „Was soll das heißen?“, fragte Anna. Max: „Ja, genau: Was soll das heißen? Bist du verrückt?“ Ich: „Nein. Ich war noch nie so normal.“ Max: „Du spinnst. Komplett. Papsch hat recht.“ Ich: „Lass Papsch aus dem Spiel.“ Anna: „Erklärst du mir bitte, was das jetzt soll?“ Ich: „Das ist ganz einfach. Im Hyde Park campen unseretwegen ein paar tausend Menschen, die morgen für uns demonstrieren wollen. Wir können sie nicht an einen Konzern verkaufen.“ Max: „Die wollen dafür demonstrieren, dass wir die Klage zurückziehen. Und das tun wir. Das wird morgen eine extrem erfolgreiche Demonstration, ihr werdet etwas zu feiern haben! Wo ist das Problem?“ Ich: „Du verstehst das nicht.“ Anna: „Ich auch nicht.“ Ich: „Es geht ums Prinzip.“

Anna: „Um welches Prinzip?“ Ich sah Max an. „Dir steht das Wasser bis zum Hals, oder? Dein raffinierter Plan ist vollkommen danebengegangen ...“ Dann wandte ich mich Anna zu. „Er wird die Klage morgen ohnehin zurückziehen. Er muss. Sein Aufsichtsrat wird ihm Druck machen. Die Demonstration wird erfolgreich sein, ja, aber auch ohne Deal.“ „Moment mal“, sagte Anna. „Schön und gut, aber dann haben wir noch keinen Plattenvertrag!“ Max lachte, plötzlich, laut und gekünstelt. „Er will, dass ich mich erniedrige. Oder? Das ist es doch. Du willst deinen Sieg auskosten.“ „Nein.“ „Was soll ich tun? Soll ich dich bitten?“ „Nein.“ „Willst du mehr Geld?“ „Ich habe den Vertrag ja noch nicht mal angesehen, woher sollte ich wissen, ob ich mehr wollen würde.“

„Du pokerst einfach hoch, das ist es, oder? Pass auf, dass du nicht zu viel riskierst.“ Ich schüttelte den Kopf. „Komm Anna, wir gehen wieder.“ „Hör zu, ich mache dir wirklich ein Angebot, das du nicht ablehnen kannst“, sagte Max. „Wenn du diese Demonstranten nicht enttäuschen willst, verstehe ich das. Ihr bringt die Demonstration bis vor dieses Haus und dann empfange ich euch. Wir tun ein paar Stunden so, als würden wir verhandeln und dann präsentieren wir die Einigung.“ „Nein.“ „Ich werde die Klage zurückziehen ...“ „Das wirst du ohnehin tun.“ „Ihr bekommt einen Plattenvertrag.“ „Nein.“ „Und Volvox gibt alle Pläne auf, Lobbying für die Patentierbarkeit von Musikstilen zu machen.“ Ich lachte. „Das wirst du ohnehin tun müssen. Damit hast du es übertrieben. Das liegt dir im Magen, hm?“

„Komm schon, ihr könnt morgen hier rausgehen und Helden sein. Und eure Fans auch. Wann haben sich schon tausende Fans so für eine Band eingesetzt? Die werden noch ihren Enkeln davon erzählen und ihr werdet berühmter werden als die Beatles.“ „Wir sollten das mit Eugene besprechen“, sagte Anna. „Und was glaubst du, was er sagen würde?“, fragte ich sie. „Er weiß, dass Max und ich Freunde sind. Er weiß, dass ich die ganze Sache mit einem Anruf beenden kann. Ich habe es ihm garantiert, bevor wir begonnen haben. Aber er hat mich bis jetzt noch nicht darum gebeten.“ Da schlug sie die Augen nieder. „Er würde Nein sagen. Eugene will die Revolution, er wollte nie etwas anderes, sein ganzes Leben lang.“ Damit war das Thema erledigt. # Aus „π“: „It’s survival of the fittest, Max, and we’ve got the fucking gun!“

# Der Morgen war kalt und verregnet. Noch vor Einsetzen der Dämmerung huschten drei schemenhafte Gestalten durch London. Ihr Ziel: eine Großbaustelle im Herzen der Stadt. Dort angekommen, stiegen sie über den Zaun, durchquerten vorsichtig das Gelände und steuerten auf einen Kran zu. Schnell und geübt kletterten sie daran hoch und dann hinaus auf den Lastarm. Dort entrollten die Aktivisten ein riesiges Transparent. Weithin sichtbar zeigte es zwei Pfeile in entgegengesetzten Richtungen. In dem einen stand Democracy, in seinem Widerpart Mass Media. Die erste Affinity Group war im Einsatz. Es hatte begonnen. #

Bald darauf sammelten sich andere Affinity Groups in der Umgebung von Soho, vorwiegend am Leicester Square und am James Square und rund um das British Museum. Kurz vor acht Uhr morgens machten sich Anna und ich auf den Weg, besuchten all diese Plätze, schüttelten Hände, sprachen mit den Leuten. Die meisten waren aufgeregt und voller Tatendrang. Die letzten Tage der Meetings, Diskussionen und Vorbereitungen hatten sie zusammengeschweißt und entschlossen gemacht: Sie wollten unsere Deklaration an die Tür von Volvox kleben. Unbedingt. Wir schickten SMS an Eugene, der im Hyde Park geblieben war: JamesSq: ca. 1500 Leute und LeicSq: 2000 Leute und BritMuseum: 2000 Leute – und bei euch? Und Eugene antwortete: Schwer zu sagen ... 20.000, vielleicht mehr. Beeilt euch mit dem Zurückkommen, sonst verpasst ihr hier das Beste ... Für den Weg zurück nahmen wir die kürzeste Verbindung, die Oxford Street. Deren unterer Teil bildete den Anfang unserer geplanten

Demonstrationsroute – und das System traf Vorbereitungen. Die Straße blieb für den privaten Autoverkehr gesperrt, viele Geschäfte hatten geschlossen, die U-Bahn-Stationen wurden mit Tretgittern abgesperrt. Überall war Polizei, in praktisch jeder Seitengasse parkten mehrere Mannschaftsbusse und Streifenwagen. Beamte halfen sich gegenseitig dabei, ihre schwarzen RoboCop-Rüstungen anzulegen, Helm, Brustpanzer, Schienbeinschoner, Handschuhe. Schwarze Masken. Plexiglasschilde. Schlagstöcke. Tränengasgewehre. Ein großer, schwer gepanzerter Wasserwerfer kam uns langsam und bedrohlich entgegen, fuhr dann an uns vorbei und verschwand in einer Seitengasse. „Mir wird jetzt etwas mulmig zumute“, sagte Anna. Ich lachte verlegen und versuchte, meine Nervosität zu verbergen. #

Als wir wieder im Hyde Park ankamen, waren wir von den Massen überwältigt. Im Laufe des Morgens waren noch tausende neue Leute gekommen. Der Park war voller Menschen, schlicht und einfach voll. Die Samba-Gruppe hatte sich zwischen unserem Bus und dem Ausgang des Parks formiert. Eugene stand am Dach des Busses, die Trillerpfeife im Mund, das Mikro in der rechten Hand, und gab so seine Anweisungen. Als die Sambanistas ihren Rhythmus gefunden hatten, kletterte er hinunter und stellte sich an ihre Spitze. Der Lärm war ohrenbetäubend, selbst für einen Rockmusiker, der fast jeden Abend auf der Bühne stand. „Wann geht’s los?“, schrie ich. Eugene lachte. „Wenn wir so weit sind.“ „Und wann sind wir so weit?“ „Ich glaube jetzt.“ Er gab der Samba-Gruppe das Signal, zwei Takte auszusetzen. Es wurde schlagartig leise. Eugene brüllte ins Mikro: „Hey! Ho! Let’s go!“ Das Menschenmeer, das die Sambanistas einschloss, teilte sich langsam, als wir uns auf den Weg machten.

