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1 Die Epoche der Aufklärung

Vorbereitende Hausaufgabe

Der Wolf und das Lamm – Jean de La Fontaine
Der Strärkere hat immer recht: Wir zeigen’s hier am Tiergeschlecht. Ein Lamm erlabte sich einmal Am reinen Rinnsal einer Quelle. Ein magrer Wolf war auch zur Stelle, getrieben von des Hungers Qual. Du wagst es, sprach er (denn er suchte Stunk) Zu trüben meinen Morgentrunk? Natürlich haftest Du für diesen Schaden! Ach, sprach das Lamm, dass euer Gnaden Besänftige die grimme Wut Und zu bemerken mir geruht: Ich trinke hier am Bache zwar, und unterhalb und offenbar wohl zwanzig Schritte weit von Euch und trübe folglich nie und nimmer das Wässerlein um einen Schimmer. Und dennoch trübst du’s, schalt der Wolf sogleich: Auch hast Du mich verwünscht vor etwa einem Jahr. Wie, da ich kaum geboren war? Versetzt das Lamm, an Mutters Euter lag ich noch, Warst Du’s nicht, war’s Dein Bruder doch! Ich hab gar keinen. Dann war’s sonst wer von Eurer Sippe, denn ihr habt alle eine lose Lippe, ihr, euer Hund. Der Hirt auch mit der Hippe. Man sagt’s. Mein ist die Rache jetzt zu Stund! Er schleppte das Lamm in den Wald und riss es Und würgt es formlos in den Schlund. (Auch ein „Verfahren“, ein gewisses!)

Aufgaben: 1. Lies das Gedicht und analysiere es. 2. Schreibe Deinen ersten Interpretationsansatz auf. 3. Schreibe eine Einleitung für eine Gedichtsinterpretation.

Die Epoche der Aufklärung

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Informationstext zur Epoche

Die Aufklärung war im 18. Jahrhundert eine gesamteuropäische Bewegung, deren Gegenstand war, den menschlichen Verstand als Maßstab aller Dinge zu setzen und nach dieser Ideologie die damals vorherrschenden politischen, sozialen und geistigen Ordnungen in Aufruhr zu bringen und grundlegend umzugestalten. Erste Vertreter der Aufklärung fanden sich in England und Frankreich, dessen Bürger schon lange unter der Unterdrückung seitens Staat und Kirche und unter dem politischen System leideten. Vor allem reiche und gebildete Bürger begannen, die Zustände in ihrem Land zu kritisieren und sie verkannten jene als unmenschlich und wider vernünftiges Denken. Auch im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation fand diese Denkbewegung Zuspruch, denn auch hier herrschte Unzufriedenheit und Pessimismus unter den Bürgern – absolutistische Herrschaft, Ständeordnung, Partikularismus* und Kujonierung* waren Ursache. Fortlaufend gewann die Aufklärungsströmung viele Anhänger und konkrete Ziele wurden formuliert, sie wurde konzeptioniert. Die Idee der Aufklärung war gänzlich philosophisch und sozial orientiert und richtete sich an jeden Bürger: Allen Menschen sollte Freiheit und Gleichheit zuteil sein, man forderte humanes Handeln aller (auch oder viel mehr vor allem seitens Staat und Kirche), Wissenschaft und Fortschrittsdenken sollte eine größere Priorität angerechnet werden, die Kirche sollte an Macht verlieren, sodass die Menschen lernten, aus Einsicht und Mitgefühl, aus Moral zu handeln und nicht aus Furcht vor gottgegebener Konsequenz. Man war der Überzeugung, dass jeder Mensch das Recht hatte und sogar die Pflicht, aufgeklärt zu werden, denn wüssten sie erst wirklich über neue Perspektiven bescheid, so würden sie selbst alles daran setzen, aus ihrer Unterdrückung zu fliehen, sie würden sich befreien und die Botschaft der Aufklärung weiter verbreiten. Aufgeklärte Menschen sollten eine aufgeklärte Welt schaffen. Größter Gegenstand der Aufklärung war also die Philosophie; Zwei philosophische Theorien über Erkenntnisgewinn wurden aufgegriffen und ausgearbeitet: der englische Empirismus* und der französische Rationalismus*, als dessen Begründer René Descartes gilt. Wichtigster deutscher Philosoph der Aufklärung war Immanuel Kant mit seinem Werk „Was ist Aufklärung?“, mit dem er eine konkrete Definition von Aufklärung lieferte: “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Ein weiteres bekanntes Zitat, das aus der Epoche der Aufklärung stammt, ist von René Descartes: „ego cogito, ergo sum“ (zu dt. „Ich Immanuel Kant denke, also bin ich.“).
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Natürlich spiegelt sich die Epoche aber nicht nur in philosophischen Theorien wieder, sie hatte auch einen großen Einfluss auf Literatur und Kunst. Die größte literaturbezogene Errungenschaft der AufDie Epoche der Aufklärung

