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ISBN 3-518-12357-2

€ 9,00 [0]
Jacques Derrida und Hans-Georg Gadamer lernten sich in den frü-
hen 80er Jahren kennen, und seit dieser Zeit entspann sich eine kon-
troverse Auseinandersetzung über die Hermeneutik, die Kunst der
Interpretation, insbesondere über die Endlichkeit unseres Verste-
hens. Als Gadamer starb, hielt Derrida im Februar 2003 die Festrede
zur Gedenkfeier der Universität Heidelberg. Mit einer eindring-
lichen Celanlektüre führt Derrida vor, wie das Gespräch mit Gada-
mer über seine letzte Unterbrechung hinaus am Ende zu einem »un-
unterbrochenen Dialog« werden könnte. Dem Band beigefügt sind
Kommentare Gadamers zu Celans Gedichtfolge Atemkristall sowie
Materialien aus der Zeit der ersten Begegnung. In Derridas Reflexion
über den Abschied und das Abschiednehmen kommt es hier zu einer
letzten, vielleicht entscheidenden Annäherung.
Jacques Derrida, geb. 1930, ist Professor für Philosophie an der Ecole
des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris. Hans-Georg Gada-
J acques Derrida
Hans-Georg Gadamer
Der ununterbrochene Dialog
Herausgegeben und
mit einem Nachwort versehen
von Martin Gessmann
mer (19°0-2002) war Professor für Philosophie an der Universität Suhrkamp
Heidelberg.
edi tion suhrkamp 23 57
Erste Auflage 2004
© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 2004
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der
Übersetzung, des öffentlichen Vortrags
sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen,
auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)
ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet,
vervielfältigt oder verbreitet werden.
Druck: Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden
Umschlag gestaltet nach einem Konzept
von Willy Fleckhaus: Rolf Staudt
Printed in Germany
ISBN 3-518-12357-2
1 2 3 4 5 6 - 09 08 07 06 05 04
Inhalt
Jacques Derrida
Der ununterbrochene Dialog: zwischen zwei
Unendlichkeiten, das Gedicht 7
Jacques Derrida
Guter Wille zur Macht (I)
Drei Fragen an Hans-Georg Gadamer 51
Hans-Georg Gadamer
Wer bin Ich und wer bist Du?
Kommentar zu Celans Gedichtfolge >Atemkristall< 55
Nachwort von Martin Gessmann 97
Textnachweise 109
J acques Derrida
Der ununterbrochene Dialog:
zwischen zwei U nendlichkeiten,
das Gedicht
Kann ich hier vor Ihnen meine Bewunderung für Hans-
Georg Gadamer überhaupt angemessen und wahrheitsge-
treu wiedergeben?
Sie ist vor so langer Zeit aus Respekt und Zuneigung zu
ihm entstanden, und in sie mischt sich dunkel eine uralte
Melancholie.
Diese Melancholie hat, so würde ich sagen, nicht nur
historische Gründe. Denn selbst wenn es ein solches Er-
eignis gäbe, an dem man sie festmachen könnte, so bliebe
es noch schwer zu entziffern, und die Art und Weise, wie
es in ihr widerhallt, wäre immer noch einzigartig, intim,
fast privat und geheim, noch zurückhaltend. Dort, wo sie
anhebt, zielt sie nicht immer ins Epizentrum jener Er-
schütterungen, die meine Generation mehr aus ihren Wir-
kungen denn aus ihren Ursachen, verspätet, indirekt und
vermittelt wahrgenommen hat. Ihr großer Zeitzeuge ist
Gadamer, er ist ihr Philosoph. Das gilt nicht nur für
Deutschland. Jedesmal, wenn wir miteinander gesprochen
haben, übrigens immer auf französisch, mehr als einmal
hier in Heidelberg, oft auch in Paris oder in Italien, hatte
ich bei allem, was er mir in herzlicher Freundschaft anver-
traut hat - einer Freundschaft, durch die ich mich geehrt,
mehr noch gerührt und bestärkt fühlen durfte -, den Ein-
druck, ein Jahrhundert deutschen Denkens, deutscher Phi-
losophie und Politik besser zu verstehen. Und dies gilt
wiederum nicht nur für deutsches Denken, deutsche Phi-
losophie und Politik.
Der Tod hat diese Melancholie sicherlich verändert,
durch ihn lastet sie unendlich schwerer. Der Tod hat sie
7
besiegelt. Für immer. Es fällt mir aber dennoch schwer zu
unterscheiden, unter diesem starr gewordenen, versteiner-
ten Siegel, in dieser schwer zu lesenden, aber auch irgend-
wie gesegneten Unterschrift, inwiefern sie auf den Tod
des Freundes zurückgeht oder ihm schon so langevorange-
gangen ist. Schon bei unserer ersten Begegnung in Paris
I98I muß mich diese Melancholie, eine andere damals und
doch dieselbe, befallen haben. Unsere Diskussion konnte
wohl nur mit einer merkwürdigen Unterbrechung be-
ginnen, die nicht etwa ein Mißverständnis war, sondern
eine Art Sprachlosigkeit, eine Hemmung des noch Unent-
lichiedenen. Und eher die Geduld einer unbestimmten Er-
wartung, einer Epoche, die den Atem anhält, das Urteil zu-
rückhält und sich die Schlußfolgerung aufbehält. Da stand
ich, mit offenem Mund, sprachlos. Ich sprach kaum mit
ihm, und was ich damals sagte, richtete sich nur indirekt an
ihn. Und doch war ich mir sicher, daß wir von nun an auf
eine merkwürdige, aber innige Weise etwas teilen würden.
Vielleicht eine Teilhaberschaft. Damals schon hatte ich eine
Vorahnung: Was Gadamer wahrscheinlich einen »inneren
Dialog« genannt hätte, sollte in jedem von uns weiterge-
führt werden, manchmal wortlos, unmittelbar in uns oder
indirekt. Eine Bestätigung fand dies in den Folgejahren da-
durch, daß, diesmal allerdings wortreich und sehr gelehrt,
eine ganze Reihe von Philosophen auf der ganzen Welt, in
Europa, besonders aber in den Vereinigten Staaten, den oft
auch fruchtbaren Versuch gemacht haben, ihrerseits diesen
Austausch zu übernehmen, der j a noch rein virtuell und zu-
rückgehalten war, ihn dadurch erst richtig herzustellen, zu
verlängern oder seinen merkwürdigen Bruch zu deuten.
1.
Wenn ich hier von einem Dialog spreche, verwende ich ein
Wort, das meinem Sprachgebrauch zugegebenermaßen
fremd bleiben wird, und zwar aus tausenderlei Gründen,
8
guten und schlechten, deren nähere Erläuterung ich Ihnen
hier erspare. Dieses Wort bleibt mir fremd wie eine Fremd-
sprache, deren Gebrauch ein besorgtes und umsichtiges
Übersetzen erforderte. Wenn es dann darum geht, genau
zu sagen, was »innerer Dialog« heißt, bin ich froh, daß ich
Gadamer schon in mir habe sprechen lassen. Ich über-
nehme von ihm, und zwar wortwörtlich, was er kurz nach
unserer ersten Begegnung I98 5 gesagt hat, zum Schluß sei-
nes Textes Destruktion und Dekonstruktion:
»Vollends das Gespräch, das wir in unserem eigenen Denken wei-
terführen und das sich vielleicht in unseren Tagen um neue große
Partner aus einem sich planetarisch erweiternden Menschheits-
erbe bereichert, sollte überall seinen Partner suchen - und insbe-
sondere wenn er ein ganz anderer ist. Wer mir Dekonstruktion
ans Herz legt und auf Differenz besteht, steht am Anfang eines
Gespräches, nicht an seinem Ziele.« 1 (HervorhebungJ. D.)
Was macht diese Begegnung heute noch so unheimlich,
nachdem sie in den Augen vieler geradezu mißlungen war,
sich aus meiner Sicht aber eben dadurch als glückliche Fü-
gung, wenn nicht gar als Erfolg erweisen sollte? Ihr Schei-
tern geriet so erfolgreich, daß sie eine lebendige und pro-
vozierende Spur hinterließ, der eine größere Zukunft be-
schieden sein sollte als einem Dialog voll Harmonie und
Einverständnis.
Diese Erfahrung nenne ich unheimlich, und zwar auf
deutsch. Im Französischen habe ich keine Entsprechung,
die dieses Gefühl mit einem Wort beschreiben könnte. Im
Laufe dieser einmaligen, und damit unersetzlichen Begeg-
nung schlich sich eine einzigartige Fremdheit ein und ver-
schmolz mit dieser innigen und verstörenden Nähe, die
manchmal beunruhigend, beinahe gespenstisch war. Die-
ses unübersetzbare deutsche Wort, unheimlich, brauche
ich noch einmal jetzt, in dem Augenblick, da ich hier vor
Ihnen auf französisch spreche und Sie auf deutsch mitle-
I Gesammelte Werke, Band II, Tübingen 1986, S. 361-372, hier: S. 372.
9
sen können, um unsere gemeinsame Sensibilität für die .
Grenzen der Übersetzung zu schärfen. Damit möchte ich
auch daran erinnern, wie Gadamer selbst das diagnosti':'
ziert hat, was viele unserer Freunde ein wenig überstürzt
als so etwas wie ein U rmißverständnis gedeutet haben. Er
meinte, die Hürden der Übersetzung seien einer der we-
sentlichen Gründe für jene Unterbrechung gewesen, die
doch überraschend kam, damals, r981. Sieben Jahre spä-
ter, es muß kurz nach unserer zweiten öffentlichen De-
batte gewesen sein, diskutierten wir hier in Heidelberg zu-
sammen mit Philippe Lacoue-Labarthe und Reiner Wiehl
über Heideggers politisches Engagement. Damals, gleich
am Anfang von Dekonstruktion und Hermeneutik, sah
q-adamer in den Sprachgrenzen den Ort, an dem uns die
Ubersetzung herausfordert und stets die Gefahr des Miß-
verständnisses droht:
»Das Gespräch zwischen selbständigen Fortführern Heidegger-
scher Anstöße, das meine Pariser Begegnung mit Derrida vor ei-
nigenJahren sein wollte, hatte es mit besonderen Erschwerungen
zu tun. Da ist vor allem die Sprachbarriere. Sie wird immer dann
groß, wenn Denken oder Dichten Traditionsformen zu verlassen
strebt und aus der eigenen Muttersprache neue Weisungen her-
auszuhören trachtet.«2
Gadamer spricht also lieber von »Denken oder Dichten«
als von Wissenschaft und Philosophie. Dies ist kein Zufall,
und daran gälte es heute anzuknüpfen. In einem Aufsatz
mit dem Titel »Die Grenzen der Sprache« (I984), der dem
soeben zitierten von I988 vorausging und also noch näher
an unserem ersten Treffen (r98r) liegt, betonte er noch
einmal ausdrücklich, daß die Frage der Übersetzung eng
mit der dichterischen Erfahrung verbunden ist. Das Ge-
dicht ist nicht nur das beste Beispiel dafür, daß etwas un-
übersetzbar ist, es ist der eigenste, am wenigsten uneigene
Ort der Herausforderung für eine jede Übersetzung. Das
2 Gesammelte Werke, Band X, Tübingen 1995, S. 138-147, hier: S. 138.
10
Gedicht zeigt wahrscheinlich den einzigen Ort an, an dem
sich Sprache einzig erfahren läßt, nämlich in ihren idio-
matischen Besonderheiten, die einerseits für immer der
Übersetzung widerstehen und deshalb andererseits eine
Übersetzung einfordern, der zugemutet wird, das Un-
mögliche zu leisten, das Unmögliche in einem unerhörten
Ereignis möglich zu machen.
Gadamer schreibt in »Die Grenzen der Sprache«: »Für
uns alle aber gilt das [gemeint ist das »Phänomen der
Fremdsprache«], wo es sich um Übersetzung handelt.
[U nd in einer Fußnote verweist er auf seinen Aufsatz» Le-
sen istwie Übersetzen«.3] Da ist Poesie, das lyrische Ge-
dicht, die große Instanz für die Erfahrung der Eigenheit
und der Fremdheit von Sprache.«4
Ich nehme also einmal an, daß sich das Ganze der Poesie
stückweise und schlicht und einfach aus dem ergibt, was
wir Kunst oder die schönen Künste nennen, und erinnere
auch daran, was Gadamer mehr als einmal, ganz besonders
in seiner Selbstdarstellung,S zu diesem Thema sagt. Er un-
terstreicht die wesentliche Rolle dessen, was er in seiner
philosophischen Hermeneutik die »Erfahrung der Kunst«
nennt, gegenüber allen anderen Verstehenskünsten, die ihr
als Ausgangspunkt dienen. Vergessen wir nicht: Wahrheit
und Methode beginnt mit einem Kapitel über die »Erfah-
rung der Kunst«, und damit schafft sich Gadamer den
Raum für eine »Erfahrung des Kunstwerks«, die »jeden
subjektiven Horizont der Auslegung, den des Künstlers
wie den des Aufnehmenden, grundsätzlich immer über-
steigt«.6 In diesem Horizont der Subjektivität steht das
Kunstwerk dem Subjekt nie einfach gegenüber wie ein
Objekt. Es gehört zu seinem Werkcharakter, das Subjekt
zu affizieren und es zu verändern, angefangen bei dem, der
3 Gesammelte Werke, Band VIII, Tübingen 1993, S. 279- 28 5.
4 Gesammelte Werke, Band VIII, Tübingen 1993, S. 35°-361, S. 360.
5 Gesammelte Werke, Band II, Tübingen 1986, S. 479-508.
6 A. a. 0., S. 437-448, hier: S. 441.
II
unterzeichnet. Gadamer schlägt vor, die zuvor angenom- .
mene Ordnung durch eine paradoxe Formel umzukehren:
»Das >Subjekt< der Erfahrung der Kunst, das was bleibt und be-
harrt, ist nicht die Subjektivität dessen, der sie erfährt. Sondern
das Kunstwerk selbst.</
Diese souveräne Autorität des Werkes, die beispielsweise
das Gedicht zum erteilten Befehl und zum Diktum eines
Diktats macht, ist aber auch die Aufforderung zur verant-
wortlichen Antwort und zum Gespräch. Sie erkennen hier
den Titel eines Werkes wieder, das Gadamer 1990 veröf-
fentlichte: Gedicht und Gespräch.
8
Ich weiß nicht, ob ich das Recht habe, ohne Anmaßung
von einem Dialog zwischen mir und Gadamer zu spre-
chen. Sollte ich aber doch Anspruch darauf erheben dür-
fen, wie gering er auch sein mag, so würde ich ein weite-
res Mal darauf bestehen, daß dieser Dialog zunächst ein
innerer und unheimlicher war. Das Geheimnis, das dieser
Unheimlichkeit auch hier und jetzt zugrunde liegt, ergibt
sich gerade daraus, daß dieser innere Dialog wohl jene
Tradition am Leben, lebendig und glücklich erhalten hat,
die ihn äußerlich aufzuheben schien - besonders in der
Öffentlichkeit. Dieses Gespräch, davon gehe ich einmal
aus, hat tief im Inneren die Erinnerung an jenes Mißver-
ständnis mit einer bemerkenswerten Beständigkeit be-
wahrt, ohne sich je nach außen zu verschließen. Es hat den
verborgenen Sinn jener Unterbrechung ununterbrochen
kultiviert und gerettet, verschwiegen oder auch nicht - für
mich meistens innerlich und nach außen hin stumm.
Man spricht oft und ein bißchen leichtfertig von einem
inneren Monolog. Indes geht ihm ein innerer Dialog vor-
aus und macht ihn erst möglich. Er leitet und führt ihn, in-
dem er ihn aufspaltet und bereichert. Mein innerer Dialog
mit Gadamer, mit Gadamer selbst, mit dem lebenden,
7 Gesammelte Werke, Band I, Tübingen 1986, S. 108.
8 Frankfurt am Main 1990.
12
noch immer lebenden Gadamer, wenn ich so sagen darf,
sollte seit unserem ersten Treffen in Paris nie unterbro-
chen werden.
Wahrscheinlich beruhte diese Melancholie, wie immer
bei einer Freundschaft (zumindest empfinde ich es jedes-
mal so), auf einer traurigen und erschütternden Gewiß-
heit: Eines Tages wird der Tod uns trennen. Das ist das
schicksalhafte und unabwendbare Gesetz: Von zwei
Freunden wird der eine den anderen sterben sehen. Und
so virtuell dieser Dialog auch sein mag, er wird durch eine
letzte Unterbrechung doch für immer versehrt bleiben.
Unvergleichlich ist diese Trennung zwischen Leben und
Tod, sie drückt dem Gespräch ein Siegel auf, das von nun
an das Denken vor ein erstes Rätsel stellen wird, das wir zu
entziffern versuchen, unendlich. Der Dialog geht wahr-
scheinlich weiter, seine Spur setzt sich im Überlebenden
fort. Jener glaubt den anderen in sich zu bewahren, wie er
es schon zu seinen Lebzeiten tat; künftig wird er ihn in
sich sprechen lassen. Vielleicht gelingt ihm dies besser
denn je - eine erschreckende Annahme. Doch das Überle-
ben trägt in sich die Spur eines unauslöschlichen Ein-
schnitts (aus). Die Unterbrechung vervielfacht sich, eine
Unterbrechung affiziert die andere, (ist) eine Unterbre-
chung in der Spiegelung, unheimlicher denn je.
Aber warum muß man eigentlich soviel Wert auf diese
Unterbrechung legen? Und was ist es in meiner Erinne-
rung, das mein Gedenken heute so nachhaltig verstört? Eh
bien, es liegt wohl an all dem, was gesagt wurde, geschah
oder sich ereignete seit jener letzten von drei Fragen, die
ich Gadamer 1981 in Paris zu stellen wagte. Diese Frage
bedeutete sowohl die Herausforderung, ja vielleicht gar
die Bestätigung des Mißverständnisses, eine scheinbare
Unterbrechung des Dialogs, wie auch andererseits den Be-
ginn eines inneren Dialogs in jedem von uns beiden, eines
virtuell unendlichen und quasi-kontinuierlichen Dialogs.
Tatsächlich, es war so, ich forderte eine gewisse Unterbre-
chung geradezu heraus. Aber weit davon entfernt, damit
den Dialog zum Scheitern zu verurteilen, konnte diese
Unterbrechung ebenso die Voraussetzung für Verstehen
und Einvernehmen werden. Erlauben Sie mir ausnahms-
weise, diese Frage in Erinnerung zu rufen. Sie war die
dritte und letzte aus einer Reihe von Fragen zum guten
Willen im Streben nach Konsens sowie zur schwierigen
Eingliederung einer psychoanalytischen Hermeneutik in
eine allgemeine Hermeneutik:
»Dritte Frage: Auch diese geht auf die Axiomatik des guten Wil-
lens. Mögen nun psychoanalytische Hintergedanken mit im
Spiele sein oder nicht, so ist doch die Frage berechtigt, was es mit
dieser axiomatischen Bedingung des Interpretationsdiskurses auf
sich hat, mit dem, was Professor Gadamer »Verstehen«, »verste-
hen des anderen«, »sich miteinander verstehen« nennt. Ob man
nun von der Verständigung oder vom Mißverständnis (Schleier-
macher) ausgeht, immer muß man sich doch fragen, ob die Bedin-
gung des Verstehens, weit entfernt davon, ein sich kontinuierlich
entfaltender Bezug zu sein (wie es gestern abend hieß), nicht doch
eher der Bruch des Bezuges ist, der Bruch als Bezug gewisserma-
ßen, eine Aufhebung aller Vermittlung?«9
Die melancholische Gewißheit, von der ich hier rede, be-
ginnt also wie immer bereits zu Lebzeiten der Freunde.
Nicht nur durch eine Unterbrechung, sondern durch ein
Wort der Unterbrechung. Ein cogito des Adieu, dieses
endgültigen Grußes, zeichnet den Atem selbst des Dialo-
ges, eines Dialoges in der Welt oder eines innersten Dialo-
ges. Die Trauer wartet nicht mehr. Seit dieser ersten Be-
gegnung kommt diese Unterbrechung dem Tod zuvor, sie
geht ihm voran und hüllt einen jeden in die Trauer einer
unerbittlichen zukünftigen Vergangenheit. Einer von u'ns
beiden wird alleine zurückgeblieben sein, wir wußten es
beide im voraus. Und immer schon. Einer von uns beiden
wird von Anfang an dazu verurteilt gewesen sein, ganz al-
leine, in sich, sowohl den Dialog, den er über die Unter-
9 Forget, Philippe (Hrsg.), Text und Interpretation, München 1984, S. 58.
brechung hinweg fortsetzen muß, als auch die Erinnerung
an die erste Unterbrechung weiterzutragen.
Und, so werde ich sagen, ohne es mir mit einer Über-
treibung leicht zu machen, die ganze Welt des anderen.
Die Welt nach dem Ende der Welt.
Denn der Tod ist, jedesmal, und jedesmal einzigartig, je-
desmal unwiederbringlich, jedesmal unendlich, nichts we-
niger als ein Ende der Welt. Nicht nur ein Ende unter an-
deren, das Ende einer Person oder einer Sache in der Welt,
das Ende eines Lebens oder eines Lebewesens. Der Tod
bereitet nicht nur jemandem in der Welt ein Ende, auch
nicht nur einer Welt unter anderen; vielmehr zeigt er je-
desmal, der Rechenkunst zum Trotz, das absolute Ende je-
ner einen und selben Welt, desjenigen, was ein jeder wie
eine einzige und selbe Welt eröffnet; er zeigt das Ende der
einzigartigen Welt, das Ende der Gesamtheit dessen, was
der Ursprung der Welt für ein solches einzigartiges Lebe-
wesen ist (sei es nun ein Mensch oder nicht) oder als sol-
cher erscheinen kann.
Der Überlebende bleibt also allein. Jenseits der Welt des
anderen ist er auch auf gewisse Weise jenseits oder dies-
seits der Welt selbst. In der Welt außerhalb der Welt und
der Welt beraubt. Er fühlt sich zumindest allein verant-
wortlich, dazu bestimmt, sowohl den anderen als auch
dessen Welt weiterzutragen, den verschwundenen anderen
und die verschwundene Welt, verantwortlich und weltlos,
weltbodenlos, künftig in einer weltlosen Welt, als wäre er
erdenlos jenseits des Weltendes.
11.
Eine erste Möglichkeit wäre es, wahrscheinlich nicht die
einzige, den Klang eines Celanverses auf uns wirken zu
lassen, diesseits oder jenseits überprüfbarer Deutungen:
Die Welt ist fort, ich muß dich tragen.
Es ist der letzte Vers eines Gedichts aus der Sammlung
Atemwende,lofestgehalten wie eine Sentenz, gleich einem
Seufzer oder einem Urteils spruch. Celan hatte mir kurz
vor seinem Tode ein Exemplar dieses Bandes geschenkt,
wir waren für einige Jahre Kollegen an der Ecole Normale
Superieure. Auch dies ein Bruch, auch dies eine Unterbre-
chung.
Wenn ich hier seine Stimme zu Gehör bringe, wenn ich
sie jetzt in mir höre, so zunächst deshalb, weil ich Gada-
mers Bewunderung für diesen anderen Freund teile, der
Paul Celan uns war. Wie Gadamer habe auch ich oft ver-
sucht, Paul Celan zu lesen, nachts, und mit ihm zu denken.
Mit ihm, ihm entgegen. Wenn es mir jetzt noch einmal
darum geht, mich dem Gedicht zu nähern, geschieht dies
im Versuch, mich an Gadamer zu wenden, an ihn selbst, in
mir, außer mir, oder dies zumindest zu simulieren, um mit
ihm zu sprechen. Mit meiner Lektüre würde ich ihm heute
gerne eine Ehre erweisen. Doch wird sie auch eine be-
sorgte Deutung sein, zitternd und durchzittert, vielleicht
sogar etwas ganz anderes als eine Deutung. Zumindest
verfolgt sie einen Weg, der den seinen kreuzen könnte.
GROSSE, GLÜHENDE WÖLBUNG
mit dem sich
hinaus- und hinweg-
wühlenden Schwarzgestirn-Schwarm:
der verkieselten Stirn eines Widders
brenn ich dies Bild ein, zwischen
die H ärner, darin,
im Gesang der Windungen, das
Mark der geronnenen
Herzmeere schwillt.
10 Gesammelte Werke, Band II (Gedichte 2), Frankfurt am Main 2000,
S·97·
16
Wo-
gegen
rennt er nicht an?
Die Welt ist fort, ich muß dich tragen.
Wir werden dieses Gedicht erneut lesen. Wir werden ver-
suchen, ihm zuzuhören und auf verantwortliche Weise auf
das zu antworten, was Gadamer oft den Anspruch des
Werkes nennt, den Anspruch, den es an uns richtet, die
andauernde Aufforderung des Gedichts an uns, ihm Rede
und Antwort zu stehen, die hartnäckige, aber immer be-
rechtigte Erinnerung an sein Anrecht, seine Rechte gel-
tend zu machen. Aber warum dieser Vorgriff? Und war-
um habe ich den letzten Vers zuerst zitiert, allein und noch
vor allen anderen, und ihn damit wahrscheinlich gewalt-
sam und künstlich isoliert: Die Welt ist fort, ich muß dich
tragen?
Wahrscheinlich, um ihm ein Gewicht beizumessen, des-
sen Bedeutung [portee] ich im folgenden zu wiegen versu-
chen werde, um ihre Schwere abzuwägen, sie zu ertragen,
wenn nicht gar, um sie zu denken. Was heißt wiegen? Und
was heißt abwägen? Denken, das bedeutet auch, im Latei-
nischen wie im Französischen: abwiegen, abwägen, aus-
balancieren, vergleichen, untersuchen. Hierzu, um zu den-
ken und zu wiegen, muß man also tragen (vielleicht Celans
tragen), in sich tragen und auf sich tragen. Nehmen wir
einmal an, wir könnten alles auf die etymologische Karte
setzen, was ich niemals tun würde, so scheint es ganz so,
als hätten wir im Französischen nicht das Glück jener
Nähe von Denken und Danken. Wir haben Schwierigkei-
ten, Fragen der Art zu übersetzen, wie sie Heidegger in
Was heißt Denken? stellt:
»Zum Gedachten und seinen Gedanken, zum »Gedanc« gehört
der Dank. Doch vielleicht sind diese Anklänge des Wortes »Den-
ken« an Gedächtnis und Dank nur äußerlich und künstlich ausge-
17
dacht. [ ... ] Ist das Denken ein Danken? Was meint hier Danken?
Oder beruht der Dank im Denken?«!!
Wenn wir auch nicht dieses glückliche Zusammenspiel
oder Einverständnis zwischen Denken und Danken ha-
ben, wobei allerdings der Dank immer in der Gefahr stün-
de, Ersatz im Tausch mit dem Denken zu sein, so haben
wir doch in unseren romanischen Sprachen jene Freund-
schaft zwischen Denken und Wiegen (pensare), zwischen
dem Gedanken und der Schwere. Zwischen Denken und
Tragen. So auch beim Wort examen. Das Gewicht eines
Gedankens ruft nach und benennt sich immer nach einem
Examen, und Sie wissen, daß Examen im Lateinischen den
Zeiger einer Waage bezeichnet, der man die Richtigkeit
und vielleicht Gerechtigkeit eines Urteils darüber anver-
traut, was man ihr zu wägen aufträgt.
Mit dem anfänglichen Zitat und der Wiederholung des letz-
ten Verses, Die Welt ist fort, ich muß dich tragen, wollte
ich auch, bis zu einem gewissen Punkt zumindest und so
weit es irgend geht, Gadamer treu bleiben und ihn sogar
nachahmen, mit einer Geste, die er in seinem Buch Wer bin
Ich und wer bist Du? Kommentar zu Celans Gedichtfolge
>Atemkristall<!2 zweimal wiederholt.
Gadamer hatte angekündigt, »nach dem hermeneuti-
schen Prinzip« vorzugehen und mit dem Schlußvers be-
ginnen zu wollen, auf dem das ganze Gewicht des zu
II Was heißt Denken?, Tübingen 1954, S. 91.
12 Frankfurt am Main 1973.
18
Wenn mir nicht die Zeit gefehlt hätte und ich mutig genug gewesen
wäre, hätte ich hier noch versucht, um des Motivs der Hände und Fin-
ger willen auch auf »Aus der Vier-Finger-Furche ... « und »ASCHEN-
GLORIE hinter I deinen erschüttert-verknoteten I Händen am Drei-
weg. [ ... ] Aschen- I glorie hinter I euch Dreiweg- I Händen« in Aschen-
glorie (Atemwende) einzugehen.
Ich habe an anderer Stelle eine Interpretation dieses Gedichts vorge-
legt: »A Self-Unsealing Poetic Text: Poetics and politics of Witnessing«
in: Michael P. Clark (Hrsg.), Revenge 0/ the Aesthetic, Berkeley/Los
Angeles/London 2000, S. 18of.
interpretierenden Gedichtes liegt: wühl ich mir den I ver-
steinerten Segen. »Denn darin«, so schreibt er, »liegt of-
fenbar der Kern dieses Kurzgedichts.«
Wir stehen also heute hier, zwischen zwei Atemzügen
oder zwei Inspirationen, Atemwende und Atemkristall.
Unter den von Gadamer kommentierten Gedichten befin-
det sich beispielsweise folgendes:
WEGE IM SCHATTEN-GEBRÄCH
deiner Hand.
Aus der Vier-Finger-Furche
wühl ich mir den
versteinerten Segen.
Dieses Gedicht spricht möglicherweise vom Glück eines
Segens, eines versteinerten Segens, so versteinert wie das
Siegel, das mich gerade schon faszinierte, eines Segens, in
dessen Zeichen ich diesen Moment gerne festschreiben
würde. Es wird wahrscheinlich von derselben Hand ge-
schrieben, mit denselben Fingern, wie so viele andere
Segnungen Celans. Zum Beispiel Benedicta: »Ge-I segnet
seist du, von weit her, von I jenseits meiner I erloschenen
Finger. «13
Sie haben es sicher bemerkt: Das Wühlen des anderen
Gedichts aus Atemwende (mit dem sich I hinaus- und hin-
weg-I wühlenden Schwarzgestirn-Schwarm) scheint ein
Echo zu sein auf jenes »Wühlen« aus dem vorliegenden
Gedicht der Sammlung Atemkristall (Wühl ich mir den I
versteinerten Segen).
Meint Wühlen nicht dasselbe unruhige Aufwühlen,
beide Male nämlich die Bewegung eines subversiven und
suchenden, neugierigen und ungeduldigen Dranges nach
Wissen? Gadamer verweist mehr als einmal nachdrücklich
13 Gesammelte Werke, Band I (Gedichte I), Frankfurt am Main 2000,
S.249f.
auf dieses Wort. Der Segen ist nicht gegeben, er wird ge-
sucht, er scheint der Hand entwunden. Er übt einen fra-
genden Druck aus, er sucht eine Hand zu öffnen, die sich
selbst und ihren Sinn verschließt. Eine Hand würde so die
Botschaft des Segens noch verborgen halten. Die Segens-
hand gibt damit etwas zu lesen, aber sie fordert auch auf zu
lesen, was sie der Lektüre vorenthält. Zugleich gibt sie und
entzieht sie den Sinn der Botschaft. Sie hält den Segen zu-
rück. Als sei ein im voraus erworbener Segen, ein Segen,
mit dem man rechnen kann, ein überprüfbarer, berechen-
barer, entscheidbarer Segen kein Segen mehr. Muß ein Se-
gen nicht immer unwahrscheinlich bleiben?
Dieses Gedicht stellt uns also vor ein erstes Deutungs-
problem. Gadamer stellt folgende Hypothese auf:
»Die Nähe und die Spende des Segnenden muß vielmehr so ent-
behrt werden, daß Segen nur noch in Versteinerungen gegenwär-
tig ist. Nun sagt das Gedicht: Dieser Segen der segnenden Hand
wird mit der wühlenden, verzweifelten Inbrunst eines Bedürfti-
gen gesucht.«14
Er wagt also einen kühnen Schritt. Er schlägt vor, in dieser
Vision eine umstürzende oder umstürzlerische Lektüre-
szene zu sehen. Was das Gedicht uns zu lesen gibt, wäre
auch die Szenerie der Lektüre, die Provokation, die zur
Lektüre dessen aufruft, was das Gedicht selbst zu lesen
gibt:
»Damit geschieht ein kühner Umschlag von der segnenden Hand
zu der Hand, in der für das Handlesen eine segensreiche hoffende
Botschaft verborgen ist.«15
Der Segen des Gedichts: Dieser doppelte Genitiv benennt
wohl die Gabe eines Gedichts, das sowohl den anderen
segnet als auch sich vom anderen, dem Adressaten oder
Leser, segnen läßt. Aber diese Wendung zum anderen hin
schließt diese selbstreferentielle Reflexion nicht aus: Es ist
immer möglich zu sagen, das Gedicht spreche von sich
14 A. a. 0., Gesammelte Werke, Band XI, S. 405.
15 Ebd.
20
selbst, von der Szene des Schreibens, des Unterschreibens
und von der Lektüre, die es eröffnet. Diese spiegelhafte
und autotelische Reflexion bleibt nicht in sich verschlos-
sen; sie ist gleichzeitig und unwiderruflich ein dem ande-
ren gewährter Segen, eine gegebene Hand, zugleich geöff-
net und geschlossen.
Was ist die Hand? Diese Hand hier, die Hand dieses Ge-
dichts? Wie soll man sich hier in einem Bild gleichzeitig
die Öffnung und das Schließen vorstellen? Vom ersten
Satz an hatte Gadamer angekündigt, ich wiederhole es noch
einmal, daß er »nach dem hermeneutischen Prinzip« mit
dem Schlußvers beginnen würde, auf dem der Akzent liegt:
wühl ich mir den / versteinerten Segen, jenem Schlußvers,
in dem sich ihm zufolge ganz offenbar »der Kern dieses
Kurzgedichts« findet. Nehmen wir einmal vorläufig und
fraglos hin, daß dies das einschlägige hermeneutische
Prinzip ist und daß es eine solche Evidenz gibt. Unterstel-
len wir, daß der Schlußvers den Sinn des ganzen Gedichts
trägt. Doch im Verfolgen dieser beiden Axiome gesteht
Gadamer sehr schnell ein, und zwar ausdrücklich, daß er
sich in seiner Deutung mit mehr als einer Unterbrechung
konfrontiert sieht. Sie muß auch eine Reihe von Fragen in
der Schwebe lassen, in Form von Unterbrechungen beim
Entziffern des Sinns.
Die ersten Unterbrechungen folgen zunächst Falten, die
auch Furchen der Lektüre sind. Gadamer schreibt:
»Was mit dem >Schatten-Gebräch< gemeint ist, lehrt der Zu-
sammenhang. Wenn die Hand sich etwas krümmt und die Falten
Schatten werfen, dann werden in dem >Gebräch< der Hand, das
heißt in dem Geflecht von Brechungen und Faltungen, die Brüche
als Linien sichtbar, die der Handleser deutet. Er liest aus ihnen die
Sprache des Schicksals oder des Wesens heraus. Die >Vier-Finger-
Furche< nun ist die durchgehende Querfalte, welche die vier Fin-
ger im Unterschied zu dem Daumen in einer Einheit zusammen-
faßt.«16
16 Ebd.
21
Gadamer beschreibt zunächst, so scheint es, eine Art
mehrfacher, aber ganz innerlicher Unterbrechung, eine
solche, die sich im Innern der Hand gleichzeitig zur Lek-
türe anbietet und sich dieser verweigert: »Im Geflecht von
Brechungen und Faltungen [werden] die Brüche als Linien
sichtbar, die der Handleser deutet. Er liest aus ihnen die
Sprache des Schicksals oder des Wesens.« Diese Bruchli-
nien verorten sich bereits in einem Text, der sich aufspannt
und hergibt. Der Text ist hier eine segnende Hand, die je-
doch ebensogut Gefahr läuft, sich entlang ihrer internen
Grenzen zu verweigern, zu entziehen, zu verschwinden.
Ohne diese Gefahr, ohne diese Unwahrscheinlichkeit, oh-
ne diese Unmöglichkeit der Beweisführung, die unendlich
verbleiben muß und nicht durch eine Sicherheit gesättigt
oder abgeschlossen werden darf, gäbe es keine Lektüre,
keine Gabe, keinen Segen.
Später geschieht die Unterbrechung am Rande, sie
durchzieht diesmal nicht mehr das Innere des Textes. Sie
umschließt ihn. Eine externe Grenze zeichnet eine in der
Schwebe lassende Unterbrechung. Nachdem Gadamer
eine Reihe von Lesarten skizziert und riskante Fragen
aufgeworfen hat, besonders hinsichtlich des »Ich« - das
»Ich« des Dichters oder das des Lesers, der nach einem Se-
gen, nach einer gesegneten Lektüre sucht -, läßt er eine
Reihe von Fragen unentschieden, unentscheidbar, auf der
Schwelle. Weit davon entfernt, die deutende Lektüre abzu-
schließen, eröffnen und befreien sie ihre eigentliche Erfah-
rung. Diesmal wird es um das »Du« nicht weniger als um
das »Ich« gehen. Es sind alles Aussagen, die, mit einem Fra-
gezeichen versehen, die Möglichkeit der Segnung und die
Zukunft der Interpretation an eine Unterbrechung binden,
die nachdenklich macht und die Dinge in der Schwebe hält.
Damit der feste Entschluß darin deutlich wird, das U nent-
scheid bare wirklich unentschieden zu lassen, möchte ich
nun, wenn Sie erlauben, den gesamten Absatz zitieren. Er
schließt ohne Schlußfolgerung. Hier wird dem Gedicht
22
selbst - und nicht etwa dem Dichter oder dem Leser - das
Recht zuerkannt, im Unentschiedenen zu bleiben.
»Wessen Hand ist es? Es scheint schwer, in der Segenshand, die
nicht mehr segnet, etwas anderes als die Hand des verborgenen
Gottes zu sehen, dessen Segensfülle unkenntlich wurde und uns
nur noch wie in Versteinerungen überkommen ist, ob diese nun
das erstarrte Zeremoniell der Religionen oder die erstarrte Glau-
benskraft der Menschen sein mägen. Aber wieder wird es so sein,
daß das Gedicht darüber nichts entscheidet, wer hier »Du« ist.
Seine alleinige Aussage ist die inständige Not dessen, der in >dei-
ner< Hand - wessen Hand es auch sei - nach Segen sucht. Was er
findet, ist >versteinerter< Segen. Ist das noch Segen? Ein letztes an
Segen? Aus deiner Hand?«'7
Ich will Ihnen nun anvertrauen, was ich, zu Recht oder zu f.
Unrecht, im Nachklang dieser letzten Fragen weiterhin
und unbedingt lebendig halten will. Mehr noch als die Un-
entschiedenheit an sich bewundere ich Gadamers ausge-
sprochenen Respekt gegenüber einer solchen U nentschie-
denheit. Sie scheint zwar die Entzifferung der Lektüre zu
unterbrechen oder aufzuheben, sichert jedoch tatsächlich
deren Zukunft. Die Unentschiedenheit hält die Aufmerk-
samkeit immerzu in Atem, d. h. am Leben, wach und
wachsam, bereit zu neuem Engagement auf ganz anderen
Wegen, bereit, jenes andere Wort mit gespitztem Ohr und
genauem Hinhören kommen zu lassen, im Atem des ande-
ren Wortes und des Wortes des anderen gehalten - selbst
dort, wo es noch unverständlich, unhörbar und unüber-
setzbar scheinen mag. Die Unterbrechung ist unentschie-
den, sie unentscheidet [indecideJ. Sie haucht der Frage ih-
ren Atem ein, der nicht etwa lähmend wirkt, sondern sie in
Bewegung bringt. Die Unterbrechung setzt sogar eine un-
endliche Bewegung frei. In Wahrheit und Methode kann
Gadamer nicht umhin, den »endlosen Charakter des Dia-
loges« zu unterstreichen. In »Die Grenzen der Sprache«
17 Ebd., S. 405f.
spricht er an mindestens zwei Stellen vom »unendlichen
Prozeß«. Dieser charakterisiert einerseits das Gespräch im
allgemeinen, so daß es »vom hermeneutischen Standpunkt
aus [ ... ] kein Gespräch gibt, das zu Ende i s t ~ bevor es zu
einem wirklichen Einverständnis geführt hat«.18 Wenn es
stimmt, daß kein Dialog in Wahrheit jemals abgeschlossen
ist, so liegt das daran, daß ein »wirkliches Einverständnis,
ein ganz vollständiges Einverständnis zwischen zwei Men-
schen, dem Wesen der Individualität widerspricht«.19
Hierin erkennt Gadamer das Zeichen der Endlichkeit
selbst. Ich würde sagen, daß die unterbrechende Endlich-
keit eben dies ist, was den unendlichen Prozeß hervorruft.
Eine Seite später wird andererseits der »unendliche Pro-
zeß« als Charakteristikum des unabschließbaren Dialogs
eines Übersetzers mit sich selbst genannt.
Was meines Erachtens weiterhin lebendig bleiben sollte
in diesen letzten Fragen Gadamers über das, was im Ge-
dicht unentschieden gelassen wurde, ist die einzigartige
und wahrscheinlich beabsichtigte Art und Weise, in der
Gadamers Rhetorik die Sache wendet. Es handelt sich da-
bei in Wahrheit um etwas anderes als eine rhetorische
Wendung. Über das Rhetorische einer Trope hinausge-
hend, sagt Gadamer wortwörtlich, daß das Gedicht selbst
nichts entscheiden werde. Das Gedicht ist hier durchaus
schon das Subjekt, von dem gerade die Rede war. Wenn es
überhaupt eine Initiative behält, die scheinbar souverän
ist, unvorhersehbar, unübersetzbar, fast unleserlich, dann
liegt das auch daran, daß eine verlassene Spur zurück-
bleibt, die plötzlich unabhängig wird von dem, was der
Unterzeichner bewußt und eigentlich sagen wollte, eine
Spur, die zwar von einem Bezugspunkt zum nächsten irrt,
dies aber nach einer geheimen Regel - und die dazu be-
stimmt ist, in einem »unendlichen Prozeß« die Entziffe-
rungen eines jeden künftigen Lesers zu überleben. Wenn
18 Gesammelte Werke, Band VIII, Tübingen 1993, S. 359.
19 Ebd.
es so ist, daß das Gedicht wie eine jede Spur auf diese Art
und Weise schicksalhaft verlassen und von seinem Ur-
sprung und Ende abgeschnitten ist, dann macht es diese
doppelte Unterbrechung nicht nur zu jenem unglück-
lichen Waisenkind, als das in Platons Phaidros die Schrift
bezeichnet wird. Dieses Verlassensein, das anscheinend
dem Gedicht den Vater raubt, es von ihm emanzipiert und
trennt, von einem Vater, der die Berechnung der Unbere-
chenbarkeit einer unterbrochenen Abstammung aussetzt;
diese unmittelbare Unlesbarkeit ist dann auch die Quelle,
die es dem Gedicht erlaubt, einen Segen zu erteilen (viel-
leicht,. nur vielleicht), zu geben, zu denken zu geben, seine
Tragweite abzuschätzen, zu lesen zu geben, zu sprechen
(vielleicht, nur vielleicht).
Vom Herzen seiner Einsamkeit aus vermag das Gedicht
selbst - und über sich selbst - stets durch seine unmittel-
bare Unlesbarkeit hindurch zu sprechen. Und zwar hier
auf durchsichtige, dort auf eine mit esoterischen Tropen
durchsetzte Weise, die eine Einweihung und eine Technik
des Lesens erfordern. Diese Selbstreferentialität bleibt
stets ein Anspruch an den anderen, und sei es an den unzu-
gänglichen anderen in uns. Sie hebt den Bezug auf das
Nicht-Aneigenbare keineswegs auf.
Selbst dort, wo das Gedicht von der U nlesbarkeit, seiner
eigenen Unlesbarkeit spricht, behauptet es gleichzeitig
die Unlesbarkeit der Welt. Ein anderes Gedicht Celans
beginnt so: UNLESBARKEIT dieser / Welt. Alles doppelt.
2G
20 UNLESBARKEIT dieser
Welt. Alles doppelt
Die starken Uhren
Geben der Spaltstunde recht,
heiser.
Du, in dein Tiefstes geklemmt,
entsteigst dir
für immer.
aus: Schneepart (1971), in: Gesammelte Werke, Band II. (Gedichte 2),
S·33
8
.
Und wenig später zögert man beim Versuch, das »Du« zu
identifizieren, das das Gedicht aufruft: irgend jemand,
mancher, das Gedicht selbst, der Dichter, der Leser, die
Abgrundtiefe dieser oder jener für immer verschlüsselten
Einzigartigkeit, jeder andere, Gott, Du und ich (Du, in
dein Tiefstes geklemmt . .. ).
UI.
Werden wir auch nur in der Lage sein, die Abfolge oder
Stellvertretung der bestimmten Artikel (männlichen, weib-
lichen oder neutralen Geschlechts) richtig zu lesen, wer-
den wir die Kraft haben, sie zu übersetzen, im Versuch ei-
ner Antwort, in der Übernahme einer Verantwortung; be-
sonders auch jene Folge der persönlichen Fürwörter (ich,
er, dich), die als Pronomen genausogut für Lebendiges wie
für Totes stehen können, für Tiere, Menschen oder Götter,
und auf kunstvolle Weise das Gedicht skandieren, das fol-
gendermaßen schließt:
Die Welt ist fort, ich muß dich tragen.
Ich lese das Gedicht ein weiteres Mal, eigentlich müßte
man es endlos tun. Ich hebe dabei diesmal die persön-
lichen Fürwörter hervor, als ob ich unterstellen wollte, der
Anspruch dieses Gedichts erstreckte sich auch auf Gada-
mers Celan-Buch: Wer bin Ich und wer bist Du? Ich tue
dies nicht ganz unbefangen, als ob ich mir erlauben würde,
darin ein Postskriptum einfließen zu lassen. Fast wie auf
einem Wachtposten wacht über jeder Strophe, unüberseh-
bar und unüberhörbar - es wird Ihnen nicht entgehen -
ein je anderes Fürwort: sich, ich, er bei jeder der drei Stro-
phen, ich und dich beim letzten Vers. Dieser sagt etwas aus
über die Tragweite (tragen), die wir uns versuchsweise
denken wollen. Man könnte beinahe meinen, ihm sei der
ganze Sinn des Gedichts in seiner Last zu tragen aufgege-
ben, das, wie man dann gleich weiter vermutet, überhaupt
nur da ist, um vorab auf ihn hinzuweisen oder ihn zu il-
lustrieren. Der letzte Vers ist jedoch vom Rest des Ge-
dichts gesondert und getrennt durch die abgründige
Dauer eines weißen Verstummens, vergleichbar einem aus
den Fugen geratenen Aphorismus, einer Sentenz oder ei-
nem Urteil aus ferner Zeit. Er folgt auf eine spürbare,
überlange Unterbrechung, bei der man versucht ist, sie mit
virtuellen Diskursen, Bedeutungen oder endlosen Medita-
tionen aufzufüllen, wenn nicht gar zu überfüllen.
GROSSE, GLÜHENDE WÖLBUNG
mit dem sich
hinaus- und hinweg-
wühlenden Schwarzgestirn-Schwarm:
der verkieselten Stirn eines Widders
brenn ich dies Bild ein, zwischen
die Hörner, darin,
im Gesang der Windungen, das
Mark der geronnenen
Herzmeere schwillt.
Wo-
gegen
rennt er nicht an?
Die Welt ist fort, ich muß d ich tragen.
Was Sie hier zu hören bekommen, sind bestenfalls Hilfe-
rufe, bei aller Verwegenheit des folgenden Abenteuers.
21
21 Jene begannen wahrscheinlich während eines diesem Gedicht gewid-
meten Seminars vor einigen Monaten in New York (New York Uni-
versity). Avital Ronell und Werner Hamacher waren dort meine Ge-
sprächspartner. Ihnen sei hier gedankt.
Ich bin mir hier über gar nichts sicher, und wenn ich mir
auch sicher bin, daß überhaupt niemand hier das Recht
hat, sich irgendeiner Sache sicher zu sein, werde ich dies
nicht ausnutzen. Zu glauben, es gebe eine verläßliche Les-
art, wäre bereits die erste Dummheit oder der schlimmste
Verrat. Das Gedicht bleibt für mich der Ort einer einzig-
artigen Erfahrung. Das Berechenbare und das Unbere-
chenbare verbünden sich dabei nicht nur in der Sprache ei-
nes anderen, sondern in der Fremdsprache eines anderen, '
der mir die Zukunft ebenso wie die Vergangenheit zum
Gegenzeichnen gibt (was für ein zweifelhaftes Geschenk):
Das Unlesbare steht dem Lesbaren nicht mehr entgegen.
Indem es unlesbar bleibt, scheidet es unendliche Lektüre-
möglichkeiten aus und verheimlicht sie, im selben Cor-
pus.
Als ich auf das Gedicht gestoßen bin, habe ich mich in
meiner Faszination, das gestehe ich als möglichen Fehler
ein, sogleich auf den letzten Vers gestürzt. Gierig habe ich
mir damals eine Vielzahl von Bedeutungen zu eigen ge-
macht, mit Hilfe welcher Hypothesen, sage ich Ihnen spä-
ter noch, als wären es Aufführungen, Inszenierungen,
mögliche Welten, als wären es Anschreiben, bei denen mit
ich und du alle möglichen Menschen und alle möglichen
Dinge belegt werden konnten, angefangen beim Dichter,
dem Gedicht oder ihrem Adressaten, in der Literaturge-
schichte oder im Leben, zwischen der Welt des Gedichts
und der Welt des Lebens, sogar noch über jene Welt hin-
aus, die fort ist. Ich versuchte also zunächst, den letzten
Vers ins Französische zu übersetzen. Sein grammatisches
Präsens enthält mehr als nur eine Zeit: Die Welt ist
Die Welt ist schon fort, die Welt hat uns verlassen, die Welt
ist nicht mehr, die Welt ist fern, die Welt ist verloren, die
Welt ist aus den Augen, die Welt ist außer Sichtweite, die
Welt ist fortgegangen, der Welt Adieu, die Welt ist verstor-
ben etc. Aber welche Welt, was ist die Welt? Und, früher
oder später: Was ist diese Welt hier? In ihrer ganzen Reich-
weite alles unvermeidliche Fragen. Natürlich werde ich
noch einmal auf jene ersten Schritte zurückkommen, auf
jenes Ich muß dich tragen, das scheinbar leichter zu über-
setzen, aber ebenso schwer zu deuten ist.
Ich werde jetzt nicht vor Ihnen verschiedene Verfahren
theoretischen oder methodologischen Vorgehens entfal-
ten, ich habe. dies an anderer Stelle versucht, hier fehlt mir
die Zeit dazu. Ich werde also nicht, zumindest nicht di- 1
rekt, von jener unüberschreitbaren und doch stets schon
mißbräuchlich überschrittenen Grenze sprechen zwischen
einerseits formalen Herangehensweisen, die natürlich un-
erläßlich sind, aber selbst schon thematisch und polythe-
mathisch erscheinen, und - wie es sich für jede Herme-
neutik gehört - der Entfaltung expliziter wie impliziter
Sinngehalte aufmerksam nachgehen, auf semantische
Zweideutigkeiten aufmerksam machen, auf Überbestim-
mungen, auf die Rhetorik, auf das, was der Autor bewußt
sagen will, wie auf alle idiomatischen Ressourcen des
Dichters und seiner Sprache etc; und andererseits einer
disseminalen Lese- und Schreibpraxis [lecture-ecriture],
die zwar versucht, all dies mitzubedenken, ihm Rechnung
zu tragen, seine N otwendigkeit sich aber
auch noch auf einen Rest oder irreduziblen Uberschuß er-
streckt. Das Überschießende jenes Restes entzieht sich
schlechthin jeder Zusammenstellung in einer Hermeneu-
tik. Jene Hermeneutik wird vielmehr erst durch diesen
Überschuß notwendig, sie wird durch ihn erst möglich,
wie er hier unter anderem auch die Spur des dichterischen
Werks möglich macht, ihre Preisgabe oder ihr Überleben,
über die Frage hinaus, wer der Unterzeichner oder jewei-
lige Leser ist. Ohne diesen Rest gäbe es nicht einmal den
Anspruch, die Weisung, den Ruf, die Provokation, die in
jedem Gedicht singende oder singen lassende Provoka-
tion, in jenem, was man mit Celan als Singbarer Rest be-
zeichnen könnte, gemäß einem Titel oder Anfang eines
anderen Gedichts der Atemwende .
r Zwar dürfen wir keine Mühe scheuen in unserem Ver-
such, den bestimmbaren Sinn jenes Gedichtes herauszu-
finden, das folgendermaßen schließt und unterzeichnet ist:
Die Welt ist fort, ich muß dich tragen. Aber nehmen wir
einmal an, wir könnten tatsächlich verstehen und ausma-
chen, was Celan sagen wollte, von welchem datierbaren
Ereignis in der Welt oder in seinem Leben er Zeugnis ab-
legt, wem er das Gedicht widmet oder an wen es adressiert
ist, wer das Ich, das er und das dich im ganzen Gedicht
und, davon möglicherweise verschieden, wer es im jewei-
ligen Vers ist. Und selbst dann würden wir nicht die Spur
jenes Restes ausschöpfen, das Übrigbleiben selbst dieses
Restes, der uns, für uns das Gedicht zugleich lesbar und
unlesbar macht. Wer ist übrigens dieses »wir«? Wo ist sein
Ort, von dem Moment an, da es zwar aufgerufen ist, aber
doch schweigt oder zumindest niemals als solches vor-
kommt im Gedicht, das ausschließlich und durchgängig
nur Ich, du, er beim Namen nennt. Sein Schibboleth setzt
sich uns aus und entzieht sich uns, es erwartet uns, wir er-
warten uns noch selbst eben dort, wo Niemand/ zeugt für
L den/ Zeugen.
22
Am Rande eines Abgrundes, nach dem Weiß einer viel-
leicht unendlich dauernden Pause, steht der letzte Seufzer,
das Aushauchen des Gedichts Die Welt ist fort, ich muß
dich tragen, als ein Vers, der allem Anschein nach aus den
Fugen geraten ist. Er erscheint aber auch wiederum von
Celan eingebunden in und verbunden mit dem Werk, das
seiner Form nach für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Für
sich genommen hätte dieser Vers auch an anderer Stelle
stehen können, wobei er auch dort seine Sinnressourcen
nicht verloren und zu neuen Lesarten Anlaß gegeben hät-
te. Zwar ist der Atem dieses Seufzers in der Atemwende
T r ä g e ~ des Gedichts (Gadamer würde vielleicht sagen,
vielleicht ein wenig übereilt, das Subjekt des Gedichts);
22 Gesammelte Werke, Band II (Gedichte 2), S. 72.