Eugene ging rückwärts, um die Musiker immer im Auge zu haben, und gab Anweisungen mit Taktstock und Trillerpfeife. Ich ging links von ihm, Anna rechts. Wir steuerten ihn aus dem Park auf die Oxford Street. Hinter den Sambanistas formierte sich die Demonstration, die Menschen folgten uns tanzend und singend, mit Transparenten und Schildern, und es war ein recht bunter Zug, der sich da formierte. Kurz bevor wir den Park aus den Augen verloren, drehte ich mich noch einmal um, und da sah ich, wie sich der große, schwarz-weiße Block der Pinguine eingliederte. Viele von ihnen trugen große, schwarze Gummischläuche aus LKW-Reifen, wie man sie zum Wildwasser-Rafting verwendet. Was wollen die denn damit, dachte ich, aber dann ging es schon weiter. Wir erreichten die ersten Polizisten. Sie standen in je zwei Reihen rechts und links entlang der Häuserfront, ganz dicht, Schulter an Schulter. Ihre Schilde standen vor ihnen am Boden, die Helme hatten sie demonstrativ abgenommen, sie trugen auch noch keine

Strumpfmasken. Ich beobachtete ihre Gesichter. Ein paar lächelten demonstrativ freundlich, so als würden sie uns zu verstehen geben wollen, dass sie insgeheim mit uns sympathisierten. Aber der Großteil hatte angespannte, sehr ernste Mienen. Mir fiel auf, dass dieses Spalier an den Querstraßen nicht unterbrochen wurde, im Gegenteil, diese waren mit Tretgittern und quergestellten Polizeiwagen gezielt abgesperrt. Wir konnten uns jetzt nur noch in eine Richtung bewegen: nach vorne. Anna und ich führten also Eugene, und Eugene führte die Sambanistas, und die Sambanistas führten die ganze Demonstration immer tiefer in diesen Polizeikorridor. Auf der Kreuzung Regent Street stand ein einzelner Polizeibeamter, ohne Rüstung. Er winkte mich zu sich heran. „Diese Demonstration ist illegal“, sagte er. Er musste brüllen, um den Lärm zu übertönen. „Lösen Sie sie sofort auf, sonst müssen meine Leute das tun.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich kann diese Demonstration jetzt nicht mehr absagen. Niemand kann das, das wissen Sie“, sagte ich. Er nickte. „Ich weiß. Aber ich muss Sie informieren. So sind die Spielregeln.“ „Ich verstehe“, sagte ich. „Sie verstehen gar nichts“, sagte er. Dann drehte er sich um, gab mit der Hand ein Signal und verschwand nach rechts. Die Polizeireihen teilten sich kurz und nahmen ihn auf. Kommandos wurden gebrüllt und die Polizisten setzten zuerst ihre schwarzen Strumpfmasken und dann ihre Helme auf. Eugene warf mir einen fragenden Blick zu. Ich zuckte mit den Achseln. Er lächelte und ging weiter. Wenige Minuten später erreichten wir die Kreuzung mit der Berwick Road. Das Volvox-Büro lag nun nur noch wenige hundert Meter südlich von uns, aber zwischen ihm und uns standen sechs Reihen Tretgitter, dahinter ein dichter schwarzer Block aus Polizisten in ihren

martialischen Rüstungen und mittendrin der Wasserwerfer. Wir waren da. Und plötzlich wussten wir nicht, was wir nun tun sollten. Die Sambanistas blieben an der Kreuzung stehen, spielten weiter und weiter, die anderen Demonstranten schoben nach, schlossen uns ein – und warteten darauf, dass irgendwas geschah. „Wie sollen wir bitte durch diese Polizeiabsperrungen durchkommen?“, fragte Carlos, der den Block der Sambanistas verließ und zu mir kam. „Ich habe keine Ahnung“, sagte ich. Einige junge Leute hatten Blumen mitgebracht und boten diese den Polizisten in der ersten Reihe an, über die Gitter hinweg, aber die RoboCops formten mit ihren Schilden eine lückenlose Wand aus Plexiglas und hinter den schwarzen Masken war keine Reaktion erkenntlich. Ein Junge kletterte auf die Gitter, reckte beide Hände zum Victory-Zeichen in die Höhe, die Masse jubelte, aber dann stand er dort oben und kratzte sich

nachdenklich am Kopf. Er klopfte gegen eines der Schilde. Keine Reaktion. Die Sambanistas spielten immer noch, aber das Gedränge wurde inzwischen gefährlich dicht, weil immer noch Menschen vom Hyde Park nachdrängten. So weit ich sehen konnte, war die gesamte Oxford Street bis zum Park hinunter voll mit Menschen, und es schien, als hätte das Ende der Demonstration sich noch gar nicht in Bewegung gesetzt. „Das ist riesig“, sagte ich. „Und völlig planlos“, sagte Carlos. „Wo sind jetzt die Leute, die wissen, wie man das macht?“ # They hang the man and flog the woman That steal the goose from off the common, But let the greater villain loose That steals the common from the goose The law demands that we atone

When we take things we do not own, But leaves the lords and ladies fine Who take the things that are yours and mine The law locks up the man or woman Who steals the goose from off the common, And geese will still be a common lack Till they go and steal it back Englisches Volkslied, 18. Jahrhundert # Die Menge lachte laut. Der Junge auf den Gittern hatte die Hose heruntergelassen und zeigte den Polizisten den nackten Hintern. Ich lachte auch und deutete Eugene, sich mal umzudrehen. Da teilte sich die Wand aus Plexiglas blitzschnell, zwei Hände in schwarzen Handschuhen packten den Jungen an den Unterarmen und rissen ihn zurück. Er verlor das Gleichgewicht und kippte in die Polizeireihen. Ob sie ihn auffingen oder zu

Boden fallen ließen, war nicht zu sehen, die Wand schloss sich sofort wieder. Uns blieb das Lachen im Hals stecken. Eugene gab den Sambanistas das Schlusszeichen, nach einem letzten Trommelwirbel kehrte Stille ein. „Was machen wir jetzt?“, rief er. Aber statt einer Antwort bekam er dutzende. Die Leute schrien, begannen zu diskutieren, und ehe wir uns versahen, standen wir dicht gedrängt mitten auf der Oxford Street und versanken im basisdemokratischen Chaos. Dieser Prozess breitete sich von der Spitze nach hinten aus, dort wuchs die Unzufriedenheit, rund um die U-Bahnstation Oxford Circus bildete sich eine große Gruppe, die mit lauten Sprechchören forderte: „Hey! Ho! Let’s go!“, aber wir an der Spitze wussten nicht, wie. Die Polizeireihen waren so dicht geschlossen, keiner von uns sah irgendwie eine Möglichkeit, da durchzubrechen. Und dann, plötzlich, kam Bewegung in die Menge.