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Informationstext zur Epoche

klärung ist wohl, dass erstmals ein Markt für Literatur geschafft wurde. Wo sie einst nur Herrschern und deren Hofgesellschaft vorbehalten war, ja sogar nur für diese und für die Kirche geschaffen wur

de, war sie nun frei erhältlich und zugänglich für jeden Bürger (allerdings waren damals die wenigsten Menschen dem Lesen und Schreiben mächtig, was den Zugang zur Literatur vorerst noch einschränkte). Auch inhaltlich wirkte die Aufklärung auf Literatur ein. Aufklärerische Literatur reflektiert die Ziele und Ideen der Aufklärer. Sie beinhaltet Emanzipation des Denkens, Kritik an Kirche und Religion, Staat und Gesellschaft, Glaube an die Wichtigkeit von Fortschritt und Wissenschaft, Individualismus, Gleichsetzung von Gut und Vernunft und die Überordnung des Verstandes. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Aufklärung eine gänzlich neue Denkweise geschaffen und manifestiert hat und so die ersten Steine dessen ins Rollen brachte, was wir heute als moderne Welt verstehen und leben.

Aufgabe: Wie lässt sich das Gedicht „Der Wolf und das Lamm“ von Jean de La Fontaine in die Epoche der Aufklärung einordnen? Welche Merkmale der Epoche sind auf das Gedicht zutreffend? Welche sind nicht zutreffend?

*Partikularismus: Innerhalb eines Ganzen wird der kleinen Einheit der Vorzug gegeben. *Kujonierung: Unwürdige Behandlung *Empirismus: Philosophische Theorie über Erkenntnisgewinn: Erkenntnisgewinn erfolgt durch sinnliche Wahrnehmung und Erfahrung. *Rationalismus: Gegensätzlich zu Empirismus: Erkenntnisgewinn kann niemals durch sinnliche Wahrnehmung und Erfahrung erfolgen, vielmehr durch logische Schlussfolgerung.