doch wird er, in seiner eigentlichen Tragweite und der Mu-
sik in dem, was er mit sich trägt, ebenso getragen, ertragen,
ja gar eingeflüstert von dem, was ihm vorangeht, ihn erst
ankündigt und hervorbringt.
Um nun aber mit dem sichersten und einfachsten anzu-
fangen, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit darauf lenken,
daß die formale Gliederung in dreizehn und einen Vers er-
staunlich kunstvoll erscheint. Ich hebe nur vier Haupt-
züge in der orchestralen Architektur ihrer Komposition
hervor:
I. Grammatikalisch gesehen, wird jedes ihrer Verben im
Präsens konjugiert. Alles läuft so ab, als ob die Rede nie-
mals die Präsenz eines Präsens verließe, auch wenn die-
ser grammatikalische Anschein jene sehr ungleichartigen
Zeitlichkeiten verbirgt, die er tatsächlich ins Werk setzt.
Ich werde gleich noch darauf zurückkommen.
2. Zwischen diesen Präsensformen skandiert die Zei-
chensetzung in vier Phasen das Gedicht auf eine deutlich
sichtbare Weise und mit sichtlichen Unterschieden bei ih-
rer Anordnung: a) Doppelpunkt nach der ersten Strophe
(wobei die zweite dann als deren Erklärung oder Überset-
zung erscheint, nach einer Art implizitem »das heißt«);
b) ein Punkt nach der zweiten Strophe; er bringt eine Dar-
stellung zum Abschluß; c) ein Fragezeichen nach der drit-
ten, dreizeiligen Strophe: es ist die einzige Frage im Ge-
dicht; d) ein Endpunkt, dann endlich, nach der Sentenz,
dem Spruch des Anspruchs, der Sentenz, dem Urteil, der
letzten Berufung, dem Sagen oder dem Diktum, ja sogar
dem Verdikt des Gedichts, das dem veridictum ähnlich ist,
der Wahrheit der Dichtung.
3. Wenn wir nach dem grammatikalischen Tempus der
Verben und der Zeichensetzung nun den Wechsel der Per-
sonen und der persönlichen Fürwörter analysieren, so stel-
len wir fest, daß zwischen dem »sich« am Anfang und dem
»dich« am Ende »er« dem »ich« nachfolgt (brenn ich ...
Wo- / gegen / rennt er nicht?), in einer Windung fragend
3
1
verneinender Art. Diese fragend verneinende Wendung
[tournureJ prägt dem ganzen Gedicht eine Verdrehung
[torsion J ein, ich würde sogar sagen eine krampfhafte
Qual [tourmentJ, die vorab schon ihr schmerzliches Zei-
chen in der Unterschrift des letzten Verses hinterläßt.
4. Zuletzt: Ob man die grammatikalischen Präsensfor-
men gemäß der Zeit ihrer Aussage oder hinsichtlich der
Zeit ihres tatsächlichen Aussagens im Gedicht analysiert-
alle verweisen sie nicht nur auf verschiedene Formen der
Gegenwart, sondern auch jedesmal, und jede von ihnen
für sich, auf radikal verschiedenartige Zeitlichkeiten, auf
inkommensurable Zeitordnungen oder chronologische
Zeitfolgen, die füreinander anachronistisch bleiben und
ohne gemeinsamen Nenner. Und folglich unübersetzbar.
Unverhältnismäßig. Unübersetzbar ineinander, ohne Ana-
logie. Anders gewendet: Man kann allenfalls versuchen,
das eine in das andere zu übersetzen. Das macht das Ge-
dicht wohl selbst; es schreibt, es unterschreibt und schreibt
vor. Es ereignet sich, indem es sich so übersetzt - indem es
bis zur Atemlosigkeit jenen »unendlichen Prozeß« der
Übersetzung ablaufen läßt, von dem, wenn ich dies noch
auf französisch sagen darf, taut Ci, l'heure die Rede war.
Was ereignet sich zwischen den vier entbundenen und ver-
bundenen Zeitlichkeiten, gemäß ihrer ent-verbundenen
Schreib art [ecriture des-aj ointee J?
A. Am Anfang steht ohne Zeitwort stumm und schwei-
gend ein Bild (Bild oder Gemälde):
GROSSE, GLÜHENDE WÖLBUNG
mit dem sich
hinaus- und hinweg-
wühlenden Schwarzgestirn-Schwarm:
B. Darauf folgt eine Handlung: das performative Präsens
einer ersten Person:
der verkieselten Stirn eines Widders
brenn ich· dies Bild ein, zwischen
die H ärner, darin,
im Gesang der Windungen, das
Mark der geronnenen
Herzmeere schwillt.
N ach dem Bild, vor dem Hintergrund des Bildes, aber
auch um die Handlung, für die es gleichsam die Theater-
kulisse bildet, zu beschreiben oder zu erklären, erscheint
nach dem Doppelpunkt eine Handlung wie die Dauer ei-
ner Erzählsequenz.
c. Nach dem Gemälde und der Handlung, nach der Ku-
lisse und einer Art performativer Erzählung steht alles still
angesichts einer negativen Frage, markiert durch ein Fra-
gezeichen:
Wo-
gegen
rennt er nicht an?
D. Zum Schluß erscheint das Präsens der Verantwortlich-
keit, es simuliert zumindest eine indirekte Antwort auf die
negative und besorgte Frage, zwischen Erschrecken und
Bewunderung vor dem so unheimlich erscheinenden: die
Sentenz zwischen der Pflicht und dem Versprechen, den
anderen zu tragen, dich zu tragen, die Wahrheit des Ver-
dikts am Rande des Endes der Welt:
Die Welt ist fort, ich muß d ich tragen.
Man könnte mit der Analyse der formalen Gliederung
fortfahren, und um ein Beispiel unter vielen anderen her-
auszugreifen, sich dem nähern, was man ein In-Schwin-
gung-Bringen des Silbenspiels [syllabaire J nennen könnte.
Die Buchstaben sind gemurmelt, gehaucht, ausgehaucht,
33
seufzend oder pfeifend: zwischen den sc h - zwischen
sc h w a und sc h w i - (5 c h warzgestirn 5 c h warm ...
zwis c h en ... sc h willt), die Ws (W ölbung, weg, w ühlen-
den, Welt), und auf noch bestimmtere Weise, die W i s
(W i dders, Windungen, schw i llt).
Diese Formanalyse kann man weit treiben. Und man
muß das auch. Sie scheint dabei aber nicht sehr gewagt. Sie
gehört noch in das Reich der berechenbaren Sicherheiten
und entscheidbaren Evidenzen. Ganz anders jedoch liegen
die Dinge bereits im Falle einer hermeneutischen Antwort
auf den Anspruch des Gedichts oder im inneren Dialog des
Lesers oder Gegen-Zeichners. Diese Antwort wie auch
deren Verantwortlichkeit kann unendlich und ununter-
brochen weiterverfolgt werden, sie geht von einem Sinn
zum anderen, von Wahrheit zu Wahrheit, ohne ein anderes
berechenbares Gesetz als jenes, das der Buchstabe und
die formale Gliederung des Gedichts ihr zuweisen. Aber
obwohl sie unter demselben Gesetz steht, ihm auf ewig
unterworfen ist und ihm genauso verantwortlich bleibt,
macht und erleidet jene Erfahrung, die ich eine dissemi-
nale nenne, durch das Moment der Hermeneutik selbst,
direkt an der Hermeneutik, die Prüfung einer Unterbre-
chung, einer Zäsur oder einer Verkürzung, einer leichten
Verletzung. Was so offensteht, gehört nicht mehr der
Ebene des Sinns an, auch nicht der Ebene der Phänomene
oder der Wahrheit, sondern macht jene erst möglich in ih-
rem Übrigbleiben, es zeichnet in das Gedicht den Hiat ei-
ner Wunde ein, deren Lippen sich niemals schließen oder
zusammenkommen. Jene Lippen formen sich um einen
sprechenden Mund herum, der, selbst wenn er schweigt,
noch den anderen ohne Vorbedingung anruft, und dies in
der Sprache einer Gastfreundschaft, die nicht einmal mehr
zur Entscheidung steht. Eben weil diese Lippen selbst an
ihrem Ende niemals mehr zueinander kommen, weil sich
die Verbindung der so Verbundenen nicht mehr in einem
erfüllbaren Kontext absichern läßt, bleibt der Vorgang
34
r
zwar immer unendlich, aber diesmal auf eine diskontinu-
ierliche Weise. Das heißt, auf eine andere Weise endlich
und unendlich. Hier, alleingelassen in der Weltferne, kann
es geschehen, daß das Gedicht winkt oder segnet, den 'l.n-
deren trägt, ich will sagen »dich«, wie man gleichermaßen
Trauer trägt und ein Kind austrägt, von der Empfängnis
über die Schwangerschaft bis zum Auf-die-Welt-Kom-
men. In der Schwangerschaft. Das Gedicht ist das »dich«
und das »ich«, das sich an »dich« wendet, aber auch jeder
andere.
IV.
Versuchen wir nun dem hermeneutischen Anspruch an
sich gerecht zu werden, soweit es überhaupt nur möglich
ist, dabei aber auch jener einzigartigen Andersheit [alte-
rite], die ihn selbst über sich selbst hinausträgt, in sich jen-
seits seiner selbst. Gehen wir, befangen wie wir sind, die
Konstellation dieses Gedichts an, das auch das Gedicht
einer gewissen Konstellation ist, der Konfiguration der
Sterne im Himmel, über der Erde, ja sogar jenseits der
Welt. Wenn auch diese Konstellation niemals so zustande
kommt, so scheint sie doch verheißen zu sein oder zumin-
dest sich von der ersten Strophe an, die ich oben als Bild
bezeichnet habe, anzukündigen. Leuchtend, strahlend,
funkelnd, weißglühend belebt sich die Wölbung des Him-
melsbogens (Große glühende Wölbung) mit animalischem
Leben. Der gestirnte Schwarm schwarzer Sterne reißt den
Schwung des Gedichts in eine getriebene, treibende, über-
stürzte Bewegung einer wahrlich planetarischen Irrfahrt.
Der griechische Name hinterläßt hier seine Spur, eine Irr-
fahrt mit planetarischer Bestimmung. bedeutet
»umherirrend«, »nomadenhaft«, was man manchmal rich-
tigerweise von umherirrenden Tieren sagt.
bedeutet unstet, aufgewühlt, stürmisch, unvorhersehbar,
unregelmäßig; sagt man von einem Irrlauf, aber
35
auch von der Abschweifung in Rede und Schrift, also auch
im Gedicht. Liegt es allein am Schwarm der Sterne, daß
jene Konstellation beseelt, sogar animalisch erscheint?
N ein, denn schon bald tritt im Gedicht ein Widder in
Erscheinung: als Opfertier, Holzramme, kriegerischer
Rammbock, der im Sturm auf Burgen, Tore und Mauern
bricht (Mauerbrecher). Widder ist auch noch der Name ei-
nes Tierkreiszeichens (21. März). Der zodiakos (von zo-
dion, einer Verkleinerungsform von zoon, das Lebewesen)
zeigt sowohl Stunde als auch Datum an (je nachdem, wo
der Lichtschein auf der Ellipsenbahn erscheint). Die Kon-
junktion der Sterne bei einer Geburt zeigt das Horoskop.
Wie der Name schon sagt, macht die H oroskopie sichtbar,
was die Stunde geschlagen hat im Schicksal einer mensch-
lichen Existenz. So wird aus der Himmelswölbung vor
unseren Augen eine Kalenderskala, deren Bild als Hinter-
grund des Gedichts figuriert. Es ist die elliptische Verkür-
zung einer unabschließbaren Meditation über das, was
Heidegger die Datierbarkeit genannt hat. Alle geheimen
Zeitpunkte Qahrestage wie auch einzigartige und krypti-
sche Ereignisse, die wiederkehren, wie Geburt, Tod etc.)
kann man in diesem Kalender immer suchen, finden oder
auch niemals finden, auf einem Weg, den ich in Schibbo-
leth. Für Paul Celan
23
erforscht habe. Wir können gar
nicht, was wir hier müßten, nämlich das Gedicht im Echo-
raum des gesamten Celanschen Werks anhören, durch das
hindurch, was er als Erbe übernimmt, indem er es wieder
neu erfindet, in jedem seiner Themen, Tropen, ja sogar in
seinen Vokabeln, die manchmal für ihre Prägung und Ver-
bindung auf die Einzigartigkeit eines Gedichts angewiesen
sind. Man könnte dies sogar noch auf das Silbenspiel aus-
weiten. Ich beschränke mich auf eines unter so vielen an-
deren möglichen Beispielen: Der Tierkreisbogen erinnert
hier an eine ganze Reihe weiterer Horoskop-Konstellatio-
23 2. Auflage (übersetzt von Wolfgang Sebastian Baur), Wien 1996. Zur
"Datierbarkeit« insbesondere bei Heidegger vgl. S. 33.
nen oder kündigt sie an. So beginnt in der Niemandsrose
das Gedicht UND MIT DEM BUCH AUS TARUSSA (nach
dem Marina Zwetajewa entlehnten Motto: »Alle Dichter
sind Juden«) mit den Versen Vom / Sternbild des Hundes.
Diesmal ist der Stern hell (vom/ Hellstern darin .. . ). Viel-
leicht ist es ein gelber Stern (mein gelber Fleck, mein blin-
der Fleck, mein Judenfleck, heißt es in einem anderen Ge-
dicht Celans).24 Das Ghetto ist nicht fern. Nach einer An-
spielung auf die drei Gürtelsterne Orions ruft Celan noch
die Himmelskarte auf. In HÜTTENFENSTER ist davon
die Rede, wie der Mensch als Dichter wohnen würde,
wenn alle Dichter Juden wären:
[ ... ] ... geht zu Ghetto und Eden, pflückt
das Sternbild zusammen, das er,
der Mensch, zum Wohnen braucht, hier,
unter Menschen, [ ... ]
Auf den Doppelpunkt folgt die längste Strophe mit sechs
Versen, in der man meinen könnte, es werde nun eine
Handlung vor dem Hintergrund oder besser hinter dem
Hintergrund jener Himmelswölbung erzählt, in der es
von animalischem Leben nur so wimmelt. Es erforderte
Stunden und Jahre, um ihre Vielstimmigkeit zu entziffern.
Man müßte, unter manch anderem, sowohl die Bibel als
auch den Celanschen Textkorpus von Anfang bis Ende
durchzitieren. Die verkieselte Stirn eines Widders erinnert
zunächst an die schwarze Konstellation (Stirn, Schwarz-
gestirn ) der Himmelswölbung, aber auch an das Motiv der
24 EINE GAUNER- UND GANOVENWEISE
GESUNGEN ZU PARIS EMPRES PONTOISE
VON PAUL CELAN
AUS CZERNOWITZ BEI SADAGORA
aus: Die Niemandsrose, in: Gesammelte Werke I (Gedichte r), S. 229.
Macula, der Name des Flecks (das Gelbe am Grunde des Auges) behält
sehr wohl jene Konnotation eines Zeichens, das das Unbefleckte be-
fleckt, besudelt oder anklagt, wie eine Ursünde des Sehens.
37
Versteinerung, von dem wir gerade schon ein Beispiel hat-
ten (versteinerter Segen) und dessen verblüffende Wieder-
kehr im Werk Celans sich verfolgen ließe.
Was ist das aber für ein Bild, das »ich« in die Stirn jenes
rätselhaften Widders präge (rätselhaft, denn es kann ja
auch eine Widder-Sphinx sein, deren Botschaft noch zu
entziffern ist; diese Bedeutung hat Widder ja auch), das ich
einschreibe und zwischen die Hörner einbrenne (brenn
ich dies Bild ein)? Natürlich kann diese Inschrift immer
auch eine Gestalt oder eine Form (Bild) des Gedichts
selbst sein, das sich auto-deiktisch und performativ selbst
hervorbringt, indem es seine Unterschrift oder sein versie-
geltes Geheimnis, sein Siegel in gewisser Weise zur Spra-
che bringt. Die Anspielung auf den Gesang, noch mehr auf
die Wendungen und Drehungen der Tropen oder Stro-
phen (im Gesang der Windungen) kann nicht umhin, auch
etwas über das Gedicht im allgemeinen, und auf einzigar-
tige Weise über das vorliegende Gedicht zu sagen. Es
stimmt schon: Es gibt keine in sich geschlossene Autotelie
in dieser Hypothese; wir sollten das nie vergessen, uns
aber jetzt nicht zu lange damit aufhalten. Eingerahmt von
jenem Leben, animalisch wie kein anderes, es war gerade
mehrfach schon davon die Rede, und dem Tod oder der
Trauer, die den letzten Vers heimsuchen (Die Welt ist fort,
ich muß dich tragen), erinnern der Widder, seine Hörner
und sein Brandmal wahrscheinlich an einen bestimmten
Augenblick in einer Opferszene des Alten Testaments
und lassen sie vor unseren Augen wieder aufleben. Sie ist
mehr als ein Brandopfer (holocauste). Ersatz des Wid-
ders. Brandmal. Fesselung Isaaks (Genesis XXII). N a ~ h ­
dem Abraham zum zweiten Mal gesagt hatte »Hier bin
ich«, und der von Gott geschickte Engel das zum Töten
erhobene Messer Abrahams in der Luft angehalten hatte,
wendet sich dieser um und sieht, wie sich ein Widder mit
seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen hat. Er opfert ihn
als Brandopfer an Stelle seines Sohnes. Gott verspricht
3
8
daraufhin, ihn zu segnen und seine Nachkommenschaft so
zahlreich zu machen wie die Sterne am Himmel, vielleicht
auch wie jene der ersten Strophe. Sie können auch fürch-
terliche gelbe Sterne werden, sogar noch im Gedicht. Und
wiederum ist es ein Widder, neben einem jungen Stier, der
von Moses, und zwar auf Befehl Gottes nach dem Tod der
beiden Söhne Aarons, als Brandopfer geopfert wird, in ei-
ner überwältigenden Sühneszene, in der für die Unrein-
heiten, Missetaten und Sünden Israels Buße getan wird
(Levitikus XVI). Ein Widder wurde oft auch zu anderen
Anlässen geopfert (Friedensangebote, Sühne, Bitte um
Vergebung etc.). Entsprechend viele in Stein gemeißelte
Darstellungen sind uns überliefert. Man sieht dort so oft
die Hörner des Widders gleichsam in sich eingerollt, viel-
leicht auf der verkieselten Stirn des Tieres (der verkieselten
Stirn eines Widders). In der gesamten Kultur des Alten
Testaments werden die Hörner des Widders zu jenem In-
strument, dessen Musik einen Atemhauch verlängert und
die Stimme trägt. In dem, was einem Gesang ähnelt, der
wie ein Satz interpunktiert ist, erhebt sich der Ruf des
Schofar gen Himmel und erinnert an die Brandopfer, er
hallt nach im Gedächtnis aller Juden der Welt. Dieser Ge-
sang herzzerreißender Freude ist untrennbar von der
sichtbaren Form, die ihm einen Durchgang sichert: von
den seltsamen Spiralen, Kreisen und Umkreisen, Drehun-
gen oder Verdrehungen des Horn-Körpers. Im Gesang
der Windungen spielt vielleicht auf diese Wendung des
Atems, ich wage nicht zu sagen Atemwende an. Am ersten
Tag des Kalenders, am jüdischen Neujahrstag, wird jener
bekannteste Ritus wiederholt, der allerdings nicht der ein-
zige ist, zu dem man in allen Synagogen der Welt die Er-
zählung von der Fesselung Isaaks liest (Genesis XXII).
Das Schofar kündigt auch das Ende des Yom Kippur an.
Alle Juden der Welt verbinden damit seitdem Sündenbe-
kenntnis, Sühne und Vergebung, die erbeten, gewährt
oder verweigert wird. Gegenüber anderen oder sich selbst.
39
Zwischen zwei Schicksals daten, zwischen dem Neujahrs-
tag und dem Tag der Großen Vergebung, kann Gottes
Schrift, von einer Stunde zur anderen, die einen im Buch
des Lebens tragen, und die anderen nicht. Jeder Jude fühlt
sich dann an der Grenze zu allem, an der Grenze des Gan-
zen, zwischen Leben und Tod, wie zwischen Wiederge-
burt und Ende, zwischen der Welt und dem Ende der
Welt, das heißt der Trauer tragenden Vernichtung des an-
deren oder seiner selbst.
Was geschieht nach der Interpunktion dieser zweiten
Strophe? Diese schließt also mit dem ersten Punkt dieses
Gedichts ab, nach dieser Handlung oder dieser Dramatur-
gie eines Opfervollzugs. Er ist der ersten Person eines
Dichters auferlegt, der in ein und demselben Gestus sein
Bild einprägt und brennt (brenn ich dies Bild). Auf diesen
ersten Punkt folgt die Frage, das einzige Fragezeichen des
Gedichts: Wo- / gegen / rennt er nicht an? Wenn die Allite-
ration an die Brutalität des Opfers erinnert (das Mark der
geronnenen Herzmeere schwillt), kann das Anrennen und
Anstürmen des Widders ebensogut die Bewegung des
Tiers beschreiben als auch jene des Holzbalkens, sogar des
Baumstamms. Ihr Lauf, ihr Vorstoß, ihr Ansturm bringt
sie dazu, sich Kopf voraus zu überstürzen, um anzugrei-
fen oder sich zu verteidigen, um den Schutz des Gegners
zu erschüttern. Es ist Krieg, und der Widder, der Widder
aus Fleisch oder aus Holz, der Widder auf Erden oder im
Himmel, stürzt sich ins Rennen. Er rennt, um den Geg-
ner einzurennen. Es ist ein Anrennen, eine charge (I n- / to
what / does he not charge? um die scharfsinnige Überset-
zung von Michael Hamburger zu zitieren). Diese charge -
die Zweideutigkeit zwischen den Sprachen eröffnet hier
mehr als eine Möglichkeit -, ist sie nicht auch eine Anklage
oder ein zu zahlender Preis (charge im Englischen), also
die Begleichung einer Schuld oder das Sühnen einer
Sünde? Belädt nicht der Widder seinen Gegner, sei es ein
Opfernder oder eine Mauer, mit allen Verbrechen? Denn
die Frage ist, wir merkten es bereits an, in negativer Frage-
form gehalten: Wogegen rennt er nicht an? Was greift er
nicht an? Er kann es tun, um anzugreifen oder sich zu rä-
chen, er kann den Krieg erklären oder auf das Opfer ant-
worten, indem er dagegen protestiert. Der Ausbruch sei-
nes aufgebrachten Unverständnisses würde nichts und
niemanden auf der Welt verschonen. Niemand auf der
Welt ist unschuldig, nicht einmal die Welt selbst. Man
stellt sich den Zorn jenes Widders vor, des Widders Abra-
hams und Aarons, die unendliche Auflehnung des Wid-
ders aller Brandopfer. Aber auch, in übertragenem Sinne,
die gewaltsame Rebellion aller Sündenböcke, aller Stell-
vertreter. Warum ich? Die Widrigkeiten, die Widersacher
wären überall. Die Stirne seines Protestes ließe den Wid-
der gegen das Opfer selbst anrennen, gegen die Menschen
und gegen Gott. Er würde ihrer gemeinsamen Welt end-
lich ein Ende setzen wollen. Der Widder würde gegen al-
les und j eden anrennen, in alle Richtungen, als wäre er
blind vor Schmerz. Der Rhythmus dieser Strophe, Wo- /
gegen/ rennt er nicht an?, skandiert treffend die ruckartige
Bewegung dieser Stöße. Wenn man sich daran erinnert,
daß Aaron zusätzlich zu dem Widder auch einige junge
Stiere opferte, so denkt man an das letzte Sich-Aufbäumen
des Tieres vor seiner Tötung. Der Torero ähnelt auch ei-
nem Opferpriester.
Soviel hier Hypothese ist, soviel bleibt natürlich unent-
schieden. Dies bleibt für immer das eigentliche Element
der Lektüre, ihr »unendlicher Prozeß«: Die Zäsur, der
Hiat, die Ellipse sind alles Unterbrechungen, die zugleich
öffnen und schließen. Sie halten den Zugang zum Gedicht
für immer auf der Schwelle zu seinen Krypten (eine unter
ihnen, nur eine, würde sich auf eine einzigartige und ge-
heime, ganz andere Erfahrung beziehen, deren Konstella-
tion nur dem Zeugnis des Dichters oder einiger weniger
zugänglich ist). Die Unterbrechungen eröffnen so, auf dis-
4
1
seminale und nicht zu erfüllende Weise, unvorhersehbare
Konstellationen, so viele weitere Sterne, von denen man-
che vielleicht noch jener Nachkommenschaft ähneln mö-
gen, von der Jahwe zu Abraham, nach der Unterbrechung
des Opfers, sagt, daß er sie so zahlreich wie Sterne machen
I wird: Die Preisgabe der hinterlassenen Spur ist auch die
Gabe des Gedichts an alle Leser und Gegen-Zeichner die,
immer noch unter seinem Gesetz, jenem der Spur am
Werk, der Spur als Werk, mitreißen werden oder sich mit-
reißen lassen zu einer ganz anderen Lektüre oder Gegen-
Lektüre. Diese wird auch manchmal, von einer Sprache
zur anderen, in der abgründigen Gefahr der Übersetzung,
eine inkommensurable Schrift sein.
Was so für die Verse gilt, die wir soeben zitiert haben,
muß das nicht auch a fortiori für den letztenVers gelten?
Die Welt ist fort, ich muß dich tragen: Dies ist die Sentenz,
der Celan zugebilligt hat (was für eine Entscheidung, und
von woher wurde sie ihm diktiert?), wie einer vielleicht
eschatologischen Unterschrift, das letzte Wort zu spre-
chen. In der Tat können wir sie unsererseits nur ausspre-
chen nach einer deutlich markierten Unterbrechung. Der
längsten des Gedichts. Wir müssen lange Zeit die Zeit un-
seres Atems anhalten, wieder Atem schöpfen, das tiefe At-
men eines ganz anderen Atems (es ist wie eine andere
Wende, eine Revolution, eine Umkehrung des Atems,
Atemwende), um zu seufzen oder um das Leben auszu-
hauchen: Die Welt ist fort, ich muß dich tragen. Vielleicht
ist sie dort - man wird es aber nie wissen, und niemand hat
die Macht, darüber zu entscheiden - die mögliche Ant-
wort auf die Frage Wogegen rennt er nicht an?
Die Sentenz ist ganz allein. Sie hält sich, stützt sich, sie
begibt sich alleine auf eine Linie. Zwischen zwei Abgrün-
den. Isoliert wie eine Insel, für sich stehend wie ein Apho-
rismus, sagt sie wohl etwas Wesentliches über die absolute
Einsamkeit. Wenn die Welt nicht mehr ist, wenn sie im Be-
griff ist, nicht mehr hier, sondern dort zu sein, wenn sie
nicht mehr nah ist, wenn sie nicht mehr da ist, sondern
fort, wenn sie nicht einmal mehr da ist, sondern fort in
weiter Ferne, vielleicht unendlich unerreichbar, dann muß
ich dich tragen, dich ganz allein, dich allein in mir oder auf
mir allein.
Es sei denn, man kehrte in einer Drehung um die Achse
des ich muß die Satz- oder Verbordnung (von sein und
tragen) und die Abfolge des wenn-dann um: Wenn (dort
wo) es Notwendigkeit oder Verpflichtung dir gegenüber
gibt, wenn (dort wo) ich dich, ich dich, tragen muß, dann
neigt die Welt wohl zum Verschwinden, sie ist nicht mehr
da oder dort, die Welt ist fort. Sobald ich verpflichtet bin,
in dem Moment, da ich dir verpflichtet bin, in dem ich
muß, in dem ich dir schulde, mir gegenüber schulde, dich
zu tragen, sobald ich zu dir spreche und für dich oder vor
dir verantwortlich bin, kann eigentlich keine Welt mehr
dasein. Keine Welt kann uns mehr stützen, uns als Ver-
mittlung, Boden, Erde, Fundament oder Alibi dienen.
Vielleicht gibt es nur noch die abgründige Höhe eines
Himmels. Ich bin allein auf der Welt, dort wo es keine
Welt mehr gibt. Oder gar: Ich bin allein auf der Welt, so-
bald ich dir verpflichtet bin, sobald du von mir abhängst,
sobald ich, unter vier Augen, von Angesicht zu Angesicht,
ohne einen Dritten, Vermittler oder Schlichter, ohne auf
Erden oder in der Welt einen eigenen Platz zu haben, die
Verantwortung trage und übernehmen muß. Eine Verant-
wortung, der ich entsprechen muß, vor dir und für dich.
Ich bin allein mit dir, allein nur für dich allein, wir sind al-
lein: Diese Erklärung ist auch ein Engagement. Alle Prota-
gonisten des Gedichts sind seine virtuellen Unterzeichner
oder Gegen-Zeichner, ob sie genannt werden oder nicht:
ich, er, du, der Widder, Abraham, Isaak, Aaron, die un-
endliche Nachkommenschaft ihrer Stammfolge, Gott I_
selbst. Ein jeder von ihnen wendet sich, wenn die Welt fort
ist, an die absolute Einzigartigkeit des anderen. Alle Prot-
agonisten hören, wie sie beim Namen gerufen werden,
43
und also auch der Leser oder Adressat des Gedichts, ich
~ ~ l b s t , wir selbst hier, sobald das Gedicht uns als einziger
Uberlebender anvertraut ist und wir nun an der Reihe
sind, es zu tragen, es um j eden Preis retten zu müssen, und
sei es auch jenseits der Welt. Auch das Gedicht spricht
zwar noch von sich selbst, jedoch ohne Autotelie und
Selbstgefälligkeit. Im Gegenteil: Wir hören, wie es sich der
Obhut des anderen anvertraut, sich unserer Obhut anver-
traut und sich insgeheim in die Trag- und Reichweite [por-
tee] des anderen begibt. Das Gedicht tragen heißt sich in
seine Trag- und Reichweite begeben, es in jene des anderen
bringen, es dem anderen zu tragen geben.
v.
Ich möchte Ihre Geduld nicht strapazieren. Um mich
nicht ganz unerträglich zu machen, beeile ich mich mei-
nerseits, wenigstens zum Anschein eines Schlusses zu
kommen, indem ich auf einer virtuellen Landkarte fünf
Pflichtstationen eines potentiell unendlichen Parcours
markiere - Gadamer hätte von einem »unendlichen Pro-
zeß« gesprochen. Zwei dieser Punkte würden uns für im-
mer bei dem Wort tragen aufhalten, drei weitere bei dem
Wort Welt.
1. Zunächst tragen. Was bedeutet dieses Verb und das,
was man hier zu tun hat, zum Beispiel, wenn man dieses
Gedicht unterzeichnet? Niemand wird mit voller Gewiß-
heit entscheiden können, an wen sich die Schlußsentenz
richtet, als ein Gruß oder eine Zueignungsstrophe an den
anderen. Dich kann einerseits ein Lebewesen bezeichnen:
ein menschliches oder nicht menschliches, anwesendes
oder nicht anwesendes, den Dichter eingeschlossen, an
den sich das Gedicht seinerseits in einer Anrede auch wie-
der zurückwenden könnte, ganz allgemein auch den Leser
und j eden Adressaten dieser Spur. Es kann auch ein Lebe-
44
wesen gemeint sein, das erst noch kommt. Das ich muß
muß sich notwendig der Zukunft zuwenden. Es orientiert
sich im Denken, wie Kant sagen würde, es orientiert sich
auf den Orient dessen hin, was kommt, was noch im Kom-
men ist, was im Himmel aufsteigt und aufgeht. Über die
Erde hinaus. Tragen sagt man geläufig auch von der Er-
fahrung, ein noch ungeborenes Kind zu tragen. Zwischen
Mutter und Kind, eines im anderen und das eine für das
andere, in diesem einzigartigen Paar von Einzelgängern, in
der geteilten Einsamkeit zwischen einem und zwei Kör-
pern verschwindet die Welt, sie ist in der Ferne, sie bleibt
gewiss.ermaßen ein ausgeschlossenes Drittes. Für die Mut-
ter, die ihr Kind trägt, gilt: Die Welt ist fort.
2. Wenn jedoch andererseits Tragen die Sprache der Ge-
burt spricht, wenn es sich an ein anwesendes oder noch
kommendes Lebewesen wenden muß, kann es sich doch
auch an ein Totes wenden, an das Überlebende oder an
deren Gespenster, und dies in einer Erfahrung, die darin
besteht, den anderen in sich zu tragen, wie man Trauer
trägt - und Melancholie erträgt.
3. Von nun an tauschen diese zwei möglichen Bedeutun-
gen von tragen ihre verschiedenen Möglichkeiten mit drei
Gedanken der Welt aus, oder zumindest mit drei Denk-
welten von Welt, drei Weisen der Welt, fort zu sein, fort
eher als da, fort in der Ferne, aufgehoben, neutralisiert -
oder abwesend und vernichtet. Die Welt ist fort: Dies kann
als eine wesentliche Wahrheit immerwährend gelten, es
kann sich aber auch nur ein einziges Mal ereignen, auf ein-
zigartige Weise, in einer Geschichte, und dieses Vor-
kommnis wäre dann wie ein Ereignis in einer Erzählung
jemandem zugeeignet und anvertraut worden. Das Prä-
sens des Gedichts (Die Welt ist fort) erlaubt es nicht, zwi-
schen diesen beiden Hypothesen zu entscheiden. Genauso
kann die Welt die Totalität der Seienden oder »alle ande-
ren«, »alle Welt« bezeichnen, die Welt der Menschen oder
die Welt der Lebewesen.
45
Ich muß hier, zumindest aus algebraischer Sparsamkeit,
drei große Eigennamen nennen, deren Diskurs durch die
Zueignungsstrophe des Gedichts zugleich bestätigt und
bestritten, und in einem paradoxen Sinne des Wortes ge-
gen-gezeichnet würde. An erster Stelle steht der Name
Freud: zugleich wegen unserer gerade gemachten Anspie-
lung an Trauer oder Melancholie und auch um unsere
Analyse, sei sie auch unabschließbar, der Ordnung des Be-
wußtseins, der Selbstpräsenz und des Ich, also jeder Ego-
logie zu entziehen. Nach Freud besteht die Trauer darin,
den anderen in sich zu tragen. Es gibt keine Welt mehr, es
ist das Weltende für den anderen bei seinem Tode, und ich
nehme dieses Ende der Welt in mich auf, ich muß den an-
deren und seine Welt, die Welt in mir tragen: Introjektion,
Verinnerlichung der Erinnerung, Idealisierung. Die Me-
lancholie würde das Scheitern und die Pathologie dieser
Trauer aufnehmen. Doch wenn ich den anderen in mir tra-
gen muß (darin besteht Ethik), um ihm treu zu sein, um
seine einzigartige Alterität zu respektieren, dann muß sich
noch eine gewisse Melancholie gegen die übliche Trauer
auflehnen. Sie darf sich niemals mit der idealisierenden In-
trojektion abfinden. Sie muß aufbegehren gegen das, was
Freud mit einer gelassenen Sicherheit über sie sagt, als
wolle er die Norm der Normalität bestätigen. Die » Norm«
ist gar nichts anderes als das gute Gewissen eines Ge-
dächtnisschwunds. Sie erlaubt uns zu vergessen, daß wir,
wenn wir den anderen in uns bewahren, ihn wie uns be-
wahren, wir ihn dann bereits vergessen. Das Vergessen be-
ginnt hier. Also bedarf es der Melancholie. An diesem Ort
diktiert das Leiden einer gewissen Pathologie das Gesetz -
und das Gedicht, das dem anderen gewidmet ist.
4· Dieser Rückzug der Welt, diese Entfernung, in der
sich die Welt zurückzieht bis zur Möglichkeit ihrer Ver-
nichtung, ist das nicht die notwendigste, die folgerichtig-
ste, aber auch die verrückteste Erfahrung einer transzen-
dentalen Phänomenologie? Erklärt uns nicht Husserl in
dem berühmten Paragraphen 49 aus den Ideen I in einer
Beweisführung, wie sie strenger nicht sein kann, daß es der
Zugang zum absoluten Ich-Bewußtsein im reinsten phä-
nomenologischen Sinne erfordert, die Existenz der trans-
zendenten Welt in einer radikalen Epoche aufzuheben?
Die Hypothese einer Weltvernichtung würde die Sphäre
der reinen phänomenologischen und egologischen Erfah-
rung in ihrem Eigenrecht und -sinn nicht bedrohen. Im
Gegenteil würde sie vielmehr erst einen Zugang zu ihr er-
öffnen, sie würde ihn erst in seiner phänomenologischen
Reinheit zu denken geben. Die Zueignungsstrophe unse-
res Gedichts wiederholt unbeugsam diese phänomenolo-
gische Radikalisierung. Sie treibt jene Erfahrung einer
möglichen Weltvernichtung und das, was von ihr noch
übrigbleibt oder sie noch überlebt, das heißt ihre Bedeu-
tung für »mich«, für ein reines Ego, an ihre Grenze. Doch
am eschatologischen Rand dieser äußersten Grenze trifft
er auf das, was auch für die Husserlsche Phänomenologie
schon die beunruhigendste Prüfung war, für das nämlich,
was Husserl sein »Prinzip der Prinzipien« nennt. In dieser
absoluten Einsamkeit des reinen Ego, wenn sich die Welt
zurückgezogen hat, wenn die Welt [. . .] fort ist, ist das al-
ter ego, das sich im Ego konstituiert, in einer ursprüng-
lichen und rein phänomenologischen Anschauung nicht
mehr zugänglich. Husserl muß dies in seinen Cartesiani-
schen Meditationen eingestehen. Das alter ego ist nur per
analogiam, durch eine Appräsentation konstituiert, indi-
rekt, in mir, der ich es dann dorthin trage, wo es keine
transzendente Welt mehr gibt. Ich muß es also tragen, dich
tragen, dorthin wo die Welt sich entzieht, dort liegt meine
Verantwortung. Aber ich kann den anderen nicht mehr
tragen, auch dich nicht, wenn tragen bedeutet, den ande-
ren in sich selbst, in die Anschauung seines eigenen egolo-
gischen Bewußtseins einzuschließen. Es geht darum, zu
tragen, ohne sich anzueignen. Tragen heißt nicht mehr
»mit sich bringen« [comporterJ, einschließen, in sich be-
47
greifen, sondern sich zur unendlichen Unaneigenbarkeit
des anderen hinzubegeben, in Richtung auf seine absolute
Transzendenz in meinem Inneren selbst, das heißt in mir
außer mir. Und ich bin nur, kann nur, darf nur sein, ausge-
hend von dieser seltsamen, aus den Fugen geratenen Trag-
weite des unendlich anderen in mir. Ich muß den anderen
tragen und dich tragen, der andere muß mich tragen (denn
dich kann mich oder den unterzeichnenden Dichter be-
zeichnen, an den sich die Rede ihrerseits wiederum zu-
rückwendet), ebendort, wo die Welt nicht mehr zwischen
uns oder unter unseren Füßen ist, um uns Vermittlungs-
wege zu sichern oder Grundlagen zu festigen. Ich bin al-
lein mit dem anderen, allein ganz sein und für ihn, allein
für dich und ganz dein: ohne Welt. Diese Unmittelbarkeit
des Abgrunds verpflichtet mich gegenüber dem anderen,
überall dort, wo das »ich muß« - ich muß dich tragen -
ewig den Sieg über das »ich bin«, das sum und das cogito
davonträgt. Bevor ich bin, trage ich, bevor ich ich bin,
trage ich den anderen. Ich trage dich und muß es, ich bin es
dir schuldig. Ich bleibe in der Schuld [devant], verschuldet
[en dette] und in deiner Schuld [devant a toi] vor dir [de-
vant toi], ich muß mich in deiner Tragweite halten, doch
ich muß auch deine Tragweite sein. Immer einzigartig und
unersetzbar, bleiben diese Gesetze oder diese Weisungen
unübersetzbar: vom einen zum anderen, von den einen zu
den anderen und von einer Sprache in die andere, und
doch sind sie deshalb nicht weniger universell. Ich muß
das Unübersetzbare in einer weiteren Wendung überset-
zen, überführen, übertragen, selbst dort, wo es, einmal
übersetzt, unübersetzbar bleibt. Das ist das gewaltsame
Opfer eines Über-Übergangs: Übertragen:: übersetzen.
5. Dieses Gedicht sagt die Welt, den Ursprung und die
Geschichte der Welt, die Archäologie und Eschatologie
des Welt-Konzeptes, sogar die Empfängnis [conception]
der Welt. Es sagt, wie die Welt gezeugt [ c o n ~ u ] wurde, wie
sie geboren wird, und sogleich nicht mehr ist, wie sie sich
entfernt, und uns verläßt, wie sich ihr Ende ankündigt. Der
andere Eigenname,·den ich hier nennen muß, ist der Name
eines Menschen, mit dem Gadamers innerer Dialog, wie
ich glaube, immer und ununterbrochen verbunden war,
gleich jenem Celans, vor und nach der Zäsur von Todt-
nauberg: Heidegger, der Denker des I n-der-Welt-seins,
hat nicht nur, und mehr als einmal, eine unumgängliche
Meditation über die - christliche oder nicht-christliche -
Genealogie des Kosmos- und Welt-Konzeptes oder ihrer
regulativen Idee im Kantischen Sinne vorgebracht. Er hat
nicht nur vom Welten der Welt oder von ihrer Planeta-
risierung gesprochen. Er hat auch die Ent-fernung zu be-
denken gegeben, die das Nahe entfernt und ent-entfernt.
Dies mit Blick auf das Vokabular, das sich um tragen her-
um zusammenfindet (Übertragung, Auftrag und Aus-
trag), das in Identität und Differenz,25 und nicht weit weg
von einer Anspielung auf jene Ent-fernung, die noch im
Herholen etwas entfernt und ent-entfernt, jenes Zwischen
benennt: Worin Überkommnis und Ankunft zueinander
gehalten, auseinander-zueinander getragen sind. Die Dif-
ferenz von Sein und Seiendem ist als der Unter-schied von
Überkommnis und Ankunft der entbergend-bergende
Austrag beider. [ .. .] Unterwegs zu dieser denken wir den
Austrag von Überkommnis und Ankunft.
Vor allem hat Heidegger versucht, zwischen dem zu
unterscheiden, was weltlos, was weltarm und was weltbil-
dend ist. Ich kann hier nur noch auf diese Reihe von Be-
griffen eingehen. Es handelt sich um eine Zusammenstel-
lung von drei» Thesen «, die Heidegger übrigens kurz nach
Sein und Zeit in einem Seminar von 1929-3026 über die
Welt, die Endlichkeit und die Einsamkeit vorstellt, und
zwar folgendermaßen: der Stein ist weltlos, das Tier ist
weltarm, der Mensch ist weltbildend.
25 pfullingen 1957, S. 62f.
26 Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit,
(Gesamtausgabe Band 29/30), Frankfurt am Main 1983, S. 273ff.
49
Aus Gründen, die ich hier nicht ausführen kann, scheint
mir allerdings nichts problematischer als diese Thesen.
Doch was geschähe, wenn in unserem Gedicht das Fort-
sein der Welt im Moment seines Ereignisses keiner dieser
Thesen oder Kategorien entspräche? Wenn es von einem
ganz anderen Ort aus über sie hinausginge? Wenn es alles
andere wäre als weltlos, weltarm oder weltbildend? Müßte
man dann nicht den Gedanken der Welt selbst von diesem
Fortsein aus denken, und dieses wiederum ausgehend von
dem, was es heißt, I eh muß dieh tragen?
Das ist eine der Fragen, die ich hilferufend Gadamer
gerne im Laufe eines unabschließbaren Gesprächs gestellt
hätte. Um uns im Denken zu orientieren, um uns in dieser
gefährlichen Aufgabe zu helfen, hätte ich zunächst daran
erinnert, wie sehr wir den anderen brauchen und wie sehr
wir ihn noch brauchen werden, wie sehr wir ihn tragen
müssen und von ihm getragen werden müssen, dort wo er
in uns spricht, noch bevor wir sprechen.
Vielleicht hätte ich, aus all diesen Gründen, mit einem
Hölderlin-Zitat beginnen sollen: Denn keiner trägt das
Leben allein (Die Titanen).
Aus dem Französischen von Martin Gessmann,
Christine Ott und Fe/ix Wies/er
J acques Derrida
Guter Wille zur Macht (I)
Drei Fragen an Hans-Georg Gadamer
Gestern abend, beim Vortrag und der anschließenden Dis-
kussion,l habe ich mich gefragt, ob es hier etwas anderes
geben würde als Auseinandersetzungen, deren Zustande-
kommen unwahrscheinlich sein dürfte, Gegenfragen und
uneinlösbaren Sachbezug (um einige Formulierungen wie-
der aufzunehmen, die wir gehört haben). Ich frage mich
das immer noch.
Versammelt sind wir hier um Professor Gadamer. An
ihn möchte ich mich daher zunächst wenden und ihm die
Ehre erweisen, ihm einige Fragen zu stellen.
Die erste Frage geht auf das, was er uns gestern abend
über den guten Willen gesagt hat, den Appell an den guten
Willen und die absolute Verbindlichkeit im Bestreben
nach Verständigung. Wie könnte man nicht versucht sein,
die machtvolle Evidenz dieses Axioms zu unterschreiben?
Ist es doch nicht bloß eine ethische Forderung, sondern es
steht am Anfang aller für eine Sprechergemeinschaft gel-
tenden Ethik, ja, es regelt sogar noch das Auftreten von
Streit und Mißverständnis. Das Axiom bringt den guten
Willen mit der »Würde« im Sinne Kants in Zusammen-
I Die Einlassung von Jacques Derrida, die wir hier nach ihrer Bandauf-
nahme transkribieren, nimmt selbstredend auf den Vortrag Bezug, den
Professor Gadamer am 25. April 198 I in Paris gehalten hat. Für die vor-
liegende Veröffentlichung wurde derselbe umgearbeitet und stark er-
weitert. Dabei wurden selbstverständlich Akzente verlagert. So war
z. B. die Problematik des guten Willens, die von Jacques Derrida fast
ausschließlich zum Thema des ersten Teils seiner Einlassung gemacht
wurde, in der Vortragsfassung etwas ausführlicher ausgefallen, als es
hier in der Druckfassung der Fall ist. Dessen Funktion als mitkonstitu-
ierende Voraussetzung des Verstehens bei Gadamer ist aber auch hier,
wie der Leser selbst festgestellt haben wird, völlig erhalten geblieben.
(Anm. d. Hg.)
hang - und auf solche Weise mit dem, was in einem mora-
lischen Wesen über jedem Marktwert, jedem auszuhan-
delnden Preis und jedem hypothetischen Imperativ steht.
Es wäre demnach etwas Unbedingtes und stünde wohl
auch jenseits jeglicher Bewertung überhaupt, jenseits aller
Werte, wenn anders Werte eine Skala und Vergleichung
voraussetzen.
Meine erste Frage wäre also folgende: Setzt dieses unbe-
dingte Axiom nicht gleichwohl voraus, daß der Wille die
Form dieser Unbedingtheit, ihr absoluter Rückhalt und in
letzter Instanz ihre Bestimmung bleibt? Und was ist Wille,
wenn es, wie Kant sagt, nichts unbedingt Gutes außer dem
guten Willen gibt? Würde diese Bestimmung - als letzte
Instanz - nicht dem Seienden angehören, was Heidegger
mit vollem Recht die Bestimmung des Seins des Seienden
als Wille oder wollende Subjektivität nennt? Gehört nicht
eine solche Redeweise - bis in ihre Notwendigkeit hinein
- einer vergangenen Epoche an, nämlich jener der Meta-
physik des Willens?
Zweite Frage, immer noch in bezug auf den Vortrag von
gestern abend: Was macht man mit dem guten Willen als
Voraussetzung von Verständigung, die auch noch im Streit
gilt, wenn eine psychoanalytische in eine allgemeine Her-
meneutik integriert werden soll? Genau das aber hat Pro-
fessor Gadamer gestern abend vorgeschlagen. Was bedeu-
tet der gute Wille in einer Psychoanalyse? Oder auch nur
in einem Diskurs, der mit dergleichen wie Psychoanalyse
rechnet? Wird da, wie Professor Gadamer offensichtlich
der Ansicht ist, eine einfache Ausweitung des interpreta-
torischen Zusammenhangs genügen? Wird nicht vielmehr
im Gegenteil, wie ich eher sagen würde, ein Bruch not-
wendig sein oder eine allgemeine N eustrukturierung des
Kontextes bis zum Kontextbegriff selber? Dabei beziehe
ich mich auf überhaupt keine spezifische psychoanalyti-
sche Doktrin, sondern nur auf eine Frage, die durch die
Möglichkeit der Psychoanalyse ge(kenn)zeichnet ist, auf
eine psychoanalytisch interessierte Interpretation. Eine
solche Interpretation stünde doch vielleicht der Interpre-
tation im Stile Nietzsches näher als jener anderen her-
meneutischen Tradition von Schleiermacher bis zu Gada-
mer - mit all den inneren Differenzierungen, die man in
ihr feststellen mag (wie das ja gestern abend der Fall war).
Hinsichtlich dieses Kontextes hat uns Professor Gada-
mer mehrmals gesagt, er sei der Lebenszusammenhang (so
lautete sein Ausdruck) im lebendigen Dialog, in der leben-
digen Erfahrung des lebendigen Miteinanderredens. Dies
war gestern abend einer der entscheidenden Punkte und
der in. meiner Sicht besonders problematische in allem,
was wir über kontextbezogene Kohärenz hörten - syste-
matische oder auch nichtsystematische Kohärenz -, muß
doch nicht jede Kohärenz die Form des Systems haben.
Für mich ganz besonders problematisch in allem, was uns
über die Definition des literarischen, poetischen oder iro-
nischen Textes gesagt wurde.
Ich erinnere auch an die letzte Frage, die einDiskussions-
teilnehmer aufwarf. Es ging da um die Geschlossenheit
eines Corpus. Was ist in dieser Hinsicht Zusammenhang
und was ist eigentlich streng genommen die Erweiterung
eines Zusammenhangs? Kontinuierlich fortschreitende
Ausweitung? Oder nicht eher diskontinuierliche Um-
strukturierung?
Dritte Frage: Auch diese geht auf die Axiomatik des gu-
ten Willens. Mögen nun psychoanalytische Hintergedan-
ken mit im Spiele sein oder nicht, so ist doch die Frage be-
rechtigt, was es mit dieser axiomatischen Bedingung des
Interpretationsdiskurses auf sich hat, mit dem, was Profes-
sor Gadamer »verstehen«, »verstehen des anderen«, »sich
miteinander verstehen« nennt. Ob man nun von der Ver-
ständigung oder vom Mißverständnis (Schleiermacher)
ausgeht, immer muß man sich doch fragen, ob die Bedin-
gung des Verstehens, weit entfernt davon, ein sich konti-
nuierlich entfaltender Bezug zu sein (wie es gestern abend
53
hieß), nicht doch eher der Bruch des Bezuges ist, der
Bruch als Bezug gewissermaßen, eine Aufhebung aller
Vermittlung?
Schließlich hat sich Professor Gadamer mit Nachdruck
auf jene »Erfahrung« berufen, »die wir alle kennen«, auf
eine Beschreibung von Erfahrung, die nicht selber eine
Metaphysik sein soll. Oft hat sich nun Metaphysik (und
womöglich sogar in allen Fällen) als Beschreibung der Er-
fahrung, nämlich als eine Selbstdarstellung, vorgestellt.
Ich bin nun meinerseits auch nicht sicher, ob wir eben
diese Erfahrung überhaupt machen, die Professor Gada-
mer meint, nämlich, daß im Dialog »Einvernehmen« oder
erfolgs bestätigende Zustimmung zustande kommt.
Kommt im Netz dieser Fragen und Bemerkungen, die
ich hier ihrer elliptischen und improvisierten Form über-
lasse, nicht doch ein anderes Denken von »Text« in den
Blick?
Aus dem Französischen von Friedrich A. Kittler
Hans-Georg Gadamer
Wer bin Ich, und wer bist Du?
Kommentar zu Celans Gedicht/alge >Atemkristall<
Schöpft des Dichters reine Hand,
Wasser wird sich ballen
Goethe
In seinen späteren Gedichtbänden nähert sich Paul Celan
mehr und mehr der atemlosen Stille des Verstummens im
kryptisch gewordenen Wort. Im folgenden soll eine Ge-
dichtfolge aus dem Gedichtband Atemwende betrachtet
werden, die zuerst 1965 unter dem Titel Atemkristall in
einer bibliophilen Ausgabe gedruckt wurde. Jedes der Ge-
dichte hat seinen Ort in einer Folge, und es wächst dem
einzelnen Gedicht von da aus gewiß etwas an Bestimmt-
heit zu - aber die ganze Folge dieser Gedichte ist herme-
tisch verschlüsselt. Wovon ist die Rede? Wer redet?
Gleichwohl ist jedes Gedicht dieser Folge ein Gebilde
von eindeutiger Bestimmtheit, zwar nicht durchsichtig
und von unmittelbar sprechender Klarheit, aber doch nicht
so, daß etwa alles verhüllt bliebe oder Beliebiges zu be-
deuten vermöchte. Das ist die Erfahrung des Lesens, die
sich dem geduldigen Leser ergibt. Gewiß darf es kein eili-
ger Leser sein, der hermetische Lyrik verstehen und ent-
schlüsseln will. Aber es muß keineswegs ein gelehrter oder
besonders belehrter Leser sein - es muß ein Leser sein, der
immer wieder zu hören versucht.
Die besonderen Belehrungen, die ein Dichter über seine
verschlüsselten Schöpfungen zu geben vermag - auch Paul
Celan sagte man nach, daß solches Verlangen gelegentlich
an ihn gerichtet wurde und daß er es freundlich zu befrie-
digen suchte -, haben stets etwas Mißliches. Bedarf es der
Auskunft über das, was ein Dichter sich bei seinem Ge-
dicht gedacht hat? Es kommt doch wohl allein darauf an,
55
was ein Gedicht wirklich sagt - und nicht, was sein Ver-
fasser meinte und vielleicht nicht zu sagen verstand. Ge-
wiß kann der Wink des Verfassers, der auf den unverwan-
delten Zustand des >Stoffes< weist, auch bei einem in sich
vollendeten Gedicht von Nutzen sein und vor Fehlversu-
chen des Verstehens bewahren. Aber es bleibt eine gefähr-
liche Hilfe. Wenn der Dichter seine privaten und okkasio-
nellen Motive mitteilt, verschiebt er im Grunde das, was
sich als dichterisches Gebilde ausbalanciert hat, nach der
Seite des Privaten und Kontingenten - das jedenfalls nicht
dasteht. Sicherlich ist man gegenüber hermetisch ver-
schlüsselten Gedichten mit der Aufgabe der Deutung oft
in großer Verlegenheit. Aber auch wenn man in die Irre
geht, in wiederholendem Verweilen bei einem Gedicht
wird man seines eigenen Vers agens doch immer wieder
inne, und wenn das Verständnis im Ungewissen oder im
U ngefähren bleibt, ist es doch immer noch das Gedicht,
das im Ungefähren und im Ungewissen zu einem spricht,
und nicht ein Einzelner in der Privatheit seiner Erlebnisse
oder Empfindungen. Ein Gedicht, das sich verweigert und
weitergehende Klarheit nicht gewährt, scheint mir immer
noch bedeutungsvoller als eine Klarheit, die einem durch
die bloße Versicherung zuwachsen kann, die ein Dichter
über das, was er meinte, abgibt.
So ist es offenkundig sehr im Ungewissen, wer in diesen
Gedichten Celans Ich und Du sind, und doch soll man
nicht den Dichter fragen. Ist es Liebeslyrik? Ist es religiöse
Lyrik? Ist es das Zwiegespräch der Seele mit sich selbst?
Der Dichter weiß das nicht. Eher schon mag man s.ich
durch die Methoden der vergleichenden Literaturfor-
schung, insbesondere durch die Heranziehung von gat-
tungsmäßig Verwandtem, Aufklärung versprechen - aber
man wird sie doch nur unter Bedingungen finden: nur
dann, wenn kein sachfremdes Gattungsschema benutzt
wird und wenn wirklich Vergleichbares verglichen wird.
Um dessen sicher zu sein, bedarf es aber gewiß nicht nur
.,
der Beherrschung der Methoden der Literaturforschung.
Das gegebene Gebilde muß in der Polyvalenz seiner
Struktur darüber entscheiden, welche von den Subsum-
tionsmöglichkeiten, die sich im Vergleichen bieten, ange-
messen ist und ob sie eine - in sich begrenzte - Aufschluß-
kraft gewährt. So erwarte ich für die Gedichte Paul Celans
im Grunde nicht viel von einer gattungstheoretischen
Zurüstung für die hier gestellte Frage, wer hier Ich ist
und wer Du. Alles Verstehen setzt die Antwort auf diese
Frage - oder besser: eine dieser Fragestellung überlegene
vorgängige Einsicht - schon voraus.
Wer. ein lyrisches Gedicht liest, versteht in gewissem
Sinne schon immer, wer hier Ich ist. Nicht in dem trivialen
Sinne allein, daß er weiß, daß immer nur der Dichter
spricht und keine von ihm eingeführte sprechende Person.
Er weiß vielmehr darüber hinaus, was das Dichter-Ich ei-
gentlich ist. Denn das »ich«, das in einem lyrischen Ge-
dicht gesagt wird, läßt sich nicht mit Ausschließlichkeit
auf das Ich des Dichters beziehen, das ein anderes wäre als
das des ichsagenden Lesers. Selbst wenn der Dichter sich
»in Gestalten wiegt« und sich ausdrücklich von der Menge
scheidet, die »gleich verhöhnet«, ist es, als ob er gar nicht
mehr sich selbst meinte, sondern den Leser in seine Ich-
Gestalt selbst hineinzöge und von der Menge ebenso schie-
de, wie er sich selbst geschieden weiß. Und gar hier bei
Celan, wo ganz unvermittelt, schattenhaft-unbestimmt
und in beständig wechselnder Weise »ich«, »du«, »wir«
gesagt wird. Dies Ich ist nicht nur der Dichter, sondern
viel eher »jener Einzelne«, wie ihn Kierkegaard genannt
hat, der ein jeder von uns ist.
Enthält diese Überlegung nun eine Antwort auf die
Frage, wer hier Du ist, der in fast allen Gedichten dieses
Zyklus ebenso unvermittelt und unbestimmt angeredet
wird, wie der Redende Ich ist? Du ist der Angeredete
schlechthin. Das ist die allgemeine semantische Funktion
von »ich« und «du«, und man wird sich fragen müssen,
57
wie die Sinnbewegung der dichterischen Rede diese Funk-
tion ausfüllt. Ist die Frage sinnvoll, wer dieses Du ist?
Etwa in dem Sinne: Ist es ein mir naher Mensch? Mein
Nächster? Oder gar der Allernächste und Allerfernste:
Gott? Das ist nicht auszumachen. Es ist deshalb nicht aus-
zumachen, wer jenes Du ist, weil es nicht ausgemacht ist.
Die Anrede zielt, aber sie hat keinen Gegenstand - es sei
denn den, der sich der Anrede stellt, indem er antwortet.
Auch bei dem christlichen Liebesgebot ist es ja nicht aus-
gemacht, wieweit der Nächste Gott ist oder Gott der
Nächste. Das Du ist so sehr und so wenig ein bestimmtes
anderes Ich, wie das Ich ein bestimmtes Ich ist.
Damit ist nicht etwa gemeint, daß in der Gedichtfolge,
die hier »ich« und »du« sagt, der Unterschied zwischen
dem Ich, das spricht, und dem Du, das angeredet wird,
sich verwischte, und auch nicht, daß das Ich nicht eine ge-
wisse Bestimmtheit im Fortgang der Gedichtfolge er-
hielte. So ist zum Beispiel von vierzig Lebensbäumen die
Rede und damit auf das Alter des Ich angespielt. Aber ent-
scheidend bleibt, daß auch dann noch in die Stelle des
Dichter-Ichs jedes Leser-Ich willig eintritt und sich mitge-
meint weiß und daß sich von da aus jeweils das Du mit Be-
stimmtheit ausfüllt. In der ganzen Folge scheint nur eine
Ausnahme zu bestehen, und das ist in jenen vier Versen,
die der Dichter in Klammern gesetzt hat und die auch me-
trisch durch ihre fast epische Diktion herausfallen. Sie
scheinen deswegen wie beiläufig gegeben, weil sie sich
nicht, wie die anderen alle, allbereit verallgemeinern. - So
bleibt alles offen, wenn wir jetzt erprobend an die Ge-
dichte der Celanschen Folge herantreten. Wir wissen nicht
vorher und nicht aus einem distanzierten Überblick oder
Voraus blick, was »ich« oder »du« hier meint und ob es das
Ich des Dichters ist, der sich selbst meint, oder das eines
jeden von uns. Wir haben es zu lernen.
Du darfst mich getrost
mit Schnee bewirten:
sooft ich Schulter an Schulter
mit dem Maulbeerbaum schritt durch den Sommer,
schrie sein jüngstes
Blatt.
Das ist wie ein Proömium der ganzen Folge. Es ist ein
schwieriger Text, der seltsam unvermittelt beginnt. Das
Gedicht ist von einem scharfen Kontrast beherrscht.
Schnee, das Gleichmachende, Kältende, aber auch Stillen-
de, wird hier nicht nur hingenommen, sondern begrüßt.
Denn der Sommer, der hinter dem Sprechenden liegt, war
offenbar in der Überfülle seines Treibens, Knospens und
Sich-Entfaltens kaum zu ertragen. Gewiß ist es kein wirk-
licher Sommer, der hinter dem Sprechenden liegt, so we-
nig das angeredete Du etwa den Winter meint oder wirk-
lichen Schnee anbietet. Offenbar war es eine Zeit der
Überfülle, der gegenüber die karge Armut des Winters wie
eine Wohltat wirkt. Der Sprechende schritt Schulter an
Schulter mit dem unermüdlich treibenden Maulbeerbaum
durch den Sommer. Der Maulbeerbaum ist ohne Zweifel
hier der Inbegriff treibender Energie und immer neuen
üppigen Herausbildens neuer Triebe, ein Symbol unstill-
baren Lebensdurstes. Denn anders als anderes Gesträuch
treibt er nicht nur im Frühjahr frische Blätter, sondern den
ganzen Sommer hindurch. Es scheint mir nicht richtig, an
die ältere metaphorische Tradition der Barockpoesie zu
denken. Zugegeben, daß Paul Celan auch ein Poeta doctus
war - noch mehr war er ein Mann von ganz erstaunlicher
Naturkenntnis. Heidegger hat mir erzählt, daß Celan im
Schwarzwald hoch oben über Pflanzen und Tiere besser
Bescheid wußte als er selber.
Auch hier muß man in erster Näherung so konkret wie
möglich verstehen. Dabei gilt es freilich, die Sprachbe-
wußtheit des Dichters richtig einzuschätzen, der Worte
59
nicht nur in ihrem klaren Gegenstandsbezug nimmt, son-
dern beständig mit dem spielt, was in den Worten an Be-
deutungen und Nebenbedeutungen anklingt. So fragt es
sich hier, ob der Dichter etwa mit dem Wortbestand
»Maul« auf die Maulhelden des Wortes anspielt, deren Ge-
schrei er nicht mehr erträgt. Selbst wenn das so ist, bleibt
aber die Forderung präziser Kohärenz als erste bestehen
und muß zunächst erfüllt werden. Der Pflanzenname
»Maulbeerbaum« ist ganz geläufig, und wenn man dem
dichterischen Zusammenhang folgt, in dem der Name auf-
tritt, so ist es dort ganz eindeutig, daß das Gedicht nicht
auf die Maulbeere oder das Maul verweist, sondern auf das
frischgelbe Grün, das an Maulbeerbäumen unermüdlich
den ganzen Sommer über sprießt. Von da muß auch jede
weitere Transposition ihre Sinnrichtung empfangen. Und
wir werden sehen, daß diese weitere Transposition des
Gesagten am Ende in die Sphäre des Schweigens oder des
sparsamsten Redens weist. Aber offenkundig wird hier
durch die Parallele mit dem Maulbeerbaum überhaupt
nicht auf die Maulbeere, sondern auf die sprießende Ü p-
pigkeit des Laubwerks gewiesen. So wird der Doppelsinn
von »Maul« nicht durch den Kontext getragen, sondern es
ist der Schrei des Blattes, auf den sich die Sinnbewegung
gründet. Das steht scharf akzentuiert als das letzte Wort
des Gedichtes im Text. Es ist also das Blatt und nicht die
Beere, was die Transposition in das eigentlich Gesagte
trägt. In einer Ebene der Übertöne mag man dann von
dem Schrei auf den Wortbestandteil »Maul« zurückgewie-
sen werden und diesen mit Rede zusammenbringen: Es
gibt ja den Maulhelden. Und das könnte in unserem Zu:..
sammenhang alles eitle und leere Reden und Dichten an-
klingen lassen. Das ändert aber nichts daran, daß das Wort
»Maul« als selbständige Sinneinheit überhaupt nicht auf-
tritt, sondern nur als einleitende Bedeutung von »Maul-
beerbaum«. Die Beere des Maules statt der Blume des
Mundes, das scheint mir nicht der Weg, von der ersten
60
r
i
Ebene des Sagens in die Transpositionsbewegung des Be-
sagens überzuleiten, in die ein solches vielschichtiges Ge-
dicht versetzt.
Um so mehr ist nun zu fragen, was das ist, was das Ge-
dicht >besagt<, das heißt, worauf der Sinnvollzug des Wort-
lauts hinauswill. Achten wir auf einzelnes. »Schulter an
Schulter«: Mit dem Maulbeerbaum Schulter an Schulter
schreiten heißt offenbar nicht hinter ihm zurückbleiben
und so wenig, wie er es mit seinem Wachsen tut, je einhal-
ten - und das wäre hier: einkehren bei sich selbst. Ferner
muß man jedenfalls beachten, daß es »sooft« heißt. In die-
ser Betonung wiederholten Weges liegt, daß sich die Hoff-
nung des immer aufs neue aufbrechenden Wanderers nie
erfüllt, auch nur ein einziges Mal still und stumm vom
Maulbeerbaum des Lebens begleitet zu werden. Immer
war neues Treiben, das wie der durstige Schrei des Säug-
lings fordert und nicht zur Ruhe kommen läßt.
Fragen wir weiter, wer mit dem ersten »Du« angeredet
ist. Wohl nichts Bestimmteres als das andere oder der an-
dere, das nach diesem Sommer des ruhelosen Schreitens
einen empfangen soll. Da immer wieder ein neuer Schrei
des Lebensdurstes das Ich begleitete, ist ihm im Kontrast
der Schnee willkommen, dies Einförmige, in dem keiner-
lei Verlockung und Reiz mehr ist. Gerade das aber soll
eine Bewirtung sein, das heißt das Willkommengeheißene.
Wer will das festlegen, was da zwischen Verlangen und
Verzicht zwischen Sommer und Winter, Leben und Tod,
Schrei und Stille, Wort und Schweigen spielt? Was in die-
sen Versen steht, ist Bereitschaft, dies andere anzunehmen,
was immer es sei. So scheint es mir durchaus möglich, sol-
che Bereitschaft am Ende geradezu als Todesbereitschaft
zu lesen, das heißt als die Annahme des letzten, äußersten
Gegensatzes zu allzuviel Leben. Es ist ja unzweifelhaft,
daß das Todesthema bei Celan stets, auch in diesem Zy-
klus, gegenwärtig ist. Gleichwohl gilt es, sich der besonde-
ren Kontextbestimmtheit zu erinnern, die diesem Gedicht
61
als Proömium eines Zyklus zukommt, der >Atemkristall<
heißt. Das weist einen auf die Sphäre des Atmens und da-
mit auf das von ihm geformte Sprach geschehen.
So fragen wir erneut: Was heißt hier »Schnee«? Ist es die
Erfahrung des Dichtens, auf die hier angespielt wird? Ist
es vielleicht gar das Wort des Gedichtes selbst, das sich
hier aussagt, sofern es in seiner Diskretion die winterliche
Stille gewährt, die wie eine Gabe dargeboten wird? Oder
meint es uns alle und ist dann jenes Stummsein nach zu
vielen Worten, das wir alle kennen und das uns allen als
eine wahre Wohltat erscheinen kann? Die Frage ist nicht
zu beantworten. Das Unterscheiden hier zwischen Ich
und Du, zwischen dem Ich des Dichters und uns allen, die
sein Gedicht erreicht, mißlingt. Das Gedicht sagt es dem
Dichter so gut wie uns allen, daß die Stille willkommen ist.
Es ist dieselbe Stille, die bei der Wende des Atems, diesem
leisesten Wiederbeginn des Atemschöpfens, zu hören ist.
Denn dies vor allem ist Atemwende, die sinnliche Erfah-
rung des lautlosen, reglosen Augenblicks zwischen Ein-
und Ausatmen. Ich will nicht leugnen, daß Celan diesen
Moment des wendenden Atems, den Augenblick, da der
Atem umkehrt, nicht nur mit dem reglosen Ansichhalten
verknüpft, sondern die leise Hoffnung mitklingen läßt, die
mit aller Umkehr verbunden ist. So sagt er in der Meri-
dian-Rede: »Dichtung: das kann eine Atemwende bedeu-
ten.« Aber schwerlich wird man deshalb die diese Folge
beherrschende Bedeutung des »leisen« Atems abschwä-
chen dürfen. Dies Gedicht ist ein wahres Proömium, das
wie in einer musikalischen Komposition mit dem ersten
Ton die Tonlage für das Ganze angibt. Die Gedichte dieser
Folge sind in der Tat so leise und fast unmerklich wie die
Atemwende. Sie geben von einer letzten Lebensbeklem-
mung Zeugnis und stellen zugleich auch immer aufs neue
ihre Lösung dar - oder besser: nicht ihre Lösung, aber ihr
Aufsteigen zur festen Sprachgestalt. Man hört sie so, wie
man die tiefe Winterstille hört, die alles einhüllt. Ein Lei-
sestes fällt im Kristall aus, ein Kleinstes, Leichtestes und
zugleich Genauestes: das wahre Wort.
Von Ungeträumtem geätzt,
wirft das schlaflos durchwanderte Brotland
den Lebensberg auf.
Aus seiner Krume
knetest du neu unsere Namen,
die ich, ein deinem
gleichendes
.Aug an jedem der Finger,
abtaste nach
einer Stelle, durch die ich
mich zu dir heranwachen kann,
die helle
Hungerkerze im Mund.
Ein Maulwurf ist tätig. Man sollte dies als durch primäre
semantische Gegebenheit Evozierte nicht abstreiten. »Auf-
werfen« ist eindeutig. Daß das Subjekt dieses »Aufwer-
fens« das »Brotland« ist, kann nicht beirren, sondern nur
die erste Transposition einleiten - von dem Maulwurf auf
die blinde Lebensbewegung hin, die wie eine schlaflose
Wanderung erscheint, die durch das »Brotland« geht. Das
evoziert Brotarbeit und Broterwerb und alles, was mit die-
ser Lebenshypothek impliziert ist. Nun sagt das Gedicht:
Was das rastlos wühlende Wesen treibt, das wir Leben
nennen, ist ungeträumter Traum. Es ist also ein Versäum-
tes oder ein Verwehrtes, das durch seine beständige Schär-
fe immer weitertreibt: es »ätzt«. Ätzende Säure, die von
dem ausgeht, das durch seine Verweigerung versehrt, ist
eine der Leitmetaphern des Zyklus, den wir betrachten,
und wohl des Menschenschicksals, wie es der Dichter
sieht. Was durchwandert wird, ist das Brotland, das ei-
nen zwar satt zu machen verspricht, aber das Wandern