Die Penguin Revolutionary Army, deren Block an der Kreuzung zur Poland Street zu stehen gekommen war, ging an die Arbeit. Das Ganze war ein perfekt durchorganisiertes Schauspiel: Ein paar Dutzend Pinguine bildeten zunächst zwei Reihen und schoben die anderen Demonstranten so weit zur Seite, dass sie einen in etwa quadratischen Platz frei bekamen, auf dem sich dann nur noch die etwa zweihundert übrigen Pinguine und ihre Ausrüstung befanden. Eugene, Anna und ich kämpften uns durch die Massen zu ihnen durch. Ich glaube wir schafften das nur, weil die Leute irgendwie annahmen, dass wir als Band in die Vorgänge eingeweiht waren. Dabei staunten wir dann über das Spektakel, das sich uns bot, genau wie alle anderen. Zwischen den Pinguinen und den Polizisten befanden sich auch hier sechs Reihen aneinandergekettete Sperrgitter. Auf ein verstecktes Kommando hin rückte ein Pulk von etwa hundertfünfzig Pinguinen dicht

geschlossen gegen die Polizeisperre vor. Und plötzlich wurde klar, dass ihre Kostüme Rüstungen waren: Die mit Papierschnäbeln beklebten Motorrad- oder Fahrradhelme, die zehn Zentimeter dicken Schaumgummipolster unter dem Pinguin-Dress, die Schultern, Nacken und Bauch schützten, dazu Schienbein- und Ellbogenschoner aus aufgeschnittenen Plastikrohren. Die vordersten Reihen hielten zusätzlich die Schläuche der LKW-Reifen vor sich und über ihren Köpfen. „Was sollen diese Schläuche bringen?“, fragte ich. „Weiß nicht. Sichtschutz?“, riet Eugene. Die erste Reihe der Pinguine presste sich auf einer Länge von etwa 15 Metern gegen die Absperrung. Das Ganze lief mit Präzision und fast gespenstischer Ruhe ab. Es wurde weder geschlagen noch gestoßen, ja nicht einmal ein lautes Wort gegen die Polizisten gerichtet. Die waren offensichtlich aufgeregt, aber behielten die Nerven und warteten ab. Aber nichts geschah, obwohl nur einige Gitter und maximal ein Meter Abstand zwischen den

beiden Fronten lagen. Nach zwei, drei Minuten zogen sich die Pinguine wieder zurück. „Das war alles?“, fragte ich. „Hm, vielleicht haben sie es sich anders überlegt“, sagte Eugene. Dann traten vier Pinguine vor, nahmen die Gitter der ersten Reihe der Absperrung und trugen sie weg. Einfach so. Die Ketten, die diese Gitter eben noch fixiert hatten, lagen durchtrennt am Boden. Während der schwer gerüstete Pulk sich vor der Polizei aufgebaut hatte, waren einige Aktivisten zwischen den Beinen ihrer Freunde nach vorne gerobbt und hatten die Ketten mit Bolzenschneidern geknackt. Unbemerkt von der Polizei und den Zusehern. Uns fehlten die Worte. Der Polizei nicht. „Diese Demonstration ist illegal!“, verkündete sie über Lautsprecher. „Oh, tut uns leid, das wussten wir nicht!“, antwortete einer der Pinguine. Dann formierte sich die Angriffsspitze zum zweiten Mal. Wieder drückten sie gegen die Sperren und diesmal erhaschte ich einen Blick auf eine der Personen mit den

Bolzenschneidern. Die Polizisten begannen, mit ihren Stöcken auf die vorderen Reihen einzuschlagen – doch außer LKW-Reifen und Motorradhelmen trafen sie nicht viel. Jetzt war auch klar, welche Funktion die Reifenschläuche hatten. Einige Polizisten gingen in die Knie und stocherten durch die Gitter, um die Ketten zu schützen, doch vergeblich. Wenige Minuten später wurde die zweite Gitterreihe unter lautem Jubel der anderen Demonstranten davongetragen. „Die sind toll“, hörte ich jemanden hinter mir sagen. „So unglaublich durchorganisiert!“ Neben uns stand ein Jugendlicher mit einem Anarchy-Zeichen auf dem TShirt, hörte mit und zuckte mit den Schultern. „Sind sicher Kommunisten.“ Als die Gruppe das dritte Mal vorrückte, setzte die Polizei Pfefferspray ein. Damit war der Spaß vorbei. Mehrere Pinguine, die direkte Treffer erhalten hatten, wurden von ihren Freunden in Sicherheit gebracht. Während ihnen mit reinem Wasser die Augen ausgewaschen wurden, nahmen neue Leute ihre

Positionen ein. Wir Zuseher hielten uns Tücher vor die Augen, aber sie begannen dennoch zu tränen. Die Penguin Resistance Army reagierte ohne Panik. Etwa die Hälfte bildete stets die Angriffsspitze, der Rest versorgte sie mit Wasser, Nahrung, neuen Autoschläuchen und Essigtüchern, leistete Erste Hilfe, sperrte die Straße oder rastete sich bis zum nächsten Einsatz aus. So ging es weiter: Viel Tränengas, etwas Pfefferspray, immer wieder Schlagstockeinsatz – der wirkungsvoller zu werden schien, je weniger Gitter sich zwischen Polizei und Aktivisten befanden. Bald wurde alle paar Minuten jemand aus der Gefahrenzone gebracht, dessen improvisierte Rüstung ihn nicht genügend geschützt hatte. Dennoch brandete regelmäßig Jubel auf, wenn wieder eine Sperre weggetragen wurde. Nach einer halben Stunde waren alle Gitter weg. Aber damit war nur die leichteste Hürde genommen, denn in der Poland Street standen mehrere hundert Polizisten und dutzende quer geparkte Fahrzeuge – da gab es kein

