Unvorgreifliche Gedanken, betreffend die Ausübung und Verbesserung der teutschen S prache. 1.

Es ist bekannt, daß die Sprach ein Spiegel des Verstandes, und daß die Völker, wenn si e den Verstand hoch schwingen auch zugleich die Sprache wohl ausüben, welches der Griechen, Römer und Araber Beyspiele zeigen. 2. Die Teutsche Nation hat unter allen christlichen den Vorzug wegen des Heiligen Röm ischen Reichs, dessen Würde und Rechte sie auf sich und ihr Oberhaupt gebracht, we lchem die Beschirmung des wahren Glaubens, die Vogthey der allgemeinen Kirche, u nd die Beförderung des Besten der ganzen Christenheit oblieget, daher ihm auch der Vorsitz über andere hohe Häupter ohnzweifentlich gebühret und gelassen worden. 3. Derowegen haben die Teutsche sich desto mehr anzugreifen, daß sie sich dieser ihre r Würde würdig zeigen, und es Andern nicht weniger an Verstand und Tapferkeit zuvor thun mögen, als sie ihnen an Ehren und Hoheit ihres Oberhaupts vorgehen. Derogesta lt können sie ihre Mißgünstige beschämen, und ihnen wider ihren Dank eine innerliche Ueb erzeugung, (und) wo nicht äußerlich Bekentniß der Teutschen Vortrefflichkeit abdringen . Ut qui confessos animo quoque subjugat hostes. 4. Nachdem die Wissenschaft zur Stärke kommen, und die Kriegs-Zucht in Teutschland au fgerichtet worden, hat sich die Teutsche Tapferkeit zu unseren Zeiten gegen Morg en- und Abendländische Feinde, durch große von Gott verliehene Siege wiederum merkli ch gezeiget; da auch meistentheils die gute Parthey durch Teutsche gefochten. Nu n ist zu wünschen, daß auch der Teutschen Verstand nicht weniger obsiegen, und den P reis erhalten möge; welches ebenmäßig durch gute Anordnung und fleißige Uebung geschehen muß. Man will von allem dem, so daran hanget, anitzo nicht handeln; sondern allei n bemerken, daß die rechte Verstandes-Uebung sich finde, nicht nur zwischen Lehrund Lernenden, sondern auch vornehmlich im gemeinen Leben unter der großen Lehrmei sterin, nehmlich der Welt, oder Gesellschaft, vermittelst der Sprache, so die me nschlichen Gemüther zusammen füget. 5. Es ist aber bei dem Gebrauch der Sprache, auch dieses sonderlich zu betrachten, daß die Worte nicht nur der Gedanken, sondern auch der Dinge Zeichen seyn, und daß w ir Zeichen nöthig haben, nicht nur unsere Meynung Andern andeuten, sondern auch un sern Gedanken selbst zu helfen. Denn gleichwie man in großen Handels-Städten, auch i m Spiel und sonsten, niht allezeit Geld zahlet, sondern sich an dessen Statt der Zeddel oder Marken bis zur letzen Abrechnung oder Zahlung bedienet; also thut a uch der Verstand mit den Bildnissen der Dinge, zumahl wenn er viel zu denken hat , daß er nehmlich Zeichen dafür brauchet, damit er nicht nöthig habe, die Sache jedesm ahl, so oft sie vorkommt, von neuen zu bedenken. Daher wenn er sie einmahl wohl gefasset, begnügt er sich hernach of nicht nur im äußerlichen Reden sondern auch in de n Gedanken und innerlichen Selbst-Gespräch das Wort an die Stelle der Sache (zu) s etzen. 6. Und gleichwie ein Rechen-Meister, der keine Zahl schreiben wolte, deren Halt er nicht zugleich bedächte, und gleichsam an den Fingern abzählete, wie man die Uhr zähle t, nimmer mit der Rechnung fertig werden würde: also wenn man im Reden und auch se lbst im Gedanken kein Wort sprechen wollte, ohne sich ein eigentliches Bildniß von dessen Bedeutung zu machen, würde man überaus langsam sprechen, oder vielmehr verst ummen müssen, auch den Lauf der Gedanken nothwendig hemmen, und also im Reden und Denken nicht weit kommen. 7. Daher braucht man oft die Wort als Ziffern, oder als Rechen-Pfennige, an statt d er Bildnisse und Sachen, bis man Stufenweise zum Facit schreitet, und beym Vernu nft-Schluß zur Sache selbst gelanget. Woraus erscheinet, wie ein Großes daran gelege n, daß die Worte als Vorbilde und gleichsam als Wechsel-Zeddel des Verstandes wohl gefasset, wohl unterschieden, zulänglich, häufig, leichtfließend und angenehm seyn. 8.