I
I
führt nirgends hin. Dies Wandern und Wühlen
»schlaflos«, d. h., es gibt keine Einkehr in Schlaf und
Traum, so. wird der Hügel mehr und mehr aufgewor-
fen. Er wIrd em ganzer Lebensberg. Aber hier klingt das
so, als ob das Leben unter seinem immer lastenderen Ge-
wicht wird. Es zieht seine Spur, so wie der
Maulwurf seme Gänge durch sein Aufwerfen der Hügel
erkennen läßt.
In der !at, der »Lebensberg« sind wir, mit dem Ganzen
unserer sIch Erfahrung. Das zeigt die Fort-
setzung: »Aus semer Krume knetest du neu unsere Na-
daß bestimmte biblische oder jü-
dIsch-mystIsche AnspIelungen darin stecken. Aber auch
man sie nicht kennt, sondern nur die Verse der Ge-
neSIS 1m Ohr hat und si.e hinter sich läßt, gewinnt
der Celansche Vers emen Smn. Wenn es die schwere
Fracht des Lebens ist, woraus unsere Namen neu geknetet
werden, so muß es doch wohl das Ganze unserer Welter-
was sich aus diesem Erfahrungsstoff aufbaut.
Das heI0t »unsere Namen«. Der Name ist ja das, was
u,ns wird und das wir noch gar nicht
smd. kann m der Namensgebung wissen, was
der sem wIrd, den er so tauft. So ist es mit allen Namen. Sie
erst im Laufe des Lebens das, was sie sind: So
':,Ie wlr.werden, was wir sind, wird auch erst, was die Welt
fur uns 1St. Das besagt,. die ».N amen« beständig neu ge-
knetet werden, oder SIe smd mmdestens in einer fortdau-
ernden begriffen. Von wem, wird nicht gesagt.
Aber es 1St em Du. Die Alliteration von »neu« und »Na-
die zweite Vershälfte so zusammen, daß auf
MItte de,r Akzent eines leichten Hiats fällt, der in der
Zelle nachwirkt. Da vereinzelt sich das allen Ge-
- unsere »Namen« - plötzlich zu einem Ich:
»dIe Ich ... « Mit dem Ich plötzlich erst gewinnt die Bewe-
gung des Lebens eigentliche heimliche Richtung, so-
fern das Ich gegen dIe beständig wachsende Verdeckung
64
r
anstrebt und Durchlaß ins Freie sucht. Nicht erstickt un-
ter dem wachsenden Lebenshügel oder Lebensberg, der
hier aufgeworfen wird, ist das Ich immer noch tätig und
auf der Suche - nach Sehen und Helle, wenn auch blind
wie der Maulwurf.
Nur das Nächste kann »ich« wahrnehmen mit tastender
Hand. Aber immerhin ist es Wahrnehmen: Unser blindes
Auge ist »deinem« gleichend. Vielleicht spielt der Dichter
hier auf die Maulwurfshand an, diese eigentümlich ge-
formten hellen Flächen der Grabehand des Maulwurfs,
mit der er seine Gänge gräbt, die ihn im Dunkeln weiter-
führen bis hin zu dem Hellen des Ausgangs. In jedem Falle
besteht' die Spannung zwischen dem Graben im Dunkeln
und dem Streben nach dem Licht. Der Weg im Dunkeln ist
aber nicht nur der Weg, der ins Helle führt, sondern ist
selbst ein Weg der Helle, selbst ein Hellsein. Man beachte,
wie sich in der vorletzten Zeile »die helle« durch das Für-
sichstehen dieses Attributs förmlich ausbreitet. Es ist eine
besondere Helle. Denn es ist die Tätigkeit des Ich, das hier
am Werke ist, und sie ist nichts als Wachen (»heranwa-
chen«). Wachen aber nimmt den Verzicht auf Schlaf und
Traum auf, von dem eingangs die Rede war, und ebenso ist
in »Hungerkerze« Hungern gemeint, d. h. das Verschmä-
hen des sättigenden Brotes, das den Lebensberg be-
schwert, So ist dies Beharren auf der Helle und dem Drang
nach Helle wie eine Leistung des Fastens. Das Schlußbild
von der »Hungerkerze im Mund« legt das durch ein be-
stimmtes religiöses Ritual aus, und damit wird das Du, das
Gesuchte, als kultisch Verehrtes gekennzeichnet. Wie, mir
Tschizewskij erzählt hat, gibt es auf dem Balkan emen
Brauch der Hungerkerze, der das fromme Fasten vor allen
sichtbar macht (an der Kirchentür) - eine Art Gebets- und
Bittfasten, das die Eltern, die auf die Rückkehr des Sohnes
hoffen, auf sich nehmen. Analog ist es ein »Fasten«, das
hier das Streben nach der Helle begleitet. Aber das Beson-
dere dieses Fastens ist offenbar, daß das ins Helle Stre-
65
bende die Hungerkerze im Munde hält. Das soll
wohl heißen, daß es sich nicht um Fasten handelt, sondern
daß das Ich sich all die reichlich sättigenden Worte verbie-
tet, mit denen man sich im Leben abfindet - um selber für
das wahre, erleuchtete Wort fähig zu werden. So wird das
Ritual sprechend für eine Glaubensleistung ganz anderer
Art. Es gibt offenbar kein Ritual der Hungerkerze im
Mund! Mit dieser paradoxen Verbindung bricht das Ge-
dicht vielmehr den evozierten Fastenbrauch um. Es ist ein
anderes Fasten, und das, wofür es geschieht, ist auch ein
anderes. Wie mir Milojcic erzählt, kennt er den Brauch der
Hungerkerze anders: Wenn jemand verarmt war und ihm
seine frühere gesellschaftliche Stellung verbot, betteln zu
gehen, legte er sich verhüllt mit der Hungerkerze an die
Kürchentür, um ungesehen und ohne zu sehen Gaben zu
empfangen. Danach wäre es nicht freiwilliges Fasten, son-
dern die Not des Hungerns selber, was durch die Kerze
angezeigt wird. In jedem Fall heißt es »im Mund« - es geht
um das wahre Wort, nach dem ich hungere oder das ich
herbeihungere. Das kann man, meine ich, auch ohne folk-
loristische Information erraten, wenn man nur über die
Spannung zwischen ritueller Hungerkerze und dem »im
Mund« nachdenkt. Spielt die Hungerkerze wie alle Ker-
zen obendrein darauf an, daß unserem hungernden Stre-
ben in die Helle eine Frist gesetzt ist? Vielleicht. Jedenfalls
aber: Man läßt nicht ab, nach der Helle zu streben, indem
man die »Namen« abtastet. Die Bev.;egung des Gedichts
ist deutlich eine zweigeteilte: Die eine Bewegung vollfüh-
ren alle, indem ungeträumte Träume sie treiben und eine
immer längere Lebensspur zeichnen und einen immer
schwerer lastenden Berg aufwerfen. Die andere Bewegung
ist die unterirdische des Ich, das wie ein blinder Maulwurf
ins Helle drängt. Man denkt an Jacob Burckhardt: »Der
Geist ist ein Wühler.«
Folgen wir der Transpositionsbewegung, in die wir ge-
rieten, noch einmal: Wer ist hier das Du, das die Namen
66
neu knetet, das ein wahrhaft sehendes Auge besitzt, das
wahrhafte Sättigung und Erhellungverspricht? Wen meint
»ich« und wen »du«? Der Übergang zum Ich ist plötzlich
und stark akzentuiert. Es hebt sich aus dem allen gemein-
samen Geschick heraus. Der Lebensberg aller wird be-
ständig aufgeworfen, und aus ihm bildet sich Sinn und
Sinnlosigkeit eines jeden Lebens. So werden unser aller
»N amen« geknetet. Aber es sind nicht alle, es ist das eine
Ich, das hier »ich« meint, das diese Namen abtastet. Das
Tun des Dichters klingt an, der es mit den Namen, mit al-
len Namen, versucht. Es bestätigt sich also: »Name« meint
nicht nur die Namen der Menschen. Es meint sicherlich
den Berg der Worte, es meint die Sprache, die über
alle Erfahrung des Lebens gelagert ist wie eine deckende
Last. Sie ist es, die »abgetastet«, d. h. auf ihre Durchlässig-
keit geprüft wird, ob sie nicht doch irgendwo den Durch-
bruch ins Helle gewährt. Mir scheint, es ist die Entbeh-
rung und die Auszeichnung des Dichters, was hier be-
schrieben wird. Aber ist es nur die des Dichters?
In die Rillen
der Himmelsmünze im Türspalt
preßt du das Wort,
dem ich entrollte,
als ich mit bebenden Fäusten
das Dach über uns
abtrug, Schiefer um Schiefer,
Silbe um Silbe, dem Kupfer-
Schimmer der Bettel-
schale dort oben
zulieb.
Das sind bittere Zeilen. In den Ausgaben liest man statt
»Himmelsmünze« »Himmelssäure«. Dies wird zu berich-
tigen sein. Aber die Frage bleibt, wie die Lesart der Aus-
gaben zu verstehen war. Denn ohne Zweifel hat man es in
gewissem Umfang verstehen können.
1
Dafür spricht nicht
nur das Verhalten des Dichters als solches, der - nach Be-
richten - beim Bemerken des Druckfehlers höchst gleich-
mütig blieb. Die Sinnkohärenz des Ganzen ist im ganzen
stark genug, damit Einzelteile austauschbar sein können.
Das hat seinerzeit schon Walter Benjamin unter dem Be-
griff »das Gedichtete« beschrieben. Wäre es nicht so, dann
wäre alle Auslegung, die mit unsicheren Vermutungen ar-
beiten muß, ohne Wert. Wir erörtern die beiden Lesarten
nebeneinander, um eine jede von beiden im Ganzen des
Gedichtes zu orten. -
Zwischen der ätzenden Schärfe der Himmelssäure, von
der wir offenbar durch eine niemals sich öffnende Tür ge-
schieden sind und die für uns gewiß unerträglich wäre,
und der kupfernen Bettelschale »dort oben« spannt sich
der Bogen eines einzigen Satzes. Eine Theologie des sich
verweigernden Himmels liegt zugrunde. Doch die Tür ist
undicht. Die Himmelssäure, gegen die wir durch die Tür
abgedichtet sind, hat Rillen in den Türspalt geätzt, und so
kommt etwas hindurch. Was hindurchkommt, ist das
Wort. Offenbar wird die Metapher der ätzenden Säure
deshalb vom Himmel gesagt, weil er sich verweigert. Als
der sich verweigernde hat er seine verzehrende Schärfe -
und doch sucht man jeden Tropfen dessen, was da zu uns
gelangt - eben »das Wort«.
Doch nun hat man zur Kenntnis zu nehmen, daß es im
Text nicht »Himmelssäure« sondern »Himmelsmünze«
heißt. Damit ist die Bildvorstellung eine gänzlich andere.
Der Genitiv »der Himmelsmünze« ist auf »Rillen« natür-
lich nicht mehr kausativ bezogen, sondern als ein subjek-
tiver Genitiv zu verstehen: die Münze hat Rillen. Wenn
man fragt, wie kommt die Münze in den Türspalt? - so hat
man keine Antwort. Genug, daß sie darin steckt. Man stellt
sich vor, daß sie dazu dienen sollte, die Tür zu öffnen, aber
I Vgl. dazu unten, S. 435.
68
diese öffnet sich nicht, gibt keinen wirklichen Eintritt.
Statt dessen dringt durch die Tür etwas heraus. Nun ist es
offenbar so, daß die Rillen der Münze die Tür undicht ma-
chen. Worauf es anzukommen scheint, das ist, daß nicht
die Münze selbst als legitime Einlaßgebühr für den Him-
mel (oder als Ausgangs- und Durchlaßgebühr aus dem
Himmel?) die kleine Durchlässigkeit schafft, sondern et-
was, das an ihr ist und das zwar auf ein blankes, neuge-
prägtes Geldstück weist, aber nichts mit seinem Münz-
wert zu tun hat. Das ist recht dunkel. Handelt es sich um
ein raffiniertes Symbol für Gnade? Jedenfalls hatte der
Versuch, die Einlaßgebühr zu entrichten, keinen Erfolg.
Was aus diesem sich verweigernden Himmel allein bei uns
ist, ist »das Wort«. Ist das so gemeint? So lutherisch?
Gewiß ist freilich, daß die Himmelsmünze der Bettel-
schale »dort oben« entspricht. Beides hat auf ein uner-
reichbar Jenseitiges Bezug. In der Bettelschale werden
Münzen gesammelt (Himmelsmünzen ? Münzen für den
Himmel?) - und zu diesem ärmlichen Schatz scheint der
hinzustreben, der seine Bestimmung aus dem »Wort« her-
leitet, dem einzigen, das aus dem ganzen Reichtum des
Himmels bei uns ist.
In der Tat, es sind bittere Zeilen, welche der beiden Les-
arten man auch zugrunde legt. Das jedenfalls steht fest,
daß nichts aus jenem Himmel verlautet als das, was »du«-
wieder dieses unbekannte Du - durch die Undichte der
versperrenden Tür preßt. Es ist keine strömende Heils-
botschaft, sondern ein mühsam erpreßtes Wort, und oben-
drein scheint es wie eine seltsam verkehrte Mühe. Denn
offenbar sind nicht wir es, die sich mühen, da hineinzu-
kommen oder da herauszukommen, sondern »das Wort«
soll offenbar heraus. So will es das Du. Meint das, daß wir
gegen die Wahrheit versperrt sind und die Wahrheit uns
gar nicht verweigert wird? Halten wir sozusagen die Tür
zu oder finden den Schlüssel nicht, weil wir an die Gültig-
keit unserer Münze glauben? Ich stelle alle diese Fragen in
dem Bewußtsein, daß jedenfalls die Theologie des Deus'
absconditus anklingt.
Eine weitere Schwierigkeit: Wenn das Wort heraus und
da ist, bin »ich« es, der ihm »entrollte«. Wer - ich? Bin ich
aus dem Wort? Bin ich das Wort, wie alle Kreatur ein
Schöpferwort ist? Ist es das Wort, aus dem ich komme, zu
dem ich nun und immerzu zurückstrebe ? Das gäbe auch
bei der äußersten Gottesferne Sinn. Denn unter dem Dach
der Sprache leben wir alle. Vielleicht gilt auch von uns al-
len, daß ein jeder von uns das Dach, das uns allen gemein-
samen Schutz gewährt, weil es den Durchlaß und Aus-
blick nimmt, gleichwohl abtragen möchte, um nach oben,
ins Freie zu blicken. Vor allen anderen ist es gewiß der
Dichter, der hier von sich sagt, was vielleicht für uns alle
gilt. Die Decke der Worte ist wie ein Dach über uns. Sie
sichern das Vertraute. Indem sie aber uns ganz mit Ver-
trautheit umschließen, verhindern sie jeden Ausblick in
das U nvertraute. Der Dichter - oder wir alle? - sucht Silbe
um Silbe, das heißt mühsam und unermüdlich, abzutra-
gen, was verdeckt. Offenbar entspricht dieses Abtragen
»Silbe um Silbe« dem, was im vorigen Gedicht als das Ab-
tasten der Namen und das Heranwachen begegnete. Hier
wie dort scheint eine verzweifelte Anstrengung dessen,
der ins Helle, nach oben strebt, beschrieben.
Aber gelangt man je zum Ziele? Die Antwort des Ge-
dichtes ist niederschmetternd. Was hier durch die Arbeit
der bebenden Fäuste allenfalls erreicht wurde, wäre in
Wahrheit nichts als die kupferne Bettelschale mit ihrem
jenseitigen Schimmer. Daß eine ganz gewöhnliche Bettel-
schale auf einer Pariser Straße den Dichter inspiriert hat,
wie mir Bollack erzählt hat, ändert nichts daran, daß hier
von einer »Bettelschale dort oben« die Rede ist und damit
eine bestimmte Transposition von uns verlangt wird. Das
Gedicht versetzt die Bettelschale in den Zusammenhang
von Heiligkeit und Heilsverlangen. Freilich, mit welcher
Tönung? Der Erwartung? Kaum. Eher so: Wir reichen
nicht weiter mit unserer Vorstellung von Heil als noch ge-
rade an die Bettelschale, in der die Opfergaben gesammelt
werden - im Kirchenraum das profanste aller Geräte.
Oder auch: Wir reichen nur bis an die dürftige Mildtätig-
keit einer »Sammlung«, in der weder Wärme noch Liebe
ist. Jedenfalls ist es nicht einmal etwas von wahrhaft Hei-
ligem, das auf mich wartet, wenn ich das schützende Dach
abzutragen suche. Es ist kaum der Abglanz des Heiligen.
Oder ist es überhaupt nichts Heiliges, sondern etwas, das
vielleicht wie Heiliges, aber in falschem Schimmer glänzt?
Jedenfalls ist der verzweifelt sich Anstrengende voll von
Bitterkeit und sich der Enttäuschung bewußt, die auf ihn
wartet.
Doch lassen wir einmal alle Theologie beiseite und prü-
fen die einzelnen Wendungen. Was heißt es, daß ich dem
Wort entrollte? Bei der Wendung »entrollte« und im Ab-
tragen »Silbe um Silbe« denkt man zunächst an die Tätig-
keit des Entrollens einer Schriftrolle und des Entzifferns
eines Urtextes, wie er etwa das dichterische Wort sein
könnte. Hier ist aber das Wort »entrollte« intransitiv ge-
braucht. »Ich entrollte« dem von oben durchsickernden
Wort, diesem geringsten Tropfen einer jenseitigen himm-
lischen Substanz. Das klingt paradox. Nicht »ich« bin es,
der Silbe um Silbe das Wort - wie eine Schriftrolle - ent-
rollte, sondern »das Wort« ist es, dem ich selber entrollte.
Es ist offenbar so, daß der Dichter selber aus dem Wort
kommt und daß seine ganze Anstrengung darauf geht, dies
Wort wieder zu erreichen, aus dem er kommt und das er
als das Seine weiß. Kein Zweifel, daß dies atemlos ver-
zweifelte Suchen nach dem Wort über all den Silben und
Wörtern dem gilt, was »das Wort« - das wahre Wort - ist:
das Wort, in dem der, der das Wort sucht, selber darin ist.
Das scheint in der Tat so, daß es der Dichter ist, der hier
von sich »ich« sagt und der ganz im Wort lebt. Die Auf-
gabe des Dichters besteht eben darin, daß er nach dem
wahren Wort, das nicht das übliche schützende Dach aller
Tage ist, sondern das von jenseits her ist, wie nach seiner'
wahren Heimat strebt und deshalb Silbe um Silbe das Ge-
füge der alltäglichen Worte <1.btragen muß. Er muß gegen
die verbrauchte, gewöhnliche, verdeckende und alles ein-
ebnende Funktion der Sprache ankämpfen, um den Blick
in den Schimmer dort oben freizulegen. Das ist Dichtung.
Aber es ist noch etwas anderes darin. Es heißt ja, der
Dichter entrollte dem Wort, als er in seinem Dichten,
Wort um Wort, nach seiner Herkunft aus dem wahren
Wort aufschaut, und kann doch von dem Heiligen nie
mehr gewahren als seinen profansten, ärmlichsten Schim-
mer - vielleicht sogar: seinen falschen, durch das Betteln
entstellten Glanz. Damit gewinnt das Entrollen eine noch
andere, negative Tönung. Mit dem Abtragen des Daches,
dem Suchen der rechten Worte (»als ich abtrug«) kehrt er
nicht heim, sondern verliert sich der Dichter gerade. Er
»entrollte« dem Wort, das er eigentlich ist, wird hoff-
nungslos von ihm geschieden und ist vergeblich - »mit be-
benden Fäusten« - bemüht, zu ihm zurückzugelangen.
»Wir übersetzen, ohne den Urtext zu haben« (G. Eich).
Und wieder fragt man sich: Ist es wirklich nur der Dichter,
dem dies widerfährt, daß das eigentliche Wort unerreich-
bar bleibt, obwohl es sein eigenstes ist? Oder ist es viel-
mehr unser aller Erfahrung, von dem eigentlichen Wort
und seiner Wahrheit geschieden zu sein, gerade dadurch,
daß man Worte macht und daß man »mit bebenden
Fäusten« auf etwas hin tätig ist, das man haben möchte,
das nicht erreichbar ist - und das am Ende gar nicht einmal
so ist, daß es die Mühe lohnt?
In den Flüssen nördlich der Zukunft
werf ich das Netz aus, das du
zögernd beschwerst
mit von Steinen geschriebenen
Schatten.
Man muß das Gedicht in seinem Zeilenbruch nicht nur ge-
nau lesen, man muß es so auch hören. Celans meist sehr
kurzzeilige Gedichte nehmen es damit sehr genau. Bei
breiter strömenden Versen, wie etwa den Duineser Ele-
gien, die ohnehin viel technischen Zeilenbruch, insbeson-
dere in den der Erstauflage folgenden Drucken, nicht ver-
meiden konnten, sind nur sehr deutliche Verszäsuren von
so siegelhafter Prägnanz wie die Schlußzeilen dieser Ge-
dichte Celans. In unserem Falle ist der Schlußvers ein ein-
ziges Wort: »Schatten« - ein Wort, das so schwer sich
senkt wie das, was es bedeutet. Indessen, es ist ein Schluß,
und wie jeder Schluß rückt er die Maße des Ganzen fest.
Auch der evozierten Bedeutung nach: »Schatten fallen«
heißt immer auch: Sie werden geworfen. Wo Schatten fal-
len und verdunkeln, ist immer auch Licht mit da und das
Lichte, und wirklich, es wird hell in diesem Gedicht. Was
es evoziert, ist Klarheit und Kälte eisnahen Gewässers.
Die Sonne durchscheint das Wasser bis auf den Grund.
Die Steine, die das Netz beschweren, sind es, die die Schat-
ten werfen. Das ist alles höchst sinnlich und konkret: Ein
Fischer wirft das Netz aus, und ein anderer hilft ihm dabei,
indem er das Netz beschwert. Wer ist Ich? Und wer ist
Du?
Das Ich ist ein Fischer, der das Netz auswirft. Auswer-
fen des Netzes ist eine Handlung reiner Erwartung. Wer
das Netz ausgeworfen hat, hat alles getan, was er tun
konnte, und muß warten, ob etwas sich fängt. Es wird
nicht gesagt, wann diese Handlung vollzogen wird. Es ist
eine Art gnomischer Gegenwart, d. h., es geschieht immer
wieder. Das wird durch das pluralische »in den Flüssen«
unterstrichen, das nicht wie das nahe liegende »Gewäs-
sern« eine unbestimmte Ortsangabe bedeutet, sondern
sehr bestimmte Plätze, die man aufsucht, weil sie Fang
verheißen. Diese Plätze liegen alle »nördlich der Zu-
kunft«, d. h. noch weiter draußen, außerhalb der gewohn-
ten Wege und Fahrten, dort, wo keiner sonst fischt. Es ist
73
offenbar eine Aussage über das Ich, nämlich, daß es ein Ich'
solcher besonderer Erwartung ist. Es erwartet das Zu-
künftige dort, wo keine Erwartung der Erfahrung hin-
reicht. Aber ist nicht jedes Ich ein Ich solcher Erwartung?
Ist nicht in jedem Ich etwas, das in eine Zukunft ausgreift,
die hinausliegt über das, womit man zukünftig rechnen
kann? Das Ich, das so anders ist als die anderen, ist gerade
das Ich eines jeden.
Nun beruht der kunstvoll gespannte Bogen dieses Ge-
dichtes, das ein einziger schlichter Satz ist, darauf, daß das
Ich nicht alleine ist und nicht allein den Fischfang durch-
führen kann. Es bedarf des Du. Betont steht das »du« am
Ende der zweiten Zeile, wie angehalten, wie eine unbe-
stimmte Frage, die sich erst durch den Fortgang des drit-
ten Verses - oder besser: der zweiten Hälfte des Gedichts
- mit ihrem Sinn erfüllt. Hier wird ein Tun sehr genau be-
schrieben. »Zögernd beschwerst« meint nicht ein inneres
Zögern der Unentschiedenheit oder des Zweifels, das das
Du, wer es auch sei, die Zuversicht des fischenden Ich
nicht ganz teilen läßt. Es wäre völlig mißverstanden, wenn
man in das »zögernd« diesen Sinn legen würde. Was be-
schrieben wird, ist vielmehr das Beschweren des Netzes.
Wer das Netz beschwert, darf nicht zuviel tun und nicht
zuwenig; nicht zuviel, damit das Netz nicht ab sinkt, und
nicht zuwenig, damit es nicht obenhin treibt. Das Netz
muß, wieder Fischer sagt, »stehen«. Von hier bestimmt sich
das Zögernde des Beschwerens. Wer das Netz beschwert,
der muß vorsichtig Stein auf Stein hinzutun wie auf eine
Waagschale, in der man das Gewicht von etwas wägt.
Denn es kommt darauf an, den richtigen Augenblick des
Gleichgewichts zu treffen. Wer das beim Beschweren des
Netzes tut, hilft, daß der Fang überhaupt möglich wird.
Die sinnliche Konkretion des Vorgangs ist aber kunst-
voll ins Imaginäre und Spirituelle gehoben. Schon die erste
Zeile nötigte durch die sinnlich uneinlösbare Fügung
»nördlich der Zukunft«, die Aussage in ihrer Allgemein-
74
heit zu verstehen. Die gleiche Funktion übt in der zweiten
Hälfte die nicht minder uneinlösbare Fügung einer Be-
schwerung mit Schatten aus, und gar »mit von Steinen ge-
schriebenen Schatten«. Wie dort der Mensch als das Wesen
der Erwartung in der sinnlichen Gebärde des Fischers
sichtbar wurde, so bestimmt sich hier, was Erwartung ist
und möglich macht, näher. Denn offenbar sind hier zwei
Handlungen in ihrem Zusammenspiel gezeigt: das Aus-
werfen und das Beschweren des Netzes. Zwischen ihnen
ist eine geheime Spannung, und doch sind sie das einheit-
liche Tun, das allein Fang verheißt. Gerade der geheime
zwischen Werfen und Beschweren ist es, auf
den es ankommt. Man würde mißverstehen, wenn man die
Beschwerung als eine Hemmung des reinen Wurfs in die
Zukunft verstünde, als eine Trübung der reinen Erwar-
tung durch die beschwerende Einsicht in das, was nach
unten zieht. Der Sinn der Spannung ist vielmehr, daß nur
durch sie die Leere des Erwartens und die Eitelkeit des
Hoffens Bestimmtheit von Zukunft gewinnt. Die kühne
Metapher der »geschriebenen Schatten« läßt nicht nur das
Imaginäre und Spirituelle der ganzen Handlung hervor-
treten, sondern bezeugt so etwas wie Sinn. Was »geschrie-
ben« ist, läßt sich entziffern. Es bedeutet etwas und ist
nicht einfach der dumpfe Widerstand des Schweren. Soll
man übertragen: Wie der Akt des Fischers nur aussichts-
reich ist durch Zusammenspiel von Wurf und Beschwe-
rung, so ist auch alle Zukünftigkeit, in die das menschliche
Leben hineinlebt, keine bloße unbestimmte Offenheit für
das Kommende, sondern bestimmt sich durch das, was
war und wie es aufbewahrt ist wie in einem von Erfahrun-
gen und Enttäuschungen geschriebenen Buch.
Aber wer ist dieses Du? Es klingt fast, als wisse da einer,
wieviel er dem Ich aufladen kann, wieviel das hoffende
Herz des Menschen erträgt, ohne daß es die Hoffnung sin-
ken läßt. Ein unbestimmtes Du, das vielleicht in dem Du
des Nächsten, vielleicht in dem Du des Fernsten seine
75
Konkretion findet, oder gar in dem Du, das ich mir selbst
bin, wenn ich meiner eigenen Zuversichtlichkeit die Gren-
zen des Wirklichen fühlbar mache - in jedem Fall ist das
Zusammenspiel von Ich und Du, das den Fang verheißt,
das, was in diesen Versen eigentlich präsent ist und dem
Ich seine Wirklichkeit verleiht.
Was ist es aber nun, was da Fang heißen soll? Der flu-
tende Austausch zwischen dem Dichter und Ich erlaubt,
es in einem besonderen wie in einem allgemeineren Sinne
zu verstehen - oder besser: im besonderen den allgemei-
nen Sinn zu erkennen. Der Fang, der glücken soll, mag das
Gedicht selbst sein. Der Dichter mag sich selbst darin mei-
nen, daß er das Netz dort auswirft, wo Klarheit und Un-
berührtheit die Gewässer der Sprache ungetrübt findet
und ihn erwarten läßt, daß das über alles Herkömmliche
Hinausgehende seiner Kühnheit ihm einen Fang gewährt.
Daß der Dichter sich selbst meint, wenn er in dieser Weise
sich als ein fischendes Ich darstellt, läßt sich auch durch
den Zusammenhang stützen - nicht nur den großen welt-
literarischen Zusammenhang, der den dichterischen Fund
gern aus dunkler Tiefe - eines Brunnens oder eines Sees -
hervorholen läßt. Man denke an die bekannten Gedichte
Stefan Georges Der Spiegel und Das Wort. Auch der be-
sondere Zusammenhang der vorliegenden Gedichtfolge
läßt das wahre Gedicht, das kein »Meingedicht« ,kein täu-
schender Schwur der Angeblichkeit ist, gegenüber dem
eitlen Worttreiben, in dem die Sprache hin- und her gezerrt
wird, zur Abhebung kommen. So ist es durchaus berech-
tigt, auch in unserem Gedicht das ganze Geschehen vom
Dichter und seiner Erwartung des Wortes, das ihm ge-
lingt, her zu verstehen. Und doch ist das, was hier be-
schrieben wird, so, daß es weit über das Besondere des
Dichters hinausgeht. Und das nicht nur hier. Es ist eine der
großen Grundmetaphern der gesamten Neuzeit, daß das
Tun des Dichters wie ein Exempel des Menschseins selber
ist. Das Wort, das dem Dichter gelingt und dem er Bestand
verleiht, ist nicht sein spezielles artistisches Gelingen, son-
dern ein Inbegriff menschlicher Erfahrungsmöglichkeiten
überhaupt, der dem Leser erlaubt, das Ich zu sein, das der
Dichter ist. In unseren Versen sind Ich und Du in einer ge-
heimen Solidarität des Gelingens beschrieben, die nicht
nur die des Dichters und seines Genius oder Gottes ist. Da
ist nicht ein beschwerendes Wesen, Mensch oder Gott, das
da Wortschatten auflädt, die die Freiheit beengen. In die-
sem Gedicht, das ein eigenes Gelingen dichterischer Exi-
stenz meinen mag, kommt in Wahrheit zur Aussage, wer
Ich ist, indem deutlich wird, wer Du ist. Wenn des Dich-
ters Verse uns dieses Zueinander präsent machen, dann
rückt ein jeder von uns in eben den Bezug ein, den der
Dichter als den seinen aussagt. Wer bin ich und wer bist
du? Das ist eine Frage, auf die das Gedicht seine eigene
Antwort dadurch gibt, daß es die Frage offenhält.
O. Pöggeler schlägt vor, das »nördlich der Zukunft« als
eine Todeslandschaft zu verstehen, da von dem »ungreif-
baren Abgrund« des Todes her jede auf uns zukommende
Zukunft schon überholt sei - eine Radikalisierung der
menschlichen Grunderfahrung, die es nötig machen wür-
de, das Du als den Todesgedanken zu verstehen, der allem
Dasein sein Gewicht gibt. Es ist wahr, daß so »nördlich
der Zukunft« präziser verstanden würde: dort, wo keine
Zukunft mehr ist - und das hieße: auch keine Erwartung.
Und dennoch: Fischzug. Es lohnt, darüber nachzuden-
ken. Ist es das Einverständnis mit dem Tode, das neuen
Fang verheißt?
Vor dein spätes Gesicht
Allein-
gängerisch zwischen
auch mich verwandelnden Nächten,
kam etwas zu stehn,
das schon einmal bei uns war, un-
berührt von Gedanken.
77
Dies Gedicht erschien mir lange besonders schwierig.'
Denn bei aller Eindeutigkeit seiner Aussage läßt es einen
besonders weiten Raum für die Ausfüllung. Ist es ein Lie-
besgedicht? Oder spricht es von Mensch und Gott? Sind
es Liebesnächte oder die Nächte des Einsamen, die »mich«
verwandelt haben?
Es liegt, wie bei sehr kurzzeiligen Gedichten oft, gerade
durch die Kürze und Knappheit seines Baues ein be-
sonders starkes Gewicht auf der letzten Verszeile. »Be-
rührt von Gedanken« - das ist fast wie ein epigrammati-
sches Siegel. Von hier muß im Grunde das Ganze wie von
seiner Verdichtung her begriffen werden. Die spannungs-
volle Trennung »un-berührt von Gedanken« stellt das Be-
rührtsein von Gedanken für sich. Aber in welchem Sinne?
Es gibt zwei Möglichkeiten, dies zu verstehen: als eine po-
sitive und durch die Zeilentrennung verstärkte Aussage
über die Unberührtheit dessen, was da »vor dein Gesicht«
trat - daß es nämlich nichts ausdrücklich Gewußtes und
Gedachtes ist. Oder aber es ist eine Aussage darüber, daß
das, was »schon einmal bei uns war«, nun anders, nämlich
»berührt von Gedanken«, also verwandelt ist. Es hieße
also gerade nicht: nach wie vor unberührt. Nun ist die
Aussage des Gedichtes durchweg von der Spannung zwi-
schen »nach« und »vor« beherrscht. Es ist von einem
»späten« Gesicht die Rede, das ein »früher« heraufruft; es
ist von einem »schon einmal« die Rede und ausdrücklich
von »verwandelnden« Nächten. So muß auch in dem »un-
berührt«, das nicht umsonst Zeilentrennung in sich
austrägt, die Spannung zwischen Einst und Jetzt liegen.
Die Frage geht bis in die letzten Eigenheiten von Rhyth-
mik, Versbau und Sinnfügung. Es handelt sich um eine
Frage letzter Sinnkohärenz - und die scheint mir für die
von mir vorgeschlagene Deutung zu sprechen, daß eine
neue Bewußtheit eingetreten ist. Denn jenes »etwas«, das
da zu stehen kommt, bliebe allzusehr in der Unbestimmt-
heit, wenn über es überhaupt nichts ausgesagt würde.
Wenn dagegen der Sinn ist, daß die Unberührtheit von
Gedanken durch den Gedanken zerstört wird, dann ver-
steht man immerhin, daß »etwas« eingetreten ist, nämlich
bei aller Unbestimmtheit eine neue, Alleinsein einschlie-
ßende Bewußtheit. Wachsende Bewußtheit, Abstand, Al-
leinsein: das ist nicht die enttäuschte Feststellung eines
verlorenen Zugangs - wie eine Entfremdung es wäre -,
sondern es findet hier gegenseitige Anerkennung statt:
»auch mich« - also auch dich - »verwandelnd« heißen die
Nächte. Der Abstand, der jetzt bewußt wird, war an sich
immer da, als das, was man Diskretion nennt/ bis zu jener
»unendlichen Diskretion«, mit der Rilke sein Verhältnis
zu Gott beschreibt.
Aber das ist nun die eigentliche Erfahrung, die aus die-
sen Versen spricht: Inzwischen ist es anders geworden.
Was von Gedanken unberührt war, ist nicht länger so, und
das ein für allemal. Eben die Endgültigkeit dessen, was
nun eingetreten ist, spricht aus der epigrammatischen
Schlußzeile »berührt von Gedanken«.
Hier scheint die Frage besonders dringlich, wer Ich ist
und wer Du. Aber auch hier ist nicht so zu fragen. Das ein-
zige, worauf es ankommt, ist, daß zwischen dem Ich, das
hier spricht, und dem Du, das es anspricht, die Geschichte
einer innigen Beziehung heraufgerufen wird, deren Be-
ginn länger zurückliegt. Darauf deutet das Beiwort »spät«,
das dem Gesicht zugesprochen wird, und weiter klingt es
so, als ob dies Gesicht inzwischen in sich zurückging und
sich stärker in sich verschlossen hat. Denn es heißt »allein-
gängerisch«, und das meint nicht einfach allein-gehend,
sondern ein bewußt gewähltes und festgehaltenes Allein-
sein. Wieder ist es die Worttrennung, welche die Spannung
dieses Alleinseins verleiblicht. Sie läßt beides anklingen,
das Alleinsein und den Willen dazu. Das bestätigt sich von
der anderen Seite durch »mein« Eingeständnis, daß auch
2 Zu diesem Begriff und seiner Rolle für das Verständnis moderner Lyrik
vgl. >Verstummen die Dichter?<, in: Gadamer, Gesammelte Werke, Bd.
9, Tübingen I993, s. 362ff.
79
ich verwandelt bin. Was da »vor dein spätes Gesicht« tritt,
ist aber ausdrücklich nicht als etwas Fremdes anzusehen,
das früher nicht da war. Es war ja schon einmal »bei uns«.
Was inzwischen anders geworden ist, hebt die Vertraut-
heit der gegenseitigen Bindung durchaus nicht auf. Es ist
nicht etwas Fremdes. Man soll nicht fragen, was das ist.
Offenbar weiß der Sprechende es selber nicht zu benen-
nen. Es ist »nichts«.
Was das Gedicht darüber hergibt, liegt einzig in der
Wendung »un-berührt von Gedanken«. Das besagt, daß
man sich inzwischen Gedanken macht und daß gerade da-
durch »etwas zu stehn« gekommen ist. Man achte darauf,
daß es nicht heißt: etwas trat dazwischen. Es ist überhaupt
keine besondere Begebenheit gemeint, die alles veränderte,
sondern eher der Niederschlag der Zeit selbst, der nicht
etwa etwas N eues enthüllt, sondern das, was an sich schon
bekannt ist, weil es »schon einmal bei uns war«, nun für
sich stehen läßt. Es heißt »bei uns« - und nicht: zwischen
uns. Was da zum Bewußtsein kommt, ist vielleicht nichts
anderes als Alleinsein in wechselseitiger Vertrautheit.
So scheint es kaum nötig zu wissen, wer Ich und wer Du
ist. Denn das, wovon die Rede ist, geschieht beiden. Ich
und Du sind beide Verwandelte, sich Verwandelnde. Es ist
die Zeit, die ihnen geschieht. Ob nun dieses Du das Ge-
sicht des Nächsten trägt oder das ganz andere des Gött-
lichen - die Aussage ist, daß bei aller Vertrautheit zwi-
schen beiden ihnen mehr und mehr der Abstand bewußt
wird, der zwischen ihnen bleibt. In jenen Nächten, das
heißt in der Nähe und Innigkeit des Beisammen, die alles
andere auszulöschen und alles Trennende aufzulösen ver-
mag, gerade da verwandelte sich etwas und kam etwas zu
stehen. Ist das überhaupt etwas Trennendes? Es trat »vor
dein Gesicht«. Gewiß liegt darin auch, daß ich keinen so
unmittelbaren Zugang mehr zu dir habe, aber doch auch,
daß ich nicht von dir getrennt bin. Es war ja schon vorher
»bei uns«. Eher scheint es, als würde in einem neuen Wis-
80
r
I
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sen der Abstand bejaht, der immer war, der Abstand zum
verborgenen Gott oder die Ferne des Allernächsten.
Die Schwermutsschnellen hindurch
am blanken
Wundenspiegel vorbei:
da werden die vierzig
entrindeten Lebensbäume geflößt.
Einzige Gegen-
Schwimmerin, du
zählst sie, berührst sie
alle.
Es geht um die Erfahrung der Zeit. An einem Punkte wird
es handgreiflich, worauf das Gedicht anspielt. Jemand
denkt an die vierzig Jahre, die er alt ist. Man wird sagen:
der Dichter. Gewiß, und doch ist in dem, was der Dichter
hier von sich selbst sagt, ein Allgemeines da, ein so sehr al-
len Gemeinsames, daß diese besonderen vierzig Jahre
nicht die des Dichters allein sind. In dem ganzen Gedicht
wird überhaupt nicht »ich« gesagt, so sehr ist im Sprechen
des lyrischen Wortes das Ich da, das wir alle sind. Dieses
Ich, das wir alle sind, denkt an seine vierzig Jahre, das heiß t
an alles, was an ihm, und an alles, woran es selbst vorüber-
gekommen ist: Zeiten der Schwermut, Stromschnellen, die
nicht so sehr durch ihr Dasein als durch die Plötzlichkeit
und Unvorhersehbarkeit ihres Auftretens Gefahr sind.
Die Gefährlichkeit dessen, was so plötzlich über einen
kommt, ist in dem einzigen Wort »Schwermutsschnellen«
beschworen - aber auch, daß das Ich durch alle Anfech-
tungen hindurchkam. Jetzt geht es durch ruhigeres Wasser,
an dem spiegelnden See vorbei, der im Kontrast zu den
Stromschnellen eine so unbewegte Wasserfläche ist, daß
sich alles in ihm spiegeln kann. So ist in ihm Wissen und
Eingedenken. Was sich in ihm spiegelt, sind die sichtbaren
8r
Spuren sichtbarer Wunden, deren
hinrauschende Leben sIch schmerzhaft bewußt wIrd. SIe
vor allem sind es, die in der Lebensbilanz auftreten.
Und doch ist die eigentliche Bewegung des Gedichtes,
daß das Leben weitergeht, vorbei an den jähen Verdüste-
rungen wie an der Klarsicht offener Leiden. Die Lebens-
bäume der Jahre, die da dahintreiben, heißen ihrerseits
»entrindet«. Das kann heißen: Es liegt der Kern bloß (für
den sich Erinnernden?), dergestalt, daß alles Unwesentli-
che abgestreift ist. Vielleicht auch: Das eigentliche Leben-
dige ist nicht mehr dabei. Die Entrindung läßt den Säfte-
strom des Lebens nicht mehr steigen und sinken. Was da
ist, ist nur ein verholztes Gehäuse. In jedem Falle: sie wer-
den geflößt. Die Kraft der Wasser trägt sie dahin, talab-
wärts. Diesem Strom des Vergehens schwimmt jemand
entgegen, für den, als die »einzige Gegenschwimmerin«,
all diese Unterschiede von jähen Verdüsterungen und
spiegelnder Klarheit der Wunden und all das, was sie an
Leben einschließen, überhaupt nicht zu existieren schei-
nen. Diese Gegenschwimmerin wird als Du angeredet, be-
wundernd, besiegelnd.
Die letzte Verszeile »alle« macht das Allumfassende die-
ser Gegenbewegung deutlich. Die Gegenschwimmerin
zählt alle und berührt alle diese Bäume des Lebens. Das
Gleichmaß und die unbeirrbare Genauigkeit, die hier am
Werke sind, machen es eindeutig, scheint mir, daß die
Gegenschwimmerin die vergehende Zeit selber ist. Kein
menschliches Erinnern oder Gedächtnis oder gar die mit-
gehende Sorge eines anderen vermöchte so beständig und
unverrückt und untrennbar vom ersten Jahre an dabeizu-
sein. Plato lehrt uns: Die Zeit ist die Zahl, das bewegte
Außereinander. Die Gegenschwimmerin hier ist freilich
mehr als nur ein Maß, an dem sich die Bewegung mißt. Sie
tut etwas, indem sie selber der Stromversetzung des Ver-
gehens widersteht. Dadurch allein ist sie wie ein festes
Maß, mit dem sich alles zusammenfassen und messen läßt
und von dem aus sie sich zählend all des Vorüberfließen-
den vergewissert, wie mit berührender Hand. Nichts wird
dabei weggelassen, alles gehört dazu, auch all die >unge-
zählten< Leiden, die hinter sich zu lassen und zu vergessen
leben heißt. Das Gezählte ist also die ganze Summe der
durchlebten Zeit. Nun lehrt uns Aristoteles: Irgendwie ist
mit der Zeit die Seele da. Das »Gegen«, das sich nicht mit-
reißen läßt und nicht davon abläßt, dabeizusein und alles
zU:2ählen, ist also nicht so sehr die Zeit selber wie das ste-
hende und widerstehende Selbst, das Ich, das, worin die
Zeit ist. In ihm erst faßt sich, wie Augustin gezeigt hat, die
Lebensgeschichte zu einem Ganzen zusammen. In ihm
erst ist Zeit da. Es ist etwas Rätselhaftes mit der Selbigkeit
des Ich. Es lebt, weil es vergißt - aber es lebt auch nur als
Ich, weil alle seine Tage »für es« gezählt werden und ge-
zählt sind, die unvergeßlichen. Daß nichts, was ich war,
ausgelassen ist, macht das Wesen der Zeit aus. Aber gewiß
ist es nicht das wirkliche Bewußtsein des Vierzigjährigen
oder irgendeines, der zurückblickt, derart alles zu umfas-
sen. Gerade dieser Unterschied der alles zählenden Zeit
und des Lebensbewußtseins des Ich wird diesem vielmehr
zur Erfahrung. Der Vierzigjährige wird an solchem
Gleichmaß der Zeit und am Gleichmut dieses Bewußt-
seins, das die Zeit selber denkt, seiner wie eines höheren
Selbst bewußt.
Die Zahlen, im Bund
mit der Bilder Verhängnis
und Gegen-
Verhängnis.
Der drübergestülpte
Schädel, an dessen
schlafloser Schläfe ein irr-
lichternder Hammer
all das im Welt takt
besingt.
Auch hier geht es um das Erleben der Zeit. »Die Zahlen<;
nimmt das Zählen der Zeit auf. Die Zeit erscheint hier als
Verhängnis, denn sie steht »im Bund mit der Bilder Ver-
hängnis und Gegenverhängnis«. »Der Bilder Verhängnis«
meint offenbar das, was hinter dem Schädel wach ist, das
unvermeidliche Verhängnis des Bewußtseins, in dem im-
mer etwas sich abbildet. Es kann nicht fehlen, daß da etwas
ist - nicht ein Gerufenes, nicht ein Gewünschtes. Die Zah-
len, das heißt dieses Ablaufen der Augenblicke, sind nicht
für sich. Sie sind »im Bund«, d. h. schließen immer zu-
gleich ein, daß als Gegebenheiten der inneren Erfahrung
Bilder da sind. Diese Bilder nun, die so mit den Zahlen
und der Zeit unlösbar mitgehen, sind nicht nur wie die
Zeit» Verhängnis«, d.h. notwendiges, unabänderliches Ge-
schehen, sie haben die Funktion eines »Gegenverhängnis-
ses«. Das will sagen, daß sie zugleich gegen die Zahlen ste-
hen, gegen das Einerlei der Folge, das unaufhörlich wie ein
Hammer pocht. Doch diese Bilder sind auch selber Ver-
hängnis. Als Verhängnis der Bilder erlangt indes das Wort
»Verhängnis« einen neuen Gegensinn, nämlich, daß es et-
was verhängt, so daß das Verhängte nicht mehr in seiner
eigentlichen Gestalt offen liegt und unverhüllt sichtbar ist.
Indem das Gegenverhängnis der Bilder beides zugleich ist,
nicht nur Verhängtes, sondern auch Verhängendes, ge-
winnt auch das Verhängnis selber etwas von dem Doppel-
sinn, verhängt und zugleich verhängend zu sein. Das, wo-
gegen die Bilder das Verhängende und Verhängte sind,
sind die Zahlen, die Zeit, das unabänderliche Vergehen. Es
ist - als im Bunde mit den Bildern - nicht nur ein unauf-
hörliches Pochen der Vergänglichkeit, sondern ist zu-
gleich wie ein Schleier, der über der Gegenwart liegt und
den zu vergessen jener andere Schleier sich herabsenkt, der
bunte Teppich der Bilder.
Die Zeit ist der innere Sinn, in dem sich die Sukzession
der Vorstellungen findet. Das hatte schon Kant und im
Ansatz schon Aristoteles gelehrt. Man versteht das Be-
fremdliche, daß diese Unendlichkeit der Folge und der
Bilder wie unter einem Helm eingeschlossen ist. Es ist der
Schädel, an dessen Wand der Äußerlichkeit sich diese in-
nere Unendlichkeit im Hammerschlag des Zeitpulses ma-
nifestiert. Nun heißt es aber »im Welttakt besingt«: Daß
der Taktschlag des Zeithammers Welttakt ist, ist klar - er
umfaßt alles. Was heißt es aber, daß der pochende Ham-
mer diese ganze innere Folge» besingt«? Aus solchem Takt
des unaufhaltsamen Vorbei wird doch wahrlich keine Mu-
sik. Die kühne Metapher »besingt« bildet einen Endvers
und hat dadurch einen starken Nachdruck, die Emphase
des Paradoxon, das sich selbst setzt und entgegensetzt.
Nun meint »besingt« auf alle Fälle: nicht entgegenstehen,
sondern preisen und in der Preisung gegenwärtig machen.
Was bedeutet das? Wieso ist der »irrlichternde Hammer«,
das Aufzucken des Bewußtseins, das dem Strom von Zeit
und Bild nur folgt und mit ihm geht, zugleich das, was zu
ihm ja sagt, ihn ganz zum meinigen macht - als jenes »Ich
denke«, das alle meine Vorstellungen muß begleiten kön-
nen?
Oder ist es gerade die Monotonie dieses Hammerschla-
ges der Vergänglichkeit, die in einem bitteren Oxymoron
»singen« genannt ist? Doch die semantische Gegebenheit
scheint mir eindeutig: Im großen Takt der Zeit, die wieder
Pulsschlag ist, ist das Aufleuchten des Bewußtseins wie ein
Gegenverhängnis. Es sind Bilder, deren Wechselgehalt das
Einerlei des Vergehens in unaufhörlicher Folge irrlich-
ternd belebt. Wie nahe hier - wie überhaupt bei Celan -
ein Wortspiel lauert, zeigt in der zweiten Strophe die Wen-
dung »schlaflose Schläfe«. Wie alle Wortspiele verkörpert
auch dieses einen Gedankenbruch - oder besser: eine ver-
borgene Harmonie, die, wie Heraklit wußte, stärker ist als
eine offene.) In der Tat ist es das Rätsel des Bewußtseins
3 Zur Tragweite dieses Heraklitischen Grundsatzes nicht nur für das Ce-
lan-Verständnis, sondern der modernen Kunst im allgemeinen siehe ,Im
Schatten des Nihilismus<, in: Gadamer, a.a.O., S. 379ff.
selbst, wie dies Ineins von Schlaf und Schlaflosigkeit, diese
Schlaflosigkeit im Schlaf, sein kann. Wenn man sich seiner
selbst bewußt ist, ist man wach. Aber der, der sich da sei-
ner selbst bewußt wird, ist stets wie ein aus dem Schlaf Er-
weckter. So sicher sind wir unserer Selbigkeit im Selbstbe-
wußtsein, daß seine Wachheit auch seinen Schlaf, sein
Dämmern und Vergessen, fraglos umfaßt. Nun ist der
Hammer, der an die Schläfe pocht, im Einerlei des uner-
bittlichen Weitergehens der Zeit, Gesang - oder wie Ge-
sang? - In jedem Falle meint das etwas, was da zustande
und zum Stehen kommt. Das ist die eigentliche Aussage.
Indem der Hammer nicht nur den Welttaktschlägt, son-
dern im Takt all das, was in der ganzen Greifbarkeit der
Bilder auftaucht, besingt, wird das Einerlei aufgehoben.
Die wechselnden Bilder treten in ein bleibendes Sein, das
dem Vergehen ins Tonlose widersteht und in dem Zustim-
mung geschieht.
Wege im Schatten-Gebräch
deiner Hand.
Aus der Vier-Finger-Furche
wühl ich mir den
versteinerten Segen.
N ach hermeneutischem Grundsatz beginne ich mit der
betonten Schlußzeile. Denn darin liegt offenbar der Kern
dieses Kurzgedichtes. Es spricht von »versteinertem Se-
gen«. Segen wird nicht mehr offen und strömend erteilt.
Die Nähe und die Spende des Segnenden muß vielmehr so
sehr entbehrt werden, daß Segen nur noch in Versteine-
rung gegenwärtig ist. Nun sagt das Gedicht: Dieser Segen
der segnenden Hand wird mit der wühlenden, verzwei-
felnden Inbrunst eines Bedürftigen gesucht. Damit ge-
schieht ein kühner Umschlag von der segnenden Hand zu
der Hand, in der für das Handlesen eine segensreiche hof-
86
fende Botschaft verborgen ist. Was mit dem »Schatten-
Gebräch« gemeint ist, lehrt der Zusammenhang. Wenn die
Hand sich etwas krümmt und die Falten Schatten werfen,
dann werden in dem »Gebräch« der Hand, das heißt in
dem Geflecht von Brechungen und Faltungen, die Brüche
als Linien sichtbar, die der Handleser deutet. Er liest aus
ihnen die Sprache des Schicksals oder des Wesens heraus.
Die» Vi er-Finger-Furche« nun ist die durchgehende Quer-
falte, welche die vier Finger im Unterschied zu dem Dau-
men in einer Einheit zusammenfaßt.
Wie ist das alles seltsam! Das Ich, wer auch immer es sei,
der Dichter oder wir, sucht den fernen und ungreifbar ge-
wordenen Segen aus der Segenshand herauszu»wühlen«.
Das geschieht aber nicht in einem kundig vertrauten
Entziffern geheimnisvoller Linienspiele. Die Situation des
Handlesers, die hier deutlich heraufbeschworen ist, bildet
in Wahrheit und alles in allem eine Kontrastsituation. Man