Durchkommen. Die Pinguine versuchten es trotzdem. „Unser Widerstand“, sagte einer durch ein Megafon, „ist ein symbolischer Akt des Ungehorsams. Ob wir durchkommen oder nicht, ist nicht wichtig. Aber wir müssen es versuchen. Schließt euch uns an und schiebt, schiebt, schiebt!“ Sie rückten eng zusammen, hielten die Reifenschläuche über die Köpfe, rückten vor – und verschwanden in einem Meer aus Tränengas. Keine Chance. Und dann ging die Polizei zum Gegenangriff über. Wir hielten die Augen offen, so lange wir konnten, bis uns das Tränengas langsam eingeschlossen hatte. Die RoboCops stießen und knüppelten sich ihren Weg durch uns durch und an uns vorbei. Wir bedeckten unsere Gesichter mit Lappen und Tüchern und erhaschten noch flüchtige Bilder von Menschen, die mit Schlagstöcken verprügelt wurden, bevor wir unsere Augen schlossen. Das Gas war ein Nebel, in dem sich die Leute vor Schock und Schmerz wie mit langsamen, seltsamen Tanzschritten bewegten. „Tränengas“ ist eine

Fehlbezeichnung. Man fühlt sich, als ob man erstickt und erblindet. Das Atmen fällt schwer. Die Sicht ist verschwommen. Der Verstand ist durcheinander. Die Nase und die Kehle brennen. Es ist kein Gas, es ist eine Droge. Polizisten mit Gasmasken schlugen, drängten und stießen uns mit den Enden ihrer Knüppel. Wir setzten uns nieder, krümmten uns und klammerten uns noch enger aneinander. Zu diesem Zeitpunkt war das Tränengas schon so dicht, dass wir die Augen nicht mehr öffnen konnten. Einem nach dem anderen wurde der Kopf zurückgerissen und Pfeffer direkt in beide Augen gesprüht. Das war sehr professionell. Wie Haarspray vom Stylisten. Sssst. Sssst. Natürlich brach Panik aus. Menschen, die sich etwas weiter weg befanden, flohen entsetzt. Einige Besonnene riefen: „Walk, don’t run!“ Diese Aufforderung wurde dauernd wiederholt und schließlich kam die Menge zur Ruhe. Einige Leute waren gestolpert, doch zum Glück war niemand dabei verletzt oder niedergetrampelt worden. Aus geringer Entfernung beobachteten die

anderen Demonstranten die Szene, die sich vor ihren Augen abspielte, viele ungläubig, dass so etwas mitten in einer europäischen Großstadt geschah. Mit der Tränengaswolke verflüchtigte sich auch der Schock, der die Aktivisten gelähmt hatte. Bewegung kam in die Menschen. Freiwillige holten die von den Kampfstoffen blind Gemachten aus der Gefahrenzone. Ein paar Jugendliche griffen Eugene, Anna und mir unter die Arme und brachten uns in Sicherheit. Sanitäter versorgten uns und viele andere, indem sie unsere Augen mit reinem Wasser spülten und uns beruhigten. Zwei Männern mit Platzwunden am Kopf wurden sofort Verbände angelegt. Und dann schlug die Stunde der Affinity Groups. # Gil Scott-Heron, „The Revolution will not be televised“: The revolution will not be televised. The revolution will not be brought to you by Xerox

In four parts without commercial interruptions. The revolution will not show you pictures of Nixon blowing a bugle and leading a charge by John Mitchell, General Abrams and Spiro Agnew to eat hog maws confiscated from a Harlem sanctuary. The revolution will not be televised. There will be no highlights on the eleven o’clock news and no pictures of hairy armed women liberationists and Jackie Onassis blowing her nose. The theme song will not be written by Jim Webb, Francis Scott Key, nor sung by Glen Campbell, Tom Jones, Johnny Cash, Engelbert Humperdink, or the Rare Earth. The revolution will not be televised. The revolution will not be televised, will not be televised, will not be televised, will not be televised. The revolution will be no re-run, brothers. The revolution will be live.

# Kaum dass eine Kreuzung geräumt war und die Polizei zur nächsten weiterzog, stürmten aus einer Seitengasse neue Demonstranten an und bildeten dort wieder eine Menschenkette. Die Cops räumten die nächste Kreuzung mit Tränengas und Pfefferspray und Gummigeschossen und Schlagstöcken, dann eilten sie zurück und machten sich wieder daran, den ersten Platz freizukämpfen. So entwickelte sich ein Katz-und-MausSpiel, das sich bald über ganz Soho erstreckte. Kaum hatten die RoboCops einen Abschnitt gesichert, umgingen einige Demonstranten sie und blockierten eine Kreuzung in ihrem Rücken. Der Aktivist mit dem wettergegerbten Gesicht hatte recht gehabt: Die Polizei war zahlenmäßig und organisatorisch unterlegen. Ihre hierarchische Kommandostruktur war zu schwerfällig für die Affinity Groups, die keinen Befehl abwarten mussten, um ihren Standort zu wechseln. Eine SMS, eine Facebook-

Statusmeldung, ein Tweet reichte, um blitzschnell dutzende Demonstranten an jeden beliebigen Ort zu dirigieren. Polizeieinheiten haben fixe Größen; alle Cops müssen in Rufweite ihres Kommandanten bleiben. Die Affinity Groups dagegen teilten und sammelten sich nach Belieben, wurden zerstreut und verschmolzen neu, ganz wie es der Augenblick erforderte. Menschen, die sich noch nie zuvor gesehen hatten und nicht wussten, welche Erfahrungen und Ideen den anderen hierhergeführt hatten, klammerten sich aneinander und leisteten Widerstand. Der Kampf verlegte sich immer mehr in die Gegend westlich der Berwick Street. In diesem System aus schmalen Gassen und kleinen Plätzen versuchten Demonstranten, die Polizei zu umgehen, und die Polizei versuchte, Demonstranten einzukesseln. Die Frontlinien verschoben sich in Sekundenschnelle, es war ein einziges Vorwärts-Rückwärts-Seitwärts-Stopp, man wusste nie, welche Seite gerade die nächste Kreuzung kontrollierte. Einmal wäre ich fast verhaftet worden, während ich

einen kurzen Blick auf den Stadtplan warf. Hier musste man viel laufen. Die Polizisten schossen ihre Tränengasgranaten aus der Distanz in hohem Bogen in die Menge, mit Wucht schlugen die Metallbehälter ein, meist am Asphalt, doch immer wieder wurde ein Demonstrant getroffen. Ein Mädchen erlitt so schwere Kopfverletzungen, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden musste. Kurz darauf entstand das Gerücht, sie sei gestorben, während der Operation ihren Verletzungen erlegen. Ich konnte, wollte das nicht glauben. Alles, was wir wollten, war ein Zeichen zu setzen: einen Schritt weiter zu gehen, als Polizei und Konzerne uns erlaubten. Wir waren bereit, dafür durchs Tränengas zu laufen, uns verhaften zu lassen, und mit steigendem Adrenalinspiegel sank sogar die Angst davor, verprügelt zu werden. Aber sterben? Das hatte niemand in Betracht gezogen. Warum auch? Trotz all des Tumults war dieser „Angriff“ friedlich. Unser schlimmstes Vergehen war zu Beginn, dass wir die Tränengas-Geschosse zurück zur Polizei