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Eigene Interpretation

Die Ballade „Der Wolf und das Lamm“ von Jean de La Fontaine lässt sich literaturhistorisch in die Epoche der Aufklärung einordnen. Es thematisiert vernunftorientiertes, humanes Denken und Moral anhand eines negativen Fallbeispiels. Der Titel des Gedichts hat eine dahingehende Wirkung, dass Wolf und Lamm seit jeher als zwei Gegensätze/Feinde assoziiert werden, was eine dunkle Vorahnung aufkommen lässt. Das Gedicht besteht aus nur einer Strophe und dreißig Versen und keinem festen Reimschema; zwar wurde überwiegend von Paarreimen Gebrauch gemacht, es wurden aber auch ein umarmender Reim, ein Kreuzreim, sowieso vier freie Verse verwendet. Insgesamt wirkt die Form, vor allem durch die unterschiedlich langen Verse, offen gehalten. Zur Sprache lässt sich sagen, dass der Autor viele Inversionen verwendet, abgesehen davon aber wenig rhetorische Stilmittel vorkommen, wobei Wolf und Lamm sowohl symbolisch als auch metaphorisch/personifiziert anzusehen sind. Der Charakter der Sprache wirkt durch Worte wie „mager“ (Vers 5), „Qual“ (Vers 6), „Sippe“ (Vers 24), „grimme Wut“ (Vers 11) dunkel, aufdringliche Klänge gibt es insgesamt wenig, sind jedoch vorherrschend in der Sprache des Wolfes, was die Symbolik des Wolfes unterstützt. Der Erzähler nimmt eine beobachtende, neutrale Position ein, es sind keine Gefühle oder Gedanken dargestellt, sondern eine dialogische Grundsituation zwischen Wolf und Lamm, wobei kein lyrisches Ich hervortritt, sondern Gesprochenes vom Erzähler wiedergegeben wird, was weitergehend nochmals bestätigt, dass es sich bei dem vorliegenden Gedicht um eine Ballade handelt. Das wiedergegebene Gespräch besteht ausnahmslos aus einer sich wiederholenden Struktur aus Anschuldigung seitens des Wolfs und darauf folgende Rechtfertigung des Lammes. Dabei formuliert der Wolf zu Anfang noch konkrete Anschuldigungen, die sich an das Lamm richten: „Auch hast Du mich verwünscht…“ (Vers 20), später werden seine Anschuldigungen weniger konkret: „Warst Du’s nicht, war’s Dein Bruder doch!“ (Vers 23), und zuletzt sind seine Anschuldigungen weder konkret, noch an irgendeine bestimmte Person gerichtet: „Dann war’s sonst wer von Eurer Sippe“ (Vers 25). Hier ist schon deutlich zu sehen, dass der Wolf vom Leitmotiv Gebrauch macht, das schon im ersten Vers genannt wird „Der Stärkere hat immer recht“: Er ist sich darüber bewusst, der Stärkere zu sein, nutzt diesen Sachverhalt aus, um das Lamm mit seinen Rechtfertigungen an seine Grenzen stoßen zu lassen. Für den Wolf ist es nicht von Nöten, schlagende Argumente zu haben. Das Problem, das des Wolfes Leitmotiv aufwirft, ist, dass Recht haben und Recht bekommen zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe sind. Recht haben ist subjektive Einschätzung, Recht bekommen ist die objektive Variante. Die Wahrheit, die hinter diesem Satz steckt, ist nämlich folgende: Der Stärkere hat nicht immer recht, aber der Stärkere hat es leicht, sich das Recht zu nehmen. Und genau das macht der Wolf: Objektiv gesprochen hat er nicht Recht, das sieht man an seiner dürftigen Argumentation, aber dadurch, dass er der Stärkere ist und das Lamm ihm gänzlich unterlegen ist, liegt es an ihm, die Rechtfertigungen des Lammes für sich geltend zu machen. So ist auch offensichtlich, inwieweit man den Wolf und das Lamm symbolisch zu interpretieren hat und wieso der Autor sie für diese Ballade verwendete: Das Lamm ist ein gängiges Symbol für Unschuld, der Wolf wird immer wieder als Symbol für Boshaftigkeit und triebgeleitetes, aggressives Verhalten verwendet. Abschließend lässt sich noch sagen, dass es typisch für Jean de La Fontaine ist, Tiere als symbolische Hauptcharaktere seiner Werke zu verwenden. Zusammenfassend kann man sagen, dass das Gedicht ein leicht zu interpretierendes und zu verstehendes ist, dessen Wahrheitsgehalt sich kaum abstreiten lässt, wodurch dem Gedicht auch zu heutigen Verhältnissen noch Gültigkeit zuzusprechen ist. Für den Leser ist es leicht, nachzuvollziehen, dass das Verhalten des Wolfs unvernünftig und falsch ist, und einen Bezug zur Realität herzustellen. So kennt doch jeder einen Menschen, bei dem man mit seinen Argumenten an seine Grenzen stößt, da er oder sie sich nicht auf eine Diskussion einlassen will, um sein subjektives Recht zu behalten. Durch dieses negative Fallbeispiel wird einem außerdem aufgezeigt, wie eine vernünftige Auseinandersetzung nicht funktioniert, dass es aber wichtig ist, vernunftorientiert zu handeln, da sonst Unschuldige zu Schaden kommen können. Damit wäre auch bestätigt, dass das Gedicht literaturhistorisch in die Epoche der Aufklärung einzuordnen ist.

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