gestehe es sich ein: Handlesen, wo es im Ernst und nicht
zum reinen Scherz geschieht, behält eine merkwürdige
Berührungskraft. Die Unenthüllbarkeit der Zukunft er-
füllt jede Aussage über solche Zeichen mit einem locken-
den Geheimnis. Aber hier ist es alles ganz anders. Die In-
brunst und die verzweifelte Not des Suchenden ist so
groß, daß er nicht etwa im kundigen Deuten über der Rät-
selschrift der Hand und der Zukunft halb scherzhaft und
halb ernsthaft verweilt - im Gewirr der Handlinien sucht
er wie ein Verdurstender nur die größte, tiefste, in Wahr-
heit geheimnislose Furche allein, in deren Schatten nichts
geschrieben ist. Aber seine Not ist so groß, daß er selbst
noch aus dieser nichts mehr spendenden Handfurche so
etwas wie Segen erfleht.
Wessen Hand ist es? Es scheint schwer, in der Segens-
hand, die nicht mehr segnet, etwas anderes als die Hand
des verborgenen Gottes zu sehen, dessen Segensfülle un-
kenntlich wurde und uns nur noch wie in Versteinerungen
überkommen ist, ob diese nun das erstarrte Zeremoniell
der Religionen oder die erstarrte Glaubenskraft der Men-
schen sein mögen. Aber wieder wird es so sein, daß das
Gedicht darüber nicht entscheidet, wer hier Du ist. Seine
alleinige Aussage ist die inständige Not dessen, der in
»deiner Hand« - wessen Hand es auch sei - nach Segen
sucht. Was er findet, ist »versteinerter« Segen. Ist das noch
Segen? Ein Letztes an Segen? Aus deiner Hand?
Dein vom Wachen stößiger Traum.
Mit der zwölfmal schrauben-
förmig in sein
Horn gekerbten
Wortspur.
Der letzte Stoß, den er führt.
Die in der senk-
rechten, schmalen
Tagschlucht nach oben
stakende Fähre:
sie setzt
Wundgelesenes über.
Das Gedicht ist streng gebaut. Zwei Strophen, die erste
und die dritte, werden je von einer Kurzstrophe gefolgt,
die jeweils eine Art Folgerung zieht. So zerfällt das Ge-
dicht in zwei Hälften. Es sind durchaus verschiedene
Bildsphären, die in ihnen heraufgerufen werden. Aber sie
betreffen ein Gemeinsames: Schlaf und Traum sowie d.as
Erwachen. Offenbar sind es auch rhythmisch zwei sehr
verschiedene Vorgänge, die hier zusammengebunden sind.
Auf der einen Seite das Drängen des Traumes, der wie ein
Bock stößt, und auf der anderen Seite die mühsam nach
oben stakende Fähre. Indessen zielt beides, wenn auch
ganz verschieden gesehen, auf das gleiche.
88
Das ist ein Ausgangspunkt für die Frage, wie das Ganze
zu verstehen ist. Man muß es vom einzelnen her versu-
chen. Der Traum ist »stößig« geworden wie ein Ziegen-
bock. Dadurch gelangt etwas von dem Dunkel an den Tag.
Nun muß man beachten, daß es nicht etwa ein beim na-
henden Erwachen stößig werdender Traum ist, wie wir
das sonst aus dem Traumerleben Schlafender kennen. Er
wird im Gegenteil vom Wachen stößig. Es ist also ein allzu
langer Vorgang des Wachens, der schließlich den Traum so
stößig werden läßt, daß am Ende etwas nach oben über-
setzt, »übergesetzt« wird. Das steht jedenfalls fest, daß das
Gedicht nicht etwa den wirklichen Traum im Schlaf meint,
und das wird vollends deutlich und eindeutig durch das
Reizwort im letzten Verse: »Wundgelesenes«. Daraus geht
hervor, daß es die Welt der Worte und des Lesens ist, in der
sich der Traum regt. Es entspricht dem, daß dieser stößige
Bock ein Horn hat, auf dem sich, wie man das von man-
chen Widderarten kennt, gekerbte Windungen zur Spitze
hinziehen, und daß diese gekerbte Spur »Wortspur« heißt.
So wird deutlich, daß es sich um die lange anstehende, sich
lange vorbereitende Geburt des Wortes handelt, die in
dem Gedicht beschrieben wird. Das Horn windet sich in
zwölf Windungen bis in die Spitze hinauf, mit der der
Bock den letzten Stoß führt. Die Zwölfzahl deutet auf ein
rundes Ganzes von Zeit, zwölf Monate, ein volles Jahr, je-
denfalls eine lange Zeit. Mit anderen Worten: Schon lange
hält das Wachen den Traum nieder, und immer wieder
führt der Traum, der sich regt, seine S t ö ß e ~ Es ist also wie
ein langes »Heranwachen«, um einen Ausdruck des Ge-
dichts »Von Ungeträumtem« zu verwenden. Offenbar
will das Gedicht sagen, daß ein Gedicht nicht ein plötz-
licher Einfall ist, sondern lange Arbeit der Vorbereitung
verlangt. Aber die tatsächliche Arbeit an dem Gedicht, die
im zweiten Gleichnis als eine langsam und mühevoll sta-
kende Fähre erscheint, ist gleichwohl nicht die eigentliche
Aussage desselben. Die eigentliche Aussage ist vielmehr,
daß es »Wundgelesenes« ist, das so nach oben kommt.
»Wundgelesenes«, Wundgelaufenes - das meint ein von
allzulanger Wanderschaft des Lesens Wundgewordenes.
Oder ist» Wundgelesenes« von noch tieferer Zweideutig--
keit und meint nicht nur den Schmerz des Lesens, des zu
vielen, des sinnlosen Lesens, sondern ebenso vielleicht den
Schmerz und die »Wunde des Gelesenen«, das heißt des
schmerzhaft Erfahrenen überhaupt, das auch »gelesen«
heißen kann: zusammengelesen, wie durch eine Ährenlese
des Leides?
In jedem Fall ist das, was ins Wort »übergesetzt« wor-
den, ins Wort übersetzt ist, das Gedicht, der aus dem Dun-
kel des Unbewußten mit Hilfe des Traumes durch eine Art
Arbeit des Traumes gewonnene Text.
Muß man noch einzelnes erläutern? Die Bildsphären
sind von höchster Kraft anschaulicher Selbstauslegung:
die Stöße des Bocks, die schließlich - mit dem letzten Stoß
- die Wachwelt durchstoßen und den Traum erwecken.
Welch eine Vertauschung von Traum und Wachen! Und
dann diese tiefe »Tagschlucht«: Wie in eine senkrechte
schmale Schlucht das Tageslicht einfällt, so arbeitet sich
wie an einer Leiter des Lichts das im Dunkeln Gesam-
melte, »Wundgelesene« ans Licht hinauf - auch dies nicht
auf einen Schlag, sowenig wie der Bock auf einen Stoß den
Traum aufweckt. Aber am Ende erweckt er den Traum,
am Ende langt das aus dem Dunkel ans Licht Übergesetzte
an - das ist das Gedicht.
Das Recht des Lesers
Wenn man die literaturwissenschaftliche und literaturkri-
tische Resonanz auf das Werk von Paul Celan, wie sie
mittlerweile vorliegt, mustert, empfindet der Liebhaber
Celanscher Verse vielfach eine gewisse Enttäuschung. Was
da von Kennern und Kundigen über dieselben gesagt
wird, oft mit viel Subtilität, manchmal mit wirklicher Pe-
netrationskraft, macht doch alles, gewollt oder ungewollt,
die Voraussetzung, man verstünde die Verse und urteile
aufgrund dieses Verständnisses, etwa wenn man das be-
klemmende Scheitern des Dichters im kryptisch werden-
den Wort oder sein jähes Verstummen feststellt. Für das
Verständnis des noch nicht verstummten Wortes dagegen
scheint mir bisher zu wenig getan. Für den Celan-Leser
bleibt eine der dringendsten Aufgaben noch weitgehend
unerfüllt. Wessen er bedarf, ist nicht eine kritische Beur-
teilung, die feststellt, daß man nicht mehr versteht, son-
dern dort anzusetzen, wo man zum Verständnis vorzu-
dringen vermag, und dann zu sagen, wie man versteht. In
guten alten Zeiten nannte man das ganz schlicht >Real-
interpretation<. Man sollte deren Recht und Möglichkeit
nicht leichtfertig preisgeben, am allerwenigsten bei einem
so traditionsbewußten Dichter, wie Celan war. Es geht da-
bei nicht darum, die Eindeutigkeit des vom Dichter Ge-
meinten zu ermitteln. Das schon gar nicht. Auch nicht
darum geht es, die Eindeutigkeit des »Sinnes« festzulegen,
den die Verse aussprechen. Eher schon geht es um den
Sinn des Vieldeutigen und Unbestimmten, den das Ge-
dicht aufgerührt hat und der kein Freiraum der Willkür
und des Beliebens des Lesers ist, sondern der Gegenstand
der hermeneutischen Anstrengung, die diese Verse verlan-
gen. Wer die Schwierigkeit dieser Aufgabenstellung kennt,
weiß, daß es sich nicht darum handeln kann, alle Konno-
tationen namhaft zu machen, die das »Verständnis« dich-
terischer Gebilde anklingen läßt, sondern darum, die Sinn-
Einheit, die einem solchen Text als einer sprachlichen Ein-
heit zukommt, so weit sichtbar zu machen, daß die sich an
ihn anschließenden unüberschaubaren Konnotationen ih-
rem Sinn-Halt finden. Das ist bei einem Dichter, der die
Verfremdung natiirlichen Sprechens so hochgezüchtet hat
wie Celan, stets voller Risiken und bedarf der kritischen
Kontrolle. Einem Versuch, in dem gewiß viele Irrtümer
9
1
stecken werden, der aber als Aufgabe durch nichts abge- '
löst oder ersetzt werden kann, ist dieser Kommentar ge-
widmet.
4
Daß gerade die Folge Atemkristall, die ehedem ge-
sondert veröffentlicht worden ist und den Band Atem-
wende einleitet, hier behandelt wird, hat zunächst keinen
anderen Grund, als daß ich diese Gedichte einigermaßen
verstanden zu haben glaube. Es ist aber ein alter herme-
neutischer Grundsatz, daß man bei der Interpretation von
schwierigen Texten dort einsetzen muß, wo man ein er-
stes, halbwegs sicheres Verständnis besitzt. Ob die Folge
>Atemkristall<, wie mir scheinen will, obendrein einen
Höhepunkt der Celanschen Kunst darstellt und es inso-
fern mehr als zufällig ist, daß ich diese Gedichte gerade
noch zu verstehen glaube, weil sie mir weniger als manche
seiner späteren Gedichte ins Unentzifferbare versinken,
mag dahingestellt bleiben.
Ich bin mir bewußt, daß die Welt Paul Celans von der
Überlieferungswelt, in der ich selber - wie die meisten sei-
ner Leser - aufgewachsen bin, weit abliegende Ursprünge
besitzt. Mir fehlt originale Kennerschaft der jüdischen
Mystik, der Chassidim (die auch Celan wohl nur aus Bu-
ber kannte), und vor allem der östlich-jüdischen Volks-
bräuche, die für Celan den selbstverständlichen Grund
bildeten, aus dem heraus er sprach. Mir fehlt auch die er-
staunlich detaillierte Naturkenntnis des Dichters, und oft
wäre man für Belehrung in der einen oder anderen Rich-
tung im Grunde dankbar. Aber solche Belehrung hätte
auch ihr Bedenkliches. Man geriete in eine gewisse Gefah-
renzone: es könnte geschehen, daß man Kenntnisse auf-
böte, die der Dichter vielleicht selber nicht besaß. Celan
4 Die vorangehenden Bemerkungen b e z ~ . e h e n sich auf die Beiträge in dem
Sammelband von Dietlind Meinecke (Uber Paul Celan. Frankfurt 1970,
erw. Aufl. 1973). Die reiche spätere Forschung bringt gewiß viel Wis-
senswertes, aber muß sich doch dem Maßstab unterwerfen, den ein Le-
ser hat, der die Sinn-Einheit dieser Gedichte sucht, die er liest.
-..,.-
i
I
hat gelegentlich vor solchem Wissenseifer gewarnt. Selbst
wo uns Kenntnisse oder gar vom Dichter selber stam-
mende Informationen helfen - noch die Legitimität sol-
cher Hilfe entscheidet sich am Ende an der Dichtung
selbst. Die Hilfe kann »falsch« sein - und sie ist »falsch«,
wenn die Dichtung sie nicht voll einlöst. Eine gewisse Ein-
übung verlangt freilich jeder Dichter, und so ist auch hier
die »Sprache« des Dichters aus dem Kontext seines Wer-
kes nicht abgelöst. Vielleicht werden uns die erhaltenen
Vorstufen der Celanschen Gedichte weitere Hilfe bringen
- selbst diese wäre aber keine eindeutige, wie das Beispiel
Hölderlins uns gelehrt hat. Alles in allem scheint mir der
Grundsatz gesund, Dichtung nicht als gelehrtes Krypto-
gramm für Gelehrte anzusehen, sondern als für die An-
gehörigen einer durch Sprachgemeinschaft gemeinsamen
Welt bestimmt, in der der Dichter ebenso zu Hause ist wie
sein Hörer oder Leser. Wenn es dem Dichter gelungen ist
und wo es ihm gelungen ist, sprachliche Gebilde zu gestal-
ten, die in sich stehen, sollte es dem dichterischen Ohr
möglich sein, das Gültige auch unabhängig von solchem
Einzelwissen und jenseits von ihm zu einiger Klarheit zu
erheben und damit der Präzision nahezukommen, die das
offene Geheimnis dieser kryptischen Poesie ist.
Freilich, das Verfahren, ein Gedicht zu verstehen, ver-
läuft nicht auf einer einzigen Ebene. Zwar ist es zunächst
nur eine einzige Ebene, in der es vorliegt: die der Worte.
Die Worte verstehen ist daher das allererste. Ohnehin ist
jeder der betreffenden Sprache Unkundige ausgeschlos-
sen, und da die Worte eines Gedichts die Einheit einer
Rede, eines Atems, einer Stimme sind, sind es auch durch-
aus nicht nur die einzelnen Wörter, deren Bedeutung man
verstehen muß. Vielmehr legt sich die genaue Bedeutung
eines Wortes erst durch die Einheit einer Sinnfigur fest, die
die Rede bildet. Das kann eine noch so dunkle, span-
nungsvolle, rissige, zersprungene und brüchige Einheit
sein, die die Sinnfigur dichterischer Rede besitzt - die
93
Polyvalenz der Wörter legt sich im Vollzug des Redesin-'
nes fest und läßt die eine Bedeutung sich ausschwingen,
andere nur mitschwingen. Darin ist Eindeutigkeit, die al-
lem Sprechen mit Notwendigkeit eignet, auch dem der
poesie pure. Das sollte selbstverständlich sein, und es
scheint mir durchaus irrig, zu leugnen, daß nicht jedes
Wort erst einmal in der genauen Konkretion seiner Bedeu-
tung in der Rede erfaßt werden muß und daß diese allerer-
ste Ebene des Verstehens nicht übersprungen werden darf.
Das gilt vollends für Paul Celan, bei dem das einzelne
Wort sehr konkret und präzise gesagt ist. Man kann gar
nicht genau genug erwägen und ermitteln, was die Rede
»zunächst« sagt, wenn sich auch die eigentliche Präzision
des Gesagtseins, die die Rede ein Gedicht sein läßt, auf
dieser ersten Ebene der Wörter, ihrer Bedeutungs- und
Benennungsfunktion und der Redeeinheit, die sie bilden,
nicht erfüllt. In Wahrheit kann man sich in ihr gar nicht
halten. Denn immer schon sind verschiedene Ebenen in-
einandergeschoben. Das macht die Aufgabe des Verste-
hens so schwer.
Aber was heißt hier überhaupt »verstehen«? Es gibt sehr
verschiedene Formen von »Verstehen«, die sich in einer
gewissen Unabhängigkeit voneinander zu vollziehen ver-
mögen. Doch ist schon in der älteren hermeneutischen
Theorie die Verflechtung der verschiedenen Interpreta-
tionsarten miteinander immer betont worden, auch wenn
man, wie insbesondere F. A. Boeckh in seiner Methoden-
lehre der Interpretation, sich bemüht, die verschiedenen
Interpretationsmethoden scharf voneinander getrennt zu
halten. Das gilt insbesondere von der älteren Lehre von
dem vierfachen Schriftsinn, daß sie nur eine Beschreibung
der Dimensionen des Verstehens ist. Was ist bei Celan
»sensus allegoricus«? Bekanntlich hat Celan nichts davon
wissen wollen, daß es bei ihm Metaphern gebe, und wenn
man Metaphern als Redeteile und Redemittel versteht, die
sich aus dem eigentlich Gesagten herausheben bzw. in es
94
eingliedern, so versteht man diese Abwehr recht wohl. Wo
alles Metapher ist, ist nichts Metapher. Wo der schlichte
und genaue Wortlauf das, wovon da die Rede ist, nicht als
ein »Positives« im Hegelschen Sinne, als eine vorgegebene
Welt von Sinn und Form »meint«, sondern im einen das
andere, im Gesagten gar nicht es und im »Nicht es« gleich-
wohl nichts anderes »meint«, sind nicht nur verschiedene
Ebenen des Sagens unterschieden, sondern gerade auch in
ihrer Verschiedenheit in eins gebunden. Da gibt es keine
Allegorien. Alles ist es selbst.
Das dichterische Wort ist in dem Sinne »es selbst«, daß
nichts anderes, Vorgegebenes, da ist, an dem es sich mißt -
und doch gibt es kein Wort, das nicht außer ihm selbst-
und das heißt: außer seiner vielschichtigen Bedeutung und
dem mit dieser Bedeutung in ihren verschiedenen Ebenen
Benannten - nicht auch noch sein eigenes Gesagtsein
wäre. Das aber heißt, daß es Antwort ist. Antwort schließt
Fragen ein und schließt Fragen ab, d. h. aber, das Gesagte
ist nicht aus sich selbst allein, auch wenn nichts sonst vor-
zeigbar ist als seine Sprachwirklichkeit.
Das ändert nichts an dem unbegreiflich Verbindlichen
eines Gedichts, daß es in sich selbst steht, daß keines seiner
Worte in der Weise für etwas steht, für das etwa auch ein
anderes Wort stehen könnte. »Als die eigentliche Sprache
erscheint mir die, in der das Wort und das Ding zu-
sammenfallen« (G. Eich). Doch impliziert die Einzigkeit
des Wie seines Gesagtseins immer noch etwas anderes.
Auch das Gedicht hat - wie jedes Wort des Gesprächs -
den Charakter des Gegenwortes, das mithören läßt, was
gerade nicht gesagt wird, was aber als Sinnerwartung vor-
ausgesetzt ist, ja durch das Gedicht geweckt wird - viel-
leicht nur, um als Erwartung gebrochen zu werden. Das
scheint insbesondere für heutige Lyrik wie die Celans zu
beachten. Das ist nicht Barocklyrik, die ihre Aussagen
innerhalb eines einheitlichen Bezugsrahmens hält und
mythologisch-ikonographisch-semantisch eine gemein-
95
same Vörgegebenheit besitzt. Celans
waren in sich ein Geflecht sprachlicher Konnotationen,
dessen verborgene Syntax von nirgends anderswoher er-
lernbar ist als aus den Gedichten selbst. Das schreibt der
Interpretation ihren Weg vor: Man wird nicht vom Text
auf eine in ihrer Kohärenz vertraute Sinnwelt verwiesen.
Sinnfragmente sind wie ineinandergekeilt, man kann nicht
den Weg der Transposition von einer Ebene schlichten
Gemeintseins zu einer zweiten Ebene des eigentlich Ge-
sagtseins gehen - das eigentlich Gesagte ist vielmehr auf
eine schwer beschreibbare Weise noch immer dasselbe,
das die Rede meinte. Was im Verstehen geschieht, ist nicht
so sehr eine Transposition als die beständige Aktualisie-
rung der Transponierbarkeit, d. h. die Aufhebung aller
ersten Ebene, die man dadurch gerade
1m posItIVen Smne »aufhebt« und erhält.
Das ist für die Celan-Interpretation - und nicht nur für
sie - ganz entscheidend. Denn von da aus bestimmt sich
der so überaus umstrittene Stellenwert der Informationen
die nicht aus dem Gedicht selbst stammen, sondern
Mitteilungen des Dichters und seiner Freunde gewonnen
we:-den und den »biographischen« Anlaß, das biogra-
phIsch lokalisierte Motiv, die konkrete und bestimmte Si-
tuation eines Gedichts betreffen. Man weiß, nicht zuletzt
aus Celans eigenem Munde in der Büchner-Preis-Rede,.
daß es für Celan gerade auch gegenüber dem Kunstbegriff
Mallarmes und seiner Nachfolger charakteristisch ist daß
Dichtung und Art Wortschöpfung und Wortfindung
1St, die jeweils wie ein Bekenntnis aus einer genauen
Lebenssituation aufsteigt. Diese ist freilich nicht in
ihren Einzelbestimmtheiten aus dem Gedichttext allein
faßbar. Man nehme ein Gedicht wie Blume, das inzwi-
schen durch eine Arbeit von Rolf Bücher in seinen Text-
stufen überschaut werden kann.
Martin Gessmann
Nachwort
Der ununterbrochene Dialog: zwischen zwei Unendlich-
keiten, das Gedicht, ist Jacques Derridas »Adieu« an
Hans-Georg Gadamer. Die Festrede zur Gedenkfeier an
den Heidelberger Philosophen wurde am 15. Februar
2003 in der Aula der Neuen Universität in Heidelberg
gehalten.
.Derridas Heidelberger Rede fügt sich in eine lange
ReIhe von Abschiedsreden, die er im Laufe der vergan-
genen 20 Jahre verfaßt hat, und sie steht an deren vorläu-
figem Ende. Die Tode von Roland Barthes waren Derridas
erste. Trauerarb,eit, auch in Deutschland berühmt gewor-
den 1St das Adzeu an Emmanuel Levinas, andere illustre
Namen. kommen hinzu: Michel Foucault, Lyo-
tard, Gilles Deleuze, zuletzt Maurice Blanchot.
Wenn er es überhaupt wagen wollte, all jenen Ab-
schiedsreden eine »Einführung« voranzustellen dann
schreibt Derrida im Vorwort einer jüngst
Sammlung dieser Beiträge, müßte es der Essay über den
ununterbrochenen Dialog sein. Auch dieser ist in seinem
Ursprung zwar eine Abschiedsrede, aber Derrida will
damit zugleich offenbar mehr - über die Trauer über einen
Freu"?-d hinaus ein Nachdenken beginnen über die philo-
sophIschen Schwierigkeiten des Abschiednehmens selbst.
Eine dieser Schwierigkeiten, wenn nicht sogar die wichtig-
ste, besteht für Derrida in dem Anspruch, am Ende eines
Lebens von der Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit
jene: Existenz angemessen Zeugnis abzulegen. Nicht
wellIger sollte man demnach von einer echten Trauerrede
dürfen, als daß sie sagt, wer dieser Mensch im In-
nersten seines Wesens wirklich gewesen ist. Hier beginnt
aber das Problem, denn zuerst einmal muß man sich sicher
97
sein können, daß man den anderen tatsächlich kennt und'
weiß, wer er in Wahrheit ist. Man muß es erst so weit
bringen, den anderen im emphatischen Sinne verstehen zu
können, mit all seinen Besonderheiten und höchst indi-
viduellen Eigenarten.
Um eine Antwort auf die Frage, inwiefern dies über-
haupt möglich ist, wie weit das Verständnis des Gegen-
über bestenfalls zu dessen Wesen vordringen kann, dar-
über haben Gadamer und J acques Derrida
Jahrzehnte miteinander gerungen. Jetzt erscheint der
ununterbrochene Dialog als eine letztmögliche Antwort
darauf, eine finale Annäherung, die nicht ohne ein
gewisses Paradox besteht. Schon in der Rede vom unun-
terbrochenen Dialog selbst wird dies deutlich: denn nur
wo der Dissens über das Verstehen als solcher verständig
kultiviert wird, hat das gegenseitige Einvernehmen als
ausgezeichnete Form philosophischer Freundschaft eine
Chance.
Der ununterbrochene Dialog
Dieser begann für Gadamer schon weit früher als für Der-
rida. Dessen »Ousia et gramme« hat Gadamer bereits in
den frühen 60er Jahren gelesen. Derridas Gadamerlektüre
setzt dagegen erst sehr viel später ein, wobei man im Auge
behalten muß, daß Gadamers Hauptwerk Wahrheit und
Methode erst 1976 (und auch nur in einer stark gekürzten
Fassung) ins Französische übersetzt wurde. Im selben
Jahr sollte es zu einem Zusammentreffen in Italien kom-
men, die Einladung ging von Gadamer aus, aus dem Tref-
fen wurde allerdings nichts. Was Derrida in seiner Rede als
die erste »Unterbrechung« in seinem Verhältnis zu
Gadamer anspricht, datiert auf das Jahr 1981, in dem es am
Pariser Goethe-Institut um Fragen von »Text und Inter-
pretation« gehen sollte. Thema waren schon hier die
Grenzen unseres Verstehens, vor allem mit Blick auf die
Möglichkeiten, den Besonderheiten von Autor und Text
in der Auslegung gerecht zu werden.
Im Hintergrund der Debatte steht die Gemeinsamkeit
eines von beiden geteilten Heideggererbes. Heidegger hatte
in den 20er und 30er Jahren ganz grundsätzlich die Philoso-
phie gegen die moderne Wissenschaft und Technik in Stel-
lung gebracht, insofern diese es schon mit ihrem speziellen
Vokabular dem Menschen schwerrnachen, das spezifisch
Menschliche im Umgang mit sich und der Welt richtig zu
beschreiben. Der »Verdinglichung« und »Vernutzung«
alles Humanen ausgehend von der Wissenschaftssprache
sollte <;lie Philosophie entgegentreten mit der Forderung
nach einer Besinnung auf tieferliegende und noch sinntra-
gende Schichten unserer sprachlichen Ressourcen.
Dieser Spur ins Grundsätzliche folgend hat Gadamer
auf die Notwendigkeit eines besonderen Umgangs mit der
Sprache geschlossen, den man zu einer eigenständigen
Verstehensform ausbauen müsse. Daraus ließe sich dann
eine methodische Grundlage für all jene Geisteswis-
senschaften gewinnen, die sich dem Druck des modernen
Szientismus nicht beugen wollten. Im Anschluß an
Schleiermacher und Dilthey nennt er diese »methodische«
Form des Verstehens »Hermeneutik«.
Derrida bietet komplementär dazu ein Verfahren an,
wie die Selbstsicherheit der verdinglichenden Wis-
senschaftssprache noch im Zuge ihrer Entstehung in Frage
gestellt werden könnte. Dem Systemdenken wird hier
nicht wie bei Gadamer eine Alternative geboten, es wird
vielmehr anarchisch unterwandert. Die entsprechende
Methodenanweisung nennt Derrida »Dekonstruktion« in
Anlehnung und Fortschreibung der Heideggerschen »De-
struktion von Metaphysik«. Wollte Heidegger noch mit
seiner Philosophie auf ein sicheres Sinn-Fundament in der
Sprache stoßen, nutzt Derrida jene Wiederentdeckung
sprachlicher Tiefendimensionen vor allem zu Zwecken
der Verunsicherung. Geht es doch der »Dekonstruktion«
99
letztlich darum, die Bodenlosigkeit all unseres Verstehens
in der prinzipiellen Zwei- oder Vieldeutigkeit der Zeichen
vor Augen zu führen.
In Paris wurde nun ausgelotet, inwiefern beide Verste-
hens-Konzepte noch einmal einander angenähert werden
könnten. Das Problem zeichnet sich dabei an der Stelle ab,
an der die gemeinsame Opposition gegen das System-
denken der exakten Wissenschaften zwar weiter vorausge-
setzt ist, dafür aber innerhalb der Hermeneutik erneut ein
Dissens um die nötige Systemhygiene droht. In Derridas
Augen entsteht der Verdacht, Gadamer gehe möglicher-
weise mit seiner Skepsis gegenüber möglichen Sinnvermu-
tungen im Felde der Geisteswissenschaften nicht weit
genug. Das zeige sich in letzter Instanz an der Frage,
wieweit sich ein Text und dessen Autor hermeneutisch
schließlich doch auf eine bestimmte Aussage festlegen
lassen müssen. Derrida wirft Gadamer konkret vor, den
Autor als den »Anderen« immer noch als eine feste Größe
ins Auslegungsgeschehen einzubeziehen, anstatt, gemäß
den Maximen der Dekonstruktion, auch noch diesen in
seiner Identität mitsamt dem Gehalt seiner Aussage
radikal in Frage zu stellen.
Hier beginnt nun im eigentlichen Sinne der »ununter-
brochene Dialog« mit einer Replik Gadamers, der sich an-
gesichts des Vorwurfs, seine Hermeneutik sei schließlich
noch eine Art Sinnfeststellungsverfahren, deutlich mißver-
standen fühlt. Denn so, wie er das hermeneutische Wech-
selspiel zwischen» Text und Interpretation«, zwischen Au-
tor und Ausleger konzipiert, bestehe von Anfang nicht die
geringste Gefahr, daß es zu vorschnellen Festlegungen
über Sinn und Bedeutung von Textaussagen kommen
könne. Gadamer hilft dabei, daß er die Textarbeit des
Interpreten immer schon nach dem Vorbild eines Zwie-
gesprächs verstanden hat, wobei für ihn natürlich der
sokratische Dialog das philosophische Muster dazu
abgibt. Und ein solches Gespräch lebt ja in der Tat von
100
einer Grundevidenz: Hat man sich erst einmal von persön-
lichen Eitelkeiten verabschiedet und diskutiert nur um der
Sache willen, ist es bereits dem Gesprächsverlauf über-
lassen, einen von selbst und ganz all eine weg von einer je-
den voreiligen Fixierung auf bestimmte Vorverständnisse
zu führen. Kein Gesprächspartner findet sich mehr, sollte
er ehrlich zu sich sein, am Ende einer echten Kontroverse
genau an dem Punkt wieder, von dem er am Anfang einmal
ausgegangen war. Der jeweilige Horizont der Betrachtung,
sagt Gadamer, hat sich dann im lebendigen Austausch di-
vergierender Ansichten wechselseitig geöffnet, und sein
sieht zum Schluß sogar ein gemeinsam ver-
tieftes Verständnis der diskutierten Angelegenheit vor.
Eine derart glückliche Konvergenz wesentlicher Hin-
sichten heißt im hermeneutischen Vokabular eine »Hori-
zontverschmelzung«.
Der Gadamersche Verweis auf hermeneutische Ge-
sprächstugenden reicht in Derridas Augen allerdings nicht
aus. Er hakt dabei an dem Punkt ein, an dem Gadamer mit
der »Horizontverschmelzung« einen letzten Ruhepunkt
im Gespräch vorsieht. Eine solche Harmonie der Hin-
sichten sei letzten Endes immer von der Philosophie
erzwungen, sie sei ein Oktroi eines quasi-metaphysischen
»Willens zur Verständigung«. Anstatt den anderen zu
dekonstruieren, werde er vielmehr gemäß diesem Willen
zur Einigung erst hervorgebracht, er ist dessen Konstrukt.
Derrida kann hier seinerseits auf eine Grundevidenz ver-
weisen. Denn bleibt nicht auch noch im »besten«
hermeneutischen Gespräch, trotz aller Einigung, aller Be-
teuerung des Einverständnisses in der Sache und sogar
größtmöglicher Annäherung im Grundsätzlichen, den-
noch am Ende ein möglicher Zweifel: ob es nicht doch
wieder nur wir selbst sind, die unsere eigenen Ansichten in
die Äußerungen des anderen hineinlegen oder hineinpro-
jizieren; ob also der andere es tatsächlich so gemeint hat,
wie wir meinen, daß er es gemeint haben müßte; und ob er
101
deshalb nicht, und zwar um seiner selbst willen, in einer'
letzten Instanz ganz anders- verstanden werden wollte, als
wir dies mit unserer Aneignung des anderen ständig tun?
Man darf deshalb nicht glauben, schließt Derrida aus
alldem, das hermeneutische Gespräch würde dem phi-
Anliegen allein schon aus seiner Eigenlo-
gik heraus gerecht. Vielmehr gelte es, an einem jeden An-
haltspunkt des Gesprächs von neuem allem Verdrängten,
Unterdrückten, Marginalisierten, kurz allem Nicht-Ver-
standenen in allem hermeneutischen Verstehen nachzu-
spüren und es aufzudecken. Dies nennt er eine »disse-
minale« Lektürepraxis, weil sie jede Interpretation nur
als den »Keim« neuer Interpretationen nimmt, in denen
zugleich immer auch neues Nicht-Verstehen ans Licht
gebracht wird, dessen Auslegung wiederum neue, mehr
und mehr wuchernde Interpretationen nach sich zieht.
Gadamer nahm die Herausforderung an, wie manche
meinen, mit beinahe jugendlichem Eifer: »Wer mir De-
konstruktion ans Herz legt und auf Differenz besteht,
steht am Anfang eines Gespräches, nicht am Ende.« Die
kommenden zehn Jahre sollten in der Tat dazu bestimmt
sein, Vorwürfe wie Vorurteile auszuräumen. Gadamer be-
stand ganz zu Recht darauf, daß auch seine Hermeneutik
keineswegs im Verstehen einen Abschluß suche. Auch die
beste Interpretation berge ganz natürlich einen Keim für
weitergehende Deutungen, und an keinem Punkt des Pro-
.läßt sich endgültig feststellen, was eigentlich ge-
meInt 1st. So verlaufen in der Tat die» Wirkungsgeschich-
ten«, von denen Gadamer immer schon ausgeht: Jeder
Interpret meint vielleicht zwar, seinen Gegenstand oder
sein Gegenüber endgültig verstanden zu haben. Mit nur
ein wenig historischem Abstand zeigt sich aber dann
schon wieder, daß eine jede solche Sicherheit verfrüht sein
muß und immer neue Deutungen für sich ein Besser-Ver-
stehen beanspruchen und gegenüber den Vorgängern ein-
klagen. Die Beruhigung selbst bei einer Horizontver-
I02
schmelzung ist immer nur vorläufig, denn Horizonte ha-
ben es an sich, ihre Grenzen je nach Standpunkt in der Ge-
schichte zu bewegen und zu verschieben. So bleibt auch
hermeneutisch gesprochen der endgültige Sinn einer Sache
bei jeder Deutung immer noch ausstehend. Nur in der
Unendlichkeit des Deutungsprozesses ließe sich der ge-
suchte Sinn zur Erfüllung bringen.
Auch Derrida nahm die Herausforderung an, wenn
auch zuerst mehr aus der Ferne. Es brauchte noch mehrere
Treffen, in Heidelberg, auf Capri, und nach zehn Jah-
ren ein weiteres Mal in Paris, bis es zu einer wirklichen
Annäherung kam. Persönlich wie philosophisch. Derrida
schickte von nun an Gadamer seine Publikationen mit
herzlicher Widmung. Gadamer fand dagegen »Aspekte
von Derridas Begriffsbildung« in seiner eigenen Herme-
neutik wieder. Unterschiede blieben aber auch jetzt, von
beiden Seiten. Das Angebot der Hermeneutik, auch noch
in der gelungenen Deutung mit einem Entzug des endgül-
tigen Sinns zu rechnen, geht der Dekonstruktion naturge-
mäß nicht weit genug. Zwar kommt es in der Tat dadurch
nicht mehr zu einem Abschluß im Verstehen. Derrida geht
aber davon aus, daß selbst dann noch ein Rest an Unver-
standenem bliebe, wenn man den unabschließbaren Wir-
kungsgeschichten bis an ihr virtuelles Ende folgen könnte.
Selbst wenn alle Verstehensmöglichkeiten vollkommen
erschöpft wären, bliebe noch dasselbe Unbehagen, das
sich schon bei jedem einzelnen Einverständnis gemeldet
hatte: daß man das Wesentliche immer noch nicht oder
noch gar nicht erfaßt habe. Hinzu käme nur die unend-
liche Wiederholung jener Erfahrung, über die als solche
freilich dadurch nicht hinauszukommen wäre. Ausschlag-
gebend dafür ist Derridas Intuition, daß am Ende das
ganze Dialogverfahren und das hermeneutische Gespräch
sich als unzureichend erweisen könnten. Wenn die Her-
meneutik richtigerweise davon ausgehe, daß sich in jedem
Deutungsakt immer noch etwas der verstehenden Aneig-
I03
nung entziehe, so sei diese Einsicht entsprechend zu radi- '
kalisieren. Die Zugangsweis,e .4er Hermeneutik insgesamt
sei in Frage zu stellen. Dem »entfaltende(n) Bezug« stellt
Derrida so erst einmal den» Bruch des Bezuges« entgegen,
dem Gesprächsangebot die Gesprächsverweigerung. Aus
dekonstruktiver Sicht ist dies nichts weniger als konse-
quent gedacht. Denn es hieße schon, sich auf die Wahr-
heitsansprüche der Hermeneutik einzulassen, würde man
das Gespräch mit ihr beginnen von einer Position aus, die
sich von vornherein skeptisch zeigt, was den philosophi-
schen Ertrag eines solchen Gesprächs angeht. Gadamer
hatte ja nicht umsonst auf die Unhintergehbarkeit des Ge-
sprächs verwiesen - noch um den Dissens zu formulieren,
bräuchte es ein vorangehendes Einverständnis. Im »Bruch
des Bezuges« wird dies freilich unterlaufen, auch wenn ein
solcher Bruch seinerseits wiederum erst einer Deutung
bedarf, um als solcher richtig verstanden zu werden. Im
Rückblick Derridas jedenfalls scheint es beinahe unum-
gänglich, daß ein echter »entfaltender Bezug« zwischen
dem Doyen der Dekonstruktion und dem Erfinder der
philosophischen Hermeneutik nur durch das anfängliche
Ausschlagen eines Gesprächsangebotes begründet werden
konnte. Oder, anders gesagt, als ein Dialog, der nur über
den Bruch hinaus »ununterbrochen« werden konnte.
Zwischen zwei Unendlichkeiten, das Gedicht
Was den Dialog zwischen Derrida und Gadamer über alle
Brüche hinaus tatsächlich »ununterbrochen« machen
konnte, ist, wie Derrida gleich eingangs bemerkt, die
philosophische Aufmerksamkeit beider für das Gedicht,
die große Lyrik. Auch hier ist wieder der gemeinsame
Heideggerbezug vorauszusetzen, Derrida spielt darauf in
Gadamers Wendung von »Denken oder Dichten« an. Der
späte Heidegger sah in der Formel einer Verbindung von
»Dichten und Denken« die letzte Möglichkeit der Philo-
1°4
sophie, über das rein negative Verfahren einer »Destruk-
tion von Metaphysik« hinauszukommen und überhaupt
noch »positive« Einsichten zu formulieren. Durch die
moderne metaphysische Wissenschaftssprache wird uns
der Weltzugang verstellt, und das philosophische Verfah-
ren zielt darauf, diese Vers teIlungen abzubauen und mög-
lichst die verschütteten Zugänge wieder freizuräumen.
Das Dichten dagegen ist allererst in der Lage, uns in dieser
Situation wieder einen Weltzugang zu eröffnen, uns Welt
zu erschließen. Dichten im Sinne großer Dichtung muß
nämlich nicht von Vers teIlungen befreit werden, weil
Dichtung selbst keine Lehre ist. Sie erklärt die Welt nicht
und kann auch selbst nicht erklärt werden. Und doch gilt
gemeinhin als ausgemacht, daß im Gedicht nichts weniger
als eine ganze Welt aufscheint, daß die lyrische Sprache in
ganz besonderer Weise in der Lage ist, als »weltbildend«
verstanden zu werden. Sie kann den Sinn der Welt und ihre
Erfahrung zwar nicht wissenschaftlich erklären, dafür
aber künstlerisch »evozieren«. An diese Grunderfahrung
knüpfen Gadamer und Derrida gleichermaßen an, wie zu-
vor auch schon der späte Heidegger. Anders als die Philo-
logie interessiert sie allerdings im Aufscheinen einer Welt
nicht die Welt, die da aufscheint, was es von ihr alles zu sa-
gen und zu explizieren gibt, sondern vielmehr der schiere
Umstand des Aufscheinens von Welt, das Erscheinen der
Welt in der Sprache oder die Sprache als der Ort ihrer Er-
scheinung. Nicht das Was des Ausgesagten, sondern das
Wie des Aussagens ist entscheidend, oder anders gewen-
det: Daß überhaupt Welt zugänglich ist, und zwar sprach-
lich zugänglich ist, ist die philosophische Botschaft des
Gedichts. Lyrik sagt dies nicht wie die Wissenschaften, sie
zeigt es aber. Sie zeigt nichts anderes als die ganze sprach-
liche Färbung und Tönung von Welt, so sie uns überhaupt
zugänglich ist. Was damit an »positiver« Einsicht für die
Philosophie gewonnen ist, müßte man so formulieren:
Wenn sich auch Philosophie unwiderruflich davon verab-
1°5
schieden muß, selbst einen bestimmten Sinn der Welt fest- '
zustellen und wissenschaftlich zu definieren, so bleibt
durch die Verbindung von D{cllten und Denken immerhin
noch so viel an Aussage bestehen, daß uns überhaupt noch
ein Sinn der Welt zugänglich ist, daß nicht nichts ist, son-
dern vielmehr etwas, noch ganz unabhängig davon, was
dieses dann bedeutet - wenn es nur gelingt, große Dich-
tung richtig auszulegen.
Paul Celan suchte das Gespräch mit Philosophen, und
Philosophen suchten das Gespräch mit ihm. Martin Buber
und Gershorn Sholem, Martin Heidegger und Theodor
W Adorno, Emmanuel Levinas und J acques Derrida ge-
hörten zu seinen Gesprächspartnern und Freunden, und
nicht zuletzt Hans-Georg Gadamer. Die philosophische
Kontroverse um sein Werk beginnt mit Adornos Ein-
spruch, eine Lyrik nach Auschwitz sei ':l:ndenkbar. Celans
Todesfuge gerät in den Verdacht einer Asthetisierung des
Grauens, einer Verharmlosung des Holocaust, einer Be-
schwichtigungsliteratur. Dahinter steht freilich auch ein
grundsätzlicher Disput um das Wesen der Lyrik, der am
Beispiel Celans zwischen der Phänomenologie und der
Frankfurter Schule aufbricht. Für Heidegger wie dann
später auch noch für Gadamer ist das, was sich im Celan-
schen Gedicht zeigt, immer noch die sprachliche Erschei-
nung von Welt, wie geschunden, versehrt und rätselhaft
diese Welt auch sein mag, wie brüchig und gebrochen auch
das Wort sein muß, in der diese Welt zur Erscheinung
kommt, und wie irrlichternd, schillernd und zuletzt un-
verständlich die Erscheinung selbst der Welt in der Spra-
che sich zeigt; für Adorno dagegen ist all eine schon wieder
die ästhetische Erscheinung einer solchen Welt nichts
mehr als ein bunter Schleier, der über die wahre Abgrün-
digkeit der Welt gelegt wird. Was in Celans Lyrik zur
Sprache kommt, ist an sich so unfaßlich, so unsäglich und
unbegreiflich in seiner bodenlosen Absurdität, daß es
keine lyrische Behandlung erträgt. Schon die dichterische
106
Darstellung jener maßlosen Sinnlosigkeit rechnet nur un-
genügend mit der Radikalität eines Sinnentzugs, der über
jede sprachliche Erscheinungsform hinausgeht. Geboten
und angemessen ist hier alleine noch das lyrische Schwei-
gen, oder noch entschiedener das Schweigen der Lyrik.
Am Beispiel Celans wird damit auch noch die letzte phä-
nomenologische Möglichkeit in Frage gestellt, wie im Ge-
dicht noch ein Sinn von Welt zugänglich werden könnte.
Denn selbst noch das Entschwinden des Welt sinns aus der
Sprache wäre jetzt nicht mehr in der Sprache darstellbar.
»Zwischen« diesen beiden »Unendlichkeiten«, einer Er-
scheinung eines unendlichen Sinnentzugs und eines un-
endlichen Sinnentzugs der Erscheinung, einer Darstellung
der Verbergung und einer Verbergung der Darstellung,
plaziert Derrida seine Celanlektüre. Es geht darum, jenen
unterbrochenen Dialog zwischen zwei U nendlichkeiten
am Ende zumindest ununterbrochen zu machen, was für
Derrida methodisch jetzt das Spuren ziehen eines einzigar-
tigen Mittelwegs verlangt. Auf der einen Seite steht der
»entfaltende Bezug« der Hermeneutik, auf der anderen
Seite deren vollkommener Abbruch im »Bruch des Be-
zugs«, angesichts eines Entzugs der Welt im Gedicht, ge-
mäß dem Celanschen Dichterwort »die Welt ist fort«.
Derridas Ansatz ist es nun, noch die Verschwiegenheit des
Gedichts und seiner hermetischen Weltabgeschlossenheit
selbst hermeneutisch zum Sprechen zu bringen, so para-
dox dies klingt, also eine Auslegung dessen zu wagen, was
sich jeder Auslegung grundsätzlich entzieht. Dies gelingt
durch eine entscheidende U minterpretation. Das, was sich
bisher als verborgener Rätselsinn der Welt selbst noch
dem Gedicht entziehen sollte, was sich also noch hinter al-
lem Dichterwort unendlich verbirgt, wird für Derrida in
einem »linguistic turn« selbst zum Teil des Gedichts. Es
findet sich dort wieder, wo das Dichterwort selbst ver-
stummt, wo sich noch im Gedicht selbst ein Schweigen
auftut, in dem die Sprache versagt. Sinnbildlich ist dies in
1°7
dem Celangedicht GROSSE GLÜHENDE WÖLBUNG an
der Stelle zu finden, wo zwischen der letzten Strophe und
dem Schlußvers ein »blanc silence« einsetzt, ein weißes
Schweigen, das aus mehreren Zeilenabständen im Text
besteht. Jene Leerzeilen gehören aber für Derrida jetzt
selbst zum Text, sie sind nichts anderes als die Vertextung
jenes Sinnentzuges, von dem zuvor die Meinung war, daß
er sich der Sprache absolut entzieht. Dieser erscheint nun
selbst als eine Schrift, eine Rätselschrift von der Art, als ob
das weiße Schweigen auf dem Papier geradezu mit Buch-
staben übersät wäre, die nur alle mit weißer Tinte ge-
schrieben sind. Und genaugenommen ist dieses weiße
Schweigen nicht nur dort, wo es dichterisch in Szene ge-
setzt ist durch den Rahmen einer großen Auslassung.
Treibt man die Deutung weiter, findet es sich vielmehr
zwischen allen Strophen, allen Versen und Worten, selbst
noch zwischen allen Silben und Buchstaben, wie Derridas
Analyse des »syllabaire« des Textes es nahelegt.
Derrida will »Gadamer treu bleiben oder ihn sogar
nachahmen«, »bis zu einem gewissen Punkt und soweit es
irgend geht«. Die Auslegung unterscheidet sich allerdings
von der üblichen Text-Hermeneutik in einem wesent-
lichen Punkt. Die Aneignung jenes »Unheimlichen«, das
sich im Text als dessen innere Verschwiegenheit auftut,
kann nur noch schwer nach dem Muster einer Deutung
und deren sukzessiver Verbesserung gedacht werden. Das
Sinnangebot, das der Interpret jener unendlich verschlüs-
selten Rätselschrift macht, wird nicht mehr wenigstens
zum Teil bestätigt, so daß dann ein Rest bleibt, den es in
einem »entfaltenden Bezug« anschließend zu klären gelte.
Das Angebot wird vielmehr vom unheimlich gewordenen
Text vollkommen ausgeschlagen, insofern es hier gar
keine Antwort seitens des Textes gibt, keinerlei Evidenz,
ob das Gemeinte auch nur ein Stück weit getroffen ist. Es
folgt aber eben wegen der Textgestalt jenes Sinnentzuges
nicht wiederum der bloße Abbruch aller Deutungsbemü-
108
hungen, ein »Bruch des Bezuges«, im Gegenteil: Die de-
konstruktive Lehre aus der Antwortverweigerung des
Textes besteht vielmehr darin, andere, viel weitergehende
und außergewöhnliche Deutungen vorzuschlagen. Jene
verbessern die Lage des Interpreten zwar nicht, sie ma-
chen wiederum nur das Schweigen des Textes noch rätsel-
hafter, noch undurchdringlicher, und im Überbieten aller
Sinnangebote zugleich unendlich tiefsinnig. Hiermit be-
ginnt sich die Spirale zu drehen, denn eine weiter gestei-
gerte Sinnvermutung hat nur wiederum eine gesteigerte
Auslegungsanstrengung zur Folge. Wahrhaft gesteigert
wird so zum Schluß nicht die Annäherung der Deutung
an die Sache, sondern vielmehr nur die Wut des Interpre-
ten, mit immer neuen Vorschlägen jenes Unheimliche
endgültig einzuholen, das sich mit jedem Deutungsschritt
nur um so konsequenter entzieht. Das Moment der Be-
stätigung, daß die Deutung auf dem richtigen Wege ist,
kippt damit zugleich von der Evidenz einer jeden Deu-
tung zur Evidenz des Versagens einer jeden Deutung.
Dort, in dem Augenblick, in dem klar wird, daß auch
diese Auslegung das Gemeinte vielleicht vollkommen
verfehlt, zeigt sich allein noch das, was sich der Deutung
immer wieder entzieht. In der Unterbrechung der Deu-
tung, in ihrem Umschlag, im Moment ihres Versagens
leuchtet die Vermutung auf, hier habe das Unheimliche
im Text tatsächlich seine paradoxe Entfaltung. So kommt
es schließlich auch zu der methodischen U mwidmung des
»entfaltenden Bezugs« der Hermeneutik über einen
»Bruch des Bezugs« zu einem »Bezug als Bruch«. Denn
nur hier ist die Deutung wahrhaft auf ihre »Sache« ge-
richtet, wo sie diese verfehlt, denn die Sache ist gar nichts
anderes mehr als der Entzug selbst einer unheimlich ge-
wordenen Welt.
Dort, an dieser methodischen wie auch inhaltlichen
Grenze, wo sich die Welt in ihrem äußersten Erscheinen
nur darstellen läßt, indem sie sich unserer Deutung mehr
und mehr entzieht, beginnt in Wahrheit erst Derridas Me-
ditation über philosophische Melancholie und Abschied.
Sie kreist beständig um die Frage nach dem Schwinden der
Welt, und mit Celans Schlußvers des Gedichts GROS SE
GLÜHENDE WÖLBUNG auch darum, was dann ist,
wenn schließlich »die Welt fort« ist. Hier ginge es darum,
auch noch die letzte Grenze des Gedichts zu überschrei-
ten in Richtung eines einzigartigen und unwiederbring-
lichen Entzuges der Welt und des anderen, eines Er-
eignisses, das philosophisch vollkommen undenkbar
bleibt, da es sich im Denken wie im Dichten nie mehr ein-
holen läßt. Der »ununterbrochene Dialog« mit Gadamer
erscheint in diesem Zusammenhang als jenes vorläufige
Oszillieren zwischen der Erscheinungsseite und der Ent-
zugsseite der Welt selbst, die in einem schon unmöglich
gewordenen Gespräch am Ende doch zueinandergefun-
den haben. Hölderlins Sentenz: »Denn keiner trägt die
Welt allein« ist hier ein angemessenes Schlußwort.
r
Textnachweise:
J acques Derrida, Le dialogue ininterrompu: entre deux in/inis, le
poeme. Festrede zur akademischen Gedenkfeier zu Ehren von
Hans-Georg Gadamer am 15. Februar 2003 in der Neuen Aula
der Universität Heidelberg.
Jacques Derrida, »Guter Wille zur Macht (I)«, in: Ph. Forget
(Hg.), Text und Interpretation, München 1984, S. 56-58.
Hans-Georg Gadamer, Wer bin ich und wer bist Du? Kommentar
zu Celans Gedicht/olge >Atemkristall<, in: ders., Gesammelte
Werke, Bd. 9, Tübingen 1993, S. 383-406; 412-414; 427-431.