warfen. Doch irgendwann flogen nicht nur Gasgranaten zurück zur Polizei, sondern auch Steine und Fahnenstangen. Das waren Einzelfälle, doch sie kamen immer häufiger vor, je später es wurde. Die Brutalität im Vorgehen der Polizei schockierte uns, wir platzten fast vor ohnmächtiger Verzweiflung. Wenn Affinity Groups eine Kreuzung besetzten, rief jemand: „Whose Streets?“, und die anderen antworteten: „Our Streets!“ Wenn die Polizei anrückte, zückten die Demonstranten ihre Smartphones und fotografierten und filmten und skandierten: „The whole world is watching“. Wenn das Gas kam, protestierten sie: „This is what democracy looks like!“, oder: „The people, united, will never be defeated!“ Gleichzeitig füllten sich die Mauern der Innenstadt mit Graffiti. Als die Polizei versuchte, ihre Truppen mit Bussen zu verlegen, errichteten Demonstranten Barrikaden aus Mülltonnen, Parkbänken, Verkehrsschildern oder was eben zu finden war.

Eugene, Anna, Carlos, Dmitri und ich blieben zusammen; wir waren nun keine Band, wir waren eine Affinity Group. Wir blieben im Bereich der Poland Street, wo die Pinguine und ein paar hundert andere immer noch versuchten, durchzubrechen. Einzeln und in kleinen Gruppen versuchten wir, vorzudringen. Die Polizei nebelte die ganze Gegend mit Tränengas ein. In der Wolke herrschte eine andere Wirklichkeit. Es gab keine Farben, alles war grau, die Sicht betrug nur wenige Meter, auch weil das Gas höllisch in den Augen brannte und die Tränen in Strömen flossen. Schutzbrillen waren sinnlos, weil sie sofort anliefen. Atemfilter waren sinnlos, weil in der Luft mehr Tränengas als Sauerstoff lag. Bei jedem Einatmen hätte man sich am liebsten angekotzt. Sirenen hallten von den Wänden wider, von allen Seiten durcheinander. Wenn Stimmfetzen durch den Nebel drangen, war es unmöglich zu bestimmen, aus welcher Richtung sie kamen. Tränengas ist eine Droge, kein Zweifel.

Dreißig Sekunden, vielleicht eine Minute, länger hielt man es in dieser Wolke nicht aus. Dann musste man sich zurückziehen, zur Plexiglaswand oder noch weiter. Die Glücklichen kotzten und ließen sich die Augen auswaschen. Die Unglücklichen, die im Nebel einem RoboCop begegnet waren, wurden von Sanitätern verarztet. Viele taumelten blutüberströmt zurück und mussten in Krankenhäuser gebracht werden. Einmal, als wir gerade wieder vorstürmten, löste sich ein Wasserwerfer aus dem Nebel und donnerte direkt auf uns zu. Mit dem vorderen Teil der Gruppe flüchteten wir in eine Seitengasse. Das schwere Panzerfahrzeug raste an uns vorbei, auf die Menge zu. Dort musste es stoppen, das wussten wir, sonst gab es dutzende Tote. Es waren vielleicht zwanzig oder dreißig Leute in dieser Seitengasse und plötzlich stand für einen magischen Augenblick die Zeit still. Es war, als würde gleichzeitig jeder jedem in die Augen schauen und fragen: Bist du dabei? Einer, irgendjemand, brüllte „Hasta la victoria!“ und mit einem lang gezogenen „Siempreeeee!“ stürmten

wir wieder hinaus, jeder ein kleiner, zorniger Che Guevara, und rannten hinter dem fünfzehn oder zwanzig Tonnen schweren Wasserwerfer her, um ihn einzukesseln. Schön pathetisch. Und schön blöd. Aber rational war an diesem Tag niemand mehr. Als wir ihn einholten, schlugen die Leute mit Schilden und Fahnenstangen und leeren Gasgranaten auf den Stahlkoloss ein. Einer krallte sich mit der Linken in das Gitter vor der Windschutzscheibe und trommelte mit der Rechten mit bloßer Faust dagegen. Natürlich kochten die Emotionen hoch. Alle hatten damit gerechnet, dass dieser friedliche Marsch gestoppt werden würde. Aber die unglaubliche Brutalität, mit der die Polizei auf die vorderen Reihen eindrosch, überraschte und schockierte uns. Dann warf jemand einen Molotowcocktail in ein Polizei-Auto. Diesmal geschah es wirklich. Die beiden Beamten darin konnten nur mit Glück entkommen, der Land Rover stand binnen weniger Sekunden vollständig

in Flammen. Eine dicke, schwarze Rauchsäule stieg in die Luft. Auf der Oxford Street brach Panik aus. Die Leute vorne drehten um, wollten weglaufen, flüchten, doch die hinten, weit weg von der Polizei, bekamen das nur langsam mit. Der Wasserwerfer kam, drängte die Leute noch enger zusammen, wie ein Hund, der Schafe hetzt. Diesmal attackierte ihn niemand. Gasgranaten krachten in die Masse, es gab keine Chance, auszuweichen. Zum Glück konnte man auch kaum umfallen, denn wer jetzt stürzte, würde wohl zertrampelt werden. Polizisten stürmten heran, sie trugen keine Schilde, nur noch Schlagstöcke. Sie griffen Einzelne aus der panischen Masse heraus, zerrten sie an Armen und Beinen davon, traten ihnen dabei in die Rippen. Andere rissen sie zu Boden, ließen sich mit den Knien auf ihren Kopf fallen, zerquetschten das Gesicht am Asphalt der Oxford Street, während sie ihren Opfern Plastikhandschellen anlegten und sie wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt festnahmen. Ich sah die Gruppe in den Disney-

Kostümen, sie flüchtete. Mickey verlor den viel zu großen Kopf, er rollte über die Straße, ein Polizist kickte ihn zur Seite. Wir wurden mit einigen anderen von den Ereignissen in eine Einfahrt gespült, irgendwie, weg von der Masse. Polizisten tauchten auf, schnitten uns von der Straße ab, taxierten uns. Dann knallten zwei Granaten neben uns auf den Boden und füllten den ganzen Hof mit Tränengas. „Hierher“, rief eine Stimme, ich taumelte in diese Richtung, konnte schemenhaft eine Türe erkennen. Dann brach ich zusammen. # „Hey, bist du in Ordnung?“ Ich hörte Eugenes Stimme, bevor ich wieder etwas sehen konnte. „Keine Ahnung“, brummte ich, aber es war vermutlich kaum verständlich.