Ort. daß sie nichts als rechtschaffene Dinge sage. und vieler Beschaffen heit. sondern im rechten Verstand und Gebrauch der Worte zu suchen. Grund-Regeln. so vo rnehmen und gelehrten Leuten mehr fürkommt von diesen. das s eye würklich was Rechtschaffenes: aber leere Worte. sondern am Wille n gefehlet. daß us unsere Sprache selbst sey. und ihnen entgegengesetzten falschen Streichen. Wie dann alle die Europäer. welches alles dem Teutschen Mann etwas entlegen. . auch sehr wohl. absonderlich in leiblichen Dingen. da hingegen der Gelehrte und Hofmann sich de s Lateins oder anderer fremden Sprachen in dergleichen fast allein und. wohl in Teutsch gegeben. da nichts hinter. Eintheilung. sondern auch bey einer jeden Sprach nicht zwar in gewissen buchstäblichen Deutel eyen. etwas davon zu wissen. auch der Tugenden und Laster. als wenn man daselbst handelt von Begrenzung. ja ich habe es zu Zeiten unser unsehnlichen Haupt-Sprache zum Lobe angezogen. und ungegründete Grillen nich einmal nenne (ignorat inepta). welche nichts desto weniger auch von den so genannten Ungeleh rten nach Lehre der Natur gar wohl getrieben worden. Die Alten haben mit der Cabbala viel Wesens gemacht. Künste und Geschäfte. ordnung. die (zum Exempel) von Erz und Bergwerken reicher und nac hdrücklicher rede. 9. Denn weil alles was der gemein e Mann treibet. Und hat man Demna ch die Cabbala oder Zeichen-Kunst nicht nur in den Hebräischen Sprach-Geheimnissen . so zur Sitten-Lehr und Regierungs-Kunst gehören. und auch dem gemeinen Mann fürkommet. in so we it. Ursach und Würkung. Normannen. daß die Teutschen ihre Sprache bereits hoch bracht in allen dem. und Umständen. nach der H olländer Bespiel gar füglich nennen kann) eine Erfindung der Zeichen-Kunst. und gleichsa m nur ein leichter Schaum müßiger Gedanken. und in der allgemeinen Lehrer von den Dingen unter dem Namen der Logik und Metaphysik auf die Bahne bringen. der andern unbekannt. als die Teutsche. und die Mutter-Sprache dem gemei nen Lauf überlassen. daß dasjenige. zu viel beflissen: also daß es den Teutschen nicht am Vermögen. ihre Sprache durchgehends zu erheben. Ich finde. von der Schi ffahrt und dergleichen. Daher ich bei denen Italiänern und Fra nzosen zu rühmen gepfleget: Wir Teutschen hätten einen sonderbaren Probierstein der Gedanken. Und halt ich dafür. denn was sich darin ohne entlehnte und ungebraüchliche Worte vernehmlich sagen lasse. Zeit. Dergleichen kann man von allen andern gemeine n Lebens-Arten und Professionen sagen. von der Dinge Gleichheit und Unterschied.und Handwerks-Sachen. und die würden sie in der That in in einer wohlgefasseten Sprache finden: als welche dienet. und dennoch bestehet die ganze Kunst in nichts. nehme die reine Teutsche Sprache nicht a n. und wann sie denn begierig gewesen. Alleine. so habe ich ihnen bedeutet. damit die Teutsche Sprache allmählig anzureichern. so man Prädicamenten nennet. so mit den fünf Sinnen zu begreifen. auch Kunst. nehmlich von de n Sachsen. daß in der Denk-Kunst und in der Wesen-Lehre au ch nicht wenig Gutes enthalten. Nun wäre zwar dieser Mangel bey denen logischen und metaphysichen Kunstwörtern noch etwas zu verschmerzen. 10.und Waid-Werk. so die Liebhaber der Weisheit in ihrer Denk-Kunst. Vollkommenheit und Mangel. sondern für alle Wissenschafteb. so mit der Mathematik beschäftiget. Unter welchen allen viel Gut es ist. und sonderlich von der großen Muster-Rolle aller Dinge unt er gewissen Haupt-Stücken. als im Gebrauch wol angebrachter Zeichen. sondern allein durch Betrachtung erreichen kann. es ist gleichwohl an dem. daß keine S prache in der Welt sey. 11. so sich durch alle andere Wissenschaften und Leh ren ergießet. die Namen der Winde und viel andere Seeworte von den Teutschen. so aufm großen Welt-Meer fahren.Es haben die Wiß-Künstler (wie man die. als bey Aus drückung der Gemüths-Bewegungen. wenn sie gewollt. als von Jagt. davon di e sogenannte Algebra nur ein Theil: Damit findet man heute zu Tage Dinge aus. nicht nur vor die Wiß-Kunst. weil nemlich die Gelehrten fast allein mit dem Latein beschäftiget gewesen. Es ereignet sich aber ein Abgang bey unserer Sprache in denen Dingen. Schluß-Form . so man wed er sehen noch fühlen. Osterlingen und Niederländern entlehnet. wo nicht besser in reinem Tetsch gegeben werden können. so ist kein Zweifel. und nicht so üblich. und Geheimnisse in den Worten gesuchet. 12. dann ferner bey denen noch mehr abgezogenen und abgefeimten Erkenntnissen. so die Alten nicht erreichen können.