J acques Derrida
Hans-Georg Gadamer Der ununterbrochene Dialog
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Martin Gessmann

Jacques Derrida und Hans-Georg Gadamer lernten sich in den frühen 80er Jahren kennen, und seit dieser Zeit entspann sich eine kontroverse Auseinandersetzung über die Hermeneutik, die Kunst der Interpretation, insbesondere über die Endlichkeit unseres Verstehens. Als Gadamer starb, hielt Derrida im Februar 2003 die Festrede zur Gedenkfeier der Universität Heidelberg. Mit einer eindringlichen Celanlektüre führt Derrida vor, wie das Gespräch mit Gadamer über seine letzte Unterbrechung hinaus am Ende zu einem »ununterbrochenen Dialog« werden könnte. Dem Band beigefügt sind Kommentare Gadamers zu Celans Gedichtfolge Atemkristall sowie Materialien aus der Zeit der ersten Begegnung. In Derridas Reflexion über den Abschied und das Abschiednehmen kommt es hier zu einer letzten, vielleicht entscheidenden Annäherung. Jacques Derrida, geb. 1930, ist Professor für Philosophie an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris. Hans-Georg Gadamer (19°0-2002) war Professor für Philosophie an der Universität Heidelberg.

Suhrkamp

Inhalt
Jacques Derrida Der ununterbrochene Dialog: zwischen zwei Unendlichkeiten, das Gedicht 7 Jacques Derrida Guter Wille zur Macht (I) Drei Fragen an Hans-Georg Gadamer 51 Hans-Georg Gadamer Wer bin Ich und wer bist Du? Kommentar zu Celans Gedichtfolge >Atemkristall< 55 Nachwort von Martin Gessmann 97 Textnachweise
109

edi tion suhrkamp 23 57 Erste Auflage 2004 © der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2004 Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Druck: Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden Umschlag gestaltet nach einem Konzept von Willy Fleckhaus: Rolf Staudt Printed in Germany
ISBN 3-518-12357-2

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Jacques Derrida
Der ununterbrochene Dialog: zwischen zwei U nendlichkeiten, das Gedicht
Kann ich hier vor Ihnen meine Bewunderung für HansGeorg Gadamer überhaupt angemessen und wahrheitsgetreu wiedergeben? Sie ist vor so langer Zeit aus Respekt und Zuneigung zu ihm entstanden, und in sie mischt sich dunkel eine uralte Melancholie. Diese Melancholie hat, so würde ich sagen, nicht nur historische Gründe. Denn selbst wenn es ein solches Ereignis gäbe, an dem man sie festmachen könnte, so bliebe es noch schwer zu entziffern, und die Art und Weise, wie es in ihr widerhallt, wäre immer noch einzigartig, intim, fast privat und geheim, noch zurückhaltend. Dort, wo sie anhebt, zielt sie nicht immer ins Epizentrum jener Erschütterungen, die meine Generation mehr aus ihren Wirkungen denn aus ihren Ursachen, verspätet, indirekt und vermittelt wahrgenommen hat. Ihr großer Zeitzeuge ist Gadamer, er ist ihr Philosoph. Das gilt nicht nur für Deutschland. Jedesmal, wenn wir miteinander gesprochen haben, übrigens immer auf französisch, mehr als einmal hier in Heidelberg, oft auch in Paris oder in Italien, hatte ich bei allem, was er mir in herzlicher Freundschaft anvertraut hat - einer Freundschaft, durch die ich mich geehrt, mehr noch gerührt und bestärkt fühlen durfte -, den Eindruck, ein Jahrhundert deutschen Denkens, deutscher Philosophie und Politik besser zu verstehen. Und dies gilt wiederum nicht nur für deutsches Denken, deutsche Philosophie und Politik. Der Tod hat diese Melancholie sicherlich verändert, durch ihn lastet sie unendlich schwerer. Der Tod hat sie
7

besiegelt. Für immer. Es fällt mir aber dennoch schwer zu unterscheiden, unter diesem starr gewordenen, versteinerten Siegel, in dieser schwer zu lesenden, aber auch irgendwie gesegneten Unterschrift, inwiefern sie auf den Tod des Freundes zurückgeht oder ihm schon so langevorangegangen ist. Schon bei unserer ersten Begegnung in Paris I9 8I muß mich diese Melancholie, eine andere damals und doch dieselbe, befallen haben. Unsere Diskussion konnte wohl nur mit einer merkwürdigen Unterbrechung beginnen, die nicht etwa ein Mißverständnis war, sondern eine Art Sprachlosigkeit, eine Hemmung des noch Unentlichiedenen. Und eher die Geduld einer unbestimmten Erwartung, einer Epoche, die den Atem anhält, das Urteil zurückhält und sich die Schlußfolgerung aufbehält. Da stand ich, mit offenem Mund, sprachlos. Ich sprach kaum mit ihm, und was ich damals sagte, richtete sich nur indirekt an ihn. Und doch war ich mir sicher, daß wir von nun an auf eine merkwürdige, aber innige Weise etwas teilen würden. Vielleicht eine Teilhaberschaft. Damals schon hatte ich eine Vorahnung: Was Gadamer wahrscheinlich einen »inneren Dialog« genannt hätte, sollte in jedem von uns weitergeführt werden, manchmal wortlos, unmittelbar in uns oder indirekt. Eine Bestätigung fand dies in den Folgejahren dadurch, daß, diesmal allerdings wortreich und sehr gelehrt, eine ganze Reihe von Philosophen auf der ganzen Welt, in Europa, besonders aber in den Vereinigten Staaten, den oft auch fruchtbaren Versuch gemacht haben, ihrerseits diesen Austausch zu übernehmen, der ja noch rein virtuell und zurückgehalten war, ihn dadurch erst richtig herzustellen, zu verlängern oder seinen merkwürdigen Bruch zu deuten.

guten und schlechten, deren nähere Erläuterung ich Ihnen hier erspare. Dieses Wort bleibt mir fremd wie eine Fremdsprache, deren Gebrauch ein besorgtes und umsichtiges Übersetzen erforderte. Wenn es dann darum geht, genau zu sagen, was »innerer Dialog« heißt, bin ich froh, daß ich Gadamer schon in mir habe sprechen lassen. Ich übernehme von ihm, und zwar wortwörtlich, was er kurz nach unserer ersten Begegnung I98 5 gesagt hat, zum Schluß seines Textes Destruktion und Dekonstruktion:
»Vollends das Gespräch, das wir in unserem eigenen Denken weiterführen und das sich vielleicht in unseren Tagen um neue große Partner aus einem sich planetarisch erweiternden Menschheitserbe bereichert, sollte überall seinen Partner suchen - und insbesondere wenn er ein ganz anderer ist. Wer mir Dekonstruktion ans Herz legt und auf Differenz besteht, steht am Anfang eines Gespräches, nicht an seinem Ziele.« 1 (HervorhebungJ. D.)

1.
Wenn ich hier von einem Dialog spreche, verwende ich ein Wort, das meinem Sprachgebrauch zugegebenermaßen fremd bleiben wird, und zwar aus tausenderlei Gründen,
8

Was macht diese Begegnung heute noch so unheimlich, nachdem sie in den Augen vieler geradezu mißlungen war, sich aus meiner Sicht aber eben dadurch als glückliche Fügung, wenn nicht gar als Erfolg erweisen sollte? Ihr Scheitern geriet so erfolgreich, daß sie eine lebendige und provozierende Spur hinterließ, der eine größere Zukunft beschieden sein sollte als einem Dialog voll Harmonie und Einverständnis. Diese Erfahrung nenne ich unheimlich, und zwar auf deutsch. Im Französischen habe ich keine Entsprechung, die dieses Gefühl mit einem Wort beschreiben könnte. Im Laufe dieser einmaligen, und damit unersetzlichen Begegnung schlich sich eine einzigartige Fremdheit ein und verschmolz mit dieser innigen und verstörenden Nähe, die manchmal beunruhigend, beinahe gespenstisch war. Dieses unübersetzbare deutsche Wort, unheimlich, brauche ich noch einmal jetzt, in dem Augenblick, da ich hier vor Ihnen auf französisch spreche und Sie auf deutsch mitleI

Gesammelte Werke, Band II, Tübingen 1986, S. 361-372, hier: S. 37 2.

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daß die Frage der Übersetzung eng mit der dichterischen Erfahrung verbunden ist. r981. was Gadamer mehr als einmal. Vergessen wir nicht: Wahrheit und Methode beginnt mit einem Kapitel über die »Erfahrung der Kunst«.«4 Ich nehme also einmal an. sah q-adamer in den Sprachgrenzen den Ort. den des Künstlers wie den des Aufnehmenden. 4 Gesammelte Werke. das Subjekt zu affizieren und es zu verändern. Das Gedicht ist nicht nur das beste Beispiel dafür. an dem sich Sprache einzig erfahren läßt. gleich am Anfang von Dekonstruktion und Hermeneutik. daß etwas unübersetzbar ist. wenn Denken oder Dichten Traditionsformen zu verlassen strebt und aus der eigenen Muttersprache neue Weisungen herauszuhören trachtet.28 5. die einerseits für immer der Übersetzung widerstehen und deshalb andererseits eine Übersetzung einfordern. Tübingen 1986. 279. und erinnere auch daran. Grenzen der Übersetzung zu schärfen. 35°-361. 10 . die Hürden der Übersetzung seien einer der wesentlichen Gründe für jene Unterbrechung gewesen.6 In diesem Horizont der Subjektivität steht das Kunstwerk dem Subjekt nie einfach gegenüber wie ein Objekt. S. Er unterstreicht die wesentliche Rolle dessen. a. um unsere gemeinsame Sensibilität für die . S. Damit möchte ich auch daran erinnern. Damals. Da ist vor allem die Sprachbarriere. Band VIII. der dem soeben zitierten von I988 vorausging und also noch näher an unserem ersten Treffen (r98r) liegt. Er meinte. das lyrische Gedicht. es muß kurz nach unserer zweiten öffentlichen Debatte gewesen sein. [U nd in einer Fußnote verweist er auf seinen Aufsatz» Lesen istwie Übersetzen«. am wenigsten uneigene Ort der Herausforderung für eine jede Übersetzung. damals. das Unmögliche in einem unerhörten Ereignis möglich zu machen. angefangen bei dem. S. Es gehört zu seinem Werkcharakter. Dies ist kein Zufall. S. 6 A. die große Instanz für die Erfahrung der Eigenheit und der Fremdheit von Sprache. 441. hier: S. daß sich das Ganze der Poesie stückweise und schlicht und einfach aus dem ergibt. das meine Pariser Begegnung mit Derrida vor einigenJahren sein wollte. der 3 Gesammelte Werke. was viele unserer Freunde ein wenig überstürzt als so etwas wie ein U rmißverständnis gedeutet haben.sen können. Tübingen 1993. hier: S. was er in seiner philosophischen Hermeneutik die »Erfahrung der Kunst« nennt. Sie wird immer dann groß. und damit schafft sich Gadamer den Raum für eine »Erfahrung des Kunstwerks«. Tübingen 1993. wie Gadamer selbst das diagnosti':' ziert hat. 437-448. Gadamer schreibt in »Die Grenzen der Sprache«: »Für uns alle aber gilt das [gemeint ist das »Phänomen der Fremdsprache«]. ganz besonders in seiner Selbstdarstellung. nämlich in ihren idiomatischen Besonderheiten. S. an dem uns die Ubersetzung herausfordert und stets die Gefahr des Mißverständnisses droht: »Das Gespräch zwischen selbständigen Fortführern Heideggerscher Anstöße. Tübingen 1995. Band II. betonte er noch einmal ausdrücklich. II Gesammelte Werke.«2 Gadamer spricht also lieber von »Denken oder Dichten« als von Wissenschaft und Philosophie. 138-147. hatte es mit besonderen Erschwerungen zu tun. diskutierten wir hier in Heidelberg zusammen mit Philippe Lacoue-Labarthe und Reiner Wiehl über Heideggers politisches Engagement..S zu diesem Thema sagt. grundsätzlich immer übersteigt«. Band VIII. 0. gegenüber allen anderen Verstehenskünsten. 479-508. Sieben Jahre später. wo es sich um Übersetzung handelt. die doch überraschend kam. es ist der eigenste. die »jeden subjektiven Horizont der Auslegung. In einem Aufsatz mit dem Titel »Die Grenzen der Sprache« (I984). Das 2 Gedicht zeigt wahrscheinlich den einzigen Ort an. 138. und daran gälte es heute anzuknüpfen. die ihr als Ausgangspunkt dienen.3] Da ist Poesie. S. 5 Gesammelte Werke. das Unmögliche zu leisten. 360. Band X. der zugemutet wird. was wir Kunst oder die schönen Künste nennen.

Sollte ich aber doch Anspruch darauf erheben dürfen. Und so virtuell dieser Dialog auch sein mag. ja vielleicht gar die Bestätigung des Mißverständnisses. wie auch andererseits den Beginn eines inneren Dialogs in jedem von uns beiden. die zuvor angenom. ohne Anmaßung von einem Dialog zwischen mir und Gadamer zu sprechen. das Gadamer 1990 veröffentlichte: Gedicht und Gespräch. so würde ich ein weiteres Mal darauf bestehen. ist aber auch die Aufforderung zur verantwortlichen Antwort und zum Gespräch. Tübingen 1986. Er leitet und führt ihn. Gadamer schlägt vor. wie gering er auch sein mag. das mein Gedenken heute so nachhaltig verstört? Eh bien. das dieser Unheimlichkeit auch hier und jetzt zugrunde liegt.besonders in der Öffentlichkeit. seine Spur setzt sich im Überlebenden fort. die beispielsweise das Gedicht zum erteilten Befehl und zum Diktum eines Diktats macht. lebendig und glücklich erhalten hat. Doch das Überleben trägt in sich die Spur eines unauslöschlichen Einschnitts (aus). ergibt sich gerade daraus. eine Unterbrechung affiziert die andere. geschah oder sich ereignete seit jener letzten von drei Fragen. das wir zu entziffern versuchen. unendlich. Man spricht oft und ein bißchen leichtfertig von einem inneren Monolog. mene Ordnung durch eine paradoxe Formel umzukehren: »Das >Subjekt< der Erfahrung der Kunst. Sie erkennen hier den Titel eines Werkes wieder. ob ich das Recht habe. ich forderte eine gewisse Unterbre- . daß dieser innere Dialog wohl jene Tradition am Leben. davon gehe ich einmal aus. Dieses Gespräch. eine scheinbare Unterbrechung des Dialogs. Die Unterbrechung vervielfacht sich. Das ist das schicksalhafte und unabwendbare Gesetz: Von zwei Freunden wird der eine den anderen sterben sehen. wie immer bei einer Freundschaft (zumindest empfinde ich es jedesmal so). Vielleicht gelingt ihm dies besser denn je . eines virtuell unendlichen und quasi-kontinuierlichen Dialogs. mit dem lebenden. 108. die ich Gadamer 1981 in Paris zu stellen wagte. auf einer traurigen und erschütternden Gewißheit: Eines Tages wird der Tod uns trennen. der sie erfährt. wenn ich so sagen darf. Indes geht ihm ein innerer Dialog voraus und macht ihn erst möglich. 12 noch immer lebenden Gadamer. 8 Ich weiß nicht.. die ihn äußerlich aufzuheben schien . S. er wird durch eine letzte Unterbrechung doch für immer versehrt bleiben. künftig wird er ihn in sich sprechen lassen. sollte seit unserem ersten Treffen in Paris nie unterbrochen werden. Diese Frage bedeutete sowohl die Herausforderung. was gesagt wurde. Jener glaubt den anderen in sich zu bewahren. Band I. Wahrscheinlich beruhte diese Melancholie. Tatsächlich. Es hat den verborgenen Sinn jener Unterbrechung ununterbrochen kultiviert und gerettet. es war so. Aber warum muß man eigentlich soviel Wert auf diese Unterbrechung legen? Und was ist es in meiner Erinnerung. das was bleibt und beharrt. Sondern das Kunstwerk selbst. indem er ihn aufspaltet und bereichert. es liegt wohl an all dem. verschwiegen oder auch nicht . Der Dialog geht wahrscheinlich weiter.unterzeichnet. mit Gadamer selbst. Mein innerer Dialog mit Gadamer. ohne sich je nach außen zu verschließen.für mich meistens innerlich und nach außen hin stumm. das von nun an das Denken vor ein erstes Rätsel stellen wird. daß dieser Dialog zunächst ein innerer und unheimlicher war. wie er es schon zu seinen Lebzeiten tat. 7 Gesammelte Werke. hat tief im Inneren die Erinnerung an jenes Mißverständnis mit einer bemerkenswerten Beständigkeit bewahrt. (ist) eine Unterbrechung in der Spiegelung. 8 Frankfurt am Main 1990. unheimlicher denn je. Unvergleichlich ist diese Trennung zwischen Leben und Tod.eine erschreckende Annahme. Das Geheimnis. sie drückt dem Gespräch ein Siegel auf. ist nicht die Subjektivität dessen.</ Diese souveräne Autorität des Werkes.

Er fühlt sich zumindest allein verantwortlich. weit entfernt davon. wir wußten es beide im voraus. »sich miteinander verstehen« nennt. ganz alleine. von der ich hier rede. auch nicht nur einer Welt unter anderen. was ein jeder wie eine einzige und selbe Welt eröffnet. der Rechenkunst zum Trotz. dieses endgültigen Grußes. sowohl den Dialog. in sich. Einer von uns beiden wird von Anfang an dazu verurteilt gewesen sein. ein sich kontinuierlich entfaltender Bezug zu sein (wie es gestern abend hieß). als auch die Erinnerung an die erste Unterbrechung weiterzutragen. Nicht nur durch eine Unterbrechung. brechung hinweg fortsetzen muß. Text und Interpretation. Eine erste Möglichkeit wäre es. desjenigen. Philippe (Hrsg. vielmehr zeigt er jedesmal. Der Tod bereitet nicht nur jemandem in der Welt ein Ende. mit dem. künftig in einer weltlosen Welt. den er über die Unter9 Forget. nicht doch eher der Bruch des Bezuges ist. sie geht ihm voran und hüllt einen jeden in die Trauer einer unerbittlichen zukünftigen Vergangenheit. Die Trauer wartet nicht mehr. diesseits oder jenseits überprüfbarer Deutungen: Die Welt ist fort. er zeigt das Ende der einzigartigen Welt. Und. das Ende der Gesamtheit dessen. ich muß dich tragen. und jedesmal einzigartig. so werde ich sagen. Ob man nun von der Verständigung oder vom Mißverständnis (Schleiermacher) ausgeht. eine Aufhebung aller Vermittlung?«9 Die melancholische Gewißheit. sowohl den anderen als auch dessen Welt weiterzutragen. Aber weit davon entfernt. 11. jedesmal unendlich. den Klang eines Celanverses auf uns wirken zu lassen. konnte diese Unterbrechung ebenso die Voraussetzung für Verstehen und Einvernehmen werden. . dazu bestimmt. beginnt also wie immer bereits zu Lebzeiten der Freunde. was der Ursprung der Welt für ein solches einzigartiges Lebewesen ist (sei es nun ein Mensch oder nicht) oder als solcher erscheinen kann. nichts weniger als ein Ende der Welt. verantwortlich und weltlos. 58. jedesmal unwiederbringlich. das Ende eines Lebens oder eines Lebewesens. damit den Dialog zum Scheitern zu verurteilen. ob die Bedingung des Verstehens. München 1984. Der Überlebende bleibt also allein. das Ende einer Person oder einer Sache in der Welt.). S. Sie war die dritte und letzte aus einer Reihe von Fragen zum guten Willen im Streben nach Konsens sowie zur schwierigen Eingliederung einer psychoanalytischen Hermeneutik in eine allgemeine Hermeneutik: »Dritte Frage: Auch diese geht auf die Axiomatik des guten Willens. Erlauben Sie mir ausnahmsweise. Einer von u'ns beiden wird alleine zurückgeblieben sein. ohne es mir mit einer Übertreibung leicht zu machen. Mögen nun psychoanalytische Hintergedanken mit im Spiele sein oder nicht. Nicht nur ein Ende unter anderen. Und immer schon. Ein cogito des Adieu.chung geradezu heraus. jedesmal. diese Frage in Erinnerung zu rufen. die ganze Welt des anderen. was Professor Gadamer »Verstehen«. so ist doch die Frage berechtigt. das absolute Ende jener einen und selben Welt. weltbodenlos. der Bruch als Bezug gewissermaßen. sondern durch ein Wort der Unterbrechung. was es mit dieser axiomatischen Bedingung des Interpretationsdiskurses auf sich hat. eines Dialoges in der Welt oder eines innersten Dialoges. zeichnet den Atem selbst des Dialoges. In der Welt außerhalb der Welt und der Welt beraubt. immer muß man sich doch fragen. »verstehen des anderen«. wahrscheinlich nicht die einzige. Jenseits der Welt des anderen ist er auch auf gewisse Weise jenseits oder diesseits der Welt selbst. den verschwundenen anderen und die verschwundene Welt. Die Welt nach dem Ende der Welt. Denn der Tod ist. Seit dieser ersten Begegnung kommt diese Unterbrechung dem Tod zuvor. als wäre er erdenlos jenseits des Weltendes.

um sie zu denken. was Gadamer oft den Anspruch des Werkes nennt. Wir werden versuchen. den es an uns richtet. die hartnäckige. Doch vielleicht sind diese Anklänge des Wortes »Denken« an Gedächtnis und Dank nur äußerlich und künstlich ausge17 der verkieselten Stirn eines Widders brenn ich dies Bild ein. im Lateinischen wie im Französischen: abwiegen. oder dies zumindest zu simulieren. Doch wird sie auch eine besorgte Deutung sein. außer mir. darin. seine Rechte geltend zu machen. ihm zuzuhören und auf verantwortliche Weise auf das zu antworten. den Anspruch. wir waren für einige Jahre Kollegen an der Ecole Normale Superieure. Nehmen wir einmal an. vergleichen. der Paul Celan uns war. der den seinen kreuzen könnte. ausbalancieren. so zunächst deshalb. Wir werden dieses Gedicht erneut lesen. das bedeutet auch. abwägen. um ihm ein Gewicht beizumessen. auch dies eine Unterbrechung. vielleicht sogar etwas ganz anderes als eine Deutung. ich muß dich tragen. Mit ihm. geschieht dies im Versuch. 10 Gesammelte Werke. was ich niemals tun würde. in mir. muß man also tragen (vielleicht Celans tragen). wenn ich sie jetzt in mir höre. zum »Gedanc« gehört der Dank. Auch dies ein Bruch. mich dem Gedicht zu nähern. Wie Gadamer habe auch ich oft versucht. Frankfurt am Main 2000. ihm entgegen. an ihn selbst. Hierzu. Wenn es mir jetzt noch einmal darum geht. im Gesang der Windungen. Wenn ich hier seine Stimme zu Gehör bringe. um zu denken und zu wiegen. um mit ihm zu sprechen. in sich tragen und auf sich tragen. sie zu ertragen. dessen Bedeutung [portee] ich im folgenden zu wiegen versuchen werde. die andauernde Aufforderung des Gedichts an uns. wie sie Heidegger in Was heißt Denken? stellt: »Zum Gedachten und seinen Gedanken. GROSSE.Es ist der letzte Vers eines Gedichts aus der Sammlung Atemwende. ihm Rede und Antwort zu stehen. Fragen der Art zu übersetzen. um ihre Schwere abzuwägen. Mit meiner Lektüre würde ich ihm heute gerne eine Ehre erweisen. Wir haben Schwierigkeiten. wir könnten alles auf die etymologische Karte setzen. Band II (Gedichte S·97· 2).lofestgehalten wie eine Sentenz. Was heißt wiegen? Und was heißt abwägen? Denken. wenn nicht gar. zitternd und durchzittert. Aber warum dieser Vorgriff? Und warum habe ich den letzten Vers zuerst zitiert. das Mark der geronnenen Herzmeere schwillt. zwischen die H ärner. und mit ihm zu denken. als hätten wir im Französischen nicht das Glück jener Nähe von Denken und Danken. Zumindest verfolgt sie einen Weg. ich muß dich tragen? Wahrscheinlich. untersuchen. aber immer berechtigte Erinnerung an sein Anrecht. weil ich Gadamers Bewunderung für diesen anderen Freund teile. nachts. allein und noch vor allen anderen. Paul Celan zu lesen.und hinwegwühlenden Schwarzgestirn-Schwarm: Wogegen rennt er nicht an? Die Welt ist fort. gleich einem Seufzer oder einem Urteils spruch. mich an Gadamer zu wenden. 16 . Celan hatte mir kurz vor seinem Tode ein Exemplar dieses Bandes geschenkt. so scheint es ganz so. GLÜHENDE WÖLBUNG mit dem sich hinaus. und ihn damit wahrscheinlich gewaltsam und künstlich isoliert: Die Welt ist fort.

[. 18of.und hinweg-I wühlenden Schwarzgestirn-Schwarm) scheint ein Echo zu sein auf jenes »Wühlen« aus dem vorliegenden Gedicht der Sammlung Atemkristall (Wühl ich mir den I versteinerten Segen). Meint Wühlen nicht dasselbe unruhige Aufwühlen. 18 .I Händen« in Aschenglorie (Atemwende) einzugehen. [. ich muß dich tragen. Atemwende und Atemkristall. um des Motivs der Hände und Finger willen auch auf »Aus der Vier-Finger-Furche .. Die Welt ist fort.dacht.I glorie hinter I euch Dreiweg. Zum Beispiel Benedicta: »Ge-I segnet seist du. Zwischen Denken und Tragen. S. so versteinert wie das Siegel. »Denn darin«. Wenn mir nicht die Zeit gefehlt hätte und ich mutig genug gewesen wäre. von I jenseits meiner I erloschenen Finger. S.. Das Gewicht eines Gedankens ruft nach und benennt sich immer nach einem Examen. Dieses Gedicht spricht möglicherweise vom Glück eines Segens. Unter den von Gadamer kommentierten Gedichten befindet sich beispielsweise folgendes: WEGE IM SCHATTEN-GEBRÄCH deiner Hand. eines versteinerten Segens.. Gadamer hatte angekündigt. daß Examen im Lateinischen den Zeiger einer Waage bezeichnet. Band I (Gedichte I). auf dem das ganze Gewicht des zu II interpretierenden Gedichtes liegt: wühl ich mir den I versteinerten Segen. Clark (Hrsg. bis zu einem gewissen Punkt zumindest und so weit es irgend geht.. »liegt offenbar der Kern dieses Kurzgedichts. was man ihr zu wägen aufträgt. Was heißt Denken?. eines Segens. neugierigen und ungeduldigen Dranges nach Wissen? Gadamer verweist mehr als einmal nachdrücklich 13 Gesammelte Werke. Tübingen 1954. hätte ich hier noch versucht. das mich gerade schon faszinierte. 91. und Sie wissen. « und »ASCHENGLORIE hinter I deinen erschüttert-verknoteten I Händen am Dreiweg. »nach dem hermeneutischen Prinzip« vorzugehen und mit dem Schlußvers beginnen zu wollen. in dessen Zeichen ich diesen Moment gerne festschreiben würde. mit einer Geste. beide Male nämlich die Bewegung eines subversiven und suchenden.] Ist das Denken ein Danken? Was meint hier Danken? Oder beruht der Dank im Denken?«!! Wenn wir auch nicht dieses glückliche Zusammenspiel oder Einverständnis zwischen Denken und Danken haben. Ich habe an anderer Stelle eine Interpretation dieses Gedichts vorgelegt: »A Self-Unsealing Poetic Text: Poetics and politics of Witnessing« in: Michael P. S. Revenge 0/ the Aesthetic. mit denselben Fingern.). Gadamer treu bleiben und ihn sogar nachahmen. wollte ich auch. Aus der Vier-Finger-Furche wühl ich mir den versteinerten Segen. so schreibt er. von weit her. So auch beim Wort examen.249 f . Mit dem anfänglichen Zitat und der Wiederholung des letzten Verses.. die er in seinem Buch Wer bin Ich und wer bist Du? Kommentar zu Celans Gedichtfolge >Atemkristall<!2 zweimal wiederholt. 12 Frankfurt am Main 1973. der man die Richtigkeit und vielleicht Gerechtigkeit eines Urteils darüber anvertraut.. Berkeley/Los Angeles/London 2000.« Wir stehen also heute hier. so haben wir doch in unseren romanischen Sprachen jene Freundschaft zwischen Denken und Wiegen (pensare). wobei allerdings der Dank immer in der Gefahr stünde. wie so viele andere Segnungen Celans. «13 Sie haben es sicher bemerkt: Das Wühlen des anderen Gedichts aus Atemwende (mit dem sich I hinaus. Es wird wahrscheinlich von derselben Hand geschrieben. zwischen dem Gedanken und der Schwere.] Aschen. Ersatz im Tausch mit dem Denken zu sein. Frankfurt am Main 2000. zwischen zwei Atemzügen oder zwei Inspirationen.

Band XI. von der Szene des Schreibens. 405. Er liest aus ihnen die Sprache des Schicksals oder des Wesens heraus. die Hand dieses Gedichts? Wie soll man sich hier in einem Bild gleichzeitig die Öffnung und das Schließen vorstellen? Vom ersten Satz an hatte Gadamer angekündigt. die Provokation. Eine Hand würde so die Botschaft des Segens noch verborgen halten. in Form von Unterbrechungen beim Entziffern des Sinns. 21 Der Segen des Gedichts: Dieser doppelte Genitiv benennt wohl die Gabe eines Gedichts. Gadamer schreibt: »Was mit dem >Schatten-Gebräch< gemeint ist. was sie der Lektüre vorenthält. Nehmen wir einmal vorläufig und fraglos hin. die es eröffnet. Die Segenshand gibt damit etwas zu lesen. Zugleich gibt sie und entzieht sie den Sinn der Botschaft. daß er sich in seiner Deutung mit mehr als einer Unterbrechung konfrontiert sieht. in dieser Vision eine umstürzende oder umstürzlerische Lektüreszene zu sehen. wäre auch die Szenerie der Lektüre.«14 Er wagt also einen kühnen Schritt. was das Gedicht selbst zu lesen gibt: »Damit geschieht ein kühner Umschlag von der segnenden Hand zu der Hand. Er übt einen fragenden Druck aus. Die ersten Unterbrechungen folgen zunächst Falten. Gesammelte Werke. er sucht eine Hand zu öffnen. zugleich geöffnet und geschlossen. Als sei ein im voraus erworbener Segen. Diese spiegelhafte und autotelische Reflexion bleibt nicht in sich verschlossen. er wird gesucht. Was ist die Hand? Diese Hand hier. die der Handleser deutet. Er schlägt vor. daß dies das einschlägige hermeneutische Prinzip ist und daß es eine solche Evidenz gibt. Muß ein Segen nicht immer unwahrscheinlich bleiben? Dieses Gedicht stellt uns also vor ein erstes Deutungsproblem. dann werden in dem >Gebräch< der Hand. sie ist gleichzeitig und unwiderruflich ein dem anderen gewährter Segen. berechenbarer. das Gedicht spreche von sich 14 A. Unterstellen wir. 15 Ebd. entscheidbarer Segen kein Segen mehr. Aber diese Wendung zum anderen hin schließt diese selbstreferentielle Reflexion nicht aus: Es ist immer möglich zu sagen. die Brüche als Linien sichtbar. Was das Gedicht uns zu lesen gibt. in dem sich ihm zufolge ganz offenbar »der Kern dieses Kurzgedichts« findet. jenem Schlußvers. 20 . Doch im Verfolgen dieser beiden Axiome gesteht Gadamer sehr schnell ein. mit dem man rechnen kann.«15 selbst. eine gegebene Hand.«16 16 Ebd. daß er »nach dem hermeneutischen Prinzip« mit dem Schlußvers beginnen würde. die zur Lektüre dessen aufruft. das heißt in dem Geflecht von Brechungen und Faltungen. dem Adressaten oder Leser. daß der Schlußvers den Sinn des ganzen Gedichts trägt. Der Segen ist nicht gegeben. die auch Furchen der Lektüre sind.auf dieses Wort. und zwar ausdrücklich. Nun sagt das Gedicht: Dieser Segen der segnenden Hand wird mit der wühlenden. er scheint der Hand entwunden. segnen läßt. des Unterschreibens und von der Lektüre. S. Sie hält den Segen zurück. ein überprüfbarer. welche die vier Finger im Unterschied zu dem Daumen in einer Einheit zusammenfaßt. in der für das Handlesen eine segensreiche hoffende Botschaft verborgen ist.. lehrt der Zusammenhang. ein Segen. Sie muß auch eine Reihe von Fragen in der Schwebe lassen. aber sie fordert auch auf zu lesen. ich wiederhole es noch einmal. 0. Die >Vier-FingerFurche< nun ist die durchgehende Querfalte. auf dem der Akzent liegt: wühl ich mir den / versteinerten Segen. Wenn die Hand sich etwas krümmt und die Falten Schatten werfen. die sich selbst und ihren Sinn verschließt. daß Segen nur noch in Versteinerungen gegenwärtig ist. das sowohl den anderen segnet als auch sich vom anderen. Gadamer stellt folgende Hypothese auf: »Die Nähe und die Spende des Segnenden muß vielmehr so entbehrt werden. a. verzweifelten Inbrunst eines Bedürftigen gesucht.

Der Text ist hier eine segnende Hand. f. etwas anderes als die Hand des verborgenen Gottes zu sehen. zu entziehen. unhörbar und unübersetzbar scheinen mag. ohne diese Unmöglichkeit der Beweisführung. zu verschwinden. eröffnen und befreien sie ihre eigentliche Erfahrung. die nicht mehr segnet. ist >versteinerter< Segen. nach einer gesegneten Lektüre sucht -. mit einem Fragezeichen versehen.. jenes andere Wort mit gespitztem Ohr und genauem Hinhören kommen zu lassen. bereit zu neuem Engagement auf ganz anderen Wegen. In Wahrheit und Methode kann Gadamer nicht umhin. die Möglichkeit der Segnung und die Zukunft der Interpretation an eine Unterbrechung binden. sie durchzieht diesmal nicht mehr das Innere des Textes. Damit der feste Entschluß darin deutlich wird. der nicht etwa lähmend wirkt. in der Segenshand. Seine alleinige Aussage ist die inständige Not dessen. läßt er eine Reihe von Fragen unentschieden. 405f. h. dessen Segensfülle unkenntlich wurde und uns nur noch wie in Versteinerungen überkommen ist. zu Recht oder zu Unrecht.nach Segen sucht. Ist das noch Segen? Ein letztes an Segen? Aus deiner Hand?«'7 Ich will Ihnen nun anvertrauen. besonders hinsichtlich des »Ich« . »Wessen Hand ist es? Es scheint schwer. Sie umschließt ihn. wo es noch unverständlich. Er schließt ohne Schlußfolgerung. die unendlich verbleiben muß und nicht durch eine Sicherheit gesättigt oder abgeschlossen werden darf. In »Die Grenzen der Sprache« 17 Ebd. daß das Gedicht darüber nichts entscheidet.« Diese Bruchlinien verorten sich bereits in einem Text. Es sind alles Aussagen. der in >deiner< Hand . Er liest aus ihnen die Sprache des Schicksals oder des Wesens. Eine externe Grenze zeichnet eine in der Schwebe lassende Unterbrechung. . im Nachklang dieser letzten Fragen weiterhin und unbedingt lebendig halten will. gäbe es keine Lektüre. am Leben. die sich im Innern der Hand gleichzeitig zur Lektüre anbietet und sich dieser verweigert: »Im Geflecht von Brechungen und Faltungen [werden] die Brüche als Linien sichtbar. den gesamten Absatz zitieren. Sie haucht der Frage ihren Atem ein. so scheint es. der nach einem Segen. Die Unterbrechung ist unentschieden. aber ganz innerlicher Unterbrechung.wessen Hand es auch sei . sondern sie in Bewegung bringt. sich entlang ihrer internen Grenzen zu verweigern. eine solche. Mehr noch als die Unentschiedenheit an sich bewundere ich Gadamers ausgesprochenen Respekt gegenüber einer solchen U nentschiedenheit. Hier wird dem Gedicht 22 selbst . im Atem des anderen Wortes und des Wortes des anderen gehalten .selbst dort. die. sie unentscheidet [indecideJ. Was er findet. unentscheidbar. Weit davon entfernt. wach und wachsam. die jedoch ebensogut Gefahr läuft. die nachdenklich macht und die Dinge in der Schwebe hält. Nachdem Gadamer eine Reihe von Lesarten skizziert und riskante Fragen aufgeworfen hat. Ohne diese Gefahr. keinen Segen. wer hier »Du« ist. Sie scheint zwar die Entzifferung der Lektüre zu unterbrechen oder aufzuheben. die deutende Lektüre abzuschließen. eine Art mehrfacher. wenn Sie erlauben. Die Unterbrechung setzt sogar eine unendliche Bewegung frei. Aber wieder wird es so sein. Diesmal wird es um das »Du« nicht weniger als um das »Ich« gehen. ob diese nun das erstarrte Zeremoniell der Religionen oder die erstarrte Glaubenskraft der Menschen sein mägen. bereit. ohne diese Unwahrscheinlichkeit. sichert jedoch tatsächlich deren Zukunft. auf der Schwelle. keine Gabe. das U nentscheid bare wirklich unentschieden zu lassen.das Recht zuerkannt. die der Handleser deutet.und nicht etwa dem Dichter oder dem Leser . Die Unentschiedenheit hält die Aufmerksamkeit immerzu in Atem. möchte ich nun. Später geschieht die Unterbrechung am Rande.Gadamer beschreibt zunächst. der sich aufspannt und hergibt. den »endlosen Charakter des Dialoges« zu unterstreichen. im Unentschiedenen zu bleiben.das »Ich« des Dichters oder das des Lesers. S. d. was ich.

daß ein »wirkliches Einverständnis. was den unendlichen Prozeß hervorruft.19 Hierin erkennt Gadamer das Zeichen der Endlichkeit selbst. Wenn 18 Gesammelte Werke. daß die unterbrechende Endlichkeit eben dies ist. daß das Gedicht selbst nichts entscheiden werde. die zwar von einem Bezugspunkt zum nächsten irrt. zu sprechen (vielleicht.und über sich selbst . das zu Ende ist~ bevor es zu einem wirklichen Einverständnis geführt hat«. daß eine verlassene Spur zurückbleibt. S·33 8. sagt Gadamer wortwörtlich. Vom Herzen seiner Einsamkeit aus vermag das Gedicht selbst . zu geben. ] kein Gespräch gibt. seine Tragweite abzuschätzen. Über das Rhetorische einer Trope hinausgehend. Was meines Erachtens weiterhin lebendig bleiben sollte in diesen letzten Fragen Gadamers über das.spricht er an mindestens zwei Stellen vom »unendlichen Prozeß«..18 Wenn es stimmt. dann macht es diese doppelte Unterbrechung nicht nur zu jenem unglücklichen Waisenkind. die scheinbar souverän ist. daß das Gedicht wie eine jede Spur auf diese Art und Weise schicksalhaft verlassen und von seinem Ursprung und Ende abgeschnitten ist. so liegt das daran. dem Wesen der Individualität widerspricht«. S. die plötzlich unabhängig wird von dem. dies aber nach einer geheimen Regel .. Diese Selbstreferentialität bleibt stets ein Anspruch an den anderen. von dem gerade die Rede war. behauptet es gleichzeitig die Unlesbarkeit der Welt. Dieser charakterisiert einerseits das Gespräch im allgemeinen. Band II. und sei es an den unzugänglichen anderen in uns. Und zwar hier auf durchsichtige. nur vielleicht). in: Gesammelte Werke. fast unleserlich. Alles doppelt. seiner eigenen Unlesbarkeit spricht. diese unmittelbare Unlesbarkeit ist dann auch die Quelle. der die Berechnung der Unberechenbarkeit einer unterbrochenen Abstammung aussetzt. dort auf eine mit esoterischen Tropen durchsetzte Weise. Eine Seite später wird andererseits der »unendliche Prozeß« als Charakteristikum des unabschließbaren Dialogs eines Übersetzers mit sich selbst genannt. einen Segen zu erteilen (vielleicht. entsteigst dir für immer. es von ihm emanzipiert und trennt. 19 Ebd. aus: Schneepart (1971). ein ganz vollständiges Einverständnis zwischen zwei Menschen. in der Gadamers Rhetorik die Sache wendet. eine Spur. heiser.stets durch seine unmittelbare Unlesbarkeit hindurch zu sprechen.. zu denken zu geben. unübersetzbar. die es dem Gedicht erlaubt. 359. so daß es »vom hermeneutischen Standpunkt aus [. Ich würde sagen. 20 UNLESBARKEIT dieser Welt. Ein anderes Gedicht Celans 2G beginnt so: UNLESBARKEIT dieser / Welt. was im Gedicht unentschieden gelassen wurde. von einem Vater. Tübingen 1993. das anscheinend dem Gedicht den Vater raubt. Dieses Verlassensein. als das in Platons Phaidros die Schrift bezeichnet wird. Selbst dort. Wenn es überhaupt eine Initiative behält. die eine Einweihung und eine Technik des Lesens erfordern. Sie hebt den Bezug auf das Nicht-Aneigenbare keineswegs auf. Es handelt sich dabei in Wahrheit um etwas anderes als eine rhetorische Wendung. es so ist. ist die einzigartige und wahrscheinlich beabsichtigte Art und Weise. (Gedichte 2). zu lesen zu geben. in dein Tiefstes geklemmt. Das Gedicht ist hier durchaus schon das Subjekt. Band VIII. in einem »unendlichen Prozeß« die Entzifferungen eines jeden künftigen Lesers zu überleben. Du.und die dazu bestimmt ist. daß kein Dialog in Wahrheit jemals abgeschlossen ist. was der Unterzeichner bewußt und eigentlich sagen wollte. nur vielleicht). . dann liegt das auch daran. Alles doppelt Die starken Uhren Geben der Spaltstunde recht. wo das Gedicht von der U nlesbarkeit. unvorhersehbar.

21 Jene begannen wahrscheinlich während eines diesem Gedicht gewidmeten Seminars vor einigen Monaten in New York (New York University). unübersehbar und unüberhörbar . wie man dann gleich weiter vermutet. die wir uns versuchsweise denken wollen. um vorab auf ihn hinzuweisen oder ihn zu illustrieren. als ob ich unterstellen wollte. eigentlich müßte man es endlos tun. überhaupt nur da ist. weiblichen oder neutralen Geschlechts) richtig zu lesen. ). darin ein Postskriptum einfließen zu lassen. das.Und wenig später zögert man beim Versuch.es wird Ihnen nicht entgehen ein je anderes Fürwort: sich. GROSSE. werden wir die Kraft haben. Ich lese das Gedicht ein weiteres Mal. sind bestenfalls Hilfe21 rufe. sie mit virtuellen Diskursen. Fast wie auf einem Wachtposten wacht über jeder Strophe. Der letzte Vers ist jedoch vom Rest des Gedichts gesondert und getrennt durch die abgründige Dauer eines weißen Verstummens. UI. das folgendermaßen schließt: ganze Sinn des Gedichts in seiner Last zu tragen aufgegeben. als ob ich mir erlauben würde. bei der man versucht ist. Du und ich (Du.. das »Du« zu identifizieren. Er folgt auf eine spürbare. und auf kunstvolle Weise das Gedicht skandieren.und hinwegwühlenden Schwarzgestirn-Schwarm: Die Welt ist fort. bei aller Verwegenheit des folgenden Abenteuers. . GLÜHENDE WÖLBUNG mit dem sich hinaus. das das Gedicht aufruft: irgend jemand. er. Menschen oder Götter. für Tiere. er bei jeder der drei Strophen. Ich hebe dabei diesmal die persönlichen Fürwörter hervor. die Abfolge oder Stellvertretung der bestimmten Artikel (männlichen. . im Gesang der Windungen. Werden wir auch nur in der Lage sein. ihm sei der der verkieselten Stirn eines Widders brenn ich dies Bild ein. der Dichter. Was Sie hier zu hören bekommen. Avital Ronell und Werner Hamacher waren dort meine Gesprächspartner. dich). darin. ich muß d ich tragen. in dein Tiefstes geklemmt . Ihnen sei hier gedankt. zwischen die Hörner. die als Pronomen genausogut für Lebendiges wie für Totes stehen können. ich muß dich tragen. besonders auch jene Folge der persönlichen Fürwörter (ich. Wogegen rennt er nicht an? Die Welt ist fort. der Anspruch dieses Gedichts erstreckte sich auch auf Gadamers Celan-Buch: Wer bin Ich und wer bist Du? Ich tue dies nicht ganz unbefangen. Man könnte beinahe meinen. Gott. wenn nicht gar zu überfüllen. Bedeutungen oder endlosen Meditationen aufzufüllen. ich. jeder andere. das Mark der geronnenen Herzmeere schwillt. vergleichbar einem aus den Fugen geratenen Aphorismus. Dieser sagt etwas aus über die Tragweite (tragen). in der Übernahme einer Verantwortung. im Versuch einer Antwort. der Leser. das Gedicht selbst. einer Sentenz oder einem Urteil aus ferner Zeit. überlange Unterbrechung. sie zu übersetzen. ich und dich beim letzten Vers. die Abgrundtiefe dieser oder jener für immer verschlüsselten Einzigartigkeit. mancher.

zumindest nicht direkt. von jener unüberschreitbaren und doch stets schon mißbräuchlich überschrittenen Grenze sprechen zwischen einerseits formalen Herangehensweisen. Zu glauben. ihm Rechnung zu tragen. sie wird durch ihn erst möglich. Als ich auf das Gedicht gestoßen bin. Aber welche Welt. als wären es Anschreiben. was man mit Celan als Singbarer Rest bezeichnen könnte.wie es sich für jede Hermeneutik gehört .der Entfaltung expliziter wie impliziter Sinngehalte aufmerksam nachgehen. mögliche Welten. die Welt ist verloren. im selben Corpus. was der Autor bewußt sagen will. die Welt hat uns verlassen. Inszenierungen. sondern in der Fremdsprache eines anderen. sage ich Ihnen später noch. die in jedem Gedicht singende oder singen lassende Provokation. und wenn ich mir auch sicher bin. in der Literaturgeschichte oder im Leben. Ich werde also nicht. Jene Hermeneutik wird vielmehr erst durch diesen Überschuß notwendig. die zwar versucht. mit Hilfe welcher Hypothesen. Gierig habe ich mir damals eine Vielzahl von Bedeutungen zu eigen gemacht. ~ 1 . was ist die Welt? Und. wie er hier unter anderem auch die Spur des dichterischen Werks möglich macht. die natürlich unerläßlich sind. und . sich irgendeiner Sache sicher zu sein. zwischen der Welt des Gedichts und der Welt des Lebens. Indem es unlesbar bleibt. scheidet es unendliche Lektüremöglichkeiten aus und verheimlicht sie. dies an anderer Stelle versucht. Ohne diesen Rest gäbe es nicht einmal den Anspruch. die Provokation. wäre bereits die erste Dummheit oder der schlimmste Verrat. gemäß einem Titel oder Anfang eines anderen Gedichts der Atemwende . über die Frage hinaus.und Schreibpraxis [lecture-ecriture]. Ich werde jetzt nicht vor Ihnen verschiedene Verfahren theoretischen oder methodologischen Vorgehens entfalten. all dies mitzubedenken. ' der mir die Zukunft ebenso wie die Vergangenheit zum Gegenzeichnen gibt (was für ein zweifelhaftes Geschenk): Das Unlesbare steht dem Lesbaren nicht mehr entgegen. wie auf alle idiomatischen Ressourcen des Dichters und seiner Sprache etc. Ich versuchte also zunächst. und andererseits einer disseminalen Lese. das gestehe ich als möglichen Fehler ein. ihre Preisgabe oder ihr Überleben. dem Gedicht oder ihrem Adressaten. auf das. es gebe eine verläßliche Lesart. die Welt ist fortgegangen. der Welt Adieu. die Welt ist verstorben etc. sogleich auf den letzten Vers gestürzt. werde ich dies nicht ausnutzen. hier fehlt mir die Zeit dazu. Natürlich werde ich noch einmal auf jene ersten Schritte zurückkommen. die Welt ist fern. Das Gedicht bleibt für mich der Ort einer einzigartigen Erfahrung. daß überhaupt niemand hier das Recht hat. aber selbst schon thematisch und polythemathisch erscheinen. Das Überschießende jenes Restes entzieht sich schlechthin jeder Zusammenstellung in einer Hermeneutik. bei denen mit ich und du alle möglichen Menschen und alle möglichen Dinge belegt werden konnten. auf jenes Ich muß dich tragen. in jenem. seine N otwendigkeit anzuerken~en. die fort ist. auf Überbestimmungen. auf die Rhetorik. wer der Unterzeichner oder jeweilige Leser ist. den Ruf. den letzten Vers ins Französische zu übersetzen. ich habe. die Welt ist außer Sichtweite. sogar noch über jene Welt hinaus. früher oder später: Was ist diese Welt hier? In ihrer ganzen Reich- weite alles unvermeidliche Fragen. auf semantische Zweideutigkeiten aufmerksam machen. das scheinbar leichter zu übersetzen. als wären es Aufführungen. die Welt ist nicht mehr. angefangen beim Dichter. aber ebenso schwer zu deuten ist. Sein grammatisches Präsens enthält mehr als nur eine Zeit: Die Welt ist f~rt: Die Welt ist schon fort. die Welt ist aus den Augen.Ich bin mir hier über gar nichts sicher. habe ich mich in meiner Faszination. die Weisung. sich aber auch noch auf einen Rest oder irreduziblen Uberschuß erstreckt. Das Berechenbare und das Unberechenbare verbünden sich dabei nicht nur in der Sprache eines anderen.

das Übrigbleiben selbst dieses Restes. Ich werde gleich noch darauf zurückkommen. das Aushauchen des Gedichts Die Welt ist fort. Alles läuft so ab. das dem veridictum ähnlich ist. Zwischen diesen Präsensformen skandiert die Zeichensetzung in vier Phasen das Gedicht auf eine deutlich sichtbare Weise und mit sichtlichen Unterschieden bei ihrer Anordnung: a) Doppelpunkt nach der ersten Strophe (wobei die zweite dann als deren Erklärung oder Übersetzung erscheint. vielleicht ein wenig übereilt. Um nun aber mit dem sichersten und einfachsten anzufangen.. ja gar eingeflüstert von dem.r L Zwar dürfen wir keine Mühe scheuen in unserem Versuch. c) ein Fragezeichen nach der dritten. S. Für sich genommen hätte dieser Vers auch an anderer Stelle stehen können. in seiner eigentlichen Tragweite und der Musik in dem. Er erscheint aber auch wiederum von Celan eingebunden in und verbunden mit dem Werk. das er und das dich im ganzen Gedicht und. wird jedes ihrer Verben im Präsens konjugiert. den bestimmbaren Sinn jenes Gedichtes herauszufinden. ich muß dich tragen. b) ein Punkt nach der zweiten Strophe. dreizeiligen Strophe: es ist die einzige Frage im Gedicht. für uns das Gedicht zugleich lesbar und unlesbar macht. 2. so stellen wir fest. Wo. davon möglicherweise verschieden. daß die formale Gliederung in dreizehn und einen Vers erstaunlich kunstvoll erscheint. das ausschließlich und durchgängig nur Ich. daß zwischen dem »sich« am Anfang und dem »dich« am Ende »er« dem »ich« nachfolgt (brenn ich . die er tatsächlich ins Werk setzt. ebenso getragen. in einer Windung fragend 31 3° . von dem Moment an. der uns. Wenn wir nach dem grammatikalischen Tempus der Verben und der Zeichensetzung nun den Wechsel der Personen und der persönlichen Fürwörter analysieren. d) ein Endpunkt. wer das Ich. das Subjekt des Gedichts). nach der Sentenz. dem Urteil. dem Sagen oder dem Diktum. Aber nehmen wir einmal an. ertragen./ gegen / rennt er nicht?). 22 Gesammelte Werke. ja sogar dem Verdikt des Gedichts. es erwartet uns. nach dem Weiß einer vielleicht unendlich dauernden Pause. das seiner Form nach für die Öffentlichkeit bestimmt ist. doch wird er. er beim Namen nennt. Ich hebe nur vier Hauptzüge in der orchestralen Architektur ihrer Komposition hervor: I. wir könnten tatsächlich verstehen und ausmachen. der Wahrheit der Dichtung. dem Spruch des Anspruchs. als ob die Rede niemals die Präsenz eines Präsens verließe. was ihm vorangeht. 3. nach einer Art implizitem »das heißt«). das folgendermaßen schließt und unterzeichnet ist: Die Welt ist fort. Wer ist übrigens dieses »wir«? Wo ist sein Ort. was Celan sagen wollte. wir erwarten uns noch selbst eben dort. Zwar ist der Atem dieses Seufzers in der Atemwende Träge~ des Gedichts (Gadamer würde vielleicht sagen.. wer es im jeweiligen Vers ist. wem er das Gedicht widmet oder an wen es adressiert ist. von welchem datierbaren Ereignis in der Welt oder in seinem Leben er Zeugnis ablegt. der Sentenz. du. dann endlich. Und selbst dann würden wir nicht die Spur jenes Restes ausschöpfen. als ein Vers. auch wenn dieser grammatikalische Anschein jene sehr ungleichartigen Zeitlichkeiten verbirgt. aber doch schweigt oder zumindest niemals als solches vorkommt im Gedicht. was er mit sich trägt. steht der letzte Seufzer. ich muß dich tragen. der letzten Berufung. er bringt eine Darstellung zum Abschluß. Sein Schibboleth setzt sich uns aus und entzieht sich uns. der allem Anschein nach aus den Fugen geraten ist. möchte ich Ihre Aufmerksamkeit darauf lenken. Band II (Gedichte 2). Grammatikalisch gesehen. 22 Am Rande eines Abgrundes. da es zwar aufgerufen ist. ihn erst ankündigt und hervorbringt. wobei er auch dort seine Sinnressourcen nicht verloren und zu neuen Lesarten Anlaß gegeben hätte. 72. wo Niemand/ zeugt für den/ Zeugen.

es unterschreibt und schreibt vor. c. l'heure die Rede war. was man ein In-Schwingung-Bringen des Silbenspiels [syllabaireJ nennen könnte. die Wahrheit des Verdikts am Rande des Endes der Welt: mit dem sich hinaus. Nach dem Gemälde und der Handlung. ausgehaucht. Diese fragend verneinende Wendung [tournureJ prägt dem ganzen Gedicht eine Verdrehung [torsionJ ein. Zuletzt: Ob man die grammatikalischen Präsensformen gemäß der Zeit ihrer Aussage oder hinsichtlich der Zeit ihres tatsächlichen Aussagens im Gedicht analysiertalle verweisen sie nicht nur auf verschiedene Formen der Gegenwart. zu beschreiben oder zu erklären. den anderen zu tragen. und jede von ihnen für sich. nach der Kulisse und einer Art performativer Erzählung steht alles still angesichts einer negativen Frage. von dem.und hinwegwühlenden Schwarzgestirn-Schwarm: B. die vorab schon ihr schmerzliches Zeichen in der Unterschrift des letzten Verses hinterläßt. Die Buchstaben sind gemurmelt. im Gesang der Windungen. indem es sich so übersetzt . 4. gehaucht. Man könnte mit der Analyse der formalen Gliederung fortfahren. aber auch um die Handlung. zwischen Erschrecken und Bewunderung vor dem so unheimlich erscheinenden: die Sentenz zwischen der Pflicht und dem Versprechen. das Mark der geronnenen Herzmeere schwillt. ich muß d ich tragen. auf radikal verschiedenartige Zeitlichkeiten. ich würde sogar sagen eine krampfhafte Qual [tourmentJ. erscheint nach dem Doppelpunkt eine Handlung wie die Dauer einer Erzählsequenz. taut Ci.verneinender Art. ohne Analogie. 33 . dich zu tragen. sondern auch jedesmal. Es ereignet sich. Und folglich unübersetzbar. wenn ich dies noch auf französisch sagen darf.indem es bis zur Atemlosigkeit jenen »unendlichen Prozeß« der Übersetzung ablaufen läßt. Anders gewendet: Man kann allenfalls versuchen. vor dem Hintergrund des Bildes. N ach dem Bild. Zum Schluß erscheint das Präsens der Verantwortlichkeit. die füreinander anachronistisch bleiben und ohne gemeinsamen Nenner. das eine in das andere zu übersetzen. darin. Unverhältnismäßig. Das macht das Gedicht wohl selbst. es schreibt. und um ein Beispiel unter vielen anderen herauszugreifen. Darauf folgt eine Handlung: das performative Präsens einer ersten Person: Die Welt ist fort. Was ereignet sich zwischen den vier entbundenen und verbundenen Zeitlichkeiten. Unübersetzbar ineinander. zwischen die H ärner. für die es gleichsam die Theaterkulisse bildet. GLÜHENDE WÖLBUNG der verkieselten Stirn eines Widders brenn ich· dies Bild ein. markiert durch ein Fragezeichen: Wogegen rennt er nicht an? D. auf inkommensurable Zeitordnungen oder chronologische Zeitfolgen. sich dem nähern. Am Anfang steht ohne Zeitwort stumm und schweigend ein Bild (Bild oder Gemälde): GROSSE. es simuliert zumindest eine indirekte Antwort auf die negative und besorgte Frage. gemäß ihrer ent-verbundenen Schreib art [ecriture des-aj ointeeJ? A.