„Na immerhin bist du wieder bei Bewusstsein. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“ Meine Augen waren verschwollen. Nur mit Mühe schaffte ich es, die Lider zu öffnen. „Du hast wohl einen direkten Treffer abbekommen. Wir haben literweise Wasser über deine Augen geleert, bis ich schon befürchtet habe, wir waschen dir die Farbe aus den Pupillen.“ Ich versuchte zu lächeln. „Danke. Wie lange war ich bewusstlos?“ „Eine halbe Stunde. Vielleicht etwas länger.“ „Wo sind wir hier?“ „Im Lagerraum einer kleinen Boutique. Die Besitzerin hat uns reingelassen und vor der Polizei versteckt. Die ganze Band ist da, und noch sieben oder acht Fremde. Die sind alle drüben im Geschäft. Aber wir wollen aufbrechen.“ „Aufbrechen?“ „Die Sache ist die: Die Demonstration ist vollkommen zusammengebrochen. Wir hören Radio und die anderen

telefonieren mit ihren Freunden da draußen, das heißt, sofern sie jemanden erreichen. Aus unseren eigenen Handys habe ich übrigens die Akkus rausgenommen.“ „Gute Idee. Was heißt das, die Demo ist zusammengebrochen?“ „Die Polizei treibt die Leute durch die Stadt, weg von Soho. Scheinbar haben sich ein paar hundert Leute im British Museum verschanzt und in der Nähe das Parlaments hat man Barrikaden errichtet. Und im Hyde Park soll die Polizei laut Radioberichten über zweitausend Leute eingekesselt haben. Aber wir wissen nichts Genaues. Nur dass es hier in Soho inzwischen gespenstisch ruhig ist. Hier ist niemand mehr. Wir fürchten, dass die Polizei nun beginnt, die Häuser hier zu durchsuchen und wir wollen der Frau, die uns geholfen hat, nicht zur Last fallen. Wir haben also beschlossen, aufzubrechen.“ „Wo wollen wir hin?“ „Gute Frage. Einfach weg von hier.“ „Na dann, hilf mir auf“, sagte ich.

Wir gingen hinüber in den Geschäftsraum. „Er ist in Ordnung“, sagte Eugene, als wir eintraten. Carlos und Dmitri lächelten mir zu. Anna starrte aus dem Fenster und ignorierte mich. „Geht nach rechts, immer geradeaus, so kommt ihr zur Charing Cross Street“, sagte die Boutiquen-Besitzerin, und: „Viel Glück.“ Die Gruppe machte sich auf den Weg, aber ich blieb stehen. Eugene drehte sich um. „Was ist?“, fragte er. Ich legte den Zeigefinger auf die Lippen und deutete ihm zu warten. Auch Anna, Carlos und Dmitri blieben stehen und sahen mich fragend an. Es war gespenstisch leise. Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Ich roch das Tränengas und den Pfefferspray in der Luft, dazu den Essig meines Halstuches. Weit entfernt hörte ich Schüsse, quietschende Reifen, Sirenen, Hilferufe, Kampfgebrüll. „Was ist?“, fragte Eugene.

Ich öffnete meine Augen wieder. Wir fünf waren alleine auf der Straße. „Folgt mir“, flüsterte ich. Zweimal ums Eck, dann eine kleine Gasse entlang, noch mal rechts herum. Ein zerbeulter Streifenwagen, durch dessen Windschutzscheibe ein Pflasterstein geworfen worden war, stand verlassen auf einer Kreuzung. Hundert Meter entfernt befand sich ein Trupp von etwa zwanzig RoboCops. Sie schienen die Gegend zu durchkämmen, aber sie entfernten sich von uns. „Was machen wir hier?“, fragte Eugene. Anna biss sich auf die Lippen. Sie wusste, wohin ich wollte. Ich deutete auf die kleine rote Tür, keine dreißig Meter entfernt. „Volvox“, sagte ich. Eugene riss die Augen auf vor Überraschung, Carlos pfiff durch die Zähne. „Worauf warten wir?“, fragte Dmitri. Ich lief als Erster los, versuchte gleichzeitig schnell und lautlos zu sein und die Polizisten nicht auf mich aufmerksam zu machen. Erst mitten auf der Straße kam

mir der Gedanke, dass Max die Tür abgesperrt haben könnte. Aber dem war nicht so. Dieser Idiot. Ich trat ein. Im Haus war es vollkommen ruhig. Ich schloss die Augen, um mich aufs Lauschen zu konzentrieren. Ich hörte langsame Schritte im Haus und schnelle auf der Straße. Eugene kam als Erster nach. „Ich frage dich besser nicht, woher du diese Hintertür kennst“, sagte er. Bevor ich antworten konnte, kam Dmitri, dann Carlos und, mit ein wenig Abstand, Anna. Als die anderen ins Haus vordrangen, hielt sie mich am Arm zurück. „Das ist jetzt hoffentlich nicht zu spät“, fauchte sie. „Das kommt darauf an, was du willst“, sagte ich. „Und was willst du?“ Ich gab keine Antwort und lief hinter den anderen her die Stufen hoch. Carlos und Dmitri waren schon einen Stock voraus, und Eugene war noch mal einen Stock vor ihnen, und so schraubten wir uns im Kreis die fünf Stockwerke hoch. Im vierten holte ich Carlos und Dmitri ein und wir hörten, wie Eugene oben die Türe

öffnete, diese schwere schwarze Feuerschutztüre. Wir hörten es, konnten es aber nicht sehen. Dann war da Max’ Stimme, und der Hund bellte, und Eugene schien etwas sagen zu wollen, aber keine Luft zu bekommen. Ich blieb stehen, um besser hören zu können. Und dann krachte der Schuss. # In Natural Born Killers, da gibt es diesen alten Indianer, der eine Geschichte erzählt. Es war einmal eine Frau, die Feuerholz sammelte. Dabei fand sie im Schnee eine Giftschlange, die eingefroren war. Sie nahm die Schlange mit nach Hause und pflegte sie wieder gesund. Eines Tages biss die Schlange sie in die Wange. Als die Frau im Sterben lag, fragte sie die Schlange: „Warum hast du mir das angetan?“ Das Tier antwortete: „Nun, du Schlampe wusstest ja, dass ich eine Schlange bin.“

# Das Blut strömte aus Eugenes Brustkorb, literweise, und es rann über den Boden, bildete schnell eine Lacke, die sich über die Fliesen ausbreitete, in den Fugen kanalisiert wurde, in dutzende Äste zerrann, immer schön im rechten Winkel zueinander, links, rechts, links ... Er war schon tot, als wir den obersten Stock erreichten. Max stand vor dem Leichnam, die Waffe in der Hand, Angst im Gesicht. Er zielte auf uns. Dann erkannte er mich. Und Anna. Er brauchte eine Sekunde, um zu verstehen. Seine Augen weiteten sich. Irgendwo in der Wohnung bellte der Hund wie verrückt. „Eugene!“, schrie Anna und kniete neben ihrem Vater nieder. „Halt durch!“ Und dann zu Max: „Ruf die Rettung, verdammt!“ Dmitri sagte: „Er ist tot.“

„Sie können ihn wiederbeleben!“, sagte Anna. Aber dann sanken ihre Schultern kraftlos nach unten. Sie kniete mitten in einem Meer von Blut. Es war sinnlos. „Es tut mir leid“, sagte Max. Das war so banal, und doch war es vermutlich das Einzige, was er sagen konnte. Anna streichelte Eugenes Wange, aber sie weinte nicht. Max ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand kippen, sank zu Boden, legte die Waffe weg. Ich setzte mich neben ihn. Es war, als wäre die Szene auf Standbild eingefroren. Carlos und Dmitri übernahmen schließlich die Initiative. „Eugene kann nicht am Gang liegen bleiben. Carlos und ich werden ihn in die Wohnung tragen“, sagte Dmitri. „Du da“, er deutete auf Max, „du zeigst uns einen Platz, wo wir ihn hinlegen können. Anna, du kommst mit. Und du“, er nickte mir zu, „wirst das Blut hier aufwischen.“ „Müssen wir nicht die Polizei rufen?“, fragte Max.