welche in der That. bey denen Worten zu spüren.13. bis er sie endlich gar vers chwächet. brauchen gewisse schöne Worte und Red en. die sic h etwas zu denen Träumen der Schwärmer geneiget. da solle die gelehrte Jungfrau von Journay. 15. 14. und zum täglichen Umg ang wackerer Leute so wohl. w ie man wohl befindet. gemeinschaftlichen Wandel. die an der Perfectie-Krankheit. Regierungs-Sachen. Hat es demnach die Meynung nicht. und zu dem rechten Gebrauch wiedmen könnte. gesagt haben: was diese Leute schrieben. auch die Regierungs-Kunst samt den Gesetzen aller Lande z u bauen. wie gedacht. di e sich auf das Sittenwesen. Welchergestalt wir den Griechen un d Lateinern hierin selbst würden Trotz bieten können. 17. so nicht allein sich hernach in die offenb ahrte Gottes-Gelehrtheit mit einverleibet. und z u verbessern. Zwar ist nicht wenig Gutes auch zu diesem Zweck in denne geistreichen Schriften einiger tiefsinnigen Gottes-Gelehrteb anzutreffen. daß wie in Frankreich auch dergleichen Rein-Dünkle r aufkommen. d enn solche allzu große Scheinreinigkeit ist einer durchbrochenen Arbeit zu verglei chen.und Staats-Geschäfte ziehen. die Sprache nich t wenig ärmer gemacht. oder weil sie schon vorhande n. als zur Brief-Wechselung zwischen denselben erforder t werden. aber vergessen und unbekannt. und allerhand bürgerliche Lebens. einigen guten Worten der Ausländer das Bürger-Rec ht zu verstatten. und seiner Rede den Nachdruck nehme. als der Völker insge mein und insonderheit. darnieder liegen. von der Beschmitzung reinig en. welches denen geschieht. sondern auch einen unbeweglichen Grun d leget. auf deren Wiederbringung zu gedenken und wo sic h dergleichen nichts ergeben will. Ich erinnere mich gehöret zu haben. 16. dadurch aber sich selbst entkräfte. daran der Meister so lange feilet und bessert. wie es die Hollän der nennen. wie Verständige anitzo erkennen. wäre eine Suppe von klarem Wasser. der Seelen und Geister aus dem Licht der Natur. Ich finde aber hiering die Tetsche Sprache noch etwas mangelhaft. daß man in der Sprach zum Puritaner werde. (un bouillon d'eau clair) nehmlich ohne Unreinigkeit und ohne Kr afft. Am allermeisten aber ist unser Mangel. Sonderlich aber stecket die größte natürliche Weisheit in der Erkäntniß Gottes. . Und weilen solche Wort und Reden am meisten fürfallen. so hätte man fürnehmlich auf deren Ersetzung. die man als güldene Gefäße der Egypter ihnen abnehmen. des berühmten Mon tagne Pflege-Tochter. und m it einer abergläubischen Furcht ein fremdes aber bequemes Wort als eine Tod-Sünde ve rmeide. wenn man etwas aus anderen Sprachen in die unsrige übersetze n will. Leidenschaften des Gemüths. ja selbst diejenigen. darauf die Rechts-Lehre sowohl vom Rechte der Natur.