Sie scheint dabei aber nicht sehr gewagt. Der griechische Name hinterläßt hier seine Spur. Welt). Aber obwohl sie unter demselben Gesetz steht. Und man muß das auch. Das heißt. ihm auf ewig unterworfen ist und ihm genauso verantwortlich bleibt. einer leichten Verletzung. Gehen wir. so scheint sie doch verheißen zu sein oder zumindest sich von der ersten Strophe an. und dies in der Sprache einer Gastfreundschaft. sc h willt). und auf noch bestimmtere Weise. kann es geschehen. aber auch jeder andere. JtAavYJ'tLx. von Wahrheit zu Wahrheit. noch den anderen ohne Vorbedingung anruft. treibende. deren Lippen sich niemals schließen oder zusammenkommen. befangen wie wir sind. Hier.zwischen sc h w a und sc h w i .. weißglühend belebt sich die Wölbung des Himmelsbogens (Große glühende Wölbung) mit animalischem Leben. strahlend. sondern macht jene erst möglich in ihrem Übrigbleiben. ja sogar jenseits der Welt. die Konstellation dieses Gedichts an. w ühlenden. »nomadenhaft«. Diese Formanalyse kann man weit treiben. gehört nicht mehr der Ebene des Sinns an. das auch das Gedicht einer gewissen Konstellation ist. Jene Lippen formen sich um einen sprechenden Mund herum. die ihn selbst über sich selbst hinausträgt. In der Schwangerschaft. unregelmäßig. die W i s (W i dders. alleingelassen in der Weltferne. die Prüfung einer Unterbrechung. selbst wenn er schweigt. den 'l.. der Konfiguration der Sterne im Himmel. anzukündigen. das sich an »dich« wendet. sie geht von einem Sinn zum anderen. die nicht einmal mehr zur Entscheidung steht.. dabei aber auch jener einzigartigen Andersheit [alterite].(5 c h warzgestirn 5 c h warm . Eben weil diese Lippen selbst an ihrem Ende niemals mehr zueinander kommen. auch nicht der Ebene der Phänomene oder der Wahrheit. überstürzte Bewegung einer wahrlich planetarischen Irrfahrt. JtAav~'tYJ~ bedeutet »umherirrend«.6~ bedeutet unstet. Diese Antwort wie auch deren Verantwortlichkeit kann unendlich und ununterbrochen weiterverfolgt werden. bleibt der Vorgang 34 zwar immer unendlich. die ich eine disseminale nenne. JtAavo~ sagt man von einem Irrlauf. unvorhersehbar. Ganz anders jedoch liegen die Dinge bereits im Falle einer hermeneutischen Antwort auf den Anspruch des Gedichts oder im inneren Dialog des Lesers oder Gegen-Zeichners. ich will sagen »dich«. von der Empfängnis über die Schwangerschaft bis zum Auf-die-Welt-Kommen. soweit es überhaupt nur möglich ist. stürmisch. die ich oben als Bild bezeichnet habe. in sich jenseits seiner selbst. aufgewühlt. zwis c h en .. daß das Gedicht winkt oder segnet. Der gestirnte Schwarm schwarzer Sterne reißt den Schwung des Gedichts in eine getriebene. aber 35 . weil sich die Verbindung der so Verbundenen nicht mehr in einem erfüllbaren Kontext absichern läßt. das der Buchstabe und die formale Gliederung des Gedichts ihr zuweisen. die Ws (W ölbung. über der Erde. durch das Moment der Hermeneutik selbst. direkt an der Hermeneutik. aber diesmal auf eine diskontinuierliche Weise. IV. was man manchmal richtigerweise von umherirrenden Tieren sagt.nderen trägt. einer Zäsur oder einer Verkürzung. Sie gehört noch in das Reich der berechenbaren Sicherheiten und entscheidbaren Evidenzen.r seufzend oder pfeifend: zwischen den sc h . es zeichnet in das Gedicht den Hiat einer Wunde ein. ohne ein anderes berechenbares Gesetz als jenes. schw i llt). weg. wie man gleichermaßen Trauer trägt und ein Kind austrägt. Windungen. Das Gedicht ist das »dich« und das »ich«. der. Leuchtend. funkelnd. Was so offensteht. macht und erleidet jene Erfahrung. eine Irrfahrt mit planetarischer Bestimmung. Wenn auch diese Konstellation niemals so zustande kommt. auf eine andere Weise endlich und unendlich. Versuchen wir nun dem hermeneutischen Anspruch an sich gerecht zu werden.

pflückt das Sternbild zusammen. Liegt es allein am Schwarm der Sterne. Die verkieselte Stirn eines Widders erinnert zunächst an die schwarze Konstellation (Stirn. 33. was wir hier müßten. nen oder kündigt sie an. also auch im Gedicht. 229. Es ist die elliptische Verkürzung einer unabschließbaren Meditation über das. nämlich das Gedicht im Echoraum des gesamten Celanschen Werks anhören. deren Bild als Hintergrund des Gedichts figuriert. in der man meinen könnte. Wie der Name schon sagt. März). in: Gesammelte Werke I (Gedichte r). besudelt oder anklagt. Zur "Datierbarkeit« insbesondere bei Heidegger vgl. die wiederkehren. der Mensch.. durch das hindurch. um ihre Vielstimmigkeit zu entziffern. indem er es wieder neu erfindet. Nach einer Anspielung auf die drei Gürtelsterne Orions ruft Celan noch die Himmelskarte auf. S. das er. kriegerischer Rammbock. Schwarzgestirn ) der Himmelswölbung. die manchmal für ihre Prägung und Verbindung auf die Einzigartigkeit eines Gedichts angewiesen sind. Man könnte dies sogar noch auf das Silbenspiel ausweiten. das das Unbefleckte befleckt. So wird aus der Himmelswölbung vor unseren Augen eine Kalenderskala. daß jene Konstellation beseelt.24 Das Ghetto ist nicht fern. [. 37 .. Wir können gar nicht. heißt es in einem anderen Gedicht Celans). in der es von animalischem Leben nur so wimmelt.] . aber auch an das Motiv der 24 EINE GAUNER. Man müßte. macht die H oroskopie sichtbar. Macula. denn schon bald tritt im Gedicht ein Widder in Erscheinung: als Opfertier. Vielleicht ist es ein gelber Stern (mein gelber Fleck. ja sogar in seinen Vokabeln. Tod etc. wie der Mensch als Dichter wohnen würde. ). Für Paul Celan 23 erforscht habe. unter Menschen. was Heidegger die Datierbarkeit genannt hat.auch von der Abschweifung in Rede und Schrift. In HÜTTENFENSTER ist davon die Rede. Tropen. finden oder auch niemals finden.. hier. was die Stunde geschlagen hat im Schicksal einer menschlichen Existenz. der im Sturm auf Burgen. Tore und Mauern bricht (Mauerbrecher). geht zu Ghetto und Eden. auf einem Weg. Die Konjunktion der Sterne bei einer Geburt zeigt das Horoskop. der Name des Flecks (das Gelbe am Grunde des Auges) behält sehr wohl jene Konnotation eines Zeichens. den ich in Schibboleth. Der zodiakos (von zodion. einer Verkleinerungsform von zoon.. Alle geheimen Zeitpunkte Qahrestage wie auch einzigartige und kryptische Ereignisse. zum Wohnen braucht. So beginnt in der Niemandsrose das Gedicht UND MIT DEM BUCH AUS TARUSSA (nach dem Marina Zwetajewa entlehnten Motto: »Alle Dichter sind Juden«) mit den Versen Vom / Sternbild des Hundes.. Widder ist auch noch der Name eines Tierkreiszeichens (21. sowohl die Bibel als auch den Celanschen Textkorpus von Anfang bis Ende durchzitieren. wenn alle Dichter Juden wären: [.) kann man in diesem Kalender immer suchen. wie Geburt. S. mein Judenfleck. Wien 1996. . Ich beschränke mich auf eines unter so vielen anderen möglichen Beispielen: Der Tierkreisbogen erinnert hier an eine ganze Reihe weiterer Horoskop-Konstellatio23 2. mein blinder Fleck. sogar animalisch erscheint? N ein. in jedem seiner Themen. Es erforderte Stunden und Jahre. das Lebewesen) zeigt sowohl Stunde als auch Datum an (je nachdem. wie eine Ursünde des Sehens.UND GANOVENWEISE GESUNGEN ZU PARIS EMPRES PONTOISE VON PAUL CELAN AUS CZERNOWITZ BEI SADAGORA aus: Die Niemandsrose. Holzramme. Auflage (übersetzt von Wolfgang Sebastian Baur). ] Auf den Doppelpunkt folgt die längste Strophe mit sechs Versen... was er als Erbe übernimmt. es werde nun eine Handlung vor dem Hintergrund oder besser hinter dem Hintergrund jener Himmelswölbung erzählt. unter manch anderem. wo der Lichtschein auf der Ellipsenbahn erscheint). Diesmal ist der Stern hell (vom/ Hellstern darin .

am jüdischen Neujahrstag. und auf einzigartige Weise über das vorliegende Gedicht zu sagen. deren Botschaft noch zu entziffern ist. sein Siegel in gewisser Weise zur Sprache bringt. Fesselung Isaaks (Genesis XXII). Missetaten und Sünden Israels Buße getan wird (Levitikus XVI). ich wage nicht zu sagen Atemwende an. und der von Gott geschickte Engel das zum Töten erhobene Messer Abrahams in der Luft angehalten hatte. dessen Musik einen Atemhauch verlängert und die Stimme trägt. Was ist das aber für ein Bild. ihn zu segnen und seine Nachkommenschaft so zahlreich zu machen wie die Sterne am Himmel. als Brandopfer geopfert wird. Sie können auch fürchterliche gelbe Sterne werden. Er opfert ihn als Brandopfer an Stelle seines Sohnes. Das Schofar kündigt auch das Ende des Yom Kippur an. animalisch wie kein anderes. das »ich« in die Stirn jenes rätselhaften Widders präge (rätselhaft. Ein Widder wurde oft auch zu anderen Anlässen geopfert (Friedensangebote. Kreisen und Umkreisen. wird jener bekannteste Ritus wiederholt. Die Anspielung auf den Gesang. die ihm einen Durchgang sichert: von den seltsamen Spiralen. In dem. ich muß dich tragen). diese Bedeutung hat Widder ja auch). uns aber jetzt nicht zu lange damit aufhalten. erhebt sich der Ruf des Schofar gen Himmel und erinnert an die Brandopfer. Sie ist mehr als ein Brandopfer (holocauste). noch mehr auf die Wendungen und Drehungen der Tropen oder Strophen (im Gesang der Windungen) kann nicht umhin. In der gesamten Kultur des Alten Testaments werden die Hörner des Widders zu jenem Instrument. Na~h­ dem Abraham zum zweiten Mal gesagt hatte »Hier bin ich«. erinnern der Widder. wendet sich dieser um und sieht. Es stimmt schon: Es gibt keine in sich geschlossene Autotelie in dieser Hypothese. Sühne. der allerdings nicht der einzige ist. Entsprechend viele in Stein gemeißelte Darstellungen sind uns überliefert. Am ersten Tag des Kalenders. in einer überwältigenden Sühneszene. Brandmal.). denn es kann ja auch eine Widder-Sphinx sein. das ich einschreibe und zwischen die Hörner einbrenne (brenn ich dies Bild ein)? Natürlich kann diese Inschrift immer auch eine Gestalt oder eine Form (Bild) des Gedichts selbst sein. Eingerahmt von jenem Leben. und zwar auf Befehl Gottes nach dem Tod der beiden Söhne Aarons. es war gerade mehrfach schon davon die Rede. sogar noch im Gedicht. Man sieht dort so oft die Hörner des Widders gleichsam in sich eingerollt. was einem Gesang ähnelt. Im Gesang der Windungen spielt vielleicht auf diese Wendung des Atems. 39 . neben einem jungen Stier. Dieser Gesang herzzerreißender Freude ist untrennbar von der sichtbaren Form. wie sich ein Widder mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen hat. wir sollten das nie vergessen. Drehungen oder Verdrehungen des Horn-Körpers. auch etwas über das Gedicht im allgemeinen. und dem Tod oder der Trauer. Bitte um Vergebung etc. Gegenüber anderen oder sich selbst. vielleicht auch wie jene der ersten Strophe. das sich auto-deiktisch und performativ selbst hervorbringt. die erbeten. Ersatz des Widders. in der für die Unreinheiten. Und wiederum ist es ein Widder. indem es seine Unterschrift oder sein versiegeltes Geheimnis.Versteinerung. die den letzten Vers heimsuchen (Die Welt ist fort. Alle Juden der Welt verbinden damit seitdem Sündenbekenntnis. zu dem man in allen Synagogen der Welt die Erzählung von der Fesselung Isaaks liest (Genesis XXII). von dem wir gerade schon ein Beispiel hatten (versteinerter Segen) und dessen verblüffende Wiederkehr im Werk Celans sich verfolgen ließe. vielleicht auf der verkieselten Stirn des Tieres (der verkieselten Stirn eines Widders). der von Moses. der wie ein Satz interpunktiert ist. seine Hörner und sein Brandmal wahrscheinlich an einen bestimmten Augenblick in einer Opferszene des Alten Testaments und lassen sie vor unseren Augen wieder aufleben. gewährt oder verweigert wird. er hallt nach im Gedächtnis aller Juden der Welt. Sühne und Vergebung. Gott verspricht 38 daraufhin.

ihr »unendlicher Prozeß«: Die Zäsur. der Hiat. ihr Ansturm bringt sie dazu. die zugleich öffnen und schließen. Die Stirne seines Protestes ließe den Widder gegen das Opfer selbst anrennen. Es ist Krieg. die Ellipse sind alles Unterbrechungen. von einer Stunde zur anderen. sich Kopf voraus zu überstürzen. Der Rhythmus dieser Strophe. Auf diesen ersten Punkt folgt die Frage. an der Grenze des Ganzen. und die anderen nicht. Der Torero ähnelt auch einem Opferpriester. nicht einmal die Welt selbst. Niemand auf der Welt ist unschuldig. nur eine. also die Begleichung einer Schuld oder das Sühnen einer Sünde? Belädt nicht der Widder seinen Gegner. zwischen dem Neujahrstag und dem Tag der Großen Vergebung. in negativer Frageform gehalten: Wogegen rennt er nicht an? Was greift er nicht an? Er kann es tun. auf dis41 . ist sie nicht auch eine Anklage oder ein zu zahlender Preis (charge im Englischen). zwischen der Welt und dem Ende der Welt. Ihr Lauf. und der Widder. kann das Anrennen und Anstürmen des Widders ebensogut die Bewegung des Tiers beschreiben als auch jene des Holzbalkens. der in ein und demselben Gestus sein Bild einprägt und brennt (brenn ich dies Bild). Man stellt sich den Zorn jenes Widders vor. Was geschieht nach der Interpunktion dieser zweiten Strophe? Diese schließt also mit dem ersten Punkt dieses Gedichts ab. die gewaltsame Rebellion aller Sündenböcke. Es ist ein Anrennen./ to what / does he not charge? um die scharfsinnige Übersetzung von Michael Hamburger zu zitieren). kann Gottes Schrift. Die Unterbrechungen eröffnen so. würde sich auf eine einzigartige und geheime. der Widder auf Erden oder im Himmel. indem er dagegen protestiert./ gegen / rennt er nicht an? Wenn die Alliteration an die Brutalität des Opfers erinnert (das Mark der geronnenen Herzmeere schwillt). des Widders Abrahams und Aarons. Er würde ihrer gemeinsamen Welt endlich ein Ende setzen wollen. nach dieser Handlung oder dieser Dramaturgie eines Opfervollzugs. das einzige Fragezeichen des Gedichts: Wo. soviel bleibt natürlich unentschieden. sei es ein Opfernder oder eine Mauer. die Widersacher wären überall. die unendliche Auflehnung des Widders aller Brandopfer. Er rennt. Aber auch. um den Schutz des Gegners zu erschüttern. Soviel hier Hypothese ist. in übertragenem Sinne. stürzt sich ins Rennen. daß Aaron zusätzlich zu dem Widder auch einige junge Stiere opferte. um anzugreifen oder sich zu rächen. wir merkten es bereits an. ihr Vorstoß. aller Stellvertreter. Diese charge die Zweideutigkeit zwischen den Sprachen eröffnet hier mehr als eine Möglichkeit -. um den Gegner einzurennen. Er ist der ersten Person eines Dichters auferlegt. Der Widder würde gegen alles und jeden anrennen. Wo. Wenn man sich daran erinnert. Der Ausbruch seines aufgebrachten Unverständnisses würde nichts und niemanden auf der Welt verschonen. zwischen Leben und Tod. der Widder aus Fleisch oder aus Holz. Sie halten den Zugang zum Gedicht für immer auf der Schwelle zu seinen Krypten (eine unter ihnen. um anzugreifen oder sich zu verteidigen.Zwischen zwei Schicksals daten. eine charge (In. gegen die Menschen und gegen Gott. ganz andere Erfahrung beziehen. das heißt der Trauer tragenden Vernichtung des anderen oder seiner selbst. Dies bleibt für immer das eigentliche Element der Lektüre. so denkt man an das letzte Sich-Aufbäumen des Tieres vor seiner Tötung. er kann den Krieg erklären oder auf das Opfer antworten. skandiert treffend die ruckartige Bewegung dieser Stöße. die einen im Buch des Lebens tragen. Jeder Jude fühlt sich dann an der Grenze zu allem. in alle Richtungen. sogar des Baumstamms. deren Konstellation nur dem Zeugnis des Dichters oder einiger weniger zugänglich ist)./ gegen/ rennt er nicht an?. Warum ich? Die Widrigkeiten. wie zwischen Wiedergeburt und Ende. mit allen Verbrechen? Denn die Frage ist. als wäre er blind vor Schmerz.

Zwischen zwei Abgründen. Atemwende). er. Was so für die Verse gilt. wie sie beim Namen gerufen werden. das tiefe Atmen eines ganz anderen Atems (es ist wie eine andere Wende. für sich stehend wie ein Aphorismus. Sie hält sich. ohne einen Dritten. du. sobald ich dir verpflichtet bin. sie ist nicht mehr da oder dort. immer noch unter seinem Gesetz. wenn sie im Begriff ist. sobald ich. dich ganz allein. ob sie genannt werden oder nicht: ich. unter vier Augen. jenem der Spur am Werk. ich dich. man kehrte in einer Drehung um die Achse des ich muß die Satz. Aaron. da ich dir verpflichtet bin. von denen manche vielleicht noch jener Nachkommenschaft ähneln mögen. Ein jeder von ihnen wendet sich. um zu seufzen oder um das Leben auszuhauchen: Die Welt ist fort. sobald du von mir abhängst. Ich bin allein mit dir. der ich entsprechen muß. dann neigt die Welt wohl zum Verschwinden. sobald ich zu dir spreche und für dich oder vor dir verantwortlich bin. 43 . und von woher wurde sie ihm diktiert?). eine Revolution. in dem Moment. tragen muß. wir sind allein: Diese Erklärung ist auch ein Engagement. dann muß ich dich tragen. wenn (dort wo) ich dich. sondern dort zu sein. Fundament oder Alibi dienen. Oder gar: Ich bin allein auf der Welt. wie einer vielleicht eschatologischen Unterschrift. sondern fort. Wir müssen lange Zeit die Zeit unseres Atems anhalten. das letzte Wort zu sprechen. dich zu tragen. Vermittler oder Schlichter. sagt.oder Verbordnung (von sein und tragen) und die Abfolge des wenn-dann um: Wenn (dort wo) es Notwendigkeit oder Verpflichtung dir gegenüber gibt. mitreißen werden oder sich mitreißen lassen zu einer ganz anderen Lektüre oder GegenLektüre. in der abgründigen Gefahr der Übersetzung.man wird es aber nie wissen. Erde. darüber zu entscheiden . Diese wird auch manchmal. sie begibt sich alleine auf eine Linie. allein nur für dich allein. dich allein in mir oder auf mir allein. ohne auf Erden oder in der Welt einen eigenen Platz zu haben. ich muß dich tragen. eine inkommensurable Schrift sein. Isaak. sagt sie wohl etwas Wesentliches über die absolute Einsamkeit. Gott I_ selbst. muß das nicht auch a fortiori für den letztenVers gelten? Die Welt ist fort. wenn die Welt fort ist. von Angesicht zu Angesicht. Alle Protagonisten hören. die unendliche Nachkommenschaft ihrer Stammfolge. Es sei denn. Abraham. wenn sie nicht einmal mehr da ist. kann eigentlich keine Welt mehr dasein. Alle Protagonisten des Gedichts sind seine virtuellen Unterzeichner oder Gegen-Zeichner. nicht mehr hier. Eine Verantwortung. wenn sie nicht mehr da ist. Sobald ich verpflichtet bin. daß er sie so zahlreich wie Sterne machen wird: Die Preisgabe der hinterlassenen Spur ist auch die Gabe des Gedichts an alle Leser und Gegen-Zeichner die. in dem ich muß. Ich bin allein auf der Welt. vielleicht unendlich unerreichbar. unvorhersehbare Konstellationen. In der Tat können wir sie unsererseits nur aussprechen nach einer deutlich markierten Unterbrechung. Wenn die Welt nicht mehr ist. Vielleicht gibt es nur noch die abgründige Höhe eines Himmels. von der Jahwe zu Abraham. der Celan zugebilligt hat (was für eine Entscheidung. uns als Vermittlung. Keine Welt kann uns mehr stützen. von einer Sprache zur anderen. dort wo es keine Welt mehr gibt. wenn sie nicht mehr nah ist. an die absolute Einzigartigkeit des anderen. in dem ich dir schulde. Der längsten des Gedichts. wieder Atem schöpfen. sondern fort in weiter Ferne. nach der Unterbrechung des Opfers. Vielleicht ist sie dort . Boden. vor dir und für dich. und niemand hat die Macht. eine Umkehrung des Atems. die Verantwortung trage und übernehmen muß. stützt sich. der Widder. mir gegenüber schulde.die mögliche Antwort auf die Frage Wogegen rennt er nicht an? Die Sentenz ist ganz allein. so viele weitere Sterne. die wir soeben zitiert haben. Isoliert wie eine Insel. ich muß dich tragen: Dies ist die Sentenz. der Spur als Werk. die Welt ist fort.I seminale und nicht zu erfüllende Weise.

und Melancholie erträgt. Zwischen Mutter und Kind. ganz allgemein auch den Leser und j eden Adressaten dieser Spur. wie man Trauer trägt . gilt: Die Welt ist fort. Für die Mutter. beeile ich mich meinerseits. ich ~~lbst.und Reichweite begeben. sie bleibt gewiss. es kann sich aber auch nur ein einziges Mal ereignen. 1. Wenn jedoch andererseits Tragen die Sprache der Geburt spricht. wenigstens zum Anschein eines Schlusses zu kommen. das erst noch kommt. Im Gegenteil: Wir hören. in diesem einzigartigen Paar von Einzelgängern. Die Welt ist fort: Dies kann als eine wesentliche Wahrheit immerwährend gelten. den Dichter eingeschlossen. fort zu sein. Es kann auch ein Lebe44 wesen gemeint sein. und dies in einer Erfahrung. Tragen sagt man geläufig auch von der Erfahrung. 45 . »alle Welt« bezeichnen. drei Weisen der Welt. an das Überlebende oder an deren Gespenster. und sei es auch jenseits der Welt. den anderen in sich zu tragen. in einer Geschichte. jedoch ohne Autotelie und Selbstgefälligkeit. auf einzigartige Weise. Genauso kann die Welt die Totalität der Seienden oder »alle anderen«. und dieses Vorkommnis wäre dann wie ein Ereignis in einer Erzählung jemandem zugeeignet und anvertraut worden. die darin besteht. zwischen diesen beiden Hypothesen zu entscheiden. als ein Gruß oder eine Zueignungsstrophe an den anderen. sich unserer Obhut anvertraut und sich insgeheim in die Trag. es dem anderen zu tragen geben. Das ich muß muß sich notwendig der Zukunft zuwenden. in der geteilten Einsamkeit zwischen einem und zwei Körpern verschwindet die Welt. Das Präsens des Gedichts (Die Welt ist fort) erlaubt es nicht. 2. eines im anderen und das eine für das andere. aufgehoben. es um jeden Preis retten zu müssen. Dich kann einerseits ein Lebewesen bezeichnen: ein menschliches oder nicht menschliches.ermaßen ein ausgeschlossenes Drittes. fort eher als da. an den sich das Gedicht seinerseits in einer Anrede auch wieder zurückwenden könnte. neutralisiert oder abwesend und vernichtet. die ihr Kind trägt. sie ist in der Ferne. sobald das Gedicht uns als einziger Uberlebender anvertraut ist und wir nun an der Reihe sind.Gadamer hätte von einem »unendlichen Prozeß« gesprochen. Auch das Gedicht spricht zwar noch von sich selbst. indem ich auf einer virtuellen Landkarte fünf Pflichtstationen eines potentiell unendlichen Parcours markiere . was im Himmel aufsteigt und aufgeht. wir selbst hier. wenn man dieses Gedicht unterzeichnet? Niemand wird mit voller Gewißheit entscheiden können. wenn es sich an ein anwesendes oder noch kommendes Lebewesen wenden muß. was kommt. an wen sich die Schlußsentenz richtet. ein noch ungeborenes Kind zu tragen. es in jene des anderen bringen. zum Beispiel. oder zumindest mit drei Denkwelten von Welt. 3. es orientiert sich auf den Orient dessen hin. Es orientiert sich im Denken. fort in der Ferne. anwesendes oder nicht anwesendes. wie es sich der Obhut des anderen anvertraut. Ich möchte Ihre Geduld nicht strapazieren. was man hier zu tun hat. drei weitere bei dem Wort Welt. Zunächst tragen. Zwei dieser Punkte würden uns für immer bei dem Wort tragen aufhalten. v.und also auch der Leser oder Adressat des Gedichts. Was bedeutet dieses Verb und das. wie Kant sagen würde. was noch im Kommen ist. die Welt der Menschen oder die Welt der Lebewesen. Von nun an tauschen diese zwei möglichen Bedeutungen von tragen ihre verschiedenen Möglichkeiten mit drei Gedanken der Welt aus. Um mich nicht ganz unerträglich zu machen. es zu tragen. Das Gedicht tragen heißt sich in seine Trag. kann es sich doch auch an ein Totes wenden. Über die Erde hinaus.und Reichweite [portee] des anderen begibt.

ohne sich anzueignen. für ein reines Ego. es ist das Weltende für den anderen bei seinem Tode. An erster Stelle steht der Name Freud: zugleich wegen unserer gerade gemachten Anspielung an Trauer oder Melancholie und auch um unsere Analyse. was von ihr noch übrigbleibt oder sie noch überlebt. aber auch die verrückteste Erfahrung einer transzendentalen Phänomenologie? Erklärt uns nicht Husserl in dem berühmten Paragraphen 49 aus den Ideen I in einer Beweisführung. in einer ursprünglichen und rein phänomenologischen Anschauung nicht mehr zugänglich. wir ihn dann bereits vergessen. in sich be47 . ich muß den anderen und seine Welt. wo es keine transzendente Welt mehr gibt. was Husserl sein »Prinzip der Prinzipien« nennt. wenn sich die Welt zurückgezogen hat. die Welt in mir tragen: Introjektion. was Freud mit einer gelassenen Sicherheit über sie sagt.Ich muß hier. um ihm treu zu sein. einschließen. den anderen in sich selbst. zu tragen. dort liegt meine Verantwortung. das heißt ihre Bedeutung für »mich«. die Existenz der transzendenten Welt in einer radikalen Epoche aufzuheben? Die Hypothese einer Weltvernichtung würde die Sphäre der reinen phänomenologischen und egologischen Erfahrung in ihrem Eigenrecht und -sinn nicht bedrohen. in der sich die Welt zurückzieht bis zur Möglichkeit ihrer Vernichtung. Nach Freud besteht die Trauer darin. Das Vergessen beginnt hier. Die »Norm« ist gar nichts anderes als das gute Gewissen eines Gedächtnisschwunds. zumindest aus algebraischer Sparsamkeit. in die Anschauung seines eigenen egologischen Bewußtseins einzuschließen. ist das alter ego. in mir. wenn die Welt [. dich tragen. ist das nicht die notwendigste. an ihre Grenze. dann muß sich noch eine gewisse Melancholie gegen die übliche Trauer auflehnen. diese Entfernung. . durch eine Appräsentation konstituiert. wie sie strenger nicht sein kann. um seine einzigartige Alterität zu respektieren. sie würde ihn erst in seiner phänomenologischen Reinheit zu denken geben. Sie treibt jene Erfahrung einer möglichen Weltvernichtung und das. Ich muß es also tragen. daß wir. Verinnerlichung der Erinnerung. Idealisierung. Die Zueignungsstrophe unseres Gedichts wiederholt unbeugsam diese phänomenologische Radikalisierung.] fort ist. der Ordnung des Bewußtseins. Das alter ego ist nur per analogiam. 4· Dieser Rückzug der Welt. Die Melancholie würde das Scheitern und die Pathologie dieser Trauer aufnehmen. An diesem Ort diktiert das Leiden einer gewissen Pathologie das Gesetz und das Gedicht. . Im Gegenteil würde sie vielmehr erst einen Zugang zu ihr eröffnen. drei große Eigennamen nennen. der Selbstpräsenz und des Ich. Tragen heißt nicht mehr »mit sich bringen« [comporterJ. Aber ich kann den anderen nicht mehr tragen. also jeder Egologie zu entziehen. In dieser absoluten Einsamkeit des reinen Ego. Es geht darum. was auch für die Husserlsche Phänomenologie schon die beunruhigendste Prüfung war. dorthin wo die Welt sich entzieht. Sie darf sich niemals mit der idealisierenden Introjektion abfinden. wenn wir den anderen in uns bewahren. daß es der Zugang zum absoluten Ich-Bewußtsein im reinsten phänomenologischen Sinne erfordert. Doch am eschatologischen Rand dieser äußersten Grenze trifft er auf das. indirekt. deren Diskurs durch die Zueignungsstrophe des Gedichts zugleich bestätigt und bestritten. wenn tragen bedeutet. Husserl muß dies in seinen Cartesianischen Meditationen eingestehen. Doch wenn ich den anderen in mir tragen muß (darin besteht Ethik). der ich es dann dorthin trage. die folgerichtigste. und ich nehme dieses Ende der Welt in mich auf. das sich im Ego konstituiert. ihn wie uns bewahren. sei sie auch unabschließbar. für das nämlich. Sie muß aufbegehren gegen das. Es gibt keine Welt mehr. als wolle er die Norm der Normalität bestätigen. auch dich nicht. und in einem paradoxen Sinne des Wortes gegen-gezeichnet würde. den anderen in sich zu tragen. Also bedarf es der Melancholie. Sie erlaubt uns zu vergessen. das dem anderen gewidmet ist.

Welt . aus den Fugen geratenen Tragweite des unendlich anderen in mir. wie ich glaube. [ . mit dem Gadamers innerer Dialog. wo das »ich muß« . wie die Welt gezeugt [con~u] wurde. und uns verläßt. und doch sind sie deshalb nicht weniger universell. das Tier ist weltarm. immer und ununterbrochen verbunden war. Ich muß den anderen tragen und dich tragen. kann nur. trage ich. zwischen dem zu unterscheiden. Er hat nicht nur vom Welten der Welt oder von ihrer Planetarisierung gesprochen. allein ganz sein und für ihn.. Ich bleibe in der Schuld [devant]. Diese Unmittelbarkeit des Abgrunds verpflichtet mich gegenüber dem anderen. wo es. bevor ich ich bin. die Endlichkeit und die Einsamkeit vorstellt. die das Nahe entfernt und ent-entfernt. Bevor ich bin. ich bin es dir schuldig. eine unumgängliche Meditation über die . was weltarm und was weltbildend ist. und zwar folgendermaßen: der Stein ist weltlos. Ich muß das Unübersetzbare in einer weiteren Wendung übersetzen. hat nicht nur. wie sie sich entfernt. ich muß mich in deiner Tragweite halten. verschuldet [en dette] und in deiner Schuld [devant a toi] vor dir [devant toi]. die noch im Herholen etwas entfernt und ent-entfernt. 25 pfullingen 1957. das sum und das cogito davonträgt. und sogleich nicht mehr ist. der Denker des I n-der-Welt-seins. jenes Zwischen benennt: Worin Überkommnis und Ankunft zueinander gehalten. Und ich bin nur. S. allein für dich und ganz dein: ohne Welt. auseinander-zueinander getragen sind. 273ff. 5.25 und nicht weit weg von einer Anspielung auf jene Ent-fernung. darf nur sein. das heißt in mir außer mir. ebendort. in Richtung auf seine absolute Transzendenz in meinem Inneren selbst. das in Identität und Differenz. sogar die Empfängnis [conception] der Welt.christliche oder nicht-christliche Genealogie des Kosmos. Der andere Eigenname. was weltlos. Es sagt.] Unterwegs zu dieser denken wir den Austrag von Überkommnis und Ankunft.ich muß dich tragen ewig den Sieg über das »ich bin«.und Welt-Konzeptes oder ihrer regulativen Idee im Kantischen Sinne vorgebracht. (Gesamtausgabe Band 29/30). Dieses Gedicht sagt die Welt. Auftrag und Austrag). unübersetzbar bleibt. 26 Die Grundbegriffe der Metaphysik. . von den einen zu den anderen und von einer Sprache in die andere. überführen. um uns Vermittlungswege zu sichern oder Grundlagen zu festigen. Ich trage dich und muß es. Es handelt sich um eine Zusammenstellung von drei» Thesen «. der Mensch ist weltbildend. das sich um tragen herum zusammenfindet (Übertragung. die Heidegger übrigens kurz nach Sein und Zeit in einem Seminar von 1929-3026 über die Welt. vor und nach der Zäsur von Todtnauberg: Heidegger. doch ich muß auch deine Tragweite sein. überall dort. der andere muß mich tragen (denn dich kann mich oder den unterzeichnenden Dichter bezeichnen. Er hat auch die Ent-fernung zu bedenken gegeben. Die Differenz von Sein und Seiendem ist als der Unter-schied von Überkommnis und Ankunft der entbergend-bergende Austrag beider.Endlichkeit . 62f. Vor allem hat Heidegger versucht. Ich bin allein mit dem anderen. wo die Welt nicht mehr zwischen uns oder unter unseren Füßen ist.·den ich hier nennen muß. selbst dort. Ich kann hier nur noch auf diese Reihe von Begriffen eingehen. die Archäologie und Eschatologie des Welt-Konzeptes. trage ich den anderen. ist der Name eines Menschen. wie sie geboren wird. wie sich ihr Ende ankündigt. sondern sich zur unendlichen Unaneigenbarkeit des anderen hinzubegeben. S. übertragen.greifen. gleich jenem Celans. an den sich die Rede ihrerseits wiederum zurückwendet). den Ursprung und die Geschichte der Welt. ausgehend von dieser seltsamen. Das ist das gewaltsame Opfer eines Über-Übergangs: Übertragen:: übersetzen. und mehr als einmal. Immer einzigartig und unersetzbar.Einsamkeit. Dies mit Blick auf das Vokabular. einmal übersetzt. Frankfurt am Main 1983. 49 . bleiben diese Gesetze oder diese Weisungen unübersetzbar: vom einen zum anderen.

die ich hilferufend Gadamer gerne im Laufe eines unabschließbaren Gesprächs gestellt hätte. es regelt sogar noch das Auftreten von Streit und Mißverständnis. Versammelt sind wir hier um Professor Gadamer. April 198 I in Paris gehalten hat. Aus dem Französischen von Martin Gessmann. nimmt selbstredend auf den Vortrag Bezug. scheint mir allerdings nichts problematischer als diese Thesen. ob es hier etwas anderes geben würde als Auseinandersetzungen. die wir hier nach ihrer Bandaufnahme transkribieren. d. B. I eh muß dieh tragen? Das ist eine der Fragen. was es heißt. dort wo er in uns spricht. wie der Leser selbst festgestellt haben wird. Die erste Frage geht auf das. Wie könnte man nicht versucht sein.Aus Gründen. wenn in unserem Gedicht das Fortsein der Welt im Moment seines Ereignisses keiner dieser Thesen oder Kategorien entspräche? Wenn es von einem ganz anderen Ort aus über sie hinausginge? Wenn es alles andere wäre als weltlos. den Appell an den guten Willen und die absolute Verbindlichkeit im Bestreben nach Verständigung. mit einem Hölderlin-Zitat beginnen sollen: Denn keiner trägt das Leben allein (Die Titanen). die machtvolle Evidenz dieses Axioms zu unterschreiben? Ist es doch nicht bloß eine ethische Forderung. Christine Ott und Fe/ix Wies/er Jacques Derrida Guter Wille zur Macht (I) Drei Fragen an Hans-Georg Gadamer Gestern abend. die Problematik des guten Willens. noch bevor wir sprechen. als es hier in der Druckfassung der Fall ist. Gegenfragen und uneinlösbaren Sachbezug (um einige Formulierungen wieder aufzunehmen. Vielleicht hätte ich. wie sehr wir den anderen brauchen und wie sehr wir ihn noch brauchen werden. was er uns gestern abend über den guten Willen gesagt hat. Dabei wurden selbstverständlich Akzente verlagert. um uns in dieser gefährlichen Aufgabe zu helfen. weltarm oder weltbildend? Müßte man dann nicht den Gedanken der Welt selbst von diesem Fortsein aus denken. den Professor Gadamer am 25. Hg. hätte ich zunächst daran erinnert. wie sehr wir ihn tragen müssen und von ihm getragen werden müssen. Das Axiom bringt den guten Willen mit der »Würde« im Sinne Kants in ZusammenI Die Einlassung von Jacques Derrida. Ich frage mich das immer noch.l habe ich mich gefragt. die wir gehört haben). in der Vortragsfassung etwas ausführlicher ausgefallen. ja. sondern es steht am Anfang aller für eine Sprechergemeinschaft geltenden Ethik. und dieses wiederum ausgehend von dem. Um uns im Denken zu orientieren. deren Zustandekommen unwahrscheinlich sein dürfte. An ihn möchte ich mich daher zunächst wenden und ihm die Ehre erweisen. Für die vorliegende Veröffentlichung wurde derselbe umgearbeitet und stark erweitert. die ich hier nicht ausführen kann. ihm einige Fragen zu stellen. So war z.) . (Anm. die von Jacques Derrida fast ausschließlich zum Thema des ersten Teils seiner Einlassung gemacht wurde. Dessen Funktion als mitkonstituierende Voraussetzung des Verstehens bei Gadamer ist aber auch hier. aus all diesen Gründen. beim Vortrag und der anschließenden Diskussion. völlig erhalten geblieben. Doch was geschähe.

ein Bruch notwendig sein oder eine allgemeine N eustrukturierung des Kontextes bis zum Kontextbegriff selber? Dabei beziehe ich mich auf überhaupt keine spezifische psychoanalytische Doktrin. Für mich ganz besonders problematisch in allem.nicht dem Seienden angehören. »sich miteinander verstehen« nennt. immer noch in bezug auf den Vortrag von gestern abend: Was macht man mit dem guten Willen als Voraussetzung von Verständigung. »verstehen des anderen«. ein sich kontinuierlich entfaltender Bezug zu sein (wie es gestern abend 53 . Ich erinnere auch an die letzte Frage. er sei der Lebenszusammenhang (so lautete sein Ausdruck) im lebendigen Dialog. weit entfernt davon.bis in ihre Notwendigkeit hinein . sondern nur auf eine Frage. Hinsichtlich dieses Kontextes hat uns Professor Gadamer mehrmals gesagt. nichts unbedingt Gutes außer dem guten Willen gibt? Würde diese Bestimmung . was es mit dieser axiomatischen Bedingung des Interpretationsdiskurses auf sich hat. wie Kant sagt. eine einfache Ausweitung des interpretatorischen Zusammenhangs genügen? Wird nicht vielmehr im Gegenteil. die durch die Möglichkeit der Psychoanalyse ge(kenn)zeichnet ist. Meine erste Frage wäre also folgende: Setzt dieses unbedingte Axiom nicht gleichwohl voraus. ob die Bedingung des Verstehens. wenn eine psychoanalytische in eine allgemeine Hermeneutik integriert werden soll? Genau das aber hat Professor Gadamer gestern abend vorgeschlagen. was wir über kontextbezogene Kohärenz hörten . in der lebendigen Erfahrung des lebendigen Miteinanderredens. der mit dergleichen wie Psychoanalyse rechnet? Wird da. nämlich jener der Metaphysik des Willens? Zweite Frage. ihr absoluter Rückhalt und in letzter Instanz ihre Bestimmung bleibt? Und was ist Wille. was uns über die Definition des literarischen. Was bedeutet der gute Wille in einer Psychoanalyse? Oder auch nur in einem Diskurs. daß der Wille die Form dieser Unbedingtheit. jedem auszuhandelnden Preis und jedem hypothetischen Imperativ steht. auf eine psychoanalytisch interessierte Interpretation.mit all den inneren Differenzierungen. Es wäre demnach etwas Unbedingtes und stünde wohl auch jenseits jeglicher Bewertung überhaupt. meiner Sicht besonders problematische in allem. die einDiskussionsteilnehmer aufwarf. Eine solche Interpretation stünde doch vielleicht der Interpretation im Stile Nietzsches näher als jener anderen hermeneutischen Tradition von Schleiermacher bis zu Gadamer .und auf solche Weise mit dem. Ob man nun von der Verständigung oder vom Mißverständnis (Schleiermacher) ausgeht. was in einem moralischen Wesen über jedem Marktwert.als letzte Instanz . immer muß man sich doch fragen. muß doch nicht jede Kohärenz die Form des Systems haben. wie Professor Gadamer offensichtlich der Ansicht ist.einer vergangenen Epoche an. so ist doch die Frage berechtigt. Mögen nun psychoanalytische Hintergedanken mit im Spiele sein oder nicht. Es ging da um die Geschlossenheit eines Corpus. die man in ihr feststellen mag (wie das ja gestern abend der Fall war). wenn anders Werte eine Skala und Vergleichung voraussetzen. was Professor Gadamer »verstehen«. wie ich eher sagen würde. mit dem. poetischen oder ironischen Textes gesagt wurde.systematische oder auch nichtsystematische Kohärenz -. wenn es. Was ist in dieser Hinsicht Zusammenhang und was ist eigentlich streng genommen die Erweiterung eines Zusammenhangs? Kontinuierlich fortschreitende Ausweitung? Oder nicht eher diskontinuierliche Umstrukturierung? Dritte Frage: Auch diese geht auf die Axiomatik des guten Willens. die auch noch im Streit gilt. was Heidegger mit vollem Recht die Bestimmung des Seins des Seienden als Wille oder wollende Subjektivität nennt? Gehört nicht eine solche Redeweise .hang . Dies war gestern abend einer der entscheidenden Punkte und der in. jenseits aller Werte.

Wasser wird sich ballen Goethe In seinen späteren Gedichtbänden nähert sich Paul Celan mehr und mehr der atemlosen Stille des Verstummens im kryptisch gewordenen Wort. zwar nicht durchsichtig und von unmittelbar sprechender Klarheit. die nicht selber eine Metaphysik sein soll. Kittler Hans-Georg Gadamer Wer bin Ich. die ich hier ihrer elliptischen und improvisierten Form überlasse. und wer bist Du? Kommentar zu Celans Gedicht/alge >Atemkristall< Schöpft des Dichters reine Hand. der Bruch als Bezug gewissermaßen. Kommt im Netz dieser Fragen und Bemerkungen. Wovon ist die Rede? Wer redet? Gleichwohl ist jedes Gedicht dieser Folge ein Gebilde von eindeutiger Bestimmtheit. Ich bin nun meinerseits auch nicht sicher. nicht doch eher der Bruch des Bezuges ist. haben stets etwas Mißliches. was ein Dichter sich bei seinem Gedicht gedacht hat? Es kommt doch wohl allein darauf an. die zuerst 1965 unter dem Titel Atemkristall in einer bibliophilen Ausgabe gedruckt wurde. daß im Dialog »Einvernehmen« oder erfolgs bestätigende Zustimmung zustande kommt. der hermetische Lyrik verstehen und entschlüsseln will.aber die ganze Folge dieser Gedichte ist hermetisch verschlüsselt. daß etwa alles verhüllt bliebe oder Beliebiges zu bedeuten vermöchte. aber doch nicht so. Im folgenden soll eine Gedichtfolge aus dem Gedichtband Atemwende betrachtet werden. Gewiß darf es kein eiliger Leser sein. ob wir eben diese Erfahrung überhaupt machen.auch Paul Celan sagte man nach. auf eine Beschreibung von Erfahrung. Jedes der Gedichte hat seinen Ort in einer Folge. Aber es muß keineswegs ein gelehrter oder besonders belehrter Leser sein . eine Aufhebung aller Vermittlung? Schließlich hat sich Professor Gadamer mit Nachdruck auf jene »Erfahrung« berufen. der immer wieder zu hören versucht. und es wächst dem einzelnen Gedicht von da aus gewiß etwas an Bestimmtheit zu .es muß ein Leser sein. nämlich. nicht doch ein anderes Denken von »Text« in den Blick? Aus dem Französischen von Friedrich A.hieß). »die wir alle kennen«. Oft hat sich nun Metaphysik (und womöglich sogar in allen Fällen) als Beschreibung der Erfahrung. die sich dem geduldigen Leser ergibt. Bedarf es der Auskunft über das. nämlich als eine Selbstdarstellung. die ein Dichter über seine verschlüsselten Schöpfungen zu geben vermag . die Professor Gadamer meint. Die besonderen Belehrungen. Das ist die Erfahrung des Lesens. 55 . daß solches Verlangen gelegentlich an ihn gerichtet wurde und daß er es freundlich zu befriedigen suchte -. vorgestellt.