Dmitri schnaubte. „Ja klar, wir werden die Polizei rufen. Und was dann? Ich meine, nachdem sie uns verprügelt und verhaftet haben. Was dann? Was glaubst du?“ „Keine Ahnung“, sagte Max. „Ich schon“, sagte Dmitri, „ich bin in einer Diktatur aufgewachsen. Ich kann mir ausmalen, wie es dann weitergeht. Sie würden die ganze Sache vertuschen“, sagte Dmitri. „Wer? Was?“, fragte Max. „Das System. Da draußen prügeln ein paar tausend Polizisten die halbe Bevölkerung nieder, um dieses Haus zu schützen. Und wir schaffen es, über den Hintereingang reinzukommen – das würden die doch nie zugeben. Nein, sie haben eine viel bessere Möglichkeit. Sie werden den Leichnam auf die Straße rauszerren und fotogen platzieren, vielleicht vor einer eingeschlagenen Schaufensterscheibe, irgend so etwas. Die Waffe wird nie gefunden, der Schütze nie ermittelt. Eugene starb als Plünderer, das ist perfekt, das gibt keinen guten Märtyrer und das rechtfertigt das riesige

Polizeiaufgebot und die ganze Gewalt. Und morgen steht in allen Zeitungen: Die Demonstranten waren eben nur kriminelle Elemente, die bekämpft werden mussten. Wir verschwinden für zwanzig Jahre hinter Gittern und wenn wir die Wahrheit erzählen, klingt es wie eine Verschwörungstheorie, man wird Dokumentationen darüber drehen, wie es wirklich war, aber während diese ausgestrahlt werden, verrotten wir in einer Zelle. Aber du, du bist auch erledigt. Der Staat hat dich den Rest deines Lebens an den Eiern. Du wirst nicht ins Gefängnis gehen, aber du wirst jeden Tag dafür bezahlen, verlass dich darauf.“ Das war die längste Rede, die ich von Dmitri je gehört hatte. Anna stand auf. „Okay“, sagte sie. „Lasst ihn uns reinbringen.“ #

Das Blut aufzuwischen war also meine Aufgabe und ich erledigte sie gründlich. Sehr gründlich. Zuerst nahm ich ein paar Handtücher und Decken und baute einen Wall, damit das Blut nicht bis in den vierten Stock hinabfloss. Dann brachte mir Max wortlos einen Wischmob und einen Kübel. Ein Mensch hat doch nur ein paar Liter Blut, aber man macht sich sonst keine Vorstellung davon, wie viel das ist. Ich musste das Wasser im Kübel alle paar Minuten wechseln und dazu immer wieder in die Wohnung. Die anderen legten Eugene auf ein Leintuch, auf eine Ledercouch in einem Raum, der offensichtlich Max’ Arbeitszimmer war. Carlos und Dmitri zogen ihn aus und wuschen seinen Körper. Anna saß auf der Couch im Wohnzimmer und streichelte den Hund. Sie sah kein einziges Mal auf, wenn ich an ihr vorbeiging. Sie sagte auch kein Wort. Aber ich wusste, dass sie mir die Schuld gab. Max stellte eine Flasche Wodka auf den Tisch, und ein paar Gläser. Er setzte sich neben sie und schwieg auch.

Ich schloss die Tür und wusch weiter auf. Er erschießt ihren Vater und sie trinkt mit ihm. Und ich bin an allem schuld. Ich schüttelte den Kopf. Als ich das nächste Mal in die Wohnung ging, saßen Carlos und Dmitri neben den beiden auf der Couch und tranken auch. Niemand sprach ein Wort. Ich leerte das rote Wasser in die Toilette, drückte die Spülung und füllte in der Dusche den Eimer wieder auf. „Hast du eine Bürste?“, fragte ich Max. Er stand wortlos auf, suchte in einem Schrank und gab mir gleich zwei Bürsten. Als ich zurück ins Stiegenhaus ging, sah ich, wie Carlos nach dem auf dem Couchtisch liegenden Vertrag griff. Er warf nur einen kurzen Blick darauf, dann fragte er: „Was ist das?“ Ich schloss die Türe wieder hinter mir, kniete nieder und begann, die Fugen zwischen den Fliesen mit einer der Bürsten zu reinigen. Es dauerte Stunden. Stunden.

Irgendwann kamen Dmitri und Carlos zu mir. Ich kniete da, sie standen vor mir und stemmten die Hände in die Hüften. Sie wackelten bedenklich und rochen nach mehr als einer Flasche Wodka. „Du Idiot“, fauchte Carlos schließlich. „Arschloch“, sagte Dmitri. Ich konzentrierte mich auf einen besonders hartnäckigen Fleck in der Kreuzung zweier Fugen, stemmte mich mit beiden Händen auf die Bürste und rieb in langsamen Kreisbewegungen. „Jungs, sparen wir uns das doch einfach“, sagte ich schließlich. Sie stiegen nicht darauf ein. „Du bist nur ein provisorisches Mitglied der Band“, sagte Dmitri und das Wort provisorisch fiel ihm ziemlich schwer. „Du hättest den Vertrag nicht ablehnen dürfen. Du hättest nicht einmal darüber abstimmen dürfen.“ „Interessant“, sagte ich ohne aufzublicken. „Dann hätte ich ihn ja einfädeln auch nicht gedurft.“

„Wir haben beschlossen, zu unterschreiben“, sagte Carlos. „Wir glaube, dass das im Sinne von Eugene wäre.“ „Natürlich“, sagte ich. „Aber wir wollen dich nicht dabeihaben.“ Ich musste lächeln. „Na, wenn das so ist, dann muss ich nicht unbedingt dabei sein.“ „Bist du auch nicht.“ „Dann wäre das geklärt und ich kann jetzt weiter Eugenes Blut von den Fliesen waschen. Verschwindet, ihr steht darauf.“ „Tu du jetzt nicht so, als wärst du Eugenes bester Freund gewesen. Wir waren jahrelang mit ihm auf Tournee. Wir wissen besser, was er gewollt hätte. Du hättest ihm nicht verschweigen dürfen, dass Max uns einen Plattenvertrag angeboten hat.“ Kurz war ich versucht, zu erklären, wie sich das ergeben hatte. Aber es wäre sinnlos gewesen. Ich stand auf und nahm den Eimer. „Entschuldigt, ich sollte mal wieder das Wasser wechseln.“