Enthält diese Überlegung nun eine Antwort auf die Frage. Ein Gedicht. wie ihn Kierkegaard genannt hat. Gewiß kann der Wink des Verfassers.und nicht. wer hier Ich ist und wer Du. Aber auch wenn man in die Irre geht. ist es. das im Ungefähren und im Ungewissen zu einem spricht. »wir« gesagt wird. das ein anderes wäre als das des ichsagenden Lesers. wer in diesen Gedichten Celans Ich und Du sind. wer hier Ich ist. Aufklärung versprechen .. Nicht in dem trivialen Sinne allein. verschiebt er im Grunde das. bedarf es aber gewiß nicht nur der Beherrschung der Methoden der Literaturforschung.oder besser: eine dieser Fragestellung überlegene vorgängige Einsicht . wer hier Du ist. was das Dichter-Ich eigentlich ist. Aber es bleibt eine gefährliche Hilfe.schon voraus. 57 . der in fast allen Gedichten dieses Zyklus ebenso unvermittelt und unbestimmt angeredet wird. das sich verweigert und weitergehende Klarheit nicht gewährt. nach der Seite des Privaten und Kontingenten . in wiederholendem Verweilen bei einem Gedicht wird man seines eigenen Vers agens doch immer wieder inne. sondern den Leser in seine IchGestalt selbst hineinzöge und von der Menge ebenso schiede. angemessen ist und ob sie eine . So ist es offenkundig sehr im Ungewissen. abgibt. Er weiß vielmehr darüber hinaus. wie er sich selbst geschieden weiß. und doch soll man nicht den Dichter fragen. und man wird sich fragen müssen. was sich als dichterisches Gebilde ausbalanciert hat. Wenn der Dichter seine privaten und okkasionellen Motive mitteilt. was sein Verfasser meinte und vielleicht nicht zu sagen verstand. der auf den unverwandelten Zustand des >Stoffes< weist. was er meinte. wie der Redende Ich ist? Du ist der Angeredete schlechthin. daß immer nur der Dichter spricht und keine von ihm eingeführte sprechende Person. die ein Dichter über das.aber man wird sie doch nur unter Bedingungen finden: nur dann. schattenhaft-unbestimmt und in beständig wechselnder Weise »ich«. wenn kein sachfremdes Gattungsschema benutzt wird und wenn wirklich Vergleichbares verglichen wird.ich durch die Methoden der vergleichenden Literaturforschung. welche von den Subsumtionsmöglichkeiten. Alles Verstehen setzt die Antwort auf diese Frage .das jedenfalls nicht dasteht. Um dessen sicher zu sein. Sicherlich ist man gegenüber hermetisch verschlüsselten Gedichten mit der Aufgabe der Deutung oft in großer Verlegenheit. und wenn das Verständnis im Ungewissen oder im U ngefähren bleibt. »du«. Wer.in sich begrenzte . ist es doch immer noch das Gedicht. auch bei einem in sich vollendeten Gedicht von Nutzen sein und vor Fehlversuchen des Verstehens bewahren. wo ganz unvermittelt. daß er weiß. insbesondere durch die Heranziehung von gattungsmäßig Verwandtem.. als ob er gar nicht mehr sich selbst meinte. Eher schon mag man s. die »gleich verhöhnet«. Denn das »ich«. ein lyrisches Gedicht liest. Ist es Liebeslyrik? Ist es religiöse Lyrik? Ist es das Zwiegespräch der Seele mit sich selbst? Der Dichter weiß das nicht. das in einem lyrischen Gedicht gesagt wird. Dies Ich ist nicht nur der Dichter. und nicht ein Einzelner in der Privatheit seiner Erlebnisse oder Empfindungen. So erwarte ich für die Gedichte Paul Celans im Grunde nicht viel von einer gattungstheoretischen Zurüstung für die hier gestellte Frage. was ein Gedicht wirklich sagt . Und gar hier bei Celan.Aufschlußkraft gewährt. sondern viel eher »jener Einzelne«. läßt sich nicht mit Ausschließlichkeit auf das Ich des Dichters beziehen. Das ist die allgemeine semantische Funktion von »ich« und «du«. der ein jeder von uns ist. versteht in gewissem Sinne schon immer. scheint mir immer noch bedeutungsvoller als eine Klarheit. die sich im Vergleichen bieten. Das gegebene Gebilde muß in der Polyvalenz seiner Struktur darüber entscheiden. Selbst wenn der Dichter sich »in Gestalten wiegt« und sich ausdrücklich von der Menge scheidet. die einem durch die bloße Versicherung zuwachsen kann.

sondern den ganzen Sommer hindurch. indem er antwortet. an die ältere metaphorische Tradition der Barockpoesie zu denken. oder das eines jeden von uns.So bleibt alles offen. Denn der Sommer. und das ist in jenen vier Versen. Dabei gilt es freilich. Der Sprechende schritt Schulter an Schulter mit dem unermüdlich treibenden Maulbeerbaum durch den Sommer. Offenbar war es eine Zeit der Überfülle. Auch bei dem christlichen Liebesgebot ist es ja nicht ausgemacht. allbereit verallgemeinern. Der Maulbeerbaum ist ohne Zweifel hier der Inbegriff treibender Energie und immer neuen üppigen Herausbildens neuer Triebe. Sie scheinen deswegen wie beiläufig gegeben. der hinter dem Sprechenden liegt. schrie sein jüngstes Blatt. die Sprachbewußtheit des Dichters richtig einzuschätzen. daß das Ich nicht eine gewisse Bestimmtheit im Fortgang der Gedichtfolge erhielte. So ist zum Beispiel von vierzig Lebensbäumen die Rede und damit auf das Alter des Ich angespielt. Das Du ist so sehr und so wenig ein bestimmtes anderes Ich. Es ist ein schwieriger Text. der gegenüber die karge Armut des Winters wie eine Wohltat wirkt. . Ist die Frage sinnvoll. Es ist deshalb nicht auszumachen. Die Anrede zielt. der hinter dem Sprechenden liegt. Damit ist nicht etwa gemeint.wie die Sinnbewegung der dichterischen Rede diese Funktion ausfüllt. das spricht. Knospens und Sich-Entfaltens kaum zu ertragen. Zugegeben. Auch hier muß man in erster Näherung so konkret wie möglich verstehen. weil es nicht ausgemacht ist. das angeredet wird. aber sie hat keinen Gegenstand .noch mehr war er ein Mann von ganz erstaunlicher Naturkenntnis. Gewiß ist es kein wirklicher Sommer. weil sie sich nicht. der sich selbst meint. und dem Du. daß auch dann noch in die Stelle des Dichter-Ichs jedes Leser-Ich willig eintritt und sich mitgemeint weiß und daß sich von da aus jeweils das Du mit Bestimmtheit ausfüllt. wird hier nicht nur hingenommen. In der ganzen Folge scheint nur eine Ausnahme zu bestehen. daß Celan im Schwarzwald hoch oben über Pflanzen und Tiere besser Bescheid wußte als er selber. wie das Ich ein bestimmtes Ich ist. Heidegger hat mir erzählt. der sich der Anrede stellt. Du darfst mich getrost mit Schnee bewirten: sooft ich Schulter an Schulter mit dem Maulbeerbaum schritt durch den Sommer. der Unterschied zwischen dem Ich. daß Paul Celan auch ein Poeta doctus war . Schnee. wenn wir jetzt erprobend an die Gedichte der Celanschen Folge herantreten. der Worte 59 . ein Symbol unstillbaren Lebensdurstes. Es scheint mir nicht richtig. Aber entscheidend bleibt. das Gleichmachende. sich verwischte. wie die anderen alle. Das Gedicht ist von einem scharfen Kontrast beherrscht. sondern begrüßt. was »ich« oder »du« hier meint und ob es das Ich des Dichters ist. der seltsam unvermittelt beginnt. wer dieses Du ist? Etwa in dem Sinne: Ist es ein mir naher Mensch? Mein Nächster? Oder gar der Allernächste und Allerfernste: Gott? Das ist nicht auszumachen. aber auch Stillende. und auch nicht. die der Dichter in Klammern gesetzt hat und die auch metrisch durch ihre fast epische Diktion herausfallen. daß in der Gedichtfolge. Denn anders als anderes Gesträuch treibt er nicht nur im Frühjahr frische Blätter. Wir haben es zu lernen.es sei denn den. die hier »ich« und »du« sagt. wer jenes Du ist. Wir wissen nicht vorher und nicht aus einem distanzierten Überblick oder Voraus blick. war offenbar in der Überfülle seines Treibens. Kältende. Das ist wie ein Proömium der ganzen Folge. so wenig das angeredete Du etwa den Winter meint oder wirklichen Schnee anbietet. wieweit der Nächste Gott ist oder Gott der Nächste.

auch in diesem Zyklus. Ferner muß man jedenfalls beachten. So wird der Doppelsinn von »Maul« nicht durch den Kontext getragen. Es ist also das Blatt und nicht die Beere. Das steht scharf akzentuiert als das letzte Wort des Gedichtes im Text. »Schulter an Schulter«: Mit dem Maulbeerbaum Schulter an Schulter schreiten heißt offenbar nicht hinter ihm zurückbleiben und so wenig. In einer Ebene der Übertöne mag man dann von dem Schrei auf den Wortbestandteil »Maul« zurückgewiesen werden und diesen mit Rede zusammenbringen: Es gibt ja den Maulhelden. Das ändert aber nichts daran.und das wäre hier: einkehren bei sich selbst.. Schrei und Stille. dies Einförmige. Der Pflanzenname »Maulbeerbaum« ist ganz geläufig. Leben und Tod. die diesem Gedicht 61 . daß es »sooft« heißt. worauf der Sinnvollzug des Wortlauts hinauswill. gegenwärtig ist. Es ist ja unzweifelhaft. sich der besonderen Kontextbestimmtheit zu erinnern. und wenn man dem dichterischen Zusammenhang folgt. Die Beere des Maules statt der Blume des Mundes. in dem der Name auftritt. solche Bereitschaft am Ende geradezu als Todesbereitschaft zu lesen. sondern auf das frischgelbe Grün. daß das Gedicht nicht auf die Maulbeere oder das Maul verweist. Aber offenkundig wird hier durch die Parallele mit dem Maulbeerbaum überhaupt nicht auf die Maulbeere. in die ein solches vielschichtiges Gedicht versetzt. so ist es dort ganz eindeutig. Achten wir auf einzelnes. deren Geschrei er nicht mehr erträgt. das scheint mir nicht der Weg. wie er es mit seinem Wachsen tut. auch nur ein einziges Mal still und stumm vom Maulbeerbaum des Lebens begleitet zu werden. daß diese weitere Transposition des Gesagten am Ende in die Sphäre des Schweigens oder des sparsamsten Redens weist. So fragt es sich hier. daß das Wort »Maul« als selbständige Sinneinheit überhaupt nicht auftritt. Fragen wir weiter. was das ist. das wie der durstige Schrei des Säuglings fordert und nicht zur Ruhe kommen läßt. sondern es ist der Schrei des Blattes. Gerade das aber soll eine Bewirtung sein. was immer es sei. Wort und Schweigen spielt? Was in diesen Versen steht. das nach diesem Sommer des ruhelosen Schreitens einen empfangen soll. Selbst wenn das so ist.r i nicht nur in ihrem klaren Gegenstandsbezug nimmt. Da immer wieder ein neuer Schrei des Lebensdurstes das Ich begleitete. was in den Worten an Bedeutungen und Nebenbedeutungen anklingt. bleibt aber die Forderung präziser Kohärenz als erste bestehen und muß zunächst erfüllt werden. Wohl nichts Bestimmteres als das andere oder der andere. je einhalten . sondern auf die sprießende Ü ppigkeit des Laubwerks gewiesen. In dieser Betonung wiederholten Weges liegt. So scheint es mir durchaus möglich. das an Maulbeerbäumen unermüdlich den ganzen Sommer über sprießt. Und das könnte in unserem Zu:. auf den sich die Sinnbewegung gründet. ist Bereitschaft. äußersten Gegensatzes zu allzuviel Leben. sondern beständig mit dem spielt. das heißt als die Annahme des letzten. das heißt das Willkommengeheißene. was die Transposition in das eigentlich Gesagte trägt. Von da muß auch jede weitere Transposition ihre Sinnrichtung empfangen. Gleichwohl gilt es. sammenhang alles eitle und leere Reden und Dichten anklingen lassen. Und wir werden sehen. ist ihm im Kontrast der Schnee willkommen. von der ersten 60 Ebene des Sagens in die Transpositionsbewegung des Besagens überzuleiten. was das Gedicht >besagt<. Wer will das festlegen. wer mit dem ersten »Du« angeredet ist. daß sich die Hoffnung des immer aufs neue aufbrechenden Wanderers nie erfüllt. was da zwischen Verlangen und Verzicht zwischen Sommer und Winter. in dem keinerlei Verlockung und Reiz mehr ist. sondern nur als einleitende Bedeutung von »Maulbeerbaum«. Immer war neues Treiben. daß das Todesthema bei Celan stets. ob der Dichter etwa mit dem Wortbestand »Maul« auf die Maulhelden des Wortes anspielt. dies andere anzunehmen. Um so mehr ist nun zu fragen. das heißt.

die helle Hungerkerze im Mund. Ein Maulwurf ist tätig. Ich will nicht leugnen.als Proömium eines Zyklus zukommt.Aug an jedem der Finger. die sein Gedicht erreicht. auf die hier angespielt wird? Ist es vielleicht gar das Wort des Gedichtes selbst. Nun sagt das Gedicht: Was das rastlos wühlende Wesen treibt.von dem Maulwurf auf die blinde Lebensbewegung hin. Ein Lei- sestes fällt im Kristall aus. Man sollte dies als durch primäre semantische Gegebenheit Evozierte nicht abstreiten. kann nicht beirren. Was durchwandert wird. aber ihr Aufsteigen zur festen Sprachgestalt. zu hören ist. abtaste nach einer Stelle. mißlingt. Dies Gedicht ist ein wahres Proömium. das wie in einer musikalischen Komposition mit dem ersten Ton die Tonlage für das Ganze angibt. Man hört sie so. Aus seiner Krume knetest du neu unsere Namen. sondern die leise Hoffnung mitklingen läßt. wirft das schlaflos durchwanderte Brotland den Lebensberg auf. der >Atemkristall< heißt. ein deinem gleichendes . die von dem ausgeht. den Augenblick. Das weist einen auf die Sphäre des Atmens und damit auf das von ihm geformte Sprach geschehen. Es ist dieselbe Stille. Das Unterscheiden hier zwischen Ich und Du. ist das Brotland. daß Celan diesen Moment des wendenden Atems. da der Atem umkehrt. daß die Stille willkommen ist. die alles einhüllt. die sinnliche Erfahrung des lautlosen. das durch seine beständige Schärfe immer weitertreibt: es »ätzt«. ist ungeträumter Traum.oder besser: nicht ihre Lösung. Ätzende Säure. das wir alle kennen und das uns allen als eine wahre Wohltat erscheinen kann? Die Frage ist nicht zu beantworten. Die Gedichte dieser Folge sind in der Tat so leise und fast unmerklich wie die Atemwende. Daß das Subjekt dieses »Aufwerfens« das »Brotland« ist. Von Ungeträumtem geätzt. zwischen dem Ich des Dichters und uns allen. wie man die tiefe Winterstille hört. die ich. und wohl des Menschenschicksals. wie es der Dichter sieht. Das evoziert Brotarbeit und Broterwerb und alles. Leichtestes und zugleich Genauestes: das wahre Wort. »Aufwerfen« ist eindeutig. die durch das »Brotland« geht. das wir Leben nennen. Denn dies vor allem ist Atemwende. die wie eine schlaflose Wanderung erscheint. die wie eine Gabe dargeboten wird? Oder meint es uns alle und ist dann jenes Stummsein nach zu vielen Worten. ist eine der Leitmetaphern des Zyklus. Das Gedicht sagt es dem Dichter so gut wie uns allen. das sich hier aussagt. das durch seine Verweigerung versehrt. reglosen Augenblicks zwischen Einund Ausatmen. nicht nur mit dem reglosen Ansichhalten verknüpft. ein Kleinstes. sondern nur die erste Transposition einleiten . So fragen wir erneut: Was heißt hier »Schnee«? Ist es die Erfahrung des Dichtens. was mit dieser Lebenshypothek impliziert ist. durch die ich mich zu dir heranwachen kann.« Aber schwerlich wird man deshalb die diese Folge beherrschende Bedeutung des »leisen« Atems abschwächen dürfen. das einen zwar satt zu machen verspricht. Sie geben von einer letzten Lebensbeklemmung Zeugnis und stellen zugleich auch immer aufs neue ihre Lösung dar . die mit aller Umkehr verbunden ist. diesem leisesten Wiederbeginn des Atemschöpfens. So sagt er in der Meridian-Rede: »Dichtung: das kann eine Atemwende bedeuten. die bei der Wende des Atems. Es ist also ein Versäumtes oder ein Verwehrtes. sofern es in seiner Diskretion die winterliche Stille gewährt. den wir betrachten. aber das Wandern .

Wie. den er so tauft. Aber auch we~n.. Das heI0t h~er »unsere Namen«.Namen« beständig neu geknetet werden. Es zieht seine Spur. sondern ist selbst ein Weg der Helle. die auf die Rückkehr des Sohnes hoffen.werden. der in der na~hsten Zelle nachwirkt. mir Tschizewskij erzählt hat. was sie sind: So ':. Dies Wandern und Wühlen ge~chieht »schlaflos«. Aber es 1St em Du. h. das Verschmähen des sättigenden Brotes.r Akzent eines leichten Hiats fällt. man sie nicht kennt. Das Schlußbild von der »Hungerkerze im Mund« legt das durch ein bestimmtes religiöses Ritual aus. Der Weg im Dunkeln ist aber nicht nur der Weg. Aber hier klingt das so. ist das Ich immer noch tätig und auf der Suche .eine Art Gebets. Von wem. sondern nur die Verse der GeneSIS 1m Ohr hat und si. Wenn es die schwere Fracht des Lebens ist. oder SIe smd mmdestens in einer fortdauernden ~or~ung begriffen. was sich aus diesem Erfahrungsstoff aufbaut. selbst ein Hellsein. der hier aufgeworfen wird. Der Name ist ja das. so wie der Maulwurf seme Gänge durch sein Aufwerfen der Hügel erkennen läßt. Sie al~e w~rden erst im Laufe des Lebens das. Vielleicht spielt der Dichter hier auf die Maulwurfshand an. diese eigentümlich geformten hellen Flächen der Grabehand des Maulwurfs. so muß es doch wohl das Ganze unserer Welterfahrun~ sei~. daß ~ier bestimmte biblische oder jüdIsch-mystIsche AnspIelungen darin stecken. mit dem Ganzen unserer sIch auft~rmenden Erfahrung. Man beachte. das den Lebensberg beschwert. wird auch erst.e zugl~ich hinter sich läßt. das Gesuchte. ~IeI?and kann m der Namensgebung wissen.same . Nicht erstickt unter dem wachsenden Lebenshügel oder Lebensberg. Das zeigt die Fortsetzung: »Aus semer Krume knetest du neu unsere Na~en«. was der sem wIrd. Die Alliteration von »neu« und »Na~en« ~chließt die zweite Vershälfte so zusammen. der ins Helle führt. « Mit dem Ich plötzlich erst gewinnt die Bewegung des Lebens ihr~ eigentliche heimliche Richtung. d. Das besagt. gewinnt der Celansche Vers emen Smn. was u. gibt es auf dem Balkan emen Brauch der Hungerkerze. Analog ist es ein »Fasten«. mit der er seine Gänge gräbt. In jedem Falle besteht' die Spannung zwischen dem Graben im Dunkeln und dem Streben nach dem Licht.ns anf~nghch gegeb~n wird und das wir noch gar nicht smd.Ie wlr. h. Es ist eine besondere Helle. sofern das Ich gegen dIe beständig wachsende Verdeckung 64 r anstrebt und Durchlaß ins Freie sucht. Nur das Nächste kann »ich« wahrnehmen mit tastender Hand. Aber immerhin ist es Wahrnehmen: Unser blindes Auge ist »deinem« gleichend. was die Welt fur uns 1St. wird der Hügel mehr und mehr aufgeworfen.plötzlich zu einem Ich: »dIe Ich .r~ führt nirgends hin.e MItte de. der das fromme Fasten vor allen sichtbar macht (an der Kirchentür) . das hier das Streben nach der Helle begleitet. daß das ins Helle Stre65 I I . von dem eingangs die Rede war. Wachen aber nimmt den Verzicht auf Schlaf und Traum auf. es gibt keine Einkehr in Schlaf und Traum. Er wIrd em ganzer Lebensberg. das die Eltern. Aber das Besondere dieses Fastens ist offenbar.. So ist dies Beharren auf der Helle und dem Drang nach Helle wie eine Leistung des Fastens. der »Lebensberg« sind wir. wird nicht gesagt. In der !at.. da~ die ». und damit wird das Du. daß auf d~. d.unsere »Namen« .. was wir sind. wenn auch blind wie der Maulwurf. woraus unsere Namen neu geknetet werden. u~d so. und sie ist nichts als Wachen (»heranwachen«). das hier am Werke ist. und ebenso ist in »Hungerkerze« Hungern gemeint. als kultisch Verehrtes gekennzeichnet.und Bittfasten. Da vereinzelt sich das allen Gem~m. als ob das Leben unter seinem immer lastenderen Gewicht begra~en wird. Denn es ist die Tätigkeit des Ich. So ist es mit allen Namen. Mö~lich.nach Sehen und Helle. die ihn im Dunkeln weiterführen bis hin zu dem Hellen des Ausgangs. wie sich in der vorletzten Zeile »die helle« durch das Fürsichstehen dieses Attributs förmlich ausbreitet. auf sich nehmen.

dem ich entrollte. indem ungeträumte Träume sie treiben und eine immer längere Lebensspur zeichnen und einen immer schwerer lastenden Berg aufwerfen. kennt er den Brauch der Hungerkerze anders: Wenn jemand verarmt war und ihm seine frühere gesellschaftliche Stellung verbot. auch ohne folkloristische Information erraten. Es gibt offenbar kein Ritual der Hungerkerze im Mund! Mit dieser paradoxen Verbindung bricht das Gedicht vielmehr den evozierten Fastenbrauch um. dem KupferSchimmer der Bettelschale dort oben zulieb. um ungesehen und ohne zu sehen Gaben zu empfangen. Aber ist es nur die des Dichters? In die Rillen der Himmelsmünze im Türspalt preßt du das Wort. nach der Helle zu streben. erleuchtete Wort fähig zu werden. ob sie nicht doch irgendwo den Durchbruch ins Helle gewährt. Spielt die Hungerkerze wie alle Kerzen obendrein darauf an. noch einmal: Wer ist hier das Du. Der Lebensberg aller wird beständig aufgeworfen. und aus ihm bildet sich Sinn und Sinnlosigkeit eines jeden Lebens. meine ich. In den Ausgaben liest man statt »Himmelsmünze« »Himmelssäure«. das diese Namen abtastet. das wie ein blinder Maulwurf ins Helle drängt. in die wir gerieten.um selber für das wahre. d. das ein wahrhaft sehendes Auge besitzt. Man denkt an Jacob Burckhardt: »Der Geist ist ein Wühler. das hier »ich« meint. So wird das Ritual sprechend für eine Glaubensleistung ganz anderer Art. Denn ohne Zweifel hat man es in . indem man die »Namen« abtastet. was hier beschrieben wird. So werden unser aller »N amen« geknetet. was durch die Kerze angezeigt wird.egung des Gedichts ist deutlich eine zweigeteilte: Die eine Bewegung vollführen alle. der es mit den Namen. Es hebt sich aus dem allen gemeinsamen Geschick heraus. Schiefer um Schiefer. das die Namen 66 neu knetet. daß es sich nicht um Fasten handelt. Dies wird zu berichtigen sein. Jedenfalls aber: Man läßt nicht ab. sondern daß das Ich sich all die reichlich sättigenden Worte verbietet. wenn man nur über die Spannung zwischen ritueller Hungerkerze und dem »im Mund« nachdenkt. ist auch ein anderes. mit allen Namen. Das kann man. betteln zu gehen. Danach wäre es nicht freiwilliges Fasten. Die Bev. Die andere Bewegung ist die unterirdische des Ich. wie die Lesart der Ausgaben zu verstehen war. legte er sich verhüllt mit der Hungerkerze an die Kürchentür. Aber es sind nicht alle. h. und das.es geht um das wahre Wort.bende die Hungerkerze im Munde hält.« Folgen wir der Transpositionsbewegung. auf ihre Durchlässigkeit geprüft wird. In jedem Fall heißt es »im Mund« . es ist das eine Ich. wofür es geschieht.. Wie mir Milojcic erzählt. mit denen man sich im Leben abfindet . Es bestätigt sich also: »Name« meint nicht nur die Namen der Menschen. daß unserem hungernden Streben in die Helle eine Frist gesetzt ist? Vielleicht. Es meint sicherlich den ga~zen Berg der Worte. Das Tun des Dichters klingt an. versucht. Das sind bittere Zeilen. die über alle Erfahrung des Lebens gelagert ist wie eine deckende Last. sondern die Not des Hungerns selber. als ich mit bebenden Fäusten das Dach über uns abtrug. es ist die Entbehrung und die Auszeichnung des Dichters. Das soll d~ch wohl heißen. das wahrhafte Sättigung und Erhellungverspricht? Wen meint »ich« und wen »du«? Der Übergang zum Ich ist plötzlich und stark akzentuiert. es meint die Sprache. Sie ist es. Es ist ein anderes Fasten. nach dem ich hungere oder das ich herbeihungere. Aber die Frage bleibt. Mir scheint. Silbe um Silbe. die »abgetastet«.

die mit unsicheren Vermutungen arbeiten muß. Denn offenbar sind nicht wir es. um eine jede von beiden im Ganzen des Gedichtes zu orten. Das ist recht dunkel. Wäre es nicht so. Nun ist es offenbar so. Genug. was »du«wieder dieses unbekannte Du . So will es das Du. 1 Dafür spricht nicht nur das Verhalten des Dichters als solches. ist »das Wort«. wie kommt die Münze in den Türspalt? . 435. daß die Rillen der Münze die Tür undicht machen.und Durchlaßgebühr aus dem Himmel?) die kleine Durchlässigkeit schafft. Es ist keine strömende Heilsbotschaft. Worauf es anzukommen scheint. dem einzigen. das ist. Damit ist die Bildvorstellung eine gänzlich andere. von der wir offenbar durch eine niemals sich öffnende Tür geschieden sind und die für uns gewiß unerträglich wäre. die sich mühen. Statt dessen dringt durch die Tür etwas heraus. Ist das so gemeint? So lutherisch? Gewiß ist freilich. neugeprägtes Geldstück weist. Man stellt sich vor.so hat man keine Antwort.nach Berichten . der .durch die Undichte der versperrenden Tür preßt. daß sie darin steckt. Handelt es sich um ein raffiniertes Symbol für Gnade? Jedenfalls hatte der Versuch. daß die Himmelsmünze der Bettelschale »dort oben« entspricht. und obendrein scheint es wie eine seltsam verkehrte Mühe. Was aus diesem sich verweigernden Himmel allein bei uns ist. Das hat seinerzeit schon Walter Benjamin unter dem Begriff »das Gedichtete« beschrieben. weil er sich verweigert. Der Genitiv »der Himmelsmünze« ist auf »Rillen« natürlich nicht mehr kausativ bezogen. aber I Vgl. und so kommt etwas hindurch. daß es im Text nicht »Himmelssäure« sondern »Himmelsmünze« heißt. S. ohne Wert.und zu diesem ärmlichen Schatz scheint der hinzustreben. Doch nun hat man zur Kenntnis zu nehmen. Eine Theologie des sich verweigernden Himmels liegt zugrunde. daß nicht die Münze selbst als legitime Einlaßgebühr für den Himmel (oder als Ausgangs. daß sie dazu dienen sollte.beim Bemerken des Druckfehlers höchst gleichmütig blieb. hat Rillen in den Türspalt geätzt. die Einlaßgebühr zu entrichten. sondern ein mühsam erpreßtes Wort. diese öffnet sich nicht. Wenn man fragt. welche der beiden Lesarten man auch zugrunde legt. daß wir gegen die Wahrheit versperrt sind und die Wahrheit uns gar nicht verweigert wird? Halten wir sozusagen die Tür zu oder finden den Schlüssel nicht. Das jedenfalls steht fest. damit Einzelteile austauschbar sein können. gegen die wir durch die Tür abgedichtet sind. Als der sich verweigernde hat er seine verzehrende Schärfe und doch sucht man jeden Tropfen dessen. Doch die Tür ist undicht. weil wir an die Gültigkeit unserer Münze glauben? Ich stelle alle diese Fragen in 68 . sondern »das Wort« soll offenbar heraus. Beides hat auf ein unerreichbar Jenseitiges Bezug. aber nichts mit seinem Münzwert zu tun hat.eben »das Wort«. der seine Bestimmung aus dem »Wort« herleitet. sondern etwas. Die Himmelssäure. Wir erörtern die beiden Lesarten nebeneinander. da hineinzukommen oder da herauszukommen.gewissem Umfang verstehen können. Zwischen der ätzenden Schärfe der Himmelssäure. gibt keinen wirklichen Eintritt. Offenbar wird die Metapher der ätzenden Säure deshalb vom Himmel gesagt. es sind bittere Zeilen. dann wäre alle Auslegung. die Tür zu öffnen. Was hindurchkommt. das an ihr ist und das zwar auf ein blankes. Meint das. dazu unten. und der kupfernen Bettelschale »dort oben« spannt sich der Bogen eines einzigen Satzes. was da zu uns gelangt . keinen Erfolg. ist das Wort. In der Tat. In der Bettelschale werden Münzen gesammelt (Himmelsmünzen ? Münzen für den Himmel?) . daß nichts aus jenem Himmel verlautet als das. sondern als ein subjektiver Genitiv zu verstehen: die Münze hat Rillen. Die Sinnkohärenz des Ganzen ist im ganzen stark genug. das aus dem ganzen Reichtum des Himmels bei uns ist.

das auf mich wartet. Die Decke der Worte ist wie ein Dach über uns. abzutragen. zu dem ich nun und immerzu zurückstrebe ? Das gäbe auch bei der äußersten Gottesferne Sinn. aus dem er kommt und das er als das Seine weiß. der ins Helle. dies Wort wieder zu erreichen. Oder auch: Wir reichen nur bis an die dürftige Mildtätigkeit einer »Sammlung«.ist: das Wort. Die Aufgabe des Dichters besteht eben darin. Denn unter dem Dach der Sprache leben wir alle. Was heißt es. das uns allen gemeinsamen Schutz gewährt. Nicht »ich« bin es. was »das Wort« . weil es den Durchlaß und Ausblick nimmt. der Silbe um Silbe das Wort . der ihm »entrollte«. wenn ich das schützende Dach abzutragen suche. Oder ist es überhaupt nichts Heiliges. daß hier von einer »Bettelschale dort oben« die Rede ist und damit eine bestimmte Transposition von uns verlangt wird. wie alle Kreatur ein Schöpferwort ist? Ist es das Wort. Doch lassen wir einmal alle Theologie beiseite und prüfen die einzelnen Wendungen. selber darin ist. wie mir Bollack erzählt hat. Indem sie aber uns ganz mit Vertrautheit umschließen. der das Wort sucht.sucht Silbe um Silbe. aber in falschem Schimmer glänzt? Jedenfalls ist der verzweifelt sich Anstrengende voll von Bitterkeit und sich der Enttäuschung bewußt. Das klingt paradox. nach oben strebt. »Ich entrollte« dem von oben durchsickernden Wort. verhindern sie jeden Ausblick in das U nvertraute. wie er etwa das dichterische Wort sein könnte. daß der Dichter selber aus dem Wort kommt und daß seine ganze Anstrengung darauf geht. was verdeckt. Das Gedicht versetzt die Bettelschale in den Zusammenhang von Heiligkeit und Heilsverlangen.im Kirchenraum das profanste aller Geräte. Der Dichter . das vielleicht wie Heiliges. Das scheint in der Tat so. Hier ist aber das Wort »entrollte« intransitiv gebraucht. diesem geringsten Tropfen einer jenseitigen himmlischen Substanz. ins Freie zu blicken.das wahre Wort . Vor allen anderen ist es gewiß der Dichter. Eher so: Wir reichen nicht weiter mit unserer Vorstellung von Heil als noch gerade an die Bettelschale. ändert nichts daran. in der weder Wärme noch Liebe ist.wie eine Schriftrolle . sondern »das Wort« ist es. die auf ihn wartet. gleichwohl abtragen möchte. der hier von sich sagt. Wer . wäre in Wahrheit nichts als die kupferne Bettelschale mit ihrem jenseitigen Schimmer. aus dem ich komme. daß er nach dem wahren Wort. Jedenfalls ist es nicht einmal etwas von wahrhaft Heiligem. Freilich. daß es der Dichter ist. daß dies atemlos verzweifelte Suchen nach dem Wort über all den Silben und Wörtern dem gilt. was vielleicht für uns alle gilt. das heißt mühsam und unermüdlich. das nicht das übliche schützende Dach aller . daß ein jeder von uns das Dach.entrollte. in der die Opfergaben gesammelt werden . Es ist offenbar so. Daß eine ganz gewöhnliche Bettelschale auf einer Pariser Straße den Dichter inspiriert hat. Kein Zweifel.oder wir alle? . beschrieben. Was hier durch die Arbeit der bebenden Fäuste allenfalls erreicht wurde. Vielleicht gilt auch von uns allen. was im vorigen Gedicht als das Abtasten der Namen und das Heranwachen begegnete. der hier von sich »ich« sagt und der ganz im Wort lebt. Eine weitere Schwierigkeit: Wenn das Wort heraus und da ist. dem ich selber entrollte.ich? Bin ich aus dem Wort? Bin ich das Wort. Es ist kaum der Abglanz des Heiligen. um nach oben. Aber gelangt man je zum Ziele? Die Antwort des Gedichtes ist niederschmetternd. in dem der. daß ich dem Wort entrollte? Bei der Wendung »entrollte« und im Abtragen »Silbe um Silbe« denkt man zunächst an die Tätigkeit des Entrollens einer Schriftrolle und des Entzifferns eines Urtextes. Sie sichern das Vertraute.dem Bewußtsein. mit welcher Tönung? Der Erwartung? Kaum. Offenbar entspricht dieses Abtragen »Silbe um Silbe« dem. bin »ich« es. sondern etwas. Hier wie dort scheint eine verzweifelte Anstrengung dessen. daß jedenfalls die Theologie des Deus' absconditus anklingt.

Die Steine. das so schwer sich senkt wie das. Aber es ist noch etwas anderes darin. dort. sondern das von jenseits her ist. wie etwa den Duineser Elegien. Indessen. Das ist Dichtung. Es heißt ja. indem er das Netz beschwert.Tage ist. die man aufsucht. dem Suchen der rechten Worte (»als ich abtrug«) kehrt er nicht heim. und ein anderer hilft ihm dabei. Wer das Netz ausgeworfen hat. ist immer auch Licht mit da und das Lichte. nach seiner Herkunft aus dem wahren Wort aufschaut. daß man Worte macht und daß man »mit bebenden Fäusten« auf etwas hin tätig ist. und muß warten. und kann doch von dem Heiligen nie mehr gewahren als seinen profansten. hat alles getan.»mit bebenden Fäusten« . Mit dem Abtragen des Daches. Diese Plätze liegen alle »nördlich der Zukunft«. weil sie Fang verheißen. Wort um Wort. wie nach seiner' wahren Heimat strebt und deshalb Silbe um Silbe das Gefüge der alltäglichen Worte <1. Es wird nicht gesagt. Auswerfen des Netzes ist eine Handlung reiner Erwartung. der Dichter entrollte dem Wort. Was es evoziert. negative Tönung. es wird hell in diesem Gedicht. der das Netz auswirft. es ist ein Schluß. Auch der evozierten Bedeutung nach: »Schatten fallen« heißt immer auch: Sie werden geworfen. insbesondere in den der Erstauflage folgenden Drucken. als er in seinem Dichten. Wer ist Ich? Und wer ist Du? Das Ich ist ein Fischer. d. dem dies widerfährt. Es ist 73 . durch das Betteln entstellten Glanz. Man muß das Gedicht in seinem Zeilenbruch nicht nur genau lesen. von dem eigentlichen Wort und seiner Wahrheit geschieden zu sein. gerade dadurch. Celans meist sehr kurzzeilige Gedichte nehmen es damit sehr genau. »Wir übersetzen. nicht vermeiden konnten. verdeckende und alles einebnende Funktion der Sprache ankämpfen. und wirklich. ob etwas sich fängt. h. Das wird durch das pluralische »in den Flüssen« unterstrichen. was er tun konnte. es geschieht immer wieder. noch weiter draußen. Die Sonne durchscheint das Wasser bis auf den Grund. die das Netz beschweren. und wie jeder Schluß rückt er die Maße des Ganzen fest. daß es die Mühe lohnt? In den Flüssen nördlich der Zukunft werf ich das Netz aus. wird hoffnungslos von ihm geschieden und ist vergeblich . um den Blick in den Schimmer dort oben freizulegen. Eich). Und wieder fragt man sich: Ist es wirklich nur der Dichter.und das am Ende gar nicht einmal so ist. das er eigentlich ist. das nicht wie das nahe liegende »Gewässern« eine unbestimmte Ortsangabe bedeutet. sondern sehr bestimmte Plätze. sondern verliert sich der Dichter gerade. Bei breiter strömenden Versen. man muß es so auch hören.ein Wort. zu ihm zurückzugelangen. sind es. das du zögernd beschwerst mit von Steinen geschriebenen Schatten. die ohnehin viel technischen Zeilenbruch. daß das eigentliche Wort unerreichbar bleibt. Er »entrollte« dem Wort. was es bedeutet. die die Schatten werfen. wo keiner sonst fischt. das nicht erreichbar ist .vielleicht sogar: seinen falschen. wann diese Handlung vollzogen wird.btragen muß. ärmlichsten Schimmer . h. ohne den Urtext zu haben« (G. ist Klarheit und Kälte eisnahen Gewässers. Er muß gegen die verbrauchte. sind nur sehr deutliche Verszäsuren von so siegelhafter Prägnanz wie die Schlußzeilen dieser Gedichte Celans. Es ist eine Art gnomischer Gegenwart.. obwohl es sein eigenstes ist? Oder ist es vielmehr unser aller Erfahrung.bemüht. Das ist alles höchst sinnlich und konkret: Ein Fischer wirft das Netz aus. Wo Schatten fallen und verdunkeln. d. außerhalb der gewohnten Wege und Fahrten. gewöhnliche. das man haben möchte. Damit gewinnt das Entrollen eine noch andere. In unserem Falle ist der Schlußvers ein einziges Wort: »Schatten« .

Die gleiche Funktion übt in der zweiten Hälfte die nicht minder uneinlösbare Fügung einer Beschwerung mit Schatten aus. Die kühne Metapher der »geschriebenen Schatten« läßt nicht nur das Imaginäre und Spirituelle der ganzen Handlung hervortreten. Ein unbestimmtes Du. Aber wer ist dieses Du? Es klingt fast. wenn man die Beschwerung als eine Hemmung des reinen Wurfs in die Zukunft verstünde. wieviel das hoffende Herz des Menschen erträgt.offenbar eine Aussage über das Ich. und nicht zuwenig. sondern bestimmt sich durch das. Denn es kommt darauf an. das vielleicht in dem Du des Nächsten. damit das Netz nicht ab sinkt. als eine Trübung der reinen Erwartung durch die beschwerende Einsicht in das. Aber ist nicht jedes Ich ein Ich solcher Erwartung? Ist nicht in jedem Ich etwas. wie eine unbestimmte Frage. das ein einziger schlichter Satz ist. wieviel er dem Ich aufladen kann. sondern bezeugt so etwas wie Sinn. Das Netz muß. nicht zuviel. »stehen«. das in eine Zukunft ausgreift. der muß vorsichtig Stein auf Stein hinzutun wie auf eine Waagschale. ohne daß es die Hoffnung sinken läßt. Der Sinn der Spannung ist vielmehr. Von hier bestimmt sich das Zögernde des Beschwerens. Man würde mißverstehen. die hinausliegt über das. die sich erst durch den Fortgang des dritten Verses . was Erwartung ist und möglich macht. Wie dort der Mensch als das Wesen der Erwartung in der sinnlichen Gebärde des Fischers sichtbar wurde. ist gerade das Ich eines jeden. daß der Fang überhaupt möglich wird. Es wäre völlig mißverstanden. Es erwartet das Zukünftige dort. in der man das Gewicht von etwas wägt. was war und wie es aufbewahrt ist wie in einem von Erfahrungen und Enttäuschungen geschriebenen Buch. und doch sind sie das einheitliche Tun. und gar »mit von Steinen geschriebenen Schatten«. was nach unten zieht. Nun beruht der kunstvoll gespannte Bogen dieses Gedichtes. ist vielmehr das Beschweren des Netzes. das das Du. »Zögernd beschwerst« meint nicht ein inneres Zögern der Unentschiedenheit oder des Zweifels. auf den es ankommt. hilft. wer es auch sei. Soll man übertragen: Wie der Akt des Fischers nur aussichtsreich ist durch Zusammenspiel von Wurf und Beschwerung. Was beschrieben wird. Hier wird ein Tun sehr genau beschrieben.oder besser: der zweiten Hälfte des Gedichts . näher. Wer das beim Beschweren des Netzes tut. wo keine Erwartung der Erfahrung hinreicht. wieder Fischer sagt. das allein Fang verheißt. als wisse da einer. womit man zukünftig rechnen kann? Das Ich. in die das menschliche Leben hineinlebt. daß nur durch sie die Leere des Erwartens und die Eitelkeit des Hoffens Bestimmtheit von Zukunft gewinnt. Wer das Netz beschwert. so bestimmt sich hier. daß das Ich nicht alleine ist und nicht allein den Fischfang durchführen kann. darauf. wie angehalten. Es bedarf des Du.mit ihrem Sinn erfüllt. Denn offenbar sind hier zwei Handlungen in ihrem Zusammenspiel gezeigt: das Auswerfen und das Beschweren des Netzes. das so anders ist als die anderen. Zwischen ihnen ist eine geheime Spannung. Wer das Netz beschwert. damit es nicht obenhin treibt. läßt sich entziffern. Betont steht das »du« am Ende der zweiten Zeile. die Aussage in ihrer Allgemein74 heit zu verstehen. die Zuversicht des fischenden Ich nicht ganz teilen läßt. den richtigen Augenblick des Gleichgewichts zu treffen. Gerade der geheime Gegen~atz zwischen Werfen und Beschweren ist es. vielleicht in dem Du des Fernsten seine 75 . wenn man in das »zögernd« diesen Sinn legen würde. Was »geschrieben« ist. daß es ein Ich' solcher besonderer Erwartung ist. Es bedeutet etwas und ist nicht einfach der dumpfe Widerstand des Schweren. keine bloße unbestimmte Offenheit für das Kommende. Die sinnliche Konkretion des Vorgangs ist aber kunstvoll ins Imaginäre und Spirituelle gehoben. Schon die erste Zeile nötigte durch die sinnlich uneinlösbare Fügung »nördlich der Zukunft«. so ist auch alle Zukünftigkeit. darf nicht zuviel tun und nicht zuwenig. nämlich.

In unseren Versen sind Ich und Du in einer geheimen Solidarität des Gelingens beschrieben. den der Dichter als den seinen aussagt. das der Dichter ist. da von dem »ungreifbaren Abgrund« des Todes her jede auf uns zukommende Zukunft schon überholt sei . dann rückt ein jeder von uns in eben den Bezug ein. Der Fang.nicht nur den großen weltliterarischen Zusammenhang. zur Abhebung kommen.in jedem Fall ist das Zusammenspiel von Ich und Du. wenn ich meiner eigenen Zuversichtlichkeit die Grenzen des Wirklichen fühlbar mache . daß das über alles Herkömmliche Hinausgehende seiner Kühnheit ihm einen Fang gewährt. Wenn des Dichters Verse uns dieses Zueinander präsent machen. auf die das Gedicht seine eigene Antwort dadurch gibt. Ist es das Einverständnis mit dem Tode. ist nicht sein spezielles artistisches Gelingen. das den Fang verheißt. her zu verstehen. Man denke an die bekannten Gedichte Stefan Georges Der Spiegel und Das Wort. darüber nachzudenken. das dem Dichter gelingt und dem er Bestand verleiht. wer Ich ist. wenn er in dieser Weise sich als ein fischendes Ich darstellt. Und dennoch: Fischzug. der dem Leser erlaubt. wo Klarheit und Unberührtheit die Gewässer der Sprache ungetrübt findet und ihn erwarten läßt. Mensch oder Gott. kommt in Wahrheit zur Aussage. die die Freiheit beengen. mag das Gedicht selbst sein.eine Radikalisierung der menschlichen Grunderfahrung. es in einem besonderen wie in einem allgemeineren Sinne zu verstehen . das »nördlich der Zukunft« als eine Todeslandschaft zu verstehen. daß er das Netz dort auswirft. Da ist nicht ein beschwerendes Wesen. Und doch ist das. wer Du ist. die es nötig machen würde. Der Dichter mag sich selbst darin meinen. Auch der besondere Zusammenhang der vorliegenden Gedichtfolge läßt das wahre Gedicht. sondern ein Inbegriff menschlicher Erfahrungsmöglichkeiten überhaupt.oder besser: im besonderen den allgemeinen Sinn zu erkennen. das ein eigenes Gelingen dichterischer Existenz meinen mag. Wer bin ich und wer bist du? Das ist eine Frage. daß es die Frage offenhält. Pöggeler schlägt vor. die nicht nur die des Dichters und seines Genius oder Gottes ist. das ihm gelingt. das kein »Meingedicht« . was da Fang heißen soll? Der flutende Austausch zwischen dem Dichter und Ich erlaubt. der glücken soll. O. das Ich zu sein. der den dichterischen Fund gern aus dunkler Tiefe . Das Wort. daß so »nördlich der Zukunft« präziser verstanden würde: dort. was hier beschrieben wird. daß das Tun des Dichters wie ein Exempel des Menschseins selber ist.und das hieße: auch keine Erwartung. was in diesen Versen eigentlich präsent ist und dem Ich seine Wirklichkeit verleiht. läßt sich auch durch den Zusammenhang stützen . das da Wortschatten auflädt.Konkretion findet. das schon einmal bei uns war. Es lohnt.eines Brunnens oder eines Sees hervorholen läßt. Daß der Dichter sich selbst meint. Es ist eine der großen Grundmetaphern der gesamten Neuzeit. daß es weit über das Besondere des Dichters hinausgeht.und her gezerrt wird. das neuen Fang verheißt? Vor dein spätes Gesicht Alleingängerisch zwischen auch mich verwandelnden Nächten. der allem Dasein sein Gewicht gibt. das Du als den Todesgedanken zu verstehen. auch in unserem Gedicht das ganze Geschehen vom Dichter und seiner Erwartung des Wortes. oder gar in dem Du. unberührt von Gedanken. das. Was ist es aber nun. gegenüber dem eitlen Worttreiben. indem deutlich wird. kam etwas zu stehn. das ich mir selbst bin. In diesem Gedicht. in dem die Sprache hin. so. 77 . Es ist wahr. Und das nicht nur hier. wo keine Zukunft mehr ist .kein täuschender Schwur der Angeblichkeit ist. So ist es durchaus berechtigt.

Die spannungsvolle Trennung »un-berührt von Gedanken« stellt das Berührtsein von Gedanken für sich. und dem Du. daß das. was man Diskretion nennt/ bis zu jener »unendlichen Diskretion«. das ein »früher« heraufruft. daß die Unberührtheit von Gedanken durch den Gedanken zerstört wird. und das ein für allemal. Das bestätigt sich von der anderen Seite durch »mein« Eingeständnis. Wachsende Bewußtheit.und die scheint mir für die von mir vorgeschlagene Deutung zu sprechen. und weiter klingt es so. bliebe allzusehr in der Unbestimmtheit. Wenn dagegen der Sinn ist. das da zu stehen kommt.' Denn bei aller Eindeutigkeit seiner Aussage läßt es einen besonders weiten Raum für die Ausfüllung. ist nicht länger so. Aber das ist nun die eigentliche Erfahrung. dies zu verstehen: als eine positive und durch die Zeilentrennung verstärkte Aussage über die Unberührtheit dessen. sondern ein bewußt gewähltes und festgehaltenes Alleinsein.also auch dich . die Geschichte einer innigen Beziehung heraufgerufen wird. und das meint nicht einfach allein-gehend. Gesammelte Werke. sondern es findet hier gegenseitige Anerkennung statt: »auch mich« . spricht aus der epigrammatischen Schlußzeile »berührt von Gedanken«. Denn es heißt »alleingängerisch«. das nicht umsonst Zeilentrennung in sich austrägt. Es ist von einem »späten« Gesicht die Rede. Was von Gedanken unberührt war. daß auch 2 Zu diesem Begriff und seiner Rolle für das Verständnis moderner Lyrik vgl. Ist es ein Liebesgedicht? Oder spricht es von Mensch und Gott? Sind es Liebesnächte oder die Nächte des Einsamen.daß es nämlich nichts ausdrücklich Gewußtes und Gedachtes ist. die aus diesen Versen spricht: Inzwischen ist es anders geworden.wie eine Entfremdung es wäre -. Es handelt sich um eine Frage letzter Sinnkohärenz . Sie läßt beides anklingen. daß eine neue Bewußtheit eingetreten ist. was »schon einmal bei uns war«. Darauf deutet das Beiwort »spät«. als das. es ist von einem »schon einmal« die Rede und ausdrücklich von »verwandelnden« Nächten.Dies Gedicht erschien mir lange besonders schwierig. Oder aber es ist eine Aussage darüber. Alleinsein einschließende Bewußtheit.»verwandelnd« heißen die Nächte. Das einzige. das Alleinsein und den Willen dazu. Aber in welchem Sinne? Es gibt zwei Möglichkeiten. das dem Gesicht zugesprochen wird. gerade durch die Kürze und Knappheit seines Baues ein besonders starkes Gewicht auf der letzten Verszeile. Wieder ist es die Worttrennung. nämlich bei aller Unbestimmtheit eine neue. wie bei sehr kurzzeiligen Gedichten oft. s. Es hieße also gerade nicht: nach wie vor unberührt. war an sich immer da. worauf es ankommt. Hier scheint die Frage besonders dringlich. als ob dies Gesicht inzwischen in sich zurückging und sich stärker in sich verschlossen hat. das hier spricht. »Berührt von Gedanken« . welche die Spannung dieses Alleinseins verleiblicht. 79 . daß zwischen dem Ich. Der Abstand. die »mich« verwandelt haben? Es liegt. >Verstummen die Dichter?<. dann versteht man immerhin. mit der Rilke sein Verhältnis zu Gott beschreibt. Denn jenes »etwas«. in: Gadamer. Versbau und Sinnfügung. Alleinsein: das ist nicht die enttäuschte Feststellung eines verlorenen Zugangs . Abstand. der jetzt bewußt wird. deren Beginn länger zurückliegt. Nun ist die Aussage des Gedichtes durchweg von der Spannung zwischen »nach« und »vor« beherrscht. wer Ich ist und wer Du. was da »vor dein Gesicht« trat . Aber auch hier ist nicht so zu fragen. So muß auch in dem »unberührt«. Eben die Endgültigkeit dessen. 9. 362ff. wenn über es überhaupt nichts ausgesagt würde. ist. daß »etwas« eingetreten ist. das es anspricht. Von hier muß im Grunde das Ganze wie von seiner Verdichtung her begriffen werden. Die Frage geht bis in die letzten Eigenheiten von Rhythmik. also verwandelt ist. nämlich »berührt von Gedanken«.das ist fast wie ein epigrammatisches Siegel. Bd. was nun eingetreten ist. die Spannung zwischen Einst und Jetzt liegen. Tübingen I993. nun anders.

wer Ich und wer Du ist. Es heißt »bei uns« . daß sich alles in ihm spiegeln kann. daß das Ich durch alle Anfechtungen hindurchkam. hebt die Vertrautheit der gegenseitigen Bindung durchaus nicht auf. daß man sich inzwischen Gedanken macht und daß gerade dadurch »etwas zu stehn« gekommen ist. Es ist überhaupt keine besondere Begebenheit gemeint. Man wird sagen: der Dichter. der Abstand zum verborgenen Gott oder die Ferne des Allernächsten. ein Allgemeines da. So ist in ihm Wissen und Eingedenken. daß ich keinen so unmittelbaren Zugang mehr zu dir habe. du zählst sie. Man achte darauf. was an sich schon bekannt ist. das wir alle sind. Es geht um die Erfahrung der Zeit. Es ist »nichts«. was das ist. gerade da verwandelte sich etwas und kam etwas zu stehen. die alles veränderte. woran es selbst vorübergekommen ist: Zeiten der Schwermut. sich Verwandelnde. Die Gefährlichkeit dessen. Es ist nicht etwas Fremdes. Man soll nicht fragen.aber auch. Was da »vor dein spätes Gesicht« tritt. worauf das Gedicht anspielt. Es war ja schon einmal »bei uns«. der zwischen ihnen bleibt.ich verwandelt bin. und an alles. an dem spiegelnden See vorbei. Ich und Du sind beide Verwandelte. Das besagt. Es ist die Zeit. Was inzwischen anders geworden ist. In jenen Nächten. der nicht etwa etwas N eues enthüllt. Stromschnellen. die alles andere auszulöschen und alles Trennende aufzulösen vermag. und doch ist in dem. Was da zum Bewußtsein kommt. der im Kontrast zu den Stromschnellen eine so unbewegte Wasserfläche ist. ist in dem einzigen Wort »Schwermutsschnellen« beschworen . die ihnen geschieht. aber doch auch. ist vielleicht nichts anderes als Alleinsein in wechselseitiger Vertrautheit. das heiß t an alles.die Aussage ist. weil es »schon einmal bei uns war«. sind die sichtbaren 8r . Gewiß. daß diese besonderen vierzig Jahre nicht die des Dichters allein sind. Gewiß liegt darin auch. die er alt ist. nun für sich stehen läßt. daß ich nicht von dir getrennt bin. sondern eher der Niederschlag der Zeit selbst. So scheint es kaum nötig zu wissen. geschieht beiden. Jemand denkt an die vierzig Jahre. das wir alle sind. die nicht so sehr durch ihr Dasein als durch die Plötzlichkeit und Unvorhersehbarkeit ihres Auftretens Gefahr sind. Was das Gedicht darüber hergibt. Offenbar weiß der Sprechende es selber nicht zu benennen. was der Dichter hier von sich selbst sagt. Eher scheint es. Die Schwermutsschnellen hindurch am blanken Wundenspiegel vorbei: da werden die vierzig entrindeten Lebensbäume geflößt. denkt an seine vierzig Jahre. berührst sie alle. liegt einzig in der Wendung »un-berührt von Gedanken«. der immer war. das heißt in der Nähe und Innigkeit des Beisammen. sondern das. Denn das. ist aber ausdrücklich nicht als etwas Fremdes anzusehen. was so plötzlich über einen kommt. Es war ja schon vorher »bei uns«. Was sich in ihm spiegelt. daß es nicht heißt: etwas trat dazwischen. In dem ganzen Gedicht wird überhaupt nicht »ich« gesagt. wovon die Rede ist. Ist das überhaupt etwas Trennendes? Es trat »vor dein Gesicht«. Dieses Ich.und nicht: zwischen uns. daß bei aller Vertrautheit zwischen beiden ihnen mehr und mehr der Abstand bewußt wird. als würde in einem neuen Wis80 r I I \ I \ sen der Abstand bejaht. was an ihm. Einzige GegenSchwimmerin. so sehr ist im Sprechen des lyrischen Wortes das Ich da. Ob nun dieses Du das Gesicht des Nächsten trägt oder das ganz andere des Göttlichen . ein so sehr allen Gemeinsames. das früher nicht da war. Jetzt geht es durch ruhigeres Wasser. An einem Punkte wird es handgreiflich.

überhaupt nicht zu existieren scheinen. das. Der drübergestülpte Schädel. wie Augustin gezeigt hat. vorbei an den jähen Verdüsterungen wie an der Klarsicht offener Leiden. Die letzte Verszeile »alle« macht das Allumfassende dieser Gegenbewegung deutlich. auch all die >ungezählten< Leiden. die unvergeßlichen. Vielleicht auch: Das eigentliche Lebendige ist nicht mehr dabei. was ich war. an dessen schlafloser Schläfe ein irrlichternder Hammer all das im Welt takt besingt. weil es vergißt . Der Vierzigjährige wird an solchem Gleichmaß der Zeit und am Gleichmut dieses Bewußtseins. Daß nichts. alles gehört dazu. In jedem Falle: sie werden geflößt. Plato lehrt uns: Die Zeit ist die Zahl. macht das Wesen der Zeit aus. Es ist etwas Rätselhaftes mit der Selbigkeit des Ich. die da dahintreiben. Sie tut etwas. deren ~as d~~ hinrauschende Leben sIch schmerzhaft bewußt wIrd. Die Gegenschwimmerin hier ist freilich mehr als nur ein Maß. im Bund mit der Bilder Verhängnis und GegenVerhängnis. Das kann heißen: Es liegt der Kern bloß (für den sich Erinnernden?). derart alles zu umfassen. In ihm erst faßt sich. machen es eindeutig. daß die Gegenschwimmerin die vergehende Zeit selber ist. Kein menschliches Erinnern oder Gedächtnis oder gar die mitgehende Sorge eines anderen vermöchte so beständig und unverrückt und untrennbar vom ersten Jahre an dabeizusein.Spuren sichtbarer Verl~tzungen. Aber gewiß ist es nicht das wirkliche Bewußtsein des Vierzigjährigen oder irgendeines. Das »Gegen«. besiegelnd. ist nur ein verholztes Gehäuse. die Lebensgeschichte zu einem Ganzen zusammen. Diese Gegenschwimmerin wird als Du angeredet. daß alles Unwesentliche abgestreift ist. Nun lehrt uns Aristoteles: Irgendwie ist mit der Zeit die Seele da. talabwärts. was sie an Leben einschließen. weil alle seine Tage »für es« gezählt werden und gezählt sind. das die Zeit selber denkt. scheint mir. SIe vor allem sind es. der zurückblickt. die hier am Werke sind. Was da ist. Es lebt. Dadurch allein ist sie wie ein festes Maß. mit dem sich alles zusammenfassen und messen läßt und von dem aus sie sich zählend all des Vorüberfließenden vergewissert. Das Gleichmaß und die unbeirrbare Genauigkeit. bewundernd. dergestalt. die hinter sich zu lassen und zu vergessen leben heißt. heißen ihrerseits »entrindet«. daß das Leben weitergeht. Nichts wird dabei weggelassen. als die »einzige Gegenschwimmerin«. das Ich. Die Zahlen. . das bewegte Außereinander. für den. Wunden. die in der Lebensbilanz auftreten. all diese Unterschiede von jähen Verdüsterungen und spiegelnder Klarheit der Wunden und all das. Die Lebensbäume der Jahre. das sich nicht mitreißen läßt und nicht davon abläßt.aber es lebt auch nur als Ich. Und doch ist die eigentliche Bewegung des Gedichtes. ist also nicht so sehr die Zeit selber wie das stehende und widerstehende Selbst. dabeizusein und alles zU:2ählen. In ihm erst ist Zeit da. Gerade dieser Unterschied der alles zählenden Zeit und des Lebensbewußtseins des Ich wird diesem vielmehr zur Erfahrung. Das Gezählte ist also die ganze Summe der durchlebten Zeit. Die Entrindung läßt den Säftestrom des Lebens nicht mehr steigen und sinken. ausgelassen ist. an dem sich die Bewegung mißt. indem sie selber der Stromversetzung des Vergehens widersteht. seiner wie eines höheren Selbst bewußt. wie mit berührender Hand. Die Gegenschwimmerin zählt alle und berührt alle diese Bäume des Lebens. Diesem Strom des Vergehens schwimmt jemand entgegen. Die Kraft der Wasser trägt sie dahin. worin die Zeit ist.

nimmt das Zählen der Zeit auf. S. das unabänderliche Vergehen. sind nicht für sich. das heißt dieses Ablaufen der Augenblicke. zeigt in der zweiten Strophe die Wendung »schlaflose Schläfe«. nicht ein Gewünschtes. Die Zahlen. Es ist der Schädel. an dessen Wand der Äußerlichkeit sich diese innere Unendlichkeit im Hammerschlag des Zeitpulses manifestiert. unabänderliches Geschehen. Wie nahe hier . Es sind Bilder. die in einem bitteren Oxymoron »singen« genannt ist? Doch die semantische Gegebenheit scheint mir eindeutig: Im großen Takt der Zeit.) In der Tat ist es das Rätsel des Bewußtseins 3 Zur Tragweite dieses Heraklitischen Grundsatzes nicht nur für das Celan-Verständnis.er umfaßt alles. das unaufhörlich wie ein Hammer pocht. Nun heißt es aber »im Welttakt besingt«: Daß der Taktschlag des Zeithammers Welttakt ist. Die Zeit ist der innere Sinn. wogegen die Bilder das Verhängende und Verhängte sind. denn sie steht »im Bund mit der Bilder Verhängnis und Gegenverhängnis«.Im Schatten des Nihilismus<. verhängt und zugleich verhängend zu sein. in dem immer etwas sich abbildet. das sich selbst setzt und entgegensetzt. daß sie zugleich gegen die Zahlen stehen. gegen das Einerlei der Folge.a. nämlich. daß der pochende Hammer diese ganze innere Folge» besingt«? Aus solchem Takt des unaufhaltsamen Vorbei wird doch wahrlich keine Musik. das Aufzucken des Bewußtseins. »Die Zahlen<. sie haben die Funktion eines »Gegenverhängnisses«. Es kann nicht fehlen. h. Was bedeutet das? Wieso ist der »irrlichternde Hammer«.nicht ein Gerufenes.h. Sie sind »im Bund«. stärker ist als eine offene. daß es etwas verhängt. Doch diese Bilder sind auch selber Verhängnis. Das will sagen. sondern preisen und in der Preisung gegenwärtig machen. sondern ist zugleich wie ein Schleier. schließen immer zugleich ein. so daß das Verhängte nicht mehr in seiner eigentlichen Gestalt offen liegt und unverhüllt sichtbar ist. notwendiges. in: Gadamer. die wieder Pulsschlag ist. ist das Aufleuchten des Bewußtseins wie ein Gegenverhängnis. Die kühne Metapher »besingt« bildet einen Endvers und hat dadurch einen starken Nachdruck. die Emphase des Paradoxon. das dem Strom von Zeit und Bild nur folgt und mit ihm geht. die so mit den Zahlen und der Zeit unlösbar mitgehen. daß da etwas ist . Wie alle Wortspiele verkörpert auch dieses einen Gedankenbruch . ist klar . d. ihn ganz zum meinigen macht .nicht nur ein unaufhörliches Pochen der Vergänglichkeit.. sind die Zahlen.als im Bunde mit den Bildern . . Was heißt es aber. sind nicht nur wie die Zeit» Verhängnis«. in dem sich die Sukzession der Vorstellungen findet.O. Diese Bilder nun. daß als Gegebenheiten der inneren Erfahrung Bilder da sind. Die Zeit erscheint hier als Verhängnis. was hinter dem Schädel wach ist.als jenes »Ich denke«. sondern der modernen Kunst im allgemeinen siehe . nicht nur Verhängtes.wie überhaupt bei Celan ein Wortspiel lauert. 379ff. der bunte Teppich der Bilder.oder besser: eine verborgene Harmonie. daß diese Unendlichkeit der Folge und der Bilder wie unter einem Helm eingeschlossen ist. das alle meine Vorstellungen muß begleiten können? Oder ist es gerade die Monotonie dieses Hammerschlages der Vergänglichkeit. die.Auch hier geht es um das Erleben der Zeit. Es ist . Das. d. die Zeit. gewinnt auch das Verhängnis selber etwas von dem Doppelsinn. Das hatte schon Kant und im Ansatz schon Aristoteles gelehrt. das unvermeidliche Verhängnis des Bewußtseins. was zu ihm ja sagt. a. deren Wechselgehalt das Einerlei des Vergehens in unaufhörlicher Folge irrlichternd belebt. »Der Bilder Verhängnis« meint offenbar das. Man versteht das Be- fremdliche. Indem das Gegenverhängnis der Bilder beides zugleich ist. Nun meint »besingt« auf alle Fälle: nicht entgegenstehen. sondern auch Verhängendes. der über der Gegenwart liegt und den zu vergessen jener andere Schleier sich herabsenkt. zugleich das. wie Heraklit wußte. Als Verhängnis der Bilder erlangt indes das Wort »Verhängnis« einen neuen Gegensinn.

die nicht mehr segnet. Wenn die Hand sich etwas krümmt und die Falten Schatten werfen. daß er selbst noch aus dieser nichts mehr spendenden Handfurche so etwas wie Segen erfleht. im Einerlei des unerbittlichen Weitergehens der Zeit. Indem der Hammer nicht nur den Welttaktschlägt. Die Situation des Handlesers. Wege im Schatten-Gebräch deiner Hand. Segen wird nicht mehr offen und strömend erteilt. Die wechselnden Bilder treten in ein bleibendes Sein. welche die vier Finger im Unterschied zu dem Daumen in einer Einheit zusammenfaßt. Er liest aus ihnen die Sprache des Schicksals oder des Wesens heraus. daß Segen nur noch in Versteinerung gegenwärtig ist. verzweifelnden Inbrunst eines Bedürftigen gesucht. in deren Schatten nichts geschrieben ist. wird das Einerlei aufgehoben. lehrt der Zusammenhang.im Gewirr der Handlinien sucht er wie ein Verdurstender nur die größte. etwas anderes als die Hand des verborgenen Gottes zu sehen. Nun sagt das Gedicht: Dieser Segen der segnenden Hand wird mit der wühlenden. tiefste.oder wie Gesang? .selbst. sondern im Takt all das. N ach hermeneutischem Grundsatz beginne ich mit der betonten Schlußzeile. Man gestehe es sich ein: Handlesen. Denn darin liegt offenbar der Kern dieses Kurzgedichtes. So sicher sind wir unserer Selbigkeit im Selbstbewußtsein. Was mit dem »SchattenGebräch« gemeint ist. ob diese nun das erstarrte Zeremoniell . Die Nähe und die Spende des Segnenden muß vielmehr so sehr entbehrt werden. Aber seine Not ist so groß. der Dichter oder wir. die der Handleser deutet. das heißt in dem Geflecht von Brechungen und Faltungen. wie dies Ineins von Schlaf und Schlaflosigkeit. Es spricht von »versteinertem Segen«. Das ist die eigentliche Aussage. die hier deutlich heraufbeschworen ist. Wessen Hand ist es? Es scheint schwer. Wie ist das alles seltsam! Das Ich. Aus der Vier-Finger-Furche wühl ich mir den versteinerten Segen. was in der ganzen Greifbarkeit der Bilder auftaucht. sein Dämmern und Vergessen. Die Inbrunst und die verzweifelte Not des Suchenden ist so groß. sein kann. Die Unenthüllbarkeit der Zukunft erfüllt jede Aussage über solche Zeichen mit einem lockenden Geheimnis. dessen Segensfülle unkenntlich wurde und uns nur noch wie in Versteinerungen überkommen ist. Das geschieht aber nicht in einem kundig vertrauten Entziffern geheimnisvoller Linienspiele. die Brüche als Linien sichtbar. Gesang . was da zustande und zum Stehen kommt.In jedem Falle meint das etwas. behält eine merkwürdige Berührungskraft. der sich da seiner selbst bewußt wird. Wenn man sich seiner selbst bewußt ist. wo es im Ernst und nicht zum reinen Scherz geschieht. sucht den fernen und ungreifbar gewordenen Segen aus der Segenshand herauszu»wühlen«. ist man wach. Aber der. das dem Vergehen ins Tonlose widersteht und in dem Zustimmung geschieht. Damit geschieht ein kühner Umschlag von der segnenden Hand zu der Hand. Aber hier ist es alles ganz anders. in der für das Handlesen eine segensreiche hof86 fende Botschaft verborgen ist. fraglos umfaßt. in Wahrheit geheimnislose Furche allein. in der Segenshand. ist stets wie ein aus dem Schlaf Erweckter. daß er nicht etwa im kundigen Deuten über der Rätselschrift der Hand und der Zukunft halb scherzhaft und halb ernsthaft verweilt . Nun ist der Hammer. Die» Vi er-Finger-Furche« nun ist die durchgehende Querfalte. besingt. der an die Schläfe pocht. wer auch immer es sei. diese Schlaflosigkeit im Schlaf. bildet in Wahrheit und alles in allem eine Kontrastsituation. dann werden in dem »Gebräch« der Hand. daß seine Wachheit auch seinen Schlaf.

Aber wieder wird es so sein. Das Horn windet sich in zwölf Windungen bis in die Spitze hinauf. jedenfalls eine lange Zeit. die im zweiten Gleichnis als eine langsam und mühevoll stakende Fähre erscheint. Seine alleinige Aussage ist die inständige Not dessen. Aber die tatsächliche Arbeit an dem Gedicht. Der Traum ist »stößig« geworden wie ein Ziegenbock. Es entspricht dem. daß das Gedicht nicht etwa den wirklichen Traum im Schlaf meint.wessen Hand es auch sei . Offenbar will das Gedicht sagen. Nun muß man beachten.der Religionen oder die erstarrte Glaubenskraft der Menschen sein mögen. den er führt. auf dem sich. So zerfällt das Gedicht in zwei Hälften. seine Stöße~ Es ist also wie ein langes »Heranwachen«. sondern lange Arbeit der Vorbereitung verlangt.as Erwachen. Die in der senkrechten. wie das Ganze zu verstehen ist. zwölf Monate. mit der der Bock den letzten Stoß führt. »übergesetzt« wird. daß ein Gedicht nicht ein plötzlicher Einfall ist. die erste und die dritte. ein volles Jahr. der schließlich den Traum so stößig werden läßt. der sich regt. Es ist also ein allzu langer Vorgang des Wachens. Ist das noch Segen? Ein Letztes an Segen? Aus deiner Hand? Dein vom Wachen stößiger Traum. wie wir das sonst aus dem Traumerleben Schlafender kennen. Die eigentliche Aussage ist vielmehr. Was er findet. Mit der zwölfmal schraubenförmig in sein Horn gekerbten Wortspur. und das wird vollends deutlich und eindeutig durch das Reizwort im letzten Verse: »Wundgelesenes«. Die Zwölfzahl deutet auf ein rundes Ganzes von Zeit. daß es sich um die lange anstehende. und daß diese gekerbte Spur »Wortspur« heißt. in der sich der Traum regt. auf das gleiche. Aber sie betreffen ein Gemeinsames: Schlaf und Traum sowie d. und immer wieder führt der Traum. Das steht jedenfalls fest. wie man das von manchen Widderarten kennt. 88 Das ist ein Ausgangspunkt für die Frage. Es sind durchaus verschiedene Bildsphären. wenn auch ganz verschieden gesehen. . Dadurch gelangt etwas von dem Dunkel an den Tag. die hier zusammengebunden sind. die in dem Gedicht beschrieben wird. der in »deiner Hand« . und auf der anderen Seite die mühsam nach oben stakende Fähre. Der letzte Stoß.nach Segen sucht. ist »versteinerter« Segen. So wird deutlich. Indessen zielt beides. Zwei Strophen. daß am Ende etwas nach oben übersetzt. ist gleichwohl nicht die eigentliche Aussage desselben. um einen Ausdruck des Gedichts »Von Ungeträumtem« zu verwenden. Mit anderen Worten: Schon lange hält das Wachen den Traum nieder. Man muß es vom einzelnen her versuchen. sich lange vorbereitende Geburt des Wortes handelt. die in ihnen heraufgerufen werden. daß dieser stößige Bock ein Horn hat. die jeweils eine Art Folgerung zieht. daß das Gedicht darüber nicht entscheidet. schmalen Tagschlucht nach oben stakende Fähre: sie setzt Wundgelesenes über. werden je von einer Kurzstrophe gefolgt. daß es nicht etwa ein beim nahenden Erwachen stößig werdender Traum ist. der wie ein Bock stößt. Auf der einen Seite das Drängen des Traumes. Er wird im Gegenteil vom Wachen stößig. Daraus geht hervor. Das Gedicht ist streng gebaut. daß es die Welt der Worte und des Lesens ist. gekerbte Windungen zur Spitze hinziehen. wer hier Du ist. Offenbar sind es auch rhythmisch zwei sehr verschiedene Vorgänge.

Es geht dabei nicht darum. Das ist bei einem Dichter. Welch eine Vertauschung von Traum und Wachen! Und dann diese tiefe »Tagschlucht«: Wie in eine senkrechte schmale Schlucht das Tageslicht einfällt. das Gedicht. Für den Celan-Leser bleibt eine der dringendsten Aufgaben noch weitgehend unerfüllt. so arbeitet sich wie an einer Leiter des Lichts das im Dunkeln Gesammelte. alle Konnotationen namhaft zu machen. das heißt des schmerzhaft Erfahrenen überhaupt. Wessen er bedarf. Das Recht des Lesers Wenn man die literaturwissenschaftliche und literaturkritische Resonanz auf das Werk von Paul Celan. Muß man noch einzelnes erläutern? Die Bildsphären sind von höchster Kraft anschaulicher Selbstauslegung: die Stöße des Bocks. etwa wenn man das beklemmende Scheitern des Dichters im kryptisch werdenden Wort oder sein jähes Verstummen feststellt. sondern der Gegenstand der hermeneutischen Anstrengung. die Voraussetzung. so weit sichtbar zu machen. was ins Wort »übergesetzt« worden. das auch »gelesen« heißen kann: zusammengelesen. wo man zum Verständnis vorzudringen vermag. der die Verfremdung natiirlichen Sprechens so hochgezüchtet hat wie Celan. des zu vielen. »Wundgelesenes«. die diese Verse verlangen. wie man versteht. das so nach oben kommt. die einem solchen Text als einer sprachlichen Einheit zukommt. in dem gewiß viele Irrtümer 91 . die schließlich . Für das Verständnis des noch nicht verstummten Wortes dagegen scheint mir bisher zu wenig getan. In guten alten Zeiten nannte man das ganz schlicht >Realinterpretation<. die das »Verständnis« dichterischer Gebilde anklingen läßt. sondern ebenso vielleicht den Schmerz und die »Wunde des Gelesenen«. »Wundgelesene« ans Licht hinauf . der aus dem Dunkel des Unbewußten mit Hilfe des Traumes durch eine Art Arbeit des Traumes gewonnene Text. des sinnlosen Lesens.mit dem letzten Stoß . den die Verse aussprechen. ins Wort übersetzt ist.das meint ein von allzulanger Wanderschaft des Lesens Wundgewordenes. daß man nicht mehr versteht. wie sie mittlerweile vorliegt. Einem Versuch. manchmal mit wirklicher Penetrationskraft. daß es sich nicht darum handeln kann. mustert. ist nicht eine kritische Beurteilung. wie Celan war. gewollt oder ungewollt. man verstünde die Verse und urteile aufgrund dieses Verständnisses. sondern darum. Eher schon geht es um den Sinn des Vieldeutigen und Unbestimmten. Aber am Ende erweckt er den Traum. Man sollte deren Recht und Möglichkeit nicht leichtfertig preisgeben. weiß. am Ende langt das aus dem Dunkel ans Licht Übergesetzte an . daß die sich an ihn anschließenden unüberschaubaren Konnotationen ihrem Sinn-Halt finden.auch dies nicht auf einen Schlag. am allerwenigsten bei einem so traditionsbewußten Dichter. und dann zu sagen. oft mit viel Subtilität.daß es »Wundgelesenes« ist. macht doch alles. empfindet der Liebhaber Celanscher Verse vielfach eine gewisse Enttäuschung. stets voller Risiken und bedarf der kritischen Kontrolle. den das Gedicht aufgerührt hat und der kein Freiraum der Willkür und des Beliebens des Lesers ist. Was da von Kennern und Kundigen über dieselben gesagt wird. Auch nicht darum geht es. Wer die Schwierigkeit dieser Aufgabenstellung kennt. Das schon gar nicht. die Eindeutigkeit des »Sinnes« festzulegen. die SinnEinheit. wie durch eine Ährenlese des Leides? In jedem Fall ist das. sondern dort anzusetzen. die Eindeutigkeit des vom Dichter Gemeinten zu ermitteln. Oder ist» Wundgelesenes« von noch tieferer Zweideutig-keit und meint nicht nur den Schmerz des Lesens. Wundgelaufenes .das ist das Gedicht. sowenig wie der Bock auf einen Stoß den Traum aufweckt.die Wachwelt durchstoßen und den Traum erwecken. die feststellt.

hat zunächst keinen anderen Grund. in der ich selber . Selbst wo uns Kenntnisse oder gar vom Dichter selber stammende Informationen helfen . das Gültige auch unabhängig von solchem Einzelwissen und jenseits von ihm zu einiger Klarheit zu erheben und damit der Präzision nahezukommen. die der Dichter vielleicht selber nicht besaß. Die reiche spätere Forschung bringt gewiß viel Wissenswertes. und oft wäre man für Belehrung in der einen oder anderen Richtung im Grunde dankbar. aus dem heraus er sprach. die in sich stehen. Alles in allem scheint mir der Grundsatz gesund. aber muß sich doch dem Maßstab unterwerfen.i I stecken werden.. daß die Welt Paul Celans von der Überlieferungswelt.selbst diese wäre aber keine eindeutige. Aufl. erw. sind es auch durchaus nicht nur die einzelnen Wörter. eines Atems. und da die Worte eines Gedichts die Einheit einer Rede. Wenn es dem Dichter gelungen ist und wo es ihm gelungen ist. Eine gewisse Einübung verlangt freilich jeder Dichter. sondern als für die Angehörigen einer durch Sprachgemeinschaft gemeinsamen Welt bestimmt. Man geriete in eine gewisse Gefahrenzone: es könnte geschehen. die die Rede bildet. deren Bedeutung man verstehen muß. verläuft nicht auf einer einzigen Ebene. als daß ich diese Gedichte einigermaßen verstanden zu haben glaube. daß man bei der Interpretation von schwierigen Texten dort einsetzen muß. Das kann eine noch so dunkle. Freilich.und sie ist »falsch«. wie das Beispiel Hölderlins uns gelehrt hat. und vor allem der östlich-jüdischen Volksbräuche. weil sie mir weniger als manche seiner späteren Gedichte ins Unentzifferbare versinken. Mir fehlt auch die erstaunlich detaillierte Naturkenntnis des Dichters.' löst oder ersetzt werden kann. Die Worte verstehen ist daher das allererste. die er liest. den ein Leser hat. die die Sinnfigur dichterischer Rede besitzt . Vielmehr legt sich die genaue Bedeutung eines Wortes erst durch die Einheit einer Sinnfigur fest. zersprungene und brüchige Einheit sein. Frankfurt 1970.wie die meisten seiner Leser . wenn die Dichtung sie nicht voll einlöst. in der der Dichter ebenso zu Hause ist wie sein Hörer oder Leser. 4 Daß gerade die Folge Atemkristall.. sprachliche Gebilde zu gestalten. einer Stimme sind. der die Sinn-Einheit dieser Gedichte sucht. rissige. die das offene Geheimnis dieser kryptischen Poesie ist.die 93 . Die Hilfe kann »falsch« sein . hier behandelt wird. Ich bin mir bewußt. ein Gedicht zu verstehen. obendrein einen Höhepunkt der Celanschen Kunst darstellt und es insofern mehr als zufällig ist. Aber solche Belehrung hätte auch ihr Bedenkliches. Mir fehlt originale Kennerschaft der jüdischen Mystik. in der es vorliegt: die der Worte. der Chassidim (die auch Celan wohl nur aus Buber kannte). Ohnehin ist jeder der betreffenden Sprache Unkundige ausgeschlossen. weit abliegende Ursprünge besitzt. spannungsvolle. die ehedem gesondert veröffentlicht worden ist und den Band Atemwende einleitet. hat gelegentlich vor solchem Wissenseifer gewarnt. das Verfahren.noch die Legitimität solcher Hilfe entscheidet sich am Ende an der Dichtung selbst. daß ich diese Gedichte gerade noch zu verstehen glaube. wie mir scheinen will. sollte es dem dichterischen Ohr möglich sein. Es ist aber ein alter hermeneutischer Grundsatz. Dichtung nicht als gelehrtes Kryptogramm für Gelehrte anzusehen. Celan 4 Die vorangehenden Bemerkungen bez~. der aber als Aufgabe durch nichts abge.. halbwegs sicheres Verständnis besitzt. Vielleicht werden uns die erhaltenen Vorstufen der Celanschen Gedichte weitere Hilfe bringen . Zwar ist es zunächst nur eine einzige Ebene. daß man Kenntnisse aufböte.-. mag dahingestellt bleiben. und so ist auch hier die »Sprache« des Dichters aus dem Kontext seines Werkes nicht abgelöst. ist dieser Kommentar gewidmet. Ob die Folge >Atemkristall<. 1973).aufgewachsen bin.ehen sich auf die Beiträge in dem Sammelband von Dietlind Meinecke (Uber Paul Celan. die für Celan den selbstverständlichen Grund bildeten. wo man ein erstes.

und es scheint mir durchaus irrig. Das sollte selbstverständlich sein. wovon da die Rede ist. Antwort schließt Fragen ein und schließt Fragen ab. Wo alles Metapher ist. Man kann gar nicht genau genug erwägen und ermitteln. d. die sich in einer gewissen Unabhängigkeit voneinander zu vollziehen vermögen. zu leugnen. im Gesagten gar nicht es und im »Nicht es« gleichwohl nichts anderes »meint«. die allem Sprechen mit Notwendigkeit eignet. die sich aus dem eigentlich Gesagten herausheben bzw. h. Wo der schlichte und genaue Wortlauf das. in es 94 eingliedern. so versteht man diese Abwehr recht wohl. die verschiedenen Interpretationsmethoden scharf voneinander getrennt zu halten. das Gesagte ist nicht aus sich selbst allein. in der das Wort und das Ding zusammenfallen« (G. wenn sich auch die eigentliche Präzision des Gesagtseins. daß nicht jedes Wort erst einmal in der genauen Konkretion seiner Bedeutung in der Rede erfaßt werden muß und daß diese allererste Ebene des Verstehens nicht übersprungen werden darf. sondern im einen das andere. Darin ist Eindeutigkeit. ihrer Bedeutungs.und Benennungsfunktion und der Redeeinheit. Das gilt vollends für Paul Celan. Was ist bei Celan »sensus allegoricus«? Bekanntlich hat Celan nichts davon wissen wollen. andere nur mitschwingen. Da gibt es keine Allegorien. Das gilt insbesondere von der älteren Lehre von dem vierfachen Schriftsinn. was gerade nicht gesagt wird. für das etwa auch ein anderes Wort stehen könnte. Das scheint insbesondere für heutige Lyrik wie die Celans zu beachten. auf dieser ersten Ebene der Wörter. wie insbesondere F. daß es bei ihm Metaphern gebe. »Als die eigentliche Sprache erscheint mir die. ja durch das Gedicht geweckt wird . daß es Antwort ist. als eine vorgegebene Welt von Sinn und Form »meint«. da ist. Boeckh in seiner Methodenlehre der Interpretation. sondern gerade auch in ihrer Verschiedenheit in eins gebunden. A. die ihre Aussagen innerhalb eines einheitlichen Bezugsrahmens hält und mythologisch-ikonographisch-semantisch eine gemein95 . daß keines seiner Worte in der Weise für etwas steht. bei dem das einzelne Wort sehr konkret und präzise gesagt ist. und wenn man Metaphern als Redeteile und Redemittel versteht. Das ist nicht Barocklyrik. In Wahrheit kann man sich in ihr gar nicht halten. aber.nicht auch noch sein eigenes Gesagtsein wäre. Aber was heißt hier überhaupt »verstehen«? Es gibt sehr verschiedene Formen von »Verstehen«. das mithören läßt. daß sie nur eine Beschreibung der Dimensionen des Verstehens ist. auch wenn man. auch wenn nichts sonst vorzeigbar ist als seine Sprachwirklichkeit. ist nichts Metapher. was aber als Sinnerwartung vorausgesetzt ist. die die Rede ein Gedicht sein läßt. nicht als ein »Positives« im Hegelschen Sinne. Vorgegebenes. Alles ist es selbst. daß es in sich selbst steht. Denn immer schon sind verschiedene Ebenen ineinandergeschoben. Das ändert nichts an dem unbegreiflich Verbindlichen eines Gedichts. sind nicht nur verschiedene Ebenen des Sagens unterschieden.wie jedes Wort des Gesprächs den Charakter des Gegenwortes.vielleicht nur. nicht erfüllt.Polyvalenz der Wörter legt sich im Vollzug des Redesin-' nes fest und läßt die eine Bedeutung sich ausschwingen. auch dem der poesie pure. das nicht außer ihm selbstund das heißt: außer seiner vielschichtigen Bedeutung und dem mit dieser Bedeutung in ihren verschiedenen Ebenen Benannten . Doch ist schon in der älteren hermeneutischen Theorie die Verflechtung der verschiedenen Interpretationsarten miteinander immer betont worden. Das macht die Aufgabe des Verstehens so schwer. die sie bilden. sich bemüht. Auch das Gedicht hat . Das dichterische Wort ist in dem Sinne »es selbst«. Das aber heißt. Eich). daß nichts anderes. an dem es sich mißt und doch gibt es kein Wort. um als Erwartung gebrochen zu werden. was die Rede »zunächst« sagt. Doch impliziert die Einzigkeit des Wie seines Gesagtseins immer noch etwas anderes.

ganz entscheidend. wer dieser Mensch im Innersten seines Wesens wirklich gewesen ist. Das ist für die Celan-Interpretation . man kann nicht den Weg der Transposition von einer Ebene schlichten Gemeintseins zu einer zweiten Ebene des eigentlich Gesagtseins gehen . andere illustre Namen. ist Jacques Derridas »Adieu« an Hans-Georg Gadamer. die jeweils wie ein Bekenntnis aus einer genauen Lebenssituation aufsteigt. Celans Wortentscheidunge~ waren in sich ein Geflecht sprachlicher Konnotationen. denn zuerst einmal muß man sich sicher 97 . Auch dieser ist in seinem Ursprung zwar eine Abschiedsrede. das biographIsch lokalisierte Motiv.über die Trauer über einen Freu"?-d hinaus ein Nachdenken beginnen über die philosophIschen Schwierigkeiten des Abschiednehmens selbst.. auch in Deutschland berühmt geworden 1St das Adzeu an Emmanuel Levinas. Wenn er es überhaupt wagen wollte. sondern au~ Mitteilungen des Dichters und seiner Freunde gewonnen we:-den und den »biographischen« Anlaß. nicht zuletzt aus Celans eigenem Munde in der Büchner-Preis-Rede. am Ende eines Lebens von der Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit jene: Existenz angemessen Zeugnis abzulegen. Nicht wellIger sollte man demnach von einer echten Trauerrede ~rwarten dürfen. das inzwischen durch eine Arbeit von Rolf Bücher in seinen Textstufen überschaut werden kann. Denn von da aus bestimmt sich der so überaus umstrittene Stellenwert der Informationen die nicht aus dem Gedicht selbst stammen. kommen hinzu: Michel Foucault. Eine dieser Schwierigkeiten. Sinnfragmente sind wie ineinandergekeilt.Derridas Heidelberger Rede fügt sich in eine lange ReIhe von Abschiedsreden. Fran~ois Lyotard. Was im Verstehen geschieht.und nicht nur für sie . zuletzt Maurice Blanchot. Man weiß. als daß sie sagt. Die Festrede zur Gedenkfeier an den Heidelberger Philosophen wurde am 15. d. wenn nicht sogar die wichtigste.eit. Trauerarb. Martin Gessmann Nachwort Der ununterbrochene Dialog: zwischen zwei Unendlichkeiten. aber Derrida will damit zugleich offenbar mehr . und sie steht an deren vorläufigem Ende. Diese ist freilich nicht in ~llen ihren Einzelbestimmtheiten aus dem Gedichttext allein faßbar. Februar 2003 in der Aula der Neuen Universität in Heidelberg gehalten. die man dadurch gerade 1m posItIVen Smne »aufhebt« und erhält. h. die konkrete und bestimmte Situation eines Gedichts betreffen. dessen verborgene Syntax von nirgends anderswoher erlernbar ist als aus den Gedichten selbst.das eigentlich Gesagte ist vielmehr auf eine schwer beschreibbare Weise noch immer dasselbe. Man nehme ein Gedicht wie Blume. besteht für Derrida in dem Anspruch. das die Rede meinte. die er im Laufe der vergangenen 20 Jahre verfaßt hat. ist nicht so sehr eine Transposition als die beständige Aktualisierung der Transponierbarkeit. müßte es der Essay über den ununterbrochenen Dialog sein. all jenen Abschiedsreden eine »Einführung« voranzustellen dann schreibt Derrida im Vorwort einer jüngst erschienene~ Sammlung dieser Beiträge. Die Tode von Roland Barthes waren Derridas erste. Hier beginnt aber das Problem. . daß es für Celan gerade auch gegenüber dem Kunstbegriff Mallarmes und seiner Nachfolger charakteristisch ist daß ~eine Dichtung und Art Wortschöpfung und Wortfindung 1St. Das schreibt der Interpretation ihren Weg vor: Man wird nicht vom Text auf eine in ihrer Kohärenz vertraute Sinnwelt verwiesen. Gilles Deleuze.same Vörgegebenheit besitzt. die Aufhebung aller ~>Positi:~tät« j~ner ersten Ebene. das Gedicht.

es wird vielmehr anarchisch unterwandert. den man zu einer eigenständigen Verstehensform ausbauen müsse. in dem es am Pariser Goethe-Institut um Fragen von »Text und Interpretation« gehen sollte. Schon in der Rede vom ununterbrochenen Dialog selbst wird dies deutlich: denn nur wo der Dissens über das Verstehen als solcher verständig kultiviert wird. wie die Selbstsicherheit der verdinglichenden Wissenschaftssprache noch im Zuge ihrer Entstehung in Frage gestellt werden könnte. Im Anschluß an Schleiermacher und Dilthey nennt er diese »methodische« Form des Verstehens »Hermeneutik«. Die entsprechende Methodenanweisung nennt Derrida »Dekonstruktion« in Anlehnung und Fortschreibung der Heideggerschen »Destruktion von Metaphysik«. daß Gadamers Hauptwerk Wahrheit und Methode erst 1976 (und auch nur in einer stark gekürzten Fassung) ins Französische übersetzt wurde. Heidegger hatte in den 20er und 30er Jahren ganz grundsätzlich die Philosophie gegen die moderne Wissenschaft und Technik in Stellung gebracht. Geht es doch der »Dekonstruktion« 99 . insofern diese es schon mit ihrem speziellen Vokabular dem Menschen schwerrnachen. datiert auf das Jahr 1981. Wollte Heidegger noch mit seiner Philosophie auf ein sicheres Sinn-Fundament in der Sprache stoßen. Der »Verdinglichung« und »Vernutzung« alles Humanen ausgehend von der Wissenschaftssprache sollte <. Im selben Jahr sollte es zu einem Zusammentreffen in Italien kommen. den Besonderheiten von Autor und Text in der Auslegung gerecht zu werden. Um eine Antwort auf die Frage. aus dem Treffen wurde allerdings nichts. die sich dem Druck des modernen Szientismus nicht beugen wollten. Im Hintergrund der Debatte steht die Gemeinsamkeit eines von beiden geteilten Heideggererbes. vor allem mit Blick auf die Möglichkeiten. wobei man im Auge behalten muß. daß man den anderen tatsächlich kennt und' weiß. den anderen im emphatischen Sinne verstehen zu können. wer er in Wahrheit ist. Man muß es erst so weit bringen. Thema waren schon hier die Grenzen unseres Verstehens. Was Derrida in seiner Rede als die erste »Unterbrechung« in seinem Verhältnis zu Gadamer anspricht. Dem Systemdenken wird hier nicht wie bei Gadamer eine Alternative geboten. Jetzt erscheint der ununterbrochene Dialog als eine letztmögliche Antwort darauf. darüber haben Hans-G~org Gadamer und J acques Derrida Jahrzehnte miteinander gerungen.lie Philosophie entgegentreten mit der Forderung nach einer Besinnung auf tieferliegende und noch sinntragende Schichten unserer sprachlichen Ressourcen. die nicht ohne ein gewisses Paradox besteht. Daraus ließe sich dann eine methodische Grundlage für all jene Geisteswissenschaften gewinnen. mit all seinen Besonderheiten und höchst individuellen Eigenarten. Dessen »Ousia et gramme« hat Gadamer bereits in den frühen 60er Jahren gelesen. Derrida bietet komplementär dazu ein Verfahren an. eine finale Annäherung. hat das gegenseitige Einvernehmen als ausgezeichnete Form philosophischer Freundschaft eine Chance. nutzt Derrida jene Wiederentdeckung sprachlicher Tiefendimensionen vor allem zu Zwecken der Verunsicherung. wie weit das Verständnis des Gegenüber bestenfalls zu dessen Wesen vordringen kann. inwiefern dies überhaupt möglich ist. Der ununterbrochene Dialog Dieser begann für Gadamer schon weit früher als für Derrida. das spezifisch Menschliche im Umgang mit sich und der Welt richtig zu beschreiben. Derridas Gadamerlektüre setzt dagegen erst sehr viel später ein.sein können. die Einladung ging von Gadamer aus. Dieser Spur ins Grundsätzliche folgend hat Gadamer auf die Notwendigkeit eines besonderen Umgangs mit der Sprache geschlossen.

trotz aller Einigung. Er hakt dabei an dem Punkt ein. und sein Gespr~chsideal sieht zum Schluß sogar ein gemeinsam vertieftes Verständnis der diskutierten Angelegenheit vor. den Autor als den »Anderen« immer noch als eine feste Größe ins Auslegungsgeschehen einzubeziehen. wobei für ihn natürlich der sokratische Dialog das philosophische Muster dazu abgibt. seine Hermeneutik sei schließlich noch eine Art Sinnfeststellungsverfahren. Eine derart glückliche Konvergenz wesentlicher Hinsichten heißt im hermeneutischen Vokabular eine »Horizontverschmelzung«. dafür aber innerhalb der Hermeneutik erneut ein Dissens um die nötige Systemhygiene droht. Der jeweilige Horizont der Betrachtung. Derrida wirft Gadamer konkret vor. Denn bleibt nicht auch noch im »besten« hermeneutischen Gespräch. sollte er ehrlich zu sich sein.letztlich darum. hat sich dann im lebendigen Austausch divergierender Ansichten wechselseitig geöffnet. sagt Gadamer. auch noch diesen in seiner Identität mitsamt dem Gehalt seiner Aussage radikal in Frage zu stellen. aller Beteuerung des Einverständnisses in der Sache und sogar größtmöglicher Annäherung im Grundsätzlichen. und ob er 101 . sie sei ein Oktroi eines quasi-metaphysischen »Willens zur Verständigung«.oder Vieldeutigkeit der Zeichen vor Augen zu führen. deutlich mißverstanden fühlt. daß er die Textarbeit des Interpreten immer schon nach dem Vorbild eines Zwiegesprächs verstanden hat. die Bodenlosigkeit all unseres Verstehens in der prinzipiellen Zwei. In Derridas Augen entsteht der Verdacht. Gadamer hilft dabei. Eine solche Harmonie der Hinsichten sei letzten Endes immer von der Philosophie erzwungen. bestehe von Anfang nicht die geringste Gefahr. daß es zu vorschnellen Festlegungen über Sinn und Bedeutung von Textaussagen kommen könne. ist es bereits dem Gesprächsverlauf überlassen. inwiefern beide Verstehens-Konzepte noch einmal einander angenähert werden könnten. Kein Gesprächspartner findet sich mehr. Denn so. der sich angesichts des Vorwurfs. daß er es gemeint haben müßte. ob also der andere es tatsächlich so gemeint hat. die unsere eigenen Ansichten in die Äußerungen des anderen hineinlegen oder hineinprojizieren. von dem er am Anfang einmal ausgegangen war. an der die gemeinsame Opposition gegen das Systemdenken der exakten Wissenschaften zwar weiter vorausgesetzt ist. wie wir meinen. Gadamer gehe möglicherweise mit seiner Skepsis gegenüber möglichen Sinnvermutungen im Felde der Geisteswissenschaften nicht weit genug. anstatt. Das zeige sich in letzter Instanz an der Frage. Anstatt den anderen zu dekonstruieren. Das Problem zeichnet sich dabei an der Stelle ab. einen von selbst und ganz all eine weg von einer jeden voreiligen Fixierung auf bestimmte Vorverständnisse zu führen. werde er vielmehr gemäß diesem Willen zur Einigung erst hervorgebracht. gemäß den Maximen der Dekonstruktion. an dem Gadamer mit der »Horizontverschmelzung« einen letzten Ruhepunkt im Gespräch vorsieht. dennoch am Ende ein möglicher Zweifel: ob es nicht doch wieder nur wir selbst sind. zwischen Autor und Ausleger konzipiert. am Ende einer echten Kontroverse genau an dem Punkt wieder. er ist dessen Konstrukt. Und ein solches Gespräch lebt ja in der Tat von 100 einer Grundevidenz: Hat man sich erst einmal von persönlichen Eitelkeiten verabschiedet und diskutiert nur um der Sache willen. wieweit sich ein Text und dessen Autor hermeneutisch schließlich doch auf eine bestimmte Aussage festlegen lassen müssen. Hier beginnt nun im eigentlichen Sinne der »ununterbrochene Dialog« mit einer Replik Gadamers. Derrida kann hier seinerseits auf eine Grundevidenz verweisen. Der Gadamersche Verweis auf hermeneutische Gesprächstugenden reicht in Derridas Augen allerdings nicht aus. wie er das hermeneutische Wechselspiel zwischen» Text und Interpretation«. In Paris wurde nun ausgelotet.

Auch die beste Interpretation berge ganz natürlich einen Keim für weitergehende Deutungen. mit beinahe jugendlichem Eifer: »Wer mir Dekonstruktion ans Herz legt und auf Differenz besteht. kurz allem Nicht-Verstandenen in allem hermeneutischen Verstehen nachzuspüren und es aufzudecken. nicht am Ende. und zwar um seiner selbst willen. ihre Grenzen je nach Standpunkt in der Geschichte zu bewegen und zu verschieben. Auch Derrida nahm die Herausforderung an. Zwar kommt es in der Tat dadurch nicht mehr zu einem Abschluß im Verstehen. weil sie jede Interpretation nur als den »Keim« neuer Interpretationen nimmt. über die als solche freilich dadurch nicht hinauszukommen wäre. seinen Gegenstand oder sein Gegenüber endgültig verstanden zu haben. Persönlich wie philosophisch. von denen Gadamer immer schon ausgeht: Jeder Interpret meint vielleicht zwar. Derrida schickte von nun an Gadamer seine Publikationen mit herzlicher Widmung. das hermeneutische Gespräch würde dem phil~sophischen Anliegen allein schon aus seiner Eigenlogik heraus gerecht. an einem jeden Anhaltspunkt des Gesprächs von neuem allem Verdrängten. Das Angebot der Hermeneutik. daß eine jede solche Sicherheit verfrüht sein muß und immer neue Deutungen für sich ein Besser-Verstehen beanspruchen und gegenüber den Vorgängern einklagen. Vielmehr gelte es. und nach zehn Jahren ein weiteres Mal in Paris. Vorwürfe wie Vorurteile auszuräumen. in einer' letzten Instanz ganz anders. daß auch seine Hermeneutik keineswegs im Verstehen einen Abschluß suche.deshalb nicht. Dies nennt er eine »disseminale« Lektürepraxis. das sich schon bei jedem einzelnen Einverständnis gemeldet hatte: daß man das Wesentliche immer noch nicht oder noch gar nicht erfaßt habe.läßt sich endgültig feststellen. Gadamer fand dagegen »Aspekte von Derridas Begriffsbildung« in seiner eigenen Hermeneutik wieder. Unterdrückten. bliebe noch dasselbe Unbehagen. dessen Auslegung wiederum neue.verstanden werden wollte. daß sich in jedem Deutungsakt immer noch etwas der verstehenden AneigI03 . auch noch in der gelungenen Deutung mit einem Entzug des endgültigen Sinns zu rechnen. bis es zu einer wirklichen Annäherung kam. Unterschiede blieben aber auch jetzt. als wir dies mit unserer Aneignung des anderen ständig tun? Man darf deshalb nicht glauben. wenn man den unabschließbaren Wirkungsgeschichten bis an ihr virtuelles Ende folgen könnte. von beiden Seiten. Hinzu käme nur die unendliche Wiederholung jener Erfahrung. wie manche meinen. denn Horizonte haben es an sich. steht am Anfang eines Gespräches. So verlaufen in der Tat die» Wirkungsgeschichten«. mehr und mehr wuchernde Interpretationen nach sich zieht. Ausschlaggebend dafür ist Derridas Intuition. in Heidelberg. Es brauchte noch mehrere Treffen. und an keinem Punkt des Prozes~es . Gadamer nahm die Herausforderung an. Marginalisierten. Selbst wenn alle Verstehensmöglichkeiten vollkommen erschöpft wären. Derrida geht aber davon aus. daß am Ende das ganze Dialogverfahren und das hermeneutische Gespräch sich als unzureichend erweisen könnten. Wenn die Hermeneutik richtigerweise davon ausgehe. Mit nur ein wenig historischem Abstand zeigt sich aber dann schon wieder. geht der Dekonstruktion naturgemäß nicht weit genug.« Die kommenden zehn Jahre sollten in der Tat dazu bestimmt sein. wenn auch zuerst mehr aus der Ferne. schließt Derrida aus alldem. daß selbst dann noch ein Rest an Unverstandenem bliebe. Die Beruhigung selbst bei einer HorizontverI02 schmelzung ist immer nur vorläufig. So bleibt auch hermeneutisch gesprochen der endgültige Sinn einer Sache bei jeder Deutung immer noch ausstehend. auf Capri. Gadamer bestand ganz zu Recht darauf. in denen zugleich immer auch neues Nicht-Verstehen ans Licht gebracht wird. was eigentlich gemeInt 1st. Nur in der Unendlichkeit des Deutungsprozesses ließe sich der gesuchte Sinn zur Erfüllung bringen.

Die Zugangsweis. sie zeigt es aber. Lyrik sagt dies nicht wie die Wissenschaften. daß im Gedicht nichts weniger als eine ganze Welt aufscheint. und zwar sprachlich zugänglich ist. sondern vielmehr der schiere Umstand des Aufscheinens von Welt. Im Rückblick Derridas jedenfalls scheint es beinahe unumgänglich. als ein Dialog. Was damit an »positiver« Einsicht für die Philosophie gewonnen ist. wie Derrida gleich eingangs bemerkt.' kalisieren. An diese Grunderfahrung knüpfen Gadamer und Derrida gleichermaßen an.4er Hermeneutik insgesamt sei in Frage zu stellen. Dichten im Sinne großer Dichtung muß nämlich nicht von Vers teIlungen befreit werden. Sie erklärt die Welt nicht und kann auch selbst nicht erklärt werden. Aus dekonstruktiver Sicht ist dies nichts weniger als konsequent gedacht. Zwischen zwei Unendlichkeiten. als »weltbildend« verstanden zu werden. dafür aber künstlerisch »evozieren«. über das rein negative Verfahren einer »Destruktion von Metaphysik« hinauszukommen und überhaupt noch »positive« Einsichten zu formulieren. Anders als die Philologie interessiert sie allerdings im Aufscheinen einer Welt nicht die Welt. Nicht das Was des Ausgesagten. wie zuvor auch schon der späte Heidegger. Oder. müßte man so formulieren: Wenn sich auch Philosophie unwiderruflich davon verab1°5 . was den philosophischen Ertrag eines solchen Gesprächs angeht. ist. was es von ihr alles zu sagen und zu explizieren gibt. Im »Bruch des Bezuges« wird dies freilich unterlaufen. Denn es hieße schon. Dem »entfaltende(n) Bezug« stellt Derrida so erst einmal den» Bruch des Bezuges« entgegen. dem Gesprächsangebot die Gesprächsverweigerung. die philosophische Aufmerksamkeit beider für das Gedicht. Der späte Heidegger sah in der Formel einer Verbindung von »Dichten und Denken« die letzte Möglichkeit der Philo1°4 sophie. um als solcher richtig verstanden zu werden. auch wenn ein solcher Bruch seinerseits wiederum erst einer Deutung bedarf. uns in dieser Situation wieder einen Weltzugang zu eröffnen. bräuchte es ein vorangehendes Einverständnis. Gadamer hatte ja nicht umsonst auf die Unhintergehbarkeit des Gesprächs verwiesen . uns Welt zu erschließen. die sich von vornherein skeptisch zeigt. anders gesagt. oder anders gewendet: Daß überhaupt Welt zugänglich ist. diese Vers teIlungen abzubauen und möglichst die verschütteten Zugänge wieder freizuräumen. würde man das Gespräch mit ihr beginnen von einer Position aus. das Erscheinen der Welt in der Sprache oder die Sprache als der Ort ihrer Erscheinung. Derrida spielt darauf in Gadamers Wendung von »Denken oder Dichten« an. daß die lyrische Sprache in ganz besonderer Weise in der Lage ist.nung entziehe. die da aufscheint. Und doch gilt gemeinhin als ausgemacht. Das Dichten dagegen ist allererst in der Lage. der nur über den Bruch hinaus »ununterbrochen« werden konnte. ist die philosophische Botschaft des Gedichts. sondern das Wie des Aussagens ist entscheidend. Sie kann den Sinn der Welt und ihre Erfahrung zwar nicht wissenschaftlich erklären. daß ein echter »entfaltender Bezug« zwischen dem Doyen der Dekonstruktion und dem Erfinder der philosophischen Hermeneutik nur durch das anfängliche Ausschlagen eines Gesprächsangebotes begründet werden konnte.e . und das philosophische Verfahren zielt darauf. das Gedicht Was den Dialog zwischen Derrida und Gadamer über alle Brüche hinaus tatsächlich »ununterbrochen« machen konnte. sich auf die Wahrheitsansprüche der Hermeneutik einzulassen. so sei diese Einsicht entsprechend zu radi. Auch hier ist wieder der gemeinsame Heideggerbezug vorauszusetzen. Durch die moderne metaphysische Wissenschaftssprache wird uns der Weltzugang verstellt. Sie zeigt nichts anderes als die ganze sprachliche Färbung und Tönung von Welt.noch um den Dissens zu formulieren. die große Lyrik. so sie uns überhaupt zugänglich ist. weil Dichtung selbst keine Lehre ist.

»Zwischen« diesen beiden »Unendlichkeiten«. wo das Dichterwort selbst verstummt. ist an sich so unfaßlich. sondern vielmehr etwas. wo sich noch im Gedicht selbst ein Schweigen auftut. also eine Auslegung dessen zu wagen. der über jede sprachliche Erscheinungsform hinausgeht. so bleibt durch die Verbindung von D{cllten und Denken immerhin noch so viel an Aussage bestehen. Celans Todesfuge gerät in den Verdacht einer Asthetisierung des Grauens. und nicht zuletzt Hans-Georg Gadamer. einer Beschwichtigungsliteratur. Was in Celans Lyrik zur Sprache kommt. was sich im Celanschen Gedicht zeigt. so unsäglich und unbegreiflich in seiner bodenlosen Absurdität. jenen unterbrochenen Dialog zwischen zwei U nendlichkeiten am Ende zumindest ununterbrochen zu machen. Schon die dichterische 106 Darstellung jener maßlosen Sinnlosigkeit rechnet nur ungenügend mit der Radikalität eines Sinnentzugs. was für Derrida methodisch jetzt das Spuren ziehen eines einzigartigen Mittelwegs verlangt. was sich jeder Auslegung grundsätzlich entzieht. der am Beispiel Celans zwischen der Phänomenologie und der Frankfurter Schule aufbricht. Derridas Ansatz ist es nun. einer Darstellung der Verbergung und einer Verbergung der Darstellung. Martin Heidegger und Theodor W Adorno. noch ganz unabhängig davon. für Adorno dagegen ist all eine schon wieder die ästhetische Erscheinung einer solchen Welt nichts mehr als ein bunter Schleier. Es geht darum. noch die Verschwiegenheit des Gedichts und seiner hermetischen Weltabgeschlossenheit selbst hermeneutisch zum Sprechen zu bringen. eine Lyrik nach Auschwitz sei ':l:ndenkbar. immer noch die sprachliche Erscheinung von Welt. Das. Für Heidegger wie dann später auch noch für Gadamer ist das. große Dichtung richtig auszulegen. Am Beispiel Celans wird damit auch noch die letzte phänomenologische Möglichkeit in Frage gestellt. was dieses dann bedeutet . selbst einen bestimmten Sinn der Welt fest. oder noch entschiedener das Schweigen der Lyrik. Auf der einen Seite steht der »entfaltende Bezug« der Hermeneutik. daß es keine lyrische Behandlung erträgt. wie geschunden. einer Verharmlosung des Holocaust. Paul Celan suchte das Gespräch mit Philosophen. Martin Buber und Gershorn Sholem. einer Erscheinung eines unendlichen Sinnentzugs und eines unendlichen Sinnentzugs der Erscheinung. Geboten und angemessen ist hier alleine noch das lyrische Schweigen. was sich bisher als verborgener Rätselsinn der Welt selbst noch dem Gedicht entziehen sollte.schieden muß. Dies gelingt durch eine entscheidende U minterpretation. Dahinter steht freilich auch ein grundsätzlicher Disput um das Wesen der Lyrik. gemäß dem Celanschen Dichterwort »die Welt ist fort«.' zustellen und wissenschaftlich zu definieren. Denn selbst noch das Entschwinden des Welt sinns aus der Sprache wäre jetzt nicht mehr in der Sprache darstellbar. Sinnbildlich ist dies in 1°7 . in der diese Welt zur Erscheinung kommt. daß nicht nichts ist. was sich also noch hinter allem Dichterwort unendlich verbirgt. schillernd und zuletzt unverständlich die Erscheinung selbst der Welt in der Sprache sich zeigt. Es findet sich dort wieder. auf der anderen Seite deren vollkommener Abbruch im »Bruch des Bezugs«. Emmanuel Levinas und Jacques Derrida gehörten zu seinen Gesprächspartnern und Freunden. und wie irrlichternd. und Philosophen suchten das Gespräch mit ihm. angesichts eines Entzugs der Welt im Gedicht. daß uns überhaupt noch ein Sinn der Welt zugänglich ist. Die philosophische Kontroverse um sein Werk beginnt mit Adornos Einspruch. wird für Derrida in einem »linguistic turn« selbst zum Teil des Gedichts. der über die wahre Abgründigkeit der Welt gelegt wird.wenn es nur gelingt. in dem die Sprache versagt. wie im Gedicht noch ein Sinn von Welt zugänglich werden könnte. versehrt und rätselhaft diese Welt auch sein mag. so paradox dies klingt. plaziert Derrida seine Celanlektüre. wie brüchig und gebrochen auch das Wort sein muß.

Treibt man die Deutung weiter. andere. keinerlei Evidenz. im Moment ihres Versagens leuchtet die Vermutung auf. Hiermit beginnt sich die Spirale zu drehen. wo sie diese verfehlt. als ob das weiße Schweigen auf dem Papier geradezu mit Buchstaben übersät wäre. das der Interpret jener unendlich verschlüsselten Rätselschrift macht. findet es sich vielmehr zwischen allen Strophen. noch undurchdringlicher. Das Moment der Bestätigung. die nur alle mit weißer Tinte geschrieben sind. Die Aneignung jenes »Unheimlichen«. wo sich die Welt in ihrem äußersten Erscheinen nur darstellen läßt. wie Derridas Analyse des »syllabaire« des Textes es nahelegt. den es in einem »entfaltenden Bezug« anschließend zu klären gelte. sie sind nichts anderes als die Vertextung jenes Sinnentzuges. was sich der Deutung immer wieder entzieht. das sich mit jedem Deutungsschritt nur um so konsequenter entzieht. denn eine weiter gesteigerte Sinnvermutung hat nur wiederum eine gesteigerte Auslegungsanstrengung zur Folge. hier habe das Unheimliche im Text tatsächlich seine paradoxe Entfaltung. ob das Gemeinte auch nur ein Stück weit getroffen ist. wo es dichterisch in Szene gesetzt ist durch den Rahmen einer großen Auslassung. das sich im Text als dessen innere Verschwiegenheit auftut. indem sie sich unserer Deutung mehr . Dort.dem Celangedicht GROSSE GLÜHENDE WÖLBUNG an der Stelle zu finden. selbst noch zwischen allen Silben und Buchstaben. wo zwischen der letzten Strophe und dem Schlußvers ein »blanc silence« einsetzt. an dieser methodischen wie auch inhaltlichen Grenze. sie machen wiederum nur das Schweigen des Textes noch rätselhafter. sondern vielmehr nur die Wut des Interpreten. im Gegenteil: Die dekonstruktive Lehre aus der Antwortverweigerung des Textes besteht vielmehr darin. zeigt sich allein noch das. Jene verbessern die Lage des Interpreten zwar nicht. »bis zu einem gewissen Punkt und soweit es irgend geht«. Dort. Jene Leerzeilen gehören aber für Derrida jetzt selbst zum Text. eine Rätselschrift von der Art. Es folgt aber eben wegen der Textgestalt jenes Sinnentzuges nicht wiederum der bloße Abbruch aller Deutungsbemü108 hungen. Das Sinnangebot. Derrida will »Gadamer treu bleiben oder ihn sogar nachahmen«. denn die Sache ist gar nichts anderes mehr als der Entzug selbst einer unheimlich gewordenen Welt. allen Versen und Worten. Das Angebot wird vielmehr vom unheimlich gewordenen Text vollkommen ausgeschlagen. So kommt es schließlich auch zu der methodischen U mwidmung des »entfaltenden Bezugs« der Hermeneutik über einen »Bruch des Bezugs« zu einem »Bezug als Bruch«. das aus mehreren Zeilenabständen im Text besteht. daß die Deutung auf dem richtigen Wege ist. viel weitergehende und außergewöhnliche Deutungen vorzuschlagen. insofern es hier gar keine Antwort seitens des Textes gibt. in ihrem Umschlag. ein »Bruch des Bezuges«. Die Auslegung unterscheidet sich allerdings von der üblichen Text-Hermeneutik in einem wesentlichen Punkt. von dem zuvor die Meinung war. mit immer neuen Vorschlägen jenes Unheimliche endgültig einzuholen. Dieser erscheint nun selbst als eine Schrift. Denn nur hier ist die Deutung wahrhaft auf ihre »Sache« gerichtet. in dem Augenblick. und im Überbieten aller Sinnangebote zugleich unendlich tiefsinnig. In der Unterbrechung der Deutung. daß auch diese Auslegung das Gemeinte vielleicht vollkommen verfehlt. so daß dann ein Rest bleibt. Wahrhaft gesteigert wird so zum Schluß nicht die Annäherung der Deutung an die Sache. daß er sich der Sprache absolut entzieht. Und genaugenommen ist dieses weiße Schweigen nicht nur dort. kippt damit zugleich von der Evidenz einer jeden Deutung zur Evidenz des Versagens einer jeden Deutung. kann nur noch schwer nach dem Muster einer Deutung und deren sukzessiver Verbesserung gedacht werden. wird nicht mehr wenigstens zum Teil bestätigt. in dem klar wird. ein weißes Schweigen.

»Guter Wille zur Macht (I)«. und mit Celans Schlußvers des Gedichts GROS SE GLÜHENDE WÖLBUNG auch darum. Textnachweise: J acques Derrida. S. Tübingen 1993. . Wer bin ich und wer bist Du? Kommentar zu Celans Gedicht/olge >Atemkristall<. das philosophisch vollkommen undenkbar bleibt. Le dialogue ininterrompu: entre deux in/inis. Der »ununterbrochene Dialog« mit Gadamer erscheint in diesem Zusammenhang als jenes vorläufige Oszillieren zwischen der Erscheinungsseite und der Entzugsseite der Welt selbst. Februar 2003 in der Neuen Aula der Universität Heidelberg. Hier ginge es darum. 412-4 14.r und mehr entzieht.. 427-431. Bd. Gesammelte Werke. wenn schließlich »die Welt fort« ist. 3 83-4 06. S.). Hölderlins Sentenz: »Denn keiner trägt die Welt allein« ist hier ein angemessenes Schlußwort. 9. München 1984. beginnt in Wahrheit erst Derridas Meditation über philosophische Melancholie und Abschied. die in einem schon unmöglich gewordenen Gespräch am Ende doch zueinandergefunden haben. Jacques Derrida. Sie kreist beständig um die Frage nach dem Schwinden der Welt. Festrede zur akademischen Gedenkfeier zu Ehren von Hans-Georg Gadamer am 15. auch noch die letzte Grenze des Gedichts zu überschreiten in Richtung eines einzigartigen und unwiederbringlichen Entzuges der Welt und des anderen. 56-58. Text und Interpretation. in: Ph. Hans-Georg Gadamer. da es sich im Denken wie im Dichten nie mehr einholen läßt. eines Ereignisses. le poeme. in: ders. Forget (Hg. was dann ist.