Max saß auf der Couch und starrte ins Leere. In der rechten Hand hielt er ein randvolles Whisky-Glas, mit der linken streichelte er Annas Busen. Ihr Kopf lag auf seinem Schoß und sie beobachtete mich, als ich durch den Raum ging, aber ihr Blick war seltsam ausdruckslos. Als ich von der Toilette zurückkam, waren die beiden weg und Carlos und Dmitri machten es sich auf der Couch bequem. Ich fand noch eine Flasche Wodka, nahm sie mit und trank sie beinahe aus, bis ich zwei oder drei Stunden später auch den letzten Blutstropfen von den Fliesen gerieben hatte. Ich wollte nicht, dass auch nur ein Molekül von Eugene hier zurückblieb. Meine Hände waren voller Blasen und an einigen Stellen wund. Ich ging zurück in die Wohnung. Meine Kleidung war voller Blut. Eugenes Blut, mein Blut, und vielleicht von noch ein paar Menschen. Ich zog mich aus, bis auf die Unterhose, dann suchte ich einen Platz, um zu schlafen. Anna und Max lagen nackt im Bett. Die rote Digitalanzeige eines Weckers war das einzige Licht.

04:12 Uhr. Ich erkannte die Konturen eines Sofas in der Ecke des Schlafzimmers und ließ mich einfach darauf fallen. # Beck, „Pay No Mind“: Give the finger to the Rock ’n’ Roll singer As he’s dancing upon your paycheck The sales climb high through the garbage-pail sky Like a giant dildo crushing the sun That’s why I pay no mind Sleep in slime I just got signed # Es ist 12:17 Uhr. Max betritt das Arbeitszimmer. „Du bist also munter“, sagt er.

„Ja. Wo warst du?“ „Im Büro, Besprechung mit der Polizei.“ „Der Hund war hier im Arbeitszimmer.“ Er wirft einen Blick auf Eugene. „Oh. Das tut mir leid.“ Ich antworte nicht. Der Text, den ich in der letzten halben Stunde für den Blog geschrieben habe, ist Scheiße. CTRL A. CTRL X. Max. „Willst du wissen, was die Polizei sagt?“ „Sag schon.“ „Sie suchen euch. Sie sind ratlos, weil sie eure Handys nicht orten können.“ „Wir haben die Akkus rausgenommen, als das mit dem Tränengas losging“, sage ich. „Wir haben damit gerechnet, bevorzugte Ziele zu sein.“ „Das stellt sich jedenfalls als Glück heraus. Hör zu, wir werden das Ganze so deichseln können, dass die Band unbeschadet aus der Sache rauskommt. Die Polizei wird sich auf Eugene konzentrieren. Aber der bleibt leider für alle Zeiten untergetaucht. Eugene wird ein Mythos werden.“

„Sie wissen Bescheid?“ „Bist du verrückt? Natürlich nicht. Sie werden ernsthaft nach ihm fahnden, und das ist auch gut so.“ „Wie willst du die Leiche beseitigen?“ „Wie im Film. Wir wickeln sie in ein Leintuch, fahren mit dem Lift in die Tiefgarage und legen sie in den Kofferraum meines Autos. Und dann brauche ich nach all dem Stress hier ein Wochenende in Schottland an irgendeinem abgelegenen Fjord. Joannas Eltern besitzen da so ein Wochenendhaus mit einem großen Grundstück.“ Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll. Mich beschäftigt der Blog. Eugene verschwindet einfach. Also kann der Blog auch einfach abreißen. Ohne richtiges Ende. Ohne Schlusspunkt. Einfach so. „Du kannst immer noch den Vertrag unterschreiben“, sagt Max. „Es ist egal, was die anderen sagen. Wenn ich dich in der Band haben will, dann gilt das. Es liegt an dir.“ Ich schüttle den Kopf.

„Dann hole ich jetzt Dmitri und Carlos, damit sie mir helfen, Eugene runterzutragen. Es gibt keinen Grund, das rauszuzögern.“ „Die machen da mit?“ „Ja, klar. Sie fahren auch mit nach Schottland, das ist schon geklärt. Anna auch. Sie räumt gerade den Kofferraum aus.“ „Tja. Dann ruf die beiden mal“, sage ich. Max schüttelt den Kopf. „Du bist ein verficktes Superduperarschloch“, sagt er. Dann verlässt er den Raum. Ich stehe auf und gehe zu Eugenes Klamotten. Ich leere Eugenes Rucksack aus und stopfe die blutige Wäsche hinein. Die sollte auch in Schottland vergraben werden, sicher ist sicher. Dann setze ich den Akku in Eugenes Handy und stecke das Gerät zwischen die Wäsche tief in den Rucksack. Wie lange es wohl dauern wird, frage ich mich. „Was machst du da?“, fragt Max, als er den Raum wieder betritt.

„Ihr solltet auch seine Wäsche entsorgen. Kommt nicht gut, wenn die Polizei seine blutigen Klamotten hier findet“, sage ich. Max nimmt mir den Rucksack wortlos ab und hängt ihn sich um. Carlos und Dmitri wickeln Eugenes Leichnam in das Leintuch. Wortlos heben sie ihn hoch und tragen ihn aus dem Raum. Ohne Gruß, ohne letzten Blick gehen sie. Max zögert, aber ich schenke ihm keine Beachtung. Er schließt die Tür. Ich starre auf den Monitor des Notebooks. Jede Sekunde kommen mehrere Tweets zu den Ereignissen von gestern. Blogger erzählen, was sie erlebt haben, analysieren, wie es dazu kommen konnte, ziehen Schlüsse für die Zukunft. Dutzende von ihnen, wenn nicht gar hunderte. Ich lächle. Die Welt braucht keinen abschließenden Blogbeitrag von uns. Im Gegenteil, die Diskussion hat gerade erst begonnen. Und dann höre ich auch schon Polizeisirenen. „Gerade mal vier Minuten“, murmle ich vor mich hin. „Nicht schlecht.“

Ich lehne mich zurück und zünde mir eine Zigarette an. Plötzlich fürchte ich mich nicht mehr vor dem Gefängnis. Ich werde dann Zeit haben, meinen Roman zu schreiben. Es wird um die Medienbranche gehen, um einen Toten, und ich werde damit auch etwas zu sagen haben. Eugene wäre stolz auf diese Idee. # And You Will Know Us By The Trail Of Dead, „Worlds apart“: Random lost souls have asked me „What’s the future of Rock ’n’ Roll?“ I say „I don’t know, does it matter?“

This is not the end. Expect us.